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Title: Schilderungen des Treibens im Leben und Handel in den Vereinigten Staaten und Havana. - Gezeichnet auf Reisen in den Jahren 1838 und 1839
Author: Ries, Julius
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Schilderungen des Treibens im Leben und Handel in den Vereinigten Staaten und Havana. - Gezeichnet auf Reisen in den Jahren 1838 und 1839" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
    und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
    korrigiert. Ungewöhnliche Ausdrücke, Groß- und Kleinschreibung,
    usw. wurden nicht verändert, wenn die Verständlichkeit der Passage
    dadurch nicht beeinträchtigt wird. Dies gilt insbesondere auch
    für ins Deutsche übertragene fremdsprachliche Ausdrücke, die
    teilweise lediglich phonetische Übertragungen darstellen. Die
    ‚Verbesserungen‘ am Ende des Buches wurden vom Bearbeiter bereits
    in den Text eingearbeitet.

    Die Ergebnisse der Additionen in den Tabellen sind möglicherweise
    nicht in allen Fällen korrekt; da die Angaben aber nicht
    nachvollzogen werden können, wurden alle Zahlen aus dem Original
    ohne Korrektur übernommen.

    Von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der
    vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

    kursiv:     _Unterstriche_
    gesperrt:   +Pluszeichen+
    Fraktur:    ~Tilden~

    Kapitälchen werden in GROSSBUCHSTABEN wiedergegeben.

    Die Verwendung von Frakturschrift in den Überschriften erscheint
    rein willkürlich und dient augenscheinlich ausschließlich
    dekorativen Zwecken.

  ####################################################################



                             SCHILDERUNGEN

                                  DES

                     TREIBENS IM LEBEN UND HANDEL

                                IN DEN

                    VEREINIGTEN STAATEN UND HAVANA.

                            [Illustration]

                              GEZEICHNET

               AUF REISEN IN DEN JAHREN 1838 ~UND~ 1839

                                  VON

                             JULIUS RIES.

                             BERLIN, 1840.

            Auf Kosten und im Selbstverlage des Verfassers.

                          Burg-Straße No. 17.


 Aufgeschnittene und beschmutzte Exemplare werden nicht zurückgenommen.



                              ~Vorrede.~


Vorreden werden gewöhnlich geschrieben, um böse Nachreden von Seiten
der Leser zu verhüten. Indeß wird dieser Zweck hierdurch selten,
oder auch nie erreicht; und wozu auch? Werden ja doch des allgütigen
Schöpfers Werke auf das allerheftigste getadelt, wie soll also ein
menschliches Werk dem Tadel entgehen. Der Verfasser unterfängt sich
nicht, dem Publikum etwas Untadelhaftes bieten zu wollen, deshalb
wollte er auch alles Vorreden unterlassen, da er ohnedies im Buche
selbst hinreichend auf Zweck und Endziel desselben aufmerksam gemacht
hat. Nicht also um Kritiker sanfter zu stimmen, sondern zur vorläufigen
Orientirung der Leser, und um sich gegen Mißdeutungen zu schützen,
erlaubt er sich einige Bemerkungen.

Die erste ist die, daß er hier nichts mittheilt, als was er selbst
erfahren, oder was er durch einiges Nachdenken gefunden hat; das
Büchermachen aus andern Büchern, wie es auch bei Reisebeschreibungen
gebräuchlich ist, will er Andern überlassen. Als Kaufmann hat er
vorzugsweise für praktische Kaufleute geschrieben, hofft jedoch,
daß Manches in seinem Buche auch von Andern nicht uninteressant
dürfte gefunden werden. Systematische Ordnung hielt er in solchen
Mittheilungen für überflüssig, er hat die Beobachtungen und
Betrachtungen, wie sie sich ihm theils auf der Reise, theils von selbst
darboten, dem Leser vorgelegt; wenn er daher im Verlauf der Erzählung
auf einen Gegenstand zurückkommt, so geschieht es nur dann, wenn die
frühere Bekanntschaft mit dem Gegenstande durch die spätere bedeutend
vermehrt und wirklich ergänzt wird.

Die zweite Bemerkung betrifft die Betrügerei der Commissionaire, mit
deren Enthüllung ein ziemlicher Theil dieses Buches sich beschäftigt.
Möchte es dem Verfasser gelungen sein, einen tüchtigen Stich in
dieses Wespennest zu thun, denn eine böse Gattung von Wespen sind die
von demselben bezeichneten, die schon manchen Bienenstock um ihren
Honig gebracht haben. Daß der Verfasser nicht +alle+ Commissionaire
zu jenem Wespengeschlecht zählt, wird wohl jedem Vernünftigen von
selbst einleuchten. Auch die Johann und Cosmus von Medici, so wie die
Fuggers in Augsburg, waren einst Commissionaire, aber zugleich was
für treffliche, hochgesinnte Männer! Auch die Rothschild’s sind durch
den höchsten Grad der Rechtlichkeit zu der hohen Stellung gelangt,
die sie jetzt einnehmen. Daß der Verfasser ähnliche Commissionaire,
wenn sie auch nicht so angesehen und reich sind, nicht in seinen Tadel
einschließt, versteht sich von selbst. Daß er aber die Mysterien jenes
Wespengeschlechts schonungslos zur Publicität bringt, so jedoch, daß er
alles Gesagte mit schriftlichen Documenten belegen kann, dafür wird der
Verfasser wohl keinerlei Entschuldigung bedürfen, er glaubt vielmehr,
auf den Dank einsichtiger Geschäftsleute rechnen zu dürfen, und dies um
so mehr, da er hauptsächlich, um diesen zu nützen, seine Erfahrungen
mittheilte.

Selten erscheinen praktische Kaufleute in der Reihe der Autoren, denn
haben sie gute Geschäfte gemacht, so haben sie Gründe, dies nicht der
Welt bekannt zu machen, im umgekehrten Falle schämen oder scheuen sie
sich wohl gar. Der Verfasser hat sich von jenen zwei Ursachen der
Verheimlichung nie beherrschen lassen, und da er als Kaufmann nicht
länger zu praktiziren gesonnen ist, weil kaufmännische Geschäfte jetzt
nichts Erfreuendes darbieten, so wünscht er, daß die zum Nutzen für
angehende Kaufleute gestreute Saat gesegnet aufgehen möge.

    _Julius Ries._



                        ~Inhalts-Verzeichniß.~


    Einleitung.      Seite 1

    Ursache und Zweck der Reise. -- Die Hamburger Pavillons. --
    Das Huller Dampfschiff und der Redacteur der Huller Times. --
    Die Seekrankheit als Schönheitsmittel. -- Eine Flüchtige aus
    London und der Konstabler. -- Die Reisegesellschaft. -- Der
    Schauspiel-Director W. -- Ein derber Italiener als Nebenbuhler von
    Lablache. -- Die Reise auf Paquet- und Dampfschiffen. -- Sturz des
    Verf. von der Cajütentreppe. -- Ueble Lage desselben als Kranker in
    einem Schiff. -- Ankunft in New-York. -- Quarantaine-Revision.

    New-York. S. 15

    Beverley-House. -- Fortdauernde Krankheit des Verfassers. --
    Englands Handel und Fabrikation im Verfall. -- Wucher beim
    Pfandleihen. -- Boarding- oder Kosthäuser. -- Lebensweise in
    diesen. -- Wein und Weinpreise in Amerika. -- Gutsbesitzer und
    deren Hornvieh. -- Beschreibung von Broad-Way. -- Oeffentliche
    Anständigkeit und Sittlichkeit der Amerikaner. -- Caffé de mille
    Colonnes. -- Das Stadt-Hospital. -- Chatham. -- Waaren-Auktionen.
    -- Nothwendigkeit einer baldigen Handelskrisis. -- Musquitos. --
    Theater, und List, um volle Häuser zu gewinnen. -- Militairische
    Ordre. -- Einrichtung des Packhofs. -- Glück des New-Yorker
    Brandunglücks für die Fabrikwelt. -- Tabelle über die Fabrikation
    in den V. S. -- Industrie-Ausstellung. -- Prächtige Feuerspritzen.
    -- Deutsche Kirchen und Prediger. -- Behr, der mecklenburger
    Wollhändler.


    Zweite Abtheilung.

    Havana.

    Reise nach Havana, Oertlichkeit und Einrichtung
    daselbst.      S. 45

    Abreise nach Havana auf dem Paquet Norma. -- Paßverlegenheit. --
    Champagner. -- Permitts, oder Erlaubnißscheine zum Anlanden. --
    Logis. -- Der Verfasser miethet eine Kammer, welche wegen der
    vielen, in derselben sich aufhaltenden Thierarten mit Noah’s Arche
    zu vergleichen wäre. -- Place des Armes. -- Oeffentliche Promenade
    der Havaneserinnen. -- Havana’s Straßen, Volanten, Gefahr auf den
    Straßen durch diese. -- Ladendiener für Damen, und deren Art beim
    Einkaufen. -- Häusliche Einrichtung und Sclaven-Einkauf hierzu.
    -- Havanesische Kochkunst. -- Mahlzeiten und Sclaven-Bedienung
    hierbei. -- Vergnügungen der Sclaven am Weihnachts-Feste.

    Ueber die Handels- und Geschäfts-Verhältnisse in Havana. S. 59

    Der deutsche Commissionair M. -- Waarenunkunde der Commissionaire;
    ihre Lebensweise. -- Die Mercadere. -- Importation auf Cuba. --
    Europäische Facturen sind für die Commissionaire überflüssig.
    -- Detailleurs, Hausirer und Lotterie in Havana. -- Geldmangel,
    hoher Zinsfuß und Waaren-Ueberfluß. -- Vorschlag, um dies
    Uebel für den europäischen Handel nach Westindien zu heben. --
    Ein Beispiel von der Verfahrungsweise der Commissionaire beim
    Abrechnen mit Europäern. -- Merkwürdig wohlfeiler Waarenverkauf.
    -- Der übermäßige Gewinn beim Sclavengeschäft. -- Import des
    Mehls auf Cuba. -- Procedur des Verfassers gegen die schlauen
    Commissionaire. -- Advokaten, Prokuratoren, Stempelpapier, lange
    und theure Prozesse. -- Der Verfasser muß Sclavenhändler werden.
    -- Unverschämtheit der Commissionaire in Anrechnung der Kosten.
    -- Der Commissionair M. will, daß der Verfasser einen um das
    doppelte erhöhten Zoll bezahle. -- Des Verfassers Prozeß. --
    Edles Betragen der Spanier und des englischen Consuls hierbei.
    -- Wuth und Schlauheit der Gegner. -- Bemühungen des Verfassers,
    die Zoll-Defraudationen von Seiten seines Commissionairs zu
    ermitteln. -- Humanität und Gefälligkeit des Gouverneurs hierbei.
    -- Hinhaltendes Verfahren der Zollbeamten gegen dieses Unternehmen.
    -- Der Betrug kömmt endlich bestimmt zu Tage. -- Revenuen der
    Insel Cuba. -- Ueber die Veruntreuung, und Straflosigkeit solches
    Betrugs. -- Der Verfasser überreicht dem Gouverneur einen Aufsatz
    über Verbesserung der Douanen. -- Specificirte Rechnungen und
    Nachweisungen über die von Moyer und Dakin erpreßten Summen. --
    Unkosten von Waarensendungen nach Vera-Cruz. -- Forellen und
    französische grüne Erbsen in Havana aufgewärmt, à 1½ Piaster
    eine Portion. -- Contrast der Franzosen und Deutschen in Havana.
    -- Ueber Meta-Geschäfte nach- und von Westindien. -- Ueber die
    niedrigen Preise der Colonial-Waaren in Europa. -- Verkehr in
    Havana mit den V. S. -- Wechselgeschäfte. -- Einfuhr von Mehl,
    Rindfleisch, Fettwaaren etc. etc.

    Ueber die Feste und Vergnügungen der Havaneser. S. 107

    Der Carneval. -- Fortuna. -- Austern und Backenbärte. --
    Rekrutirung der Weinflaschen in den Restaurationen. -- Sonderbare
    Anwendung der Suppenlöffel in Havana. -- Was verstehen die
    Havaneser unter gutes Essen? -- Chirurgische? Operation einer
    Negerköchin. -- Das Stiergefecht. -- Die Stadt Redler, das
    Wachs-, Honig- und Melasse-Geschäft daselbst. -- Prozessionen.
    -- Der Havanesische Kaiser Napoleon. -- Die italienische Oper,
    des Verfassers Wirthin im Zorn, wegen dessen Gleichgültigkeit
    dafür. -- Redouten. -- Bal-masque romantique und Redoute
    romantique. -- Der Redouten-Saal, die Masquen-Ordnung und die
    Masquerade in der Orangen-Allee. -- Der Sclaven-Carneval. -- Ueber
    die Sittlichkeit der Spanier. -- Der nach Havana verpflanzte
    Appellations-Gerichtshof und das Reichspettschaft hierzu. --
    Abendgesellschaften in Havana und die Priesterinnen der Venus. --
    Illumination nach der Form europäischer Straßenbeleuchtung. --
    Satirischer Aufzug. -- Das Osterfest. -- Sehr schöne spanische
    Sünderinnen. -- Der Charfreitag und die Prozessionen an diesem
    Tage. -- Deutsche und englische Commissionaire wetteifern im
    richtigen Abtragen der Zollgefälle. -- Etwas über die Behandlung
    der Tabacksblätter. -- Die Hökerläden in Havana. -- Des Verfassers
    Abreise nach New-Orleans. -- Dessen Betrachtungen über die
    Reisegesellschaft, und über die Entfernung vom mexikanischen Golf
    bis zum Obi in Asien.


    Dritte Abtheilung.

    Ueber die Vereinigten Staaten.

    New-Orleans. S. 138

    Kauf eines Bull-dogs für einen Bologneser. -- Hotels. -- Gebäude
    in New-Orleans. -- Börse. -- Abreise nach Louisville. -- Das
    Tabacks-Kauen. -- Fahrt auf dem Mississippi, Schönheit dieses
    Flusses. -- Die Feuersgefahr bei Dampfschifffahrten. -- Die
    Live-presserver-Uebersicht der Quantität Holz, die auf den Fahrten
    verbraucht wird. -- Die Urwälder in den V. S. -- Vergleiche
    der Bewohner am Mississippi und Obi in Asien. -- Tabelle über
    die Production der Baumwolle in den V. S. -- Einrichtung auf
    amerikanischen Dampfschiffen, Lebensweise, Uebelstände beim
    Schlafengehen, beim Ankleiden des Morgens, beim Waschen u. s. w. --
    Fruchtbare Kraft des Mississippi-Wassers. -- Ankunft in Louisville.
    -- Lage der Städte. -- Cincinnati, die deutschen Waarenhändler und
    das Speditions-Geschäft daselbst. -- Die deutschen Auswanderer
    und deren Commissionaire. -- Pittsburg. -- Besuch der Glasfabrik.
    -- Das Gefängniß, Schiffe, snag-boats, Baumwollspinnerei,
    Brücken, Tuchfabrikation, Canalböte, Treckschuten und Gefahr
    bei den Brücken. -- Inzwischen-Reise über sehr hohe Gebirge auf
    Eisenbahnen. -- Der Fluß Susquehannah. -- Eisenbahnfahrt von
    Harrisburg bis Philadelphia. -- Einrichtung dieser Dampfwagen. --
    Fleiß der Deutschen bei Philadelphia. -- Ankunft in dieser Stadt.
    -- Gebäude, Wasserwerk etc. -- Reise nach New-York. -- Rückblick
    auf die Neger.


    Vierte Abtheilung.

    Ueber das Treiben im englischen und amerikanischen Handel. S. 174

    Fest der Gründung der Unabhängigkeit. -- Parade und Festzug. --
    Amerikanische Bankgebäude. -- Englands Lage in der merkantilischen
    Welt. -- Ursachen, warum England für reich gehalten wird. --
    Entstehung der Banken in England. -- Englands Welthandel. -- Ein
    Tagelöhner als Theilnehmer am Welthandel durch Hülfe der Banken.
    -- Zustand des Waarengeschäfts in New-York. -- Ueber Amerika’s
    Handelsbilanz. -- Tabelle über Ein- und Ausfuhr und Revenuen.
    -- Wozu werden diese verwendet? -- Arbeit des Congresses in
    dieser Hinsicht. -- Rußland und Preußens Verfahren als Vergleiche
    hierbei. -- Rußlands Fabriken. -- Der Zollverband, und Preußens
    Cassen-Anweisungen. -- Czar Wassilrewitsch, Peter der Große, und
    der Kaiserin Catharine Verfahren beim Bankwesen. -- Was sind
    amerikanische Banken?

    Oertlichkeiten von New-York, Volkscharakter, Abreise und Ankunft in
    Hamburg. S. 203

    Besuch des Criminal-Gerichtshofs. -- Der Uhrenhändler. -- Die
    Lage der deutschen Auswanderer -- deren Commissionair Wolff. --
    Nothwendigkeit des Praktischen in Amerika. -- Das Praktische im
    Müßiggange. -- Spazierfahrt nach Staten-Island. -- Der sanfte
    Polizeibeamte. -- Die Loafer. -- Der Prediger Försch. -- Die
    Bierkneipe Shadow. -- Der Castle-Garden. -- Die Badeanstalt. --
    Theaterbesuch. -- Ueber die Fortschritte der Seiltänzerkunst.
    -- Vergnügen in New-York. -- Anzahl und Macht der Journale. --
    Charakter der Amerikaner. -- Ueber die Geldbegierde derselben. --
    Nothwendigkeit einer Unterscheidung der verschiedenen Nationen.
    -- Licht und Schatten des Reisens in Amerika. -- Besuch des
    Redakteurs. -- The Morning Herald. -- Sonderbarer Irrthum in Bezug
    auf des Verfassers Person. -- Festliche Abreise auf der Brittish
    Queen. -- Herrliche Einrichtung und Bewirthung. -- Beschwerlichkeit
    der Zoll-Revision in London. -- Reise nach Hamburg auf der
    Caledonia. -- Ankunft daselbst. -- Ueber die Dampfschifffahrt
    zwischen London und Hamburg. -- Hannover zum Zollverbande.



Einleitung.


Reisen ist, wie Viele sagen, eine angenehme Sache, weshalb sehr Viele
darnach streben. Was man gern thut, dazu findet man denn auch bald
Gründe. Demnach wird sich der Leser auch nicht wundern, wenn der
Entschluß, eine Reise nach den Vereinigten Staaten und West-Indien
zu unternehmen, mir eben keine große Mühe kostete. Ich hatte zwar
keinen Spleen zu vertreiben, wie die Engländer, wenn sie auf Reisen
gehen; auch waren es gerade nicht Geschäfts-Angelegenheiten, die meine
Anwesenheit dort nothwendig machten; und noch weniger verdiene ich
es, zu den unruhigen Köpfen gezählt zu werden, denen überall die Welt
zu enge ist. Indeß das kaufmännische Geschäftsleben hat ohne Ausnahme
etwas Einförmiges, und langweilet am Ende. Waarenhändler (wozu ich
nun leider bestimmt war) entdecken jene Mängel weit geschwinder, als
Banquiers, Fabrikanten etc. etc. Wie! dachte ich eines Abends, als ich
mich in meiner wohleingerichteten Wohnung in mein sehr comfortables
Bett niederlegte, sollst du hier sauer werden? Kannst du nicht auf
Reisen das Leben besser genießen? Nicht auch dich besser belehren,
und Andern nützlicher seyn, als wenn du hier den alten Schlendrian
immer von Neuem durcharbeitest? Mußt du denn stehen bleiben auf der
Stelle, wohin der Zufall dich geworfen hat? -- -- Diese und andere
Gedanken, die mich oft aufgeregt hatten, gingen mir jetzt so sehr im
Kopfe herum, daß ich noch vor dem Einschlafen den Entschluß faßte,
baldmöglichst nach dem neuen Welttheil abzureisen.

Mit demselben Gedanken erwachte ich den andern Morgen, und sogleich
hätte ich in den Wagen springen mögen. Ich gratulirte mir selbst zu
meinem glücklichen Entschluß, und um mir alle Bedenklichkeiten und
Rückwege abzuschneiden, theilte ich sofort mehreren Bekannten meinen
Entschluß als unumstößlich mit. Nachdem ich mich auf diese Weise selbst
gebunden hatte, fühlte ich mich leichter, und heiterer, und eilte
jetzt mit raschen Schritten zur Beendigung meiner Angelegenheiten in
Berlin. Es währte gar nicht lange und ich saß in der Schnellpost, bot
der Königsstraße, der Schloßfreiheit, Berlin und Charlottenburg ein
fröhliches Lebewohl, und näherte mich meinem guten altbefreundeten
Hamburg. Meine zahlreichen Freunde daselbst wunderten sich nicht wenig,
als sie meinen festen Entschluß vernahmen, und meinten, sie würden mich
wohl in einigen Monaten von London zurückkommen sehen. Ungefähr acht
Tage blieb ich bei denselben, und fand die alten bekannten Müßiggänger
(deren Anzahl hier nicht geringer als in Berlin ist) noch in ihrer
alten Arbeit (die Zeit todtschlagen) begriffen, d. h. in Hamburg vom
Frühstück bis zum Mittagsessen in den Pavillons, vom Mittagsessen bis
zum Theater in den Pavillons, und nach dem Theater bis um Mitternacht
in den Pavillons zubringen. Nachdem ich sie hinlänglich angestaunt, und
mich über ihre Virtuosität im Müßiggang mehr als jemals zuvor gewundert
hatte, befiel mich dennoch die Furcht, davon angesteckt zu werden, und
beschloß daher, zur Vermeidung dieser Krankheit, mich dem ersten besten
Dampfschiff zur Ueberfahrt nach England zu übergeben.

Durch Güte der hamburger Bootsknechte, und unter Mitwirkung einer
hinreichenden Anzahl holsteinischer Zweidrittelstücke (Gulden) befand
ich mich bald in der Cajüte des Huller-Dampfschiffs +Rob-Roy+, ein
„höchst bequemes, elegantes, auch überaus rasches Schiff,“ wie die
Huller Times meint. Allein mir kommt es so vor, als sei der Redacteur
dieses Blattes sehr oft verhältnißmäßig rascher in seinen Urtheilen,
wie jenes Dampfschiff auf seinen Fahrten, denn es bewegte sich so
langsam fort, daß ich über alle Erwartung spät, und in England viel
zu spät ankam, um meine Reise, wie ich berechnet hatte, in der Great
Western nach New-York fortsetzen zu können. Sollten die Maschinen
vielleicht irrthümlicher Weise den Herrn Redacteur der Times im Schiff
vermuthet haben, und, um demselben Zeit zum Nachdenken zu geben, in
mäßiger Bewegung geblieben sein? In diesem Falle wäre es für die
Passagiere höchst wünschenswerth, daß der Herr Redacteur die Maschinen
jenes Schiffs kaufen und sie in seinem Arbeitszimmer aufstellen möchte.
-- Mir blieb jetzt nichts Anderes übrig, als mit einem noch weit
langsameren Dampfschiff von Hull nach London zu reisen, um von dort
meine Reise in einem Paquetboot fortzusetzen.

Die Reise nach London bot wenig Bemerkenswerthes dar, die Gesellschaft
-- inclusive der vielen Schafe die von Hull nach London zur
Schlachtbank geführt wurden, -- bot auch keinen Stoff zur Unterhaltung
dar, und ich behielt Zeit, über die Ausführung meines Reisezweckes
nachzudenken, welcher hauptsächlich darauf hinausging, mich der
europäischen merkantilischen Welt durch mein Wirken in der neuen Welt
eben so nützlich zu machen, als ich, meinen geringen Kräften nach,
durch Anordnung beim Expediren ausländischer Waaren an ausländische
Kaufleute auf den Meßplätzen für die deutschen Zollverband-Staaten
geworden war. Die Zeit verstrich rasch; bald sah ich Londons Zollhaus
vor mir, und bald darauf fand ich mich in London wegen der Fortsetzung
meiner Reise beschäftigt.

„Für 43 L. Sterl.“ sagte Jemand, „können Sie auf dem Königlichen
Post-Paquet die Ueberfahrt nach Havanna mitmachen, wobei Sie jedoch
für Bett und Proviant selbst sorgen müssen.“ Für die Planke erschien
mir der Preis zu hoch; ich ging deshalb nach den West-Indischen
Docks, woselbst ich das Paquetschiff +Quebeck+ segelfertig antraf.
Der dienstfertige Capitain forderte 36 L. 15 Sh. inclusive der
Lebensmittel, und gab mir nur eine Stunde Bedenkzeit, wenn ich das
letzte vorräthige Bett haben wollte. Sofort schloß ich den Handel,
und zahlte 16 L. Sterl. à Conto. Die Abreise erfolgte zur bestimmten
Stunde, und ein Dampfschiff stand bereit, unser Schiff in’s Schlepptau
zu nehmen und es nach Gravesand hinüber zu bringen. Das Wetter war
ausgezeichnet schön, was nicht wenig dazu beitrug, mich zu erheitern,
denn meine Gemüthsstimmung war durch Verhältnisse, die ich bald an
einem andern Ort zu erzählen Gelegenheit haben werde, fürchterlich,
jedoch, wie schon bemerkt, keineswegs durch den Spleen. Außer der
Cajüten-Gesellschaft waren noch etwa 130 bis 150 Auswanderer meine
Reisegefährten. Um den vom Capitain mir zugetheilten Schlaf-Cameraden
kennen zu lernen, ging ich jetzt die steile Cajüten-Treppe hinunter.
Wie erstaunte ich, als ich das bedungene Bett anderweitig vermiethet,
und mich in ein weit kleineres Gemach, nahe der Treppe, verwiesen fand.
Der mir zugetheilte Schlaf-Camerad war ein schmutziger Schottländer,
der auf eine nicht sehr ergötzliche Weise ein Falset und durch die Nase
sprach; er hatte schon acht Tage vor der Abreise am Bord logirt, und
das bessere Bett eingenommen. Ich wollte mich beim Capitain beschweren,
allein -- er war in London, und mir blieb daher nichts übrig, als den
Schottländer im Diskant als meinen Schlaf-Cameraden aufzunehmen. Er war
in jeder Hinsicht schmutzig, ja der schmutzigste aller Schmutzigen,
welche ich auf meinen vielen Reisen kennen gelernt habe.

Bis nach Gravesand begleiteten uns viele Spekulanten mit Proviant
allerlei Art; sie fanden, wie es mir schien, ihre Rechnung, indem sie
Vieles an die Auswanderer absetzten. Von Gravesand kamen wir nach
einer Fahrt von drei Tagen vor Portsmouth an. Der Capitain, der sich
einfand, lud sämmtliche Passagiere ein, mit ihm Portsmouth zu besuchen,
da wir vor unserer Abfahrt erst bessern Wind abwarten müßten. Nur eine
Dame verließ das Schiff, eine Dame, die aus keinem andern Grunde nach
Portsmouth mitgereist war, als um durch eine Seekrankheit -- der Leser
rathe -- ihre Schönheit zu restauriren. O Schönheit! Welche Macht übt
nur der Gedanke an dich über das schöne Geschlecht aus! Wenn dieses
seltsame Schönheitsmittel die erwartete Wirkung nicht verfehlt, so kann
die Dame Londons Venus geworden sein, und es dürfte in Folge dessen
vielleicht sehr bald an Schiffen für Geschäftsreisende fehlen, denn sie
bekam in der That von der Seekrankheit eine gute Dosis, und befand sich
während der ganzen Reise in einem beklagenswerthen Zustande.

Schon warten wir bereits vier Tage auf bessern Wind; der Capitain
versorgt sein Schiff mit Proviant jeder Art. Unter und mit den
vielen Schafen, die derselbe an Bord schickte, erschien auch ein --
Constabler, mit dem Auftrage, eine aus London entflohene Ehegattin,
welche aus des Gemahls Geldkiste 40 L. Sterl. mitgenommen hatte, in
dessen Arme zurückzuführen. Der Capitain stellte es dem Polizeidiener
frei, jeden der Passagiere nach Belieben zu arretiren. Eine herrliche
Finanz-Operation für den Paquetboots-Verein, indem die Passagiere sammt
und sonders ihre Passage bezahlt hatten. Der Beamte kann die gesuchte
Person, ungeachtet er von derselben bis zum Kutter begleitet wird,
nicht vorfinden; sie sagt ihm ein herzliches Lebewohl und vielleicht
noch im Stillen mit Don Juan: „Sagen Sie Ihrer Behörde, daß sie in
Zukunft nicht solchen Esel schicke.“

Noch ein kleines Abenteuer will ich erzählen, um den Lesern, die in
einen ähnlichen Fall kommen, Vorsicht zu empfehlen. Es war bereits der
zehnte Tag, daß wir London verlassen hatten; meine Geduld war bald
erschöpft, ich nahm daher jetzt die Einladung des Capitains an, mit ihm
und noch einigen anderen Passagieren nach Portsmouth zu fahren. Ich
kaufte daselbst mehreres ein, da ich aber Portsmouth langweilig finde,
und in keinem von allen Wirthshäusern ein Bett für mich finden kann, so
beschließe ich, auf das Schiff, welches etwa vier Seemeilen entfernt
lag, zurückzukehren. Es ist sehr finster, das Meer tobt, und bald bin
ich von den Wellen durchnäßt.

Wir fahren in der Dunkelheit immer fort, können jedoch das Schiff
nicht finden; über eine Stunde müssen die braven Bootsleute suchen,
ehe wir es finden. Und nun wieder eine neue Verlegenheit! Das kleine
Boot wird dermaßen von den Wellen geworfen, daß mir das Erklimmen der
Strickleiter unmöglich wird. Wir rufen, wir schreien um Beistand,
Niemand hört uns. Erst nach einer großen gemeinschaftlichen Anstrengung
gelang es mir, hinauf zu kommen. Die Passagiere waren nicht wenig
überrascht, als sie mich in dieser Dunkelheit ankommen sahen. Der
mitreisende Dr. +Morgan+ besonders machte mich auf die bei dieser Fahrt
stattgefundene dreifache Gefahr aufmerksam, der ich mich ausgesetzt
hatte: 1. Bei diesen tobenden Wellen in einem kleinen Boot zu fahren;
2. hinsichtlich der Mordlust von Seiten der Bootsknechte, welche
schon, um zehn Schilling Sterling zu erbeuten, Reisende ins Meer
gestürzt haben; 3. die Gefahr beim Ersteigen des Schiffs. Ich dankte
nach dieser Auseinandersetzung meinem Schöpfer im Stillen, der Gefahr
entwischt zu sein, kleidete mich um, und ließ mir vom Steward ein Glas
heißen Punsch zubereiten, ein bei solchen Gelegenheiten willkommener
nützlicher Freund.

Am folgenden Morgen, nachdem wir noch mehreres frisches Wasser
eingenommen hatten, gingen wir unter Segel. Jetzt nun, da wir
endlich mit günstigem Winde auf dem Meere sind, wird es Zeit sein,
die Reisegesellschaft etwas näher zu betrachten. Wenn ich sage, daß
sämmtliche Mitreisende, mit Ausnahme eines Italieners, Engländer waren,
so werden die geehrten Leser schon den Mangel an Unterhaltungs-Stoff
begreiflich finden.

Die Krone der Gesellschaft war der Director des National-Theaters in
New-York, der eben mit neuangeworbenen Subjekten (zu welchen auch
der Italiener gehörte) zurückkehrte. Es war ein sehr unterrichteter
Mann und höchst angenehmer Gesellschafter -- jedoch nur dann, wenn er
nicht an sein Unternehmen dachte. Er klagte sehr häufig über unruhige
Nächte, und zeigte mir sogar eines Morgens eine Masse von Contracten,
die er mit den engagirten Mitgliedern abgeschlossen hatte, mit den
Worten: „solcher Packen kann wohl zu unruhigen Nächten beitragen.“
Seine beiden Söhne (die er bei sich hatte) waren so eben aus der
Schule entlassen worden; der älteste, obgleich ohne Stimme, zeigte
viel Neigung für Gesang, und suchte mit einem verstimmten Instrumente
die Mängel seiner eigenen Stimme zu bemänteln; er gefiel daher sich
selbst weit mehr, wie den mitreisenden Frauen. Beide, der ältere und
der jüngere Sohn, waren Günstlinge eines jungen Mädchens, der Tochter
eines Malers. In pecuniärer Beziehung wurde von den Schauspielern
und den übrigen ein Zucker-Fabrikant verehrt, der früher in Amerika
gewohnt hatte, jenes Land aber vor etwa 30 Jahren, um der Strafe
wegen einer begangenen Schmuggelei zu entgehen, bei Nacht und Nebel
verlassen mußte. Sein in Amerika wohnender Sohn hatte Gnade für ihn
ausgewirkt, und er kehrte jetzt mit seinem Hab und Gut zurück; auch
hatte er mehrere deutsche Arbeiter, denen er in der Fabrik Arbeit zu
geben versprach, auf ihre eigenen Kosten zum Mitreisen bewogen. Dieser
Mann dünkte sich ein Krösus zu sein, wofür ich ihn jedoch, auch in
Hinsicht seines Verstandes, nicht passiren lassen konnte. Um sich bei
der Gesellschaft in Respect zu setzen, mußte der Thee oder Caffee in
aller Frühe für ihn in seinem silbernen Geräthe aufgetragen werden,
und er lud auch wohl den einen oder andern aus der Gesellschaft zum
Frühstück ein, welches die großen Kosten für ihn verursachte, daß die
Getränke aus +seinen+ silbernen Geschirren, jedoch in die dem Schiff
Quebeck zugehörigen Tassen, auf Unkosten des Capitains -- flossen. Er
war angewiesen, seinen eigenen Wein zu trinken und hatte eine Sorte
Teneriffa-Wein, dem Grüneberger an Säure gleich. Unter dem Namen
weißer Madeira offerirte er hin und wieder ein Glas einem aus der
Gesellschaft. Auch mir wurde diese Ehre zu Theil, und als er mein
Urtheil über die Qualität forderte, worauf ich freimüthig erwiederte,
daß ich diesen nicht für die beste Sorte von Teneriffa-Weinen halte,
so soll er, wie der Director mir erzählte, mich für wahnsinnig erklärt
haben. Einer von seinen Arbeitern mußte als Aufwärter für die besten
Bissen aus den Schüsseln sorgen. Fiel diese Auswahl nicht aus, wie
der Herr Zucker-Fabrikant es erwartet hatte, so war der Aufwärter
angewiesen, die Schüssel dem Vorschneider wegzunehmen, und sie seinem
Herrn vorzusetzen.

Der bereits erwähnte Maler war zu der Zeit der Krönung der Königin
nach London gereist, um ein treffendes Bild derselben für Amerika zu
gewinnen, und hatte, wie er behauptete, seinen Zweck über Erwarten
erreicht. Die Königin, versicherte er, habe die Gnade gehabt, seiner
Tochter den Purpur zum Anlegen herzugeben. Die Königin sei stets
zugegen gewesen, um die sitzende Tochter auf ihre (der Königin)
eigenthümlichen Attitüden aufmerksam zu machen -- wodurch er denn
das korrekteste Bild zu erzeugen im Stande war. Der Herr Maler leerte
übrigens, wie alle Genies und Künstler, sein Gläschen, so oft er es
gefüllt vor sich stehen sah; daß es unter diesen Umständen wenig volle
Flaschen gab, ist leicht zu ermessen.

Der Italiener B... war seit dem Jahre 1811 erster Buffo bei der
italienischen Oper in London gewesen, er verläßt die alte Welt aus
Verzweiflung, weil sein Talent durch +Lablache+ in Schatten gestellt
war. „Meine Superiorität“ sprach er „ist anerkannt; durch Madame
+Catalani+ anerkannt; sagte doch die große Sängerin im Jahre 1816
zu mir: Herr B... Sie sind der erste Figaro, und werden es stets
sein!“ Seiner Ungestalt ungeachtet, (denn seine Figur war die eines
Schlächters, oder Brauerknechts) wollte er, dem Ausspruch jener
gefeierten Künstlerin zufolge, ein niedlicher Figaro sein. In allem
dünkte er sich vollkommen: wenn er Whist spielte und, seines schlechten
Spiels wegen, verlor, so offerirte er seinen Gegnern eine Parthie
um eine sehr hohe Summe, und triumphirte, wenn es nicht acceptirt
wurde, mit den Worten: „Sie fürchten mich, weil sie meine Superiorität
kennen.“ Standen mehrere des Abends in Mäntel gehüllt auf dem Verdeck,
so warf er auch rasch den seinigen über, stellte sich jenen gegenüber,
und sagte leise zu mir: „Nun sehen Sie meine Stellung im Mantel, im
Vergleich zu den gegenüberstehenden Philistern!“ Die See fürchtete
er dermaßen, daß er jede Nacht auf dem Verdeck zubrachte, um bei
entstehender Gefahr der Erste im Rettungsboot sein zu können. Sehr
spaßhaft war er in den Morgenstunden gekleidet. Man denke sich eine
ungeheure Figur in einem sehr langen und weiten, vielfarbig-türkischen
Schlafrock, durch einen sehr breiten Gürtel am Unterleibe befestiget;
ferner drei von den grellfarbigsten seidenen Tüchern, nachlässig als
Halsbinden mit den langen Zipfeln auf der Brust hängend, den Kopf
mit einem schwarz-seidenen Baret bedeckt; ferner an jedem seiner
dicken Finger zwei oder drei Ringe von Edelstein, Granaten etc.,
deren Glanz jedoch durch den Glanz des Fetts, welches gewöhnlich an
seinen Fingern klebte, sehr verdunkelt wurde. Er bediente sich nie des
Messers und der Gabel, und da es keine Servietten gab, so folgte er dem
Beispiel der Bären und säuberte seine Finger im Munde. Es war nichts
Seltenes, daß er sich eine ovale Schüssel mit 8 bis 10 Cotelettes
vorsetzen ließ, und zum Frühstück allein verzehrte. Nach beendigtem
Frühstück ging er sogleich zu Bett. Im Trinken dagegen suchte mein
Schlaf-Camerad, der schmutzige Schottländer, alles Mögliche zu leisten,
wahrscheinlich, weil er früher in den Vereinigten Staaten, woselbst er
ein Detail-Geschäft führte, hierin nicht viel gethan haben mochte. Da
der Wein im Passagiergelde mit einbegriffen ist, so war er zu jeder
Tageszeit zum Trinken bereit, und schien, wo möglich, für einige Jahre
voraus trinken zu wollen.

Ein ähnliches Subjekt, wie jener Schottländer, war ein Mützenhändler,
der mit einem Lager seiner Waaren nach Canada eilte; weil die Bewohner
jener Kolonie sich auf die Köpfe stellten, glaubte er, ein bedeutendes
Geschäft dort machen zu können; wenn er indeß im Handel eben so dumm
war, als in der Conversation, so dürfte er wohl ohne Mützen, aber auch
ohne Schuhe nach Europa zurückkehren.

Ein junger Amerikaner, Sohn eines Gutsbesitzers, kehrte von seinen
Reisen in Europa zurück. Er hatte, wie er versicherte, in Zeit von
drei Monaten einen großen Theil Frankreichs, die Niederlande und den
Rhein bereist; er brachte als Documente dafür Französische Handschuhe,
Brüsseler Kanten und ein Faß Laubenheimer mit, und schlief fast den
ganzen Tag auf seinen Lorbeeren.

Ein für das National-Theater engagirter Violinspieler reiste mit
seiner unpäßlichen, starken brannt- und portweinsüchtigen Frau und
einem allerliebsten muntern Knaben, der sich so an mich attachirt
hatte, daß er fast nicht von meiner Seite kam. -- Ein Staatsbeamter
aus Canada kehrte mit Depeschen für +Lord Durham+ zurück. Mit Ausnahme
der recht liebenswürdigen Tochter des Malers, bestand das weibliche
Personal aus Frauen von Schiffs-Capitainen, die, in jüngern Jahren von
England entführt, jetzt nach 20 Jahren einmal ihre Verwandten besucht
hatten; der Zahn der Zeit, welcher Alles erreicht, hatte auch an ihnen
bedeutend genagt.

Von dem Dr. und dessen Bruder, einem Schiffs-Capitain, ist nicht
viel zu sagen, als daß der Letztere von seinem heftigen Wein- und
Branntwein-Durst nur dadurch geheilt werden konnte, daß unser
Schiffs-Capitain Geld dafür forderte. Dieser selbst war ein nicht sehr
gebildeter, aber erträglicher Mensch, äußerst lustig, so daß es oft
Scenen gab, und so lachlustig, daß er wohl dreißigmal lachte, ehe er
+einmal+ sprach.

Dieses waren die Häupter und Matadore unserer Gesellschaft, die ich dem
geneigten, nicht auf der See gereisten Leser nur darum so ausführlich
beschrieben habe, damit er wisse, was er auf einem Schiffe zu erwarten
habe. Wer gern a son aise, und comfortable lebt, muß an keine Seereise
denken. Hiervon sind freilich die Dampfschiffe Brittish Queen und
Great Western ausgenommen, allein hier ist die Feuersgefahr, welche
durch das beständige Heizen, und die dadurch verursachte Gluth in
den Schornsteinen entstehet, für jeden Beobachter abschreckend, und
realisirt sich weit häufiger, als das Zerspringen des Kessels oder
andere Unglücksfälle auf der See.

Die Unterhaltung war, wie man sich leicht denken kann, sehr
mittelmäßig. Das Haupt-Thema der Unterhaltung war, wie immer,
die Vorzüge, der Reichthum, das Vielwissen der Engländer. Nur der
Schauspiel-Director und ich banden wohl miteinander an, und da setzte
es von beiden Seiten Hiebe; ohne ihn und den Staatsbeamten aus Canada
wäre mir die Reise noch viel langweiliger gewesen. Der Wind war uns
ganz entgegen, so daß wir mehrere hundert Meilen außer den Cours
geriethen, und näher bei New-Foundland ankamen, als bei New-York. Wir
erreichten jetzt die Bank, etwa 1100 Seemeilen von New-York.

Da die Vorräthe unsres Proviants sich ihrem Ende näherten, und die
Portionen kleiner wurden, so war es uns sehr erwünscht, daß wir
auf eine von den vielen hier stationirten Fischer-Briggs trafen,
von welcher unser Capitain sechzig sehr große Fische für 2½ Dollar
erhandelte. Nach der Erzählung der Schiffer, die sie abholten,
hatte jene Brigg in einer Zeit von 6 Wochen, von New-York hierher
segelnd, gegen 10,000 von den großen Fischen gefangen. Uebrigens
hatte ich wenig Genuß von diesem Einkauf, da ich durch folgendes
unglückliche Ereigniß auf das Krankenlager geworfen wurde. Der kleine,
liebe Knabe des Musikers, den ich auf seinen dringenden Wunsch auf
das Bett im Rauchzimmer gebracht hatte, war dort eingeschlafen;
denn die portweinkranke Mutter desselben bat mich, ihr Söhnchen
herabzutragen, da sie selbst nicht dazu im Stande sei. Nun sind
aber diese Cajüten-Treppen äußerst steil, und schon im trockenen
Zustande zum Herabsteigen gefährlich; jetzt war sie durch den Nebel
noch schlüpfriger geworden; mit Einem Worte, ich stürzte trotz aller
Vorsicht die Treppe hinunter, wendete mich aber im Fallen so, daß der
Knabe keinen Schaden litt, ich selbst hatte eine Rippe gebrochen. --

Der Dr. +Morgan+ wollte mich mit einem Glas heißen Brandy und Water
kuriren, welches ich nicht annahm; ich ersuchte ihn öfters und
dringend, mir zur Ader zu lassen, welches er seinerseits abschlug. Man
denke sich meinen Zustand! Der Steward hatte, um einem Anderen gefällig
zu sein, mein Kopfkissen, und eine meiner Matratzen jenem überliefert
und ich mußte nun, einem Sträfling gleich, auf Latten liegen, was der
gebrochenen Rippe nicht besonders behagte. Die Schmerzen wurden immer
heftiger; -- der schmutzige Schottländer schlief ruhig unter mir auf
seinem guten Bette. Erst beim Frühstück kam meine Lage zur Sprache;
der Arzt überzeugte sich jetzt von meinem bedenklichen Zustande, er
berathschlagte mit den Andern, und es wurde beschlossen, daß der Diener
des Zucker-Fabrikanten sein Zimmer, das er für sich allein hatte, für
mich räumen, und dafür mein Bett nehmen sollte -- welcher Beschluß dann
am Abend endlich durchgesetzt wurde.

Liegen konnte und durfte ich nicht, es wurden daher alle Reisebeutel
zu einer -- freilich harten -- Rückenlehne angewendet, an welche ich,
da das Schiff auf längere Zeit auf eine ungestüme Weise von den Wellen
geworfen wurde, fortdauernd sehr aufrecht anstieß. Mein Zustand wurde
immer schlimmer; Fieber, Kopfweh, und Husten, mit dem stärksten Auswurf
begleitet, nahmen stündlich zu. Die sonderbarste Theilnahme hierbei
zeigte der Mützenhändler, um Abbitte zu thun, wegen einer ungerechten
Behauptung, er wolle das Wissen und Vermögen aller Deutschen in den
zwei Taschen seiner Pantalons forttragen; er verlangte, daß ich ihm
die Hand reiche und zugleich verspreche, ich wolle keinen Haß gegen
ihn mit ins Grab nehmen -- was ich denn auch that und ihn beruhigte.
-- Der kleine Knabe saß fast immer bei mir, und erkundigte sich stets
nach meinem Befinden. -- Das Krankenlager ist freilich unter allen
Umständen eine -- unangenehme Gegend, wie der Berliner Trinkkünstler,
Herr +Drucker+, sagt; doppelt und zehnfach wird es dies, wenn der
Schlaf, der doch sonst von Zeit zu Zeit die Schmerzen etwas weniger
fühlbar macht, durch Sing- und Musik-Proben ganz verscheucht wird, wie
es hier der Fall war, so daß ich mich keine Viertelstunde der Ruhe
erfreuen durfte.

Am neunten Tage trat für meine Krankheit eine glückliche Krisis durch
einen heftigen Schweiß ein. Am folgenden Tage kamen wir bei New-York
an; ein Dampfschiff hörte ich, soll von der Stadt kommen, um die
Passagiere abzuholen. Welch einen erfreulichen Eindruck dies auf mich
machte, vermag ich nicht zu beschreiben. Ich hörte das Hinauf- und auch
Hinabsteigen der Passagiere (indem die Treppe über meinem Lager sich
befand) sehr deutlich, und jetzt auf einmal einen Fall und allgemeines
Wehklagen. Mit großer Mühe erhob ich mich von meinem Lager, und siehe
da! der jüngste Sohn des Schauspiel-Directors war es, dem ein ähnliches
Schicksal, wie mich, getroffen zu haben schien. Der Vater raufte sich
die Haare, die Frauen wurden ohnmächtig; der Gefallene indessen trank
aufs zierlichste ein Glas Brandy mit Wasser aus. Unterdessen war das
Dampfschiff herangekommen und bald -- waren die Meisten fort. Der Knabe
befand sich noch an demselben Abend wieder gesund.

Das Schiff Quebeck wurde nach der Abfahrt des Capitains wie gewöhnlich
von Lootsen geführt und zwar glücklicher Weise mit großer Vorsicht;
fast alle anderen Schiffe wurden in jener Nacht entmastet, und gegen
30 große Schiffe fanden wir am folgenden Morgen auf den Strand
getrieben. Der Capitain, der um Mittag mit einem Steuer-Beamten zur
Revision unserer Effecten auf einem Dampfschiffe ankam, erzählte, daß
er die letzte Nacht in den größten Sorgen, fast schlaflos zugebracht
habe. Ehe wir nach New-York abfahren, muß ich noch die Revision durch
den Quarantaine-Arzt erwähnen, die auf folgende Weise geschieht.
Sämmtliche Personen auf einem Haufen versammelt, werden mit einer
Barriere von Tauen umgeben; einzeln werden sie jetzt von dem Doctor und
seinem Gehülfen aus dem Haufen gelassen, der Arzt sieht jeden genau an,
und im Fall, daß Jemand den Kopf hängen läßt, wird kommandirt: Kopf
in die Höhe! Und eben so muß Jeder die Stirn beim Gehülfen passiren.
Die Quarantaine-Anstalt ist in den V. S. ganz vortrefflich, aber
freilich für das Land von großer Bedeutung. Der Steuerbeamte revidirte
alle Gegenstände mit großer Loyalität und fand nichts Verdächtiges,
als einige blecherne Kochgeschirre bei dem schmutzigen Schottländer,
worüber man sich jedoch verständigte.


New-York.

Das Wetter war herrlich, so schön, wie es in Deutschland nur im Monat
Juni sein mag. Nach Verlauf von etwa einer Stunde langten wir in
New-York an. Hier findet man nicht wie in England, oder Hamburg am
Ufer eine Menge dienstbarer Geister zum Fortschaffen der Sachen. Zwar
standen mehrere einspännige Karren am Ufer des Stroms, aber Niemand
meldete sich; keiner von diesen freien Menschen will sich gern zum
Diener hergeben, sie wollen besonders aufgefordert sein zu einer
Dienstleistung.

Auf Anrathen einer der Frauen der Schiffs-Capitaine kehrte ich in
Beverley-House (broadway) ein; ein Zimmer konnte mir vorläufig nicht
angewiesen werden, weil alle besetzt waren. Das Erste, was mir
auffiel, war das Signal zum Mittagsessen, welches auf einer rauhen
Metall-Platte mit einem solchen Getöse gegeben wurde, daß alle meine
Nerven erzitterten. Bald war auch denn auf dem Hausflur ein Publicum
versammelt, welches man für eine Börsenversammlung hätte ansehen
können. Die Speise-Charte war brillant, obgleich nicht für mich, denn
etwas Suppe war Alles, was ich genießen konnte, wofür jedoch der
Wirth 1½ Piaster einstrich. (Ein Piaster beträgt in unserm Gelde 43
Silbergroschen.) Sogleich nach Tische suchte ich meinen Correspondenten
Herrn P... auf, der bereits ein Zimmer für mich gemiethet hatte, und
der auch so gefällig war, mir bald einen Arzt zuzuschicken. Dieser
Arzt, ein Deutscher, ein theilnehmender junger Mann, fand mich, was ich
freilich selbst am besten fühlte, ernsthaft krank. Ein Aderlaß gleich
nach dem Fall, behauptete er, würde von den meisten Leiden mich befreit
haben. Jetzt aber nahm Husten und Auswurf mit jedem Tage zu, so daß ich
die Gestalt einer Mumie bekam, und mit jedem Tage meinem Grabe näher
zu rücken schien. Ich gebrauchte Medicamente auf Medicamente, ohne
sonderliche Besserung. Ein sehr warmes Bad, welches ich eines Tages auf
mein eigenes Risico nahm, that mir wesentliche Dienste, ich wurde durch
fortgesetztes Baden mit jedem Tage besser, konnte jedoch den Husten
nicht los werden. „Sie müssen das Klima verändern“ sagte zuletzt der
Arzt zu mir, „sonst fürchte ich das Schlimmste für Sie; in Havana, das
glauben Sie mir, werden Sie bald von Ihrem Uebel befreit sein.“ Gern
hätte ich seinen Rath sogleich befolgt, allein das Wetter und andere
zufällige Umstände verzögerten die Abreise. Mit regem Geist sah ich
meine gewohnte Thätigkeit gefesselt, indessen war mir mein einsames
Zimmer doch tausend Mal lieber, als die Schiffs-Cajüte auf dem Quebeck,
wo ich zudem beständig die Lobpreisungen der Engländer von Engländern
anhören mußte. Ich hatte jetzt Zeit, meine Betrachtungen über diesen
Gegenstand zusammenzufassen, und das Resultat war folgendes:

Die Engländer sind das reichste Volk -- an Eigendünkel sowohl, wie an
Geld; sie halten sich wegen des letztern für das klügste, vornehmste,
erste Volk auf dem Erdball. Es ist wahr, sie sind im Technischen am
weitesten, aber warum? weil Frankreich und Deutschland, mit andern
Dingen beschäftigt, sich wenig um die praktische Technik bekümmert
haben. Lasset diese, wie es jetzt geschieht, auch allmählig hieran
Theil nehmen, und wir wollen sehen, wie lange sie die ersten bleiben.
Die von Napoleon den Engländern beigebrachte Wunde ist nach meiner
Ueberzeugung unheilbar. Wie sehr sie auch prahlen, so büßen sie doch
jeden Tag mehr von ihrem Handel ein; ihr Gewicht in der politischen,
so wie in der Fabrikwelt, wird immer geringer, und wird, wenn wir
30 - 40 Jahre Frieden behalten, immer mehr sinken, indem Preußen,
vermöge Dinte, Feder und Papier zerstörender für das englische Volk
gewirkt hat, als Napoleon mit allem Geschütz zu wirken vermochte.
Großbrittanien, und alle englischen Colonieen zusammengenommen erfreuen
sich einer nicht viel geringern Bevölkerung als die des großen
russischen Reichs; dieses bestehet aber durch sich selbst, in Hinsicht
auf Ackerbau, Fabrikation, und Handel; England aber will für sämmtliche
Bewohner der Welt (wovon dessen eigene Bevölkerung noch nicht den 1/50
Theil ausmacht) fabriciren und Handel treiben, obgleich die andern
Völker dazu doch meistens eben so fähig sind, welches die Engländer
nicht begreifen können. Ist das nicht absurd? Wird das nicht immer mehr
aufhören? England kann eben so wohl wie Rußland durch Ackerbau und
Fabrikation für sich bestehen. Man versetze Leute von den Spinn- und
Webestühlen an den Pflug und die Egge, damit für die enorme Anzahl des
englischen Volkes das allernöthigste Product, Korn -- in hinreichender
Menge erzeugt wird; und die Wunde, welche (wie jetzt Handel und Gewerbe
sich gestellt haben) unheilbar scheint, weniger fühlbar werde für die
Armen und Hungrigen in den vereinigten drei Königreichen. So gut wie
die vielen Joint Stock-Banks, und Banking Compagnieen zur Ausdehnung
des Fabrikgeschäfts in England dienten, in demselben Grad müssen sie
jetzt den Untergang vieler Fabriken (nachdem in allen Ländern fabricirt
wird) herbeiführen, wenn die Bank von England fortfahren sollte, jeden
von jenen Banken gerirten Wechsel für 3½ Procent Zinsen zu discontiren.
Denn die Fabrikanten fertigen, ohne die Consumtion zu berechnen,
ungeheure Massen von Waaren an, und die Amerikanischen Waarenhändler
kaufen sie mit demselben Leichtsinn, ohne zuvor über die Möglichkeit
des Absatzes nachzudenken. Die Bank von England mußte daher unbedingt
zu denselben Maßregeln schreiten, welche der Präsident der V. S., um
das Land gegen eine Ueberschwemmung von englischen Manufactur-Waaren
zu schützen, adoptirte, d. h. den Credit für Fabrikanten einschränken.
Für welches von beiden Ländern diese Maßregeln schädlicher sich zeigen
werden, davon wird später die Rede sein, wenn wir mehrere Thatsachen
genau kennen gelernt haben.

Von England nur will ich noch bemerken, daß seine Reßourcen, die
hauptsächlich in Fabriken und Maschinen liegen, immer mehr versiegen.
In den frühern Zeiten lieferte für England eine Tonne Kohlen, wenn sie
zur Fabrikation verbraucht wurde, einen Klumpen Goldes; es war daher
nicht fühlbar, wenn damals (wie jetzt) Bedürfnisse an Holz, Flachs,
Hanf, Wolle, Talg, Pottasche, Häute, Taback, Korn, Weine, Borsten,
Wachs, Oele, Lumpen etc. mit baarem Gelde bezahlt wurden, indem die
ausgegangenen Summen unbedingt wieder eingehen mußten. Allein jetzt, da
jedes Land mehr und mehr für seine Manufactur- und Fabrik-Bedürfnisse
selbst sorgt, England dagegen alle oben angeführten Artikel einführen
und baar bezahlen muß, jetzt muß wohl die Regierung, welche die ganze
Baarschaft der vereinigten Königreiche auf nicht mehr als höchstens
drei und zwanzig Millionen Pfund berechnen kann, dem Abfluß des baaren
Geldes aus dem Lande entgegenarbeiten, wenn die Nation nicht das
Schicksal aller früheren Handelsnationen -- d. h. baldigen Untergang
theilen soll. Daher ist die von der englischen Bank (Bank of England)
ergriffene Maßregel zu loben, der übermäßigen Fabrikation wird
hierdurch Einhalt gethan, und alle Fabrikanten in allen Ländern werden
sich bei dieser Maßregel besser befinden, weil der Waarenüberfluß
dadurch aufhören wird, und Verkäufe zu bessern Preisen gemacht werden
können.

Diese und andere Bemerkungen schrieb ich während der kalten und
nassen Tage nieder, da ich das Zimmer hüten mußte. Meine Abreise nach
Westindien wurde verzögert, indem das Schiff +Norma+, womit ich fahren
wollte, noch nicht geladen hatte. Während dieser Zeit hatte ich eine
Angelegenheit mit Amerikanischen Advokaten, die der Leser bei dieser
Gelegenheit genau kennen lernen wird. Ich suchte auf Empfehlung meines
Freundes P... einen Advokaten, Herrn J...... auf, damit er mir in den
Besitz von 180 L. St. verhelfen möchte, welche mir ein New-Yorker
Handlungshaus M.... und H..... bei einer Abrechnung gekürzt hatte.
Der Advokat findet nach Durchsicht meiner Papiere meine Forderung
rechtmäßig, lehnt es jedoch ab, etwas gegen diese Leute, deren Anwalt
er sei, zu unternehmen, verspricht dagegen, die Zahlung in Güte für
mich auszuwirken, und mir binnen zwei Tagen darüber zu berichten.
Indessen der Bericht erfolgt nicht, und ich muß mich nach einem andern
Advokaten umsehen. In den Zeitungen finde ich, daß ein gewisser
L.... bei einer Prozeßsache gegen eine Versicherungs-Gesellschaft
sich tüchtig und trefflich gezeigt hat; ich begebe mich sogleich
zu ihm. Der Doctor, dessen Aeusseres einen gewandten und denkenden
Rechtsgelehrten verrieth, gab mir sogleich nach meiner Eröffnung die
Papiere zurück, da er der Anwalt meiner Opponenten sei. Nachdem ich
meine Verwunderung bezeigt hatte, daß mich das Schicksal treffe, nur zu
Anwalten meiner Gegner zu kommen, und ihm das Ergebniß der Conferenz
mit dem Advokaten J...... mitgetheilt hatte, fand er sich bereit,
sich meiner Sache anzunehmen, nur mußte ich zuvor die Correspondenz,
und alle Documente, welche in deutscher Sprache geschrieben waren,
ins Englische übersetzen. Da meine physischen Kräfte zu dieser Arbeit
nicht hinreichten, so ersuchte ich meinen Arzt, mir einen jungen
Menschen zu recommandiren. Dieser war denn auch so gütig, mir einen
solchen zuzuschicken, der die Arbeit in kurzer Zeit beendete. Bei
dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß man in New-York mit Regenschirmen
sehr vorsichtig sein müsse, denn der junge Mann, dem ich den meinigen
ganz neuen von 1 L. St. -- Werth geborgt hatte, brachte mir denselben
nicht wieder, und als ich hierüber dem Arzt mein Befremden äußerte,
entgegnete derselbe: „Regenschirme haben in diesem Lande keine
Eigenthümer, jeder hilft sich mit diesem Artikel so gut wie er kann,
aus der Verlegenheit, Sie werden ihn ohne Zweifel nie wieder bekommen.“

Die Deutschen stehen hier in keiner Achtung, und so weit meine
Erfahrung reicht, glaube ich auch nicht, daß der größere Theil dieselbe
besonders verdiene; ich wenigstens bin von dreien, mit denen ich in
Berührung kam, betrogen worden. --

Noch muß ich der Artigkeit des Theater-Directors erwähnen, der
mich zum Mittags-Essen einlud und mir einen bequemen Sitz in der
Directions-Loge, auch bei außerordentlichen Vorstellungen, anbot --
was ich jedoch ablehnte.

Meine Gesundheit stellt sich allmählig wieder ein, ich kann an der
Gesellschaft im Hause Theil nehmen, fand mich aber bewogen, aus meinem
bisherigen Logis auszuziehen, da ich für vieles Geld erbärmlich und
ohne Bequemlichkeit logirte. Bald finde ich auch eine weit wohlfeilere
und comfortable Wohnung bei der Frau eines französischen Buchhändlers.
Hier finde ich eine Gesellschaft von 15 Personen, bestehend aus
Deutschen, Franzosen und Schweizern.

Beim Abziehen aus dem frühern Logis wurde ich noch recht tüchtig
geprellt, und konnte nicht einmal alle Stücke meiner Wäsche
zurückerhalten, diese Schuld war nur der Dienerschaft beizumessen,
welche in diesem Lande miserable ist. Die weiße Dienerschaft besteht
größtentheils aus Vagabonden die aus Europa herüber gekommen sind,
weshalb die meisten hier Ansässigen sich der schwarzen bedienen. Die
Deutschen der untern Stände, welche herüber kommen, werden entweder
Ackerbauer oder Lumpen- und Knochen-Einsammler; zum Dienen will sich
kein Einziger verstehen, weshalb sie verachtet sind und zur Ehre
Deutschlands nicht Deutsche, sondern Holländer genannt werden.

So viele Gebrechen es in diesem Lande in Hinsicht der Dienerschaft
giebt, eben so groß sind die des Logirens. Die Miethen sind enorm
theuer, nach dem Zinsfuße reguliren sich natürlich dieselben. Es
ist gar nichts Seltenes, daß die Pfandleiher hier 12-15 Procent pro
Monat nehmen. In einem der hiesigen Blätter las ich eine Verhandlung
vor einem Gerichtshofe, die neulich hier statt gefunden hatte. Ein
Ausländer hatte einen Diamant-Ring und eine Uhr mit Perlen zu 15
Procent monatlich versetzt und reklamirte solche, weil sie ein theures
Erbgut von einem Verwandten seien, von dem Pfandleiher, welcher
die Rückgabe verweigerte, weil der stipulirte Termin der Auslösung
verstrichen war. Der Kläger wurde abgewiesen. Nach unsern Gesetzen
würde ein solcher unerhörter Wucher bestraft, allein in diesem Lande
heißt es: Jeder kann den Werth seines Geldes selbst feststellen, und
wenn sich ein Narr findet, der für einen Solitair ein Stück Silber im
Werth eines Piasters kaufen will, so kann er es immerhin thun, die
Gesetze können nichts dagegen einwenden.

Jeder Hauseigenthümer ist daher Wucherer, und schlägt nach dem
Maaßstabe des Zinsfußes die Miethe an; so bezahlt jeder enorme Miethen,
und aus diesem Grunde giebt es hier sehr wenige Haushaltungen. Die
meisten Familien leben in Boarding Houses (Pensions), die eigentlich
nichts mehr und nichts weniger sind als Gasthöfe; es giebt deren
ungemein viele. Die Deutschen nennen sie Kosthäuser, auch findet man
in den Straßen, an vielen Häusern Aushängeschilder mit der Aufschrift:
+deutsche Kosthäuser+; vorzüglich findet man diese in den Straßen, wo
sich die ärmere Klasse der Deutschen aufhält. Mit Ausnahme sehr weniger
Kaufleute und Banquiers ersten Ranges wohnt jeder Geschäftsmann hier
in einem solchen Boarding-Haus. Der Preis wird pro Woche bestimmt,
die Mahlzeiten sind folgende: ein Frühstück, bestehend aus Thee,
Caffee, Fisch-, Fleisch-, Eier- und Mehlspeisen; ein Mittags-Essen
nach englischer, französischer, oder deutscher Weise, am Abend kalte
Küche (Ueberreste von Mittag) und Desert, Thee; der Preis regulirt sich
nach dem Zimmer, fängt von sieben Piaster pro Woche an, und steigt bis
20 pro Kopf. Um 7 Uhr des Morgens giebt eine Glocke das Signal zum
Aufstehen, um 8 Uhr verkündet dieselbe, daß das Frühstück aufgetragen
ist; um 4 Uhr hört man sie das Mittags-Essen, um 7 Uhr Abends die
Theezeit verkünden. Von dieser Zeit an bleiben die Herren und Damen
in dem gut decorirten und beleuchteten Saal zusammen. Unter den
Damen findet man hier sehr gute Schachspielerinnen, die mit ihren in
französischen Glacé-Handschuhen verschleierten Fingern so geschickt zu
manövriren verstehen, daß ihre männlichen Gegner bald matt sind.

Zwei oder dreimal wöchentlich wird nach der Musik eines Piano getanzt.
Man findet verschiedene Klassen von Boarding-Häusern, sehr lustige, und
auch sehr solide.

Die jährliche Miethe für solche Häuser ist von 6 bis 10,000 Piaster;
bringt man nun noch Silberzeug, Mobilien, Domestiken, und die höchst
brillante Beleuchtung in Anschlag, so muß man sich wundern, daß sie
bestehen können. Hinsichtlich der Weinpreise sind diese Häuser (ersten
Ranges) alle übereinstimmend; weniger als 1 Piaster verdient Niemand an
einer Flasche, wohl aber mehr, weshalb Jeder, der sich hier einmiethet,
in Kenntniß gesetzt wird, daß er sich gegen Bezahlung von funfzig Cens
(etwa 18 Ggr.) pro Flasche seinen eigenen Wein halten könne (hierbei
ist indeß Gefahr).

Der Amerikaner ist kein Weinkenner, Madeira ist sein Lieblingswein
und von dieser Sorte giebt es denn hin und wieder einen Kenner. Der
theuerste Wein ist der beliebteste, und es würde kein Gastwirth eine
Flasche unter 1½ Piaster anbringen können. Aster-House, das erste
Hotel in New-York, verkauft den besten Madeira für 12 Piaster. Der
Eigenthümer dieses Hauses ist als armer Kürschner-Geselle eingewandert,
und soll jetzt über ein Vermögen von 10 Millionen Piaster commandiren
(?)

New-York ist in den Monaten August, September und October am
besuchtesten, denn die Reichen aus dem südlichen Amerika kommen um
diese Zeit hierher, um sich gegen die Fieber zu schützen, und kehren
erst im November nach Hause; es ist daher in diesen Monaten sehr
schwierig, ein Unterkommen zu finden. Hinsichtlich des Bodens ist
Amerika ein Land von ungeheuern Ressourcen (wovon später mehr), die
Gutsbesitzer sind diejenigen, welche so zu sagen, das Geld zum Fenster
hinaus werfen. Der Boden ist ergiebig, die Erzeugnisse finden stets
Abnehmer; wer etwas Vermögen hat, kauft sich Land, und befindet sich
alsdann wohl. Das Arbeitslohn wird hier stets hoch sein, weil jeder
Arbeitsmann, sobald er sich ein kleines Vermögen erspart hat, sofort
Gutsbesitzer wird. Ich fand in einem öffentlichen Blatte folgenden
Artikel:

„Als Beweis, wie hoch man den Werth des Hornviehs von Durham in diesem
Bezirk schätzt, sei nur dieses angeführt. Samuel Smith verkaufte in
dieser Woche mehrere seiner Kühe: eine säugende Kuh nebst dem Kalbe
würde mit 2000 Piaster (etwa 3000 Rthlr) eine zweite mit 1350, andere
für 1200 und 1000 Piaster verkauft; er verkaufte von seinen Kühen
für den Werth von 20 bis 30,000 Piaster.“ Welcher Preis für einen
Gutsbesitzer, selbst wenn man auch den geringen Werth des Geldes in
den V. S. in Anschlag bringt! In demselben Grade, als die Umstände
der Gutsbesitzer brillant sind, eben so morsch scheinen mir die des
Handelsstandes zu sein. Als es noch wenige Commissionaire hier gab, und
die Europäer es beinahe für unmöglich hielten, jene zu kontrolliren,
da erwarben sie viel Geld, denn sie ließen ihren Freunden etwa die
Hälfte des Ertrags von den an sie consignirten Waaren zukommen, und
jene mußten mit dem, was ihnen zuerkannt wurde, zufrieden sein. Wie
haben aber die Verhältnisse sich jetzt gestaltet! Man denke sich einen
Bezirk von der Größe der Stadt Leipzig, welcher nichts als 4-5 Etagen
hohe Speicher enthält, die mit englischen, französischen und deutschen
Fabrikwaaren jeder Art überfüllt sind. Viele Tausende stehen hier stets
zum Ein- und Verkaufe bereit; zu dem ersteren findet sich jede Minute
Gelegenheit, denn jeden Tag langen doch mit Manufacturen beladene
Schiffe an, welche theils von europäischen Kaufleuten auf Speculation,
zum Theil aber auch von New-Yorker Kaufleuten bestellt worden sind,
und daher so rasch wie möglich verborgt werden müssen, um von den
Borgern schriftliche Versprechungen dafür zu erhalten, welche die
Banken gegen gedruckte Bank-Versprechungen discontiren.

Obgleich ich hinsichtlich des Betriebs solcher Art bereits viele
Erfahrungen gesammelt habe, so will ich doch noch näher in das
Specielle eindringen, um später für unsere europäischen Kaufleute desto
belehrender sein und erweislich machen zu können, daß jedes Geschäft
von Europa in der neuen Welt durch Commissionaire besorgt, nur allein
für Letztere von Nutzen sein muß.

Vier Wochen hatte ich jetzt (den 30sten September) größtentheils auf
dem Krankenlager zugebracht. Ein freundlicher Sommerabend, wie wir ihn
wohl in Deutschland im Juni haben, zog mich aus meiner Wohnung; kein
Wölkchen trübte den Horizont, der Mond verbreitete ein herrliches Licht
über Broad-Way, die Hauptstraße New-Yorks; ich war so entzückt, als
ich auf die Straße heraustrat und dies alles empfand, daß ich hätte
weinen mögen. Ich muß zuvor bemerken, daß diese Straße, vielleicht nur
um ⅓ länger und ¼ breiter als die Leipziger Straße in Berlin, etwas
sehr Eigenthümliches und Anziehendes hat. In dieser Straße befinden
sich alle Hotels, Boarding- und Caffee-Häuser, alle Kaufmanns- und
Conditor-Läden von ungeheurer Tiefe, welche sämmtlich sehr brillante
Gasbeleuchtung haben. Wer ein Geschäft von Bedeutung machen will, muß
einen Laden in Broad-Way haben. Die Miethen sind daher in dieser Straße
enorm hoch, ein Chemist (Droguist) unter der Firma Rushton et Aspiewald
soll, wie mir versichert worden ist, 7000 Piaster jährlich bezahlen;
allein in Soda-Wasser (welches ein Lieblings-Getränk der Amerikaner und
Amerikanerinnen ist) 20,000 verdienen. (?)

Bemerkenswerth ist es, daß, obgleich es in den Wochentagen 500 Omnibus
und einige 100 andere Miethswagen giebt, am Sonntag doch kein einziger
in den Straßen anzutreffen ist; Alles, die beau monde und die ganze
Stadt ist in Bewegung -- aber zu Fuße; ich möchte behaupten, daß die
Anzahl der an jenem Abend sich in Broad-Way bewegenden Personen sehr
wenig der beim Einzug der Kaiserin von Rußland in Berlin versammelten
Menge nachgab. Weder Polizei noch Constabler wurden bemerkt, und doch
war die Sittlichkeit, wie ich sie in keiner Stadt angetroffen habe.
Frauenzimmer ohne männliche Begleitung, gehen, ohne die Aufmerksamkeit
des Mannes rege zu machen, mit der größten Sicherheit -- ein großer
Contrast gegen die Ungeschliffenheit der Europäer, besonders der
Engländer, welche sans façons die Frauen, den Hunden gleich, in den
Straßen herumzausen (hierbei ist jedoch nur von den untern Ständen
die Rede, denen der Sonntag allein zu einer ungestümen Erholung
angewiesen ist). Auch der Amerikaner der untern Klasse unterfängt
sich nicht, den Anstand gegen Frauenzimmer zu verletzen; selbst das
verworfenste behandelt er mit Schonung, weshalb denn auch dieser Theil
der weiblichen Bevölkerung sehr zurückgezogen und unbemerkbar ist. Man
sieht hier in den Straßen eben so wenig öffentliche Dirnen als einen
Betrunkenen. Wohlgekleidet in sehr reiner Wäsche ziehet Jung und Alt
mit brennender Cigarr ruhig durch die Straße und man glaubt sich eher
in einer Kirche als auf der Straße zu befinden. Während ich durch
Broad-Way schlendere, lese ich auf einem Schilde: Rochés Café de mille
colonnes, mit großer Schrift; das ist eine französische Windbeutelei
dachte ich, und so fand ich es auch. Ich trete ein und befinde mich
in einem Zimmer von 20 Fuß Länge, und 15 Fuß Breite; die beiden
Wände haben an jeder Seite 15 Säulen, und zwischen jedem Paar von
Säulen finden sich Spiegelgläser, welche denn freilich in brillanter
Gasbeleuchtung die Säulen vervielfachen. Weiterhin finde ich in
New-York-Garden ein ziemlich enges, von Oel-Lampen und altmodischen
Laternen erleuchtetes, nicht besonders comfortables Local.

Die Franzosen deren es in New-York 12-15000 giebt, beschäftigen sich
mit Allem, und verdienen viel Geld. Die Wirthe der Restaurationen,
Conditoreien und Caffee-Häuser sind größtentheils aus Frankreich, und
werden vorzugsweise besucht. Die Preise, welche sie festgesetzt haben,
übersteigen die bei uns um das Dreifache. Eine kleine Tasse Caffee, der
in der Regel sauer schmeckt, kostet ⅛ Piaster, und eben so viel kostet
die geringste Kleinigkeit. Eine meiner nächsten Wanderungen führte mich
nach Chatham-Street, das Judenviertel, ungefähr so wie die Elb-Straße
in Hamburg und die Reetzen-Gasse in Berlin, jedoch im großartigsten
Stil, etwa ¼ deutsche Meile lang, von beiden Seiten mit Kleiderläden,
Kram-, Galanterie- und aller Arten Waaren-Läden angefüllt. Juden
von allen Nationen sind in dieser Straße anzutreffen. Alle Waaren,
welche im Lande gestohlen oder aufgeschwindelt sind, werden in
Chatham abgesetzt, und wer wohlfeil kaufen will, gehet hieher. Die
Ladenherren, obgleich sie von Posen oder Schermeisel abstammen, haben
Namen angenommen, wodurch ihre Geburts-Länder nicht verrathen werden,
z. B. King, Christalli, etc. etc. etc. Hierbei muß ich ein Verhör
im Polizei-Amte, welches heute statt fand, anführen. Seit mehreren
Wochen war die Polizei bemüht gewesen, Diebstählen, die seit einiger
Zeit durch Einbrüche in Waarenläger verübt worden waren, auf die
Spur zu kommen. Dies gelang endlich und der Dieb wurde eingezogen.
Als er gefragt wurde, für wie viel Werth er die Zeit hindurch aus
jenem Laden entwendet habe, erwiederte er: für circa 15,000 Piaster,
von welchen jedoch noch für etwa 1500 Piaster unverkauft da lägen,
weil der gewöhnliche Abnehmer, Mr. King in Chatham, sie zu kaufen
verweigert und ihm eröffnet habe, er besitze von dergleichen Waaren
jetzt zu viel Vorrath, er werde jetzt nur wollene oder seidene Waaren
für baares Geld kaufen, worauf denn, wie natürlich, Mr. Kings Locale
unter polizeiliche Aufsicht gestellt und er selbst eingezogen worden
ist. Diebereien werden hier sehr hart bestraft, Mordthaten hingegen
mit weniger Strenge als in Europa instruirt, weshalb sehr viele Mörder
der verdienten Strafe entgehen. Das Treiben in Chatham ist großartig;
jüdische Actionaire halten ihre Verkäufe auf einem Karren, worauf sich
die zu verkaufenden Gegenstände befinden (über diese Straße später ein
Mehreres).

Als ich von Chatham zurückkehrte, fand ich in meinem Logis ein
Schreiben von einem jungen Berliner vor, für welchen ich von seinen
dortigen Verwandten einen Brief mitgebracht hatte. In jenem Schreiben
wurde ich ersucht, ihn doch im Stadt-Hospitale, wohin er wegen eines
Armbruchs gebracht worden sei, zu besuchen. Ich war um so begieriger,
diese Anstalt kennen zu lernen, da sie mir früher, bei meinem
Kranksein, von unserm Schiffs-Capitain empfohlen worden war. Nach
dessen Schilderung erwartete ich etwas dem Hamburger Krankenhause
oder der Berliner Charité Aehnliches; die Fonds, erzählte er, müßten
beträchtlich sein, da jeder Capitain der in New-York ankommenden
Schiffe für jeden Reisenden 1½ Piaster und für jeden Matrosen 1 Piaster
zu diesem Fonds einliefern müsse, und die Einkünfte dieser Art werden
nur zur Bequemlichkeit der Kranken verwendet; es sei in ganz New-York
kein Haus, was in Betreff der Pflege, Reinlichkeit und Aufwartung etwas
Aehnliches zu leisten im Stande sei. Ob ich Recht oder Unrecht gehabt,
den Rath des Capitains unbefolgt zu lassen, war mir sehr interessant zu
erfahren.

Die Apotheke dieser Anstalt, welche ich passirte, fand ich geregelter
als die sogenannten Droguist-Shops, da sich in derselben nicht, wie
in den letztern, Spielkarten, Wachslichte, Zahnbürsten, Cigarren
etc. sondern nichts als Medicamente befanden. Das Zimmer Nro. 10, in
welchem der Kranke lag, wurde mir geöffnet. Es war von ziemlicher
Breite; an jeder Seite befanden sich 5-6 Lager, aber keins derselben
war eine Bettstelle, es waren Bretter, auf welchen sich ein mit wenigem
Stroh gefüllter Sack, ein sehr dünnes Kopfkissen, und eine sehr dünne
wollene Decke befand. Da indessen der Brodherr dieses jungen Mannes
für die meisten Chirurgen New-Yorks die Instrumente verfertigt, so
hatte man dem Patienten vorzugsweise ein kleines Kissen, auf welchem
der gebrochene Arm ruhte, hergegeben. In den klinischen Anstalten zu
Berlin, und Deutschland überhaupt, liegen doch die Patienten auf Betten
und nicht auf Stroh. Am meisten wunderte ich mich, diese Jämmerlichkeit
in einem Lande anzutreffen, in welchem man das Geld sonst wegwirft für
lumpige Kleinigkeiten. Wie pries ich mich glücklich, daß ich nicht
hierher gerathen war! Unterdessen wurde während meiner Anwesenheit
das Essen aufgetragen, und zwar auf einen in der Mitte des Zimmers
befindlichen langen Tisch, an dessen beiden Seiten sich Bänke ohne
Rückenlehne befanden; jeder der Patienten erhielt eine Schale voll
Suppe, und eine Portion gekochtes Rindfleisch mit einem Stück Brod.
Dem kranken Landsmanne wurde seine Portion auf den Fensterkopf neben
seinem Lager mit einer ungewöhnlichen Gefühllosigkeit hingesetzt.
Mittlerweile kam der Oberarzt, gefolgt von 8-9 sehr jungen Unterärzten,
oder vielleicht Studenten, welche ihm die Krankheit der Patienten
vortrugen; zuletzt sagte er: „nun will ich das deutsche Gesicht sehen!“
Die jungen Chirurgen zeigten ihm flüchtig die Stellen des doppelten
Armbruchs, „schon gut!“ sagte er, und hiermit zogen sie ab. „Ach Gott!“
rief der Kranke aus, „wie gleichgültig wird ein Ausländer in diesem
Lande behandelt: so ist es vom ersten Augenblick an gewesen, als ich
hierher gebracht wurde, und drei volle Stunden ohne Hülfe blieb, und
so bleibt es immer.“ Welcher Deutsche im Auslande auch sonst wenig
an sein theures Vaterland denkt, der vermißt es sicherlich, wenn er
krank wird; diese Erfahrung habe ich auch oft an mir selbst gemacht;
nirgends, in keinem Lande, in keiner Stadt habe ich die deutsche
Herzlichkeit gefunden. Wir wollen sehen, junger Mann, dachte ich, als
ich den Kranken verließ, ob du sechs Jahre, wie du dir vorgenommen,
hier aushalten wirst!

Ich ging jetzt nach dem Platze Wall (nach der Straße dieses Namens),
um mehreren Wein-, Colonial- und andern Waaren-Auctionen beizuwohnen.
Da stehen die Auctions-Commissarien auf den Fässern, Säcken u. s. w.
und jeder derselben hat seine Anzahl von Kauflustigen um sich; sie
rufen die gebotenen Preise wohl funfzig Mal mit einer erstaunlichen
Schnelligkeit und Unverständlichkeit aus, so daß ihre Mäuler in einer
wirbelnden Bewegung bleiben; nur dann weiß man, daß der Zuschlag nicht
mehr fern ist, wenn sie +going+ rufen; beim zweiten +going+ ist der
gebotene Preis vernehmbar, jedoch nur für die in der englischen Sprache
sehr geübten. Täglich giebt es in New-York hunderte von Auctionen;
rothe Flaggen, an welchen Cataloge baumeln, sind die Zeichen, daß im
Hause, oder auf dem Platze, wo sie wehen, Auctionen statt finden. Es
soll, so ist mir versichert worden, hier Auctions-Commissarien geben,
die ein jährliches Einkommen von 200,000 Piaster haben.

Es giebt in New-York Importeurs, welche ihre Waaren nur per Auction
absetzen, indem die Commissarien gegen Abzug von sieben Procent Zinsen
pro Anno und 2½ Procent Provision, sofort den Belauf auszahlen.
Da das Creditgeben in diesem Lande sehr riskant ist, so ist diese
Verkaufsweise die sicherste. Der Gewinn ist natürlich sehr gering, ja
häufig ist sogar Verlust damit verbunden. Jedoch gegen den letztern
kann man sich einigermaßen dadurch sichern, daß man die Auctionen
nur in der Frühjahrs- oder Herbst-Season, wenn sich alle Käufer aus
dem Innern in New-York eingefunden haben, statt finden läßt. Der
solide Handel wird freilich dadurch zu Grabe gebracht; denn in der
Voraussetzung, daß die Land-Krämer, von den Zwischenhändlern kaufen
werden, haben diese ihre Waaren-Läger gepfropft voll, und sind den
Importeurs dafür alles schuldig; ist nun auch der eine oder der andere
von den Land-Krämern wirklich gesonnen, seinen Bedarf von einem
Zwischenhändler zu erstehen, so wird er durch die rothen Fahnen, die in
den Gewölben der Commissarien, zwischen denen der Kaufleute aushängen,
abgezogen. Er geräth in ein den Commissarien zugehöriges Lokal, und
wird gesättigt. Die Folge ist, daß die Zwischenhändler ihre Vorräthe
per Auction zu verkaufen gezwungen sind.

Siehet man die Waarenmassen, die in den Stadttheilen liegen, in welchen
das Waarengeschäft betrieben wird (welche Massen unstreitig bedeutender
sind, als die auf allen Meßplätzen Deutschlands zusammengenommen)
sieht man die hohen Häuser von den Böden bis zu den Kellern hinab
vollgepfropft von Waaren jeder Art, so muß man erstaunen und kann die
Frage nicht unterdrücken: Wie, wann und wo soll dieses Alles verbraucht
werden? Man kann sich keine Idee von der Größe des Fabrications-Wesens
in Europa machen, wenn man nicht in New-York gewesen ist, und die
Waaren-Vorräthe daselbst gesehen hat; ich gestehe, daß ich von Furcht
und Schrecken ergriffen wurde, als ich mich orientirt hatte. Der
Gedanke, mich von meinen Waaren sobald und so gut wie möglich los zu
machen, gelangte nach jenem Augenblick bei mir zur völligen Reife.
Meines Erachtens geht man im Waarenfache einer fürchterlichen Zeit
entgegen; es dürfte in einigen Jahren eine weit gefährlichere Krisis
eintreten, als diejenige war, die wir vor zwei Jahren erlebten.
Amerika hat zu viel Ressourcen, um nicht fortwährend groß zu bleiben;
wenn selbst die große Hälfte der Waaren-Händler untergehen müßte,
wird Amerika nichts von seiner Größe eingebüßt haben. Die Regierung
ist sehr vernünftig, sie hält den Waaren-Händlern die Zügel kurz;
durch die hohen Preise, welche der europäische Fabrikant für die
prima Materie hergiebt, verliert er oft das ganze Arbeitslohn, und
vielleicht noch mehr. Dieses war vor zwei Jahren der Fall, und dieser
Fall wird wiederum, noch ehe zwei Jahre vergangen sind, eintreten. Daß
es der americanischen Regierung nur darum zu thun ist, den Ackerbau,
und nicht die Fabriken zu begünstigen, beweist sie dadurch klar und
deutlich, daß sie jedem Kaufmann den Zoll für seine eingehenden Waaren
auf sechs Monate creditirt; thäte sie dieses nicht, so würden weit
weniger Waaren eingeführt werden, indem die Summen für Zollgefälle von
vielen Importeurs nicht ohne Mühe würden angeschafft werden können,
und ein großer Theil derselben vom Importiren würde abstehen müssen,
wodurch die in Amerika fabricirten Waaren bessern Absatz finden würden.
Allein die Regierung denkt, Ackerbau ist einträglicher als Fabriken,
und denkt, so lange europäische Fabrikanten das Arbeitslohn verlieren
wollen, sehr richtig (hierüber weiterhin ein Mehreres).

Nach dem, was ich hier im Geschäft wahrgenommen habe, muß jede zwei,
spätestens drei Jahre eine allgemeine Stockung im Zahlen eintreten,
und die nächste dürfte die furchtbarste von allen bisherigen
werden, da England jetzt nicht im Stande ist, wie vor zwei Jahren,
eine Baarsendung von 2 Millionen L. Sterl. zum Stützen der für die
englischen Fabrikanten unentbehrlichen americanischen Banken zu
machen. Am deutlichsten kann der Schwindel bemerkt werden, wenn man
sich während der Börsenzeit unter den Stock-Jobbers und Broakers
umsieht. Unter den letztern findet man Subjecte, welche 60,000 Piaster
Courtage jährlich verdienen; sie arbeiten darauf hin, einen Wirrwarr
zu Stande zu bringen. Der Handelsstand hier ist das größte Kunstwerk
der menschlichen Gesellschaft. Jeder handelt, und wie handelt er? Im
Großen. Man sieht Kram-Läden von der Länge, oder besser Tiefe eines
kleinen Exerzier-Platzes; in solchen Läden liegen vielleicht für 60,000
Piaster Waaren, von denen nicht ein einziger Cens (der hundertste
Theil eines Dollars) bezahlt ist. Ist der Mann durch gute Lösung in
Stand gesetzt, einem Theil seiner Verpflichtungen nachzukommen, nun,
so geschieht es; ist dies aber nicht der Fall, so stellt er für sich
den größten Theil in Sicherheit, läßt seine Creditoren zu sich kommen,
und ersucht diese, das Nachgebliebene für ihre Schuld zu empfangen. Die
Handlungsbücher sind vielleicht schon einige Tage vorher den Flammen
überliefert worden, und kömmt einer von den Creditoren auf den Einfall,
nach den Büchern zu fragen, so kann der sich auf die Antwort gefaßt
machen: „das ist mein Geheimniß, deshalb werde ich sie Ihnen nicht
zeigen.“

Das Wetter fand ich hier im Anfang October noch den Sommertagen in
Deutschland gleich; es war sehr heiß und man wird von den Musquitos,
welche unsere Mücken auch hier an Bosheit weit übertreffen, ungemein
geplagt. Dieses Ungeziefer findet sich hier erst im September mit aller
Kraft ein, und man darf sich vor Eintritt eines Frostes, im November,
keine Ruhe versprechen. Es ist jedoch ein Leichtes, sich von ihnen im
Schlafzimmer zu befreien: man schließt nämlich vor dem Anzünden der
Lichter die Fenster, und macht mit dem brennenden Lichte Jagd auf sie.
Bevor ich dies that, hatte ich in der Nacht wenig Ruhe, und mehrere
meiner Tischgenossen adoptirten meine Kriegsweise.

Noch muß ich einiges von den Straßen New-Yorks bemerken; ich fand, daß
die Straße Broad-Way viele Aehnlichkeit mit dem Newski Perspective in
St. Petersburg hat; jedoch hat die erstere, außer dem ihr zugehörigen
freien Platze (Park-place) viel Eigenthümliches; der freie Platz
gewährt des Abends bei der Gasbeleuchtung einen herrlichen Anblick, da
sich auf demselben mehrere öffentliche Gebäude, nämlich das Rathhaus,
Theater, Museum etc. befinden. Die Nebenstraßen von Broad-Way laufen
parallel und in grader Linie, wie die der großen Friedrichsstraße
in Berlin, jedoch sind die Häuser in derselben nicht so schön. Das
Eigenthümliche besteht besonders darin, daß man, da New-York eine
Insel ist, an jedem Ende der Straße die Masten von großen Schiffen
wahrnimmt, was einen höchst angenehmen Eindruck macht -- besonders
nach Untergang der Sonne, wenn so viele Masten der großen Schiffe mit
den vielen Tauen, durch welche man die herrliche Abendröthe erblickt,
einem Walde gleich, sich dem Auge darbieten. An Vergnügungen kann es
in einer so reichen Stadt nicht fehlen. Der Yankee (Amerikaner der
V. S.) ist, was den Lebensgenuß betrifft, mit dem Wiener zu
vergleichen; er ist für das Materielle; kein Preis ist ihm zu hoch,
wenn der Gegenstand reellen Genuß verspricht. Ein Hauptvergnügen
ist ihm das Kegelspiel, wobei die Damen mit den Herrn wetteifern;
man findet viele Keller (den Hamburgischen ähnlich), woselbst
Restaurationen und Kegelbahnen eingerichtet sind, und Erfrischungen
aller Art gereicht werden. Die Austern sind hier, obgleich um
sehr vieles größer als die holsteinischen, die allerfeinsten und
schmackhaftesten, die ich genossen habe; sie werden in allen
Kegelbahn-Kellern zubereitet, und für einen nicht übertriebenen
Preis gereicht: ½ Dutzend kostet etwa 4 Ggr., wozu man noch eine
ziemliche Quantität Kohl-Sallat, Butter, Brod, und Zwiebacke bekommt.
Schäferstunden sind nach der Versicherung eines meiner Freunde, die
theuersten Genüsse in dieser Stadt, die Schäferinnen, entweder aus
England, oder Töchter der aus Irland als Arbeitsleute Eingewanderten,
sind die einzigen von allen englischen Erzeugnissen, wie mein Freund
meint, die sich im Preise halten; 10-15 Piaster ist der fixe Preis für
eine Schäferstunde. Für wenig bemittelte aber kräftige Männer sollen
die couleurten Frauen ein vortreffliches Surrogat sein, man sieht
diese in heller Kleidung mit seidenen Schnupftüchern in der Hand,
sehr anständig umherziehen. Damen von Stande bedienen sich der weißen
Tücher, die sie stets in den Händen tragen.

Die Theater werden hier sehr besucht, und mein Reisegefährte,
der Director W....., machte gute Geschäfte. Das Personal ist von
London (woselbst jeder amerikanische Schauspiel-Director eine
Anwerbungs-Anstalt erhält), und die angeworbenen Mitglieder finden
gute Rechnung, so lange die Direction Rechnung dabei findet. Das
Entrée ist 1 Piaster, fürs Parterre ½ Piaster. Von Ausländern, die in
New-York sonst den dritten Theil der Bevölkerung ausmachen, werden die
Theater im Allgemeinen wenig besucht. Der Yankee ist nicht Kunstkenner
genug, um über die Poesie und mimische Darstellung des Dramas richtig
zu urtheilen, daher denn die Directoren, um ein großes Publikum von
Yankees für sich zu gewinnen, ein leichtes Spiel haben. Die für
Gastrollen engagirten Subjecte langen von England successive an, denn
jeder derselben ist für 8, 10 bis 12 Rollen, d. h. Vorstellungen, und
zwar, je nachdem er unter den Künstlern einen Rang einnimmt, für die
Hälfte oder ⅔ der Einnahme engagirt, und tritt daher nur in zwei,
höchstens drei seiner vorzüglichsten Rollen auf. Jetzt liest man auf
den Theaterzetteln von 2 Yard (2 Ellen) Länge, die am Eingange in den
Straßen an den Häusern und großen Hotels auf Bretter geklebt sind, die
Londoner Theater-Kritiken der Times, des Examiner, Courier etc. etc.
wörtlich abgedruckt, in Beziehung auf die Rolle des Gastes; das Haus
wird demnach am ersten Abend gefüllt und nun liest man am folgenden
Morgen in allen Morgenblättern, wie gedrückt voll das Haus gewesen,
mit welchem Applaus der berühmte Gast empfangen und begleitet worden
sei. Die natürlichste Folge ist, daß Alles sich beeilt, das Wunderkind
in der Kunst zu sehen, und somit sind denn auch die Schauspielhäuser
in den übrigen Städten der V. S., wohin die Wunderkinder reisen, jeden
Abend gefüllt.

Es herrscht über die Geringfügigkeit der Militairmacht der V. S.
ein bedeutender Irrthum, den ich vorläufig bloß durch die Copie,
oder vielmehr Uebersetzung einer Ordre, die mir irrthümlicherweise
zugestellt wurde, widerlegen will. Sie ist folgende:

    125stes Regiment, 45ste Brigade, 28ste Division N. G. S. Infanterie.

               Unter dem Adler liest man in einem Bande:
                           Ex pluribus unum.

                           Zweite Compagnie.

                               +Ordre.+

                Hauptstadt New-York den 1. Octbr. 1838.

    Hiermit wird Ihnen angezeigt, daß Sie in Person auf dem
    Compagnie-Paradeplatz Broad-Way- und Biberstraße, equipirt und
    armirt, wie es die Gesetze vorschreiben, um 2 Uhr am Montag den 8.
    d. M. zur Compagnie-Parade, und zur Regiments-Parade am Freitag den
    12. um 9 Uhr Vormittags, so wie auch zur Inspection der Revue am
    Montag den 15. Vormittags um 8 Uhr erscheinen sollen.

    In Ordre. +Wellstood+, Capitain.
              +Welsh+, Sergeant.

    NB. Es ist erforderlich, daß Sie in weißen Pantalons erscheinen.
    Kein Stellvertreter wird gestattet.

Es sei mir erlaubt, wieder zu merkantilischen Dingen überzugehen, womit
ich mich am liebsten beschäftige. Die Einrichtung des hiesigen Packhofs
fand ich in jeder Beziehung tadelhaft, und gar nicht zu vergleichen
mit den europäischen Einrichtungen, besonders denen des deutschen
Zollverbandes. Die Importation ist in New-York enorm. Es giebt Tage,
an welchen 15 und mehr mit Stückgütern beladene Schiffe ankommen, und
zwar Kasten von 6-800, oder wohl gar tausend Tonnen Größe. Die Procedur
hierbei ist nun folgende.

Einen Packhof, auf welchem die vom Schiffe gebrachten Güter aufbewahrt
werden, giebt es nicht; im Mittelpunkt der Geschäftswelt ist ein
interimistisches Packhofs-Gebäude, denn das durch den Brand zerstörte
ist noch nicht wieder aufgebaut, und dasjenige, was jetzt gebaut und
bald fertig sein wird, wird zwar, da das Material aus Italienischem
Marmor besteht, ein Prachtgebäude geben, ist jedoch nur für das bei
diesem Institut angestellte Personal bestimmt. Für die Güter, welche
zur Revision gestellt, oder auch zur Niederlage declarirt werden,
sind in verschiedenen Straßen Separat-Gebäude, von keinem besondern
Umfange, durch Schilder mit der Aufschrift: Public-Store bezeichnet.
Sobald die mit Güter beladenen Schiffe einen günstigen Platz zum
Ausladen gefunden haben, was oft sehr schwer hält, so melden sich die
Interessenten beim Ober-Inspector (hier zu Lande Collecter genannt),
und produziren deren Connecemente und eine Factura, auf welcher der
Inhalt und Werth jedes Ballens genau aufgeführt sein muß. Von diesem
werden nun diejenigen Colly’s, welche zur Revision gestellt werden
sollen, bestimmt. Der Eigentümer erhält jetzt vom Collecter ein Permitt
(Erlaubnißschein), die zur Revision bestimmten Colly’s nach dem
Public-Store zu bringen, damit sie revidirt werden können. Mit diesem
Permitt begiebt er sich nach dem Schiff mit der Hoffnung, die Colly’s
jetzt zu erhalten. Allein der Schiffer versichert ihm, daß dieselben
in der Mitte, oder wohl gar auf dem Boden liegen, und da sich noch
Niemand mit einem Permitt über die obersten Güter gemeldet habe, wohl
noch 8-10 Tage verstreichen dürften, ehe er die geforderten Colly’s
werde haben können. Unter diesen Umständen muß man so lange warten;
ich selbst hatte dieses Schicksal und erlitt hierdurch einen Verlust
von 3-400 Piaster, denn die Waaren gingen im Preise um 20 Procent
herunter, wie es häufig der Fall ist, wenn viele Schiffe zugleich
ankommen. Die Zollerhebung ist von derselben Art wie in England; die
Revisoren verfahren jedoch sehr oft eigenmächtig, indem sie nicht
Waarenkenner genug sind. Früher ist viel geschmuggelt worden, bei
dem jetzigen Collecter aber ist dies, wie man sagt, ganz unmöglich,
weshalb man jetzt (im Jahre 1838) der Meinung ist, daß an den mehrsten
englischen Waaren, besonders an den Tüchern (welche unter dem Namen
+Flanell+ eingeführt wurden), das halbe Capital verloren geht.
Man hört allgemein Klagen über die Strenge des Collecters, und die
Engländer klagen am meisten, da es ihnen früher ein Leichtes war, 50
oder wohl hundert Ballen feiner Tuche für Flanelle hereinzuschmuggeln.
Im Einverständniß mit dem alten Inspector wurden früher nur die Ballen,
welche Flanelle in sich begriffen, aber keinesweges diejenigen, welche
Tuche enthielten, revidirt, und hiermit soll sich, wie man sagt, der
alte Inspector, welcher von seinem Dienst in Gnaden entlassen worden
ist, ein Vermögen von 100,000 Piastern gesammelt haben.

Bei den gegenwärtig (in der letzten Hälfte des Octobers 1838) statt
findenden Wahlen für den im December zusammenkommenden Congreß in
Washington ergiebt es sich deutlich, wie sehr der größere Theil
der Handelswelt darauf hinarbeitet, den frühern Schwindel wieder
einzuführen, der durch die Vorsicht des Präsidenten so ziemlich
beseitigt wurde. Das Manufactur-Waarengeschäft, welches, wie schon
früher bemerkt, die Hauptbranche ist, und mit welchem sich mehrere
Millionen beschäftigen, weiter auszudehnen, ist der Wunsch Vieler.
Obgleich die Handels-Bilanz Manchem brillant scheint, so könnte diese
in der Wirklichkeit brillant sein, wenn es genug Fabrikanten gäbe, um
den Bedarf für die Bewohner des Landes zu erzeugen; indessen es fehlt
noch immer an Arbeitern jeder Art, und da die Regierung vernünftiger
Weise dem Ackerbau mehr Aufmerksamkeit schenkt, als dem Fabrikwesen,
so ist es natürlich, daß der größere Theil der Einwanderer zum ersten
Zweck verwendet wird. Die Regierung sieht wohl ein, daß der Werth nicht
in der Prima-Materie, sondern zum großen Theil im Arbeitslohn steckt,
und überläßt es lediglich den Waarenhändlern, die Handels-Bilanz
zurecht zu setzen. -- „Wir müssen eine National-Bank haben!“ ist das
Geschrei der Waarenhändler, „denn nur diese kann uns in Stand setzen,
unser Geschäft auszudehnen; haben wir eine solche Bank, so sind wir
im Stande, die doppelte, drei- oder vierfache Quantität Waaren von
Europa einzuführen.“ Die Regierung muß vernünftiger Weise einem solchen
Etablissement entgegen sein, weil die Actionaire sammt und sonders
nicht im Stande sind, eine Bank auf solchen soliden Fuß, wie die
Hamburger oder Bank of England, zu errichten. Wer Grundstücke besitzt,
will Actionair werden, ohne daran zu denken, daß die Grundstücke um
das Zehnfache über den Werth bezahlt worden sind, und demzufolge dem
etwanigen Inhaber der Noten (von der zu errichtenden National-Bank)
nicht die mindeste Sicherheit gewähren würden. So lange mithin nicht
so viel nobles Metall vorhanden ist, den Inhabern von Banknoten
damit zu begegnen, so ist jedes Etablissement gefährlich, und aus
diesem Grunde widersetzt sich die Regierung dem Etablissement einer
National-Bank, welche zu nichts Anderem führen würde, als das Land mit
den Fabrik-Erzeugnissen Europa’s dermaßen zu überschwemmen, daß schon
in Zeit von +Einem+ Jahre das ganze Gebäude zusammenfallen würde,
welches ohne National-Bank vielleicht noch zwei Jahre stehen kann.

Daß der im Jahre 1835 hier stattgefundene Brand zum großen Glück der
Fabrikwelt war, bin ich jetzt überzeugt. Ohne diesen würden jetzt alle
Waaren, statt daß sie seitdem nur etwa um 25 bis 30 Procent im Preise
gesunken sind, um das Doppelte herunter gegangen sein. Feuersbrünste,
wie der hiesige war, sind bei dem jetzigen Fabrikations-System, ähnlich
wie der Krieg in andern Verhältnissen, ein nothwendiges Uebel, und alle
zwei Jahre erforderlich. Die Assekuranz-Compagnieen würden hierbei
freilich die Leidenden sein; sie würden indessen nur immer einen
geringen Theil von dem viele Jahre hindurch Gewonnenen zurückgeben.
Viele der hiesigen Compagnieen haben, trotz des ungeheuern Brandes,
von welchem nur derjenige einen Begriff haben kann, der den Platz
kennt, das Volle des versicherten Quantums, und einige unbedeutende
Compagnieen 75 Procent desselben bezahlt.

Sieht man die Waaren-Massen in allen Städten der V. S., so gelangt man
zur Ueberzeugung, daß die Art und Weise, wie jetzt fabricirt wird,
den Wohlstand sehr Weniger befördern, aber den Untergang sehr Vieler
herbeiführen muß, indem 31/32 aller Geschäfte Creditgeschäfte sind, und
dennoch mit einem sehr unbedeutenden Gewinn abgeschlossen werden. Jeder
drängt sich zum Verkauf, und Jedem werden ohne Bedenken Waaren verkauft
und abgeliefert. Sieht man des Commissionairs Verkaufrechnungen
über die an diesen zum Verkauf überschickte Waaren, so findet man,
daß er sie auf 8 Monate Zeit verkauft hat, wobei er 2½ Procent für
die Garantie aufführt, und mehrere, oder wohl gar die meisten der
Commissionaire befinden sich in der Lage, die garantirte Summe nicht
bezahlen zu können, wenn sie dieselbe nicht bezahlt erhalten, wie
dies im Jahre 1837 der Fall war. Die übermäßige Production, die
immerwährenden Modenveränderungen, dazu der immerwährende Geldmangel
in den V. S., dies alles muß nachtheilig auf die Waaren-Vorräthe
einwirken, Bankerotte herbeiführen, und zerstörende Resultate für
Commissionaire erzeugen.

Kein Land ist in dieser Hinsicht gefährlicher als Amerika, weil die
handelnde Welt kein reelles Vermögen besitzt, und Jeder sich nur so
lange halten kann, als sich Alle halten; stockt ein kleiner Theil in
der Gesellschaft, so stockt nicht lange darauf ein größerer, und bald
das Ganze.

Besucht man die Ausstellung der Industrie-Erzeugnisse, so wird man
bemerken, daß, wenn die Regierung es wollte, die V. S. vielleicht
in einem Zeitraum von etwa 15-20 Jahren Manufactur-Waaren jeder
Art exportiren, und mit jeder Nation zu koncurriren im Stande sein
würden. Folgende Tabelle enthält über die Fabrikation der V. S. die
interessantesten Data.

    ------------------------+---------------+-------------------
      Manufactur-Fabriken.  |  Capitalien.  |  Arbeiter-Anzahl.
    ------------------------+---------------+-------------------
    Baumwollen-Waaren       |  60,000,000   |     80,000
    Wollene Waaren          |  30,000,000   |    104,000
    Seidene Waaren          |   4,000,000   |     12,000
    Pelz-Waaren             |   6,000,000   |     15,000
    Kämme                   |   1,000,000   |      2,000
    Säge-Mühlen             |  12,000,000   |     20,000
    Sägen                   |     230,000   |        300
    Taschenbücher           |   1,000,000   |        250
    Oefen von Gußeisen      |   1,500,000   |        600
    Parfümerieen            |     500,000   |        500
    Bürsten                 |   1,000,000   |        900
    Neu-Silber              |      20,000   |         15
    Geschwind-Wagschale     |   1,090,000   |        600
    Reise-Mützen aller Art  |   1,500,000   |      1,200
    Lampen                  |     300,000   |        220
    Eiserne Geldkasten      |     170,000   |         89
    Dampfmaschinen          |   2,000,000   |      3,000
    Leinwand                |   2,490,000   |      2,500
    Porzellan               |      30,000   |         60
    Bronze                  |      10,000   |          8
    Bijouterieen            |   1,000,000   |        500
    Glaswaaren              |   2,360,000   |      2,400
    Tapeten                 |      50,000   |        140
    Holzschneiden           |      11,000   |         20
    Compositionen zum Bau   |      20,000   |         60
    Halsbinden              |   4,000,000   |      2,500
    Feuerspritzen           |     160,000   |        200
    Wagenbauer              |   2,000,000   |      1,200
    Baumwoll-Pressen        |   1,000,000   |        550
    Kunstblumen             |     500,000   |        600
    Sattler und Zäumer      |   1,000,000   |        400
    Siegellack              |      20,000   |         30
    Piano’s                 |     200,000   |        300
    Orgel                   |     150,000   |         60
    Buchbinder              |   1,850,000   |      2,000
    Schrauben               |     400,000   |        208
    Kofferfabriken          |     600,000   |        850

Wenn mithin bis jetzt nur etwa 200,000 Menschen in den Fabriken
beschäftigt sind, und etwa 140 Millionen Piaster Capital dazu verwendet
wird, so kann es doch nicht fehlen, daß im Verlauf von 10 Jahren die
Fabriken um das Doppelte und vielleicht Dreifache anwachsen würden,
wenn die Regierung hülfreiche Hand leisten wollte. (Hierüber später ein
Mehreres.)

Die Ausstellung (Mechanical Fair) kann für den Deutschen nicht
viel Interesse haben, denn es zeigt sich offenbar, daß das ganze
Fabrik-System sich noch in der Entwickelung befindet, wie dies auch
aus der mitgetheilten Tabelle zu ersehen ist. Das Auffallendste unter
allen aufgestellten Gegenständen, waren mehrere Feuerspritzen, mit
einer Eleganz gearbeitet wie man sie selten an Staatswagen findet.
Die Lackirung, die Malerei, die Broncen an jeder derselben müssen,
meines Erachtens, wenigstens 1000 Rthlr. gekostet haben. Als ich einen
anwesenden Freund fragte, ob diese Spritzen wirklich zum Löschen
dienen sollten, oder nur als Kunstwerke zur Schau aufgestellt waren,
erwiederte er mir, man habe hier noch elegantere als diese und erklärte
mir die Ursache hiervon auf folgende Weise: „Wir Bürger,“ fing er
an, „sind sammt und sonders dienstpflichtig: wer nicht Militair sein
will, muß Feuermann sein. Bei Feuersbrünsten hat er den Dienst bei
der Spritze zu versehen. Diese Feuerleute sind, wie das Militair,
in Compagnieen eingetheilt, und so wie sich die Soldaten armiren
und montiren müssen, so haben die Feuermänner für die Anschaffung
ihrer Spritze Sorge zu tragen, und diese wetteifern nun, eben so die
elegantesten Spritzen zu besitzen, wie Jene, die schönste Uniform zu
haben.“ Auffallend ist es, daß die Deutschen, deren es hier 45,000
giebt, zu den vorzüglichsten bei den Feuerlöschungs-Anstalten gezählt
werden.

Am Sonntage, vor meiner Abreise nach Havana, besuchte ich die deutsche
Kirche, deren Prediger von allen anwesenden Deutschen vergöttert wurde;
ich ging mit der gespanntesten Erwartung ungefähr eine halbe deutsche
Meile weit und finde in demselben -- einen Demagogen, der an der
Gottheit zweifelt; die Predigt war durchaus verworren, so daß mir der
Prediger selbst nicht bei gesunder Vernunft zu sein schien. Nichts
destoweniger hatten sich zwei Partheien, eine für, die andere gegen ihn
gebildet, die beim Ausgang der Kirche über den Werth und Unwerth des
Predigers in Streit geriethen. Sehr oft tritt hierbei der Fall ein,
daß, wenn gewöhnliche Beweise nicht fruchten wollen, mit den Fäusten
gegeneinander argumentirt wird. Dieser Fall soll erst kürzlich bei
der Predigt eines Predigers E.., angeblich der Sohn eines deutschen
Bischofs, vorgekommen sein, welcher allen Hader damit geendet hat, daß
er sich bald nachher auf- und davon gemacht und zugleich zum Ueberfluß
einiges Silbergeschirr aus der Kirche auf die Reise nach Ostindien
mitgenommen hat.

Heute vor meiner Abreise hatte ich auch noch Gelegenheit, in dem
Kaffeehause eines Italieners den vormaligen Wüthrich des deutschen
Wollgeschäfts, den famösen Behr aus Mecklenburg zu sprechen. Obgleich
seine Kleidung reinlich war, so verrieth sie doch, daß er nicht mehr
so recht in der Wolle saß. Er kannte mich nicht, erinnerte sich jedoch
bald meiner, als ich ihm meine Karte gab.



                         ~Zweite Abtheilung.~


                                Havana.

      ~Reise nach Havana, Oertlichkeit und Einrichtung daselbst.~

Am 8ten November trat ich meine Reise nach Havana an; es war jetzt hier
so kalt, daß das Eis in den Straßen wohl 1 Zoll stark gefroren war,
und wir auf der Norma, einem beliebten Paquetboot zwischen New-York
und Havana, worauf keine Oefen sind, tüchtig froren. Die Gesellschaft
bestand aus etwa 25 Personen, worunter einige sehr häßliche Nichten
des frühern Präsidenten der V. S., die Frau eines Generals, der
Secretair des französischen Consuls, ein deutscher Arzt, ein in
Matanzas etablirter, aus Hamburg stammender Kaufmann, Trunkenbold
erster Klasse, der Sohn eines der ersten Geld-Aristokraten in Hamburg;
ein in kaufmännischen Geschäften ohne die geringsten Kenntnisse in
Havana etablirtes junges Bürschchen u. A. waren. Ich rathe jedem
geehrten Leser, der diese Reise macht, sich mit einem besondern Passe
zu versehen, welches ich unglücklicher Weise vergessen hatte; auch
hatte ich meinen preußischen Gouvernements-Paß nicht von dem spanischen
Consul in New-York visiren lassen. Als der Capitain und die andern
Reisegefährten dies erfuhren, meinte man, dies sei sehr schlimm, um so
mehr, da das preußische Cabinet mit der Königin von Spanien nicht in
freundschaftlichen Verhältnissen stehe. Der Secretair des französischen
Consuls erzählte, daß 21 Franzosen, welche ohne Pässe angekommen wären,
nach Frankreich zurückgewiesen worden seien, und auch wirklich hätten
zurückreisen müssen, wenn der Consul nicht sich für die Herbeischaffung
der Pässe verbürgt hätte; -- ich indeß -- behielt guten Muth, im
Vertrauen, daß ich mich durch meinen Paß sowohl als durch angesehene
Häuser in Havana würde legitimiren können; Einige glaubten sogar, ich
würde als Arrestant behandelt werden. Nur ein junger Mensch, der Bruder
eines Advokaten in Havana, sagte mir heimlich, daß er den Beamten
kenne und für Alles sorgen wolle, was ich zunächst mit Dank annahm.
Einmal, in einer Nacht, war die Gesellschaft sehr allarmirt, wir fuhren
nämlich zwischen Felsen, an einer Stelle, welche von den Schiffern
The hole in the Wall (das Loch in der Wand) genannt wird und waren in
großer Gefahr, auf einen Felsen zu gerathen; allein der Capitain fand
in der tiefsten Dunkelheit die Passage und am nächsten Morgen hatten
wir das Fort von Havana vor Augen. Noch muß ich eines Zuges des jungen
deutschen Arztes erwähnen; er war der Sohn eines Leipziger Professors,
hatte aber wegen zu großer Gedankenfreiheit sein Vaterland verlassen
müssen, und kam jetzt von New-Orleans, wo er gewesen war, um sich mit
der Heilung des gelben Fiebers vertraut zu machen. Nur das muß ich
an dem jungen Manne tadeln, daß er sich keines Patienten anders, als
nachdem er nachdrücklich von demselben ersucht worden war, annahm.
Er konnte, wie er selbst sagte, keinen Betrug leiden; dies zeigte
sich hier bei unserer Fahrt ebenfalls bei einer eigenen Gelegenheit.
Es ist auf allen für Reisende eingerichteten Paquetschiffen die
Anordnung getroffen, daß an den Sonn- und Donnerstagen Champagner
gratis zum Mittagsessen gereicht wird. Der Schiffs-Eigenthümer denkt
auf wohlfeilen Proviant, und rechnet auf unkundige Trinker, und zwar
auf solche, welche, wie es größtentheils der Fall ist, den Werth des
Champagners nach dem Mußiren beurtheilen, und kein Wunder, daß unser
Schiff mit dergleichen mußirendem Stoff versehen war. Meister in der
Zubereitung solcher Getränke sind die Amerikaner; besonders verstehen
sie, aus den Aepfeln einen mußirenden Cyder zu bereiten, der von
Nichtkennern für Champagner getrunken werden muß -- er wird jedoch
vom Fabrikanten unter dem Namen Champagner-Cyder verkauft. Solcher
Champagner-Cyder wurde an den erwähnten Tagen reichlich aufgetischt,
und wurde denn auch allgemein mit Wohlgefallen für Champagner genossen;
ich meinerseits schmeckte denselben beim ersten Glase heraus, und ließ
es bei demselben bewenden. An einem der letzten Tage machte ich meinen
Landsmann darauf aufmerksam, und ersuchte ihn, das Geheimniß bis zum
Landungstage zu bewahren. „Stören wir die Illusion nicht,“ sagte ich
zu ihm, „bis wir landen; dann wollen wir mit den Hamburgern, welche
sich die ersten Champagnerkenner zu sein dünken, und die letzten
Flaschen den ersteren stets vorzogen, unsern rechten Spaß haben, und
dieselbe necken.“ Er versprach, meiner Bitte Gehör zu geben; allein
als am andern Mittage sämmtliche Tischgenossen wieder den Champagner
priesen, versicherte der Doctor, das, was sie tränken, sei nichts als
Aepfel-Cyder; Keiner wollte weiter trinken, man ging unzufrieden von
Tisch und meine so wie des Capitains Freude war verdorben. Als ich ihm
darüber Vorwürfe machte, erwiederte er: ich hasse jeden Betrug, und es
ist ein wahrer Betrug, Cyder für Champagner aufgesetzt zu bekommen.

Das Schiff lag vor Anker. Der Platz-Major, unter Begleitung eines
Militair-Commando’s, langte auf einer Galeere zum Empfang der Pässe
an. Mir ging es hierbei ganz glücklich; als der Dolmetscher den
Inhalt meines Passes vortragen wollte, legte der Capitain denselben
zusammen und sagte „schon gut!“ Es durfte indeß noch keiner von den
Passagieren das Schiff verlassen; selbst der hohe Staatsbeamte mußte
die schriftliche Erlaubniß von Seiten des Gouverneurs abwarten. Nur
erst, nachdem sich ein in Havana Etablirter für den Ankommenden
verbürgt hat, wird demselben die schriftliche Erlaubniß zum Landen
gegeben. Der Gouverneur hat die Stunde von 12-1 Uhr zum Unterzeichnen
dieser sogenannten Permitts festgestellt, weshalb Schiffe, welche des
Nachmittags ankommen, bis zum folgenden Tage warten müssen.

Diese Maßregel soll dazu dienen, das Land von Vagabonden frei zu
halten. Die Meisten und Unterrichteten zeigen ihre Ankunft in früher
absegelnden Schiffen an, und finden das Permitt beim Einlaufen vor.
Auch ich hatte zwei Briefe nach der Stadt befördert, hatte aber durch
die Schuld meines Correspondenten M... noch einige Weitläuftigkeiten,
indem ich nämlich kein Permitt fand, und auch der Capitain, der
sogleich nach Havana hinübergefahren war, mir keins mitbrachte, weil,
wie er sagte, mein Paß in Unordnung sei. Ich faßte jetzt den Entschluß,
selbst an’s Land zu fahren, und die Kraft des goldenen Spruches von
Wieland: „Ein goldener Schlüssel öffnet jedes Schloß“ zu versuchen.
Rasch griff ich in die Tasche und zeigte dem spanischen Don-Soldat,
der auf Posten stand, einige Silberlinge, ohne etwas zu sagen; der
Don verstand meine Silbertöne, und sagte in spanischer Sprache, wie
mir gedolmetscht wurde: fahren Sie in Gottes Namen, kommen Sie jedoch
nicht später als 8 Uhr morgen früh zurück, denn um 8 Uhr ist die
Ablösung und meinem Nachfolger muß ich Sie überliefern. Mit andern
Personen fuhr ich jetzt nach Havana über, und wir langten vor einem
Boarding-Hause ohne Namen an. Eine eben so bejahrte, als beredsame
Wirthin kam sofort herbei und gab mir sowohl auf Englisch, wie auf
Französisch zu verstehen, daß ich dasjenige Zimmer, welches mir
angewiesen wurde, in welchem sich eine Feldbettstelle, in der Form
eines deutschen Stickrahmens mit einer dünnen Kattundecke, ferner
ein ganz ordinairer Waschtisch und zwei hölzerne Schemel befanden --
für nicht mehr, aber auch nicht weniger als 17 Piaster inclusive des
Mittagessens und des Frühstücks pro Woche haben könnte. Nachdem ich
diese erfreulichen Bedingungen mit philosophischer Ruhe vernommen und
meine Sachen abgelegt hatte, eilte ich, meinen Correspondenten, den
Consulvertreter M..., an den ich mich bereits früher wegen des Permitts
gewendet hatte, aufzusuchen. Ihn und seine sämmtlichen Commis fand ich,
wie es hier bei der Hitze üblich ist, im tiefsten Negligé bei Tische.
Entrée und Speisesaal bilden ein mit Zugwind versehenes Ganze. Beim
Caffee sagte M... zu mir, ich würde wohl daran gethan haben, meine
Ankunft einige Wochen vorher anzuzeigen, damit ich alles Nöthige, Logis
u. s. w. in Ordnung angetroffen hätte. Da ich dieses gethan zu haben
mir bewußt war, so wußte ich, woran ich mit diesem Helden war. Wegen
des Permitts versprach er, das Nöthige zu besorgen, und am andern Tage
um die Mittagszeit, nachdem ich vorher meinem Versprechen gemäß, zu
dem Don-Soldat zurückgekehrt war, erhielt ich denn auch endlich die
schriftliche Erlaubnis Sr. Exzellenz, versehen mit 7 Unterschriften.
Meine Sachen ließ ich am andern Tage Vormittags abholen, weil das
Steueramt nur bis 12 Uhr expedirt; die Revision war nach preußischer
Weise, d. h. sehr liberal; mein geringes Gepäck passirte ohne viele
Umstände. Zum Fortschaffen desselben muß man hier drei Neger bezahlen,
wo man in Europa nur eine Person gebraucht. Als ich nach meinem Logis
zurückkam, trat mir ein Don-Soldat entgegen mit der Aufforderung,
ihm sofort zum Capitain de Place zu folgen. Nachdem ich rasch meine
Toilette gemacht, wobei der Soldat sich vor der Thür meines Zimmers
befand, führte mich dieser zum Capitain, einem überaus artigen Manne,
welcher, nachdem er mein Permitt gesehen hatte, mich um Verzeihung
bat, und meinte, es müsse hier ein Irrthum in der Person stattgefunden
haben; allein ich habe Ursache zu glauben, daß einer von meinen
Reisegefährten eine Anzeige gegen mich gemacht hat.

Vor allem Uebrigen, dachte ich, als die Paß-Verlegenheit beseitigt
war, ein Logis für mich zu miethen, weil die Ausgabe von 100 Piaster
pro Monat für ein schlechtes Zimmer und eben so schlechte Kost mir zu
theuer schien, und 100 Piaster kann man vollkommen die Ausgaben in
einem solchen Boarding-Hause anschlagen. Es wurden mir von mehreren
Bekannten Logis in Vorschlag gebracht, die ich sofort besah, und
mit Pferdeställen zu vergleichen nicht umhin konnte; für Möbel und
Bedienung sollte ich überall noch besonders sorgen. Zuletzt miethete
ich eins was mir besonders empfohlen wurde, bei einer sehr braven Frau,
die von Geburt eine Französin war, worin sich, wie in jedem Hause in
Havana, Ratten, Mäuse, Scorpione, Cucerachas (große Würmer) aufhalten,
und war dies Gemach in Hinsicht der vielen Thierarten mit Noah’s Arche
zu vergleichen. In meiner Wirthin sowohl, als in ihren beiden Söhnen
fand ich treffliche Leute, bei denen ich mich ungemein wohl befand,
und mich von meinen körperlichen Leiden und den Widerwärtigkeiten der
Handelskrisis merklich erholte.

Es ist so manches über Havana, seine Sitten und Verhältnisse
geschrieben worden, auch der Herr von Humboldt berührt dieses Capitel
in seinen berühmten Werken; allein was den Handel betrifft, so hätte
in keinem Falle dieser ausgezeichnete Mann, dem übrigens auch wohl
die praktische Erfahrung in Handelssachen abging, hierüber etwas sagen
können, was jetzt noch genügte, da jetzt die Handelsverhältnisse sich
ganz anders gestaltet haben, und wenn es noch um das Jahr 1802 etwa
drei Häuser gab, die sich mit dem Handel nach Europa beschäftigten, so
giebt es deren jetzt vielleicht 300. Es wird nicht ohne allgemeines
Interesse sein, nachzuweisen, in wie fern die jetzt stattfindende
überaus große Concurrenz vortheilhaft oder nachtheilig für diese Insel
und die europäischen Kaufleute ist. Meine gesammelten Erfahrungen
werde ich ohne Scheu niederschreiben, meine Behauptungen klar und
bestimmt aufstellen und beweisen, und endlich auch solche Vorschläge
zur Verbesserung des Handels zu machen mich bemühen, welche mir, als
praktischem Kaufmann, ausführbar scheinen. Zuvor werde ich jedoch
Einiges über den Ort, über die Lebensweise der Bewohner etc. bemerken.

Havana ist an und für sich klein, obgleich es gegen 120,000 Einwohner
zählt. Für die Passagiere ist der Place des Armes, welchen Platz er
gleich nach der Landung am Werft betritt, höchst überraschend und
anziehend; ein Viereck, auf welchem sich drei prächtige Gebäude,
das Haus der Gouverneurs, der Intendantur, das Palais eines Großen
und eine Kaserne im großartigsten Stil gebaut, präsentiren. In der
Mitte ist ein Platz von der Größe des Lustgartens zu Berlin, und
ähnlich wie dieser arrangirt. Vier kleine Fontainen und das Monnument
Ferdinand’s befinden sich in den kleinern mit Gußeisen eingefaßten
Quarrées, in welchen blühende oder fruchttragende Orangen-, Cedern- und
Palmbäume majestätisch prangen. Zur Bequemlichkeit der Spaziergänger
sind die Wege mit Quadratsteinen von Granit belegt. Die Promenade
auf diesem Platz ist jeden Abend von 8-9 Uhr, wenn das Musik-Corps
der Garnison, welches ausgezeichnet brav ist, die Retraite bläst,
und zugleich die gewähltesten Stücke spielt. Die Damen erscheinen
alsdann in Ballkleidern, jedoch ohne Kopfbekleidung und Handschuhe,
die hier nicht Gang und gebe sind; Blumen, Perlen und dergl. dient den
hiesigen Damen zum Kopfputz; die ältesten Frauen tragen nichts auf dem
Kopfe, nur bei großer Kälte wird ein chinesischer Shawl über den Kopf
genommen. Damen ersten Ranges verbleiben in den Volanten. Von diesem
schönen Platz, durch welchen jeder Ankommende eine sehr vortheilhafte
Meinung von Havana bekommt, gehe ich zu den vier Hauptstraßen über,
sie heißen: Orili, Obispo, Lamperillia und Obra Pia, haben 16-18 Fuß
Breite und sind mit schmalen, etwa 20 Zoll breiten, sehr fehlerhaften,
zum Beinbrechen eingerichteten Trottoirs versehen. Man muß sich
daher sehr vorsehen, auf diesen Trottoirs nicht auszugleiten, oder
von einer vorübergehenden Volante gerädert zu werden. Die Volante
ist ein zweirädriges Cabriolet mit einem Pferde, oder auch Maulthier
bespannt, die gewöhnlich von einem Neger geleitet werden. Man muß
daher mit sehr großer Vorsicht in den Straßen gehen, indem die Achsen
dieser Cabriolets 6 Fuß in der Breite messen, und die Räder eine Höhe
desselben Maßes erreichen, welche des Umwerfens wegen in der Art
angebracht sind, daß der Raum an den obern Theilen auf 7 Fuß anzunehmen
ist. Begegnen sich daher zwei solcher Volanten in den 16 Fuß breiten
Straßen, so bleibt für den Fußgänger äußerst wenig Raum übrig; ein
Rad muß nothwendig über das Trottoir gehen, wobei es nicht selten an
den Röcken der Vorübergehenden gereinigt wird. Dazu kommt, daß die
Neger darauf los fahren, ohne die Fußgänger anzurufen und Vorsicht zu
empfehlen.

Die Straßen sind ungepflastert und daher oft, besonders nach starkem
Regen, nicht zu passiren, indem das Wasser 6-8 Zoll hoch steht:
welcher Umstand den Wäscherinnen nicht minder als den Volanten eine
gute Erndte verschafft, denn es ist in Havana allgemein Sitte, in
weißen Pantalons, feinen weißen Strümpfen, und Schuhen mit umgewendeten
Sohlen umherzugehen. Bei großem Schmutz müssen diese 3-4 Mal täglich
gewechselt werden. Es ist nichts Seltenes, daß Commis von Comptoiren
15 Piaster Waschgeld pro Monat bezahlen; ein junger Mann versicherte
mir, daß er im Sommer täglich dreimal die Wäsche wechsele, und wohl
7 Dutzend Pantalons besitze. Die Kutscher der Volanten sind oft so
mechant, daß sie im Vorbeifahren vorsätzlich den Vorübergehenden die
weißen Pantalons beschmutzen, damit diese einsteigen und nach Hause
fahren müssen, um auf’s neue Toilette zu machen. Man bezahlt für eine
Tour etwa acht Groschen Courant, bei schlechtem Wetter oft das Doppelte.

Für die ankommenden Schiffer ist hier die Art und Weise des Abladens
weit angenehmer als in New-York; es wird ihnen hier sogleich nach ihrer
Ankunft ein bestimmter Platz dazu angewiesen, wogegen sie in New-York
vielleicht 10 Tage warten müssen. Da indessen die Räume für die Waaren,
die zur Niederlage gebracht werden, zu klein für die Importation sind,
die Zollbeamten aber auch nur bis 12 Uhr Vormittags arbeiten, so ist es
gar nichts Seltenes, daß die Empfänger von Gütern vier Wochen und noch
länger warten müssen.

Das Weihnachtsfest begann hier ohne besondere Zurüstungen und
Festlichkeiten; am sogenannten heiligen Abend sah ich nichts
Ungewöhnliches in der Stadt vorgehen. Nur die Schiffer kündigten das
Fest dadurch an, daß sie alle vom Werft in den Strom hinauslegten.
Die bedeutenden spanischen Handlungshäuser schließen ihr Geschäft bis
zum zweiten Januar und besuchen ihre Freunde auf dem Lande. (Es giebt
hier nichts als Sommertage.) Man fährt von einer Plantage zur andern,
und findet überall Schmausereien und Bälle. Die Commis machen es eben
so; sie fahren auf der Eisenbahn, oder auch auf Dampfschiffen zu ihren
Bekannten. Die Gastfreundschaft ist hier größer, als ich sie irgendwo
gefunden habe, indeß sind auch solche Parthieen in der Regel sehr
kostspielig, indem man an dem National Hazardspiele Theil nehmen muß,
welches, wie alle dergleichen Spiele, für Pointeurs nachtheilig ist,
man jedoch Theil daran zu nehmen nicht gut verweigern kann, weil jeder
Spanier gern spielt, und als Wirth es einigermaßen erwartet, daß die
Geladenen sich nicht davon ausschließen werden. Ein junger Deutscher
versicherte mir, bei einem sehr gemäßigten Spiele 8 Unzen (à 17 Piaster
die Unze) verloren zu haben. Mit dem 24. December hören alle Geschäfte
auf, selbst der Packhof bleibt von diesem Tage an bis zum 2. Februar
geschlossen -- sehr hart für Geschäftsleute.

Das Weihnachtsfest wurde von Mitternacht an aus allen Kräften mit
allen Glocken verkündet. Es regnete in Strömen, und dennoch zogen die
Menschen zu jener Zeit in Massen nach der Kirche. Junge Leute von allen
Religionen verfehlten nicht, den Messen und -- noch etwas Anderem
-- beizuwohnen. Da ich indeß in meinem Leben von den Leipziger und
Frankfurter Messen zu viel Genuß gehabt habe, so blieb ich von diesen
Messen zurück, und legte mich in meiner Arche zu Bette.

Am Nachmittage des Weihnachtstages begab ich mich nach dem sogenannten
Passeo de Tacon, einer von dem vorigen Gouverneur in großem Stil
angelegten Promenade, welche, wenn die darauf gepflanzten Orangen-,
Ceder-, Cocus-, Palm- und Brodbäume in Zeit von 50 Jahren etwa einmal
Schatten für die Spaziergänger darbieten werden, zu den ersten
Promenaden auf der Erde gerechnet werden dürfte. In derselben fand
ich mehrere 100 Volanten, die, wie in St. Petersburg bei großen
Schlittenfahrten in der Butterwoche, in der größten Ordnung fahren.
Lanciers bilden eine Barriere zwischen den Hin- und Zurückfahrenden.
Die Damen sitzen en deux oder auch en trois in Ball-Anzügen in den
Volanten, wo sie ihre sehr schönen Füße, welche in den allerschönsten
seidenen Strümpfen und Atlas-Schuhen ihr Obdach haben, so vortheilhaft
präsentiren, daß die Vorübergehenden über diesen reizenden Theil des
weiblichen Körpers ein vortheilhaftes Urtheil auszudrücken sich nicht
enthalten können. Ich muß gestehen, daß ich die schönsten Füße, und die
geschmackvollste Chaussirung hier antraf, denn was man in Paris und
London nur hin und wieder sieht, das findet man hier im Allgemeinen.
Dies ist wohl dem Umstand zuzuschreiben, daß die hiesigen Damen wenig
oder gar nicht stehen oder gehen; in ihren Wohnungen sitzen sie stets
und wenn sie durch Geschäfte aus dem Hause gerufen werden, so fahren
sie in ihren eigenen Volanten, die jede Frau zu ihrer Disposition hat.
Alle Einkäufe werden in den Volanten gemacht; die Laden-Diener müssen
die Artikel, nach welchen die Käuferinnen fragen, an den Wagen bringen,
man beordert, das Nöthige zu schicken, und fährt dann nach einem
Conditor-Laden, um Gefrornes zu genießen (ebenfalls im Wagen). Aus
diesem Grunde hat Jeder, der einen offenen Laden besitzt, eine Masse
von Dienern nöthig, welche, wenn das Wetter die Damen vom Ausfahren
abhält, den Orgelpfeifen gleich, hinter den Ladentischen stehen. Da die
Damen hier zu Lande das Abdingen nicht so verstehen, wie die Berliner
Damen, so weiß der Verkäufer es so einzurichten, daß dieselben den Lohn
für jene Masse von Dienern mit bezahlen müssen. -- Als ich gegen 8
Uhr von meinem Spaziergang durch die herrliche Allee von Orangen etc.
zurückkehrte, dachte ich an meine guten Berliner, und wünschte, daß
sie meinen Genuß auf diesem Spaziergange mit mir theilen könnten, ohne
daß sie nöthig hätten, sich, wie ich, diesen Winter hier aufzuhalten,
denn ein immerwährender Sommer muß dem Menschen, welcher den Wechsel in
allen Dingen fordert, am Ende lästig werden, und dieses war mit mir der
Fall.

Obgleich ich schon einiges von den häuslichen Einrichtungen in Havana
berührt habe, so erscheint mir doch dieser Gegenstand wichtig und
interessant genug, um etwas ausführlicher darüber zu sein. Das Erste,
woran Jemand denkt, der sich hier etablirt, ist der Ankauf von Sclaven.
Viele Leser werden hierin etwas Widriges, und Ungerechtes erblicken,
daß man einen Menschen als Sache behandelt und ihm die Freiheit nimmt,
zu der er geboren ist. Allein, da hier keine Dienstboten zu miethen
sind, und man dienende Leute nicht gut entbehren kann, so muß man schon
zum Ankauf von Sclaven, d. h. der Neger schreiten, die hier wie ein
Bündel Schwefelhölzer d. h. mit derselben Gleichgültigkeit gekauft und
verkauft werden. Sie sind zu jeder Zeit zu haben, da es sehr viele
Kaufleute giebt, die auf diesen Artikel spekuliren und immerwährend ein
wohlassortirtes Lager von 6-800 besitzen. Der Preis eines Sclaven ist
400 bis 450 Piaster en detail und etwa 360, wenn man en gros kauft.
Ueber den Handel en gros werde ich weiter unten ausführlicher sprechen.

Hat man Sclaven, so sieht man sich nach einem Hause um, welches
monatsweise vermiethet wird und zwar zu 100 bis 500 Piaster; ein Haus
von dem erstern Preise ist sehr unbedeutend, und eins von dem letztern
nicht das ausgezeichnetste. Das Ameublement ist im Durchschnitt höchst
mittelmäßig und mit dem in Europa in gar keinen Vergleich zu stellen.

Die Hauptrolle in demselben spielen die Armstühle, statt der vier
Füße mit zwei Untergestellen, wie in Europa die Wiegen, versehen,
wovon sechs bis acht vor den großen nur mit eisernen Gittern, ohne
Glas, umgebenen Fenstern zum Empfang der Gäste bereit stehen. Die
Damen sitzen Abends auf denselben und schaukeln sich, um von den
Vorübergehenden bewundert werden zu können. Die Zimmer sind entweder
durch hängende Lampen erleuchtet, oder dieselben stehen auf einem
Tische in der Mitte des Zimmers. Ein oder zwei Volanten müssen in den
Vorhäusern zum Zeichen der Wohlhabenheit des Eigenthümers, und zur
Unbequemlichkeit der Eintretenden dastehen; hin und wieder bemerkt
man auch eine Volante im Gesellschaftszimmer in der Nähe des Piano.
An der Thür muß ein Portier im weißen recht feinen Hemde sitzen, und
seinen Cigarr rauchen, wenn das Haus einen vollkommenen Anstrich
von Anständigkeit haben soll; die Portiers sind gewöhnlich Spanier.
Oft sieht man im Vorbeigehen die ganze Damengesellschaft auf ihren
Schaukelstühlen oder am Fortepiano mit brennenden Cigarren. Die Köche
sind in der Regel freie Menschen und werden für ihr Metier sehr gut
besoldet. Hier ist, wie es sich von selbst versteht, nur von Häusern
erster Klasse die Rede. In der Mittelklasse sucht man gewöhnlich einen
Sclaven zum Koch abzurichten, was sehr leicht ist, denn die Hauptkunst
besteht hier darin, die Fricassées in Oel schwimmend auf den Tisch zu
schicken, die Fleischspeisen zu Brei zu kochen oder zu braten, und
mit tüchtig viel Knoblauch und Zwiebeln zu würzen. Die Bedienung bei
Tische geschieht durch Sclaven, welche wie die Hunde dressirt sind,
und beständig auf die Gäste aufmerken. Da steht Einer mit der vollen
Flasche in der Hand, um das leere Glas sofort zu füllen; dort steht
ein Zweiter, die Hände über die Brust gefaltet, er sieht den Gast
scharf an, um seine Befehle entgegen zu nehmen; ein Dritter paßt mit
reinen Tellern, Gabeln und Messern auf den Dienst. Bei Leuten untern
Ranges ist es eben so, nur unterscheiden sich die Sclaven im Anzuge
und es gilt von diesen, was der große Kant in seiner Anthropologie von
den Polen bemerkt, daß nämlich bei den Großen in Polen man von Silber
speise, und die Bedienung ohne Schuhe und Strümpfe aufwarte, wozu in
Havana oft noch zerrissene Kleider kommen. Dem Eingebornen ist solche
Schwäche nachzusehen, aber die Ausländer, die Deutschen sollten hier
dasselbe thun, was sie in den V. S. thun müssen, d. h. sich ihre Diener
von Europa mitbringen. Doch was giebt es in Westindien für Deutsche?
daß sich Gott erbarmen möge! Größtentheils solche, welche sich in
Bremen mit Tabacks-Krämerei beschäftigt haben.

Haushaltungen kosten hier sehr viel; die Frauen in denselben bekümmern
sich um nichts, jeder einzelne Sclave um das, was ihm übergeben ist;
der Einkäufer von Proviant sorgt hauptsächlich für Knoblauch, das
Lieblings-Gewürz der Spanier. Die Anzahl der Gerichte ist hier sehr
bedeutend, aber die Schüsseln von geringem Umfange, und der Inhalt
derselben ist wegen der ungeheuern Oeldecke schwer zu ermitteln. Es
wird sehr rasch gegessen, Caffee getrunken, ein Cigarr geraucht, wenig
gesprochen und man entfernt sich. Hinsichtlich des Essens befinden sich
die Sclaven hier außerordentlich wohl, da sie Alles in Ueberfluß haben
und daher mit ihrem Schicksal in Havana nicht selten zufriedener sind,
als mit dem vorigen in Afrika. Die Neger, welche in gallonirten Jacken
und Schuhen ohne Strümpfe, an deren Stelle sie große Cürassier-Schäfte
von gebranntem Leder, auf deren Stülpen sich Silberstifte in
Unzahl befinden, mit Schnüren über den Beinen befestigen, dünken
sich Groß-Moguls zu sein, wenn sie mit großen silbernen Sporen und
Schnallen, durch welche letztere jene Schäfte unter den Knieen
befestigt sind, ihren Gebieter vom Pferde herab kutschiren. Alles,
was man in Europa an den Wagen und Geschirren in Gürtlerarbeit von
Bronce bemerkt, wird hier meistens vom besten Silber verfertigt, und
alles dies ist für Leute ersten Ranges, an welche sich die deutschen
Commissionaire auf Unkosten der europäischen Geschäfts-Freunde
anreihen, unbedingt nothwendig.

Den zweiten Festtag wendete ich dazu an, mich mit den Vergnügungen der
Sclaven bekannt zu machen; ich durchstrich die entlegensten Theile
der Stadt, um die Belustigungs-Oerter dieser unsern Gefühlen nach
unglücklichen Menschen aufzufinden. Indeß giebt es freilich nur wenige
Herren, die nicht ihre Sclaven, einige Stunden der Ruhe abgerechnet,
ununterbrochen im Joche halten. Ich folgte dem Zuge einer Masse
von jungen Negern und langte in ihrer Mitte unter den Wällen der
Festungswerke an. Mehrere Trommeln und verworrenes Geschrei, welches
die Unglücklichen Gesang nennen, zogen mich zu den Häusern, wo die
Belustigung stattfand, und ich sah eine junge Negerin die Königin
des Balles machen und tanzen, nach der Trommel und dem Geschrei der
zuschauenden Neger; Arme und Körper bewegten sich nach dem Takte,
und sie gefiel ungemein; diesen Ball hatte, wie ich hörte, ein
Cigarren-Fabrikant veranstaltet, der seine Arbeit wegen Mangel an
Taback auf 14 Tage einstellte.

Die Erfahrung, welche ich in Hinsicht des Handels hier machte, war für
mich höchst traurig; ich werde Alles ziemlich ausführlich erzählen,
damit der kaufmännische Leser auf seiner Hut sei und nicht ein
ähnliches Schicksal erleide.


                              ~Ueber die
                  Handels- und Geschäfts-Verhältnisse
                                  in~
                                Havana.

Mein Correspondent, der Herr M... aus Bremen, war gleich bei meiner
Ankunft sehr gesprächig und zuvorkommend. Da es hier üblich ist,
den ankommenden Geschäftsfreunden seinen Tisch zu offeriren, so
verfehlte auch Hr. M... nicht, mir zu eröffnen, daß ich an seinem Tisch
ein Couvert für mich bereit finden würde. Ich habe indessen nie da
gefrühstückt, und ging höchstens ein paar mal die Woche zum Mittagessen
hin und zwar lediglich, weil mir das Essen in der ersten Restauration
la belle Europe zuwider war. Die Bedienung der Restauration nämlich
erscheint mit brennenden Cigarren im Munde und Pantoffeln über den
nackten Füßen. Wenn etwas von der Asche des Cigarrs auf den Teller
fällt, so wissen die Aufwärter dieselbe sehr gewandt fortzunehmen,
und dies möchte noch hingehen; aber nichts Seltenes ist es auch, daß
sie, wenn sie Bratfische oder Pudding bringen, vor dem Ueberreichen
sich von der Wärme dieser Speisen überzeugen, und mit dem Tabackssaft
an den Fingern dieselben betasten. Daher nahm ich zuweilen, obgleich
mit einem innerlichen Widerwillen, den Platz ein, den M... an seinem
Tische für mich bestimmt hatte. Die ganze Gesellschaft war gewöhnlich
im Negligé, was auf mich einen höchst unangenehmen Eindruck machte. Die
Unterhaltung war eben so trocken und kraftlos wie die Braten, beides
nicht für einen deutschen Geist und Magen. Ich merkte bald, daß M...
sich für mich intressirte, in der Hoffnung, große Geschäfte mit mir
zu machen; daß dies von keiner großen Dauer sein würde, war leicht
vorauszusehen, und zeigte sich bald aufs Deutlichste.

Als er eines Nachmittages über Zucker-Spekulationen zu sprechen
anfing, und mir zuredete, daß ich eine im Belauf von 40,000 Piaster
zu unternehmen nicht säumen möchte, und gute Rechnung finden würde,
erwiederte ich ihm: In meinen Jahren ist der Kaufmann, der etwas
Vernunft besitzt, nie so ambitiöse, sich über seine eigene Kräfte
erheben zu wollen; wenigstens denke ich so, und werde mich daher nie
in unabsehbare und unberechenbare Spekulationen einlassen. Meine
Antwort mißfiel ihm sichtlich, und er entgegnete: „freilich wird man
bedenklich, wenn man alt wird.“ Er brach jetzt ab, indessen bemerkte
ich von nun an eine Gleichgültigkeit und Kälte, die sich in der Folge
noch vermehrte, als er sah, daß ich mich selbst um den Verkauf meiner
Waaren zu bekümmern anfing. Ich zeigte nämlich die Proben von einigen
meiner Artikel in einem Handlungshause, und der Chef desselben, ein
gewandter Geschäftsmann (Pole), sagte zu mir: „diese Waaren verkaufe
ich Ihnen, sobald wir etwas von Mexico erfahren; ich habe einen Mann,
der für 150,000 Piaster kaufen wird, er will jedoch zuvor das Paquet
von Vera-Cruz abwarten.“ Auf sein Anrathen ließ ich die Proben bei ihm
liegen. Mit Proben von einem andern Artikel begab ich mich nach dem
Comptoir eines Amerikanischen Hauses, und erfuhr, daß diese Waare knapp
(rar) und folglich gesucht sei; ich acceptirte den vorgeschlagenen
Preis und verkaufte diese Waare sogleich. Als ich nun dem M... sagte,
daß ich die Waare, von welcher er mir gesagt hätte, daß sie gar nichts
werth sei, weil es keine Käufer dafür gebe, verkauft hätte, und ihm
auftrug, sie dorthin zu expediren, so ergrimmte er gänzlich; auf alle
meine Fragen wurde mir wenig oder gar keine Antwort ertheilt, kurz
er wollte mir jetzt über Nichts Rede stehen. Aufgebracht über dies
Verfahren, stellte ich ihn endlich förmlich über sein Betragen gegen
mich zur Rede und erhielt zur Antwort, daß ihm meine Geschäfte nicht
conveniren könnten, indem er nicht gewohnt sei, daß Leute, welche
Waaren bei ihm in Commission hätten, sich selbst um den Verkauf
bemühten, und Proben herumzeigten. „Wir wollen das jetzige Geschäft
abwickeln,“ setzte er hinzu, „und an kein neues denken; überdies
sind Sie mir fremd, da Sie kein Empfehlungsschreiben aus Europa an
mein Haus mitgebracht haben.“ Ich entgegnete: „fremd kann ich Ihnen
unmöglich sein, da ich eine bedeutende Parthie Waare bei Ihnen liegen
und schon mehrere Jahre mit Ihrem Hause in Verbindung gestanden habe.
Daß ich dieses Geschäft mit Ihnen abwickele, ist freilich nothwendig.“
-- Hier muß ich eine Bemerkung einschalten. Es scheint nämlich in
dieser Stadt eine Convention unter den Commissionairen zu sein, daß
sie keine Geschäfte, welche bereits einem andern Hause übertragen
gewesen sind, übernehmen. Es verhält sich also mit diesen, wie mit den
Karrenschiebern in Holland. Diesen durfte man nichts zum Fortschaffen
übergeben, ohne vorher aufs bestimmteste mit ihnen accordirt zu haben,
denn hatte derselbe die Sachen eine kurze Strecke gekarrt, so forderte
er +seinen+ Preis, und verweigerte man ihm diesen, so warf er das
sämmtliche Gepäck von der Karre herunter, und man mußte sich dann der
Willkühr eines andern Karrenschiebers unterwerfen. „Da ich also das
Geschäft mit Ihnen abwickeln muß,“ fuhr ich fort: „so bin ich Ihnen
für Ihr gefälliges Anerbieten sehr verbunden; daß ich übrigens die
Proben selbst vorgezeigt, können Sie mir um so weniger übel nehmen, da
Sie mir den Artikel als unverkäuflich schilderten, welchen ich selbst
sofort verkaufte; da mir ferner Ihr Verkäufer, wenn ich ihm Käufer für
einen oder den andern Artikel nenne, erwiedert: Sie wollen doch wohl
nicht, daß ich zum Käufer hingehen soll, um die Waaren anzubieten? Wird
er hieher kommen, um die Waaren zu kaufen, so werde ich mich bemühen,
etc.“ -- Hierauf erwiederte M... „Nun gut! Wir wollen es abwickeln,“
und ich verließ ihn. Ich mußte ihm alle Proben zustellen, die jetzt
ruhig liegen blieben. Wären meine Waaren in den Händen eines andern
Commissionairs gewesen, so würden sie sicherlich nach der Einnahme des
Forts von Vera-Cruz verkauft worden sein, aber so blieben sie leider
unverkauft; nachdem die Nachricht von der Niederlage der Republikaner
von Vera-Cruz eintraf, war an das Verkaufen derselben nicht mehr zu
denken.

Das Waarengeschäft ist in ganz Westindien das schlechteste von allen
Geschäften, besonders für die Europäer, welche es durch Commissionaire
betreiben zu lassen für gut erachten, die entweder Tabacks- und
Käse-Verkäufer in Hamburg und Bremen, oder auch Händler fertiger Wäsche
gewesen sind, denen es daher an Waarenkenntniß gänzlich mangelt. Junge
Leute, die zum Schreiben in Comptoirs, oder bei Lotterie-Collecten
in Hamburg 5 Jahre als Lehrbursche gearbeitet haben, werden als
Verkäufer engagirt, bekommen, da sie sich der Gefahr des gelben Fiebers
aussetzen, große, ja enorme Salaire, und die Vollmacht, über das im
Schweiße des Angesichts erworbene Eigenthum der in Europa wohnenden
Kaufleute oder Fabrikanten frei zu schalten und zu walten. Der
Commissionair will verkaufen, um seine großen Ausgaben für den Lohn der
Leute, Miethen und luxuriöse Lebensweise zu decken. Zehn Procent wird
für die Verkäufe, Garantie und das Remittiren in Rechnung gestellt;
rechnet man aber das Angehängte hinzu (worüber ich später ausführlicher
abhandeln werde), so sind es wohl 15 Procent, die in Rechnung
gebracht werden. In den Comptoirs und demzufolge in den Caffeehäusern
wimmelt es stets von jungen Comptoir-Bedienten, diesen Blutegeln für
die europäischen Kaufleute, die nach Westindien Handel treiben. Es
wird mit dem Gelde geworfen, die feinsten Weine werden getrunken,
Landparthieen, die 50-80 Piaster kosten, werden unternommen, und wer
bezahlt Alles dies? Antwort: wir armen Europäer. Wir erhalten nicht nur
die Equipagen, die Sclaven, die Maitressen der Principale, sondern wir
müssen auch Sorge dafür tragen, daß die Handlungsdiener sich Reitpferde
halten, jeden Abend die italienische Oper oder das Theater de Tacon à
1½ Piaster Entrée etc. und nach Beendigung derselben ihre Mädchen
mit fünf Piastern in der Hand besuchen können. Wer dies Alles gesehen
und die Art und Weise der Verkäufe beobachtet hat, dem vergeht ohne
Zweifel die Lust, Geschäfte hieher zu machen. Man hat nur nöthig,
mit den Käufern, Mercader genannt, in Berührung zu kommen und deren
Schlauheit in Benutzung der schwachen Seiten der braven Commissionaire
zu bemerken; wer dieses vermag, in dem wird der letzte Funken zu
Geschäften aufs Gerathewohl erlöschen. Ich halte es für Pflicht und
Schuldigkeit, die Handelswelt auf das Risico beim westindischen Handel
aufmerksam zu machen, und werde deshalb (wie schon früher bemerkt) frei
und ohne Furcht niederschreiben, was ich erlebt habe; kann Jemand meine
Urtheile widerlegen, so werde ich es mit Dank annehmen, jedoch hierzu
dürfte schwerlich Einer gefunden werden.

Die Insel Cuba, mit einer Bevölkerung von 800,000 Menschen,[A]
unter denen 620,000 Neger und 180,000 Weiße, importirt jährlich
für 20,000,000 Piaster, mithin im Durchschnitt für 25 Piaster auf
jeden Kopf. Da indessen mit Gewißheit anzunehmen ist, daß die
Durchschnitts-Consumtion sich nicht höher als auf 12 Piaster beläuft,
so ist der Import auf Cuba noch einmal so hoch, als er sein sollte und
wirkt nachtheilig auf die Preise. (Die V. S., mit einer Bevölkerung
von 13 Millionen Weißen und 3,000,000 Schwarzen, importiren nur für
140 Millionen Piaster, von welchen noch etwa für 10 Millionen nach
andern Staaten, Texas u. s. w. ausgeführt wird). Sämmtliche Waaren
werden hingegen in Havana eingeführt und auch daselbst gelöscht, den
Waaren-Einkäufern ist mithin hierdurch eine genaue Uebersicht von den
Beständen gereicht, und können demnach beurtheilen, ob sie theuer, oder
zu wohlfeilen Preisen einzukaufen haben, welches in den V. S. nicht der
Fall ist, da es außer dem New-Yorker Hafen viele andere Städte giebt,
in welchen Waaren direct importirt und nach dem Innern weiter versendet
werden.

Die hiesigen eigentlichen Kaufleute und Waarenhändler en gros,
Mercadere genannt, werden es, wie mir scheint, noch einmal dahin
bringen, daß Commissionaire für Rechnung ihrer auswärtigen Freunde,
deren Waaren sie kaufen, und gewöhnlich erst nach 6-8 Monaten, wenn
sie zahlungsfähig sind, bezahlen, daß die Commissionaire, sage
ich, für jedes Colly beim Empfang eine gewisse Summe baar ihnen
einhändigen müssen, damit sie ihre Miethen und ihren Lohn bezahlen
können. Es hat wirklich etwas Komisches, wenn man die Verkäufe in den
hiesigen Commissionshäusern mit ansieht, wie diese Mercadere von den
Verkäufern schmeichelnd und tändelnd tractirt werden; obgleich Jeder
der Hereintretenden gesonnen ist, nicht mehr als höchstens die Hälfte
des Fabrikpreises zu offeriren und die Zahlung innerhalb 8 Monaten
zu versprechen, so wird er dennoch von den Verkäufern behandelt,
als wisse dieser, der Mercader sei gesonnen, für die vorgezeigten
Waaren einen ansehnlichen Gewinn und baare Zahlung zu gestatten;
und nun die Procedur beim Verkauf! sie ist folgende. In kleinen
Handschreiben berichtet der Commissionair den Mercaderen, daß er an
diesen bestimmten Tagen im Auftrag eines auswärtigen Hauses eine
Parthie Manufactur-Waaren verkaufen müsse, und ersucht diese, sich am
Vormittag einzufinden, um die Waaren anzusehen und ein Gebot darauf zu
machen. Die Eingeladenen erscheinen, und nehmen eins der geschriebenen
Verzeichnisse, worauf diese deutlich specificirt sind, zur Hand,
bemerken, nachdem sie die Waaren durchgesehen, auf denselben den Preis,
den sie in Bausch und Bogen für seidene-, wollene-, baumwollene-, kurz
alle Waarensorten durcheinander geben wollen, fügen ihre Unterschrift
bei, legen dies auf den Tisch nieder und gehen weg. Daß die Käufer
meistens unter sich einverstanden sind, versteht sich von selbst.
Dem, der das größte Gebot gethan hat, schickt nun der Commissionair
die Waaren zu; die Hälfte des Factura-Preises muß wenigstens geboten
worden sein, wenn der Commissionair sich zum Verkauf geneigt fühlen
soll; ist nur 45 Procent geboten, so wird weiter nicht Rücksicht
auf ihn genommen. Bei Leinwand findet die Ausnahme statt, daß der
Commissionair nur auf 15, höchstens 20 Procent unter den Fabrikpreisen
eingeht. Die Käufer sind in der Regel nicht dringend mit ihrem Einkauf,
da sie in derselben Woche vielleicht zehn dergleichen Einladungen von
andern Commissionairs zu erwarten haben. Sie kennen die Bestände, den
Bedarf, und wissen, daß für die ankommenden Waaren, durch Fortschaffung
der alten, Platz werden muß, eben so gut, als daß der Commissionair
rasch verkaufen muß und möchte, um die Waaren, worauf er 10 Procent
für Provision verdient, selbst zu verkaufen und nicht durch Andere
verkauft zu wissen, denn wie leicht könnte die Ordre zur Auslieferung
von Europa eintreffen! Alles dies trägt dazu bei, daß die Käufer nie
auf den selbstbestimmten Preis etwas zulegen und sich des Zuschlags für
gewärtig halten. Die letztere Furcht aber wirkt am meisten. Es kommt
daher nicht selten vor, daß hiesige Commissionaire, wenn sie sich im
Auftrage eines Europäers zum Empfang der Waaren melden, die Antwort
erhalten: die Waare ist schon verkauft, und die Abrechnung, welche
bereits ausgefertigt ist, geht mit erster Gelegenheit ab.

Wie die Verkäufe hier betrieben werden, ist mithin eine Factura
überflüssig, und man kann sich in Europa der Mühe überheben,
dergleichen, anzufertigen, da sich kein Commissionair daran hält, es
vielmehr den Käufern überläßt, die Preise festzustellen.

Detailleurs giebt es hier in Unzahl, d. h. unbedeutende Krämer-Läden,
welche hier Magazin genannt werden, nicht aber bedeutende, wie in den
V. S. und in Europa. So klein indeß wie sie sind, so vielfältig sind
die Artikel, die man in denselben antrifft; von Allen liegen einige
Stücke da, aber Leinwand spielt die Hauptrolle. Deshalb müssen auch
viele Diener gehalten werden; vier ist die geringste Anzahl. Die
Detailleurs kaufen nichts von den importirenden Kaufleuten, aus dem
Grunde, weil sie ganz von den Mercaders abhängig sind, und alle Waaren
von ihnen entnehmen müssen -- bei Gefahr, ihres Credits verlustig zu
gehen. Sie stehen unter starker Controlle, und die Preise sind in allen
Läden so ziemlich gleich.

Hausirer giebt es in Masse; man sieht sie hier beim größten Schmutz
in den entlegensten Straßen der Stadt, Männer und Weiber von allen
Nationen, vorzüglich aber Neger; sie sind eben so zudringlich wie die
Collecteurs der hiesigen Lotterie, welche jede drei Wochen gezogen wird
und 144 Gewinne und 23,856 Nieten enthält. In Lumpen gehüllt, ohne
Strümpfe und Schuhe, sieht man diese Collecteurs umherlaufen, wobei
sie ihre Viertel-Loose à 1 Piaster ausschreien, wie Gemüseweiber bei
uns. Sie sichern der Regierung eine Revenue von 25,000 Piaster pro
Monat; sie kaufen eine Anzahl Loose auf Speculation, und bestimmen die
Preise, je nachdem sie Liebhaber dafür finden. Viele Abnehmer finden
sie unter den Sclaven, welche nach ihrer Freiheit streben, die sie nur
gegen Erlegung der für sie bezahlten Summe erlangen können. Jedoch
auch der Spanier, so wie jeder Ausländer spielt mit Leidenschaft; oft
wird der doppelte Werth für ein Loos bezahlt, wenn die Ziehung ihren
Anfang nimmt. Hat der Collecteur sein Loos verkauft, so bekümmert
er sich nicht mehr um dasselbe. Sobald die Ziehung, welche nur ¼
Stunde dauert, vorüber ist, werden gleich wieder Loose zur folgenden
ausgeboten, und wirklich verkauft. Einmal im Jahre, am Geburtstage der
Regentin, kostet das Loos acht Piaster, und dann ist der größte Gewinn
40,000, der zweite 8000 Piaster; alle übrigen sind unbedeutend; der
Monarch erhält zum Geburtstag aus der Lotterie-Casse 50,000 Piaster.

Zu allen bemerkten Uebelständen im Handel der Commissionaire
kömmt nun noch, daß sowohl der größte Theil der Mercadere als die
Commissionaire keine Kenntnisse im Waarenfach haben. Um sich gegen
Verlust zu schützen, bieten daher die ersteren ungeheuer wenig; oft
bietet Jemand 100 Piaster für eine Parthie Waaren; die ein Anderer
für 700 Piaster kauft, dennoch haben die Mercadere mehr Kenntnisse
als die Commissionaire, und diese glauben den Versicherungen der
Käufer Alles. Sind diese daher einig, so wird ihnen ein Artikel, der
jenem neu ist, für so viel wie nichts nachgeworfen. Ein Beispiel aus
eigener Erfahrung. Ich hatte einen Stoff, für Mäntel passend, an einen
Commissionair geschickt und ausdrücklich bemerkt, daß ich wenigstens
den Factura-Preis haben müsse. Als ich die Verkaufs-Nota über diese
Waaren erhielt, sah ich sie für den halben Factura-Werth verkauft. Um
mich zu überzeugen, ob ich selbst die Waare nicht besser verkaufen
könnte, schickte ich an ein anderes Haus eine ähnliche Parthie, mit
der Ordre, bis zu meiner Ankunft mit dem Verkauf zu warten. Als ich
angekommen war, erzählte mir dieser Commissionair, daß derselbe Käufer,
der im vorigen Jahre von einem andern Hause dieselbe Waare gekauft
habe, auch diese Parthie, jedoch nur zu demselben Preise kaufen wolle,
weil er diesen Artikel nur zu Kartuschen an das Gouvernement verkaufen
könne. Um diesen unkundigen Commissionair einigermassen vom Holzwege
abzuführen, entschloß ich mich die Läden von fertigen Kleidern zu
durchstreichen, und überzeugte mich bald, daß derselbe Stoff auch hier
zu Mänteln verbraucht werde. Als ich dies dem Commissionair erzählte,
wollte er es nicht glauben, behauptete vielmehr, daß dieser Stoff nur
zu Kartuschen zu gebrauchen sei. Auf solche Weise verlieren wir armen
Europäer durch Unkunde der Commissionaire unser Vermögen, während die
Mercadere mit diesem (indem dieselbe den langen Credit genießen) 300
Procent verdienen.

„Macht keine Geschäfte nach andern Welttheilen, besonders nach
Westindien!“ so möchte ich meinen handelnden Landsleuten zurufen. Aber
die Königliche Seehandlung, höre ich Viele sagen, macht überseeische
Geschäfte, warum sollten wir, als gelernte Kaufleute, dieselben nicht
mit eben so viel Nutzen, wie jenes Institut treiben können? Hierauf
entgegne ich: ist es denn so gewiß, daß jenes Institut bei diesen
Geschäften Gewinn hat? Antwort: Nein! Hierbei fällt mir ein, was einst
der denkwürdige Minister +Maaßen+ bei einer Unterredung mir sagte:
Der Staat muß zuweilen, ohne eine Miene zu verzucken, eine Million
Thaler verlieren; obgleich dies sehr viel für unsern Staat ist, so
ist es dennoch nicht viel, wenn eine hohe Nothwendigkeit es gebietet.
Wir wollen ein Beispiel anführen. Die Seehandlung hat Schiffe, Eins
derselben liegt in Havana, S.... et Comp. sind die Agenten; sie
können dieses Schiff nicht mit Ballast zurückschicken, um so mehr,
da die Zucker-Erndte vor der Thür ist. Beladen Sie es mit Zucker!
Schreibt die Deputation der Königl. Seehandlung an ihren Agenten
in Havana; sie denkt, unsere Raffinerieen brauchen rohes Material
und werden sicher vorzugsweise von dem Institut kaufen. Man kauft,
man trassirt, der Zucker wird verschifft. Die Havanesischen Häuser
bemerken es und sprechen: die S... et Comp. kaufen 4000 Kisten; es
muß in Deutschland etwas Bedeutendes vorgehen; wir müssen für unsere
Freunde in Europa sorgen! Und warum sollten sie nicht für diese sorgen,
da sie sich doch zugleich selbst dabei versorgen? Somit kaufen auch
alle diese für Rechnung der Europäer Zucker, welcher nun in Havana im
Preise steigt, schicken diesen so rasch als möglich ab, damit ihre
Ladungen vor denen der Seehandlung in Hamburg eintreffen mögen; sie
trassiren 2 Monat Sicht für den Belauf und melden den Verkauf der in
Commission gehabten Leinwand etc., wodurch zwar Verlust entstanden sei,
welcher jedoch durch den höchst vortheilhaften Einkauf des Zuckers
bald um das Doppelte ersetzt werden müsse. Ihre Zucker-Sendungen
langen nun wirklich vor denen der Königl. Seehandlung an; um jene
Entnehmungen zu decken, werden sie jetzt per Auction verkauft, +weil
sie verkauft werden müssen+, und siehe da! das Provenue ist 3
Piaster pro Kiste unter dem Einkaufspreis. Hat die Deputation der
Seehandlung dieses voraussehen können? Oder wird diese den Nachtheil
der Spekulation fühlen? Nein! Wohl aber fühlen den Nachtheil und
Schaden die europäischen Kaufleute, und zwar doppelt, weil sie auf zwei
Seiten verlieren, wogegen die Havaneser Commissionaire die zweifach
Gewinnenden sind.

Aehnlich wie die Havaneser in Zucker-Spekulationen mit der Seehandlung
wetteifern, ähnlich machen es die Bremer und Hamburger, wenn sie jenes
Institut auf Fabrik-Erzeugnisse eingehen sehen. Allein dieses hat sehr
viele und gute Mittel, und außerdem, wie mir der Herr Minister Rother
schriftlich versicherte, +lauter erprobte+ Commissionaire; den
spekulirenden Kaufleuten fehlt es aber an beiden. -- Daher, sollte
jedes Geschäft nach und von Westindien von Niemanden, als von ganz
Reichen unternommen werden.

In Westindien können die kaufmännischen Geschäfte schon deswegen nicht
gedeihen, weil, das Geld zu viel Werth hat, d. h. weil es im Verhältniß
der Erzeugnisse und der Importation in zu geringer Quantität vorhanden
ist. Wo der Zinsfuß auf 21-24 Procent steht, wie es in dem allergrößten
Theil Westindiens der Fall ist, da muß der Spekulationsgeist dem
Wucher unterliegen. Der beste, stets begehrte Artikel ist baares
Geld, Fabrikwaaren der Allerschlechteste. Es klingt sehr lächerlich,
wenn man die hiesigen Commissionaire von dem überaus großen Bedarf
der Waaren in Havana erzählen hört; daß dies nur Kunstgriffe zur
Aufmunterung europäischer Kaufleute sind, liegt am Tage, denn für
800,000 Menschen, unter welchen ⅔ stets im Hemde und leinenen Patalons
umherlaufen, langen jährlich über 100 Schiffe, vielleicht gar 150 mit
Manufactur-Waaren an. Man sehe die im Königl. Packhofe zur Niederlage
gebrachten Waaren-Vorräthe an, und man wird die Hände über’m Kopf
zusammenschlagen und fragen: „was sollen diese Vorräthe in einem Lande,
was kaum die Hälfte der Bevölkerung Londons hat?“ Anderwärts ausgeführt
wird hiervon nichts, denn das Wenige, was zuweilen nach Mexico verkauft
wird, ist so gering, daß es nicht in Betracht kommt. Die Commissionaire
aber antworten: Unsere Vorräthe, die der Mercadere, und die im Königl.
Packhofe (Depot) werden bald verbraucht sein, wenn die Havaneser und
Havaneserinnen nur Ernst gebrauchen, jeden Tag ein neues Kleid anziehen
und am Abend diese neue Robe fortwerfen zu wollen, wie es oft der Fall
ist. Dieses ist das Lied, welches die Herren mit ihren Commis täglich
im Chor singen, wenn ein Europäer angelangt ist. Indeß es sind der im
Jahre 1838 übrig und unverbraucht gebliebenen Waaren so viele, daß
sicherlich für jeden Bewohner der Insel Cuba täglich zwei Kleider
gemacht werden müßten, wenn sie in zwei Jahren verkauft werden sollten.

Um eine Krankheit zu heilen, die zwar schon tief Wurzel geschlagen
hat, jedoch keinesweges unheilbar ist, wäre Folgendes zu thun
nöthig. Für Krankheiten, die aus Ueppigkeit entstehen, werden
nicht selten Hunger-Kuren angewendet; so auch müßten die Havaneser
Mercadere ausgehungert werden, damit sie nicht ganz das Vermögen
der europäischen Kaufleute verschlingen. Mein Vorschlag wäre daher
dieser. Kaufleute und Fabrikanten, welche nach Westindien Geschäfte
treiben, errichten auf Actien eine Westindische Compagnie, d. h.
sie etabliren Depots in Hamburg und Bremen, in welchen sie für den
Actien-Belauf Waaren niederlegen und nur zu den festgestellten
Preisen, durch die dabei angestellten Verkäufer verkaufen lassen;
diese Compagnie muß zugleich mit einem baaren Fonds versehen sein,
um Fabrikanten nöthigenfalls gegen das übliche Disconto die Hälfte
des Werths ihrer Waaren vorzuschießen. So wie es jetzt in Westindien
einige Commissionaire giebt, welche für ihre eigene Rechnung Leinwand
aus Europa committiren, so würden sie durch diese Maßregel, wenn sie
keine Consignationen erhielten, um nicht stille zu sitzen, für eigene
Rechnung Waaren committiren müssen. Der Verkauf für eigene Rechnung
würde ihnen besonders dadurch erleichtert werden, daß sie 12½
Procent für Provision, Del credere, Miethen etc. allein verdienen,
die der Europäer bezahlen muß, und welche im Durchschnitt den Verlust
auf Consignationen ausmachen und welcher im Ganzen genommen nicht
übermäßig ist. Waarenbegehr in Westindien würde den Absatz in den
Depots befördern, und es würden nicht nur bessere Preise behauptet
werden, der Eigenthümer würde durch diese Maßregel auch zu jeder Zeit
über sein Eigenthum disponiren können, wogegen er jetzt sehr oft zwei
Jahre hindurch, wegen des Schicksals seines Eigenthums in Zweifel ist,
und nach Ablauf dieser Frist wohl gar noch Abrechnungen empfängt, nach
welchen ihm für 2000 Rthlr. 25,000 Cigarren zukommen.

Indem ich mir vorbehalte, auf die Art und Weise des Verfahrens der
hiesigen deutschen Commissionaire zurückzukommen, will ich, ehe ich zu
andern Gegenständen übergehe, Einiges über die Grundsätze vieler unter
denselben bei Anfertigung von Abrechnungen mit Europäern berichten, was
mir von einem nach Europa zurückkehrenden glaubwürdigen jungen Manne
mitgetheilt worden ist.


+Eine Unterredung des Herrn G. mit dessen Diener+.

+Herr G+. Machen Sie die Verkaufsrechnungen für die Herren B. und
L.

+Diener+. Es ist bereits geschehen, Abrechnungen für Beide sind
fertig.

+Herr G+. Wie ist die für B?

+Diener+. Es bleiben 25 Procent reiner Gewinn.

+Herr G+. (Mit Erstaunen) 25 Procent? Aendern Sie dieselbe; 25
Procent ist zu viel, der Mann kann sich mit 8 Procent begnügen; -- und
des Ls. Rechnung?

+Diener+. Der arme Teufel verliert 11 Procent.

+Herr G+. Aendern Sie auch diese; lassen Sie ihn 18 Procent
verlieren, denn 7 Procent mehr oder weniger kann für den Mann keinen
wesentlichen Unterschied machen.

       *       *       *       *       *

Mein Commissionair M... macht es indessen keinesweges wie Herr G.;
er steht im Ruf eines reichen, daher großen Mannes, der dergleichen
Abrechnungen nicht +selbst+ macht, es vielmehr seinen Commis
überläßt; sein Hauptgeschäft ist das mit -- Fleisch! Die Leser würden
ihn jedoch unrichtig beurtheilen, wenn sie ihn für einen Shylok
halten wollten. Keinesweges! Mit Kleinigkeiten giebt sich derselbe
nicht ab; er erhält von Montevideo Ladungen des benannten Artikels,
den er centnerweise abzusetzen versteht. Genug! Er ist Einer von den
Commissionairen, von denen man sagen könnte: Man kann sein Fleisch
durch ihn los werden! er ist ein vortrefflicher Mann, der nicht,
wie Shylok selbst tranchirt, sondern tranchiren läßt. Er ist von
seinen Abnehmern geschätzt, weil er nicht wie die meisten, die das
animalische Geschäft treiben, es mit den Käufern verdirbt. Waaren,
welche verkauft sind, werden, wenn sogar der Verkauf schriftlich
abgeschlossen wäre, als unverkauft angesehen, wenn es dem Käufer
einfällt, einen Abzug zu fordern. Besteht der Europäer auf Erfüllung
des schriftlichen Contracts, so erwiedert der Herr Fleisch-Inhaber:
Hier ist der Contract, prozessiren Sie mit dem Käufer, ich tranchire,
wie Sie wissen, nie selbst etc. Ergo! ich wiederhole, für Europäer
können überseeische Geschäfte nie vortheilhaft ausfallen, weil die
Commissionaire im glücklichsten Fall 12½ Procent haben müssen, und
bei der starken Concurrenz nicht zu erwarten ist, daß zwei Procent
verdient werden können. In früheren Zeiten, als es nur wenige Häuser
hier gab, welche hin und wieder eine Consignation erhielten, traf
es sich zuweilen, daß an einem Artikel 25 Procent verdient wurden,
wovon der Commissionair großmüthigerweise seinem europäischen Freund
den ⅛ Theil zufließen ließ. Aber solche Fälle können jetzt nicht
wieder vorkommen. Die Waarensendungen müssen wenigstens um die Hälfte
vermindert werden. Die europäischen Kaufleute würden sehr wohl daran
thun, ihre Waaren, wenn sie auf diese zu sehen überdrüssig sind, in
einen abgelegenen Raum eine Zeitlang zu verschließen. Besser diese in
Europa unter eigenem Schloß und Riegel, als in Havana, oder sonst wo in
den Räumen der Bremer zu haben, wodurch der ganze Belauf aufgerieben
wird. Der Denkwürdigkeit wegen will ich aufzählen, was ich selbst von
europäischen Waaren für den Betrag von 98 Piaster einem Mercader habe
verkaufen und überliefern sehen; es waren folgende: 6½ Dutzend
Toiletten und Arbeitskästchen für Damen; 300 Dutzend Mund-Harmonika’s
mit Elfenbein-Fourniren; 200 Dutzend Blumen-Guirlanden, für Negerinnen
berechnet; viele Dutzend Rosen, Windsor-Seife und Seifenpuder, nebst
mehreren Dutzend von wohlriechenden Oelen und Wassern in geschliffenen
Gläsern.

Auf die letztern Artikel setzte der Käufer gar keinen Werth, und
schenkte Mehrern der Anwesenden 1 Dutzend Seifen, und mehrere
Flaschen von den wohlriechenden Oelen und Wassern, auch ich wurde auf
diese Weise beschenkt, und dürfte vielleicht ein größeres Capital
erlangt haben, als der Eigenthümer obiger Waaren, nach Abzug der
Steuer-Provision, Del credere etc. erhalten wird.

So lange der Sclavenhandel in Westindien mit so gutem Erfolg, wie
bisher wird betrieben werden, darf sich Niemand von allen Spekulanten
ein besseres Schicksal versprechen, als derjenige hatte, dessen
Waaren, wie vorhergehend gezeigt, für 98 Piaster verkauft worden
sind. Wer denkt wohl daran, sein baares Geld auszuthun, um Waaren,
welche der Mode und Conjunctur unterworfen sind, anzukaufen, wenn
er sein Capital, im Handel mit Menschen ausgethan, in einem Jahr
doubliren kann? In diesem Artikel giebt es zu viele Spekulanten. Ich
sah 720 Sclaven im Total-Werth von 275,400 Piaster in einem Zeitraum
von 2 Stunden verkaufen, und einen großen Theil davon wiederum en
Detail mit einem Gewinne von 8-10 Unzen absetzen. Dem Rindvieh
gleich, werden diese Unglücklichen alsdann vom Marktplatz nach der
Käufer-Wohnung gebracht. So lange also der Handel mit Menschen solchen
bedeutenden Gewinn abwirft, wird der hohe Zinsfuß stattfinden, und
das Fabrikwaaren-Geschäft kein Gedeihen finden, weil stündlich zum
Discontiren solcher Wechsel, welche aus den Geschäften mit Menschen
entsprungen sind, bedeutende Summen gesucht werden. wofür sehr
hohe Zinsen gestattet werden können, da 8-10 Unzen Gold pro Kopf
gewonnen werden. Die meisten Sclaven werden jetzt zur Anlegung von
Zucker-Plantagen benutzt, indem diese gegen jede Executions-Gewalt
geschützt und unantastbar sind. Man hat Beispiele, daß Caffee-Plantagen
in dem Augenblick, als sie subhastirt werden sollten, in
Zucker-Plantagen umgeschaffen wurden und ihrem Umsturz entgingen.
Epidemische Krankheiten machen, wie es damals bei der Cholera war, die
reichsten Sclavenbesitzer zu Bettlern.

Der Getraidebau ist von der Regierung untersagt. Alles für Cuba
erforderliche Mehl wird von den V. S. in Fässern von 165 Pfund Gewicht
jedes Faß eingeführt. Der Einfuhrzoll war stets 9½ Piaster pro
Fäßchen, seit dem Kriege in Spanien ist er 10½, der aber erst 6-8
Monate nach Empfang des Mehls erlegt wird. Für den Belauf des Zolles
sind die Empfänger verbunden, Pagarées (Wechsel) auszustellen. Man kann
mit Gewißheit sagen, daß im Durchschnitt an jedem Faß Mehl zwei Piaster
verloren werden. Indeß verstehen es die Verkäufer, sich, da das Mehl
pro Cassa verkauft wird, beim Placiren dieser Gelder durch hohe Zinsen
und durch Schmuggelei für jenen erlittenen Verlust zu erholen! indem
sie 2-3 Procent Zinsen pro Monat nehmen, welches, wenn die Hälfte des
Mehls geschmuggelt ist, und dies ist gewöhnlich der Fall, einen guten
Gewinn erzeugt.

Nach dem bisher Erzählten und Dargestellten, wird sich der geneigte
Leser nicht wundern, wenn ich mein Vorhaben, mehrere westindische
Inseln zu besuchen, um Geschäfte und Gewerbe daselbst zu prüfen, wieder
aufgab. Mit großen Erwartungen war ich hierher gereist und wiederholt
war ich zum Reisen aufgefordert worden, „um den Geschmack des Landes
kennen zu lernen.“ Doch worin besteht hier der Geschmack? In nichts
Anderem, als die Waaren für die Hälfte des Fabrikpreises zu bekommen:
wird doch von den Negerinnen nur buntes Zeug verbraucht; die Damen
aber sitzen stets in weißen und knieen in schwarzen Kleidern. Die
Mercaders sind, wie schon angeführt, ganz einig und bieten für die
allerneuesten Gegenstände nie mehr, als die Hälfte des Fabrikpreises,
in der Ueberzeugung, daß sie, wenn nicht jetzt, doch später den Artikel
erhalten. Ob derselbe alt oder neu ist, darum kümmern sie sich nicht
sehr, denn dem Publikum erscheint jeder Artikel in ihren Läden neu;
wenn er auch wirklich ganz veraltet ist. Europäische Spekulanten irren
daher bedeutend, wenn sie ihre in Commission geschickten Waaren als
veraltet betrachten und für die Hälfte des Werthes verkaufen lassen;
sie würden besser daran thun, dieselbe nach Europa zurückgehen zu
lassen, wie es in der letzten Zeit auch Mehrere wirklich gethan haben;
sie würden hierdurch den kenntnißlosen Commissionair des Urtheils
überheben; „diese Waaren sind über den doppelten Werth facturirt
gewesen!“ denn dies glaubt derselbe, wenn der Europäer, aus Furcht, daß
seine Waare veraltet und werthlos sei, die Ordre giebt, sie mit Verlust
des halben Werthes zu verkaufen.

Meine Verhältnisse hierselbst waren von der Art, daß ich mir
wenig Erfreuliches versprechen durfte; ich beabsichtigte ja, mein
Eigenthum zu vertheidigen, d. h., die Commissionaire, mit denen ich
nun einmal in Verbindung war und bleiben mußte, zu kontrolliren.
Daß diese meine Absicht nicht lange verborgen bleiben konnte, ist
leicht zu erachten und daß sie die Laune derselben verderben und sie
gegen mich aufbringen mußte, ist eben so einleuchtend. Herren und
Diener, Neger und Trabanten, Alle, ausgenommen die Spanier, welche
meistens brav sind, wurden meine Feinde und begegneten mir mit einer
Gleichgültigkeit, die mir freilich auch sehr gleichgültig war. Einer
meiner Commissionaire, der Sohn eines sehr reichen Mannes, welchen sein
Vater in der Absicht in Havana etablirt hatte, um aus anderer Leute
Leder Riemen zu schneiden, ohne Zweifel aber besser gethan hätte, ihn
zu Hause zu behalten, um ihn zum Riemenschneider für sich und seine
ledernen Geldsäcke auszubilden, war mein größter Feind, weil ich ihm
in einem Schreiben erklärte, daß ich nicht mit 25,000 Cigarren für
eine mir schuldige Summe von 2000 Rthlr. zufrieden sei und daß ich,
trotz seiner schriftlichen Anzeige, über diesen Gegenstand nicht mehr
correspondiren zu wollen, -- „weil sonst seine Geduld ausrisse“ -- mich
der Correspondenz durch die Behörde nicht enthalten würde.

Ein sehr achtungswerther Spanier, dem ich meine Lage im Verhältniß
zu den hiesigen Deutschen mittheilte, schlug mir vor, mich einem
einflußreichen Advokaten, Namens A.s zu empfehlen, was ich mit Freuden
annahm. Der Advokat bezeigte viel Theilnahme, erklärte sich bereit, mir
zu dienen und fand das Benehmen des Commissionairs „abscheulich.“

Hierbei ist zu bemerken, daß die Advokaten hierselbst nichts
thun als instruiren; die Geschäfte in den Gerichtshöfen besorgen
die Prokuratoren, die sich deshalb in den Morgenstunden bei den
einflußreichen Advokaten einfinden und um Beschäftigung nachsuchen.
Dieser Umstand trägt sehr dazu bei, die Prozesse in die Länge zu
ziehen, denn die Prokuratoren verständigen sich oft sehr bald mit den
Beklagten, wovon der beste gerechteste Advokat nichts wissen kann. Aus
demselben Grunde und weil jedes Blatt Papier in Prozeß-Angelegenheiten
gestempelt sein muß, werden die Prozeßkosten sehr hoch; es giebt
Prozesse, zu welchen für 10,000 Piaster Papier verbraucht wird.

Die Vollmacht, welche ich mir zunächst von einem Notar mußte anfertigen
lassen, kostete mir 17 Piaster, das Uebersetzen der Briefe u. s. w. ins
Spanische 1 Unze; Herr A.s übernahm sie mit Freuden und meinte, in
Zeit von 4 Wochen sollte ich meinem Ziel recht nahe sein.

Meine Prozedur wurde bald stadtkundig und der Haß der Deutschen nahm
so zu, daß Wenige nur noch mit mir zu sprechen wagten. Obgleich ich
mir hieraus wenig machte, so konnte ich doch nicht umhin, meine Lage
unangenehm zu finden. Da stand ich ganz allein in einem fremden Lande,
der Sprache unkundig, mit einer Parthie Waaren, die ich verkaufen
wollte und keiner von allen Commissionairen wollte etwas mit denselben
zu thun haben. Ich suchte Käufer und fand solche, jedoch wiederholt
zerschlugen sich die Verkäufe, wenn die Waaren abgeliefert werden
sollten. Welcher böse Dämon hierbei sein Wesen trieb, war mir zu
ermitteln stets unmöglich. Einst hatte ich einen Handel mit einem
Mexikaner und zwar mit einem sehr fühlbaren Verlust abgeschlossen. Als
er mit mir nach dem Depot zum Empfang gekommen war und die Kattune
in den Kisten, die geöffnet werden mußten, von gewöhnlicher Breite
erblickte, trat er vom Handel zurück, weil er (vorgeblich) dieselbe
Waare von doppelter Breite für 14 Sgr. pro Staab gekauft hätte.

Jetzt suchte ich einen Sclavenhändler auf, welche gewöhnlich viel
Waare kaufen und offerirte ihm Artikel, indem ich ihm die Proben
vorwies, aber er bot so wenig darauf, daß ich die Hoffnung aufgab,
mit ihm einen Handel abschließen zu können; Ein spanischer Don-Mäkler
M...m, der, wie Viele, dies Metier unerlaubter Weise treibt, weil
er die Summe von 2000 Piastern, die hierfür zu bezahlen sind, nicht
anschaffen kann, hatte mir auf den Dienst gepaßt. Er meldet sich bei
mir, fordert Proben -- und versichert mir, daß ein großer Theil meines
Vorraths bald durch ihn abgesetzt sein solle. Proben aus den im Depot
befindlichen Kisten zu nehmen, ist eine schwere Aufgabe, indessen es
war mir daran gelegen, die Kosten dieser Prozedur kennen zu lernen
und siehe da! ich mache dasselbe für etwa 15 Sgr., wofür die braven
Commissionaire 6 Piaster in Rechnung zu stellen sich nicht schämten.
Dieser Vorfall bringt mich zum Entschluß, eine Parthie Cigarren selbst
zu verschiffen und was ergiebt sich? Daß ich diese Verschiffung
mit einem Kosten-Aufwand von 2 Piastern besorge, während daß der
Fleisch-Inhaber M... dafür 24 Piaster und 4 Realen berechnet hatte.
Zwei große Geister wurden hierbei durch meinen Heroismus in Erstaunen
gesetzt: 1stens der Don-Mäkler, weil ich mich nach dem Depot auf meinen
eigenen und nicht auf Esels- oder Maulthier-Füßen hinschaffte und die
Proben unterm Arm tragend mitbrachte -- was in Havana, wie der Mäkler
meint, noch nicht vorgekommen ist. Der Fleisch-Inhaber war wegen der
in Rechnung gestellten 24 Piaster mit sich selbst in Uneinigkeit und
meinte, da er nicht selbst tranchire, daß ich mich mit diesem kleinen
Anliegen an seinen Commis wenden müsse. Dies geschah und ein vom
Fleisch-Inhaber wohlgenährter korpulenter Commis ertheilte mir die
Antwort, daß jener, in Berücksichtigung meiner Gegenwart, die mit
vielen Strapazen verbunden sei, die Hälfte der 24 Piaster erlassen
wolle -- als besondere Gnadenbezeugung, wobei keine Umänderung der
Rechnung stattfinden könne.

Unterdessen hatte der Don-Mäkler, ungeachtet meines Verbots, die Proben
dem Sclavenhändler gezeigt und mit ihm einen Handel abgeschlossen, ohne
mir den Namen des Käufers zu nennen. Ich erfuhr ihn erst, als ich von
ihm in einem Schreiben die Baarzahlung ausdrücklich bemerkt zu wissen
wünschte. Da erfuhr ich denn, daß ich für den Werth von 2000 Piastern
auf verschiedenen Sclaven-Schiffen Actien an Zahlungsstatt annehmen
müsse; ich sollte also Sclavenhändler werden. Ich hatte ungemein vielen
Verdruß, sowohl mit dem Käufer als dem Mäkler, willigte indeß zuletzt
ein, nachdem ich jene Actien mit einem Verlust von 10 Procent verkauft
hatte; -- unmittelbar nachdem ich das Geld empfangen hatte, nahm ein
englisches Kriegsschiff Besitz von einem der Schiffe, woran ich eine
Actie hatte.

Kaum war dies Ungewitter vorübergezogen, als sich ein zweites über mir
zusammenzog. Ich erhalte nämlich von M... die Anzeige, daß der Käufer,
der auf die früher erwähnten Mantel-Stoffe reflektirte, jetzt gänzlich
renoncire und daß überdies der Handel sehr nachtheilig für mich
ausfallen würde, indem die Douane jetzt nicht wie sonst, einen Realen,
sondern zwei Realen Zoll pro Vara dafür fordere. Diese Nachricht
erzeugte in mir den Gedanken, daß der Fleisch-Inhaber mich tranchiren
wolle; ich schnitt sofort eine Probe von einem der Stücke jenes Stoffs,
ließ für den Collecter der Douane durch den Advokaten A.. eine Supplik
anfertigen, in welcher vorgestellt war, wie durch ein Versehen meines
vorigen Commissionairs für wollene Waaren ein Zoll von seidenen bezahlt
worden sei -- welcher Zoll von den letztern beinahe noch einmal so hoch
ist, als der von den ersteren; -- ich hoffe, der Herr Intendant werde
den Befehl ertheilen, für diese Waaren, welche im Tarif aufzuführen man
vergessen habe, den Zoll von Filleilas und nicht den für seidene Waaren
zu erheben.

Der Collecter zeigte sich zur Abänderung geneigt und forderte, daß ich
an die Intendantur, unter Beifügung dieser Probe, eine schriftliche
Auseinandersetzung einreichen solle, bemerkte jedoch sofort, daß ich
den Zoll für die erste Parthie, die durch den Commissionair als seidene
Waaren versteuert worden seien, nicht zurück erhalten könne.

Wie aus den Wolken gefallen, stand ich beim Eintritt in das nächste
Zimmer, als ich des M.. Expedienten dort fand und zwar, als sei er der
Ober-Inspector, meinem Gesuche entgegentretend. „Diese Waare ist für
dasjenige eingegangen, wofür Sie den Zoll bezahlen müssen und bezahlen
werden; abgeändert kann hierbei nichts werden.“ Entrüstet über diese
Bosheit, begab ich mich sogleich nach dem Comptoir des Herrn M.., um
durch den Waaren-Aufseher, der mir versichert hatte, diese Parthie
sei für Filleilas eingegangen und koste nur einen Realen Zoll, die
Wahrheit zu erhärten. Aber welche Antwort erhielt ich? „Nun! wenn sie
als etwas anderes als Filleilas eingegangen ist, so werden Sie sich dem
unterwerfen müssen!“ -- Ich ließ die Supplik dem Intendanten übergeben
und nach einigen Tagen erhielt ich durch einen der Estimateurs den
Bescheid: „Sie haben zwei Realen als Zoll für diese Waaren zu erlegen,
indessen soll es Ihnen freistehen, dieselbe zollfrei auszuführen.“

Aufgebracht hierüber und über vieles Andere, beschloß ich, unverzüglich
meine Rechnung mit Herrn M... zu schließen und sah mich zu diesem
Zwecke nach einem Vermittler um. Ein Schottländer, Namens Dakin,
schien mir die geeignetste Person hierzu, da er, wie ich erfahren
hatte, früher mit jenem in ähnlichen Verhältnissen, wie ich, gewesen
war. Allein hier kam ich aus dem Regen in die Traufe; er versprach
mir -- ein Zug von Redlichkeit! -- das Beste für mich bei dieser
Auseinandersetzung zu thun. Er that auch wirklich so viel, daß ich in
Folge +seines+ Vielthuns über meine Kräfte viel für M... thun und
viel Geld einbüßen mußte. Ich mußte ihm nämlich eine Bescheinigung
ausstellen, mit seiner Abrechnung vollkommen zufrieden zu sein,
ungeachtet daß ich in einer Abrechnung etwa 50 Procent für mein
Capital und in den andern mehr oder weniger zurückerhielt, um meine
Waaren und Gelder, welche er (M...) nicht unter andern Bedingungen
ausliefern wollte, zur freien Disposition zu haben. Außerdem fand ich
in seiner Rechnung Summen für Provision von 5 Procent, für Waaren, die
ich selbst verkauft und wobei er gar nichts zu thun gehabt hatte, so
wie auch Summen für Negerlohn, die mir eine volle Ladung Neger hätten
zugesichert. Allein -- ich mußte mich fügen. Einen Prozeß in Havana,
dachte ich, magst du der Erfahrung wegen haben, Einer ist aber auch
genug.

Die Bescheinigung wurde also, wie M... verlangte, ausgefertigt und ich
hatte einen funkelnagelneuen Commissionair, der, wie ich mich bald
überzeugte, in den Mysterien des Commissions-Geschäfts aufs genaueste
eingeweiht war. Wie ist dies möglich in so kurzer Zeit? werden die
geehrten Leser fragen. Ein gewisser, für Westindien unentbehrlicher
Herr K.. verfertigte in der Art des sogenannten faulen Rechenknechts
ein Hülfsbüchlein für Commissionaire, so wie auch Preis-Courante für
Europäer; dieser höchst brauch- und unbrauchbare Mann sorgt also dafür,
daß selbst die jüngsten und in Geschäften unerfahrensten nicht dermaßen
zu Grunde gehen, wie er wiederholt zu Grunde gegangen ist.

Mit meinem Dakin hatte ich es mithin jetzt zu thun. Zunächst erhielt
er von M... die schriftliche Ordre, die Waaren, welche für meine
Rechnung im Packhofe lagerten, in Empfang zu nehmen. Bald bemerkte
ich jetzt, daß die Mantelstoffe zum Theil als Filleilas zum Theil als
Ginghams einpassirt waren, benachrichtigte Dakin hiervon und sagte:
„nun dürfen Sie nur einen Realen als Zoll bezahlen;“ er indeß hatte
die Sache anders geleitet. Am folgenden Morgen begegnete er mir und
sprach: ich muß Ihnen eine gute Nachricht mittheilen, der Douanier hat
Ihre Mantelstoffe für das passiren lassen, was sie sind, nämlich für
Filleilas à einen Realen Zoll; ich habe demselben jedoch 102 Piaster (6
Unzen) versprochen, weil er sie der falschen Declaration des M... wegen
hätte confisciren können. -- Geben Sie, erwiederte ich, dem Douanier
für Ihre Rechnung so viele Unzen, wie Sie wollen, aber nichts für die
meinige, denn die Waaren sind für Filleilas eingegangen und müssen
auch dafür passiren. -- Ich werde ihm geben, so viel ich versprach,
sagte er im Fortgehen, weil ich den Mann in meinem Geschäfte brauchen
muß, und somit fand ich auch wirklich in der Rechnung: Allowance to
guard for reduction of duty and excuse of fines 102 Piaster (d. h.
Geschenk dem Zollbeamten für Nachlaß auf Steuer und Niederschlagung der
Strafe.) In Europa würde sich wohl schwerlich Jemand diese Frechheit
erlauben.

Glücklicherweise sah ich mich bald in Stand gesetzt, mich des Dakins
zu debarrassiren. Zufällig traf ich nämlich den Mercader, der auf die
Mantelzeuge reflektirte. Wie erstaunte ich, als er mir erzählte, daß
er stets darauf reflektirt hätte, von M... aber nie etwas bestimmtes
habe erfahren können. Ich verkaufte die Parthie und befreite mich
von Dakins. Die Rechnung, die ich jetzt von diesem Dilettanten in
der commissionärischen Kunst erhielt, wich um kein Haar breit von
denjenigen der frühern Commissionaire ab; sogar drei Piaster für
Volanten-Lohn seiner Diener fanden sich darin. Als ich denselben wegen
aller Prellereien zur Rede stellte, da ergriff er ein Federmesser und
drohte, mich damit zu durchbohren.

Nachdem ich mehrere von meinen unverkauft gebliebenen Waaren nach
New-York expedirt hatte, -- worauf ich später zurückkommen werde, hätte
ich unterdessen von Havana abreisen können, wäre nicht -- mein Prozeß
gewesen. Schon waren drei volle Monate verstrichen und noch immer kam
es mir so vor, als sei gar nichts geschehen, obgleich der Herr Advokat
mich immer so vertröstete, als ob ich innerhalb acht Tagen am Ziele
sein würde. Endlich entschloß ich mich, einen andern Weg einzuschlagen,
auf welchem der geübte Forscher nicht ganz unbefriedigt abzieht und
siehe da! es gelang mir; ich erfuhr, daß in der Sache noch gar nichts
geschehen, daß noch nicht einmal mein und meines Gegners Name genannt
worden sei. Im Zorn lief ich sogleich, als ich dies gewiß wußte,
zu Herrn A.., überhäufte ihn mit Vorwürfen und er überzeugte sich
sehr bald, daß sein Herr Procurator mit dem meines Gegners in gutem
Einverständnisse sein müsse.

Hierbei kann ich zu bemerken nicht unterlassen, daß ich unterdessen
mehrere edle Spanier zu meinen Freunden gewonnen hatte, die sich meiner
annahmen. Auch des englischen Consul muß ich rühmlichst erwähnen;
von meiner ersten Ankunft an behandelte er mich mit der größten
Aufmerksamkeit und Auszeichnung und lud mich sogar zu sich ein,
obgleich ich keine weitere Empfehlung hatte, als seinen Namen von einem
seiner Jugendfreunde in Hamburg auf einem Zettelchen geschrieben, zu
präsentiren. Von Spaniern also wurde ich jetzt in Allem unterstützt.
Ueberhaupt ist mein Rath, daß Jeder, der Geschäfte auf Havana treiben
will oder muß, sich nur an Spanier wendet, man gewahrt in ihren
Comptoirs zwar nicht Legionen von Commis in Pantoffeln und Negligée,
allein man bemerkt bald, daß die wenigen Arbeiter viel und gut arbeiten.

Nach der Weisung eines Kaufmannes und Beisitzers im Gerichte verfuhr
ich jetzt. Ich ließ mir sofort von meinem Advokaten eine Klage
niederschreiben, trug sie auf die Gerichtsstube des Friedensrichters
und erlegte die Sporteln. Einige Tage darauf erhielt ich die Vorladung,
vor dem Friedensrichter zu erscheinen. Am bestimmten Tage fand ich
mich ein; allein, da ich nicht hinreichend Spanisch verstand, so
wurde mir bedeutet, daß ich meinen Anwalt zur Seite haben müsse. Ich
ging zu demselben, aber er wollte sich bei der großen Hitze nicht
dazu verstehen, mich zu begleiten und expedirte einige Zeilen an den
Friedensrichter. Dieser indeß wollte nichts von diesen schriftlichen
Vorschlägen wissen und bestand auf dessen persönlicher Erscheinung.
Durch viele Vorstellungen und Bitten, mir von der süßen Insel durch
seinen Beistand los zu helfen, gelang es mir endlich, ihn zum Mitgehen
zu bewegen -- ein hierselbst nie in der Advokatenwelt vorgekommener
Fall, da diese, wie schon bemerkt, nie selbst in den Gerichtshöfen
auftreten. Beim Hingehen eröffnete mir der brave Advokat, daß er
sich auf die Entscheidung von guten oder Schiedsmännern nur unter
+einer+ Bedingung einlassen würde und zwar der folgenden: daß
die Schiedsmänner aus den Assessoren des Gerichts erwählt würden. Er
änderte jedoch nach einer langen Unterredung mit dem Friedensrichter
seine Ansicht, wendete sich zu mir und sagte: „ich habe genehmigt, daß
hiesige Kaufleute, Einer für jede der Partheien den Streit schlichten
sollen; Sie haben mithin ohne Weiteres zu bestimmen, wem Sie die
Sache übertragen wollen.“ Ich wählte den englischen Consul und mein
Gegner auch. Es ward sogleich ein Protokoll von dieser Verhandlung
ausgefertigt und beigefügt, daß die Partheien sich gutwillig dem
Ausspruche, wie er auch ausfallen möge, unterwerfen müßten und nur
alsdann die Hülfe des Gerichtshofs, gegen Bezahlung von 500 Piaster an
die andere Parthei, in Anspruch nehmen dürften. Mein Gegner und ich
unterzeichneten dies Protokoll, welches einige Piaster kostete und
es wurde zugleich festgestellt, daß die Entscheidung von Seiten des
Richters in spätestens 14 Tagen erfolgen müsse.

Nach Ablauf dieser Frist wurde mir das vom Consul abgefaßte Urtheil
zugeschickt. Es verrieth einen feinen kaufmännischen Takt und bewies,
daß der Consul über die Sache nachgedacht hatte, was in diesem Lande,
der großen Hitze wegen, etwas Seltenes ist. Das Urtheil fiel so aus,
wie sie in der Regel ausfallen, d. h. die Forderung wird compensirt,
da jeder Schiedsrichter in ähnliche Verhältnisse gerathen kann und
gern das Vergeltungs-Recht auf keine schlimme Art für sich ausgeübt
wissen mag. Mir also wurde die Hälfte meiner Forderung aus den darin
angeführten Gründen zuerkannt und ich wurde verurtheilt, eine Parthie
Cigarren, woran mein Gegner ohne Zweifel tüchtig verdiente, zu nehmen,
wobei mir freigestellt wurde, daß ich dieselben, wenn ich sie des
hohen Preises wegen nicht sollte verkaufen können, für meinen eigenen
Gebrauch verwenden dürfte -- und der Consul war der Meinung, daß diese
mir munden würden, weil das Theure in der Regel gut schmeckt.

Meine Gegner fragten mich zu wiederholten Malen, ob ich mit dem Urtheil
zufrieden sei, wahrscheinlich auf ein verfängliches Wort lauernd.
Vorsichtiger Weise aber bezeigte ich nicht allein meine Zufriedenheit
mit demselben, sondern pries auch die Gerechtigkeitsliebe des Consuls.
Ich wurde auf den folgenden Morgen zu meinen Gegnern beschieden, um
die Sache zu ordnen. Dort versprachen sie mir denn auch, sofort die
mir zuerkannte Summe zu zahlen. Als sie mir die englisch abgefaßten
Quittungen zur Unterschrift vorlegten, verstand ich mich hierzu, wenn
ich die auf meine Waaren für Zölle bezahlte Summen durch Quittung
würde bewiesen sehen haben, -- was zu fordern mir zufolge des
schiedsrichterlichen Urtheils frei stand. Gleich einem Leoparden sprang
der eine Chef, der übrigens eher einem Burschen als einem Kaufmann
ähnlich sieht, auf mich zu und schrie: „Sie sind mit dem Urtheil nicht
zufrieden?“ Im Gegentheil, erwiederte ich mit der größten Ruhe, ich
bin ganz zufrieden. „Nein!“ erwiederte jener, „machen Sie, daß Sie von
hier fortkommen,“ und ruft Portier, Neger und eine Menge dienstbarer
Geister herbei. Allein, wie ich war, mußte ich mich schon zur Retraite
entschließen. Nach einigen Tagen erfuhr ich, daß meine Gegner beim
Gericht auf die Auszahlung der 500 Piaster von meiner Seite angetragen
hätten, weil ich, wie es ihr Commis bezeugen wolle, mit dem Urtheil
nicht zufrieden sei. -- Indeß Herr A.. fertigte mir ein Schreiben aus,
welches ich auf der Gerichtsstube abgab und der Erfolg war, daß ich
nach einigen Tagen die mir zuerkannte Summe durch einen braven Spanier
Franzisco Guyri et Comp. ausbezahlt erhielt und daß meine Gegner die
durch ihren Starrsinn entstandenen Kosten allein tragen mußten.

Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich, daß es noch honette, brave
Advokaten in den Welt giebt. Als ich nach Beendigung der Angelegenheit
bei dem Advokaten Herrn A.. für seine Arbeit und Mühe liquidiren
wollte, weigerte er sich, etwas anzunehmen. „Sie,“ sagte er, „haben
genug verloren, ich darf nach meinem Gefühle Nichts nehmen. Schicken
Sie mir, nachdem Sie wieder in Berlin angekommen sind, das allgemeine
Landrecht und ich werde mich für die geringe Mühe belohnt wissen.“
-- Auch einige Silbergeschirre, die ich ihm überreichen wollte,
verweigerte er anzunehmen.

Die verweigerte Vorlegung der Quittung von Seiten der verurtheilten
Gegner und der Vorfall mit den Mantelstoffen, mit dem Fleisch-Inhaber
und dem Schottländer Dakins brachten einen Gedanken in mir zur Reife,
mit welchem ich lange schwanger gegangen war, nämlich diese Herren
durch eine genaue Nachsuchung in den Douanen-Büchern zu kontrolliren.
Ich theilte meinen Vorsatz einem jungen Spanier mit und dieser meinte,
daß ich dasselbe jetzt, da der Intendant zufolge eines Befehls von
Madrid verabschiedet sei und der Gouverneur selbst dessen Geschäft
vorstehe, vielleicht werde auszuführen im Stande sein, obgleich ich
viele Schwierigkeiten dabei finden dürfte. „Mein Rath,“ setzte der
junge Mann hinzu, „wäre dieser: daß Sie, im Falle Sie ihren Endzweck
bei diesem Unternehmen erreichten und, woran ich nach dem, was sich
zugetragen hat, nicht zweifle, Sie die Diebereien gegen die Krone
und Sie selbst entdeckten, daß Sie alsdann für sich selbst Nutzen
davon zögen, ohne das Gouvernement darauf aufmerksam zu machen. Denn
sehen Sie, die Krone wird bestohlen, sie weiß dieses, weiß aber auch
zugleich, daß das nicht zu ändern ist. Der Regierung ist es sehr wohl
bekannt, daß diese Insel eine jährliche Revenue von 100 Millionen
Francs abwirft, wovon ein guter Theil für die Armee und Salaire an die
Beamten verbraucht, und vielleicht 11-12 Millionen veruntreut werden.
Nimmt man indeß an, daß etwa 5 Millionen Piaster in Golde von diesen
jährlichen Einkünften nach dem Mutterlande ausgeschifft werden, so
bleibt es für uns Alle nicht wünschenswerth, daß jene 11-12 Millionen
ebenfalls dahin geschickt werden, weil wir unter diesen Umständen bald
ohne Geld wären. -- Wenden Sie daher den Erfolg Ihrer Nachsuchung für
sich an, da ohnedies jede etwanige Publicität Sie verhaßt machen würde.“

Noch an demselben Tage nach dieser Unterredung begab ich mich des
Abends um 7 Uhr zum Gouverneur, der Jedem ohne Ausnahme, mit oder
ohne Fußbekleidung, Gehör giebt, um ihm eine, jene Sache betreffendes
schriftliches Gesuch zu überreichen. Der Gouverneur erschien sehr
bald in Civilkleidern und so anspruchslos, daß ich beim Vorbeigehen
nicht den hohen Staatsbeamten in ihm erkannte, bis mir der Adjutant
sagte: „c’est le Gouverneur.“ Ich näherte mich jetzt der Thür des
Gemachs, in welchem er die Supplikanten sprach und mußte die Ruhe und
Gelassenheit bewundern, mit welcher er wohl eine halbe Stunde einem
alten geschwätzigen Weibe, die für ihren Sohn ein Gesuch anbrachte,
sein Ohr lieh. Mit vieler Artigkeit bat er sie endlich, zu enden, indem
er, auf uns übrige zeigend, noch mehrere hören müsse. Nachdem sie
und noch eine zweite Dame abgezogen war, kam ich heran, überreichte
mein bescheidenes schriftliches Gesuch mit der ergebenen Bitte, wegen
dieser Behelligung mich zu entschuldigen. Der Gouverneur las das
Schreiben durch, versicherte mir, daß er sich nicht im Geringsten
dadurch behelligt fühle; es sei seine Schuldigkeit, einen Jeden und
insbesondere Ausländer zu hören und zugleich erlaubte er mir, wann und
zu welcher Zeit ich wolle, wiederzukommen. „Gehen Sie in etwa 3-4 Tagen
zum General-Secretair der Intendantur; ich werde die angemessenen
Befehle ertheilen, daß Sie Alles, was Sie wünschen, in der kürzesten
Zeitfrist erhalten sollen.“ Hierauf verabschiedete ich mich. Welcher
Contrast im Betragen dieses Cubaschen Königs und jenes von Bremen
stammenden Commissionairs!

Nach vier Tagen ging ich zum Secretair R...; des Gouverneurs Befehl an
den Collecter der hiesigen Douane wurde mir vorgelegt und angedeutet,
daß ich in zwei Tagen in diesem Bureau um nähern Bescheid nachfragen
könne. Ich ging hin, aber vergebens, und so 10 Tage lang. Ich
beschwerte mich stark, lehnte aber ab, selbst zum Collecter zu gehen,
weil ich es nur mit dem Gouverneur zu thun haben wollte. Endlich wurde
von der Intendantur aus hingeschickt und ich erhielt den Bescheid, des
Gouverneurs Befehlen in Betreff meines Gesuchs könne nicht so bald
nachgekommen werden, da der zu dieser Arbeit unbedingt erforderliche
Beamte sich auf dem Krankenlager befinde. Jetzt blieb mir nichts
anderes übrig, als den Gouverneur wiederum anzugehen. Es geschah; der
Gouverneur empfing mich höchst artig. „Wie weit sind Sie mit Ihren
Nachforschungen gekommen?“ -- Ich befinde mich noch am Anfange; -- man
giebt vor, daß der Beamte, welcher Ihrem Willen gemäß die Papiere für
mich ausfertigen soll, krank sei. -- „Sonderbar! kommen Sie morgen
Vormittag um 11 Uhr hierher.“ Als ich am andern Morgen wiederkam, sagte
er zu mir: „der Secretair R. hat die bestimmteste Ordre von mir, was
er thun soll; melden Sie sich bei ihm, damit er das Weitere für Sie
besorgt.“ Dies that ich sofort. Sämmtliche Expedienten standen bald als
sie mich kommen sahen, am Tische des ersten Secretairs R. und dieser
sagte zu den übrigen: „Ich kann mir das Benehmen des Collecters gar
nicht erklären und weiß fürwahr nicht, was ich thun soll. Geben Sie
dem Herrn Ries,“ meinte einer der Secretaire, „einen offenen Befehl im
Namen des Gouverneurs, daß ihm das nachgesuchte Papier unverzüglich
ausgefertigt werde.“ Ohne Zögern folgte der Secretair diesem Rathe.
Ich empfing den Befehl und lief, wie eine Katze vom Taubenschlag, zum
Collecter, den ich an seinem Arbeitstische sehr beschäftigt fand.
Eingedenk des Gebotes: Du sollst das Alter ehren, wartete ich, bis Alle
sich entfernt hatten, weil ich voraussetzte, daß ein solcher offener
ernsthafter Befehl, aus der Feder eines jungen Secretairs geflossen,
dem ergrauten Staatsdiener nicht erfreulich sein würde.

Ich überreichte demselben jetzt meine unversiegelte Depesche; er las
sie und las sie wieder wohl zehnmal, beguckte sie von allen Seiten,
obgleich auf dem winzigen Blättchen nur wenige Worte geschrieben
standen. „Ich weiß nichts von Ihrer Eingabe,“ fing er endlich an. Sie
ist hier, entgegnete ich, denn ich weiß, daß sie von der Intendantur
schon vor 14 Tagen hierher geschickt worden ist. Der Collecter rief
jetzt einem seiner, am nächsten Tische stehenden Secretaire zu: „wissen
Sie etwas von des Herrn J. Ri--es (so wird mein Name im Spanischen
ausgesprochen) Eingabe?“ Der Secretair mußte unsere kurze Unterredung,
da er so ganz in der Nähe stand, mit angehört haben, fragte aber ganz
fremd: „Ri--es? -- Kommen Sie, ich will mich erkundigen.“ Er führte
mich in das Nebenzimmer und nach eingezogener Erkundigung wurde mir
gesagt, daß der Expedient, dem die Anfertigung übertragen worden,
krank sei, indessen das Papier solle bis zum andern Vormittage um 11
Uhr in dem Bureau der Intendantur ausgeliefert sein. Ich ging jetzt
nach der Intendantur zurück, um dem Secretair R. Bericht abzustatten,
der mich dann auch auf den folgenden Morgen beschied und hoffte, daß
der Bescheid eingehen werde. Am andern Morgen erfuhr ich nun, daß der
Bescheid da sei, aber nicht der erwartete. Der Herr Collecter berichtet
nämlich, daß, da die Bücher nach dem Archive geschafft wären, nur
der Archivist über das Geforderte Bericht erstatten könne. Meinem
Verlangen gemäß, wurde mir dies auf einem Billet niedergeschrieben, mit
welchem ich mich sofort zum Gouverneur begab.

„So muß ich also dem Archivisten den Befehl ertheilen, Ihnen den Auszug
anzufertigen,“ sagte der gutmüthige Gouverneur; „gehen Sie morgen
früh, aber nicht vor 12 Uhr zum Secretair R., Sie werden dort meinen
Befehl für den Archivisten finden.“ -- Ich fand denselben in der That
zur festgesetzten Zeit und der Secretair R. war so gefällig, denselben
durch einen Beamten aus seinem Bureau nach dem Archiv zu befördern und
ich folgte nach. Der Chef des Archivs sprach sehr geläufig französisch
und englisch und bemerkte lächelnd, er könne mir im Voraus sagen,
daß ich mehr bezahlt haben werde, als die Commissionaire nach den im
Archiv befindlichen Büchern bezahlt hätten; er, der früher einmal auch
Kaufmann gewesen, wisse, wie es zugehe. Er versprach, das Papier am
folgenden Morgen in Ordnung zu haben. Er forderte zugleich von mir,
daß ich ihm einen genauen Auszug von den Monaten und Tagen, an welchen
die Schiffe, die ich in meinem Verzeichnisse namhaft gemacht hatte,
in Havana eingelaufen seien, welches er aus den Büchern nicht ersehen
zu können vorgab. Obgleich ich dieses nach der Art und Weise, wie
die Bücher in Havana auf der Douane geführt werden, für eine leere
Entschuldigung anzusehen berechtigt war, so versprach ich ihm doch,
mich der Besorgung unterziehen zu wollen. Anfänglich schien mir die
Aufgabe sehr schwer, indeß fand ich bald einen sichern und leichten
Weg hierzu. Ich ging nämlich nach der Lonja (Börse) und machte aus
den daselbst liegenden Büchern, welche über die Ankunft aller Schiffe
sprechen, einen genauen Auszug, den ich schon nach Verlauf von einer
halben Stunde nach dem Archiv bringen konnte, worauf der Archivist
wiederholt mir den Auszug am folgenden Morgen für ganz gewiß versprach.

Es vergingen indeß wohl 14 Tage und jeden Tag erzählte mir der
Archivist etwas Anderes, warum er es nicht möglich machen könne.
Als ich zuletzt sehr dringend ward und mit Beschwerdeführung beim
Gouverneur drohte, sagte er mir: „Ich kann wenige von den durch M...
für Sie eingeführten Waaren weder in den Büchern noch in den Manifesten
finden.“ So wurde ich noch länger als acht Tage hingezogen, bis endlich
der Archivist, da er meine Geduld erschöpft glaubte, mir eröffnete:
„Sie finden die geforderten Papiere beim Gouverneur, ich habe sie
heute dorthin befördert.“ Ich wendete mich jetzt an diesen, aber er
wußte von nichts. Nach einigen Tagen nun endlich wurden sie mir in der
Intendantur überreicht. Das Resultat war komisch, für mich freilich
traurig, weil Herr M... beinahe Alles, was er mir für Zölle angesetzt
hat, worüber dessen mir übergebene Rechnungen sprechen, nicht bezahlt
hat, und ist das Original dieses Instruments beim Verfasser einzusehen.

Jedes Forschen, welches nicht aus Neugierde, sondern aus Wißbegierde
entspringt, ist ein eben so mühseliges als undankbares Geschäft; es
erfordert immer einige Selbst-Aufopferung, wird jedoch selten, obgleich
es das Beste der menschlichen Gesellschaft zum Gegenstand hat, nach
seiner löblichen Absicht gewürdigt. -- Was die Leser auch von meinen
Nachforschungen denken mögen, so habe ich selbst doch das ruhige
Bewußtsein, daß ich die kaufmännische Gesellschaft gegen Diebereien in
Westindien zu schützen beabsichtigte.

Aus dem Bericht des Ober-Tribunals, der eigenhändig vom Gouverneur
unterzeichnet wurde, ergab sich also aufs bestimmteste, daß der mit
dem Buchstaben M... bis jetzt von mir bezeichnete Commissionair Moyer
in Havana sehr viele von meinen Waaren eingeschmuggelt hat, „indem die
Collys,“ wie der Bericht lautet, „weder in den Schiffer-Manifesten,
noch in den Büchern zu finden seien.“ Erwäge nur der Leser, was den
höchsten Staatsbeamten Cuba’s bewog, diesen offenbaren Betrug ganz zu
übersehen! Ist er vielleicht in Hinsicht der Zollbeamten mit Friedrich
dem Großen einverstanden, der bei einem ähnlichen Gesuch äußerte:
„ein schlechtes Pferd ist dasjenige, welches an einer mit Hafer
gefüllten Krippe steht und nicht frißt!“ Wir wollen dem Leser die oben
angeführten Bemerkungen des jungen Spaniers ins Gedächtniß zurückrufen,
denn von den veruntreuten 11-12 Millionen Francs bleibt doch ohne
Zweifel ein großer Theil an den Händen der Douaniers kleben.

Wie sollte der Gouverneur und wie durfte er handeln, wenn er nicht die
ganze Maschine ins Stocken bringen wollte? Den Moyer zur Verantwortung
ziehen, hieß nichts anderes als das ganze Personal des Packhofs in
Anklage-Zustand versetzen, und was dann? Wo Leute hernehmen zum Betrieb
des Packhofs-Geschäfts. Ich zweifle nicht, daß der Gouverneur, dem die
ganze Regierung in Cuba obliegt, dem von Madrid aus die strengsten
Instructionen zur Abschaffung von Mißbräuchen ertheilt worden sind,
nach Lesung jenes Berichts den Nutzen für die Regierung daraus gezogen
hat und gewiß sehr bald etwas thun wird. Dies darf ich wohl aus seinem
Benehmen folgern. Nachdem er nämlich einen schriftlichen Aufsatz über
Vereinfachung und Verbesserung der Douanen von mir verlangt und ich
seinen Wunsch erfüllt hatte, fand dieser Aufsatz in seinem Hute Platz,
wohin, wie mir gesagt wurde, alle schriftlichen Eingaben kommen, welche
seine besondere Aufmerksamkeit rege machen.

Eilf bis zwölf Millionen, sagte der junge Spanier, werden jährlich
veruntreut. Sehr viel! Unglaublich! dürfte mancher Leser denken.
Wogegen ich behaupte: nicht viel! wenn man hiermit die Diebereien
vergleicht, welche sich die dortigen Commissionaire gegen ihre
europäischen Handelsverbündeten erlauben. Zur nähern Beleuchtung
dieser Behauptung will ich die Mantelstoffe zum Thema nehmen und klar
beweisen, wie viel die beiden Commissionaire Moyer und Dakin dabei
geschluckt haben.

                                               Piaster  Realen

    Moyer nimmt von mir eine Summe von           50       2
    wofür er angeblich 2 Procent vom Werth
    Strafzoll erlegen mußte, weil die darüber
    sprechende Factura zu spät eintraf.[B]

    Dakin nimmt für dieselbe Waare an
    Kriegssteuer                                 34       -

    Für Geschenk an den Douanier wegen
    Erlassung der Strafe, wie früher erwähnt    102       -

    Für Steuer à 1 Real pro Vara                138       1

    Für die Provision                            42       1

    Für andere Packhofsgebühren (wie billig!)    19       3½
                                               ----------------
    Ich zahlte mithin für eine Parthie Waaren,
    wofür ich 1241 Piaster ausgezahlt erhielt,
    wie nebenstehend                            485       7½

obgleich die Commissionaire gemäß der Bescheinigung des Ober-Tribunals
gar nichts bezahlt hatten, und somit floß diese ganze Summe in
die Tasche der Commissionaire. Dies beweist mithin meine frühere
Behauptung, daß man mit Zurechnung der Spesen von Europa bei Sendungen
nach Westindien stets auf 50 Procent Unkosten gefaßt sein muß.

Jetzt bleibt mir noch zu beweisen übrig, wie hoch sich die von Moyer
in Rechnung gestellten Zölle belaufen und wie viel er nach der
Bescheinigung des Tribunals davon für sich erbeutet hat.

                                                Piaster  Realen
    Was er mir berechnete, beläuft sich
    auf nicht mehr und nicht weniger, gemäß
    dessen eigenhändig unterzeichneten Rechnungen  291    3½

    Und wie viel hat er nach der Bescheinigung
    des Tribunals für jene benannte
    Summe bezahlt? Auch nicht mehr und
    nicht weniger als                               58    4½
                                                  --------------
    Er kürzte mithin die Revenuen der Regierung
    um                                             232    8

Es ist jetzt noch meine Schuldigkeit, zu beweisen, daß es nicht allein
in Havana, nein! daß es, wie ich behauptet habe, in ganz Westindien
in dieser Hinsicht nicht besser ist. Zu diesem Endzweck und zur
Einsicht für jeden nach der neuen Welt Handelslustigen will ich eine
Verkaufs-Rechnung über 450 Stück Kattun nach Mexico über Vera-Cruz im
Belauf von 4500 Piaster des wirklichen Verkauf-Preises liefern. Sie ist
wie folgt:

            +¾ Vara breite Kattune.+

    10 Ballen à 45 Stück in jedem Ballen, à 10 Piaster jedes
    Stück                                               4500

            +Unkosten in Vera-Cruz.+

    Seefracht                                28    -
    Seezoll 12,600 Yd. oder 13,608 Vara
    mit 8 Proc.                            1701
    Internation           à 10¾     -       283    4
    Vermehrung            à  3½     -        56    5
    Introduction etc.                        35    -
    H. M. Gebühren                            2    4
                                           ----------
                                           2106    5
          Prämie 4 Procent                   84    2
                                           ----------
                                           2190    7

                            Transport      4500    -
          Transport          2140    7
    Landfracht                110    -
    Alkials 16⅔ Procent       283    4
    Kleine Kosten und Porto’s   6    4
    Courtage        ½   -  }
    Del credere    2½   -  }  180    -
    Lagermiethe    1½   -  }
    Provision      7½   -     337    4
                                           3108    3
                                          -----------
    Verbliebe mithin für den Versender ein
    reines Provenue wie zeigt von Piaster  1391    5

Nach diesen klaren Aufstellungen werden es die geehrten Leser natürlich
finden, daß mein Haß gegen die hiesigen Commissionaire einen guten
Grund hatte und nach dieser Erfahrung noch stärker wurde, so daß ich
ihnen ohne Rückhalt sagte: „ihr seid Diebe!“ Hierüber wurde ich von
Mehreren zur Rede gestellt, besonders aber von einem in Bordeaux
geborenen Deutschen, dem Compagnon eines angesehenen Spaniers und einem
Schottländer N.. Der Erstere meinte, der Europäische Kaufmann könne
nichts dagegen haben, wenn sich die hiesigen beim Zollamte Vortheile
zu verschaffen wissen und Jener sei nicht berechtigt, Ansprüche auf
einen Theil der ersparten Summe zu machen, weil das hiesige Haus das
Risico des Verlustes habe und den Werth der Waaren nöthigenfalls dem
Europäer ersetzen müßte. Meine Erwiederung war, daß der Europäer unter
den jetzigen Umständen, d. h. wenn Alles glücklich geht, nie mehr als
die Hälfte vom Werth seiner Güter zurückerhält, daß er aber, wenn die
Waaren fortgenommen würden, ganz gewiß gar nichts erhalten würde.

Der Schottländer N.. meinte, daß ich diese Behauptung in Hinsicht
der Deutschen, aber nicht der Engländer hätte aufstellen sollen,
weil die Deutschen ohne Ausnahme mehr Neigung für das Metier der
Schmuggelei hätten, als irgend eine andere Nation. Er drohte, auf
meinen Reisepaß Beschlag zu legen, versicherte mir, daß ich in den
ersten 12 Jahren nicht von der Insel fortkommen würde, er habe bereits
die Unterschriften mehrerer Kaufleute gesammelt, um ein Gesuch zu
diesem Endzweck einzureichen. Ich nannte ihm Mehrere, an die er sich
hauptsächlich mit gutem Erfolge wenden könnte und blieb ganz ruhig
dabei, da der Gouverneur meine Meinung theilte und auf meiner Seite
war. Sehr bald erhielt ich denn auch meinen preußischen Cabinets-Paß
aus den Händen des Gouverneurs, von ihm selbst visirt und gratis (er
kostet sonst 6-8 Piaster). -- Meine Bekanntschaft mit dem Gouverneur
war bald stadtkundig geworden; die Deutschen zogen jetzt andere Saiten
auf und fingen an, mich mit mehr Artigkeit zu behandeln, woran mir
eigentlich wenig gelegen war.

Früher aber hatten sich die Commis in der Restauration belle Europe
zurückgezogen, wobei der Wirth natürlich sehr viel verlor, denn alle
seine theuren Sächelchen, als da war: saurer Moselwein, welcher von
den deutschen Commis als Schloß-Johannisberger getrunken und bezahlt
wurde, seine von Frankreich eingegangenen Forellen und grünen Erbsen,
welche letztere in Havana nur aufgewärmt wurden und wovon die kleinste
Portion, so wie auch von den Forellen 1½ bis 2 Piaster kostete: alle
diese schönen Dinge sahen jetzt nach dem Ausbleiben der Deutschen
ihrem Untergang entgegen. Mit diesen Erbsen wird nicht selten Jemand
angeführt, was auch mir passirte, -- ein Vorfall, den ich des Scherzes
halber erzählen will.

Als ich nämlich eines Tages in der genannten Restauration zum
Mittagsessen kam, fand ich keinen Platz und war schon im Begriff,
fortzugehen, als mich ein Commis einer meiner Commissionaire zum
Bleiben aufforderte; sie rückten zusammen und ich setzte mich. Er
beorderte eben grüne Erbsen als Gemüse für sich und fragte mich, ob
er auch für mich dieses vortreffliche Gericht bestellen solle. Ich
ersuchte ihn darum, in der Meinung, daß es eingeborene Havaneser wären,
da die gewöhnlichen Gemüse hier stets auf den Märkten angetroffen
werden. Wie erstaunte ich, als mir die Rechnung gereicht wurde und ich
diese in Frankreich vor vielleicht vier Jahren zubereiteten Erbsen
mit 1½ Piaster aufgeführt fand. Anfänglich glaubte ich, daß die
jungen Leute, die sich, wie alle Deutsche, wegen meiner eingezogenen
ökonomischen Lebensweise moquirten, den Aufwärter zu einem Scherz
bewogen hätten. „Nein, nein!“ fiel einer der Leckermäuler ein, als
ich dies äußerte, „kein Scherz! diese in Frankreich zubereitete
Délices kostet so viel, und wir finden es so billig, daß wir sie jeden
Abend als Souper genießen“ -- wobei er einen langen Sermon über die
chemische Processe beim Einkochen u. s. w. anknüpfte. Ich erwiederte
ihm kurz, daß Commis, deren Herren 25,000 Cigarren für 2000 Thlr. an
Zahlungsstatt geben, freilich 1½ Piaster für drei Löffel voll grüner
Erbsen auszugeben im Stande seien, ein ehrlichdenkender Deutscher aber
könne dies nicht. Er erwiederte, diese Behauptung sollte ich auf der
Gerichtsstube verantworten; ich aber bezahlte 1½ Piaster für ein
aufgewärmtes Gemüse, welches ich frisch für ein Real hätte genießen
können und ging weg.

Auf solche Weise werfen die Deutschen mit dem Gelde um sich, was wir
europäische Deutsche verlieren, weshalb man mit Recht sagen kann: hier
ist des Deutschen Feind der Deutsche. Sie sind in keiner Hinsicht
mit andern Nationen, am wenigsten aber mit den dortigen Franzosen zu
vergleichen, welche ihre Landsleute ohne Ausnahme mit Herzlichkeit
empfangen, bei jeder Gelegenheit ihnen thätig zur Hand gehen und die
bedrängten unterstützen. Man hat Beispiele, daß Franzosen, welche sich
auf Waarenspekulationen nach Westindien eingelassen hatten und dadurch
fast ruinirt wurden, sich durch Hülfe ihrer dort etablirten Landsleute
wieder erholten, indem diese Artikel von ihnen kauften, wobei sie
bedeutend verloren, um jene aus der Noth zu befreien, oder um ihnen
zur Rückkehr nach dem Vaterlande behülflich zu sein. In Legionen sieht
man die Franzosen in Westindien herumziehen, die Alle in der Absicht
hinkommen, ihr Glück zu machen. Niemand will dort weniger als 40,000
Piaster ärndten.

Welch ein Contrast bildet dies Benehmen mit dem der Deutschen daselbst;
da ist nichts von Herzlichkeit und Patriotismus zu finden; Geld! ist
das Losungswort und die Parole bei ihren Manövern und bei allem ihrem
Thun und Treiben. Deshalb werden denn auch alle Artikel, in welchen
die deutschen Fabrikanten Meister sind, den dort umherschwärmenden
englischen Reisenden zum Copiren gegeben. „Mischen Sie die Waare
mit Baumwolle,“ sprechen sie, „machen Sie dieselbe schmäler, auch
allenfalls von kürzerem Maaße, nur copiren Sie treu die Appretur und
das Zeichen; für das Uebrige werden wir sorgen.“ Der Reisende kennt
seine Pappenheimer; er weiß, daß die Commissionaire in Havana weniger
Kenntnisse im Waarenfache besitzen, als die Leipziger oder Berliner
Dienstmädchen, und versichert ihnen daher, wenn sein Prinzipal die
bestellte Quantität doppelt schickt, diese Parthie sei das Non plus
Ultra! „Sehen Sie,“ sagt er, „Alles dieses hier, was Sie in dem Zeuge
sehen, ist von leinenem Garn gemacht“ und der Commissionair -- was kann
er auch bei seiner Unwissenheit anders thun? -- schenkt ihm Glauben.
Das Höchste, was er noch thut, ist, daß er seine Legion bepantoffelter
Commis und cigarrenrauchender Portiers, Neger und Trabanten herbeiruft,
damit sie sich von der Vortrefflichkeit der englischen Copieen
überzeugen und den herrlichen Einfall ihres Herrn und Meisters
bewundern. Indeß, was ist der Erfolg? Die Havaneser kaufen diese
Creasse, Platillien etc., die aus einem durch Maschinen zerstampften
Flachse, mit Baumwolle vermischt, verfertigt sind, natürlicher Weise
zu einem viel geringern Preise, als die deutschen Waaren derselben
Art verkauft werden können, und die letztern bleiben liegen. Erst im
Gebrauch bemerkt der Käufer, daß er hintergangen worden ist, indem die
gepriesenen wohlfeilen englischen Stoffe über alles Erwarten rasch
zerrissen sind. Unterdeß haben die Commissionaire ihren Endzweck
erreicht: sie haben eine doppelte Quantität Waaren in Commission
erhalten, sie verdienen die doppelte Summe von Provision und können
demzufolge doppelte Portionen von den in Frankreich präparirten grünen
Erbsen und von den theuern Forellen u. s. w. essen.

Einst hatte ich Gelegenheit, einem Commissionair, und zwar einem sehr
erprobten, zu widerlegen, da er sich wegen der Nachlässigkeit der
deutschen Fabrikanten beschwerte, welche, wie er meinte, nicht mit der
Zeit fortgingen und von Engländern sich vordrängen ließen; ich bewies
ihm, daß alle deutschen Leinen den englischen vorzuziehen seien, weil
der von der Natur im Flachs erzeugte Faden nicht zerstampft, sondern
unversehrt in den Stoff eingewebt wird u. s. w.

Wenn ich den geneigten Leser mit der weitläuftigen Erzählung meiner
eigenen Angelegenheiten so lange hingehalten und vielleicht ermüdet
habe, so bitte ich um Verzeihung und glaube, einige Ansprüche auf
dieselbe zu haben. Da Behauptungen Beweise erfordern und diese nur dann
als triftig gelten können, wenn sie sich auf bestimmte Erfahrungen
stützen, so mußte ich diese ausführlich mittheilen. Es wird mich nicht
gereuen, dieselben auf meine Unkosten theuer erworben und bezahlt zu
haben, wenn die Saat, die ich hier zum Nutzen des europäischen Handels
ausstreue, auch wirklich aufgeht und Früchte trägt. Zum Beschluß
will ich, ehe ich zu Gegenständen anderer Art übergehe, Einiges über
Meta-Geschäfte von dort auf Europa anführen, ein Gegenstand, der
besondere Berücksichtigung verdient.

Meta-Geschäfte nenne ich solche, bei welchen gewöhnlich drei
Unternehmer interessirt sind, nämlich: ein Schiffseigenthümer, ein
hamburger, bremer etc. Kaufmann, und endlich ein havanesischer
Commissionair. Diese contrahirenden Personen verbinden sich mit der
Ueberzeugung, daß Einer über den Andern so viel Vortheile als möglich
erringen wird. Der Schiffseigenthümer liegt in Havana und kann für sein
Schiff nur Fracht à 2 L. Sterl. pro Tonne finden, und doch möchte er 3
L. Sterl. 10 Sh. bis 3 L. Sterl. 15 Sh. bedingen. Wie wäre es, spricht
er jetzt, wenn ich mein Schiff mit Caffee oder Zucker für den letztern
Frachtpreis belüde? Ein Commissionair findet sich hierzu bereit, wenn
der Rheder den dritten Theil der Ladung für seine Rechnung auf Gewinn
oder Verlust übernehmen will, was dieser annimmt. -- Der Commissionair
schafft die Quantität zum Beladen an und findet vielleicht unterdessen
Einige, die zu dieser enorm hohen Fracht beiladen, wodurch denn
natürlich schon ein Gewinn für die drei Interessenten entsteht. Für
den Commissionair, der unter der Firma Spanische Regierung Europäer
et Comp. dieses Geschäft entrirt, muß unbedingt ein gewisser Gewinn
bei solchen Geschäften erzeugt werden, denn er hat Provision für den
Einkauf, den Rabatt, welchen die mit Maulthieren zum Anfahren der Güter
beschäftigten Fuhrleute ihm erlauben (indem er nämlich das Fuhrlohn
ganz in Rechnung stellt); er hat ferner die Sporteln, welche er sich
beim Ausgangs-Zoll zu verschaffen weiß, so wie auch die Provision und
anderen Sporteln auf die Waaren, die er für die europäischen verkauften
Waaren, welche durch den Antheil dieser Ladung bezahlt werden, sich
zu machen verstand, und endlich die Provision auf die Waaren, welche
nach dem Verkauf des Zuckers an Zahlungsstatt nach Havana befördert
werden. Der Europäer hingegen entschädigt sich durch Provisionen für
die eingegangenen Colonial- und ausgehenden Manufactur-Waaren. Somit
muß sich Einer auf Unkosten des Andern zufriedenstellen. Gern möchte
ich einmal die Abrechnung von einem solchen Geschäft sehen, um die
Erfahrung zu machen, wie viel den deutschen Fabrikanten von ihrem
Capital, welches sie den Bremern oder Hamburgern in Waaren gegen
Vorschuß zum Versenden nach Havana übergeben haben, übrig bleibt!

Manche sind der irrigen Meinung, Waaren von Westindien seien Retouren,
und deshalb müsse man daran verlieren. Wenn es jeder Europäer dem
westindischen Commissionair zur Pflicht machte, keine anderen Retouren
als Wechsel auf London oder Paris zu überschicken, so würden keine
Colonial-Waaren zu einem so niedrigen Preise herabsinken, als man
täglich erfährt. Tauschhandel findet in ganz Westindien nicht statt;
es können demzufolge keine anderen Retouren als baares Geld existiren.
Colonial-Waaren müssen stets für baares Geld eingekauft werden und
selbst, wenn sie Jemand mit Salomonischer Weisheit einkaufte, so
müßte er, glaube ich, daran verlieren: ich habe in diesem Punkte eine
Erfahrung an einer Parthie Caffee gemacht, auf welche ich in Havana
verdienen konnte, in Europa hingegen verlieren soll.

Die Nordamerikaner sind, meiner Ueberzeugung nach, die einzigen, welche
Geschäfte von Westindien nach ihren Staaten mit Nutzen betreiben
können, weil beide so nahe Nachbarn sind und jene häufig ihre Einkäufe
mit einem hübschen Gewinn realisirt haben, während ähnliche, zu
derselben Zeit auf Europa unternommene Spekulationen noch erst am
Anfange stehen und die Schiffs-Capitaine dorthin noch kaum zur Hälfte
mit dem Einladen fertig sind.

Sieht man hierselbst die Anzahl von Geschäftsleuten, insbesondere von
Einkäufern aus den V. S., die tagtäglich in Massen ankommen, so muß es
jedem Unbefangenen bald klar werden, daß die Preise von allen hiesigen
Erzeugnissen sehr hoch sein müssen, und auf Europa nicht Rechnung geben
können. Der amerikanische Einkäufer bedient sich wohlweislich der
amerikanischen oder spanischen Commissionaire, mit denen er jedoch vor
dem Abschluß hinsichtlich der Provision eine Uebereinkunft trifft und
sehr selten mehr als 1¼ Procent accordirt. Fragt man den Deutschen,
warum er nicht auch so billig arbeite, so erhält man zur Antwort: „weil
wir nicht, den Creolen gleich, Hülsenfrüchte essen und Catalonische
Weine trinken wollen.“ Der Verkehr mit den V. S. ist in Havana so
bedeutend, daß jede Woche aus jedem Hafen derselben ein bis zwei, ein-
und eben so viele von Havana auslaufen.

Für Havana allein brachten diese Schiffe im abgewichenen Jahre
125-130,000 Fässer Mehl, d. h. so viele erlegten den Zoll; man kann
eine bedeutende Anzahl geschmuggelter hinzunehmen; die Einfuhr auf
Matanzes und St. Jago ist mir unbekannt. Dessenungeachtet fehlte es
einmal während meiner Anwesenheit in Havana wegen der widrigen Winde,
welche die Schiffe am Einlaufen verhinderten, dermaßen an Mehl, daß
keiner von den Bäckern mehrere Tage hindurch Brod zum Verkauf hatte
und man zu den Schiffs-Zwiebacken seine Zuflucht nehmen mußte. Ein
Schiff, welches in dieser bedrängten Zeit einlief, machte einen Preis
von 32 Piaster pro Faß, der sich jedoch nur einige Tage behauptete,
denn unmittelbar darauf kam so vieles Mehl an, daß die Preise in
wenigen Tagen von 32 Piaster auf 18 herabsanken. Rindfleisch wird auf
Cuba nur von Montevideo, in Friedenszeiten aber auch von Buenos-Ayres
eingeführt; es langen etwa 100 Ladungen an. Es wird dort gesalzen und
in der Sonne getrocknet, riecht nicht angenehm und ist nicht allein für
den Neger bestimmt, sondern auch für den Ausländer; ist mir selbst doch
sehr oft in den Restaurationen ein daraus zubereitetes Steak gereicht
worden, allein mir kam es stets ungenießbar vor.

Bei dieser Gelegenheit will ich dem geneigten Leser zur Uebersicht
eine kleine Tabelle von den wichtigsten, aus den V. S. in Havana
eingeführten Lebensmitteln vorlegen; merkwürdig ist hierbei die
Quantität flüssiger Fettwaaren.

    389796 Arrobas Reis, die Arroba à 25 Pfund 9,744900
     12498    -  Butter     -         25   -     312450
    261097    -  Schweineschmalz oder          6,527425
    101842 Pfund Oel in Fässern                  101842
    248392 Flaschen dito à 2 Pfund               496784

Diese Quantitäten sind es, die den gesetzlichen Zoll erlegt haben;
außerdem kommt noch in Betracht die Quantität Butter, welche
Capitaine für ihre eigene Rechnung mitbringen, womit sie den Zoll zu
umgehen wissen, so wie auch die Quantität Rindsfett von den auf Cuba
geschlachteten Thieren, welche den Fettwaaren angereiht zu werden
verdienen.

Geht schon aus diesem kleinen Verzeichniß die Wichtigkeit Cubas für
die V. S. hervor, so stellt sich dieselbe doch noch mehr heraus, wenn
man auch folgende Artikel hinzurechnet, die auf Cuba, wegen Mangel an
Menschen nicht verfertigt werden, nämlich: das Holz, aus welchem die
750,000 Kisten zum Verpacken des auf Cuba erzeugten Zuckers gemacht
werden, wofür der Producent dieses Artikels 3½ Piaster für jede vom
Käufer wieder erhält; ferner die Masse Schweinefleisch, Lichter,
Aepfel-Champagner, Knoblauch und Zwiebeln, von welchen ganze Ladungen
anlangen; Stühle, Bänke, Tische, kurz Alles, was in den Häusern nöthig
ist. Für alles dieses fließen den Amerikanern von Cuba ungeheure
Summen zu, welche jedoch sehr oft nicht zureichen, den Belauf der von
den Amerikanern aus Cuba bezogenen Artikel, als: Tabacke, Cigarren,
Caffee, Melasse, Branntweine, Zucker, Früchte etc. zu decken. Es giebt
sehr oft in Havana so viele Wechsel auf alle Handelsplätze in den
V. S., daß den Käufern oder Abnehmern freiwillig eine Prämie von 3,
zuweilen gar 4½ Procent angeboten wird. Bei diesen Umständen und bei
solchen Gelegenheiten könnten die deutschen Commissionaire freilich
sehr zum Nutzen ihrer Freunde in Europa agiren, wenn sie nämlich statt
Colonial-Waaren Wechsel auf New-York für dieselben kaufen wollten und
von dort auf London Wechsel anschaffen ließen. Allein dies geschieht
nie; jeder deutsche Commissionair, welchem Credit in London zu Gebote
steht, schickt seinem europäischen Freunde seine von ihm selbst auf
London gezogenen Wechsel als Rimessen und berechnet die in Havana
statt findende Prämie, welche gewöhnlich mehrere Procente höher, wie
die in New-York ist. Es ist demnach mit Gewißheit anzunehmen, daß der
deutsche Commissionair in Havana neben den 2½ Procent, welche er für
die Anschaffung von Rimessen dem Europäer in Rechnung stellt, durch
jene Operation noch 3-4 Procent verdient.


                              ~Ueber die
                        Feste und Vergnügungen~
                                  der
                              Havaneser.

„Heute nimmt der Carneval seinen Anfang!“ sagte meine Wirthin, als
ich eines Morgens aus meiner Arche in ihr Zimmer trat, um mich zu
einem Spaziergange an der Seeküste wegzubegeben; „heute,“ fuhr sie
fort, indem sie eben Caffee schlürfte,[C] „müssen Sie sich einmal
ganz dem Vergnügen hingeben, denn bis jetzt haben Sie wenig oder
gar nicht gelebt.“ Während dessen vernimmt sie das Ausschreien von
Lotterie-Loosen durch einen hausirenden Collecteur. Wie der Blitz war
sie zur Hausthür hin, welche zugleich die Thüre ihres Visiten-Zimmers
ausmachte, mit der einen Hand dieselbe öffnend, mit der andern
die Tasse Caffee haltend, „vielleicht -- ja“ aussprechend, um ihr
Schärflein zu diesen Regierungs-Revenuen beizusteuern. Die Nummern
der Loose wurden sorgfältig durchgesehen und gemustert und ein
Viertel-Loos in Gemeinschaft mit einem zufällig anwesenden jungen
Franzosen gekauft. Von derselben Nummer hatte der Collecteur noch ein
anderes Viertel, welches zu nehmen sie mich persuadiren wollte; da
ich indessen diese Lotterie, wegen der unverhältnißmäßigen Anzahl der
Nieten zu den Gewinnen haßte, so schlug ich es ab. Zufällig kaufte es
der zum Frühstück nach Hause gehende Sohn meiner Wirthin und sonderbar
genug, daß dieselbe Nummer in wenigen Tagen die höchste Prämie von
25,000 Piaster erhielt. Es wäre freilich ein erfreuender Carneval für
meine Finanzen gewesen, sagte ich, als mir die Liste und das Loos beim
Frühstück gezeigt wurde, allein sein Sie überzeugt, daß, wäre ich
Inhaber dieses Looses gewesen, Sie nichts gewonnen hätten, weil Fortuna
die einzige im Frauengeschlecht ist, welche mir, da mein eiserner Fleiß
ihren Gnadenbezeugungen stets getrotzt hat, stets entgegen trat und
mich zum Hasser des schönen Geschlechts hätte machen können, wenn ich
es nicht wegen der so vielen guten Eigenschaften so tief verehrte. Und
dennoch ein Hagestolz? fragt vielleicht eine geehrte Leserin. Ja, meine
Schöne, würde ich antworten, Hagestolz und zwar aus dem Grunde, weil
ich täglich neue Bekanntschaften unter Ihrem Geschlecht und täglich
bessere Eigenschaften zu entdecken Glück und Gelegenheit hatte, so daß
ich die vollkommenste Frau aufzufinden mich entschloß und bei diesem
Suchen ergraut bin, wodurch mir denn nur Ansprüche auf Ihren Geist,
aber keine auf Ihre Herzen übrig geblieben sind.

Als ich beim Fortgehen vom Hause über die Worte der Wirthin
reflektirte, daß ich mich dem Vergnügen hingeben müsse, dachte ich bei
mir selbst: worin kann und soll denn ein Mann in deinem Alter Vergnügen
finden? Sollst du noch mehr thun, als anständig leben und dich kleiden?
was allein schon in Havana Einem schwer wird. -- Aber es ist ja
Carneval, dachte ich; du mußt also versuchen, auf die in diesem Lande
übliche Weise das Geld todtzuschlagen.

Zuerst also beschloß ich, von meiner Gewohnheit abzuweichen und ein
großes Frühstück einzunehmen. Du mußt deinem Gaumen den Carneval
durch Austern kund thun, dachte ich und ging demzufolge nach einem
mit Zugwinde versehenen Lokale. Durch die Dienstfertigkeit der
cigarrenrauchenden Marqueurs stand bald eine Portion Austern auf meinem
Tisch, an welchem sich mehrere junge Herren in derselben Absicht
befanden. Ich beguckte diese so wie die mir vorgesetzten Austern und,
sonderbar genug! es erging mir mit den Austern nicht besser, wie mit
den Herren; eben so wenig als ich wegen der großen Backenbärte die
Gesichter der letztern zu beurtheilen im Stande war, eben so wenig
wollte es mir gelingen, die wirklichen Austern aus dem Bart und aus den
Schalen herauszufinden. -- Ich bezahlte ¾ Piaster für dieses frugale
große en miniature aufgetragene Frühstück und dies war gut -- für? --
den Wirth.

Durch den vermeinten Austernschmaus war mein Appetit rege geworden,
allein er verging mir bald wieder, als ich mich gegen Mittag der
belle Europe näherte, als ich im Entree die verschiedenen Gerüche von
Lampenöl, Knoblauch u. s. w., womit die Speisen zubereitet worden,
einathmete, als ich das Reinigen der Messer und Gabeln von Seiten eines
Negers sah. Der Oberkellner war damit beschäftigt, aus den Neigen der
in verschiedenen Flaschen vom Abend zuvor übrig gebliebenen Weine,
durch Zusammenschütten volle Flaschen zu erzeugen. In Havana nämlich
ist es gebräuchlich, daß vor jedem der Couverte eine volle Flasche,
d. h. ¾ Flasche steht; es wird jedoch nur so viel dafür bezahlt als
daraus getrunken ist und mit den Neigen wird dann der erwähnte Prozeß
vorgenommen, denn von ihnen gilt das, was in Wallensteins Lager der
Rekrut mit zerrissenen Kleidern spricht:

    Stellt mich morgen in Reih’ und Glied dar,
    Wer sieht mir’s an, was ich gestern war!

Ich nun bekam auch ein solches Mixtum-Compositum von Catalonischen und
Französischen Weinen, ein Steak aus dem Fleisch von Montevideo und
gesäuertes,[D] mit Schweineschmalz gebackenes Brod und eine Flasche des
allerbesten, vor vielleicht vier Wochen eingesammelten Regenwassers,
unfiltrirt: wofür ich etwa 1 Thlr. bezahlte; wieder gut für die belle
Europe, von deren Schönheit ich kein Anbeter war.

Nach dem Mittagsessen entschloß ich mich, einen Spanier, der mich
zum Caffee eingeladen hatte, aufzusuchen, welches hier, da es keine
Wohnungs-Anzeiger giebt, die Namen der Hausbesitzer auch nicht an
den Thüren gefunden werden, eine sehr schwierige Aufgabe ist; die
Kaufleute haben sogar keine Firma; die Läden haben wie in den deutschen
Badeörtern ihre eigene Benennung als: der Hirsch, die blaue Kuh,
Columbus etc. Erst nach langem Suchen fand ich meinen Spanier, der
mich mit seinen beiden funfzehn- und eilfjährigen Töchtern, die mit
ihren brennenden Cigaro’s da saßen, erwarteten. -- Als der Caffee
servirt wurde, fand ich in den kleinen Unterschalen zu meinem Erstaunen
statt der Theelöffel sehr große und schwere Suppenlöffel die mich
einigermaßen genirten. Indeß sah ich denn doch, daß die Suppenlöffel,
die hier in großen Vorräthen bei den Silberschmieden aufgehäuft liegen,
eine Bestimmung haben, denn die Suppen sind in Havana so kompakt,
daß sie mit dem Messer verzehrt werden können. -- Es wurde viel
Caffee getrunken und eben so viel von allen Seiten Cigarren geraucht,
wobei ich mich an der Virtuosität der jungen höchst liebenswürdigen
Spanierinnen ergötzte, während ich mich, wie jene, in einem von den
Schaukelstühlen wiegte. -- So wurde der erste Carnevalstag auf eine
comfortable Weise todtgeschlagen, bis ich um neun Uhr in meine Arche
zurückkehrte.

Um dem Willen meiner Wirthin nach Vermögen nachzukommen, wandte ich am
andern Morgen zunächst meine Aufmerksamkeit einem bessern Essen zu, was
doch auch mit zu einer vergnüglichen Existenz gehört. Was wir Europäer
unter: Gut essen verstehen, das konnte, wie ich aus meinen bisherigen
Erfahrungen wußte, nicht gut in Havana möglich gemacht werden. Durften
doch selbst bei meinem Commissionair, dem Fleisch-Inhaber, unter den
vielen Schüsseln die besten nicht angetastet werden, weil sie für
seine außer dem Hause wohnende Maitresse bestimmt waren; den Gästen
wurden sie nur gezeigt und dann fortgetragen, wobei es sich glücklich
ereignete, daß keine neugierigen Eva’s-Töchter zugegen waren. Ich indeß
wünschte nur einen Tisch zu finden, auf welchen genießbare Speisen
aufgetragen würden und berieth mich deshalb mit einem Franzosen. Dieser
wies mir das Haus einer Französin an, woselbst ich für 30 Piaster pro
Monat recht gut und zugleich in angenehmer Gesellschaft diniren und
frühstücken könnte.

Ich begab mich nach diesem Hause. Eine der Hauptzierden des
Tisches war ein Bocksbraten, incognito, unter dem Namen Mouton in
Knoblauchs-Uniform, um nicht verrathen zu werden. Das Dessert bestand
aus vielen Kuchenarten und eingemachten Früchten; aus den erstern blies
Jeder, bevor er sie genoß, die Ameisen und andere artige Insekten;[E]
die Gesellschaft war angenehm, die Dienerschaft zeigte viel Gehorsam
und besondere Aufmerksamkeit für die Gäste; man hatte sogar für
einige Knaben und Mädchen gesorgt, die, da es gerade sehr heiß war,
durch Eventails die Hitze der Mitspeisenden weniger fühlbar zu machen
suchten; nur hätte man auch auf reinliche Wäsche und Kleider derselben
sehen sollen. Am folgenden Morgen sollte ich erklären, ob ich, wie mein
Freund, für die Dauer Abonnent sein wollte. Ich wollte jedoch zuvor zu
einer ähnlichen Maßregel schreiten, als wenn ich mit Hauderern reisen
wollte; wie ich dann zuerst die Pferde und Wagen mir besah, so wollte
ich jetzt die Küche etwas ansehen.

Ueber dieselbe etwas Näheres zu berichten, würde überflüssig sein,
wenn die Leser mit der chirurgischen Operation bekannt geworden
sind, die ich hier wahrnahm. Ich fand nämlich eine Negerköchin in
einer solchen begriffen, indem sie einen etwa dreijährigen Knaben
von einer hartnäckigen Obstruction befreien wollte. Da sie jedoch
während dieses wichtigen Geschäftes durch das Ueberkochen eines
Fricassés zur Kastrolle abgerufen wurde, so legte sie rasch das
chirurgische Instrument nieder und lief ohne Weiteres zur Kastrolle,
um dort die nöthigen Operationen vorzunehmen. Nachdem ich diese
saubere Carnevals-Scene gesehen, beschloß ich sofort, eine für mich
befriedigendere Carnevals-Speise aufzusuchen und dies gelang mir denn
auch bald in einem Gasthof ohne Zeichen, dessen Wirthin, Madame Henry,
eine gefällige Amerikanerin ist. Sie giebt für einen Piaster ein gutes
Mittagessen und ausnahmsweise auch von dem für sich ohne Sauerteig und
Schweinefett gebackenen Brode. Der Wein nur hatte hier, wie überall in
der neuen Welt, chemische Processe zu ertragen gehabt. Hinsichtlich
der Küchen-Revisionen dachte ich aber jetzt, wie Gellert in seinen
Briefen von den Landkutschen: „Einmal in der Landkutsche gefahren und
nie wieder.“

Nachdem ich meinen Magen so ziemlich versorgt wußte, fing ich an,
Nahrungsstoffe für den Geist aufzusuchen. Das Erste für die Havaneser
in dieser Beziehung ist das Stiergefecht. Das Lokal zum Martern dieser
Thiere befindet sich auf der andern Seite des Flusses in einem kleinen
Orte, Redler genannt, dessen wohlhabende Bewohner viele Geschäfte
mit Wachs und Honig treiben. Um dieses schauderhafte Vergnügen zu
genießen, bezahlt man 6 Realen (etwas mehr als 1 Rthlr). Es befanden
sich an jenem Tage gegen 2-3000 Zuschauer im Circus, der in Betreff
der Baukunst nichts Angenehmes darbietet. Die Stiere befinden sich in
den Händen des Gouverneurs, weshalb das Schauspiel erst nach dessen
oder seines Deputirten Ankunft seinen Anfang nimmt. Sobald diese hohe
Person erschienen ist, tritt der Direktor in alt-spanischem Costüme
unter die Loge, aus welcher ihm die Schlüssel des Ankleide-Zimmers der
stierkämpfenden Schauspieler herabgeworfen werden; er nimmt dieselben
mit einer tiefen Verneigung in Empfang und öffnet sogleich die Thür,
um eine der Bestien herauszutreiben. Muthig zeigt sich nun der erste
dem in Leinen gekleideten Publikum, (denn unter allen Anwesenden
waren nicht 100 in Tuchröcken); dort stehen die Marterer mit den
Spießen, die sie den Thieren in die Ohren werfen müssen, damit sie
wüthend werden. Im Uebrigen ist die dabei statthabende Musik, welche
durch eine ungeheure Trommel, mehrere Posaunen, Trompeten und Becken
hervorgebracht und durch Neger geleitet wird, ganz geeignet, die Ochsen
zur Wuth zu reizen.

Wird der agirende Ochs nicht in den ersten fünf Minuten rasend,
so zischt ein großer Theil des Publikums und drückt sogar sein
Mißfallen durch Worte aus, um die hetzenden Diener, welche zu Pferde
oder auch zu Fuße mit Spießen, couleurten Fahnen, Tüchern etc. umher
rennen, anzutreiben. Diese aber haben ihre Schlupfwinkel und werden
oft, wenn sie in dieselben nicht rasch genug zu retiriren wissen,
getödtet. Das Pferd eines dieser reitenden Diener wurde an diesem
Tage so zugerichtet, daß die Eingeweide desselben wohl ¼ Elle
lang heraustraten und es sogleich niederfiel. Die Thiere werden bis
zum Niederstürzen gemartert; fallen sie, so tritt ein privilegirter
Henkersknecht mit einem langen Spieß heran und beendet das große Werk.
Als dies geschehen war, erschien ein Postzug von drei Pferden (in die
Länge gespannt) und der getödtete Stier wurde in vollem Trabe, unter
Jubelgeschrei und Beifallsklatschen der Anwesenden hinausgezogen. Und
sofort wird ein anderes Thier hinausgetrieben, um das Schicksal des
erstern zu haben. -- Die allermuthigsten werden gewöhnlich erst am
Ende auf den Kampfplatz gebracht. Der letzte war auch der glücklichste
von allen; trotz aller Mühe, welche man sich gab, ihn zum Stürzen zu
bringen, bestand er jede Probe, ja selbst die Feuerprobe; er wurde
nämlich in eine mit Feuerwerk gefüllte weibliche Figur hineingetrieben
und entkam der Gefahr, und unter Klatschen und Beifallrufen kehrte er
in seinen Stall zurück.

Nicht weit von Redler liegt ein kleiner Flecken, wo ein bedeutendes
Geschäft mit Melassen, einem Syrup, den man nicht wie in Europa beim
Raffiniren, sondern aus dem rohen Zucker gewinnt, getrieben wird.
Ueber die Art und Weise, wie das Produkt erzeugt wird, will ich
nichts anführen, indem ich voraussetze, daß Herr von Humboldt und
andere Gelehrte in ihren Abhandlungen über den Zuckerbau hierüber das
Wissenswertheste gesagt haben. Ich langte gerade in jenem Flecken an,
als der Inhalt eines Fasses, nach Freiheit strebend, den Boden des
Fasses zum Nachgeben gezwungen hatte und frei herauslief. Zwei Neger
waren sogleich bei der Hand, die Melasse zu sclavischem Gehorsam
zurückzuführen und beschäftigten sich damit, diesen flüssigen Stoff mit
ihren schwarzen Händen (weshalb es für das Urtheil des Profanen ungewiß
blieb, ob sie schmutzig waren oder nicht) vom Boden aufzuschöpfen und
einzugießen. Welch ein erfreuender Anblick, dachte ich, müßte diese
Operation für einen Nord-Amerikaner sein, welche beim Caffee oder Thee
zum Frühstück einen Pfannkuchen, in solchem Syrup getränkt, zu genießen
pflegen.

Von den Prozessionen, die ich hier gesehen, verdient zunächst die am
Carneval übliche angeführt zu werden, weil schon die Tendenz derselben
sehr lobenswerth ist, nämlich den Kranken und Schwachen, welche an
den Carnevals-Freuden Theil zu nehmen verhindert sind, Kunde davon zu
geben. Jeder Conditor und Bäcker nämlich hat Brod- und Kuchen-Arten
für den Zustand des Kranken, aber auch der Gesunden zubereitet,
welche aus ihren Wohnungen der vorüberziehenden Prozession auf großen
Präsentir-Tellern gereicht werden und Träger finden sich bald bereit,
um sich ihren Magen und den Hospitälern nützlich zu erzeigen. Auch wird
von den Spanierinnen Charpie in großen Quantitäten auf eben solchen
großen Präsentir-Tellern den bereitwilligen Trägern übergeben.

An demselben Tage bemerkte ich auch das Leichenbegängniß eines
Staatsdieners; ganz in prozessionsartigem Zuschnitte lag die Leiche
im offenen Sarge in vollem Ornate, mit den dieser Person gewordenen
Ehrenzeichen. Eine schlechte Anordnung in solchem heißen Lande! Gern
hätte ich auch den Leichenzug eines Havanesischen Kaiser Napoleon
mit beigewohnt, ein Kirchendiener nämlich, der wegen der täuschenden
Aehnlichkeit mit diesem großen Manne, sich eben so zu kleiden pflegte,
wie dieser. In jüngern Jahren soll er auch nach Europa gereist sein,
um die feinen Nuancen im Benehmen des Kaisers beobachten und copiren
zu können. Ich wurde aber durch Geschäfte abgehalten, der Beerdigung
desselben beizuwohnen und kann deshalb darüber nichts Näheres berichten.

Mit großen Lettern prangte heute auf den Theater-Zetteln, die im
allergrößten Formate an allen Straßenecken angeklebt waren, Rossini’s
beliebte Oper: der Barbier von Sevilla, im Opernhause, nur von
italienischen Künstlern ersten Ranges dargestellt, und präcise um
sechs Uhr befand ich mich zum ersten Male auf dem Wege nach dem
Opernhause. Da aber der liebe Gott die Tabacks-Produzenten unterdessen
mit einem lang erflehten Regen erfreut hatte, so war diese Reise
nicht ohne bedeutende Schwierigkeiten auszuführen, indem selbst die
Volanten nur mit Mühe durch den Lehm sich durcharbeiteten. Als ich
endlich unversehrt anlangte, zeigte mir das Gedränge an der Kasse
bald die Unmöglichkeit, eine Einlaßkarte lösen zu können, und schon
war ich im Begriff fortzugehen, als mir Jemand eine anbot zu sechs
Realen (1 Thlr.). Mein Erstaunen war nicht gering, als ich erfuhr, daß
diese sechs Realen bloß für die Erlaubniß ins Haus zu treten bezahlt
seien, daß ich, wenn ich einen Sitz haben wolle, noch 1½ Piaster
hinzuzulegen hätte, weil jeder einzelne Platz für 51 Piaster auf 24
Vorstellungen abonnirt sei. Da die Logenthüren stets offen bleiben,
fiel ein in kurzer Entfernung stehender Deutscher ein, würden Sie wohl
daran thun, sich an einer von den Logenthüren aufzuhalten, wenn Ihnen
das Stehen nicht zu lästig ist. Diesen Rath befolgte ich und er fand
sich auch als der erste vernünftige, der mir während meines Hierseins
von einem Deutschen ertheilt wurde.

Die Logen-Abonnenten langten successive an; an jeder Loge befand sich
ein gallonirter Neger als Begleiter und Beschützer der Frauen. Dieses
letztern Ausdruckes darf ich mich eigentlich nicht bedienen, weil
alle Damen ohne Kopfbedeckung erschienen und ich mithin nicht wissen
konnte, welche von ihnen unter die Haube gekommen war. Die Sänger waren
größtentheils +Invaliden+, wenn ich sie mit denen der großen
Londoner und Berliner Oper vergleiche. Es war kein +Rosinchen+
von französischem oder italienischem Weinstock, nein! es war eine
derbe von Malagaschen Trauben erzeugte Rosine, welche dessenungeachtet
derb gefiel; ein Nasen-Tenorist; ein mit hölzernem Spiel und ditto
Stimme begabter Figaro und alle übrigen Mitwirkenden ließen ihre Arme
und Beine für die Hauptsache sorgen. Die Chöre bemühten sich, einen
Galamathias zu schreien; der Musik-Direktor, ein Holtér von Geburt,
klopfte derb auf und machte es „holter“ recht. Das Orchester war brav,
indem es aus Musikern der dortigen Regimenter zusammengesetzt war.

Der Vorstellung und besonders des Stehens überdrüssig, sehnte ich
mich jetzt nach einem Sitz, wobei ich gestehen muß, daß, wäre ich
vielleicht 20 Jahre jünger gewesen, ich mich wegen der beiden höchst
liebenswürdigen Spanierinnen, hinter deren Sitz ich stand, zum ewigen
Stehen (NB. diesen Theater-Abend) würde bereit gefunden haben. Ich
bemerkte bald, daß der Inhaber des Erfrischungs-Saales vor dem in
demselben angebrachten Fenster mit Gittern stand und seinen Cigarr
schmauchte; von dort aus aber konnte man durch eine offen stehende
Logenthür die Bühne übersehen und jeden Ton deutlich vernehmen. Rasch
ließ ich meine schönen Spanierinnen im Stich, eilte nach diesem Saal
und bestellte ein Glas Aqua de Panaly[F] und schaute und hörte bis zu
Ende des ersten Aktes. Jetzt aber füllte der Saal sich so übermäßig
mit Cigarrenrauchern, daß ich mich zum Abzuge entschloß. Ich machte
jetzt die Ronde hinter den Logen und stieß jede zwei Schritte auf einen
mit blankem Seitengewehr in der Hand postirten Militair. Ich hörte,
daß die Mannschaft, die hier den Dienst verrichtet, sich auf eine
complette Compagnie belaufe und alle Gewehre scharf geladen seien. Es
geschieht dies wegen der Masse von Negern, die hier beisammen sind.
Im Parquet bemerkte ich jetzt Niemand, denn Damen gehen nicht hinein
und die Herren rauchten alle einen Cigarr im Caffeehause; ich machte
während der Pausen eine Promenade auf das italienische Dach. Die
mondhelle Nacht bot mir etwas dar, was jeden mit Gefühl für Natur und
Kunst begabten Europäer überraschen mußte. Ich war tief ergriffen, als
ich auf die im Strome vor Anker liegenden Schiffe (in allen Größen, ja
sogar Kriegsschiffe) herabsah und auf der ans Opernhaus angränzenden
Promenade die spazierlustige Welt, um sich von der Tageshitze zu
erholen, mit brennenden Cigarren umherwandernd, erblickte. -- Als ich
aus den höhern Regionen dieses schönen Musentempels in die untern Räume
zurückkehrte, wo die Diener des Mars walteten, rollte eben der Vorhang
zum zweiten Akt herauf. Eingedenk der Gefahr, die ich bei meiner
Hieherkunft in Beziehung auf die Volanten zu bekämpfen hatte, welche
nach Beendigung der Vorstellung noch größer zu werden versprach, trat
ich die Wanderschaft nach meiner Arche an.

Meine Wirthin war, als sie sich durch die mitgebrachte Contre-Marque
von meiner Gleichgültigkeit gegen die gepriesene italienische Oper
überzeugt hatte, sehr aufgebracht und meinte es sei nun bald Zeit für
mich, in mein deutsches Sibirien, Berlin genannt, zurückzukehren. --
Auch die Ratten feierten in meiner Arche ihren Carneval, sie ließen
mir wenig Ruhe und mußten während der Nacht sehr ausgelassen (trotz
unseren deutschen Rheinländern, den Cölnern) gewesen sein, denn als ich
mich am andern Morgen von meinem Stickrahmen erhob, waren zwei Fuß aus
der Wand zunächst meinem Lager zusammengearbeitet. Dies erzeugte in
mir den Gedanken, die Redoute im Theater de Tacon an diesem Abend zu
besuchen, um mich ermüdet und des Schlafens gewiß niederzulegen.

Es werden hier stets zwei aufeinander folgende Redouten gegeben;
da der Spanier sich in Masken-Anzügen am besten gefällt, so ist es
nichts Seltenes, daß an demselben Abend 3-4 statt haben. Also nach
der Redoute! dachte ich. Aber ist es nicht eine Sünde gegen das achte
Gebot für einen Mann, wie ich, auf die Redoute zu gehen? -- Wird
doch, tröstete ich mich, die edle Zeit ohne Furcht und fortdauernd
von so Vielen getödtet; so tödte denn auch du einmal dieselbe aufs
+beste+. Schon um acht Uhr des Morgens verkündigten die sehr
langen und breiten Anschlagezettel, daß an diesem Abend die größte
aller Redouten statt finden solle, indem 10,000 Personen sich einfinden
würden. Mit Sehnsucht wartete ich auf den Abend, dies Wunder zu sehen,
aber meine Freude wurde zu Wasser, denn es fing plötzlich an zu regnen,
als sollte eine Sündfluth statt finden. Die Straßen werden unpassirbar
und ich entschließe mich, zu Hause zu bleiben. Indeß zur Freude des
Unternehmers dachten nur wenige so wie ich; es wimmelte trotz des
Morastes in den Straßen von Masken in weißen und farbigen Anzügen; die
Wirthe beeilten sich, den zu Fuß wandernden Masken hülfreiche Hand zu
leisten; in den unpassirbaren Straßen werden Nothbrücken und Trottoirs
von Brettern gelegt und siehe da! der Saal ist noch, wie mir versichert
wurde, gepfropft voll gewesen.

Meine Wirthin nahm selbst zwar an keinem Vergnügen mehr Theil,
bekümmerte sich aber nichts destoweniger um alle; sie wußte jede
Neuigkeit, wußte, wo es Schmausereien und Bälle gegeben hatte und geben
würde. Sehr glücklich für Sie, fing sie eines Morgens an, daß der Regen
vor einigen Tagen Sie von der Redoute zurückgehalten hat; Sie bekommen
übermorgen für Ihr Geld eine weit hübschere zu sehen, eine Redoute
romantique nach der Form eines bal masqué romantique, der vor einigen
Tagen von einem reichen Spanier zum ersten Male gegeben wurde. Ich
wußte in der That nicht, was es mit dieser Romantik des Balles für eine
Bedeutung haben solle, und die gute Wirthin fuhr erklärend fort: Sehen
Sie! ein reicher Spanier hatte die Absicht, sich zu verheirathen. Nun
hatte er die Bekanntschaft sehr vieler Damen; unter diesen aber waren
10-12 gleich schön und liebenswürdig, so daß er unter diesen zu wählen
sich nicht entschließen konnte, da er keinen Grund hatte, der einen
oder der andern den Vorzug zu geben. Um nun aber nicht, wie jener Esel,
der sich nicht zu einer Wahl zwischen mehreren Heuhaufen entschließen
konnte, ewig auf derselben Stelle stehen zu bleiben und zu hungern,
gerieth er auf folgendes Manöver. Er gesteht frank und frei jeder der
Damen sein Unvermögen zur Wahl und eröffnet ihnen dabei seinen Plan:
er werde die Damen alle gemeinschaftlich zu einem Balle einladen und
die Einladungskarte mit einer Nummer versehen; alle 12 Nummern sollten
in ein Glücksrad geworfen und unter Cupido’s und Hymens Schutz tüchtig
durchgemischt werden, und Fortuna solle dann beim Herausziehen einer
der 12 Nummern für ihn entscheiden, welche von den 10-12 Auserkornen
die auserkorenste sein soll. -- Da die Spanierinnen hinsichtlich des
Verheirathens wie alle Europäerinnen denken, d. h. mit dem Wunsch,
sich zu verheirathen, zu Bette gehen und wieder aufstehen, so fand
ein solches Unternehmen keine Schwierigkeit und -- der junge Mann hat
eine recht niedliche und zugleich gute Frau bekommen. Und sehen Sie,
fuhr sie fort: auf ähnliche Weise wird die nächste Redoute romantique
statt finden, nur mit dem Unterschiede, daß hier eine Frau von Ihnen
erhascht werden kann und zwar eine sehr ruhige, friedliebende, nämlich
eine leblose mit einer goldenen Kette, (im Werth von vier Dublonen)
geschmückte, -- Figur. Sehr gut! erwiederte ich, bei einer solchen
Heirath riskirt man doch nicht seine häusliche Ruhe; ich werde mich
um sie bewerben. -- Mit dem Glockenschlage 10 stand ich an der
Kasse, legte bescheidener Weise einen Piaster nieder und erhielt mit
einem Billet Hoffnung zum Besitz einer der anspruchlosesten Frauen
-- indessen Fortuna gestattete mir auch hier nicht, Hymens Fessel
anzulegen.

Der Saal entsprach übrigens nicht meiner Erwartung, indem man mir oft
gesagt hatte, das Carlo-Theater in Neapel sei ein Miniatur-Gebäude
gegen dieses de Tacon; ich fand diesen Saal nicht größer als den
des neuen Hamburger Schauspielhauses bei Redouten. Das Haus ist
durch und durch von Holz, die Beleuchtung sehr schwach, welches
wohl dem bedeutenden Verbrauch des Oels bei Zubereitung der Speisen
zuzuschreiben ist; man konnte, obgleich die Logen des ersten Ranges
in keiner zu großen Entfernung sind, nichts von den in denselben
herumschweifenden Masken unterscheiden.

Die Masken-Ordnung ist eine sogenannte zwanglose, d. h. Unordnung.
Die Neger ausgenommen, ist Jedem der Zutritt gestattet, mag er in
schmutzigen oder reinlichen Hauskleidern erscheinen. Im Saale ist das
Cigarrenrauchen erlaubt, weshalb beinahe Alle rauchen. Da der Spanier
für Hazard-Spiele und das schöne Geschlecht mehr Neigung hat, als
irgend eine andere Nation, so konnte der Unternehmer wohl die Anzahl
seiner Besucher vorausbestimmen und auf 12,000 angeben, und so groß
war auch wirklich die Anzahl der vertheilten Entréekarten, obgleich
höchstens für 3000-3500 Personen Platz im Saale ist. Die, welche keinen
Platz im Saale fanden, spazirten in den blühenden Orangen-Alleen und
athmeten bessere Düfte als die im Saale.

Die Alleen glichen einem Lustlager; man fand hier Reihen erleuchteter
Buden mit Erfrischungen aller Art: da standen in Oel gesottene
Ziegenfüße, dort eben so zubereitete kleine Fischchen, die wegen ihrer
kleinen niedlichen Gestalt ihren Namen Petit-nets verdienen. Dort
bemerkt man Buden mit eingemachten Früchten und Confituren, auf welchen
sich Blumenstücke von den vorzüglichsten Ameisen und andern dort
einheimischen Insekten, nicht nach dem Leben, sondern nach dem Ableben
derselben gebildet hatten. In manchen Buden wurden Milch- und andere
Punsch-Sorten geschenkt. Zwischen den Buden lagen die respektiven Köche
auf dem durch die Hitze seit einigen Tagen ausgetrockneten Lehmboden
hinter dem Feuer von Holzkohlen, und die reich gekleideten Masken sah
man lüstern auf die in Oel siedenden Gerichte hinblicken. Ich glaube
nicht zu übertreiben, wenn ich die Anzahl der Menschen, die sich
herumtrieben, auf 10 bis 12,000 angebe. Es war ein herrlicher Anblick,
in der mondhellen Nacht eine solche Masse lebenslustiger Menschen unter
Gesang und Spiel umherschwärmen zu sehen und nicht einen einzigen
Betrunkenen zu bemerken. Aecht Spanisch! Jeder und beinahe Jede mit
einem brennenden Cigarr im Munde, aber alle nüchtern.

Auch die Negersclaven begehen acht aufeinander folgende Stunden den
Carneval. Am heiligen Drei-Königs-Tage, des Vormittags um 10 Uhr, hört
man überall Trommelschläge, die Signale, daß der Carneval seinen Anfang
nehmen wird. Es gruppiren sich jetzt in allen den Straßen, in welchen
jene Signale gegeben worden sind, diejenigen, welche an der aus jener
Straße abziehenden Gesellschaft Theil zu nehmen versprochen haben.
In jeder dieser Gruppen befindet sich nur ein wohlgestalteter Neger
en masque; da sieht man dieselben in Häuten wilder Thiere Ungeheuer
vorstellend in der einen Gruppe, oder auf Stelzen; in der andern
sieht man Neger, deren Körper bis zum Unterleibe förmlich lackirt
sind, auf dem Leibe Tigerflecken und Zebrastreifen nach dem Leben
gezeichnet, die Wangen weiß oder roth lackirt, welches einen höchst
komischen Effect macht; Andere wiederum erscheinen mit dem Kopfputz
eines indianischen Fürsten, indem sie statt der Bekleidung ihren Körper
mit den verschiedenartigsten Lumpen englischer Baumwollen-Waaren
behängt haben. Jeder solche maskirte Neger wird von einem großen Trupp
begleitet, dessen Geschrei und Lärmen mit der Trommel wetteifert; sie
ziehen durch alle Straßen und werden von allen Vorübergehenden oder
Fahrenden beschenkt. Bei den Spaniern finden an diesem Tage Feten
statt: es werden Freunde geladen, welche, sobald sich eine Trommel
vernehmen läßt, den Gitterfenstern zueilen, um die vorbeiziehende
Gruppe zu sehen. Um sechs Uhr Abends darf sich keiner derselben mehr
in den Straßen zeigen, jetzt kehren sie in die Schenken ein, um die
empfangenen milden Gaben ihren Gurgeln mildthätig zukommen zu lassen.
Vor jeder solcher Schenke befindet sich eine militärische Patrouille
mit scharf geladenen Gewehren.

Der Spanier ist in der That ein ganz vortrefflicher, liebenswürdiger
Mensch; er besitzt alle geselligen Tugenden, um in dieser Rücksicht
als Vorbild für die menschliche Gesellschaft zu dienen. Dies gilt
hauptsächlich von dem Gebildeten: er ist artig, zuvorkommend,
gastfreundschaftlich und im höchsten Grade genügsam. Man beleidige
und reize ihn nicht und man wird in ihm einen Freund und Rathgeber
finden. Seine Feinheit im Umgang steht weit über der des Franzosen und
dabei ist er inniger und flößt mehr Vertrauen ein; was der Franzose
oft aus Politik und Politesse thut, das kommt bei dem Spanier aus
dem wirklichen Antriebe seines guten Herzens. -- Unter diesen und
ähnlichen Reflexionen trat ich die Rückkehr nach meiner Arche an. Ohne
Zweifel, dachte ich, als ich durch diese tapfer essenden munteren Leute
durchpassirte, werden diese ihre Speisen besser verdauen, als ich meine
hiesigen Geschäfte, und im schlimmsten Falle ist für diese Glücklichen
eine Hungerkur anwendbarer als für verdorbene Finanzen.

Mit dem Carneval und den Redouten ist’s jetzt vorüber, sagte ich zu
meiner Wirthin am folgenden Morgen, als ich die Redoute verdaut hatte.
Keineswegs, entgegnete sie, ist dies die letzte Redoute gewesen; in
einigen Wochen haben wir zwei ungewöhnliche Festtage und demzufolge
noch zwei Redouten zu erwarten. Diese Festtage waren, wie sie mir
erklärte, folgende: Bis jetzt befand sich der Appellations-Gerichtshof
für alle auf der Insel Cuba vorkommenden Prozeßsachen in Principi,
was für Havana, wo es die meisten Prozesse giebt, eben so lästig
als kostspielig war und dies um so mehr, da die dortigen Advokaten
die Sachen, so lange wie sie nur immer wollten, in die Länge
ziehen konnten. In Madrid war jetzt beschlossen worden, daß dieser
Appellations-Gerichtshof von jenem Orte hierher verpflanzt werden
solle. Zu diesem Endzweck wurde aus jener Residenz ein für dieses neue
Gericht bestimmtes, dort angefertigtes neues Reichs-Petschaft hieher
geschickt? Dieses sollte nun mit großer Ceremonie nach der Kirche
zur Einweihung geschafft, alsdann aber in großer Prozession durch
alle Straßen der Stadt getragen werden. Dazu sagte meine Wirthin,
sollen Illuminationen, Redouten und vielerlei Vergnügungen zwei Tage
ununterbrochen statt finden, und es wird während dieser Zeit keine
Arbeit verrichtet, indem diese Anordnung zum Glück der Einwohner
Havana’s, von welchen Viele durch jenen Gerichtshof an den Bettelstab
gebracht worden sind, gereicht. --

Das Thema der Unterhaltung wurde jetzt das neue, noch nie statt gehabte
Fest. Endlich erschien der ersehnte Tag. Um fünf Uhr eines Nachmittags
wurde das von Madrid angelangte Reichs-Petschaft in einem mit
Edelsteinen verzierten Kasten durch vier hohe Staatsbeamte in Volanten
und eine starke militairische Bedeckung nach der Cathedral-Kirche
gebracht, und hierauf durch den Donner der Kanonen vom Fort die Ankunft
desselben den Einwohnern Havanas kund gethan. -- Auch ich besah das
lang erwartete und vielbesprochene Kleinod. Der Kasten, in welchem
sich das Petschaft befand, stand auf dem Altare und neben demselben
lag eine Medaille mit dem Bildniß der kleinen Königin, welches
Jedem, der dem Altare sich näherte, durch einen in langer schwarzer
Robe als Wache dabeistehenden Staatsbeamten gezeigt wurde. Andere
desgleichen saßen und standen in der Nähe, so wie auch Militair zur
Bedeckung, und dies ganze Personale mußte die ganze Nacht auf dem
Posten bleiben. Die Kirche war höchst brillant erleuchtet, dagegen
fand ich die Illumination in der Stadt keinesweges so erheblich, als
ich nach dem vielen Gerede davon erwartet hatte. Sie bestand nämlich
in nichts anderem, als daß an der Außenseite der Häuser bemittelter
Leute eine Glas-Laterne mit einem brennenden Lichte, bei den Vornehmern
und Reichern zwei oder vier hingen. Um der Sache einen Anstrich zu
geben, hing in der Nähe der Laternen ein Flick von ponceau oder einem
gelben seidenen Zeuge, welches gewöhnlich als Zeichen der kirchlichen
Procession bei Reichen über den Armlehnen des Balcons baumelte; diesmal
aber baumelten dergleichen Flicke, jedoch im verjüngten Maßstabe, neben
jeder Laterne.

Die Damen hatten sich an jenem Abend sehr geschmackvoll gekleidet, und
saßen wohl eine Stunde früher als gewöhnlich in ihren Schaukelstühlen.
In der Regel sind die sechs Fuß hohen Gitterfenster bis 6 Uhr Abends
mit einer etwa zwei Ellen langen wollenen Decke bedeckt; diesen
Abend wurden sie zur Freude aller Vorübergehenden schon um fünf
Uhr weggenommen, damit die schönste der Damen des Hauses sich in
Lebensgröße präsentiren und, wo möglich, den Einen und den Andern
zur Unterhaltung hineinziehen könne. Dieses ist die Art, wie die
Havaneser in der Regel ihre Abendgesellschaften bilden, denn die Herren
machen gleich den Damen, um fünf Uhr Toilette, kleiden sich von Kopf
bis zu den Füßen ganz um, als ginge es zum Ball und suchen von den
Fenstern her ihre Abend-Parthieen auf. Bei diesen ist das Rauchen die
Hauptsache; man conversirt über die gleichgültigsten Gegenstände; mit
dem Glockenschlag der neunten Stunde zieht man ab, ohne etwas Anderes,
als Cigarren genossen zu haben.

Der Priesterinnen der Venus giebt es in Havana eine Unzahl; es ist
ihnen unbenommen, in jeder beliebigen Straße zu wohnen, weshalb
sie sich denn auch meistens in den Hauptstrassen, und zwar vis à
vis oder neben den ersten Männern der Stadt paarweise oder auch
en trois einmiethen. Sie sind aufs brillanteste eingerichtet und
beobachten dieselben Gebräuche bei den Abendparthieen, wie alle
übrigen Damen. Auch sie präsentiren sich, da sie niemals ausgehen, bei
eintretender Nacht mit einem brennenden Cigarr im Munde vor ihren hohen
Gitterfenstern, wobei jedoch die Ausnahme statt findet, daß sie hier
niemals verdeckt sind; auch sie sitzen auf ihren Schaukelstühlen, um
schaukellustige Herren anzulocken. Der Spanier genirt sich nicht und
die Deutschen ahmen ihm hierin nach; man conversirt erst eine Weile an
den Gitter-Fenstern -- und dies fällt Niemandem auf. Sehr oft habe ich
mich darüber gewundert, noch während der Tageszeit die anständigsten
Herren vor den Fenstern solcher Dirnen oder wohl in den Zimmern in
Conversation begriffen zu bemerken.

Gegen die zehnte Stunde fing man an, die Laternen einzuziehen und
Alles kehrte nach Hause zurück, weil am Morgen früh um sechs Uhr die
Procession beginnen sollte. -- Am folgenden Morgen schon sehr früh
waren alle Straßen dermaßen mit Menschen und Volanten überfüllt,
daß ich beinahe nicht durchkommen und zu dem Hause eines Bekannten
gelangen konnte. Als ich dort mit vieler Mühe angelangt war, fand ich
den sehr geräumigen Balcon, auf welchem mir ein Platz zugesichert war,
bereits überfüllt, jedoch erhielt ich noch ein Plätzchen. Erst um etwa
neun Uhr wurde durch einige Lanciers in der gedrängten Menschenmasse
auf die bescheidenste Weise Platz für die heranziehende Procession
gebeten. Den Zug eröffnete der Gouverneur mit einer starken Suite
aller Staatsbeamten Cuba’s, sowohl der Militairs als der Civilisten;
diesen schlossen sich die Consuln aller Mächte in ihren verschiedenen
Uniformen an; dann kam ein höchst brillanter Triumph-Wagen in
alt-römischem Stile, bespannt mit sechs arabischen Schimmeln, deren
Führer in Ponceau-Sammt und Gold-Stickereien gekleidet waren und ihre
Hüte mit Federbüschen geziert hatten und eben so Wagen und Geschirre.
Auf diesem Wagen stand der Kasten mit dem Petschafte und daneben
lagen die Symbole der Gerechtigkeit, die Waage und das Schwerdt von
nobelm Metall. Jetzt folgte die Geistlichkeit sämmtlicher Kirchen
auf Cuba in ihren prächtigsten Kirchenkleidern. Sie gewährten einen
höchst imponirenden Anblick, der noch dadurch vermehrt wurde, daß die
Baldachine, unter welchen sich die aus massivem Silber verfertigten,
mit Edelsteinen verzierten Bilder der Mutter Gottes und des Heilandes
befanden, von höchst brillant gekleideten Männern getragen und von
einer Anzahl reich gekleideter Sänger aus den vielen Kirchen begleitet
wurde. Die vielen Infanterie-Regimenter in Havana, ein ausgezeichnetes
Militair, bildeten Spaliere in den schmalen Straßen, durch welche
der Zug ging, und die Musik-Chöre derselben waren stets in voller
Beschäftigung; nur die Cavallerie schloß sich der Procession an.
Diese währte beinahe bis zum Mittage, weil keine der Hauptstraßen
unberücksichtigt blieb.

Am Abend war es in den Straßen lebhafter als am Abend zuvor, da der
Gouverneur an der Außenseite seines Pallastes, der auf einem freien
Platze steht, von allen Seiten mit vielfarbigen Glas-Lampen hatte
illuminiren lassen, welche letztere an den vielen kleinen Balcons der
Fenster angebracht waren; auch war das Bild der jungen Königin in
einem roth sammtnen Rahmen, zwischen einem der Fenster angebracht.
Alles drängte sich nach dieser Gegend hin, um das Bild der jungen,
unschuldigen Königin zu sehen. Das Gedränge war um so größer, da auch
für den Gehörsinn durch die treffliche Militair-Musik gesorgt war.

Indeß wurde die Aufmerksamkeit sehr bald von diesem Bilde auf einen
andern Gegenstand hingeleitet. An der entgegengesetzten Seite des
Pallastes nämlich hatte sich ein Aufzug hingestellt, wie es mir vorkam,
eine Satire auf den von diesem Morgen. Auf demselben Wagen befand sich
jetzt eine maskirte Dame, die Gerechtigkeit vorstellend und Gedichte
ausstreuend. Die Gerechtigkeit wurde diesmal nicht von vier Pferden,
vielmehr nur durch zwei kraftlos scheinende Klepper transportirt. Das
Gefolge dieses Zuges bestand in etwa hundert Personen, welche ihre
ordinair schwarze Roben über die Schultern geworfen und dreieckige, mit
Nummern versehene Hüte trugen; die Herolde waren beritten u. trugen
spanische National-Kleidung. Die Gerechtigkeit sprach, und versprach,
wie mir gesagt wurde, sehr viel; es war, sagte man, die Schülerin eines
gewandten dortigen Advokaten. Als der Spaß beendet war, zog dieser Zug
nach dem Redouten-Saal; auf der Promenade fanden sich unterdeß viele
andere Masken ein. Der Abend war ausgezeichnet schön, dessenungeachtet
war um zehn Uhr, als die Musik-Chöre abgingen, Alles vorüber und
in einer Viertel-Stunde die ungeheure Menschenmasse verschwunden;
jedoch fand ich auf dem Rückwege die Maskenverleiher-Buden in voller
Thätigkeit; sie machten, was selten vorkommen mag, eine gute Aerndte --
unter Beistand eines Gerichtshofes.

Die Zeit meiner Abreise von hier nähert sich jetzt; indeß will ich
doch, ehe ich von Havana mich trenne, noch Einiges bemerken über die
Art und Weise, wie das Osterfest hier begangen wird, was für den
Charakter eines Volkes etwas Bemerkenswerthes hat.

Am grünen Donnerstage wird durch das Geläute sämmtlicher Glocken die
Gefangenschaft des Heilandes angekündigt. Sobald dieses geschehen
ist, darf sich kein Pferd oder Maulthier mehr in den Straßen blicken
lassen. In Betreff der Esel scheint indeß nichts bestimmt zu sein, da
ich während des Festes sehr viele sah, aber keine Pferde, Maulthiere,
Volanten, Karren. Man konnte jetzt ruhig und ohne Furcht in den Straßen
umherwandern; Ruhe und Stille herrschten in der ganzen Stadt; man
athmete Luft und keinen Kalkstaub ein.

Mit Eintritt der Dunkelheit an diesem Donnerstage öffnen sich die
Thüren sämmtlicher Kirchen (etwa 17), fast möchte ich behaupten in
derselben Minute. Noch nie habe ich eine so brillante Beleuchtung
wahrgenommen, als die der Havaneser Kirchen an diesem Abend.

Die Wachslichter brannten in solcher unendlichen Anzahl, daß wohl,
wie ich glaube, über 1000 in jeder Kirche verbrannt worden sind; man
konnte hier von einer neuen Seite den Fleiß der Bienen bewundern,
deren Zucht auf Cuba so sehr im Flore ist. Indeß sah ich mich bald
genöthigt, meine Aufmerksamkeit von der schönen Beleuchtung nach einer
andern Seite hinzulenken; eine mächtige Anzahl schöner, sehr schöner
spanischer Sünderinnen lagen auf den Knieen und baten um Abnehmung
der alten Sünden wegen Mangel an Raum zu neuen; hinter ihnen rutschten
ihre gallonirten Neger sehr andächtig auf den Knieen. Nachdem jene wohl
eine gute Stunde in dieser peinlichen Lage zugebracht hatten, erhoben
sie sich insgesammt und gingen nach dem Place des Armes; hier und in
den benachbarten Straßen waren eine Menge von Bänken aufgestellt, damit
sich die Sünderinnen von ihren Strapazen erholen könnten und bald
waren auch alle besetzt. Zur Aussöhnung mit dem Allmächtigen wegen des
Vergehens gegen die Neger, welche nach der Meinung jedes Spaniers frei
sein müßten, es aber wegen Willkühr derselben nicht sind und auch so
bald noch nicht sein werden, wenn es von der Willkühr der Einzelnen
abhängt -- also zur Ausgleichung dieser Schuld halten die Spanier es
für Pflicht, ihre Sclaven während des Osterfestes in den allerfeinsten
Kleidungsstücken, mit Diamanten und Perlen geschmückt, auftreten zu
lassen, so wie auch mit Confituren und den allerbesten Speisen zu
füttern. Besonders sah man viele Negerinnen besser gekleidet und
schöner geschmückt, als ihre Gebieterinnen selbst. Bis um 10 Uhr blieb
man zusammen und ergötzte sich bei trefflicher Musik.

Am Charfreitage strömte Jung und Alt in schwarzen Anzügen nach
den Kirchen, die alle gefüllt waren. Ziegenfüße sowohl als andere
Fleischspeisen blieben an diesem Tage unangetastet; nichts als
Fastenspeisen! Am Nachmittage war eine sehr große Prozession; die
Mutter Gottes und der Heiland wurden mit Trauermusik und einer starken
militärischen Escorte durch alle Straßen getragen, jedoch war diesen
Abend in keiner von allen Kirchen, die ich besuchte, Gottesdienst. Die
Billards waren mit weißen Decken versehen, auf welcher Maschine und
Queues ein Kreuz bildeten; sie waren beleuchtet, es durfte aber nicht
gespielt werden. Auf dem Place des Armes ging es wie am vorigen Abend
zu.

Am Sonnabend sollten die Kirchenglocken und das Abfeuern der Kanonen um
10 Uhr die Auferstehung Christi ankündigen, aber diesmal geschah es zur
Bequemlichkeit der Christenheit ½ Stunde früher. Bald wurden auch die
zur Hälfte von den Wunden geheilte Maulthiere aus den Ställen gezogen
und ihrem alten Joche überliefert; das Getöse der Karren und Volanten
begann und die Neger waren wieder um nicht viel besser als in puris
naturalibus zu sehen, nur die mit Fleisch hausirenden erschienen in
sehr hübsch gestickten schottischen Roben.

Die Thätigkeit beim Steueramte war wieder eingetreten und die
segelfertigen Schiffe wurden noch bis zum Mittag expedirt und die
deutschen Commissionaire wetteiferten schon wieder mit den Engländern
in richtiger Abtragung der Zollgefälle.

Schon lange war es meine Absicht, hierselbst etwas Näheres über die
Behandlung der Tabacksblätter zu erfahren, um, wo möglich, manchen
meiner Landsleute, die sich mit diesem Artikel beschäftigen, nützlich
zu sein. Der Zufall war mir hierbei günstiger, als ich vermuthete; ich
lernte einen Tabacksbauer kennen, der, da er mich offen und freimüthig
fand, auch seinerseits mir mehrere schätzbare Mittheilungen machte, von
welchen ich hier nur diejenige anführen will, welche sich am meisten
auf ein abweichendes Verfahren bei der Bereitung bezieht.

„In Betreff des auf allen Tabacksblättern befindlichen Syrups, welcher
den eigentlich aromatischen Geruch erzeugt, aber durch viele und
anhaltende Regengüsse oft von den Blättern abgeschwemmt wird, bedienen
wir uns, wenn dieser Fall eintritt, zur Wiederherstellung desselben
folgenden Mittels. Wir nehmen, eine Quantität Tabacks-Stengel von einem
vorzüglichen Jahrgange, legen diese in ein wasserdichtes Gefäß und
füllen dasselbe alsdann mit Regenwasser, welches so lange darin stehen
bleibt, bis sich Würmer darin zeigen. Sobald wir diese sehen, nehmen
wir die sehr trockenen, dem Pulver an Trockenheit ähnlichen Blätter,
legen sie behutsam auf die Diele, tränken einen großen Schwamm in jenem
mit Würmern versehenen Regenwasser und besprengen damit die Blätter;
diese nassen Blätter legen wir behutsam über einander, verpacken
dieselben, gleich einem Ballen, in Palmblättern.“

Die Zeit meiner Abreise war jetzt herangerückt; ich wollte von hier
zunächst nach New-Orleans übersetzen; da ich indeß auf die Abfahrt des
Paquet Douglas, mit welchem ich fahren wollte, noch etwas warten mußte,
so behielt ich noch Zeit zu manchen Erkundigungen, wovon ich Einiges
anführen will. Nichts ist häufiger in Havana als die Hökerläden.
Einmal habe ich deren 463 gezählt und hatte nur einen geringen Theil
der Stadt durchstrichen; ich schätze die Anzahl derselben auf 3000.
Die Höker beschäftigen sich aber auch mit Allem, was zum gewöhnlichen
und luxuriösen Leben erforderlich ist: es sind Italiener in optima
forma; sie haben Marasquino, aber auch Kartoffeln, Champagner und alle
anderen Weine, Schweinefett, Rüben, eingemachte Früchte, Talglichter,
Nägel, Bürsten, seidene Tücher, bedeutende Vorräthe von Holzkohlen[G]
und französische Delicatessen jeder Art. Als ich mich bei einem
derselben genauer nach dem Geschäft erkundigte, sagte er: „wir kaufen
Alles, was uns vorkommt, weil wir Alles wieder verkaufen können. Jede
Wirthschaft läßt, was sie im Hause braucht, den täglichen Bedarf und
nichts weiter, von uns holen: wird ein Licht gebraucht am Abend, so
wird es kurz vor Abend geholt. Besonders auch wird dies Verfahren
bei Kohlen und fließenden Fettwaaren angewendet, weil die Köche und
Köchinnen zu lüstern auf Schweinefett und Oel sind und anderseits zu
verschwenderisch mit Kohlen umgehen.“

Also doch auch eine Oekonomie! dachte ich.

Als ich meine Abschieds-Visite beim Gouverneur machte und er sich wie
immer sehr gütig gegen mich bewies, erlaubte ich mir, seine Meinung
über die spanische Schuld zu erbitten. Der Gouverneur versicherte, er
sei überzeugt, daß, sobald der Bürgerkrieg in Spanien beendigt sei,
Alles bei Heller und Pfennig bezahlt werden würde. -- Beim Abschiede
versicherte er mir wohlwollend, daß ihm mein Wohlergehen Freude machen
werde.

Endlich befand ich mich auf dem Douglas, um meine langersehnte
Rückreise nach Europa über New-Orleans etc. anzutreten. -- Mit einem
wohlfeilen Reisepaß in der Hand, wartete ich jetzt muthig den Beamten
ab, der darauf Acht haben soll, daß nur Wohlhabende hineinkommen und
von den dortigen Commissionairen Gebrandschatzte abreisen. Allein
Niemand kam und als ich wahrnahm, daß unser Capitain einer in einer
Galeere in kurzer Entfernung vorbeipassirenden Person ein Paquet
Scripturen zeigte, erkundigte ich mich, was diese Formel zu bedeuten
habe, worauf er erwiederte, daß die Pässe der Passagiere sich in diesem
Paquet befänden; -- nicht immer jedoch gehe die Revision so ab, wie
diesesmal und schon mehreremal seien Reisende ohne Pässe von ihm aus
dem Schiffe in seiner Galeere mitgenommen worden.

Unterdessen waren wir bei dem Fort von Havana vorbeigefahren und
ich freute mich, wie ein Kind, dem Marcipan gereicht wird, diese
so zuckerreiche, aber in anderer Hinsicht höchst gepfefferte Stadt
im Rücken zu haben -- eine Stadt, deren Bewohner hauptsächlich aus
Commissionairen, Sclavenhändlern, Wucherern, Spielern, Advokaten und
Scribenten besteht. Voller Freude richtete ich meine Blicke nach
dem Mexikanischen Golf, der sich bald in unermeßlicher Weite vor uns
ausbreitete. Bei diesem Umherschweifen in weiter Entfernung von der
Heimath gedachte ich einer früheren Reise nach der entgegengesetzten
Richtung hin, wie ich in den verhängnißvollen Jahren 1812-16 den Oby
in Sibirien durchschiffte. In welcher enormen Entfernung liegt dies
von hier! Wie viele Meilen sind dies wohl? Es fehlte mir an Papier und
Feder, um dies zu berechnen, mag’s der Leser selbst in einer müßigen
Stunde thun.

Es fahren wohl noch beliebtere Pakete zwischen Havana und New-Orleans,
als der Douglas; ich wählte dieses, eingedenk der Unbequemlichkeiten,
die ich früher auf der Norma erduldet hatte. Hier konnte man weder
ächten noch copirten Champagner erwarten, da das Passagiergeld 10
Piaster weniger kostete; allein in Betreff des Schlafens und Ankleidens
versprach ich mir, viel besser daran zu sein, und war es auch in der
That, denn ich hatte ein kleines Gemach für mich, und mit der Speisung
konnte ebenfalls ein nicht Verwöhnter zufrieden sein.

Die Gesellschaft war nicht sehr geeignet zu einer angenehmen
Unterhaltung, denn sie bestand, außer einem Amerikanischen Kaufmann
mit seiner Frau, aus lauter nach New-Orleans auf Spekulation reisenden
Creolen, französischen und englischen Maschinenbauern und einigen nach
der letzten Revolution verwiesenen herumirrenden Polen. Das Paquetboot
glich meinem Zimmer in Havana, einer Arche, weil fast jeder Passagier
ein Männchen und ein Weibchen von den merkwürdigsten Thierarten
Westindiens auf Spekulation nach New-Orleans führte; auch an Ratten
fehlte es nicht, die jedoch an dem Bull-dog eines englischen Mechanikus
einen erbitterten Verfolger fanden. Ueberdies war das Paquet mit allen
Arten Westindischer überreifer oder auch unreifer Früchte beladen,
welche, da wir nicht die geschwindeste Ueberfahrt machten, ihrem
Verderben immer näher kamen.

Alle diese Spekulanten schienen mehr auf den Einkauf als Verkauf in
den V. S. bedacht zu sein und mit Spekulanten solcher Art sind jene
Staaten reichlich versehen, indem dieselben dort stündlich Gelegenheit
haben, ihre mitgebrachten Comptanten gut anzulegen, weil es daselbst
sehr viele Gegenstände giebt, welche rasch geräumt und eben so rasch
aus dem Lande fortgeschafft werden müssen und bei Verkäufen nach
Westindien die Ermittelung in den V. S. unmöglich bleibt. Spekulanten
dieser Art sieht man in Havana häufig, man weiß, daß sie reich sind,
aber wodurch sie ihr Vermögen erworben haben, weiß man meistens nicht.
Bedenkt man indeß, daß öftere Reisen an einen und denselben Ort zu
Bekanntschaften führen, daß es auf der ganzen Welt nicht sehr schwer
hält, mit Zollbeamten in freundschaftliche Verhältnisse zu kommen;
wirft man ferner einen Blick auf die europäischen Auswanderer nach den
V. S., erinnert man sich ihrer frühern Geldgier, die in den V. S.,
wo es zur Befriedigung der Leidenschaften so viel Gelegenheit giebt,
eher sich vermehrt als vermindert: so ist jenes Räthsel auf der Stelle
gelöst. Daß aber solche Spekulanten als Ungeziefer und Gift für das
solide Geschäft zu betrachten sind, ist keinem Zweifel unterworfen,
indem sie auf der einen Seite mit wenigem Gelde Märkte räumen, auf der
andern Seite die Verdauungswerkzeuge gesunder Märkte zerstören und für
die soliden Kaufleute Verluste herbeiführen.

Ich glaube, behaupten zu dürfen, daß ich viele Erfahrungen in der
merkantilischen Welt durchgemacht und dieselben sorgfältig beachtet
habe. Das Resultat derselben ist kein anderes als dieses: der größere
Theil der in derselben groß titulirten Kaufleute hat sich nur auf
Unkosten anderer Kaufleute auf diese Höhe geschwungen. Komisch klingt
es für mich, wenn ich so häufig behaupten höre, in Amerika könne man
als Kaufmann sehr bald reich werden; die Leute, die dies sagen, wissen
nicht, was sie sprechen. Nur der direkte oder indirekte Fußkünstler,
d. h. die Ballettänzer und die Schuster können hier viel Geld verdienen,
die letztern noch mehr als die erstern, denn die Yankees wissen das
Schuhwerk noch besser, als das Fuß- und Bein-Werk zu beurtheilen,
weshalb sie auch, mit Ausnahme der Banquiers, sehr gut gestiefelt sind.
-- Der rechtlich- und ehrlichdenkende Kaufmann kommt nie so rasch zu
Vermögen, als der entgegengesetzt denkende. Es verhält sich hiermit,
wie mit dem Hazard-Spiele: man bemerkt an den Banken nur entweder sehr
Reiche oder arme Teufel, die gern „viel gewinnen“ wollen. Auf diesen
Gegenstand werde ich später zurückkommen und sage nur noch dieses:
wer als Aventurier nach der neuen Welt gegangen ist und, wie man oft
hört, als ein sehr reicher Mann nach Europa zurückkehrt, der hat sich
bei seinem Erwerb nicht sehr mit dem Gewissen berathen. Gäbe es in
der neuen Welt weniger Advokaten und bessere wohlfeilere Justiz, so
würde mancher von diesen zurückgekehrten Reichen noch in der Reihe der
Bettler stehen.

Nach einer Fahrt von sieben Tagen erreichten wir gegen 12 Uhr
Mitternachts die Barr, d. h. den Hafen von New-Orleans; es war daher
kein Dampfschiff bereit, um uns im Schlepptau nach New-Orleans hinauf
zu führen. Der Capitain ließ eine Lampe am Vordertheil des Schiffs
aufstecken, um dadurch den Dampfschiffen seine Ankunft anzuzeigen und
nach Verlauf einer guten Stunde kam auch eins heran. Wir wurden ins
Schlepptau genommen und etwa fünf Meilen weiter gebracht, wo wir ankern
mußten, weil das Dampfschiff noch Arbeit an drei andern angekommenen
Schiffen hatte. -- Als es uns am andern Morgen um neun Uhr mit jenen
zusammen weiter schleppte, war es auf halbem Wege so unglücklich, beide
Schäfte zu zerbrechen, wodurch es außer Thätigkeit gesetzt wurde. Was
nun machen? Die sämmtlichen Passagiere wollten, wegen ihrer Früchte,
so rasch als möglich, in New-Orleans ankommen und so erboten sie sich
denn selbst, den schweren Dienst des Dampfschiffes zu übernehmen.
Eine lange und starke Leine wurde jetzt dieser nicht unbedeutenden
Passagiers-Masse gegeben; sie begannen mit gutem Muth und Singen
diese harte Arbeit. Die Hitze war drückend, allein die Angst vor dem
gänzlichen Faulen der Früchte besiegte die Hitze und machte sie nicht
fühlbar. Sie arbeiteten wacker darauf los und nach einer sechsstündigen
ununterbrochenen Arbeit erreichten wir ein Dampfschiff derselben
Compagnie, welcher dasjenige gehörte, was uns früher gezogen hatte, und
dies brachte uns noch an demselben Abend glücklich nach New-Orleans.



                         ~Dritte Abtheilung.~

                                 Ueber
                       die Vereinigten Staaten.


               ~New-Orleans und die Reise bis New-York.~

Ehe ich die Stadt betrat, amüsirte ich mich noch erst an dem Treiben
der Käufer und Verkäufer auf unserm Schiffe, denn viele Einwohner aus
New-Orleans waren an Bord gekommen, aber unsere Spekulanten waren
so überrascht, daß Anfangs keiner von ihnen verkaufen wollte: weder
Früchte noch Vögel oder Hunde waren feil. Nur der englische Mechanikus
machte hiervon eine Ausnahme: es hatte sich ein Hunde-Liebhaber aus
New-Orleans eingefunden, um einen Bologneser zu kaufen, diesen suchte
er zum Kaufen seines Rattenfängers zu überreden und hierzu schien ihm
jetzt der Augenblick günstig zu sein, da keiner von den Creolen einen
Preis fordern wollte. Er bot das schwerste Geschütz seiner Beredsamkeit
dazu auf, den Käufer von der Vortrefflichkeit seines großen Bull-dogs
zu überzeugen, und siehe da! es gelang ihm in der That und der Käufer,
der ein kleines Schoßhündchen für seine Gemahlin hatte erstehen wollen,
überbrachte derselben jetzt einen 12jährigen großen Bull-dog.

In der Stadt quartierte ich mich sofort in einem an der Wasserseite
gelegenen Hotel, -- es gehörte nicht zu denen der ersten Klasse, welche
mehr in die Stadt hinein liegen; ich aber zog dieses vor, weil auf dem
Schilde: „öffentliche Bäder“ bemerkt war. Die Rechnung, die mir bei
meiner Abreise überreicht wurde, war eben so schwer als der Schmutz,
den ich in den Zimmern dieses Hotels antraf.

Eins meiner ersten Geschäfte hierselbst war, zwei Briefe nach Havana
zu schreiben, einen an Moyer, den andern an Dakin, in welchen ich die
mir abgenommenen Summen reklamirte, und am Schluß erklärte: „Ich habe
den Königlich preußischen Consul beordert, die mir von Ihnen zukommende
Summe von 1014 Piaster in Empfang zu nehmen. Sollten Sie sich weigern,
meinem gerechten Verlangen Genüge zu leisten, so werden Ihnen die
Folgen von meinen Demarchen mehr Furcht einflößen, als des Herrn Dakins
Drohung mit dem Federmesser und das Herbeirufen der Neger von Ihrer
Seite in mir erregt haben u. s. w.“ Auf diesen und noch zwei andere
Briefe erhielt ich natürlich keine Antwort.

Auf dem grünen Markt, den ich sogleich am andern Morgen besuchte,
fand ich trotz der noch so frühen Jahreszeit (im Mai) Kartoffeln,
Artischocken etc. in solchem Ueberfluß und von solcher Größe, wie man
sie in Europa oft noch nicht im Monat August antrifft. Sodann begab ich
mich nach dem Packhofe, um einen Erlaubnißschein zum Empfang meiner
Sachen vom Schiffe zu erlangen. Ich mußte, nachdem ich die rechte
Bude im Zollhause erreicht hatte, zuerst die Anzahl der Stücke meines
Gepäcks angeben -- was auf einen halben Bogen niedergeschrieben wurde;
sodann wurde ich zum Collecter geschickt und mußte endlich für die
Erlaubniß, als Reisender mein Gepäck nach Hause nehmen zu dürfen, in
Summa Summarum 75 Cents (1 Thlr. Courant) bezahlen, wovon der Advokat
als Anfertiger der Supplik ⅔; und der Collecter ⅓ erhält. Die Revision
durch die auf dem Schiffe stationirten Zollbeamten war nicht nach
französischer oder englischer, sondern nach preußischer Weise, d. h.
liberal.

Eine schwere Aufgabe war es jetzt, die Sachen vom Schiffe nach dem
etwa 60 Schritte entfernten Hotel zu bekommen; ich verweilte wohl eine
volle Stunde am Bollwerke, aber von den vorübergehenden Arbeitsleuten
hatte keiner zu einer solchen Bagatelle Zeit. Auf dem Bollwerke sah
ich Knaben und Mädchen aus der ärmern Klasse beschäftigt, um die beim
Ausladen umhergestreuten einzelnen Caffeekörner und Zuckerstückchen
aufzulesen, wovon, wie mir ein ebenfalls zusehender Herr bemerkte,
morgen ein tüchtiger, gesüßter Caffee mit Wohlgefallen werde verzehrt
werden. Sehr viele Familien hierselbst existiren hierdurch und durch
das Einsammeln der Baumwolle, welche im Zupfen der Proben niederfällt
und liegen bleibt. Glücklicherweise gelang es mir, während dieser
Unterredung, einen vorübergehenden Mulatten für den Transport meiner
Sachen für etwa 12 Gr. Courant zu dingen.

Unterdessen war die Börsenzeit herangekommen. Ich passirte sehr viele
reinliche Straßen, welche den Namen der Hauptstraßen von Paris führen
-- da New-Orleans ja eine französische Colonie war. Alles sprach hier
französisch, auch die Leute aus der niedern Klasse, wie denn z. B.
Jemand, den ich um den Weg fragte, mir sagte, daß er das Englische
nicht verstehe. Auf meinem Wege nach der sogenannten französischen
Börse, welche indeß von der ganzen Kaufmannschaft errichtet worden ist,
zog am meisten meine Aufmerksamkeit auf sich ein freier, mit Bäumen
besetzter Platz, auf welchem sich das Rathhaus und die katholische
Kirche befinden, zwei Gebäude, die, obgleich unbedeutend, von Außen
keinen unangenehmen Anblick gewähren. Außerdem berührte ich auf meiner
Tour nach der Börse den Baumwoll-Markt und die sehr bemerkenswerthen
Canäle, ferner die Bank-Gebäude, welche eben so leer an Metall sind,
als die Taschen vieler Amerikaner überfüllt mit ihren unbezahlt
gebliebenen Noten. Die Börse ist ein wahres Pracht-Gebäude, mit einer
Kuppel gleich der St. Pauls-Kirche in London. Im Eingang, der von
großem Umfang ist, befindet sich ein Buffet, in welchem durch einen
französischen Restaurateur alle Erfrischungen von der allerbesten
Qualität für einen mäßigen Preis verkauft werden. Tritt man aus diesem
Entrée in den zirkelförmigen Saal hinein, so wird man durch die
schöne Bauart und die höchst geschmackvolle Einrichtung überrascht.
Man bemerkt eine Tribüne für jeden Wechselplatz der alten und neuen
Welt, in jeder derselben befindet sich ein Wechsel-Mäkler, um die für
diesen Tag durch sie bestimmten Course zu proklamiren, und die ganze
Börsenversammlung harrt auf diese Aussprüche, um sie ehrfurchtsvoll
entgegenzunehmen. Der ganze obere Theil des Börsen-Gebäudes ist zum
Empfang der Reisenden höchst brillant eingerichtet.

Als ich die Börse verlassen hatte, schlenderte ich ohne weitem Plan am
Ufer hinunter, um die Schiffe zu mustern und bemerkte, daß sehr Viele
mit dem Hinausholen beschäftigt waren. Auf meine Frage, ob alle diese
Schiffe in See gingen, wurde erwiedert, daß sie alle diese Schiffe
außerhalb der Stadt hinauslegen, woselbst sie beinahe vier volle Monate
verbleiben würden. „Die Comptoire“, fuhr der Berichterstatter fort, „so
wie überhaupt alle kaufmännischen Geschäfte, werden von dem 16ten Juni
ab geschlossen und Jeder, der Geld aufbringen kann, reiset während der
Fieber- und Cholera-Zeit nach den nördlichen Staaten und Badeörtern.“
-- Auch ich hielt es, nachdem ich alle meine Angelegenheiten und
alle Rücksichten erwogen hatte, für gerathener, aufs baldigste von
hier abzureisen; sogleich nach Tische erkundigte ich mich nach einem
Dampfschiff.

Ich fand, als ich an das Ufer trat, sogleich eins; „Albany nach
Louisville“; 35 Piaster ist der Preis, für welchen der Capitain
mich mitzunehmen verspricht. In nicht geringer Entfernung lag ein
anderes Schiff, Namens Diana, welches ebenfalls an demselben Tage
nach Louisville abgehen sollte, jedoch für 40 P. Passagier-Geld. Mein
Correspondent empfahl mir das letztere, weil es das rascheste sei.
Noch unentschlossen, mit welchem von beiden ich reisen solle, ließ
ich meine Sachen auf einem Karren durch einen Mulatten nach dem Ufer
bringen; es war ein überaus heißer Morgen; der Mulatte, obwohl ohne
Hemd, schwitzte, als wäre er aus dem Wasser gezogen und wird beinahe
ohnmächtig, als er eben mit seinem Karren dicht am Schiffe Diana steht.
-- „So bringe die Sachen nach diesem Schiffe, ich will fünf Piaster
mehr bezahlen, um Dich nicht länger zu quälen.“ Er thut es und will
mir aus Dankbarkeit die Hand küssen, allein nach dem, was später sich
ereignete, habe ich beinahe Ursache, dankbar zu sein, denn dieser
Ohnmacht verdanke ich vielleicht mein Leben. Bei meiner Ankunft in
Pittsburg las ich in der Zeitung, daß der Kessel der Albany auf dieser
Tour zersprungen sei und viele Passagiere hierdurch ihr Leben eingebüßt
hätten.

Unsere Reisegesellschaft bestand nur aus etwa vierzig Personen.
Anfänglich hielt ich sie für deutsche Wandersmänner; indeß mein
Wahn schwand sehr bald, denn ich bemerkte, daß sie sich dem sehr
unschuldigen Vergnügen des Tabackkauens hingaben. Nach einigen Stunden
war ich mit ihnen so bekannt, dass ich es wagen konnte, meine Glossen
darüber zu machen. Niemand von allen war darüber aufgebracht; von
Einigen wurde ich sogar wegen dieser Freimüthigkeit gepriesen. Einer
von ihnen meinte: „Sie müssen Nachsicht mit uns Amerikanern haben, wir
haben Fehler und diese hat die Jugend stets. Wir sehen es gerne, wenn
Deutsche zu uns kommen, weil die Deutschen die bravsten und zugleich
ehrlichsten Lehrer für uns sind.“ -- „Sie sind sicher und gewiß aus
keinem englischen, und wenn dieses wäre, aus keinem Yorkshire-Blut
entsprungen?“ entgegnete ich. „Ich freue mich“, war die Antwort, „daß
mein Urgroßvater ein Deutscher gewesen ist.“

Die Fahrt auf dem Mississippi gewährte mir viel Vergnügen, seine Ufer
sind die schönsten, die ich je gesehen habe, sie nehmen die einzelnen
Schönheiten der Main-, Elbe-, Themse- und selbst der Rhein-Ufer --
abgerechnet die Weinberge und die steilen Anhöhen mit den Ruinen der
Ritterburgen -- in sich auf. Erwägt man jedoch die Gefahr, der man sich
bei einer solchen Reise auf dem Dampfschiff Preis giebt, so muß man
halb wahnsinnig sein, um sie bloß des Vergnügens halber zu unternehmen.
Kann nicht jede Stunde, jede Minute das Dampfschiff ein Raub der
Flammen werden? Wer über die fortdauernde ungeheure Gluth, welche
zur Fortschaffung des Schiffs erforderlich ist, nachdenkt und diese
selbst beobachtet und controllirt, wird die Gefahr bald auffinden.
Erwiesen ist es, daß von der Zeit an, da es in jeder großen Stadt
Schauspielhäuser giebt, in jedem Jahre eins durch Feuer zerstört worden
ist. Die Anzahl aller Schauspielhäuser aber verhält sich zu der aller
Schiffe etwa wie 1 zu 1000. Nichts destoweniger fürchtet man gewöhnlich
beim Antritt einer Seereise mehr die Wellen als die Feuersgefahr.
Allein die letztere steht zu der ersteren in keinem Verhältniß, da ein
Schiff mit nichts als brennbarem Material ausgerüstet, und folglich
durch Feuer weit leichter zerstört werden kann, als alle anderen
massiven Häuser, die man doch stündlich in Schutthaufen verwandelt
sieht oder hört. Ich verweise den geneigten Leser zur Begründung
meiner Behauptung auf Lloyds Liste, in welcher jede Woche durch
Feuer zerstörte Segel-Schiffe angezeigt sind. Die Zahl der durch
Feuer verunglückten oder durch raschen Beistand noch vom Untergange
geretteten Dampfschiffe ist freilich nicht bedeutend, aber wie viele
Dampfschiffe existiren auch! und doch kann ich mehrere anführen: ein
nahe an der Stadt Lübeck verbranntes russisches; der ganz neuerlich in
den V. St., im Werthe von 100,000 Piaster verbrannte Great-Western und
zwei durch rasche Hülfe gerettete englische Dampfschiffe, die London,
das von Hull nach London fahrende und die Great-Western vor der ersten
Abfahrt nach den V. S.

Von der Feuersgefahr überzeugte ich mich auf dieser Reise nach
Louisville mehr als je zuvor, indem hier noch einige Umstände dazu
kamen. Bei der Nacht ist sie noch größer als am Tage, weil die in dem
breiartigen Flußwasser schwimmenden Bäume (snags genannt) während
der Nachtzeit von den auf der obersten Decke des Schiffs stehenden
Steuermännern nicht gesehen werden können; wenn diese aber durch den
starken Strom gegen die Schiffe geworfen werden, so besitzen sie
die Kraft, die Maschinerie in Unordnung zu bringen und dadurch das
Auffliegen des Schiffs zu verursachen. Es werden nicht nur täglich
60 Klafter von sechs Fuß langem Brennholze verbraucht und dadurch
eine ungeheure Gluth in den Oefen fortdauernd erhalten, sondern
nebenbei wird durch das Verbrennen von zwei großen Fässern Pech die
erforderliche Quantität von Dämpfen zum Durchbringen des Schiffs in
dem breiartigen Wasser verbraucht. Wenn nun Jemand die feurigen Funken
und Kohlen, gleich einem Feuerregen aus dem Schornstein hervorfliegen
sieht, so muß er, und wäre er auch der Muthigste, besonders bei den
dunkeln Nächten, in Grübeleien gerathen, und wird sich der Furcht nicht
ganz erwehren können.

Jeder der Reisenden hatte daher auch einen Live-preserver bei sich;
es sind dies wasserdichte Gürtel, von demselben Stoffe, der zu
den Mänteln dieser Art verwendet wird. Auf mehreren der dortigen
Dampfschiffe findet sich in jedem der Betten ein solcher. Jeder meiner
Reisegefährten hatte seinen Gürtel zur Tages- und Nachtzeit in der Hand
und war beschäftigt, Luft hineinzublasen und ihn zu füllen. Nur ich
hatte keinen solchen Lebens-Retter mit und ward deshalb von Allen wegen
großer Nachlässigkeit getadelt.

Um mir eine Uebersicht von der Quantität Holz zu verschaffen, die
jährlich in den Dampfschiffen auf dem Mississippi und Ohio verbraucht
wird, erkundigte ich mich genau beim Capitain und den Steuermännern,
wie groß die Anzahl der zwischen New-Orleans und den andern Städten
fahrender Dampfschiffe sei. Von beiden Theilen wurde dieselbe auf
640-650, und die Anzahl der Reisen auf 15-16 hin und eben so viel
zurück bestimmt. Ich beschloß, die Rechnung auf die mäßigste Weise
anzulegen und auszuführen. Ich ließ demnach die gesammte Anzahl Schiffe
nicht mehr als zehn mal hin und zurück fahren, und gab den Schiffern
die unmögliche Hinfahrt von 6½ Tagen Dauer und zur Rückfahrt (mit dem
Strome) 3½ Tage. Nach dieser Berechnung wäre für ein jedes der Schiffe
6000 Klafter und für die gesammten auf jenen Strömen fahrenden Schiffe
ein Quantum von nicht weniger als 3,900,000 Klafter Brennholz nöthig.
Es läßt sich mithin folgern, daß inclusive der übrigen Dampfschifffahrt
und Wagen wenigstens 4½-5 Millionen Klafter Holz in den V. S.
verbraucht werden. Diesen Verbrauch des Brennmaterials kann nur
derjenige, der das Land kennt, wie enorm und gefährlich derselbe auch
scheint, als wohlthätig erkennen. Ohne Dampfschiffe wären die V. S.
unglücklich, sie sind zur Cultivirung des Landes unbedingt nothwendig,
indem die Urwälder vielleicht noch nach einem Jahrhundert in solcher
Fülle da stehen werden, als wäre noch kein einziger Stamm aus denselben
genommen werden; ich habe die Urwälder im russischen Asien und sonst
gesehen, aber sie sind gar nicht mit diesen zu vergleichen.

Der Ertrag des Holzes, welches von den Schiffern für 2½-3 Piaster
gekauft wird, sichert den Grundeigenthümern sehr häufig den fürs Land
bezahlten Preis, welcher 1¼ höchstens 1½ P. pro Acker beträgt, und
oft auch die Unkosten für Urbarmachung desselben. Die Uferbewohner
harren stets auf das Signal eines vorbeifahrenden Schiffs und stellen
sogar eine Wache ans Ufer, um, sobald mit der großen Schiffs-Glocke
das Signal gegeben wird, bereit zu sein; das Holz steht bereits
abgemessen da, der Holz-Inspector steigt vom Schiffe, mit dem
Maaß-Stocke in seiner Hand und empfängt die 30 Klafter, welche für
die ersten 12 Stunden erforderlich sind. Das Herbeibringen dauert
nicht lange, aber doch wohl eine volle Stunde. Zu dieser Arbeit
werden die Deck-Passagiere gebraucht, denen diese Arbeit bei der
Entrichtung des Passagiergeldes zur Bedingung gemacht worden ist.
Arbeitslustige bezahlen 5 P. für die Fahrt, Andere 8-10. An Arbeitern
kann es daher den Dampfschiffen nie fehlen. Die Arbeiter, welche auf
Ruder-Fahrzeugen (mit dem Strom) Baumwolle und Getraide von Natches,
St. Denis, New-Madrid, Rom, Louisville und mehreren andern Städten nach
New-Orleans geschifft haben, können auf ihren Fahrzeugen nicht gegen
den Strom zurückreisen; sie müssen dieselben in New-Orleans verkaufen
und begeben sich dann auf die Dampfschiffe.

Die Städte auf der ganzen Tour von New-Orleans bis Pittsburg sind, mit
Ausnahme von Cincinnati, höchst unbedeutend; außer den oben bereits
angeführten sind noch zu nennen: Point-pleasant, Portsmouth, Warsaw
(Warschau), Hannibal und Hamburg, die aber alle nichts besonderes
zeigen.

Auf dem Ohio wird es für jene Arbeiter noch leichter, weil die
Holz-Eigenthümer die erforderliche Quantität Holz bereits in Barken
eingepackt haben, welche, sobald das Signal gegeben worden ist,
aufpassen, um das Tau, welches vom Dampfschiff herabgeworfen wird, zu
befestigen, worauf sie während der Fahrt das Holz hineinwerfen; die
Arbeiter haben also dasselbe nur zu ordnen.

Diese meine Reise auf dem bedeutendsten Flusse Nord-Amerika’s rief mir
diejenige Gedächtniß zurück, welche ich vor vielen Jahren auf einem
der größten Ströme Asiens, auf dem Obi machte. Der Vergleich, wozu ich
unwillkührlich getrieben wurde, fiel, was die Landschaft betrifft,
nicht zum Vortheil Asiens aus, was aber die Menschen betrifft, die an
den Ufern beider Flüsse leben, so erinnerte ich mich mit Vergnügen der
an letzterm Flusse wohnenden Nomaden, der vom Fisch- und Zobelfang
lebenden Ostiacken und Tungusen, bei welchen ich einkehrte. Sie wohnen
nur in Jurrten, allein dieselbe haben eine bessere Form, ein besseres
Aeußere und ein reinlicheres Innere als ich an den Hütten entdeckte,
welche von Republikanern, von Besitzern von Baumwoll-Plantagen,
Kornfeldern, Heerden und vieler Neger-Sclaven bewohnt werden. Erstaunt
war ich, als ich die häusliche Einrichtung und die Lebensweise
vieler am Mississippi wohnenden Republikaner sah. In einer kleinen
erbärmlichen Hütte residirt eine Familie bedeutenden Umfangs. An der
Außenseite derselben befinden sich Hängematten, in welchen man nicht
selten 3-4 Kinder in puris naturalibus zusammengepackt liegen sieht,
wahrscheinlich damit die hierselbst in den Wäldern einheimischen
Insekten an den kleinen Schlafenden ohne große Mühe Durst löschen
können. Schon hier überzeugte ich mich, nachdem ich die Cultur dieser
Waldbewohner am Mississippi genauer kennen gelernt, daß das gepriesene
Glück der Bewohner der V. S. einen großen Theil derselben wenigstens
nicht erreicht, da sie sich noch im rohen Natur-Zustande befinden.

Nach diesem überzeugte mich von dem übermäßigen Wachsthum der
Baumwolle. Ich hielt immer auch früher die Production der Baumwolle
für übermäßig, und die Aeußerungen, die ich mir in dieser Beziehung
als kaltblütiger Kaufmann, besonders in Manchester erlaubte, fanden
nichts als Widerspruch, es wurde mir der Vorwurf gemacht, daß ich weiße
Baumwolle mit zu schwarzen Augen ansehe. Ich suchte jetzt Facta zu
sammeln, wonach man diese Sache bestimmt beurtheilen könnte und der
Leser mag sich selbst aus denselben überzeugen, ob ich Recht hatte.
Wie außerordentlich hat sich die Production der Baumwolle seit den
letzten 50 Jahren, als ich in meiner väterlichen Handlung zuerst als
Lehrbursche eintrat, vermehrt!

    Im Jahre 1791 erzeugten die V. S. an      Pfund.
    Baumwolle                                 188,316
    Im Jahre 1798 um 7 Jahre später schon  19,000,000
       --    1802 um 4 Jahre später        27,500,075
       --    1819 nach 17 Jahren           87,997,045
       --    1820 nur um 1 Jahr später    127,860,152
       --    1830 10 Jahre hierauf        298,459,102
       --    1838 nach 8 Jahren           639,001,000

+Von dieser letztern Quantität wurden in demselben Jahre in den
Fabriken der V. S. circa 98,000,000 Pfund verarbeitet und das Uebrige
nach Europa verführt.+ Es ist unbedingt zu erwarten, daß die
Produktion in dem nächsten halben Jahrhundert noch einem weit größern
Maßstabe zunehmen wird; wenigstens giebt die Menge von deutschen
Auswanderern, welche alle zur Cultivirung der Ländereien in den V. S.
gebraucht werden, Raum zu dieser Vermuthung; rechnet man nun noch die
in Egypten, Ostindien und Texas produzirte Baumwolle hinzu, was soll
dann am Ende mit dieser ungeheuren Quantität von Baumwolle angefangen,
wozu soll sie verwendet werden? und wird der daraus erzeugte Stoff
wohl so viel Ertrag geben, daß die Produzenten auch nur zur Hälfte
für ihre Mühe und Arbeit belohnt werden? Gewiß nicht! Laboriren doch
beide Theile schon jetzt an der Schwindsucht! Zwar ist England mit
seinen vielen Spinnereien im Stande, für die ganze Welt den Garn-Bedarf
anzufertigen und verdient deshalb wohl das große Welt-Spinnhaus genannt
zu werden, aber wird und kann das Volk und Land dabei blühen? Da ich
später auf diesen Gegenstand zurückkomme, so bemerke ich vorläufig nur:
England muß zu Grunde gehen, wenn es nicht von dem Vorsatz, alle auf
der ganzen Welt erzeugte Baumwolle aufzuspinnen, zurücktritt.

Für den etwa reiselustigen Leser wird es nicht unangenehm sein, etwas
über die Einrichtung auf den Dampfschiffen zu erfahren. Die Diana
gehört, da sie den Brief-Beutel führt, zu denen der ersten Klasse.
Untersucht man sein Bett, so erschrickt man und legt man sich hinein,
so wird man von Ekel ergriffen; man empfindet einen Schweißgeruch,
welcher andeutet, daß seit vielleicht 12 Monaten keine Wäscherin etwas
mit den Bett-Ueberzügen zu schaffen hatte. Passagiere werden, so viele
sich nur melden mögen, aufgenommen. Bei der Ankunft in Louisville ist
die Anzahl derselben um das dreifache gewachsen, weil in jedem Ort,
den das Schiff passirt, mehrere hinzukommen. Hat der Capitain seine
Summe vom Passagier erhalten, so beauftragt er seinen Mulatten, dafür
zu sorgen, daß der Reisende um 10 Uhr Abends ein Lager zum Ausstrecken
bekommt. Da aber in der Regel die Anzahl der Passagiere die der Betten
um das dreifache übersteigt, so errichtet der Mulatte eine Art von
Hängematte, die vier Etagen hoch und einem Gerüste ähnlicher als
einer Schlafstelle ist, so daß es für den oben auf Nr. 4. liegenden
fast lebensgefährlich ist, hinaufzuklettern. -- Gehen wir zum Essen.
Der Tisch für 50 Personen (für mehrere ist nicht Raum) ist gedeckt.
Das Brod ist schon am frühen Morgen in Portionen geschnitten worden
und wird daher, bei der übermäßigen Hitze den Zwiebacken ähnlich.
Die Mulatten und Neger, die keineswegs ihre Lehrjahre als Kellner in
Frankfurt a. M. durchgemacht haben, sind emsig mit dem Tranchiren der
Braten beschäftigt. Sobald sie dies Geschäft im Schweiß des verdächtig
couleurten Angesichts beendet haben, setzen sie die Stühle hinter jedes
der Couverte und der Capitain wird jetzt benachrichtigt, daß ihre
Meisterwerke beendigt seien. Dieser verfügt sich jetzt zu den Damen,
um sie zum Mittagsessen einzuladen. Während der ganzen Procedur vom
Beginn des Tranchirens an stehen diejenigen Herren, welche so glücklich
waren, einen Stuhl zu erhaschen und durch Festhalten zu behaupten
verstanden, unbeweglich hinter demselben und kauen zum Zeitvertreib
dabei ihren Kentucky-Taback. Diejenigen, welche bei der Besitznahme
der Stühle nicht rasch genug waren, befinden sich schon wieder draußen
auf dem Deck. -- Jetzt tritt der Bellman (Glockenläuter) mit einer
sehr großen Metall-Handglocke in die Saal-Thüre und giebt das Signal
zum Sitzen. Die Spucknäpfe, deren einige Dutzend hinter den Stühlen
der Herren in gerader Linie aufgestellt sind, sind so gefällig ihre
Reste von dem edlen Tabackskraute entgegen zu nehmen. Kaum sitzen die
Herren fünf Minuten, so sieht man sie schon aufstehen und im Fortgehen
ihren letzten Bissen verzehren, um ihren Kentucky-Freund aufs Neue im
Munde zu empfangen. Mulatten und Neger eilen jetzt herbei, säubern den
Tisch so rasch und gut wie möglich, indem von Außen die ungesättigten
100 sich mit Eifer nach dem Saale hin drängen. Es wird wieder viel und
geschwind von den Ueberbleibseln geschmaust und zwar wegen Mangel an
Tellern mehrere Gerichte von einem und demselben; worauf die zweite
Abtheilung der dritten Platz macht. Diese muß sich dann mit den kalten
Ueberresten begnügen. Die beiden letzten Abtheilungen sind nicht nur
die weniger Verzehrenden, sie werden auch überhaupt etwas vernachläßigt
und sind dem Verzehrtwerden ausgesetzt, denn die beiden Mulatten, die
zum Verscheuchen des Ungeziefers angestellt sind, legen ihre von Federn
angefertigten Scheuchen nieder und setzen also die Essenden diesen
Bestien aus.

Bis um sieben Uhr Abends promenirt Jeder auf dem Verdeck des
Schiffes, ergötzt sich an den schönen Ufer-Gegenden oder steigt, wenn
Brenn-Material eingenommen wird, ans Land um sich in den herrlichen
Wäldern unter den merkwürdigen Pflanzen und Thieren umzusehen. Wir
hatten einen trefflichen Schützen bei uns, der die Tour stets mit der
Pistole in der Hand mitmachte und besonders manche Schlange (jedoch
kleine und unschuldige) schoß. Um sieben Uhr wird das Signal zum
Thee d. h. Abendessen gegeben, wobei es eben so tumultuarisch wie am
Mittage zugeht. Eine Stunde nach dem Souper, etwa um neun Uhr finden
sich die resp. Bett-Architecten, die Mulatten, zum Aufbauen der
vier Etagen hohen Bettgerüste ein. Während diese mit großem Fleiße
bauen, schwärmen ihre Collegen umher, um für die unerwarteten vielen
Passagiere einzelne Bettstücke als Kopfkissen u. s. w. aus den Betten
der von New-Orleans Mitgekommenen zu kapern; so fand ich auch einmal
einen bei meinem Bette in voller Arbeit. Da die Betten jedoch nicht
für die Hälfte der Reisenden zureichen, so ist es kein Wunder, daß
man dieselben sehr eifrig und pfiffig spekuliren sieht, um eins zu
erhaschen. Es geht hierbei nicht minder bunt zu, wie beim Mittagsessen.
Die Kleider werden abgeworfen und liegen in einem so beklagenswerthen
Zustande auf dem Boden, wie ihre Eigenthümer auf den Lagern. Jetzt
ist der Saal mit Schlaf-Pavillons und mit Schlafkünstlern gefüllt,
allein da stehen noch 20-25 bettlose stattliche Yankees, mit kläglicher
Stimme den Capitain um Beistand anflehend. Dieser kann nichts anderes
thun als ihnen freundschaftlich rathen, die herrliche Nacht auf dem
Deck zuzubringen und den folgenden Tag sich auszuschlafen. -- Hierbei
ist zu bemerken, daß hier überhaupt nicht das in Europa übliche Recht
gilt, nach welchem man von der Abfahrt an bis zum Bestimmungs-Orte der
Reise, als Eigenthümer eines Platzes angesehen und behandelt wird. Hier
nimmt Jeder den ihm besser scheinenden Platz ein, wie lange auch sein
Vorgänger schon den Platz behauptet haben mag. Deshalb hat das Reisen
in den Kutschen schon in dieser Hinsicht viel Unangenehmes, allein
es ist auch wegen der bösen Wege, wegen des hierdurch entstehenden
langsamen Fahrens, wegen der schlechten und theuern Gasthöfe an den
Fahr-Straßen -- nicht zu empfehlen.

Den Rath des Capitains, die Tageszeit zum Ausschlafen zu wählen,
befolgen diejenigen am liebsten, welche, wie die meisten Amerikaner,
Hang zum Hazard-Spiele haben; für diese Leute ist dann der Bettmangel
eine Goldangel, allein Mancher opfert außer der nächtlichen Ruhe
auch sein Geld. Mit dem Glockenschlage: fünf! wird die Zeit zum
Aufstehen signalisirt, damit der Saal zum Frühstücken, welches von
6-8 Uhr dauert, geräumt werden könne. Jetzt nun beim Ankleiden erhebt
sich die größte Confusion: Alle und ein Jeder sucht einen Theil
seiner Garderobe, die schon durch Nachlässigkeit beim Auskleiden
ein wenig sich vermischte, jetzt aber durch den Diensteifer der
Mulatten, welche um den Saal rasch zu räumen, alle Kleidungsstücke
auf einander werfen, in der größten Unordnung durcheinander liegt.
Ist diese Verlegenheit beseitigt, so eilt man dem Wasch-Loch auf dem
Verdeck zu. Hier findet man einen Raum, in welchem für drei Personen
Platz ist: auf einem an der Wand befestigten, sehr schmalen Brette
befinden sich drei Waschbecken von weißem Blech in Fesseln, worin
man das schmutzige Wasser der Vorgänger findet; auf dem Tische liegt
zum allgemeinen Gebrauch ein butterweiches Stück Seife. Auf einer an
der andern Wand angebrachten Rolle hängt ein etwa fünf Ellen langes
Handtuch von der Art wie man sie in unsern Fuhrmanns-Herbergen findet,
an welchem sich schon am frühen Morgen die sämmtlichen Mulatten und
zarten Neger Gesicht und Hände getrocknet hatten und welches für 150
Personen bestimmt war. Am Eingange des Waschlochs endlich befindet
sich ein Eimer, mit dem lehmigten Mississippi-Wasser gefüllt, zur
beliebigen Selbstbedienung. Da ich glücklicher Weise Handtücher und
Seife mitführte, so sagte eines Morgens ein Yankee zu mir: „Die
Amerikaner sind durchgängig gesunde Menschen; Ihre Vorsicht ist
daher überflüssig.“ -- Solche Reisen, wie die gegenwärtige auf dem
Mississippi und die frühern auf dem Obi sind also im Ganzen betrachtet,
interessant, aber sie sind auch, was die Lebensweise betrifft, mit so
viel Unannehmlichkeiten verknüpft, daß man an Einemmale genug hat.

Schon am sechsten Tage hatten wir uns zum Aerger der mit unserer Göttin
Diana rivalisirenden Dampfschiffe: Sultan und Monarch, welche ihrer
Kühnheit wegen auf der Liste der Todeskandidaten zu stehen verdienen,
so weit durchgearbeitet, daß der Capitain uns die Ankunft auf den
folgenden Abend mit Gewißheit verkündigte. Der Mississippi soll, wie
unser Capitain meinte, und wie man auch im Allgemeinen glaubt, die
Kraft haben, die Zahl der darauf Umkommenden reichlich zu ersetzen,
durch die Eigenschaft nämlich, welche der Emser Brunnen besitzt,
wodurch die Neger-Bevölkerung mit jedem Jahre zunimmt. Es sei etwas
sehr gewöhnliches, setzte er hinzu, daß die Negerinnen Zwillinge und
Drillinge gebähren, ja man höre oft von 4-5 Exemplaren.

Während der letzten Nacht war die Fahrt von der Art, daß alle
Passagiere in Unruhe geriethen, weil sie glaubten, daß in Verhältniß
zu dem sehr schmalen Raum im Kessel, welcher ohnedies durch den vielen
Sand aus dem Mississippi-Wasser noch um Vieles kleiner geworden war,
viele Dämpfe angewendet würden. Es war freilich ein ungewöhnliches
Getöse, ein Klappern der Gläser, Tische etc. vernehmbar, aber um
stromaufwärts in einem so reißenden Fluß, wie dem Mississippi zu
fahren, ist viele, sehr viele Dampfkraft erforderlich.

Am folgenden Abend um neun Uhr langten wir am Kanale von Louisville
an, woselbst der Capitain zur Ersparniß von 50 Piastern, die das
Hinauffahren kostet, zu bleiben beschloß. Unsere göttliche Diana wurde
neben den Ruinen eines Dampfschiffes befestigt, worüber ich nach
näherer Erkundigung erfuhr, daß es Bugann geheißen und vor ungefähr
10 Tagen durch Zersprengen des Kessels gegen 40 seiner Passagiere den
Kirchhöfen überwiesen habe. Mit mehrern Reisegefährten beschloß ich,
das Wrak näher zu besichtigen und wir bestiegen dasselbe mit brennenden
Lichtern in den Händen; hierbei fand ich, daß derjenige Theil des
Schiffes, worin sich mein Bett befand, im Bugann ganz und gar zerstört
und aufgelöst war. Wir plauderten noch lange über unsere ausgestandene
Gefahr, von welcher wir uns jetzt um so lebhafter überzeugt hatten und
legten uns nachher ruhiger als die vorige Nacht zu Bette.

Am folgenden Morgen hatten sich viele spekulirende Fiaker von
Louisville eingefunden. Es wurden jetzt Parthieen zu vier Personen
arrangirt, die von jenen Fiakern nach der Stadt gebracht wurden. Unser
Führer, war ein wahrhafter Riese, ein junger Mann von 22 Jahren und wie
er sagte, 7¾ Fuß Höhe. Als er uns nach Louisville gebracht hatte,
forderte er auch einen riesenmäßigen Lohn, nämlich einen Piaster von
einem Jeden, der den gewöhnlichen um mehr als das Doppelte überstieg.
Da er indeß versicherte, daß er gewöhnlich mehr als andere Fuhrleute
bekomme, weil die Meisten Gefallen an seiner Figur fänden, so sträubten
auch wir uns nicht dagegen.

In Louisville bemerkte ich bald, daß es nicht der Mühe werth sein
würde, hier längere Zeit zu verweilen. Alle am Mississippi und Ohio
gelegenen Städte haben denselben Anstrich von Unvollendung; sie liegen
alle auf Bergen und erscheinen daher vom Ufer aus sehr hoch. An der
Wasserseite wohnen die meisten Geschäftsleute, welche Läden haben, um
sogleich bei der Hand zu sein, wenn geldbedürftige Handelsleute mit
geldwerthen Gegenständen von New-Orleans oder New-York ankommen. Diese
Ladenherren sind meistens alle Deutsche oder französische Ausreißer,
die, wenn die Umstände darnach sind, auch von dort wieder ausreißen und
anderswo wieder unter anderer Firma auftreten.

Meine Wißbegierde in Betreff von Louisville’s Neuigkeiten war bald
gesättigt, weshalb ich meine Reise ohne Zögern fortzusetzen beschloß
und den steilen Berg hinunter, dem Ufer zu schlenderte. Da traten
mehrere Deutsche an mich heran, mit denen ich nichts zu schaffen
haben wollte und um solchen Leuten zu entgehe, beschleunigte ich um
so mehr meine Abreise. Da lagen drei Dampfschiffe, welche um ein Uhr
nach Cincinnati absegeln wollten: das Postschiff Pick (Hecht) mit den
Briefen, ein überaus geschwindes Schiff. Auf diesem Raubfische wollte
ich meine Reise fortsetzen, allein ich gab bald dies Vorhaben auf, als
ich kaum so viel Platz fand, um bis zum Bureau gelangen zu können. Fort
also zu dem zweiten Dampfschiffe, zum Robert Fulton, dachte ich, dem du
doch wegen Erfindung der Dampfschifffahrt Dankbarkeit schuldig bist,
allein wider Erwarten und zu meinem großen Erstaunen fand ich hier so
viele Dankbare, -- er war noch mehr überladen als der Pick, so daß ich
auch von hier mich zurückzuziehen veranlaßt sah.

In einer sehr kurzen Entfernung vom Fulton lag die loyal Anna. Kaum
hatte ich sie erblickt, als ich auch mit guter Hoffnung mich ihr
näherte, da Hagestolze, zu denen ich doch nun einmal gezählt werden
muß, gern mit loyalen Frauen Umgang haben. Noch nie habe ich eine
solche Propretät auf einem Schiffe wahrgenommen, wie auf diesem, man
bemerkte hier außer der Reinlichkeit noch ein gewisses Etwas, was nur
von den Frauen herrühren kann. Erst später erfuhr ich, daß dieses
Schiff ein Spielzeug, eine Puppe des sehr reichen Capitains sei,
welcher auf dessen Verschönerung mehr als auf die seines Wohnhauses
verwendet. -- Sieben Männer hatten sich bei der loyal Anna gemeldet
und keine einzige Dame -- eine geringe Anzahl Bewerber für eine so
schöne Miß, indeß trat ich sofort zu diesen über. Wir fuhren zwar um
Vieles langsamer, als der Pick und Fulton, aber dafür auch bequemer und
sicherer. Unsere Reise sollte nach Cincinnati und von da nach Pittsburg
gehen.

In Cincinnati sagte mir der Capitain, daß Frau Anna sich erklärt
hätte, sie könne, als eine Frau von so vortrefflichem Baue, nicht mit
sieben Männern zufrieden sein; alle Frauen würden von Launen regiert,
in welche man sich fügen müsse; sie werde wohl ein bis zwei Tage hier
verweilen, um noch einige Männer mehr zu acquiriren, und siehe da! als
die Glocke zur Abfahrt ertönte, da schwärmten um diese Liebenswürdige
so viele neue Verehrer, daß es den alten, wie vielen Männern nach der
Verheirathung ging -- es waren keine Plätze mehr, weder zum Stehen noch
zum Niedersetzen, zu finden.

Der Aufenthalt in Cincinnati kam mir nicht so sehr unangenehm; dieser
Ort wird in den V. S. City (große Stadt) genannt, allein sie ist nichts
weniger als das; jedoch verdient sie ihrer Anlage nach, nach dem, was
sie einmal werden kann, allerdings diesen Namen. Cincinnati ist, wie
die anderen Städte an diesem Flusse, in einer Höhe von etwa 200 Fuß vom
Ufer gebaut. Alle Buden befinden sich an der Wasserseite und sind nicht
zum dritten Theil für die Schacherwelt hinreichend. Die Miethen sind
daher so enorm, daß sie im Allgemeinen wohl das doppelte von denen in
New-York und Philadelphia betragen. Die Baulust ist aus diesem Grunde
sehr groß und nimmt mit jedem Tage zu. Jedoch fehlt es an Grund für
solche Gebäude, in welchen die einträglichsten Geschäfte betrieben
werden könnten, nämlich am Ufer.

Cincinnati’s Bevölkerung beläuft sich auf etwa 40,000 Einw., unter
denen Deutsche, wenn nicht die Hälfte, doch wenigstens den dritten
Theil ausmachen; von diesen sind wohl 8000 Juden, welche vor einiger
Zeit eine in schönem Stil erbaute Synagoge einweihten. Ich lernte
mehrere Deutsche dort kennen, auch wurde ich von Mehreren angeredet,
die vorgaben, mich zu kennen und mich auch wirklich bei meinem Namen
anredeten. Alle versicherten, zufrieden zu sein, verriethen jedoch in
der Conversation Unzufriedenheit; sie redeten stets von Millionen und
konnten von Menschenkennern ihrer Kleidung und ihrem Aeußern nach,
für nichts anders als Tagelöhner gehalten werden. Der Ort an und für
sich bietet nichts Merkwürdiges dar; die Umgegend ist nicht besonders
reizend. Er eignet sich zum Speditions-Geschäft und treibt dieses auch
in der That, aber auf eine sehr unvollkommene Weise, und zwar aus
dem Grunde, weil es an Arbeitsleuten fehlt, die bei einem Geschäft
solcher Art nicht zu entbehren sind. Die Güter, welche zur Spedition
dort ankommen, werden deshalb oft -- zu Wasser, wie ich während meines
Aufenthalts selbst Augenzeuge eines solchen Vorfalls war. Es langte
nämlich ein Dampfschiff an, welches 15 große Fässer Zucker für jenen
Ort geladen hatte, die der Capitain am Ufer abladen und hinwerfen
ließ, um sofort weiter zu fahren. Während der darauf folgenden Nacht
schwoll aber der Fluß dermaßen an, daß der Herr Spediteur, als er
am andern Morgen mit seinen Arbeitern hinzukam, statt des Zuckers
Zuckerwasser in den Fässern fand. Ganz amerikanisch-kaltblütig
fragte er die Umherstehenden: what can I do? Uebrigens spricht jeder
Amerikaner mit Respekt von diesem Orte, so daß es mir lieb war, ihn
kennen gelernt zu haben.

Desto lästiger dagegen wurde mir der Aufenthalt auf der Anna, da es,
wie schon bemerkt, nicht nur an Raum fehlte, sondern unter den neuen
Passagieren hatte sich auch eine große Anzahl von Spielern eingefunden,
die den Raum durch einen großen Tisch, an welchem sie Stoßen, das
alte und beliebte deutsche Hazard-Spiel, spielten, unter Beistand
einer Menge von Zuschauern dermaßen beengten, daß mir nichts zu thun
übrig blieb, als mich nach den untern Regionen des Schiffs zu den
Deck-Passagieren zu begeben.

Daselbst bemerkte ich mehrere deutsche Familien; da saßen Einige
mit Bibeln vor sich, Andere in Kattun-Jacken, schmauchend nach
alt-deutscher Weise, aus kurzen deutschen Pfeifen von dem edeln
Kentucky-Taback, den die Amerikaner lieber auf nassem Wege auflösen.
Die Frauen derselben strickten zum Ärger der Chemnitzer Strumpfwirker
und zur Freude der Amerikanischen Produzenten Strümpfe aus der auf
Amerikanischem Boden gewachsenen Baumwolle. Da ich Bekanntschaft
mit diesen Leuten anknüpfen wollte, so näherte ich mich zuerst den
Bibellesern, in der Meinung, daß diese die weniger Glücklichen in der
Gesellschaft sein müßten, indem die Meisten im Unglück sich entweder
zur Religion oder zum Aberglauben wenden. Ich hatte mich darin auch
nicht geirrt, dann sie versicherten mir, in jeder Rücksicht sehr
unglücklich und, obgleich sie schon ein Viertel-Jahrhundert in Amerika
zugebracht hätten, noch immer sehr arm zu sein.

Hierauf näherte ich mich den Taback rauchenden Männern und
Strümpfe strickenden Frauen. Von diesen erfuhr ich, wie die
amerikanisch-deutsche Auswanderungs-Commissionaire in New-York sie
schändlich betrogen und irre geleitet hätten. Sind doch Commissionaire
ein tödtendes Gift in allen Branchen, dachte ich, da mir schon in
Louisville ein pallastähnliches Haus gezeigt worden war, welches ein
Deutscher auf Unkosten der armen Einwanderer erbaut hat, indem, wie
sich der Amerikaner ausdrückte, der es mir zeigte, zum Fundament
desselben die Seufzer der Unglücklichen, zum Löschen des Kalks die
Thränen derselben verwendet wurden. Diese Unglücklichen müssen sich
wegen Mangel an Sprachkenntnissen gleichsam als Sclaven an den
Commissionair verkaufen und das sehr wohlfeil gekaufte Land für ihn
kultiviren. Einen aus der Gesellschaft, der mir am klügsten schien,
ersuchte ich, mich mit der Art und Weise, wie jene Commissionaire in
New-York mit ihnen verfahren hätten, bekannt zu machen. Vermuthlich
nicht so arg, wie die Havaneser uns armen Kaufleuten, dachte ich
hierbei. „Die verdammten Diebe,“ hob der Erzähler an, „haben uns vom
ersten Augenblick unserer Ankunft an konfuse gemacht; sie haben uns
zu Reisen verleitet, wodurch das Wenige, was uns nach Zahlung der
125 Francs Reisekosten noch übrig blieb, aufging; jetzt müssen wir
alle zurück, weil hier, wo uns die Diebe hingeschickt haben, Nichts
zu machen ist.“ Als ich hierauf bemerkte, sie hätten besser gethan,
Deutschland nicht zu verlassen, weil man, um hier etwas anfangen zu
können, wenigstens 1000 Piaster baares Geld mitbringen müßte, lachten
sowohl die Strickenden als die Rauchenden, und Einer meinte: „wenn wir
1000 Piaster gehabt hätten, so wären wir sicher noch zu Hause und
tränken Wein für sechs Kr., während wir hier Essig mit ½ Piaster
bezahlen müssen.“ -- Dies vorläufig als Warnung für den Auswanderer;
ich werde später genauer hierauf zurückkommen, da ich bei meinem
zweiten Aufenthalt in New-York diese Suche genauer kennen zu lernen
Gelegenheit hatte, und setze vorläufig meine Reise nach Pittsburg fort,
um baldigst in New-York einzutreffen, wonach ich mich um so mehr sehne,
da die loyal Miß Anna um Vieles zu liberal geworden war.

Wir langten nach einer viertägigen Fahrt in Pittsburg, dem Birmingham
der V. S. an. Jeder Amerikaner spricht in tiefster Ehrfurcht von dieser
Stadt, von welcher es in den statistischen Berichten heißt, es würden
für 30 Millionen Piaster Waaren hier fabrizirt; einige Tage hier zu
verweilen, um die bedeutenden Fabriken in Augenschein zu nehmen und
ihre Erzeugnisse zu prüfen, war mein Vorsatz.

Schon am Ufer gewahrte ich, daß Eisengießereien hier ein bedeutender
Erwerbszweig sein müssen, indem eine bedeutende Masse von Gußwaaren
zum Einladen bereit lag. Zunächst begab ich mich nach dem Innern der
Stadt, um das Exchange-Hotel (Börsenhaus), wohin sich viele meiner
Reisegefährten begeben hatten, aufzusuchen, was mir auch, da Pittsburg
sehr regelmäßig gebaut ist, ohne Mühe gelang. Wie ein hungriger
Jagdhund über seine Speise, so fiel ich über die seit vier Tagen
entbehrten Tagesblätter her und fand mit Schrecken und mit Freuden
zugleich die Verunglückung des Dampfschiffes Albany, mit dem ich
anfangs reisen wollte. -- Um die Fabriken aufzusuchen, begab ich mich
auf eine Anhöhe und richtete die Augen nach dem Himmel zu; ich bedurfte
nicht, wie die Astronomen, wenn sie Kometen suchen, eines Teleskops;
ich merkte auf die dichten Rauchwolken, die aus den hohen Schornsteinen
hervorströmen und konnte sicher sein, eine Fabrik zu finden.

Zuerst gelangte ich zu einer Glasfabrik, in welche ich ungenöthigt
hineintrat. Nur der Aufseher war zugegen und so gefällig, mir vieles
Hübsche zu zeigen. Ich ersah, daß die Glaswaaren hier nicht, wie in
Böhmen oder Schlesien, geblasen, sondern gegossen werden, folglich
fällt hier das Schleifen weg, indem das Bunte auf diesen Gläsern in den
Formen erzeugt wird. Nach dieses Mannes Erzählung waren die Amerikaner,
als Erfinder dieser Fabrikation eine Zeitlang die Monopolisten darin,
jetzt aber, nachdem Engländer und Franzosen dieselbe Fabrikate
erzeugen, haben sie eine schwere Concurrenz zu bestehen.

Durch den Anblick eines mächtigen Granit-Quarrées auf einem Berge
angezogen, näherte ich mich demselben. Unerklärlich war mir diese
Erscheinung, eine so mächtige viereckige Felsenburg ohne Fenster und
Thüren; was kann das sein? Da ich neben diesem Felsenklumpen ein von
eben solchen Steinen errichtetes, aber unbeendetes Gebäude mit einer
prächtigen Kuppel sah, so trat ich in dasselbe, um mir Auskunft zu
erbitten. Ich freute mich sogleich einen Mann zu treffen, dessen
Anblick sonst Niemand sehr erfreut; den Schließer des Gefängnisses,
welcher sich im Souterrain jenes mir räthselhaften Granit-Quarrées
befand. Dies war so eingerichtet, daß die Zugänge zu demselben durch
das Souterrain des unbeendeten Prachtgebäudes, den neuen Gerichtshof
führten, und folglich jeder Arrestant, ohne sich müßigen Zuschauern
exponirt zu sehen, vor die Richterstühle gelangen kann.

Die benachbarte katholische Kirche ist auf ähnliche Weise gebaut.

Am Ufer fand ich ein Schiff, welches zum Hausiren auf dem Ohio bestimmt
war, zur Abfahrt fertig. Um diese schwimmenden Hausirer kennen
zu lernen, bestieg ich das Schiff, in welchem ich ein komplettes
geordnetes Waarenlager antraf. Die Mannschaft darauf versieht zugleich
die Dienste der Handlungsdiener; bei allen Ortschaften werden Verkaufs-
und Ankaufsversuche gemacht.

Den Mechanismus der sogenannten Snag-boats wollte ich jetzt kennen
lernen; diese Bote sind nämlich seit etwa zwei Jahren durch den
Washingtoner Congreß, auf dem Ohio und Mississippi eingeführt zum
Auffischen der in jenen Flüssen treibenden Bäume, welche den Untergang
so vieler Dampfschiffe herbeigeführt haben; es giebt derselben bis
jetzt nur sechs, obgleich für beide Ströme wohl 150 erforderlich sind;
ich freute mich, sie kennen gelernt zu haben, denn sie verdienen alle
Aufmerksamkeit.

Auf dem Rückwege von dort gerieth ich in eine Baumwoll-Spinnerei.
Der Fabrikant war eben damit beschäftigt, eine verkaufte Quantität
dem Käufer zuzuschicken. Da ich auf den Fünf-Pfund-Paqueten No. 10
bemerkte, so ersuchte ich den Fabrik-Inhaber mir eins von No. 40 zu
zeigen. „Hiermit beschäftigen wir uns nicht,“ erwiederte er, „die
Anfertigung solcher Nummern überlassen wir den Engländern, wir spinnen
nur bis zu No. 14, indem wir nicht so viel Capitalien haben, um mit
sechs Prozent, denn mehr liefern feine Garne nicht, zufrieden zu sein.
Auf Nummern wie diejenigen sind, welche wir spinnen, ist die Steuer
zu groß, und aus diesem Grunde verbietet sich die Einfuhr von selbst.
Besäße ich mehr Vermögen, so könnte ich mehr fertig schaffen und,
anstatt daß ich jetzt 3000 Pfund jeden Tag absetze, das dreifache
Quantum verkaufen.“ -- Es würde mich sehr freuen, wenn einer von den
geneigten Lesern so gefällig sein wollte, mir Aufschluß zu geben, warum
der Amerikaner, welcher die Baumwolle und Kohlen dicht an der Thüre
hat, mit den englischen Fabrikanten nicht soll concurriren können. Wäre
es nicht zweckmäßig, daß die Regierung einen Ausfuhrzoll von Baumwolle
erhöbe?

Während ich mich auf der Pittsburger Brücke befand -- alle Brücken
in den V. S., muß ich nebenbei bemerken, sind den Häusern ähnlicher
als den Brücken, indem sie zur Abhaltung des Schnees mit Dächern und
Fenstern versehen sind -- und mich der großen Granitblöcke, worauf die
Brücke ruht, erfreute, traf ich einen frühern Reisegefährten, welcher
mich bat, mit nach seiner Tuchfabrik zu reisen. Er beklagte sich sehr
über die Schmuggelei von England aus über Canada; noch mehr aber wegen
des hohen Zolls auf roher Wolle, wodurch den Woll-Produzenten, zum
Nachtheil der Fabrikanten ein sehr lästiges Monopol eingeräumt sei.
Dürften wir, setzte er hinzu, unsern Wollbedarf gegen Erlegung eines
Zolls, wie der in England festgestellt ist, von Deutschland einführen,
so würden wir England sehr bald bei Tuchen entbehren können.

Als die beste Reisegelegenheit, um von hier nach Philadelphia und
New-York zu kommen, wurde mir gerathen, auf einem Kanalboote bis nach
Harrisburg zu fahren. Diese Fahrt wäre mir indeß beinahe schlecht
bekommen, indem ich beim Durchfahren unter einer Brücke in die größte
Gefahr kam, erdrückt zu werden. Bis nach Harrisburg trafen wir wohl 100
Brücken und bei den höchsten derselben konnte man, auf dem niedrigsten
Punkte des Bootes aufrechtstehend, kaum ohne Gefahr durchkommen.
Deshalb befindet sich Abends ein Mann auf dem Posten um „Herren, eine
Brücke!“ als Warnungszeichen zu rufen. Diesmal rief er, als es schon zu
spät war, um von den Koffern, auf welche ich mich zum Schutz vor Regen
gesetzt hatte, herabzukommen. Ich warf mich sogleich auf den Rücken und
erwartete das Schlimmste, aber die Vorsehung ließ auch diese Gefahr
glücklich für mich vorübergehen. Ich enthalte mich der Beschreibung
dieser Treckschuiten (die nach der alten sächsischen Lehrmethode wohl
eher mit einem D zu schreiben sind), weil sie desselben nicht werth
sind. Jeder, der dergleichen Schiffs-Gelegenheiten in Holland gesehen
hat, welche den Amerikanischen zum Muster gedient zu haben scheinen,
wird meine Versicherung, daß 43 Personen in der Cajüte schlafen mußten,
in Zweifel ziehen, und 5 Nächte mußten wir in dieser peinlichen Lage
zubringen; drei Hängematten über einander, in vier Alleen eingetheilt,
lieferten sämmtliche Ruhestellen.

Uebrigens gewährte diese Reise sehr viel Abwechselung und Vergnügen in
mancher Hinsicht. Das Merkwürdigste hierbei war eine Fahrt von etwa
35 englischen Meilen über sehr hohe Gebirge auf Eisenbahnen, vermöge
des Mechanismus vieler Dampf-Maschinen, welche auf kurze Distancen die
mächtigsten Wagen mit dem allerschwersten Gepäck ohne Locomotive auf
die hohen Berge zogen -- so daß wir die 35 Meilen in sieben Stunden
zurücklegten. Es scheint, daß, zur Anlegung von Tunnels kein Fonds
vorhanden war, da man zur Beförderung der Güter auf den Canälen, zu
einer solchen Maaßregel hat schreiten müssen. Sobald wir von den sehr
hohen Bergen ohne Locomotive etwa 6 Minuten hindurch auf die Canäle
zu hinunterfuhren und bei denselben angelangt waren, stand ein Boot
und Pferde bereit; die Umpackung währte etwa sechs Minuten. -- Am
folgenden Abend passirten wir den herrlichen Fluß Susquehannah. Ueber
diesen führt eine herrliche Brücke, die ich in der Entfernung, da sich
an derselben zwei Gallerieen für die hin- und zurückziehenden Pferde
befinden, für ein Theater hielt. Die Gegend um diesen Fluß ist die
reitzendste von allen, die ich auf meinen vielfältigen Reisen gesehen
habe. Die Stadt Petersburg, welche an der entgegengesetzten Seite des
Flusses liegt, konnte ich bei der sich nähernden Abendzeit nicht gut
sehen.

In Harrisburg hören die Canalfahrten auf und die nach Philadelphia
führende Eisenbahn beginnt. Da wir das Reisegeld für die Fahrt von
Pittburg bis Philadelphia entrichtet hatten, so war es des Capitains
Sache, für unsere Weiterschaffung zu sorgen, was denn auch bald
geschah. Für die aus Pittburg angekommenen Reisenden wurden sowohl für
Personen als Gepäck eigene Wagen angewiesen; aus Harrisburg fuhren
mehrere Hunderte. Die Wagen waren alle für funfzig Personen und so
arrangirt, daß sie mittelst großer Zugänge gleich einem Wohnhause in
Verbindung stehen; man kann während der Fahrt die sämmtlichen Wagen
durchstreichen und die an beiden Seiten paarweise Sitzenden mustern.
Am Eingange des ersten, dicht an der Locomotive befindlichen Wagens,
in welchem zwei Abtheilungen angebracht sind, las man am Eingange zur
zweiten Abtheilung „Damenzimmer“. In diesem befand sich ein großer
Spiegel, nächst dem Manne, das erste Bedürfniß für Damen, Sopha,
Arbeitstisch. Von Harrisburg bis Philadelphia, (welche Entfernung 96
englische Meilen beträgt,) fährt man mit Einschluß der Zeit, welche
zum Frühstück und Mittagsessen zugestanden ist, sieben Stunden. Für
das letztere, welches verhältnißmäßig eben so rasch verzehrt werden
muß, als die Locomotive sich fortbewegt, wird ein eben so reissender
Preis, d. h. ½ Piaster oder 18 gGr. bezahlt. Beim Bezahlen bemerkt
man Viele, die bemüht waren, einige von den abgesetzten Bank-Noten,
womit ihre Brieftaschen sich in ungesegneten Umständen befanden und auf
Entbindung nicht hoffen dürfen, -- anzubringen, allein der Cassirer
hat das Textbuch vor sich liegen, bleibt im Text und besteht auf
werthvoller Bezahlung des werthlosen Mittagessens.

Auf der Tour von Harrisburg bis Philadelphia hat der deutsche Reisende
Gelegenheit sich über den Fleiss und die Ordnungsliebe seiner
Landsleute zu freuen, da diese die Bewohner jenes Strichs ausmachen.
Man glaubt hier in Deutschland zu sein, überall erblickt man Feld- und
Baumfrüchte; auf jedem Hause in den Dörfern glaubt man die Worte:
„Wohlhabenheit und Zufriedenheit“ zu lesen. Gutgekleidete Kinder
beiderlei Geschlechts drängen sich mit Blumen und reifen Baumfrüchten
an den Wagen, um für die bereits gehaltene Aerndte etwas für sie
Brauchbareres zu ärndten. Genug, man empfindet auf dieser Reise keine
Langeweile, wenn man nicht etwa unwohl ist, wie ich es ein wenig war;
ich hatte bei der Passage über die Berge ein Erkältungsfieber erhascht
und kam ziemlich krank in Philadelphia an.

Da saß ich in einem langen Omnibus, die alten kraftlos scheinenden
Rosse thaten Wunder, denn sie trabten von einem Gasthofe zum andern
und nirgends fand ich ein Plätzchen für mich. Obgleich vom heftigsten
Kopfweh gepeinigt, freute ich mich dennoch; war es doch ein Zeichen,
daß ich den Kopf nicht in Havana verloren hatte. „Fahre nach welchem
Gasthof du willst, nur nach keinem schmutzigen“, sagte ich zum
Omnibus-Kutscher und bald standen die Rosse vor Baltimore-house,
welches mir der Kutscher als ein gutes und sehr reines Haus anpries, in
dessen Nähe auch das Dampfschiff nach New-York abfahre.

Ich wurde in diesem Hause mit etwas versehen, was mir seit einer
Reihe von Jahren entfremdet war und das war -- ein Federbette welches
gut war, weil es den Dienst eines russischen Dampfbades versah und
mich dermaßen auf die Beine brachte, daß ich am folgenden Morgen in
Philadelphia umherzustreichen mich mit hinlänglicher Kraft ausgerüstet
fühlte. Ich fand, daß Philadelphia ungefähr in demselben Verhältniß
zu New-York steht, wie Potsdam zu Berlin. Der Ort ist schön, weil
die Häuser durchgängig gut gebaut und die Straßen regelmäßig sind;
wenn man die vielen Canäle in denselben abrechnet, über die man aber
auch in New-York Beschwerde führen kann, aber nicht darf, weil die
Amerikaner leidenschaftlich am Canalbau hangen. -- Ich bestieg das
Rathhaus bis zu seinen höchsten Regionen, d. h. bis zur Glocke,
und war höchst überrascht, als ich die herrliche grosse Stadt mit
den vielen Kirchen und squares (Quarrées) nebst der herrlichen
Umgegend zu meinen Füßen liegen sah. Ich besuchte die Münze, das
Taubstummen-Institut, das Collegium und fuhr etwa drei Meilen weit nach
dem Wasserwerk, gelegen in einem Schweizerthal mit Bergen umgeben,
auf welchen sich die herrlichsten Anlagen befinden. Für diese Fahrt
hin und zurück bezahlte ich nur ¼ Piaster -- der wohlfeilste in den
V. S. mir erwiesene Dienst; muß man doch für das einmalige Putzen der
Stiefeln dasselbe bezahlen. Auch nach Vauxhall begab ich mich, in
welchem 1000 Chinesische Lampen brennen und eben so viele Orangenbäume
gezeigt werden sollten. Da aber nur einige Lampen brannten, so blieben
natürlich die blühenden Orangen unsichtbar. Ich kehrte nach der Kasse
zurück, um meinen halben Piaster Entree zu reklamiren, allein der
Kassirer versicherte mir, er sei an diesem Platze zum Geld-Einnehmen,
nicht Ausgeben; ich könne aber am folgenden Abend Gebrauch von der
Charte machen. -- Weise ist nach Lessing derjenige, welcher sich auf
seinen Vortheil versteht; ich erklärte daher diesen Mann für weise und
zog ab.

Meine Rechnung in Baltimore-house belief sich auf eine artige Summe,
obgleich ich keine einzige Mahlzeit in demselben eingenommen hatte. Der
Wirth bewies mir, daß er bei den hohen Preisen aller Lebensmittel zu
Grunde gehen müßte, wenn es nicht so manchen gäbe, der nie ißt, aber
dennoch üblicher Weise bezahlt. Es wird in ganz Amerika 2½-5 Piaster
in jedem Gasthofe den Logirenden angeschrieben, wenn er auch gar nichts
genossen hat.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit dem ersten Dampf-Schiff nach
New-York. Auf diesem befanden sich etwa 300-350 Passagiere, ungeachtet
zu derselben Stunde die Dampfwagen dahin abfahren. Man giebt den
Dampfschiffen darum den Vorzug, weil von den Schornsteinen der
Locomotiven zu viel brennende Kohlen umher geworfen werden, und dadurch
viele Kleidungsstücke der Mitreisenden zu Grunde gehen. Man muß jedoch
auch auf der Fahrt mit dem Dampfschiff ungefähr 20 Meilen auf dem
Dampfwagen zurücklegen, um alsdann die Reise im Schiff zu beendigen.

Um etwa 1 Uhr kamen wir in New-York an. Das Erste, was ich that, war,
mir ein Privat-Logis aufzusuchen, denn die Boarding-Häuser hasse ich
wegen des darin statt findenden Zwangs. In einem freien Lande darf
man auf Freiheit Anspruch machen, Thorheit ist es also, wenn man dem
Gastwirth seine Freiheit verkauft und noch dazu, wie hier in New-York
viel dafür bezahlt.

Als ich so an Broadway hinschlenderte, fühlte ich mich in der
heitersten Stimmung. Als ich über den Grund derselben nachdachte, fand
ich ihn darin, daß ich hier nicht, wie in Havana, das menschliche Elend
d. h., mit Lumpen umhangene Neger auf jedem Schritte vor mir sah,
sondern nur freie wohlgekleidete Menschen. Noch immer konnte ich die
Erinnerung an die Behandlungsweise der Sclaven von Seiten der Herren
nicht aus meiner Seele verdrängen; ich sah, wie die Herren Negerfrauen
im Beisein ihres Mannes züchtigten, oder wie der Mann während der
Procedur hereintrat, um das Mittagsmahl mit seiner Familie zu
verzehren, den züchtigenden Herrn ehrerbietig grüßte und gleichgültig
that, als ob ihn das nichts angehe. Wie diese Unglücklichen von Afrika
aus transportirt werden, will ich nur kurz erwähnen. In den Räumen der
Sclavenschiffe sind innerlich Abscheidungen von Brettern, mit nicht
mehr Zwischenraum, als daß zwei Personen aufrecht darin stehen können,
errichtet. Die Neger werden paarweise mit ihrem Rücken gegeneinander
zusammengebunden und zwischen diesen Räumen an die Wände derselben
angeschlossen. Aus dieser peinlichen Stellung werden sie während der
Reise täglich nur einmal, jedoch nicht mehr als 8-10 Personen auf
einmal, und nur auf 5-6 Minuten erlöst.

Ich fand ein Haus, an dessen Thüre ich auf einem Zettel: furnished
rooms (meublirte Zimmer) las. Die Wirthin, so wie Alles im Hause
deutete auf Reinlichkeit, nichts Archenähnliches war an dem mir
offerirten Zimmer zu bemerken. Meine vis a vis waren friedliebende, gar
nicht neugierige Menschen, die mich auf keine Weise geniren konnten,
ja um alle weltliche Dinge sich nicht mehr kümmerten, weil sie alle
auf dem mit Blumen und Bäumen geschmückten Kirchhofe wohnten. Sofort
miethete ich dieses Zimmer und befand mich sehr wohl in demselben. Dann
suchte ich wieder mein französisches Boarding-Haus zum Speisen, da ich
mir in Philadelphia wegen der Unpäßlichkeit die Hungerkur auferlegt
hatte. Auf die Frage der freundlichen Wirthin, wie mir ihre Küche
munde, erwiederte ich: nach einer mit Oel gesalbten Küche, deren ich in
Havana so viele Monate hindurch unterworfen war, fühlt sich mein Gaumen
höchst geschmeichelt. Ein Schweizer meinte, daß es in der That in
Havana höchst schlecht sein müsse, wenn es ein Berliner schlecht finde,
denn nach seiner Ueberzeugung lebe man in Berlin sehr schlecht; er
versicherte, er habe in den Gasthöfen erster Klasse daselbst für zwei
Thaler das Couvert auf seinem Zimmer servirt, abominable gegessen. Ich
vertheidigte meine Mitbürger aufs eifrigste, war aber nicht im Stande,
ihn zu einer bessern Ueberzeugung zu bringen.

Uebrigens war ich gerade zur rechten Zeit hier angekommen, um dem Feste
der Gründung der Unabhängigkeit der V. S., welches am vierten July
gefeiert werden sollte, mit beizuwohnen. Die Nacht vor dem Geburtstage
der Republik wurde mit einer solchen allgemeinen Theilnahme durch
das Abbrennen von Feuerwerken, Schießgewehren in allen Straßen kund
gethan, daß mir kein anderer Wunsch übrig blieb als der, daß die
Lustigen auch an andere Leute denken möchten, die wegen dieses Getöses
beinahe die ganze Nacht nicht schlafen konnten. Es ging ununterbrochen
fort bis um acht Uhr des Morgens, zu welcher Zeit die verschiedenen
Armee-Abtheilungen, alle neu uniformirt, mit Feldmusik und Trommeln
sich dem Demokraten-Könige, der an diesem Tage eintreffen sollte, in
aller Pracht zeigen wollten. Es wimmelte in Broadway von Militair,
welches nach dem Paradeplatz an der Batterie marschirte. Da jedes
Revier eine eigene Compagnie bildet, und sich jede derselben nach ihrer
eigenen Bestimmung kleidet, weshalb nun alle mit einander wetteifern,
in prachtvoller Ausstattung, so kann der Leser leicht denken, daß diese
ganz glänzend sein mußte; -- besonders zeichnete sich der Generalstab
und die Spielleute, deren jede Compagnie ihre eigene hat, in dieser
Hinsicht aus. Hierbei konnte man bemerken, daß zur Verherrlichung jedes
Festes Militair Bedürfniß ist. Die Anzahl der Generäle und Adjutanten
in ihren prachtvollen Uniformen, welche größtentheils Schimmel, die
Lieblingsfarbe der Amerikaner an Pferden, ritten, war sehr beträchtlich
und kam mir weit größer vor, als die in den großen Armeen großer Mächte.

Um etwa 12 Uhr verkündete der Kanonendonner die Landung des mit 40,000
Piaster besoldeten Regenten; er wird die Truppen mustern, hieß es,
und dann seinen Einzug halten. Von meinem Zimmer aus beobachtete
ich ganz ruhig die Sache; ich zählte über 2000 Militairs, die in
einer Linie vor dem Präsidenten her zogen. Jetzt erschien derselbe
mit entblößtem Haupte, welches er bei dem jedesmaligen Hurrahruf
rechts und links neigte. An den Präsidenten schlossen sich sämmtliche
Magistrats-Personen in schwarzer Kleidung an, mit sehr langen
Pergamentrollen in der Rechten; hierauf folgten 100 berittene Bürger
und der Generalstab. Weder Constabler noch sonstige Polizei-Beamte
waren zur Aufrechthaltung der Ordnung bemerkbar; und dennoch sah man
unter einer Masse von 200,000 Menschen, die sich in dieser Straße
bewegten, eine exemplarische Ordnung. Als Militairs zeichneten sich
in dem Zuge die Deutsche und Irländische Compagnie, so wie auch ein
Veteran aus, der den Befreiungskrieg mitgemacht hatte.

Da in keinem Lande dergleichen große Feste, ohne daß das Leben einiger
Individuen geopfert wird, ablaufen, so stand es nicht zu erwarten, daß
dies Fest in diesem Lande, woselbst die Menschen den gefährlichsten
Elementen, Feuer und Wasser mit einer gewissen Frechheit die Stirn
bieten, eine Ausnahme von der Regel machen würde. Die Decke eines
Dampfschiffes (die Dampfschiffe dieser Art zum Vergnügen haben außer
dem gewöhnlichen Verdeck noch ein höheres auf Säulen ruhendes, Decke
genannt) hatte wohl 1000 Menschen mehr aufgenommen, als die Stärke
derselben erlaubte; sie stürzte ein und 10 Personen kamen ums Leben.
Durch Zerspringen von einem der Kessel der Locomotiven, so wie auch
durch die Anwendung der Schießgewehre von Knaben, verunglückten mehrere
Menschenleben. Nur die Kinder sämmtlicher hiesigen Schulen, zwischen
15-20,000, welche, um dem Präsidenten ihr Compliment zu machen, nach
einer kleinen Stadt gebracht worden waren, kamen wohlbehalten nach
New-York zurück.

An diesem Abend gab sich Jeder dem Vergnügen hin; es ward viel
Champagner in der That, und in der Idee getrunken und mit Bank-Noten
baar bezahlt. (?) Auf den Hauptplätzen (als: Park, Batterie-Platz)
u. s. w. waren, wie auf unsern Messen, Buden errichtet, in denen
viel Leben war; jene Plätze waren mit Feuerwerken und Schießlustigen
überfüllt, die sich gegenseitig neckten; es ging so weit, daß
die in den vis a vis gelegenen Gasthöfen Globe und Sans-Souci
Logirenden sich aus den Fenstern durch Zuwerfen von Feuerkugeln,
Fontainen und Schwärmern dermaßen belustigten, daß in einem Zimmer
die Fenstervorhänge schon brannten und beinah ein größeres Feuerwerk
entstanden wäre. Im Castle-Garden (Schloßgarten) wurde, wie man mir
sagte, ein glänzendes Feuerwerk bei etwa 10,000 Zuschauern abgebrannt.

Nach der Beendigung dieses großen Festes besuchte ich den
Advokaten Dr. Lord, um Erkundigung einzuziehen, wie weit er in der
Prozeß-Angelegenheit gegen die M. und H. gediehen sei, und siehe
da! der gute Mann bedauerte, mir sagen zu müssen, daß er sich
noch nicht einmal beim Anfang befinde, indem meine Gegner stets
Gelegenheit gefunden hätten, die Sache in die Länge zu ziehen;
sie hätten die Gründe, weshalb sie die Sache ausgesetzt zu sehen
wünschten, beschworen; ihr Anwalt habe überdies, mit Genehmigung
des Gerichtshofes, eine Reise nach Europa unternommen, welches dazu
beitrage, diese Affaire in die Länge zu ziehen. Er empfahl mir Geduld,
die ihm freilich nicht so leicht abgeht, da ich 300 Piaster Vorschuß
geleistet habe.

Jetzt begab ich mich zum Commissionair, an welchen ich, wie früher
bemerkt, verschiedene Waaren von Havana mit der Ordre geschickt hatte,
dieselbe bis zu meinem Dahinkommen liegen zu lassen. Allein die Geduld
hatte ihn verlassen, er hatte sie für die Hälfte des Werths verkauft
und händigte mir jetzt die Verkaufs-Rechnung ein. Einen zweiten Prozeß
mit einem abermaligen Vorschuß von 300 Piaster anzufangen, war schon
deshalb nicht räthlich, weil +Ein+ Prozeß, selbst unter dem
mildesten Prozeß-Himmelsstrich wenigstens für mich hinreichend ist;
ferner war wegen des heraufziehenden Ungewitters in der New-Yorker
Geldwelt ein zweiter Prozeß zu vermeiden. Ueberdies war ich nicht
gesonnen, das Ganze den Launen der Advokaten und des Zufalls Preis zu
geben, denn wie leicht kann durch eine Zahlungs-Unfähigkeit der Banken,
die mir unausbleiblich schien, Alles verloren werden, wenn auch die
Sache zu meinen Gunsten entschieden würde? Es blieb mir mithin nichts
Anderes übrig, als den Belauf für meine Güter zu nehmen und gegen
das Verfahren meines Commissionairs zu protestiren. -- Ergo ist in
der neuen Welt nur viel zu verlieren, und mit großem Risico wenig zu
verdienen.



                         ~Vierte Abtheilung.~

                              ~Ueber das
           Treiben im englischen und amerikanischen Handel.~


Auf diese Weise hatte ich nun in New-York keine andere Geschäfte, als
mich mit den New-Yorkern zu amüsiren. Wohin also zuerst? fragte ich
mich selbst. Nach Wall-Street, war die Antwort. Diese Straße war ganz
mit großen Granit-Blöcken und Marmor-Säulen angefüllt, so daß man
dieselbe kaum mit Bequemlichkeit passiren konnte. Auf meine Frage,
was mit den vielen Steinen von so ungeheuerm Umfange gemacht werden
solle, hörte ich, daß sie zu Bank-Gebäuden bestimmt wären. Es dürfte
vielleicht einige Leser geben, die hierbei die Frage aufwerfen, warum
die Herren Rothschild in London, Hope in Amsterdam, Heyne in Hamburg,
Bethmann in Frankfurt a. M., Schickler in Berlin u. A. in kleinen
unansehnlichen Zimmern ihre sehr bedeutenden Geschäfte betreiben, und
warum diese nicht wie die New-Yorker, auf Marmor- und Granitsäulen
ruhende Banken errichten. Die Frage ist nicht schwer zu beantworten:
Die New-Yorker bedürfen zur Ausführung der Bauten nichts, was wie Geld
aussieht, während jene Banquiers nicht ohne Geld würden bauen können.

An demselben Tage wurde das Dampfschiff Great-Western von London
erwartet. Alle warteten mit der größten Ungeduld auf die Ankunft
dieses Schiffes, oder vielmehr auf die Nachrichten, die es mitbringen
sollte, denn man hoffte durch Hülfe der Engländer sich bald vom Uebel
erlöst zu sehen. Von England also Hülfe! dachte ich. Hülfe von einem
Volk, welches sich selbst nicht zu helfen weiß. England ist in seinen
Finanzen stets überschätzt (overrated) worden. Wehe! und abermals
wehe! einem Jeden, welcher überschätzt wird, mag es eine Regierung
oder ein Privatmann sein. Die natürlichsten unmittelbarsten Folgen
solcher Ueberschätzungen sind Uebervortheilungen. Der Verfasser gehört
zu den Wenigen, welche gegen die Englands Reichthum gesungenen und
gesprochenen Loblieder stets protestirt haben, obgleich er demselben
in technischer Hinsicht alle Gerechtigkeit widerfahren ließ; er ist
oft scharf darüber getadelt worden, worum er sich aber wenig kümmerte.
Schon im Jahre 1830, als die Reformbill John Russell’s im Hause der
Gemeinen durchging und Graf +Grey+ Premier-Minister ward, sprach
der Verfasser in einem mit dem Buchstaben R. unterzeichneten, im Leeds
Intelligencer eingerückten Aufsatz: „the corn-laws, as the present
policy of the country“ („die Korngesetze, die gegenwärtige Politik des
Landes“) sich dahin aus, daß England den frühern Gedanken, für alle
Bewohner des Erdballs zu fabriziren schwinden lassen, und einen großen
Theil der Fabrik-Arbeiter zur Erzeugung des ersten und nothwendigsten
Bedürfnisses, Getraide, verwenden müsse, wenn es fortbestehen wolle.
Der Verfasser rieth in jenem Aufsatze zur Anlegung vieler Eisenbahnen,
damit so viele Ländereien, welche zum Anbau des Pferdefutters
jetzt dienen, zur Erzeugung von Lebensmitteln für die Bevölkerung
angewendet werden könnten. Der Verfasser führt die Hauptpunkte seines
damaligen Aufsatzes zum Beweis der Behauptung an, daß er Englands
Lage schon vor 10 Jahren richtig beurtheilt hat, wobei er jedoch hier
nur das Wichtigste hervorheben kann. Auch behauptete er, daß der von
Preußen für die deutschen Fabrikanten angeordnete Schutzzoll nie eine
Abänderung zu Gunsten der englischen Fabriken erfahren werde, und
sollten diese, durch Anschaffung wohlfeileren Brodes, wohlfeiler als
die deutschen Fabrikanten produziren, so werde, seines Erachtens, der
Schutzzoll um eben so viel von Seiten Preußens erhöht werden. Wer würde
wohl gern 3 L. St. hingeben, um 1 L. St. dafür wieder zu erhalten?
Deshalb wird sich Preußen stets gegen die Einfuhr von englischen
Fabrikwaaren sträuben, indem England, bei einem Getraide-Mangel sich
doch unbedingt nach Deutschland wenden muß.

Englands Getraide-Noth (wie diese im vorigen Jahre sich zeigte), ist
lediglich der Vernachlässigung des Ackerbaues zuzuschreiben; es giebt
zu viel unkultivirtes Land in den vereinigten drei Königreichen. Hätte
die Regierung die Taxen vom kultivirten Lande vermindert und das
unkultivirte Land dagegen mit hohen Taxen belegt, so würde das Land,
auch bei einer schlechten Aerndte, nie in Verlegenheit kommen. Der
Mensch, welcher sein erworbenes Vermögen zu konserviren weiß, gehört
zu den Künstlern ersten Ranges. Von allen englischen Fabrikanten
gelangte keiner zur Meisterschaft in dieser Kunst; sie sind arm, weil
ihr Vermögen in Fabrik-Gebäuden und Maschinen steckt; diese aber haben,
da man jetzt dergleichen von der Seine bis zur Wolga in jedem Dörfchen
antrifft und in Bewegung sieht, nur ein Drittel des ursprünglichen
Werthes.

Der Verfasser ist seit Kurzem von mehreren seiner Bekannten, unter
denen sich sogar ein Engländer befand, gefragt worden: „Wodurch wohl
ist Englands Reichthum sobald gesunken?“ Die Meisten hielten in der
That England stets für übermäßig reich, und dies hat, wenn man die
Sache genauer betrachtet, folgende Gründe.

1.) Alle Mächte contrahiren enorme Anleihen bei dem Hause Rothschild
in London. Nun glaubte man die Engländer sind es, die diese viele
Millionen hergeben, allein sie sind größtentheils aus Rußland,
Deutschland und Holland dem Hause R. überwiesen worden.

2.) Man erinnert sich der ungeheuern Summen, welche England in der
Napoleonischen Zeit den verbündeten Mächten als Subsidien gezahlt hat
und denkt: welches Volk in der Welt würde dies wohl leisten können?
Wollten die guten Leute doch nur erwägen, daß diese Subsidien-Gelder
nur ein sehr geringer Theil derjenigen Summen waren, welche von
Preußen, Oestreich und Rußland für Fabrikwaaren stets nach England
gingen. England konnte doch nicht immerfort nehmen wollen, weil ja
sonst Nichts übrig geblieben wäre. Jene Länder besaßen zu jener Zeit
gar keine Fabriken, erhielten vielmehr ihren ganzen Bedarf von England
und welchen Preis bezahlten sie dafür! 14-16 Thlr. für ein einziges
Stück von Baumwollen-Waaren, in welchem etwa fünf Pfund von der
Prima-Materie verbraucht worden waren. Von dem durch solche Preise
entstandenen enormen Gewinn zahlte England etwa 1/10 als Subsidien
zurück, damit die guten Deutschen wie Wahnsinnige auf die französischen
Kanonen losgehen möchten, um ja nicht an Fabrikation zu denken. Da
trat nun Napoleon den Engländern mit seinem Continental-System in den
Weg; er lenkte die Aufmerksamkeit der Deutschen auf Fabrikation. Man
fing an einzusehen, daß dies Geschäft keine Zauberei sei, daß es nur
der Geduld und Ausdauer mit Zuziehung guter Augen und tüchtiger Hände
bedürfe. Hierdurch wurde das englische Fabrikwesen verwundet; da indeß
diese Wunde anfangs den Engländern noch nicht fühlbar sein konnte, so
bekümmerte sich Niemand von allen Fabrikanten darum; sie erweiterten
ihre Geschäfte, statt dieselben vorsichtig einzuschränken. Jeder war
durch den in den letzten Jahren gehabten Profit wonnetrunken und in
der Ueberzeugung, bei einer um das Doppelte erweiterten Production den
doppelten Gewinn zu erzeugen, wurde der ganze Gewinn der letzten Jahre
und noch mehr zur Anschaffung größerer Gebäude und Maschinen verwendet.

Für die Bauherren, welche, wie überall so auch hier, bei ihren
Anschlägen gewöhnlich irren, zeigten sich jetzt bald Verlegenheiten: es
fehlte an Geld, indem der Bau weit mehr kostete, als veranschlagt war.
Um diese Noth abzuhelfen, mußte Geld gemacht werden und wie geschah
dieses? Es wurden Banking-Compagnieen, Joint-Stock-Banks u. s. w. auf
Aktien errichtet. Jeder der Fabrik-Eigenthümer zeichnet auf eine Anzahl
dieser Aktien, jede derselben zu 100 L. St., auf welche er jedoch nur
5 L. St. baar erlegt, obgleich er an dem Gewinne von 100 L. St. Theil
hat; für die übrigen 95 L. St. verfertigen jene Surrogat-Banken ihre
eigene Bank-Noten, jede Note zu 5 L. St. Um aber jedem Geldempfänger
auf sein Verlangen mit Geld oder auch Noten von der Bank of England
begegnen können, war eine Hülfe von Seiten dieser Bank wichtig, ja
höchst nothwendig. Deshalb wurde also eine Convention zwischen den
beiderseitigen Banken abgeschlossen, daß alle von jenen Banken gerirten
Wechsel durch die Bank of England für das übliche Disconto von 3½
Procent pro anno discontirt und sowohl Geld, als Noten dafür erlegt
werden sollten.

Der momentane Nutzen, der durch diese Maßregel für die englischen
Fabrikanten entstand, war sehr groß und vielfältig; der Fabrikant
konnte sich bei Erweiterung seiner Fabriken nie in Geldverlegenheit
befinden. Er durfte sich auf Zeitverkäufe einlassen weil die Wechsel
die ihm bei diesen Verkäufen von den Käufern an Zahlungsstatt wurden,
sofort in den Banken, in welchen er als Aktionair interessirt war,
discontirt wurden, wodurch Er eigentlich der Gewinnende ward, weil die
Bank nur einen geringen Theil solcher Wechsel und zwar nur für 3½
Procent pro Anno bei der Bank von England discontirte, wogegen die
Banken 5 Procent mehr und größtentheils mit ihren eigenen Bank-Noten,
welche zinsenfrei waren, ausbezahlten. Hierdurch ward für den
Fabrikanten als Aktionair eine Dividende von 12½-15 Procent jährlich
erreicht.

Dies war Englands glänzendste Periode. Geschäfte wurden ins
Unendliche gemacht, da es nie an Geld fehlen konnte. Der Verfasser
kennt deutsche Häuser, die sich fünf dieser Banken bedienten.
Genug! wer einen ganzen Rock auf dem Leibe trug und die Wechsel zu
acceptiren verstand, der hatte bald ein Waarenlager. Es entstanden
Commissions-Geschäfte, weil nichts mehr dazu gehörte, als ein Local
(warehouse); alle fünf Schritte stieß man auf einen Commissionair. Zu
den Commissionairen und Bank-Gesellschaften gesellten sich auch bald
Dampfschifffahrts-Gesellschaften, aber wie es im menschlichen Leben oft
geschieht, daß Menschen durch häufiges Besuchen großer Gesellschaften
ihre physischen und moralischen Kräfte zerstören, so geschah es
jetzt mit dem englischen Waarenhandel nach Deutschland durch jene
Gesellschaften.

Die Fabrikation nämlich nahm ungeheuer zu und dies führte den Handel
herbei, um welchen England so oft beneidet wird, aber eher bedauert zu
werden verdient -- +den Welthandel+. England war nun gezwungen,
sich um Plätze zu bekümmern, woselbst die übermäßigen Produkte der
Fabriken untergebracht werden könnten. Amerika und Indien schienen am
geeignetsten hierfür zu sein; allein wie sollte in jenen Welttheilen,
wo es noch mehr, wie in England, an Geld fehlt, ein der englischen
Fabrikation angemessener Absatz erreicht werden, wodurch die Engländer
einigermaßen auf baare Fonds sollten rechnen können? Das war eine
schwere Frage, die jedoch bald gelöst wurde.

Es zeigten sich nämlich sehr bald in London drei Handlungshäuser
(mit dem Anfangsbuchstaben W..) zur Hülfe bereit für alle englische
Fabrikanten und amerikanische Handelslustige und Manufacturisten.
Diese drei Häuser rüsteten für eine Provision von fünf Procent (keine
Kleinigkeit!) einen Jeden mit Accreditiven an die Joint Stock-Banks
und Banking, Compagnieen aus, damit diese, die von den Amerikanern
auf jene Londoner Häuser gezogenen Wechsel, (welche die letztern zu
honoriren versprachen,) auszahlen möchten. Der Absatz wurde natürlicher
Weise höchst beträchtlich, allein dieser in England beförderte Absatz
bewirkte keinen Absatz in Amerika, wenigstens war derselbe nicht
zureichend für die angeschafften Vorräthe, und dieses um so weniger,
weil die englischen Fabrikanten jetzt neuerdings zur Erweiterung
ihrer Fabriken schritten. Die in England von den Amerikanern auf
Zeit gekaufte Waaren mußten mithin wiederum so geschwind als möglich
abgesetzt werden, allein für baares Geld abzusetzen, lag im Reiche der
Unmöglichkeit. Was thun? die Verlegenheit wurde in Amerika eben so
schnell, wie in England durch Einrichtung von Banken beseitigt; die
Zeitverkäufe konnten jetzt statt finden und die Geldverlegenheiten der
Importeurs waren hierdurch aufgehoben.

Dem Präsidenten General Jakson schien bei seiner Einsicht in die
Bank-Geschäfte dies Treiben sehr gefährlich fürs Land; er sah klar,
daß das Land mit englischen Manufactur-Waaren bald überschwemmt
werden müßte, wenn diesem Uebel nicht gesteuert würde; er hemmte
das Discontiren aller dergleichen Wechsel in den Banken, welche
unter der Aufsicht seiner Regierung standen. Diese Maßregel erregte
die Aufmerksamkeit der Bank of England, die Direktoren warfen die
Blicke auf ihre Schubladen, in welchen die von den verschiedenen
Banken discontirte Wechsel lagen und, o weh! darunter befanden sich
so viele von den mit W. bezeichneten drei Häusern, daß die Nachwehen
unausbleiblich schienen. Die Bank of England ergriff jetzt ernsthafte
und ähnliche Maßregeln, wie die des amerikanischen Präsidenten und
dreimal o Weh! Jene Häuser und eine sehr bedeutende Bank in Leeds,
nämlich die Northern-central Bank wurde (um das Fallen der Actionaire
zu verhindern) von der Bank of England gestützt und hörte von dieser
Zeit an auf, Bank zu sein.

Um dem Leser ein anschauliches Bild von diesen englischen
Bank-Geschäften zu geben, will ich das Beispiel von einem Tagelöhner
in Leeds anführen, welches ich selbst erlebt habe. Der Verfasser wurde
nämlich eines Tages von diesem Tagelöhner ersucht, ihn, da er sich
als Kaufmann etabliren wolle, mit einem Vorschuß von 10 L. St. zur
Anschaffung der erforderlichen Handels-Utensilien und einen kleinen
Unterricht im Waarenfache zu unterstützen. Dieser Mann erhob sich sehr
bald als Kaufmann, und stand auch eben so bald in der Londoner Gazette
als Fallit mit einer sehr bedeutenden Summe von vielen 1000 L. St.
Er hatte vermittelst Hülfe der Banken Theil am englischen Welthandel
genommen und man fand unter den in der Northern-central Bank unbezahlt
gebliebenen Wechseln auch mehrere der seinigen im Belaufe von einigen
Tausend L. St. Er war Grund-+Nicht+eigenthümer geworden, um
Actionair des letztgenannten Bank-Instituts werden zu können. Dies ist
ein sprechendes Bild des gepriesenen englischen Welthandels!

Englands Banken hatten auch einen bedeutenden Einfluß auf den deutschen
Wollmarkt -- ein Gegenstand der genau genommen zwar nicht hierher
gehört, der jedoch zu interessant ist, um ihm nicht en passant einige
Aufmerksamkeit zu schenken. Die Wollproduction in Deutschland, behaupte
ich, mußte durch Englands viele Banken zunehmen, aber eine förmliche
Umwälzung ist auch hierin unausbleiblich. Die Sache nämlich verhält
sich also: Spekulationen jeder Art, wurden durch den Beistand jener
Banken unternommen. Dieser Beistand bestand darin, daß die Spekulanten
mit Accreditiven auf London versehen wurden, von dort mit solchen auf
Hamburg und von da endlich mit denselben Mitteln auf Berlin, Breslau,
Stettin u. s. w. als Woll-Einkäufer ausgerüstet wurden. Kein Wunder
daher, daß es deren jetzt in Hülle und Fülle gab, und daß es auf allen
Märkten davon wimmelte. Jeder derselben wollte, oder mußte kaufen;
die Preise erreichten hierdurch eine enorme Höhe ohne eigentliche
Ursache, d. h. ohne daß ein wirklicher Bedarf in dem Maße, wie Viele
und besonders die Produzenten glaubten, vorhanden gewesen wäre. Die
niederländischen Fabrikanten fürchteten, die besseren Sorten von den
Engländern aufgekauft zu sehen, und griffen also rasch zu; was blieb
denn da den Engländern anders übrig, als auch rasch zuzugreifen? Die
Produzenten griffen nun auch zu -- den vollen Champagnerflaschen;
lachten sich dabei ins Fäustchen, ließen beim Champagner die Einkäufer
hoch leben und versicherten diesen, (ungeachtet sie ihre Wollen wie
Seide bezahlt bekamen) daß sie bald zu Grunde gehen müßten, wenn die
Preise sich nicht höher stellen würden. Die englischen Einkäufer hatten
mithin jetzt deutsche Wollen mit deutschem Gelde gekauft, und brauchten
sich bei dem Verkauf in England nicht zu übereilen; hatten sie doch
durch die verschiedenartige Trassirungen Zeit genug und außerdem auch
in den Banken ein Schutzmittel gegen Verlegenheiten.

In Folge dieses großartigen Wollhandels in England bildete sich jetzt
auch ein solcher in Deutschland. Leute ohne Kenntnisse und aus allen
Klassen wurden Wollhändler, und das Resultat war, daß es zuletzt an
diesem Product fehlte, ohne daß ein Bedarf in gleichem Maße dafür
existirte -- für die Produzenten ein steigender Vortheil.

Daß ein Mißtrauen gegen die englischen Banken eine große Veränderung
im Woll-Geschäft herbeiführen müßte, war vorauszusehen. (Der Verfasser
machte sogar einen unserer ersten Wollhändler bei einem Zusammentreffen
in Hamburg hierauf aufmerksam.) Durch jenes Mißtrauen mußten die
Accreditive auf London und somtit auch die Anzahl der Einkäufer
abnehmen; man kauft jetzt nur noch rohes Material, wenn es für
Fabriken gebraucht wird, und englische Spekulanten sind deshalb in
Deutschland im verjüngten Maßstabe anzutreffen; sie schreiben indeß zur
Beruhigung der deutschen Wollhändler: +the money-market is bad+
(der Geldmarkt ist schlecht) besser übersetzt: auf allen Märkten ist
kein Vertrauen zu kaufen. Bald wird es eintreten und wir werden wieder
spekuliren können. Sollte indeß auch der Spekulations-Geist, (wie es
von Vielen erwartet wird,) durch ein zurückkehrendes Vertrauen wieder
Raum gewinnen, so dürften doch die Wollpreise nicht zu ihrer vormaligen
Höhe zurückkehren, weil die Production, wie es scheint, bei Weitem die
Consumtion übersteigt. Obgleich über die erstere keine zuverlässige
statistische Uebersicht existirt, so glaubt der Verfasser dennoch,
daß dieselbe in den gesammten Vereinigten Staaten, van Diemens Land,
Australien und Europa auf drei Pfund für jeden Kopf anzuschlagen ist,
welches Quantum zu groß wäre, um in Einem Jahre verbraucht zu werden.
Wirft man einen Blick auf die nachgebliebenen Bestände des rohen
Materials und auf die Vorräthe der daraus verfertigten Stoffe mit der
Berücksichtigung, daß die neuen Wollmärkte nicht fern mehr sind, so
wird man eine Umwälzung in diesem Geschäft nicht für unwahrscheinlich
halten. Dies, wie bemerkt en passant und nun zur Hauptsache zurück!

Durch jene Maßregeln der Bank of England mußte nun im Waarenverkaufe
(denn Absatz kann man denselben nicht nennen, da noch Alles ungebraucht
da lag) eine Stockung entstehen. Nichts desto weniger wurden in den,
für den Welthandel eingerichteten Fabriken täglich Massen fertig --
was auf die Preise so nachtheilig wirkte, daß sie in Kurzem eine
Veränderung von 25-30 Procent erlitten; mit diesem Verlust hat der
Verfasser selbst bedeutende Parthieen verkauft. Den englischen
Fabrikanten kam diese Stockung unerwartet; sie waren nunmehr gezwungen,
andere Märkte für ihre Erzeugnisse zu suchen, denn fort mußten sie, da
mit jedem Tage neue fertig wurden. Wohin damit? Nach den westindischen
Colonieen, nach Havana, nach St. Thomas, Vera-Cruz etc. In allen
Fabrikstädten Englands wimmelte es damals von Reisenden der dortigen
erprobten Commissionaire; diese sind bereit, den Fabrikanten die
Hälfte des Werths auf die in Commission ihnen zuzuschickenden Waaren
vorzuschießen, und beauftragen ihre Freunde in London, hierin, so lange
es den Fabrikanten belieben sollte, gegen Empfang der Connecemente
fortzufahren. Die Fabrikanten gingen darauf ein, weil sie sich von
ihren Waaren befreien mußten; wie es den Einsendern bekommen sein kann,
läßt sich nach meinem Handelsbericht aus Havana folgern.

Auf solche Weise erfreute sich England des sogenannten Welthandels
-- eines ruinirenden Handels, der durch die vielen Banken, die
Krebsschäden der englischen Fabrikwelt, entstand. Daß unter diesen
Umständen die Amerikanische Waarenhändler nicht auf Geld-Unterstützung
von Seiten Englands rechnen dürfen, möchte aus dem Vorhergehenden
so ziemlich einleuchten; noch deutlicher aber zeigt sich dies durch
folgenden Umstand.

In Englands Interesse liegt es allerdings, den Amerikanischen
Manufactur-Waaren-Handel nicht allein zu erhalten, nein! sogar
auszudehnen, weil hierdurch Englands Grundeigenthum an Werth gewinnt,
und durch letzteren wird überhaupt der Reichthum eines Landes
bestimmt. Daß Englands Grundeigenthum hauptsächlich in seinen zum
Theil unbeschäftigten Fabriken, und Maschinerieen besteht, hat sich
in diesem letzten Jahre mehr als je gezeigt. Durch den Abfluß der
coursirenden Münzen für die früher angeführten aus Deutschland, Rußland
u. s. w. importirte Waaren, wozu noch, wegen der Mißärndte und des
Getraidemangels in England das aus Deutschland einzuführende Getraide
kam, hierdurch also wurde der fünfte Theil der englischen Baarschaft,
(welche nach statistischen Berichten im Jahre 1824 sich auf etwa 24
Millionen L. St. belief,[H]) den vereinigten Königreichen entzogen.
Da nun die englische Bank für ihre übermäßige Anzahl von Noten keine
andere Hypothek als die coursirende Münze darbieten kann, so wurden
hierdurch die Grundsäulen der englischen Bank dermaßen erschüttert, daß
sie zu einer Anleihe in Frankreich ihre Zuflucht nehmen mußte.

England muß mithin durchaus den Wahn aufgeben, daß der Reichthum nur
aus den Fabriken hervorwachse, sonst dürfte vielleicht noch die Zeit
kommen, daß sich englische Fabrikanten zum Eintausch von Getraide mit
ihren Erzeugnissen auf den deutschen Kornmärkten zeigen müssen.

Doch ich kehre von dieser Digression nach New-York, nach Wallstreet,
dem Sitze der weisen Geschäfts-Welt Amerika’s, dem großen Congreß
aller Bank-, Eisenbahn- und Canal-Gesellschaften zurück. Indem ich in
meinem Reise- und Notizen-Buche, aus welchem vorliegende Schilderungen
entstanden sind, blättere, finde ich eine Stelle aus der Johanna
von Montfaucon: „Es muß blitzen, es wird blitzen, es blitzt“. Ich
drückte hierdurch aufs kürzeste meine Ansicht von dem Zustande der
Geschäftswelt aus, als ich nach meiner Ankunft aus Europa mich in
Pearl-Ceder-street etc. um die Waarengeschäfte bekümmert hatte, gerade
zu einer Zeit, wo die ganze Geschäftswelt in New-York wonnetrunken mit
Aufträge-Ertheilungen nach Europa und mit dem Abfertigen von Agenten
dorthin zum Einkauf für das Frühjahr beschäftigt war. „Es muß blitzen,
bevor zwei Jahre verstreichen,“ sagte ich zu mehreren meiner Bekannten,
und wenn Ihr in Euren Unternehmungen auf diese Weise fortfahrt, so habt
Ihr jedes Jahr ein schweres Ungewitter zu bekämpfen.

Wovon ich in jener Zeit voraussagte, daß es kommen würde, das ist
früher gekommen, als ich es erwartete. Philadelphia’s Banken sind nicht
mehr, bald dürften die von Baltimore und andern Städten nachfolgen;
aller Augen sind jetzt auf die von New-Orleans und New-York gerichtet.
Jeder wünscht das Fortbestehen derselben, allein zu untersuchen wäre
es doch, ob dasselbe in der Zukunft wohlthätig oder schädlich wirken
wird und der Verfasser behält sich vor, später darauf zurückzukommen.
Derselbe glaubt, daß die Einstellung der Baarzahlungen zu einer
und derselben Zeit von allen amerikanischen Banken im Ganzen, eher
vortheilhaft als nachtheilig für das dortige Waarengeschäft sein
müßte. Freilich würden hierdurch momentan auch die Europäischen
Fabriken leiden, allein sie würden sich nachher aus ihrem kranken
Zustande erheben und geheilt werden. Kaufmännische Geschäfte können
nicht durch Kunst erweitert werden, jedes solche Mittel wird unter
hundert vorkommenden Fällen vielleicht Einmal glücken. Da das Uebel
in den beiderseitigen Geschäften durch die vielen Banken, wie bereits
gezeigt, verursacht worden ist, so wird die Heilung desselben nur
durch Ausrotten mehrerer Banken möglich sein, wozu jedoch Zeit und
vernünftige Maßregeln von Seiten der Regierung nöthig sind. Papiergeld
muß als ein zur Bequemlichkeit dienliches Mittel, aber nicht als das
für Geschäfte wahrhaft Fruchttragende angesehen werden; es kann nur in
so fern wirksam für Handel und Gewerbe sein, als eine hypothekarische
Sicherheit dafür vorhanden ist.

Schon vor meiner Abreise nach Havana, bei meinem ersten Aufenthalt in
New-York, warnte ich manchen jungen Deutschen; sagte ich doch zu dem
Einen und Andern: lassen Sie sich nicht tief in die hiesigen Geschäfte
ein, wenn Ihnen Ihr oder Ihres Vaters Vermögen lieb ist. Man lachte
wegen meiner Furcht, man versicherte mir, Amerika sei das Land, in
welchem es nichts als gediegene unternehmende Kaufleute gebe, welche
rascher 12 Colly’s Waaren kaufen, als der deutsche Kaufmann eben so
viele Stücke. Alle jene jungen Kaufleute, die freilich noch nicht lange
aus der Schule entlassen waren, träumten von Glück, in einem Lande mit
einer Bevölkerung von 13 Millionen, mit schmutzigem Papiergelde, ohne
irgend eine Sicherheit zu haben, d. h. sie glaubten hier reich werden
zu können, während sie es für unmöglich hielten in ihrem Vaterlande
mit einer mehr als doppelten und zugleich reichen Bevölkerung Brod zu
erwerben. Allein diese Leutchen sangen jetzt ein anderes Lied, als ich
von Havana zurückkehrte und Mancher fragte mich: „Wie haben Sie das vor
Ihrer Abreise wissen können?“ Die Antwort war: weil die erste Ihrer
Banken mir für ihre eigene Bank-Noten nicht 200 Piaster in Gold, wie
ich es forderte, geben konnte.

Indeß, meine damals niedergeschriebenen Notizen sind jetzt in so fern
überflüssig, als jetzt bereits das geschehen ist, wovon ich damals
erwartete, daß es kommen würde; es ist schneller geschehen, als ich
es erwartete. Meine Warnungen, welche ich an die kaufmännische Welt
richten wollte, sind jetzt überflüssig, da dieselbe durch die neuern
Ereignisse selbst hinreichend gewarnt ist. Dies soll mich jedoch
nicht hindern, Mehreres von diesen Notizen mitzutheilen, was bei der
gegenwärtigen Lage zu wissen nicht unnütz sich beweisen wird. Zunächst
Einiges über die Handelsbilanz der V. S., worüber die Meisten so sehr
im Irrthum sind. Sie glauben, daß der Werth des Exports weit über dem
des Imports steht, allein das verhält sich auf entgegengesetzte Weise;
ich werde zum Beweise eine Tabelle von den Imports und Exports, so wie
von den zur Consumtion versteuerten Gütern in den Jahren 1829 bis 1839
anfügen, woraus der Leser das für ihn Nützliche ziehen mag. Wenn selbst
der Export den Import im Werthe bei Weitem überstiege, so würde dies
keineswegs für die Solidität Bürgschaft gewähren, indem beide hierbei
wirkende Theile in ganz verschiedenen Verhältnissen sich befinden;
denn der Exporteur ist der Produzent, welcher für seine produzirte und
jetzt exportirte Güter den Betrag in Comptanten empfängt, die er seiner
Geldkiste in Sicherheit bringt, und nur vielleicht einen sehr geringen
Theil davon für Waaren, die importirt werden, verwendet; wogegen der
Importeur für den Belauf des Imports aus andern Mitteln Sorge zu tragen
hat. Folgendes ist die Liste hierüber, die nach den Washingtoner
Berichten (return) abgefaßt ist.

Da es aber auch nicht ohne Interesse sein kann, zu wissen, aus und nach
welchen Ländern bestimmte Quanta importirt und exportirt worden sind,
so hat der Verfasser die Tabelle Nro. 2. beigefügt, welche über die In-
und Ausfuhr in den Jahren 1837 und 1838 Rechenschaft giebt.

Nro. 1.

    Import     Piaster        Export          Consumtion
    1829     74,492,527      62,258,671       57,834,649
    1830     70,876,920      73,849,508       58,499,441
    1831    163,191,133      81,310,533       83,157,593
    1832    101,029,266      87,176,943       76,989,793
    1833    108,118,311      90,130,433       88,295,576
    1834    126,521,332     104,336,973      102,708,521
    1835    149,896,742     121,603,077      129,391,247
    1836    189,980,035     128,663,540      168,233,675
    1837    140,989,217     117,419,376      119,134,255
    1838    113,717,404     104,486,616      101,264,609
    1839    170,600,000      96,351,450      140,000,000
           ------------    ------------     ------------
           1207,772,888    1037,587,120     1123,561,359
           1037,587,120
           ------------

Mehr importirt als exportirt für[I] 170,185,768 Piaster.

Wenn mithin, gemäß dieser Liste, die

    Einfuhr                        Piaster   1,207,772,288
    betragen hat, wovon jedoch nur für       1,123,561,359
                                            --------------

versteuert wurden, so sind die Waaren nur

    für die Summe von                Piaster    84,211,529

entweder noch im Depot, oder sie sind aus den Depots zollfrei
plombirt ausgegangen und verschifft worden. Jetzt entsteht die
Frage, aus welcher Quelle die 1207 Millionen Piaster zur Baarzahlung
für den Import geschöpft werden? Denn der Baumwolle-, Reis- und
Tabacks-Produzent consumirt doch nur etwa den zehnten Theil der
importirten Waaren und schließt die übrigen 9/10, der erhaltenen
Baarzahlung in seiner Kiste ein. Sind folglich die Amerikaner jene
Summe noch in diesem Augenblick den Europäern schuldig? Den größten
Theil derselben allerdings! erwiedert hierauf der Verfasser; es ist
ihnen jedoch Deckung dafür geworden; indem sie Eisenbahn-, Canal-
und andere Actien erhielten. Die Amerikaner haben mithin für den
Ertrag der Erzeugnisse ihres Bodens im Laufe aller 11 Jahre nichts
als Luxus-Artikel erhalten, welche zum Theil consumirt worden
sind, zum Theil aber auch noch bei den Jobbers in Pearl, Ceder-
und Chatham-Street in ihren Gewölben als veraltet und Ladenhüter
aufgestapelt liegen. Wollte man, wie ich bereits oben (P. 32.) bemerkt
habe, das Arbeitslohn darauf in Abrechnung bringen, so würde sich
dennoch ein bedeutender Verlust zeigen.

So steht’s mithin mit der überall gepriesenen Handels-Bilanz der V. S.!
welchen Werth kann man auf Grund und Boden, selbst auf alle Gebäude in
den V. S. mit Sicherheit legen, wenn jener hauptsächlich zur Erzeugung
von Baumwolle; diese aber zum Verkauf der mit schwerem Arbeitslohn
belasteten daraus verfertigten Stoffe verwendet wird? Wodurch, wenn das
Jahr verstrichen ist, sich kein anderes Resultat ergiebt, als daß die
englischen Fabrikanten durch den ergiebigen Boden Amerika’s und durch
den eisernen Fleiß seiner Bewohner erhalten worden sind. Und womit
wollen diese wohl zuletzt die Imports bezahlen, wenn denselben nicht
Einhalt gethan wird? denn wenn die Preise der Baumwolle sinken, wie es
den Anschein hat, was könnte dann wohl den Amerikanern anders zu thun
übrig bleiben, (da schon jetzt bei den hohen Preisen der Belauf des
Exports nicht mehr hinreicht zur Deckung des Imports,) als Wall-Street
nebst allem Zubehör, wenn es möglich wäre, nach Europa zu befördern.
Das wäre denn gar nicht so übel, für die Broakers in jener Straße, denn
sie könnten mit den vielen für Manufactur-Waaren in London deponirten
Aktien daselbst ihr Wesen treiben, wie sie es in New-York zu treiben
gewohnt sind.

Nro. 2.

Tabelle vom Betrage der in dem Jahre 1837 importirten und exportirten
Waaren mit dem Verzeichnisse der verschiedenen Länder.

1837.

    +Namen der Länder.+         +Import.+      +Export.+

    England                    44,886,943     54,582,943
    Rußland                     2,816,166      1,306,732
    Schweden                    1,399,901        420,404
    Niederlande                 1,886,976      3,358,225
    Engl. Ostindien             3,041,842        203,558
    Nord-Amerikan. Colonieen    2,359,263      3,298,986
    Deutschland                 5,642,221      3,754,949
    Frankreich                 22,083,614     16,890,578
    Cuba                       12,447,922      6,367,603
    Porto-Rico                  2,481,082        569,916
    Italien                     1,827,181        623,677
    Triest                        629,465      1,611,591
    Mexico                      5,654,002      3,880,323
    Brasilien                   4,001,983      1,743,209
    China                       8,965,336        630,591
    Aus verschiedenen Ländern  19,871,319     16,384,168
                              -----------    -----------
                              140,989,217    117,419,376

Tabelle vom Betrage der in dem Jahre 1838 importirten und exportirten
Waaren mit dem Verzeichnisse der verschiedenen Länder.


1838.

    +Namen der Länder.+           +Import.+     +Export.+

    England                      44,861,718    52,179,590
    Rußland                       1,898,396        84,944
    Schweden                        854,771       277,431
    Niederlande                   1,180,897     2,954,248
    Engl. Ostindien                 675,581       578,907
    Nord-Amerikan. Colonieen      1,555,570     2,723,491
    Deutschland                   2,847,358     3,291,645
    Frankreich                   17,771,797    15,783,516
    Cuba                         11,694,812     6,175,758
    Porto-Rico                    2,636,152       723,052
    Italien                         944,238       459,893
    Triest                          372,378       768,963
    Mexico                        3,500,769     2,164,097
    Brasilien                     3,191,238     2,057,194
    China                         4,764,536     1,516,692
    Aus verschiedenen Ländern    14,007,205    22,747,285
                                -----------    -----------
                                113,717,406   108,496,615

Die Amerikaner müssen Baumwolle erzeugen, die Engländer müssen
dieselbe spinnen; beide Nationen gehören und passen daher zu
einander, aber dabei ist das Interesse beider zu beobachten.
Betrachten wir die herrlichen Mittel, welche die Natur den Amerikanern
zur Selbstständigkeit reichte; werfen wir einen Blick auf den
vortrefflichen Boden, wodurch alle menschlichen Bedürfnisse direct oder
indirect befriedigt werden können. Ein Land, geeignet zum Acker-, Wein-
und Seiden-Bau; ein Land, welches alle zur Fabrikation erforderlichen
Mittel im Ueberfluß hat, in dessen südlichen Provinzen Kaffee und
Zucker etc. wächst, welches bei Nachsuchung in den Bergen edle Metalle
liefern würde; ein Land, von dem man mit Recht sagen kann, daß darin
Milch und Honig fleußt, ein solches Land ist unglücklich, weil es nicht
mit der erforderlichen Umsicht administrirt wird. Wäre der edle große
Washington zugleich mit dem Geiste eines Peters des Großen begabt
gewesen: so wäre Amerika jetzt das erste und glücklichste Land auf dem
Erdball; es würde sich vielleicht einer Anzahl von Ausländern, die wir
Europäer nicht bedauern verloren zu haben, weniger erfreuen; allein
es würde statt dieser solche besitzen, wie diejenigen waren, welche
jener russische Monarch für sich zu gewinnen wußte, welche zum Heil der
russischen Nation gewirkt haben.

Jedes Regenten erstes Bestreben muß auf Vertrauen gerichtet sein.
Volk und Regent fühlen sich nur glücklich, wenn sie mit Vertrauen auf
einander hinblicken, und gerade Vertrauen ist es, was der Regierung
der V. S. abgeht und bei der jetzigen Regierungsweise auch nicht
statt finden kann; denn die ungeheuern Revenüen werden vergeudet
(eines gelinderen Ausdrucks kann man sich nicht bedienen). Man kann
keinen andern Grund für den großen Geldaufwand angeben als den:
die amerikanische Regierung will die Aufmerksamkeit der ganzen Welt
auf sich ziehen; es soll gesagt werden: Nur die amerikanische Union
besitzt, gleich den Römern die Mittel, das Unmögliche möglich zu
machen, und zwar, weil sie Republik ist. Man werfe einen Blick auf
die Revenüen der V. S., die wir nachstehender Tabelle übersichtlich
dem Leser vorlegen, wobei wir die Einnahme für den Landverkauf, des
besonderen Interesses wegen, abgesondert anführen:

    Jahr.  Revenüen für Landverkauf.  Gesammte Revenüen.
                  Piaster.                 Piaster.

    1829          1,517,175                24,199,140
    1830          2,529,356                26,251,747
    1831          3,210,815                28,435,256
    1832          2,624,231                32,639,468
    1833          3,059,682                33,092,190
    1834            488,620                16,703,566
    1835         18,751,600                98,142,710
    1836         24,500,000                47,909,940
    1837          6,776,236                23,499,981
    1838          3,136,828                38,127,954
    1839          5,000,000                28,780,000
                                   ---------------------
                                    Summa 397,781,952 P.

Wozu nun, dürfte mancher Leser fragen, wurden diese drei hundert und
sechs und funfzig Millionen Piaster verwendet? Das Verfahren hierbei
ist folgendes: Beim Zusammentreten des Kongresses in Washington
(welches, nebenbei gesagt, ziemlich überflüssig ist, indem jeder Staat
seinen eigenen Präsidenten hat, welcher nach den Landesgesetzen den
Staat regiert; auch ist es wohl wahrscheinlich, daß in dem Verlauf von
einem Jahrzehend mehrere Staaten von der Union sich lossagen), also
beim Zusammentreten des Kongresses befinden sich die oben angegebenen
jährlichen Revenüen in Washington und die Hauptgeschäfte desselben
bestehen jetzt darin, zu bestimmen, wozu sie verwendet werden sollen.
Es wird nächstdem auf das Bedächtigste in Erwägung gezogen, welche
Papiermühlen, bei einer etwa eintretenden Geldnoth, zur Abhülfe
derselben gewählt werden sollen. Nach einer anhaltenden und langen
Ueberlegung beschließt der Kongreß, den größeren Theil der Revenüen
zum Bau von Eisenbahnen zu verwenden. Die Wege von New-Orleans nach
New-York werden hierbei ausgeschlossen, um dem Mississippi nicht den
schuldigen Tribut von Menschenleben zu entziehen. Am wichtigsten
scheinen demselben die Wege, auf welchen zur Erbauung von Banken in
New-York die erforderlichen Granitblöcke herbeigeschafft werden können.
Höchst komisch! Banken und zu welchem Endzweck? Um den in denselben
arbeitenden Commis einen angenehmen Aufenthalt zu verschaffen. Da viele
unter den Lesern sein werden, welche die amerikanischen Banken für
das halten, was sie sein sollen und für ganz ähnlich den europäischen
Banken, so behält sich der Verf. vor, am Ende dieser Abtheilung
hierauf zurückzukommen. -- Nachdem nun dieser Beschluß, welcher
die Herbeischaffung der Granitblöcke zum Gegenstand hat, glücklich
zu Stande gekommen ist, schreitet man zu einem noch weit wichtiger
scheinenden, nämlich ein Zollhaus zu bauen.[J] Es wird dekretirt, daß
ein Klumpen Goldes nach Italien geschickt werden soll, um Marmor zu
diesem Zwecke einkaufen zu lassen, welcher denn auch mit vielen Kosten
in fertigen Säulen, Platten u. s. w. herbeigeschafft wird. Und welchen
Ort hat man für dies Prachtgebäude gewählt? Eine Ecke von Wall-Street
und einer anderen Straße, zu vergleichen mit der Ecke der Königs- und
Spandauer-Straße in Berlin. Der Leser würde sich indeß sehr irren, wenn
er dieses Zollgebäude als wirkliches Zollhaus ansähe. Keinesweges!
Dieses herrliche Gebäude, welches etwa eine Viertel-Stunde Weges von
den Bollwerken, dem Abladungs-Platze der Schiffe, entfernt liegt, soll
blos zum angenehmen Aufenthalt der Officianten dienen, und die Collys
sollen nach wie vor in die gemietheten public-stores kommen. Fragt man,
warum nicht zugleich ein großer Packhof an der Wasserseite erbaut und
mit jenem Prachtgebäude verbunden wird, so erhält man die Antwort: die
Eigenthümer des Grundes von der Wasserseite seien zu theuer damit, als
daß die Regierung darauf eingehen könnte. Ueber die Unbequemlichkeit,
welche hieraus für die Güter-Empfänger entsteht, habe ich bereits oben
gesprochen.

Der Kongreß zu Washington ist mithin in voller Arbeit, die Revenüen
unterzubringen und vergißt hierbei die Hauptsache, nämlich für die
Erhaltung des öffentlichen Kredits Sorge zu tragen; Eisenbahnen, Kanäle
und Banken sind an der Tagesordnung. Sie halten es für überflüssig,
an die Erhaltung des Kredits zu denken, weil sie keinen haben; sie
begreifen nicht, wie die Revenüen besser zu placiren wären, als in
Eisenbahnen und italiänische Waaren. -- Warum, möchte der Verfasser
diesen Kongreßmännern zurufen, warum verschleudert ihr euer Geld
zu diesen nichtigen Dingen? verwendet eure Einkünfte zu nützlichen
Zwecken, zu Prämien für einwandernde Fabrikanten, Bergwerker und
Oekonomen; verschafft euern Banknoten hypothekarische Sicherheit,
welche nur bei einer vernünftigen Administration gefunden werden
kann. Laßt Euch, amerikanische Herren, Katherinens, der Kaiserin von
Rußland Verfahren bei Einführung der ersten Banknoten (Bomaschkis) als
Beispiel dienen; sie ließ zur Sicherheit der Inhaber solcher Papiere
Fünf-Kopeken-Stücke aus Kupfer und Rubel von 2½ Pfund Gewicht
ausprägen. Oder werft eure Blicke auf die Hamburger Bank. Bürget doch
hier der Keller-Inhalt (die Baarschaft) für die Zahlfähigkeit; sieht
man doch in Hamburg, obgleich die Geschäfte in dieser Stadt noch
bedeutender, wie die in New-York sind, weder Geld, noch Banknoten; es
genügt hier die Versicherung des Bank-Direktors, Paul habe an Peter
dessen Forderung von seinen in den Kellern vorräthigen nobeln Metallen
überwiesen. Laßt Euch Englands Bank hierbei zur Warnung dienen, welche
in der letzten Zeit dadurch in Verlegenheit kam, daß sie nicht die
hinlängliche Quantität Geld im Keller hatte, um den Banknoten damit
entgegenkommen zu können.

Da indeß Niemand die Herren des Kongresses hierauf aufmerksam macht
und sie selbst ihren Blick nicht so weit erheben, so geht Alles
im alten Schlendrian fort; die Revenüen werden vergeudet, die
Geldverlegenheiten währen fort und werden so lange fortwähren, bis von
Seiten aller Banken zur Einstellung der Baarzahlungen geschritten wird.
Eine homöopathische Kur muß mit der Banknoten-Krankheit vorgenommen
werden: sie ist durch den Ueberfluß von Banknoten entstanden und
muß durch einen noch größeren Ueberfluß geheilt werden. Alle Münzen
müssen erst in den V. S. zu den höchsten Seltenheiten gehören, man
muß für ein Fünf-Piaster-Stück fünf Stücke englischer Waaren kaufen
können, wenn Amerika geheilt, d. h. wenn der übermäßigen Einfuhr
jenes Artikels Schranken gesetzt und die Handels-Bilanz für den
ausländischen erfahrenen Kaufmann beachtenswerth werden soll, denn
die jetzige beweist, daß wenigstens innerhalb jeder 2 Jahre immer
eine Handelskrisis eintreten muß, und befindet sie sich doch, wie
die vorhergehende Tabelle zeigt, im krampfhaftesten Zustande. Lasse
man doch die Jobbers und die Manufaktur-Waaren-Schwindler ihr Wesen
treiben, nur benehme man ihnen die Mittel, wodurch sie das Land in
noch größere Gefahr bringen. So wie man den unerfahrenen kleinen
Kindern keine verwundende Instrumente in die Hand giebt, so müssen
die am Waaren-Fieber Leidenden vor dem Besitz nobler Metalle bewahrt
werden. Man lasse sie für ihre Banknoten, wenn sie nämlich welche
haben, Amerikanische Erzeugnisse, wie Reis, Baumwolle, Taback,
Pelzwaaren u. s. w. kaufen, nach Europa befördern und für den Ertrag
Manufaktur-Waaren kommittiren, nur sorge man dafür, daß nicht noch
mehr Metall aus den V. S. als Rimessen und zwar blos für Manufakturen
wandert, indem die V. S. das Vierfache des von England für ihre
Baumwolle erhaltenen Preises zurückbezahlen.

Die V. S. haben nicht solche Massen nobler Metalle, um das Arbeitslohn
für ihre Baumwolle in England mit Gold aufzuwiegen, und dieses gerade
ist’s, was den Hauptwerth der englischen Fabrikwaaren ausmacht. Man
bemerke die Lebensweise der Arbeiter in den englischen Fabrikörtern,
man sehe, wie sie 6, 8 und mehrere Stunden ununterbrochen in den
Schenken zechen, und zwar von solchen Getränken zechen, wovon ⅞ des
dafür bezahlten Geldwerthes zur Bezahlung der Zinsen der 850 Millionen
L. St. National-Schuld verwendet wird; erwägt man diese Umstände, so
wird man sehr bald zur Ueberzeugung kommen, daß die größere Hälfte
jener Zinsen durch Hülfe der Manufaktur-Waaren-Arbeiter herbei
geschafft wird.

Rußland scheint anders zu denken, als die V. S., und das Fabriziren
zu Hause vor Allem als nöthig erachtet zu haben; deshalb die vielen
Fabriken, welche unbedingt zur Erhaltung der Gold- und Silber-Erträge
aus den Bergwerken am Caucasus, Nertschinsky und Ecatherinenburg
erforderlich sind; denn daß die letzteren nicht zugelangt haben würden,
um das Lohn für die Arbeiten an in Rußland einzuführenden Waaren zu
bezahlen, leidet keinen Zweifel. Nicht minder wohl als Rußland befindet
sich Deutschland beim Kontinental-System (Zollverband genannt), welches
Preußen, wie oben (p. 17.) bemerkt, ohne gleich Napoleons Kanonen
anzuwenden, mit Dinte, Feder und Papier, zur Freude Deutschlands, in
kürzerer Zeit als möglich schien, zu Stande gebracht hat. Durch diese
Maßregeln haben das Russische und Preußische Gouvernement ihr Gold
und Silber dem Lande erhalten und für die coursirenden Papiergelder
ein allgemeines Zutrauen herbeigeführt. Man richte in dieser Hinsicht
nur einen Blick auf Preußen! Sind doch seine Kassen-Anweisungen im
Lande selbst nicht anders als mit einem Agio zu haben; während dem der
Werth des Goldes mit jedem Jahre in Deutschland sinkt, werden seine
Kassen-Anweisungen in jedem Lande für den vollen Werth genommen.

Wenn die Regierung der V. S. diese letzten Thatsachen aufmerksam
beachten und die Frage an sich selbst richten wollte, warum man in
unserer Zeit auf das Papiergeld eines so herrlichen Landes wie Amerika
weniger Werth setzt, als vor 300 Jahren auf die Pelzflicke des Czaars
Wassiliewwitsch: so würde jene Regierung diese Frage sich eben so
beantworten müssen, als jeder Leser nach dem Vorhergehenden sie mit dem
Verfasser beantwortet: daß man nämlich zu einer Regierung, welche, ohne
die Ausgaben für Militair-Macht und Civilliste, sich einer jährlichen
Revenüe von 60-80, ja 100 Millionen Piaster erfreut und dabei in steter
Geldverlegenheit ist, kein Vertrauen haben kann.

Für beide Reiche, Amerika und England, wäre in dieser Hinsicht die
Anwendung der homöopathischen Heilmethode zu empfehlen. Das erstere
Land müßte sich zum Fabrik-Staat erheben, das letztere um mehrere Grade
in der Fabrikations-Skala heruntergehen. Für jenes würde alsdann eine
neue Sonne aufgehen und die Strahlen derselben dem letzteren minder
hell leuchten, aber dennoch fruchtbarer sich für dasselbe erweisen,
und was läge den Engländern hieran? da sie ja ohnehin wegen der vielen
Nebel sich an ein wenig Dunkelheit gewöhnt haben.

So unausbleiblich es mir scheint, daß Amerika einst als mächtiger
Fabrik-Staat in der Welt glänzt, eben so wahrscheinlich ist es, daß die
Zinsenbezahlung von Seiten Englands für seine National-Schuld von 850
Millionen Pfund in einigen Jahren eingestellt wird, da diese Maßregel
mit als ein Hauptmittel zur Rettung Englands betrachtet werden muß.

In dem Falle, daß Amerika ein Fabrik-Staat wird, dürften die Folgen
davon für die Baumwoll-Producenten in demselben Maaße ersprießlich
sein, wie es in Deutschland der bedeutende Aufschwung der Fabrikation
der Wollen-Waaren (besonders Tuche) für die Producenten der
Schaafswolle geworden ist. Früher waren die letzteren beim Verkauf der
prima Materie, der Willkühr der englischen Fabrikanten Preis gegeben,
welche damals fast allein Tuche verfertigten; in der neuesten Zeit aber
werden die Preise auf den deutschen Wollmärkten hauptsächlich durch die
deutschen Fabrikanten bestimmt. Und warum sollte man nicht in Amerika
dasselbe in Beziehung auf die Baumwolle erwarten können?

Indem der Verfasser ähnliche Gedanken, wie die hier dargelegten, in
New-York selbst äußerte, konnte es nicht ausbleiben, daß er scharfen
Tadel und Widerspruch fand; den allergrößten traf er bei seinen
eigenen Landsleuten, wenn er zu den Söhnen deutscher Fabrikanten, die
in Amerika Millionaire werden wollten, sagte: „Sie würden wohl daran
thun, Ihre Fabriken aus Deutschland hierher zu verpflanzen, weil Sie
hierdurch die Erlegung des hohen Eingangs-Zolles ersparen würden.“
Haben wir nur, entgegneten Jene, erst eine National-Bank, wogegen sich
die Regierung sträubt, so fehlt uns nichts! Also eine National-Bank!
d. h. ein solidarischer Verein, wodurch die ganze Nation, wenn es Noth
thäte, auf einmal bankerott werden könnte. Was sind denn eigentlich
amerikanische Banken und welches sind ihre Zwecke? Das soll jetzt der
Leser aufs bestimmteste erfahren.[K]

Wenn es Kaffeehäuser geben soll, so ist es nöthig, daß Cichorien
und Kaffee wächst: soll in den V. S. Handel sein, so muß es Banken
geben. Banquiers sind dort nichts als Hüter des amerikanischen
Papierschatzes und haben demzufolge nur den Schein von Banquiers; jeder
Handelsbeflissene in Amerika muß einen solchen Hüter haben, um seine
Dokumente 1stens gegen die Feuersgefahr, 2tens gegen die Diebe zu
schützen. Sie sorgen also, mit einem Worte, für feuer- und diebesfeste
Gebäude und Räume. Comptanten ist eine geringe Nebensache für den
amerikanischen Banquier, denn er kann dieselben vermittelst seiner
Holzschnitte auf dem, mit der gewöhnlichen Geduld begabten Papier in
sehr kurzer Zeit nach Belieben anfertigen.

Alle Verkäufe sind hier Zeitverkäufe; niemals sind sie auf kürzere
Zeitfrist als auf 6 Monate gewesen, in dieser letzten Zeit aber wohl
auf 8-10 Monate. Für den Belauf der gekauften Waaren verfertigt der
Käufer promissory-notes, d. h. schriftliche Versprechungen, wobei er
denkt: ich verspreche Zahlung zu leisten, wenn es mir möglich sein
wird, im entgegengesetzten Fall bleibt’s beim Versprechen. Alle diese
Noten werden nun in den Banken niedergelegt. Man kann sich eine Idee
von den auf einmal in den Banken eingehenden Noten machen, wenn ich
anführe, daß die Verkäufe nur zweimal im Jahr geschehen, die fürs
Frühjahr im Februar und die für den Herbst im August. Jeder Kaufmann,
der auf solche Weise mit den Banken in Verbindung steht, hat auf
Accomodation, d. h. auf Unterstützung von Seiten der Bank von 20 bis
100,000 Piaster Ansprüche, welche die Bank auf Verlangen mit ihren
eigenen Papieren befriedigt. Die in Baumwolle auf England Speculirenden
stehen mit den Banken in eben demselben Verhältnisse; sie bringen
ihre Wechsel dorthin zum Verkauf. Da nun, wie aus der obigen Ein- und
Ausfuhr-Liste hervorgeht, Amerika im Auslande mehr zu bezahlen, als
zu empfangen hat, so ist es natürlich, daß es stets an Wechseln auf
London fehlt und daß daher dieselben mit einem Aufgelde von 10 bis
12 Procent und zuweilen noch mehr verkauft werden; weigert sich nun
Jemand, so viel Aufgeld zu bezahlen und fordert vom Banquier Metall, um
dieses nach Europa zu schicken, so wird dies verweigert, und zwar aus
dem sehr natürlichen Grunde, weil er keins besitzt, und es heißt: die
Bank hat ihre Baarzahlungen eingestellt, was sich in Folge dieser bösen
Nachrede verwirklicht, da für die Noten keine andere Sicherheit als
Noten vorhanden sind. Daß diese vom Anfang an jede Stunde auf solche
Nachreden gefaßt sind, wird dem Leser jetzt wohl klar sein.


                              ~Ueber die
        Oertlichkeiten von New-York, Volks-Charakter, Abreise~
                                  und
                          Ankunft in Hamburg.

Ueberdrüßig des Treibens in Wall-Street und der Jobbers in den
verschiedenen mit englischen Baumwollen-Lappen überfüllten Straßen,
freute ich mich doch herzlich, daß ich während meiner ununterbrochenen
Wanderung wie natürlich auf keinen einzigen Geld-Aristokraten gestoßen
war -- eine Race, die ich hasse, und welcher ich, gleich Nero, nur
Einen Kopf und Hals wünschen möchte, um sie mit Einem Streiche
auszurotten. In munterer Gemüthsstimmung beschloß ich, mich um andere
fröhlichere Dinge zu bekümmern; der Leser hat also von jetzt an keine
trockene kaufmännische Kost mehr zu fürchten.

In einem Journal hatte ich den Tag zuvor gelesen, daß eine
Ehebruchs-Sache am Kriminalgerichts-Hofe verhandelt werden solle;
dorthin, dachte ich, mußt Du gehen, um Dich von der amerikanischen
Justiz zu unterrichten. Indem ich die Straße entlang schlendere, ohne
Bescheid zu wissen, und mich eben zurecht weisen lassen will, finde ich
in Middle-Street, an einem sehr schmalen Hause, die Firmen von 10-11
Advokaten. Wo die Raben sich aufhalten, da müssen todte Körper oder
wenn es auch nur ein corpus delicti ist -- in der Nähe sich befinden,
der Gerichtshof kann nicht entfernt mehr sein. Ohne zu fragen ging
ich daher die Straße hinauf und plötzlich stand ich vor einem neuen,
mit egyptischen Säulen verzierten Gebäude; ich trat hinein und erfuhr
sogleich, daß ich am gewünschten Orte war, daß jedoch die Verhandlung
ausgesetzt sei, weil der Ehebrecher, ein im Schneiderlande Geborner,
gegen 30,000 Piaster (Bail) der Haft entlassen wäre und die Sache
wahrscheinlich auf dem Wege des Vergleichs abgemacht werden würde.
(Werden die 30,000 Piaster hierzu hinreichen?)

Wozu wäre dieser prächtige Gerichtshof, dachte ich, erbaut, oder wozu
gäbe es Kriminal-Richter, wenn es keine Verbrecher gäbe; zudem kann
ich Liebe, besonders in den V. S., nicht für ein Verbrechen halten,
also, meinte ich, müssen außer dieser Schneider-Liebe noch andere
Dinge hier zum Vorschein kommen. In der Ueberzeugung, daß ich keinen
Ausländer hier antreffen würde, da die europäischen Ausreißer lauter
ehrliche Leute sein wollen, betrat ich das Innere des Hofes, dessen
innere Verzierung der äußeren nichts nachgab. Da saß der Richter
(Recorder) zwischen zwei Magistrats-Personen und ich drang so weit wie
möglich zu ihm heran, um die Neuigkeiten brühwarm aus der ersten Hand
zu erhalten. Es wurden während meiner Anwesenheit etwa 6 Verbrecher
abgefertigt, die Alle ihre Unschuld betheuerten und ich, der ich mich
zu den ersten Physiognomen nicht zähle, wollte sie schon für unschuldig
passiren lassen, allein der Recorder war anderer Meinung, da er sie
alle zu 6-12 monatlicher, harter Arbeit verurtheilte. Bei keiner von
allen Verhandlungen wurde geschrieben, vermuthlich, weil das Papier in
New-York zu bessern Zwecken (zu Banknoten) verbraucht wird.

Den Rückweg machte ich durch Chatham, in der Hoffnung, vieles Neue
dort aufzufinden, um versprochener Weise darüber zu berichten, allein
ich fand Nichts von Erheblichkeit. Die noblen Ostpreußen, Polen,
Franzosen u. s. w., bewegten sich in ihrer gewöhnlichen Weise. Es
wurden viele Auctionen im Beisein von wenigen Käufern abgehalten;
Alle waren lüstern nach meinem Leibrock, Jeder wollte ihn kaufen. Da
jedoch dieser Rock der einzige auf meinen Reisen mir noch gebliebene
war, so lehnte ich alle Anträge in dieser Hinsicht ab und pries die
Havaneser-Commissionaire zum erstenmale im Stillen. Indeß sollte ich
denn doch nicht aus dieser interessanten und interessirten Straße
abziehen, ohne etwas erfahren zu haben. Als ich eben im Begriff war,
fortzugehen, begegnete ich einen Schweizer-Uhrenhändler aus Broad-way,
der in der Absicht dorthin gekommen war, eine goldene Uhr nebst Kette
zu finden, welche er Tages zuvor an einen jungen Mann für 87 Piaster
verkauft hatte, und die diesem während einer Conversation mit einem
Mädchen gestohlen worden war. Ich fand dieselbe in dem Auslege-Fenster
eines jüdischen Galanteriehändlers, der nicht mehr als 47 Piaster dafür
forderte. Auf meine Frage, ob er nicht vielleicht nach der Polizei
gehe, um diesen Vorfall zu melden, entgegnete er: „ich werde nicht so
thöricht sein, ich habe meine Zeit zu nützlichern Zwecken anzuwenden.“
Sehr bald bekam ich Gelegenheit, mir die Gleichgültigkeit dieses
Uhrenhändlers bei diesem Diebstahl zu erklären. Unmittelbar nach dieser
Conversation traf ich bei diesem Uhrenhändler einen sehr verdächtig
aussehenden jungen Mann als Verkäufer einer goldenen Uhrkette, welche
der Ladenherr in seiner rechten Hand auf den Werth von 4 Piaster
abschätzte und dem Verkäufer diesen Preis dafür zahlen wollte. „Ist
es denn Ihr Ernst; diese Kette für ein solches Lumpengeld zu kaufen?“
fragte ich, „sie ist sicher gestohlen und Sie sollten sie daher gar
nicht kaufen wollen“, fuhr ich fort. „Kaufe ich sie nicht, so wird
sie in Chatham gekauft“, entgegnete er; indeß der Handel kam nicht zu
Stande, weil der Verkäufer große Eile verrieth und nicht lange handeln
wollte.

Ich führe dies aus keinem anderen Grunde an, als um den Leser von der
Denkweise der hiesigen Käufer, die als solche stets auf ihrem Platze
stehen, zu unterrichten. Diebstähle können nicht leicht entdeckt
werden, da die Gegenstände vermöge der lebhaften Dampfschifffahrt
jede Viertel-Stunde expedirt werden können und da überdies sich stets
Einkäufer aus Westindien, zum Einkauf gestohlener Gegenstände, in allen
Städten der V. S. befinden.

Mit der gewöhnlichen Entschuldigung aller Müßiggänger (denn zu
diesen gehörte ich jetzt), schlenderte ich zum Zeitvertreibe die
lange William-Street hinauf, um wo möglich eingewanderte Deutsche
anzutreffen. Da sah ich denn auch bald einen Troß, mit rosafarbenen
Strümpfen chaussirt, auf mich zukommen. Aus welchem Lande her?
fragte ich den ersten. Von Buffalo, entgegnete er, von dem Ort,
wohin wir durch den teuflischen Colonisten-Commissionär Wolf, in
der Washington-Straße, gebracht worden sind. Wir mußten ihm das
Passagier-Geld auf Dampfschiff und Kanalböten bis dahin abtragen und
erhielten dafür Karten. Als wir aber dort ankamen, wurden diese von den
Schiffern nicht respectirt und wir mußten die schon an Wolf erlegten
Summen nochmals erlegen. Wir waren nicht so schlecht daran, als viele
unserer Landsleute, deren Kassen erschöpft waren, nachdem sie den
reißenden Geld-Wolf befriedigt hatten. Diesen armen Leuten blieb kein
anderes Mittel übrig, als sich den Seelenverkäufern dort in die Arme zu
werfen. Dort lauern diese seelendurstige Deutsche im Besitze ihrer, um
ein Weniges von der Regierung erstandenen Ländereien, auf einwandernde,
dürftige, in der englischen Sprache unkundige Menschen, denen unter
solchen Umständen zu ihrer Erhaltung nichts Anderes übrig bleibt, als
sich und die Ihrigen Jenen auf mehrere Jahre zu verpfänden.

Ich hatte jetzt genug gehört und schreibe dies zur Warnung aller
unkundigen Auswanderer nieder, damit sie sich vor diesem Wolf
im Schaafsgewande hüten mögen. Er spricht mit Theilnahme zu den
ankommenden Colonisten, zeigt viel Herzlichkeit, giebt auch wohl,
nachdem er sich in Besitz der Gelder gesetzt hat, Empfehlungs-Briefe
an seinen Compagnon in Buffalo oder sonst irgendwo, aber ein solcher
Compagnon kann nicht gefunden werden, weil er keinen haben will, mit
dem er seinen Raub theilt.

New-York eignet sich am wenigsten als Landungsplatz für die
Auswanderer, denn von hier aus muß eine weite Reise nach dem Innern,
woselbst Arbeiter nöthig sind, unternommen werden und diese ist mit
einem bedeutenden Kosten-Aufwande verbunden, welcher größtentheils
erspart wird, wenn man in Philadelphia, Boston, Baltimore oder
New-Orleans landet. Die beste Zeit zur Ankunft daselbst sind die Monate
October und November, weshalb die Monate Juli und August zur Abreise
zu empfehlen sind. Von Havre gehen wöchentlich Paquetboote ab. Ferner
möchte ich Jedem rathen, sich bei seiner Ankunft in Amerika an keinen
Commissionair zu wenden, sondern vielmehr irgend einen dort etablirten
deutschen Kaufmann aufzusuchen, welcher sich gewiß eher zur Hülfe, als
zum Berauben der Ankommenden bereit finden wird.

Der berühmte Franklin empfahl es als Lebensregel, daß jeder Mann,
was er auch sonst treiben und unternehmen wolle, ein Gewerbe, ein
Handwerk lerne, weil Jeder in den Fall kommen könne, es gebrauchen zu
müssen. Ohne zu untersuchen, in wie fern dies auf Alle paßt, halte
ich es für gerathener, aus allen Fächern und Gewerben das Praktische,
was am häufigsten im Leben vorkömmt, sich anzueignen. Erlangt man
auch darin nur oberflächliche Kenntnisse und Fertigkeiten, so kann
man sich dadurch doch aus mancher Verlegenheit helfen, die für
Andere eben so empfindlich als schwer zu beseitigen ist. Der Leser
wird lächeln, wenn ich einige dieser Verlegenheiten näher bezeichne,
indessen -- er lache meinetwegen -- Strümpfe stopfen und Knöpfe an
Hemden oder Röcke anzusetzen und es gut zu verstehen, gehört zu den
Hauptkenntnissen für Jeden, welcher nach der neuen Welt reisen will,
denn von allen Wäscherinnen daselbst will sich keine zu dergleichen
Arbeiten verstehen. Hieraus geht denn die Alternative hervor: entweder
selbst Hand ans Werk zu legen, oder mit Löchern in den Strümpfen und
ohne Knöpfe am Rock umherzuwandern, oder, wenn es für den Gebrauch
nicht mehr tauglich ist, das alte Zeug durch neues zu ersetzen. Die
Leser, welche vielleicht von bedeutenden Sendungen von Leinen- und
Strumpf-Waaren nach der neuen Welt gehört haben, können aus meiner
Erzählung bald die Ursache dieser Sendungen auffinden.

Nachdem ich den geneigten Leser von der Nothwendigkeit des Praktischen
in allen Fächern zu überzeugen gesucht habe, wird sich wohl Niemand
wundern, wenn ich versichere, daß ich mich in New-York auch des
Praktischen im Müßiggange befleißigte. Müßiggang praktisch ausgeübt,
kann erst zur Wissenschaft, hernach aber zur Kunst werden, allein
vielleicht giebt es auch hierin nur wenig wahrhafte Künstler,
obgleich die Zahl der Müßiggänger mit jedem Jahr zunimmt. Der
Müßiggangs-Künstler muß vor allen Dingen darauf achten, daß er keine
einzige Minute zur Disposition seiner Collegen übrig hat, er muß
vielmehr stets über Mangel an Zeit klagen.

Da es indeß wenige praktische Müßiggänger giebt, so findet man viele
Hypochondristen unter ihnen. Um diesem Uebel entgegenzuarbeiten, sei
jeder Studiosus oder Candidat des Müßigganges vorsichtig in der
Wahl seines Umganges; er vermeide die Trägen, die Geizigen und die
Gourmands, und wähle lebenslustige, mit Kenntnissen ausgerüstete Männer
als Gesellschafter, so wird der Müßiggang selbst für den thätigen Mann
weniger fühlbar sein. In New-York, wohin so Viele aus Deutschland wegen
zu großer Gedankenfreiheit sich geflüchtet haben, kostet die Wahl in
dieser Beziehung nicht so viel Mühe, als etwa in Bremen. Deshalb fand
ich denn auch dort sehr bald Leute, die mit mir sympathisirten, unter
Anderen einen Doctor, welcher, ich weiß nicht mehr genau, aus Hessen,
oder aus Baiern flüchten mußte und als Oberlehrer bei einer Schule
in New-York angestellt ist; ich fand in demselben, was ich zu finden
wünschte.

„Wie wäre es,“ sagte dieser eines Nachmittags zu mir, „wenn wir, da das
Wetter so schön ist, mit einem der Dampfschiffe nach Staten-Island (dem
Quarantaine-Platz des New-Yorker Hafens) hinüberführen?“ Mir war das
ganz recht, und wir gingen sogleich zum Samson, dasselbe Dampfschiff,
welches an jenem Festtage, trotz seiner Stärke, nicht stark genug
war, die Masse von Menschen zu halten, und zehn Menschen das Leben
kostete. Heute that seine Samson’sche Kraft besser ihre Schuldigkeit
und bald standen wir auf dem etwa 400 Fuß hohen Belvedere. Nicht mit
sehnsuchtsvollern Blicken kann der Prinz von Coburg nach der ihm
bestimmten Brittish Queen (Victoria) sich umsehen, als ich nach der von
mir erwarteten Brittish Queen, das ganz neue Dampfschiff, welches von
London erwartet wurde und worauf ich meine Rückreise nach Europa machen
wollte. Allein vergebens! dreißig Meilen weit konnte ich von hier aus
die schönen Ufer betrachten und mit einem Tubus jedes Schiffssegel
unterscheiden, allein von der angebeteten Brittish Queen ließ sich
Nichts sehen.

Unterdessen war es sieben Uhr und Zeit zur Rückkehr geworden. Wir
langten sehr bald an der Batterie an, wo ich mich vom Doctor trennte,
um nach meiner Wohnung zu gehen. Während ich über den Batterie-Platz
schlenderte, fand ich einen Polizei-Diener in seiner Function
begriffen; er weckte nämlich einen auf dem Rasen eingeschlummerten
Bürger aus seinen vielleicht süßen Träumen, mit den Worten: „wenn Sie
nicht sofort gehen, so müssen Sie fünf Piaster erlegen, denn das ist
der Preis für eine Schlafstelle hier;“ er stand auf und ging fort.
Einen so gutmüthigen und sanften Polizei-Beamten wollte ich persönlich
näher kennen lernen; ich war eben im Begriff, ihn anzureden, als ich
wegen seines übermäßigen Diensteifers bei der folgenden Sache davon
abgehalten wurde. Er trat nämlich an einen jungen Herrn heran, der von
einem großen New-Foundland-Dog begleitet wurde, um ihn auf das Gesetz
aufmerksam zu machen, wonach es ihm freistehe, den Hund zu tödten.
Jener zog denn auch sogleich einen Strick aus der Tasche und führte
ihn fort. „Milde Gesetze, noch mildere Vollstrecker und dennoch ein
sehr großer Gehorsam,“ sagte ich zu diesem treuen Staats-Beamten, als
er weiter gehen wollte. „Dies müssen wir wohl gegen unsere Mitbürger
sein,“ entgegnete er; „es thut mir oft leid, die armen Loafers aus dem
Schlafe zu wecken;“ -- Loafers, muß ich bemerken, sind diejenigen,
welche keine Wohnungen haben, vielmehr stets auf dem Rasen, oder sonst
außer Betten schlafen; sie sind dessenungeachtet gewöhnlich sehr
anständig gekleidet. Eines Tages traf ich einen aus Berlin gebürtigen
Loafer in der Batterie, der mit Thränen in den Augen mich um ein
Almosen bat; er erzählte, daß er, mit allen erforderlichen Mitteln
ausgerüstet, hier angekommen sei, und, nachdem Alles aufgegangen,
sich zu den härtesten Arbeiten im Chaussee-Bau hergegeben habe; er
habe dieselben in physischer Rücksicht nicht aushalten können, da er
wochenlang im Hospital zugebracht habe. -- „Es thut mir leid,“ fuhr der
Polizei-Diener fort, „allein es ist meine Pflicht; hätte der Mann fünf
Piaster, so schliefe er sicher an einem bessern Ort; in einer halben
Stunde können Sie ihn an einem anderen öffentlichen Orte schlafend
finden.“ -- Ein schwerer Dienst für Sie, sagte ich; wie hoch beläuft
sich Ihr Gehalt dafür? Nur auf 600 Piaster das ganze Jahr, wobei ich
noch jeden Tag die Flagge aufziehen muß -- kein leichter Dienst! meinte
er.

Nachdem ich in meinem Logis meine Sachen und Gelder revidirt hatte,
welche in New-York nicht selten in Abwesenheit des Eigenthümers
einen fremden Herrn finden, begab ich mich nach einer sehr beliebten
Bier-Kneipe, Shadow (Schatten) genannt, woselbst ich viele Deutsche,
Schweizer und Franzosen antraf, lauter Leute, die reich zu werden große
Lust hatten. Wir plauderten viel über Deutschland im Vergleich zu den
Vereinigten Staaten, besonders aber sprachen Jene über den Unwerth der
deutschen Goldmünzen, der Louisd’ore, welche den Leuten für 5⅔ Thlr.
aufgedrungen werden und dabei nur fünf Thlr. Werth haben, ferner von
den in Philadelphia gebrauten, giftartigen Bieren mit dem Zusatz von
Aloe und Taback -- ein Beweis, daß nicht aller Kentucky-Taback gebissen
und verbissen wird. Da sich mein deutscher Magen hiergegen sträubte, so
verließ ich bald diesen Bier-Tempel.

Am folgenden Sonntags-Morgen wollte ich den früher erwähnten
Demagogen-Prediger Försch noch einmal hören, allein er war der Ketzerei
angeklagt und von der Synode zur Verantwortung gezogen worden. Er
hatte seine Gemeinde in New-York verlassen und ein belletristisches
Wochenblatt gegründet, worin er sich gegen die Synode vertheidigte.
Dabei hatte er zugleich eine neue Gemeinde, einige Meilen von New-York
erlangt, wo er nicht wenig Beifall fand und besonders viel mit
Trauungen und Taufen zu thun hatte. Bei einer der letztern, erzählte
mir der Doctor, soll jener Prediger die Eltern des Kindes gefragt
haben, ob er dasselbe in Dreiteufels- oder Gottes-Namens taufen
solle! Dazu führt die Glaubenslizenz! Ein Mann, der solchen Unsinn
begeht und die wichtigsten Wahrheiten des Christenthums öffentlich
verwarf, übt nach wie vor sein Predigtamt aus und wird noch sogar
stark besucht! Weniger Glück dagegen dürfte er mit seinem Blatte
machen, denn die Deutschen in New-York sind zu sehr mit dem Lesen in
Reiskörnern, Tabacksblättern, Schweinsborsten, besonders aber mit
ihrer promissory-notes beschäftigt, um Zeit zum Lesen der Journale
zu verwenden. Bücher wissenschaftlichen Inhalts finden in den V. S.
gar keinen Absatz; nur Schulbücher werden begehrt. Daß die New-Yorker
Jugend übrigens sehr gelehrig ist, ergiebt sich schon daraus, daß es so
viele gescheidte Männer in Wall-Street giebt.

Unterdessen war von England die Nachricht eingegangen, daß die
Ausrüstung der Brittish-Queen mehr Zeit erfordere, als man geglaubt
habe, sie werde daher wohl um acht Tage später in New-York eintreffen.
Man muß den Damen Zeit zur Toilette lassen, dachte ich; auch hatte ich
so Manches noch in New-York zu sehen, daß mir die Verzögerung nicht so
unwillkommen war. Zunächst bekümmerte ich mich um das Praktische in der
wohlfeilsten Bekleidungsart in New-York. Alles ist hier enorm theuer,
sagten Viele; hat man 1500-2000 Piaster Jahrgehalt, und das Jahr ist
vorüber, so ist’s mit jener Summe geschehen. Ich habe indeß auf meinen
vielen Reisen gefunden, daß man auch in den für theuer ausgeschrieenen
Städten und Ländern bei einer gewissen Umsicht und Lokalkenntniß mit
Wenigem eben so gut und anständig leben kann, wie die Meisten, welche
vieles Geld aufwenden. Meines Erachtens sind die Berliner Meister in
dieser Kunst. Man trage ein Souper, bestehend in Nichts anderem, als
sogenannten Pell-Kartoffeln, in silbernen Schaalen auf und jeder der
Gäste wird von einer boshaften Kritik sich abgehalten sehen, indem der
Kontrast ihn zum Nachdenken und Zweifeln bringt, doch zur Sache zurück!
Man behauptet, in New-York kostet ein Paar Stiefeln 11 Piaster, ein
Paar Pantalons 14, ein Rock 38 etc.; freilich in Broad-Way! allein ein
ehrlicher Schneidermeister in Oliver- und William Street begnügt sich
mit einem Piaster Arbeitslohn für ein Paar Pantalons und sechs Piaster
für einen Rock; kauft man nun das Tuch mit Sachkenntniß, so hat man ein
Kleid um den halben Preis. Eben so bekommt Ihr dauerhafte Stiefeln in
Nassau-Street um den halben Preis, aber hütet Euch, es bekannt werden
zu lassen, daß Ihr Stiefeln aus Nassau-Street tragt, denn Mancher würde
sich bedenken, mit Euch auf Broad-Way zu promeniren. Es ist für solche
Handwerksleute und Gastwirthe in den V. S. ein Glück, daß Viele hier
zwischen den beiden Ausdrücken:

    Wir verdienen, was wir brauchen und
    Wir brauchen,[L] was wir verdienen.

keinen Unterschied finden können. Mit den Restaurateurs verhält es
sich eben so. Der Globe, Sans-Souci und die Gebrüder Dalmonico sind
diejenigen, welche nur von Leuten ersten Ranges besucht werden. Hier
findet man eine Speisecharte à la Paris in Form eines Buches. Obgleich
die Hälfte der darin angeführten Speisen gewöhnlich nicht zu haben ist,
so ist es doch eine außerordentliche Charte, und jede Speise, welche zu
haben und um das doppelte schlechter und theurer ist, als die Speisen
im Dawning’schen Keller in Wall-Street, gilt nichts destoweniger als
außenordentlich und jeden als Preis werth. Der Eingeborne indeß ist
nicht so thöricht.

Von den Abend-Vergnügungen hatte ich bisher nur einen schattenreichen
über die Bierkneipe Shadow abgestattet; ich wende mich zu den ersten
und zwar zu dem mit Gas beleuchteten Castle-Garden, ein Schloß-Garten
ohne Bäume. Doch nein! eine Trauerweide befindet sich am Eingange. Der
Weg zu diesem Garten führt über den Batterie-Platz, den Sammelplatz
der schönen Welt nach Sonnenuntergang; er ist mit Gas beleuchtet,
hat einen Quai von Granitstein zur Promenade und daneben stehen
Bänke für die Ermüdeten; eine herrliche Aussicht bietet sich dar
nach den gegenüber liegenden Ufern des Staates Jersey; auch gewähren
die am Abend vorüberfahrenden Dampfschiffe viel Vergnügen. Raketten
und Trompetenschall ließen sich im Innern, von den Balcons des
unbedeutenden Gartens vernehmen. Also zur Casse hin! Sie befindet
sich auf derselben Brücke, wo an der entgegengesetzten Seite ein
recht elegantes reinliches Flußbad liegt, wo man für fünf Piaster
Abonnement den ganzen Sommer hindurch baden kann. Als Ersatz für
Handtücher erhält man zwei Flicke von grober, grauer Packleinwand,
etwa eine Elle lang, welche nie gerollt werden, damit die Haut nicht
verzärtelt werde. Die Importeurs der englischen Waaren werden hier auf
eine bequeme Art ihre Emballagen los, wie mir gesagt worden ist. --
An der Casse erhielt ich zwei Carten für vier Schilling; für die eine
sollte ich, wie der Carten-Empfänger bemerkte, am Buffet Ice-cream
(Gefrornes) essen. In Erwägung, daß man Alles, ausgenommen Heirathen,
rasch betreiben muß, eilte ich schnell dem Schloß-Garten zu. Er ist
ganz wie die Pavillons auf der Aelster in Hamburg gebaut; in der Mitte
ist ein freier, mit Kieseln belegter Platz, worauf sich kleine Logen
mit Tischen und Bänken befinden. Drei von meinen Sinnen sollten also
für vier Schilling beschäftigt und befriedigt werden, allein ich sah
mich veranlaßt, den Garten zu verlassen, ehe das Concert begann und das
Feuerwerk abgebrannt wurde. Die beiden Sinne des Gefühls und Gehörs
gingen also leer aus, dafür aber wurde auf unerwartete Weise das Gefühl
sehr beschäftigt -- durch Rippenstöße. Von dem Eis ist nur noch zu
sagen, daß man den Kältegrad des letzten Winters in New-York und die
Entfernung der Zucker-Plantagen darnach hätte berechnen können, denn es
war ein sehr hart gefrorner Eisklumpen ohne Geruch und Geschmack.

Um über das Theater berichten zu können, muß man unbedingt dasselbe
besucht haben. Obgleich ein verwöhnter Kostgänger (woraus in der
Regel Kostverächter entstehen), entschloß ich mich dennoch aus
Anhänglichkeit für meinen ehemaligen Reisegefährten, den Director W.,
das National-Theater zu besuchen.

Da Logenschließer, wie mir versichert worden ist, in New-York große
Jahrgehalte von 6-800 Piaster beziehen, so begnügt sich der Director
mit Einem für jeden Rang derselben. Diejenigen, welche ihre Billets am
Eingange lösen, müssen sich mit den (vom Billetverkauf im Bureau) übrig
gebliebenen Plätzen begnügen und von diesen hat der Logenschließer ein
Verzeichniß. Durch diese Anordnung mußte ich wohl eine halbe Stunde auf
ein Plätzchen warten. Es wurde zum 14ten male die große Oper: Amalie,
gegeben, vom ersten englischen Componisten -- doch nein! der erste ist
wohl der des Volksliedes: God save the king, also die vom allerletzten
englischen Componisten verfertigte Oper. Zwei Sänger und eine Sängerin
waren hierfür vom Covent-Garden-Theater engagirt worden. Die Yankees
waren entzückt und benahmen sich, als wären sämmtliche Sänger mit
Amphionsstimmen begabt und als käme das Orchester und die Composition
selbst aus der Schule des Orpheus: jedes einzelne Stück mußte
wiederholt werden. Orpheus der Erste, als Dirigent des Orchesters ließ
sein Instrument (die Geige) durch die Schreiereien der Chöre nicht in
Schatten stellen, er wies sie vielmehr mit seinem kräftigen Arm in die
Schranken der Anständigkeit zurück. Ueber die prachtvolle Ausstattung
des Theaters, über die blauen und rothen Feuer, die am Schluß der Oper
brannten, will ich nichts sagen, da dieses Theater seit dieser Zeit im
Monat October 1839 durch ein Feuer ganz anderer Art abgebrannt ist.

Auch Seiltänzer sah ich hierselbst, die Familie Ravelé. Da ich
dergleichen Künstler in sehr langer Zeit nicht gesehen hatte, so kann
ich wohl eher, wie die Meisten, ein Urtheil über die Fortschritte
in dieser Kunst fällen, und da muß ich denn bekennen, daß ich vor
30 Jahren mehr Sehenswertheres hierin als jetzt gesehen habe. Hat
vielleicht diese Kunst bald das Schicksal der Glas-Malerei, daß sie als
eine verlorne zu betrachten ist? Dieser Verlust würde gewiß von Wenigen
betrauert werden!

Nach meiner Schilderung der Vergnügungen in den V. S. wird mancher
Leser, welcher diese Vergnügungen denen der freien Natur, welche die
V. S. in reichem Maaße darbieten, vorzieht, keine Neigung fühlen,
dieses Land zum Vergnügen zu besuchen. Abstrahirt man indeß von den
Vergnügungen der ersten Art, so kann nicht leicht ein Land gefunden
werden, worin man sich, mit Anwendung des Praktischen beim Reisen, die
Zeit besser verkürzen könnte, wie hier. Erscheinen doch in diesem Lande
täglich 1553 Zeitungen und Journale (dieses ist die Anzahl nach Angabe
des Morning-Heralds) von eben so vielen Redacteuren, die Alle es auf
das Vergnügen des Publikums anlegen und worunter es sehr viele witzige
Köpfe giebt. Unter diesen will ich vorzugsweise nur den Redacteur des
Morning-Herald nennen, der täglich 17,000 Exemplare absetzt, ein Blatt,
auf welches Jeder mit noch weit größerer Begierde, als auf seinen
Caffee wartet und welches von Vielen mit größerem Appetit als dieser
verzehrt wird.

Der Europäer überzeugt sich wenige Tage nach seiner Ankunft, daß das
von seiner Seite vermißte Militair, die Gensdarmerie und Polizei, durch
jene Blätter vertreten wird und daß für Republiken Preßfreiheit eine
unbedingte Nothwendigkeit ist, weil die Sittlichkeit, die öffentliche
Ordnung und Reinlichkeit in den Straßen lediglich durch die Presse
herbeigeführt wird. Der geringste Verstoß gegen Ruhe und Ordnung
wird sofort zur Publicität gebracht. Aber wie ist es den Redaktoren
möglich, so geschwind und unmittelbar ein solches Ereigniß rapportiren
zu können? Der Verfasser glaubt nicht zu irren, wenn er den früher
erwähnten Loafers, die in allen Straßen anzutreffen sind, einen
großen Antheil an der Berichterstattung zuschreibt. Ihr Honorar kann,
nach dem Preis der Blätter berechnet, freilich nicht von solcher Art
sein, daß sie ihre jetzigen Schlafstellen auf dem Rasen gegen solche
in Aster-House oder andern Hotels austauschen könnten, indeß wäre
letzteres der Fall, so würden alle nächtlichen Vorfälle in den Straßen
für die Redacteure verloren gehen.

Was nun den allgemeinen Charakter der Amerikaner betrifft, so wird von
vielen Autoren, besonders auch von den neuesten Reisebeschreibern,
dem Amerikaner der V. S. Geldbegierde oder Habsucht zur Last gelegt.
Ehe ich das Resultat meiner Beobachtungen hierüber ausspreche, muß
ich Folgendes bemerken: Ist dieser Vorwurf, den die Europäer den
Amerikanern machen, gegründet, so fällt er auf die Europäer selbst
zurück; sind denn die Einwohner der V. S., mit Ausnahme weniger
eigentlicher Amerikaner, von indianischer Abkunft, nicht alle
Europäer?[M] Hört denn der in Amerika geborene Deutsche oder Franzose
auf, Deutscher und Franzose zu sein, und wird durch das Wohnen daselbst
zum Amerikaner? Wenn ein Edelmann im Kuhstalle geboren würde, wäre er
dann zum Bauer geworden? Also nicht der Ort bestimmt die Abstammung,
sondern das Volk, zu dem man ursprünglich gehört. Es wäre also zu
untersuchen, durch welche von den verschiedenen Abkömmlingen die
Geldbegierde hierher verpflanzt worden sei. Eine solche Untersuchung
aber führt uns auf die Engländer zurück, die, wenige Ausnahme
abgerechnet, überall den Hauptbestand der Bevölkerung in den nördlichen
Staaten bilden, und Sprache, Sitte und den Volkscharakter bestimmt
haben. Und der Apfel fällt, wie man weiß, nicht weit vom Stamme.

Da die Bewohner der V. S. also von so verschiedener Abstammung sind, so
ist es unstatthaft, dieselben unter dem Namen von Amerikanern als ein
so oder solches Volk zu charakterisiren und Alles über einen Leisten
zu schustern, wie es gewöhnlich geschieht. Der Verfasser wird sich
daher bemühen, diese Amerikaner nach ihrer verschiedenen Abstammung
zu sondern und jeder einzelnen Abtheilung ihr Recht widerfahren zu
lassen. Und zunächst wollen wir, da doch nun einmal auch in Amerika die
Frauen den Männern vorangehen, auch hier den Amerikanischen Frauen den
Vortritt gestatten.

Die Amerikanerinnen sind Freie, ohne frei zu sein und sehr schön. Wäre
ich Besitzer der Stobwasserschen Dosenfabrik, ich würde den Maler
zum Einsammeln von schönen Modellen weiblicher Köpfe nach den V. S.
schicken, denn besonders in letzterer Hinsicht sind die Amerikanerinnen
ausgezeichnet.

Daß man unter allen in Amerika Geborenen keinen Einzigen mit den
Grundsätzen eines Diogenes findet, ist wahr, allein ein solcher
Sonderling von Enthaltsamkeit möchte heutiges Tages auch in Europa
schwer anzutreffen sein. In der Tonne will Keiner mehr residiren; Jeder
strebt nach bequemer Wohnung, nach Annehmlichkeiten im Leben u. s. w.,
und da solche Dinge uns nicht von selbst besuchen und zu unserm
Gebrauche sich darbieten, sondern nur gegen Geld zu haben sind, so
ist Keinem zu verargen, daß er nach Geld strebt. Tritt man in Amerika
in Männergesellschaften, so bemerkt man keinen Diogenes darunter, man
sieht sogleich das Zusammengesetzte der Bevölkerung; sie ist mit einem
Vaudeville zu vergleichen, in welchem man hin und wieder Musikstücke
berühmter Meister auffindet, wodurch die Bilder angenehm verlebter
Zeiten in der Seele wieder auftauchen, und während man hierbei in der
Vergangenheit schwärmt, überhört man manche Stücke, die wenig oder
gar kein Interesse für uns haben. Wer nun aber nach einem oder zwei
Stücken, die ihm gerade auffallen, das ganze Vaudeville beurtheilt,
der ist ein schlechter Kritiker; eben so leichtsinnig und ungerecht
urtheilen die Autoren, welche, wie schon bemerkt, nur von einem
allgemeinen Amerikaner sprechen, der gar nicht existirt.

Die Amerikaner sind, so weit meine Erfahrung reicht, in folgende vier
Klassen einzutheilen:

1. Der eigentliche Amerikaner indianischer Abstammung. Betrachtet man
denselben genauer, so entdeckt man bald etwas Originelles, oder, besser
gesagt, etwas Wildes an ihm. Man könnte ihn mit einem wilden Vogel
vergleichen, der aus dem Nest genommen und wie ein Hausthier erzogen
worden ist, in welchem aber plötzlich sein natürlicher, in die Welt
mitgebrachter Instinkt zur Wildheit wieder auflebt, der ihn zur Flucht
aus dem friedlichen Erziehungsorte seines Wohlthäters antreibt. Ich sah
eines Tages einen im Rufe stehenden Amerikaner von Indianischem Stamme,
auf einem mit Sammet überzogenen Sopha ausgestreckt und die schmutzig
bestiefelten Füße auf dasselbe erheben, um sich durch Anstemmen gegen
die kostbar gemalte Seitenwand des Zimmers in eine bequemere Lage zu
bringen.

2. Der Deutsche, den ich als Deutscher dem Eingebornen zunächst
anführe, ist, wie überall, auch in Amerika bald zu Hause, ja er scheint
fast in Amerika mehr einheimisch zu werden, als er es in Deutschland
sein würde. Die Kost kömmt ihm dort besser vor als zu Hause, der
amerikanische Essig hat nach seinem Geschmack mehr Weinartiges,
als der Rhein- und Moselwein; das Bier ist nach seiner Meinung das
allerbeste, welches in der Welt gebraut wird und die amerikanischen
Banknoten übersteigen in seinen Augen den Werth der Friedrichsd’ors;
mit Einem Worte, er bildet sich ein, Amerikaner zu sein. Ich meine hier
natürlich diejenigen Deutsche, welche sich in den letztern Jahren dort
angesiedelt haben, denn dort geborene Abkömmlinge früherer Einwanderer
sind freilich von ganz anderem Schlage. Die letztern freuen sich, wenn
sie einen deutschen Abkömmling erblicken; sie bemühen sich um seine
Bekanntschaft, um ihm erzählen zu können, daß seine Voreltern Deutsche
gewesen; man hört ihn mit Vergnügen die alten deutschen Sprüchwörter
aussprechen und befolgen; kurz das deutsche Gemüth ist in ihnen noch
nicht erstorben.

3. Der Franzose weicht in jeder Beziehung von dem Amerikaner und
Deutschen ab. Er bleibt in Amerika, wie überall, Franzose in Sprache,
Kleidung und Lebensweise; er ist Franzose von Anfang bis zu Ende; er
fühlt sich glücklich, Republikaner zu sein, und noch glücklicher,
nicht zu den Yankees gezählt zu werden. Er politisirt noch mehr als
diese, flickt an Staat und Regierung, ist Staats-Oekonom, trinkt viel
Bordeaux-Wein (Essig), mit Wasser versetzt, ißt nach vaterländischer
Weise seine dreifache Portion Brod zu der Suppe und erblickt schon in
seiner Einbildung freudig die gefüllten Geldsäcke, welche zu gewinnen
er hierher gekommen ist. Am wenigsten wird man unter den Franzosen
einen Diogenes finden, denn Geld, recht viel Geld zu gewinnen, ist die
Tendenz ihres Treibens.

4. Jetzt gehe ich zu den eigentlichen Yankees über, die bei Weitem den
größten Theil der Bevölkerung ausmachen. Auch hier müßte man wieder
das englische, das schottische und das irische Blut unterscheiden,
was jedoch mich hier zu weit führen würde; ich werde nur zwei Klassen
unterscheiden: die erste, der Abkömmlinge derjenigen, die sich seit
der Besitznahme Amerika’s dort niedergelassen haben, und die zweite
derer, welche nach und nach die Gewinnsucht dorthin geführt hat. Aber
sind denn die Engländer gewinnsüchtig? Der scharfblickende Napoleon
schilderte England als ein von Krämern bewohntes Land. Ein Krämer aber
muß, um als Krämer zu gelten, gewinnsüchtig sein: folglich wird man die
Gewinnsucht der englischen Nation nicht absprechen können.

Die erste Klasse oder die von der früheren Generation sind allerdings
Sonderlinge, jedoch keinesweges, wie sie von so manchen Autoren
ausgeschrieen worden sind, Geldbegierige; sie sind lebenslustige
Menschen und streben daher nach Geld, um sich die Annehmlichkeiten des
Lebens, nach denen sie verlangen, zu verschaffen. Diesem Yankee ist
schon aus dem Grunde Nichts zu theuer, weil er sich durch splendide
Ausgaben von den alltäglichen Yankees zu unterscheiden wünscht; er
wirft daher mit dem Gelde um sich. Die Unterhaltung des Yankee ist
nicht eben sehr unterhaltend; denn er ist mit sich selbst uneinig,
ob er Engländer oder Nicht-Engländer sein soll und ist daher für die
Gesellschaft? -- ein Yankee, jedoch ist er klug genug, sich in dieser
Yankee-Rolle angenehm zu machen und verdient also nicht zu den Dummen
gezählt zu werden; denn derjenige, der seine Dummheit zu verbergen
weiß, kann wohl zu den Klugen gerechnet werden. Da wissenschaftliche
Bücher, wie schon bemerkt, keine Abnehmer bei ihnen finden, so ist es
wohl selten, daß man wissenschaftlich Gebildete unter ihnen findet;
die Wissenschaft des Reichwerdens ist die einzige, die sie mit Glück
cultiviren, ja sogar mit der leeren Hand sich anzueignen verstehen,
indem die Regierung den Acker Landes für 1¼ bis 1½ Piaster (der
im cultivirten Zustande den hundertfachen Werth hat) hingiebt; indeß
sind diese gerade die Geachtetsten in den V. S., und verdienen es auch!

Die zweite Klasse der Yankees ist zusammengesetzt aus lauter Engländern
der letzten Generation und denen, welche unter dem Beistand Gottes, der
vielen Banken Englands und der V. S., auch nicht minder zur Freude der
Fabrikanten in England, ihr Geschäft in Amerika treiben. Sie denken
stets an ihr Mutterland, sie finden es zwar nicht schlecht in den
V. S., da sie ja hieselbst ihren Endzweck des Geldverdienens erreichen,
und dabei auch recht gut leben, allein dennoch denkt Jeder nach Lord
Byron’s Spruch:

    England! with all thy faults, I love thee still.

Und sehr natürlich! der Engländer fühlt sich nur in England zu
Hause; fehlt ihm doch überall das englische Kohlenfeuer, sein Topf
Porter-Bier, sein beaf-steak und seine langen Parlaments-Reden, welche
selbst Lord Byron als die vier köstlichsten Dinge Englands schildert:
und hätte er dieses alles, so fehlen ihm noch seine heimathlichen
starken Herbstnebel. Diese letzte Klasse, welche den vierten Theil
der Bewohner in den V. S. ausmacht, trägt wenig zur geselligen
Unterhaltung bei, jedem diesen Leuten die Worte „money making“ (Geld
verdienen) stets in ihren Ohren klingen. Aus diesen Gründen also ist
die Unterhaltung dort sehr trocken. Dagegen findet man überall in allen
Städten, Flecken und Dörfern ein außerordentlich reges Treiben, da
Jeder verdienen will; das Wort „Genügsamkeit“ kennt Niemand, deshalb
verderben auch so Viele.

So angenehm auch das Reisen überhaupt erscheinen mag, so wird doch
der Leser, der meiner Erzählung mit Aufmerksamkeit und wohlwollendem
Vertrauen gefolgt ist, mit mir der Meinung sein, daß Jemand, der, sei
es zum Vergnügen oder zur Ausdehnung von kaufmännischen Geschäften,
eine Reise unternehmen will, keine glückliche Wahl trifft, wenn er
sich die V. S. oder Westindien wählt. Mag auch Westindien für den
Naturforscher vieles Anziehende darbieten, so haben doch die dort
einheimischen epidemischen Krankheiten, das gelbe Fieber, das schwarze
Erbrechen, die Cholera, verbunden mit der erbärmlichen Lebensweise, so
viel Abschreckendes, daß die meisten Naturforscher wohl sich freuen,
wenn sie diesem Lande den Rücken kehren können. Eben so wenig aber
sind die V. S. dem Reiselustigen zu empfehlen. Schon die Fahrt dahin
ist theils höchst gefährlich, theils höchst langweilig, mag man sich
nun der Dampfschiffe bedienen, von deren Gefährlichkeit oben die Rede
gewesen ist, oder der Segelschiffe, die zum Wenigsten 6-8 Wochen Zeit
gebrauchen, um die Strecke von 3228 Meilen von Portsmouth bis nach
New-York zurückzulegen. Während man im cultivirten Europa überall
vernünftige oder interessante Unterhaltung und geistreiche Getränke
in geselligen Circeln findet, vermißt man beides im neuen Welttheil,
dessen Cultur noch in der Kindheit ist. Man muß sich also für das Opfer
der geselligen Freuden entweder am Spieltisch zu unterhalten suchen,
oder man muß höchst mittelmäßige Theater und Concerte für enorm hohe
Entrée-Preise besuchen, wird dabei noch im Genuß ganz gestört und fühlt
die Ohren zerrissen durch das ununterbrochene Beifallklatschen und
Dacaporufen der Yankees. Beim Reisen in Europa braucht der Reisende
nicht unbequem in Boarding-Häusern und von außen groß scheinenden
Hotels zu wohnen; er wird bei der Abreise keine Rechnungen bezahlen
müssen für Speisen und Getränke, die er hätte genießen können und nach
der Meinung des Gastwirths hätte genießen können, aber er logirt in
reinlichen Gasthöfen und wird von ehrlichen Aufwärtern bedient. Mit der
dienenden Klasse hat es in Amerika seine eigene Bewandniß: Niemand will
hier als Diener angesehen sein, da es nach dem Gesetz keine persönliche
Unterwürfigkeit geben kann, und da Hülfsleistung weit höher als
Dienstleistung abgeschätzt werden muß, auch nach der Meinung Vieler gar
nicht zu bezahlen ist, so will jeder Diener sich als Gehülfe behandelt
wissen. Zieht man alle diese Umstände in Erwägung, so wird man von dem
Entschluß, eine Reise nach den V. S. zum Vergnügen zu unternehmen, bald
zurückkommen.

Die Kaufleute, welche Speculations-Reisen nach den V. S. zu machen
gedenken, mögen die von mir dargelegten Beobachtungen und Erfahrungen
wohl erwägen, ehe sie zur Ausführung schreiten; mögen sie um so
mehr dabei bedenklich sein, wenn sie die dortige Justizpflege
berücksichtigen, nach welcher Jahre verstreichen, ehe man Prozesse
durch Advocaten eingeleitet sieht. Ergo, ist die neue Welt wunderschön
und gut, so kann ich mich doch aus vielen angeführten und anderen
Gründen des Urtheils nicht enthalten, daß die alte Welt besser ist. Und
selbst auch, was das Geldverdienen betrifft: sollte es nicht leichter
sein, in dem mit so vielen physischen, moralischen und pecuniären
Mitteln ausgerüsteten Europa, welches eine Bevölkerung von 220 bis
230 Millionen zählt, sein Brod zu erwerben, als in den V. S. und
ganz Westindien, welche inclusive Neger, Mulatten u. s. w., kaum 35
Millionen aufweisen können? Wer freilich Chatham und dergleichen Erwerb
aufzusuchen sich geneigt fühlt, der mag immerhin Europa verlassen!

Endlich war der von mir ersehnte Tag da; die Brittish Queen war
angekommen und wollte nur einige Tage in New-York verweilen. Da ich so
ziemlich alles Sehenswerthe in Augenschein genommen hatte, so konnte
die Verkürzung der Frist mir nur angenehm sein. Etwas jedoch, was mir
sehr am Herzen lag und was ich bisher versäumt hatte, war noch zu thun
übrig, nämlich den berühmten Redacteur des Morning Herald zu besuchen.
Dieser Mann, dessen Blatt im ganzen Lande mit großer Begierde gelesen
wird, ist meines Erachtens eine der Hauptpersonen im Lande; sein Lob
und Tadel wird geliebt und gefürchtet, wie das eines Lehrers von seinen
Schülern. Ohne diesen Mann persönlich kennen gelernt zu haben, wollte
ich nicht gern von New-York abreisen. Ich theilte mein Vorhaben dem
obenerwähnten deutschen Doctor mit; dieser aber äußerte, es sei hierzu
wahrscheinlich zu spät, da jener Mann selten Jemand vor sich lasse; er
selbst habe in dieser Beziehung vergebliche Versuche gemacht.

Als geübter Bekämpfer von Schwierigkeiten aller Art trat ich am Tage
vor meiner Abreise meine Wanderschaft nach seinem Bureau an. Zwar
wurde ich von seinen Untergebenen abgewiesen; da ich aber vernahm, daß
er in seinem Arbeitszimmer, 1 Treppe hoch, sich befinde, so ging ich
sofort hinauf. Er empfing mich sehr artig; zunächst gab ich ihm den
Endzweck meines Besuches zu erkennen, daß ich von seinem vielgelesenen
Blatte ein Exemplar in Berlin, wohin ich am folgenden Tage abreise,
jede Woche zu erhalten wünsche. Er freute sich, daß ihn ein Preuße mit
seinem Besuch beehre und sprach Vieles zum Lobe unserer Landsleute.
Hierauf richtete er mehrere Fragen an mich in Beziehung auf die V. S.,
wahrscheinlich in der Erwartung, Amerika gepriesen zu hören. Da ich
indeß in meinem Urtheile stets meiner Ueberzeugung folge, so sah er
sich zuletzt zu der ausdrücklichen Frage getrieben, ob die Amerikaner
nicht erstaunende Fortschritte gemacht hätten, worauf ich entgegnete,
daß sie bei dem guten Willen, den wir Europäer für sie gezeigt, indem
wir ihnen die Quintessenz unserer lebenslustigen Genies zukommen
ließen, viel weiter sein müßten, als sie sind. Er lachte und meinte,
man müsse nicht außer Acht lassen, daß das Land noch sehr jung sei;
hierauf bemerkte ich, daß man mit der Jugend begangene Thorheiten nicht
immer beschönigen könne u. s. w. Er entließ mich beim Abschiede höchst
artig und ich verließ ihn ganz befriedigt, da ich nicht weniger, als
ich erwartete, in ihm gefunden hatte.

Mit Sehnsucht erwartete ich den Tag meiner Abreise, der mit dem 1.
August erschien. Am Bollwerk wimmelte es von Neugierigen, so daß
ich nur mit Mühe zum Schiff gelangen konnte; Jeder wünschte, das
majestätische Schiff sich in der Nähe ansehen zu können, allein, daß
den Majestäten schwer zu nahen ist, bewährte sich auch hier, denn
die vom Capitain aufgestellten Mulatten-Wachen ließen das abweisende
Wort vernehmen: die freien Entreen sind ohne Ausnahme nicht gültig.
Es war für die Stadt ein Festtag, denn neben den 2 Dampfschiffen,
die heute abfahren sollten, nämlich außer der Brittish Queen und der
Great Western, segelten noch 4 andere Schiffe an diesem Tage ab, und
entführten der Stadt 6 bis 700 Seelen. Alle Schiffe, die Ufer und
die auf diesem befindlichen Häuser waren mit Menschen übersäet und
zu unserer Begleitung waren sechs Dampfschiffe mit allen nöthigen
Erfrischungen für 8-10,000 Personen ausgerüstet und mit Musik-Chören
versehen; man sah Flaggen in den vielfältigsten Farben wehen. Unter
den 6 Schiffen zeichnete sich das für Seereisen bestimmte Dampfschiff
Neptun in jeder Hinsicht aus. Seiner Pflicht eingedenk, benahm sich
der mächtige Gott nicht anders, denn als Begleiter; um den schuldigen
Respect nicht außer Acht zu lassen, folgte er der kraftvollen Königin
auf der Ferse und seine Hofkapelle mußte immerfort das „God save the
Queen“ executiren, worauf ein allgemeines Hurrah erschallte. Unser
Capitain zeigte sich jetzt, wie zu erwarten stand, dem Wassergotte
dankbar; er supplicirte nämlich bei der brittischen Majestät, daß sie
sich ihrer Macht und Schnelligkeit nicht überheben wolle. Wir bewegten
uns demnach sehr langsam vorwärts und hatten recht lange das Vergnügen,
den herrlichen Inhalt jener 6 Schiffe mit der Elite der New-Yorker
Frauen in unserer Nähe zu sehen. Es war ein herrlicher Anblick, die
liebenswürdigen Amerikanerinnen zu sehen, wie sie mit ihren weißen
Battist-Tüchern wehten und den Abschied zuwinkten; ich glaube, der
festeste Hagestolz hätte nicht ungerührt dabei bleiben können. Auch
in meiner Brust stiegen Wünsche auf und -- was wäre der Mensch ohne
Wünsche!

Das Wetter war ausgezeichnet schön und die Zeit, welche zur Fahrt bis
zum Hafen erfordert wird, verstrich sehr bald. Jetzt erfolgte der
Abschiedsgruß und nachdem dieser mit großer Innigkeit ausgedrückt war,
wurde mit Trompetenschall zum Mittagessen eingeladen. Da jede Freude
um so stärker empfunden wird, wenn ihr ein Schmerz vorangeht, so mußte
jetzt der Anblick eines im prächtigen Salon in silbernen Gefäßen auf
den Tischen prangenden Mittagessens bei den Meisten wenigstens sehr
freudige Empfindungen erregen. Es war Alles so reich servirt, daß der
Werth der silbernen Geräthe vielleicht zur Erhaltung der Banken in
Philadelphia hätte zureichen dürfen.

Vor Allem erhielt jeder der Passagiere die polizeilichen
Schiffsverordnungen auf einer Carte; hiernach durfte vom Anfang bis zu
Ende der Reise der Platz bei Tische nicht gewechselt werden, es war
bestimmt, auf wie viele Bettüberzüge und Handtücher man Anspruch machen
dürfe. Unstreitig gehörte die Bestimmung, daß nach 11 Uhr kein Licht in
irgend einem der Zimmer geduldet werden solle, zu den allerbesten, und
es wurde auch sehr strenge darauf gehalten.

Die Gesellschaft in beiden Cajüten bestand aus etwa 110 bis 130
Personen; daß daher die Rückreise bei dieser bessern und zahlreichern
Gesellschaft mir mehr Unterhaltung gewähren werde, als die Hinreise auf
dem Quebeck, war zu erwarten. Bald zeigte sich dies aber auch deutlich,
indem man sich allgemein mir näherte und ich bei meinem Namen angeredet
wurde. Die Ursache hiervon aufzufinden gelang mir mit allem Nachdenken
nicht, bis ich endlich, als wir uns zum Mittagessen niedersetzten,
Aufschluß darüber erhielt. Mein Platz am Tische wurde mir nämlich in
der Nähe des Capitain Roberts angewiesen; Capitaine aber präsidiren in
der Regel auf allen Schiffen beim Mittagessen. Dieser Capitain, welcher
früher im Dienste der Königlichen Marine gestanden hatte, und also ein
höchst gebildeter und charmanter Mann war, reichte mir ein Extra-Blatt
des Morning Herald, welches eine Stunde vor unserer Abfahrt erschienen
war, mit der Aufforderung, die durch seinen Finger bezeichnete Stelle
zu lesen. Wie erstaunte ich, als ich den Endzweck meiner Reise durch
den Redakteur dieses Blattes, zwar sehr schmeichelhaft für mich,
allein auf ganz entgegengesetzte Weise berichtet fand! Er ließ mich
nämlich in der Eigenschaft eines Schriftstellers und zwar auf Kosten
der Preußischen Regierung reisen. Ich bedauerte die Unwahrheit des
ganzen Aufsatzes, hätte aber wohl gewünscht, daß ein Theil davon,
daß ich nämlich auf Kosten der Regierung reise, wahr gewesen wäre.
Der Aufsatz schloß mit der Versicherung, daß mein, wie er hoffe,
bald herauskommendes Buch über die V. S. seiner Meinung nach zu den
besten bis jetzt erschienenen werde gezählt werden können. Sollte
der Redakteur zu dieser Meinung durch meine Urtheile über die V. S.
veranlaßt worden sein? In diesem Falle könnte ich mich seiner
Zustimmung zu meiner Ansicht versichert halten und die Zustimmung eines
solchen Mannes wäre mir in jeder Hinsicht angenehm.

So unangenehm mir indeß jener Irrthum war, den ich nicht ermangelte,
dem Capitain zu bezeichnen, so war mir derselbe doch nach genauer
Erwägung nicht unwillkommen. Der Redakteur jenes Blattes hatte die
ganze Masse von 600 Personen, die an jenem Tage New-York verließen,
analisirt und nur sieben männliche Personen, unter welchen auch
ich mich befand, von der Vagabonden-Liste ausgeschlossen: außer
diesen sieben und 200 Matrosen, waren sämmtliche übrigen Passagiere
Spitzbuben, Taschendiebe, Spieler von Profession, Stock-Jobbers,
Menschen ohne Beschäftigung, Herumtreiber (Loafers). Darunter sind
jedoch nicht zu vergessen: 24 alte Jungfern, 36 tugendhafte Frauen und
5 Prediger, welche unnamhafter Weise unter jenen aufgeführt waren.

Die ganze Reise war Jedem höchst angenehm, weil einer von den
Direktoren der Dampfschifffahrts-Gesellschaft (Namens Lare) sich auf
dem Schiffe befand und in Verbindung mit dem Captain Roberts Alles
aufbot zum Vergnügen der Gesellschaft, und Alles abzustellen suchte,
was nur den Schein von Kleinheit hatte. Hiervon will ich nur einen
geringen Beweis anführen. Das Signal zum Aufstehen, welches des Morgens
um acht Uhr auf einer Trompete gegeben wurde, stimmte ganz mit dem
überein, welches in deutschen Dörfern die Hirten beim Heraustreiben des
lieben Viehes vernehmen lassen. Als ich dies eines Morgens scherzhaft
berührt hatte, wurde dem Schiffs-Componisten (wie denn überhaupt
für jedes Geschäft besondere Officianten sich am Bord des Schiffes
befinden, z.B. zum Entpfropfen der Flaschen, zum Abfeuern der Kanonen
u. s. w.) der Befehl gegeben, ein für menschliche Ohren angenehmes
Thema zu wählen, worauf denn dieser, mit dem letzten Componisten der
großen Oper Amalie wetteifernd, ein Thema componirte, wie es die
Preußischen Extra-Post-Postillons blasen, -- es war klassisch!

Da sich der Capitain das Interesse der Passagiere so sehr angelegen
sein ließ, so machte ich der Gesellschaft den Vorschlag, unsere
Erkenntlichkeit durch ein Geschenk an den Tag zu legen. Mein
Vorschlag fand Anklang und bald waren 50 L. St. zur Anschaffung eines
Silbergeschirres, worauf die Namen der Steuerer zu engraviren wären,
zusammen. Die sich hiervon ausschlossen, sollten, wie man mir sagte,
Banquiers aus Philadelphia sein; waren sie vielleicht schon mit ihrer
Baarzahlung, die hier in Gold entrichtet werden mußte, auf der Hut, so
hat ihnen ihre Vorsicht nichts geholfen, denn die Banken Philadelphias
sind gefallen.

Die Zeit auf der Reise verstrich mir unglaublich rasch; selten habe ich
in meinem bereisten Leben 14 Tage mit solcher Ruhe und Zufriedenheit
erlebt. Befand man sich im Saale, welcher ganz in der Form des
Audienz-Saales der Königin Elisabeth erbaut und ganz im Geschmack
dieser Zeit und mit derselben Pracht decorirt war, beim Mittagessen, so
hätte man glauben können, sich bei einer Königin zu Tische zu befinden,
da Speisen sowohl als Getränke königlich waren. Zum Trinken feiner
Weine findet Jeder bekanntlich leicht einen Beweggrund; ich fand einen
solchen sehr häufig in der Aufforderung vieler Reisegefährten, welche,
nachdem sie von dem Preußischen Schriftsteller im Herald gelesen, gern
ein Gläschen Champagner mit mir leeren wollten, was ich denn auch
annahm. Dieser Aufsatz im Herald bewirkte demnach meine Versöhnung mit
einem Weine, den ich viele Jahre hindurch gehaßt hatte, wovon ich aber
hier, seiner Vortrefflichkeit wegen, manche Flasche leerte.

Am Abend vertrieb man sich die Zeit durch Spielen Vingt-un, Ecarté,
Whist und Schach; die Vormittage wurden mit Wetten über die Meilenzahl,
welche das Schiff in den letzten 24 Stunden zurückgelegt haben würde,
hingebracht; nachdem die Observationen vollendet waren, wurde jene
Meilenzahl durch ein Bulletin bekannt gemacht. Auch befanden sich
Lotterie-Unternehmer am Bord, welche die Anzahl der während der letzten
12 Stunden gemachten Meilen, mit der vermuthlichen Steigerung, auf
Zetteln niederschrieben, zusammenrollten und aus einem Hut ziehen
ließen. Der Preis eines solchen Looses war 2-4 Schillinge; wer nun die
richtige Stunde gegriffen hatte, erhielt die ganze Summe. An den sehr
bedeutenden Wetten nahmen nur die Engländer Theil, sie wurden meistens
von 30 bis zu 50 L. St. abgeschlossen. Hierbei zeichnete sich vor Allen
ein, wie es schien, unschuldiger Jüngling aus, angeblich Sohn eines
englischen Lords. -- Keine Summe schien ihm zu hoch zu sein; er wettete
auf die unsinnigste Weise 50 L. St. gegen 20 L. St., was die Yankees
zur Verbesserung ihrer Finanzen sehr zu benutzen sich angelegen sein
ließen. Allein als wir in Portsmouth ankamen und die Comptanten zum
Vorschein kommen sollten, siehe da! da waren keine zu finden. Es kam
zu merkwürdigen Auftritten, die Gewinner drängten ohne alle Rücksicht
auf den jungen Mann ein. Ein pensionirter englischer Oberst erhob
sich zuletzt als Retter für ihn und bot seine Gehalts-Quittungen an
Zahlungsstatt für den unerfahrenen jungen Mann. Man griff zu, aber
da die Sicherheitspapiere nur für einen kleinen Theil des Verlorenen
ausreichten, so begnügten sich Viele mit dem Ehrenworte des Jünglings,
seine Schulden in London bezahlen zu wollen. Unter seinen Gläubigern
befand sich auch ein Franzose und dieser befand sich einmal, da
jener wieder eine Wette abschloß, in meiner Nähe. Er zeigte seine
Verwunderung über das unsinnige Wetten der Passagiere aus der ersten
Cajüte und sagte: „dieser Herr wettet bedeutende Summen mit den Herren
aus Ihrer Cajüte, während daß er uns allen, die mit ihm in der zweiten
Cajüte sich aufhalten, kleine Summen, die er im Whist u. s. w. verloren
hat, nicht bezahlt.“

Als ich am folgenden Morgen beim Abschließen einer Wette von Bedeutung
zwischen dem Lords-Sohn und einem Liverpooler Kaufmann hinzutrat,
warnte ich den letztern vor einer gefahrvollen Wette, wobei Nichts
zu gewinnen stehe; der Kaufmann hielt die Erzählung von Seiten des
Franzosen für eine Verleumdung und erbot sich, sogleich die schuldige
Summe dem Franzosen auszuzahlen, wenn er ihm eine schriftliche
Anweisung auf seinen Schuldner einhändige. Der Franzose nahm nur die
Hälfte des Belaufs und war sehr froh, so viel erwischt zu haben. Die
Anweisung wurde auch später acceptirt, aber gleich den übrigen nicht
ausbezahlt. Der Liverpooler Kaufmann, der in Portsmouth blieb, bat
mich, an seiner Stelle sie in London einzukassiren; da aber jener mit
dem Gelde sich nicht bei mir gemeldet hat, so wünsche ich, daß der
Liverpooler Kaufmann seine Anweisung von mir in Empfang nehmen mag.

In Portsmouth verließen uns auch diejenigen, welche ihre Reise nach
Frankreich fortsetzen wollten und Alle nahmen einen recht innigen
Abschied von uns. Der Wahrheit gemäß muß ich bekennen, daß mir derselbe
mit wärmeren Ausdrücken als vielen Andern zu Theil wurde, indem man
mir die Ehre erwiesen hatte, mir den Titel: leading soul of the
company (leitende Seele der Gesellschaft) beizulegen -- eine Folge des
Champagner Geistes. Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß ich
mich zwar oft auf Paqueten in Gesellschaft vieler Passagiere befunden,
aber nirgends diese Eintracht und Herzlichkeit wie hier bemerkt habe.
Auch der Capitain äußerte sich auf dieselbe Weise gegen mich, dessen
Urtheil um so ehrenvoller ist, da er das erste Dampfschiff Syrius
nach Amerika geführt hat, weshalb man ihn auch in den sämmtlichen
Amerikanischen Staaten zum Ehrenbürger ernannte und seinen Namen in den
Annalen aufzeichnete.

Von Gravesand aus mußten wir uns, wegen Mangel an Wasser, in der Themse
ein kleines Dampfschiff miethen, indem wir sonst wohl 24 Stunden
später in London angekommen wären. Der erste Steuerbeamte unseres
Dampfschiffes expedirte einen Untergebenen mit unsern Effecten nach
London ab; es wurde ihm ein Verzeichniß über Alles mitgegeben, welches
er in London zur Bescheinigung vorlegen und zurückbringen sollte.
Dieses schwerfällige Verfahren war für die Passagiere sehr unbequem.
Man denke sich, welche Zeit dazu erforderlich war, das Gepäck von einer
so großen Anzahl Reisender, wovon Niemand weniger als drei, Manche vier
bis fünf Stücke hatte, vom Ufer nach dem Revisions-Saale hinzuschaffen
und dies um so mehr, da nur vier Träger hierzu kommandirt waren, und
der Ueberbringer darf nicht eher zur Ueberlieferung schreiten, bevor
nicht jedes der mitgebrachten Stücke im Saale da liegt: mehrere Stunden
vergingen, ehe das Geschäft beendet war. Sämmtliche Herren warteten
im Nebenzimmer des Saales, aus welchem eine Thüre nach jenem führt
und eben so an der andern Seite die Damen. Nach dem Verzeichniß der
Angelangten, welches der Beamte von Gravesand mitgebracht hat, werden
jene nun, der Reihe nach, aufgerufen und in den Saal hineingelassen.
In den Gehirnen der sämmtlichen Revisoren befinden sich vermuthlich
brennende Cigarren, und da Cigarren als Monopol der Regierung zu
betrachten sind, indem für jedes Pfund neun Sch. (etwa drei Thlr.)
Steuer gezahlt wird, so sehen die Revisoren in den Koffern, Säcken
u. s. w. nichts als Cigarren.

Da ich nur einige Tage in London zu verweilen mir vorgenommen hatte,
so nahm ich nur so viel Cigarren mit, als ich auf meiner Reise bis
nach Hamburg nöthig zu haben glaubte. Sie wurden gewogen und das
Gewicht auf 14 Unzen angegeben. Beim Fortgehen wurde ich vom Beamten
an Bezahlung der Steuergefälle für diese Cigarren erinnert, welche auf
10 Sch. (3½ Thlr.) bestimmt wurden. Vertraut mit der Landessprache
und den Gesetzen, erlaubte ich mir, gleich einem Eingebornen, den
Steuerbeamten auf seine gesetzwidrige Forderung aufmerksam zu machen
und die ihm gemäß der Constitution gebührenden Verweise zu geben.
Hierauf erwiederte derselbe mit großer Gelassenheit: „Wenn Sie sich als
Reisender zur Einführung einer Quantität Taback unter einem Pfund an
Gewicht berechtigt glauben, so bezahlen Sie nichts dafür.“ Dies geschah
denn natürlich.

Sollte die englische Regierung nicht vielleicht noch einmal auf den
Einfall kommen, zum Wohl und zur Erleichterung der Reisenden eine
Revision wie die in Belgien einzuführen? Der Verfasser langte einst zu
Antwerpen in Gesellschaft von 140-150 Passagieren an und überzeugte
sich, daß sämmtliches Gepäck und Pässe in Zeit von einer ½ oder
höchstens ¾ Stunde durch zwei Beamte, welche sich sogleich nach Ankunft
des Dampfschiffes auf demselben eingefunden hatten, revidirt wurden.

Mein Aufenthalt in London war, wie immer, nur von kurzer Dauer, da ich
diesem bewundernswürdigen Orte nie Geschmack abzugewinnen vermochte. Es
geht mir beinahe mit London, wie dem Philosophen Mendelssohn mit dem
Schachspiel; er urtheilte, daß es als Spiel zu viel, als ernsthafte
Sache zu wenig sei. Eben so ist mir London als Stadt zu groß, als
Königreich aber zu gering; die unendliche Anzahl der Wagen und Karren
in der City vom Mittag an bis um fünf Uhr Nachmittags muß Einem lästig
werden.

Die Caledonia nach Hamburg! hieß es, ein überaus rasches, der general
steam-navigation-Company zugehöriges Schiff, in welchem sich mit jener
Eigenschaft Pracht und Herrlichkeit vereinigt haben. -- Allein was
fand ich, als ich mich Morgens früh in die untern Räume begab, in
welchen die Ausstreckplätze für Reisende sich befinden? Eine finstere
Höhle, in welcher sich bereits sämmtliche Mitreisende am vorigen
Abend eingefunden und auf das Lager ausgestreckt hatten, eine Höhle,
angefüllt mit pestilenzialischen Gerüchen von altem Maschinen-Fett,
von abgestandenem Seewasser u. s. w. Mir wurde beinahe übel davon und
ich mußte dem Decke zueilen, um zur Besinnung zu gelangen. Zwei Nächte
sollte ich hier zubringen? Nachdem ich eben die Brittish Queen und
eins von den ersten Hotels verlassen hatte, mußte ich mich mit einem
Orte begnügen, ähnlich dem, worauf die Arbeitsleute Londons für einen
Pence schlafen. Indeß die Vernunft gebietet, Alles zu nehmen, wie es
ist und davon zu abstrahiren, was es sein könnte; dieser Vernunftlehre
folgte ich und fühlte mich daher nicht so unglücklich, wie mehrere
meiner Reisegefährten, von welchen ich nur einige sehr hohe russische
Staatsbeamten, einen General und einen Kaiserlichen Leibarzt, anführen
will. Diese fühlten sich in der That sehr unglücklich und um nicht in
jener mit grauenvollen Gerüchen überfüllten Höhle zu schlafen, legten
sie sich unentkleidet auf die Sopha’s in der obern Cajüte.

Am zweiten Tage zerbrach eine Maschine dieser prächtigen Caledonia,
dennoch kamen wir weit rascher vorwärts als auf der Hinreise nach Hull
mit den geschwinden zwei Maschinen der Rob Roy. Bald freute ich mich zu
sehen, daß die hamburgischen Bootsleute noch gesund waren, uns rasch
der Caledonia entführten, und bald überzeugte ich mich, daß sie den
Werth der holsteinischen Zwei-Drittelstücke noch kannten, dies auch
leider schwerlich bald verlernen werden.

Da saß ich nun endlich wieder an der table d’hote bei dem freundlichen
Wirth des Hotels St. Petersburg in der Mitte von Hamburgern.
Wie ich schon früher wiederholt gethan; so nahm ich auch jetzt
Gelegenheit, gegen das Verfahren der hamburger Regierung bei der
Brief-Versendung nach England mich dahin auszusprechen: „daß es weit
sicherer und zugleich auch vortheilhafter für Deutschland sein müsse,
seine Correspondenz statt in einem für Reisende ganz ungeeigneten
Dampfschiffe, lieber in einem von Hamburg aus besser ausgerüsteten,
unter Aufsicht des Hamburger Postamts, befördert zu wissen. Dadurch
würde der englischen Regierung das Amt eines General-Postmeisters
für diesen Theil der deutschen Schifffahrt streitig gemacht und
auch der Willkühr der general steam-navigation-Company in Erhebung
des Passage-Geldes Schranken gesetzt.“ Obgleich die Zuhörer mir
beipflichteten, so bin ich doch überzeugt, daß es beim Alten bleiben
wird, weil in Hamburg in einem weit höhern Grade gemeiner Geist als
Gemeingeist herrscht, was wohl dem Umstande zuzuschreiben ist, daß
es auch daselbst zu viele Commissionaire giebt. Es wird Manchem
unglaublich scheinen, wenn ich versichere, daß die größere Hälfte der
Bevölkerung auf direktem oder indirektem Wege von Commissionsgeschäften
nicht allein leben, sondern auch groß leben und zwar nicht selten 3-4
Familien von einem und demselben Geschäft. Da giebt es Quartiers-Leute,
Litzenbrüder, Mäkler u. s. w. in Legionen, welche Alle zur Erhaltung
der Commissionaire auf das kräftigste wirken. Wer diese Wirksamkeit
belohnen muß, ist sehr klar. Sollte indeß Hannover dem Zollverbande
einstens beitreten, welches für diesen höchst wünschenswerth sein muß,
weil er durch Embden einen Landungspunkt in der Nordsee erlangte, so
dürften für Hamburg nach so viel fetten Jahren die magern nicht fern
mehr sein.



                            Verbesserungen.


  Seite Zeile

  26    24  statt einem brennenden Cigarren, lies: brennender Cigarr
  33     3    „   Handelsstand bier,          --   Handelsstand hier
  46    20    „   the hole in the wale,       --   the hole in the Wall
  52     2    „   Gäng und Gäbe,              --   Gang und gebe
  64    25    „   40 Millionen,               --   140 Millionen
  66    19    „   Umstände,                   --   Bestände
  67    30    „   aus Spekulation,            --   auf Spekulation
  74    33    „   aufgetrieben,               --   aufgerieben
  75    19    „   95 Piaster,                 --   98 Piaster, wie S. 1.



                      Gedruckt bei +A. W. Hayn+.



Fußnoten:

[A] Anmerkung. Es ist dem Verfasser nicht unbekannt, daß in den
geographischen Handbüchern die Einwohnerzahl Cuba’s weit größer
angegeben wird; allein bestimmt läßt sich dieselbe nicht angeben,
da eine Zählung fast unmöglich ist; und nehmen wir auch an, daß sie
früher über 900,000 Einw. betragen hätte, so sind doch an der Cholera
150-200,000 Menschen, besonders Neger auf Cuba, gestorben, die noch
nicht ersetzt sind, indem die erforderlichen Kapitalien dazu fehlen.

[B] Anmerkung. Dies sind diejenigen Ballen, die, wie früher bemerkt,
für Ginghams, mithin für Baumwollen-Waaren einpassirten, ungeachtet es
wollene Waaren waren; -- eine Revision hat mithin nicht stattgefunden.

[C] Anmerkung. Es ist in Havana üblich, vor der Promenade an der
Seeküste eine Tasse schwarzen Caffee zu trinken, um sie bis 9 Uhr, der
Zeit des Frühstücks fortsetzen zu können. Diese Stunden aber werden
allgemein als die passendsten zur Promenade angesehen, weil hier in
den Morgenstunden gewöhnlich ein kühler Nord- oder Nordostwind weht,
und man auch gewöhnlich an der Küste die Signale der sich annähernden
Schiffe vom Fort durch Flaggen angezeigt findet.

[D] Anmerkung. Da es keine Bierbrauer in Havana giebt, so wird zum
Aufgehen des Brodes Sauerteig genommen und mit Schweineschmalz
vermischt.

[E] Anmerkung. Um dies zu erklären, muß ich Folgendes bemerken:
hausirende Conditor-Neger tragen diese Delicen etwa eine Stunde vor
dem Mittagsessen in kleinen Portionen à 4-8 Sgr. auf einem langen
Brette auf dem Kopfe umher und da sich über den Confituren keine Decke
befindet, so sind dieselben mit Staub bedeckt und mit kleinen Insekten
überfüllt.

[F] Anmerkung. Panaly ist Zucker in Gestalt einer Honigscheibe
aus rohem Zucker und Eiweiß, wodurch der Spanier seinen Sinnen
geschmeichelt glaubt. Zwei Panaly, eine halbe Citrone und ein Glas
Regenwasser wird mit 2 Gr. Cour. bezahlt und wird häufig und überall
zur Abkühlung getrunken.

[G] Anmerkung. Kohlen ist einer der ersten Artikel in Havana, da Alles
bei Holzkohlen gekocht wird, Schornsteine findet man hier nur bei
Bäckern.

[H] Anmerkung des Verfassers. Jetzt vielleicht nur noch 20 Millionen.

[I] Anmerkung. Zieht man den bedeutenden Belauf der geschmuggelten
Waaren dabei noch in Erwägung, so zeigt sich der Ausfall in der
Handelsbilanz noch größer.

[J] Anmerkung. Dieses Prachtgebäude kostet nicht mehr, aber auch nicht
weniger als 1,900,000 Piaster, nämlich 1,300,000 P. das Gebäude, und
600,000 der Boden auf welchem es steht.

[K] Anmerkung. Der Gründer der ersten Landbank in Amerika war der
Oberst Schute im Jahre 1715; für die eingezahlte baare Summe von 50,000
L. St. wurden Zettel ausgegeben. Durch eine scheinbare Unzulänglichkeit
des neuen Zahlmittels wurde eine zweite Zettel-Ausgabe von 100,000 L.
St. angeordnet. Man schrie bald über die Ueberschwemmung mit Papier,
und die Zettel sanken unter die Hälfte des Nominalwerthes. Shirley
(ein englischer Rechtsgelehrter) schenkte der Unordnung im Geldwesen
seine Aufmerksamkeit, entfernte den größeren Theil des Papiergeldes
allmählich aus der Circulation, und hob hierdurch den Cours desselben
auf das Pari mit baarer Münze. Nach dem Aachener Frieden war indeß der
Werth der Bankzettel dermaßen gesunken, daß man für 1200 L. St. Zettel
nur 100 L. St. baares Geld erhielt. Im Jahre 1750 wurde alles in den
nördlichen Brittisch-Amerikanischen Kolonieen befindliche Papiergeld
für werthlos erklärt.

[L] Anmerkung. Wir brauchen, ist die gewöhnliche Redensart, obgleich
sie unrichtig ist, weil wir verbrauchen etc. gebraucht werden müßte.

[M] Anmerkung. Nach der Geschichte Virginiens unter König Jacobs
Regierung, der Plymouth-Compagnie und der Puritaner (im Jahre 1650)
heißt jener Theil Amerika’s Neu England und die Bewohner desselben
heißen ein Jahrhundert hindurch Britten, Holländer und Franzosen.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Schilderungen des Treibens im Leben und Handel in den Vereinigten Staaten und Havana. - Gezeichnet auf Reisen in den Jahren 1838 und 1839" ***

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