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Title: Sewastopol
Author: Tolstoj, Leo N.
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Sewastopol" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an,
Umschließungen mit _ Text, der im Original in einer anderen Schriftart
dargestellt war.

Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden
Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter
belassen. Eine Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des
Buchs.

Im Original beginnt jeder Abschnitt mit einem Ornament, und jede
Geschichte endet so. Diese sind für die reine Textfassung entfernt
worden.



                                                          Leo N. Tolstoj
                                                     Novellen Band _III_



              Leo N. Tolstoj

             Sämtliche Werke

       Von dem Verfasser genehmigte
               Ausgabe von
            Raphael Löwenfeld

                III. Serie

          Dichterische Schriften

                   Band
                    5

  Mit Buchausstattung von J. B. Cissarz



                             Leo N. Tolstoj

                               Sewastopol

               im Dezember * Sewastopol im Mai * Sewastopol im August *
               Der Holzschlag * Begegnung im Felde * Der Überfall

                               3. Auflage

               Verlegt bei Eugen Diederichs, Leipzig 1901



Inhalt


  Sewastopol im Dezember        1

  Sewastopol im Mai            34

  Sewastopol im August        105


  *Kaukasische Erzählungen*

  Ein Überfall                217

  Der Holzschlag              267

  Begegnung im Felde          339



Sewastopol

im Dezember 1854, im Mai und
August 1855


Leo Tolstoj war aus dem Kaukasus in die Heimat zurückgekehrt. Er
war Soldat und konnte sich -- nach den kleinen Scharmützeln mit den
ungebändigten Gebirgsstämmen, -- auch dem gewaltigen Völkerkriege
nicht entziehen, dessen Schauplatz die Krim ward. Vor Sewastopol fiel
die Entscheidung in diesem ungleichen Kampfe, den Rußland gegen zwei
Großmächte des Westens zu führen hatte.

Am 23. September hatten die Russen ihre ganze Flotte in das Schwarze
Meer versenkt, um den Angriff von der Seeseite her zu vereiteln, und
Totlebens Kunst hatte die Festung durch Aufführung von Forts und
Bastionen zu einer fast uneinnehmbaren gemacht. Die fortgesetzte
Beschießung aber mit ihren Opfern an Menschenleben, die Abschneidung
der Zufuhr von Lebensmitteln und die gänzliche Ermattung des russischen
Heeres führten endlich am 27. August 1855 nach einem furchtbaren
Sturmangriff zur Uebergabe Sewastopols.

Alle Leiden des russischen Heeres hatte der junge Offizier in der
vierten Bastion, an einer der gefährlichsten Stellen der belagerten
Festung, mitgemacht. Und gewohnt, das Erlebte im dichterischen
Spiegelbilde festzuhalten, bannte Leo Tolstoj auch die Leidenstage von
Sewastopol in drei gewaltige Schilderungen, die das entzückte Rußland
mit steigender Bewunderung las, während noch der Heldenmut seiner
Söhne vergeblich um den Sieg rang. Kaiser Nikolaus selbst, der Urheber
des großen Völkerunglücks, war von dem Werke des jungen Offiziers
begeistert. Er gab den Befehl, ihn von dem gefährlichen Orte zu
entfernen, damit das Leben eines zukunftsreichen Talents geschont werde.

Tolstoj wählte für seine Schilderungen den Anfang, den Höhepunkt und
das Ende der Kämpfe vor Sewastopol, und benennt sie äußerlich nach der
Zeit: Sewastopol im Dezember, Sewastopol im Mai, Sewastopol im August.

Aus diesen drei Augenblicksbildern sprechen mit beredten Worten das
tiefe Mitgefühl mit den Leiden des Volks, die Bewunderung für seine
unwandelbare Tapferkeit und Leidensfähigkeit, der große Schmerz um den
Völkerwahn des Krieges, die Geringschätzung für Eigenschaften, die eine
hergebrachte Anschauung Tugenden nennt -- genug, all die Grundideen
Tolstojscher Ethik, die auch in seinen anderen dichterischen Werken zum
Ausdruck kommen, und die erst im sechsten Jahrzehnt seines Lebens sich
zu einer systematischen Weltanschauung verdichten sollten.

Aber trotz des scheinbar auf sittliche Ziele gerichteten Inhalts ist
die Schilderung von ruhigster Sachlichkeit. Dem Dichter ist nichts
gut, nichts böse; nicht zur Nachahmung aneifern will er in seinen
Schilderungen der Tapferkeit, nicht abschrecken vom Bösen durch
grausige Darstellung des Entsetzlichen, nicht einmal in den einzelnen
Personen, die er handeln läßt, Muster kriegerischer Tugenden oder
abschreckende Beispiele des Gegenteils vorführen. Die Menschen alle
»können nicht die Uebelthäter, noch die Helden der Erzählung sein«.

»Der Held meiner Erzählung -- sagt Tolstoj -- den ich mit der ganzen
Kraft meiner Seele liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht
war, und der immer schön gewesen ist und immer schön sein wird -- ist
die Wahrheit.«

Erscheinen in dieser Hinsicht die Schilderungen der Sewastopoler Kämpfe
gewissermaßen als eine kunstlose Wiedergabe der Wirklichkeit, so zeigt
sich die berechnende Kunst des Dichters deutlich in der Steigerung, die
in der Wahl der drei Momente liegt, die von entscheidender Bedeutung
für den Krieg waren: die Zeit der Entwicklung, der Wendung und des
tragischen Abschlusses.

Alle drei Skizzen sind unter den Eindrücken der Sewastopoler
Leidenstage selbst geschrieben, in den Jahren 1854 und 1855. Zwischen
ihnen liegt nur die Abfassung der kurzen Erzählung: »Der Holzschlag«.

Die Kritik nahm die Sewastopoler Skizzen mit Bewunderung auf. Sie waren
das erste Werk Leo Tolstojs, das einen allgemeinen, unbestrittenen
Erfolg hatte. Das lesende Rußland sah in den poetischen Schilderungen
des Grafen Tolstoj nicht bloß interessante Thatsachen in der Wiedergabe
eines Augenzeugen, nicht bloß begeisterte Erzählungen von Heldenthaten,
die auch den Leidenschaftslosesten hätten fortreißen können; jeder
Leser erblickte darin die Verherrlichung der nationalen Tapferkeit und
die Verewigung ihres Andenkens.

Nie vorher hatte Rußland Soldatenschilderungen solcher Art gekannt.
Skobelews vielgelesene Erzählungen waren unter den Vorurteilen einer
schönfärberischen Vaterlandsliebe entstanden und sind die Schöpfungen
einer mittelmäßigen Dichtergabe. Tolstoj strebte nach einer treuen
Wirklichkeitsschilderung und besaß zugleich die Kraft, dem Alltäglichen
den Charakter des Erhabenen zu geben.

                                                  R. L.



*Sewastopol* im December 1854


Eben beginnt die Morgenröte den Horizont über dem Ssapunberg zu
färben; die dunkelblaue Meeresfläche hat bereits das nächtliche Dunkel
abgestreift und erwartet den ersten Sonnenstrahl, um in glänzenden
Farben zu spielen; von der Bucht her weht es kalt und neblig; es
liegt kein Schnee, alles ist schwarz, aber der scharfe Morgenfrost
greift das Gesicht an und macht die Erde unter den Füßen knirschen;
nur das entfernte, unaufhörliche, bisweilen von rollenden Schüssen in
Sewastopol übertönte Brausen des Meeres unterbricht die Stille des
Morgens. Auf den Schiffen ist es still; die achte Stunde schlägt.

Auf der Nordseite beginnt allmählich die Ruhe der Nacht der Thätigkeit
des Tages zu weichen: hier marschiert eine Wachablösung, mit den
Gewehren klirrend, vorbei; dort eilt ein Arzt schon ins Lazarett;
hier kriecht ein Soldat aus einer Erdhütte, wäscht sich mit eisigem
Wasser das sonnenverbrannte Gesicht und betet, nach dem sich rötenden
Osten gewendet und sich schnell bekreuzigend, zu Gott; hier
schleppt knarrend eine hohe, schwere, mit Kamelen bespannte Madshara
(tatarischer Bauernwagen) blutige Leichen, mit denen sie fast bis an
den Rand beladen ist, zur Beerdigung auf den Kirchhof ... Wir gehen
auf den Hafen zu, -- hier schlägt uns ein eigentümlicher Geruch von
Steinkohlen, Dünger, Feuchtigkeit und Fleisch entgegen; tausend
verschiedenartige Gegenstände -- Brennholz, Fleisch, Schanzkörbe, Mehl,
Eisen u. s. w. -- liegen haufenweis am Hafen; Soldaten verschiedener
Regimenter, mit Säcken und Gewehren, ohne Säcke und ohne Gewehre,
drängen sich hier, rauchen, zanken sich, schleppen Lasten auf den
Dampfer, der rauchend an der Landungsbrücke liegt; Privatkähne, voll
von allerlei Volk, -- von Soldaten, Seeleuten, Kaufleuten, Weibern, --
legen an oder stoßen ab.

Nach der Grafßkaja, Euer Wohlgeboren, wenn's gefällig ist! bieten uns
zwei oder drei verabschiedete Matrosen ihre Dienste an, indem sie in
ihren Böten aufstehen.

Wir wählen den, der uns am nächsten ist, schreiten über den
halbverfaulten Kadaver eines braunen Pferdes, der hier im Schmutz in
der Nähe des Bootes liegt, und gehen an's Steuerruder. Wir stoßen vom
Ufer ab. Rings um uns haben wir das schon in der Morgensonne glänzende
Meer, vor uns den alten Matrosen, in einem Überrock aus Kamelhaar, und
einen blonden Knaben, die unter Schweigen emsig die Ruder führen.
Wir sehen die vielen segelfertigen Schiffe, die nah und fern in der
Bucht zerstreut sind, die kleinen, schwarzen Punkte der auf dem
glänzenden Azur des Meeres sich bewegenden Schaluppen und die auf der
andern Seite der Bucht befindlichen, durch die hellroten Strahlen der
Morgensonne gefärbten, schönen und hellen Häuser der Stadt; wir sehen
die schaumbespritzte Linie des Molo und der versenkten Schiffe, deren
schwarze Mastenspitzen hie und da düster aus dem Wasser ragen; unserm
Blicke begegnet die entfernte feindliche Flotte, die am kristallenen
Horizont des Meeres unthätig daliegt, endlich sehen wir die durch
unsere Ruder in den schäumenden Wellen in die Höhe geworfenen und
springenden Tropfen der Salzflut; wir hören den einförmigen Laut von
Stimmen, die über das Wasser her zu uns dringen, und die majestätischen
Töne der Kanonade, die, wie uns scheint, immer stärker wird in
Sewastopol.

Es ist unmöglich, daß bei dem Gedanken: auch wir sind in Sewastopol,
unsere Seele nicht das Gefühl eines gewissen Mutes und Stolzes
durchdringe, und das Blut nicht schneller in unsern Adern fließe.

Euer Wohlgeboren! Steuern Sie direkt auf den Kistentin (das Schiff
»Konstantin«), sagt zu uns der alte Matrose, indem er sich rückwärts
wendet, um die Richtung, die wir dem Boote geben, zu berichtigen, das
Steuerruder rechts!

Und er hat noch all seine Kanonen! bemerkt der blonde Bursche, während
er am Schiffe vorbeirudert und es betrachtet.

Freilich. Er ist neu, Kornilow hat ihn befehligt, bemerkt der Alte,
indem er ebenfalls das Schiff betrachtet.

Sieh, wie sie geplatzt ist! sagt der Knabe nach einem längeren
Schweigen, indem er auf ein weißes Wölkchen zerfließenden Rauches
sieht, das sich plötzlich hoch über der südlichen Bucht erhebt und von
dem lauten Krachen einer platzenden Bombe begleitet ist.

Er feuert heut aus einer neuen Batterie, fügt der Alte hinzu, indem
er sich gleichmütig in die Hände spuckt. Nun, Mischka, zugerudert,
wir wollen die Barkasse überholen! ... Und unser Boot eilt schneller
vorwärts über die weite, wogende Bucht, überholt wirklich die schwere
Barkasse, die mit Säcken beladen ist und von ungeschickten Soldaten
ungleich gerudert wird, und landet, zwischen einer Menge am Ufer
befestigter Böte, im Grafßkaja-Hafen.

Auf dem Uferdamm bewegen sich lärmend Scharen von Soldaten in
grauen Mänteln, von Matrosen in schwarzen Winterröcken und von
buntgekleideten Frauen. Alte Weiber verkaufen Semmeln, Bauern mit
Theemaschinen schreien: »Heißer Sbitjen!«[A] und dort auf den ersten
Stufen der nach dem Landungsplatz führenden Treppe liegen verrostete
Kanonenkugeln, Bomben, Kartätschen und gußeiserne Kanonen verschiedenen
Kalibers; etwas weiter ist ein großer Platz, auf dem mächtige Balken,
Kanonenlafetten, schlafende Soldaten liegen, und Pferde, Fuhrwerke,
grüne Pulverkasten mit Geschützen, und Sturmgeräte der Infanterie
stehen; Soldaten, Matrosen, Offiziere, Weiber, Kinder und Kaufleute
bewegen sich durcheinander; Bauernwagen mit Heu, mit Säcken und Fässern
kommen angefahren; hier reitet ein Kosak und ein Offizier, dort fährt
ein General in einer Droschke. Rechts ist die Straße durch eine
Barrikade gesperrt, auf der in Schießscharten kleine Kanonen stehen;
neben diesen sitzt, seine Pfeife rauchend, ein Matrose. Links erhebt
sich ein hübsches Haus mit römischen Ziffern an der Stirnseite, vor
dem Soldaten neben blutigen Tragbahren stehen, -- überall sehen wir
die häßlichen Spuren des Lagerlebens im Kriege. Der erste Eindruck,
den wir empfinden, ist jedenfalls der unangenehmste; die eigentümliche
Vermischung des Lagerlebens mit städtischem Leben und Treiben, der
schönen Stadt mit dem schmutzigen Biwak ist nicht nur unschön, sondern
kommt uns wie ein widerwärtiges Durcheinander vor; es scheinen uns
sogar alle bestürzt und unruhig, und nicht zu wissen, was sie thun
sollen. Aber wenn wir den Menschen, die sich um uns herum bewegen,
näher ins Gesicht sehen, kommen wir zu einer ganz andern Ansicht.
Betrachten wir nur diesen Train-Soldaten, der seine drei Braunen zur
Tränke führt, und so ruhig vor sich hinsummt, daß man ihm anmerkt, er
wird sich in dieser bunten Menge, die für ihn nicht existiert, nicht
verirren, er verrichtet seine Arbeit, welche es immer sei, ob Pferde
zu tränken, oder am Geschütz zu ziehen, ebenso ruhig, selbstvertrauend
und gleichgültig, als wenn das alles irgendwo in Tula oder Saransk
geschehe. Denselben Ausdruck lesen wir auch auf dem Gesicht des jungen
Offiziers, der in tadellosen weißen Handschuhen vorbeigeht, auf dem
Gesicht des Matrosen, der rauchend auf der Barrikade sitzt, auf den
Gesichtern der als Träger verwendeten Soldaten, die mit Bahren auf der
Außentreppe des ehemaligen Kasinos warten, und auf dem Gesicht des
Mädchens, das, in der Furcht, sein rosafarbenes Kleid naß zu machen,
von Stein zu Stein über die Straße hüpft.

 [A] Getränk aus Wasser, Honig und Lorbeerblättern oder Salbei, das von
 den Aermeren als Thee getrunken wird. Anm. d. Herausg.

Wenn wir zum erstenmal in Sewastopol ankommen, sind wir unbedingt
enttäuscht. Wir suchen vergebens, auch nur auf einem Gesicht, Spuren
von Unruhe und Kopflosigkeit, oder auch von Begeisterung, Todesmut
und Entschlossenheit, -- nichts von alledem: wir sehen ruhig mit
ihrer Alltagsarbeit beschäftigte Alltagsmenschen, so daß wir uns
vielleicht selbst ein Übermaß von Enthusiasmus vorwerfen, daß wir leise
Zweifel hegen an der Richtigkeit der Vorstellung von dem Heldenmut
der Verteidiger Sewastopols, die wir uns nach den Erzählungen, den
Beschreibungen gebildet haben und dem, was wir auf der Nordseite
gesehen und gehört. Aber ehe wir zweifeln, gehen wir auf die Bastionen,
betrachten wir Sewastopols Verteidiger auf dem Schauplatz der
Verteidigung selber, -- oder noch besser, gehen wir direkt in das Haus
gegenüber, das früher das Sewastopoler Kasinogebäude gewesen und auf
dessen Außentreppe Soldaten mit Tragbahren stehen, -- da werden wir die
Verteidiger Sewastopols sehen, da werden wir schreckliche, traurige,
große, Erstaunen erregende und herzerhebende Szenen sehen.

Wir wollen in den großen Saal des Kasinos gehen. Kaum haben wir die
Thür geöffnet, da erschreckt uns plötzlich der Anblick und der Geruch
von vierzig oder fünfzig amputierten, sehr schwer verwundeten Kranken,
die einen auf Pritschen, die meisten auf der Diele liegend. Wir dürfen
dem Gefühl, das uns an der Schwelle zurückhält, nicht nachgeben -- es
ist kein schönes Gefühl; gehen wir nur vorwärts, schämen wir uns nicht,
daß wir gekommen, von den quälendsten Schmerzen Gepeinigte zu *sehen*
-- schämen wir uns nicht, zu ihnen zu gehen und mit ihnen zu sprechen:
die Unglücklichen sehen gern ein mitfühlendes Menschenantlitz, sprechen
gern von ihren Qualen und hören gern Worte der Liebe und Teilnahme ...
Wir wollen in der Mitte der Lagerstätten entlang gehen und ein weniger
düsteres und schmerzdurchfurchtes Gesicht suchen, zu dem wir hingehen
können, um zu sprechen.

Wo bist du verwundet? -- fragen wir unentschlossen und zaghaft einen
alten, abgemagerten Soldaten, der auf einer Pritsche sitzt, uns mit
einem treuherzigen Blicke verfolgt und uns aufzufordern scheint, an
ihn heranzukommen. Ich sage: zaghaft fragen wir, weil Leiden nicht nur
tiefes Mitgefühl, sondern auch Scheu vor der Möglichkeit zu beleidigen
und Hochachtung vor dem, der sie erträgt, einflößen.

Am Bein, antwortet der Soldat, aber zugleich bemerken wir selber an den
Falten der Decke, daß ihm ein Bein bis zum Knie fehlt. Gott sei Dank,
fügt er hinzu: ich werde jetzt aus dem Lazarett entlassen werden.

Und ist es schon lange her, daß du verwundet worden bist?

Ja, vor sechs Wochen, Euer Wohlgeboren.

Schmerzt es dich jetzt?

Nein, jetzt schmerzt es nicht, -- gar nicht; nur die Wade scheint mir
weh zu thun, wenn schlechtes Wetter ist, das ist alles.

Wie und wo bist du verwundet worden?

Auf der fünften Bastion, Euer Wohlgeboren, wie das erste Bombardement
war, ich hatte das Geschütz hergerichtet, wollte nach einer anderen
Schießscharte gehen, und da traf er mich ins Bein, es war mir, als ob
ich in eine Grube stürzte, -- fort war das Bein.

Empfandest du nicht Schmerz in diesem ersten Augenblick?

Nein, nur ein Gefühl, als wenn ich mit etwas Heißem ans Bein gestoßen
würde.

Nun, aber dann?

Und dann war weiter nichts; nur als man mir die Haut straff zog, war
mir, als ob sie wund gerieben würde. Das Erste, Euer Wohlgeboren, ist,
*an nichts denken*; wenn man nichts denkt, dann ist auch weiter nichts.
Alles kommt daher, daß der Mensch denkt.

Da tritt an uns eine Frau heran, in einem grauen gestreiften Kleide,
mit einem um den Kopf gebundenen schwarzen Tuch, sie mischt sich in
unser Gespräch mit dem Matrosen und beginnt von ihm zu erzählen, von
seinen Leiden, dem verzweifelten Zustande, in dem er sich vier Wochen
lang befunden, -- wie er, verwundet, die Tragbahre hatte anhalten
lassen, um die Salve unserer Batterie zu sehen, wie die Großfürsten mit
ihm gesprochen und ihm 25 Rubel geschenkt, und wie er ihnen gesagt, daß
er wieder auf die Bastion wolle, um die jungen Leute zu unterweisen,
wenn er selber nicht mehr arbeiten könnte. Während die Frau dies in
einem Atem hersagt, sieht sie bald uns, bald den Matrosen an, der,
abgewandt und als wenn er nicht auf sie hörte, auf seinem Kopfkissen
Charpie zupft, -- und ihre Augen leuchten dabei von einem besonderen
Entzücken.

Das ist meine Hausfrau, Euer Wohlgeboren! bemerkt uns der Matrose, mit
einem Ausdrucke, als wenn er spräche: Sie müssen ihr schon verzeihen,
es ist einmal so, Weiber müssen dummes Zeug schwatzen.

Wir beginnen die Verteidiger Sewastopols zu verstehen, wir schämen
uns förmlich vor diesem Menschen. Wir möchten ihm gar viel sagen, um
ihm unser Mitgefühl und unsere Bewunderung auszudrücken, aber wir
finden keine Worte oder sind nicht zufrieden mit denen, die uns gerade
einfallen, und beugen uns schweigend vor dieser schweigsamen und
unbewußten Größe und Stärke des Geistes, dieser Scham vor dem eigenen
Werte.

Nun möge Gott dich bald gesund werden lassen, sagen wir zu ihm und
bleiben vor einem anderen Kranken stehen, der auf der Diele liegt und
in unerträglichen Schmerzen den Tod zu erwarten scheint.

Es ist ein blonder Mensch mit einem geschwollenen und bleichen Gesicht.
Er liegt auf dem Rücken, den linken Arm hinten unter gelegt, in
einer Lage, die fürchterliche Schmerzen ausdrückt. Der vertrocknete,
geöffnete Mund stößt mit Mühe röchelnden Atem aus; die blauen,
glanzlosen Augen rollen nach oben gerichtet, und aus der umgeschlagenen
Decke ragt der mit Binden umwundene Stumpf des rechten Arms hervor. Der
dumpfige Geruch, den der leblose Körper ausströmt, fällt uns stark auf
die Brust, und die verzehrende, innerliche Hitze, die alle Glieder des
Dulders durchdringt, bemächtigt sich auch unser.

Wie, ist er besinnungslos? fragen wir die Frau, die hinter uns geht und
uns, wie Verwandte, freundlich ansieht.

Noch nicht, er hört, befindet sich aber sehr schlecht, fügt sie
flüsternd hinzu, ich habe ihm heute Thee zu trinken gegeben; obwohl
er mir fremd ist, so muß man doch Mitleiden haben, -- er hat fast gar
nicht mehr getrunken.

Wie fühlst du dich? fragen wir ihn.

Der Verwundete bewegt auf unsere Frage die Pupillen, aber er sieht und
versteht uns nicht.

Im Herzen brennt's.

Ein wenig weiter sehen wir einen alten Soldaten, der die Wäsche
wechselt. Sein Gesicht und Körper sind ziegelfarbig und mager wie bei
einem Skelett. Der eine Arm fehlt ihm gänzlich, er ist ihm an der
Schulter abgenommen worden. Er sitzt gefaßt da, -- er befindet sich
auf dem Wege der Besserung; aber an dem toten, trüben Auge, an der
schrecklichen Magerkeit und den Runzeln des Gesichts erkennen wir, daß
dieses Wesen schon den größeren Teil seines Lebens durchlitten hat.

Auf der anderen Seite sehen wir auf einer Pritsche ein leidendes,
bleiches und zartes Frauengesicht, auf dessen Wangen flammende Röte
spielt.

Das ist unsere Matrosenfrau, am 5. hat sie eine Bombe am Bein
getroffen, sagt uns unsere Führerin, sie brachte ihrem Manne Essen auf
die Bastion.

Hat man sie amputiert?

Sie ist über'm Knie amputiert worden.

Jetzt gehen wir durch eine Thür links, wenn unsere Nerven stark sind;
in diesem Zimmer werden die Verwundeten verbunden und operiert. Wir
sehen hier die Ärzte mit Blut an den Armen bis zu den Ellbogen und mit
blassen, finsteren Gesichtern um eine Pritsche beschäftigt, auf der
mit geöffneten Augen und wie im Fieber sinnlose, bisweilen einfache
und rührende Worte sprechend, ein Verwundeter chloroformiert liegt.
Die Ärzte sind mit einer widerwärtigen, aber wohlthätigen Arbeit
beschäftigt. Wir sehen, wie ein scharfes krummes Messer in den weißen,
gesunden Körper einschneidet; -- wir sehen, wie der Verwundete mit
einem schrecklichen, herzzerreißenden Schrei und mit Verwünschungen
plötzlich zur Besinnung kommt; -- wir sehen, wie der Feldscher den
abgeschnittenen Arm in eine Ecke wirft; -- wir sehen in demselben
Zimmer, auf einer Tragbahre, einen anderen Verwundeten liegen, der
beim Anblick der Operation des Kameraden sich windet und stöhnt, nicht
so sehr aus körperlichem Schmerz, wie aus Qual und Erwartung; -- wir
sehen schreckliche, herzerschütternde Szenen, wir sehen den Krieg
nicht in dem üblichen schönen und glänzenden Gewande, mit Musik und
Trommelklang, mit wehenden Fahnen und Generalen hoch zu Rosse, wir
sehen den Krieg in seinem wahren Wesen -- in Blut, in Leiden, in Tod ...

Treten wir aus diesem Hause der Qualen heraus, so empfinden wir
unfehlbar ein tröstliches Gefühl, atmen voller die frische Luft ein,
empfinden Vergnügen im Bewußtsein unserer Gesundheit, schöpfen aber
zugleich aus der Anschauung dieser Leiden das Bewußtsein unserer
eigenen Nichtigkeit und gehen ruhig und entschlossen auf die Bastionen
...

»Was bedeutet der Tod und die Leiden eines so nichtigen Wurmes,
wie ich, im Vergleich zu dem Tode und dem Leiden so vieler?« Aber
der Anblick des klaren Himmels, der strahlenden Sonne, der schönen
Stadt, der geöffneten Kirche und des Kriegsvolks, das sich nach allen
Richtungen hin bewegt, versetzt unsern Geist schnell in den normalen
Zustand des Leichtsinns, der Alltagssorgen und des Genusses der
Gegenwart.

Vielleicht begegnen wir einem aus der Kirche kommenden Begräbnis eines
Offiziers, mit einem rosafarbenen Sarge, mit Musik und fliegenden
Fahnen; an unser Ohr dringen vielleicht die Töne der Kanonade von den
Bastionen, aber das versetzt uns nicht in die frühere Stimmung zurück:
das Leichenbegängnis erscheint uns als ein wunderschönes militärisches
Schauspiel, die Töne als ein minder schönes Kriegsgetön, und wir
verknüpfen weder mit diesem Schauspiel, noch mit diesen Tönen den
klaren, uns selbst betreffenden Gedanken an Leiden und Tod, wie wir das
an dem Verbandort gethan haben.

An der Kirche und Barrikade vorüber kommen wir nach dem belebtesten
Stadtteil. Auf beiden Seiten befinden sich Aushängeschilder von
Verkaufsläden und Gastwirtschaften. Kaufleute, Frauen in Hüten
und Tüchern, stutzerhafte Offiziere, -- alles spricht uns von der
Standhaftigkeit, dem Selbstvertrauen und der Sicherheit der Einwohner.

Wir müssen in ein Gasthaus rechter Hand gehen, wenn wir ein Gespräch
von Seeleuten und Offizieren hören wollen; hier werden jedenfalls
Gespräche über die verflossene Nacht, über Fenjka, über den 24.
geführt, darüber, wie schlecht und teuer man die Koteletts bekommt, und
wie der und jener Kamerad gefallen ist.

Hol's der Teufel, wie arg es heut bei uns ist! spricht mit Baßstimme
ein bartloser Marineoffizier mit blonden Augenbrauen und Wimpern, der
eine grüne, gestrickte Schärpe trägt.

Wo ist das -- bei uns? fragt ihn ein anderer.

Auf der vierten Bastion, antwortet der junge Offizier, und wir
betrachten unfehlbar mit großer Aufmerksamkeit und sogar mit einer
gewissen Achtung den blonden Offizier bei den Worten: »auf der vierten
Bastion«. Seine übermäßige Ausführlichkeit, sein Herumfuchteln mit den
Händen, sein lautes Lachen und Sprechen, die uns erst keck erscheinen,
erweisen sich als jene besondere prahlerische Stimmung, die leicht nach
einer Gefahr über junge Leute kommt; wir denken, daß er anfangen wird,
uns zu erzählen, wie arg es auf der vierten Bastion ist der Bomben und
Gewehrkugeln wegen -- weit gefehlt! arg ist es dort, weil es schmutzig
ist. -- »Man kann nicht nach der Batterie gehen, spricht er, indem er
auf seine bis über die Waden mit Schmutz bedeckten Stiefel zeigt. Und
heut habe ich meinen besten Kommandeur verloren, direkt in die Stirn
ist er getroffen worden,« sagt ein anderer. -- »Wer war es? Mitjuchin?«
»Nein ... Nun, wird man mir endlich den Kalbsbraten geben ... Seid ihr
Kanaillen!« fügt er hinzu, zu der Bedienung des Gasthauses gewandt.
»Nicht Mitjuchin, sondern Abramow. Es war ein braver Kamerad -- sechs
Ausfälle hat er mitgemacht!«

Am andern Ende des Tisches sitzen bei Koteletts mit Schoten und einer
Flasche sauren Krimweins, sogenannten Bordeaux, zwei Offiziere von der
Infanterie: der eine mit rotem Kragen und zwei Sternen auf dem Mantel,
ein junger Mann, erzählt dem andern, mit schwarzem Kragen und ohne
Sterne, von dem Treffen an der Alma. Der erstere hat schon ein wenig
getrunken, und man merkt es an den Pausen, die er in seiner Erzählung
macht, an dem unentschlossenen Blick, der zweifelnd zu fragen scheint,
ob man ihm auch glaube, hauptsächlich aber an der allzu großen Rolle,
die er in allem spielt, und weil alles zu furchtbar klingt, daß er
stark von der strengen Wiedergabe der Wahrheit abweicht. Aber wir sind
nicht in der Stimmung, diese Erzählungen mit anzuhören, die wir noch
lange an allen Enden Rußlands werden zu hören bekommen; wir wollen
so schnell als möglich auf die Bastionen, besonders auf die vierte,
von der man uns so vieles und so verschiedenartiges erzählt hat. Wenn
jemand sagt, er sei auf der vierten Bastion gewesen, so sagt er das
mit besonderer Befriedigung und mit Stolz; sagt jemand: ich gehe auf
die vierte Bastion, so sieht man ihm sicher eine kleine Erregung oder
allzugroßen Gleichmut an; will man jemanden necken, so sagt man: dich
sollte man in die vierte Bastion schicken; begegnet man Tragbahren und
fragt: woher? -- so bekommt man meist die Antwort: von der vierten
Bastion. Es giebt überhaupt zwei völlig verschiedene Meinungen über
diese schreckliche Bastion: die Meinung solcher, die nie dort waren und
die überzeugt sind, daß die vierte Bastion das sichere Grab für jeden
ist, der dorthin geht -- und solcher, die dort hausen, wie der blonde
Midshipman, und die, wenn sie von der vierten Bastion sprechen, uns
sagen, ob es in der Erdhütte trocken oder schmutzig, warm oder kalt ist
u. s. w.

In der halben Stunde, die wir im Gasthaus zugebracht haben, hat sich
das Wetter geändert: der Nebel, der über das Meer gebreitet lag, hat
sich zu grauen, düsteren, feuchten Wetterwolken geballt und verhüllt
die Sonne; ein trauriger Staubregen sprüht vom Himmel und netzt die
Dächer, die Straßen und die Soldatenmäntel ...

Wir gehen noch durch eine Barrikade hindurch, dann treten wir zur Thür
heraus, wenden uns rechts und steigen auf einer langen Straße bergauf.
Hinter dieser Barrikade sind die Häuser zu beiden Seiten unbewohnt,
Schilder fehlen, die Thüren sind mit Brettern vernagelt, die Fenster
eingeschlagen, hier ist eine Mauerecke fortgeschossen, dort ein Dach
durchgeschlagen. Die Gebäude gleichen Veteranen, die alle Not und
Sturm erfahren haben, und scheinen stolz und geringschätzig auf uns
herabzusehen. Unterwegs stolpern wir über herumliegende Kanonenkugeln
und fallen in Löcher voll Wasser, welche die Bomben auf dem steinigen
Grunde gerissen. Auf der Straße treffen wir Soldatendetachements,
Grenzkosaken, Offiziere. Bisweilen begegnen wir einer Frau oder einem
Kinde, aber die Frau geht nicht in Weiberkleidung; sie ist eine
Matrosenfrau und trägt einen alten Pelz und Soldatenstiefel. Wenn wir
auf der Straße weitergehen und unter eine kleine Anhöhe gelangt sind,
bemerken wir um uns nicht mehr Häuser, sondern sonderbare Trümmerhaufen
-- Steine, Bretter, Lehm, Balken; vor uns sehen wir auf einer steilen
Anhöhe eine schwarze, schmutzige, von Gräben durchzogene Fläche,
und dies vor uns ist die vierte Bastion ... Hier begegnen wir noch
weniger Menschen, Frauen sind gar nicht zu sehen, die Soldaten gehen
schnell, auf dem Wege zeigen sich Blutstropfen, und unfehlbar treffen
wir hier vier Soldaten mit einer Tragbahre, und auf der Bahre ein
fahlgelbes Gesicht und einen blutigen Mantel. Wenn wir fragen: »Wo ist
er verwundet?« sagen die Träger ärgerlich, ohne sich zu uns zu wenden,
am Bein oder am Arm, wenn der Kranke leicht verwundet ist; oder sie
schweigen mürrisch, wenn auf der Bahre der Kopf nicht sichtbar und der
Getragene bereits tot oder schwer verwundet ist.

Das nahe Pfeifen einer Kanonenkugel oder Bombe, gerade da wir den
Berg zu besteigen beginnen, überrascht uns in unangenehmer Weise. Wir
begreifen plötzlich, und ganz anders, als wir es vorher begriffen
haben, die Bedeutung der Kanonentöne, die wir in der Stadt gehört
haben. Ein friedlich tröstliches Erinnern blitzt in unsern Gedanken
auf; unser eigenes Ich beginnt uns mehr zu beschäftigen, als die
Beobachtungen: die Aufmerksamkeit für alles, was uns umgiebt, nimmt
ab, und ein unangenehmes Gefühl der Unentschlossenheit überkommt uns
plötzlich. Wir achten dieser kleinlichen Stimme nicht, die bei dem
Anblick der Gefahr plötzlich in unserm Innern sich vernehmen läßt,
und bringen, -- besonders da wir den Soldaten betrachten, der mit
ausgebreiteten Händen über den flüssigen Kot schnell lachend an uns
vorbei den Berg hinanklimmt, -- diese Stimme zum Schweigen, strecken
unwillkürlich die Brust vor, heben den Kopf empor und klettern den
schlüpfrigen, lehmigen Berg hinauf. Kaum haben wir uns etwas auf den
Berg hinaufgearbeitet, so beginnen rechts und links Kugeln aus Stutzen
zu pfeifen, und wir denken vielleicht, ob wir nicht besser thäten, den
Laufgraben entlang zu gehen, der mit dem Wege parallel läuft; aber
der Laufgraben ist *so* voll von flüssigem, gelbem, übelriechendem,
bis über die Knie reichendem Schmutz, daß wir unbedingt den Weg auf
dem Berge wählen, umsomehr, als wir alle ihn gehen sehen. Zweihundert
Schritt weiter gelangen wir zu einer aufgerissenen, schmutzigen Fläche,
die auf allen Seiten von Schanzkörben und von Erdaufschüttungen
umgeben ist, in denen sich Pulverkeller und Erdwohnungen befinden,
und auf denen große gußeiserne Kanonen, mit regelmäßigen Haufen von
Kugeln daneben, stehen. Das alles scheint uns ohne Zweck und Ordnung
aufgetürmt zu sein. Da in der Batterie sitzt eine Schar Matrosen,
dort in der Mitte des Platzes liegt eine halb in Schmutz versunkene,
zerschossene Kanone; da geht ein Infanterist mit seinem Gewehr durch
die Batterien und zieht mit Mühe seine Füße aus dem Schmutz. Aber
überall, auf allen Seiten und allen Punkten, sehen wir Sprengstücke,
nichtgeplatzte Bomben, Kanonenkugeln, Spuren des Lagerlebens, und
das alles ist in flüssigen, morastigen Schmutz versunken; wir hören
das Aufschlagen einer Kanonenkugel, hören die verschiedenen Töne der
Gewehrkugeln, die wie Bienen summen, schnell pfeifen oder wie eine
Darmsaite klingen, wir hören furchtbaren Geschützdonner, der uns alle
erschüttert und mit furchtbarem Entsetzen erfüllt.

»Das ist also die vierte Bastion, das ist also der schreckliche,
wirklich furchtbare Ort!« denken wir und empfinden ein kleines Gefühl
des Stolzes und ein großes Gefühl unterdrückter Angst. Aber wir
sind enttäuscht, das ist noch nicht die vierte Bastion. Das ist die
Jasonow-Redoute, ein verhältnismäßig sehr gefahrloser und durchaus
nicht schrecklicher Platz. Um nach der vierten Bastion zu gelangen,
müssen wir rechts einen engen Laufgraben verfolgen, in dem ein
Infanterist gebückt einhergeht. In diesem Graben treffen wir vielleicht
wieder Tragbahren, Matrosen, Soldaten mit Schaufeln, sehen Leitungen
zu Minen, Erdhütten voll Schmutz, in denen nur zwei Menschen gebückt
herumkriechen können, wir sehen die hier wohnenden Plastuns[B] der
Bataillone vom Schwarzen Meer, die sich dort umkleiden, essen, Tabak
rauchen, wohnen, und sehen wiederum überall denselben übelriechenden
Schmutz, die Spuren des Lagerlebens und in jedweder Gestalt
umherliegendes Gußeisen. Nach dreihundert Schritten kommen wir wieder
zu einer Batterie, -- zu einem kleinen mit Löchern bedeckten Platze,
der von Schanzkörben voll Erde, von Geschützen auf Plattformen und von
Erdwällen umgeben ist. Hier sehen wir nun fünf Mann Matrosen, die unter
der Brustwehr Karten spielen, und einen Marineoffizier, der uns, als
neugierigen Neulingen, seine Wirtschaft und alles uns Interessierende
zeigt. Dieser Offizier dreht sich so ruhig, auf dem Geschütz sitzend,
eine Cigarette aus gelbem Papier, geht so ruhig von einer Schießscharte
zur andern, spricht so ruhig mit uns, so gänzlich ungezwungen, daß
wir ungeachtet der Gewehrkugeln, die häufiger als früher über uns
pfeifen, kaltblütig bleiben, aufmerksam fragen und den Erzählungen
des Offiziers lauschen. Dieser Offizier wird uns, aber nur, wenn wir
ihn fragen, von dem Bombardement am 5. erzählen; er wird erzählen,
wie in seiner Batterie nur ein einziges Geschütz thätig sein konnte,
und von der ganzen Bedienungsmannschaft nur acht Mann übrig geblieben
waren, und wie er dennoch am folgenden Morgen, am 6., aus allen
Geschützen gefeuert; er wird uns erzählen, wie am 5. eine Bombe in
eine Matrosen-Erdhütte eingeschlagen und elf Mann niedergestreckt hat;
er wird uns von der Schießscharte aus die nicht mehr als dreißig bis
vierzig Faden entfernten Batterien und Laufgräben des Feindes zeigen.
Nur das eine fürchte ich, daß wir, zur Schießscharte hinausgelehnt, um
zu dem Feinde hinüberzuschauen, unter dem Einflusse des Sausens der
Kugeln nichts sehen, und wenn wir etwas sehen, uns sehr wundern werden,
daß dieser uns so nahe weiße Steinwall, über dem weiße Rauchwölkchen
emporsteigen, der Feind ist -- »er«, wie die Soldaten und Matrosen
sagen.

 [B] Plastuns hießen die am östlichen Ufer des Schwarzen Meeres und am
 Kuban lebenden Kosaken.

Es ist sogar leicht möglich, daß der Marineoffizier aus Eitelkeit oder
nur so, um sich ein Vergnügen zu machen, in unserer Gegenwart ein wenig
schießen lassen will. »Den Kommandor herschicken, Bedienungsmannschaft
ans Geschütz!« -- und an vierzehn Mann Matrosen, der eine seine Pfeife
in die Tasche steckend, der andere Zwieback kauend, gehen frisch
und munter, mit den beschlagenen Stiefeln auf der Plattform laut
auftretend, an die Kanone und laden sie. Wir betrachten die Züge,
die Haltung und die Bewegung dieser Leute: in jeder Falte dieses
verbrannten Gesichts mit den starken Backenknochen, in jeder Muskel, in
diesen breiten Schultern, in diesen kräftigen Beinen, die in gewaltigen
Stiefeln stecken, in jeder dieser ruhigen, sicheren, langsamen
Bewegungen erkennt man die Hauptcharakterzüge, die die Kraft des Russen
ausmachen -- Schlichtheit und Festigkeit; aber hier, dünkt uns, hat
die Gefahr, der Zorn und die Leiden des Krieges jedem Gesicht außer
diesen Hauptzügen noch die Spuren des Bewußtseins des eigenen Wertes,
erhabenen Denkens und Empfindens eingeprägt.

Plötzlich überrascht uns ein schrecklicher, nicht nur unser Gehör,
sondern unseren ganzen Organismus erschütternder Knall, so daß wir am
ganzen Leibe erzittern. Gleich darauf hören wir, wie das Geschoß sich
pfeifend entfernt, und dichter Pulverdampf hüllt uns, die Plattform
und die schwarzen Gestalten der hin- und hergehenden Matrosen ein.
Wir hören verschiedene Gespräche der Matrosen über diesen Schuß. Wir
sehen, wie sie lebhaft werden und ein Gefühl offenbaren, das wir kaum
erwartet hätten -- das Gefühl der Wut, der Rache am Feinde, das in
der Seele eines jeden verborgen ruht. »Gerade in die Schießscharte
hat es getroffen; wie es scheint, sind zwei gefallen ... dort trägt
man sie heraus,« hören wir freudig ausrufen. »Sieh, er ärgert sich,
-- gleich wird er hierher schießen,« sagt jemand, und wirklich sehen
wir bald darauf Blitz und Rauch vor uns; der auf der Brustwehr
stehende Posten schreit: »Kano--one!« und gleich darauf kommt eine
Kanonenkugel an uns vorbeigeflogen, schlägt auf die Erde auf und wirft,
sich trichterförmig einbohrend, Steine und Erdstücke um sich. Der
Batteriechef, ärgerlich wegen dieser Kugel, befiehlt ein zweites und
drittes Geschütz zu laden, -- der Feind beginnt uns zu antworten, und
wir durchleben interessante Empfindungen, hören und sehen interessante
Dinge. Der Posten schreit wiederum: »Kanone!« und wir hören denselben
Ton und Schlag, sehen dieselben Erdstücke; oder er schreit: »Mörser!«
-- und wir hören ein gleichmäßiges, ziemlich angenehmes Pfeifen der
Bombe, mit dem man nur mühsam den Gedanken an etwas Furchtbares in
Verbindung bringt, wir hören das Pfeifen, das sich uns nähert und sich
beschleunigt, dann sehen wir eine schwarze Kugel, ihr Aufschlagen
auf die Erde und das von einem starken Krach begleitete Platzen der
Bombe. Mit Pfeifen und Zischen fliegen dann die Splitter umher,
schwirren Steine durch die Luft und wir werden mit Schmutz beworfen.
Bei diesen Tönen empfinden wir ein sonderbares Gefühl, gemischt aus
Angst und Genuß. In dem Augenblicke, wo das Geschoß auf uns zufliegt,
schießt uns unbedingt der Gedanke durch den Kopf, daß es uns tötet;
aber das Gefühl der Eigenliebe stachelt uns, und niemand bemerkt das
Messer, das uns ins Fleisch schneidet. Dafür aber leben wir, wenn
das Geschoß vorübergeflogen ist, ohne uns zu streifen, wieder auf,
und ein erquickendes, unsagbar angenehmes Gefühl kommt, wenn auch
nur einen Augenblick, über uns, so daß wir an der Gefahr, an diesem
Spiel um Leben und Tod einen besonderen Genuß finden; wir wünschen, es
möchten noch näher und näher bei uns Kugeln oder Bomben niederfallen.
Da schreit der Posten noch einmal mit seiner lauten, tiefen Stimme:
»Mörser!« -- wiederum ertönt das Pfeifen, Aufschlagen und Platzen der
Bombe, aber zugleich mit diesem Ton erschreckt uns das Stöhnen eines
Menschen. Wir gehen zu gleicher Zeit mit den Trägern zu dem Verwundeten
heran, der blutig und beschmutzt ein seltsames, nicht menschliches
Aussehen hat. Einem Matrosen ist ein Teil der Brust fortgerissen
worden. In dem ersten Augenblick ist in seinem mit Schmutz bespritzten
Gesicht nur Schreck und ein unechter, vorzeitiger Ausdruck von Leiden
zu lesen, wie er einem Menschen in solcher Lage eigen ist; aber in dem
Augenblick, wo man ihm die Tragbahre bringt, und er sich selbst mit
seiner gesunden Seite darauf legt, bemerken wir, daß dieser Ausdruck
sich in den Ausdruck einer gewissen Begeisterung und eines erhabenen,
unausgesprochenen Gedankens verwandelt: die Augen leuchten heller, die
Zähne pressen sich aufeinander, der Kopf richtet sich mit Anstrengung
in die Höhe und in dem Augenblick, wo man ihn aufhebt, hält er die
Bahre an und spricht mühsam mit zitternder Stimme zu den Kameraden:
»Lebt wohl, Brüder!« -- er will noch etwas sagen, man sieht, er will
etwas Rührendes sagen, aber er wiederholt noch einmal: »Lebt wohl,
Brüder!« Da geht ein Kamerad, ein Matrose, zu ihm, setzt ihm die
Mütze auf den Kopf, den ihm der Verwundete hinhält, und kehrt ruhig,
gleichmäßig die Arme schwenkend, zu seinem Geschütz zurück. »So ist es
jeden Tag -- sieben oder acht Mann,« sagt uns der Marineoffizier, indem
er uns antwortet auf den Ausdruck des Entsetzens, das aus unsern Zügen
spricht, und dabei gähnt und aus gelbem Papier eine Cigarette dreht.

       *       *       *       *       *

So haben wir die Verteidiger Sewastopols an dem Orte der Verteidigung
selber gesehen und gehen zurück, ohne den Kanonen- und Gewehrkugeln,
die den ganzen Weg entlang bis zu dem niedergeschossenen Theater hin
pfeifen, Beachtung zu schenken, -- wir gehen mit ruhiger, erhobener
Seele. Die hauptsächliche, tröstliche Überzeugung, die wir davontragen,
ist die Überzeugung von der Unmöglichkeit, die Kraft des russischen
Volkes an irgend einem Punkte zu erschüttern. Und diese Unmöglichkeit
haben wir nicht in der Menge der Quergänge, der Brustwehren, der
kunstvoll gezogenen Laufgräben, der Minengänge und Geschosse, die
übereinander getürmt sind, gesehen, wovon wir nichts verstanden haben,
nein, wir haben sie in dem Blick, in der Rede, in dem Gebahren gesehen,
in dem, was man den Geist der Verteidiger Sewastopols nennt. Was sie
thun, thun sie so schlicht, so ohne Anspannung und Anstrengung, daß
wir die Überzeugung gewinnen, sie können noch hundertmal mehr -- sie
können alles. Wir begreifen, daß das Gefühl, das sie schaffen heißt,
nicht das Gefühl der Kleinlichkeit, der Eitelkeit, der Unbedachtsamkeit
ist, das wir selbst empfunden haben, sondern ein anderes Gefühl,
ein gewaltigeres, das sie zu Menschen gemacht hat, die ebenso ruhig
unter dem Regen der Kugeln leben, unter hundert Möglichkeiten des
Todes anstatt der einen, der diese Menschen alle unterworfen sind,
und die unter diesen Bedingungen leben mitten in ununterbrochener
Arbeit, in Wachen und Schmutz. Um eines Ordens willen, um eines Titels
willen, um des Zwanges willen können Menschen sich so entsetzlichen
Lebensbedingungen nicht fügen: es muß eine andere, eine erhabenere
Triebfeder sein. Und diese Triebfeder ist ein Gefühl, das selten,
verschämt bei dem Russen in die Erscheinung tritt, das aber auf dem
Grunde der Seele eines jeden ruht -- die Liebe zum Vaterland. Erst
jetzt sind uns die Erzählungen von den ersten Zeiten der Belagerung
Sewastopols, da es noch keine Befestigungen, keine Armee hatte,
da es physisch unmöglich war, es zu halten, und doch nicht der
mindeste Zweifel bestand, daß es sich dem Feinde nicht ergeben würde,
glaubhaft geworden, -- die Erzählungen von den Zeiten, da Kornilow,
dieser des alten Griechenlands würdige Held, bei einer Musterung der
Truppen sprach: »Wir wollen sterben, Kinder, aber Sewastopol nicht
übergeben,« und unsere Russen, die kein Talent zur Phrasenmacherei
haben, antworteten: »Wir wollen sterben! Urra!« -- erst jetzt haben
die Erzählungen aus jener Zeit aufgehört, für uns eine schöne
geschichtliche Überlieferung zu sein, und sind zur Wahrheit, zur
Thatsache geworden. Wir verstehen klar und würdigen die Menschen, die
wir soeben gesehen, als die Helden, die in jener schweren Zeit den Mut
nicht sinken ließen, sondern steigerten, und die freudig in den Tod
gegangen sind, nicht für die Stadt, sondern für das Vaterland. Lange
wird in Rußland diese Epopöe von Sewastopol, deren Held das russische
Volk war, tiefe Spuren zurücklassen ...

Der Tag neigt sich schon. Die Sonne ist vor ihrem Untergange aus den
grauen Wolken hervorgetreten, die den Himmel bedecken, und beleuchtet
plötzlich mit purpurnem Licht: lilafarbene Wolken, das mit Schiffen und
Böten bedeckte, gleichmäßig wogende grünliche Meer, die weißen Häuser
der Stadt und die in den Straßen wogenden Menschen. Über das Wasser
tönen die Klänge eines alten Walzers, den die Regimentsmusik auf dem
Boulevard spielt, und der Schall der Geschosse von den Bastionen, der
sie seltsam begleitet.

*Sewastopol*, den 25. April 1885.



*Sewastopol* im Mai 1855


I

Schon sind sechs Monate vergangen seit der Zeit, da die erste
Kanonenkugel von den Bastionen Sewastopols pfiff und die Erde in
den feindlichen Werken aufriß, und seit der Zeit sind unaufhörlich
Tausende von Bomben, Kanonen- und Gewehrkugeln von den Bastionen in
die Laufgräben und aus den Laufgräben nach den Bastionen geflogen, und
unaufhörlich hat der Engel des Todes über ihnen geschwebt.

Tausendfach ist hier menschliche Eigenliebe gekränkt, tausendfach
befriedigt und genährt, tausendfach in den Umarmungen des Todes zum
Schweigen gebracht worden. Wie viel blumengeschmückte Särge, wie viel
linnene Leichentücher! Und noch immer erschallen dieselben Töne von den
Bastionen, noch immer sehen, mit unwillkürlichem Schrecken und Zittern,
die Franzosen an einem klaren Abende aus ihrem Lager auf die gelbliche,
aufgerissene Erde der Bastionen Sewastopols und die schwarzen,
auf ihnen umherwogenden Gestalten unserer Matrosen und zählen die
Schießscharten, aus welchen gußeiserne Kanonen trutzig hervorragen;
noch immer beobachtet ein Unteroffizier vom Steuer vom Telegraphenhügel
aus durch ein Fernrohr die bunten Gestalten der Franzosen, ihre
Batterien, ihre Zelte, die Truppenmassen, die sich auf der grünen
Höhe bewegen, und die in den Laufgräben aufsteigenden Rauchwölkchen,
-- und immer noch streben von allen Enden der Welt verschiedene
Menschenscharen mit derselben Glut und mit noch verschiedenartigeren
Wünschen nach dieser schicksalsreichen Stätte. Und immer noch ist die
Frage, die die Diplomaten nicht gelöst haben, nicht gelöst durch Pulver
und Blut.


II

In der belagerten Stadt Sewastopol spielte auf dem Boulevard bei einem
Pavillon eine Regimentskapelle, und Scharen von Soldaten und Frauen
bewegten sich müßig in den Gängen. Die helle Frühlingssonne, die am
Morgen über den englischen Verschanzungen aufgegangen war, hatte ihren
Weg über die Bastionen, dann über die Stadt, über die Nikolai-Kaserne
zurückgelegt und allen mit gleicher Freude geleuchtet; jetzt senkte
sie sich zu dem fernen, blauen Meer hinab, dessen gleichmäßig wogende
Wellen im Silberglanze funkelten.

Ein hochgewachsener, etwas gebückter Infanterieoffizier, der einen
nicht ganz weißen, aber sauberen Handschuh über die Hand zog, trat
aus dem Pförtchen eines der kleinen Matrosenhäuschen heraus, die
auf der linken Seite der Seestraße standen, und ging, nachdenklich
seine Füße besehend, über eine Anhöhe zum Boulevard. Der Ausdruck
des unschönen Gesichts dieses Offiziers verriet nicht gerade große
Geistesanlagen, wohl aber Geradheit, Besonnenheit, Ehrenhaftigkeit
und Ordnungsliebe. Er war nicht schön gebaut, ein wenig linkisch,
gewissermaßen verschämt in seinen Bewegungen. Er trug eine noch wenig
gebrauchte Mütze, einen dünnen Mantel von etwas eigentümlicher,
veilchenblauer Farbe, unter dem eine goldene Uhrkette, Hosen mit
Strippen und reine, glänzende Kalblederstiefeln sichtbar waren. Man
hätte ihn für einen Deutschen halten können, wenn seine Gesichtszüge
nicht seine rein russische Abkunft verraten hätten, oder für einen
Adjutanten oder Regiments-Quartiermeister (aber dann hätte er Sporen
tragen müssen), oder für einen Offizier, der für die Zeit des Feldzugs
von der Kavallerie, vielleicht auch von der Garde übergetreten war. Es
war wirklich ein Offizier, der aus der Kavallerie übergetreten war,
und in diesem Augenblick, wo er zum Boulevard hinaufschritt, dachte
er an einen Brief, den er eben von einem ehemaligen Kameraden, der
jetzt außer Dienst war, einem Gutsbesitzer im Gouvernement T. und
seiner Gattin, der blassen, blauäugigen Natascha, seiner Busenfreundin,
erhalten hatte. Ihm war eine Stelle des Briefes eingefallen, in dem
der Kamerad schreibt:

»Wenn der *Invalide* bei uns eintrifft, stürzt *Pupka* (so pflegte
der frühere Ulan seine Gattin zu nennen) kopfüber in das Vorzimmer,
greift nach der Zeitung und rennt damit nach der *Plauderecke*, in das
*Empfangszimmer* (in dem wir so schön die Winterabende zusammen verlebt
haben, weißt du noch, als das Regiment bei uns in der Stadt lag) und
liest mit solchem Feuereifer *Euere* Heldenthaten, daß Du Dir's kaum
vorstellen kannst. Sie spricht oft von Dir. >Nicht wahr, Michajlow --
sagt sie -- ist doch eine *Seele von Mensch*. Ich könnte ihn abküssen,
wenn ich ihn sehe. *Er kämpft auf den Bastionen* und bekommt gewiß das
Georgskreuz, und die Zeitungen werden über ihn schreiben ...< u. s.
w. u. s. w., so daß ich entschieden anfange, auf Dich eifersüchtig zu
werden.« An einer anderen Stelle schreibt er: »Die Zeitungen bekommen
wir schrecklich spät, und wenn es auch viele mündliche Nachrichten
giebt, so kann man doch nicht allen Glauben schenken. Gestern z. B.
haben die Dir bekannten *jungen Damen mit der Musik* erzählt, Napoleon
sei schon von unseren Kosaken gefangen genommen und nach Petersburg
transportiert; aber Du kannst Dir denken, wie wenig ich das glaube.
Ein Fremder aus Petersburg hat uns erzählt (er ist im Ministerium
für besondere Aufträge, ein reizender Mensch, und jetzt, wo niemand
in der Stadt ist, eine solche *Ressource* für uns, daß Du Dir's kaum
vorstellen kannst ...), er sagt bestimmt, die Unsrigen hätten Eupatoria
genommen, *so daß die Franzosen von Balaklava abgeschnitten* sind, und
wir hätten dabei 200 Mann, die Franzosen aber 15000 Mann verloren.
Meine Frau war so entzückt davon, daß sie die ganze Nacht *gezecht*
hat, sie meint, Du bist sicher bei diesem Treffen gewesen, sie ahne
das, und hättest Dich ausgezeichnet.«

Trotz der Worte und Ausdrücke, die ich absichtlich durch die Schrift
ausgezeichnet habe, und trotz des ganzen Tons dieses Briefes dachte der
Stabskapitän Michajlow mit unsagbar trauriger Wonne an seine blasse
Freundin in der Provinz, und wie er mit ihr die Abende in dem Erker
gesessen und über »das Gefühl« gesprochen hatte, er dachte an den
guten Kameraden, den Ulan, wie er böse war und brummte, wenn sie in
seinem Arbeitszimmer um eine Kopeke spielten, wie seine Gattin über ihn
lachte -- dachte an die Freundschaft, die diese Menschen für ihn hatten
(vielleicht glaubte er auch, es sei etwas mehr von seiten der blassen
Freundin); alle diese Personen mit ihrer Umgebung huschten durch seine
Phantasie in einem wunderbar süßen, beseligend-rosigen Lichte und,
lächelnd bei seinen Erinnerungen, legte er die Hand an die Tasche, in
der dieser ihm so liebe Brief steckte.

Von Erinnerungen ging der Stabskapitän Michajlow unwillkürlich zu
Träumen und Hoffnungen über. »Wie groß wird Nataschas Verwunderung
und Freude sein -- dachte er, während er durch das schmale Gäßchen
dahinschritt, -- wenn sie auf einmal im *Invaliden* die Schilderung
lesen wird, wie ich zuerst die Kanone erklettert und das Georgskreuz
bekommen habe! Kapitän muß ich nach altem Brauch werden. Dann kann
ich leicht noch in demselben Jahre Major in der Linie werden, denn es
sind viele von unseren Leuten gefallen und werden gewiß noch viele in
diesem Feldzug fallen. Und dann wird es wieder eine Schlacht geben, und
ich als ein berühmter Mann bekomme ein Regiment ... Oberstleutnant ...
den Annenorden um den Hals ... Oberst ...« und er war schon General,
und würdig, Natascha zu besuchen, die Witwe des Kameraden, der, wie
er es sich ausmalte, bis dahin gestorben war -- als die Töne der
Boulevard-Musik deutlicher an sein Ohr schlugen, das drängende Volk ihm
in die Augen fiel und er auf dem Boulevard erwachte -- als der alte
Stabskapitän von der Infanterie.


III

Er ging zuerst nach dem Pavillon, neben dem die Musikanten standen,
denen statt der Pulte andere Soldaten desselben Regiments die Noten
hielten und umblätterten, und um die, mehr als Zuschauer, denn
als Zuhörer, Schreiber, Junker und Wärterinnen mit Kindern einen
Kreis gebildet hatten. Rings um den Pavillon standen, saßen und
gingen meistenteils Seeleute, Adjutanten und Offiziere in weißen
Handschuhen. In der großen Allee des Boulevards spazierten Offiziere
aller Art und Frauen aller Art, hin und wieder in Hüten, meist aber
in Kopftüchern (es gab auch welche ohne Tücher und ohne Hüte), aber
nicht eine von ihnen war alt, ja, merkwürdig, alle waren jung. Unten
in den schattigen, duftenden Alleen weißer Akazien gingen und saßen
abgesonderte Gruppen.

Niemand war sonderlich erfreut, auf dem Boulevard dem Stabskapitän
Michajlow zu begegnen, ausgenommen vielleicht Kapitän Obshogow
und Kapitän Ssuslikow von seinem Regiment, die ihm herzlich die
Hand schüttelten, aber der erstere war in Kamelhaar-Beinkleidern,
hatte keine Handschuhe an, einen abgetragenen Mantel und ein so
rotes, schweißtriefendes Gesicht, und der zweite schrie so laut und
ausgelassen, daß es eine Schande war, mit ihnen zu gehen, besonders vor
den Offizieren in weißen Handschuhen (von diesen begrüßte Stabskapitän
Michajlow den einen Adjutanten, einen zweiten Stabsoffizier hätte er
begrüßen können, denn er war mit ihm zweimal bei einem gemeinsamen
Bekannten zusammengetroffen). Im übrigen aber, welches Vergnügen hätte
es für ihn sein können, mit diesen Herren Obshogow und Ssuslikow
spazieren zu gehen, da er auch so sechsmal am Tage mit ihnen
zusammentraf und ihnen die Hand drückte? Nicht darum war er *zur Musik*
gekommen.

Er wäre gern zu dem Adjutanten herangetreten, den er begrüßt hatte,
und hätte gern mit diesen Herren geplaudert, keineswegs etwa, damit
die Kapitäne Obshogow und Ssuslikow und der Leutnant Paschtezki und
die anderen sähen, daß er mit ihnen spricht, sondern einfach, weil sie
nette Menschen waren und zudem alle Neuigkeiten wissen und sie erzählt
hätten.

Warum aber scheut sich der Stabskapitän Michajlow, warum entschließt
er sich nicht, zu ihnen heranzutreten? »Wie, wenn sie mich auf einmal
nicht wiedergrüßen -- denkt er -- oder wenn sie mich grüßen und in
ihrem Gespräch fortfahren, als ob ich nicht da wäre, oder sich ganz von
mir entfernen und ich allein dort bleibe unter den *Aristokraten*?«
Das Wort Aristokraten (im Sinne eines höheren, auserwählten Kreises,
gleichviel in welchem Stande) hat bei uns in Rußland, wo es, wie
man glauben müßte, gar nicht existieren sollte, seit einiger Zeit
eine große Popularität bekommen und ist in alle Gegenden und in
alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen, wo nur der Dünkel
eingedrungen ist (und in welche Zeit und in welche Verhältnisse dringt
diese klägliche Sucht nicht ein?): in die Kreise der Kaufleute, der
Beamten, der Schreiber, der Offiziere, in Ssaratow, in Mamadysch, in
Winniza -- überall, wo es Menschen giebt. Und da es in der belagerten
Stadt Sewastopol viel Menschen giebt, giebt es auch viel Dünkel, d. h.
auch viel *Aristokraten*, obgleich jede Minute der Tod schwebt über dem
Haupte jedes *Aristokraten* und *Nicht-Aristokraten*.

Für den Kapitän Obshogow ist der Stabskapitän Michajlow ein Aristokrat,
für den Stabskapitän Michajlow ist der Adjutant Kalugin ein Aristokrat,
weil er Adjutant ist und mit dem andern Adjutanten auf du und du steht.
Für den Adjutanten Kalugin ist Graf Norden ein Aristokrat, weil er
Flügeladjutant ist.

Dünkel, Dünkel, Dünkel überall, selbst am Rande des Grabes und unter
Menschen, die bereit sind, aus einer edlen Überzeugung in den Tod zu
gehen, überall Dünkel. Er ist also wohl ein charakteristischer Zug und
eine besondere Krankheit unseres Zeitalters. Warum hat man unter den
Menschen vergangener Zeit nichts gehört von dieser Leidenschaft, wie
von den Pocken oder der Cholera? Warum giebt es in unserer Zeit nur
drei Arten von Menschen: Solche, die die Quelle des Dünkels als eine
notwendigerweise existierende, darum berechtigte Thatsache hinnehmen
und sich ihr freiwillig unterwerfen; eine zweite, die sie wie einen
unheilvollen, aber unüberwindlichen Umstand hinnehmen, und eine dritte,
die unbewußt sklavisch unter ihrem Einflusse handeln? Warum haben Homer
und Shakespeare von Liebe, von Ruhm, von Leiden gesprochen, und das
Schrifttum unseres Jahrhunderts ist nichts als eine endlose Erzählung
von Snobs und Dünkel?

Der Stabskapitän ging zweimal an der Gruppe *seiner Aristokraten*
vorüber, beim drittenmal überwand er sich und trat zu ihnen heran.
Diese Gruppe bildeten vier Offiziere: der Adjutant Kalugin, Michajlows
Bekannter, der Adjutant Fürst Galzin, der sogar für Kalugin selbst ein
wenig Aristokrat war, der Oberst Neferdow, einer von den sogenannten
*Hundertzweiundzwanzig* Bürgerlichen (Verabschiedete, die für diesen
Feldzug wieder in den Dienst getreten waren) und der Rittmeister
Praßkuchin, auch einer von den Hundertzweiundzwanzig. Zu Michajlows
Glück war Kalugin in vortrefflicher Stimmung (der General hatte soeben
erst mit ihm höchst vertraulich gesprochen, und Fürst Galzin, der eben
aus Petersburg gekommen, war bei ihm abgestiegen), er hielt es nicht
für erniedrigend, dem Stabskapitän Michajlow die Hand zu reichen, was
Praßkuchin jedoch sich nicht entschließen konnte zu thun, obgleich
er sehr häufig mit Michajlow auf der Bastion zusammengetroffen war,
mehr als einmal seinen Wein und Schnaps getrunken hatte und ihm sogar
vom Préférence her zwölf und einen halben Rubel schuldete. Da er
den Fürsten Galzin noch nicht näher kannte, wollte er vor ihm seine
Bekanntschaft mit einem einfachen Stabskapitän der Infanterie nicht
zeigen. Er grüßte ihn mit einem leichten Kopfnicken.

Wie, Kapitän, sagte Kalugin, wann geht's wieder auf die Bastion? ...
Erinnern Sie sich, wie wir uns auf der Schwarzow-Redoute trafen, es
ging heiß her?

Ja, es ging heiß her, sagte Michajlow, indem er sich erinnerte, wie er
in jener Nacht im Laufgraben der Bastion Kalugin getroffen, der kühn
und mutig mit dem Säbel klirrend, vorwärts ging.

Eigentlich sollte ich erst morgen gehen, da aber bei uns ein Offizier
krank ist, fuhr Michajlow fort, so ...

Er wollte sagen, daß die Reihe nicht an ihm sei; da aber der Kommandeur
der achten Kompagnie krank und in der Kompagnie nur der Fähnrich übrig
sei, hätte er es für seine Pflicht gehalten, sich für die Stelle des
Leutnants Nepschißezki zu melden und ginge daher heut auf die Bastion.
Kalugin ließ ihn nicht aussprechen.

Ich fühle, daß es dieser Tage etwas geben wird, sagte er zum Fürsten
Galzin.

Wie, wird es heut nichts geben? fragte schüchtern Michajlow, indem er
bald Kalugin, bald Galzin ansah.

Niemand antwortete ihm. Fürst Galzin runzelte nur eigentümlich die
Stirn, ließ seinen Blick an seiner Mütze vorbeischweifen und sagte nach
einer kurzen Pause:

Ein prächtiges Mädchen, die in dem roten Tuche. Kennen Sie sie nicht,
Kapitän?

Nicht weit von meiner Wohnung, die Tochter eines Matrosen, antwortete
der Stabskapitän.

Gehen wir, sehen wir sie uns an.

Und Fürst Galzin nahm auf der einen Seite Kalugin, auf der anderen --
den Stabskapitän unter den Arm; er war im voraus überzeugt, daß dies
dem letzteren ein großes Vergnügen bereiten müsse, was in der That
zutreffend war.

Der Stabskapitän war abergläubisch und hielt es für eine große Sünde,
sich vor einem Kampfe mit Weibern abzugeben; aber in diesem Falle
spielte er den Schwerenöter, was ihm Fürst Galzin und Kalugin offenbar
nicht glaubten, und was das Mädchen in dem roten Tuch außerordentlich
verwunderte, da sie öfter bemerkt hatte, wie der Stabskapitän errötet
war, wenn er an ihrem Fenster vorüberging. Praßkuchin ging hinterdrein,
stieß den Fürsten Galzin am Arm und machte allerlei Bemerkungen in
französischer Sprache; da es aber nicht möglich war, zu Vieren den
schmalen Weg zu gehen, war er gezwungen, allein zu gehen und nahm
nur in der zweiten Gruppe den berühmten, tapferen Marineoffizier
Sserwjagin unter den Arm, der herangekommen war und ein Gespräch mit
ihm begonnen hatte, und der auch den Wunsch hatte, sich der Gruppe der
*Aristokraten* anzuschließen. Und der berühmte Held schob mit Freuden
seine nervige, ehrenfeste Hand unter den Arm Praßkuchins, der allen,
auch Sserwjagin selbst, gut bekannt war, als ein nicht besonders guter
Mensch. Als Praßkuchin dem Fürsten Galzin seine Bekanntschaft mit
*diesem* Marineoffizier erklärte und ihm zuraunte, er sei ein berühmter
Held, schenkte Fürst Galzin Sserwjagin doch gar keine Aufmerksamkeit;
er war gestern auf der vierten Bastion gewesen, hatte dort in einer
Entfernung von zwanzig Schritt eine Bombe krepieren sehen, hielt sich
daher für keinen geringeren Helden, als dieser Herr war und meinte, so
mancher Ruhm werde für nichts gewonnen.

Dem Stabskapitän Michajlow machte es so viel Vergnügen, in dieser
Gesellschaft umherzuschlendern, daß er den *lieben* Brief aus T.
und die düsteren Gedanken, die ihm bei dem bevorstehenden Abgange
auf die Bastion überkommen hatten, vergaß. Er blieb so lange in
ihrer Gesellschaft, bis sie ausschließlich untereinander zu plaudern
begannen und seinen Blicken auswichen und ihm so zu verstehen gaben,
daß er gehen könne, und sich schließlich ganz von ihm entfernten. Der
Stabskapitän war trotzdem zufrieden und kränkte sich nicht im mindesten
über die verdächtig-hoffärtige Art, in der der Junker Baron Pest sich
brüstete und die Mütze vor ihm zog, als er an ihm vorüberging; der
Junker war nämlich seit der gestrigen Nacht, -- die er zum ersten Male
in der Blindage der fünften Bastion zugebracht hatte, weshalb er sich
für einen Helden hielt, -- besonders stolz und selbstbewußt.


IV

Kaum aber hatte der Stabskapitän die Schwelle seiner Wohnung
überschritten, als ihm völlig andere Gedanken in den Sinn kamen. Er sah
sein kleines Zimmerchen mit dem unebnen Lehmboden und den schiefen,
mit Papier beklebten Fenstern, sein altes Bett mit dem darüber
befestigten Teppich, auf dem eine Reiterin abgebildet war und über dem
zwei Pistolen aus Tula hingen, die schmutzige, mit einer Kattundecke
versehene Lagerstätte des Junkers, der mit ihm zusammenwohnte; er sah
seinen Nikita, der, mit verwirrtem, fettigem Haar, sich kratzend, von
der Diele aufstand; er sah seinen alten Mantel, seine umgestülpten
Stiefel und ein Bündel, aus dem das Ende eines Käses und der Hals einer
großen Flasche mit Branntwein, den er sich für den Aufenthalt auf der
Bastion besorgt, hervorragten; und plötzlich fiel ihm ein, daß er heut
auf die ganze Nacht mit der Kompagnie in die Schützengräben gehen müsse.

»Gewiß, ich werde heut sterben müssen, -- dachte der Stabskapitän --
ich fühle es. Die Hauptsache ist, daß ich nicht zu gehen brauchte,
aber mich selbst angeboten habe. Immer fällt der, der sich selber
anbietet. Und was fehlt denn diesem verfluchten Nepschißezki? Er ist
vielleicht gar nicht krank, und es soll ein anderer für ihn fallen, ja,
gewiß fallen. Übrigens aber, wenn ich nicht falle, werde ich sicher
vorgeschlagen. Ich habe wohl gemerkt, wie es dem Regimentskommandeur
gefiel, als ich sagte: »Gestatten Sie, daß ich gehe, wenn Leutnant
Nepschißezki krank ist.« Setzt es nicht den Major, so ist mir der
Wladimir gewiß. Gehe ich doch schon das dreizehnte Mal auf die Bastion.
Ach, dreizehn ist eine böse Zahl. Ich werde bestimmt fallen -- ich
fühle es, daß ich fallen werde. Aber Einer muß doch gehen, ein Fähnrich
kann doch nicht die Kompagnie führen. Und wenn sich etwas ereignen
sollte? ... die Ehre des Regiments, die Ehre der Armee hängt ja davon
ab. Meine *Pflicht* war es, ja, meine heilige Pflicht. Aber ich habe
Vorahnungen.« Der Stabskapitän vergaß, daß er derartige Vorahnungen
mehr oder minder stark schon oft gehabt hatte, wenn er auf die Bastion
gehen sollte, und wußte nicht, daß dieselbe Vorahnung mehr oder
minder stark jeder empfindet, der ins Feuer geht. Beruhigt durch das
Pflichtbewußtsein, das bei dem Stabskapitän besonders entwickelt und
stark war, setzte er sich an den Tisch und begann einen Abschiedsbrief
an seinen Vater zu schreiben. Als er nach zehn Minuten den Brief
beendet, stand er mit thränenfeuchten Augen vom Tische auf und begann,
im Geiste alle ihm bekannten Gebete wiederholend, sich umzukleiden.
Sein angetrunkener und grober Diener reichte ihm träge seinen neuen
Rock (der alte, den der Stabskapitän gewöhnlich anzog, wenn er auf die
Bastion ging, war nicht gereinigt).

Weshalb ist der Rock nicht gereinigt? Du willst nur immer schlafen, du!
du! rief Michajlow zornig.

Was schlafen? brummte Nikita; den ganzen geschlagenen Tag läuft man
umher wie ein Hund, da wird man wohl müde; und dann heißt es: schlaf'
nicht mal ein!

Du bist wieder betrunken, sehe ich.

Nicht für Ihr Geld habe ich getrunken, was machen Sie mir Vorwürfe?

Schweig', Tölpel, schrie der Stabskapitän und wollte seinem Diener
einen Schlag versetzen. Er war schon vorher erregt gewesen, jetzt war
er vollends außer sich und erbittert über die Grobheit Nikitas, den
er gern hatte, sogar verwöhnte, und mit dem er bereits zwölf Jahre
zusammen lebte.

Tölpel? Tölpel ... wiederholte der Diener, und weshalb schimpfen Sie
mich Tölpel, Herr? In solcher Zeit, wie jetzt, ist es nicht recht, zu
schimpfen.

Michajlow erinnerte sich, wohin er zu gehen hatte und schämte sich.

Du bringst einen wirklich um alle Geduld, Nikita, sprach er mit sanfter
Stimme, diesen Brief an meinen Vater laß auf dem Tische liegen, rühr'
ihn nicht an, fügte er errötend hinzu.

Zu Befehl, Herr, sprach Nikita, den unter dem Einflusse des Weines, den
er, wie er sagte, für *sein eigenes Geld* getrunken hatte, ein Gefühl
der Rührung überkam, und der mit dem ersichtlichen Wunsche, in Thränen
auszubrechen, mit den Augen zwinkerte.

Als der Stabskapitän auf der Außentreppe sagte: lebe wohl, Nikita!
brach Nikita plötzlich in Schluchzen aus und stürzte auf seinen Herrn
zu, um ihm die Hände zu küssen. Leben Sie wohl, Herr, sprach er
schluchzend. Eine alte Matrosenfrau, die auf der Außentreppe stand,
konnte als Weib dieser Gefühlsszene nicht unbeteiligt zuschauen, sie
wischte sich mit dem schmutzigen Ärmel die Augen und sprach ihre
Verwunderung darüber aus, warum sich denn die Herren solchen Qualen
aussetzten; sie sagte, sie sei eine arme Witwe, und erzählte zum
hundertsten Male dem betrunkenen Nikita von ihrem Kummer: wie ihr
Mann schon beim ersten »Bandirement« getötet und ihr Häuschen total
zerstört worden (das, in dem sie jetzt wohnte, gehörte nicht ihr) u.
s. w. Nachdem der Herr gegangen war, zündete Nikita sein Pfeifchen
an, bat das Haustöchterchen, Schnaps zu holen und hörte sehr bald auf
zu weinen. Ja, er begann sogar mit der Alten einen Zank wegen eines
kleinen Eimers, den sie ihm zerschlagen haben sollte.

»Vielleicht werde ich nur verwundet, dachte der Stabskapitän, als er
bereits in der Dämmerung mit der Kompagnie auf die Bastion ging. --
Aber wo, wie: hier oder dort? er hatte den Leib und die Brust im Sinn.
-- Wenn hier (er dachte an den Oberschenkel), würde der Knochen ganz
bleiben ... Wenn aber hier, besonders von einem Bombensplitter, dann
ist es aus!«

Der Stabskapitän gelangte glücklich durch die Laufgräben bis zu den
Schützengräben, stellte mit Hilfe eines Sappeuroffiziers bereits in
vollständiger Dunkelheit die Leute zur Arbeit an und setzte sich in
eine kleine Grube unter der Brustwehr. Es wurde wenig geschossen,
nur bisweilen flammten bald bei uns, bald bei »ihm« Blitze auf und
beschrieb eine leuchtende Bombenröhre einen feurigen Bogen am dunklen,
gestirnten Himmel. Aber alle Bomben fielen weit hinten und rechts
von dem Schützengraben nieder, in dessen Grube der Stabskapitän saß.
Er trank seinen Schnaps, aß seinen Käse, rauchte seine Cigarette
und versuchte, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte, ein wenig zu
schlafen.


V

Fürst Galzin, Oberstleutnant Neferdow und Praßkuchin, den niemand
gerufen hatte, mit dem niemand sprach, der sich aber immer zu ihnen
hielt, verließen alle drei den Boulevard, um bei Kalugin Thee zu
trinken.

Nun, du hast mir noch nicht zu Ende erzählt von Wasjka Mendel,
sprach Kalugin; er hatte den Mantel abgelegt, saß am Fenster auf
einem weichen, bequemen Sessel und knöpfte den Kragen seines weißen,
gestärkten Oberhemdes auf, -- wie hat er sich verheiratet?

Zum Kranklachen, Kamerad! ... _Je vous dis, il y avait un temps, on
ne parlait que de ça à Pétersbourg_, sagte Fürst Galzin lachend,
erhob sich von dem Klavier, vor dem er saß, und setzte sich auf das
Fenster neben Kalugins Fenster, einfach zum Kranklachen. Ich kenne die
Geschichte schon ganz genau ...

Und er begann lustig, witzig und lebendig eine Liebesgeschichte zu
erzählen, die wir hier übergehen, weil sie für uns nicht interessant
ist. Aber merkwürdig war's, daß nicht bloß Fürst Galzin, sondern alle
diese Herren, die sich's hier bequem gemacht hatten, der eine im
Fenster, der andere mit übergeschlagenen Beinen, der dritte am Klavier,
ganz andere Menschen zu sein schienen, als auf dem Boulevard: frei von
der lächerlichen Aufgeblasenheit und Dünkelhaftigkeit, die sie den
Infanterie-Offizieren gegenüber hatten; hier waren sie unter sich,
gaben sich natürlich und waren, besonders Kalugin und Fürst Galzin,
höchst liebenswürdige, heitere und gute Jungen. Es war die Rede von
Petersburger Kameraden und Bekannten.

Was macht Maslowski?

Welcher: der von den Leib-Ulanen oder von der Garde-Kavallerie?

Ich kenne sie beide. Den Gardisten habe ich noch als Knaben gekannt,
wie er eben aus der Schule kam. Nicht wahr, der ältere ist Rittmeister?

O, schon lange!

Geht er noch immer mit seinem Zigeunermädel?

Nein, die hat er laufen lassen ... oder so ähnlich.

Dann setzte sich Fürst Galzin an das Klavier und sang prächtig ein
Zigeunerlied. Praßkuchin, obwohl von niemand gebeten, begann ihn zu
begleiten, und so gut, daß man ihn bat, in der Begleitung fortzufahren,
was er auch sehr gern that.

Ein Diener trat ins Zimmer; er brachte Thee, Sahne und Bretzeln auf
einem silbernen Präsentierteller.

Reiche dem Fürsten! sagte Kalugin.

Es ist doch eigentümlich, daran zu denken, sagte Galzin, indem er ein
Glas nahm und ans Fenster ging, daß wir hier in der belagerten Stadt,
... »Klaviergesang«, Thee mit Sahne und eine solche Wohnung haben, wie
ich sie wirklich in Petersburg haben möchte.

Ja, wenn auch das noch fehlte, entgegnete der mit allem unzufriedene
alte Oberstleutnant, so wäre diese beständige Erwartung einfach
unerträglich, -- zu sehen, wie jeden Tag die Menschen fallen und
fallen, ohne daß man ein Ende absieht, -- wenn man dabei noch im
Schmutz leben müßte und keine Bequemlichkeit hätte! ...

Und was sollen unsere Infanterieoffiziere sagen, rief Kalugin, die
auf den Bastionen mit den Soldaten in den Blindagen liegen und
Soldatensuppe essen? -- was sollen die sagen?

Die? Die wechseln allerdings acht Tage lang nicht die Wäsche, aber das
sind auch Helden, bewunderungswürdige Menschen.

In diesem Augenblick kam ein Infanterieoffizier ins Zimmer.

Ich ... ich habe Befehl ... kann ich als Bote des Generals N. den
Gen... Seine Excellenz sprechen? fragte er schüchtern und grüßte.

Kalugin erhob sich; aber ohne den Gruß des Offiziers zu erwidern,
fragte er ihn mit beleidigender Höflichkeit und einem erzwungenen
offiziellen Lächeln, ob es »Ihnen« nicht beliebte zu warten, dann
wandte er sich, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zu schenken,
an Galzin, sprach mit ihm französisch, so daß der arme Offizier, der
mitten im Zimmer stehen geblieben war, absolut nicht wußte, was er mit
seiner Person machen sollte.

In einer äußerst dringenden Angelegenheit, sagte der Offizier nach
einem minutenlangen Schweigen.

Ich bitte Sie, mit mir zu kommen, sagte Kalugin, zog den Mantel an und
begleitete den Offizier zur Thür.

_Oh bien, messieurs, je crois, que cela chauffera cette nuit!_ sagte
Kalugin, als er vom General zurückgekommen war.

Wie? Was? Ein Ausfall? begannen alle zu fragen.

Ich weiß nicht, Sie werden selber sehen, antwortete Kalugin mit einem
geheimnisvollen Lächeln.

Mein Kommandeur ist auf der Bastion, darum muß ich wohl auch hingehen,
sagte Praßkuchin und legte den Säbel an.

Aber niemand antwortete ihm, er mußte selber wissen, ob er zu gehen
habe oder nicht.

Praßkuchin und Neferdow gingen hinaus, um sich auf ihre Plätze zu
begeben.

Leben Sie wohl, meine Herren! Auf Wiedersehen, meine Herren! Wir werden
uns heute Nacht noch wiedersehen! schrie Kalugin aus dem Fenster,
als Praßkuchin und Neferdow über ihre Kosakensättel gebeugt, den Weg
entlang trabten. Das Getrabe der Kosakenpferde verklang bald in der
dunklen Straße.

_Non, dites moi, est-ce qu'il y aura véritablement quelque chose cette
nuit?_ sagte Galzin, während er mit Kalugin im Fenster lag und die
Bomben betrachtete, die über den Bastionen aufstiegen.

Dir kann ich's erzählen. Siehst du, ... du bist ja auf den Bastionen
gewesen? -- (Galzin machte ein Zeichen der Zustimmung, obgleich er nur
einmal auf der vierten Bastion gewesen war.) -- Dort, unserer Lunette
gegenüber war ein Laufgraben ... und Kalugin, der kein Fachmann war,
trotzdem aber seine strategischen Ansichten für sehr richtig hielt,
begann, ein wenig verwirrt und die technischen Ausdrücke verdrehend,
den Stand unserer und der feindlichen Werke und den Plan des
beabsichtigten Unternehmens zu schildern.

Aber um die Schützengräben beginnt es zu knallen. Oho! Ist das eine von
uns oder von »ihm«? Da platzt sie, riefen sie, indem sie vom Fenster
aus, die feurigen, in der Luft sich kreuzenden Linien der Bomben, die
den dunkelblauen Himmel auf einen Augenblick erleuchtenden Blitze der
Schüsse und den weißen Pulverrauch betrachteten und den Tönen des immer
stärker werdenden Schießens lauschten.

_Quel charmant coup d'oeil, a?_ sagte Kalugin, indem er die
Aufmerksamkeit seines Gastes auf dies wirklich schöne Schauspiel
lenkte. Weißt du, bisweilen kann man einen Stern nicht von einer Bombe
unterscheiden.

Ja, ich dachte soeben, daß das ein Stern sei; aber er fällt ... sieh,
sie ist geplatzt. Und dieser große Stern ... wie heißt er? -- sieht
ganz wie eine Bombe aus.

Weißt du, ich habe mich so an diese Bomben gewöhnt, daß mir in Rußland,
ich bin davon überzeugt, in einer Sternennacht alles als Bomben
erscheinen wird, -- so gewöhnt man sich daran.

Soll ich aber nicht lieber diesen Ausfall mitmachen? sagte Fürst Galzin
nach einem minutenlangen Schweigen.

Laß nur gut sein, Kamerad, und denk' nicht daran; ich lasse dich auch
nicht fort, antwortete Kalugin, du kommst schon noch zurecht, Kamerad!

Im Ernst? ... Du meinst also, ich brauche nicht zu gehen -- wie?

In diesem Augenblicke ließ sich in der Richtung, nach der die Herren
sahen, auf das Kanonengebrüll, schreckliches Gewehrgeknatter hören, und
Tausende von kleinen Feuern, die ununterbrochen aufflammten, blitzten
auf der ganzen Linie.

So ist's, wenn's richtig losgeht! sagte Kalugin. Solches Gewehrfeuer
kann ich nicht kaltblütig anhören: weißt du, es erschüttert einem
gewissermaßen die Seele. Horch, das Urra! fügte er hinzu, indem er auf
den entfernten, gedehnten Ton von Hunderten von Stimmen: »a--a, aa,«
die von der Bastion her zu ihm drangen, horchte.

Wessen Urra ist das -- das ihrige oder das unsere?

Ich weiß nicht; aber das Handgemenge ist schon losgegangen, denn das
Feuer schweigt.

In diesem Augenblick kam ein Offizier, von einem Kosaken begleitet,
unter das Fenster an die Außentreppe gesprengt und stieg vom Pferde.

Woher?

Von der Bastion. Ich muß zum General!

Gehen wir. Nun, was giebt's?

Wir haben die Schützengräben angegriffen ... genommen ... die Franzosen
haben zahllose Reserven herangeführt ... haben die Unsrigen angegriffen
... wir hatten nur zwei Bataillone, sprach atemlos und nach Worten
ringend, nach der Thür gewandt, derselbe Offizier, der am Abend
dagewesen war.

Haben wir die Schützengräben geräumt? fragte Galzin.

Nein, antwortete ärgerlich der Offizier, ein Bataillon kam noch
zur rechten Zeit, -- wir haben sie zurückgeschlagen; aber der
Regimentskommandeur ist tot, viele Offiziere, -- es ist Befehl
gegeben, um Verstärkung zu bitten.

Mit diesen Worten ging er, von Kalugin begleitet, zum General, wohin
wir ihm nicht mehr folgen wollen.

Schon nach fünf Minuten saß Kalugin auf einem Kosakenpferde und wieder
in der eigentümlichen _quasi_-kosakischen Weise, in der, wie ich
beobachtet habe, alle Adjutanten etwas Besonderes, Anmutiges sehen,
und ritt im Trabe nach der Bastion, um einige Befehle zu überbringen
und Nachrichten über das endgültige Resultat des Treffens abzuwarten;
Fürst Galzin begab sich unter dem Eindruck der peinigenden Erregung,
welche die nahen Anzeichen eines Treffens auf einen Zuschauer zu machen
pflegen, der nicht daran teilnimmt, auf die Straße, um hier ziellos
hin- und herzugehen.


VI

Soldaten brachten Verwundete auf Tragbahren oder führten sie unterm
Arme. Auf der Straße war es vollständig dunkel; nur selten glänzte
Licht in einem Hospitale oder bei zusammensitzenden Offizieren. Von
den Bastionen her drang der frühere Geschütz- und Gewehrdonner,
und die früheren Feuer flammten unter dem schwarzen Himmel auf.
Bisweilen hörte man den Hufschlag des Pferdes eines fortgesprengten
Ordonnanz-Offiziers, das Stöhnen eines Verwundeten, die Schritte und
das Gemurmel von Krankenträgern und die Reden bestürzter Einwohner, die
auf die Außentreppe gegangen waren und sich die Kanonade mit ansahen.

Unter den letzteren befand sich auch der uns bekannte Nikita, die
alte Matrosenfrau, mit der er sich schon versöhnt hatte, und deren
zehnjährige Tochter. »Herr Gott, heil'ge Mutter Gottes!« sprach
seufzend die Alte vor sich hin, als sie die Bomben sah, die wie
Feuerbälle unaufhörlich von einer Seite nach der anderen flogen;
schrecklich, wie schrecklich! ... i--i--hi--hi ... So schlimm war's
nicht beim ersten »Bandirement«. Sieh, wo die Verfluchte geplatzt ist!
gerade über unserm Hause in der Vorstadt.

Nein, weiter, zur Tante Arinka fallen alle in den Garten, sprach das
Mädchen.

Und wo, wo ist jetzt mein Herr? sagte Nikita mit etwas singender Stimme
und noch ein wenig betrunken. Wie ich diesen Herrn liebe, das kann ich
gar nicht sagen, -- ich liebe ihn so, wenn man ihn, was Gott verhüte,
sündhaft töten sollte, dann, glauben Sie mir, liebe Tante, weiß ich
selber nicht, was ich mit mir anfangen soll, -- bei Gott! Ein solcher
Herr ist er, daß ... mit einem Worte! Soll ich ihn denn mit denen
vertauschen, die da Karten spielen? ... Was? -- pfui, mit einem Worte!
schloß Nikita und zeigte dabei auf das erleuchtete Fenster im Zimmer
seines Herrn, wohin Junker Shwadtschewskij, während der Abwesenheit
des Stabskapitäns, zur Feier seiner Dekoration den Oberstleutnant
Ugrowitsch und den Oberstleutnant Nepschißezki, der an Reißen litt, zu
einem Festmahl geladen hatte ...

Wie die Sternchen, die Sternchen fliegen! unterbrach, nach dem Himmel
sehend, das Mädchen das Nikitas Worten folgende Schweigen: sieh, sieh,
dort springt es noch! Weshalb ist das so, liebe Mutter?

Sie werden unser Häuschen ganz und gar vernichten, sprach seufzend und
ohne auf die Frage des Mädchens zu antworten, die Alte.

Und wie ich heut mit der Tante dorthin ging, Mütterchen, fuhr das im
singenden Tone sprechende Mädchen fort, da lag eine große Kanonenkugel
in der Stube neben dem Schranke, sie hatte, wie man sah, den Vorraum
durchgeschlagen und war in die Stube geflogen ... So groß, daß man sie
nicht aufheben konnte!

Wer einen Mann hatte und Geld, der ist fortgezogen, -- hier haben sie
auch das letzte Häuschen zu Schanden geschossen, sagte die Alte. Sieh,
sieh, wie er feuert, der Bösewicht! Herr Gott! Herr Gott!

Und wie wir gerade fortgehen, kommt eine Bombe geflogen, sie platzt und
überschüttet uns mit Erde, fast hätte mich und die Tante ein Stück
getroffen.


VII

Immer mehr und mehr Verwundete auf Tragbahren und zu Fuß, die einen von
den andern gestützt und laut untereinander sprechend, kamen dem Fürsten
Galzin entgegen.

Wie sie herangestürzt kamen, Kameraden, sprach mit Baßstimme ein großer
Soldat, der zwei Gewehre auf dem Rücken trug, wie sie herangestürzt
kamen und losschrien: »Allah, Allah!«[C] so klettert einer über den
andern weg. Schlägt man die einen tot, gleich kommen andere hinterdrein
geklettert -- da ist nichts zu machen. Kopf an Kopf ...

 [C] Unsere Soldaten waren aus den Türkenkriegen so an diesen
 Schlachtruf gewöhnt, daß sie jetzt immer erzählen, die Franzosen
 schreien auch Allah.

An dieser Stelle seiner Erzählung unterbrach ihn Galzin.

Kommst du von der Bastion?

Jawohl, Euer Wohlgeboren.

Nun, was gab's dort? Erzähle.

Was es dort gab? Ihre »Macht« rückte heran, Euer Wohlgeboren, sie
klettern auf den Wall und aus war's. Sie haben vollständig gesiegt,
Euer Wohlgeboren!

Was? gesiegt? ... Ihr habt sie ja doch zurückgeschlagen?

Wie soll man »ihn« zurückschlagen, wenn »seine« ganze »Macht«
heranrückt! Er hat alle Unsrigen getötet, und Hilfe kommt nicht.

Der Soldat hatte sich geirrt, denn der Laufgraben war in unserem
Besitz; aber das ist eine Eigentümlichkeit, die jeder beobachten kann:
ein Soldat, der in einer Schlacht verwundet worden ist, hält sie stets
für verloren und für schrecklich blutig.

Wie hat man mir da sagen können, daß Ihr den Feind zurückgeschlagen
habt? sagte Galzin unwillig. Vielleicht ist er, nachdem du fort warst,
zurückgeschlagen worden? Bist du schon lange von dort fort?

Diesen Augenblick, Euer Wohlgeboren! antwortete der Soldat, er ist
schwerlich zurückgeschlagen; der Laufgraben ist jedenfalls in seinen
Händen. -- Er hat vollständig gesiegt.

Nun, und ihr schämt euch nicht, den Laufgraben geräumt zu haben? Das
ist schrecklich! sagte Galzin, empört über diese Gleichgültigkeit.

Was soll man thun gegen die »Macht«? brummte der Soldat.

Euer Wohlgeboren, sprach in diesem Augenblick neben ihnen ein Soldat
von einer Tragbahre herab, wie soll man nicht weichen, wenn er beinahe
alle getötet hat. Wäre unsere Macht dagewesen, wir würden lebend nicht
zurückgegangen sein. Was will man aber machen? Den einen habe ich
niedergestoßen, da bekam ich auch sogleich einen Hieb ... O -- ach,
ruhiger, Brüderchen, gleichmäßiger, geh langsamer ... O--o--o! stöhnte
der Verwundete.

Hier geht in der That, glaub' ich, viel überflüssig Volk, sagte Galzin,
indem er den langen Soldaten mit den zwei Gewehren wieder zurückhielt.
Warum gehst du fort? He, du, still gestanden!

Der Soldat blieb stehen und nahm mit der linken Hand die Mütze ab.

Wohin gehst du und weshalb? schrie er ihn barsch an. Verf...

Aber in diesem Augenblick war er ganz nah herangekommen, und bemerkte,
daß sein rechter Arm über dem Aufschlag bis über den Ellbogen hinaus
blutig war.

Bin verwundet, Euer Wohlgeboren.

Wodurch verwundet?

Hier, wohl durch eine Gewehrkugel, sagte der Soldat, auf seinen Arm
zeigend, und hier, aber ich kann nicht sagen, was mich hier an den
Kopf getroffen hat, er beugte den Kopf vor und zeigte die blutigen,
zusammenklebenden Haare am Hinterkopf.

Und wem gehört das zweite Gewehr?

Ein französischer Stutzen, Euer Wohlgeboren, ich habe es einem
fortgenommen. Ja, ich wäre auch nicht fortgegangen, wenn ich nicht
diesen Soldaten hätte führen wollen, sonst fällt er, fügte er hinzu,
indem er auf einen Soldaten wies, der ein wenig vor ihm ging, sich auf
das Gewehr stützte und mit Mühe das linke Bein schleppend vorwärts
bewegte.

Fürst Galzin schämte sich auf einmal sehr wegen seines ungerechten
Verdachts. Er fühlte, wie er rot wurde, wandte sich ab und ging,
ohne die Verwundeten weiter auszufragen oder zu beobachten, nach dem
Verbandplatz.

Mit Mühe wand sich Galzin auf der Außentreppe durch die zu Fuß gehenden
Verwundeten und durch die Krankenträger, die Verwundete brachten und
Tote forttrugen, hindurch; dann ging er in das erste Zimmer, warf einen
Blick hinein, wandte sich sogleich unwillkürlich zurück und eilte
hinaus ins Freie -- das war zu schrecklich!


VIII

Der große, hohe, dunkle Saal, nur von vier oder fünf Kerzen
erleuchtet, bei deren Licht die Ärzte die Verwundeten besichtigten,
war buchstäblich voll. Die Krankenträger brachten fortwährend
Verwundete, legten sie nebeneinander auf die Diele, auf der es
schon so eng war, daß die Unglücklichen sich stießen und einer in
des andern Blute lag, und holten neue. Die auf den nicht besetzten
Stellen der Diele sichtbaren Blutlachen, der fieberheiße Atem von
einigen Hunderten Menschen und die Ausdünstungen der Träger erzeugten
einen eigentümlichen, drückenden, dicken, übelriechenden Dunst, in
dem die Lichte an den verschiedenen Enden des Saales trübe brannten.
Stöhnen, Seufzen, Röcheln, bisweilen durch einen durchdringenden
Schrei unterbrochen, erfüllte den ganzen Saal. Die »Schwestern«
schritten mit ruhigen Gesichtern und mit dem Ausdruck thätiger,
praktischer Teilnahme, nicht mit dem des wertlosen, frauenhaften,
krankhaft-thränenreichen Mitleids, bald hierhin, bald dorthin durch
die Reihen der Verwundeten mit Arznei, mit Wasser, mit Binden, mit
Charpie, und tauchten zwischen blutigen Mänteln und Hemden auf. Die
Ärzte knieten mit aufgestreiften Ärmeln vor den Verwundeten, in deren
Nähe die Feldscher Lichte hielten, und untersuchten, befühlten, und
sondierten die Wunden, ohne auf das schreckliche Stöhnen der Dulder zu
achten. Einer der Ärzte saß in der Nähe der Thür an einem kleinen Tisch
und trug in dem Augenblick, da Galzin ins Zimmer trat, bereits den
532ten Verwundeten in die Liste ein.

Iwan Bogajew, Gemeiner der dritten Kompagnie des S..-Regiments,
_fractura femuris complicata_, rief ein anderer vom Ende des Saales
her, indem er das zerschossene Bein befühlte. Dreh' ihn um.

O weh, Väterchen, mein liebes Väterchen! schrie der Soldat und flehte,
man möchte ihn nicht anrühren.

_Perforatio capitis!_

Ssemjon Neferdow, Oberstleutnant im N..-Infanterieregiment. Sie müssen
ein wenig Geduld haben, Oberst, sonst geht es nicht: ich lasse Sie
sonst liegen, sprach ein dritter, indem er mit einem Häkchen in dem
Kopfe des Oberstleutnants hin- und hertastete.

Ach, nicht doch! O, um Gotteswillen, schneller, schneller, um ...
A--a--a--a--a!

_Perforatio pectoris!_ ... Sewastjan Ssereda, Gemeiner ... von welchem
Regiment? ... Lassen Sie das Schreiben: _moritur_. Tragt ihn weg, sagte
der Arzt, und ging von dem Soldaten fort, der mit brechenden Augen
dalag und schon röchelte.

Vierzig Mann, als Träger verwendete Soldaten, standen an der Thür, um
die Verbundenen ins Lazarett, die Toten in die Kapelle zu tragen, und
betrachteten von Zeit zu Zeit schwer seufzend dieses Bild ...


IX

Auf dem Wege zur Bastion traf Kalugin viele Verwundete; da er aber aus
Erfahrung wußte, wie schlecht in der Schlacht ein solches Schauspiel
auf den Geist eines Menschen wirkt, so blieb er nicht nur nicht stehen,
um sie zu befragen, sondern suchte vielmehr sie gar nicht zu beachten.
Unten am Berge begegnete ihm ein Ordonnanz-Offizier, der in gestrecktem
Galopp von der Bastion gesprengt kam.

Sobkin! Sobkin! ... halten Sie einen Augenblick.

Nun, was giebt's?

Wo kommen Sie her?

Aus den Schützengräben.

Nun, wie geht's dort zu, heiß?

Ach, entsetzlich!

In der That hatte, obwohl das Gewehrfeuer schwächer geworden, die
Kanonade mit neuer Heftigkeit und Wut begonnen.

»Ach, gräßlich!« dachte Kalugin, indem er ein unangenehmes Gefühl
empfand, und ihn auch eine Vorahnung, ein sehr natürlicher Gedanke --
der Gedanke an den Tod überkam. Aber Kalugin war ehrgeizig und mit
stählernen Nerven begabt, mit einem Wort, was man tapfer nennt. Er gab
sich nicht der ersten Empfindung hin und suchte sich Mut zu machen,
er erinnerte sich eines Adjutanten, ich glaube Napoleons, der in dem
Augenblick, wo er den Befehl zum Galopp weiter gab, mit blutendem Kopfe
zu Napoleon herangesprengt kam.

_Vous êtes blessé?_ sagte Napoleon zu ihm. -- »_Je vous demande pardon,
Sire, je suis mort._« Und der Adjutant sank vom Pferde und war auf der
Stelle tot.

Das erschien ihm sehr schön, und in seiner Einbildung kam er sich
selbst ein wenig wie dieser Adjutant vor, er schlug sein Pferd mit der
Peitsche, und gab sich noch mehr die kecke »Kosakenpose«, warf einen
Blick zurück auf den Kosaken, der in den Steigbügeln aufrecht stehend
hinter ihm her trabte, und kam als ein ganzer Held an der Stelle an,
wo er vom Pferde steigen sollte. Hier traf er vier Soldaten, die auf
Steinen saßen und ihre Pfeifen rauchten.

Was macht ihr hier? schrie er sie an.

Wir haben einen Verwundeten fortgebracht, Euer Wohlgeboren, und haben
uns hingesetzt, um auszuruhen, antwortete der eine von ihnen, indem er
seine Pfeife hinter dem Rücken verbarg und die Mütze abnahm.

Ja, ausruhen ... Marsch, an eure Plätze!

Er ging mit ihnen zusammen den Laufgraben entlang den Berg hinauf,
wobei er auf Schritt und Tritt Verwundeten begegnete. Auf der Höhe des
Berges wandte er sich links und befand sich, nachdem er einige Schritte
gegangen war, ganz allein. Ein Bombensplitter sauste ganz nahe an ihm
vorbei und schlug in den Laufgraben ein. Eine andere Bombe stieg vor
ihm auf und kam, wie ihm schien, gerade auf ihn zu geflogen. Plötzlich
wurde ihm schrecklich zu Mute: er lief trabend fünf Schritte weit
und legte sich auf die Erde nieder. Als die Bombe platzte, und zwar
entfernt von ihm, war er auf sich selber sehr böse, er stand auf und
sah sich um, ob jemand sein Niederlegen bemerkt hätte; aber niemand war
da.

Wenn die Furcht sich einmal der Seele bemächtigt hat, weicht sie nicht
bald einem anderen Gefühle. Er, der sich immer gebrüstet hatte, daß
er sich niemals bücke, ging jetzt mit beschleunigten Schritten und
fast kriechend den Laufgraben entlang. »Ach, schlimm! dachte er, als
er stolperte, ich werde unfehlbar getötet,« er fühlte, wie schwer
es ihm wurde, zu atmen, und wie der Schweiß an seinem ganzen Körper
hervortrat, und wunderte sich über sich selber, versuchte aber nicht
mehr, seiner Empfindung Herr zu werden.

Plötzlich ließen sich Schritte vor ihm hören. Schnell richtete er sich
auf, hob den Kopf in die Höhe und ging, munter mit dem Säbel klirrend,
nicht mehr mit den früheren schnellen Schritten einher. Er erkannte
sich selbst nicht wieder. Als er einem Sappeuroffizier und einem
Matrosen begegnete und der erstere ihm zurief: »Duck dich!« indem er
auf den leuchtenden Punkt einer Bombe zeigte, die immer heller und
heller, immer schneller und schneller sich näherte und in der Nähe des
Laufgrabens platzte, -- bog er nur ein wenig und unwillkürlich, unter
dem Einfluß des warnenden Schreies, den Kopf und ging weiter.

Sieh da, der ist tapfer! sagte der Matrose, der ruhig die fallende
Bombe betrachtet und mit erfahrenem Blick sofort berechnet hatte, daß
ihre Splitter in den Laufgraben nicht einschlagen konnten, er duckt
sich nicht einmal!

Nur noch einige Schritte hatte Kalugin über einen kleinen Platz bis
zur Blindage des Kommandeurs der Bastion zu gehen, als ihn wieder das
dumpfe Gefühl und die thörichte Furcht von vorhin überkam; sein Herz
schlug stärker, das Blut strömte ihm nach dem Kopfe, und er mußte sich
zusammennehmen, um nach der Blindage zu laufen.

Warum sind Sie so außer Atem? sagte der General, als er ihm die Befehle
überbrachte.

Ich bin sehr schnell gegangen, Excellenz!

Wollen Sie nicht ein Glas Wein?

Kalugin trank ein Glas Wein und rauchte eine Cigarette an. Das Gefecht
hatte bereits aufgehört, nur die starke Kanonade dauerte auf beiden
Seiten fort. In der Blindage saß der General N., der Kommandeur der
Bastion und sechs Offiziere, unter ihnen auch Praßkuchin, und sprachen
über verschiedene Einzelheiten des Gefechts. Als Kalugin in diesem
behaglichen Zimmer saß, das mit hellblauen Tapeten ausgeschlagen war,
das ein Sofa, einen Tisch, auf dem Papiere lagen, ein Bett, eine
Wanduhr und ein Heiligenbild, vor dem eine Lampe brannte, enthielt,
-- als er diese Zeichen der Wohnlichkeit und die fast drei Fuß dicken
Balken der Decke sah und die in der Blindage nur schwach tönenden
Schüsse hörte, -- konnte er gar nicht begreifen, wie er sich zweimal
von einer so unverzeihlichen Schwäche hatte können übermannen lassen.
Er war über sich selber erzürnt und sehnte sich nach der Gefahr, um
sich von neuem zu prüfen.

Ich freue mich, daß auch Sie hier sind, Kapitän, sagte er zu einem
Marineoffizier im Stabsoffiziersmantel mit einem starken Schnurrbart
und dem Georgskreuz, der inzwischen in die Blindage gekommen war
und den General bat, ihm Arbeiter zu geben, um zwei auf seiner
Batterie verschüttete Schießscharten wieder herzustellen. Der General
hat mir befohlen, mich zu informieren, fuhr Kalugin fort, als der
Batteriekommandeur aufgehört hatte, mit dem General zu sprechen, ob
Ihre Geschütze den Laufgraben mit Kartätschen beschießen können.

Nur ein Geschütz kann es, antwortete mürrisch der Kapitän.

Jedenfalls wollen wir hingehen und nachsehen.

Der Kapitän runzelte die Stirn und schrie zornig:

Schon die ganze Nacht habe ich dort gestanden und bin hierher gekommen,
um nur ein wenig auszuruhen, können Sie nicht allein hinuntergehen?
Mein Stellvertreter, der Leutnant Karz, ist dort, er wird Ihnen alles
zeigen.

Der Kapitän kommandierte schon seit sechs Monaten diese Batterie, eine
der gefährlichsten, wohnte sogar schon seit Anfang der Belagerung,
da es noch keine Blindagen gab, ununterbrochen auf der Bastion und
hatte unter den Seeleuten den Ruf der Tapferkeit. Daher setzte seine
Weigerung Kalugin nicht wenig in Erstaunen und Verwunderung. »Was
bedeutet der Ruf!« dachte er.

Nun, so werde ich allein gehen, wenn Sie gestatten, entgegnete er in
etwas spöttischem Tone dem Kapitän, der jedoch seine Worte nicht weiter
beachtete.

Kalugin bedachte aber nicht, daß er zu verschiedenen Zeiten alles in
allem nur an fünfzig Stunden auf den Bastionen zugebracht, während
der Kapitän sechs Monate dort gewohnt hatte. Kalugin trieb noch die
Eitelkeit, der Wunsch zu glänzen, die Hoffnung auf Auszeichnungen,
auf Ruhm und der Reiz der Gefahr; der Kapitän hatte all das schon
durchgemacht: auch er hatte der Eitelkeit, der Tapferkeit, der Gefahr
nachgestrebt, der Hoffnung auf Auszeichnungen und Ruhm, und hatte auch
beide errungen, jetzt aber hatten alle diese Reizmittel ihre Macht
über ihn verloren, und er betrachtete den Krieg mit anderen Augen: er
erfüllte aufs pünktlichste seine Pflicht, war sich aber dessen wohl
bewußt, wie wenig Aussichten ihm für das Leben blieben, und setzte
darum nach einem Aufenthalte von sechs Monaten auf der Bastion diese
Aussichten nicht ohne die dringendste Not aufs Spiel, so daß der junge
Leutnant, der vor acht Tagen bei der Batterie eingetreten war, der sie
jetzt Kalugin zeigte, sich mit ihm unnützerweise zur Schießscharte
hinauslehnte und auf die Banketts kletterte, ihm zehnmal tapferer
erschien, als der Kapitän.

Als Kalugin die Batterie besichtigt hatte und nach der Blindage
zurückging, stieß er in der Finsternis auf den General, der sich mit
seinen Ordonnanzoffizieren auf die Höhe begab.

Rittmeister Praßkuchin! sagte der General, gehen Sie gefälligst in den
rechten Schützengraben hinunter und sagen Sie dem zweiten Bataillon des
M.-Regiments, das dort auf Arbeit ist, daß es die Arbeit abbrechen,
ohne Lärm abmarschieren und sich mit seinem Regiment vereinigen soll,
das unten am Berge in Reserve steht ... Verstehen Sie? Sie werden es
selbst zum Regiment führen.

Zu Befehl.

Und Praßkuchin lief im Trabe zum Schützengraben.

Das Feuer wurde stärker.


X

Ist dies das zweite Bataillon des M.-Regiments? fragte Praßkuchin,
als er, an Ort und Stelle gekommen war und auf Soldaten stieß, die in
Säcken Erde trugen.

Jawohl, Herr.

Wo ist der Kommandeur?

Michajlow war in dem Glauben, daß nach dem Kompagniekommandeur
gefragt würde, kam aus seiner Grube herauf und ging, mit der Hand am
Mützenschirm, an Praßkuchin heran, den er für einen Vorgesetzten hielt.

Der General hat befohlen, schnell ... und vor allem still zurückzugehen
... nein, nicht zurück, sondern zur Reserve, sprach Praßkuchin, indem
er nach dem feindlichen Feuer schielte.

Als Michajlow Praßkuchin erkannt hatte, ließ er die Hand sinken und
gab, nachdem er erfahren, worum es sich handelte, den Befehl weiter;
das Bataillon hörte auf zu arbeiten, ergriff die Gewehre, zog die
Mäntel an und setzte sich in Bewegung.

Wer es nicht kennen gelernt hat, kann sich die Freude nicht vorstellen,
die ein Mensch empfindet, der nach einem dreistündigen Bombardement
einen so gefährlichen Platz, wie ein Schützengraben ist, verläßt.
Michajlow, der während dieser drei Stunden mehr als einmal nicht ohne
Grund geglaubt, daß sein *Ende* gekommen, hatte sich schon mit dem
Gedanken vertraut gemacht, daß er unzweifelhaft fallen müsse und daß
er nicht mehr dieser Welt angehöre. Aber trotzdem kostete es ihm große
Mühe, seine Beine vom Laufen zurückzuhalten, als er neben Praßkuchin an
der Spitze der Kompagnie aus dem Schützengraben ging.

Auf Wiedersehen! rief ihm ein Major zu, der Kommandeur eines anderen
Bataillons, das in den Schützengräben zurückblieb, und mit dem er in
der Grube an der Brustwehr gesessen und Käse gegessen hatte. Glück auf
den Weg!

Und Ihnen wünsche ich, glücklich Ihre Position zu halten. Jetzt ist es,
wie mir scheint, ruhig geworden.

Kaum aber hatte er dies gesagt, als der Feind, der jedenfalls die
Bewegung in den Gräben bemerkt hatte, immer stärker und stärker zu
feuern begann. Die Unsrigen antworteten ihm, und wiederum erhob sich
eine starke Kanonade. Die Sterne standen hoch am Himmel, glänzten
aber nicht hell. Die Nacht war so dunkel, daß man die Hand vor
den Augen nicht sah, nur die Feuer der Schüsse und die platzenden
Bomben erhellten auf einen Augenblick die Gegenstände. Die Soldaten
gingen schnell und schweigend und suchten unwillkürlich einander
zuvorzukommen; nach dem unaufhörlichen Rollen der Schüsse wurden
nur die gemessenen Schritte der Soldaten auf dem trockenen Wege,
das Klirren der Bajonette oder das Seufzen und das Gebet eines
Soldaten: »Herr, Herr! Was ist das?« gehört. Bisweilen ließ sich
das Stöhnen eines Verwundeten und der Ruf: »Tragbahre!« vernehmen.
(In der Kompagnie, die Michajlow befehligte, wurden allein durch
Artilleriefeuer in der Nacht 26 Mann getötet.) Ein Blitz flammte am
dunklen, fernen Horizonte auf, die Schildwache auf der Bastion schrie:
»Kano--o--ne!« und die Kugel sauste über die Kompagnie hin, riß die
Erde auf und warf Steine in die Höhe.

»Hol's der Teufel! wie langsam sie gehen, dachte Praßkuchin, indem
er neben Michajlow einherschritt und fortwährend zurückblickte.
Wahrhaftig, ich laufe lieber voraus; den Befehl habe ich ja überbracht
... Übrigens, nein: man könnte ja sagen, daß ich ein Feigling bin. Mag
geschehen, was will, -- ich gehe mit den übrigen.«

»Und weshalb folgt er mir? dachte seinerseits Michajlow. -- Soviel
ich bemerkt habe, bringt er immer Unglück. Da kommt eine geflogen,
schnurstracks hierher, wie mir scheint.«

Als sie einige hundert Schritt gegangen waren, stießen sie auf
Kalugin, der, mit dem Säbel klirrend, gemessenen Schrittes nach den
Schützengräben ging, um auf Befehl des Generals sich zu erkundigen,
wie weit die Arbeiten dort gediehen seien. Als er aber Michajlow
traf, fiel ihm ein, er könne, anstatt selbst in diesem schrecklichen
Feuer dorthin zu gehen, was ihm auch nicht befohlen worden war, einen
Offizier, der dort gewesen, nach allem ausfragen. Und wirklich erzählte
ihm Michajlow ausführlich von dem Stand der Arbeiten. Dann ging Kalugin
noch einige Schritte mit ihm und bog in den zur Blindage führenden
Laufgraben ein.

Nun, was giebt's Neues? fragte ein Offizier, der allein im Zimmer saß
und Abendbrot aß.

Nichts, es scheint, daß es kein Gefecht mehr geben wird.

Wie, kein Gefecht mehr? ... Im Gegenteil, der General ist soeben wieder
auf den Wachtturm gegangen. Noch ein Regiment ist gekommen. Da geht's
ja los ... hören Sie das Gewehrfeuer? Sie werden doch nicht gehen?
Wozu das? fügte der Offizier hinzu, als er die Bewegung bemerkte, die
Kalugin machte.

»Eigentlich müßte ich jedenfalls dabei sein, dachte Kalugin, aber ich
habe mich in dieser Nacht schon vielen Gefahren ausgesetzt; das Feuer
ist schrecklich.«

Ich werde sie in der That lieber hier erwarten, sagte er.

Wirklich kehrten nach zwanzig Minuten der General und die bei ihm
befindlichen Offiziere zurück; unter ihnen befand sich der Junker
Baron Pest, aber Praßkuchin fehlte. Die Schützengräben waren von den
Unsrigen genommen und besetzt worden.

Nachdem Kalugin ausführliche Nachrichten über das Gefecht erhalten,
verließ er mit Pest die Blindage.


XI

Ihr Mantel ist blutig, sind Sie denn im Handgemenge gewesen? fragte ihn
Kalugin.

Ach, schrecklich! Sie können sich vorstellen ...

Und Pest begann zu erzählen, wie er seine Kompagnie geführt, wie
der Kompagniekommandeur getötet worden, wie er einen Franzosen
niedergestochen und wie ... wäre er nicht gewesen, das Gefecht verloren
wäre.

Das Wesentliche dieser Erzählung, daß der Kommandeur getötet war
und daß Pest einen Franzosen getötet hatte, war richtig; aber in
der Schilderung der Einzelheiten war der Junker erfinderisch und
prahlsüchtig.

Er prahlte unwillkürlich, da er sich während des ganzen Gefechts in
einer Art Rausch und Besinnungslosigkeit befunden hatte, so daß alles,
was geschah, ihm so vorkam, als wäre es irgendwo, irgendwann und mit
irgend jemandem geschehen; und es war natürlich, daß er sich Mühe gab,
diese Einzelheiten in einer für ihn vorteilhaften Weise darzustellen.
Wie aber war es in Wirklichkeit gewesen?

Das Bataillon, dem der Junker während des Ausfalls zugeteilt war,
stand zwei Stunden im Feuer, in der Nähe einer Wand, dann gab der
Bataillonskommandeur vor der Front einen Befehl, die Hauptleute trugen
ihn weiter, das Bataillon setzte sich in Bewegung, marschierte vor
die Brustwehr und machte nach hundert Schritten Halt, um sich in
Kompagniekolonnen zu formieren. Pest wurde beordert, sich auf den
rechten Flügel der zweiten Kompagnie zu stellen.

Ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, wo er sich befinde und
weshalb er da sei, stellte sich der Junker an seinen Platz und sah
mit unwillkürlich verhaltenem Atem und mit kaltem, über den Rücken
laufendem Zittern bewußtlos vor sich hin, in die dunkle Ferne hinaus,
etwas Schreckliches erwartend. Übrigens war ihm nicht so schrecklich
zu Mute, denn es wurde nicht geschossen, vielmehr war ihm der Gedanke
eigentümlich, seltsam, sich außerhalb der Festung, auf freiem Felde zu
befinden. Wiederum gab der Bataillonskommandeur einen Befehl vor der
Front, wiederum überbrachten ihn flüsternd die Offiziere, und plötzlich
senkte sich die schwarze Wand der ersten Kompagnie, -- es war befohlen
worden, sich niederzulegen. Die zweite Kompagnie legte sich ebenfalls,
wobei sich Pest die Hand an einem Dornstrauch verletzte. Nur der
Hauptmann der zweiten Kompagnie legte sich nicht. Seine kleine Gestalt,
mit dem gezogenen Degen, den er unter fortwährendem Sprechen hin- und
herschwang, bewegte sich vor der Kompagnie.

Kinder! Das sag' ich euch, haltet euch brav! Aus dem Gewehr keinen
Schuß, mit den Bajonetten auf die Kanaillen! Wenn ich »Urra« schreie,
dann mir nach und nicht zurückgeblieben! ... Frisch drauf los ist die
Hauptsache ... Wir wollen uns sehen lassen, nicht mit der Nase in den
Staub! Nicht wahr, Kinder? Für den Zaren, den Vater! ...

Wie heißt unser Kompagniekommandeur? fragte Pest den Junker, der neben
ihm lag, er ist wirklich tapfer!

Ja, er ist's immer, wenn es zum Kampfe kommt, antwortete der Junker,
Lißinkowski heißt er.

Da blitzte dicht vor der Kompagnie eine Flamme auf, ein Krach ertönte,
der die ganze Kompagnie betäubte, hoch in die Luft schwirrten Steine
und Sprengstücke (wenigstens fiel nach fünfzig Sekunden ein Stein
nieder und zerschmetterte einem Soldaten das Bein). Das war eine Bombe
aus der Elevationslafette, und ihr Einfallen in die Kompagnie bewies,
daß die Franzosen die Kolonne bemerkt hatten.

Mit Bomben schießt er! ... Laß uns nur erst an dich heran sein, dann
sollst du, Verfluchter, das dreikantige russische Bajonett kosten!
rief der Hauptmann so laut, daß der Bataillonskommandeur ihm befehlen
mußte zu schweigen und nicht so viel zu lärmen.

Bald darauf erhob sich die erste Kompagnie, nach ihr die zweite. Es
wurde befohlen, das Gewehr zum Angriff in die rechte Hand zu nehmen,
und das Bataillon ging vorwärts. Pest hatte vor Furcht das Bewußtsein
verloren, wie betrunken ging er mit. Aber plötzlich blitzte von allen
Seiten eine Million von Feuern auf, pfiff und krachte es. Er schrie und
lief vorwärts, weil alle liefen und schrien. Dann stolperte er und fiel
auf etwas. Das war der Kompagnieführer, ... er war vor der Kompagnie
verwundet worden, er hielt den Junker für einen Franzosen und packte
ihn am Bein. Als er sein Bein befreit und sich erhoben hatte, stieß
in der Finsternis ein Mensch mit dem Rücken ihn an und hätte ihn fast
wieder zu Boden geworfen; da schrie ein anderer: »Stich ihn nieder! Was
gaffst du?« Er nahm das Gewehr und stieß das Bajonett in etwas Weiches.
»_Ah Dieu!_« schrie jemand mit schrecklicher, durchdringender Stimme,
und erst da begriff Pest, daß er einen Franzosen erstochen hatte. --
Kalter Schweiß trat an seinem ganzen Körper hervor, er schüttelte sich
wie im Fieber und warf das Gewehr fort. Aber nur einen Augenblick
dauerte dies: sogleich kam ihm der Gedanke in den Kopf, daß er ein
Held sei. Er hob das Gewehr und lief »Urra« schreiend mit der Menge
von dem getöteten Franzosen fort. Nachdem er zwanzig Schritte gelaufen
war, kam er in einen Laufgraben. Dort waren die Unsrigen und der
Bataillonskommandeur.

Ich habe einen erstochen! sagte er zu dem Bataillonskommandeur.

Brav, Baron!


XII

Und wissen Sie, Praßkuchin ist tot! sagte Pest, als er Kalugin, der
nach Hause ging, begleitete.

Nicht möglich!

Warum? Ich habe es selbst gesehen.

Leben Sie wohl, ich habe Eile!

Ich bin sehr zufrieden, dachte Kalugin auf dem Heimwege, zum erstenmal
habe ich während meines Tagdienstes Glück gehabt. Es ist mir
vortrefflich gegangen: ich bin am Leben und unverletzt, Auszeichnungen
wird es auch geben und jedenfalls einen goldenen Säbel. Übrigens habe
ich es verdient.

Nachdem er dem General alles Notwendige gemeldet hatte, ging er in sein
Zimmer.

Mit außerordentlichem Behagen fühlte sich Kalugin zu Hause außer
Gefahr; nachdem er ein Nachthemd angezogen und sich ins Bett gelegt,
erzählte er Galzin die Einzelheiten des Gefechts; er schilderte sie
sehr natürlich von dem Gesichtspunkte aus, von dem die Einzelheiten
bewiesen, daß er, Kalugin, ein sehr tüchtiger und tapferer Offizier
sei, was, wie ich meine, gar nicht nötig war zu betonen, da alle
Welt das wußte und niemand ein Recht oder einen Grund hatte, daran
zu zweifeln, außer dem seligen Rittmeister Praßkuchin vielleicht,
der, obgleich er es oft später als ein Glück betrachtete, Arm in Arm
mit Kalugin zu gehen, gestern einem Freunde unter Diskretion erzählt
hatte, Kalugin sei ein trefflicher Mensch, gehe aber, unter uns gesagt,
furchtbar ungern auf die Bastion.

Kaum hatte sich Praßkuchin, neben Michajlow gehend, von Kalugin
getrennt und schon angefangen, etwas aufzuleben, weil er nach einem
weniger gefährlichen Platz ging, als er einen hellstrahlenden Blitz
hinter sich sah, und den Schrei der Schildwache: »Mörser!« sowie die
Worte eines hinter ihm gehenden Soldaten: »Direkt nach der Bastion
fliegt sie!« hörte.

Michajlow sah sich um. Der glänzende Punkt der Bombe schien in seinem
Zenith stehen zu bleiben, in einer Stellung, daß es entschieden
unmöglich war, seine Richtung zu bestimmen. Aber das dauerte nur einen
Augenblick: die Bombe kam immer schneller und näher, so daß schon
die Funken der Röhre sichtbar waren und das verhängnisvolle Pfeifen
hörbar, -- gerade mitten unter das Bataillon fiel sie nieder.

Legt euch! rief eine Stimme.

Michajlow und Praßkuchin legten sich auf die Erde. Praßkuchin kniff
die Augen zu und hörte nur, wie die Bombe ganz in seiner Nähe auf die
feste Erde aufschlug. Es verging eine Sekunde, die ihm wie eine Stunde
erschien, -- die Bombe platzte nicht. Praßkuchin erschrak: sollte
er unnötig feig gewesen sein? War vielleicht die Bombe weit von ihm
niedergefallen, und war es ihm nur so vorgekommen, als ob ihre Röhre
in seiner Nähe gezischt? Er öffnete die Augen und sah mit Befriedigung
Michajlow dicht an seinen Füßen unbeweglich liegen. Aber da begegnete
seinen Augen auf einen Moment die leuchtende Röhre der nur eine Elle
entfernt von ihm sich drehenden Bombe.

Ein Schreck -- ein kalter, alles Denken und Fühlen lähmender Schreck --
ergriff sein ganzes Wesen. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Noch eine Sekunde verging -- eine Sekunde, in der eine ganze Welt
von Gefühlen, Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen an seinem Geiste
vorüberblitzte.

»Wen wird sie treffen, mich oder Michajlow, oder beide zusammen? Und
wenn mich, dann wo? Am Kopf, dann ist alles vorbei; am Bein, dann
wird es abgeschnitten -- und dann werde ich bitten, daß man mich
chloroformiert und kann noch am Leben bleiben. Vielleicht aber tötet
sie nur Michajlow, dann werde ich erzählen, wie wir zusammen gegangen,
wie er getroffen worden, und sein Blut mich bespritzt hat. Nein, mir
ist sie näher ... mich tötet sie!«

Da fielen ihm die zwölf Rubel ein, die er Michajlow schuldig war, und
noch eine Schuld in Petersburg, die er längst hätte bezahlen müssen;
ein Zigeunermotiv, das er gestern abend gesungen hatte, huschte ihm
durch den Kopf. Das Weib, das er liebte, stand vor seiner Phantasie
in einer Haube mit lila Bändern; der Mensch, der ihn vor fünf Jahren
beleidigt und dem er diese Beleidigung nicht heimgezahlt hatte,
fiel ihm ein, obgleich, untrennbar von dieser und tausend anderen
Erinnerungen, das Gefühl der Gegenwart -- die Erwartung des Todes
-- ihn nicht einen Augenblick verließ. »Übrigens, vielleicht platzt
sie nicht«, dachte er und wollte mit verzweifelter Entschlossenheit
die Augen öffnen. Aber in diesem Augenblick traf ihn durch die
geschlossenen Lider ein roter Feuerschein, und mit entsetzlichem
Krachen schlug ihm etwas mitten in die Brust; er stürzte vorwärts,
stolperte über den Säbel, der ihm zwischen die Beine geraten war, und
fiel auf die Seite.

»Gott sei Dank, es ist nur ein Streifschuß!« war sein erster Gedanke,
und er wollte mit den Händen seine Brust befühlen; aber seine Hände
waren wie gelähmt und sein Kopf wie in einen Schraubstock eingeklemmt.
Vor seinen Augen huschten die Soldaten vorüber, und bewußtlos zählte
er sie: »Eins, zwei, drei Mann; da einer in den Mantel gehüllt, ein
Offizier,« dachte er. Dann flammte ein Blitz vor seinen Augen auf,
und er dachte darüber nach, woher der Schuß wohl kommt: aus einem
Mörser oder aus einer Kanone? Wahrscheinlich aus einer Kanone. Da
neue Schüsse; da noch Soldaten: fünf, sechs, sieben Mann, alle gehen
vorüber. Plötzlich wurde ihm furchtbar zu Mut, als ob ihn jemand
würgte. Er wollte schreien, er habe einen Streifschuß bekommen, aber
sein Mund war so vertrocknet, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte, und
ein schrecklicher Durst ihn quälte. Er fühlte, wie naß er um die Brust
war: dieses Gefühl der Nässe rief ihm das Wasser in Erinnerung, und er
hätte auch das trinken mögen, wovon seine Brust naß war.

»Wahrscheinlich habe ich mich blutig geschlagen, als ich fiel,« dachte
er. Er überließ sich immer mehr und mehr der Furcht, daß die Soldaten,
die an ihm vorüberhuschten, ihn erwürgen würden. Er nahm alle Kräfte
zusammen und wollte schreien: »Nehmt mich mit!« Aber anstatt dessen
stöhnte er so schrecklich, daß es ihm fürchterlich war, sich zu
hören. Dann hüpften rote Flämmchen vor seinen Augen, und es war ihm,
als legten Soldaten Steine über ihn; die Flämmchen hüpften immer
schneller und schneller, die Steine, die man über ihn legte, drückten
immer schwerer und schwerer. Er machte eine Anstrengung, um die Steine
abzuwälzen, streckte sich aus, und dann sah, hörte, dachte und fühlte
er nichts mehr. Er war durch einen Bombensplitter mitten in die Brust
getroffen und auf der Stelle getötet worden.


XIII

Michajlow war, als er die Bombe sah, auf die Erde niedergefallen;
während der zwei Sekunden, in welchen die Bombe ungeborsten dalag,
dachte und fühlte er ebenso viel, wie Praßkuchin. Er betete in Gedanken
zu Gott und wiederholte fortwährend: »Dein Wille geschehe! Und wozu
bin ich in den Dienst getreten -- dachte er gleichzeitig -- und noch
dazu in die Infanterie, um an dem Feldzuge teilzunehmen? Wäre es nicht
besser gewesen, im Ulanenregiment zu bleiben in T. und meine Zeit bei
meiner lieben Natascha zuzubringen? Jetzt ...« Und er begann zu zählen:
eins, zwei, drei, vier und sagte sich, gerade heißt lebendig bleiben,
ungerade tot: »Nun ist alles zu Ende, ich bin tödlich getroffen!«
dachte er, als die Bombe platzte, und er einen Schlag an den Kopf
bekam und einen rasenden Schmerz empfand. »Herr, verzeih' mir meine
Sünden,« rief er mit gefalteten Händen, wollte sich erheben, fiel aber
besinnungslos auf den Rücken.

Das erste, was er fühlte, als er wieder zu sich kam, war das Blut,
das ihm über die Nase strömte, und der bei weitem schwächer gewordene
Schmerz am Kopf. »Die Seele entflieht, dachte er. -- Wie wird es »dort«
sein? ... Herr, nimm meine Seele in Frieden auf. Nur das Eine ist
sonderbar, dachte er, daß ich sterbend so deutlich die Schritte der
Soldaten und die Schüsse höre.«

Eine Bahre her ... he ... unser Hauptmann ist tot! schrie über seinem
Kopfe eine Stimme, die er unwillkürlich als die des Trommlers Ignatjew
erkannte.

Da faßte ihn jemand bei den Schultern. Er versuchte, die Augen zu
öffnen und sah über seinem Kopf den dunkelblauen Himmel, Sterngruppen
und zwei über ihn hinfliegende Bomben, die um die Wette weitereilten
-- er sah Ignatjew, Soldaten mit Tragbahren und Gewehren, den Wall
des Laufgrabens, und überzeugte sich plötzlich, daß er noch nicht im
Jenseits sei.

Er war leicht von einem Stein am Kopf verwundet. Seine allererste
Empfindung war etwas wie Bedauern: er hatte sich so gut und ruhig
auf den Übergang »dorthin« vorbereitet, daß ihn die Rückkehr in
die Wirklichkeit mit ihren Bomben, Laufgräben und Blute unangenehm
berührte; seine zweite Empfindung war die unbewußte Freude darüber,
daß er lebendig war; die dritte -- der Wunsch, so bald als möglich die
Bastion zu verlassen. Der Trommler verband seinem Hauptmann den Kopf
mit einem Tuche, nahm den Verwundeten unter den Arm und wollte ihn nach
dem Verbandort führen.

»Wohin und weshalb ich aber gehe? dachte der Stabskapitän, als er etwas
zu sich gekommen war. Meine Pflicht ist, bei der Kompagnie zu bleiben
und nicht vorzeitig fortzugehen, umsomehr, als sie bald aus dem Feuer
herauskommen wird,« flüsterte eine innere Stimme ihm zu.

Es ist nicht nötig, Bruder, sagte er, indem er seinen Arm dem
dienstfertigen Trommler entzog, ich werde nicht nach dem Verbandort
gehen, sondern bei der Kompagnie bleiben.

Und er wandte sich zurück.

Sie thäten besser, sich ordentlich verbinden zu lassen, Euer
Wohlgeboren, sagte Ignatjew, -- nur in der ersten Hitze scheint das
nichts zu sein; Sie machen es bloß schlimmer; hier giebt's ein ganz
gehöriges Feuer ... gewiß, Euer Wohlgeboren!

Michajlow blieb einen Augenblick unentschlossen stehen und würde
wahrscheinlich Ignatjews Rat befolgt haben, wenn er nicht bedacht
hätte, wieviel Schwerverwundete am Verbandort sein würden.

»Vielleicht werden die Doktoren über meine Schramme nur lächeln,«
dachte der Stabskapitän und ging, trotz der Gründe des Trommlers,
entschlossen zur Kompagnie zurück.

Wo ist der Ordonnanzoffizier Praßkuchin, der mit mir gegangen war?
fragte er den Fähnrich, der die Kompagnie führte.

Ich weiß nicht ... tot, glaube ich, antwortete mürrisch der Fähnrich,
tot oder verwundet.

Wie können Sie das nicht wissen, er ist ja mit uns gegangen? Und
weshalb haben Sie ihn nicht mitgenommen?

Wie soll man ihn mitnehmen, wenn's ein solches Feuer giebt!

Ach! so sind Sie, Michail Iwanytsch, rief zornig Michajlow, wie konnten
Sie ihn liegen lassen, wenn er noch lebt; ja, wenn er auch tot ist,
mußten Sie doch den Leichnam mitnehmen.

Wie kann er leben, wenn ich Ihnen sage, ich selber habe ihn gesehen!
sagte der Fähnrich. Ich bitte Sie! wenn wir nur erst unsere eigenen
Leute fortgeschafft hätten! ... Sieh' da, jetzt schießt die Kanaille
mit Kanonenkugeln! fügte er hinzu.

Michajlow setzte sich und faßte sich an den Kopf, der ihm von der
Bewegung aufs heftigste schmerzte.

Nein, wir müssen jedenfalls hin und ihn mitnehmen; vielleicht lebt
er noch, sagte Michajlow. -- Das ist unsere *Schuldigkeit*, Michail
Iwanytsch!

Michail Iwanytsch antwortete nicht.

»Der hat ihn vorhin nicht mitgenommen, und jetzt muß ich die Soldaten
allein schicken; aber darf ich sie schicken? -- Bei solch einem
schrecklichen Feuer können sie zwecklos getötet werden,« dachte
Michajlow.

Kinder! wir müssen zurückgehen, um einen Offizier mitzunehmen, der dort
im Graben verwundet worden ist, rief er nicht allzu laut und befehlend,
da er fühlte, wie unangenehm den Soldaten die Erfüllung dieses Befehls
sein würde, -- und wirklich, da er niemand mit Namen bezeichnet hatte,
trat keiner vor, dem Geheiß nachzukommen.

»Es ist wahr: vielleicht ist er schon tot und es *lohnt* sich nicht,
die Leute einer unnötigen Gefahr auszusetzen; nur an mir liegt die
Schuld, weshalb habe ich mich um ihn nicht bekümmert. Ich werde
selber gehen, mich zu überzeugen, ob er noch lebt. Das ist meine
*Schuldigkeit*,« sprach Michajlow zu sich selbst.

Michail Iwanytsch! führen Sie die Kompagnie, ich werde nachkommen,
sagte er und lief, mit der einen Hand den Mantel aufhebend, mit der
andern das Bild des heiligen Mitrophan, zu dem er ein besonderes
Vertrauen hatte, fortwährend berührend, im Trabe den Laufgraben entlang.

Nachdem sich Michajlow überzeugt, daß Praßkuchin tot war, schleppte
er sich, keuchend und mit der Hand den locker gewordenen Verband und
den heftig schmerzenden Kopf haltend, zurück. Als er sein Bataillon
erreichte, stand es bereits unten am Berge an Ort und Stelle und fast
außerhalb Schußweite. Ich sage: *fast*, nicht außerhalb Schußweite,
weil bisweilen auch bis dahin sich Bomben verirrten.

»Aber morgen muß ich mich am Verbandort als verwundet einschreiben
lassen,« dachte der Stabskapitän, als der herbeigekommene Feldscher ihn
verband.


XIV

Hunderte von frischen, blutigen Menschenkörpern, die vor zwei Stunden
noch von den mannigfaltigsten, erhabenen und kleinlichen Hoffnungen und
Wünschen erfüllt waren, lagen mit erstarrten Gliedern in dem betauten,
blumenreichen Thale, das die Bastion vom Laufgraben trennte, und auf
dem ebenen Fußboden der Totenkapelle in Sewastopol; Hunderte von
Menschen, mit Verwünschungen und Gebeten auf den vertrockneten Lippen,
krochen, wanden sich und stöhnten: die einen zwischen den Leichnamen
im blumenreichen Thal, die anderen auf Tragbahren, Pritschen und der
blutigen Diele des Verbandortes; und gerade so, wie an früheren Tagen,
stand Wetterleuchten über dem Ssapunberg, erbleichten die glänzenden
Sterne, kam ein weißer Nebel vom brausenden, dunkeln Meere daher
gezogen, flammte die helle Morgenröte im Osten auf, zerstreuten sich
die dunklen Gewitterwölkchen am hellblauen Horizont, und gerade so wie
an den früheren Tagen tauchte, der ganzen erwachenden Welt Freude,
Liebe und Glück verheißend, das mächtige, schöne Tagesgestirn empor.


XV

Am folgenden Tage, gegen Abend, spielte wieder eine Jägerkapelle auf
dem Boulevard, und wieder spazierten Offiziere, Junker, Soldaten
und junge Frauenzimmer müßig in der Nähe des Pavillons und in den
niedrigen, von blühenden, wohlriechenden, weißen Akazien gebildeten
Alleen.

Kalugin, Fürst Galzin und ein Oberst gingen Arm in Arm um den Pavillon
und sprachen von dem Gefecht des vergangenen Tages.

Der leitende Faden ihres Gesprächs war, wie es immer in ähnlichen
Fällen zu sein pflegt, nicht das Gefecht selbst, sondern der Anteil,
den der Erzählende an dem Gefecht genommen hatte. Ihr Aussehen und der
Klang ihrer Stimme war ernst, beinahe traurig, als ob die Verluste
des gestrigen Tages jeden von ihnen berührten und schmerzten; in
Wahrheit aber war dieser Ausdruck der Trauer, da niemand von ihnen
einen nahestehenden Menschen verloren hatte, der offizielle Ausdruck,
den sie für ihre Pflicht hielten zur Schau zu tragen. Kalugin und der
Oberst wären jeden Tag bereit gewesen, ein solches Gefecht mitzumachen,
wenn sie nur jedesmal einen goldenen Säbel oder den Generalmajor
bekommen hätten, obgleich sie sehr nette Menschen waren. Ich höre es
gern, wenn man einen Eroberer wegen seines Ehrgeizes, der Millionen zu
Grunde richtet, einen Unmenschen nennt. Man frage aber den Fähnrich
Petruschow und den Unterleutnant Antonow und andere aufs Gewissen,
dann ist jeder von uns ein kleiner Napoleon, ein kleiner Unmensch, und
jeden Augenblick bereit, einen Kampf aufzunehmen und hunderte Menschen
zu töten, nur um einen unnützen Orden oder ein Drittel seiner Gage zu
bekommen.

Nein, entschuldigen Sie, sagte der Oberst, erst ist es auf dem linken
Flügel losgegangen, *ich bin ja dort gewesen*.

Vielleicht, antwortete Kalugin. *Ich war mehr auf dem rechten; ich bin
zweimal hingekommen: Einmal suchte ich den General und das andere Mal
ging ich so hin -- die Verschanzung anzusehen. Da ging es heiß her.*

Ja, gewiß, so ist es, Kalugin weiß es, sagte Fürst Galzin zu dem
Oberst. Weißt du, heute hat mir W... von dir gesagt, du seist ein
tapfrer ...

Aber Verluste, schreckliche Verluste, sagte der Oberst. *Von meinem
Regiment* sind 400 Mann gefallen. Ein Wunder, *daß ich lebendig
davongekommen bin*.

Da zeigte sich am andern Ende des Boulevards die Gestalt Michajlows mit
verbundenem Kopfe; er ging auf sie zu.

Wie, Sie sind verwundet, Kapitän? sagte Kalugin.

Ja, ein wenig, durch einen Stein, antwortete Michajlow.

_Est ce que pavillon est baissé déjà?_ fragte Fürst Galzin und sah
dabei nach der Mütze des Stabskapitäns, ohne sich an eine bestimmte
Person zu wenden.

_Non, pas encore_, antwortete Michajlow, der gern zeigen wollte, daß er
französisch verstehe und spreche.

Dauert denn der Waffenstillstand noch fort? sagte Galzin russisch,
und wandte sich an den Kapitän, um dadurch, wie dem Stabskapitän
schien, auszudrücken, es muß Ihnen wohl schwer fallen, französisch zu
sprechen und ist doch wohl besser geradezu ... Und damit entfernten
sich die Adjutanten von ihm. Der Stabskapitän fühlte sich, wie gestern,
außerordentlich vereinsamt, begrüßte mehrere, und da er sich zu den
einen nicht gesellen wollte und zu den andern heranzutreten sich nicht
entschließen konnte, setzte er sich in der Nähe des Kasarskij-Denkmals
nieder und rauchte eine Cigarette an.

Baron Pest kam ebenfalls auf den Boulevard. Er erzählte, er habe
den Verhandlungen über den Waffenstillstand beigewohnt und mit
französischen Offizieren gesprochen; ein Offizier habe ihm gesagt:
_S'il n'avait pas fait clair encore pendant une demi-heure, les
embuscades auraient été reprises_, und er habe ihm geantwortet:
_Monsieur, je ne dis pas non, pour ne pas vous donnez un démenti_, so
vortrefflich habe er ihm geantwortet u. s. w.

In Wirklichkeit aber hatte er, obwohl er bei den Verhandlungen gewesen
war, gar keine Gelegenheit gehabt, dort etwas besonderes zu sagen,
obwohl er große Lust hatte, mit den Franzosen zu sprechen. (Es ist doch
ein ungeheures Vergnügen, mit Franzosen zu sprechen.) Der Junker Baron
Pest war lange die Linie entlang gegangen und hatte alle Franzosen,
die in seiner Nähe waren, gefragt: _De quel régiment êtes-vous?_ Sie
antworteten ihm -- und das war alles. Als er sich aber zu weit über
die Linie hinauswagte, schimpfte der französische Wachtposten, der
nicht vermutete, daß dieser Soldat französisch verstehen könnte, ihn
in der dritten Person aus: »_Il vient regarder nos travaux ce sacré
..._« sagte er. Und da der Junker Baron Pest infolgedessen kein
Vergnügen mehr fand an den Verhandlungen, war er nach Hause geritten
und hatte unterwegs über die französischen Sätze nachgedacht, die
er jetzt vorbrachte. Auf dem Boulevard stand auch Kapitän Sobow in
lautem Gespräch und Kapitän Obshogow, der ganz erregt aussah, und der
Artilleriekapitän, der keines Menschen Gunst suchte, und der in seiner
Liebe glückliche Junker und alle die Personen von gestern, immer noch
mit denselben Wünschen und Trieben. Nur Praßkuchin, Neferdow und noch
einer fehlten, und es wurde ihrer jetzt, wo ihre Körper noch nicht
gewaschen, geschmückt und in die Erde verscharrt waren, kaum gedacht
oder erwähnt.


XVI

Auf unserer Bastion und dem französischen Laufgraben sind weiße
Flaggen aufgesteckt, und zwischen ihnen, im blumenreichen Thale,
liegen haufenweis, ohne Stiefel, in grauen und blauen Uniformen,
verstümmelte Leichen, die Arbeiter zusammentragen und auf Wagen legen.
Der Geruch der toten Körper erfüllt die Luft. Aus Sewastopol und aus
dem französischen Lager strömen Menschenscharen herbei, um dieses
Schauspiel anzusehen, und mit brennender, wohlwollender Neugierde eilt
die eine Schar zur andern.

Hören wir, was diese Leute untereinander sprechen.

Dort, in einem Kreise von Russen und Franzosen, betrachtet ein junger
Offizier, der zwar schlecht, aber hinreichend französisch spricht, um
verstanden zu werden, eine Gardepatrontasche.

Eh seßi purkua se uaso lië? sagt er.

_Par ce que c'est un giberne d'un régiment de la garde, Monsieur, qui
porte l'aigle impérial._

Eh wu de la gard?

_Pardon, Monsieur, du 6^{ème} de ligne._

Eh seßi u aschte? fragt der Offizier, indem er auf eine hölzerne gelbe
Cigarrenspitze zeigt, aus der der Franzose eine Cigarette raucht.

_A Balaclava, Monsieur! C'est tout simple en bois de palme._

Sholi, sagt der Offizier, der sich in seinem Gespräch weniger von
seinem Willen leiten läßt, als von den Worten, die er kennt.

_Si vous voulez bien garder cela comme souvenir de cette rencontre,
vous m'obligerez._

Und der höfliche Franzose bläst die Cigarette heraus und überreicht dem
Offizier mit einer leichten Verbeugung die Spitze. Der Offizier giebt
ihm die seinige, und alle Leute in der Gruppe, sowohl Franzosen, wie
Russen, scheinen sehr vergnügt darüber zu sein und zu lächeln.

Dort ist ein kecker Infanterist, in einem rosa Hemd und mit
umgeworfenem Mantel, in Begleitung anderer Soldaten, die, die Hände
auf dem Rücken, mit frohen, neugierigen Gesichtern hinter ihm stehen,
an einen Franzosen herangegangen und bittet ihn um Feuer für seine
Pfeife. Der Franzose bläst seine Pfeife stärker an, stochert den Tabak
auf und schüttet Feuer in des Russen Pfeife.

Tabak bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Zuschauer lächeln.

_Oui, bon tabac, tabac turc_, sagt der Franzose, _et chez vous autres,
tabac -- russe? bon?_

Ruß -- bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Anwesenden schütteln
sich vor Lachen. Franße nicht bun, bonshur mussje! sagt der Soldat im
rosa Hemd, indem er seinen ganzen Vorrat von Sprachkenntnissen auf
einmal erschöpft, und klopft lachend dem Franzosen auf den Bauch.

_Ils ne sont pas jolis ces b... de Russes_, sagt ein Zuave mitten aus
dem Franzosenhaufen.

_De quoi de ce qu'ils rient donc?_ sagt ein anderer, ein dunkelbrauner
Geselle mit italienischer Aussprache, und kommt auf die Unsrigen zu.

Kaftan bun, sagt der kecke Soldat, indem er die gestickten Schöße des
Zuaven betrachtet -- und wieder lachen alle.

_Ne sors pas de la ligne, à vos places, sacré nom!_ schreit der
französische Korporal, und die Soldaten gehen mit sichtlicher
Unzufriedenheit auseinander.

Da drüben, im Kreise französischer Offiziere, steht ein junger
Kavallerieoffizier von uns und löst sich in Liebenswürdigkeiten auf.
Es ist die Rede von einem gewissen _comte Sazonoff, que j'ai beaucoup
connu, M._, sagt ein französischer Offizier, dem eine Achselklappe
fehlt; _c'est un de ces vrais comtes russes, comme nous les aimons_.

_Il y a un Sazonoff, que j'ai connu_, sagt der Kavallerist, _mais il
n'est pas comte, à moins, que je sache; un petit brun de votre âge à
peu près_.

_C'est ça, M. c'est lui. Oh, que je voudrais le voir ce cher comte.
Si vous le voyez, je vous prie bien de lui faire mes compliments. --
Capitaine Latour_, sagt er mit einer Verbeugung.

_N'est-ce pas terrible la triste besogne, que nous faisons? Ça
chauffait cette nuit, n'est-ce pas?_ sagt der Kavallerist, der die
Unterhaltung fortzusetzen wünscht, und zeigt auf die Leichen.

_Oh, M. c'est affreux! Mais quels gaillards vos soldats, quels
gaillards! C'est un plaisir, que de se battre avec des gaillards comme
eux._

_Il faut avouer que les votres ne se mouchent pas du pied non plus_ --
sagt der Kavallerist, verbeugt sich und glaubt sehr liebenswürdig zu
sein.

Aber genug.

Betrachten wir lieber den zehnjährigen Knaben, der in einer alten,
jedenfalls von seinem Vater stammenden Mütze, mit Schuhen an den
nackten Füßen und in Nankinghosen, die nur durch einen Riemen gehalten
werden, gleich nach Beginn des Waffenstillstandes über den Wall
gekommen ist, sich lange in der Schlucht aufgehalten, mit stumpfer
Neugierde die Franzosen und die auf der Erde liegenden Leichname
betrachtet und blaue Feldblumen gepflückt hat, von denen dieses Thal
übersät ist. Da er mit dem großen Blumenstrauß nach Hause zurückgeht,
hält er die Nase zu vor dem Geruch, den ihm der Wind zuträgt, bleibt
bei einem Haufen zusammengetragener Körper stehen und betrachtet lange
einen schrecklichen, kopflosen Leichnam, der in seiner Nähe liegt.
Nachdem er ziemlich lange gestanden, tritt er näher heran und berührt
mit dem Fuß den ausgestreckten erstarrten Arm des Leichnams, -- der
Arm bewegt sich ein wenig. Er berührt ihn noch einmal, stärker, --
der Arm bewegt sich und kehrt wieder in seine Lage zurück. Der Knabe
schreit plötzlich auf, verbirgt das Gesicht in den Blumen und läuft
spornstreichs fort nach der Festung.

Ja, auf der Bastion und im Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt,
das blumenreiche Thal ist voll von toten Körpern, die schöne Sonne
sinkt ins blaue Meer, und das blaue Meer wogt und glänzt in den
Strahlen der Sonne. Tausende von Menschen drängen sich, schauen,
sprechen und lächeln einander zu. Und diese Menschen sind Christen,
die das eine große Gebot der Liebe und Selbstverleugnung bekennen, und
fallen beim Anblick dessen, was sie gethan, nicht voll Reue mit einem
Schlage auf die Knie vor Dem, der, als er ihnen das Leben gab, in die
Seele eines jeden, zugleich mit der Todesfurcht, die Liebe zum Guten
und Schönen gelegt hat, und umarmen sich nicht mit Thränen der Freude
und des Glücks als Brüder? ... Die weißen Flaggen sind entfernt, und
von neuem pfeifen die Geschosse, Tod und Verderben bringend, von neuem
wird unschuldiges Blut vergossen und Stöhnen und Fluchen laut.

[Illustration: Gedankenwechsel]

So hätte ich denn gesagt, was ich für dieses Mal zu sagen hatte. Aber
ein drückender Zweifel überkommt mich. Vielleicht hätte ich das nicht
aussprechen sollen, vielleicht gehört das, was ich gesagt habe, zu
jenen schlimmen Wahrheiten, die unbewußt in der Seele eines jeden
schlummern und nicht ausgesprochen werden dürfen, um nicht schädlich zu
werden, wie der Bodensatz des Weines, den man nicht aufschütteln darf,
um den Wein nicht zu zerstören.

Wo ist in dieser Erzählung das Abbild des Bösen, das wir vermeiden
sollen? Wo das Abbild des Guten, dem wir nachahmen sollen? Wer ist ihr
Bösewicht, wer ihr Held? -- Alle sind gut und alle sind schlecht.

Weder Kalugin mit seiner glänzenden Tapferkeit -- _bravoure de
gentilhomme_ -- und Ruhmsucht, der Urheber in Aller Handlungen, noch
Praßkuchin, der eitle, harmlose Mensch, obgleich er im Kampfe für den
Glauben und für Thron und Vaterland gefallen ist, noch Michajlow mit
seiner Schüchternheit, noch Pest, dieses Kind ohne feste Überzeugung
und Grundsätze -- sie alle können nicht die Bösewichter, noch die
Helden der Erzählung sein.

Der Held meiner Erzählung, den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele
liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht war, und der immer
schön gewesen ist und immer schön sein wird, -- ist die Wahrheit.



*Sewastopol* im August 1855


I

Gegen Ende August fuhr auf der zerklüfteten Sewastopoler
Heerstraße zwischen Duwanka (der letzten Station vor Sewastopol)
und Bachtschißaraj, in dichtem und heißem Staube, langsam ein
Offizierswägelchen (von jener besondern Art, die man sonst nirgends
sieht und die die Mitte hält zwischen einer Judenbritschke, einem
russischen Wagen und einem Korb).

Vorn im Fuhrwerk hockte ein Offiziersbursche in einem Nankingrock und
einer vollständig abgetragenen alten Offiziersmütze und führte die
Zügel; hinten saß auf Bündeln und Ballen, die mit einem Soldatenmantel
bedeckt waren, ein Infanterieoffizier in einem Sommermantel. Der
Offizier war, so weit man das bei seiner sitzenden Stellung beurteilen
konnte, von mittlerer Gestalt, aber nicht so sehr in den Schultern,
als über Brust und Rücken breit und stämmig; Hals und Nacken waren
bei ihm sehr entwickelt und hervorstehend. Eine sogenannte Taille --
den Einschnitt in der Mitte des Rückens -- hatte er nicht, er hatte
aber auch keinen Bauch; im Gegenteil, er war eher mager, besonders
im Gesicht, das von einem ungesunden gelblichen Braun bedeckt war.
Sein Gesicht hätte man schön nennen können, wäre es nicht aufgedunsen
gewesen, und hätte es nicht große, wenn auch nicht greisenhafte Runzeln
gehabt, die die Züge verwischten und vergrößerten und dem ganzen
Gesicht den allgemeinen Ausdruck mangelnder Frische und Zartheit gaben.
Seine Augen waren klein, grau, ungewöhnlich lebhaft, sogar stechend;
der Schnurrbart sehr dicht, aber nicht breit und abgebissen, das Kinn,
besonders die Kinnbacken, von einem außerordentlich starken, üppigen,
schwarzen, zwei Tage alten Barte bedeckt. Der Offizier war am 10. Mai
durch einen Bombensplitter am Kopfe verwundet worden und trug ihn
noch immer verbunden. Jetzt, da er sich seit acht Tagen vollständig
gesund fühlte, fuhr er aus dem Lazarett von Ssimferopol nach seinem
Regiment, das dort irgendwo lag, woher die Schüsse kamen; ob in
Sewastopol selbst, oder auf der Nordseite, hatte er noch von niemand
genau erfahren können. Die Schüsse hörte man, besonders wenn keine
Berge dazwischen lagen und der Wind sie weitertrug, außerordentlich
deutlich, häufig und, wie es schien, nahe: bald erschütterte eine
Explosion die Luft und machte ihn unwillkürlich erzittern, bald folgten
aufeinander schwächere Töne, wie Trommelschlag, der bisweilen durch
ein erschütterndes Getöse unterbrochen wird; bald verschmolz alles in
ein rollendes Krachen, Donnerschlägen ähnlich, wenn das Gewitter am
stärksten ist und sich der Platzregen ergießt. Alle sprachen von einem
fürchterlichen Bombardement, das auch wirklich hörbar war. Der Offizier
trieb den Burschen an, er wollte, wie es schien, so schnell als möglich
an Ort und Stelle sein. Ein langer Wagenzug, den Bauern führten, die
Proviant nach Sewastopol geschafft hatten, kam ihm entgegen; die Wagen
kehrten jetzt von dort zurück und waren von kranken und verwundeten
Soldaten in grauen Mänteln, Matrosen in schwarzen Überröcken,
Freiwilligen in rotem Fez und bärtigen Landwehrleuten angefüllt. Das
Offiziersfuhrwerk mußte in einer dicken, unbeweglichen, durch den
Wagenzug aufgewirbelten Staubwolke halten, und der Offizier blinzelte
und verzog das Gesicht von dem Staub, der ihm in Augen und Mund
eindrang, und betrachtete die Gesichter der an ihm vorüberziehenden
Kranken und Verwundeten.

Ah, das ist ein kranker Soldat unserer Kompagnie, rief der Bursche zu
seinem Herrn gewandt und zeigte auf ein mit Verwundeten angefülltes
Fuhrwerk, das eben ganz nahe herangekommen war.

Vorn auf dem Fuhrwerk saß seitwärts ein echtrussischer Breitbart in
einem Filzhut und band die Peitsche zusammen, deren Stiel er im
Arme hielt. Hinter ihm im Wagen wurden fünf Mann, in verschiedenen
Stellungen, tüchtig gerüttelt. Der eine, mit verbundenem Arm, in Hemd
und umgeworfenem Mantel, saß, obwohl blaß und mager, doch gefaßt in
der Mitte des Bauernwagens und wollte, als er den Offizier sah, nach
der Mütze greifen; aber er erinnerte sich wohl, daß er verwundet war
und that, als ob er sich nur den Kopf kratzen wollte. Ein anderer lag
neben ihm auf dem Boden des Fuhrwerks: man sah nur seine beiden Hände,
mit denen er sich an den Wagenrändern festhielt, und die in die Höhe
gestreckten Knie, die wie Lindenbast nach allen Seiten schwankten. Ein
dritter, mit geschwollenem Gesicht und verbundenem Kopfe, auf dem eine
Soldatenmütze in die Höhe ragte, saß an der Seite, die Beine hielt er
baumelnd nach außen; er schien, die Ellbogen auf die Knie gestützt, zu
schlummern. An diesen wandte sich der ankommende Offizier.

Dolshnikow! schrie er.

Ich -- o! antwortete der Soldat, indem er die Augen öffnete und die
Mütze abnahm, mit einem so tiefen und lauten Baß, als wenn zwanzig Mann
Soldaten zusammen schrien.

Wann bist du verwundet worden, Brüderchen?

Die bleiernen, verschwommenen Augen des Soldaten belebten sich: er
erkannte augenscheinlich seinen Offizier wieder.

Wir wünschen Euer Wohlgeboren Gesundheit! sagte er in demselben
schwerfälligen Baß.

Wo steht jetzt das Regiment?

Hat in Sewastopol gestanden, wollte am Mittwoch abmarschieren, Euer
Wohlgeboren.

Wohin?

Unbekannt ... jedenfalls nach der Nordseite, Euer Wohlgeboren!
Jetzt, Euer Wohlgeboren, fügte er mit gedehnter Stimme und die Mütze
aufsetzend hinzu, hat er bereits überall zu feuern angefangen, am
meisten aus Bomben, sogar die Bucht beschießt er; jetzt trifft er so,
daß es ein wahres Unglück ist, sogar ...

Was der Soldat weiter sprach, war nicht zu hören, aber aus dem
Ausdrucke seines Gesichts und aus seiner Haltung war ersichtlich, daß
er mit der einem leidenden Menschen eigenen Gereiztheit trostlose Dinge
erzählte.

Der reisende Offizier, Leutnant Koselzow, war kein Dutzend-Offizier. Er
gehörte nicht zu denen, die so leben und so handeln, weil die anderen
so leben und so handeln: er that alles, wozu er Lust hatte, und die
anderen thaten dasselbe, und waren überzeugt, daß es gut war. Er war
von Natur reich ausgestattet mit kleinen Gaben: er sang schön, er
spielte die Guitarre, er sprach sehr lebhaft, er schrieb sehr leicht,
besonders amtliche Schriftstücke, in deren Abfassung er sich eine große
Leichtigkeit angeeignet hatte, als er Bataillons-Adjutant war; vor
allem aber war sein Wesen bemerkenswert durch eine ichsüchtige Energie,
die, obgleich sie vor allem auf dieser kleinen Begabung beruhte, an
sich ein entscheidender und überraschender Charakterzug war. Er besaß
einen Ehrgeiz, der in so hohem Grade mit dem Leben in eins verschmolzen
war und der sich am häufigsten in Kreisen von Männern, besonders von
Militärs, entwickelt, daß er etwas anderes, als der erste zu sein oder
nichts zu sein, gar nicht verstand, und daß sein Ehrgeiz auch der Hebel
seiner inneren Triebe war: er in eigener Person war gern der erste
unter den Menschen, die er sich gleichstellte.

Wie? ich werde mich gerade um das kümmern, was *Moskau*[D] schwatzt!
... brummte er, und er empfand einen gewissen Druck von Apathie auf
dem Herzen und Verschwommenheit im Denken; der Anblick der Verwundeten
und die Worte des Soldaten, deren Bedeutung durch die Töne des
Bombardement verstärkt und bestätigt wurde, hatten diese Gefühle in ihm
zurückgelassen. *Dies Moskau ist lächerlich!* ... Vorwärts, Nikolajew!
Rühr' dich ... Was, du bist eingeschlafen? ... fuhr er den Burschen an,
indem er die Schöße seines Mantels in Ordnung brachte.

 [D] In vielen Linienregimentern nennen die Offiziere halb verächtlich,
 halb schmeichelhaft die Soldaten »Moskau« oder auch »Eid«.

Nikolajew zog die Zügel an, schnalzte mit der Zunge, und das Fuhrwerk
rollte im Trabe weiter.

Nur einen Augenblick füttern -- und sogleich, heute noch, weiter, sagte
der Offizier.


II

Als Leutnant Koselzow bereits in eine Straße von Duwanka eingebogen
war, an deren Seiten die Trümmerhaufen der steinernen Mauern von
Tartarenhäusern standen, wurde er durch einen Wagenzug mit Bomben
und Kanonenkugeln, der nach Sewastopol ging und sich auf dem Wege
zusammendrängte, aufgehalten.

Zwei Infanteristen saßen im dichtesten Staube auf den Steinen eines
zertrümmerten Zaunes am Wege und aßen eine Wassermelone und Brot.

Weit her, Landsmann? sagte der eine von ihnen, während er sein Brot
kaute, zu einem Soldaten, der mit einem kleinen Sack auf dem Rücken bei
ihnen stehen geblieben war.

Wir gehen zur Kompagnie, kommen aus dem Gouvernement, antwortete
der Soldat, indem er von der Wassermelone fortsah und den Sack auf
seinem Rücken zurechtschob. Wir waren dort drei Wochen bei dem Heu der
Kompagnie, aber jetzt, siehst du, hat man alle wieder zurückberufen;
es ist uns aber unbekannt, wo das Regiment gegenwärtig steht. Es
heißt, die Unsrigen sind in vergangener Woche nach der Korabelnaja
abmarschiert. Haben Sie nichts gehört, meine Herren?

In der Stadt, Brüderchen, steht es, in der Stadt! sprach der andere,
ein alter Trainsoldat, der mit einem Taschenmesser in der unreifen,
weißlichen Wassermelone wühlte. Wir sind erst seit Mittag von dort
fort. Es ist wirklich schrecklich, mein Brüderchen!

Weshalb denn, meine Herren?

Hörst du denn nicht, wie *er* jetzt ringsumher feuert? Es giebt keinen
unversehrten Platz. Wieviel er von unsern Leuten getötet hat -- das
läßt sich gar nicht sagen.

Und der Sprechende machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und
setzte sich die Mütze zurecht.

Der wandernde Soldat schüttelte nachdenklich den Kopf, schnalzte mit
der Zunge, nahm dann aus dem Stiefelschaft eine Pfeife, stocherte, ohne
sie frisch zu stopfen, den angebrannten Tabak in ihr auf, zündete ein
Stück Feuerschwamm bei einem rauchenden Soldaten an und lüftete die
Mütze.

Niemand wie Gott, meine Herren! Bitte um Verzeihung! sagte er und ging,
den Sack auf dem Rücken, weiter.

Ei, thätest besser zu warten! rief zuredend der Soldat, der in der
Melone stocherte.

Alles eins! brummte der Wanderer, indem er sich zwischen den Rädern
der zusammengedrängten Fuhrwerke hindurchwand.


III

Die Station war voll von Menschen, als Koselzow sie erreichte. Die
erste Person, die ihm schon auf der Außentreppe begegnete, war
ein magerer, sehr junger Mensch, der Vorsteher, der sich mit zwei
nachfolgenden Offizieren stritt.

Nicht dreimal vierundzwanzig Stunden, sondern zehnmal vierundzwanzig
Stunden werden Sie warten müssen! ... Auch Generale warten, mein
Lieber! rief der Vorsteher. Ich werde mich für Sie nicht einspannen
lassen.

Niemand kann Pferde bekommen, wenn es keine giebt! ... Aber weshalb
hat der Bediente da welche bekommen? schrie der ältere von den beiden
Offizieren, der mit einem Glas Thee in der Hand dastand; er vermied
absichtlich das Fürwort und wollte damit andeuten, daß man zum
Vorsteher ohne weiteres auch *du* sagen könnte.

Sie werden doch selber einsehen, Herr Vorsteher, entgegnete stockend
der andere, jüngere Offizier, daß wir nicht zu unserm eigenen Vergnügen
reisen. Wir sind ja doch jedenfalls notwendig, da man nach uns verlangt
hat. Sonst werde ich es wahrhaftig dem General sagen. Was ist denn das
eigentlich? ... Sie achten den Offiziersstand nicht.

Sie verderben immer alles! unterbrach ihn unwillig der ältere: Sie
hindern mich nur; man muß mit ihm zu reden verstehen. Er hat alle
Achtung vor uns verloren ... Pferde, diesen Augenblick, sag' ich.

Würde sie gern geben, Väterchen, aber woher nehmen? ...

Der Vorsteher schwieg eine Weile, dann begann er sich plötzlich zu
ereifern und sprach, mit den Händen fuchtelnd:

Ich selbst, Väterchen, verstehe das und weiß alles, aber was will man
thun? Lassen Sie mich nur ... (auf den Gesichtern der Offiziere malte
sich Hoffnung) lassen Sie mich nur das Ende des Monats abwarten, dann
werde ich nicht mehr hier sein. Lieber will ich auf den Malachow-Hügel
gehen, als hier bleiben, bei Gott! Mögen Sie machen, was Sie wollen.
Auf der ganzen Station giebt es jetzt kein einziges festes Fuhrwerk,
und ein Büschel Heu haben die Pferde schon seit drei Tagen nicht
gesehen.

Und der Vorsteher verschwand durch die Hausthür.

Koselzow ging mit den Offizieren ins Zimmer.

Was ist da weiter, sagte vollständig ruhig der ältere Offizier zum
jüngeren, obgleich er eine Minute vorher wütend gewesen war, drei
Monate sind wir schon unterwegs, -- warten wir noch. 's ist kein
Unglück, wir kommen schon noch zurecht.

Das verräucherte, schmutzige Zimmer war so voll von Offizieren und
Koffern, daß Koselzow nur mit Mühe einen Platz am Fenster fand, wo er
sich niedersetzte; er betrachtete die Gesichter, hörte die Gespräche an
und begann sich eine Cigarette zu drehen.

Rechts von der Thür, um einen schiefen, schmutzigen Tisch, auf dem
zwei kupferne Ssamoware standen, die hie und da schon grün geworden
waren, und Zucker in verschiedenen Papieren lag, saß die Hauptgruppe:
ein junger, bartloser Offizier in einem neuen gesteppten Rock aus
buntem Baumwollenzeug; vier gleichfalls junge Offiziere befanden sich
in verschiedenen Ecken des Zimmers: der eine schlief, mit einem Pelz
unter dem Kopf, auf dem Sofa; ein anderer stand am Tisch und schnitt
Hammelbraten für einen an dem Tische sitzenden Offizier, dem ein Arm
fehlte. Zwei Offiziere, der eine im Adjutantenmantel, der andere
mit einem Infanteriemantel, der aber sehr fein war, und mit einer
Tasche über der Schulter, saßen in der Nähe der Ofenbank; und schon
daran, wie sie die anderen ansahen, und wie der mit der Tasche seine
Cigaretten rauchte, konnte man sehen, daß sie nicht Offiziere von der
Linien-Infanterie waren, und daß dies ihnen Selbstbewußtsein gab. Nicht
etwa, als ob in ihren Manieren Geringschätzung gelegen hätte, wohl
aber eine gewisse selbstzufriedene Sicherheit, die sich zum Teil auf
ihr Geld, zum Teil auf ihre nahen Beziehungen zu dem General stützten
-- ein Bewußtsein der Vornehmheit, das sogar bis zu dem Wunsche ging,
sie zu verbergen. Ein noch junger Arzt, mit dicken Lippen, und ein
Artillerist mit deutscher Physiognomie saßen fast auf den Beinen des
auf dem Sofa schlafenden jungen Offiziers. Von den Offiziersburschen
schlummerten die einen, während die anderen mit Koffern und Bündeln an
der Thür hantierten. Koselzow fand unter allen Gesichtern kein einziges
bekanntes; aber er begann neugierig den Gesprächen zu lauschen. Die
jungen Offiziere, die, wie er auf den ersten Blick erkannte, soeben
erst von der Kriegsschule gekommen waren, gefielen ihm, und, was die
Hauptsache war, sie erinnerten ihn daran, daß sein Bruder ebenfalls in
diesen Tagen aus der Kriegsschule nach einer der Batterien Sewastopols
kommen sollte. An dem Offizier aber mit der Tasche, dessen Gesicht er
irgendwo gesehen hatten, erschien ihm alles widerwärtig und frech.
Er ging sogar mit dem Gedanken, ihm heimzuleuchten, wenn ihm etwa
einfallen sollte, ein Wort zu sagen, von dem Fenster zur Ofenbank und
setzte sich dorthin. Als reiner Liniensoldat und guter Offizier hatte
er überhaupt die »Stabsleute« nicht gern, und als solche hatte er auf
den ersten Blick diese beiden Offiziere anerkannt.


IV

Das ist aber schrecklich ärgerlich! sagte einer der jungen Offiziere,
schon so nahe, und nicht hinkommen können. Vielleicht giebt's heute
etwas, und wir sind nicht dabei.

Aus der kreischenden Stimme und den roten Flecken, die das Gesicht des
Offiziers belebten, während er das sagte, sprach die liebenswürdige,
jugendliche Schüchternheit eines Menschen, der beständig in der Furcht
ist, es könnte ihm ein Wort mißglücken.

Der Offizier ohne Arm sah ihn lächelnd an.

Sie werden schon noch zur rechten Zeit hinkommen, glauben Sie nur,
sagte er.

Der junge Offizier sah dem Kameraden ohne Arm mit Achtung in das
abgemagerte Gesicht, in dem plötzlich ein Lächeln aufleuchtete,
verstummte und beschäftigte sich wieder mit dem Thee. In der That
sprach aus den Zügen des Offiziers ohne Arm, aus seiner Haltung und
besonders aus seinem leeren Ärmel jener ruhige Gleichmut, den man so
erklären kann, als ob er bei jeder Handlung, die er mit ansah, oder bei
jedem Gespräch, das er anhörte, sagte: »Das ist alles schön, das weiß
ich alles, ich kann auch all das thun, wenn ich nur wollte.«

Wie machen wir's also, sagte jetzt der junge Offizier zu seinem
Kameraden im baumwollenen Rock: wollen wir hier übernachten oder mit
unserm eigenen Pferde fahren?

Der Kamerad wollte nicht fahren.

Sie können sich vorstellen, Kapitän, fuhr er fort, nachdem er Thee
eingegossen; dabei wandte er sich zu dem Offizier ohne Arm und hob das
Messer auf, das dieser hatte fallen lassen, man hat uns gesagt, daß
die Pferde in Sewastopol sehr teuer sind, -- daher haben wir beide
gemeinsam ein Pferd in Ssimferopol gekauft.

Man wird Sie wohl gehörig gerupft haben?

Ich weiß wirklich nicht, Kapitän; wir haben für Pferd und Fuhrwerk
neunzig Rubel bezahlt. Ist das sehr teuer? fuhr er fort, zu allen und
zu Koselzow, der ihn ansah, gewandt.

Nicht teuer, wenn das Pferd jung ist, sagte Koselzow.

Nicht wahr? ... Und uns hat man gesagt, daß es teuer ist. Nur lahmt es
ein wenig, das wird aber vorübergehen. Man hat uns gesagt, es ist recht
stark.

Aus welcher Kriegsschule sind Sie? fragte Koselzow, der sich nach
seinem Bruder erkundigen wollte.

Wir kommen jetzt aus dem adligen Regiment; wir sind unser sechs und
gehen alle auf unsern eigenen Wunsch nach Sewastopol, antwortete der
redselige junge Offizier; nur wissen wir nicht, wo unsere Batterien
stehen: die einen sagen in Sewastopol, und andere meinen in Odessa.

Und konnten Sie's denn in Ssimferopol nicht erfahren? fragte Koselzow
weiter.

Man weiß es nicht ... Können Sie sich vorstellen, mein Kamerad ist in
die Kanzlei gegangen: Grobheiten hat man ihm da gesagt ... Sie können
sich denken, wie unangenehm uns das war! ... Ist Ihnen eine fertige
Cigarette gefällig? fragte er zugleich den Offizier ohne Arm, der seine
Cigarettentasche hervorholen wollte.

Er war ihm mit einem gewissen leidenschaftlichen Entzücken gefällig.

Und Sie sind auch aus Sewastopol? fuhr er fort. Ach, mein Gott, wie
erstaunlich! Wie oft haben wir alle, in Petersburg, an Sie, an all die
Helden gedacht! rief er, mit Achtung und treuherziger Schmeichelei zu
Koselzow gewandt.

Wenn Sie nun aber zurückreisen müßten? fragte der Leutnant.

Sehen Sie, das fürchten wir auch. Können Sie sich vorstellen,
nachdem wir das Pferd gekauft und uns mit dem Notwendigen -- einer
Spiritus-Kaffeemaschine und noch verschiedenen Kleinigkeiten versehen
haben, ist uns gar kein Geld übrig geblieben, sagte er mit leiser
Stimme und nach seinen Kameraden sich umsehend: wenn wir zurückreisen
müßten, wissen wir nicht, was wir thun sollen.

Haben Sie denn keine Reisegelder erhalten? fragte Koselzow.

Nein, antwortete er flüsternd, man hat uns nur versprochen, daß wir sie
hier bekommen.

Und haben Sie eine Bescheinigung?

Ich weiß, die Hauptsache ist eine Bescheinigung; aber in Moskau hat mir
ein Senator, mein Onkel, gesagt, als ich bei ihm war, man würde es uns
hier geben; sonst hätte er selbst es mir gegeben ... So wird man es uns
hier geben?

Ganz bestimmt.

Auch ich glaube, wir werden es hier erhalten, sagte er in einem Tone,
der bewies, daß er jetzt, wo er auf dreißig Stationen ein und dasselbe
gefragt und überall eine andere Antwort erhalten hatte, niemandem mehr
recht glaubte.


V

Wer hat die Kohlsuppe verlangt? rief die ziemlich schmutzige Wirtin,
ein dickes Weib von etwa vierzig Jahren, die mit einer Schüssel Suppe
ins Zimmer trat.

Das Gespräch verstummte im Augenblick, und alle Anwesenden hefteten
ihre Blicke auf die Schenkwirtin. Einer der Offiziere blinzelte sogar,
mit einem Blick nach ihr, einem Kameraden zu.

Ach, Koselzow hat sie verlangt! antwortete der junge Offizier: man muß
ihn wecken. Steh auf, um zu essen! rief er, ging zu dem auf dem Sofa
Schlafenden und rüttelte ihn an der Schulter.

Ein junger Mensch von siebzehn Jahren, mit muntern schwarzen Augen und
roten Wangen, sprang vom Sofa auf und blieb, sich die Augen reibend,
mitten im Zimmer stehen.

Ach, entschuldigen Sie gefälligst, sagte er zum Doktor, den er beim
Aufstehen angestoßen hatte.

Leutnant Koselzow hatte sogleich seinen Bruder erkannt und ging auf ihn
zu.

Erkennst du mich nicht? fragte er lächelnd.

Ah--ah--ah! rief der jüngere Bruder, das ist ja wunderbar! und küßte
den Bruder.

Sie küßten sich dreimal, beim dritten Male aber stockten sie, als wäre
beiden der Gedanke gekommen: warum muß es durchaus dreimal sein?

Wie freue ich mich! sagte der ältere, indem er den Bruder betrachtete.
Gehen wir auf die Außentreppe, -- um uns auszusprechen.

Gehen wir, gehen wir. Ich will keine Suppe ... Iß du sie, Federson!
sagte er zu einem Kameraden.

Du wolltest ja doch essen?

Ich will nichts.

Auf der Außentreppe fragte der jüngere den älteren immer wieder: »Sag',
wie geht's, wie steht's? Erzähle,« und wiederholte unaufhörlich, wie er
sich freue, ihn wiederzusehen, erzählte aber selbst nichts.

Nach fünf Minuten, in denen sie beide geschwiegen hatten, fragte der
ältere Bruder den jüngeren, weshalb er nicht bei der Garde eingetreten
wäre, wie dies alle erwartet haben.

Ich wollte schnell nach Sewastopol kommen: geht es hier gut, so kann
man noch besser vorwärts kommen, als bei der Garde, da kann man zehn
Jahre auf den Hauptmann warten; hier aber hat's Totleben in zwei Jahren
vom Oberstleutnant zum General gebracht. Nun, und falle ich auch, was
ist da weiter ...

Ei, wie du bist, meinte der Bruder lächelnd.

Aber hauptsächlich, weißt du, Bruder, fuhr der Jüngere lächelnd und
errötend fort, als hätte er etwas sehr Verschämtes zu sagen: das ist
alles Unsinn; hauptsächlich habe ich deshalb drum gebeten, weil man
sich doch schämt, in Petersburg zu leben, wenn hier die Menschen fürs
Vaterland sterben. Und dann, es verlangte mich auch, mit dir zusammen
zu sein, fügte er noch schüchterner hinzu.

Wie komisch du bist! rief der ältere Bruder, indem er seine
Cigarrentasche hervorholte, ohne ihn anzusehen. Es ist nur schade, daß
wir nicht zusammen sein werden.

Aber sage mir die Wahrheit, ist es so schrecklich auf den Bastionen?
fragte plötzlich der Jüngere.

Anfangs ist's schrecklich, dann gewöhnt man sich daran, und es ist
weiter nichts. Du wirst selber sehen.

Aber sag' mir noch das Eine: was glaubst du, wird man Sewastopol
nehmen? Ich glaube, es wird niemals genommen.

Gott weiß.

Nur das Eine ist ärgerlich ... Stelle dir vor, welches Unglück ich
gehabt habe: unterwegs ist uns ein ganzes Bündel gestohlen worden,
darin war auch mein Tschako, so daß ich jetzt in einer fatalen Lage bin
und nicht weiß, wie ich mich melden soll.

Koselzow der Zweite, Wladimir, war seinem Bruder Michail sehr ähnlich,
aber die Ähnlichkeit war die einer blühenden Rose mit einer abgeblühten
Heckenrose. Er hatte auch blondes Haar, aber es war dicht und an den
Schläfen gelockt. Auf seinem weißen zarten Nacken hatte er ein blondes
Zöpfchen -- ein Zeichen des Glücks, wie die Ammen sagen. Auf seiner
zarten weißen Gesichtsfarbe lag nicht immer, sondern loderte nur von
Zeit zu Zeit ein vollblütiges jugendliches Rot auf, das jede Regung der
Seele verriet. Er hatte dieselben Augen wie sein Bruder, aber seine
waren offener und heller, und das kam hauptsächlich daher, weil sie
häufig von einer leichten Feuchtigkeit bedeckt waren. Ein blonder Flaum
sproßte auf den Wangen und über den roten Lippen, die sich sehr häufig
zu einem schüchternen Lächeln falteten und die weißen glänzenden Zähne
sehen ließen. Wie er so in seiner hohen Gestalt mit seinem breiten
Rücken, in dem offenen Mantel, unter dem ein rotes Hemd mit einem
schrägen Kragen hervorschimmerte, mit der Cigarette in der Hand an das
Geländer der Treppe gelehnt, mit der naiven Freude in den Zügen und im
Gebaren, vor seinem Bruder stand, war er ein so angenehmer, hübscher
junger Mann, daß man ihn immer hätte anschauen mögen. Er freute sich
außerordentlich mit dem Bruder, betrachtete ihn mit Achtung und Stolz
und sah in ihm einen Helden; aber in mancher Beziehung, z. B. in
Hinsicht der weltlichen Bildung, des Französischsprechens, des Verkehrs
mit gesellschaftlich hochstehenden Leuten, des Tanzens u. s. w. schämte
er sich ein wenig für ihn, sah von oben auf ihn herab und hatte sogar
die Hoffnung, ihn womöglich fortzubilden. Alle seine Eindrücke waren
noch petersburgisch, sie stammten aus dem Hause einer Dame, die hübsche
junge Leute gern hatte und ihn an den Feiertagen zu sich zu laden
pflegte, und aus dem Hause eines Senators in Moskau, wo er einmal auf
einem großen Balle getanzt hatte.


VI

Die Brüder hatten sich nahezu ausgeplaudert und waren endlich bei dem
Gefühl angelangt, das man oft empfindet, wenn man wenig Gemeinsames
hat, obwohl man einander liebt; sie schwiegen nun ziemlich lange.

So nimm deine Sachen, wir wollen sogleich fortfahren, entgegnete der
Ältere.

Der Jüngere errötete plötzlich und schwieg.

Direkt nach Sewastopol fahren? fragte er nach einem minutenlangen
Schweigen.

Nun ja. Du hast ja nicht viel Sachen, ich glaube, wir können sie
unterbringen.

Schön! ... Wir wollen sogleich fahren, rief der Jüngere mit einem
Seufzer und wandte sich nach dem Zimmer.

Aber ohne die Thür zu öffnen, blieb er auf dem Flur stehen, ließ
traurig den Kopf hängen und dachte:

»Sogleich direkt nach Sewastopol, unter die Bomben; schrecklich! Aber
gleichviel, einmal muß es doch geschehen. Jetzt geschieht's wenigstens
mit dem Bruder zusammen ...«

Die Sache war die. Jetzt erst, bei dem Gedanken, daß er das Fuhrwerk
bestieg, um es nie wieder zu verlassen, ehe er in Sewastopol ankomme,
und daß kein Zufall ihn jetzt noch zurückhalten könne, stand die
Gefahr, die er gesucht hatte, deutlich vor seiner Seele, und er
war betrübt bei dem bloßen Gedanken an ihre Nähe. Als er sich ein
wenig beruhigt hatte, ging er in das Zimmer; aber es war schon eine
Viertelstunde vergangen, und er kam noch immer nicht zu dem Bruder
heraus, so daß dieser endlich die Thür öffnete, um ihn zu rufen. Der
jüngere Koselzow sprach in der Stellung eines Schülers, der etwas
verschuldet hat, mit dem Offizier P. Als der Bruder die Thür öffnete,
verlor er vollständig die Fassung.

Ich komme, ich komme gleich! begann er und wehrte den Bruder mit der
Hand ab, erwarte mich dort drin.

Eine Minute später kam er wirklich heraus und trat mit einem tiefen
Seufzer auf seinen Bruder zu.

Denke dir, ich kann nicht mit dir fahren, Bruder, sagte er.

Wie? ... Was ist das für Unsinn!

Ich will dir die ganze Wahrheit sagen, Mischa ... Von uns hat keiner
mehr Geld, und wir alle sind in der Schuld bei dem Stabskapitän, den du
da gesehen hast. Ich schäme mich schrecklich!

Der ältere Bruder runzelte die Stirn und brach lange Zeit das Schweigen
nicht.

Bist du viel schuldig? fragte er und sah von unten herauf den Bruder an.

Ja, viel ... Nein, nicht sehr viel; aber ich schäme mich schrecklich.
Auf drei Stationen hat er für mich bezahlt. Sein ganzer Zucker ist
drauf gegangen, so daß ich nicht weiß ... Auch Préférence haben wir
gespielt -- ich blieb ihm etwas schuldig ...

Das ist häßlich, Wolodja! Was hättest du denn angefangen, wenn du mich
nicht getroffen hättest? sagte streng der ältere Bruder, ohne den
jüngeren anzusehen.

Ich glaubte, Bruder, ich würde in Sewastopol das Zehrgeld bekommen.
Dann hätte ich es ihm wiedergegeben. Das kann man doch machen? ... So
ist's besser, ich komme morgen mit ihm nach.

Der ältere Bruder zog seinen Geldbeutel und nahm mit zitternden Fingern
zwei Zehnrubel- und einen Dreirubelschein heraus.

Das ist mein Geld! sagte er, wieviel bist du schuldig?

Wenn Koselzow sagte, dies sei all sein Geld, sprach er nicht die volle
Wahrheit: er hatte noch vier Goldstücke, die er für alle Fälle in
seinem Ärmelaufschlag eingenäht hatte, er hatte sich aber das Wort
gegeben, sie nicht anzurühren.

Es zeigte sich, daß Koselzow vom Préférence und für den Zucker im
ganzen acht Rubel schuldig war. Der ältere Bruder gab sie ihm und
bemerkte nur, daß man, wenn man kein Geld habe, nicht noch Préférence
spielen dürfe.

Worauf hast du gespielt?

Der jüngere Bruder sagte kein Wort. Die Frage seines Bruders erschien
ihm wie ein Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit ... Der Ärger, den er
gegen sich selbst empfand, die Scham wegen einer Handlung, die seinem
Bruder, den er so liebte, solche Verdächtigungen und Beleidigungen
abringen konnten, riefen bei seiner eindrucksfähigen Natur ein so
schmerzliches Gefühl in ihm hervor, daß er nichts antwortete. Da er
empfand, daß er nicht imstande sein würde, die vor Thränen zitternden
Laute zu unterdrücken, die ihm die Kehle würgten, nahm er, ohne
hinzusehen, das Geld und ging zu den Kameraden.


VII

Nikolajew, der sich in Duwanka durch zwei Kannen Branntwein gestärkt
hatte, die er bei einem Soldaten auf der Brücke gekauft, führte die
Zügel, das Fuhrwerk holperte auf der steinigen, stellenweis schattigen
Straße dahin, die den Belbek entlang nach Sewastopol führte; die Brüder
stießen mit den Beinen aneinander, schwiegen aber hartnäckig, obwohl
sie beständig einer an den andern dachten.

»Warum hat er mich gekränkt? dachte der Jüngere, konnte er nicht
darüber hinweggehen, ohne ein Wort zu sprechen? Gerade als ob er
glaubte, ich sei ein Dieb, und auch jetzt noch scheint er böse zu
sein, so daß wir für immer auseinander sind. Und wie prächtig wäre es
für uns gewesen, zusammen in Sewastopol! Zwei Brüder, die sich innig
lieben, beide im Kampfe gegen den Feind: der eine, der Ältere, zwar
nicht übermäßig gebildet, aber ein tapferer Krieger, und der andere,
der Jüngere ... doch auch ein braver Soldat ... In der ersten Woche
hätte ich allen bewiesen, daß ich gar nicht mehr so sehr jung bin!
Ich werde dann nicht mehr erröten, in meinen Zügen wird Männlichkeit
liegen, und bis dahin wird mein Schnurrbart zwar nicht groß, aber
doch tüchtig gewachsen sein.« Und er zwickte an dem Flaum, der an
den Rändern seines Mundes sproßte. »Vielleicht komme ich heute hin
und sofort in das Gefecht zusammen mit dem Bruder. Und er ist sicher
ausdauernd und höchst tapfer, so ein Mann, der nicht viel spricht,
aber mehr als die anderen thut. Ich möchte gern wissen -- fuhr er
fort -- ob er mich absichtlich oder unabsichtlich an den äußersten
Rand des Wagens drängt. Er fühlt doch gewiß, daß ich unbequem sitze,
und thut so, als ob er mich nicht bemerkte. Wir kommen also heute an
-- fuhr er in seinen Gedanken fort und drückte sich an den Rand des
Wagens; er scheute sich, sich zu rühren, um den Bruder nicht merken
zu lassen, daß er unbequem sitze -- und auf einmal schnurstracks auf
die Bastion: ich mit Geschützen, mein Bruder mit der Kompagnie, und
wir ziehen zusammen. Plötzlich stürzen sich die Franzosen auf uns.
Ich schieße: ich töte furchtbar viele; aber sie kommen gerade auf
mich losgestürzt. Da hilft kein Schießen mehr, ich bin rettungslos
verloren; plötzlich aber stürzt der Bruder hervor, mit dem Säbel in der
Hand, die Franzosen stürzen sich auf meinen Bruder. Ich renne hin und
töte einen Franzosen, noch einen, und rette den Bruder. Ich werde an
einem Arm verwundet. Ich fasse die Flinte mit der andern Hand und renne
vorwärts. Da wird mein Bruder neben mir von einer Kugel hingestreckt,
ich stehe einen Augenblick still, sehe ihn an, so traurig, dann fasse
ich mich und rufe: >Mir nach! Rache! ... Ich habe meinen Bruder über
alles in der Welt geliebt< -- sage ich -- >und ich habe ihn verloren.
Rächen wir ihn, vernichten wir den Feind oder bleiben wir alle auf
dem Platze!< Alle schreien und stürzen mir nach. Das ganze Heer der
Franzosen kommt heran. Pelissier selbst. Wir machen alle nieder; aber
am Ende werde ich zum zweiten Male verwundet, zum dritten Male, und
sinke tödlich getroffen zu Boden. Da kommen alle zu mir herangestürzt,
Gortschakow kommt heran und fragt, was ich will. Ich sage, ich will
nichts, ich wünsche nur, daß man mich neben meinen Bruder lege, daß
ich mit ihm sterben will. Man nimmt mich auf und legt mich neben den
blutbespritzten Leichnam meines Bruders. Ich richte mich auf und sage
nur: >O ja, -- ihr habt zwei Menschen, die ihr Vaterland wahrhaft
geliebt haben, nicht zu schätzen gewußt; nun sind sie beide gefallen;
Gott möge euch verzeihen!< -- und ich sterbe. Wer weiß, wie viele von
diesen Gedanken wahr werden!«

Sag', bist du schon einmal im Handgemenge gewesen? fragte er plötzlich
seinen Bruder; er hatte ganz vergessen, daß er nicht mit ihm sprechen
wollte.

Nein, kein einziges Mal, antwortete der Ältere. Von unserm Regiment
sind zweitausend Mann gefallen, und alle nur bei den Arbeiten, und
auch ich bin bei der Arbeit verwundet worden. Krieg wird ganz anders
geführt, als du glaubst, Wolodja!

Das Wort Wolodja rührte den jüngeren Bruder: er hatte den Wunsch, sich
mit seinem Bruder auseinanderzusetzen, der auch nicht im entferntesten
daran dachte, daß er Wolodja gekränkt hätte.

Du bist mir nicht böse, Mischa, sagte er nach einem langen Schweigen.

Weshalb?

Ich, ich meinte so ... von vorhin, so ... das ist gut.

Nicht im mindesten, antwortete der Ältere, wandte sich zu ihm und
klopfte ihm auf das Bein.

So vergieb mir, Mischa, wenn ich dich gekränkt habe.

Und der jüngere Bruder wandte sich ab, um die Thränen zu verbergen, die
ihm plötzlich in die Augen traten.


VIII

Ist dies schon Sewastopol? fragte der jüngere Bruder, als sie oben
angekommen waren.

Und vor ihnen lag die Bucht mit den Masten der Schiffe, das Meer
mit der entfernten feindlichen Flotte, die weißen Strandbatterien,
die Kasernen, Wasserleitungen, die Docks, die Gebäude der Stadt
und weißblaue Rauchwolken, die ununterbrochen auf den gelben Höhen
aufstiegen, die die Stadt umgaben; der Himmel war blau, und die Sonne,
deren Glanz sich im Westen abspiegelte, senkte sich mit rosafarbenen
Strahlen zum Horizont des dunklen Meeres nieder.

Wolodja sah ohne das geringste Schaudern diesen Ort der Schrecken,
an den er so viel gedacht hatte; er betrachtete vielmehr mit
ästhetischem Genuß und dem heroischen Gefühl des Selbstbewußtseins,
daß ja auch er in einer halben Stunde dort sein würde, dieses wahrhaft
reizvoll-originelle Schauspiel, und betrachtete es mit gespannter
Aufmerksamkeit bis zu dem Augenblick, wo sie auf die Nordseite zu dem
Train des Regiment seines Bruders gekommen waren; hier mußten sie genau
den Standort des Regiments und der Batterie erfahren.

Der Offizier, der den Train kommandierte, wohnte in der Nähe des
sogenannten neuen Städtchens -- hölzerner, durch Matrosenfamilien
errichteter Baracken -- in einem Zelt, das mit einer ziemlich großen,
aus grünen, noch nicht ganz vertrockneten Eichenzweigen errichteten
Hütte verbunden war.

Die Brüder trafen den Offizier vor einem schmutzigen Tische, auf dem
ein Glas kalten Thees, ein Brett mit Schnaps, mit Kaviarkörnchen
und Brotkrümel stand, bloß mit einem gelblich-schmutzigen Hemde
bekleidet; er zählte an einem großen Rechenbrett einen ungeheuren
Haufen Banknoten. Ehe wir aber von der Persönlichkeit des Offiziers
und seiner Unterhaltung etwas sagen, müssen wir uns genauer das
Innere seiner Hütte ansehen und uns ein wenig mit seiner Lebensweise
und seiner Beschäftigung bekannt machen. Die neue Hütte war so
groß, so dicht geflochten und so gut gebaut, mit Tischen und Bänken
versehen, die mit Rasen bedeckt waren, wie man sie nur für Generale
und Regimentskommandeure macht; die Seitenwände und die Decke waren,
damit die Blätter nicht herunterfallen, mit drei Teppichen behängt,
die zwar sehr häßlich, aber neu und jedenfalls teuer waren. Auf dem
eisernen Bett, das unter dem Hauptteppich stand, auf dem eine Reiterin
abgebildet war, lag eine hellrote Plüschdecke, ein schmutziges,
zerrissenes Kissen und ein Schuppenpelz. Auf dem Tisch stand ein
Spiegel in einem Silberrahmen; eine silberne, schrecklich schmutzige
Bürste, ein zerbrochener, mit öligen Haaren besetzter Hornkamm, ein
silberner Leuchter, eine Likörflasche mit einer riesigen goldenen
roten Marke, eine goldene Uhr mit dem Bilde Peters des Großen,
zwei goldene Federn, ein Körbchen mit Kapseln, eine Brotrinde, ein
auseinandergeworfenes altes Kartenspiel und unter dem Bett allerlei
leere und volle Flaschen. Dieser Offizier hatte den Train des Regiment
und die Verpflegung der Pferde unter sich. Mit ihm zusammen wohnte sein
Busenfreund, der Kommissionär, der sich mit den Geschäften befaßte.
Er schlief in dem Augenblick, wo die Brüder eintraten, in der Hütte,
der Train-Offizier aber zählte Kronsgelder, da das Ende des Monats
vor der Thür stand. Die Erscheinung des Train-Offiziers war sehr
schön und kriegerisch: eine hohe Gestalt, ein tüchtiger Schnauzbart,
adelige Stattlichkeit. Unangenehm war an ihm nur sein schweißiges,
aufgedunsenes Gesicht, das kaum die kleinen grauen Augen sehen ließ
(als ob es ganz mit Porter begossen wäre), und die außerordentliche
Unsauberkeit, von dem dünnen, öligen Haar bis zu den großen nackten
Füßen, die er in Hermelinpantoffeln trug.

Ist das Geld! Ist das Geld! sagte Koselzow _I._, als er in die Hütte
trat und mit unwillkürlicher Gier die Augen auf den Haufen Banknoten
richtete. Wenn Sie mir nur die Hälfte borgen wollten, Wassilij
Michajlytsch!

Der Train-Offizier machte beim Anblick der Gäste einen krummen Rücken
und grüßte sie, ohne aufzustehen, indem er das Geld zusammenstrich.

Ach, wenn das mein wäre! ... Es ist Kronsgeld, mein Lieber! Wen bringen
Sie mit? fragte er, indem er das Geld in eine neben ihm stehende
Schatulle legte und Wolodja ansah.

Das ist mein Bruder, er ist von der Kriegsschule hierher gekommen. Wir
wollten von Ihnen erfahren, wo das Regiment steht.

Setzen Sie sich, meine Herren, sagte er, erhob sich und ging, ohne den
Gästen Aufmerksamkeit zu schenken, ins Zelt. Wollen Sie nicht etwas
trinken? vielleicht Porter? fragte er im Zelt.

Kann nicht schaden, Wassilij Michajlytsch!

Wolodja war überrascht von der Würde des Train-Offiziers, seinem
ungezwungenen Wesen und von der Achtung, die sein Bruder ihm
entgegenbrachte.

»Das muß ein vortrefflicher Offizier sein, den alle hochschätzen:
gewiß einfach, aber gastfrei und tapfer,« dachte er und setzte sich
bescheiden und schüchtern auf das Sofa.

Wo steht denn unser Regiment? fragte von neuem der ältere Bruder.

Wie?

Er wiederholte die Frage.

Heut ist Seifer bei mir gewesen: er sagte, es ist auf die fünfte
Bastion gezogen.

Bestimmt?

Wenn ich es sage, ist es jedenfalls bestimmt; übrigens, der Teufel
weiß! es kommt ihm auf eine Lüge nicht an. Wie ist's, werden Sie Porter
trinken? sagte der Train-Offizier, immer aus dem Zelte heraus.

Ich trinke, sagte Koselzow.

Trinken Sie mit, Ossip Ignatjewitsch? fuhr die Stimme im Zelt fort,
jedenfalls zu dem schlafenden Kommissionär gewandt. Sie haben genug
geschlafen, -- es ist bald fünf Uhr.

Was lassen Sie mich nicht in Ruh! ... Ich schlafe nicht, antwortete
eine faule, dünne Stimme.

Nun, so stehen Sie auf! Ich langweile mich ohne Sie.

Und der Train-Offizier ging zu den Gästen.

Gieb von dem Porter von Ssimferopol! schrie er.

Der Bursche kam, wie es Wolodja schien, mit Stolz in die Hütte, holte
den Porter unter der Bank hervor, und stieß dabei Wolodja.

Die Flasche Porter war bereits ausgetrunken, und das Gespräch
dauerte noch in der früheren Weise fort, als die Vorhänge des Zeltes
auseinandergeschlagen wurden, und ein kleiner, frischer Mann in einem
blauen Schlafrock mit Quasten und in einer Dienstmütze mit rotem Rand
und Kokarde aus ihm hervortrat. Er drehte sich beim Eintreten seinen
kleinen schwarzen Schnurrbart und beantwortete, indem er immer nach
einem Punkt des Teppichs starrte, mit einer kaum bemerklichen Bewegung
der Schulter den Gruß der Offiziere.

Laßt mich auch ein Gläschen trinken! sagte er, indem er sich an den
Tisch setzte. Sie kommen wohl aus Petersburg, junger Mann? sagte er,
sich freundlich zu Wolodja wendend.

Ja, ich gehe nach Sewastopol.

Haben Sie selber darum gebeten?

Ja.

Ich begreife nicht, was Sie davon haben, meine Herren! fuhr der
Kommissionär fort. Ich würde jetzt, glaube ich, gern zu Fuß nach
Petersburg gehen, wenn man mich fortließe. Ich habe, bei Gott, dies
verfluchte Leben satt!

Was fehlt Ihnen hier? fragte der ältere Koselzow, sich zu ihm wendend:
wenn *Sie* hier kein gutes Leben führen!

Der Kommissionär sah ihn an und wandte sich ab.

Diese Gefahren, Entbehrungen, man kann nichts bekommen ... fuhr er
fort, zu Wolodja gewandt. Und was Sie davon haben, begreife ich
entschieden nicht, meine Herren! Wenn Sie noch irgend welche Vorteile
davon hätten, aber so! Ist es etwa gut, in Ihren Jahren, plötzlich fürs
ganze Leben zum Krüppel zu werden?

Der eine macht Geschäfte, der andere dient der Ehre halber ... mischte
sich im Tone des Unwillens der ältere Koselzow wieder ein.

Schöne Ehre, wenn man nichts zu essen hat, sagte der Kommissionär mit
verächtlichem Lachen, zu dem Train-Offizier gewandt, der auch darüber
lachte.

Stell' sie auf »Lucia«, wir hören zu, sagte er und zeigte auf eine
Spieldose. Ich höre sie gern.

Ist er ein guter Mensch, dieser Wassilij Michajlytsch? fragte Wolodja
seinen Bruder, als sie, bereits in der Dämmerung, die Hütte verließen
und nach Sewastopol weiter fuhren.

Es geht an, aber er ist ein schrecklicher Geizhals! Und diesen
Kommissionär kann ich nicht ausstehen ... Den prügele ich noch einmal
durch.


IX

Wolodja war zwar nicht in schlechter Stimmung, als er, bereits bei
Anbruch der Nacht, zu der großen, über die Bucht führenden Brücke kam,
fühlte aber eine gewisse Beklommenheit im Herzen. Alles, was er sah und
hörte, wich sehr ab von den früheren, eben erst verlassenen Eindrücken:
dem hellen, getäfelten Prüfungssaal, dem lustigen, harmlosen Lachen der
Kameraden, der neuen Uniform, dem geliebten Zaren, den er sieben Jahre
hindurch gesehen und der sie Kinder genannt, als er mit Thränen in den
Augen von ihnen Abschied nahm -- so wenig glich alles seinen schönen,
buntschillernden, hochherzigen Träumen.

Nun, sieh, wir sind an Ort und Stelle! sagte der ältere Bruder, als sie
zur Michajlow-Batterie kamen und aus dem Fuhrwerk stiegen. Wenn man uns
über die Brücke läßt, gehen wir sogleich in die Nikolajew-Kaserne. Dort
bleibst du bis morgen früh; und ich werde zum Regiment gehen, um zu
erfahren, wo deine Batterie steht; morgen werde ich dich abholen.

Warum denn? gehen wir lieber zusammen, meinte Wolodja. Ich werde mit
dir auf die Bastion gehen. Es ist ja jetzt ganz gleich: ich muß mich
daran gewöhnen. Wenn *du* gehst, kann ich es auch.

Besser ist es, du gehst nicht.

Aber ich bitte dich! So werde ich wenigstens kennen lernen, wie ...

Ich rate dir, geh nicht; aber willst du ...

Der Himmel war wolkenfrei und dunkel; die Sterne und die unaufhörlich
leuchtenden Feuer der Bomben und Schüsse glänzten hell in der
Finsternis. Das große, weiße Gebäude der Batterie und der Anfang der
Brücke traten aus der Dunkelheit hervor. Buchstäblich jede Sekunde
erschütterten einige Gewehrschüsse und Explosionen, entweder schnell
aufeinander folgend oder zusammen, lauter und deutlicher die Luft.
Diesem Getöse folgte, wie eine Begleitung, das dumpfe Brausen der
Bucht. Vom Meere her wehte ein schwacher Wind und trug Feuchtigkeit
daher. Die Brüder gingen an die Brücke. Ein Landwehrmann schlug
schwerfällig mit dem Gewehr auf und rief:

Wer da?

Soldat.

Ist verboten, durchzulassen.

Was? wir müssen ...

Fragen Sie den Offizier.

Der Offizier, der auf einem Ackerfeld sitzend geschlummert hatte, erhob
sich und befahl, sie durchzulassen.

Dorthin ist es erlaubt, aber nicht von dorther. Wo wollt ihr
hin? Alle auf einmal! schrie er den mit Schanzkörben beladenen
Regimentsfuhrwerken zu, die sich vor der Brücke zusammengedrängt hatten.

Die Brüder stiegen zum ersten Ponton nieder und stießen auf Soldaten,
die in lauter Unterhaltung von der anderen Seite her kamen.

Wenn er das Geld zur Ausrüstung bekommen hat, dann hat er nichts mehr
zu fordern.

Ach Brüderchen! sagte eine andere Stimme, wenn man auf die Nordseite
hinübergeht, da sieht man die Welt, bei Gott! Eine ganz andere Luft!

Schwatz' nur immer zu! ... sagte der erste, vor kurzem kam so eine
Verfluchte herübergeflogen; zwei Matrosen hat sie die Beine weggerissen
...

Die Brüder gingen über das erste Ponton und blieben, ihr Fuhrwerk
erwartend, auf dem zweiten stehen, das stellenweise bereits
überschwemmt war. Der Wind, der landeinwärts schwach erschien, war hier
sehr stark und reißend; die Brücke schaukelte, und die Wellen, die
mit Geräusch an die Balken schlugen und an den Ankern und Tauen sich
brachen, überschwemmten die Bretter des Pontons. Rechts rauschte und
dunkelte in verräterischen Nebel gehüllt die See und hob sich durch
einen schweren Streif von dem gestirnten lichtgrau strahlenden Horizont
ab; in der Ferne glänzten Lichter auf der feindlichen Flotte. Links
zeigten sich die schwarzen Maste eines unserer Schiffe, und man hörte
die Wellen an seinen Bord anschlagen. Ein Dampfer ward sichtbar, der
geräuschvoll und schnell von der Nordseite herankam. Das Feuer einer
in seiner Nähe platzenden Bombe erhellte auf einen Augenblick die auf
dem Verdeck hoch aufgeschichteten Schanzkörbe, die beiden Leute, die
oben standen, und den weißen Schaum und den Sprühregen der von dem
Dampfer durchschnittenen grünlichen Wellen. Am Rande der Brücke saß,
mit den Füßen im Wasser, ein Mann im bloßen Hemd und machte etwas auf
dem Ponton. Vor ihnen, über Sewastopol, ließ sich das frühere Feuer
hören, und immer lauter drangen von da schreckliche Töne herüber. Eine
hoch aufspritzende Welle ergoß sich über die rechte Brückenseite und
machte Wolodjas Füße naß; zwei Soldaten gingen, im Wasser watend, an
ihm vorbei. Plötzlich beleuchtete etwas unter Krachen die Brücke, das
vorn auf ihr fahrende Fuhrwerk und einen Reiter, und die Bombensplitter
fielen, mit Pfeifen Schaum aufwerfend, ins Wasser.

Ah, Michajlo Ssemjonytsch! sagte der Reiter, indem er sein Pferd
vor dem älteren Koselzow hielt: sind Sie schon vollständig wieder
hergestellt?

Wie Sie sehen. Wohin führt Sie Gott?

Auf die Nordseite, nach Patronen: ich vertrete ja jetzt den
Regimentsadjutanten ... Sturm erwarten wir von Stunde zu Stunde.

Und wo ist Marzow?

Gestern ist ihm ein Fuß fortgerissen worden ... Er schlief in der Stadt
im Zimmer ... Sie kennen ihn wohl?

Das Regiment steht auf der Fünften, nicht wahr?

Ja, es ist an Stelle des M.-Regimentes dorthin gekommen. Gehen Sie nach
dem Verbandort: dort finden Sie welche von uns, die werden Sie führen.

Nun, und mein Quartier auf der Seestraße, ist das unbeschädigt?

I, mein Lieber! Schon längst ganz von Bomben zertrümmert ... Sie
erkennen jetzt Sewastopol nicht mehr wieder: keine Seele von einem
Frauenzimmer, keinen Gastwirt, keine Musik giebt es mehr. Gestern ist
der letzte Ausschank fortgezogen. Jetzt ist es schrecklich öde ...
Leben Sie wohl!

Und der Offizier ritt im Trabe weiter.

Wolodja wurde plötzlich ganz trübselig zu Mut: es schien ihm immer, als
ob augenblicklich eine Kanonenkugel oder ein Bombensplitter geflogen
kommen und ihn gerade an den Kopf treffen müßte.

Dieser feuchte Nebel, alle diese Stimmen, besonders das grollende
Plätschern der Wellen, schienen ihm zu sagen, er solle nicht weiter
gehen, es harre seiner hier nichts Gutes, sein Fuß würde nie wieder den
Boden jenseits der Bucht betreten, er möchte auf der Stelle umkehren
und fliehen -- weit, weit von diesem furchtbaren Orte des Todes.
»Aber vielleicht ist es schon zu spät, vielleicht ist es schon so
beschlossen,« dachte er und erbebte, teils über diesen Gedanken, teils,
weil ihm das Wasser durch die Stiefel drang und seine Füße feucht
machte.

»Herr! werde ich wirklich fallen, -- gerade ich? Herr, erbarme dich
meiner!« murmelte er flüsternd und bekreuzte sich.

Nun, gehen wir, Wolodja! sagte der ältere Bruder, als ihr Fuhrwerk auf
die Brücke gekommen war. Hast du die Bombe gesehen?

Auf der Brücke begegneten den Brüdern Wagen mit Verwundeten, mit
Schanzkörben, und einer mit Möbeln, den eine Frau führte. Auf der
andern Seite der Bucht wurden sie von niemand zurückgehalten.

Die Brüder hielten sich instinktiv dicht an die Wand der
Nikolajew-Batterie und kamen, indem sie schweigend auf die Töne
der hier über ihren Köpfen platzenden Bomben und das Brausen der
niederfallenden Sprengstücke hörten, zu dem Platz der Batterie, wo
das Heiligenbild stand. Hier erfuhren sie, daß die fünfte leichte,
der Wolodja zugeteilt war, in der Korabelnaja stand, und beschlossen,
trotz der Gefahr, zum ältern Bruder auf die fünfte Bastion übernachten
zu gehen und von dort, am folgenden Tage, nach der Batterie. Sie bogen
in den Flur ein, schritten über die Beine schlafender Soldaten, die
längs der ganzen Batteriewand lagen, hinweg und kamen endlich zum
Verbandplatz.


X

Sie traten in das erste Zimmer, das voll von Pritschen war, auf denen
Verwundete lagen, und das von einem beklemmenden, widerwärtigen
Lazarettgeruch erfüllt war, und trafen zwei barmherzige Schwestern, die
ihnen entgegenkamen.

Die eine, eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, mit dunklen Augen und
strengen Gesichtszügen, trug Binden und Charpie, und erteilte einem
jungen Burschen, einem Feldscher, der hinter ihr ging, ihre Befehle;
die andere, ein sehr hübsches Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren, mit
einem zarten, blonden Gesichtchen, das außerordentlich reizvoll in
seiner Hilflosigkeit unter dem weißen Häubchen hervorsah, ging, die
Hände in den Schürzentaschen, neben der Alten und schien zu fürchten,
sie könnte hinter ihr zurückbleiben.

Koselzow wandte sich an sie mit der Frage, ob sie nicht wüßten, wo
Marzow liege, der gestern ein Bein verloren habe.

Er ist wohl vom P.-Regiment? fragte die Alte, ist er ein Verwandter von
Ihnen?

Nein, ein Kamerad.

Führen Sie die Herren, sagte sie zu der jungen Schwester französisch,
... hierherum, und sie ging selbst mit dem Feldscher auf den
Verwundeten zu.

Gehen wir nur ... was zauderst du? rief Koselzow zu Wolodja, der die
Augenbrauen mit einem Ausdruck des Schmerzes in die Höhe zog und nicht
die Kraft hatte, seinen Blick von den Verwundeten abzuwenden. Gehen wir
nur!

Wolodja ging mit dem Bruder, sah sich aber immer um und wiederholte
unbewußt:

Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!

Sie sind gewiß noch nicht lange hier? fragte die Schwester Koselzow,
indem sie auf Wolodja wies, der Ach! rufend und seufzend im
Zwischengange hinter ihnen schritt.

Er ist soeben erst angekommen.

Die hübsche Schwester sah Wolodja an und brach plötzlich in Thränen
aus. »Mein Gott, mein Gott! wann wird das alles ein Ende haben,« sagte
sie in verzweifelndem Tone. Sie kamen in den Krankensaal der Offiziere.
Marzow lag auf dem Rücken, die sehnigen, bis zu den Ellbogen entblößten
Arme über den Kopf lang ausgestreckt, in seinem gelben Gesicht malte
sich der Ausdruck eines Menschen, der die Zähne zusammenpreßt, um
vor Schmerz nicht zu schreien. Das gesunde Bein, mit einem Strumpfe
bekleidet, war unter der Decke hervorgestreckt, und man sah, wie er
krampfhaft die Zehen hin- und herbewegte.

Nun, wie geht es Ihnen? fragte die Schwester, indem sie mit ihren
dünnen zarten Fingern -- an dem einen bemerkte Wolodja einen Ring --
seinen etwas kahlen Kopf in die Höhe hob und das Kissen zurechtrückte.
Kameraden von Ihnen sind gekommen, Sie zu besuchen.

Natürlich habe ich Schmerzen! sagte er ärgerlich. Lassen Sie's nur,
so ist's gut! ... Die Zehen im Strumpfe bewegten sich noch schneller.
Guten Tag! Wie heißen Sie? Entschuldigen Sie, sprach er zu Koselzow
gewandt ... Ach, ja, Sie müssen verzeihen, -- hier vergißt man alles,
fuhr er fort, als dieser ihm seinen Namen gesagt hatte. Habe ich nicht
mit dir zusammen gewohnt? fügte er hinzu, indem er, ohne jeglichen
Ausdruck der Freude, Wolodja fragend ansah.

Das ist mein Bruder, er ist heute von Petersburg gekommen.

Hm! ... Ich habe mir die volle Pension verdient ... sagte er mit
gerunzelter Stirn. Ach, was für Schmerzen! ... Ja, es wäre am besten,
wenn's bald zu Ende wäre ...

Er zog die Beine in die Höhe, bewegte die Zehen mit vermehrter
Schnelligkeit hin und her und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Wir müssen ihn verlassen, sagte flüsternd die Schwester, mit Thränen in
den Augen, er befindet sich schon sehr schlecht.

Noch auf der Nordseite hatten die Brüder beschlossen, auf die fünfte
Bastion zu gehen; als sie aber die Nikolajew-Batterie verließen,
beschlossen sie, -- als ob sie sich verabredet hätten, sich keiner
unnützen Gefahr anzusetzen, ohne daß sie nur ein Wort miteinander
darüber gesprochen hatten, -- jeder einzeln zu gehen.

Aber ... wie wirst du dich zurechtfinden, Wolodja? sagte der Ältere.
Übrigens kann dich Nikolajew nach der Korabelnaja begleiten, ich werde
allein gehen und morgen bei dir sein.

Weiter wurde kein Wort gesprochen bei diesem letzten Abschied der
beiden Brüder.


XI

Der Kanonendonner dauerte mit der früheren Stärke fort, aber die
Katharinenstraße, durch die Wolodja mit dem ihm schweigend folgenden
Nikolajew ging, war still und öde. In der Dunkelheit sah er nur die
breite Straße, mit den weißen, an vielen Stellen zertrümmerten Mauern
großer Häuser, und das Steintrottoir, auf dem er ging; bisweilen
trafen sie Soldaten und Offiziere. Er ging auf der linken Seite der
Straße und sah bei dem Schein eines hellen Feuers, das hinter einer
Mauer brannte, die längs des Trottoirs gepflanzten Akazien mit ihren
grünen Pfählen und ihren verkümmerten, bestaubten Blättern. Deutlich
hörte er seine Schritte und die Nikolajews, der hinter ihm ging und
schwer atmete. Er dachte an nichts. Die hübsche Schwester, Marzows
Bein mit den beweglichen Zehen unter dem Strumpf, die Dunkelheit und
die mannigfachen Formen des Todes zogen traurig an seinem Geiste
vorüber. Seine ganze junge, eindrucksfähige Seele krampfte und preßte
sich zusammen unter dem Einflusse des Gefühls der Verlassenheit und
der allgemeinen Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal in der Gefahr!
»Ich kann getötet werden, Qualen erdulden, leiden, und niemand weint
um mich.« Und all das statt des thatenreichen und bewunderten Lebens
eines Helden, das er sich so herrlich ausgemalt hatte. Näher und näher
platzten und pfiffen die Bomben. Nikolajew seufzte noch häufiger,
ohne jedoch das Schweigen zu unterbrechen. Als er über die Brücke
ging, die nach der Korabelnaja führte, sah Wolodja, wie unweit von ihm
etwas pfeifend in die Bucht flog, auf eine Sekunde die blauen Wellen
purpurrot beleuchtete und dann mit Schaum wieder in die Höhe flog.

Sieh, sie ist nicht erstickt! ... rief heiser Nikolajew.

Ja, antwortete er ganz unwillkürlich und sich selbst unerwartet mit
dünner, piepsender Stimme.

Sie begegneten Tragbahren mit Verwundeten und wiederum Regimentswagen
mit Schanzkörben. Auf der Korabelnaja trafen sie ein Regiment, und
Reiter ritten vorüber. Einer von ihnen war ein Offizier in Begleitung
eines Kosaken. Er ritt im Trab, als er aber Wolodja bemerkte, hielt er
neben ihm, sah ihm ins Gesicht, wandte um, gab dem Pferde einen Schlag
und ritt davon. »Allein, allein; es ist allen ganz gleichgültig, ob ich
da bin oder nicht,« dachte der Jüngling und hatte ernstlich Lust zu
weinen.

Er schritt bergauf, an einer weißen Mauer vorüber, und kam in eine
Straße zerstörter, unaufhörlich von Bomben beleuchteter Häuschen. Da
stieß er auf ein betrunkenes, zerlumptes Weib, das mit einem Matrosen
aus einem Pförtchen herauskam.

Denn, w--w--wenn er ein Ehrenm--m--mann w--wäre, -- lallte sie --
_pardon_, Ew. Wohlgeboren, Herr Offizier!

Dem armen Jüngling ward das Herz immer mehr und mehr bedrückt; und
am schwarzen Horizont flammten immer häufiger Blitze auf, und immer
häufiger pfiffen und krachten Bomben in seiner Nähe. Nikolajew seufzte
auf und begann plötzlich, wie es Wolodja schien, mit bestürzter,
gepreßter Stimme:

Und da haben sie sich beeilt, das Gouvernement zu verlassen! Hierher,
nur hierher! ... Das verlohnt sich gerade!

Warum nicht, der Bruder ist ja jetzt wieder gesund, antwortete Wolodja,
in der Hoffnung, wenigstens durch ein Gespräch das schreckliche Gefühl,
das ihn beherrschte, zu verscheuchen.

Gesund ... Schöne Gesundheit, wenn er ganz und gar krank ist!? Auch wer
wirklich gesund ist, thäte am besten, in solcher Zeit im Lazarett zu
leben. Giebt's hier etwa viel Freude? Entweder wird einem das Bein oder
der Arm abgerissen -- das ist alles! Ein Unglück ist schnell geschehen!
Hier, in der Stadt, ist es noch nicht so wie auf der Bastion, dort geht
es wahrhaft schrecklich zu. Wenn man geht, thut man weiter nichts,
als beten. Sieh, die Bestie, wie sie an einem vorbeihuscht! fügte er
hinzu, und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen nahe vorbeisausenden
Bombensplitter. Jetzt hat man mir befohlen, fuhr Nikolajew fort, Ew.
Wohlgeboren zu führen. Wie's unsereinem geht, das weiß man ja: was
befohlen wird, muß man ausführen; da überläßt man dem ersten besten
Soldaten den Wagen, und das Bündel ist offen. Aber du geh, geh mit; und
was an Sachen verloren geht -- Nikolajew, steh dafür ein!

Noch einige Schritte weiter, und sie kamen auf einen Platz. Nikolajew
schwieg und seufzte.

Da steht Ihre Artillerie, Ew. Wohlgeboren! sagte er plötzlich, fragen
Sie den Posten, er wird Ihnen den Weg zeigen.

Als Wolodja einige Schritte weiter gegangen war, hörte er die
Seufzertöne Nikolajews nicht mehr hinter sich.

Er fühlte sich plötzlich vollständig, ganz und gar allein. Dieses
Bewußtsein der Vereinsamung in der Gefahr vor dem Tode, wie er glaubte,
lag ihm wie ein entsetzlich schwerer, kalter Stein auf der Brust. Er
blieb mitten auf dem Platze stehen und schaute sich um, ob ihn nicht
jemand sehe, griff sich an den Kopf, sprach vor sich hin und dachte
mit Entsetzen: »Herr Gott! Bin ich denn ein Feigling, ein elender,
abscheulicher, niedriger Feigling -- gilt es nicht das Vaterland, den
Zaren, für den ich gestern noch mit Wonne zu sterben wähnte? Nein,
ich bin ein unglückliches, bejammernswertes Geschöpf!« Und mit einem
wahren Gefühl der Verzweiflung und der Enttäuschung über sich selbst,
fragte Wolodja den Posten nach dem Hause des Batteriekommandeurs und
ging in der Richtung, die er ihm wies.


XII

Die Wohnung des Batteriekommandeurs, die ihm der Posten gezeigt hatte,
war ein kleines, zweistöckige Haus, mit dem Eingange vom Hofe her.
Durch das mit Papier verklebte Fenster schimmerte das schwache Licht
einer Kerze. Der Bursche saß auf der Außentreppe und rauchte seine
Pfeife. Er ging dem Batteriekommandeur Meldung zu machen und führte
Wolodja ins Zimmer. Im Zimmer standen, zwischen zwei Fenstern, unter
einem zerbrochenen Spiegel, ein mit amtlichen Papieren über und über
bedeckter Tisch, einige Stühle und eine eiserne Bettstelle mit reiner
Bettwäsche und einem kleinen Teppich davor.

Dicht an der Thür stand ein hübscher Mann mit starkem Schnurrbart --
der Feldwebel, mit dem Seitengewehr und einem Mantel, auf dem ein Kreuz
und die Medaille für den ungarischen Feldzug hingen. In der Mitte des
Zimmers ging ein kleiner, etwa vierzigjähriger Stabsoffizier, mit einer
verbundenen, geschwollenen Backe, in einem dünnen, alten Mantel hin und
her.

Ich habe die Ehre, mich zu melden, zur fünften Leichten kommandiert,
Fähnrich Koselzow II! sagte Wolodja seine eingelernte Phrase her, als
er ins Zimmer trat.

Der Batteriekommandeur beantwortete kühl seinen Gruß und forderte
Wolodja, ohne ihm die Hand zu geben, auf, sich zu setzen.

Wolodja ließ sich schüchtern auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch
nieder und spielte mit einer Schere, die ihm in die Hand fiel. Der
Batteriekommandeur ging, mit gesenktem Kopf, die Hände auf dem Rücken,
unaufhörlich, ohne ein Wort zu sprechen, im Zimmer auf und nieder, mit
dem Aussehen eines Menschen, der sich etwas in Erinnerung rufen will,
und warf nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Hände, die mit der
Schere spielten.

Der Batteriekommandeur war ein ziemlich beleibter Mann mit einer
großen Glatze auf dem Wirbel, einem dichten Schnauzer, der gerade
heruntergekämmt war und den Mund bedeckte, und mit freundlichen grauen
Augen; er hatte schöne, reine, rundliche Hände, seine Beine waren
stark nach außen gekehrt, er trat mit Zuversicht und einer gewissen
Stutzerhaftigkeit auf, die andeutete, daß der Batteriekommandeur nicht
gerade schüchtern war.

Ja, sagte er und blieb vor dem Feldwebel stehen, der Geschützmannschaft
wird man von morgen ab noch einen Topf zugeben müssen, sie werden zu
schlecht behandelt. Was meinst du?

Gewiß, man kann ihnen noch was geben, Euer Hochwohlgeboren! Jetzt ist
der Hafer billiger geworden, antwortete der Feldwebel und bewegte dabei
die Finger an den Händen, die er an den Nähten hielt, die aber offenbar
gern seine Rede mit ihrer Gebärde unterstützten. Gestern hat mir auch
unser Fourageur Frantschuk vom Train ein Schreiben geschickt, Euer
Hochwohlgeboren, wir müßten unbedingt dort Ochsen kaufen, meint er. Es
heißt, sie sollen billig sein. Wenn Sie befehlen?

Nun ja, kaufen wir: er hat das Geld. Und der Batteriekommandeur begann
wieder im Zimmer auf und nieder zu gehen. -- Und wo sind Ihre Sachen?
fragte er plötzlich Wolodja und blieb vor ihm stehen.

Den armen Wolodja hatte der Gedanke, daß er ein Feigling sei, so
niedergedrückt, daß er in jedem Augenblick, in jedem Wort Verachtung
gegen sich, als einen kläglichen Feigling, sah. Es war ihm, als hätte
der Batteriekommandeur schon sein Geheimnis durchschaut und spotte
seiner. Er antwortete verlegen, die Sachen seien auf der Grafßkaja und
der Bruder hätte versprochen, sie ihm morgen zu schicken.

Der Oberst aber hörte kaum auf ihn und fragte, zu dem Feldwebel gewandt:

Wo werden wir den Fähnrich unterbringen?

Den Fähnrich? sagte der Feldwebel, und machte Wolodja noch mehr
verlegen durch den flüchtigen Blick, den er ihm zuwarf und der
gewissermaßen die Frage ausdrückte: »Was ist das für ein Fähnrich?«
-- Ja, unten, Euer Hochwohlgeboren, beim Stabskapitän können Seine
Wohlgeboren sich einquartieren, fuhr er fort, nachdem er ein wenig
nachgedacht hatte; der Stabskapitän sind jetzt auf der Bastion, so daß
seine Pritsche leer steht.

Beliebt es Ihnen einstweilen so? fragte der Batteriekommandeur. Sie
müssen, denk' ich, müde sein; morgen werden wir es besser einrichten.

Wolodja stand auf und verbeugte sich.

Ist Ihnen nicht Thee gefällig? fragte der Batteriekommandeur, als
er bereits bis zur Thür gegangen war. Man kann eine Theemaschine
aufstellen.

Wolodja verbeugte sich und ging hinaus. Der Bursche des Obersten
begleitete ihn nach unten und führte ihn in ein kahles, schmutziges
Zimmer, in dem allerlei Gerümpel umherlag und ein eisernes Bett
ohne Wäsche und Decke stand. Auf dem Bett, mit einem dicken Mantel
zugedeckt, schlief jemand in einem rosa Hemd.

Wolodja hielt ihn für einen gemeinen Soldaten.

Peter Nikolajewitsch! rief der Offiziersbursche, indem er den Schläfer
an der Schulter rüttelte. Hier werden sich der Fähnrich hinlegen ...
Das ist unser Junker, fügte er, zum Fähnrich gewandt, hinzu.

Ach, lassen Sie sich nicht stören, bitte! sagte Wolodja; aber der
Junker, ein hochgewachsener, stattlicher junger Mann mit hübschen, aber
sehr dummen Zügen, stand vom Bett auf, warf sich den Mantel um und
ging, augenscheinlich noch halb im Schlafe, aus dem Zimmer.

Schadet nichts, ich werde mich draußen hinlegen, brummte er.


XIII

Als Wolodja mit seinen Gedanken allein geblieben war, war sein erstes
Gefühl die Angst vor dem wirren, trostlosen Zustand, in dem sich sein
Gemüt befand. Er hatte den Wunsch, einzuschlafen und alles ringsumher,
vor allem aber sich selbst, zu vergessen. Er löschte das Licht, legte
sich auf das Bett und zog seinen Mantel über den Kopf, um sich zu
schützen gegen die Angst vor der Dunkelheit, die ihm seit frühester
Jugend anhaftete. Plötzlich aber fiel ihm ein, es könnte eine Bombe
geflogen kommen, das Dach durchschlagen und ihn töten ... Er horchte
auf; gerade über ihm erklangen die Schritte des Batteriekommandeurs.

Ȇbrigens, wenn eine geflogen kommt -- dachte er -- trifft sie erst
oben und dann mich -- also wenigstens nicht mich allein.« Dieser
Gedanke beruhigte ihn ein wenig, er war im Begriff, einzuschlummern.
»Wie aber, wenn plötzlich in der Nacht Sewastopol genommen wird, und
die Franzosen hier eindringen? Womit werde ich mich verteidigen?« Er
stand wieder auf und ging im Zimmer auf und nieder. Die Angst vor der
wirklichen Gefahr hatte die geheimnisvolle Angst vor der Finsternis
verschlungen. Außer einem Sattel und einem Ssamowar war im Zimmer
nichts Festes. »Ich bin ein Elender, ein Feigling, ein abscheulicher
Feigling,« dachte er plötzlich, und wieder überkam ihn das drückende
Gefühl der Verachtung, des Abscheus sogar vor sich selbst. Er legte
sich wieder hin und gab sich Mühe, nichts zu denken. Da tauchten
unwillkürlich die Eindrücke des Tages in seiner Phantasie wieder
auf, begleitet von ununterbrochenen Tönen, die die Scheiben in dem
einzigen Fenster klirren machten, und erinnerten ihn wieder an die
Gefahr. Bald phantasierte er von Verwundeten und von Blut, bald von
Bomben und Splittern, die ins Zimmer fliegen, bald von der hübschen,
barmherzigen Schwester, die ihm, dem Sterbenden, einen Verband anlegt
und über ihn weint, bald von seiner Mutter, die in der Kreisstadt an
seiner Seite geht und inbrünstig unter Thränen vor dem wunderthätigen
Bilde betet, und wieder scheint ihm der Schlaf unmöglich. Plötzlich
trat der Gedanke an Gott, den Allmächtigen, der alles wirken und jedes
Gebet erhören kann, klar vor seine Seele. Er kniete nieder, bekreuzte
sich und faltete die Hände, ganz so, wie man ihn in der Kindheit beten
gelehrt hatte. Diese Gebärde versetzte ihn mit einem Schlage in eine
längst vergangene, tröstliche Stimmung.

»Wenn ich sterben muß, wenn es sein muß, daß ich vergehe, laß es
geschehen, Herr -- dachte er -- laß es schnell geschehen! ... Bedarf es
aber der Tapferkeit, bedarf es der Standhaftigkeit, die ich nicht habe,
so gieb sie mir, schütze mich vor Schmach und Schande, die ich nicht
ertragen kann, lehre mich, was ich zu thun habe, um Deinen Willen zu
erfüllen.«

Seine kindliche, eingeschüchterte, geängstigte Seele ward plötzlich
von Mannesmut erfüllt. Sie wurde heller und sah neue, weite, lichte
Horizonte. Noch vieles dachte und empfand er in diesem kurzen
Augenblick, den diese Stimmung währte; er schlief bald ruhig und
furchtlos ein, mitten unter den Tönen des fortdauernden Getöses des
Bombardements und des Klirrens der Scheiben.

Großer Gott! Nur du allein hast gehört und kennst die einfältigen, aber
inbrünstigen und verzweifelten Gebete der Unwissenheit und irrenden
Reue, die Bitten um Heilung des Körpers und Erleuchtung der Seele, die
zu dir von diesem schrecklichen Orte des Todes emporgestiegen sind,
aus dem Herzen des Generals, der eben an das Georgskreuz gedacht hat
und mit Bangen Deine Nähe ahnt, wie des einfachen Soldaten, der sich
auf dem nackten Boden der Nikolajew-Batterie wälzt und Dich bittet, ihm
im Jenseits Belohnung zu gewähren für alle Leiden! ...


XIV

Der ältere Koselzow hatte auf der Straße einen Soldaten seines
Regiments getroffen und ging zusammen mit ihm geradewegs nach der
fünften Bastion.

Halten Sie sich an die Mauer, Euer Wohlgeboren! sagte der Soldat.

Weshalb?

Es ist gefährlich, Euer Wohlgeboren: sehen Sie, da fliegt sie schon
hinüber! sagte der Soldat, indem er auf den pfeifenden Ton einer
Kanonenkugel horchte, die auf dem trockenen Weg auf der anderen Seite
der Straße einschlug.

Koselzow ging, ohne auf den Soldaten zu hören, kühn in der Mitte der
Straße.

Es waren dieselben Straßen, dasselbe sogar noch häufigere Feuern,
dasselbe Stöhnen, Vorübertragen von Verwundeten und dieselben
Batterien, Brustwehren und Laufgräben, wie im Frühjahr, da er in
Sewastopol gewesen; aber das alles war jetzt noch trauriger und
zugleich energischer: es gab noch mehr durchgeschlagene Dächer, Licht
in den Fenstern war gar nicht mehr sichtbar, außer in Kuschtschins
Hause (dem Lazarett), Frauen sah man gar nicht mehr auf der Straße, auf
allem lag nicht mehr der frühere Charakter des Alltäglichen und der
Sorglosigkeit, sondern der Stempel einer bangen Erwartung und Müdigkeit.

Aber da ist schon der letzte Laufgraben, da tönt auch die Stimme eines
Soldaten vom P.-Regiment, der seinen früheren Hauptmann erkannt hat; da
steht auch das dritte Bataillon in der Dunkelheit, an die Wand gelehnt,
bisweilen auf einen Augenblick durch Schüsse beleuchtet und seine
Gegenwart nur durch gedämpftes Murmeln und das Klirren der Gewehre
verratend.

Wo ist der Regimentskommandeur? fragte Koselzow.

In der Blindage, Euer Wohlgeboren, bei den Seeleuten, antwortete ein
dienstfertiger Soldat. Bitte, ich werde Sie führen.

Von Laufgraben zu Laufgraben führte der Soldat Koselzow zu einem
kleinen Graben in einem Laufgraben. Im Graben saß ein Matrose, der
seine Pfeife rauchte; hinter ihm war eine Thür sichtbar, durch deren
Spalt Licht schimmerte.

Darf man eintreten?

Werde Sie sogleich melden! und der Soldat trat zur Thür ein.

Drinnen sprachen zwei Stimmen.

Wenn Preußen die Neutralität bewahrt, sagte die eine Stimme, so wird
auch Österreich ...

Ach was, Österreich, sagte die andere, wenn die slavischen Völker ...
Laß eintreten.

Koselzow war nie in dieser Blindage gewesen. Sie frappierte ihn
durch ihren Luxus. Der Fußboden war getäfelt, an der Thür hielt
eine spanische Wand den Wind ab. Zwei Betten waren an den Wänden
aufgestellt; in einer Ecke stand ein großes Bild der Gottesmutter
in goldenen Gewändern, und vor ihm brannte eine rosa Lampe. Auf dem
einen Bett schlief ein Marineoffizier, vollständig angekleidet; auf
dem andern saßen vor einem Tisch, auf dem zwei halbvolle Flaschen
Wein standen, der neue Regimentskommandeur im Gespräch mit seinem
Adjutanten. Obgleich Koselzow durchaus kein Feigling war und sich
weder der Behörde, noch dem Regimentskommandeur gegenüber einer Schuld
bewußt war, wurde er doch zaghaft bei dem Anblick des Hauptmanns, der
vor kurzem noch sein Kamerad gewesen war; so stolz erhob sich dieser
Hauptmann, um ihn auszufragen. »Sonderbar, dachte Koselzow, während
er seinen Kommandeur ansah, sieben Wochen sind es erst, daß er das
Regiment bekommen hat, und wie deutlich spricht schon aus allem, was
ihn umgiebt, aus seiner Kleidung, aus seinem Gebahren, aus seinem
Blick, die Würde des Regimentskommandeurs. Vor kurzem -- dachte er
-- hat dieser Batteriechef noch mit uns gezecht, an Wochentagen ein
dunkles Zitzhemd getragen, das länger rein hält, nie jemand zu sich
eingeladen, und immer und ewig Klops und Quarkpiroggen gegessen, und
jetzt? ... Und im Blick dieser Ausdruck kalten Hochmuts, der zu sagen
scheint: wenn ich auch dein Kamerad bin, weil ich Regimentskommandeur
neuer Schule bin, glaube nur, ich weiß, wie gern du dein halbes Leben
hingäbest, um an meiner Stelle zu sein!«

Sie haben sich recht lange kurieren lassen, sagte der Oberst zu
Koselzow und sah ihn kühl an.

Ich bin krank gewesen, Oberst! Die Wunde ist jetzt noch nicht ganz
geschlossen.

So sind Sie unnütz gekommen, sagte der Oberst und betrachtete
mißtrauisch die volle Gestalt des Offiziers. Sie können aber doch den
Dienst versehen?

Gewiß kann ich das!

Nun, ich freue mich sehr. So übernehmen Sie vom Fähnrich Sajzow die
neunte Kompagnie -- Ihre frühere; sogleich werden Sie die Ordre
erhalten.

Zu Befehl!

Wollen Sie die Güte haben, wenn Sie fortgehen, den Regimentsadjutanten
zu mir zu schicken, schloß der Regimentskommandeur, und gab durch eine
leichte Verbeugung zu verstehen, daß die Audienz beendet sei.

Während Koselzow aus der Blindage herausging, brummte er etwas vor
sich hin und zog die Schultern hoch, als bereite ihm etwas Schmerz,
Unbehagen oder Ärger -- Ärger nicht über den Regimentskommandeur (der
hatte ihm keinen Grund gegeben); er war mit sich selbst, mit allem, was
um ihn her vorging, unzufrieden.


XV

Bevor Koselzow sich zu seinen Regimentskameraden begab, ging er,
seine Kompagnie zu begrüßen und zu sehen, wo sie stand. Die aus
Schanzkörben gebildeten Brustwehren, die Anlage der Laufgräben, die
Kanonen, an denen er vorbeikam, sogar die Splitter der Bomben, über
die er unterwegs stolperte, -- das alles, unaufhörlich durch das
Feuer der Schüsse erhellt, war ihm bekannt; das alles hatte sich vor
drei Monaten, im Verlauf der vierzehn Tage, die er ununterbrochen auf
derselben Bastion zugebracht, seinem Gedächtnisse lebhaft eingeprägt.
Obwohl viel Schreckliches in der Erinnerung lag, hatte sie doch auch
den großen Zauber des Vergangenen, und er sah mit Vergnügen, als
wären die hier zugebrachten vierzehn Tage angenehme gewesen, die
bekannten Orte und Gegenstände wieder. Die Kompagnie lag an der
Verteidigungswand, bei der sechsten Bastion.

Koselzow ging in eine lange, vom Eingange her vollständig offene
Blindage, in der, wie man ihm sagte, die neunte Kompagnie stand. In der
ganzen Blindage war buchstäblich kein Fuß breit Platz: so voll war sie
vom Eingang ab von Soldaten. Auf der einen Seite brannte ein kurzes
Talglicht. Das Licht hielt, liegend, ein Soldat und beleuchtete ein
Buch, das ein anderer buchstabierend las. Um das Licht waren in dem
trüben Halbdunkel der Blindage erhobene Köpfe sichtbar, die gespannt
dem Leser zuhörten. Das Buch war ein ABC-Buch. Als Koselzow in die
Blindage eintrat, hörte er folgendes:

»Ge--bet nach Be--en--di--gung des Un--terrichts. Ich dan--ke Dir
Schöp--fer ...«

Putzt doch das Licht! rief eine Stimme. Das Buch ist prächtig ... »Mein
... Gott ...« fuhr der Vorleser fort.

Als Koselzow nach dem Feldwebel fragte, verstummte der Vorleser, die
Soldaten gerieten in Bewegung, husteten, schnäuzten sich, wie stets
nach einem anhaltenden Schweigen. Der Feldwebel erhob sich, seinen
Mantel zuknöpfend, von seinem Platz in der Nähe des Vorlesers und kam,
über die Füße und auf den Füßen derer, die nicht Zeit hatten, sie
wegzuziehen, schreitend, an den Offizier heran.

Guten Tag, Brüderchen! Ist das alles unsere Kompagnie?

Wir wünschen Gesundheit! Wir gratulieren zur Ankunft, antwortete der
Feldwebel, indem er heiter und freundlich Koselzow ansah. -- Hat sich
Ihr Befinden gebessert? Nun Gott sei Dank. Wir haben uns sehr nach
Ihnen gesehnt.

Man sah gleich, daß Koselzow bei der Kompagnie beliebt war.

Im Hintergrunde der Blindage ließen sich Stimmen hören: der frühere
Kompagniekommandeur ist wieder da, der verwundet war, Koselzow, Michail
Ssemjonytsch ist wieder da u. dgl.; einige gingen sogar auf ihn zu, der
Trommler begrüßte ihn.

Guten Tag, Obantschuck? sagte Koselzow. Unversehrt? ... Wünsch' euch
Gesundheit, Kinder, rief er darauf mit erhobener Stimme.

Wir wünschen Ihnen Gesundheit! tönte es tosend in der Blindage.

Wie geht's euch, Kinder?

Schlecht, Euer Wohlgeboren; der Franzose hat die Oberhand, -- er
schießt so bös von den Schanzen her -- und damit basta, ins Feld wagt
er sich nicht.

Vielleicht giebt's Gott, zu meinem Glück, daß sie auch ins Feld kommen,
Kinder! erwiderte Koselzow. Ich bin ja nicht das erstemal bei euch: wir
werden sie wieder ausklopfen.

An uns soll's nicht fehlen, Euer Wohlgeboren! antworteten einige
Stimmen.

Na, aber sie sind tapfer! sagte eine Stimme.

Furchtbar tapfer! sagte der Trommler nicht laut, aber so, daß es hörbar
war, zu einem anderen Soldaten gewandt, als wenn er vor diesem die
Worte des Kompagnieführers rechtfertigen und ihn überzeugen wollte, daß
in diesen Worten nichts Prahlerisches und Unwahrscheinliches liege.

Von den Soldaten ging Koselzow in die Kaserne der Verteidigungstruppen
zu den Offizieren, seinen Kameraden.


XVI

In dem großen Zimmer der Kaserne waren eine Menge Leute: Marine-,
Artillerie- und Infanterieoffiziere. Die einen schliefen, andere
unterhielten sich, auf dem Pulverkasten und der Lafette einer
Festungskanone sitzend; die dritten bildeten im Alkoven eine große
und laute Gruppe, sie saßen auf der Diele auf zwei ausbreiteten
Filzmänteln, tranken Porter und spielten Karten.

Ah, Koselzow, Koselzow ... Gut, daß du gekommen bist. Brav! ... Was
macht die Wunde? ließ sich von verschiedenen Seiten hören. Auch hier
konnte man sehen, daß man ihn gern hatte und sich über seine Ankunft
freute.

Koselzow schüttelte seinen Bekannten die Hand und gesellte sich zu
der lauten Gruppe, die aus mehreren Offizieren bestand, die Karten
spielten. Es waren auch Bekannte von ihm darunter. Ein hübscher,
magerer, brünetter Mann mit einer langen, hageren Nase und einem
starken Schnauzbart, der lang von den Wangen herabhing, hielt die
Bank mit seinen weißen, hageren Fingern, auf einem der Finger trug er
einen großen goldenen Siegelring mit einem Wappen. Er legte die Karten
gerade vor sich hin, ohne Sorgfalt, er war offenbar erregt und wollte
nur sorglos erscheinen. Neben ihm zur Rechten war, auf den Ellbogen
gestützt, ein grauköpfiger Major hingestreckt, setzte mit erheuchelter
Kaltblütigkeit immer einen halben Rubel und zahlte sofort aus. Zur
linken Hand saß kauernd ein hübscher junger Offizier mit schweißigem
Gesicht, lächelte gezwungen und scherzte. Wenn seine Karte dran war,
bewegte er unaufhörlich die eine Hand in seiner leeren Hosentasche. Er
spielte um hohen Einsatz, aber offenbar nicht mehr um Tausende, was
den hübschen, brünetten Herrn wurmte. Ein kahlköpfiger Offizier mit
riesiger Nase und großem Mund, ein hagerer und blasser Mann, ging im
Zimmer auf und nieder, hielt einen großen Haufen Banknoten in der Hand,
spielte immer mit barem Gelde _va banque_ und gewann immer.

Koselzow trank einen Schnaps und setzte sich zu den Spielern.

Setzen Sie doch, Michail Ssemjonytsch! sagte der Bankhalter zu ihm.
Geld, meine ich, müssen Sie die Menge mitgebracht haben.

Wie soll ich zu Geld kommen? Im Gegenteil, ich habe das letzte in der
Stadt gelassen.

Wie? Sie haben doch gewiß jemanden in Ssimferopol aufsitzen lassen.

Wahrhaftig, ich habe nicht viel, sagte Koselzow, aber er wünschte
offenbar nicht, daß man ihm glaube, knöpfte den Rock auf und nahm die
alten Karten zur Hand.

Ein Versuch kann nicht schaden. Man muß das Schicksal versuchen! Jedes
Tierchen hat sein Plaisierchen! ... Sie müssen nur eins trinken, sich
Mut zu machen.

Er trank ein zweites Gläschen Schnaps und etwas Porter, und hatte in
kurzer Zeit seine letzten drei Rubel verspielt.

Der kleine schweißige Offizier war mit hundertfünfzig Rubel in der
Kreide.

Nein, es will nicht glücken, sagte er und griff nachlässig nach einer
neuen Karte.

Wollen Sie einsetzen, sagte der Bankhalter zu ihm, hielt einen
Augenblick inne und sah ihn an.

Gestatten Sie mir, morgen zu setzen, antwortete der schweißige
Offizier, erhob sich und bewegte noch lebhafter seine Hand in der
leeren Tasche.

Hm ... brummte der Bankhalter, warf sich ärgerlich nach rechts und nach
links und führte die Taille zu Ende. -- Aber nein, so geht's nicht,
sagte er und legte die Karten hin. Ich passe. So geht's nicht, Sachar
Iwanytsch, fügte er hinzu. Wir haben auf bar gespielt und nicht auf
Kreide.

Wie, zweifeln Sie an mir? ... Merkwürdig, wahrhaftig!

Von wem wünschen Sie Geld? brummte der Major, der etwa acht Rubel
gewonnen hatte. Ich habe schon mehr als zwanzig Rubel gesetzt, und habe
gewonnen, aber ich bekomme nichts.

Woher soll ich denn zahlen, sagte der Bankhalter, wenn kein Geld auf
dem Tische ist.

Was kümmert das mich? schrie der Major und erhob sich, ich spiele mit
Ihnen und nicht mit dem da.

Der schweißige Offizier wurde plötzlich hitzig.

Ich sage, ich bezahle morgen -- wie können Sie es wagen, mir Grobheiten
zu sagen.

Ich sage, was ich will! So handelt man nicht, wissen Sie's nun? schrie
der Major.

Lassen Sie gut sein, Fjodor Fjodorytsch, begannen alle und hielten den
Major zurück.

Aber senken wir schnell den Vorhang über dieses Schauspiel. Morgen,
heute schon wird vielleicht jeder dieser Menschen heiter und stolz
dem Tode entgegengehen und standhaft und ruhig sterben; aber der
einzige Lebenstrost in diesen, auch die kühlste Einbildungskraft
entsetzenden Verhältnissen des Mangels alles Menschlichen und der
Aussichtslosigkeit einer Besserung, der einzige Trost ist Vergessen,
Vernichtung des Bewußtseins. Auf dem Grunde der Seele eines jeden ruht
der edle Funke, der einen Helden aus ihm macht; aber dieser Funke hört
auf hell zu glimmen -- kommt die entscheidende Stunde, dann lodert er
flammend auf und beleuchtet große Thaten.


XVII

Am folgenden Tage dauerte das Bombardement mit gleicher Stärke
fort. Gegen elf Uhr morgens saß Wolodja Koselzow in dem Kreise der
Batterieoffiziere; er hatte sich schon ein wenig an sie gewöhnt und
betrachtete die neuen Gesichter, beobachtete, fragte und erzählte. Das
bescheidene, in gewissem Sinne auf Gelehrsamkeit Anspruch machende
Gespräch der Artillerieoffiziere flößte ihm Achtung ein und gefiel ihm.
Das schamhafte, unschuldige und hübsche Äußere Wolodjas machte ihm die
Offiziere geneigt. Der älteste Offizier in der Batterie, ein Kapitän,
ein Mann von kleiner Gestalt und rötlichem Haar mit einem Schopf und
glattgekämmten Schläfen, in den alten Überlieferungen der Artillerie
aufgewachsen, ein Ritter der Damen und sozusagen ein Gelehrter, fragte
Wolodja nach seinen Kenntnissen in der Artillerie und nach neuen
Erfindungen, spöttelte liebenswürdig über sein hübsches Gesichtchen
und ging mit ihm im allgemeinen wie ein Vater mit seinem Sohne um,
was Wolodja sehr wohl that. Der Unterleutnant Djadjenko, ein junger
Offizier, der mit kleinrussischem Accent sprach, in einem zerrissenen
Mantel und mit zerzaustem Haar, sprach zwar sehr laut, suchte immer
eine Gelegenheit, giftig zu sein und hatte eckige Bewegungen, gefiel
aber trotzdem Wolodja, der unter dieser herben Außenseite natürlich
einen sehr prächtigen und guten Menschen sah. Djadjenko bot Wolodja
fortwährend seine Dienste an und setzte ihm auseinander, daß alle
Geschütze in Sewastopol nicht regelrecht aufgestellt seien. Leutnant
Tschernowizkij mit den hochgezogenen Brauen gefiel Wolodja nicht, er
war zwar höflicher als die anderen und trug einen ziemlich sauberen,
wenn auch nicht neuen, doch aber sorgfältig geflickten Rock und ließ
auf seiner Atlasweste eine goldene Kette sehen. Er wurde nicht müde
zu fragen, was der Kaiser und der Kriegsminister machen, und erzählte
ihm unaufhörlich mit erkünstelter Begeisterung von den Heldenthaten
vor Sewastopol, klagte darüber, daß es so wenig Patrioten gebe und
ließ überhaupt viel Wissen, Geist und edles Empfinden durchblicken;
aber es berührte doch alles Wolodja unangenehm und unnatürlich. Vor
allem bemerkte er, daß die übrigen Offiziere mit Tschernowizkij
fast gar nicht sprachen. Der Junker Wlang, den er gestern geweckt
hatte, war ebenfalls da. Er sprach nichts, sondern saß bescheiden in
einer Ecke und lachte, wenn etwas Spaßhaftes erzählt und dabei etwas
vergessen wurde, dessen er sich erinnerte, reichte Branntwein herum
und machte für alle Offiziere Cigaretten. Mochte das bescheidene,
höfliche Betragen Wolodjas, der mit ihm gerade so verkehrte, wie
mit den Offizieren, und ihn nicht wie einen Knaben behandelte, oder
sein angenehmes Äußere »Wlanga«, wie ihn die Soldaten nannten, indem
sie seinen Namen zu einem Femininum umbildeten, fesseln, er konnte
seine gutmütigen, großen Augen von dem Gesicht des neuen Offiziers
nicht abwenden, indem er alle seine Wünsche zu erraten und ihnen
zuvorzukommen suchte, und sich ununterbrochen in einer Extase der
Verliebtheit befand, die natürlich von den Offizieren bemerkt und
verspottet wurde.

Vor dem Mittagessen wurde ein Stabskapitän von der Bastion abgelöst und
schloß sich ihrer Gesellschaft an. Stabskapitän Kraut war ein blonder,
hübscher, fescher Offizier mit großem rötlichen Schnurrbart und
Backenbart; er sprach das Russische vortrefflich, aber zu regelrecht
und schön für einen Russen. Im Dienst und im Leben war er ganz wie in
seiner Sprache: im Dienst ausgezeichnet, ein vortrefflicher Kamerad,
der zuverlässigste Mann in Geldangelegenheiten, aber einfach als
Mensch, und gerade deshalb, weil alles in einem gewissen Sinne gut an
ihm war, fehlte ihm etwas. Wie alle russischen Deutschen war er, ein
sonderbarer Gegensatz zu den »idealen« Deutschen, im höchsten Grade
»praktisch«.

Da erscheint unser Held! rief der Kapitän, als Kraut, die Arme
schwenkend und mit den Sporen klirrend, ins Zimmer kam.

Was wünschen Sie, Thee oder Schnaps?

Ich habe schon befohlen, den Ssamowar aufzustellen, antwortete er. Aber
einen Schnaps kann man inzwischen schon genehmigen, denn der erfreut
des Menschen Herz. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen; ich
bitte Sie, uns Freund und Gönner zu sein, sagte er zu Wolodja, der
aufgestanden war und sich vor ihm verneigte. Stabskapitän Kraut ...
Der Feuerwerker hat mir auf der Bastion gesagt, daß Sie schon gestern
angekommen sind.

Ich danke Ihnen sehr für Ihr Bett; ich habe die Nacht darauf geschlafen.

Aber auch gut? ... Ein Fuß ist abgebrochen, und beim
Belagerungszustande findet sich niemand, ihn auszubessern, -- man muß
was unterlegen.

Nun, wie war's, haben Sie glücklichen Tagesdienst gehabt? fragte
Djadjenko.

Ja, es war weiter nichts; nur Skworzow hat was abbekommen, auch eine
Lafette mußte ausgebessert werden: ihre Wand ist in tausend Stücke
geschossen worden.

Er erhob sich von seinem Platz und begann hin- und herzugehen: es war
ihm anzumerken, daß er sich unter dem Einflusse der angenehmen Stimmung
eines Menschen befand, der soeben einer Gefahr entronnen ist.

Na, Dmitrij Gawrilytsch, sagte er und klopfte dem Kapitän auf die
Knie. Wie geht's, Väterchen? Noch keine Antwort auf den Vorschlag zur
Beförderung?

Noch nichts.

Es kommt auch nichts, begann Djadjenko, ich habe es Ihnen vorher klar
gemacht.

Warum denn nicht?

Warum? weil die Relation nicht so abgefaßt ist.

Ach Sie, Sie sind ein Streithahn, ein rechter Streithahn! sagte Kraut
und lächelte fröhlich. Ein echter, hartnäckiger Chacholl (Spitzname für
die Kleinrussen), aber Ihnen zum Possen wird der Leutnant herauskommen.

Nein, er wird nicht herauskommen.

Wlang! bringen Sie mir doch meine Pfeife her und stopfen Sie sie mir,
sagte er zu dem Junker gewandt, der sofort bereitwillig nach der Pfeife
lief.

Kraut brachte Leben in die Gesellschaft. Er erzählte vom Bombardement,
fragte, was in seiner Abwesenheit geschehen war und plauderte mit
allen.


XVIII

Na, wie haben Sie sich bei uns schon eingerichtet? fragte Kraut
Wolodja. Verzeihen Sie, wie ist Ihr Vor- und Vatersname? Bei uns in der
Artillerie ist es einmal so Sitte ... Haben Sie schon ein Reitpferd
angeschafft?

Nein, sagte Wolodja, ich weiß nicht, was werden wird. Ich habe dem
Kapitän gesagt ... ich habe kein Pferd, ich habe aber auch kein Geld,
so lange ich nicht Zehr- und Reisegelder bekomme.

Apollon Sergjeitsch? -- er brachte mit den Lippen einen Laut hervor,
der starken Zweifel ausdrückte und sah den Kapitän an, -- kaum!

Je nun, schlägt er's ab, ist's auch kein Unglück, sagte der Kapitän,
hier braucht man eigentlich kein Pferd, aber man kann's immerhin
versuchen, ich will heute fragen.

Wie, kennen Sie ihn nicht? mischte sich Djadjenko ein, etwas anderes
kann er abschlagen, aber Ihnen wird er keineswegs ... Wollen Sie wetten?

Na ja, Sie müssen natürlich immer widersprechen.

Ich widerspreche, weil ich weiß: in anderen Dingen ist er geizig, aber
ein Pferd giebt er, er hat ja auch keinen Vorteil von der Ablehnung.

Gewiß hat er Vorteil davon, wenn ihm hier der Hafer acht Rubel
zu stehen kommt, sagte Kraut. Man hat Vorteil, wenn man keine
überflüssigen Pferde hält.

Bitten Sie um den Staar, Wladimir Ssemjonytsch, sagte Wlang, der mit
Krauts Pfeifchen zurückkam, ein ausgezeichnetes Pferd!

Mit dem Sie in Ssoroki in den Graben gefallen sind, Wlanga, hm?
bemerkte der Stabskapitän.

Nein, aber was sprechen Sie da, acht Rubel der Hafer, fuhr Djadjenko
fort im Streit, wo er seine Rechnung mit zehneinhalb macht? ...
Natürlich, hat er keinen Vorteil davon.

Das wäre schön, wenn ihm nicht noch was übrig bliebe! Wenn Sie, so Gott
will, Batteriekommandeur sind, so geben Sie kein Pferd, nach der Stadt
zu reiten.

Wenn ich Batteriekommandeur bin, Väterchen, soll jedes Pferd vier Maß
Futter haben, ich werde keine Gelder zusammenscharren, haben Sie keine
Sorge.

Wer's erlebt, wird's sehen ... sagte der Stabskapitän. Und Sie werden
ebenso handeln, und Sie auch, wenn Sie eine Batterie kommandieren
werden, fügte er hinzu und zeigte auf Wolodja.

Warum glauben Sie, Friedrich Christianytsch, daß auch Sie Profit machen
wollen? mischte sich Tschernowizkij ein. Vielleicht haben Sie Vermögen,
wozu sollten Sie Vorteil suchen?

Nicht doch, ich halte ... Verzeihen Sie mir, Kapitän, sagte Wolodja und
wurde bis über die Ohren rot, ich halte das für unehrenhaft.

Aha, wie heikel er ist! sagte Kraut.

Das ist ganz gleich: ich meine nur, wenn es nicht mein Geld ist, darf
ich's auch nicht nehmen.

Und ich sage Ihnen nur so viel, junger Mann, begann der Stabskapitän in
ernsterem Ton, Sie müssen wissen, wenn Sie eine Batterie kommandieren,
wenn Sie da Ihre Sache gut machen, dann ist alles in Ordnung; in
die Ernährung der Truppen mischt sich der Batteriekommandeur nicht:
das wird in der Artillerie von altersher so gehalten. Sind Sie ein
schlechter Wirt, so behalten Sie nichts übrig. Hier müssen Sie Ausgaben
machen, im Widerspruch mit Ihren Verhältnissen, für Hufbeschlag --
das ist eins (er bog einen Finger ein), für die Apotheke -- das ist
zwei (er bog einen zweiten Finger ein), für die Kanzlei, drei, für
Handpferde an die fünfhundert zahlen, Väterchen -- das ist vier, Sie
müssen den Soldaten neue Kragen geben, Kohlen brauchen Sie viel, Tisch
für die Offiziere müssen Sie halten. Sind Sie Batteriekommandeur, so
müssen Sie anständig leben, Sie müssen einen Wagen haben, einen Pelz
und noch zwei, drei, zehn andere Dinge ... Was ist da viel zu reden!

Die Hauptsache aber, fiel der Kapitän ein, der die ganze Zeit
geschwiegen hatte, die Hauptsache, Wladimir Ssemjonytsch, ist die:
stellen Sie sich vor, ein Mensch, wie ich zum Beispiel, dient zwanzig
Jahre, erst für zwei-, dann für dreihundert Rubel Gehalt; soll man ihm
für seinen Dienst nicht wenigstens ein Stück Brot im Alter geben?

Ach, was soll das! begann wieder der Stabskapitän, urteilen Sie nicht
voreilig, kommt Zeit, kommt Rat, leisten Sie nur Ihren Dienst.

Wolodja überkam eine schreckliche Scham, weil er so unüberlegt
gesprochen hatte, er brummte etwas in den Bart und dann hörte er weiter
schweigend zu, wie Djadjenko im höchsten Eifer wieder zu streiten
begann und das Entgegengesetzte behauptete.

Der Streit wurde durch den Eintritt des Hauptmannsburschen
unterbrochen, der zum Essen rief.

Aber sagen Sie heute Appollon Sergjeewitsch, er solle Wein geben, sagte
Tschernowizkij zum Kapitän und knöpfte sich den Rock zu. Was knausert
er? Sind wir erst tot, kriegt keiner was!

Sagen Sie's ihm selbst.

Das geht nicht. Sie sind der älteste Offizier. Alles muß seine Ordnung
haben.


XIX

In dem Zimmer, in dem sich Tags zuvor Wolodja beim Obersten gemeldet
hatte, war der Tisch von der Wand abgerückt und mit einem schmutzigen
Tischtuch bedeckt. Diesmal gab ihm der Batteriekommandeur die Hand und
fragte ihn über Petersburg und seine Reise aus.

Nun, meine Herren, wer Branntwein trinkt, den bitte ich zuzugreifen.
Die Fähnriche trinken keinen, fügte er lächelnd hinzu.

Überhaupt zeigte sich der Batteriekommandeur heute durchaus nicht
so mürrisch, wie Tags zuvor: er hatte im Gegenteil das Benehmen
eines guten, gastfreien Wirts und eines älteren Kameraden unter den
Offizieren. Aber trotzdem bezeigten ihm alle Offiziere die größte
Achtung, vom alten Kapitän an bis zum Fähnrich Djadjenko, die sich
darin kundgab, wie sie mit einem höflichen Blick auf den Kommandeur
sprachen und wie sie einer nach dem andern zögernd herantraten und den
Schnaps tranken.

Das Mittagessen bestand aus einer großen Schüssel Kohlsuppe, in der
fette Stücke Rindfleisch schwammen, und die mit einer ungeheuren Menge
von Pfeffer und Lorbeerblättern gewürzt war, aus polnischen Zrazy mit
Senf und aus Kaldaunen mit nicht ganz frischer Butter. Servietten gab
es nicht, die Löffel waren aus Blech und Holz, Gläser gab es zwei,
und auf dem Tische stand eine Karaffe Wasser mit abgebrochenem Halse;
aber das Mittagmahl war recht heiter: die Unterhaltung verstummte
keinen Augenblick. Zuerst war von dem Treffen bei Inkermann die Rede,
an dem die Batterie teilgenommen hatte, und jeder erzählte seine
Eindrücke und sprach seine Meinung über die Ursache des Mißerfolges
aus und verstummte, sobald der Batteriekommandeur selbst zu sprechen
begann; dann ging das Gespräch ungezwungen auf die Unzulänglichkeit des
Kalibers der leichten Geschütze über, zu den neuen leichteren Kanonen,
und Wolodja hatte dabei Gelegenheit, seine Kenntnisse in der Artillerie
zu zeigen. Aber bei der gegenwärtigen, entsetzlichen Lage Sewastopols
blieb das Gespräch nicht stehen, als ob jeder viel zu sehr an diesen
Gegenstand dachte, als daß er noch darüber sprechen sollte. Auch von
den Pflichten des Dienstes, die Wolodja auf sich nehmen sollte, war
zu seinem Erstaunen und Verdruß gar nicht die Rede, als ob er nach
Sewastopol gekommen wäre, nur um über die leichteren Geschütze zu
plaudern und bei dem Batteriekommandeur Mittag zu speisen. Während des
Essens fiel unweit des Hauses, in dem sie saßen, eine Bombe nieder.
Der Fußboden und die Wände zitterten, wie von einem Erdbeben, und die
Fenster wurden vom Pulverdampf verdunkelt.

Das haben Sie wohl in Petersburg nicht gesehen, hier sind solche
Überraschungen häufig, sagte der Batteriekommandeur. Wlang, sehen Sie
nach, wo sie geplatzt ist.

Wlang sah nach und meldete: auf dem Platze, und weiter war von der
Bombe nicht mehr die Rede.

Kurz vor Ende des Mittagessens kam ein alter Batterieschreiber
ins Zimmer mit drei versiegelten Briefen und übergab sie dem
Batteriekommandeur.

Das hier ist sehr dringlich, soeben hat es ein Kosak vom
Oberbefehlshaber der Artillerie überbracht.

Alle Offiziere blickten mit ungeduldiger Erwartung auf die in solchen
Dingen geübten Finger des Batteriekommandeurs, die das Siegel erbrachen
und das »sehr dringliche« Schriftstück herauszogen. »Was kann das wohl
sein?« stellte sich jeder die Frage. Es konnte der Befehl zum Ausmarsch
aus Sewastopol sein, um auszuruhen, es konnte aber auch die Beorderung
der ganzen Batterie auf die Bastionen sein.

Wieder! sprach der Batteriekommandeur und warf zornig das Papier auf
den Tisch.

Was enthält es, Apollon Ssergjeewitsch? fragte der älteste Offizier.

Man verlangt einen Offizier mit Bedienungsmannschaft für eine
Mörserbatterie ... Ich habe im ganzen nicht mehr als vier Offiziere,
und meine Bedienungsmannschaft ist nicht vollzählig, brummte der
Batteriekommandeur, und da verlangt man noch das! Aber einer muß gehen,
meine Herren, rief er nach einem kurzen Schweigen. Der Befehl lautet,
um sieben Uhr auf der Schanze sein ... Den Feldwebel herschicken! Wer
geht, meine Herren? entscheiden Sie, wiederholte er.

Nun, Sie sind ja noch nirgends gewesen, sagte Tschernowizkij auf
Wolodja zeigend.

Der Batteriekommandeur antwortete nichts.

Ja, ich gehe gern, sagte Wolodja und fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf
dem Rücken und am Halse hervortrat.

Nein, weshalb! fiel der Kapitän ein. Natürlich wird sich niemand
weigern, aber es ist kein Grund, sich selbst anzubieten; da es uns
Apollon Ssergjeewitsch freistellt, so wollen wir losen, wie wir es
damals gethan haben.

Alle waren einverstanden. Kraut schnitt Papierstreifen, rollte sie
zusammen und warf sie in eine Mütze. Der Kapitän scherzte dabei und
entschloß sich sogar bei dieser Gelegenheit, den Oberst um Branntwein
zu bitten, »um tapfer zu bleiben«, wie er sich ausdrückte. Djadjenko
saß finster da, Wolodja lächelte, Tschernowizkij behauptete, es werde
bestimmt ihn treffen. Kraut war vollständig ruhig.

Wolodja ließ man zuerst wählen. Er nahm einen Papierstreifen, der war
sehr lang; da fiel es ihm ein, einen andern zu wählen, -- er zog einen
zweiten, kleineren und dünneren, entfaltete ihn und las: »gehen«.

Ich! sagte er seufzend.

Nun, mit Gott. So bekommen Sie bald Ihre Feuertaufe, sagte der
Kommandeur, indem er mit einem gutmütigen Lächeln dem Fähnrich in das
verlegene Gesicht sah, machen Sie sich nur bald fertig. Und damit Sie
sich nicht langweilen, wird Wlang als Feuerwerker mit Ihnen gehen.


XX

Wlang war mit diesem Befehl außerordentlich zufrieden, er machte
sich schnell fertig, um Wolodja zu helfen, und redete ihm zu, das
Bett, den Pelz, eine alte Nummer der »Vaterländischen Annalen«,
die Spiritusmaschine zum Kaffeekochen und andere unwichtige Dinge
mitzunehmen. Der Kapitän riet Wolodja, zunächst im »Handbuch«[E]
den Abschnitt über das Schießen aus Mörsern zu lesen und sich die
Schießtabellen herauszuschreiben. Wolodja ging sofort ans Werk und
bemerkte zu seiner Verwunderung und Freude, daß, obwohl das Gefühl
der Furcht vor der Gefahr und noch mehr davor, sich feig zu erweisen,
ihn noch immer ein wenig beunruhigte, dies doch nicht in dem Grade
der Fall war, wie am Abend vorher. Zum Teil lag das an den Eindrücken
des Tages und seiner Thätigkeit, zum Teil, und zwar zum größeren Teil
daran, daß die Furcht, wie jedes starke Gefühl, nicht lange in gleichem
Grade dauern kann. Mit einem Worte, er war schon so weit, daß er den
Furchthöhepunkt hinter sich hatte. In der siebenten Stunde, da sich
eben die Sonne hinter der Nikolajewkaserne verbarg, kam der Feldwebel
zu ihm mit der Meldung, die Leute seien bereit und warten.

 [E] »Handbuch für die Offiziere der Artillerie« von Bezaque.

Ich habe »Wlanga« die Namensliste übergeben. Belieben Sie, ihn zu
fragen, Euer Wohlgeboren! sagte er.

Zwanzig Artilleristen mit Seitengewehren, ohne Lederzeug, standen an
einer Ecke des Hauses. Wolodja ging mit dem Junker an sie heran. Ob man
ihnen eine kleine Rede hält oder einfach sagt: Wünsch' euch Gesundheit,
Kinder! -- oder sagt man gar nichts? dachte er. Aber warum soll man
nicht einfach sagen: Wünsch' euch Gesundheit! Das ist sogar das
Richtige. Und er rief keck mit seiner klangvollen, jugendlichen Stimme:
Wünsch' euch Gesundheit, Kinder!

Die Soldaten antworteten munter; die jugendliche, frische Stimme
tönte angenehm in dem Ohr eines jeden. Wolodja ging den Soldaten kühn
voran, und, obwohl sein Herz so klopfte, als wenn er einige Werst aus
Leibeskräften gelaufen wäre, war sein Gang doch leicht und sein Gesicht
heiter. Bereits dicht an dem Malachowhügel und die Höhe hinaufsteigend,
bemerkte er, wie Wlang, der keinen Schritt von ihm wich und sich zu
Hause so tapfer gezeigt hatte, beständig auf die Seite ging und den
Kopf beugte, als wenn all die Bomben und Kanonenkugeln, die hier schon
sehr häufig pfiffen, gerade auf ihn zugeflogen kämen. Einige Soldaten
thaten dasselbe, überhaupt drückte sich auf den meisten ihrer Gesichter
wenn auch nicht Furcht, so doch Unruhe aus. Diese Umstände beruhigten
und ermutigten Wolodja vollständig.

»So bin denn auch ich auf dem Malachowhügel, den ich mir tausendmal
schrecklicher vorgestellt habe! Und ich gehe auf ihm, ohne mich vor
Kanonenkugeln zu bücken und bin weit mutiger als andere ... Also bin
ich kein Feigling?« dachte er mit Vergnügen, ja mit einem gewissen
Entzücken des Selbstbewußtseins.

Aber dieses Gefühl wurde bald erschüttert durch das Schauspiel, das
ihm entgegentrat, als er in der Dämmerung auf der Kornilowbatterie
den Befehlshaber der Bastion aufsuchte. Vier Mann Matrosen standen an
der Brustwehr und hielten einen blutigen Leichnam ohne Stiefel und
Mantel an Füßen und Händen und schwenkten ihn hin und her, um ihn über
die Brustwehr zu werfen. (Am zweiten Tage des Bombardement hatte man
nicht überall die Körper auf den Bastionen sammeln können und warf sie
in den Graben, damit sie auf den Batterien nicht hinderten.) Wolodja
erstarrte einen Augenblick, als er sah, wie der Leichnam auf der Höhe
der Brustwehr aufschlug und dann von dort in den Graben kollerte;
aber hier traf ihn zum Glück der Befehlshaber der Bastion, erteilte
ihm Befehle und gab ihm einen Führer nach der Batterie und der für
die Bedienungsmannschaft bestimmten Blindage mit. Wir wollen nicht
erzählen, wie viel Gefahren, Enttäuschungen unser Held an diesem Abend
noch erlebt hat: wie er, statt den Schießübungen auf dem Wolkowofeld
unter allen Bedingungen der Pünktlichkeit und Ordnung, die er hier zu
finden erwartete, zwei außer Stand gesetzte Mörser fand; die Mündung
des einen war durch eine Kanonenkugel platt geschlagen, der andere
stand nur auf den Splittern einer zerschossenen Plattform, und vor dem
Morgen waren keine Arbeiter zu erlangen, um die Plattform ausbessern.
Nicht ein Geschoß hatte das Gewicht, das das Handbuch vorschrieb. Hier
wurden zwei Soldaten seines Kommandos verwundet, und er selbst war
zwanzigmal während dieses Abends um ein Haar dem Tode nahe. Zum Glück
war zu seiner Hilfe ein Kommandor von hünenhafter Gestalt bestimmt
worden, ein Seemann, der von Anfang der Belagerung bei den Mörsern
diente; dieser überzeugte ihn von der Möglichkeit, aus ihnen zu
schießen, führte ihn nachts mit einer Laterne auf der ganzen Bastion,
wie in seinem Garten, herum, und versprach, bis zum Morgen alles in
Stand zu setzen. Die Blindage, zu der ihn sein Führer geleitete, war
eine in steinigem Boden ausgegrabene, zwei Klafter lange und mit
ellendicken Eichenbalken bedeckte längliche Grube. Hier quartierte er
sich mit seinen sämtlichen Soldaten ein. Kaum hatte Wlang die niedrige,
eine Elle hohe Thür der Blindage gesehen, als er kopfüber allen voran
auf sie zulief, stark an die eiserne Decke anrannte und sich in einem
Winkel versteckte, aus dem er nicht mehr hervorkam. Wolodja dagegen
schlug, als alle Soldaten sich längs der Wände auf den Boden gelagert
und einige ihre Pfeifen angezündet hatten, sein Bett in einer Ecke auf,
zündete Licht an und legte sich, eine Cigarette rauchend, auf seine
Pritsche. Über der Blindage hörte man ununterbrochen Schüsse, die aber
nicht sehr laut tönten, ausgenommen die einer in der nächsten Nähe
stehenden Kanone, die mit ihrem Donner die Blindage erschütterte. In
der Blindage selber war's still; die Soldaten, die sich vor dem neuen
Offizier noch scheuten, sprachen nur bisweilen miteinander, indem
der eine den andern bat, etwas Platz zu machen oder ihm Feuer für
die Pfeife zu geben. Eine Ratte nagte irgendwo zwischen den Steinen.
Wlang, der noch nicht zu sich gekommen war und sich noch scheu umsah,
seufzte auf einmal laut. Wolodja, auf seinem Bette in dem stillen,
dichtbevölkerten, nur von einer Kerze erhellten Winkelchen, empfand
dasselbe Gefühl des Glückes, das er damals gehabt hatte, wo er als Kind
beim Versteckenspiel in den Schrank oder unter Mamas Kleid gekrochen
war, und horchte mit verhaltenem Atem auf, ängstigte sich in der
Finsternis und war zugleich voll freudiger Erwartung. Es war ihm schwer
und heiter zugleich zu Mute.


XXI

Im Laufe einer Viertelstunde fühlten sich die Soldaten heimisch und
wurden gesprächig. Dem Licht und dem Bette des Offiziers am nächsten
hatten sich die bedeutenderen Leute gelagert: zwei Feuerwerker,
der eine ein grauhaariger Alter mit allen Medaillen und Kreuzen,
ausgenommen das Georgskreuz; der andere, ein junger Mensch und
Soldatenkind, der gedrehte Cigaretten rauchte. Der Trommler hatte, wie
überall, die Obliegenheit auf sich genommen, den Offizier zu bedienen.
Die Bombardiere und die Reiter saßen in der Mitte; und dort im Schatten
am Eingange hatten sich die »Gehorsamen«[F] untergebracht. Unter diesen
begann auch das Gespräch. Die Veranlassung dazu gab der Lärm, den ein
in die Blindage stürzender Mensch verursachte.

 [F] S. »Der Holzschlag« II. Anm. d. Herausg.

Weshalb bist du nicht auf der Straße geblieben, Brüderchen? ... Singen
denn die Mädchen nicht lustig? fragte man ihn.

Sie singen so wunderbare Lieder, wie man sie auf dem Lande niemals
gehört hat ... entgegnete lachend der Mann, der in die Blindage
gekommen war.

Ah, Waßin hat die Bomben nicht gern, sagte einer aus der
Aristokratenecke, -- ach, er hat sie nicht gern!

Wie so? Wenn es sein muß, ist es eine ganz andere Sache, entgegnete
langsam Waßin, bei dessen Worten alle übrigen zu schweigen pflegten.
Am 24. haben wir ordentlich im Feuer gestanden, da ging's nicht
anders; aber weshalb soll man es zwecklos thun? ... Man wird unnütz
totgeschossen, und die Vorgesetzten sagen einem nicht einmal dank'
schön dafür.

Bei diesen Worten Waßins lachten alle.

Mjelnikow sitzt vielleicht noch draußen, sagte jemand.

Schicken Sie ihn hierher, den Mjelnikow, fügte der alte Feuerwerker
hinzu, er wird sonst wirklich zwecklos totgeschossen.

Wer ist dieser Mjelnikow? fragte Wolodja.

Wir haben hier einen einfältigen Soldaten, Euer Wohlgeboren. Er
fürchtet sich vor nichts in der Welt und geht jetzt immer draußen
umher. Belieben Sie, ihn sich anzusehen: der Kerl sieht wie ein Bär aus.

Er kann besprechen, sagte Waßins träge Stimme.

Mjelnikow trat in die Blindage. Er war ein dicker Mann (eine
außerordentliche Seltenheit bei Soldaten) mit rotem Haar und Gesicht,
ungemein vorstehender Stirn und hervortretenden hellblauen Augen.

Wie, fürchtest du dich vor den Bomben? fragte ihn Wolodja.

Weshalb soll ich mich vor den Bomben fürchten? antwortete Mjelnikow,
indem er einen krummen Rücken machte und sich kratzte; durch eine Bombe
sterbe ich nicht, das weiß ich.

So möchtest du hier wohnen?

Gewiß, ich möchte schon. Hier ist's heiter! entgegnete er, indem er
plötzlich in Lachen ausbrach.

O, da muß man dich zu einem Ausfall mitnehmen. Wenn du willst, sage ich
es dem General, sagte Wolodja, obgleich er hier nicht einen General
kannte.

Warum soll ich's nicht wollen, -- ich will's.

Und Mjelnikow verbarg sich hinter den anderen.

Laßt uns »Nase« spielen, Kinder! Wer hat Karten? ließ sich seine
hastige Stimme vernehmen.

Wirklich begann bald in der hintern Ecke das Spiel, -- man hörte die
Schläge auf die Nase, Lachen und Trumpfen. Wolodja goß sich Thee aus
dem Ssamowar ein, den ihm der Trommler aufgestellt hatte, lud die
Feuerwerker ein, scherzte und sprach mit ihnen; er hatte den Wunsch,
sich populär zu machen und war sehr befriedigt von der Achtung, die
ihm entgegengebracht wurde. Als die Soldaten bemerkten, daß er ein
leutseliger Herr war, fingen auch sie an, gesprächig zu werden.

Einer erzählte, die Belagerung Sewastopols werde bald ein Ende
haben, denn ein zuverlässiger Mann von der Marine habe erzählt, wie
Konstantin, der Bruder des Zaren, mit der amerikanischen Flotte uns zu
Hilfe komme, ferner, daß bald ein Vertrag kommen würde, zwei Wochen
lang nicht zu feuern und Ruhe zu halten, wenn aber einer feuern sollte,
müßte er für jeden Schuß 75 Kopeken zahlen.

Waßin war, wie Wolodja Gelegenheit hatte zu sehen, ein kleiner,
bärtiger Mann mit großen, gutmütigen Augen, er erzählte, erst unter
allgemeinem Schweigen, dann unter Gelächter, wie sie sich, als er auf
Urlaub nach Hause kam, anfangs mit ihm gefreut hätten, wie ihn der
Vater dann auf Arbeit geschickt und der Forstmeister ihm seinen Wagen
gestellt hätte, um seine Frau abzuholen.

Alles das vergnügte Wolodja außerordentlich. Er fühlte nicht nur
nicht die mindeste Furcht oder Unbehaglichkeit vor der Enge und dem
auf die Brust fallenden Geruch in der Blindage, es war ihm sogar
außerordentlich heiter und angenehm zu Mut.

Viele Soldaten schnarchten schon. Wlang hatte sich ebenfalls auf
dem Boden ausgestreckt, und der alte Feuerwerker murmelte, nachdem
er seinen Mantel ausgebreitet und sich bekreuzigt hatte, vor dem
Einschlafen Gebete, als Wolodja auf einmal den Wunsch empfand, aus der
Blindage zu gehen, um zu sehen, was draußen vorging.

Zieh' die Füße weg! schrieen, kaum daß er aufgestanden war, die
Soldaten einander zu; sie zogen die Füße an sich und ließen ihm den Weg
frei.

Wlang, der sich schlafend gestellt, erhob plötzlich den Kopf und faßte
Wolodja an den Schößen des Mantels.

Lassen Sie das, gehen Sie nicht, -- wie kann man nur! sagte er in
weinerlichem, überredendem Tone. Sie kennen das noch nicht. Dort
schlagen unaufhörlich die Kugeln ein. Bleiben Sie lieber hier.

Aber ohne Wlangs Bitten zu beachten, drängte sich Wolodja aus der
Blindage und setzte sich auf die Schwelle, auf der Mjelnikow saß.

Die Luft war rein und frisch, besonders nach der Luft in der Blindage;
die Nacht war hell und ruhig. Nach dem Getöse der Schüsse hörte man
das Geräusch der Fuhrwerke, die Schanzkörbe herbeibrachten, und das
Geplauder der Leute, die an einem Pulverkeller arbeiteten. Droben
wölbte sich der hohe, gestirnte Himmel, an dem die feurigen Streifen
der Bomben ununterbrochen dahinflogen. Links führte eine kleine, eine
Elle hohe Öffnung in eine andere Blindage, in dem die Füße und Rücken
der dort wohnenden Matrosen sichtbar und ihre Stimmen hörbar waren;
vor sich sah Wolodja die Erhöhung eines Pulverkellers, neben dem die
Gestalten gebückter Leute auftauchten, und auf dem, gerade in die
Höhe, unter den Gewehrkugeln und Bomben, die unaufhörlich an diesem
Platze pfiffen, eine hohe Gestalt in einem schwarzen Überrock stand,
die Hände in den Taschen und mit den Füßen die Erde festtretend, die
andere Leute in Säcken dorthin trugen. Bomben kamen häufig dorthin
geflogen und platzten ganz nahe bei dem Keller. Die Soldaten, die die
Erde schleppten, beugten sich nieder und wichen zur Seite; die schwarze
Gestalt bewegte sich nicht fort, trat ruhig mit den Füßen die Erde fest
und blieb immer in derselben Stellung an Ort und Stelle.

Wer ist dieser Schwarze? fragte Wolodja Mjelnikow.

Ich weiß es nicht; ich werde hingehen, nachsehen.

Geh nicht! Es ist nicht nötig.

Mjelnikow aber hörte nicht und stand auf, ging an die schwarze Gestalt
heran und stand sehr lange, ebenso gleichmütig und unbeweglich neben
ihr.

Das ist der Kellermeister, Euer Wohlgeboren! sagte er, zurückgekehrt,
eine Bombe hat den Pulverkeller beschädigt, darum tragen Infanteristen
Erde dorthin.

Bisweilen flogen, wie es schien, Bomben direkt nach der Thür der
Blindage. Da drückte sich Wolodja in eine Ecke und kam von neuem
hervor, um in die Höhe zu sehen, ob nicht noch eine geflogen käme.

Obwohl Wlang einigemal aus der Blindage heraus Wolodja bat,
zurückzukehren, saß dieser doch an drei Stunden auf der Schwelle,
er fand ein gewisses Vergnügen daran, das Geschick zu versuchen und
den Flug der Bomben zu beobachten. Gegen Ende des Abends wußte er
bereits, woher so viele Geschütze feuerten und wo ihre Geschosse sich
niedersenkten.


XXII

Am andern Tage, dem 27. August, ging Wolodja, nach einem zehnstündigen
Schlaf, frisch und munter frühmorgens über die Schwelle der Blindage.
Wlang war mit ihm zusammen hinausgekrochen, aber beim ersten
Kanonenschusse stürzte er spornstreichs, indem er sich mit dem Kopf
den Weg bahnte, nach der Öffnung der Blindage zurück, unter dem
allgemeinen Gelächter der zum größten Teil ebenfalls an die Luft
gekommenen Soldaten. Nur Wlang, der alte Feuerwerker und einige andere
gingen selten in den Laufgraben hinaus, die übrigen aber ließen sich
nicht abhalten: sie traten alle aus der übelriechenden Blindage an die
frische Morgenluft, lagerten sich, trotzdem das Bombardement ebenso
heftig war wie tags zuvor, teils an der Schwelle, teils unter der
Brustwehr. Mjelnikow ging bereits seit der Morgendämmerung auf den
Batterien spazieren, indem er gleichgültig in die Luft sah.

An der Schwelle saßen zwei alte Soldaten und ein junger, kraushaariger,
jüdischer Soldat, der von der Infanterie abkommandiert war. Dieser
Soldat hatte eine der herumliegenden Gewehrkugeln aufgehoben, sie mit
einem Sprengstück an einem Steine plattgeschlagen und schnitt nun aus
ihr mit einem Messer ein Kreuz in der Art des Georgskreuzes; die andern
sahen plaudernd seiner Arbeit zu. Wirklich kam ein sehr hübsches Kreuz
heraus.

Wenn wir hier noch einige Zeit stehen, sagte der eine von ihnen, wird
man dann uns allen nach dem Friedensschlusse den Abschied geben?

Wo denkst du hin! ich hatte im ganzen vier Jahre bis zu meiner
Verabschiedung zu dienen, und stehe jetzt fünf Monate in Sewastopol.

Wir werden also nicht den Abschied erhalten? fragte ein anderer.

Da pfiff eine Kanonenkugel über den Köpfen der Sprechenden und schlug
eine Elle weit von Mjelnikow ein, der im Laufgraben auf sie zukam.

Sie hätte bald Mjelnikow getötet! rief der eine.

Mich tötet sie nicht, antwortete Mjelnikow.

Da hast du das Kreuz für deine Tapferkeit! sagte der junge Soldat, der
das Kreuz gemacht hatte, und gab es Mjelnikow.

Nein, Brüderchen, der Monat wird für ein ganzes Jahr gerechnet, so
ist's befohlen, ging das Gespräch fort.

In jedem Falle wird nach dem Friedensschlusse eine Kaiserparade in
Warschau abgehalten, und werden wir nicht verabschiedet, so werden wir
doch auf unbestimmte Zeit beurlaubt.

Da flog eine Gewehrkugel mit Zischen über die Köpfe der Sprechenden hin
und schlug an einen Stein an.

Seht, noch vor Abend kann's mit einem »aus« sein, Soldaten.

Alle lachten. Und nicht erst vor Abend, sondern schon nach zwei Stunden
war es mit zweien von ihnen »aus« und fünf waren verwundet; aber die
übrigen scherzten wie früher.

Wirklich waren am Morgen die beiden Mörser wieder soweit ausgebessert,
daß aus ihnen geschossen werden konnte. Gegen zehn Uhr rief Wolodja,
auf Befehl des Kommandeurs der Bastion, sein Kommando zusammen und
begab sich mit ihm nach der Batterie.

An den Leuten war auch nicht eine Spur des Furchtgefühls zu entdecken,
das sich tags zuvor gezeigt hatte, sobald sie an die Arbeit gingen.
Nur Wlang konnte sich nicht überwinden: er versteckte und bückte
sich noch immer, ja, auch Waßin hatte ein wenig seine Ruhe verloren,
er war unruhig und duckte sich fortwährend nieder. Wolodja war in
außerordentlicher Begeisterung: nicht der geringste Gedanke an Gefahr
beunruhigte ihn. Die Freude, daß er seine Pflicht erfülle, daß er nicht
nur nicht feig, sondern sogar tapfer sei, das Gefühl des Kommandierens
und die Gegenwart von zwanzig Mann, die, wie er wußte, mit Neugierde
auf ihn sahen, machten aus ihm einen vollkommen mutigen Menschen. Er
prahlte sogar mit seiner Tapferkeit, kletterte auf die Brustwehrbank
hinaus und knöpfte absichtlich den Mantel auf, um besser bemerkbar zu
sein. Der Kommandeur der Bastion, der zu dieser Zeit seine Wirtschaft,
wie er es nannte, musterte, konnte, wie sehr er auch im Verlauf von
acht Monaten daran gewöhnt war, alle Arten von Tapferkeit zu sehen,
nicht umhin, mit Wohlgefallen diesen hübschen jungen Menschen zu
betrachten, mit dem aufgeknöpften Mantel, unter dem ein, einen weißen
zarten Hals umschließendes, rotes Hemd sichtbar war, wie er mit
flammendem Gesicht und Augen in die Hände klatschte und mit tönender
Stimme kommandierte: »das erste, das zweite!« und heiter auf die
Brustwehr lief, um zu sehen, wohin seine Bomben gefallen waren. Um
halb zwölf hörte das Schießen auf beiden Seiten auf, und punkt zwölf
Uhr begann der Sturm auf den Malachow-Hügel -- die zweite, dritte und
fünfte Bastion.


XXIII

Diesseit der Bucht, zwischen Inkermann und den Befestigungen der
Nordseite, auf dem Telegraphenhügel, standen um die Mittagszeit
zwei Seeleute: ein Offizier, der durch ein Fernrohr nach Sewastopol
hinübersah, und ein zweiter, der soeben zu Pferde mit einem Kosaken zu
der hohen Signalstange gekommen war.

Die Sonne stand hell und hoch über der Bucht, die im heitern und
warmen Glanz mit den Böten und den Schiffen und ihren bewegten
Segeln spielte. Ein schwacher Wind trieb leicht die Blätter der
vertrockneten Eichensträucher um den Telegraphen, blähte die Segel
der Böte und erregte die Wellen des Meeres. Sewastopol, noch immer
dasselbe, mit seiner unvollendeten Kirche, seiner Säule, seinem
Hafendamm, dem grünen Boulevard auf der Höhe, dem schönen Bau der
Bibliothek, mit seinen kleinen, azurblauen, von Masten angefüllten
Buchten, den malerischen Bögen der Wasserleitung und mit den Wolken
blauen Pulverdampfes, bisweilen von der roten Flamme der Schüsse
beleuchtet -- noch immer schön, feiertäglich, stolz, umgeben auf der
einen Seite von gelben, rauchenden Bergen, auf der andern von dem
hellblauen, in der Sonne schillernden Meer -- Sewastopol war jenseits
der Bucht sichtbar. Wo das Meer dem Gesichtskreis entschwand, war ein
Streifen dichten Rauches sichtbar, den ein Dampfer verursachte; zogen
langgestreckte weiße Wolken hin, die Wind ankündigten. Auf der ganzen
Linie der Befestigungen, besonders auf den Höhen der linken Seite,
bildeten sich unaufhörlich, unter Blitzen, die bisweilen sogar in der
Mittagssonne leuchteten, dichte, zusammengeballte, weiße Rauchmassen,
die sich ausbreiteten, in mannigfachen Formen in die Höhe stiegen und
sich am Himmel dunkler färbten. Diese Rauchwolken zeigten sich bald
hier, bald dort, auf den Höhen, in den feindlichen Batterien, in der
Stadt und hoch oben am Himmel. Die Explosionen verstummten nicht und
erschütterten, ineinander fließend, die Luft. ...

Um zwölf Uhr begannen die Rauchwolken sich seltener zu zeigen, die Luft
wurde weniger von Getöse erschüttert.

Aber die zweite Bastion antwortet gar nicht mehr, rief der zu Pferde
sitzende Husarenoffizier, sie ist ganz zusammengeschossen. ...
Schrecklich.

Ja, auch der Malachow schickt ihnen auf drei Schüsse nur einen zur
Antwort, entgegnete der mit dem Fernrohr. Das macht mich rasend, daß er
schweigt. Der Feind trifft ganz direkt in die Kornilow-Batterie, und
man antwortet ihm nicht.

Aber sieh, um zwölf Uhr hört er immer mit dem Bombardement auf, wie
ich gesagt habe. So ist's auch heute. Gehen wir lieber frühstücken, --
man erwartet uns jetzt schon. ... Es ist nichts zu sehen.

Wart', stör' mich nicht! antwortete der mit dem Fernrohr, indem er mit
besonderer Gespanntheit nach Sewastopol hinübersah.

Was ist da, was?

Bewegung in den Laufgräben. Dichte Kolonnen rücken vor.

Das sieht man auch so. Sie rücken in Kolonnen an.

Wir müssen das Signal geben. ...

Sieh, sieh! sie sind aus den Laufgräben herausgekommen!

In der That konnte man mit bloßem Auge sehen, wie sich dunkle
Flecken bergab von den französischen Batterien durch das Thal nach
den Bastionen bewegten. Vor diesen Flecken sah man dunkle Streifen
schon in der Nähe unserer Gefechtslinie. Auf den Bastionen flammten
an verschiedenen Stellen, wie vorübergehend, weiße Rauchwolken von
Schüssen auf. Der Wind trug die Töne des beiderseitigen Gewehrfeuers,
das so häufig war, wie wenn Hagel an die Fenster schlägt, hinüber.
Die schwarzen Streifen bewegten sich in dichtem Rauch immer näher und
näher. Die immer stärker werdenden Töne des Gewehrfeuers schmolzen in
ein ununterbrochenes, rollendes Krachen zusammen. Der immer häufiger
emporsteigende Rauch verbreitete sich schnell über die ganze Linie und
verschmolz endlich in eine dunkelblaue Wolke, die auf- und abwogte,
und durch die Feuer und schwarze Punkte hindurchschimmerten; alle Töne
vereinigten sich zu einem einzigen rollenden Donner.

Sturm! sagte der Offizier und gab mit bleichem Gesicht dem Seemann das
Fernrohr zurück.

Kosaken sprengten den Weg entlang; der Höchstkommandierende kam
in einer Kalesche vorbeigefahren, die Offiziere seines Gefolges
begleiteten ihn zu Pferde. Auf allen Gesichtern lag sorgenvolle Unruhe
und Erwartung.

Es ist unmöglich, daß sie ihn genommen haben! sagte der Offizier zu
Pferde.

Bei Gott, die Fahne! ... Sieh, sieh! entgegnete der andere, indem er
seufzte und vom Fernrohr fortging: die französische Fahne weht auf dem
Malachow.

Es ist unmöglich!


XXIV

Der ältere Koselzow, der in der Nacht noch tüchtig gespielt und erst
gewonnen, dann wieder alles verloren hatte, sogar die in den Ärmel
eingenähten Goldstücke, schlief noch am Morgen einen ungesunden,
schweren, aber festen Schlaf in der Verteidigungskaserne der fünften
Bastion, als von verschiedenen Stimmen wiederholt der verhängnisvolle
Schrei ertönte:

Alarm!

Was schlafen Sie, Michajlo Ssemjonytsch! Sturm! schrie ihm plötzlich
eine Stimme zu.

Gewiß ein Schulbube ... murmelte er, die Augen öffnend, er glaubte es
nicht.

Plötzlich aber sah er einen Offizier ohne jeden ersichtlichen Zweck mit
einem so bleichen Gesicht aus einer Ecke nach der andern laufen, daß
er alles begriff. Der Gedanke, daß man ihn für einen Feigling halten
könnte, der in so kritischer Stunde nicht zur Kompagnie gehen wolle,
machte ihn ganz bestürzt. Er lief aus Leibeskräften zur Kompagnie.
Das Geschützfeuer hatte aufgehört, das Gewehrgeknatter dagegen seinen
Höhepunkt erreicht. Die Kugeln pfiffen nicht einzeln, wie aus Stutzen,
sondern flogen, wie Scharen von Herbstvögeln, in Schwärmen über die
Köpfe. Der ganze Platz, auf dem gestern sein Bataillon gestanden, war
in Rauch gehüllt. Wirres Schreien und Rufen ließ sich hören. Verwundete
und nicht verwundete Soldaten begegneten ihm in Scharen. Dreißig
Schritte weiter sah er seine Kompagnie, die sich an eine Wand gestellt
hatte.

Sie haben die Schwarz-Redoute genommen, rief ein junger Offizier. Alles
ist verloren!

Unsinn! sagte er zornig, faßte seinen kleinen, eisernen, stumpfen Säbel
und schrie:

Vorwärts, Kinder! Urra--a!

Die Stimme war klangvoll und kräftig, und regte Koselzow selber an. Er
stürzte vorwärts den Querwall entlang; fünfzig Mann Soldaten eilten mit
Geschrei hinter ihm her. Er lief hinter dem Querwall hervor auf einen
offenen Platz. Die Kugeln flogen hageldicht.

Zwei trafen ihn, aber wo und was sie ihm gethan, ob sie ihn gestreift
oder verwundet, hatte er keine Zeit zu untersuchen. Vor ihm im
Pulverdampf waren bereits blaue Waffenröcke und rote Hosen zu sehen und
Geschrei zu hören, das nicht russisch war; ein Franzose stand auf der
Brustwehr, schwenkte den Degen und schrie. Koselzow war überzeugt, daß
er fallen werde: das verlieh ihm Tapferkeit. Er lief immer vorwärts
und vorwärts. Einige Soldaten überholten ihn; andere zeigten sich von
der Seite her und liefen ebenfalls mit. Die blauen Uniformen blieben
in derselben Entfernung, indem sie vor ihm nach ihren Laufgräben
zurückliefen; aber seine Füße stießen an Verwundete und Tote.

Als Koselzow bereits den Außengraben laufend erreicht hatte, wurde es
ihm schwarz vor den Augen, und er fühlte einen Schmerz in der Brust.

Eine halbe Stunde darauf lag er auf einer Tragbahre bei der
Nikolajew-Kaserne und wußte, daß er verwundet war, fühlte aber fast
keinen Schmerz; er wollte nur etwas Kaltes trinken und ruhig liegen.

Ein kleiner dicker Doktor mit schwarzem Vollbart kam zu ihm und knöpfte
ihm den Mantel auf. Koselzow sah über das Kinn auf das, was der Doktor
mit seiner Wunde machte, und auf das Gesicht des Doktors, empfand aber
keinen Schmerz. Der Doktor bedeckte die Wunde mit dem Hemd, wischte
sich die Finger an den Schößen seines Überrocks ab und ging schweigend,
ohne den Verwundeten anzusehen, zu einem andern. Koselzow verfolgte
unbewußt mit den Augen, was um ihn vorging, und da er sich erinnerte,
was auf der fünften Bastion geschehen war, dachte er mit einem ungemein
tröstenden Gefühl daran, wie er seine Pflicht brav erfüllt, wie er zum
erstenmal während seiner ganzen Dienstzeit sich so gut als möglich
benommen, und ihm niemand einen Vorwurf machen könne. Der Doktor, der
einen andern verwundeten Offizier verband, sagte, auf Koselzow zeigend,
etwas zu einem Geistlichen mit einem großen roten Barte, der mit einem
Kreuze in der Hand dastand.

Werde ich sterben? fragte Koselzow den Geistlichen, als dieser zu ihm
herangekommen war.

Der Geistliche sprach, ohne zu antworten, ein Gebet und reichte dem
Verwundeten das Kreuz zum Kuß.

Der Tod erschreckte Koselzow nicht. Er nahm mit schwachen Händen das
Kreuz, drückte es an seine Lippen und begann zu weinen.

Sind die Franzosen zurückgeworfen? fragte er mit fester Stimme den
Geistlichen.

Der Sieg ist überall den Unsrigen geblieben, antwortete der
Geistliche, um den Verwundeten zu trösten. Er verbarg ihm, daß auf dem
Malachow-Hügel bereits die französische Fahne wehte.

Gott sei gelobt! rief der Verwundete und fühlte nicht, wie ihm die
Thränen über die Wangen rannen.

Der Gedanke an den Bruder blitzte einen Augenblick in seinem Kopfe auf.
»Gott gebe ihm ein ebensolches Glück!« dachte er.


XXV

Aber ein solches Geschick erwartete Wolodja nicht. Er lauschte gerade
einem Märchen, das ihm Waßin erzählte, als man plötzlich schrie: »Die
Franzosen kommen!« Das Blut strömte ihm augenblicklich nach dem Herzen,
er fühlte, wie seine Wangen kalt und bleich wurden. Eine Sekunde
blieb er unbeweglich; als er sich aber umsah, beobachtete er, wie die
Soldaten ziemlich ruhig ihre Mäntel zuknöpften und einer nach dem
andern herauskrochen, -- der eine, wie es schien, war es Mjelnikow,
sagte sogar scherzend:

Bringt ihm Salz und Brot entgegen, Kinder!

Wolodja kroch mit Wlang, der keinen Schritt von ihm wich, aus der
Blindage heraus und lief zur Batterie. Das Artilleriefeuer war weder
diesseits noch jenseits zu hören. Nicht so sehr das ruhige Aussehen
der Soldaten, als vielmehr die klägliche, unverhohlene Feigheit des
Junkers ermutigte ihn. »Darf ich denn wie dieser sein?« dachte er und
lief frohen Muts zur Brustwehr, an der seine Mörser standen. Er konnte
deutlich erkennen, wie die Franzosen über einen freien Platz gerade
auf ihn zuliefen, und wie sich ihre Scharen, mit den in der Sonne
blitzenden Bajonetten, in den nächsten Laufgräben bewegten. Ein kleiner
breitschultriger Mann in Zuavenuniform, mit einem Degen, lief voran und
sprang über die Gruben.

Mit Kartätschen schießen! schrie Wolodja und stieg eilig von der
Brustwehrbank herab; aber die Soldaten waren ihm zuvorgekommen, und der
metallene Ton einer abgeschossenen Kartätsche pfiff über seinen Kopf
hin, zuerst aus einem, dann aus einem zweiten Mörser. »Das erste! das
zweite!« kommandierte Wolodja, indem er die Linie entlang von einem
Mörser zum andern lief und vollständig die Gefahr vergaß. Von der Seite
her ließ sich das nahe Gewehrfeuer unserer Bedeckungsmannschaft und
unruhiges Geschrei hören.

Plötzlich ertönte links, von einigen Stimmen wiederholt, ein
erschütternder Schrei der Verzweiflung: »Wir sind umzingelt,
umzingelt!« Wolodja sah sich auf den Schrei um. Zwanzig Mann Franzosen
zeigten sich im Rücken. Einer von ihnen, ein hübscher Mann mit
schwarzem Bart, war allen voran bis auf zehn Schritt an die Batterie
herangekommen, hier blieb er stehen, feuerte direkt auf Wolodja und
lief dann wieder auf ihn zu. Eine Sekunde stand Wolodja wie versteinert
da und glaubte seinen Augen nicht. Als er wieder zu sich kam und sich
umsah, befanden sich vor ihm auf der Brustwehr bereits blaue Uniformen;
zehn Schritte von ihm vernagelten sogar zwei Franzosen eine Kanone. In
seiner Nähe war außer Mjelnikow, der neben ihm von einer Gewehrkugel
gefallen, und Wlang, der einen Geschützhebel erfaßt und mit wütendem
Gesichtsausdruck und gesenkten Augen vorwärts stürzte, niemand mehr.
»Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch, mir nach!« schrie die verzweifelte
Stimme Wlangs, der mit dem Hebel gegen die Franzosen ausholte, die von
hinten gekommen waren. Des Junkers wütende Gestalt machte ihn stutzig.
Einem der vordersten schlug er über den Kopf, und die anderen blieben
unwillkürlich stehen. Wlang, der sich immer noch umsah und schrie: »Mir
nach, Wladimir Ssemjonytsch! Was bleiben Sie stehen! Fliehen Sie!« --
lief zum Laufgraben, in dem unsere Infanterie lag und auf die Franzosen
schoß. Er sprang in den Laufgraben, dann streckte er den Kopf wieder
hervor, um zu sehen, was sein vergötterter Fähnrich mache.

Auf dem Platze, wo Wolodja gestanden hatte, lag, mit dem Gesicht zur
Erde, etwas im Mantel, und dieser ganze Platz war voll von Franzosen,
die auf die Unsrigen schossen.


XXVI

Wlang fand seine Batterie in der zweiten Verteidigungslinie. Von den
zwanzig Soldaten, die bei der Mörserbatterie gewesen, hatten sich nur
acht gerettet.

In der neunten Abendstunde setzte Wlang mit der Batterie auf einem mit
Soldaten, Kanonen, Pferden und Verwundeten angefüllten Dampfer nach
der Nordseite über. Die Schüsse hatten überall aufgehört. Die Sterne
glänzten, wie in der vergangenen Nacht, hell am Himmel; aber ein
heftiger Wind peitschte das Meer. Auf der ersten und zweiten Bastion
flammten längs der Erde Blitze auf; Explosionen erschütterten die Luft
und erhellten ringsumher schwarze, seltsame Gegenstände und in die Luft
fliegende Steine. In der Nähe der Docks war ein Brand, und die rote
Flamme spiegelte sich im Wasser. Die von Menschen überfüllte Brücke
war durch ein auf der Nikolaj-Batterie brennendes Feuer erleuchtet.
Die große Flamme schien über dem Wasser auf der fernen Landzunge
der Alexander-Batterie zu stehen und erhellte den unteren Teil einer
Rauchwolke, die über ihr lag, und wie gestern schimmerten die ruhigen,
herausfordernden, fernen Lichter im Meer auf der feindlichen Flotte.
Eine frische Brise bewegte die Bucht. Bei dem Scheine der Brände waren
die Masten unserer immer tiefer und tiefer ins Wasser versenkten
Schiffe sichtbar. Gespräch ließ sich auf dem Verdeck nicht hören; nur
hörte man durch das gleichmäßige Geräusch der zerteilten Wellen und des
Dampfes auf der Fähre die Pferde schnauben und mit den Füßen stampfen,
die Kommandoworte des Kapitäns und das Stöhnen der Verwundeten. Wlang,
der den ganzen Tag nichts gegessen hatte, holte sich ein Stück Brot aus
der Tasche und begann es zu kauen; plötzlich aber erinnerte er sich
Wolodjas und begann so laut zu weinen, daß die Soldaten in seiner Nähe
es hörten.

Sieh, unser Wlanga ißt Brot und weint dabei! sagte Waßin.

's ist wunderbar! entgegnete ein anderer.

Sieh, auch unsere Kasernen haben sie angezündet ... fuhr er seufzend
fort. Daran, daß von unsereinem so viele dort gefallen, hat der
Franzose noch nicht genug!

Mit knapper Not sind wir lebend von dort fortgekommen, und dafür sei
dem Herrn Dank! sagte Waßin.

Aber doch ist es kränkend ...

Ach was, kränkend? Wird »er« denn dort herumspazieren? Wo denkst
du hin? ... Gieb' acht, die Unsrigen werden ihm schon alles wieder
abnehmen. Wieviel von unsereinem auch dort zu Grunde gegangen, aber,
so wahr Gott heilig ist, wenn der Kaiser befiehlt -- wird's ihm
abgenommen! Werden's ihm denn die Unsrigen so lassen? Gewiß nicht! ...
Behalt dir nur die nackten Wände, die Schanzen sind sämtlich in die
Luft gesprengt ... Auf dem Hügel hat er sein Fähnchen aufgesteckt, aber
in die Stadt wagt er sich nicht.

Wart' nur, mit dir wird schon noch abgerechnet werden ... Laß uns nur
Zeit! schloß er, zu den Franzosen gewandt.

Gewiß wird das geschehen! sagte der andere mit Überzeugung.

Auf der ganzen Linie der Sewastopoler Bastionen, die viele Monate
hindurch der Schauplatz strotzenden, energischen Lebens gewesen war,
die so viele Monate hindurch mit angesehen hatten, wie die Soldaten,
einer nach dem andern, hinstarben, die so viele Monate die Furcht,
den Haß und endlich das Entzücken der Feinde erregt hatten, auf
den Bastionen von Sewastopol war niemand mehr zu sehen. Alles war
tot, öde, schrecklich, aber nicht still, -- noch immer wurde das
Werk der Zerstörung fortgesetzt. Auf der durch frische Explosionen
aufgerissenen und eingestürzten Erde lagen überall zerbogene Lafetten
auf russischen und feindlichen Leichen, -- schwere gußeiserne, für
immer verstummte Kanonen, die durch eine fürchterliche Gewalt in
Gruben geworfen und halb mit Erde überschüttet waren, -- Bomben,
Kanonenkugeln, wiederum Leichen, Gruben, Bruchstücke von Balken aus den
Blindagen, und wieder stumme Leichen in grauen und blauen Mänteln. Das
alles zitterte noch häufig nach und wurde durch die Purpurflamme der
Explosion beleuchtet, die fortgesetzt die Luft erschütterte.

Die Feinde sahen, daß etwas Unbegreifliches in dem schrecklichen
Sewastopol geschehen war. Diese Explosionen und das Schweigen des
Todes auf den Bastionen machten sie erzittern; sie wagten aber unter
dem Eindruck des kräftigen, mutigen Widerstands des Tages noch nicht
zu glauben, daß ihr unerschütterlicher Feind verschwunden sei, und
erwarteten, ohne sich zu rühren, mit Beben das Ende der finstern Nacht.

Wie das Meer in stürmischer, finstrer Nacht auf- und abschwillt und
ängstlich erbebt in seiner ganzen Fülle und am Ufer brandet, so bewegte
sich das Heer von Sewastopol langsam in undurchdringlicher Finsternis
über die Brücke auf der Nordseite -- fort von dem Ort, auf dem es
so viel tapfere Brüder gelassen, von dem Ort, der von seinem Blute
getränkt war, von dem Ort, den es elf Monate lang gegen einen doppelt
stärkeren Feind verteidigt und jetzt auf Befehl ohne Kampf verlassen
mußte.

Unbegreiflich und schwer war für jeden Russen der erste Eindruck dieses
Befehls. Das zweite Gefühl war die Furcht vor Verfolgung. Die Leute
fühlten sich widerstandsunfähig, sobald sie die Orte verlassen hatten,
an denen sie zu kämpfen gewohnt waren, und drängten sich unruhig in
der Finsternis am Anfang der Brücke zusammen, die von einem starken
Wind hin- und hergeschaukelt wurde. Die Infanterie staute sich, ihre
Bajonette stießen aneinander, die Regimenter, Wagen und Milizen
drängten sich zusammen; berittene Offiziere mit Befehlen brachen sich
Bahn; es weinten und baten die Einwohner und Offiziersburschen, deren
beladene Wagen nicht durchgelassen wurden; mit Rädergerassel arbeitete
sich die Artillerie zur Bucht durch, um so schnell als möglich
davonzukommen. Obgleich alle von den verschiedensten unwichtigen Dingen
in Anspruch genommen waren, war doch das Gefühl der Selbsterhaltung
und der Wunsch, so schnell als möglich von diesem furchtbaren Orte des
Todes hinwegzukommen, in der Seele eines jeden. Dieses Gefühl hatte der
tödlich verwundete Gemeine, der unter fünfhunderten solcher Verwundeter
auf dem Pflaster des Pauldammes lag und Gott um seinen Tod bat, der
Landwehrmann, der sich mit äußerster Kraftanstrengung in die dichte
Menge drängte, um dem vorüberreitenden General den Weg freizumachen,
der General, der standhaft den Übergang leitete und gegen die Hast der
Soldaten ankämpfte, der Matrose, der in ein marschierendes Bataillon
geraten war und von der wogenden Menge so zusammengepreßt wurde, daß
ihm der Atem verging, der verwundete Offizier, den vier Gemeine auf
einer Bahre trugen und bei der Nikolai-Batterie niederließen, weil die
gestaute Menschenmasse ihnen den Weg verstellte, der Artillerist, der
sechzehn Jahre sein Geschütz bedient hatte und der es auf den Befehl
der Führung, der ihm unverständlich war, mit Hilfe der Kameraden
den steilen Abhang der Bucht hinabgestürzt hatte, die Seeleute, die
eben das Wasser in die Schiffe einließen und in ihren Barkassen mit
schnellem Ruderschlag davonfuhren. Fast jeder Soldat, der an das
jenseitige Ufer gelangt war, nahm die Mütze ab und bekreuzte sich.
Aber diesem Gefühl folgte ein anderes, schweres, nagendes und tieferes
Gefühl: es war ein Gefühl der Reue, der Scham und der Wut. Fast jeder
Soldat, der von der Nordseite aus nach dem verlassenen Sewastopol
hinüberblickte, seufzte mit unsagbarer Trübsal im Herzen und drohte den
Feinden.



Kaukasische Erzählungen


Ein Ueberfall -- Der Holzschlag

Begegnung im Felde


Vom Sommer 1851 bis zum Herbst 1853 war Leo Tolstoj als Offizier im
Kaukasus. Die neue Welt, die ihn hier umgab, wirkte auf den Dichter mit
solcher Macht ein, daß auch die kurze Zeit seines Aufenthalts ungemein
reiche Früchte trug.

Der Kaukasus lebte in der Vorstellung des gebildeten Russen als ein
fernes Paradies, in dem der seelenkranke Westeuropäer Gesundung
findet. Diese romantische Vorstellung von den Gebirgsländern, die an
der Scheide Europas und Asiens liegen, hatten die Lyrik Puschkins,
die Erzählerkunst Lermontows und die Romanschilderungen Marlinskijs
erzeugt. Leo Tolstoj tritt an die neue Welt, die sich ihm aufthut, mit
unverschleiertem Blick heran und entkleidet sie ihres erborgten Reizes.
Nicht geringer ist für ihn die Majestät der Natur, nicht schwächer die
Eindrücke, die der Mensch der Unkultur und der unter ihrem Einflusse
veränderte russische Mann aus den niederen Schichten des Volks auf
ihn machen. Aber anders *geartet* ist alles. Es ist der Unterschied
des Wirklichkeitsbildes und der idealisierenden, absichtsvollen
Selbsttäuschung.

Die Werke, die dieser Zeit ihre Anregung verdanken, sind: »Ein
Ueberfall«, »Der Holzschlag«, »Eine Begegnung im Felde mit einem
Moskauer Bekannten« und »Die Kosaken«. Ich habe alle vier (in meiner
Biographie Leo Tolstojs) unter dem gemeinsamen Titel »*Kaukasische
Erzählungen*« zusammengefaßt. Nicht alle vier sind im Kaukasus selbst
niedergeschrieben: »Ein Ueberfall« ist aus dem Jahre 1852, »Der
Holzschlag« ist in den Jahren 1854/55 zu Papier gebracht, mitten unter
den Stürmen der Sewastopoler Kämpfe, »Eine Begegnung im Felde« stammt
aus dem Jahre 1856, und »Die Kosaken« sind gar erst ein Jahrzehnt
später (1861) zum Abschluß gediehen und im Jahre 1863 veröffentlicht.

Alle diese Erzählungen durchzieht als leitender Gedanke: die Abneigung
gegen die Kultur und *die* Gesellschaftsschicht, die sich als ihre
ausschließliche Eigentümerin fühlt, und die Liebe zu dem schlichten
Volk, das unbewußt Tugenden bewahrt hat, die dem Gebildeten fehlen.
Hie und da bricht auch schon ernster die Verabscheuung des Krieges
hindurch, eine Idee, die später, gestützt auf den Satz des Evangeliums:
»daß ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel« zu einer der wichtigsten
Grundsätze Tolstojscher Weltanschauung geworden ist.

                                                  R. L.



Ein Ueberfall

Erzählung eines Freiwilligen


I

Es war am 12. Juli, Kapitän Chlopow trat in Epauletten und Säbel --
einer Uniform, in der ich ihn seit meiner Ankunft im Kaukasus noch nie
gesehen hatte -- durch die niedrige Thür meiner Erdhütte ein.

Ich komme direkt vom Obersten, antwortete er auf den fragenden Blick,
mit dem ich ihm entgegenkam. Morgen rückt unser Bataillon aus.

Wohin? fragte ich.

Nach N. N., dort sollen sich die Truppen sammeln.

Und von da wird es gewiß einen Marsch geben.

Wahrscheinlich.

Wohin aber, was glauben Sie?

Was ich glaube? Ich sage Ihnen, was ich weiß. Gestern Nacht kam ein
Tatar vom General hergesprengt und brachte den Befehl, das Bataillon
solle ausrücken und für zwei Tage Zwieback mitnehmen; wohin es geht,
weshalb und wie lange, danach, Freundchen, fragt man nicht; der Befehl
ist da, und das genügt.

Wenn aber nur für zwei Tage Zwieback mitgenommen werden soll, so
werden wohl auch die Mannschaften nicht länger unterwegs bleiben?

Nun, das will noch gar nichts sagen ...

Wie denn aber? fragte ich verwundert.

Das ist einmal so! Wir marschierten nach Dargi, für acht Tage nahmen
wir Zwieback mit und blieben fast einen Monat dort.

Werde ich mit Ihnen mitgehen dürfen? fragte ich nach einer kurzen Pause.

Dürfen werden Sie schon, aber ich rate Ihnen, gehen Sie lieber nicht
mit. Warum sollen Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen? ...

Nein, Sie müssen mir schon gestatten, Ihrem Rate nicht zu folgen. Ich
habe hier einen ganzen Monat ausgehalten, um endlich die Gelegenheit
abzuwarten, ein Gefecht mit anzusehen, und nun wollen Sie, daß ich sie
vorübergehen lasse.

Bitte, kommen Sie mit; aber, wahrhaftig, ist es nicht gescheiter, Sie
bleiben hier? Sie könnten hier abwarten, bis wir wiederkommen, Sie
könnten jagen, und wir werden mit Gott ausrücken. Das wäre prächtig!
-- sagte er in so überzeugendem Tone, daß es mir im ersten Augenblick
wirklich so vorkam, als wäre das herrlich; dann sagte ich entschlossen,
daß ich um keinen Preis zurückbleibe.

Und was wollen Sie denn dort sehen? fuhr der Kapitän fort mir
zuzureden. Sie möchten gern wissen, wie es in einer Schlacht zugeht?
Lesen Sie Michajlowskij-Danilewskijs »Beschreibung des Kriegs«,
ein wundervolles Buch! Da ist alles ausführlich beschrieben: wo die
einzelnen Korps gestanden haben, wie die Schlachten vor sich gehen.

O nein, das interessiert mich nicht, antwortete ich.

Nun was denn: Sie wollen also, wie es scheint, einfach mit ansehen,
wie man Menschen totschlägt? ... Da war hier im Jahre 32 auch so ein
Civilist, ein Spanier war es, glaube ich. Zwei Feldzüge hat er mit
uns mitgemacht, in seinem blauen Mäntelchen -- schließlich haben sie
den Burschen abgemurkst. Hier, Väterchen, wird kein Mensch dich viel
bewundern ...

So peinlich es mir auch war, daß der Kapitän meine Absicht in so
häßlichem Sinne auslegte, gab ich mir doch keine Mühe, ihm eine andere
Überzeugung beizubringen.

War er tapfer? fragte ich ihn.

Das weiß Gott: er war immer in den ersten Reihen; wo man Gewehrknattern
hörte, sah man ihn.

Er muß also wohl tapfer gewesen sein, sagte ich.

Nein, das nennt man nicht tapfer, wenn einer überall herumrennt, wo man
ihn nicht braucht ...

Was nennen Sie also tapfer?

Tapfer? ... Tapfer? wiederholte der Kapitän, mit der Miene eines
Menschen, dem eine solche Frage zum erstenmal vorgelegt wird: *Tapfer*
ist, *wer sich so benimmt, wie sich's gehört*, sagte er nach einigem
Nachdenken.

Mir fiel ein, daß Plato die Tapferkeit definiert als »die Kenntnis
dessen, was man zu fürchten hat und was man nicht zu fürchten hat«, und
trotz der Allgemeinheit und Unklarheit des Ausdrucks in der Definition
des Kapitäns, meinte ich, der Grundgedanke beider sei gar nicht so
schlecht, wie es scheinen mochte, ja die Definition des Kapitäns sei
sogar richtiger, als die Definition des griechischen Philosophen; denn
hätte er sich so auszudrücken verstanden, wie Plato, so würde er sicher
gesagt haben: Tapfer ist, wer nur das fürchtet, *was man fürchten muß*,
und nicht das, *was man nicht zu fürchten braucht*.

Ich hatte Lust, dem Kapitän meinen Gedanken klarzumachen.

Ja, sagte ich, in jeder Gefahr, glaube ich, haben wir eine Wahl, und
eine Wahl, die z. B. unter dem Einfluß des Pflichtgefühls getroffen
ist, ist Tapferkeit, und eine Wahl, die unter dem Einfluß eines
niedrigen Gefühls getroffen ist, ist Feigheit; darum kann man einen
Menschen, der aus Eitelkeit, aus Neugier oder aus Habsucht sein Leben
aufs Spiel setzt, nicht tapfer nennen, und umgekehrt einen Menschen,
der unter dem Einfluß des ehrenwerten Gefühls von Familienpflicht oder
einfach der Überzeugung -- einer Gefahr aus dem Wege geht, nicht einen
Feigling nennen.

Der Kapitän sah mich, während ich sprach, mit einem sonderbaren Blick
an.

Ja, das verstehe ich nicht mehr, sagte er und stopfte dabei sein
Pfeifchen; aber wir haben hier einen Junker, der philosophiert euch
gern. Mit dem müssen Sie sprechen. Er macht auch Verse.

Ich hatte den Kapitän erst im Kaukasus kennen gelernt, aber gekannt
hatte ich ihn schon in Rußland. Seine Mutter, Maria Iwanowna Chlopowa,
war Besitzerin eines kleinen Gütchens, zwei Werst von meiner Besitzung.
Vor meiner Abreise nach dem Kaukasus war ich bei ihr gewesen; die Alte
war sehr erfreut, daß ich ihren Paschenka (wie sie den alten, grauen
Kapitän nannte) aufsuchen wollte und -- ein lebendiger Brief -- ihm von
ihrem Leben und Treiben erzählen und ein Päckchen überbringen konnte.
Sie hatte mir einen vorzüglichen Pirogg und Spickgans vorgesetzt,
dann ging sie in ihr Schlafzimmer und kam von da mit einem schwarzen,
ziemlich großen Heiligenbilde zurück, an dem ein Seidenbändchen
befestigt war.

Das ist das Bild unserer Mutter Gottes, der Fürsprecherin, vom
brennenden Dornbusch, sagte sie, bekreuzte sich, küßte das Bild
der Gottesmutter und überreichte es mir: überbringen Sie ihm das,
Väterchen. Sehen Sie, als er nach dem Kaukasus ging, habe ich eine
Messe lesen lassen und ein Gelübde gethan, wenn er gesund und
unversehrt bleibt, dieses Mutter-Gottesbild zu bestellen. Nun sind
es schon achtzehn Jahre, daß die barmherzige Fürsprecherin und die
Heiligen ihn schützen; nicht ein einziges Mal war er verwundet, und
in wieviel Schlachten ist er schon gewesen! ... Wie mir Michajlo, der
mit ihm war, zu erzählen anfing, glauben Sie mir, die Haare stehen
einem zu Berge; sehen Sie, was ich von ihm weiß, weiß ich alles nur von
fremden Leuten, er selbst, mein Täubchen, schreibt nichts von seinen
Kriegszügen -- er fürchtet mich zu ängstigen.

(Schon im Kaukasus hatte ich erfahren, und zwar nicht von dem Kapitän
selbst, daß er viermal schwer verwundet gewesen, und es versteht sich
von selbst, daß er über die Verwundungen wie über die Feldzüge nie
seiner Mutter ein Wort geschrieben hatte.)

Dieses Heiligenbild soll er nun auf seiner Brust tragen, fuhr sie fort,
ich segne ihn damit.

Die heilige Fürsprecherin wird ihn beschützen! Besonders in der
Schlacht soll er es immer tragen. Sag's ihm, Väterchen, das läßt dir
deine Mutter sagen.

Ich versprach ihren Auftrag pünktlich auszuführen.

Ich weiß, Sie werden ihn liebgewinnen, meinen Paschenka, fuhr die Alte
fort, er ist ein so prächtiger Mensch! Wollen Sie glauben, kein Jahr
geht vorüber, in dem er mir nicht Geld schickt, und meine Tochter, die
Annuschka, unterstützt er auch sehr; und alles nur von seinem Gehalt!
Mein ganzes Leben werde ich Gott danken, schloß sie mit Thränen in den
Augen, daß er mir ein solches Kind geschenkt hat.

Schreibt er Ihnen oft? fragte ich.

Selten, Väterchen, so einmal im Jahre, wenn er Geld schickt, schreibt
er wohl ein Wörtchen, sonst nicht. Wenn ich dir nicht schreibe
Mütterchen, sagt er, dann bin ich gesund und munter, und wenn, was Gott
verhüte, etwas passiert, so wirst du es auch so erfahren.

Als ich dem Kapitän das Geschenk der Mutter überreichte (es war in
meinem Zimmer), bat er mich um Umschlagpapier, hüllte es sorgfältig ein
und steckte es in die Tasche. Ich erzählte ihm viel und ausführlich
über das Leben seiner Mutter -- der Kapitän schwieg. Als ich mit meiner
Erzählung zu Ende war, ging er in die Ecke und stopfte auffallend lange
sein Pfeifchen.

Ja, eine prächtige Frau! sagte er von dort her mit etwas dumpfer
Stimme. Ob's mir Gott noch vergönnt, sie wiederzusehen? In diesen
einfachen Worten lag sehr viel Liebe und Sehnsucht.

Warum dienen Sie hier? sagte ich.

Man muß doch dienen, antwortete er mit Überzeugung, für einen armen
Teufel wie unsereins will das doppelte Gehalt viel sagen.

Der Kapitän lebte sparsam: Karten spielte er nicht, Wein trank er
selten und rauchte einen einfachen Tabak, den er, ich weiß nicht
warum, nicht Rauchtabak, sondern sambrotalischen Tabak nannte. Der
Kapitän hatte mir schon früher gefallen: er hatte eine von den
schlichten, ruhigen, russischen Physiognomien, denen man mit Vergnügen
und leicht gerade in die Augen sieht; nach dieser Unterhaltung aber
empfand ich vor ihm wahre Hochachtung.


II

Am folgenden Tage, um vier Uhr morgens, kam der Kapitän, mich
abzuholen. Er trug einen alten, abgetragenen Rock ohne Epauletten,
breite Hosen, eine weiße Fellmütze, mit ausgegangenem, gelbgewordenem
Schafpelz und einen unansehnlichen, asiatischen Säbel über die Schulter.

Der kleine Schimmel, den er ritt, ging mit gesenktem Kopfe in ruhigem
Schritt und schlug beständig mit seinem dünnen Schweife um sich.
Obgleich in der Erscheinung des guten Kapitäns nicht nur wenig
Kriegerisches, sondern auch wenig Schönes lag, sprach aus ihr doch so
viel Gleichgültigkeit gegen alles, was ihn umgab, daß sie unwillkürlich
Achtung einflößte.

Ich ließ ihn nicht einen Augenblick warten, bestieg sofort mein Pferd,
und wir ritten zusammen zum Festungsthore hinaus.

Das Bataillon war uns schon 200 Faden voraus und sah wie eine
schwarze, kompakte, schwankende Masse aus. Nur *daran* konnte man
erkennen, daß es Infanterie war, daß die Bajonette wie dichte, lange
Nadeln zu sehen waren; von Zeit zu Zeit schlugen die Töne eines
Soldatenliedes, einer Trommel oder eines prächtigen Tenors aus der
sechsten Kompagnie, den ich schon oft in der Festung mit Entzücken
gehört hatte, an unser Ohr. Der Weg ging mitten durch einen tiefen und
breiten Engpaß am Ufer eines kleinen Flüßchens entlang, der gerade um
diese Zeit »spielte«, d. h. über die Ufer trat. Scharen wilder Tauben
flatterten um den Fluß: bald setzten sie sich auf das steinige Ufer,
bald beschrieben sie in der Luft schnelle Kreise und entschwanden
unsern Blicken.

Die Sonne war noch nicht zu sehen, aber der Gipfel der rechten Seite
des Engpasses wurde heller und heller. Die grauen und weißlichen
Steine, das gelbgrüne Moos, die taubedeckten Sträucher des Kreuzdorns,
der Mispel und der Korkulme traten mit außerordentlicher Deutlichkeit
und Plastik in dem durchsichtigen, goldigen Licht der aufgehenden Sonne
hervor; dagegen war die andere Seite und der Hohlweg in dichten Nebel
gehüllt, der in rauchartigen ungleichen Schichten wogte, feucht und
düster, und boten ein unbestimmbares Gemisch von Farben: blaßlila, fast
schwarz, dunkelgrün und weiß.

Dicht vor uns an dem dunklen Azur des Horizonts schimmerten in
überraschender Helligkeit die hellweißen, matten Massen der Schneeberge
mit ihren wunderlichen, bis in die kleinsten Einzelheiten schönen
Schatten und Umrissen. Grillen, Heuschrecken und tausend andere
Insekten erwachten im hohen Grase und erfüllten die Luft mit ihrem
hellen, ununterbrochenen Klingen: es war, als ob eine zahllose Menge
winziger Glöckchen in unsern eigenen Ohren tönte. Die Luft duftete nach
Wasser, Gras und Nebel, mit einem Wort, sie duftete nach einem schönen
Sommermorgen. Der Kapitän schlug Feuer und zündete sein Pfeifchen
an, der Geruch des sambrotalischen Tabaks und des Zunders kam mir
außerordentlich angenehm vor.

Wir ritten neben dem Weg einher, um die Infanterie schneller
einzuholen. Der Kapitän schien nachdenklicher als gewöhnlich, ließ
sein daghestanisches Pfeifchen nicht aus dem Munde und stieß bei
jedem Schritt mit den Fersen sein Pferd an, das, von einer Seite
auf die andere schwankend, eine kaum merkliche, dunkelgrüne Spur in
dem feuchten, hohen Grase zurückließ. Unter seinen Füßen flog mit
Gackern und mit dem Flügelschlage, bei dem der Jäger unwillkürlich
zusammenzuckt, ein Fasan auf und stieg langsam in die Höhe. Der Kapitän
schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit.

Wir hatten das Bataillon beinahe schon eingeholt, als hinter uns
der Hufschlag eines heransprengenden Pferdes hörbar wurde, und in
demselben Augenblick sprengte ein sehr hübscher, junger Bursche in
Offiziersuniform und in einer hohen, weißen Fellmütze vorüber. Als er
uns erreicht hatte, lächelte er, nickte dem Kapitän zu und schwang
sein Peitschchen ... Ich hatte Zeit zu bemerken, daß er mit besonderer
Anmut im Sattel saß und die Zügel hielt, und daß er schöne, schwarze
Augen, eine feine Nase und ein eben sprossendes Schnurrbärtchen hatte.
Besonders hatte mir an ihm gefallen, daß er das Lächeln nicht hatte
unterdrücken können, nachdem er gesehen, daß wir Freude an seinem
Anblick hatten. Aus diesem Lächeln allein hätte man schon schließen
können, daß er noch sehr jung war.

Wohin eilt er? brummte der Kapitän mit mürrischer Miene, ohne den
Tschibuck aus dem Munde zu nehmen.

Wer ist das? fragte ich.

Der Fähnrich Alanin, ein Subaltern-Offizier meiner Kompagnie ... Er ist
erst im vorigen Monat aus dem Kadettenkorps hierher gekommen.

Er geht gewiß zum erstenmal in eine Schlacht? sagte ich.

Darum ist er auch so glücklich ... -- antwortete der Kapitän,
tiefsinnig den Kopf wiegend. O, die Jugend!

Warum sollte er denn nicht froh sein? Ich kann mir wohl denken, daß
das für einen jungen Mann sehr interessant sein muß.

Der Kapitän schwieg einige Minuten.

Ja, ja, ich sage: die Jugend! fuhr er in tiefem Tone fort, wie kann
man sich freuen, ehe man noch etwas gesehen hat? Wenn du erst öfter
ins Feld gezogen bist, wirst du dich nicht mehr freuen. Wir sind
jetzt, sagen wir, zwanzig Offiziere, einer oder der andere fällt oder
wird verwundet, das ist gewiß. Heut gilt es mir, morgen gilt es dir,
übermorgen einem dritten: was giebt es da für einen Grund zur Freude?


III

Die helle Sonne war kaum hinter dem Berge hervorgekommen und ergoß
ihr Licht in das Thal, durch das wir zogen, die wogenden Nebelwolken
zerstreuten sich, und es wurde heiß. Die Soldaten marschierten mit
ihren Gewehren und Säbeln auf dem Rücken langsam die staubige Straße
dahin, in den Reihen hörte man von Zeit zu Zeit ein Gespräch in
kleinrussischer Mundart und Gelächter. Einige alte Soldaten in weißen
Kitteln, -- meist Unteroffiziere --, gingen neben dem Wege, mit dem
Pfeifchen im Munde, und plauderten ruhig. Vollgepackte, dreispännige
Fuhren bewegten sich Schritt für Schritt vorwärts und wirbelten den
dichten, schwerfälligen Staub auf. Die Offiziere ritten voran: die
einen dshigitierten, wie man im Kaukasus sagt, d. h. sie schlugen das
Pferd mit der Peitsche und ließen es vier, fünf Sprünge machen, dann
parierten sie es auf der Stelle und schwenkten den Kopf nach rückwärts.
Die anderen schenkten den Spielleuten ihre Aufmerksamkeit, die trotz
Glut und Stickluft unermüdlich ein Lied nach dem andern spielten.

Gegen 100 Faden vor der Infanterie ritt auf einem großen Schimmel
neben den berittenen Tataren ein schlanker und schöner Offizier in
asiatischer Tracht; er war im ganzen Regiment wegen seiner tollkühnen
Tapferkeit bekannt und als ein Mann, »der jedem die Wahrheit in
die Augen wirft«. Er trug ein schwarzes Beschmet mit Silberborte,
ebensolche Beinkleider, neue, eng an den Füßen anliegende Stiefel
mit Tschirasen (Galons), einen gelben Tscherkessenrock und eine hohe
nach hinten eingedrückte Fellmütze. Über Brust und Rücken liefen
silberne Borten, daran hingen auf dem Rücken Pulverhorn und Pistole;
eine zweite Pistole und ein Dolchmesser in silberner Scheide hingen
am Gürtel. Über der Kleidung war sein Säbel in schöner Saffianscheide
mit Silberbesatz umgürtet, über die Schultern hing die Windbüchse in
schwarzem Überzug. Aus seiner Tracht, seiner Haltung und aus seinem
ganzen Gebahren, überhaupt an allen seinen Bewegungen war ersichtlich,
daß er sich Mühe gab, wie ein Tatar auszusehen. Er sprach auch mit den
Tataren, die neben ihm ritten, in einer mir unbekannten Sprache; aber
an den verwunderten, spöttischen Blicken, die diese letzteren einander
zuwarfen, glaubte ich zu erkennen, daß sie ihn nicht verstanden. Es
war einer von unseren jungen Offizieren, einer der kühnen Ritter und
Dshigiten, die sich an dem Muster von Marlinskij und Lermontow schulen.
Diese Leute sehen den Kaukasus nur durch das Prisma der Helden unserer
Zeit, eines Mulla Nur und ähnlicher und lassen sich in allen ihren
Handlungen nicht von den eigenen Neigungen leiten, sondern von dem
Beispiel dieser Vorbilder.

Der Leutnant z. B. war vielleicht gern in Gesellschaft anständiger
Frauen und ernster Männer: Generale, Obersten, Adjutanten -- ja, ich
bin überzeugt, daß er sehr gern in solcher Gesellschaft war, denn er
war im höchsten Grade eitel; aber er hielt es für seine unbedingte
Pflicht, allen ernsten Männern seine rauhe Seite zuzukehren, wenn er
auch in seiner Derbheit sehr maßvoll war; und ließ sich eine Dame
in der Festung sehen, so hielt er es für seine Pflicht, mit seinen
Kameraden bloß in einem roten Hemd und mit Fußlappen an den nackten
Beinen an ihrem Fenster vorüberzugehen und so laut als möglich zu
schreien und zu schelten, weniger in der Absicht, sie zu kränken, als
in der Absicht, zu zeigen, was er für schöne weiße Füße habe, und
wie man sich in ihn verlieben könnte, wenn er das nur wollte. Oder
er zog häufig mit zwei, drei russenfreundlichen Tataren ganze Nächte
in die Berge und lagerte am Wege, um den feindlichen Tataren, die
vorüberkamen, aufzulauern und sie zu töten; und obgleich ihm sein Herz
oft genug sagte, daß darin nichts Heldenhaftes liege, hielt er sich
für verpflichtet, den Menschen Leid zuzufügen, die ihm, wie er meinte,
Enttäuschungen bereitet, und die er verachtete und haßte. Zwei Dinge
legte er nie ab: ein ungeheueres Heiligenbild, das er um den Hals trug,
und das Dolchmesser, das über dem Hemd hing, und mit dem er sich auch
zu Bette legte. Er war aufrichtig davon überzeugt, daß er Feinde habe.
Sich selbst zu überzeugen, daß er an jemandem Rache zu nehmen und mit
Blut eine Beleidigung zu sühnen habe, war für ihn der höchste Genuß. Er
war überzeugt, daß die Gefühle des Hasses, der Rache und der Verachtung
des Menschengeschlechts die erhebendsten poetischen Gefühle seien.
Seine Geliebte aber, -- natürlich eine Tscherkessin -- mit der ich
später zufällig zusammentraf, erzählte, er sei der beste und sanfteste
Mensch, und er schreibe jeden Abend seine düsteren Aufzeichnungen
nieder, trage auf Rechnungspapier seine Ausgaben und Einnahmen ein und
knie jeden Abend zum Gebete nieder. Und wieviel hatte er gelitten, nur
um vor sich selbst als das zu erscheinen, was er sein wollte, weil
seine Kameraden und die Soldaten ihn nicht verstehen konnten, wie
er gern verstanden sein mochte! Einst auf einem seiner nächtlichen
Straßenstreifzüge mit den Genossen, verwundete er mit einer Kugel
einen feindlichen Tschetschenzen am Fuß und nahm ihn gefangen. Dieser
Tschetschenze lebte dann sieben Wochen bei dem Leutnant, er behandelte
ihn, pflegte ihn wie seinen besten Freund, und als er geheilt war,
entließ er ihn mit Geschenken. Später einmal, während eines Kriegszugs,
als der Leutnant mit der Vorpostenkette zurückwich und sich gegen den
Feind durch Schießen verteidigte, hörte er aus den Reihen der Feinde
seinen Namen rufen, und sein verwundeter Freund kam hervorgeritten
und forderte den Leutnant durch Geberden auf, dasselbe zu thun. Der
Leutnant ritt zu seinem Kunak (Freunde) heran und drückte ihm die Hand.
Die Bergbewohner standen in der Nähe und schossen nicht; als aber der
Leutnant sein Pferd umwandte, schossen mehrere Mann auf ihn, und eine
Kugel streifte ihn unterhalb des Rückens. Ein andermal habe ich selbst
gesehen, wie in der Festung zur Nacht Feuer ausbrach. Zwei Kompagnien
Soldaten waren mit dem Löschen beschäftigt, plötzlich erschien mitten
in der Menge, beleuchtet von dem Purpurschein des Brandes, die hohe
Gestalt eines Mannes auf einem Rappen. Die Gestalt drängte die Menge
auseinander und ritt mitten auf das Feuer zu. Als der Leutnant ganz
nahe herangekommen war, sprang er vom Pferde und stürzte in das Haus,
das von einer Seite lichterloh brannte. Fünf Minuten später kam der
Leutnant mit versengten Haaren und mit angebranntem Ellbogen zurück
und trug zwei Tauben unter der Achsel, die er aus den Flammen gerettet
hatte.

Er hieß Rosenkranz; er sprach aber oft von seiner Herkunft, leitete
sie von den Warägern ab und suchte klar zu beweisen, daß er und seine
Vorfahren echte Russen waren.


IV

Die Sonne hatte die Hälfte ihres Wegs zurückgelegt und sandte ihre
glühenden Strahlen durch die erhitzte Luft auf die trockene Erde
herab. Der dunkelblaue Himmel war vollkommen klar, nur der Fuß der
Schneeberge begann sich in ein weißes, leichtes Wolkengewand zu
hüllen. Die regungslose Luft schien von einem durchsichtigen Staub
erfüllt zu sein, es war unerträglich heiß geworden. Als die Truppen an
einen kleinen Bach gekommen waren, der auf der Hälfte unseres Weges
floß, hielten sie Rast. Die Soldaten stellten die Gewehre zusammen
und rannten an den Bach; der Bataillons-Kommandeur setzte sich im
Schatten auf eine Trommel nieder, gab seinem vollen Gesicht die ganze
Würde seiner Stellung und machte sich mit einigen Offizieren zum
Imbiß bereit; der Kapitän legte sich im Grase unter einem Fouragewagen
nieder; der tapfere Leutnant Rosenkranz und noch einige andere junge
Offiziere lagerten sich auf ihre ausgebreiteten Filzmäntel und trafen
Anstalten zum Zechen, wie man aus den herumstehenden Flaschen sehen
konnte, besonders aber aus der angeregten Stimmung der Spielleute,
die im Halbkreise um sie herumstanden und mit Pfeifenbegleitung ein
kaukasisches Tanzlied nach der Weise der Lesginka spielten:

  Schamyl wollte revoltiren
  In vergangnen Jahren,
  Traj--raj, ra--ta--taj ...
  In vergangenen Jahren.

Unter diesen Offizieren war auch der blutjunge Fähnrich, der uns
am Morgen vorausgeritten war. Er war sehr drollig: seine Augen
leuchteten, seine Zunge lallte; er wollte alle Leute küssen und ihnen
seine Liebe gestehen ... Armer Junge! er wußte noch nicht, daß man
in diesem Zustande lächerlich sein kann, daß seine Offenheit und die
Zärtlichkeit, die er allen aufdrängte, die anderen nicht zu der Liebe
stimmte, nach der er sich sehnte, sondern zum Spott. -- Er wußte auch
nicht, daß er nachher, als er sich in glühender Erregung endlich auf
seinen Filzmantel warf, sich in die Hand stützte und sein schwarzes,
dichtes Haar zurückwarf, außerordentlich hübsch war.

Zwei Offiziere saßen unter dem Fouragewagen und spielten auf ihren
Reisekästchen Karten.

Neugierig lauschte ich auf die Gespräche der Soldaten und Offiziere
und betrachtete aufmerksam ihren Gesichtsausdruck; aber ich konnte
bei niemandem auch nur einen Schatten der Unruhe bemerken, die ich
empfand: Scherze, Gelächter, Erzählungen deuteten auf eine allgemeine
Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit gegen die bevorstehende Gefahr hin.
Als könnte man gar nicht vermuten, daß vielen von ihnen bestimmt sein
sollte, nicht wieder auf diesem Wege zurückzukommen.


V

Um 7 Uhr abends zogen wir staubbedeckt und müde durch das breite,
befestigte Thor der Festung N. N. ein. Die Sonne hatte sich gesenkt und
warf ihre schrägen, rosigen Strahlen auf die malerischen Geschützstände
und die Gärten mit den hohen Pappeln, die die Festung umgaben, auf die
bestellten, gelblich schimmernden Felder und auf die weißen Wolken,
die sich auf den Schneebergen türmten, als ob sie es ihnen nachthun
wollten, und eine nicht minder wunderliche und schöne Kette bildeten.
Der junge Halbmond schimmerte wie ein durchsichtiges Wölkchen am
Horizont. Im Aul, der vor dem Thore lag, rief ein Tatar, der auf
dem Dach einer Erdhütte stand, die Rechtgläubigen zum Gebet; die
Spielleute setzten mit neuem Mut und mit frischer Kraft ein.

Nachdem ich ein wenig ausgeruht und mich zurechtgemacht hatte, ging ich
zu einem mir bekannten Adjutanten. Ich wollte ihn bitten, dem General
von meiner Absicht Meldung zu machen. Auf dem Wege von der Vorstadt,
wo ich Quartier genommen hatte, hatte ich Gelegenheit, in der Festung
N. N. manches zu beobachten, was ich keineswegs erwartet hatte. Eine
hübsche, zweisitzige Kutsche, in der ein neumodisches Hütchen zu sehen
und französische Unterhaltung zu hören war, fuhr an mir vorüber. Aus
dem geöffneten Fenster des Kommandanturgebäudes drangen die Klänge
einer »Lieschen«- oder »Käthchenpolka«, die auf einem schlechten,
verstimmten Klavier gespielt wurden. In dem Gasthaus, an dem ich
vorüberkam, saßen, die Cigaretten in den Händen, einige Schreiber beim
Glase Wein, und ich hörte, wie der eine zum andern sagte: »Ich muß
sehr bitten, was die Politik betrifft, war Maria Grigorjewna bei uns
die erste Dame.« Ein buckliger Jude in einem abgetragenen Rock und von
kränklichem Aussehen schleppte mühsam einen krächzenden, zerbrochenen
Leierkasten, und über die ganze Vorstadt erklangen die Töne des
Finales aus Lucia. Zwei Frauen in rauschenden Kleidern und seidenen
Halstüchern mit hellfarbigen Sonnenschirmen in den Händen gingen auf
dem Fußsteig von Holz leichten Schritts an mir vorüber. Zwei junge
Mädchen, eine in einem rosa, die andere in einem blauen Kleide, standen
unbedeckten Hauptes an dem Erdaufwurf eines niedrigen Häuschens
und lachten mit einem unnatürlichen, hellen Lachen; sie wünschten
offenbar die Aufmerksamkeit der vorübergehenden Offiziere auf sich zu
lenken. Offiziere in neuen Röcken, weißen Handschuhen und glänzenden
Achselbändern stolzierten durch die Straße und über den Boulevard.

Ich traf meinen Bekannten im Erdgeschoß des Generalsgebäudes. Kaum
hatte ich ihm meinen Wunsch klar gemacht, und er mir gesagt, daß er
sehr leicht erfüllt werden könne, als an dem Fenster, an dem wir saßen,
die hübsche Kutsche vorübergerollt kam, die ich auf dem Wege bemerkt
hatte. Aus der Kutsche stieg ein schlanker, sehr stattlicher Mann in
Infanterie-Uniform mit Majorsepauletten und ging zum General.

Ach, verzeihen Sie, bitte, sagte der Adjutant und erhob sich von seinem
Platze, ich muß unbedingt dem General Meldung machen.

Wer ist denn angekommen? fragte ich.

Die Gräfin, antwortete er, knöpfte die Uniform zu und eilte hinauf.

Nach wenigen Minuten kam ein untersetzter, sehr hübscher Mann in einem
Rock ohne Epauletten mit einem weißen Kreuz im Knopfloch auf die
Freitreppe hinaus. Ihm folgte der Major, der Adjutant und noch zwei
andere Offiziere. Aus dem Gange, aus der Stimme, aus allen Bewegungen
des Generals sprach ein Mensch, der sich seines hohen Wertes wohl
bewußt ist.

_Bon soir, madame la comtesse_, sagte er und reichte ihr durch das
Wagenfenster die Hand.

Eine kleine Hand in einem Handschuh aus feinem Hundeleder drückte seine
Hand, und ein hübsches, lächelndes Gesichtchen in gelbem Hut erschien
an dem Fenster des Wagens.

Von dem ganzen Gespräch, das nur wenige Minuten dauerte, hörte ich nur
im Vorübergehen, wie der General lächelnd sagte:

_Vous savez, que je fait v[oe]u de combattre les infidèles, prenez donc
garde de le devenir._

Im Wagen erklang ein Lachen.

_Adieu donc, cher général._

_Non, au revoir_, sagte der General, indem er die Stufen der Treppe
hinausging, _n'oubliez pas, que je m'invite pour la soirée de demain_.

Der Wagen rollte weiter.

»Das ist doch noch ein Mensch, dachte ich auf dem Heimwege, der alles
hat, was man in Rußland erreichen kann: Stellung, Reichtum, Ansehen;
und dieser Mensch scherzt vor einer Schlacht, deren Ausgang Gott
allein kennt, mit einer hübschen Dame, verspricht ihr, am nächsten
Tage zum Thee zu kommen, gerade so, als ob er mit ihr auf einem Balle
zusammengetroffen wäre.«

Hier bei dem Adjutanten traf ich auch noch einen andern Menschen,
der mich noch mehr in Erstaunen setzte, ein junger Leutnant vom
K. Regiment, der sich durch seine fast frauenhafte Sanftmut und
Schüchternheit anzeichnete.

Er war zu dem Adjutanten gekommen, um seinem Ärger und seinem
Unwillen über die Leute Luft zu machen, die, wie er meinte, gegen ihn
intriguieren, damit er nicht an dem bevorstehenden Kampfe teilnehme. Es
sei häßlich, so zu handeln, sagt er, es sei nicht kameradschaftlich, er
werde es ihnen schon gedenken u. s. w. So scharf ich auch seine Züge
beobachtete, so aufmerksam ich auf den Klang seiner Stimme lauschte,
ich mußte die Überzeugung gewinnen, daß er sich keineswegs verstellte,
daß er vielmehr tief erregt und erbittert darüber war, daß man ihm
nicht gestatten wollte, auf die Tscherkessen zu schießen und sich ihren
Geschossen auszusetzen; er war so erbittert, wie ein Kind erbittert zu
sein pflegt, das man eben unverdient gezüchtigt hat ... Mir war das
alles gänzlich unverständlich.


VI

Um 10 Uhr abends sollten die Truppen ausrücken. Um halb neun stieg ich
zu Pferde und ritt zum General. Da ich aber annahm, daß er und sein
Adjutant beschäftigt seien, hielt ich an der Straße, band mein Pferd
an den Zaun und setzte mich auf den Erdaufwurf, in der Absicht, dem
General nachzueilen, wenn er ausreiten würde.

Die Glut und der helle Glanz der Sonne waren schon der Kühle der Nacht
und dem matten Lichte des jungen Monds gewichen, der rings um sich
her einen blassen, leuchtenden Halbkreis auf dem dunklen Blau des
Sternenhimmels bildete und niederzugehen begann; durch die Fenster
der Häuser und durch die Ritzen der Läden der Erdhütten schimmerten
Lichter. Die schlanken Pappeln der Gärten, die sich am Horizont hinter
den weißgetünchten, vom Mondlicht bestrahlten Erdhütten mit den
Schilddächern abhoben, erschienen noch höher und dunkler.

Die langen Schatten der Häuser, der Bäume, der Zäune breiteten sich
schön über den hellen staubigen Weg ... Vom Fluß her tönte ohne
Unterlaß das Quarren der Frösche.[G] Auf den Straßen hörte man bald
eilige Schritte und Gespräche, bald den Hufschlag von Pferden. Aus der
Vorstadt klangen von Zeit zu Zeit die Klänge einer Drehorgel herüber:
bald »Es wehen die Winde«, bald so was wie ein »Aurora-Walzer«.

 [G] Die Frösche im Kaukasus bringen einen Laut hervor, der nichts
 gemein hat mit dem Quaken unserer Frösche.

Ich werde nicht sagen, was mich in Gedanken versunken beschäftigte:
erstens weil ich mich schämen würde zu gestehen, daß es düstere
Gedanken waren, die mich in unabweisbaren Scharen beschlichen, während
ich rings um mich her nur Heiterkeit und Frohsinn beobachtete; zweitens
aber, weil das nicht zu meiner Erzählung gehört. Ich war so in Gedanken
versunken, daß ich nicht einmal bemerkte, daß die Glocke elf schlug und
der General mit seinem Gefolge an mir vorüberritt.

Die Nachhut war noch in dem Festungsthore. Mit Mühe gelang es
mir, über die Brücke zwischen den zusammengedrängten Geschützen,
Pulverkasten, Kompagniewagen und der geräuschvoll kommandierenden
Offiziere hindurchzukommen. Als ich durch das Thor hindurchgekommen
war, setzte ich mein Pferd in Trab, ritt an den Truppen entlang, die
sich nahezu eine Werst hinzogen und sich schweigend in der Dunkelheit
vorwärts bewegten, und erreichte den General. Als ich an der Artillerie
vorüberkam, die sich in gerader Linie hinzog, und an den Offizieren,
die zwischen den Geschützen ritten, traf mich wie ein beleidigender
Mißklang mitten durch die Stille und feierliche Harmonie die Stimme
eines Deutschen. Er schrie: »Achtillechist, gieb mir die Lunte«, und
die Stimme eines Soldaten schrie eilfertig: »Schewtschenko, der Herr
Leutnant wünscht Feuer.«

Der größte Teil des Himmels hatte sich mit langen, dunklen, grauen
Wolken bedeckt; hie und da nur schimmerten zwischen ihnen matte Sterne
hindurch. Der Mond hatte sich schon hinter dem nahen Horizont der
dunklen Berge verborgen, die zur Rechten sichtbar waren, und warf über
ihren Gipfel ein schwaches, zitterndes Dämmerlicht, das sich scharf
von dem undurchdringlichen Dunkel abhob, das über ihren Fuß gebreitet
lag. Die Luft war warm und so still, daß sich nicht ein Gräschen, nicht
ein Wölkchen regte. Es war so finster, daß man selbst in nächster Nähe
die Gegenstände nicht unterscheiden konnte. Rechts und links vom Wege
sah ich bald Felsen, bald Tiere, bald Menschen von sonderbarem Wesen
-- und ich erkannte erst dann, daß es Sträucher waren, wenn ich ihr
Rascheln hörte und die Frische des Taus empfand, der an ihren Blättern
hing. Vor mir sah ich eine dichte, wogende, schwarze Wand, hinter
der einige bewegliche Punkte waren. Das war die Infanterie. In der
ganzen Abteilung herrschte eine solche Stille, daß man deutlich all
die verschwimmenden, von geheimnisvollem Zauber erfüllten Stimmen der
Nacht hörte: das ferne, klagende Geheul der Schakale, das bald wie
verzweifeltes Weinen, bald wie Lachen klang, das helle, einförmige
Zirpen der Grillen, das Quaken der Frösche, den Schlag der Wachtel,
einen herankommenden dumpfen Ton, dessen Ursprung ich mir nicht
erklären konnte; und all die nächtlichen, kaum vernehmbaren Regungen
der Natur, die man weder begreifen, noch näher erklären kann, flossen
zusammen in den vollen Wohlklang, den wir Stille der Nacht nennen.
Diese Stille der Nacht wurde unterbrochen oder, richtiger gesagt, floß
zusammen mit dem dumpfen Hufschlag und dem Rascheln des hohen Grases,
das die langsam vorwärtsgehende Abteilung hervorrief.

Von Zeit zu Zeit nur hörte man in den Reihen das Getöse eines schweren
Geschützes, das Klirren aneinanderschlagender Bajonette, unterdrücktes
Plaudern und das Schnauben der Pferde.

Die Natur atmete seelenbeschwichtigend Schönheit und Kraft.

Ist den Menschen wirklich das Leben zu eng in dieser schönen Welt,
unter diesem unermeßlichen Sternenhimmel? Kann inmitten dieser
bezaubernden Natur in der Seele des Menschen das Gefühl der Bosheit,
der Rache oder der leidenschaftliche Trieb der Vernichtung von
Seinesgleichen fortbestehen? Alles Ungute im Herzen des Menschen müßte,
meine ich, sich verflüchtigen bei der Berührung mit der Natur -- diesem
unmittelbaren Ausdruck des Schönen und Guten.


VII

Wir waren schon mehr als zwei Stunden zu Pferde, mich durchrieselte
ein Frostschauer und ich hatte Neigung zum Schlafen. In der Finsternis
sah ich dieselben dunklen Gegenstände unklar vor mir: in geringer
Entfernung die schwarze Wand, schwarze bewegliche Flecke; ganz nahe
neben mir die Kruppe eines Schimmels, der mit dem Schweife wedelte
und die Hinterfüße breit auseinander setzte, einen Rücken in weißer
Tscherkeska, über dem eine Flinte in schwarzem Futteral zu sehen war
und der weiße Griff einer Pistole in einem gestickten Pistolenschuh
schimmerte; das Feuer einer Cigarette, das einen blonden Schnurrbart,
einen Biberkragen und eine Hand in einem Lederhandschuh beleuchtete.
Ich neigte mich zu dem Halse meines Pferdes, schloß die Augen und
versank einige Augenblicke in Träume; da plötzlich traf bekannter
Hufschlag und Rauschen mein Ohr: ich sah mich um, und mir war's, ich
stünde fest auf einem Platz und die schwarze Wand, die vor mir lag,
komme auf mich zu, oder diese Wand stünde fest, und ich ritt gerade auf
sie zu. In einem dieser Augenblicke überraschte mich das herannahende,
dumpfe Getöse, dessen Ursache ich nicht zu erraten vermochte, noch
stärker -- es war das Rauschen des Wassers. Wir gelangten in eine tiefe
Schlucht und näherten uns einem Bergfluß, dessen Überschwemmungszeit
gerade den Höhepunkt erreicht hatte.[H] Das Getöse wuchs, das feuchte
Gras wurde dichter und höher, die Sträucher wurden seltener, der
Horizont wurde enger und enger. Von Zeit zu Zeit leuchteten auf dem
dunklen Hintergrunde der Berge an verschiedenen Stellen helle Feuer
auf und erloschen sofort wieder.

 [H] Die Ueberschwemmungszeit der Flüsse im Kaukasus ist der Juli.

Sagen Sie mir, bitte, was sind das für Feuer? fragte ich flüsternd den
Tataren, der neben mir ritt.

Ei, weißt du das nicht? antwortete er.

Nein.

Da haben die Bergleute Stroh an die Stange gebunden und werden den
Feuerbrand werfen.

Warum denn?

Damit jedermann wisse, der Russe ist da. Jetzt, fügte er lachend hinzu,
herrscht in den Auls Tomascha.[I] Ei, ei, alle Churda-Murda[J] wird er
in die Schlucht schleppen.

 [I] Tomascha bedeutet Unfrieden in der eigentümlichen Mundart, die
 die Russen und Tataren in ihrem gegenseitigen Verkehr erfunden
 haben. Diese Mundart kennt viele Worte, deren Wurzel weder aus dem
 Russischen, noch aus den tatarischen Sprachen zu erklären sind.

 [J] Churda-Murda bedeutet in demselben Mundart Hab und Gut.

Wissen sie denn in den Bergen schon, daß eine Abteilung herankommt?
fragte ich.

Ja, wie soll er das nicht wissen, er weiß es immer, die Unseren sind
solch ein Volk!

So rüstet sich jetzt auch Schamyl zum Kriegszug? fragte ich.

Jok,[K] antwortete er und schüttelte den Kopf zum Zeichen der
Verneinung. Schamyl wird nicht ins Feld ziehen; Schamyl wird die
Naïbs[L] schicken und wird selbst durch ein Glas sehen, vom Berg
herunter.

 [K] Jok ist das tatarische »Nein«.

 [L] Naïbs sind Leute, welchen Schamyl irgend einen Teil der Verwaltung
 anvertraut hat.

Wohnt er weit von hier?

Weit nicht, hier links, zehn Werst können's sein.

Woher weißt du? ... fragte ich, warst du denn dort?

O ja, unsere Leute sind alle in den Bergen gewesen.

Und hast du Schamyl gesehen?

Pah, Schamyl bekommt unsereiner nicht zu sehen. Hundert, dreihundert,
tausend Muriden[M] sind um ihn. Schamyl ist in der Mitte! sagte er mit
dem Ausdruck unterwürfigster Hochachtung.

 [M] Das Wort Muriden hat viele Bedeutungen, aber in dem Sinne, in dem
 es hier gebraucht ist, bezeichnet es ein Mittelding zwischen einem
 Adjutanten und einem Mitglied der Leibwache.

Wenn man emporsah, konnte man bemerken, daß der lichter werdende Himmel
im Osten zu leuchten begann und der kleine Bär sich zum Horizont
herabsenkte; aber in der Schlucht, durch die wir zogen, war es feucht
und dunkel.

Plötzlich flammten nicht weit vor uns in der Dunkelheit einige
Lichter auf; in diesem Augenblick schwirrten Kugeln pfeifend durch die
Luft, und mitten durch die Stille, die uns umgab, erklangen weither
Schüsse und lautes, durchdringendes Geschrei. Es war das Vorhutpikett
des Feindes. Die Tataren, die es bildeten, erhoben ein Feldgeschrei,
schossen aufs Geratewohl und stoben aneinander.

Rings wurde es still. Der General rief den Dolmetsch heran. Ein Tatar
in weißer Tscherkeska kam auf ihn zugeritten und sprach mit ihm
flüsternd mit lebhafter Gebärde eine lange Zeit.

Oberst Chassanow, lassen Sie die Schützenkette ausschwärmen! sagte der
General mit leiser, gedehnter, aber eindringlicher Stimme.

Die Abteilung näherte sich dem Flusse; die schwarzen Berge,
die Schluchten blieben im Rücken; es begann Tag zu werden. Der
Himmelsbogen, an dem die blassen, matten Sterne kaum zu sehen waren,
erschien höher; die Morgenröte begann im Osten hell aufzuleuchten, ein
frischer, durchdringender Wind kam vom Westen her und ein heller Nebel
stieg wie Dampf über dem rauschenden Flusse auf.


VIII

Der Führer brachte uns an eine Furth, und die Vorhut der Reiterei, ihr
nach auch der General mit seinem Gefolge, überschritt den Fluß. Das
Wasser ging den Pferden bis an die Brust. Mit außerordentlicher Kraft
stürzte es zwischen den weißen Steinen dahin, die hie und da aus der
Wasserfläche hervorschimmerten, und bildete um die Beine der Pferde
schäumende, rauschende Strudel. Die Pferde stutzten bei dem Rauschen
des Wassers, richteten die Köpfe empor, spitzten die Ohren, gingen
aber langsamen und vorsichtigen Schrittes gegen die Strömung über den
unebenen Grund. Die Reiterei zog die Beine und die Waffen in die Höhe,
die Fußsoldaten, die buchstäblich nur mit einem Hemd bekleidet waren,
hielten die Gewehre, an denen sie die Kleiderbündel befestigt hatten,
über dem Wasser, faßten sich je zwanzig Hand an Hand und kämpften mit
einer Anstrengung, die auf ihren angespannten Gesichtern ausgeprägt
war, gegen die Strömung an. Die berittenen Artilleristen trieben ihre
Pferde im Trab mit großem Geschrei in das Wasser. Die Geschütze und
die Pulverkasten, über die von Zeit zu Zeit das Wasser hinspritzte,
klirrten auf dem steinigen Boden; aber die guten Kosakenpferde zogen
wacker die Stränge, teilten die schäumende Flut und erklommen mit
feuchtem Schweif und feuchter Mähne das andere Ufer.

Sobald der Übergang vollzogen war, lag plötzlich auf dem Antlitz des
Generals eine gewisse ernste Nachdenklichkeit, er wandte sein Pferd
und ritt im Trab mit der Reiterei über die von dem Walde umsäumte Wiese
dahin, die sich vor den Unsrigen aufthat. Berittene Kosaken-Vorposten
schwärmten am Waldesrand entlang.

Im Walde taucht ein Mann im Tscherkessenrock und Schafspelzmütze, ein
Fußgänger, auf, ein zweiter, ein dritter ... einer von den Offizieren
sagt: »Das sind die Tataren.« Da wird auch ein leichter Rauch hinter
dem Baum sichtbar ... Ein Schuß, ein zweiter ... Unser rasches Schießen
übertönt das feindliche Feuer. Selten nur sagt uns eine Kugel, die
mit gedehntem Klang, ähnlich dem Summen der Bienen, vorüberfliegt,
daß nicht alle Schüsse von den Unsrigen kommen. Im Laufschritt ist
das Fußvolk, im Trab die Geschütze in die Schlachtlinie eingerückt;
man hört den dröhnenden Kanonendonner, den metallischen Klang der
fliegenden Kartätschen, das Zischen der Raketen, das Knattern der
Gewehre. Die Reiterei, das Fußvolk und die Geschützmannschaft tauchen
von allen Seiten auf der weiten Wiese auf. Die Rauchwölkchen der
Gewehre, der Raketen und Kanonen fließen mit dem taubedeckten Grün und
dem Nebel in eins zusammen. Oberst Chassanow sprengt an den General
heran und hält sein Pferd in vollem Ritt plötzlich an.

Euer Excellenz! sagt er, die Hand an die Mütze gelegt, befehlen Sie,
daß die Kavallerie vorrückt? Es sind Zeichen[N] aufgetaucht ... und er
zeigt mit der Peitsche auf die berittenen Tataren, denen zwei Mann mit
roten und blauen Fähnchen an den Lanzen, auf weißen Rossen vorausreiten.

 [N] Die Zeichen haben bei den Bergvölkern beinahe die Bedeutung von
 Fahnen, nur mit dem Unterschied, daß jeder Dshigit sich seine eigenen
 Zeichen machen und führen kann.

Mit Gott, Iwan Chassanow! sagt der General.

Der Oberst wendet auf der Stelle sein Pferd, zieht seinen Säbel und
ruft: »Urrah!«

Urrah, urrah, urrah, ... tönt es durch die Reihen, und die Reiterei
stürmt ihm nach.

Alle schauen mit Teilnahme hin: da ist ein Zeichen, ein zweites, ein
drittes, ein viertes ... Der Feind verschwindet, ohne den Angriff
abzuwarten, im Walde und eröffnet von hier aus ein Gewehrfeuer. Die
Kugeln kommen dichter geflogen.

_Quel charmant coup d'[oe]il!_ sagt der General, indem er seinen
dünnbeinigen Rappen auf englische Art leichte Sprünge machen läßt.

_Charmant!_ antwortet der Major mit schnarrendem R, giebt seinem Pferd
einen Hieb mit der Gerte und reitet zu dem General heran. _C'est un
vrai plaisir, la guerre dans un aussi beau pays_, sagt er.

_Et surtout en bonne compagnie_, fügt der General mit anmutigem Lächeln
hinzu.

Der Major verneigte sich.

In diesem Augenblick fliegt mit raschem, häßlichem Zischen eine
feindliche Kugel vorbei und schlägt irgendwo ein; hinter uns hört
man das Stöhnen eines Verwundeten. Dieses Stöhnen ergreift mich so
sonderbar, daß das kriegerische Bild im Augenblick all seinen Zauber
für mich verliert; aber niemand außer mir scheint das zu bemerken: der
Major lacht, wie ich glaube, aus vollem Halse; ein anderer Offizier
wiederholt vollkommen ruhig die Anfangsworte seiner Rede; der General
sieht auf die entgegengesetzte Seite hinüber und sagt mit dem ruhigsten
Lächeln etwas auf französisch.

Befehlen Sie ihre Schüsse zu erwidern? fragt heransprengend der
Befehlshaber der Artillerie.

Ja, jagen Sie ihnen einen Schrecken ein, sagt der General nachlässig
und raucht eine Cigarette an.

Die Batterie formiert sich, und das Feuer beginnt. Die Erde stöhnt
unter dem Geschützdonner, ununterbrochen blitzen die Feuer auf, und ein
Rauch, durch den man kaum die hin- und hergehende Bedienungsmannschaft
der Geschütze unterscheiden kann, lagert sich vor unserem Blick.

Der Aul wird beschossen. Wieder kommt Oberst Chassanow herangeritten
und fliegt auf Befehl des Generals nach dem Aul. Das Kriegsgeschrei
erschallt von neuem, und die Reiterei verschwindet in der Staubwolke,
die sie selbst aufwirbelt.

Das Schauspiel war wahrhaft großartig. Eines nur störte mir, als einem
Menschen, der an dem Kampf nicht teilnahm und dem all das neu war,
den Eindruck, weil es überflüssig erschien -- diese Lebhaftigkeit,
diese Begeisterung, dies Geschrei. Unwillkürlich drängte sich mir der
Vergleich auf mit einem Menschen, der mit aller Wucht ausholt, um mit
einem Beile die Luft zu spalten.


IX

Unsere Truppen hatten schon den Aul besetzt, und nicht eine Seele war
vom Feinde zurückgeblieben, als der General mit seinem Gefolge, in das
auch ich mich gemischt hatte, herangeritten kam.

Die langen, reinlichen Hütten mit den flachen Lehmdächern und den
hübschen Schornsteinen lagen auf unebenen, steinigen Hügeln zerstreut,
zwischen denen ein kleines Flüßchen hinfloß. Auf der einen Seite
schimmerten im hellen Sonnenlicht die grünen Gärten mit den ungeheuren
Birnen- und Pflaumenbäumen; auf der andern ragten sonderbare Schatten
empor, senkrechtstehende hohe Steine eines Kirchhofs und lange hölzerne
Stangen, an deren Enden Kugeln und buntfarbige Fähnlein befestigt
waren. (Das waren die Gräber der Dshigiten.)

Die Truppen standen in Reih und Glied vor dem Thore.

Eine Minute später zerstreuten sich die Dragoner, Kosaken, Fußgänger
mit sichtlicher Freude durch die schiefen Gassen, und der öde Aul war
im Augenblick belebt. Da wird ein Dach niedergerissen, schlägt eine
Axt gegen das starke Holz, und die Bretterthür wird erbrochen; hier
wird ein Heuschober, ein Zaun, eine Hütte in Brand gesteckt, und dichte
Rauchwolken steigen in Säulen in die klare Luft empor. Da schleppt
ein Kosak einen Sack Mehl und einen Teppich; ein Soldat trägt mit
freudestrahlendem Gesicht aus der Hütte ein blechernes Waschbecken und
einen Fetzen Tuch heraus; ein anderer müht sich mit ausgebreiteten
Armen zwei Hennen einzufangen, die gackernd um den Zaun herumflattern;
ein dritter hat irgendwo einen ungeheuren Topf mit Milch entdeckt, er
trinkt daraus, und wirft ihn dann mit schallendem Lachen zu Boden.

Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, war auch
im Aul. Der Kapitän saß auf dem Dach einer Hütte und blies aus seinem
kurzen Pfeifchen die Rauchwölkchen seines *sambrotalischen* Tabaks mit
so gleichgültiger Miene in die Luft, daß ich bei seinem Anblick vergaß,
daß ich mich in einem feindlichen Aul befinde und das Gefühl hatte, als
sei ich hier völlig zu Hause.

Ach, auch Sie hier? sagte er, als er mich bemerkte.

Die hohe Gestalt des Leutnants Rosenkranz tauchte bald hier, bald
dort im Aul auf: er war ununterbrochen in Thätigkeit und hatte das
Aussehen eines Menschen, der von einer Sorge sehr in Anspruch genommen
ist. Ich sah, wie er mit feierlicher Miene aus einer Hütte herauskam;
ihm folgten zwei Soldaten, die einen alten Tataren gebunden führten.
Der Alte, dessen ganze Kleidung ein buntes Beschmet, das in Lumpen
herabhing, und zerfetzte Beinkleider bildeten, war so gebrechlich,
daß seine fest auf dem Rücken zusammengeschnürten knochigen Arme sich
kaum an den Schultern zu halten schienen, und seine krummen, nackten
Beine sich nur mit Mühe vorwärts bewegten. Sein Gesicht, ja sogar
ein Teil seines rasierten Kopfes war von tiefen Furchen durchzogen.
Der schiefgezogene, zahnlose Mund, den ein grauer, kurzgeschnittener
Schnurrbart und Backenbart umgab, bewegte sich unaufhörlich, als ob er
etwas kaute; aber aus den roten, wimperlosen Augen leuchtete noch das
Feuer und prägte sich deutlich des Alters Gleichgültigkeit gegen das
Leben aus.

Rosenkranz fragte ihn mit Hilfe des Dolmetschs, warum er nicht mit den
andern geflohen sei.

Wohin soll ich fliehen? sagte er und blickte ruhig nach der Seite.

Wo die andern hingeflohen sind, bemerkte jemand.

Die Dshigiten sind mit den Russen in den Kampf gezogen, aber ich bin
ein alter Mann.

Fürchtest du dich denn nicht vor den Russen?

Was können mir die Russen thun? Ich bin ein alter Mann, sagte er wieder
und sah teilnahmslos in dem Kreise umher, der sich um ihn gebildet
hatte.

Als ich wieder zurückkehrte, sah ich, wie dieser alte Mann ohne Mütze
mit gebundenen Händen zitternd hinter dem Sattel eines Linienkosaken
saß und mit demselben leidenschaftslosen Ausdruck um sich sah. Er war
zum Austausch der Gefangenen unentbehrlich.

Ich kletterte auf das Dach und ließ mich neben dem Kapitän nieder.

Der Feind scheint nicht stark an Zahl gewesen zu sein, sagte ich zu
ihm, denn ich wollte seine Meinung hören über den eben beendeten Kampf.

Der Feind? wiederholte er verwundert. Es hat ja gar keinen Feind
gegeben. Nennt man das etwa einen Feind? ... Abends werden Sie sehen,
wenn wir den Rückzug antreten, dann sollen Sie sehen, wie sie uns
begleiten werden: wie sie da hervorkommen werden! fügte er hinzu und
zeigte mit dem Glase nach dem Waldwege, den wir des Morgens gegangen
waren.

Was ist dort? fragte ich beunruhigt und unterbrach den Kapitän, indem
ich auf die Don'schen Kosaken hinzeigte, die sich unweit von uns
gesammelt hatten.

Aus ihrer Schar klang etwas wie das Weinen eines Kindes herüber und die
Worte: eh, schlagt nicht ... halt ... man könnte es sehen ... hast du
ein Messer, Ewstignjeïtsch? ... Gieb das Messer her ...

Sie teilen etwas, die verfluchten Kerle, sagte der Kapitän ruhig.

Aber in demselben Augenblick kam plötzlich mit glühendem, erregtem
Gesicht der hübsche Fähnrich um die Ecke gestürmt und stürzte, mit den
Armen durch die Luft fahrend, auf die Kosaken zu.

Rührt ihn nicht an, schlagt ihn nicht! rief er mit kindlicher Stimme.

Als die Kosaken den Offizier erblickten, gingen sie auseinander und
ließen einen weißen Ziegenbock los. Der junge Fähnrich wurde äußerst
verlegen, murmelte etwas vor sich hin und blieb mit verlegener Miene
vor ihnen stehen. Als er mich und den Kapitän auf dem Dache erblickte,
errötete er noch mehr und kam in hüpfenden Schritten zu uns heran.

Ich glaubte, sie wollten ein Kind töten, sagte er mit schüchternem
Lächeln.


X

Der General ritt mit der Reiterei voraus. Das Bataillon, mit dem ich
die Festung N. verlassen hatte, blieb in der Nachhut. Die Kompagnie des
Kapitäns Chlopow und des Leutnants Rosenkranz rückten gleichzeitig aus.

Die Prophezeiung des Kapitäns ging vollständig in Erfüllung. Wir hatten
kaum den schmalen Waldweg betreten, von dem er gesprochen hatte, als
von beiden Seiten unaufhörlich Bergbewohner zu Pferde und zu Fuß
vorüberhuschten, und in solcher Nähe, daß ich ganz deutlich sah, wie
einige zusammengekauert, die Büchse in der Hand, von einem Baum zum
andern hinüberrannten.

Der Kapitän entblößte sein Haupt und bekreuzte sich andächtig;
einige alte Soldaten thaten das Gleiche. Im Walde hörte man wildes
Kriegsgeschrei und die Worte: »Iaj, giaur! uruß iaj!« Knatternde kurze
Büchsenschüsse folgten einer dem andern, und die Kugeln pfiffen von
beiden Seiten. Die Unseren erwiderten schweigend im Lauffeuer. Nur
selten hörte man in ihren Reihen Bemerkungen wie die: »*Er*[O] feuert von
da, *er* hat es leicht, hinter den Bäumen versteckt, *Kanonen* müßten wir
haben ...« u. s. w.

 [O] *Er* ist ein Sammelname, unter dem die kaukasischen Soldaten den
 Feind im Allgemeinen zu verstehen pflegen.

Die Geschütze rückten in die Schlachtlinie ein. Nach einigen
Kartätschensalven schien der Feind zu ermatten, aber nach einem kurzen
Augenblick und mit jedem Schritt, den die Truppen machten, wurde das
Feuer, das Geschrei und das Kriegsgeheul wieder stärker.

Wir hatten uns kaum 300 Faden von dem Aul zurückgezogen, als die
feindlichen Kugeln pfeifend über unsern Häuptern zu schwirren begannen.
Ich sah, wie ein Soldat von einer Kugel hingestreckt wurde ... Aber
wozu die Einzelheiten dieses schrecklichen Bildes wiedererzählen, da
ich doch selbst viel dafür gäbe, wenn ich es vergessen könnte.

Leutnant Rosenkranz selbst schoß, ohne auch nur einen Augenblick
zu unterbrechen, aus seiner Büchse, schrie mit heiserer Stimme die
Soldaten an und sprengte im vollen Lauf von einem Flügel zum andern. Er
war ein wenig blaß, und das stand seinem kriegerischen Gesicht sehr gut.

Der hübsche Fähnrich war entzückt. Seine schönen schwarzen Augen
strahlten vor Kühnheit, seinen Mund umspielte ein leichtes Lächeln;
immer wieder kam er zu dem Kapitän herangeritten und bat um die
Erlaubnis, mit Urrah im Sturme vorzugehen.

Wir werfen sie zurück, sagte er mit innerer Überzeugung. Wahrhaftig,
wir werfen sie zurück.

Nicht nötig, erwiderte der Hauptmann ruhig, wir müssen zurückgehen.

Die Kompagnie des Kapitäns hielt den Waldesrand besetzt und erwiderte
das feindliche Feuer liegend. Der Kapitän, in seinem abgetragenen
Überrock und in seiner zerzausten Mütze, hatte seinem Paßgänger,
einem Schimmel, die Zügel hängen lassen und seine Beine in dem kurzen
Steigbügel zusammengezogen; so stand er schweigend an einer und
derselben Stelle. (Die Soldaten wußten so gut, was sie zu thun hatten,
und führten es so gut aus, daß man ihnen nicht zu befehlen brauchte.)
Von Zeit zu Zeit nur erhob er seine Stimme lauter und schrie die
an, die die Köpfe emporhoben. Die Gestalt des Kapitäns hatte wenig
Kriegerisches an sich, dafür aber lag in ihr soviel Aufrichtigkeit
und Schlichtheit, daß sie mich außerordentlich berührte. »Das heißt
wahrhaft tapfer«, sprach es unwillkürlich in mir.

Er war *ganz so, wie ich ihn immer sah*. Dieselben sicheren Bewegungen,
dieselbe ruhige Stimme, derselbe Ausdruck von Gradheit in seinem
unschönen, aber schlichten Gesicht. Nur in dem Blick, der leuchtender
war, als gewöhnlich, konnte man an ihm die Aufmerksamkeit eines
Menschen beobachten, der ruhig seiner Sache hingegeben ist. Es sagt
sich leicht: *ganz so wie immer*; aber wie mannigfache Abstufungen habe
ich bei andern wahrnehmen können: der eine will ruhiger, der andere
ernster erscheinen, ein dritter heiterer als gewöhnlich; an dem Gesicht
des Kapitäns aber konnte man merken, daß er gar nicht begreifen konnte,
warum man etwas scheinen sollte.

Der Franzose, der bei Waterloo sagte: »_La garde meurt, mais ne se
rend pas_« und andere, besonders französische Helden, die denkwürdige
Worte gesprochen haben, waren tapfer und haben wirklich denkwürdige
Worte gesprochen; aber zwischen ihrer Tapferkeit und der Tapferkeit des
Kapitäns ist der Unterschied, daß er, wenn sich auch ein großes Wort,
gleichviel bei welcher Gelegenheit, in der Seele meines Helden geregt
hätte, er es -- davon bin ich überzeugt -- nicht ausgesprochen hätte:
erstens, weil er gefürchtet hätte, durch das große Wort selbst, wenn
er es aussprach, das große Werk zu zerstören; zweitens, weil, wenn
ein Mensch die Kraft in sich fühlt, ein großes Werk zu vollbringen,
jedes Wort überflüssig ist. Dies ist nach meiner Meinung das besondere
und große Merkmal der russischen Tapferkeit; und wie soll demnach ein
russisches Herz nicht bluten, wenn man unter unseren jungen Kriegern
fade französische Phrasen hört, die es dem veralteten französischen
Rittertum gleich zu thun streben? ...

Plötzlich erklang von der Seite, wo der hübsche Fähnrich mit seinem
Zuge stand, ein vereinzeltes und schwaches Urrah. Ich sah mich um bei
dem Rufe und erblickte etwa 30 Mann, die mit dem Gewehr in der Hand und
dem Sack auf dem Rücken mit Mühe und Not über ein bebautes Ackerfeld
liefen. Sie stolperten, kamen aber doch alle mit lautem Geschrei
vorwärts. Ihnen voraus sprengte mit gezücktem Säbel der junge Fähnrich.

Alles verschwand im Walde.

Nach einem Kriegsgeschrei und Gewehrknattern von mehreren Minuten kam
aus dem Walde ein scheues Pferd hervorgestürzt, und am Saum erschienen
Soldaten, die die Gefallenen und Verwundeten heraustrugen; unter den
Letzteren war der junge Fähnrich. Zwei Soldaten hielten ihn unter den
Arm gestützt. Er war bleich wie ein Tuch, und sein hübsches Köpfchen,
auf dem nur ein Schatten jener kriegerischen Begeisterung sichtbar war,
die es eine Minute vorher beseelt hatte, war schrecklich zwischen den
Schultern eingesunken und hing auf die Brust herab. Auf dem weißen Hemd
unter dem aufgeknöpften Rock sah man einen kleinen blutigen Fleck.

Ach, welch ein Jammer, sagte ich unwillkürlich und wandte mich von
diesem traurigen Schauspiel ab.

Oh ja, es ist bejammernswert, sagte der alte Soldat, der mit düsterer
Miene, den Ellbogen auf das Gewehr gestützt, neben mir stand. Er
fürchtet sich vor nichts, wie kann man nur so sein! fügte er hinzu
und blickte unverwandt zu dem Verwundeten hinüber. Er ist noch nicht
gescheit und hat es büßen müssen.

Fürchtest du dich denn? fragte ich.

Etwa nicht?


XI

Vier Soldaten trugen den Fähnrich auf einer Tragbahre; hinter ihm
führte ein Trainsoldat ein hageres, abgetriebenes Pferd, dem zwei
grüne Kasten aufgeladen waren, in denen die Werkzeuge des Feldschers
aufbewahrt lagen. Man erwartete den Arzt. Die Offiziere kamen zu
der Tragbahre herangeritten und gaben sich Mühe, den Verwundeten zu
ermuntern, aufzurichten und zu trösten.

Nun, Bruder Alanin, du wirst nicht so bald wieder mit den Castagnetten
tanzen können, sagte lächelnd heranreitend Leutnant Rosenkranz.

Er glaubte wahrscheinlich, diese Worte würden den Mut des hübschen
Fähnrichs aufrichten; aber soviel man aus dem kalt-traurigen Ausdruck
des Blicks des Letzteren sehen konnte, hatten diese Worte die erwartete
Wirkung nicht.

Auch der Kapitän kam herangeritten. Er betrachtete den Verwundeten
unverwandt, und in seinen stets gleichmütig-kühlen Zügen prägte sich
aufrichtiges Mitleid aus.

Nun, mein teurer Anatolij Iwanytsch, sagte er mit einer Stimme, die von
so zärtlicher Teilnahme erfüllt war, wie ich es nie von ihm erwartet
hätte. Gott hat es offenbar so gewollt.

Der Verwundete sah sich um; sein bleiches Gesicht belebte ein trauriges
Lächeln.

Ja, ich habe Ihnen nicht gefolgt.

Sagen Sie lieber, Gott hat es so gewollt, wiederholte der Kapitän.

Der Arzt war gekommen, er nahm von dem Feldscher die Binden, die Sonde
und was er sonst noch brauchte, streifte die Ärmel auf und trat mit
einem ermunternden Lächeln an den Verwundeten heran.

Nun, auch Ihnen haben sie, wie es scheint, ein Loch an einer heilen
Stelle gemacht? sagte er in scherzhaft-leichtem Ton. Zeigen Sie mal her.

Der Fähnrich gehorchte; aber in dem Ausdruck, mit dem er den lustigen
Arzt ansah, lag Verwunderung und Vorwurf. Der Arzt bemerkte das nicht.
Er sondierte die Wunde und besah sie von allen Seiten; der Verwundete
aber wurde ungeduldig und schob die Hand des Arztes mit schwerem
Stöhnen zurück.

Lassen Sie mich, sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme. Es ist ganz
gleich, ich sterbe.

Mit diesen Worten fiel er zurück, und fünf Minuten später, als ich
an die Gruppe, die sich um ihn gebildet hatte, herantrat und einen
Soldaten fragte: »Wie steht's mit dem Fähnrich?« antwortete man mir:
»Er geht hinüber.«


XII

Es war schon spät, als die Abteilung, in Reih und Glied, mit
klingendem Spiel sich der Festung näherte. Die Sonne war hinter dem
schneebedeckten Bergrücken versunken und warf ihre letzten rosigen
Strahlen auf eine lange, zarte Wolke, die an dem hellen, lichten
Horizont stand. Die Schneeberge begannen sich in bläulichen Nebel zu
hüllen; nur ihre höchsten Umrisse hoben sich mit außerordentlicher
Klarheit von dem Purpurlicht des Sonnenunterganges ab. Der längst
aufgegangene, durchsichtige Mond begann das dunkle Blau mit seinem
hellen Schimmer zu beleuchten. Das Grün des Grases und der Bäume
wurde schwärzlich und bedeckte sich mit Tau. Die dunklen Heeresmassen
bewegten sich mit gleichmäßigem Laut über die duftigen Wiesen; von
allen Seiten tönten Glockenspiel, Trommel und lustige Lieder. Der
Stimmführer der sechsten Kompagnie ließ seine Stimme mit voller Kraft
erschallen, die Töne seines reinen vollen Tenors, voll Empfindung und
Kraft, erklangen weithin durch die klare Abendluft.



Der Holzschlag

Erzählung eines Junkers


I

Es war um die Mitte des Winters 185., eine Division unserer Batterie
stand im Felde in der großen Tschetschnja. Am Abend des 14. Februar
hatte ich erfahren, daß der Zug, den ich in Abwesenheit des
Offiziers kommandierte, zu der Kolonne befehligt war, die morgen zum
Waldausholzen gehen sollte. Ich hatte schon am Abend die nötigen
Befehle empfangen und weitergegeben und mich früher als gewöhnlich in
mein Zelt begeben, und da ich nicht die schlechte Gewohnheit hatte, es
mit glühenden Kohlen zu heizen, legte ich mich bekleidet, wie ich war,
auf mein Bett, das auf Pflöcken hergerichtet war, zog die Fellmütze
über die Augen, wickelte mich in meinen Pelz ein und versank in den
eigentümlichen, festen und schweren Schlaf, den man im Augenblick
der Erregung und Unruhe vor der Gefahr schläft. Die Erwartung des
Unternehmen von morgen hatte mich in diesen Zustand versetzt.

Um drei Uhr morgens, als es noch ganz dunkel war, riß mir jemand den
warm gewordenen Schafpelz herunter, und die rötliche Farbe der Kerzen
traf meine verschlafenen Augen schmerzhaft.

Belieben Sie aufzustehen, sagte eine Stimme. Ich schloß die Augen,
zog unbewußt den Schafpelz wieder herauf und schlief ein. Belieben
Sie aufzustehen, wiederholte Dmitrij von neuem und rüttelte mich
erbarmungslos an der Schulter, die Infanterie rückt aus. Da wurde
mir auf einmal die Wirklichkeit klar, ich schüttelte mich und sprang
auf die Beine. Schnell trank ich mein Glas Thee, wusch mich mit dem
eiskalten Wasser, kroch aus meinem Zelt und ging in den Park (der
Ort, wo die Geschütze stehen). Es war dunkel, neblig und kalt. Die
nächtlichen Wachtfeuer beleuchteten die Soldaten, die um sie herum
gelagert waren, und verstärkten die Dunkelheit durch ihren matten
Purpurschein. In der Nähe war ein gleichmäßiges ruhiges Schnarchen zu
hören, in der Ferne die Bewegungen, das Gespräch und das Waffengeklirr
des Fußvolks, das sich zum Aufbruch rüstete; es roch nach Rauch, Lunte
und Nebel; der Schauer der Morgenkühle lief mir über den Rücken und
meine Zähne schlugen unwillkürlich gegeneinander.

Nur an dem Schnauben und von Zeit zu Zeit erklingendem Hufschlag
konnte man in dieser undurchdringlichen Dunkelheit erkennen, wo die
bespannten Protzwagen und Pulverkästen, und an den leuchtenden Punkten
der Lunten, wo die Geschütze standen. Mit den Worten: »Mit Gott!«
erklirrte das erste Geschütz, hinterdrein rasselte der Pulverkasten,
und der Zug setzte sich in Bewegung. Wir nahmen alle unsere Mützen
ab und bekreuzten uns. Als der Zug den freien Raum zwischen den
Infanterie-Abteilungen eingenommen hatte, machte er Halt und wartete
etwa eine Viertelstunde, bis die ganze Kolonne sich gesammelt und der
Befehlshaber gekommen war.

Bei uns fehlt ein Soldat, Nikolaj Petrowitsch, sagte eine dunkle
Gestalt, die auf mich zuschritt, und die ich nur an der Stimme als den
Zugfeuerwerker Maksimow erkannte.

Wer?

Welentschuk fehlt. Als angespannt wurde, war er da, -- ich habe ihn
gesehen --, jetzt fehlt er.

Da nicht anzunehmen war, daß die Kolonne sich sofort in Bewegung setzen
würde, beschlossen wir, den Liniengefreiten Antonow auszuschicken, um
Welentschuk zu suchen. Gleich darauf trabten an uns in der Dunkelheit
zwei Reiter vorüber: es war der Befehlshaber mit seinem Gefolge, und in
diesem Augenblick rührte sich die Spitze der Kolonne und setzte sich in
Bewegung, endlich auch wir; Antonow aber und Welentschuk waren nicht
da. Wir waren aber kaum hundert Schritt vorwärts gekommen, als beide
Soldaten uns einholten.

Wo war er? fragte ich Antonow.

Er hat im Park geschlafen!

Wie, hat er denn einen Rausch?

Ei, Gott bewahre.

Warum ist er denn aber eingeschlafen?

Das weiß ich nicht.

Drei Stunden lang bewegten wir uns langsam ohne einen Laut durch den
Nebel über unbeackerte, schneelose Felder und niedriges Gesträuch
dahin, das unter den Rädern der Geschütze knirschte. Endlich, als
wir den flachen, aber außerordentlich reißenden Bach überschritten
hatten, wurde Halt befohlen, und in der Vorhut ertönten abgerissene
Büchsenschüsse. Diese Laute wirkten wie immer besonders erregend auf
alle. Die Abteilung schien aus dem Schlaf zu erwachen. In den Reihen
ertönte Geplauder, Bewegung und Lachen. Von den Soldaten rang der eine
mit dem Kameraden, der eine hüpfte von einem Bein auf das andere,
ein dritter kaute Zwieback oder übte zum Zeitvertreib: Präsentiert
das Gewehr, oder: Gewehr bei Fuß. Dabei begann der Nebel im Osten
sichtlich heller zu werden, die Feuchtigkeit wurde fühlbarer, und die
Gegenstände rings um uns her traten aus dem Dunkel hervor. Ich konnte
schon die grünen Lafetten und Pulverkästen unterscheiden, das von der
Nebelfeuchtigkeit bedeckte Erz der Geschütze, die bekannten, ohne
meinen Willen bis in die kleinste Einzelheit mir vertraut gewordenen
Gestalten meiner Soldaten, die braunen Pferde und die Reihen der
Infanterie mit ihren blitzenden Bajonetten, Brotsäcken, Kugelausziehern
und Kesseln auf dem Rücken.

Bald wurde uns befohlen, vorwärts zu gehen, und nachdem wir
einige hundert Schritt ohne bestimmtes Ziel gemacht hatten, wurde
uns ein Platz angewiesen. Rechts schimmerte das steile Ufer des
schlangenartigen Flüßchens und die hohen hölzernen Säulen eines
tatarischen Kirchhofs; links und vor uns blinkte durch den Nebel ein
dunkler Streifen hindurch. Der Zug protzte ab. Die achte Kompagnie,
die uns Deckung bot, stellte die Gewehre zusammen, und ein Bataillon
Soldaten ging mit Gewehren und Äxten in den Wald.

Es waren kaum fünf Minuten vergangen, als von allen Seiten die
Wachtfeuer zu knistern und zu qualmen begannen. Die Soldaten hatten
sich zerstreut, fachten die Feuer mit den Händen und Füßen an,
schleppten Reisig und Holz heran, und unaufhörlich schallte durch den
Wald der Klang von hundert Äxten und gefällten Bäumen.

Die Artilleristen hatten in einem gewissen Wetteifer mit der
Infanterie ihr eigenes Wachtfeuer angezündet, und obgleich es schon in
solcher Glut loderte, daß man ihm nicht auf zwei Schritt nahe kommen
konnte, und der dichte, schwarze Rauch durch die eisbehängten Zweige
emporstieg, von welchen die Tropfen herabfielen und im Feuer zischten,
und welche die Soldaten in die Flamme hineinlegten, sich unten Kohlen
und absterbendes weißes Gras rings um das Feuer bildete, schien doch
alles den Soldaten noch zu wenig. Sie schleppten ganze Stämme heran,
legten Gras unter und fachten das Feuer immer mehr und mehr an.

Als ich an das Wachtfeuer herantrat, um eine Cigarette anzuzünden,
holte Welentschuk, der stets eifrig war, jetzt aber in seinem
Schuldbewußtsein, sich mehr als andere beim Feuer zu schaffen machte,
in einem Anfall von Übereifer ganz aus der Mitte mit bloßer Hand eine
Kohle, indem er sie ein- und zweimal von einer Hand auf die andere und
dann auf die Erde warf.

Zünde doch ein Reis an und reiche es hin, sagte ein anderer.

Die Lunte, Kameraden, reicht hin, sagte ein dritter. Als ich
endlich ohne die Hilfe Welentschuks, der wieder mit den Händen eine
Kohle nehmen wollte, eine Cigarette angeraucht hatte, rieb er die
verbrannten Finger an den hinteren Schößen seines Schafpelzes und hob,
wahrscheinlich, um irgend etwas zu thun, einen großen Cedernklotz auf
und schleuderte ihn aus voller Kraft in das Feuer. Als er endlich
glaubte, ausruhen zu dürfen, ging er ganz nahe an die Glut heran,
faltete den Mantel, den er wie einen Dolman auf dem Hinterkopf trug,
aneinander, spreizte die Beine, streckte seine großen schwarzen Hände
vor, verzog leicht seinen Mund und kniff die Augen zusammen.

Ei der Tausend! Ich habe mein Pfeifchen vergessen. Ach, das ist
schlimm, Kameraden, sagte er, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte,
ohne sich an einen Bestimmten unter ihnen zu wenden.


II

In Rußland giebt es drei hervorstechende Soldatentypen, unter die
man die Mannschaften aller Truppengattungen einordnen kann: der
kaukasischen, armenischen, der Garde, der Infanterie, der Kavallerie,
der Artillerie u. s. w.

Diese Haupttypen, die wiederum viele Unterabteilungen und viel
Gemeinschaftliches haben, sind:

1. die Gehorsamen,

2. die Befehlerischen und

3. die Tollkühnen.

Die Gehorsamen zerfallen in a) die kaltblütig Gehorsame und b) in die
eifrig Gehorsame.

Die Befehlerischen zerfallen in a) Schroffbefehlerische und b)
Höflichbefehlerische.

Die Tollkühnen zerfallen in a) in die lustigen Tollkühnen und b) in die
ausschweifenden Tollkühnen.

Der Typus, der am häufigsten vorkommt -- der liebenswürdigste,
sympathischste und meist mit den besten christlichen Tugenden, mit
Sanftmut, Frömmigkeit, Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes
verbundene Typus -- ist der Typus der Gehorsamen schlechtweg. Der
hervorstechende Zug des kaltblütig Gehorsamen ist die durch nichts
zu erschütternde Ruhe und Verachtung aller Schicksalsschläge, die
ihn treffen können. Das hervorstechende Merkmal des gehorsamen
Trunkenbolds ist eine stille Neigung zum Poetischen und Empfindsamkeit;
das hervorstechende Merkmal der Eifrigen -- die Beschränktheit der
Geistesgaben, verbunden mit zwecklosem Fleiß und Geschäftigkeit.

Der Typus der Befehlerischen schlechtweg kommt vornehmlich in
den höheren Soldatenkreisen vor: bei Gefreiten, Unteroffizieren,
Feldwebeln u. s. w. und ist, in der ersten Unterabteilung der schroff
Befehlerischen, ein sehr edler, energischer, vornehmlich kriegerischer
Typus, der auch einen hohen poetischen Schwung nicht ausschließt.
(Zu diesem Typus gehörte der Gefreite Antonow, mit dem ich den Leser
bekannt machen will.) Die zweite Unterabteilung bilden die höflich
Befehlerischen, die seit einiger Zeit stark an Zahl zu wachsen
beginnen. Der höflich Befehlerische ist stets bereit, kann lesen
und schreiben, trägt ein rosa Hemd, ißt nicht aus dem gemeinsamen
Kessel, raucht zuweilen feingeriebenen Tabak, hält sich für etwas
unvergleichlich Höheres als den gewöhnlichen Soldaten und pflegt selbst
selten ein so guter Soldat zu sein, wie die Befehlerischen der ersten
Klasse.

Der Typus der Tollkühnen ist ganz wie der Typus der Befehlshaberischen
in seiner ersten Abteilung gut: in der Abteilung der lustigen
Tollkühnen, deren unterscheidendes Merkmal eine unerschütternde
Heiterkeit, außerordentliche Fähigkeit zu allem, reiche Naturanlagen
und Kühnheit sind -- und ebenso entsetzlich schlecht in der zweiten
Abteilung: der der ausschweifenden Tollkühnen, die indessen, wie zur
Ehre des russischen Heeres gesagt werden muß, höchst selten vorkommen,
und wenn sie vorkommen, von der Soldatengemeinschaft selbst aus der
Kameradschaft ausgeschlossen werden. Unglaube und eine gewisse Kühnheit
im Laster sind die Hauptcharakterzüge dieser Abteilung.

Welentschuk gehörte zu der Kategorie der eifrig Gehorsamen. Er war
Kleinrusse von Geburt, diente schon 15 Jahre und war ein unansehnlicher
und ungewandter Soldat, aber treuherzig, gut, außerordentlich
eifrig, wenn auch meist an unpassender Stelle, und außerordentlich
ehrenhaft. Ich sage: außerordentlich ehrenhaft, weil er im vorigen
Jahre, bei einer bestimmten Gelegenheit, höchst augenscheinlich diese
charakteristische Eigenschaft hervortreten ließ. Ich muß bemerken, daß
fast jeder von den Soldaten ein Handwerk versteht. Die verbreitetsten
Handwerke sind die Schneiderei und die Schuhmacherei. Welentschuk
selbst hatte das erstere Handwerk gelernt und, wenn man danach urteilt,
daß Michail Dorofeïtsch, der Feldwebel selbst, ihm seine eigenen
Kleider zu machen gab, einen gewissen Grad der Vollkommenheit erreicht.
Im vergangenen Jahre hatte Welentschuk im Lager einen feinen Mantel
für Michail Dorofeïtsch zu machen übernommen; aber in der Nacht, in
der er das Tuch zerschnitten und das Futter angemessen und beides im
Zelt unter sein Kopfkissen gelegt hatte, geschah ihm ein Unglück. Das
Tuch, das *sieben Rubel* kostete, war in der Nacht verloren gegangen!
Welentschuk machte dem Feldwebel, mit Thränen in den Augen, mit
zitternden, bleichen Lippen und verhaltenem Schluchzen Meldung. Michail
Dorofeïtsch wurde wütend. Im ersten Augenblick seines Zornes drohte
er dem Schneider, dann ließ er die Sache, als ein Mann von Wohlstand
und Güte, sein und forderte von Welentschuk nicht, daß er ihm den
Wert des Mantels ersetze. So eifrig auch der eifrige Welentschuk war,
soviel er auch weinte und den Leuten von seinem Unglück vorerzählte,
der Dieb war nicht zu finden. Obgleich man starken Verdacht auf einen
ausschweifenden, tollkühnen Soldaten, Tschernow, hatte, der mit ihm
in einem Zelte schlief, hatte man doch keine positiven Beweise. Der
höflichbefehlerische Michail Dorofeïtsch hatte, als ein Mann von
Wohlhabenheit, der mit dem Kapitän _d'armes_ und dem Leiter der Artel,
den Aristokraten der Batterie, Geschäfte hatte, bald den Verlust seines
Privatmantels vergessen; Welentschuk dagegen hatte sein Unglück nicht
vergessen. Die Soldaten sagten, sie hätten damals für ihn gefürchtet,
ob er nicht etwa Hand an sich legen oder in die Berge laufen werde, --
so stark hatte dies Unglück auf ihn eingewirkt. Er trank nicht, er aß
nicht, selbst zur Arbeit war er unfähig und weinte beständig. Nach drei
Tagen kam er zu Michail Dorofeïtsch, ganz bleich, zog mit zitternder
Hand einen Gulden aus dem Ärmelaufschlag und reichte ihn ihm. Bei
Gott, es ist mein letztes, Michail Dorofeïtsch, und auch das habe ich
von Shdanow borgen müssen, sagte er und schluchzte wieder; und noch
zwei Rubel bringe ich, bei Gott, sobald ich sie verdient habe. Er (wer
»er« war, wußte Welentschuk selbst nicht) hat mich vor ihren Augen zu
einem Schurken gemacht. Er -- die giftige, gemeine Seele! -- hat seinem
Bruder und Kameraden das letzte Hemd vom Leibe genommen; fünfzehn Jahre
diene ich und ...« Zu Michail Dorofeïtschs Ehre muß ich sagen, daß er
von Welentschuk die fehlenden zwei Rubel nicht nahm, obgleich sie ihm
Welentschuk zwei Monate später brachte.


III

Außer Welentschuk wärmten sich am Wachtfeuer noch fünf Mann meines
Zuges.

An der besten Stelle, wo man gegen den Wind geschützt war, saß auf
einem Holzfäßchen der Feuerwerker des Zuges Maksimow und rauchte sein
Pfeifchen. In der Haltung, in dem Blick, in allen Bewegungen dieses
Mannes konnte man die Gewohnheit zu befehlen, und das Bewußtsein des
eignen Wertes lesen, abgesehen sogar von dem Holzfäßchen, auf dem er
saß, das in der Raststätte das Abzeichen der Macht bildete, und den
Nanking-überzogenen Pelzrock.

Als ich herankam, wandte er mir sein Gesicht zu; seine Augen aber
blieben auf das Feuer gerichtet, und erst viel später wandte sich sein
Blick, der Richtung des Gesichts folgend, mir zu. Maksimow war ein
Einhöfer. Er besaß Vermögen, er hatte in der Lehrbrigade Unterricht
erhalten und sich Gelehrsamkeit angeeignet. Er war ungeheuer reich
und ungeheuer gelehrt, wie die Soldaten sagten. Ich erinnere mich,
wie er einmal bei einer Übung im Scheibenschießen mit dem Quadranten
den Soldaten, die sich um ihn gesammelt hatten, erklärte, daß die
Wasserwage »nichts anderes sei, als das atmosphärische Quecksilber
seine Bewegung hat«. In Wirklichkeit war Maksimow keineswegs dumm und
verstand seine Sache vortrefflich; aber er hatte die unglückselige
Eigentümlichkeit, bisweilen mit Absicht so zu sprechen, daß man ihn
unmöglich verstehen konnte, und daß er selbst, wie ich überzeugt bin,
seine eigenen Worte nicht verstand. Besonders gebrauchte er gern die
Worte: »hervorgehen« und »fortfahren« und wenn er anfing: daraus
geht hervor oder fortfahrend, dann wußte ich schon vorher, daß ich
von allem, was dann kam, nichts verstehen würde. Die Soldaten aber
hörten, wie ich bemerken konnte, sein »fortfahrend« mit Vergnügen und
vermuteten dahinter einen tiefen Sinn, obgleich sie, ganz wie ich,
kein Wort verstanden. Aber diesen Mangel des Verständnisse setzten
sie auf Rechnung ihrer eigenen Dummheit, und ihre Achtung vor Fjodor
Maksimytsch war nur um so größer. Mit einem Worte, Maksimow war einer
von den Höflichbefehlerischen.

Der zweite Soldat, der in der Nähe des Feuers die Stiefel auf seine
sehnigen, roten Beine zog, war Antonow, der Bombardier Antonow, der
schon im Jahre 37, als er mit zwei Kameraden bei einem Geschütz ohne
Deckung zurückgeblieben war, den starken Feind abgeschlagen und mit
zwei Kugeln im Schenkel das Geschütz weiter bedient und geladen hatte.
»Er hätte längst Feuerwerker sein müssen, wenn er einen anderen
Charakter hätte,« sagten die Soldaten von ihm. Und er hatte in der
That einen sonderbaren Charakter. War er nüchtern, so gab es keinen
ruhigeren, friedlicheren und ordentlicheren Menschen, hatte er aber
getrunken, so wurde er ein ganz anderer Mensch. Er erkannte keine
Obrigkeit an, raufte sich, trieb allerlei Unfug und wurde ein ganz
unbrauchbarer Soldat. Erst vor acht Tagen hatte er in der Butterwoche
tüchtig getrunken, und trotz aller Drohungen, Mahnungen, trotzdem er
ans Geschütz gebunden wurde, hörte er nicht auf zu saufen und Unfug
zu treiben bis zum Fastenmontag. Die ganze Fastenzeit hindurch aber
nährte er sich, trotz des Befehls, daß die ganze Mannschaft keine
Fastenspeise essen solle, nur von Zwieback, nahm sogar in der ersten
Woche nicht einmal die ihm zukommende Ration Branntwein. Übrigens mußte
man diese gedrungene, eisenfeste Gestalt mit den kurzen, nach auswärts
gebogenen Beinen und der glänzenden, bärtigen Fratze sehen, wenn er
im Rausch die Balalajka in die sehnige Hand nahm, geringschätzig nach
allen Seiten umhersah und die »Herrin« zu spielen begann, oder wenn er
den Mantel, an dem die Orden baumelten, kühn umwarf und, die Hände in
die Tasche der blauen Nankinghosen gesteckt, über die Straße ging --
man mußte den Ausdruck soldatischen Stolzes und der Geringschätzung
alles Nicht-Soldatischen sehen, der dann um seine Züge spielte, um
zu begreifen, daß es für ihn ganz unmöglich war, in einem solchen
Augenblick nicht mit einem grobwerdenden oder einfach zufällig in den
Weg kommenden Burschen, Kosaken, Infanteristen oder Kolonisten, kurz
Nicht-Artilleristen, zu raufen. Er raufte und trieb seinen Unfug nicht
so sehr zum eigenen Vergnügen als zur Aufrechterhaltung des Geistes und
des gesamten Soldatentums, als dessen Vertreter er sich fühlte.

Der dritte Soldat, der zusammengekauert an dem Wachtfeuer saß, war
der Fahrer Tschikin. Er trug einen Ring im Ohr, hatte ein borstiges
Schnurrbärtchen, ein Vogelgesicht und hielt eine Porzellanpfeife
im Munde. Tschikin, der liebe, gute Tschikin, wie ihn die Soldaten
zu nennen pflegten, war ein *Spaßmacher*. Im furchtbarsten Frost,
im tiefsten Schmutz, zwei Tage ohne Essen auf dem Marsche, bei der
Musterung, bei der Übung, immer und überall schnitt der gute, liebe
Tschikin Gesichter, trieb mit seinen Beinen allerlei Späße und trieb
solche Scherze, daß der ganze Zug sich vor Lachen schüttelte. Auf der
Raststätte oder im Lager bildete sich um Tschikin immer ein Kreis
junger Soldaten. Er begann mit ihnen ein Kartenspiel oder erzählte
Geschichten von dem schlauen Soldaten und dem englischen Mylord,
oder er spielte einen Tataren, einen Deutschen oder er machte auch
einfach seine Bemerkungen, über die sich alle zu Tode lachen konnten.
Allerdings war sein Ruf als eines Spaßmachers in der Batterie schon so
gefestigt, daß er nur den Mund zu öffnen und mit den Augen zu blinzeln
brauchte, um ein allgemeines Gelächter hervorzurufen, aber er hatte
wirklich viel echt Komisches und Überraschendes an sich. Er verstand
in jedem Dinge etwas Besonderes zu sehen, etwas, was anderen gar nicht
in den Sinn kam, und was die Hauptsache war, diese Fähigkeit, in allem
etwas Komisches zu sehen, widerstand keiner Versuchung.

Der vierte Soldat war ein junger, unansehnlicher Bursche, ein Rekrut
der vorjährigen Aushebung, der zum erstenmal an einem Feldzuge
teilnahm. Er stand mitten im Rauch und so nahe am Feuer, daß man
glauben konnte, sein fadenscheiniger Pelzrock müsse jeden Augenblick
Feuer fangen, trotzdem aber konnte man an seinen zurückgeschlagenen
Schößen, an seiner ruhigen, selbstzufriedenen Haltung und den
hervortretenden Waden erkennen, daß er ein großes Behagen empfand.

Der fünfte Soldat endlich, der ein wenig entfernt von dem Wachtfeuer
saß und ein Stäbchen schnitzte, war Onkelchen Shdanow. Shdanow war an
Dienstjahren der älteste von allen Soldaten in der Batterie. Er hatte
sie alle als Rekruten gekannt, und alle nannten ihn nach einer alten
Gewohnheit Onkelchen. Er trank nie, wie die Leute sagten, er rauchte
nie, er spielte nie Karten (nicht einmal »Nase«), er brauchte nie ein
häßliches Schimpfwort. Die ganze dienstfreie Zeit beschäftigte er sich
mit Schuhmacherei. An den Feiertagen besuchte er die Kirche, wo es
möglich war, oder er stellte eine Kopekenkerze vor das Heiligenbild
und schlug den Psalter auf, das einzige Buch, in dem er lesen konnte.
Mit den Soldaten ließ er sich wenig ein. Mit denen, die im Rang höher
standen, wenn sie auch jünger an Jahren waren, war er von kühler
Ehrerbietung, mit Gleichgestellten hatte er als Nichttrinker wenig
Gelegenheit zusammenzukommen; besonders aber hatte er die Rekruten und
die jungen Soldaten gern: die nahm er stets unter seine Obhut, las
ihnen die Instruktionen vor und half ihnen häufig. Alle Leute in der
Batterie hielten ihn für einen reichen Mann, weil er 25 Rubel besaß,
die er gern einem Soldaten lieh, der wirklich in Not war. Maksimow,
derselbe Maksimow, der jetzt Feuerwerker war, erzählte mir, als er
einst vor zehn Jahren als Rekrut eingetreten war, und die alten,
trinklustigen Kameraden mit ihm sein Geld vertrunken hatten, habe
Shdanow, der seine unglückliche Lage bemerkte, ihn zu sich gerufen,
ihm einen strengen Verweis wegen seiner Aufführung erteilt, ihn sogar
geschlagen, ihm die Instruktionen vorgelesen, wie der Soldat sich zu
führen habe, dann habe er ihm ein Hemd gegeben, da Maksimow keines mehr
hatte, und einen halben Rubel, und ihn fortgeschickt. »Er hat einen
Menschen aus mir gemacht,« pflegte Maksimow stets von ihm mit Achtung
und Dankbarkeit zu sagen. Er war es auch, der Welentschuk, der sich
stets seines Schutzes erfreute, schon von der Rekrutenzeit her bei dem
Unglück wie bei dem Verluste des Mantels geholfen hatte, und so vielen
anderen während seiner 25jährigen Dienstzeit.

Was den Dienst betrifft, so konnte man keinen Soldaten finden, der
seine Sache besser verstand, der tapferer und ordentlicher war als
er; aber er war zu ruhig und unansehnlich, um zum Feuerwerker ernannt
zu werden, obwohl er schon fünfzehn Jahre Bombardier war. Shdanows
einzige Freude, ja seine Leidenschaft, war der Gesang. Einige Lieder
besonders hatte er sehr gern, er suchte sich immer einen Kreis von
Sängern unter den jüngeren Soldaten und stand mitten unter ihnen,
obgleich er selbst nicht singen konnte, hielt die Hände in den Taschen
des Pelzrocks, kniff die Augen zusammen und drückte durch Bewegungen
des Kopfes und der Kiefern seine Teilnahme aus. Ich weiß nicht, warum
ich in dieser gleichmäßigen Bewegung der Kiefern unter dem Ohre, die
ich nur bei ihm beobachtet habe, außerordentlich viel Ausdruck fand.
Der schneeweiße Kopf, der gewichste, schwarze Schnauzbart und das
gebräunte, faltenreiche Gesicht gaben ihm auf den ersten Blick ein
strenges, rauhes Aussehen; aber sah man tiefer in seine großen runden
Augen, besonders wenn sie lachten (mit den Lippen lachte er nie), so
wurde man plötzlich durch etwas außerordentlich Mildes, fast Kindliches
überrascht.


IV

Ach, da habe ich meine Pfeife vergessen. Das ist schlimm, Kameraden!
sagte Welentschuk immer wieder.

Du solltest Cigarren rauchen, lieber Freund, begann Tschikin; dabei
verzog er den Mund und blinzelte mit den Augen -- ich rauche zu Hause
auch immer Cigarren, die schmecken süßer.

Selbstverständlich schüttelten sich alle vor Lachen.

Da hat er die Pfeife vergessen, fiel Maksimow ein, ohne das allgemeine
Gelächter zu beachten, und klopfte mit der Miene eines Vorgesetzten
stolz seine Pfeife auf der Fläche der linken Hand aus. Wo bist du denn
eigentlich gewesen, Welentschuk, he?

Welentschuk kehrte sich halb zu ihm um, erhob die Hand zur Mütze, ließ
sie aber bald wieder sinken.

Man sieht's, hast von gestern noch nicht ausgeschlafen, daß du im
Stehen einnickst. Dafür wird man euresgleichen keinen Dank sagen.

Zerreißt mich hier auf der Stelle, Fjodor Maksimowitsch, wenn ich nur
ein Tröpfchen im Munde gehabt habe; ich weiß selbst nicht, was mit mir
geschehen ist, antwortete Welentschuk. Was hat's denn so Gutes gegeben,
daß ich mich hätte betrinken sollen? brummte er vor sich hin.

Das ist's ja eben, da ist man für euresgleichen seinem Vorgesetzten
verantwortlich, und ihr bleibt immer dabei ... Das hat keine Art!
schloß der beredte Maksimow schon in viel ruhigerem Tone.

Ist's nicht ein Wunder, Kameraden, fuhr Welentschuk nach einem
minutenlangen Schweigen fort, dabei kratzte er sich im Nacken und
wandte sich an niemanden insbesondere, wahrhaftig, ein Wunder ist's!
Kameraden. Sechzehn Jahre bin ich im Dienst, aber so etwas ist mir
noch nie passiert. Als es hieß zum Appell antreten, da war ich zur
Stelle, wie sich's gehört -- ganz in der Ordnung -- da plötzlich beim
Park packt es mich ... packt mich und wirft mich zu Boden, und fertig.
Und wie ich eingeschlafen bin, weiß ich nicht, Kameraden! Es muß die
Schlafsucht selbst gewesen sein, schloß er.

Ich habe dich ja kaum wach kriegen können, sagte Antonow, während er
sich den Stiefel aufzog. Ich rüttelte und rüttelte dich ... wie ein
Stück Holz.

Siehst du, bemerkte Welentschuk, ich muß tüchtig betrunken gewesen sein
...

So gab's bei uns zu Hause ein Weib, begann Tschikin, die lag euch
zwei Jahre, zwei Jahre, sag' ich, auf dem Ofen. Man weckte sie -- sie
schläft, denken die Leute -- und sie liegt euch tot da; sie bekam auch
immer die Schlafsucht. Ja so, lieber Freund.

Aber erzähl' doch, Tschikin, wie du während des Urlaubs den Ton
angegeben hast, sagte Maksimow lächelnd und sah mich an, als wollte er
sagen: »Beliebt es Ihnen nicht auch, einem dummen Menschen zuzuhören?«

Was für einen Ton, Fjodor Maksimytsch? sagte Tschikin und warf mir
schielend einen Blick zu. Das weiß ja jeder. Ich habe erzählt, wie es
im Kaukasus aussieht.

Nun ja, wie denn, wie denn? Verstell dich nur nicht, erzähle, wie du
sie »angeführt« hast.

Das ist bekannt, wie ich sie angeführt habe ... Sie fragten, wie wir
leben -- begann Tschikin in überstürzter Rede mit der Miene eines
Menschen, der schon oft dasselbe erzählt hat. -- Wir leben gut, lieber
Freund, sage ich, unsern Proviant empfangen wir reichlich. Morgens und
abends kommt eine Tasse Schickolaten auf den Soldaten, zu Mittag giebt
es herrschaftliche Suppe aus Perlgraupen und statt des Branntweins
bekommt jeder ein Gläschen Modera -- Modera Divirje, der ohne Flasche
zweiundvierzig Kopeken kostet.

Feiner Modera, fiel Welentschuk ein und schüttelte sich mehr als die
anderen vor Lachen, das nenne ich einen Modera!

Na und was hast du von den Asiaten erzählt? fuhr Maksimow fort zu
fragen, als das allgemeine Lachen ein wenig zu verstummen begann.

Tschikin beugte sich zu dem Feuer vor, nahm mit einem Stäbchen eine
kleine Kohle, legte sie auf sein Pfeifchen und setzte schweigend, als
bemerkte er die sprachlose Neugier, die er in seinen Hörern erregt
hatte, nicht, langsam sein Tabakstengelchen in Brand. Als er endlich
Rauch genug bekommen hatte, warf er die Kohle fort, schob seine Mütze
noch tiefer in den Nacken und fuhr mit einem Achselzucken und einem
leichten Lächeln fort:

Sie fragen mich auch, was das da für ein kleiner Tscherkeß ist, oder,
sagt er, schlägt man bei euch im Kaukasus den Türken? Bei uns, sag'
ich, lieber Freund, giebt's nicht *einen* Tscherkessen, sondern viele.
Es giebt solche Tawlinzen, die in Felsbergen wohnen und Steine statt
Brot essen. Die sind so groß, sag' ich, wie ein tüchtiger Klotz, haben
ein Auge auf der Stirn und tragen rote Mützen, die brennen nur so, ganz
wie deine, lieber Freund! fügte er hinzu, zu einem jungen Rekruten
gewandt, der wirklich eine hochkomische Mütze mit rotem Deckel trug.

Der junge Rekrut setzte sich bei dieser unerwarteten Ansprache
plötzlich auf die Erde, schlug sich die Knie und brach in ein solches
Lachen und Husten aus, daß er nur mit tonloser Stimme hervorbringen
konnte: »Das sind die Tawlinzen!«

Und dann, sage ich, giebt es noch die Mumren -- fuhr Tschikin fort und
rückte mit einer Kopfbewegung seine Mütze in die Stirn, -- das sind
wieder andere, kleine Zwillinge ... Immer zu Paaren, sage ich, halten
sie sich bei den Händen und rennen, sag' ich, so wie der Wind, daß man
sie zu Pferde nicht einholen kann. -- Wie, sagt er, wie ist das bei
den Mumren, kommen sie so auf die Welt, Hand in Hand, oder wie? sagte
er mit kehlartiger Baßstimme und glaubte einem Bauern nachzuahmen.
Ja, sag' ich, lieber Freund, so ist er von Natura. Versucht nur, die
Hände auseinanderzureißen, dann kommt Blut, grad wie bei den Chinesen,
nimm ihm die Mütze ab, gleich kommt Blut. -- Aber sag' uns, Kleiner,
wie schlagen sie sich, sagt er. -- Ei so, sag' ich: Sie packen dich,
schlitzen dir den Bauch auf und wickeln sich deine Gedärme um den Arm
und wickeln und wickeln ... sie wickeln, und du lachst, bis dir die
Seele aus dem Leibe ...

Ei wie, haben sie dir denn Glauben geschenkt? sagte Maksimow mit
leichtem Lächeln, während die anderen sich halb tot lachten.

Das sonderbare Volk glaubt wahrhaftig alles, Fjodor Maksimytsch -- bei
Gott, sie glauben alles! ... Dann erzählte ich ihnen vom Berge Kasbek,
daß da den ganzen Sommer über der Schnee nicht schmilzt, da lachten
sie mich tüchtig aus, guter Freund! -- Was faselst du, Kleiner? Hat
man so etwas gesehen, ein großer Berg und darauf soll der Schnee nicht
schmelzen? Bei uns, Kleiner, schmilzt im Tauwetter der kleinste Hügel
-- und der taut zuerst auf, und im Hohlweg bleibt der Schnee noch
liegen. -- Da hast du's! -- schloß Tschikin und blinzelte mit den Augen.


V

Der leuchtende Sonnenball, dessen Strahlen durch den milchweißen Nebel
hindurchdrangen, war schon ziemlich hoch emporgestiegen; der graublaue
Horizont erweiterte sich allmählich und war, wenn auch bedeutend
weiter, aber doch ebenso scharf von der täuschenden weißen Nebelwand
begrenzt.

Vor uns that sich jenseits des ausgeholzten Waldes ein ziemlich
weites Feld auf. Über das Feld breitete sich von allen Seiten her ein
schwarzer, dort ein milchweißer oder violetter Rauch von Wachtfeuern,
und die weißen Schichten des Nebels wogten in wunderlichen Gestalten.
Weit vorn erschienen von Zeit zu Zeit Gruppen berittener Tataren, hörte
man in Zwischenräumen die Schüsse aus unsern Stutzen, aus ihren Büchsen
und Geschützen.

»Das war noch kein Gefecht, sondern nur ein Scherz,« wie der gute
Kapitän Chlopow sagt.

Der Kommandeur der neunten Jägerkompagnie, der sich bei uns in der
Deckung befand, trat zu seinen Geschützen heran, zeigte auf drei
berittene Tataren, die in diesem Augenblick am Walde vorüberkamen,
mehr als sechshundert Faden von uns entfernt, und bat, nach der allen
Infanterieoffizieren eigenen Vorliebe für Artilleriefeuer, eine Kugel
oder Granate auf sie zu schleudern.

Sehen Sie, sagte er mit einem guten und überzeugenden Lächeln und
streckte die Hand über meine Schulter, dort, wo die zwei großen
Bäume stehen, vorn ... Einer auf einem weißen Pferd und im schwarzen
Tscherkessenrock, und dort hinten noch zwei, sehen Sie, könnte man
nicht, bitte ...

Und da reiten noch drei am Waldessaum, fügte Antonow, der sich durch
ein wunderbares Auge auszeichnete, hinzu, indem er auf uns zukam und
die Pfeife, die er gerade rauchte, hinter seinem Rücken verbarg. Der
Vordere nimmt eben seine Büchse aus dem Futteral. Man sieht's ganz
deutlich, Euer Wohl'boren!

Ei sieh, er hat losgedrückt, Kameraden! da steigt ein weißes
Rauchwölkchen auf, sagte Welentschuk zu einer Gruppe von Soldaten, die
ein wenig hinter uns standen.

Gewiß auf unsere Vorpostenkette, der Dreckfink, bemerkte ein anderer.

Sieh nur, wie viele da hinter dem Walde hervorkommen! Sie besichtigen
gewiß den Ort -- wollen ein Geschütz aufstellen, fügte ein dritter
hinzu. -- Wenn man ihnen eine Granate mitten in den Haufen
hinüberschickte, die würden euch spucken ...

Was denkst du, wird sie bis dahin tragen? fragte Tschikin.

Fünfhundert oder fünfhundertundzwanzig Faden, mehr sind's nicht, sagte
Maksimow kaltblütig, als ob er mit sich selbst spräche, obgleich man
ihm anmerkte, daß er nicht weniger Lust hatte, loszufeuern, als die
anderen, wenn man fünfundvierzig Linien aus dem Einhorn giebt, so muß
man ganz genau treffen, d. h. ganz vollständig.

Wissen Sie, wenn man jetzt auf dieses Häufchen zielt, so muß man
unbedingt jemanden treffen. Da, da, jetzt, wie eng sie mit den Pferden
zusammenstehen, befehlen Sie doch jetzt, so schnell als möglich zu
schießen, bat mich der Kompagniekommandeur unaufhörlich.

Befehlen Sie das Geschütz zu richten? fragte plötzlich Antonow mit
seiner schwerfälligen Baßstimme und mit einer Miene finsteren Zornes.

Ich gestehe, ich hatte selbst große Lust dazu, und ich befahl, das
zweite Geschütz zu richten.

Kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, so war auch schon die Granate
mit Pulver bestreut und eingeführt, und Antonow kommandierte schon, an
die Lafettenwand gelehnt und seine dicken Finger auf das Hinterteil des
Geschützes stützend: Protzstock rechts und links.

Ein ganz klein wenig nach links ... Eine Spur nach rechts ... noch,
noch ein wenig ... So ist's recht, sagte er und trat mit stolzer Miene
von dem Geschütz zurück.

Der Infanterieoffizier, ich und Maksimow legten uns einer nach dem
andern an das Visir, und jeder sprach seine abweichende Meinung aus.

Bei Gott, es trägt hinüber, bemerkte Welentschuk und schnalzte mit
der Zunge, obgleich er nur über Antonows Schulter hinweggeblickt und
daher gar keinen Grund hatte, das anzunehmen. Bei Gott, sie trägt
schnurstracks hinüber, in den Baum dort muß sie einschlagen, Kameraden!

Zweites Geschütz, kommandierte ich.

Die Bedienungsmannschaft trat auseinander. Antonow lief nach der Seite,
um den Flug des Geschosses zu verfolgen; das Zündrohr flammte auf,
das Erz erdröhnte. In diesem Augenblick hüllte uns Pulverdampf ein,
und von den erschütternden, dumpfen Tönen des Schusses löste sich der
metallische, summende Klang der mit Blitzesschnelle dahinfliegenden
Kugel, der inmitten des gemeinen Schweigens in der Ferne erstarb.

Ein wenig hinter der Gruppe der Reiter wurde ein weißer Rauch sichtbar,
die Tataren sprengten nach allen Seiten aneinander und der Klang der
krepierten Granate klang zu uns herüber.

Das war schön! Wie sie fortmachen! Die Teufelskerle, das haben
sie nicht gern! ließen sich Beifall und Scherze in den Reihen der
Artilleristen und der Infanteristen hören.

Hätte man's ein bißchen niedriger gerichtet, so hätte sie ganz genau
getroffen, bemerkte Welentschuk. Ich habe gesagt, es trifft den Baum,
und so war's auch -- nach rechts ist sie gegangen.


VI

Ich verließ die Soldaten, während sie darüber sprachen, wie die Tataren
davongesprengt waren, als sie die Granate erblickt, und weshalb sie
hier herumritten, und ob wohl ihrer viele im Walde wären, ging mit
dem Kompagnieführer wenige Schritte davon, setzte mich unter einen
Baum, und erwartete die aufgewärmten Klopse, die er mir angeboten
hatte. Der Kompagnieführer Bolchow war einer von den Offizieren,
die man im Regiment die »Bonjours« nannte. Er besaß Vermögen, hatte
früher in der Garde gedient und sprach französisch. Aber trotzdem
hatten ihn die Kameraden gern. Er war recht gescheit und besaß Takt
genug, um einen Petersburger Rock zu tragen, gut zu Mittag zu speisen
und französisch zu sprechen, ohne das Offizierskorps übermäßig zu
beleidigen. Wir sprachen über das Wetter, über die Kriegsereignisse und
die gemeinsamen Bekannten unter den Offizieren und gewannen aus den
Fragen und Antworten und aus der Auffassung der Dinge die Überzeugung,
daß wir in unseren Ansichten ziemlich übereinstimmten, und so gingen
wir unwillkürlich zu einem vertraulicheren Gespräch über. Im Kaukasus
pflegt, wenn Menschen einer Gesellschaftsklasse sich begegnen, wenn
auch unausgesprochen, so doch ziemlich klar, die Frage aufzutauchen:
weshalb sind Sie hier? und auf diese meine unausgesprochene Frage
schien mein Genosse die Antwort geben zu wollen.

Wann wird dieser Feldzug ein Ende nehmen! sagte er träge -- langweilig!

Ich langweile mich nicht, sagte ich. Im Stabe ist's ja noch
langweiliger.

Ach, im Stabe ist es zehntausendmal schlimmer, sagte er wütend. Aber
nein, wann wird das alles ein Ende nehmen?

Aber was soll denn, nach Ihrer Meinung, ein Ende nehmen? fragte ich.

Alles, ganz und gar! ... He, Nikolajew, sind die Klopse fertig? fragte
er.

Warum haben Sie eigentlich im Kaukasus Dienste gesucht, sagte ich, wenn
Ihnen hier so wenig gefällt?

Wissen Sie warum? antwortete er mit entschlossener Offenheit, weil es
so hergebracht ist. In Rußland giebt es doch eine besondere Tradition
vom Kaukasus, als sei hier das gelobte Land für unglückliche Menschen
jeder Art.

Ja, das hat etwas Wahres, sagte ich, die meisten von uns ...

Was aber das Beste ist, unterbrach er mich, wir alle, die wir dieser
Tradition gemäß nach dem Kaukasus gehen, verrechnen uns entsetzlich,
und ich kann ganz und gar nicht einsehen, warum wir nach einer
unglücklichen Liebe oder bei zerrütteten Verhältnissen lieber in
den Kaukasus gehen, um Dienste zu nehmen, als nach Kasanj oder nach
Kaluga. In Rußland stellt man sich den Kaukasus als etwas Erhabenes
vor, mit ewig jungfräulichen Gletschern, mit reißenden Strömen, mit
Dolchen, Filzmänteln, Tscherkessenmädchen -- alles das hat etwas
Grauenerregendes, in Wirklichkeit aber liegt darin nichts Lustiges.
Wenn sie wenigstens wüßten, daß wir nie zu dem jungfräulichen Eise
gelangen, ja, daß es gar kein Vergnügen ist, dahin zu kommen, und daß
der Kaukasus in Provinzen geteilt ist: in Stawropol, in Tiflis u. s. w.
...

Ja, sagte ich lachend, wir sehen in Rußland den Kaukasus mit ganz
anderen Augen an als hier. Haben Sie das schon einmal an sich erfahren?
Wenn man Verse liest in einer Sprache, die man nicht gut versteht,
stellt man sie sich viel hübscher vor, als sie sind.

Ich weiß wahrhaftig nicht. Aber mir mißfällt der Kaukasus im höchsten
Grade, unterbrach er mich.

Oh nein, der Kaukasus ist für mich auch jetzt schön, nur in anderem
Sinne.

Er mag vielleicht auch schön sein, fuhr er mit einer gewissen
Gereiztheit fort. Ich weiß nur, daß ich mir im Kaukasus nicht gefalle.

Aber warum das? sagte ich, um doch etwas zu sagen.

Nun, erstens, weil *er* mich getäuscht hat. Alles das, wovon ich
Heilung hoffte im Kaukasus nach der Tradition, alles hat mich hierher
begleitet, nur mit dem Unterschied, daß all dies früher auf der großen
Vordertreppe war und jetzt auf einer kleinen, schmutzigen Hintertreppe
ist, auf deren einzelnen Stufen ich Millionen kleiner Aufregungen,
Gemeinheiten, Kränkungen finde; zweitens, weil ich fühle, wie ich mit
jedem Tage moralisch sinke, tiefer und tiefer, und vor allem, weil
ich mich für den Dienst in diesem Lande unfähig fühle: ich kann keine
Gefahren ertragen -- kurz, ich bin nicht tapfer ...

Obgleich dies unerbetene Bekenntnis mich außerordentlich in Erstaunen
setzte, widersprach ich nicht, wie mein Genosse offenbar wünschte,
sondern erwartete von ihm selbst die Widerlegung seiner Worte, wie das
immer in solchen Fällen zu sein pflegt.

Sie müssen wissen, ich bin bei dem jetzigen Feldzuge zum erstenmal
im Feuer, fuhr er fort, und Sie können sich nicht vorstellen, was
mir gestern begegnet ist. Als der Feldwebel den Befehl brachte, daß
meine Kompagnie für die Abteilung bestimmt sei, wurde ich bleich wie
Leinewand und konnte vor Erregung kein Wort hervorbringen. Und wüßten
Sie, wie ich die Nacht zugebracht habe! Wenn es wahr ist, daß Menschen
vor Angst grau werden, so müßte ich heute ganz weiß sein, denn
sicherlich hat noch kein zum Tode Verurteilter in einer Nacht so viel
gelitten, wie ich; sogar jetzt fühle ich noch etwas hier drinnen, wenn
mir auch ein wenig leichter ist, als heute Nacht! fügte er hinzu und
bewegte die Faust vor seiner Brust hin und her. Das Lächerlichste ist,
fuhr er fort, daß sich hier das schrecklichste Drama abspielt, und man
selbst Klopse mit Lauch ißt und sich einredet, es sei sehr lustig ...
Giebt's Wein, Nikolajew? fügte er gähnend hinzu.

Das ist *er*, Kameraden, erklang in diesem Augenblick die erregte
Stimme eines Soldaten. Alle Augen richteten sich auf den Saum des
fernen Waldes.

Eine bläuliche Rauchwolke erhob sich vom Winde getrieben in der Ferne
und wurde größer und größer. Als ich begriffen hatte, daß es ein Schuß
des Feindes gewesen, nahm plötzlich alles, was in diesem Augenblick
vor meinen Augen stand, einen neuen, erhabenen Charakter an. Die
zusammengestellten Gewehre, der Rauch der Wachtfeuer, der blaue Himmel,
die grünen Geschützgestelle, Nikolajews verbranntes Gesicht mit dem
großen Schnauzbart -- all dies schien mir zu sagen, daß die Kugel, die
schon aus dem Rauch herausgeflogen war und in diesem Augenblick in der
freien Luft schwebte, vielleicht geradewegs auf meine Brust gerichtet
sein könnte.

Wo haben Sie den Wein hergenommen? fragte ich Bolchow nachlässig,
während im Innersten meiner Seele zwei Stimmen gleich vernehmlich
sprachen: die eine »Herr, nimm meine Seele in Frieden auf«, die
andere »Ich hoffe mich nicht zu bücken, sondern zu lächeln, wenn die
Kugel vorüberkommt«, -- und in diesem Augenblick pfiff etwas wirklich
Unangenehmes über unsere Köpfe hin, und zwei Schritt von uns schlug die
Kugel ein.

Sehen Sie, wenn ich Napoleon oder Friedrich wäre, sagte Bolchow in
diesem Augenblick und wandte sich vollkommen kaltblütig zu mir, hätte
ich unbedingt irgend eine Liebenswürdigkeit gesagt.

Sie haben sie ja auch jetzt gesagt, antwortete ich und konnte nur
mit Mühe die Unruhe verbergen, die die überstandene Gefahr in mir
hervorgerufen hatte.

Nun ja, gesagt schon, aber niederschreiben wird es niemand.

So werde ich es niederschreiben.

Wenn Sie es auch niederschreiben, so geschieht es doch nur zur Kritik,
wie Mischtschenkow sagt, fügte er lächelnd hinzu.

Pfui, du Verfluchte! sagte in diesem Augenblick hinter uns Antonow und
spie ärgerlich zur Seite aus, um ein Haar hätte sie meine Beine gepackt.

Alle meine Bemühungen, kaltblütig zu erscheinen und alle unsere
künstlichen Phrasen erschienen mir plötzlich unerträglich dumm nach
diesem gutherzigen Ausruf.


VII

Der Feind hatte wirklich zwei Geschütze an der Stelle aufgepflanzt,
wo die Tataren patrouilliert hatten, und gab alle 20 oder 30 Minuten
Schüsse auf unsere Holzfäller ab. Mein Zug wurde nach der Wiese
vorausgeschickt und erhielt den Befehl, das Feuer zu erwidern. Am
Waldessaum stieg leichter Rauch auf, man hörte einen Schuß, ein
Pfeifen, und eine Kugel fiel hinter uns oder vor uns nieder. Die
feindlichen Geschosse fielen glücklich, und wir hatten keinen Verlust.

Die Artilleristen hielten sich, wie immer, vortrefflich: sie luden
rasch, richteten sorgfältig nach dem aufsteigenden Rauch und scherzten
ruhig untereinander. Die Infanteriedeckung lag in schweigsamer
Unthätigkeit in unserer Nähe und wartete, bis sie an die Reihe kam.

Die Holzfäller machten ihre Arbeit: die Äxte erklangen schneller und
häufiger im Walde, nur in dem Augenblick, wo sich das Pfeifen eines
Geschosses hören ließ, verstummte plötzlich alles, und durch die
Totenstille erklangen ein wenig erregte Stimmen: »Bückt euch, Kinder!«
-- und alle Augen richteten sich auf die Kugel, die an die Wachtfeuer
und an die abgehauenen Äste anschlug.

Der Nebel hatte sich ganz gehoben, nahm immer mehr die Gestalt von
Wolken an und verschwand allmählich in dem tiefdunklen Blau des
Himmels; die hervortretende Sonne leuchtete hell und warf ihren
heiteren Schimmer auf den Stahl der Bajonette, das Erz der Geschütze,
auf die auftauchende Erde und den glänzenden Reif. In der Luft
fühlte man die Frische des Morgenfrostes zugleich mit der Wärme der
Frühlingssonne; tausend verschiedene Schatten und Farben flossen in
dem trockenen Laub der Bäume zusammen, und auf den ausgefahrenen,
glänzenden Wegen wurden die Spuren der Räder und der Hufeisendornen
deutlich sichtbar.

Die Bewegung unter den Truppen wurde immer stärker und deutlicher.
Von allen Seiten sah man immer häufiger die bläulichen Rauchwolken
der Schüsse. Die Dragoner mit den flatternden Fähnlein an den Lanzen
ritten an der Spitze; in den Reihen der Infanterie ertönten Lieder,
und der Wagenzug mit dem Holz formierte sich in der Nachhut. Da kam zu
unserem Zuge der General herangeritten und befahl, sich zum Rückzuge
zu rüsten. Der Feind hatte sich in den Gebüschen unserem linken Flügel
gegenüber festgesetzt und begann uns durch ein Gewehrfeuer stark zu
beunruhigen. Von links aus dem Walde her kam eine Kugel vorübergesaust
und schlug in das Geschützgestell, dann eine zweite, eine dritte ...
die Infanteriedeckung, die in unserer Nähe lag, sprang lärmend auf die
Beine, griff zu den Gewehren und nahm Stellung in der Vorpostenkette.
Das Gewehrfeuer wurde stärker, die Kugeln kamen häufiger geflogen.
Der Rückzug begann, folglich auch das eigentliche Gefecht, wie es im
Kaukasus immer zu sein pflegt.

Aus allem konnte man erkennen, daß den Artilleristen die Gewehrkugeln
unbehaglicher waren, als vorhin den Infanteristen die Kanonen. Antonow
machte ein verdrießliches Gesicht. Tschikin äffte das Summen der Kugeln
nach und trieb seinen Spaß mit ihnen; aber man sah wohl, daß sie ihm
nicht behagten. Bei einer sagte er: »Wie eilig sie's hat,« eine andere
nannte er »Bienchen«, eine dritte, die mit einem seltsam trägen und
klagenden Laut über uns hinflog, nannte er eine »Waise« und rief damit
allgemeines Gelächter hervor.

Der junge Rekrut bog, da er es noch nicht gewohnt war, bei jeder
Kugel den Kopf beiseite und reckte den Hals, und auch das rief bei
den Soldaten Gelächter hervor. »Wie, ist das eine Bekannte von
dir, daß du sie grüßest?« sagten sie zu ihm. Auch Welentschuk, der
immer außerordentlich gleichmütig war in Gefahren, befand sich
jetzt in erregtem Zustand: es kränkte ihn offenbar, daß wir nicht
mit Kartätschen nach der Richtung schossen, wo die Gewehrkugeln
hergeflogen kamen. Er wiederholte mehrere Male mit verdrießlicher
Stimme: »Soll *er* uns so ungestraft schlagen? Wenn man dorthin ein
Geschütz richten wollte und eine Kartätsche hinüberblasen, dann würde
er schon stumm werden.«

In der That, es war Zeit, das zu thun: ich gab Befehl, die letzte
Granate zu werfen und Kartätschen zu laden.

Kartätschen! rief Antonow und trat munter im Rauch mit dem Stückputzer
an das Geschütz heran, kaum daß die Ladung heraus war.

In diesem Augenblick hörte ich ein wenig hinter mir den raschen
summenden Laut einer Gewehrkugel, der plötzlich mit einem trockenen
Schlag abriß. Mein Herz krampfte sich zusammen. »Es scheint jemand
von den Unsrigen getroffen zu haben,« dachte ich, scheute mich
indessen zurückzublicken, unter dem Eindruck einer beängstigenden
Ahnung. Wirklich hörte man nach diesem Laut das schwere Fallen eines
Körpers und »oh--oh oh oh--oi!« -- das herzzerreißende Stöhnen eines
Verwundeten. »Getroffen, Kameraden!« sagte mühsam eine Stimme, die
ich erkannte. Es war Welentschuk. Er lag auf dem Rücken zwischen dem
Protzkasten und dem Geschütz. Der Ranzen, den er getragen hatte, war
nach der Seite geschleudert. Seine Stirn war ganz blutig, und über das
rechte Auge und die Nase floß ein dichter roter Strom. Er hatte eine
Wunde im Leibe, aber es war fast kein Blut daran; die Stirn hatte er
sich beim Fallen an einen Baumstumpf zerschlagen.

Alles das ward mir viel später erst klar; im ersten Augenblick sah ich
nur eine deutliche Masse und, wie mir schien, furchtbar viel Blut.

Keiner von den Soldaten, die das Geschütz geladen hatten, sprach ein
Wort. Nur der junge Rekrut brummte etwas vor sich hin wie: »Sieh mal
dieses Blut,« und Antonow ächzte mit düsterer Miene ärgerlich; aber
an allem war zu erkennen, daß der Gedanke an den Tod allen durch die
Seele zog. Alle gingen mit noch größerer Geschäftigkeit ans Werk. Das
Geschütz war in einem Augenblick geladen, und der Wagenführer, der die
Kartätschen brachte, ging zwei, drei Schritte um die Stelle herum, an
der der Verwundete lag und fort und fort stöhnte.


VIII

Jeder, der einmal in einer Schlacht gewesen ist, hat gewiß das
seltsame, wenn auch nicht logische und doch starke Gefühl des Abscheus
vor einer Stelle empfunden, an der ein Mensch getötet oder verwundet
wurde. Diesem Gefühl erlagen sichtlich im ersten Augenblick meine
Soldaten, als es galt, Welentschuk aufzuheben und ihn auf den Wagen
zu laden, der herangekommen war. Tschikin näherte sich ärgerlich dem
Verwundeten, faßte ihn, ohne auf sein stärker werdendes Geschrei zu
achten, unter der Achsel und hob ihn auf. -- »Was steht ihr da, greift
an,« schrie er, und schnell umringten den Verwundeten an die zehn Mann,
Helfer, die kaum noch nötig waren. Aber sie hatten ihn kaum von der
Stelle gebracht, als Welentschuk entsetzlich zu schreien und um sich zu
schlagen begann.

Was schreist du wie ein Hase? sagte Antonow und packte ihn derb am
Bein, willst du nicht, lassen wir dich liegen.

Und der Verwundete verstummte wirklich und sagte nur von Zeit zu Zeit:
»Ach, das ist mein Tod! Ah -- ach Kameraden!«

Als sie ihn aber auf den Wagen gelegt hatten, hörte er sogar auf zu
ächzen, und ich hörte, daß er mit leiser, aber deutlicher Stimme zu den
Kameraden sprach -- wahrscheinlich nahm er Abschied von ihnen.

Im Gefecht sieht niemand gern einen Verwundeten, und instinktiv
beeilte ich mich, von diesem Schauspiel fortzukommen, befahl, ihn
so schnell als möglich auf den Verbandplatz zu bringen, und ging zu
den Geschützen; nach einigen Minuten aber sagte man mir, Welentschuk
wünsche mich zu sprechen, und ich ging auf den Wagen zu.

Der Verwundete lag auf dem Boden des Wagens und hielt sich mit beiden
Händen am Rand. Sein gesundes, breites Gesicht hatte sich in wenigen
Sekunden vollständig verändert. Es war, als ob er abgemagert und um
einige Jahre älter geworden wäre; seine Lippen waren dünn, blaß und mit
sichtbarer Anstrengung zusammengepreßt; an die Stelle des unstäten und
stumpfen Ausdrucks seiner Augen war ein heller, ruhiger Glanz getreten,
und auf der blutbefleckten Stirn und Nase lagen schon die Züge des
Todes.

Obgleich ihm auch die kleinste Bewegung unbeschreibliche Schmerzen
verursachte, bat er, man möchte von seinem linken Bein sein
Geldtscheres[P] abnehmen.

 [P] Tscheres ist ein Beutelchen in der Form eines kleinen Gürtels, den
 die Soldaten gewöhnlich unterhalb des Knies tragen.

Ein entsetzlich niederdrückendes Gefühl rief der Anblick seines
nackten, weißen und gesunden Beines in mir hervor, als man ihm den
Stiefel abzog und den Tscheres losband.

Drei Moneten sind drin und ein halber Rubel, sagte er mir in dem
Augenblick, wo ich den Tscheres in die Hand nahm. Sie werden schon so
gut sein, sie aufzubewahren.

Der Wagen hatte sich in Bewegung gesetzt, aber er ließ ihn halten.

Ich habe dem Leutnant Sulimowskij einen Mantel gearbeitet, und Sie
haben mir zwei Moneten gegeben. Für anderthalb habe ich Knöpfe gekauft,
und den halben Rubel habe ich im Beutel liegen mitsamt den Knöpfen.
Geben Sie sie zurück.

Schön, schön, sagte ich, werde nur gesund, Kamerad.

Er antwortete mir nicht, der Wagen setzte sich in Bewegung, und er
begann wieder mit entsetzlichster, herzzerreißender Stimme zu stöhnen
und zu ächzen. Als hätte er nun, nachdem die weltlichen Dinge geordnet
waren, keine Ursache mehr, sich zu überwinden, hielt er jetzt diese
Erleichterung, die er sich schaffte, für erlaubt.


IX

Ei, wohin? ... Zurück! Wo willst du hin? rief ich den Rekruten an, der
seine Reservelunte unter den Arm genommen hatte und mit einem Stöckchen
in der Hand mit größter Kaltblütigkeit dem Wagen folgte, auf dem der
Verwundete fortgeführt wurde.

Der Rekrut aber warf mir nur einen trägen Blick zu, brummte etwas
vor sich hin und ging weiter, so daß ich einen Soldaten hinschicken
mußte, um ihn zurückzubringen. Er nahm sein rotes Mützchen ab, lächelte
tölpelhaft und sah mich an.

Wo hast du hinwollen? fragte ich.

Ins Lager.

Warum das?

Wie? ... Welentschuk ist verwundet, sagte er wieder lächelnd.

Was geht das dich an? Du hast hierzubleiben.

Er sah mich erstaunt an, dann drehte er sich kaltblütig um, setzte
seine Mütze auf und ging auf seinen Platz.

  [Illustration: Gedankenwechsel]

Der Kampf war im allgemeinen ein glücklicher. Die Kosaken hatten,
wie es hieß, einen vortrefflichen Angriff gemacht und drei Tataren
eingebracht; die Infanterie hatte sich mit Holz versorgt und zählte im
ganzen sechs Verwundete; bei der Artillerie war der Mannschaft nur der
eine, Welentschuk, und zwei Pferde verloren gegangen. Dafür hatte man
etwa drei Werst Waldes ausgeholzt und den Platz so gesäubert, daß man
ihn nicht wieder erkannte; an der Stelle des dichten Waldsaums, den man
früher dort gesehen hatte, öffnete sich eine ungeheure Wiesenfläche,
bedeckt von rauchenden Wachtfeuern, von Kavallerie und Infanterie, die
sich auf das Lager zu bewegte. Obgleich der Feind nicht aufhörte, uns
mit Geschütz- und Gewehrfeuer zu verfolgen, bis an das Flüßchen und den
Kirchhof, den wir des Morgens durchschritten hatten, vollzog sich der
Rückzug glücklich. Meine Gedanken waren schon bei der Kohlsuppe und der
Hammelrippe mit Grütze, die meiner im Lager harrten, als die Nachricht
kam, der General habe befohlen, am Flüßchen eine Schanze aufzuschütten
und bis morgen das dritte Bataillon des K.-Regiments und den Zug der
vierten Batterie dort lagern zu lassen. Die Wagen mit dem Holz und den
Verwundeten, die Kosaken, die Artillerie, das Fußvolk mit den Gewehren
und dem Holz über den Schultern -- alles zog mit Lärmen und Gesang an
uns vorüber. Auf allen Gesichtern lag Begeisterung und Freude, wie
sie die überstandene Gefahr und die Erwartung der Ruhe hervorgerufen
hatten. Nur wir und das dritte Bataillon mußten auf diese angenehmen
Gefühle noch bis morgen warten.


X

Während wir, die Artilleristen, um die Geschütze beschäftigt waren,
während wir die Protzkasten, die Pulverkasten aufstellten und den
Pferden die Fußstricke lösten, hatte die Infanterie schon die Gewehre
zusammengestellt, die Wachtfeuer hergerichtet, aus Ästen und Maisstroh
Hütten gebaut und angefangen die Grütze zu kochen.

Es begann zu dämmern. Am Himmel zogen blauweiße Wolken hin. Die
Dunkelheit hatte sich in einen feinen feuchten Nebel verwandelt und
netzte den Boden und die Mäntel der Soldaten; der Gesichtskreis wurde
enger, und die ganze Umgegend hüllte sich in düstere Schatten. Die
Feuchtigkeit, die ich durch die Stiefel hindurch und im Nacken fühlte,
die ununterbrochene Bewegung und das nie verstummende Gespräch, an
dem ich keinen Anteil nahm, der lehmige Boden, auf dem meine Füße
ausglitten und der leere Magen brachten mich in die drückendste,
unangenehmste Stimmung, nach einem Tage physischer und moralischer
Ermattung. Welentschuk wollte mir nicht aus dem Sinn. Die ganze
einfache Geschichte eines Soldatenlebens drängte sich unabweislich
meiner Phantasie auf.

Seine letzten Augenblicke waren ebenso klar und ruhig gewesen wie
sein ganzes Leben. Er hatte zu ehrlich und einfach gelebt, als daß
sein einfältiger Glaube an ein zukünftiges, himmlisches Dasein in dem
entscheidenden Augenblicke hätte schwanken können.

Grüß Gott, sagte Nikolajew, indem er auf mich zutrat, wollen Sie sich
gefälligst zum Kapitän bemühen, er bittet Sie, mit ihm Thee zu trinken.

Ich drängte mich, so gut es ging, zwischen den zusammengestellten
Gewehren und Wachtfeuern hindurch, ging, Nikolajew folgend, zu Bolchow
und dachte mit Vergnügen an das Glas heißen Thees und an die fröhliche
Unterhaltung, die meine düsteren Gedanken vertreiben würden.

Gefunden? ertönte Bolchows Stimme aus der Maishütte, in der ein
Flämmchen schimmerte.

Ich habe ihn hergebracht, Euer Wohlgeboren, antwortete Nikolajew in
tiefem Baß.

Bolchow saß im Zelt auf einem trockenen Filzmantel mit aufgeknöpftem
Rock und ohne seine Pelzmütze. Neben ihm brodelte ein Ssamowar und
stand eine Trommel mit allerlei Imbiß. In dem Fußboden steckte ein
Bajonett mit einem Licht.

Wie? sagte er mit Stolz und ließ seinen Blick über seinen gemütlichen
Haushalt schweifen. In der That war es in dem Zelt so hübsch, daß
ich beim Thee der Feuchtigkeit, der Dunkelheit und des verwundeten
Welentschuk ganz vergaß. Wir kamen in ein Gespräch über Moskau, über
Dinge, die in gar keiner Beziehung zum Kriege und zum Kaukasus standen.

Nach einem jener Augenblicke des Schweigens, die bisweilen selbst die
belebtesten Unterhaltungen unterbrechen, sah mich Bolchow lächelnd an.

Ich muß glauben, unser Gespräch von heute morgen ist Ihnen sehr
sonderbar vorgekommen? sagte er.

Oh nein, warum das? Es schien mir nur, als seien Sie allzu offenherzig.
Es giebt eben Dinge, die wir alle wissen, von denen man aber nie
sprechen darf.

Warum nicht? Wenn es irgend eine Möglichkeit gäbe, dieses Leben selbst
mit dem abgeschmacktesten und ärmlichsten Leben, nur ohne Gefahr und
ohne den Dienst, zu vertauschen, ich würde mir's keinen Augenblick
überlegen.

Warum gehen Sie nicht nach Rußland? sagte ich.

Warum? wiederholte er. O, wie lange habe ich schon daran gedacht.
Ich kann jetzt nicht eher nach Rußland zurück, als bis ich den
Wladimirorden, den Annenorden um den Hals und den Majorsrang bekommen,
wie ich es erwartete, als ich herging.

Warum aber, wenn Sie sich, wie Sie sagen, für den hiesigen Dienst
untauglich fühlen?

Wenn ich mich aber noch weniger fähig fühlte, nach Rußland so
zurückzukehren, wie ich hergekommen bin? Das ist auch eine von den
Überlieferungen, die in Rußland von Mund zu Mund gehen, denen Passek,
Sljepzow und Andere Dauer gegeben haben, daß man nur nach dem Kaukasus
zu gehen braucht, um mit Belohnungen überschüttet zu werden. Und von
uns erwarten und verlangen das alle; und ich bin nun zwei Jahre hier,
habe zwei Expeditionen mitgemacht und habe nichts bekommen. Aber ich
besitze doch soviel Eigenliebe, daß ich um keinen Preis von hier
fortgehe, ehe ich Major bin, den Wladimir- und den Annenorden um den
Hals bekomme. Ich habe mich schon so in diesen Gedanken hineingelebt,
daß es mich wurmt, wenn Gnilokischkin eine Auszeichnung bekommt, und
ich nicht. Und dann, wie soll ich in Rußland meinem Starosten, dem
Kaufmann Kotjelnikow, dem ich mein Getreide verkaufe, meiner Tante
in Moskau und all den Herren vor die Augen treten, wenn ich nach
zweijährigem Dienste im Kaukasus ohne jede Auszeichnung zurückkomme?
Freilich mag ich von diesen Herrschaften nichts wissen, und sie werden
sich gewiß auch sehr wenig um mich kümmern; aber der Mensch ist nun
einmal so beschaffen, daß ich von ihnen nichts wissen mag, und doch um
ihretwillen meine schönsten Jahre vergeude, all mein Lebensglück, all
meine Zukunft zerstöre.


XI

In diesem Augenblick klang von draußen die Stimme des
Bataillonskommandeurs herein:

Mit wem plaudern Sie, Nikolaj Fjodorowitsch?

Bolchow nannte meinen Namen, und gleich darauf kamen drei Offiziere
in die Hütte gekrochen: der Major Kirssanow, der Adjutant seines
Bataillons und der Kompagniekommandeur Trossenko.

Kirssanow war ein kleiner, wohlbeleibter Mann mit einem kleinen
Schnurrbart, roten Wangen und verschwommenen kleinen Augen. Diese
kleinen Augen waren der hervorstechendste Zug in seiner Physiognomie.
Wenn er lachte, so sah man nur zwei feuchte, glänzende Sternchen, und
diese Sternchen nahmen zugleich mit den gespannten Lippen und dem
langgereckten Halse einen höchst sonderbaren Ausdruck von Blödigkeit
an. Kirssanow hatte im Regiment die beste Aufführung und Haltung.
Die Untergebenen schalten ihn nicht, die Vorgesetzten achteten ihn,
obgleich die allgemeine Meinung über ihn war, er sei nicht weit her. Er
verstand seinen Dienst, war pünktlich und eifrig, war immer bei Gelde,
besaß eine Kalesche und einen Koch und verstand auf sehr natürliche
Weise den Stolzen zu spielen.

Wovon sprechen Sie, Nikolaj Fjodorowitsch? sagte er beim Eintreten.

Wir sprechen von den Annehmlichkeiten des hiesigen Dienstes.

Aber in diesem Augenblick hatte Kirssanow mich -- einen Junker --
bemerkt, darum fragte er, um mich seine Bedeutung fühlen zu lassen,
als hätte er Bolchows Antwort nicht gehört, mit einem Blicke auf die
Trommel:

Wie, sind Sie müde, Nikolaj Fjodorowitsch?

Nein, wir waren ja ... wollte Bolchow beginnen.

Aber die Würde des Bataillonskommandeurs erforderte wahrscheinlich, daß
er wieder unterbreche und eine neue Frage stellte:

Es war doch ein prächtiges Gefecht heute?

Der Bataillonsadjutant war ein junger Fähnrich, der vor kurzem
noch Junker gewesen war, ein bescheidener und stiller junger Mann
mit einem verschämten und gutmütig freundlichen Gesicht. Ich hatte
ihn früher schon bei Bolchow gesehen. Der junge Mann besuchte ihn
häufig, er machte seine Verbeugung, setzte sich in die Ecke, schwieg
stundenlang, drehte sich Cigaretten und rauchte sie, dann erhob er
sich wieder, verbeugte sich und ging. Es war der Typus eines armen,
russischen jungen Edelmanns, der die militärische Laufbahn als
die einzige seiner Bildung entsprechende gewählt hatte und seinen
Offiziersberuf höher stellte als alles in der Welt -- ein gutmütiger
und liebenswürdiger Typus, trotz der von ihm unzertrennlichen
lächerlichen Eigentümlichkeiten: des Tabaksbeutels, des Schlafrocks,
der Guitarre, des Schnurrbartbürstchens, ohne die wir uns ihn nicht
vorstellen können. Im Regiment erzählte man von ihm, er prahle damit,
daß er gegen seinen Burschen gerecht, aber streng sei. -- »Ich strafe
selten, pflegte er zu sagen, aber wenn's dazu kommt, dann wehe.« Und
als sein betrunkener Bursche ihm einmal alles gestohlen hatte und noch
seinen Herrn zu schimpfen begonnen, habe er ihn auf die Hauptwache
gebracht und Befehl gegeben, alles zu seiner Bestrafung vorzubereiten,
sei aber bei dem Anblick der Vorbereitungen so verlegen geworden, daß
er nur die Worte hervorbringen konnte: »Na, siehst du ... ich könnte
doch ...« dann sei er ganz fassungslos nach Hause gerannt, und scheue
sich von dieser Stunde an, seinem Tschernow in die Augen zu sehen. Die
Kameraden ließen ihm keine Ruhe und neckten ihn damit, und ich habe
oftmals gehört, wie der gute Junge sich verteidigte und, bis über die
Ohren errötend, versicherte, das gerade Gegenteil sei wahr.

Die dritte Person, Kapitän Trossenko, war ein alter Kaukasier in
der ganzen Bedeutung dieses Wortes, d. h. ein Mensch, für den die
Kompagnie, die er kommandierte, zur Familie, die Festung, in der der
Stab lag, zur Heimat und die Spielleute zur einzigen Freude seines
Lebens geworden sind -- ein Mensch, für den alles, was nicht der
Kaukasus ist, unbeachtenswert, ja kaum glaubwürdig ist; alles aber,
was Kaukasus war, zerfiel in zwei Hälften, unsere und nicht unsere:
die eine liebte er, die andere haßte er mit aller Kraft seiner Seele,
und was die Hauptsache war, er war ein Mensch von erprobter, ruhiger
Tapferkeit, von seltener Güte im Umgang mit seinen Kameraden und
Untergebenen und von verzweifelter Gradheit, ja sogar Keckheit im
Verkehr mit den ihm aus irgend einem Grunde verhaßten Adjutanten und
Bonjours. Als er in die Hütte trat, stieß er beinahe mit dem Kopf das
Dach durch, dann ließ er sich schnell nieder und setzte sich auf die
Erde.

Nun, wie? sagte er; da bemerkte er plötzlich mein ihm unbekanntes
Gesicht, stockte und heftete seinen trüben Blick unverwandt auf mich.

Worüber also haben Sie geplaudert? fragte der Major, zog seine Uhr und
sah nach ihr, obgleich er, wie ich fest überzeugt bin, gar nicht das
Bedürfnis hatte, das zu thun.

Ja, er hat mich gefragt, weshalb ich hier diene ...

Selbstverständlich will sich Nikolaj Fjodorowitsch hier auszeichnen,
und dann geht's nach Haus.

Und Sie, Abram Iljitsch, sagen Sie mir, weshalb dienen Sie im Kaukasus?

Ich, wissen Sie, weil wir erstens alle die Pflicht haben zu dienen. Hm?
fügte er hinzu, obgleich alle schwiegen. -- Gestern bekam ich einen
Brief aus Rußland, fuhr er fort. Er hatte offenbar den Wunsch, den
Gesprächsgegenstand zu wechseln. Man schreibt mir ... man stellt mir so
sonderbare Fragen.

Was für Fragen denn? fragte Bolchow.

Er lachte.

Wahrhaftig, sonderbare Fragen ... Man schreibt mir, ob es Eifersucht
geben kann ohne Liebe? ... Hm? fragte er und ließ seine Blicke über uns
hinschweifen.

Ei was, sagte Bolchow lächelnd.

In Rußland, müssen Sie wissen, da ist es schön, fuhr er fort, als ob
seine Phrasen ganz natürlich eine aus der anderen folgten. -- Als ich
im Jahre 52 in Tambow war, wurde ich überall wie ein Flügeladjutant
aufgenommen. Wollen Sie mir glauben, auf dem Ball beim Gouverneur,
wie ich eintrat, wissen Sie ... ich wurde sehr gut aufgenommen. Die
Frau Gouverneurin selber, müssen Sie wissen, unterhielt sich mit mir
und fragte mich aus über den Kaukasus und alle ... was ich nicht
alles wußte! ... Meinen goldenen Säbel besah man, wie eine Rarität,
dann fragte man mich: wofür ich den Säbel bekommen habe, wofür den
Annen-, wofür den Wladimirorden, -- und ich erzählte ihnen alles
Mögliche ... Hm? ... Sehen Sie, das ist das Schöne am Kaukasus, Nikolaj
Fjodorowitsch, fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten. Dort sieht
man uns Kaukasier hoch an. Ein junger Mann, müssen Sie wissen, der
Stabsoffizier ist, der den Annen- und Wladimirorden hat -- das will
viel heißen in Rußland ... Hm?

Und Sie haben auch ein bißchen aufgeschnitten, meine ich, Abram
Iljitsch? sagte Bolchow.

Hi--hi--hi, lachte er mit seinem dummen Lachen. Ja wissen Sie, das
gehört dazu. Und wie vortrefflich habe ich die zwei Monate gegessen und
getrunken.

Ei was, schön ist's dort in Rußland? sagte Trossenko; er fragte nach
Rußland, wie man nach China oder Japan fragt.

Das will ich meinen, was wir dort in zwei Monaten Champagner getrunken
haben, furchtbar!

Was Sie sagen! Sie haben gewiß Limonade getrunken. Ich würde schon
loslegen, damit die Leute wüßten, wie die Kaukasier trinken! Ich würde
den Ruf schon wahr machen. Ich würde zeigen, wie man trinkt ... Was,
Bolchow? fügte er hinzu.

Du bist ja doch schon zehn Jahre im Kaukasus, Onkelchen, sagte Bolchow,
denkst du noch, was Jermolow gesagt hat? ... Abram Iljitsch aber ist
erst sechs ...

Warum nicht gar! zehn? ... Es werden bald sechzehn.

Laß doch Salvai bringen, Bolchow, es ist feucht, brr ... Was? fügte er
lächelnd hinzu. Wir trinken, Major!

Der Major aber war schon das erste Mal, als der alte Kapitän sich an
ihn wandte, ärgerlich gewesen. Jetzt wurde er sichtlich böse und suchte
in seiner eignen Würde Zuflucht. Er summte ein Liedchen vor sich hin
und sah wieder nach der Uhr.

Ich komme sowieso niemals wieder hin, fuhr Trossenko fort, ohne dem
schmollenden Major Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hab's verlernt,
russisch zu gehen und zu sprechen. Was für ein Wundertier ist da
gekommen? werden die Leute sagen. Asien wird es heißen. Nicht wahr,
Nikolaj Fjodorowitsch? Was sollte ich auch in Rußland? Mir ist's
gleich, einmal wird man doch totgeschossen. Dann werden die Leute
fragen: Wo ist Trossenko? Totgeschossen. Was werden Sie dann mit der
achten Kompagnie anfangen, he? fügte er hinzu, immer zu dem Major
gewandt.

Man schicke den Dienstthuenden vom Bataillon! schrie Kirssanow, ohne
dem Kapitän zu antworten, obwohl er, wie ich auch diesmal überzeugt
war, gar nicht nötig hatte, irgend einen Befehl zu erteilen.

Und Sie, junger Mann, meine ich, sind jetzt froh, daß Sie doppeltes
Gehalt haben? sagte der Major nach einigen Minuten des Schweigens zu
dem Bataillonsadjutanten.

Gewiß, sehr.

Ich finde, unser Gehalt ist jetzt sehr groß, Nikolaj Fjodorowitsch,
fuhr er fort. Ein junger Mann kann dabei sehr anständig leben und sich
sogar manchen Luxus gestatten.

Nein, wahrhaftig, Abram Iljitsch, sagte schüchtern der Adjutant, wenn's
auch das Doppelte ist, es ist doch nur so ... man muß doch ein Pferd
halten ...

Was sagen Sie mir da, junger Mann! Ich war selbst Fähnrich und weiß
das. Glauben Sie, wenn man haushälterisch lebt, geht's sehr gut. Lassen
Sie uns rechnen, fügte er hinzu und bog den kleinen Finger der linken
Hand ein.

Wir nehmen das Gehalt immer voraus, da haben Sie die Rechnung! sagte
Trossenko und leerte dabei ein Glas Schnaps.

Nun, was wollen Sie damit sagen ... wie?

In diesem Augenblick schob sich ein weißer Kopf mit einer
plattgedrückten Nase durch die Öffnung der Hütte, und eine scharfe
Stimme sagte mit deutscher Betonung:

Sind Sie da, Abram Iljitsch? Der Dienstthuende sucht Sie.

Treten Sie ein, Kraft! sagte Bolchow.

Eine lange Gestalt in Generalstabsuniform kam durch die Thür gekrochen
und drückte allen mit besonderer Herzlichkeit die Hand.

Ei, lieber Kapitän, auch Sie hier? sagte er zu Trossenko gewandt.

Der neue Gast kroch trotz der Dunkelheit zu ihm hin und küßte ihn, wie
mir schien, zu seiner größten Verwunderung und Unzufriedenheit, auf den
Mund.

»Das ist ein Deutscher, der ein guter Kamerad sein will,« dachte ich.


XII

Meine Vermutung bestätigte sich bald. Kapitän Kraft bat um Schnaps,
nannte ihn »Branntwein«, krächzte furchtbar und warf den Kopf zurück,
während er das Glas leerte.

Nun, meine Herren, was sind wir heute in den Ebnen der Tschetschnja
herumkutschiert ... hatte er eben begonnen; als er aber den
dienstthuenden Offizier erblickte, wurde er sofort still und ließ den
Major erst seine Befehle geben.

Haben Sie die Vorpostenkette besichtigt?

Zu Befehl, Herr Major.

Sind die gedeckten Posten ausgesandt?

Zu Befehl, Herr Major.

So geben Sie dem Kompagniekommandeur den Befehl, so vorsichtig als
möglich zu sein.

Zu Befehl, Herr Major.

Der Major kniff die Augen zusammen und versank in ein tiefes Nachsinnen.

Und sagen Sie den Leuten, daß sie jetzt ihre Grütze kochen können.

Sie kochen sie schon.

Schön, Sie können gehen.

Nun, wir waren dabei, zu berechnen, was ein Offizier braucht, fuhr
der Major fort und wandte sich mit einem leutseligen Lächeln zu uns.
Rechnen wir.

Sie brauchen einen Waffenrock und eine Hose, richtig?

Richtig, nehmen wir an: fünfzig Rubel auf zwei Jahre, im Jahr also
fünfundzwanzig Rubel für die Kleidung; dann kommt Essen, täglich zwei
Abas ... richtig?

Richtig, das ist sogar viel.

Nun, ich will es ansetzen ... Dann kommt das Pferd mit Sattel zur
Remonte 30 Rubel -- das ist alles. Das macht im ganzen 25 und 120 und
30 = 175, bleibt Ihnen immer noch für Luxusausgaben, für Thee und
Zucker, für Tabak 20 Rubel. -- Sehen Sie nun? ... Habe ich recht,
Nikolaj Fjodorowitsch?

Nein, Abram Iljitsch, verzeihen Sie! sagte schüchtern der Adjutant.
Nichts bleibt für Thee und Zucker übrig. Sie setzen ein Paar auf zwei
Jahre an. Aber hier auf unseren Kriegszügen kann man ja gar nicht genug
Beinkleider haben ... Und Stiefel? ... Ich brauche ja fast jeden Monat
ein Paar auf. Dann erst Wäsche, Hemden, Handtücher, Fußlappen, das muß
man doch alles bezahlen. Und wenn man's zusammenrechnet, bleibt nichts
übrig. Das ist bei Gott so, Abram Iljitsch.

Ja, Fußlappen sind ein vorzügliches Tragen, sagte plötzlich Kraft
nach einer minutenlangen Pause, und sprach das Wort »Fußlappen« mit
besonders liebevollem Ton. Sehen Sie, das ist einfach, russisch.

Ich will Ihnen was sagen, bemerkte Trossenko. Rechnen Sie, wie Sie
wollen, es kommt immer darauf hinaus, daß unsereiner die Zähne in den
Kasten legen muß. In Wirklichkeit aber leben wir alle, trinken unseren
Thee, rauchen unseren Tabak und trinken unseren Schnaps. Dient so
lange wie ich, fuhr er fort, an den Fähnrich gewandt, dann lernt Ihr
auch, wie man leben muß. Wissen Sie denn, meine Herren, wie er mit dem
Burschen umgeht?

Und Trossenko erzählte uns die ganze Geschichte von dem Fähnrich und
seinem Burschen, obgleich wir sie alle schon tausendmal gehört hatten,
und lachte sich halb tot dabei.

Warum schaust du denn wie eine Rose aus, Bruderherz? fuhr er fort zum
Fähnrich gewandt, der ganz rot geworden war und schwitzte und lächelte,
daß es ein Erbarmen war, ihn anzusehen. -- Thut nichts, Bruderherz, ich
war ebenso wie du, und jetzt siehst du, was ich für ein Kerl geworden
bin. Laß doch mal so einen Jüngling aus Rußland herkommen -- wir haben
ja viele gesehen -- Krämpfe kriegt er und Reißen; ich aber habe mich
hier eingesessen -- ich habe hier mein Häuschen, mein Bett, alles.
Siehst du ...

Dabei trank er noch ein Gläschen Schnaps.

He? fügte er hinzu und sah Kraft unverwandt in die Augen.

Sehen Sie, das acht' ich hoch! Das ist ein echter, alter Kaukasier!
Geben Sie mir Ihre Hand!

Und Kraft stieß uns alle fort, drängte sich zu Trossenko durch, ergriff
seine Hand und schüttelte sie mit besonderer Liebe.

Ja, wir können sagen, wir haben hier alles kennen gelernt, fuhr er
fort. -- Im Jahre 45 ... Sie waren ja auch dabei, Kapitän? Denken Sie
noch, die Nacht vom 12. auf den 13., wie wir bis an die Knie im Schmutz
Nachtlager hielten, und den Tag darauf die Verschanzung stürmten? Ich
war damals beim Höchstkommandierenden, und wir nahmen an einem Tage 15
Schanzen. Erinnern Sie sich noch, Kapitän?

Trossenko machte mit dem Kopf ein Zeichen der Zustimmung, streckte die
Unterlippe vor und kniff die Augen zusammen.

Sehen Sie doch ... begann Kraft mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit zum
Major gewandt und machte mit den Händen ungeschickte Bewegungen ...

Der Major aber, der diese Erzählung wohl schon öfter gehört hatte, sah
plötzlich seinen Nachbar mit so matten, stumpfen Augen an, daß Kraft
sich von ihm abwandte und sich mir zukehrte, indem er abwechselnd
bald den einen, bald den anderen von uns ansah. Trossenko aber sah er
während der ganzen Erzählung nicht mit einem Blicke an.

Sehen Sie also, wie wir des Morgens auszogen, sagt der
Höchstkommandierende zu mir: »Kraft, nimm diese Schanze.« Sie wissen,
wie's im Dienst ist, da giebt's keine Erörterungen -- Hand an die
Mütze: »Zu Befehl, Euer Erlaucht!« und marsch! Wie wir zu der ersten
Schanze kamen, wandte ich mich um und sagte zu den Soldaten: »Kinder,
ohne Furcht, Augen offen! Wer zurückbleibt, den haue ich mit eigner
Hand in Stücke.« Mit dem russischen Soldaten, wissen Sie, muß man
geradezu reden. Plötzlich kommt eine Granate ... Ich sehe -- ein Mann,
ein zweiter, ein dritter ... Dann kommen Gewehrkugeln ... sch, sch,
sch! ... »Vorwärts, Kinder, sage ich, mir nach!« Wie wir herangekommen
waren, wissen Sie, und hinsehen, bemerke ich, wie nennt man das ...
wissen Sie ... wie heißt das? -- und der Erzähler fuchtelte mit den
Händen durch die Luft und suchte nach dem Wort.

Ein Graben, sagte Bolchow vor.

Nein, ach, wie heißt es doch? Du lieber Gott, wie heißt es doch? ...
Ein Graben! sagte er schnell. Also ... Gewehr in die Balance ... urra!
ta--ra--ta--ta--ta! Keine Spur vom Feind ... Wissen Sie, alles war
überrascht. Also ... schön. Wir gehen weiter -- zweite Schanze. Das
war ein ganz ander Ding. Uns war schon das Herz heiß geworden, wissen
Sie. Wir kommen heran, schauen, ich sehe -- eine zweite Schanze: weiter
geht's nicht. Da -- wie nennt man das -- nun wie heißt das ... Ach! wie
...

Wieder ein Graben, sagte ich vor.

Keineswegs, fuhr er beherzt fort, kein Graben, sondern ... Nun Gott,
wie heißt denn das? -- und er machte mit der Hand eine linkische
Bewegung. -- Ach, du lieber Gott, wie ...

Er quälte sich offenbar so sehr, daß man unwillkürlich den Wunsch
hatte, ihm vorzusagen.

Ein Fluß vielleicht? sagte Bolchow.

Nein, einfach ein Graben. Aber kaum sind wir da, wollen Sie's glauben,
geht ein solches Feuer los, ein Höllenfeuer ...

In diesem Augenblick fragte draußen jemand nach mir. Es war Maksimow.
Und da mir, nachdem ich die abwechselungsreiche Geschichte von den zwei
Schanzen gehört hatte, noch dreizehn geblieben waren, war ich froh,
diese Gelegenheit ergreifen zu können, um zu meinem Zuge zurückzugehen.
Trossenko ging mit mir zusammen hinaus.

Alles erlogen, sagte er mir, als wir einige Schritte von der Hütte
entfernt waren. Er ist gar nicht auf den Schanzen gewesen ... -- Und
Trossenko lachte so herzlich, daß auch mich das Lachen überkam.


XIII

Es war schon dunkle Nacht, und nur die Wachtfeuer beleuchteten mit
mattem Schein das Lager, als ich, nach der Stallzeit, zu meinen
Soldaten herankam. Ein großer Baumstamm lag glimmend auf den Kohlen. Um
ihn herum saßen drei Mann: Antonow, der über dem Feuer einen kleinen
Kessel drehte, in dem aufgeweichter Zwieback mit Fett kochte, Shdanow,
der nachdenklich mit einem Zweige die Asche aufscharrte, und Tschikin
mit seinem ewig feuerlosen Pfeifchen. Die anderen hatten sich schon zur
Ruhe gelagert: die einen unter dem Pulverkasten, die anderen auf Heu,
noch andere um die Wachtfeuer herum. Bei dem matten Lichte der Kohlen
unterschied ich die mir bekannten Rücken, Füße und Köpfe; unter den
letzten war auch der kleine Rekrut, er lag dicht am Feuer und schien
schon zu schlafen. Antonow machte mir Platz. Ich setzte mich neben ihn
und rauchte eine Cigarette an. Der Geruch des Nebels und des qualmenden
feuchten Holzes erfüllte ringsum die Luft und biß in die Augen, und
noch immer tröpfelte feuchter Nebel von dem tiefdunklen Himmel.

Neben uns hörten wir das gleichmäßige Schnarchen, das Knistern der
Reiser im Feuer, flüchtiges Gespräch und von Zeit zu Zeit das Klirren
der Gewehre der Infanterie. Ringsumher loderten die Wachtfeuer und
beleuchteten im nahen Umkreis die schwarzen Schatten der Soldaten. Bei
den nächstgelegenen Wachtfeuern unterschied ich an hellbeleuchteten
Stellen die Gestalten nackter Soldaten, die ihre Hemden über der Flamme
hin- und herschwenkten. Viele von den Leuten schliefen noch nicht und
bewegten sich in einem Umkreis von fünfzehn Quadratfaden plaudernd hin
und her; aber die düstere, dumpfe Nacht gab dieser ganzen Bewegung
ihren eignen, geheimnisvollen Klang, als fühlte jeder die düstere
Stille und scheute sich, ihre friedliche Harmonie anzutasten. Wenn
ich ein Wort sprach, fühlte ich, daß meine Stimme anders klinge. In
den Gesichtern der Soldaten, die um das Feuer herumlagen, las ich
dieselbe Stimmung. Ich dachte, sie hätten bis zu meiner Ankunft von
dem verwundeten Kameraden gesprochen; aber keineswegs. Tschikin hatte
von dem Eintreffen seiner Sachen in Tiflis und von den Schulknaben der
Stadt erzählt.

Ich habe immer und überall, besonders im Kaukasus, bei unseren Soldaten
einen besonderen Takt beobachtet -- in der Zeit der Gefahr alles zu
unterdrücken und zu vermeiden, was unvorteilhaft auf den Geist der
Kameraden einwirken könnte. Der Geist des russischen Soldaten beruht
nicht, wie die Tapferkeit der südlichen Völker, auf einer schnell
entflammten und erkaltenden Begeisterung: er ist ebenso schwer zu
entflammen, wie geneigt den Mut sinken zu lassen. Er bedarf keiner
Effekte, keiner Reden, keines Kriegsgeschreis, keiner Lieder und
Trommelwirbel; er bedarf vielmehr der Ruhe, der Ordnung, der Vermeidung
alles Erkünstelten. Bei dem russischen, bei dem echt russischen
Soldaten wird man nie Prahlerei, Bravour, den Wunsch, sich im
Augenblick der Gefahr zu betäuben, zu erregen wahrnehmen. Im Gegenteil.
Bescheidenheit, Schlichtheit und die Fähigkeit, in der Gefahr etwas
ganz anderes zu sehen als die Gefahr, bilden die unterscheidenden
Merkmale seines Charakters. Ich habe einen Soldaten gesehen, der am
Bein verwundet war und dem im ersten Augenblick nur der zerfetzte neue
Pelz leid that; einen Reiter, der unter dem Pferde hervorkroch, das ihm
unter dem Leibe erschossen worden war, und der den Gurt abschnallte,
um den Sattel herunterzunehmen. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls
bei der Belagerung von Gergebel, wo im Laboratorium das Zündrohr einer
gefüllten Bombe Feuer fing, und der Feuerwerker zwei Soldaten befahl,
die Bombe zu ergreifen, mit ihr davonzurennen und sie in den Graben zu
werfen, und die Soldaten sie nicht in nächster Nähe bei dem Zelt des
Obersten niederwarfen, das am Rande des Grabens stand, sondern weiter
forttrugen, um die Herren nicht zu wecken, die im Zelte schliefen, und
beide in Stücke zerrissen wurden? Ich erinnere mich noch, es war im
Feldzuge 1852, wie einer der jungen Soldaten zu einem anderen während
des Kampfes sagte, der Zug würde wohl kaum hier wieder fortkommen, und
wie der ganze Zug wütend über ihn herfiel wegen der dummen Redensarten,
die sie nicht einmal wiederholen wollten. Und so hörten jetzt, wo jedem
Welentschuk hätte im Sinne liegen müssen, und wo jeden Augenblick die
heranschleichenden Tataren auf uns hätten feuern können, alle der
lebendigen Erzählung Tschikins zu, und niemand gedachte mit einem
Worte des heutigen Gefechts, noch der bevorstehenden Gefahr, noch des
Verwundeten. Als ob das weiß Gott wie lange hinter uns läge, oder
gar nie gewesen wäre. Mir aber schien es, als wären ihre Gesichter
nur finsterer als gewöhnlich. Sie hörten nicht allzu aufmerksam auf
Tschikins Erzählung hin, und Tschikin fühlte sogar, daß man ihm nicht
zuhörte, sprach aber immer ruhig weiter.

Da trat Maksimow an das Wachtfeuer heran und setzte sich neben mir
nieder. Tschikin machte ihm Platz, hörte auf zu sprechen und begann
wieder sein Pfeifchen zu schmauchen.

Die Infanteristen haben nach Schnaps ins Lager geschickt, sagte
Maksimow nach ziemlich langem Schweigen, sie sind eben zurückgekommen.
-- Er spie ins Feuer. -- Ein Unteroffizier hat erzählt, sie haben
unsern Verwundeten gesehen.

Wie, lebt er noch? fragte Antonow und drehte das Kesselchen herum.

Nein, er ist tot.

Der junge Rekrut erhob plötzlich seinen kleinen Kopf mit dem roten
Mützchen über das Feuer empor, sah einen Augenblick Maksimow und mich
aufmerksam an, dann ließ er ihn schnell sinken und hüllte sich in
seinen Mantel.

Siehst du, nicht umsonst ist der Tod heut früh zu ihm gekommen, wie ich
ihn im Park wecken wollte, sagte Antonow.

Leeres Geschwätz, sagte Shdanow und drehte den glimmenden Baumstamm um;
alle verstummten.

Mitten durch die allgemeine Stille ertönte hinter uns im Lager ein
Schuß. Unsere Trommler meldeten sich und schlugen den Zapfenstreich.
Als der letzte Wirbel verklungen war, erhob sich zuerst Shdanow und zog
seine Mütze. Wir alle folgten seinem Beispiel.

Durch die tiefe Stille der Nacht erklang der harmonische Chor der
Männerstimmen:

»Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget sei dein Name, zu uns
komme dein Reich, dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf
Erden; unser täglich Brot gieb uns heut, und vergieb uns unsere Schuld,
wie wir vergeben unsern Schuldigern; führe uns nicht in Versuchung und
erlöse uns von dem Übel.«

So ist auch einer von uns im Jahre 45 an derselben Stelle verwundet
worden ... sagte Antonow, als wir die Mütze aufgesetzt und uns wieder
um das Feuer gelagert hatten. Zwei Tage haben wir ihn auf dem Geschütz
herumgefahren, weißt du noch, Shdanow, den Schewtschenko? Dann haben
wir ihn unter einem Baum niedergelassen.

In diesem Augenblick kam ein Gemeiner von der Infanterie mit mächtigem
Backen- und Schnauzbart, mit Gewehr und Lanze auf unser Wachtfeuer zu.

Gebt mir doch Feuer, Landsleute, das Pfeifchen anzurauchen, sagte er.

Ei nun, rauchen Sie's nur an, an Feuer fehlt's nicht, bemerkte
Tschikin.

Ihr sprecht gewiß von Dargi, Landsmann, wandte sich der Infanterist an
Antonow.

Vom Jahre 45, von Dargi, antwortete Antonow.

Der Infanterist schüttelte den Kopf, kniff die Augen zusammen und
hockte neben uns nieder.

Ja, da ging es hoch her! bemerkte er.

Warum aber habt ihr ihn liegen lassen? fragte ihn Antonow.

Er hatte furchtbare Schmerzen im Leib. Wenn wir stille standen, ging's,
wenn wir uns aber vom Fleck rührten, da schrie er furchtbar auf. Er
beschwor uns bei Gott, wir sollten ihn liegen lassen, aber es war doch
ein Jammer. Na, als *er* uns dann auf den Leib rückte, drei von unserer
Geschützmannschaft tötete, und wir unsere Batterie mit Mühe hielten ...
's war eine Not, wir glaubten kaum mit dem Geschütz davonzukommen. Es
war ein Schmutz.

Das Schlimmste war, daß es am Fuß des Indierbergs schmutzig war,
bemerkte einer der Soldaten.

Ja, da wurde ihm auch noch viel schlimmer! Anoschenka, -- es war ein
alter Feuerwerker -- Anoschenka und ich dachten: was sollen wir thun,
leben kann er nicht, und beschwört uns bei Gott -- lassen wir ihn also
hier liegen. Und so thaten wir auch. Ein Baum wuchs da mit großen
breiten Ästen. Wir nahmen ihn, legten ihm geweichten Zwieback hin --
Shdanow hatte welche mit -- lehnten ihn an den Baum, zogen ihm ein
reines Hemd an, nahmen Abschied von ihm, wie sich's gehört, und ließen
ihn so liegen.

Und war's ein tüchtiger Soldat?

Je nun, ein guter Soldat, bemerkte Shdanow.

Und was mit ihm geschehen sein mag, weiß Gott, fuhr Antonow fort. Dort
sind gar viele von den Kameraden geblieben!

In Dargi? fragte der Infanterist, dabei erhob er sich, kratzte seine
Pfeife aus, kniff wieder die Augen zusammen und wiegte den Kopf hin und
her. Da ging es hoch her!

Damit ging er von uns.

Giebt's in unserer Batterie noch viele Soldaten, die bei Dargi gewesen
sind? fragte ich.

Viele? Shdanow, ich, Pazan, der jetzt auf Urlaub ist, und etwa noch
sechs Mann. Mehr werden's nicht sein.

Ei was, unser Pazan bummelt auf Urlaub? sagte Tschikin, streckte die
Beine und legte sich mit dem Kopf auf einen Klotz. Es muß bald ein Jahr
sein, daß er fort ist.

Hast du Jahresurlaub genommen? fragte ich Shdanow.

Nein, ich habe keinen genommen, antwortete er unwillig.

Es ist schön, Urlaub nehmen, sagte Antonow, wenn man aus reichem Hause
ist, oder wenn man selbst die Kraft hat zu arbeiten; da ist es ja
angenehm, und zu Hause freut man sich mit dir.

Was soll man gehen, wenn man zwei Brüder hat? fuhr Shdanow fort. Sie
haben Mühe, sich selbst zu ernähren, nicht noch unsereinen zu füttern.
Man ist eine schlechte Hilfe, wenn man schon 25 Jahre gedient hat. Und
wer weiß, ob sie noch leben?

Hast du denn nicht geschrieben? fragte ich.

Ei gewiß! Zwei Briefe habe ich fortgeschickt, aber Antworten schicken
sie nicht! Ob sie gestorben sind, ob sie so nicht schreiben, weil sie
nämlich selbst in Armut leben -- wie soll ich da hin?

Ist es lange her, daß du geschrieben hast?

Als ich von Dargi kam, das war der letzte Brief.

Du solltest uns das Lied von der Birke singen, sagte Shdanow zu
Antonow, der in diesem Augenblick, die Ellbogen auf die Knie gestützt,
ein Liedchen vor sich hinsummte.

Antonow stimmte »Die Birke« an.

Siehst du, das ist das Lieblingslied von Onkel Shdanow, sagte mir
Tschikin leise und zog mich am Mantel. Manchmal, wenn Philipp
Antonytsch es spielt, da weint er wohl gar.

Shdanow saß zuerst ganz unbeweglich da, die Augen auf die glimmenden
Kohlen geheftet, und sein Gesicht sah im Schimmer des rötlichen Lichts
außerordentlich düster aus; dann begannen seine Kinnbacken unter den
Ohren sich immer schneller und schneller zu bewegen und endlich erhob
er sich, breitete seinen Mantel aus und legte sich im Schatten hinter
dem Wachtfeuer nieder.

War es, weil er sich hin- und herwälzte und ächzte, während er sich
schlafen legte, war es Welentschuks Tod und dieses traurige Wetter, das
mich so stimmte, genug, ich glaubte wirklich, daß er weine.

Der untere Teil des Baumstamms, der sich in Kohle verwandelt hatte,
flackerte von Zeit zu Zeit auf, beleuchtete die Gestalt Antonows mit
seinem grauen Schnurrbart, mit der roten Fratze und dem Orden auf dem
umgehängten Mantel, und Stiefel, Kopf und Rücken eines anderen. Von
oben fiel noch immer der trübe Nebel herab, die Luft war noch immer
von dem Duft der Feuchtigkeit und des Rauchs erfüllt, ringsumher waren
noch immer die hellen Punkte der verlöschenden Wachtfeuer zu sehen und
durch die allgemeine Stille die Klänge des schwermütigen Liedes zu
hören, das Antonow sang; und wenn es auf einen Augenblick verstummte,
antworteten ihm die Klänge der schwachen nächtlichen Bewegung des
Lagers, des Schnarchens und Waffengeklirrs der Wachtposten und des
leisen Gesprächs.

Zweite Ablösung vor, Makatjuk und Shdanow! kommandierte Maksimow.

Antonow hörte auf zu singen, Shdanow erhob sich, seufzte, schritt über
den Baum hinweg und ging zu den Geschützen.

15. Juni 1855.



Eine Begegnung im Felde

mit

einem Moskauer Bekannten

(Aus den kaukasischen Aufzeichnungen des Fürsten Nechljudow)


Wir standen im Felde. Die Kämpfe gingen schon ihrem Ende entgegen,
wir hatten die Waldrodung hergestellt und erwarteten jeden Tag vom
Stabe den Befehl zum Rückzuge in die Festung. Unsere Division der
Batteriegeschütze stand am Abhang eines steilen Bergrückens, der von
dem reißenden Gebirgsbach Metschik begrenzt war, und hatte die Aufgabe,
die vor uns ausgebreitete Ebene zu beschießen. Auf dieser malerischen
Ebene zeigten sich außer Schußweite von Zeit zu Zeit, besonders vor
Abend, hie und da, nicht in feindseliger Absicht, Gruppen berittener
Bergbewohner, die aus Neugier herbeigeströmt waren, um das russische
Lager zu betrachten. Es war ein klarer, stiller und frischer Abend,
wie die Dezemberabende im Kaukasus zu sein pflegen; die Sonne war
hinter den steilen Gebirgsausläufern zur Linken versunken und warf
ihre rosigen Strahlen auf die Zelthütten, die über den Berg zerstreut
lagen, auf die Soldatengruppen, die sich hin- und herbewegten und auf
unsere beiden Geschütze, die schwerfällig, wie mit ausgereckten Hälsen,
unbeweglich zwei Schritt vor uns auf einer Erdbatterie standen. Ein
Infanteriepiket, das auf dem Hügel zur Linken zerstreut lag, war mit
seinen zusammengestellten Gewehren, mit der Gestalt des Wachtpostens,
einer Gruppe Soldaten und dem Rauch des aufgeschichteten Wachtfeuers
in dem durchsichtigen Licht des Sonnenuntergang deutlich zu erkennen.
Rechts und links auf der halben Höhe des Berges schimmerten auf dem
schwarzen, ausgetretenen Boden die weißen Zelte, und hinter den
Zelten die dunklen, entblätterten Stämme des Platanenwaldes, in dem
unaufhörlich Äxte klangen, Wachtfeuer knisterten und gefällte Bäume
krachend niederstürzten. Bläulicher Dampf stieg von allen Seiten in
Säulen zu dem hellblauen Winterhimmel empor. An dem Zelte und in der
Niederung am Rande des Baches zogen mit Pferdegetrappel und Gewieher
die Kosaken, die Dragoner und die Artillerie dahin, die von der Tränke
zurückkamen. Es begann zu frieren; jeder Laut war ganz deutlich zu
hören, und das Auge sah in der reinen, klaren Luft weithin über die
Ebene. Die Häuflein der Feinde, die nun nicht mehr die Neugierde der
Soldaten erregten, ritten ruhig über die hellgelben Stoppeln der
Maisfelder hin; hie und da schimmerten hinter den Bäumen die hohen
Säulen der Kirchhöfe und die rauchenden Auls herüber.

Unser Zelt stand unweit der Geschütze an einem trocknen und
hochgelegenen Ort, von dem die Aussicht besonders weit war. Neben dem
Zelt, ganz in der Nähe der Batterie, hatten wir auf einem gesäuberten
Plätzchen ein Holzklötzchenspiel hergerichtet. Dienstfertige Soldaten
hatten uns hier geflochtene Bänke und einen kleinen Tisch hergesetzt.
Wegen aller dieser Bequemlichkeiten kamen Artillerieoffiziere, unsere
Kameraden, und einige Herren von der Infanterie abends gern zu unserer
Batterie und nannten den Ort den Klub.

Es war ein prächtiger Abend. Die besten Spieler waren versammelt, und
wir spielten Klötzchen. Ich, der Fähnrich D. und der Leutnant O. hatten
hintereinander zwei Partien verspielt und zum allgemeinen Vergnügen
und Gelächter der zuschauenden Offiziere, der Soldaten und Burschen,
die uns aus ihren Zelten zusahen, zweimal die Gewinner auf unserem
Rücken von einem Ende bis zum anderen getragen. Besonders drollig war
die Stellung des kolossalen dicken Stabskapitäns Sch., der keuchend
und gutmütig lächelnd und die Beine am Boden nachschleppend, auf
dem kleinen, schwächlichen Leutnant O. ritt. Es war aber schon spät
geworden. Die Burschen brachten für sechs Mann, die wir waren, drei
Glas Thee ohne Untersätze. Wir brachen das Spiel ab und gingen zu den
geflochtenen Bänken. Da stand ein uns unbekannter mittelgroßer Mann mit
krummen Beinen in einem Pelz ohne Überzug und in einer Fellmütze mit
langem, herabhängendem weißen Haar. Als wir nahe an ihn herangekommen
waren, zog er einige Mal zögernd die Mütze und setzte sie wieder auf,
dann schickte er sich immer wieder an, zu uns heranzukommen und machte
immer wieder Halt. Da der unbekannte Mann aber wohl glauben mußte, daß
er nicht mehr unbemerkt bleiben könne, zog er die Mütze, ging im Bogen
um uns herum und trat auf den Stabskapitän Sch. zu.

Ah, Guscantini! Wie geht's, Väterchen? sagte Sch. zu ihm und lächelte
gutmütig, immer noch unter dem Eindruck seines Rittes.

Guscantini, wie er ihn genannt hatte, setzte sofort seine Mütze auf und
machte eine Bewegung, als ob er die Hände in die Taschen seines Pelzes
stecken wollte; auf der Seite aber, die er mir zukehrte, hatte der Pelz
keine Taschen, und seine kleine rote Hand blieb in einer ungeschickten
Lage. Ich hätte gern erraten, was dieser Mensch wohl sei (ein Junker
oder ein Degradierter), und ohne zu bemerken, daß mein Blick (d. h. der
Blick eines unbekannten Offiziers) ihn verlegen machte, betrachtete
ich aufmerksam seine Kleidung und sein Äußeres. Er mochte dreißig
Jahre zählen. Seine kleinen, grauen, runden Augen schauten wie
schläfrig und doch gleichzeitig unruhig unter dem schmutzigen, weißen
Schafpelz der Mütze hervor, der ihm in die Stirn hineinhing. Die dicke,
unregelmäßige Nase zwischen den eingefallenen Wangen verriet eine
krankhafte, unnatürliche Magerkeit, die Lippen, die sehr spärlich von
einem dünnen, weichen, häßlichen Schnurrbart bedeckt waren, befanden
sich unaufhörlich in einem unruhigen Zustand, als wollten sie bald
diesen, bald jenen Ausdruck annehmen. Aber jedem Ausdruck haftete etwas
Unfertiges an -- in seinen Zügen blieb beständig der eine Ausdruck der
Angst und der Hast vorherrschend. Sein hagerer, von Adern durchzogener
Hals war mit einem grünseidenen Tuch umbunden, das unter dem Pelz
verborgen war. Der Pelz war abgenutzt und kurz, am Kragen und an den
falschen Taschen mit Hundsfell besetzt, die Beinkleider waren karriert,
aschgrau, die Stiefel hatten kurze, ungeschwärzte Soldatenschäfte.

Machen Sie keine Umstände, bitte, sagte ich ihm, als er wieder, mit
einem scheuen Blick auf mich, die Mütze gezogen hatte.

Er verneigte sich mit einem Ausdruck der Dankbarkeit, setzte die Mütze
auf, zog einen schmutzigen, kattunenen Beutel mit Schnüren aus der
Tasche und begann eine Cigarette zu drehen.

Ich war selbst vor kurzem Junker gewesen, ein alter Junker, der nicht
mehr dazu taugte, jüngeren Kameraden gutmütig Gefälligkeiten zu
erweisen, und ein Junker ohne Vermögen. Ich kannte daher sehr gut den
ganzen moralischen Druck einer solchen Lage für einen nicht mehr jungen
und von Eigenliebe beherrschten Mann, hatte Teilnahme für jeden, der
sich in ähnlicher Lage befand, und gab mir Mühe, mir seinen Charakter,
den Grad und die Richtung seiner geistigen Fähigkeiten zu erklären,
um darnach den Grad seiner moralischen Leiden zu beurteilen. Dieser
Junker oder Degradierte schien mir nach seinem unruhigen Blick und dem
absichtlichen, unaufhörlichen Wechsel des Gesichtsausdrucks, den ich an
ihm beobachtet hatte, ein sehr kluger, höchst selbstbewußter und darum
höchst bedauernswerter Mensch zu sein.

Der Stabskapitän Sch. machte uns den Vorschlag, noch eine Partie
Klötzchen zu spielen; die verlierende Partei sollte außer dem Umritt
einige Flaschen Rotwein, Rum, Zucker, Zimmt und Nelken zu Glühwein
stellen, der in diesem Winter wegen der großen Kälte auf unserem
Feldzuge in Mode war. Guscantini, wie ihn Sch. wieder nannte, wurde
auch zur Partie aufgefordert; ehe jedoch das Spiel begann, führte er,
offenbar in einem Kampf zwischen der Freude, die ihm diese Einladung
machte, und einer gewissen Angst, den Stabskapitän Sch. auf die Seite
und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der gutmütige Stabskapitän klopfte ihm
mit seiner fleischigen, großen Hand auf die Schulter und antwortete
laut: »Thut nichts, Väterchen, ich traue Ihnen.«

Als das Spiel zu Ende war und die Partei, zu der der unbekannte
Subalterne gehörte, gewonnen hatte, und er nun auf einem von unseren
Offizieren, dem Fähnrich D., reiten sollte, wurde der Fähnrich rot,
ging zu dem Bänkchen hin und bot dem Subalternen eine Cigarette als
Lösegeld an. Während der Glühwein besorgt wurde und in dem Burschenzelt
das emsige Wirtschaften Nikitas zu hören war, der einen Boten nach
Zimmt und Nelken geschickt hatte und dessen Rücken die schmutzige
Zeltdecke bald hierhin, bald dorthin zog, nahmen wir sieben Mann bei
dem Bänkchen Platz, tranken abwechselnd Thee aus den drei Gläsern,
betrachteten die Ebene vor uns, die sich gerade in Dämmerung hüllen
wollte, und plauderten und lachten über die verschiedenen Wechselfälle
des Spiels. Der unbekannte Mann im Pelzrock nahm nicht Teil an dem
Gespräch, lehnte hartnäckig den Thee ab, den ich ihm mehrere Male
angeboten hatte, drehte, in tatarischer Weise auf dem Boden sitzend,
aus feingeschnittenem Tabak eine Cigarette nach der anderen und rauchte
sie, wie man leicht sehen konnte, nicht so sehr zu seinem Vergnügen,
als um sich den Anschein eines mit etwas beschäftigten Menschen zu
geben. Als man davon sprach, daß morgen der Rückzug vielleicht auch
ohne Gefecht stattfinden könnte, richtete er sich auf die Knie auf
und sagte, nur zu dem Stabskapitän Sch. gewandt, er sei jetzt bei dem
Adjutanten zu Hause und habe selbst den Befehl zum Rückzuge für morgen
geschrieben. Wir schwiegen alle, während er sprach, und obgleich er
deutlich seine Schüchternheit verriet, veranlaßten wir ihn, diese
für uns außerordentliche Mitteilung zu wiederholen. Er wiederholte,
was er gesagt hatte, fügte jedoch hinzu, er *sei* bei dem Adjutanten
*gewesen*, mit dem er *zusammen wohne*, und habe dort *gesessen*,
gerade als man den Befehl brachte.

Sehen Sie, wenn Sie nicht lügen, Väterchen, so muß ich zu meiner
Kompagnie gehen und zu morgen einen Befehl geben, sagte der Kapitän Sch.

Nein ... Weshalb auch ... Wie kann man! Ich habe gewiß ... begann
der Subalterne, aber er verstummte bald, schien entschlossen, den
Beleidigten zu spielen, verzog unnatürlich die Stirn, brummte etwas in
den Bart und begann wieder eine Cigarette zu drehen. Aber der feine
Tabak in seinem kattunenen Beutel reichte nicht mehr und er bat Sch.,
ihm eine *Cigarette zu leihen*. Wir setzten dieses einförmige Gespräch
über den Krieg, das jeder kennt, der einmal an Feldzügen teilgenommen
hat, ziemlich lange fort, beklagten uns alle mit denselben Worten über
die Langeweile und die Länge des Feldzugs, urteilten alle in gleicher
Weise über die Vorgesetzten, lobten alle, wie schon oft vorher, den
einen Kameraden, bedauerten den anderen, sprachen unsere Verwunderung
darüber aus, wieviel dieser gewonnen, wieviel jener verloren hatte u.
s. w. u. s. w.

Siehst du, Väterchen, unser Adjutant, der ist 'reingefallen, tüchtig
'reingefallen! sagte der Stabskapitän Sch. Beim Stabe war er immer
im Gewinn. Mit wem er auch setzte, immer legte er ihn 'rein und
jetzt verliert er seit zwei Monaten beständig. Dieser Feldzug hat ihm
wenig Glück gebracht. Ich glaube, er ist 2000 Moneten losgeworden und
Sachen für 500 Moneten, den Teppich, den er Muchin abgewonnen hat,
die Pistolen von Nikita, die goldene Uhr von Ssada, die ihm Worinzew
geschenkt hat -- alles ist er losgeworden.

Geschieht ihm recht, sagte Leutnant O., er hat die anderen alle tüchtig
gerupft. Es war gar nicht zu spielen mit ihm.

Erst hat er alle gerupft, und nun ist er in die Luft geflogen -- dabei
schlug der Stabskapitän Sch. ein gutmütiges Lachen an. Der Guskow wohnt
bei ihm, den hätte er beinahe auch verspielt, wahrhaftig, ist's nicht
wahr, Väterchen? wandte er sich an Guskow.

Guskow lachte. Sein Lachen war traurig und schmerzlich und veränderte
seine Züge vollkommen. Bei dieser Veränderung war es mir, als müßte ich
diesen Menschen früher einmal gekannt und gesehen haben, zudem war mir
sein eigentlicher Name, Guskow, nicht fremd. Aber wie und wann ich ihn
gekannt, und wo ich ihm begegnet war, dessen konnte ich mich durchaus
nicht erinnern.

Ja, sagte Guskow und hob dabei unaufhörlich die Finger zu seinem
Schnurrbart, ließ sie aber wieder sinken, ohne ihn zu berühren.
Pavel Dmitrijewitsch hat in diesem Feldzuge kein Glück gehabt, eine
solche _veine de malheur_ -- fügte er mit etwas mühsamer, aber reiner
französischer Aussprache hinzu, und dabei war es mir wieder, als hätte
ich ihn schon irgendwo gesehen. -- Ich kenne Pavel Dmitrijewitsch
genau, er vertraut mir alles an, fuhr er fort.

Wir sind alte Bekannte, d. h. er hat mich gern, fügte er hinzu,
offenbar erschrocken über die allzu kühne Behauptung, daß er ein alter
Bekannter des Adjutanten sei. Pavel Dmitrijewitsch spielt vortrefflich,
jetzt -- merkwürdig, was mit ihm vorgeht -- jetzt ist er ganz außer
sich, _la chance a tourné_, fügte er hinzu, vornehmlich zu mir gewandt.

Wir hatten Guskow anfangs mit höflicher Aufmerksamkeit zugehört, sobald
er aber noch diese französische Redensart ausgesprochen hatte, wandten
wir uns unwillkürlich von ihm ab.

Ich habe tausendmal mit ihm gespielt, und Sie werden mir doch
zugeben, es ist sonderbar, sagte der Leutnant mit besonderer Betonung
des Wörtchens *sonderbar*: ich habe nicht ein einziges Mal mit ihm
gewonnen, nicht einen Abas. Warum gewinne ich mit anderen?

Pavel Dmitrijewitsch spielt vorzüglich, ich kenne ihn schon lange,
sagte ich. Wirklich kannte ich den Adjutanten schon mehrere Jahre,
hatte ihm schon oft zugesehen bei seinem Spiel, das für die
Verhältnisse der Offiziere hoch zu nennen war, und war immer entzückt
gewesen von seinen schönen, ein wenig düsteren und stets unveränderten
Zügen, seiner gedehnten, kleinrussischen Aussprache, seinen schönen
Sachen und Pferden, seiner gemessenen südrussischen Ritterlichkeit und
besonders von seiner Kunst, das Spiel so schön, klar, verständlich und
anmutig zu führen. Manchmal -- ich bekenne es reuig -- wenn ich seine
vollen weißen Hände mit dem Brillantring am Zeigefinger betrachtete,
die mir eine Karte nach der anderen schlugen, wurde ich wütend über
diesen Ring, über die weißen Hände, über die ganze Persönlichkeit des
Adjutanten, und es tauchten schlimme Gedanken gegen ihn in mir auf;
wenn ich aber dann mit ruhigem Blute überlegte, überzeugte ich mich,
daß er einfach ein gewandterer Spieler war als alle die, mit denen er
gerade spielte. Wenn man seine allgemeinen Betrachtungen über das Spiel
hörte, darüber, wie man kein Paroli biegen dürfe, wie man von einem
kleinen Einsatz zu einem größeren fortschreiten, wie man in gewissen
Fällen passen müsse, wie es eine erste Spielregel sei, nur mit Barem zu
spielen u. s. w., wurde es einem immer klarer, daß er nur darum stets
im Gewinnen war, weil er geschickter und kaltblütiger war, als wir
alle. Und jetzt zeigte sich, daß dieser zurückhaltende, selbstsichere
Spieler während des Feldzugs alles bis auf den letzten Heller verloren
hatte, und nicht nur Geld, sondern auch Sachen, was für einen Offizier
den äußersten Grad des Spielverlusts bedeutet.

Mit mir geht es ihm immer verteufelt, fuhr der Leutnant O. fort, ich
habe mir schon das Wort gegeben, nicht mehr mit ihm zu spielen.

Was sind Sie für ein komischer Kauz, Väterchen, sagte Sch., zwinkerte
mir mit dem ganzen Kopfe nickend zu und wandte sich an O. Sie haben 300
Moneten an ihn verloren, nicht wahr, soviel haben Sie verloren?

Mehr, sagte der Leutnant ärgerlich.

Und jetzt ist Ihnen ein Licht aufgegangen, zu spät, Väterchen! Das
weiß alle Welt längst, daß er unser Regimentsfalschspieler ist, sagte
Sch., er konnte sich kaum halten vor Lachen und war äußerst befriedigt
von seinem Einfall. Da sehen Sie Guskow vor sich, der richtet ihm
die Karten her. Darum sind Sie auch so befreundet, liebes Väterchen.
Und der Stabskapitän Sch. brach in ein so gutmütiges Lachen aus und
schüttelte sich so mit dem ganzen Körper, daß er das Glas Glühwein
verschüttete, das er gerade in der Hand hielt. Auf Guskows gelbem,
abgemagertem Gesicht zeigte sich eine Röte; er versuchte mehrere Male
den Mund zu öffnen, hob die Finger zum Schnurrbart und ließ sie wieder
zu der Stelle herabsinken, wo andere Leute Taschen haben, erhob sich
und setzte sich wieder und sagte endlich wie mit fremder Stimme zu
Sch.: Das ist kein Scherz, Nikolaj Iwanytsch. Sie sprechen hier solche
Dinge und vor Leuten, die mich nicht kennen, und die mich in einem
fadenscheinigen Pelzrock sehen, weil ... seine Stimme stockte, und
wieder gingen seine kleinen roten Händchen mit den schmutzigen Nägeln
von dem Pelz zum Gesicht und fuhren über den Schnurrbart, das Haar
und die Nase, oder wischten die Augen klar, oder kratzten ohne alles
Bedürfnis die Backen.

Was ist da viel zu reden, das wissen ja alle, Väterchen! fuhr Sch.
fort, aufs innerste befriedigt von seinem Scherz und ohne im geringsten
Guskows Erregung zu bemerken. Guskow flüsterte noch ein paar Worte,
stützte den Ellbogen des rechten Arms auf das Knie des linken Beins,
betrachtete in der unnatürlichsten Stellung Sch. und nahm eine Miene
an, als ob er verächtlich lächelte.

»Nein, -- sagte ich innerlich überzeugt, während ich dieses Lachen
beobachtete -- ich habe ihn nicht nur irgendwo gesehen, sondern auch
mit ihm gesprochen.«

Wir sind uns schon einmal begegnet, sagte ich zu ihm, als Sch.s Lachen
unter dem Eindruck des allgemeinen Schweigens sich zu legen begann.
Guskows veränderliches Gesicht leuchtete plötzlich auf, und seine Augen
hefteten sich zum erstenmal mit einem herzensfrohen Ausdruck auf mich.

Gewiß, ich habe Sie sogleich erkannt, begann er französisch. Im Jahre
48 hatte ich ziemlich oft das Vergnügen, Sie in Moskau bei meiner
Schwester Iwaschina zu treffen.

Ich entschuldigte mich, daß ich ihn in dieser Tracht und in dieser
neuen Kleidung nicht sofort erkannt hätte. Er erhob sich, trat auf
mich zu, drückte mir mit seiner feuchten Hand zögernd, schwach die
meinige und setzte sich neben mich. Anstatt mich anzusehen, den er so
froh zu sein schien wiederzufinden, blickte er mit dem Ausdruck einer
unbehaglichen Prahlsucht im Kreise der Offiziere umher. Geschah es,
weil ich in ihm einen Mann erkannt, dem ich vor einigen Jahren im Frack
im Salon begegnet war, oder weil er bei dieser Erinnerung plötzlich
in seiner eigenen Meinung gestiegen war, genug mir schien, als hätte
sich sein Gesicht, ja sogar seine Bewegungen, plötzlich verändert: sie
zeigten jetzt einen lebhaften Geist, kindliche Selbstzufriedenheit
im Bewußtsein dieses Geistes und eine gewisse geringschätzige
Nachlässigkeit, so daß mein alter Bekannter -- ich gestehe es -- trotz
seiner bedauernswerten Lage mir nicht mehr Mitleid einflößte, sondern
ein gewisses Gefühl der Feindseligkeit.

Ich erinnerte mich lebhaft zurück an unsere erste Begegnung. Im
Jahre 48 besuchte ich, während meines Aufenthaltes in Moskau, häufig
Iwaschin, mit dem ich aufgewachsen war und mit dem mich eine alte
Freundschaft verband. Seine Gattin war eine angenehme Wirtin, eine
liebenswürdige Frau, wie man zu sagen pflegt, mir aber hat sie nie
gefallen ... In dem Winter, in dem ich bei ihnen verkehrte, sprach sie
oft mit schlecht verhehltem Stolz von ihrem Bruder, der vor kurzem
seine Studien abgeschlossen und, wie sie sagte, einer der gebildetsten
und in der guten Gesellschaft Petersburgs beliebtesten jungen Leute
sei. Da ich vom Hörensagen Guskows Vater kannte, der sehr reich war
und eine angesehene Stellung einnahm, und da ich die Anschauungsweise
der Schwester kannte, kam ich dem jungen Guskow mit einem Vorurteil
entgegen. Eines Abends, als ich Iwaschin besuchte, traf ich bei ihm
einen mittelgroßen, nach seiner äußeren Erscheinung sehr angenehmen
jungen Mann in schwarzem Frack, in weißer Weste und heller Binde,
mit dem der Hausherr mich bekannt zu machen vergaß. Der junge Mann,
der sich offenbar anschickte, auf einen Ball zu gehen, stand mit dem
Hute in der Hand vor Iwaschin und disputierte hitzig, aber höflich
mit ihm über einen unserer gemeinsamen Bekannten, der sich damals im
ungarischen Feldzuge ausgezeichnet hatte. Er meinte, dieser Bekannte
sei durchaus kein Held und nicht für den Krieg geschaffen, wie
man von ihm sage, sondern nur ein kluger und gebildeter Mann. Ich
erinnere mich, ich nahm in dem Streit gegen Guskow Partei, und ließ
mich fortreißen, ihm sogar zu beweisen, daß Klugheit und Bildung
stets im umgekehrten Verhältnisse zur Tapferkeit ständen, und ich
erinnere mich, wie Guskow in liebenswürdiger und kluger Weise mir
auseinandersetzte, daß Tapferkeit die notwendige Folge der Klugheit
und eines gewissen Grades geistiger Entwicklung sei, und daß ich dem,
da ich mich selbst für einen klugen und gebildeten Mann hielt, nicht
anders als zustimmen konnte! Ich erinnere mich, daß mich Frau Iwaschina
am Schlusse unseres Gesprächs mit ihrem Bruder bekannt machte, und
er mir mit einem herablassenden Lächeln seine kleine Hand reichte,
auf die er den weißen Handschuh erst halb gezogen hatte, und daß er
mir ebenso schwach und zögernd wie jetzt die Hand gedrückt hatte.
Obgleich ich gegen ihn voreingenommen war, mußte ich damals Guskow
Gerechtigkeit widerfahren lassen und seiner Schwester darin beistimmen,
daß er wirklich ein kluger und liebenswürdiger junger Mann war, der
in der Gesellschaft Erfolge haben müsse. Er war außerordentlich
sauber und gut gekleidet, jugendfrisch, hatte sichere, bescheidene
Manieren und ein ungemein jugendliches, fast kindliches Aussehen, um
dessentwillen man ihm unwillkürlich den Ausdruck der Selbstgefälligkeit
und den Wunsch, anderen seine Überlegenheit empfinden zu lassen, den
sein kluges Gesicht und besonders sein Lächeln beständig zur Schau
trug, gern verzeihen mochte. Man erzählte sich, er habe in diesem
Winter große Erfolge bei den Moskauer Damen gehabt. Da ich ihn bei
seiner Schwester sah, konnte ich nur aus dem Ausdruck von Glück und
Zufriedenheit, den sein jugendliches Äußeres beständig zeigte, und aus
seinen bisweilen unbescheidenen Erzählungen schließen, bis zu welchem
Grade das berechtigt war. Wir begegneten einander wohl sechsmal und
sprachen ziemlich viel miteinander, oder genauer gesagt, er sprach
meist französisch in vorzüglicher Ausdrucksweise, sehr gewählt
und bilderreich, und verstand es, anderen in der Unterhaltung in
gefälliger, höflicher Weise ins Wort zu fallen. Er verkehrte überhaupt
mit allen, auch mit mir, ziemlich von oben herab; und, wie es mir immer
geht im Umgange mit Menschen, die mit der festen Überzeugung auftreten,
daß man mit mir von oben herab verkehren könne und mit denen ich nicht
genauer bekannt bin, fühlte ich auch hier, daß er in diesem Punkte ganz
im Rechte war.

Jetzt, da er sich zu mir setzte und mir selbst die Hand reichte,
erkannte ich in ihm den früheren hochmütigen Ausdruck lebhaft wieder,
und es schien mir, als nütze er in nicht ganz ehrenhafter Weise den
Vorteil seiner Lage als eines Subalternen dem Offizier gegenüber aus,
indem er mich so leichthin fragte, was ich die ganze Zeit hindurch
gemacht habe und wie ich hierher gekommen sei. Obgleich ich auf jede
Frage russisch antwortete, begann er immer wieder französisch; aber
er drückte sich offenbar nicht mehr so geläufig in dieser Sprache aus
wie früher. Von sich erzählte er mir so nebenbei, er habe nach seiner
unglückseligen, dummen Geschichte (was das für eine Geschichte war,
weiß ich nicht und hat er mir auch nicht erzählt) drei Monate im Arrest
gesessen, dann sei er in den Kaukasus in das N.-Regiment geschickt
worden und diene jetzt schon drei Jahre als Gemeiner in diesem
Regimente.

Sie werden es nicht glauben, sagte er zu mir französisch, was ich alles
in diesen Regimentern von den Offizieren habe leiden müssen! Ein Glück
für mich, daß ich von früher her den Adjutanten gekannt habe, von dem
wir eben gesprochen haben; er ist ein guter Mensch, wirklich, bemerkte
er in höflichem Tone -- ich wohne bei ihm und für mich ist das immer
eine kleine Erleichterung. _Oui, mon cher, les jours se suivent, mais
ne se ressemblent pas_, fügte er hinzu, aber er stockte, wurde rot und
erhob sich, denn er hatte bemerkt, daß eben der Adjutant, von dem wir
sprachen, auf uns zukam.

Welch eine Freude, einem Menschen zu begegnen, wie Sie! sagte Guskow zu
mir im Flüstertone, während er sich von mir entfernte, ich hätte viel,
viel mit Ihnen zu sprechen.

Ich sagte, ich sei sehr erfreut, in Wirklichkeit aber, muß ich
bekennen, flößte mir Guskow ein unsympathisches, drückendes Mitgefühl
ein.

Ich hatte eine Ahnung, daß ich mich mit ihm unter vier Augen
unbehaglich fühlen würde, aber ich hätte gern mancherlei von ihm
gehört, besonders wie es komme, daß er bei dem Reichtum seines Vaters
in Armut lebe, wie man seiner Kleidung und seinem Auftreten anmerkte.

Der Adjutant begrüßte uns alle, nur Guskow nicht, und setzte sich neben
mich an die Stelle, die der Degradierte eingenommen hatte. Stets ein
ruhiger und langsamer, gleichmütiger Spieler und ein vermögender Mann,
war Pavel Dmitrijewitsch jetzt ein ganz anderer geworden, als ich ihn
in der Blütezeit seines Spielens gekannt hatte -- er schien immer Eile
zu haben und ließ seine Blicke umherschweifen, und es waren nicht fünf
Minuten vergangen, als er, der sonst immer das Spiel ablehnte, dem
Leutnant O. den Vorschlag machte, ein Bänkchen aufzulegen. Leutnant O.
lehnte unter dem Vorwande ab, daß er vom Dienst in Anspruch genommen
sei, in Wirklichkeit aber, weil er wußte, wie wenig Geld und Gut Pavel
Dmitrijewitsch geblieben war, und weil er es für unvernünftig hielt,
seine dreihundert Rubel aufs Spiel zu setzen gegen die hundert und
vielleicht auch weniger, die er gewinnen konnte.

Sagen Sie, Pavel Dmitrijewitsch, begann der Leutnant, der offenbar den
Wunsch hatte, einer Wiederholung der Bitte aus dem Wege zu gehen, ist
es wahr, es heißt, wir sollen morgen ausrücken?

Ich weiß nicht, bemerkte Pavel Dmitrijewitsch, es ist nur der Befehl
gekommen, daß wir uns bereit halten sollen. -- Aber wirklich, es ist
besser, wir machen ein Spielchen, ich verpfände euch meinen Kabardiner.

Nein, es ist heute schon ...

Den Grauen, wenn es nicht anders ist, oder wenn Sie wollen, um Geld.
Nun? ...

Nun ja ... Ich wäre schon bereit, Sie dürfen nicht glauben, ... begann
Leutnant O., indem er seine eignen Zweifel beantwortete. Aber morgen
giebt es vielleicht einen Überfall oder einen Marsch, da muß man
ausschlafen.

Der Adjutant erhob sich und ging, die Hände in den Taschen, auf dem
gereinigten Platze hin und her. Sein Gesicht nahm den gewohnten
Ausdruck der Kühle und eines gewissen Stolzes an, den ich gern an ihm
sah.

Wollen Sie nicht ein Gläschen Glühwein? sagte ich zu ihm.

Gern! -- Und er kam auf mich zu. Guskow aber nahm mir schnell das Glas
aus der Hand und brachte es dem Adjutanten entgegen; dabei gab er
sich Mühe, ihn nicht anzusehen. Er übersah den Strick, der das Zelt
zusammenhielt, stolperte darüber, ließ das Glas fallen und stürzte
vornüber.

So ein Hanswurst! sagte der Adjutant, der schon seine Hand nach
dem Glase ausgestreckt hatte. Alle lachten laut auf, Guskow nicht
ausgenommen; dabei rieb er sein hageres Knie, das er bei dem Falle
nicht im geringsten verletzt haben konnte, mit der einen Hand.

Wie der Bär den Einsiedler bedient hat, fuhr der Adjutant fort.
So bedient er mich jeden Tag! Alle Pflöcke im Zelt hat er schon
umgerissen, -- immer stolpert er.

Guskow entschuldigte sich vor uns, ohne auf ihn zu hören, und sah
mich mit einem kaum merklichen traurigen Lächeln an, mit dem er sagen
zu wollen schien, ich allein wäre imstande, ihn zu verstehen. Er war
beklagenswert, und der Adjutant, sein Beschützer, schien aus irgend
einem Grunde erzürnt auf seinen Zeltgenossen zu sein und wollte ihn
durchaus nicht in Ruhe lassen.

Nun, Sie geschickter Jüngling, wo fallen Sie denn nicht?

Wer stolpert nicht über diese Pflöcke, Pavel Dmitrijewitsch, sagte
Guskow, Sie sind selbst vorgestern gestolpert.

Ich, Väterchen, bin kein Subalterner, von mir verlangt man keine
Geschicklichkeit.

Er darf schwere Beine haben, fiel der Stabskapitän ein, aber ein
Subalterner muß springen können ...

Merkwürdige Scherze! ... sagte Guskow beinahe flüsternd und schlug die
Augen nieder. Der Adjutant war offenbar nicht gut gelaunt gegen seinen
Zeltgenossen. Er horchte begierig auf jedes seiner Worte.

Man wird ihn wieder auf einen gedeckten Posten schicken müssen, sagte
er zu Sch. gewandt, mit Zwinkern auf den Degradierten weisend.

Da wird's wieder Thränen geben, sagte Sch. lächelnd. Guskows Augen
waren nicht mehr auf mich gerichtet, er that, als ob er Tabak aus dem
Beutel nähme, in dem längst nichts mehr war.

Machen Sie sich bereit, auf gedeckten Posten zu ziehen, sagte Sch.
unter Lachen. Die Kundschafter haben heute gemeldet, es würde einen
Angriff auf das Lager geben, da heißt es sichere Leute bestimmen.

Guskow lächelte unentschlossen, als bereitete er sich vor, etwas zu
sagen, und richtete mehrere Male flehentliche Blicke auf Sch.

Nun ja, ich bin ja schon manchmal gegangen, und ich werde wieder gehen,
wenn man mich schickt, stammelte er hervor.

Man wird Sie schicken.

So werde ich gehen. Was soll ich thun?

Ja, wie in Argun: wo Sie vom Posten weggelaufen sind und das Gewehr
fortgeworfen haben ... sagte der Adjutant, dann wandte er sich von ihm
ab und begann, uns die Befehle für morgen auseinanderzusetzen.

In der That erwartete man in der Nacht eine Beschießung des Lagers von
Seiten des Feindes und am folgenden Tage irgend eine Bewegung. Der
Adjutant sprach noch von allerlei allgemeinen Dingen, plötzlich schlug
er, wie zufällig, als ob es ihm eben eingefallen wäre, dem Leutnant O.
vor, ein kleines Spielchen zu machen. Leutnant O. war wider Erwarten
vollständig einverstanden, und sie gingen mit Sch. und dem Fähnrich
in das Zelt des Adjutanten, der einen grünen Spieltisch und Karten
hatte. Der Kapitän, der Kommandeur unserer Abteilung, ging in sein Zelt
schlafen, auch die anderen Herren gingen auseinander und ich blieb
mit Guskow allein. Ich hatte mich nicht getäuscht -- ich fühlte mich
wirklich unbehaglich unter vier Augen mit ihm. Unwillkürlich stand ich
auf und begann auf der Batterie auf- und niederzugehen. Guskow ging
schweigend neben mir her und machte hastige und unruhige Bewegungen, um
nicht hinter mir zurückzubleiben und mir nicht vorauszueilen.

Ich störe Sie doch nicht? sagte er mit sanfter, klagender Stimme.

So viel ich in der Dunkelheit sein Gesicht sehen konnte, schien es mir
tief nachdenklich und traurig.

Nicht im mindesten, antwortete ich; da er aber nicht zu sprechen
begann, und ich nicht wußte, was ich ihm sagen sollte, gingen wir
ziemlich lange schweigend hin und her.

Die Dämmerung war schon vollständig dem Dunkel der Nacht gewichen, über
dem schwarzen Umriß des Gebirgs flammte helles Abendwetterleuchten,
über unseren Häuptern funkelten am hellblauen Winterhimmel kleine
Sterne, von allen Seiten loderten in rotem Schein die Flammen der
rauchenden Wachtfeuer, nah vor uns schimmerten die grauen Zelte und der
düstere, schwarze Erdwall unserer Batterie durch den Nebel. Vor dem
nächsten Wachtfeuer, um das unsere Burschen sich zum Wärmen gelagert
hatten und leise plauderten, glänzte von Zeit zu Zeit auf der Batterie
das Erz unserer schweren Geschütze und erschien in ihrem umgehängten
Mantel die Gestalt des Wachtpostens, die sich gemessenen Schrittes
unterhalb des Erdwalls hin- und herbewegte.

Sie können sich nicht vorstellen, welche Freude es für mich ist, mit
einem Menschen wie Sie zu sprechen! sagte Guskow zu mir, obgleich er
mit mir noch nichts gesprochen hatte. Das kann nur der begreifen, der
einmal in meiner Lage gewesen ist.

Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, und wir schwiegen wieder
beide, obgleich er offenbar Lust hatte sich auszusprechen, und ich ihn
anzuhören.

Wofür sind Sie ... Wofür haben Sie leiden müssen? fragte ich ihn
endlich, da mir nichts Besseres einfiel, um das Gespräch zu beginnen.

Haben Sie nichts gehört von der unglückseligen Geschichte mit Metenin?

Ja, ein Duell, glaube ich, war es; ich habe flüchtig davon gehört,
antwortete ich, ich bin ja schon lange im Kaukasus.

Nein, kein Duell; es ist diese dumme, schreckliche Geschichte! Ich
will Ihnen alles erzählen, wenn Sie es nicht wissen. Es war in
demselben Jahre, als ich Sie bei meiner Schwester traf, ich lebte
damals in Petersburg. Sie müssen wissen, ich hatte damals, was man
_une position dans le monde_ nennt, und eine recht gute, um nicht
zu sagen glänzende. _Mon père me donnait 10000 par an._ Im Jahre 49
wurde mir Aussicht auf eine Stellung bei der Gesandtschaft in Turin
gemacht: mein Onkel mütterlicherseits konnte sehr viel für mich thun
und war stets gern dazu bereit. Es ist jetzt schon lange her, _j'étais
reçu dans la meilleure société de Pétersbourg, je pouvais prétendre_
auf eine vortreffliche Partie. Ich hatte gelernt, was wir alle in
der Schule lernen, so daß ich eine besondere Bildung nicht hatte;
ich habe zwar später viel gelesen, _mais j'avais surtout ce jargon
du monde_, Sie wissen schon; und wie dem auch war, ich galt, Gott
weiß warum, für einen der ersten jungen Leute Petersburgs. Was mir in
der öffentlichen Meinung eine besondere Stellung gab, _c'est cette
liaison avec Mme. D._, über die in Petersburg viel gesprochen wurde;
aber ich war schrecklich jung und schätzte damals alle diese Vorteile
gering. Ich war einfach jung und dumm. Was brauchte ich mehr? Damals
hatte in Petersburg dieser Metenin Ruf ... -- und Guskow fuhr immer
weiter so fort und erzählte mir die Geschichte seines Unglücks, die
ich aber hier übergehen will, weil sie ganz uninteressant ist. --
Zwei Monate saß ich im Gefängnis, fuhr er fort, ganz allein, und was
habe ich in dieser Zeit nicht alles durchdacht! Aber wissen Sie, als
alles vorüber war, als sozusagen schon endgültig jede Verbindung mit
der Vergangenheit gelöst war, da war mir leichter zu Mute. _Mon père,
vous en avez entendu parler_, sicherlich, er ist ein Mann von eisernem
Charakter und mit festen Überzeugungen, _il m'a deshérité_ und hat alle
Beziehungen mit mir abgebrochen. Nach seiner Überzeugung hat er so
handeln müssen, und ich will ihm keineswegs Vorwürfe machen: _il a été
conséquent_. Dafür habe auch ich keinen Schritt gethan, um ihn seinem
Entschluß untreu zu machen. Meine Schwester war im Auslande. Mme. D.
war die Einzige, die mir schrieb, als man es ihr erlaubte, und mir
ihre Hilfe anbot; aber Sie werden begreifen, daß ich ablehnte, und daß
ich Mangel hatte an all den Kleinigkeiten, die in einer solchen Lage
ein wenig Erleichterung gewähren: ich hatte weder Bücher, noch Wäsche,
noch Kost -- nichts. Ich habe viel, sehr viel damals nachgedacht. Ich
begann alles mit andern Augen anzusehen: der Lärm z. B., das Gerede
der Gesellschaft über mich in Petersburg kümmerte mich nicht --
schmeichelte mir nicht im geringsten -- alles das kam mir lächerlich
vor. Ich fühlte, daß ich selbst schuld war, daß ich unvorsichtig, jung
gewesen war, daß ich meine Laufbahn zerstört hatte, und dachte nur
darüber nach, wie ich es wieder gut machen könnte. Ich fühlte die Kraft
und die Energie dazu in mir. Aus dem Gefängnis wurde ich, wie ich Ihnen
sagte, hierher in den Kaukasus zum N.-Regiment geschickt. Ich hatte
geglaubt -- fuhr er fort und wurde immer lebhafter -- hier im Kaukasus
sei _la vie de camp_, seien schlichte und brave Menschen, mit denen ich
verkehren werde, gäbe es Kriegsgefahren -- alles das würde zu meiner
Gemütsstimmung gerade passen, und ich würde ein neues Leben beginnen.
_On me verra au feu_ -- man wird mich lieb gewinnen, mich schätzen
lernen, nicht bloß meines Namens wegen -- mir Orden geben, mich zum
Unteroffizier machen, die Strafe aufheben, und ich werde wieder in
die Heimat zurückkehren, _et vous savez avec ce prestige du malheur_.
Aber _quel désenchantement_! Sie können sich nicht vorstellen, wie
ich mich getäuscht habe! ... Sie kennen das Offizierkorps unseres
Regiments? -- Er schwieg ziemlich lange und schien zu erwarten, daß ich
ihm sagte, ich wüßte, wie schlecht die hiesigen Offiziere seien. Aber
ich antwortete ihm nicht. Es widerte mich an, daß er, wahrscheinlich,
weil ich französisch verstand, voraussetzte, ich müßte gegen das
Offizierskorps eingenommen sein, während ich im Gegenteil durch meinen
längern Aufenthalt im Kaukasus dahin gekommen war, es nach seinem Werte
zu beurteilen und tausendmal höher zu schätzen, als den Kreis, aus dem
Herr Guskow hervorgegangen war. Ich wollte ihm das sagen, aber seine
Lage fesselte mir die Zunge. -- Im N.-Regiment ist das Offizierskorps
tausendmal schlimmer als im hiesigen, fuhr er fort. _J'espère, que
c'est beaucoup dire_, d. h. Sie können sich nicht vorstellen, wie es
ist! Ich will gar nicht von den Junkern und den Gemeinen sprechen. Das
ist eine entsetzliche Gesellschaft! Sie nahmen mich anfangs gut auf,
das ist wahr, aber später, als sie sahen, daß sie mir verächtlich sein
mußten, an den unmerklichen, kleinen Beziehungen sahen sie das, Sie
wissen schon, daß ich ein ganz anderer Mensch sei, der weit über ihnen
stand, da wurden sie böse auf mich und fingen an, mir mit allerlei
kleinen Demütigungen heimzuzahlen. _Ce que j'ai eu à souffrir, vous
ne vous faites pas une idée._ Dann der unwillkürliche Verkehr mit den
Junkern, besonders _avec les petits moyens, que j'avais, je manquais
de tout_, ich hatte nur, was meine Schwester mir schickte. Ein Beweis
für das, was ich zu leiden hatte, ich, bei meinem Charakter, _avec ma
fierté, j'ai écris à mon père_, ich flehte ihn an, mir wenigstem etwas
zu schicken ... Ich begreife wohl, wenn man fünf Jahre ein solches
Leben geführt hat, kann man so werden, wie unser Degradierter Dromow,
der mit den Gemeinen trinkt und allen Offizieren Briefe schreibt, in
denen er bittet, ihm drei Rubel zu »leihen«, und die er _tout à vous_
Dromow unterschreibt. Man muß einen Charakter wie meinen haben, um
in dieser schrecklichen Lage nicht ganz zu versumpfen. -- Er ging
lange schweigend neben mir her. -- _Avez vous un papiros?_ sagte er.
-- Ja, wo bin ich stehen geblieben? ... Ja. Ich konnte das nicht
aushalten, nicht körperlich; denn war es auch schrecklich, plagte
mich auch Kälte und Hunger, führte ich auch das Leben eines gemeinen
Soldaten, so hatten doch die Offiziere eine gewisse Achtung vor mir
-- auch besaß ich noch für sie ein gewisses _prestige_. Sie schickten
mich nicht auf Wachtposten, auf Übung. Ich hätte das nicht ertragen.
Aber seelisch litt ich entsetzlich. Und vor allem -- ich sah keinen
Ausweg aus dieser Lage. Ich schrieb an meinen Onkel, ich flehte ihn
an, mich in das hiesige Regiment zu versetzen, das wenigstens die
Feldzüge mitmacht, und dachte, hier ist Pavel Dmitrijewitsch, _qui est
le fils de l'intendant de mon père_, der wird mir wenigstens nützlich
sein können. Mein Onkel that das für mich -- ich wurde versetzt. Nach
jenem Regiment kam mir dieses wie eine Versammlung von Kammerherren
vor. Dann war Pavel Dmitrijewitsch da, er wußte, wer ich war, und
ich wurde vortrefflich aufgenommen. Auf die Bitte meines Onkels ...
Guskow, _vous savez_? ... Aber ich machte die Beobachtung, daß mit
diesen Menschen ohne Bildung und Intelligenz -- sie können einen
Menschen nicht achten und ihm ihre Achtung bezeigen, wenn er nicht
den Strahlenkranz des Reichtums, des Ansehens hat. Ich machte die
Beobachtung, wie allmählich, als sie erkannt hatten, daß ich arm war,
ihr Verkehr mit mir immer nachlässiger und nachlässiger und endlich
nahezu geringschätzig wurde. Das ist entsetzlich, aber es ist die volle
Wahrheit.

Hier habe ich an den Feldzügen teilgenommen, ich habe mich geschlagen,
_on m'a vu au feu_, fuhr er fort -- aber wann wird das ein Ende haben?
Ich glaube, nie; und meine Kräfte und meine Energie fangen an sich zu
erschöpfen. Dann habe ich mir _la guerre, la vie de camp_ ausgemalt,
aber ich sehe, es ist alles ganz anders: in der Pelzjacke, ungewaschen,
in Soldatenstiefeln geht man auf verdeckten Posten und liegt die ganze
Nacht hindurch in einem Hohlweg mit dem ersten besten Antonow, der
wegen Trunksucht unter die Soldaten gesteckt ist, und jeden Augenblick
kann man vom Gebüsch her totgeschossen werden -- ich oder Antonow, das
ist ganz gleich ... Da thut's keine Tapferkeit, das ist entsetzlich,
_c'est affreux, ça tue_.

Nun ja, Sie können aber jetzt für den Feldzug Unteroffizier und im
nächsten Jahr Fähnrich werden, sagte ich.

Ja, ich kann es, man hat es mir versprochen, aber es sind noch zwei
Jahre hin, und vielleicht auch dann nicht, und was das heißt, solche
zwei Jahre, wenn das einer wüßte! Stellen Sie sich ein Leben mit diesem
Pavel Dmitrijewitsch vor: Kartenspiel, grobe Späße, Saufgelage ...
Sie wollen etwas sagen, was Ihnen das Herz abdrückt, es versteht Sie
niemand, oder Sie werden gar noch ausgelacht. Man spricht mit Ihnen
nicht, um Ihnen einen Gedanken mitzuteilen, sondern um aus Ihnen
womöglich noch einen Narren zu machen. Und das alles ist so gemein,
so grob, so häßlich, und Sie fühlen immer, daß Sie zu den niederen
Chargen gehören -- man läßt Sie das immer fühlen. Darum können Sie auch
nicht verstehen, welch ein Genuß es ist, _à c[oe]ur ouvert_ mit einem
Menschen zu sprechen, wie Sie sind! ...

Ich verstand nicht im mindesten, was für ein Mensch ich sein sollte,
und darum wußte ich auch nicht, was ich ihm antworten sollte.

Werden Sie etwas essen? sagte in diesem Augenblick Nikita zu mir,
der unbemerkt in der Dunkelheit zu mir herangeschlichen und, wie ich
wahrnahm, über die Anwesenheit des Gastes ungehalten war. -- Es giebt
nur Quark-Piroggen, und etwas Fleischklops ist noch übrig geblieben.

Hat der Kapitän schon gegessen?

Sie schlafen schon lange, antwortete Nikita mürrisch. Auf meinen
Befehl, uns hierher etwas Essen und Schnaps zu bringen, brummte er
unwillig etwas in den Bart und ging schleppend in seine Hütte. Er
brummte auch dort noch weiter, brachte uns aber ein Kästchen; auf das
Kästchen stellte er ein Licht, das er vorher gegen den Wind mit Papier
umwickelt hatte, eine kleine Kasserolle, Mostrich und eine Büchse,
einen Blechbecher mit einem Henkel und eine Flasche Wermut. Nachdem
Nikita alles das hergerichtet hatte, blieb er noch eine Weile in der
Nähe stehen und sah zu, wie Guskow und ich Schnaps tranken, was ihm
offenbar sehr unangenehm war. Bei dem matten Schein, den die Kerze
durch das Papier warf, und bei der Dunkelheit, die uns umgab, sah
man nur das Seehundsleder des Kästchens, das Abendbrot, das darauf
stand, Guskows Gesicht, seine Pelzjacke und seine kleinen roten Hände,
mit denen er die Piroggen aus der Kasserolle herausnahm. Ringsumher
war alles schwarz, und nur, wenn man scharf ausspähte, konnte man
die schwarze Batterie, die ebenso schwarze Gestalt des Wachtpostens,
der über die Brustwehr zu sehen war, an den Seiten die brennenden
Wachtfeuer und über uns die rot schimmernden Sterne unterscheiden.
Guskow lächelte kaum merklich, traurig und verschämt, als wäre es ihm
unbehaglich, mir nach seinem Geständnis in die Augen zu sehen, er
trank noch ein Gläschen Schnaps und aß gierig, indem er die Kasserolle
auskratzte.

Ja, für Sie ist es doch immerhin eine Erleichterung, sagte ich, um
etwas zu sagen, daß Sie mit dem Adjutanten bekannt sind; ich habe
gehört, er ist ein guter Mensch.

Ja, antwortete der Degradierte, er ist ein lieber Mensch; aber er
kann kein anderer sein, er kann kein Mensch sein -- bei seiner
Bildung kann man's auch nicht verlangen. Plötzlich schien er zu
erröten. -- Sie haben seine groben Scherze mit dem verdeckten Posten
gehört? -- und obgleich ich zu wiederholten Malen das Gespräch zu
unterbrechen suchte, begann Guskow sich vor mir zu rechtfertigen und
mir auseinanderzusetzen, daß er nicht von seinem Posten weggelaufen
war, und daß er kein Feigling sei, wie das der Adjutant und Sch. hätten
durchblicken lassen.

Wie ich Ihnen gesagt habe -- fuhr er fort und wischte seine Hände an
seiner Pelzjacke ab -- solche Leute verstehen nicht zart mit einem
Menschen umzugehen, mit einem gemeinen Soldaten, der kein Geld hat;
das geht über Ihre Kräfte. Und in der letzten Zeit, wo ich seit fünf
Monaten, ich weiß nicht warum, von meiner Schwester nichts bekomme,
habe ich beobachtet, wie verändert ihr Benehmen gegen mich ist. Dieser
Pelzrock, den ich von einem Gemeinen gekauft habe und der nicht wärmt,
weil er ganz abgeschabt ist (dabei zeigte er mir den kahlen Schoß)
flößt ihnen nicht Mitleid oder Achtung mit dem Unglück, sondern
Verachtung ein, die sie nicht zu verbergen imstande sind. Meine Not
mag noch so groß sein, wie jetzt, wo ich nichts zu essen habe, als
Soldatengrütze, und nichts anzuziehen, fuhr er mit niedergeschlagenen
Augen fort und goß sich noch ein Gläschen Schnaps ein -- es fällt ihm
nicht ein, mir Geld anzubieten, und er weiß, daß ich es ihm wiedergebe.
Er wartet, bis ich, in meiner Lage, mich an ihn wende. Und Sie werden
begreifen, wie schwer mir das wird, und noch bei ihm! Ihnen zum
Beispiel würde ich gerade heraussagen: _vous êtes au dessus de cela,
mon cher, je n'ai pas le sou_. Und wissen Sie, sagte er und sah mir
plötzlich mit verzweifeltem Blick in die Augen -- Ihnen sage ich es
gerade heraus, ich bin jetzt in einer entsetzlichen Lage: _pouvez-vous
me prêter 10 roubles argent_? Meine Schwester muß mir mit der nächsten
Post schicken, _et mon père_ ...

Oh, ich bin sehr erfreut! sagte ich, während es mir im Gegenteil
sehr unangenehm und kränkend war, besonders weil ich tags zuvor im
Kartenspiel Verluste gehabt und selbst nicht mehr als fünf Rubel und
einige Kopeken bei Nikita hatte. -- Gleich, sagte ich, und stand auf,
ich will in das Zelt gehen, um es zu holen.

Nein, später, _ne vous dérangez pas_.

Ich hörte aber nicht auf ihn und kroch in das zugeknöpfte Zelt, wo mein
Bett stand und der Kapitän schlief.

Aleksej Iwanytsch, geben Sie mir, bitte, zehn Rubel bis zum
Gehaltstage, sagte ich zu dem Kapitän, während ich ihn aufrüttelte.

Was, wieder abgebrannt? Und gestern erst haben Sie erklärt, daß Sie
nicht mehr spielen wollen? sagte der Kapitän, halb im Schlafe.

Nein, ich habe nicht gespielt, ich brauche es so, geben Sie mir's,
bitte.

Makatjuk! schrie der Kapitän seinem Burschen zu, hole das Geldkästchen
und gieb es her.

Leiser, leiser, sagte ich. Ich hörte in der Nähe des Zeltes die
gleichmäßigen Schritte Guskows.

Was? ... warum leiser?

Der Degradierte hat mich um ein Darlehn gebeten. Er ist da.

Hätte ich das gewußt, dann hätte ich es nicht gegeben, bemerkte der
Kapitän. Ich habe von ihm gehört: der Bursche ist einer der schlimmsten
Wüstlinge! -- Der Kapitän gab mir aber doch das Geld, befahl die
Schatulle wegzusetzen, das Zelt gut zu verschließen, wiederholte noch
einmal: »Wenn ich gewußt hätte wozu, hätte ich es nicht gegeben«
und zog sich die Decke über den Kopf. -- Nun schulden Sie mir 32,
vergessen Sie nicht! rief er mir nach. Als ich aus dem Zelte trat,
ging Guskow um die Bänkchen herum, und seine kleine Gestalt mit den
krummen Beinen und der scheußlichen Fellmütze mit den langen weißen
Haaren tauchte in der Dunkelheit auf und nieder, wenn er an der Kerze
vorüberkam. Er that, als bemerkte er mich nicht. Ich gab ihm das Geld.
Er sagte _merci_, knitterte den Schein zusammen und steckte ihn in die
Hosentasche.

Jetzt muß das Spiel bei Pavel Dmitrijewitsch, denke ich, im vollsten
Gange sein! begann er gleich darauf.

Ja, das denke ich auch.

Er spielt merkwürdig, immer _à rebours_ und biegt nie ein Paroli,
glückt's, dann ist es gut, wenn es aber nicht gelingt, kann man
furchtbar viel Geld verspielen. Er hat das auch bewiesen. In
diesem Feldzuge hat er, wenn man die Sache berechnet, mehr als
anderthalbtausend verloren. Und mit welcher Mäßigung hat er früher
gespielt, so daß Ihr Offizier da an seiner Ehrenhaftigkeit zu zweifeln
schien.

Ja, er hat das so ... Nikita, haben wir keinen Most mehr, sagte ich
und fühlte mich sehr erleichtert durch Guskows Redseligkeit. Nikita
brummte immer noch, er brachte uns aber den Wein und sah wieder wütend
zu, wie Guskow sein Glas leerte. In Guskows Benehmen machte sich wieder
die frühere Ungezwungenheit bemerkbar. Ich hätte gewünscht, er wäre
so schnell als möglich gegangen, und es schien mir, als thäte er das
nur deshalb nicht, weil er sich schämte, gleich nachdem er das Geld
bekommen hatte, fortzugehen. Ich sprach kein Wort.

Wie ist es möglich, daß Sie bei Ihren Mitteln ohne jede Notwendigkeit,
_de gaieté de c[oe]ur_ sich entschlossen haben, im Kaukasus Dienste zu
nehmen? Sehen Sie, das verstehe ich nicht, sagte er zu mir.

Ich gab mir Mühe, mich wegen dieses für ihn so auffälligen Schrittes zu
rechtfertigen.

Ich kann mir denken, wie schwer auch für Sie der Verkehr mit diesen
Offizieren ist, mit diesen Menschen, die gar keine Vorstellung von
Bildung haben. Es ist nicht möglich, daß sie für Sie Verständnis haben.
Sie können zehn Jahre hier leben und werden nichts anderes sehen
und hören als Karten, Wein und Unterhaltung über Auszeichnungen und
Feldzüge.

Es berührte mich unangenehm, daß er verlangte, ich sollte durchaus
seine Behauptung teilen, und ich beteuerte ihm mit voller
Aufrichtigkeit, daß ich Karten, Wein und Gespräche über Feldzüge sehr
gern hätte. Aber er wollte mir nicht glauben.

Ach, Sie sagen das so, fuhr er fort. Und der Mangel an Frauen, d. h.
ich meine _femmes comme il faut_, ist das nicht eine schreckliche
Entbehrung? Ich weiß nicht, was ich jetzt drum gäbe, wenn ich mich nur
auf einen Augenblick in einen Salon versetzen und auch nur durch ein
Thürspältchen ein reizendes Weib sehen könnte.

Er schwieg eine Weile und trank noch ein Glas Wein.

Ach, Gott! Ach, Gott! Vielleicht haben wir noch einmal das Glück, uns
in Petersburg bei Menschen zu begegnen, mit Menschen, mit Frauen zu
verkehren und zu leben. -- Er trank den letzten Rest Wein aus, der
noch in der Flasche geblieben war, dann sagte er: Oh, pardon, Sie
hätten vielleicht auch noch getrunken, ich bin schrecklich zerstreut.
Ich habe, glaube ich, zu viel getrunken, _et je n'ai pas la tête
forte_. Es gab eine Zeit, wo ich auf der Morskaja (in Petersburg) _au
rez de chaussée_ wohnte, ich hatte eine wundervolle kleine Wohnung,
eigene Möbel, müssen Sie wissen, ich habe es verstanden, alles reizend
einzurichten, wenn auch nicht übermäßig teuer. Allerdings, _mon père_
gab mir Porzellan, Blumen, wundervolles Silber. _Le matin je sortais_,
Besuche machen; _à 5 heures régulièrement_ fuhr ich zu ihr zu Mittag,
oft war sie allein. _Il faut avouer que c'était une femme ravissante!_
Sie haben sie nicht gekannt, gar nicht?

Nein.

Wissen Sie, Weiblichkeit besaß sie im höchsten Maße, Zärtlichkeit,
und erst ihre Liebe! ... Du lieber Gott! Ich habe damals dieses Glück
nicht zu schätzen gewußt. Oder nach dem Theater kehrten wir häufig zu
zweien nach Hause zurück und speisten zu Abend. Nie habe ich bei ihr
Langeweile empfunden, _toujours gaie, toujours aimante_. Ja, ich ahnte
gar nicht, was für ein seltenes Glück das war. _Et j'ai beaucoup à me
reprocher_ ihr gegenüber. _Je l'ai fais souffrir et souvent_, ich war
grausam. Ach, es war eine köstliche Zeit! Langweilt Sie das?

Nein, keineswegs.

Dann will ich Ihnen von unseren Abenden erzählen. Ich komme: diese
Treppe, jeden Blumentopf kannte ich, die Thürklinke -- alles so lieb,
so bekannt, dann das Vorzimmer, ihr Zimmer ... Nein, das kommt niemals,
niemals wieder! Sie schreibt mir auch jetzt noch; ich will Ihnen gern
ihre Briefe zeigen. Aber ich bin nicht mehr derselbe -- ich bin ein
Verlorner, ich bin ihrer nicht mehr würdig ... Ja, ich bin für ewig
verloren! _Je suis cassé._ Ich habe keine Energie, keinen Stolz, nichts
mehr. Auch mein Adel ist hin ..., ja, ich bin ein Verlorner! Und kein
Mensch wird je mein Leiden begreifen -- niemand fühlt mit mir. Ich bin
ein gefallener Mensch! Nie kann ich mich wieder erheben, denn ich bin
moralisch gesunken -- in Schmutz gesunken ... In diesem Augenblicke
klang aus seinen Worten aufrichtige, tiefe Verzweiflung; er sah mich
nicht an und saß unbeweglich da.

Warum so verzweifeln? sagte ich.

Weil ich abscheulich bin, dies Leben hat mich zu Grunde gerichtet,
was in mir war, alles ist ertötet ... Ich leide nicht mehr mit Stolz,
sondern mit Würdelosigkeit -- die _dignité dans le malheur_ habe ich
nicht mehr. Jeden Augenblick erdulde ich Demütigungen, alles ertrage
ich, ich suche selbst den Weg zur Demütigung. Dieser Schmutz _a déteint
sur moi_, ich bin selbst roh geworden, ich habe vergessen, was ich
gewußt habe, ich kann nicht mehr französisch sprechen, ich fühle, daß
ich gemein und niedrig bin. An Kämpfen kann ich in dieser Umgebung
nicht teilnehmen, um nichts in der Welt; ich wäre vielleicht ein
Held: geben Sie mir ein Regiment, goldene Achselklappen, Trompeter;
aber in Reih und Glied mit dem ersten besten rohen Antonow Bondarenko
und dem und dem zu gehen, und zu denken, daß zwischen ihm und mir
nicht der geringste Unterschied ist, daß es ganz gleich ist, ob er
erschossen wird oder ich -- dieser Gedanke tötet mich. Begreifen Sie,
wie entsetzlich es ist, zu denken, daß der erste beste Lumpenkerl
mich töten soll, einen Menschen, der denkt und fühlt, und daß es ganz
dasselbe ist, ob er den Antonow neben mir tötet, ein Geschöpf, das
sich durch nichts von einem Tiere unterscheidet, und daß es leicht
geschehen kann, daß man gerade mich tötet und nicht Antonow, wie es
immer vorkommt, _une fatalité_ für alles Hohe und Gute. Ich weiß, daß
sie mich einen Feigling nennen: schön, ich mag ein Feigling sein --
ich bin eben ein Feigling und kann nicht anders sein. Aber nicht genug,
daß ich ein Feigling bin, ich bin nach Ihrer Meinung -- ein Bettler und
ein verachteter Mensch. Sehen Sie, ich habe Sie eben um Geld gebeten,
und Sie haben ein Recht, mich zu verachten. Nein, nehmen Sie Ihr Geld
zurück -- und er streckte mir den zerknitterten Schein entgegen. -- Ich
will, daß Sie mich achten. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und
brach in Thränen aus; ich wußte nicht, was ich sagen und thun sollte.

Beruhigen Sie sich, sprach ich zu ihm, Sie sind zu empfindlich, nehmen
Sie sich nicht alles zu Herzen, grübeln Sie nicht, sehen Sie die Dinge
einfacher an. Sie sagen selbst, Sie haben Charakter. Tragen Sie es, Sie
haben nicht mehr lange zu leiden -- sprach ich zu ihm, aber in sehr
unklaren Worten, denn ich war erregt durch ein Gefühl des Mitleids und
ein Gefühl der Reue darüber, daß ich gewagt hatte, in Gedanken einen
wahrhaft und tief unglücklichen Menschen zu verdammen.

Ja, begann er, wenn ich auch nur einmal seit der Stunde, wo ich in
dieser Hölle bin, auch nur ein einziges Wort der Teilnahme, des Rates,
der Freundschaft gehört hätte -- ein menschliches Wort, ein Wort, wie
ich es von Ihnen höre -- vielleicht könnte ich alles ruhig ertragen,
vielleicht könnte ich es auch auf mich nehmen und sogar ein gemeiner
Soldat sein, aber jetzt ist es entsetzlich ... Wenn ich mit gesundem
Sinne überlege, wünsche ich mir den Tod; warum sollte ich aber auch
dieses schmachvolle Leben und mich selbst lieben, da ich für alles Gute
in der Welt verloren bin? und bei der geringsten Gefahr unwillkürlich
wieder anfange, dieses niederträchtige Leben zu vergöttern und es zu
schonen wie etwas Kostbares? Und ich kann mich nicht überwinden, _je ne
puis pas_ ..., d. h. ich kann es -- fuhr er nach einem minutenlangen
Schweigen wieder fort -- aber es kostet mich zu große Mühe, ungeheure
Mühe, wenn ich allein bin. Mit den anderen, unter den gewöhnlichen
Bedingungen, wie man in den Kampf geht, bin ich tapfer, _j'ai fait mes
preuves_, denn ich bin voll Eigenliebe und Stolz: das ist mein Fehler,
und in Gegenwart anderer ... Wissen Sie, gestatten Sie mir, bei Ihnen
zu übernachten, bei uns wird die ganze Nacht gespielt werden. Mir ist's
gleich, wo, auf dem Fußboden.

Während Nikita das Bett herrichtete, erhoben wir uns und gingen in der
Dunkelheit wieder auf der Batterie hin und her. Guskow muß wirklich
einen sehr schwachen Kopf gehabt haben, denn er schwankte von den zwei
Gläschen Schnaps und den zwei Glas Wein. Als wir aufstanden und uns
von der Kerze entfernten, beobachtete ich, daß er den Zehnrubelschein,
den er während des ganzen vorangegangenen Gespräches in der Hand
gehalten hatte, wieder in die Tasche schob, aber so, daß ich es nicht
sehen sollte. Er sprach immer weiter, er fühlte, er könnte sich noch
aufrichten, wenn er einen Menschen hätte wie ich, der Mitgefühl mit ihm
habe.

Wir wollten schon in das Zelt gehen, um uns schlafen zu legen, als
plötzlich über uns eine Kugel dahinpfiff und nicht weit von uns in den
Boden schlug. Es war so sonderbar: dieses stille, in Schlaf versunkene
Lager, unser Gespräch und ... plötzlich die feindliche Kugel, die, Gott
weiß woher, mitten unter unsere Zelte geflogen kam -- so sonderbar, daß
ich mir lange nicht Rechenschaft darüber geben konnte, was eigentlich
vorging. Einer unserer Soldaten, Andrejew, der auf der Batterie Wache
stand, kam auf mich zu.

Ei, das hat sich herangeschlichen! Hier hat man das Feuer gesehen,
sagte er.

Wir müssen den Kapitän wecken, sagte ich und sah zu Guskow hinüber.

Er stand, ganz zu Boden geduckt, da und stammelte, als ob er etwas
sagen wollte: Das ... das ... Feind ... das ... komisch! Weiter sagte
er nichts, und ich hatte nicht bemerkt, wie und wohin er plötzlich
verschwunden war.

In der Hütte des Kapitäns wurde ein Licht angezündet, sein gewöhnlicher
Husten vor dem Erwachen ließ sich vernehmen, und er kam bald selbst
heraus und forderte eine Lunte, um sein kleines Pfeifchen anzustecken.

Was ist das heute, Väterchen? sagte er lächelnd, man will mich gar
nicht schlafen lassen, bald Sie mit Ihrem Degradierten, bald Schamyl!
Was ist zu thun, erwidern oder nicht? War darüber nichts gesagt im
Befehl?

Nein, nichts. Da, wieder, sagte ich, und jetzt aus zweien.

In der That leuchteten durch die Dunkelheit, rechts vor uns, zwei
Flammen wie zwei Augen auf, und bald flog über unsern Häuptern eine
Kugel und mit lautem, durchdringendem Pfeifen eine leere Granate dahin;
sie war wohl von uns. Aus dem Zelte in der Nachbarschaft kamen die
Soldaten herausgekrochen, man hörte ihr Hüsteln, Recken und Plaudern.

Schau, er pfeift vor deinen Augen wie eine Nachtigall, bemerkte ein
Artillerist.

Ruft Nikita! sagte der Kapitän mit seinem gewohnten guten Lächeln. --
Nikita! Verstecke dich nicht, höre, wie die Bergnachtigallen pfeifen.

Ach, Euer Hochwohlgeboren, sprach Nikita, der neben dem Kapitän stand,
ich habe sie schon gesehen, die Nachtigallen, ich fürchte mich nicht,
aber der Gast, der eben hier war und Ihren Wein getrunken hat, wie der
sie gehört hat, da hat er schnell Reißaus genommen, an unserem Zelt
vorüber, wie eine Kugel ist er davongerollt, wie ein Tier hat er sich
zusammengeduckt!

Aber es wird doch nötig sein, zum Oberbefehlshaber der Artillerie
hinunterzureiten, sagte der Kapitän zu mir in ernstem, befehlerischem
Tone, um ihn zu fragen, ob wir das Feuer erwidern sollen oder nicht; es
kann kaum davon die Rede sein, aber man kann doch immerhin hinunter.
Bemühen Sie sich, bitte, hin und fragen Sie ihn. Lassen Sie ein Pferd
satteln, damit es schneller geht, nehmen Sie, wenn nicht anders, meinen
Polkan.

In fünf Minuten brachte man mir das Pferd, und ich ritt zu dem
Befehlshaber der Artillerie.

Achten Sie darauf, die Losung ist »Deichsel«, flüsterte mir der
fürsorgliche Kapitän zu, sonst kommen Sie nicht durch die Postenkette.

Zum Befehlshaber der Artillerie war es eine halbe Werst; der ganze
Weg führte zwischen Zelten hindurch. Sobald ich mich aber von unserem
Wachtfeuer entfernt hatte, wurde es so schwarz, daß ich nicht einmal
die Ohren des Pferdes sah, nur das Flackern der Wachtfeuer, die mir
bald ganz nahe, bald ganz fern erschienen, flimmerten vor meinen
Augen. Ein kleines Stück ritt ich ganz wie mein Pferd wollte, dem ich
die Zügel hängen ließ. Ich konnte nun die weißen, viereckigen Zelte
unterscheiden, dann auch die schwarzen Spuren des Weges; in einer
halben Stunde kam ich bei dem Befehlshaber der Artillerie an. Dreimal
hatte ich nach dem Wege fragen müssen, und viermal war ich über die
Pflöcke der Zelte gestolpert, wofür ich jedesmal Scheltworte aus dem
Zelte zu hören bekam, und zweimal wurde ich von dem Posten angehalten.
Während des Rittes hatte ich noch zwei Schüsse in unserem Lager gehört,
aber die Geschosse hatten nicht bis zu dem Ort getragen, wo der Stab
lag. Der Befehlshaber der Artillerie gab nicht den Befehl, die Schüsse
zu erwidern, umsoweniger, als der Feind aufhörte, und ich machte mich
auf den Heimweg, indem ich mein Pferd am Zügel hielt und mich zu Fuß
zwischen den Zelten der Infanterie durcharbeitete. Oft verlangsamte
ich meinen Schritt, wenn ich an einem Soldatenzelt vorüberkam, in dem
ein Feuerschein leuchtete, oder lauschte auf eine Erzählung, die ein
Spaßvogel vortrug, oder auf ein Buch, das ein Schriftkundiger vorlas,
dem die ganze Abteilung, den Vorleser von Zeit zu Zeit durch allerlei
Bemerkungen unterbrechend, in dichtem Haufen im Zelt und um das Zelt
zusammengedrängt, zuhörte, oder auch nur auf die Gespräche über den
Feldzug, über die Heimat, über die Vorgesetzten.

Als ich an einem der Bataillonszelte vorüberritt, hörte ich die laute
Stimme Guskows, der sehr angeheitert und lebhaft sprach. Junge,
ebenfalls lustige Stimmen, von vornehmen Herren, nicht von gemeinen
Soldaten, antworteten. Es war offenbar das Zelt der Junker oder der
Feldwebel. Ich blieb stehen.

Ich kenne ihn schon lange, sprach Guskow. Als ich in Petersburg lebte,
hat er mich häufig besucht, und ich war oft bei ihm. Er hat in der
besten Gesellschaft verkehrt.

Von wem sprichst du? fragte die Stimme eines Betrunkenen.

Von dem Fürsten, sagte Guskow. Ich bin ja doch mit ihm verwandt, und
was die Hauptsache ist, wir sind alte Freunde. Es ist gut, meine
Herren, einen solchen Bekannten zu haben, müssen Sie wissen. Er ist ja
schrecklich reich. Hundert Rubel sind nichts bei ihm. Ich habe mir auch
eine Kleinigkeit von ihm geben lassen, bis mir meine Schwester schickt.

Nun, so laß doch schon holen! ...

Sofort. Sawjelitsch, Täubchen! erklang die Stimme Guskows, immer mehr
dem Zelteingang sich nähernd. Hier hast du zehn Moneten, geh' zum
Marketender und bringe zwei Flaschen Kachetischen und ... was noch,
meine Herren? Na! -- Und Guskow trat schwankend, mit zerzaustem Haar,
ohne Mütze, aus dem Zelt. Er schlug die Schöße seines Pelzrocks zurück,
steckte die Hände in die Taschen seiner grauen Hose und blieb am
Eingang stehen. Obgleich er im Lichte stand und ich in der Dunkelheit,
zitterte ich doch vor Angst, er könnte mich bemerken, bemühte mich,
jedes Geräusch zu vermeiden und ging weiter.

Wer da? schrie mich Guskow mit völlig trunkener Stimme an. Die Kälte
hatte ihn offenbar ganz aus Rand und Band gebracht. Was für ein Teufel
schleicht hier mit seinem Pferd herum?

Ich antwortete nicht und suchte schweigend den Weg.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Sewastopol" ***

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