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Title: Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2) - Unternommen und geschildert
Author: Tobler, Titus
Language: German
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*** Start of this LibraryBlog Digital Book "Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2) - Unternommen und geschildert" ***

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THEIL (VON 2)***


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Note: Images of the original pages are available through
      the Google Books Library Project. See
      https://books.google.com/books?id=iu4oAAAAYAAJ&hl=en

Anmerkungen zur Transkription

      Der vorliegende Text wurde anhand der 1839 erschienenen
      Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
      Ungewöhnliche, altertümliche und inkonsistente Schreibweisen
      wurden, auch bei Eigennamen, beibehalten, insbesondere wenn
      es sich um Übertragungen fremdsprachlicher Begriffe handelt
      oder diese im Text mehrfach auftreten. Zeichensetzung und
      offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
      korrigiert.

      Das gesamte Inhaltsverzeichnis beider Bände sowie die Liste
      der Verbesserungen befinden sich in der Originalausgabe
      lediglich am Ende des zweiten Buches. Der Übersichtlichkeit
      halber wurde das Verzeichnis des betreffenden Bandes an dessen
      Anfang gestellt, das Inhaltsverzeichnis des jeweils anderen
      Bandes dagegen an das Ende des Buches. Die Verbesserungen
      erscheinen am Ende des jeweiligen Bandes; diese sind, soweit
      sie vom Autor als relevant eingestuft wurden, bereits in das
      vorliegende Buch eingearbeitet worden.

      Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von
      der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der
      vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen
      gekennzeichnet:

         kursiv:   _Unterstriche_
         fett:     =Gleichheitszeichen=
         gesperrt: +Pluszeichen+
         Antiqua:  ~Tilden~



                       Lustreise ins Morgenland.



                               Lustreise

                                  ins

                              Morgenland.

                      Unternommen und geschildert

                                  von

                          ~Dr.~ Titus Tobler.

                             Erster Theil.

                                Zürich,

                    bei Orell, Füßli und Compagnie.
                                 1839.



Inhalt des ersten Bandes.


                                                                   Seite

    Reise nach Triest                                                 1.

    Mein Aufenthalt auf dem Eilande Lossin oder Ossero               10.

    Fahrt nach Alexandrien                                           25.


    =Alexandrien.=

    Lage                                                             58.

    Gebäude                                                          59.

    Krankenhäuser                                                    67.

    Auch das Observazionsspital oder die Observazionshütten          70.

    Die Katakomben und der Pferdestall                               78.

    Die Nadeln der +Kleopatra+ und der Flohfänger                    80.

    Die Pompejussäule und die Schandsäule                            82.

    Die Nachgrabungen                                                85.

    Leute. Bevölkerung                                               88.

    Der Ritt zur Beschneidung                                        91.

    Primarschule                                                     92.

    Die Zeichenschule                                                93.

    Weiberhändel                                                     95.

    Geld und Geldnoth                                                97.

    Das Schiff der Wüste                                             99.

    Anleitung für den Reisenden                                     100.

    Die Nilfahrt nach Kairo                                         104.


    =Kairo.=

    Lage der Stadt, Strich des Himmels und Gesundheitszustand
    der Menschen                                                    134.

    Die Stadt nach ihrer Bauart                                     140.

    Das Schloß, der Jussufsbrunnen und die Grabmale von
    Kâyd-Bei                                                        148.

    Das Militärkrankenhaus                                          155.

    Die Narrenmenagerie                                             157.

    Die Stadt der Einäugigen und der Blinden                        162.

    Das öffentliche Bad                                             163.

    Wie die Egypzier im sechszehnten Jahrhundert die Bäder
    gebrauchten                                                     168.

    Der Sklavenmarkt                                                173.

    Das Katzenstift                                                 177.

    Gärten                                                          181.

    Die Esbekieh                                                    183.

    Physiologischer und psychologischer Karakter der Einwohner      184.

    Tracht                                                          194.

    Speisen und Getränke                                            198.

    Kaffeehäuser                                                    204.

    Schneller Justizgang                                            208.

    Der egyptische Tanz                                             210.

    Der Brautzug                                                    213.

    Der Leichenzug                                                  216.

    Der Straßensänger                                               218.

    Der Versteigerer                                                219.

    Der Barbier                                                     220.

    Der Lagerstellenmacher                                          221.

    Der Glaser                                                      222.

    Der Schuhmacher                                                 223.

    Der Töpferwaarenflicker                                         224.

    Die Missionarien                                                226.

    Die Renegaten                                                   228.

    Müsterchen von Europäern in Egypten, oder ein Porträt
    über Kairo aus Europa                                           230.

    Undank für treue Liebe                                          233.

    Unter österreichischer Protekzion                               235.

    Meine Wohnung                                                   236.

    Meine Nahrung und Getränke                                      238.

    Umgebung von Kairo:

    Todtenstadt el-Seydeh Omm Kâsim                                 242.

    Die Wasserleitung                                               244.

    Altkairo und das armenische Kloster                             246.

    Das griechische Kloster und der Altar der h. Frau im
    koptischen Kloster                                              247.

    Der Tempel +A’mrus+                                             250.

    Der Garten +Ibrahim-Paschas+ und der Nilometer auf
    der Insel Ruda                                                  253.

    Ausflug nach Heliopolis und Abusabel                            258.

    Geschichtlicher Rückflug nach Mattarieh                         280.

    Abenteuerlicher Ritt nach den Pyramiden von Gizeh               281.

    Wegweiser in und um Kairo                                       295.

    Rückblick auf Kairo                                             297.

    Reise durch die Wüste nach El-Arysch                            297.

    Die Quarantäne in El-Arysch                                     321.



Vorwort.


Von manchen Seiten her wurde ich aufgefordert, die Beschreibung meiner
Lustreise in das Morgenland der Presse zu übergeben. Ich hätte es
vielleicht nicht thun sollen, -- ich entsprach der Aufforderung. Wohl
wäre es möglich, daß die Sache allzu leicht genommen würde. Es ist viel
minder schwierig, zu reisen, als eine Reise, zum Behufe öffentlicher
Mittheilung, zu beschreiben. Wer einzig zur Erholung herumwandern
will, ferne vom Vorsatze, etwaige Wahrnehmungen, Beobachtungen und
Erfahrungen ans Tageslicht zu ziehen, darf sich nur den Paß und dessen
goldenen Rahmen verschaffen; legt er den Wanderstab hin, so verlangt
man von ihm im Ernste kaum Rechenschaft darüber, ob er viel oder wenig,
richtig oder unrichtig aufgefaßt habe. Umgekehrt verhält es sich mit
dem Reisenden, der eine Beschreibung durch den Druck bekannt macht;
das Wort ist nicht mehr sein eigen, sondern Gemeingut der Leser, der
Gewährsmann wird in die Schranken des öffentlichen Gerichtes gerufen.

Ich sehe gut die weithin langenden Folgen meines Versprechens, und
gleichwohl rücke ich heraus mit meinen Tageblättern. Wenn ich die
Aufforderung recht verstanden habe, so will man, ohne meine wirklichen
Mühseligkeiten, im Geiste mir nachreisen; man erwartet keine neue
Entdeckungen weder aus der Vor-, noch Mitwelt, weder in Beziehung
auf die Kenntniß des Himmels, noch der Erde, weder ihrer Bewohner,
noch Hervorbringnisse; man will Bekanntes in einem traulichen Kreise
zusammenplaudern; man denkt billig genug, daß ein Lustreisender,
der in einer Spanne Zeit drei Welttheile berührt, der Wissenschaft
keine Dienste leistet. Ich rücke +darum+ mit meinen Tageblättern
heraus, +weil die Erwartungen nicht über meine geringen Ansprüche
hinaufreichen+.

Aber warum wurde denn die Beschreibung nicht zeitungswarm geliefert?
So höre ich die Frage an mich richten. Mit einer Antwort bin ich
keinesweges verlegen. Ich mochte nun einmal nicht in den bestaubten
Reisekleidern unter so anständige Leute treten. Weil es anders
nicht schicklich gewesen wäre, so begann ich den egyptischen und
palästinischen Staub herauszubürsten. Freilich da merkte ich bald,
daß in meinem Heimathlande nicht mehr die stillen Klostermauern mich
umfangen; ein Hinderniß häufte sich auf das andere. Das Reise-Tagebuch
lag neben meinem Krankenbuche, und Jedermann weiß, daß die Leidenden
in der Regel durch etwas ganz Anderes genesen, als durch Schildereien
aus dem Leben eines Pilgers. Kurz, ich stellte die Reisebogen in den
Hintergrund, und widmete meine Feder vorzüglich den Tageblättern
für meine Kranken. Doch nach und nach schaffte ich, so gut es in der
vielzersplitterten Muße gehen wollte, wenigstens einige Ordnung, daß
ich nun endlich die Schwelle des Hauses verlasse, um -- der Geneigtheit
und Nachsicht der Leser mich zu empfehlen.

        +Lutzenberg+, im Appenzeller-Lande,
                  an Ostern 1839.



=Reise nach Triest=

Am 22. August 1835 trat ich, vom schweizerischen Kanton Appenzell aus,
meine Reise an. Sie nahm ihre Richtung über den Arlberg, über Insbruck,
Bozen, Trient, Vicenza, Padua und Venedig nach Triest. Ich werde diese
Reise durch eine Gegend, welche, so zu sagen, nur einen Sprung weit
von meinem Heimatlande entfernt ist, nicht näher berühren. Ich erwähne
bloß, daß ich dießmal mit ungleich mehr Zufriedenheit durch diesen
Theil Welschlands reisete, als im Jahre 1826, wohin ich von Wien aus
einen Abstecher gemacht hatte. Ich wählte vorzüglich italienische
Wirthshäuser, und die Wahrheit heischt von mir das Bekenntniß,
daß ich nicht den mindesten Grund zu Klagen über Betrügereien in
denselben fand. Niemals handelte ich mit den Wirthsleuten zum Voraus
die Mahlzeit ab. Bei deutschen Wirthen dieses Landes befand ich mich
eher schlimmer. Zank und Streit mit zwei Vetturini waren ganz unsere
Schuld, oder vielmehr die meines Reisegefährten, eines Kroaten, der
+weniger+ bezahlen wollte, als wir bereits schon übereingekommen
waren. Es bot ein rührendes Schauspiel dar, wie ein Vetturino nur das
+Seinige+ verfechten mußte. Wenn die Deutschen oder wenigstens
die deutsch Redenden auf diese Weise fortfahren, es dürften sich traun
die italienischen Vetturini brüsten, um dem deutschen Uebermuthe die
Flügel zu stutzen. Die Deutschen, welche nach Italien reisen wollen,
hauen darum leicht über die Schnur, daß sie auf erster Linie mit den
Schlechtigkeiten der Italiener allzusehr sich vertraut machen, statt
daß sie es sich angelegen sein lassen, die Gedanken in ihrer Sprache
auszutauschen. Der Deutsche, gewohnt, beinahe in jedem schlechten
italienischen Gewande eine schlechte Seele zu suchen, richtet auch
nach dieser, über das Gebirge geschleppten vorgefaßten Meinung, die
Behandlung des Italieners. So wie aber dieser wahrnimmt, daß der
Fremde an ihm keinen grünen Zweig erblickt, mag es ihn freuen, daß der
Reisende sich ja nicht täusche.


+Den 29. August.+

Ich langte in der überaus lebhaften Handelsstadt Triest an. Meine
Empfehlungen an dasige Häuser thaten erwünschte Wirkung. Ein Landsmann
gab Anleitung zum Einkaufe der für die Seereise nöthigen Effekten. Ein
jüdisches Haus kam mir zuvor, um später den Aufenthalt in Alexandrien
mir angenehm zu machen, und versah mich mit Schreiben, damit mir die
Reise nach Egypten in finanzieller Beziehung gesichert werden sollte.

Sechs Tage mußte ich warten, bis ein Schiff unter Segel ging. Mein
Vertrag mit dem Kapitän, Herrn +Simon Budinich+ aus Lossin, wurde
doppelt ausgefertigt, und in demselben ausdrücklich bemerkt, daß ich
freie Hand behalten wolle, wenn zur bestimmten Frist die Abfahrt nicht
erfolgen würde. Der Vertrag beschlug übrigens, um nach Landart zu
sprechen, nicht bloß Logis, sondern auch Kost.


+Donnerstag den 3. September.+

Ich ließ mein Bett, (ein Kissen, eine Stramatze [~Stramazzo~,
Matratze], eine Wolldecke, [Kotze], zwei Leintücher) und meine übrigen
Effekten an Bord bringen. Vom Kai holten sie unsere Matrosen ab, ohne
daß ich mich vor der Hand weiter darum bekümmerte. Abends neun Uhr
rief ich den Matrosen unsers Schiffes, ~il Giusto~. Gleich ruderten
sie mir entgegen, und ich nahm Abschied vom Lande. Frohmüthig bestieg
ich meine neue Behausung. Mein Auge weidete sich zuerst an dem Walde
von Mastbäumen und an dem sternenreichen Himmel; dann trat ich in die
Kajüte, wo ich meine Effekten in Ordnung fand. Ein fester Bursche, der
Buchhalter (~scrivano~), saß eben an einer wohlbesetzten Tafel; ein
mit rothem Wein gefülltes Glas wurde nicht selten von seinem Munde
magnetisch angezogen. Derselbe plauderte an Einem fort anmuthig und
offenherzig; er nannte ohne Umschweif die Regierung von Triest eine
strenge. Als er inne ward, ich sei ein schweizerischer Republikaner,
gab er Freude zu erkennen. Im Politischen faßte ich mich kurz. Ich
suchte darzuthun, daß die Regierungsform nicht immer wesentlich die
Wohlfahrt eines Volkes untergrabe oder begründe, und fügte hinzu, daß
die Schweizer im Allgemeinen zufrieden leben. Ich sprach mit einer
Mäßigung und Zurückhaltung, daß kein Schein da war, als wolle ich den
Republikanismus außer meinem Vaterlande verkündigen.

Die Kajüte gefiel mir; blau angestrichen und geräumig; in der Mitte ein
Tisch, ringsum Stühle und ein Kanape von hartem Holz. Zum Ueberflusse
eingerahmte Bilder: hier das Sinnbild der Dreieinigkeit; dort ein
pausbäckiger Zweimaster mit österreichischer Flagge; ferner weibliche
Schönheiten aus allen vier Welttheilen. In einer Ecke ein Käfich mit
zwei Kanarienvögeln. Für mein Lager war zur Seite der Kajüte ein
Kasten, den man ~cuccietta~ nennt, und der durch zwei Flügelthürchen
verschlossen werden kann. Der Kapitän hatte noch ein besonderes
Schlafgemach, welches durch Thüre und Vorhang von der Kajüte getrennt
war.

Um zehn Uhr sollte der Kapitän ankommen; allein die Vergnügungen auf
dem Lande fesselten ihn über die Zeit. Mich überfiel Schläfrigkeit;
ich begab mich zu Bette, nicht ohne einige Besorgniß, auf einem Lager,
welches durch seine Weichheit sich nicht zum Besten empfahl, nur
mit Mühe den Schlaf zu finden. Bald langte der Hauptmann mit meinem
Reisegefährten an. Es dauerte nur noch kurze Zeit, und ich schlief.


+Den 4. September.+

Nach Mitternacht hörte ich lautes Getrampel. Die Matrosen waren
beschäftigt, das Schiff in segelfertigen Stand zu stellen. Erst in
der Frühe wurden die Segel dem Winde gegeben. Doch wir mußten zuerst
laviren; denn einiger Proviant und das unter polizeilicher Aufsicht
gelegene Schießpulver waren noch nicht eingetroffen.

Ein zureichender Grund bewegt mich, meinen Reisegefährten +Cesare+
nicht bei seinem Familiennamen in den Kreis meiner Leser einzuführen.
Aus einem großen Dorfe bei Mailand gebürtig, studirte er in Pavia,
hielt sich als Apothekergehülfe in Venedig, und die letzten vierthalb
Jahre in Triest auf. Er theilte mir, auf verdankenswerthe Weise,
eine Reisebeschreibung, ~Viaggio in Siria e nella Terra Santa~ von
+Giovanni Failoni+ (~Verona, 1833, Pietro Bisesti~), mit. Ein anderer
Passagier blieb zu nicht geringem Verdrusse des Schiffmäcklers aus,
wiewohl er sein Jawort zur Abreise gegeben hatte. Er war ein Deutscher,
dem Vermögen nach unabhängig, und nur Reiselust entzog ihn seinem
Familienschooße. Wenige Tage vor meiner Abreise erhielt er aus Kairo
Nachricht vom 31. Juli, daß dort die Cholera herrsche, und eines
Mehrern bedurfte der bewegliche Mann nicht, um den Reiseplan vorläufig
auf sich beruhen zu lassen. Mittlerweile lief noch denselben Tag, auf
welchen unsere Abreise festgestellt war, ein Schiff von Alexandria
ein, mit der günstigen Zeitung, daß der Gesundheitszustand in Egypten
befriedigend sei. +Von Hezels+ arabische Grammatik, aus der freigebigen
Hand des zurückgebliebenen Deutschen, war wohl ein geringer Ersatz für
eine Gesellschaft, auf die ich vergeblich mich so lebhaft freute.

Der Kapitän, ein starkbärtiger Mann, von gedrungenem Körperbau, noch
nicht dreiundzwanzig Jahre alt, war nicht ohne Bildung. Er sprach
etwas Französisch, benahm sich Anfangs zuvorkommend, und beantwortete
willig die Fragen, welche dem Reisenden auf der Zunge liegen. Die
ganze Bemannung des Schiffes machte keinen widrigern Eindruck, als die
Floßknechte, mit denen man auf der Isar und Donau von München nach Wien
reist.

Der erste Ort, der mir an der Küste auffiel, war das Kap von Istrien
(~Capo d’Istria~). Ein langes Gebäude bezeichnet das Gefängniß.
Dann Isola auf einer Landzunge; la Punta del Salvore. Die Nacht war
herrlich; der Mond verbreitete sanft seinen himmlischen Glanz über das
schweigende Meer. Triest war noch nicht verschwunden; man erblickte
immer noch seinen Leuchtthurm.


+Den 5. September.+

Endlich sieht man nichts mehr von Triest. Die Luft regt sich ein wenig,
und wir machen dabei einige Fortschritte. Das Schaukeln des Schiffes
vermochte mir leichten Schwindel zu verursachen, der sich nach einem
Trunk mit Rhum vermischten Wassers sogleich verminderte. Ich glaube,
die sattelfestesten Legitimisten könnten auf dem Meere Schwindelköpfe
werden. Mittags kehrte mein Taumel zurück, und ich fand für gut, mich
während des Mittagessens mit der einen Hand am Tische zu halten.
Uebrigens schmeckte mir die Suppe vortrefflich, und gleichzeitig
erging sich mein Auge an den Mehlperlen, weßwegen sie Paternoster
genannt wird; auch mußte ich über die Suppe lachen, daß sie, in allem
Ernst, mir im Teller die Ebbe und Fluth des Meeres anschaulich machte.
Unsern Cesare wollte der Schwindel ebenfalls übernehmen, er verließ
den wohlbedeckten Tisch, und begab sich auf das Verdeck. Der Sirocco
(Südostwind), der heute ziemlich stark blies, rieth uns, von der Küste
sich mehr zu entfernen, so daß man den Küstensaum in Osten, als einen
Spiegelrahmen, wohl wahrnehmen, aber keine Ortschaften unterscheiden
konnte.


+Den 6. September.+

Ein eingetretener Nordostwind brachte uns über Nacht beträchtlich
weiter. Wir näherten uns ziemlich dem Ufer. Des Morgens erblickte man
zur Linken, uns gerade gegenüber, den hoch über die Hügel emporragenden
Berg Caldiera; dann südöstlich das Promontore, wo bei Nacht den
Seeleuten eine Laterne leuchtet, und wo wir bald vorbeigeschifft waren;
ferner deckte den Hintergrund, in der gleichen Richtung, der Monte
d’Ossero, eine breite Bergkuppe, der erhabenste Punkt des Eilandes
Lossin. Jenes Promontore bildet den südwestlichen Grenzwinkel des
Festlandes, von Istrien. An dem Promontore vorbei; und es beginnt
das Mare Ouarenaro, an dessen Ende die Stadt Fiume liegt; auf diesem
Meere schlugen die Wellen wilder gegen das Schiff. Nach dem Zeugnisse
der Seemänner macht das Ouarenaromeer, im Winter, wenn der Nordwind
(~tramontana~) brauset, die Schifffahrt sehr schwierig. Ich genoß kaum
je in meinem Leben so entzückende Augenblicke, als an diesem Morgen.
Majestätisch jagte unser Giusto die tobenden Wellen aus einander, die
selbst auf das Verdeck stoben. Der Anblick der entstehenden und gleich
wieder verschwindenden kleinen Hügel und Thäler war zu köstlich. Süß
verschmolzen vaterländische Erinnerungen in den wirklichen Genuß der
Seereise.

Ich vernahm, daß in der Nähe des Promontore eine alte griechische
Kolonie ihre Sprache und Sitten beibehalten habe. Ich gedenke dessen
nicht, weil ich glaube, etwas Neues zu schreiben, sondern weil es
mich nicht minder ansprach, als die Thatsache, daß, in der Nähe von
Verona, die Bewohner der Sette comuni, als Abkömmlinge deutscher
Auswanderer, noch ein deutsches Sprachgerippe reden, obschon sie von
der italienischen Sprache umringt sind.

Wir geriethen in eine Inselgruppe: zur Linken Unie, Canidole, zur
Rechten die kleine, jedoch nicht minder merkwürdige Insel Sansego, weil
sich auf ihr keinerlei Gestein findet, während der Archipel gleichsam
nur Steinhaufen vorstellt. Aus Sand und wenig Erde bestehend, wird
diese Insel von ungefähr fünfhundert Einwohnern zum Weinbau benutzt,
die sich in der Zwischenzeit mit dem Fischfang abgeben.


+Den 7. September.+

Nach dem Erwachen stellte sich zur Rechten die Insel Pietro di Nembo,
und östlich im Hintergrunde eine bergichte Küste dar, welche zu
Kroazien gehört. Noch Vormittag erreichten wir den sogenannten Hafen
von Lossin grande.



Mein Aufenthalt auf dem Eilande Lossin oder Ossero.


Lossin interessirte mich ungemein, weil mein Auge so viel Fremdartigem
begegnete. Das ganze Eiland besteht aus Kalkstein, der an den meisten
Orten nackt hervorguckt. Er lagert sich schief von Westen nach Osten,
und öffnet kleine Buchten oder, mit andern Worten, natürliche Häfen
in Menge. Derjenige in Lossin grande gewährt ziemliche Sicherheit
vor dem Ungestüm des Windes, faßt aber bloß drei größere Schiffe
(~bastimenti~). Um so geräumiger dagegen ist der Hafen von Lossin
piccolo, der wenig zu wünschen übrig läßt. Zwischen den so zahlreichen
Steinblöcken, welche der Insel ein ziemlich ödes Ansehen verleihen,
erscheint hie und da eine röthliche Erde, welche, obwohl sie nie
gedüngt wird, leicht hervorbringt. Die Vegetazion überraschte mich
besonders. Fast überall stark- und wohlriechende Pflanzen, welche
den freigebigen Süden begleiten. Wenn ich ausging, so war es meine
Wonne, einen wohlriechenden Strauß zu pflücken. Die Einwohner selbst
scheinen durch die Gewohnheit für die Genüsse, welche die Flora
darbietet, unempfänglich geworden zu sein. Nirgends sah ich auch nur
einen Blumentopf; nirgends ein Mädchen mit einer Blume oder einem
Strauße geschmückt. Unter den angebauten Gewächsen stehen der Oelbaum,
der Feigenbaum und die Rebe oben an. Beinahe so oft ich den Oelbaum
betrachtete, trug die Phantasie mich in das gelobte Land, wovon das
Buch aller Bücher so viel Denkwürdiges erzählt. Vor allen andern
ein zahlreich gepflanzter Baum, bemüht er sich an den Abdachungen
Lossins, von den Steinen den Charakter der Traurigkeit auszulöschen.
Das Lossiner-Baumöl ist sehr gut, und soll selbst demjenigen von Lucca
nicht nachstehen. Hundert Pfund (zu 16 Unzen) Oliven geben beiläufig
vierzig Pfund Oel. So rechnen die Leute. Außer, daß die Feige frisch
gegessen wird, vermengt man sie auch mit Gewürz und bereitet eine Art
Teig, der in etwa vier Zoll hohe Kegel geformt und dann an der Sonne
getrocknet wird. Man nennt diese Mischung Feigenbrot (~pane di fichi~),
und wird im Winter als Leckerbissen genossen. Auf die Rebe wird
möglichst wenig Sorgfalt verwendet; man enthebt sich der Mühe, sie zu
pfählen; nur an wenigen Orten wird sie etwa an einer Mauer aufgezogen;
sie kriecht daher auf dem Boden fort, wie der Himbeerstrauch. Bei
meiner Anwesenheit war die Weinlese zum Theile schon vorüber. Die
gesammelten Trauben bringt man in einen Schlauch, von der Gestalt
eines mißgeborenen, ausgestopften Kalbes. Es ist recht drollig zu
sehen, wie die Weiber solche Mißgestalten auf ihren Köpfen tragen. Der
Sack ist in der That nichts Anderes, als das Fell eines Ziegenbockes,
welches ganz nahe geschoren, gleich hinter den Vorderbeinen ringsum
abgeschnitten und dann umstülpt wird. Die den Hinterbeinen und dem
Schweife entsprechenden Oeffnungen zugebunden, wird das abgezogene Fell
bloß mit dem Athem aufgeblasen und an der Luft getrocknet. Hierin liegt
alle Kunst der Sackbereitung. Der Wein ist stark, aber herbe, schwer,
etwas bitterlich. Es gibt auch sehr guten, süßen und geistigen Wein,
dessen Bereitung aber auf besonders delikate Weise geschieht, und der
nur auf die Tafel fashionabler Lebeleute gesetzt wird. Als Seltenheit
wächst auch der Dattel-, Granat-, Zitronen- und Pomeranzenbaum.

Lossin grande wie piccolo bieten kein übles Aussehen. Die Häuser sind
von Stein gebaut; das Wenigste daran von Holz. Die Dächer bestehen aus
Hohlziegeln. An einigen Häusern Rinnen, durch welche das Wasser ins
Innere der Wohnungen zum Hausgebrauche geleitet wird. Von andern aber
rieselt das Wasser in der Rinne, wenn es nicht in Kübeln aufgefangen
wird, auf die Straße herunter, wo es fortfließt, um bei starkem Regen
ein ordentliches Bächlein zu bilden. Auf Brunnenquellen würde man
sich umsonst trösten. Ihre Stelle vertreten Ziehbrunnen. Nicht von
allen Häusern erheben sich Kamine. Im Freien, an den Eckmauern der
Wohngebäude sah ich an vielen Orten eine Art Herd. Die Mauern schienen
mir sehr fest, wozu sich der harte Kalkstein vortrefflich eignet, und
der Mörtel zeichnet sich durch Güte aus. Ueberhaupt mögen hier die
Mauern viel länger halten, als in nördlichen Gegenden, wo die Kälte
unermeßlichen Schaden anrichtet, wie besonders das Jahr 1830 bezeugen
kann. Um Gassen anzulegen, wurde an vielen Orten nur der Kalkfelsen
ein wenig ausgeebnet. Sie werden länger dauern, als anderwärts die
auf’s kunstreichste und kostbarste gepflasterten Straßen. Allein sie
laden eben nicht am freundlichsten ein. Die spitzigen Geschiebsteine
schneiden beinahe in das Leder der Schuhe, und leicht gleitet man auf
den Flächen des Felsen -- nicht in den Himmel, wohl aber auf den Boden.
Besonders mühsam wird das Gehen außer den Dörfern. Wer einmal in der
Schweiz einen recht steinigen, doch bessern Bergweg wandelte, kann sich
das Gehen auf den hiesigen Landwegen gar leicht vorstellen. Ueber große
Unreinlichkeit auf Plätzen, Wegen u. s. f. könnte man gerade nicht
klagen. Keine Misthaufen. Das Vieh ist aber nicht zahlreich; wenig Kühe
werden gehalten; am meisten noch Schafe und Ziegen. Letztere haben
lange, seidenartige Haare und liefern einen schmackhaften Käse. Nur ein
einziges Pferd nahm ich wahr; es ritt darauf eine kranke Frau, sich
Bewegung zu verschaffen. Ein Fuhrwerk rollte schon gar nicht vorüber.
Es zieht sich zwar eine schmale Straße von dem großen Lossin nach dem
kleinen, die allerdings fahrbar wäre, wenn man auf eine Lustfahrt
Verzicht leisten wollte. Es darf übrigens nicht unerwähnt bleiben, daß
auch hier die französischen Umwälzungsmänner eine Spur ihres Wirkens
zurückließen, indem +sie+ diese Straße bauten. Andere, als solche
Thiere, welche der Hauswirthschaft, so zu sagen, angehören, sind selten.

Um die Bewohner zu beobachten, war mir +Mariens+ Geburtstag
willkommen. Soll ich im Namen Lossin grande beklagen, daß die dortigen
Frommen die obere Kirche nicht ausfüllten? Wie ich in das Gotteshaus
trat, spielte eine Musik, die hätte zum Tanze ermuntern können. Erst
als die Orgel ertönte, hob eine ernstere Melodie an. Die Frauen knieten
bald auf den Boden, bald ließen sie sich auf die Fersen nieder, andere
saßen auf dem Boden, indem sie die Füße auf einer Seite an sich zogen,
noch andere kauerten bloß auf einer Ferse, und streckten den andern Fuß
vorwärts, daß das Bein der Länge nach auf dem Boden ruhete. Uebrigens
wußten sich alle gar züchtig niederzusetzen. Man durfte wenigstens
drei Viertheile Frauen auf nur einen Viertheil Männer annehmen: ein
Mißverhältniß der Leute beiderlei Geschlechtes, das später klar wird.
Ein ziemlicher Theil Frauenzimmer war gar schön aufgeputzt, und ihre
Andacht spendete dann und wann einen Blick auf die Seite in die Welt,
und vermochte ein weltliches Schmunzeln nicht zu überwinden. Die Zahl
der Priester fiel mir auf. Das große Lossin zählt zu seinen 2400
Einwohnern vierzehn Priester, darunter vier, welchen die eigentliche
Seelsorge obliegt. Einige Male traf ich einen alten, gutmüthigen
Priester auf der Straße: seine Kleidung lieferte einen ansehnlichen
Beitrag zu Löchern und Lappen, das heißt, zur Bescheidenheit und Demuth.

Die Leute kleiden sich wohl. Selbst in der Hitze des Tages umgibt
die Jacke den Oberleib. Von der Kleidung der Männer springt nichts
Besonderes in die Augen. Dem weiblichen Geschlechte gebührt das Lob
oder der Tadel eines eigenthümlichen Kopfputzes. Ein Flor von Musseline
bildet auf jeder Seite einen Ring, ohne den Kopf zuzudecken. Wer möchte
diesen Rückprall einer Kinderei schön nennen?

Die Lossiner thun sich durch Körpergröße hervor. Man muß zwei
Menschenschläge unterscheiden, einen italienischen und slavischen.
Die Venezianer eroberten zu seiner Zeit die Insel. Vom italienischen
Schlage sind sowohl reine, als mit dem slavischen vermischte Sprößlinge
vorhanden. Auf den Leuten vom italienischen Schlage ruht der Zug der
Schönheit, von etwas Edlem, von Stolz, welcher Zug sich in der Regel
charakteristisch beim Herrscher ausspricht. Das pechschwarze Haar
und die Gluth der schwarzen Augen könnten uns in die Mauern Padua’s
versetzen. Die Bewohner vom slavischen Schlage, weitaus die Mehrzahl,
zeichnet ein breites Gesicht, hervorstehende Backenknochen (selten
volle Backen), eine etwas ausgebogene Nase, üppiges, bräunliches oder
blondes Haar aus. Wie es zwei Schläge gibt, so zwei Sprachen. Der
Sieger brachte das Italienische, welches jetzt noch in den Kreisen der
Wohlhabendern geredet wird; bei den Uebrigen das Kroatische, welches
vorherrscht, oder die eigentliche Landessprache ist.

Die Leute beschränken sich in ihren Beschäftigungen nicht bloß auf
Viehzucht, Ackerbau, die Weiber auf Spinnen, Sticken u. dgl., sondern
die Lossiner beziehen ihre Nahrung auch vom Fischfang, und, die
Hauptsache, ein bedeutender Theil verlegt sich auf die Schifffahrt.
Die Lossiner bilden mit den Bocchesen den Kern der österreichischen
Seemacht. Lossin piccolo nennt mit Stolz allein über achtzig größere
Kauffahrteischiffe (~bastimenti~). Da stößt man auf eine Menge
Kapitäne, welche die Meere durchsegelten, und von Konstantinopel,
Alexandrien, Algier, London u. s. f. erzählen, nur nicht von Stürmen,
als etwas Abgedroschenem. Bewog Liebe zu ihren Ehemännern selbst
Frauen, sich auf unsichern Fluthen zu entfernen, um zugleich angenehme
Berührungen mit den berühmten Städten der Welt herüber zu nehmen.

Der Vater des Kapitäns, Podestà (Gemeindspräsident) +Budinich+, empfing
uns mit vieler Gewogenheit. Am zweiten Tage nach der Ankunft in Lossin
wurden +Cesare+ und ich von ihm zu einem Mittagsmahle eingeladen. Gern
entsprachen wir der Einladung. Zwei Familien vereinigten sich, um sich
und uns Gesellschaft zu leisten; die Menge Kinder dabei lachte, lärmte,
befahl u. dgl., so daß Einem die Zeit nicht lange werden konnte. Das
Gespräch verbreitete sich größtentheils über Seereisen. Ich wurde als
Mann mit deutscher Zunge auf recht schonende Weise behandelt. Einmal
sagte der Signor’ Patrong’ zu +Cesare+, als dieser nicht trinken
wollte: ~Italiani~, ~Sociani~. Er sagte es in so gutem, so wenig
exkommunizirendem Tone, daß ich es ihm nicht im mindesten übel nehmen
durfte. Die Tafel war üppig bestellt, und deßwegen schon ein Dorn in
meinem Auge, um mich an einem andern Tage nochmals zu ihr hinzusetzen.
Der freundliche Ton der Familien gefiel mir unaussprechlich. Ich möchte
behaupten: Familienliebe ist eines der erhabensten religiösen Gefühle.
Unser Hauptmann saß neben dem Vater, bescheiden und wenig redend,
der innigsten Liebe Blicke brüderlich erwiedernd, welche auf ihn die
daneben sitzende Schwester heftete; für ihn plauderte der erfahrnere
Vater; der Sohn gebot auf dem Schiffe, wo er an seinem Platze war.

Der Umstand, daß wir wider Erwarten lange nicht in die See stechen
konnten, trug dazu bei, daß ich die Insel noch genauer kennen lernte.
Die Lebensmittel sind zum Theile sehr wohlfeil. Ein Seidel Wein, d. h.
ein Viertel eines Triestiner-Pokale, kostet nicht einmal 5 Pfennige R.
V. So wenig haushälterisch geht man mit den Trauben um, daß solche hie
und da auf den Wegen herumliegen. Dagegen ist die Milch überaus theuer.
Ein Pokale Schaf- oder Ziegenmilch kostet 12 Kr. R. V., also über die
Hälfte mehr, denn so viel Wein.

Als ich eines Nachmittags nach dem kleinen Lossin ging, zog eine
Weberin meinen Blick auf sich. Ich trat sogleich in das Zimmer. Eine
alte Frau, mit einer Brille auf der Nase, jagte mühsam das Schiff durch
die Kette. Der Webstuhl war sehr einfach, klein und so eingerichtet,
daß er mit leichter Mühe an einen andern Ort gebracht werden kann. Das
Weib wob grobes Tuch. Indem es mit beiden Füßen zugleich, jetzt auf
die einen zwei, dann auf die andern zwei Schemmel, überhüpfte, setzte
es diese in Bewegung. Gleich hernach nahmen meine Aufmerksamkeit dem
Webstuhle gegenüber sich befindende zwei Steine in Anspruch. Es waren
Mühlsteine, die von Menschenhand herumgedreht werden, um das Speisemehl
zu bereiten. Solche Mühlsteine trifft man in den meisten Bauernhäusern.
Dürftigkeit ruft der Einfachheit. Auch dieses Mahl-, Web-, Wohnzimmer
u. s. f. war etwas sparsam durch das Fenster beleuchtet, und das meiste
Licht trat durch die Thüre. Das Nämliche gilt auch von vielen andern
Häusern. So sah ich ein Mädchen nicht ohne Kunst auf einem Rahmen
nähen; um aber die, die Augen etwas mehr anstrengende Arbeit verrichten
zu können, mußte es sich an die Thüröffnung setzen.

Lossin grande kann sich eines Kalvarienberges rühmen, dessen Aussicht
das Meer ringsumher beherrscht. Im Hintergrunde des Ostens steigt das
Küstenland Kroaziens himmelan. Doch welch öder Anblick! Fast nichts als
Stein oder Felsen bieten sich dem Auge dar. Wenn der Himmel recht hell
sei, soll man im Westen selbst Ankona sehen. Da die Bewohner von Lossin
keine tiefe Erde aufzuweisen vermögen, so leuchtet bald ein, daß sie
keine Gottesäcker, dafür aber Todtengrüfte besitzen. In Lossin grande
öffnet sich gleich neben der untern Kirche eine Gruft. Durch eine
der fünf Oeffnungen wird die Leiche an Stricken in dieselbe versenkt.
Ein Sarg würde zu viel Raum einnehmen, und so werden die sterblichen
Ueberreste bloß in ein Tuch gewickelt, um sie beizusetzen. Es kann sich
bisweilen ereignen, daß eine Leiche auf eine andere geschichtet wird;
doch sucht man dieß bestmöglich zu vermeiden. Die Oeffnung wird nach
jeder Beisetzung durch eine Steinplatte geschlossen und zugemauert,
damit die kadaverösen Aushauchungen der Gesundheit keinen Schaden
zufügen. Der Boden der Gruft ist siebartig durchlöchert, und deckt eine
andere Höhle, welche mit dem Meere in Verbindung steht. Durch dieses
Sieb finden nun diejenigen Theile des menschlichen Körpers, welche der
Verwesung zufallen, einen Ausweg, und das bloße Gerippe bleibt am Ende
zurück. Wehe einem Scheintodten, welcher in einer solchen Gruft wieder
lebendig würde. Grauenvolleres könnte man sich kaum vorstellen, als
das Leben unter faulen, stinkenden Leichen, wo die Aussicht, dasselbe
zu retten, so gut, als ganz abgeschnitten wäre. Ich bedaure es, daß
ich die Gruft selbst nicht sah. Wohl nahm ich in der Kirche einen
ausgesetzten, nur mit einem dünnen Tuche verhüllten Leichnam wahr.
Im Hause des Herrn +Marco Sopranich+ zeigte man mir einen Sarg,
worin Wachskerzen aufbewahrt werden, auf den Fall, daß im Hause Jemand
sterbe.

Die Festtage scheinen die Lossiner nicht so strenge zu feiern, als
die Katholiken der deutschen Lande. In Lossin piccolo war an +Mariä+
Geburt die Fleischbude offen, und Einer blies so eben das Fell eines
Ziegenbockes auf. Lumpige und unreinliche Leute trugen sich auch an
diesem Tage nicht anders, als an Werktagen. Einen großen Theil des
Volkes soll die Armuth in hohem Grade drücken. Es ist voreilig, wenn
man von vielen Reichen gleich auf den Wohlstand der Bewohner eines
Landes im Allgemeinen schließt. Wenn allerdings unter den Lossinern
manche sich ansehnlicher Schätze erfreuen, so muß man indeß bedenken,
daß das Eiland der See +eine Menge Matrosen+ liefert, welche zu Hause
ein Weib mit Kindern unterhalten müssen, und +wie+ unterhalten?
Kärglich.

Es war am 10. Abends, als ich dem Podestà, dem Vater des Kapitäns,
meine Aufwartung machte, weil die Abfahrt des Schiffes auf den 11.
bestimmt war. Ich wurde dießmal über das Befinden der Frau Podestà
befragt, und Tages darauf sollte ich mehrern Frauen von Lossin meinen
ärztlichen Rath ertheilen. Ich entsprach dem Ansuchen um so lieber,
einerseits, als die Wiederaufnahme meiner Geschäfte, wenn auch nur
auf kurze Zeit, am ehesten geeignet war, den entstehenden Ueberdruß
zu verscheuchen, und um so lieber andererseits, als ich wußte, daß
der Arzt mit Dingen in Berührung kommt, die andern Reisenden leichter
entgehen. Darf ich mir ein Urtheil zutrauen, so läßt man sich auch
in Lossin viel verschreiben, um wenig zu nehmen; man will die Aerzte
aushorchen, um aus ihren Ansichten diejenigen zu wählen, die gleichsam
am meisten schmeicheln, um nicht zu sagen -- die Bequemlichkeit am
wenigsten stören. Die alten Frauen zeigten ungemein viel Lebhaftigkeit
in der Rede, wie im Benehmen; ich hörte nicht den leisesten Ton der
Klage. Die Sprache legte dem Krankenexamen einige Hindernisse in den
Weg. Da ich mich im Italienischen nur mit vieler Mühe ausgedrückt
haben würde, so begleitete mich der Kapitän, und übersetzte meine in
französischer Sprache gestellten Fragen ins Italienische, und bei einer
Magd mußte dieses dann erst noch ins Kroatische übertragen werden, weil
der Hauptmann von seiner Landessprache zu wenig verstand.

Ein alter Schiffseigenthümer, der an einem Lippenkrebse litt, kam
zu mir an Bord, um ärztliche Hülfe zu suchen. Ich hielt deßwegen
mit dem achtungswerthen ~Dr.~ +Boselli+, welcher in Lossin piccolo
niedergelassen ist, eine Konsultation. Es wurde diese am Borde
gepflogen, weil ich wegen der Ruhr nicht ausging, die mich seit zwei
Tagen plagte.


+Den 14. Herbstmonat.+

Dem Eigenthümer des Schiffes, einem reichen Manne, machte es Vergnügen,
den Giusto in dem Hafen zu sehen, und so konnten wir einmal wegen
dieses fatalen Vergnügens nicht weg. Doch heute war es ihm selbst daran
gelegen, daß die Abreise nicht länger verzögert werde. Indessen hatten
unglücklicher Weise der Herr +Marco+ und der Himmel ungleiche
Launen. Man wollte die Brigg aus dem engen Hafen herausbugsiren; allein
der Wind blies so widerlich, daß man den Versuch aufgeben mußte.

Mittlerweile umgab uns Gesellschaft. Der Vater des Kapitäns nebst
seiner Gattin und einer hübschen Anzahl Kinder waren am Borde --
im Abschiedsgeleite und auf dem Wege zum Landgute. Mich freute es,
dießmal die Familie in alltäglichem Putze zu sehen. Der Podestà, ein
ziemlich betagter Mann, mit kahlem Kopfe, von fettem Leibe, trug
eine hinten breit abgeschnittene Jacke, an der hie und da die Naht
von einander gähnte; die schwarze Weste war mit hellbraunem Tabake
übersäet; die Schuhe roth, ordentlich schuppig, ein langes Register von
Lobsprüchen auf den Schuhflicker. Der gute Mann war stets aufgeräumt;
die alltäglichste Frage pflegte er zu deklamiren; er plünderte gerne
Stellen aus französischen Schriften, besonders aus +Rousseau+, welcher
so unbarmherzig die Geißel über die Aerzte schwang. Der französischen
Sprache keineswegs fremde, überwarf er sich leicht in der Aussprache;
z. B. +but+ statt bü (~but~). Sogar mit lateinischen Brocken sättigte
er zuweilen das Gespräche. Auf dem geschichtlichen Felde spielte er
am liebsten und beßten. Auf echt italienisch erzählte er, daß Lossin,
die Absorus der Alten, +früher+ bevölkert worden sei, als Rom. Die
Italiener führen den Adel auf ihre Urväter zurück, wie die wirklichen
Adelichen auf den Wipfel ihres hohen Stammbaumes hinauf. So lange die
heutigen Italiener nicht mehr leisten, erscheint ihr Adel possirlich
genug. Madame, eine Frau von Geist und sehr eingezogenem, stillem
Karakter, übernahm die Rolle als Kranke. Während des Mittagmahles
setzten ihr die Bewegungen des Schiffes so zu, daß ich nicht eilig
genug mein Felleisen öffnen, und ein Fläschchen herausziehen konnte.
Die verheirathete Tochter, eine fette, große Gestalt, mit der
Adlernase, mit Haaren, deren Farbe am wenigsten gefällt, von Ansehen
überaus gutmüthig, in der Rede äußerst nachläßig, schien das größte
Wohlgefallen am Lachen zu finden, auf daß sie ihre blendend weißen
Zähne weisen könne. Es fiel mir auf, daß die Kinder ihren Vater Signore
und ihre Mutter ~Signora~ titulirten. Uebrigens will der Titel mit
größerem Recht einen Platz, wenn man Jemandem +Herr+ sagt, der mehr
oder weniger über Einen herrscht, als einem Andern, dessen Herrschaft
man sich gelindestens verbitten würde.

Hatte der Herr Podestà sich satt gegessen, wozu, als zu einem
Lieblingsthema, er sich recht Zeit nahm, so suchten wir Unterhaltung im
Spiele. Ich konnte ihm die entzückenden Lorbeeren des Gewinnes leicht
gönnen, weil ich das Damenspiel auf italienische Weise erst lernen
mußte. Mit den Damen wechselten noch das Karten- und Dominospiel.

Ich vernahm, daß die ganze Familie, mit Ausnahme der verheiratheten
Tochter, die Nacht am Borde zubringen werde. Das wird wunderlich
hergehen, dachte ich bei mir selbst. Doch schickte sich die Sache
ziemlich gut. Matratzen wurden auf den Boden ausgebreitet, und nach
langem Aufbleiben legte sich Alles bunt darauf, der Dorfschulze,
versteht sich, am breitesten, +Cesare+ und ich steckten uns ohne
Komplimente in unsere Bettkasten (~cuccietta~).


+Den 16. Herbstmonat.+

Gestern wurden vergebens Versuche gemacht, um die offene See zu
erreichen. Die Familie blieb am Borde, essend, trinkend, gähnend,
schlafend, strickend, spielend, plaudernd, ganz wie den Tag vorher.

In aller Frühe hörte man Lärm auf dem Verdecke. Man bereitete sich
vor, das Schiff flott zu machen. Am Eingange des Hafens scheiterten
wieder alle Versuche, den Giusto weiter zu bugsiren. Unter einem
azurblauen Himmel, der von keiner Wolke getrübt war, durften wir wieder
liegen bleiben. -- Alles ~in majorem gloriam~ einer Laune.

Es war Mittag, der Tisch gedeckt, das Mahl bereitet. Der Scrivano
kam zu melden, daß ein wenig Windstille eingetreten sei, welche die
Ausfahrt erlauben dürfte. Sogleich Lärmen und Laufen. Endlich gelang
die Zangengeburt. Neun Tage mußten wir uns in dem Hafen von Lossin
grande aufhalten. Bei der Ausfahrt pikirte mich eine alte Figur
von neunzig Jahren. Es war ein etwas lumpig gekleideter, ehrwürdig
aussehender Chorherr, der in einem Kahne herumfischte. So muß die
Uebermenge Priester hier ihr Brot verdienen.

Bald erhielt unser Podestà einen Besuch am Borde von seinem
Stellvertreter. Ich möchte wohl um keinen Preis dessen Kupfernase
gekauft haben, aus lauter Besorgniß für einen Trinker, Notabene für
keinen Wassertrinker, gehalten zu werden.

Abends verließ uns die Familie +Budinich+, welche sich auf ihr
Landgut begab. Der Podestà drückte mir zwei Küsse auf den Mund, und
der Anstand forderte von mir ein Gleiches. Nichts widersinniger, als
daß die Männer sich küssen, und dabei die Bärte aneinander reiben.
Mein Urtheil über diese Familie fällt mit Entschiedenheit günstig.
Tugendhaftigkeit, Religiosität, die von Bigottismus weit abliegt,
hinderten jedoch keinesweges, daß mehr Ordnungsliebe noch eine äußere
Zierde wäre. Unsere Matrosen ruderten, vom Kapitän begleitet, die Gäste
ans Land, und nach anderthalb Stunden setzten wir unsere Seereise fort.
Diesen Tag ergötzten mich zwei Delphine, die drollig davon schwammen.


+Den 17.+

Links endete der Gebirgszug von Kroazien. Dort in der Nähe liegt Sarah.
Südwestlich erblickten wir den Berg von Ankona, dem wir, vom Sirocco
genöthiget, uns immer mehr näherten. Der Wind nahm Abends so zu, daß es
stürmte.


+Den 18.+

Diese Nacht brauste der Meeressturm, welcher uns zur Rückkehr zwang.
Die Wuth des Meeres vergönnte mir keinen Schlaf, und ich mußte mich
selbst in der Cuccietta halten, um nicht von einer Seite auf die andere
geworfen zu werden. In der Kajüte purzelte bald dieses, bald anderes
Geräthe. Des Morgens wollte ich auch Zeuge des Schauspieles sein. Ich
möchte es nicht beschreiben, weil es zu gewöhnlich ist, und beinahe
in alle Schilderungen von Seereisen, manchmal selbst da, wohin es im
Ernste nicht gehört, als Würze eingestreut wird. Auf dem Verdecke
fragte mich der Hauptmann: Wie gefällt es Ihnen? Das ist sehr schön,
antwortete ich, hingerissen vom Anblicke. Doch die angenehmen Momente
dauerten nicht lange. Auf die Einladung des Hauptmanns ließ ich mich am
Steuerborde nieder, im tröstlichen Glauben, daß ich von diesem, wie von
einer Brustwehr, geschützt würde. Kaum war ich recht festgesessen, als
eine Welle über Bord schlug, mich zudeckte und durch und durchnäßte.
Ich legte mich zu Bette um darin das Ende der Szene zu erwarten.

Kurz nach Mittag warfen wir im Hafen San Pietro di Nembo Anker, wo
wir schon gestern Abends vorbeigesegelt waren. Unangenehme Gefühle
bemächtigten sich meiner, weil das Schicksal mir nicht besser zum
Vorwärtskommen dienen wollte.


+Den 19.+

Wir begaben uns zur Kirche von San Pietro di Nembo. Ohne Thurm,
ungemein ärmlich und klein ist sie. Unter einem Dache vereinigen sich
brüderlich das Wirths- und Pfarrhaus. Dieses nämlich stellt eine Kammer
im obern Stocke vor. +Cesare+ und ich besuchten den Pfarrer. Ein fetter
Herr mit einer Perrücke, wußte er über sein Elend viel zu klagen. Er
beseufzete sein Schicksal das ihn der Carità unterwerfe. Es sei nicht
zu unserer Ehre gesagt, daß die Börse dabei nicht das mindeste Mitleid
empfand. Lateinisch verstand der Mann Gottes nicht; höchstens mag ihm
das Latein bei der Messe verständlich sein. Auf meine Frage: ~Quomodo
nominatur haec insula?~ erwiederte er: ~Ego sum parocho hic.~ Dieser
Mann kann sich, wie der Anschein lehrt, in einer Gemeinde, die nur
etwas mehr denn zweihundert Seelen zählt, fett essen.

Ich rede mit meinen Lesern wohl ab. Es ist ebensosehr meinen Ansichten,
als meinen Neigungen entgegen, konfessionistische Plänkeleien zu
eröffnen. Ich ehre die katholische Religion, aber nicht alle ihre
Bekenner, nicht alle ihre Priester. Ich habe es mit +Personen+ zu
thun, aber nicht mit der +Dogmatik+. So sehr ich dem Zartgefühl gegen
Andersdenkende und Andersgläubige Rechnung trage, so wenig nehme
ich Anstand, ein freies Wort über Personen, ohne Unterschied ihres
Glaubensbekenntnisses, zu führen.

Nachmittags besuchte ich die Wohnungen auf der südlich gelegenen Insel
San Pietro di Nembo. Dieses Eiland ist im Allgemeinen sehr gedeihlich,
und dem größten Theile nach ein Weingarten köstlich schmeckender
Trauben. Die Feigen wachsen üppig neben den Oliven. Würde der Bischof
in Veglia, +Giovanni Antonio+, welchem das Eiland angehört, diesem mehr
Aufmerksamkeit zulenken, es müßte beinahe zu einem Paradiese erblühen.

Die Wohnungen theilen mit dem Lande nicht das gleiche Lob. Wie die
ungarischen, in die Länge gebaut, haben sie nur ein Erdgeschoß; den
Kamin trifft man zur Seltenheit, und seine Stelle vertritt die Thüre
oder eine Queröffnung im Dache. Nicht minder selten sind die Fenster;
ich sah nicht ein einziges. Des Sommers tritt genug Licht durch die
Thüre, und wenn, was selten, im Winter die Kälte es nicht erlaubt,
die Thüre offen zu halten, so macht man auf dem Herde ein Feuer an,
und umlagert dieses, sich zu wärmen. Ich erinnere mich, des Sommers
auf Schweizerbergen mich aufgehalten zu haben, da es schneite, und da
es nicht weniger kalt war, als es in San Pietro di Nembo mitten im
Winter sein dürfte. Ich litt auf dem Berge von der Kälte sehr wenig.
Ich setzte mich ans Feuer, oder legte mich ins Bett, wie auch die
Hirten zu thun pflegen. Die Häuser von San Pietro di Nembo sind von
Stein gebaut und mit Hohlziegeln gedeckt. Anstalten für Bedürfnisse,
die ich nicht weiter bezeichne, nahm ich nicht wahr. Das Feld sei
ja thätig genug, mögen die Leute denken, indem sie die Reinlichkeit
zu niedrig anschlagen. Man suche in San Pietro keine eigentliche
Backhäuser. Als ich einem Haufen Steine begegnete, schaute ich hinein,
und siehe, es war ein Backofen mit kleinen Broten angefüllt; er mußte
wohl zu dem etwas weiter unten stehenden Häuschen gehören. Besonders
zog meine Aufmerksamkeit ein Haus auf sich, dessen Mauern bloß aus
übereinandergelegten Steinen bestanden, ohne daß sie mit Mörtel
verbunden gewesen waren. Ich ging mit ~buona sera~ hinein, und
fand zwar, daß das Innere der Mauern übermörtelt war. Wer aber hätte
hier einen Keller, eine Kammer, eine Küche, eine Stube, eine Mühle
gesucht? -- Um das Maß der Wirthschaft zu füllen, gleich außen an
der Mauer fand sich ein Backofen. Die Gesetze sind gegen die Winzer
nachsichtig. Jedes Häuschen verkauft sein eigen Gewächs, und so besteht
das Dörfchen aus lauter Schenkhäusern.

Die Bewohner, nicht ausgezeichnet groß, nicht schön, sind meist von
heller Farbe. Uebrigens sehen sie lebhaft und fröhlich aus. Zwei
Weibspersonen fanden gar großes Vergnügen, mit den Füßen im Meere,
den Saum ihrer Röcke, die sie trugen, zu waschen, und ihr schallendes
Gelächter bei diesem Geschäfte konnte sogar mich ergötzen. Was die
Leute indeß auszeichnet, ist die Unreinlichkeit und Lumpigkeit. Es ging
ein Weib vor mir her, an dem ich nichts unbegreiflicher fand, als daß
es einen Rock trug; denn dieser war so in aller Aufrichtigkeit voller
Löcher, daß -- --. Ich sah größere Kinder, die halb entblößt umher
gingen. Wegen des Schmutzes konnte man an vielen Kleidern, und unter
den Kindern an vielen Gesichtern die Farbe nicht gehörig erkennen. Nur
das Auge sah man rein, schön, unschuldig; wäre es aber möglich gewesen,
auch dieses zu verunreinigen, man würde es sonder Zweifel gethan haben.

Von diesen unzierlichen Leuten kommt ein guter Wein in den Handel. Es
war eben die Weinlese vorüber, als ich das Eiland besuchte, und mich
belustigte die einfache Bereitung des Nektars. Ein Böttcher hämmert in
dem dunkeln Häuschen die Fässer zurecht, und ein Mann steht im Fasse,
um Trauben herauszuschöpfen. Man wird da nichts weiter sehen; man gehe
nur gleich auf die Seite des Häuschens. Da zertritt und zerdrückt ein
Mann, im Freien tanzend, die Trauben. Sie stehen über einem Brete, in
einem hölzernen walzenförmigen Käfiche. Wenn der Treter darin keinen
Saft mehr auszupressen vermag, so wird derselbe weggehoben; der Treber
mit einem dicken Seile schneckenartig umwunden, und dann, einen Deckel
darüber, gekeltert. Wo man hinblickte, überall Weinfässer. Hier,
wo die Einfachheit ihren Sitz aufschlug, hat doch der Bauer seine
Fässer voll Wein, und würzt damit täglich seine Gerichte; hier, wo
Unzierlichkeiten allen Anstand auslachen, findet man wohl noch einen
Mörser oder eine Bank von Marmor. Doch allenthalben wenigstens einiger
Kontrast!

Ich wollte die Schafmilch kosten; allein die Schafe werden bloß im
Frühjahre gemolken.

Es gibt Leute, welche die Schulen mit schelen Augen ansehen. Sie werden
sich freuen, daß die San-Pietrianer einer Schule entbehren. Der Bischof
gehört nicht zu manchen edeln Bischöfen der katholischen Kirche,
die es sich zur Gewissenssache machen, für die Geistesbildung und
Herzensveredlung alle Sorge zu tragen.


+Sonntags, den 20. Herbstmonat.+

Der Nordwind stellte endlich sich ein. Wir lichteten die Anker. Allein
um den Kapitän abzuholen, mußten wir rückwärts steuern, in kräftigem
Kampfe gegen denjenigen, der uns für die Fahrt nach Alexandrien nicht
mehr Gunst hätte erweisen können. Der Kapitän ließ uns zudem beinahe
ans Ufer segeln, und damit Alles ja recht langsam und zeremoniös
hergehe, sich von seiner ganzen Familie bis an Bord begleiten. Durch
die Schuld des Hauptmanns verloren wir fünf der günstigsten Stunden.
Dießmal wich von mir die Geduld, und auf meiner ganzen bisherigen
Reise hatte ich keine trübern Augenblicke. Ich lasse mir die Geduld
gerne gefallen, wenn ein ungünstiger Wind, dem kein Mensch den Lauf
befiehlt, die Fahrt hemmt; wo aber diese rein vom menschlichen Willen
abhängt, erscheint die Sache in einem andern Lichte. Es wäre Pflicht
des Kapitäns gewesen, an Bord zu bleiben, und er hätte beherzigen
sollen, daß, nachdem bereits fünfzehn Tage auf der kleinen Reise von
Triest nach Lossin verstrichen waren, jeder günstige Augenblick für
den Reisenden ein goldener sein mußte. Ich kann diejenigen, welche von
Triest aus das adriatische Meer in seiner Länge befahren, nicht genug
warnen, daß sie sich einem Kapitän von Lossin grande anvertrauen, darum
schon, weil es sehr schwer hält, bisweilen gar unmöglich ist, aus dem
Hafen zu dringen, selbst beim günstigsten Winde.

Links sah ich die Isola grossa, welche Dalmatien angehört.


+Den 21.+

Bei der Isola grossa vorbei; die Eiländer San Andrea und Lissa.


+Den 22.+

Windstille und schönes Wetter.


+Den 23.+

Vor dem Winde. Meist sah ich nichts, als Himmel und Wasser. Es ist
fürwahr ein eigener Anblick. Das Meer bildet eine Scheibe, dessen
Mittelpunkt das Schiff ist. Der Himmel wölbt sich wie ein Deckel über
die Wasserscheibe. Das ist nun freilich Alles, was man sieht.

Der Abend war ungemein lieblich und angenehm. Keine herbstliche Kühle,
kein Nebel. Nach dem Untergange der Sonne schien der Horizont auf der
Abendseite lange wie glühend. Als ich mich zu Bette legte, fühlte ich
ungefähr die nämliche Wärme, wie bei uns mitten im Sommer.


+Den 24.+

Albaniens Gebirge unterbrachen das Einerlei von Himmel und Wasser.
Eine frohe Stimmung entströmte dem Gedanken, daß ich schon einen Theil
der Türkei erblicke. Bisher sah ich keine andere, als christliche
Länder. Auf einmal drängten sich in meiner Phantasie die eigenen
Religionsgebräuche, die Moscheen, der Halbmond, der Turban vor.
Begreiflich wurde meine Sehnsucht nur um so reger, einmal das Land der
Mohammetaner zu betreten. -- Bis Abend waren wir so weit vorgerückt,
daß auch die Küste von Italien, gegen Otranto hin, als ein schmaler,
unansehnlicher Streifen dem Auge sich darstellte, indeß das türkische
Gebirge, der ~Monte della Pegola~ (Pechberg, weil dort Schiffspech
ausgebeutet wird), nunmehr sich in die Ferne verbarg.

Ich bestätige die Erfahrung manches Reisenden, daß man mit den
natürlichsten Fragen die Seemänner leicht in Unmuth bringt. Als ich dem
Kapitän einen konditionellen Satz über den Wind mittheilte, brummte er
beinahe kopfschüttelnd: +Wenn+ sagt alle Welt. Er schimpfte früher auf
die Trockenheit der Engländer, und ich ergriff diesen Anlaß, ihm zu
erwiedern: Es wäre mehr, als englische Trockenheit, wenn man sich der
+Wenn+ fürder enthalten wollte. Ich überzeugte mich, daß ich anderwärts
einlenken müsse. Meine Neugierde fand Mittel. Theils waren die Matrosen
mittheilender, wenn ich den Namen eines Landes, das ich eben erblickte,
erfragen wollte, theils sah’ ich dem Tagebuchhalter (~scrivano~) nach,
wenn er täglich den Standpunkt in Bezug auf geographische Länge und
Breite; wenn er die Richtung, welche der Wind und das Schiff nahm, wenn
er den stündlich zurückgelegten, in Seemeilen ausgedrückten Weg in das
Buch eintrug. Was wollte ich mehr? Denn durch die Güte des Kapitäns
stand mir doch die hydrographische Karte und der Teleskop zu Gebote,
daß im Grunde nichts mehr zu wünschen übrig blieb. Nur das Gespräch
ging ab, und wollte ich es erzwingen, mußte ich meine Seele in zwei
Theile spalten, damit wenigstens meine Seelenhälften mit einander
plaudern können. Die Zukunft entzifferte der Kapitän in der That nicht
viel besser, als ich und unsere Wetterpropheten, welche auf ein Jahr in
den Himmel hineingucken, um die Kalender zu schreiben.

Schon früher verlangte mich, die Apotheke des Kapitäns zu sehen. Nun
keine erwünschtere Gelegenheit, als heute. Der Kapitän benutzte die
Anwesenheit des Pharmazisten, um mit ihm die Arzneien durchzugehen, ob
sie noch brauchbar und ob sie richtig angeschrieben seien oder nicht.
Ich hätte meine Ohren zustopfen mögen, so sehr wurde gequacksalbert und
in den Markt geschrieen. Auch in der Arzneikiste des Kapitäns spielt
le Roi, und ich vergesse nie den Fanatismus, mit dem ein Deutscher in
Triest für diesen Arzt sprach, ihn den einzigen wahren Heilkünstler
nannte, und ihn als Heiland der Medizin nicht genug preisen konnte.
Ich glaubte, die Geschichte könnte uns vor Thorheiten solcher Art
schützen; aber nein, immer kehren sie zurück, und selbst in unserm
zu oft aufgeklärt genannten Jahrhunderte, nistet der tollste Unsinn,
nicht etwa bloß in den untern, sondern auch in den höhern Kreisen der
menschlichen Gesellschaft.

Vor Mitternacht noch verließen wir das adriatische Meer. Es endet auf
der türkischen Seite in Valona, und in Otranto auf der italienischen
Küste.


+Den 25.+

Immer guter Wind. Wir waren so fern, daß ich von der Insel Korfu
(~Corcyra~) das Gebirge undeutlich erblicken konnte. Ich sah heute
zum ersten Male das mittelländische, oder, wenn man näher will, das
jonische Meer; aber Wasser ist Wasser. Abends die Luft so warm, als
an unsern Sommerabenden. Ich durfte, bei offener Kajüte, mich nur mit
einem Leintuche bedecken.


+Den 26.+

Ich erblickte in der Ferne Santa Maura (~Leucadia~), etwas näher
Cephalonien (~Cephallenia~) und südöstlich das Eiland Zante
(~Zacynthus~). Cephalonien lag deutlich vor den Blicken. Wie
blau gefärbt erhoben sich die Berge im Süden. Abends gab die
hinuntersinkende Sonne diesem Eilande ein besonders malerisches
Aussehen. Jedes Uebel hat wieder sein Gutes. Wäre mir nicht der
köstliche Ausblick entzogen worden, wenn guter Wind unsere Segel
geschwellt hätte?


+Sonntags, den 27. Herbstmonat.+

Cephalonien stellte sich in den Hintergrund; dafür breitete Zante
sich immer mehr aus. Neben vielen Einkerbungen des Landes unterschied
ich Wohnungen der Zanteser. Ausgezeichnet schön konnte ich die mir
zugewendete Seite der Insel nicht finden.

Endlich tauchte aus dem Meere ein Theil vom griechischen Festlande,
der Peloponnes der Alten, das heutige +Morea+. Gefühle der Bewunderung
für die alten Griechen, waren die ersten, die mich ergriffen. Der
Bewunderung folgte dann Freude, daß ich so glücklich war, einen Theil
ihres Landes zu sehen. Ach, als ich die Feldherren des +Kornelius
Nepos+ las, deren Beschreibung mein junges Gemüth so lebhaft anzog, wie
hätte ich damals glauben dürfen, daß mein Auge es erreiche? So ungefähr
dachte ich beim Anblicke der griechischen Halbinsel.

Abends erkannte man das Licht des Leuchtthurms auf der Insel Stanfagni.
Hier soll auch ein griechisches Kloster stehen.


+Den 28.+

Heftiger Gegenwind, der üble Sirocco hielt mich den ganzen Tag gefangen
im Bette. Wir mußten laviren.


+Den 29.+

Zum Glücke wieder Abendwind, daß die Wellen sich aufbäumten. Er blies
uns hübsch weiter.

Für das Auge nur Himmel und Meer.

Abends lief ein Schiff in unsere Nähe. Die Flaggen wurden beiderseits
aufgezogen. Durch ein kurzes Sprachrohr ward zu einander gesprochen.
Aus den Fragen ergab sich, daß der Hauptmann, mit Reisenden am
Borde, von Alexandrien den Weg nach Marseille nehme, und daß +in
Alexandrien Pest und Cholera herrschen+. Diese Nachricht schlug meinen
Reisegefährten +Cesare+ ganz nieder, weil er keine Rezepte für die
Cholera mitgebracht habe. Der Kapitän seufzte aus Besorgniß, daß die
Schiffsladung schwer halten werde. Hat doch ein Jeglicher seinen Grund.
Es ist etwas Angenehmes, auf der Wasserwüste Leuten zu begegnen. Der
entzückende Abend bewog uns, auf dem Verdecke zu speisen.


+Den 30.+

Heute fühlte ich zum ersten Male so völlig, daß ich unter einem ganz
andern, dem schönsten blauen, aber heißen Himmel lebe. Von der Hitze
litt ich zwar nicht, weil ich den Schatten sorgfältig aufsuchte. Schon
waren wir über den 36ten Grad nördlicher Breite hinausgerückt.


+Den 1. Weinmonat.+

Schöne Witterung fuhr fort. Morgens schon erspähete ich einen
Gebirgsstreifen von Kandien, welcher über Wolken oder Nebel emporragte.
Bescheiden trat die winzige Insel Gozzo auf. Wir wurden bisweilen von
Schwalben besucht.


+Den 2.+

Windstille. Heerrauch, so daß man nicht immer Kreta (Kandien)
erblickte. Das Farbenspiel beim Untergange der Sonne gewährte ein
herrliches Schauspiel. Westwärts bis zum Schiffe schien das Meer in
flüssiges Gold verwandelt. Der Spiegel war glatt, außer den sanften
langsamen Wallungen. Das Wasser zeigte sich so liebsam, als lüde es
ein, mit ihm den Abschied der Sonne zu verherrlichen. Doch unter dieser
gefälligen Schminke grausiger Abgrund. Die Sonne selbst, wie glühendes
Erz, goß eine helle, lodernde Säule in das Meer -- uns zu. Als die
Spanier nach Amerikas Schätzen dürsteten, konnten sie das Gold nicht
schöner, nicht reizender sich vorstellen, als es mir vor Augen schwebte.


+Den 3.+

Windstille. Mittags erhob sich ein leiser Wind, und die Focklee-,
so wie die Vormarsleesegel rechterseits bekamen Pausbacken. Indeß
stand die Kandia immer noch nahe, und Abends zeigte sich der
weitherumschauende Idaberg in seiner ganzen Pracht.


+Sonntags den 4. Weinmonat.+

Ein wenig Wind. Das schönste Wetter, so warm und so heiter, als in
unsern Heumonaten. Der Gedanke erfüllte mich sehr oft mit Freude, daß
ich die sommerlichste Witterung genieße, während es zu gleicher Zeit
bei uns kalte Morgen und Abende, unfreundlichen Regen und Nebel gebe.
Das Land war entschwunden aus dem Gesichtskreise.


+Den 5.+

Schöne Witterung; wenig Wind. Abends spannte mich die lange Weile so
recht auf die Folterbank; doch unberechnete Umstände können sie oft
schnell verscheuchen. So flog eine Schwalbe daher, müde, schläfrig
und so kirre, daß ich sie schmeichelnd streicheln konnte, zu meiner
innigsten Freude. Endlich fing ich sie ohne Mühe mit der Hand. Die
Philosophie wappnete und wehrte sich vergebens gegen die Langeweile,
und ein kleiner Vogel machte allen Kampf der erstern zu Schanden.


+Den 6.+

Zum ersten Male waren wir überall vom Nebel eingeschlossen, doch nur
auf sehr kurze Dauer. Was hat ein Haus auf dem Lande zu rühmen, wenn
Nebel es umgibt? Man sieht Haus und -- Nebel; hier sehe ich Schiff und
Nebel, und doch noch zur Unterhaltung das frohe Spiel des Windes an den
Segeln -- -- --.

Endlich fing Mittags an ein frischer Nordwest zu blasen, der unser
Schiff beflügelte.

Seit zwei Tagen steuerte ein Schiff hinter uns. Wir waren 200 Seemeilen
von Alexandrien entfernt, als es die Flagge aufsteckte, zum Zeichen,
daß es der Hülfe bedürfe. Das Nothzeichen besteht darin, daß die
große Flagge gehißt und in die Quere zusammengezogen wird. Wir
segelten dem Schiffe, das wir früher für ein griechisches hielten,
sogleich entgegen und bald bekamen wir es in die Schußweite. Welch ein
Anblick für mich. Die Flagge ganz roth; am Borde Barbaresken, welche
nach Mekka zu wallfahrten vorhatten. Der Kapitän, ein Alexandriner,
mit seinem schwarzen Gesichte, dem Turban und den Pluderhosen war
ein gar rühriges, lebhaftes Wesen. Ein Matrose mit einem türkischen
Bunde bestieg behende die Strickleiter. Unser Schiffshauptmann
entsandte jenem auf italienisch den Gruß: Guten Abend. Er wurde von
dem alexandrinischen Kapitän in der gleichen Sprache erwiedert. Was
verlangen Sie? fragte unser Hauptmann. Er versetzte, daß er Mangel
an Wasser bekommen werde, und wenn solches unter den Pilgern ruchbar
würde, eine Empörung im Schiffe zu besorgen stände. Unser Hauptmann
fragte ihn weiter, ob er keine Krankheit am Borde hätte? Nein,
antwortete er, es ist Alles sauber. +Budinich+ versprach ihm Wasser,
doch wolle er Windstille abwarten, weil sonst die Fahrt zu viel
einbüßen müßte. Um zu beurtheilen, mit wie viel nautischen Kenntnissen
der arabische Seemann ausgerüstet ist, genügt einzig noch zu wissen,
daß der Reis (Kapitän) die Frage stellte, wie weit es bis Alexandrien
wäre? Als er dann die Entfernung erfuhr, erschien er hoch erfreut, und
fügte hinzu, daß wir morgen in Alexandrien einträfen. Der Auftritt
ergötzte mich ungemein. Ich besah mit bewaffnetem Auge die hingehockten
Hadschi (Pilger) in die Runde. Unser Kapitän hatte keinen Gedanken
an einen Streifer (Korsar). Ich wußte es nicht, und vertraute dem
Hauptmann und -- unsern Kanonen.


+Den 7.+

Vor gutem Winde. Obschon unsere Brigg nicht der beßte Segler war, blieb
das egyptische Fahrzeug dennoch zurück, so daß wir es ganz aus den
Augen verloren. Unter solchen Umständen wäre es überaus schmerzlich
gewesen, einige Segel einzuziehen, bis der Araber uns eingeholt haben
würde. Was werden aber die ohne Hilfe zurückgebliebenen Mohammetaner
von der christlichen Liebe denken? Als es gestern hieß, daß ein Schiff
auf der weiten, hohen See Hilfe begehre, so entzückte mich der Gedanke,
daß man selbst auf diesem treulosen Elemente nicht ganz verlassen sei,
und ich sagte zum Hauptmann, es sei Christenpflicht, Andern in der Noth
zu helfen. Nein, entgegnete er, es sei moralische Pflicht. Noch besser.
Denn wenn es bloß Christenpflicht wäre, dem Nebenmenschen beizustehen,
was wollten die Mohammetaner, nothleidenden Christen gegenüber, thun,
jene Andersgläubigen, welche die +christliche+ Pflicht als solche
nicht kennen? Es muß also eine allgemeinere, als bloße Christenpflicht
geben. Es ist Menschenpflicht, Andern in der bedrängten Lage hilfreiche
Hand zu reichen.

Nun ein weiteres Wort über meinen Hauptmann und den Gefährten
+Cesare+. Jenem macht die Gutmüthigkeit Ehre, die Launenhaftigkeit
Mühe, das jugendliche Alter Belehrung fühlbar. Der Pharmazist, eine
lange, hagere Gestalt mit glänzend schwarzen Haaren, mit einer
schmalen, kurzen Stirne, einer vollen Baßstimme, ist ein seltenes
Muster von einem rechthaberischen, anmaßenden Menschen[1]. Selbst
über arzneiwissenschaftliche Dinge mußte ich ihm Recht lassen, nur um
unangenehme Auftritte zu vermeiden. Qualvoller kann man sich die Lage
eines Arztes kaum denken, als die meinige war. Wo nur etwas Weniges
haperte, war +Cesare+ mit Arzneien, z. B. mit einem Abführmittel,
bereit. Er zeigte sich unerschöpflich, dem Hauptmann Rezepte zu
diktiren. Ich schwieg, weil ich zu gut einsah, daß die Quacksalberei
ihr Hauptlager hier aufgeschlagen hatte. Von solchen Querköpfen als
Arzt anerkannt zu werden, konnte mich nicht begierig machen. Betrübend
und ergötzlich war es zu gleicher Zeit für mich, wahrzunehmen, daß die
Quacksalberei im Ganzen wenig Segen hatte. Der Kapitän befand sich erst
besser, als er auf das Einnehmen der Arzneien Verzicht that. Ich suchte
ihm begreiflich zu machen, daß man der Natur mehr vertrauen müsse, und
daß, bei fortwährendem Verschlucken von Arzneistoffen, bisweilen der
Körper in einem Grade von Abhängigkeit sich daran gewöhne, wofern jene
ihn nicht ganz zerrütten. +Cesare+ selbst litt nicht am wenigsten,
vielleicht nicht am unverdientesten. Um durch ein Beispiel anschaulich
zu machen, was für seichte Gespräche mitunter geführt wurden, so
zankten sich die Helden lange, indem +Cesare+ behauptete, daß Egypten,
so zu sagen, in Europa liege. Er las in dem ~Universo pittoresco~,
einem, aus dem Französischen ins Italienische übersetzten Werke, daß
Egypten, zwischen Asien und Afrika, von den Geographen bald zu jenem,
bald zu diesem Welttheile gezählt werde. Er faßte die Stelle unrichtig
auf, und behauptete, daß es heiße, Egypten gehöre weder +Asien+, noch
+Afrika+ an. Nun schloß er, es müsse Europa zufallen. +Cesare+ wandert
nach Egypten, um sich Schätze zu sammeln. In wie weit ihn edle Gründe
leiten, konnte ich nicht erschauen; so viel wurde mir klar, daß er ein
überspannter Glücksritter war. Als er in der gleichen Schrift las,
daß, nach +Pariset+, der Verbreitung der Pest durch Verbrennung der
Leichen, wie vor Alters, ein Ziel gesetzt werden könne, gerieth er in
gänzliche Wallung, und äußerte sich, daß man dieses Mittel ausführen
sollte, ja ausführen müsse, weil er an die Untrüglichkeit schon
glaubte. Je mehr dem Menschen an gründlichem Wissen gebricht, desto
mehr läuft er Gefahr, eine Beute der Leichtgläubigkeit zu werden.

Seit einigen Nächten fühlte ich eine Plage, die ich früher nie kannte.
Ich mag die neue Auflage lebendiger Pfennige nicht nennen.


+Den 8. Weinmonat.+

+Diesen Morgen entdeckte der Hauptmann auf dem Mastkorbe Alexandrien.+
Ich fühlte keine besondere Freude bei der Mittheilung dieser Nachricht,
einestheils, weil die Witterung in der letzten Zeit, seit mehr
denn drei Wochen, die schönste war, die je mein Leben erheiterte,
anderntheils, weil ich die Zeit recht leicht mit Lesen, Schreiben, z.
B. mit Uebersetzen aus dem Italienischen, mit der Tagebuchhaltung,
früher auch mit Spiel, hinbringen konnte, so daß mich nur wenige
Stunden eigentliche Langeweile folterte, -- dann auch, weil das Landen
an einem Orte mit zwei Pestilenzen einige unangenehme Gefühle erregte,
so sehr das Interesse der Wissenschaft die Resignazion vorbereiten
mochte.

Daß ich ruhrkrank wurde, habe ich oben erwähnt. Es entging mir nicht,
daß die Ruhr einen ernsthaftern Karakter hätte annehmen können.
Ich hege die Ueberzeugung, daß ich die schnelle Wiederherstellung
vorzüglich einer ganz geregelten Lebensart, namentlich dem Aufenthalte
im Bette, verdanke. Bei den Worten, daß ich leide, rief +Cesare+
aus: ~Corpo di Dio~, er macht mit der ganzen Krankheit die Reise.
Ein Matrose setzte kaltblütig hinzu: Er wird bald abreisen. Das war
richtig der Fall, aber in einem andern Sinne. Ich konnte so ganz bequem
zuhören. Ich widerlegte den falschen Propheten damit, daß ich mich
mindestens bald eben so gut befand, als zu Hause.

Die Seekrankheit konnte mir so wenig etwas anhaben, als +Cesare+. Wenn
die See hoch ging, bekamen wir höchstens einen schweren, schwindlichten
Kopf, und die Eßlust verminderte sich, welche bei mir sonst sich sehr
lebhaft ankündigte. Ich verzichtete auf ein einziges Nachtessen.

Die Beschwerden zur See entspringen unstreitig aus den +unordentlichen+
Bewegungen des Schiffes. Der wärmere Wind trägt das Seinige bei,
um dieselben zu vermehren; allein die sogenannte Seekrankheit
hervorzubringen, wird er kaum vermögen. Ich sage mit Fleiß:
+unordentliche+ Bewegungen; denn die gleichmäßigen würden wenig zu
bedeuten haben, und das Schaukeln bald hin und her, der Länge und
Breite nach, bald auf- und abwärts, zumal das +stoßweise+, kommt in
Anklagezustand. Das Schaukeln zur See läßt sich platterdings nicht mit
dem Schaukeln zu Lande auf gleiche Linie stellen. Andere Beschwerden
rühren offenbar vom übeln Geruche faulender Stoffe, z. B. des faulenden
Wassers im Schiffsraume, her, einem Geruche, welcher um so stärker
wird, je unordentlicher das Schiff bewegt wird. Ich hörte selbst den
Hauptmann oft über die ~sentina~ klagen, welche ihm Kopfweh verursachte.

Man rühmt gegen die Seekrankheit Limonade, oder schwarzen Kaffee mit
Zitronensaft, ohne Zucker. So lange die Ursache, das Schaukeln oder
der üble Geruch, dauert, leisten wohl +wenig+ Mittel +viel+. Essen,
wenn man sogar vom Appetite nicht eingeladen wird, schadet nichts, es
nützt eher, wie ich aus Erfahrung weiß. Wenn die Witterung es zuläßt,
begibt man sich am beßten auf das Verdeck, und statt zu liegen oder
zu sitzen, steht man, indem man trachtet, den Bewegungen des Schiffes
auszuweichen, und den Körper in möglichst senkrechter Stellung zu
erhalten. Zudem zügle man die Einbildungskraft. Wer sich in den Kopf
setzt, daß er speien müsse, kann es leicht dahin bringen. Man erwägt zu
wenig, welcher Menge von Uebeln die Selbstherrschaft vorbeugt.

Ich habe von der Seekrankheit der Thiere wenig gelesen. Sie werden
zuversichtlich von derselben nichts Großes sich vorstellen. Daß
den Thieren das Unglück zu Theil ward, keine Vernunft zu besitzen,
genießen sie andererseits das Glück, sich nicht durch Vormalung einer
unglücklichen Zukunft, mittelst der Vernunft, die Tage des Lebens zu
beunruhigen. An unsern Thieren, den Kanarienvögeln, Katzen, Ratten,
Hühnern, nahm man keine Störung durch den Aufenthalt auf dem Schiffe
wahr. Man sieht -- doch, daß wir in guter Gesellschaft lebten. Wir
hatten gebetene und ungebetene Gäste.

Schon seit der Frühe sah ich das Wasser des Meeres rothgelblich,
trüber. Es war mit dem Nilwasser getränkt. Es fing an von Schiffen und
Vögeln belebter zu werden. Erst um neun Uhr ungefähr erblickte ich mit
bewaffnetem Auge Alexandrien, nämlich den Palast des Pascha -- freilich
nur geometrische Linien, ein todtes, vom Meere auftauchendes Viereck im
Sonnenglanze. Wir waren bloß noch zehn Seemeilen von Alexandrien.

Bald näherte sich die Küste, die rechts, ein röthlicher, wenig
erhabener Sandhügel, sich gleichsam ins Meer verlor; Häuser,
deren Umrisse undeutlich waren, erhoben sich immer zahlreicher;
im Hintergrunde aber, wie auf einen Hügel gepflanzt, strebte die
Pompejussäule und, ein wenig links, der Obelisk der +Kleopatra+ empor.
Alles schien eine Insel zu sein, und hatte so wenig Ungefälliges, daß
man hätte glauben mögen, von Lido aus Venedig sich zu nähern.

Es fuhr ein Schiff in solcher Entfernung an uns vorüber, daß wir
es beinahe hätten entern können; seine Flagge trug das Zeichen des
Halbmondes. Alles überraschte mein Auge, ausgenommen das Schiff.
Wir waren schon so weit vorgerückt, daß wir den Lothsen, das ist
der Wegweiser für unser Schiff, erwarteten. Endlich wimmelte ein
schwarzer Punkt, der fortan größer wurde, bis man die Ruderknechte
unterscheiden konnte. Doch wurden sie bisweilen von einer Wellenwand
fast ganz verborgen. Weil die Einfahrt wegen der Bänke gefährlich
ist, so sind Lothsen unerläßlich. Schon hat der Lothse uns eingeholt.
Wir fragten nach dem Gesundheitszustande. Es steht gut, antwortete
er, weder Pest, noch Cholera. Das Gespräch wurde auf italienisch
geführt. Der Araber, ein großer Mann von tiefbrauner Gesichtsfarbe,
mit großer Bognase, schwarzem Barte, und von etwas stolzer Haltung,
sprach fertig +fränkisch+, wie man das Gemisch von Italienischem und
wenig Morgenländischem in der Levante nennt. Er saß auf dem spitzigen
Hintertheile seiner Barke, so daß die Füße von den aufliegenden
Oberschenkeln bedeckt waren. Mit einer Hand lenkte er das kleine
Steuer wie im Zauber. Nachdem sein Kahn an das Schlepptau unserer Brigg
genommen war, erhielt er das Kommando, und unser Kapitän durfte es nur
wiederholen[2].

Bald flog ein anderer Kahn mit zwei lateinischen Segeln daher. Er war
mit vielen Männern besetzt. Eine dicke Figur mit einem Schulzenbauche,
einem langen Schnurrbarte und einer rothen Mütze, von deren Mitte
eine große Troddel herunterschwabbelte, fiel mir am meisten auf, kaum
aber die bedenkliche Hintansetzung der Etikette, daß er einen Fuß auf
der Bank, den andern unten hatte. Beim Anlegen schlugen die Wellen
hoch auf, und er runzelte, nicht gegen diese, sondern gegen die heiße
Sonne die Stirne. Es war ein Polizeikommissär. Neben ihm stand ein
junger Dolmetsche, der nach dem Namen des Kapitäns und des Schiffes,
nach der Zahl der Passagiere, nach dem Orte der Abfahrt, der Dauer
der Reise und nach der Befrachtung fragte. Er zog eine Bleifeder und
ein vielfach in das Viereck zusammengelegtes Papier heraus, welches
er auf den Handteller nahm, darauf etwas zu schreiben. Weil wir der
Angabe des Lothsen über den Gesundheitszustand wenig Glauben beimaßen,
so wurde die gleiche Frage wiederholt, und eben so befriedigend
beantwortet. Schon stieß der lateinische Segler von hinnen. Wie eine
eben sich öffnende Blüthenknospe erschloß sich die Freude sichtbar
auf den Antlitzen unserer Leute. +Cesare+, welcher seit wenigen Tagen
gegen mich den Stummen machte, bekam die Sprache auf einmal wieder.
Nimmersatt am Sehen, so sehr reizte Alles meine Aufmerksamkeit,
vergaß ich das Geschehene, und wir fanden den Faden der Mittheilung,
-- -- durch die merkwürdigen Araber angeknüpft. Freude und Leid sind
oft Bindemittel, indem vor ihrer mächtigen Erschütterung kleinere
Erscheinungen auf dem Gebiete des Gemüths leichter und standloser als
Flaum entfliehen.

Bald fuhr in einer andern Barke ein mit einem Hute bedeckter,
wohlgekleideter Mann einher. Aehnliche Fragen wie früher. Noch ein
Kahn mit einem hübschen Manne, der einen Hut trug, stieß gegen unser
Fahrzeug. Dieser Herr erkundigte sich über den Gesundheitszustand.
So weit bekümmern sich die Mohammetaner, oder doch Andere in ihrem
Namen. Die Antwort lautete freilich sehr wohl. Unser Kapitän
übergab sofort eine Ausweisschrift, welche nicht ohne Beobachtung
der Gesundheitsvorschriften angenommen wurde. Der Steuermann des
Gesundheitsbeamten hob nämlich auf einmal eine große, weißblechene,
viereckige, offene Büchse empor, und in diese ließ unser Kapitän seine
Schrift fallen. Der Gesundheitsbeamtete selbst ergriff mit einer Hand
ein Stückchen Holz, mit der andern ein vorne abgerundetes Messer,
das einen hölzernen Griff hatte, er wendete dann die zusammengelegte
Schrift mit diesen Werkzeugen um, bis sie entfaltet vorlag. Nach Lesung
der Schrift wurde die Strickleiter erstiegen, und auf der Stelle
eröffnete sich freier Verkehr an unserm Borde. Es war, wie wenn man
aus dem Regen in die Sonne tritt, wie wenn den eingesperrten Bienen im
Korbe Luft gemacht wird. Ein Araber, der an einer Traubengeschwulst des
Auges litt, erinnerte mich bei Zeiten an die egyptische Augenplage.

Aber schon sind wir im Hafen, und noch hoch am Tage, sinkt der Anker.
Rechts von den Ruinen bewegen sich in langsamen Kreisen zierliche
Windmühlen, dreißig bis vierzig an der Zahl; links preiset der
stattliche Palast des Statthalters europäischen Geschmack; die Mitte
der Schaubühne schließt ein Gesäe unansehnlicher Häuser hinter einem
Walde von Masten. Man mußte von dem Gedanken durchdrungen werden, daß
man in einem andern Welttheile athme, und sah man bloß ins Meer, so
fragte man sich neugierig über das trübe, in der Sonne rothgelblich
schillernde Wasser, worüber ein Schwarm Vögel flatterte.

Ich schickte mich an, ans Land zu gehen. Neben mir Kriegsschiffe,
über deren Größe ich erstaunte; vorwärts wieder Halbmonde auf den
Flaggen; dort eine Barke mit trommelnden Soldaten; hier guckt eine
Europäerin aus der Kajüte heraus, und fragt nach Neuigkeiten; dort ein
Morgenländer mit der Pfeife im Munde, hinter einer behaglich auf dem
Schiffsrande hockenden, den Schweif um die Beine niedlich windenden
Katze, und hinter dem Netze von Tauen; ein englisches Dampfboot; ein
hellenisches Schiff, dessen Name mit großen griechischen Buchstaben
geschrieben war; kurz, eine Menge Fahrzeuge, rechts und links, vorwärts
und rückwärts, ein bewohntes Meer. Ich höre Musik, vom Lande her Lärm,
als wäre ich einer Kirmes nahe. Hurtig stieg ich auf den breternen
Steg, und wenig Schritte, ich war zu Land, auf Sand, in Afrika, in
Egypten, in +Alexandrien+. Unbeschreibliche Freude erfüllte mein
Gemüth. In ~Deo gratias~ ergoß sich beinahe unwillkürlich das Herz,
-- meine ersten Worte in Afrika. Die mir nächste Person auf dem Lande
war linker Hand ein halb entblößter Mensch von ungefähr dreißig Jahren
und schwarzbrauner Farbe. Er lag abwechselnd auf den Knien und warf
sich auf den Staub nieder, faltete manchmal die Hände, verdrehte oft
die Züge des Gesichtes. Das ist ein Verrückter, dachte ich, und wenn
er es nicht ist, so verwendet er doch seine gesunde Vernunft zur
Verrücktheit. Was soll ich sagen? Er verrichtete, nach dem Gesetze
Mohammets, das dritte Gebet zwischen Sonnenhöhe und Sonnenuntergang
(el-Asser); aber ich sehe ein, daß ich mit meinem verwerfenden Urtheile
zurückhalten muß. Die religiöse Mimik will tiefer gewürdiget sein.
Hat denn, frage ich, das Zusammenstrecken der zehn Finger bei den
Protestanten mehr Bedeutung, als die Niederwerfung vor Gott bei den
Morgenländern, oder das Niedersinken auf die Knie bei den römischen
Katholiken?

Der alte Hafen ist jetzt den Europäern direkte geöffnet, und, außer
den wiederholten Anfragen, deren gedacht ward, gibt es keinerlei
Umstände, um in denselben zu gelangen. Wie vieles hat sich nun seit
fünfzig Jahren umgestaltet. Das Traurigste aber ist, daß das türkische
Regierungssystem auf keine sichere Grundlage sich stützt, da beinahe
mit jeder neuen Besetzung eines Paschaliks (Statthalterschaft)
eine neue, bald vor-, bald rückwärts schreitende Ordnung der Dinge
eingeführt wird.

Ich miethete in der Stadt ein Zimmer, und begab mich wieder an Bord,
an welchem ich die letzte Nacht hinbringen soll.

Ich konnte vor Freude über den jetzigen Aufenthalt den Schlaf kaum
finden. Indessen bemerkte ich, daß es etwas kühler wurde, mein Kopf
unbedeckt war, und die Frische, die ich an jenem fühlte, meinen Schlaf
verhindere. Ich zog das Oberleintuch herauf und machte eine Kaputze. In
wenig Minuten war ich eingenickt. Lärm weckte mich.


+Den 9.+

Schon in aller Frühe. Ich hörte zwar nicht mehr das Geklingel im
Hintertheile des Schiffes und die antwortenden Glockenschläge über
der Kajüte der Matrosen, zum Zeichen, wie lange das Geschäft des
Ruderbesteurers dauere; ich hörte nicht mehr: ~Rende la guardia al
timone, a che tocca la (terza)~; in dem Kastenbette hörte ich nicht
mehr den Wellenschlag neben mir an der Wandung, oder das Kollern, oder
bei günstiger Fahrt das Gezische, ähnlich demjenigen beim Pumpen des
dicker gewordenen Rahms: aber das taktmäßige, weinerliche Rufen und
Singen ganz eigener Art erklang noch, der Losungsruf der Matrosen, daß
sie vereint und gleichzeitig große Kraft anwenden, z. B. um eine Last
zu heben, aber das monotone, grelle Pfeifen der egyptischen Seetruppen
tönte jetzt herüber. Wie ich den Matrosenruf zum ersten Male vernahm,
machte er einen höchst unangenehmen Eindruck auf mich, welchen
nur nach und nach die Gewohnheit mildern konnte. Unser ~ragazzo~
(Schiffsjunge), beinahe immer auf dem Meere, ohne viel Anderes singen
zu hören, trillerte das Geleier der Matrosen zu seiner Ergötzung daher.

Endlich hieß es: eingepackt, und ich setzte Fuß ans Land, um mit meinem
Gepäcke das Zimmer zu beziehen.

Ohne Tagesordnung bringe ich verschiedene Denkwürdigkeiten von
Alexandrien.



=Alexandrien.=


Lage.

Die Stadt +Alexanders+ (Skanderun) liegt auf einer Landzunge, die in
der Richtung gegen Nordwest ins Meer sich verliert. Die Spitze verläuft
in einen Lappen, der sich südwestlich umbiegt, und in einen Faden,
der sich in entgegengesetzter Richtung bis zu einer kleinen Festung
ausdehnt. Hier, an der Stelle dieses Vertheidigungswerkes, soll einst
der Pharus gestanden haben. Der westliche Zungenrand begränzt den
+alten+ Hafen und der östliche den +neuen+, welcher letztere indeß
wegen seiner Untiefe, durch die gränzenlose Nachlässigkeit der jetzigen
Beherrscher Egyptens, sehr wenig belebt ist, immerhin aber sich sehr
hübsch herausstellt. Auf der Wurzel der Zunge hatte sich das alte
Alexandrien ausgebreitet, und dieselbe ist jetzt nur wenig angebaut.
Dagegen strotzt es gleichsam von Ruinen, sobald man den Schutt weghebt.
Die schönsten Marmorsäulen sind von diesem bedeckt, und eben grub man
eine hervor. Unlängst zog man auch ziemlich viel Goldmünzen heraus.

Man kann heutzutage nicht mehr behaupten, daß die Stadt landwärts von
einer Wüste umgeben sei. Gegen Mittag schließen sich schöne Gärten an,
woraus die Dattelpalme den neu angekommenen Europäer dem Afrikaner
willkommen heißt. Der am nördlichen Ufer des Mareotis angelegte Garten
des +Ibrahim-Pascha+ verdient vor andern Lob. In der Nähe desselben
übernimmt ein Strich angebauten Landes die versöhnende Rolle zwischen
dem üppigen Garten und dem kahlen Sandmeere der Sahara. Der Mareotissee
selbst, mit seinen wenig aufragenden, wüsten, gelbsandigen Ufern, sieht
eher einem Sumpfe gleich, und gewährt daher keinen angenehmen Anblick.


Gebäude.

Die Moscheen sind meistens häßlich; die Minarets oder Thürme steigen
nicht hoch empor. Beide weiß, überkalkt, ohne Schmuck, ohne ein Bild,
mit dem Gepräge des Zerfalles. Antike Säulen tragen hie und da den
Söller (Decke) des Tempels oder den Thurm. Der Zerstörungswuth, die vor
Zeiten den Ton angegeben hatte, entgingen doch zum Theile die Säulen,
und als brauchbare Baustoffe trifft man sie auch an andern Gebäuden.
Indeß liegen Säulenstücke noch müßig herum. Eine einzige Moschee
erspähete ich, die man schön nennen darf.

Der Sommerpalast des Vizekönigs liegt auf dem bezeichneten Zungenlappen
(Ras-el-tin), vortheilhaft für das Auge. Auf der Morgenseite trat ich
durch ein bewachtes Thor der Umfangsmauer, und ich gelangte auf einen
schönen, geräumigen Platz. Mit gespanntem Gemüthe richtete ich meinen
Blick umher, rechts auf das einstöckige, statt der Glasfenster -- mit
hölzernem Gitterwerke versehene Harem, links auf den Palast des Pascha,
der, ebenfalls nur ein Geschoß hoch, in einen Giebel sich aufdachet.
Das Wohn- oder Audienzzimmer des Vizekönigs schaut gegen den Hof oder
gegen Mitternacht. Diese Lage erklärt sich leicht, da unter einem so
heißen Himmel die Sonne geflohen und der Schatten gesucht wird. Den
Eingang in den Palast bildet eine Halle, welche schöner, weißer Marmor
auskleidet. Hier immerwährender Schatten, angenehme Kühlung. Da sieht
man Höflinge in ihren orientalischen Prachtgewändern ein- und ausgehen,
um nicht zu sagen, ein- und ausschlendern. Die Hoflakaien warten ihrer
Herren. Stolze Hengste stehen an einer Reihe gesattelt in Bereitschaft.
Das Roß des Pascha, mit nicht sehr ausgezeichnetem Schmucke, wird vom
Sattel nie befreit, auf daß es immer gerüstet sei, seinen Herrn von
hinnen zu tragen.

Ich sah eben eine Truppe Araber in ihren mitunter schmutzigen Mänteln
einherschreiten, denen man zwar Fassung genug, aber doch so viel ansah,
daß sie sich zu einer Vorstellung vorbereiteten, indem sie die Mäntel
etwas zurecht legten und ihre Köpfe zusammensteckten. Die Truppe zog
festen und weidlichen Schrittes die breite Marmorstiege hinauf. Als sie
vor dem Pascha erschien, erblickte ich diesen vom Hofe aus; denn das
Fenster war offen. +Mehemet-Ali+ imponirte durch seine Haltung, trug
eine rothe Mütze, einen auf die Brust herabwallenden, dichten, grauen
Bart, und hatte das schöne Aussehen eines muntern Greises. Ich schaute
neugierig hinauf, und keine Seele hinderte mich daran. Man sagte mir
später, daß ich hätte hinaufgehen und an der Thüre des Audienzzimmers
zusehen dürfen. Solche Dinge geschehen im Morgenlande weniger geheim,
als in Europa. Freilich darf man nicht unberücksichtiget lassen, daß
die physische Kälte die Europäer so oft zum Schließen der Fenster und
Thüren nöthiget. Die Leibwache des Pascha ist mit blauem Tuche, einer
rothen Mütze und mit gelben, plumpen Schuhen bekleidet. Ein Wachposten
kam aus dem Palaste, die Füße ungleich bewegend, die Schuhe gleichsam
nachschleppend, lachend, beinahe spielend. Bei aller Leichtigkeit des
Karakters fällt es dem französischen Militär doch nie ein, am Posten
oder unterwegs von einem Posten zum andern Spaß zu treiben. Selbst
unsere Knaben von acht bis vierzehn Jahren benehmen sich ernster, wenn
sie sich in den Waffen üben.

Die Häuser sind von dreierlei Art: europäische, türkisch-egyptische und
die Hütten.

+Die europäischen Häuser+ liegen im Frankenviertel. Ein Theil derselben
hat flache Dächer oder Söller. +Ibrahim-Pascha+ ließ ansehnliche
aufbauen -- um einen sehr geräumigen Platz. +Ibrahim+ (Abraham) thut
wirklich zur Verschönerung und Belebung der Stadt sehr viel, wobei er
durch Beziehung schwerer Hauszinse seine Rechnung recht gut findet.
Die Konsulatsgebäude stehen nahe beisammen. Hoch über ihren Dächern
flattern die Flaggen, welche dem Abendländer einen sehr wohlthuenden
Anblick gewähren, und ihm gleichsam Schutz und Sicherheit zulispeln.
Wenn ein Schutzempfohlener stirbt, so wird eine besondere Flagge, doch
minder hoch gehißt. Den Söller der hohen fränkischen Häuser heißt man
+Terrasse+, auf der man sich angenehm aufhält. Von derselben erhebt
sich ein offenes Thürmchen, +Belvedere+ genannt, und mit Recht, da man
darauf eine schöne Aussicht genießt. Man kann auf einem Thürmchen die
ganze Stadt und die Häfen übersehen. Die Flachheit der Dächer beklagen
manche Europäer. Während der Regenzeit dringt durch das Deck Wasser,
welches das Wohnen nicht weniger unangenehm, als ungesund macht.

Man will behaupten, daß der Regen, welcher im Winter tageweise und
in starken Güssen anhalte, in Alexandrien von Jahr zu Jahr häufiger
falle, und man schreibt dieß den im Weichbilde angepflanzten Bäumen
zu. In der That ist der Regen in Mexiko seltener geworden, seit der
in seiner Nähe belegene Wald ausgehauen ist. Die Franken scheinen
sich zu überzeugen, daß geneigte Dächer zum Bedürfnisse gehören, und
während meiner Anwesenheit zog man einen Kanal durch die Frankengasse,
um das Regenwasser abzuführen. Weil ohnehin in der Stadt keine Gasse
gepflastert ist, so wird der Schmutz, bei starkem Regen, tief und
lästig. Ich vermuthe aber, daß man von rascher Abänderung des Klima und
vom jährlich zuwachsenden Regen ein wenig träume, wie denn auch die
Vorstellung von der sengenden Gluth der egyptischen Sonne bei Manchen
übertrieben sein mag. Ich könnte den Doktor +Prosper Alpinus+[3], der
vor zwei Jahrhunderten Egypten bereiset hat, zum Zeugen anrufen.
Er bemerkt, daß in einem Theile dieses Landes, wie in Kairo, der
Regen eine seltene Erscheinung sei, wogegen es an der Meeresküste,
in Alexandrien und Damiat, oft und sehr stark regne. Wenn auch, vor
+Christo+, +Pomponius Mela+ das wahrscheinlich viel baumreichere
Egypten ein regenloses Land („~terra expers imbrium~“) nennt, so darf
man wohl immerhin nicht glauben, daß dieß zur Zeit des Autors durchhin
wahr sein mochte, sondern vielmehr, daß er die Regenlosigkeit auf
einzelne Gegenden bezogen, und diese für das Ganze genommen hat.

Mischten die Egypzier sich nicht in das Schauspiel, wenn man in das am
neuen Hafen liegende Frankenquartier kommt, man würde gerne läugnen,
daß man den Boden Afrikas unter den Füßen hätte, so sehr ist Alles
über den europäischen Leisten geschlagen. Laden an Laden, Kaffeehäuser
und zwei Wirthshäuser sorgen für die Bequemlichkeiten der Europäer.
Alexandrien ist halb europäisch, halb afrikanisch, und darum erscheint
es dem europäischen Ankömmlinge eben so freundlich, als merkwürdig.

+Die türkischen Häuser+, in der Regel ziemlich niedrig, haben gegen
die Gasse einen großen Vorsprung oder Erker, worin man zu faulenzen
pflegt; die Fenster werden meist von einem niedlich gearbeiteten
engen Holzgitter versehen. Solches kann unter einem milden Himmel
gut angehen; allein es dürften nur Kälte und Regen stärker werden, so
würden die empfindsamen Bewohner unfehlbar leiden. Manchen Häusern
verleiht der Kalk ein schneeichtes Weiß.

+Die Hütten+ zeugen von Einfachheit und Elend. Von der Form eines
unordentlich kantigen Würfels, enthält die Hütte bloß ein Gemach, und
in dieses führt eine einzige Oeffnung zur Aufnahme der Thüre, welche
mit einem hölzernen Schlosse gesperrt werden kann. Wenn man nicht
mehr als das Hausgeräthe auf arabisch nennen müßte, so würde man im
Nu arabisch verstehen. Der Boden dient als Sessel, als Tisch, als
Bettstelle u. dgl., und ist somit ein wahres Wunderding. Mann und Weib,
Kinder, Freunde und Verwandte legen sich neben einander, und füllen,
wenigstens auf dem Boden, den Raum der Hütte. Die Kleider, womit Manche
sich des Tages bedecken, sind im guten Falle die einzige Bettung für
die Nacht, und die Leute entkleiden sich in der Regel nur dann, wenn
sie der allzu dienstfertigen Kreaturen auf die anständigste Weise
los werden wollen. Es soll die Armuth eines Theiles der Alexandriner
so groß sein, daß nicht beide, welche eine Hütte bewohnen, ausgehen
können, weil sie nur +ein+ Kleid besitzen. Darum warte der eine
Elende nackt in der Hütte, bis der andere in dem gemeinschaftlichen
Kleide zurücktreffe. Die Hütten sind von Erde aufgeführt und von
Farbe schwarzgrau. Sie vermögen lange andauernden Regen nicht zu
bestehen. Es ist nicht lange her, daß in einer kalten Regennacht viele
Hütten einstürzten; eine Menge obdachloser Bewohner erkrankte und
starb. Erst jetzt mochten die Leute den Segen ihres Himmels dankbarer
erkennen. Wie viel Schweißtropfen rinnen über die Stirne herunter,
bis der Europäer sein Heizungsholz, seine Strümpfe, Schuhe, seine
Winterkleider zusammengebracht, bis er seine Wohnung mit allem Nöthigen
ausgerüstet hat. Ein Theil der Hütten gefällt sich in der Nähe des
vizeköniglichen Palastes. Dort bietet sich die beste Gelegenheit dar,
über den schroffsten Gegensatz von „Herr und Unterthan“ Betrachtungen
anzustellen. Eine andere Abtheilung von Hütten besetzt den Süden
der Stadt, neben den vielen schönen Zisternen des Alterthums, und
verspottet die Ruinen, jene Mauern, welche Jahrtausenden widerstanden,
und noch die baufälligen Hütten unserer Tage tragen müssen.

Das sind die polsterarmen Hütten, und werden so viele Alexandriner
darin geboren, und wo anders strecken sich diese auf das Sterbelager?
Und doch werden die polsterreichen Europäer mit nicht minder Schmerzen
geboren, und doch müssen sie auch sterben, todt werden müssen sie
trotz ihrer Eiderdunen.


Krankenhäuser.

    Das europäische, das am Mahmudiehkanal, das auf dem Ras-el-tin und
    die Observationshütten.

Das +europäische Krankenhaus+ ist für die Europäer bestimmt, wie
schon der Name bezeichnet. Es liegt, von kleinen Araber-Hütten auf
der einen Seite umgeben, unweit des Frankenquartiers. Das Gebäude,
nach europäischem Geschmack, nimmt sich für das Auge recht gut aus[4].
So weit mir ein Blick in das Krankenhaus, das wenigstens eine gute
Verwaltung ankündigt, vergönnt war, schöpfte ich die Ueberzeugung,
daß der Europäer in seinen kranken Tagen hier gut verpflegt wird, und
in dieser Beziehung Europa ihn nicht mit schmerzlichen Erinnerungen
quält. Diejenigen, welche mehr (täglich einen levantischen Thaler)
bezahlen, bekommen ein eigenes Zimmer, damit ihren Wünschen noch
besser entsprochen werden könne. Was vielleicht am hemmendsten auf die
Unternehmung einer Reise ins Morgenland wirkt, ist die Vorstellung
von der Verlassenheit und den Scheusalen in den kranken Tagen; die
Bemerkungen über die Krankenanstalt aber können kaum verfehlen, diese
irrige Vorstellung zu verdrängen.

Das +Mahmudiehkrankenhaus+ steht nahe am Mahmudiehkanale, den großen
Baumwollenmagazinen gegenüber. Ehe man zum Gebäude kommt, geht man
durch ein Gitterthor, womit eine Art Verschlag oder ein Pfahlzaun
geschlossen wird. Der Eintritt durch diesen ist Jedermann gestattet.
Von der Gitterthüre bis zum Krankenhause beträgt die Entfernung nur
wenige Schritte. Den Zwischenraum kleiden, dem Auge sehr wohlthuend,
Garten- und Wildgewächse. Am Thore des Krankenhauses selbst stieß ich
auf Schwierigkeiten. Der Soldat, welcher Wache hielt, wies mich zurück,
doch nicht unsanft. Ich wurde eben einen Mann gewahr der schrieb,
und der mir ein Arzt zu sein schien. Ich redete ihn in französischer
Sprache an. Es war ein französischer Arzt, mit Namen +Etienne+, der mir
sogleich die Gefälligkeit erzeigte, mich im Krankenhause herumzuführen.

Von allen Krankheiten interessirte mich am meisten die egyptische
Augenentzündung. Die daran Leidenden füllen mehrere Säle. Sie ist
beinahe ein größeres Uebel zu nennen, als Pest und Cholera. Denn
entweder genesen die an diesen beiden Krankheiten Leidenden, wie
meistens, ganz, oder sie sterben -- ganz. Der letztere Fall kann für
die +Betreffenden+ im Grunde nicht unglücklich sein. Welch ein Uebel
dagegen ist es, völlig blind zu werden. Von zehn Arabern wird man
einen entweder Halb- oder Ganzblinden finden. Ich sah weniger blinde
Weiber, als blinde Männer, und die Krankheit scheint den Erwachsenen
feindlicher als den Unerwachsenen.

Aus den Krankenzimmern trug ich die Ueberzeugung, daß die Leidenden,
wo nicht auf eine glänzende, doch auf eine befriedigende Weise
behandelt werden. Meine Erwartung ward übertroffen. Mag ein Anderer
das Krankenhaus eine Nachäfferei der europäischen heißen, es wird in
demselben so zu sagen Alles geleistet, was sich unter den obwaltenden
Umständen thun läßt. Davon, wie Diät und Regimen gehalten wird, kann
ich übrigens nichts mittheilen, wenn nicht das Wenige, daß in der
Küche Reinlichkeit und guter Geruch mich bewillkommten. Das Haus
ward von etlichen neunzig Kranken bewohnt. Beiläufig erwähne ich,
daß diejenigen, welche außer dem Bette sich aufhielten, Achtung für
+Etienne+ erwiesen, indem sie militärisch sich stellten. Ich konnte
nicht umhin meine Glossen zu machen, wenn der Eingeborene gegen den
Fremden sich so unterwürfig geberdete.

Geht man zu dem Palaste des Vizekönigs, so sieht man rechts, in
der Nähe des Residenzschlosses, ein dem Umfange nach großes, aber
niedriges, einstöckiges Gebäude, das von Pallisaden umzingelt ist:
wie das letzte, ein Militärspital. Es ist das +Krankenhaus auf
dem Ras-el-tin+ (Feigenkap) oder das Tasikispital. Früherhin eine
Kaserne, bildet es mehrere Höfe, und ich konnte keine regelmäßige
Bauart wahrnehmen. In der Bade- und Dampfbadeanstalt, deren
Pracht mich überraschte, begegnet das Auge allenthalben weißem,
geschliffenem Marmor bis an die Kuppeln, welche von zahlreichen,
runden, mit Glasscheiben verstopften Oeffnungen zum Einlassen des
Lichtes durchbrochen sind. Auch dieses Krankenhaus erfreut sich einer
Einrichtung, welche den Bedürfnissen abhelfen dürfte.


Das Observazionsspital oder die Observazionshütten.

Ich ritt eines Nachmittags dahin; allein der Arzt war noch nicht
eingetroffen. Ich ging unterdessen zum Mahmudiehkrankenhause, welches,
dem Meere etwas näher, den Observazionshütten gegenüber liegt. ~Dr.~
+Etienne+ ritt eben auf einem Esel daher. Kaum unterhielt ich mich
mit ihm, als ein Kranker plötzlich umfiel. Ich sagte: Es ist ein
Cholerakranker. ~Dr.~ +Etienne+ verneinte, wahrscheinlich weil er
glaubte, er könne mir einen Schrecken ersparen. Seine Geschäfte riefen
ihn hinweg, und ich begab mich zu den Observazionshütten. Hören wir
später das Weitere.

Diese Hütten sind mit einer Pallisadirung umgeben. Man lasse aber den
Pinsel der Einbildung fallen, welcher schöne Gemälde entwirft; zur
Seltenheit ist ein Pfahl genau so dick, und so hoch wie der andere. Die
Pallisadirung fesselt durch ihre Unordentlichkeit schon von weitem das
Auge, und wenn ein Europäer das Militär noch nicht kennte, welches,
mit dem schwarzbraunen Gesichte, zwar einen Säbel und ein Kleingewehr
trägt, aber sonst in Wenigem einem der europäischen Krieger gleich,
oder auch bloß ähnlich sieht, so würde er schlechterdings die Hütten
für Alles eher, als für ein Staatsgebäude erklären. Die Pallisadirung
wird vom Militär bewacht, und dieses läßt Niemand, wenigstens den
Europäer nicht, durchschlüpfen. Ich wartete wenige Minuten am Gatter
der Observationshütten, und es kam der Arzt, Herr +Gallo+, ein Grieche,
auf dem Esel geritten. Ich machte schon in einem geselligen Kreise
seine Bekanntschaft, und so durft’ ich auf seine wohlwollende Aufnahme
zählen.

So eben trug man einen Kranken daher über die Gatterschwelle.
Plötzlicher Lärm entstand. Die Wärter eilten mit Pestzangen herbei,
seinen Träger zurückzustoßen. Nun wurde der Kranke auf den Boden
gestellt; allein zu schwach, um sich aufrecht halten zu können, sank er
auf die Erde nieder: Der nämliche Kranke, welchen ich an der Pforte des
Mahmudiehkrankenhauses umfallen sah. +Er war wirklich cholerakrank.+

Die Observazionshütten sind nichts, als Hütten, und zwar elende,
fensterlose, schlecht ausgezimmerte, daß zwischen den Bretern,
woraus die Wände bestehen, Licht eintrat, und zu einer andern Zeit
unzweifelhaft Wind und Regen eindringen werden. Die Thüren werden mit
einem Vorlegeschlosse gesperrt. Der Boden ist die nackte Erde, und
+Brutus+ hätte nur den Spitalboden küssen dürfen, um den Götterspruch
von Delphi zu erfüllen. Das Ganze stellt eine Art Dörfchen vor. Die
Hütten sind dazu bestimmt, eines pestartigen Uebels verdächtige Fälle,
Pest- oder Cholerakranke, so wie auch kranke Sträflinge aufzunehmen.
Einen schauderhaften Anblick für mich erregte die Kette, welche von
einem Krankenbette zum andern, von einem Leidenden zum andern in
gesenktem Halbbogen hinüberlangte. Die Bettstellen sind ein hölzerner
Käfich, welchen ich zum ersten Male im Krankenhause auf dem Ras-el-tin
wahrnahm. Wenige lagen nur auf einem Strohteppich, und auf etwas
Wollenzeug, welche die Blöße der Erde zudeckten.

Die erste Hütte, in die ich geführt wurde, war zur Observazion
bestimmt. Nicht Bettstellen darf man hier suchen, noch Sönderung.
Cholerakranke und ein von Wechselfieber Befallener waren neben einander
auf nackter Erde ausgestreckt; einer der erstern kreuzte seine Beine
über den andern. Im Ganzen fanden sich drei neu hereingebrachte Kranke
zur Observazion, wovon einer als nichtcholerisch erklärt wurde.
Ueberdieß sah’ ich noch etwa sechs andere Choleristen.

Ich nahm die Weltcholera in den Hütten zum ersten Male wahr, und ich
werde nun bei dieser Seuche ein wenig mich aufhalten. Man setzt in
denselben voraus, daß die Cholera sich durch einen Ansteckungsstoff
fortpflanze, und es werden gegen sie ungefähr die nämlichen Maßregeln
ausgeführt, wie gegen die morgenländische Pest. Ehe Herr +Gallo+ einem
Kranken den Puls fühlte, ließ er sich die Hände mit Baumöl begießen,
ohne daß jedoch die Schuhsohlen beölt worden wären.

Das Bild der Cholera ist dasselbe wie in Europa. Gänzliche oder
fast gänzliche Abwesenheit des Pulses an der Hand, die Haut kalt,
über den Phalangen schrumpfig, wie bei einer Wäscherin, der Abgang
einer wässerigen, weißlichen Flüssigkeit ~sursum et deorsum~, das
Auge gläsern, wie erstorben, der Blick stier und bedeutungslos, die
Nase dünn und spitzig, die Löcher mit Staub, die Lippen trocken und
bläulich, die Zunge beinahe starr und wird vom stoßweise Lallenden nur
mit Mühe gezeigt, die Backen zu eckigen Vertiefungen eingefallen u. s.
f. Kurz, im höhern Grade der Krankheit hat man einen lebendigen Todten
vor sich. Der Anblick von Cholerakranken ergriff mich nicht besonders;
denn die schwarzbraune Farbe der Araber ist nach europäischen Begriffen
ohnehin widerlich, und sie veränderte sich nicht bedeutend, außer daß
sie schmutziger wurde. Die Kranken schienen mir keineswegs auffallend
zu leiden; sie gaben kein Gestöhne oder irgend einen Schmerzlaut von
sich. Die asphyktisch Cholerischen waren vom tiefen Schlafe trunken.
Diejenigen, welche in den Hütten untergebracht werden, ziehen beinahe
Alle das traurige Loos eines frühzeitigen Todes.

So angenehm das Mahmudieh- und Ras-el-tin-Krankenhaus meine Erwartungen
übertrafen, so sehr ich auch geneigt wäre, ein günstiges Urtheil zu
fällen, so wenig kann ich der Observazionsanstalt Lobsprüche ertheilen.
Es stellt sich in der That zwischen einer solchen und keiner Anstalt
wenig Unterschied heraus. Dagegen lauten die Forderungen, daß gerade
das Pestlazareth auf dem humansten Fuße stehe. Wo ist die Hülfe
dringender, als bei Pest und Cholera? Wo ist es für einen Kranken, mag
er selbst ein gefesselter Sträfling sein, peinlicher, als zwischen
oder doch in der Nähe solcher Kranken, welche der ganze Rüstzeug der
Regierung und die öffentliche Meinung der Franken für ansteckend
ausgibt? Wie leicht werden die Erkältungen in der Regenzeit. Es ist für
den Ruhm nicht genug gesorgt, daß man einen Obersten des Landes reich
besolde, oder einen fremden Marschall mit Ehrenbezeugungen überhäufe,
so lange die Noth armseliger und beladener Unterthanen aus einem
Krankenstalle schreit.

Nach der einmal gefaßten oder vorgefaßten Meinung von dem ansteckenden
Karakter der Cholera sperren sich die meisten Europäer in Alexandrien
gegen diese Seuche, wie gegen die Pest, ab. Ich kann nicht umhin,
das völlig umgekehrte Verfahren der Kontagionisten in Europa, ins
Gedächtniß zurückzurufen, nach welchem die Kranken selbst isolirt
werden. Ein sicheres und das beste, aber das inhumanste, die
Pflichterfüllung und Berufstreue schnurstracks verhöhnende Mittel, sich
vor der Cholera zu schirmen, ist +die zeitige Entfernung vom Orte, wo
die Krankheit herrscht, an einen solchen, welcher davon frei ist+.

Ebenso betrachten die europäischen Alexandriner die Pest durchaus als
kontagiös. Sie schließen sich ihretwillen ein, doch nicht überall so,
daß gar nicht mehr ausgegangen wird. So besorgte ein Handelsmann die
Geschäfte außer dem Hause, in welchem seine Mitarbeiter und das Gesinde
stets eingesperrt waren. Er stülpte unten die Beinkleider auf, beölte
die Schuhsohlen und, mit einem großen Stocke bewaffnet, machte er sich
auf der Gasse Bahn, damit ihn Niemand berühre. Der Araber weicht ohne
Anstand aus. Jener Mann, den ich zum Beispiele wählte, rettete sich
durch die Pestzeit[5].

Wenn sonst auf der Straße die häßlichsten Weiber jeden Augenblick
erhaschen, ihr Antlitz vor dem Europäer zu verhüllen, so überraschte
es mich, in einer der Pesthütten kranke Weiber unverschleiert zu
sehen. Sie verriethen beim Erscheinen des Arztes, seines Assistenten
und meiner Person nicht die mindeste Verlegenheit, und rollten ihre
schwarzen Augen rechts und links, so oft es sie gelüstete. Unter den
Kranken befand sich, wie sich etwa der Pariser vornehm ausdrücken
würde, auch eine Galante.

                          *                 *
                                   *

Die Gesundheitspolizei würde in der Stadt noch Manches aufzuräumen
haben. Dem Garstigsten vom Menschen begegnet man an den meisten
Orten. Ueber dem Bassar, nämlich auf den Deckbretern, häufen sich
Unreinigkeiten fast jeder Art, die wohl selten weggeschafft werden.
Aeser erblickte ich wenige. Wie dem auch sei, so werden immerhin einige
Gassen gekehrt und etliche Plätze mit Wasser besprengt[6]. Gleichwie
die Unreinigkeiten am Gesichte auf Nachlässigkeit und schlechte
Gesundheitspolizei des Mikrokosmus schließen lassen, so zeigen die
Unreinigkeiten an den Gebäuden und auf den öffentlichen Plätzen mit
der Gewißheit der Uhr an, wie wenig sich der Staat um das öffentliche
Gesundheitswohl bekümmere.


Die Katakomben und der Pferdestall.

Hat man den Mahmudiehkanal überschritten, und ist man an den großen
Baumwollenmagazinen vorüber, so leitet der Weg durch eine wüste
Gegend, und bald gelangt man zu den Katakomben, welche, südwestlich
von Alexandrien, an der Seeküste sich hinziehen. Wo das Meer in
Gemächer fließt, heißen diese +die Bäder Kleopatra’s+. Sie waren es
auch wahrscheinlich, und jetzt noch könnte man hier mit Bequemlichkeit
Seebäder gebrauchen. Von da ging ich in eine der vielen Oeffnungen.
Der Eingang bildet eine geräumige Höhle, welche jetzt als Pferdestall
dient. Am Lichte der Fackel wendete ich mich links. Ich trat in einen
Tempel, welcher, mit sorgfältiger Hand in den Felsen ausgehauen,
durch seinen einfachen und edeln Styl mir ungemein gefiel. Weiter
kam ich in eine Menge viereckiger, kleinerer und größerer Gemächer.
Bald durfte ich aufrecht gehen, bald mußte ich durch eine Oeffnung
oder einen Gang geduckt mich durchhelfen; selbst war ich genöthiget,
durchzuschlüpfen oder durchzukriechen. Ich hatte mich wie in einem
Labyrinthe verloren. Der Araber, die einzige Seele mit mir, hätte mich
an den Ort des Verderbnisses führen können, ich würde ihm nachgegangen
oder nachgekrochen sein, wenigstens bis an die Schwelle. Die Größe
der unterirdischen Arbeit beschäftigte in diesem Augenblicke am
meisten meinen Geist. Ich vergaß der Schakals und Hyänen, die Herr
von +Prokesch+ in den Katakomben hausen läßt. Denn ich sah nichts
Böses, nur Alles leer, öde, ausgestorben, höchstens einige Gebeine
herumliegen, oder ein Käuzlein auffliegen[7]. Ich athmete bei meinem
unterirdischen Spazierengehen und Spazierenkriechen keine erstickende
Luft, wie Herr von +Prokesch+ (I. 23). Allerdings fühlte ich Hitze,
doch keine drückende. An den Wänden konnte ich weder Zeichen, noch
Farben finden.

Wer mochte wohl die Katakomben geleert, geraubt, entweiht haben? Wie
sehr sind die Religionsformen der Wandelbarkeit unterworfen. Mit saurer
Mühe brach man einst die Zellen in den Felsen, mit religiöser Verehrung
setzte man die Todten bei; nun ist Alles Heilige aus den heiligen
Oertern entwichen, und es fehlt dem Araber nur noch der Geldreiz, daß
er seinen Auswurf nicht in den Zellen aufhäuft. Mich beschämte der
Gedanke, wie viel mehr Ehre die Alten den menschlichen Ueberresten
erwiesen haben, als unsere Zeitgenossen bezeugen. Vielleicht würden
sie, wenn sie wieder lebendig wären, uns der Unmenschlichkeit oder
des Barbarismus beschuldigen, weil wir den Leichen so wenig Rechnung
tragen, daß sie in unlanger Zeit spurlos verschwinden, und auch nicht
+einen+ Haltpunkt des Andenkens darreichen, etwa mit Ausnahme der
Leichenbeine, welche, unter Zerstörung des Individualitätswerthes,
herumgeworfen, oder in der größten Unordnung aufgestapelt werden.


Die Nadeln der Kleopatra und der Flohfänger.

Hart am neuen Hafen sieht man die Nadeln oder Obelisken der
+Kleopatra+, den einen stehen und den andern liegen. Ich näherte
mich dem stehenden Obelisken von der Südseite. Ich erblickte einen
verwitterten Stein. Ich wendete mich um, die Ostseite zu besehen.
Gleicher Anblick. Wie ich mich gegen die Nordseite wendete, siehe, da
saß am Schatten des Obelisken ein nackter, erwachsener Mann, welcher
die Nähte seines Hemdes durchspionirte und an dem Todschlage oder
Toddrucke eines gewissen Missethäters wahrscheinlich eben so sehr sich
ergötzte, als ich mich an den Obelisken. Daß es ernsthaft zuging, mußte
ich daran merken, daß der neue Adam kaum aufschaute, und ein daneben
sitzendes Mädchen in aller Unschuld ihn in seinen Bestrebungen bestens
unterstützte.

Ist es nicht eine halbe Gotteslästerung, daß man vor einem so erhabenen
Denkmale, welchem die Seele in edler Begeisterung zugelenkt wird, ein
Scheusal von Prosa auskramt? In der Natur ist aber überall Gegensatz
-- neben dem Erhabenen das Niedrige, neben dem Edeln das Unedle.
Wenn wir uns dergleichen erhabene Monumente vorstellen, so dichtet
freilich unsere Einbildungskraft Allem um sie herum den Anstrich
des Erhabenen an; es dürfen keine lumpige oder entblößte Leute in
ihrer Nähe herumstehen, herumwandeln oder herumsitzen, sondern nur
edle, halbverklärte Geister müssen herumschweben. Wie denn von jeher
das Große, Erhabene und Edle seine Verächter und Spötter fand, so
wiederholt sich diese Verachtung und dieser Spott im Angesichte der
Obelisken. Kann man sich wohl eine größere Verachtung oder einen
ironischern Spott auf ein Werk, welches die vereinte Anstrengung so
vieler Menschen kostete, denken, als einen Flohfänger, der von aller
Pracht +nichts+ wollte, +als den Schatten+? Ein solches Schauspiel
gewinnt selbst höhern Sinn in poetischer und politischer Beziehung.

Schon beherrscht mein Auge die Nordseite des Obelisken. Diese hat
sich mit den Hieroglyphen noch in gutem Zustande erhalten; so auch
die Westseite. Der Obelisk besteht aus rothem Granit und erhebt sich
siebzig Pariserfuß. Nicht durch seine Größe, noch durch seine Form
macht er Eindruck, sondern man betrachtet diesen Stein erst mit rechter
Aufmerksamkeit, wenn man weiß, daß er ein einziges Stück und ein sehr
altes Geschichtbuch ist. Die Sache beim Lichte besehen, bewundern
wir nicht den Stein selbst, sondern einzig den ihm aufgeprägten
Geist der Menschen. Sonst dürften wir jede Handvoll Erde, die so gut
ein Alterthum ist, wie der Obeliskenstein selbst, in die Liste der
Denkwürdigkeiten aufzeichnen.

Der zweite Obelisk +liegt+ gleich neben dem stehenden. Die Hälfte
bedeckt der vielmächtige Sand; die andere verzeigt Hieroglyphen. Die
Engländer sollen ihn umgestürzt haben, in der Absicht, denselben
nach ihrem Vaterlande zu bringen, wovon sie bloß die Berechnung des
kostspieligen Transportes abgehalten hätte. Der Luxor wurde in der That
von den Franzosen freundlicher behandelt.


Die Pompejussäule und die Schandsäule.

Man hat mir so viel von der Pompejussäule vorgeschwatzt, daß ich sie
zuerst nicht sehen wollte. Ich stand lieber still bei den Kameelen, in
dem Bassar und zu aufmerksam bei den elenden, beinah mehr mit Ketten,
als mit Kleidern bedeckten Sträflingen.

Die Säule wurde zu Ehren des Kaisers +Diokletian+ errichtet. Die Statue
steht nicht mehr. Die Engländer, welche 1776 den Schaft bestiegen,
und auf dem Fußgestelle eine Schale Punsch tranken, entdeckten noch
einen Fuß. Die Säule ruht auf einer vortheilhaft erhobenen Stelle im
Süden der Stadt. Gleich an ihrem Fuße breitet sich ein Leichenacker
aus, auf welchem ich die Turbane durchmusterte. So eben lag eine, in
ein blaues Tuch gewickelte Leiche auf einer Bahre, neben Weibern ohne
Klage, während gegraben wurde. An manchen Orten Europens hat man das
Grab im Vorrathe, und hier muß die Leiche darauf warten. Um keine
Verletzung der Sitten und Gebräuche mir zu Schulden kommen zu lassen,
stieg ich vom Esel und ging zu Fuß querein durch den Leichenacker. Der
Treiber wollte den Esel mir nachführen; allein er wurde angewiesen,
mit dem Thiere den Weg um das Leichenfeld einzuschlagen. Man mußte
dießmal von der Ansicht geleitet worden sein, daß der Esel nicht würdig
wäre, auf den Gräbern der Menschen zu wandeln. Mit dem Purismus ist
es aber eine kitzliche Sache; immer und immer wirft er den Fallstrick
des Widerspruchs vor. Läßt man jetzt den Esel nicht +über+ die Gräber
traben, so versenkt man vielleicht später Ungeziefer in die Gräber.
Ich muß es ganz herausbrocken; sonst haben die Worte keine Kraft.

Vom Leichenacker aus gesehen, prangt die Säule des +Pompejus+ als ein
großartiges Denkmal, auf welchem das Auge mit Lust weilt. Die ganze
Höhe der Säule, nämlich des Schaftes mit Knauf und Piedestal, mißt
98 Pariserfuß. Der Schaft besteht aus einem einzigen Stücke rothen
Granits. Billig staunt man darüber, wie ein 68 Pariserfuß langer und
7 bis 8 Fuß im Durchmesser haltender Stein (der Schaft) gebrochen,
fortgeschafft, ausgearbeitet und aufgestellt werden konnte.

Das Verdienst, daß die Säule noch aufrecht steht, verdankt sie
dem Umstande, daß sie von stummem Stein und schwer ist. Wäre sie
mit ~D. O. M.~ überschrieben gewesen, so würde sie wahrscheinlich
zerstört worden sein, wie die Alexandriner-Bibliothek, deren Verlust
einer der unersetzlichsten für die Menschheit genannt werden darf.
Es erregt Abscheu im höchsten Grade, daß die Leidenschaften der
Menschen schadenfroh zerstören, was Andere Schönes und Erhabenes
mühsam zu Stande brachten, und nichts vermag mehr, den Hochmuth
unseres Zeitalters zu beugen, als die Betrachtung, daß die gleichen
Leidenschaften den Krieger ohne Aufhören in den barbarischen Kampf
rufen, in welchem so manches unschuldige Leben verblutet.

Reisende, welche die Säule bestiegen, bezeichneten diese mit ihren
Namen. So viel Namen; so viel Entweihungen, so viel Beschuldigungen der
Eitelkeit, so viel Stoff zum Aergernisse. Man würde sich scheuen, einen
altrömischen Kriegsmann in eine Pariser-Jacke zu zwingen, aber die
gleiche Thorheit an der alten, ehrwürdigen Säule zu begehen, trägt man
kein Bedenken.

Bei der Pompejussäule genießt man eine schöne Aussicht auf Stadt und
Land, Gärten und Wüsten, Hafen und Meer.


Die Nachgrabungen.

Wenn auch nicht das wissenschaftliche, so regt sich ein anderes
Interesse, welches die Nachgrabungen im Schutte veranlaßt.
+Ibrahim-Pascha+ will neue Bauwerke, und so läßt er die von den
längst entschwundenen Vorfahren gemeißelten Bausteine aus dem Schutte
heraufholen. Daher sieht man an den im modernen Style sich erhebenden
Gebäuden Steine aus der grauen Vergangenheit, die man bloß zurechtsägt,
damit sie sich desto besser in die lästige Gegenwart fügen.

Ich sah zwei Schachte, in denen man Nachgrabungen anstellte, und meine
Aufmerksamkeit wurde doppelt angespannt: in den Rahmen der neuen Welt
waren die Arbeiter und die Behandlung derselben, so wie die Art und
Weise in Verrichtung der Arbeit u. s. f., in denjenigen der alten Welt
die Antiquitäten gefaßt. Wenn die lebensreiche Jetztwelt mich mit
größerer und unwiderstehlicherer Macht zu ihr hinreißt, so wolle der
Vorweltler mir nach Herzenslust grollen, aber nur nicht eher, als bis
er sich den Alterthumsschlaf aus den Augen gerieben hat. Es standen
zwei Aufseher da, ein Grieche, ein dem Anscheine nach unwissender
Mensch, und ein farbiger Mohammetaner. Beide hielten Peitschen in
den Händen. Mich empörte es, wie der letzte ein etwa zwanzigjähriges
Mädchen, welches eine ungemeine Lebhaftigkeit zeigte, und seine Arbeit
mit Gesang begleitete, liebkosete, und später ihm mit der Peitsche
aufmaß, so daß es entsetzlich schrie, freilich nicht ohne Verstellung.
Mehr noch, als das Schlagen ärgerte mich, daß man es duldet. Schimpft
nicht auf die Tyrannen, aber auf diejenigen, welche sie leiden. Wenn
die Leute nicht in eine Art thierischer Unterwürfigkeit versunken
wären, wenn bei ihnen die Selbstachtung nicht gleichsam erloschen wäre,
so würde bald eine andere Saite aufgezogen sein. Die Europäerin meint
nun zum allermindesten, daß jenes egyptische Mädchen vom bittersten
Zorne und Hasse gegen den Aufseher ergriffen wurde. Nichts weniger,
als dieß. Kaum schien der Schmerz ausgesumset zu haben, so kehrte
die frühere Fröhlichkeit zurück, und man konnte aus dem freundlichen
Benehmen des Aufsehers gegen das ihm wieder freundlich zulächelnde
Mädchen deutlich schließen, daß nach der Arbeit zwischen diesen zwei
Leutchen ein herzlicheres Verhältniß obwalten müsse.

Fast ganz nackte Männer hoben den Schutt hervor; man dürfte wohl sagen,
ganz nackte, weil so nichts vor den Blicken verborgen war, indem die
Lumpen bald diesen, bald jenen Theil kümmerlich verhüllten. Ich war an
den Anblick solcher Leute noch nicht gewöhnt; allein die kleineren und
größern Mädchen schienen das nicht zu beachten, was in der Meinung des
Europäers die Wohlanständigkeit so tief verletzen würde. Der Schutt
wurde in, aus Dattelblättern geflochtene, kleine, runde Körbe geworfen,
und so auf dem Kopfe weggetragen. Zugleich richteten es die Lastträger,
um sie scherzweise so zu nennen, gar fein ein, dergestalt, daß der eine
auf den andern warten konnte, damit ja wieder einige Augenblicke in
süßem Nichtsthun dahinfließen. Man las auf den Gesichtern der Arbeiter,
und auch alle ihre Bewegungen verriethen es, daß nicht die mindeste
Lust zur Arbeit sie beseelte, und daß sie lediglich aus Furcht vor
der Gewalt oder aus Zwang sich dazu anschickten. Viele in Alexandrien
wohnende Europäer hegen die Ueberzeugung, daß ohne Peitsche und Stock
der Araber von seinem Hange zum Müßiggange nicht loszurütteln und zur
Arbeit zu bewegen wäre. So bald er etwas erspart habe, behaupten sie,
lege er sich auf die Bärenhaut, und verthue oder vergeude wieder Alles.
Uebrigens sorgt der Pascha mit väterlicher Theilnahme dafür, daß die
Arbeiter nicht zu viel Geld in die Hände bekommen; denn die 30 bis 40
Para, welche er ihnen täglich in die Hand +preßt+, reichen kümmerlich
für die allernothwendigsten Bedürfnisse hin. Würden +Mehemet-Ali+
und +Mahmud+ den abendländischen Fürsten darin nachahmen, daß sie,
statt der Chiffres, ihre Köpfe auf der Silbermünze abprägen ließen,
sie dürften gewiß nicht besorgt sein, daß sie in den Händen dieser
egyptischen Arbeiter rothe Backen bekämen.


Leute. Bevölkerung.

Auf den Straßen ist es ungemein lebhaft. Die Budengassen (Bassar)
sind theilweise gedrängt voll. Man darf sich mit Recht wundern,
daß, bei allem Gedränge, die in ein bloßes Hemde gekleideten
mohammetanischen Weiber den Franken selten berühren. Die bunte Kumpanei
von so verschiedenen Menschen mit ihren abweichenden Sitten und
Religionsformen, der bunte Wechsel von so verschiedenen Thierarten,
als von Kameelen, Büffeln, Eseln, Pferden, hin und wieder das Knarren
von Lastkarren (welche der Regierung gehören) wirkt beinahe betäubend.
Nirgends traf ich mehr Getriebe und mehr Rührigkeit, als im Arsenale
und in den Schiffswerften. Tief in die Nacht dauert der Lärm, und wenn
das Getümmel der Menschen verstummt, so erhebt sich das Gebell der
herrenlosen Hunde. Schwerlich wird dem Schlaflosen je eine feierliche
Stille vergönnt.

Der arabische Alexandriner ist eine wahre Lärmtrompete. Er lernt laut;
arbeitet er, so singt er. Wenn dreißig bis vierzig Arbeiter eine Last
heben, so tönt nicht unangenehm für das Ohr der Chor der Menge, welcher
dem Solo des Kommandirenden antwortet. Alle die Lärmereien sollen eine
religiöse Bedeutung haben. So rufen die Mohammetaner gar oft ihren
Propheten an, der auch +Hamma+ heißt.

Ueber die Bevölkerung der Stadt konnte ich nichts Zuverlässiges
in Erfahrung bringen. Jährlich sollen, nach einem eben so gut
unterrichteten, als angesehenen morgenländischen Bewohner Alexandriens,
im Durchschnitte dreitausend Menschen sterben. Es leidet kaum einen
Zweifel, daß die Sterblichkeit in Alexandrien, dessen Lage allgemein
für ungesund gehalten wird, groß ist. Lassen wir, wie in Rußland, den
fünfundzwanzigsten Theil der Bevölkerung jährlich sterben, so erhalten
wir eine Gesammtheit von fünfundsiebzigtausend Menschen. Jedenfalls
steigt die Einwohnerzahl weit höher, als man sie in Europa glaubt.
Uebrigens hat sie durch die letzte Pest (1834/5) bedeutend abgenommen,
obwohl man, wie man mich versicherte, am Gedränge in den Gassen keinen
Unterschied bemerke. Nach den Einen sollen unter dem Todesstreiche
der letzten Pest 13,000, nach Andern selbst 20,000 Menschen gefallen
sein. Man muthmaßt, daß die Regierung geflissentlich die Zahl der
Gestorbenen minder groß (etwa 11,000) angab, und man will bestimmt
wissen, daß manche in den Hütten an der Pest Verstorbene gleich unter
denselben in die Erde verscharrt wurden, weil die Gesundheitspolizei
gegen verpestete Hütten sogleich zu Maßregeln schritt, welche den
Araber belästigten. Die Bevölkerung Alexandriens gleicht einem
Polypen. Schneidet man ein Stück davon, alsbald wird das Verlorene
wieder ergänzt. Wenn die arabische Bevölkerung der Stadt auch viel
einbüßt, so wird der Verlust doch wieder in kurzer Zeit ersetzt,
theils weil das arabische Weib gerne und leicht Kinder bringt, theils
weil vom Lande immerfort Lückenbüßer einrücken. Es mag nebenbei die
Bemerkung nicht überflüssig erscheinen, daß der Pascha seine Stärke
in der größtmöglichen Vermehrung seiner Unterthanen sucht. Er thut
ihr daher jeden Vorschub. So darf ein Seesoldat nicht ans Land gehen,
wenn er kein Weib nimmt. Wie wenig wurzelfest ein solches Prinzip
sei, könnte er von unsern Lehrern der politischen Oekonomie lernen.
Hohl und trügerisch ist der Gewinn für das Ganze, wenn die Zunahme
und der Verlust der Bevölkerung in gleichem Grade steigen. Eine klein
scheinende Sache ist manchmal von großer Wichtigkeit, und hier +die
Erhaltung der Bevölkerung+, und wollte der Pascha nach diesem Ziele
ringen, so könnte er nicht nur über die gleiche, sondern selbst über
eine intensiv stärkere Bevölkerung gebieten, sich nicht nur einen
Theil seiner Laufbahn von Dornen säubern, sondern auch Andern tausend
Unbilligkeiten und Ungerechtigkeiten, tausend Kümmernisse und Seufzer
ersparen.


Der Ritt zur Beschneidung.

Was ist das für ein Reuter dort auf stolzem Rosse, den Bassar
durchziehend? Was für eine gellende Musik? Was für ein rufendes,
wogendes Menschengedränge, aus dem -- Salz gegen das Roß anstäubt?
Ach, eine Komödieankündigung; mit solchen Ausposaunungen füllt man die
Ohren in allen Krähwinkeln der Welt. O Wahnsinn, welcher dergleichen
verdeutet! Das wohlaufgeputzte Kind, welches der Reuter auf dem Schooße
hält, ist ein mohammetanischer Knabe, mit dem man an den Ort reitet, wo
die Beschneidung vorgenommen werden +soll+. Freilich +soll+, +muß+ u.
s. f., mögen nun seine Augen triefen von Krankheiten und naß sein vor
Wehmuth. Was -- Wehmuth? Sein Weinen hört man ja nicht, weil das Ohr
von Pauken und Tambour und Schalmeien übertäubt wird.

Die Mohammetaner halten auf der Beschneidung sehr viel. Erst wenn
der Knabe beschnitten, ist er ein Moslim (Rechtgläubiger). Die
Großen begleiten dieselbe mit sehr viel Gepränge. Die Beschneidung
des nachherigen Sultans +Mehemet+ dauerte vom 21. Mai bis zum 30.
Brachmonat 1582. Die abgeschnittene Vorhaut wurde in einer goldenen
Schale der Mutter des Sultans, und das Barbiermesser blutig der
Großmutter zugeschickt. Wenn man damit zugleich die Rohheit der
türkischen Sitte bezeichnen möchte, so versteht sich von selbst, daß
auch +Sauls+ Forderung (1. +Samuel+, 18, 26 und 27) in der Vorderreihe
roher Sittenzüge steht.


Primarschule.

Du gehst auf den Gassen. Du hörst einen Lärm, ein Brumsen und Sumsen.
Auf einmal erblickst du eine Menge Kinder, die in einer offenen, über
die Gasse nur wenig erhöheten Bude hocken[8], den Körper vor- und
rückwärts bewegen, eine weiß bemalte, hölzerne Schreibtafel in der Hand
halten. An einer Wand hockt der Schulmeister, und macht mit seinem
Körper eben so komische Bewegungen. Er lehrt und ißt Bohnen zu gleicher
Zeit.

Das ist eine Kinderschule. Nirgends sah ich die fröhliche
Ausgelassenheit der Kleinen in höherm Grade als hier.

In Alexandrien gibt es mehrere Schulen. Ich glaube nicht, daß sie
gesetzlich bestehen. Weil in den Schulen die Religion nach dem Koran
gelehrt wird, so schickt der Mohammetaner aus religiösem Eifer die
Kinder in dieselben. Der Schreiber wird unter dem Volke sehr geachtet.
Mädchen nahm ich unter den Schülern nicht wahr.


Die Zeichenschule.

Ich begegnete im Arsenale einem Europäer, den ich um Auskunft fragte.
Sein Aeußeres wollte eben nicht viel versprechen. Mit zuvorkommender
Gefälligkeit führte er mich in ein Zimmer, wo etwa zwanzig ältere
Zöglinge zeichneten, davon mehrere schon an zwei Weiber verheirathete.
Mein Führer, aus Marseille gebürtig, stand der Schule, die er erst
vor kurzem gegründet hat, selbst vor. Die Araber saßen auf Bänken vor
Tischen, und die Muster lagen oder hingen vor ihnen. Mir schienen
die Zöglinge Eifer an den Tag zu legen, und ihre Arbeiten, Laub- und
Blumenwerk, z. B. für Tapeten, geriethen nicht übel. Der Zeichenlehrer
eröffnete mir, daß der Araber viel Talente besitze, daß er aber zu sehr
Schlaraffe sei, um sie anbauen zu wollen. Er bestätigte, was ich von
Andern vernahm, daß er denselben nur durch strenge Zucht zur Arbeit und
zum Fortschritte bringe. Von Stockschlägen faselte der Franzose ganz
geläufig, als wäre er mit ihnen aufgewachsen. Der Mangel gründlicher
Kenntniß in der arabischen Sprache stellt dem Lehrer viele Hindernisse
in den Weg. Indessen bemüht er sich eifrig, diese Sprache in seinen
Besitz zu erlangen, damit seine Mittheilungen leichter werden. Da der
Lehrer selbst nicht gar viel Zeit im Schulzimmer zubringt, so sucht er
sich durch eine Art +Lancasterschen+ Unterrichtes zu helfen. Während
seiner Abwesenheit vertritt der beßte Zögling die Stelle eines Lehrers.
Die Lehrlinge werden im Ganzen strenge gehalten. Des Mittags dürfen
sie nicht ausgehen, und sie speisen im Zimmer. Eben hockten zwei auf
dem Boden, und langten mit ihren Fingern eine Art Brei aus einem großen
Teller heraus.

Der Pascha verbindet mit dieser Schule offenbar den Zweck, sich von
dem Abendländer mehr und mehr unabhängig zu machen. Vielleicht sind
die goldenen Tage des letztern in Egypten vorüber, so bald er den
Pascha und seine Leute einen solchen Schatz gelehrt haben wird, daß die
Anleitung und die Mithilfe des Fremdlings entübrigt werden können.


Weiberhändel.

Zum Troste der Europäerinnen gibt es auch in Afrika Weiberhändel.

Ich lag unter dem Fenster, über einem Bassar. Auf einmal wendete sich
eine Mohrin kreischend und, mit einem Schäufelchen drohend, rasch
gegen einen Türken. Das Weiße des Auges gegen die Schwärze der Haut,
wie das Licht gegen den Schatten, abstechend, warf den lebhaften Glanz
der Gemüthsbewegung. Der Türke stand in stolzer Ruhe; fest heftete er
seinen Blick an das Weib. Auf einmal fiel ein minder schwarzes Weib der
ersten in diejenige Hand, welche das Schäufelchen hielt. Die Weiber
wetteiferten mit Lärmen. Was für ein Ende wird der Auftritt noch
nehmen? Wie treffen doch die zierlichen Europäerinnen und die plumpen
Afrikanerinnen den gleichen Punkt, ob auch nicht so +haargenau+; denn
in Europa raufen sich Weiber die Haare, hier dagegen greifen sie
nicht nach dem Kopfe, sondern halten sich einander die Hand, oder
kneipen und reißen an den Kleidern. Daß die auf einander erbosten
afrikanischen Damen mehr nach dem in der Gemüthsaufwallung gepreßten
Herzen greifen, ist es etwa instinktmäßiger? Ich glaube nicht, daß,
wenn es keine Männer gäbe, die Welt aussterben, sondern bloß, daß die
übrig bleibenden Weiber von einander aufgerieben würden, nämlich zuerst
die guten von den bösen, dann die bösen von den bösesten. Und das habe
ich nicht nur schon im Stillen gedacht, sondern ich wollte es auch vor
Männiglich sagen, wozu es freilich keines Muthes bedarf; denn sollte
ich mit meinem harten Urtheile irgend eine Schöne zum Zorne aufregen,
so bin ich überzeugt, daß sie sich selbst, im Schmucke desselben, vor
dem Mann mißfiele, und daß sie ihn viel lieber an einer schwachen
Mitschwester entlüde.

Es kam, um zu unserm Spektakel zurückzukehren, Polizei dazwischen,
und so nahm der Handel flugs ein Ende. Natürlich wurde ich an der
Fortsetzung meiner nicht ganz unangenehmen Beobachtung gestört.


Geld und Geldnoth.

Eine englische Guinee gilt 100 Piaster (Krusch); 40 Para (Medi)
machen einen Piaster aus. Beiläufig 8 Piaster kommen einem Gulden
Reichswährung gleich. Die egyptischen Goldmünzen sind 10, 9, 4 und 3
Piasterstücke. Diese letztern empfehlen sich wegen ihrer Kleinheit
wenig. Man darf ordentlich auf der Hut sein, um sie nicht zu verlieren.
Die Silbermünzen sind 1, ½, ¼ und ⅛ Piaster, selbst ein Para. Es
gibt übrigens auch ¼, ¼ Piaster und 1 Parastück in Kupfer. Dieß die
Hauptmünzen. Man könnte wohl noch mehr angeben, wenn man weitläufiger
sein wollte.

In Alexandrien ist Noth an Scheidemünze, so daß bisweilen für das
Wechseln von 4 Piaster in Gold ohne Anstand 10 Para abgezogen werden.
Ich war einmal genöthigt, einem Araber, der meine Sprachen nicht besser
als ich seine verstand, so viel Para zu bezahlen. Anfänglich glaubte
ich freilich hintergangen worden zu sein, weil eine so beschaffene
Ordnung von Unordnung mich allzusehr befremdete. In Kaffee- und
Wirthshäusern tritt gewöhnlich der Fall ein, daß man nicht quitt
rechnet. Bald bleibt der Wirth, bald der Gast schuldig. Einmal konnte
der Wirth mir keine kleine Münzen zurückgeben, und erklärte, mit
Annahme der Zahlung zu warten. Wie staunte ich über das gastwirthliche
Zutrauen, welches das Morgenland so lieblich verkündiget. Man fasse
sich wohl, dieses Zutrauen ging auf den Stelzen der Münznoth. Ein
andermal blieb ein Kaffeewirth, aber ein Grieche, mir eine Kleinigkeit
schuldig. Die Begehr nach Scheidemünze fällt, wenigstens dem Fremden,
ungemein beschwerlich; man muß gleichsam auf dieselbe Jagd machen,
indem man jede Gelegenheit auffängt, um eine größere Münze auszugeben,
die beim Umwechseln kleinere zurückwirft. Dazu kommt noch eine andere
Unbeliebigkeit, daß schwierig zu erkennende falsche, oder gebrochene
und beschädigte Münze im Umlaufe ist, welche nicht angenommen wird.

Zählen wir doch nichts zu den Unmöglichkeiten. Vielleicht rührt die
Scheidemünznoth vom +Kometen+ her, den ich in Egypten gerade zum
ersten Male, als einen hübschen, langen Schweif, in der nördlichen
Himmelsgegend zur Sicht bekam. Im Kaffeehause erregte diese Erscheinung
plötzlich ernstes Rufen, lautes Lärmen, eiliges Laufen, anders nicht
fürwahr, als wäre Feuer ausgebrochen. Wenn der Schwanzstern nun
dieses zu bewirken, und, wie es denn bekannt ist, Krieg und Pest
heraufzubeschwören vermag, wie soll er die Leute nicht auch in die
Klemme des kleinen Geldes treiben können? Uebrigens bin ich selbst
froh, daß die Sterngucker den Spaß dort ungefähr errathen haben; denn
mich bangte nicht wenig, der Komet werde gar ausbleiben, dieweil er aus
dem Wirrwarr der Himmelspropheten sich etwa nicht herauszufinden wisse,
die in der Festsetzung des Tages oder der Nacht für das Stelldichein so
nicht einig werden wollten oder konnten.


Das Schiff der Wüste.

Auf Alexandriens Boden reichten auch die vielen Kameele meiner
Neugierde Nahrung dar. Zu Lande werden meist auf dem Rücken dieser
Vierfüßer die Lasten fortgeschafft. Wie ein Faden spinnt sich eine
lange Reihe von Kameelen oft mitten durch das Menschengedränge in den
Gassen, eines hinter das andere gebunden. In ein weitfenstriges Netz
von Stricken werden größtentheils die Lasten aufgeladen; so Steine, so
Säcke, so Anderes. Das hohe Kameel bewegt sich in gemessenen langen und
eher langsamen Schritten, während der niedrige Esel mit seinen kurzen
Füßen trippelt. Der Fuß des Kameels ist wie das Pendul einer Thurmuhr,
der Fuß des Esels wie dasjenige einer Taschenuhr. Und noch mehr
Gegensatz. Das Kameel ernst, der Esel flatterhaft; das Ohr des großen
Kameels klein, des kleinen Esels groß. Es macht Spaß, diese zwei Thiere
neben einander zu sehen.


Anleitung für den Reisenden.

Langt man im Hafen an, so fährt der Kapitän in seiner Schaluppe ans
Land. Ergreift man nicht gleich diese Gelegenheit, so holt man später
auf einer der Barken, die im Hafen jederzeit bereit liegen, die
Effekten, höchstens für einen Piaster. Zu Lande wird das Gepäcke von
den Mauthbeamteten untersucht, welche einen Piaster von mir forderten.
Ein Lastträger bringt für einen Piaster das Gepäcke bis ins Logis. Eine
größere Last würde man am beßten auf Esel oder auf Kameele laden, und
auch auf letztern kostet die Fortschaffung des Gepäckes nicht viel.
Ehe ich das Zimmer im Wirthshause zu den drei Ankern (welches sonst
dem kostspieligeren zum goldenen Adler nachgesetzt wird) bezog, fand
ich mich mit dem Wirthe ab. Das Zimmer war geräumig, mit der Aussicht
auf einen Bassar, das Bett rein; die Flügelthüren mußten mit einem
Vorlegeschloß gesperrt werden.

Mein Paß war von der Polizei in Triest mit nicht mehr Umständlichkeiten
nach Alexandrien visirt, als reisete ich von dort nach Venedig, und der
Kapitän händigte am Orte der Bestimmung ihn selbst dem österreichischen
Konsul ein. An das Reisen nach Egypten binden sich überhaupt keine
polizeiliche Schwierigkeiten. Nachdem mein Paß in meinem Kantone
ausgefertigt war, wurde er einzig dem österreichischen Gesandten bei
der schweizerischen Eidgenossenschaft zum visiren übersandt, weil ich
in Europa keinen andern als österreichischen Boden beschreiten wollte.
Die Polizei abgerechnet, fiel er hier weder in die Hände eines Konsuls,
noch sonst Jemandes. Als ich mich beim österreichischen Konsulate in
Alexandrien anmeldete, eröffnete es mir, daß es mir den Paß nach Kairo
unterschreiben werde, wenn ich hinauf reisen wolle, und daß ich ihn
dann abholen könne. Das Visum erhielt ich „gratis“, und ich mußte nur
einem egyptischen Angestellten, welcher sich auf der Konsulatskanzlei
befand, für einen Vorweis bei der Douane am Mahmudiehkanale einen oder
zwei Piaster, so wie den Douaniers selbst, welche auf eine den Fremden
sehr belästigende Weise die Effekten durchsuchen, wiederum einen
kleinen Tribut bezahlen. Manche bedecken den Statthalter mit Ruhm wegen
seiner Liebe zu den Abendländern, und die gleichen Abendländer dürfen
bloß den Fuß auf Egypten setzen, und er benützt, wie es am Tage liegt,
jede Gelegenheit, um ihnen das Geld aus der Tasche herauszudrücken.
Als Arzt hatte ich nur meine nothwendigsten Effekten mit einer Zugabe
weniger Arzneien bei mir, und demungeachtet mußte ich den Inhalt des
Felleisens in Alexandrien zweimal untersuchen lassen.

Wer sich mit Empfehlungsschreiben versieht, thut wohl daran. Die
meinigen leisteten mir wesentliche Dienste, was ich auch dankbar
anerkenne. Ich stellte mir etwas schwer vor, daß ich, als Ankömmling
auf Afrika, in Mitte arabischer Zungen mich zurecht finden werde. Mein
Erstes war, durch einen Araber geführt, meine Empfehlungsschreiben
an einen Schweizer aus Schaffhausen abzugeben. Ich fand ihn -- einen
Freund; ich fühlte mich in seiner Nähe so traulich wie zu Hause. Er
ertheilte mir zu Allem Anweisungen, deren ich so sehr bedurfte. In
der Gesellschaft der Herren +Ott+, +Wehrli+, +Wyß+, Korvettenkapitäns
+Baumgartner+, welche Schweizer sind, und des Oberarztes der Marine,
~Dr.~ +Koch+ aus München, hatte ich erfreuliche Gelegenheit, die
nöthigen Erkundigungen einzuziehen.

Wenn man einen entferntern Gegenstand besehen will, so bedient man
sich am beßten eines Esels. Fiacres gibt es gar nicht und im Ganzen
äußerst wenig Gefährte. Man kann aber auch zu Fuß gehen, was ich
meistens that, und selten wurde ich von den Eseltreibern bestürmt.
Diese fangen eigentlich nur an, in Jemand zu dringen, oder sich in
den Weg zu stellen, und ihn so aufzuhalten, wenn sie ihm anmerken,
daß er einen Esel sucht. Alsdann ist er augenblicklich von zwölf- bis
zwanzigjährigen Leuten umringt, welche, laut lärmend, sich anbieten
und so nahe sich andrängen, daß sie Einem die Kleider verunreinigen.
Das unverschämte Andrängen war mir immer höchst widerlich, selbst wenn
ich dadurch im beengten Raume nicht gehindert worden wäre, den mir
beliebigen Esel und Treiber auszuwählen. Man schwingt sich endlich auf
ein Thier, bloß um die Stürmer los zu werden; denn sobald man auf dem
Esel sitzt, ändert sich die Szene, als wäre ein Licht ausgeblasen, --
gänzliche Stille tritt plötzlich ein. Außer dieser Kriegslist schützt
auch noch die Peitsche vor der Unverschämtheit. Einige Male folgten
mir Eseltreiber, Esel voran, mit dem ermüdenden: ~Volete un’ buon’
burrico?~ weit nach. Ich kehrte rasch um, und dann wandelte ich wieder
vorwärts. Es half wenig. Die Drohung mit der geballten Faust wies zu
guter Letze die Meister in der Zudringlichkeit zurecht.

In einem halben Tage kann man das Sehenswürdigste finden. Man
reitet zuerst zu den Katakomben, wo Leute aus den arabischen Hütten
den Wißbegierigen unter die Erde führen. Von da zu dem Garten
+Ibrahim-Paschas+, mit den Blicken über den See Mareotis. Weiter zu der
Pompejussäule, zu den Obelisken und zuletzt zum Pharus. Für den Ritt
nach den Katakomben, zur Pompejussäule und zu den Nadeln +Kleopatras+
gibt sich der Eseltreiber mit vier Piaster zufrieden. Vielleicht
verdienen auch die Ruinen der Athanasiuskirche und der Katharinakirche
besehen zu werden.



Die Nilfahrt nach Kairo.

    Linkische Lastträger; seichter Kanal; ~licentia poetica~;
    Kornspeicher; Fruchtbarkeit des Nilthals; possirlicher
    Hühnerhandel; eine Abendunterhaltung; das Schlachten eines Lammes;
    Gewandtheit der Barkenknechte; die reisende Familie; Truppe nackter
    Kinder; Einerlei der Aussicht; Kaffeewinkel; Bewässerung des
    Landes; seltsame Schiffsladung; Pyramidenanblick; Telegraphen;
    Bulak; ~hôtel de l’Europe~.


+Freitags den 16. Weinmonat.+

Ich schied von Alexandrien. Aus Rücksicht für die gute Gesellschaft
mit einem Dragoman der französischen Regierung und einem jungen,
piemontesischen Kaufmanne reisete ich nicht eher ab, wie ich vorhatte,
ja ich ließ mich sogar lieber während dieses Tages bis gegen Abend ins
Wirthshaus einsperren. Denn da die Cholera immer weiter um sich griff,
und der Wirth keine Maßregel dagegen versäumen wollte, so unterstellte
er sein ganzes Haus der Quarantäne. Ich weiß nicht, wie ich sagen soll,
ob die neue Ordnung der Dinge, z. B. der Einkauf von Lebensmitteln,
das Parlamentiren vom Rastelle aus bei dem Besuche eines Freundes, mich
mehr betrübte oder belustigte. Noch wunderlicher kam es mir vor, wie
der italienische Wirth mich als Verpesteten behandelte, weil ich über
Nacht Brechen und Anderes litt, und eine Zeitlang mich wirklich von der
morgenländischen Brechruhr ernsteren Grades befallen glaubte. Die mit
Reiswasser gefüllte Flasche übergab der kummervolle Italiener nicht mir
unmittelbar, sondern mittelst eines vor meiner Zimmerthüre stehenden
Geschirres, in welches die Flasche ging. In das Weise der Menschen
flicht sich auch manchmal so viel Thörichtes, daß man oft nicht weiß,
wo der Verstand aufhört oder anfängt.

Ich sorgte für einen kleinen Vorrath an Lebensmitteln, auch Holz,
und zwar kaufte ich dieses nach dem Gewichte. Die eine Fürsorge ist
vergeblich, und nur für Leckergaumen räthlich. Ueberall am Nil bekommt
man gutes Brot, Hühner, Eier, auch Reis, und in den meisten Dörfern
Milch, Alles in geringem Preise. Einzig Zitronen, Zucker und Rhum mögen
nebst Kohlen und einem Kochofen dienen. Ich kann voraussetzen, daß der
über Meer Gelangte auch ein Bett mit sich schleppe.

Von zwei Arabern wurde mein Gepäcke aus der Ankertaverne nach
dem Mahmudiehkanal getragen, aber täppisch oder träge genug,
indem dieselben, im Schweiße gebadet, die Bürde bald los- bald
zusammenbanden, jetzt niederlegten, dann aufnahmen. Ich traf eben
da meine Reisegefährten. Es sollte mein Gepäcke nur noch unter den
bekannten Förmlichkeiten die Zolllinie überschreiten; ich bestieg das
Fahrzeug, und wir stießen in den Kanal. Der Wind blies günstig. Bald
verschwand die Pompejussäule aus unsern Augen -- und der Tag.


+Den 17.+

Die Ufer des Kanals sind niedrig, oft wüst, genußarm. Der Kanal
ist schmal, hie und da seicht, und Manche glauben, daß in kurzer
Zeit der immer mehr anwachsende Niederschlag des Nilschlammes ihn
unschiffbar machen werde. Dergestalt würde das glänzende Unternehmen
+Mehemet-Alis+, den Nil mit der See Alexandriens zu verbinden, in
Schatten sinken, nachdem es in aller Welt so hochgepriesen war.

Wir segelten einer französischen Dame voran. Vornehm steckte sie durch
einen baufälligen Laden ihren Kopf heraus. Von einem Monsieur unserer
Barke wurde sie nur befragt, ob sie des Nachts viele Flöhe gehabt
hätte. Das war eine schlechte ~licentia poetica~, aber eine natürliche.
Gegenseitige Theilnahme an den Plagen ist wenigstens ein Erguß der
Gemüthlichkeit.

Um Mittag langten wir in Atse an. Hier verbindet sich der Kanal
mit dem westlichen Arme des Nils. Das Dorf mit seinen elenden,
schwarzgrauen Hütten gleicht einem Ameisenhaufen, so viel Leben und
Regsamkeit zeigt sich in dem Bassar und an den Stapelplätzen. In der
Kornhalle, aber keinem Konterfei der Pariser, liegt das Getreide
auf dem Boden an einem Haufen unter freiem Himmel. Der Kornhändler
hockt auf dem Kornkegel und schmaucht mit aller Behaglichkeit
eine Pfeife. Auf diesen Markt soll man nicht gehen, um Eßlust zu
fördern. Solche Getreidemärkte besitzt auch das übrige Egypten.
Die Kornspeicher stellen indeß andere Male einen, mit einer Mauer
umfangenen, unbedeckten Platz vor. Ich wollte im Bassar eine Limonade
trinken; allein den widerlichen Geschmack dieses mit Meth oder Melis
zubereiteten Getränkes konnte ich nicht überwinden. Ich war noch nicht
so weit in das Reisen eingeschossen, daß ich Alles verschlingen wollte.
Im Bassar gewahrte ich eine Höckerin mit einem nackten Kinde, das an
den Blattern litt. In Egypten hausen diese auf eine schreckliche Weise.

Billig nahm der +Nil+ mit seinem weißgelblichen Schiller meine
Aufmerksamkeit in Anspruch. So habe ich denn ein Ziel meiner Reise
erreicht. Mit Recht danken dir, o Nil, die Bewohner des Landes, daß du
die von dir überschwemmten Ländereien segnest. An andern Orten schadet
im Gegentheile der Fluß durch Ueberschwemmung. In der Mitte zwischen
den Quellen und Mündungen ist der Weltstrom am größten, und an andern
Orten wird der Fluß um so größer, je näher er gegen das Meer anströmt.
Nicht durch majestätische Größe, mehr aber durch den reißend schnellen
Lauf zeichnet sich dieser Nilarm aus. Und welch’ eine Fruchtbarkeit
der Nilufer! Alles keimt üppig, und man sieht der Natur an, daß sie
mit der größten Leichtigkeit hervorbringt. Sie scheint den Bewohnern
zuzurufen: „Nehmet von mir, so viel ihr wollet; denn ich ermüde nicht
mit Wiedergeben.“ Der Karakter der Nilgegend ist eigentlich kein
schwerer, sondern ein leichter, kein ernster, sondern ein frohmüthiger,
ein jugendlicher. Das alte, das schon so oft und oft geerntete Land ist
noch ein Kind.

Es war Mittag. Die Sonne brannte durch einen Flor atmosphärischer
Dünste. Wir verweilten einige Stunden, weil die Waaren von unserer
Barke auf eine andere umgepackt werden mußten. Gepäcke um Gepäcke aus
den Händen legend, schrie der das Schiff beladende Araber Zahl um Zahl
laut: für mich eine gute Gelegenheit, die arabischen Zahlen zu lernen.
Bei diesem und andern Auftritten verging mir die Zeit leicht, doch
angenehmer, als gegen Abend ein herrlicher Wind dahersäuselte, die
etwas drückende Hitze zu mildern. In Atfe hält sich ein französischer
Konsularagent auf, welcher uns besuchte.

Gegen die Neige des Tages stachen wir in den Nil. Die zwei lateinischen
Segel schwollen lustig an, wie die Backen der Kinder, welche dem Aeolus
ins Handwerk greifen wollen. Bald lagen wir vor der Stadt Fuah, in der
ein Thurm am andern emporragt. Jetzt trat Windstille ein. Der Abend war
lieblich warm. Die Leute vertrieben ihn mit Spiel und Tanz, und ich
glaube zuversichtlich, daß sie wenig Empfänglichkeit für die Lehren
unserer Mystiker gehabt hätten, nach denen das lachende Nilthal ein
Jammerthal wäre oder hoffentlich werden sollte.


+Sonntags, den 18.+

Gegenwind. Das Schiff an einem Seile gezogen.

Ich kaufte drei Hühner für etwa 30 Kreuzer R. V. Man darf aber Eines
nicht außer Auge setzen: die egyptischen Hühner erlangen keineswegs
die Größe der unserigen. Eine Henne sieht aus wie bei uns ein junges
Huhn. Es fiel mir zum ersten Male nicht wenig auf, wie eine Gluckhenne
(von der Größe eines europäischen, halbausgewachsenen Huhns) sich
bemühte, ihre so außerordentlich winzigen Küchelchen mit den Flügeln zu
beschirmen. Hätte ein Säugling an die Brust eines zehnjährigen Mädchens
sich geschmiegt, es wäre mir kaum spaßhafter vorgekommen. Auch die
Eier der egyptischen Hühner sind bedeutend kleiner.

Ich nahm sofort meine angekauften Hühner zur Hand, wendete mich gegen
das Nilufer und ging an diesem hinauf, um an einer vortheilhaften
Stelle zu warten, wo ich wieder in den Kahn steigen könnte. Auf einmal
verfolgte mich ein Weib wehklagend, +juh, juh+ schreiend. Ich wußte
nicht recht was es wollte; nur glaubte ich aus seiner Stimme und aus
seinen Geberden entnehmen zu müssen, daß es wähne, ich hätte die
Hühner ihm gestohlen. Schon umzingelten mich Leute, selbst von der
Polizei; ich sollte mein Eigenthum abtreten. Was anfangen? Ich suchte
durch Deuten verständlich zu machen, daß ich mich zur Barke begeben
wolle, wo man Aufschluß ertheilen werde. Das Glück brachte gerade den
Piemonteser. Meine Vermuthung wich der Gewißheit. Er sagte mir, das
Weib habe seine Hühner bezeichnet, und ich solle sie ihm zeigen. Ich
that es, und die Bestohlene -- überzeugte sich sogleich von ihrem
Irrthume. Das Weib war wenigstens moralisch so gut, daß es diesen
eingestand. Es gehört zur Macht des Irrthums, wie kleine Zwiste, so
selbst blutige Kriege zu entzünden, und ich durfte mich in der That
glücklich preisen, daß aus diesem Handel nicht gar ein Krieg entsprang.

Wir rückten heute vor bis +Mohalèt-Abu-Ali+, einem Orte am Ufer des
Delta. Nach einem nebelichten Tage war der Abend sehr schön und wie
ergötzlich, das will ich in Kürze erzählen.

In diesem Dorfe wohnt eine Art Großer, welchem die Barken des
westlichen Nilarms zugehören sollen. Er kannte den Vater des
Piemontesen. Wir schickten ihm Rhum, oder er ließ vielmehr holen. Bald
beehrte er uns selbst mit seiner Gegenwart, und trank den Rhum vor
Aller Augen. Er erfreute die Gesellschaft zugleich mit einer blinden
Sängerin. So wurde der Abend mit rauschendem Vergnügen, unter Sang,
Tanz und Spiel verbracht. Wenn die Egypzier mit der Schalmei (Surna)
und dem Tambur (Deff) spielen, so klatschen sie mit den Händen den
Takt, manchmal unter dem Rufe +Hamma+. Mich belustigte das fröhliche
Geberdenspiel. Man versicherte mich, daß die Sängerin ihre Rolle
vortrefflich spielte. Es fesselte mich vor Allem das lange Pausiren,
die vielen Molltöne und der Liebeston, eine Art +Ach+ (a-a), der
letzte, ersterbende Seufzer der Liebe. Dem Dragoman, einem mit den
Sitten und der Sprache des Landes vertrauten Manne, schmeckte die
Soirée überaus köstlich. Ich genoß dabei im Ganzen wenig. Weil ich die
Nachtluft im Freien fürchtete, stellte ich mich bloß dann und wann,
kein Vaterunser lang, unter die Thüröffnung der Kajüte. Ein Kind würde
kaum scheuer, unter den Polizeiaugen des sparsamen Vaters, in den
Honigtopf gelangt sein. Wenn die Araber mich auslachten, so hatten sie
-- Recht.

Ich lasse nun ein Verzeichniß der an den Nilufern gelegenen Ortschaften
in der Reiheordnung folgen, wie wir an ihnen vorübergefahren sind[9].

     +Rechtes Ufer.+             +Linkes Ufer.+

    Allah-uhu.                 Sanahbahdieh.
    Schurafa.                  Iluieh.
    Salamunih.                 Kaffer-Schech-Hasan.
    Mahalèt-Malèk.             Somchroat.
    Dissuh.                    Rachmanieh.
    Kaffer-Ibrahim.            Margass.
    Dimikunum.                 Miniet-Selamme.
    Mahalèt-Abu-Ali.


+Den 19.+

Es wird ein Schaf von einem Manne auf dem Rücken in die Barke getragen:
ein Geschenk von Seite des Barkeninhabers, der uns gestern Abend einen
Besuch abstattete. Das schien mir echt morgenländischer Ton. Das
Geschenk galt dem Piemonteser. Kurz darnach kam der Barkeninhaber mit
seinem jungen Sohne. Sie ließen sich voller Würde am Borde nieder und
wurden mit Kaffee bewirthet. Mich wunderte, wie gar der Junge sich
so ernst, männlich und geschickt benahm. Mißtrauen wir doch nie dem
vielvermögenden Einflüsse des Beispiels in der Erziehung. Vater und
Sohn begleiteten uns eine Strecke weit, und ließen sich sodann ans Land
tragen.

Bald ward das Schaf geschlachtet und zerhauen. Ein Jeglicher hoffte auf
einen guten Bissen. Wir feierten munter die Ostern.

Die Barkenknechte sind Leute von erprobter Geschicklichkeit. Wenn,
aus Mangel an Wind, die Barke am Seile geschleppt werden sollte, so
nahmen sie die Kleider, wickelten diese zusammen, legten sie über den
Kopf, sprangen ins Wasser, schwammen davon, bis sie waten konnten, und,
ans Ufer gekommen, zogen sie, bisweilen ohne einen Faden am Leibe,
das Schiff. So geschieht es bei Tage, wie bei Nacht, und nicht einmal
selten. Auch dem aufsitzenden Fahrzeuge zu Hülfe springen die Amphibien
ins Wasser, und heben mit Rücken und Händen die Barke vom Strande. Zu
diesem Ende sind sie genöthigt, unterzutauchen, und bemerkenswerthe
Zeit bleiben sie manchmal unter Wasser, um die Last zu bewegen.

Wir kamen an einem Landhause des Pascha vorbei.

Unsere Gesellschaft auf der Barke war zahlreich. Stelle man sich vor
die gebieterischen Franken und die beugsame Mannschaft des Schiffes,
ein Weib mit Kindern und einen alten, magern Kuppler, ein altes Weib
neben einem jungen, welches Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte, und
seinen häßlichen, großen Mund mit Aengstlichkeit verbarg, und man hat
das bunte Bild von unserer reisenden Familie. Beinahe aber hätte ich
die liebenswürdige Puppe vergessen, welche, eher einer Vogelscheuche
ähnlich, einem kleinen Mädchen viel Freude bereitete. Eine Mutter
behandelte ihren Säugling mit einer Grausamkeit, welche dem zarten
Geschlechte wenig zur Ehre gereicht. Wenn er weinte, so schlug sie ihm
mit der Hand fort und fort auf den Mund. Das ist die liebenswürdige
Kunst der Egypzierin das Weinen zu zerschlagen. Bei den arabischen
Müttern überhaupt nahm ich wenig Zärtlichkeit für ihre kleinen Kinder
wahr. Die Brust reichen sie zwar jeden Augenblick, aber, wie es beinahe
scheint, mehr aus Gewohnheit und darum, weil sie selbst daran Freude
finden, als weil sie solche den Kindern gönnen.

Die Beschreibung meines Zahnwehes dürfte Niemandem angenehm sein. Man
wird lieber vernehmen, daß den Araber in der Regel schön weiße Zähne
zieren, und daß er selten an Zahnschmerzen leidet. Das zweite Zahnen
erfolgt bei den egyptischen Kindern in einem Alter von 6½ Jahren.
Sogar ältere Leute erfreuen sich noch weißer Zähne. Es wird allgemein
von den Franken behauptet, daß die arabischen Weiber früh altern.
Dieß dürfte nicht so durchgängig wahr sein. Eben weil bei ihnen die
blendend weißen Zähne lange erhalten werden, so erscheinen sie nicht
besonders alt. Die Franken hätten auch bedenken können, daß die geringe
Korpulenz, welche so gerne die Jahre multiplizirt, unter den Arabern
jedes Alter begleite. Bis +Tunup+.

       +Rechtes Ufer.+                        +Linkes Ufer.+

    Dimènki.                              Kaffer-Osmann.
    Kaffer-Megẻr.                         Sibréchît.
    Saffiéh.                              Maéssra.
    Móhalédié.                            Hali-Dächmèt.
    Minidschéhnâ.                         Sibirîs.
    Kaffer-Dówâe.                         Kaffer-Senâgli.
    Génaht.                               Kaffer-Chadẻr.
    Salhadschar.                          Niklé.
    El-Kótabé.                            Dahrygieh.
    Férahstak.                            Amié.
    Mohallèt-el-Läbben.                   Kaffer-Ibn-Schäet.
    Abîtsch.                              Kaffer-Laihs.
    Kufur-Bilsẻ.                          Schabûr.
    Kaffer-Hósâr.                         Sèlamûn.
    Kaffer-Schech-Ali.                    Kaffer-Harimm.
    Manûfur.                              Chäli-Dächmèt (Hali-Dächmet).
    Kaffer-Sajàd.
    Tschalgamûn.
    Kufur-Haschasch.
    Kaffer-Jukûb (Jabobsdorf).
    Kaffer-Bâgi.
    Kaffer-Tschèddid.
    Kaffer-Mischléh.
    Mischléh.
    Sahyahra.
    Tunup.


+Den 20.+

Am Ufer standen mehrere Bettler, die auch in andern Gegenden von
Egypten nicht selten sind. Doch laufen oder rennen sie nicht so
unverschämt nach, als in einigen Schweizer-Gauen. Wie in Europa, so
spaziren hier die Fliegen auf Zucker. Man jammere nun aber nicht über
den Fliegenschwarm, so lange man den Zucker nicht weghebt.

Die Reisebeschreiber erwähnen der Weiber die zahlreich in Krügen aus
dem Nile Wasser holen. Ich sah sie sehr selten, und ihre Scheu vor
den Männern konnte ich nicht bestätigen. Nichts weniger, als daß sie
aus Zartgefühl mit ihren Händen das Gesicht verhüllten. Es muß seit
einiger Zeit Manches anders geworden sein. Mich wundert, daß die
Reisebeschreiber die ungemein geringe Menge Wassers nicht hervorhoben.
Bei uns würde man ein Mädchen ausspotten, wenn es nur einen Krug voll
Wasser holte. Man weiß, daß unsere Weibsleute große Gelten voll Wasser
auf dem Kopfe oder an den Händen tragen.

An vielen Fellahs (Bauern) würde man vergebens mehr suchen, womit sie
ihren Leib bedecken, als eine Lendenschürze. Ich fand jedoch wenig
Unanständiges in dieser Kleidungsart, vielmehr etwas Vernünftiges
in Beziehung auf die heiße Sonne. Gar viele Kinder, selbst größere,
wandeln völlig entblößt herum. Der Anblick einer Truppe nackter Kinder
unter freiem Himmel hat immerhin etwas Eigenes. Ihre auffallend großen
Bäuche könnten sie wahrscheinlich mit andern Kindern theilen, wenn
diese nackt ausgingen, und somit ihre Bäuche den Blicken zugänglicher
würden.

Mir thut es leid, den Nilufern nachsagen zu müssen, daß sie, in die
Dauer besehen, langweilen. Beinahe immer das nämliche Einerlei. Keine
Hügel, keine Berge, keine Seen, dafür flaches Uferland, welches
unmerklich in den Horizont verfließt. Selten stützt sich der Himmel
auf eine Landlehne. Am Nilufer erblickt man zwar viele Dörfer, aber
auch +die+ sehen in der Regel einander beinahe gleich, wie ein Ei
dem andern. Aus der Ferne verheißen sie eine seltene Pracht, schon
bewundert man antike Paläste, über welche der schlanke Minaret
emporsteigt; die runde Moschee füllt das Maß der Täuschung. Alles
scheint in Palmen und Sykomoren gebettet. Ja recht viel Reiz in der
Ferne, aber in der Nähe Kothhaufen als Mauern, enge, von armseligen
Leuten betretene Gäßchen, krumme Minarets, kärgliche, von schönen
Waschhäusern überbotene Moscheen. Nichts schmerzt so sehr, als
fortwährend getäuscht zu werden. Einfacheres kaum, als ein Häuschen
an den Nilufern. Ein viereckiges Zimmer ohne Fenster, mit einer
Thüröffnung über dem Erdboden; das Dach platt; der Baustoff aus einer
Art von Backsteinen, welche von Schlamm und Mist geformt und an der
Sonne gedörrt werden. So die große Mehrzahl der Häuser. In Ghisahi
bieten sie eine andere Gestalt. Sie erheben sich kegelförmig. Diese
Zuckerhüte dienen den Tauben zur Wohnung.

Gegen Abend langten wir in +Nadîr+, einem Marktflecken, an. Hier sprach
ich deutsch mit einem Hannoveraner, welcher auf einer andern Barke
hergefahren war. In Kaffeewinkeln schienen zwei Frauenzimmer sich wenig
zu freuen, daß der Vizekönig das berüchtigte Patent zurückgezogen hat.
Der Aufenthalt der französischen Armee in Egypten, während dessen
freier Verkehr unter den Leuten beiderlei Geschlechts gestattet war,
so wie die vom Pascha ausgefertigten Patente lehren, zu welcher
unsäglichen Ausgelassenheit der heiße Himmelsstrich führte. Der
Vizekönig hat wohl weniger aus religiösen Gewissensbissen diese Patente
zernichtet, als vielmehr aus dem Grunde gesellschaftlicher Ordnung.

Auf unserer Barke wurde mancher Spaß getrieben, mitunter auch solcher,
welchen zu beschreiben die Feder sich weigert. Der Reis (Kapitän)
schlug z. B. einen Barkenknecht. Er genießt übrigens das Recht, seine
Leute zu schlagen, wenn sie sich gegen ihn vergehen. Ein Knabe von etwa
zwölf Jahren wurde von Jedem, wer wollte, durchgeprügelt. Er bekommt
als Barkenjunge monatlich fünf Piaster zum Lohne. Es gibt europäische
Burschen, welche sich für 38 Kreuzer nicht so viel prügeln ließen,
geschweige daß sie noch als Zugabe einen Monat lang arbeiten würden.

Die meisten Nächte brachte ich ziemlich gut zu. Das Schiff fuhr selten,
und wenn es auch unter Segel ging, so gleitete es so sanft dahin,
daß ich keine Bewegung verspürte. Alles, was ich während der Nächte
erlauschte, war das Bellen der Schäferhunde, das Krähen der Hähne, das
Quacken der Frösche und das eigene Pfeifen der Nachtvögel. Hingestreckt
auf mein Bett in einem engen und dunkeln Winkel wurde ich, bei meinen
Gedankenausflügen in die weite Ferne, durch die Laute jener Thiere an
die Wirklichkeit meiner Lage erinnert.

Wir kamen heute bis +Abu-Néschâbe+.

     +Rechtes Ufer.+           +Linkes Ufer.+

    Gómâsi.                 Nigil.
    Amrûß.                  Sauüt-èl-Bacher.
    Béstâma.                Sawaff.
    Sanüt-èl-Bagli.         Machnîm.
    Danasûr.                Kóm-Scherîk.
    Kaffer-Hédglâsi.        Darîeh.
    Gésiret-èl-Hagar.       Abu-Chaui.
    Nadîr.                  El-Gamm.
    Schabschir.             Dimischlé.
    Dannaléhé.              Buratschatt.
    Ghisahi.                Kaffer-Dahûd (Davidsdorf).
    Sónsóft.                Térânéh.
    Kómmagnuß.              Lèchmas.
                            Abu-Néschâbe.


+Den 21.+

Man würde irren, wenn man den egyptischen Himmel sich wolkenlos
vorstellte. Beinahe alle Tage trübten Wolken den unserigen; einmal
warfen sie uns so schwarze Schatten, daß der Europäer gewettet hätte,
es müßte aus ihnen Regen platzen. Allein vor Nacht verstrich in der
Regel das Gewölke.

Ich höre ein schwerfälliges Geknirre vom Ufer her. Was soll denn
das? -- Blindgebundene Thiere treiben in ihrem kreisenden Gange ein
Wasserrad (Sakyeh). Das Wasser wird entweder mit einem fächerigen
Rade oder mit an einem Rade befestigten Krügen aus dem Nile geschöpft
und in einen Graben ausgeleert, welcher das Wasser dem Felde zuführt.
Man begreift leicht, daß die Fächer oder Krüge unten am Rade aufwärts
stehen, um so das Wasser zu schöpfen. Wenn das Rad sich halb um seine
Achse gedreht hat, so stellen sich dieselben umgekehrt und gießen das
Wasser aus. Das einige Schritte vom Nilufer abliegende Wasserwerk,
zu welchem ein Kanal gegraben ist, besteht aber nicht bloß aus dem
beschriebenen Schöpfrade, sondern noch aus zwei andern Rädern. Ein
wagerechtes greift in ein kleines, perpendikuläres, welches mit dem
Schöpfrade +eine+ Achse hat. Das Thier, der Büffel z. B., zieht bloß
an einem Stricke, womit das wagerechte Rad in Bewegung gesetzt wird.
Diese Wasserräder sind meistens so einfach und mit so wenig Eisen
zusammengehalten, daß sie nicht viel ausdauern. Es wird daher manche
Zeit nur mit dem Nachbessern verloren. Mag meine Beschreibung des
Paternosterwerkes auch ein wenig schwierig zu fassen sein, es ist doch
die Wasserschöpfung so einleuchtend und so leicht zu bewerkstelligen.
Als Aufseher oder Treiber faullenzt in der Nähe ein Knabe oder
Mann, nie ein Weib; bei ihm steht eine kleine Kocheinrichtung. Den
Treiber scheint kaum so viel Lust zur Arbeit anzuspornen, daß er beim
Stillestehen des Thieres +chòh chòh+ ruft, um es aufzumuntern. Nach den
Gesetzen der strafenden Gerechtigkeit fällt dem Faullenzer das Leichte
so schwer, als dem Arbeitssamen das Schwerste.

Das Wasser wird überdieß, ohne eine solche Vorrichtung von Menschen aus
dem Nile geschöpft. An dem Arme eines Hebebaumes ist ein Gewicht, gegen
das Land, -- an dem andern der an einem Stricke befestigte Wasserkorb,
gegen den Nil. Ein Mann schöpft, und das Gewicht des Hebebaumes
hilft ihm den mit Wasser gefüllten Korb heben. Weil das Schöpfen und
Ausleeren mit großer Schnelligkeit nach einander geschieht, so verliert
dieses enge geflochtene Gefäß wenig Wasser. Gewöhnlich schöpfen, statt
eines, zwei Männer neben einander, die Gesichter sich zuwendend, fast
nackt, vom Wasser benetzt, von der Sonne gebrannt und so fleißig,
daß sie kaum sich umsehen, wenn ein Schiff vorübersegelt. Sie bilden
den schroffen Gegensatz zu den Thierhütern an den Wasserrädern und
zu andern arbeitsscheuen Arabern. Es geschieht wohl auch, daß, ohne
weitere Vorrichtung, ein Mann mit einem Korbe aus dem Nile Wasser
schöpft und in einen Kanal ausschüttet. Wenn die Egypzier freilich so
viel Stammholz besäßen, wie die Europäer und Amerikaner, so würden
sie unzweifelhaft ihre Körbe an wasserdichte Kübel vertauschen. Eine
Menge Wassergräben durchkreuzen netzweise die Feldereien, damit diese
überall bewässert werden. Daher die kleinen Feldbeete, ähnlich unsern
Gartenbeeten. Gewöhnlich zieht man bei uns Gräben, um das Wasser
+ab+zuleiten, bei den Egypziern aber, um dasselbe +zu+zuleiten. Es wäre
voraus zu sehen, daß die egyptischen Gräben nicht tief sein dürfen,
während ihnen in Europa, wo man dem Wasser Abfluß verschaffen will,
die entgegengesetzte Eigenschaft zur Tugend angerechnet wird. Wenn man
in Egypten das Wasser nicht mehr in ein Beet fließen lassen will, so
wird, vermittelst der Hände, der Graben mit Koth und Schlamm zugedämmt.
Um einen Begriff zu geben, wie stark die Pflanzen unter Wasser gesetzt
werden, so stand der Mais, welcher hier blühte, dort klein war, hie und
da einige Zoll hoch in zugeleitetem Wasser.

Die Bewässerung ist die Hauptarbeit, welche der Boden erfordert.
Sicher bereitet sich der egyptische Bauer mit Wasser, sofern, im
seltenen Falle, der Nil es ihm weder zu reichlich, noch zu sparsam
zutheilt, den Feldsegen. Der europäische Bauer schwankt wie der
Segelmann. Will dieser glücklich fahren, so muß günstiger Wind wehen;
will jener ernten, so muß lauer Regen das Feld netzen. Der Wind aber,
wie der Regen, kommen von der unsichtbar waltenden Hand, welche kein
Sterblicher zu leiten vermag. Und wenn auch dem europäischen Bauer ein
lauer Regen Segen zuwinkt, ach, es muß ihn noch bangen, daß das Wasser
des Himmels nicht durch Ueberschwenglichkeit, oder daß kein harter
Frost, kein schwerer Hagel die Hoffnung auf Ernte vereiteln. Wenigstens
kann kein Hagel die Hoffnung des egyptischen Fellah zernichten.

Neben dem Bewässerungsgeschäfte sind Säen, Hacken oder Pflügen und
Ernten die Arbeiten des Ackerbauers. Man machte mir die Mittheilung,
daß, wenn das Ueberschwemmungswasser ganz niedrig stehe, bloß der
Same auf das Wasser ausgestreut werde. Mit dem Versiegen des Wassers,
hieß es, ziehe sich der Same in die Erde, und man dürfe nur die Ernte
abwarten. Das erzähle ich einem Franken nach; ich will nun aber dessen
gedenken, wovon ich selbst Zeuge war. Ich sah säen und hacken oder
pflügen. Sobald das Wasser verschwunden war, wurde der Same mit einer
krückenförmigen Hacke oberflächlich unter die Erde gebracht oder viel
eher gescharrt. Ich glaube nicht, daß die Hacke sechs Pariser-Zoll tief
griff. Der Pflug, welchen ich genauer ins Auge faßte, hatte nur ein
Sech, keine Schar. Er ging nicht tief, und ließ eine undeutliche Furche
zurück. Es konnte mit diesem Pfluge lediglich bezweckt werden, die Erde
etwas durch einander zu wühlen. Zwei Thiere zogen ihn, jedes an einem
Stricke, welcher am Halse festgemacht war.

Von den Ackergewächsen erwähne ich einzig des Hanfes und der
Baumwollpflanze. Der Hanf wird sehr hoch, ja manneshoch und riecht
gewürzhaft. Wegen seines angenehmen Geruchs ist es eine Lust, in
der Nähe eines Hanffeldes zu wandeln. Eben bereitete er sich zum
Blühen vor. Ohne an mein Vaterland mich zu erinnern, wo die Baumwolle
mit vielem Fleiße verarbeitet wird, konnte ich den merkwürdigen
Pflanzenstengel nicht betrachten. Dieses Gewächs bedeckt ungeheure
Strecken des Delta. Es wuchs gleichsam vor den Augen beinahe durch alle
seine Entwickelungsperioden heran: Hier Knospen, dort Blüthen, hüben
Kapseln, drüben Wolle, gerade so, als würden alle Aufzüge und Auftritte
eines Schauspieles auf einmal sich aufrollen.

Wenn der Herr des Himmels und der Erde ein besonderes Füllhorn des
Segens über das Egyptenland ausgegossen zu haben scheint, so wird
befremdlich, daß das Wenigste dem Bauer angehört, was er dem Boden
abgewinnt. Den Stoff zur Kleidung, welche er sich verfertigt, verkauft
er an den Pascha, und dieser gibt ihn um die Hälfte theurer zurück.
Der Fellah darf keinen Faden am Leibe tragen, wenn er ihn nicht dem
Pascha, dem ersten Kaufmanne in Egypten, abgekauft hat. Die ganze Last
von Baumwolle drängt sich in die Hand des Vizekönigs zusammen, welcher
damit +allein+ Handel treibt. Kurz, die Bauern sind nur Lehenbauern.
Der Pascha ist der Grundherr, der Grundbesitzer des Landes, und dieses
Verwaltungssystem bewirkt, daß der Fellah, unter dem Drucke des
Monopols, selbst zur frohen Erntezeit seufzet. Es ist seltsam, daß noch
kein fränkischer Ulema die Härte des Pascha darum vertheidiget, weil
sie dem rechtgläubigen Bauer den Anlaß gebe, sich um so inniger nach
den Freuden des ewigen Lebens in dem immergrünen Garten zu sehnen.

Wir begegneten einer Schiffsladung getrockneter Mistfläden. Wo das
Holz, wie hier, so theuer ist, läßt man sich selbst den Gebrauch
solcher Dinge gefallen; sie dienen als Brennstoff, und kann der
Abendländer glauben, daß sogar mit dem Eckelhaftesten vom Menschen
geheizt wird? und wenn es der St. Louisianer in Amerika glaubte, würde
er sich nicht davor entsetzen, da er nicht einmal die Milch von einer
Kuh genießt, welche Gras von einer mit Hausjauche besprengten Wiese
fraß?

Ueber Warnâm begann rechts die Düne; links Weideland und Hirtenzelte.
Ich erging mich an einer Herde schwarzer Büffel. Dieses Thier ist für
Egypten gar nützlich. Der Büffel hält sich sehr gern im Wasser auf,
auch liegend und wiederkauend. Es ist kurzweilig, zu sehen, wie er über
das Wasser schwimmt, um an den Ort zu gelangen, wo er zu übernachten
pflegt. Der behende Hirte schwingt sich wohl auch auf den Rücken des
Thieres, das ihn schwimmend ans Land trägt.

Erst von Schmûn aus erblickte ich die Pyramiden von Gizeh. Sie halten
mit der aufragenden Düne gleiche Höhe, und ich hielt sie zuerst für
Schiffssegel, vielleicht weil ich kurzsichtig (~myops~) bin. -- Bis
+Abu-èl Gheied+.

     +Rechtes Ufer.+          +Linkes Ufer.+

    Samüt-Rosiéh.           Èl-Chatabẻ.
    Sagiéh.                 Bini-Sèlâmé.
    Tagwueh.                Awlatt-Fèradsch.
    Èl-Hamum.               Dé-Rîß.
    Karfòrtereiné.          Wardàn.
    Munsi.                  Abu-Ghalibb.
    Èl-Manschîé.            Èl-Katta.
    Dschures.               Gisahijeh.
    Abu-Awuali.             Niklé.
    Sidi-Ibrahîm.
    Schmûn.
    Tâlié.
    Gawâdi.
    Èl-Baraniéh.
    Èl-Gonamiéh.
    Mimèt-èl-Arûß.
    Kaffer-Mansûr.
    Schaschâ.
    Schatanỏff.
    Darawû.
    Schalakan.
    Charabaniéh.
    Abu-èl-Gheied.


+Donnerstags den 22. Weinmonat.+

Die Nachricht, daß wir in der Nacht an der Spitze des Delta
vorüberfuhren, betrübte mich zum Theile, weil ich von ihr nichts sah.
Des Morgens lagerte ein wenig Nebel, der aber bald sich verzog. Durch
die Vereinigung der Nilarme erscheint der Nil kaum breiter, wohl aber
geben ihm zahlreichere Schiffe mehr Leben. Der Berg Mokatam, links
oben die westliche Kuppe des arabischen Gebirges, der Basanites Lapis
der Alten, an dessen Fuße Kairo sich ausbreitet, brachte angenehmen
Wechsel in die Aussicht. Seit einiger Zeit mußte ich den Anblick eines
höhern Hügels entbehren, und darum ruhte auf jener Kuppe mein Auge mit
besonderm Wohlgefallen. Man fühlt eine gewisse Leere in der Seele, wenn
liebgewonnene größere Eindrücke auf längere Zeit keine Nahrung finden,
und ein neues, erquickliches Aufleben durchzuckt das Innere, wenn liebe
alte Eindrücke durch verwandte neue in einem Male aufgeweckt werden.
Mittlerweile wuchsen die Pyramiden immer stattlicher heran.

Meine Reise fiel in die Ueberschwemmungszeit. Die Wasser, wiewohl im
Fallen, strömten doch noch in ziemlicher Höhe, ein Umstand, der für uns
gerade günstig war, da bei niedrigem Wasserstande das Fahrzeug leicht
strandet; denn es kostet oftmals viel Anstrengungen, bis es flott wird.

Eine neue Erscheinung für Egypten sind die Telegraphenthürme. Dann und
wann unterbrechen sie während der Nilfahrt die Gleichförmigkeit der
Aussicht. Für ein Zeichen der höhern Kultur mochte ich sie eben nicht
ausgeben, und wahrscheinlich thun sie ihr nicht den leisesten Vorschub.
Dem Europäer mögen sie Vergnügen gewähren, indem sie ihn an das Land
seiner Väter zurückmahnen, und indem er sich aufs neue der Wahrheit
bewußt wird, daß nun Europa mit seinem Tochterlande Amerika den
eigentlichen Brennpunkt der Wissenschaften und Künste, der Entdeckungen
und Erfindungen bildet. Vielleicht kommen die Telegraphen, die
schnellen Ueberbringer oberherrlicher Befehle, in Egypten der seidenen
Schnur trefflich zu Statten.

Links sahen wir noch nach Schubbra, welches sich eines vizeköniglichen
Gartens von seltener Schönheit rühmt, und an einer Stadt ergötzte sich
das Auge schon von Ferne her. Es war +Bulâk+, in dessen Hafen wir bald
einliefen.

     +Rechtes Ufer.+        +Linkes Ufer.+

    Galiubb.               Burgaschi.
    Basûß.                 Errahauwi.
    Mid-Halfé.             Òm-dinâr.
    Damanhur.              Dikelkó.
    Schubbra.              Èl-Achsâß.
    Minièt-èl-Sirik.       Dschaladmé.
    Gésiret-èl-Batrân.     Hassan-inn.
    Bulâk.                 Èl-Górótin-Hin.
                           Russim.
                           Sigîl.
                           Tanâsch.
                           Gésiret-Mohammet.
                           Waran.
                           Embâbé.

Wir langten in Bulâk eben in der größten Sonnenhitze an, und wir
konnten zwischen der großen Menge von Kähnen uns nur mit Mühe Platz
verschaffen, auf daß wir das Ufer erreichten. In Atfue zerschmetterten
wir beim Anlanden den Hintertheil einer Barke, ohne daß es viel Krieg
absetzte.

Unsere Barke war nicht schön, doch gut. Der europäische Holzarbeiter
würde an ihr Manches ausgesetzt haben. Dafür leistete sie reichlichen
Ersatz mit Mäusen und andern Plaggeistern. Ich wußte mehr als einmal
beinahe nicht: Wo wehren? In der Kajüte stand, nach der Uebersetzung
des französischen Dragoman, an der Wand auf arabisch, daß man sich
den Verordnungen zu unterziehen habe. Etwa den Verordnungen dieser
Unholden? Ueber unserer Barke schwebte die dreifarbige Flagge der
Franzosen.

Nachdem meine Effekten untersucht waren, wurden sie auf einen Esel
gepackt, und einen andern bestieg ich. An hohen Häusern, zwischen
denen angenehme Kühlung herrschte, ritt ich vorüber, und bald war
ich außerhalb der Stadt. Jetzt, im Freien, erblickte ich das große
+Kairo+, ehedem das Kahira, jetzt das Maser des Arabers. Ergreifendes
Schauspiel. Keine halbe Stunde mehr, und ich befand mich in den
Ringmauern der Hauptstadt. Da verließen mich die beiden Franken, und,
mit einem Eseltreiber allein, zog ich fürbas. Kairo machte gleich
Anfangs einen ungemein günstigen Eindruck auf mich. In dem Wirrwarre
von Häusern und Gassen folgte ich getrost der Führung des Eseltreibers.
Er hätte mich in eine ~Casa di Diavolo~ verführen können. Ich wollte
freilich nicht dahin, sondern ins Quartier der Franken (el-Musky), die
übrigens in Kairo vielmehr zwischen den Mohammetanern zerstreut leben,
als in Alexandrien. Lange ritt ich durch Gassen und Gassen, jetzt krumm
herum, dann gerade dahin, ohne daß ich einem Abendländer begegnete.
Ich war auf dem Punkte, Zweifel zu fassen, daß mein Geleitsmann das
Quartier der Franken wisse. Auf einmal bog er um, und ich erblickte
Hüte. Ich war richtig im Quartiere; umsonst aber suchte ich die
Lokanda, die man mir empfahl. Und kurzen Prozeß, -- ich ritt zum ersten
besten Wirthshause.

Der Wirth des ~Hôtel de l’Europe~ wies mir ein gefälliges und hohes
Zimmer an; aber kaum sah ich mich recht um, so fand ich ein Licht ohne
Glasfenster. Das fiel mir schwer; denn bei offenem Fenster wollte
ich nicht schlafen. Dem Uebel war auch bald geholfen; der Gastgeber
eröffnete mir ein anderes Zimmer, welches mit Thüre und Fenster
gesperrt werden konnte. Die heimatlichen Gefühle erneuerten sich, als
wäre ich in einem Gasthause des Abendlandes; eine Mousquetiere (Vorhang
um das Bette, gegen die Stechfliegen) und eine gute, reine Bettung
ließen mit Recht eine süße Schlafnacht erwarten. Man lernt den ruhigen
Genuß des Schlafes erst recht schätzen, wenn man desselben, sei es
durch die Plage des Ungeziefers, oder durch andere störende Einflüsse,
eine Zeitlang beraubt war.



Kairo.

Lage der Stadt, Strich des Himmels und Gesundheitszustand der Menschen.


Kairo oder Großkairo liegt fünfzig deutsche Meilen südlich von
Alexandrien, unweit vom rechten Ufer des Nilstroms und auf einer Ebene
bis an den Hügel Mokatam.

In hohem Grade beneidenswerth sind die Europäer in Alexandrien und
Kairo. Die Alexandriner rühmen das Klima von Alexandrien und tadeln
dasjenige von Kairo. Die Kairaner dagegen erheben den Himmel von Kairo
auf Kosten desjenigen von Alexandrien. Es ist mit besonderer Güte
dafür gesorgt, daß die Einen mit dem zufrieden sind, womit die Andern
unzufrieden wären.

Kairo streift an den 30. Grad nördlicher Breite. Wenn die Sonne am
höchsten steht, brennt sie sehr heftig. Indessen wird die Hitze eines
Windes aus der Wüste, von den Pyramiden her, weit weniger leicht
ertragen, als die größte Hitze des Sommers. Diesen Wind nennt der
Araber +Chamsîn+, das heißt, +Fünfzig+; denn er weht fünfzig Tage und
fünfzig Nächte, aber einige Tage und Nächte mit ausnehmender Stärke und
Verderben. Er hebt Mitte Aprils an, und treibt viel Staub vor sich hin,
so daß vor demselben, auch mit möglichster Sorgfalt, die zubereitete
Nahrung auf dem Tische des wohl verschlossenen Zimmers nicht leicht
geschützt wird. Im Winter fällt der Regen, doch in der Regel sehr
wenig. Gewölke sah ich auch hier zur Genüge, und ich zählte keinen
einzigen wolkenlosen Tag. Man will ebenfalls in dieser Gegend von
Egypten eine Veränderung des Klimas zu Gunsten des Wasserniederschlages
wahrgenommen haben.

Um mich des Gesundheitszustandes einigermaßen zu +vergewissern+,
suchte ich in dem Tauf- und Sterberegister der lateinischen Gemeinde
bei den Kapuzinern (Kloster ~de propaganda fide~) nach. Ich rühme
die Freundlichkeit und Bereitwilligkeit, womit der würdige Guardian
meine Nachforschungen unterstützte. So wenig meine Erwartung durch die
Anlage des Todtenbuches gerechtfertiget wurde, so wäre noch weit minder
bei den Mohammetanern auszubeuten gewesen, die auf dem Kissen des
Fatalismus gar zu sanft schlafen. Ich möchte das von der lateinischen
Gemeinde (die namentlich auch Levantiner zählt) gewonnene Resultat
allerdings nicht als Maßstab für die gesammte Bevölkerung von Kairo
vorhalten. So viel leidet indessen kaum einen Widerspruch, daß es,
weil es eben von Einwohnern dieser Stadt abgezogen wurde, eher im
Allgemeinen die Bevölkerung Kairo’s ankündigt, als irgend eine andere.
Im jährlichen Durchschnitte starben, mit Ausnahme des Jahres 1831,
in den 10 Jahren 1824 bis und mit 1834, 36 Personen, und 47 wurden
getauft. Wenn der Getaufte zur Bevölkerung sich verhielte gleich 22 zu
1, wie in dem französischen Finistère-Departement, wo gerade 1 auf 22
geboren wird, so wäre die lateinische Gemeinde 1034 Seelen stark. Jeder
Sachkundige sieht ein, daß dieser Schluß um so mehr Mißtrauen erregt,
je gewisser die Gemeinde eine sehr zusammengesetzte und wandelbare
Bevölkerung enthält. Das Alter der Verstorbenen fand ich bloß in den
Jahren 1833 und 1834 genügend verzeichnet. In diesen Jahrgängen fehlt
es einzig bei zwei erwachsenen Personen, denen ich willkürlich 20
Jahre gab. Die insgesammt (durch diese zwei Jahre) 114 Verstorbenen
hatten zusammen ein Alter von 2180 Jahren, 10 Monaten und 14 Tagen. Die
durchschnittliche Lebensdauer beträgt demnach 19 Jahre. Die älteste
Person, welche ich im Sterberegister traf, war eine +Maria Hadad+ aus
Jerusalem; sie brachte ihr Leben auf 95 Jahre. +Prosper Alpinus+ gibt
den Egypziern ein sehr langes, und selbst ein längeres Leben, als den
Europäern, ohne jedoch einen Beweis für seine Behauptung anzuführen. In
den genannten Jahren starben im Durchschnitte während der Monate Julius
und August am meisten, und während des Hornungs am wenigsten. Der
Weinmonat gilt als der gesundeste Monat des Jahres. Kaum weniger gesund
dürften November, Jenner und Hornung sein, wie die Sterbeliste andeutet.

Die Krankheiten, welche vor den übrigen Schrecken verbreiten, sind Pest
und Cholera.

Die Bubonenpest verschonte Egypten in der neuern Zeit seit dem Jahre
1824 bis zum Christmonat 1834, hiemit ein ganzes Jahrzehn. Indessen
wüthete sie im Jahr 1824 nicht besonders heftig, und es gingen aus der
lateinischen Gemeinde bloß 37 Personen in den Monaten Merz, April und
Mai mit Tode ab. Nach ältern Beobachtungen beginnt sie im Jenner oder
Hornung, schreitet verheerender während des +Chamsîns+ vorwärts, und
wird durch die größte Sonnenhitze gleichsam abgeschnitten. Am +St.
Johannestage+ glaubt der Europäer sich sicher. Im ersten Halbjahre und
im Monate Julius 1835 verlor die lateinische Gemeinde +zweihundert und
elf+ Pesttodte, und zwar weitaus die größte Zahl im April und Mai.
Man schätzte die Summe aller in Kairo an der Pest Hingeschiedenen,
wohl doch in übertriebenem Maße, auf 100,000. Die Europäer, welchen in
der letzten Pestzeit die Mittel zu Gebote standen, sperrten sich ein.
Unter alle Eingesperrte schlich sich während der letzten Seuche die
Pestkrankheit nie und nirgends ein. In einem Hause brach zwar die Pest
aus; allein sie wurde durch einen besonderen Fall eingeschleppt. Aus
einem verpesteten Hause ließ man ohne alle Gefährde einen sogenannten
Drachen zur Belustigung auffliegen. Ein Kind jenes Hauses befand sich
auf dem Söller, der Drache fiel auf dasselbe, und in wenig Stunden
erkrankte es und erlag dem Drachen -- der Pest. So lange keine
Todtenregister geführt werden, dürfen die Sterbeziffern nicht anders,
als mit Zweifel betrachtet werden. Dieß gilt namentlich auch von der
geschichtlichen Angabe, daß zu Kairo im Jahr 1472 während sechs Monaten
600,000 und, nach +Prosper Alpinus+, im Jahr 1580, 500,000 Menschen in
ebenso viel Zeit an der Pest starben.

In der neuern Zeit erklärten vorzüglich die französischen Aerzte, an
ihrer Spitze +Clot-Bei+, aber auch der besonnenere +Gaëtani+ die Seuche
für miasmatisch. Mit einiger Vorsicht öffneten sie viele Leichname
und blieben verschont. Mittlerweile verschwanden drei deutsche Aerzte
als ein Opfer der Pest. Die Bravour +Clots+ gefiel +Mehemet-Ali+ in
so hohem Grade, daß letzterer ihn in den Generalsstand erhob, und der
glänzende Halbmond hängt als Ehrenzeichen an der Brust von +Clot+,
wie beim vizeköniglichen Muselmann von Auszeichnung. Die Ansicht der
neuen Propheten, daß die Pest nicht anstecke, erfreute sich übrigens
zu meiner Zeit keiner Popularität bei den Europäern in Kairo. Diese
verwarfen sie vielmehr fortwährend als überspannt. Sie werden mit
höchster Wahrscheinlichkeit sich durch den neuen Pestfirman inskünftige
am Beobachten der Quarantäne nicht im mindesten stören lassen.
Huldigten doch öffentliche Anstalten, wie die Kadettenschule, dem
Grundsatze der Sperrung, ungeachtet der Pascha einen Miasmatiker zum
Bei adelte.

Die Cholera ist eine frisch gebrochene Geißel Egyptens. In den Monaten
August, September und Oktober 1831 zwickte sie aus der lateinischen
Gemeinde in Kairo 94 Personen hinweg. Manche Kairaner fürchten die
Cholera mehr, als die Pest, weil die Sperre dagegen nichts oder gar
wenig vermöge.

Führe ich fort, von andern Krankheiten der Egypzier, wie von den
Pocken, den Augenentzündungen, den Ruhren, umständlicher zu reden,
manche Abendländer würden einen allzu trüben Gesichtskreis finden, und
das Land der Fleischtöpfe als ein Land unnennbarer Plagen ansehen.
Ich möchte aber nicht zu Vorurtheilen Stoff darbieten, deren Angel
man begierig verschlingt, ohne zu beherzigen, daß man an derselben
gefangen und gequält werde. Die Natur vergißt nicht, darüber zu wachen,
daß, wo die menschliche Vernunft ihre Aufgabe löset, das Gesetz des
Gleichgewichtes erfüllt werde.


Die Stadt nach ihrer Bauart.

Die Häuser bestehen aus Mauern, und das Holz ward dazu ziemlich sparsam
verwendet. Daher die Seltenheit der Feuersbrünste in Kairo. Das häufige
Brandunglück des hölzernen Konstantinopel kennt das steinerne Kairo
nicht. Als vor wenigen Jahren eine Feuersbrunst ausbrach, wurde sie
bald gedämpft, ohne einen großen Rüstzeug von Spritzen, Feuerordnungen,
Feuerpolizei, Feuerkompagnien u. dgl.

Von Mittag nach Mitternacht bildet die Stadt die längste Linie, und
in dieser Richtung wird man den Weg von einem Thore zum andern vor
anderthalb Stunden zu Fuße schwerlich zurücklegen. Lange, gerade Gassen
gibt es nicht. Sie lenken meist bald um, und verlaufen oft in ein
Gewölbe, in eine Art Passage oder Schwibbogen. Manche sind sehr schmal,
und in der Judengasse können nicht zwei Personen neben einander gehen,
ohne an einander zu streifen. Hier langen die Erker bereits zu der
entgegengesetzten Seite der Gasse hinüber. Auch springen dieselben hie
und da in andern Gassen, wenigstens über die Mitte in diese, hervor.
Dann und wann sieht man eine Brücke über dem Haupte. Manche Gassen sind
mit einer Art Dach versehen oder auch zeltartig zugedeckt, zumal die
Bassar. Wegen der Enge der Gassen und der Höhe der Häuser herrscht in
manchen der ersteren ein gewisses Halbdunkel, das mich nicht unangenehm
stimmte. Die Gassen darf man nicht beurtheilen, ohne das Klima in
Anschlag zu bringen. Große, offene, gerade Gassen würden in der heißen
Jahreszeit den Aufenthalt fast unerträglich machen; wie sie aber
wirklich angelegt sind, gewähren sie die möglichste Kühlung, und stehen
in einem sehr verständigen Verhältnisse zum Himmelsstriche.

Hier, wo selten Regentage eintreten, und wo kein Wagenrad den Boden
durchfurcht, wäre das Straßenpflaster überflüssig. Es ist ungleich
angenehmer, auf der hart getretenen Erde dieser Stadt zu gehen, als
auf den schönen Pflastersteinen zu Paris und Wien, und der Esel, in
leisem Tritte, gleitet beinahe über die Gasse hinweg. Wenn es aber
regnet, so werden die Klagen groß, und voraus dem Kameel ist das Gehen
beschwerlich. Dann ereignen sich wohl auch Unglücksfälle. Es verdient
bemerkt zu werden, daß in den neuntehalb Jahrhunderten seit Erbauung
der Stadt die Gassen so wenig ausgetreten worden sind.

Unreinigkeiten eckeln nicht öfter an, als in italienischen Städten. Man
glaubt im Anfange nicht, wie schnell ein Theil der Garstigkeiten von
der heißen Sonne in Staub verwandelt wird.

Auf Aeser stieß ich nie im Umfange der Mauern, wohl aber zur Seltenheit
in der Umgebung der Stadt. Auf dem Wege nach Abu-Sabel labte sich eben
ein halb Dutzend herrenloser Hunde an einem todten Thiere.

Ueberall, wo der Mensch lebt, ist ihm beim Baue der Wohnungen die
ferne Sonne am Himmel das erste Augenmerk. Bei der Bauart der Häuser
von Kairo fasse man, wie bei den Gassen, das Bedürfniß wohl ins Auge.
Sie müssen gegen die Hitze schützen, während sie in Europa gegen die
Kälte schirmen sollen. Man findet daher die Zimmer in den nördlichern
Gegenden gewöhnlich klein, d. h., nicht breit und nicht tief. In Kairo
sind die Gemächer umgekehrt sehr geräumig, tief, kapellenartig. Ja
es übertreffen viel Zimmer der Stadt an Raum europäische Kirchen.
Manches staunte ich mit Wohlgefallen an, theils auch wegen der hohen
Bögen und der maurischen Zierathen. Wie dem Fußgänger und Reiter
auf der Gasse die hohen, einander nahe gegenüber stehenden Häuser
lieblichen Schatten werfen, so beschatten sie einander selbst, und
je schattenreicher ein Zimmer ist, desto mehr wird es geschätzt. Die
Dächer sind flach oder nur ein Boden (Söller), und das Licht fällt
nicht bloß durch Fenster, die über einander sich folgen, herein,
sondern auch durch das Dach. Ueber die Oeffnung an diesem wirft sich
gegen Mitternacht eine Nase auf, welche geschlossen werden kann. So
strömt erfrischende Luft an der Spitze des Hauses bis unten auf den
Boden von Erde oder Stein. Die Fensterscheiben selbst sind viereckig,
und es wird an einigen Orten Europas keineswegs eine neue Mode
eingeführt, wenn man dort auf runde Scheiben verzichtet, um viereckigen
Platz zu machen. Viele Häuser sind einstöckig. Ein großes Thor führt
durch den Eingang in einen Hof, wo die Küche frei steht; der Hof ist
zugleich der Rauchfang. Manches große Thor wird selten geöffnet. Dafür
steht in demselben eine kleine Thüre offen, durch die man geduckt und
mit hochgehobenem Fuße schreiten muß. Ueber dem Eingange, wenn man will
über dem Erdgeschoße, finden sich die Zimmer, welche bis zum Dache 15
bis 25 Fuß sich erheben. Es gibt wohl auch Zimmer, die von ebener Erde
an 40 Fuß hoch anstreben. Zweistöckige Häuser gehören zwar immerhin
nicht zur Seltenheit, aber drei- und vierstöckige. Der Europäer kann
sich sehr leicht täuschen, wenn er die Häuser bloß von Außen besieht.
Er stellt sich hohe Gebäude vor, in denen drei Familien über einander
wohnen würden. Verschwenderisch birgt hier manchmal nur ein Stockwerk
eine Familie. Dieses berücksichtigend, könnte man nicht begreifen, daß
etwa 300,000 Menschen in Kairo wohnen oder einst gewohnt haben, sofern
man nicht wüßte, daß viele Araber einer Wohnung entbehren. Wandelte ich
Nachts nach Hause, so wurde es mir zuerst unangenehm zu Muthe, wenn ich
hier auf dem Boden der Gasse, dort auf der Bettstelle an einem Hause
einen vermummten Araber ruhen sah. In der offenen Herberge der Gasse
brachte er die Nacht hin. Die Milde eines Himmelstriches bettet den
Menschen mit wenig Mühe.

An oder in den Häusern verdienen zwei Dinge noch besondere Erwähnung;
das Schloß und die Stiege. Die meisten Schlösser sind von Holz. Ein
Joch, an der Thüre befestiget, nimmt den Riegel auf. An dem obern
Theile der für den Riegel bestimmten Jochöffnung ragen, ohne strenge
Ordnung der Entfernung von einander, mehrere drähtene Stifte hervor,
die gehoben werden können, und ohne eine hebende Kraft von selber
herunterfallen. In den Riegel, als den zweiten Theil des Schlosses,
dringt auf einer Seite und an dem einen Ende eine kantige Rinne. Oben
besitzt der Riegel den Stiften entsprechende Oeffnungen, und diese
sind in solcher Ordnung angebracht, daß, wenn er vorgeschoben ist, die
drähtenen Stifte vom Joche herunterspringen und eingreifen, wodurch der
Riegel gesperrt wird. Der Schlüssel, als der dritte Theil des Schlosses
und gleichfalls von Holz, ist ebenso einfach, als die vorigen Theile.
An einem Ende, das in die Rinne des Riegels läuft, stehen gerade so
viel drähtene Stifte unbeweglich herauf, als der Riegel Oeffnungen
zählt. Drückt man die Stifte des Schlüssels in diese, so heben sie die
Stifte des Joches, und der Riegel kann herausgezogen werden. -- Mit
der Konstrukzion der Stiegen konnte ich nicht ins Klare kommen. Sie
sind von Stein, und von der Gestalt eines gezahnten Rades, wenn dieses
keinen Zirkel beschriebe. Sie haben ihre Befestigung nur an einer
Seite, an der Mauer des Hauses; im Uebrigen liegen sie ganz frei heraus.

Aus Furcht vor dem gräuelvollen Götzendienste verbietet der Islam die
Abbildung von Menschen und Thieren. Es fehlt indessen noch viel, daß
dem Verbote von allen Mohammetanern nachgelebt wird. Es wird schon
von +Selim+ I. erzählt, daß er dem Sohne +Soliman+ II. sein Bildniß
hinterließ, über dem man die Worte las: Sultan +Selim Ottoman+, ein
König aller Könige, ein Herr aller Herren, ein Fürst aller Fürsten, ein
Sohn und Kindskind Gottes. Von dem jetzigen Sultan +Mahmud+ II. weiß
man, daß er, zum Verdrusse der Gesetzlehrer, sein Porträt dem Pascha
zuschickt. Bei Beschneidungsfestlichkeiten im Jahr 1582, zu Ehren des
nachherigen Sultan +Mehemet+, wurde in einem Prachtzuge Zuckerwerk
herumgetragen, das verschiedene Arten von Thieren vorstellte, z. B.
Elephanten, Löwen, Tiger, Leoparden, Affen, Pferde, Kameele, Giraffen,
Syrenen, Falken, Habichte, Sperber, Storchen, Kraniche, Enten, Pfauen,
ein Ungethüm von riesenhafter Mannesgröße, nackt und sitzend wie ein
Schneider. Kehren wir nach Kairo zurück.

Gemälde trifft man an den Häusern selten, und wenn noch, so lassen
sie allenthalben die Schülerhaftigkeit durchblicken. Europäische
Primarschüler von acht Jahren würden treuer und geschmackvoller malen.
Die Malereien an den Mauern der Häuser stellen meistentheils Laub- oder
Blumenwerk dar, das etwa aus schnörkelreichen Töpfen sich entfaltet.
Die rothe Farbe herrscht vor. Auch trägt die Mauer einiger Häuser,
rechts und links an der Thüre, einen gemalten angebundenen Löwen zur
Schau. An einem Hause ist auf ein Thier ein kleines Gebäude gepackt;
allein ich konnte nicht errathen, was für ein groteskes Ding es war,
weil die Pfuscherei wirklich zu hoch sich überboten hat. An andern
Häusern, und zwar an vielen, wechselt einfach die rothe und weiße
Farbe, so daß, wenn eine Reihe Quader weiß, die erste darüber roth ist.
Hie und da steht über den oben abgerundeten Thüren ein Stern. Mehr, als
an Farben versucht sich der Kairaner an Formen, und diese sind es, die
seine Geschicklichkeit verkündigen. Wo Holz verbaut ist, da liefert
es beinahe durchgängig Beweise von kunstreichen Schnitzarbeiten. Noch
triumphirender aber zeigen die Mauern das Gepräge der Kunst. Die
Moscheen (Gâma’) empfehlen sich in der Regel durch ihre Pracht, und die
hohen Thürme sind bis an die Spitze von lauter Quadern aufgeführt. Die
meisten umkrämpen zwei frei herausragende Galerien mit Geländer, und
auf dem Helme schießen Arme schief hinauf, um daran, zu Verherrlichung
der Festtage, Laternen zu hängen. Auf den Galerien hingegen wird
vom Thürmer (Muezeinn) singend der Gläubige zum Gebete ermahnt.
Dadurch wird die fehlende Glocke entbehrlich. Ueberall erregten die
sarazenischen oder maurischen Werke meine Bewunderung. Obschon ich in
meiner Kunsteinfalt einem einfachern Styl mehr Geschmack abzugewinnen
vermag, so ergötzte ich mich gleichwohl manchmal an dem Laub- und
Blumenwerk, an den bizarren geometrischen Figuren oder Arabesken.
Eine Bildsäule würde man vergebens suchen. Es geschieht nicht selten,
daß man beim Ausjäten des Unkrautes auch das nützliche Gewächs
herausreißt. So hat der Islam, bei Zerstörung der Götzendienerei, die
bildende Kunst überhaupt mit Füßen getreten.

Aufschriften in arabischer Sprache liest man ungemein selten.
Paris sieht gegen Kairo wie ein aufgeschlagenes geschriebenes Buch
aus. Die Tochter Mokatams ist Album. Die europäischen Städte sind
Erklärungswörterbücher (Reallexika), belehrend für Kinder und Fremde,
ein ~Cornu Copiae~ von Pleonasmen für die Unterrichteten. In Italien
lernte ich manche Handwerksnamen über den Buden, und Niemand hätte es
mir verarget[10].


Das Schloß, der Jussufsbrunnen und die Grabmale von Kâyd-Bei.

Wollen die Europäer wohin gehen, laufen, reiten, fahren, so werden
die gebieterischen Witterungs-+Wenn+ angeknüpft. +Morgen, wenn es gut
Wetter ist+, heißt es. Wenn das Frauenzimmer schon seinen Flitter
bereit hielt, wenn Pferde und Wagen bestellt waren, wenn die Liebe und
Freude den Schlaf verscheuchten, und wenn dann in der Frühe Wasser oder
Schnee vom Himmel fällt; -- ach, welch saures Gesicht wird geschnitten,
welche Seufzer werden ausgestoßen, wie werden mit beklommenem Herzen
die Hände zusammen und über einander gerungen, weil -- es regnet oder
schneit, und weil der Regen oder Schnee den Gang, den Lauf, den Ritt,
die Fahrt hindern. Man darf in Kairo während der sichern Jahreszeit
gut Wetter auf morgen so zuversichtlich erwarten, als das Tageslicht
selbst. Die europäischen Witterungs-Wenn sind hier daher außer
Tagesordnung und werden, Wunder genug, nicht einmal gewünscht, um sich
damit zu europäisiren.

Ich lud einen Freund zu einem Spazierritte ein. Ich zählte auf diesen
mit einer Sicherheit, welche nicht vom fernsten Zweifel beengt
war. Doch haben, daß ich es zu melden nicht vergesse, die Kairaner
manchmal ein anderes Wenn und zwar ein noch schlimmeres; ich meine das
Pest-Wenn. Du ladest Abends einen muntern Freund auf morgen zu einem
Spazierritte ein; ehe der Tag graut, ereilt ihn die Pest mit ihrem
tödtlichen Gifte.

Es war Sonntag. Am frühen Morgen trugen uns die Esel im
Geschwindschritte durch die Gassen und Bassar. Die Läden waren noch
nicht überall offen. Die sarazenischen Schnörkeleien an den Häusern,
Thürmen und Tempeln, die arbeitenden Mohammetaner eigneten sich gleich
sehr, die Aufmerksamkeit zu fesseln. Nun etwas bergan. Der Esel schritt
immer noch schnell, und der Eseltreiber rannte keuchend nach. Schon
erblickte ich das Schloß in der Nähe. Ich verging in Staunen. Wir bogen
rechts ein, um auf der günstigsten Stelle die Stadt und ihre Umgebung
zu überschauen. Man kommt an stehenden und gestürzten mächtigen
Granitsäulen vorbei, welche, wahrscheinlich Trümmer von Memphis, über
dem Grabe der Altzeit prangen.

Das ist nun Kairo unter meinen Füßen, seit Jahrhunderten ein Gegenstand
der Bewunderung, früher weniger gekannt und von den Europäern nicht
selten mit Fabeln angefüllt, von den französischen Heerschaaren
bezwungen, von ihren Gelehrten gemessen, beschrieben, gezeichnet bis
auf die kleinsten Einzelnheiten; das ist nun Kairo vor meinen Augen,
die größte bekannte Stadt in Afrika, die zweitgrößte des osmanischen
Reichs, eine der größten der Welt, mit den vierhundert Tempeln,
mit den graulichen plattdächigen, kaminlosen Häusern in dem weiten
Umkreise, mit den 200,000 Einwohnern[11]. Kaum kann das Auge ausruhen.
Südwestlich liegt Altkairo, weiter weg der die Inseln umspülende Nil,
dann die hoch aufragenden Pyramiden von Gizeh (Gîsa) und Sakâra, der
wüste lybische Hügelstrich, und gegen Morgen der letzte Absenker des
arabischen Gebirges. Vor allen Gebäuden zeichnet sich durch Größe der
Hassantempel und gegen Sonnenaufgang die vielen Grabmale aus. Wo ist
aber Babylon, wo Memphis? Du bist stumm, Maser el-A’tykah, und du,
Gelände jenseits des Nilstroms.

Das Schloß stützt sich auf einen Abfall des Berges Mokatam, im
Süden der Stadt. Es ist von festem Mauerwerk und sehr groß, so daß
es für sich schon eine ordentliche Stadt bildet[12]. Das Stockhaus
liegt im Umfange der Burg. Wegen der Schönheit wäre das Harem
nicht nennenswerth. In der Nähe desselben standen Entmannte. Ein
ungewöhnlich großer Mohr verrieth durch Haltung und Geberde, durch
Stimme und Gesichtszug so völlig das bis zum kindischen unmännliche
Wesen, daß der Kontrast sich tief in meine Seele prägte. Dem Auge des
Kastraten fehlt der Glanz der Kraft und Liebe. Die ersten Frauenhüter
sah ich eben in einem Schloßhofe um ein Pferd stehen, das, mit
zusammengebundenen Füßen, auf dem Boden ausgestreckt war. Man schnitt
demselben den Schweif ab, brannte dessen Stumpf mit einem Glüheisen,
und brühte ihn dann in einer mir nicht bekannten Flüssigkeit. Die
Kastraten schienen mit Wohlgefallen der blutigen Operazion zuzusehen.
Man kann sich doch nicht bergen, daß man in Kairo leichter und
schneller die Rosse englisirt, als die Araber zivilisirt.

Vom Militär, durch welches das Residenzschloß bewacht wird, stellt
der Abendländer sicher nichts Geringeres sich vor, als von der
orientalischen Pracht geblendet zu werden. Nichts weniger als Luxus.
Dafür findet man zerrissene Kleider in Menge.

Wir traten in viele Hallen und Zimmer des Schlosses. Die Kanzlei hatte
ganz den orientalischen Zuschnitt; ringsum der Diwan, d. h. eine
niedrige, breite Polsterbank, ohne einen Tisch, bloß ein unbemaltes
Pult steht einsam in einem Winkel. Die Kanzlei war heute leer, weil
die Kanzlisten, koptische Christen, eben den Sonntag begingen. Es
klingt in Wahrheit sonderbar, daß in Egypten die Staatskanzlei eines
mohammetanischen Fürsten den christlichen Sonntag feiert. An den
Werktagen wird der Diwan um und um von den Schreibern besetzt, um nicht
zu sagen, belagert.

Was auf dem Schlosse meinen Geist am meisten und mein Gemüth am
angenehmsten beschäftigte, war der sogenannte +Jussufsbrunnen+. Ein
mohammetanisches Weib führte mit brennender Kerze mich hinunter. Es war
unverschleiert; doch bisweilen schnappte es in das Kopftuch, um das
häßliche, schwarzbraune Gesicht zu verhüllen. Zwei Kinder leuchteten
mir nach. Der Brunnen, über 280 Fuß tief in den Kalkfelsen gearbeitet,
ist viereckig. Man steigt auf einer Felsentreppe hinunter. Die Stufen
lassen sich jedoch an vielen Orten wegen der darauf liegenden Erde
nicht erkennen. Die innere Wand der Treppe durchdringen an vielen
Orten Oeffnungen zum Einlassen des Lichtes. Wenn man zu einer gewissen
Tiefe hinabgelangt, endet die Treppe, und mittelst eines Rades wird
das Wasser in Krügen, welche an einem Seile befestiget sind und mit
diesem umherlaufen, aus der Tiefe geschöpft und hier ausgeleert. Ein
zweites Rad findet sich oben, welches mittelst der Krüge das Wasser
von der nächsten Stazion heraufholt, um es dort ans Tageslicht zu
bringen. Von dem Orte, wo das untere Wasserrad angebracht ist, senkt
sich der Brunnen bis zum Wasserspiegel, welcher mit dem Nil die Höhe
theilt, so tief, daß einige Sekunden verstreichen, bis man den Fall
des hinabgeworfenen Steins vernimmt. Neben dem untern Rade greift eine
Kerbe in den Fels, wo ein weiß marmorner Turban, das Grabmal des +Jusef
Salâh el-Dyn+ (des berühmten +Saladin+), ruht. Man fühlt in der Tiefe
eine angenehme Temperatur, und es fällt eben so leicht, als es die Mühe
lohnt, Zeuge eines so merkwürdigen Denkmals zu sein. Mich erinnerte
dieser Erdenthurm und die Treppe an den Markusthurm und dessen Treppe
in Venedig.

Vom Schlosse weg wendeten wir uns, indem wir die auf einen Schutthügel
gebauten Batterien zur Linken ließen, gegen den nach Suez führenden
Wüstenweg, um die Moscheen und Grabmale der Großen (Turâb Kâyd-Bei) zu
durchstreifen. Jener Hügel verdeckte unsern Blicken die Stadt, und das
Schloß sperrte die Aussicht nach Süden. Die Grabmale, in einem Thale
auf sandigem Grunde, stellen meist Thürme oder Moscheen dar. Von diesen
umringt, glaubt man sich mitten in einer Stadt; man +ist+ in einer
Leichenstadt. In der Bauart der Grabmale bespiegelt sich offenbar der
schmuckselige Sarazene, welcher Fleiß mit Geschmack verband. Große
Schätze sind an den unbewohnten ansehnlichen Gebäuden aufgegangen; aber
leider zerfallen diese, und lassen den Genossen unserer Tage eine Reihe
von Jahrhunderten aus der Urne der Zeit verwünschen, damit er dieselben
in dem Zustande der Unversehrtheit bewundere. Beim Anblicke zerstörter
oder der Zerstörung entgegeneilender, ausgezeichneter Kunstwerke möchte
man beinahe vorziehen, daß sie nie entstanden wären, nur um des bittern
Schmerzes über ihren Zerfall überhoben zu werden.


Das Militärkrankenhaus.

In der Esbekieh nimmt ein Krankenhaus den Kriegsmann auf. Für das Zivil
würde man eines nach europäischer Einrichtung vergebens suchen, -- doch
mit Ausschluß der Franken, welche in ihren kranken Tagen allerdings
öffentliche Pflege erhalten, indem sie in dem Militärkrankenhause
untergebracht werden. Ausnahmsweise hat das arabische Zivil ins
Spital ein junges Mädchen geliefert, bei welchem die Steinoperation
vorgenommen werden mußte.

Das Gebäude ist massiv von Stein erbaut, und begreift zwei Höfe in
sich. Es enthält große Säle; so einen mit 24, einen andern mit 60
Kranken. Die Krankenzimmer sind auch licht; aber in einigen kam dem
Eintretenden ein unangenehmer Geruch entgegen, das +zuverlässigste
Zeichen+, daß sie nicht reinlich genug gehalten werden.

Man traut den eigenen Augen kaum, wenn man zu einem Araber
geführt wird, welcher mit Arsenik das Gesicht sich raubte, um des
Militärdienstes unfähig zu werden. Fälle, daß die Araber in dieser
Absicht sich mit Blindheit schlagen, ereignen sich nicht selten. Aus
dem gleichen Grunde werden auch Finger verstümmelt, Zähne ausgebrochen
u. s. f. Eine +Mutter+ stach ihrem Sohne ein Auge heraus, um ihn nicht
verlieren zu müssen.

Die Apotheke des Spitals sieht sehr unscheinbar aus. Es ist merkwürdig,
wie hier Leute zu Apothekern geschnellbleicht werden. Ein polnischer
Offizier berechnete, daß er als Apotheker besser stehen würde. Er
meldete sich an, ist gegenwärtig als Apotheker angestellt, und bildet
sich auf seine Kunst sehr viel ein. Unwissenheit und Eigendünkel
gehen Hand in Hand. Ein weiland österreichischer Aide-Major hielt
sich einst eine Zeitlang in einer Droguerie auf. Er bewarb sich um
eine Apothekerstelle, bekam Anstellung, und eben während meines
Aufenthaltes in Kairo durchsprang er einen Theil der kurzen Lehrzeit
(von beiläufig einem Monate). Dieser Leichtsinn, womit die Stellen
im Gesundheitsdienste verliehen werden, erscheint indeß in einem
mildern Lichte, wenn man den großen Mangel geeigneter Subjekte ins
Gedächtniß zurückruft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Regierung
der Aufnahme solcher Glücksritter in den Staatsdienst einen Riegel
vorschöbe, wenn ihr eine Auswahl zu Gebote stände. Man macht in
Egypten, wie anderwärts, aus der Noth eine Tugend.


Die Narrenmenagerie.

Es gibt Leute, die sich an den Namen mehr ärgern, als an den Dingen.
Bei solchen besorge ich wohl, daß sie an dieser Ueberschrift Anstoß
nehmen. Vorläufig möchte ich sie aber damit beruhigen, daß der
Ausdruck, so hart er klingen mag, doch nicht härter ist, als die Sache,
die er bezeichnet.

Um dem Eseltreiber verständlich zu machen, wohin ich wolle, ließ ich
ihm sagen, daß er mich dahin führe, wo die Narren und die Närrinnen
seien.

Ich kam in einen Palast, das berühmte Spital +Muristan+, welches mit
der schönen Moschee gleichen Namens zusammenhängt. Ein geduckter,
etwas kleiner Mann mit einem grauen Barte, stand in einem Vorzimmer;
er fiel mir zuerst nicht auf. Es war der Menagerieinspektor. Mein
Führer eröffnete ihm meine Absicht, -- denn ich konnte durchaus nicht
arabisch, -- und ohne Anstand ward mir der Eintritt bewilliget. Noch
aber ließ ich Brote holen, um sie unter die Kranken zu vertheilen.
Die Zufriedenheit mit Wenigem ist in der Regel ein Zeichen echter
Selbstbeherrschung; die Zufriedenheit mit einem geringen Geschenke
zeugt gemeinhin von wahrer Dürftigkeit. Auf diese zählend, hoffte ich
mit meinen Kleinigkeiten Liebes zu thun.

Nun wurde die Thüre aufgeschlossen. Ich war nur Auge, nur Ohr. Ein
viereckiger Hof, in dessen Mitte ein steinernes Becken, selbst mit
dem unlautern Wasser, fürs Auge gute Wirkung macht, zieht voraus den
Blick an sich. Der erste Eindruck verspricht Gutes; allein er trügt
nur zu gewiß: denn den gefälligen Hof umgeben lauter Käfiche, an
Stattlichkeit und Solidität gleich denjenigen für die Thiere, welche
zur Schau gestellt werden. Um den Schein einer Menagerie zu vollenden,
erheben sich die Krankenzellen bühnenartig. Das Licht und die
Speisen gelangen durch ein eisernes Gitter, welches nicht Manneshöhe
erreicht. Die Zelle ist schmal, doch hoch. Ich konnte die Zellen und
die Kranken nicht zählen; denn der Menagerieinspektor sputete sich
zu sehr, weil er vielleicht meinte, daß die Kranken beim Anblicke
eines Giaur (Ungläubigen) gewaltig beunruhiget würden. Ich glaube,
daß den Hof sechszehn Zellen umfassen. Sie sind sämmtlich von festem
Mauerwerk. In den meisten Zellen fand ich einzig einen Kranken, in
einer andern aber selbst drei, wovon einer angekettet war. Der letzte
nämlich trug ein Halseisen mit einer langen Kette. Diese lief durch
das Gitter, und ward so weit unten festgemacht, daß der Kranke mit
den Händen die Endglieder derselben nicht ergreifen konnte. Hände
und Füße blieben dabei ungefesselt. In Europa würde man bei solcher
Anfesselung das Selbsterdrosseln befürchten. Zur Bettung dient dem
Kranken im besten Falle etwas Stroh, sonst der harte Boden. Dieß
ist nicht das Herbste des Schicksals. Wie der Hunger die Küche bald
gut bestellt, so bereitet der Mangel an Schlaf dem schwankenden und
trunkenen Haupte ohne Schwierigkeit einen Polster, und am Ende macht
sich die Macht der Gewohnheit geltend. Vielleicht werde ich letztern
Satz gelegentlich einmal wiederholen, weil dessen Wahrheit beinahe nie
genug ausgesprochen und beherziget werden kann. Einige Kranke waren
ordentlich gekleidet, andere aber wenig oder fast gar nicht.

Wie ich vor die ersten Käfiche trat, wollte ich das Brot selbst
austheilen; allein der Menagerieinspektor wand mir es mit einer
Meisterfertigkeit aus der Hand, und mir war klar, was ich thun oder
lassen sollte. Meine fränkische Person schien den Unglücklichen
wenig Aergerniß zu geben; sie haschten, wie kleine Kinder, nach dem
Geschenke, welches ihre Aufmerksamkeit für den Augenblick verschlingen
mochte. Nur ein Andächtiger, der betend auf den Knieen lag, und den
Boden anglotzte, nahm von Allem, was vorging, keine Notiz. Dagegen
betrug sich sein Nachbar um so rühriger, und er erhob ein betäubendes
Geschrei. Der Aufseher warf einen Lappen Brot ihm zu. Das war der
Friedensbote, welcher alsobald den Sturm besänftigte, nachdem eine Art
Mensch, vielleicht ein Menagerieknecht, vergeblich den Stock über ihn
geschwungen hatte. Schlagen sah ich nicht.

Uebrigens hält man mit dem Schlagen oder Peitschen in Egypten keine
genaue Rechnung. Jeder Herr peitscht oder prügelt seinen Diener. Das
Schlagen des kranken Irren wird in Egypten unzweifelhaft nicht die
gleiche Wirkung hervorbringen, welche man sich in Europa versprechen
würde, und wenn in diesem Welttheile mit dem verwerflichen,
barbarischen Mittel zur Seltenheit Heilungen erzielt wurden, so würde
es von dem ans Schlagen beinahe mehr als ans Brotessen gewöhnten Araber
mit Gleichgültigkeit, wenigstens mit abprallender Härte ertragen werden.

In der Flüchtigkeit ward ich ruhige Gesichter und gut genährte Leute
in den Käfichen gewahr. Es beschwichtiget gewissermaßen zuletzt der
gegründete Glaube, daß die Eingekerkerten doch nicht mit Hunger gequält
werden.

Als ich schon zur Thüre hinaus war, hörte ich noch den Lärm der Irren,
selbst vor dem Geklirre der Ketten. Von der Besorgung der Närrinnen
weiß ich weder etwas Rühmliches, noch etwas Tadelnswerthes. Den Männern
ist der Eintritt in die Weiberzellen untersagt, wohl aber +Knaben+ bis
zum Alter von ungefähr neun Jahren erlaubt.

Bei einem zweiten Besuche vergönnte man mir mehr Zeit. Ich konnte
achtzehn Käfiche zählen. Dießmal überzeugte ich mich von der
zurückstoßenden Unreinlichkeit. Daß in diesen Krankenställen keinerlei
Versuche zur Heilung vorgenommen werden, versteht sich von selbst.

Das kultivirte Europa schaudert wie vor der Einrichtung der
Observazionsanstalt in Alexandrien, so vor einer solchen Behandlung
unglücklicher Irren. Wie lange her ist es aber, daß dort das
Licht der Humanität glänzt? Noch vor einem Jahrhunderte wurden
die unschuldigsten Gemüthskranken, gleichwie die schuldigsten
Verbrecher, fast durchgehends in Ketten geworfen. Vielleicht werden
die bemitleidenswerthen Gemüthskranken an das eiserne Kriegsherz des
Pascha klopfen, daß es erweicht wird, und falls er dem gräßlichen
Uebelstande wehrt, so flicht er sich schönere Lorbeeren um sein
Haupt, als wenn er noch einmal Militärkrankenhäuser, Arzneischulen und
andere Anstalten, Pulvermühlen und andere Fabriken ins Dasein riefe,
und er bleibt unsterblicher unter den Sterblichen, als wenn auf sein
Machtwort der Anbau einer zweiten Baumwolle und eines zweiten Oelbaumes
u. dgl. gediehe. Insbesondere die edeln Züge des Zartgefühles für
das Wohl und Weh aller Menschen, ohne Ansehung des Standes und des
Vermögens, erwartet das aufmerksame Europa von dem schöpferischen und
durchgreifenden Vizekönige des Egyptenlandes.


Die Stadt der Einäugigen und der Blinden.

Man nennt wohl keine Stadt in der Welt, worin so viel Einäugige und
Blinde wohnen wie in Kairo. In keiner Stadt, würde der Spötter sagen,
wird öfter ein Auge zugedrückt, und ist die Liebe blinder. Man ziehe
bloß die Gasse hin und her, und bald wird die Aufmerksamkeit von einem
Manne gereizt, der mit einem Stocke den Weg befühlt, oder seine Rechte
auf den Kopf oder die Schulter einer Person legt, die als Wegweiser
vorangeht. Selbst die Blinden wandeln nicht mit Andern wie in Europa,
wo sie am Arme geführt werden. Man weiß beinahe nicht, ob man über das
Glück Unglücklicher lachen darf, wenn man wahrnimmt, wie etwa drei
Blinde einander leiten und leiten +können+.

Einst schilderte man das Gedränge in der Stadt als so groß, daß man
jeden Augenblick Gefahr laufe, Jemand umzubringen oder umgebracht zu
werden. Diese Schilderung kann für die jetzige Zeit nicht gelten.
Ich sah in einer sehr besuchten und belebten Gasse, gleich vor der
Hauptwache über der Brücke, einen +blinden+ Greis +allein+, freilich in
kurzen und furchtsamen Schritten, sich vorwärts bewegen, ohne daß er
umgebracht oder auch nur unsanfter berührt wurde. Es ist hinwieder eine
natürliche Sache, daß die Sehenden noch gefahrloser ihres Weges gehen,
als die Blinden.


Das öffentliche Bad.

Die Südländer haben eine fischartige Natur. Bäder sind ihnen
Bedürfnisse.

Ich trete in ein großes, von oben beleuchtetes Zimmer. In der Mitte ein
Wasserbecken. Darum ein mit Marmor ausgelegter Boden. An den Wänden
eine Bühne; darauf Bettpolster in Menge. Neben der Pforte eine Art
Kanzel. Von der Bühne streben jonische Säulen empor. Am Eingange in das
Dampfgewölbe eine kleine Kaffeeküche, aussehend wie ein Doppelkästchen
mit einem Raume dazwischen[13]. Ich bin im Entkleidezimmer; auf den
Polstern der Bühne die Badegäste; auf der Kanzel der Geldeinnehmer.

Der Badende steigt auf die Bühne. Er entkleidet sich. An der flinken
Hand des Badeknappen fliegt im Nu ein weißes Tuch ihm um die Lenden.
Ein Tuch von bunter Farbe schlägt der Badeknecht ihm über die Brust,
und ein anderes über den Rücken, das erste hinten und das letztere
vorne bindend. Den Kopf umwickelt er, auf daß ihn ein Turban schütze
und ziere. Das die vollkommene Bademontur, es fehlen einzig noch die
Kapuzinerschuhe, in die man schlüpft, sobald man von der Bühne herunter
gestiegen ist.

Jetzt geht der Badende behutsam davon, damit er nicht auf dem nassen
und glatten Marmorboden niederglitsche. Durch einen engen, düstern,
gewölbten Gang gelangt er in ein Zimmer: das Ent- und Ankleidezimmer in
der kältern Jahreszeit, weil es gewärmt werden kann.

Er kommt durch eine Thüre in ein Gewölbe. Das Licht dringt mühsam
und spärlich durch kleine, runde, mit Glas hermetisch verschlossene
Oeffnungen von der Kuppel herab. In der Mitte ruht ein Wasserbecken.
Aber er weilt dießmal hier nicht.

Durch den warmen Dampf links oder rechts einige Treppenstufen hinauf,
er befindet sich in einem kleinen, noch düstrern Gewölbe, worin
warmer Nebel ihn umschwebt. In der Mitte ein Wasserbecken, tief bis
an das Kinn. Der Knappe entwindet ihm all’ das Badegewand bis an
die Lendenschürze. Es ist das Wasser aber allzu heiß, und er taucht
nicht unter. Andere scheuen indeß die Hitze minder, und man erblickt,
spaßhaft genug, bloß noch ihre Köpfe. Er begnügt sich, neben dem
Wasserbecken auf dem harten Marmorboden sich hinzustrecken und daraus
auf seinen Körper fleißig Wasser zu schwenken. Ein Araber, nur mit
einem Tuche an den Hüften umschürzt, legt ihn zurecht, und, mit einem
wollenen Handschuhe versehen, reibt er seine Haut in geschäftigem Hin
und Her, doch sanft und ohne wehe zu thun.

Hierauf in das letzte Gewölbe zurück. Hier seift ein Bursche den ganzen
Körper ein, und der Badende tritt mit dem schaumigen, seifenweißen
Leibe in ein kleines Nebengewölbe, wo zwei Röhren mit Hähnen über ein
Becken sich krümmen. Aus der einen Röhre fließt warmes und aus der
andern kaltes Wasser. Hier wird die Seife am Leibe abgespült, indem
dieser den prallen Strahl der Röhre bricht, und zu guter Letze hilft
die Hand dem schwemmenden Brunnen.

Zurück in das gleiche größere Gewölbe der Mitte. Hier hätte der
Badende, statt die Stiege hinaufzugehen, in einem Becken an der Wand,
wie in einer Badewanne, sitzen können, worein das Wasser mit der
beliebigen Wärme geströmt wäre.

Schon ist der Badende ausgedämpft, ausgespült, ausgerieben,
ausgewaschen, hoffentlich fix und fertig. Er tritt, allenthalben von
trockenen Schürzen und Quehlen umfangen, aus der Dämmerung ans Licht,
aus dem Qualm ans Trockene, aus dem heißen Mittag in den kalten Nord.
Er besteigt die Ankleidebühne, beinahe vor Kälte schaudernd. Er lagert
sich auf dem Polster. Ein Bursche deckt ihn zu. Sanft drückt dieser
ihm die trocknenden Hüllen an den Körper. Er will den Badenden an der
Fußsohle kitzeln. Dieser kann es nicht leiden, und weigert sich dessen.
Er hat Zeit genug, seine Schaulust an Andern zu befriedigen, welche
dort eben eintreffen, hier zum Ausgehen sich anschicken. Er ist frei
vom Naß, und es fehlt nichts mehr, als daß er sich anziehe und dem
Geldeinnehmer eine Kleinigkeit gebe.

Der Dampf in den Gewölben übte weder den beklemmenden Einfluß auf mich,
wie auf andere Franken, aus, noch wirkte die kältere Atmosphäre im
Ankleidezimmer mit ausnehmend erfrischender Kraft. Ich fühlte mich
nach dem Bade allerdings leicht, und damit vertrieb ich eine leichte
Unpäßlichkeit, welche ich dem Zurücktreten der Hautausdünstung in einem
innern Theil zuschrieb.

Bei dem morgenländischen Bade müssen drei Dinge erwogen werden: der
Dampf, das warme oder heiße Wasser und die Reibungen. Es sind dieß
so wirksame Agenzien, daß die hohe medizinische Wirksamkeit selbst
demjenigen, dem gründlichere Kenntnisse in der Arzneiwissenschaft
abgehen, nicht begreiflich gemacht werden darf. Andrerseits will ich
nicht verhehlen, daß der schnelle Uebergang aus dem heißen in ein
kaltes Mittel, also der rasche, schnelle Wechsel der Temperatur,
manchmal Schaden zufügt. Einen solchen Fall nahm auch ich wahr.

Der Apparat des Bades scheint ursprünglich nur die +Reinigung des
Leibes+ zum Ziele sich gesetzt zu haben, mithin mehr der Hygieia,
als der Heilkunde anzugehören. Diesen Zweck erreicht das Bad mit
Leichtigkeit. Nach dem Bade erscheint viel geschmeidiger auch die Haut,
von welcher die Unreinigkeiten sich ordentlich abschuppen, so völlig
rein wird sie.

Der Dampf wird nicht förmlich bereitet. Er steigt von den heißen
Wassern auf, und man wendet bloß Sorgfalt an, ihm jeden Ausweg
abzusperren. Es liegt am Tage, daß darunter die Reinheit der Luft
leidet. Ich soll übrigens bekennen, daß kein besonders unangenehmer
Geruch in den Gewölben mir aufstieß.

Man liest in den Schriften, daß von Seite der Bader, außer dem Kneten
der Glieder, auch eine Art Aus- und Einrenken geschehe. Ich ließ diese
Manipulation an mir nicht vornehmen, noch sah ich sie an Andern.

Das komplizirte Bad ist so außerordentlich wohlfeil, daß es auch der
ärmere Araber benutzen, und dadurch dem Gesetze +Mohammets+ nachleben
kann.

Man darf die Badeanstalt des Morgenlandes nicht verlassen, ohne zu
bedauern, wie sehr die Hautkultur im Abendlande vernachlässigt wird.


Wie die Egypzier im sechszehnten Jahrhunderte die Bäder gebrauchten.

Ich wähle einen treuen Beobachter, den Doktor +Prosper Alpinus+, als
Führer in die Hallen der Vorzeit. Darf denn der Reisende nicht auch
bisweilen einen Schritt in dieselben wagen?

Wie die Nordländer, so überliefert +Prosper Alpinus+, Vieles zum
Wärmen, so haben die Egypzier Vieles zum Kühlen, als: die vielen
Brunnen in den Wohnungen, insbesondere aber die Süßwasserbäder, diese
jedoch auch zu Verschönerung des Körpers. Zu den Bädern nimmt man
einfaches, geläutertes Nilwasser, ohne Beimengung von Medikamenten.
Die Badeanstalten sind sehr zahlreich, geräumig und prachtvoll. Das
Badehaus besteht aus mehrern von einander geschiedenen Gewölben, worin
die Leute schwitzen, gerieben und gewaschen (gebadet) werden. Ungefähr
im Mittelpunkte der Badeanstalt steht das An- und Entkleidegemach.

In den verschiedenen Badegewölben herrscht ungleiche Temperatur, nach
den Bedürfnissen der Badenden. Die Böden sind mit Marmor zierlich
ausgelegt, und jeder abgeschlossene Raum hat zwei marmorne Becken,
in welche das Wasser herabfällt. An dem gewölbten Dache sind die
Glasscheiben gleichsam eine Zierde, und fügen sich so genau, daß von
Außen keine Luft eindringen kann. Die Badegewölbe empfangen ihre Wärme
vom Dampfe des in die Marmorbecken fallenden heißen Wassers. Wer da
will, kann jederzeit zwischen heißen, lauwarmen und kalten Bädern
wählen. Die mäßig warmen sind die gemeinsten.

Weil die Egypzier das ganze Jahr vom Staube umgeben sind, und beständig
von Schweiß triefen, so werden sie der Träger vieler Unreinigkeiten,
weßwegen sie übel riechen, und an Ungeziefer nichts weniger als Mangel
leiden. Darum ist bei den Egypziern das Baden so gebräuchlich,
zumal beim weiblichen Geschlechte, das sich mehr angelegen sein
läßt, durch Beseitigung der Unreinigkeiten und durch Verscheuchung
des übeln Geruches den Körper gefällig zu machen, auf daß es den
Männern um so lieber sei. Die Frauenzimmer waschen sehr oft den Körper
in den Bädern, und überziehen ihn mit wohlriechenden Salben, die
vermöglichen mit solchen von Bisam, Ambra, Aloe. Beinahe unglaublich
groß ist der Gebrauch von Salben zu Verbesserung des Geruches und zu
Weckung sinnlicher Begierden. Wie aber die Italienerinnen und andere
Abendländerinnen allen Fleiß auf den Haarputz und auf die Verschönerung
des Gesichtes verwenden, so vernachlässigen die Egypzierinnen
wenigstens erstern.

Viele Weibsleute trachten durch das Baden auch fetter zu werden. Je
dickleibiger sie sind, desto lebhafter werden sie von den Männern
begehrt. Man wird daher eine große Menge ungemein fetter Frauenzimmer
antreffen. Es hielt sich in Kairo ein Weib auf, welches in der Kunst,
fett zu machen, ihren Broterwerb suchte. Man legt es ordentlich
darauf an, fett zu werden. Zu dem Ende baden die Frauenzimmer in
lauem Süßwasser +viele Tage hinter einander+. Indeß sie lange im Bade
verweilen, essen und trinken sie darin, und gebrauchen Lavements, die
aus verschiedenen fetten Substanzen bereitet werden. Gleichzeitig
nehmen sie viele innerliche Medikamente ein. Es steht durch
eigene Erfahrung fest, daß mehrere Frauenzimmer durch ein solches
Badeverfahren viele Tage hinter einander, in Verbindung mit reichlicher
Ernährung durch den Mund, fett wurden. Unter den Speisen wählen die
Kandidatinnen der Fettigkeit viel fette Brühen mit Bammia, Melochia
und Kulkassia, gewöhnlich eine Suppe von fetten Hühnern, auf egyptisch
+Maluf+. Jedwedes Frauenzimmer trinkt die ganze Suppe von einem Huhne,
und verzehrt hernach dieses selbst. Viele dürftige Weiber nehmen das
sogenannte +Thaine+, oder das Oel von indischen Nüssen, oder den Absud
von Chinawurzeln, oder den Sesamölkuchen, welcher mit dem Fleische
fetter Hühner und mit der indischen Nuß zugleich gekocht wird u. dgl.
Allein vor Allem preist man den täglichen Genuß zehn gerösteter,
gemeiner Zwiebeln vor Schlafengehen, und zwar etwa fünfzehn bis zwanzig
Tage hinter einander. Bei dieser Kur verspüren die Frauenzimmer nicht
die mindeste Beschwerde.

In Egypten verläßt Niemand das Bad, ohne gerieben zu werden. Die
Reibknechte lassen die Person, welche zuerst beinahe eine Stunde im
Bade ausgehalten, und absichtlich gebrochen oder wenigstens geschwitzt
hat, auf einen Stuhl sitzen, sie kneten und behandeln alle Körpertheile
des Dasitzenden auf verschiedene Weise. Sie fangen bei den Füßen an,
und bewegen sie vorwärts, rückwärts und seitwärts, bald dann die Unter-
und Oberschenkel nach allen Richtungen; sodann die Hände, jeden Finger
besonders, darauf die Arme, die Schulter und ihre Blätter, hernach
den Hals, den Kopf, die Brust und den Rücken nach allen Seiten. Es
geschehen diese Bewegungen drei- bis viermal.

Darauf heißen die Reibknechte den Badenden auf den Marmorboden
rücklings sich legen, und beginnen den ganzen Körper zu reiben. Es gibt
dreierlei Reibungen: 1) die sanfte und mittelmaßige, mit der bloßen
flachen Hand, welche manchmal mit Sesamöl eingerieben wird, 2) die
mittelmäßige und häufige, welche mit roher Leinwand geschieht, und 3)
die harte und mittelmäßige, mit rauhem Tuche von Ziegenhaaren. Man
fängt, beim Reiben der vordern Körperfläche, an den Füßen an, ihre
Muskeln werden der Länge nach gerieben, indem die Hände von oben nach
unten fahren -- von Gelenke zu Gelenke, was mit großer Geschicklichkeit
und Zierlichkeit ausgeführt wird, ohne ein Gelenk zu überhüpfen;
dann kommt die Reihe an alle Gelenke und Muskeln der Schienbeine,
Wadenbeine, Kniescheiben, Oberschenkel, hernach der Hände, Arme, der
Schultern und Schulterblätter, so wie des Gesichtes, des Halses, der
Brust, der mittlern Gegend des Abdomens. Nachdem dieses geschehen, wird
der Körper auf den Bauch umgelegt, und die hintere Fläche nicht anders
behandelt, als die vordere. Die drei Arten von Reibungen werden eine um
die andere, von der sanften zur harten ansteigend, vorgenommen.

Nach den Reibungen wird der Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel
hinauf eingeseift, darauf in heißem Süßwasser abgewaschen und der
Schmutz abgestreift. Ueberdieß bringen die Badeknappen die Füße des
Badenden in eine gewisse Pflastermasse, welche gegen die feuchten und
übel riechenden Füße herrliche Dienste leistet, auch diese orangegelb
färbt. Es ist Sitte gemeiner Frauen, die Nägel der Hände und Füße so zu
färben.


Der Sklavenmarkt.

Den fühlenden Menschen nimmt nicht leicht etwas lebhafter in Anspruch,
als der Sklavenmarkt.

Wie die Welt anfing, zu glauben, daß Gott die Hände und Fäuste nicht
derb genug geschaffen habe, womit sie sich plagen und züchtigen könne,
entsprangen die Waffen. Diese sind nun die seltsamsten Wappen des
Menschenadels. Mit solchen Gedanken betrachten wir die Karbatschen oder
Peitschen, die aus der Haut des Nilpferdes gearbeitet sein sollen. Dort
werden sie am Eingange eines Hofes verkauft, und deuten den Markt so
gut an, als wäre er mit großen Buchstaben überschrieben. Sklaven in
einem Hofraume, andere in daran liegenden Zimmern, andere hinwieder
oben in Kammern und auf einer Gallerie -- das ist das Sklavenokel.
Die schwarze Farbe, die Blöße der Weiber bis zu den Lenden herab, das
müßige Sitzen oder Liegen der Sklaven auf kleinen Gerüsten (egyptischen
Bettstellen) oder auf dem Boden befremden den Ankömmling in gleichem
Grade. Ich sah keinen Sklaven weinen, manchen lachen und scherzen. Die
meisten waren jung; ein einziges altes Weib erblickte ich. Wie ich das
erste Mal in den Sklavenmarkt trat, mochten an zweihundert Sklaven zum
Verkaufe ausgestellt gewesen sein. In wenigen Tagen waren davon viele
aufgekauft. Die Sklavenverkäufer, welche, mit der Pfeife im Mund,
wie ein Krämer auf den Käufer mit gespannter Seele harren, verübten
vor meinen Augen keine Grausamkeit an den Sklaven. Einer unter ihnen
bemühte sich nicht wenig, ein weißes junges Mädchen, die einzige weiße
oder doch halbweiße Sklavin, mir aufzuschwatzen.

Mehrere Weiber besuchten den Markt und waren eben im Kaufe begriffen,
ohne daß sie die Sklaven berührten. Diese werden zu sehr ungleichen
Preisen losgeschlagen; ein junger Bursche etwa zu 50 bis 60
Reichsgulden und ein ausgewachsenes schwarzes Mädchen zu 120 Gulden R.
W. Auch dem Europäer wird der Kauf von Sklaven gestattet. Auch +er+
erzählt mit Freude oder Reue, was für einen guten Handel von Menschen
er getroffen habe. Die Polizei mischt sich nicht ein, welche Laster
er an den Sklaven, als seinem Eigenthume, abkühlen würde. Ihr gilt
völlig gleich, wenn er zwanzig Sklavinnen, zu jedem beliebigen Zwecke,
erhandeln sollte, selbst wenn sie sich schon zum Mohammetanismus
bekennen.

Jüngere Sklaven zeigten sich noch in ihrer ganzen Nazionaltracht, wie
man bei uns die Wilden abgezeichnet findet. Von einem Gürtel um die
Hüften hangen etwa einen halben Fuß lange Fransen herunter. Den Hals
schmücken Korallen, darunter weiße, welche mit den weißen Zähnen,
und dem Weißen im Auge gegen die schwarze Hautfarbe grell abstechen.
Unter den Mohren gab es selten einen mit schlechten Zähnen. Mehrere
Sklaven waren über und über blatternnarbig; andere litten an einer Art
Krätze, welche man Nilkrätze nennt. Die meisten Weibsleute behielten
den Haarputz aus ihrem Geburtslande, so viel ich weiß, Nubien oder
Abyssinien. Winzig gerollte und ziemlich lange Locken erwecken eine
günstige Meinung; allein der Schmutz widert im höchsten Grade an.
Manche trugen die Locken scheitelförmig.

Der häßliche Geruch, welchen das Zusammenleben vieler Menschen
begleitet, macht den Sklavenmarkt zu einem wenig einladenden Orte.
Die Stiege, welche auf die Gallerie führt, deckt das Garstigste, was
der Mensch von sich wirft, in dem Maße, daß man ihm kaum ausweichen
kann, sofern man jene ersteigen will. Die Unreinigkeiten würden auf
dem Sklavenmarkte wahrscheinlich noch mehr sich häufen, wenn nicht das
Interesse wohlthätig ins Mittel griffe. Zuviel Nachsicht schadet der
Gesundheit -- so studirt man praktisch die ~humaniora~ -- und -- --
kranke Sklaven gelten minder, und todte verderben den Handel ganz. Es
sucht doch allenthalben die Natur an der Unnatur sich zu rächen.

Nirgendwo mag man ernster aufgefordert werden, Betrachtungen über
Selbstständigkeit und Freiheit des Menschen anzustellen, als auf
dem Sklavenmarkte, dort wo nicht die Vernunft über dem Materiellen,
sondern das Geld über der Vernunft steht. Für was Anderes wird denn die
Vernunft angesehen, als für etwas grobes Wägbares, wenn man so und so
viel Gold oder Silber in die eine und die von Gott verliehene Vernunft
in die andere Wagschale legt? Da wird das zerknirschte Herz jubelnd dem
Schöpfer danken, daß man frei geboren ist, und daß man nicht, wie das
Vieh ohne freien Willen, einem Herrschlinge blinden Gehorsam leisten
muß. So lange indeß der Sklavenhandel nicht abgeschafft wird, so lange
ist unser jubelnder Dank nicht völlig ungetrübt von Besorgnissen,
so lange ist Niemand sicher vor dem traurigen, wiewohl für die große
Mehrzahl von Menschen höchst unwahrscheinlichen Schicksale der
Knechtschaft. Sowohl Mitleiden, das man für den Nächsten hegen sollte,
als der mögliche Fall, daß man selbst in Sklaverei gerathen könnte,
fordern so laut die Verstopfung jener unmenschlichen Erwerbsquelle mit
einer Festigkeit, daß sie auf immer versiege.


Das Katzenstift.

Wenn man an der schönen Gâma’ (Tempel) el-Muristân vorbeikommt,
so lenkt man in eine gewölbte Gasse ein. Im Halbdunkel windet man
gleichsam sich fort. Endlich erblickt man ein heiteres Gebäude. Man ist
schon im Hofe des Kadi und Mufti, wo die Katzen gefüttert werden. Das
Gebäude heißt, meines Wissens, das +Muristàn-el-Kadym+. Wir waren noch
zu frühe, um der Fütterung zusehen zu können; wir mußten el-Asser (etwa
viertehalb Stunden nach Mittag) abwarten.

Indeß wir müßig herumstanden, näherte sich uns ein Mann in sehr
freundlichem Tone. Weil wir in dem Hofe des Hohenpriesters oder Mufti
uns befanden, so meinte er, daß wir unsere christliche Religion
abschwören wollen, und er fragte, wer beschnitten zu werden wünsche.
Er bot sich an, die Beschneidung für 20 Para zu unternehmen. So
verteutschte einer der Franken, wenn diesem anders zu trauen war. Es
bedurfte nur eines Jawortes, und wir vier wären sämmtlich, ohne weitern
Vorgang, in einer Viertelstunde Moslim geworden. Wie vieles Fragen,
Bekennen, Schreiben und Laufen dagegen in Europa, bis man in den Schooß
einer andern Kirche treten darf, während doch so viel Zeit aufgeopfert
wird, um Andere zu bekehren, welche Zeit der Mohammetaner in der Regel,
mit der Pfeife Tabak, auf dem Diwan zubringt.

Wir wollten begreiflich keine Mohammetaner werden. Inzwischen folgten
wir der Einladung zum Kadi. Erst traten wir durch den offenen
Gerichtssaal, der leer war; dann schritten wir durch die Vorsäle.
Ein rother Vorhang vertrat an einem Orte die Thüre. Wir wurden hier
durch in den großen Saal geführt, worin sich der Kadi aufhielt. Es
gibt nichts Einfacheres, als den Saal. Den weiten Raum schmückt nicht
eine einzige Geräthschaft, außer dem Diwan, welcher an den Wänden
herumläuft. Daß man keinen Glanz suche. Bloß die Decke des Zimmers war
bemalt, doch nicht mit Figuren und ohne Geschmack. Der Kadi hockte auf
dem Diwan, in einer Ecke am Fenster, die Pfeife im Munde: ein Mann von
etwa vierzig Jahren, mit blassem Angesichte, lieblichem, schwarzem
Auge, und schwarzem Bartbusche. Er trug einen dunkelfarbigen Turban und
Rock. Kein Buch lag ihm zur Seite. Nur las neben ihm ein Mann für sich
ein großes, geschriebenes Blatt.

Wir machten unsere Komplimente, so gut wir konnten. Wir fuhren mit der
Rechten auf Brust, Mund und Stirne, und senkten unsere Köpfe, worauf
die Mützen fein blieben. Der Kadi lud uns ein, Platz zu nehmen. Wir
setzten uns, nach europäischer Art, auf den Diwan. Sogleich wurden wir
mit schwarzem, unversüßtem Kaffee bewirthet. Die Diener trugen ihn in
kleinen Schalen, welche, von bemaltem Porzellan, in einem goldenen
Becher ruhten. Der Kaffee dampfte vor Hitze, wie man ihn in Kairo zu
trinken pflegt. Ich befand mich in einiger Verlegenheit, weil ich ihn
schnell trinken sollte, und ich mir nicht gerne wehe thun wollte. Trotz
meines fleißigen Blasens, als hätte ich verfrorene Hände aufzuwärmen,
und trotz meines langsamen Trinkens, so daß ich als der letzte die
Schale dem auflauernden Diener zurückgab, brennte ich mich doch ein
wenig an der Zunge. Die Gesellschaft fordert allezeit von der Freiheit
ein Opfer.

Fragte der Kadi, ob unser Gewissen in Ordnung wäre, ob wir Beruf
fühlten, es bei den Mohammetanern gehörig einrichten zu lassen. O
nein. Unsere Unterhaltung berührte weltliche Dinge. Er erkundigte sich
nach dem Vaterland eines Jeglichen von uns. Nachdem wir sodann seine
Neugierde und wir mit Herumschauen die unserige befriedigt hatten,
wiederholten wir unsere Komplimente und gingen hinweg.

Endlich war Mahlzeit für die Katzen. Ein Knabe rief mit einem eigenen
Laute, und plötzlich sammelten sich etwa zwölf Katzen. Er warf ihnen
Fleischstücke vor, die sie sogleich verschlangen. Kaum aber lag das
Fleisch auf dem Boden, so wurde der Hofhimmel plötzlich lebendig von
mehr denn einem Dutzende herumflatternder Raubvögel. Diese erfrechten
sich so weit, daß sie das Fleisch zwischen den Katzen wegpickten, und
hart an meinem Kopfe vorbeischwirrten. Die Katzen selbst, auf ihre
Speisen nicht minder versessen, achteten nicht einmal der fliegenden
Räuber. Der Knabe schleuderte einige Male Stücke Fleisch nur ungefähr
in die Luft, und sie fielen nicht mehr herunter; denn die Vögel pickten
im Fluge sie weg. Es ist nicht ohne Werth, zu beobachten, wie sich auch
die Thiere an eine Zeitordnung gewöhnen. Warum sollen denn gewisse
Menschen allein so ordnungslos leben?

Eine Frau, unzweifelhaft eine Liebhaberin der Katzen, stiftete, heißt
es, ein Vermächtniß zu dem Zwecke, daß Katzen, namentlich auch kranke,
gefüttert werden. Somit erklärt sich das Katzenstift. Wahrscheinlich
werden die Pfaffen das Vermächtniß so gut verwalten, daß mehr in ihre
Magen, als in die Katzenmagen spazirt.

Man trifft auch an andern Orten des Islams, z. B. in Damaskus,
Katzenspitäler. „Es ist bräuchlich“, erzählt +Salomon Schweigger+,
„daß die Türken den Katzen und Hunden Almosen geben; denn bei dem
Stifte +Sultan Mehemet-Jeni+ in Konstantinopel pflegen sich durchweg
um Vesperzeit dreißig oder vierzig elende Katzen zu versammeln, und
diesen werfen etliche Türken, die auf demselben Platz vorhanden,
etliche Brocken Fleisch oder gebratene Leber vor, die man an kleinen
Spießlein herumträgt. Solches wird für ein herrlich Almosen gehalten.“
Es liegt ein eigener Zug in dem Mohammetaner, daß er die Katzen so
gütig bepflegt. Es soll daher kommen: Dem Propheten +Mohammet+ warf
eine Katze in den Rockärmel Junge. Um diese aber nicht zu beunruhigen,
schnitt er den Aermel ab. Daraus schlossen die Mohammetaner, daß ihr
Religionsstifter die Katzen verehrte, und darum verehren sie die Katzen
bis auf den heutigen Tag.


Gärten.

Einen ziemlich großen Theil der Stadt nehmen Gärten ein[14]. Doch
fallen sie wenig auf, und gleichsam verstecken sie sich, wie die
Ochsen darin, welche, phlegmatisch in der gleichen Runde herumtappend,
das Wasserrad treiben. Der Europäer geht nicht ohne unangenehme Gefühle
in den Garten, worin der General +Kleber+ ermordet wurde. Der von den
fränkischen Spaziergängern besuchteste Garten ist der +Rosettische+.
Wenn in den europäischen Gärten die Kunst mehr prangt, mehr Nettheit
in der Anordnung, mehr Regelmäßigkeit in der Eintheilung, mehr Fleiß
in der Behandlung angetroffen wird, so übertrifft hier die Natur jene
weitaus an Pracht und Fülle.

Niemand erwartet einen Roman oder eine Novelle aus einem der
Lustgärten, und ich wäre wenig geneigt und, meines Dafürhaltens, nicht
berufen, dergleichen zu schreiben. Nur möchte ich den Wunsch äußern,
daß ein europäischer Romanschreiber, dessen Kopf einen Bankerott
machte, einen Garten von Kairo besuchte. Hier dürfte er einzig seine
Augen aufschließen, und dann in seinem Kämmerlein den Bogen füllen,
es würde der Roman über manche von Europa den Sieg davon tragen, daß
er zugleich die Leserin und den Leser, auf belehrende Weise, in so
abweichende Sitten einweihte.


Die Esbekieh.

Man fühlt sich in den schmalen Gassen, die von hohen Häusern
eingemauert sind, manchmal so beengt wie in einer Felsenkluft. Man
sehnt sich nach einem geräumigen Platze. Das Auge will unumschränkter
sehen, und die Brust freier athmen. Im Freien ist Wonne.

Der berühmte und berüchtigte Platz Esbekieh versöhnt Einen vollkommen.
Bei meiner Ankunft in Kairo bot er das Aussehen eines der reizendsten
Seen dar. Ich konnte mich beinahe nicht satt an dem Wasserspiegel
ergötzen, dessen Rahmen ringsum Häuser vorstellten; weiße neben
schwärzlichen malten ihn bunt, hohe neben niedrigen machten ihn
vielzackig. Ich wandelte am Ufer hin und her, und fortan ergriff mich
die zauberhafte Stelle der Stadt. Ich schwebte in einer Feenwelt. Wo
ist eine europäische Stadt, welche dergleichen besitzt? Der Zauber
wächst bei dem Gedanken, daß der Grund dieses kurz dauernden Sees,
nach der Austrocknung als Spaziergang und Feld benutzt wird. Auf dem
gleichen Platze spaltet abwechselnd zu einer Zeit der Schiffskiel das
Wasser und zur andern das Feldgeräthe den Wassergrund.

Ich weilte in Kairo gerade zur Zeit, da der Esbekiehsee abnahm und nach
und nach fast ganz eintrocknete. Kaum kam der schlammige Boden recht
zum Vorschein, als ihn schon das Grün wuchernd überspann, und wenn ich
zuerst, die ansehnliche Wasserfläche betrachtend, stutzte, daß darunter
in einer andern Jahreszeit die schönsten Feldfrüchte gedeihen sollen,
so ward mir nachher klar, da ich mit eigenen Augen sah, wie die nackt
hervortretende Erde so bald mit einem grünen Teppiche sich bekleidete.

In Egypten zeigt die Natur, ich möchte sagen, ihre Reize unverhüllt. Im
Wesentlichen würde der See nicht gewinnen, wenn der alte Römer seine
Kunst und seinen Luxus daran verschwendete; bloß würde so etwas mehr
berauschen und dem verwöhnten Geschmacke mehr schmeicheln. Wo aber wäre
wohl die Kunst ohne die Natur?


Physiologischer und psychologischer Karakter der Einwohner.

Die Bevölkerung Egyptens ist ein Mischmasch aus Türken und Mamelucken,
aus Kopten und Mohren, aus Arabern und Beduinen, aus Juden und Franken
und aus andern Fremdlingen. Erstände +Adam+ aus dem Grabe, er
würde sich verwundern, daß so viele Enkel von verschiedenen Hautfarben,
Religionen und Sprachen im Frieden beisammen wohnen.

Der +Kopte+, der wahrscheinliche Abkömmling der alten Egypzier, und
noch im Besitze einer eigenthümlichen, wenn auch todten, Sprache, ist
nicht groß, aber wohl untersetzt; der Teint weißgelblich; Haupthaare,
Augenbraunen und Iris schwarz; das Gesicht voll, kurz, breit; die
Stirne breit, nicht hoch; die Augen etwas tief liegend, der Blick
mehr brütend, als lebhaft, mehr ernst, als lieblich; die Nase kurz
und ausgebogen; der Mund ziemlich weit gespalten und die Lippen dünn;
die Zähne senkrecht und schön weiß; der Unterkiefer hervorstehend und
stark. Die Koptinnen, so viel ich sah, haben roth gefärbte Fingernägel,
und tragen auf der Haut des Kinnes und in der Nähe des Handgelenkes
blaue Figuren. Sie treffen, unter uns gesagt, den europäischen
Geschmack nicht ganz genau. Man muthmaßt, daß etwa 200,000 Kopten
Egypten bewohnen.

Der +Araber+ bildet weitaus die größte Anzahl der Egypzier. Unter
diesem letztern Namen sind auch vorzugsweise die Araber begriffen,
welche den meisten Boden anbauen. Die Masse der egyptischen Bevölkerung
ist daher kein alter eingeborener Volksstamm, sondern ein im Laufe der
jüngern Zeit eingewanderter und fremder, der sich selbst als fremde zu
betrachten scheint.

Der Araber, in der Regel nicht schön, ist mittelgroß; die Leibesfarbe
schwarzbraun oder auch kaffeebraun; das Haar, wenn es nicht wegrasirt
wird, klein gelockt (doch nicht wollig) und schwarz; der Schädel nicht
geräumig, das Hinterhaupt etwas zugespitzt; die Stirne ziemlich hoch,
nicht breit; die Regenbogenhaut schwarz, die Augenlieder meist dick,
wie aufgewulstet; die Augenbraunen nicht stark; die Nase kurz, die
Flügel weit aus einander gesprengt; der Rücken gerade oder ein wenig
konkav, der Rand der Scheidewand etwas aufwärts geneigt; der Mund groß,
die Lippen dick und auswärts geworfen; die Zähne ein wenig auswärts
stehend, weiß, an einander geschlossen; das Kinn etwas hervorragend,
die Kinnbacken stark; das Ohr wulstig; die Linie von der Nase bis zum
Kinne lang; der Gesichtswinkel demjenigen der Aethiopen sich nähernd.
Das Fleisch ist sehr derbe, der Fettapparat unbedeutend, und die Formen
nehmen einen Grad von Niedlichkeit an, welcher bei den europäischen
plumpen Gebilden, die noch für Vollkommenheiten gehen, vermißt
wird. Also der eigentliche Typus der Araber, welche mit den Weißen
unvermischt sind.

Der schwarzbraune Araber hält das Uebergangsglied zu den Mohren. Die
Mischung dieses Arabers mit Weißen artet in unzählige Mittelformen aus,
welche zuerst den Beobachter verwirren. Des Arabers tiefgelbe Farbe,
seine gebogene Nase, seine breite Stirne, sein starker Gesichtswinkel
u. s. f. zeugen offenbar von der Vermischung und Verwischung der Typen.

Die Weiber werden von den Männern an Schönheit übertroffen, und der
häßlichere Theil ist mithin das schöne Geschlecht.

Es gibt Mädchen, die schön genannt zu werden verdienen, allein zu der
Lieblichkeit einen eigenthümlichen Schmerz ausdrücken; dieser aber
vermehrt nur ihr anziehendes Wesen. Der eigenthümliche Zug, den ich
sonst nirgends wahrnahm, liegt in den Mundwinkeln.

Hauptsächlich um die Schönheit zu erhöhen, zeichnen beide Geschlechter,
nach alter Sitte, verschiedene blaue Figuren auf die Haut des
Vorderarmes und des Handrückens, meist Sterne, z. B. in Zirkelform,
manchmal auch im Zikzak laufende Striche, etwa drei an der Zahl. Die
Weiber haben überdieß blaue, senkrechte Striche auf dem Kinne, manche
-- gefärbte Augendeckel. Es gibt Männer, welche auch auf jeder Seite
der Brust mit blauen Punkten bezeichnet sind. Alle Zeichnungen auf der
Haut erschienen in meinen Augen höchst überflüssig, um nicht zu sagen,
sehr häßlich, und niemals konnte ich mich in den sonderbaren Geschmack
finden. Das Sprichwort freilich will, daß man über den Geschmack nicht
hin- und widerreden dürfe.

Der Kopf der Männer ist, wie beim Morgenländer überhaupt, bis auf
die Haut geschoren. Nur ausnahmsweise tragen gewisse Religiose oder
Heilige[15] fliegende Haare auf dem ganzen Kopfe. Die Muselmänner
lassen übrigens nicht den ganzen Kopf scheren, sondern auf dem Scheitel
eine kleine Scheibe groß Haar wachsen, das manchmal geflochten, bis
zum Nacken herabfliegt, und unter der rothen Mütze mitunter hinten
hervorguckt. Mit diesem Büschel Haare könnte man genau die Tonsur der
römisch-katholischen Priester decken[16]. Ich geißele die Kopfschur
als eine abscheuliche Mode, mögen ihre Bequemlichkeit auf dem heißen
Erdgürtel immerhin manche Franken aus eigener Erfahrung preisen. Wenn
wahr ist, daß das Barbieren unter den Abendländern deswegen aufkam,
weil die gütige Natur, die hoch über die Fürsten erhabene, einmal
einem französischen Könige einen Bart zu schenken vergessen hatte, so
dürfte man mit eben so viel Recht glauben, daß die Morgenländer ihre
Kopfschur einem kahlköpfigen Großen verdanken. Man weiß auch, wie gerne
+Julius Cäsar+ seinen Kopf vertauscht hätte, nämlich seinen kahlen
an einen haarichten, und wie sehr der große Geist sich abmühte, die
ausfallende Kleinigkeit zu ersetzen. Der Bart des Arabers ist schwarz,
undicht, und wird nicht lang. Er zerschiert ihn zu den wunderlichsten
Dingen. Es lassen die Wenigsten ihn ganz stehen; Andere rasiren
bloß einen Halbmond über dem Adamsapfel; die Meisten tragen nur den
Schnurrbart und den Bart neben den Ohren und über dem Kinnbacken, den
Kinntheil nicht ausgenommen. Dies thut so üble Wirkung, als wenn man
einem Hahne den Kragen abschneiden würde.

Die Bewegungen der Araber sind leicht und angenehm, man dürfte
beinahe sagen, graziös. Der Mann geht in gerader Stellung und mit
Schnelligkeit; ebenso das Weib, welches dabei die gebogenen Arme, mit
einer niedlichen Haltung der Finger, ein wenig emporzuheben pflegt.
Die antikförmigen Wasserkrüge trägt es sehr leicht und zierlich. Es
nimmt keine Lasten auf den Rücken, selten auf die eine Schulter. So
darf das Kind ihm wie ein Reiter auf die Achsel sitzen, indem es ein
Bein über die Brust, das andere über den Rücken hängen und mit den
Händen ihren Kopf umklammern läßt. Von dem Weibe selbst wird das
Kleine nicht gefaßt, und ich mußte mich ordentlich wundern, wie sich
kleinere Kinder in dieser Stellung gut zu erhalten wußten, während
die Tragende davon eilte. Der Kopf ist der eigentliche Träger, und
sogar winzige Dinge müssen auf demselben getragen werden. Kauft ein
Mädchen in einer Bude für einen Piaster Kaffee, so wird es ihn auf
dem Kopfe nach Hause bringen. Es wurde in Alexandrien auf eine Mauer,
die man eben aufführte, einmal über das andere so wenig Mörtel und
am Orte der Nachgrabungen so wenig Schutt auf dem Kopfe weggetragen,
daß fast jede Europäerin sich weigern würde, die Wenigkeit zu tragen.
In Kairo wird übrigens so spärlich gebaut, daß man diese Wahrnehmung
nicht immer leicht wiederholen könnte. Der Mann schafft die Lasten am
liebsten so fort, daß er den Strick über die Stirne anlegt, welcher die
Bürde umfängt. Diese liegt am Rücken auf. Er trägt mithin ebenfalls
am liebsten auf dem Kopfe, aber zu gleicher Zeit auf dem Rücken. Etwa
das Wasser, in ein Ziegenfell aufgefaßt, trägt er über einer Schulter,
wie der europäische Jäger seine Waidtasche. Der Lastträger bietet das
Eigenthümliche, daß er, außer dem Singen, auch stöhnt. Es ist dieß mit
nichten gleichsam das letzte Zeichen der Kraftanstrengung, welches das
Mitleiden erregen sollte, sondern der Araber, im Lärmen ein Meister,
sucht sich nur durch das Gestöhne das Geschäfte zu erleichtern. Als
Lastträger macht sich der Araber eben nicht bemerklich; darin aber
thut derselbe es dem Europäer zuvor, daß er leichtere Bewegungen, wie
das Gehen oder Laufen, außerordentlich lange ausdauert, ohne daß er
Speisen oder Getränke zu sich nehmen muß. Dem Araber sind, wenn ich
mich so ausdrücken darf, federleichte Lungen und stählerne Muskelfibern
gegeben. Wollte man den arabischen Soldaten nach den nicht selten
schlechten Kleidern beurtheilen, man würde zur Einseitigkeit verleitet
werden. Zu anhaltenden Märschen, bei kärglicher Nahrung taugt kaum ein
Soldat besser, als der arabische. Neben dem Schatten erblickt man immer
auch Licht.

Was den psychischen Karakter des Arabers anbelangt, so ist er
mohammetanisch finster, und haßt im Grunde seines Herzens den
Andersgläubigen. Viele besitzen bemerkenswerthe Geistesfähigkeiten,
doch keine ausgezeichnete, wofern man nicht zur Annahme berechtigt
ist, daß ein großer Schatz schlummert. Ruhe und Faullenzen geht nicht
bloß dem Alexandrinischen- und Deltaaraber, sondern auch andern über
Alles. Damit er nicht die Mühe zu denken sich geben müsse, leiert er
gedankenlos nach, was seit Jahrhunderten wahrscheinlich schon gesungen
war. Er lebt blind in den Tag hinein; blindlings nimmt er Weiber und
zeugt Kinder. Wenn ihm die Kunst, durch Ersparnisse eine, wo möglich,
sichere Zukunft zu begründen, abgeht, so dürfte man freilich auch
anfragen: Wird in einem Lande, wo das Eigenthum vor der Regierung nicht
sicher steht, zur Sparsamkeit aufgemuntert? Vielleicht beschleicht
den Araber dann und wann der Gedanke, daß er am Ende doch nicht mehr,
als Hungers sterben könne. In ihm wohnt eine wahre Diebesseele, aber
eine feige. Große Diebstähle begeht er nicht leicht, allein keineswegs
aus Gewissensbissen, sondern aus Feigheit oder Trägheit. Am liebsten
stiehlt er Eßwaaren; denn, ein Kind des Augenblickes, weiß er, daß
dieselben ihm ohne ein Weiteres nützen. Um Anderes als Eßwaaren zu
entwenden, wäre schon mehr Ueberlegung erforderlich, z. B. wie man sie
an den Mann bringen könnte, um dafür Nahrung zu bekommen. Immerhin
schaut man jeden Araber für einen Dieb an, und wenn der Fremde nicht
bestohlen werden will, so muß er in Beziehung auf denselben stets auf
der Hut sein. Ein ernstes, muthiges, karakterfestes Benehmen hält ihn
leicht im Zaum. Im Uebrigen ist er von Natur fröhlich und aufgeräumt;
diese Fröhlichkeit und Aufgeräumtheit streift aber mehr an Leichtsinn,
selbst an feile, für den Zuschauer ekele Ausgelassenheit.

Ich beobachtete den +Beduinen+, diesen unsteten Sohn der Wüste, zu
wenig ungestört, als daß ich mir erlaube, von ihm ein Karaktergemälde
zu entwerfen. Er schreitet oder reitet stolz einher, selten ohne
Feuergewehr, Säbel oder Pistolen.

Das Land, wo ein +Josef+, +Moses+ und +Aaron+ gelebt hatten, zählt
immer noch +Kinder Israels+, aber nicht mehr in jenem Hause der
Knechtschaft. Der Mangel an Bekanntschaft mit den Juden Kairo’s nöthigt
mich, den Faden eher abzureißen, als mir lieb ist.

Und die +Franken+ in Kairo will ich hie und da, mehr oder minder leise
berühren. Bloß mag ich es hier nicht thun; denn da sie überall ihre
Besonderheiten, ihr Frankenquartier wollen oder haben, so ist billig,
daß ich ihnen auch in diesen Blättern ein Frankenquartier anweise.
Einzig die +levantischen Christen+, welche ich wegen ihres Anzuges
zuerst immer für Türken hielt, so wie die Griechen, darf ich, ohne eine
große Lücke fühlbar zu machen, mit Stillschweigen übergehen.


Tracht.

Bei der Tracht der Araber muß diejenige des Mannes von derjenigen des
Weibes unterschieden werden.

Der gemeine Araber geht beinahe immer barfuß. Der aufs einfachste
gekleidete hat im Sommer und Winter ein grobes, weißes, gegürtetes
Hemde an, und eine weiße oder rothe Mütze auf. Andere tragen dieses
Hemde und darüber einen grauen, blauen, schwarzen oder weiß und schwarz
gestreiften Rock mit weiten Aermeln (Abba). Zu einer zusammengesetztern
Kleidung gehören weite Hosen, welche, unmittelbar auf dem Leibe
getragen, um den Lenden und unter dem Knie zusammengebunden
werden. Diese zusammengesetzte Kleidung ist jedoch nicht echt
egyptisch-arabisch. Ueber den Röcken auf dem Rücken trägt der Araber
wohl auch ein Thierfell, dessen Pelzseite nach innen gewendet wird.
Außer einem Rocke mit weiten Aermeln, hüllt der Araber sich in einen
Mantel der nicht umschließt, und der oft über beide, meist aber
über die eine oder andere Schulter geworfen wird. Mit diesem Mantel
bekommen die Männer ein alttestamentisches Aussehen, und stattlich
ging derselbe schon unserm Steuermanne. Die Franken in ihren engen
Kleidern erscheinen gegen so gekleidete Araber als närrische Fratzen.
Mich belustigte oftmals, wie der Araber den Mantel in so verschiedenen
Gestalten umhängen konnte. So wenig ich darin etwas Spaßhaftes oder
Spotthaftes fand, so konnte ich mich dennoch der Vergleichung mit
dem geschmeidig die Gestalt wechselnden Hute eines Harlekins nicht
erwehren. Dieser Mantel oder Ueberrock leistet den Arabern die besten
Dienste. Brennt die Sonne, so legen sie sich nieder, und beschatten
damit ihr Angesicht; vor dem Regen schützt er nicht minder wohlthätig,
und Nachts sinkt das müde Haupt auf dieses unentbehrliche Gewand. Die
Kopfbedeckung hält sehr warm. Wer nur die Kosten zu bestreiten vermag,
tragt unmittelbar über dem Kopfe eine weiße Mütze, welche sich zum
Waschen eignet. Diese wird von einer rothen mit einer blauen Troddel
(Fẻs) bedeckt, welche der Turban, eine Auszeichnung des Orientalen,
umfängt. Den kleinen Finger schmückt der Araber mit einem Ringe, z. B.
von Silber.

Die einfachste Kleidung der +Weiber+ ist ein blaues weites Hemde mit
einem Schlitze über der Brust, so daß diese selten vor den Blicken sich
verbirgt; dazu noch ein Kopf- und Gesichtstuch. Die zusammengesetztere
Kleidung erfordert Hosen, die, um die bloßen Lenden geschürzt, in
der Mitte geschlitzt, dabei weit sind und um den Knöcheln enden, wo
sie fest gebunden werden. Das Kopftuch ist viereckig und eine Art
Schleier. Damit wird der ganze Kopf bis zu den Augenbraunen verhüllt,
ohne daß es den übrigen Theil des Gesichtes berührt. Dafür fällt
es in zierlichen Falten über Schultern und Rücken, beinahe bis zu
den Fersen herunter. Dieser Kopfschleier ist nicht immer blau, am
Rande oft buntfarbig gestreift und mit Fransen besetzt. Ein anderes
Kleidungsstück, vielleicht das überflüssigste von allen -- -- das
Gesichtstuch oder der Gesichtsschleier. Diesen stellt ein einige
Zoll oder die Breite des Gesichts haltender schwarzer Lappen vor,
welcher nichts als die Augen frei läßt, abwärts aber das ganze Gesicht
verhüllt, ja manchmal, schmäler werdend, bis zu den Füßen reicht. Was
der offene Brustschlitz des Hemdes unbedeckt läßt, wird bisweilen mehr
oder minder kümmerlich von diesem Gesichtstuche verschleiert. Es wird
durch zwei Bänder befestigt: durch eines, welches in der Quere um den
Kopf herumläuft, und durch ein anderes, welches zwischen den Augen
gerade zum Kopfschleier hinaufsteigt. Das letztere Band wird oft auch
durch eine Kette oder Spange vertreten. Hier schlägt eigentlich der
Putz seinen Hauptsitz auf. Goldstücke, eines unter dem andern, sind in
gerader Linie mitten auf das Gesichtstuch genäht. Diese Goldstücke, oft
christliche Münze, Dukaten z. B., besetzen meist die ganze Länge der
Gesichtskleidung. Die Araberin lockt die Aufmerksamkeit des Mannes auf
das Gold über dem Gesichtstuche, als wollte sie damit andeuten, daß
unter demselben noch mehr Gold glänze. Die Mehrzahl der Weiber trägt
keine Schuhe. Mit Ringen schmücken die Araberinnen Finger und Ohren.
Auch sah ich zwei Weiber mit einem großen Ringe am rechten Nasenflügel.
Es ist ein seltsam Sprichwort: ~Circulus aureus in naribus ejus mulier
pulchra.~

 Die Jüdinnen tragen sich ganz levantisch. Ich konnte sie von den
Türkinnen nicht erkennen. Die Franken sind am launigsten. Viele
richten sich nach der Tracht der Morgenländer; Andere halten steif an
dem Europäer, wieder Andern beliebt ein profosmäßiges Durcheinander.
Wenige lassen den Bart ganz wachsen, wie hauptsächlich die Trümmer
des Saint-Simonismus. Klage man noch nicht über die Flatterhaftigkeit
des Franken in seiner Kleidungsart. Die Tracht ist ein Spiegel der
Seele. Jeden Weg, welcher in diese führt, muß der Beobachter willkommen
heißen. Wenn wir gerecht sein wollen, müssen wir im Allgemeinen +die
Flatterhaftigkeit des Frankengeistes+ anklagen, der als ein wahrer
Proteus erscheint. -- Die Griechen verläugnen sich ungleich weniger,
als die Franken.


Speisen und Getränke.

Das Brot macht eine Hauptspeise auch der Araber aus. In Alexandrien
findet man recht schön weißes und schmackhaftes (gesäuertes) Brot
(~pane Francese~), welches aber vom Araber bloß als Leckerbissen
genossen wird. Sein gewöhnliches Brot ist von schlechter
Beschaffenheit. Er nimmt zermahlene Gerste oder anderes Mehl, knetet
bloß mit Wasser einen Teig in einem großen, dicken Napfe, und bäckt
denselben, in Form eines großen, flachen Kuchens, in der heißen Asche.
Dieser Kuchen wird für eine Mahlzeit gebacken und meistens warm
genossen. Er ist nicht unschmackhaft, doch etwas schwer verdaulich.
Besser, als dieses grobe Hausmannsbrot, aber minder fein und weiß als
das ~pane Francese~, ist jenes egyptische Brot, welches arabische
Weiber, z. B. in Alexandrien, mittelst einer breiten Unterlage auf dem
Kopfe in den Gassen herumtragen, und unter Anpreisungen: „Kauf Brot, es
ist schön und gut“, feil bieten.

Die eigentliche Hauptnahrung der dürftigern Klasse sind Datteln,
Feldbohnen (Fûl) und Mais, letzterer als Sange, indem er ohne Weiteres,
wo es angeht, in dem Ofen gesengt (geröstet) und dann abgespeist wird.
Als eine häufige Nahrung dienen auch Zwiebeln und Rüben oder Rettiche.
Beide werden frisch genossen. +Alpinus+ nennt vor allen Speisen saure
Milch und das gekochte Zuckerrohr.

Wenn man delikater essen will, so greift man nach Gallerte (Sulze),
viereckigen oder runden, fetten Kuchen, auch nach kleinen Stücken
fetten Fleisches, die, mit Petersilie durchwürzt, über dem Feuer
geröstet werden u. dgl. Hühner werden viel gegessen[17]. Die Würste
sind von schlechtem Geschmacke, die Zuckerbrote dagegen vortrefflich.
Von Pillau (in kochendem Wasser erweichter und dann mit Butter
gewürzter Reis) hörte ich, wo nicht selten, doch nicht häufig. Der
inländische Reis enthält zugleich viel beigemischtes Salz, entweder
des Gewichtes, oder der bessern Erhaltung willen. Man muß ihn daher,
vor dem Kochen, fleißig schwemmen, und wäscht man das ausgeschwemmte
Salz, so nimmt dieses eine sehr schöne weiße Farbe an, und eignet sich
vortrefflich zum Gebrauche. Das käufliche Salz ist von schmutzig gelber
Farbe und unrein. Die Milch ist gut; die Abendländer aber behaupten,
daß sie zu fett für sie sei. Häufig wird Milch genossen, nachdem sie
künstlich gesäuert, und zum Schlottern gebracht worden. Die Butter
schmeckt gut; man darf nur das Salz auswaschen, ehe man sie genießt.
Wie bei uns der Maibutter, so wird in Egypten der Christmonat- oder
Jennerbutter der Vorzug eingeräumt. Der Käse mürbe, schmackhaft, aber
übersalzen.

Der Araber ißt im Ganzen wenig und frugal, sagten die Alten, und
diese Frugalität hat sich bis auf heute erhalten. Das Rauchen bleibt
immer seine Hauptsache. Gebietet er über die volle Pfeife, so gibt er
sich zufrieden, wenn er vor dem Einschlafen nur wenige Rettiche zu
zerbeißen hat. Die meisten Speisen werden kalt genossen, ohne Löffel
und Gabel. Die gelenkigen Finger müssen diese ungelenken Werkzeuge
vertreten. Man darf die Einfachheit tadeln; aber man muß dann zugleich
die vielfältigen Bedürfnisse und ihre strenge Herrschaft loben. Wenn
irgend eine Regel sich aufstellen ließe, so speist der Araber bei
Sonnenaufgang, bei Sonnenhöhe und nach Sonnenuntergang.

Unter den +Getränken+ steht das schlammige Nilwasser oben an. Es
wird aus dem Nile geschöpft, und in Menge getrunken, ohne vorher
gereinigt zu werden. Es war zur Zeit meines Aufenthaltes, nämlich zur
Ueberschwemmungszeit, im Glase gelblichweiß. Filtrirt man es, was bei
den Großen geschieht, so wird es lauter und farblos. Es gibt in vielen
Häusern Krüge (Bardâka), welche, von einer besondern Erde gebildet, die
Eigenthümlichkeit besitzen, daß sie das Wasser langsam durchsickern
lassen. Dadurch wird es kühl und angenehm. Das Nilwasser wird aus
dem Flusse auf dem Rücken der Kameele in die zahlreichen Zisternen
Kairo’s geschafft, und aus diesen können es die Einwohner unentgeltlich
holen[18].

Man wähne übrigens nicht, daß die Araber sich des berauschenden
Getränkes gänzlich enthalten. Ein solches heißt +Bỏsa+ oder +Busa+,
eine Art Bier, das aus Getreide gegohren wird. Es ist von Farbe
weißgrau und schäumt wie Bier, wenn man es rasch rüttelt. Mit dem
Bỏsa berauschen sich Viele. +Salomo Schweigger+ sagt vom „Bỏsa“,
daß es ein gedörrtes, mit Wasser angerührtes Griesmehl sei, und von
Türken, wie Egypziern getrunken werde. Nach +Prosper Alpinus+ ward
„Bỏsa“ aus Lülchmehl (~farina loliacea~), aus Hanfsamen und Wasser
zu einem Getränke oder zu einem Teige bereitet, und es soll in einem
gleichen oder noch höhern Grade als Hanfkraut (Assis) einen Zustand
der Berauschung, der Entzückung und süßer Träumereien herbeiführen.
Zum feierlichen Konstantinopler-Umzuge vom Jahre 1582 gehören die
+Bosatschi+, so einen graulichen Trank von Brei wie ein Bier machen;
den Laden zogen zwei Ochsen, worin ein Knabe den Brei oder Hirsen
rieb, der andere das Bỏsa oder den Trank bereitete. Gleichermaßen wird
nach +Tavernier+ das „Bỏsa“ mit Hirsen zubereitet und macht, sagt er,
einen Rausch wie der Wein. Allein nach +Burckhardt+ ist Durra der
Lieferungsstoff zum Busa.

Wein oder Branntewein trinkt der gemeine Araber nicht oder selten,
wohl aber der vornehmere Mohammetaner, am liebsten geheim. Ich sah
einen solchen in einer +fränkischen+ Wirthschaft, in welcher beinahe
nur Franken einkehren, so gewandt den Spiritus trinken, daß ich mich
bewogen fand, mich über den Mann zu erkundigen, und ich vernahm, daß
er regelmäßig zuspreche. Es verdient Erwähnung, daß mir auf der Fahrt
von Alexandrien nach Kairo nichts gestohlen wurde, als eine halbe
Flasche Rhum, mein ganzer Rest. Ich sah zwar während derselben keinen
Barkenknecht nach dem geistigen Getränke langen, oder sich damit
berauschen, welche Enthaltsamkeit den Europäer angenehm überraschte;
selbst als man mir einen kranken Barkenknecht vorstellte, und ich
ihn Rhum trinken hieß, so geberdete er sich ziemlich unwillig, und
schluckte möglichst in Duodez. Indessen konnte die Lüsternheit im
Verborgenen nicht gefehlt haben. Ueberall wird der Damm, welcher
der Trunkenheit wehren sollte, eingerissen. Sollte man es nicht dem
Schöpfer klagen, daß er den Menschen Vernunft gab, weil sie, nur
vermöge dieser himmlischen Gabe, so viel Mittel erdenken können, um
dieselbe in ihrer Thätigkeit zu verirren oder zu hemmen?

Von einem echt morgenländischen, und wenn auch nicht unter den Fellah,
doch unter der wohlhabendern Klasse sehr häufigen Getränke will ich so
eben besonders reden.


Kaffeehäuser.

Es gibt sehr viel Kaffeehäuser. Ich besuchte dasjenige, welches nach
fränkischer Weise eingerichtet war. Im Vorübergehen konnte ich wohl die
egyptischen sehen. Sie liefern aber, ihrer Einfachheit willen, wenig
Stoff zum Beschreiben. Sähe man nicht einen Kochofen und die rauchende
Kaffeeschale, so würde man das Kaffeehaus verkennen; man müßte vielmehr
glauben, daß die Leute nur deßwegen den einsamen Diwan belagern, um
Tabak zu rauchen. Allerdings ist in einem Kaffeehause das Tabakrauchen
nicht das Geringste, und der Egypzier läßt sich nicht minder gern mit
Pfeife und Tabak bedienen, als mit Kaffee. Die Morgenländer genießen
den Kaffee ohne Milch und ohne Zucker. Die Franken heißen einen solchen
Kaffee türkischen (~alla Turca~).

Der Genuß des Kaffees ist in einem großen Theile der Welt gleichsam
zum Bedürfnisse geworden, und tausend +Napoleone+ wären wahrscheinlich
nicht im Stande, ihn vom Erdballe zu verbannen. Und doch haben unsere
alten Vorväter vor nicht einmal anderthalb Jahrhunderten ohne den
Kaffee gelebt.

Es macht ungemein viel Spaß, wenn man über den Kaffee, als ein den
Abendländern unbekanntes Getränke, in den Beschreibungen derjenigen
lieset, welche Egypten und Konstantinopel gegen Ende des sechszehnten
und zu Anfange des siebenzehnten Jahrhunderts besucht haben.

Ich führe zuerst +Salomo Schweigger+, welcher im Jahr 1581 in Egypten
war, redend ein: Ein anderes Trank wird +Chaube+ genannt, welches man
in den Tabernen ausschenkt, ist schwarzbraun von Farbe. Das gebrauchen
Etliche des Morgens. Da versammeln sich viel Türken (des Egyptenlandes)
vor der Taberna, lassen ihrer etliche in einer Kumpanei ihnen eine
Schale oder ein irdenes Schüsselein voll nach dem andern hergeben. Das
trinken sie nach einander fein höflich aus, so heiß, als sie es mögen
erleiden. Gleichwie das deutsche gemeine Volk den Branntewein oder
Wermuthsgeist des Morgens trinkt, also soll jenes auch den Magen zu
erwärmen dienstlich sein.

+Prosper Alpinus+, welcher im nämlichen Jahre, gleich auf +Schweigger+,
nach Egypten kam, gibt eine genaue Beschreibung von dem Absude
(~decoctum~) +Chaova+. Sehr häufig im Gebrauche, sagt er, ist der Absud
+Chaova+, welchen man aus gewissen schwarzen, den Bohnen ähnlichen
Samen zu bereiten pflegt. Er wird übrigens auch aus den Samendecken
bereitet, und im letzteren Falle zeigt er sich kräftiger. Die
Bereitungsart ist folgende: Man nimmt anderthalb Pfund von den Hüllen
befreite Samen, röstet diese ein wenig über dem Feuer und siedet sie
in zwanzig Pfund Wasser, während Andere von den gerösteten und in
kleine Stücke zerbröckelten Samen einen Aufguß machen und solche einen
Tag lang am Wasser stehen lassen, diejenigen aber, welche die Samen
ohne Aufguß behandeln, die Hälfte Wasser einkochen. Die durchgeseihte
Abkochung dient in wohl verschlossenen irdenen Gefäßen zum Gebrauche.
Werden die Samendecken abgekocht, so nimmt man davon sechs bis neun
Unzen auf zwanzig Pfund Wasser, wovon die Hälfte eingekocht wird. Der
Same heißt +bon+, und den Baum, welcher ihn trägt, sah ich in dem
Garten eines türkischen Bei, wohin er aus Arabien verpflanzt war. Die
Egypzier sind dem +Chaova+ nicht minder leidenschaftlich ergeben, als
die Franken in ihren Kneipen dem Weine.

In der „Hoffhaltung des Türckhischen Keysers,“ worin ein im Jahr 1582
zu Konstantinopel gehaltener feierlicher Umzug beschrieben wird, heißt
es: „Die +Caahuetschi+, so einen schwarzen, warmen Trank verkaufen,
welcher zu Verdauung der Speisen, +Verhinderung des Schlafes+ und der
Traurigkeit dienen soll, mit rothen und weißen Fahnen, darinnen etliche
Buchstaben. Zwei und dreißig haben Verehrung getragen; der andern,
Knaben, jungen Leute und Meister, sind in die zweihundert gewesen.“

+Johann Jakob Ammann+, welcher im Jahr 1612 in Konstantinopel
weilte, läßt sich dahin vernehmen: „Auch haben die Türken noch andere
Wirthshäuser, darinnen die Wirthe nichts Anders geben, als schwarz
Wasser zu trinken, von ihnen +Gahwe+ und von Arabern Lorbeeren genannt,
welches mehrentheils von Gerste und andern Sachen gemacht wird. Sie
kochen ganze Kessel voll, pflegen es den Gästen in kleinen irdenen
oder porzellanenen Schüsseln siedheiß zu geben. Solches trinken die
Türken, wie auch die Araber, so warm sie immer können, jederzeit ein
Schlücklein auf einmal, bis es aus ist. Welches gar ein gemeiner Brauch
bei ihnen, dieses Wasser zu trinken, bei Tage, wie auch Morgens und
Abends. Etwa bei fünfzig mehr und minder sitzen da und dort beisammen;
währet oft lang mit Trinken, Reden und Konversiren; wird aber Keiner
von dem gedachten Wasser betrunken. Sie vermeinen, es trockne die
Flüsse auf, und sei gar ein gesundes Wasser.“

Ich vergesse des +Adam Wenner+ nicht, welcher im Jahr 1616 nach
Konstantinopel gereiset ist. „Die Kafuannen,“ sagt er, „sind Häuser,
in welchen schwarz Wasser gesotten und von Türken und Andern täglich
warm getrunken wird, so dem Magen und sonst sehr dienlich. Sie sitzen
gemeiniglich einen halben Tag dabei, spielen im Schach und Bret
(darinnen sie trefflich erfahren), aber um kein aufgesetzt Geld,
sondern wer für den Andern die Zeche zahlt. Eben an solchen Orten
finden sich auch Personen, welche unterdessen von ihrer Kaiser und
anderer Vorfahren Thaten, auch Historien öffentlich lesen, und hernach
deßwegen von den umsitzenden Zuhörern etwas Geld bekommen.“

Wie mühsam mußte man ehemals thun, um sich den Abendländern
verständlich zu machen, daß von Kaffee die Rede sei. Dieser Fremdling
war damals ein selten Ding in der großen Schatzkammer der Gelehrten,
und jetzt kennt ihn jedwedes Kind. Haben +Rauwolf+ und +Schweigger+,
+Alpinus+ und +Ammann+, +Wenner+ und Andere geahnt, daß das schwarze
Wasser einst eine Weltherrschaft ausüben, und die besorglichen Aerzte
des Abendlandes dasselbe beklagen werden? Die Götter allein entziffern
die Zukunft.


Schneller Justizgang.

In Egypten wird gerichtet und sogleich vollzogen. Das hat wohl sein
Gutes, aber auch sein Schlimmes. Durch den +langsamen+ Gang der Justiz
windet sich am Ende mancher Schuldige hinweg, und im +kurzen+ Gange
wird mancher Unschuldige erdrückt.

Ein Deutscher geht mit einer Flinte auf die Jagd. Auf dem Wege
bleibt er in einer Nilbarke über Nacht. Er legt seine Flinte neben
sich. Morgen ist sie nicht mehr. Er wendet sich an die Polizei; der
Barkenführer (el-Reis) mit ihm. Der Polizeidirektor läßt auf den
Vortrag des Franken, ohne weitere Umstände, dem Barkenführer hundert
und zwanzig Hiebe auf die Fußsohlen messen, weil er nicht besser für
das Eigenthum des Reisenden gesorgt habe, und es kaum möglich sei, daß
ohne sein Einverständniß hätte etwas gestohlen werden können. Zugleich
muß der Reis für den Schaden einstehen.

Das ist ein Beispiel von dem schnellen egyptischen Justizgange; der
Fall ereignete sich eben während meines Aufenthaltes in Kairo.

Die Sache von geringem Belange richtet und exequirt der Franke selbst.
Hochmüthig treibt er sich ordentlich in Kairo mit der Peitsche herum,
und traktirt damit den Araber, sobald dieser ihm nicht den Weg
räumt. Lebt in Egypten nicht noch die alte flotte Zeit der deutschen
Studenten, welche eben so hoch über die obskuren Philister trabten?
Andere Male regalirt der Franke mit Stockschlägen, mit Ohrfeigen oder
Fußstreichen. Kaum wehrt sich der Araber dagegen; viel weniger würde er
Gleiches mit Gleichem vergelten. Wie müssen die Leute gesunken sein,
welche, der Zahl nach, die Herrscher des Landes sein könnten, und sich
von Fremden, ich will nicht sagen, von Andersgläubigen, auf eine Weise
mißhandeln lassen, wie man in Europa nicht überall die Thiere behandelt.


Der egyptische Tanz.

Man machte früher viel Aufhebens von den Bajaderen. Man bekommt sie
heutzutage minder oft zu sehen. Gleichsam ein Spiel des Zufalles rief
mich auf den Schauplatz des so seltsamen Tanzes.

Ein arabisches, züchtig gekleidetes Mädchen oder, wenn ich der
Versicherung trauen darf, gar ein Soldatenweib stellte sich in die
Mitte des Zimmers. Es wollte seinen Gesichtsschleier nicht lüften,
denn ein häßlicher Mund versäuerte das sonst süßliche Gesicht.
Nirgends zeigt man dasjenige gerne, was eine vortheilhafte Meinung
trüben könnte. Die Hände stemmte die Tänzerin auf die Flanken des
Leibes. Nun bestand der Tanz darin, daß das Mädchen die Hüften rasch
in die mannigfachsten Bewegungen setzte, während der Körper, so viel
als möglich, steif gehalten wurde. Dieß nahm ein ganz sonderbares
Aussehen an, und ich mußte die eigenthümliche Art, das Becken zu
bewegen, in der That bewundern. Der Schein meiner Bilder blieb weit
hinter der Wirklichkeit zurück. Diese Bewegungen kosteten gewiß
Mühe und Anstrengung[19], letztere augenscheinlich in dem Maße, daß
den tiefbraunen Grund des Gesichtes ein dunkles Blau überflog. Mit
den Füßen machte das Mädchen wenig Bewegungen, nicht einmal viel
trippelte es, und nicht das Kreisende zeichnet den egyptischen Tanz
aus. Die Bajaderen singen wohl auch; unsere ließ sich selten hören. Ein
ältliches Weib pauckte mit ausgelassenen Geberden und schmetterndem
Sange einen Tambour zum Tanze.

Nachdem die junge Bajadere ihre Rolle geendet, wollte auch die ältere
Matrone eine übernehmen. Sie schürzte den Rock ein wenig auf, und
gürtete ihn also um den Leib. Wie wahnsinnig trieb sie den Schooß nach
allen Richtungen. Das Alter schützt vor Thorheit nicht. Jetzt bedurfte
ich nicht des Mehrern, um mich von dem Unanständigen des Tanzes
vollkommen zu überzeugen.

Noch unanständiger erscheint der Tanz beim Manne. Er schürzt ebenso den
Rock auf, und rüttelt auf gleiche Weise das Becken. Derjenige Tänzer,
welcher seine Fantasien auf unserer Nilfahrt zum Beßten gab, führte
auch ein Stöckchen in der Faust, und Männer an der Reihe klatschten mit
den Händen den Takt.

Wenn der Fremde diesem Beckentanze zuerst zuschaut, so kann er Anfangs
wohl das Lachen nicht verhalten. Nachher gewinnt er Zeit, seine
moralischen Betrachtungen anzustellen.

Ich möchte den egyptischen Tanz nicht verlassen, ohne einer
Merkwürdigkeit aus dem Jahre 1582 zu gedenken.

An dem mehrerwähnten großen Prachtzug, zu Ehren des neubeschnittenen
kaiserlichen Prinzen +Mehemet+, schloß sich der Dulumtschi-Pascha
oder der Hauptmann der Fünfhundert mit den geschmierten Ziegenhäuten.
Er entblößte sich oberhalb des Gürtels, entkleidete sich bis aufs
Hemde, geberdete sich seltsam mit Kopf und Augen, Händen und Füßen.
Hierauf zog er das Hemde über den Kopf, machte in dünnen leinenen Hosen
seltsame Sprünge, tanzte, zog den Bauch bald ein, bald trieb er ihn
hervor, warf die Hüften hin und her, daß es schändlich und abscheulich
zu sehen war. Allein die Türken fanden daran Wohlgefallen, lachten
des Tänzers und lobten ihn. Es wäre freilich voreilig, von dieser
Einzelnheit auf den sittlichen Karakter überhaupt zu schließen. Große
Volksfeste haben jederzeit einzelne Ausbrüche von Rohheit in ihrem
Gefolge.


Der Brautzug.

Voran lärmen Tambour und Pauken. Hier Männer, dort Knaben, hier
ein Halbblinder, dort ein Zerlumpter schlagen darauf los: Alle in
Unordnung, in ungleicher Reihe, in ungleichem Schritte, ohne Ernst,
herumgaffend, und die Knebel oder Stäbchen scheinen ohne Takt auf die
Felle zu fallen, wie die Regentropfen auf die Erde. Im Reiche der
Töne Mangel an Takt, wie an den Gebäuden Mangel an Ebenmaß. Daß dem
Egypzier etwas gefalle, muß es ein Spiel der Einbildung sein, das
kaum Schranken kennt. Jetzt kommen hübsch geputzte Knaben in besserer
Reihe, in geschlossener Ordnung. Sie tragen schönfarbige Krüge von
antiker Form. Daraus sprengen sie wohlriechende Flüssigkeiten; so das
Rosenwasser, welches, wie frische Rosen im Garten, den süßen Geruch
düftet. Die Weiber mit ihren Lappen über das Gesicht, diese Masken
schreiten zierlicher daher, je zwei neben einander, eines mehr wie das
andere bestrebt, damit hochlaut aus ihrer Kehle das Freudengeschrei
erschalle, welches dem Froschgequak am Nile oder dem Laute ähnlich ist,
wenn bei uns die Kinder, die Stimme erhebend, mit dem Finger über die
etwas hervorgestreckten Lippen auf- und abwärts klimpern. Je näher
dem Traghimmel, desto schmuckreicher die Weiber; ihr Gesichtsschleier
prangt von größern und kleinern Goldstücken, und sie heben ihre
Arme aus den weiten, faltigen Seidengewändern, gleich dem Priester,
welcher das Volk benedeit. Einen runden Wedel, auf dessen einer Seite
die Eitelkeit ein Spiegelchen anbrachte, hält ein Weib in der Hand.
Es bietet alle seine Rührigkeit auf, damit die Braut zu befächeln.
Andere Weiber spritzen wohlriechende Flüssigkeiten. Männer mit kleinen
Stäben gebieten und schaffen zur Seite links und rechts Ordnung. In
der Mitte zwei schön gekleideter Weiber, unter dem von vier Männern
getragenen blutrothen Baldachin +erblickst du die Braut+. Der Europäer
möchte gern ihre Schönheit bewundern. Vergeblich; sie ist in einem
rothen Schleier so ganz und gar verhüllt. Den Kopf kleidet fürstlich
ein kronartiger Aufsatz. Um die Stirne und das Gesicht drängt sich
ein Goldstück an das andere, ein Edelstein an den andern; die Braut
legt mit morgenländischer Ueppigkeit hier Alles zur Schau, was sie
nur Glänzendes auftreiben konnte. Geblendet von den ausgehängten
Kostbarkeiten, wünscht man beinahe nicht weiter zu schauen, obschon
das Geheimnißvolle die Neugierde stachelt; denn man fürchtet, bei
gelichtetem Schleier, mit getäuschter Phantasie das Auge wegwenden zu
müssen. Hinter dem Baldachine schalmeien sie in das Getümmel der Pauken
und Tambour. Langsam schreitet der Zug, aber immer noch rasch für das
neugierige Auge, um das Mannigfaltige aufzufassen.

Wenn der Zug mehr oder weniger pompös ist, so gibt es noch manche
Zugaben und Anderes mangelt.

Einmal gerieth der Brautzug ins Gedränge in einer ziemlich schmalen
Gasse; denn es kam ein langer Zug Kameele, deren Ladung am Bauche
wie ein Kobold hin- und herpurzelte, und durch ihre Gespenstergröße
die Gasse buchstäblich mehr als halb füllte. Ich befand mich eben
am Baldachine, und die kleine Braut rückte mir nahe. Nur ihre Nase
prägte sich unter dem anliegenden, rothen Schleier aus. Die Sonne
lauerte fortwährend hinter dem rosigen Gewölke. Auf der Stelle ward die
Bedrängte von dienstbaren Geistern umringt, und ein Schwarm von Fingern
flog auf den Kopf, seinen Putz zu halten, nicht anders, als führe man
eine Glasfigur herum, die man an dieser gefährlichen Stelle mit allen
Händen beschirmen müsse, auf daß sie ja nicht breche.

An der äußerst reich ausgeschmückten Mohammetanerin fiel mir ein
goldenes Kreuz auf, welches von der Stirne herunter hing. Dieser
Theil des Kopfputzes war wahrscheinlich ursprünglich im Besitze der
Christen. Putzliebe überwiegt nicht selten sogar religiösen Skrupel.
Die Mohammetanerin fragt wenig nach der Form, wenn nur Glanz, nur Gold,
nur Flitter. Sie versteht die mit Brüchen rechnende Engherzigkeit
mancher Protestantinnen nicht, welche, Gott weiß, wie tief sie in die
Finsterniß des Papstthums plötzlich gerathen würden, wenn sich einmal
ein Kreuz auf ihre Stirne verirrte.

Wo der Brautzug aufhörte, und wie die weiteren Festlichkeiten waren,
dessen war ich nicht Zeuge, und das ist der Grund, warum ich nicht
davon rede.


Der Leichenzug.

Knaben mit fröhlichen Mienen gehen voran in Reihe und schlagen
Liedeslärm. Ihnen folgen blinde Männer, Hand in Hand, mit vereintem
Gesang, ohne Sinn für einen geregelten Zug. Drei Männer tragen
hier einen vierkantigen, dort einen mit einer Firste versehenen
fünfkantigen, so flüchtig verfertigten, breternen Sarg, daß der Blick
in die Fugen unschwer sich stiehlt. Von ihm erhebt sich ein Turban,
auf dem Sarge das Kreuz des Mohammetaners. Liegt ein Mann in den
Bretern, so werden sie mit einem rothen Tuche umwunden, beim Weibe --
drängt sich dessen Kopfschmuck darum. Hinter dem Sarge selten ein
Mann, aber Weiber, verwandte und bekannte, voll bitterer Klagen über
den Verlust. Die Hände und das Gesicht dieser Klageweiber sind, zum
Zeichen der Trauer, blau gefärbt. Am Nile das Trauerblau, bei uns
das Trauerschwarz, anderwärts das Trauerweiß, -- was ist denn die
Trauerfarbe? Ein hellblaues Tuch, um in der Schilderung fortzufahren,
umflattert über dem gewöhnlichen Schleier den Kopf, -- und ein blaues
Tuch, an den Zipfeln mit beiden Händen fassend, schleudern die
Klagefrauen mit gellendem Schrei gegen den Sarg, als wollten sie dem
Sensentrager die Beute abringen. Nur die weiblichen Verwandten tragen
die blaue Trauerfarbe, kein einziges Trauerzeichen die Uebrigen.

Ach, der Todte bleibt todt, todtenbleich und todtenstarr, mögen ihm die
Einen leise nachweinen oder laut nachschluchzen, die Andern gellend
nachschreien.

In Alexandrien hörte ich von einem Hause herab zuerst den unvergeßlich
gellenden Lärm; ich wußte nicht, ob von einigen verrückten oder im
Zanke begriffenen Weibern. Ich stand wie verdutzt da, als man mir die
Erscheinung dahin aufklärte, daß darin eine Person gestorben wäre, und
daß, zur Bezeugung der Trauer, so lange in demselben Hause geschrieen,
bis sie daraus getragen wurde. Es wäre manchmal an einem Trauerfalle
so genug, daß man diesen nicht überlaut verkündigen oder amplifiziren
dürfte.


Der Straßensänger.

Da steht ein Jüngling, der mit der einen Hand das Ohr zuhält, mit der
andern dann und wann hinter den schwarzbraunen Nacken fährt. Er scheint
+Galls+ Tonorgan nachfühlen zu wollen. Er trägt eine Mütze und eine
Jacke, weiter aber keinen Faden am Leibe. Das ist ein Sänger in einer
der Hauptstädte des osmanischen Reichs.

Die Stimme klang nicht unangenehm; aber wenig Wechsel in der Singweise,
zum Unglücke verstand ich kein Wort. Ich zweifle nicht, daß Alles
artig und poetisch gewesen sei; denn es hatte ja sich in dem Sänger
selbst der Ausbund von Poesie personifizirt. Was ich gut verstand
und mich zum herzlichen Lachen rührte, war das Gekrähe eines jungen
Hahns, das Gebell eines Schoßhündchens und das Gefauche einer Katze,
welche anmuthigen Töne der Virtuose nach jeder Strophe vortrefflich
nachahmte. Die Nachahmung der Thiere ist freilich mehr ergötzlich, als
des Menschen würdig.

Der Europäer meinte in Egypten, er lebe in einer ganz andern Welt,
wenn ihn nur zur rechten Zeit und zur Unzeit, mit Erlaubniß zu sagen,
die Flöhe und die Wanzen nicht stächen, wenn nur die Sonne viereckig
und der Mond hornlos, das Feuer kalt und das Wasser trocken wären,
wenn nur, worauf es eben jetzt ankommt, nach einer andern Melodie die
Hähne krähten, die Hunde bellten, die Katzen fauchten; aber sogar
die egyptischen +Menschen+ kennt der Europäer auf dem Resonanzboden
Europas, wenn sie schwatzen, wie die egyptischen Hähne, Hunde und
Katzen. Dagegen liefert Europa manchmal Konterfeie seiner selbst,
welche dem Urbilde gleichen wie John Bull einem Känguruh.


Der Versteigerer.

Um etwas dem Meistbietenden zu überlassen, sind in Europa erst lange
Berathungen, Edikte, Zeitungen, Lizitazionskommissarien nöthig. Niemand
versteht besser, auf krummem Wege das Ziel zu verfolgen, als der
Abendländer.

Ein Araber ging in die Frankengasse, in der Hand ein Hausgeräthe, womit
er die Schaulust möglichst reizte, und rief den Preis desselben mit
lauter Stimme aus. Er hört aus einer Bude ein Gebot; er wiederholt es;
aus einer andern Bude vernimmt er ein höheres Gebot; er wiederholt
auch dieses. Hin- und herrennend, als hätten ihn die Bremsen angebohrt,
wiederholt er die Gebote, bald in arabischer, bald in italienischer
Sprache. Sobald die Gebote nicht höher steigen, und das höchste dem
Versteigerer anständig ist, so überläßt derselbe den Gegenstand dem
Meistbietenden. Hier befindet sich der Araber in der That auf dem
rechten Flecke, wo es ihm denn trefflich zu Statten kommen mag, daß er
so gerne lärmt und schreit.


Der Barbier.

Es ist ein kurios Ding um den Bart, daß er am Antlitze des Mannes zur
Schererei entsprossen sein soll.

Die bessern Barbierstuben Kairos sind prächtig ausgestattet. An die
Wände lehnen sich unbewegliche Reihen schnörkelhafter Sitze von hartem
Holze, wie in einem Kirchenchore.

Da zwängt man Einem den Kopf über die Brust, um die Schwarte nackt zu
scheren; dort wird die Lippe straff angestreckt, um die Mundwinkel
auszuputzen, dort der Kopf rücklings umgebogen, über dem Adamsapfel
einen Streifen wegzubarbieren. Wenn in einer Stube Mehrere barbiert
werden, so machen die Köpfe so verschiedene Richtungen, als wären sie
aufs allergutmüthigste illuminirt. In den Barbierstuben wird man nicht
in hockender Stellung rasirt, wohl aber auf den Gassen. Der Barbier
schneidet die Stoppeln völlig auf der Haut, schier wie ätzend, und
er versteht in Summa seine Kunst meisterhaft. Leicht handhabt er das
scharfe Messer, es bald auf- bald abwärts, bald seitwärts führend
über fast alle Theile des Kopfes. Jeder mag sich im runden Spiegel,
welcher, in einen schmucken Rahmen gefaßt, von dem Barbier mit
Selbstzufriedenheit unfehlbar dargeboten wird, selbst überzeugen, ob
ich in guten Treuen schilderte.


Der Lagerstellenmacher.

Die Lagerstellen der Egypzier haben etwas eigenthümliches, da sie
gleich einem Käfiche zusammengestäbelt sind. Lagerstellenmacher, wie
hier, dürften in Europa schwerlich gefunden werden. Die Noth schuf im
Nilthale die Eigenthümlichkeit; es gebricht an größerm Holze, welches
den Hobel zuläßt.

Der Lagerstellenmacher besitzt keine Bude; er begnügt sich, in dem
Winkel einer Gasse oder sonst wo zu hocken. Ein Schneide- und ein
Hohlmesser sind seine Werkzeuge. Mit ersterm schnitzelt er die
Holzstäbchen etwas zurecht, und gibt ihnen die gehörige Länge; mit
letzterm schlägt er Oeffnungen, dadurch die rundlichen Stäbchen zu
ziehen.

Kein Pinsel beleidigt je diese Lagerstellen. Sie tragen den Schweren,
wie den Leichten, den Müden wie den Muntern, den Schlafenden wie
den Wachenden; dem Sünder aber nehmen sie die Last seines Herzens
ebenso wenig ab, auf daß ihn eher der sanfte Schlaf erquicke, als die
europäischen köstlichen und bequemen Bettstellen solch ein Wunder zu
bewirken vermögen.


Der Glaser.

Als ich die Einsetzung von Scheiben verlangte, kamen zwei Menschen,
ein gesetzter Mann und ein Jüngling von etwa sechszehn Jahren. Der
Kontrakt in Betreff der Scheiben war bereits geschlossen. Wer sich eine
Bedeutung geben will, muß doch die Kleinigkeiten umständlich behandeln.

Der Glaser ließ sich auf den Boden nieder; der Gehülfe ihm gegenüber.
Sorgfältig schlug jener die hölzernen Nägel aus den Fensterrahmen.
Er arbeitete langsam, aber sicher; so war sein Augenmaß. Statt eines
Diamants bediente er sich eines Bröckchens Granit. Wenn dieser nicht
tief genug schnitt, so führte er ihn auch über die Rückseite des
Glases. Dann ballte er die rechte Hand, nahm die Scheibe zwischen den
Zeigefinger und den auslangenden Daumen, und drückte solchergestalt
mit Behutsamkeit abwärts, um das Glas über den Riß abzubrechen. Dieß
gelang ihm freilich nicht, daß er eine schöne, ebene Linie bekam, doch
brach er auch nicht fehl.

Ich glaube, der beste europäische Glasermeister würde mit einem solchen
Hülfsmittel kaum besser das Glas gebrochen haben. Es ist immer eine
Kunst, mit Wenigem gehörig auszureichen.


Der Schuhmacher.

Ohne eine lederne oder tüchene Schürze, ohne pechschwarze Hände
+sitzt+ der Schuhmacher auf einem niedrigen Stuhle vor einem runden,
ebenfalls niedrigen Tische, welcher der Querabschnitt eines Baumstammes
und auf drei breite Füße gestützt ist. Die Schuhleisten weichen von
den europäischen kaum ab, wenn nicht darin, daß sie, ohne den Moden
unterworfen zu sein, alle spitz sind. Wie oft wird der europäische
Schuhmacher durch die Modesucht Anderer geplagt, und wie ruhig kann
deßhalb der egyptische schlafen. Der Flattersinn der Modenjournalisten
erzeugt fürwahr eine Menge Qualen.

Mit einem Stücke Messing, welches die Form eines Mörserpistills, nur
eine breitere Birne zum Schlagen hat und kürzer ist, werden Leder
und Nähte geklopft. Flink schneidet dasselbe mit einem leichten
Schroteisen der Schuster, der überhaupt mit einer großen Fertigkeit
arbeitet. Der Mohammetaner näht nicht mit Schweinborsten, weil nach
seiner Ansicht Alles, was vom Schweine kommt, unrein macht. Den gelben
und grobkörnigen Stoff oder den Kleister, womit ein Lederstück auf das
andere gekleibt wird, erkannte ich nicht. Die egyptischen Schuhe sind
dem Klima angemessen: leicht, halten sie wenig warm, werden aber bald
durchnäßt.


Der Töpferwaarenflicker.

In einem Lande, wo man mit schönen Porzellangefäßen so viel Aufwand
treibt, ist es oft keine Kleinigkeit, wenn etwa eines bricht. Porzellan
kommt hoch zu stehen, und so wird leicht erhellen, daß man sich Mühe
gibt, die Bruchstücke zu einem Ganzen zu vereinigen.

In Europa fehlt es nicht an gutem Kitte für Töpferwaaren; doch hält
selten einer längere Zeit, und in die Bauernhäuser fand er den Weg noch
nicht. Sehr pfuschermäßig werden bei uns die Bruchstücke mit einem
Drahte auf die Weise zusammengeheftet, daß er, nachdem er an beiden
Enden sich berührt, gezwirnet, und an das Gefäß gedrückt wird.

Was ist denn das für eine Bude? fragte ich mich, als ich darin einen
Haufen gemalter Scherben, davon die meisten von Porzellan, erblickte.
Ein Mann hockte an der einen Wand, und bog den rechten Fuß auf den
linken Schenkel. Er legte eine Scherbe auf die große Zehe, an der
Stelle, wo er bohren wollte. Ohne jene mit einer Hand zu fixiren,
setzte er den Bohrer an. Diesen brachte er mit einer Art Geigenbogen
in Bewegung. Nämlich die Schnur des letztern umschlang den Bohrer
einmal, ungefähr in der Mitte, und indem der Arbeiter den Bogen hin-
und herbewegte, drehte sich der Bohrer bald rechts, bald links um
die Achse. Das Loch ließ der gewandte Handwerker nicht durchdringen.
Nachdem zu den Seiten des Bruches ein Loch neben dem andern angebracht
war, wurde der klammerförmige Draht, indem er quer über den Bruch sich
zog, unter sanften Schlägen eingehämmert. Die Bruch- und Bohrstelle
bestrich der Tausendkünstler mit einem Kitte, welchen er sogleich
bereitete. Er knetete bloß Eierklar und Gips ohne Feuer zu einem Teige.
Ich darf nicht erst beifügen, daß die Hefte beinahe niedlich aussahen,
und an der innern Seite des Gefässes nahm man sie nicht einmal
wahr, eben weil die Bohröffnungen nicht durchdrangen. Die fleißige
Arbeit verfehlt den Beifall nicht, und schiene sie selbst ihrer
Geringfügigkeit willen keinen Fleiß zu verdienen.


Die Missionarien.

Das protestantische Frommthum und Frommthun bewacht Kairo mit nicht
weniger denn drei Missionarien, und zwar mit lauter Teutschen:
+Kruse+, +Lieder+ und +Müller+. Ich erblickte in diesem Missionariate
weniger minder, als protestantischen Luxus. Die vielen Bemühungen,
bisweilen nicht ohne übertriebenen Eifer, werden äußerst selten mit
einer Bekehrung belohnt. Auch darf das Christenthum nicht durch die
Zahl seiner Bekenner nach einem arithmetischen Scheinwerthe gelüsten,
sondern es soll durch seinen innern Reinwerth glänzen.

Den in Kairo angekommenen und niedergelassenen Fremden aus dem
Abendlande, mögen die Missionarien nicht überflüssig erscheinen. Wenn
der Ankömmling nicht gerne in das Gewühl der fränkischen Kumpanei sich
wagt, so kann er sicher sein, bei diesen Männern gute Gesellschaft
zu finden. Er leite das Gespräche nur anfänglich so, daß sie ihn
nicht mit überfrommen Dingen bestürmen. Nirgends stieße man sonst
auf größeren Kontrast. Dießseits die Jesusherzeleien, jenseits die
unfläthigste und unzüchtigste Zunge und zwischen zwei Enden -- --
Einsamkeit und Langeweile, wofern man nicht glücklich genug ist, in
der Mitte derselben Gleichgesinnten sich anschließen zu können. Mit
Lehren und Predigen, Briefeschreiben und Diskuriren verbringen die
Missionarien ihre meiste Zeit. Manchem Abendländer helfen sie auch
wohlthätig aus der Noth. Der Sonderbarkeit muß ich gedenken, daß das
Auditorium der Prediger eben auszusterben im Begriffe war, und daß bloß
noch +zwei Katholiken+, doch mehr aus Liebe zur deutschen Sprache, den
+protestantischen Predigern+ zuhörten. +Lieder+ macht auch den Arzt
nach den Grundsätzen der Homöopathie. +Müller+ langweilte mich durch
seine mystische Deutelei des +Hahnemannianismus+ außerordentlich, und
ich überzeugte mich aufs Neue, daß die Homöopathie der Mystizismus der
Medizin ist.

Daß die neuen Apostel nicht bloß lehren und predigen, schreiben und
diskuriren, liegt in der Natur des Menschen. Ein wohlbestellter Tisch
wird nicht etwa nur angeschaut, und +Kruse+ ritt einen ebenso schönen,
als prächtig gesattelten Esel. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, daß man
hie und da die Demuth, gleich einem Kruzifix, in Gold einfaßt.


Die Renegaten.

Frankreich schuf die neue Lehre des St. Simonismus. Die Anhänger
desselben, in ihrem Vaterlande von allen Seiten beunruhigt, ausgelacht,
verspottet, gehaßt, verminderten sich dadurch, daß ein Theil den
Wanderstab ergriff. Der Pabst +Enfantin+ und Andere zogen nach Egypten.

Man zeigte mir in Kairo öfter Saint-Simonisten. Sie zeichneten sich
vor den übrigen Franken durch einen langen Bart aus. Sie führten ein
ziemlich gesondertes Leben. Auch +eine+ St. Simonistin sah ich, und
billig machte ich meine Glossen. +Enfantin+ scheint entweder wenig
gekannt, oder beinahe vergessen zu sein. Wenn ich auch nach ihm mich
erkundigte, so wollte man doch in der Regel nichts von ihm wissen.
Nach den Einen lebe er, von dem Geräusche der Städte entfernt, in der
Einsamkeit; nach einem Andern habe er das Zeitliche gesegnet[20].

Egypten gibt allen Glaubensbekennern Zuflucht, ohne daß es jedoch mit
der eigentlichen Toleranz, Humanität und Liebe den Andersgläubigen
begegnet. So werden von den Abendländern die Juden geduldet.

In der neuern Zeit zogen die St. Simonisten deßwegen das Gerede auf
sich, weil einer um den andern zum Mohammetanismus hinübertrat, ob aus
Ueberzeugung oder aus Habgierde, oder aus Rache gegen die Christen,
weiß derjenige, welcher die Nieren der Menschen prüft. Es gibt indessen
hin und wieder auch andere Franken, welche ihren Glauben verläugnen.
Ich habe, um mich selbst anzuklagen, mit meiner Toleranz es noch
nicht so weit gebracht, daß nicht unangenehme Gefühle sich meiner
bemächtigten, wenn ich einen Renegaten erblickte. Im Falle wirklich
reine Ueberzeugung als Triebfeder zur Renegazion wirkte, so lasse ich
mir diese gefallen. Wie schwer hält es aber, daran +zu glauben+, wenn
man lediglich erwägt, daß die Renegaten die Religion der Zivilisirten
unsers Erdballs verlassen, um sich zu derjenigen der Halbbarbaren zu
bekennen.

Ich kannte einen Renegaten, welcher in Verachtungswürdigkeit
seinesgleichen sucht. Durch die Abschwörung seines Glaubens hoffte er
steif und fest auf Beförderung. Er sprach von nichts lieber, als von
einem zu erhaltenden Orden, z. B. wie er die beste Wirkung für das Auge
thun werde. Er wählte sich ein Weib. Die Hochzeit verschlang seine
Barschaft. Er wünschte ein hübsches Mädchen. Er bekam, im Sinne der
Egypzier, eine Vettel. Er verstieß sie. Wenn die Sperlingseele würdig
wäre, dem großen +Cäsar+ verglichen zu werden, so träfen ihn die
Worte, deren +Curio+ für diesen Römer sich bediente, daß er der Mann
aller Weiber und das Weib aller Männer sei (~omnium mulierum virum et
omnium virorum mulierem~). Mehr darf man nicht sagen, um den niedrigen
sittlichen Standpunkt anzugeben. +Und das ist ein Renegat+, ein
gewesener Christ und ein nunmehriger Mohammetaner. Soll die Religion
dienen, zu irdischem Wohlleben und Glanze emporzuhelfen, so würdiget
man sie mit ruchlosem Herzen zur Magd roher Sinnlichkeit herab.


Müsterchen von Europäern in Egypten, oder ein Porträt über Kairo aus
Europa.

Zu den pikanteren Dingen, nach meinem Geschmacke, rechne ich den
Lebenslauf der nach Kairo zerstobenen Europäer. Weil diese Stadt so
weit von Europa abliegt, so müssen Neigungen und Verumständungen
seltener Art die große Reise veranlassen.

Die Europäer in Kairo verdienen im Ganzen den Ruf der Lockerheit. Gut
essen und trinken, reiten und müßig gehen u. dgl. treten als Hauptzüge
in ihrem Leben hervor. Das Schuldenmachen ist das Allerunschuldigste,
und das Nichtbezahlen der Schulden etwas Gewöhnliches. Daß auch
Personen höhern Ranges in Schulden stecken, ist freilich nichts
Bezeichnendes für die egyptischen Franken, und, dem guten Tone der
Europäer zu lieb, möchte ich es ja nicht tadeln. Ich kannte einen
General, welcher einem armen Schlucker an 100 Piaster schuldete. Dieser
begab sich oft zu ihm, die Anforderung zu erledigen. Es hieß immer
+morgen+. Und warum: +Morgen?+ Weil der Sold schon ein Jahr lang beim
Pascha ausstehe. Uebrigens bewegt sich dieser General auf einem sehr
glänzenden Fuße; viel Gesinde, Pferd und Kameel, Strauß und Fasan
und dgl. reden von seiner Herrlichkeit. Solchen Aufwand zieht er dem
Abtragen der Schulden und der Erleichterung eines geldbedürftigen
Mannes vor. Ein Angestellter, welcher bei einem monatlichen Einkommen
von 500 Piaster (an 200 Gulden R. W.) demselben ehrlichen Schlucker
schuldig war, überschwemmte sich lieber die Nacht hindurch in der
rauschenden Gesellschaft des theuren Bacchus, lieber bezahlte er Andern
die Zeche, lieber hielt er einen eigenen Esel, lieber bereitete er sich
andere Lustbarkeiten und Bequemlichkeiten, als daß er seinen Gläubiger
zufrieden stellte. Ich hüte mich wohl, den großen Ton lächerlich zu
machen, aus Besorgniß, daß man mich des kleinen Tones zeihe.

Wer frisch in Kairo ankommt, und gerne Geld aushängt, der rechne
zuversichtlich auf Freundschaft, aber, mit Erlaubniß zu sagen, auf
eine Zungen-, keine Herzensfreundschaft. Der schwärzeste Undank folgt
meistens der Gabe oder dem beßtgemeinten Darlehen.

Manche Europäer langen in Kairo an, ohne daß sie etwas mitschleppen,
als das Kleid am Leibe; denn auf alsbaldige Anstellung und damit auf
Eröffnung der Goldgruben zählen sie so sicher, als der gläubige Christ
auf das Erbe des Himmels. Wenn sie dann nicht geradezu betteln oder,
nach ihrer vornehmen Redensweise, Geld entlehnen, so schenkt ihnen noch
ein Gastwirth Kredit. Wunderbar sind die Künste der Berechnung. Bei
aller Armuth aber sind sie, in ihrer verbindlichen Stellung gegen den
Wirth, genöthigt, wohl zu leben, z. B. Wein zu trinken. So natürlich;
je mehr der Wirth aufschreibt, desto mehr gewinnt er; denn an irgend
einer Anstellung zweifelt Niemand. Aus einem Militär erstümpert man
exempelsweise einen Zeichenlehrer für die medizinische Schule. Der
Wirth spielt mit den neuangekommenen und geldentblößten Abendländern
Lotterie, welche ihm jedenfalls Vortheil bringt, muß er auch hin und
wieder eine Niete ausbezahlen.

Daß Stümper, Weltlinge, am meisten noch Glücksritter, manche
Verschuldete, selbst auch Verbrecher eine große Zahl der Franken
in Kairo bilden, leidet wohl keinen Zweifel. In dem Kaffeehause,
wo Spanier, Franzosen, Engländer, Deutsche, Polen, Italiener und
Griechen bunt durch einander gemengt waren, konnte ich mich oft der
wunderlichsten Gedanken nicht erwehren: links saß vielleicht ein
Betrüger, rechts ein Dieb, vor mir ein Todtschläger. Ich will nun eine
biographische Skizze der Mittheilung nicht vorenthalten, ohne daß ich
jede Einzelnheit verbürgen möchte.


Undank für treue Liebe.

Ein junger Mann gewann ein Mädchen lieb. Er war Katholik und sie
Protestantin. In seiner heimatlichen Gegend warf die Eingehung einer
gemischten Ehe ungemein viel Staub auf. Um die Schwierigkeiten auf dem
richtigsten Wege zu beseitigen, unternahm er eine Reise nach Rom. Hier
erlangte er von der Kurie die Erlaubniß zu einer paritätischen Ehe.
Auf der Heimreise hielt er sich eine Zeit lang in Triest auf, wo er,
als Mechaniker, das Auskommen zu seiner gänzlichen Zufriedenheit fand.
Er schrieb seiner Geliebten, daß ihm die Heirathsbewilligung ertheilt
worden sei, und daß auch sie die weitern Schritte thun solle, wodann
er ohne Verzug zurücktreffen werde. Die Eltern indeß, schon lange dem
katholischen Freier ungünstig, wußten während der Abwesenheit des
Liebhabers überwiegenden Einfluß bei der Tochter geltend zu machen.
Kurz, sie knüpfte eine andere Bekanntschaft an.

Wem auch schon ruhige Augenblicke vergönnt waren, das Seelenleben nach
seinen Ursachen und Wirkungen zu durchschauen, findet in der Liebe eine
mächtige Triebfeder zu vielen eigenthümlichen und außerordentlichen
Unternehmungen. Tief ergriff die Nachricht von der Untreue des
Mädchens den Geliebten, welcher ein so großes Opfer, wie die Reise
nach dem entfernten Sitze des römisch-katholischen Oberhauptes, nicht
scheute. Es verdüsterte sich sein Gemüth in dem Grade, daß er Europens
überdrüssig wurde. Er reisete nach Jerusalem, und von dort nach Kairo.
In der Hauptstadt Egyptens suchte und erhielt er als musikalischer
Instrumentenmacher eine Anstellung bei der Regierung, obschon er von
der Musik so viel als nichts verstand, mithin auch die Instrumente
nicht stimmen konnte. Musikanten von seiner Bekanntschaft halfen ihm
aus der Klemme. Mittlerweile vervollkommnete er sich in der Kunst,
bis er durch Ohrenbläsereien und durch geheime Untergrabungen von
seiner Stelle verdrängt wurde. Später eröffnete er eine Bude, worin er
arabische Bibeln[21], andere Bücher und auch andere Dinge feil bot.
Hart prüften langwierige Ruhr und andere Mißgeschicke sein Leben.


Unter österreichischer Protekzion.

In Ermangelung eines schweizerischen Konsulates mußte ich mich in ein
fremdes fügen. Ich hatte Ursache, das österreichische zu wählen. Als
ich in Wien die Arzneiwissenschaft studirte, wurde mir von Seite der
Hochschule zu viel Gutes zu Theil, um Oesterreich undankbar vergessen
zu können; als ich im Jahr 1834, zum Theile in schriftstellerischer
Absicht, eine Reise nach Wien unternahm, ward mir so viel Unterstützung
gewährt, wie ich sie kaum erwarten durfte. Zudem war es Anfangs schon
nicht ganz unwahrscheinlich, daß ich über Oesterreich zurückreisen
werde, in welchem Falle, dachte ich, am zweckmäßigsten der Reisepaß mit
den Visa der österreichischen Konsuln versehen wäre.

In Kairo bedarf man, strenge genommen, keiner Aufenthaltsbewilligung.
Die egyptische Polizei bekümmert sich in der Regel um die Franken wenig
oder gar nicht. Einen Tag nach meiner Ankunft stellte ich mich bei
dem österreichischen Konsul, Herrn +Champion+, und drückte ihm meinen
Wunsch für österreichischen Schutz aus. Er nahm auf eine verbindliche
Art den Paß in Verwahrung, und damit war Alles in Ordnung. Der Aufnahme
von Seite des Herrn +Champion+ sowohl als des österreichischen
Generalkonsuls in Alexandrien, eines eifrigen Freundes der schönen
Künste und des Besitzers einer ansehnlichen Gemäldesammlung, zolle
ich meine wärmste Anerkennung. Ich fand an beiden Männern ebenso gut
unterrichtete als gefällige Rathgeber. Vielleicht würde man es missen,
wenn ich mit Stillschweigen überginge, daß mein Paß auch an der letzten
Stelle „gratis“ visirt wurde, weil es nicht überall der Fall ist.

Ehemals herrschte die nicht selten lästige Sitte, daß die Reisenden von
den Konsuln zu Mahlzeiten eingeladen wurden. Es scheint sich dieselbe
zu verlieren.


Meine Wohnung.

Am Tage meiner Ankunft suchte mich ein Schweizer auf, weil er vernahm,
daß ein Landsmann angelangt sei. Die Ferne nähert die Gemüther.
Wiewohl ich mich außerordentlich freute, einem Schweizer in so
großer Entfernung die Hand zu schütteln, so wollte ich dennoch mit
einiger Vorsicht mich einlassen. Denn die Schilderung der in Kairo
sich aufhaltenden Franken, die mir zu Gesichte kam, machte mich bei
Anknüpfung freundschaftlicher Bande eher furchtsam. Ich erfuhr aus
guter Quelle, daß der Schweizer ein wackerer Mann sei, und da ich dieß
bei jeder Gelegenheit selbst bestätigen konnte, so nahm ich keinen
Anstand mehr, mit ihm in freundschaftliche Verhältnisse zu treten. Er
ist aus dem schweizerischen Kanton Thurgau gebürtig, und sein Name
+Karl Baumgartner+: gewiß einer der edelsinnigsten Franken, die in
Kairo leben, ein Mann, dessen Andenken mir immer theuer bleibt[22].

+Baumgartner+ hatte ein halbes Haus in Miethe, und bei ihm lebte ich
in Aftermiethe. Daß ich auch hier auf zerbrochene Scheiben stieß,
dessen verwundere man sich nicht. In keiner größern Stadt sah ich so
wenig auf die Glasscheiben verwendet, als in Kairo. Blind vor Staub ist
die Menge, man läßt sich die Mühe zum Waschen reuen, und zerbrochene
Scheiben oder Scheibenlücken verunzieren selbst manches bessere Haus.
Die zerbrochenen Scheiben mochte ich aber auch hier nicht leiden. Wir
ließen den Glaser rufen.

Ich wohnte im Frankenquartiere (Hârah el-Musky). Wo? kann ich hier so
wenig +genau+ angeben, als ich es vor dem Konsul konnte. Die Franken
sagen, bei wem sie wohnen, oder nennen auch einen Hauptplatz, ein Thor
u. s. f. Mein Zimmer war so hoch, wie eine Kapelle, und man hätte nur
einen Altar bauen dürfen, um in einer wirklichen Kapelle zu wohnen.
Eine Fledermaus, welche Nachts herum flog, erfreute sich eines so
großen Spielraums, daß sie, hin- und herflatternd, nie nöthig fand, an
meinen Kopf zu streifen.


Meine Nahrung und Getränke.

Aus dem gebirgigen und kaltwinterigen Lande Europas in das niedrige und
heiße Land der Afrikaner versetzt, nahm ich mir vor, Alles pünktlich
zu meiden, was meine Gesundheit beleidigen könnte. Der Magen würde
schwerlich +unter+ dem Haupte liegen, wenn +er+ Herr im Leibe sein
müßte. Vorzüglich hütete ich mich vor dem Gemüse, vor grünen Früchten,
als: Bananen, Granatäpfeln, Datteln, Melonen, so gerne sie mich
verführt hätten. Sogar +gekochtes+ Gemüse schlug ich aus. Dadurch war
ich an den Tischen freilich nicht wenig geplagt. Man wartet hier mit
Fleisch und immer wieder mit Fleisch auf; viel Fleisch aber bekam mir
nicht gut. Zudem genießt es der Franke mehrentheils geröstet oder
gebraten, daß es leicht +Durst+ verursacht, +dem man beinahe um jeden
Preis vorbauen soll+.

Neben leichtem Fleisch aß ich Reis, mit besonderer Vorliebe Milchreis
(~riso con latte e zucchero~), und nicht selten genoß ich Kartoffeln.
Die Fische kostete ich nickt einmal, weil sie Niemand für gesund hält.
Des Morgens erquickte ich mich am Milchkaffee, oder ich begnügte mich
auch nur mit Milch und Brot. Es trieb in der Frühe ein Araber Ziegen
vor die Hausthüre. Wenn ich ein Schnalzen mit der Zunge hörte, so
waltete kein Zweifel, daß der Melker angelangt war. Vor meinen Augen
molk er mit der geballten Hand, indeß er mit der andern Hand das Gefäß
vorhielt. Ich konnte mich überzeugen, daß ich unverfälschte Milch
bekomme. Noch warm getrunken schmeckte sie mir köstlich, und ich spürte
davon nicht im mindesten nachtheilige Wirkungen. Ich füge dem Gesagten
bei, daß die Milch der egyptischen Ziegen mit ihren Schafsohren,
angenehmer und milder schmeckt, als diejenige der Schweizerziege.

Mein +Hauptgetränke+ war Nilwasser. Ich trank es meistentheils so,
wie es aus dem Flusse kam, bisweilen jedoch mit einem geringen Zusatze
von Rhum. Ich wußte recht gut, daß viele Arten von Unreinigkeiten in
den Nil fallen. Ich schöpfte mit der Hand aus dem Nil in den durstigen
Mund, während Stroh herumschwamm. Was hätte hier zögern und prüfen
gefrommt? Durst quälte mich, und mir stand nur ein +einziges+ Wasser
zu Gebote. Darum überließ ich das Grübeln Andern, und trank mit
Herzenslust. Das Nilwasser ist leicht und schmeckt vortrefflich. Von
jeher wurde dessen seiner gesunden Eigenschaft wegen mit Lob gedacht.
Es soll selbst auf den Tisch des Sultans in Konstantinopel gesetzt
werden. Man will beobachtet haben, daß der Nilschwamm, welcher mit
dem Wasser häufig getrunken wird, auf der Haut Knötchen (~boutons~)
erzeuge. Davon nahm ich an mir nichts wahr, ohne daß ich diese
Beobachtung in Abrede stellen möchte. +Alpinus+ sagt geradezu, daß sich
gewöhnlich alle Ankömmlinge in Kairo eine Diarrhöe zuziehen.

In den fränkischen Wirthshäusern, will sagen, sowohl in dem Gasthause
(~locanda~), als in den Speisehäusern (~trattoria~), wird viel Wein
ausgeschenkt. Ich vermied ihn sorgfältig. Mich wunderte, daß die
Franken nach diesem schlechten Getränke, wie es in Kairo beschaffen
ist, so begierig haschen, wenn sie auch vor der Schuldenlast nicht
wissen, was sie anfangen sollen. Es schlenderten so häßlich berauschte
Franken auf der Gasse herum, daß ich mich für sie, des fränkischen
Namens willen, schämte. Willkommen war mir dagegen das fränkische
Kaffeehaus eines Griechen, wo ich keinen Tag fehlte, um Kaffee zu
trinken, dessen man sich unter diesem heißen Himmel nicht enthalten
darf. Ich trank ihn meist ~alla Franca~, d. h. mit Zucker, seltener
~alla Turca~, und in letzterem Falle, wie Andere, mit dem Satze, was
mir wenig Mühe kostete. Bisweilen genoß ich die köstlich bereitete
Orgeade oder eine Limonade.

+Nachlese.+ Bei diesem Anlasse will ich mit wenig Worten meines
regiminellen Verhaltens erwähnen. Mehr als die Morgen- und Abendkühle
floh ich die Mittagshitze, welche, meines Bedünkens, am schädlichsten
wirkt. Der Abendkühle könnte ich nichts Nachtheiliges nachreden. Sie
war während meiner Anwesenheit in Kairo nicht vorhanden, sondern es
herrschte vielmehr des Abends bis zehn Uhr eine +gemäßigte+ Temperatur,
die nicht angenehmer hätte sein können. Wenn ich des Abends, bei der
lieblichen Witterung des Wintermonats, im windoffenen Kaffeehause
saß, konnte ich das herrliche Klima nicht genug preisen. Außer der
Mittagshitze, klage ich allerdings noch die Morgenkühle an. Der
Zureisende bringt, gleich den wohlhabenden Einwohnern, die frühen
Morgen am besten im Bette zu. Immerhin suchte ich den Unterleib warm
zu pflegen, und das Duften der Haut, wenn es einmal begonnen, zu
unterhalten. Es sollte Niemanden schwer fallen, eines so großen Gutes
willen, wie die Gesundheit ist, in gewissen Schranken zu leben.


Umgebung von Kairo.

Bereits besuchte ich außerhalb der Stadt die Grabmale der Großen
(Turâb Kâyd-Bei). Die Umgegend verdient, daß man sich weiter umsehe.
Rückerinnerungen an erstere erweckte der Anblick +der Todtenstadt
el-Seydeh Omm Kâsim+.

Reitet man von Altkairo gegen die Burg, so tönt es oft hohl unter
den Hufen des Thieres; es scheinen die Geister der grauen Vorwelt zu
klagen; man kommt über Schutt, über sandichte Schutthügel, welchen die
vielen rothen Ziegelscherben ein scheckiges Ansehen verleihen; es ist
Wüste; das Auge erholt sich nicht an einem einzigen grünen Gräschen.

Das Turâb (Todtenstadt) el-Seydeh Omm Kâsim liegt südlich unter der
schroffen Wand des Mokatam, gleich am Fuße des Schlosses. An Umfang
gibt dasselbe einer kleinen Stadt nicht nach. Selbst das Bauwerk stellt
sich ansehnlich heraus, und mit dessen Kosten hätten mehrere hundert
egyptische Dörfer gebaut werden können. Auf diesem Leichenfelde verirrt
man sich staunend mit dem Auge in den Wald von kleinen Moscheen und
Minarets. Manches Prachtwerk aber zerfällt in einen Wirrwarr öder
Steine. Immerhin bleibt es eine Seltsamkeit, daß die Mohammetaner den
Todten mehr Ehre erweisen, als den Lebendigen.

Wie sich allerwärts bei den Muselmännern der Unterschied zwischen den
Großen und den Geringern durch das Aeußere laut ankündigt, daß z. B.
der Große sein Weib einsperrt, während der Geringe das seine frei
herumgehen, selbst bei einem Christen den Hausdienst versehen läßt,
so besonders zeichnen sich der Großen Denkmäler, diese feierlichen
Grabesdome, aus. Was ist das Grab und Grabmal des Geringen? Wenige Fuß
tief wird Erde aufgeworfen, die Leiche hineingelegt, und darüber ein
kleines Gewölbe flüchtig gemauert; obenher bringt man einen, aus Stein
gehauenen, auf einer dünnen Unterlage ruhenden Turban an, welchen ich
deßwegen so nenne, weil ich weiß, daß er einen vorstellen +muß+, und an
der entgegengesetzten Seite erhebt sich etwa ein plumper Halbmond mit
seinen stumpfen Hörnern. Wenige Jahre halten die zusammengepfuschten
Steine aus, und sie verlieren ihren Zusammenhang, als wären sie
bloß zusammengedacht gewesen, werden jetzt aber dem Grabmaurer als
Baustoff erst wieder nützlich. Das ist das Grab und Grabmal eines
muselmännischen Geringen. Selbst auf dem stummen Leichenacker,
möchte man ausrufen, herrscht unter den Mohammetanern der schreiende
Despotismus der Großen; allein im Innern der Gräber bebt derselbe
beschämt vor der Wahrheit zurück: Der Staub aller Todten ist gleich.

Die Nekropolis steht an Pracht und Aufwand weit hinter dem Gottesacker
Kâyd-Bei zurück.

Auf den Grabstätten erzeigen sich diejenigen Moslims, welche dem
Christen den Eintritt in ihre Kirchen verweigern oder erschweren, sehr
tolerant. Ungehindert ritt ich in Kairo auf einem Esel kreuz und quer
über die Gräber. -- Die größten Todtenfelder liegen außer dem Umkreise
der Stadt[23].


Die Wasserleitung.

Schon auf der Burg empfahl sich meiner besondern Aufmerksamkeit
eine auf vielen Pfeilern ruhende, lange, steinerne Brücke, die
Wasserleitung, und ich war sehr begierig, in der Nähe sie zu besehen.
Will man nach Altkairo sich begeben, so ist es ihrer Bögen einer,
unter welchem der Weg durchführt. Der Wasserthurm (el-Migreh), als das
Haupt des Aquädukts, steht rechts am Rande des Nils. Man kann auf ihn
in einer unbedeckten Bahn reiten. Eben traf ich einige Weiber, welche
die Brustwehre mauerten; ihr Mörtel war Viehmist, welchen sie mit
heitern Mienen und zierlich mit ihren kleinen Fingern herumdrückten.
Die Hände der Schönen waren Mörtelkellen, um welche diese Egypzierinnen
von den Schönen Europas wahrscheinlich nicht wenig beneidet werden.
Oben kirren sechs Räder, von zwölf Ochsen getrieben, um das Wasser aus
der Tiefe zu schöpfen. Dasselbe wird in ein Becken ausgeleert, das in
den Kanal ausmündet. Der liefert das Wasser in die Burg. Eine weite
Strecke erhebt er sich hoch über die Erde. Erst in der Todtenstadt
el-Seydeh Omm Kâsim greift er in das Erdreich. Die Rinne selbst mißt
etwa zwei Fuß in der Breite und Tiefe. Der Nilschlamm, welcher sich aus
dem Wasser niederschlägt, wird mit Sorgfalt herausgeschafft. Ich ging
ein Stück weit neben der Rinne bis an einen Ort, wo die Wasserleitung
ausgebessert wurde.

Nahe an dem Wasserthurme fängt der ungemauerte Nilkanal an. Dieser wird
jährlich zu seiner Zeit mit einem Damme querüber gesperrt, dessen
Durchschneidung dann die Anwohner mit großem Jubel feiern. Allahu akbar
(Gott ist groß); Gott läßt keinem Volke des Elendes so viel werden, daß
er nicht dann und wann in dasselbe eine Rose der Freude streute.


Altkairo und das armenische Kloster.

+Altkairo+ oder ehemals +Fostât+, dann +Maser el-A’tykah+ der Araber
ist eine besondere, mit Mauern und Thoren verwahrte, nicht unbedeutende
Stadt im Süden und eine halbe Stunde von Großkairo, hart am Nil. Es
gewährt ein einförmiges, schwarzgraues Aussehen. Die Häuser sind hoch
und von Thürmen weit überragt; die Gassen enge und belebt, letzteres
wenigstens diejenigen am Hafen.

Altkairo wurde im 20. Jahre der Heschira gegründet und 564. in Brand
gesteckt.

Weil ich noch nie in einer armenischen Kirche war, so hatte ich kein
geringes Verlangen, das Kloster der Armenier zu sehen. Ich weiß nicht,
mit welchem Rechte man den Namen +Kloster+ gebraucht, da ich eben
keine klösterliche Einrichtung fand, wenigstens keine Mönche antraf.
Die Kirche stellte einen Saal mit weiß überkalkten Wänden vor, ohne
Glocke, ohne Beichtstuhl, ohne Stühle oder Bänke, ohne Seitenaltar.
Der Choraltar vergegenwärtigte mir die römisch-katholische Kirche. Als
der Führer in die Kirche trat, fuhr er mit der Hand öfter vom Herzen
zum Munde, nachdem er sie in einem kleinen Becken benetzt hatte, das
an der Mauer sich befand. Ich machte keine Zeremonie, so wenig als
ein Muselmann sich in Zeremonien eingelassen hätte, und der Führer
glotzte mich sehr seltsam an. Meinerseits konnte ich mich damit nicht
befreunden, daß er als Christ im Wesentlichen wie der Mohammetaner
gekleidet war. Vom armenischen Kloster wird nördlich Altkairo
geschlossen.


Das griechische Kloster und der Altar der heiligen Frau im koptischen
Kloster.

Das griechische und koptische Kloster liegen nicht im Umfange von
Altkairo, sondern in einiger, wiewohl sehr geringer Entfernung davon,
nämlich in +Kaser-el-Schàma+, und sie bilden mit den um sie gedrängten
Häusern ein eigenes Städtchen. Noch nirgends sah ich die Häuser so nahe
beisammen, gleichsam auf einander geschoben wie hier. Der Sonnenstrahl
kann an den wenigsten Orten die Gasse erreichen. Mir kam es vor, als
sei ich von hohen, unförmlichen Felsenriffen umlagert, als wären die
ersten Einwohner in der Verwirrung hieher geflüchtet, und als hätten
sie sich in der gleichen Verwirrung ihre Gebäude aufgeführt.

Als ich in das +griechische+ Kloster des seligen +Georgius+ kam, wollte
ich gleich wieder umkehren; denn es zeugte hier das wenigste von einem
Kloster. Wie in der Verborgenheit fand sich auf dem anderobersten
Stockwerke die griechische Kirche, die ich nur flüchtig anschaute.
Mehr sprach mich einen Stock weiter unten eine Säulenhalle an. Ich
entscheide nicht, ob ich mich glücklich preisen soll, daß ich keines
griechischen Priesters ansichtig werden konnte[24].

Nicht weit vom griechischen Kloster liegt, an einer sehr schmalen
Gasse, das +koptische+ zum seligen +Sergius+. Ich war schon ein
Stockwerk hoch und kehrte wieder um, weil sich mir nichts Klösterliches
darbieten wollte. Mein Geruchsorgan hatte sich an den Weihrauch und
an das Kellerichte feuchter Mauern, denen man in den Klöstern der
Lateiner begegnet, so sehr gewöhnt, daß ich an kein Kloster glaubte,
wenn jene fehlen. Doch alsbald trat ein alter, langbärtiger Mann mit
einem Turban daher; er hielt in seiner Hand einen großen, hölzernen
Schlüssel, mit dem er rüttelnd das Schloß öffnete. Ich war in hohem
Maße gespannt, die koptische Kirche zu sehen. Was ich von ihr sagen muß
-- -- sie ist nicht schön, und im Zerfalle begriffen; vor dem Altare
erhob sich etwas Pultartiges wie bei den Griechen; am Altare selbst
nahm ich das Christusbild nicht wahr. Mehrere Bilder, z. B. eines,
welches die +Jesum+ auf dem Schooße haltende +Maria+ vorstellte, waren
um den Altar auf eine zu überladene Weise gehängt, sogar wenn sie keine
Stümpereien gewesen wären. Ist es wohl dem heiligen Zwecke gemäß,
daß ehrfurchtsvolle Erinnerungen durch stümperhafte Bilder beleidigt
werden? Nur blinder Fanatismus, verbunden mit krasser Unwissenheit auf
dem Gebiete der Kunst, kann an geweihter Stätte Fratzen leiden.

Zwei Treppen führen in ein Gewölbe, an den Ort, wohin die heilige Frau
mit +Josef+ und dem +Christus+kinde geflohen sein +soll+. Am Lichte
einer Kerze stieg ich hinunter. Vergebens, daß man hier eine Grotte
oder Höhle suche. Alles ist Mauerwerk. Zudem müßte, meines Erinnerns,
die Höhle eine überirdische sein, weil die Kirche einen Stock hoch
liegt, und man gerade ebenso tief bis zu jener hinabsteigen muß. Die
Katholiken und Kopten haben ihre Verehrungsstellen durch eine Mauer
gesondert, und, um recht billig zu sein, möchte ich fragen: Wer weiß
es, daß die gefeierten Flüchtlinge gerade die Stelle am meisten berührt
haben, welche die Eifersucht der in verschiedenen Meinungen lebenden
Christen mit einer Mauer zudeckte? Den Lateinern gehört ein kleines,
ganz niedriges Gewölbe, auf dessen Boden ein Kreuz eingegraben ist.
Davor hängt ein Oelgemälde auf Holz, welches die heilige Familie
vorstellt. Die Kopten besitzen ebenfalls ein Gewölbe, auf dessen Boden
aber ein viereckiger Stein oder ein Altar ohne ein Zeichen steht.

Beim Herausgehen aus der Kirche fielen mir in einem Winkel mehrere
Krücken auf. Sie werden von denjenigen, welche während des langen
Gebetes durch Stehen müde geworden sind, als eine Stütze gebraucht.


Der Tempel A’mrus.

Bei dem alten Kairo liegt die älteste Moschee des Mohammetanismus,
nach ihrem Gründer A’mru genannt. Sie ist bereits verlassen, und
leicht wird den Andersgläubigen der Zutritt gestattet. Ich möchte
diese Moschee, von der noch zwei Thürme emporstreben, den Säulentempel
nennen; denn durch die Zahl der Säulen, welche auf 244 ansteigt, hat
sie etwas Ueberraschendes. In den Tempel getreten, und der Blick wird
gleichsam irre vor der Menge der Säulen. Die Eingangsseite, so wie die
östliche und westliche Seite sind zwar nicht sehr breit, wohl aber die
mittägliche, die allein über hundert Säulen zählt. Die Mitte zwischen
den Säulenhallen steht unter freiem Gotteshimmel, und in diesem
offenem Raume des Tempels bietet ein Kuppelbrunnen ein freundliches
Aussehen. Die Kuppel wölbt sich über ein Becken voll Wassers, und
den Brunnen umgibt außen eine Reihe kleiner Röhren, welche mit dem
Wasserbecken in Verbindung gebracht sind. Ich zog den Stöpfel einer
solchen Röhre und das Wasser quoll sogleich heraus. Dieser Brunnen
dient den Mohammetanern zu der religiösen Handlung der Waschungen.
In der Nähe des Brunnens erholt sich der trümmermüde Beobachter an
dem Grün einer Palme, und gleich daneben an den Blüthen eines andern,
in eine Mauer eingesperrten Baumes. Diese Bäume werden unzweifelhaft
für heilig gehalten. Vermag das Abendland auch unter freiem Himmel
aufwachsende Bäume in den Kirchen aufzuweisen? Die mittägliche Seite
der Gâma’ +A’mrus+ will als der eigentliche Tempel betrachtet werden.
Gegen den offenen Hofraum findet sich eine kleine Emporkirche von
mühsam gearbeitetem Holze. An der Mauer erhebt sich in der Mitte
eine Kanzel (Mambar) ebenfalls von Holz. Weiter greifen in die Mauer
etliche Nischen (Mahrab). Nach den Mahrab wendet sich das Volk beim
Beten, indem sie genau die Lage der Kâba in der großen Moschee zu
Mekka angeben. Vom platten Dache hängen Vorrichtungen zur Beleuchtung
herunter. Der Hauptkarakter der Kirche ist ein frohmüthiger, offener,
und der völlig entgegengesetzte mancher katholischer Kirchen, in
welche das Sonnenlicht erst fallen darf, nachdem es durch farbige
Scheiben gebrochen worden. Oder nicht zufrieden mit dem Düsterlichte
in der Kirche, welches zur Wehmuth stimmt, gräbt man sich Kapellen, um
während des Tages die Nacht heraufzubeschwören, welche man durch ein
künstliches, von vielen Seiten her zusammengebetetes Lichtchen erhellt.
Das Licht der Sonne, als Geschenk des Himmels, wird sonderbarerweise
ungern gelitten.

Um auf die Säulen zurückzugehen, so sind, wo nicht alle, doch die
meisten antik. An vielen haben sich die korinthischen Knäufe recht
schön erhalten. Von Säule zu Säule springt ein Bogen. Eine Reihe Säulen
ist am offenen Raume verwittert. Es scheint, der saumselige Vizekönig
erwarte eine Subskripzion von Seite abendländischer Christen, um die
älteste Moschee Egyptens vor gänzlicher Zertrümmerung zu retten.
Schwerlich macht der herschende Moslim das Vernachlässigte dadurch gut,
daß er mit den Großen, Beamteten und Offizieren des Reichs jährlich
einmal die greise Gâma’ des Helden A’mru besucht. Aeußerer Pomp wird
von der Welt oft für innige Herzlichkeit tausch- oder täuschweise
gegeben und genommen.


Der Garten Ibrahim-Paschas und der Nilometer auf der Insel Ruda.

Man geht durch die fruchtbaren Felder Gabel, ehe man zum Nilarme
gelangt, über den man setzt, um das Eiland Ruda zu erreichen.

+Der Garten Ibrahim-Paschas+, welcher von einem Engländer angelegt
ward, gewährt einen paradiesischen Anblick. Manches, welches der
Okzident und der Orient spenden, findet man hier geschmackvoll
zusammengestellt. So schön der Schwarzenbergische und Lichtensteinische
Garten in Wien sind, so gewiß erscheinen sie als Gerippe, wenn man
sie dem Garten +Ibrahims+ entgegenhalten wollte. Datteln, Sykomoren,
Pappeln, Maulbeerbäume, Birken, Aloe und so viel einjährige Pflanzen
sind alle in einen Rahmen gefaßt. In den Armen dieser schwelgerischen
Natur beneidete ich, ich darf bei meiner Treue versichern, den
Nordländer um seinen Herbst nicht im mindesten. Einzig die gepflückte
Rebe vergilbte zum Theile, trieb indeß neben dem gelb gewordenen Laube
die schönsten grünen Schosse. Die Rebe wächst zahlreich, und wird
ebenso wenig an Pfählen aufgezogen wie in Lossin.

Das Lusthaus im Garten birgt eine künstliche Grotte, die mit prächtigen
Muscheln vom rothen Meere ausgekleidet und eine wahre Augenweide ist.
Manche, welche den Garten besuchen, denken jedoch nicht billig genug;
schon sind mehrere Muscheln weggerissen, weil diese zum Andenken
mitgenommen wurden. Der Selbstsüchtige zerstört Andern, was er selbst
bewundert. In dem Haupttheile des Gebäudes, gegen Mittag, steht ein
großes Wasserbecken. An den Wänden desselben befinden sich mehrere
Oeffnungen, wodurch das Wasser fließt, um das Becken zu füllen. Es
stand leer, und mir schien das Pavillon nicht ganz ausgebaut zu sein.

Mich zog noch ein ungemein poetischer Gegenstand an, wenn man anders
für des Abbate +Casti+ ~gli animali parlanti~ Begeisterung fühlt; ich
meine, ~sit venia verbo~, den -- Viehstall. Eine Mauer schließt das
Vieh ein; kein Dach schützt vor Sonnenhitze. Der Viehstall ist daher
nur eine Art Viehhof oder eine Art Pferch. Zwei Krippen liegen neben
einander, von einer Mauer getrennt, welche die Höhe des Viehes hat.
Ich zählte im Hofe fünf und zwanzig Ochsen, welche die erforderlichen
Eigenschaften besessen hätten, ein Küheharem zu bewachen. Alle Ochsen
waren mit einem Stricke um den Hals an die Krippe gebunden. Durch diese
drang zu solchem Zwecke an der Vorderwand eine längliche Oeffnung.
Der Stallboden war die Erde und zwar so trocken, als unsere hölzernen
Stallböden. Als Futter erhält das Vieh gehacktes Stroh, welches in
einem Winkel des Hofes unter freiem Himmel aufgespeichert war. Das Vieh
scheint mit dem Häcksel zufrieden zu sein. Die europäischen Viehärzte
dürften sich hier nicht darüber ärgern, daß die zu sparsame Lüftung der
Ställe eine Menge Krankheiten hervorrufe.

Der +Nilometer+ oder +Mekia+, auf der Spitze der Insel Ruda, liegt
+Altkairo+ gegenüber. Ehe ich den eingefangenen Nil zu sehen
bekam, mußte ich mich zu einem Effendi verfügen, um von ihm die
Erlaubniß auszubitten. Ein graubärtiger, schöner Mann hockte auf dem
Diwan, die Pfeife im Munde; daneben mehrere Männer, wahrscheinlich
Schreibgesellen. Ich zog den Hut ab, wozu mich der Dragoman anwies, und
dieser fragte mich, was ich wünsche? Ich möchte den Nilometer sehen,
antwortete ich ihm ohne Titel und Komplimente. Es bedurfte des Weitern
nicht, noch der Bezahlung einer Gebühr, die Erlaubniß ward ertheilt,
und der Dragoman ging mit mir von hinnen.

Wir kamen an der polternden Pulvermühle und an der Salpeterfabrik
vorbei. Ich schüttelte beinahe ungläubig den Kopf, als der Dragoman
mir eröffnete, daß wir beim Nilmesser waren, so wenig wurde meine
Erwartung befriedigt. Ueberspannte Erwartungen schaden gerne der
treuen Anschauung des Gegenwärtigen; denn von der Höhe stürzt die
Phantasie in die Tiefe, und verfehlt so die rechte Mitte. Der
Nilmesser wird von zerfallenen Mauern umgeben, welche einen sehr übeln
Eindruck hervorbringen und zurücklassen. Er sieht wie ein viereckiger
Brunnenkasten aus. Der Mitte entsteigt eine nicht sehr dicke,
achteckige, maurische, mit einem ganz kunstlosen Vierecke bedeckte
Säule. Diese bezeichnen, wie einen Zollstab, regelmäßig von einander
entfernte, jedoch nicht mehr sehr scharfe Kerben. Das Wasser in dem
Nilmesser steht mit dem Wasserspiegel des Nils in gleicher Höhe, und
darum kann man an der Säule das Steigen und Fallen des Nils genau
beobachten. Früher soll der Aufseher über die Nilmessung sein Leben
im Spiele gehabt haben, wenn er die bestimmte Höhe nicht sogleich
verzeigte. Man leitete meine Aufmerksamkeit auf den hohen Stand des
Wassers, welcher der Befruchtung des Nilthales günstig sei.

Man glaubt hie und da in Europa irrig, daß je höher der Nil steige,
desto mehr Vortheil dadurch Egypten erwachse. Gerade in einem
der letzten Jahre verstieg sich der Nil, und die Ernte einiger
Bodenerzeugnisse fiel minder ergiebig aus.

Der Nil fängt in der Mitte Brachmonates an zu schwellen, und Ende
Herbstmonates nimmt er seinen höchsten Standpunkt ein, wo dann viele
Gegenden unter Wasser gesetzt sind[25].

Die Goldader Egyptens gibt zum größten Volksfeste Anlaß, wenn sie am
stärksten angelaufen ist. Früher soll die barbarische Sitte geherrscht
haben, daß man, zu Erhöhung des Festes, allemal eine Jungfrau in den
Nil warf. Von der Sitte blieb nur noch die reich ausgeschmückte Barke
übrig, in welcher man auf dem Flusse herumfährt.


Ausflug nach Heliopolis und Abusabel.

Es war Frühlingsanfang, der letzte Tag des Weinmonates und der erste
des Wintermonates.

Verläßt man auf der Morgenseite die Stadt, da stellt sich der stattlich
emporsteigende Mokatam, und selbst der Schweizer muß diese Kuppe des
arabischen Gebirges der Aufmerksamkeit würdigen. In der Nähe hörte man
zur Linken das Rauschen der Marktleute, zur Rechten das Trommeln und
Trompeten der Kriegsknechte; zur Linken sah man hier ein Kaffeezelt,
einen Garkochofen, dort für ein Soldatenweib eine Hütte von solcher
Höhe, daß es darin weder stehen, noch gehen, sondern nur kriechen kann,
manche Wohnung selbst ohne Obdach, und zur Rechten eine Menge Zelten,
unter denen das Kriegsvolk gelagert ist, zur Linken den dornreichen
Kaktus in üppiger Zahl, und zur Rechten weiterhin das Nichts der
Sandwüste. Mein schauendes Auge wetteiferte mit dem horchenden Ohre,
und der Nebel, welcher jenem die Seheweite streitig machte, konnte den
Wetteifer nicht lähmen.

Kaum hatte ich das Freie gewonnen, so wendete ich mich links. Die
noch nicht gänzlich zurückgetretenen Wasser der Überschwemmung
erschwerten mir ein wenig das Reiten. Ich lustwandelte in einem
Walde von Zitronenbäumen, auf denen, selbst auf dem gleichen
Baume, wohlriechende Blüthen mit grünen und reifen, gelben Zitronen
wechselten, und schon stand ich +in Mattarieh vor dem Baume, wo die
heilige Familie ausgeruht haben soll+. Ich dachte zum Voraus, die
Araber werden mich nicht täuschen können, weil die geschäftigen
Christen ohne Zweifel ihre Namen in den Baumstamm eingeschnitzt
haben würden. Und dem war also. Frömmigkeit, mit Eitelkeit gepaart,
hinterließ mehrere Denkmäler, welche dießmal übrigens den Nutzen
stiften, daß sie den Baum den Neugierigen kenntlich machen. Mitten
in einem Zitronenwalde erhebt sich ein sehr dicker, ein gespaltener,
leicht zu ersteigender Strunk. Darauf trieb ein dünner, kaum zehn Fuß
hoher Stamm mit frischem, grünem Laube, eine Sykomore. Das ist +der
Marienbaum+. Der Schatten desselben zerfließt in den Schatten der
umstehenden Zitronenbäume, und verbreitet angenehme Kühlung. Ich möchte
sein hohes Alter nicht bezweifeln.

Außer dem Walde erblickt man gleich nordwärts den Obelisken bei Samur
Baosbeh oder in der verschwundenen Stadt +Heliopolis+ (On)[26]. Elende
Hütten stolziren jetzt auf einer Stätte, die so reich an Erinnerungen
ist. Das Hinschwinden der aus den Händen der Menschen hervorgegangenen
schönsten Werke quälte auch hier meine Seele mit bittern Gefühlen.
Wie werden die Werke unserer Tage nach Jahrhunderten zerschlagen und
zerstört sein? Der einzige heliopolitanische Ueberrest von Bedeutung
ist ein Obelisk, dem ich mich mit geflügeltem Fuße näherte. Derselbe
steht aufrecht, scheint mir aber etwas niedriger, als die Nadel der
+Kleopatra+. Die Hieroglyphen sind auf allen vier Seiten deutlich,
zumal diejenigen auf der nördlichen und westlichen Seite. Die südliche
Seite wurde von der Sonne etwas gebleicht. Sogar der Farbstoff im
rothen Granit des Obelisken vermag sich nicht in die Länge unverändert
zu erhalten. Die Stabilität kann vor den immermehr sich erneuernden
und häufenden Lehren der Wandelbarkeit nicht +bestehen+; allein dieß
hindert sie nicht, sich recht bequem zu machen und niederzulegen,
und so vegetirt sie, wenigstens in der Einbildung, doch fort. Die
Hieroglyphenfurchen auf der östlichen Seite sind mit Sand vollgeblasen.
Der Regen bildete mit dem Staube eine Paste, welche sich in jenen
Furchen ansetzte. Die Nordseite hat die frischeste Farbe und ist
am schönsten. Vergleicht man die Obelisken der +Kleopatra+ und der
Heliopolis, so fragt man sich: Warum hat das Denkmal zu Alexandrien im
Laufe der Zeit weit mehr gelitten als letzteres? Es wird einleuchten,
daß der an der Küste, häufiger als in Heliopolis, fallende Regen
zerstörender wirken mußte. Die Erhaltung mancher Alterthümer in dem
guten oder erträglichen Zustande hat Egypten dem seltenen Regen zu
danken. Es rettet manchmal, wenn man so sagen darf, ein blindes
Geschick, indeß vor den offenen Augen der Vorsicht und Sorgfalt etwas
zu Grunde geht. Hätten die egyptischen Denkmäler, z. B. die Pyramiden,
Europa gehört, so wären sie viel unscheinbarer, manche wohl nicht mehr.
In 2000 Jahren wird der Obelisk von Luxor in Paris von dem Gesagten
Zeugniß ablegen. In Egypten gab es einen wunderbaren Zusammenfluß
günstiger Umstände, um der spätern Nachwelt so Vieles zu überliefern.

Der Obelisk stand so einsam als ehrwürdig mitten in halbgroßem Mais.
Eines Fellahs konnte ich nicht so leicht los werden. Er meinte,
ich sollte ihn dafür beschenken, daß ich einen Stein im Freien der
Welt Gottes betrachtete. Wären derlei Leute Gebieter, so würden sie
vielleicht einen jährlichen Tribut von dem Mitmenschen dafür erpressen,
daß er sich am Scheine der Sonne erquicken dürfe. Wo die Leute im
blindesten Despotismus erzogen werden, da verschließt sich auch ihr
Sinn, wie des Despoten selber, für die natürlichen Rechte der Menschen.

Dieser Sehenswürdigkeit wegen mußte ich einen kleinen Abstecher machen.
Bald aber hatte ich den breiten Weg der Wüste wieder eingeholt. Ich
dachte an unsere wohllöblichen Straßenbaukommissionen und Baumeister,
an unsere Zölle und Zöllner, an unsere Straßenbüreaukraten und Bauern,
welche den Schweiß ihres Angesichtes wie den Kies auf die Straße
schütten u. dgl. Zwischen Kairo und Abusabel nichts von Allem. Die
Wüste ist die breite Straße für Jedermann sonder Hinderniß eines
Schlagbaumes. Ohne den Staat oder die Ortschaft mit Kosten zu belasten,
treten die Kameele in ihren langen Zügen gleichsam Geleise in den Sand,
und das Abfordern des Zolles wäre eine Stimme in der Wüste.

Ich kam nach El-Mark. Hier steht ein Kaffeehaus ~alla Turca~. Ich
sprach zu. Die arabischen Kaffeehäuser stellen einen, um es schlicht
zu nennen, offenen Schuppen vor. Das Wandwerk ist von Mauer. Vom
irdenen Boden des Kaffeehauses genießt das Auge Freiheit bis ans --
Dach hinauf. Auf einer Seite sieht man die Kaffeeküche, auf der andern
den mit Strohteppichen belegten Diwan, welcher wie ein Sims die Mauer
begleitet. Da hocken denn die arabischen Kaffeetrinker, deren lange
Pfeife bis auf den Boden herabsteigt.

In El-Mark beginnt ein bedeutender Wald schattenarmer Dattelpalmen.
Darauf erreichte ich den belebten Ort Chanka. Von da führte mich
der Weg durch eine wüste Gegend, die häßlichste Einöde, nach der
egyptischen medizinischen Fakultät Abusabel; das biblische Gosen zur
Rechten.

Der in Egypten angekommene Abendländer ist in der ersten Zeit von
mancherlei Aengstlichkeiten befangen. Er glaubt sich unter die Araber
kaum recht mischen zu dürfen; mit Unrecht. Der Weg von Kairo nach
Abusabel beträgt vier Stunden, und ich ritt unbedenklich allein, und
man hat überhaupt weder bei Tage, noch bei Nacht Lebensgefahr zu
befürchten. Ich fand den Weg durch die vielen wandernden Menschen,
die Kameele, Esel, Pferde so lebhaft, wie irgend eine europäische
Hauptstraße, sogar in der Nähe einer Stadt. Im Vergleiche mit Europa
bewegen sich weit mehr Leute auf den Straßen als auf den Feldern.
Wegen der Lebhaftigkeit ergötzt auch die Straße nach Abusabel, man
durchmustert die fremdartigen Gesichter und Geberden, Trachten und
Ladungen u. s. f. Stolz sitzt der Beduine auf dem Pferde, einen kurzen
Säbel und Pistolen im Gürtel. Zuerst macht der Anblick dieser Waffen
einen unangenehmen Eindruck; bald aber gewöhnt man sich so vollkommen
daran, daß man sie nicht mehr beachtet. Uebrigens tragen die wenigsten
Leute Waffen. So bestellt der Bauer (Fellah) unbewaffnet sein Feld.
Erinnern sich alle Europäer, daß vordem, sich mit einem Säbel zu
versehen, auch bei ihnen Sitte war?

Wenn man auf diesem Wege durch topfebene und wüste Gegenden, in
denen selten ein kleiner Garten prangt, wandert, so wird man
sich überzeugen, daß ein Theil der Wüste lediglich auf Rechnung
menschlicher Nachlässigkeit fällt; er könnte bald in ein lachendes
Gelände umgeschaffen werden. „Sorgfalt ersetzte oft, was hie Natur
versagte (+Strabo+)“. Wirklich erblickt man hin und wieder Spuren von
Bewässerungskanälen, den unwidersprechlichen Zeugen einer vormaligen
Bodenkultur. Würde der Pascha geruhen, den Bauer dadurch aufzumuntern,
daß dieser seiner Ernte sicher und froh werden könnte, große Striche
Landes müßten in kurzer Zeit der Wüste abgedrungen werden. Ueberdieß
verkündigen die +angebauten+ Felder nicht allenthalben Fleiß und
Sparsamkeit. Wahr ist, daß z. B. das Delta die Arbeit des Fellah
mit schweren Ernten lohnt; allein ein so fruchtbares Land muß etwas
hervorbringen, wenn man damit auch nur ein wenig sich bemühen mag;
etwas im Feldbaue müssen die Leute jenes unermüdlichen Landes doch
wohl verstehen, auf welchem so viele Jahrtausende hindurch unaufhörlich
Früchte gediehen. Man gebe den Bienen des Nordens die gleiche Sonne,
den gleichen Nilschlamm, die gleichen Ueberlieferungen, -- was +neue+
Wunder würden erstehen.

Bei +Abusabel+ ward ich an einen Italiener empfohlen, und diese
Empfehlung erwies sich sehr nützlich; ein Wirthshaus mangelt, und
in die arabischen Hütten zu kriechen, wandelte mich eben keine Lust
an. Es ist eigentlich früh genug, das Kreuz aufzunehmen, wenn man
dazu gezwungen wird, vorausgesetzt, daß man sich überhaupt -- nicht
verweichliche. Dießmal wäre es um so umständlicher gewesen, über Nacht
ein ordentliches Obdach zu finden, da die Nilüberschwemmung seit einem
Monate das eigentliche Dorf Abusabel von den medizinischen Anstalten
trennt, und man nur zu Schiffe von einem Orte zum andern gelangt; nicht
eher als in zehn bis fünfzehn Tagen werde, hieß es, die Verbindung zu
Lande wieder hergestellt.

Die medizinischen Anstalten bei Abusabel, im Nordost von Kairo, liegen
in einer fruchtbaren Gegend. In der gegenwärtigen Ueberschwemmungszeit
gefiel sie mir nicht. Das Land war mit zu viel Wasser bedeckt, woraus
Gebüsche und Bäume einsam auftauchten; und wo es vom Wasser nicht
bespült wurde, behauptete die Wüste ihre grause Herrschaft.

Das niedrige, einstöckige Gebäude verspricht wenig von Ferne. Es
bildet vier Höfe. Die nähern zwei gehören der Veterinärschule, und
die entferntern oder dem Dorfe Abusabel nähern bilden den Sitz der
medizinischen Schule. Zuerst sei von dieser die Rede.

Nähert man sich der Hochschule von Chanka aus, so steht links ein
ungewöhnlich langes Haus, die Wohnungen für die Angestellten, die
Professoren, Pharmazisten, Uebersetzer u. s. f. Es öffnen sich eine
Menge Thüren ebener Erde nach einander. Jede führt zu einer Wohnung.
Rechtshin tritt man in die eigentliche +medizinische Schulanstalt+.
Diese besteht aus einem viereckigen Gebäude, welches einen geräumigen
Hof umfängt, und im Umfange des letzteren breitet sich, neben dem
besonders stehenden Anatomiegebäude, der sogenannte botanische Garten
aus.

+Das anatomische Theater+, ganz nach europäischem Geschmacke, schön
gemalt und mit arabischen Schnörkeln überschrieben, ist sehr hell,
und entspricht seinem Zwecke vollkommen. Eine in ein Tuch gehüllte
Wachsfigur stand beinahe in der Mitte. An einer Wand fesselt die
Aufmerksamkeit ein Glaskasten, worin der Anfang einer ornithologischen
Sammlung aufbewahrt wird. Vor dem Theater, im gleichen Gebäude, aber
auf der mittäglichen Seite, tritt man in den +Sezirsaal+. Auch an
diesem wußte ich nichts auszusetzen. Es lagen eben vier, mit einem
Tuche zugedeckte, halbschwarze Leichen auf den Sezirtischen, jede
auf einem. Zwei waren von der beginnenden Verwesung schon häßlich
gefärbt, und erfüllten die Luft mit einem sehr übeln Geruche. Das
heiße Klima stellt den Sezirübungen in Egypten viele Schwierigkeiten
entgegen, wenigstens viele Unannehmlichkeiten zur Seite. Bereits
hatten Ferien begonnen. Gleichwohl begünstigte mich das Glück, einen
Vortrag zu hören, nämlich dem Operazionskurse des Herrn Duvigneau[27]
beizuwohnen. Der Lehrer in europäischer Kleidung, auch mit einer
Schürze angethan, stand am Sezirtische, gleich neben ihm der Dragoman,
ein Araber von etwa fünfundzwanzig Jahren. Die arabischen Studenten
schaarten sich um den Tisch. Sie trugen rothe Mützen, eine weiße,
über der Brust zugeknöpfte Weste mit Ermeln, weiße, den untern
Theil der Weste umfassende Pumphosen und Schuhe, die weiter nicht
auffielen, doch keine Strümpfe. Die jungen Leute mochten ein Alter
von fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahren zurückgelegt haben. Der
Professor hob damit an, über die Amputazionen Lehren zu ertheilen;
er unterschied sie in solche, die in und außer der Kontinuität des
Knochens vorgenommen werden. Jede Phrase übersetzte ein Araber leicht
und schnell aus dem Französischen des Professors ins Arabische. Daß
dergestalt die Mittheilung mühsam sich dahinschleppe, sieht Jedermann
ein. Ohne Noth aber verstrickt der Professor seine Gedanken in lange
Perioden mit Zwischensätzen. Daraus folgt unzertrennlich, daß die
Aufmerksamkeit der Zuhörer mehr zerstreut wird. Uebrigens schauten
und horchten diese möglichst aufmerksam, als wären sie die Erfinder
der Aufmerksamkeit. Einer gab oft zu vermerken, daß er den Vortrag
begreife. Ein empfindsamer Araber hatte seine Nase mit Papier oder
etwas Anderem vor dem Wohlgeruche der Leichen verstopft, ungefähr so,
wie man es einer sentimentalen Miß von London verzeihen würde. Unter
den Augen der Zuhörer unternahm der Professor, nachdem er das blutige
Heilverfahren aus einander gesetzt hatte, die Amputazion eines Fingers.
Weder der Vortrag, noch die Art, wie der Lehrer operirte, verhieß
Ausgezeichnetes. Er schien indeß mit Gewissenhaftigkeit seinem Berufe
abzuwarten. Jeder Mensch mag sich beruhigen, welcher sein Pfund redlich
gebraucht.

+Apotheke.+ Es wäre unnöthig, eine europäische zu beschreiben.

+Laboratorium+: Dieses ist hübsch ausgestattet, und sicher gebricht
es nicht am Lehrstoffe, wenn nur die Zöglinge genug Lust und genug
Fähigkeit zum Lernen besitzen.

Die +Krankensäle+ sind zugleich die klinischen Säle, und sehr ähnlich
denen in den Abtheilungen des allgemeinen Zivilkrankenhauses zu Wien.
Der gefüllte Bettsack ruht entweder auf dem hölzernen Käfiche, der
gewöhnlichen egyptischen Bettstelle von Palmzweigen, oder auf einem
eisernen Gestelle. Das Kissen fehlt nicht; die Bettdecke ist von
grober Wolle. Neben dem Bette befindet sich ein Trinkgeschirr oben
und ein Pot de Chambre unten. Ueber die ärztliche und wundärztliche
Behandlung der Kranken kann ich, leider, das Wort nicht ergreifen.
Die Visiten geschehen Abends 9 Uhr und Morgens um 11 Uhr. Alles aber
empfahl sich nicht minder durch Reinheit und Ordnung, als durch einen
bessern europäischen Geschmack, daß ich an der zweckmäßigen Behandlung
nicht zweifle. Abends (zur Asserzeit) wurden die Speisen ausgetheilt.
Ich kostete die Reissuppe, und, wegen ihrer Schmackhaftigkeit, würde
ich gerne sogleich eine Portion genossen haben. Das Schicksal der
hiesigen arabischen Kranken leiht nicht den entferntesten Grund, von
den Europäern bemitleidet zu werden. Die Säle enthalten die Krankheiten
nach der Eintheilung in innere und äußere (~internes et externes~).
Diese Eintheilung ist in französischer Sprache über den Thüren
aufgeschrieben. Hinwieder trägt jeder Saal eine Nummer. Demnach durften
die Franzosen, wie es scheint, ihre Heiligen aus dem ~Hôtel-Dieu~ in
Paris nicht herüberbringen. Um nicht den Verdacht zu wecken, daß ich
bloß ein neugieriger Laie sei, wollte ich den Saal der Lustsiechen
nicht betreten. In den Krankenzimmern führten mich etliche Studenten
herum; denn sobald sie die Anwesenheit eines europäischen Hakim (Arzt)
erfuhren, kamen sie mir mit Freundlichkeit zuvor. Sie drückten sich in
französischer Sprache leidlich aus. Die Zahl der sämmtlichen Studenten,
d. h., der Mediziner, Chirurgen und Pharmazeuten, wußten sie mir nicht
anzugeben. Man muß gestehen, daß die europäischen Studiosi lieber
kalkuliren. Ich vernahm aus dem Munde der Abusabler-Studenten nur so
viel, daß 41 die Klinik besuchen. Die Gesammtzahl der Zöglinge beläuft
sich etwa auf 200.

Von den +Hörsälen+ sah ich zwei. Sie waren eben angefüllt; allein
man ertheilte bloß Unterricht, der Methode nach wechselseitigen,
in der französischen Sprache, indem man den Koran übersetzte. Das
laute Brummen in tiefem Basse sticht schroff ab gegen das feinere
Bienengesumse unserer Primarschüler in Europa. Die Hörsäle haben in
ihrer Bauart nichts Ausgezeichnetes für den Abendländer. Ein Katheder
ist vorne für den Lehrer angebracht; Bänke folgen sich in regelmäßiger
Reihung, so daß die auf europäische Weise sitzenden Schüler dem Lehrer
ins Gesicht sehen. Auch während des Kollegiums bedeckte die rothe Mütze
den Kopf. Es herrschte Ordnung und Ernst; kein Hin- und Hergehen, um
sich zu zerstreuen.

Die +Steindruckerei+. Ich wurde überrascht, als eine solche mir gezeigt
wurde. Zwei Araber druckten eben etwas zum Behufe des Krankenhauses.
Französisches und Arabisches standen neben einander auf den Druckbogen.
Die französische Schrift war korrekt, der Abdruck aber dießmal ein
wenig schmutzig. Die Korrektheit freute mich um so mehr, als man in
europäischen Winkeln, nicht so gar selten, von den gröbsten Verstößen
geärgert wird. Diese Steindruckerei ist einzig für die höhere
Lehranstalt bei Abusabel bestimmt.

Der +botanische Garten+. So heißt man im Hofe einen Garten, welcher an
Ueppigkeit und Pracht wohl die europäischen Gärten übertrifft, dagegen
der eigentlich wenigen Pflanzen wegen diesen Namen in der That nicht
verdient, gewiß nicht einmal den eines ~Egyptiacum~ verdienen würde.
Wie viel kann hier noch geleistet werden.

An der medizinisch-chirurgischen Lehranstalt, die im Jahr 1828 ihren
Wirkungskreis eröffnete, sind folgende Professoren angestellt:

    für +Botanik+ und +Arzneimittellehre+: +Figari+;

    für +Physiologie+: +Seisson+;

    für +Pharmazie+: +Pacthon+;

    für +Chemie+: +Berron+;

    für +Pathologie+ und +Therapie+, so wie für +medizinische Klinik+:
    +Duvigneau+;

    für +Chirurgie und chirurgische Klinik+: +Seisson+.

(Sonderbar aber, daß nicht +Seisson+ den Operazionskurs gab.)

Der Lehrstuhl der +Anatomie+ ist seit dem Austritte +Fischers+
einstweilen erledigt. Durch Eifersucht verdrängt, erwarb sich
dieser Deutsche doch die bleibende Achtung der Bessern. Es ist für
den Tugendhaften sehr aufmunternd, daß er, bei Mißkennung seiner
Bestrebungen, an den Rath seines vor Gott offenen Gewissens und an das
Synedrium der Besseren in der Welt appelliren kann.

Die +Veterinärschule+ stößt an die eben beschriebene medizinische. Der
Vorsteher derselben, mit Namen +Ammon+, ein junger Franzose, bezieht
von der Regierung einen monatlichen Gehalt von 5000 Piaster (über 600
Gulden R. W.).

Das Vieh mit äußeren und inneren, so wie insbesondere mit ansteckenden
Krankheiten ist in den Ställen geschieden. Diese, mit einem Dache
versehen, werden reinlich gehalten. Ein Gesimse von Mauerwerke nimmt
ziemlich große, irdene Töpfe auf. Je einer für ein Stück Vieh,
vertreten sie die Stelle einer Krippe. Harnrinnen sucht man indeß
vergebens. Auch hier fressen die Thiere Strohhäcksel. Bei eintretendem
Mangel des Platzes in den Krankenställen werden die Thiere unter freiem
Himmel gehalten. Wie in Egypten die Augenentzündung den Menschen häufig
befällt, ebenso ist ihr das Thier unterworfen. Die Veterinärschüler
empfangen außer ihrem Fache Unterricht im Reiten, so daß eine wirkliche
Reitschule besteht. Hörsäle, anatomisches Theater, Sezirsaal, Apotheke
und Laboratorium lassen an der guten Einrichtung keinen Zweifel übrig.
Auf einer Tafel im Sezirsaale liest man die Namen derer, welchen der
Operazionskurs vorgeschrieben war: +Akmet Abdrahman+, +Akmet Ibrahim+
u. s. f. Das klingt nun einmal unchristlich. Im anatomischen Theater
trifft man bloß einige Skelete. Es ist Schade, daß unter diesem heißen
Himmel überhaupt der wissenschaftliche Eifer leicht erkaltet. Die
Veterinärschule zählt 120 Zöglinge: ein bemerkenswerthes Mißverhältnis
zu der Zahl der Mediziner.

Die Zucht der Zöglinge beider Schulen ist eine klösterliche oder
militärische. Einmal schon werden die Anstalten von Militär bewacht.
Die Schüler sind Alumnen; fast alle arm, werden sie auf Kosten des
Staates unterhalten und gelehrt. Sie schlafen in großen Gemächern, die
Thierarzneischüler auf dem Boden, unter ihnen nur eine Strohmatratze
und über ihnen die Kleider; für die Mediziner hingegen sind ordentliche
Betten aufgeschlagen. Wenn man in solchen Gemächern, wo so viel
Morgenländer beisammen leben, der orientalischen Laster sich erinnert,
so wird man von einem ordentlichen Abscheu ergriffen. Neben den
Schlafgemächern gibt es für die Studenten noch besondere Speisesäle
nach europäischer Art. Ich sah gerade eine ungemein lange Tafel
gedeckt. Unzweifelhaft werden die Alumnen gut genährt.

Die Studenten hatten kurz vor Sonnenniedergang Feierabend. Es muß
zwischen Arbeit und Ruhe ein Ebenmaß sein, sonst leiden beide, Leib
und Seele. Die jungen Leute zogen, je zwei und zwei neben einander
aus. Am Thore gegen Abusabel hielt der Flöter und Trommler an, und
flugs zerstob die Reihe, um sich in die Barke zu werfen, welche sie
nach Abusabel führen sollte, darunter manche zu den Weibern. Jeder
wollte der erste in dem Kahne sein. Auf die Rückfahrt der Barke
wartende Studenten vergnügten sich daran, daß sie Steine ins Wasser
schleuderten, die wechselweise in diesem niedertauchten und wieder
hervorhüpften (Epostrakismos der Griechen). Um neun Uhr Abends mußten
die Einen zurückkehren; die Uebrigen durften bis morgen in der Frühe
ausbleiben. Letzteres erzähle ich nach Andern.

Das Leben der bei Abusabel Angestellten gleicht so ziemlich einem
Schlaraffenleben, und sie können die Zeit mit genauer Noth hinbringen.
Wenn ein europäischer Fremder die Anstalten besucht, so ist er beinahe
Fingerzeig. Das Auge weilt fast lieber bei den die Höfe zierenden
Dattel- und Akazienbäumen, als bei Leuten, wiewohl aus dem gleichen
Welttheile, welche dem Schöpfer das Meiste vom Tage abstehlen. Gilt
denn etwa hier die +Ausnahme+ von der Regel, daß der Müßiggang
aller Tugenden Anfang sei?

Von der Zugänglichkeit der Mohammetanerin hörte ich bei Abusabel Dinge,
welche Erstaunen erregen. In ältern Zeiten wurde eine solche, welche
sich mit einem Christen verging, den Wellen des Nils preisgegeben. Ob
nun die Mittheilungen beweiskräftig genug seien, um zu entscheiden, daß
der religiöse Fanatismus um manche Grade sich abgekühlt habe, wage ich
kaum anzudeuten, und wenn ich andeuten +müßte+, so fiele die Bemerkung,
daß die geschlechtlichen Verirrungen auf eine +höhere+ Sphäre
konfessioneller Nachgiebigkeit oder Strenge selten schließen lassen,
weil sie aus einer tiefsinnlichen Quelle hervorsprudeln. Wahrscheinlich
würden sich, wie zur Zeit der Franzosen- und Patentherrschaft, wenige
Araberinnen gegen die Verbindung mit einem Christen sträuben. Wenn sie
auch nicht die Liebe dazu lockte, so doch das tönende Erz. Eröffnungen
über das ~punctum sexus~ strömen unter den Franken in diesem Lande
so ohne Rückhalt daher, daß der galante Großstädter des Abendlandes
nicht offenherziger sein kann. Wenn die Konkubinen in die Hoffnung
kommen, so werden sie von Manchen ohne Theilnahme und Hülfe verstoßen.
Die Mohammetanerin könnte vor dem Richter keine Ansprachen geltend
machen; wohl aber ist gewiß, daß derselbe die Sache, sobald sie vor ihn
gebracht würde, zum Nachtheile des gefallenen Mädchens nicht ungeahndet
hingehen lassen könnte. Hinwieder steht der Europäer, in seiner großen
Freiheit und Unabhängigkeit, nicht unter dem ordentlichen egyptischen
Richter, sondern unter dem Konsulate, um dessen Schutz er nachsuchte.
Etwa im Falle eines Ehebruches oder einer Defloration, im Falle, daß
über die mohammetanische Religion geschimpft, oder daß falsche Münze
geprägt würde, müßte die Auslieferung an den egyptischen Richter
erfolgen. Wie weit diese Unabhängigkeit getrieben wird, lehrte unlängst
ein handfester Engländer. Es wollte ihn die Polizei aufgreifen, weil
er Mohammetanerinnen ins Haus aufnahm, in einer Absicht, die leicht
errathen werden konnte. Statt alles Fernern schlug er die Polizei
nieder. Das Konsulat schützte ihn doch so sehr, daß er von der
vizeköniglichen Polizei in Kairo nicht weiter beunruhiget wurde.

Ich machte früher in Wirklichkeit einen Abstecher zu Lande, und jetzt
einen auf den Schwingen des Geistes. Kehren wir zurück, um einen
Rückblick auf die Schulanstalten bei Abusabel zu werfen.

Im Andenken unferner Zeiten, da noch das ganze Egyptenland, seit der
Herrschaft der Türken, in tiefe Barbarei versunken war, wird man
billig ein Loblied auf den nunmehrigen Herrscher, +Mehemet-Ali+,
anstimmen, welcher für jenes Land wirklich großartige, hoffentlich
segensreiche Anstalten ins Dasein rief. Angenommen, daß die Stellen
immer mit tüchtigen Professoren und keinen Stümpern, mit Freunden der
Wissenschaft und keinen Abenteurern, mit gewissenhaften Arbeitern und
keinen bloßen Glücksrittern besetzt werden, so dürfen die Anstalten mit
den medizinischen Fakultäten kleinerer deutscher Hochschulen in die
Wette laufen; ich möchte noch weiter gehen, in praktischer Beziehung
werden sie letzteren den Vorrang ablaufen. Beherzige man nur, wie
oft der Mangel an Leichen zum Behufe von Zergliederung auf manchen
Hochschulen beklagt wird. Umgekehrt werden die egyptischen Anstalten
in theoretischem Bezuge gar keinen Vergleich aushalten, und bis ein
echt wissenschaftlicher Geist dieselben durchdringt, beseelt, erwärmt,
kann über die viel zu neue Grundlage, selbst unter den günstigern
Umständen, ein ganzes Jahrhundert verstreichen. Jedenfalls wird der
Pascha mehr oder minder brauchbare Aerzte für die Armee bekommen, und
das ist es, was er zunächst bezweckt. Es würde ihn wahrscheinlich gar
wenig befriedigen, wenn die Zöglinge sich in medizinische Spekulazionen
vertieften, und in diesem Gebiete der Schriftstellerei sich versuchten,
um vielleicht durch gelungene Arbeiten einen neuen Glanz auf das Leben
des Regenten zu werfen. Der Gedanke thut wahrhaftig bis in das Innerste
der Seele wohl, daß in dem Lande, wo einst Heliopolis und Alexandrien
durch die Schätze der Wissenschaft weithin leuchteten, nach den vielen
Jahren der traurigsten Finsterniß, wenigstens einige Schritte versucht
werden, um die Verlassenschaft der erhabenen Vorfahren, ob auch nicht
in ihrem vollen Werthe, doch einigermaßen zu würdigen.

Tages darauf trat ich meinen Rückweg an. Ein kühler Wind wehte sogar
noch Mittags. Bald sah ich den erwähnten Obelisken, weiter oben die
Pyramiden von Gizeh, dann den Mokatam, und aus ziemlicher Ferne schon
Kairo. Den Weg belagerten mehrere Bettler, die aber, bequemer oder
anständiger als die unsrigen in der Schweiz, nicht nachrannten. Ein
Knabe legte es darauf an, durch seine Klumpfüße Mitleiden zu erwecken.
Der auffallendste Bettler hielt sich behaglich in einer kleinen Höhle
auf, die mit einem löcherigen Dache versehen war. Beinahe immer lief
mein Eseltreiber den weiten Weg. Den Lauf setzen die Eseltreiber vier
Stunden lang an Einem fort, während die Hitze den nördlichen Europäer
gleichsam erdrückt. Die Uebung hat jene Leute gestählt.

Wie gestern Nebel, so verdunkelten heute die Atmosphäre herumfliegender
Sand und schwarze, regnerische Wolken, an deren Schatten ich beinahe
bis Kairo ritt, und zwar ein Stück weit neben dem Direktor +Ammon+, der
sich freundlich anließ. Ich traf gerade Mittags im Frankenviertel ein.
Ich begrüßte es mit ebenso froher Stimmung des Gemüthes, als ich der
Gegend von Abusabel mein Lebewohl sagte. Es ist schwer, zu begreifen,
daß +Mehemet-Ali+ die medizinische Lehranstalt der Hauptstadt so weit
entrückte. Großköpfe sind mit Querköpfen nicht selten verwandt. Jede
Berührung mit wissenschaftlichen oder gebildeten Leuten hätte den
Professoren sowohl, als den Studenten leicht gemacht werden sollen. Was
entbietet ein elendes Dorf armseliger Araber?


Geschichtlicher Rückflug nach Mattarieh.

+Prosper Alpinus+ erzählt: In „el-Mattharia“ wird eine gewisse Sykomore
besucht, welche von den Einwohnern für so heilig gehalten wird, daß
es bei ihnen eine ausgemachte Sache ist, es habe die Frau +Maria+, um
dem Zorne des +Herodes+ von Jerusalem zu entgehen, in eine Höhle des
Stammes sich geflüchtet und dort das Kind +Christus+, unsern Heiland,
für einige Tage verborgen. Es wird daher dieser Baum von Vielen in
hohen Ehren gehalten; dieß gilt zumal von den Aushöhlungen desselben,
welche +Christus+ bargen. Fabelhaft ist, was +Matthiolus+ anführt, daß
die Stämme und Aeste des Baumes nie verdorren, wenn sie zuvor ins
Wasser getaucht werden, und darin eine Zeitlang liegen bleiben. -- Der
Pascha von Egypten, des Namens +Messir+, besuchte in der letzten Hälfte
des sechszehnten Jahrhunderts aus Verehrung der gottseligen Frau den
Ort el-Mattharia an jedem Freitage, als dem Sonntage der Mohammetaner,
und er pflegte daselbst sein Gebet zu verrichten. So weit +Alpinus+.

Hören wir noch einen andern Naturforscher, +Johann Wesling+, welcher
im dritten Jahrzehn des siebzehnten Jahrhunderts in Kairo lebte:
„El-Mataaria“ ist ein Garten um Memphis, ein hehrer Name durch die
Verehrung der Christen. Dort treibt eine ungeheure Sykomore, umdämmt
mit einer niedrigen Rasenbank zur Bequemlichkeit der Besuchenden, und
ehrwürdig, wegen des von +Alpinus+ angegebenen Grundes, schon seit
anderthalb Jahrtausenden in den Augen der Christen. Munter grünen die
Zweige, obschon der Stamm über dem Wurzelstocke auf eine häßliche
Weise zerstümmelt ist, weil diejenigen, welche den Baum mit dem
Kusse benetzen, ein Stück davon, aus thörichter Liebe zu Reliquien,
wegschneiden, während es doch besser wäre, den Baum in fromm ehrendem
Gedächtnisse zu bewahren. (~_Joannis Veslingii_ Mindani de plantis
Aegyptiis observationes et notae ad _Prosperum Alpinum_~. ~Patavii ap.
P. Frambottum 1638. P. 10.~)


Abenteuerlicher Ritt nach den Pyramiden von Gizeh.

Ich fragte oft und oft nach Gesellschaft, um in solcher die Pyramiden
von Gîsa zu besuchen. Vergebens. Da wählte ich einen Eseltreiber, der
etwas italienisch verstand, und brach, auf guten Ritt hoffend, am
Mittage des fünften Wintermonates auf. Noch aber war ich nicht auf dem
Esbekiehplatze, als er seinen rothäugigen Bruder mir zurückließ. Zudem
war dieser in Aussehen und Wahrheit kreuzdumm, und mehr als ~buono~
konnte er kaum etwas vom Italienischen.

In Gottes Namen -- vorwärts. In Altkairo über den Nil gefahren,
gelangte ich zu einem Graben. Jetzt sprang mein Esel hinüber, er fiel
und ich mit ihm. +Erste Stazion des Elendes.+

Später leitete der Weg zu einem ziemlich breiten Abzugsgraben des Nils;
wir durchschnitten diesen in einem Kahne ohne Schwierigkeit. Bald traf
ich seichtes Wasser. Es liefen zwei Männer daher, und einer trug mich
über dasselbe. Ich wußte nicht, daß diese -- Führer sein sollten. Der
Eseltreiber, voll jämmerlicher Angst vor dem Wege nach den Pyramiden,
rief sie ohne mein Wissen und meinen Willen. Der eine, ein Scheik, mit
nicht unangenehmen Gesichtszügen, war mit einer Flinte, der andere mit
einem langen Stocke bewaffnet. Mehrere Male wurde ich von den Leuten
über das seichte Ueberschwemmungswasser getragen. +Zweite Stazion des
Elendes.+

Ungefähr anderthalb Stunden vor Sonnenuntergang erreichte ich eine
große Wasserfläche, welche man für einen breiten Fluß hätte halten
können. Darüber sollten wir im Kahne. Es erschallte der Mahnruf an den
Fährmann. Die Sonne verschwand hinter die libyschen Hügel, ohne daß
man mich holte. Es kamen mehrere Männer, die, wie ich, die Abfahrt
erwarteten; dann auch Weiber. Diese kauerten an einem besonderen Orte,
unordentlich im Kreise, schwatzten viel, lachten viel, guckten gerne,
aßen Datteln, einzelne rauchten auch Tabak. Die Männer trugen ihre
Worte auf den Flügeln des Gelächters, und schauten kaum gegen die
Weiber. Nach zweistündigem Warten langte endlich der Fährmann an. Ich
freute mich sehr wenig auf die Nachtfahrt, und doch brannte ich vor
Verlangen, wegzukommen. Ein fester Blick nach einem Ausgange der Dinge
kann den Menschen dahin bewegen, daß er sich nach Unangenehmem sehnt.
+Dritte Stazion des Elendes.+

Die Nacht war hereingebrochen; der schöne Mond suchte indessen die
Finsterniß derselben zu verdrängen. Stelle man sich Jemand vor ohne
Kenntniß der arabischen Sprache, mit einem albernen Eseltreiber,
bei Nacht, unter lauter Fremden, im fernen Auslande, und in der
Ungewißheit, wo er die Nacht über sein Haupt niederlegen könne, und
man fühlt jetzt das Peinliche meiner Lage. Geschehe, was Gott will,
dachte ich. Man wies mir den beßten und geräumigsten Platz in dem
Fahrzeuge an. Es durften jedoch hier, wegen der Untiefe, nur wenige
von den anwesenden Leuten die Barke beschweren; die übrigen, auch
die Weiber, hoben ihre Röcke, so hoch ihnen die Tiefe des Wassers
gebot, und wateten uns nach. Der Mond, seiner Schalkhaftigkeit
eingedenk, lachte, während dieses Auftrittes die keusch und anständig
in schwarzen Flor gekleidete Nacht ein wenig aus. Wie wir tieferen
Grund gewonnen, bestiegen endlich alle den Kahn, natürlich nicht ohne
viel arabischen Lärm. Es währte ziemlich lange, bis wir den vom Mond
vergoldeten Spiegel in die Quere durchspalteten. Das lange Warten auf
den Fährmann, die Fahrt auf Ueberschwemmungswasser beim Mondesscheine
und andere Umstände prägten die Nilüberschwemmung unauslöschlich in
mein Gedächtniß. Wir landeten glücklich. Ich ritt vorwärts -- zwischen
ausgetretenen Wassern. Allein jetzt kam es ernster. Tiefes Wasser
sollte durchwatet werden. Unzufrieden mit dem niedrigen Esel, setzte
ich mich auf die Schultern zweier Araber, faßte sie um die Köpfe, und
streckte die Beine wagrecht aus, so gut ich vermochte. Es half nichts,
-- ich ertränkte einmal einen Schuh. +Vierte Stazion des Elendes.+

Ich konnte doch wieder auf dem Esel davon reiten, und ruhiger an dem
herrlichen Schauspiele mich abletzen, das sich mir darbot. Der Mond
entfaltete all’ die Pracht seines Lichtes, auf daß ich die Pyramiden
bewundere. Diese schienen nun so nahe, daß mich bald gelüstet hätte,
sie mit der Hand zu berühren. Allmälig verminderten sich unsere
Gefährten. Wo die Freihunde bellten, dahin zogen beide, Männer und
Weiber. Mich begleiteten bloß noch der Eseltreiber und drei andere
Araber, Alle mir zu Schutz und Trutz. Jetzt hatte meine Gesellschaft
ihre bestimmten Umrisse; die Lage war seltsam; Furcht wurde von
Vertrauen überwogen. Ich warne den Leser bei Zeiten. Es geschieht wohl
auch, daß größere Gefahr in den Büchern aufgefaßt und gefühlt wird, als
sie wirklich war.

Es mußte dem Eseltreiber schon in Kairo erklärt worden sein, daß ich
am gleichen Tage noch bis zum Dorfe wolle, welches von den Pyramiden
am wenigsten entfernt liege. Ich schrie dem Eseltreiber oft ins Ohr,
in den mannigfaltigsten Wortwindungen und Radebrechereien, um es ihm
ja recht verständlich zu machen, daß ich in einem +Hause+ die Nacht
hinbringen wolle. Zum Ueberflusse gacksete ich noch etwas arabisch;
reden konnte ich so nichts. Es war mir, als sollte ich einen Berg von
der Stelle wälzen. Nicht ohne Ursache drang ich so begierig auf ein
Dorf oder auf ein Haus. Als Lebensmittel hatte ich nichts, als etwas
Brot und Zucker mit mir genommen. Ehe ich mich versah, saß ich vor
den Pyramiden, vor den Trümmern an ihrem Fuße, vor dem Sphinxe. Nicht
zu den Pyramiden, sondern in ein Dorf will ich, sagte ich mit dem
Nachdrucke eines bebenden Gemüthes. Ja, ja, erwiederte der Araber. Es
ging an der großen Pyramide hinauf -- zum Eingange. Da sei das Haus,
und gut zu liegen, stammelte der Bube. Durstig und hungrig sollte
ich auf Stein mich niederwerfen, an der Wüste mich sättigen, und das
Gebläse des kühlen Nordens athmen. Ich war kein Engländer, um meine
Gesundheit an das Rühmchen zu setzen, daß man eine mondhelle Nacht in
der dunkeln großen Pyramide verlebt habe. Hier wollte ich mit nichten
bleiben.

Allah, rief ich und ich stieg hinunter. Mittlerweile fing ich an,
etwas umsichtiger zu überlegen: zu essen brauche ich wenig, und
wenn ich bloß vor dem Winde geschützt sei, so dürfte die Nacht wohl
erträglich werden. Ich ließ mich auf einige Zugeständnisse ein; meine
Leute hatten ohnehin keine Zuglust nach dem Dorfe. Im Reisen darf man
nicht mit Unbeugsamkeit an Nebendingen hangen. Ich konnte mehr oder
minder merken, daß in der Nähe ein Haus des englischen Konsuls uns als
Herberge dienen sollte. Wie ich ankam -- wieder kein Leben, nur ein mit
einer Thüre verschlossener Pyramidenstumpf. Zu meinem Troste erspähte
ich neben jener eine Art Fensterloch, das nicht unbequem schien, um
mich zu beherbergen. Der Zugluft und den Thieren zu wehren, ließ ich
die Lichtöffnung nach innen mit Steinen ausfüllen. Ich kroch hinein;
den Kopf auf einem Gesimse, den Leib auf dem Steine, eine wollene
Decke unter, den Mantel über mir, so lag ich, und noch nie auf einem
antikeren, nur einmal auf einem ebenso schlechten Bette.

Die Leute thaten zu meinen Füßen an der Pyramide und auf dem Sande
so recht behaglich, kauten mit Lustigkeit schmatzend ihre frischen
Rettiche, und plauderten in fröhlichem Tone. Meines Durstes und
meines Hungers nicht achtend, prüften sie eine Zeitlang meine Geduld.
Ungeduldig endlich und drohend griff ich zur Karbatsche, mit den
Worten: Bringet Milch und Wasser; ~voi mangiate ed io ho fame~ (ihr
esset und ich habe Hunger). Das Ding war gut; zwei Männer rückten
bewaffnet aus. Sie brachten, schon spät gegen Mitternacht, mit einem
Drittmanne Milch und Wasser. Ich schätzte mich so glücklich, als unsere
Väter, denen Manna vom Himmel herabfiel. Ich ließ die Milch aufkochen,
und noch nichts auf der Welt schmeckte mir besser. Den Durst gelöscht,
den Hunger gestillt, was wollte ich mehr? Zufriedenheit goß wieder
ihren erheiternden und erwärmenden Sonnenstrahl in meine Seele, und
nicht mehr drückte mich der Gedanke an eine Nacht im Freien. Wiewohl
in der Wüste und unter unbekannten Menschen fand ich keine Gründe, um
für Leben, und wenige, um für Eigenthum besorgt zu sein. Ich schlief
ziemlich gut, ohne zu frieren, und ich würde noch besser geschlafen
haben, wäre ich nicht von einer Maus und Fledermaus gestört worden.
+Fünfte Stazion des Elendes.+

Als der Morgen des 6. herannahte, grübelte ich mit meinen, gegen
Sonnenaufgang gewendeten Augen, das schwächste Grau ungeduldig aus
dem hehren Dome. Die Morgendämmerung täuschte mich nicht mehr, nein,
sie täuschte mich nicht mehr; auch verkündigte sie von Kairo her der
Donner der Kanonen; ich begrüßte sie mit kindlich freudigem Herzen.
Sobald der Tag heller war, verließ ich mit den fünf Männern den
Pyramidenstumpf. Ich kam an einer Stelle vorüber, wo Nachgrabungen
veranstaltet wurden. Es lagen auf der Oberfläche viel Menschenknochen,
so wie Einbalsamirungsmaterie, wovon ich zum Andenken aufhob. Im
Augenblicke, da ich hart an der mittäglichen Seite der großen Pyramide
stand, empfing ich den demüthigenden Eindruck einer hohen Majestät; sie
strebte gewaltig empor, wie auf den Bergen die letzte erhabene Zacke.

Bald befand ich mich wieder da, wo gestern, nämlich am Eingange der
großen Pyramide. Am Lichte einer Kerze stieg ich hinunter, ging fort
und hinauf. Ich beschreibe nicht die Gänge und Höhlen. Der Grabstichel
des Künstlers stellt anderwärts deutlich vor Augen, was die Feder
nur undeutlich vermöchte. Meine Bemerkungen beschränken sich auf
Weniges. Der Besuch der Heiligthümer kostet wenig Schwierigkeiten.
Ueberall guter Stand oder Halt oder beides. Der Saal des Königs ist
sehr hoch, und einzig ein Sarg aus Granit unterbricht in demselben die
Einförmigkeit.

Nach den französischen Gelehrten ergeben sich für die große Pyramide
folgende Maße, die Verkleidung inbegriffen:

    Höhe,    456′ 3″ 2‴   Wiener-Maß.
    Kante,   689′ 6″ 6‴       „
    Apothem, 584′ 8″ 8‴       „
    Basis,   710′ 1″ 7‴       „

Der Flächeninhalt der Basis beträgt:

    57,804′ 8″ 3‴ Wiener-Maß.

An den Pyramiden bewundert man mehr die Masse und Ausdauer der
menschlichen Leibeskräfte, als die Feinheit und den Geschmack der
menschlichen Geisteskräfte. Wenn man die ungeheuern Granitblöcke auf
einander geschichtet sieht, so drängt sich zuerst die Frage auf:
Wie war es möglich, dergleichen Lasten herbeizuschaffen? Darüber zu
erstaunen, hat man nicht das größte Recht. Sobald man über viel
Menschenkräfte und Hilfsmittel verfügen kann, läßt sich Großes
vollenden. Vielleicht hält es nirgends leichter, mehr Menschenkräfte
für Anderes, als für Brot und Hülle und Obdach zu verwenden, wie in
Egypten. Denn der Boden gibt leicht und üppig; die Sonne übernimmt
so viel Tagewerke, daß zur Erwärmung des Körpers, in und außer der
Wohnung, wenig benöthiget wird u. dgl. Es kann nicht fehlen, daß,
bei solcher Bewandtniß der Dinge, viel Hände, oder doch die Hände
viel Zeit müßig bleiben. Wem entschwebt nicht die Muthmaßung, daß die
Pharaonen den Müßiggang der Unterthanen als Quelle von Nachtheilen für
den Einzelnen und als Träger von Gefährden für den, Staat ansahen, und
daß sie darum auf Mittel sannen, um den Müßiggang nützlich abzuleiten?
Ein Machtwort ohne Grund würde wahrscheinlich Murren unter dem Volke
erzeugt haben; sie warfen den Mantel der Religion über die tief
liegenden Plane, und es entstanden die größten, massivsten, wenn gleich
nicht die kunstreichsten Grabmäler unsers Erdkreises. +Die Pyramiden
sind Grabhügel.+ Und so sagte ich treu, was ich einmal meine.

Jede der vier äußern Flächen der großen Pyramide läuft in Stufen
bis auf die Spitze. Diese kann von außen leicht bestiegen werden;
allein weil sie eben vom Nebel umschlichen war, leistete ich auf das
Besteigen, als ein eiteles Geschäft, Verzicht. Hier wollte ich ebenso
wenig die Rolle eines Engländers spielen, was ich gerne und offen
gestehe.

Man wollte schon an dem Vorabende Bagschisch (Geschenk), darauf
in, dann außer der Pyramide, und später, als ich gegen eine ihrer
Schwestern fortritt. Hier konnte ich die Leute nicht mehr mit dem
Versprechen beschwichtigen, daß ich am Ende ausbezahlen wolle. Ich
hatte in Kairo nur so viel Geld eingesteckt, um den Eseltreiber und
etwa zwei Führer aus dem letzten Dorfe befriedigen zu können, von der
Ansicht geleitet, daß, bei meiner Unbekanntschaft mit der arabischen
Sprache, alles Geld mir aus der Tasche geschwatzt werden könnte.
Für die Milch bezahlte ich über Maßen. Jetzt schon war meine ganze
Baarschaft auf vier Piaster heruntergeschmolzen. Einer der Führer fiel
meinem Esel in den Zügel. Ich zeigte all’ mein Geld, und bezeugte, daß
ich nicht mehr bei mir habe, daß ich aber das einzige Vierpiasterstück
glatterdings nicht entübrigen könne, weil ich an einigen Orten für
das Fahren über das Nilwasser bezahlen müsse, welche Kosten nicht
vorangeschlagen waren, und weil ich ohne Geld nicht einmal zurückkehren
könnte; es solle einer der drei Männer mich nach Kairo begleiten, wo
ich +dann+ denselben und zu seinen Händen auch die Uebrigen gehörig
zufrieden stellen werde. Ich kann nicht glauben, daß ich verstanden
wurde; denn man gab dem Anerbieten kein Gehör, und schwatzte mir das
Goldstück und meinen Zucker aus der Tasche. Man ließ zu guter Letzte
den Zügel los. +Sechste Stazion des Elendes.+

Ich ritt weiter, sah indessen keine Pyramide mehr an; selbst thäte ich
den ungeheuern Androsphinx mit schelen Blicken regaliren, als ich,
seinen Hügel von Kopf zur Linken, über den Rücken ritt, den tiefer
Sand begräbt[28]. Ich seufzte unter dem Joche des Mißmuthes. Meine
Beschützer gingen sämmtlich hinweg, und, allein mit dem Eseltreiber,
sollte ich nach Kairo ohne Geld, durch Nebel, über Wüste und durch
Wasser. Von meiner Unpäßlichkeit ohnedieß gereizt, hörte ich schon
einige Krankheiten an der Pforte meiner Gesundheit pochen; ich rechnete
hin und her, wie ich meine Peitsche zum Kaufe weggeben werde, um über
das größere Wasser zu setzen u. s. f. Kurz, es war Nacht in meinem
Gemüthe. Je fester Jemanden die gewöhnlichen Auswege versperrt werden,
desto gewisser rafft er seine Kräfte zusammen, um ungewöhnliche
ausfindig zu machen.

Plötzlich ging ein Stern der Hoffnung auf. Ich hatte die Gewohnheit,
in einer Geheimtasche in Papier gepacktes Gold mitzunehmen. Ich wußte,
daß das Päckchen fehlte; indeß dachte ich, daß ein Stück herausgefallen
sein könnte. Ich spürte nach und, o holdes Glück, richtig glitt mir
ein Goldstück in die Finger. Ich fühlte mich nun reicher, als hätte
ich über Millionen zu gebieten, weil ich die Mittel besaß, fortan in
pekuniärer Beziehung sorgenfrei nach Kairo zu ziehen. Daß der Begriff
von Reichthum sehr relativ sei, mag einen Theil der Reichen verdrießen,
aber doch die minder Begüterten trösten.

Zudem wählte der Eseltreiber einen andern und bessern Weg. Er richtete
sich mehr gegen Mittag, und die Pyramiden von Sakâra rückten ziemlich
nahe. Es war angenehm, über die vielen Dämme zu reiten; Wasser rechts
und links; bald Feld, das aus dem Wasser eben auftauchte, noch naß,
doch vom Fellachen betreten, bald Früchte tragendes Land. Ich konnte
mich nie lebhafter als heute überzeugen, wie vielfach die Verbindungen
zwischen den Dörfern von der Nilüberschwemmung erschwert werden. Der
Weg führte über mehrere Brücken, unter welchen das Wasser rauschte, als
wäre es fließend.

Die Ueberschwemmungszeit ist der Winter Egyptens und das
Ueberschwemmungswasser der Winterschnee. Der Schnee ist auch Wasser,
bloß gefrorenes. Wenn das Wasser abgeflossen, kommt der Frühling; so
wenn der Schnee geschmolzen. Beide, Wasser und Schnee, decken das
Erdreich.

Auf dem Rückwege wurde ich nur über drei kurze Strecken getragen,
einmal vom Esel, dann aber vom Eseltreiber, weil jener das zweite Mal,
gleich Anfangs, sammt dem Reiter, in den Schlamm stürzte. +Siebente
Stazion des Elendes.+

Der Anblick Kairos und des Mokatam stimmten mein Herz zur innigsten
Freude. Nach vierundzwanzigstündiger Abwesenheit war ich wieder
in der Hauptstadt, die mich wie eine zweite Heimath ansprach. Die
vierundzwanzig Stunden machen mir das Pyramidenland unvergeßlich. Diese
Schilderung belehrt, daß zur Ueberschwemmungszeit an den Besuch der
Pyramiden von Memphis (Gizeh) sich ungewöhnliche Mühseligkeiten knüpfen.

Es gibt nichts angenehmeres, als nach großen Anstrengungen wieder
auszuruhen, und nichts Süßeres, als den Widerwärtigkeiten des Lebens
aufrichtig zu zürnen. Es war mir ein Labsal, den ganzen Zorn auf
die Wasser, die Führer und die Pyramiden zu entladen. Ich wollte
über trockenes Land, da denn die mannigfaltigen Hindernisse der
ausgetretenen Wasser; ich wollte zu rechter Zeit mich mit Speise
und Trank erquicken, da denn die geschäftige Folter des Hungers und
Durstes; ich wollte eine Wohnung unter Lebendigen, da denn das harte
Ruhekissen der Pyramide in der wüsten Todtenstadt. Wie ein Kind, dem
man einen Spiegel vorhält, nach seinem Bilde greift, so langte ich nach
einer Reihe von Truggestalten. Wer kennt nicht die Gespenster, die
unablässig sich bemühen, die arme Seele des Menschen irre zu leiten?


Wegweiser in und um Kairo.

+Erster Tag.+ Man verfügt sich an einem Morgen frühe nach dem Nile,
darüber zum Garten +Ibrahim-Paschas+. Von da nach dem Aquädukt. Von
hier nach Altkairo und dem Nilometer. Nun sieht man das armenische und
koptische Kloster, in letzterem +Mariens+ Altar, und dann die große
Moschee +A’mrus+. Man reitet über Turâb-el-Seydeh Omm Kàsim zurück.
Nachmittags begibt man sich zum Konsul, der bis zum folgenden Tage die
Erlaubniß für den Eintritt in den Garten von Schubbra auswirkt.

+Zweiter Tag.+ Man reitet, aber nur nicht an einem Sonntage, auf die
Burg; hier der Jussufsbrunnen. Auf dem Rückwege bewundert man die
Gräber von Kâyd-Bei. Abends reitet man nach dem Schubbragarten.

+Dritter Tag.+ Man kann das Militärkrankenhaus, den Esbekiehplatz, etwa
einen Brutofen ansehen, zur Zeit der Fütterung im Katzenstifte sich
einfinden.

+Vierter Tag.+ Gehe man zu Fuß, um die verschiedenen Bassar zu
durchmustern, denn auf dem Esel, der manchmal gallopirt, schwinden die
Gegenstände zu schnell am Auge vorüber.

Zwei Tage erfordert der Weg nach Abusabel, und ebenso viel derjenige
über Sakâra nach den Pyramiden von Gizeh.

Daraus erhellt, daß die Merkwürdigkeiten, dazu noch der Hassantempel,
die Kadettenschule u. dgl. in wenigen Tagen besehen werden können, wenn
man sie nur gehörig in die Zeit zu vertheilen weiß.

Die Ritte sind nicht kostspielig. Für einen Tag rechnet man fünf
Piaster (nicht einmal 40 Kreuzer R. W.). Reitet man den Esel einen
halben Tag, so gibt man dem Treiber höchstens drei Piaster (etwa 23
Kreuzer R. W.).


Rückblick auf Kairo.

In dieser weitläufigen Stadt verbrachte ich mehrere der angenehmeren
Tage meines Lebens, und ich gestehe, daß ich mich ungerne von
ihr trennte. Die Verschiedenheit der klimatischen Einflüsse und
Hervorbringnisse, die Ungleichheit der Sitten und Religionsgebräuche,
die Sonderbarkeit in den politischen Einrichtungen und so vieles Andere
hielten meine Seele stets in reger Gespanntheit, dergestalt, daß
+Langeweile+ in Kairo mich nie angähnte.

Kairo ist ein großes, altes Weib, das falsche Haartouren, Brillen und
Krücke trägt; aber es vermag seine Runzeln nicht spurlos auszuglätten,
noch seine grauen Haare ganz zu verbergen, noch seinen halbblinden
Augen die volle Sehkraft zurückzugeben, noch seinen gekrümmten Rücken
in das Senkblei zu bringen. Wofern nicht ein wundersam belebender Hauch
aufs neue die Adern der Alten durchdringt, so wird sie über nicht
sehr lange von hinnen scheiden, und ihr Grabmal wird dann wegen der
schauerlichen Größe über die Grabmale beider Todtenstädte spotten.


Reise durch die Wüste nach El-Arysch.

    Verspätete Abreise; Dromedarwechsel; der Pole; Hunger;
    Hochzeitsspektakulum; Postillon; Dromedarthränen; Kartoffelkunst;
    Ausmöblirung der Wüste mit Kameelgerippen; Kinderspiel mit
    Datteldornen; Eremitage ~à la~ +Rousseau+; Dorfschaft Kâtieh mit
    Allerlei; Fata Morgana; ~Sirbonis lacus~; ein besseres Getränke als
    Champagner; Idumäa u. s. w.


Ich war Willens während der sehr angenehmen Frühlingszeit länger in
Kairo mich aufzuhalten; der Umstand aber, daß ich in der kältern
oder Regenzeit durch die Wüste reisen müßte, und daß eben ein Pole,
ein Kapitän aus der letzten Umwälzung, welcher des Arabischen kundig
war, über El-Arysch nach Syrien sich begeben wollte, bewog mich, den
Aufenthalt abzukürzen.

Weh that es mir, daß sich keine Gesellschaft zur Unternehmung der Reise
über Suez nach Jerusalem hervorthun wollte.

Um an die syrische Küste zu gelangen, hätte ich zwar über Damiate zu
Wasser reisen können; allein mehr denn ein Grund leitete mich durch
die Wildniß: nicht nur lauteten die Nachrichten, daß zu Lande keine
Kontumaz gehalten werde, sondern ich wollte auch die Süßigkeiten und
Bitterkeiten einer Wüste selbst kosten. Lebenserfahrungen sind echte
Reichthümer des Menschen.

Der polnische Offizier besorgte die Thiere. Er zog Dromedare vor, weil
sie sanfter gehen, und die Hälfte Wegs mehr in einem Tage zurücklegen
als die Kameele. Jeder von uns nahm ein Thier für sich, und eines
bestimmten wir für den Geleitsmann. Die Gepäcke wurden mehr oder
weniger gleichmäßig auf die Lastthiere vertheilt.

Am Tage meiner Abreise hatte ich keine geringe Noth. Ich sollte mich
bereit halten, daß ich vor Sonnenaufgang aufbrechen könne. Schon des
Morgens verfügte ich mich zum österreichischen Konsul, um den Reisepaß
zu holen. Jetzt stellte sich eine Schwierigkeit entgegen. Ich sollte
den städtischen Auslaßschein haben, und der Ausfertiger war abwesend;
ich beschwerte den Konsul an diesem Tage mehrere Male. Er ließ sich
die Sache sehr angelegen sein, und wie sich die Aussicht allenthalben
trüben wollte, befahl er seinen Leuten, daß man auf die Ausfertigung
dringen sollte, koste es, was es wolle. Schon lag die Nacht eine Stunde
über Kairo, als ich eines Auslaßscheines noch entbehrte, indeß der Pole
zur Abreise fest entschlossen war. Endlich langte der Dragoman sammt
dem Janitscharen und einem Menschen in dem Hause, wo ich wohnte, an,
um mir den Auslaßschein und die Erlaubnißkarte für den Eintritt in den
Schubbragarten zu überreichen. Letztere traf freilich zu spät ein.


+Sonntags den 8. Wintermonat.+

Ich bin nicht im Klaren, ob der Pole oder der Besitzer der Dromedare
mich in unnütze Geschäftigkeit jagte. Der Geleitsmann kam mit seinen
hochbuckeligen Thieren erst etwa zwei Uhr nach Mittag. Die getäuschte
Erwartung spannt auf die Folter.

Der Dromedar stand so schnell auf, daß ich mich zusammennehmen
mußte, um nicht zu stürzen. Noch beschaute ich die Gassen Kairos,
die Leute und -- Esel unter meinen Füßen. Wir ritten aus einer Stadt
in die andere, von einem Thore zum andern, bis wir, wenn ich mich so
ausdrücken darf, das Ufer des Meeres von Häusern erreichten.

Kairo ist gleichsam ein Gemengsel von Städten. Außer den Umfangsthoren,
womit nach Außen die Stadt gesperrt wird, besitzt jedes Quartier seine
eigenen Thore, damit es geschlossen werden könne. Das Isoliren der
Stadt in ihre Viertel haben die Despoten gar weise berechnet. Bricht
in einem Quartiere eine Empörung aus, so werden die Thore desselben
auf der Stelle gesperrt, und der Aufruhr beschränkt sich auf einen
Theil der Bevölkerung und zwar so völlig, daß man in den übrigen
Stadtvierteln die Vorfallenheiten manchmal erst später erfährt, mag
auch im heißen Kampfe nicht wenig Blut geflossen sein.

Schon begann der Dromedar zu traben. Er schüttelte mich so kräftig,
daß ich das Reiten nicht hätte aushalten können. Ich bestieg einen
andern, und nun ging es recht gut. Das Reiten machte mir nur geringe
Schwierigkeiten; es war mir bloß nicht am beßten zu Muthe, wenn der
Dromedar aufstand oder sich niederließ.

Steht der Dromedar oder das Kameel auf, so stellen sie erst die
Vorderbeine auf. Dabei neigt sich der Rücken von vorne nach hinten, und
der Reiter bewegt seinen Körper vorwärts. Darauf stellen die Thiere
sich auf die Hinterbeine und der Rücken des Dromedars oder Kameels
bekommt die entgegengesetzte Neigung nach vornen, wobei der Reiter
seinen Körper rückwärts bewegen soll. Lassen die Thiere sich nieder,
so fallen sie zuerst auf die vordern, dann auf die hintern Knie, wobei
der Reiter sich verhalten muß, wie wenn jene aufstehen. Eigentlich
senkt sich der vordere und hintere Theil des Körpers abwechselnd unter
zwei Malen. Nach und nach gewöhnt man sich auch an diese Bewegungen
der Thiere recht leicht. Die eigene Art Gebrüll, welche sie dabei und
beim Packen erheben, spricht den Fremden Anfangs unangenehm an, so
daß er versucht werden könnte, zu wähnen, sie seien böse und bissig.
In den Jahren der Kindheit hatte ich keine geringe Furcht vor dem
Kameele mit seiner wunderlichen fremdartigen Figur, und wenn ich damals
sah, wie ein Mensch sich erkühnte, solch’ einen Brüller zu besteigen,
so erlangte mein Mitleiden für jenen den höchsten Grad. Die fremde
buckelige Gestalt und das starke Gebrüll täuschen in gleichem Maße.
Kameel und Dromedar gehören zu den zahmsten Hausthieren unter dem
Monde.

Vor der Stadt sahen wir eben die Rekruten sich in den Waffen üben,
unter wildem Pfeifen und Getrommel.

Beim Einbruche der Nacht kehrten wir in +Chanka+, dem ehemaligen großen
Lagerplatze der egyptischen Armee, zu. Ich war müde und hungrig. Wir
betraten die Hausschwelle eines polnischen Angestellten, und er segnete
uns mit einem freudigen Empfange. Seine Frau, eine Koptin, war eben
auf Besuch in Abusabel bei ihrer Schwester, einer Prosessorin. Er ging
die Heirath unter der Bedingung ein, daß er treu sein wolle, so lange
er sich in Egypten aufhalte. Ein Kind, welches ich sah, hatte weit
mehr ein koptisches als ein polnisches Gepräge. Dieser Pole soll ein
tüchtiger Gelehrter sein. Er sprach in der That sehr unterrichtet, z.
B. über den Unterschied der koptischen Religion; allein, erst müde
und hungrig, dann schläfrig, verlor ich fast alle Aufmerksamkeit. Der
Geist mag sich noch so unabhängig dünken, er muß doch abwechselnd die
Herrschaft dem Körper abtreten. Unser Gastfreund setzte Pillau vor, der
mir vortrefflich schmeckte.

Zu Hause kann ein ganzes Jahr vergehen, bis ich +hungere+. Die
Befriedigung des Hungers ist wirklich ein großer irdischer Genuß.
Ich war, wie viele Andere, ein Stundenmann. Wenn die Glocke schlug,
mußte, ohne viel Nachfrage nach der Eßlust, gegessen werden. Auf der
Reise wird diese Rechenkunst zur Null, und der Verbrauch der Kräfte
durch die Uebungen des Leibes weckt dem gesunden Menschen Appetit. Man
sollte daheim sich +zur Richtschnur nehmen, mehr aus Nothdurft, als aus
Gewohnheit zu essen, und man würde eine Menge Genüsse sich bereiten,
und manche Uebel verhüten+. Es gehört zu andern Verkehrtheiten des
Menschen, daß er die schlichte Wahrheit im Ganzen so wenig würdigt, und
daß die blendende Lüge so bald und so leicht in sein Herz eindrückt.


+Den 9.+

Um zwei Uhr Morgens reiseten wir bei hellem Mondscheine ab. Gegen
Morgen blitzte es dann und wann, was ich unter unserm Himmel bei heißer
Witterung wahrnahm, ohne daß sie sich zum Donnern und Regen entschied.

Wir kamen durch schön bebaute Landschaften und kurz nach Sonnenaufgang
zu dem Dorfe +Bèlbeys+, wo wir bei der Post auf einer Anhöhe im Freien
uns niederlegten, um zu speisen.

Abends erreichten wir das Dorf +Légrẻn+, und blieben auf der Post in
einem Zimmer über Nacht. Ich holte meinen ganzen Schulwitz heraus, um
Feuer anzumachen. Ich vergeudete so viel egyptische Schwefelfäden, daß
der Schwefeldampf unsern europäischen Lungen bedeutend zusetzte. Ein
Araber, naturwitziger, als ich schulwitzig, zauberte das Feuer flugs
daher, und ich buk Eier in meinem Kochgeschirre. Das Gericht gerieth so
gut, daß es auch meinem Reisegefährten mundete.

Als ich mich schon schlafen legte, erhob sich ein wildes Gelärm
und Gejauchze unter Schalmei- und Tamburtönen. Es ward eine
Hochzeit gefeiert. Ungefähr so lärmt man in der Schweiz, wenn man,
mit Erlaubniß, einen Ochsen im Triumphe von der Schießstätte zum
Wirthshause führt.

Morgens hatten wir einen Begleiter; von Bèlbeys wollte er uns in die
Wüste führen. Wir trauten ihm nicht, vielleicht mit Unrecht, und wir
ließen ihn reiten, seelenvergnügt, daß wir seiner los wurden.


+Den 10.+

Auch diese Nacht nahm ich das gleiche Blitzen wahr. Als ich vom
Schlafgemache herunterstieg, lagen andere Leute noch im Schlafe auf
dem Dache. Früh Morgens ritten wir mit einem Polizeidiener (Kafaß) von
Gaza, welcher seinen Kondukteur hatte, davon.

Die letzte und diese Poststazion sind, wenn die Mittheilung des
Kapitäns Glauben verdient, wegen der Räuber am gefährlichsten. Wir
frühstückten in +Salehyeh+, einem Dorfe mit einer Post, wo die
eigentliche Wüste beginnt.

Es langte eben die Post an. Der Postillon trug um dem Haupte einen
Turban, und unter dem Kinne einen langen Bart, und über dem Leibe
einen langen, faltigen Mantel (Abba). Das Posthorn schmetterte nicht,
noch knirrte das Rad; nur sanft patschte die Hufe des Dromedars auf,
und kein besonderes Abzeichen war an der Kleidung des Wüstenpostillons
erkenntlich. Darin sind die Europäer sehr erfinderisch, einem Jeglichen
sein passendes Hanswurstkleid zu geben. Einzig trug der langtrabende
Dromedar am krummen Straußhalse eine kleine Glocke, was sich wohl
schickt, damit die Räuber zu rechter Zeit erinnert werden.

Jetzt ging es in die Wüste, und als wir tiefer in derselben uns
befanden, begegnete uns zu Fuße ein Derwisch (ein mohammetanischer
Pfaffe) mit fliegenden Kopfhaaren und langem Barte. Es ist merkwürdig,
daß die Wüste immer noch ihre Weltüberwinder begeistert. Es wäre
vielleicht doch schon mit den alten Säulenheiligen genug gewesen. Sage
wenigstens dem blinden Religionszwange: In der Wüste ist Freiheit des
Glaubens.

Die Wüste war nicht so kahl, wie ich sie mir vorstellte. Viele
Sodagewächse bekleiden sie zur Steppe. An den meisten Orten zeigte sich
dieselbe so, wie ein Kartoffelfeld mit seinem einsam stehenden jungen
Kraute. Hie und da erhoben sich kleine Hügel, uns in der Aussicht
Abwechselung zu verschaffen.

Auf meinem Dromedare traf mich ziemlich ferne von menschlichen
Wohnungen der Unfall, daß er sich reisemüde niederließ. Unverzüglich
hob der Geleitsmann das Gepäcke ab; jener stand auf, und trug mich
weiter. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Kameele oder die
Dromedare auf die Kniee sinken, sobald man sie überladet. Uebrigens
war mein armes, an einer Lungenkrankheit leidendes Thier sehr schwach,
so daß es beinahe umfiel. Der polnische Reisegefährte rief in seiner
Hastigkeit, daß unser Unglück mehr als gewiß sei. Auf dem ermüdeten,
kranken Thiere wäre allerdings bei einem etwaigen Ueberfalle die Flucht
unausführbar gewesen. Ich war kalter Skeptiker und ritt weiter mit
Gelassenheit. Fürchtet man Alles, so hat man doch nichts +mehr+
zu befürchten, und so gewährt wenigstens der Blick in die Zukunft
Beruhigung.

Mit unnennbarer Freude erblickte ich gegen Abend auf einer kleinen
Anhöhe das Posthaus. Ehe wir dabei anlangten, kamen wir hie und da über
einen aufgedämmten Weg (Brücke), arabisch +Kantâra+. Der Europäer
würde das Posthaus zu +Kantâra+ nicht erkennen, und winkt es dem
Wanderer doch freundlicher, als der stattliche Postpalast in Paris. Man
denkt mit wonnigem Gefühle beim Anblicke der Posthütte, daß man hier
unter Menschen Schutz und Ruhe finde. Dem plattdächigen Posthäuschen
gegenüber stand mittagwärts eine Art Pavillon, von Dattelblättern
gebaut. Weiterhin gruppirten sich einige Zelte für die Polizeisoldaten.
Bei Kantâra zieht vor den Blick eine kleine Bucht des Sees von Menzaleh
(~Tanis lacus~), und in seiner Nähe steht ein Brunnen, welcher, wenn
ich nicht irre, Byr-el-Dueydar heißt.

Wir waren von dem Durste stark geplagt. Wir schleppten bloß eine
Wenigkeit Wasser, nicht einmal in den festesten Thierfellen, mit, so
daß eines Morgens mein Bein ganz naß wurde, weil, wegen der schlecht
angeordneten Ladung, dasselbe über einen Wasserschlauch gehalten werden
mußte. Diese kleinen Vorräthe sollten bis El-Arysch ausreichen. Ich
kostete das Wasser zu Kantâra, und fand es salzig (kochsalzig); weil
mein Durst aber sich wenig um den Gaumen bekümmerte, so gab ich mich
zufrieden und trank. Ich lasse andere Aerzte ihre Qualen erzählen,
welche sie von den immer anderes und anderes Getränke verlangenden
Kranken zu erdulden haben; ich beschränke mich auf die Bemerkung,
daß nur der schwache Durst schwer befriedigt wird, und +daß man bei
wahrem Durste trinkt, was flüssig ist+. Um meine heiße Trinklust einmal
ordentlich zu löschen, kochte ich Kartoffeln (die 75 Prozent Wasser
enthalten), nachher stößerte ich sie und versetzte sie mit Wasser,
worauf sie mit Butter abgekocht wurden. Diese Speise hatte gerade die
erwünschte Salzigkeit und schmeckte dem Hungrigen. Sonst verursachte
mir das Wasser weder Erbrechen, noch andere Beschwerden.

Begreiflich suchten wir hier den Unfall, welchen uns der Dromedar
bereitete, wieder auszusöhnen. Wir versprachen dem Posthalter, einem
schön gestalteten und bieder scheinenden Manne, hundert Piaster
für einen Dromedar bis El-Arysch. Die Verheißung einer nicht ganz
unbeträchtlichen Geldsumme und die Thränen des Reisegefährten,
welche dieser über unser Mißgeschick vergoß, vermochten den treuen
Postbeamteten nicht zu erschüttern. Er antwortete mit kurzen Worten,
daß auf Auslieferung der Thiere, ohne Requisizion der Regierung, das
Leben hafte. Was war wohl zu thun? Man mußte sich, ob gerne oder
ungerne, in das eiserne Schicksal fügen. Wir vereinigten uns zuletzt
in dem Vorhaben, morgen meinen Dromedar ohne Gepäcke versuchsweise zu
reiten, was er wahrscheinlich aushalten werde. Verläßt uns die Hilfe
der Menschen, so vertrauen wir wieder gerne der Vorsehung.


+Den 11.+

Wir brachen bei Zeiten auf. Mein Dromedar lebte einmal noch, und
zappelte unter mir weiter, damit doch die Augen des Hauptmanns, nein,
ich sage, unsers Schicksals trocken werden. Wir hatten den ganzen Tag
Sandhügel vor den Augen, und wären diese wirklich naß geblieben, so
hätte es uns an Stoff nicht gefehlt, sie trocken zu streuen. Der Weg
führte uns über mehrere Hügel und war beschwerlich wegen des lockeren
Sandes. Das Thier glitt bei jedem Schritte einen halben Fuß tief in
denselben. An der Post +Duedâr+, welche an die Abendseite eines
Hügels sich lehnt, ritten wir vorüber.

Um meinem armen Thiere Erleichterung zu verschaffen, stieg ich hier
ab. Mein Gehen war außerordentlich mühselig, gerade so, wie bei uns,
wenn der Schnee sehr weich ist, daß man mit dem Fuße tief einsinkt
und rutscht. Wie der Sandstaub, so ist eine lügenhafte, trügerische
Seele ohne Festigkeit, ohne Halt, ohne Zusammenhang. Ich dauerte das
Reisen zu Fuße nicht lang aus; denn ich fühlte Leere im Magen, und
bald drückte die Hitze. Den Weg fand ich übrigens ziemlich angenehm.
Fortan waren in den Sand die Sodagewächse gesteppt, worin sich die
Vögel belustigten. Bald sprang Gewild vorüber, wenigstens Gazellen
und ein Schakal (Fuchs). Auf dem meistens deutlichen und breiten
Wege durchmusterte ich die Stapfen der Menschen und Thiere, oder
die Kameelgerippe, welche, wie gebleicht, auf dem ganzen Wege oft
wahrzunehmen sind. Allerdings athmet mehr Leben in der Wüste, als auf
dem Meere; selten aber begegnete uns ein Sterblicher.

In der kleinen Oase (Wüsteninsel) +Bir-Anoß+, welche die Dattelbäume
freundlich stimmen möchten, kehrten wir an, uns zu erfrischen. Hier
ergötzte mich ein Spiel der Kinder. Sie spießten an drei Datteldorne
eine Dattel. Da vergruben sie Datteln nahe an einander in den Sand.
Jetzt warf Einer nach dem Andern jene drei an der Dattel vereinigte
Dorne nach den unsichtbaren im Sande vergrabenen Datteln, und wer am
meisten an den Dornen hervorzog, trug den Sieg davon. Das Spiel will
eben nicht viel Gewandtheit, und zeugt von Gewinnlust.

Als wir dann weiter rückten, entzückte mich ein Palmenwäldchen am
Fuße der Morgenseite eines Hügels. Die Schalmei erklang lieblich aus
dem einsamen Haine. Dort waren Hirten angesiedelt. Diejenigen Araber,
welche die Freiheit der Unterwürfigkeit vorziehen, entfernen sich
lieber von den Menschen, als daß sie nach den Gesetzen und Launen
eines Fürsten leben. Daher wurde selbst die Wüste zum Theile bewohnt.
Mich mahnte oft die Wüstenei an unsere Berge und die Leute der Wüste
an unsere Bergleute. Einst trieb die Freiheitsliebe die Allemanen
vom Rheine auf die Berge der Schweiz. An beiden Orten, in der Wüste
der Berge wie der Niederung, waltet mehr oder minder Oede für ein
einsiedlerisches Leben. Es ist denkbar, daß man sich an die mit
Sodagewächsen bekleidete und mit Hügeln bedeckte Sandwüste ohne viel
Ueberwindung gewöhnen könne.

Es verdient, bemerkt zu werden, daß in dieser Gegend die Sandhügel,
ihrer eigenthümlichen Form wegen, Pyramiden gleichen. Dieselben sind so
glatt vom Winde ausgeblasen, wie unser Schnee oder unsere Windwehen.
Sie ziehen im Allgemeinen von Osten nach Westen.

Ehe wir die Post erreichten, genossen wir auf dem letzten Hügel eine
sehr ausgedehnte und wahrhaft erquickende Aussicht -- Wieder etwas
Wassermangel. -- Der Dromedar trug mich bis hieher die meiste Zeit, und
mit Leichtsinn vergaßen wir bald den gestrigen Kummer.

Wir entschlossen uns, in +Kâtyeh+ zu übernachten. Man wies uns in
der Post ein Zimmer an. Es waren so eben auch Mann, Weib und Kinder
eingetroffen. Um sich das Reiten bequem zu machen, saßen sie in
geflochtenen Kasten (Schekdof), einander das Gleichgewicht haltend.
Die Frau begab sich in das Harem.

Kâtyeh ist ein kleines Dorf mit zwei kleinen Moscheen ohne Minaret. Die
Gebete werden an denselben gar fleißig und laut vom Muezeinn (Thürmer)
gesungen. Abends, etwa anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang, glaubte
ich in der Schlaftrunkenheit den Nachtwächterruf zu hören; ich vernahm
die silberne, lieblich ernste Stimme des Asche (des fünften Gebetes).
Die Wohnungen der Dorfleute, einfacher als alle, so ich bisher sah,
sind ohne Dachung. Dattelblätter bilden die große Einzäunung einer
Vorrathskammer; darin lag eben ein Haufe Mais. Weil aber der Wind
bisweilen den Sand hineinstäubt, so werden die Leute genöthigt, den
letztern von Zeit zu Zeit wegzuseihen. Der Vorrathskammer schließen
sich die Wohnungen in Form des griechischen Π an; sie sind mithin auf
einer Seite ganz offen für Sonnenhitze und Regen.

Auf die Kunde, welche sich in dem wilden Dorfe verbreitete, daß ich ein
Arzt sei, kam ein etwa fünfzigjähriger, dürrer, kinderloser Mann mit
seiner zum Geschenke bestimmten, rothen Mütze voll Datteln, mich zu
fragen, was zu thun sei, damit er Kinder bekomme? Ich hätte den Mann
mir jung gewünscht, um wegen einer Antwort nicht in Verlegenheit zu
gerathen. Als ich in der Runde spazieren ging, schauten die Weiber und
Kinder wie närrisch meine gelb metallenen, glänzenden Knöpfe an, und
als ich ihnen meine Taschenuhr zeigte, so sperrte die Bewunderung gar
im höchsten Grade ihre großen Augen auf. Laut lachten die weitmundigen,
entschleierten Weiber.


+Den 12.+

Der Weg zog über Hügel gegen +Berlaupt+. Als ich hier abstieg, fror es
mich so nachhaltig, daß ich mich ans Feuer setzte, und nach der Spende
der Sonne sehnte. Junge Burschen, die uns umgaben, machten freundliche
Mienen, und ich glaubte an ihnen schon einen Uebergang in den weißen
Stamm zu bemerken. Vor meinen Augen wandten sie mit ebenso viel
Gleichmuth, als Gewandtheit das Glüheisen bei einem Pferde an.

In der Besorgniß, daß mein Dromedar mitten auf dem Wege erliege,
sahen wir uns nach einem andern um. Der Posthalter war vor wenigen
Tagen gestorben, und die jungen Sprößlinge von leichtem Stoffe, wie
Spinnengewebe, trugen kein Bedenken, uns ein Thier anzuvertrauen,
so ernstlich auch die im Harem verborgenen Weiber, als würdige
Stellvertreterinnen des zarten Geschlechtes, dagegen schreien mochten;
nur forderten jene zu stark. Wir wurden endlich einig; schnell ging
man, den weidenden Dromedar zu holen.

Nun hatte ich einmal einen guten Läufer, und die Wüste wurde für mich
ein Paradies. Indeß bot die Gegend hier auch wirklich die reizendsten
Partien dar. Auf einmal kamen wir in einen großen Kessel. Ein Theil des
Bodens sah aus, als wenn er mit gefrorenem Wasser und Wasserpfützen
überzogen wäre. Dieses Schauspiel gab unser Weg öfter, und eines
Morgens konnte ich mich kaum überzeugen, daß ich, statt gefrorenen
Wassers, krystallisirtes Salz vor mir hätte. Wie wir aus dem Kessel
herausrückten, welch’ Entzücken. Eine ungeheure Ebene, gleich einer
Eisdecke, dehnte sich aus, mit einer Lehne gegen Sonnenaufgang, welche
die Einbildung zu Seeufern umschuf. Im Nordost spielte die Täuschung
mit Palästen einer in großer Ferne liegenden Stadt, und im Norden
mit dem Meere. Man durfte dem frohlockenden Herzen kaum offenbaren,
daß die Fata Morgana eine Wüste ohne ein einziges Grün sei. In
meinem Leben noch nie sah ich eine so vollendete Landebene. Wie sehr
ergötzt schon ein kleines, ebenes Gartenbeet; hier aber stelle man
sich die stundenlange und stundenbreite Fläche vor. Freilich findet
man dergleichen bloß auf kurz angenehm; auf längere Zeit widert die
Einförmigkeit an. Wir durchschnitten jetzt andere große Salzebenen,
und erst begriff ich die einsamen Schrecknisse der +eigentlichen
Wüste+. Gegen Mitternacht gewann der weiße Salzboden ein so gefälliges
Ansehen, daß er an glänzendem Weiß dem Alabaster nicht nachstand.
Ein dumpfes Brausen, das ich von der Linken her hörte, blieb mir
lange unerklärlich. Den Gruß entsandte das gleichsam hinter der Bühne
schwebende Meer; denn von Salzfluthen bot sich nicht eine dem Auge dar.
Daß der durchrittene, muschelreiche Boden ein Wassergrund war, leidet
keinen Zweifel. Wahrscheinlich breitete sich hier der ~Sirbonis lacus~
(Sirbu) aus, der einst 150 Meilen im Umfange hielt und zur Zeit des
+Plinius+ nur ein mäßiger Sumpf mehr war. Von der alten Stadt Ostracine
(Straki) erblickte ich keine Spur.

Die Poststazion war überaus groß. Doch langten wir vor Untergang
der Sonne in +Choanat+, dem Ziele unserer heutigen Reise, an. Der
Postmeister, ein recht artiger Mann, bewirthete uns mit süßem
Trinkwasser aus El-Arysch, womit uns ungemein gedient war. Wir würden
Champagner-Wein nicht vorgezogen haben. Auch durften wir uns etwas
darauf zu gute thun, daß er uns nicht, gleich andern Reisenden, unter
freiem Himmel lagern ließ, sondern gastlich in seine Wohnung aufnahm.

Die Posthütte war für mich nicht ohne Interesse. An ihren Mauern
bemerkte ich mehrere Versteinerungen. Der kranke Postmeister verlangte
von mir ärztliche Hilfe. Es liegen indessen solche Wünsche so
augenscheinlich auf der Hand, daß ich sie in der Folge schwerlich mehr
berühren werde.


+Freitags den 13. Wintermonat.+

Mit Tagesanbruch bestiegen wir die Dromedare; ich wieder meinen alten.
Rechts erging sich mein Auge an den Sandbergen. Unter den Füßen starrte
Salz und Salz. An manchen Stellen bildete dasselbe weißen Krystall,
an andern lag es zerbröckelt, grau und mit Sandkörnern vermengt. Eine
Weile lang machte ich allein den Weg in der Wüste. Da schritt ein
Beduine daher; bald kam auch ein anderer, und beide grüßten einander.
Mir schien die Sache nicht geheuer. Ich machte mich in Gedanken mit
einem Angriffe vertraut. Auf Hilfe hätte ich wohl nicht zählen können;
in der Wüste wäre jeder Hilferuf umsonst verhallt. Ich erblickte kein
anderes Wesen in der weiten Runde, als die zwei Beduinen. Ich ritt
theilnahmlos an ihnen vorüber; sie schauten mir einige Augenblicke
nach, und dann gingen auch sie ihres Weges. Ein solches Begegniß wäre
unter andern Umständen ganz unbedeutend gewesen, und auch unter diesen
will ich keineswegs mir einbilden, daß ich in Lebensgefahr gestanden
habe. Die übrige Zeit hatte ich den Kameeltreiber zum Gesellschafter,
der sich fort und fort in seinem kopfstimmigen Singsang gefiel. Nach
einem mehrstündigen Ritte erhob sich endlich am Horizonte zu meiner
Freude das Meer, das brausende.

Heute begegneten uns überhaupt nicht selten Menschen und viel beladene
Kameele. Am Meeresstrande ging es dann fort bis zu einem mit Grün
umgebenen Brunnen, wo ich den Polen mitten unter mehrern Leuten und
Thieren einholte; denn da mein Dromedar schlecht trabte, ritt jener
rücksichtslos weiter. Menschen, die sich um Andere nicht bekümmern,
sollten, zu ihrem eigenen Beßten, eine geraume Zeitlang weder ein
vernünftiges Geschöpf sehen, noch hören. Unter den am Brunnen
gelagerten Leuten befand sich ein Beduine, auf dessen Luntenflinte man
mich aufmerksam machte. Von dieser lachenden, kleinen Au, in deren
Umgegend wahrscheinlich das alte Rhinocorura in Idumäa (Edom) oder
genauer im Lande der Amalekiter (Beduinen), nach Andern in Egypten lag,
waren wir bald bei +El-Arysch+.

Werfen wir einen Rückblick auf die Reise. Unzweifelhaft gewährt sie
ihre eigenthümlichen Reize und Vortheile. Wer möchte in der theilweise
kahlen und leblosen Wüste von Gespensterfurcht geplagt werden, weil
etwa ein Baumwipfel lispelnd sich neigte, eine alte Eiche knarrte,
ein faules Holz schimmerte, eine Maus nagte, ein Holzbock bohrte? Wer
möchte sich bangen, daß eine Eule schrie, gleich als wenn unsere alten
Mütterchen ohne das Eulengeschrei nicht sterben könnten, und so alt
werden mußten, wie der ewige Jude +Ahasverus+? Und so ungehindert
kann man in der Wüste wandeln. Weder einem glänzenden Könige muß man
ausweichen, noch von einem lumpigen Bettler wird man angehalten.
Wenden wir uns jetzt von der Lichtseite auf die Schattenseite. Wiewohl
Person und Eigenthum während der Reise durch die Wüste, so zu sagen,
sicher sind, so möchte ich dieselbe nicht geradezu rathen, weil sie in
überwiegendem Maße beschwerlich und mehr Unglücksfällen preisgegeben
ist. Wer seltene Merkwürdigkeiten schauen will, darf aber Opfer nicht
scheuen.

Es verdient Würdigung, daß durch die Wüste Posteinrichtungen bestehen,
und daß somit das menschenarme Land gleichsam in den Bereich der
Kultur gezogen wurde. Dem schaffenden und durchgreifenden Geiste des
+Mehemet-Ali+ müssen wir auch hier Gerechtigkeit widerfahren
lassen. Wir dürfen indeß nicht in Vergessenheit bringen, daß die
Posteinrichtungen keinen allgemeinen, sondern einen speziellen, keinen
bürgerlichen, sondern einen militärischen oder Regierungszweck haben.
Der Postillon nimmt keine Pakete an. Die Briefe gehen nicht regelmäßig.
Es scheint, daß diejenigen Privaten einer besondern Begünstigung
bedürfen, welche der Wohlthat einer ordentlichen Verbindung durch die
Post theilhaftig werden wollen.

Uebrigens sind Kameel- oder Dromedarposten nicht das Erdachtniß
unserer Zeit. Schon +Salomo Schweigger+ redet von der Kameel- oder
Dromedarpost. Zu Rosette, sagt er, hab’ er eines Tages Einen sehen auf
der Post reiten „auff einem Cameel“ oder „Dromedar.“

Unsere Reise dauerte fünf Tage und fünf Nächte. Wir brachen in der
Regel sehr frühzeitig bei Nacht auf, lagerten und ruheten am Morgen und
Abend, im letztern Falle bis über Mitternacht. Wir legten ebenso in der
Regel täglich zwei Posten, nur einmal drei zurück, so daß im Ganzen
von Kairo bis El-Arysch elf Stazionen gezählt werden. Mit Wassermangel
würde man sich im Grunde vergeblich martern, weil das Wasser auf allen
Posten genießbar ist, und von den Leuten daselbst wirklich genossen
wird. Wir haben freilich lieber einigen Wassermangel gelitten, als mit
salzigem Wasser unsern Durst gänzlich gestillt.

Die Witterung war während der Reise schön, die Nächte vom Monde
beleuchtet, die Mittagshitze auf dem Thiere leicht erträglich, und nur
an ein paar Morgenstunden verspürte ich strengere Kühle. Es ist gut,
wenn man sich gegen die Morgenkühle durch Kleider wohl verwahrt. Das
Bedürfniß dem Auge ringsum sich anschließender Steppenbrillen gegen
den Sandstaub fühlte ich niemals bei der Windstille oder bei dem sehr
leisen Winde, die während meiner Reise herrschten, so angelegentlich
man mir jene, als etwas Unentbehrliches, in Kairo empfahl.

Statt mit Freudigkeit, erblickte ich die auf einem Sandhügel einsam
stehende, niedrige Moschee von El-Arysch eher mit Mißmuth; denn hier
wartete auf uns die Quarantäne. Zelt an Zelt, Leute, Kameele, Esel
bezeichneten im bunten Neben- und Durcheinander die Gesundheitsanstalt.
Wir schauten nach einem Zeltplatze. Eben gefiel uns einer, als es hieß,
daß heute dort drei Personen an der Cholera starben. Unter solchen
Umständen suchten wir uns, so viel als möglich, abzusondern, und wir
schlugen unser Zelt an einem erhabenen Orte, mit der Aussicht auf das
Meer und die Wüste, auf das Gebirge des steinigen Arabiens in der
Ferne, und auf die in der nahen Vertiefung liegenden Zelte eines Bei,
mit Namen +Mustafa+, eines Gardeobersten. An das Zeltleben noch nicht
gewöhnt, sollte ich zwölf Tage hier verbringen, ein Gedanke, der wie
Blei auf mein Herz drückte.

Mir that es leid, mit dem Oberaufseher der Quarantäne gleich Anfangs
mich zu zerwerfen, als er uns auf einer günstig gelegenen Stelle nicht
sitzen lassen wollte. Ich machte ihm vorstellig, daß es unsere Pflicht
sei, für die Gesundheit beßtens zu sorgen, daß keine Regierung, welche
für die Menschheit mit Achtung durchdrungen sei, uns die Besetzung
eines Lagerplatzes von Krankheiten zumuthen könne, und daß, wenn man
meinem Wunsche nicht willfahre, mir in Aussicht gestellt sei, die
Anstalt nach Verdienen in Europa bekannt zu machen. Dieser Worte
Stachel empfand der Mann so lebhaft, daß er einige Schritte vorwärts
ging und dann bemerkte: „Ich schicke Sie zurück, wenn -- --“ Er wurde
endlich nachgiebig, indem er uns an dem ausgewählten Orte das Zelt
aufrichten ließ, worauf ich nun gerne schwieg.



Die Quarantäne in El-Arysch.

    Gefängniß unter dem Zelte; Regen; Mangel und Ueberfluß; Koch
    und Küche; Schreibpult und Schreibsand; Macht der Gewohnheit;
    +Mustafa-Bei+ und seine Frauen; Minnesinger; ein freies Wort über
    die Einrichtung der Quarantäne.


Der Oberaufseher der Anstalt war aus Livorno gebürtig und von Beruf
ein Apotheker. Er schien ein guter Mann zu seyn; auch ließ er sich
später mit uns recht freundlich an. Ich vernahm aus seinem Munde kein
einziges wissenschaftliches Wort. Wenn ich fragte, welche Krankheiten
in diesem Dorfe endemisch herrschen, wie die Sterblichkeit sich
verhalte, ob die Cholera in der Nähe oder Umgegend seuche u. s. f., so
erwiederte er selbstzufrieden mit nichtssagenden Empfindungswörtern.
Oefter wiederholte er den Schmatzlaut, dessen sich der Araber bedient,
um sein +la+ (nein) zu ersetzen. Kenntnisse sind keine Last, nur ihr
Erwerb ist schwer. Es würden weit mehr Menschen ernster nach jenen
streben, wenn sie nur, ohne eine Dornenbahn zu betreten, dazu gelangen
könnten. So wenig hassen sie, selbst unwissendere und unthätigere, die
Kenntnisse, daß sie vielmehr solche häufig genug an Andern beneiden. Es
ist übrigens eine über Geisteshoheit und Gemüthsglück Gedanken mächtig
anregende Eigenthümlichkeit, daß wissenschaftlicher Indifferentismus
oder Liebe zum Leeren und Leichten manchmal aus nicht minder heiterem
Auge strahlen, als große Schocke von Wissen.

In Begleitung eines Arztes oder Halbarztes aus der Abusabler-Schule[29]
und eines Effendi Dragoman kam der Direktor zu Pferde in der Regel
täglich zweimal, am Morgen und Nachmittage, bloß um nachzusehen, ob die
Zahl vollständig sei. Als wir, ein Trupp von fünf Männern, anlangten,
ließ er den Namen mehr nicht, als eines Einzigen aufschreiben; man
erkundigte sich nicht einmal, woher wir kämen. Nach dem Gepäcke ward
so wenig gefragt, als dieses untersucht. Mein Reisegefährte, der
polnische Kapitän, schüttelte den Direktor scherzend an den Schultern.
Ein benachbarter, kontumazirender Türke, der mehrere Tage nach uns
eintrat, hieß, in der Lust, einen unserer Dromedare zu kaufen, seinen
Bedienten das Thier reiten. Ich möchte das merkwürdige Schauspiel des
Wettrennens auf den Dromedaren +im Lazarethe+ jedem Europäer gegönnt
haben. -- Einmal ging ein Knecht des +Mustafa-Bei+ ohne Erlaubniß,
die Esel auszutreiben. Er wurde dafür mit Stockschlägen bestraft. Ich
kann dies so weit bezeugen, daß ich selbst den Schatten des fliegenden
Prügels hätte wahrnehmen können, wäre ich darauf aufmerksam gewesen.
Der Bei selbst stattete uns einmal einen Besuch ab. Tages vorher pfiff
eine Kugel über unsere Köpfe und sank ermattet einige Schritte von
uns in den Sand. Ich richtete meinen Blick umher und erkannte den Bei
als Thäter. Er wollte eben persönlich sich damit entschuldigen, daß
er bloß nach dem Meere geschossen habe, um die Flinte von der Ladung
zu befreien; und der Mann, der bei einem Franken wegen eines Schusses
sich entschuldigte, +ist ein Türke+. Es traf sich gerade zu, daß der
Direktor in die Quarantäne ritt, als der Bei bei uns weilte. Er fuhr
diesen barsch an, daß er die Gesundheitslinie überschreite. Kennst du
den Befehl der Regierung nicht? fragte er ihn. Wenn man erwägt, wie oft
die Quarantäneordnung, um den mildesten Ausdruck zu wählen, verletzt
wird, so muß eine solche einseitige Strenge als lächerlich oder gar
als eine Kinderposse erscheinen. Strenge kann immerhin ihren beredten
Anwalt bekommen, wenn ihre Nothwendigkeit und Nützlichkeit über den
Zweifel hinausliegen; es glättet sich um so mehr ihr rauhes Aeußere ab,
je gleichmäßiger und gerechter sie in allen Theilen gehandhabt und je
Größeres und Edleres ihr zum Lohne wird. An der Anstalt befinden sich
mehrere Marketender. Der eine ließ das Geld eher in den Sand werfen,
bis er es annahm; der andere ergriff es aus dem Wasser, wenigstens vor
den Augen des Direktors; der dritte steckte das Geld ohne Zeremonie
ein, je mehr je lieber. Die Marketender setzen sich keineswegs außer
alle Berührung mit den Kontumazirenden. Ich nehme keinen Anstand, die
Behauptung aufzustellen, daß von ihnen eine ansteckende Krankheit
verschleppt würde.

Wüste und Meer sind Gottes Mauern, welche die Quarantäne umringen.
Ohne Aufsicht, doch mit Erlaubniß, begaben sich der Kapitän und ein
Türke, jener Kafaß (Polizeidiener), der durch einen Theil der Wüste
in unserer Gesellschaft reisete, ans Meer, um sich darin zu baden. Zum
Spazieren lag weiter Raum offen. Die Kameelführer trieben ihre Thiere
zur Weidung in die Steppe. Nachts konnte man unschwer einen Abstecher
ins Dorf machen, von wo man auch Besuche erhielt. Man war sicher, daß
von den trägen Quarantäneaufsehern die Leute der Anstalt zur Nachtzeit
nie überrascht wurden.

Auf der Wanderung durch die Wüste wiegte ich mich in der süßen
Hoffnung wenigstens auf ein ordentliches Obdach. Kleine Sandhügel
mit den Vertiefungen dazwischen waren der Quarantäneplatz und Zelte
das Wohngebäude. Ich hoffe, daß die Verfasser von Handbüchern
die Definizion einer Quarantäneanstalt erweitern, und wen die
morgenländische Sitte mit Zaubergewalt an sich zieht, dem möchte ich
den Aufenthalt in der El-Aryscher-Quarantäneanstalt empfehlen. Er kann
da unter Zelt schlafen, wie unsere Erzväter +Abraham+, +Isaak+ und
+Jakob+; ihn werden die Kameele höchlich ergötzen, das eine liegend,
ein Wiederkauer mit mürrischen Hänglefzen, das andere auf allen Vieren
stehend, das dritte auf drei Beinen, weil, um das Thier im Gehen
zu hemmen, das vierte aufgebunden wurde; die Esel werden unseren
Dilettanten vor Tagesanbruch mit einer Ouvertüre entzücken, gegen
welche die sogenannten Meisterwerke +Rossini’s+ nichts, als klägliche
Machwerke sind.

Und nun zu unserem Zelte. Ein schmutziges, übelriechendes, löcheriges,
kleines Zelt war das ganze Obdach zweier Männer. Ich wußte nicht, ob
es den nämlichen Tag, als ich mich unter ihm legte, Leichname gedeckt
habe. Ich mußte diesen Gedanken immer plötzlich entfernen, damit er in
meinem Gemüthe nicht das Gleichgewicht störe. El-Arysch besitzt einen
Reichthum an süßem, gutem Wasser, und die Vorsteher der Anstalt geizen
mit ihm, daß sie nicht einmal die Zelte waschen lassen, obschon die
Zeit des waschenden Regens nicht vier Monate lang dauert.

Ich richtete mein Bett möglichst gut ein, deckte des Nachts mich
ganz, selbst über dem Gesichte, zu, und ich schlief leidlich, ohne zu
frieren. Mehrere Tage machte es unter dem Zelte sehr heiß, ja heißer,
als in Alexandrien und Kairo. Schwarzes Gewölke drohte einige Tage mit
Wasser. Ich hoffte immer, es werde, uns verschonend, sich zerstreuen.
Es war vergebene Hoffnung. Der Regen, der so lange nicht mehr in meiner
Nähe fiel, netzte unser Zelt und unsere Kleider. Das Schicksal war in
der That etwas herbe, und wenn ich es rühmen wollte, so müßte ich der
Wahrheit untreu werden. Die Hälfte unserer Quarantänezeit begleitete
regnerische Witterung. Doch darf man sich die Sache nicht gar so
böse vormalen. Die Witterung beobachtete ihre Nachlässe, und während
der letzteren fanden wir leicht Zeit, Zelt und Kleidung zu trocknen.
Die Temperatur war über die Regenzeit nicht kalt, vielmehr günstiger,
wie vorher, insofern, daß sie weit minder wechselte. Bei wenigen
Graden blieb sie Tag und Nacht dieselbe. Ich muß gestehen, daß sie mir
vollkommen behagte.

Mit den Marketendern hatten wir mehr, als einmal Schwierigkeiten,
da sie die Speisen nicht zu rechter Zeit brachten. Die ersten zwei
Tage fühlten wir auf befremdende Weise einigen Nahrungsmangel; denn
wir konnten, außer Brot, keine Lebensmittel uns verschaffen. Später
hingegen hatten wir eher Nahrungsüberfluß, wenigstens Butter und
Schaffleisch, Hühner und Eier, Reis und Brot genug. Dessen konnten sich
wohl nicht alle Kontumazirende rühmen. Einen Tag nach unserer Ankunft
verlautete es, daß drei Personen starben, -- nach der Versicherung
des Direktors, an der Cholera. Es wäre möglich, daß diese Personen
den Folgen des Hungers oder einer schlechten Ernährung erlagen. Keine
Oberaufsicht auf die Lebensmittel haltend, überläßt der Direktor die
Kontumazirenden den Launen und Erpressungen der Marketender. Man wäre
fast geneigt, vor Gott den Mangel der Anordnung zu beklagen, daß
derjenige, welcher am Unglücke Anderer aus Theilnahmlosigkeit Schuld
ist, nicht sogleich mitfühlt. Die Fahrlässigkeit des Direktors geht so
weit, daß er nicht einmal für eine Apotheke sorgt. Es möchte nun in
der Quarantäne erkranken, wer nur wollte, an eine geregelte ärztliche
Behandlung dürfte man nicht denken; ein blinder Zufall oder die Kraft
der heilenden Natur müßte des Kranken sich erbarmen und ihm die
Gesundheit wieder schenken.

Butter, Reis und Fleisch waren unsere Elemente zu schmackhaften
Gerichten. Ich kochte selten. Ich war allezeit linkisch ohne die
häuslichen Bequemlichkeiten, und mit dem Feueranmachen kam ich bei
den wenigen Hilfsmitteln am wenigsten zurecht. Auch unser arabischer
Geleitsmann, -- ich nenne ihn erst jetzt bei seinem Namen +Abu-Tropo+,
-- übertraf mich weitaus in dieser Sache[30]. Wenn er nur ein Glimmchen
hatte, so umstreute er es mit Stroh, hielt dieses an den Wind und bald
fing es Feuer. Gelang es auf diese Weise nicht, so befächelte er jenes
mit seinem breit gestreiften Abba. Dagegen kochte beinahe immer der
Kapitän, und zwar verstand er dieses Geschäft vortrefflich. Ueber dem
englischen Halbbraten aus unserer Küche im Freien vergaß ich wegen
seiner Güte jeden aus einem Gasthofe. Der Holzmangel machte uns mehrere
Male guten Rath theuer. Bald krabbelte +Abu-Tropo+ den Dromedarmist
zusammen und zündete ihn unter unsern Kochgeschirren an; bald, und
das meist, ging er aus, Holz, Stroh oder das staudige Sodagewächs der
Steppe zusammenzulesen. Man half sich wohl oder übel, übel zumal dann,
wenn der ungezügelte Wind den Regen in das Feuer peitschte. Der Kafaß
lebte ein wenig einfacher, als wir. Knetete sein Bedienter den Brotteig
in dem dicken und großen Napfe, welchen er auf der Reise mit sich
schleppte, so brannte schon ein Haufen Kameelkugeln. Sobald diese in
Asche verwandelt waren, legte er den in einen großen Kuchen geformten
Teig in die heiße Mistasche. Ein wenig gebacken, und man brach und aß.
Mit Zwiebeln, solchen Kuchen, altem arabischen Käse und mit Wasser
bereitete sich der Kafaß ein Mahl, welches mein eigensinniger Gaumen
verschmähte. Auch wir rösteten einmal, in Ermangelung des Bessern, den
Kaffee in der heißen Asche des Dromedarmistes. Schlimmer, als unsere
Küche war jedoch das Viktualienmagazin bestellt. Einmal über das andere
wurde uns Brot, das dritte Mal eine Keule Fleisch, das vierte Mal ein
hübscher Holländer-Käse gestohlen. Durch diese Erfahrung wurden wir zum
mindesten +etwas+ vorsichtiger gegen die Raubthiere. Weil +Abu-Tropo+
während der Reise mit zu langen Fingern nach unserm Brote langte, so
schöpften wir zuerst auf ihn Verdacht, bis ich in einer Nacht das
raubende Thier mit der Beute aus unserm Zelte eilen sah.

Die Zeit vertrieb ich mit Schreiben, Lesen, Kochen, Spazieren und
Schlafen. An zehn Tagen setzte ich mein Tagebuch so weit fort, daß
ich an jedem Tage beinahe müde ward, und im Ganzen wenig Zeit verlor.
Die Noth macht erfinderisch. Ich vermißte mein Federmesser, und
ein chirurgisches Bistouri versah seine Dienste. Ich saß auf meine
Matratze, nahm das Kissen auf die seitlich gesenkten Kniee, legte das
Papier auf diesen Polstertisch und schrieb in solcher Beschränkung
recht leicht; ich dachte sogar selten an Unbequemlichkeit, selbst wenn
die Regentropfen auf dem Papiere die Tinte neckten. Ich genoß doch des
Vortheiles, keinen Mangel an Schreibsand zu leiden; denn nicht nur mein
Lager umränderte schöner und feiner Sand, nämlich derjenige der Wüste,
sondern selbst aus dem Bette konnte ich ihn fassen, welcher des Nachts
sich die ungebetene Mühe gab, zum Ersatze des Stundenrufes mich an die
Sandwüste zu erinnern.

Besonders während meines Aufenthaltes in der Quarantäne stellte sich
die Wahrheit in lebhaften Farben vor die Seele, wie viel Bedürfnisse
und Bequemlichkeiten der Mensch entbehren kann, wenn er nur will oder,
so zu sagen, muß. Wie würde ich zu Hause oder in einem Wirthshause
gemurrt haben, wenn man mir keinen Tisch zum Schreiben oder keinen
Sessel zum Sitzen gebracht hätte? Ohne diese Bequemlichkeit schrieb
ich Vieles und, ich darf bei guten Treuen versichern, nicht mehr
Undenkwürdigkeiten, als vor dem glatten Tische und auf dem weichen
Lehnstuhle. Wenn nur ein Wind unsanft ins Zimmer bläst, wie runzelt man
die Stirne? Unser Zelt war so löcherig, daß der Wind oben freiherrlich
lustwandelte, ohne sich vor den Kopf zu stoßen, und ich nahm gar
keine Notiz mehr von der Wind -- beutelei. In dem Brotkuchen, einem
schlechten und schweren Gebäcke, fand ich Haare und Spreue. Anderes
Brot war nicht zu bekommen, und ich schätzte es so sehr, als unser
weißes. Läßt die Köchin ein einziges Haar in die Suppe fallen, man
hebt einen Spektakel an, daß die Balken des Hauses sich biegen; welch
ein Kapitalverbrechen hat sie begangen; allerwenigstens packt man
die Verbrecherin bei den Zöpfen und jagt sie fort. Ich liebe die
Reinlichkeit von Hause aus; bei der Unausweichlichkeit aber, im Leben
draußen mit unreinen Dingen hin und wieder fürlieb nehmen zu müssen,
drängten sich mir manche Widersprüche der Europäer auf. Kann man viel
Unreinlicheres ersinnen, als jenes Ekelhafte in ein Tuch auffangen und
+bei sich aufbewahren+? Der Athem eines Andern kann höchst unreine
Stoffe ausführen, und wir athmen diese ganz vergnüglich ein. Beinahe
jedes Geldstück trägt seinen Schmutz. Wir betasten gleichwohl das Geld
und das Brot so oft und oft am gleichen Tage und mit der gleichen Hand,
ohne diese zu waschen.

+Die Macht der Gewohnheit ist groß, und man denke sich nicht bald
etwas so schlimm, an das man sich nicht mit Zeit und Weile ziemlich
leicht gewöhnen könnte.+ Die Gewohnheit macht das Schwere nach und nach
leichter, das Harte gelinder, das Bittere süßer. Die +Vorstellungen+
verdüstern das menschliche Leben am meisten. Die Gegenwart erscheint
selten so herbe, als das ängstlich wartende Gemüth sie noch unten in
der Zukunft zu fühlen glaubt.

Unser Nachbar, der mehrerwähnte +Mustafa-Bei+, hatte seine Zelte
in einer Telle aufgeschlagen, welche unser Auge beherrschte. Den
Preis des schönsten Zeltes verdiente das Haremzelt, das heißt, der
abgesonderte Ort der Frauen Beiïnnen. Dieses Zelt war grün, und als
Zierde verbreitete oben ein Stern seine goldenen Strahlen. Von dem
Hauptzelte lief ein Zeltgang in ein kleines Zelt, dessen Nutzen sich
leicht errathen läßt. Die Frauen, vier an der Zahl, gingen selten
aus. Die Kinder hörte ich zuweilen bis in unser Zelt weinen. Die
Dienerschaft des Offiziers war sehr zahlreich. Das Aufbrechen aus den
Zelten zwei Tage vor unserer Abreise gewährte einen köstlichen Anblick.
Der morgenländische Luxus belud über zwanzig Kameele mit Gepäcke. Die
Frauen verließen wie Gefangene das Harem, die Erstbegünstigte voran.
Schöner grüner, auch rother Zeug umkleidete die Sitze (das Schekdof)
auf jeder Seite des Lastthieres.

Unsere Luft erfüllten die Vögel mit vielstimmigem Gesange. Der Rabe
krächzte, die Schwalbe zwitscherte, der Staar pfiff, wie bei uns der
eben flügge gewordene, und der Sperling schnarrte in die Leier des
Zeisigs. Vor dem Witterungswechsel und während desselben sah ich
Staare mehrere Male in der Richtung von Sonnenaufgang gegen Niedergang
schaarenweise vorüberziehen. Einmal schwärmte der Storch hoch gegen
Kairo. Nachts, bei Grabesstille, brausten die in unzähligen Muscheln
des Meerufers gefangenen Wellen mein Ohr voll.

Erheben wir uns jetzt mit ruhiger Fassung auf den Standpunkt, um
einen Gesammtüberblick auf die Quarantäne zu werfen, so wird man die
gute Absicht, Länder, hier Syrien, vor der Pest zu sichern, nicht
mißkennen, man wird sie ehren; man kann sich aber nicht bergen, daß,
in dem gegebenen Falle, das Mittel dazu nicht nur unzureichend ist,
sondern sogar die Menschen herabwürdiget. Denn das Sittengesetz erlaubt
nie, daß man +krankmachende+ Anstalten, gleich der vor Augen liegenden
Quarantäne, ins Dasein rufe, um einen krankheitsschützenden Zweck zu
erstreben, wenn zu gleicher Zeit, wie hier, vom krankmachenden Mittel,
wenigstens zum Theile, Umgang genommen werden kann. Will +Mehemet-Ali+
das zweckmäßige Sperrsystem der Europäer nachahmen, so soll er
ihm nicht Kopf und Hände abschneiden, er soll es in seinem ganzen
Umfange aufnehmen, er soll wenigstens Gebäude aufführen, worin der
Kontumazirende doch vor dem Ungestüme der Witterung möglichst sicher
bleibt. Wie froh wäre ich gewesen, wenn nur eine elende Araber-Hütte,
dergleichen man in Alexandrien und an den Gestaden des Nils und auf den
Hosch in Kairo sieht, zu meiner Verfügung gestellt worden wäre. Man
wird vermuthlich entgegnen, daß das europäische Sperrsystem in seiner
Ganzheit befolgt, bloß den Sitten und den Verhältnissen der Leute und
des Landes angeeignet ward. Diesen schweren Irrthum widerlegt nichts
gründlicher und triftiger, als die Quarantäneanstalt zu El-Arysch
selbst, insofern man sie mit unbefangenen Augen betrachtet. So lange
man in der That dem unwidersprechlich großen Uebel nicht steuert; so
lange wird der aufmerksame Beobachter in der fraglichen Anstalt nichts,
als ein Blendwerk für die Bewohner der vorwärts liegenden Länder
erblicken, so lange kann er auch den Gedanken an eine ungerechte und
grausame Behandlung der Kontumazirenden nicht daniederhalten.

In Kairo besteht ein Gesundheitsrath, welcher das Gesundheitswohl der
vizeköniglichen Unterthanen, eigentlich mehr der Soldaten, überwacht.
Es wäre gut, wenn er nicht nur die anzustellenden Aerzte der Armee und
der Quarantänen, die Lehrer der Schule zu Abusabel dem Kriegsminister
vorschlüge, etwa einige Arzneiformeln für die angestellten Aerzte
entwärfe, die Pestordnung abfaßte, sondern wenn er allenthalben
genauer +beaufsichtigte+. Die Inspekzionsreise eines gewissenhaften
Arztes nach El-Arysch müßte die Frucht bringen, daß einem Unwesen,
welches das menschliche Gefühl in seiner Tiefe beleidigt, Einhalt
gethan würde. Wenn mich jemals ein Kitzel zum Schreiben an eine
fremde Behörde angewandelt hätte, so würde ich ihn diesmal gefühlt
haben, um dem Präsidenten des Gesundheitsrathes, +Clot-Bei+, und dem
zweiten Mitgliede, ~Dr.~ +Gaëtani+, die Schattenseite der Quarantäne
zu schildern. Ich ging für einmal über die Sache mit Stillschweigen
hinweg, mich glücklich genug schätzend, daß ich während der Zeit meines
Gefängnisses von keiner Krankheit ergriffen ward.

Die letzte Nacht in der Quarantäne verlief nicht, ohne daß uns ein
Kapitel über das Eigenthumsrecht gelesen wurde. Thiere schlichen in
unser Lager, und wirklich ward ein, mittels einer Schnur innen an das
Zelt gebundenes lebendes Huhn von einem Hunde oder Schakal geraubt.


+Ende des ersten Bandes.+



Verbesserungen im ersten Bande.


    S.  7  Z.  4 von oben lies   +Salvore+ statt +Savore+.
    „  25  „   1  „   „     „    +einem Andern+ st. +einen Andern+.
    „   „  „  10  „  unten  „    bunt darauf, der Dorfschulze, versteht
                                 sich, am breitesten. +Cesare+ etc.
    „  36  „   1  „  oben setze nach +Gebirge+ ein ,
    „  44  „  10  „   „   lies   +Vor+ gutem Winde.
    „  48  „  12  „  unten  „    +anhaben+ st. +anheben+.
    „  53  „  11  „   „     „    +vor+ st. +von+.
    „  64  „   5  „  oben streiche nach +Mela+ das ,
    „  68  „   9  „  unten lies  +Wild-+ st. +Waldgewächse+.
    „  „   „   7  „   „     „    +unsanft+ st. +umsonst+.
    „  72  „   5 u. 4 von unten streiche +zu observiren+.
    „  74  „   8 von unten lies  +asphyktisch+ st. +asphytisch+.
    „  92  „   1  „  oben   „    +welcher+ st. +welches+.
    „  95  „   6  „   „     „    von dem +Abendländer+.
    „ 122  „   3  „   „     „    +Geknirre+ st. +Gewirre+.
    „ 131  „   6  „   „     „    +Schubbra+ st. +Subbra+.
    „ 137  „   6  „  unten  „    +Chamsîn+ st. +Chamasîn+.
    „ 142  „  11  „  oben   „    +lebt+ st. +liebt+.
    „ 148  „   6  „  unten  „    +seinen Flitter+.
    „ 151  „   3  „  oben   „    +Gîsa+ st. +Gisâ+.
    „ 163  „   9  „  unten  „    +fischartige+ st. +frischartige+.
    „ 170  „   8  „  oben   „    +Gebrauch+ st. +Geruch+.
    „ 178  „   8  „   „     „    +bekehren+ st. +belehren+.
    „ 212  „   9  „  unten  „    +des Gürtels+ st. +der Gürtel+.
    „ 213  „  11  „  oben  lösche +es+.
    „ 219  „   2  „   „    lies  +stächen+ st. +stechen+.
    „ 254  „   4  „  unten  „    Abbate +Casti+ ~gli animali~.
    „ 261  „   1  „   „     „    von +dem+ Mitmenschen.
    „ 272  „  11  „  oben  setze ein: nach +Klinik+.
    „ 278  „   7  „   „    lies  +echt+ st. +recht+.
    „ 279  „   8  „   „     „    +erwecken+ st. +erzwecken+.
    „ 280  „   9  „  unten  „    +Matthiolus+.
    „ 284  „   9  „   „     „    +ritt+ st. +will+.
    „ 287  „  10  „   „     „    ~ed~ st. ~e~.
    „ 298  „   4  „  oben  setze ein ; vor +Idumäa+.
    „ 305  „   9  „   „    lies  +knirrte+ st. +kirrte+.
    „ 306  „   8  „    „    „    +er+ st. +es+.

Nicht sinnstörende Druckfehler (z. B. 1, 19 Schemmel st. +Schemel+,
1, 103 Letze st. +Letzte+, 1, 123 faullenzt st. +faulenzt+, 1, 181
schlossen st. +schloßen+, 1, 211 pauckte st. +paukte+, 1, 303 Regen st.
+Regnen+, 2, 162 Montag st. +Montags+), insbesondere der Interpunkzion,
wenigstens im ersten Bande (z. B. S. 8, 26, 28), so wie auch die
Ungleichheit in der Rechtschreibung (z. B. +Kroazien+ neben +Kroatien+,
+lange Weile+ neben +Langeweile+, +Pfennige+ neben +Pfenninge+, +Bogen+
neben +Bögen+, +Reiß+ neben +Reis+) wolle der Leser selbst verbessern.



Inhalt des zweiten Bandes.

                                                                   Seite

    Reise nach Jerusalem                                              1.

    Einige geographische Bemerkungen über Syrien                     13.

    Einige Bemerkungen über die verschiedenen
    Religionsbekenntnisse der Bewohner in Syrien                     15.

    Gaza                                                             28.

    Fortsetzung der Reise nach Jerusalem                             30.

    Ende der Reise dahin                                             38.

    =Jerusalem.=

    Oertliche und klimatische Verhältnisse                           46.

    Gesundheitszustand und Bevölkerung                               52.

    Bauart der Stadt                                                 53.

    Die Kirche des Christusgrabes                                    56.

    Liegt das Grab +Christi+ in oder außer der jetzigen
    Stadt Jerusalem?                                                 63.

    Die Gräber der Könige                                            69.

    Die Grabhöhle der +Maria+                                        71.

    Die Grabmale +Absaloms+, +Josaphats+ und
    +Zachariassen+                                                   72.

    Der Brunnen Siloah                                               73.

    Die Felsanhöhe Zion                                              75.

    Der Oelberg                                                      79.

    Die übrigen Merkwürdigkeiten                                     81.

    Physiologischer Karakter der Einwohner                           82.

    Sitten und Gebräuche                                             83.

    Die Tracht                                                       84.

    Das Kriegsvolk                                                   87.

    Die Pilger                                                       94.

    Der Geist der Christen                                           97.

    Der Ablaß der römisch-katholischen Kirche                        99.

    Der alte deutsche Pater und die große Apotheke                  102.

    Meine Zelle im Kloster des Erlösers                             104.

    Der Führer um und in Jerusalem                                  106.

    Rückblick auf Jerusalem                                         108.

    Ausflug nach Bethlehem                                          110.

    Die Beschiffung des Lothssees                                   115.

    Nach Jaffa am Mittelmeere                                       116.


    =Jaffa.=

    Lage, Gassen, Hafen, Bevölkerung                                121.

    Jaffa, wie es ehemals war                                       123.

    Die Tageslänge                                                  125.

    Witterungsbeschaffenheit                                        127.

    Der Meeressturm und der Schiffbruch                             128.

    Gesundheitszustand                                              132.

    Auf dem Hospizdache                                             136.

    Das Bauernhäuschen                                              138.

    Das Quarantänegebäude oder Pestlazareth                         145.

    Die Jaffanerin kommunizirt, besprengt sich                      147.

    Der Jaffaner                                                    149.

    Die Pilger                                                      150.

    Die arabische Knabenschule der Lateiner                         152.

    Der Gruß                                                        156.

    Die Brautwerbung und die Hochzeit                               159.

    Die Wöchnerin und das Kind                                      167.

    Wiegenlied und Kinderjucks                                      170.

    Die Verehrung der Todten                                        173.

    Die Rekruten oder die Konskribirten                             176.

    Das Weinen oder die Raserei am Neujahrstage 1836                179.

    +Ibrahim-Pascha+                                                184.

    Kleine Petschaften oder Siegel                                  186.

    Der Hakim                                                       187.

    Die Fleischbank                                                 189.

    Der Zuckerrohrmarkt                                             191.

    Der Tabakschneider                                              193.

    Der Nargilebediente; die Rauchvirtuosität                       196.

    Der Kaffeeröster und Kaffeezerstößer                            197.

    Der Baumwollereiniger und Schilfdeckenweber                     199.

    Der wandernde Schiffer und Kinderspiele                         201.

    Spiel der älteren Leute                                         202.

    Meine Lebensart                                                 205.

    Ich lese die Bibel                                              209.

    Ein Pater sagt, ich werde des Teufels                           210.

    Wie die Gleißnerei im Namen der heiligen Religion einen
    Unschuldigen prügelt; laue Konsulats- und Mönchspolizei         212.

    Der Konsul +Damiani+; mein Besuch in seinem Hause               217.

    Vorbereitung zur Abreise                                        222.

    Nach Rhodos                                                     226.


    =Rhodos.=

    Lage, Himmel, Volkszahl                                         236.

    Die Stadt Rhodos                                                238.

    Das Leichenfeld                                                 241.

    Die Bewohner; das lateinische Hospiz;
    Knabenspiel; große Hähne                                        243.

    Der Abend im Schiffsraume                                       247.

    Spaziergang gegen Trianda                                       248.

    Nach Konstantinopel, Triest und heim                            251.

    Anleitung zu der Pilgerfahrt nach Jerusalem                     256.

    Schlußbetrachtungen                                             267.



Bei +Orell+, +Füßli+ u. Comp. in +Zürich+ ist erschienen und in allen
Buchhandlungen zu finden:

Appenzellischer

=+Sprachschatz+.=

=(~Idioticon.~)=

Eine Sammlung

    appenzellischer Wörter, Redensarten, Sprüchwörter, Räthsel,
    Anekdoten, Sagen, Haus- und Witterungsregeln, abergläubischer
    Dinge, Gebräuche und Spiele, würzender Lieder oder Reime; nebst
    analogischer, historischer und etymologischer Bearbeitung einer
    Menge von Landeswörtern, zum Theil nach altteutschen Handschriften
    der katholischen Kantonsbibliothek in St. Gallen,

+Herausgegeben+

von

=~Dr.~ Titus Tobler.=

    gr. Real-8. 522 Seiten. Weiß Druckpapier.
    Preis: 8 Schweizerfranken.

Es bedarf nur eines flüchtigen Blickes in diese ausgezeichnete,
verdienstvolle Sammlung, um ihren Werth zu erkennen und sie lieb zu
gewinnen. Hier ist der weltbekannte, fröhliche, kräftige Witz des
Appenzellers in seiner originellen Volkssprache, sein heiterer, freier
Geist in den mannigfaltigsten Aeußerungen und Beziehungen auf das Leben
reichlich ausgebreitet. Gründliche Sprachforschung und gleichzeitig
anziehende Unterhaltung wechseln in buntem Gemische.

Freunde des schönen Alpenlandes, die Kurgäste, so jährlich Gais und die
übrigen Kurorte des Kantons Appenzell besuchen und mit den Bewohnern
desselben in Berührung kommen, erhalten durch diesen Sprachschatz den
Schlüssel zu mancher geistreichen und originellen Aeußerung, die sonst
größtentheils für sie verloren geht oder unverständlich bleibt. Ihnen,
sowie den gelehrten Sprachforschern überhaupt, darf dieses, von dem
achtungswerthen Herrn Verfasser mit unermüdlichem Fleiß entworfene,
lebendige Volksgemälde, eine wahre Bereicherung öffentlicher
Bibliotheken, mit Zuversicht anempfohlen werden.



FUSSNOTEN:

[1] ~Unicuique dedit vitium natura creato. Catull.~ II. 18.

[2] Das so oft vorkommende Wort Araber kann keinen Anstoß geben. Man
nennt Araber, die arabisch sprechen, Deutsche, die deutsch reden, und
auch die Schweizer heißen zum Theile Deutsche. Die arabische Sprache
herrscht aber nicht bloß in Arabien, sondern auch in Syrien und im
ganzen Norden von Afrika. Darum wird der Egypzier so oft Araber genannt.

[3] ~_Prosperi Alpini_ medicina Aegyptiorum. Editio nova. L. B.,
officina Boutesteinia, 1719.~

[4] Da ich eine genauere Beschreibung der Krankenhäuser für das größere
Publikum nicht berechnen durfte, so übersandte ich sie dem Herausgeber
der schweizerischen Zeitschrift für Natur- und Heilkunde, (Heilbronn
bei Drechsler), Herrn Professor +von Pommer+, wo auch andere auf der
Reise gesammelte medizinische Kleinigkeiten aus meiner Feder sich
finden. S. II. Band 2. Heft S. 314 ff., III. Bd. 1. Heft S. 130 ff.,
und III. Bd. 3. Heft S. 435 ff.

[5] Er erlag der Pest in der pestfreien Zeit, wenigstens in einer
Zeit, da die Europäer keine Vorsichtsmaßregeln gegen die Pest nahmen.
Die Nachricht seines Ablebens erhielt ich, nachdem ich schon von
Alexandrien abgereist war. Vierzehn Tage vorher drückte ich die Hand
des wackern Landsmannes, Herrn +Wehrli+, wenn ich nicht irre, aus dem
Kanton Aargau.

[6] „~... ut a propinquarum urbium plebe verri sibi vias, et conspergi
propter pulverem exigeret.~“ +Suetonius+ aus dem Leben +Caligula’s+
(XLIII).

[7] „Ich wagte nicht“, sagt ~Dr.~ +Jakob Röser+ (224), „in die Höhlen
zu kriechen, theils wegen meines Uebelbefindens, von dem ich noch nicht
ganz frei war, theils der Schlangen und des Ungeziefers wegen, das sich
häufig darin aufhält.“

[8] Ich kenne im Deutschen kein Wort für den morgenländischen Sitz mit
kreuzweise über einander geschlagenen Beinen. Um kurz zu reden, wählte
ich +hocken+; +von Prokesch+ schreibt +hockern+. Wenn die Leute, zumal
häufig die Weiber, +eigentlich+ kauerten, oder mit aufgehobenen Knieen
saßen, so will ich mich auch so ausdrücken. +Hocken+ klingt für die
Abendländer freilich niedrig; aber es wäre für diese auch nicht fein,
schneidermäßig hinzusitzen.

[9] Um der Wahrheit nichts zu vergeben, finde ich mich zu der
für mich unangenehmen Bemerkung verpflichtet, daß die an einem
Tage zurückgelegten Ortschaften nur für dasjenige Ufer eigentlich
verläßlich sind, wo wir ankehrten, weil ich damals der Sache nicht
genug Aufmerksamkeit schenkte, um zugleich den Namen des Ortes am
anderseitigen Ufer zu erfragen, welcher dem Uebernachtungsplatze am
nächsten lag. Meine Ortsnamen weichen hin und wieder von denen des
+von Prokesch+ ab, indem ich der verbessernden Hülfe des französischen
Dragoman vertraute. Wenn z. B. eine Dorfschaft nicht wieder in diesem
Verzeichnisse aufgeführt wird, so muß der Grund darin gesucht werden,
daß sie seit +von Prokeschs+ Nilfahrt verschwunden ist. Müssen im
Abendlande außerordentliche Umstände zusammenfließen, bis ein Dorf
der Erde gleich wird, so ist es in Egypten anders, wo das furchtbare
Szepter des Wütherichs am Haare der Laune hängt, und die leichtfertige
Hand der Landesknechte sich Schwalbennester baut. Wer auf eine
richtigere Aussprache der Ortsnamen einiges Gewicht legen möchte,
findet die Zeichen im folgenden, von mir herausgegebenen Werke erklärt:
+Appenzellischer Sprachschatz.+ Zürich, 1837, bei Orell, Füßli und
Comp. S. XXVI. und XXVII.

[10] Die Hütten, noch aus Alexandrien in frischem Andenken, erwähne
ich nicht. Die Gelehrten des französischen Feldzuges zählten in Kairo
zwei und dreißig mit Hütten besetzte Plätze (Hôsch, ~place avec des
cahutes~).

[11] Nach den Gelehrten des französischen Feldzuges hatte Kairo 233
mohammetanische Großkirchen (Gâma’), 158 Kleinkirchen (Kapellen,
Sâuyeh), 27 christliche Kirchen (in Alt- und Großkairo), 10 Synagogen,
45 Hauptbäder, 171 Außen- und Binnenpforten.

[12] Die Gelehrten des französischen Feldzuges geben, ohne eine
zertrümmerte Moschee zu rechnen, der Burg allein sieben Gâma’, nämlich:
Gâma’ Tâg el-Dyn, Gâma’ el-Schâryeh, Gâma’ el-Dahâysche, Gâma’ sultân
Kalaun, Gâma’ el-A’ssab, Gâma’ el-Moyed, Gâma’ el-Mustafâujeh.
~Description de l’Égypte, 2. édit. Tome XVIII. (E. M.) 2. part. Paris,
Panckoucke, 1829. Pag. 288. sqq.~

[13] Schweizerisch +Buffert+.

[14] Die Gelehrten des französischen Feldzuges zählten über
achtunddreißig.

[15] Früher gab es sogenannte +Santone+ (Heilige), welche fadennackend
auf Pferden herumritten. Es ist nicht lange her, daß der Vizekönig
sie in ein Versorgungshaus schickte, und so begegnet der ärgerliche
Auftritt nicht mehr.

[16] +Salomo Schweigger+ fragte in Konstantinopel nach dem Grunde
dieses „Schöpfleins.“ Es ward ihm geantwortet, daß, wenn der Moslim
dem Feinde zu Theil werde, und um das Haupt komme, alsdann der Kopf am
Haarbüschel gefaßt, und ihm nicht mit der Hand in den Maulkorb (Mund)
gegriffen werde, die ihn verunreinigen würde.

[17] Es ist bekannt, daß es in Egypten Oefen gibt, worin die Hühnereier
ausgebrütet werden. Es verdrießt mich, keinen gesehen zu haben. Hundert
eben aus dem Ei gekrochene Küchelchen gelten drei bis vier Piaster
(höchstens einen Reichsgulden) bei Kairo. Zur Brütung gehört Wärme
überhaupt. Die Hühnerwärme ist nicht unerläßlich. Als +Livia+, die
Mutter des +Tiberius+, ein Kind unter ihrem Herzen trug, wollte sie
durch verschiedene Wahrzeichen erfahren, ob es ein Knäbchen sei. Von
einer Bruthenne nahm sie auch ein Ei, erwärmte dieses bald mit ihrer
Hand, bald mit derjenigen ihrer Zofen, so lange, bis ein Küchelchen mit
einem ausgezeichneten Kamme herausschlüpfte.

[18] Die Gelehrten des französischen Feldzuges zählten 120 Zisternen.
Der obere Stock dieser Wassergebäude nimmt gewöhnlich eine Freischule
ein. Es waren nach einer Beschreibung von Alt-Kairo aus dem
sechszehnten Jahrhunderte in dieser Stadt bei 8000 Menschen, die
allein mit Kameelen Wasser von dem Nil in dieselbe schafften, um es zu
verkaufen, wovon der größere Theil dazu diente, die Gassen zu benetzen,
und dadurch den Staub niederzuschlagen.

[19] Man mag eine Stelle des +Juvenal+ (_Jun. Juvenalis sat._ II.
~v.~ 19) beliebig mit der Bajadere in Verbindung bringen. Von den
aufrichtigen Sündern redend, fährt er fort:

    ~Sed pejores, qui talia verbis
    Herculis invadunt et de virtute loquuti
    Clunem agitant.~


[20] Später kehrte +Enfantin+ wieder nach Frankreich zurück.

[21] Sie gehörten dem protestantischen Missionariate. Es wurden
ungemein wenig abgesetzt. Ich sah einmal einen vorübergehenden
Mohammetaner anhalten und eine Bibel aufschlagen; kaum schielte er den
Titel recht an, als er sie wieder aus der Hand legte.

[22] Der Mann starb auf einer Kurreise nach Oberegypten im Jahr 1837.

[23] Die Gelehrten des französischen Feldzuges rechneten sechszehn
Leichenfelder auf das Innere der Stadt. Die Franken werden in Altkairo
begraben.

[24] Der Leser darf der Bezeichnung des armenischen und griechischen
Klosters nicht mehr trauen, als ich selbst traue, +unter der Leitung
eines Arabers+. Im griechischen Kloster schon wollte er mich im
koptischen wissen. Hier gelang es nicht, mich zu täuschen, da ich
nichts einer Höhle ähnliches erkannte. Am armenischen und griechischen
Kloster liegt indessen sehr wenig, und am koptischen Alles; letzteres
aber zu bezweifeln, wäre Zweifelsucht.

[25] Die Schriftsteller verlegen den Anfang des Nilwachses in ein
wenig verschiedene Zeitpunkte; in den ersten Neumond nach dem längsten
Tag +Plinius+, in den sechszehnten Tag nach demselben die offizielle
Mittheilung des französischen Feldzuges, in den 5. Junius +Alpinus+,
in den 19. +Volney+, in das Ende vom Junius +Rifaud+. +Alpinus+
erzählte von sehr interessanten Versuchen, um nach gewissen Zeichen
vorauszusagen, wie hoch der Nilstrom steigen werde.

[26] Auch die Bibel hat uns das Andenken dieser Stadt bewahrt. Wir
lesen aus dem 1. Buche +Moses+ im 45. Verse des 41. Kapitels, daß der
egyptische König oder Pharao dem Statthalter +Josef+, +Jakobs+ Sohn,
+Aseneth+, die Tochter +Potiphars+, eines Priesters zu Heliopolis
(Sonnenstadt), zum Weibe gab.

[27] Ich gebe zu, daß ich hier, wie weiter unten, in Schreibung der
Namen vielleicht fehle; allein auch dieses Fehlen wird von Werth sein;
denn ich verließ mich auf einen als Apotheker Angestellten, und so
läßt sich dann mehr und minder beurtheilen, auf welcher Stufe von
Kenntnissen dergleichen hochgestellte Männer bei Abusabel stehen.

[28] Der Reisende, sagt ~Dr.~ +Röser+, wird durch das ihn umschwärmende
und gefährliche Beduinengesindel, die mit Keulen und Pistolen bewaffnet
sind, von der ernsten und ruhigen Betrachtung abgezogen, daher Jedem,
der die Pyramiden besuchen will, zahlreiche Gesellschaft und Vorsicht
anzurathen ist; denn es ist bekannt, daß dies arme, nackte Volk wegen
einer Kleinigkeit einen Menschen todtschlägt.

[29] Wie hoch die Aerzte aus der Abusabler-Schule gewerthet werden,
erhellt schon daraus, daß man einem Europäer, welcher von der Medizin
rein nichts versteht, einen solchen Arzt unterordnet.

[30] Auf arabisch +Abu+, Vater. Sobald der Araber Vater eines Sohnes
ist, so wird er nach dem Namen desselben geheißen. Hatte bei uns der
Vater einen Sohn mit Namen Wilhelm, so wurde der Araber im bessern Tone
erstern nie anders, als +Vater Wilhelms+ heißen.





*** End of this LibraryBlog Digital Book "Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2) - Unternommen und geschildert" ***

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