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Title: Jockele und seine Frau
Author: Geißler, Max
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Jockele und seine Frau" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


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    ~so markiert~.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.



    Ullstein-Bücher

    Eine Sammlung
    zeitgenössischer Romane

    [Illustration]

    Ullstein & Co / Berlin und Wien



    Jockele und seine Frau

    Roman von

    Max Geißler

    [Illustration]

    Ullstein & Co / Berlin und Wien

    [Illustration]



Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

Amerikanisches Copyright 1917 by Ullstein & Co, Berlin



Der Doktor Jakobus Sinsheimer -- lieber Gott, wer kennt den Doktor
Jakobus Sinsheimer nicht! Hat er nicht als »der Jockele« wegen seines
heftigen Betriebes mit den Mädchen die kleine Stadt Weimar in große
Aufregung versetzt? Der Jockele, der als Zigeunerbüblein von der guten
Tante Veronika auf der Schwelle des Hauses am Walde gefunden wurde!
Der Jockele, der sich hernach so kraftvoll hineinliebte ins Leben! Der
zuerst ein Maler werden wollte, und zu dem dann sein väterlicher Freund
Ernst Haeckel in Jena sagte: »Ein rechter Kerl geht nicht unter -- auch
ohne Matura; deutsche Hochschulprofessoren sind keine Philister, und
aus einem Zigeuner wird durch die kluge Sorge seiner alten Tante ein
gelehrter Doktor.«

In Bonn, wo er mit Doris Rinkhaus Hochzeit feierte, sprach er ein Wort
von grundlegender Bedeutung. Er sagte: »Mit Männern, in deren Leben
die Frauen nicht eine ungeheure Rolle spielen, hat es ein Aber.« Das
schmetterte er so über die Hochzeitsgesellschaft hin. Und die Welt
hielt davor den Atem an. Eine ältere Dame sagte sogar: »Ooh!«

Papa Rinkhaus, der Fabrikbesitzer, war ein gescheiter, eigenwilliger
und reicher Mann. Es kam ihm gar nicht darauf an, den Schwiegersohn
gleich an seinem Ehrentag ein bißchen in Reparatur zu nehmen. Seiner
väterlichen Würde war sowieso eine harte Probe zugemutet worden, weil
seine Tochter Doris ihre Herzensangelegenheit durchaus zu eigener
Sache gemacht hatte. Nun konnte er gleich anfangen, das Versäumte
nachzuholen; denn -- wie gesagt -- die Hochzeitsgäste hielten den Atem
an. Der Jockele, der aus dem Thüringer Walde gezogen worden wie Moses
aus dem Schilfe des Nil, schien ja mit recht netten Grundsätzen in die
Ehe zu treten! Oh!

Aber Xaverius Rinkhaus zerplatzte nicht gleich, wie das die ältere
Dame erwartet hatte. Nein, nein, er war auch ein vorsichtiger Mann und
fragte: »Wie meinen Sie das?« Es klang steil.

»Ganz anders, als Sie erwarten, meine Herrschaften,« sagte Jockele
mit Genugtuung. »Was mich betrifft, so werde ich mich in die Sonne
meiner Frau stehen, wie sich die Erde stellt in das Licht des
Frühlingshimmels.«

»Wie schön!« seufzte die ältere Dame bekehrt. Aber »Na na!« sagte
Fräulein Hanna von Fellner, die ein halbes Jahr mit einem Oberleutnant
verlobt gewesen war. Im Grunde war es ihr gar nicht unangenehm, daß man
es bei diesem deutsamen »Na na« nicht bewenden lassen wollte. Sie hatte
gegen die Liebesfähigkeit junger Männer ihre Bedenken -- zum mindesten
gegen die Ausdauer dieser Liebesfähigkeit. Und weil der Hochzeiter
Jockele so vergnügt um sie herschien, getraute sie sich, mit ihm eine
Lanze zu brechen. Oho!

»Lieber Doktor, Sie sind ja nur in die Enge getrieben worden. Sie
wollen Ihre junge Frau nicht ängstlich machen. Und Sie fürchten sich
vor dem gewappneten Heer, das um Sie lagert! Wetten wir, daß Sie vor
dem ehelichen Dasein alle Bangigkeit befallen hat, die die Männer nun
einmal davor aufbringen?«

Es war ein roter neunzehnjähriger Mädchenmund, der das daherredete,
wunderhübsch aufgeblüht und wissend -- aber nicht zu sehr. Und gar
nicht verkümmert in ungestillten Sehnsüchten.

Deshalb setzten namentlich die jungen Frauen der Tafelrunde gleich
alle Lichter heraus. Teufel auch -- wenn solche Weisheiten zwischen
angewelkten Lippen hervorgesickert wären, so hätte man sich verstohlen
mit den Füßen ein Zeichen gegeben und hätte gedacht: »Nun ja, die
Konzession hat sie nicht bekommen -- deshalb verschenkt sie nun den
Wermut der Liebe.« Aber auf Hanna von Fellner traf das nicht zu. Nein,
es traf nicht zu -- trotz der aufgetrennten Verlobung; denn erstens war
sie Dos ausgezeichnete Freundin, und zweitens war sie dieser aufrechten
und klaren Do leuchtendes Ebenbild. Wer die beiden nicht kannte, hielt
sie für Schwestern.

Der Hochzeiter Jockele hatte, wie man weiß, gerade sein Werk »Der
Kunsttrieb der Natur« vollendet. Deshalb hatte er den Kopf noch bis
oben voll von Wissenschaft über »die Entwicklung der Organismen aus
eigener Kraft durch die physikalische und chemische Energie der
lebendigen Substanz«. Er hätte also präziser antworten können, als er
es tat. Aber er wollte der lustig aufgewiegelten Hanna nicht gleich
Schach bieten, ließ sich in ein Gefecht mit ihr ein und wettete um eine
Mark: er hätte nicht halb so viel Angst vor dem ehelichen Dasein, als
sie ihm andichte.

Schon wegen der Wette um die Mark bekam er die Lacher auf seine Seite.
Für Hanna von Fellner dagegen wurde die Lage unbequem.

»Lassen Sie sich nicht aus dem Sattel werfen, Hannachen!« reizte Herr
Xaverius Rinkhaus.

Nun, der Jockele war ja seit drei Stunden verheiratet; und Hanna
gehörte zu seiner Frau -- sie gehörte also auch zu ihm. Deshalb durfte
sie das schon wagen. »Also,« trumpfte sie heraus, »meine Wette hab'
ich gewonnen: ein bißchen Angst haben Sie schon zugegeben! Sie sind
aber auch ein viel zu junger und interessanter Mann, als daß es Ihnen
nicht bange sein müßte vor der Hürde der Ehe. Wie lautet doch die
Weisheit junger Leute Ihres Schlages? Sie schupfen verstellungsfroh die
Schultern, lieber Doktor! So will ich Ihnen auf die Sprünge helfen. Sie
alle fürchten sich vor dem geordneten Leben ...«

»Stempeln Sie mit diesem kühnen Satze nicht jeden unverheirateten Mann
zu einem Zigeuner?«

Das sorglos gleitende Schiff Hannas war gegen eine Klippe gefahren.
»Nun, so will ich sagen: Junge Männer, wenn sie glauben, daß sie
richtig gehen, lieben die fröhliche Wildnis, und sie meinen, in der Ehe
verkümmern ihnen unentbehrliche Blüten des Lebens.«

Es war keine Erörterung für eine Hochzeitstafel; auch dann nicht,
wenn man schon bei den Knackmandeln war. Und doch geriet weder die
vortreffliche Stimmung noch einer der Gäste dabei in Gefahr. Nicht
einmal Hanna selbst. Aber sie war klug und wollte für diesmal nicht
recht behalten. Sie warf dem Jockele also noch rasch einige Perlen
aus der Kette ihrer Gedanken zu und rief: »Geben Sie acht, Doktor,
daß Ihnen keine davon fortkommt! Auf der Insel der Auferstehung oder
im Riesengebirge oder im Gartenhaus am Horn in Weimar wollen wir sie
wieder schön auf den Faden reihen.«

Die Insel der Auferstehung ist ein Eiland im Hardanger Fjord. Der
Name war von einem Kreise junger Menschen erfunden, die in jener
Zeit daselbst hausten. Eine Vereinigung von Künstlern, Träumern und
lebensfrohen Kämpfern, die sich »Sturmschwalben« nannten.

Hanna von Fellner hatte nach ihrem rückgängig gewordenen Verlöbnis zwei
Wochen auf dieser seligen Insel gelebt. Sie war von einer Freundin
dorthin gerufen worden, die die Düsseldorfer Akademie besuchte und
einen Sommer lang am Strande Norwegens malte. »Ich gehörte zu den
Träumern unter den Sturmschwalben,« sagte Hanna.

»Nun ja, damals!« lachte Jockele.

Und sie berichtete, wie herrlich, groß und einsam die Welt dort wäre.
Die Insel der Auferstehung sollte das erste Reiseziel des Doktors und
seiner jungen Frau sein. Hannas beredter Mund hatte viel zu reizvoll
von dem Fjord und den Sturmschwalben geplaudert. Dort im nordischen
Sunde auf dem Sonneneiland flog Jugend aus vielen Ländern zusammen.
Es gab keine gedruckten Vereinsgesetze, keinen Vorstand und keinen
Kassierer, keinen Monatsbeitrag und keinerlei andere Verpflichtungen.
Die Feste, der Ernst und der Frohmut, das Weilen und das Wandern waren
dort Eingebungen des Augenblicks.

Im Hochzeitstag am Rheine tauchte das Bild der Insel der Auferstehung
empor und ging unter in Tanz und Glück. Vor Mitternacht -- aber lange
nicht als die letzten -- verschwanden auch Jockele und Do. Danach
blieben sie einige Zeit verschollen. Das erste Lebenszeichen sandten
sie aus dem Blockhaus am Fjordstrand, in dem sie ihre Koffer, ihre
Daseinslust und ihre Neugier einstweilen verstaut hatten. Von Hanna
wußten sie: ein Gasthaus gab es auf der kleinen Insel nicht. Auch nach
ihrem Namen forschten sie bei den Fischern vergeblich. Selbst auf dem
Dampfboote, das sie durch den Fjord trug, hatte kein Mensch eine Ahnung
von dem Eilande der Auferstehung. Nur das Gehöft Krokengaard kannte
man. Das lag drüben am Fjordufer über der Sägemühle. Das hatte ihnen
Hanna als Ziel ihrer Fahrt genannt. Es schäumte nahe dabei in jähem
Sturz ein Bergfluß über Schründe und Zacken und zerschlug sich zu einem
Schleier von Staub.

Am anderen Morgen ergingen sich Do und Jockele am Strande vor dem
Plätschern der schimmernden Wasser. Da glitt ein Boot mit einem braunen
Segel herüber, und Nane Thord stieg heraus. Sie trug ein schwarzes
Wollgewand und eine weiße Haube.

Auf Nane Thord mit den stillen grauen Augen hatten sie gewartet. Das
war die Witwe des Fischers Lars Thord. Sie segelte bis tief in den
Herbst hinein an jedem Morgen von der Insel herüber. Mit dem geräumigen
Korb am Arm zog sie von Haus zu Haus. Auf Krokengaard erstand sie
Eier und Butter, beim Krämer geräucherten und rohen Lachs, Anschovis,
fetten Hering. Sie kaufte rote Rüben und Zwiebeln, Olivenöl, Essig
und Pfeffer; Knäckebröd mit Anis gewürzt; Sillsalat aus mariniertem
Hering; sie feilschte um Gammalost, den schärfsten alten Käse, für
den der Maler Henrik Tofte seinen letzten Pfennig anlegte, und ließ
sich die Flaschen füllen mit Pomerans und Finkelbränvin. Sie verstaute
in ihrem Korb Brot aus feinem Mehl und Gänsebrust und Kaviar ... Oh,
dem »Smörgasbord« von Nane Thord konnte kein Mensch nachsagen, daß
dieser kleine Vorspeisentisch nicht zu aller Zeit mit Umsicht und
Liebe gerüstet stünde! Was ein Smörgasbord eigentlich wäre, wußten die
beiden landfremden Hochzeitsmenschen noch gar nicht. Sie kamen sich
bei ihrer Strandwanderung ein wenig entwurzelt und sehnsüchtig vor;
denn sie waren an ihrem Reiseziel und waren es doch nicht. Sie hätten
hinüberrufen können zu der Insel der Auferstehung, und dennoch lag
die in dem dunkeln Wasser wie ein fernes, fernes Land. Es war, als
müßten sie erst die Schneegefilde vom Folgefond, die sich vor ihnen
in der Flut des Fjords spiegelten, überschreiten in langer, mühsamer
Wanderung, um hinzugelangen. Aber als Nane Thords Boot gegen den Strand
stieß, sprangen sie herzu wie Kinder, die ihre Mutter erwarten, und als
wäre das Schifflein das Spielzeug, das sie ihnen mitgebracht hatte.

Nane Thord aber wunderte sich an der leuchtenden jungen Frau Do
über die Maßen. »Es wachsen viele blonde und hohe Mädchen an diesem
Strande,« sagte sie, »aber so hell ist keine von uns.« Do sah aus wie
ein Maitag, der über die Zinnen der Berge blüht. Dann redeten sie von
Hanna und fanden sich darüber gleich gutbekannt zueinander.

Während Nane Thord ihren Einkäufen nachging, blieben die beiden im
Boot. Sie machten es los und glitten vor dem sachten Morgenwind
uferhin. Es dauerte zwei Stunden. Da lernten sie das Boot wenden und
die Leinwand in den Wind stellen. Sie wurden kecker und fuhren ein
wenig hinaus.

Es hatte sich nämlich ein Mensch zwischen dem Gesteine der Insel halb
aufgerichtet und schaute ihnen unverwandt zu. »Ich glaube, dieser
steinerne Gast ist Rolf Krake,« sagte Do.

»Ach so -- der Dichter, Träumer, Maler, Lautenschläger und Drechsler?«
fragte Jockele. Sie kannten seinen Namen und seine wunderliche Art von
Hanna. Die hatte ihnen sein Bild nicht ohne Teilnahme gezeichnet und
hatte gesagt, Rolf Krake wäre die einzige der Sturmschwalben, die Nane
Thord über den Winter hätte Gesellschaft leisten wollen. Das einsame
Eiland gehörte ihr, und außer ihr wohnte niemand dort.

Von Rolf Krake stammte der Name der Insel und der Vereinigung. Von ihm
rührte auch der Anbau aus Stämmen her, der dem kleinen Blockhause des
Fischers Thord im vorigen Jahr angefügt worden war.

Dieser Anbau hatte, wie das alte Haus, ein Rasendach, tief herabgezogen
und auf geschälte Birkenrinde gelegt. Aber während der Rasen auf
dem alten ganz von Moos und Flechten übersponnen war und nun in der
Morgensonne leuchtete wie dunkles Gold, blühte das neue wie ein
Frühlingsanger von Gänseblumen, blauem Gundermann, roten Taubnesseln
und Schaumkraut. »Man kann von den Dächern dieser Blockhäuser die ganze
norwegische Flora zusammenstellen,« sagte der Naturforscher Jockele.

Da sahen sie Nane Thord von der Sägemühle her wieder über das kurze
Gras des Vorlands herabschreiten. Sie arbeitete mit dem freien Arm
wie eine Windmühle mit ihren Flügeln; denn sie wollte sich den beiden
bemerkbar machen. Also fuhren sie hinüber. Nane Thord ergriff Steuer
und Segelleine. Und wie ein Renner, der sich wieder in sicheren Händen
weiß, eilte das Fahrzeug nun über den Fjord.

Der Mann zwischen den Steinen kroch hervor und machte das Boot fest.
Es war aber nicht Rolf Krake, sondern Henrik Tofte, der Maler, der
auf seinen alten Käse gewartet hatte. »Nane Thord hat mir den Tag
zerdonnert,« sagte er. »Wissen Sie, auf mich haben alte Käse die
Wirkung wie auf Ihren Dichter Schiller die faulen Äpfel. Eigentlich
wollte ich heute das Bild für Johnny fertigkriegen -- es ist nämlich
eine Sonnenstimmung aus dem frühen Tage ... Nun bin ich den Vormittag
über zu Stein geworden.« Dabei schob er einen halben Laib Brot aus der
Hand Nane Thords in die Tasche seines Malkittels, nahm den Steinnapf
mit dem Käse in Empfang und stieg wieder seinem vorigen Sitz in den
Zacken entgegen.

»Man darf es mit Herrn Tofte nicht verderben,« sagte Nane Thord
geheimnisvoll. »Er ist 'n Kerl wie 'n Eichbaum; er kann malen wie der
liebe Gott. Aber wenn er wild wird, geht er nieder wie eine Lawine.«

»Ein bißchen viel auf einmal,« lachte Do. »Hat ihn eigentlich Fräulein
von Fellner kennen gelernt?«

»Ah nein! Er ist doch erst mit den beiden Engländern James King und
John Williams im August gekommen.«

Dann schritten sie vom Landeplatz den schmalen Steig zwischen
Felsblöcken empor und traten in den neuen Teil des Blockhauses, den
sie den Krakesaal nannten. Es war ein einziger großer Raum mit zwei
Reihen niederer Fenster an den Längsseiten, mit weißen Vorhängen und
mit Blumen auf den Brettern. An der rückwärtigen Schmalseite lag eine
Feuerstelle. Ein Kupferkessel hing an einer Kette über glimmender
Torfglut. In der Mitte stand ein bedeutender runder Tisch. Dunkle
geräumige Stühle waren im Kreise darum geordnet. Und beim ersten
Fenster, vor der Staffelei, stand eine Malerin, die strich in heftiger
Versunkenheit die goldene Dämmernis aus ihrem Pinsel. Sie dachte wohl:
es ist Henrik Tofte, der mit der Fischerfrau hereinkommt. Deshalb
wandte sie sich nicht um. Aber als sie Nane Thords feiertägliche
Sprache hörte, wagte sie einen Blick aus ihrer Lichtfreude. Und ...

»Jockele! Do, goldene Do!«

»Gwendolin Vogelgesang!«

Es folgte ein ungeheurer Zusammensturz. Zuerst rissen sich Gwendolin
und Jockele an die Herzen. Dann warf Do ihre Arme um beide. So
jauchzten sie ihre Glückseligkeit von heißen Lippen und aus quellenden
Augen übereinander dahin. »Gwendolin, du ewiges Licht, du Zauberin!«
Und genau wie damals in der Stube der kleinen Wirtschaft im Webicht
bei Weimar, als die lange Gwendolin dem Jockele die Bilder zum »Armen
Heinrich« verkauft und ihm sein erstes selbstverdientes Geld in blauen
Scheinen gebracht hatte -- genau wie damals schossen diese ranken
jungen Menschen durcheinander wie Waldbäume und verflochten sich mit
Wurzeln und Ästen. Aber nun waren es ihrer drei. Und genau wie damals
stand eine Wirtsfrau zwischen Tür und Angel, kriegte die Verklärung
und schrieb unter das Bild in Lebensgröße »Ein Wiedersehen nach langen
Jahren«. Aber nun hieß die Wirtsfrau Nane Thord.

Großer Gott, wie klein ist deine Erde!

Henrik Tofte bekam durch das offene Fenster hinaus eine Ahnung der
Ereignisse. Sollte der Herr, der sich ihm als Doktor Sinsheimer
vorgestellt hatte, einer der vielen sein, die Gwendolin Vogelgesang
einmal schön gefunden hatten? Und einer von denen, die sie hernach
gehen hieß mit hochmütigem Munde -- »ich kenne diesen Menschen nicht«?

Henrik Tofte, der ährenblonde Skalde, schritt zweimal ums Haus, um sich
zu überzeugen, ob es dadrinnen einen Streit gäbe oder eine ausgelassene
Freude. Er entschied sich für die Freude und kam herein. »Tofte,
herrlicher Tofte, das ist doch der Jockele und seine Frau Do!« jubelte
Gwendolin.

»Ach soo!« brummte der Maler. Dann vollbrachte er eine fast
ehrfürchtige Verbeugung vor Do. Aber den Jockele nahm er in seine
beiden Hände ... »Herr, Herr --«

»So redet er sonst nur den lieben Gott an,« rief Gwendolin dazwischen.

»Herr, Herr, hätten Sie sich nicht mit einem falschen Namen eingeführt
drunten am Inselrande, so hätt' ich Sie auf meinen Armen in dies Haus
getragen. Ja, wenn Sie der Jockele sind, Sie Seligster unter den
Menschen! Sie kennen wir hier besser als uns selber. Na, und nun können
Sie ja mit Gwendolin und Ihrer blonden Frau wieder durch die Welt
ziehen wie auf dem Umschlagbilde des Buches ›Jockele und die Mädchen‹.
Ein gelbes Kleid und einen Wildrosenhut hat die lange Gwendolin nämlich
wieder ... Und jetzt, Mutter Thord, bringen Sie Sekt, viel Sekt! Hätten
Sie heut morgen alten Käse gehabt statt Quark, so wäre mein Bild jetzt
fertig, und Mister Johnny hätte mir eine Anzahlung gemacht, bis daß es
trocken ist. Nun aber schreiben Sie den Sekt so lange auf.«

»Geld hat er nie,« erklärte Gwendolin. »Und doch verdient er
schrecklich viel. Ich sag' euch: er kann malen ...«

»Wie ein Gott!« unterbrach sie Do.

»Nein, er kann malen, daß man sich schämt, neben ihm einen Pinsel
anzurühren. Geld hat er nie. Aber er ist der Schönste unter den
Menschen.« Dabei wandte sich Gwendolin ab, aber nicht, weil sie rot
wurde, sondern weil sie ihren Malkittel abstreifte und an den Haken
hängte. »Kommen Sie, Tofte,« sagte sie dann und zog ihm den Linnenrock
aus, »Sie gehen ja daher, als wären Sie von Stein.« Gwendolin hatte nun
wirklich das gelbe Kleid an und sah aus, als liefe sie gerade aus dem
Bilde vom Jockelebuch.

Marit, das Hausmädchen, hatte inzwischen das Smörgasbord hergerichtet;
und Jockele und Do erfuhren, was es damit für eine Bewandtnis hatte.
Dieser Vorspeisentisch stand an der anderen Schmalseite des Saales,
der Feuerstelle gegenüber, und wies, sauber zugeschnitten, alle
Herrlichkeiten auf, die Nane Thord an den Vormittagen drüben in der
Welt erhandelte. Es standen Teller dabei. Jeder nahm sich so viel und
wonach er Lust hatte.

Henrik Tofte hatte draußen gefrühstückt. Er beschied sich bei einem
Vortrunk Pomerans und Finkelbränvin. Dann saßen sie um den Tisch her.
Tofte konnte tagelang zugeschlossen sein wie die Memnonssäule; aber
heute klang er sein Glück in die Welt in ewigem Sonnenaufgang. »Herr,
Herr, ich habe Mortsrespekt vor Ihnen,« sagte er zu Jockele, »aber
dies erste volle Glas bring ich Ihrer herrlichen Frau! Frau Do, wissen
Sie, daß Sie einen finsteren Winter lang der hohe Stern dieses Hauses
gewesen sind?«

Da die Hauptmahlzeit erst des Abends um sieben Uhr genommen wurde,
hatte man Muße, alles zu erfahren, was man voneinander wissen wollte.
Jockele und Do würden auch Gelegenheit haben, alle Sturmschwalben
kennenzulernen, die in diesen Tagen im Hardanger Fjord wohnten, sagte
Gwendolin. »Sie fliegen nämlich herum, wo sie wollen -- auf, in die
Fjelds oder gar hin zu den Firnen, weit ins Land, zu den Wasserfällen
in die Schluchten, oder sie segeln den Fjord entlang. Nur zu Tisch
erscheinen sie des Abends alle mit Pünktlichkeit.«

Hanna von Fellner und Gwendolin kannten sich übrigens nicht. Auch hatte
sich seit Hannas kurzem Aufenthalte manches geändert; denn Henrik Tofte
und Gwendolin wohnten nun doch auf der Insel bei Nane Thord. Durch den
Anbau waren in dem Fischerhause zwei kleine Räume dafür frei geworden.

Neben dem Wiedersehen erstaunte Jockele am stärksten über das
Verhältnis Dos zu Gwendolin. Er mußte jenes Tages auf dem Ettersberge
bei Weimar gedenken, an dem sie Gwendolin malend im Walde getroffen
hatten. »Jakobus Sinsheimer,« hatte Do damals zu ihm gesagt, »diese
da ist Gwendolin Vogelgesang, eine Böhmin, und sehr jung. Die Männer
finden sie hübsch, und sie kann etwas.« So war das Bild Gwendolins
rasch und zutreffend von ihr gezeichnet worden. Aber zu einer
herzlichen Zuneigung war es zwischen den Mädchen nie gekommen. Und als
der Jockele in seinem jungen Unverstand an das heiße Abenteuer mit
Gwendolin geraten war, hatte ihn Do sogar mit eifersüchtigem Spott
überschüttet, und sie hatten einander den Frieden auf ein paar Wochen
gekündigt.

Nun, Gwendolin war im Hardanger Fjord noch genau so verführerisch
wie im Sommerwalde des Ettersberges. Ja sie war vielleicht noch
gewalttätiger geworden in ihrer Sieghaftigkeit und Sinnenfreude. Aber
Do brauchte sie heute nicht mehr zu fürchten. Und sie war auch inniger
und fraulicher -- natürlich nur, was ihr Herz anlangte; denn die
schlanke Biegsamkeit des Leibes und das ganze betörende Feuer ihrer
zwanzig Jahre schienen ihr unveränderliches Eigentum.

Den Samowar, den Gwendolin damals in einer Nebelnacht für Jockeles
kleines Heim gestiftet, hatten sie mitgebracht. Von ihm war nun die
Rede.

»Ach, der Teekessel!« jauchzte Henrik Tofte. »Das ist ja eine famose
Geschichte!«

»Die kennen Sie auch?« wunderte sich Do.

»Kunststück! Alles kennen wir -- als hätten wir's miterlebt!« gestand
der Maler. »Wir wissen sogar, daß Jungjockele in jener verbiesterten
Nacht zweimal den Namen Gwendolin Vogelgesang über die schöngemusterte
Teedecke losgelassen und gesagt hat, es kröchen nun zwei Schlangen auf
dem Tisch herum.«

Gott, wie lustig sich die Welt von damals jetzt ausnahm aus der
gesicherten Entfernung heraus!

So lag das Lebensbuch des Jockele aufgeschlagen zu tiefster
Vertraulichkeit für alle, die es sehen wollten. Und weil man auf der
Insel einen Winter lang wißbegierig darin gelesen hatte, leistete sich
der Jockele auch seinerseits gleich die vertrauliche Frage: »Henrik
Tofte, wollen Sie Gwendolin Vogelgesang heiraten?«

»Jawohl, was +mich+ anlangt,« sagte der. »Wir haben davon mehrfach
miteinander geredet. Aber mit der Gwendolin ist ja nichts anzufangen,
wenn sie nicht will.«

»Und -- sie -- will -- nicht?« forschte Jockele aus drohender
Versteinerung heraus.

»Will nicht!« bestätigte Tofte und zog die Schultern.

»Will nicht?« sagte Gwendolin. »So ist das nicht richtig! Nur -- ich
habe gelernt, mir diese Dinge zu überlegen. Man weiß, ich bin nicht
ohne Erlebnisse. Und immer mußte ich es sein, die zur Vernunft kam,
wenn es höchste Zeit wurde. Daher ist die Rede unter den Menschen:
die Gwendolin Vogelgesang verleugnet nach vier Wochen kaltherzig
jede Liebe ... Nicht wahr, Jockele?« fragte sie in Erinnerung an den
Zwetschengarten von Ettersburg.

»Es war das närrische Jungsein,« sagte Jockele.

»... das ich mein Lebtag nicht loswerden kann,« ergänzte Gwendolin.
»Aber ich bin höllisch klug geworden und auf der Hut vor mir selber.
Dürfte ich anders den Mut haben, mich -- als das einzige junge Mädchen
-- in den Ring der Männer zu wagen, die des Abends hier zu Tische
sitzen?«

Man merkte: dies Gespräch war die ganz persönliche Angelegenheit
Gwendolins und Henrik Toftes. Es brach jäh ab, als sich die Tür öffnete.

Rolf Krake kam herein.

Er ging ein wenig vornübergebeugt und sah aus, als wollte er dem
Geheimnis Gott auf den Grund kommen; und so, als wüßte er, daß es nur
noch eins gebe, das unergründlicher sei: nämlich er selbst. Aber das
wußte er nicht. Er hatte ein schmales, bartloses, scharfmodelliertes
Gesicht mit einer auffällig hohen Stirn. Darüber dünnes blondes
Haar, nach rückwärts gestrichen. Es schien zu wehen, so oft er in
innere Erregung geriet. Ein anderes Zeichen dafür gab es an diesem
besinnlichen, etwas übermächtigen Kopfe nicht. Denn die Augen lagen
ihm unter der kraftvollen Stirn -- grau und groß, und wer diese
Augen zum erstenmal sah, der dachte, es gebe auf der Welt keine, die
ruhevoller wären. Weit offen -- und dennoch Rätsel, die kein Mensch je
gelöst hat ... wenn man nicht sagen will, daß dies dem Schwurgerichte
gelungen sei, vor das Rolf Krake hernach gestellt wurde. Augen, wie
diese, hatte niemand. Nicht einmal Nane Thord. Denn die von Nane Thord
waren zwar auch grau, groß und ruhevoll, aber sie leuchteten jeden Tag
über einen Wunderglauben. Deshalb konnte Nane Thord zuzeiten in die
Welt schauen wie ein Kind, welches den lieben Gott sucht und meint,
er stehe hinter der nächsten Ecke und spiele mit ihm Verstecken. --
Seine Lippen waren schmal, aber nicht verkniffen; sondern dieser Mund
sah aus, als könnte er sich nur mit Rolf Krake unterhalten. Und doch
hatte Rolf Krake keinen Feind auf der Welt als sich selber. Aber er
war der Meinung: er selbst wäre sein bester Freund. In diesem Wahne
litt er sich an den Rand des Verderbens; denn sein bester und edelster
Freund war sein Bruder Woldemar. Der war aber noch niemals im Hardanger
Fjord gewesen; denn Rolf Krake hatte ihm, in seiner Einbildung von der
Feindschaft des Bruders, seinen Aufenthalt schon seit Jahr und Tag
verschwiegen. Nur manchmal, manchmal bekam er eine so heftige Sehnsucht
nach ihm, daß er Mister Johnnys Segelboot losmachte -- mitten in der
Nacht -- und den ganzen Fjord lang segelte -- mitten in der Nacht --
bis hinaus gegen den Bömmelsund, wo das Meer offen wird. Das tat er,
weil er auf diese Weise den großen und schnellen Dampfer erreichte,
der im Morgengrauen von Norden kommt und nach Kiel fährt. Von dort aus
reiste er seiner unheimlichen Sehnsucht nach, in einem fort bis Jena,
wo sein Bruder Woldemar studierte. Aber wenn er ihm dann die Hände
schüttelte, dachte Rolf Krake: »Es ist doch so -- dieser Mensch ist
mein schlimmster Feind.« Und in der nächsten oder in der folgenden
Nacht reiste er ohne Abschied wieder von ihm weg. -- Bei alledem hielt
kein Mensch seine Sinne sorglicher zusammen als Rolf Krake.

Was die Leute von ihm wußten, und wie sie sich das Geheimnis Rolf Krake
ausdeuteten -- das kannten Do und Jockele von Hanna. Es war vielerlei,
aber es war nicht viel. Und die Deutung war flach.

Rolf Krake dichtete und malte. Rolf Krake studierte dickleibige
theologische Schriften, aber mit gleichem Eifer Darwin, Büchner und
Haeckel. Er hatte zwar den Anbau zu Nane Thords Fischerhütte errichten
lassen, aber er wohnte in der Sägemühle am Eingange des Seitentales,
hinter welcher der Skjoldefoß sechzig Fuß hoch über die Steilwand
herabschießt. Es war dort so: der Wassersturz hing vor der Wand in der
Luft. Wenn der Wind von Norden dagegenstieß, wehte er wie ein Schleier;
denn der Felsen hatte oben eine Nase, die bei zehn Fuß hervorragte.
Über diese Nase brauste die Flut hernieder. Deshalb konnte Rolf Krake
zwischen der Bergwand und dem Falle stehen mit verschränkten Armen und
konnte -- hinter sich den Fels und vor sich die brüllende Allmacht des
Sturzes -- fürchterlich einsam sein.

Er sagte, er wohne in der Sägemühle, weil er dort an seiner Drehbank
drechseln könne, ohne daß er mit seiner Liebhaberei jemandem auf die
Nerven falle. Aber es geschah auch deshalb, weil die Sägen, Räder und
aufgeregten Wasser lauter redeten als die vielen Stimmen, die in ihm
waren.

Nach alledem könnte man denken, Rolf Krake wäre feindselig gegen
seine Mitmenschen gewesen. Aber auch das traf nicht zu; ja es läßt
sich sagen, daß er von allen Sturmschwalben der Wohltemperierteste
und in seiner Art Liebenswürdigste war. Und der Rücksichtsvollste.
Das ließ sich schon daran erkennen: er hatte an diesem Vormittage den
Gesellschaftsrock angelegt. Es hatte sich in den Strandhäusern wohl
herumgesprochen, daß die schöne lichte Frau Do nach der Insel gesegelt
sei.

Do hatte mancherlei Aufträge von Hanna für ihn. Sie spazierte also im
Saale mit ihm hin und her. Henrik Tofte trank indessen sehr viel Sekt.
Darüber wurde er aber nicht lauter als sonst, und seine Augen verloren
nichts von ihrer stahlblauen Klarheit. Wenn er früh zu trinken begann,
trank er in der Regel bis in die Nacht, ohne daß seine Hünenkraft
erkennbar erschüttert wurde.

Dieser Vollnatur gab sich Jockele in heller Aufgetanheit hin. Es gab
an ihr nichts zu raten. Do aber wurde von Rolf Krakes rätselhaften
Dämmerungen aufs tiefste gefesselt. Sie dachte: weder Hanna noch
irgendeiner aus diesem Tal ahnt sich heran an seine Seele -- und Rolf
Krake stand in der Fülle des Lichts, das von ihr ausging, und vergaß
darüber die Welt und sich selber.

Nach einer Weile kamen Mister Johnny und Mister James. Beide in
großkarierten hellen Anzügen und in gelben Kalblederschuhen mit dicken
Sohlen. Beide in Sportmützen, beide gleich hochaufgeschossen und beide
gleich blond und tadellos in der Aufmachung. An dem Malzeug, das sie
bei der Tür ablegten, war zu sehen, daß sie Künstler waren oder werden
wollten. Zu dieser Zeit waren sie englische Staatsstipendiaten, die von
Henrik Tofte jedes Bild von der Staffelei weg erstanden, vorausgesetzt,
daß er es nicht mit seinem Namen zeichnete. Mit dem reichlichen Gelde,
das sie ihm dafür bezahlten, erwarben sie das Recht, die Bilder als
ihre eigenen auszugeben und als Belege ihres Fleißes und Könnens nach
England zu senden.

Dieser Brauch hatte sich aus ihrer Bequemlichkeit einerseits, aus dem
andauernden Geldbedarfe Henrik Toftes andererseits entwickelt. Beide
Teile fanden ihn angenehm. Aber es war eines der Wasser, die zwischen
Gwendolin und Tofte rannen, und über die Gwendolin nicht zu ihm kommen
konnte.

Ihre Shagpfeifen legten sie an diesem Tag auf dem kleinen Tische neben
dem Eingang ab.

»Es ist ein lächerlich schöner Morgen gewesen,« sagte James King, »ein
Morgen mit einer lächerlichen Fülle von Farben.«

Do und Rolf hatten sich wieder zu dem runden Tische gesetzt; und der
Doktor hatte Mühe, sich nicht ausgelassen zu wundern, weil Mister James
den Tag und seine Farbenfülle lächerlich fand.

»Sie malen also eine Nebelstimmung?« fragte er.

»Im Gegenteil,« behauptete James, »dieser lächerliche Reichtum von
Licht ist mir erwünscht.«

»Lächerlich ist das einzige schmückende Beiwort, dessen sich Mister
James bedient,« erklärte Henrik Tofte.

»Ah soo!«

»Treten Sie mit ihm in den Metzgerladen, so fragt er: Was kostet diese
lächerliche Wurst? Machen Sie mit ihm eine Hochtour, so redet er von
lächerlichen Gletschern und Schründen und von einer lächerlichen
Herrlichkeit in dem Augenblick, in dem er überwältigt vor der Welt
steht. Er hat die Bedeutung dieses Wortes zu eigenem Gebrauch
umgeprägt, und es ist für ihn zu einem Universalausdruck seines
uneingeschränkten Wohlgefallens geworden. -- Dies ist die einzige
nennenswerte Eigentümlichkeit an dem großen Künstler James King.«

Henrik Tofte allein durfte sich eine solche Erklärung erlauben.
Er trieb es mit den Menschen, wie er wollte; und man ertrug seine
Allmacht. Nur in Gwendolin war eine Kraft über ihn gekommen, vor der
diese Allmacht versagte.

Mister Johnny dagegen fürchtete den starken Henrik noch aus einem
anderen selbstsüchtigen Grunde: der Liebe zu Gwendolin. Nun ja, die
Bilder des Norwegers waren wohl zu allen Zeiten mit Geld zu erkaufen.
Und selbst, wenn Tofte der Wandertrieb überkäme, oder wenn er -- was
noch schlimmer war -- sich eines Tages von Gwendolin bereden ließe,
seine Lieferungen einzustellen: in einem nahen Augenblick würde er
doch an seinen leeren Geldbeutel fassen. Und dann konnte für Tofte
und seine beiden »Schüler« die Sache wieder von vorn anfangen. Aber
die lächerlich hübsche, die lächerlich gescheite und die lächerlich
mächtige Gwendolin hatte das Schicksal von James und Johnny in der
Hand, wenn es ihr einfiel, den genialen Henrik eines Tages zu heiraten!

Am einfachsten wäre es gewesen, Gwendolin hätte ihre Bilder mit
der gleichen stillschweigenden Abmachung dem James und dem Johnny
überlassen. Aber die hatte vortreffliche Beziehungen in Deutschland,
sie behielt keine fertige Tafel lange im Hause; und zweitens brauchte
sie lächerlich wenig Geld.

Heute morgen hatten James und Johnny droben auf dem Fjeld gelegen,
angeblich malenshalber, und hatten sich gesonnt. Dabei hatten sie
erwogen, daß sie das mühselige Werken mit Pinsel und Farbe aufgeben
und dennoch die berühmtesten Maler Englands werden könnten -- nämlich:
wenn der starke Henrik ihnen für ein paar Jahre sein Genie verkaufte.
Und wenn es nur das war, was er leichtherzig »Kitsch« nannte ... Seiner
Ansicht nach malte Henrik Tofte -- wenigstens in dieser Zeit und für
James und Johnny -- überhaupt nur Kitsch. Er prahlte nie mit seiner
Kunst. Aber Gwendolin versicherte den Sturmschwalben: was Henrik
eigentlich könne, das wisse kein Mensch, und auch er selbst nicht ...
Nun, die Gefahr, daß es die Menschen so bald erführen, war nicht groß;
denn was er aus seinem genialen Pinsel strich, das trug einstweilen
die Namen John Williams oder James King. Haha! Die beiden hatten in
London eine Ausstellung gehabt von »ihren« Bildern, waren daran zu
großem Ruhme gelangt und waren mit einem Schlage die gesuchtesten Maler
ihres Landes geworden. Davon erzählten sie natürlich im Fjord kein
Sterbenswörtchen; und es schien, als ob der geniale Henrik nicht einmal
die richtige Verachtung für sie aufbrächte.

Es war ein fabelhafter Bluff. Aber er war lächerlich ungefährlich,
solange James und Johnny das Meer zwischen sich und die gläubige Heimat
legten und -- solange diese Gwendolin Vogelgesang den schönen Pott
nicht in Scherben schlug. -- Da mußte etwas geschehen.

Jockele und Do, Henrik Tofte und Gwendolin verließen die erlebnisreiche
Tafelrunde schon gegen Mittag; denn Sinsheimers wollten ein Boot
kaufen. Die Lockungen des Fjords waren mit unwiderstehlicher Macht über
sie gekommen. Aber sie wollten auch nicht immer abhängig bleiben von
Nane Thords Fahrzeug, so oft ihnen der Sinn nach der Insel stehen würde.

Gwendolin mußte mit. Das entsprach dem Wunsche Henriks. Wenn er
sie nicht in seiner Nähe wußte, geriet er aus seiner »lächerlichen
Wurstigkeit« -- wie James King den Normalzustand Henriks in tiefer
Bewunderung nannte. Aber wenn er gar einmal nicht wußte, wo sie war,
wurde er unfähig zum Schaffen. Dann war ihm sein guter Stern vom
Himmel gefallen ... Die Leute wußten das von einem Ende des Fjords
bis zum anderen. Sie wußten: dieser Mann, auf den sich die Augen
aller richteten, weil er daherschritt wie ein Sieger, konnte Felsen
zerdrücken in seinen Händen, und er konnte vor Gwendolin beten. Aber
sie hörte ihn nicht. Es war das lauterste Verhältnis, das je zwischen
zwei Menschen bestand, und doch wurde zu Land und zu Wasser kaum eines
ohne das andere gesehen. Keines betrat die Stube des anderen, die ihnen
Nane Thord von ihrem einsamen Fischerhäuschen vermietet hatte. James
und Johnny konnten dieses Platzmangel wegen nicht auf dem Eilande
wohnen. Die beiden hausten drüben am Festland unter dem Dache der
alten Bolette Steensgard, die auch eine Fischerswitwe war. Sinsheimers
behalfen sich einstweilen im Gehöft Krokengaard mit zwei kleinen
Stuben, die nach dem Fjord hinauslagen. Und Rolf Krake sinnierte in der
Sägemühle. --

Der Wind, der am Morgen die Flut gekräuselt hatte, lag irgendwo
schlafen an sonnigem Hange. Deshalb mußten die Männer die Ruder
gebrauchen. Es war eine feine Fahrt; denn der Schiffbauer wohnte
zwei Stunden fjordabwärts. Darüber ließ sich Jockele von Henrik Tofte
vollends in der Behandlung solch eines Fahrzeugs einweihen. Do und
Gwendolin aber saßen in der Mitte gegen die rotgepolsterte Rückenlehne
-- Do ganz in Weiß, Gwendolin in Gelb -- und brachten den Menschen,
die sie vom Ufer aus sahen, den jauchzenden Glauben bei, daß nun der
Frühling in vollem Gange wäre.

»Jockele,« sagte Gwendolin, »es ist furchtbar nett und delikat von
euch, daß ihr vor der Mitwelt nicht ewig das Schauspiel der jungen
Hochzeiter aufführt.«

»Der Mensch kann schließlich nicht alles auf einmal tun,« sagte
Jockele. »Jetzt bin ich dabei, mir Quasen an die Hände zu rudern --
siehste nich?«

Und: »Was meinst du, Jo -- ist es nicht so herrlich und tatenreich
hier, daß wir bis in den Herbst bleiben müssen?« fragte Frau Doris.

»Ich habe allbereits den gleichen Wunsch,« sagte Jo. »Es ist gut, daß
ich meine Mikroskope eingepackt habe. Ich werde also versuchen, mein
Werk über ›die Flechten‹ dem Abschluß nahezubringen. Später -- etwa im
Riesengebirge -- will ich es vollenden. Und zweitens werde ich eine
›spezielle Naturgeschichte der europäischen Froschlurche‹ in Angriff
nehmen. Es ist da eine Lücke in der Literatur.«

»Die Sache mit den Fröschen ist etwas Neues,« warf Do überrascht ein.

»Ja. Der Gedanke dazu ist mir in diesem Boote gewachsen.«

»Indes werde ich mich mit der speziellen Naturgeschichte der
›Sturmschwalben‹ beschäftigen,« sagte Do mit bedeutendem Lächeln.

»Hm,« scherzte Jockele, »hm -- ich werde also darüber nachdenken, ob
sich eine so junge Frau dem praktischen Studium dieses Objektes ohne
Gefahr aussetzen darf.«

»Nun,« rief Gwendolin in fröhlichem Verstehen, »man könnte ja im
Notfalle dies gefährliche Studium durch eine jähe Abreise unterbrechen.«

Henrik Tofte wurde ganz still vor dem Glück, das mit ihm im Boote saß.
Er dachte, es ahnte niemand, welch ungeheure Erlebnisse diese liebliche
Fahrt in ihn warf.

Aber Gwendolin wußte es doch; denn Henrik Tofte war für sie nie
beredter als in seinem Schweigen. Sie sah heimlich zu ihm hinüber und
erkannte: das Glück dieser klaren und aufrechten Menschen nahm sein
liebes und unstetes Herz in beide Hände und hielt es tief hinein in
die Sonne. Und Henrik träumte das Märchen: es würde nie mehr ein Sturm
durch dies Herz laufen. Ach, es war ein wunderschöner Traum!

»Weißt du, Jo,« begann Do nach einer Weile, »es wäre wohl gut, wir
ließen uns zu unserem Vorhaben ein gemeinsames Laboratorium von drei
kleinen Zimmern auf der Insel errichten.« Darüber zog der Doktor die
Ruder ein, und Henrik Tofte trieb das Boot mit leisen Schlägen voran.
»Nun, einesteils zum Arbeiten, andernteils zu unserer Bequemlichkeit;
drittens als ein heimeliges Nest für ›Sturmschwalben‹, die nach uns
auf der Osterinsel hausen möchten und unser dabei freundlich gedenken
können; und viertens: wir verbessern damit der eifrigen Nane Thord ihre
wirtschaftliche Lage. Was meinen Sie zu diesem Plane, lieber Doktor
Jockele?« fragte Do.

Dem langen Henrik schauerte das Glück immer tiefer in sein grundgütiges
Herz. Er ließ die Ruder aus den Händen gleiten und vergaß zu atmen --
wie Lottchen, als es den ersten Christbaum sah.

Er dachte nicht daran, daß man ihn auf solchen weichen Regungen des
Gemüts ertappen könnte. Es focht ihn überhaupt nicht an, was man ihm
bei seinem eichbaummäßigen Wuchs als Schwäche aufrechnete. Pah -- in
diesem Hünenkörper flossen so viel Sanftmut und Gewaltart, so viel
Allmacht und Unmacht, so viel Genie und Hilflosigkeit ineinander -- der
Teufel mochte dies Wirrsal ausfitzen! Haha, der Teufel! Als ob der ein
Interesse daran gehabt hätte, dies wunderliche Stück Dasein, das man
Henrik Tofte nannte, anders zu machen! Just so, wie er war, war er ihm
herrlich verfallen. »Auf meinen Feingehalt kannst nur du mich läutern,
Gwendolin Vogelgesang!« hatte er an einem Winterabend zu ihr gesagt,
als sie miteinander bei der Feuerstelle gesessen und dem Schneesturme
gelauscht hatten.

Nun, die Gwendolin hatte schon vor vier Jahren felsensicher auf sich
selber gestanden -- damals, als Jung-Jockele an ihr in den purpurroten
Untergang geriet und am anderen Tage der Do gelobte: »Diese Gwendolin
werde ich heiraten; sie ist ein süßes und heißes Mädel ...«

Aber im Falle Henrik Tofte fehlte ihr das Vertrauen zu ihrer Kraft.

Jockele, der sich die Quasen unter der ungewohnten Tätigkeit nun
errungen hatte, stieg nach vorn und setzte sich den Damen gegenüber.
Sie besprachen den Plan. Do hatte die Sache ausgezeichnet bedacht. Der
kleine Neubau sollte an die Westseite der Fischerhütte kommen, dem
Krakesaal entgegengesetzt. Auf ein paar Stiegen sollte man von außen
hineingehen, aber man sollte durch Nane Thords Flur auch zum Saale
gelangen können. Und es sollte alles stilecht aus Blockholz errichtet
werden, und mit einem Rasendache.

Henrik Tofte ruderte sich darüber im Grunde genommen in tiefe
Zwiespältigkeit. Aber er dachte, dieser Tag wäre die Glückseligkeit
selber und wäre für ihn die Schwelle zu einem neuen Leben. Ja, solch
ein Mensch war er nun.

Es fehlte auf der Leiter der Affekte, die die guten und schlimmen
Mächte in ihn hineingestellt hatten, das Satansgeschenk des Neides.
Dafür war bei den Übermaßen seiner sonstigen Gaben offenbar kein Platz
mehr gewesen. Und nicht vergeblich hatte für ihn das Doppelgestirn Do
und Jo lange Winternächte hindurch im Haus auf der Insel geschienen --
das hatte die berechnende Sorge Gwendolins getan. Nun fand er in diesen
beiden alles, was ihm zu wünschen blieb.

Er fing das Wünschen auf dieser Bootfahrt überhaupt zum erstenmal
an. Denn was er bis zur Stunde an anderen Menschen wahrgenommen, das
besaß er selber in Hülle und Fülle. Sogar Geld, so viel er wollte.
Früher hatte er sich auch darum den Teufel gekümmert. Aber seit ihm
das Schicksal James und Johnny gesandt -- eine Berliner Sturmschwalbe
hatte sie in scharfem Spotte »die beiden Jötter« genannt -- seitdem
hatte er auch davon mehr, als nötig war. Er brauchte nur den Pinsel in
sein Genie zu tunken und -- er vermöchte in einem Jahre die gesamte
Kulturwelt mit Begeisterung für ihn zu übermalen, behauptete Gwendolin.
Und die mußte das wissen. Sie war ihm eine strenge Richterin. Aber er
fühlte dazu -- als ein richtiges Genie -- nicht das Bedürfnis. Na,
und wenn schon! Was hätte denn das alles zu sagen gehabt gegen die
Taten des einzigen Menschen Jockele? Was denn? Dieser Jockele hatte
sich geboren werden lassen in eine Sommernacht mitten im thüringischen
Bergwald. Dann hatte er sich von der Zigeunerin, die seine Mutter war,
auf die Schwelle der gütigsten, sehnsüchtigsten und weisesten Tante
Veronika legen lassen. Diese Tante setzte sich von Stund' an mit all
ihrer Weisheit und ihrem Gelde für ihn ein. Und so früh es nur anging,
nahm ihn das Schicksal auf wie einen goldenen Ball und warf ihn schönen
oder klugen Mädchen zu, die ihn mit geschickten Händen fingen. Als
die letzte hatte sich dies Schicksal Doris Rinkhaus aufgehoben. Die
war ausgemachtermaßen so etwas wie die Krone unter den Frauen. Ja.
War es denn anders möglich, als daß bei solch einem Lebenswandel der
Zigeunerbub in ein paar Jahren sogar ein Doktor hieß? Und daß er nun
-- acht Tage nach seiner Hochzeit mit der gescheitesten Frau der Welt
-- im Boote den Hardanger Fjord entlangglitt und mit Do die Wohltaten
erwog, die sie ihm und den Sturmschwalben angedeihen lassen wollte?
Wenn diese beiden morgen nach Ägypten und in ein paar Tagen nach
Hinterindien fahren wollten, so fuhren sie -- das Schicksal würde nicht
das mindeste dagegen einwenden.

Jawohl, Rührung und Freude weinte das lange Genie über diesen
Erwägungen an die Ränder seiner Augen. So sah es nun in Henrik Tofte
aus! In jeden Gedanken drängte sich der Begriff des Schicksals.
Schicksal war das einzige Ding, vor dem der Riese auf der Osterinsel
Respekt hatte -- das heißt: wenn man Gwendolin Vogelgesang abrechnete.
Schicksal -- damit ließ sich doch noch etwas anfangen! Aber bloß mit
Genie? Pah! -- Henrik Tofte war ein Fatalist.


Das Leben der Sturmschwalben, die in jenem Frühling auf der Insel im
Hardanger Fjord zusammengeflogen waren, war äußerlich wohl sehr arm an
Ereignissen. Es war von der Art, welche Menschen aus dem Durchschnitt
»gräßlich langweilig« finden. Wie es denn die einzige Eigentümlichkeit
solcher Durchschnittsleute ist, jede Stunde fad und abgegriffen zu
machen, in die sie treten. Von dieser Gattung kamen auch etliche.
Sie flogen herzu, weil sie sich draußen in den Ländern hatten davon
erzählen lassen. Genau so, wie Do und Jo durch Hanna von Fellner von
der gastlichen Stätte erfahren hatten und neugierig geworden waren.
Und da diese Wandervögel nicht fanden, was sie erwarteten, zogen sie
rasch wieder fort. Für die anderen aber war jeder Tag eine schöne
schimmernde Schale, voll bis zum Rande.

Der Anbau, in dem Sinsheimers nisten wollten, wurde gleich in Angriff
genommen. Er bekam, wegen der gefälligen Silhouette, auch noch ein
Zimmer als Oberstock, das sich turmartig über denen zu ebener Erde
erhob. Der Mai stand in goldener Fülle über der Welt. Die Stämme,
die schon behauen bereitlagen, mußten nur auf die gegebenen Maße
zugeschnitten werden. So war der Bau ein Werk von Tagen.

Do und Jockele, Henrik Tofte und Gwendolin und Krake waren um diese
Zeit zu einer Mal- und Studienfahrt auf die Berge gezogen. Sie
hatten sich für zwei Wochen ausgerüstet und wollten nordwärts bis
zu dem großartig düsteren Songefjord. Nur James und Johnny waren
daheimgeblieben, saßen im Krakesaal, blätterten in Zeitschriften
und rauchten aus ihren Shagpfeifen. Draußen lag eine sehr finstere
Neumondnacht.

»Meinst du, daß Gwendolin und Tofte heute zurückkommen?« fragte James.

Johnny zog die Uhr. »Es ist noch eine Stunde bis Mitternacht,« sagte
er. »Ich glaube, wir fahren hinüber. Warum wartest du?«

»Weil Nane Thord noch nicht schlafengegangen ist und wohl auch wartet.
Ich habe sie vor zwei Minuten hinausgehen hören.«

Da schritten sie durch die neue Tür in den Anbau, der schon überdacht
war. Aber die Fenster waren noch nicht eingehängt. Sie sahen da und
dort noch einen goldenen Stab Licht in dem schwarzen Wasser stehen wie
Laternenträger. Die Flut flüsterte im Gestein.

»Nein, es ist ein Mensch,« sagte Johnny und lehnte sich auf den
Fensterstock und hielt den Atem an.

Der Laden vor Nane Thords Stübchen war geschlossen. Es war aber ein
Herz in jeden Flügel gesägt, so daß zwei Bündel Licht von Nanes Lampe
in die Finsternis fielen. Die lagen nun draußen auf der Klippe wie zwei
Augen. Und dazwischen stand eine Stranddistel oder eine kleine Birke
oder sonst ein Gewächs, das von dem Schein ein wenig abbekam, ebenso
wie der Zackenrand des Ufergesteins. Man konnte sich zwischen Traum und
Wachen wohl ein wunderliches Bild von dieser Erscheinung machen.

James und Johnny rührten sich nicht. Aber so sehr sich ihre Augen nun
an die Dunkelheit gewöhnt hatten, so konnten sie doch nichts weiter
entdecken als das reglose Scheinen, das gespenstisch gewesen wäre, wenn
sie nicht beide gewußt hätten, woher es kam.

Nane Thord sahen sie nicht. Weil sie aber gehört hatten, daß sie
hinausgegangen war, erkannten sie ihre Stimme. Sie sagte: »Du kannst
sehr ruhig schlafen, Lars Thord. Warum willst du nun in der Nacht hier
sitzen und angeln? Mir scheint, du nimmst dir diese Arbeit nur zu einem
Vorwande; denn das wissen wir wohl auch, daß sie dort keine Fische
essen, wo du nun bist. Es war schon bei deiner Erdenzeit so: immer,
wenn du Blockholz schichten oder eine Axt schlagen hörtest, mußtest
du hin und sehen, was sie da treiben. Du darfst aber ruhig schlafen,
Lars Thord. Es geschieht deinem kleinen Hause nichts. Oder willst du
mir sagen, daß wir seltsamen Besuch erhalten? Du bist nun schon zum
drittenmale da -- zuletzt war es, ehe Rolf Krake kam. Das ist, weil du
dir einbildest, man könnte nicht ohne dich fertig werden, Lars Thord.
Du mußt das aber nicht meinen. Es ist nun schon die vierte Nacht, daß
ich den Schlaf nicht finden kann, weil ich dich um das Haus streichen
höre ...«

James und Johnny vernahmen schlürfende Schritte; und als sie wieder in
den Saal traten, stand Nane Thord am Tisch und schaute sie aus ihren
großen grauen Augen an. »Ich wunderte mich, daß Sie weggegangen sein
sollten -- und hätten doch das Licht brennen lassen?« sagte sie.

»Kommen Sie eben von draußen?« fragte Mister Johnny mit erzwungener
Ruhe.

Da strich sich Nane Thord mit der Hand über die Stirn. »Ja -- ich bin
wohl einmal hinaus gewesen,« sagte sie in ihrer trockenen nordischen
Art.

So hatte Gwendolin nun doch richtig gesehen: Nane Thord hatte ihren
Wunderschlaf und ihre nächtlichen Erlebnisse! Und als James und Johnny
wieder allein waren, wußten sie: sie würde sich jetzt zu Bett legen zu
einem tiefen, traumlosen Schlafe.

Johnny war über all dem stark aus dem Gleichgange gekommen. Aber
Mister James rieb sich die Hände und rief: »Welch eine lächerliche
Komödie!« Er meinte damit: die Komödie wäre großartig und gefiele
ihm ausgezeichnet; denn sie hatte ihn auf einen leuchtenden Einfall
gebracht. Er trug nämlich seit einer Woche den Brief eines Londoner
Kunsthändlers Watson in seiner Tasche, der an ihn und John Williams
gerichtet war und ihnen den Besuch des Herrn Watson ankündigte. Aber
diesen Brief hatte er seinem Freund Johnny verschwiegen; denn er hatte
geglaubt, Johnny würde an der Malfahrt der anderen teilnehmen -- der
Besuch des Händlers wäre ihm also nicht von Nutzen gewesen. Nun aber
lag nur noch eine halbe Nacht zwischen ihm und der Gefahr, und in
höchster Not sprang er mit Hilfe von Nane Thords Schlafwandel gleich
mitten hinein in die Verwicklung.

»Sie hat recht mit dem seltsamen Besuche,« begann er, »da, lies!«

»Warum hast du die Sache hinhängen lassen?« fragte Johnny mißvergnügt.

»Ich wollte dir einen Ärger ersparen,« sagte James. »Henrik Tofte hat
ein halb Dutzend Skizzen in seiner Kammer -- das ist alles. Was sollen
wir damit beginnen? Ich habe auf Rettung gesonnen, aber es ist mir
nichts eingefallen.«

Es war eine verzweifelte Sache. Und wenn Henrik und Gwendolin gar
als Verlobte von der Bergfahrt zurückkehrten, dann konnte es nicht
mehr lange dauern mit den Staatsstipendien und dem leicht erworbenen
Künstlerruhme! Eine Art Rettung gab es freilich noch. Aber die war
bescheiden genug. Henrik hatte nämlich drüben in Krokengaard ein Bild
hängen -- dort hatte er im vorigen Sommer gewohnt und damit einen
Teil seiner Rechnung beglichen. Aus dem gleichen Grunde hing eine
Fjordlandschaft Toftes in dem Gasthause, in dem er seine Mahlzeiten
genommen. Nun, beide ließen sich wohl ohne ein großes Aufgebot von
Silberkronen erstehen; und beide waren zum Glück nicht mit dem Namen
ihres Schöpfers gezeichnet: man brauchte nach langen Jahren nicht zu
wissen, wer einst sein Schlafgeld auf diese Weise bezahlt hatte. Aber
der Händler wollte einen Abschluß auf die Gesamtproduktion der beiden
Jötter für eine bestimmte Frist machen und hatte eine reichliche
Anzahlung in Aussicht gestellt. Er dachte wohl daran, die Ateliers der
beiden neuen Sterne am britischen Kunsthimmel einfach auszukaufen. Sie
aber hatten nichts als hartgekrustete Farben auf ihren Paletten ...

Je nun, die Nacht war lang genug, einen listigen Plan zu schmieden.
Um Sonnenaufgang fuhr Johnny im Boot, die beiden Bilder zu erstehen.
James ließ indessen von dem Mädchen Marit die Kammer Toftes in
Ordnung bringen, suchte darin zusammen, was als Bild oder Skizze
gelten konnte, und als Johnny triumphierend zurückkehrte, stellte er
die Fjordlandschaft auf die Staffelei und überzog sie mit Firnis. So
wollten sie die Kammer Toftes als ihr Atelier vorstellen -- lieber
Gott, zu einem besseren langte es einstweilen eben nicht. Und übrigens
malten sie stets in freiem Lichte. Ja. Johnny aber getraute sich nicht,
den verbrecherischen Gleichmut des Mister James aufzubringen. Er wollte
sagen: ein dänischer Kunstfreund habe ihn just einen Tag vor Empfang
des Briefes ausverkauft.

So erwarteten sie den Mann aus London. Und Mister Watson kam. Kein
anderer als Henrik Tofte ruderte ihn zur Insel der Auferstehung. Er und
Gwendolin, die mit im Boote war, verstanden zwar kein Wort Englisch
und Watson kein Wort Norwegisch oder Deutsch. Aber an der Haltestelle
des Dampfers hatte man sie zueinandergeführt. Und Gwendolin, die
Ahnungsreiche, hatte dem kindlichen Gemüte Toftes auseinandergesetzt,
um was es sich dabei handelte; denn Herr Watson hatte ihnen die Namen
James King und John Williams als den jüngsten Stolz Britanniens genannt.

Und in der Tat: man fand die beiden in heißem Bemühen in Toftes
Kämmerlein. James war angetan mit Henriks Malkittel und gerade dabei,
den letzten Strich Firnis auf das »neue« Bild zu setzen, dem er bereits
seinen Namen verliehen hatte. Johnny aber rieb Farben für künftige
Wunder.

Das ging dem guten Tofte nun doch über die Hutschnur! Er verfiel also
in ein so männliches Schimpfen, daß Mister Watson wie angedonnert
dastand; denn das merkte er wohl: Liebenswürdigkeiten klingen anders,
selbst in einer der unmöglichen Sprachen außerhalb Englands.

Der erfinderische James aber besann sich augenblicklich auf eine kühne
Geschichte: dieser lange Mensch, der sich Henrik Tofte nenne, wäre ein
Neiding. Er ärgere sich, wenn James und Johnny ihre Bilder verkauften.
Und zu alledem hätte das Mädchen Marit in seiner Abwesenheit eine
fürchterliche Dummheit gemacht ...

Das leuchtete Herrn Watson auch vollkommen ein; denn draußen im Flur
lehnte die zerbrochene Marit und bangte vor dem Zorne Toftes, weil sie
den Einbruch in sein Gemach nicht verhindert hatte.

Zuletzt waren es doch nur diese Tränen, die den starken Henrik ins
Poltern gebracht hatten. Das Weinen anderer wendete ihm nun einmal
das Herz um. Und zu einem Lawinensturz kam es diesmal nicht; denn
dieser Gewaltmensch hätte nicht Henrik Tofte zu heißen brauchen, um
die lustige Seite der lächerlich frechen Komödie dennoch genialisch
zu finden, die die »Jötter« in seiner Stube aufführten. Er begann
also, auf sanfteren Saiten zu spielen, und sagte: »Wenn es nicht ein
Kunsthändler wäre, den ihr da foppt, so ließe ich jetzt den Vorhang
erbarmungslos über eurer Gaunerposse heruntergehen.«

»Was sagt er?« fragte Mister Watson.

»Oh, er sagt: unseren Ruhm verdienten wir ja, aber zu beneiden blieben
wir trotzalledem. Er selbst hätte doch auch eine Ahnung vom Malen --
nur eine Ahnung vom Geschäft hätte er nicht.«

Da schupfte Mister Watson hochmütig die Schultern: »~He's no
Englishman.~«


Danach kamen für Henrik Tofte Tage voll Finsternis: Gwendolin
verachtete ihn. Sie tat nicht nur so; sie setzte sich nicht in den
Schmollwinkel wie eine gekränkte Liebste; sie wich ihm nicht einmal
aus, sondern redete sogar mit ihm, aber alle Herzlichkeit und Teilnahme
für ihn war verweht. Das dauerte bis zur Einweihung des Neubaus.
Da waren alle im Saale versammelt, und es gab ein Fest, wie es nur
Künstlerjugend feiern kann, die zuletzt doch ein Reich regiert, in dem
die Sonne nicht untergeht. Für diesen Abend hatte Henrik Tofte eine
Überraschung vorbereitet ...

Jockele, Do und Gwendolin waren nämlich wieder einmal vier Tage
auswärts gewesen. Mit Rucksack, Pickel und Nagelschuhen waren sie den
Flechten nachgeklettert bis an die Ränder des Folgefondgletschers; denn
den Doktor drängte es zu Forschungsreisen dorthin, wo das Geschlecht
der Flechten noch den einzigen Pflanzenschmuck liefert an verschmähten
und gefrorenen Hochlandzinnen; oder dorthin, wo im glühenden
Sonnenbrande jedes andere Pflänzchen verdorrend stirbt. Hundert Arten
von Strauch- und Laubflechten hatte er vorher eingetragen. Nun kämpfte
er an den letzten Steilhängen der Erde um Krustenflechten, die oft so
innig mit ihrer Unterlage verschmolzen waren, daß er sie nur durch
Auflösung des Gesteins mit Säuren befreien konnte. So führte er Do und
Gwendolin vor ungeahnte Geheimnisse.

Als sie heimkehrten, war Henrik Tofte verschwunden. Mit ihm Nane Thord.
Aber in einem Winkel des Krakesaales war ein Webstuhl aufgeschlagen,
und ringsherum sah es aus wie in einer Armeleutstube. Die blonde Marit
lief umher mit wissenden Augen; an der Bedeutung des Winkels mit dem
Webstuhle schwieg sie sich vorbei.

Abends jedoch, als alle schon um den runden Tisch saßen, tat sich die
Tür auf, und Henrik Tofte kam herein als ein Mann von fünfzig Jahren.
Nane Thord aber war sein Weib geworden. Und die beiden hatten sieben
Kinder, fünf Buben und zwei Mädel. Der älteste mit seinen sechzehn
Jahren stellte den Henrik Tofte dar ... Das Spiel begann. Es hieß »Der
verlorene Sohn«.

Zuerst sprach der wirkliche Henrik einen Vorspruch in machtvoll
gestaltenden harten Versen: er wäre der Weber Skule Tofte, der mit
seiner Familie aus dem Aardal käme, wo ihnen alles verbrannt wäre --
deshalb wollten sie hier in dem Winkel mit dem Webstuhl ihr Leben der
Armut von vorn anfangen. Darauf setzte sich der alte Skule Tofte an den
Stuhl, und das Webeschifflein begann seine Arbeit ...

Das Spiel stellte jenen Tag aus dem Leben des Henrik Tofte dar, an dem
er gegen Abend ausgezogen war aus der Kümmerlichkeit der väterlichen
Mietstube, um sich sein Brot als Anstreicher zu verdienen.

Es war ein Spiel, und es wuchs zu einem gewaltigen Erlebnis. Es war
in zwei Stunden von Henrik Tofte herausgeschrieben aus einem Jahre
seiner Vergangenheit. Und es war durch vier Tage gelernt worden von
Weberkindern und Nane Thord, die sich dabei nicht in eine fremde Welt
hineinzudenken brauchten. Und es waren harte und schmucklose Worte, die
sie sprachen. Vater Skule Tofte aber war ein Philosoph im Weberkittel,
der es sich angelegen sein ließ, dem langen Sohne Henrik die Lehre von
der Allmacht des Schicksals ohne Mitleid ins Herz zu hämmern:

    Das sollst du nicht vergessen: Armut stand
    Gevatterin, als dich das Leben fand.
    Mit Plack und Sorge salzt es uns das Brot,
    Und was es draufstreicht, schmeckt nach Schweiß und Not.
    Das Schicksal spinnt in weiße Seide ein,
    Die's heimlich hätschelt, sanft wie Mondenschein.
    Der Graben ist dein Grab; Staub ist dein Lohn:
    Du bist des lieben Gotts verlorener Sohn.

So sah die Tröstung aus, die Skule Tofte seinem Ältesten Henrik mit auf
den Weg gab.

Da es aber doch ein Spiel sein sollte, was man hier trieb, war es von
dem Dichter nicht uneben erdacht, daß er am Ende die Schauspieler um
einen Tisch gesetzt hatte, während die Mutter in einem Schrank nach
Brot suchte und sprach:

    Das Fach fast leer -- wie ist das Herz mir schwer!
    Wo nehm' ich morgen nur Kartoffeln her?

Und gleich rief das jüngste Töchterlein das Schlußwort:

    Es kommt die Nacht, die keine Not bedrängt,
    Weil da der Himmel ganz voll Talern hängt;
    Leicht fällt den lieben Gott im Traum was an,
    Wie er aus Steinen Semmeln machen kann.

Das war für die Zuschauer der gegebene Augenblick zum Mitspielen: im
Nu war den Webersleuten der Tisch gedeckt, und auch der lange Henrik
durfte umkehren und den Lohn für seine Mühe in Empfang nehmen. Henrik
Tofte aber, der richtige, wollte auch nicht zu kurz kommen. Erst
überzeugte er sich von der versöhnlichen Stimmung Gwendolins, dann
trank er ein Glas Sekt.

So hatte der Abend mit einer ernsten Rückschau begonnen. Vor allem
waren James und Johnny an dem Aktus nachdenklich geworden; denn ihnen
war die Herkunft ihres jugendlichen Meisters noch ganz unbekannt
gewesen.

»Oh, er hat kein Staatsstipendium gehabt!« flüsterte Johnny Gwendolin
in reuevoller Einkehr zu.

Da sagte Gwendolin nicht ohne Härte: »Aber er hat ein Stipendium von
Gott: sein Genie. Wendet er es etwa besser an als Sie das Ihre?«

Doch -- das hörte niemand; denn die vollen Gläser klangen aneinander,
und Henrik Tofte klimperte zum Überfluß auf der Gitarre, die er
einstweilen unter den linken Arm geklemmt hatte. Es war ihm ein Lied
eingefallen, das er nun singen wollte. Jawohl, auch singen konnte er --
furchtbar komisch und mit wunderlichen Gebärden. Wie die Bänkelsänger
singen auf den Jahrmärkten vor einer bemalten Leinwand. Er aber hatte
diese Leinwand nicht und deutete doch mit dem spanischen Rohre, als ob
sie da wäre. Mit der Zunge ahmte er das Klatschen des Stockes gegen die
Bilder nach und malte sie mit seinen Worten, grausig und volksmäßig.
Oder er sang edle alte Balladen. Seine Stimme konnte dabei klingen wie
geschlagene Glocken oder wie die See, die vor dem Sturmwind in Klippen
zerschellt ...

War es nicht so, als hätte der liebe Gott alle Stipendien, die er für
diese Zeit zu vergeben gehabt, in einem Schöpferrausch an diesen einen
verschwendet? ...

Wenn er annahm, daß man in seiner Abwesenheit von ihm gesprochen hatte,
ärgerte er sich. Aber nicht, weil er fürchtete, man verlästere ihn.
Sondern er sagte: »Ich bin ein Mensch, der sich nicht auskennt in sich
selber. Lobt oder lästert ihr mich, wenn ich nicht dabei bin, so nützt
mir das nichts. Also ist es besser, ihr schmäht mich oder huldigt mir
ins Angesicht. Ich mache es euch ja so leicht und sage nie ein Wort
dazu, wenn es mich angeht.«

Als er eine schöne und machtvolle Ballade über Harald Harfager gesungen
hatte, waren alle ganz in der Gewalt seiner stolzen Begabung, die er
gar nicht achtete, weil er nur in die Luft zu greifen brauchte wie ein
Zauberkünstler, der ringsum Wunder fängt.

Da fragte der nachdenkliche Rolf Krake: »Sagen Sie, Tofte, sind Sie
eigentlich ein verbummeltes Genie?«

Henrik schlug ein paar Akkorde aus den Saiten und schaute sich im
Kreise um. Es sollte jemand an seiner Statt antworten, weil er sich
selber dazu nicht wichtig genug nahm. An Gwendolin blieben seine Augen
hängen.

»Ach nein,« sagte sie, »verbummelt ist er nicht. Und er wird auch
nie dahin kommen. So oft er an die Dürftigkeit streift -- was er so
Dürftigkeit nennt -- wird er etwas ganz Großes aus sich herausschlagen.«

»Warum heiraten Sie ihn dann nicht?« fragte Rolf Krake.

»Weil ich zu fleißig bin,« sagte sie gefaßt. »Er würde dann nie in die
tiefe Not geraten, vor der er sich fürchten muß. Eine kleine Malerin
kann aber nicht sich und diesen Riesen und am Ende eine Familie
erhalten mit ihrer Kunst. Trotz allem: ich mag ihn furchtbar gern
leiden. Sehen Sie, das ist die Tragik meines Lebens. Aber ich werde
daran nicht zugrundegehen.«

»Plumm plumm,« machte Toftes Gitarre. Er hatte sich an den Tisch
gesetzt und folgte diesem Gespräche mit großer Aufmerksamkeit. Sie
redeten von ihm, als wäre er gar nicht da.

»Liebe Gwendolin,« begann Rolf Krake wieder, »wäre es nicht die Aufgabe
einer Frau, dieses Genie für immer in ihre Macht zu bringen, damit es
ranke und blühe nach ihren Gedanken?«

»Man könnte das meinen,« entgegnete Gwendolin. »Aber dann kennt man
Henrik Tofte flach. Auf die Dauer erkennt er nur einen einzigen
Herrscher an über die Riesenmaße seiner Begabung; und dieser König ist
der Augenblick.«

Es war ein Uhr geworden. Tofte hatte sich schon über Gebühr von
dem Gericht über sich selbst fesseln lassen. Er hatte für die
Mitternacht Leute auf die Insel bestellt, die an Drähten hunderte von
Papierlaternen aufhingen ... So kommandierte er die Welt. Wohin er kam,
regierte er und dachte doch nicht daran. Aber sich selbst konnte er
kein anderes Gesetz schreiben als das von der rasenden Unbeständigkeit
des Willens. Nur so vermochte er sich zu ertragen. »Meine Freunde,«
sagte er nun, »die Nacht ist lieb und heiß wie Gwendolin, und sie ist
schwer vom Dufte der Rosen, des Weins und der Berge ...«

»Plumm plumm!« Und Henrik Tofte sang das Lied vom Rattenfänger. Da
mußten sie alle hinterdrein und zogen hinaus in die liebe heiße
Sommernacht, wo die blonde Marit einen Tisch unter vielen stillen
Lampen gedeckt hatte. Und weit drüben am Ufer standen die Menschen und
sahen die Ranken der blühenden Lichter in der weichatmenden Nacht und
in den weichatmenden Wassern und lauschten dem Sänger. Dann zischten
von den Rändern des Fjords die goldenen Schlangen eines Feuerwerks
empor -- oh, Henrik Tofte hatte heute »viel« Geld eingenommen von James
und Johnny! Und Henrik Tofte stand nun auf dem Dache. Stand dort mit
einem wallenden Barte und in einem langen wehenden Mantel, wie ein
Geist, der aus dem Berge gestiegen, und sang zu geschlagenen Saiten. Es
war immer so: seiner Kraft schienen keine Grenzen gezogen -- je mehr
er von ihr forderte, desto mehr gab sie. Er hatte nie so übermächtig
gesungen wie an den Säumen dieser Mitternacht. Es war ein Lied der
Liebe. Er huldigte damit Gwendolin. Und so klang es aus:

    Hell hauchte der Glanz des Nebelfalls
    In silbernes Herbstgespinn.
    Die weiße Hand strich der Stute den Hals
    Und sagt' ihr doch nicht, wohin.
    Am Waldbach perlte der Erlenbaum,
    In den Runsen rauschte das Wehr;
    Sie ritt vorüber, sie ritt im Traum,
    Und das Glück ritt nebenher.
    Heim ritt sie. Um die Hufe klang
    Der klingende Abendtau.
    Und wie sie aus dem Sattel sprang
    Da jauchzte die selige Frau.

Die bunten Lampen begannen zu verlöschen. Noch verabredete man für den
Vormittag eine Lustfahrt in bekränzten Booten nach der Fjordstadt
Elde, um die sich die Berge türmen und der Sommer blühte. Ein großer
Zeltzirkus hatte dort Einzug gehalten. Dann geleitete man Do und
Jockele wie ein Brautpaar zur Schwelle ihrer Kammer, in der sie zum
ersten Male schliefen. Aber Henrik Tofte fand, das Fest wäre noch lange
nicht zu Ende. Er ruderte Rolf Krake, James und Johnny hinüber ans
Land. Und als er allein in Boot und Nacht war, streifte er darin um die
Insel. Das Glück Jockeles und seiner Frau machte sein Herz sehnsüchtig
-- er wußte nicht wie. Er glitt ein Stück hinaus in die Flut und
verwandte kein Auge von dem einzigen Fenster, das noch hell war auf dem
Eilande. Es war das Gwendolins. Dann trieb er das Boot an den Rand der
Klippe, kletterte empor im Gestein und rief leise Gwendolins Namen.
»Komm zu mir!« bat er.

Da dachte sie: es ist nicht ungefährlich. Aber sie ging doch. Es
war fast, als hätte sie auf ihn gewartet. Darum war sie ungeheuer
gewappnet. Und die Nacht war spät; es hauchte schon der Tag an die
Zinnen des Gletschers.

Henrik legte seinen Arm in den ihren und zog sie ganz fest an sich.
So schritten sie nach der Spitze des Eilands, die am weitesten von
den Häusern entfernt lag. Es stand dort eine Bank ins Strandrohr
geschmiegt, und große moosige Felsblöcke lagen darum her.

»Wußtest du, daß ich dich rufen würde?« fragte er froh.

»Ich dachte es,« sagte sie; »denn ich weiß: in Nächten, wie in dieser,
nehmen Sie sich nicht erst die Zeit zum Schlafen. Warum sagen Sie
übrigens »du« zu mir?«

»Ich habe das beschlossen,« sagte er.

In der Nähe der Bank fing sein Schritt auf einmal an zu zögern. Aber
sie hüllte sich fester in das graue Schultertuch und sagte: »Kommen Sie
nur. Es muß doch einmal klar werden zwischen uns -- für die nächste
Zeit.«

Da hob er sie zärtlich über das Wässerlein, das einen Schuh breit
quer vor der Bank lag. Dann krochen sie zwischen die hohen Halme wie
Rohrhühner.

»Es war fein heute,« begann Gwendolin. »Sie waren wieder einmal einfach
vollkommen; denn Sie waren nie unmäßig, wie das Ihre Art ist: unmäßig
groß, unmäßig durstig, unmäßig grob und unmäßig sentimental. Deshalb
bin ich jetzt auch gekommen.«

Er warf seine Arme um sie, daß sie hörte, wie ihr die Gelenke knackten.
»Es ist dir doch nicht ernst gewesen mit dem, was du heut abend zu Rolf
Krake gesagt hast?«

»Ich schwöre es Ihnen,« sagte sie. »Und wenn Sie mich jetzt küssen,
dann lauf' ich nicht etwa weg -- oh nein! Aber das sag' ich Ihnen: Sie
machen mich damit nur häßlich und aufgewiegelt. Ich habe gelernt, viel
zu fest auf mir selber zu stehen, lieber Henrik Tofte, und mit einem
Aufgebot Ihrer Kraft erobern Sie die Festung nicht.«

Gwendolin wußte genau, wie sie der Gefahr zu begegnen hatte, die sie in
diesem Mann umlauerte. Ihr heißes jähes Herz hatte ihr in der anderen
Zeit schon manchen Streich gespielt.

»Erkennst du denn nicht, daß du der einzige Mensch bist, der mich in
Ketten legt?« fragte er.

»Sieben Tage, mein Freund!« lachte sie. »Oder siebenmal sieben Tage.
Aber es müßten siebenmal sieben Jahre sein.«

»Das ist lange,« seufzte er.

»Billiger bin ich nicht zu haben,« sagte sie.

»Und wenn ich dir einen Vertrag unterschreibe mit meinem Blut auf
siebenmal sieben Jahre?«

»Wie dem Herrn der Hölle, dem Sie verfallen sind,« lachte sie.

»Nun?«

»Dann glaub' ich Ihnen doch nicht, Henrik Tofte; denn ich glaube nur an
mich und an meine Liebe. Und diese Liebe hat zu Ihnen nicht die Kraft
des Vertrauens für einen Vertrag auf Lebenszeit.«

»Und das ist dein letztes Wort, du liebste Gwendolin?«

»Nein,« sagte sie. »So +dienen+ Sie um Rahel! Meinetwegen sieben Jahre.
Es kann auch kürzer sein. Es braucht nur bis zu dem Tage zu sein, an
dem wir beide wissen: wir können zu einer Zweieinigkeit gelangen wie
Jockele und Do. Ich habe viel Leidenschaft und Liebe erfahren in meinem
Leben, Henrik Tofte -- aber ich danke mir auf den Knien, daß ich daran
nicht zur Närrin geworden bin wie Tausende. Oh, wir Mädchen tragen
unser Herz in den Händen, und wenn ein Mann Blumen darüber wirft,
bilden wir uns gleich ein, sie blühen ewig. Sehen Sie Do und Jockele
an, mein Freund! Die haben sich errungen durch Jahre. Diese herrliche
Do hat ihren Mann dem Leben abgekämpft in einem verschwiegenen
Kampfe. Und er ahnte es nicht; sie selbst nicht -- niemand ahnte es.
So selbstlos war der Kampf; und doch war er nicht minder schwer.
Darum: reden Sie von diesen beiden nicht als von Hätschelkindern des
Schicksals! Es gibt unter den Menschen keine, die sich ihr Glück
köstlicher erzwungen haben als sie.« Jawohl, das Wort vom Schicksal
hatte sich ihm schon auf die Lippen gedrängt. Da scheuchte es Gwendolin
fort. »Gute Nacht, Henrik Tofte! Vielleicht gelangen auch wir über den
Sonnensteg in das schöne ferne Land. Gute Nacht!«


Die Gletscherspitzen leuchteten nun in einem wundervollen Rot. Und auch
die Worte Gwendolins waren voll von Verheißung gewesen für einen neuen
Tag. Sie waren gewesen wie nie zuvor. Dennoch sah Henrik Tofte aus,
als schrumpften seine mächtigen Glieder vor der Helligkeit ihrer Rede
zusammen.

So hockte er im Schilfrohr und war ohne Hoffnung. Gwendolin hatte just
das Werk für den neuen Herkules ausgesucht, das er unmöglich bewältigen
konnte. Sie hatte seinen Gott, das Schicksal, gelästert und vom Sockel
geworfen; sie hatte allen fröhlichen Glauben in ihm vernichtet; sie
hatte seinen herrlichen Freibrief fürs Leben in tausend Stücke gerissen
und in das Röhricht verstreut. »So +dienen+ Sie um Rahel!«

Es brach ein Lachen gewaltigen Schmerzes aus seiner Brust. Dann hob
er den gestürzten Gott wieder an seine Stelle. -- O diese Narren!
Warum mochten sie nicht an das einige Schicksal glauben, das die Welt
regiert? War es denn nicht Schicksal, daß die drei Menschen, die Henrik
Tofte am meisten liebte von allen, ihm den Weg zum Glück verwehrten?
Gleich am ersten Mittag, an dem sie den Fjord entlang gerudert waren,
waren seine Augen finster geworden über dem Blick in die Sonne Dos und
Jockeles. »Nun,« tröstete er sich damals, »sie sind Hochzeiter!« Aber
seither war alles Flittergold von ihrer Ehe abgefallen, und ein schönes
klares Leuchten war geblieben, das sah aus, als wär' es für Zeit und
Ewigkeit. Vor diese beiden Menschen führte ihn Gwendolin und sagte:
»Sieh hin -- getraust du dir das auch? Was wäre es, wenn wir einen
Bund schlössen, und er könnte nicht sein wie dieser? Was wäre es, wenn
wir zueinanderliefen in einem kindsköpfigen Rausche, wie zwei aus der
Herde? Und flickten an unserer Gemeinsamkeit herum, stächen die Löcher
mühselig zusammen und schafften damit doch nichts weiter, als daß das
Ding ganz morsch würde? Und zuletzt ließen wir's gehen und kümmerten
uns nicht mehr um die getrennten Nähte, weil sie ja doch nicht halten!
Henrik Tofte, was wäre das?«

Jawohl, es war eine ungeheuer freventliche Weltanschauung, die die
Gwendolin da zum besten gegeben hatte! Bildete sie sich denn nicht
ein, sie wäre der liebe Gott selber und könnte sich mit ihrer eigenen
Kunstfertigkeit das Leben zimmern?

Darüber nahm er Stück für Stück der umherliegenden Fetzen auf und paßte
sie mit Sorgfalt aneinander. So baute er den richtigen Henrik Tofte
wieder zusammen. Zwar, die Risse konnte er nicht ungesehen machen. Aber
er war froh, daß es ihm leidlich gelungen war, und kroch aus dem Rohre;
denn er hörte das Fischerboot mit den Kindern inselwärts plätschern,
die die Kränze und Ranken brachten.

Als die Fahrzeuge bunt und fröhlich geschmückt waren, trat er in den
Saal, wo ihn die Sturmschwalben mit Jubel empfingen. Da jubelte er sich
zwischen sie hin. Aber er dachte, seit dieser Nacht wäre er hier nicht
mehr daheim. Es war ein wunderlicher Zustand. So, als wäre er nun von
dem Schicksal an eine Wegscheide gesetzt.

Indessen bereiteten sich die anderen schon zur Fahrt. Gwendolin und Do
blühten wie der junge Tag: Hanna von Fellner hatte geschrieben, sie
wäre auf dem Wege nach dem Hardanger Fjord und hätte sich Do und ihrem
Mann in Sehnsucht schon dreimal an die Herzen gestürzt; nachmittags
käme sie mit dem Dampfer fjordaufwärts, und sie erwarte, daß an der
Haltestelle alle Flaggen gehißt wären.

Deshalb war die Insel in so funkelndem Betriebe. Sogar Rolf Krake,
der zu noch seltsameren Göttern betete als Gwendolin, schnalzte schon
drunten auf dem Ufersande herum.

Daher kam es, daß Henrik Tofte bald allein am runden Tische saß und
merkwürdige Gedanken in den Morgenkaffee hineinrührte. Es war ihm ums
Herz, als geschähe alles zum letzten Male, was er in den vertrauten
Räumen tat. Aber endlich stand er mit feuchten Augen vom Tisch auf, um
hinabzugehen zu den anderen.

An der Schwelle traf er Nane Thord. Die hatte zur Feier des Tages eine
blinksaubere Haube angetan. Sie wollte hinübersegeln an den Strand,
einkaufen. Da bekam Toftes Herz die Dankbarkeit: er nahm Nane Thord auf
den Arm wie ein dreijähriges Mägdlein und trug sie hinab in sein Boot
und sagte, sie müßte mit nach Elde in den Zirkus. Als sie merkte, daß
es ihm ernst damit war, trieben die Boote schon mit gefüllten Segeln
vor dem Winde -- bunt wie fünf Sommerblumen, die dem Himmel aus den
Händen gefallen waren. Und Henrik Tofte sang ein Scheidelied. Es klang,
als würde er nie mehr einen Fuß auf das Eiland setzen.


Wo sich jener kurze Arm vom Hardanger Fjord nach Norden abzweigt, an
dessen Ende die Fischerstadt Elde liegt, ist auch die Haltestelle des
Dampfers. Dort machten sie ihre Boote fest, Hanna zu erwarten. Aber
Henrik Tofte war ruhelos. Er reffte vor dem Eldefjord zwar das Segel;
denn der Fjord ist nach Süden offen, und die Uferberge legen sich darum
wie zwei Arme, die alle Sonne für ihn einfangen. Aber der Wind aus
Morgen streicht an seinen Toren vorbei. Deshalb legte Tofte dort die
Ruder ein und sagte: »Nane Thord will die Rundholmen besuchen, ihre
Tochter, die auf Gaeslinggaard wohnt. Ich fahre also mit ihr voraus.«

Aber als die anderen Boote zwei Stunden danach an Gaeslinggaard
vorüberkamen, lief Nane Thord aus dem Hofe und machte die Windmühle:
Henrik Tofte hatte sie noch nicht wieder abgeholt.

Da stieg Nane Thord in Gwendolins Seelenverkäufer und nahm ihr die
Ruder aus den Händen und forschte auf der Weiterfahrt an dem Mädchen
herum, was es mit Henrik Tofte wäre.

Die zugeflogene Hanna saß in lauter Wiedersehensfreude im Boote von Do
und Jockele. Rolf Krake aber fuhr mit diesem auf gleicher Höhe und ihm
so dicht zur Seite, daß Do sehen konnte: er schien wie die Sonne.

In Elde war ein großes Leben. Die Fischer lehnten in ihren
Sonntagskleidern breit und rauchend an den Steinen. Die Blockhäuser
hatten helle Augen. Und die bunten blonden Mädchen und jungen Frauen
wanderten Arm in Arm am Strande und hatten alle Fenster offen.
Aber Henrik Tofte, den man sonst schon von weitem über allem Volk
dahinsegeln sah, war nicht da. Nur sein Boot hatten sie im Hafen
gesehen.

Im Zirkus saßen sie dann in der ersten Reihe, gleich neben den Borten
des geharkten Sandes. Die Holzbänke füllten sich bis auf den letzten
Platz und bis unter das Zeltdach hinan, das leis im Sonnenwinde
flappte. Ein sehr kleiner Clown im weißen Linnenanzuge mit faustgroßen
schwarzen Wollknöpfen ließ es sich angelegen sein, die Menge schon
vor Beginn der Reitkünste und Akrobatenstücke neugierig zu machen.
Dabei diente ihm seine zuckerhutförmige Filzmütze als Sitzgelegenheit
und Schlafgemach: so bedeutend war diese Mütze, und so gering war das
Männlein.

Aber Henrik Tofte war nicht da -- es war zum Lustigwerden.

Endlich kam er -- da war es zum Weinen.

Er trug die Drahtseiltänzerin Miß Millie auf der freien Hand herein
und schwang sie auf das gespannte Seil. Er hatte das Kleid eines
Hanswurstes an, genau wie der Zwerg, hatte eine weiße Riesenfilzmütze
wie dieser, hatte sich das Gesicht gepudert und die Nasenspitze und
jede Wange mit einem schwarzen Tupfe geziert. Mit der Mütze reichte
er beinahe bis an das Zeltdach. Seine Einkleidung aber war ohne
Wissen des kleinen Mitclowns vor sich gegangen. Deshalb staunte ihn
keiner gewaltiger an als dieser. Er fand sich aber rasch in die Lage
und stellte ihn den Zuschauern vor als seinen großen Bruder. Weil
er immerzu schwätzte, und Miß Millie doch endlich ihre Kunststücke
vorführen wollte, nahm der neue Clown ihm den Zuckerhut ab, klemmte ihn
hinter ein Seil unterm Dache und steckte das Männlein einstweilen in
seine Hosentasche ...

Es war überwältigend, und der Erfolg der Eröffnungsvorstellung war
schon mit dieser Improvisation gerettet.

Der Kleine, den man nun in der Tasche der Pluderhose herumkrauchen
sah, drohte die Hauptnummer der Seiltänzerin in Gefahr zu bringen;
denn natürlich guckte er alsbald heraus wie aus einem Fenster. Es
war so hinreißend, daß Henrik Tofte eine Zeit mit ihm aus der Arena
verschwinden mußte, was dadurch glaubhaft gemacht wurde, daß ein
Nachtwächter mit Spieß und Laterne kam und den geharkten Sand nach
dem großen Bruder des kleinen Mannes ableuchtete. Als er ihn endlich
gefunden hatte, verhaftete er ihn.

Als »letzte Nummer« aber trat Henrik Tofte wieder auf. Und zwar als
Schnellmaler. Natürlich hatte er den Kleinen immer noch im Hosensack
und tat, als hätte er das ganz vergessen. Damit ihn die geschwollene
Tasche nicht beim Malen störe, entledigte er sich ihres Inhalts. Er zog
ganze Steine bunter Kreiden hervor, eine Tabakspfeife und zwei Beutel
-- in dem vollen war Tabak, in dem leeren kein Geld. Danach holte er
die Rollen seines Malpapiers hervor und zuletzt den kleinen Mann, über
dessen Vorhandensein er natürlich äußerst verblüfft war. Deshalb ließ
er ihn an seinem freien Arm herumkrabbeln wie einen Käfer.

Danach lief der Kleine nach einem Rahmengestell. Daran hefteten sie
das Zeichenpapier. Der große Bruder begann sein Werk. Zuerst zeichnete
er Gwendolin Vogelgesang -- eins, zwei, drei ... und schon war sie
fertig. Jedermann sah, daß sie es war. Er überreichte ihr das Bild mit
komischer Eleganz. Er zeichnete schöne Mädchen und alte Fischer, wie
sie da umhersaßen. Und zuletzt brachte der Kleine einen Riesenrahmen
geschleppt, den stellte er vor dem Eingange der Sandbahn auf und rief:
»Ha, du bist ein großer Maler, mein Bruder -- du bist ein so großer
Maler, daß ich deine Hosentasche als Schlafstelle gemietet habe! Aber
du kannst nicht das große Meer malen.«

»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte.

»Das ganze Meer? Mit dem Sturme? Und mit Schiffen in Not? Und alles auf
dies kleine Papier? Ha!«

»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte und begann zu malen. Die Fläche maß
zehn Geviertmeter. Er sprang um das Papier, als wäre er aus Gummi: bald
kroch er in sich zusammen, bald schnellte er empor, als hätte er eine
Feder aus Stahl im Leibe. Und aus seinen bunten Kreiden schuf er das
Meer. Wozu der liebe Gott einen Tag gebraucht hatte -- oder tausend
Jahre ... Henrik Tofte machte das in sieben Minuten. Und der kleine
Bruder saß auf dem Sand und heulte den Sturmwind darüber.

»Fertig!« schrie der Kleine.

Henrik Tofte aber lief an die andere Seite der Arena, als wolle er sich
die Sache aus der Ferne betrachten -- da! Mit ungeheuerem Anlauf flog
er über den Sand, mit einem Gewaltschwung sprang er mitten hinein in
das gemalte Meer. Und blieb verschwunden.

»Oh,« sagte der Kleine -- »jetzt ist er ertrunken!«

Die Menge tobte. Aber Henrik Tofte kam nicht mehr.

Drei Minuten später schaukelte der »Seelenverkäufer« mit Gwendolin und
Nane Thord aus dem Hafen von Elde. Die anderen suchten nach Henrik
Tofte bis gegen Abend. Sie fanden ihn nicht.

Da zogen sie mit raschen Ruderschlägen Gwendolin nach. »Was nützt es
uns, wenn wir uns um ihn sorgen oder uns grämen?« fragte sie. »Auf dies
Herz kann man nun einmal keine Häuser bauen -- und er selbst getraut
sich das am wenigsten.«


Hanna von Fellner wohnte nun im Turm -- es war ein lustiger Name für
den kleinen Aufbau, auf dessen Dache der Sommerrasen schon wieder
blühte.

»Eure Tage in diesem abwendigen Weltwinkel sind ewig bewegt wie die
hohe See,« sagte Hanna.

»Es ist in der Tat so,« bestätigte Do, »wir haben genau die gleiche
Wahrnehmung gemacht: als wir nach unserer Ankunft kaum zwei Stunden am
runden Tische gesessen hatten, war uns, wir wären durch die Erlebnisse
aufgeregter Wochen gewirbelt.«

Seit Henrik Toftes Verschwinden war fast ein Monat verstrichen. Der
Wanderzirkus war längst fortgezogen.

Einmal segelten die von der Insel nach Elde, um über den Freund etwas
zu erfahren. Da hörten sie viele widersprechende Meinungen über
das Reiseziel der Truppe -- es lag offenbar eine Verabredung vor,
die Neugier irrezuführen. Henrik Tofte wollte seine Spur für die
Sturmschwalben verwischt sehen. Nur das eine ward ihnen zur Gewißheit:
sein Boot hatte er in Elde verkauft. Daraus war zu schließen, daß er
sich nicht mit der Absicht einer baldigen Rückkehr trug.

»Er will dich durch dies Mittel reuig und gefüge machen,« sagte Hanna
zu Gwendolin. »Ich denke, in ein paar Tagen geht das große Licht uns
wieder auf.«

Über das »große Licht« lachten sie. Und damit war ein Name für Henrik
Tofte gefunden, der nun unter ihnen blieb, wie das freundliche und
sorgende Gedenken, das sie ihm bewahrten.

Jockele war tief betrübt über den zwar nicht ruhmlosen, aber unwürdigen
Abgang, den sich Tofte gesichert hatte. »Vielleicht hätte ich mich mehr
um ihn kümmern sollen,« sagte er.

»Nein,« sagte Gwendolin, »denn dann hätte ich gegen euch beide kämpfen
müssen und wäre wohl besiegt worden. Möchtest du, daß es so gekommen
wäre?«

Jo zog die Achseln: »Es ist eine zu ungewöhnliche Sache gewesen mit
euch. Und Do und ich, wir haben uns gesagt: wir wollen uns da nicht
hineinmischen. Du hast so klare Augen, Gwendolin, und du hast ein so
aufrechtes Herz -- einem Menschen, der nicht aus eigener Klugheit
erwägen kann, was er wagen darf, wird auch durch den Rat anderer nicht
geholfen. Aber es wäre mir doch leid um das große Licht, wenn er sich
selbst aus den Händen fiele.«

Den tiefsten Eingriff bewirkte Toftes Flucht in das Leben der »Glasgow
Boys« James und Johnny. Auch dieser Name stammte von der erfinderischen
Hanna. Doch brachte sie ihn der Kürze halber nur zur Anwendung, wenn
sie von beiden sprach. Meinte sie nur James, so nannte sie ihn den
»Karauschenteich« -- nach einem Wasser auf dem Fjeld, zu dem sie mit
Jakobus Sinsheimer um diese Zeit manchmal auszog. Es war wegen der
grünen Wasserfrösche. Der Karauschenteich war ein Tümpel wunderlich
verhaltenen Lebens. Algen wuchsen drin; Moosinseln trieben auf seinem
Spiegel; er wimmelte von Molchen, Fröschen und Wasserkäfern; und
es standen ein paar würdige Karauschen in der Nacht seiner Gründe,
die hatten sich bereits Mooshauben angeschafft. Es konnte kein
Blick recht erspähen, was in diesem Auge zwischen den Bergen sein
verschwiegenes Dasein pflog -- genau so ging es dem forschenden Blicke
Hannas vor Mister James King; da erfand sie für ihn den Namen: der
Karauschenteich. Aber weder das eine noch das andere Kosewort hatte
seine Ursache in einer besonderen Hochachtung Hannas vor James und
Johnny. Doch -- sie unterschätzte die beiden; und Jockele mußte sie
eines Tages belehren, daß die »Glasgow Boys« ihre Staatsstipendien
keineswegs zur Pflege ihrer Talentlosigkeit empfangen hätten. Sondern
die Dinge lagen so: Henrik Tofte war im Vergleich zu ihnen allerdings
ein Genie -- aber das war er gegenüber jedem anderen Malmenschen auch.
Und da hatte die Gelegenheit Diebe gemacht: James und Johnny waren
seine Schüler, sie kopierten ihn, sie übernahmen seine Malweise, und
über allem war dann der große Bluff zustande gekommen: aus einer
weitgehenden Bequemlichkeit und Leichtherzigkeit auf beiden Seiten.

Nun saßen James und Johnny am Rande des Verderbens. Oder sie mußten
sich den Ruhm, den sie im Traum errungen hatten, erwerben, um ihn zu
besitzen.

Johnny hatte dazu die ernstliche Absicht. Er ging also ans Werk; aber
er schleppte Lasten. Zu allem erfuhr er von dem Kunsthändler Watson,
daß nach seinen Bildern eine noch größere Nachfrage wäre als nach denen
von James King ... Das war eine neue unfaßbare Überraschung; denn
Henrik Tofte hatte für Johnny nicht etwas Ausgezeichneteres gemalt als
für James. Einige Tage später stellte es sich heraus, daß dies auf die
Meinung Watsons zurückzuführen war: weil Johnny ihn damals angelogen
hatte, ein dänischer Kunstfreund habe seinen gesamten Bestand an
Bildern ausgekauft, war Herrn Watson das Licht aufgegangen, John
Williams wäre der stärkere von den beiden »Jöttern«.

So kam es, daß Johnny für die Leute auf der Insel nahezu unsichtbar
ward. Es hieß, er feiere seine Auferstehung in der Romantik der Berge.
Mister James dagegen hatte nach dem Vorbilde seines entschwundenen
Meisters ein weit größeres Vertrauen zu seinem guten Stern als zu
seiner Arbeit und Mühe. Ganz im geheimen erwog er, ob es nicht ratsamer
sei, die sonnige Hanna von Fellner und ihre Wohlhabenheit sich gewogen
zu machen -- trotz dem »Karauschenteich«. Diesen Traum träumte er bald
aus und zog der Leuchte Gwendolins nach. Aber auch das war ein Irrlicht.


Do hatte sich über allem mit heißem Eifer in das Studium der
norwegischen Sprache gestürzt. Eines Tages fand sie bei Ibsen das
Gedicht von der »Sturmschwalbe«. Dabei hatte sie eine Offenbarung. Sie
übersetzte es in ihrer klaren Einfühlungskraft und ihrer freien Art:

  Draußen, wo sich den Klippen die Wildsee vermählt,
  Wohnt die Sturmschwalbe. Ein Seemann hat mir erzählt:
  Sie schneidet den Schaum der Wogen, ein geflügeltes Schiff,
  Sie tritt das brandende Meer und zerschellt nicht am Riff.
  Mit den Wellen sinkt sie, mit den Wellen steigt sie zur Höh',
  Mit der Stille schweigt sie, und sie schreit mit der kreischenden Bö.
  Sie fliegt nicht, sie schwimmt nicht: wo Himmel und See sich mischt,
  Geht ihre Fahrt, zwischen Sonne und wogendem Gischt.
  Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer --
  Sturmschwalbe, wo nahmst du den Mut zum Leben her?

Do wollte weder aus dem Gedichte noch aus der Offenbarung, die sie
davor gehabt hatte, ein Geheimnis machen. Sie kannte nun die Leute alle
bis auf die letzten Kammern ihrer Herzen, die sich die Sturmschwalben
nannten. Rolf Krake hatte mit jenem Namen ihren stolzen Flug zu den
Höhen des Lebens kennzeichnen wollen, zu denen nur seltene Menschen den
Aufschwung probieren. Er war ihm eingefallen in beglückter jugendlicher
Überhebung und in einer Stunde, in der er die Maße zu sich und der Erde
wohl einmal nicht bei der Hand hatte. Aber nun wußte Do: Rolf Krake war
auch mit der Naturgeschichte der Sturmschwalbe nicht vertraut gewesen,
sonst hätte er zu erhabenem Sinnbild nicht dies Geschöpf gewählt,
das, nach alter Seemannsmär, weder fliegen noch schwimmen kann,
sondern in ewigem Wechsel bald das eine versucht, bald das andere,
und sein Element doch niemals findet. »Sturmvögel« hatte Rolf Krake
sagen wollen; denn in dem Namen sollte das Symbol des Kampfes einer
hochgemuten Jugend mit den Stürmen des Lebens aufgestellt werden.

Nun sprachen sie darüber. Es war abends an dem runden Tisch im Saal. Do
dachte zwar, daß ihm das aus mangelnder Naturgeschichte passiert wäre
-- aber: es konnte auch aus überlegen spottender Erkenntnis gewesen
sein.

»Nein,« gestand er, »es ist eine Dummheit gewesen ... Je nun,
vielleicht war es das Gescheiteste, was mir je eingefallen ist; denn
wir alle -- mit Ausnahme von Jakobus und Doris -- sind wir nicht die
leibhaftigen Sturmschwalben der Seemannsmär? Zu leicht zum Gleiten am
Grund, zum Fluge zu schwer?«

Sie saßen bis gegen Mitternacht. Und weil sie sich voreinander nicht
versteckten, war dies Gespräch für alle voller Erkenntnis und Gewinn.


Am anderen Tage war Jockele mit Hanna schon vor Sonnenaufgang zum
Karauschenteiche hinan auf das Fjeld gewandert. Die neuesten Werke über
die Froschlurche stimmten seltsamerweise darin überein, daß der grüne
Wasserfrosch ein Schattentier wäre -- etwa wie die Kröte. Der Doktor
aber hatte beobachtet, daß gerade dieser mit der Sonne an den Teichrand
stieg und mit ihr um den Saum des Wassers wanderte, immer ängstlich
darauf bedacht, in der vollen Bestrahlung zu sitzen. Auch anderen
Irrtümern der neuesten Forschung war er auf der Spur. Sie betrafen alle
die Lebensweise der Frösche und nicht die Kenntnisse, die man sich in
den zoologischen Instituten der Hochschulen aneignen kann.

Johnny und Gwendolin waren ebenfalls schon mit dem Malzeug
fjordaufwärts gefahren. Do hatte eine Bergwanderung mit Rolf Krake vor.
So blieb James allein daheim. Aber auch er ward von Nane Thord kaum
gesehen; denn er steckte den Tag über mit seinem Boote im Rohr am Ende
der Insel und strich Schilf und Ruder mit Zinkfarbe an, die in der
Nacht leuchtet. Dabei setzte er ein sehr geheimnisvolles Gesicht auf.

Es wurde wieder einmal ein ereignisvoller Tag.

Droben am Karauschenteiche, dem Auge der Bergheide, saßen Jockele und
Hanna. Sie hatten nun das brüderliche Du füreinander erfunden, und
Hanna nannte ihn im fröhlichen Sonnenrausch ihrer Hochwelteinsamkeit
den »Mann mit den drei Frauen«.

»Na, hör mal!« sagte Jockele in lustiger Entrüstung.

»Es ist dennoch so! Du machst es der Gwendolin und mir furchtbar
schwer, dich nicht über Gebühr liebzuhaben.«

»Das könnt ihr halten wie ihr wollt,« sagte Jockele.

Da legte sie ihm den Arm um den Nacken und drei schwesterliche Küsse
auf den Mund. »Ist das nicht über Gebühr, mein Herr?«

»Ach Unsinn,« sagte er.

»Nun, so soll Do entscheiden!« antwortete sie ein bißchen ärgerlich;
denn sie hatte aus den rückwärtigen Tagen die Überzeugung gewonnen:
ihre Wette von der Hochzeitstafel würde für sie verloren. Da fiel es
auch dem Jockele wieder ein, daß er damals in überschießender Lust
dagegen gesetzt hatte. »Du hast Angst um deine Mark,« spottete er.

Da lachte sie: »Ach nein -- um die Richtigkeit meiner Ansicht! Entweder
hab' ich damals Unsinn geredet oder -- Jakobus Sinsheimer ist eine
Ausnahme von der Regel.«

»Nach so kurzer Zeit läßt sich das noch nicht mit Sicherheit
feststellen,« scherzte er. »Wir müssen wohl warten bis zu meinem Tode.«

»Du hast fürchterliche Angst um deine Mark!« vergalt sie ihm nun. Sie
küßte ihn in jähem Übermute noch dreimal und sagte: »So, nun hast du
deine Wette verloren! Es ist rein zum Verzweifeln.«

»Ich finde: weder das eine noch das andere,« sagte er.

»Nun, wir werden ja hören, was Do dazu meint.«

Dann sprachen sie über Liebe und Ehe und auch von den Erlebnissen,
die er in seiner jungen Zeit mit Gwendolin gehabt hatte. Es war Hanna
furchtbar interessant, wiewohl Do und Gwendolin ihr das alles schon
einmal erzählt hatten. »Wenn ich Do wäre, so litte ich nicht, daß
Gwendolin und Hanna Fellner die gleiche Luft mit dir atmeten.«

»Ja, so halten es die Menschen,« sagte er, »weil sie einander nicht
vertrauen bis zum nächsten Busche -- und weil sie ihre Liebe nicht reif
werden lassen vor der Hochzeit.«

Dann schlich er wieder einmal auf den Zehen um den Karauschenteich. »Es
sind annähernd dreihundert grüne Wasserfrösche da!«

Hanna betrieb inzwischen ein nachdenkliches Spiel mit Heidehalmen.
Sooft er an ihr vorüber kam, warf er ihr ein kluges und schönes
Wort von der Ehe hin oder von der Liebe. Das fing sie wie eine
seltene Blume und schmückte sich das Herz damit -- das wirbelige
törichte Herz, das einst gemeint hatte: es hätte die Liebe nach allen
Himmelsrichtungen erprobt. --

Wie es indessen um Gwendolin und den langen Mister Johnny aussah? Auf
der Fahrt den Fjord hinauf war es morgendlich kühl in dem kleinen
Schiffe. Als sie dann an ein sehr schönes Naturtheater kamen, auf dem
sich die Kulissen sommerbunt und kühn durcheinanderschoben, sagte
Gwendolin: »Sie, lassen Sie mich heraus -- das muß ich malen!« Sie
war noch genau so wie damals in der wilden Jockele-Zeit: vor einer
romantischen Aufführung der Natur konnte sie nicht vorübergehen. Das
strich sie dann keck und aufgeblüht aus ihrem jauchzenden Herzen, und
es wurde ein ungeheueres Farbenerlebnis daraus.

Sie hatte sich seit dem Tage, da ihr der Freund verlorengegangen war,
nicht gewandelt. Nein, Gwendolin Vogelgesang war nicht von der Art
jener, die die Tür unbedacht ins Schloß werfen und dann davorstehen
mit Reu' und »Hätt' ich doch«. O, die Entgleisung Henriks war ihr
nicht gleichgültig -- ihr am wenigsten. Aber sie hatte von allen die
kräftigste Überlegenheit gegen das Leben.

Nachdem sie ihre Staffelei aufgestellt hatte, verfiel sie gleich mit
Allgewalt ins Malen. Sie war dabei so rasch, daß sie nie zweimal zu
einem Motive ging; denn sie kopierte nicht die Natur, sondern sie schuf
das künstlerische Erlebnis, das sie davor hatte, in Form und Farbe.
Ja, so war es um ihre Kunst; es wandelte sich auch darin nichts. Viele
verstanden sie nicht, aber viele beglückte sie. Es kümmerte sie nicht,
was sie damit für eine Wirkung erzielte.

Ob John Williams weiter fjordaufwärts gerudert war, oder ob er irgendwo
hinter einer Kulisse steckt und sich in seiner veristischen Manier
abmühte, wußte sie in ihrem himmlischen Untergange nicht. Er aber hatte
zur Genüge erfahren: Gwendolin konnte jemandem Palette und Pinsel ins
Gesicht werfen, dem es beikam, ihre Eingebungen zu stören. Sie mußte
allein sein mit dem Gott, der in ihr schuf.

Wenn Johnny an diesem Tag nicht vorgehabt hätte, auf sie zu warten, so
hätte er sie am Morgen nicht mit in sein Boot genommen.

Der Wandel der Lichter und Schatten, der um Mittag eintrat, verurteilte
ihn zur Untätigkeit. Da legte er sich auf das kurze Gras eines Hügels
und guckte in die spiegelnden Wasser. Bergkuppen standen darin,
silberstämmige Birken, finstere Föhren, die sich an Zacken klammerten;
und die flimmernden Eisströme vom Folgefond. Und alles blühte hinein
in die seligen Himmel der Tiefe. Den »Malkasten des Herrgotts« hatte
Gwendolin den Fjord genannt.

Johnny hatte seinen Platz so gewählt, daß er Gwendolins Wildrosenhut
sehen konnte, wenn er sich ein wenig aufreckte. Diese Gelegenheit nahm
er viel öfter wahr, als er dachte. Er sah sich an dem Zauberspiegel der
Flut müde, aber an Gwendolin nicht. Nun ja -- Henrik Toftes Abreise mit
unbekanntem Aufenthalt war ein harter Schlag für ihn gewesen. Aber die
Sache hatte doch auch ihre gute Seite ...

Der lange Johnny hatte nie in seinem Leben eine so kurzweilige
Sonnenruhe gehalten wie an diesem Tage. Ohne Pinsel und Farbe malte er
sich ein Bild. Das stellte den listigen James dar in dem Augenblick,
in dem er erkannte: die heiße nußbraune Gwendolin hatte John Williams
unwiderstehlich gefunden. -- Es war sehr unterhaltsam. Ja. Und
deshalb lugte Mister Johnny immer durch den Spalt zwischen den beiden
Birkenstämmen.

Um die gleiche Stunde befand sich sein Freund James in nicht minder
heftiger Kurzweil. Einesteils hockte er in seinem Boot im Sommerrohr
und strich mit einem großen Pinsel Zinkfarbe an die äußeren Bordwände.
Anderenteils malte er sich ein Bild. Das stellte den listigen Johnny
dar in dem Augenblick, in dem er erkannte: die heiße, nußbraune
Gwendolin hatte James King unwiderstehlich gefunden. -- Es war sehr
unterhaltsam. Denn: wo in aller Welt war ein Mensch auf die köstliche
Idee verfallen, mit Hilfe eines Gespensterschiffes seiner Angebeteten
eine nächtliche Aufwartung zu machen? Seiner Angebeteten? Nun, auf eine
so romantische Gemütsverfassung zielte der Ehrgeiz eines richtigen
Glasgowboys im Grunde genommen nicht. Aber etliches hatte er doch
den Deutschen und Norwegern abgeguckt; und er war nicht umsonst der
Schüler Henrik Toftes gewesen. So war seiner Weisheit letzter Schluß:
mit einigem romantischen Behaben mußte der Gwendolin wohl beizukommen
sein. Denn erstens würde ihr dabei das Herz erschauern: es war ja
bekannt, daß auch Nane Thord nächtliche Zusammenkünfte mit ihrem
Verstorbenen hatte. Zweitens: Gwendolin, deren Licht stets bis über die
Mitternacht hinaus durch das Fenster schien, lebte in so später Stunde
ein gesteigertes Leben: sie würde an Henrik Tofte denken, der in der
Geisterzeit sehnsüchtig um die Insel strich ... Und drittens berechnete
James das Einkommen, das sich aus Gwendolins Fleiß und Talent schlagen
ließe.


Mister Johnny, weit, weit draußen vorm Zauberspiegel, stellte die
gleiche Berechnung an. Im übrigen aber: auf die Hilfe der vierten
Dimension verließ er sich nicht. Er wartete, bis Gwendolin so gegen
drei Uhr ihre Brote auspackte, dann schritt er unternehmungsfroh die
Hügellehne zu ihr hinan.

»Fertig!« sagte sie und biß in die Schinkenstulle, »ich schließe, daß
es spät geworden ist, denn ich habe einen Mortshunger.«

»Well,« sagte Mister Johnny, »und ich habe Ihnen drei Eier aufgehoben.«

»Famos! Geben Sie her!«

Das ließ sich sehr hübsch und nüchtern an und stimmte mit der Rechnung
Johnnys Punkt für Punkt. Er setzte sich zu ihren Füßen in das blühende
Gras und half ihr bei der Betrachtung des Bildes. Sie kniff das linke
Auge zu: »Da rechts, in den Firnenschnee, muß noch ein kobaltblaues
Licht -- der Firn ist um sieben Grad Celsius zu warm,« sagte sie,
sprang auf und strich die fehlende Kälte auf das Bild.

Über allem schien es dem langen Johnny: Gwendolin würde ihm nach dem
Mahle nicht die nötige Muße zu seinem Vorhaben lassen.

»Sie, sind die Eier hart?«

»Hm,« sagte er. -- Es war nun doch ungeheuer schwierig. Gwendolin
ballerte am Stein schon das zweite Solei auf. »Wie weit sind Sie
gekommen?« fragte sie zwischendurch.

»Ah,« sagte er gefaßt, »bis zu dem Entschlusse, den Ruhm im Stiche zu
lassen, der mir in meinem Vaterlande so unverdient zugefallen ist.«

»Und wie gedenken Sie das fertigzubringen?« forschte sie in belustigter
Neugier.

»Ich will für einige Zeit mit Ihnen nach Deutschland gehen. Es wäre mir
am liebsten ... ich meine: was sagen Sie dazu, wenn wir uns einander
nahe blieben, so ganz nahe ... wenn wir gewissermaßen einen eigenen
Herd gründeten?«

Gwendolin biß in das Ei. »Wir -- zwei? ... Mensch, hat Ihnen denn die
Sonne das Hirn geröstet?«

Johnny schnellte mit einem Satze von dem blühenden Rasen zu seiner
ganzen Länge empor -- es war zu vermuten, er hätte sich auf eine
Giftschlange gesetzt. Gwendolin zuckte zusammen: er sah aus, als wollte
er sich nun auf sie stürzen. Aber sein Herz war von einer unfaßbar
versöhnlichen Stimmung. »Ich danke,« sagte er. »Es ist nicht nötig, daß
Sie noch stärker gewappnet aus sich heraustreten; an einem Kampf bis
zum sogenannten bitteren Ende liegt mir nicht das geringste.«

»Sie sind wohl nicht ganz glücklich in der Wahl des deutschen Ausdrucks
gewesen, so daß ich Sie mißverstehen mußte?« fragte sie.

Aber Mister Johnnys Herz war von rassereinstem Gleichmut -- er ergriff
nicht einmal dies rettende Seil. »Ach nein,« sagte er, »sondern mir
scheint, ich bin nicht sehr geschickt zu Werke gegangen. Nun, so teil'
ich das Schicksal mit Henrik Tofte, mit Jakobus, mit dem Mann aus dem
deutschen Zwetschengarten und mit den anderen, die vor mir kamen und
nach mir kommen.« Das kollerte er aus seinem breiten Britenmunde hervor
wie eine Reihe Kegelkugeln. Sie gingen alle daneben.

Auf der Bootfahrt, die dreizehn Kilometer lang war, unterhielten sie
sich noch über den Vorfall. Es war die vergnügteste Überraschung
gewesen in Gwendolins Leben. Darum flatterte ihr Herz nun auch wie ein
kleiner Wimpel im lustigen Sommerwind.


Unterwegs sahen sie Do und Rolf Krake. Die beiden spazierten die schöne
Uferstraße lang und befanden sich offenbar in einem angelegentlichen
Gespräche. Die Bergfahrt war also kurz gewesen; denn sie hatten sich
schon umgekleidet. Do hatte den roten Sonnenschirm über die Achsel
gelegt, als dürfe sie kein Wort von der Geschichte verlieren, die
ihr Begleiter im weißen Strandanzuge berichtete. Darum hielten sie
sich auch vor dem vorübergleitenden Boote nur für die Länge eines
Freundesgrußes auf.

»Nun ja,« sagte Do im Weitergehen, »ich habe nicht umsonst an Ihnen
herumgeforscht seit der Stunde, in der wir uns kennen lernten. Wenn ich
nun gleichwohl anfange, Sie zu verstehen: das verzwickteste Kapitel
Mensch, der mir je vorgekommen ist, bleiben Sie für mich trotzdem.«

»Darauf kommt es mir weniger an,« sagte Rolf Krake. »Getrauen Sie sich
nun, meine Frage von heute vormittag zu beantworten?«

»Ob Hanna von Fellner mit Ihnen glücklich werden könnte? Nein, das zu
entscheiden getraue ich mir nicht. Ich möchte Sie aber nicht mutlos
machen, Rolf Krake, und nicht feindseliger gegen sich selbst. Es eilt
ja damit auch nicht so sehr.«

»O, es eilt doch,« sagte er. »Wenn mein Bruder Woldemar kommt, so wird
er sich in Hanna verlieben.« Do sah ihn befremdet an. »Weiß Gott, er
wird sich in sie verlieben,« setzte er mit Nachdruck hinzu.

Darüber ward sie ganz besinnlich und sagte: »Nun, eigentlich müßten
Sie ja recht haben. Was wir über Ihr Verhältnis zu diesem Woldemar
wissen, ist doch mächtig sonderbar. Ich kann das nicht verstehen --
nein, ich kann es nicht! Das liegt auch daran, daß Sie alle Fäden Ihrer
Jugendgeschichte an einer gewissen Stelle unvermutet abschneiden. Sie
sagten: als Knaben wären Sie beide keine Ausnahmenaturen gewesen. Aber
Sie, Rolf, dachten schon damals über leichtsinnige Streiche nach, die
Sie gemeinsam begingen. Woldemar dagegen nahm sich und das Leben wie
ein Junge. Die Mutter verstand Rolf nicht. Sie hält den nachdenklichen
Knaben für ein Kind mit verstocktem Herzen -- und setzt ihn zurück.
Darüber wird Rolf zu einem Grübler: er sieht in sich einen Menschen
voller Fehler, die ihm dereinst den Weg ins Leben vermauern werden. Und
er mag sich nicht mehr leiden. Er überträgt dieses Gefühl allgemach auf
den Bruder Woldemar. Sie sind Studenten in Bonn. Da tritt Hanna von
Fellner zum ersten Male zwischen sie. Aber sie verlieren sie wieder.
Der eine studiert dann in Jena weiter, der andere in Kiel -- möglichst
entfernt voneinander ...«

So ließ Do die Geschichte Rolf Krakes im Wandern noch einmal an ihnen
vorüberziehen. Dabei knüpfte sie die Fäden just an der Stelle scheinbar
absichtslos wieder zusammen, an der er sie zu zerreißen pflegte. Es
war ganz offenbar: das tat er deshalb, weil er von da ab sich in sich
selber nicht mehr zurechtfand.

Sie aber wollte ihn von sich selber erlösen. Daher mußte er über
diese Stelle hinwegkommen. Sie sah: es war der verwickeltste Prozeß
eines innersten Gefühlslebens, den Rolf Krake sich selbst nicht klar
aufzeigen konnte, geschweige denn einem anderen. Aber so viel Licht,
als in das Geheimnis dieser verschnörkelten Seele zu werfen war, wollte
sie für ihre Erkenntnis doch erringen -- nicht allein, weil sie dies
verschleierte Bild lockte, sondern -- wie es häufig geschieht, daß
feinfühlige Frauen sich von Ahnungen leiten lassen: weil sie dachte,
sie könnte dem wunderlichen Freunde mit dieser Erkenntnis einmal von
Nutzen sein.

Erst in der sinkenden Nacht kamen sie nach Hause. Do saß danach mit
ihrem Manne noch lange wach. Sie sprachen von Rolf Krake.

»Es ist so mit ihm,« sagte Do, »als Kind hat er gelernt, sich zu
hassen. Dieser Haß blieb ihm und wuchs in dem Jüngling weiter ...«

»Aber, ich bitte dich, Do, wie ist denn so etwas möglich? Es kann sich
ein Mensch über sich ärgern, oder es kann ein Mensch das Vertrauen zu
sich selber verlieren -- aber er kann sich doch nicht durch eine Reihe
von Jahren unausgesetzt hassen! Das wäre für ihn einfach nicht zu
ertragen und müßte ja zum Selbstmord führen!«

»Ganz richtig,« sagte Do, »und das ist auch die Stelle, an der der
Schlüssel zu dem Rätsel vergraben liegt: die Eigenliebe Rolf Krakes
hieß ihn, den Haß gegen sich selbst auf sein Ebenbild zu übertragen
-- auf seinen Bruder Woldemar! Alles, was er an sich selber nicht
leiden mag, das kommt ihm im Bruder doppelt und dreifach und peinigend
verzerrt zum Bewußtsein. Er sehnt sich nach ihm, er reist in dieser
brüderlichen Sehnsucht sogar über viele Meilen zu ihm -- aber dann ist
es, als begegne er seinem Bilde, und der Haß gegen dies Bild ist ihm
geläufiger; denn die Selbstliebe dämmt ihn nicht ein.«

»Ich werde ihn in der kommenden Zeit mitnehmen an den Karauschenteich,«
sagte Jakobus. »Du und Hanna, ihr sollt mehr um ihn sein als bisher.
Während ich arbeite, lustiert ihr euch in der blühenden Heide.«

Am anderen Morgen zogen sie zusammen aus. Auch in den folgenden Tagen.
Rolf Krake war gerne dabei. Aber die funkelnde Helligkeit, mit der er
Hanna damals am Eldetag umleuchtet hatte, war nicht mehr in ihm.

Darüber ward das Verhältnis der beiden zueinander freier, erlöster.
Von Stund' an konnten sie in der hohen Sommerwelt miteinander spielen
wie Kinder, die sich heute bis zur Ausgelassenheit aneinander freuen
und sich morgen vergessen. »Ich habe mich immer ein bißchen vor Ihnen
gefürchtet, Rolf Krake,« sagte Hanna. »Nun haben Sie den Plan der
Verlobung ja aufgegeben. Das ist vernünftig. Kommen Sie, geben Sie mir
Ihre Hände -- von jetzt ab sagen wir ›du‹ zueinander. Und nun geben
Sie mir auch einen brüderlichen Kuß!«

Jockele lachte. »Hanna küßt immer erst fröhlich drauflos, wenn die
Gefahr vorüber ist; dann aber mit Vorliebe. Ich kenne das.«

»Du, du!« drohte das aufgeblühte Mädchen. »Nimm dich vor mir in acht!
Dich möcht' ich doch gerade erst in Gefahr +bringen+ -- es ist aber
furchtbar schwer.«

»Ach nein,« scherzte Do.

»Das sagt sie heute, heute so leicht hin,« rief Jockele und warf
seiner Frau einen lustigen Blick zu. Da sah ihn die frohe blonde Do an
und wurde rot bis hinab in den Ausschnitt ihres Sommerkleides; denn
es fiel ihr ein: sie hatte einmal im Moose des Buchwaldes im fernen
Thüringerlande gelegen, hatte ihr Gesicht mit dem Hute bedeckt, um den
die Ranke aus kleinen Blumen geschlungen war, und hatte gedacht: »Am
Rhein sind die jungen Studenten in Schwärmen um mich geflogen -- dieser
Jockele aber hat seine Augen noch nicht ein einziges Mal vor mich
hingestellt, damit sie zu mir sagten: ›Do, Do, du bist auch hübsch, und
du gefällst mir doch eigentlich sehr‹ ... Die Mädchen prickeln um seine
vollen Sinne wie Sekt in einem neugefüllten Glase. Warum prickelt er
nicht um mich? Und wenn er gar einmal schäumte, wie vor Gwendolin --
man würde sich ja wohl helfen können ... Und wenn nicht? -- Na ...«

Ja, so war das damals gewesen. Und vor diesem Gedanken aus dem
Thüringerwalde wurde die frohe blonde Frau auf dem nordischen Fjeld
glückselig rot bis hinab in den Ausschnitt ihres Sommerkleides. Aus der
gesicherten Entfernung sah sich das alles nun furchtbar lustig an ...
Aber damals?

So blühte sich die Jugend dieser Menschen durch den Glanz, der sie
einwob. Und Rolf Krake fand sich für seine Art fröhlich und aufgetan
zu ihren Sonnenseelen. »Es wäre wunderschön gewesen, wenn wir uns fürs
Leben gefunden hätten,« sagte er zu Hanna; »aber ganz so wie Do bist du
nun doch nicht ... Na, es ist auch so, wie es ist, wunderschön,« sagte
er in sanfter Bescheidung. »Und dein Kuß hat mir sehr wohlgetan.«

»Da hast du noch einen, du wunderlicher Heiliger! Du kannst mitunter
einen bekommen -- aber sauber, weißt du, und in Ehren! Ich glaube, man
kann dich damit aus deinem dunklen Wasser ziehen ...«

»Rettungsringe!« lachte Jockele.

»Es ist ein feiner Einfall,« bestätigte Rolf Krake. »Mir scheint, ich
werde bei euch noch ein ganz vernünftiger Mensch.«

»Das scheint mir auch so,« sagte Hanna, »nun, da du mich nicht mehr um
jeden Preis heiraten willst, ist das Spiel für dich schon zur Hälfte
gewonnen.«

So waren die Tage auf dem Fjeld lustig und hell bis ins Herz.


Einmal des Morgens, als man auf der Osterinsel wieder zum Aufbruch
rüstete, trat Nane Thord herein und sagte: »Es ist in der Nacht ein
Boot um die Insel gefahren. Es sah aus, als wär' es aus Glas. Und es
schien wie ein erleuchtetes Fenster in der Nacht. Es hatte auch zwei
leuchtende Ruder in den Halftern. Aber es war kein Fährmann dabei.«

Nane Thord machte ihre großen, grauen Augen.

Da sagte Gwendolin: »Wir haben Neumond.«

»Lars Thord wird wieder etwas auf dem Herzen haben,« setzte Jockele mit
gut verhehltem Spotte hinzu.

»Ach nein,« antwortete Nane, »wenn Lars Thord kommt, so setzt er sich
auf die Klippe und angelt Karauschen. Deshalb bin ich auch nicht hinaus
gewesen in der Nacht. Es war mir unheimlich. Vor Lars Thord ist es mir
nicht unheimlich.«

»Wir müssen da mal aufpassen,« beruhigte sie Jockele.

»Ja, das müssen wir wohl,« sagte Nane Thord.


John Williams war seit ein paar Tagen verreist, nach London. --
Gwendolin wußte: am zweiten Morgen nach dem Überfall hatte er die Fahrt
angetreten.

In der Nacht, von der Nane Thord auf der Osterinsel erzählte, was
sie darin gesehen haben wollte, schlenderte Johnny vom Hydepark her
durch die Greenstreet seinem Gasthause zu. Es ist da an der Ecke ein
Kaffeehaus, in dem man zu allen Zeiten Deutsche trifft. Als Johnny im
Vorübergehen durch die große helle Scheibe blickte, stand er mit jähem
Ruck still, als wäre er gegen ein Hindernis gestoßen. Denn da drinnen
sah er einen hünenhaften Menschen sinnend hinter dem Stuhl eines
Schachspielers stehen ... Jawohl, es war Henrik Tofte!

Da ging Johnny hinein. Aber Tofte bemerkte ihn nicht. Es wurden in dem
Raume mehrere Partien ausgetragen, und es wurde kein Wort gesprochen.
Deshalb setzte sich John Williams an einen der kleinen Tische, die
hinter Henrik frei waren, bestellte sich ein Glas Tee, rauchte die
Pfeife und wartete. Wartete zwei Stunden, ohne daß er von dem »großen
Lichte« bemerkt wurde; denn Tofte war ganz vertieft in die Partie, der
er zuschaute. Während nun da und dort ein Spiel mit dem Siege ausging
oder remis wurde, erkannte Johnny: man spielte in diesem Kaffeehaus die
Partie um die Zehnpfundnote. Um so merkwürdiger war die Anwesenheit des
Malers. Zuletzt lief nur noch jene, bei der sich Henrik als Zuschauer
aufgestellt hatte. Da wurde der schwarze Turm geschlagen. »Ich gebe das
Spiel auf!« rief der Verlustträger seinem Partner zu, »Sie haben Ihre
zehn Pfund gewonnen.« -- »Geben Sie sich nicht verloren, Herr!« sagte
Henrik Tofte. »Doch? Nun, wenn Sie erlauben, spiele ich die Partie für
Sie zu Ende und -- wenn Sie mir im Gewinnfalle fünf Pfund abgeben.« --
»Mit Vergnügen, mein Herr,« sagte der Deutsche und schaute verwundert
an dem Riesen empor. Der setzte sich ans Brett und gewann mit dem
siebenten Zuge. Eine freudige Erregung unter den Anwesenden war die
Folge. Währenddessen schob Tofte die verdienten hundert Mark in die
Tasche.

»Nun darf ich Sie wohl auch zu dem famosen Spiel beglückwünschen,
Meister!« sagte in diesem Augenblick John Williams.

»Johnny!!«

»Ich bin's leibhaftig!«

»Kommen Sie, trinken wir eine Flasche Sekt!« sagte Tofte in alter
Gewohnheit, faßte seinen Schüler unter und verließ mit ihm das
Schachzimmer. Draußen in dem Erfrischungsraum, in sicherem Winkel,
setzten sie sich fest. »So treib' ich es seit einer Woche, mein lieber
Johnny,« erzählte das große Licht.

»Und haben sich dabei einen häßlichen Augenkatarrh geholt,« warf John
halb im Scherz, halb im Ernst ein.

»Weiß der Teufel,« entgegnete Tofte, »ist das schon so sichtbar? Im
Zirkus hat es angefangen. Es war ein Hundeleben, sag' ich Ihnen. Seit
fünf Wochen bin ich nun in London. Ich habe gemalt wie nie zuvor:
beim Schifferfeuer an der Themse, im Mondschein an der See und im
Hafen, bei lumpigem Tranlicht in Armeleutkneipen und im Staube der
Straßen. So an die vierzig Bilder. Bei dieser wilden Fahrt haben meine
Augen nachgegeben -- wie ein Pferd beim Rennen um den Goldpokal ...
Schicksal, Schicksal, Mister Johnny!«

»Vierzig Bilder!« rief Williams wie im Traume.

»Nu passen Sie auf,« sagte Tofte. »Einmal hab' ich einen Stoß davon
unter den Arm genommen, habe mir einen deutschen Matrosen als Dolmetsch
gedingt, und so bin ich zu Mister Watson gezogen. »Kaufen Sie mir
diese Bilder ab, Herr,« hab' ich zu ihm gesagt. »Well,« hat er gesagt,
»lassen Sie sehen.« Und »Ah« hat er gesagt, »was soll mir so etwas
nützen? Es ist nicht die Kunst, die ich brauche. Sehen Sie, dies hier
-- dies wird bei mir gesucht!« Dabei führt mich der Kerl vor Bilder,
die ich im Hardanger Fjord gemalt habe und die nun die Namen James King
und John Williams tragen!«

Johnny erschrak. »Und was haben Sie ihm geantwortet?«

»Nun, ich war wohl um meinen Verstand gekommen,« sagte das große Licht,
»sonst hätt' ich zu ihm gesagt: ›Mein Herr, entweder sind Sie ein Esel,
oder Sie sind ein Verbrecher.‹ Aber ich sagte nur, ich glaubte, mit
dieser Kunst könnte es die meine auch aufnehmen ... Ausgelacht hat er
mich!«

»Und die Bilder?«

»O, die hab' ich aus alter Gewohnheit als Zahlungsmittel benützt. Für
eins hab' ich ein Roastbeef eingetauscht, für ein anderes eine Flasche
Kognak. Zwei hab' ich dem Dolmetscher gegeben. Den Rest hab' ich um
einen Pappenstiel verkauft, so unter der Hand, wissen Sie, beim Tandler
oder dem Antiquitätenhändler.«

»Wissen Sie noch einen von den Läden?«

»Wie soll ich?« rief er. »Sie, das Malen ist eine verdammte Kunst! Ich
glaube, ich geb's auf. Prosit! Und es lebe die nußbraune Gwendolin!«

Johnny erhob zwar sein Glas, aber das Gespräch leitete er hartnäckig
zurück zu Henrik Toftes Geschichte. »Sagen Sie, Meister, wie sind Sie
eigentlich auf die Idee mit dem Schachspiel gekommen?«

»Schicksal!« sagte Tofte. »Ich kenne jetzt drei Kaffeehäuser, in dem
Deutsche, Schweden oder Norweger die Partie um die Zehnpfundnote
spielen. Da geh' ich abwechselnd vor Anker, verfolge Zug auf Zug, und
auf dem toten Punkt springe ich ein. Immer geht das natürlich nicht,
wissen Sie. Aber dreimal ist es mir geglückt in dieser Woche -- sind
dreihundert Mark!« Er ließ noch eine Flasche Sekt kommen. »Ich spare
nämlich jetzt, sag' ich Ihnen. Und wenn ich zwölfhundert Mark habe,
schüttle ich den Staub Englands von den Füßen und gehe nach Rom.
Jawohl, nach Rom.«

»Malen?«

»Das heißt: wenn ich es bis dahin fertiggebracht habe, meinen Schwur zu
brechen, daß ich keinen Pinsel mehr anrühren wollte.«

»Aha,« sagte Johnny.

»Warum aha?«

»Weil Sie einer von denen sind, die -- wenn sie ohne Arme geboren
-- dennoch Maler geworden wären ... Sehen Sie, von mir kann ich das
nicht sagen.« John Williams hatte die Lider gesenkt und folgte mit den
Augen der Spitze seines kleinen Fingers, die allerhand Figuren auf der
Marmorplatte des Tisches beschrieb. Johnny war sehr nachdenklich.

»Haben Sie Ursache zur Reue?« fragte Tofte. »Haben Sie eine moralische
Anwandlung? Bedrängt Ihr Herz eine große Tat? Lieben Sie unglücklich?«
Er wartete aber nicht auf Antwort, sondern setzte hinzu: »Mit derlei
Ballast schlepp' ich mich überhaupt nicht.«

»Ich finde, daß wir uns vortrefflich ergänzen, Meister.«

»Diese Wahrnehmung gehört für mich schon der Vergangenheit an!« lachte
das »große Licht«. Dabei strahlte er, als wäre just er dazu ausersehen,
der Erde den Frühling zu bringen.

»Übrigens: was hat Sie jetzt nach London geführt?« fragte Tofte
unvermittelt.

»Ich bin auf dem Wege nach Glasgow. Je nun, man hat etliches zu
bestellen, wenn man der Heimat voraussichtlich für lange den Rücken
kehrt ...«

»Holla -- la -- la!« machte Tofte.

»Hm,« sagte Johnny und schaute nicht auf. »Ich muß loskommen von James
King. Er ist kein unebenes Talent. Ich auch nicht. Aber wir sind beide
nicht stark genug, um faul sein zu dürfen. Er ist ein Mensch, der seine
Freunde mit in den Abgrund reißt. Meister, ich werde nicht mehr in den
Hardanger Fjord zurückkehren. Ich möchte später einmal nach München.
Was meinen Sie dazu, wenn ich vorerst mit Ihnen nach Rom ginge?«

»Hurra!«

»Ich bin von Haus aus nicht ohne Mittel,« fuhr John fort, »ich werde
deshalb auf den Rest meines Stipendiums verzichten ...«

»Sie sind wohl wild geworden?«

»O, es ist nicht mehr viel. Und ich werde mich der Bildhauerei widmen.«
Er lächelte. »Wir dürften für die Folge also noch enger zusammenstehen,
aber die Firma ›Tofte, King und William‹ ist aufgelöst -- der
Gesellschafter Williams ist ausgeschieden.«

Henrik Tofte schwenkte das Glas. »Sturmschwalben auf dem Fluge zum
Süden!« Er hatte Dos Naturgeschichte der Sturmschwalben nicht mit
erlebt.


Auf dem Hauptbahnhof in Hamburg standen an einem Augustmorgen Do,
Gwendolin und Hanna, Jockele und Rolf Krake. Sie warteten auf die
Ankunft des Zuges, der ihnen den vor wenigen Tagen fertig gewordenen
~Dr. phil.~ Woldemar Krake bringen sollte. Der Sommer des Fjords war
an ihnen hängengeblieben, und namentlich den Damen war anzusehen,
daß sie geradewegs aus des Herrgotts Malkasten kamen. Es war ein
Bild von betörendem Reiz, wie die drei auf dem Bahnsteige wandelten:
die Wildrose Gwendolin in der Mitte, natürlich in sanftem Gelb, Do
in Weiß und Hanna in der Farbe des Morgenhimmels, wenn der hell um
die Schneegefilde des Folgefonds weht. Es war die springlebendige
Lieblichkeit, vor der der Herzschlag der Männer sieben Sekunden lang
aussetzt, und nach der sich die Augen der Frauen in neidlos stiller
Beglücktheit wenden. Selbst inmitten des losgelassenen Lebens auf einem
Bahnhof.

Da schnitt auf einmal einer quer über die schaukelnden Wogen des bunten
Sommergetriebes hinweg. In der Hand des hochgereckten linken Armes, der
wie ein Mastbaum ragte, schwenkte er einen Rucksack, schmetterte einen
jodelnden Ruf, trieb wie ein Schiff übers Meer vor dem Sturm seiner
Freude und riß die Schwertlilien aus dem Hardanger Fjord alle drei auf
einmal an sein Herz: Henrik Tofte auf dem Wege nach Rom!

Weiß Gott, jeder Tag im Leben des »großen Lichtes« sorgte für eine
Stunde, die den Schicksalsglauben immer fester in ihn hineinhämmerte!
-- Vor einer Minute hatte er gejauchzt »Nach Rom! Nach Rom!« nun aber
war alles, was er vorgehabt hatte, in seiner himmellangen Freude
ertrunken, und schon drehte er das Steuer gegen den Wartesaal, um dies
Wiedersehen mit ungeheurer Hingabe zu feiern.

Sein Freund Johnny stand indessen hinter der rückwärtigen Scheibe des
letzten Wagens im ~D~-Zug und merkte wohl, daß er und die Reise für den
jubelnden Henrik ein verwehender Traum geworden waren. Johnny hatte
sich aus einer vorgefaßten Meinung gegen Gwendolin nicht sehen lassen
wollen; darüber hinaus aber hatte er das Geld für Toftes Fahrkarte --
und zwar bis nach Rom -- ausgelegt. Im Zuge wollten sie abrechnen ...
Johnny schwang sich also aus dem Wagen und eilte dem Festzuge Toftes
nach. So gelangte er in die Lage, sich noch ein Auge voll Gwendolin zu
nehmen, riß das große Licht vom Himmel der Seligen herab und hinter
sich drein -- Türen schlugen, Fertigrufe erschollen, die Lokomotive
tat einen erlösten Atemzug, Henrik Tofte streckte seine Arme aus dem
Fenster, Gwendolin blühte ihr Hochsommerglück über das Eisengeländer
noch einmal zu ihm hin -- vorbei!

Vorbei war's, ehe sie recht erkannten, was ihnen da begegnet war.

Henrik Tofte aber sank in seinen Ecksitz und ließ den Rausch eines
Kusses über seine Seele perlen wie schäumenden Wein über die dürstende
Zunge. Diesen Kuß hatte er sich von Gwendolins Lippen genommen in der
jähen Sekunde des Abschieds und in wildausbrechendem Glück. Nun schwieg
er. Schweigend hob er die Finger zum Schwur und deutete auf seinen
Mund. Das sollte heißen: »Ich werde fortan als stummer Mann durch meine
Tage ziehen; denn ich darf den Kuß nicht zertrümmern, der mir auf den
Lippen blüht.«

So sahen die Schwüre des »großen Lichts« aus. Keine wußte das besser
als Gwendolin. Darum reiste Henrik Tofte nun in das neue Leben und --
sie war nicht dabei.

Doch, es gibt keinen Fleck Erde, über dem sich die schwarzen und die
roten Fäden hastiger durcheinanderwerfen zu dem närrischen Gewebe des
Lebens als über jener Stelle, auf der die Fünf von der Osterinsel dem
wunderlichen Gesicht noch lustig und betroffen nachstarrten, das sie
soeben gehabt hatten -- und schon pustete der erwartete Zug in die
Halle. Deshalb lösten sich Rolf Krake und Hanna von den anderen ...
Hanna, die Gwendolin und Do noch gerade von hinnen funkeln sahen; und
Rolf in ehrlichem besinnlichem Frohsinn vor dem Bruder.

Und dann brachten sie ihn, den Doktor Woldemar Krake, der sein Herz
voll heißer Liebestatkraft dem sausenden ~D~-Zug hatte voranfliegen
lassen! Der andere hatte überwunden. Aber Do dachte auch jetzt: sie
können wohl Stunden haben, in denen der eine sich mit dem anderen
verwechselt.

Da war das gleiche schmale, bartlose, scharf modellierte Gesicht mit
der auffällig hohen Stirn. Darüber dünnes blondes Haar, nach rückwärts
gestrichen -- es wehte bei Rolf Krake vor jedem Sturme der Seele. Und
die Augen lagen unter der kraftvollen Stirn, grau und groß, wie Nane
Thords Augen, die das Wundern so gut verstanden. Woldemar ging auch ein
wenig vornübergebeugt, genau wie Rolf. Er sah nicht geschmeidig aus;
aber es stand der Jugend beider gut und vornehm. Es war fast so, als
käme das Übergewicht der Besinnlichkeit in dieser Haltung zum Ausdruck.
Die gleichen Kräfte des Geistes hatten sich die Krakestirnen geformt;
die gleichen Kräfte des Gemüts stimmten sich diese Stimmen und Seelen.
Aber der eine ging gern mit der Stunde, ob sie laut war oder leise. Der
andere verhielt sich ihr zu aller Zeit.

In Hamburg machten sie sich einen vergnügten Tag, und es war ihnen wohl
anzumerken, daß ihnen die Buntheit der großen Stadt nach der Ruhe ihres
heimeligen Winkels im Fjord zu einem genußhaften Erleben wurde. Abends
waren sie in St. Pauli. Als sie lange nach Mitternacht in ihr Gasthaus
am Alsterbassin kamen, sagte Do:

»Mir ist, als müßte ich mich nun zum Trocknen auf die Leine hängen;
denn wir sind immerfort durch bunte klingelnde Gewässer gehüpft, ich
habe mich vollgeplätschert bis zu den Scheiteln.«

»O,« sagte Woldemar Krake, »wenn Sie gerade aus dem Examen kämen,
klänge Ihnen das kecke Lied vom Brettl wie Engelsang, und die Spritzer
aus flachen Wässern würden Ihnen zu einem Bade der Wiedergeburt. Es war
ein feiner Tag. Gute Nacht.«

Danach schliefen sie einen fixen Schlaf; denn des Morgens halb fünf
Uhr mußten sie schon auf dem Dampfer sein. Als sie hinkamen, hatten
sie noch alle Nerven voll Klingeling und Gestern und die Lider voll
zerbrochenem Schlaf und standen auf dem Deck herum und sahen, wie noch
rasch letzte Lasten auf dem Dampfer verstaut wurden, und schwiegen sich
an und dachten: es riecht nach Teer.

Aber es war ein schöner Morgen. Dünne Nebel streiften seehin wie
der Rauch einer feinen Zigarette; und aus der Kajüte stieg Duft von
Kaffee und schmeichelte um ihre Sinne eine liebe Verheißung. Die
ward Erfüllung. Darüber gerieten sie von dem taukühlen Rande des
Tages gleich tief in ihre Freude. Und als sie wieder auf Deck kamen,
zerstießen die Türme Hamburgs die gelbgraue Hülle, in der die Stadt
versunken war. --

Am anderen Nachmittage überraschte sie James King an den Toren des
Eldefjords mit den Booten. Es stand ein kleiner Wind aus Westen, mit
dem konnten sie heimsegeln. Gwendolins »Seelenverkäufer« aber hatte
James nicht mitgebracht, und auch nicht sein eigenes Boot. Er sagte, es
wäre leck, deshalb hätte er sich das von Nane Thord ausgeliehen, und
nahm Gwendolin mit zu sich hinein. Nane Thord aber hatte sich indessen
um ein feines Mahl bemüht. So konnte die Ankunft des Doktors Woldemar
mit Nachdruck gefeiert werden ...

Es machte danach einige Mühe, das durcheinandergeratene Werk wieder so
in Gang zu setzen, daß es den alten schönen Schlag der Stunden fand.

Woldemar wohnte nun in dem Zimmer Henrik Toftes. Und mit Ausnahme
von Rolf Krake in der Sägemühle und von James King, der noch in dem
Fischerhaus drüben am Festland saß, hatten sie alle ihr Nest auf Nane
Thords Insel. Da die Nächte früher einfielen, die Nebel dichter wurden,
und das Feuer an den Abenden schon wieder glomm, rückten sie gern um
die Herdstatt zu traulichen Gesprächen.

In dieser Zeit, als der Herbst sich heimlich über die Welt legte,
arbeitete Jockele scharf an seinem Werk über die Flechten und kam über
Tag oft kaum von seinen Mikroskopen. Deshalb fiel ihm die Wandlung,
die sich mit Rolf Krake in jenen Wochen vollzog, stärker auf als den
anderen. Rolf schied sich auch wieder mehr von ihnen ab. Aber wenn
sie zu ihm in ihrer weitoffenen Art davon sprachen, schob er sein
Einsamkeitsbedürfnis auf seine theologischen Studien und Haeckel. »Es
macht mir ein sonderliches Vergnügen, mich darüber hin und wieder
mitten entzweizureißen. Mit dreiundzwanzig Jahren ist der Mensch nun
einmal ein Philosoph.«

»Man muß aber nicht auch die Nächte hindurch philosophieren,« wendete
Do ihm ein, »und es ist zum mindesten nicht notwendig, daß Ihre Lampe
dem Morgen ins Gesicht scheint.«

Eines Abends blieb er länger als sonst. »Ich setze mich neuerdings mit
dem Glauben an die Seelenwanderung auseinander,« sagte er.

»Eine Sache, die Ihnen unbedingt noch gefehlt hat,« scherzte Gwendolin.

»Spaß beiseite,« sagte Hanna, »du hast zweifellos zuvor als Kröte unter
dem Skjoldefoß gesessen oder als Steinkauz in einer der benachbarten
Klippen. Ich habe das neulich ganz genau bemerkt, als wir zu dem Falle
gingen: dein Eulenschrei hui -- huiiihihi war mehr als eine bloße
Nachahmung.«

»Hm,« machte er aus einem lustigen Nachdenken heraus, »die Wanderung
durch den philosophischen Steinkauz fesselt mich gegenwärtig weniger,
sondern vielmehr die Anschauung: die Seelen fliegen nach dem Tode des
Körpers auf den Mond. Dort wohnen sie während des zunehmenden Mondes,
aber bei abnehmendem steigen sie mit dem Regen herab und gehen je nach
ihren Taten in höhere oder niedere tierische Körper ein oder sogar
in Pflanzen.« Solcherart waren die Gespräche, die sie über das Herz
der Nacht hinweg am Herdfeuer auf der Insel führten. James King aber
saß dabei und wunderte sich und sagte: »Vom Geschäft reden die jungen
Deutschen niemals. In England lacht man über sie, und in Amerika nennt
man sie ›~the greenhorns~‹ und füllt das Wort ›~dutch~‹ bis obenhin mit
Verachtung. Ich glaube, es kommt die Zeit, da werden sie es spüren.«
An diesem Abend erfuhr er auch, daß Gwendolin eine Böhmin wäre, und
es kam heraus, daß der gescheite James sich Böhmen als eine Insel im
Ozean dachte. Doch -- er berief sich dabei auf Shakespeare. Gwendolin
nahm sich den Mister James daraufhin in ihrer witzigen und leuchtenden
Art vor. Es wurde so launig, daß sogar Rolf Krake vor Vergnügen seine
Schenkel schlug und Mister James auf allen vieren um den runden Tisch
galoppierte. Er hatte den grauen Anzug an.

Dieses Schauspiel verpaßten Hanna und Woldemar. Gleich nach Rolfs
Mondfahrt waren sie hinausgegangen in die Nacht: sie wollten hören,
ob die Käuze riefen -- dann gäbe es anderes Wetter, und sie müßten die
Kletterpartie auf den Folgefond verschieben ...

Es war eine Neumondnacht voll Klarheit und stiller Sterne und doch so
finster im Schatten der Berge, daß sie sich ganz fest umschlangen. Zu
der Bank im Rohre fanden sie sich aber doch.

»Holla,« rief Woldemar, »es liegt schon einer da!«

Da verfiel Hanna in ein schütteres Lachen. »Ach wo,« sagte sie, »ich
habe vor dem Essen rasch meinen Mantel und das dicke Umschlagtuch
hergetragen. Man konnte doch nicht wissen, ob die Hüllen nötig wären.
Nun, eigentlich brauchten Sie es nicht gleich zu merken.«

Das war das letztemal, daß sie das fremde »Sie« gegen ihn gebrauchte;
denn nun kam eine Stunde ohne Worte. Die war so leise -- das Rohr
hätten sie atmen hören können! Aber sie horchten nicht hin.

Auf einmal knirschte der Kies hinter ihnen. Da wurden ihre betörten
Sinne steil. Dann strich etwas in die Schilfhalme hinein -- aber das
war schon einen kleinen Steinwurf weit weg von ihnen und war dort, wo
das Rohr so dicht stand, daß man ein brennendes Licht hinter dem grünen
Gewebe nicht gesehen hätte. Dann folgte ein leichter Sprung und ein
langes heimliches Gleiten ... Aber auch darüber fiel gleich wieder die
dunkelblaue Stille.

»Du,« flüsterte Hanna, »meinst du, daß Rolf nächtlicherweile Gespenster
suchen geht?«

Da stieg Woldemar auf die Bank, um gegen das Haus zu schauen, und
sagte: »Das Licht im Saal ist ausgetan.« Dann wollten sie von neuem in
ihre liebe purpurne Finsternis versinken. Aber es kam nicht mehr zu
einem tiefen Untergange; denn der Gedanke an den nächtlichen Wanderer
drängte sich zwischen sie. Da brachen sie auf. Und als sie über das
Riff gingen, sahen sie einen leuchtenden Kahn über die Sterne ziehen,
die im Fjord lagen, der wurde von zwei leisen Rudern getrieben. Aber es
war kein Fährmann im Boot.

Es war unheimlich. Da blieb den beiden der Atem stehen, und sie legten
sich der Länge nach auf den Stein und lugten aus. So blieben sie, und
das Gespensterschiff zog her und hin ...

Um diese Zeit klopfte Nane Thord an Gwendolins Tür; denn Gwendolin
schlief Wand an Wand mit ihr. Als sie herauskam, sah sie: die Kerze
zitterte in Nane Thords Hand. »Kommen Sie,« sagte Nane Thord, blies das
Licht aus und führte sie in ihre finstere Stube ... »Da! Da ist das
feurige Boot! Sehen Sie es auch?«

»Ja,« sagte Gwendolin.

»Die Gespenster kommen hier immer im neuen Mond.«

»Je nun, es hängt vielleicht mit Rolf Krakes neuer Erkenntnis
zusammen.« Das verstand Nane Thord nicht; aber das merkte sie wohl:
es lag in Gwendolins Worten ein Spott, der nicht recht zur Blüte kam.
Eine wunderliche Sache war die Erscheinung nun doch. Gwendolin eilte
indessen vor die Schlafzimmertür Dos und ihres Mannes. Die lagen im
ersten Schlummer, und es verstrich eine Frist, bis man sich durch
die Tür verständigt hatte. Jockele schlüpfte in den Kimono, Do warf
sich das Morgenkleid über und ließ Gwendolin herein. Dann öffneten
sie das Fenster, so lautlos es anging -- da sahen sie die Sterne
still und traumhaft auf dem Grunde der Wasser funkeln, aber von dem
Gespensterschiff keine Spur.

Jockele hatte den Revolver aus dem Nachttischkasten genommen und drehte
die Trommel. Es klang ein wenig erregt, aber es gab die Gewißheit, daß
er im Ernstfalle --

Da war's wieder! »Ho!« machte Jockele sehr bedeutend.

»Es ist jetzt anders geworden,« stellte Gwendolin fest, »vorhin war
kein Fährmann darin.«

»Ein Mann ohne Kopf!« flüsterte Do. »Sagt, was ihr wollt -- die Sache
ist nun doch unheimlich.«

Sie sahen den Mann ohne Kopf alle drei. Er saß dort in weißem Linnen;
seine Arme unter der Hülle bewegten die Ruder in geräuschlos langem
Schlag, und zwischen den Schultern konnte man genau die Stelle
erkennen, an der der Kopf abgerissen war: es sah aus, als läge da
noch der Rest eines Bartes, der bei Männern, die ihn tragen, die
Schifferkrause heißt.

»Dies Spiel ist mir zu dumm,« sagte Jockele in einer Anwandlung von
Mannesmut, »ich schieße dem Herrn eine Kugel achtern ins Boot.« Und
»Bumm!« dröhnte der Knall in die schwarze Stille und rannte an den
Bergen herum in hundertfacher Verstärkung. »Nicht getroffen! Noch
einmal!« Bumm! Aber das gläserne Schiff klirrte auch diesmal nicht in
Stücke. Sondern der Mann ohne Kopf schnellte von seinem Sitz in die
Höhe und rief: »Doktor, machen Sie keinen Unsinn! Was soll denn diese
lächerliche Schießerei?«

Natürlich liefen Jockele und Gwendolin nun hinaus und nahmen Nane Thord
und ihre Windlaterne mit. Dann legte James King bei der Klippe an, in
der Henrik Tofte in Stunden der Einkehr sein Frühstück zu verzehren
pflegte, und kletterte am Gestein empor. Von der anderen Seite kamen
Woldemar und Hanna, und Jockele leuchtete das Gespenst zwischen Lachen,
Spott und Verwundern mit der Laterne an: Mister James hatte sich ein
Bettuch über die Schultern geworfen und den Kopf mit einem Pudelfell
verhängt, das war genau so schwarz wie Nacht und Flut und von beiden
nicht zu unterscheiden.

»Ist das nicht ein lächerlicher Spaß?«

»Man kann es so nehmen -- aber auch anders,« sagte Gwendolin ein
bißchen verstimmt. »Je nun: es ist der erste Sieg, den Sie in Ihrem
Leben errungen haben -- lassen wir ihn gelten.«

Mister James gebärdete sich sehr lustig. Aber im Grunde: nach einem
Siege sah die Sache für ihn ganz und gar nicht aus, sondern nach einer
lächerlichen Niederlage; denn er hatte Gwendolin damit eine Gelegenheit
geben wollen, ihn zu lieben. Und zwar hatte er sich den Gang der Dinge
also gedacht: Gwendolins Licht war alle Nacht das letzte im Haus. Wenn
sie es austat und das Fenster öffnete, ehe sie sich zu Bett legte,
sollte sie die Erscheinung bemerken. Weil sie nun ein tapferes Herz
hatte und eine Lust an kühnem Erleben, würde sie nicht schreien,
sondern sie würde sich die Erscheinung mit Teilnahme näher betrachten.
Auf dies »näher« kam es ihm an. Alles übrige gedachte der listige James
der Gunst des Augenblickes zu überlassen ...

So war seine Berechnung. Es war eine umständliche Sache. Aber -- nun
ja, er hatte seit der Flucht Toftes tausendmal vergeblich nach einem
geraderen Wege zu dem wachen Mädchen gesucht: es gab für ihn keinen.

»Mister James,« rief Do aus dem Fenster herab, »wäre es nicht einfacher
gewesen, Sie hätten an Gwendolins Scheibe geklopft?«

»Hm,« sagte er, »da hätte sie mir einen Krug Wasser über den Kopf
geschüttet.«

Dos Frage war keck und hellsichtig. Und das Geständnis des James war
verblüffend. Danach hätte er im Reste der Nacht seine Koffer packen
können. Das tat er aber nicht; sondern am anderen Morgen fand er sich
im Krakesaal zum Frühstück ein und sah aus, als hätt' er nie im Leben
eine Dummheit gemacht. Der begehrten Gwendolin aber schlug das Herz
fortan in schöner Sicherheit, und Hanna und Do lächelten sich so um
den geschlagenen König herum. Der aber streckte die langen Glieder von
sich, zeigte eine lächerliche Wurstigkeit und rauchte Shagtabak.


Einige Tage danach waren Do, Gwendolin und Hanna an Land gefahren und
wanderten mit verschränkten Armen am Ufersaum entlang und sprachen vom
Leben. Sie mußten heute dazu unter sich sein. Do war für Hanna in der
letzten Zeit in allen Stücken die liebe weise Beraterin geworden, und
Gwendolin hörte ihnen in nachdenklichem Frohsinn zu. »Sie reden von
meinem fernen Lande,« dachte sie. Seit der Kunstschule in Weimar war
ihr der Anblick solch einer hoffenden, drängenden und geheimnisvollen
Frauenjugend ganz verlorengegangen. Und auch damals hatte sie abseits
gestanden mit ihrer größeren Begabung und ihrer gefestigten Art; denn
was da in den Malsälen gesessen hatte aus Liebhaberei oder in der
Absicht, sich zu beschäftigen, das hatte Augen, denen das Lebensziel
im Nebel verschwamm. Eine wie Hanna von Fellner war ihr nie begegnet:
die wollte das ganze Reich, in dem sie einmal als Frau einzog, aus
ihren fixen weißen Händen zaubern -- wenigstens alle Feinarbeit daran.
Nun empfing sie Packen weißen Linnens und spiegelnden Batist und
weiße Seide. Sie hatte sogar eine Nähmaschine kommen lassen. Im Haus
auf der Insel klangen die Nadeln stundenlang durch gespannte Tücher
im Stickrahmen; das Wort »Dutzend« spielte eine mächtige Rolle, und
Nane Thord betastete mit Augen und Händen den schneeigen Reichtum
und wunderte sich stumm vor den Herrlichkeiten, die da mit blauen
Seidenbändern zu Türmlein geschichtet wurden.

Aber es war nun einmal so; und die Hanna, die sich immer ein bißchen
obenhin durch ihren Vorfrühling geträllert hatte, rüstete für ihr
Ostern mit einer Tiefgewalt, die altmodisch ausgesehen hätte, wäre
sie nicht so voller Innigkeit gewesen. Deshalb wurde sie einzig in
ihrer Art. Sogar die zärtlichen Jung-Frauenträume der »kleinen Wäsche«
vergaßen sie nicht -- es war ein schweres Exempel. Aber mit vereintem
Scharfsinn bekamen sie auch das heraus und dichteten es gleich für zwei.

Darüber bekam Gwendolin das lange Sehen. Sie mußte schon wieder an das
»ferne Land« denken und sagte: »Ich habe mir ein feines Leben gemacht;
es ist voll Schönheit und Fülle und Freiheit bis oben. Und zuletzt?
Zuletzt gehör' ich doch zu den Menschen, die den Weg verloren.«

»O nein,« sagte Do, »aber du könntest wohl dahin kommen.«

»Liegt das an mir?« fragte Gwendolin.

»Ja,« sagte Do, »in der Fremde an deinem hellen Licht siehst du als
Dämmerung und Nacht, was außer dir ist. Es ist kein Mädchen umworbener
als du. Und ich weiß auch kein Herz, das heißer und genußfroher wäre
als deins. Aber du probierst es nicht, diesem Herzen seine Aufgabe zu
stellen.«

»Das ist wieder einmal eine richtige Do-Rede gewesen,« lachte
Gwendolin, »nun ja, du bist nach Rolf Krake in dem Alter, in dem die
Menschen Philosophen sind. Oder hast du das bei Ibsen entdeckt?«

»Nein,« sagte Do. »Ibsen würde sagen: ›Die Frau soll dem Manne bei
seiner Arbeit und bei seinem Leben helfen, indem sie ihm Arbeit und
Leben leichter macht und indem sie um ihn ist und ihn pflegt‹.«

»So ist es mir handlicher,« sagte Gwendolin. »Ich werde mich daraufhin
einmal ansehen müssen.«

»Ja, tue das,« sagte Do, »es wird dir nicht schaden. Ein Mann ohne Frau
ist ein Halbnarr. Mit einer Frau ohne Mann steht es nicht so schlimm;
aber die Weisheit, daß wir ja doch nicht alle heiraten können, ist ein
windiger Trost, und sie ist von alten Jungfern erdacht als Decke für
ihre greuliche Erkenntnis: ich bin durchs Examen gefallen.«

»Paßt nicht für mich!« erriet Gwendolin.

»Aber du hast auch keinen gefunden, der dich hätte deinem Trotz
abringen wollen. Zuletzt traut dir keiner zu, daß du ihm zuliebe ein
Stück von dir selbst aufgeben könntest.«

Gwendolin dachte an Henrik Tofte und an sein Wort von der Malerei. Das
wandelte sie nun ab und sagte: »Die Ehe ist eine verdammte Kunst.«


So schritten sie froh, nachdenklich und wachsam gegen sich selbst in
Sonne.

Hanna hatte schon wiederholt gegen die Sägemühle geschaut, ob Woldemar
nicht käme. »Ich weiß nicht, warum er uns warten läßt,« sagte sie.

»Nun, er wird eine kleine Ausstaubung an Rolf Krake vornehmen,« meinte
Do, »man wird damit nicht so rasch fertig, wie man denkt. Ich kenne
das. Es gibt in dieser Seele Winkel voll Dämmerungen. Rolf Krake
ist wie eine alte Burg, vollkommen eingerichtet, aber es wohnt ein
Sonderling darin, und neben ihm ein Haufen wunderlich Wesen, wie es
sich in solch einem abseitigen Bauwerk festsetzt ...«

Wenn sie von Rolf Krake redeten, kamen sie so bald nicht los. Es wurden
da immer neue Entdeckungen gemacht, und man gelangte doch zu keiner
Lösung.

»Dazu müßte man Seelenarzt sein oder Schriftsteller, hat mein Jockele
gestern abend zu mir gesagt,« erzählte Do.

»Na ja,« warf Gwendolin ein, »ich sehe Jockele doch noch als Dichter!
Ich kann mir gar nicht denken, daß die trockene Wissenschaft ihn zeit
seines Lebens fesselt.«

»Vielleicht habilitiert er sich einmal in Jena,« sagte Do.

»Aber wenn er des Abends erzählt, dann höre ich doch immerfort den
Dichter,« redete Gwendolin hartnäckig dagegen. »Ich glaube, wenn er
seine Abhandlungen über die Flechten und über die lächerlichen Frösche
geschrieben hat, wird er mal halb wachend, halb träumend zu einem
Romane kommen, etwa mit dem Romfahrer Henrik Tofte als Helden oder mit
Rolf Krake, der Zauberburg. Über die Flechten und Frösche wird er sich
noch zu den Menschen finden ...«

»Jockele auf Seelenwanderung!« sagte Hanna. Sie setzten sich in den
blühenden Rasen und plauderten sich in Ausblicke und Einblicke. Sie
hörten in ihrem Sonnenwinkel an der Hügellehne den Skjoldefoß rauschen
und ahnten sich tief ins Leben. Aber das Entsetzliche, was sich in
diesen Minuten am Fall ereignete, das ahnten sie nicht.

Zwischen dem Fels und dem schäumenden Vorhange der Wasser stand Rolf
Krake auf der moosgrünen Steinplatte und schaute in den Gischt, der um
seine Füße kochte. Er stand dort wie einer, der auf der Wanderung ist
in den Sommermorgen. Vielleicht war er auch von den Bergen gekommen.
Unter ihm quoll es aus Tiefen herauf und brüllte. Vor ihm brach es
aus Höhen herab und schnob. Hinter ihm ragte der tropfende Fels und
barst nicht, und doch donnerte der Bergstrom seit tausend Jahren seine
Allmacht darüber hin. Vor ihm in der Luft hing die zischende Flut,
hing zwischen ihm und der Welt, rückte die Welt weit, weit hinaus:
wenn er seine Füße hob und jetzt schnurgeradeaus wanderte durch diesen
kochheißen eiskalten Vorhang hindurch -- die Welt war für ihn nicht
zu erreichen, mochte er gleich tausend Jahre laufen! So weit weg war
Rolf Krake von der Welt, und so fürchterlich hing die Einsamkeit um
ihn. Er dachte: »Ich will den Weg, der tausend Jahre lang ist, jetzt
wandern. Es wird mich von oben die Gewalt des Stromes fassen und in
die Tiefe werfen. Und es wird mich das Brodeln der Tiefe greifen,
wie der heulende Sturm ein Körnlein Sonnenstaub, und wird mich aus
der brüllenden Finsternis heraufwirbeln und hinab, herauf und hinab.
Hundert Schritte wird mein Herz mitrasen auf der Straße der tausend
Jahre ... liebes Herz, so töricht bist du schon all die Zeit her
gewesen -- ich will dir diesen letzten verrückten Wettlauf ersparen ...«

Rolf Krake redete das ganz laut in die fürchterliche Einsamkeit und zog
den Revolver aus der Tasche.

Da trat Woldemar Krake über den Steig von links in den hohen Dom, der
aus Fels und Flut, aus Donner und blauem Lichte gebaut war. Woldemar
Krake sah die Waffe in seines Bruders Hand, und er sah auch den weiten
Weg in seinen Augen, den er vorhatte.

Rolf Krake aber kniff die Lippen in unsäglichem Hasse zusammen -- die
Felsplatte, auf der sie standen, war von Manneslänge und drei Fuß
breit. Wie tief das Sterben war, das den Stein umbrandete, ermaß kein
Menschenwitz. Und es gab kein Menschenwort, das den tosenden Schlag
der Wasser überschrie -- keine Frage, keine Bitte. Deshalb riß sich
Woldemar Krake zusammen wie ein Tiger zum Sprung: es durfte kein Ringen
geben auf dieser Spanne Gestein, sondern nur ein gewaltiges Umschließen
mit Armen, in denen der Wille des anderen augenblicklich zerbrach ...

Rolf Krake aber dachte: »Es ist doch kein Wahn, daß ich dich hasse!
Wer hat mir das Leben vermauert von Kind an? Du! Wer hat mir den Traum
der Liebe zerpflückt? Du! Wer hat mich vor der Welt und mir selbst zum
Narren gemacht? Du! Und wer kommt jetzt und mengt sich auch in mein
Sterben? Du! Du! Du -- der du ich bist, ich!« Und er warf den Arm mit
der Waffe hoch. Der gekrümmte Finger riß den Abzug durch. Kein Knall
war zu hören. Kein Wölklein Rauch war zu sehen ... Nach dem vierten
Schuß schleuderte er die Handvoll mörderisches Eisen in den Schwall und
sprang durch den Spalt des weißen Vorhangs hinaus. Durch diesen Spalt
war der andere vor einer Minute hereingetreten ...

Noch einen jähen Blick warf er zurück -- das verhaßte Bild folgte ihm
nicht. In einer Bergschrunde klomm er empor, in der im Frühling ein
fußbreites Tauwasser über die Steinstufen sprang. Er rannte immerzu. Er
zog sich an Krüppelkiefern empor. Er kam in eine sanfte Mulde zwischen
den Wänden, da sah er Lona Steensgard, die Tochter der Fischerswitwe
Bolette Steensgard. Sie stand dort in groben Schuhen und in ihrem
schlechten Wollrock, brach Astholz und stapelte es in ihren Korb. Lona
Steensgard lachte und sagte: »Sie können von hier aus gut wieder auf
den Pfad kommen, Sie müssen nur immer ein bißchen links bleiben gegen
den Skjold zu, dann sehen Sie alsbald den Bratthammer ...«

Danach sah ihn niemand mehr, der ihn kannte. --

»Nein,« sagte Hanna, »das finde ich doch unerhört! Woldemar hat
versprochen, in einer halben Stunde wär' er da!«

Gwendolin rieb sich die Hände. »Die unglückliche Ehe ist schon in
vollem Gange.«

Da zog Hanna die Do unter den Wiesenblumen hervor, zerträllerte ihr
Unglück und sagte: »Na warte!« Das galt ihrem Liebsten; denn sie
steuerte nun nach der Mühle und wollte Rechenschaft von ihm fordern.

»Ah, das Spiel schau' ich mir an,« lachte Gwendolin und lief
hinterdrein.

In der Sägemühle fanden sie die Brüder nicht. Ein Arbeiter, der auf
dem Holzplatz war, hatte den ~Dr.~ Krake vor gar nicht langer Zeit den
schmalen Steig zum Fall schreiten sehen. Man konnte diesen Steig von
der Mühle aus aber nur eine kleine Strecke weit überschauen, dann kroch
er hinter Felsblöcke. Also gingen Do, Hanna und Gwendolin hinüber zum
Skjold, und als sie durch den Spalt im Vorhang traten, lehnte Woldemar
Krake dort sitzend gegen die nasse Bergwand und hatte das Gesicht so
tief vornübergesenkt, daß ihm der Hut vom Kopfe gefallen war und auf
seinen Knien lag. Die rechte Hand ruhte flach auf dem Moos und war wie
ein welkes Laub, und es war Blut daran, das aus dem Rockärmel sickerte.

Zuerst standen sie mit ihrem Schreck nebeneinander wie Erscheinungen;
denn sie schrien sich an und hörten sich doch nicht und warfen die
Arme. Hanna nahm Woldemars Kopf in ihre Hände. Dann faßte ihn Do unter
den Armen und Gwendolin an den Füßen, und sie trugen ihn hinaus an
den Rasenrand in die Sonne. Nach einer Zeit erwachte er und lächelte,
weil er die Freundinnen sah. Er hielt Gwendolin am Rocksaum fest und
Hanna an der Hand und sagte: »Geh du auch nicht fort, liebe Do.« Seit
dieser wilden Stunde nannten sie sich alle du. Aber er schloß die
Augen gleich wieder. Da zogen sie ihm den Rock aus; denn sie sahen die
Schußöffnungen in den Ärmeln. Darüber erwachte er abermals und merkte,
daß Do noch hinter ihm stand und daß er an ihren Knien lehnte. »Sollen
wir denn nicht Hilfe holen?« fragte Gwendolin.

»Nein, es ist schon vorbei.«

Da ließen sie ihn wieder auf den Rücken in das Mittagsgras gleiten;
denn sie merkten, wie ihm die Sonne wohltat. »Es ist gut, daß wir an
diesem Platze sind,« sagte er, »es kommt hierher oft tagelang kein
Mensch. Gwendolin, möchtest du mir nicht ein Glas Sekt holen oder
Kognak? Aber du mußt niemandem ein Wort sagen, wie es mit mir steht,
hörst du?«

Während Gwendolin den Steig hinabeilte und hinüberruderte nach der
Insel, fragte er: »Wo ist Rolf?«

»Wir haben ihn nicht gesehen. Hat er dich geschossen?«

Er nickte und schloß die Augen vor dem tiefen Schmerz, der über sein
Gesicht fiel.

»Großer Gott, wie hat denn das geschehen können?« sagte Hanna. Do
winkte ihr, daß sie alles Geschrei vermiede, legte sich den Finger auf
den Mund und gab ihr ein Zeichen. Dann kam Gwendolin mit dem Sekt, und
er trank ein Glas in der Gier eines Verdürstenden. Sie gaben ihm noch
mehr, und danach verlangte er seinen Rock. Sie führten ihn zum Strand
und kamen zur Insel.

Nicht Nane Thord erfuhr von diesen Dingen und nicht James King; der
war an diesem Tag malen gegangen. Sie aber wuschen Woldemars Wunden
und verbanden sie aus ihren Reiseapotheken. Es waren Fleischwunden,
die eine im rechten Unterarm, die andere im linken, oben nahe dem
Schultergelenk. Danach lag er und schlief bis gegen Abend. Jockele aber
war inzwischen in der Mühle gewesen und hatte nach Rolf Krake gesehen
und sein Zimmer unverschlossen gefunden. Da sperrt er die Tür zu und
steckte den Schlüssel zu sich.

Auch am Abend blieben sie im Saal unter sich, sie hatten James gebeten,
sie dies eine Mal allein zu lassen. Do aber war nun auch in der Mühle
gewesen und hatte über Rolf Krake nichts erfahren. Da ging sie in sein
Zimmer; denn er hatte ihr in allen Stücken vertraut und viel mehr als
sich selber. Auf dem Tische fand sie sein Tagebuch, das war bis zu dem
Augenblicke geführt, in dem er von hinnen gegangen war. Den letzten
Abschnitt las sie:

    »Liebe liebste Frau Do -- wenn Sie mich suchen: ich bin die
    Straße gegangen, die tausend Jahre lang ist und noch viel
    länger. Darum werden Sie mich nie finden. Aber denken Sie
    einmal an mich, wenn im nächsten Jahre der Wildrosenbusch
    wieder so schön blüht ... wenn Seelen wandern, dann will
    ich Ihre Güte und Ihr liebes helles Licht umhauchen als der
    Duft von wilden Rosen. Aber auch wenn dieser Glaube närrisch
    ist, wie alles, was ich im Leben tat und träumte, und wenn
    im ewigen Wechsel des Stoffes die Lösung des Rätsels von der
    Unsterblichkeit liegt -- kehren Sie im blühenden Sommer einmal
    zurück zu dem Rosenstrauch am Skjoldefoß! Denn wenn er mit
    seinen Wurzeln aus dem Quell trinkt, der die Straße der tausend
    Jahre umspült, dann trinkt er einen Tropfen meines närrischen
    Lebens, und es wird ein Wildrosenduft daraus. Darum: denken Sie
    an mich, wenn Sie wilde Rosen sehen, Sie liebste Frau!

    Geschrieben in dieser Stunde, da ich auf den Weg trat, der
    tausend Jahre lang ist.

            Rolf Krake.«

»Was er nur mit dem Wege der tausend Jahre meint?« dachte Do. Sie
nahm das Buch und verschloß die Tür. Als sie ein Stück den Hügel
hinabgegangen war, blieb sie stehen und blickte hinüber nach dem
Rosenstrauch; der klemmte in einem Felsenspalt, nahe dem Fall. Es wuchs
graue Flechte an seinem alten Holz, und es war ein borstiges und rauhes
Ding. Aber in jedem Jahr trieb er noch Schosse zu seiner Verjüngung,
und so konnte er an diesem feuchten Standort schon älter geworden sein
als Nane Thord und konnte seine Wurzeln wohl so tief in den steinichten
Grund getrieben haben, daß sie aus dem Kessel der brodelnden Wasser
tranken. »Rolf Krake hat sich in das wilde Bergwasser gestürzt,« sagte
sie, und das Herz erschauerte ihr. Dann ruderte sie zur Insel. Aber
in der sinkenden Nacht fuhr Jockele mit zwei Booten an den Strand und
machte das eine dort fest und legte auch die Ruder hinein -- für Rolf
Krake, wenn er in der Nacht käme und den Schlüssel haben wollte. Dort
lag das Boot drei Wochen. Sie ließen in diesen drei Wochen alle Nacht
ein Licht im Blockhaus auf der Insel brennen, bis in den Tag. Aber Rolf
Krake sah es nicht, und er gebrauchte auch das Boot nicht.

Er hatte mitten in die Sonne getroffen. Es wurde nach jenem Tage nicht
mehr recht hell in Haus und Herzen. Auch Nane Thord hatte ihre Sorgen;
denn sie fühlte: die leiseren Stimmen um sie her hatten ein Geheimnis.
Die Wanderfreude von einst war nicht mehr da. Jockele arbeitete über
Tag in seinem Zimmer, Do und Hanna saßen im Saal und nähten, Gwendolin
war ganz gegen ihre Art versonnen. Und wenn sie sich einmal alle
zusammenfanden, dann mußte Nane Thord an die Schwalben denken, die
sich sammeln, um zu plaudern von dem großen Fluge, der Sonne nach.
Auch James King war traurig. Gerade in den letzten Tagen hatte er
einen Weg zu Rolf Krake gesehen -- es war durch das Gespensterboot
gekommen, und weil er wußte, der Einsame aus der Sägemühle las in den
Werken der Inder; vielleicht neigte er zu allerlei Geheimwissenschaft
und Spiritismus! Das alles lag auch im Wesen des blonden Briten. Aber
vorsichtig, wie er mit sich selber war, hatte er es vor den anderen
verborgen. Von der Tat Rolfs ahnte James auch jetzt nichts. Aber das
mußten sie ihm doch bekennen, daß sie dachten, der unglückliche Freund
wäre im Skjold ertrunken. Eine Stunde danach hatten sie die Gewißheit:
dies wäre nicht der Fall; denn Lona Steensgard hätte ihn gesehen auf
der Wanderung ins Gebirge. Dadurch wurde der Vorgang vom Skjold noch
finsterer. Und auch trostreicher wurde er nicht.


In jenen Tagen trat Kordula Gunkel in den kleinen Kreis. Sie war dunkel
wie ihr Name; und auch ihre Stimme klang, als hätte sie an diesem
Namen abgefärbt. Sie liebte die dunklen Farben in ihrer Kleidung
und war am frohesten in Schwarz, das sie mit halbverdeckten gelben
oder blauen Seidenbändern durchbrach. Fräulein Gunkel trug das Haar
kurzgeschnitten. Sie hatte lange, schmale, sehr weiße Hände, mit denen
sie sich die Locken lässig aus der Stirn zu streichen pflegte. Dann
konnte sie aussehen wie eine Heilige aus der Legende.

Aber eine Heilige war sie eigentlich nicht.

Sie bezog das Zimmer auf Krokengaard, in dem John Williams gewohnt
hatte, malte und komponierte Lieder zur Laute. Wenn ihre weiche
Frauenstimme in Dämmerungen tief und dunkel durch den Krakesaal klang
-- o ja, das war schön!

Und so war es kein Zufall, daß sie über Sommer in einem Waldhaus am
düsteren Songefjord gewohnt hatte. Es war auch kein Zufall, daß sie nun
hier war: Gwendolin kannte sie aus Weimar, wo Kordula Gunkel damals
an der Musikschule studiert hatte. Auch Jockele erinnerte sich ihrer
sehr wohl; aber sie hatte ihn damals besser gekannt als er sie, und sie
hatte zu denen gehört, die die »Erziehung zum Manne«, welche Do dem
Zigeuner Jockele angedeihen ließ, sonderbar fanden. Sie kannte diese
Geschichte nur vom Hörensagen. Nun gehörte das Jockelebuch zu ihrer
Reiseausrüstung -- denn eine Heilige war sie eigentlich nicht. Sie
wollte die Gelegenheit nicht zum zweiten Male versäumen, die berühmte
Do kennen zu lernen, die sich das Glück ihres Lebens baute nach ihrem
Gefallen. Aber das Licht dieser Frau Do brannte nun unter dem Schleier
einer sanften Trauer; und die Märzenklarheit ihrer Augen leuchtete um
kleine Wäsche.

Kordula Gunkel hatte sich das anders gedacht.

»Du bist zu spät gekommen,« sagte Gwendolin.

»Ich komme stets zu spät -- es scheint eine meiner Eigenarten zu sein,«
sagte Kordula. Sie wollte den Winter über in Rom leben oder auch für
immer. Aber Pläne für weithinaus machte sie nicht. Vielleicht war an
diesem Einfall Henrik Tofte schuld; denn Gwendolin redete mehr von ihm,
als ihr lieb war. »Tofte und ich, wir mögen uns gern leiden, aber wir
sind nicht füreinander geboren. Nein, nein. Mit dem gleichen Rechte
könnte man behaupten, du und das große Licht paßten zueinander.«

»Man kann das nie wissen,« sagte Kordula. Sie war so gemessen in
ihren Bewegungen und von so stilvoller Ruhe in ihrem Auftreten, aber
ihre Wirkung auf Gwendolin war ganz anders: Gwendolin wurde manchmal
heimlich lustig vor ihr. Doch ließ sie sich das nicht anmerken, auch
nicht nach dem deutsamen: »Man kann das nie wissen«. Sie wurde darüber
so vergnügt, daß sie nicht übel Lust hatte, mit Kordula an den Tiber
zu reisen. Aber -- dann wäre die Posse ja gar nicht zur Aufführung
gelangt! Nun, vielleicht ging es so: wenn man dem Henrik den Aufenthalt
Gwendolins in Rom verschwiege, bis der Vorhang über dem Spiel zwischen
ihm und Kordula gefallen war?

Gwendolin verwarf auch diesen Gedanken; denn eigentlich war er eine
Nichtswürdigkeit gegen die dunkle Kordula, und am Ende: man konnte doch
vielleicht nicht wissen ... Im Falle Tofte geriet ihr felsenfestes
Vertrauen zu sich selber immer ins Wanken. »Ach, Unsinn,« sagte sie und
lachte, »was will ich denn in Rom, was will ich in Italien? Sie haben
ja keine Luft dort! Sie haben bloß Äther. Es steht da jede Mauer und
jeder Baum so hart darin, daß man sich die Augen wund daran stößt.
Nein, ich kann in Italien nicht malen.«

Kordula sah das gern ein. Auch überzeugte sie sich weiter davon, daß
Henrik Tofte der interessanteste, genialste und schönste Mann war, der
sich denken ließ ...

Einmal nach dem Zwölf-Uhr-Frühstück ging Kordula mit James King zu
der Bank im Rohr. Es schien eine märchengoldene Septembersonne. Sie
sprachen davon, daß Sinsheimers in den nächsten Tagen nach Weimar, der
Doktor Krake und Hanna nach Bonn reisen wollten. Nane Thord hatte der
blonden Marit daraufhin schon den Dienst gekündigt.

Mit Gwendolin hatte James seine Partie verloren -- dabei war ihm
passiert, was man im Schachspiel den »Kälberstich« nennt. Es war
blamabel, es war durchaus blamabel. Deshalb liebte James King nun
die dunkle Kordula -- einesteils um die Scharte mit Gwendolin wieder
auszuwetzen und um den Freunden zu zeigen, was er könne; andernteils,
weil ihm vor der Einsamkeit des Winters graute; und zum dritten: weil
Kordula von dem Gedanken gelockt wurde, Nane Thord als Medium bei
spiritistischen Sitzungen zu benutzen. Nun, dazu gab es an den langen
Winterabenden auf dem Eiland im Fjord ja ausgiebig Gelegenheit. Er
erwog noch einmal die drei Gründe, dann erklärte er Kordula seine Liebe.

Kordula pflegte Lagen, wie diese, gemeinhin ernst zu nehmen, sehr
ernst. Sie zählte vierundzwanzig Jahre, mochte hohe blonde Jünglinge
gern sehen, na und schließlich -- reich war sie nicht, aber sie
brauchte sich für ein Leben, wie sie sich's dachte, auch nicht gerade
etwas zu versagen. Selbst der Weisheit war sie nicht abhold, daß
die Liebe mit der Ehe wüchse. Nur von der freien Liebe schwärmte
sie nicht mehr -- das lag für sie schon weit dahinten und war eine
Übergangsanschauung gewesen.

Den listigen James gereuten die umständlichen Vorbereitungen, die er
an Gwendolin verschwendet hatte. Deshalb sprang er diesmal gleich
mittenhinein in die Sache. Daß ihm die Worte ein bißchen im Munde lagen
wie gequellte Erdäpfel, das inkommodierte Kordula nicht weiter. Auch
seinen eigentümlichen Gebrauch des Wortes »lächerlich« kannte sie, und
sie wandelte es um zu der landläufigen Bedeutung. Und also sprach James
King:

»Well. Ich nehme die lächerliche Gelegenheit wahr, Sie auf den Reiz des
Wintersports aufmerksam zu machen -- er ist in der Umgebung des Fjords
von unausstaunbarem Zauber ...«

»Oh,« sagte Kordula, »im Winter bin ich ja in Rom.«

»Das ist aber kein guter Einfall. Ich habe die lächerliche Hoffnung,
daß Sie das aufgeben; denn ich habe noch kein Frauenhaar gesehen von
dem matten Glanze des ... des ... ~ebony~ ... Na, wie heißt doch gleich
das Holz, das von weit, weit hinter Hindostan herkommt?«

»Von weit, weit hinter Hindostan?« fragte Kordula. Es gehörte zu den
Eigentümlichkeiten Kings, mit dieser geographischen Bezeichnung eine
übergroße Ferne anzudeuten. »Ah, Sie meinen Ebenholz?«

»... des Ebenholzes!« rief er erlöst. »Und Sie haben Augen, schön wie
die Fjordnacht, Kordula Gunkel. Oh, ich liebe diese dunkle Schönheit
an Frauen. Ich denke es mir lächerlich, wenn wir zwei die nordischen
Nächte verleben könnten auf dieser einsamen Insel als Mann und Weib,
von keinem Menschen gestört in unserer Liebe. Und wenn Sie dann sängen,
wissen Sie, und draußen brauste der Sturm, und Ihre lächerlichen Hände
griffen dabei die Saiten der Laute ...«

Eine Heilige war Kordula nicht, ja, sie war so erfahren, daß sie
merkte: diese gefühlvolle Rede hatte sich der listige James in der
letzten Nacht auswendig gelernt. Sie hatte sogar an die Holzwand
klopfen wollen zwischen ihren Zimmern drüben auf Krokengaard; denn
James war bis weit über die Mitternacht auf ihrem Schlaf herumgestampft
in seinen geräumigen Bergsteigstiefeln.

Nun braucht heimliches Erlernen einer solchen Rolle nicht auf eine
Komödie der Liebe zu deuten -- o nein! Und Kordula war ein Mädchen:
sie trat also ihren Glauben, geliebt zu werden, niemals mutwillig
darnieder. Aber vor der gleichmütigen Semmelblondheit, die neben ihr
saß, konnte sie diesen Glauben nicht aufbringen. Deshalb lächelte
sie -- sie lächelte sogar ein bißchen impertinent, lächelte aus der
Genugtuung, daß diesmal nicht sie es war, die zu spät kam. Übrigens
war Gwendolin nicht ganz verschwiegen gewesen, hinsichtlich ihres
Erlebnisses mit dem listigen James. Also nahm Kordula Gunkel einen
Vorschuß auf ihre römische Liebe und sagte: »Es tut mir ehrlich leid,
mein Herr -- aber über mein Herz habe ich nicht mehr zu verfügen.«

»Schade,« sagte Mister James, »ich glaube, es wäre ein sehr netter
Winter geworden.«


Damit waren die letzten Früchte des lieblichen Sommers im Fjord
fallreif geworden. Oder: die Schwalben, die sich in der Mittagssonne
vor der Südwand des Inselhauses versammelten, konnten nun die große
Reise antreten. Nur Gwendolin erwog, ob sie vor den Frost der Julzeit
hinstehen wollte, um der gefrorenen Welt in Filzstiefeln, Pelzen und
Einsamkeit ihren flimmernden Zauber mit raschem Pinsel zu stehlen. Auch
dachte sie, sie könnte sich in diesen stillen Wochen auf mancherlei
Erkenntnisse ein wenig näher ansehen.

Zuerst entflogen Hanna und der Doktor Krake nach Bonn. Im letzten
Augenblick schloß sich ihnen Kordula mit der Laute an. Sie gab ihnen
bis Hamburg Geleite. Am anderen Tage reiste James King -- schach und
matt. Und als auch Do und Jockele ihre Koffer packten, die blonde Marit
mit geröteten Augen half, und Nane Thord mit bitterem Munde sagte,
nun könne sie sich ja schön mit Lars Thord unterhalten -- da sang der
Wind bei Gwendolin um alle Fenster ein Lied, das war sterbenstraurig.
Und weil Jockele und Do so dicht beieinander standen, warf Gwendolin
ihre Arme um beide und sagte: »Kinder, es geht nicht! Ich bin schon
über manch gefährlich finsteren Steg geschritten, aber über diesen
find' ich mich nicht hinweg. In eurem großen Haus am Horn werdet ihr
ein Kämmerlein für mich finden. Oder ich will dicht daneben in dem
Gartenhause wohnen, aus dem der Jockele den Flug in die Sonne getan hat
... Kinder, laßt mich mit euch ziehen!«

Ja, es war Herbst geworden. Auf den Wassern des Fjords schwamm das
Birkenlaub und war goldgelb. In der Schärenflur saßen die Nebelfrauen
und spannen. Es war Herbst.

Am anderen Tage fuhren sie nach Kiel, von da nach Weimar. Dort hatten
sie das schöne Haus am Horn Nummer 17 A gemietet, das in dem Garten
mit den herrlichen alten Bäumen sieht. Sommer und Winter träumen
ringsum traute Märchen, und die Wege sind von silbernem Sand. Dort
war der Jockele vorbeigerannt und hatte sich die Krawatte geknüpft
im Sturmschritt -- damals, als er mit der schlanken Felidora im
Puppenheim des Apfelgartens Geburtstag feierte und darüber ganz
vergaß, daß er des Morgens um acht Uhr vor dem Herrn Professor
Redslob die Einjährigenprüfung ablegen wollte ... Jawohl, dort war er
krawattenknüpfend vorbeigestürmt, und die Frau Stadtrat Meyer stand
in ihrem Wintergarten und sah ihn vorüberflitzen und dachte, der
Jockele hätte eine neue Methode erfunden, sich vom Leben zum Tode
zu bringen; denn daß sich einer im Zweimeterschritt aufhängt, war
ihr noch nicht vorgekommen. Nun, solche und ähnliche Dinge hatte der
Jockele in seiner »Mädchenzeit« angestellt. Aber er brauchte sein
Schuldbuch von damals nicht mit ängstlichen Augen zu durchblättern --
es stand kein Posten darin, deswillen er die Nachbarschaft aus seinen
Frühlingstagen hätte meiden müssen. Darum war es den Dreien nun auch so
heimatlich und tiefbeglückt um die Herzen, als sie durch die Dämmerung
des Septembertages im offenen Wagen ans Horn fuhren. Langsam, langsam
mußten die Pferde treten. Das gelbe Maßholderlaub raschelte um die
Hufe, das Ilmwehr rauschte, die Leutra plätscherte unter der Sphinx
hervor, hinter den Fenstern am Hange waren die Lichter angetan, und
alle Häuslein guckten so lieb mit den hellen Augen zu ihnen herunter
... »Na, Gott sei Dank, daß ihr endlich wieder im Lande seid!«

Am anderen Morgen stand der Herr Doktor Jakobus Sinsheimer schon im
werdenden Licht am Fenster und schaute über die Wipfel des Weimarer
Parks. Sein Glück konnte den Tag nicht erwarten. Er sah Goethes
Gartenhaus durch die herbstlaubigen Hecken lugen -- weiß Gott, dies
ehrwürdige Stück Literaturgeschichte zwinkerte ihm vergnügt zu! Es kam
ein Zug fröhlicher Gestalten klingelnd und doch traumhaft über Anger
und Hecken, alle bunt angetan; und es guckten blanke Augen hinter jedem
Baumstamm hervor. Alles, was ringsum war, kniff die Augen zusammen und
lachte. Da riß der Doktor Sinsheimer die Fenster auf, das Wunder zu
betrachten -- und auf einmal war er wieder der Jockele. Der hob Doris
Rinkhaus auf seine Arme und drehte sich mit ihr herum wie ein Kreisel
und machte holdrio hoho ... »Mensch, Mensch,« sagte die Do -- denn es
war noch ein bißchen morgenkühl um sie; aber innig festhalten an ihm
mußte sie sich doch, sonst hätte er sie zum Fenster hinausgewirbelt --
»Mensch, du bist ja lebensgefährlich, aber du bist doch nun etliche
Jahre älter geworden!« ...

Doch der Jockele hatte keine Zeit, darüber nachzudenken; denn als
ihm die weiße Do entschlüpft war, wippte einer draußen am Gartenzaun
entlang ... Erich Meyer -- mit y, aber nicht verwandt mit der Frau
Stadtrat Meyer ... Großer Gott, das war das einzige Erlebnis der
Weimarer Tage, das dem Jockele durch ein Loch in seinem Gedächtnis
gesickert war! Nicht im Traume war ihm Erich Meyer wieder eingefallen!
Und nun war der der erste, der aus dem glückhaften Schiff leibhaftig
an Jockeles neues Land stieg. Erich Meyer -- wie war denn das damals
gleich? Er nahm das Jockelebuch ... Nein, Erich Meyer hatte sich nicht
verändert: er wandelte mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße
Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und während diese Partie
seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn nach hinten
entschieden hatte, schwangen die langen stracken blonden Haare über dem
Rockkragen von links nach rechts. Er war Musikstudierender gewesen, von
durchschnittlichem Talente, und weil er dazu noch ein Herz von Gold
besaß, so war seine Begabung auch nach der rein menschlichen Seite
fast lebensgefährlich. Der blonde Erich hatte damals ein Stipendium
von dreihundert Mark bekommen, deshalb erwog er die Frage, ob er nicht
umsatteln und sich dem Bankfach widmen sollte ... Nun, Finanzminister
schien Erich Meyer inzwischen ja nicht geworden zu sein. Aber den
lieben weltfremden Idealisten mußte man sich wieder einmal bei Licht
betrachten!

Ach ja, was mußte man sich in diesen neuen Tagen in der alten Heimat
nicht alles betrachten: die Häuschen im Apfelgarten; den Zaun, wo der
Maler Jockele aus dem Tartarus den Berg der Seligkeiten gemacht und
hernach mit dem Grabscheit zertrümmert hatte! Es war seine letzte
Missetat in Farben gewesen. Man ging zu dem Kastanienstamm, in dessen
Rinde die Namen Do und Jo in schlichter, aber unlösbarer Verschlingung
geschnitten waren. Frühling nach Frühling hatte die tiefen Spuren der
Klinge fast zugezogen. Jede Seite des bunten Lebensbuches von damals
blätterten sie um. Aus jeder stieg's wie der Klang einer silbernen
Trompete und schmetterte ihnen in die Herzen -- Leben, o Leben! Liebe,
o Liebe! Jugend, o Jugend! Welch ein herrlicher frohgemuter Kampf war
das gewesen!

Es stand noch alles wie damals. Auch die alten Menschen standen noch.
Die Dame mit den kraushaarigen grauen Hunden begegnete ihnen -- vor
Zeiten waren es drei gewesen, jetzt waren's vier. Sie schlug noch immer
die grüne Stille tot mit ihrem brutalen Pfiff, und sie wogte noch immer
die gemütvolle Baumstraße lang wie ein neapolitanischer Schiffer; aber
ihre Strickmütze war blau. Nur eins war neu geworden: »Haus in der
Sonne« stand in schwarzer Schrift an der weißen Gartenpforte. Oben auf
dem First dieses Hauses in der Sonne war eine Leier. Vor der Tür stand
ein kleiner Junge mit einer roten Zipfelmütze und präsentierte seine
Holzflinte. Und es sang jemand zum Fenster heraus. Hoh! -- Wegen der
Leier und der dunklen Frauenstimme dachten sie an Kordula Gunkel, wie
sie nun römische Schlendertage hielt und doch auf dem Kriegspfade war
... Und das kleine Haus neben dem mit der Harfe stand wie damals auf
den Zehen, lugte rechts über die hohe Gartenmauer und duckte sich nach
vorn hinter grüne Hecken. Und die beiden glückseligen Menschen, die
darin wohnten, saßen in ihrem Fichtenwinkel und pfiffen noch immer ganz
leise auf die Welt. Das mußte doch sehr unterhaltsam sein!

Und richtig, auf dem Heimweg vor der Wildenbruchmauer wippte Erich
Meyer den Pfad entlang! Wie er Jockele und die leuchtende Do und die
gescheite Gwendolin erkannte, erging er sich in einer ehrfürchtigen
Verbeugung und trat hinab auf den Fahrdamm. Er hatte -- im Gegensatz
zu seinen Nachbarn in dem kleinen Hause -- ungeheueren Respekt vor der
Welt.

»Ah, sieh da, lieber Meyer! Wie steht's mit dem Finanzminister?« rief
Jockele und faßte ihn an beiden Händen.

»O,« sagte er, »es war ein Plan Hansens im Glück. Aufgegeben, verehrter
Herr Doktor! Was muß man nicht alles aufgeben in diesem Leben!«

»Na, und was machen Sie sonst, lieber Herr Meyer?« fragte Do.

»Musik, gnädige Frau, ungeheuer viel Musik. Ich gebe Unterricht und
wohne im Haus mit der Harfe -- das spricht sich bequemer, eigentlich
ist es ja wohl eine Leier.«

»Und die haben sie sich als Wahrzeichen dahinaufsetzen lassen?«

»O nein, nicht ich!«

Zwei Herren schritten grüßend an dem fröhlichen Trüpplein vorüber: ein
hochgewachsener junger Mann mit dunklem Vollbart und ernstem Gesicht
war der eine. Es war ihm anzusehen: er war ein Künstler, wußte zu
sinnen und wußte zu schweigen. Ein Licht ging an in seinen großen
braunen Augen, als er Gwendolin erkannte. »Sagen Sie, Herr Meyer, war
das nicht der Porträtmaler Schaffrath?« fragte Gwendolin mit leiser
Verstellung; denn es lockte sie, zu erfahren, was aus diesem tüchtigen
und strebsamen Menschen geworden wäre.

»Ja,« antwortete er, »der Schlachtenmaler. Er hat im Vorjahr ein
Panorama gemalt, in Dresden oder Leipzig -- ich weiß es nicht mehr. Es
heißt: er kann ungeheuer viel.«

»Und der ältere Herr, der bei ihm war?« fragte Jockele. -- »Ein
Gelehrter, der Professor Salzer.« -- »Wahrhaftig, er war's,« sagte
Jockele. »Ich habe ihn vor Jahren flüchtig kennengelernt und habe den
Wunsch, diese Bekanntschaft zu erneuern. Der Professor ist der Mann für
meine Frau,« setzte er scherzend hinzu. Und Meyer sagte: »Es wird nicht
lange dauern, dann ist Schaffrath auch Professor, an der Kunstschule,
und wohl gar Direktor.«

»Ich glaube, er hat sich einmal in meiner Jugend für mich
interessiert,« sagte Gwendolin zu Do.

Darüber mußte Do lachen. »Du +glaubst+? So etwas weiß man doch, wenn
man solch helle Augen hat.«

»O, bei Schaffrath weiß man das nie,« sagte Gwendolin. »Wenn ich mich
recht erinnere, hat man ihn damals nie in Gemeinschaft anderer gesehen,
er pflegte keine Freundschaften, und er war nie im Kaffee. Er hatte
auch keine Erlebnisse mit Frauen -- trotz der Weisheit Jockeles.«

»Vielleicht ist er die Ausnahme von der Regel,« sagte Jockele. »Aber
woher kam dir dann der Glaube, daß er sich für dich interessierte,
teuerste Gwendolin?«

»Nun, er ging nie ohne Gruß an mir vorüber,« sagte sie. »Ich weiß,
das ist damals von den Malmädchen und in der Stadt sehr beachtet und
bemutmaßt worden.«

Sie fanden, daß die Straße zu so bedeutenden Gesprächen nicht der
rechte Platz wäre. Deshalb reichte Gwendolin Herrn Meyer die Hand.

»In einigen Tagen hoffen wir auf Ihren nachbarlichen Besuch, lieber
Meyer,« sagte Jockele.

»O,« sagte der in ehrlicher Bescheidenheit und deutete an seinem
fadenscheinigen Rock hinab, »zuviel Ehre für einen armen Musikmeister.«

»Ach, dichten Sie keine Tragödien, Meyer,« sagte Gwendolin, »bei
Jockeles sieht man das Herz an.«

Erich Meyer war erschüttert. In seiner Dachkammer sank er auf den Stuhl
und dachte: vor ein paar Jahren war er mit diesem vornehmen Doktor
Sinsheimer durch den Park gezogen -- damals war der ein schlechter
Zigeuner gewesen ... »aber ein guter Musikant!« sagte Erich Meyer und
holte einen tiefen Seufzer aus seiner Brust.


Als sie nach Hause kamen, lag da ein Schreiben der Staatsanwaltschaft
in Hamburg an Frau Doktor Doris Sinsheimer. Es war nach der Insel
Nane Thords gerichtet gewesen und nachgesandt worden. Darin stand:
Es befindet sich in Hamburg seit drei Wochen ein junger Mann namens
Rolf Krake in Untersuchungshaft. Er hat sich der Polizei gestellt
und behauptet: »Ich habe meinen Bruder, den Doktor Woldemar Krake,
vor acht Tagen erschossen. Den Ort sage ich nicht: ich nehme an, die
Bluttat ist der Bevölkerung verschwiegen worden, die ich durch eine
Untersuchung an Ort und Stelle nicht beunruhigt sehen mag. Ich glaube
auch nicht, daß außer mir ein Mensch von dem Verbrechen weiß, da mein
Bruder im Augenblick seines Sterbens in eine unergründliche Tiefe
versunken sein dürfte. Man wird ihn vermissen, aber man nimmt wohl an:
er und ich haben sich heimlich von unserem damaligen Aufenthaltsort
entfernt -- ich weiß es nicht. Ob ich die Tat mit Überlegung und bei
vollem Bewußtsein vollbrachte, kann ich nicht genau sagen. Ich bin
mit der Absicht zu dem Tatorte gekommen, mich selbst zu töten. Es ist
wahrscheinlich, daß der Mord die Folge eines psychologischen Vorgangs
ist, den ich nicht in vollem Umfange zu erklären vermag.« Weiter stand
in dem Schreiben: Es stimmen alle Angaben Rolf Krakes über seine
Herkunft und seinen Bildungsgang. In Kiel, wo er zuletzt Student war,
ist er auf Reisen ins Ausland abgemeldet, ohne nähere Bezeichnung des
Aufenthaltsortes. Er hat Frau Doris Sinsheimer angegeben als diejenige,
welche den von ihm erwähnten »psychologischen Vorgang« mit größerer
Sicherheit darstellen könnte als er selbst. -- Do wurde aufgefordert,
aus dem Auslande zunächst einen schriftlichen Bericht an die Hamburger
Staatsanwaltschaft zu senden.

Die Erregung über diese Botschaft glich einer totalen Sonnenfinsternis:
sie brachte eine bleierne Schwere, die den Atem beengte, aber sie ging
rasch vorüber. Sie wich der freudigen Genugtuung, daß dem unglücklichen
Freund ein großer Dienst geleistet werden konnte.

»Wie hab' ich ihn gequält, damals, ehe ich dem Rätsel in ihm auf den
Grund kam: dem Weg des Hasses gegen sich selbst, in dem eine Stelle
ist, an der immer Woldemar Krake auftaucht und für ihn zum Träger des
Hasses wird ...«

»Sage: ein Blitzableiter an der höchsten Stelle des Hauses, der
den Funken auf sich zieht,« warf Jockele ein. Dann begab er sich
in sein Arbeitszimmer, schrieb einen langen Bericht und nahm darin
das eigentümliche Räderwerk dieser Seele auseinander und setzte es
kunstgerecht wieder zusammen. Es wurde darüber Abend, es wurde Nacht,
und es graute der andere Tag: es war ein Buch geworden, das Jockele
verfaßt hatte. Darin fand sich alles geschildert, was sich am Skjold
ereignet hatte, wie sie den Verletzten mit zwei Wunden gefunden, die
so leicht gewesen waren, daß nicht einmal alle des kleinen Kreises
Kenntnis von dem Vorfall erhielten. Es war die jetzige Wohnung
Woldemar Krakes angegeben; es war das Verhältnis Rolfs zu den Freunden
geschildert und die Eigenart seines wissenschaftlichen Interesses; es
waren Auszüge aus seinem Tagebuch beigefügt, und es wurde der Tatort
mit Anschaulichkeit gezeichnet, dessen Lage in Rolf Krake die Meinung
erweckt hatte, der Bruder wäre in den schäumenden Wassern versunken.
Über den seelischen Druck, unter dem Rolf seit den Tagen des Knaben
gelebt hatte, über die Ursachen und das Wachstum dieses Druckes
gelangte Jakobus zum Letzten und Schwersten: zu der Darstellung des
psychologischen Vorgangs im Augenblick der Tat -- Rolf sieht sich von
seinem Bruder verfolgt, wiewohl er es selbst ist, der sich verfolgt;
im Grunde hat er die Liebe zu Hanna von Fellner längst überwunden --
zuletzt vielleicht, weil er sich sagte: sie wird sich ja doch für den
Bruder entscheiden. Und dennoch benützt er diesen Verzicht als Vorwand
zu seinem Selbstmord: er richtet die Waffe gegen sein Herz. Als er
schon den Daumen um den Abzug krümmt, wird er von dem Bruder gestört.
Wiederum von diesem Bruder, der ihm, seiner Meinung nach, den Weg
zu Glück und Leben vermauert -- soll ihm von dem nun sogar der Weg
zum Sterben verwehrt sein? ... Undurchdringlich sinkt die Finsternis
des Hasses in ihn. Vier Kugeln sendet er nach dem Bruder und -- hat
eigentlich auf sich geschossen: das mörderische Blei galt dem eigenen
Spiegelbilde! Keine Eifersuchtstat, keine Rache, keine perverse Lust
an fremdem Blut, nichts von Mordgier, nichts von Gemeingefährlichkeit
-- sondern: ein »psychologischer Vorgang«, dessen Entschleierung die
Aufgabe des Seelenarztes ist ...

Im Oktober reiste Do mit ihrem Manne zur Verhandlung vor dem
Schwurgericht nach Hamburg. Woldemar hatte die Aussage verweigert, er
war nicht da. Die Begegnung mit seinem Bruder sollte vermieden werden.
Do wiederholte in ihrer klaren klugen Art, was sie von Rolf Krake wußte.

Die Volksrichter sprachen ihn frei.

Er verließ das Gerichtsgebäude mit Do und Jockele, war nicht fröhlich,
war nicht traurig, und sagte: »Die große Einsamkeit, die in diesen
Wochen um mich gewesen ist, war sehr wohltätig. Kommt, wir wollen unter
viele fremde Menschen gehen, wo es einsam ist. Und wir wollen nicht von
gestern reden, sondern von morgen.«

»Was wollen Sie denn morgen tun?« fragte Do.

»Ich will in den Hardanger Fjord reisen und auf Nane Thords Insel
wohnen,« sagte er.


Es wollte Abend werden. Oktoberabend. Der Sommer hauchte von
irgendwoher in die Dämmerung unter den Bäumen am Horn, und aus dem
gefallenen Laube dufteten Veilchen. Da gingen Do, Gwendolin und Jockele
mit verschränkten Armen auf den Wegen des alten Gartens. »Mir ist,
als wäre die Geschichte der Sturmschwalben noch nicht zu Ende,« sagte
Gwendolin. »Es ist da wohl noch ein langes merkwürdiges Kapitel, das
heißt ›Rolf Krake‹ ...«

»Und du wärest darauf gespannt?« fragte Do.

»Vielleicht war es nur eine Überleitung von mir,« gestand Gwendolin,
»es sind ja auch drei Sturmschwalben nach Rom verschlagen worden. Ich
denke mehr an die, als mir lieb ist. Ich habe merkwürdige Ahnungen.«

»Ahnungen!« sagte Jockele, »Henrik Tofte ist ein Mensch, an dem jede
Berechnung zerschellt und vor dem auch jede Ahnung in tiefe Finsternis
gerät.«

»Darum flattern die meinen wie Fledermäuse. Ich glaube, es geht ihm
nicht gut.«

»Natürlich wird es ihm nicht gut gehen. Pah, was gilt das ihm! Fällt
ihn heute der Teufel an, so stellt er ihn auf den Kopf, und es wird
morgen der liebe Gott daraus. Er mißt sein Schicksal immer so, daß nie
ein richtiges Unglück herauskommt. Na und schließlich: er weiß uns ja
zu finden.«

»Niemals!« sagte Gwendolin. Dann verscheuchten ihr Do und Jockele
die Fledermäuse und wurden alle drei lustig an Henrik Tofte, der
so lang war, daß er immer ganz vergnügt oben herausragte, wenn ihn
sein Schicksal gleich einmal in recht tiefes Wasser warf. »Er hilft
sich selbst,« sagte Jockele, »und Rolf Krake hilft sich auch selbst,
man muß ihn allein lassen -- lebensgefährlich ist das Leben nur für
Erich Meyer. Erich Meyer ist ein Mensch, der sich seit zehn Jahren
in einemfort aufrichtet. Aber er hat gleich eine Waffe zur Hand, mit
der er sich ebenso unausgesetzt niederschlägt: sein goldenes Herz.
Ich wette, ehe er in die Dachkammer dieses Erholungsheims geraten
ist, hat er dreimal sein Bett verschenkt. Und den Stuhl, für den er
einmal das Geld besaß und verschenkte, den hat er sich bis heute nicht
angeschafft. Aus lauter Bescheidenheit geht er jetzt einen anderen Weg
zur Stadt, nur damit er nicht durch unsere Tür gerät. Do, liebste Do,
dieses Märchen mit dem Goldherzen könntest du zu einem vernünftigen
Ende dichten!«

»Nun, und du?« fragte Gwendolin. Da setzte Jockele ein geheimnisvolles
Gesicht auf. »Ha!« sagte er, »ich glaube, ich bin durch die Erlebnisse
des Sommers ein bißchen aus dem Sattel gekommen« -- er klopfte
Gwendolin sanft auf die Achsel -- »du, mir scheint, ich stehe wieder
einmal am Zaune des Tartarus, um auf den Berg der Seligkeiten zu
steigen! Seit ich mich schreibenderweise in die Rätselseele Rolf Krakes
vertieft habe, sind mir Flechten und Frösche eine etwas trockene
Materie geworden.«

Gwendolin schloß ihn in komischer Rührung in ihre Arme. »Hurra! Meine
Ahnungen! Meine Ahnungen!«

»Es ist wahrhaftig so,« sagte er, »das Beste hab' ich dem Hamburger
Gericht nämlich gar nicht aufschreiben können -- na, nennen wir es mal:
den Ertrag des spekulativen Denkens. Es sind seit jenen Tagen allerhand
Lockungen da, zum Beispiel Henrik Tofte. Seht, diesen Menschen möcht'
ich mal aufschreiben; den möcht' ich mal auf einem Haufen Papier zum
Bilde Gottes erschaffen, zu dem er sich selbst nie erschaffen kann!
Ich gehe seit einigen Tagen in einem wunderlichen Zustand umher: als
Gelehrter dacht' +ich+ -- jetzt denkt es in mir; als Gelehrter schrieb
+ich+ -- jetzt aber fängt es in mir an zu schreiben ...«

»Wie es in mir malt,« unterbrach ihn Gwendolin lachend.

»Ja, so wird es wohl sein.«

»Ich finde, es ist bei uns immer ungeheuer viel los,« sagte Do,
»Gesellschaften will er geben, dichten will er, Erich Meyern wollen wir
einrichten, die Tante Veronika soll kommen ...«

»Ach, Teufel,« machte Jockele, »da müssen wir das Dichten und den
ersten Gesellschaftsabend doch noch aufschieben! Aber bereiten werden
wir Haus und Herzen für beides; denn das mag Tante Veronika gern
leiden.«

Also gingen sie ans Werk und sannen ein Zimmer nach dem anderen, sannen
das ganze Haus in seiner Einrichtung um, wie es ihrem Wohlbefinden
und ihrem anderen Geschmack entsprach. Das hatte gleich in den ersten
Tagen geschehen sollen, aber die waren ja voll gewesen bis zum Rande.
Doch nun waren sie in Schwung, stellten einen großen Rumor an,
wirbelten zwischen dem Diener Fritz und einigen Handwerkern, wirbelten
zwischen der Köchin und dem Zimmermädchen herum und fanden das nach
den mannigfachen Erschütterungen der Gemüter äußerst beruhigend.
Zuletzt kamen der Wintergarten auf der einen und die Vorhalle mit dem
Treppenaufgange an der anderen Seite daran. Im Wintergarten hinter
den doppelten Scheiben wirkte Do. Sie schuf ein liebliches Wunder
aus Palmen, Grün und Blumen und dem Strahle des Springbrunnens, der
nun klingend über Kristall fiel. In der Vorhalle ließen Jockele und
Gwendolin schön geschnittene Säulen aus Lorbeer wachsen, und auf den
Trägern vor der Treppe glühte das Licht in Schalen aus buntgewürfeltem
Glas. Es war schön und heimelig -- beides.

Erich Meyer war der erste, der kam -- glücklich und unglücklich wie
stets im Leben. Vor dieser neuerschaffenen Welt verzagte ihm das Herz.
Zum Glück hatte Gwendolin seinen Schatten in der Dämmerung durch die
Gartenpforte huschen sehen; weil sie danach im Hause nichts von ihm
hörte, ward sie von einer Ahnung getrieben -- und wahrhaftig: da stand
Herr Meyer in der Vorhalle zwischen den Lorbeersäulen und den stillen
dunklen Bildern der Wände und den Glasschalen, die aussahen, als wären
sie mit leuchtenden Steinen gefüllt bis oben hin -- ja, da stand Erich
Meyer, hatte beide Hände auf sein goldenes Herz gepreßt und träumte, er
erlebe ein Märchen ... denn über den Hintergrund seiner Erinnerung zog
er selber mit Jockele dem Zigeuner.

»Na, Meyer!« sagte Gwendolin in ihrer lustigen Art.

»Ach, Fräulein Gwendolin, Fräulein Gwendolin ... kann ich denn da -- --«

»Natürlich können Sie! Kommen Sie nur.«

»Wie glücklich, daß ich gerade Sie hier treffe! Man ist doch gleich
viel mutiger.«

Dann saßen sie in dem Zimmer mit den braunen Ledersesseln -- Do, Jo,
Gwendolin und Erich Meyer -- und tranken Tee. Erich Meyer brauchte zwar
geraume Zeit, sich an dem Gedanken aufzurichten, daß diese lichten
frohen Menschen das Herz ansähen; dann aber beteuerte er: diese Stunde
wäre das tiefste Erlebnis in seinem Dasein. Das kam auch daher, weil
sie ihn alle drei gleich in Reparatur nahmen. »Wir wollen durchaus
einen richtigen jungen Mann aus Ihnen machen, Herr Meyer,« gestand
Gwendolin.

»O,« sagte er. Es klang dankbar und wehmütig.

Und Do dachte: die Zahl der Sturmschwalben unter den Menschen ist
nicht zu zählen -- der eine treibt's so, der andere anders -- aber
Sturmschwalben sind sie fast alle ... zu leicht zum Gleiten am Grund,
zum Fluge zu schwer, Sturmschwalben, wo nehmt ihr den Mut zum Leben her?

Gwendolin schoß Leuten gegenüber, wie Meyer, gern ein bißchen über das
Ziel. Sie konnte sich nicht helfen: sie fand ihn komisch. Und wenn sie
gleich jeden Satz mit »lieber Meyer« begann, so lag darin zwar ein
bißchen warmes Mitleid, aber der Spott schwamm oben darauf und deckte
das Mitgefühl zu.

Der Musikant war empfindsam, aber die Empfindlichkeit hatte er vor der
Welt verlernt; denn mit Spott begegneten ihm sogar Menschen, gegen die
er in jeder Beziehung ein bedeutendes Licht war. Wie eine Blume, die
im Schatten blüht, wandte er sich Do zu. Da merkte Gwendolin, daß sie
und auch Jockele in dieser Stunde nicht am rechten Platze wären, und
sie sagte: »Lieber Meyer, den Doktor und mich beurlauben Sie wohl für
heute; wir haben im Büchersaal noch alle Hände voll zu tun.« Damit
preßte ihn Gwendolin mit sanftem Druck in seinen Sitz zurück; denn der
arme Musikant schickte sich gleich in tiefer Betretenheit zur Flucht.

»Gnädige Frau, ist es wirklich wahr, daß ich gern bei Ihnen gesehen
bin?« fragte er, als er mit Do allein war.

»Ganz gewiß,« sagte sie in ihrer leuchtenden Art, »und nicht nur, weil
wir nebenan einen sehr schönen Blüthner stehen haben, für den wir drei
viel zu unmusikalisch sind.«

»O, wenn ich Ihnen mit meiner bescheidenen Begabung Freude machen
könnte ...«

»Ja, das können Sie,« lächelte Do. »Was meinen Sie zu einem kleinen
musikalischen Tee, immer an Donnerstagen von Fünf bis halb Sieben?«

Es fiel ein Sonnenregen über Erich Meyers Herz. Dann saß er draußen an
dem Blüthner, nur für zwei dankbare flüchtige Minuten -- da regnete es
immer weiter, und es war zu sehen und zu hören, welch selige Erquickung
diesen armen Menschen segnete. Er dachte, er wäre zu schlecht, der
schlanken lichten Frau die Hand zum Abschiede zu bieten. Da reichte sie
ihm alle beide und sonnte ihre Güte noch einmal über den Rausch seines
Glückes. Und dann stand draußen in der Vorhalle der Diener Fritz und
öffnete ihm die Haustür und hatte eine herrlich weiße Krawatte vor --
»So lange haben Sie auf mich gewartet?«

»O nein,« lächelte Fritz und machte eine tiefe Verbeugung vor dem armen
Musikanten. Der aber flog auf breiten Flügeln davon und flog in den
abenddunklen Park, in dem die Herbstnebel schwammen. Wunder Gottes,
Wunder Gottes, es wurde immer heller um ihn. Juhu! --


Wieder nach ein paar Tagen waren Haus und Herzen fertig. Da kam Tante
Veronika aus Ibenheim am Walde. Aber diesmal kam sie im Wagen, und Do,
Jockele und Gwendolin hatten sie am Bahnhof erwartet. Sie ging noch
immer an dem gleichen gelben Krückstock, und sie trug noch immer einen
Kapotthut mit veilchenfarbenen Bindebändern und trug die cremefarbenen
Handschuh. Und sie hatte den Umhang mit sanft flimmerndem Jett über den
Achseln, hatte noch die klaren Augen, und die weichen Wellen des Haars
um Stirn und Schläfen, und sie sah noch immer so schmuck und fein aus,
als hätte sie der liebe Gott aus seinen Sonntagshänden gerade erst auf
die Erde gesetzt. Ihre Seele tat einen Rundblick aus den blankgeputzten
Fensterlein unter der Stirn und erkannte: es ist alles gut. Aber
Do mußte ihr schon im Wagen gegenüber sitzen; denn die Do war ihres
Glückes Erfüllung. Und ihr mußte sie immer einmal aus dem heimeligsten
Winkel ihres Herzens zublinzeln; das hieß: »Wir zwei, wir haben ihn aus
dem Walde gezogen.«

So kamen sie heim. Erich Meyer war ein Fremdling in diesem Hause
gewesen -- Tante Veronika paßte allenthalben: wie eine blühende Pflanze
auf den Geburtstagstisch oder an das helle Fenster. Aber als sie durch
die schönen ruhevollen Zimmer geschritten war, in der die Jugend einer
anderen Zeit mit so viel Klugheit und Hingebung gewaltet hatte, da war
ihr doch: der liebe Gott stünde an der letzten Türe, lachte sie aus
seinen Himmelsaugen an und reichte ihr einen schönen Strauß aus gelben
Rosen, die sie vor allen liebte; und sie machte ihm einen respektvollen
Knicks. Dann aber preßte sie Do gleich ihr liebes gerührtes Gesicht ans
Herz --: »O, laßt mich nur weinen; gäbe es denn ein reineres Glück, als
in Freude zu weinen über seine Kinder?«

So waren sie durch innige und frohe Stunden beieinander, diese
drei Menschen, von denen Henrik Tofte gesagt haben würde: »Es ist
unheimlich, an ihnen der Besinnlichkeit des Schicksal nachzuspüren, das
man gemeinhin gedankenlos nennt.«

Daran dachten sie und belustigten sich über die Maßen, denn es lag
auf dem weiten klaren Wege, von der Schwelle des Zigeunerfindlings
an bis zu dieser Stunde, nichts, als was von tüchtigem und klugem
Menschenwillen an seine Stelle geleitet worden war.

Tante Veronika blieb drei Tage, blieb genau so lange, daß sie sagen
konnte: »Nun hab ich auch diesem Abschnitt eures Lebens kennengelernt,
und es ist mir, als wäre ich stets um euch gewesen.« Gleich an dem
Abend, an dem sie wieder in ihrem Ibenheimer Stübchen saß, geleitete
Mali den Herrn Peter Squenz herein, den früheren Gemeindevorsteher, der
nun ein sehr alter Mann geworden war; denn Herr Peter Squenz verlebte
seine Ruhejahre in dem »Wunder«, das an dem kleinen Zigeunerjungen
geschah. Er sagte, es wäre unausstaunlich -- hätte er denn sonst seine
schwarze Schirmmütze in der Hand behalten, während er mit dem Doktor
Sinsheimer gesprochen, als sie damals alle nach Bonn reisten? Tante
Veronika und Herr Peter Squenz waren gute Freunde geworden, o ja, aber
vor seinem Wunderglauben funkelte sich die alte Dame in einen lustigen
Spott.

Doch Herr Peter Squenz war nicht der einzige, der sich an dem Märchen
ergötzte, das sich da durch die nüchterne Gegenwart lebte. Es waren
noch die hundert Leute um ihn her, die der Tante Veronika vor etlichen
zwanzig Jahren hatten weismachen wollen: wenn der kleine Zigeuner erst
mal ein großer Zigeuner geworden, dann würde er im Walde von Ibenheim
ein Räubergeschäft aufmachen!

Und da war auch noch das Zinzilein im Forsthause weit draußen vorm
Berge der Frau Venus. Das Zinzilein hatte dem Jockele an seinem ersten
Lebenstage das samtige Fellchen auf seinem Kopfe gebürstet und den
kleinen Menschen im Puppenwagen spazierenfahren wollen. Nun war eine
blonde hüftenfeste Frau Försterin daraus geworden, die selber ein
ganzes Haus voll lebendiger Puppen hatte. Daneben hätschelte sie die
liebe Frage: ob der Jockele mit seiner lichten Frau Do wohl einmal
leibhaftig in ihr sehnsüchtiges Herz scheinen würde? O, das gäbe für
dies Herz und seine Waldeinsamkeit einen großen Tag!

Und da waren noch andere, die mit ihren Gedanken die hochgemuten
Menschen suchten, die sich unter den alten Bäumen am Horn so wegsicher
vorwärtslebten ins Leben; denn Jockeles »Mädchenzeit« kannten sie
nun alle. Und in ihrer Geschäftigkeit dichteten sie das kleine rote
Jockelebuch auf eigene Faust weiter zu einem dickleibigen Lexikon;
denn sie wußten ganz genau: es wäre ihnen in dem kleinen Buche
aus triftigen Gründen manches verschwiegen worden, und just das
wäre das Interessanteste. Was darüber hinaus passierte, wollten
sie nun auch wissen; denn sie meinten, das wäre genau so bunt und
springlebendig und schmeckte so nach Champagner wie die Geschichten
aus dem Pflaumenwinkel. Deshalb war der Stufensteig, der vom Horn an
Goethes Gartenhaus vorüber hinabführt in den Park, seit dem Tage ein
heftig gesuchter Spaziergang für die Weimaraner, an dem es ruchbar
wurde, Sinsheimers wären wieder im Lande. Die Gymnasiasten, die am
Zaune vorübergingen, hinter dem der Jockele dem geheimnisvollen
Augenaufschlag seiner Dichterseele zuschaute, erzählten sich von ihm
und sagten: »Es ist eine großartige Sache!« Und damit fanden sie genau
die gleichen Worte, die dem Zinzilein vor dreiundzwanzig Jahren aus
seinem kleinen Munde gestolpert waren, als es dem Herrn Peter Squenz
berichten sollte: droben bei der Tante Veronika wäre ein kleiner
Jockele angekommen.

Etliche von diesen vielen waren in der sehr freundlichen Lage, die
Geschichte mitzuerleben, die sie »Jockele und seine Frau« nannten,
schon lange bevor sie aufgeschrieben wurde. Es war aber nicht ganz
leicht, in diese freundliche Lage zu kommen. Man durfte nun nicht mehr
durch die Türen fahren wie vor ein paar Jahren im Pflaumenwinkel --
nein, denn schon die eiserne Gartenpforte war verschlossen. Das deutete
weder auf einsiedlerische noch auf menschenfeindliche Neigungen,
sondern es hing mit jenem Augenaufschlag der Dichterseele zusammen. Das
schien ein äußerst geheimnisreicher Vorgang zu sein. Ja.

Hinwiederum gab es Abende, da strömte das Licht in goldenen Strömen
bei Sinsheimers aus allen Fenstern, da sausten die Wagen durch die
herbststille Baumstraße, da kamen elegante Herren und funkelnde Damen;
denn es war bei Sinsheimers angeregt, klug, heimelig, und es blühte da
eine Art, die sich nicht nachmachen ließ, weil sie außerhalb dieses
Hauses eben nicht wuchs. Das war das Werk Dos. Und die blonde Frau Do
war der helle Stern, der in jenen Tagen über dem Herzen Deutschland
aufging. Sie war leuchtend, innig und schön. Aber verführerisch schön
war Gwendolin. So standen sie nebeneinander: fröhliche Geistigkeit
die eine, beseelte Sinnenfreude die andere. Die eine sonnig von Augen
und Antlitz wie Märzhimmel -- und sie konnte auch so kühl sein,
wenn sie merkte, sie begegnete leerer Neugier --, die andere bald
von träumerischer Melancholie, bald ein lachendes leichtgeschürztes
Mädchen. Die eine liebte die geistreiche Unterhaltung, die andere
wich einem galanten Flirt nicht aus; aber auch wo sie nur schelmische
Zuschauerin war, begegnete sie sich mit Do und Jockele in dem Wunsch,
einen Kreis erlesener Freunde um sich zu sammeln. Der blonde Graf
Metting nannte das: »Frau Dos graziöse Kunst geistiger Geselligkeit.«
Aber als wüßte er, daß er diesen Forderungen nicht allenthalben
standhalten konnte, war er besorgt, sich durch seine frohe Laune
unentbehrlich zu machen. Er war es auch, der für Gwendolin den Namen
»Herzogin von Urbino« erfand. Die war die Freundin jener Isabella
d'Este, die man in den Salons der Renaissance »+la prima donna del
mondo+« genannt hatte. Und so machte Graf Metting in diesem Namen auch
vor Frau Do eine ritterliche Verbeugung, mochte er nun für Gwendolin
ganz passen oder nicht -- was lag ihm daran? Da legte die neue Herzogin
von Urbino den Finger längs der Nase -- von der träumerischen
Melancholie, die sie aus dem Fjord mitgebracht hatte, war dabei nichts
zu merken -- und taufte ihn Fra Mariano. »Man ist hier unheimlich
gescheit,« sagte Metting, »denn man ist noch gescheiter als ich!« Damit
rettete er für sich die Lage, und Gwendolin erklärte ihm: erstens wäre
Fra Mariano der bestgelaunte und schlagfertigste Gesell am Hofe Leos
des Zehnten gewesen, und zweitens hätte er niemals Damengesellschaft
gesucht ... also passe dieser Name für ihn in jeder Hinsicht.

Abneigung gegen Damengesellschaft -- es war kostbar! Und bei dem »Fra
Mariano« blieb es.

So war auch der Scherz artig und funkelnd. Und dennoch: Fra Mariano
hatte seine liebe Not; da war nämlich noch der Schlachtenmaler Richard
Schaffrath, ein stolzer ritterlicher junger Mann mit dunklem Vollbart
und nachdenklichen Augen. Wie Frau Do war er kein Freund lärmender
Feste. Er war in sich gekehrt, in allen Dingen das Gegenstück zu
dem Grafen Metting. Anderswo spielte er gern den philosophischen
Eckensteher; in diesem Hause gab's dazu keine Gelegenheit. Man
beachtete ihn hier sehr, und er erschien allen in gleicher Weise
anziehend. Und da war drittens noch Henrik Tofte -- er war zwar nicht
leibhaftig anwesend, aber: die Welt ist eine Nußschale; und so dauerte
es gar nicht lange, da hatte Fra Mariano das große Licht entdeckt,
das im Lande der Mitternachtssonne um das größere Gwendolins gekreist
hatte. Natürlich war daran Kordula Gunkel schuld, die ihre Berichte von
römischen Schlendertagen an Weimarer Freundinnen sandte.

Der Schlachtenmaler aber nannte Gwendolin »Flämmlein«; zuerst nur in
den Erwägungen, die er wegen ihrer Wildrosenschönheit mit sich selber
anstellte; dann auch vor den anderen.

So war jedes Zusammensein farbig und abwechslungsreich, und Frau
Do bildete die reizvolle Vermittlung zwischen den Menschen von
verschiedenster Art, die sich in ihrem Hause fanden.

Als im Februar -- in Rücksicht auf das große Frühsommerereignis
-- die Gesellschaftsabende aufhörten, war die Welt für viele um
ihren lieblichsten Glanz gekommen. »Was machen wir nun?« fragte Fra
Mariano Gwendolin verzweifelt, als er ihr im Park begegnete. -- »Wir
arbeiten und halten Einkehr,« sagte sie; denn sie wußte, das waren
zwei Dinge, mit denen sich Graf Metting sein Lebtag nicht gern befaßt
hatte. Er gehörte auch nicht zu jenen, die an den Donnerstagen zu dem
musikalischem Tee geladen waren. Dazu versammelten sich nur wenige,
nur die Intimen des Hauses. Vor allen: der Literaturprofessor Salzer,
ein älterer Herr mit grauem Vollbart und einer Hornbrille mit großen
Rundgläsern. Er galt als Sonderling. Von ihm stammte das Wort: »Um
von den Menschen dieser Zeit als Sonderling verrufen zu werden, dazu
gehört weiter nichts als Natürlichkeit.« Er hatte viele tüchtige
literarische Werke verfaßt, um die sich sein Zeitalter nicht kümmerte.
Nur ein einziges Mal hatte er die nähere Umwelt in Erregung versetzt.
Wenn er arbeitete -- und das tat er in der Regel -- war er nämlich
sehr empfindlich gegen jedes Geräusch. Er hatte in allen bewohnbaren
Einsamkeiten in und vor der Stadt sein Nest gebaut, aber stets war für
ihn etwas zu wünschen geblieben, was er sich unmöglich versagen konnte.
Vor allem liebte er des Tags einmal eine reich besetzte und vornehm
ausgestattete Tafel; dazu ein Glas erlesenen Weins, den er aber nur bei
der Mahlzeit trank. Er war ein wohlhabender Mann, und dennoch drohte an
der Wohnungsfrage das Glück seines einspännigen Lebens zu zerschellen.
Endlich machte er im Turme der Hofkirche zwei Stübchen ausfindig. Er
mußte dahin einhundertneununddreißig Stufen emporklettern. Doch --
das verschlug ihm nichts. Mit Hilfe der Großherzogin errang er die
Wohnung im Turm, lebte seit Jahren hoch über allem Dasein und pries
sich als den Glücklichsten der Menschen. Wahrscheinlich hatte er
recht. Frau Do war seine himmlische Liebe. Man sah ihn an Donnerstagen
immer zur gleichen Minute über die Sternbrücke schreiten, wo er in den
kleinen Steig nach dem Horn einbog, und immer hatte er einen Strauß
der schönsten Blumen in der Hand; denn Frau Do war seine himmlische
Liebe! Vielleicht war es die einzige Herzensangelegenheit, mit der er
sich in seinem Leben befaßt hatte. Und gerade damit stand er nun nicht
allein. Aber das war damals noch nicht zu ahnen. Im Haus am Horn hieß
er der Kürze halber »die Würze des Lebens«. Man verschwieg ihm das
ebensowenig, wie er aus seiner himmlischen Liebe ein Hehl machte. Sein
Name Salzer spielte dabei nur die Rolle des Zufalls; denn man hörte,
sann und freute sich an ihm die kargste Stunde in helles Licht. Ohne
den Professor war das Haus am Horn nicht mehr zu denken. Er kam, wenn
er wollte, und war blank wie die Tante Veronika. So war er auch nach
dieser Seite hin ein einziger seiner Art.

Außer ihm waren der Schlachtenmaler Richard Schaffrath und der Musikant
Erich Meyer da. An Schaffrath schätzte er die gesammelte Kraft, an
Erich Meyer die Bescheidenheit und Entwicklungsfähigkeit; denn Meyer
-- oho, wie war dieses Blümlein Wegwart über Winter aufgeblüht! Die
Wandlung ging so weit, daß er selbst den klingenden Namen Meyer
verloren hatte. Er hieß nun Cornelius, Peter Cornelius. Das hatte der
Professor erfunden. Erich Meyer mit dem stracken Blondhaar und dem
gut modellierten Profil sah auch geradeso aus wie der Komponist des
»Barbiers von Bagdad«. Auch seine Kunst ging auf den gleichen Bahnen.

So flogen die zwei Stunden der Donnerstage rasch und tiefbeseelt
vorüber und blieben freudig ersehnt von allen. Es wurde dabei vom
gesamten schöngeistigen Erleben der Welt gesprochen; und es lag auch
ganz in der Art dieser Menschen, von ihren eigenen Wegen zu reden. Nur
über Jockeles aufgehendes Lebensziel wurde geschwiegen. Davon wußten
für lange, lange bloß Do und Gwendolin. Aber der Same, den Do in jener
jungen Zeit ahnungslos ausgestreut hatte, in der dem Jockele das Hirn
brauste vor den Fragen: »was wissen Sie von Goethe, Schiller, Wieland,
Wildenbruch?« dieser Same hatte ohn' Unterlaß gekeimt und Wurzel
gefaßt. Das erkannten sie nun und wußten: damals war er gesäet worden,
als Do dem Zigeuner Jockele die deutsche Literatur an einem Bindfädlein
zum Fenster im Pflaumenwinkel herabgelassen hatte! Und vor dieser
Erkenntnis legte der Doktor eines Abends seiner Frau den Arm um den
Nacken und sagte zu ihr: »Was hab' ich denn nun, das mir nicht von dir
gekommen wäre, du mein lieber Segen?«

Es wuchs vieles aus den sicheren Händen Dos -- von Jockele gar nicht
zu reden; denn der war sozusagen der nächste dazu. Bei dem sanften
Erich war es zum mindesten kein Wunder, daß in ihrer schönen Sonne aus
der Raupe ein Schmetterling, aus dem Meyer ein Cornelius wurde. In die
vorweihnachtlichen Gesellschaften aber hatte er sich nur getraut, wenn
ihm Do unweigerlich erklärte, daß er unabkömmlich sei. Das lag teils
an seiner Außenseitigkeit, teils an seiner Außenseite. Deshalb gab
ihm Do die Erklärung im Wintergarten, wo sie beide allein waren. Und
eines Tages bekam er vom ersten Schneider der Stadt einen Brief; darin
wurde er gebeten, sich Maß nehmen zu lassen zu zwei neuen Anzügen. Doch
diese Einkleidung mußte mit einem großen Aufgebot von List vorgenommen
werden: es wären Rester, erzählte ihm der Schneider. Das versöhnte den
bescheidensten der Musikanten, langte aber nicht. Da mußte weiter
gelogen werden: der Schneider habe ihn einmal Klavier spielen hören
und darüber den Entschluß gefaßt. Das rührte den armen Menschen so,
daß er den nächsten Donnerstag nicht erwartete, sondern gleich am
Sonnabend aus dem Himmel seines Glücks in Dos Wintergarten fiel und
es ihr als ein tiefes Geheimnis offenbarte. Do freute sich mit ihm.
Und da sie gerade um die Pflanzen beschäftigt war, gelang ihr auch das
nötige Aufgebot von Ahnungslosigkeit. »Nun passen Sie nicht mehr in die
schiefe Dachkammer, Cornelius,« sagte sie.

»O, ich träume von einem Haus zum Alleinbewohnen,« scherzte er.

»Und ich von einem Stutzflügel für Sie,« sagte Do.

Da sank Cornelius in den Rohrstuhl ...

»Nun ja, ich denke, Sie wollen eine Oper komponieren?«

»Das tu ich ja schon, teure gnädige Frau! In meiner Kammer schreib
ich's auf und am anderen Morgen geh' ich in den Erlkönig ...«

»In den Erlkönig?«

»Ja. Das ist ein Gasthaus da drüben in der Nähe der Ilm, da haben sie
ein Klavier ...«

So fand sich nun dieser Erich Meyer mit dem Leben ab!

»Und Ihre Villa?« fragte Do.

»Ach, da ist doch das kleine Dienerhaus im Apfelgarten, wissen Sie,
wo Jockele mit der Husch den armen Heinrich aufgeführt hat und mit
Felidora Geburtstag feierte« -- Cornelius war wirklich sehr lustig --
»und wohin Fräulein Gwendolin den Teekessel geschickt hat ... gnädige
Frau, gnädige Frau,« sagte er mit geheimnisreichem Gesicht, »ich
glaube, in dem kleinen Haus steht ein großes Sprungbrett ins Leben!«

Ein paar Tage später zog Peter Cornelius in den Apfelgarten; denn Do
machte ihm weis, das Wohnen dort wäre nicht nur nicht teurer als in der
Dachkammer, sondern es kostete gar nichts. Es gehörte auch dazu wieder
List; denn Meyer durfte es anders nicht erfahren. Dahinein kam auch der
Stutzflügel aus Bonn, an dem Do im Flügelkleide geübt hatte. Erichs
Glück war vollkommen. Er las um diese Zeit häufig und sehr nachdenklich
den »Ring des Polykrates«.

Auf einmal ward er drei Tage nicht in der Welt gesehen, obwohl er doch
nun ein vornehmer Herr geworden war. Er erklärte sich diese drei Tage
lang für den unglücklichsten Narren und hätte sich am liebsten sein
undankbares Herz ausgerissen. Warum denn? Ach, er hatte da neulich
im Wintergarten der Frau Do alle blutjungen Streiche an den Fingern
hergezählt, die dem Jockele in dem kleinen Hause gelungen waren! Und
das hatte dieser Erich Meyer fertiggebracht in dem Augenblick, in dem
ihm Do den Stutzflügel verhieß! Nun kam er sich vor wie --

Auf einmal donnerte es heftig an die braune Tür. Fra Mariano trat
herein. »Sie, Cornelius, was wissen Sie denn von Gwendolin und Richard
Schaffrath?«

»Hm. Eigentlich weiter nichts, als daß sie gewissermaßen mit Henrik
Tofte verlobt ist.«

Diese Antwort war zusammenfassend. Sie wirkte wie Öl aufs Feuer. »Die
Gwendolin hat sich wohl unsichtbar gemacht, was?«

»Es ist nicht ihre Art,« sagte Meyer. Graf Metting hatte ihn immer ein
wenig verspottet. Warum fand er sich nun in das kleine Haus? Er kam zu
keiner glücklichen Stunde. Erich Meyer war aufgewühlt bis auf den Grund.

»Ich -- nun ich habe die Absicht, mich mit Fräulein Gwendolin zu
verloben,« sagte Fra Mariano.

»Wär' es nicht besser, Sie sagten ihr das selber?«

»Dazu brauche ich Sie natürlich nicht,« fuhr ihn Metting an, »aber Sie
können doch zum Beispiel hier mal vierhändig spielen.«

»Na, davon hätten Sie auch nicht sehr viel.«

»Aber wenn ich dazu käme, teuerster Meyer, und Sie hätten gerade zum
Beispiel eine Klavierstunde in der Stadt zu geben nach dem Spiel zu
vier Händen ...«

»Ach, fällt mir ja gar nicht ein! Ich geh' überhaupt nicht mehr aus dem
Hause, verstehen Sie wohl?«

»Nein,« sagte Metting und griff nach seinem Hut, »Frau Do geht nicht
mehr aus dem Hause, Gwendolin geht nicht mehr aus dem Hause, Jockele
nicht und Erich Meyer auch nicht -- zum Donnerwetter, wollen Sie denn
alle Kinder kriegen?« Fra Mariano schlug die Tür hart ins Schloß und
stapfte zwischen Tag und Dunkel die Kastanienallee entlang.

Er hatte dreimal vergeblich bei Doktor Sinsheimer vorgesprochen. Nun
ging er zum vierten Male hin. Da wurde er von Jockele mit weitoffener
Fröhlichkeit empfangen: sie wären über köstlichem Schaffen, Gwendolin
male den Vorfrühling von allen Seiten, seit vierzehn Tagen wäre sie in
Ibenheim bei Tante Veronika ...

Nein, es war kein Schatten Falschheit in diesem Lichte, das aus Jockele
schien. Aber eine halbe Stunde später kam Gwendolin aus Ibenheim, und
Fra Mariano fuhr gleich am nächsten Morgen hin. Fünf Tage später traf
ein Brief von Tante Veronika ein; darin stand: es wäre seit einigen
Tagen ein feiner junger Mann ums Haus gestreift, heute habe er sich ein
Herz gefaßt und nach Gwendolin gefragt ... er heiße Graf Metting.

Es war eine Pflicht, die die aufmerksame Tante Veronika erfüllte.
Jockele und Do lasen diesen Brief mit großer Heiterkeit und schickten
ihn durch Fritz hinauf zu Gwendolin. Als die aus ihrem Zimmer
herunterkam, waren Professor Salzer und Erich Meyer schon da. Meyer
berichtete von seinem Zusammenstoß mit Fra Mariano. Deshalb waren sie
so ausgelassen lustig. Gwendolin aber hatte ihre melancholische Stunde.
Sie lachte nicht, sondern sah Do mit ernsten Augen an und fragte:
»Liebe Schwester Do, was soll ich denn nun tun?«

Der Winter mit seiner feinen Geselligkeit hatte in ihr einen mächtigen
Wandel vollbracht. Wenn sie allein war und nachdenklich und wohl auch
ein bißchen traurig, sah sie nun der Herzogin von Urbino viel ähnlicher
als dem Flämmlein. Dies andere Leben hatte ihr wohlgetan. Sie sehnte
sich mit heißem Herzen aus ihrem sorglosen »Junggesellentume« heraus.
Da stand Dos und Jockeles großes Glück, da stand die lautere, geregelte
und kluge Art dieses Hauses, da war ... es waren da tausend Dinge, die
ließen ihr nun keine Ruhe.

Es war von ihnen nicht mehr über Herzensangelegenheiten gesprochen
worden seit jenem Tage im Fjord, der sich so grauenvoll über ihre
Sonnenseelen gelegt hatte. Mit keinem Worte. Do liebte es nicht, bei
jeder Gelegenheit Verbindungen zu erwägen. Sie hatte in solchen Dingen
auch keinen Rat gewünscht, sondern hatte das mit ihrem Herzen und ihrer
Klugheit ausgemacht. Und damals, auf dem Uferwege am Skjold, hatte
sie mit Nachdruck ein Punktum dahintergesetzt, indem sie zu Gwendolin
sagte: »Ich weiß kein Mädchen, das umworben ist wie du. Aber du kommst
nicht dazu, deinem Herzen eine Aufgabe zu stellen.«

»Ich werde mich daraufhin einmal ansehen,« hatte Gwendolin geantwortet
und: »Die Ehe ist eine verdammte Kunst.« Nun sagte sie: »Ich wäre euch
dankbar, wenn wir heute statt des musikalischen Tees einen Familienrat
hielten.« Sie setzte sich in den Ledersessel und dachte, sie hätte ein
gefaßtes Herz. »Ich sehe, daß ihr auf meine Kosten vergnügt seid.«

»Auf Kosten Fra Marianos,« sagte Jockele. Professor Salzer lächelte so
in sich hinein; er hatte für Graf Metting nie viel übrig gehabt.

»Das kommt auf eins heraus. Wie steht es mit mir? Es steht so: Ehemals
habe ich meine Freiheit und Selbständigkeit sehr hoch bewertet -- etwa
wie ein reicher Mann seine Millionen; denn ich habe zu mir gesagt:
dafür erstehe ich mir die halbe Welt. Dann kamt ihr und ließet mich
mit euch ziehen. Ich bat euch damals halb wehmütig, halb lustig: eine
schiefe Kammer werdet ihr in eurem großen Hause für Gwendolin, die
Heimatlose, haben. Nun aber weiß ich: ich war in jener Stunde zum
erstenmal ahnungslos. Ihr seid so lieb zu mir gewesen, und ihr habt
das Leben angepackt mit euren guten und reichen Herzen, wie es mir
nicht im Traume eingefallen wäre -- das Leben und mich selbst. Und nun
steh' ich vor euch mit leeren Händen und habe nachdenkliche Stunden. O,
manchmal bin ich sehr traurig: darf das denn so weitergehen aus einem
Jahr ins andere?« Da merkten sie, daß sich Gwendolins Herz auflehnte
gegen sich selber und daß ihre Stimme zitterte. »Ach nein, liebe Do,
spare dir deine Worte! Wie es in euch aussieht, das weiß ich. Aber
jetzt kommt's wieder einmal auf mich an -- endlich!« rief sie. »Mein
Reichtum von einst -- meine Freiheit -- ist vertan. Ich mag ihn nicht
wiedererwerben. Ihr habt mich ein Leben gelehrt, das ist schöner
und beseelter ... Ich bin kein Kindskopf. Deshalb hab ich mir nicht
geschworen: dies Leben mach' ich euch in allen Stücken nach; aber ich
habe mir gelobt: in meiner Art will ich euch ähnlich werden. Nun kommt
Graf Metting und sagt, er liebt mich. Ist das nicht der Augenblick, in
dem ich meinem Herzen die Aufgabe zu stellen habe? Liebe Schwester Do,
was soll ich denn nun tun?«

Nach Gwendolins langer Rede mußte diese Frage kommen. Sie war peinlich
-- nichts als »ungeheuer interessant« war sie nur für Cornelius. Da
meldete der Diener Herrn Richard Schaffrath, den Schlachtenmaler. Der
hatte wichtigen Atelierbesuch gehabt ...

Atelierbesuch? Ja. Nur: wie dieser Atelierbesuch ausgesehen hatte, das
war nicht zu ahnen; denn der Maler, der nach fast den gleichen Maßen
erbaut war wie Henrik Tofte, kam wirklich recht besuchsmäßig daher,
feierlich und ungewöhnlich vorschriftsmäßig in Anzug und Behaben. Und
so war seiner Aufmachung nicht anzusehen, daß er daheim im Malraum
zwei Stunden lang einen Kampf ausgefochten hatte mit einem Menschen,
der genau so groß und kräftig war wie er, der über genau einen so
cholerischen Zorn verfügte wie er, und der gar noch Richard Schaffrath
hieß! Nun kam dieser Herr so geruhig und blank gebürstet daher und
sah aus, als wäre noch niemals ein Sturm durch ihn gefahren. Aber bis
vor einer halben Stunde hatte er auf seinen Gegner einen heißen Zorn
niedergehen lassen -- just als hieße dieser Graf Metting und hätte
einen Eid geschworen, dem Maler Schaffrath bei der schönen, schlanken,
heißen und klugen Gwendolin den Rang abzulaufen. »Siehst du, das kommt
nun von deiner wortkargen Art! Jetzt hat sich der Windhund ihr ans Herz
geschmeichelt ...« und so weiter -- aber solche häßlichen Gedanken
waren ihm nicht mehr anzumerken. Sondern er trat mit einer sehr
höflichen Verbeugung zu Frau Do und rettete sich die Verzeihung für
sein Zuspätkommen. Gwendolin aber wartete noch auf Dos Antwort. Und so
schlug sie in ihrer bangen Ungeduld eine Brücke ... »Wir spielen heut
ein anderes Instrument, Herr Schaffrath,« sagte sie, »aber Sie dürfen
zuhören.«

»Ah, ein neues Instrument?« -- »Ja ... meine verstimmte Seele,« sagte
sie, »sie ist erstaunlich in Unordnung geraten ... Nun, liebe Schwester
Do?«

»Du sollst deine Beziehungen zu Metting abbrechen; denn in diesem
Falle wäre die Aufgabe, die du deinem Herzen zu stellen hättest, zu
groß. Gwendolin, du stehst mit deinen herrlichen Gaben viel zu weit
fort von ihm, und du würdest in diesem blitzenden, aber flachen Wasser
verdürsten.«

Gwendolin schwieg. Sie schwiegen alle. Und sie sahen, es hing eine
verräterische Träne an ihrer dunklen Wimper.

»Do, ich wußte: so mußtest du antworten. Und dennoch hab' ich dich
gefragt. Soll ich dir nun an den Fingern herzählen, was ich damit
aufgebe?«

»Nein,« sagte Do, »das wissen wir. Aber ich will dir nennen, was du dir
ersparst: die trostlose Mühe, die Kunst einer solchen Ehe zu erlernen.
Fürchte dich davor, Gwendolin, fürchte dich vor der Reue ohne Ende!«

Da ging Gwendolin in ihre Zimmer und warf sich auf ihr Bett und weinte.

Die anderen saßen im Wintergarten noch lange beisammen. Schaffrath war
noch schweigsamer als sonst. Jockele allein schupfte die Schultern. Er
konnte zum erstenmal nicht ganz mit Do übereinstimmen. »Nun, es ist
ja nicht das letzte Wort,« sagte sie, »Gwendolin wird ihre freudige
Klarheit wiederfinden und mit sich selbst zu Rate gehen.«

»Ja,« sagte Jockele, »und es ist gut so. Es kommt mir vor, als
entschieden wir ein bißchen selbstherrlich -- schließlich: Fra Mariano
bewirbt sich doch nicht um jeden von uns, sondern um Gwendolin.«

Danach ging Do zu ihr. Cornelius blieb am Flügel und träumte
wunderliche Fantasien. Jakobus, Salzer und Schaffrath begaben sich
in das Rauchzimmer. Der Doktor schickte seine Gedanken den blauen
Ringen nach. »Die Sache ist qualvoller für uns als Sie denken, lieber
Schaffrath,« sagte er. »Und was halten Sie davon, Professor?«

»Je nun, es überfällt Sie ja nicht,« antwortete er. Es war nicht ohne
Spott.

»Eigentlich nicht,« sagte Jockele, »wir haben es gefürchtet. Aber Do
will es durchaus nicht zum äußersten kommen lassen. Wenn Metting erst
um Gwendolin wirbt, wird sie ihn nicht abweisen -- verlassen Sie sich
darauf, und dann ist das Unglück fertig! Es ist nicht zu glauben, wie
erstaunlich die Unordnung ist, in die sie geraten. Bedenken Sie doch:
dies kluge und aufrechte Mädel!«

Hm. Es war wirklich eine höchst unangenehme Geschichte.

Schaffrath konnte sehr undurchsichtig sein; er war es heute doppelt.
Jockele ärgerte sich darüber und sagte: »Richard Schaffrath, Sie sehen
aus wie ein Bräutigam auf dem Wege von der Kirchtür zum Altar.«

»Wie sieht denn der aus?«

»Versteinert.«

Der Professor prüfte ihn daraufhin. Seit die Herren unter sich waren,
zuckte es ihm unausgesetzt um die Lippen wie Spott und Schadenfreude
... »Und Sie, Professor,« sagte Jockele, »Sie sehen aus, als sezierten
Sie ein Drama von Maeterlinck.«

»O nein,« sagte er, »mein Vergnügen ist viel größer.«

»Es wäre besser, Sie machten sich um uns ein bißchen nützlich,«
scherzte Jockele, aber er sprach nicht ohne Bitterkeit. Der
Schlachtenmaler schritt indes auf dem Teppich hin und her wie ein Löwe
im Käfig. Der Lösung seiner schwierigen Frage kam er nicht näher. Und
die Augen Salzers liefen funkelnd hinter ihm drein. Endlich lehnte
der Professor sich in seinen Stuhl zurück, faltete die Hände über der
Uhrkette und verfiel in ein ungeheueres Lachen. Jockele stand hilflos
am Tisch, Salzer lachte in einemfort, und Schaffrath tat, als wäre
dieser Ausbruch des Vergnügens eine Selbstverständlichkeit: er kümmerte
sich nicht darum.

»Zum Teufel,« rief Jockele, »was soll denn das heißen?«

»Großartig, ach großartig! Es ist eine Komödie! Doktor, muten Sie
mir denn zu, daß ich in einer Komödie sitze wie ein Ölgötze? Der
Schlachtenmaler, hurrjeh, der Schlachtenmaler hat nämlich den Brief im
Sack, mit dem er sich um Gwendolin bewirbt! Hahahahaha.«

»Und das nennen Sie Komödie?« platzte Jockele heraus. »Herr, das ist
eine Tragikomödie!«

»Gibt es nicht,« sagte der Professor. »Eine Geschichte endet mit
unglücklichem Ausgang und ist eine Tragödie. Oder sie endet mit
vergnüglichem Ausgang, dann ist sie eine Komödie. Oder wollen Sie etwa
den Mut aufbringen, einen Stoff zu gleicher Zeit aus einem ernsten und
aus einem lustigen Gesichtswinkel zu betrachten? Bedenken Sie doch bloß
den Unsinn: ein heiteres Trauerspiel, oder ein trauriges Lustspiel! Mit
der Bezeichnung Tragikomödie hat Plautus ursprünglich einen Scherz ...«

»Himmeldonnerwetter!« schrie der Doktor, »ist denn die Welt aus den
Fugen? Und was gehen uns augenblicklich Plautussen seine Witze an?«

»Dieses aber ist eine Komödie,« dozierte der Professor weiter; »denn
warum? Ich betrachte sie aus dem vergnügten Gesichtswinkel des Weisen
mit der himmlischen Liebe.« Salzer hatte heimlich auf den Klingelknopf
gedrückt, der Diener trat herein. »Fritz, bringen Sie eine Flasche
Johannisberger Schloßberg 1878,« befahl der Professor. Und Richard
Schaffrath ging hin und her, als ginge ihn alles Lebendige nichts an.
Dann aber setzte ihn Salzer neben sich an den Tisch, und sie tranken
Johannisberger Schloßberg. Da fand der Schlachtenmaler seine Sprache
wieder, und mit Gwendolins Worten sagte er: »Liebe Schwester Do, was
soll ich denn nun tun?«

»Mir scheint allerdings, als wäre das eine Sache für Frauen,« sagte
Jockele ratlos.

»Je,« wunderte sich der Professor, »als Sie noch ›Jockele und die
Mädchen‹ spielten, sind Sie nach allem, was man weiß, beherzter
gewesen.«

»Ja,« bekannte Jockele und verfärbte sich in blutrotem Erinnern, »aber
die Gwendolin kann einen mörderlich aufsitzen lassen!«

Darüber fiel der Schlachtenmaler vollends ins Dasein zurück. »Es ist
eine peinliche Sache.«

»Ach wo!« sagte der Professor, »sehen Sie, meine Herren, so denk' ich
mir das Spiel zwischen schönen Mädchen immer; denn an einem schönen
Mädchen hängen die Augen vieler; und die schönen Mädel -- na, ich
weiß nicht, ob die nur immer so geradeaus gucken! Wissen Sie, was
ich machen würde? Ich riefe den Diener Fritz und ließe der Gwendolin
mein Bewerbungsschreiben um die freigewordene Wohnung augenblicklich
überbringen.«

»Ich aber werde den Diener Fritz rufen und augenblicklich meine Koffer
packen lassen,« sagte Jockele.

»Doktor,« gebot Salzer, »machen Sie keine Späße!«

»Wollen Sie die Gwendolin denn ganz zerreißen?«

»Nun, es ist eine Gewaltkur,« sagte der Professor. »Vor reichlich drei
Wochen haben wir uns die Sache in meiner Turmstube ausgedacht. Aber
-- ist denn der steinerne Ritter Schaffrath zu einem Worte zu bewegen
gewesen?«

»Die Würze des Lebens ist in solchen Dingen ahnungslos wie der
Sommerhimmel,« sagte Schaffrath.

»Warum sind Sie denn dann zu mir gekommen? Und was hab' ich Ihnen
gesagt? Schämen Sie sich, Schaffrath, so ein großer, schöner, tüchtiger
Mensch ...«

»Als ob's bei den Mädchen darauf ankäme!« lächelte Schaffrath bitter,
»hieß es nicht, Gwendolin hätte sich versprochen mit Henrik Tofte? Hieß
es nicht, sie wäre heimlich verlobt mit dem Grafen Metting? Wollen Sie
mich denn vor Gwendolin und der Welt zum Narren machen, indem Sie --«

»... mich auf das zwiefach verhürdete Schäflein loslassen!« vollendete
der Professor die Rede des Schlachtenmalers. Er konnte sich nicht
helfen -- für ihn war dieser Zusammenstoß der Ereignisse ein Quell
erschütternder Heiterkeit. »Ich begreife nicht, warum Sie nicht lachen,
meine Herren! So helfen Sie mir doch -- lachen wir, daß die Wände
wackeln und in den Gemächern der Damen --«

»Hab' ich nicht gesagt: die Würze des Lebens ist ahnungslos wie der
Sommerhimmel?« fragte Schaffrath. Darüber bekam Jockele das Laufen und
stampfte nun seinerseits über den Teppich. Er rang mit beidem: mit dem
Lachen und mit der Verzweiflung. Salzer aber begann ein Examen. »Ist
Gwendolin verlobt?«

»Nein.«

»Ist sie verliebt?«

»Nein.«

»Würde sie den Grafen Metting heiraten?«

»Wahrscheinlich.«

»Würde sie Henrik Toften nehmen, wenn er heute um sie anhielte?«

»Möglich.«

»Na also,« wandte sich Salzer an Richard Schaffrath, »was steht Ihnen
denn im Wege? Ein Vielleicht und ein Möglich! Und vor diesen beiden
windigen Gespenstern fürchten Sie sich, Sie Ritter ohne Furcht und
Tadel?«

»Eigentlich hat er recht,« erwog Jockele. »Aber, liebster Schaffrath,
warum haben Sie denn den langen Winter vor ihr gestanden, als hätten
sie ein neunmal gepanzertes Herz?«

»Es ist eine Eigentümlichkeit von mir,« sagte Schaffrath.

»Und Sie, Professor, hätten Sie sich nicht für Ihren Freund in die
Schranken werfen können?«

»Na, ich bitt' Sie, ich habe doch kein Heiratsbureau!« schrie Salzer in
heller Entrüstung.

So sprangen sie rings um den toten Punkt und bekamen das Wirbeln, aber
vom Flecke kamen sie nicht.

»Hier muß etwas geschehen,« sagte der Professor. »Ich übernehme die
Verantwortung!« Er drückte mit fester Hand auf die Klingel und nahm den
Brief vom Tisch ...

»Ich betrete dies Haus drei Wochen nicht mehr!« rief Schaffrath.

Aber Salzer befahl: »Fritz, bringen Sie diesen Brief zu Fräulein
Gwendolin Vogelgesang. Sagen Sie: eine Antwort würde vor Ablauf
von drei Wochen nicht erwartet.« Fritz wiederholte den Befehl und
verschwand. Salzer und Schaffrath verschwanden auch. »Wollen Sie mich
nicht mitnehmen?« fragte Jockele. -- »Kommen Sie!«

So schritten sie hinaus in den stürmischen Abend. Peter Cornelius aber
saß am Flügel und vergaß Zeit und Ewigkeit. Halb zehn Uhr spielte er
immer noch. Da ging Do hinein zu ihm und sagte: »Möchten Sie nicht mit
uns zur Nacht essen? Es ist zwar schon reichlich über die Stunde, und
wir sind ganz allein ...«

Erich Meyer tat einen harten Fall auf die Erde -- was aber nicht
wörtlich zu nehmen ist -- und erwachte aus tiefen Träumen; denn er
erfuhr, daß die Herren mittlerweile im Rauchzimmer ein Gelage gehalten
hätten und abhanden gekommen wären, und daß er seit länger als drei
Stunden am Klavier gesessen.

Gwendolin war auch im Speisezimmer. »Sehen Sie, lieber Meyer, das ist
Ihre Art, das Leben zu verpassen,« sagte sie mit einem fröhlichen und
einem traurigen Auge. »Ich glaube, an diesem Punkt begegnen wir uns.
Man wird darüber leicht zu einer komischen Figur, lieber Meyer.«

»Wohl, wohl,« sagte er, »aber das ist mir ganz egal. Ob der Mensch
glücklich ist, darauf kommt's an! Und darin nehm' ich es mit ihnen
allen auf, seit ich mein Landhaus besitze und meinen Stutzflügel.«

»O,« machte Gwendolin, »so ist auch das ins Wasser gefallen! Ich dachte
schon: wenn Sie noch solch ein Ritter von der traurigen Gestalt wären,
könnten wir zwei uns heiraten.«

»Ja, +wenn+ ich es wäre!« scherzte Cornelius, »aber jetzt bin ich ein
feiner Herr.«

»Und ich? Ich wandele mich allgemach zu einem Narren,« sagte Gwendolin
bitter, »aber wofür ist denn Fasching? Freilich, die Herren haben sich
einen sehr schlimmen Spaß mit mir erlaubt. Doch warum beklag' ich mich
darüber?« Cornelius sah Do an, und er sah Gwendolin an. Und weil die
merkte, Meyer war schuldlos, so begann sie zu erzählen in herzhaftem
Spott gegen sich selbst ... »Nun, wenn ich mich selber nicht mehr
verhöhnen könnte, stünde es noch schlimmer mit mir.«

Aber Erich Meyer saß fast andächtig dabei.

»Und da lachen Sie nicht, Cornelius?«

»Nein,« sagte er, »denn ich warte auf die Geschichte von dem schlimmen
Spaß.«

»Mensch, die hab' ich Ihnen ja soeben haarklein erzählt!«

»Ach so,« staunte Meyer, »und das nennen Sie Spaß?« Do begann zu
begreifen. »Ein Spaß ist das ganz und gar nicht, Fräulein Gwendolin;
denn der Brief Schaffraths ist schon seit drei Wochen geschrieben,
nämlich: der Schlachtenmaler liebt Sie bis zur Selbstverlorenheit.«
Und Peter Cornelius setzte neckisch hinzu: »Sehen Sie, darum hab' ich
vorhin Ihrer freundlichen Aufforderung, Sie zu heiraten, nicht gleich
Folge geleistet.«

Es kam nun eine Stille -- die Uhrenpendel hörte man darin schlagen und
die Herzen. Do aber legte die Gabel fort und faltete ihre beiden Hände
im Schoße ... »Sturmschwalben, Sturmschwalben, wo nehmt ihr den Mut
zum Leben her?« Die Uhren tickten wieder und die Herzen. Gwendolin war
aufgestanden und hinter Frau Dos Stuhl getreten. Sie neigte die Stirn
auf Dos Schulter und umfaßte sie und sagte: »Ist es nicht gräßlich
mit mir, Do? Die erste tiefe Liebe, die mir begegnet, halt' ich für
einen schlimmen Spaß ... Ist es nicht gräßlich?« Und Gwendolin weinte
bitterlich.


Wäre diese Geschichte nicht wahr, sondern ein Roman, so würde es nun
weiter heißen: »Drei Wochen später wurde die Verlobung mit großer
Pracht gefeiert.« Dem war aber nicht so; denn als man Verlobung
feierte, war man nur selbdritt beieinander: Gwendolin und Richard und
eine zeitlose Frühlingsnacht, die lag so schmeichelnd, veilchenduftig
und sammetschwarz über dem Weimarer Park, daß sie James King kurz und
bündig »lächerlich« genannt hätte. Und wenn etwa einer nachträglich
kommt und erzählt: es wäre bei Sinsheimers im Haus am Horn gewesen,
und es hätte eine große Aufmachung von Licht, Kuchen, Wein und Musik
gegeben, so ist das einfach nicht wahr. Sondern: wenn man von Goethes
Gartenhause den Wiesenweg nach der Ilm geht und an der Ilm links
weiter, so kommt man nach zweihundert Schritten an einen Wildapfelbaum
mit tief herabhängenden Ästen. Unter dem Apfelbaume steht eine Bank.
Auf dieser Bank war es. Und es gab weder Kuchen noch Wein noch große
Festmusik, bloß Lieder ohne Worte und Süßigkeiten ... Ferner: es war
auch gar nicht drei Wochen später; denn Richard Schaffrath war ja schon
beim nächsten musikalischen Tee wieder bei Sinsheimers, es war da sehr
fein, und ein Narr wäre gewesen, wer behauptet hätte: am Donnerstag
zuvor hätte Gwendolin Frau Do ihren heißen Schmerz auf die Achsel
geweint und hätte gesagt: mit ihr wäre es gräßlich. Nein, nein. Die
Geschichte unter dem Apfelbaum geschah in Wahrheit am darauffolgenden
Samstag, abends von neun bis elf Uhr; und zwischen dort und jenem
Donnerstag im Leid lagen zweimal die hundertneununddreißig Stufen
der Weimarer Hofkirche am alten Friedhof, die Gwendolin zu dem Herrn
Professor Salzer emporgestiegen war. Daraus ist zu ersehen, daß es
sich für sie um einen ernsten und wichtigen Fall handelte; denn weder
wegen James King noch wegen Mister Johnny, noch wegen Henrik Tofte
hatte sie einen Fuß gerührt -- des Jockele und des Unbekannten aus
dem Ettersburger Zwetschengarten gar nicht zu gedenken! Fra Mariano
aber stand in der Mitte zwischen Richard Schaffrath und der langen
Reihe, von der ihr jeder den Jungfernkranz winden lassen wollte; denn
wegen Fra Mariano war sie wenigstens in ihre Zimmer gestiegen, und Fra
Mariano muß hier erwähnt werden, weil er schon auf dem Weg unter den
Wildapfelbaum war und zu dem Fest als ungeladener Gast kam ... Aber
es war sehr finster im Park, und es sind viele Bänke dort; nach der
richtigen mußte er erst eine Weile suchen. Er war noch an kein Vorhaben
mit gleicher Unentwegtheit herangetreten; denn er wollte diesen
Porträtmaler auf frischer Tat ertappen.

Es ist auch nicht bei der Wahrheit geblieben, wenn man wissen
will: Gwendolin wäre in tiefer Zerknirschung und mit vom Weinen
geröteten Augen unter dem Apfelbaum erschienen; denn zweimal
hundertneununddreißig Turmstufen sind so lang wie zweimal
hundertneununddreißig Jahre. Und Gwendolin, die weitoffene und
gescheite Gwendolin, war viel zu ehrlich, als daß sie aus ihrem Herzen
eine Mördergrube gemacht hätte. Weitoffen, klar und gescheit stieg sie
gleich am Freitag früh nach dem verweinten Donnerstag zu Salzer, dem
Turmwart, und sagte: »Ich wollte nur sehen, ob Sie über Nacht wieder
herzugekommen sind.«

»O ja,« sagte der Professor, »Jockele, Schaffrath und ich haben bis
gegen morgen im Turm einen respektablen Trunk getan. Aber: wollten Sie
wirklich nur nachsehen, ob --?«

»Sie sind sehr neugierig,« sagte Gwendolin.

»Das kommt daher, weil ich für den Brief die Verantwortung übernommen
habe.«

»Es war tapfer von Ihnen,« lobte sie, »mit den jungen Leuten hat man
seine liebe Not.«

»Ja,« sagte der Professor.

»Morgen komm' ich noch einmal,« sagte Gwendolin, »ich möchte da Richard
Schaffrath hier sehen. Übernehmen Sie die Verantwortung?«

»Ja,« sagte der Professor.

Am Samstag kam sie erst gegen Abend. Schaffrath aber hatte schon seit
dem frühen Vormittag auf sie gewartet. »Sie müßten Engelein heißen,«
sagte der Professor zu ihm. Es war Schaffrath sehr bange; denn er
dachte: »Dies fixe wackere Mädchen wird meine Vorsicht als Feigheit
ansehen.« Aber das tat sie nicht; sondern sie sagte sehr milde: »Nun,
ich hätte es mit der Gwendolin wahrscheinlich anders gemacht. Wußten
Sie denn nicht, daß ich in einer großen Gefahr schwebte?«

»Nein,« sagte er, »Sie konnten es auch für ein großes Glück halten.«

Sie war ans Fenster getreten. Es lag über den Dächern ein feiner
grauer Nebel. Nur die Firste und Schornsteine guckten oben darüber
heraus, und am Himmel gingen verheißungsfroh die ersten Sterne an. »Der
Frühlingsmantel, den sich die Erde umlegt! Kommen Sie, wir wandern
zusammen hinab ins Tal!«

»Nein, auf einen hohen Berg.«

Da gingen sie miteinander. Und nach einer Stunde kamen sie unter den
Wildapfelbaum. Ein ganz dünner Streif Mond lag nun auf der Ilm als ein
silberner Kahn. Darüber fiel Gwendolin James Kings Gespensterschiff
ein, und sie erzählte dem Manne, der nun neben ihr saß, alle
Liebschaften, die sie gehabt hatte in den acht Jahren, seit ihrem
fünfzehnten, und wie sie umworben worden -- von lange vor Jockele bis
zu dem Grafen Metting. »In fast allen Fällen konnte ich gar nichts
dafür -- bloß die zwei Sachen in Ettersburg, die stehen auch mit auf
meiner Rechnung. Aber du mußt nun alles wissen; mein Herz sagt einfach:
es ist so in der Ordnung! Ach du, mein Herz ist ein so natürliche
ungefaltetes Ding -- rein zum Bangewerden! Wird dir nun bange davor?«

»Nein,« sagte er und wunderte sich, daß sie auch für das Erlebnis mit
Henrik Tofte die Verantwortung ablehnte. Aber er redete nicht davon.

Da zog Fra Mariano des Weges. Er hatte sich in seinen Sommerüberzieher
verkrochen und den Kragen hochgeschlagen und trug den Gehstock steil in
der Rocktasche. Weil er am Apfelbaum so kecklich vor sich hinhüstelte,
sagte Gwendolin: »Wenn Sie Lust haben, sich ein wenig zu uns zu setzen,
Graf Metting -- es steht Ihnen ganz und gar nichts im Wege.«

Es war zu merken: die da sprach, war die alte Gwendolin. Von ihr
hat einer gesagt: sie hätte Stunden, in denen sie den lieben Gott
besiegen könnte. Ja, so war das mit ihr. Metting hatte vorgehabt, den
Überraschten zu spielen und beide zur Rechenschaft zu ziehen, aber
»zu spielen« brauchte er nun nicht; denn das hier war keine Komödie
-- das war das Leben selber und forderte ihn auf den Plan. Und davor
stand er, und wußte nicht, was er sagen sollte. Er setzte sich auf die
Bank, rechts neben Gwendolin, und verkroch sich noch tiefer in seinen
Überrock.

»Nun?« fragte sie, »was halten Sie von diesem Tatbestande, Graf?«

»Eins der vielen Abenteuer der Herzogin von Urbino,« sagte er sehr
zugeknöpft. Er hätte sagen können, was er wollte -- sie faßte ihn
sofort am Schopfe und beutelte ihn ... was wiederum nicht wörtlich zu
nehmen ist.

»Ich weiß im Augenblick nicht, ob die Herzogin von Urbino Abenteuer
suchte in dem Sinne, in dem Sie das meinen, lieber Graf. Aber das sag'
ich Ihnen: durch die Ungewißheit ihres Schicksal ist jede Frau von
ihrem sechzehnten Lebensjahr ab eine Abenteurerin ...«

»Ha, es wäre schlimm!« unterbrach sie Metting.

»... nicht in ihren Taten, sondern in ihren Träumen! Sie läßt ihre
Träume vom Leben ausfliegen wie Noah den Raben oder die Taube aus dem
Kasten: sie finden nicht, da ihr Fuß ruhen kann. Aber einer bringt den
Ölzweig. Und danach ist es gemeinhin vorbei mit dem abenteuerlichen
Flug über den wogenden Wassern. Sehen Sie, so mein' ich das.«

»Nicht übel,« sagte er, »und recht spitzfindig ausgedacht. Nun, Frauen
sind um eine Entschuldigung niemals verlegen.«

»Männer auch nicht,« sagte sie. »Aber ich habe gar nicht das Bedürfnis,
mich vor Ihnen zu entschuldigen; sondern die Dinge liegen einfach so:
in dem Augenblick, in dem auch mein +Herz+ in die Lage kam, zu wählen
zwischen Richard Schaffrath und dem Grafen Metting, entschied ich mich
für Richard. Wir haben uns in der vorigen Stunde verlobt.«

»Hoh!«

»Ja. Die Liebe ist ein Geist; sie kann nicht reden, eh' ihr nicht ein
Wort oder Zeichen gegeben wird. Die Liebe ist ein Geist; aber dieser
Geist wird erlöst, wenn er weiß, man verlangt nach ihm.«

»Nun, ich habe Ihnen Zeichen genug gegeben, Gwendolin.«

»Aber als der andere die Sprache fand, blieb mir keine Wahl: mein Herz
flog ihm in Seligkeit nach.«

»Hm. Dann wäre wohl meine Aufgabe unter diesem Baum erfüllt?«

»Ich glaube es,« sagte Gwendolin.

»Gute Nacht.«

Fra Mariano versickerte in der Finsternis.


Von den Türmen schlug es Elf, als Richard und Gwendolin unter den hohen
Birken des Philosophenwegs hervortraten und nach dem Horn einbogen. Sie
hatten keine Eile und sprachen leise. Auf der Höhe des Goethegartens
sahen sie: bei Sinsheimers war noch das ganze Haus hell. Da wunderten
sie sich. Es rasselte auch ein Wagen durch die Stille der Straße davon.
Sollte Fra Mariano --?

Als Schaffrath sie verlassen und Gwendolin hineinkam, fragte sie den
Diener. »Herr Meyer ist da«, sagte der, »und eine Dame: Fräulein
Kordula Gunkel aus Rom. Fräulein Gunkel hat sich durch ein Telegramm
angemeldet und ist vor kaum fünf Minuten angelangt.« Man hörte durch
die Türen lachen, und Gwendolin funkelte in die erste Freude des
Wiedersehens.

»Lieber Meyer, wissen Sie, daß die dunkle Kordula eminent musikalisch
ist?«

»Ja,« sagte er, »Sie selbst haben es mir erzählt, aus der Geschichte
der Sturmschwalben.«

»Und wißt ihr, Kinder, daß ich mich verlobt habe?«

Da rissen sie Gwendolin der Reihe nach an ihr Herz -- zuerst Jockele.
»Er tut das immer sehr ausgiebig,« sagte Do. »Ja,« erklärte Cornelius,
»man kann da mittlerweile eine Partie Schach spielen oder Beethovens
Neunte.« Dann kamen Do und Fräulein Gunkel an die Reihe. »Na, lieber
Meyer?« jauchzte Gwendolin. Und weil er beschaulich am Flügel lehnte
und Miene machte zu einem sanften Handkusse, griff sie ihn auf und
wirbelte ihn ein paarmal herum. »Die Liebe ist ein Geist -- sie muß
durch ein Zeichen erlöst werden!« rief sie. Cornelius ward von diesem
Überfall reichlich betört; und als sie ihn wieder freigegeben hatte,
war er blutrot geworden und gestand: »Jetzt hab' ich den ersten Kuß von
einer Dame bekommen! ... Sie auch?« wandte er sich an Jockele.

»Ich -- --? -- Ja, natürlich.«

Darüber gerieten sie noch mehr in Lustigkeit. Erich Meyer aber hatte
einen großen Tag und durfte hinausgehen und Wein kommen lassen, ganz
nach seiner Wahl. Da entschied er sich für Sekt; denn Sekt hatte er in
diesem Hause zum ersten Male getrunken, und Sekt stand obenan in der
Reihe seiner unvergeßlichen Erlebnisse. Dann sanken sie in die braunen
Ledersessel, und es war herzhaft und aufgetan wie in der Mädchenzeit.

Die Standuhr schlug die Mitternacht. Da horchten sie hin; denn es
war ein schöner, weicher Klang und voller Andacht. »So ist es, wenn
Kordula Gunkel zur Laute singt,« sagte Gwendolin und dachte an die
Abende im Fjord. Sie dachte auch an Henrik Tofte; aber sie wollte nicht
nach ihm fragen. War die dunkle Kordula damals nicht mit heimlichen
Hoffnungen nach Rom gezogen? »Jede Frau ist eine Abenteurerin von
ihrem sechzehnten Jahr ab.« Der Gedanke, den Gwendolin vor zwei Stunden
dem Grafen Metting gegenüber ausgesprochen hatte, stand nun neben den
vielen Lichtern, die in dieser Nacht ihre Seele hell machten, und sie
fragte: »Kordula, warum bist du heute in unser Haus gekommen?«

»Daran ist dein glückseliger Brief schuld, Gwendolin.«

»Du, den hab' ich doch in der Woche vor Weihnachten geschrieben!«

»Jawohl,« sagte Kordula, »und es fehlte nicht viel, ich wäre gleich
damals zu euch gekommen. Er war ein Stern in tiefer Finsternis. Ich
habe nicht wieder geschrieben -- nun ja, ich habe gewartet, bis ich
meiner Sehnsucht nachfahren könnte ...«

»Na, und Tofte?« fragte Jockele, »ist denn der nicht das große Licht in
der Finsternis geworden?«

»Ja und nein,« sagte Kordula. »Ich war schon seit langem wandermüde,
aber jetzt bin ich's doppelt. Gwendolin hat mir so strahlend vom Leben
in diesem Haus erzählt, und das hübscheste war der Abschnitt ›Jockele
und seine Frau‹. Seht, ich komm' auch aus einem solchen Hause! Als
meine Eltern kurz hintereinander starben, wurde ich mit dem Haus
abgefunden, mein Bruder empfing bares Geld, er ist Arzt in Bingen,
und ich saß nun in Göttingen, und es kam mir vor, als wollte mich das
Leben dort sitzen lassen. Da verkaufte ich meine steinerne Einsamkeit,
kam nach Weimar und wurde Kordula mit der Laute. So lebt' ich mich
zwei Jahre durchs Dasein. Ich ging an den düsteren Songefjord und ließ
die traumhafte Herrlichkeit an meiner Seele abfärben. Als ich zu euch
in den Hardanger Fjord geriet, da hatt' ich Heißhunger nach Sonne.
Gwendolin hatte mir geschrieben: ›Wo Jockele und Do sind, da ist die
Sonne.‹ Die Insel der Auferstehung lockte mich, dort wollt' ich mein
Ostern feiern. Und als ich eintraf, hatte Rolf Krake die Kugel in
die Sonne geschossen. Ich kam zu spät -- aber ich kam zu rechter Zeit
nach Rom. Da fand ich Henrik Tofte. Er hatte einige Wochen mit Mister
Johnny in dem deutschen Gasthause ›Zur Post‹ zu Mittag gegessen. Mister
Johnny war noch dort, aber es hatte Auseinandersetzungen zwischen
beiden gegeben, und nun begegneten sie einander mit stummem Gruß, und
Henrik speiste nicht mehr in der Post. Er speiste überhaupt nicht mehr
-- so schien's. Künstler, die ihn kannten, erzählten, er triebe sich
in kleinen italienischen Weinhäusern herum; und einer wollte wissen:
Henrik Tofte wäre Gepäckträger, und wenn ich ihn suchte -- draußen am
Bahnhofe könnt' ich ihn treffen. ›Großer Gott,‹ sagte ich, ›dieser
Henrik Tofte ist ja aber ein Genie!‹ Da lachte man mich aus -- Genies
gäb's auf dem heißen Pflaster Roms massenhaft, aber die meisten bekämen
das Fieber ... Ich ließ also meine Reisetasche im Handgepäckschalter
niederlegen, und tags darauf ging ich vor der Ankunft des Berliner
~D~-Zugs zum Bahnhofe. Den Längsten unter den Gepäckträgern ersah ich
mir. Er war blond und reckenhaft wie ein Skalde und trug die rote
Mütze der Facchini. ›Wie heißen Sie?‹ fragte ich ihn auf norwegisch.
Da zuckte er zusammen und schlug die Augen nieder. ›Tofte.‹ -- ›So
besorgen Sie mir die Tasche auf diesen Gepäckschein nach Via Gregoriana
Nummer 5.‹ Auf meinem Zimmer in der Gregoriana hab' ich dann versucht,
ihn instandzusetzen. Kinder, diese Geschichte hättet ihr erleben
sollen! Eine Wohnung hatte er nicht. Aber Angelina Fabbro, die Witwe
eines Postschaffners, bei der ich wohnte, hatte eine große Küche. Sie
war sehr einsam, sehr faul und sagte, sie trauerte sich um ihren Emilio
einen grauen Kopf. Angelina Fabbro ist sechsunddreißig Jahre ... Nun:
Kordula Gunkel stattete Henrik Toften aus, bis er wieder manierlich
war an seinem langen Leibe. Schön und manierlich; aber Angelina liebte
ihn, und er liebte sie. Sie ist rund an allen Enden, sie ist zierlich,
und sie hat das Herz einer Römerin. Und Angelinas Küche ist groß, kühl
und heimelig, wenn die grünen Sparrenläden vor den Fenstern liegen.
In dieser Küche schliefen sie, in dieser Küche liebten sie einander
und waren faul, wie man nur in Rom faul sein kann. Angelina Fabbro
vermietet ihre Zimmer, hat ein kleines Witwengeld und führt ein gutes
Regiment im Hause. Als ich mir über dies alles klar war, zog ich
aus ...«

»Römische Schlendertage!« sagte Jockele. »Die Geschichte ist zu Ende.«
Er klang sein Glas gegen das Glas Kordulas, und seine Stimme war von
frohem Klang; denn es war zu sehen: Kordula Gunkel erzählte nicht aus
schmerzlichem Verzicht. »Die Geschichte ist zu Ende!«

»Nein, ich möchte sagen: sie geht erst los.«

»Sekt, Sekt, Cornelius!« mahnte Gwendolin, »Herrgott, Sie sind sich ja
abhanden gekommen!«

»Ich finde so was furchtbar interessant, Fräulein Gwendolin« -- das war
Erich Meyers Erwachen -- »denken Sie mal: Rom, Angelina Fabbro, rund an
allen Ecken ...« Cornelius merkte den lustigen Streich gar nicht, den
ihm die gespitzten Lippen spielten ... »wenn ich daran denke ... nun:
eigentlich dumm scheint Henrik Tofte nicht zu sein. Und diese famose
Geschichte geht noch weiter, Fräulein Kordula?« Erich Meyer rieb sich
die Hände. Dann goß er Kordula das Glas voll Sekt, ihr ganz allein. »Er
will verhüten, daß dir die Lippen trocken werden,« bemerkte Gwendolin.

Ach ja, Cornelius war zum Ergötzen! Denn nun sprang er hinaus an den
Flügel und griff leise, gebrochene Akkorde, wie aus einer Harfe, ehe
das erwartete Lied ertönt ... Und Kordula Gunkel sprach:

»Ich kann nicht sagen, daß ich darüber traurig geworden wäre. O nein,
Henrik Tofte ist nicht ein Mensch, vor dem man so leicht traurig werden
kann -- höchstens ein bißchen wehmütig wird einem ums Herz, wenn man
sieht, wie diese Fülle glänzender Gaben in den Staub fällt ...«

Gwendolin sprang ihr mitten hinein in die Rede: »Das macht, man kann
keinen Glauben an ihn aufbringen, nicht einmal den Glauben daran, daß
seine unerhörten Gaben im Staube liegen bleiben könnten.«

»Ja, so ist es wohl mit ihm,« sagte Kordula, »denn als ich damals in
Rom hinaus zum Bahnhofe ging und dachte: ›Nun sollst du diesen schönen
und bedeutenden Menschen an der Ecke stehen sehen als einen Paria des
Lebens,‹ da war mir, als hätte der Blitz in mein Herz geschlagen. Aber
hernach? Es war eine fast gleichgültige Begegnung und war kaum anders,
als wenn ich den Dienstmann Nummer 17 einen Weg schickte.«

Gwendolin hatte noch keinem Erzähler mit tieferer Hingabe gelauscht. Es
war ihr -- und so war es auch Do und Jockele -- als reiche ihr nun das
Leben die Bestätigung ihrer Klugheit von einst. Und sie sagte: »Das ist
der Schadenersatz, den das ›Schicksal‹ dem Henrik gewährt für das, was
es ihm vorenthält: man kann kein Mitleid mit ihm haben! Deshalb ist es
ihm versagt, andere unglücklich an ihm zu machen. In dem Augenblick,
in dem er auch das noch fertigbringt, wird er zum ersten Male an sich
selber unglücklich sein.«

»Du kennst ihn sehr gut,« sagte Kordula; »denn als ich aus der
Gregoriana fortgezogen war und in der Via Parma wohnte, war es mir, als
wär' ich einem finsteren Verhängnis entronnen: ich war seit dem Tode
meiner Eltern nicht mehr frohherzig gewesen, nun aber war ich's wieder.
Es war zwar ein wunderliches Vergnügen, dem ich mich hingab, aber es
war doch eins: ich baute mir in Gedanken das Leben Henrik Toftes aus
den Stücken zusammen, die von ihm in der Welt herumlagen. Kinder,
was wurde da für eine barocke Unmöglichkeit daraus! Alle Narrheit
und Weisheit, alles Licht und alle Finsternis, aller Ernst und alle
Kindsköpfigkeit, die je aus den Gedanken des großen Weltenbaumeisters
hervorgegangen sind, hat er in diesen Überschwung hineingepaßt, der
nun Henrik Tofte heißt! ... Neugierig ging ich nach ein paar Wochen
durch die Gregoriana -- da war drunten am Torstein des Hauses Nummer
5 ein Schild in vier Sprachen angebracht: ›Institut für schwedische
Heilgymnastik und Massage von Henrik Tofte.‹« ...

Die Standuhr schlug Eins. Sie schlug in die verblüffte Stille, die
genau so lang war wie der Uhrenschlag. Dann brach das Lachen los.

Frau Do aber ging hinaus und kam nicht wieder.

So drängte sich das Leben mit Ungestüm im Haus am Horn. »Das Dasein
hat um Jockele und Frau Do ein ganz anderes Gesicht wie um andere,«
bemerkte Cornelius mit einem Aufgebot von Wichtigkeit. Sie saßen in
dieser Frühlingsnacht, bis der Morgen heimlich an die Fenster klopfte,
und waren doch nur vier junge Menschen, die sich nicht einmal von
anregendem Trunke locken ließen. Dann verfielen sie in ein lustiges
Raten, woher das käme. »Es ist die Nachbarschaft Goethes,« sagte
Jockele, und er hielt eine schöne Rede. Daran war zu merken, daß er vor
der peinlichen Frage: »Was wissen Sie von Goethe?« längst nicht mehr
zag zu sein brauchte. »Wer in Weimar lebt, hat die Pflicht, in jeder
Woche einmal nachdenklich daran zu werden, daß Weimar das Herz der Welt
ist -- diese Erkenntnis wirkt auf die Seele wie ein Sonnenbad auf den
Körper.«

»Alle Sinne werden wach, wenn man in das Reich der Frau Do tritt,«
sagte Cornelius -- »was ich bin und habe, dank' ich ihr allein,« setzte
er hinzu. Er hatte leuchtende Augen. Und Kordula Gunkel war auf die
Schwelle des Musikzimmers getreten und ließ ihre Blicke wandern. Es
hingen da schöne und wuchtige Gemälde an den Wänden: der Folgefond,
wie er sich spiegelte in den dunklen Wassern des Hardangerfjords --
von Henrik Tofte. Es war ein königliches Bild. Es hing an der Wand im
Speisezimmer der Skjoldefoß mit der Sägemühle -- auch von Henrik Tofte.
Groß und gewaltig in Farben und Auffassung. Es waren da Bilder von
Gwendolin aus den Schären und Holmen; dann die Insel der Auferstehung,
und der Anger im Walde von Ettersburg, den sie damals gemalt hatte,
als Jockele vor ihr erkennen wollte, wie viel weniger er könnte. Und
über den Flügel hin, als das einzige an dieser Wand, war ein Kopf
Beethovens, gemalt von Richard Schaffrath -- stark und tiefbeseelt
hingestrichen, ward er zu einem Erlebnis.

O ja, es atmeten in diesem Hause Tat, Kraft und Wille zu Leben
und Schönheit. Und Kordula Gunkel hatte nun fünf Jahre an sich
vorüberstreichen sehen, fünf Jahre voller Dinge, die außer ihr lagen
wie ein Film. Das Herz war ihr müde daran geworden und das Auge
flimmrig. Darum lehnte nun Kordula an dem Pfosten der Tür und sagte:
»Es ist schön und wunderbar -- es ist ein Märchen.« Gwendolin aber
schenkte die Reste des Sekts aus den Flaschen in ihr Glas und setzte
sich samt dem Glas mit dem schäumenden Mützlein an die Spitze eines
Zuges; denn die anderen marschierten hinter ihr drein und legten
einander die Hände auf die Hüften. So schritten sie hinaus in das
Zwielicht des Vorgartens. Die Luft war weich und voller Verheißungen;
die Tulpen stiegen aus dem Rasen. So kamen sie bis vor den Erker mit
dem grünen Kupferdach, der aus der Stirnseite des Hauses springt.
Und Gwendolin hob das Glas und rief: »Schön und wunderbar bist du, du
Reich der goldenen Do! Wunderbar bist du und schön wie ein Märchen, du
Märchenhaus!« Und sie warf das Glas gegen den Stein, daß es jauchzend
zersprang.

Da hatte das Haus den Namen, den es seit jener Stunde in der Stadt
trägt und im Reiche und darüber hinaus; denn wo Do und Jockele regieren
als König und Königin, das weiß die Welt.


Aber der irrt sich, der da meint: nun wäre die Geschichte alle, und
Frau Do hätte doch nicht ganz recht gehabt, als sie sagte: es wäre
bei ihnen immer schrecklich viel los; denn eine Woche danach -- der
Frühling brannte zeitlos gerade sein Eröffnungsfeuerwerk ab -- hurra!
da hatten sie im Märchenhaus ein kleines Mädchen. Das kleine Ding hatte
es nicht erwarten können! Kunststück -- wenn in der Welt an jedem Baum
ein grüner Zettel angeschlagen ist: »Heute Einzug Sr. Kgl. Hoheit des
Frühlings!« und wenn die bunten Fähnlein um alle Steine wehen und über
dem Rasen flattern -- ha, Kunststück! Und so war sie denn gekommen.
Gwendolin, die als die einzige dabei war -- denn Jockele rasselte in
einem gefährlich fixen Auto durch die Stadt, und sein überfallenes Herz
schrie um Hilfe -- die Allerwelts-Gwendolin sagte hernach: »Du hättest
dich gar nicht zu eilen brauchen, die Erbprinzessin sprang so vergnügt
in die Welt -- es fehlte bloß noch, daß sie heidi! rief.« Damit gab
sie auch Dos Kindlein den Namen -- in diesem Falle warf sie aber kein
Sektglas nach ihm. Sondern das war ein lustiger Zufall; und es lag in
diesem Namen ein so köstliches Befreien von der Überrumplung, die sich
die kleine Heidi geleistet hatte. -- Eine ähnliche Sache hatte sie sich
auch für späterhin vorbehalten, als sie die Buschgroßmutter besuchen
ging ... Das war ein sehr aufregendes Unternehmen.

So war Heidi das Frühlingskind das wichtigste Ereignis seit der Taufe
des Märchenhauses. Die ruhevolle Kordula Gunkel erklärte: »Es ist nicht
nur ungeheuer viel los bei euch, nein, die Tage schießen in Kopfstürzen
über eure Stiegen.« Und damit hatte sie recht. Um so mehr wunderte sie
sich, daß von einem Jahrmarktsrummel in diesem Hause beim besten Willen
nicht geredet werden konnte; denn es wohnte besinnliche und gesammelte
Freude am Dasein darin; und die ist immer leise -- zum Unterschiede vom
Haus mit der Harfe, wo man zu den Fenstern heraussang, und wo der Knabe
mit der roten Zipfelmütze sogar an einem Wintertage mit verbürgten 17
Grad Kälte vorm Gartentore an seinen Liedern in die Luft kletterte.

Der ganze römische Winter war für Kordula nicht so voller Ereignisse
gewesen wie die erste Woche im Märchenhaus: Gwendolin verlobte sich;
Jockele arbeitete mit geheimnisvoller Hingabe an seinem Werk über
die Flechten -- so hieß es. Dann aber stellte sich's heraus: er
hatte einen Roman begonnen. Man riet sich über dem Titel und über
seinem Stoff leuchtende Augen und Herzen und riet daneben. An den
Abenden fehlte zwar die Märchenkönigin Do; aber Cornelius, Schaffrath
und der Professor Salzer waren dreimal da, und man sprach von der
Nachbarschaft. Es gab für die Leute im Märchenhause nur einen Nachbar:
Goethe. Man brauchte ja bloß zum Fenster hinauszulugen, da blinzelte
das heimelige Schindeldach durch Busch und Hecken ... An einem dieser
Abende war auch Erika Flucht da; denn auf den Spuren der endgültigen
Fassung des »Faust«, die Goethe im benachbarten Gartenhang vergraben
haben sollte, erschien mit jedem jungen Jahr, sobald die ersten Lerchen
schwirrten, dies Mädchen schön und wunderbar. Kordula wußte aus dem
Jockelebuch, was es damit für eine Bewandtnis hatte. Und Fräulein
Flucht war noch immer nett und so überzeugt von ihrer literarischen
Sendung wie vor Jahren. Die kluge Do aber blieb diesmal für sie
verschollen. Dagegen fand Erika Flucht in Salzer einen geistvollen
und launigen Zweifler. An ihrer Unentwegtheit änderte das nichts.
Aber die Menschen im Märchenhause waren so, daß auch das Mädchen aus
der Fremde ein Ereignis unverkümmerter Freude blieb. -- Dann wachten
die grünen Wasserfrösche auf, die Jockele noch am letzten sonnigen
Herbsttag in Belvedere gefangen und in seinem Gartenteich angesiedelt
hatte. Alle Bewohner und Freunde des Hauses versammelten sich dazu.
Nur Jockele war nicht mehr so bei der Sache wie am Karauschenteich
in Norwegen -- nun ja, es gab in dieser Woche für ihn mancherlei
Ablenkung. Aber es half ihm nichts: der ansehnliche Stoß Papier, den er
den Froschlurchen zuliebe vollgeschrieben hatte in naturforscherischem
Bemühen, durfte nicht unter den Tisch fallen. So nahm er Messungen
über den Ernährungszustand des grünen Teichvolks vor: es war genau so
dick in den fünfmonatigen Winterschlaf gegangen! Er fütterte sie mit
Regenwürmern, sogar kleine Molche ließ er sie vertilgen; und als sie
am dritten Tage Jockeles Schritt auf dem Gartensand hörten, hüpften
sie ihm entgegen und nahmen die Würmer aus seiner Hand. Nicht zu
glauben -- und dennoch eine Entdeckung rührender Intelligenz der grünen
Teichmänner, von der die gesamte Literatur keine Ahnung hatte! Jockele
war davon so überrascht, daß er die wonnevollen Frühlingsmittage dieser
Woche in forschendem Spiel am kleinen Gartenteich verbrachte. Darüber
mußte der Rausch des Dichtens in die Einsamkeit der Nächte verlegt
werden. Und es hätte niemand so leicht davon erfahren, hätte nicht
Kordula Gunkel das Geheimnis erspäht ...

Dies alles fiel in die Woche vor Heidis Sprung in die Welt -- der
Gwendolin und ihres Schlachtenmalers gar nicht zu gedenken! Zu
allem: Kordula Gunkel war mit ihren Freuden seit ihrem Auftauchen im
Märchenhause keineswegs bloß neben die anderen gestellt -- nein, nein,
die fünf Jahre waren für sie vorbei, die ihr Augen und Herz flimmrig
gemacht hatten, weil sie immer nur zugucken durfte!

Daran war Erich Meyer schuld. Auch an dem Hausschlüssel, den die
dunkele Kordula besaß. Jockele hatte ihr verständnisvoll seinen eigenen
gegeben. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß der blonde Erich mit
Eintritt der Dunkelheit von einer Schaffenslust befallen wurde, die er
am Tage nicht ahnen ließ ... Das kann hier nicht verschwiegen werden,
verwahrt sich aber im vorhinein gegen jede lästerliche Deutung; denn
im Grunde genommen war diese Eigentümlichkeit Meyers im Märchenhause
längst bekannt.

Auf Katersteigen ging er nicht, o nein, er komponierte. Schon vor
Jahren, als er noch im Brückenhause wohnte, wo das Ilmwehr über seine
Einsamkeiten rauschte, hatte er des Nachts schöpferische Bedrängnisse.
Doch in jener Zeit wußte er sich nicht zu deuten, was nach Leben in
ihm rang. Da mutmaßte er, und er kam auf wunderliche Gedanken. Aber
dann später, im Haus mit der Harfe, wenn die drei Jungen, die neben
seiner Kammer schliefen, sich des Abends ausgetobt hatten, da hörte
er schöne lockende Saiten tönen über das Herz der Nacht hinweg. Als
ihm dies zum ersten Male geschah, dachte er, es wäre die Leier auf dem
Dache, an der sich der Sommerwind im Wandern vorübergriff. Da schrieb
er auf Notenpapier, was durch seine Seele zog. Und am Morgen dachte er,
er hätte geträumt. Aber das mit Noten bedichtete Blatt auf dem Tische
belehrte ihn anders.

Seit er im Häuschen im Apfelgarten wohnte, und seit er den Flügel
besaß, wußte er: die Nacht war für ihn die schöpferische Zeit. Danach
richtete er fortan sein Leben: er komponierte an seiner Märchenoper;
oder in einem goldenen Meer von Tönen badete er sich durch Mitternächte
die Seele rein von dem Staube, der sich über den Klavierstunden am Tage
darauf gelagert hatte. Unterricht gab er nur noch nachmittags -- auch
das dankte er Do und dem Märchenhaus.

Und zuletzt dankte er diesem Hause auch Kordula Gunkel. Ja, es war
Himmel um ihn, Himmel, wohin er griff! Nicht die Laute war es gewesen,
die ihn bestrickt, sondern er hatte noch nie ein Mädchen gesehen, das
den Kranz ihres schwarzen Haars so fromm um die weiße Stirne trug. Er
hatte noch nie eine so weiche dunkle Frauenstimme gehört, die sich
ins Herz schmeichelte wie diese und die so warm zu ihm sprach. Gleich
am ersten Abend, als Kordula auf der Schwelle stand und einkehrfroh
war, da hatte er an die heilige Cäcilie gedacht. Nun, eigentlich eine
Heilige war Kordula Gunkel nicht. Aber auch das fand Erich Meyer
wunderwunderschön an ihr.

Kordula merkte schon am dritten Tage, wie das mit ihm stand. Alle
merkten es. Bloß: Erich Meyer wußte nicht, wie er so etwas machen
sollte ...

Einmal ging Kordula mit Gwendolin im Garten spazieren. Sie sprachen von
Erich, und Gwendolin war von einer bedeutenden Lustigkeit -- natürlich
ganz heimlich. Da fanden sie Jo am Froschteich.

»Er ist bei der Dressur,« sagte Kordula.

»Jockele,« rief Gwendolin, »du mußt der Kordula deinen Hausschlüssel
geben!«

Kordula war entrüstet. »Willst du mich hier etwa in ein verdächtiges
Licht setzen? Und meinst du, daß ich Meyern damit pfeifen soll?« sagte
sie leise zu Gwendolin.

»Ja,« sagte die -- »so ähnlich; die Liebe ist ein Geist; sie lernt erst
reden, wenn du ihr ein Zeichen gibst.«

Es ist nicht festgestellt worden, ob die gefährliche Gwendolin dem
Jockele eine Andeutung gemacht hat -- der Hausschlüssel lag gleich
danach auf dem Tisch in Kordulas Zimmer.

Es war zwischen den Mädchen nicht mehr von dieser Sache gesprochen
worden. Aber Kordula dachte darüber nach. Gwendolins Weisheit von der
Abenteurerin fiel ihr ein -- die Gwendolin war doch ein mortsgescheites
Mädel!

In der Dämmerung saß Kordula am geöffneten Fenster und ließ die
hohen Maßholder und die ersten Sterne sacht über sich aufblühen. Es
knirschten Tritte im Wegsand unter den alten Bäumen. Da steckte Kordula
Gunkel den Hausschlüssel in die Tasche, nahm ein Schultertuch und ging
ein bißchen in den Garten.

»Sieh da, Herr Meyer! Gehen Sie oft hier ums Märchenhaus spazieren?«

»O nein. Ich dachte, vielleicht träfe ich Jo oder Gwendolin oder sonst
einen lieben Menschen. Man hat sich schon so daran gewöhnt. Früher hab'
ich nach niemandem Sehnsucht gehabt.«

Kordula blickte ringsum und sah die Kastanien des alten Schießstands.
»Sagen Sie, Herr Meyer, was ist denn eigentlich da oben? Es ist da eine
Reihe so schöner Kastanien.«

»O,« sagte Meyer, »man kann von da aus recht gut in mein ›Landhaus‹
gelangen, wenn man nämlich durch die Schlüpfe im Zaune geht, wissen Sie
-- wo Minchen Herzlieb aus dem Jockelebuch den blühenden Mandelzweig
zwischen den Zinseln hindurchgesteckt hat, und wo die Kastanie steht,
in die Jockele damals seine Liebe eingeschnitten.«

»Aha,« sagte Kordula, »wollen Sie mich da nicht einmal hinführen?«

»Wenn es Ihnen nicht zu dunkel wird, Fräulein Kordula?«

»Ach Unsinn!«

Da wanderten sie miteinander ein Stück das Horn entlang und bogen dann
rechts in den Pfad zwischen den Gärten, der unter die Kastanien des
alten Schießstandes führt. Es war nun schon recht finster geworden
unter dem tiefhängenden Frühlingslaube. Kordula stieß an einen Stein.

»Es sind wohl gar Stiegen in diesem Wege?«

»Ja,« sagte Meyer, »wenn Sie erlauben, könnte ich Sie vielleicht
führen?«

»Wenigstens über diese holperige Stelle.«

»O, holperig sind hier alle Stellen,« sagte er.

»Und finster ist es.«

»Für mich kann es gar nicht finster genug sein, Fräulein Kordula,
ich lebe dann eine Art gesteigertes Dasein, und es fällt mir darüber
furchtbar viel ein.«

»Ja? Ich habe gehört, Sie machen Ihre besten Sachen im Finstern, Herr
Meyer.«

»Jawohl,« sagte er; »denn erstens spart man dabei Licht. Na, und
überhaupt ...«

Sie gingen den ganzen Schießstand lang. Sie kamen auf einen Feldrain.
Sie kamen in das Kastanienwäldchen. Und sie kamen nach Oberweimar. Da
fand Kordula, daß es sehr weit wäre, bis zu Meyers Gartenhaus. »Ach,«
sagte er, »da sind wir ja gleich anfangs vorbeigekommen! Doch -- es war
so schön ... Ich habe ja noch nie das Glück gehabt, eine junge Dame zu
führen, Fräulein Kordula.«

Da lachte sie. »Mein Gott, ich wollte aber Ihr Häuschen sehen! Und Sie
sagten doch, in der Nacht fielen Ihnen immer die schönsten Dinge ein?«

»Erstaunlich schöne Dinge, Fräulein Kordula ...«

Bis dahin war es ein bißchen dürftig zwischen ihnen gewesen; denn
Erich Meyer berührte die Erde nur mit den Fußspitzen. Kordula Gunkel
dachte: »Was ist er für ein lieber unbeholfener Träumer! Er fällt immer
tiefer hinein in den Himmel. Ich glaube, wenn ich ihn nicht festhalte,
verläuft er sich hinter seinem Glücke her.« Darüber fiel es ihr auch
ein: der Hausschlüssel wäre der Gwendolin wohl nun ein Sinnbild gewesen
und Erich Meyer wüßte vor lauter Freude wirklich nicht, wie man so
etwas mache.

Aber solch ein Unterricht ist furchtbar schwierig ...

»Es ist himmlisch, Fräulein Kordula.«

»Woran merken Sie denn das?«

»Es sind mir herrliche Dinge eingefallen auf diesem Wege.«

»Sie sind sehr selbstsüchtig, Herr Meyer -- nun ja, weil Sie all die
schönen Sachen für sich behalten!«

»Es läßt sich gar nicht in Worten ausdrücken, Fräulein Kordula.«

»In Tönen etwa?« begann sie zu raten.

»In Tönen?« fragte er erstaunt. »Na ja, da ginge es auch. Aber daran
dachte ich nicht. Ich dachte überhaupt nicht an Musik ...«

»Herrgott noch mal!« begehrte sie auf.

»Wie, bitte?«

»Lieber Cornelius, ich glaube, Sie müssen sich gewöhnen, die Welt
herzhafter anzufassen.«

»Ja, das muß ich wohl. Aber ich habe nun mal so leise Hände, und ich
habe doch ein so furchtbar heißes Herz. Sie ahnen gar nicht, Fräulein
Kordula, was dies Herz alles anstellen möchte!«

»Ach, ahnen,« sagte sie, »natürlich ahn' ich es!«

Darüber waren sie durch die Finsternis wieder zur Wildenbruchbank
gelangt, die auf dem Kopfe des alten Schießstands steht. Sie wußten
beide die Verse auswendig, die Wildenbruch dafür gedichtet hatte
und die in die Lehne eingegraben sind. »Weimar hat so viele Gaben
ausgestreut, dir zur Rast ein Plätzchen, Wandrer, schenkt es heut.«
Meyer sprach diese Verse in lockendem Tone vor sich hin.

»Jawohl,« sagte Kordula, »hier wollen wir uns niedersetzen. Und nun
erzählen Sie mir mal ohne Scheu, was Ihr berüchtigtes Herz eigentlich
möchte; denn wenn Sie Ihr ganzes Leben betreiben, wie die Wünsche
dieses Abends, so werden Sie daran unselig. Wie ist denn das so mit
Ihnen gekommen?«

Da war es, als täte er einen tiefen Griff in sein Herz und sagte: »Wenn
die Menschen sich dereinst nicht mehr einbilden, daß sie das Recht
besitzen, in dem Leben der anderen herumzuwühlen wie in ihrem eigenen,
dann geht das Seligsein schon auf Erden los.« Er holte das weither.
Aber er legte damit den Schlüssel zu seinem Wesen zum erstenmal in
die Hand eines Menschen. Selbst Do gegenüber hatte er das nicht
gewagt. »Ja, so ist es mit mir -- die Menschen sind von jeher um mich
herumgelaufen wie Gassenbuben: jeder hat eins der kleinen Fenster an
mir eingeworfen. Und ehe ich zu Sinsheimers kommen durfte, hab' ich
wohl ausgesehen wie das Haus eines Lumpenmanns. Sie haben alle in
meinem Leben herumgewühlt wie in einem lächerlichen Dinge. Deshalb ist
es so mit mir geworden. Erst durch Frau Do hab' ich Lust bekommen, dies
Haus des Lumpenmannes wieder ein wenig sonntäglich aufzuputzen. Und
nun möcht' ich es so schön haben, daß es auch Ihnen gefällt, Fräulein
Kordula. Meinen Sie, daß das ginge?«

So darf sich die Wildenbruchbank am Horn rühmen, die wunderlichste
Liebeserklärung gehört zu haben, die je losgelassen worden ist.

Kordula Gunkel war nicht schwerhörig. Sie sagte: »Wissen Sie was,
lieber Cornelius? Wir werden die Sache miteinander versuchen ... denn
das war es doch wohl, was ich ahnen sollte?«

»Ja, liebe Kordula, das war es.«

»Sie meinen, wir sollen uns heiraten, und dann ...«

»Dann, Kordula -- Kordula!«

Sie zogen nun die blaue Sammetdecke der Nacht ein wenig fester um sich
zusammen ...

»Es ist alles gar nicht so furchtbar schwer, du, gelt?« lachte Kordula.

»Ja, nun ist es sehr süß und sehr einfach. -- Komm,« sagte er nach
einer Weile, »ich zeige dir jetzt mein kleines Haus.«

Da gingen sie den Wall entlang in der holdseligen Finsternis und
glitten durch die Schlüpfe im Zaun.

Es war recht jämmerlich in dem Häuschen. Aber Erich Meyer fand es
herrlich. Es war viel jämmerlicher als in jenen Tagen, in denen Jockele
dort gewohnt hatte. Was darin stand, hatte Meyer des Abends von Do
herübergetragen. Der Stutzflügel füllte das Vorderzimmer, daß fast kein
Platz mehr blieb. Aber mit einiger Mühe gelangte man zwischen Wand und
Flügel hindurch in den Schlafraum. Da war neben dem Bett auch nur ein
schmaler Gang, in dem aller möglicher Kram aufgestapelt lag. Erich
Meyer hatte die kärgliche Stehlampe angebrannt und leuchtete an den
Dingen verliebt herum.

So sah das Leben Erich Meyers aus. Es war ein Haufen Gerümpel, und
mitten darin stand der glänzende kleine Flügel. Aber es war zu merken:
eines Tages würde auch er untergegangen sein in den Dingen, die sich um
ihn sammelten. Der Flügel stellte Meyers Herz dar, und das ganze kleine
Haus Erich Meyers Leben.

Und doch wurde Kordula Gunkel sehr vergnügt an allem, was sie sah.
Genau so hatte es ihr Gwendolin schon erzählt. Fünf Jahre lang hatte
sie vor ihrem Leben gestanden, wie viele Mädchen, und hatte dies Leben
gefragt: »Was soll ich denn nun tun?« Und dies Leben hatte vor ihr
gestanden und die Schultern gezogen. Aber in dieser Nacht sagte es zu
ihr: »Weißt du nun, was du tun sollst, Kordula Gunkel? Du bist vor
einem halben Jahre nach Rom gefahren und hattest den Mut, etwas viel
Schwereres zu vollbringen. Weißt du nun, was du tun sollst?«

Ja, sie wußte es. »Du,« sagte sie, »da müssen wir gleich beginnen,
alles fest in die Hand zu nehmen.« Sie rückte den Stuhl neben den
Klaviersessel Meyers, und sie fingen an zu rechnen und Pläne zu machen,
und Kordula preßte die Pflugschar zur ersten Furche in das verqueckte
Land.

Es war so, wie wenn ein Mann einen Acker gekauft hat, auf dem seit
Menschengedenken Sommer und Winter wachsen und ruhen ließen, was Wind
und Sonne an gutem und wildem Samen in die Scholle geworfen haben nach
ihrer Wahl.


Und am Ende der Woche, in der dies alles geschah, kam Heidi das
Frühlingskind.

Kein Wunder, daß Gwendolin und Kordula in der Pflege um Do
wetteiferten. Sie wechselten in den Tag- und Nachtwachen ab, und
sie wußten nun alle drei, daß sie von dieser Woche noch zärtlicher
aneinandergekettet worden und daß ihr Leben auf einmal ein ganz anderes
Gesicht bekommen hatte. Die Herzen der Mädchen hatten heimgefunden und
sahen eine schöne lichte Straße, von der sie nun sagten: hier müssen
wir wandern. Und die gütige und weise Frau Do, die sich seit der
Mitte des Winters in beseligtem Erwarten ein wenig zur Seite gestellt
hatte, fühlte nun wieder inniger mit den Mädchen. So waren sie sich
in vollerem Glücke nähergerückt. Es gab neue Pflichten im Hause für
Kordula und Gwendolin, Pflichten, die sie heimlich ersehnt hatten, um
Do und Jockele ihre Dankbarkeit zu bezeigen. Und über allem schwebte
die fröhliche und doch wehmütige Zuversicht: in ein paar Wochen wäre
dies neue Leben schon wieder von einem noch neueren verdrängt. Danach
würden sie zusammenkommen als drei junge Frauen, jung und glückselig
und voller Erfüllungen und Geheimnisse ...

So lief die Zeit. Es war anders geworden in allen Dingen, seit Heidi
das Frühlingskind Einzug gehalten hatte. Aber ein liebes heimeliges
Märchen blieb's, ja, es war noch lieber und heimeliger als zuvor. Do
fand das richtige Wort dafür und sagte:

»Es ist ein Sommer der gekrönten Sorgen. Wißt ihr noch, wie wir damals
im Blockhaus auf der Osterinsel schon einmal an Hochzeit und kleinen
Ausstattungen bauten? Es ist jetzt viel schöner. Es ist jetzt so, wie
ich mir dachte, daß es sein müßte -- wir sind jetzt erst alle drei
daheim,« setzte sie in ihrer goldenen Innigkeit hinzu.

Darüber wurden Sommer, Leben und Menschen immer fertiger und schöner.

Zuerst hielten Meyers Hochzeit. Es war im Juni. Sie mieteten das kleine
Haus am Park, das vor Oberweimar an das Birkenwäldchen hingelehnt
ist. Man muß nur immer die breite Straße weiter gehen, die an Goethes
Gartenhause vorüberführt -- da ist es dann das erste linker Hand. Auch
wenn man abends vorbeigeht, erkennt man es gleich: hinter zwei Fenstern
des Oberstockwerks brennt eine grüne, hinter den zwei anderen eine rote
Lampe. Bei der roten sitzt Erich Meyer und verdichtet sein junges Glück
in Tönen. Kordula ist eine kluge, ruhsame und frohbewußte Frau. Deshalb
steht Erich Meyer in voller Blüte. Er ist nun Lehrer für Komposition
und Klavier an der Musikschule.

Na, und Schaffraths? Die warteten noch auf das Haus, das in dieser Zeit
als Nummer 15 am Horn gebaut wurde. Sie wollten sich alle nahe bleiben
und auch in der Nachbarschaft Goethes, damit die grüne leuchtende
Parkstille ihnen durch Fenster und Herzen schiene und dazu die freudige
Blüte des Lebens, die im Märchenhause gedieh.

So lebten sie bis tief in den Sommer hinein, und doch hatten die Tage
schnellere Flügel als je zuvor. Wie sich einer an den anderen reihte in
sommerlicher Helligkeit, waren Gwendolin und Do mit der kleinen Heidi
schon von morgens an unter den Bäumen des Gartens, oder sie saßen auf
dem Platze mit dem weichen geschorenen Rasen. Es war für jede Stunde
des Tages eine Stelle gewählt, an der es ganz besonders herrlich war.

Jockele war nur mittags oder abends in ihrer Gesellschaft. Die
Monographie über die Froschlurche hatte er nun fertig und einem
Verleger übergeben. An dem Werk über die Flechten arbeitete er in
dieser Zeit nicht; es brauchte dazu noch weiterer Forschungen.

So saßen sie auch einmal nach Tisch im Garten zusammen: Do, Jo und
Gwendolin, die die kleine Heidi auf dem Schoße hatte. Da planten sie
die »Flechtenreise«, die recht breit und besonnen sein sollte wie
ihr Leben. Jockele wollte nämlich mit Do und seiner Tochter in einem
Kutschwagen in das Fichtelgebirge reisen, dann die Kammstraße des
Erzgebirges entlang fahren, an den Hochmooren zwischen Böhmen und
Sachsen dahin, und so immerfort nach Osten bis in das Riesengebirge.
Sie dachten, es könne ein ganzer Sommer über jener Wagenfahrt
dahingehen; aber in dieser Zeit fingen sie die Reise in ihren
fröhlichen Gedanken schon an. Sie sprachen davon, was sie mitnehmen
müßten, wiewohl es bis dahin noch vier oder fünf Jahre dauern würde,
und sie malten sich aus, wie sie zu dritt ganz langsam durch die
Herrlichkeit der Bergwälder rollen wollten. Das wäre dann eine sehr
neumodische Art zu reisen; und eine neumodische Art, wieder zu dem
Genuß einer Reise zu gelangen und nicht nur zum Behagen am Ziele. »Es
gehört Zeit dazu,« sagte Jockele, »es gehört auch Zeit zum Leben. Die
Menschen haben diese fröhliche Muße verloren, aber ich will sie für
euch und mich erringen, selbst auf die Gefahr hin, vor der Welt ein
Narr zu heißen.«

Do sah Gwendolin an. »Merkst du, wer ihm das eingegeben?«

»Aha,« machte Gwendolin und tat den Jasminbusch ein wenig auseinander,
»schaut da nicht die Tante Veronika heraus?«

»Natürlich,« lachte Do.

»Und gleich neben ihr der Zigeuner,« sagte Jockele. »Wißt ihr: den
Kunstzigeuner hab' ich immer ein bißchen verächtlich angesehen -- auch
wenn er wirklich mal ein Genie war wie Henrik Tofte; die Gwendolin ist
ja ihr Lebtag viel zu besonnen dazu gewesen -- aber das Gottesgeschenk
der echten Zigeunerseele, das will ich mir wohl wahren! Denn es ist
eine Gnade, die ich vor anderen Menschen habe -- ich ganz allein. Ganz
richtig zu leben verstehen eigentlich nur die Zigeuner,« scherzte
er. »Aber zu solch einem Auserwählten hat's bei mir nicht gelangt.
Die Maljahre waren eine Hatz. Dabei wär' ich um mich selber gekommen
-- es war ein Irrtum aus lauter Sehnsucht! Na, und dann tat Do ihre
Segenshände auf und erschuf mich vollends zum Menschen. Da wurde der
Naturforscher aus mir -- es war wieder ein Irrtum aus Sehnsucht.
Aber er war heilsamer. Und nun kommt das letzte: dies letzte ist der
Dichter. Es ist die Sehnsucht, jeden Tag dem lieben Gott einmal mitten
hineinzusehen ins Herz! Wem anders könnte diese Sehnsucht Erfüllung
werden als dem Dichter? ... So ist ein gerader Weg von dem Findling
auf der Schwelle des Frühlingshauses am Walde über den Malmenschen mit
seiner Unrast, dann über den Naturforscher, der in das Räderwerk der
Schöpfung eindringt -- ein gerader Weg bis hin zum Dichter. Und es
ist ein gerader Weg von dem Herzen der Zigeunerin durch das Herz der
Tante Veronika über das Herz Dos an das Herz Gottes -- hinter dieses
Geheimnis bin ich heute gelangt. So. Und da habt ihr die viererlei
Gnaden meines Daseins! Aber die Zigeunerseele, das Herz Dos und Heidi
das Frühlingskind fahren wir mal ins Riesengebirge spazieren.«

Danach schlug sich Jockele in die Büsche gegen das Haus hin. Er
wollte wieder in sein Arbeitszimmer gehen. Auf der Straße flimmerte
die Sommerluft, die Frösche saßen am Teichrand und plumpten schon
längst nicht mehr ins Wasser, wenn Jockele vorüberschritt. Da tauchte
auf einmal ein Mensch über den Zaunlatten empor und warf ein paar
machtvolle Arme in die Luft ...

»Henrik Tofte!«

Dieser Name stürzte in den Mittagstraum unter den Bäumen wie ein Stück
Fels. Do sprang auf. Gwendolin duckte sich ein wenig, dann preßte sie
Heidi fest ans Herz und lief Do nach. Wahrhaftig! Im Torweg standen
sie: Henrik Tofte und Jockele. Und der Besitzer des »Instituts für
schwedische Heilgymnastik und Massage« in Rom schwenkte seinen echten
Panama, sah aus wie der liebe Gott, als er dreißig Jahre alt war und
noch den blonden Vollbart trug, und hatte sich zu diesem Besuch im
Märchenhaus einen nagelneuen Sommeranzug machen lassen.

Aber es war zu merken: auch ohne diese Nagelneuheit hätte er vollwertig
ausgesehen. Ein Mensch, um den die Mädchenaugen flogen wie Sommervögel,
war er schon immer. Selbst die rote Mütze des welschen Gepäckträgers
hatte dem wenig Eintrag getan.

Und nun war es Heidi das Frühlingskind, das den drei Erwachsenen über
das Herzbeben hinweghalf. Sie saß da auf Gwendolins Arm in ihrem
himmelblauen Kleidchen, streckte dem machtvollen Manne die Ärmchen
entgegen und jubelte ein helles Lachen um ihn. Das hatte sie vor einem
Fremden noch nie getan. Und sie machte das so reizend -- was ringsum
lebte, jauchzte mit. Da kriegte Tofte das himmelblaue Menschlein
zu packen, und es hing an seinem Herzen wie ein kleiner blauer
Schmetterling an einem Eichstamm und schlug vor lauter Sonnenfreude
mit den Flügeln. Es faßte ihm in den Nordlandbart und patschte ihm ins
Gesicht, und dem blonden Riesen liefen die Augen an vor einer Handvoll
Kleinkinderglück.

Gwendolin lockte Heidi und wollte ihn von ihr erlösen; Mama wandte ihre
süßesten Liebkosungen an, aber Heidi blieb für alle verloren. Sie hatte
ihre Ärmchen auf Toftes Achsel gelegt und sah aus, als wollte sie,
vereint mit ihm, ihr Jahrhundert in die Schranken fordern.

Dem Henrik Tofte gefiel dies holdselige Wunder ungemein. Ein bißchen
bänglich war ihm aber doch, und er fragte, ob er an dem Kleinen etwas
entzweimachen könnte ...

Das war wieder einmal so bärenmäßig lieb von ihm, daß er für die Damen
zu seiner vollen Siegergröße emporwuchs. Und beruhigt setzte er sich
mit Heidi in Bewegung nach dem Schattenplatz unter der Ulme, wo schon
die Wildrose die Hagebutten aufsteckte. Heidi aber blieb bei ihm, bis
sie sich müde staunte an seinen Übermaßen. Gegen seine sichere Brust
gelehnt, schlief sie ein. Da legte man sie in den Wagen und fuhr sie
ein bißchen seitab unter die Bäume; denn Henrik Toftes Stimme dröhnte
wie der Skjold.

Gwendolin war rasch einmal ins Haus gesprungen -- einer Erfrischung
wegen, die Fritz alsbald auftrug. Aber sie hatte ihm auch befohlen,
danach gleich zu Frau Kordula zu laufen -- Gwendolin brauchte durchaus
eine Seele, die sie von der elektrischen Spannung befreite. Ihre
Gedanken wirbelten durcheinander wie Herbstlaub, und in ihrer Not
verfiel sie auf Kordula. Unter dem Blätterfalle fand sie sich wieder
zur Ulme.

Sie fand Jockele und Do fröhlich und gefaßt. Da wollte sie nicht
zurückstehen. Henrik Tofte saß in himmelheller Aufgetanheit dabei,
rauchte eine Zigarette und erzählte.

Gwendolin sagte:

»Ich glaube, es kommt vor Abend ein Gewitter -- die Frösche hupfen.«

Dazu schwieg Do. Aber Jockele lachte die Gwendolin ahnungslos aus und
sagte, vor Witterungsverhältnissen ginge alle Frauenweisheit in die
Brüche.

»... ja,« fuhr Henrik Tofte fort, »so war Angelina Fabbro ein etwas
wunderliches Erlebnis: ich machte mit ein paar Leuten Heilgymnastik und
sie nahm das Geld dafür ein, kaufte sich Spitzen und Süßigkeiten. Aber
was wollen Sie: Angela Fabbro war eine Römerin! Da hab' ich mich von
ihr fortgemalt. Mit dem Frühling bin ich losgezogen: er und ich, wir
nahmen unser Malzeug untern Arm, einer so reich an Geld wie der andere,
und im Mai gelangten wir in die Bäder von Lucca. Dort setzte ich mich
instand, so gut es nach zwei Monaten meiner Wanderfahrt in welschem
Straßenstaube ging. Ich kam gerade zur rechten Zeit. Ich malte da ein
Fischermädchen am Strand -- vielleicht hatt' ich einen guten Tag,
vielleicht warf mir das Schicksal einen Dummen zu: eines Morgens stand
in der Bäderzeitung ein Aufsatz ›Henrik Tofte als Erzieher‹ ...«

Es trat eine Unterbrechung ein: stürmischer Beifall auf offener Szene;
denn »Tofte« und »Erzieher« waren Begriffe -- klafften da nicht Himmel
und Hölle dazwischen?

Nach einer Weile fuhr Tofte fort: »Es wäre ein neuer Stern am Himmel
Italien aufgegangen, eine unerhörte Begabung säße am Strande, ein
Porträtmaler, dessen machtvolle Kunst wert wäre, vorbildlich zu sein
für die Welschen« ... Tofte sprach mit den Worten der Zeitung. Weiter
aber führte er nichts zu seinem Ruhm an; und es war zu sehen: selbst
das kostete ihm einen Aufwand an Kraft; denn Henrik Tofte hatte nicht
zwei Vergrößerungsgläser im Kopfe, wenn er sich selbst betrachtete.
»Nun, ich kannte weder den Aufsatz noch seinen Schreiber. Und als ich
davon erfuhr, dacht' ich: es ist ein Reklametrick der Bäderverwaltung
-- ähnlich wird sie es jedes Jahr machen. Fortan war ich umdrängt.
Was ich in Lucca gemalt hatte, verwandelte sich in ein paar Stunden
in Gold. Nach drei Wochen besaß ich siebentausend Lire. Vielleicht
hätt' ich siebzigtausend machen können. Aber die Luft von Lucca ist
gefährlicher als die von Rom, und das Malen ist eine verdammte Kunst.
Nach drei Wochen hatt' ich es satt. Ich wollte einfach nicht mehr,
nein, ich wollte nicht! Was kann man da machen? Es kam eine kleine
Modellgeschichte dazu, aus der ein großer Skandal wurde. Ich schwur
einen Eid, nie mehr im Leben einen Pinsel anzufassen, warf meinen
Malkasten ins Meer und verschwand. Diesmal per Bahn. Ich hatte gedacht:
reich sein wäre schön. Nun war ich reich, fünf Wochen lang unbändig
reich; denn ich kam mit annähernd dreitausend Lire nach München und
lebte meinem Freunde Johnny mal was vor. Johnny befleißigt sich nämlich
an der Isar der Bildhauerei; neuerdings modelliert er eine Giraffe; er
träumt aber von einem Löwen ... Und wie ich so im besten Leben bin, da
wählt sich das Schicksal den Rolf Krake aus! Er schreibt mir einen
Brief und fordert mich auf: Tofte, fahren Sie nach Weimar und malen Sie
Frau Do für mein Haus auf der Insel! Ich schrieb ihm: Lieber Krake, mit
dem Malen ist es vorbei. Aber hartnäckig wie das Schicksal ist, läßt
es ihn wieder auf mich los. Da ist der Brief -- Rolf Krake mag reden,
verehrungswürdige Frau Do! Er ist der Mund meines Schicksals, und dies
Schicksal spricht:

›Mit Ihrer Nachricht von dem jüngsten Eide, durch den Sie sich der
Malerei abgeschworen, teuerster Tofte, haben Sie den stärksten
Heiterkeitserfolg gehabt. Die Augen müßten Ihnen ja auslöschen, Genie,
wenn Sie Ihren Schwur halten wollten! Ich brauche das Bild der blonden
Frau Do in jedem Fall, und ich weiß, sie wird ihrem wunderlichen
Freunde von der Insel der Auferstehung diesen Wunsch nicht versagen.
Das Bild ist für die Nordwand im Krakesaal bestimmt. Ich habe dort
zwischen den beiden Mittelfenstern dunkelblauen Samt anschlagen lassen.
Es ist auch ein Vorhang aus dunkelblauem Samt angebracht worden, der in
schwerem Faltenwurfe über das Kunstwerk gezogen werden kann; denn kein
fremdes Auge soll dies Bild erschauen. Ich selbst aber will des Tages
eine Stunde davorsitzen, und dann soll der blaue Samt es mir nicht
verhüllen. Ich habe alle Götter abgesetzt, um die ich mich dereinst
bemüht habe. Aber zu jener blonden Frau Do kann ich noch beten.

Sie fragen nach mir. Ja, ich bin gesund wie je, wenn ich allein war.
Nur vor Menschen wurde ich krank; deshalb gehe ich nicht mehr zu ihnen
-- nie, nie, nie! Ich habe seit dem Tage meiner Rückkehr aus Hamburg
die Insel nicht mehr verlassen und werde sie nicht mehr verlassen. Ich
habe sie von Nane Thord erworben. Die soll hier wohnen bleiben bis an
ihr Ende. Das Mädchen Marit habe ich zurückgerufen -- wenn es einmal
käme, daß Nane Thord einer Pflege bedarf. Der große Anbau ist nun
mein Büchersaal. In Gwendolins Zimmer steht die Drechselbank, aber ich
brauche sie fast nie mehr, vielleicht im Winter. Ich benütze alle Räume
für mich. Nur in jenem, in dem Sie gelebt haben, teuerster Tofte, ist
alles unberührt geblieben. Oft, wenn ich an der verschlossenen Tür
vorübergehe, muß ich denken: es wartet dahinter auf Ihre Rückkehr. Ich
habe Marit Anweisung gegeben, daß Sie zu aller Zeit Zutritt zur Insel
haben. Der Schlüssel hängt im Turmzimmer am rechten Fensterpfosten.

Gleich nach meiner Ankunft im Herbst habe ich in Schiffen beste
Walderde auf die Insel bringen lassen. Ich habe diese Erde
ausgebreitet. Ich habe durch Maurer alle Rinnen in den Klippen
schließen lassen, durch die sie hinabrinnen könnte. Und ich habe
ein heizbares Glashaus gebaut, in dem ich die betörenden Wunder
der Orchideen züchte. Über Winter hatte ich mir den Plan für die
gärtnerischen Anlagen der Insel gemacht. Es war kurzweilig und schön;
denn ich war darauf bedacht, den landschaftlichen Reiz des Eilands zu
erhöhen und ihn einzustimmen in den vollen und heiteren Zusammenklang
der Umgebung. Nun treiben die Rosen, wo vordem das Strandgras klirrte.
Nun stehen die silbernen Säulen der Birken, wo vordem wilde Halme
schossen, und nun grünen die Fichten in verschwiegenen Gruppen, und die
Krüppelweiden machen Köpfe und werden in nicht zu langer Zeit Höhlen
in ihren Stämmen bilden, damit die bunten Mandarinenenten darin nisten
können, die ich bezogen habe. Sie sind sehr zutraulich geworden.

So treib' ich es, Meister Henrik! Des Morgens bad' ich im Fjord, auch
im Winter; denn ich fühle mich sehr wohl dabei. Die gärtnerische Anlage
ist so, daß ich stundenlang auf meiner kleinen Insel umherspazieren
kann und vom Strand aus in ein paar Jahren doch nicht gesehen zu werden
brauche, wenn ich nicht will. Nur den Himmel laß ich hereinschauen,
wo er mag. Ich glaube nicht, daß er einen Winkel in der Welt weiß,
der inniger ist als der meine, und ich glaube nicht, daß er je einen
Menschen sah, der glücklicher ist als ich‹.«

»Schlicht und wunderlich ist Rolf Krake,« sagte Do, »und doch ist zu
erkennen: er lebt ein glückseliges Leben.«

»Wollen Sie ihm seinen Wunsch erfüllen?« fragte Tofte.

»Ja,« sagte sie, »aber es ist gut, daß Sie uns den Brief mitgebracht
haben; sonst hätte ich mich wohl nicht entschließen können.«

»Warum denn nicht?« fragte Jockele befremdet.

»Du solltest das doch verstehen.«

»Nein.«

Do blickte hinab auf ihre weißen Hände und schwieg. Da rekelte sich
Heidi im Wagen, und Mama war froh, daß sie zu ihr eilen konnte.
Gwendolin aber sagte zu Jockele: »Erich Meyers und Salzers himmlische
Liebe haben für Do nichts Aufregendes; aber bei Rolf Krake -- es
ist ja der reine Götzendienst! Ich glaube, seit den Abschiedsworten
Krakes, die er damals in sein Tagebuch geschrieben, hat Do öfter an ihn
gedacht, als wir ahnen. Sie ist sehr froh gewesen, daß sie ihm damals
in Hamburg helfen konnte. Und sie ist auch in diesem Augenblick froh,
weil sie weiß: sie hat ihn zu sich selber zurückfinden lassen.«

Das Wort Gwendolins vom Götzendienst griff Henrik Tofte gleich auf;
denn Do kam mit Heidi zurück, und das Kleine lehnte sein goldenes
Köpfchen an Mamas Wange und hatte die Augen noch ganz voll blankem
Schlaf. So stand sie gerade vor dem Wildrosenbusch, der sich nun
hochsommerlich mit Hagebutten geschmückt hatte. Aber vor Toftes
Künstleraugen wuchs wieder das Wunder der rosa Blüte darüber. »Madonna
in Rosen,« rief Tofte. »So will ich Sie malen!«

Da dachten sie alle an Rolf Krakes Tagebuch, und was er von den wilden
Rosen hineingeschrieben hatte. -- Es war seltsam. Aber Henrik Tofte
wußte es nicht.

Kordula kam. Still, blühend und mit forschenden Blicken. »Es ist gut,
daß ich dich nicht geheiratet habe,« sagte Tofte zu ihr, »und es ist
auch gut, daß +du+ mich nicht gewollt hast, Gwendolin.«

Kordula sagte: »Schön und begabt warst du immer, daß du nun aber auch
vernünftig geworden bist, ist neu.«

»Vernünftig?« fragte er. »Nun, wie man's nimmt! Ich bin in meinem Leben
einem einzigen Menschen begegnet, der annähernd so unvernünftig war wie
ich: Angelina Fabbro. Und just an ihr bin ich bis zu einem gewissen
Grade vernünftig geworden. Ich beschränke seitdem meine Dummheiten auf
ein Mindestmaß ...«

»... das bei Ihren machtvollen Maßstäben immerhin noch riesenwüchsig
sein wird,« sagte Gwendolin.

»Je nun,« machte Tofte, »zu einem Narren reicht's wohl noch! Und Narren
sollen nicht heiraten. Die Ehe ist die Kunst der Weisen. Nur diese
ziehen das Wunder einer Blüte daraus. Bei allen anderen kümmert sie.«

»Die Frösche hupfen nun nicht mehr,« sagte Gwendolin.

Das wußten sie alle: in der Kunst Henrik Toftes war der Mensch
nicht zu erkennen; denn diese Kunst war die Stete -- der Mann, der
dahinterstand, die Unstete. Der Mann huldigte Seiner Majestät dem
Augenblick.

Darum war es klug und doch unvorsichtig von Gwendolin, daß sie gesagt
hatte: »Die Frösche hupfen nun nicht mehr.« Als die Hochsommernacht
zwischen den alten Bäumen herniederhing und die Silberbrünnlein der
Sterne aus den blauen Gründen sickerten, war Gwendolin mit Henrik Tofte
noch einmal in den Garten gegangen, gleich nach dem Nachtmahl. Es kam
kein Gewitter, aber es wetterleuchtete doch ganz gefährlich.

»Hast du denn nicht gesagt, ich sollte sieben Jahre dienen um Rahel?«
Das klang, als fiele in der Ferne ein Berg um.

»Wohl,« sagte sie; dabei fand sie zum ersten Male die brüderliche
Anrede, aber er merkte es gar nicht; »hast du jemals daran gedacht?«

»Nein,« sagte er.

»Und bist nun gekommen, Rechenschaft von mir zu fordern -- von mir?«

»Nein,« sagte er. »Aber es wäre doch lieb und gut von dir gewesen, wenn
du dich für mich armen Menschen aufgehoben hättest.«

»Ah! Seit wann weißt du denn die Geschichte von deiner Armut?«

»Seit heute,« sagte er. »Damals, als ich der Kordula am Bahnhof in Rom
den Gepäckschein aus der Hand nahm, war ich ein Millionär -- seit heute
bin ich ein Bettelmann.«

»Du, das hört sich furchtbar tragisch an.«

»Es ist auch so, liebste Gwendolin -- es ist weiß Gott so! Sieh, ich
bin zum erstenmal in meinem Leben in einem solchen Haus. Dazu hab' ich
dreißig Jahre gebraucht. Dreißig Jahre lang bin ich auf den Schwellen
herumgestanden und habe immer gedacht: es gäbe keinen König auf der
Welt außer mir. Nun kam dies Heute und hat mich vor ein Leben geführt
voller Liebe, Wohlhabenheit, Ordnung, gesammelter Kraft, Sonne und was
weiß ich! Darum ist mir's vorhin bei Tisch so auf die Sprache gefallen:
ein Rausch von Andacht vor diesem Unerhörten ... und deshalb hab' ich
mich nun heimlich von den anderen fortgeschwiegen.«

»Ah pah, Räusche sind von kurzer Dauer,« sagte Gwendolin leichthin. »Du
siehst, es ist mit meinem Glauben an dich noch immer wie einst. Das
kommt daher, daß du nicht an dich selber glaubst.«

Da riß er sie an sein Herz und küßte sie -- dreimal -- siebenmal ...

»Siehst du,« sagte sie, »das ist alles, was du kannst: die Sekunde
kannst du überwältigen; aber dein großes und starkes Leben in deine
mächtigen Arme zwingen -- das kannst du nicht. Und willst du jetzt
wieder mit hineingehen? Was hätten wir zwei uns Neues zu sagen, das die
anderen nicht hören dürften?«

Da gingen sie. Cornelius saß am Flügel. Richard Schaffrath und
Professor Salzer waren zusammen schon seit dem Morgen auswärts. Do und
Jockele sahen Gwendolin und Henrik an, was sie draußen miteinander
geredet hatten: es blieb immer das gleiche zwischen ihnen für und für.
Und beide wollten auch gar nichts geheimhalten vor den Freunden.

Gwendolin sagte: »Es ist so, daß ich mich mit diesem gefühlvollen
Musikanten lieber verlobt hätte als mit dir; denn wären wir zwei
aneinander gefesselt gewesen -- wir hätten nach beiden Polen der Erde
gedrängt und hätten uns mittenauseinandergerissen.«

»Jetzt aber dränge ich nach zwei Menschen: nach Richard Schaffrath
und nach mir selber,« sagte Henrik. »Ich warte mit Ungeduld.« Darüber
füllte er sich sein Glas von neuem und ging damit in den Wintergarten.
Er setzte sich in den Rohrsessel, Do gegenüber. »Mich allein haben Sie
am Rande stehenlassen, liebste Frau Do,« sagte er zu ihr. Es klang
wehmütig.

Do wußte, wie es um solche Mollakkorde des Herzens bei Tofte stand. Sie
scherzte selten. Aber diesmal griff sie die Sache doch lustig auf und
sagte: »Wir Frauen haben mit den Männern unsere liebe Not. Die anderen
konnten sich nicht selber helfen: Jockele, weil er zu jung war, und die
übrigen, weil jeder einen sanften Sparren hatte -- wie unser Freund
Cornelius.«

»Nun, einen sanften Sparren ...«

»O nein,« unterbrach ihn Do, »der Ihre geht über unsere Kraft! Ein
Mensch wie Henrik Tofte hat auf sich selber zu stehen. Tofte, Sie sind
von hundert Frauen geliebt worden ... nein, nein, zu rechnen brauchen
Sie nicht! -- hat Sie eine repariert?«

»Jawohl,« sagte er.

»Nun, dann reisen Sie augenblicklich ab und fahren Sie zu ihr!«

»Ich bin schon da, sagte der Swinegel.« Tofte sprach es mit dunklem
Klang der Stimme. Er hatte die Finger durcheinandergeschoben und senkte
die Stirn. »Ich bin schon da.«

»Jockele,« rief Gwendolin, »komm doch mal in den Wintergarten! Vor fünf
Minuten hat mich das große Licht siebenmal geküßt, und jetzt erklärt er
deiner Frau seine ewige Liebe.«

»O,« lachte Jockele, »soll ich mich deswegen erst in Bewegung setzen?«

Aber Cornelius kam. Er rieb sich die Hände und schmunzelte. »Ich mag
derlei Dinge furchtbar gern sehen.«

»Na, Meyer?« fragte Henrik Tofte.

Da raffte sich Erich Meyer zusammen und sagte: »Mir scheint, die
Gassenbuben werfen Ihnen die Fenster ein. O, ich kenne das -- diese
Zeit hab' ich schon überwunden.« Dafür drückte ihm Gwendolin sein Glas
in die Hand und klang das ihre herzhaft dagegen.

Aber mit Henrik Tofte war es an diesem Abend doch anders. Zu anderen
Zeiten war er immer mit geschwungenem Becher hoch über der Freude
dahingeschwankt. Heute saß er fromm in dem goldenen Lichte Dos. Und
so oft ihm ein Stein ins Fenster flog, merkte er besinnlich auf.
Gwendolin sagte: »Es geschehen Zeichen und Wunder, Cornelius! Komm,
wir beide setzen uns zu Jockele und Kordula. Ich will euch eine schöne
Rede halten über das Thema Henrik Tofte.« Sie faßte ihn unter, und nun
gerieten sie im Besuchszimmer an dem »großen Licht« in Lust. Die beiden
im Wintergarten hörten zu. Zuletzt sagte Tofte: »Liebste Frau Do, darf
ich einen Monat in dem Märchenhause bleiben? Einen ganzen Monat?«

»Ja,« sagte sie, »Sie dürfen bleiben, solang es Ihnen Freude macht.«

Man ging auch an diesem Abend zur gewohnten Zeit schlafen. Halb elf
Uhr; längstens elf Uhr wurde es, wenn Gäste da waren. Es hatte sich
seit dem Winter manches geändert. Heidi verlangte früh am Tage nach
Mama -- so ward der Tag länger. Und Jockele fand sich in das Wirken
der neuen Zeit nur zäh und ungesammelt, wenn er die Mitternacht in
Gesellschaft vorübergewacht hatte. Aber von dem Geheimnisse seines
Schreibzimmers war nicht ein Zipflein gelüpft worden, trotz List und
tastender Neugier. Und Gwendolin hatte in vier Wochen Hochzeit. So
trugen die Tage für jeden ein gerüttelt Maß freudiger Mühen, die Abende
Sehnsucht nach Schlummer.

Aber Henrik Tofte schlief nicht. Er saß an dem offenen Fenster, an
dem noch im Frühlinge die hohen Maßholder und Sterne über Kordula
aufgeblüht waren, ließ die Nacht um sein Herz wehen und erlebte das
große Wunder. Nicht so, als ob er die Rede vom Segen dieses Hauses
weitergedacht hätte, die er am Abend vor Gwendolin gehalten. Und
nicht so, als ob er sich den Weg zu den kommenden Tagen mit guten
und tüchtigen Vorsätzen gepflastert hätte, weil in der dunkelblauen
Hochnacht so schön Zeit dazu war, die Gedanken auf einen Müßiggang zu
schicken ...

Henrik Tofte stand am Anfang einer neuen hellen Straße und hub an zu
wandern -- ganz ohne Rausch und Plausch, ganz ohne Traum und Schaum und
ganz ohne Mahnung und Ahnung: es war das leibhaftige Wunder! Aber er
wußte es nicht. Wußte nichts von dem neuen Wege, schwur keinen Eid und
fühlte nicht, daß, der da saß vor der flimmernden Stille der Nacht, ein
Mann war, der ihm zeit seines Lebens noch nicht vor die Augen gekommen:
sondern er dachte: dieser Mann ist der blonde Skalde, Weber, Maler,
Heilgymnastiker, Anstreicher, Zirkusclown und Gepäckträger, den ein
verrückter Welscher sogar einmal für einen Erzieher gehalten hat ...

Die Einbildung, daß er sich in diesem Menschen zurechtfinden würde,
hatte er schon längst aufgegeben, und damit mühte er sich nicht mehr
ab. Stunden, wie diese -- dachte er -- hätte er schon tausendmal
erlebt. Also: es wäre mit ihm wieder einmal alles in schönster Ordnung,
und der kleine Gefühlsausbruch in Tugend und Reue, den er nach dem
Nachtmahle gehabt, wäre glücklich überstanden. So dachte er. Und er
gelobte nicht: »morgen oder übermorgen, oder wenn es paßt, werde ich
der Welt mal zeigen, was eigentlich hinter mir steckt -- hah!«

Von all dem keine Spur. Es war das leibhaftige Wunder. Henrik Tofte
wandelte rüstig auf der neuen hellen Straße und sah Do. Die kleine
Heidi legte ihr Köpflein mit dem gesponnenen Golde lieblich an ihre
Wange. Und hinter ihr stand breit und frühlingsoffen der Wildrosenbusch
und blühte und blühte. »Madonna in Rosen! So will ich dich malen -- in
dem kupferfarbigen Sommergewand und mit dem blauen Kinde!«

Wäre es nicht das leibhaftige Wunder gewesen, das in ihm wirkte, so
wäre er nun in den Garten gestürmt, mitten in der Nacht, oder in den
Park, und hätte nach dem Lichte des Morgens gerufen, um eine ungeheure
Tat zu tun. Aber wenn er den Morgen dann erspäht hätte, wäre er müde
gewesen, hätte sich hingelegt und geschlafen -- drei Tage, wenn's ihm
gerade so paßte.

Das alles tat er nicht. Er legte sich zu Bett. Und am Morgen fand er
sich pünktlich um acht Uhr an den Frühstückstisch, der so schmuck unter
der Ulme stand. Ein breiter Strom von Sonne stürzte von rechts herein.
Und Henrik Tofte sprach ruhevoll mit Jockele und Do über die Madonna in
Rosen, und daß er in diesem wundertätigen Frühlichte malen wollte.

»Dies Licht ist nur eine halbe Stunde,« sagte Do.

»So werde ich Sie viele Tage und immer nur eine halbe Stunde bitten,«
sagte er. »Wo ist Gwendolin?«

»Sie nimmt den Kaffee auf ihrem Zimmer. Früher ging sie dann malen,
und wir sahen sie über Tag nicht. Sie wissen ja, wie sie es treibt.
Nun aber hat sie freudige Sorgen und Pflichten, die alle in diesen
vier Wochen erfüllt sein müssen. Für heut abend bittet sie Richard
Schaffrath und den Professor zu uns.« Und Jockele sagte: »Über Tag
richten Sie sich ganz nach Ihren Wünschen, lieber Tofte -- wie wir
uns nach den unseren. Ich arbeite zwischen den Mahlzeiten auf meinem
Zimmer. Wir wollen da nicht aufeinander angewiesen sein, nicht wahr?«


Abends waren sie im Garten unter stillen bunten Lampen. Schaffrath,
Salzer und Tofte schritten hin und wieder in nachdenklichen Gesprächen
um den großen Rasenplatz. Von der Gewaltsart, in der ihnen der Norweger
vorgestellt worden, spürten sie nichts. Da wuchsen sie freimütig und
männlich zueinander. Gwendolin merkte es, und die anderen merkten es
auch: das Wunder war geschehen. Nur Tofte ging daran vorüber und war
ahnungslos wie ein Kind. »Du hast dich an ihm verzeichnet,« sagte
Schaffrath zu Gwendolin, »du hast uns einen Riesen mit einem Kindskopf
gemalt und einen Seher mit einer Schellenkappe -- und nun ist er ein
ganz gewöhnlicher und aufrechter Mensch.«

»Morgen werdet ihr ihn erkennen,« sagte Gwendolin.

Es vergingen Tage. Einmal wanderten Schaffrath, Meyer, der Professor
und Tofte nach Ettersburg, ein andermal nach Belvedere. Sie waren fast
an jedem Abend zusammen -- aber sie erkannten ihn nicht anders als in
den ersten Stunden.

»Was ist das mit dem großen Licht?« fragte Gwendolin.

»Ich weiß es nicht,« sagte Do.

Wenn es des Morgens die Zeit war, daß er malte, war er mit ihr und
Heidi allein im Garten. Es drängte sich niemand in diesem Haus um ein
wachsendes Werk. Am Ende der zweiten Woche fragte Do die Gwendolin:
»Hast du die Madonna gesehen?«

»Nein.«

Do blickte die Freundin aus ihren hochgemuten Augen an und sagte: »Dann
laß sie dir zeigen. Ich glaube, das Bild ist sehr schön.«

»Hast du mit ihm davon gesprochen, Do?«

»Nein. Du weißt, er wartet nicht auf ein Lob. Und was ich zu sagen
hätte, kam mir zu billig vor. Deshalb schwieg ich -- und weil es so
unerhört, weil es über jedes Maß ist.«

»Es kann sein,« sagte Gwendolin.

»Weißt du auch nicht, daß er sich über jedes Maß abmüht dabei,
Gwendolin?«

»O, Henrik Tofte quält sich nie!« sagte sie.

»Mir scheint, er weiß es selbst nicht. Aber er ist froh, daß das Licht
nur eine kurze halbe Stunde hält. Nur einmal sagte er, es läge wie
Spinnengewebe in seinen Augen.«

»So wird er sich an deinem Lichte geblendet haben,« scherzte Gwendolin.

»Ja, das sagte er.«

Am Anfange der vierten Woche ließ Henrik Tofte das Bild auf der
Staffelei im Garten stehen. »Nun -- darf man kommen?« fragte Gwendolin.
»Fertig?«

»Ja.«

Da legte sie seinen Arm in den ihren und führte ihn hin. Wie sie
davorstanden, war es, als schlüge Gwendolin Wurzeln; und die Augen
liefen ihr über. »Tofte, Tofte!« sagte sie und legte ihre Hände auf
seine Achsel und ihre Stirn an seine Brust. Dann sah sie ihn an und
sagte:

»Ich habe zweimal geweint, daß ich es weiß: einmal -- nun: ein andermal
... und jetzt! Du stehst ja selbst davor und möchtest weinen!«

»O nein,« sagte er, »es ist fromm und freudig, ja, und es macht mich
sehr glücklich.«

Dann wandten sie sich, und im Gehen sagte sie: »Ich habe recht gehabt:
so kann nur Henrik Tofte malen und der liebe Gott. Laß das Bild dort
stehen. Ich habe Richard und Salzer gebeten -- sie kommen vormittags.«

Und als sie gekommen waren, standen sie alle um die Madonna in Rosen.
Gwendolin hatte nun einen ruhevollen Rahmen in altgoldener Tönung
darum gelegt. Und alle sahen: es war ohnegleichen. Ohnegleichen in
seiner Lebensfülle. Ohnegleichen in den warmen Schwingungen der Farben.
Kein Farbenrausch, der die atmende Schönheit der Natur erstickte.
Ohnegleichen in der schmuckhaften Anordnung. »Ein kostbarer Edelstein,«
sagte Richard Schaffrath aus einer tiefen Künstlerandacht heraus, »vom
Lichte des Gottes durchtränkt -- es ist ohnegleichen, ist ohnegleichen.«

Henrik Tofte löste sich hernach aus dem Ringe der Freunde und ging in
sein Zimmer. Er dachte daran, daß die Zeit seiner Abreise nun nahe wäre.

Mit dem Lobe der Freunde war es, wie wenn ein Mann einen Becher füllt
mit edelstem Weine, den er lange Jahre hindurch in seinem Keller
aufbewahrt hat für einen Tag, der recht herrlich und königlich über
alle seine Art hinauswächst. Und dies Lob dauerte auch genau so lange,
wie jener Becher braucht, um einmal die Runde zu machen. Dann war
es vorbei. Henrik Tofte hatte diese Menschen nicht zum ersten Male
vor die Schätze geführt, die verschwenderisch in ihn geworfen waren.
Man wußte: solches Verschwendertum ist eine Schöpferlaune. Aber es
wiederholt sich darin die Geschichte vom Distelfinken, dem der liebe
Gott aus jeder Farbschale den Rest auftupfte. Er verstaut an Gaben in
einen einzigen, was in seiner Werkstatt herumliegt und ihm gerade in
die Hände fällt. Und der Mensch, der also angefüllt ist, mag zuschauen,
wie er damit fertig wird. »Ja, so ist der liebe Gott mit Henrik Tofte
zu Werke gegangen,« sagte Gwendolin. »Es ist auch viel Sturm in ihn
hineingepackt, und das große Licht blakt nun in diesem Sturme.« Jockele
schupfte die Schultern: »Was wollt ihr? Es geht in dem reichsten Kopf
und Herzen eine ganze Bibliothek von Dichtungen zu Grabe, die nie
erschienen sind -- hat ein Dichter gesagt -- und selbst der liebe Gott
kann nicht jedem Tag ein Gesicht geben: es hat eben nicht jeder eins.«
-- »Ja,« sagte Schaffrath, »so ist es wohl. Aber das sollt ihr wissen:
ich habe vor keinem Bilde die Schauer der Allmacht empfunden wie vor
diesem.« Sie sahen immer nach der Madonna hin, während sie so redeten.
Und Gwendolin sagte: »Ich mag dir diesmal nicht zustimmen, Jo; denn
ich weiß, Henrik Tofte hätte die Kraft, jedem Tag ein Gesicht zu geben,
wenn er nur wollte!«

Da hatte sie einen schweren Stand und kam sich vor wie ein kleiner
Vogel, der in einen Flug Falken geraten ist. Aber sie wehrte sich
mit Frauenhartnäckigkeit und sagte: »Ihr werdet mich doch nicht
unterkriegen mit euren scharfen Schnäbeln! Es wäre besser, ihr fragtet:
was ist es, das dem Henrik hier in eurem Hause diese Gnade schenkte?«

»Ho,« sagte der kluge Professor Salzer, »jetzt kommen wir dem Geheimnis
auf die Spur! Es ist der Segen der schönen Frau Do; es ist der Segen
des Vorbilds, das er sich diesmal wählte ...«

So rieten sie sich heiße Augen und Herzen. Sie errieten vieles, aber
zum Kerne des Rätsels gelangten sie nicht; denn der Tag, der das letzte
Licht brachte, war ein Tag tiefster Finsternis. Und dieser Tag war noch
nicht gekommen.

Henrik Tofte kümmerte das alles nicht. Er kümmerte sich auch nicht
um sich selber. Und er konnte nicht begreifen, daß die Menschen
sich um ihn stritten. Heute hatte er Lust, in einem offenen Wagen
hinauszufahren in die Wälder. Also rief er aus dem Fenster, ob sie
dabei sein wollten. Und dann bestellte er für nach Tisch drei Wagen aus
der Stadt. Die Madonna in Rosen schien über dem neuen Plan in ihm schon
in ewiges Vergessen gesunken zu sein; Gwendolin mußte Sorge tragen, daß
das Bild ins Haus kam und gefahrlos trocknete.

Daß Henrik von einer Sehnsucht nach der grünen Stille der Wälder und
den sanften Farben der Erde in diesen späten Sommertagen geleitet
wurde, daran dachte er nicht. Er »beschloß« die Fahrt -- das war seine
Erklärung. Die stillen Stimmen, die sie ihm geboten, vernahm er nicht.
Das waren in diesem Falle seine Augen. Und in diesen hellen Brunnen,
die das Wunder des Lichts auf all seinen Glanz und seine Geheimnisse
durchspürten, lag zuletzt das Rätsel begriffen, das Henrik Tofte hieß.
Aber er wußte es nicht. Niemand wußte es. Deshalb hatte er zu Frau Do
gelacht über das Spinnengewebe, das in diese Augen fiele.

Nun hatte er vier Wochen gemalt -- durch dreißig Jahre hatte er sich
nicht zu einem solchen Aufgebot an Kraft zwingen können. Er hatte vier
Wochen gemalt, und nun sahen seine Augen die Welt wie die Augen eines
Kindes, das fürwitzig ins Gesicht der Sonne geschaut hat: es hing für
sie ein leiser grauer Schleier um alle Dinge. Der war unendlich fein,
aber er war da. Und Henrik Tofte wußte es nicht; denn so war es für ihn
gewesen, solange er denken konnte. Es war eine Selbstverständlichkeit
-- wie es für die Sterne eine Selbstverständlichkeit ist, daß sie nicht
in ihrem Glanze sind, wenn sie der Himmel nicht mehr braucht.

Einmal im Hardangerfjord, ein einziges Mal, hatte er daran gerührt.
Das war, als ihm Gwendolin vorwarf: »Faulheit bei einem gewöhnlichen
Menschen ist ein Laster -- aber bei Ihnen, Tofte, ist sie eine
Gotteslästerung.«

Da hatte er gesagt: »Diese Faulheit liegt in meinen Augen -- nur wenn
ich alle Wunder mit ihnen erringe, die im Lichte sind, dann will ich
malen. Ihr anderen, die ihr blind geboren seid, mögt das halten, wie
ihr wollt. +Mir+ sind die Augen an manchem Tag ausgegangen -- je nun:
die Sonne geht dem lieben Gott ja auch mal für ein paar Wochen aus!«
Da sagte Gwendolin: »Mit so schönen Worten deckt Henrik Tofte seine
Faulheit zu.« Weiter fiel dem feinhörigen Mädchen dabei nichts ein.

Nach Mittag fuhren sie in die Welt. Auch Kordula und Erich Meyer
waren dabei, und es war noch Platz in jedem Wagen für ihre Freude.
Jockele, Do und Tofte saßen zusammen. In allen drei Wagen sprach man
von Henrik oder von der Madonna. Das Bild war ein Erlebnis. Aber im
vorderen, in dem Henrik saß, redete man auch von seiner Abreise und
von seiner Wiederkehr; die eine sollte morgen geschehen, die andere
in ein oder zwei Jahren. So fuhren sie durch die Ettersburger Wälder
und am Abend über Tiefurt heim. Für Gwendolin und Schaffrath gab es
an diesem Tage noch andere wichtige Dinge zu reden; denn übermorgen
hatten sie Hochzeit. Es war gar nicht zu verkennen: Tofte wollte diesem
Tag ausweichen. Gwendolin fand das seltsam, die anderen nicht. Aber er
hatte es so eilig, daß ihm Do die Sorge um die Madonna abnahm -- sie
wollte dafür tun, daß sie in Rolf Krakes Hände käme, wenn die Zeit da
war.

Am anderen Tage schied Henrik aus dem Haus am Horn und ging wieder
nach München. Er mietete sich ein Atelier in Altschwabing -- das gab
eine Aufregung unter den Malern, die er kannte. Mister Johnny, der nun
wieder sein Nachbar war, hatte die Giraffe vollendet. »Ein dusterer
Einfall,« sagte Tofte.

»Noch dusterer scheint mir Ihr Vorhaben,« lachte Johnny, »wozu in aller
Welt brauchen Sie einen Malraum?«

»Arbeiten will ich.«

»Haben Sie das in Weimar gelernt? Und ist aus dem Bild etwas geworden?«

»In ein paar Jahren will ich es mir darauf ansehen. Bis dahin hab' ich
zu tun -- es ist die höchste Zeit.«

Mister Johnny wunderte sich selten; aber Tofte sprach diesmal so, als
gäb' es kein Ausweichen vor sich selber. Zu anderen Zeiten hätte das
anders geklungen. »Ich modelliere jetzt einen Löwen,« sagte Johnny.
Dann führte er Henrik hinaus in den Garten. Dort stand ein Käfig, wie
ihn die Leute aus den Tierbuden von Jahrmarkt zu Jahrmarkt senden,
und ein leibhaftiger Löwe saß darin ... Nun ja, auch Mister Johnny
hatte seinen sanften Sparren. »Ich habe ihn von einem Menageriebesitzer
gemietet bis zum Oktoberfest,« sagte er. »Und gleich morgen wollen Sie
anfangen zu arbeiten? Ach, kommen Sie doch heute mit mir nach Dachau!
Morgen mittag sind wir wieder daheim, und Sie haben bis zum Abend noch
Zeit zur Übersiedlung.«

Aber Tofte schlug es ihm ab; er hatte einen Einfall, der wog ihm heute
so viel wie eine Tonne Gold; gerade heute; denn gänzlich hatte er den
alten Henrik in Weimar nicht umgebracht. Er redete aber nicht davon.

Abends, als Johnny schon längst weggefahren war, erschien Henrik mit
einigen Freunden und einem Löwenkäfig im Garten von Altschwabing. Sie
ließen den Löwen aus dem einen Käfig in den anderen spazieren und
entführten ihn so im Dunkel der Nacht. Am anderen Vormittage, kurz
vor der Heimkehr Johnnys, kam Tofte noch einmal und markierte in dem
geschorenen Rasen eine Löwenfährte. Er wurde damit fertig, und es war
nun sehr gut zu sehen, wie das Tier ausgebrochen und über den Rasen
gestapft war, wie es vor dem Zaun zum Sprung angesetzt und den Sand mit
den Klauen geschlagen hatte, ehe es in den Englischen Garten entwich.

Nicht lange, so sprang Mister Johnny die Stiege im Nachbarhause
zu Toftes Malraum in langen Sätzen empor. Er riß die Tür auf und
berichtete, der Löwe wäre ihm davongelaufen.

»Unmöglich!«

Dann eilten sie miteinander hinab und sahen die Spuren im Gras und im
Sande der Wege. »Ha!« stöhnte Mister Johnny.

»Man wird Ihnen einen Schabernack gespielt haben,« sagte Tofte.

»Denken Sie denn, ich kenne die Löwenfährte nicht?« schrie Johnny.
»Halten Sie mich für einen Dummkopf?«

»Im allgemeinen nicht.«

»Und meinen Sie, ich hätte nicht einmal das bei meinen afrikanischen
Jagderlebnissen gelernt?« Dabei führte er Toften noch einmal auf der
Spur durch den Garten. »Er hat sich keinen Augenblick besonnen -- auf
dem kürzesten Weg ist die Bestie entronnen.«

»Zu dichten brauchen Sie deshalb nicht -- sondern Sie müssen sofort die
Polizei benachrichtigen,« sagte Henrik; »mir schwant ein fürchterliches
Unglück.«

Johnny enteilte. Er warf sich in ein Auto und fuhr zum nächsten
Polizeiamt. Dort wußte man nichts von dem Ausbruch eines Löwen. »Nun
ja. Vielleicht ist es erst vor einer Viertelstunde geschehen; denn die
Fährte war frisch.« Heimlich erwog Johnny, ob er nicht auch ausbrechen
und nach England entweichen sollte auf Nimmerwiedersehen. Finsternis
fiel über ihn bei dem Gedanken an das Unglück, das da drohte, und bei
dem Gedanken an die Rechenschaft, die man von ihm fordern könnte.
In rauchendem Wagen kehrte er nach Hause zurück. Es fiel ihm nichts
dabei ein, daß er Tofte in seinem Atelier fand und daß dieser sagte:
»Ich habe alle Polizeireviere Münchens und die Ortschaften über den
Englischen Garten hin angerufen und geboten, das Vieh zu erschießen, wo
es sich sehen läßt.«

»Machen Sie, was Sie wollen!« brüllte Johnny, »ich reiße aus.«

Das hatte Tofte geahnt.

Und keine fünf Minuten vergingen, da rasselte der Wecker des
Fernsprechers ...

»Hier John Williams.«

»Hier Stationsvorsteher von Pasing. Es steht ein Löwe auf der Strecke
kurz vor Pasing, der Zug kann nicht einfahren -- ist das vielleicht Ihr
Löwe?«

»Ach wo! Wie kommen Sie darauf?«

»Ein Reisender sagt, Sie hätten Ihren Löwen als vermißt bei der Polizei
gemeldet.«

»Fällt mir ja gar nicht ein!«

»Um so besser. So werden wir ihn erschießen.«

Johnny erbleichte. »Um Gottes willen ... Nicht erschießen! Ja, ja, es
ist mein Löwe! Er ist es -- mit größter Wahrscheinlichkeit. Aber nicht
erschießen -- der Spaß würde mich zehntausend Mark kosten!«

»Gut. Wir wollen also sehen, was sich tun läßt. Schluß.«

Tofte hatte das Kursbuch einstweilen in seiner Brusttasche geborgen, in
dem Johnny zuvor hastig geblättert hatte. »Der erste Akt!« sagte Johnny
zerknirscht und hing den Hörer an. Dann warf er die tausend Dinge
herum, die er auf den Tisch gestapelt hatte, warf sie in die Koffer,
warf sie wieder heraus und suchte das Fahrbuch und wußte es kaum.
Wieder rief das Telephon ...

»Hier Erholungsheim Waldhaus.«

»Wer?«

»Wald -- haus, eine halbe Stunde hinter Pasing. Es steht hier ein Löwe
vor der Gartentüre ... Ist das vielleicht Ihr Löwe?«

»Wie kann ich das wissen?« brüllte Johnny.

»Wie, bitte?«

»Lauter, lauter!« mahnte Tofte.

»Teufel,« knirschte Johnny, »Teufel!«

»Nein, ein Lö -- we, ein Lö -- we! Wir müssen ihn erschießen, wenn Sie
nicht augenblicklich Abhilfe schaffen.«

Mit triefender Stirn sank Mister Johnny in den Stuhl. »Wollen Sie nicht
in einem Auto nachfahren?« rief Tofte.

»Zum Donnerwetter, was soll ich denn dabei tun?«

Und wieder gellte der Wecker, jäh, jäh und schüttete einen Haufen
Entsetzen aus ...

»Hallo! Hier Hotel ›Zur Post‹ in Garmisch. Eben ist ein Löwe in unseren
Speisesaal eingebrochen. Ist das vielleicht Ihr Löwe?«

»Herr -- gott!« stöhnte Johnny.

»Nein, ein Löwe ...«

»Was?«

»Ein Lö -- we!«

Der Hörer klirrte an den Haken. Mister Johnny preßte die Hände vor die
Ohren und irrte mit seinem Entsetzen durch den Raum. Dann schlug er
die Koffer zu, verschloß sie und zerrte sie zur Tür. »Es nützt Ihnen
nichts,« sagte Tofte, »längstens in der Halle des Bahnhofs hat man Sie
gehascht. Merken Sie denn nicht, daß Sie der Mann des Tages sind?«

Das Telephon!

Noch einmal wankte Johnny hinzu ...

»Hallo! Hier Berghaus Zugspitze.«

»Wer?«

»Berghaus Zugspitze -- dreitausend Meter über dem Meere.«

»Was gibt's?«

»Es ist hier ein Löwe zugelaufen. Wir haben die Bestie eingekäfigt. Ist
das vielleicht Ihr Löwe?«

»Ja,« gestand John Williams. Seine Kräfte gingen zu Ende. Aber Erlösung
träufelte in sein Herz wie Mairegen.

»Sind Sie noch da? Wir fordern Sie auf, Ihr Eigentumsrecht ...«

»Was?«

»Ihr Eigentumsrecht geltend zu machen und das Tier spätestens morgen
abzuholen!«

»Dem Himmel sei Dank,« sagte Mister Johnny, »das Leben wird mir in
dieser Stunde zum zweiten Male geschenkt.«

»Das kann ich mir wohl denken,« begann Tofte nachdenklich. Es wollte
ihm scheinen, als hätte das Spiel seinen Höhepunkt wohl für die
Freunde, nicht aber für Mister Johnny bereits überschritten. Das ging
eigentlich gegen den Plan. »Je nun, die Welt ist nicht reich an Humor,
und wo er einmal wächst, soll man ihn nicht in der Blüte knicken,«
sagte er zu sich. Daß es mit der Geographie Johnnys mangelhaft bestellt
war, das wußte man -- o, Mister Johnny war ein Brite! Und so war es für
ihn durchaus kein Wunder, daß der Löwe die Strecke Pasing, Garmisch,
Zugspitze im Fluge weniger Minuten durchmessen. Die Freunde hatten ihre
Rolle ausgezeichnet gespielt, und dem Johnny war über der raschen Folge
der Ereignisse wirklich nicht der leiseste Verdacht aufgestiegen ...

Oder doch? Und suchte er nun schweigend die Fäden zu entwirren? Sann
er darüber nach, wie die Lage für ihn zu retten wäre? Tofte wollte zur
Klarheit gelangen. »Hm,« unterbrach er die Stille, »schleierhaft bleibt
mir bei alledem, was das Vieh eigentlich auf der Zugspitze zu suchen
hat?«

»Das ist mir ganz egal,« polterte Johnny los, »im Atlas klettern die
Löwen auch auf die Berge! Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen darüber
zu unterhalten, verstehen Sie? Die Frage ist jetzt: wie kriegen wir ihn
herunter.«

»Nun, das ist doch sehr einfach: Sie telefonieren nach einem
Rollfuhrwerk, lassen den leeren Käfig zur Bahn bringen, geben ihn als
Passagiergut auf, und wenn es Mühe machen sollte, ihn auf den Gipfel
der Zugspitze zu bringen -- nun, so kann man die Bestie vielleicht
droben in ein Drahtgeflecht einnähen, anseilen und herunterlassen ...
O, das läßt sich dann schon machen.«

»So!« brüllte Johnny, »und das nennen Sie einfach?«

Tofte zog die Achseln. »Tja -- der kürzeste Weg zum Ziele! Das ist
stets der relativ einfachste ...«

Auf einmal erklangen Männerstimmen -- von drüben aus den Fenstern
des Ateliers im Nachbarhause. Es waren die Maler, die an dem Scherze
beteiligt waren und zuerst in Toftes Malraum die Gegend erkunden
wollten. Tofte sah aus dem Fenster und rief hinüber: »Mister Johnny hat
mir den ganzen Tag zerdonnert. Der Löwe ist los!«

»Der Löwe?«

Da eilten sie alle herüber, stießen ihre Arme und ihre entsetzten
Stimmen in die Luft, und Johnny forderte sie auf, mit ihm die Zugspitze
zu besteigen, um den Ausreißer im Triumphe heimzuführen. Aber sie
lehnten ab. Tofte schützte Arbeit vor, die anderen vier fanden die
Sache zwar eigenartig, aber auch gefährlich.

Es nahm nun alles seinen ordnungsmäßigen Verlauf: das Rollfuhrwerk kam,
der Käfig wurde aufgeladen, Mister Johnny ließ seine gepackten Koffer
im Atelier, reiste dem Käfig nach und -- ward nicht mehr gesehen.

Die Koffer forderte er einige Tage später nach Glasgow -- woraus
zu schließen war, daß er die Zugspitze erklommen und dort sein
»Eigentumsrecht an dem Löwen geltend gemacht« hatte ... Nein, wieder
kam er nicht -- aber sein Ruhm hält in München noch für hundert Jahre.


In diesen Tagen war es, daß Professor Salzer die Tante Veronika
entdeckte. Er war auf einer Septemberwanderung im Thüringerwald.
Damit hielt er es schon immer; denn dies Fahren in bunten Blättern
und Träumen war für sein gesammeltes und weises Herz die Erfüllung
des Jahres. Und vor allem der letzte Sommer hatte ihm Veranlassung
gegeben zum Nachdenken über sich selbst. Ganz leise war die Jugend um
ihn her in ihren Frühling geflogen -- Kordula, Cornelius, Gwendolin,
Schaffrath, selbst Do und Jockele! Gott ja, sie waren ihm nicht
abhanden gekommen. Aber ihr Leben hatte einen neuen kraftvollen Schoß
getrieben, und Salzer war ein wenig aus dem Kurs gefallen. Nicht so,
als wäre man seiner müde geworden, o nein. Er fand nur: es wäre für ihn
in der Ordnung, ein bißchen zur Seite zu rücken. Manchmal, wenn er so
droben über den Dächern zwischen Einsamkeit und aufglimmenden Sternen
gesessen hatte, pochte es leis an sein Herz. »Herein!« Es war das
Glück. »Herr Professor, ich wollte nur fragen, ob wir zwei uns im Leben
vielleicht doch nicht so vollkommen eingerichtet haben, wie wir die
Jahre her dachten.« -- »Je nun,« sagte er und strich die Asche seiner
Importe ab, »im allgemeinen doch wohl ... trotz alledem! Etwas zu
wünschen bleibt ja immer. Sollten wir es nicht genau so weiter treiben?«

Aber am nächsten Morgen, während das neue Licht einen herrlichen Kampf
mit den Nebeln ausfocht, fuhr auch Salzer in seinen Frühling, fuhr
stracks zu Tante Veronika. Er kam vor das Häuschen am Buchenschlag wie
die Sonne selber; denn er hatte am Abend zuvor herausbekommen, daß
auch die weise Frau vom Walde über den neuen Schossen, die das Jahr im
Märchenhause getrieben hatte, ein wenig zur Seite gerückt war. Und Frau
Do sollte ihn nicht umsonst die »Würze des Lebens« genannt haben!

Tante Veronika war gerade im Gärtlein und schnitt mit der kleinen
Rosenschere ein bißchen am verblühenden Jahre herum. Sie hatte ein
violettes Morgenhäubchen auf den schneeweißen Haaren. Da stiegen auf
einmal zwei blanke Augen über den Zinseln des Zaunes hervor und darüber
der hellgraue Künstlerhut, der stets aussah, als wär' er erst am
Morgen aus dem Hutladen bezogen worden. Es gab eine große Freude; die
sah zuletzt aus wie eine Malve, die vom Scheitel bis zur Sohle und
ringsherum mit schönen rosa Blüten bedeckt ist; denn der Professor
wackelte an dem Zauntürlein ... Und als Tante Veronika drinnen den
Riegel zurückschob, feierten die beiden Leutchen das Wiedersehen so
herzfröhlich -- es konnte kein Mensch glauben, sie wären einander in
ihrem langen Leben nur ein einziges Mal auf fünf Minuten begegnet!

Natürlich lugte das Mädchen Mali im Eckzimmer gleich ein bißchen
durch den Vorhang -- was es da draußen für einen Spektakel gäbe. Und
wie sie Herrn Salzer erkannte, der damals im Märchenhaus auch an
ihr vorübergestrichen war, und wie die Frühsonne so um die beiden
herumjauchzte, dachte sie: »Die Weisen aus dem Morgenlande!« So war
nun das Mädchen Mali! Die Malve wuchs indes immer weiter, und zuletzt
ward ein richtiges Feuerwerk daraus; denn der Professor wollte zwei bis
drei Wochen im Frühlingshause zu Gast sein -- der erste Herr, der darin
»Logierbesuch« war, wenn man das Zigeunerbüblein nicht rechnete. Man
denke!

Die Mali lief im Haus herum, als wäre sie frisch geölt, und flitzte
über die Stiegen wie siebzehn Jahre. Und die Glocke über der Haustür
läutete in einemfort, geriet außer Atem und mußte abgestellt werden;
denn die Leute im Dorfe hätten ja gedacht, bei Fräulein Sinsheimer wär'
Feuer ausgekommen.

Die Mali rückte gleich das ganze Häuschen in die neue Sonne. Nach
ein paar Stunden funkelte es bis ins Herz hinein. Nicht etwa, als
ob sie nun alle Winkel ausgestaubt hatte -- ach nein, Winkel gab's
hier nicht für solch beschauliches graues Dasein; sondern es war eine
lichte Gelegenheit, alle Fenster aufzustoßen an den beiden alten
Frauenherzen, und der Himmel fanfarte hinein mit schmetternden
Trompeten; denn auch der Tante Veronika war anzusehen, wie glückselig
sie war.

Den ganzen Nachmittag saßen die alten Herrschaften in dem Eckzimmer,
durch dessen Scheiben damals das Zinzilein nach dem Herrn Prinz
geschaut hatte, weil sie ahnte, daß sie nun eine Prinzessin würde --
saßen dort nach Tisch vor den Meißener Schälchen beim Kaffee, und
saßen dort beim Tee, als schon die Sonne ihr Königskleid über den
Wipfeln des Waldes raffte. Das Leben aber fügte in diesen klaren und
köstlichen Herbsttagen dem leuchtenden Sommerschlößlein, das den Namen
Veronika Sinsheimer führte, den Schlußstein ein. Um diese Zeit wurde es
fertig. Ja, es hatte lange gebraucht dazu, aber nun war es auch etwas
prachtvoll Schönes geworden und war ausgerüstet mit allen Kleinodien,
die auf dem Wege vom Auszug aus dem Himmel bis zur Heimkehr in ein
Menschenherz gelegt werden können. Zuerst hatte es fast so ausgesehen,
als wollte dies Leben dem Fräulein Sinsheimer seine Kargheit zeigen und
ein Weiblein aus ihr machen, wie sie da und dort an den Rändern stehen.
Nun hatte sie Kinder gehabt und hatte Enkel, ihr Herz hatte alles Glück
der Welt hundertfältig gespiegelt, und nun hatte sie auch den weisen
und fröhlichen Freund, der neben den herrlichen Blüten ihres Geistes
und Herzens bestehen konnte.

Deshalb trugen die Stunden im Frühlingshaus Festkleider. Die gläsernen
Schränke und die Mahagonimöbel funkelten so, wenn Tante Veronika mit
ihrem Freunde vor den Meißener Tassen saß ... »Ja, ja,« sagte der alte
Herr, »mit dem Jockele sind wir noch nicht am Ende! Ich glaube, da
kommt noch einmal etwas zutage, das keinem von uns im Traum eingefallen
ist. Er hat sich dazu so herrlich auf sich selber gestellt, und uns --
läßt er nicht einmal durch das Schlüsselloch gucken.«

Tante Veronika spielte mit ihren Händen auf dem Rande des Tischleins
wohl ein schönes leises Lied. Und ihr Gegenüber, der Herr Salzer,
führte sie an seiner sicheren Freundeshand den Weg der Wunder: aus dem
Herzen der Zigeunerin durch das Herz der Tante Veronika ans Herz der
Frau Do zum Herzen des lieben Gottes ...

Es war ein feines besinnliches Hinschauen.

Dann redeten sie von weiser Frauenliebe und von dem Segen, der in ihr
ist. Von dem Fluche sprachen sie nicht; denn Fluch wächst nur aus
Leidenschaft. Liebe aber ist Weisheit ohn' Unterlaß und Einschränkung;
denn das Weiseste, was es gibt, ist der Verstand Gottes; und dieser ist
Liebe.

So war der Herr Professor Salzer dem Märchenhaus in jenen Tagen
abhandengekommen. Niemand fand eine Spur von ihm. Auch Jockele nicht
-- wiewohl er siebenmal die hundertneununddreißig Turmstufen emporzog.
Cornelius komponierte die Märchenoper und war weg. Gwendolin feierte
Hochzeit und war auch weg. Henrik Tofte? Ganz richtig -- zu ihm
gehörte das Fragezeichen. Schreiben tat er nicht. Tinte und Feder
waren für ihn sein Lebtag Dinge gewesen, die er scheute wie Gift.
Seine »Korrespondenz« hatte er sogar einen Winter lang von Nane Thord
besorgen lassen. Und das einzige Mal, wo er nachweislich geschrieben --
damals, als er unter die Dichter gegangen -- hatte er das Manuskript
vor den Augen der Menschen verborgen. Er sagte: ums Leben könnte er
sich auch bringen mit Pinsel und Farbe.

Da packte Frau Do mit dem Diener Fritz die »Madonna in Rosen« in
eine flache Kiste und schickte sie an Rolf Krake. Natürlich durfte
Fritz nicht sagen, was er dabei dachte -- aber auch für Do war es ein
wehmütig Beginnen. Dann setzte sie sich hin und schrieb an Rolf Krake
einen klugen und frohen Brief ...

        Lieber Einsiedler!

    Ihr Verlangen war seltsam. Aber wir dachten: Sie wollen einen
    Menschen um sich haben, über den Sie Ihre weisen und närrischen
    Gedanken hinausschicken können ins Leben, in das Sie nicht
    einmal mehr zu Gaste kommen mögen. Sie haben sich einen neuen
    Garten Eden geschaffen und fordern eine Gehilfin. Da ist sie!
    Gwendolin sagt: »Geschaffen von den Händen Gottes ...«

    Sie haben sich nun an einen Platz gestellt, an dem für die
    Menschen das Narrentum angeht. Wir im Märchenhaus aber sagen:
    das Narrentum hört dort auf. Jeder soll es treiben, wie es sein
    Glück fordert; denn auf der Welt gehört nichts inniger zusammen
    als Leben und Glück. Vielleicht werden die Menschen nun Ihre
    Insel die »Narreninsel« nennen und sagen: »Es lebt dort einer
    mit einem Bilde!« Und sie wähnen, Sie wären der einzige.

    Die so reden, haben es zwar nicht zu dem Kleinod einer Insel
    gebracht, aber zu Millionen leben sie sich an ihrem Dasein
    vorüber und leben -- einem Bilde! Meist einem, von dem sie
    nicht einmal eine klare Vorstellung haben. So kümmern sie sich
    ihre Straße dahin und kümmern sich ins Grab; aber den frohen
    Einsamen auf einer Insel nennen sie den Narren.

    Sehen Sie, so verstehen wir im Märchenhause den Brief, den Sie
    an Henrik Tofte geschrieben haben. Er hat ihn uns gelassen
    als Gastgeschenk. Wir lesen ihn oft und halten unsere Herzen
    in sein warmes stilles Licht. Erkennen Sie nun: es war ein
    Traum vom Leben, der Ihnen eingab, das Eiland die »Insel
    der Auferstehung« zu taufen? Ein lieblicheres Ostern --
    wer könnte sich vermessen, es zu feiern? Die Menschen sind
    Schiffer auf dem Ozean. Nach ihrer Insel steuern sie alle:
    der eine nennt sie die Insel der Auferstehung, der andere
    nennt sie Märchenhaus -- -- ihrer sieben gelangen in den
    Hafen, dreihundert Millionen treiben daran vorüber. »Die Insel
    finden!« stiller Freund, das ist die Weisheit, das ist die
    Kraft! Und nun messen Sie Ihr »Narrentum« an diesem Leitsatze
    des Lebens und sagen Sie getrost: »Es sei wie es sei -- meinen
    Himmel hab' ich mir errungen!«

    Ich sage nicht: wenn Sie einmal Lust haben, in die Welt
    zu fahren, so kommen Sie zu uns! Nein, schlagen Sie Ihre
    Wurzeln frohgemut in Einsamkeit und Tiefe, und stehen Sie
    unerschütterlich auf Ihrem Gelöbnis. Aber wenn Sie einmal
    herüberzureden wünschen in die Welt der Menschen, so fragen
    Sie -- mein Mann und ich werden Ihnen von dieser Welt so viel
    erzählen, wie Sie hören wollen.

            Frau Do.

Nichts als ein Brief! Und in den ersten Worten nicht einmal ganz frei
und nicht ohne die Sorge des Weibes, das eines anderen ist. Aber nur
in den ersten Worten. Die sollten dem Robinson sagen: »Siehe, so ist
mein Bild gemeint! Und weil wir es so meinten, hast du es mit Freuden
bekommen.« Aber dann war alle Befangenheit von ihr abgefallen. Sie
erinnerte ihn nicht pharisäisch an die große Dummheit seines Lebens und
sagte: »Das werden Sie nicht wieder tun« -- sondern sie krönte seinen
Sieg. Und sie sagte ihm: »Es gibt von alters her auf Erden sieben
Weise; sie sterben nicht aus; darum ist ihr Sinnbild zu den Gestirnen
des Himmels erhoben. Es sind nicht Sterne erster Größe, aber siehe, du
bist einer dieser glückseligen Sieben. Freue dich!«

Von sich selber sprach sie kein Wort. Aber sie ließ ihn ahnen: dein
Leben ist nun klug und klar, und es ist ein Leben der Fülle -- trotz
alledem! Es ist ein Sinnbild für die dreihundert Millionen Toren,
die jeden einen Narren heißen, der nicht die Schellenkappe trägt wie
sie ...

Jockele war zu ihr an den Schreibtisch getreten; das Fenster stand
offen, die kleine Heidi lag drunten im Garten in ihrem Wagen und
schlief.

Nun sprachen sie von Rolf Krake aus ihren hochgemuten Herzen. Do
lächelte und sagte: »Haben wir es denn anders gemacht als er?«

Da sah er sie erstaunt an. »Ganz anders.«

Sie aber machte ihre Siegeraugen. Und er sagte: »So hast du mich nicht
mehr angesehen, seit -- ich glaube seit damals, als ich die Gwendolin
heiraten wollte.« Es war sehr lustig.

»Dann hast du wahrscheinlich in all den Jahren keine so vollendete
Dummheit in die Welt gesetzt, liebster Jo.«

»Vor den Siegeraugen hab' ich noch den gleichen Respekt wie damals,«
sagte er. Dann zog er sie aus ihrem Schreibsessel empor und führte sie
in den Garten, und sie spazierten Arm in Arm unter den schönen alten
Bäumen. Es war eine heimelige Stunde, leise und voll von dem warmen
Lichte des Mittags.

»Nichts als ein Brief,« sagte er, »aber du hast damit wieder einmal
einen Wegstein aufgerichtet für Rolf Krake -- und auch für uns. Der
Sommer im Fjord war der Reisesommer: es flimmerte fremde Sonne hinein.
Dann kam der Winter der Freunde oder der Gesellschaften. Im neuen
Frühling fühlte man so sachte vor nach sich selber. Und nun will alles
schön und klar werden ...«

»Nun haben wir unsere Insel,« sagte sie, und wieder blühten ihre
Siegeraugen. »Nun, es ist wohl die Art ernster Frauen, daß sie ihr
Leben früher anfangen, bewußt zu leben, früher als die Männer.
Vielleicht kommt das daher, daß sie die Grenzen ihres kleineren Reiches
besser übersehen.«

»Es ist bei uns Männern das heiße Begehren nach der Tat, oft nach einer
unerhörten Tat. Darüber stellen wir uns in Sturm und werden getrieben
und bilden uns ein, wir wären der Sturm selber. Es ist bei euch Frauen
einfacher.«

»Es ist gar nicht einfacher. Von den Frauen verstehst du noch immer
herzlich wenig, lieber Jockele -- trotz deiner umfangreichen Sammlung
von Erfahrungen,« setzte sie lächelnd hinzu. »Wir geraten in unserer
Mädchenzeit an Knaben, von denen wir uns vorreden, sie wären Männer.
Und wir werden spielerisch. Zuerst fangen wir an, uns mit äußerlichem
Kram zu behängen -- und von Stund an ist die Mehrzahl der jungen
Mädchen ruiniert fürs Leben. Aller Sinn für den wahrhaften Schmuck des
Daseins geht ihnen verloren. Aber der für den Jahrmarktströdel bleibt,
wächst, wuchert und verqueckt uns das Herz.«

»Ist dir das alles über dem Brief an Rolf Krake eingefallen?«

»Warum?«

»Du hast noch nie so hart geredet.«

»O ja,« sagte sie, »aber nicht oft, und du hast auch wohl nie mit
so willigen Ohren zugehört. Oder denkst du, ich wäre damals aus dem
reichen Hause meines Vaters in das Gartenhüttchen am Horn geflohen und
hätte mein Leben auf Biegen oder Brechen gestellt, wenn ich das nicht
gewußt hätte?«

Sie hatten ihre Arme fest ineinandergelegt und wanderten zurück bis
in jenen Tag, an dem sie einander im Apfelgarten zum ersten Male
begegnet waren. Und sahen ihr Leben an. Es stand vor ihnen wie in der
Kristallkugel der Buschgroßmutter.

Davon sprachen sie nun. Jockele kannte dies schöne Märchen von Tante
Veronika. Er hatte es lange, lange nicht mehr erzählt -- zuletzt wohl
droben im Hardanger Fjord am Herdfeuer. Da hatten sie alle zugehört,
und Gwendolin hatte gesagt: »Paßt auf, wir erleben es doch noch, daß
aus dem Naturforscher der Dichter wird.«

Durch das grüne Dämmerlicht unter den hohen Bäumen sah Jockele die
Bilder in der Kristallkugel aufgehen und merkte gar nicht, daß er
zu atmen vergaß -- genau wie damals, als ihn die Tante Veronika zum
ersten Male vor das Haus der Buschgroßmutter geführt hatte. Es war ein
Novemberabend gewesen, und der Bergwind lief ums Haus und sang. Als ihn
das Mädchen Mali dann zu Bett brachte, hatte er zu ihr gesagt: »Wenn
es wieder Frühling ist, wollen wir die Buschgroßmutter besuchen. Ich
nehme meinen Schirm und fort geht's!« -- »Na ja,« hatte ihn die Mali
vertröstet, »vielleicht im Frühling. Aber das Gebirge der Riesen ist
schwer zu besteigen, und die Riesen sind auch keine netten Leute.«
Dies Zwiegespräch hatte Mali der Tante Veronika berichtet; denn das
sollte sie. Und Fräulein Sinsheimer sagte: »Sooo! Dann müssen wir das
in den nächsten Tagen reparieren; denn fürchten darf er sich nicht.«
-- »Überhaupt diese Schauergeschichten ...,« warf Mali ein. »O, die
sind herrlich,« behauptete Tante Veronika. »Ich besitze gar nichts
Schöneres, was ich in den Jungen hineinspeichern könnte; aber ich habe
es wohl nicht richtig gemacht.« Und gleich am nächsten Abend erzählte
sie wieder. Das Mädchen Mali durfte zuhören, und es war so schauerlich,
daß sie ganz heimlich die Füße unter ihren Sitz zog, weil sie merkte:
die große Kreuzspinne spann sie ein, die sich die Buschgroßmutter als
Haustier hielt. Dem Zigeunerbuben aber legten sich die blanken Fäden
dieser Phantasien schimmernd um das Herz.

Wie viele Jahre waren seitdem vergangen! Und nun stand ein Mann vor der
Kristallkugel der Hexe im Baumgarten am Horn, sah die Bilder seines
Lebens darin und sagte: »Es ist gar kein Märchen!«

Nein, es war das Leben! Und der Sinn der Rede, daß es ein Aber habe mit
Männern, in deren Leben die Frauen nicht eine ungeheure Rolle spielen,
ging ihm erst auf in dieser Stunde. Vor anderthalb Jahren an der
Hochzeitstafel hatte er das so hinausgeschmettert aus seinem ungestümen
Herzen. Es war nicht darin gewachsen. Darum hatte er es auch in seiner
Art verstanden -- nicht so wie die ältere Dame, die »O« sagte, aber
auch nicht viel tiefer als die anderen. Freilich hatte er hinzugesetzt:
»Was mich betrifft, so werde ich mich in die Sonne meiner Frau stellen,
wie sich die Erde stellt in das Licht des Frühlingshimmels.« Nun ja,
das hatte einen ergebungsvollen Klang gehabt und war auch vorsatzfroh
gewesen. Aber man kennt das; und beides war nicht ungewöhnlich für
einen jungen Hochzeiter, dem das Zigeunertum nur so aus den Augen
blühte. Aber verstanden? Verstanden hatte er es nach seiner Kraft, und
etwa wie Hanna von Fellner, die daraufhin mit ihm wettete.

Daran dachten sie nun. Und sie wußten: Hanna hatte die Wette verloren!
Jockele war ein Mann geworden mit allen Erkenntnissen. Und es kam
eine Allgewalt über ihn -- da faßte er Do an den Hüften und hob sie
empor und schmetterte einen Jauchzer über sie. Als sie wieder auf der
Erde stand, preßte sie die Hände an die Schläfen, denn seine Wildheit
brauste ihr durch die Adern. Er aber sagte ganz fromm zu ihr: »Du liebe
Wundertäterin!«


Als es wieder Frühling wurde, ging Heidi im Rasen auf wie eine
Tulpe. Sie trippelte von einer Blume zur anderen und trank die
blühenden Wunder der Erde in ihre Augen. Jockele dachte: »Wenn sie
im nächsten Jahre kommen, kann ich ihr die schöne Geschichte von der
Buschgroßmutter erzählen.« Es war ein ungeduldiges Warten in ihm -- er
wollte auch sein Teil an der Kleinen haben. Und die verfallende Hütte
der Buschgroßmutter stand in seinem Herzen noch genau so, wie sie die
Tante Veronika darin aufgebaut hatte. Sogar der Waldkauz brütete noch
über dem Türpfosten, und kein Sturm, der in den Jahren durch Jockele
gebraust war, hatte das Spinnennetz zerrissen, das vor dem windschiefen
Fenster hing: die dicke Spinne mit dem blanken Kreuz auf dem Rücken
lauerte noch darin -- genau wie damals.

Ach, vieles, vieles, wovon sich die Erziehungsfreude der Tante
Veronika Wunder versprochen hatte, war verflogen -- dachte er. Aber
die verstaubteste, hübscheste und geheimnisvollste Hexenhütte, die
je ein Märchenmund gedichtet hatte, die war stehengeblieben. Und die
wollte Jockele seinem Frühlingskinde mitten hineinbauen ins Herz; denn
wie Papa sollte Heidi in jeder Woche einmal darin einziehen und ihr
Zauberglück finden, weil es so wunderschön war.

Um diese Zeit begann er, für Heidi zu dichten: kleine Blumen, kleine
Blätter, die er über sie warf und die sie mit ihrem jauchzenden
Herzlein fing. Dazwischen führte er sein Werk über die Flechten nun
doch zur Vollendung. Er reiste an die Hochmoore des Erzgebirges und
Bayerns; er durchwanderte die Schründe der Sächsischen Schweiz, wo die
Flechten um die Felsenzinnen blühen. Das Riesengebirge lag noch zu tief
in den Jahren, und er fühlte, wie er der Naturwissenschaft aus den
Händen wuchs. Alles drängte in ihm nach einem Abschluß; denn der hatte
noch gut Platz in der Zeit, in der der Dichter in ihm nicht ganz daheim
war.

Wie alle Dichter, so fing auch dieser mit sich selber an. »Die halben
kommen nie darüber hinaus,« sagte er zu Do; »ich aber will mich
weit dahinten lassen. Es soll nicht etwas Windiges werden, was ich
da schreibe, und nicht ein kärglicher Abklatsch des Daseins. Es ist
Schwachsinn, eine Dichtung über den Leisten des Lebens zu schlagen. Was
soll dann weiter daraus werden als ein Schusterwerk? Nein, der Dichter
muß sich den Weltplan vom lieben Gott dazu borgen. So etwa: ›Gib her,
ich werde jetzt einen Roman schreiben und will darin erschaffen, was
du mit der Welt mal vorgehabt hast; denn ich bin besser daran -- mir
können die Menschen mein Werk nicht verpatzen, wie sie es dir täglich
tun!‹ Wenn man von einem Romane nicht sagen kann: er ist ein schönes
Märchen, dann ist er in der Regel miserabel.«

Das war das erste und letzte, was Jockele über sein Dichten zu Do und
den anderen sagte, bis zu jener Wagenfahrt ins Riesengebirge. Aber das
merkten sie wohl, daß er der Ansicht war: ein vollkommenes Märchen
wäre die wahrhaftigste und wahrhafteste Dichtung, die sich ersinnen
ließe; denn es steht darin: alle Schöpferweisheit und Teufelslist,
alle Menschenklugheit und Torheit, alle Tücke und Liebe -- und das
eindringlichste und beredteste Weltbild ist fertig. »Laß dir nicht in
deinem Leben und Dichten herumwühlen von den Menschen!« sagte er.

»Mich deucht, das wäre ein gutes Nachtgebet,« sagte Salzer.

»Ja -- für alle; aber zumeist für die Dichter.«

So schwang sich aus den Frühlingswiesen des Lebens alles in die
Bahnen, auf denen es dereinst schön und kraftvoll zu den Höhen des
Daseins gelangen sollte. Aber stetig und unwandelbar in den wandelnden
Jahren blieben Dos und ihres Mannes Herz: das eine in seinem stillen
klaren Licht -- und war ein Segen für und für; das andere in seinem
weltseligen Zigeunertum: ewig unrastig und voll stolzer Träume, dabei
immer bedacht auf die ruhevolle Breite des Lebens -- und doch ohne
Sturm; stets voller Blüten und voll der fröhlichen Weisheit des Glücks.
»Es ist das Erbgut der Männer meines Volks,« sagte Jockele, »als Könige
der Pußta tragen sie den Himmel in den Augen, und von dem Golde der
Sterne -- den fliegenden Tropfen des großen Weltenozeans -- ist ein
Glanz in unsere Herzen gespritzt.«

Gwendolin lächelte über diese Worte dahin. »Es scheint, den
Pußtawanderer Adalbert Stifter trägst du stets auf der Brust.«

»Nein, mitten darin,« bekannte er.

Aber Gwendolins Rede war nicht mehr frei wie einst. In ihren Augen lag
nicht mehr die stürmende Fülle. Und in den Klang ihrer Stimme fand sich
die Wehmut.

In einer Juninacht saßen die drei Frauen und Jockele im Garten, unter
der Ulme, und tranken Erdbeerbowle. Der Mond kämpfte sich blutrot
hinter den Büschen herauf. Heuduft schwebte von den Parkwiesen hoch.
Da erhob Gwendolin ihr Glas gegen den Mond und sagte: »Noch eine halbe
Stunde, du lieber Nachtgesell, dann hast du gesiegt in deinem dumpfen
Kampfe gegen den Dunst der Tiefe! Wo bleibe aber ich?«

»Unbegreiflich,« sagte Kordula, »wer hätte gedacht, daß eine Zeit käme,
in der du zag würdest vor dem Leben? Du!«

»Es wundert mich gar nicht,« sagte Do, »Gwendolin ist eine von jenen,
die mit siebzehn Jahren heiraten müssen. Es ist nun nicht leicht, ihr
Mann zu sein.«

»Ihr habt beide gut reden,« sagte Gwendolin bitter, »du und Kordula.«

»Halt,« gebot Jockele, »ich arbeite nur noch nebenher in Flechten,
Menschenherzen sind mir wertvoller, und Do sagt, von Frauen hätte ich
keine Ahnung. Aber vielleicht von der Ehe?«

»Erst recht nicht,« behauptete Gwendolin, »denn du bist eines jener
Hätschelkinder des Schicksals: laufe nur mit weit offenen Händen durchs
Leben -- es fällt immer etwas Herrliches hinein!«

Nun, Jockele war diese Rede von den Menschen gewöhnt; sie wächst wild
um alle Zäune. Ernst nahm er sie nicht. Da sie nun aber von Gwendolin
kam, wurde er steil und blies zur Schlacht. »Du, seit wann bist du
ungerecht?«

»Ich habe wohl schon an meinem Verstande gelitten,« bekannte sie.

»Du bist auch ungerecht gegen dich selber,« sagte er, »denn Kämpfer
sind wir alle beide -- nicht so: ›Mensch sein, heißt Kämpfer
sein‹ ... sondern: wir zwei haben unser Lebtag weit weg gestanden
vom Durchschnitt -- auch mit unserem Kampfe. Weiß Gott, es war
ein steinichter Weg in den Tartarus und von da auf den Berg der
Seligkeiten! Dann hab' ich den Berg mit dem Grabscheit zerhauen; dann
hab' ich -- na, ich hab' etliches fertiggebracht in meinem Leben. Aber
freilich: an den Laden hab' ich mich dazu nicht gelegt, und der Welt
in die Ohren geschrien hab' ich's nicht: ›Seht mal her, solch ein Kerl
bin ich nun!‹ Zuletzt -- das darf man wohl sagen: das Leben hat es
gut gemeint mit mir. Aber etwa deswegen, weil ich ihm ein lammfrommer
Zuschauer gewesen wäre?«

»War das bei mir anders?« fragte Gwendolin. Die Wehmut war weg. Es
klang herausfordernd, es klang unzufrieden.

»Nein. Salzer hat einmal gesagt: ›Die Gwendolin Vogelgesang ist
der weibliche Jakobus Sinsheimer.‹ Recht hat er. Aber nun, da du
davorstehst, dir das Ehrendoktorat fürs Leben zu erwerben, liebe
Gwendolin, nun kneifst du.«

Gwendolin lachte bitter und jäh auf.

»Ach papperlapapp!« rief Jockele. »Mit einem Munde voll Hohn schnellst
du mir diesmal nicht aus den Händen!«

»Du hast ja keine Ahnung von der Ehe,« sagte Gwendolin.

»Nun, so ist mir das Talent, für und in Do zu leben, wahrscheinlich
im Bergwald eingeboren worden,« sagte er ärgerlich. »Nein, liebste
Gwendolin, ich habe mich gehörig in diese Sonne finden müssen! Und
das will ich dir auch verraten: sie war im Vorfrühlinge mitunter eklig
frostig -- man konnte sich das Herz daran erfrieren bei all dem hellen
Scheinen. -- Warum hast du Erich Meyer nicht geheiratet?«

»Er ist mir zu sacht.«

»Warum hast du mich nicht genommen?«

»Du warst mir damals zu jung.«

»Mir war er nicht zu jung,« sagte Do sehr ernsthaft.

»Warum hast du Toften gehen heißen?«

»Er springt immer hin und her zwischen Himmel und Hölle.«

»Und James King und John Williams?«

»~They are Englishmen.~«

»Und den Grafen Metting?«

»Den hätt' ich beinahe genommen.«

»Wenn ich nicht dazwischengekommen wäre,« sagte Do.

»Und wenn er kein Windhund gewesen wäre,« ergänzte Jockele. »Wie sagte
Gwendolin Vogelgesang? ›Die Ehe ist eine verdammte Kunst.‹ Meine Finger
langen nicht mehr zu, dir herzuzählen, was du an jedem auszusetzen
hattest. Du hättest auch zu keinem gepaßt.«

»Na also!«

»Aber Richard Schaffrath ...«

»Es scheint, den hab' ich mir vorbehalten, meiner Dummheit die Krone
damit aufzusetzen. O!«

Im Märchenhause wußte man seit langem, daß die Herzen dieser beiden
hochgemuten Menschen Miene machten, in Trotz und Selbstherrlichkeit
Wege zu laufen, die sie voneinander fortführten. Es fehlte in diesem
Hause nicht an Verständnis für die Art beider: die Schuld lag bei
Gwendolin, und sie lag bei Schaffrath. Der war nun Professor geworden.
Er war nicht frei von rücksichtslosem Ehrgeiz, aber er hatte nichts
von einem Streber. Es war eine gesunde und männliche Kraft. Er stand
fest auf sich selber, wie Gwendolin auch; und beide hatten den Sinn zur
opferwilligen Zweisamkeit der Ehe darüber ein wenig verkümmern lassen.
Nun, so etwas wächst in jedem Garten. Aber seit einiger Zeit fanden sie
beide: es wüchse bloß bei ihnen. »Er ist ein Starrkopf und Egoist,«
sagte Gwendolin. »Und sie ist unweiblich und rechthaberisch,« sagte
Schaffrath.

So war es zwischen ihnen über Winter geworden. Gwendolin war in den
vergangenen vierzehn Tagen in Ibenheim gewesen. Dann war sie ins
Forsthaus am Hörselberg gewandert, hatte wütig darauflos gemalt und
zwischendurch dem Zinzilein ihr Leid geklagt -- nicht kleinmütig, und
wohl auch nicht mit vergiftetem Munde. Aber von dem »brutalen Egoismus
der Männer« war doch mehrfach die Rede gewesen. Die Tante Veronika
mischte sich ein für allemal nicht in derlei Dinge. Sie sagte: »Davon
versteh' ich wohl nicht genug.«

Das Spiel stand bei den Freunden im Märchenhause, zu denen auch in
diesem Falle Kordula und Erich Meyer und Professor Salzer gehörten, für
Gwendolin und Schaffrath so, daß man Fehler gegen Fehler aufrechnete.
Aber in jener Nacht unter der Ulme verlor Gwendolin die Partie. Man
rückte auf der ganzen Linie geschlossen gegen sie an. Daran war das
harte Wort von der Dummheit schuld, mit der sie ihr Leben gekrönt hätte.

Do sagte: »Wenn man nicht wüßte, daß du jetzt gallig und ungerecht
bist, so würde man dich von nun ab zu jener kläglichen Sorte von Frauen
rechnen, die immer auf dem Sprung ins Elternhaus sind, wenn ihnen in
der Ehe mal eine Katze über den Weg läuft. Du solltest dich schämen,
dieser jammervollen Art nahezurücken.«

Gwendolin war betroffen. Die hohe Stehlampe mit dem pfirsichroten
Schirme machte diese Betroffenheit offenbar. Und Kordula sagte: »Mit
meinem Mann habe ich wohl wenig Mühe ...«

»Nun ja, dieser Athlet des Herzens,« warf Gwendolin aufgewiegelt hin,
»der paßt sich in dich wie der Kern in die Aprikose.«

Kordula griff dies Bild auf. »Ja, wenn die Aprikose fertig ist!« Dann
sagte sie: »Es war auch für mich nicht so einfach, und es gab viel
Falten und Knitter auszubügeln. Das gehört nun eben zur Ehe. Warum ist
sie ein Vertrag auf Gegenseitigkeit?«

Darauf sagte Do: »Was könntest du denn dagegen haben, wenn er dich
einfach für die Hauswirtschaft forderte?«

»Gilt nicht!« höhnte Gwendolin, »daß ich dazu nicht tauge, wußten wir
im vorhinein.«

»Du sollst dir aber nicht einbilden, du könntest nun mit dem Malkasten
unterm Arm in die Welt ziehen, so oft dir's paßt, und brauchtest zwei
Wochen nicht heimzukommen aus Trotz und Kindsköpfigkeit, und könntest
im Walde herumzigeunern und warten, ob er dich sucht. Wenn ich dein
Mann wäre, liebe Gwendolin, ich würde sehr viel herzhafter mit dir
reden.«

Gwendolin entschuldigte ihre Waldfahrt. »Na, das war doch bloß mal eine
kleine Flucht zu mir selber.«

So standen sie mit spitzen Sinnen gegeneinander bis Mitternacht.
Schwere Weisheiten förderten sie nicht zutage, aber wahr war's doch,
was sie sagten. Gwendolin hatte einmal vorgehabt, der blonden Do in dem
Verhältnisse zu ihrem Mann ähnlich zu werden. Und nun war +das+ daraus
geworden!

Sie wäre in ihrer Hartmütigkeit am liebsten bis in den neuen Tag im
Baumwinkel sitzengeblieben. Aber Kordula nahm ihren Arm, und von der
Straße aus sahen sie noch Licht in Richards Zimmer. »Ich bringe dich
nach Hause,« sagte Gwendolin. Da gingen sie ganz langsam unter den
Sommerbäumen dahin. Das Mondsilber sickerte über sie. »Hast du denn
gewußt, daß du so trotzköpfig bist?« fragte Kordula.

»Eigentlich -- nein. Hartnäckig war ich stets, aber ich hatte dazu
niemanden als mich.«

»Dann würde ich mir auch fürderhin an mir selber den Kopf einrennen,«
spottete Kordula, »du hast dich ja damals ganz gut dabei gestanden.
Warum suchst du dir nun deinen Mann dazu aus?«

Gwendolin lachte. Aber nur mit einem Auge; denn sie mußte an Salzers
Wort denken: »Er ist ja wohl der nächste dazu.«

Endlich kamen sie doch vor das Häuschen in Oberweimar, und Gwendolin
mußte mit sich nach Hause wandern. Sie schritt mitten auf der
mondhellen Parkstraße von Oberweimar her, kam an Goethes Gartenhause
vorüber und stieg die Stufen beim Euphrosyne-Denkmal herauf, die
zwischen dem Märchenhaus und Schaffraths Wohnung ins Horn münden. Von
den Türmen der Stadt rief es ein Uhr. Richards späte Lampe brannte noch
immer.

Es war eine schmerzliche Niederlage, die Gwendolin in dieser Nacht
erlitten hatte. Ihr Herz, dies funkelnde, lichtselige Künstlerherz, war
angelaufen wie ein Morgenfenster von der Oktoberkälte.

Am Kopfe des Stufenweges lehnte sie sich gegen das Geländer. Der
Schatten einer Ohreule zog über den Mond. Gwendolin suchte nach einem
Licht im Märchenhaus. Es war keins mehr da. Und die Lampe, die in
Richards Zimmer wachte, war so peinlich beredt! »Warum könnt ihr beide
nicht schlafen?« fragte sie, und: »Stehst du nun nicht da draußen
unter den Sommerbäumen wie eine Abenteurerin?« Jetzt fingen auch die
stillen Fenster des Märchenhauses an zu reden. Es war ein heimliches
Flüstern vom Glück ... Man konnte neidisch werden. Sogar aus den Tiefen
der Nacht heraus betörte die Sonne von dort her das Herz! Waren denn
Frau Do und Jockele nicht auch aus dem Edelstahle, der stets wieder zu
seiner blanken Geradheit zurückschnellte, wenn man ihn bog? Zu allem
war Do noch zwei Jahre älter als ihr Mann -- und es ging doch? War
nun dort die Weisheit, von der Henrik Tofte gesagt hatte: sie allein
brächte das Wunder einer Blüte zur Entfaltung? Aber im Zwielicht des
Durchschnitts oder des Narrentums kümmere dies Wunder? ...

Es war eine heilsame Einkehr, die Gwendolin der blonden Do dankte. Dann
ging sie den Gartenweg zwischen den Hecken entlang und trat in ihr
Haus. Als sie im ersten Stock am Zimmer ihres Mannes vorüberkam, blieb
sie nicht stehen; sie ging auch mit ihrem herausfordernden Schritt und
legte den Hut ab und das Schultertuch. Aber dann kam sie doch zurück,
trat in Richards Zimmer und setzte sich in den Lehnstuhl, der gleich
links neben der Tür stand. Eigentlich wollte sie etwas sagen. Aber nun
ging das nicht. Das Wort vertrocknete ihr auf den Lippen. Und man kann
sich doch auch das Herz nicht zerbrechen wegen eines Wortes. Also!

Schaffrath saß am Schreibtisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt.
Die kleine Lampe mit dem roten Schirme stand links vor ihm. Und
wenn man ihn so von rückwärts betrachtete, war er in das rote Licht
gemeißelt wie ein Riese aus schwarzem Gestein. Eigentlich wollte er
etwas sagen. Aber es ging nicht. Man kann sich doch das Herz nicht
zerbrechen wegen eines Wortes.

So saßen sie eine Weile. Die Zeit lief zwischen ihnen dahin --
mit jedem Pendelschlag der Standuhr tat sie einen Schritt -- ein
unsichtbares Gespenst. Einmal zog Gwendolin den Atem ein; es war,
als fiel ein Tropfen auf eine heiße Herdplatte. Da stand Schaffrath
auf, hob die Lampe hoch und leuchtete damit gegen die trotzige
verführerische Frau. Sie sah ihn mit versteinten Augen an.

»Es ist mit dir immer das gleiche,« sagte er und stellte die Lampe
auf den Schreibtisch. Dann schritt er hin und her, und sein Gang ward
heftiger, wie eines Mannes, der gegen den Sturm läuft. Und dann barst
die gefesselte Stille, und seine machtvolle Stimme gewitterte dahin
über beide. »Bilde dir nicht ein, daß das sieben Jahre zu tragen wäre!
Es ist ein klägliches Leben, und es geht darüber alles in die Brüche:
unsere Freundschaften, unser Ruf, unser Werk und wir selber. Vier
Wochen war es ein Schäferspiel, vier Wochen war es eine Komödie, seit
vier Monaten ist es ein Trutzspiel, und nun wird gleich eine Tragödie
daraus. -- Wo bist du heute abend gewesen?« Sie schwieg. »Es ist gut,
daß du dich scheust, es zu gestehen! Das heißt, Sinsheimers wissen
längst, wie es um uns steht. Sie haben es seit vier Monaten gewußt.
Aber sie sind still gewesen aus Mitleid. Aus Mitleid! Verstehst du, was
das sagen will?«

Über diesem Worte wand sich Gwendolin in ihrem Stuhl. »Nicht aus
Mitleid! Ich glaube, es ist noch ärger. Vielleicht ist es auch schon
Verachtung. Sie sagen: es fehlt uns an gutem Willen.«

»Dir!« schrie er.

»Natürlich,« höhnte sie, »immer mir!«

Da rückte er seinen Schreibsessel in die Mitte des Zimmers und
schaltete das Deckenlicht ein und warf sich in den Stuhl. Gwendolin
aber war aufgesprungen und lief vor der Türwand hin und her.

»Es liegt doch an dir, Richard! Hast du in den letzten vier Monaten
einmal um mich geworben wie jetzt?«

»Werben nennst du das?«

Nun mußte sie doch ein wenig lachen. »Jawohl -- werben! Vier Monate
hast du gebraucht zu diesem erlösenden Wetter! ... Es hätte sich wohl
auch anders denken lassen. Aber es war doch mal ein Losbruch, es war
ein Zerdonnern dieser grauenhaften Verschlossenheit. Du hast dann
alle Fenster an dir verhängt, und es ist mir nicht gegeben, da einen
Einschlupf zu suchen. Ich habe mit mir selber genug zu tun.«

»Es ist so meine Art,« sagte er. »Ich brauche vier Wochen, ich brauch'
ein Vierteljahr lang mit keinem Menschen zu reden, weder von Leid noch
von Liebe.«

»So rede wenigstens mit deiner Frau. Aber du sitzt dann im Haus und
im Leben als ein steinerner Gast. Es ist zum Verzweifeln. Und am Ende
versteinere ich auch.«

»Jawohl, an deinem schlimmen und trotzigen Willen!«

»Nein, Richard, nein, ich bin ein Weib und bin gewöhnt, umworben zu
werden im Guten und Bösen. Meinetwegen donnere durch die Tage; das ist
mir ganz egal ... oder: es ist mir lieber, als wenn du dich zumauerst
mit dieser wortlosen Kargheit. Damit weiß ich nichts anzufangen. Und
dann lauf' ich fort und mach' es wie in der anderen Zeit, in der ich
glücklich gewesen bin mit mir selber und hell und aufgetan ...«

Da lief sie hinaus. Es sah aus, als wollte sie nun den Hut nehmen und
das rettende Malzeug und hinfliehen in die Nacht. Aber das tat sie
nicht; sondern sie ging mit ihren heißen und trockenen Augen in das
Schlafzimmer. Sie hatte ihm alles gesagt, was ihr Herz in dieser jähen
Stunde hergeben mochte. Es war nicht über ihre Kraft gegangen, wie
damals im Märchenhaus, als sie sich ausweinend über das Bett warf, aber
sie dachte: was sie ihm gesagt hätte, wäre viel mehr gewesen, als sie
sich je zugemutet hätte.

So war nun dies lichte klingende Herz: es mußte durchaus umworben
werden, wenn es blühen sollte. Und so war es mit ihm gewesen seit den
frühesten Mädchentagen. Zehn Jahre hatte sie es so mit diesem Herzen
gehalten; denn es war eine große Gefahr für sie. Viele Mädchen haben
solche Herzen und nehmen sie nicht in acht und kommen darüber von sich
selber und von allem tapferen Willen für ein gutes und züchtiges Leben.
Vor Gott und der Welt hatte sich Gwendolin nicht gefürchtet, seit sie
sich verstand; aber vor ihrem Herzen war ihr bange gewesen. Nun war
das so geworden; und als ihr Mann wartete, daß sie es ihm wie einen
goldenen Ball zuwerfen sollte, konnte sie es nicht; denn dies Spiel
hatte sie dereinst mit aller Kraft und Selbstzucht verlernen müssen.


»Vielleicht hätten wir mit der Aussprache von gestern abend nicht so
lange warten sollen,« sagte Jockele am anderen Morgen zu seiner Frau.

»Wir sind viel zu nachsichtig mit ihnen gewesen,« sagte sie, »wir
haben uns in diese Angelegenheiten gar nicht zu mischen -- darum
haben wir auch nicht zu lange gewartet. Ich weiß recht wohl, woran
sie beide leiden. Deshalb weiß ich auch, wir hätten uns auf derlei
Auseinandersetzungen gar nicht einlassen sollen. Aber dazu haben wir
ein Recht -- ich will zu ihr sagen: Ihr zwei haltet es miteinander wie
ihr es für gut findet; in unser Haus könnt ihr jedoch nur kommen, wenn
ihr in dies Haus paßt.«

»Es ist wieder mal eklig kalt,« spottete Jockele.

»Ach nein,« sagte sie, »du hältst dein Herz nur immer in den Händen
wie ein großes Licht und möchtest alle Finsternis der Welt damit hell
machen. Trösten und Ehen flicken, liebster Jo, das sind zwei Dinge, mit
denen schwer hantieren ist. Ich traue mir weder das eine zu noch das
andere. Wenn du ihnen Moral predigen willst, so ist das deine Sache.
Für mich gibt es in diesem Falle nur einen Weg: ich lasse in meine
lichte Burg keine Narrheit von draußen hereinbrechen.«

Dagegen gab es kein Eifern. Und es war wohl auch in der Ordnung; denn
die Moral hatte den beiden im Nachbarhause der Herr Professor Salzer
schon zur Genüge gepaukt. Aber er hatte es aufgegeben. Nun hatte
Schaffrath das Empfinden: es gehen über unserer Ehe zuerst unsere
Freundschaften in die Brüche. Und daraus folgerte er: man gab die
Schuld beiden, sonst hätte man sich ja auf seine oder auf die Seite
Gwendolins schlagen können. -- Vor allem aber hatte Herr Salzer ihnen
gegenüber einen schweren Stand; denn beide sagten zu ihm: »Sie mögen ja
ein ganz guter Literarhistoriker sein, aber von einer Ehe verstehen Sie
nicht das geringste.« Da hatte er's.

Schaffrath aber und auch Gwendolin wurden sehr nachdenklich an sich
selber.

Um Herrn Salzer war es mit einem Male recht einsam geworden,
schauerlich spätherbstlich, mitten im Sommer. Sein Turm gefiel ihm
nicht mehr halb so gut. Das vornehme Mahl, das er im »Erbprinzen« zu
halten pflegte, erfüllte alle Ansprüche des Feinschmeckers -- aber es
mundete ihm nicht mehr recht. Mit der Literatur war das auch solch eine
Sache -- man brauchte dazu nicht unbedingt auf einem Turme zu wohnen.
Kurz: Herr Salzer hatte einmal wieder das dringende Bedürfnis, sein
Glück aufzubügeln. Er kleidete sich unerhört vornehm. Er kaufte sich
einen grauen Zylinderhut wie der Stadtrat Schniedewind. Er trug Schuhe
mit einem Einsatz vom Stoffe seiner Kleider -- nun, einen Zigeuner
oder gelehrten Tropf hatte man seinem äußeren Menschen nie angesehen.
Und so furchtbar wichtig vermochte er diesen selbst nicht zu nehmen,
nicht einmal jetzt; darum merkte er nach acht Tagen: auch das war kein
Heilmittel für das geheimnisvolle Leiden. Er verfiel sogar auf den
verrückten Gedanken, es wäre das Alter. Achtundfünfzig! Lieber Himmel,
vor einem halben Jahre war er noch ein leibhaftiger Jüngling gewesen an
seinem Herzen! Und nun wollte dies Herz über Nacht misepeterig geworden
sein? Aber dennoch -- er rüstete sich mit der Ergebung des wahrhaft
Weisen und bildete sich drei Tage lang ein, er wäre ein alter Mann.

Und merkwürdig: die einhundertneununddreißig Stufen im Turm waren auf
einmal erstaunlich schwer zu steigen. Am dritten Tage pustete er sich
schon hörbar empor und rechnete aus: in vier Wochen könnte er sich
die Welt überhaupt nur noch aus der Herrgottsperspektive betrachten.
Peinlich, höchst peinlich! Und gerade jetzt hatte er Lust, mal durch
einen Wald zu spazieren, den Gehstock zwischen den Fingern zu drehen
wie ein Windrädchen und dabei vergnügt vor sich hin zu trudeln »Freut
euch des Lebens«!

»Das Alter muß ich mir wieder abgewöhnen,« sagte er, »es ist unlustig.
Ich muß mir überhaupt mein ganzes bisheriges Leben abgewöhnen. Zum
Beispiel wäre es doch gar nicht übel ...«

Er dachte an den schönen Buchenwald bei Ibenheim. Dort hinauf brauchte
man keine hundertneununddreißig Stufen zu klettern ...

Nein, übel wäre das ganz und gar nicht! Aber wenn man in das Haus der
Tante Veronika ziehen wollte, so, so für immer, da mußte man zunächst
mit Tante Veronika darüber reden. Das war schon wieder ein Stein des
Anstoßes, gleich am Anfange des neuen Wegs. Seit jenen Septembertagen
war er viermal zu Gast im Frühlingshause gewesen. Zuerst hatte er
gesagt: es wäre der schöne Buchenwald, der ihn lockte, und die Stille
auf dem Hügel, und die Champagnerluft, die so in die Lungen prickelte.
Und später hatte er gemeint: es wäre doch ein herrliches Vergnügen,
das Erwachen des Jahres so gleichsam aus der Hand des Weltenschöpfers
heraus zu genießen. Und zuletzt? Da hatte er die Tante Veronika ganz
vergnügt angeguckt: »Warum haben wir uns nicht ein Dutzend Jahre früher
kennengelernt?«

Natürlich, die Tante Veronika verstand das vollkommen richtig, aber in
ein silbernes Mädchenlachen verfiel sie doch; denn Tante Veronika war
nun Siebzig!

Nein, nein, an Hochzeit dachte Herr Salzer nicht. Aber die blanken
Augen taten ihm wohl wie der Mai; und wenn die leisen weißen Hände
einmal etwas an ihm zurechtzurücken hatten, hielt er sehr stille --
ganz gegen seine Art. Es war so feiertäglich um diese klare alte Dame
-- es war mit einem Worte: außerordentlich.

Darum packte er seine Koffer und fuhr nach Ibenheim. »Hallo! Sie
müssen mich mal in die Kur nehmen, liebste Tante Veronika,« sagte er
und schüttelte ihr die Hände, als wollt' er mit ihr zum Tanz antreten,
»jawohl, in die Kur; denn sonst steh' ich für nichts!«

Nach einer halben Stunde kam er aus dem Gaststübchen wieder herunter.
Die eine Ledertasche hatte er dem Mädchen Mali anvertraut. Es waren
darin Schildkrötensuppen in Büchsen, Kaviar, Spickaal, allerhand
Pasteten, gezuckerte Früchte ... es war eine Sammlung, die dem
Herrn Salzer Ehre machte. »Es ist aber noch nicht alles,« sagte er
geheimnisvoll, »das hab' ich nur so im Abreisen aufgerafft. Der
Wein kommt aus dem ›Erbprinzen‹ und kommt von Krehan, eine ganze
Kiste,« flüsterte er und sah das alte Mädchen dabei an ... tja,
der Herr Salzer! Und ein Kochbuch hatte er ihr auch mitgebracht.
Damit sie das aber nicht übelnähme, überreichte er ihr dazu ein
Hausstandsportemonnaie, natürlich gefüllt. »Sehen Sie, das da, in
dieser Abteilung, ist ganz allein für Sie.« Es war gut und reichlich
... tja, der Herr Salzer!

Die Tante Veronika geriet an dem neuen Mietsherrn in herzenshelles
Vergnügen. Und der Herr Professor merkte ihr an, wie es ihr ums
Herz war. »Hähähä,« lachte er, »ich weiß alles: die Schwelle des
Frühlingshauses ästimieren Sie als die reinste Fundgrube für Buben --
erst war es ein kleiner, nun ist es ein alter Junge, den Ihnen der Wind
hergeweht hat, hähähä.«

Aber -- und das ist die Hauptsache -- die beiden Leutchen
erschmunzelten sich darüber eine blühende Daseinsfreude. Das ist ein
rares Gewächs auf den höchsten Höhen des Lebens, und es gibt keins,
das köstlicher wäre. So schlossen sie einen Vertrag, der kaum zwischen
ihnen besprochen und der jedenfalls nie geschrieben wurde: sie wollten
sich gegenseitig in unwandelbarer Glückseligkeit hinauspflegen aus
den grünen Gärten der Erde in die blauen Weiten des Himmels. Fräulein
Sinsheimer dachte, nun würde sie das Häuschen am Walde nicht mehr
verlassen, bis sie die Sternenreise anträte, die auch fröhlich werden
sollte; denn an frohmütiger Weisheit schüttete das Leben in ihr Herz,
was nur hineingehen wollte. Aber einmal zog sie doch noch hinüber
ins Märchenhaus. Das war aber viel später. Ach ja, die Funkelwiesen,
auf denen die Engel spazieren, mußten lange warten, ehe man im
Frühlingshause die Wanderschuhe schnürte ...

Nach Weimar geriet der Herr Salzer hauptsächlich nur, wenn es galt,
Küche, Keller und Vorratskammer von neuem auszurüsten. Dies Werk
betrieb er fortan mit großem Eifer und ausgezeichnetem Feinsinn. Tante
Veronika schalt immer ein bißchen über den sündhaften Aufwand, den
er mit sich machte, nannte ihn einen Verschwender und behauptete, sie
helfe ihm diese vornehmen Sachen nur essen, weil sie für ihn allein
unbekömmlich wären. Aber schlimm war das nicht gemeint; denn beim
Auspacken waren sie immer zu dritt und hüpften um die Herrlichkeiten
herum wie Kinder um den Weihnachtsbaum. Es muß auch verraten werden,
daß Fräulein Sinsheimer in dieser Zeit ein ganz kleines venezianisches
Glas besaß. Das war nicht geräumiger als ein Daumen. Daraus half sie
ihrem Freunde mittags und abends einen Fingerhut voll Wein trinken,
oder gar Sekt. Sie fand, es bekäme ihr ausgezeichnet, und sie schlief
danach wie eine Tulpe im Winter.

Ja, so trieben sie es. Es war eine Herrlichkeit. Und der Herr Salzer?
So oft es Frühling wurde in der Welt, spazierte er an den Waldrand,
kippte daselbst sein Tintenfaß um und tat ein Gelöbnis, daß es
vor dem ersten November nicht wieder gefüllt würde; denn er hatte
herausgefunden, Literaturgeschichte im Sommer säure das Herz an.

»Und zu dieser Entdeckung haben Sie sechzig Jahre gebraucht?« spottete
Tante Veronika.

»Hm,« machte er. Aber gleich war er wieder vergnügt; denn er hatte auch
herausbekommen, daß er an Frau Do und ihrem Jockele recht eigentlich
zum Leben genesen wäre. Und doch, von wem sonst hatten jene beiden es
gelernt als von Tante Veronika? Also war Fräulein Sinsheimer für ihn
der Brunnen aller Freude! Die Sache war in schönster Ordnung, und die
Tage flossen in Heiterkeit dahin. Aber einmal kam ein Ereignis voll
herrlicher Allgewalt -- das hieß Henrik Tofte. Es kam nicht in eigener
Person, wie man nach dem Ausdruck »Allgewalt« schließen könnte, sondern
es kam in Gestalt von Zeitungsberichten, und kam aus dem Märchenhaus.
Aber es wirkte, als stürmte der nordisch blonde Skalde selber ins
Häuschen und wuchtete die oberen Türpfosten heraus, weil sie zu niedrig
waren für sein Hünenmaß ...

Es war in jenem März, in dem Heidi das Frühlingskind vier Jahr alt
wurde.

Bis dahin war Henrik Tofte für Do und Jo verschollen gewesen. Das hing
auch damit zusammen, daß er Tinte und Feder für minderwertige Werkzeuge
hielt. Zwei Jahre lang hatte es ausgesehen, als wäre er gestorben.
Zwei Jahre? Ach, noch länger, als Richard Schaffrath brauchte, seine
schlanke Frau Professorin in gründliche Reparatur zu nehmen. Aber
nun war sie wundervoll ausgeputzt, und beide gingen ausgezeichnet.
Schaffrath hatte reden gelernt und werben, wie sie es gern hatte. Und
sie warf ihm ihr funkelhelles Herz zu, wie er es gern wollte. Aber
eigentlich in Weimar war das nicht so geworden, sondern in Dresden.
Dort hatten sie bei Arnold eine Ausstellung ihrer Bilder, die sie zu
bewundertem Erfolge führte. Beide. Und von der Elbe zogen sie heim als
Hochzeitsreisende und standen in voller Blüte. So blieb das nun.

»Und Henrik Tofte?« fragte man im Märchenhause, »habt ihr nichts von
Henrik Tofte gehört?«

»Nein.«

»Ach, Henrik Tofte!« lächelte Kordula Meyer. Merkwürdig -- seitdem
das Institut für schwedische Heilgymnastik und Massage in Rom zu
verblüffender Tatsache geworden war, seitdem konnte Kordula den Namen
Henrik Tofte nicht aussprechen ohne elektrische Zuckungen. Etwa so, als
ob sie sagte: »Kladderadatsch.«

Zwei Jahre gingen dahin, beinahe drei -- Zeit genug, sich mit dem
Gedanken vertraut zu machen: »Henrik Tofte ist versickert im Staube der
großen Stadt.«

»Sturmschwalbe du!« sagte Frau Do voller Wehmut. Es war ihr um diese
Fülle von Kraft doch leid.

»Nun, am Ende wäre durch Rolf Krake etwas zu erfahren?«

Aber Rolf Krake hatte nicht einmal auf den Brief Dos geantwortet, den
sie damals mit der Madonna in Rosen gesandt hatte. Er hatte nicht das
Bedürfnis gehabt, herüberzurufen in die Welt der Menschen, und nicht
das Bedürfnis, vom Märchenhause zu hören. Verstürmt -- verschollen.

Einmal -- einmal waren zwei Schülerinnen Richard Schaffraths nach
Norwegen gereist. Sie waren an den Hardanger Fjord gekommen und hatten
die Insel der Auferstehung gesucht und gefunden. Sie waren im Boot
um das Eiland gesegelt. Es hatte in Rosen gestanden, in Rosen. Eine
Wolke von rosa und roten Blüten hatte darübergeweht, Mauern von Rosen
waren rings um die Inselkanten gezogen, die Dächer des Blockhauses
hatten ausgesehen wie Frühlingswiesen -- aber nur der liebe Gott
hatte hineinzuschauen vermocht, Menschen nicht. Die beiden Malerinnen
hatten versucht, vorn an der Stiege zu landen. Da stand es in den
Stein gemeißelt: das Anlegen von Booten und das Betreten des Eilands
wäre verboten! Nane Thord war herausgekommen und die blonde Marit. Sie
hatten beide fremdartig gelächelt: Herr Krake? O nein, Herr Krake wäre
für niemanden zu sprechen.

Und dann waren die Mädchen wieder nach Weimar gekommen. Einen
Sommerabend lang erzählten sie unter der Ulme von der Roseninsel im
Hardanger Fjord, und wie sie mit den spiegelnden Wassern so schön und
zauberisch und traumhaft gewesen wäre. Man hätte zu atmen vergessen,
solange man um dies blühende Wunder glitt ...

Das war das letzte. Auch Rolf Krake war für seine Freunde verschollen.

»Nun, einmal werden wir ihn zum Leben erwecken,« sagte Jockele. »Ich
weiß eine blonde Frau, die ihn errufen kann.«

»Vielleicht,« lächelte Do, »aber die blonde Frau will nicht! Ach, dies
kluge einsame Herz versteht keiner besser als sie! -- Rolf Krake ist
gar nicht einsam,« sagte sie nach einer Weile, »für ihn ist das die
Fülle des Lebens. Warum soll ich ihn aus seinem Rosengrab erwecken?«

Und Henrik Tofte?

Nun, der Herr Salzer verstand es schon, eine Zeitung zu lesen! Er saß
an dem Fenster nach dem Garten hinaus, vor dem die »fliegenden Herzen«
im Lenzwind schaukelten, und rückte die Hornbrille wiederholt sehr
bedeutend. Tante Veronika saß an ihrem Nähfenster und hörte ihm zu:
Henrik Tofte war nun nicht mehr das Genie, das dem lieben Gott aus
der Hand gefallen, ehe es ganz fertig geworden war -- war nicht mehr
das Genie, in das von allen Gaben des Lichts und der Finsternis ein
wahllos Übermaß hineingepackt worden war, nein: Henrik Tofte war der
größte Maler des Jahrhunderts! Es stand da: seine Kunst wäre seherhafte
Physiognomik, und er wäre ein aufrichtender und ausgleichender
Deuter aller Dinge. Er war nicht Impressionist, nicht Kubist, nicht
Pleinairist -- es war nicht Raum für diesen Gewaltstrom zwischen Ufern,
in denen sich die Wässerlein vom Berge recht hübsch ausschäumten oder
zwischen denen sie recht wacker funkelten -- sondern: seine Kunst
wäre das vertiefende Gleichgewicht zwischen Form und Farbe, stand da
zu lesen, und Henrik Tofte hätte sein Genie an den Alten gestärkt;
in München zum ersten Male hätte er mit Eifer studiert -- was man so
nennt -- und die skulpturale Abrundung seiner Figuren, das feinste
Farbengefühl für die lebendige Masse und für die warmen Schwingungen
der körperlichen Oberfläche -- all das wäre in dieser Vollkommenheit
vor Henrik Tofte ein schöner Malertraum gewesen; in ihm aber wäre es
Erfüllung geworden ...

Das war die kleine Auslese aus dem dicken Stoß Zeitungen. Herr Salzer
gab sie der Tante Veronika zum besten. Bei manchen der randgefüllten
Sätze konnten sie sich viel denken, bei manchem weniger -- was kam
zuletzt darauf an? Das aber wußten sie beide: Henrik Tofte war ein
ungeheures Ereignis geworden -- ungeheuer, wie die Manierlosigkeit
seiner Schöpfungen. Riesenflächen von Leinwand hatte er bemalt mit
Leben. Und wer seine Bilder sah, der mußte empfinden: der das gemacht,
hatte die Kraft, Chronik und Spiegel seiner Zeit zu sein.

Das war umfassend. Und danach stellten sich die beiden Alten am
Buchenwalde vor, wie das aussähe: Chronik und Spiegel seiner Zeit.

»Na, da muß er ja reinweg einen ganzen Himmel bemalt haben,« sagte
Tante Veronika in ihrer bedachtsam-lustigen Art. Und sie gab damit
des berühmten Mannes berühmtem Werke gleich die nötige Ausdehnung an
Fläche. Herr Salzer hinwiederum sorgte für den Gehalt der Bilder. So
betrachteten sie das Ereignis in ihrem Häuschen am Walde aus der Ferne;
denn man hatte aus der kleinen Stube einen Rundblick über die Welt --
nicht zu sagen! Sie redeten von Henrik Tofte und seinem Leben; denn
auch von diesem Leben stand in den Zeitungen: von dem Drama, das er
einst selber gedichtet hatte; von seinen Eltern, die arme Webersleute
gewesen; von seiner Lehrzeit als Anstreicher; von seinem Zwischenspiel
als Zirkusclown; und von seinem Erlebnis mit King, Williams und Watson.
Jawohl, Watson -- und das war ein feines Kapitel! Sie redeten von der
Löwenballade und von der Zugspitzpartie des Mister Johnny und vom alten
Käse ... es war nichts unwichtig auf der Bahn dieser neuen Sonne. Und
sie redeten von der Frage: wo sie augenblicklich kreise. Die Zeitungen
wußten es nicht und rieten.

Danach schrieb Herr Salzer den Ertrag seiner Kunstbetrachtung mit
Veronika in einem langen Brief an die Leute vom Märchenhaus. Und
darunter schrieben sie: »Der Hügelmann und die Hügelfrau.« Und diese
Namen verblieben den beiden Menschen für den fröhlichen Rest ihres
Lebens.

Nachschrift: »Wo ist Henrik Tofte? Wißt ihr es nicht?« »Nein.«

Sein Ruhm war nicht über Nacht gekommen. Schon lange hatte er kleine
Ringe geschlagen auf dem stillen Wasser seines Lebens. Tofte verkaufte
ein Bild, wenn er Geld brauchte. Dann wurden die Leiter der großen und
staatlichen Sammlungen auf ihn aufmerksam. Er verkaufte. Aber er blieb
in der Stille seiner Werkstatt. Die Freunde vom Zigeunerbummel vergaßen
ihn; die Helden der Löwenballade wurden berühmt oder verkamen -- Tofte
wußte es kaum. Er hatte keine Zeit. Denn was er erkannte, maß er, und
es maß drei Jahre ... Drei Jahre?

»Wo ist Henrik Tofte, wißt ihr es nicht?« fragten die Leute vom
Märchenhaus Richard Schaffrath und seine Frau. »Nein.«

Die Ringe, die seine Würfe zogen, wurden größer. Immer mehr malte er
und staffelte seine Werke vor die Wände seiner Wohnung. Er trachtete
nicht nach Verkauf; denn er wußte: wenn er Geld hatte, mußte er dies
Geld umbringen -- und seine Frist maß drei Jahre!

Nach einigen Wochen erzählte eine Zeitung, Henrik Tofte wäre in Rom.
Eine andere wußte es besser: er wäre in einer einsamen Alpenklause
zwischen grünen Sommermatten, um seinen Augen Ruhe zu gönnen. Eine
dritte sagte gar: er hätte in jungen Jahren zu rasch gelebt und wäre in
einer Nervenheilanstalt. Eine vierte meinte, sie hätte den Stein der
Weisen gefunden: Henrik Tofte hätte die große Ausstellung im Münchener
Glaspalaste noch geordnet, die drei Säle füllte, und dann wäre er
geflohen vor den Bedrängnissen seines riesenwüchsigen Ruhms ...

Sie wußten es alle nicht. Henrik Tofte saß in der Augenklinik des
Doktors Pagenstecher in Wiesbaden. Saß in einem halbfinsteren Raume.
Trug einen grünen Schirm auf der Stirn. Und ward blind. Ganz langsam
fiel Finsternis in die hellen Brunnen seiner Augen. Ein Himmelswunder
war das Licht für sie gewesen. An diesem Himmelswunder hatten sie sich
zersehen. Noch war es nicht Nacht. Aber Henrik Tofte hatte gemalt bis
in die späte Dämmerung. Und nun saß er in dem halben Düster seiner
Krankenstube und sagte: »Doktor, warum fürchten Sie sich vor dem
letzten Worte? Wissen Sie nicht, daß mir mein Freund, das Schicksal,
dies letzte Wort schon im Garten des Märchenhauses von Weimar verraten
hat, zu dem Sie nun nicht den Mut aufbringen? Wissen Sie nicht, daß
in jenem Märchenhaus ein Vorhang von meinem ganzen rückwärtigen Leben
dahinsank und daß ich von Stund an in dies Leben blicken konnte, solang
ich es gelebt hatte, und daß ich erkannte: in meinen +Augen+ liegt
die Lösung des wunderlichen Rätsels, das Henrik Tofte heißt? O, ich
bin nicht traurig, Doktor! Es haben sich alle Wunder der Erde und des
Himmels in diesen hellen Brunnen gespiegelt in unerhörtem Glanze. Nun
steh' ich dort, wo die Millionen der anderen stehen -- was ist dabei
traurig zu sein? Drei Jahre, oder sagen Sie: an jedem Tag, an dem ich
malte, war ich begnadet wie keiner der Menschen. Soll ich nun traurig
sein? Ich habe mein Werk getan, und, weiß Gott, ich war ein frommer
und getreuer Knecht -- mögen's die Menschen glauben oder nicht! Warum
sitz' ich hier und lasse mir vorreden, ich sei krank?« Henrik Tofte war
aufgestanden; er riß den Schirm von der Stirn und schritt nach den
dunkelblauen Vorhängen der Fenster und riß sie zurück. »Noch find' ich
den Weg heim,« sagte er, »so lassen Sie mich gehen!«

In jenem Mai war das, in dem Heidi das Frühlingskind vier Jahre alt
wurde.

Er reiste nordwärts und reiste in der Nacht. Des Tages schlief er in
einem Gasthaus. Mit der Nacht zog er wieder aus. Am vierten Morgen
kam er in den Hardanger Fjord. Da scheute er das Licht nicht mehr.
An jener Haltestelle, wo der Arm nach Elde gegen Norden abzweigt,
kannte man ihn. Er erzählte den Schiffern, wie es mit ihm wäre, lieh
sich ein Boot, ließ sich hineingeleiten und ruderte auf den Wassern
des heimatlichen Landes gegen Morgen. Er kam an Eilanden vorüber, er
rief Schiffer an und fragte nach der Insel Rolf Krakes, wie weit es
noch wäre. Und als er den Folgefond scheinen sah, wenn er das Antlitz
gegen den Himmel bog, als könne nur so der volle Strom des Lichts in
seine Augen sinken, da lauschte er, ob ein Rauschen in der Luft wäre.
Denn jenen dumpfen Klang der Allmacht hatte er mit hinausgetragen über
die Alpen und in seinen Ohren wieder zurückgebracht an die Isar: das
Rauschen des Skjold.

So glitt er die Bahn der dunklen Wasser und kam vor die Roseninsel.

Es war die Zeit, in der sich die ersten Blüten erschlossen. Er sah sie
nicht mehr, aber aus der Schründe rauschte der Fall des Bergstroms, und
in der Luft hing der Atem der Rosen. Darum rief er Nane Thord. Er stand
im Boot und hatte die Hände um den Mund gelegt. »Nane Thord!« O, das
war nicht die Stimme des Schmerzes; denn an den Hängen lief der Ruf hin
als ein Jauchzen. »Nane Thord!«

Da trat sie aus dem Haus und baute mit der Hand ein Dächlein über ihre
staunenden Augen gegen die Nachmittagssonne, daß sie das Wunder besser
betrachten könne. Das merkte sie gleich: Henrik Toftes Ruf war voll von
Heimatglück -- es brach aus seinem Munde als ein Sturm. Aber wie er
sich in dem Boote zurechtsetzte, wie er nach den Rudern griff und so
langsam dem Klange von Nane Thords Stimme nachtrieb, das war tastend
und war, als ob er nicht mit den Augen, sondern mit den anderen Sinnen
sehe. Er bat sie, sie sollte herunterkommen auf die letzte Stufe und
sollte reden; denn er müßte sie hören. Dann sagte er, sie sollte das
Boot vollends heranziehen und an dem Pfosten festmachen und ihm die
Hand herüberreichen -- es fiele vom Tage nur ein mühseliger Schimmer in
seine Augen. Und doch war er froh, so froh! »Nane Thord,« rief er und
riß die alte Frau in seine Arme, »liebe Mutter Thord, wissen Sie auch,
daß Sie nun nicht sterben dürfen, weil ich Sie immer um mich haben muß?
Liebe, treue Mutter Thord!«

»Heiliger Gott,« sagte sie, »was ist da geschehen?« Sie sah ihn an:
in seinen Augen waren die blauen Reifen der Iris noch blank wie
Sommerhimmel. Aber die Pupillen lagen nicht mehr darin wie funkelndes
Glas, in dem das große Strahlenmeer des Lichtes zusammenrinnt, sondern
sie lagen dort wie schwarzer Sammet, matt und still und ohne Glanz.
Sie waren auch größer als andere, die vor den ungedämmten Schein des
Sonnenmittags gestellt sind; und es sah aus, als hätten sie sich
geweitet in Sehnsucht, von dem Bilde der Heimatscholle so viel in sich
zu trinken, wie sie vermochten.

Er hatte Nane Thords Hand gefaßt und ließ sich von ihr die schmale
Treppe emporleiten. Da quollen Nane Thords Augen über in heißem Schmerz
und in mütterlichem Glück.

Rings um die Insel lief eine Mauer aus rankenden Rosen. Die war drei
Meter hoch und bildete am Kopfe der Stiege einen Torbogen, der schon
ganz erblüht war, weil er gegen Süden lag. Unter diesem Bogen hätte
Henrik Tofte sich ein wenig neigen müssen; denn das Tor aus Rosen war
nicht bestimmt für das Maß eines so hohen Mannes. Er aber löste seine
Hand aus der Hand der alten Frau, legte seine Arme über die Brust wie
ein Kreuz und beugte sich sehr tief. »Ich grüße mein schönes Grab,«
sagte er, »und ich grüße mein schönes neues Leben.«

Darüber trat Rolf Krake in einem Mantel aus roher gelber Seide in
die Tür des Hauses; denn die fremde Stimme hatte ihn gelockt. Henrik
Tofte streckte ihm beide Hände entgegen. »Das große Licht!« rief der
Einsiedler von der Roseninsel, »das große Licht nun in Wahrheit! Was
ist das für ein herrlicher Ruhm, den Sie heimbringen!« Denn er hatte in
den Zeitungen gelesen, wie der Klang des Namens Henrik Tofte durch alle
Länder lief.

»Lieber Bruder Krake,« sagte der Heimgekehrte, »das große Licht? Ich
komme mit zwei armen Fünklein in diesem Haupte, so winzig wie das
Verglimmen des Dochtes, auf dem gestern eine Flamme gestanden. Empfange
mich nicht wie einen Fremden, lieber Bruder; denn ich bin da, um mit
deinen Augen zu sehen.«

Dann setzten sie sich auf die Bank neben der Tür, an die sich Rolf
Krake bei der Nachricht gelehnt hatte. Es war ihm gewesen, als bräche
das Verhängnis über seine gesicherten Grenzen, und er fand kein Wort,
diesem Einsturz zu begegnen.

Aber es löste sich alle Dumpfheit des Augenblicks; denn Henrik Tofte
kam als ein fröhlicher Sieger. »Warum bist du so schweigsam, mein
Bruder?« fragte er. »Ist etwas weiser und gewaltiger im Himmel und auf
Erden als mein Schicksal? Dies Schicksal allein hat gewußt, was mit
mir war. Da hat es dir und mir den Weg zu dem Eilande gewiesen, und es
hat dich gesandt, daß du aus Fels und Klippe blühende Gärten schufst.
Und es hat durch deinen Mund zu mir geredet vor vier Jahren, daß du
hier auf mich wartest. Ich aber, habe ich den Becher meines Lebens im
Licht nicht ausgetrunken wie ein König? Ungeheuere Reichtümer habe ich
in diesem Leben aufgestapelt; ich habe errungen, was zu erringen war --
und viel mehr. Und sollte nicht fröhlich sein?«

Henrik Tofte berichtete über die letzten Jahre. Er begann bei der
Madonna in Rosen, und wie ihn die Erkenntnis der versickernden Brunnen
in seinem Haupte so tief getroffen hatte, daß er dachte, er hätte die
Sprache verloren und das Herz gefröre ihm in der Brust. Er berichtete
alles bis zur Pforte des Eilands und sagte, wie wunderbar es wäre, daß
Rolf Krake dafür vor Jahren den Namen der Auferstehungsinsel gefunden
hätte; denn beiden wäre nun hier ein neues Leben geschenkt.

Danach ging er an der Hand des Freundes durchs Haus. Die Räume lagen zu
ebener Erde, und die alten Gänge waren dem Heimgekehrten bald wieder
vertraut. Sie schritten in den Saal -- Henrik, Rolf Krake, Nane Thord
und die blonde Marit -- und es klang fremd und machte sie betroffen,
wenn Henrik sagte: »Ich sehe ...« »Ich sehe, daß es hier ganz anders
geworden ist: der Klang der Tritte und der Stimmen ist nicht mehr wie
früher.«

»Nein,« sagte Rolf Krake, »die Wände sind mit einem grauen Wollstoff
bespannt, und auch der Fußboden ist mit diesem weichen Überzuge belegt.
Hier zwischen den Fenstern hat die Madonna in Rosen ihren Platz
gefunden. Und rings an den Wänden sind auch die Regale mit den vielen
Büchern.«

Henrik betastete den blauen Sammetgrund, auf dem das Bild hing, und
betastete den schweren Vorhang und die Schnur, an dem sich jener zur
Seite ziehen ließ. Sie traten hinaus in den Garten. Die Wege waren
so breit, daß zwei Männer nebeneinander wandeln konnten, ohne an die
grünen Mauern zu streifen, zwischen denen sie dahinliefen. Die kleinen
Mandarinenenten schaukelten auf dem Wasser wie schwimmende Edelsteine,
in denen die Sonne spielt; oder sie flogen empor, richteten sich zum
Dreieckflug und stießen weit hinaus über den Fjord, bis man ihren Ruf
nicht mehr hören konnte.

Rolf Krake malte ihm jedes Bild, das sich an einer Wegbiegung für
seine Augen öffnete. Er wählte dazu Worte von weichem Klang und warmen
Farben, die nur dem zu Gebote standen, der dies ganze bunte Wunder
zwischen Berg und Wasser hingedichtet hatte in beglückter Einsamkeit.

Es kam der Sommer und wehte seinen Glanz um die Insel, und es war,
als wäre das blaue Tuch des Himmels offen darüber, und Rosen würden
hindurch geschüttet: weiß und gelb auf die Spitzbogen und Pfeiler eines
kleinen Tempels, der in der Mitte des Gartens stand -- rot und rosa auf
alle grünen Wände, daß sie aussahen, wie aus dem Purpur oder der Seide
des vergehenden Tages gewoben.

Henrik Tofte lernte dies alles sehen durch die Augen des Freundes, wie
er gesagt hatte.

Und in den einsamen Mann von der Insel, der nun im fünften Jahre mit
keinem Schritt aus der freiwilligen Haft gewichen war, wuchs dies
Erlebnis herrlicher hinein als er geahnt hatte. Damals aber, als
Tofte kam, hing sich Rolf Krakes erster Gedanke wie ein neues Glied
an jene Kette, mit der er vor langer Zeit gefesselt worden war. Er
wähnte nämlich, von nun an müßte er die schwere Last von einst wieder
aufnehmen, und er könnte, trotz allem, seinem dumpfen Geschicke nicht
entfliehen, ob er gleich wiche an das Ende der Erde. Er hätte sich
nun sein Leben so erlöst gestaltet -- da trete dieser unselige Fremde
hinein und zertrümmere das beste Teil ...

Aber es kam anders; denn es war der alte Rolf Krake gewesen, der
so zu ihm gesprochen -- jener alte, dem es immer gelungen war,
niederträchtig zwischen ihn und das Glück zu treten und zu sagen:
»Mann der Finsternis, was träumst du von einem sonnigen Leben?« Nun
aber war es ihm zur Gewißheit geworden: jener Frühlingstag, mit dem
Henrik Tofte kam, war seines Traumes Erfüllung geworden! In der
Madonna in Rosen hatte er sich ein Sinnbild der schönen und heiteren
Erde aufstellen wollen, die für ihn verschlossen war. Es war ein Bild
gewesen, ein Bild. Nun aber hatte er einen Menschen gewonnen, der
in Dankbarkeit und Freude um ihn war und der in ihm ebenfalls die
Erfüllung erkannte. Für diesen Menschen war er der Brunnen des Lichts
geworden in allerschöpfendem Sinne, denn er senkte mit seinen warmen
gütigen Dichterworten nicht nur das Bild der Erde so lebendig in ihn
hinein, daß es fast war, als tränken die erloschenen Sterne des Sehens
das Leben wie einst -- sondern er schenkte dem sinnenden Geiste des
Genossen auch das Licht seiner Klugheit und seiner Bücher; er schenkte
der dürstenden Seele die Träume der Weisen und Dichter und gab zugleich
die Deutung. Er hob die Hülle für den Blinden von einer Welt, an der
dieser in den Tagen des Lichts scheu und fremd vorübergestrichen war,
weil er meinte: die Armut und Unbildung seines Elternhauses wären
schuld daran, daß er diese fremden Gärten nie betreten dürfe.

So saßen sie in Zeiten, in denen der Regen über die Insel plätscherte,
im Büchersaal und wanderten doch im Geiste weite Wege der Wissenschaft
und wanderten durch ferne Länder: zwei Menschen, die gar nicht
voneinander konnten, wenn sie nicht elend werden wollten. Oder sie
saßen in lauen Sommernächten draußen unter den Rosen. Henrik nahm die
Gitarre und sang, und wie einst traten die Menschen drüben aus ihren
Häusern am Lande, schritten auf dem Uferweg und lauschten, wie schön
es war. Die blonde Marit und Nane Thord saßen dann bei den Männern am
Tisch und rasteten ihre Hände von der Arbeit des Tages.

Henrik Tofte schritt nun allein bis an die Kante der Flut an jenem
Ende, an dem die Mandarinenenten im Röhricht schliefen. Auch bei Nacht.
Er stieß an keine Ranke, er streifte an keinen Zweig. Und wenn er
des Abends in den Garten kam, so sprach er von dem leisen Lichte der
Mondsichel, die auf den Flutterwolken des Himmels schwamm, oder er
sprach von der Fülle des Glanzes der vollen Scheibe, als ob er sie sähe.

Des Morgens fuhren die Frauen noch immer hinüber und kauften ein. Oder
sie ließen sich an Speis' und Trank aus den Städten schicken, wonach
die Männer Lust hatten. Ehe Henrik Tofte gekommen, war es karger in
Keller und Küche gewesen; denn Rolf Krake hatte die Hälfte seines
kleinen Vermögens zur Ausstattung des Hauses und zum Aufbau der Insel
verwandt, die beide sehr schön geworden waren. Und er hatte durch drei
Jahre so viele Bücher angeschafft, daß Nane Thord das Geld dafür mit
schwerem und immer schwererem Herzen eingezahlt hatte.

An jenem Tag, an dem Henrik eintraf, hatte der gesagt: »Ungeheure
Reichtümer hab' ich in meinem Leben aufgestapelt« -- er meinte aber
nicht: an Geld. Daß er auch davon so viel besaß, um sich das Dasein
äußerst behaglich zu gestalten, wußte er damals noch nicht. Zuerst war
er eine Zeitlang verschollen gewesen. Nicht einmal der Leiter seiner
Ausstellung in München konnte ihn finden. Aber als es klar war, daß
die Insel im Fjord seine Heimat wäre für und für, sandte er Botschaft
hinaus -- nur daß er blind wäre, sagte er nicht. Es fand sich, daß bei
der Bayerischen Vereinsbank in München ein Betrag für ihn eingezahlt
war, der zweimalhunderttausend Mark überstieg. Das war der Erlös aus
seinen Bildern. Etliche große Gemälde waren noch im Glaspalast.

Als es gegen den Herbst ging, arbeitete er mit Rolf Krake im
Inselgarten. Er löste die Weidenbänder von den Rosen und bog die
Stämme an die Erde. Er schaufelte sie mit dem weichen Boden zu, gegen
die Kälte des Winters. Oder er legte das Deckreisig darüber, das in
Schiffen hergefahren worden war. Er grub die Erde, er tat alles, als
ob er sähe. Und so ging durch die freudige Siedelei keine Stunde mit
leeren Händen.

Der erste Schnee fiel.

Auf diese Zeit hatten sie gewartet. Da wollten sie für die Leute im
Märchenhause die Frage lösen: Wo ist Henrik Tofte?

Als der Brief in Weimar eintraf, da war es, als träte Henrik Tofte
selber herein mit seinen erloschenen Augen -- so erschraken die
Freunde. Aber auch in ihnen löste sich die dumpfe Schwere der Stunde;
denn es klang aus jeder Zeile der Ruf: »Sollen wir nun nicht fröhlich
sein?« Ein Brief? Ach, es war ja kein Brief. Es war ein Buch, an dem
Rolf Krake die erste weiße Woche des Winters geschrieben hatte; es war
das Buch mit den Ereignissen von fünf Jahren. Nur Inseleinsamkeit, nur
Auferstehungsglück -- aber gerade deshalb gehörte ein Buch dazu.

An diesem Abende saßen sie im Wintergarten des Märchenhauses -- Do und
Jo, Schaffrath und Gwendolin, Kordula und Cornelius -- saßen um den
plätschernden Springbrunnen und lasen bis weit über die Mitternacht.
Am anderen Tage riefen sie Tante Veronika und Herrn Salzer. Aber der
Hügelmann kam allein, denn um die Tore des Waldes fuhr ein harter Wind
und säete Novemberschnee.

Herr Salzer, der einige Verbindungen mit großen Zeitungen besaß,
berichtete des Rätsels Lösung augenblicklich in die Welt. So jäh
fiel die Nachricht auch in ihn, daß er gleich am Pulte Jockeles ins
Schreiben geriet; »denn«, sagte er, »ich habe daheim mein Tintenfaß
noch in der Sommerfrische.« Und nun erfuhr man draußen, daß Henrik
Tofte nie mehr ein Bild malen würde. Damit leistete er dem blinden
Mann im Fjord einen großen Dienst, denn das Wenige, was noch von ihm
im Glaspalast hing, wuchs im Preise, wuchs, wuchs. Als es Henrik Tofte
erfuhr, fragte er allen Ernstes: ob er sich denn nicht schämen müßte,
dies sündhafte Geld anzunehmen für Dinge, die schon weit dahinten lägen
in dem vergangenen Leben! Er hatte seintag keine Wage gehabt für das
Gewicht des Goldes. Und nun, da andere für ihn rechneten, und da er
nicht einmal mehr in seine Tasche langte, um ein Tüblein Farbe oder
einen Apfel zu erstehen, nun war ihm auch der +Gedanke+ an das Geld
abhanden gekommen. Ja, solch ein König war er geworden!


Im Ausgange jenes Winters beendete Jakobus seinen Roman.

Aber wie er während der langen Zeit kaum einmal vor den Freunden von
den Gedanken gesprochen hatte, die ihn bewegten, so blieb es auch
jetzt. Märchen und Kinderverse für Heidi hatte er viele gedichtet,
und die kannten sie alle; denn er hatte auch Zeichnungen oder gar
bunte Bilder dazu gemacht, und das Kind hatte das meiste in seinem
Gedächtnisse behalten. Es erzählte Mama die schönen Geschichten, wenn
sie mit ihr im Garten saß. Oder es dichtete den Wintergarten in der
rauhen Jahreszeit schon selbst zu einem tiefen Wald und die Blumenbänke
zu dem Hexenhause der Buschgroßmutter.

So hatte Jakobus in den erblühenden Geist eine Fülle köstlichen Samens
gelegt, und es war zu sehen, wie herrlich dieser in dem Segen wuchs,
der ihn umschien. --

Ob Do, die Vertraute seines Herzens und seiner Pläne, von dem großen
Dichtwerke ihres Mannes mehr wußte als die Freunde, ließ sich von
diesen nicht erraten. Jedenfalls drang sie nie in ihn. Sie dachte, es
wäre wohl die rätselvolle Seele des Rolf Krake, die ihn beschäftigte,
oder das traurig-glückselige Los des blinden Königs Henrik Tofte,
das ihn zu dichterischer Gestaltung verlockt hätte. Sicher wußte sie
nur, daß auch sein eigenes Leben für ihn nun ein rechter Dichtertraum
geworden war; denn er sprach mit ihr in jener Zeit mehr davon als je.
Vor allem die Waldjahre von Ibenheim hatten sich für ihn schon mit dem
Funkelglanze der Phantasie umwoben. Oft schien es, als wisse er kaum
noch, was an ihnen gesehen oder Gesicht war; und seine Erzählungen
glichen der Wirklichkeit wie ein brennender Weihnachtsbaum einem
Tännlein im Walde.

Wenn er dann an den musikalischen Donnerstagen nach der Abendmahlzeit
berichtete, so erkannten sie alle, wie heimisch sein Herz in den Gärten
der Dichtung geworden war, und in wie tiefer Glückseligkeit es darin
blühte.

Aber das Geschriebene den Freunden vorzulesen, dazu brachten sie ihn
nicht. Fast sah es aus, als hätte er eine Scheu, sich ihnen auf den
neuen Bahnen zu offenbaren -- entweder weil die wissenschaftlichen
Werke noch hüben und drüben wuchsen, oder weil er sich selbst noch für
zu jung hielt, als Dichter etwas leidlich Vollendetes zu schaffen;
oder auch, weil er den Ereignissen nicht vorgreifen wollte, die sich im
Leben der Freunde vom Hardanger Fjord vor seinen Augen erfüllten.

So verschloß er dies Werk in sich, ganz gegen seine Art. Und als Salzer
eines Abends im Märchenhause zu Gast war und mit Gwendolin ihn um sein
Geheimnis bestürmte, entwischte er doch und sagte: »Es muß erst auf
der schönen Frühlingsfahrt ins Riesengebirge vor mir selber die Probe
bestehen.«

Ja, die Wagenfahrt über die hundert Meilen! Das war der Traum, der von
ihm durch Jahre geträumt war und der lieblicher wurde, je länger er
sich dahinspann.

Es waren dazu aber auch sehr umfassende Vorbereitungen nötig -- nicht
an jenen Dingen, die sie mitnehmen wollten in ihren Koffern. Die waren
an einem Tage geordnet. Sondern es war Klein Heidi, ohne die der
strahlende Vater durchaus nicht reisen wollte. Es war lustig anzusehen,
mit welchem Eifer er das kleine goldhaarige Menschenkind für die lange
Waldfahrt an Herz und Verstand ausrüstete.

Professor Salzer, der Herr nach der Mode, neckte ihn mit dieser Reise
weidlich; denn er begriff nicht, warum ein Mensch von so leuchtenden
Gaben mit dem Aufgebot aller Kraft in die Gebräuche des Mittelalters
zurücksegeln wollte. Herr Salzer konnte in solchen Augenblicken
wissenschaftliche Vorträge halten! Er hatte das mehrfach bewiesen --
auch damals, als Gwendolin in der Bedrängnis ihres Herzens auf dem
Bette lag und weinte und der Herr Richard Schaffrath den Werbebrief in
der Brusttasche trug. Das hatte Herrn Salzer Gelegenheit gegeben zu
einer Erörterung über den Begriff Tragikomödie und über einen lustigen
Einfall des Plautus ...

Vor der Hochwaldfahrt in der Kutsche schnitt ihm Jockele den Faden
seiner Rede aber kurzerhand ab. Er behauptete: der Herr Salzer wäre gar
nicht der einzige, der eine solche Reise für hervorragend hirnverbrannt
und altmodisch hielte. Aber sie wären alle auf falschen Wegen; denn
die Jockelereise wäre das neueste und wäre so neumodisch, daß sie für
diese Zeit überhaupt noch um reichlich fünf Jahrzehnte verfrüht wäre!
Erstens müßte das Automobil für Vergnügungsreisen überwunden werden.
Nun, das würde in einer kleinen Frist Tatsache geworden sein. Es könnte
doch kein vernünftiger Mensch meinen, daß eine Fixfahrt zwischen Staub,
Stank und Sturm zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehöre.

Hm. Herr Salzer konnte dagegen nicht viel vorbringen. Er hatte sich
dies Vergnügen einige Male geleistet. Aber als er mit einer mächtigen
Panne sieben Stunden im Regen auf dem Thüringer Walde gelegen hatte,
fern von jeder menschlichen Siedlung, hatte das Automobil als
Lustfahrzeug wesentlich für ihn eingebüßt. Nach dem Automobil käme die
Flugmaschine. Auch darin würde man spazierenfahren -- natürlich. Aber
so um 1940 herum -- ermaß Jakobus -- würde das friedliche Zweigespann
mit behaglichem Polstersitz zu den Gepflogenheiten aller jener Menschen
gehören, die es verstünden, in weisem Behagen wohlhabend zu sein. Zu
solch einer neumodischen Sache gehörten freilich vier Dinge, sagte
Jakobus: Zeit, Gemüt, Weisheit und Geld. Da diese vier Brüder aber
nicht leicht in einem Wagen zusammenzubringen wären, bespöttelten die
Menschen mit Zeit und Geld das »vorsintflutliche Vehikel«. Jockele
aber hielt es mit dieser »Dichterkutsche« und sagte, schon der Gedanke
an solch eine Reise beselige ihn wie die Maiensonne die Felder. Wenn
er dichte, brauche er sich nur vorzustellen, er schaukele in einem
weichen Wagen hinter zwei trabenden Pferden durch einen Bergwald ...

Natürlich bemerkte Herr Salzer: schade, daß er das nicht früher gewußt
hätte. Das Dichten wäre danach eine sehr einfache Sache, und er hätte
wohl selber --

So spottete man weidlich. Aber es war nicht unzeitgemäß; denn das
Märchenhaus ward getauft in jenen Jahren, in denen das Leben, das man
darin führte, vor der Welt rar war wie Erdbeeren im Winter.

Das konnte selbst der neumodische Herr Salzer nicht von der Hand
weisen. Und Jockele blieb der Sieger im Kampf.

Herr Salzer kam immer ein bißchen nachdenklich aus dem Märchenhaus vor
die Tore des Waldes. Diesmal aber hatte er so viel erlebt, daß er der
Tante Veronika gelobte, er wolle ein besserer Mensch werden, und er
hätte das unfehlbare Rezept dazu gefunden.

Ob er es ihr nicht verraten wollte, fragte Fräulein Sinsheimer.

»O,« sagte er, »man knetet Gemüt, Geld, Zeit und Weisheit gut
durcheinander und bäckt sie in einer Dichterkutsche bei mäßiger Sonne.«

»Ach,« lächelte Tante Veronika, »das hab' ich schon längst gewußt; denn
danach hab' ich den Jakobus für sein Dasein zurechtgemacht.«

Fast die ganze nächste Woche hindurch erzählte Herr Salzer von Heidi
dem Frühlingskind. Es wäre ganz unbeschreiblich, welch ein liebes
herziges Wunder solch ein kleines Mädel ist ...

Und in diesem Fall erlitt der alte Herr keine Abfuhr; denn Heidi war
in der Sonne des Märchenhauses gewachsen wie ein schöner Frühlingstag
im Herzen des lieben Gottes. Ihretwegen war die Wagenfahrt solange
hinausgeschoben worden; Heidi sollte aufgeschlossen und mit der
beseligenden Gabe vor die Welt treten, sich an allem zu wundern; denn
es gibt nichts Kurzweiligeres im Leben, als sich zu wundern.

Eine Woche danach jubelten Himmel und Erde. Da ging die Sache los.

Hinter dem Wagen war eine Gepäckraufe angelegt für einen einzigen
Koffer. Weiteres Gepäck war an bestimmte Haltestellen auf dem Reiseweg
vorausgesandt. An diesen Stellen wurden alle verbrauchten Stücke
aus dem Koffer ausgewechselt und liefen von dort ab zurück in die
Heimat. So wurde die Reise selbst zu einer breiten Behaglichkeit --
man denke: die Reise selbst! Aus der Last wurde eine Lust, aus der
Hatz ein fröhliches Rasten, fast ununterbrochen in stilldurchsonnten
Bergforsten. Regnete es einmal, so ward der Wagen zu einem heimeligen
Stübchen, an dessen Fenstern die Tropfen spielten. Hatte man Lust
zu wandern, so ließ man die Pferde des Weges trotten, schlug sich
hinüber auf einen freundlichen Pfad im Hochwald, und Klein Heidi
konnte den Frühling in beiden Fäusten halten. Ward sie über Tag müde,
so schlief sich's daheim in ihrem Bettchen nicht halb so schön wie
in den sanft dahingleitenden Polstern, über die sich die blaue Seide
des Himmels deckte. Und wenn der Abend dämmerte, kam man zu dem im
vorhinein bestimmten Gasthause. Da standen die Zimmer blank und
gerüstet, da wartete ein Mahl, und da wartete die Genugtuung über den
herrlich hinabgeblühten Reisetag; denn es wickelt sich auf der ganzen
Welt nichts behaglicher und mit schönerer Pünktlichkeit ab als die
wohlbedachte Fahrt in solch einer Dichterkutsche.

Das ist ein Ding, von dem die fixe Zeit und das jappende Menschenherz
seit anderthalbhundert Jahren die Wissenschaft verloren haben.

So kamen sie in die Waldstille des Fichtelgebirges. Sie kamen am
fünften Tage zwischen Keilberg und Fichtelberg auf die Kammstraße
des hohen Erzgebirges, und die Rösser traten auf der breiten Bahn
in Sonne und Bergwind. Wieder fünf Tage -- da durchquerte man das
Elbsandsteingebirge mit seinen zerklüfteten Felsen und setzte bei
Herrnskretschen über den Strom. Man gelangte ins Zittauergebirge, ins
Isergebirge, ins Riesengebirge. Sie kamen am Hohen Rad vorbei und
sahen die Elbquellen. Sie standen auf der Schneekoppe und kamen durch
finstere Forsten, in denen die Fichten so wohlbetagt sind, daß sie
ihre Bärte auf der Erde schleppen. Sie strichen vorüber an der »Kanzel
Rübezahls« bei der Schneegrubenbaude; und weiter ging es die Kammstraße
lang nach dem Zackenfall. Ihre Herzen wurden Säle, und diese Säle
füllten sich mit schönen lichten Bildern, vor deren jedem man ruhen
konnte, wie Rolf Krake ruhte vor der Madonna in Rosen. Sie rasteten
noch einmal zur Nacht in dem Städtchen Freiheit, wie es vorausbestimmt
war -- es war nur eine halbe Stunde von ihrem Reiseziel Johannisbad
entfernt. Aber sie rasteten und gelangten ins Johannisbad so sauber,
so froh, so erdselig, als wenn sie sich daheim im Märchengarten nach
süßestem Schlummer an den funkelnden Frühstückstisch setzten. Und
Johannisbad war in den Bergwald gefallen wie das Bild eines Sterns in
einen dunkelgrünen See.

Ja, so war diese Fahrt in der Dichterkutsche.

Sie dauerte fast den lieben fröhlichen Mai hindurch. Aber es war der
köstlichste Frühling, und war so köstlich, daß kein Dichtertraum
hinreicht, dieses Erleben zu schildern.

Sie hätten in ihrem Reisewagen auch in der halben Zeit am Ziele sein
können, ohne die Pferde zu wechseln. Aber Jockeles Zigeunerherz hatte
sich vorgesetzt, drei Monate also durch die Welt zu gleiten, den
Frühling erblühen und vergehen, den Sommer heraufkommen und reifen
zu sehen geradeswegs aus der Hand Gottes und in langsamen bunten
Bildern ...

Die Menschen, die von dieser Reise lesen, meinen: so etwas wäre nicht
auszuhalten; in solch einer Dichterkutsche müßte man ja vor Langeweile
sterben! Aber: sst, lieber Leser und geliebte Leserin -- wie furchtbar
altmodisch ist solch eine Anrede wieder mal mitten in der Erzählung,
gelt? -- sst, sag' du das nicht, lieber Leser! Denn du möchtest doch
zum mindesten jenen Menschen ähnlich werden, die mit den vornehmen
Herrschaften Zeit, Geld, Gemüt und Weisheit durchs Leben fahren;
aber solche Menschen haben nie Langeweile -- Langeweile haben nur
Dummköpfe ...

Es war Ende Mai geworden. Aber die Tage im Wagen waren nun doch rasch
vergangen; denn Klein Heidi riet an Gott und der Welt herum und tat,
als müßte sie alle Rätsel des Daseins lösen. Sie wollte wissen, wie
lang die Wälder wären, und was hinter dem blauen Tuche des Himmels ist,
und wie die Wege über den Sternen aussehen, und ob der liebe Gott auch
eine Dichterkutsche hätte, und ob die kleinen Engel mit den Sternen
Fußball spielten oder Wurfball, und ob sie auch so schöne Musik machen
könnten wie die Kurmusikanten von Johannisbad, und ob Rübezahl auf der
Kanzel bei der Schneegrube Sonntags eine Predigt hielt, und ob dann die
Riesen kämen und ihm zuhörten ...

Manchmal mußte Do diese Fragen beantworten, und manchmal Jockele. Und
es kam dabei heraus, daß Eltern furchtbar gescheite Leute sein müssen,
wenn sie solch ein kleines Menschenwunder nicht heißhungrig vom Tisch
ihrer Weisheit aufstehen lassen mögen.

Aber sie standen beide ihren Mann. Frau Do kam dabei meist mit ihrem
natürlichen Verstand aus -- der Herr Doktor aber mußte eine geradezu
unnatürliche Findigkeit aufbieten.

Es gelang ihm betörend. Auch Mama hörte da gleich mit zu; und Heidi
lehnte mit weitoffenen Augen zwischen Väterchens Knien und konnte gar
nicht erwarten, bis die wunderschönen Weisheiten wohlbedachte Worte
waren. Sie verstand alles herrlich, so herrlich, daß sie behauptete,
Papa könnte ebensogut der liebe Gott sein und die Welt regieren. Dabei
fiel ihr ein, wie das eigentlich gemacht würde, dies Regieren?

Man kann sich vorstellen, daß ein findiger Verlag auf den Einfall
käme, ein hundertbändiges Lexikon herauszugeben, in dem immer nur vom
Weltregieren die Rede wäre, und an dem die zehntausend besten Gelehrten
der Welt hundert Jahre zu arbeiten hätten -- Jockele aber mußte diese
Aufgabe in einem halben Nachmittage lösen! Es gelang; doch stand er
hernach tief erschüttert und sagte: seine mündliche Doktorprüfung wäre
dagegen ein Kinderspiel gewesen.

Schon allein daraus ist zu erkennen: langweilig ist es in einer
Dichterkutsche keineswegs.

Aber Klein Heidi war nur ein Teil der Reisegesellschaft und
Reiseaufgaben, wenn auch der lieblichste; denn da war noch das Werk
über die Flechten; da war der Roman; da war wiederum Heidi, das
Märchenkind; da waren der Hügelmann und die Hügelfrau, die im Geist an
der Fahrt teilnehmen wollten; da waren ferner der Herr und die Frau
Professor Schaffrath, Kordula und Erich Meyer, der blinde König und
sein Freund Rolf Krake, die immerfort in der Auferstehung begriffen
waren -- kurz: wenn die Reise nicht so lang gewesen, wäre es gar nicht
gegangen.

Vier Stunden der Tagesfahrt brauchte Heidi allein zur Vervollkommnung
der Wertschätzung ihres Papas. Wenn er ihr zwanzig Märchen erzählt
hatte, wollte sie wissen, ob es tausend gäbe, und ob er sie nun alle
erzählt hätte, und er sollte doch gleich noch mal von vorne anfangen,
und bei jedem neuen wollte sie einen Knoten in die Schnur ihres
Nastuchtäschleins knüpfen, damit kein Irrtum entstehe ...

So lief das weiter. Und so ging die Fahrt herum. Rübezahl und Papa
traten für die Kleine allgemach an die Stelle des lieben Gottes.

Abends schrieb Jockele manchmal noch einen Brief in den Hardanger
Fjord, ans Horn oder an die beiden Alten im Frühlingshause; denn
eigentlich müde wurde man ja von diesem neumodischen Reisen nicht,
sondern nur ungeheuer wohlig und ausgeruht. Was daher kam: man hatte
sich ganz voller Himmel und Hochwald geatmet.

Da passierte etwas. Es passierte etwas ganz Unerhörtes.

Als die Dichterkutsche hinter Oberwiesenthal auf die Kammstraße des
Erzgebirges rollte -- das war also am fünften Tage nach der Ausreise --
bekam Herr Salzer das Fieber.

Einen Tag lang trug er es schweratmend mit sich herum. Am nächsten
Morgen fand es sich: auch die Tante Veronika war angesteckt worden.
Salzer, der sogar einen grauen Zylinderhut riskiert hatte, wollte unter
keinen Umständen hinter der Zeit dreinhinken. Er stellte also fest, daß
ihre Krankheit das Reisefieber wäre. Das ließe sich nur heilen, wenn
sie schnurstracks einen Wagen nähmen und hinterdrein führen.

Weiß Gott, die Sache wurde gemacht!

Als die Dichterkutsche ins Isergebirge einbog, setzten sich die
Rösser vor der zweiten in Ibenheim am Walde in Bewegung. Tante
Veronika diesmal in einem neuen grauseidenen Umhang, den ihr Herr
Salzer gestiftet hatte, in einem silbergrauen Kapotthütchen mit
veilchenfarbenen Bindebändern und mit dem gelben Krückstock. Und Herr
Salzer im grauen Zylinderhut. Es war außerordentlich.

Den Reiseweg wußten sie auswendig; denn so an die drei Jahre hatte
Jockele den gelehrten Freund daran in Begeisterung gehüllt. Also.

Natürlich hatten die Drei in der ersten Dichterkutsche von der zweiten
keine Ahnung. Sie fuhren dahin, als wäre die ihrige ganz allein auf der
Welt. Die Alten hatten es ein bißchen eiliger, und auch sie fanden die
Reise kurzweilig. »Herrlich, herrlich!« sagte Herr Salzer und rollte
seine Augen auf dem grünen Tuche der Matten und Bergwälder und auf dem
blauen des Himmels herum, als wären sie ein paar blanke Billardkugeln.
Herrlich! Herrlich!

So langten sie auf dem gleichen Wege in Johannisbad bei Freiheit im
Riesengebirge an. Es war ein großes Ereignis. Alle zweihundertzwanzig
Einwohner des Ortes nahmen daran teil.

»Heidi! Heidi, die Großmama ist gekommen!«

Ja, lieber Gott, wo ist denn das Kind? Es flatterte doch so aufgetan um
die Mittagsmusik am Kurbrunnen!

»Heidi! Heidi!«

Kein Mensch wußte, wo Heidi war. Aber ängstlich war man gar nicht; denn
das kleine Fräulein im blauen Röckchen lächelte alle Finsternis der
Erde hell.

Tante Veronika brauchte ein Viertelstündchen Mittagsschlaf. Und da es
gerade ihre Zeit war, geleitete Frau Do sie auf ihr Zimmer und sagte,
sie solle nur recht hübsch sorglos schlafen.

Als Do wieder herunterkam, war Heidi immer noch nicht da. Ein kleines
Mädel sagte: »O, die Heidi ist vor einer Viertelstunde in den Wald
gelaufen, dort beim hohen Steig hinan. Sie hat im Sommergrase gestanden
und hat mit den Schmetterlingen geredet.«

In den Wald gelaufen? Na!

»Jo,« sagte Do, »ich werde nun doch ein bißchen ängstlich.«

»Ach lieber gar -- das gescheite Mädel.«

»Ich kenne das,« sagte Do. »Sie redet mit Schmetterlingen und Vögeln
und mit blitzenden Bächlein; sie versteht ja all diese Sprachen von
ihrem Papa her ...«

Keine drei Minuten vergingen, so hatte der Herr Salzer seinen
grauen Zylinder aufgestülpt, griff in der Hast nach Tante Veronikas
Krückstock, der da am Tisch im Kurgarten lehnte, und hüpfte hinter Do
und Jo den hohen Steig entlang gegen den Waldrand.

Es schwammen Schmetterlinge in der Mittagssonne -- Heidi nicht.

Es sangen Drosseln, es sangen Grasmücken -- Heidi nicht.

Es plauderte ein Bächlein zwischen den Blütenköpfen dahin -- Heidi
nicht.

»Heidi! Heid -- di! Heiei -- diih!«

Ja, vor einer kleinen Erdenfrist war die Heidi dort gewesen! Man konnte
noch die Füßchen im Grase sehen. Aber da kam ein Schwalbenschwanz am
Waldrande daher gesegelt -- es war, als schwämme er auf der Kurmusik,
die man ganz traumhaft bis hier herauf hören konnte.

»Wo fliegst du denn hin?« fragte Heidi den Sommervogel in dem schönen
gelben Kleidchen mit den schwarzen Streifen und blauen Tupfen darauf.

Der Schmetterling sagte nichts, bog in den Wald und winkte so mit den
Flügeln. Da ging Heidi ein bißchen hinterdrein.

Auf einmal -- da zog ein Trauermantel um einen silbernen Birkenstamm.
Der hatte ein Röckchen aus dunkelbraunem Sammet an, funkelnagelneu, und
mit hellgelben Borten.

»Ei, du bist ein kleines Mädchen wie ich,« sagte das himmelblaue
Menschenkind; »denn die Buben bei den Trauermänteln tragen Kleider aus
schwarzem Sammet. Darf ich mitkommen?«

Der Trauermantel winkte mit den Flügeln und flog über den Bach.

Plötzlich konnte das Bächlein reden und sagte: »Guten Tag, Heidi
Sinsheimer. Komm, spring ein bißchen mit mir den Berg hinunter. Wir
laufen zur Buschgroßmutter!«

»Meinst du auch, daß ich mich wieder heimfinde von solch einer langen
Reise? Du mußt doch bedenken, daß ich noch ein recht kleiner Mensch
bin.«

»Haha,« lachte das Bächlein, »nichts leichter als das! Du brauchst nur
immer an meinem Ufer zurückzulaufen, bis du zu der weißen Birke kommst;
von dort führt das Pfädlein aus dem Walde.«

Ein Stückchen ging Heidi mit. Das Bächlein plätscherte so herrlich um
die Steine. Da sangen sie ein Lied miteinander, und Heidi pflückte im
Wandern und Singen ein Händchen voll Vergißmeinnicht. Und da sie an
einen Mooshang gelangte, setzte sie sich hin und wollte ein Kränzlein
winden ... winden ... la ... la ... l ...

Auf einmal guckte ein liebes kleines Gesicht über den Spiegel des
Baches heraus. Das sah genau aus wie Heidis Gesicht, das sie vorhin
darin gesehen hatte, und hatte so goldene Härchen und so zwei Augen
voller Frühling.

»Heidi,« sagte das Kleine, das da über den Bachrand guckte, »paß auf,
jetzt kommt gleich der Elfenzug durch den Wald!«

Und schon ging es los. Es war eine sehr merkwürdige Geschichte; denn es
kam mitten auf der silbernen Straße des Bächleins daher: hundert Elfen,
oder tausend, oder eine Million -- das wußte Heidi nicht so genau. Aber
es waren lauter Elfen in herrlichen bunten Kleidchen. Hohe Stengel
rosaroten Fingerhuts schwangen die ersten und klingelten damit, daß die
Luft wackelte. Dunkelrotes Löwenmaul trugen die anderen und Mohnblumen,
und dann kam ein schöner junger Elfenjunge mit braunen Locken, der
spielte auf einer Hirtenflöte, wie sie jener Knabe beim Schneebruche
geblasen hatte. Danach marschierten sie alle im Takt und marschierten
hinüber auf die Waldwiese, die an dem Berghange lag. Viele winkten dem
kleinen Mädchen am anderen Ufer: »Heidi! Heidi, komm mit! Weißt du denn
nicht, daß Herr Rübezahl heute Hochzeit hält?«

»Ah,« sagte Heidi, »das trifft sich ja großartig! Natürlich komm' ich
da mit. Aber ein bißchen will ich noch warten und dem langen Zuge
zugucken -- es sind ja eine Million.«

Es kamen immer mehr, und sie schritten im Takte der Pfeife. In der
Mitte des Zuges ging ein schönes weißes Pferd, und darauf saß ein
wunderschönes Jungfräulein. Das war die Braut. Sie hatte ein seegrünes
Schleierkleid an, und das Haar fiel ihr über die Schultern wie
gesponnenes Mondlicht.

Ein Mann führte das Pferd am Zügel über alle Fährnisse. Der hatte einen
so großen Bart, daß er ihm bis auf die Bergschuhe hinabfiel. Und in der
Hand hatte er einen mäßigen Fichtenstamm als Spazierstock.

»Ist das der Herr Rübezahl?« fragte Heidi.

»Natürlich! Und du bist wohl gar ein richtiges Menschenkind, weil du
den König der Berge nicht kennst?«

»O,« sagte Heidi, »kennen tu ich ihn schon. Ich kenn' ihn sogar sehr
gut. Aber, nicht wahr -- wenn man einem Bergkönig zum ersten Male
begegnet --«

»Komm mit, komm mit!« sagten die Elfen, und warfen ihr Blumen herüber;
die sprangen dem kleinen Mädchen an die Nase oder auf die Stirn und
waren kühl wie Morgentau.

Dann ging sie mit und ging richtig im Takte der Pfeife, die nun
von ganz fern über den Hügel herüberklang. Sie lief auch rasch
einmal zu dem weißen Pferd und warf der schönen jungen Elfenbraut
ihre Vergißmeinnicht in den Schoß. Da nickte die sehr lieblich und
königlich. Und Heidi machte ihr einen feinen Knicks.

Nach einer Weile kamen sie auf eine kleine Wiese im Walde. Dort stand
ein Himmelbett aus blauer Seide, und oben auf dem Himmel saßen zwölf
Engel und wackelten mit den Flügeln.

Auf einmal erklang eine mächtige Stimme. Nämlich: der Herr Rübezahl
hielt eine Rede ...

Es war aber gar nicht der Herr Rübezahl, sondern es war der Herr
Professor Salzer, der hatte den gelben Krückstock in die Erde gestochen
und den grauen Stoffzylinder daraufgestülpt, wischte sich den Schweiß
von der Stirn und sagte: »Na, Heidi, was ist dir denn eigentlich
eingefallen?«

Und neben ihm standen Papa und Mama und eine große Menge Menschen aus
Johannisbad, dazu die halbe Kurmusik; denn als es ruchbar geworden, daß
Heidi weg wäre, die der Liebling aller war, kriegten sie das Suchen und
stürzten gegen den Wald, als wäre dort ein Luftschiff niedergegangen
und sie müßten es besehen.

Und nun tat Heidi die Augen auf und sagte: »O, jetzt seid ihr gerade zu
spät gekommen! Nämlich, der Herr Rübezahl hat heute Hochzeit und eben
ist der ganze Zug hier vorübergeschritten.«

Eigentlich wollte Mama ein bißchen schelten. Aber nun ging das nicht.
Es gab nur Küsse, und der Großpapa Salzer hatte ihr noch etwas sehr
Schönes mitgebracht.

Ein Glück war, daß Fräulein Sinsheimer die ganze Aufregung verschlafen
hatte.


Einmal im August, als schon die Linden tief drinnen im Astwerk die
ersten goldenen Blätter aufsteckten, war der ganze Freundeskreis
wieder im Märchenhause versammelt. Auch die Tante Veronika war mit aus
Ibenheim gekommen. Sie hatten die fröhliche Heimkehr gefeiert, und Herr
Salzer war Festredner gewesen. Zwei Stunden war ihm Frist gesteckt
worden dafür -- das war lange. Aber es ist zu bedenken, daß er über die
Erlebnisse zweier Dichterkutschen und über Rübezahls Hochzeit und die
schöne Elfenbraut im seegrünen Schleierkleide und über ein Himmelbett
mit zwölf Engeln zu berichten hatte ...

Es war schön. Es war atemberaubend schön. Es war so springlebendig, daß
sie meinten, sie machten die Reise in dieser Nacht noch einmal. Aber
nun waren es vier Dichterkutschen.

Als Herr Salzer fertig war, waren sie noch lange nicht müde, und
Gwendolin bat: »So, Jockele, und nun lies uns deinen Roman.«

»Das nächste Mal,« sagte er, »es ist ja gleich Mitternacht.«

Da schlugen die Uhren.



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Ullstein-Bücher von

Max Geißler

        Jockele
        und die Mädchen

    Ein Buch der Jugend ist dieser erste Jockele-Roman
    Geißlers und ein Buch der genialischen Lehrjahre,
    durch die der schwarzlockige Jakobus Sinsheimer,
    Kunstschüler in Weimar und Student in Jena, zum
    Manne reift. Kluge und törichte, blonde und dunkle,
    sanfte und ausgelassene Mädchen begleiten das
    verhätschelte Naturkind. An die rauschende Ilm
    versetzt der Roman, in den Weimarer Stadtpark,
    ins Liszthaus, nach Tiefurt, Belvedere und
    Ettersburg. Allen Reiz der Erinnerung macht
    er lebendig, der für die deutsche Andacht
    diese Stuben und Gärten umklingt, und der
    traulich hinüberspielt in die Gegenwart
    mit ihrem frohen, jungen
    Menschenwesen.

In gleicher Ausstattung zu gleichem Preise



Verlag Ullstein & Co, Berlin

Ferner erschien von


Max Geißler

Der Stein der Weisen

Die letzten fünfundzwanzig Jahre deutschen Lebens umfaßt Max Geißlers
Roman, der ganz eingesponnen ist in den Frieden des dunkelgrünen
Bergwaldes. Durchs Wettertal fährt im Juli 1890 der Doktor Valerius
Degenhart aus Frankfurt a. Main, der Träumer, der aus der zerrüttenden
Berufsarbeit sich nach der großen Stille sehnt. Im Wettertal läßt
er, als seine unmoderne Reisekutsche verunglückt, zu dauernder Rast
sich nieder. Zwischen Himmel und Erde, vor einer Natur von unsagbarer
Schönheit baut er sich sein Haus, die Streitburg. Wenig Äußeres
geschieht in diesem Buch. Aber es hat eine Melodie tiefinnerster
Seligkeit, die im Herzen nachklingt wie der Glanz endloser Sommertage,
und die Andacht, mit der es vom wahren Glück spricht, kommt aus dem
besten Erbteil des deutschen Wesens.

Preis 4.50 Mark



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    +Das Tristanlied.+ Epos

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    +Das hohe Licht.+ Roman

    +Soldatenballaden+

    +Am Sonnenwirbel.+ Roman

    +Das Heidejahr.+ Roman

    +Das Moordorf.+ Roman

    +Das sechste Gebot.+ Roman

    +Der Erlkönig.+ Roman

    +Die Glocken von Robbensiel.+ Roman

    +Nach Rußland wollen wir reiten!+ Roman

    +Die Musikantenstadt.+ Roman

    +Hütten im Hochland.+ Roman

    +Inseln im Winde.+ Roman

    +Die goldenen Türme.+ Roman

    +Die Wacht in Polen.+ Roman

    +Das neue Märchenbuch+

    +Briefe an meine Frau+



[Illustration]

    Ullstein & Co
    Berlin SW 68



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
    Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die
    Originalschreibweise wurde beibehalten. Der Schmutztitel wurde
    entfernt.

    Korrekturen:

    S. 22: übernächtigen → übermächtigen
      diesem besinnlichen, etwas {übermächtigen} Kopfe nicht

    S. 43: Harsager → Harfager
      Ballade über Harald {Harfager} gesungen

    S. 57: pflag → pflog
      den Bergen sein verschwiegenes Dasein {pflog}





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Jockele und seine Frau" ***

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