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Title: Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Author: Ruge, Sophus
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1881 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
    und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
    korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden
    beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich
    waren oder im Text mehrfach auftreten.

    Namen werden im Originaltext meist gesperrt dargestellt, allerdings
    nicht durchgehend; Adelstitel werden nur teilweise in die Sperrung
    mit einbezogen. Es wurde diesbezüglich keinerlei Harmonisierung
    vorgenommen. Die Fußnotenanker [166] sowie [178] fehlen im
    Original; diese wurden vom Bearbeiter an der augenscheinlich am
    besten geeigneten Stelle eingefügt. Das Inhaltsverzeichnis wurde
    vom Bearbeiter an den Anfang des Buches verschoben.

    Abbildungen wurden zwischen die einzelnen Absätze verschoben. Die
    Seitenzahlen im Abbildungsverzeichnis wurden gegebenenfalls
    angepasst.

    Die Weltkarte (‚Mapamondi‘) zwischen den Seiten 78 und 79 besteht
    in der Buchfassung aus einer großen Ausklapptafel, zusammen mit
    einem ebenso großen ‚Schutzblatt‘, von denen die erstere die
    katalanische Originalkarte, das letztere die deutsche Übersetzung
    der Legenden darstellt. Die deutschen Texte konnten derart über
    die Weltkarte gelegt werden, dass diese über den entsprechenden
    katalanischen Passagen zu liegen kommen. In der vorliegenden
    elektronischen Fassung wurden die entsprechenden deutschsprachigen
    Legenden am Ende der Weltkarte angefügt.

    Caretsymbole (^) stehen normalerweise für nachfolgende
    hochgestellte Zeichen; mehrere Zeichen werden dabei durch
    geschweifte Klammern gruppiert. Es werden astrologische Symbole
    verwendet; daher sollte zur Betrachtung des Textes ein Zeichensatz
    installiert sein, der den Unicode-Block ‚Miscellaneous Symbols‘
    unterstützt.

    Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von
    der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der
    vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

    kursiv:     _Unterstriche_
    fett:       =Gleichheitszeichen=
    gesperrt:   +Pluszeichen+
    Antiqua:    ~Tilden~

    Kapitälchen werden in GROSSBUCHSTABEN wiedergegeben.

  ####################################################################



                         Allgemeine Geschichte

                                  in

                          Einzeldarstellungen.

                         Unter Mitwirkung von

   Felix Bamberg, Alex. Brückner, Felix Dahn, Joh. Dümichen, Bernh.
  Erdmannsdörffer, Theod. Flathe, Ludw. Geiger, Richard Gosche, Gust.
    Hertzberg, Ferd. Justi, Friedrich Kapp, B. Kugler, S. Lefmann,
    Wilhelm Oncken, M. Philippson, S. Ruge, Eberh. Schrader, Bernh.
       Stade, Alfr. Stern, Otto Waltz, Ed. Winkelmann, Adam Wolf

                             herausgegeben

                                  von

                           +Wilhelm Oncken+.

                        Zweite Hauptabteilung.

                            Neunter Theil.

              Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen.

                          Von +Sophus Ruge+.

                            [Illustration]

                                Berlin,
                  G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung.
                                 1881.



                              Geschichte

                                  des

                     Zeitalters der Entdeckungen.

                                  Von

                          ~Dr.~ Sophus Ruge,

            Professor am Königl. Polytechnicum zu Dresden.

                    Mit Illustrationen und Karten.

                            [Illustration]

           Berlin, G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung. 1881.



                            [Illustration]

                    Uebersetzungsrecht vorbehalten.

                 Druck von +B. G. Teubner+ in Leipzig.

                  Beginn des Satzes am 10. Juni 1881.



Inhalts-Verzeichniß.


    Erstes Buch.

    Die Anfänge der Forschung.

    Seite

    +Erstes Capitel.+ Die Morgenseite der alten Welt                   3

    +Zweites Capitel.+ Die Abendseite der alten Welt                  12


    Zweites Buch.

    Die Vorhalle der großen Zeit.

    +Erstes Capitel.+ Die Morgenseite der alten Welt                  35

    1. Der Orient seit Beginn der Mongolenherrschaft                  35

    2. Der Presbyter Johannes                                         37

    3. Die ersten christlichen Glaubensboten im Orient                40

    4. Die Handelsreisen der Poli                                     51

    5. Die späteren Missionsreisen und Handelszüge                    71

    +Zweites Capitel.+ Die Abendseite der alten Welt                  81

    Prinz Heinrich der Seefahrer                                      81


    Drittes Buch.

    Die Seewege nach Indien.

    +Erstes Capitel.+ Die Bahn der Portugiesen nach Südosten         103

    1. Diogo Cão und seine Vorläufer                                 103

    2. Bartolomeu Dias                                               107

    3. Vasco da Gama’s erste Fahrt                                   109

    4. Cabral und João da Nova                                       128

    5. Vasco da Gama’s zweite Fahrt                                  135

    6. Francisco d’Almeida, Vicekönig von Indien                     147

    7. Affonso d’Albuquerque, Generalcapitän und Governador von
       Indien                                                        160

    8. Die Nachfolger Albuquerque’s                                  185

    9. Die Portugiesen auf den Molukken                              199

    10. Das Phantom der Gold- und Silberinseln                       207

    11. Der erste Besuch der Portugiesen in China und Japan          213

    +Zweites Capitel.+ Die Bahn der Spanier nach Westen und die
       Entdeckung der neuen Welt                                     217

    1. Die Bedeutung der italienischen, namentlich genuesischen
       Nautik, und das frühere Leben des Christoph Columbus          217

    2. Das allmähliche Reifen des Planes einer Westfahrt             221

    3. Das Project Toscanelli’s                                      225

    4. Columbus in Spanien                                           232

    5. Die erste Fahrt des Columbus über den Ocean                   241

    6. Wo liegt Guanahani?                                           248

    7. Die Fahrt durch das westindische Meer                         253

    8. Die Demarcationslinie                                         267

    9. Die zweite Reise des Columbus                                 271

    10. Die dritte Reise des Columbus und die Entdeckung
        Südamerika’s                                                 281

    11. Die Zustände auf Haiti und die Gefangennahme des Columbus    292

    12. Die letzte Reise des Columbus                                297

    13. Die letzten Lebensjahre des Columbus                         311

    14. Zur Charakteristik des Columbus                              314

    15. Die kleinen Entdecker                                        322

    16. Die Portugiesen in Südamerika                                330

    17. Die spanischen Niederlassungen auf dem Festlande von
        Mittelamerika und die Entdeckung der Südsee                  340

    18. Die Entdeckungen im Golf von Mexiko                          355

    19. Ferdinand Cortes geht nach Mexiko                            359

    20. Cortes in Mexiko                                             373

    21. Cortes siegt über Panfilo de Narvaez                         377

    22. Der Kampf um Mexiko                                          379

    23. Cortes als Statthalter von Neuspanien                        387

    24. Cortes’ Feldzug nach Honduras                                394

    25. Cortes’ spätere Unternehmungen und sein Tod                  402

    26. Die Unternehmungen gegen Florida und die Küste von
        Nordamerika                                                  407

    27. Coronado’s Feldzug nach Cibola und Quivira                   415

    28. Das Goldland Peru und seine alte Kultur                      424

    29. Pizarro versucht bis zum Lande der Inkas vorzudringen        434

    30. Die Eroberung Peru’s                                         439

    31. Almagro’s Zug nach Chile und sein Tod                        447

    32. Die Ermordung Pizarro’s und das Ende der peruanischen
        Parteikämpfe                                                 451

    33. Orellana entdeckt den Amazonenstrom 1541                     455

    +Drittes Capitel.+ Die südwestliche Bahn nach Indien. Magalhães
        und die erste Erdumsegelung                                  458

    1. Die Vorläufer Magalhães’                                      458

    2. Fernão Magalhães                                              462

    3. Die Vollendung der ersten Erdumsegelung                       478

    4. Der Streit um die Molukken                                    483

    5. Die spanischen Entdeckungsfahrten im großen Ocean             489

    +Viertes Capitel.+ Die Versuche, einen nordwestlichen Weg nach
       Indien zu finden                                              499

    1. Giovanni und Sebastiano Cabotto                               499

    2. Portugiesen, Italiener und Franzosen auf dem Nordwestwege     504

    3. Die Versuche der Engländer, eine Nordwestpassage zu finden    510

    +Fünftes Capitel.+ Die Nordostpassage                            520

    1. Die Engländer auf dem Nordostwege und die moskowitische
       Compagnie                                                     520

    2. Die Holländer auf dem Nordostwege und der Kampf um
       Spitzbergen                                                   525



Verzeichniß der Illustrationen und Karten.


Abbildungen im Text.

    Seite  15: Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König
               Alfreds d. Gr. von Ohthere’s Reise; 9. Jahrh. In der
               Cottonian Bibliothek des British Museum zu London.
               (Bosworth, Joseph, ~A Description of Europe, and the
               Voyages of Ohthere and Wulfstan, written in Anglo-Saxon
               by King Alfred the Great~.)

      „    49: Facsimile der drei ersten Zeilen des uigurisch
               geschriebenen Briefes von Argunchan an Philipp d.
               Schönen; 1289. Im Archive von Paris. (~The Book of Marco
               Polo the Venetian, concerning the Kingdoms and Marvels
               of the East. Newly translated and edited by Henry Yule.~)

      „    53: Marco Polo. Nach einem Gemälde in der Gallerie Badia in
               Rom. (Ebd.)

      „    65: Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.

      „    74: Hand eines reichen Annamiten. (Photographische Aufnahme
               nach der Natur.)

      „    83: Prinz Heinrich der Seefahrer. Miniature in der 1448-1453
               entstandenen Handschrift „~Chronica do descobrimento
               e conquista de Guiné etc.~“ In der Nationalbibliothek
               zu Paris. (Major, H., ~The Life of Prince Henry of
               Portugal~.)

      „    97: Die Land- und Wasserkugel der Erde.

      „    99: Facsimile einer alten Abbildung des Jakobstabes und
               seiner Anwendung. (~Cosmographia, siue Descriptio
               vniuersi Orbis, Petri Apiani et Gemmae Frisii,
               Mathematicorum insignium, iam demùm integritati suae
               restituta. Antuerpiae~, 1584.)

      „   105: Martin Behaim. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers
               Ritter Martin Behaim.)

      „   106: Astrolabium des Joh. Regiomontanus vom Jahre 1468. (Ebd.)

      „   111: Vasco da Gama. Nach einem Gemälde im Besitze des Grafen
               von Lavradio. (Stanley, Henry, ~The three voyages of
               Vasco da Gama and his Viceroyalty. From the Lendas da
               India of Gaspar Correa.~ ~Hakluyt. Soc.~)

      „   135: Vasco da Gama. Aus dem Manuscript von Pedro Baretto de
               Resenda. In der Sloane Bibliothek des British Museum,
               London. (~The Commentaries of the great Afonso
               Dalboquerque, second Viceroy of India. Translated from
               the Portuguese edition of 1774, with notes and an
               introduction, by Walter de Gray Birch.~ ~Hakluyt. Soc.~)

      „   142: Alfons von Albuquerque. Nach dem Manuscript des Pedro
               Baretto de Resenda. In der Sloane Bibliothek des British
               Museum, London. (Ebd.)

      „   154: Ostindisches Fahrzeug des 16. Jahrhunderts mit Rohrsegeln
               und am Stern aufgehängtem hölzernem Anker. (Linschoten,
               ~Itinerarium ofte Schipvaert naer Oost ofte Portugaels
               Indiën~. Amsterdam 1614.)

      „   155: Ostindischer Schnellsegler des 16. Jahrhunderts, Fusta.
               (Ebd.)

      „   188: Facsimile des Namenszuges von Vasco da Gama (und zwei
               Zeugen) in dem Dokument, in welchem er König Johann III.
               huldigte, als derselbe ihn zum Vicekönig von Indien
               ernannt hatte. -- Im Archiv von Lissabon. (Stanley,
               Henry, ~The three voyages of Vasco da Gama and his
               Viceroyalty. From the Lendas da India of Gaspar Correa.~)

      „   189: Wappen von Vasco da Gama. (Ebd.)

      „   191: Pero Mascarenhas in Ketten. (~Lendas da India por Gaspar
               Correa publicadas de ordem da classe de sciencias
               moraes, politicas e bellas lettras da academia real das
               sciencias de Lisboa. Livro terceiro que conta dos feitos
               de Pero Mascarenhas, e Lopo Vaz de Sampayo, e Nuna da
               Cunha.~)

      „   197: Portrait von Nuno da Cunha. (Ebd.)

      „   234: Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid,
               Marine-Ministerium. (Photographische Originalaufnahme.)

      „   235: Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid,
               National-Bibliothek. (~Boletín de la Sociedad geográfica
               de Madrid. T. VI.~)

      „   240: Der im Bau begriffene Rumpf eines großen Seeschiffes
               vom Ende des 15. Jahrh. (~Bernhardus de Breydenbach~,
               ~Peregrinationes in montem Syon ad venerandum Christi
               sepulcrum in Jerusalem~. Mainz, 1486.)

      „   241: Seeschiff vom Ende des 15. Jahrh., halb vor dem Winde
               segelnd. (Ebd.)

      „   245: Christoph Columbus’ Rüstung; Madrid, Waffen-Museum im
               königl. Palais. (Photographische Originalaufnahme.)

      „   247: Titelholzschnitt einer zu Florenz im Jahre 1493
               gedruckten italienischen Flugschrift, darstellend die
               Landung des Columbus. (Getreue Nachbildung des Originals
               im British Museum zu London.)

      „   262: Facsimile der ersten Flugschrift, welche die Kunde von
               der Entdeckung Amerika’s brachte. (Getreue Nachbildung
               des Originals im British Museum zu London.)

      „ 263/4: Titel, Anfangsseite und Schluß des ersten +deutschen+
               Flugblattes, welches die Entdeckung Amerika’s
               meldete. (Getreue Nachbildung des Originals in der
               Staatsbibliothek zu München.)

      „   312: Haus zu Valladolid, in dem Christoph Columbus gestorben.
               (Photographische Aufnahme nach der Natur.)

      „   317: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Christoph
               Columbus, datirt Granada, 6. Februar 1502. (~Tre Lettere
               di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci, riprodotte in
               Fotolitografia.~)

      „   333: Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes,
               welchen Amerigo Vespucci über seine dritte Reise an Pier
               Francesco de Medici schrieb. (Getreue Nachbildung des
               Originals in der königl. Bibliothek zu Dresden.)

      „   334: Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes.
               (Ebd.)

      „   337: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo
               Vespucci an den Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez
               de Cisneros); datirt Sevilla, 9. December 1508. (~Tre
               Lettere di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci
               riprodotte in Fotolitografia.~)

      „   339: Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der Name
               „Amerika“ vorgeschlagen wird. (~Cosmographiae
               Introductio~ des ~Hylacomylus~ von 1507.)

      „   357: Tempelruine zu Uxmal. (Gailhabaud, Jules, ~Monuments
               anciens et modernes. IV.~)

      „   360: Medaillenbildniß von Ferdinand Cortes; Originalgröße.
               (Nach dem Original im königl. Münz-Cabinet zu Berlin.)

      „   405: Rüstung von Ferdinand Cortes; im Waffenmuseum zu Madrid.
               (Photographische Originalaufnahme.)

      „   427: Conti am Titicacasee: als Specimen der merkwürdigen
               Thorbauten. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)

      „   429: Altperuanisches Gobelingewebe aus dem Todtenfelde von
               Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in
               Peru.)

      „   430: Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische
               Originalaufnahme.)

      „   431: Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische
               Originalaufnahme.)

      „   433: Durchschnitt eines altperuanischen Grabes mit Mumien.
               (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)

      „   443: Das Haus Atahuallpa’s bei Cajamarca, in welchem der Inka
               von Pizarro gefangen gehalten wurde. (Photographische
               Aufnahme nach der Natur.)

      „   462: Facsimile des Namenszuges von Magalhães. Von einem
               Briefe, datirt 24. October 1518, im indischen Archiv zu
               Sevilla. (~The first voyage round the world by Magellan.
               Translated from the accounts of Pigafetta and other
               contemporary writers by Lord Stanley of Alderley.~)

      „   463: Fernão de Magalhães. Verkleinertes Facsimile des
               Kupferstiches, 1788, von Ferd. Selma. (~Coleccion de
               los viages y descubrimientos que hicieron por mar los
               Españoles desde fines del Siglo XV., coordinada é
               illustrada por Martin Fernandez de Navarrete. Tomo IV.~)

      „   467: Rumpf eines großen Seeschiffes um 1500; im Wappen des
               Johann Segker. Verkleinertes Facsimile eines
               Holzschnittes aus Albrecht Dürers Schule. (Kunsthalle zu
               Hamburg.)


Vollbilder.

    Seite  70: Chinesisches Papiergeld aus der Ming-Dynastie
               (1368-1645). Original in Paris. Getreue Nachbildung in
               ¼ der natürlichen Größe. (~The Book of Marco Polo the
               Venetian, concerning the kingdoms and Marvels of the
               East. Newly translated and edited by Henry Yule.~)

      „   356: Eine Seite aus der Mayahandschrift der königl. Bibliothek
               zu Dresden. Originalgröße. (Die Mayahandschrift der
               kgl. öffentlichen Bibliothek zu Dresden. 74 Tafeln in
               Chromolichtdruck.)

      „   420: Ansicht des großen Colorado-Cañons. (Powell, J. W.,
               ~Exploration of the Colorado River of the West
               1869-1872~.)

      „   425: Das Inkathor bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach
               der Natur.)

      „   426: Die Ruinen des Inkaschlosses am Titicacasee.
               (Photographische Aufnahme nach der Natur.)

      „   434: Altperuanische Mumien aus dem Todtenfelde von Ancon.
               (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)

      „   440: Krieger aus der Inkazeit: altperuanische Malerei auf
               dem unter Nr. 23 auf dem Doppelvollbilde „altperuanische
               Geräthschaften“ abgebildeten Kruge. (Ebd.)

      „   446: Sacsahuaman: ein Theil der Ruinen der alten Inkafestung
               bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)


Doppelvollbilder.

    Seite 359: Sculpturen von Copán, Trachten der alten
               Mittel-Amerikaner darstellend. (Meye und Schmidt, die
               Steinbildwerke von Copán und Quirigua.)

      „   432: Altperuanische Geräthschaften aus dem Todtenfelde von
               Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in
               Peru.)


Karten im Text.

    Seite  25: Karte von Afrika in einem Portulano von 1351. In der
               Laurentinischen Bibliothek zu Florenz. (Major, H., ~The
               Life of Prince Henry of Portugal~.)

      „    27: Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno, 1558.
               (Nach H. Kiepert.)

      „   249: Die Entdeckungen des Columbus auf seiner ersten Reise.
               Ein Theil von Westindien; nach der englischen
               Admiralitätskarte Nr. 761 gezeichnet von C. Riemer.

      „   318: Die Insel Guanahani nach der Karte Diego Ribero’s von
               1529.

      „   347: Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee. (Nach dem
               Entwurfe von Professor ~Dr.~ Sophus Ruge.)

      „   363: Karte zu Cortes’ Eroberung von Mexiko. (Ebs.)

      „   390: Karte zu den Feldzügen Alvarado’s nach Guatemala und des
               Cortes nach Honduras. (Ebs.)

      „   417: Karte zu Coronado’s Expedition nach Cibola und Quivira.
               (Ebs.)

      „   437: Karte zur Entdeckung von Peru durch Pizarro. (Ebs.)

      „   461: Südamerika mit einer südlichen Meerenge auf dem von Joh.
               Schöner 1515 entworfenen Globus. (Ebs.)


Karten-Beilagen.

    Seite  12: Weltkarte in der 1513 zu Straßburg gedruckten Ausgabe des
               Ptolemäus. Verkleinertes Facsimile.

      „    37: Kartenskizze der Mongolenstaaten im XIII. Jahrhundert.
               Gezeichnet von ~Dr.~ Henry Lange.

      „    78: Catalanische Erdkarte; für König Karl V. von Frankreich
               1375 in Mallorca gezeichnet. Paris, Nationalbibliothek.
               Facsimile in ⅓ der Originalgröße. (Jomard, ~Monumens de
               la Géographie~.)

      „    80: Fra Mauro’s Weltkarte von 1459; Venedig. 1/10 der
               Originalgröße. (Nach H. Kiepert.)

      „   118: Die Westküste von Vorder-Indien und die von den
               Portugiesen berührten Handelsstädte. (Nach dem Entwurfe
               von Professor ~Dr.~ Sophus Ruge.)

      „   230: Die Oceanische Seite des Behaim’schen Globus vom Jahre
               1492. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers Ritter Martin
               Behaim.)

      „   324: Aelteste Karte von Amerika; westlichster Theil der im
               Jahre 1500 von Juan de la Cosa gezeichneten Erdkarte.
               Facsimile in ⅓ der Höhe des Originals im Marine-Museum
               zu Madrid. (Jomard, ~Monumens de la Géographie~.)

      „   438: Seekarte von Diego Ribero, 1529. (Nach dem Original in
               der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar.)

      „   534: Facsimile der Molukken-Karte im Atlas des Diego Homen vom
               Jahre 1568. Originalgröße. (Dresden, königliche
               Bibliothek.)



Erstes Buch.

Die Anfänge der Forschung.



Erstes Capitel.

Die Morgenseite der alten Welt.


In der Geschichte der geographischen Entdeckungen zeichnen sich
gewisse Epochen ab, in denen die Betheiligung an den Arbeiten, die
Erdenräume dem Blicke der Forschung zu enthüllen oder wenigstens mit
fernen weniger bekannten Ländern in lebhafteren Verkehr zu treten,
eine außergewöhnlich starke ist, in denen, durch energischen Vorgang
einzelner ausgezeichneter Persönlichkeiten, nicht blos einzelne Stände
und Berufsklassen mit hineingezogen werden in das Interesse für Reisen
und Entdeckungsfahrten, sondern wo die Antheilnahme bis in die Masse
des Volkes hinabdringt und ein Volk das andere benachbarte allmählich
mit hineinzieht in eine allgemeine großartige Bewegung. Die Erweiterung
des räumlichen Horizonts zieht unabweisbar auch die Erweiterung des
geistigen Gesichtsfeldes nach sich und drückt dem Volk, welches ihn
errungen hat, den Stempel geistiger Reife auf. Die Machtsphäre gewinnt
ein größeres Gebiet und damit wächst auch die politische Bedeutung.
Kein Wunder, daß darum zu Zeiten mehrere Völker neben einander auf dem
Ringplatze erscheinen und in regem Wettbewerb nach gleichen Zielen
einander die Palme streitig machen.

Aber auf die hochgehenden Fluten folgen Zeiten der Ebbe, der
Erschlaffung, Zeiten des Stillstandes, in denen, oft Jahrhunderte
andauernd, die Erregung der Gemüther nachläßt, das Feuer der
Begeisterung erlischt und die nach außen treibende Kraft sich von
den Grenzen zurückzieht. Der Horizont verdunkelt sich wieder, die
Schleier rücken eng und enger um die Mitte zusammen. Solche Zeiten der
Stagnationen machen sich auch in der allgemeinen Geschichte fühlbar. Es
sei dabei an die den Kreuzzügen vorangehenden Jahrhunderte erinnert.
Auf die sich über beinahe 1000 Jahre ausdehnende Erschlaffung und
Apathie folgt aber etwa vom 13. bis 17. Jahrhundert die Epoche der
höchsten Anstrengung auf diesem Felde, folgt eine durch alle Völker
Europas gehende tiefe Bewegung, welche nur der noch weiter, tiefer
gehenden religiösen Erregung und Erhebung allmählich wich. Diese Zeit
ist es aber, welche, als das +Zeitalter der großen Entdeckungen+
bezeichnet, auch in der Darstellung allgemeiner Geschichte Beachtung
fordert.

Um die Ziele der Unternehmungen jenes großen Zeitraums verstehen
zu lernen, müssen wir, zur Einleitung, weiter in die Vergangenheit
zurückgreifen.

Man sollte meinen, daß, wenn es sich um die Erweiterung der Kenntnisse
von der Erdoberfläche handelt, man von dem Mittelpunkte, dem Schauplatz
der Kulturvölker Europas, nach allen Richtungen der Windrose radial
über die bisherige Grenze der bekannten Welt hinaus ins Unbekannte,
Unerforschte schreiten werde oder schreiten könne. Doch dem ist nicht
so.

Die Gliederung und Gestaltung der wichtigsten Ländergebiete der alten
Welt haben dabei einen bestimmenden Einfluß geübt, namentlich die
Erstreckung des Mittelmeeres und des zusammenhängenden Hochlandes von
Asien, deren Längsaxen sich beide in ost-westlicher Richtung hinziehen.
An den Rändern und in den Ländern am Mittelmeer, wie auf dem westlichen
Hochlande und an den südlichen Abhängen des östlichen Hochlandes von
Asien in der weitgedehnten Zone von den Säulen des Herkules bis zu den
Gestaden Chinas hatten sich einzelne Völker zu frühzeitiger Kultur
erhoben. Die westliche Hälfte, nennen wir sie die europäische, hatte
auf dem geräumigen Marktplatze des Mittelmeeres einen gemeinsamen
Sammelpunkt gefunden, während die östliche, die asiatische Hälfte,
vorwiegend auf den offenen indischen Ocean hingewiesen, eines
solchen günstigen Vereinigungsplatzes entbehrte und im Streben nach
gegenseitigem Verkehr größere Schwierigkeiten zu überwinden hatte.
Eine Annäherung beider Gebiete boten der persische, und noch mehr der
arabische Golf oder das rothe Meer. Südlich des ganzen Gürtels lagen
im Westen die starken Schranken der großen afrikanischen Wüste, deren
menschenfeindliche Oede den Satz verkündigte, daß die heiße Zone
überhaupt unbewohnbar sei, während im Osten das unbezwungene indische
Weltmeer, dem das Gegengestade fehlte, von wagehalsigem Vordringen
abhielt.

In gleicher Weise lagerte sich über dem Nordsaum des Gürtels ein
kalter, unwirthlich rauher Erdstrich, der sich gegen Norden in dem
geheimnißvollen „Lande der Dunkelheit“ verlor.

Daher richteten sich von jeher die Blicke mehr nach Osten und
Westen, als nach Norden und Süden. Die Gegensätze zwischen Osten und
Westen sind zuerst am Mittelmeer schon in ältester Zeit schärfer ins
Auge gefaßt und lassen sich auf die Fahrten seetüchtiger Phönizier
zurückführen. Die Unterscheidung der Erdtheile Asien und Europa, wie
sie zuerst an den gegenüberliegenden Küsten des schön gegliederten
ägäischen Meeres haftete, besagt ursprünglich im Kern des Wortes ~açu~
(Asien) ~ereb~ (Europa) wohl nichts anderes als Morgen und Abend,
das Land im Morgen und das Land im Abend. Und diese Bezeichnungen
wiederholen sich in verschiedenen Sprachen, so lautet bei den Griechen
der Gegensatz: Anatolien (noch jetzt ist Kleinasien als Anadoli
bekannt) und Hesperien, im Lateinischen mit erweitertem Begriff Orient
und Occident, im Italienischen Levante (worunter man vorzugsweise
die asiatischen Küsten des Mittelmeeres verstand und versteht) und
Ponente (eine Gegenüberstellung, wie sie in kleinem Maßstabe an
der Riviera von Genua noch gültig ist), und endlich im Deutschen:
Morgenland und Abendland, Bezeichnungen, welche die beiden fraglichen
Erdtheile so ziemlich decken. Ein solcher Reichthum der Benennungen
hat sich naturgemäß für Norden und Süden, für die mitternächtliche
und mittägige Seite nicht gebildet. Die Reisen und Entdeckungszüge
nehmen thatsächlich vorwiegend auch die Richtung gegen Morgen und gegen
Abend und wir sind daher wohlberechtigt, auch unsere Darstellung der
Geschichte der Entdeckung in diesem Sinne zu gruppiren.

Wir stellen die +Morgenseite+ voran. Daß diese Seite gegen
Sonnenaufgang noch mehr Bedeutung hatte als die Abendseite, daß der
Blick voll Verlangen, hier den Schleier zu lüften, sich mehr der Sonne
zuwandte, lag in den natürlichen Verhältnissen, in der unermeßlichen
Ausdehnung der Länder und in dem Reichthum an kostbaren Produkten
begründet, die aus unbekannter Ferne selbst bis zu den Häfen des
Mittelmeeres gelangten. Die alten Staaten und Länder Vorderasiens
bis nach Persien hin, standen mit den classischen Völkern des
Alterthums in directer Verbindung; aber noch weiter hinaus lagen weite
herrliche Länder, die in den Schleier des Geheimnißvollen gehüllt,
von der erregten Phantasie zu wahren Wunderländern umgewandelt
wurden, und unter denen immer der Name +Indien+ vorklang. Wir dürfen
nicht vergessen, daß im Alterthum Indien eigentlich das einzige
bekannte Tropenland war, das unter dem Hauche des feuchten Monsun
von wunderbarem Segen triefte. Indien war von jeher ein sehr weiter
Begriff. Indien war das äußerste Land. So weit wir sichere Kunde haben,
sagt Herodot (III. 98), sind die Menschen, die zunächst gegen Morgen
und Sonnenaufgang in Asien wohnen, die Indier.

Diesen äußersten Enden der Welt sind die kostbarsten Produkte eigen.
(III. 106). Dieselbe Ansicht wiederholt Strabo (~p.~ 685): Indien ist
das erste und größte Land im Osten. Ktesias hielt Indien für ebenso
groß als das ganze übrige Asien, Onesikritos für den dritten Theil der
bewohnten Erde. (Strabo, ~p.~ 689).

Indien war und blieb ein sehr weiter Begriff, ohne bestimmte Grenzen,
so daß Strabo auch die langlebenden Serer mit einrechnen konnte. Zwar
scheidet Ptolemäus dieselben wieder aus und weist ihnen jenseit des
Himalaya einen nach Norden und Osten ins dunkle Land sich verlierenden
Wohnsitz an; doch beginnt bei diesem großen Geographen schon eine
Gliederung Indiens in die beiden Theile: Indien diesseit und Indien
jenseit des Ganges, welche etwa unserm Vorder- und Hinter-Indien
entsprechen mögen. Doch dabei blieb es nicht. Der Begriff Indien dehnte
sich im Mittelalter immer mehr und umfaßte schließlich fast alle
Gestade am südlichen Meere von Habesch bis nach China. Ja es wurde
sogar an die Stelle von Asien geschoben, wenn z. B. +Alcuin+ die ganze
Welt in Europa, Afrika und Indien theilt. Für die beiden asiatischen
Halbinseln wählte man die Bezeichnung: Groß- und Klein-Indien. Da man
sich aber schon frühzeitig der Ansicht zuneigte, Abessinien zu Indien
zu rechnen, wie auch bereits Procop von Cäsarea den Nil in Indien
entspringen läßt, so entstand denn für jenes afrikanische Alpenland die
verwirrende Benennung „das dritte Indien“ oder gar „Mittel-Indien“.

Jordanus identificirte das dritte mit der Sansibar-Küste, Benjamin
von Tudela nennt Aden am Ausgange des rothen Meeres als eine Stadt
in Mittel-Indien und Marco Polo erklärt Habesch für das Hauptland
davon, so daß also dieses dritte Indien asiatische und afrikanische
Landschaften umfassen sollte, während endlich der 1562 in Venedig
gedruckte Ptolemäus die indische Inselwelt als ~India tercera~
vorführt. Nach Odorich von Pordenone liegt die persische Küste bei
Ormuz in ~India, quae est infra terram~, und wird Südchina (Manzi)
Ober-Indien genannt. Auf der andern Seite bezeichnete Nicolo Conti die
Chinesen als „innere Indier“.

Drei Indien erscheinen schon auf einer Karte vom Jahre 1118. Und so
ging es fort bis ins 16. Jahrhundert (vgl. das beigegebene Weltbild
aus dem Straßburger Ptolemäus, 1513). Kein Wunder, daß auch der beste
Kartograph in solcher Verwirrung noch strauchelte, daß Mercator auf
seinem ersten Globus von 1543 neben den beiden von Ptolemäus bereits
angedeuteten Halbinseln Indiens noch eine weitere Halbinsel nach den
Aufnahmen der portugiesischen Entdecker eintrug, so daß wir also
auch hier noch mit der Monströsität von +drei+ indischen Halbinseln
beschenkt werden.

Aus diesem weiten Indien kamen seit den gemeinschaftlichen
Handelsfahrten Salomos und Hirams nach +Ophir+, welches wir jedenfalls
auf der Westküste Vorder-Indiens zu suchen haben, die kostbaren
Produkte über das rothe Meer zu den Ländern am mittelländischen Meere.
Griechen und Römer bezogen von dort Wohlgerüche und Gewürze, namentlich
Pfeffer; ferner Perlen und Edelsteine, Elfenbein und Ebenholz. Der
prächtige Pfau, den die Griechen zum Liebling der stolzen Hera erhoben,
den die Soldaten Alexanders wild antrafen in indischem Waldgebiete,
war nebst den buntfarbigen Papageien schon zu Salomos Zeit im Westen
bekannt geworden. Feine baumwollene Gewänder und Zucker kamen aus
demselben Gebiete. Den Umsatz in diesen Luxusartikeln gibt bereits
Plinius auf etwa 16 Millionen Mark jährlich an.

Aber aus noch weiter entlegenen Ländern kamen kostbare Stoffe unter
dem Namen serischer Gewänder nach dem Westen, ohne daß man anfangs
das Heimatland gekannt hätte. Daß, wenn auch durch Zwischenhandel,
die Seidenstoffe (denn nur diese werden unter serischen Kleidern
verstanden) aus China kamen, beweist der Name. Das chinesische Wort für
Seide ist ~sz’~ oder ~sse~ mit dem in ~r~ verkürzten Suffix ~örr~, also
~sser~ der Seidenstoff.[1] Nun ist merkwürdig, daß wenn auch am Ende
des Alterthums die Kenntniß der griechisch-ägyptischen Kaufleute sich
bis zu den chinesischen Strömen erstreckte, und auf dem Wasserwege der
Name Thinai oder Sinai bekannt wurde, man dieses Land doch von dem der
+Serer+ unterschied; denn die Kunde von diesem letzteren Volke war +zu
Lande+ durch Mittelasien nach Westen gedrungen. Geographisch setzte man
die große Stadt Sera und das Land der Serer, Serica, stets nördlicher
an, als das Land Thinai oder Sinai. Diese Doppelgängernatur wiederholt
sich noch einmal im 16. Jahrhundert, als die Portugiesen von ihren
Seefahrten den Namen Tschina (China) mit heimbrachten, während schon
durch venetianische Kaufleute im 13. Jahrhundert das Reich Kathay
(China) bekannt geworden war. Daß beide Benennungen auf das nämliche
Land wiesen, erkannten zwar schon im Beginn des 17. Jahrhunderts
katholische Glaubensboten, allein man nahm die Thatsache nur zögernd
an.[2]

[Illustration:

    ~Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.~

    ~G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.~

    ~Aus der Ausgabe des Ptolemaeus, Strassburg  1513.~
]

Doch wenden wir uns noch einmal zurück, um die allmähliche Erweiterung
der Kenntnisse von Süd- und Ostasien kurz zu skizziren.

Vor Alexander dem Großen war kein Grieche nach Indien gelangt. Herodot,
welcher +zuerst+ die Baumwolle nennt, berichtete nur nach Hörensagen.
Erst die Zeitgenossen des makedonischen Königs schildern uns als
Augenzeugen das Land. Megasthenes gab die erste klare Vorstellung
von der Gestalt und Begrenzung Indiens. Die Halbinselform tritt klar
hervor. Onesikritos kennt schon die wichtige Insel Taprobane (Ceylon).
Beide berichten, daß im südlichen Indien das Gestirn des großen Bären
allmählich unter dem Horizonte verschwinde, und daß der Schatten
nach Süden falle. Verhängnißvoll war es für die kartographische
Darstellung, daß der berühmte Eratosthenes, durch falsche Anwendung
von Distanzentfernungen veranlaßt, die Gestalt Vorder-Indiens derart
verzerrte, daß die Halbinselfigur fast gänzlich verwischt wurde. Und
als seiner Autorität mehrere Jahrhunderte danach auch Ptolemäus folgte,
blieb diese irrige Auffassung maßgebend bis ins 16. Jahrhundert.
Außerdem verschuldete Eratosthenes auch, daß der Abstand von
Alexandrien bis zur Indus-Mündung um mehr als 200 deutsche Meilen zu
groß angenommen wurde und daß im weiteren Verlaufe später die äußersten
bekannten Küsten Asiens viel zu weit nach Osten verlegt wurden: eine
Verzerrung, die im späteren Mittelalter, als man die Reiserouten Marco
Polos bis nach China kartographisch niederzulegen suchte, sich dermaßen
ins Ungeheure steigerte, daß der Ostrand Asiens bis nahe vor die Küste
von Californien und Cipango (Japan) in Mexiko hineinreichte. So nach
der Darstellung auf dem Globus Martin Behaim’s 1492.

Den Haupthandel nach dem Osten trieben die griechischen Kaufleute
Aegytens schon seit der Ptolomäerzeit. Ihnen verdanken wir im 1. und
2. Jahrhundert die Kenntniß der Insel Java und die erste directe
Berührung mit China. Der äußerste Punkt, den der griechische Kauffahrer
Alexandros im 1. Jahrhundert n. Chr. erreichte, war das vielbesprochene
Cattigara, ein Handelshafen, der wahrscheinlich nicht fern von der
Mündung des Jangtsekjang lag[3]. Das war die äußerste Grenze des
Wissens im Alterthum und blieb’s, wenigstens bei den Europäern, auch
bis zum Ende des Mittelalters, bis zum Ausgange des 13. Jahrhunderts.

Der Name China oder Tschina, mit dem besonders der südliche Theil
des Landes belegt wurde, ist uralt und höchst wahrscheinlich durch
malaische Seefahrer den westlichen Schiffern mitgetheilt. Wir werden
in dieser Annahme noch bestärkt durch die Wahrnehmung, daß uns auch
jetzt noch die meisten Küstenlandschaften des südöstlichen Asien in
malaischer Form geläufig sind, wie Birma, Pegu, Siam, Cambodja, Kotschi
(Cochinchina), Maluka, Burnei (Borneo) u. a.

+Ceylon+ bildete den Sammelplatz der Handelsschiffe, dort trafen
chinesische Händler mit Persern, Arabern und selbst Byzantinern
zusammen, welche letztere auf äthiopischen Schiffen Indien erreichten.
Zur Zeit der Herrschaft der Ptolomäer in Aegypten war der Canal
vollendet worden, welcher den Nil mit dem rothen Meere verband.
Auch der Kaiser Hadrian hat im 15. Jahre seiner Regierung für die
Wiederherstellung dieses wichtigen Wasserweges gesorgt, und der Hafen
Klysma am rothen Meere trat an die Stelle der alten Emporien von
Myos-Hormos und Berenike. Mindestens bis ins 6. Jahrhundert unserer
Zeitrechnung war der Canal in brauchbarem Zustande, denn noch um 590
n. Chr. berichtet Gregor von Tours davon, und erst nach der Mitte des
8. Jahrhunderts wurde er, bereits versandet, zugeschüttet. Von Klysma
gingen griechische Schiffe direct nach Indien, und auf ihnen besuchte
der griechische Hafenbeamte jährlich das Heimatland der Gewürze.
Justinian versuchte sogar, wenn auch vergebens, den Seidenhandel statt
über Persien durchs rothe Meer nach Klysma zu ziehen. So erhielt sich
die Beziehung zum fernen Morgenland bis zum 7. Jahrhundert, wenn
auch die geographischen Kenntnisse keine Bereicherung erfuhren. Die
Gründung des Islam und die Herrschaft der Araber in Aegypten änderte
die Sachlage wesentlich, denn der unmittelbare Verkehr der Byzantiner
und damit des Abendlandes mit Indien mußte seit jener Zeit eingestellt
werden.

Es blieb sonach nur der schwierige +Landweg+ übrig. Die Handelsrouten
vom Mittelmeer nach Indien und China haben naturgemäß mit viel
größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als der Seeverkehr. Nicht allein
die bedeutende räumliche Entfernung der Länder und die durch den
langwierigen Transport der Waaren gesteigerten Kosten schränkten
die Handelsbewegung ein. Es wurden zwar bei der Unwegsamkeit
der Hochgebirge, die zu übersteigen waren, bei der Wüstennatur
weitgedehnter Landstriche, die zu überwinden war, verschiedene Wege
eingeschlagen, bequemere Paßübergänge gesucht. Allein es spielten hier
auch die politischen Ereignisse in Innerasien eine hervorragende Rolle,
indem sie die Wegelinien entweder verschoben oder den Durchgang zu
Kriegszeiten gänzlich sperrten. Trotzdem hat das kostbarste Produkt
Chinas, die +Seide+, immer wieder ihren Weg nach dem Abendlande
gefunden, seitdem ihre Vorzüge dort erkannt und geschätzt worden waren.
Der Seide verdanken wir die frühesten Aufhellungen des asiatischen
Hochlandskernes.

Nachdem schon mehrere Jahrhunderte vor Christo die Seide in Syrien
bekannt gewesen war, ohne daß wir den Weg nachzuweisen vermöchten, wie
sie dahin gelangte, drangen chinesische Heere siegreich ins Tarimbecken
ein. Ihnen folgte im Jahre 114 v. Chr. die erste chinesische
Handelskarawane, überstieg die Pässe des Pamirplateaus und gelangte
bis zu den turanischen Handelsstädten. Nachfolgende große Handelszüge
überschwemmten die Märkte am Amu und Syr Darja derart mit Seidenzeugen,
daß diese in ihrer Werthschätzung bedeutend sanken. Aber sie gelangten
in Folge dessen weiter und weiter nach Westen, wo die Nachfrage nach
den kostbaren Gewändern immer lebhafter wurde. Auf zwei Straßen zog man
durch die Steppen und Sandwüsten des Tarimbecken, entweder nördlich vom
Steppenflusse Tarim an dem Fuße des Himmelsgebirges, des Tienschan,
entlang, eine Straße, die in unseren Tagen die belebtere und fast
allein betretene ist, oder südlich vom Lopnor und dem Tarim hin, zur
linken die Gehänge des sagenreichen Kwenlun, auf einem Wege, den noch
Marco Polo im 13. Jahrhunderte verfolgte, und den der kühnste russische
Reisende Prschewalsky erst vor wenig Jahren wieder erreicht hat. Der
Terekdawanpaß, nordwestlich von Kaschgar, galt als der bequemste
Uebergang über die westliche Umwallung des Tarimbeckens.

Zur selben Zeit, als am Ende des ersten Jahrhunderts unserer
Zeitrechnung das römische Reich seine weiteste Ausdehnung nach
Osten gewann, drang ein chinesischer Feldherr im Jahre 95 bis ans
kaspische Meer vor. Beide Staaten rückten fast bis zur Grenzberührung
gegen einander; aber zu weiterer politischer Beziehung gedieh diese
Annäherung nicht, weil kaum ein Menschenalter später die Chinesen aus
ganz Turan zurückweichen mußten.[4] Der Name der seideproducirenden
Serer wurde zwar bei Griechen und Römern immer geläufiger, aber die
Heimat des Volkes selbst lernte man nicht kennen, und dachte sie sich
anfänglich viel weiter im Westen, etwa in Turan oder im Tarimbecken.
Schon damals waren die persisch redenden Tädjik die Zwischenträger
des Seidenhandels bis ins römische Reich. Ueber den Verlauf der
Seidenstraße besitzen wir nur einen einzigen, aus einem ausführlichen
Bericht gemachten dürftigen Auszug, und wenn wir hinzufügen, daß jener
Bericht von den Handelsagenten eines makedonischen Großhändlers Maës
Titianus herrührt, und von dem berühmten Geographen Marinus von Tyros
aus zweiter Hand empfangen und aufgezeichnet ist und daß Ptolemäus in
seinen kurzen Excerpten wieder auf Marinus fußt, welcher ohnehin den
von jenem Agenten gemachten Angaben über ihre weiten Reisen keinen
rechten Glauben schenkte, weil er meinte, alle Kaufleute renommirten
mit der Größe ihre Expeditionen und setzten für die Entfernung der
einzelnen Stationen zu große Ziffern an -- so kann man aus alledem wohl
erkennen, wie schwierig es jetzt ist, den Reiseweg ins Land der Seide
zu fixiren.

Glücklicherweise können wir Ausgang und Endziel dieses Itinerars mit
ziemlicher Sicherheit bestimmen. Die Agenten des Maës brachen von
Baktra auf und nennen als Endpunkt ~Sera metropolis~, die Hauptstadt
des Serervolkes, worunter höchst wahrscheinlich nur die damalige
Hauptstadt Chinas, Tschan-ngan-fu, jetzt Si-ngan-su, gemeint sein
kann. Unerwiesen bleibt indeß, ob sie diese Stadt wirklich erreichten.
Sie zogen durch das Reich der Issedonen, östlich vom Pamirplateau in
Ost-Turkestan gelegen, auf der Südseite des Tarim gegen Osten nach
der chinesischen Sandstadt Scha-tschou, wo die fremden Kaufleute
vermuthlich ihren Bedarf an Seidenwaaren einhandelten.

In der Mitte des 2. Jahrhunderts verloren die Chinesen ihre
Machtstellung im Gebiet des Tarim und damit die Handelskarawanen ihren
Schutz; nur die persischen Kaufleute verstanden es, den Seidenhandel
in der Hand zu behalten. Die chinesischen Annalen haben uns zwar
die Nachricht erhalten, daß der römische Kaiser Markus Aurelius
Antoninus (~An-tun~ bei den Chinesen genannt) eine Gesandtschaft nach
China geschickt habe, aus deren Mittheilung wohl auch Pausanias die
bisherige irrige Vorstellung über die Gewinnung der Seide berichtigen
konnte; allein eine klarere Auffassung der ostasiatischen Länder
erfolgte dadurch nicht, denn Pausanias selbst nennt Seria eine Insel
im erythräischen Meere. In den Zeiten der Völkerwanderung galt dem
Historiker Ammianus Marcellinus Serica als eine persische Provinz,
denn die Seide kam ja durch Vermittlung der Perser. Und als unter
Justinian die Seidenzucht selbst in Europa eingebürgert wurde, verlor
die continentale Seidenstraße allmählich vollends ihre Bedeutung und
hüllten sich die centralen Landschaften Asiens mehr und mehr in Dunkel.
Auch die nur kurze Zeit dauernden freundschaftlichen Beziehungen
zwischen dem Türkenfürsten am Balchaschsee und dem Kaiser Justinian
waren in geographischer Hinsicht von geringem Belang, denn schon im 7.
Jahrhundert wurden die Türken von den wieder vordringenden Chinesen
unterworfen. China erscheint in dieser Zeit bei den Byzantinern unter
dem Namen Taugas.

Eine völlige Umgestaltung der Verhältnisse führten nach der Gründung
des Islam die Araber herbei. Wie sie sich bisher an dem asiatischen
Landhandel nur im beschränkten Maße betheiligt hatten, so waren sie
im 7. Jahrhundert auch zur See über Indien noch nicht hinausgekommen
und lernten die Sundainseln mit ihren Produkten erst später kennen.
In raschem Siegeszuge fiel ihnen ganz Westasien zu, und so schob sich
ihr Weltreich seit dem Beginn des 8. Jahrhunderts zwischen China und
das Abendland ein. Seitdem der Herrschersitz der Chalifen an den
Tigris verlegt war, wurden die Pilgerkarawanen auch die Träger des
Landhandels. Basra erhob sich als neuer Stapelplatz, in den die Waaren
des Ostens einströmten. Mokadassi bezeichnet sehr charakteristisch den
persischen Meerbusen als das chinesische Meer. Ueber die Handelsplätze
auf der Halbinsel Malaka gelangten arabische Seefahrer schon im 8.
Jahrhundert nach China. Während sie sonst mit ihren aus Kokosplanken
ohne Eisennägel zusammengefügten Schiffen sich nicht von den Küsten
zu entfernen gewagt hatten, entlehnten sie von den Chinesen manche
nautische Verbesserung, bauten festere Schiffe und steuerten, auf den
Compaß vertrauend, über das hohe Meer in geradem Cours auf ihr Ziel
hin. Von den Vorhäfen Bagdads aus, zuerst von Siraf, sodann von der
Insel Kisch und in den letzten Jahrhunderten von Ormuz aus, machten
sie den Chinesen im Handel so bedeutende Concurrenz, daß diese immer
mehr zurückwichen. Aus dem Berichte des Kaufmanns Soleiman in der Mitte
des 9. Jahrhunderts lernen wir den Seeweg bis Chanfu (Hang-tschou-fu)
in China kennen. Die gewöhnliche Route nahm von dem Hafen Siraf in
Farsistan (etwa unter 70° ö. v. Ferro) ihren Anfang, berührte jenseits
der Ormuzstraße Maskat, erreichte in grader Fahrt nach der Malabarküste
den Hafenplatz Kollam (Quilon), etwa 9° N., und steuerte von hier um
Ceylon herum direct nach Malaka und weiter nach China. Wenig Jahre
später gab Abul Kasim Ibn Kordadbeh, der Postmeister des Chalifen
Motamid, dieselbe Handelslinie bereits nach Stationen und Entfernungen
an, ein Zeichen, daß dieser Weg stark frequentirt wurde. Jenseit Chinas
hört die Kenntniß auf, nur die Berge von Korea (Sila) steigen noch in
unsicheren Umrissen empor.

Aber wie die Chinesen aus dem Westen, wurden die Araber noch im 9.
Jahrhundert aus dem Osten, aus China wieder verdrängt und zogen sich
nach der Halbinsel Malaka zurück, wo sich als Hauptstapelplatz für die
Gewürze, Kampfer, feine Hölzer und Zinn von den Sundainseln der Ort
Kalah erhob. Von hier aus drangen die arabischen Schiffe bis Java und
weiter sogar bis zur Heimat der Gewürze, bis zu den Molukken vor. Die
Beziehungen zu China blieben aber nicht für die Dauer unterbrochen;
im 10. Jahrhundert besuchte einer der bedeutendsten arabischen
Reisenden, Masudi von Ceylon aus wieder die chinesischen Häfen. China
schildert er als ein entzückendes Land mit üppiger Vegetation und
von unzähligen Canälen durchschnitten. Aber Palmen trifft man dort
nicht. Die Einwohner dieses Reiches übertreffen alle andern Geschöpfe
Gottes an Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit. -- Daß der Seeverkehr
fortdauerte, läßt sich auch daraus schließen, daß um 1137 ein reicher
Kaufmann aus dem persischen Hafen Siraf das Heiligthum in Mekka mit
prächtigen Seidenstoffen schmücken ließ,[5] und daß noch im 13.
Jahrhundert Ibn Batuta, der größte arabische Reisende, nach China
gelangte.

Der innerasiatische Handel wurde nicht gestört, weil die Araber bei
ihren Siegeszügen mit den Chinesen nicht in Kriege verwickelt wurden.
Als etwa ums Jahr Tausend n. Chr. die ersten Türkenstämme sich zum
Islam bekehrten und selbständige Sultanate gründeten, welche erobernd
auch in Indien eindrangen, schoben sie sich zwischen die arabische und
chinesische Macht als Mittelglied ein.

Alle diese Verhältnisse wickelten sich aber im Oriente ab, ohne
directen Einfluß fürs Abendland zu gewinnen, ohne dem Westen
unmittelbaren Vortheil zu gewähren. Die lange Zeit erlahmt gewesenen
Beziehungen nahmen aber durch die Kreuzzüge einen unerwarteten
Aufschwung. Indem die Christen die syrischen Küsten besetzten und die
italienischen Handelsstädte aus den Erfolgen der Kreuzheere möglichsten
Gewinn zogen, wurde der Waarenzug nach den Ostländern ungemein belebt,
wenn auch ein persönliches Eindringen der Kaufleute in das Innere
der islamitischen Länder nicht statt hatte. Um dies zu ermöglichen,
bedurfte es eines ganz neuen, nicht durch religiösen Fanatismus
aufgeregten Factors, der vom Hochlandskerne Asiens her dem Westen zu
friedlichem Verkehre willig die Hand reichte. Das waren die Mongolen,
deren Einfluß aber am Anfange einer neuen Epoche steht und zu eng mit
der folgenden Zeit verbunden ist, so daß wir sie erst im zweiten Buche
eingehender behandeln können.

Von dem arabischen Wissen bezüglich der Erdkunde kam dem Abendlande
wenig oder gar nichts zu gute; die Kenntnisse von der östlichen Welt
blieben unsicher, bis neue christliche Berichterstatter als Augenzeugen
wieder von jenen Gebieten erzählen konnten.

Ebenso wenig erfuhr man in Europa von den Fortschritten, welche die
Araber an der Ostküste Afrikas, südlich vom „dritten Indien“ machten.
Während Ptolemäus in alter Zeit, sicher durch arabische Vermittelung,
seine Kunde von den Nilseen und den sogenannten Mondbergen erhalten
hatte, verlor man, seit Alexandrien in die Hand des Islam gefallen
war, die Beziehungen zum Ostrande des Afrika-Continents, wo arabische
Händler bis zum Goldlande Sofala gelangten, aber die Südspitze Afrikas
nicht erreichten, weil das produktenarme Land die Gewinnlust nicht
reizen konnte. Kostbare Erzeugnisse lockten allein in so entlegene
Regionen und trugen allein zu ihrem Bekanntwerden bei.



Zweites Capitel.

Die Abendseite der alten Welt.


Wir haben gesehen, wie weit hinaus die Morgenseite der Erde aufgesucht
wurde. Man gelangte zur See und zu Lande durch unermeßliche Räume
bis zum Ostrande der Landveste; aber in der weiten Entfernung vom
Kulturgestade des Mittelmeerbeckens verschwammen die scharfen Contouren
immer mehr. Seide und Gewürze waren die Lockmittel langwieriger,
beschwerlicher Reisen.

Die Abendseite bot ein beschränkteres Feld, da vom Ausgange des
Mittelmeeres die Ufersäume sich bald sowohl rechts als links bei der
Ausfahrt in den Ocean in nördlicher und südlicher Richtung weiter
erstreckten. Die afrikanische Westseite bot mit ihrer zunehmenden Oede
nur sehr geringen Anlaß, an dem schmachtenden, menschenleeren Strande
weiter vorzudringen. Wichtiger wurde frühzeitig die oceanische Seite
Europas durch das geschätzte Zinn und den räthselhaften Bernstein. Die
Aufhellung der Küsten unseres Continents ist diesen Handelswaaren zu
danken.

Die kühnen phönizischen Seefahrer monopolisirten anfänglich die
Weststraße. Von den spanischen Silbergruben drangen sie durch
die Säulen des Herkules ins Weltmeer. Nur beiläufig gedenken wir
der von Herodot, aber nicht ohne eignen Vorbehalt, mitgetheilten
Entdeckungsreise, welche im Auftrage Nechos um 600 vor Chr. von
phönizischen Schiffern rings um Afrika ausgeführt wurde. Wenn diese
große nautische That wirklich geschehen ist, hat sie doch keinerlei
nachhaltige Resultate erzielt oder in irgend einer Weise das
erdkundliche Wissen befördert; denn sie ist spurlos vorübergegangen.
Wichtiger jedoch war die Fahrt des Flottenführers Hanno, der von
Carthago, in einer nicht sicher zu bestimmenden Zeit, mit einem
Geschwader von 60 Schiffen und angeblich 30,000 Colonisten durch
die Meerenge segelte, um an der atlantischen Seite Afrikas Colonien
anzulegen und nach Vollendung dieser Aufgabe einen Entdeckungszug gegen
+Süden+ zu unternehmen. Unzweifelhaft gelangte Hanno an der Mündung
großer Ströme (Senegal und Gambia) vorüber bis dahin, wo sich über
dem tropischen, von echten Negern bewohnten Flachlande bedeutende
Berggipfel erhoben, deren einen er als den Götterwagen bezeichnete.
Der Bericht über diese sehr merkwürdige Reise hat sich in griechischer
Uebersetzung erhalten, leider die einzige größere nach Süden gerichtete
Unternehmung der Carthager, von welcher wir Kunde erhalten. Das
punische Monopol in diesen oceanischen Räumen wurde erst mit dem Fall
Carthagos gebrochen; zwar drang auch Euthymenes, ein Landsmann des
Pytheas, bis zum Senegal (Chremetes) vor, aber die Römer haben, wenn
auch Polybios in Begleitung Scipios die mauretanischen Küsten besuchte,
doch den Wüstensaum der Sahara nicht überschritten und blieben weit
hinter den Erfolgen Hannos zurück. Daß auch die Canarischen Inseln von
den Phöniziern aufgefunden sind, läßt sich aus ihrem ursprünglichen
Namen, die Inseln des Malkart oder Makar beweisen, ein Name, der
bei den Griechen ursprünglich in der Form Μακάρων νῆσοι auftritt,
woraus zunächst μακάριαι νῆσοι und lat. ~Insulae fortunatae~ wurde,
so daß dieselben dann als die glückseligen Inseln gepriesen wurden.
Die Gewinnung des Seepurpur (Purpurschnecke) machte diese Inseln den
tyrischen Färbern besonders werth.[6]

Wichtiger und häufiger besucht wurde die +Nordseite+ des oceanischen
Weges jenseit der gaditanischen Meerenge. Auch nach dieser Richtung
waren die Phönizier zuerst vorgedrungen, auch hier ist uns die
Ueberlieferung einer großen Fahrt, vielleicht mit der von Plinius
erwähnten Expedition des +Himilco+ identisch, überliefert, die
in mehrfachen Ueberarbeitungen und Uebersetzungen uns in der
Küstenbeschreibung des spätlateinischen Avienus aus dem 4. Jahrh. n.
Chr. erhalten ist. Wir lernen daraus die iberischen und gallischen
Küsten bis zu den Zinninseln kennen.[7] Da bereits, und sicher nur
aus punischen Quellen, Herodot die Fundstätte des Zinn erwähnt, ohne
ihre Lage zu kennen, denn er zweifelt an der Existenz von Zinninseln
(III. 115), so muß jene Fahrt schon längere Zeit vor Herodot gemacht
sein. Der Vater der Geschichte nennt aber zu gleicher Zeit auch den
Bernstein, was uns als Beweis gelten kann, daß zu seiner Zeit die
Phönizier auch in die Nordsee eingedrungen waren. Britannien und
Germanien, die Heimatsstätten von Zinn und Bernstein, waren für ihn
die äußersten Länder. Darüber hinaus ist auch die Schifffahrt weder
der Phönizier noch der Griechen gedrungen, und wie das äußerste Land
im Osten nach seinem wichtigsten Erzeugniß das Seidenland hieß, so
gab’s im äußersten Nordwesten Zinninseln und Bernsteinküsten. Der
Zinnhandel scheint sich in älterer Zeit auf der Insel Wight concentrirt
zu haben. Die granitenen Scilly-Inseln sind nur aus Unkenntniß der
Berichterstatter zu der Ehre gekommen, als die Cassiteriden, d. h.
Zinninseln angesehen zu werden. Einen sehr bedeutenden Fortschritt in
der Erkenntniß führt die Reise des +Pytheas+[8] von Massilia herbei,
welche in das letzte Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr. zu setzen ist.

Pytheas reiste als Kaufmann und Gelehrter; es war eine Entdeckungsreise
von hervorragender Bedeutung, welche zu derselben Zeit, als Alexander
der Große bis Indien vordrang, den Griechen die ersten zuverlässigen
Nachrichten über den äußersten Nordwesten der Erde brachten. Pytheas
hat Großbritannien und Irland umsegelt und gelangte nordwärts
bis zu den Hebriden, der später so oft genannten und in der Sage
vielfach vorkommenden ~+ultima Thule+~. Die Ursachen der Ebbe und
Flut und den Zusammenhang der Gezeiten mit der Stellung des Mondes
hat er zuerst erkannt. Er allein hat im hohen Norden astronomische
Breitenbestimmungen ausgeführt. Das Ziel, das er sich im Norden setzte,
den Polarkreis, hat er zwar nicht erreicht; aber trotzdem hat er zu
der Lösung des Problems, die Größe der Erde zu bestimmen, beigetragen.
Seine astronomischen Leistungen wurden von den Fachgenossen
Eratosthenes und Hipparch in vollem Maße gewürdigt, aber von Strabo
und Plinius, welche die meisten, aber leider entstellte Nachrichten
von ihm übermittelt haben, nicht verstanden. Pytheas berührt auch die
Bernsteinküste an dem deutschen Nordseestrande, aber die Ostsee war zu
seiner Zeit noch völlig unbekannt. Kein Grieche hatte eine Ahnung von
der Existenz des baltischen Meeres. Erst mit dem Vordringen der Römer
nach Deutschland erhalten wir Kunde von jenem größeren Binnenmeere,
und durch Plinius, der zuerst die Fundstätte des samländischen
Bernsteins nennt, wird auch ein Theil des Gegengestades, der großen
scandinavischen Halbinsel, als Insel unter dem Namen Scandinavia (=
Insel ~Skåne~) bekannt. Ihren continentalen Zusammenhang im Norden
lernte das Alterthum nicht kennen; weder Ptolemäus, noch Procopius
von Cäsarea wissen es, selbst noch der im 6. Jahrh. n. Chr. lebende
gothische Historiker Jordanus spricht von der Insel Scandza. Und doch
hatte Procopius durch sorgfältige Erkundigungen bei den aus dem Norden
stammenden Herulern erfahren, daß in jener großen Insel Scandinavia,
die er für Thule hielt, im höchsten Norden 40 Tage lang die Sonne im
Sommer nicht untergehe und ebenso lange im Winter nicht zum Vorschein
komme; auch kannte er die auf Schneeschuhen fahrenden Schrittfinnen.
Seine Ermittlungen reichten also weit über das Nordende des bottnischen
Meeres und über den Polarkreis hinaus; aber der Landzusammenhang mit
dem nördlichen Europa blieb im Dunkeln und wurde erst durch die Fahrten
der Normannen aufgeklärt.

[Illustration: Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König
Alfred d. Gr. von Ohtheres Reise. 9. Jahrh. (Cottonian Bibliothek des
British Museum zu London)[9]]

Das Nordende Europas umsegelte im 9. Jahrhundert zuerst ein
normannischer Edelmann +Ohthere+[10], der an der norwegischen
Küste, vielleicht noch jenseit des Polarkreises ansässig war.
Alfred der Große von England hat die Geschichte dieser merkwürdigen
Entdeckungsreise in seine angelsächsische Uebersetzung von Orosius
aufgenommen und überliefert. Ohthere erzählte danach seinem Herrn,
dem Könige Alfred, daß er in Halgoland nördlich von allen Normannen
an der Westsee ansässig sei. Dieser atlantischen Seite der Halbinsel
gegenüber war damals das baltische Meer auch schon unter dem Namen
Ostsee bekannt. Der Hauptreichthum der normannischen Edeln bestand
in Rennthierherden, woraus auf die hohe nördliche Lage des Besitzes
geschlossen werden kann. Das felsige Land erstreckte sich weit nach
Norden, war aber mit Ausnahme der wenigen Plätze, wo Finnen wohnten,
ganz öde. Diese Finnas (Lappen) beschäftigten sich im Winter mit Jagd,
im Sommer mit Fischfang. Ohthere wünschte nun, wie er dem König Alfred
berichtet, einstmals zu wissen, wie weit sich das Land noch gegen
Norden ausdehne, oder ob jemand noch nördlich von den Einöden wohne. Er
begab sich also zu Schiff und steuerte nach Norden, behielt das Meer
zur rechten und die See zur linken und segelte drei Tage lang, bis er
an die Nordgrenze der Fischereireviere kam. Nach anderen drei Tagen bog
das Land nach Osten um, mit günstigem Nordwestwinde schiffte er noch
vier Tage bis da, wo die Küste nach Süden vorlief. Südwärts steuerte
er fünf Tage, also um die Halbinsel Lappland herum in das weiße Meer
und kam zur Mündung eines Flusses, wo die Küsten wieder bewohnt waren,
während die nördlichsten Striche, an denen er vorüber gefahren, sich
menschenarm zeigten, außer wo ärmliche finnische Fischer, Vogelsteller
und Jäger ihr Leben fristeten. Hier an der Mündung eines Flusses,
vielleicht des Mesen oder gar der Dwina, wohnten zahlreiche Beorma
(Biarmier), dieselben schienen sprachlich mit den Finnen verwandt,
ließen aber die Normannen nicht weiter ins Land eindringen, erzählten
dagegen mancherlei über ihr eignes Gebiet und die Nachbarländer. Hier
erfahren wir auch, daß den kühnen Seefahrer nicht blos Wißbegierde
hinausgeführt, sondern daß er sein Absehen auf einen gesuchten Artikel,
auf Walroßzähne, gerichtet hatte, die er auch reichlich vorfand. Das
bewohnbare Land wird an der norwegischen Küste gegen Norden immer
schmäler, dahinter erheben sich die wüsten Gebirge, durch welche man
nach einer Wanderung von ein bis zwei Wochen bis nach Schweden gelangt,
das im Norden wieder vom Kwenaland (Finnland) begrenzt wird, ein Land,
das zwischen den Felswüsten von großen Süßwasserseen durchsetzt ist,
welche von Einwohnern mit kleinen leichten Kähnen befahren werden.

Aus dieser allgemeinen Schilderung des Nordens scheint nicht
hervorzugehen, daß Ohthere den Land-Zusammenhang Scandinaviens mit dem
Continente von Europa erkannte. Die Ostsee war in ihrem nördlichen
Theile noch unerforscht. Der Normanne Wulfstan, dessen Erzählung sich
gleichfalls in dem genannten Werke des Königs Alfred findet, kam auf
seiner Reise nicht weiter als Elbing. Auch der deutsche Historiker
Einhard sagt noch, daß die Länge der Ostsee unbekannt sei. Erst durch
Adam von Bremen erfahren wir im 11. Jahrhundert, daß das baltische Meer
im Norden geschlossen sei, und daß man zu Fuß von Schweden nach Rußland
gelangen könnte, wenn der Verkehr nicht durch die Feindseligkeit der
Bewohner gehemmt würde.

Aber noch zu dieser Zeit gelten Fahrten nach dem bottnischen und
finnischen Theil der Ostsee als gefährliche Wagnisse und wurden die
Namen kühner Seefahrer, wie jener des Normannen Ganund Wolf, für würdig
erachtet, der Nachwelt überliefert zu werden.

Weitaus wichtiger indeß waren für die Erweiterung der Kenntnisse die
wiederholten Streifzüge der Wickinger durch den nördlichen Ocean,
über Schottland und Norwegen hinaus ins Dunkelmeer. Auf den Faröer
und auf Island trafen sie irische Mönche und Einsiedler an, so daß
es scheinen könnte, als ob britannische Anachoreten die Entdecker
gewesen. Und doch muß es als wahrscheinlicher bezeichnet werden, daß
die Geistlichen erst, nachdem die Kunde von der zufälligen Entdeckung
durch normannische Seefahrer zu ihnen gelangte, sich in die Einsamkeit
dahin begeben und später von den Seeräubern wieder verdrängt worden
seien. So berichtet Dicuil, der um 825 schrieb,[11] daß vor hundert
Jahren Eremiten von Irland aus die Felsklippen der Faröer aufgesucht,
aber sich vor den Seeräubern wieder zurückgezogen hätten, so daß diese
Inseln, die kein früherer Schriftsteller erwähne, nun menschenleer,
aber von unzähligen Schafen und von schwärmenden Seevögeln allein
belebt seien. Noch später, etwa in den letzten Jahren des 8.
Jahrhunderts hatten Geistliche auch einen Sommer auf Island, (dem Thule
Dicuils) zugebracht. Der erste skandinavische Pirat, der ihnen folgte,
war Nadodd, der auf der Fahrt von den Faröer nach Norwegen durch Sturm
nach Island verschlagen wurde. Da er in dem öden Lande keine Spur von
Menschen fand, kehrte er nach den Faröer zurück. Und doch waren einige
wenige Mönche dort ansässig gewesen. Nadodds Fahrt fällt wohl ins
Jahr 867. Island wurde aber in der nächsten Zeit mehrfach aufgesucht,
ja man darf wohl sagen, ein beliebtes Ziel für Auswanderer, so daß
bald alles urbare Land seinen Herrn gefunden hatte. Aber die unsteten
Gesellen fanden auch hier selten Ruhe. Wie sie vielfach nur aus Noth
oder Zwang die Heimat aufgegeben hatten, trieb die innere Unruhe oder
der Hang zu abenteuerlichen Fahrten weiter und machte sie zu Entdeckern
Grönlands und damit zu den ersten Europäern, die amerikanischen Boden
betraten. Der erste, welcher das Land sah und zwar wahrscheinlich im
ersten Drittel des 10. Jahrhunderts, war Gunnbjörn; derselbe wurde auf
der Fahrt nach Island zu weit westwärts getrieben und entdeckte die
nach ihm benannten Gunnbjörn-Scheeren, hinter deren Klippen sich ein
großes Land zeigte, Grönland. Etwa 50 Jahre später suchte Snaebjörn
die Inselgruppe von neuem auf, und um 985 oder 986 ließ sich Eirik
der Rothe zuerst dort nieder. Er hatte wegen Todtschlags aus Norwegen
weichen müssen, ging nach Island, wurde auch dort ausgewiesen, wandte
sich 982 nach Gunnbjörns Land und belegte es in den folgenden Jahren,
um Ansiedler herüberzulocken, mit dem Namen „Grünes Land“, Grönland.
Die Niederlassung erfolgte unter nicht unbedeutendem Zuzug von Island.
Die neue Küste war bereits von Eskimos bewohnt gewesen, wie man aus
den vorhandenen Erdwohnungen ersah. Infolge des lebhaften Verkehrs,
der sich von Grönland aus bis nach Norwegen entwickelte, drang die
Kunde der Entdeckungen auch bis zu den norddeutschen Seestädten. Adam
von Bremen berichtet,[12] daß von der Weser aus friesische Männer eine
Fahrt nach dem Norden, die erste deutsche Polarfahrt, unternahmen
und daß sie über Island hinaus durch ein von den dichtesten Nebeln
bedecktes Meer nach langer beängstigender Fahrt gegen eine Felsenküste
geführt wurden, deren im Kreise sich erhebenden Felszinnen den
Anblick einer wohlbefestigten Stadt zu bieten schienen. Dort trafen
sie Menschen an, welche in Erdhöhlen wohnten. Als aber einer von der
Mannschaft von einem riesigen Hunde vor den Augen der erschreckten
Genossen überfallen und zerrissen wurde, flohen sie auf die Schiffe und
wandten sich zur Heimkehr. Diese merkwürdige Expedition fällt in die
erste Hälfte des 11. Jahrhunderts.

Die Normannen hatten inzwischen noch weitere Entdeckungen gemacht. Ari
Marsson wurde von Island nach Hvitramannaland (Weißmännerland) oder,
wie man es später auch nannte, nach Groß-Irland verschlagen; ebendahin
geriethen in gleicher Weise bald darauf Björn Breidvikingakappi und
Guðleifr Guðlaugsson. Wir haben unter diesem Weißmännerlande irgend
einen nicht näher zu bestimmenden Theil der nördlichsten Küsten
Amerikas zu verstehen. Auch Bjarni entdeckte um 986 auf seiner Fahrt
von Island nach Grönland neue Länder, welche bald darauf von Leif,
dem Sohne Eiriks, weiter erforscht wurden. Zuerst gerieth er, etwa
um 1001 oder 1002, an ein klippenreiches Gestade, dem er den Namen
Helluland beilegte (von Häll, die Felsenplatte), dann fand er weiterhin
bewaldetes Gebiet, welches er daher Markland nannte, zuletzt traf ein
Deutscher, der die Fahrt mitmachte, Namens Tyrkir (Dietrich) sogar
wilden Wein. Diesen Landstrich taufte man Weinland (Vinland); demnach
muß Leif fast bis zu 41° n. Br., also bis an die vorspringende Küste
des heutigen Massachusetts vorgedrungen sein. Diese wichtige Entdeckung
rief sofort eine Reihe von Versuchen hervor, an jener günstigen Küste
Niederlassungen zu gründen. Aber die Angriffe der Eingebornen und die
Greuelthaten der wilden Normannen gegen einander vernichteten sehr
bald den Keim der Colonisation, doch verbreitete sich die Kunde von
jenem Lande bis nach Deutschland, wo auch Adam von Bremen die Insel
Winland nennt. Gänzlich hörte indeß der Verkehr dahin auch in der
Folgezeit nicht auf, wiewohl die Entdeckungen nun eine andere Richtung
einschlugen und im 13. Jahrhundert die Westküste Grönlands enthüllten.
Grönländische Geistliche segelten im Jahre 1266 die Baffinsbai
hinauf und gelangten, wie man aus den Angaben, welche über den
Sonnenstand am 25. Juli jenes Jahres gemacht wurden, schließen kann,
vielleicht bis über den 75° n. Br. hinaus. Bald nach der Entdeckung
der Polarländer gewann das Christenthum festen Boden. Seit dem Anfang
des 12. Jahrhunderts erhielt Grönland seinen eignen Bischof; der
letzte derselben, welcher sein Bisthum selbst verwaltete, war Alfr,
von 1368 bis 1378.[13] Seit der Zeit gab’s nur noch Titularbischöfe,
deren Reihe erst 1537 schließt, so daß also noch nach der Reformation
der Name Grönland fortlebt, wenn auch das Land thatsächlich wieder
verschollen war. Wie unklar und verschwommen die Vorstellung von
jenem Lande geworden war, lehrt ein Blick auf die Weltkarte, welche
in der berühmten Ausgabe des Ptolemäus, Straßburg 1513 erschien, und
in welcher Grönland als eine langgestreckte Halbinsel dargestellt
ist, die an Nordeuropa, etwa an die Halbinsel Lappland angesetzt ist
und gegen S.-W. sich erstreckend über Scandinavien und Großbritannien
hinaus in den Ocean hineinreicht.[14] Noch phantastischer ist im
venetianischen Ptolemäus von 1562 auf der ~Carta marina nuova tabula~
das nordische Ländergemälde ausgefallen. Auch hier ist Grönland in
gleicher Weise mit Scandinavien verbunden, hängt aber auf der andern
Seite des westlichen Oceans mit Montagna verde (Vermont) in Nordamerika
zusammen, welches wiederum auf breitestem Raume in Ostasien übergeht,
so daß man trocknen Fußes von China über Nordamerika nach Scandinavien
wandern kann. Möglicherweise ist diese Verzerrung der Küstenumrisse
daraus entstanden, daß man im Mittelalter schon von einem Manne zu
erzählen wußte, der diesen Weg von Grönland nach Scandinavien wirklich
zurückgelegt habe, indem er sich unterwegs von der Milch einer
mitgenommenen Ziege nährte.

Jedenfalls leuchtet aus diesen irrigen Auffassungen der Lage Grönlands
hervor, daß man die normannischen Colonisationsgebiete im hohen Norden
nicht als Theile eines transatlantischen Gegengestades ansah. Daher
knüpften auch in späterer Zeit die Entdeckungsfahrten hier nicht an,
um an den Küsten weiter tastend, etwa Länderstriche in heißer Zone zu
gewinnen.

Indessen belebte sich der atlantische Ocean immer mehr mit allerlei
phantastischen Inselgebilden, die man zum Theil geneigt war als
Stationen, je mehr gegen Westen desto mehr, zunehmender Glückseligkeit
aufzufassen. Das Alterthum kannte nur die Canarischen Inseln als
~insulae fortunatae~. Im Mittelalter bildeten sich aber immer
lebhafter die Vorstellungen aus von friedlichen, paradiesischen
Eilanden im fernen Westmeere, welche weltflüchtigen Anachoreten
zum beneidenswerthen Asyle dienen sollten. Wir wissen bereits, daß
irische Christen von der Welt abgeschieden auf den Faröer und auf
Island lebten; und ist es kein zufälliges Zusammentreffen, daß die
Inselparadiese im Westmeere der Sage nach sollen von Irland aus
gefunden sein. Die geographischen Träumereien, welche sich an den erst
durch Mißverständniß gebildeten Namen der ~insulae fortunatae~ (s. S.
13) anlehnten, die man im Mittelalter als die Inseln der Seligen pries,
belebten sich namentlich auf den britischen Inseln, von wo ja manche
die Einsamkeit aufsuchende Geistliche sich nach entlegenen Inseln
flüchteten und wo, wie das Beispiel des irischen Mönches Dicuil im 9.
Jahrhundert zeigt, aus den Schriften eines Plinius und Solinus alle
Andeutungen zusammengelesen wurden, welche auf die Existenz ferner
atlantischer Inseln hinwiesen. Die thatsächlichen Irrfahrten jener
frommen Asketen, von denen manche, wie wir gesehen haben, sich über die
Faröer hinaus wagten, veranlaßten auch mancherlei mythische Berichte
von Wunderreisen. Den Mittelpunkt dieser Sage bildet die Legende von
den Schifffahrten des +heiligen Brandan+ oder Brandon, der gegen Ende
des 6. Jahrhunderts mit vielen Genossen von Irland aus nach einem
solchen wunderbaren Eilande ausfuhr. Der Glaube an seltsame Inseln
taucht schon in Plutarch (Ueber den Verfall der Orakel) auf, welcher
berichtet, daß um Britannien herum viel öde Inseln lägen, während
die wenigen Bewohner auf andern Eilanden für heilig und unverletzbar
gelten. An einer andern Stelle (Vom Gesicht im Monde) schildert er, daß
fünf Tagereisen westwärts von Britannien einige Inseln und dahinter
ein großes Festland liegen. Die Natur der Inseln und die Milde der sie
umgebenden Luft sei wunderbar. -- Der heilige Brandan kam nun, wie
die Sage berichtet, wirklich zu einer paradiesischen Insel und kehrte
erst nach jahrelangen Irrfahrten wieder heim. Die weite Verbreitung
dieser Geschichte läßt sich daraus erkennen, daß sie fast in allen
Sprachen des Abendlandes auftaucht und daß die Kartenzeichner des
Mittelalters sie mehrfach, man möchte sagen zur Ausschmückung des
nur spärlich von Inseln belebten westlichen Oceans verwendeten; aber
besonders beachtenswerth bleibt dabei, daß die heilige Brandans-Insel
im Lauf der Jahrhunderte immer weiter nach Süden rückt. Während wir
nach der Sage dieses Elysium der Westsee unter der Breite Irlands
suchen müssen, verlegt die Karte des Venezianers Pizigano, von 1367,
dieselbe nach Madeira, der Ritter Martin Behaim auf seinem Erdapfel
von 1492 südwestlich von den Capverden in die Nähe des Aequators. Die
Veranlassung dazu gab die seit dem Wiederauffinden der Canarien immer
wieder auftretende Behauptung, daß man am westlichen Horizont von
Zeit zu Zeit eine Gebirgsinsel stets in gleicher Gestalt und Lage in
weiter Ferne auftauchen sehe. Das Trugbild mag durch eine Nebelbank
entstanden sein, allein der Glaube an die Existenz der Insel war so
fest, daß sich ein portugiesischer Ritter sogar mit diesem noch erst zu
entdeckenden Besitze belehnen ließ und daß selbst bis 1750 immer noch
Versuche gemacht worden sind, um sie aufzufinden.

Die Geschichte der Brandans-Insel steht übrigens keineswegs vereinzelt
da, wenn es sich um alte Sagen von einsamen, fruchtbaren atlantischen
Inseln handelt. Schon Aristoteles und nach ihm Diodor von Sicilien noch
ausführlicher wissen von Inseln jenseits der gaditanischen Meerenge,
welche von Phöniziern entdeckt und später von den Carthagern ausersehen
sein sollten, ihnen für Unglücksfälle, wenn etwa ein vernichtender
Schlag ihre Vaterstadt träfe, eine Zufluchtsstätte zu gewähren.
Diese Ueberlieferung aus dem Alterthum lebt in einer spanischen Sage
wieder auf, wonach zur Zeit, als die Mauren durch den entscheidenden
Sieg über die Gothen bei Jerez de la Frontera die Herrschaft über
Spanien gewannen, ein Erzbischof nebst 6 Bischöfen sollten, um ihren
Glauben zu retten, auf eine entlegene atlantische Insel geflohen
sein. Dort gründeten sie sieben Städte, wonach die Zufluchtsstätte
die Insel der sieben Städte (~sette cidades~) genannt wurde. Aber auf
den Karten erscheint dieses Phantasiebild nicht vor dem Anfang des
15. Jahrhunderts. Man warf es bald mit einem andern Eilande von noch
räthselhafterer Benennung, mit der Insel Antillia zusammen, welche erst
im Zeitalter des Columbus ihre Bedeutung gewann; daher hier vorläufig
nur ihre Erwähnung genügt. Auch die Insel Brasil (Brazie) westlich von
Irland kann unter diese wesenlosen Gebilde der Phantasie gerechnet
werden, von andern unwichtigeren zu schweigen.

Mochten auch mancherlei Fahrten ins Blaue auf der Jagd nach solchen
oceanischen Paradiesen angestellt sein, greifbare Resultate mußten
noch ausbleiben, so lange man eines sichern Führers im freien Meere
entbehrte. Dieser bot sich aber erst im 13. Jahrhundert dar, seitdem
man die +polare Richtkraft des Magneten+ entdeckt hatte. Ohne alle
Frage haben die Chinesen diese Kraft viel früher erkannt als das
Abendland; aber wir haben keinen Anhalt dafür, es fehlt uns jeder
Nachweis, daß die Magnetnadel aus dem Osten Asiens zu uns gewandert
wäre. Zwar liegt es nahe, an die vermittelnde Hand arabischer Seeleute
zu denken, welche mit der chinesischen Handelsmarine auf dem indischen
Ocean in häufige Berührung traten, manche Verbesserungen im Seewesen
von jenen Ostasiaten entlehnten und selbst bis nach China ihren Verkehr
ausdehnten. Allein dann dürften wir auch erwarten, daß in jenen
europäischen Gewässern, wo die Araber wiederum mit den seetüchtigen
Völkern des Abendlandes zusammentrafen, auf dem Becken des Mittelmeeres
und in den an seinen Ufern gelegenen Seestädten ein für die Schifffahrt
so wichtiges Instrument wie der Compaß zuerst erwähnt und gewürdigt
worden wäre. Doch dem ist nicht so. Man dürfte auch wohl erwarten,
daß der berühmte Marco Polo, der für alles, was den Handel betrifft,
ein besonders scharfes Auge besaß, und der seine weiten Seereisen im
chinesischen Meere und durch den indischen Ocean auf chinesischen
Schiffen ausführte, die Magnetnadel erwähnt und beschrieben haben
würde, wenn in den östlichen Gebieten der alten Welt die praktische
Verwendung des Instruments bereits eine allgemeine gewesen wäre. Aber
Polo gedenkt desselben mit keiner Silbe. Und in Europa treffen wir
auf die früheste Erwähnung der magnetischen Kraft gerade in Gegenden,
welche von arabischem Einfluß nie berührt sind, nämlich in England und
Nordfrankreich. Sonach darf man die Vermuthung aussprechen, daß die
Nordweisung der magnetischen Nadel wie am Ostrande der alten Welt,
so auch am Westrande derselben selbständig entdeckt ist, gerade so
gut, wie das Abendland den Bücherdruck und das Porzellan, auch zwei
chinesische Erfindungen, für sich wieder erfunden hat. Die beiden
ältesten Gewährsmänner, welche den Magnet erwähnen, sind der Engländer
Alexander Neckam, welcher seit 1180 Professor in Paris war, und der
nordfranzösische Dichter Guiot aus Provins. Es darf dabei nicht
unerwähnt bleiben, daß gegen das Ende des 12. Jahrhunderts mit der
Wiederaufnahme des Studiums der physischen Schriften des Aristoteles an
der Universität zu Paris das Studium der Naturwissenschaften neu belebt
wurde. Wie nahe liegt da der Gedanke, jene neue, wichtige Erfindung,
welche wir gleichsam in der Nachbarschaft von Paris zuerst erwähnt
finden, sei auch dort wirklich gemacht. Alexander Neckam schrieb seine
Abhandlung: ~de Utensilibus~ und sein Werk: ~de Naturis rerum~ im
letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts, das satirische Gedicht Guiots,
~la Bible~, wurde im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts verfaßt.
Die ursprünglichste, roheste Art der Anwendung des Magneten, denselben
in einem Strohhalm auf dem Wasser schwimmen zu lassen, wich allmählich
der verbesserten Methode, den Nordweiser auf eine Nadelspitze zu
legen. Dabei muß es befremden, diese ursprüngliche Form noch 1258
erwähnt zu sehen. In diesem Jahre besuchte Brunetto Latini, aus Florenz
vertrieben, den berühmten Roger Bacon und schreibt, dieser habe ihm
unter andern einen Magneten gezeigt, der die überraschende Eigenschaft
besitze, das Eisen anzuziehen. Wenn man eine Nadel darauf reibt und
diese nachher an einem Strohhalm befestigt und auf dem Wasser schwimmen
läßt, dann dreht sich die Nadel mit der Spitze gegen den Polarstern.
Aber wiewohl diese Entdeckung für alle Seereisende von so hohem Werthe
zu sein scheint, so muß sie zur Zeit doch noch geheim gehalten werden,
weil es kein Schiffscapitän wagen darf, sie anzuwenden, da er sonst
sofort in den Verdacht der Zauberei verfiele; auch würde kein Matrose
mit ihm gehen, wenn er ein solches Instrument mitnähme, das offenbar
unter der Beihilfe höllischer Mächte entstanden.[15] Am Mittelmeere muß
also zur Zeit Latinis die Erfindung noch unbekannt gewesen sein, und
ans Mittelmeer müßte die Magnetnadel doch zuerst gekommen sein, falls
sie uns durch die Vermittelung der Araber sollte aus China überbracht
sein.

Nach 1270 wird auch die Strich- oder Windrose mit der Nadel in
Verbindung gebracht, und so sehen wir die Bussole (ein Wort
holländischen Ursprungs) fertig vor uns. Was für Verbesserungen der
so oft als Erfinder des Compasses genannte Flavio Gioja aus dem
Herzogthum Amalfi, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts
gelebt haben soll, angebracht haben kann, ist nirgends ersichtlich.
Der Compaß war nachweisbar vor seiner Zeit auf den Schiffen allgemein
in Gebrauch, was sich vor allem aus dem glänzenden Aufschwung der
nautischen Kartographie ergibt, welche uns ganz bestimmt ins 13.
Jahrhundert zurückführt. Denn die erste nur mit Hilfe der Bussole
in solcher Treue mögliche Darstellung der Küstenumrisse des ganzen
Mittelmeeres, welche uns Marino Sanudo um 1320 überliefert hat, setzt
jahrzehntelange Specialaufnahmen voraus, aus denen Sanudos Bild
zusammengesetzt ist. Und hier ist nicht zu leugnen, daß die Seeleute
des Mittelmeeres sich die neue Erfindung am trefflichsten zu Nutze
machten und ihren Werth allseitig erkannten. Die Umgestaltung, welche
die Kartographie erfuhr, war eine fundamentale. Statt wie im früheren
Mittelalter nach dem Paradiese im äußersten Osten, orientirte man sich
nach dem Polarstern, auf den die Magnetnadel wies und entwarf danach
die Karten. Der Schiffer gewann mit Compaß und Seekarten auf freiem
Meere ein bisher nicht gekanntes Gefühl der Sicherheit und steuerte
verwegener in die dunkle Salzflut hinaus. Dauernde, auch der Nachwelt
in sicherer Begrenzung überlieferte Entdeckungen wurden erst seit dem
13. Jahrhundert möglich; und schon der Ausgang dieses Jahrhunderts
zeigt uns zwei Beispiele eines kühnen Seezuges. Denn im Jahre 1281
machten die Gebrüder Vadino und Guido de Vivaldi von Genua aus den
Versuch, um Afrika herum nach Indien zu segeln, ein Unternehmen, das
1291 von Ugolini Vivaldi und Teodosio Doria wiederholt wurde. Allein
resultatlos, denn diese Expeditionen sind verschollen.

Wichtiger und folgenreicher, weil „das nächste mit dem nächsten klug
verknüpfend“, waren die Fahrten der genuesischen und venetianischen
Kauffahrer nach der atlantischen Seite Europas, nach den Niederlanden
und Britannien. Erst unter der zuverlässigen Führung der Bussole
erwachte der Seeverkehr auf dem Ocean. Dem Alterthume war die Westküste
unseres Erdtheils im höchsten Grade unwirthlich erschienen. Zu Strabo’s
Zeiten war die Nordseite Spaniens besonders verrufen. „Dieser Strich,“
sagt er, „hat als Oceansküste die Zugabe empfangen ohne Verbindung
und Verkehr mit andern zu sein, so daß er sich durch Mißlichkeit der
Bewohnung auszeichnet.“ Und auch im Mittelalter tasteten zwar einzelne
Pilgerschiffe, die das heilige Land aufsuchten, sich in langsamer Fahrt
an den Küsten hin, bis sie in die Säulen des Herkules einliefen; aber
von einem regen Verkehr war nicht die Rede.

Da eröffneten, etwa gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts, die Italiener
den directen Seeweg zu den niederländischen Städten. Sie liefen wohl
auf halbem Wege in den günstig gelegenen Hafen von Lissabon ein und
erregten dadurch den Eifer der Portugiesen, welche bald den Seeruhm
ihrer Lehrmeister überstrahlen sollten. Der König Diniz war der erste,
der sein Volk auf diesen neuen Pfad des Gewinnes und des Ruhmes mit
Erfolg hinwies. Wenn uns berichtet wird, daß noch im Laufe des 14.
Jahrhunderts im Hafen von Lissabon zu Zeiten 400 bis 500 Seeschiffe
lagen, so kann man aus dieser Zahl allein schon auf den wachsenden
Verkehr im Ocean schließen.

Sicher wurden durch einzelne vom Wetter aus ihrem Cours gedrängte
Schiffe die Canarischen Inseln wieder aufgefunden. Wiederholt tauchen
in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Nachrichten von jenen
Eilanden auf, ohne daß man den oder die Entdecker mit Gewißheit nennen
könnte. Am wahrscheinlichsten waren es Genuesen, aber auch Portugiesen
und Franzosen drangen fast gleichzeitig zu den glückseligen Inseln
vor, deren Anblick ihren Erwartungen von paradiesischen Fluren nicht
entsprach. Im Jahre 1341 schickte Alfons IV. mehrere Schiffe dahin
ab unter dem Commando eines Genuesen und Florentiners. Nach einer
günstigen Fahrt von 5 Tagen kam das Geschwader im Anfang Juli zu den
Canarien, besuchte im Laufe des Sommers mehrere von den 14 größeren
und kleineren aufgeführten Inseln, darunter namentlich Canaria und
wahrscheinlich auch Ferro und Forteventura, beschrieben auch den Pik
von Teneriffa und kehrten im November zurück. In einer päbstlichen
Verleihungsurkunde von 1344 wurden Canaria, Vingaria, Pluviaria,
Capraria, Junonia, Embronea, Atlantica, Hesperidum, Cernent, Gorgones
und Galeta namhaft gemacht, doch gehören einige darunter nicht zu den
Canarien, Galeta liegt gar an der Küste von Tunis. Zuerst setzten sich
Genuesen auf den Canarien fest, der Ritter Lancelot aus dem adligen
Geschlechte der Malocelli in Genua legte auf der einen Insel eine
Burg an, dieselbe erscheint auf der catalanischen Karte von 1375 als
Lanzeroto Maloxelo. Und wenn bereits auf dem mediceischen Portulan
von 1351 neun Inseln mit neuen Namen uns begegnen, deren Form auf
genuesischen Dialect hindeutet, so erkennen wir daraus, daß der ersten
von Portugal ausgesandten Expedition bald genuesische Unternehmungen
gefolgt waren.

Dahin gehören Parme (~J. de li Parme~), Palma, die Insel der Palmen,
Linferno, die Insel der Unterwelt, womit Teneriffa bezeichnet wird,
wegen seines hohen Vulkans.

Um dieselbe Zeit, vielleicht um das Jahr 1346, fällt auch die Fahrt
des englischen Ritters Machim, der auf seiner Flucht von England nach
Madeira verschlagen wurde.

Auch diese letztere Inselgruppe treffen wir bereits auf dem Portulan
von 1351.[16] Neben der kleinern Insel, die noch jetzt den Namen
Porto santo trägt, erscheint die größere I. de lo legname, d. h.
Holzinsel; offenbar ein italienischer Name, den die späteren Besitzer,
die Portugiesen, in den bekannten Madeira, übersetzt haben. Sogar die
ferner liegenden Açoren sind schon aufgefunden; die südöstliche Gruppe
derselben trägt die Bezeichnung ~insula de Cabrera~ (Ziegeninsel).

[Illustration: Karte von Afrika in einem Portulano (Seekarte) von 1351.
(In der Laurentinischen Bibliothek zu Florenz.)]

So hatte man also um die Mitte des 14. Jahrhunderts den Stand der
Kenntniß des Alterthums mindestens wieder erreicht. Den Portugiesen war
es im nächstfolgenden Zeitraume vorbehalten, die Grenzen der bekannten
Welt weiter hinauszurücken und, nachdem die westlichen Gestadelinien
der alten Welt vom südlichen Cap Afrikas bis zum Nordcap Europa im
allgemeinen ans Licht getreten war, den Anstoß zu geben für die erste
planmäßige Durchschiffung des westlichen Oceans.

Am Schlusse dieses Abschnittes haben wir noch die Reisen der
venetianischen Gebrüder +Nicolo+ und +Antonio Zeno+ zu untersuchen,
welche in den Ausgang des 14. Jahrhunderts fallen, und sich auf dem
Gebiete der normannischen Seezüge im nördlichen atlantischen Ocean
zwischen Scandinavien und Grönland bewegten, aber der Deutung und
Erklärung im einzelnen große Schwierigkeiten entgegensetzten, so daß
die Untersuchungen zu ganz abweichenden Ergebnissen geführt haben.
Die Schwierigkeiten entstanden vor allem bei dem Versuch, die Namen
der Localitäten zu enträthseln, welche den Schauplatz der Erlebnisse
bilden, und die den alten Bericht begleitende Karte einerseits mit
dem Texte, andrerseits mit den gegenwärtig vollständig bekannten
thatsächlichen Verhältnissen jenes Theiles der Erdoberfläche in
Einklang zu bringen. Am meisten hat sich R. H. Major in London um das
Verständniß verdient gemacht.[17] Daß dabei nicht von einer fingirten
Reise und einer Fälschung die Rede sein kann -- denn auch diese Ansicht
ist laut geworden -- beweist die thatsächliche Kenntniß nordischer
Verhältnisse, welche nicht blos alles übertrifft, was das Mittelalter
in Europa über jene Gegenden wußte, sondern auch die Kenntniß in der
Mitte des 16. Jahrhunderts übertrifft, wo der merkwürdige Bericht
zuerst veröffentlicht wurde.

Der Thatbestand ist nun folgender: Am Ende des 14. Jahrhunderts,
wahrscheinlich 1390, und nicht 1380, wie Text und Karte angibt, rüstete
Nicolo Zeno, einer alten venetianischen Adelsfamilie entstammend,
aus eigenen Mitteln ein Schiff aus, um, mehr aus Neugier als aus
Drang zu neuen Entdeckungen, den Norden Europas zu besuchen. Seit
einem Jahrhunderte bereits befuhren venetianische Handelsschiffe
den atlantischen Ocean von den Säulen des Herkules bis Flandern und
Süd-England. Zeno strebte noch weiter nach Norden. Ein Sturm trieb
sein Schiff über Britannien hinaus und warf es an den Strand der Insel
Friesland (Faröer). Aus den Händen der Strandräuber, welche sich des
Strandguts bemächtigten, befreite die Schiffbrüchigen der Beherrscher
eines Nachbargebietes, welchen Zeno Zichmni nannte. Aus Dankbarkeit
trat der Venetianer in die Dienste seines Befreiers und lud nun seinen
in Venedig weilenden Bruder Antonio brieflich ein, zu ihm zu kommen.
Antonio folgte dieser Einladung. Vier Jahre nach seiner Ankunft auf
den nordschottischen Inseln starb Nicolo in Friesland. Antonio blieb
aber noch 10 Jahre und schrieb während dieser Zeit mehrere Briefe
an seinen Bruder Carlo, der in Venedig eine hervorragende Rolle
spielte. Die Briefe der venetianischen Nordlandsfahrer blieben im
Familienarchive zu Venedig, bis ein späterer Nachkomme des Geschlechts,
Nicolo Zeno der Jüngere, geb. 1515, als unverständiger Knabe diese
Dokumente durch Zufall in die Hände bekam, und da er ihren Werth nicht
kannte, zum Theil zerriß. Erst später, in reiferen Jahren, suchte
er die Bruchstücke zusammen und entwarf danach die Geschichte jener
abenteuerlichen Fahrten seiner Vorfahren. Auch copirte er eine alte,
halb vermoderte Originalkarte und ergänzte sie nach seinem Verständniß
und seiner Auffassung. Das Ganze veröffentlichte er dann 1558 unter dem
Titel: ~Dello scoprimento dell’ Isole Frislanda, Eslanda, Engronelanda,
Estotilanda, Icaria, fatto per due fratelli Zeni, M. Nicolo il
Cavaliere et M. Antonio.~

[Illustration: _Gailland, Berlin, phototyp._

Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno. (Copie in ca. ¼ der
Größe des Originals von 1558.)]

Joh. Reinhold Forster wies 1784 in seiner Geschichte der Entdeckungen
und Seefahrten im Norden (S. 217-250) zuerst auf die Glaubwürdigkeit
und den Werth des Berichtes hin. Auch Al. v. Humboldt sprach sich
in seinen kritischen Untersuchungen etc. (deutsch v. Ideler, Bd. I,
337) dahin aus, daß, wenn man den Bericht ohne vorgefaßte Meinung
untersuche, man in demselben Wahrheitsliebe und eine ins Einzelne
gehende Beschreibung von Gegenständen finde, zu welcher nichts in
Europa den ersten Gedanken an die Hand gegeben haben könnte. Dagegen
erklärte der dänische Admiral Zahrtmann (~Journal Royal geogr. Soc.
London. Vol. 5~) das Ganze für eine Erfindung des jüngeren Zeno.

H. Major hat nun die Echtheit des Berichts zuerst an den Oertlichkeiten
der Faröer nachgewiesen. Es handelt sich um einen Wikingerzug des
Zichmni, des Herrn von Porlanda und Sorona.

Die Namen sind sämmtlich nur nach dem Gehör, nach dem Klange der
Aussprache aufgefaßt und dann dem Italienischen angepaßt und umgeformt.
So hat bereits Forster gefunden, daß in dem räthselhaften Zichmni der
schottische Häuptling Henry +Sinclair+ of Roslyn steckt, welcher von
Hakon VI. von Norwegen die Herrschaft über die Orkneys und Caithneß
erhielt. Der Pentland-Firth scheidet die beiden Besitzungen. Aus
Pentland macht der Italiener Porlanda und die begleitende Karte
entstellt diesen Namen, durch falsche Lesung, in Podanda (für ~rl~ ist
~d~ gesetzt).

Aus Caithneß wird Contanes und unter Sorona ist die kleine Insel
Swona in dem Pentland-Firth zu verstehen. Zichmnis Geschwader wollte
Friesland erobern. Im Altdänischen aber heißt die Faröergruppe
Faeröisland, und in der Biographie des Columbus erzählt sein Sohn
Ferdinand, daß sein Vater im Jahre 1477 von Bristol nach Frislanda
gesegelt sei. Daraus wird die Identität von Faröer und Friesland
ersichtlich. Daß aber der jüngere Zeno diesen Namen nicht aus der
Biographie des Columbus entlehnen konnte, erhellt daraus, daß diese
Lebensbeschreibung später, nämlich erst im Jahre 1571, also +nach+
dem Reisebericht Zenos veröffentlicht wurde. Wenn die alte Karte
Friesland als eine compakte große Insel darstellt, so fällt dieser
Irrthum vorwiegend dem jungen Zeno zur Last. Zichmnis Flotte nahm ohne
große Schwierigkeit die Inseln Ledovo und Ilofe (verschrieben für
Slofe) und andere kleine Inseln im Golfe Sudero in Besitz. In diesem
Golf erkennen wir den Suderoefjörd zwischen den beiden Inseln Suderoe
und Sandoe. Dann ergibt sich für Ledovo die kleine fast unzugängliche
Felseninsel Little Dimon und für Slofe das Nachbareiland Skuoe. Weiter
ging das Geschwader nach dem Hafen Sanestol (d. h. Sandoe) und landete
bei dem Orte Bondendon (wahrscheinlich Norderdahl auf Stromoe). Von
hier zogen die Eroberer quer durch die Insel zur Hauptstadt Frislanda,
welche an einer sehr fischreichen Bai lag, von wo sich Schiffe von
Flandern, Britannien, Norwegen und Dänemark mit Fischen versorgten.

Die Hauptstadt Thorshaven, welche hier gemeint ist, belegt der
Venetianer mit dem Namen der Inselgruppe. Der Reichthum an Fischen ist
hier seit alters berühmt. Später leitete Nicolo Zeno ein ähnliches
Unternehmen gegen Estland (d. h. Shetland-Inseln), wobei mehrere
Schiffe nach der Insel Grislanda südwärts verschlagen wurden. Das
Hauptland der Orkneys heißt Hroß-ey, oder Groß-ey oder ~gross-island~,
woraus sich die Form Grisland bildete.

Der jüngere Zeno, welcher aus Unverstand Estland für Island nahm,
verlegte auch Grislanda an die Küsten jener großen Insel, obwohl der
Originaltext von „~le Islande~“, also von mehreren Inseln spricht;
in Folge dieses Grundirrthums werden aber auch alle nach Shetland
gehörigen Namen an das Gestade von Island verschoben, nämlich Talas (=
Yelli), Broas (= Barras), Iscant (= Unst), Trans (= St. Ronans Isle),
Mimant (= Mainland), Dambere (= Hamna) und Bras (= Bressay).

Es lassen sich also alle Localitäten wieder erkennen und gehörigen
Orts befestigen. Die durch Zeno den jüngeren in die Karte gebrachten
groben Fehler sind von dem Originalberichte nicht verschuldet,
bestärken aber die Glaubwürdigkeit der Erzählung; denn wenn das Ganze
eine müßige Erfindung des 16. Jahrhunderts wäre, würde sie an solchen
geographischen Verstößen gar bald entlarvt werden können. Jener erste
Zug nach den Faröer geschah wahrscheinlich im Jahre 1390, der gegen
Shetland 1391.[18]

Im Juli des folgenden Jahres ging Nicolo mit 3 kleinen Schiffen auf
Entdeckung aus nach Engroneland oder Grenland. Bei dieser Fahrt,
welche uns über die Grenzen der den Süd-Europäern bekannten Nordwelt
hinausführt, wurde Island und wohl auch Grönland berührt. Aber der
Bericht wirft offenbar isländische Verhältnisse nach Grönland. Ob diese
Versehen dem Originalberichte zur Last fallen, oder ob die Bruchstücke
desselben durch den jüngeren Zeno falsch zusammengefügt sind, läßt
sich nicht mehr erkennen; doch liegt die Verwechslung klar vor Augen,
wenn wir dem Berichte folgen. Danach fand nämlich der ältere Nicolo in
Grönland ein Kloster mit Predigermönchen und eine Kirche des heiligen
Thomas am Fuße eines thätigen Vulkans. Die in der Nähe befindliche
heiße Quelle hatten die Geistlichen zu ihrer Ansiedlung geleitet, um
Kirche und Kloster damit zu heizen und das kochende Wasser selbst zur
Bereitung der Speisen zu verwenden oder in erwärmten Beeten Früchte und
Blumen zu erzielen, die nur in gemäßigteren Himmelsstrichen gedeihen.
Neben dem Kloster leben Wilde (also Eskimos), welche Fischfang treiben
und Böte in Gestalt eines Weberschiffchens besitzen. Sie befestigen
über das Gerippe von Fischknochen Häute und nähen dieselben fest
zusammen, so daß diese leichten Fahrzeuge allen Stürmen trotzen.
Während die Art der Ansiedlung und die Benutzung der Thermen nur nach
Island paßt,[19] denn in Grönland gibt und gab es auch damals keine
thätigen Vulkane, ist das Seegewerbe der Eingeborenen charakteristisch
für die grönländischen Eskimos. Eine genaue Kenntniß des südlichen
Grönland verräth aber auch der Name der Südspitze Avorf, welche in der
dem 14. Jahrhundert angehörigen Beschreibung Grönlands von Ivar Bardsen
„Hvarf“ und in der Chorographie Björn Jansens Haf-hvarf heißt, wofür
die Karte Zenos ~Af promontorium~ setzt.

Nicolo Zeno erlag den für einen Südländer unerträglichen Wirkungen
des polaren Klimas und starb bald nach seiner Rückkehr auf Frisland.
In seine Stellung und seine Würden rückte sein Bruder Antonio, den
Sinclair noch jahrelang bei sich festzuhalten wußte und sogar auf
einer großartig geplanten Entdeckungsfahrt nach westlichen Ländern
mitnahm. Sinclair hatte nämlich durch Fischer, die vor 25 Jahren über
den atlantischen Ocean nach Westen verschlagen waren, von großen
Inseln und weiten Festlandsstrichen Kunde erhalten und beschloß jene
Länder aufzusuchen. Der Bericht der Verschlagenen, den ein Brief des
Antonio an seinen Bruder Carlo in Venedig ausführlich wiedergibt,
klingt zwar in manchen Einzelheiten befremdend, verräth aber in großen
allgemeinen Zügen eine Kunde der nordamerikanischen Küsten bis nach
Mexiko. Da nun erwiesenermaßen die Normannen bereits im 11. Jahrhundert
Ansiedelungsversuche am Strande der Neuengland-Staaten gemacht hatten,
so bleibt die Möglichkeit weiterer abenteuerlicher, durch Zufall
veranlaßter Fahrten nach jenen Gegenden keineswegs ausgeschlossen.

Jene Fischer nun hatten erzählt, daß sie 1000 Meilen westlich von
Friesland durch den Sturm an die Insel Estotiland getrieben seien,
welche kleiner als Island, aber viel fruchtbarer war und in der Mitte
einen hohen Berg hatte. Die Einwohner zeigten sich intelligent,
freundlich, besaßen eine eigne Sprache und Schrift, in des Königs
Bibliothek fanden sich sogar lateinische Bücher. Sie verkehrten auf
ihren Segelbooten sogar mit Grönland, kannten aber den Compaß nicht.
Nachdem sie fünf Jahre im Lande geblieben waren, machten unsere Fischer
eine Fahrt gegen Süden zum Lande Drogio. Dort wohnten rohe Canibalen,
welche einen Theil der Mannschaft erschlugen und verzehrten. Sie
besaßen kein Metall, ihre Lanzen bestanden nur aus Holz. Aber weiter
südwärts wurden sie civilisirter, wohnten in Städten und opferten in
ihren Götzentempeln Menschen, deren Fleisch dann verspeist wurde. Das
Land war reich an Gold und Silber.

Während wir in Estotiland Spuren normannischer Ansiedlung erkennen,
wenn auch die Kulturverhältnisse in allzustarken Farben ausgemalt sind,
lassen sich die Angaben über die südlichen Kulturländer mit ihrem
Goldreichthum, ihren Götzentempeln und Menschenopfern ungezwungen auf
Mexiko deuten. Doch sind Estotiland und Drogio nicht zu identificiren.

Nur ein Fischer kehrte nach Jahren zurück und sollte auf Sinclairs
Zuge als Führer dienen, aber leider starb derselbe kurz vor Aufbruch
der Flotte. So verfehlte Sinclair auch bald den Weg und wurde durch
Sturm gegen Südwesten nach der Insel Icaria verschlagen. Es ist wohl
nur italienische Phantasterei, wenn der jüngere Zeno dazu bemerkt:
Alle Könige hießen dort Icari, nach dem ersten Könige, der ein Sohn
des Königs Dedalus von Schottland gewesen sei. Schon Forster hat in
dem Icaria richtig die Landschaft Kerry in Irland erkannt, wozu alle
geschilderten Verhältnisse, das feindselig abwehrende Verhalten der
Bevölkerung u. a. paßt. Von hier gelangte die Flotte nach Grönland,
kehrte aber nach kurzem Besuch wieder nach den Orkneys zurück.

Wenn auch in dem ganzen Bericht noch manche Dunkelheiten ungelöst
bleiben, so wird doch eine unbefangene Kritik den echten Kern
anerkennen müssen und darf das Ganze nicht als leere Erfindung
verwerfen. Von besonderem Interesse ist, daß Zeno uns als der letzte
von den normannischen Ansiedlungen in Amerika berichtet. Die vom
jüngeren Zeno entworfene Karte enthält trotz gewaltiger Irrthümer
und Ungeheuerlichkeiten, welche indeß von den Kartographen des 16.
Jahrhunderts vielfach getreu copirt wurden, manche zutreffende Züge und
geographische Wahrheiten.



Zweites Buch.

Die Vorhalle der großen Zeit.



Erstes Capitel.

Die Morgenseite der alten Welt.

1. Der Orient seit Beginn der Mongolenherrschaft.


Beim Anbruch einer neuen Zeit richten wir unsern Blick wieder
nach Osten, um eine längst verschollene Kunde, wie sie von fernen
reichen Ländern in alter Zeit erklungen, aufs neue zu vernehmen. Die
Herrschaft der Araber hatte anfangs den Kenntnissen im Abendlande von
den Verhältnissen im Innern Asiens keine Förderung gewährt. Ums Jahr
1000 n. Chr. kannte man thatsächlich von ganz Asien kaum mehr als die
heiligen Walfahrtstätten in Palästina, und begnügte sich auch damit.
Die Araber ließen die frommen Pilger aus dem Westen gewähren, deren
Wißbegierde in dem Rahmen religiöser Traditionen beschränkt blieb.
Anders gestalteten sich die Verhältnisse, als Türken und Seldschucken
Herren jener heiligen Stätten wurden und in Folge der Bedrückung der
christlichen Waller eine gewaltige Bewegung durch Europa ging, welche
die Kreuzzüge veranlaßte. Zwar haben dieselben unsere Kenntniß von
Westasien nicht über Mesopotamien hinaus bereichert, aber die Berührung
mit der arabischen Bildung weckte den Geist der Forschung wieder im
Abendlande und trug so wenigstens mittelbar dazu bei, das entschwundene
geographische Interesse neu zu beleben. Durch die Araber lernte man
wieder die griechischen Schriftsteller, namentlich Aristoteles, kennen
und die größten Geister des Abendlandes, Albertus Magnus († 1280) und
Roger Bacon († 1292 oder 1294) wandten sich wieder dem Studium der
Naturwissenschaften zu.

Den ersten directen Anstoß aber zu bedeutenden Reisen in bisher
unbekannten Regionen gab die Bildung des mongolischen Weltreichs.
Es war im Beginn des 13. Jahrhunderts, daß der kühne Häuptling
+Temudschin+ zahlreiche mongolische und tatarische Stämme der
asiatischen Steppe unter seinem Scepter vereinigte und den Namen
eines Großfürsten, „+Tschingischan+“, annahm. Der Name Khan bedeutet
einfach „der Herr“ und wird allen tatarischen Häuptlingen beigelegt,
mögen sie souverän sein oder nicht. In Indien bildet er noch jetzt den
gewöhnlichen Zusatz zu den Namen der Mohammedaner aller Klassen. ~Ḳaán~
oder ~Châḳán~ (bei den byzantinischen Schriftstellern Χαγάνος) war
dagegen der specielle Titel des höchsten mongolischen Fürsten; danach
würde der Titel Temudschins richtiger als Tschingischagan bezeichnet
werden müssen. In einem verheerenden Völkersturm, wie jener Erdtheil
keinen zweiten gesehen und erlitten hat, lag binnen 20 Jahren fast
ganz Asien zu seinen Füßen. Die Völkerflut nach Osten überschwemmte
Tangut und Nordchina, die Kriegswoge nach Westen und Süden brach über
Turan und Iran herein. Throne stürzten zusammen unter seiner unerhörten
Wucht, volkreiche Städte verschwanden vom Erdboden, Millionen von
Menschen verloren ihr Leben. Auch mit dem Tode Temudschins († 1227)
kamen die aufgeregten Massen nicht zur Ruhe. Von den vier Söhnen des
Großfürsten gelangte +Okkodai+ zur obersten Nachfolge. Nach Westen
drangen seine Heere durch die Ebenen Rußlands bis nach Schlesien vor,
Moskau wurde erobert, Kiew ging in Flammen auf. Erst an den Sudeten
brach sich die Sturmflut; aber in Westasien wurden Armenien, Kleinasien
und Syrien überrannt, in Ostasien wurde Südchina unter der Regierung
des Chagan +Kublai+ eine Beute der Mongolen.

    +Genealogie des Hauses Temudschin.+

                I. +Temudschin+, Tschingis Kaan.
                                   |
      +-------------+--------------+--------------------------------+
      |             |                           |                   |
     Tuli.  II. +Okkodai Kaan.+        Tschagatai.                Juji.
      |             |                           |                   |
      |     III. +Kuyuk+                        |                   |
      |          +Kaan.+                        |                   |
      |                        +-------+--------+-------+------+    |
      |                        |       |        |       |      |    |
      |                     Kadami. Sarban.  2. Yessu  Muwa  Juji.  |
      |                             Mangku.   Tukan.                |
      |                                                             |
      |                            Chane von Tschagatai.            |
      |                                                             |
      +--+--------------+--------------+             +----------+---+
         |              |              |             |          |
    1. Hulaku.  V. +Kublai+    IV. +Mangku+     4. Barka.   1. Batu.
         |          +Kaan.+         +Kaan.+                     |
         |              |                            +----------+
         |         Tschingkim.                       |          |
         |              |                       3. Ulagji.  2. Sartak.
         |              |
         |    VI. +Timur Kaan.+                Chane von Kiptschak.
         |
         +----------------+--------------+
         |                |              |
    3. Tigubar-Ahmed.  Tarakai       2. Abaka.
                          |              |
                          |              +------------+
                          |              |            |
                     6. Baidu.     5. Kaichatu.  4. Argun.
                                                      |
                                          +-----------+
                                          |           |
                                    8. Oljaitu.   7. Gasan.

                        Chane von Persien.

Die christlichen Kreuzfahrer, die mit immer weniger Aussicht auf
Erfolg gegen die mohammedanischen Staaten in Kleinasien, Syrien und
Aegypten um den Besitz des heiligen Landes gerungen hatten, sahen in
den Mongolen einen willkommenen Helfer gegen den zähen Erzfeind ihres
Glaubens. Sie nahmen aber auch mit besonderer Freude wahr, daß die
neuen Weltstürmer aus Innerasien keineswegs den religiösen Fanatismus
der Araber und Türken besaßen, sich vielmehr dem christlichen Glauben
ebenso geneigt zeigten als der Lehre Mohammeds. Es liegt das schon in
der wesentlich verschiedenen Rassenanlage der Mongolen und Semiten
begründet.

Man kann sich in religiösen Dingen kein nüchterneres Volk denken als
die Chinesen, während dagegen der Semite Westasiens, der Begründer des
Monotheismus und leider auch des religiösen Fanatismus, auf religiösen
Fundamenten sein geistiges Leben aufbaut. Die Glaubensglut des
Islam übertrug sich auch auf türkische Stämme; aber nicht auf die
Mongolen. Diese sahen nicht jeden Christen als solchen für einen Feind
an. Sie ließen jeden in seinem Glauben gewähren.

[Illustration: _artist. Inst._, _Leipzig-Reudnitz._

_G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin._]

Es gab wirklich Christen unter ihnen in nicht geringer Anzahl. Nicht
blos, daß einzelne Gläubige mit den großen Völkerwellen vom heimischen
Boden weit hinweg gespült worden waren; -- trafen doch die Sendboten
des Pabstes am Hofe der Chagane in Karakorum, südlich vom Baikal,
Franzosen und Ungarn und begegnete dem Marco Polo sogar noch in
China ein Deutscher; -- nein, ganze Stämme des großen vielsprachigen
Reiches neigten zum Christenthum und es wird von manchen Städten im
fernen Osten berichtet, daß nestorianische Christen bis dahin ihren
Glauben verbreitet. Als Christen galten die Kerai in N.-W. von China;
als Nestorianer bezeichnet Rubruck den Stamm der Naiman am obern
Irtysch. Viele Christen hatten sich sogar in dem Dienst und Gefolge der
mongolischen Fürsten eine geachtete und einflußreiche Stellung errungen
und, was besonders betont werden muß, die Großfürsten des Weltreichs
selbst waren in die directe Berührung mit dem Christenthum durch
eingegangene Ehen gebracht. Die Mongolenkaiser +Kublai+ und sein Bruder
+Hulaku+ stammen von christlichen Müttern ab, deren Einfluß nicht zu
unterschätzen ist. Gesandtschaften und Briefe gingen hin und her, es
entspann sich ein freundschaftlicher Verkehr zwischen den Häuptern
der Christenheit und den Chaganen, und mehr als einmal wurde das
Interesse des Pabstes lebhaft durch die Aussicht auf ein segensreiches
Arbeitsfeld von unermeßlicher Weite im fernen Morgenlande angeregt.
Darf man unter solchen Umständen den Plan einer systematischen
Missionsarbeit unter den Mongolen absolut verwerfen oder auch nur als
gar zu sanguinisch bezeichnen?


2. Der Presbyter Johannes.

Vor allem zog aber mächtig die geheimnißvolle, halb in sagenhafte Züge
gehüllte Gestalt eines großen Königs an, der im Abendlande allgemein
unter dem Namen des Priesterkönigs oder +Presbyter Johannes+ bekannt
war, und der über ein durchaus christliches Volk herrschen sollte.
Das eigenthümliche Dunkel, das über dieser Gestalt liegt, ist noch
nicht völlig gelichtet; es scheint aber, als ob nach einander mehrere
bedeutende historische Persönlichkeiten des Morgenlandes mit einander
verschmolzen wären und nach einander für den Priesterkönig gegolten
hätten.

Die erste Nachricht über ihn bringt der deutsche Geschichtsschreiber
Otto von Freising, der Stiefbruder Kaiser Konrads III. Derselbe
erzählt, er habe im Jahre 1145 in Viterbo den Bischof von Gabula (Jibal
im nördlichen Syrien) getroffen, der unter Thränen von den Gefahren
erzählt, welche seit dem Falle von Edessa die christliche Kirche
bedrohe. Vor wenigen Jahren, erzählte der Bischof, sei im fernen Osten
jenseit Armenien und Persien ein gewisser Johannes, Priester und
König zugleich über ein nestorianisches Volk, aufgetreten, habe erst
die medische Hauptstadt Egbatana erobert und dann die Samiardischen
Bruderkönige, die in Persien und Medien herrschten, in dreitägiger
Schlacht besiegt und sei weiter nach Westen gerückt, um der bedrängten
Kirche in Jerusalem beizustehen. Aber der Tigris habe seinem Zuge Halt
geboten und ihn zur Umkehr genöthigt.

Die hier erwähnten Ereignisse sind von Professor Bruun[20] auf Johann
Orbelian (Ivané Orpel), den Großwürdenträger und siegreichen Feldherrn
des georgischen Königs David gedeutet, der den Türken um 1123 oder 1124
die Stadt Ani in Armenien abgewann. -- Das Geschlecht der Orbeliane
besaß zwar in seinen außerordentlichen Privilegien fast königliche
Macht und namentlich Johannes Orbelian war der Stolz der Georgier;
allein seine Thaten sind doch nicht gewaltig und seine Stellung nicht
unabhängig genug, um ihn kurzweg als Priesterkönig bezeichnen zu
können, und der große blutige Sieg über die Samiardischen Brüder bleibt
auch ohne entsprechenden Beleg. Die Identität des Priesters Johannes
mit Johann Orbelian bleibt daher unerwiesen, wenn auch, abgesehen von
dem zutreffenden Namen Johann und der Existenz eines christlichen
Volkes und Fürsten, für diese Hypothese noch die Thatsachen sprechen,
daß Groß-Armenien als der ferne Orient angesehen wurde und daß
georgische Könige den Christen in Palästina mehrfach Hilfe zu bringen
suchten.

Auf der andern Seite muß aber darauf hingewiesen werden, daß die
christlichen Sendboten und Kaufleute, welche in Asien eindrangen, seit
dem 13. Jahrhundert den Priesterkönig viel weiter im Osten suchten und
an Armenien nicht dachten. Und in der That leiten auch die Nachrichten
Ottos von Freising über die Nachbarländer Syriens hinaus. Den Kern
der Untersuchung muß die verhängnißvolle Schlacht bilden, in welcher
der Beherrscher Persiens unterlag. Es wird sich dabei zwar ergeben,
daß in Ottos Berichte Irrthümer mit unterlaufen und andere dunkle
Punkte, namentlich die angebliche Eroberung von Ekbatana und der Zug
an den Tigris, unerledigt bleiben; allein das Endresultat fällt doch
befriedigender aus als bei der ersten Hypothese.

Jene Niederlage nun der Perser, welche nach der Angabe des Bischofs
von Gabula nur wenige Jahre vor 1145 erfolgte, fällt ins Jahr 1141.
Etwa hundert Jahre früher hatten seldschuckische Sultane die Herrschaft
in Persien gewonnen und ihre Macht bis Kleinasien und Aegypten
ausgedehnt. Um 1105 theilte sich das große Reich in zwei Staaten unter
den Brüdern +Mohammed+ und +Sandschar+. Das sind die Samiardischen
(richtiger Saniardischen) Brüder, nach dem mächtigeren und weit länger
regierenden Sandschar (Saniard) benannt; denn Mohammed starb bereits
1118, Sandschar aber erst 1157. Sandschar behauptete als Sultan das
Uebergewicht im Osten, während seine Neffen, die Söhne Mohammeds, von
ihm abhängig wurden. Es ist demnach ungenau, wenn noch um 1145 Otto von
Freising von Saniardischen +Brüdern+ spricht.

Zu den von Persien abhängigen Staaten gehörte damals auch Chowaresmien
am untern Amu-Darja; dieser Staat strebte nach Selbständigkeit. Der
Sohn des dortigen Schahs Atsis war von Sandschar getödtet worden; aus
Rache rief Atsis die sogenannten Karachitanen oder Khata zur Hilfe
herbei.

Der älteste arabische Schriftsteller, welcher über diese Ereignisse
berichtet, ist Ibn-el-Athir (1160-1233). Derselbe erzählt, Atsis habe,
aufgebracht über die Ermordung seines Sohnes, zu den Khata gesandt,
welche in Ma-vera-el-nahr (Transoxanien) wohnten, und in ihnen die
Hoffnung auf Landgewinn erregt. Indem er ihnen die Sache sehr leicht
vorstellte, reizte er sie, in Sandschars Reich einzufallen. Demzufolge
brachen sie mit 300,000 Reitern auf, Sandschar ging ihnen mit seiner
Armee entgegen und erlitt in der Nähe von Samarkand eine blutige
Niederlage, in welcher 100,000 fielen, darunter 12,000 Vornehme und
4000 Weiber. Sandschar floh nach Balch.[21]

Diese Khata werden auch als ungläubige Türken bezeichnet. Ihren
Anführer nennt der arabische Historiker einen Chinesen, dessen Titel
Ku-chan, richtiger Kur-chan, war.

Mit zusammengerafften tatarischen und chinesischen Völkern war also
dieser Heeresfürst im Westen erschienen und in die islamitischen Länder
eingebrochen, wo er dem bisher stets siegreichen Sandschar den ersten
empfindlichen Schlag versetzte.

Welche Bewandtniß es mit dieser Völkerbewegung hatte, erfahren wir aus
chinesischen Quellen.

Ein wahrscheinlich zur Gruppe der Tungusen gehöriger Volksstamm
in der Mandschurei, den die Chinesen +Chitanen+ benannten, hatte
sich im Laufe der Jahrhunderte aus rohen Zuständen allmählich zu
einer gewissen Kultur emporgearbeitet und so gekräftigt einen Staat
gebildet, der, die Nachbargebiete beherrschend, im Jahre 907 bereits
über Nordchina hin bis zum Lop-nor reichte und bald darauf Nordchina
selbst unterwarf. Dieses Reich der Chitanen wurde weiter im Westen
unter dem Namen +Khitai, Khathay+ bekannt und bestand bis zum Jahre
1123. Dann wurde es aus dem chinesischen Besitze wieder verdrängt.
Der Vetter und Oberfeldherr des letzten Kaisers der Chitanen,
Yeliutasche, gründete im Westen vom Lop-nor ein neues Reich, das sich
durch glückliche Eroberungen über das Pamirhochland hinaus bis an den
Oxus in West-Turkistan erstreckte, wo der Sohn des ersten Fürsten,
+Yeliuyliui+ († 1153) bei Samarkand den Sultan Sandschar im September
1141 besiegte. So rückte dieses Reich fast bis ans kaspische Meer vor
und erscholl sein Name auch in Europa. Die Fürsten trugen den Titel
Korchan oder Gurchan (woraus allmählich durch Umgestaltung Johannes
wurde) und ihr neugegründetes Reich hieß das Reich der Karachitanen
oder schwarzen Chitanen. Dort im Osten des kaspischen Meeres suchten
die abendländischen Reisenden zuerst den Priesterkönig, und als man
ihn nicht mehr vorfand, denn das Reich war schon 1215 von Temudschin
zerstört, floh es vor dem suchenden Blick immer weiter nach Osten, +bis
man China selbst mit dem Namen Kithai oder Cathay, Cathaya belegte+,
und an dieser Benennung Jahrhunderte lang festhielt.

Rubruck und Marco Polo hielten den Fürsten „Ungchan“ der Keraiten in
der östlichen Mongolei für den Johannes und verwechselten denselben mit
Yeliutasche. Die Verwechselungen und Verschiebungen dieser mythischen
Gestalt eines Priesterkönigs dauerten auch im 14. Jahrhundert weiter,
wo man ihn in dem christlichen König von Habesch glaubte richtig
entdeckt zu haben; im 15. Jahrhundert wurde er dort von Heinrich
dem Seefahrer gesucht. Es gingen noch am Ende dieses und selbst im
nächsten, im 16. Jahrhunderte, portugiesische Gesandte an den Priester
Johannes ab. Im Abendlande hat man sich lange an dieser Erscheinung
erbaut und fand etwas tröstliches darin, fern im Osten einen
unbekannten, aber mächtigen Bundesgenossen sich vorzustellen, der den
bedrängten Christen Hilfe bringen könne.


3. Die ersten christlichen Glaubensboten im Orient.

Der Plan, mit der mongolischen Welt direct in Verkehr zu treten, wurde
zuerst vom Pabste Innocenz IV. auf dem Concil zu Lyon 1245 gefaßt. Er
entschloß sich, zwei verschiedene geistliche Gesandtschaften nach dem
Morgenlande abzuordnen. -- Werfen wir zur Orientirung zunächst einen
Blick auf die politische Gestaltung der mongolischen Staaten.

Nach Tschingischagans Tode verblieb die oberste Gewalt seinen Söhnen,
einer unter ihnen empfing den Titel Kaan (Chagan), die andern hießen
Chan. Das Weltreich zerfiel in vier Staaten.[22] +Ostasien+ umfaßte das
Gebiet des Kaan. Dazu gehörte China, Tibet, die östliche Mongolei und
die Mandschurei. Die Residenz war Kaanbaligh, d. h. die Stadt des Kaan,
jetzt Peking. Der Name wurde im Abendlande bald in Cambalich, bald in
Kambalu verändert.

Westlich von diesem Staate lag auf beiden Seiten der Hochebene
Pamir, also Theile von Ost- und West-Turkestan umfassend, das Reich
+Dschagataï+ oder das Reich der Mitte. Dasselbe erstreckte sich vom
Altai bis zum westlichen Himalaja und obern Indus, schloß Afghanistan
ein und reichte bis zum Amu-Darja im Südwesten. Die Hauptstadt Almalik
lag am obern Iliflusse, der sich in den Balchasch ergießt, in der
Nähe der heutigen Stadt Kuldscha. Noch weiter gegen Südwesten lag
das persisch-medische +Reich der Ilchane+. Dasselbe umfaßte Persien,
Armenien, Mesopotamien und Theile von Kleinasien; seine Hauptstadt war
Tebris. Dieser Staatencomplex zerfiel am schnellsten. Den äußersten
Westen nahm das +Reich der goldnen Horde+ (Kiptschak) ein, welches sich
über die Flachlandschaften Asiens und Europas ausbreitete und sich vom
Westfluß des Altai durch die Kirgisensteppe über Südrußland bis an den
Waldgürtel der Karpaten ausdehnte. Der Fürst residirte in Serai an der
untern Wolga. Durch dieses Reich zogen die meisten abendländischen
Gesandtschaften an den Hof der Mongolenkaane und gingen belebte
Handelswege durch das Herz Asiens bis zum Ostrande der alten Welt.
So bildete Kiptschak den willkommenen Vermittler zwischen Abend- und
Morgenland.

Es war um die Mitte des 13. Jahrhunderts, als verschiedene Umstände den
wohl schon früher gehegten Gedanken verwirklichen halfen, von Seiten
des Abendlandes direct mit dem Weltreich der Mongolen in Verbindung zu
treten. Zunächst war die asiatische Steppenmacht 1241 am weitesten nach
Westen, bis nach Schlesien, also ins Herz Europas vorgedrungen. Dann
traten in den nächsten Jahren wiederum die schwersten Bedrängnisse für
den christlichen Besitz im heiligen Lande ein, indem von Osten her aus
Turan türkische Söldnerschaaren vor den Mongolen zurückweichen mußten,
über Syrien hereinbrachen und Jerusalem im Jahre 1244 eroberten.

In Folge dieser Ereignisse beschloß Pabst Innocenz IV. auf dem
denkwürdigen Concil zu Lyon 1245 zwei Gesandtschaften auf verschiedenen
Wegen ins Morgenland zu entsenden.

Man bezeichnete damals die Mongolen allgemein mit dem Namen Tartaren
(richtiger Tataren) nach einem ihrer tapfersten Stämme, den Tata;
ursprünglich verstand man darunter eine kleine Horde, welche zwischen
dem Kuku-nor und den Quellen des Hwangho ihren Sitz hatte, und in
Europa als die Avantgarde des Mongolenschwarms sich durch Verwüstung
und Brand einen gefürchteten Namen gemacht hatte. Sie galten als eine
Ausgeburt der Hölle, als dem Tartarus entlaufene Teufel und wurden
demnach in doppelter Beziehung Tartaren genannt. Aber indem man
dann alle ins christliche Abendland eingebrochenen turanischen und
mongolischen Stämme unter dem einen Namen zusammenfaßte, hat man auf
lange Zeit die ethnologischen Verhältnisse Asiens verwischt und durch
diese falsche Auffassung eine wahre Völkerverwirrung herbeigeführt.

Zu diesen Tataren entsendete nun der Pabst zwei Botschaften, eine aus
Dominikanern, die andere aus Franziskanern bestehend.

Beide brachen in demselben Jahre auf, die Dominikaner zogen der
Richtung entgegen, aus welcher die türkischen Söldner über Syrien
hergefallen und Jerusalem geplündert hatten; die andern durch die
Steppen Rußlands und durch jenes große Völkerthor, aus welchem seit
alter Zeit die beweglichen innerasiatischen Steppenhorden über die
Kulturlandschaften des Westens ausgebrochen waren.

Beide Missionen zielten nach der Hauptstadt der Großchane, nach
Karakorum, in der Nähe des Baikal. Die Dominikaner-Gesandtschaft
bestand aus +Ascelin, Simon von St. Quentin+, +Alexander+ und +Albert+,
mit denen sich auf der Reise noch +Andreas von Lonjumel+ und +Guichard
von Cremona+ verbanden. Ascelin ging mit seinen Gefährten über See
nach Syrien und drang durch Mesopotamien und Persien bis an die Grenze
von Chowaresmien vor. Dort traf er mit dem Mongolengeneral +Batschu+
zusammen und wandte sich dann zur Rückkehr, so daß die ganze Reise nur
59 Tage währte. Alles was wir über diesen Zug wissen, beschränkt sich
auf die Mittheilungen, welche der berühmte Vincentius von Beauvais,
nach den Aussagen des Simon von St. Quentin, in sein ~Speculum
historiale~ aufgenommen hat. Für die Erdkunde ist wenig Gewinn daraus
geflossen.

Nur das Eine wissen wir, daß Andreas von Lonjumel seine Wanderung
weiter fortsetzte und um 1248 oder 1249 wirklich nach Karakorum gelangt
ist.

Die Franziskaner-Gesandtschaft bestand aus +Laurentius von Portugal,
Benedict von Polen+ und +Giovanni Piano di Carpine+ (in französischer
Form: Plan Carpin). Von letzterem rührt der ausführliche Reisebericht.
Sie erhielten den Auftrag, durch Mitteleuropa zum +Batuchan+, dem
Fürsten von Kiptschak zu gehen und auf ihrem Weiterzuge möglichst viel
Erkundigung über die asiatischen Völker, namentlich über die Tataren
einzuziehen. Ihr Creditiv war am 5. März 1245 in Lyon ausgestellt. Am
Ostersonntage verließen sie diese Stadt und reisten in einem weiten
nördlichen Bogen über Troyes, Lüttich, Cöln, Dresden nach Prag,
besuchten den König Wenzel von Böhmen, der sich bei dem Herrannahen der
Mongolen 1241 so außerordentlich thätig und umsichtig bewiesen und alle
Nachbarfürsten rechtzeitig auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht
hatte. Er konnte gewiß schon mancherlei Auskunft ertheilen. Von Prag
wandten sie sich nach Breslau, wo Benedict sich mit ihnen vereinigte
und gingen über Krakau nach Kijew.

Von hier zogen sie sich den Dnjepr hinab nach Canove (Kaniew) und
erreichten daselbst die Grenze des Tatarenreiches, durch welches sie
zum Hauptquartier Batuchans nach der Wolga weiter zogen. Hierbei lernen
wir von ihnen die modernen Namen jener großen Ströme Nepere (Dnjepr),
Don, Wolga und Jaik (Ural) kennen.

Batu versah sie mit sicherem Geleite nach der Hauptstadt Karakorum.
Diese Reise nahm 3½ Monate in Anspruch und dauerte bis zum 22.
Juli. Dabei machten sie die Bekanntschaft der Kangiten oder
Kanglen (Petschenegen) östlich vom Uralflusse, ritten durch die
Kirgisensteppen, berührten Omyl, eine von den Karachitanen gegründete
Stadt, welche östlich vom Balchaschsee am Steppenflusse Emyl oder
Jemil lag, der sich in den Alakul ergießt. Von hier wandten sie sich
zum Kysylbasch oder Ulungursee, an dem zu jener Zeit die Naimanhorde
ihre Weideplätze besaß, und erreichten Ende Juli die Residenz des
Chagan, welcher damals ½ Tagereise von Karakorum weilte. Sie trafen zu
einer sehr bewegten Zeit dort ein, +Kuyuk+, der Sohn Okkodais, war zum
Großfürsten ausgerufen und aus ganz Asien trafen die Abgeordneten der
dem Weltreich einverleibten Völker und Stämme, sowie der benachbarten
Fürsten ein. Es waren an 4000 Gesandte zugegen, welche dem neuen Herrn
ihre Huldigungen darbrachten und Tribut zahlten. Es war also für Piano
di Carpine und seine Gefährten eine sehr günstige Gelegenheit, von
allen Seiten Erkundigungen einzuziehen, aber Irrthum und Wahrheit
mischen sich in seiner Darstellung ineinander; verwechselte er doch
selbst das schwarze und kaspische Meer. Hier lernten die Missionare
auch zuerst Chinesen kennen, welche ihnen ein mongolenähnliches Gesicht
zeigten, wenn dasselbe auch nicht so breit war wie bei den Mongolen.
Piano gedenkt in rühmlicher Erwähnung der guten Sitten der Chinesen und
der Geschicklichkeit ihrer Handwerker.

Im Frühling des nächsten Jahres kehrten sie ziemlich auf demselben Wege
zurück, trafen im Mai wieder bei Batuchan ein und vollendeten über
Kijew ihre Reise nach Lyon. Piano di Carpine erstattete ausführlichen
Bericht über die Sitten und Lebensweise der Tataren, über ihren
Cultus und Staatsorganismus. Seine Mittheilungen werden ergänzt und
vervollständigt durch die Angaben, welche nach den Erzählungen seines
Genossen Benedict von Polen niedergeschrieben wurden. Die ganze Reise
hatte etwa zwei Jahre gedauert.

Um dieselbe Zeit machten auch mehrere Mitglieder des königlichen
Hauses von Armenien bedeutende Reisen nach dem innern Hochlande von
Asien. Das damals noch selbständige Königreich von Klein-Armenien
war, von den Seldschucken in Kleinasien und den ägyptischen Ehubiden
eingeengt, auf den östlichen Theil der Südküste Kleinasiens beschränkt.
Der König +Hayton+ oder +Hethum I.+ beschloß, um sich mit der immer
näher drohenden mongolischen Macht friedlich abzufinden, seinen Bruder
+Sempad+ oder Sinibald abzusenden, um den Großchan Kuyuk bei seiner
Thronbesteigung ebenfalls zu begrüßen. Prinz Sempad war vier Jahre
unterwegs. Ein Brief von ihm, wahrscheinlich von Samarkand aus an den
König von Cypern gerichtet, ist uns erhalten. Darin wird erzählt, daß
die mongolische Macht sich schon über fast ganz Asien ausgedehnt habe,
und daß verschiedene Chane in Indien und China (Chata), in Kaschgar
und Tauchat (Tangut) herrschen. Dieses letztere Land hielt Sempad für
dasjenige, aus dem die drei Könige des Morgenlandes nach Bethlehem
gekommen seien, um das Christkind anzubeten.

Acht Jahre später, 1254, machte sich +König Hayton+ selbst auf den
Weg, und brachte dem Nachfolger Kuyuks, +Mangkukaan+ zu seiner
Thronbesteigung seine Glückwünsche dar, um sich auch ferner ein gutes
Einvernehmen mit den Mongolen zu sichern. Hayton schlug den Weg durch
Kleinasien und Armenien ein, besuchte erst den mongolischen Heerführer
Batschu (Batschu Noian) in +Kars+, wandte sich dann zum kaspischen
Meere, umging den Kaukasus durch den Paß von Derbend und traf mit
Batu und seinem Sohne +Sartasch+ an der Wolga zusammen. Von hier nahm
der König einen etwas nördlicheren Weg als Piano di Carpine und der
Sendling Ludwig des Heiligen, Rubruck, der mit ihm in demselben Jahre
die weite Steppenreise nach Karakorum vollendete. In der mongolischen
Residenz, wohin er am 13. September gelangte, ward ihm eine ehrenvolle
Aufnahme zu Theil; nach einem Aufenthalte von 6 Wochen nahm er am 1.
Nov. Abschied und kehrte auf dem südlichen Wege durch die Dsungarei,
über Otrar, Samarkand und Bochara und weiter durch Nordpersien und
Armenien in seine Heimat zurück. Hayton weiß manches Interessante
über die Völker Ostasiens zu berichten, natürlich stehen die Chinesen
(Chataier) in erster Reihe. Von ihrem Cultus weiß er, daß sie ein
Götzenbild, namens Schakemonia (Sakya-Muni), d. h. also Buddha anbeten.

Endlich haben wir hier noch eines dritten Mitgliedes der königlichen
Familie zu gedenken, des Prinzen +Hayton von Gorigos+, der auch durch
politische und kriegerische Verhältnisse weit nach Osten geführt
wurde, später nach einem bewegten Leben sich in ein Kloster auf Cypern
zurückzog und von hier aus als Mönch dem Pabste Clemens V. in Avignon
einen Besuch abstattete. Der Pabst verlieh ihm die Prämonstratenser
Abtei in Poitiers. Dort dictirte er dem Nicolaus Salconi eine
Geographie von Asien und eine Geschichte der Mongolenfürsten in
französischer Sprache, worauf Salconi dieselbe 1307 ins Lateinische
übersetzte. Es ist die erste systematische Geographie von Asien,
die wir aus dem Mittelalter besitzen; und da dieselbe im Abendlande
niedergeschrieben war, fand sie bald weitere Verbreitung, namentlich
in den Klöstern, wo man sich für die Thaten der Ordensbrüder lebhaft
interessirte. Der prinzliche Mönch beginnt mit China. Dieses erste
Capitel darf als das wichtigste bezeichnet werden, wenn auch die Züge
der Darstellung allgemein gehalten sind. Cathai ist danach das größte
Reich der Welt, voll Volks und voll Reichthums und liegt am Gestade
des Oceans, welcher mit unzähligen Inseln besäet ist. Die Chinesen
sind überaus geschickt und verachten alle andern Nationen, welche an
Kunstfertigkeit ihnen nachstehen. Darum behaupten sie auch, sie allein
hätten zwei Augen, die Lateiner, das heißt die Völker des Abendlandes,
besäßen nur +ein+ Auge und alle andern Nationen seien blind. Ihre
Geschicklichkeit ist ganz erstaunlich und die Erzeugnisse ihres
Gewerbfleißes sind bewunderungswürdig. Die Cathaier haben kleine Augen
und von Natur keinen Bart. Ihre Schrift hat Hayton nicht verstanden,
denn er meint, die chinesischen Buchstaben kämen an Schönheit der
lateinischen Schrift gleich. Besser ist sein Urtheil über das religiöse
Leben; treffend bemerkt er, die Chinesen hätten kein Verständniß für
geistliche Dinge. Auch ihre Tapferkeit kann er nicht rühmen. Merkwürdig
ist das Papiergeld, das mit dem rothen kaiserlichen Stempel versehen,
überall im Lande cursirt und wenn es abgenutzt ist, in der Staatsbank
gegen neues Papier eingewechselt wird.

Westlich von China liegt das Reich Tarse. Da dasselbe als von Uiguren
bewohnt bezeichnet wird, so läßt sich die Localität mit ziemlicher
Gewißheit angeben, wenn der Name auch noch nicht befriedigend erklärt
ist. Tarse liegt zwischen China und Turkestan, demnach im Gebiet des
Tarim. Hayton kennt die eigenthümliche uigurische Schrift, welche
bei den Chinesen bereits seit dem 6. Jahrhundert Erwähnung gefunden,
bewundert die großen Tempel im Lande und rühmt die Städte und die Fülle
des Getreides. Weiter westwärts folgt das Hirtenland Turkestan und die
von Wüsten umgebene Oase Chorasmien (Chiwa); sodann wird das kaspische
Meer für den größten Landsee der Welt erklärt und ausdrücklich
hervorgehoben, daß dasselbe keine Verbindung mit dem Ocean habe. Das
Hauptland im südlichen Asien ist Indien; die dazu gehörigen Inseln sind
reich an Edelgestein, Gold, Perlen und Specereien, besonders reich ist
die Insel Selan (Ceylon).

Die Halbinselgestalt des Landes wird richtig angedeutet, auch ist dem
Armenier bekannt, daß im südlichen Indien schwarze Menschen (Dravida)
leben. Combaech (Cambaya) gilt als bedeutender Handelsplatz.

Auf die westlichen Länder Asiens richten wir den Blick nicht weiter;
es genügt, zu zeigen, daß sich der Osten der alten Welt wenigstens in
allgemeinen Zügen wieder zu entschleiern begann.

Bedeutender als alle bisher geschilderten Missionen war die Entsendung
des Franziskaners +Wilhelm Rubruck+ nach Karakorum. Zwar wurden die
bereits betretenen Gebiete wiederum durchstreift und somit räumlich
keine namhafte Erweiterung der Erdkunde erzielt; allein der Werth
liegt hier in dem vortrefflichen Reiseberichte, der an Schärfe der
Beobachtung, Sicherheit des Urtheils und Treue der Darstellung,
unbeirrt durch falsche Vorstellungen oder Vorurtheile, als die
vollendetste Leistung mittelalterlicher Reiseberichte zu bezeichnen ist.

Die Veranlassung zu dieser erneuten Botschaft an den Hof der
Mongolenfürsten gab der Kreuzzug Ludwig des Heiligen 1248-1254.
Nach dem verhängnißvollen Feldzuge gegen Aegypten hatte sich der
französische König nach Palästina gewendet. Hier beschloß er zwei
Gesandtschaften zum Großchan abzuordnen, die auf verschiedenen Wegen
durch Armenien, Persien und Turan einerseits und durch Südrußland
und die Kirgisensteppe andererseits demselben Ziele zusteuerten. Die
erste Sendung führte der Ordensbruder Andreas, von dessen Reise sich
leider kein Bericht erhalten hat, die zweite ging unter Rubruck und
Bartholomäus von Cremona ab.

Wilhelm von Rubruck (Ruysbruck, Rubruquis), gebürtig aus dem Dorfe
Rubruck im Departement du Nord in Nordfrankreich, erhielt die Leitung
und empfing die königlichen Briefe zu St. Jean d’Acre. Zunächst sollte
er den tatarischen Fürsten +Sartasch+, der mit seiner Horde diesseits
der Wolga lagerte, aufsuchen. In Palästina ging damals die Rede,
Sartasch sei Christ. Ludwig der Heilige sprach in seinem Briefe den
Wunsch aus, die Lehre Christi weiter in Asien verbreitet zu sehen.
Rubruck schiffte sich im Frühling 1253 in St. Jean d’Acre ein nach
Konstantinopel, segelte über das schwarze Meer und landete im Hafen
Soldaia (jetzt Sudak) an der Südküste der Krim, südwestlich von Kaffa.
Das war der gewöhnliche Ausgangspunkt abendländischer Kaufleute,
welche mit den unter mongolischer Herrschaft stehenden Ländern
verkehrten. Hier bot sich darum die beste Gelegenheit, die geeigneten
Vorbereitungen zu einer längeren Steppenreise zu treffen. Auf Anrathen
der Kaufleute kaufte sich Rubruck hier vier von Ochsen gezogene,
gedeckte Reisewagen für sein Gepäck, für Vorräthe und Geschenke.
Auf diese Weise, hieß es, sei er der Mühe überhoben, die Lastthiere
alle Morgen beladen und alle Abend entlasten zu müssen. Allerdings
erforderte auf diese Art die Reise die doppelte Zeit, um nach Sartasch
zu kommen, nämlich zwei Monate statt eines.

Am 1. Juni brach die Karawane auf, die Reisenden selbst mit ihren
Dienern zu Pferde, unter den letzteren ein Turkomane als Dolmetscher.

Eine Wahrnehmung, welche Rubruck noch an der Südküste der Krim machte,
hat ethnologisches Interesse. Damals lebten an jenem malerischen
Strande noch Gothen, welche auch ihre Sprache noch beibehalten hatten.
Rubruck selbst, von der Grenze germanischer Zunge stammend, hat sicher
ganz recht gehört, wenn er die Sprache jener Gothen teutonisch nennt.
Der germanische Laut scheint erst im 18. Jahrhundert dort gänzlich
verstummt zu sein. Ueber das wald- und wasserreiche Gebirge und eine
weite Steppe kamen die Sendboten des heiligen Ludwig in 5 Tagen zur
Landenge von Perekop. In der Steppe erschienen die ersten Tataren.
Ihre Lebensweise, die Einrichtung der Zelte, die Theilung der Arbeit
zwischen Männern und Frauen werden genau beschrieben. Wir lernen als
Lieblingsgetränk der Nomaden den Reisbranntwein und Cosmos (Kumis)
kennen. Trachten, Sitten und Gebräuche werden eingehend geschildert
und geben ein gelungenes ethnologisches Gemälde. Die Fahrt ging weiter
ums asowsche Meer herum über ein tafelgleiches Land, ohne Wald, ohne
Berg, aber dicht begrünt. Der Don gilt unserm Gewährsmann noch als die
Grenze zwischen Asien und Europa. Der Strom war an der Fähre etwa so
breit, wie die Seine bei Paris. Von hier bis zur Wolga rechnete man
10 starke Tagereisen. Am letzten Juli langten sie in der Residenz des
Sartasch an. Weiter nach Norden war das Land waldreich und von Flüssen
durchzogen. Dort wohnte in Holzhäusern das Volk der Moxel oder Maxel
und noch weiter nordwärts die Merdas (Mordwinen).

Das Lager des Sartasch lag damals nach drei Tagereisen diesseit der
Wolga. Hier hörte Rubruck schon die Sage vom Priesterkönig Johannes,
den er in der Gestalt des Bruders des Unkchan der Naimanhorde zu
erkennen glaubt. Von Sartasch zogen sie weiter zur Wolga; dieselbe
erschien 4mal so breit als die Seine bei Paris. Rubruck erfuhr, daß
der Strom sich nicht in den Ocean, sondern in das Meer von Sirsan
(Dschorschan) d. i. das kaspische Meer ergieße. Unter letzterem Namen,
fügt Rubruck hinzu, kennt es Isidor von Sevilla. Isidor galt also im
13. Jahrhundert noch als geographische Autorität.

Es ist für die Geschichte der Erdkunde von Bedeutung, daß Rubruck mit
großer Sicherheit einen Irrthum Isidors berichtet, wonach das kaspische
Meer ein Meerbusen des nördlichen Eismeers sein solle, ein Irrthum,
dem bekanntlich im Alterthum alle Geographen zwischen Aristoteles und
Ptolemäus, also auch Strabo, verfallen waren. „Bruder Andreas hat zwei
Seiten dieses Meeres umzogen, im Osten und Süden, und ich habe die
beiden andern Ufer umwandert,“ setzt Rubruck hinzu, um seine Ansicht zu
erhärten. Auch gibt er getreu die umwohnenden Völker an, erwähnt, daß
man im O., S. und W. Gebirge finde, nur im Norden nicht; und trotzdem
konnte der alte Wahn von der Meerbusengestalt dieses Sees sich noch bis
in den Anfang des 18. Jahrhunderts wieder beleben.

Der Hof und das Lager Batuchans machte auf die Reisenden den Eindruck
einer großen Stadt, da sich die Zelte der Tataren einige Meilen weit
hinzogen. Bei der Audienz, die ihnen Batu gewährte, verlangten die
Hofleute, die Mönche sollten, wie es alle Gesandten zu thun pflegten,
die Knie beugen. Trotzdem traten sie aufrechten Ganges ein und
sangen das Miserere. Als man ihnen aber alles Ernstes bedeutete, sie
hätten niederzuknien, folgten sie zwar dem Gebote, um weiter keine
Schwierigkeiten zu bereiten, brauchten aber die List, statt mit einer
Anrede an Batu mit einem Gebete zu beginnen, so daß sie sich einreden
durften, sie hätten sich vor Gott, aber nicht vor Menschen gebeugt.
Danach hieß der Mongole sie aufstehen, fragte nach dem Zwecke ihrer
Reise und ließ ihnen zum Zeichen seiner besonderen Gunst Milch zu
trinken reichen. Dann erhielten sie die Erlaubniß mitzuziehen, denn
Batu brach sein Lager bald ab und zog nomadisirend 5 Wochen an der
Wolga hin. Erst am 16. September erfolgte ihr neuer Aufbruch nach
Osten. Ihre Priesterornate ließen sie zurück und kleideten sich für
die winterliche Reise in die landesübliche Pelztracht. Auch die Wagen
blieben zurück und die Weiterreise wurde zu Pferde gemacht. Nach zwölf
Tagen kamen sie von der Wolga an den Fluß Jagat (Jaik, i. e. Ural),
welcher im Norden, im Lande der Pascatir (Baschkiren) entspringt.
Dieses Volk redete die nämliche Sprache wie die Ungarn. Diese und
andere Mittheilungen erhielt Rubruck von Predigermönchen, die bis zu
diesem Hirtenvolke vorgedrungen waren. Täglich wurde nun eine Strecke
zurückgelegt, wie zwischen Paris und Orleans, zuweilen auch noch mehr;
denn sie erhielten gute Pferde und wechselten dieselben wohl auch, wenn
sie ein Lager trafen, zwei bis drei Mal. Dafür mußte der officielle
Begleiter sorgen, den ihnen Batu mitgegeben hatte; für Rubruck
suchte man stets das stärkste Reitthier aus, weil er sehr schwer und
wohlbeleibt war. „Was wir da an Hunger und Durst, Kälte und Erschöpfung
gelitten haben,“ ruft er aus, „läßt sich nicht beschreiben. Nur des
Abends gab es eine ordentliche Mahlzeit, am Morgen dagegen nur Hirse
und Milch.“ Und trotz alledem fasteten die beiden Geistlichen noch alle
Freitage bis zur Nacht.

Die Natur des Landes blieb sich lange Zeit gleich, immer derselbe
Steppenboden, nur hie und da an den Flußrändern von kleinen Gehölzen
unterbrochen.

Am Tage vor Allerheiligen schlug man eine südliche Richtung und ritt 8
Tage durch hohe Gebirge. Der Winter hatte schon seit Michaelis seinen
Einzug gehalten, und sie reisten immer nur über Eis.

Aus den allgemein gehaltenen Angaben der Reiseroute dürfen wir
schließen, daß der Weg durch die Kirghisensteppe nach Südosten führte
und daß man vom östlichen Ufer des Sir Darja, den man nicht zu Gesicht
bekam, den Karatau überstieg und in das Thal des Talas gelangte. Hier
lag in der gut bewässerten und gartenähnlich angebauten Ebene damals
der mohammedanische Ort Kenschak, wo sie nach Landessitte von dem
Haupte der Stadt als Abgesandte Batus empfangen wurden. Nach der Stadt
Talas selbst kamen sie nicht, dieselbe lag weiter südlich und sollte,
nach eingezogenen Erkundigungen, noch aus Deutschland fortgeschleppte
Gefangene bergen.

Jenseits Talas begann das Reich Mangkukaans. Nachdem noch ein Gebirge
überstiegen war, kamen sie wieder in eine große Thalebene; über den
Tschu mußten sie in Böten übersetzen und betraten darauf die von
persisch redenden Mohammedanern (also von Tädschick) bewohnte Stadt
Equius, welche dem heutigen Tokmak gegenüber gelegen haben wird. Dann
wurden die Ausläufer der südlichen Hochgebirge, die Mainakkette,
traversirt und es folgte das dritte Thalbecken, das des Ili-Flusses.
Die von vielen Bächen durchzogene Ebene war im Norden von einem großen
See (dem Balchaschsee) begrenzt. Hier in dieser fruchtbaren Ebene
erhoben sich einst zahlreiche Ortschaften, aber sie waren durch die
Mongolen größtentheils zerstört, welche die Triften nur als Weidegrund
benutzten. In Cailac (Kayalik der mongolischen Schriftsteller,
wahrscheinlich nahe bei Kopal, am Fuße des Dsungarischen Alatau)
war den Reisenden endlich eine Rast von 12 Tagen gegönnt. Am St.
Andreastage, 30. Nov., brachen sie wieder auf, wurden am Alakul von
einem jener furchtbaren Winterstürme, welche über die Steppen fegen,
überfallen, zogen wahrscheinlich über das Tarbagataigebirge weiter
ins Thal des obern Irtysch und von da am Dsabgan aufwärts. Der Weg
wurde öder, mühsamer, die Gegend steril, das Futter für die Thiere
seltener. Die einzige Bevölkerung der mongolischen Hochebene bestand
hier aus den an der großen Weglinie stationirten Leuten, welche für
die Weiterbeförderung der Gesandten und fürstlichen Boten zu sorgen
hatten. Am 26. December trafen sie in einer meergleichen Ebene auf das
Lager Mangkukaans, am 4. Januar 1255 hatten sie die erste Audienz beim
Großfürsten. Auch hier wieder begegneten sie noch einzelnen Europäern,
die von der großen mongolischen Flut bis in diese entfernten Lande
verschlagen waren: so einer aus Metz gebürtigen Frau, die aus Ungarn
geraubt, sich hier mit einem russischen Handwerker verheiratet hatte,
und einen geschickten Goldschmied, Wilhelm Buchier aus Paris.

Am Sonntag vor Himmelfahrt kamen sie mit der Wanderhorde zur Residenz
Karakorum. Dieselbe machte, mit Ausnahme des Palastes, nur einen
unbedeutenden Eindruck; Ort und Kloster St. Denis bei Paris erschien
im Vergleich mit Karakorum, weitaus bedeutender. Doch gab es 12
Götzentempel, 2 Moscheen und eine Kirche, ein Zeichen der religiösen
Indifferenz der Mongolen. Tataren, Sarazenen und Chinesen waren in der
von einem Erdwall umgebenen Stadt ansässig.

[Illustration: Facsimile der drei ersten Zeilen des uigurisch
geschriebenen Briefes von Argunchan an Philipp den Schönen; 1289. (Im
Archive von Paris.)

(Die schraffirten Zeichen des chinesischen Siegels sind im Original von
rother Farbe.)]

Mangku übergab den Priestern ein Antwortschreiben an den König von
Frankreich. Er bezeichnete sich darin als den Herrn der Erde an Gottes
Statt und forderte die Franzosen auf, ihm zu huldigen, wenn sie vor ihm
in Frieden leben wollten.

Bartholomäus von Cremona mußte dort bleiben, es gab ja auch in
Karakorum eine kleine christliche Gemeinde und die Franziskaner hatten
Gelegenheit gehabt, sechs Seelen zu taufen, darunter befanden sich
drei Kinder eines armen Deutschen.

Im Sommer 1255 kehrte Rubruck mit dem Dolmetscher allein zurück.
Sie schlugen diesmal einen etwas nördlicheren Weg ein, so daß der
Balchaschsee ihnen zur rechten Hand blieb, berührten nicht eine einzige
Stadt und vollendeten die Reise bis zu Batuchan in zwei Monaten und
sechs Tagen. Einen ganzen Monat zogen sie dann mit der Wanderhorde
Batus umher, ehe sie einen Führer erhielten, und konnten erst 14 Tage
vor Allerheiligen, also in der Mitte des October nach Sarai aufbrechen.
Zu Schiffe setzten sie dort über die Wolga und wandten sich dann
nach Süden um das westliche Ufer des kaspischen Sees herum nach dem
Gebirge der Alanen, d. h. nach dem Kaukasus. Durch das eiserne Thor
von Derbend, das Hochgebirge zur Rechten lassend, kam Rubruck über
Schemacha in die Mogansteppe, überschritt den Kur am Einflusse des Aras
und zog an diesem Strome aufwärts nach Naxua (Nachitschewan) und am
Ararat vorbei nach Etschmiadzin. Der durch die Sündflutsage ehrwürdige
Berg mit seinem Doppelgipfel hat von jeher auf die christlichen
Reisenden einen gewaltigen Eindruck gemacht. Auch Rubruck weiß den
Legendenkranz um ein Blatt zu vermehren. Viele Reisende haben den Berg
zu ersteigen gesucht, aber stets vergebens. Nun hatte auch ein Mönch
in dem nahen Kloster ein heftiges Verlangen, den Gipfel zu erreichen,
um womöglich die Arche Noah zu entdecken, welche nach dem allgemeinen
Glauben noch auf der Höhe des Gebirges liegen sollte. Da aber ein
menschlicher Fuß diese weihevolle Stätte nicht betreten durfte, so
habe ein Engel dem frommen Mönche ein Stück von dem Holze der Arche
herabgebracht. Dieses Holz sah Rubruck als besonders werthvolle
Reliquie im Kloster aufbewahrt. Bekanntlich wird dasselbe gegenwärtig
noch gezeigt.

Von Etschmiadzin ging die Wanderung weiter über Ani, die alte, 1319
durch ein Erdbeben zerstörte armenische Königsstadt am Arpatschai,
einem Nebenflusse des Aras, und über Ersirum am Euphratthale hinab nach
Ersingan und Kamach, einer von der Natur gebildeten Felsenburg, nach
Sebaste (Siwas), Cäsarea (Kaisarie) und Iconium. Hier traf Rubruck
einen genuesischen Kaufmann, in dessen Begleitung er nach Süden zur
Küste wanderte und im kleinen Hafenorte Kurch, dem westlichsten Orte
des Königreichs Armenien, das mittelländische Meer erreichte. Ueber
Cypern, Antiochia und Tripolis vollendete Rubruck seine mühevolle
mehrjährige Reise nach dem Kloster in Akkon, wo er um Pfingsten 1256
anlangte.

Vergleicht man die Reiselinie Rubrucks mit derjenigen Piano’s, so
scheint der Gewinn für die Erdkunde nicht sehr wesentlich; allein wir
müssen die Erkundigungen und Beobachtungen mit berücksichtigen, wenn
wir dem Verdienst Rubrucks vollständig gerecht werden wollen. Zunächst
die Erscheinungen der physischen Geographie. Von dem Augenblicke an,
wo er den Uralfluß überschritten hatte, traf er auf keinen Fluß mehr,
welcher, wie Don, Wolga, Ural die südliche Richtung einschlug. Seitdem
der Karatau überstiegen war, folgten die Flußläufe in ununterbrochener
Folge der Richtung nach Nordwest: Talas, Tschu, Ili, Irtysch u. s. w.
bis nach Karakorum. Der Weg führte über eine Reihe von Gebirgsketten
und dann wieder eine Zeitlang an den Flüssen aufwärts: aus alledem
schloß Rubruck mit Recht, daß Asien nach Osten, oder genauer nach
Südosten, sich zu einem mächtigen Hochlande erhebe. Es ist dies im
Mittelalter die erste Andeutung der Erkenntniß des innerasiatischen
Plateaus. Im Gegensatz zu den furchtbaren Schneestürmen in der
niedrigen turanischen Steppe, verlief auf dem Hochlande von Karakorum
der Winter ohne Stürme, aber der Frost, mit wenig Schnee, dauerte bis
in den Mai.

Durch sorgfältige Erkundigungen war Rubruck ferner in den Stand
gesetzt, die Länder- und Völkergruppirungen in einem großen Theile
Asiens in allgemeinen Zügen anzugeben. Nordwärts drang sein forschender
Blick im europäischen Tieflande bis zu den Wohnsitzen der Russen,
Wolgabulgaren und Baschkiren und weiter östlich in Sibirien bis zu den
Kirghisen, die damals zwischen der oberen Tunguska und dem Jenisseï
saßen. Er weiß von den polaren Völkern, daß sie mit Hundeschlitten und
Schneeschuhen fahren, daß wegen der Kälte die mächtigen Schneemassen
nicht mehr schmelzen; aber das Ende des Polarlandes im Norden, die
Begrenzung Nordasiens durch ein Eismeer kennt er nicht. Dagegen gibt
er mit Bestimmtheit an, daß Cathai gegen Osten an das Weltmeer reicht.
Die Wohnsitze der Caule (Kaoli, Korea) und Manse (Mantschu) hält er
aber noch für Inseln. Er spricht die Vermuthung aus, daß die Serer
des Alterthums identisch seien mit den Cathaiern und charakterisirt
ihre mit einem Pinsel gemalte Schrift unter allen Reisenden jener
Zeit am treffendsten, wenn er sagt, ein einziges Schriftzeichen
begreife mehrere Buchstaben in sich und drücke ein ganzes Wort
aus, bei der Aussprache habe das Chinesische einen näselnden Ton.
Auch die Schreibweise der Tibetaner, Tanguten, Uiguren faßt er in
ihrem Unterschiede von der abendländischen Schrift richtig auf.
Ueber den Glauben, die Sitten und Gebräuche dieser Völker fließen
seine Beobachtungen mit ein, wie er auch der Zucht der Yakochsen
ausführlich gedenkt; unverkennbar tritt das Bestreben hervor, die Fülle
neuer Eindrücke ruhig zu prüfen und mit den Nachrichten der alten
Schriftsteller zu vergleichen, beziehentlich dieselben zu verbessern.


4. Die Handelsreisen der Poli.

Einen noch größeren Erfolg als die Glaubensboten erzielten die
Kaufleute in der Aufschließung des fernsten Orients. Daß hierbei
vorherrschend Italiener thätig waren, erklärt sich aus der Entwickelung
des Handels am Mittelmeer. Als nach dem Falle des weströmischen Reiches
der Seeverkehr eine Zeit lang ganz darniedergelegen, traten die ersten
Regungen in Beziehungen mit Byzanz unter dem Gothen Theodorich wieder
hervor, der in der Hauptstadt des oströmischen Reiches erzogen war und
die byzantinische Pracht und Kunst liebte. So entstanden von seiner
Hauptstadt Ravenna aus die ersten Handelsverbindungen mit dem Osten,
die aber in den Gothenkriegen unter den Nachfolgern Theodorichs wieder
erstarben. Neue Keime bildeten sich bei dem völligen Zerfall einer
einheitlichen Macht in Italien erst seit dem neunten Jahrhundert in
einigen freien Städten und zwar zunächst in Amalfi am Golf von Salerno.
Die Amalfitaner verfügten über eine ziemlich beträchtliche Flotte,
besuchten Aegypten und Palästina, ja sie besaßen sogar ihre eignen
Quartiere in Konstantinopel. Ihre Seegesetze (~Tabula Amalphitana~)
erwarben sich allgemeine Geltung bei allen Schiffahrt treibenden
Städten am Mittelmeer. Aber die Blüte Amalfis währte nur kurze Zeit;
unfähig, auf den steilen Felsstufen sich auszudehnen und zu erstarken
in Volkszahl, erlag die Stadt der mächtigen Rivalin Pisa. Pisa, Genua,
Venedig rangen um die Wette, gewannen durch die Kreuzzüge einen
ungeahnten Aufschwung und konnten sich so zuerst in den Ländern der
Levante festsetzen. Im 12. Jahrhundert legten die Venetianer in den
Häfen Syriens Factoreien an. Aber die Verbindung mit Indien, die bisher
ihren natürlichen Weg übers rothe Meer und Aegypten gefunden hatte,
erlitt seit der Eroberung des Nillandes durch Saladin um 1171 einen
plötzlichen Abbruch. Die abendländischen Kaufleute suchten in Folge
dessen einen andern Weg ins Morgenland, sie steuerten über das schwarze
Meer zum Don, wo der Hafenplatz Tana aufblühte und reisten von hier zu
Land nach Astrachan und durch die Steppen nach Inner-Asien. Auch der
Hafenplatz +Sudak+ in der Krim (Soldaja, Saldachia, Sugdaia, Sodaja)
blühte auf mit seiner fast ausschließlich christlichen Bevölkerung.
Ibn Baluta bezeichnete diesen Hafen als einen der schönsten der Welt.
Griechische und italienische Handelsfamilien waren hier ansässig.

Ein anderer Weg nach dem Orient nahm seinen Anfang an der nordsyrischen
Küste, in der Nachbarschaft des christlichen Königreiches von
Kleinarmenien, welches den Abendländern sich stets gastfreundlich
erwies. Vom Mittelmeer her landeten die Reisenden in Lajazzo (Layas),
einem vortrefflichen Hafen, der neben den Trümmern des alten Aegae sich
erhob und auf der Seeseite durch zwei Citadellen gedeckt war.

Als durch den lateinischen Kreuzzug 1204 Byzanz in die Gewalt der
Venetianer fiel, wußten diese den Handelsweg über das schwarze Meer
zu monopolisiren und schlossen die Nebenbuhlerin Genua vom Markte
aus. Aber diese Handelspolitik rächte sich, als 1261 die Genuesen dem
Paläologen Michael III. wieder den Thron in Byzanz verschafften und
zum Dank dafür die Vorstädte Pera und Galata erhielten, welche sich zu
genuesischen Städten umgestalteten. Nun besaßen sie den Schlüssel zum
schwarzen Meere und verdrängten die Venetianer, welche wieder auf den
südlichen Weg über Lajazzo angewiesen waren.

Dieser Herrschaftswechsel spricht sich auch in den verschiedenen
Handelswegen aus, welche die venetianischen Kaufleute, die Gebrüder
Poli einschlugen, um nach dem Innern Asiens zu gelangen. Die +Poli+
gehörten zu den Patriziern, denn in Venedig nahm auch die Aristokratie
an den Handelsunternehmungen Theil.

    +Stammbaum der Familie+:

                         Andrea Polo von San Felice
                                      |
           +--------------------------+-------------------+
           |                          |                   |
    Marco der ältere                Nicolo         Maffeo (Matthäus)
           |                          |
       +---+---+              +-------+-------+
       |       |              |               |
    Nicolo, Maroca     +Marco+, der Reisende, Maffeo.

Marco der ältere scheint eine Zeit lang in Konstantinopel etablirt
gewesen zu sein und ein Haus in Soldaia besessen zu haben. Seine Brüder
Nicolo und Maffeo unternahmen ihre erste Reise nach Konstantinopel
im Jahre 1260, kauften hier byzantinisches Geschmeide ein, welches
unter den Mongolen sehr geschätzt war und tauschten außerdem ihre
venetianischen Waaren gegen Edelsteine um. Ihre Absicht war, zunächst
den Fürsten von Kiptschack zu besuchen.

Damals regierte von 1257-1265 +Barka+ (Berke, Berekeh), ein Enkel des
Tschingiskaan, welcher theils in Sarai, theils in Bolgar residirte.
Die nördliche Residenz lag bei dem jetzigen Dorfe Bolgari, südlich
von Kasan an der Wolga; die südliche, Sarai, war von Batu, dem
Bruder Barkas, an einem Arme der unteren Wolga, östlich von Zaritzyn
gegründet, und wurde schon 1395 von Timur wieder zerstört.

[Illustration: Marco Polo.

Nach einem Gemälde in der Galerie Badia zu Rom mit der Unterschrift:
~MARCUS POLUS VENETUS TOTIUS ORBIS ET INDIE PEREGRATOR PRIMUS.~]

Als sie Bolgar verlassen wollten, brach ein Krieg zwischen Barka und
seinem Vetter +Hulagu+ (+Hulaku, Alau+) von Persien aus. Dadurch
wurde ihnen der Rückweg abgeschnitten, sie kamen an der Wolga abwärts
nur bis Ucaca, südlich von Saratov, gingen hier über den Strom und
nach Südosten durch die Steppen, setzten über den Uralfluß (bei Polo
Tigris genannt) und gelangten wahrscheinlich über Urgendsch (Chiva)
nach Bochara. Hier hielten sie sich des Handels wegen drei Jahre auf,
machten sich mit den Sitten der Tataren bekannt, erlernten deren
Sprache und beschlossen dann, mit einer tatarischen Gesandtschaft,
welche von Persien nach China ging und sie zur Begleitung einlud, zum
Mongolen-Kaan Kublai zu reisen. Der Großfürst nahm sie freundlich auf
und gab ihnen dann bei der Heimkehr einen Gesandten an den Pabst mit,
um sich für den Orient wissenschaftliche Lehrer der sieben freien
Künste zu erbitten. Aber der kaiserliche Gesandte blieb auf der
Reise krank zurück und die Gebrüder Poli kehrten 1269 allein in die
Heimat und das Gestade des Mittelmeeres zurück, das sie bei Lajazzo
erreichten. In Ptolemais (Acre) erfuhren sie, daß der Pabst Clemens
IV. gestorben sei. Sie richteten ihren Auftrag daher zunächst an den
päbstlichen Legaten Theobald (Tebaldo) von Piacenza aus.

Die Vacanz in Rom dauerte über zwei Jahre; inzwischen gingen die Poli
nach Venedig und rüsteten sich dann zur zweiten Reise nach Asien,
auf welcher sie der Sohn Nicolos, +Marco Polo+, welcher 1254 geboren
war, begleiten sollte. Da die Pabstwahl sich immer noch verzögerte,
so schien es, als sollten sie ohne päbstliches Antwortschreiben ihre
Wanderung antreten. Weil seit 1261 die Handelslinie über das schwarze
Meer, welche sie auf der ersten Reise eingeschlagen, gesperrt war,
kehrten sie zunächst nach Palästina zurück, und nahmen für den Kaan Oel
aus der heiligen Lampe am heiligen Grabe in Jerusalem mit und fuhren
von da nach Lajazzo. Hier erfuhren sie, daß der Legat Theobald am 1.
September 1271 als +Gregor+ X. zum Pabste erwählt worden sei. Derselbe
rief sie nach Acre zurück, übergab ihnen Briefe an den mongolischen
Großfürsten und entsendete zwei Dominikaner, Nicolaus von Vicenza und
Wilhelm von Tripolis (in Syrien) nach dem Wunsche Kublais. Da aber in
Folge eines Krieges, welcher zwischen dem Könige von Armenien und dem
Sultan von Babylon ausbrach, der Weg unsicher gemacht war, so blieben
die beiden Predigermönche bereits in Armenien zurück. So zogen die
Poli wiederum allein. Ihren Ausgang nahmen sie von Lajazzo, von wo sie
im November 1271 ins Innere aufbrachen. Den Bericht über diese zweite
große Reise, welche 24 Jahre währte, verdanken wir dem jüngeren, +Marco
Polo+, welcher sich dadurch um die Erweiterung der geographischen
Erkenntnisse des Orients unsterbliches Verdienst erworben und den Ruf
des berühmtesten abendländischen Landreisenden im Mittelalter gewann.

Die Feststellung des Reiseweges, den er mit Vater und Oheim und in
China zu Zeiten allein eingeschlagen, wird in mancher Beziehung
erschwert, theils in Folge zu allgemein gehaltener Angaben,
theils weil sich die vielfach verstümmelten Ortsnamen nur schwer
identificiren lassen. Doch ist gegenwärtig durch die vorzüglichen
Arbeiten Pauthier’s[23] und Yule’s[24] über Marco Polo und die durch
von Richthofen in Bezug auf China gegebene Ergänzung die Möglichkeit
geboten, in den wesentlichen Momenten dem großen Reisenden folgen zu
können.

Von Lajazzo am issischen Golf ging die Route zunächst durch
Klein-Armenien und Kleinasien wahrscheinlich über Kaisarie, Siwas,
Arzingan und Musch, also denselben Weg, den Rubruck auf seiner
Rückreise von Karakorum aus eingeschlagen hatte. Weiterhin erwähnt
Polo den hohen mit ewigem Schnee bedeckten Berg, auf dem die unnahbare
Arche Noahs ruhte; dann wandten sich die Reisenden südwärts nach Mardin
und durch das Gebirge der räuberischen Kurden nach Mossul und Baudas
(Bagdad). Den Fluß hinunter erreichte man in 18 Tagen Basra, von wo
die Seefahrt begann, welche sie an Kisch (Kisi) vorüber nach Ormuz
brachte. Die Insel und Hafenstadt Kisch (jetzt Ghes genannt) war lange
Zeit ein Haupthandelsemporium, sie war gut bewaldet und mit frischem
Wasser versehen. Polo scheint die Stadt nicht besucht zu haben, denn
seine Angaben darüber klingen sehr dunkel. Die Ruinen der längst
untergegangenen Stadt liegen an der Nordseite der Insel.

Hier beginnen die Schwierigkeiten, den Weg Polos zu fixiren, sich zu
mehren. Marco Polo beschreibt uns nämlich den +Ab+stieg vom Hochlande
des inneren Iran zur Küste von Ormuz, während wir einen +Auf+stieg
erwarten. Wir können nur annehmen, daß Polo uns einen zweiten Besuch
des Hafens während der Heimkehr erzählt. Die Stadt lag damals noch
auf dem festen Lande, wurde aber um 1300 durch feindliche Ueberfälle
gezwungen, sich auf die Insel zurückzuziehen, wo dieses Emporium eine
zweite Blüte erlebte. Die Ruinen von Alt-Ormuz liegen im District
von Minao, wo auch Spuren eines langen Hafendammes gefunden sind.
Die Landschaft selbst hieß Hormuzdia, woraus unser Reisender Formosa
machte. Um eine Probe der Erzählungsweise Polos zu geben, schalte
ich hier seine Wanderung nach Ormuz ein, welche ich, um ihr die
alterthümliche Färbung zu bewahren, aus einer der ersten deutschen
Uebersetzungen entlehne.[25]


„+Von dem lustigen veld vnd von der statt Cormos.+“

„Die eben do von yetzt gesagt ist, herstreckt sich jnn die funff
tagreisen, vnd do sie ein end hat, do hebt der weg an vnder sich zu
gohn, vnnd mus man bis jnn die zwentzig meilen stetzs vndersich gohn.
Das ist ein vast böser weg, vnd vmb der rauber willen vnsicher. Zu
letst kompt man zu eim vberaus hupschen veldt, das ist zwo tagreisen
lang, vnd heisset das orth die schöne.“[26] „Jnn disem land seind vil
wasser bäch, vnd palmen beum. Es seind auch mangerley vögel mit hauffen
do, zuvor papageyen, die disseit des Meeres nicht funden werden. Von
dannen kompt man zu dem meer Crean (verdruckt statt Ocean), do ligt am
gestaden die statt Cormos, die hat ein guten port, do viel Kaufleut
zusammen kommen, die bringen aus India specerey, berlin, edelgestein,
gewant von seiden vnd gulden stucken, zeen von helffanten, sambt
andern köstlichem ding. Dis ist ein königliche stadt, vnd hatt viel
stett vnd schlösser vnder jr. Die landtschafft aber an jr selbs ist
heis vnnd schwach. So ein frembder kauffman do stirbt, so nimbt der
König als sein gut. Jnn disem landt macht man wein aus dateln vn̄ vō
andern köstlichen specereiē, die sein aber nit gwont sind vn̄ erst
anhebē zu trincken, den bewegt er dē bauchflus, aber die sein gewont
sind, die werden seer feyst douō. Die jnwoner dises lands essen kein
weitzen brot, auch kein fleisch, sunder datteln, ziblen vn̄ gesaltzen
fisch. Sie haben schiff die sind nit vast sicher, dan̄ sie hefftens
nit mit eisen neglen, sunder mit hültzen neglen vnd fedemen, die sind
aus rinden gemacht der yndischen nus, die rinde bereit man wie leder,
daraus schnidt man darnach fedem, vn̄ aus den fedemen macht man starke
seyl, die den gewalt des wassers dulden mögen. Jedes schiff hat nit
mehr dann einen mast, ein segel, ein leytruder, vnd ein Decke.“

„Man schmiert sie auch nit mit Bech, sunder mit vischschmalz. So sie
dan̄ jnn Jndiam farend vnnd pferd oder andere war mit jnen füren, so
verlieren sie vil schiff, dan̄ das selb meer ist vast vngestüm, vnd
sind die schiff nit mit eisen verwart. Die jnwoner dieses lands sind
schwartz, vn̄ Machumets gsatz vnderworffen. Jm sommer so es vast heis
wurt, so wonē sie nit in den stetten, sunder jn wol gewesserten gärten
auswendig der stett, do leyten sie das wasser mit düncheln hin und her,
doselbst wonen sie, vnd empfliehē der hitz ein wenig. Es geschieht
auch etwan, das ein heisser brenner windt von einer wüsteney kompt, do
nichts dann sandt ist, der wehet so stark, das so die leut nicht balde
flühen, so hersteckte er sie alle mit der hitz.“

„So bald sie prüfen, dz sich derselb wind erhebt so fliehen sie eilend
zum wasser, darin erhalten sie sich, bis der windt vberget, also
entwichen sie dem brunst den der sand bringt. Sie seehen jnn disem land
jm Wintermonat, vn̄ jm Mertzen ernden sie, dan̄ sind auch andere frücht
zeittig abzulesen, dan̄ nach dem Mertzen verdorren alle beum am laub
vnd gras, vnd findt man den gantzen summer kein grien blat, es sey dan̄
an den wassern. Es ist ein gewonheit jnn disem land, wan̄ ein hausvater
stirbt, so beweint jn sein weib vier jar lang allen tag zu eyner
bestimbten zeit. Es samlen sich auch des abgestorbenen, gesipte frund
jnn sein haus, sambt allen seinen nachbauren, die heulen vnd weynen,
vnd machen bittere klagen do.“

                   *       *       *       *       *

Das innere Persien war den Abendländern erst seit der Mongoleninvasion
geöffnet. Polo hat es auf dem Hin- und Herwege durchkreuzt. Von Ormuz
reitet man 17 Tage über das Gebirge nach Kerman. Der Weg, den die
Reisenden machten, entspricht so ziemlich der Route des englischen
Major Smith 1866. Von Kerman aus mußte man in nördlicher Richtung die
Wüste Lut durchschneiden, in welcher man nur bitteres und salziges
Wasser findet. Die von Polo weiterhin genannte Stadt Cobinan dürfte
wohl mit der Landschaft Kuh-banan identisch sein. An den nordpersischen
Gebirgen wandte er sich ostwärts nach Balch. Hier war damals die
Ostgrenze des persischen Reichs.

Diese Stadt war von den Mongolen zerstört, welche auch noch andere
volkreiche Plätze im Gebiet des obern Oxus von der Erde vertilgt
hatten. In Kunduz, der weiter östlich gelegenen Landschaft, betreten
wir die Stufenländer des gewaltigsten aller Hochländer auf der Erde.
Es werden noch die Orte Taican (d. h. Talikhan) und Casem (d. i.
Kischm, jetzt südlich von der gewöhnlichen Karawanenroute) genannt, und
wir gelangen weiter in das Hochgebirgsgebiet von Badachschan. Diese
Landschaft lehnt sich im Süden an die Schneekette des Hindukusch,
im Osten an den Steilrand der Pamir, der grasigen Hochthäler an den
Quellenbächen des Oxus. Die Straße, welche Polo zog, um nach den
tiefgelegenen Städten Yarkend und Kaschgar zu gelangen, ist in neuerer
Zeit, was den westlichen Theil betrifft, zuerst von dem englischen
Reisenden Wood 1838 wieder betreten, während die östlichen Hochpässe
über die Pamirsteppen von einem Theil der von Indien nach Kaschgar
beorderten englischen Mission unter Douglas Forsyth 1873 zum ersten
Male in neuerer Zeit überschritten sind. Die Landschaft Badachschan
war ehedem berühmt durch ihren Reichthum an Edelsteinen, namentlich
Rubinen. Die Hauptfundgruben liegen am Panjah- oder Hamunflusse (d.
i. Amu) in dem früher blühenden und volkreichen Districte von Gharan.
Jetzt ist das Thal mit Dorfruinen besäet. Die 16 englische Meilen
nördlich von dem kleinen Dorfe Barschar gelegenen Rubingruben, welche
eine Quelle des Reichthums für die Herrscher von Badachschan abgaben,
sind nahezu erschöpft. Im Jahre 1873 waren nur noch 30 Arbeiter dort
beschäftigt. Im Süden Badachschans, am Fuß des Hindukusch, war die
Fundstätte eines andern hochgeschätzten Steines, des Lasursteines oder
Lapis Lazuli, welcher im Abendlande nach der Landschaft Badachschan
oder Balakschan benannt wurde; Marco Polo schreibt Balaciam. Albertus
Magnus kennt den Stein unter dem Namen Balagius, Dante als Balascio.
Wood hat diese Fundstätten besucht. Polo rühmt hier zu Lande auch
die berühmte Pferdezucht, welche noch gegenwärtig in Blüte steht.
In der reinen Luft der Hochgebirgsthäler genas unser Reisender auch
von dem Fieber, das er sich in Persien zugezogen und das ihn Jahre
lang gepeinigt hatte. Die Schönheit der landschaftlichen Scenerien
wird von ihm gepriesen. Von Faizabad zog Polo wahrscheinlich über den
Aghirdapaß und durch die Schlucht, welche sich bei Barschar in der
Nähe der Rubingruben öffnet, hinab ins Panjahthal und gelangte so
ins Gebiet von Wakhan (Vocan), von wo der mühsame Uebergang über die
Weidethäler der großen oder der kleinen Pamir erfolgte. Der District
von Wakhan erstreckt sich von Westen nach Osten und besteht aus
rauhen Hochthälern, welche beständig von heftigen und kalten Winden
heimgesucht sind. Capitän Trotter, ein Mitglied der Gesandtschaft des
erwähnten Sir Douglas Forsyth, hat denselben Weg, wie Polo, gemacht
und ausführlich geschildert (~Journal R. Ggr. Soc. Vol.~ XLVIII,
1878). Das am höchsten gelegene Dorf im Wakhan, Sarhadd, hat eine
Seehöhe von 3350 Meter. Weiter aufwärts macht man im Winter die
Reise auf dem gefrorenen Spiegel des Bergstroms und führt sie mit
geringeren Schwierigkeiten aus, als im Hochsommer, weil dann bei der
Schneeschmelze und der Hochfluth der Pfad im Thale vielfach versperrt
ist. Dann geht es in beständiger Folge von steilen Auf- und Abstiegen
am Gehänge hin; an einer Stelle muß man, wo der Weg abbricht, an
einer Steilwand in kürzester Frist 1000 Fuß hinanklimmen. Das von
den kirghisischen Hirten jetzt fast ganz verlassene Thal der kleinen
Pamir liegt 4000 Meter hoch. Ein kalter Wind bläst so heftig durch das
Thal, daß man kaum die Augen öffnen kann. Die verschneiten Paßhöhen,
welche die Grenze zwischen Ost- und West-Turkestan bilden und zugleich
die Wasserscheide zwischen den westlichen Abflüssen des Oxus und den
östlichen des Tarim bezeichnen, liegen über 4500 Meter hoch. Dann
beginnt die Wanderung über das eigentliche Plateau der Pamir, „des
Daches der Welt“. Die kühnen, schroffen, himmelanstrebenden Bergformen
verschwinden und flachwellige Thäler in einer Höhenlage von über 3000
Meter treten an die Stelle, bewohnt von Kirghisen und belebt von ihren
Herden. Ueber dem breiten Thale ragt das altberühmte Taschkurghan
(„Steinschloß“) empor, der Sitz des Districtgouverneurs. Das Schloß
ist uralt, und soll von Afrasiab, einem Könige von Turan, gebaut sein.
Eine Zeit lang bestand hier eine blühende Tädschik-Colonie unter einem
erblichen Herrscher, der an China Tribut zahlte. Von hier geht der
Weg wieder zehn Tage lang durch wilde spärlich bevölkerte Gebirge
und gefährliche Pässe. „Die Berge,“ schreibt Trotter, welcher von
Kaschgar herüberkam, „sind kahl und unfruchtbar, der Weg ist schlecht
und nach Uebersteigung des Toratpasses („Pferdeschweif“), 3400 Meter
hoch, gradezu abscheulich. An einer Stelle führt er im Flußbette hin,
der, voll großer Blöcke und tiefer Wasserlöcher, zwischen senkrechten
Felswänden sich Bahn bricht. Ein paar entschlossene Leute können den
Weg gegen eine ganze Armee vertheidigen. Fast ebenso schwierig ist der
Abstieg ins Tiefland von Ost-Turkestan nach Yarkend.“

Die Schilderung dieses überaus mühsamen Uebergangs über die Pamir
bildet eins der interessantesten Capitel in dem Berichte unseres
Venetianers. Möge darum seine Darstellung hier in der alten deutschen
Uebertragung eingereiht werden.

„So man von dannen (nämlich von Wakhan) gegen auffgang zeucht, so mus
man drey gantz tag vbersich ziehen, bis man auff ein hohen berg kumbt,
der kein höhern jn der welt hat. Daselbst findt man ein ebne zwischen
zweyen bergen, darin fleußt ein schön lustig wasser, das gibt gute
weyden darumb, also das ein mager pferdt oder rindt jn zehen tagen
feyßt dauon wirt.“

„Man findt auch vil wildbrets da, zuuor etlich wilde wider (~Ovis
Poli~) oder castrone, die haben lange hörner, daraus macht man
mangerley geschiir, dise ebne ist so lang, das man jr in zwelff tagen
kein end finden kan und heyßt Pamer (andere Lesart Pamier). So man aber
weyter zeucht, so wirt es wie eine wüsteney, vnd hat keins menschen
wonung mer, auch kein grün gras mehr. Darumb müssen die leut mit jnen
führen, was jnen von nötten ist zur erhaltung. Es ist auch kein vogel
da, vmb der kelten willen, vnd grosser Höhe des erdtrichs, das dem vich
kein futter tragen kan.“[27]

„So man ein feur da anzündt, so ist es nicht so hell, vnnd so krefftig,
als an anderen orten von wegen der vberschwencklichen kelten des
lands.[28] Von dannen geth der weg durch die berg gen auffgang vnd
mitnacht, da findt man berg vnd thal, vnd vil wasser da zwischen, aber
keins menschen wonung, vnd kein kraut. Das landt heyßt Belor, das
zeigt ein ewigen winter an. Derselb anblick weret viertzig tagreysen
lang.[29] Fur so viel tag mus man auch prouiand bey sich haben, doch
sicht man auff den allerhöchstn bergen, hin vnd her etlicher leut
wonungen, die seind aber vberaus bös vnd grewlich, so seind sie auch
abgöttisch, die geleben des weidwercks vnd bekleyden sich mit den
heutten von den thieren.“

Außer Wood haben das Hochland auf zum Theil verschiedenen Wegen
durchkreuzt 1861 der britische Agent Abdul Medschid auf dem Wege
nach Kokan, und Mirza 1868/9 über den Tschitschiklikpaß nordöstlich
von Taschkurgan, welchen Trotter und wahrscheinlich auch schon Polo
überstiegen. Den gewaltigen Unterschied zwischen den unwirthlichen,
menschenleeren Höhen und den blühenden Oasen in Ost-Turkestan
empfanden die venetianischen Kaufleute sofort und Marco Polo verleiht
der Wahrnehmung Worte, wenn er mit Befriedigung von den herrlichen
Weinbergen, Fruchtgärten und „anderen Ackergütern“ erzählt. Während
auf der Pamir sich einzelne Gipfel bis zu 8000 Meter erheben, ist der
tiefste Thalboden im Tarimbecken kaum 700 Meter über See gelegen. Nur
an den von der Umwallung der alpinen Hochketten aus Norden, Westen
und Süden ablaufenden Gewässern ist durch künstliche Befeuchtung des
Bodens um feste Städte eine oasenartige Kultur entstanden, die sich
an die Gebirge anlehnt. Das Tarimsystem wird im Norden und Süden
von den Schneegebirgen des Tienschan und Kwenlun begleitet, welche,
fast parallel, weit gegen Osten streichen. Daher haben sich, weil
an der Rinne des Tarim selbst wenig anbaufähiges Land sich findet,
zwei Städtereihen im Norden und Süden entwickelt, durch welche
der Weg nach China führt. Während in unsern Tagen die belebteste
Karawanenstraße durch die nördliche Städtereihe Kaschgar, Aksu, Turfan
und Komul geht, lief zu Polo’s Zeit die Route durch die südlichen
Plätze Yarkend, Iltschi (Choten), Tschertschen und an den Lopnor, das
Sammelbecken aller Gewässer Ost-Turkestans. Den Weg der Venetianer
hat kein europäischer Reisender wieder verfolgt, nur durchkreuzt hat
ihn in jüngster Zeit der kühne russische Oberst Prschewalsky, welcher
nach Polo auch zuerst den Lopsee erreichte. Im Gebiet von Choten
oder Iltschi erwähnt unser Reisender den grünlichen Chalcedon, der
dort unter dem Namen Jade bekannt ist. Die Chinesen schätzen ihn
als Yu-stein, die Perser nennen ihn Yaschin, woraus unser „Jaspis“
geworden ist. Ueber die Stadt Tschertschen (bei Polo Ciarcian, ein
lange vergeblich gesuchter Ort), welche nach den Erkundigungen von
Prschewalsky am Tschertschen-Darja liegt, wurde die Oase Lop erreicht,
wo man sich von der beschwerlichen Wüstenreise eine Zeit lang erholen
konnte und den Thieren Rast gönnte, ehe man die große Wüstenreise zu
der ersten chinesischen Stadt antrat. Der Wüstensand liegt hier in
beweglichen Massen, die vom Winde aufgewirbelt werden. Bei den Chinesen
war dieser Wüstenstrich in früherer Zeit unter dem bezeichnenden Namen
Lu-scha, d. h. fließender Sand, bekannt. Er bildet die westliche
Fortsetzung der bekannten Scha-mo, d. h. Sandmeer.

Die Bevölkerung der Oase[30] Lop (Polo bezeichnet diese als eine große
Stadt) hat stets isolirt, wenn auch nicht völlig abgesondert von der
übrigen Welt gelebt. Prschewalsky hält den Grundstamm für arisch,
mit mongolischem und tatarischem Blute gemischt. Sie war schon zu
Polo’s Zeit mohammedanisch. Auffällig ist, daß jetzt Kamele nicht
mehr vorkommen, während unser Reisender ausdrücklich betont, daß man
sich hier zur Weiterreise mit starken Kamelen versorge, denn die
Wüstenwanderung währt einen ganzen Monat, und für diese Zeit muß man
sich mit Lebensmitteln und Futter versehen. Trinkwasser findet sich an
einigen Stellen, wenn auch nicht immer reichlich. Die größten Gefahren
der Reise liegen aber nach der Ansicht unseres Berichterstatters in
den Tücken böser Geister, die durch Namensruf und allerlei Geräusch
die Reisenden in die Irre führen und ins Verderben locken. Bei
Tage klingen diese Geisterstimmen wie „süß tönendes Saitenspiel,
Pauken und Trommeln“. Chinesische und arabische Schriftsteller
wissen gleicherweise von solchen geheimnißvollen Tönen in der Wüste
zu erzählen; auch Capitän Wood vergleicht den Ton der Schritte im
beweglichen Sande mit fernem Trommelwirbel und zarter Musik. Daß aber,
abgesehen von den ungleich erwärmten in Bewegung gerathenen sogenannten
klingenden Sandmassen andere eigenthümliche Sinnestäuschungen in den
asiatischen Wüsten zu solchem Gespensterglauben veranlassen können,
wie ihn der naive Bericht Polo’s kundgibt, dafür mögen hier die
Beobachtungen des Botanikers A. v. Bunge eingeschaltet werden, welcher
bei der Expedition Chanikoffs die auch von Polo durchschnittene Wüste
Lut in Iran durchzog. „Der Tag war glühend heiß gewesen,“ schreibt
Bunge, „die finstere Nacht -- die Gewitterwolken waren herangezogen,
aber sie schwanden über der dürren Wüste, fast ohne daß ein Tropfen
herabfiel -- war warm; beim gleichmäßigen Schaukeln auf dem Kamel
ängstigte -- nicht mich allein -- eine eigenthümliche Sinnestäuschung,
als ritte man in dichtem Walde zwischen hohen Bäumen und müsse sich
fortwährend beugen, um den Zweigen auszuweichen. Schon ehe die Sonne
aufging, traten die Erscheinungen der Luftspiegelung ein.“ (Petermann,
Mitthl. 1860. 223.) Auch ~Dr.~ O. Lenz hat bei seiner ruhmvollen
Wanderung durch die westliche Sahara von Marokko nach Timbuktu 1880,
die Erscheinungen des tönenden Sandes beobachtet als langgezogene
dumpfe Trompetentöne, welche, um das Unheimliche dieser Wüstenlaute
zu steigern, bald hier, bald dort, immer aus einer andern Gegend
herüberklingen. Lenz sucht die Ursache an der Friction der erhitzten
Quarzkörner.

Erst nach 30 Tagen gelangten die venetianischen Kaufleute zur ersten
chinesischen Stadt Scha-tscheu (Saciu) d. h. Sand-ort, einem wichtigen
Platze, weil alle Wege, welche von China aus nach Westen gerichtet
sind, durch diese Stadt führen. Im Jahre 1292 ließ Kublaikaan, zur
Zeit, als Polo sich zur Heimkehr nach Europa anschickte, die Einwohner
ins Innere von China schaffen, und 1303 legte sein Nachfolger eine
Besatzung von 10000 Mann dahin, um den Platz zu sichern. In weitern
10 Tagen erreichte man Su-tscheu (Succiur, Sukchu), welches 1226 von
Tschingiskaan zerstört worden war, und weiterhin in südlicher Richtung
Kan-tscheu (Campichu), damals die Hauptstadt von Tangut, jetzt Provinz
Kan-su, nördlich vom Kuku-nor. Dann folgten die Städte Liang-tscheu-fu
(Eritschu), Sining-fu (Sinju), und Ninghia (Egrigaia)[31]. Nicht weit
davon lag die Sommerresidenz der ehemaligen Tangutkönige am Fuß des
Alaschan (Calaschan). Von Liang-tscheu folgte Polo einer Reiseroute,
die den modernen Postweg zur rechten ließ. Die Straße, welche er zog,
heißt seit der Zeit des Kaisers Kang-hi die Courierstraße. Nach Tenduc
(jetzt Kuku-choto) verlegte Polo den Sitz des Priesters Johann, den er
in dem Ung-chan zu erkennen glaubte. Ihm fielen dort die Mischlinge
auf, deren Nachkommen wahrscheinlich in den heutigen Dunganen zu suchen
sind. Auf diesem Theil der Reise mußte Polo die berühmte chinesische
Mauer berühren, aber er erwähnt sie nicht. Man mußte denn, wie H. Yule
(Marco Polo I, 283) meint, eine versteckte Anspielung darauf in den
folgenden Worten des Reisenden finden: „Hier ist auch der Ort, den
wir das Land Gog und Magog nennen, dort heißt es Unc und Mugul.“ Yule
deutet diese Stelle dahin: hier sind wir an der großen Mauer, die als
Wall von Gog und Magog bekannt sind. Dort zu Lande nennt man sie nach
zwei Volkstämmen Ung[32] und Mongolen, welche mit der Vertheidigung der
großen Mauer betraut waren.

Sieben Tage weiter kommt man endlich in das große Land Cathay, welches
überall von volkreichen Städten und Dörfern dicht besät ist. Ueber die
kunstgewerbreiche Stadt Sindatschu[33], welche unter der Kin-Dynastie
als Siwant-tschu bekannt war, und jetzt Siwan-hwa-fu heißt, fünf
Meilen südlich von Kalgan, gelangten die Reisenden nach Tschagannor
(Ciagannor), einem ums Jahr 1280 erbauten Palaste des Großfürsten,
wo der Kaan sich gern aufhielt, um der Jagd auf Wasservögel am See
obzuliegen. Tschagannor bedeutet „weißer See“, die Ruinen liegen etwa
6 Meilen nördlich von Kalgan. Noch drei Tagereisen weiter gegen Norden
lag die Stadt Tschan-du (Ciandu) oder Schang-tu, d. h. oberer Hof,
obere Residenz, wo der Kaan gleichfalls einen prächtigen Marmorpalast
hatte errichten lassen, dessen vergoldete Zimmer mit kunstvollen
Gemälden geziert waren. ~Dr.~ S. W. Bushell hat den Platz 1872 besucht.
Die Ruinen liegen etwa unter 40° 22′ n. Br., westlich vom Meridian
von Peking. Der jetzt verödete, übergrünte Herrschersitz, den Polo
mit besonderer Ausführlichkeit beschreibt, erhob sich am sumpfigen
Ufer eines Flusses, der noch jetzt den Namen Schan-tu trägt. Bei den
Mongolen heißen die Ruinen Djao-Naiman Sume Khotan, d. h. Stadt mit
108 Tempeln. Marmorfragmente von Löwen, Drachen und anderen Bildwerken
zeigen die Stätten der ehemaligen Tempel und des Palastes.

Die bisher genannten Fürstensitze lagen jenseit der großen Mauer auf
dem Gebiete der eigentlichen Mongolei. Seitdem China dem mongolischen
Weltreiche einverleibt worden, war die erste und größte Residenz, in
welcher der Kaiser die Wintermonate, December, Januar und Februar
verlebt, hierher verlegt worden. Dieser „große Hof“, als Stadt
Tatu oder Taidu genannt, bestand seit 1264. Sein Name Kaan-baligh,
„Stadt des Kaan“, war in der abendländischen Form Cambaluc, Canbalu
Jahrhunderte lang mit den Vorstellungen größter Fürstenpracht
und größten Glanzes verbunden, ehe er dem modernen „Pe-king“
(Nord-Residenz) weichen mußte.

Der großartigen Hofhaltung des mongolischen Kaisers widmete Polo die
eingehendste Beschreibung. Da die Venetianer von Kublai auch bei
diesem ihren zweiten Besuche auf das Huldreichste aufgenommen wurden
und sich seiner dauernden Gunst erfreuten, so war der jüngere Marco
auch mehr als andere in der Lage, bei der Beschreibung des Hofstaates
und tatarischen Regiments in China zahlreiche Einzelbeobachtungen
und Wahrnehmungen mitzutheilen. Marco Polo gewann in dem Grade das
Vertrauen des Großfürsten, daß dieser ihn in besonderer Sendung nach
den südlichen Provinzen Chinas und bis an die Grenzen seines Reiches
abordnete. Dadurch wurde dem Abendland zuerst der Blick in die
Großartigkeit der chinesischen Welt eröffnet. Die Reise ging von Peking
in südwestlicher Richtung durch die Provinzen Schansi, Schensi und
Szytschuán bis nach Yün-nan und bog dann nach Osten gegen das Meer ab.
Den ersten Theil des Weges hat v. Richthofen 1871 verfolgt und seinen
Untersuchungen verdanken wir besonders das neue Licht, das auf die
Weglinie des Venetianers gefallen ist. Wir begleiten den kaiserlichen
Agenten über Tschou-tschou (Juju) zunächst nach T’aiyüan-fu (Taianfu)
der Hauptstadt von Schansi, wo im 8. Jahrhundert die Tang- und später
die Ming-Dynastie residirte und wo, bei dem sehr bedeutenden Reichthum
an Kohlen und Eisen, seit alter Zeit die Eisenindustrie blühte, welche
im 13. Jahrhundert namentlich Waffen fertigte. Sieben Tagereisen weiter
folgte die in einem breiten Thal des nordchinesischen Lös gelegene
Stadt Pingyang-fu (Pian-fu). Nach Ueberschreitung des Hwang-ho, den
Polo unter dem mongolischen Namen Caramoran, d. h. schwarzer Fluß,
kennt, gelangt man in 10 Tagen zu einer der merkwürdigsten Städte des
Landes, nach Si-ngan-fu (Kenjanfu bei Polo, Kansan bei Odorich von
Pordenone). Als die Hauptstadt vieler mächtiger Herrschergeschlechter,
von deren Bedeutung auch unser Gewährsmann Kunde erhalten hat,
vielleicht schon das Θιναι des Ptolemäus, und im 7. Jahrhundert der
Sitz blühender Kirchen, kann man diese Stadt wohl als die berühmteste
in der chinesischen Geschichte bezeichnen. Dann führt der Weg durch
den von wilden Gebirgen erfüllten südlichen District der Provinz
Schensi und jenseits Han-tschung durch das Tsinglinggebirge, wo seit
alter Zeit die Straßen in Zickzack in den Felsen gehauen sind. Polo
brauchte 20 Tage, um über diese Gebirge nach Tsching-tu-fu (Sindafu),
der gegenwärtigen Hauptstadt von Szy-tschuan zu gelangen. Die herrliche
Ebene, in welcher die Stadt liegt, die, von 800,000 Menschen bewohnt,
jetzt zu den schönsten Städten Chinas zählt, breitet sich am Fuße des
plötzlich abfallenden tibetanischen Plateaus aus und hatte damals
„vil stett vnd schlösser vnd dörffer“. Die Ostgrenze Tibets war zu
jener Zeit viel weiter nach Osten vorgeschoben als jetzt; die Stadt
Ya-tschou-fu, welche man in weitern fünf Tagen erreicht, gehörte damals
bereits zu Tibet und auch heutzutage liegt sie an der Westgrenze des
nur von Chinesen bewohnten Gebietes. Sie bildet den Schlüssel zu dem
westlichen Hochlande. Ueber 3000 Meter hohe Pässe ging’s weiter nach
Süden, 20 Tage ritt Polo durch menschenleere Gebirge, so daß die
Reisegesellschaft genöthigt war, alle Lebensmittel mitzuführen. Jetzt
gibt es auch an dieser Straße einige Ansiedlungen und feste Plätze mit
chinesischen Garnisonen, welche dem Wanderer gegen die unabhängigen
Lolo Schutz gewähren. Kurz vor der Stadt Ning-juan-fu erreichte man
wieder eine schöne, von einem Zufluß des Yang-tse-kjang bewässerte
Thalebene, welche die Chinesen als eine Art irdisches Paradies preisen.
Polo nennt die Stadt und Landschaft Caindu, ein Name, welcher der noch
jetzt im Volke üblichen Bezeichnung Kian-tschang entspricht. Polo rühmt
hier ein gewürztes Getränk, das aus Weizen, Reis und andern Spezereien
bereitet werde. Dieser gewürzte Wein steht noch in gutem Ruf. Auch die
Cassiablütenknospen, ein noch jetzt geschätztes Produkt des Thales,
werden unter den Landesprodukten als „Gewürznelken“ aufgeführt.

Nahe der südlichsten Biegung des Stromes wurde der obere Yang-tse-kjang
(bei Polo Brius) überschritten und dann die Landschaft Carajang (d.
h. schwarzes Jang, nach den schwarzen Bewohnern) erreicht. Es bildet
den nördlichen Theil von Yün-nan, dessen Hauptstadt damals Ya-schi,
jetzt Yün-nanfu heißt. Der weiter westlich gelegene Hauptort von
Carajang trägt auch bei Polo diesen Namen, jetzt Talifu.[34] Auf den
südwestlichen Gebirgen, welche die Grenze gegen den modernen Staat
Birma bilden, erkennen wir in den Bewohnern, welche ihre Zähne zu
vergolden pflegen, die Kakhyens oder Singpho, deren waldiges Bergland
Polo unter der persischen Bezeichnung Zardandan, d. h. „Goldzahn“
beschreibt. Jenseit dieser Gebirge, über die man mehrere Tage beständig
abwärts reitet, öffnet sich das obere Thal des Irawadi. Polo nennt es
Amien, bei den Chinesen heißt Birma oder Ava noch jetzt Mien. Durch das
Thal des Schweli stieg der Reisende zum Iravadi hinab nach Alt-Pagan
oder Tagoung (Tagong), wo über den Königsgräbern zwei fingerdick mit
Gold und Silber belegte Thürme sich erhoben. Weiter scheint unser
Reisender nicht vorgedrungen zu sein als bis nach Ta-gang, welches
1283 auch der mongolischen Weltmacht unterthan gemacht war. Nur von
Hörensagen berichtet er weiter von den Landschaften Bangala (d. i.
Bengalen), Cangigu (d. i. Tung-king, chines. Kiaotschi-kwe), Anin im
südlichen Yün-nan,[35] Coloman, d. h. Kolo-barbaren, an der Grenze von
Kwei-tschou (Cuiju bei Polo). Von hier aus macht die Vortragsweise Polo
wieder den Eindruck, als ob er auf seiner Rückreise aus Südwesten die
Schilderung seiner eignen Route wieder aufnehme. Er zog wahrscheinlich
von Yünnan-fu auf einem mehr östlich gelegnen Wege gegen Norden, setzte
bei Siü-tschou über den blauen Strom und erreichte in Tsching-tu-fu
seine frühere Straße wieder, um nun nach Cambalu seine Rückkehr zu
vollenden.

Drei Jahre stand Marco Polo dann als Gouverneur in der großen Stadt
Yang-tschou nordöstlich von Nan-king, machte darauf mit seinem
Onkel Maffeo längeren Aufenthalt in Kantschou in Tangut und hat
wahrscheinlich auch Karakorum besucht. In diese Zeit fällt auch des
Großfürsten vergeblicher Eroberungszug gegen das blühende Inselreich
Zipangu (Japan), dessen Name Dschi-pen-kwe „Land des Sonnenaufgangs“
zur Zeit des Columbus neben Indien und Cathay einen besonderen Lockreiz
auf alle abenteuernden Entdecker ausübte.

Die venetianischen Kaufleute weilten bereits über 20 Jahre in China,
ehe sie eine günstige Gelegenheit fanden, ihre Heimat wieder zu sehen;
denn der Kaan wollte sie ungern entlassen. Diesen günstigen Anlaß zur
Abreise bot nun die Entsendung der Prinzessin Kokatschin nach Persien,
wo sie mit Argunchan, dem Großneffen Kublais, vermählt werden sollte.
Der Kaan gab ihnen 2 goldene Täfelchen als Geleitsbriefe und Empfehlung
in allen seinen Landen und beauftragte sie auch noch mit einer
Botschaft an die Könige von Frankreich, England und Spanien, sowie an
andere Könige der Christenheit. Das Gefolge der Prinzessin bestand aus
600 Personen. Von Cambalu ging die Reise bis zum Seehafen von Zayton zu
Land und dann zur See. Auf dieser Landreise, welche Polo gleichfalls
beschreibt, sah er die der Ostküste näher gelegenen Provinzen mit ihrem
wimmelnden Völkerleben in den Riesenstädten, die alles übertrafen, was
das Abendland bieten konnte, die mit ihrem Reichthum, Gewerbfleiß und
überaus belebten Handel einen unverlöschlichen Eindruck zunächst auf
den Reisenden und nach dessen Erzählungen bei allen Völkern Europas,
namentlich den seefahrenden Nationen hervorbrachte, so daß an diesen
glühenden Schilderungen sich die Reise- und Entdeckungslust entzündete.

[Illustration: Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.

(Das Original, in Ost-Sibirien gefunden, ist viermal so lang und
breit.)]

Von Peking ging die Landreise zuerst gerade nach Süden über Hokian-fu
(Cacanfu), bei Tsinanfu (Chinangli) erreichte man damals, wie auch
heute wieder, den großen Strom, den Hwangho, welcher später und bis
vor 30 Jahren südlich um das Bergland von Schantung sich ins gelbe
Meer ergoß. Größtentheils auf dem Kaisercanal führt der Weg gegen
Südsüdosten durch Kiangsu bis zum Yang-tse-kjang und zur altberühmten
Stadt Jangtschen (Yanju, auf der catalanischen Karte von 1375 als
Jangio) wo M. Polo auf Befehl des Kaan drei volle Jahre, zwischen 1282
und 1287 die Verwaltung geleitet hatte. In der Nähe dieser Stadt floß
bei Tschin-tschou oder I-tschin-tschou (Sinju) der blaue Strom vorüber,
auf dem Polo einmal 15,000 Schiffe vor der Stadt liegen sah. Nach den
Angaben der dortigen Kaufherren liefen jährlich gegen 200,000 Schiffe
den Fluß hinauf. Ueber die großen Plätze Tschang-tschen (Chinginju) und
Su-tschen (Suju) zogen sie dann in Hang-tschen ein. Polo nennt diese
größte aller Städte Kinsay oder Quinsai, nach dem chinesischen Namen
King-sze, d. h. Hauptstadt; denn sie war seit 1127 die Residenz der
Song-Dynastie gewesen. Keine Stadt der Welt hat unsern Reisenden mehr
in Erstaunen gesetzt als diese, keine hat er so eingehend beschrieben;
aber leider hat Polo, indem er das chinesische Wegmaß „Li“ einer Meile
gleichsetzt, die Verhältnisse gewaltig übertrieben. Diese schönste
Stadt der Welt mit ihren meilenlangen, gepflasterten Straßen sollte
100 Meilen[36] im Umfange haben. Die ganze Stadt lag, von Wasser
umgeben, von Canälen durchzogen, in der Niederung, nahe dem Meere;
12,000 Steinbrücken führten über die Canäle. Es gab 1,600,000 Häuser
und darunter viele stattliche Paläste. An jedem Hause war auf einer
Tafel die Anzahl der Bewohner zu lesen. Die zwölf gewerbtreibenden
Zünfte verfügten über 12,000 Häuser mit Arbeitern. In den Hauptstraßen
wogte ein unaufhörlicher Verkehr, Wagen folgten auf Wagen. Die
Einkünfte, welche der Kaan von hier bezog, sollten sich jährlich auf
fast 200 Mill. Mark (!) belaufen. Und um die Größe der Bevölkerung zu
veranschaulichen, hatte ein kaiserlicher Beamter erzählt, daß täglich
fast 10,000 Pfd. Pfeffer consumirt würden. Der neben der Stadt gelegene
Palast hatte 10 Meilen (Li) Umfang, umfaßte 20 in Gold gemalte, große
Hallen, gegen 1000 auf das herrlichste geschmückte Zimmer und war
von schönen Gärten mit Springbrunnen und Teichen umgeben. Die Stadt
lag unfern des Meeres, an welchem +Ganfu+[37] einen ausgezeichneten
Hafen der Stadt bildete. Das ganze Küstengebiet hat seit jener Zeit
wesentliche Veränderungen erlitten. Die See ist näher an die Stadt
gerückt, die Stätte des Hafens ist unter den Spiegel des Wassers
gesunken, und die Metropole selbst hat gegenwärtig nur 35 Li Umfang.
Auch nach Polo’s Zeit ist diese Weltstadt von abendländischen und
arabischen Reisenden beschrieben, so von Odorich, welcher 1324-27 in
China weilte, von Marignolli (1342-47), welcher sie Campsay nennt, von
Wassaf, Ibn Batuta u. a.

Von King-sze ging dann die Reise weiter durch die jetzigen Provinzen
Tsche-kjang und Fu-kian nach dem Seehafen Fu-tschen (Fuju, aus der
catal. Karte Fugio). Die leicht erregbare Bevölkerung dieser Capitale
Südchinas mußte stets durch starke mongolische Besatzung niedergehalten
werden, da sie zu Revolten geneigt war. Der weiter südlich gelegene
berühmte Hafen Zayton (Caiton, Çaiton, auf der catalon. Karte Caxum)
war der Sammelplatz der Indienfahrer und einer der größten Handelshäfen
der Welt. Wir haben diesen später sprichwörtlich berühmten Hafen
südlich von Fu-tschen in der Stadt Tsiuan-tschen zu suchen, doch
mögen die Vorhäfen dieses Platzes sich noch bis an das wundervolle,
geräumige Hafenbecken von Amoy erstreckt haben. Das östlich gelegene
Meer ist das Meer von „Tschin“. Nur an dieser einzigen Stelle (~lib.
III, cap.~ 4) nennt Polo den jetzt üblichen Landesnamen China, aber
in persischer Form. Ein anderer Name dafür war das Meer von Manzi,
d. h. Südchina. Nach Angabe der Seeleute, welche in diesen Gewässern
verkehrten, gab es in jenem Meere 7459 Inseln.[38] Von dort kamen
weißer und schwarzer Pfeffer und alle anderen geschätzten Spezereien.
Jahreszeitliche, regelmäßig wechselnde Winde beförderten den Verkehr
mit den Gewürz-Inseln.

Von Zayton aus verließ Polo das Reich der Mitte. Die Namen King-sze
und Zayton, Zipangu und Manzi behielten Jahrhunderte lang ihren
zauberisch lockenden Klang für die handeltreibenden Völker des
Abendlandes. Nachdem man für das Gefolge der Prinzessin, welche nach
Persien geleitet werden sollte, im Hafen von Zayton 13 Schiffe, jedes
mit vier Masten, ausgerüstet und auf zwei Jahre mit Lebensmitteln
versehen hatte, stach man im Anfang des Jahres 1292 in See. Nach einer
Fahrt von angeblich 1500 Meilen kam die Ostküste von Hinterindien
in Sicht, dort lag das seit 1278 dem Großkaan tributäre Königreich
Tschampa (Cyamba) zwischen Tongking und Cambodja. Bei den Arabern hieß
es Sanf, und durch das Meer von Sanf führt nordwärts der Seeweg nach
China. Um die altberühmte, den Seefahrern bekannte Landmarke der jetzt
französischen Inselgruppe Pulo Condor bog der Weg westwärts nach dem
an Elephanten, Gold und Farbholz reichen Locac (Siam) ab. Eigentlich
bestanden zwei Königreiche dort, von denen das nördliche eigentliche
Siam bei den Chinesen Sien-lo, das andere, näher der See gelegene
Lo-hoh hieß. Nach der bei Polo mehrfach vorkommenden Vertauschung von
h mit c oder k, wurde aus Lo-hoh Lokok und Lococ (d. h. das Königreich
Lo). Bei der weiteren Küstenfahrt gewann die Gesandtschaftsflotte bei
der Insel Pentam (Bintang, östl. v. Singapur) das Südende Asiens,
„wo alle Wälder aus wohlriechendem Holze“ bestehen, und steuerte nun
nach Sumatra. Polo nennt hier einen Staat Malaiur; nach der Deutung
H. Yules haben wir darin Palembang auf Sumatra zu erkennen, welches
auch im 16. Jahrhundert noch bei den Malaien unter dem Namen Malayo
bekannt war. Die ganze Insel nennt unser Gewährsmann Klein-Java. An den
gewürzreichen Gestaden dieser großen Insel wurde die Expedition längere
Zeit aufgehalten, so daß sich Gelegenheit bot, die sechs Königreiche in
dem nördlichen Theil der Insel zu besuchen. Eines darunter trägt den
Namen Samara, vermuthlich Samatra (Sumatra). Um zu zeigen, wie weit
die Gebiete nach Süden gelegen sind, fügt Polo hinzu, daß man hier den
Polarstern oder die Sterne des Maestro (großer Bär?) kaum noch zu sehen
vermöge. In einem andern Königreiche Fanfur, woher der beste Kampfer
stammte, lernte er auch das wohlschmeckende Mehl der Sagopalme kennen.
Durch die Malakastraße steuerte das Geschwader nordwestlich zu den von
wilden schwarzen Menschen bewohnten Inseln Necuveran (Nikobaren) und
Angamanain (Andamanen), deren Bewohner Hundsköpfe haben. Das stupide,
prognathe Gesicht jener Negrito ist schon frühzeitig den Abendländern
aufgefallen, bereits der Grieche Ktesias spricht davon.

Von da segelte man mit südwestlichem Cours nach der durch ihre
Edelsteine und Perlen berühmten Insel Seilan (Ceylon), aus deren
Mitte sich über dem Waldlande die Felsenspitze des Adamspik als ein
vielbesuchter Walfahrtsort erhob. Von da setzte man nach der Ostküste
Vorderindiens über, wahrscheinlich nach Tandschur. Der ganze Landstrich
hieß damals bei den Arabern Maabar oder Mabar, d. h. Ueberfahrt,
(nämlich nach Ceylon); jetzt trägt die Küste den Namen Koromandel.
Hier begegnen wir in der Gegend von Madras auch der sehr alten
Ueberlieferung, daß der Apostel Thomas in Indien gepredigt habe und daß
durch ihn die Gemeinde der Thomaschristen begründet sei. Dann wurde die
zu jener Zeit blühende, jetzt verödete und zu einem Dorf herabgesunkene
Handelsstadt Kail (bei Nicolo Conti im 15. Jahrhundert Kahila) besucht.
Dieser Hafenplatz lag nahe der Mündung des Tamraparniflusses im
District Tinnevelly. Die Südspitze Indiens bildete das Land Comari.[39]
Im Reiche Melibar (Malabar) auf der Westküste, die besonders durch den
Reichthum von Pfeffer und Ingwer gesegnet ist, war man schon bedeutend
wieder nordwärts gerückt, „denn der Polarstern erhebt sich schon zwei
Ellen über dem Wasser“. In Gozurat (Guzerat) steht er bereits sechs
Ellen hoch. So wurde also eine Umfahrt fast um die ganze indische
Halbinsel ausgeführt, ehe man an der öden Küste von Mekran entlang nach
Ormuz steuerte. Bevor Polo das Schiff verläßt, wirft er noch einen
Blick über die westlichen Regionen und Gestade des indischen Oceans.
Hier beruhen seine Mittheilungen nur auf Erkundigungen und enthalten
daher manches Irrige oder Falschverstandene. Bemerkenswerth sind seine
Angaben über die Christen aus Socotra, welche bereits im 6. Jahrhundert
dem Indienfahrer Kosmos bekannt waren, und sogar nach den Angaben des
Carmelitermönches Vincenzo noch im 17. Jahrhundert existirt haben
sollen. Auch die Insel Sansibar (Zanzhibar) tritt in den Gesichtskreis.
Von allen Reisenden zuerst nannte Polo auch die große Insel Madagascar;
da er sie aber irrthümlich von Elephanten und Kamelen belebt sein läßt,
so liegt die Vermuthung nahe, daß er Nachrichten aus Magadascho auf der
Ostküste Afrikas mit Berichten aus Madagascar zusammengeworfen habe.

Weiter südlich über jene Insel hinaus aber kann man nicht ohne Gefahr
in den Ocean vordringen, weil eine gewaltige Strömung die Fahrzeuge
unwiderbringlich nach Süden reißt. Und wenn uns von 12,700 Inseln
erzählt wird, welche im indischen Meere liegen sollen, so werden wohl
die Korallen-Ringe der Lakkediven, d. h. 100,000 Inseln und der Titel
des Sultans der Malediven, der sich Herr der 12,000 Inseln nannte,
dabei besondere Berücksichtigung gefunden haben.

Erst im Jahre 1294 kam die bedeutend an Mitgliederzahl
zusammengeschmolzene Gesandschaft nach Persien, denn ein großer Theil
des ursprünglich aus 600 Personen bestehenden Gefolges war während
der Reise gestorben. Auch Argunchan, dem die Braut bestimmt war, war
inzwischen (am 10. März 1291) aus dem Leben geschieden. Ihm war sein
Bruder Kaichatu (Kiacatu) in der Herrschaft gefolgt; dessen Sohn, Gasan
(Casan), trat an die Stelle seines verstorbenen Ohms und heiratete die
Braut. Kaichatu selbst aber empfing die Poli in fürstlicher Weise und
gab ihnen auf ihrer Weiterreise die umfassendsten Geleitsbriefe mit,
so daß sie in unsicheren Gegenden zuweilen unter dem Schutze von 200
bewaffneten Reitern dem Abendlande zueilten. Von Persien aus schlugen
sie über Bagdad den nördlichen Weg ein über das armenische Hochland
nach Trapezunt und gelangten von da zu Schiff über Konstantinopel und
Negroponte im Jahre 1295, nach 25jähriger Abwesenheit wieder in ihre
Vaterstadt Venedig.

Fassen wir noch einmal die Resultate dieser epochemachenden Reise
zusammen,[40] so war Marco Polo der erste Reisende, welcher ganz Asien
der Länge nach durchzog und die einzelnen Länder beschrieb. Er sah
die Wüsten Persiens und die grünen Hochflächen und wilden Schluchten
Badachschans, die Jade-führenden Flüsse Ost-Turkistans und die Steppen
der Mongolei, die glänzende Hofhaltung in Cambalu und das Volksgewimmel
in China. Er erzählte von Japan mit seinen goldbedeckten Palästen, von
Birma mit seinen goldenen Pagoden, schildert zuerst die paradiesischen
Eilandfluren der Sundawelt mit ihren aromatischen Gewürzen, das ferne
Java und Sumatra mit seinen vielen Königreichen, mit seinen geschätzten
Erzeugnissen und seinen Menschenfressern; er sah Ceylon mit seinen
heiligen Bergen, besuchte viele Häfen Indiens und lernte dieses im
Abendlande noch immer von Sagen verhüllte Land in seiner Größe und
seinem Reichthum kennen. Er gab zuerst im Mittelalter einen klaren
Bericht von dem christlichen Reiche in Abessinien und drang mit seinem
Blick einerseits bis nach Madagascar vor, andererseits zog er im Innern
Asiens Erkundigungen über den höchsten Norden, über Sibirien ein, über
das Land der Finsterniß, wo weder Sonne noch Mond noch Sterne scheinen
und ein ewiges Zwielicht herrscht, wo man auf Hundeschlitten fährt oder
auf Renthieren reitet, ein Land, hinter welchem endlich ein eisiger
Ocean sich ausdehnt.

Wissenschaftliche Bildung besaß Polo nicht. Er wundert sich darüber,
daß Sumatra so weit im Süden liegt, daß der Polarstern aus dem Gesicht
verschwindet und die Inseln im Eismeer auf der andern Seite so weit im
hohen Norden sich befinden, daß man den Polarstern hinter sich läßt.
Die Himmelsgegenden, nach denen der Weg führte, oder wohin Länder ihrer
Lage nach angegeben werden, sind oft falsch bestimmt, seine Wegelängen
erscheinen vielfach übertrieben.

Vor allem aber ist zu beklagen, daß er nicht Chinesisch verstand,
obwohl er so lange im Lande weilte und sogar officiell mit dem Volke
verkehren mußte. Daher die falschen Uebersetzungen und Erklärungen
chinesischer Namen, wie wenn er King-sze als Stadt des Himmels deutet;
daher auch die Verstümmelung der Ortsnamen und seltsame Schreibweise
derselben. Zwar berichtet er über mancherlei interessante Einrichtungen
im Lande, von den wohlgepflegten, mit Bäumen bepflanzten Heerstraßen,
den Posten und Läufern, den zur Bequemlichkeit der Reisenden an der
Straße errichteten Gasthäusern und der polizeilichen Beaufsichtigung
des Fremdenverkehrs in den großen Städten. Er erwähnt zwar die
Einrichtung von Kornmagazinen, den Gebrauch der Steinkohlen, die
weitverbreitete Anwendung des Papiergeldes; aber andere wesentliche
Eigenthümlichkeiten und Erfindungen bleiben unbeachtet und nach dieser
Richtung erscheint das Werk lückenhaft. Wir vermissen Mittheilungen
über die Magnetnadel, über Pulver, über Bücherdruck, künstliches
Eierausbrüten und Fischerei mit Kormoranen; auch des Thees geschieht
keine Erwähnung. In der neuen Geschichte Asiens erscheint Polo ungenau.
Allein man muß auch erwägen, unter welchen Verhältnissen sein Buch
entstand. Kaum von seiner weiten Reise zurückgekehrt, nahm er an dem
Kriege theil, in welchen Venedig mit seiner Rivalin verwickelt war,
wurde noch im Jahre 1295 in der Seeschlacht bei Corzola, einer der
dalmatischen Inseln, gefangen genommen und nach Genua gebracht, wo
er in der Gefangenschaft einem Genossen, dem Pisaner Rusticiano oder
Rustichello seinen Bericht dictirte. -- Trotzdem gehört Marco Polo zu
den geographischen Classikern des Mittelalters.

Ursprünglich war der Bericht, noch nicht in Bücher und Capitel
abgetheilt, in altfranzösischer Sprache niedergeschrieben, wie man
dies aus der grade hier am meisten bewahrten Naivität der Erzählung
mit ihrer stereotypen Redeweise und ihrer Unbehilflichkeit im
Ausdruck, aber auch aus der hier annähernd correctesten Schreibweise
der Eigennamen erkannt hat. Dann wurde das Werk ins Lateinische,
Italienische übersetzt und überarbeitet.

Trotzdem hat sein Bericht nicht plötzlich gewirkt. Seine Zeitgenossen
Dante und Sanudo erwähnen ihn noch nicht; wohl aber citirt ihn sein
persönlicher Freund Pietro di Abano (geb. 1250 in Abano bei Padua,
gest. 1316). Den ersten Einfluß auf die Ländergemälde verspürt man in
der catalanischen Karte von 1375, wo Vorder-Indien als Halbinsel sich
aus den von Ptolemäus gezogenen engen Schranken loslöst und manche
Landschaften Indiens und Südchinas ganz richtig gezeichnet sind.

[Illustration: ~Lith. Kunst-Anst. v. Aug. Kürth, Leipzig~

~G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin~

~CHINESISCHES PAPIERGELD AUS DER MING-DYNASTIE (1368-1645).~

~Facsimile Reproduction in ¼ der natürl. Größe (Original in Paris).~]

Die erste deutsche Uebersetzung erschien 1477 unter dem Titel: „Das
ist der edel Ritter Marcho Polo von Venedig der große Landfahrer, der
uns beschreibt die großen Wunder der Welt, die er selbr gesehenn hat.
Von dem auffgang pis zu dem undergang der sunnen, dergleychen vor
nicht meer gehort seyn. Diß hat gedruckt Friczs Creüßner zu Nurmberg
nach cristi gepurdt 1477.“ Im 15. und 16. Jahrhundert wurde Polo’s
Bericht von den Kartographen in ausgiebiger Weise gebraucht und auch
misbraucht, indem man oft in unkritischer Methode seine Länder und
Städte über die Erdräume vertheilte. Trotzdem bildete es das wichtigste
Fundament für die Kenntniß des östlichen und südlichen Asien, bis
seine unbestimmten Angaben durch bessere, auf mühsamen Landreisen
gewonnene Resultate ersetzt werden konnten. Das schönste von allen
Resultaten, meint Libri,[41] welches dem Einfluß Polo’s zu danken,
sei dieses, daß Columbus durch seine Schilderungen zur Entdeckung der
neuen Welt angeregt worden, und daß er, eifersüchtig auf Polo’s Ruhm,
es für seine Lebensaufgabe gehalten, Zipangu zu erreichen, von dem der
Italiener solche Wunderdinge berichtet habe.

Allein H. Yule (a. a. O. I, 103) bemerkt mit Recht dagegen, daß
Columbus die Berichte Polo’s nur aus zweiter Hand kenne und zwar
aus einem Briefe Toscanelli’s. Polo’s Namen nennt der Entdecker der
neuen Welt nicht. Seine feste Ueberzeugung von der Schmalheit des
westlichen Oceans leitet sich nicht aus der Berechnung der Entfernungen
asiatischer Länderräume nach Polo’s Angaben her, wonach Ostasien
bis weit in den großen Ocean hinein sich erstrecken müßte, sondern
stammt von seinem beliebten Gewährsmann, dem Cardinal d’Ailly, welcher
seinerseits sich wieder auf Roger Bacon berief.

Ob sich Karten, von Polo’s Hand entworfen, noch länger erhalten, bleibt
zweifelhaft. Doch wird erzählt, daß der Prinz Pedro von Portugal 1426
von der venetianischen Signoria eine Karte erhielt, welche entweder ein
Original oder eine Copie von einer durch Polo selbst gefertigten Karte
gewesen sein soll.


5. Die späteren Missionsreisen und Handelszüge.

Polo hatte in Asien eine Reihe von Nachfolgern, namentlich
glaubenseifrige Mönche, welche zwar nicht so umfassende Reisen wie der
venetianische Kaufmann machten, aber doch manche Ergänzungen seines
Berichtes brachten und namentlich dazu beitrugen, daß noch längere Zeit
das Interesse für die östliche Welt lebhaft erregt blieb.

Der erste unter diesen Missionaren war der Franziskaner +Johann von
Montecorvino+ in Süditalien, geb. 1247, gest. um 1328. Derselbe befand
sich zu gleicher Zeit mit den Poli in Asien. Im Jahre 1289 vom Pabste
entsendet, ging er in Begleitung des Kaufmanns Petrus de Lucalongo nach
Persien und weiter nach Indien, hielt sich dort bei den Thomaschristen
längere Zeit auf und konnte über Land und Leute manches neue erzählen.
Seine Erlebnisse und Beobachtungen sind in einem Briefe niedergelegt,
welchen er von Maabar in Ober-Indien 1292 oder 1293 nach dem Abendlande
sendete. Indien heißt bei ihm Maebar. Die Bewohner der dekhanischen
Halbinsel sind eigentlich nicht schwarz, sondern olivenfarben und von
schöner Gestalt. Ihre tägliche Nahrung besteht in Reis und Milch;
Brot und Wein kennen sie nicht. Unter den Produkten werden Pfeffer,
Ingwer und Bersi (Brasilholz) besonders erwähnt. Montecorvino ist
der erste abendländische Reisende, welcher Zimmt als ein wichtiges
Erzeugniß Ceylons nennt. Auch kennt er die eigenthümliche Schrift
auf Palmblätter. Die jahreszeitlichen Winde (die Monsune) regeln die
Schifffahrt, auch die Regen sind an bestimmte Zeiten gebunden. Südlich
vom indischen Meere gibt es kein Festland mehr, sondern nur Inseln, und
zwar mehr als 12000,[42] von denen aber ein Theil unbewohnt ist.

Von Indien wandte sich Montecorvino nach China an den Hof Kublais;
diesen Fürsten, den Gönner Polo’s, fand er aber nicht mehr unter den
Lebenden. Kublai starb 1294.

Von Cambalu aus, wo 1305 eine Kirche gebaut und ein Kloster gegründet
wurde und wo der Franziskaner das Oberhaupt der christlichen Gemeinde,
im Range eines Erzbischofs[43] wurde, schrieb er noch zwei Briefe in
die Heimat, im Januar 1305 und im Februar 1306. Ein dritter Brief, oder
eigentlich der Schluß des zweiten Briefes, ist später von Menentillus
von Spoleto mitgetheilt, woraus man früher die irrthümliche Folgerung
zog, daß Menentillus selbst in China geweilt habe. Montecorvino scheint
der erste und auch der letzte Erzbischof von Cambalu gewesen zu
sein.[44]

Zwischen 1316 und 1318 folgte seinen Spuren ein anderer Ordensbruder
+Odorich von Pordenone+ in Friaul. Er nahm seinen Weg über
Konstantinopel, Trapezunt und Armenien nach Tebris, wo zwischen 1284
und 1291 bereits ein Pisaner Kaufmann, Jolus oder Ozolus ansässig
gewesen war. Ueber Sultanieh und Kaschan ging er nach Jesd. Auf Kreuz-
und Querzügen, abseits von dem gewöhnlichen Karawanenwege, scheint er
an den persischen Golf gekommen zu sein. Er schildert die beweglichen
Sandmassen der Wüsten im Innern Persiens, rühmt die ausgezeichneten
Feigen und grünen Trauben von Jesd, besuchte die öden Palasttrümmer
von Comerum (wahrscheinlich Persepolis) und ging über Schiras ins
Tigristhal hinab nach Bagdad. Am babylonischen Thurme vorbei gelangte
er ans persische Meer und nach Ormuz, stieg hier zu Schiff und fuhr auf
einem gebrechlichen Fahrzeuge, dessen Planken ohne Eisennägel nur durch
Kokosfäden zusammengenäht waren, ähnlich wie es Polo und Montecorvino
bereits beschrieben hatten, in 28 Tagen nach Tana auf Salsette nördlich
von Bombay und von da nach Malabar (Minibar), wo der beste Pfeffer
gedeiht. Dort blühten damals die Plätze Flandrina (Pandarani), eine
jetzt verschwundene Stadt, nördlich von Kalikut, und Cyngilin, d. i.
Kranganor, südlich von Kalikut, damals der Sitz einer der ältesten
Dynastien in Malabar.[45] Um die Südspitze Vorder-Indiens herum
ging die Fahrt weiter nach Mobar (Koromandel), wo nach der Ansicht
Odorichs der Leib des heiligen Thomas begraben liegt. Auch Ceylon wurde
besucht, wo es Vögel mit 2 Köpfen (Tukan) gibt, und von hier auch
Mailapur (Madras) erreicht. Eine Seereise von 50 Tagen brachte unsern
Glaubensboten an den Nicobaren (Nicoveran) vorbei nach Lamori, einem
Reiche von Sumatra.[46] Wegen der Hitze gehen die Einwohner nackt, es
herrscht bei ihnen Weibergemeinschaft, wie auch auf der Insel Pagi
oder Pagai westlich von Sumatra, und Landcommunismus, auch sind sie
dem Canibalismus ergeben. Das Gebiet bringt Gold, Kampfer, Aloeholz,
Reis und Weizen hervor. Weiter gegen Süden liegt das Reich Sumoltra.
Hier begegnen wir zum ersten Male unverkennbar dem heutigen Namen der
Insel, welcher von dem Königreiche auf das ganze Eiland übertragen ist.
Nachdem Odorich noch verschiedene Häfen besucht hatte, wandte er sich
nach der reichen Insel Java, welche nach seiner Vorstellung, eine arge
Uebertreibung -- gut 3000 Meilen Umfang hat. An Produkten lieferte
diese zweitschönste von allen Inseln Kampfer, Kubeben, Kardamom- und
sogar Muskatnüsse. Mit Gold und Silber geschmückte Tempel verkündeten
die Macht und den Reichthum der Fürsten. Von hier kehrte Odorich nach
dem Norden zurück, berührte die Südküste Borneos, wie sich aus den von
ihm erwähnten Produkten Sagomehl, Palmwein, Bambus u. s. w. ergibt,
besuchte das Königreich Zampa (Tschampa), wo der König viele gezähmte
Elephanten besitzt, und endete in Kanton, im Lande Manzi (Südchina),
welches auch Ober-Indien genannt wurde, seine Seereise. Er bezeichnet
diesen berühmten Seehafen mit dem Namen Censcalan.[47] Die Stadt liegt
eine Tagereise vom Meere entfernt an einem großen Flusse und treibt
den ausgedehntesten Seehandel. „Ganz Italien besitzt nicht so viele
Schiffe als diese eine Stadt.“ Die betriebsame, dichte Bevölkerung
Chinas und seine zahlreichen Städte machten einen gewaltigen Eindruck.
Odorich greift wohl etwas zu hoch, wenn er meint, es gäbe in Manzi
2000 Städte, welche größer als Vicenza oder Traviso seien. Allein eine
annähernde Zahl von Städten besteht nach der Zusammenstellung Yules
(Cathay I, 104) noch jetzt. Von Kanton wandte sich Odorich nach Zayton
und von da nach dem Hafen Fuzo (Futscheu). Die weitere Landreise führte
sodann durch manche Städte und über ein hohes Gebirge, in welchem
zwei verschiedene Menschenrassen hausen, nordwärts zu einem großen
Fluß, in welchem er zuerst die Kormoranfischerei kennen lernte, und
dann nach Cansay, dem Quinsay Polo’s. In Bezug auf die Größe dieser
Weltstadt übertreibt er noch mehr als sein Vorgänger. Die Stadt liegt
in den Lagunen wie Venedig, hat 100 Meilen im Umfange und von den 12
Hauptthoren aus erstrecken sich die Vorstädte noch meilenweit ins Land
hinein.

Von hier gelangte der Franziskaner nach Chilenfu (Nanking), wo zuerst
die Könige von Manzi residirten. Damals hatten die Umfassungsmauern
eine Länge von 40 Meilen,[48] jetzt nur die Hälfte. Auf dem großen
Strome Talay (Ta kjang oder Yang tse kjang) ging die Fahrt an manchen
Städten vorbei zum Schifffahrtscanal, und über den Hwangho endlich nach
Cambalech (Peking), wo Odorich 3 Jahre verweilte und einer der von
Montecorvino gegründeten Kirchen vorstand.

Als neue Beobachtungen des chinesischen Lebens, welche Polo unerwähnt
gelassen, erzählt Odorich, es sei ein Zeichen der Vornehmen, sich
lange Nägel wachsen zu lassen, bei einigen werde der Daumennagel so
lang, daß er rund um die Hand gehe. Bei Frauen gelte es als Schönheit,
sehr kleine Füße zu haben. Daher pflegten die Mütter den neugeborenen
Mädchen die Füße fest zu umwickeln, daß dieselben nicht wachsen
könnten. Auch beschreibt er zuerst die weißen Hühner mit wollhaarigem
Gefieder, welche nur in China heimisch sind.[49]

Ueber den Weg, welchen Odorich auf seiner Heimreise einschlug, wissen
wir nur soviel, daß er sich von Peking westwärts ins Binnenland, in
das Land Tenduc, welches er für das Reich des Priesters Johann hielt,
begab, vielleicht auch Singanfu besuchte und über die Hochgebirge nach
Tibet und seiner Hauptstadt Lhasa vordrang. Hier verlieren sich alle
Spuren; möglicherweise führte die Route durch Persien über Tebris
wieder zurück. Um 1330 gelangte er wieder nach Venedig und starb im
Januar 1331 in Udine. Auf einem Theile seiner Wanderung hatte er einen
irischen Mönch Jakob zum Begleiter. Er war der erste Europäer, welcher
Tibet sah.

[Illustration: Hand eines reichen Annamiten.]

Auch auf dem nördlichen Handelswege nach Centralasien fanden sich in
der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eifrige Glaubensprediger ein,
denn der Pabst hatte allen, welche im Dienste der Kirche sich den
Mühen und Gefahren unterzogen, unter den Tataren das Christenthum
zu verbreiten, denselben Ablaß „~a poena et a culpa~“ verheißen,
wie denen, welche nach Jerusalem pilgerten. So zog 1338 auch der
spanische Franziskaner +Pascal von Vittoria+ von Venedig aus, fuhr
übers schwarze Meer nach der Krim (Gazaria) und Asow (Tana) und begab
sich dann in Gesellschaft einiger griechischer Händler zu Wagen nach
Sarai (Sarray), wo er, wahrscheinlich im Ordenskloster der Stadt,
über ein Jahr lang verweilte, dann die Wolga (Tygris) hinab ins Meer
von Baku (Vatuk), d. i. das kaspische Meer gelangte und nach 12 Tagen
Saraitschik (d. h. kleiner Palast) am Uralflusse erreichte. Der Ort
liegt gegenwärtig in Ruinen. Pascal war im Stande, mit den Tataren
in ihrer Sprache zu verkehren, denn er hatte in Sarai die kumanische
(chamanische) Sprache und die uigurische Schrift, welche bis nach
China verstanden wurde, sich angeeignet. Vom Uralflusse verfolgte er,
nachdem sein bisheriger Begleiter Fra Gonsalvo Transtorna umgekehrt
war, seinen Weg allein, ritt zu Kamel durch die turanische Steppe nach
Chiwa (Urganth) und predigte dort in der Landessprache. Von da aus
drang er ins Reich Tschagatai (~Imperium Medium~ der Abendländer),
wurde durch Kriegsunruhen zwar mehrfach aufgehalten, kam aber doch
endlich nach Almalik (Armalec) der Hauptstadt von Tschagatai, in der
Nähe des heutigen Kuldscha, und verkündigte trotz aller Verfolgung
glaubensmuthig die christliche Lehre. Von hier aus sandte er einen
Brief, den einzigen, nach Europa, in welchem er über seine Reisen
berichtete. Leider ist er, wahrscheinlich schon im nächsten Jahre,
1339 als Märtyrer gefallen.[50] In demselben Jahre erreichte auch ein
Kaufmann, Wilhelm von Modena, die Stadt Almalik.

Die letzte große Wanderung quer durch Asien führte der Franziskaner
+Johann von Marignolli+, ein geborener Florentiner (geb. 1290) aus. Auf
einen Brief des Großchans, vom Juli 1336, welcher 1338 nach Avignon
gelangte, schickte der Pabst Benedikt XIII. eine Gesandtschaft, aus 32
Personen bestehend, im December desselben Jahres von Avignon ab. Unter
den Sendlingen befand sich auch Marignolli. Man kam auf dem bekannten
Wege über Konstantinopel und Kaffa im Herbst 1339 nach Sarai, wo man
überwinterte, und schlug dann die Handelsroute über Urgendsch nach
Almalik (Armalec) ein. Hier blieb Marignolli bis 1341 und zog dann
über Komul (Kamil) nach Peking, wo die Gesandtschaft bei dem Kaan
eine Audienz hatte unter Vortragen des Kreuzes und unter dem Gesange:
„~Credo in unum deum~.“ In Cambalu verweilten sie 3 bis 4 Jahre als
Gesandte des Pabstes am kaiserlichen Hofe, dann ging die Wanderung
weiter nach dem Hafen Zayton. Die Schilderung, welche Marignolli von
China entwirft, ist etwas verworren. So hält er den Hwang ho und den
Yang tse kjang für ein und denselben Strom. Von dem Lande Manzi, d.
i. Südchina, welches früher unter dem Namen ~India maxima~ bekannt
war, sagt er, es habe 30,000 große Städte, unter denen Campsay
(Quinsay) die schönste, größte, reichste und wunderbarste sei mit
zahlreichen Prachtgebäuden und Götzentempeln, in denen bisweilen 1000
bis 2000 Mönche wohnten. Zu Ende des Jahres 1347 segelte Marignolli
nach Indien. Unterwegs stattete er auch der Königin von Saba[51]
einen Besuch ab und landete dann an der Küste Malabar in Indien in
der Stadt Columbum (Quilon oder Kollam). Denn hier verkehrten auch
chinesische Handelsschiffe. In Kollam existirte eine Gemeinde von
Thomaschristen. Die Vorsteher derselben bewahrten in Folge eines alten
Privilegiums das Normalgewicht (~statera~), mit welchem Pfeffer und
andere Spezereien gewogen wurden. Daher nennt Marignolli sie auch „die
Herren des Pfeffers“.[52] Bei dieser Stadt errichtete er auch eine
Marmorsäule mit Kreuz und salbte es mit Oel. An der Säule befanden sich
die Wappen des Pabstes und Marignolli’s mit indischer und lateinischer
Schrift. „Ich weihete es,“ erzählt der Bote des Pabstes, „und segnete
das Denkmal in Gegenwart einer unendlichen Menschenmenge und wurde
auf den Schultern von Häuptlingen in einem Palankin getragen.“ Von
da begab sich Marignolli nach Ceylon; aber das Paradies, welches
nach Mittheilungen der Eingebornen im Innern liegen sollte, hat er
selbst nicht gesehen. Nach der Ansicht des Johannes Scotus ist das
Paradies auf dem höchsten Punkte der Erde gelegen und reicht bis in
die Mondsphäre hinein. Daher muß das Wasser, welches aus dem Garten
Eden entspringt und die Bäume tränkt, mit starkem Falle herabstürzen.
Die Singhalesen fanden daher auch bei Marignolli Glauben, wenn sie ihm
erzählten, man könne das Rauschen der Paradiesquelle 40 Meilen weit
hören. Auf der höchsten Spitze des Berges ist noch der Fußstapfen Adams
und das Haus zu sehen, das er selbst gebaut hat.

Auf der Rückkehr von Ceylon nach der Koromandelküste fiel
Marignolli mohammedanischen Seepiraten in die Hände und wurde aller
Werthgegenstände, die er aus dem Osten mitgebracht, beraubt; aber
man schonte seines Lebens und so konnte er über Ormuz, Bagdad, in
dessen Nähe er die Ruinen des Thurmes zu Babel (d. h. den Mudschelibe)
besuchte, über Mossul, wo er die Ruinen von Ninive gesehen, Haleb und
Damaskus nach dem Abendlande heimkehren und 1353 dem Pabste in Avignon
das Antwortschreiben des Großkaan überreichen.[53]

Die oft wiederholten Handels- und Missionsreisen zu den Residenzen
der tatarischen Großfürsten machen es erklärlich, daß, lediglich um
den praktischen Bedürfnissen der Kaufleute zu genügen, Beschreibungen
des Weges mit Angabe der Entfernung und Kosten entworfen wurden. Ein
solcher +Reiseführer+ ist unter dem Titel „~Libro di divisamenti di
Paesi~“ von dem Italiener +Pegolotti+ zusammengestellt, welcher im
Dienste der Handelsgesellschaft Bardi in Florenz zwischen 1315 und 1317
als Factor in Antwerpen und von 1324-27 in Cypern lebte. Daß Pegolotti
die Reise nach China selbst gemacht habe, ist nicht erwiesen und auch
nicht wahrscheinlich. Der damals übliche Weg ging über das schwarze
Meer und durch Südrußland. Unter den allgemeinen Verhaltungsregeln
ward als rathsam empfohlen, daß man sich zunächst einen langen Bart
stehen lasse. Dann nehme man sich in Tana einen Dragoman und ein paar
tüchtige Diener, welche kumanisch verstehen; auch empfiehlt es sich
eine Frau mitzunehmen, welche womöglich gleichfalls kumanisch spricht.
Dann versorge man sich mit Mehl und Salzfisch, denn Fleisch findet
man allenthalben genug. Bewaffneten Schutz braucht man nicht, da die
ganze Straße bis China, Dank der Fürsorge der tatarischen Herren,
sicher ist. Hat man etwa (nach unserem Geld berechnet) für 240,000 Mark
an Waaren, so wird die ganze Reise etwa 3000 bis 4000 Mark kosten.
Ein vierräderiger Ochsenkarren mit Filzdach trägt eine Last von 10
Centnern, ein Kamelwagen, zu dem drei Zugthiere gehören, gegen 30
Centner, ein Pferd zieht etwa 6½ Centner.

Was nun die Entfernung und Stationen betrifft, so rechnet man auf den
Weg von Tana bis Astrachan (Gintarchan) mit Ochsenkarren 25 Tage,
von da bis Sarai 1 Tag, von da bis Saraitschik (Saracanco) am Ural
8 Tage. Von hier kann man zu Land oder zu Wasser weiter reisen. Auf
dem Landwege braucht man bis Organci (Chiva) mit Kamelkarren 20 Tage,
weiter bis Otrar (Oltrare) an einem Nebenflusse des Syr-Darja südlich
der Stadt Turkestan, unter 43° n. B., wieder 35-40 Tage. Von Saracanco
direct nach Otrar kürzt sich der Weg auf 50 Tage ab. In Otrar nimmt
man Packesel und reiset 45 Tage bis Armalec (bei Kuldscha) und 70 Tage
bis Kan-tschou (Camexu). Dann reitet man zu Pferde 45 Tage, bis man
an einen chinesischen Fluß[54] gelangt, auf welchem man nach Cassai
(Quinsay) kommt und von hier in 30 Tagen die ganze Reise bis Gamalec
(Cambalec, Peking) vollendet.

Leider war dieser aufblühende Verkehr mit dem Oriente nicht mehr von
langer Dauer; denn als 1368 in China die mongolische Dynastie gestürzt
worden war und eine einheimische Fürstenfamilie an die Spitze trat,
wurde das Land gesperrt und der Handel völlig abgebrochen. Nur Indien
blieb offen. Und hierher kam im 15. Jahrhundert noch ein venetianischer
Kaufmann +Nicolo de’ Conti+, dessen Erzählung nur durch den seltenen
Zufall sich erhalten hat, daß Conti auf der Heimreise nach Europa auf
dem rothen Meere in die Hände von Piraten gefallen und aus Todesfurcht
den Islam annahm, dann freigelassen, sich in seiner Gewissensangst
um Ablaß an den Pabst Eugen IV. wandte, welcher von 1439-42 sich in
Florenz aufhielt, und dessen Secretär Poggio (Poggius) die Erlebnisse
des Reisenden niederschrieb.[55] Der ganze Bericht macht den Eindruck
der Treue und Zuverlässigkeit, doch mag wohl Poggio manches auf eigne
Hand hinzugefügt haben, so über die Insel Taprobane. Conti hatte sich
in seiner Jugend in Aegypten aufgehalten, um Handel zu treiben, war
dann flüchtig geworden, weil er das ihm von seinem Vater anvertraute
Capital vergeudet hatte, und war mit einer großen Karawane von 600
Köpfen durch das steinige Arabien und über Chaldäa an den Euphrat
gereist. Während des Zuges durch die syrische Wüste hatten sie, ähnlich
wie Polo, seltsame Erscheinungen, welche nach Angabe von erfahrenen
Männern, die dergleichen schon früher erlebt hatten, für Dämonenspuk
ausgegeben wurden. Es war, als ob Reiterschwärme vorübersausten. Man
wird bei der Schilderung unwillkürlich an das bekannte Gedicht von
Freiligrath: Das Gesicht des Reisenden erinnert. Dann kam er nach der
Stadt Babilonia am Euphrat, „welche die heutigen Bewohner Baldachia
(Bagdad) nennen“.[56] Dann ging es den Fluß hinunter nach Basra
(Balsera) und übers Meer nach Ormuz (Ormesia), damals bereits auf der
Insel gelegen. Unterwegs berührte er den Hafen Colchum (bei Diego
Ribero 1529 Conga, jetzt Kongun, südlich von Schiras).

In einem persischen Hafen, den er Calacatia[57] nennt, hielt er sich
längere Zeit auf, um persisch zu lernen. Seine weitere Reise unternahm
er dann in der Tracht eines Persers und fuhr in Gesellschaft seiner
adoptirten Landsleute zu Schiff nach Cambaya (Cambahita), welches
sie nach einer Fahrt von einem Monat erreichten. Cambaya war damals
einer der bedeutendsten Hafenplätze Indiens. „Wenn die abendländische
Welt zum Genuß hinterindischer und chinesischer Produkte gelangte, so
verdankte sie dies zumeist den unternehmenden Kaufleuten und tüchtigen
Seecapitänen von Cambaya und Kalikut.“[58] Eine Küstenfahrt führte
Conti nach Süden in die Region, welche ausgezeichneten Ingwer liefert.

[Illustration: ~=Mapamondi=, das heisst das Bild der Welt und der
verschiedenen Staaten der Welt und der Gegenden, welche auf der Erde
sind, der verschiedenen Arten von Völkern, welche auf derselben
wohnen. (Und besagtes Bild oder Figur ist rund wie ein Spielball und
ähnlich einem Ei, getheilt in vier Elemente. Denn wie das ganze Ei von
aussen von seiner Schale umgeben ist, wie die Schale das Eiweiss, und
dieses den Dotter umgibt, und darauf der Tropfen des Embryo gebildet
ist: so ist diese Welt auf allen Seiten vom Himmel umgeben, wie von
der Eierschale, der Himmel umgibt die reine Luft, wie die Schale das
Eiweiss; die trübe Luft ist umgeben von der reinen Luft, wie der Dotter
vom Eiweiss u. s. w.)~

Die Bewohner von Norwegen leben mehr von Fischen und von der Jagd als
von Brot. Diese Gegend ist sehr rauh und kalt und gebirgig, wild und
voll von Gebüschen. Viel Wild gibt’s hier: als Hirsche, weisse Bären
und Gerfalken. Es gibt Hafer, aber nur sehr wenig, wegen der grossen
Kälte.

In Irland gibt es viele merkwürdige Inseln, darunter ist eine kleine,
wo die Menschen nicht sterben; aber wenn sie sehr alt sind, um zu
sterben, trägt man sie von der Insel. Da gibt’s keine Schlange und
keine Kröte und keine giftige Spinne; denn das ganze Land duldet kein
giftiges Thier. (Da ist auch ein See und eine Insel. Noch mehr, es gibt
dort Bäume, die tragen Vögel, wie andere Bäume reife Feigen tragen.)
Desgleichen gibt es eine andere Insel in welcher die Frauen nicht
niederkommen; wenn aber die Zeit der Entbindung kommt, schafft man sie,
der Sitte gemäss, von der Insel fort.

Die glückseligen Inseln liegen in dem grossen Meere linker Hand, an der
Grenze des Occidents, aber nicht fern im Meere. (Isidor spricht also in
seinem 15. Buche: Diese Inseln heissen Fortunatae.) Denn sie sind reich
an allen Gütern, Korn, Früchten, Kräutern, Bäumen und die Einwohner
glauben, es sei hier das Paradies, wegen der milden Sonnenwärme und
der Fruchtbarkeit des Bodens. (Isidor sagt auch) Die Bäume wachsen
hier wenigstens 140 Fuss hoch und tragen viele Früchte und Vögel. Man
findet hier Honig und Milch, vorzüglich in der Insel Capria, die nach
der Menge der Ziegen, die es hier gibt, benannt ist. Dann ist hier die
Insel Canaria, benannt nach den grossen und starken Hunden, welche
dort sind. (Plinius, dieser Meister der Geographie, sagt, dass es
unter den Fortunaten eine gibt, wo alle Güter der Welt wachsen, ebenso
alle Früchte, ohne dass man sie zu säen und zu pflanzen braucht. Auf
der Höhe der Gebirge sind sehr wohlriechende Bäume, zu jeder Zeit mit
Blättern und Früchten bedeckt. Die Einwohner essen davon einen Theil
des Jahres. Die Bewohner Indiens glauben, dass ihre Seelen nach dem
Tode diese Inseln bewohnen werden und dass sie dort ewig leben werden
von dem Wohlgeruch dieser Früchte. Sie glauben, dass dies ihr Paradies
sei, aber, offen gestanden, es ist dies eine Fabel.)

Das Schiff des Jacob Ferrer ging in See nach dem Goldflusse am Tage des
heil. Laurentius, am 10. August 1346.

Die Orkney-Inseln, in denselben ist 6 Monate Tag, während die Nacht
hell ist, und 6 Monate Nacht, während der Tag trübe ist.

Cap Finisterre, das Westcap Afrikas, hier beginnt (Afrika) und endigt
in Alexandrien und Babilonia (Stadt in Aegypten) und umfasst die
ganze Küste der Berberei und reicht (bis Alexandrien) gegen Mittag u.
Aethiopien (und Aegypten. Man findet in diesem Lande viel Elfenbein
wegen der Menge von Elephanten, die hier geboren werden und welche hier
an den Strand kommen.)

Thal von Darha (Wadi Draa). Durch diesen Ort ziehen die Kaufleute,
welche nach dem Lande der Neger von Guinea reisen.

Dieses ganze Gebiet haben Leute inne, welche sich so einhüllen,
dass man nichts als die Augen sieht (Tuarez mit dem Lithmen oder
Gesichtsschleier), sie leben in Zelten und reiten auf Kamelen. (Es
gibt hier auch Thiere, welche Lemp(?) heissen, aus deren Haut man gute
Schilde macht.)

Dieses ganze Gebirge wird in seiner Länge Carena von den Sarazenen
genannt und von den Christen die Hellen Berge (vom Schnee) genannt,
hat viele schöne Städte und Schlösser, die mit einander Krieg führen
und hat Ueberfluss an Brot und an Wein und an Oel und an allen guten
Früchten.

Dieser Negerfürst heisst Mussemelly, Herr der Neger von Guinea. Dieser
König ist der reichste u. vornehmste Herr dieses ganzen Landes, wegen
der Menge Gold, die man in seinem Lande sammelt.

Dieses Meer heisst das deutsche Meer und das Meer von Gotland und
Schweden. Wisst, dass dieses Meer 6 Monate im Jahre gefroren ist,
nämlich von Mitte October bis Mitte März, so dass man in dieser Zeit
mit Ochsenwagen darüber fahren kann, wegen der Kälte des Nordens.

Hier ist der mittlere Theil des Gebirges, über welches sarazenische
Pilger ziehen, welche vom Abendlande aus nach Mekka walfahren.

Hier herrscht der König Organa, ein Sarazene, welcher fortwährend mit
den Sarazenen an der Küste und mit den andern Arabern Krieg führt.

In diesem Sumpf leben Orions und andere seltsame Fische.

Stadt Lemberg (Löwenberg); in diese Stadt kommen Kaufleute, welche aus
dem Orient anlangen und sich durch das deutsche Meer nach Flandern
begeben.

Dieser König führt beständig Krieg mit den Christen in Nubien, welche
dem Kaiser von Aethiopien im Lande des Priesters Johannes unterthänig
sind.

Dieser Sultan von Babilonia ist gross und mächtig unter den andern
dieser Gegend.

Durch diese Meerenge gingen die Kinder Israels, als sie aus Aegypten
auszogen.

In diese Stadt Chos (Kosser) bringt man die Spezereien, die von Indien
kommen. (Man bringt sie dann nach Babylonia (Kairo) und Alexandrien.)

Dieses Meer heisst das rothe Meer (hier zogen die zwölf Stämme Israels
hindurch) und wisst, dass das Wasser nicht roth ist, sondern der
Boden hat diese Farbe. Durch dieses Meer geht der grössere Theil der
Spezereien, die von Indien (nach Alexandrien) kommen.

Hier ist der Leib d. Jungfrau Katharina (Katharinenkloster). Der Berg
Sinai, auf welchem Gott Moses das Gesetz gab.

Hier regiert der Kaiser dieser nördlichen Gegend, dessen Bereich in
der Provinz Bolgar (an der Wolgar) beginnt u. in der Stadt Urgendsch
endigt. Dieser Fürst heisst Jambech (1342-1356) Herr von Sarai.

Diese Stadt heisst das grosse Ninive, dieselbe wurde wegen ihrer Sünden
zerstört.

Hier lag das grosse Babylon, wo Nebukadnezar war.

In dieser Stadt ist das Grab Mohammeds, des Propheten der Sarazenen,
welche aus allen Ländern dahin pilgern u. sie sagen, dass nachdem sie
etwas so kostbares gesehen, es nichts mehr gebe, was des Ansehens werth
wäre. Dann lassen sie sich zur Ehre Mohammeds blenden.

Es heisst jetzt Bagdad. Wisst, dass man in diese Stadt viele Spezereien
und schöne Sachen bringt, die von Indien kommen u. die man dann ins
Land Syrien und besonders nach Damaskus schafft.

Vor der Mündung des Flusses von Bagdad das Meer von Indien und Persien.
Hier sind Fischereien von Perlen, welche man dann in die Stadt Bagdad
bringt. (Und die Fischer sprechen, ehe sie auf den Grund tauchen, ihre
Zaubersprüche, um die Fische zu verjagen.)

Wisst, dass diejenigen, welche die Wüste durchreisen wollen, hier
anhalten und eine ganze Woche ausruhen in einer Stadt Namens Lop (wo
sie und ihre Thiere sich erholen), und wo sie sich mit allem Nöthigen
für 7 Monate versehen; denn in der Wüste kann ein Mensch einen Tag und
eine Nacht wandern, ehe er gutes Trinkwasser findet; (aber nach dieser
Zeit von einem Tag und einer Nacht findet man) so viel, dass es für
50, für 100 Personen und noch mehr ausreicht. Und wenn es geschieht,
dass ein Reisender bei Nacht auf dem Pferde einschläft, (oder aus einem
andern Grunde seine Kameraden verlässt, so kommt es oft vor) dass er
in der Luft zahlreiche Stimmen von Teufeln hört (die der Stimme seiner
Gefährten gleichen); dann rufen sie ihn bei seinem Namen und endlich
führen die Teufel ihn kreuz und quer durch die Wüste, dass er seine
Gefährten nie wieder findet. -- Diese Karawane reist vom Kaiserthum
Sarai nach China.

Die Stadt Schiras, sonst Gracia genannt; hier wurde die Astronomie
zuerst durch den sehr gelehrten Ptolemäus erfunden (?!)

Arabia Saba ist die Provinz, welche die Königin von Saba besitzt.
Jetzt gehört sie arabischen Sarazenen. Es gibt dort viele Wohlgerüche
als Myrrhe und Weihrauch, sie hat Ueberfluss an Gold, an Silber und
kostbaren Steinen, auch findet man hier, wie man sagt, den Vogel
Phönix.

(Diese Provinz heisst) Tarsia. Von hier zogen die drei weisen Könige
aus, welche mit ihren Geschenken nach Bethlehem in Judäa kamen und
Jesum Christum anbeteten; sie sind begraben in der Stadt Köln, zwei
Tagereisen von Brügge.

Diese Stadt heisst Ormus. Hier beginnt Indien. Wisst, dass in diese
Stadt Fahrzeuge kommen, welche 8-10 Masten haben mit Segeln von Rohr.

Diese Schiffe heissen Dschonken (und haben 60 Ellen Kiel und wenigstens
34 Ellen Oberwerk.) Sie haben 4-10 Masten und ihre Segel sind aus Rohr
und Palmblättern.

In dem indischen Meere, wo die Fischereien sind, gibt es mehr reiche
Inseln, aber die Fischer machen, ehe sie auf den Grund tauchen, ihren
Zauber, wodurch sie die Fische vertreiben; und wenn die Fischer
zufällig untertauchen, bevor sie ihren Zauber gemacht haben, werden sie
von den Fischen gefressen. Das ist eine ausgemachte Sache.

Der König von Dehli. Hier ist ein grosser, mächtiger u. sehr reicher
Sultan; dieser Sultan hat 700 Elephanten und 100,000 Reiter unter
seinem Befehl. Er hat auch zahllose Truppen zu Fuss. In dieser Gegend
der Erde gibt es viel Gold u. kostbare Steine.

Auf diesen Inseln gibt es viele gute Gerfalken und Falken, welche die
Einwohner nur für den Bedarf des Gross-Chans zu fangen wagen, des Herrn
und Kaisers von China.

Wisst, die Männer und Weiber dieses Landes, wenn sie gestorben sind,
mit Musik und Freudenbezeugung zum Scheiterhaufen getragen werden.
(Während die Verwandten des Todten wehklagen) geschieht es bisweilen,
dass die Witwen sich ins Feuer stürzen zugleich mit ihren Männern;
dagegen die Männer nie mit ihren (gestorbenen) Frauen.

Diese (Trompeten) sind von Metall. Alexander, der grosse mächtige
König, liess sie machen. Die Gebirge von Badachschan. Diese Menschen
sammeln Diamanten; aber da sie nicht in die Gebirge gelangen können, wo
sich die Diamanten finden, so werfen sie sehr geschickt Fleischstücke
dahin, wo die Edelsteine liegen und die Steine heften sich an das
Fleisch und Vögel nehmen sie da weg. Dann fallen die (am Fleisch
klebenden Steine) den Vögeln weg u. so werden sie gefunden, und so fand
es Alexander.

Der See Issyk-Kul. In diesem See ist ein Kloster von armenischen
Mönchen, in welchen, wie man sagt, der Leib des Heil. Matthäus, des
Apostels und Evangelisten ist.

Viele Städte, welche Alexander der Grosse, König v. Macedonien, baute.

Hier herrscht der König von Kollam, ein Christ. Provinz Kollam.

Hier herrscht der König Chabech (Gabak oder Kapak, zwischen 1310 u.
1320), welchen man den Herrn des medischen Reiches nennt. Er war in
Emaleck (?)

Hier herrschte der König Stephan. Hier ist der Leib des Heil. Thomas,
des Apostels. (Blicke nach der Stadt Butifilis (Motupalla)).

In der Insel Jana (?) findet man viele Bäume, Aloëholz, Kampfer,
Sandel, feine Spezereien, Galanga (eine Wurzel), Muskatnüsse,
Zimmtbäume, wovon das kostbarste Gewürz von ganz Indien kommt; auch
findet man dort Macis und Blätter.

Das kaspische Gebirge, in welchem Alexander so hohe Bäume sah, dass
ihr Wipfel in die Wolken reichte. Und mit Hilfe seiner Kunst schloss
er dort die Tartaren Gog und Magog ein (und für sie liess Alexander
die eben beschriebenen Metallbilder machen.) Ebenso schloss er an
diesem Orte auch verschiedene Arten von Menschen ein, die nicht rohes
Fleisch essen sollten. Das ist das Menschengeschlecht, mit welchem der
Antichrist kommen wird. (Sie werden endlich durch Feuer vernichtet,
welches vom Himmel herabkommt, um sie zu vertilgen.)

Hier werden kleine Menschen geboren, welche nur 5 Palmen hoch sind (und
obwohl sie klein und unfähig sind, schwere Arbeit zu thun, so sind sie
doch im Stande und fähig zu weben und Vieh zu hüten.) Und wisst, dass
diese Menschen, wenn sie das 12. Jahr erreicht haben, heirathen und
gewöhnlich bis zum 40. Jahr leben.... Und sie vertheidigen sich kräftig
gegen die Kraniche und nehmen sie und essen sie. (Hier endigt das Land
der Herren von China.)

Die Insel der nackten Menschen, in welcher Männer u. Frauen vorn und
hinten ein Blatt tragen.

Der grosse Fürst von Gog oder Magog. Dieser wird zur Zeit des
Antichrists mit grossem Volke kommen.

Der grosse und mächtige König Alexander hätte hier sterben müssen, wenn
ihn Satanas nicht durch seine Kunst gerettet hätte.

Der grösste Fürst aller Tartaren heisst Ulu-beg, das bedeutet
Gross-Chan. Dieser Kaiser ist viel reicher als alle anderen Kaiser
der ganzen Welt. (Diesen Kaiser bewachen 12,000 Reiter.) Er hat 4
Hauptleute, welche jeder 12,000 Pferde unter ihrem Befehl haben. Jeder
Hauptmann begiebt sich an den Hof des Herrschers mit seiner Compagnie
auf 3 Monate im Jahr und dann die andern der Reihe nach.

In dem Meere von Indien sind 7548 Inseln, von denen wir hier nicht alle
wunderbaren Reichthümer, die darin enthalten sind, von Gold, Silber und
(kostbaren Steinen) aufzählen können.

Meer der Inseln von Indien, wo die Spezereien sind. In diesem Meere
fahren zahlreiche Schiffe verschiedener Völker.

Man findet dort 2 Arten von Fischen, welche man Syrenen nennt, die eine
ist halb Frau und halb Fisch, die andere halb Frau und halb Vogel.

Wisst, dass neben der grossen Stadt Cambalech ehemals die grosse Stadt
Garibalu lag. Und der grosse Chan fand durch Astronomie, dass diese
Stadt sich gegen ihn empören würde. Er liess sie daher zerstören und
die Stadt Cambalech bauen. Diese Stadt hat 24 Meilen Umfang und ist
mit sehr starken Mauern umgeben. Sie bildet ein Viereck, jede Seite
hat 6 Meilen und die Mauern sind 20 Schritt hoch und 10 Schritt dick.
Es gibt 12 Thore und einen grossen Thurm, auf dem eine grosse Glocke
angebracht ist, welche nach und vor dem Schlaf ertönt. Wenn sie ertönt,
darf niemand mehr durch die Stadt gehen. An jedem Thor halten 1000 Mann
Wache; nicht aus Furcht, sondern zur Ehre des Herrschers.

Der Antichrist. Dieser wird in Corozaim in Galliläa aufwachsen. Und
wenn er 30 Jahre alt ist, wird er in Jerusalem anfangen zu predigen,
und gegen alle Wahrheit wird er sagen, er sei Christus, der Sohn
Gottes, und man sagt, dass er den Tempel wieder aufbauen werde.

Diese Menschen sind wild und leben von rohen Fischen und trinken
Seewasser und gehen nackt.

Die Insel Taprobana, diese wird von den Tataren Magno-Caulij genannt;
es ist die letzte im Osten. (Auf dieser Insel gibts Menschen, welche
von den andern ganz verschieden sind.) In einigen Gebirgen dieser
Insel gibt es Menschen von grosser Gestalt, d. h. von 12 Ellen, wie
Riesen, sehr schwarz und ohne Vernunft, sie fressen die fremden weissen
Menschen, wenn sie dieselben fangen können. (Anklänge an Völker auf
Sumatra und Neuguinea.)

_Schutzblatt zur catalanischen Erdkarte mit der Uebersetzung der
Legende des Originals. Die eingeklammerten Stellen des Textes sind
des beschränkten Raumes wegen aus den Legenden der Karte weggelassen,
werden aber hier der Vollständigkeit wegen in der Uebersetzung
mitgetheilt. Eingeklammerte einzelne Worte dienen zur Erläuterung._

(~Diese Reproduction ist mit Ausnahme der Schriftcharaktere dem
Originale, welches auf vier Pergamenttafeln gezeichnet ist, in ⅓ der
Länge demselben facsimile nachgebildet.)~

Auf dieser Insel gibt es jedes Jahr 2 Sommer und 2 Winter. Die Bäume
und Kräuter blühen hier jährlich zweimal (und es ist die letzte
indische Insel und hat eine Fülle von Gold, Silber und kostbaren
Steinen).]

Von der Küste wandte sich der Venetianer ins Binnenland, er war der
erste Europäer, welcher quer durch die Halbinsel Vorder-Indien zog, und
der erste, der später den Ganges hinabfuhr,[59] und besuchte die Stadt
Bizenegalia (Bisnagar oder jetzt Widjajanagara, 15° 19′ n. B.) eine
damals berühmte, jetzt in Trümmern liegende Residenz, welche später, im
16. Jahrhundert auch von dem Venetianer Cesare Federici erreicht und
beschrieben ist. Nach dem Jahre 1567 verfiel die Stadt. Ueber Pelagonda
(jetzt Pinakonda) und Cenderghiria (Tschandragiri) drang Conti dann
quer durch das Plateau von Dekan vor und erreichte die Ostküste bei
Pudifatania (Madras) und Malipuria (Milapur, unmittelbar südlich von
Madras, auch St. Thoma genannt), wo der Leib des Apostels Thomas in
einer prächtigen Basilica begraben lag. Die ganze Landschaft nennt er
Malabar statt Maabar. Die letzte Stadt, welche er hier besuchte, war
Cahila. M. Polo nennt sie Cael. Es ist das altindische Kayal und lag
etwa zwei Kilometer oberhalb einer der Mündungen des Tamraparniflusses.
Kayal war eine Tochterstadt des ptolomäischen Kolchoi, jetzt Kolka,
ein Dorf, zwei bis drei engl. Meilen weiter landeinwärts auf der Höhe
gelegen.[60] Die Stadt war berühmt durch ihre Perlenfischereien. Von
da setzt der Reisende nach der Insel Seilana (Ceylon) über, welche
durch ihre Edelsteine: Rubinen, Saphiren und Katzenaugen und durch
den Zimmtbaum berühmt war. Mit günstigem Fahrwinde segelte er von da
in 20 Tagen, wobei man die Andamanen (Andamaria) zur rechten Hand
ließ, nach Sumatra (Sciamuthera bei Conti). Die wilden Bewohner
tragen in ihren großen Ohren mit Edelsteinen besetzte Goldringe und
kleiden sich in Seide und Leinen. Sie haben Pfeffer, Kampfer und
Gold in Fülle. Conti erwähnt hier zuerst die merkwürdige Frucht des
Durianbaumes (~fructum durianum~), welche grün von Farbe und so groß
wie eine Gurke von verschiedenem Geschmack gleich geronnener Butter
ist. Eine genaue Beschreibung dieser sehr geschätzten Frucht hat A. R.
Wallace[61] gegeben. Die Verschiedenartigkeit des Geschmacks, welche
Conti hervorhebt, definirt Wallace in folgender Weise: „Ein würziger,
butteriger, stark nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt die beste
allgemeine Idee davon, aber dazwischen kommen Duftwolken, die an
Rahmkäse, Zwiebelsauce, braunen Jerezwein und anderes Unvergleichbare
erinnern. Dann ist der Brei von einer würzigen, klebrigen Weichheit,
die sonst keinem Dinge zukommt, die ihn aber noch delicater macht. Die
Frucht ist weder sauer, noch süß, noch saftig und doch empfindet man
nicht den Mangel einer dieser Eigenschaften.“ Auf Sumatra leben in der
Landschaft Bathech Menschenfresser, welche die Köpfe der erschlagenen
Feinde als Geld gebrauchen. Das Volk der Batta, welches gemeint ist,
steht noch in dem übeln Rufe des Canibalismus.

Auf der Rückkehr von dort wurde Conti durch Sturm an die Küste von
Tenasserim verschlagen, wo es viele Elephanten und Färbeholz gibt. Von
da gelangte er zum Ganges und fuhr den Strom 15 Tage weit hinauf. Der
Reisebericht wird von hier ab dunkeler, namentlich auch, weil sich
manche der angeführten Ortsnamen nicht deuten lassen. Wahrscheinlich
besuchte er noch Arracan (Rachani), stieg über das Gebirge gegen Osten
ins Thal des Irawadi hinab und fuhr stromauf nach der alten Hauptstadt
Ava des Königreichs Birma. Man scheint dieses Land damals zu Süd- oder
Großchina gerechnet zu haben, dessen Namen Conti in der Form Macinum
(Ma-tschin) kennt. Von Ava kehrte Conti nach Sittang zurück (Xeython),
wandte sich nach Bangkok (Pancovia), wo er vier Monate blieb und fuhr
von da nach den Sundainseln. Den ganzen Archipel bezeichnet er mit dem
Namen Inner-Indien. Längeren Aufenthalt nahm er in Borneo und Java
(Groß- und Klein-Java), deren Bewohner ihm die unmenschlichsten und
grausamsten von allen zu sein schienen. Als Beispiel dafür erwähnt
er das auf Java übliche Amoklaufen. Conti erzählt auch zuerst von
den wundervollen Paradiesvögeln, deren Bälge als Kopfschmuck dienen.
Das noch in späteren Jahrhunderten von den Portugiesen vorgetragene
Märchen, wonach dieser Schmuckvogel keine Füße haben sollte, hat
auch Conti bereits vernommen; doch irrt er darin, daß er den Vogel
auf Borneo leben läßt, während derselbe auf den Molukken die
Westgrenze seiner Verbreitung findet. Bis zum Jahre 1760 war noch kein
vollständiges Exemplar nach Europa gelangt.[62]

Nach einer Fahrt von 14 Tagen erreichte unser Reisender mit seiner
Familie, die ihn begleitete, die Gewürzinseln, wo die Muskatnüsse und
Gewürznelken gedeihen. Conti nennt die beiden von ihm besuchten Inseln
Sandai und Banda. Welche Eilande darunter zu verstehen sind, läßt
sich nicht bestimmen; denn der Name Sandai ist jetzt völlig unbekannt
und auf der heute Banda genannten Insel wuchsen die Gewürznelken
damals nicht. Höchst wahrscheinlich verwechselte er den Gewürzmarkt
mit dem Produktionsgebiet. Von da ging Conti nach dem oftbesuchten
Tschampa (Ciampa), welches er als Seestadt bezeichnet, und kehrte
nun nach Vorder-Indien, nach Kollam, zurück. Ueber Kotschin, Kalikut
(Collicuthia) und Cambaya wandte er sich zur Heimkehr, landete
unterwegs an der aloëreichen Insel Sokotra (Sochutera), berührte Aden
und das an der afrikanischen Küste gegenüberliegende Berbera (Barbora),
verweilte längere Zeit in Abessinien, schiffte darauf durchs rothe
Meer nach Djidda und kam endlich nach Kairo (Carras), wo er außer
sämmtlichen Dienern seine Frau und zwei Söhne an der Pest verlor.[63]
Obwohl seiner Zeit die Erzählung Conti’s mehrfach auf Mißtrauen
gestoßen ist, so wird doch eine gründliche Prüfung bestätigen müssen,
daß ein großer Theil seiner Mittheilungen auf Autopsie beruht und
daß sich manche Dunkelheiten aus der mangelhaften Beschaffenheit der
erhaltenen Texte erklären lassen.

Die Beziehungen der römischen Kirche zum Orient dauerten auch
noch unter Calixt III. (1447-1458) und Pius II. (1458-1464) fort,
äthiopische Gesandte kamen nach Rom, von denen schon Poggio
Erkundigungen über Aethiopien und die Region der Nilquellen einzog
und aufzeichnete, andere Boten gingen nach Persien und Indien, so daß
die Kenntniß von diesen Ländern sich immer klarer gestaltete. Auch
Kaufleute wagten sich immer häufiger in das Reich der Gewürze, und
so konnte Toscanelli in seinem Briefe an den Canonicus Martinez in
Lissabon 1474 genaue Schilderungen selbst Chinas nach dem Berichte von
Augenzeugen geben, mit denen er selbst verkehrt hatte.

[Illustration: ~Fra Mauro’s Weltkarte von 1459.~

~(Original in Venedig).~

~Längenmaassstab 1/10 des Originals.~]

Was die Mitte des 15. Jahrhunderts vom Osten Afrikas wußte, läßt sich,
wenn auch in unbeholfener Gruppirung dargestellt, auf der in Venedig
1459 entworfenen +Weltkarte Fra Mauro’s+ erkennen. In Abessinien sind
der Abai und Takazze als Tributäre des Nil verzeichnet, selbst der Djub
(Hebe) findet sich in annähernd richtiger Lage. Vor allem wichtig muß
es aber erscheinen, daß an der Ostküste, wo zwar die Insel Madagascar
noch fehlt, doch die Erkundigungen über Makdischu (Mogodisco) und
Sansibar (zweimal als Xengibar und Chancibar), vielleicht bis zu
der Comoren-Insel Mohilla (Mahal) und nach Sofala (Soffala) reichen.
Durch die sich weit nach Süden ziehenden afrikanischen Uferlinien
wurden später die Hoffnungen, eine Umfahrt um Afrika zu ermöglichen,
wesentlich bestärkt.

[Illustration: _Die Orientirung des Originals ist umgekehrt, Norden
unten; daher in dieser nach H. Kiepert gemachten Copie die Contouren
genau reducirt, die Gebirge aber dem Charakter des Originals nur
ähnlich und die Städte an Stelle der perspectivischen Zeichnungen des
Originals durch Signaturen angegeben sind._]



Zweites Capitel.

Die Abendseite der alten Welt.


Prinz Heinrich der Seefahrer.

Wenden wir uns wieder der Westseite Afrikas zu, so ist unsere nächste
Aufgabe, nachzuweisen, wie die Kenntniß hier, nachdem um die Mitte des
14. Jahrhunderts die Grenze des Wissens alter Zeit wieder erreicht
worden war, unter besonders günstigen Umständen rasch und planmäßig
vorwärts rückte.

Unter den damals bekannt gewordenen westafrikanischen Inselgruppen
waren nur die Canarien bewohnt gefunden. Hier saß das Volk der
Guanchen, wie die Spanier den Namen schreiben, ein starker kräftiger
Menschenschlag von blondem Haar und heller Gesichtsfarbe, deren
Nachkommen noch in jüngster Zeit einen deutschen Reisenden an den ächt
sächsischen, westfälischen Typus erinnern konnten.[64] Und in der That
hat Löher auch den Beweis angetreten, daß die Wandschen (Guanchen)
germanischer Abkunft seien, und sich höchst wahrscheinlich ans den
Trümmern der von Belisar niedergeworfenen Vandalen und durch Tarik bei
Jerex besiegten Westgothen gebildet hätten. Unter den beigebrachten
historischen Zeugnissen ist hier namentlich die Deutung hervorzuheben,
welche die Sage von der Flucht eines Erzbischofs und mehrerer
Bischöfe auf die Inseln des Westmeeres erhielt, von welcher oben (S.
21) berichtet ist. Danach ist dann der Name Wandschen identisch mit
Vandalen. Aber auch in Bezug auf den Nationalcharakter, die Sitten und
Anschauungen, die Art der Ansiedlungen und der staatlichen Verfassungen
bieten sich so manche Analogien mit altgermanischem Wesen, daß wir uns
der überraschenden Beweisführung Löhers nicht verschließen können.
Unverkennbar, aber auch ganz erklärlich, war die Sprache der Wandschen
mit berberischen Elementen durchsetzt. Im Jahre 1384 machten zuerst
spanische Mönche den Versuch, die Bewohner auf Groß-Canaria zum
Christenthum zu bekehren, fanden aber thätigen Widerstand und büßten
endlich 1391 alle ihren Glaubenseifer mit dem Tode. Planmäßiger begann
1402 +Jean de Bethencourt+ aus Rochelle das Werk; er segelte von La
Rochelle aus, landete auf Lanzarote mit einigen 50 Mann und baute eine
kleine Citadelle. Aber sie vermochten sich bei ihrer geringen Anzahl
doch nur mit Mühe zu halten. Daher suchte Bethencourt in Spanien Hilfe,
welche ihm auch um den Preis der Lehnsabhängigkeit von Castilien
gewährt ward. Nun begann ein mehrfach unterbrochener Kampf gegen
die Selbständigkeit der einheimischen Dynasten, in welchem zunächst
die Stämme auf Lanzarote, Fuertaventura und Ferro erlagen und das
Christenthum annahmen. Die andern Inseln wurden erst gegen Ausgang des
Jahrhunderts bezwungen. Gran-Canaria erlag nach 13jährigem Kampfe 1483,
Palma beugte sich 1491 und erst 1496 wurde auch Teneriffa erobert. So
kamen die Canarien unter spanische Botmäßigkeit und damit ging ein
nicht unwichtiger Stützpunkt für die maritimen Unternehmungen den
Portugiesen verloren, welche kurz nach dem Erscheinen Bethencourts ihre
glänzende Entdeckerlaufbahn eröffneten, und zwar unter der Führung des
+Prinzen Heinrich+, welcher am Cabo Vicente im südwestlichen Portugal
seinen Sitz aufschlug und von hier aus die Seefahrten leitete, die den
westlichen Saum Afrikas entschleiern sollten.

Dort am Cabo de São Vicente, zugleich dem südwestlichsten Vorsprunge
Europas, ist ihm auch in unserem Jahrhundert zum Ehrengedächtnisse
ein Marmordenkmal über dem Hauptthore der kleinen Festung Sagres
errichtet, welches in der Mitte das portugiesische Wappen, links
ein Seeschiff mit vollen Segeln, rechts eine Armillarsphäre zeigt.
Darunter ist folgende Inschrift in lateinischer und portugiesischer
Sprache angebracht: „~Aeternum sacrum!~ An dieser Stelle hat der große
Prinz Heinrich, Sohn Johanns I., Königs von Portugal unternommen,
die vorher unbekannten Regionen von Westafrika zu erforschen und so
durch Umschiffung Afrikas einen Weg bis zu den entlegenen Theilen des
Ostens zu bahnen und hat auf eigne Kosten sein königliches Schloß,
die berühmte Schule der Kosmographie, das astronomische Observatorium
und das See-Arsenal errichtet und hat dasselbe bis an sein Lebensende
mit bewunderungswürdiger Thatkraft und Ausdauer erhalten, gefördert
und erweitert zum größten Segen für das Reich, für die Wissenschaft,
für die Religion und für das ganze Menschengeschlecht. Als seine
Expeditionen den 8. Grad nördlicher Breite erreicht hatten, als manche
Insel im Ocean entdeckt und mit portugiesischen Colonien besetzt war,
starb dieser große Prinz am 13. November 1460.“[65]

Der Infant Dom Enrique, der später den Beinamen des Seefahrers erhielt,
war das fünfte Kind des Königs Johann und am Aschermittwoch, am 4. März
1394 in Oporto geboren. Im Kampfe gegen die Mauren vor Ceuta gewann er
1415 die Rittersporen. Er hatte sich dabei in persönlicher Tapferkeit
so hervorgethan, daß der Pabst, der deutsche Kaiser Sigismund, die
Könige von Castilien und von England ihn zu gewinnen suchten und seinem
Arm die Führung ihrer Truppen anvertrauen wollten. Der Pabst Martin
V. wünschte das Schwert des Infanten gegen die Türken zu richten,
der Kaiser ließ auf dem Concil zu Constanz durch den portugiesischen
Gesandten dem tapferen Prinzen ähnliche Anträge stellen.

Aber Heinrich hatte nach der Eroberung Ceutas seine Aufmerksamkeit
auf das weiter südlich gelegene Afrika gerichtet, er wollte Guinea
zu erreichen suchen. Allein Guanaja oder Ganaja war ein nur durch
dunkle Gerüchte erkundetes Land; keines Europäers Auge hatte es bis
dahin gesehen. Aber von dem Reichthum dieses Gebietes berichtet schon
die catalanische Karte von 1375. Wir sehen hier im Lande ~GINVIA~ bei
Tenbuch (Timbuktu) einen Negerfürsten mit Scepter und Reichsapfel
thronen, neben welchem sich die Inschrift befindet: ~Aquest Senyor
Negre es appellat Mussemelly, senyor de les Negres de Gineua, aquest
rey es lo pus rich e pus noble senyor de tota esta partida per
l’abundancia de l’or qual se recull en sua terra.~ (Dieser Negerherr
ist Mussemelly [König von Melli] genannt, Herr der Neger von Guinea,
dieser König ist der reichste und vornehmste Herr dieser ganzen Gegend
durch die Fülle von Gold, welche man in seinem Lande sammelt.) Die
Landstriche jenseits Cap Bojador hatte noch niemand besucht.[66] Es
mußte für Portugal vortheilhaft erscheinen, +allein+ unter allen
Europäern Handelsbeziehungen mit den Völkern Guineas anzuknüpfen, bei
denen kein Mitbewerb drohte.

[Illustration: Prinz Heinrich der Seefahrer.

Nach dem Miniaturegemälde in der 1448-1453 entstandenen Handschrift
„~Chronica do descobrimento e conquista de Guiné etc.~“

(National-Bibliothek zu Paris.)]

Prinz Heinrich hatte dabei noch einen andern Zweck im Auge. Er wollte
die Ausdehnung der Macht seiner Landesfeinde, der Mauren kennen
lernen. Man hatte nämlich in allen Berührungen und Conflicten mit
diesem Gegner nie gesehen, daß ihnen aus weiter südlich gelegenen
Gebieten ein Fürst zu Hilfe gekommen war. Er wollte darum erforschen,
ob in diesen Ländern nicht christliche Mächte, vielleicht Nachbarn
des bekannten Priesterkönigs Johann, säßen, welcher bereits nach der
Vorstellung der catalanischen Karte ~Emperador de Etiopia~ war. Er
wollte versuchen, ob man nicht von Süden her den Krieg gegen die Mauren
erregen könne, um sie von zwei Seiten zu fassen; denn es schien ihm
nicht unwahrscheinlich, den Beistand jener Fürsten um des Glaubens
willen und aus Liebe zu Christo gewinnen zu können. Auch stand das
Verlangen des Prinzen dahin, das Licht des Christenthums selbst in die
dunkeln Erdstriche zu tragen. Und endlich trat noch ein wichtiges, in
jenen Zeiten nicht angezweifeltes astrologisches Moment hinzu. Sein
Horoskop wies den Infanten bestimmt auf die Entdeckungen hin. Azurara
hat dasselbe mitgetheilt, es lautet danach: „Da sein Ascendent (d.
h. das bei seiner Geburt aufsteigende Haus) der Widder war, welcher
das Haus des Mars ist, wo die Sonne sich in Exaltation befindet (d.
h. den größten Einfluß übt), und da sein Herr (Mars) im eilften Hause
(d. h. nahe bei der Sonne) und im Wassermann steht, welcher das Haus
des Saturns ist, so bedeutet es, daß er zu großen Eroberungen berufen
war und ganz besonders zur Aufsuchung von Dingen, die andern Menschen
verborgen waren, denn Saturn ist der Hüter der Geheimnisse. Und da sein
Stern von der Sonne begleitet ist, die Sonne aber im Hause des Jupiter
steht, so wird damit angedeutet, daß alle seine Thaten und Eroberungen
durchaus loyal und zur Zufriedenheit seines königlichen Herrn geschehen
sollten.“[67] (~Azurara, Chron. cap. VIII p. 48. 49.~)

Und so legte er mit Genehmigung des Königs am Vorgebirge von
Sagres in Algarve, dessen lebenslänglicher Gouverneur er war, das
erste astronomische Observatorium in Portugal, das See-Arsenal,
die Kosmographenschule und seine Residenz an, in welcher er alle
wissenschaftlichen Kräfte seines Landes zu vereinigen strebte, während
der nahgelegene Hafen von Lagos seine Flotten barg. Die Klippe von
Sagres bildet eine etwa 200 Fuß hohe, kolbig in den Ocean vorspringende
Felsenplatte, von der Länge einer Viertelmeile. Diese Felsenbank,
von dem Salzschaum des Oceans übersprüht, bietet nur die spärlichste
Vegetation, aber sie war wohl geeignet, den Blick von dem Festlande
ab ganz allein aufs Meer hinauszulenken und von hier die Befehle zu
ertheilen, wie der Schleier, der die Geheimnisse des Saturn bedeckte,
sollte gelüftet werden. Zwar hat das furchtbare Erdbeben, welches
im Jahre 1755 Lissabon zerstörte, auch die meisten damals noch
existirenden Gebäude aus alter Zeit über den Haufen geworfen; allein
es lassen sich doch die Umrisse und die wahrscheinliche Lage der
wichtigsten Baulichkeiten aus den Zeiten des Seefahrers angeben. An der
nördlichen schmalen Einschnürung der kleinen Halbinsel, gegenwärtig
durch Befestigungen gedeckt, lag die Kirche, weiter südwärts erhebt
sich über dem fundamentalen Rundbau des ehemaligen Observatoriums das
Pulvermagazin der Citadelle. Auf der Nordostseite lag der Hafen.

So erscheint uns noch in allgemeinen Zügen der ehemalige Sitz des
Prinzen, die Villa do Iffante, wie sie genannt wurde. Hier herrschte
der Mann, der eine neue Zeit für die wissenschaftliche Beherrschung der
Erde heraufführen sollte, der ein Bahnbrecher wurde durch das pfadlose
Weltmeer.

Zeitgenossen haben uns sein Bild getreulich bewahrt. Man beschreibt
ihn als einen Mann von hoher Gestalt, kräftigem und starkem Körperbau.
Seine Miene war ruhig, seine Rede fest. Sein erster Blick hatte etwas
Zurückschreckendes für diejenigen, welche ihn nicht kannten, und etwas
Wildes, wenn er in Zorn gerieth, was ihm aber höchst selten widerfuhr.
Ehrbarkeit herrschte in seinen Reden und Handlungen, Einfachheit in
seiner Kleidung und Hofhaltung. Der Grund davon lag in der Reinheit
seines Herzens und seiner Sitten. Asketisch streng enthielt er sich
des Weines und des Umgangs mit Frauen. Er besaß viel Beharrlichkeit
und Gewalt über seine Leidenschaften; im Glück wie im Unglück war er
bescheiden und so geneigt, Fehler zu verzeihen, daß man ihn darüber
nicht selten getadelt hat. Aber in wichtigen Unternehmungen zeigte er
die größte Entschlossenheit und ein zähes Ausharren.

Er fand großes Vergnügen daran, junge Leute für seine Zwecke
heranzubilden und so wurde sein Hof eine Pflanzschule des jungen
Adels. Gastfrei gegen Einheimische und Fremde, zog er tüchtige Männer
aller Nationen heran und keiner nahm Abschied, ohne Beweise von dem
Edelsinn des Prinzen empfangen zu haben. In strengen Anforderungen an
sich selbst gab er allen ein leuchtendes Vorbild. Jeder Tag gehörte
angestrengter Arbeit, unzählige Male hat er sich sogar den Schlaf
geraubt. Die Mittel zu den jahrelang wiederholten Fahrten flossen ihm
aus den Einkünften des Christusordens, dessen Großmeister er war. Der
Zweck dieses reichen Ordens war die Bekehrung der Heiden, und so ließ
er zunächst die Länder der Ungläubigen aufsuchen und zog Erkundigungen
ein über das Sudan, erhielt Nachricht von den Karawanen, welche bis zum
Senegal oder nach Timbuktu zogen und sendete so seine Schiffe hin, den
großen Strom zu finden, den die Eingeborenen Owedesch, die Portugiesen
nach dem Volksstamm der Sanaga, oder Azanaghen Sanaga, d. i. Senegal
nannten.

Aber die Schifffahrt lag damals bei den Portugiesen noch in der
Wiege. Es waren kaum hundert Jahre verflossen, seit durch die ersten
Fahrten der Venetianer nach England und Niederland Lissabon zu einer
Haltestation auf halbem Wege von Italien nach den Häfen der Nordsee
geworden und die Portugiesen durch den fremden Verkehr angeregt, die
ersten Versuche auf dem flüssigen Elemente wagten. Aber noch zu den
Tagen des Infanten, dem die Nachwelt den Namen des Seefahrers gegeben,
hielt man sich bei allen Fahrten ängstlich an der Küste und fürchtete
sich, das Land aus dem Gesichte zu verlieren. Zwar war bereits die
Kraft und Tugend der Magnetnadel bekannt, ja man besaß sogar Boussolen;
aber die Anwendung war noch gering, so lange das Instrument selbst noch
unvollkommen und schwankend dem ängstlichen Schiffer kein Zutrauen
erweckte.

Der große Geschichtsschreiber der Portugiesen João de Barras schildert
uns die Fahrweise seiner Landsleute in folgenden Worten: „Der Infant
hatte schon mehremale Schiffe auf Entdeckungen ausgesendet, aber sie
kamen nicht weiter als bis an das Cap Bojador (das „vorspringende“),
welches ungefähr 60 Seemeilen jenseits des Cabo de Não liegt. Sie
getrauten sich nicht, dieses Vorgebirge zu umsegeln, theils weil es
sich gegen 40 Seemeilen westlicher hinaus erstreckte als die Küsten,
die sie bisher befahren hatten, theils weil von dem Vorgebirge über
6 Leguas in das Meer ein Riff hinauslaufen sollte, auf welchem die
Brandung so gewaltig schäumte, daß es ihnen Schrecken verursachte,[68]
denn da ihnen sonst auf ihren Reisen nach der Levante und zurück die
Küste immer statt des Compasses gedient hatte, so verstanden sie noch
nicht, so weit in die See hinauszustechen, daß sie das Riff vermieden
hätten. Die Capitäne begnügten sich also damit, auf ihren Rückreisen
hier und da an den Küsten zu landen, und mit den Mauren zu scharmützen,
um mit ihren Siegen dem Infanten Vergnügen zu machen. Allein damit war
sein Endzweck nicht erreicht.“

Die physischen Schwierigkeiten, oder richtiger gesagt die technischen
Schwierigkeiten waren es keineswegs allein, welche die Expeditionen
zur Umkehr trieben. Wir werden noch andere kennen lernen; zunächst
aber scheint es angemessen, die Westküste Afrikas, an der die
Schiffer ängstlich südwärts schlichen, in ihren allgemeinen Zügen zu
charakterisiren.

Wie der ganze Gestadesaum des plumpen Erdtheils auffällig arm an
markirten Contouren vorspringender Glieder oder ins Land eindringender
Buchten ist, so vor allem und im höchsten Maße die Nordwestküste von
den Säulen des Herkules bis zum grünen Vorgebirge. Auf dieser ganzen
Strecke von 400 Meilen, mit geringer westlicher Ausweichung in der
Richtung von N.-O. nach S.-W. verlaufend, mündet kein Fluß, in welchem
ein Schiff ankern könnte, mit Ausnahme des Senegal, 20 Meilen nördlich
vom grünen Vorgebirge. Das Aussehen des Landes bleibt sich fast überall
gleich: ein flacher Küstensaum, meistens mit Dünen besetzt, zur Hälfte
der großen Wüste, der Sahara angehörig, wird gegen Süden immer öder
und grauenvoller. Vierzig bis fünfzig Seemeilen in das Meer hinaus
lagerte über den allenthalben seichten Fluten eine trübe Atmosphäre.
Die Ursache dieser Erscheinung, welche natürlich eine zaghafte Marine,
die das dunstverhüllte Land aus den Augen zu verlieren fürchtet, mit
steter Besorgniß erfüllte -- die Ursache hat man bisher nur den feinen
Staub- und Sandtheilchen zugeschrieben, welche aus den Wüsteneien des
Innern aufgewirbelt, und dann allmählich übers Wasser hinausgetrieben,
hier die schweren Theilchen sinken lassen und das Meer mit Untiefen
füllen, die leichteren in dem Luftraum schwebend erhalten, bis sie erst
nach Hunderten von Meilen draußen im freien Ocean langsam sich zum
Wasserspiegel senken. Indes darf eine zweite Ursache nicht unbeachtet
bleiben, daß nämlich durch das Zusammentreffen ungleich erwärmter
Luftschichten nebelartige Dunstbläschen sich bilden, die durch die
daran haftenden feinsten Staubtheilchen den Horizont noch mehr
umschleiern, trotz der Abwesenheit von schweren Wolkenschichten das
Himmelsgewölbe niederzudrücken scheinen und mit eigenthümlich mattem
Licht den Schiffer umgeben.

Theobald Fischer[69] macht noch auf einen bisher übersehenen
Factor aufmerksam, daß nämlich höchst wahrscheinlich ein kalter,
unterseeischer Strom an der Westküste der hesperischen Halbinsel und
Afrikas emporsteige, dem die häufigen Nebel von Galicien bis Marokko zu
danken seien. Gerhardt Rohlfs fand in Agadir, daß die Sonne den Nebel
selten vor Mittag besiegte und erfuhr von den Leuten, daß diese starken
Nebel selbst im hohen Sommer bis zur Mittagszeit andauerten.

Die Schrecken eines „Dunkelmeeres“, von dem die Geographie des
Mittelalters manches Unheimliche zu erzählen weiß, finden in diesen
Erscheinungen ihre Erklärung. Diese dichten Nebel treten namentlich im
Winter auf und sind von einem kalten und trocknen Nordost begleitet,
der wohl auch die Ursache ist, daß das Tageslicht einer Dämmerung
weicht, in welcher noch jetzt Schiffe in der Nähe der Küsten gezwungen
sind, vor Anker zu gehen, bis das Wetter sich wieder aufhellt.

In der That, der Ocean schien der jugendlich aufstrebenden,
portugiesischen Flotte einen zäheren Widerstand entgegenzusetzen als
die Heere der Moriscos, und wohl gar vielen ein unüberwindlicher
Gegner zu sein, nur nicht dem Infanten, der ihm mit einer Zähigkeit
und Ausdauer entgegentrat, welche allen seinen Seeleuten bedenklich,
wenn nicht geradezu tollkühn und wahnwitzig vorkam. Zwanzig Jahre hatte
der Prinz, unbekümmert um das Murren seines Volkes, ohne Resultat des
Vorwärtsdringens gerungen. Er mag wohl oft unter seinen Leuten die
sprichwörtliche Warnung vernommen haben: Wer das Cabo de Nao umfährt,
weiß nicht, ob er je wiederkehrt. „Die Furcht,“ sagt de Barros, „vor
dieser Fahrt war so groß, daß es dem Infanten schwer ward, Leute in
seinen Dienst zu bekommen; zumal da das Volk laut murrte, daß er dem
vaterländischen Boden seine Bewohner entzöge, um sie auf den Meeren
oder in entfernten wüsten Ländern umkommen zu lassen.“

Unter diesen entfernten wüsten Ländern faßte man aber nichts geringeres
zusammen als die ganze heiße Zone. Man weiß, daß das gesammte
Mittelalter in seiner wissenschaftlichen Erkenntniß der Erdoberfläche
lediglich sich noch von den Brosamen nährte, die von dem Tische der
Reichen -- der Griechen und Römer des Alterthums -- gefallen waren.
Seit den Zeiten des letzten großen Geographen von Alexandria bis zum
Prinzen Heinrich waren mehr als tausend Jahre verflossen, ohne daß
die Entwicklung der physischen Geographie einen Schritt vorwärts
gethan hätte. Der Autoritätsglaube, so charakteristisch für das
gesammte Mittelalter, hielt auch noch die Zeitgenossen des Infanten in
beklemmende Schranken gebannt.

Die Alten kannten die südlichen Grenzen der großen afrikanischen Wüste
nicht, ihre Kunde reichte kaum über die nördliche Oasenreihe hinaus.
Aber die zunehmende Verödung gegen Süden, das völlige Absterben aller
Vegetation konnte die theoretisch allzeit schlagfertigen griechischen
Philosophen leicht zu der Behauptung hinreißen, die ganze heiße Zone
sei unbewohnbar. Schon Aristoteles hatte diesen Satz aufgestellt und
wenn man weiß, daß Aristoteles sich im späten Mittelalter fast gleichen
Ansehens mit der Bibel erfreute, dann darf man nicht erstaunen,
daß auch das 14. Jahrhundert noch glaubte, was der große Weltweise
von Stagira gesagt, was der letzte Meister der Erdkunde, Ptolemäus
bestätigt, was die Wiedererwecker des Aristoteles, die arabischen
Gelehrten anerkannt und selbst ein so vielseitig gebildeter Mann wie
Albertus Magnus noch im 13. Jahrhundert nur dahin zu modificiren wagte,
daß möglicherweise an den Küsten und Inseln der heißen Zone organisches
Leben eine kümmerliche Existenz erzielen könne.

Wenn nun der Infant seine Schiffe in diese unwirthlichen Regionen
hinausschickte, wo sie allein auf sich angewiesen im Kampfe gegen
die allmächtigen Naturgewalten, wo Land und Luft und Wasser in
der feindlichsten Gestalt erschien, als todtenstarre Wüste, als
trübverhüllter Luftraum, als zähe unter dem senkrechten Sonnenstande
fast zu Leim verdickte See -- war es unter der Herrschaft solcher
Vorstellungen nicht Menschenpflicht und Nächstenliebe, gegen die
nutzlosen Menschenopfer einer unbegreiflichen Fürstenlaune sich zu
erheben?

Und doch blieb der Infant fest, doch blieb er seinem schönen
Wahlspruche: ~talent de bien faire~ getreu. Die wichtigsten
Expeditionen der ersten Decennien waren folgende: 1416 wurde +Gonzalo
Velho+ über die Canarien hinausgesandt, 1419 geriethen +João Gonçalves
Zarca+ und +Tristão Vaz Teyxeyra+ vom Sturm verschlagen nach Porto
Santo und kehrten im nächsten Jahre mit dem Piloten Juan de Morales
nach Madeira zurück, und 1431 wurden durch +Goncalo Velho Cabral+ die
ersten Inseln der Açorengruppe gefunden.

Dabei stand der Infant mit seinen Plänen und Zielen weit über seinen
Gehilfen. Wir finden unter den Leitern der Expeditionen Leibpagen und
Mundschenken des Prinzen, welche also wohl die Intentionen des Prinzen
kennen mußten; aber sie kannten kein höheres Ziel als sich mit Mauren
und Negern herumzubalgen und Menschen zu stehlen. Man kann von jeder
Fahrt fast die Kopfzahl der Menschenbeute nachweisen, allein die
wissenschaftlichen Erfolge ihrer Sendung, die nautischen Resultate
bleiben vielfach unerwähnt. Die Portugiesen waren zu sehr ritterliche
Raufbolde, als daß sich im Fluge Seeleute, geschweige denn gleich
Seehelden aus ihnen gestaltet hätten.

Als Beispiel ihres Verfahrens und Gebahrens sei hier die mit 14
Schiffen ausgerüstete Expedition des Lanzarote erwähnt, der, als die
durch Sturm verstreuten Fahrzeuge bei einer Insel an der Küste sich
wieder zusammengefunden hatten, vor allem darauf bedacht war, die auf
der Insel lebenden Mauren zu fangen. Allein diese waren bei Nachtzeit
aufs Festland entwichen und höhnten von hier aus die hintergangenen
Portugiesen. Zwei junge Edelleute an Bord des einen Schiffes sprangen,
empört über das Hohngeschrei, mit ihren Waffen über Bord und schwammen
ans Land, um die Mauren zu züchtigen. Wie diese sie kommen sahen,
liefen sie ihnen mit Geschrei entgegen, wodurch auch das übrige
Schiffsvolk in Bewegung kam. Alles, was schwimmen konnte, sprang ins
Wasser, um die beiden Jünglinge zu unterstützen, und es kam am Ufer
zu einem Gefechte, in welchem viele Mauren getödtet und 57 gefangen
wurden. In der Nacht griffen die Portugiesen noch ein Dorf an, welches
7 Meilen davon am Ufer lag und wohin, nach der Aussage der Gefangenen,
die Mauren geflohen waren. Sie fanden aber ein leeres Nest, weil die
Bewohner, gewarnt durch die Flüchtlinge, sich mit ihren Herden vom Ufer
entfernt hatten. Wie sie des Morgens zurückkehrten, wurden jedoch noch
ihrer fünf aufgegriffen.

Und bei solchem Raubsystem waren die Portugiesen noch naiv genug, zum
Zeichen ihrer Heldenthaten, den Wahlspruch ihres Herrn: ~talent de bien
faire~ in die Bäume einzuschneiden.

Zwar kommen nicht alle diese Heldenthaten auf Rechnung jener
Geschwader, die der Prinz selbst aussendet, denn er gestattete
gegen eine Abgabe vom Gewinn auch anderen, auf Entdeckungen und
Abenteuer auszuziehen; ja er ermuthigte dazu. Allein er blieb doch
der Mittelpunkt und oberste Leiter. Daß er aber, wie wohl behauptet
ist, gleich anfangs einen Seeweg nach Indien habe suchen wollen, ist
nirgends gesagt; ein solcher Plan, gleichsam die schönste Frucht aller
Arbeiten Dom Enrique’s, entwickelte sich erst allmählich und reifte
erst nach des Seefahrers Tode.

Den ersten namhaften Fortschritt in den afrikanischen Fahrten
verzeichnet das Jahr 1434. +Gil Eannes+, ein Page des Infanten, hatte
gegen den Befehl seines Herrn Menschen geraubt. Um die Gunst des
Fürsten wieder zu gewinnen, setzte er sein Leben daran, das berüchtigte
Cap Bojador, das selbst nach 12jähriger Anstrengung nicht zu überwinden
gewesen war, zu bezwingen. Das, wie man meinte, unmögliche Wagniß
gelang ohne Unfall, und kühner und sicherer gemacht, erreichte sein
Nachfolger +Affonso Gonçalez Baldaya+ den Goldfluß, Rio d’Ouro und
damit den nördlichen Wendekreis, also die Grenze der heißen Zone. Am
Strande gefundene Fischernetze wiesen darauf hin, daß auch hier das
Land noch Menschen beherberge. Die alte Theorie von der Unbewohnbarkeit
der heißen Zone begann zu wanken, ohne jedoch zusammenzubrechen, denn
man befand sich ja erst am Saume des gefürchteten Erdstriches.

Aber am Cap Bojador war das Thor der heißen Zone geöffnet und Schiff
folgte nun auf Schiff; man erreichte unter +Nuño Tristão+ 1441 das
Cap Branco und zwei Jahre später unter Leitung desselben Capitäns die
Bucht von Arguim. Es ist zu beklagen, daß der Prinz anfänglich den
Befehl ertheilt hatte, die Bevölkerung an der Bucht und auf den kleinen
Inseln erst zu tödten oder gefangen zu nehmen, ehe man die Entdeckungen
fortsetze. Er sah auch bald den großen Fehler, den er damit begangen
ein, und verbesserte ihn, ehe es zu spät war. Die Bewohner des
Wüstenrandes konnten, wenn man sie in ihren gewohnten Verhältnissen
ungestört ließ, und sich mit ihnen in ein freundschaftliches
Einvernehmen setzte, den Portugiesen bei ihren Erkundigungen über das
Binnenland wesentliche Dienste leisten. Die Insel Arguim wurde für
den Mittelpunkt dieses neuen Verkehrs erklärt und erhielt die erste
bleibende Niederlassung der Portugiesen nebst einem Castell zum Schutze
der Handeltreibenden. Der Tauschverkehr entwickelte sich mit den
Azanaghen sehr bald, und wenig Jahre nach der Entdeckung schon sandte
eine Handelsgesellschaft in Lagos, dem Hafen östlich von des Prinzen
Villa, eine Flotte von sechs Schiffen aus.

Später brachten die portugiesischen Schiffe nach Arguim farbige Tücher,
allerart Leinwand, wollene Mäntel, Sättel, Steigbügel, Schüsseln,
Honig, Silber, Gewürze, rothe Korallen und Getreide und tauschten
dafür Negersklaven aus Guinea, Gold von Timbuktu, Büffelfelle, Gummi,
Zibethkatzen, Straußeneier, Kameele, Kühe und Ziegen ein.[70] Die
ersten Erfolge waren so verlockend, daß der Prinz Heinrich den Handel
nach Arguim an eine Handelsgesellschaft verpachten konnte.

Nun endlich schwiegen auch die Gegner der Seefahrten und das Interesse
für die Unternehmungen, welche von Sagres aus geplant wurden, wuchs
bald so mächtig, daß man die leicht erregten Portugiesen zügeln mußte.
Man schränkte, indem man die Entwicklung einer tüchtigen Handelsflotte
im Auge behielt, die Raub- und Abenteurerzüge durch Gesetze ein und
monopolisirte sogar den afrikanischen Handel.

Der zweite große Fortschritt in der weiteren Entdeckung geschah im
Jahre 1445. Er knüpft sich an den Namen des kühnen +Diniz+ (Dionysius)
+Dias+, eines Vorfahren des bekannteren Bartolomeu Dias, welcher 26
Jahre nach dem Tode des Prinzen Heinrich das Cap der guten Hoffnung
umsegelte. Diniz Dias hatte sich bereits im Dienste des Königs Johann
I. (bis 1433) ausgezeichnet. Der Prinz rüstete ihm eine kleine Caravele
aus und Diniz nahm sich vor, ganz den Plänen seines Herrn folgend,
ohne sich auf Handelsverkehr mit den Küstenbewohnern einzulassen,
weiter südwärts vorzudringen als alle seine Vorgänger und das Land
der +schwarzen+ Mohren, wie man die Neger im Gegensatz zu den weißen
Mohren, den Berbern und Mauren, zu nennen pflegte, zu erreichen. So
fuhr er kühn an der Mündung des Senegal, welcher beide Menschenrassen
trennt, vorüber bis zum grünen Vorgebirge. Seine Caravele erregte unter
den schwarzen Bewohnern des Landes gewaltiges Erstaunen. Vier von den
muthigsten, welche das große auf dem Wasser treibende Ding untersuchen
wollten -- denn sie waren unter sich nicht einig, ob es ein Fisch,
ein Vogel, oder ein Phantom sei -- näherten sich dem Schiffe in einem
Canoe; als sie aber Menschen auf dem Ungeheuer gewahr wurden, flohen
sie mit solcher Hast zurück, daß die Portugiesen sie nicht wieder
einholen konnten.

So war also das Negerland endlich wirklich erreicht; aber nicht allein
darin liegt die Bedeutung dieser Fahrt, sondern vor allem in der am
grünen Vorgebirge unerwartet auftretenden Ueppigkeit der tropischen
Vegetation. Hier unter dem 15° N. befand man sich in der That in
der heißen Zone, wo unter dem Einfluß tropischer Regen, welche mit
gewaltigen Güssen das Land tränken, ein Reichthum der Flora sich
entfaltete, welche zahlreichen und großen Thieren, sowie kräftigen,
sogar schönen Menschenstämmen Nahrung in Fülle bot.

Wie paßten zu solchen Beobachtungen und Thatsachen die Lehrsätze
des Aristoteles und Ptolemäus von der Unbewohnbarkeit des heißen
Erdgürtels? +Am grünen Vorgebirge ist diese alte mächtige Theorie
zerschellt.+ Und wiederum sehen wir die Bestrebungen des Prinzen und
seinen Wahlspruch auf das Herrlichste belohnt. Denn von hier aus,
vom Cabo verde, eröffnet sich uns eine ganz neue Perspektive für die
Entwicklung der Erdkunde. Man lernte seinen eignen Augen doch mehr
trauen, als den Schriften griechischer Autoritäten.

Es gibt wenig geographische Namen, die so trefflich gewählt sind und
den Nagel so auf den Kopf treffen wie dieser des „grünen“ Vorgebirges,
und auch wohl keinen, der so einfach sich von selbst bot und so auf der
Hand lag wie dieser. Im Gegensatz zu den weißen Dünen des Cabo branco,
des weißen Vorgebirges, nördlich von Arguim, am Ufer der Sahara,
erhebt sich hier ein in den Ocean auffällig schlank hinausspringender
Höhenrücken, über dem sich die gefiederten Wipfel tropischer Palmen
wiegen. Unter ihrem Schatten liegt die Geographie des Mittelalters
begraben.

Wenige Jahre nach der Entdeckung kam ein intelligenter venetianischer
Edelmann, +Ludwig da Mosto+, hieher. Auf ihrer Fahrt nach Flandern
war die venetianische Flotte, die er begleitete, durch widrige Winde
am Cap Vicente in Portugal aufgehalten. Als der Infant Heinrich
dies erfuhr, schickte er seinen Secretär Antonio Gonsalvez und den
venetianischen Consul Patricio de Conti mit Proben des neugepflanzten
Zuckerrohrs von Madeira, mit Drachenblut und andern neuen Produkten
Afrikas zu ihnen und ließ sie auffordern zu einem Zuge nach dem
Senegal. Da Mosto wurde lebhaft von den Berichten angezogen, und
erkundigte sich nach den üblichen Bedingungen. Da erfuhr er, daß jeder
Schiffsrheder, der selbst sein Schiff ausrüste, nach vollendeter
Fahrt dem Prinzen ¼ des Gewinnes zu geben habe, daß aber, wenn der
Prinz selbst die Ausrüstung auf seine Kosten mache, er die Hälfte
des Ertrags der Fahrt beanspruche. Da Mosto hatte darauf hin eine
Unterredung mit dem Infanten und wurde für den Plan gewonnen. Die
Venetianer fuhren nach Flandern weiter, für da Mosto aber stellte Prinz
Heinrich unter Leitung des bewährten +Vicente Dias+ eine Caravele
von 90 Tonnen zur Verfügung, welche die ganze Küste Afrikas entlang
bis zum Gambia segelte. Da Mosto selbst hat über diese Reise einen
ausführlichen Bericht gegeben, aus welchem hier die Schilderung des
grünen Vorgebirges hervorgehoben sein mag und zwar nach der deutschen
Uebersetzung von 1534. Da Mosto erzählt: „Das grien Haupt (d. i.
Vorgebirge) hatt den Namen von den grienen Bäumen, die da sind vnd
schier das gantz jar grünen. Das haben die Portugaleser am jar ehe ich
dahin kam, funden, vnd habens von den grienen Bäumen genannt, wie das
Weis Haupt (Cabo branco) von dem weißen sand. Aber das grien Haupt
ist hoch vnd lustig zu sehen, das steht zwischen zweyen Bergen in der
mitten vnd breitet sich in das Meer mit vil Hütten und wohnungen der
Schwarzen Mooren umbgeben, zu vor gegen dem Meer.... Es ist auch zu
wissen, das nach dem Grienen Haupt sammeln sich die gestaden und machen
einen Busen, der rast lustig ist, und ist ein eben erdtrich mit vil
hüpschen Bäumen;[71] denn die bletter bleiben bis andre wachsen; die
grünen allweg. Und wie wohl sie vom Meer mehr denn mein armbrustschuß
stehen, so scheinen sie von weitem an dem Meer zu stehen. Das ist
überaus schön anzusehen (~chè una bellissima costa de vedere~). Ich bin
weit gegen Aufgang und Niedergang der Sonnen gereiset zu manich land,
aber ich hab kein schöneres gesehen. Es hat viel wasser.“[72]

Das Entzücken über die Schönheit der Tropenlandschaft kommt allerdings
in der Uebersetzung eines mäßigen, besonnenen Straßburger Bürgers aus
dem 16. Jahrhundert nicht zur Geltung, aber das Original läßt es warm
empfinden.

Alexander von Humboldt hat in seinen kritischen Untersuchungen über
die historische Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der
neuen Welt (deutsch von J. L. Ideler, II. S. 11) auf mehre Stellen
im Tagebuche der ersten Reise des Columbus hingewiesen, worin
der Entdecker Amerikas dem Zauber der Natur an den Gestaden von
Cuba beredte Worte leiht. Ludwig da Mosto hat die Schönheit einer
Tropenlandschaft ebenso empfunden und ein Menschenalter früher
geschildert. Daß seine Worte der Umgebung des grünen Vorgebirges
gelten, erhöht in unsern Augen wesentlich die Bedeutung der Entdeckung
des Cabo verde.

Die Schilderungen dieser vollkommen anders gearteten Natur mußten
dem Infanten nach der Fahrt der Dias bereits eine hohe Genugthuung
gewähren. Die Nachrichten kamen ihm keineswegs unerwartet. Da in
Sagres alles gesammelt wurde, was an Erkundigungen über die südlichen
Länder sich gewinnen ließ -- hatte doch der Prinz inzwischen auch aus
Italien ein Manuscript Marco Polos und eine Karte von Afrika erhalten,
welche einen Abschluß der Landmassen, ähnlich wie wir ihn am südlichen
Cap der guten Hoffnung kennen, zeigte -- und war er auch durch seine
Agenten in Tunis schon davon unterrichtet, daß die großen Karawanen
in 5 bis 6 Wochen die Wüste Sahara durchmessen könnten[73] und Gold
und Negersklaven mitbrächten -- so lag auch der Schluß nahe, daß man
bei fortgesetzten Fahrten gegen Süden endlich zu diesen Ländern kommen
müsse.

Umsichtig und thätig eingreifend nach allen Seiten, um seine Leute
nicht einem blinden Ungefähr zu opfern, hatte er von Arguim aus nicht
blos ein ordentliches System der Exploration während des Tauschhandels
mit den maurischen Wüstenstämmen eröffnet und sich von ihren
Karawanenstraßen und den auf der Straße nach Timbuktu zu berührenden
Oasen berichten lassen, sondern er gewann mit Unterstützung kühner
Männer ein immer klareres Bild vom Sudan. Bezeichnend für die Energie,
mit welcher die Pläne, Guinea zu erreichen verfolgt wurden, ist die
Sendung des +João Fernandez+, der sich am Strande der Sahara aussetzen
ließ, um unter den Mauren lebend und ihre Sprache lernend, zuverlässige
Nachrichten über die Negerstaaten, speziell über das Königreich Melli
sammeln zu können. Fernandez blieb sieben Monate allein unter den
wilden Stämmen im Innern und wurde dann von dem Schiffe des Antonio
Gonsalvez wieder aufgenommen und zum Prinzen geführt. Dieser freute
sich sehr, ihn wohlauf wieder zu sehen und ließ sich seine Schicksale
erzählen. Fernandez berichtete nun, daß ihm die Eingeborenen zunächst,
als er sich ohne Waffen und Hilfsmittel unter sie begeben, die Kleider
genommen und ihm dafür einen Mantel gegeben, wie sie selbst trugen. Die
Leute besaßen Schafe und lebten nomadisch. Aber die Weide war spärlich,
das Land öde und sandig. Dornige Mimosen und Palmen waren selten. Diese
berberischen Azanaghen waren Mohammedaner, die mit den Negern im Kampfe
lebten, dabei Gefangene machten und diese als Sklaven nach Tunis und
Marokko verkauften. Auch erhielten sie Gold vom Negerlande.

Dann machte Fernandez mit den Beduinen einen mehrtägigen Kamelritt zu
ihrem Häuptlinge. Der Weg ging durch die Wüste, drei Tage fehlte ihnen
Wasser; in dem pfadlosen Sande richtete man sich nach den Sternen und
dem Fluge der Vögel. Endlich kamen sie zu dem Häuptling und seinem
Völkchen von 150 Köpfen. Fernandez wurde hier sehr gut aufgenommen
und mit Milch verpflegt, so daß er, obwohl er von der Hitze und dem
Wüstensande viel zu leiden hatte, doch ganz wohl aussah, als er nach
sieben Monaten von seinen Landsleuten wieder aufgefunden wurde.

Auch durch diesen abenteuerlichen Sendling erhielt der Infant wiederum
Nachrichten von den reichen Negerländern. Die klareren Vorstellungen,
welche der Leiter der Entdeckungen von der Natur der Tropenländer
gewann, räumte auch bei seinen Seeleuten den Wust veralteter Theorien
auf. Höchst beachtenswerth ist in dieser Beziehung eine Bemerkung
des +Diogo Gomez+ über das Land der Dscholoffen am Cabo verde. Er
sagt: „Das alles schreibe ich nur mit Verlaub Seiner Gnaden des
Ptolemäus, welcher recht gute Sachen über die Eintheilung der Welt
hat verlauten lassen, aber in einem Stücke sehr fehlerhaft dachte. Er
zerlegt die ihm bekannte Welt in drei Theile, nämlich in den bewohnten
mittleren, in den arktischen, welcher wegen seiner Kälte und in den
tropischen, welcher wegen seiner Gluthhitze unbewohnbar ist. +Nun
hat sich aber das Gegentheil bestätigt.+ Zahllos wohnen am Aequator
schwarze Völkerschaften, und zu unglaublichem Wuchse erheben sich die
Bäume, denn gerade im Süden steigert sich die Kraft und Fülle des
Pflanzenwuchses, wenn auch die Formen fremdartig gestaltet sind.“[74]

Die Entdeckungen wurden nach solchen glänzenden Resultaten nun eifrig
weiter gefördert. Schon im nächsten Jahre nach der Fahrt des Diniz Dias
erreichte +Nuño Tristão+ den Gambia und gelangte +Alvaro Fernandez+
fast bis zur Sierra Leona. Aber der Verkehr mit den Völkern war
schwierig. Zahlreicher, kühner, tapferer als die armen Wüstenstämme
setzten sie, mit vergifteten Pfeilen bewaffnet, sich gegen die
Landungen der Portugiesen häufig zur Wehr und tödteten ihnen manchen
Mann. Wie schnell aber die Geschicklichkeit und das Vertrauen der
Seeleute gewachsen war, lernen wir vor allem bei der Fahrt des +Nuño
Tristão+ kennen. Dieser sah sich, als er in den kleinen Fluß Rio Nuñez,
südlich vom Rio grande mit einem Boote eingedrungen war, plötzlich
von bewaffneten Negerkähnen umringt. Fast die ganze Mannschaft erlag
sammt dem tapferen Anführer den vergifteten Pfeilen, so daß nur der
Notar und vier Schiffsjungen am Bord der Caravele übrig blieben. Aber
sie steuerten getrost nach Norden durchs freie Meer und erreichten
ihre Heimat glücklich nach zwei Monaten, ohne unterwegs Land gesehen
zu haben. So machte man sich also bereits los von dem ängstlichen
Anklammern an das Land und von den langsameren Küstenfahrten und
vertraute sich dem unbegrenzten Ocean an. Von großer Bedeutung war auch
die Wahrnehmung, daß die afrikanische Küste, die bis zum Cabo verde
gegen Südwesten verlaufen war, von diesem Vorgebirge ab nach Südosten
umlenkte.

Daß der Prinz nun wirklich daran dachte, den Seeweg nach Indien zu
öffnen, wird von dem Geschichtsschreiber Azurara bezeugt. Aber Indien
umfaßte bekanntlich in jenen Tagen alle Länder am indischen Ocean,
also auch die Ostküste Afrikas und das äthiopische Hochland, wohin
man damals den Sitz des +Priesterkönigs Johann+ verlegte. Das war
bestimmt ein christliches Land, dessen Volk mit den Arabern in Aegypten
in beständiger Fehde lag, und dessen Bundesgenossenschaft gegen den
gemeinsamen Glaubensfeind gewonnen werden konnte. Vielleicht konnte
man sogar auf dem weitverzweigten Flußnetz, welches nach den damaligen
hydrographischen Hypothesen alle bekannten großen afrikanischen Ströme
verbinden sollte, dahin gelangen. Auch Fra Mauro huldigte in seinem
Erdgemälde diesen Vorstellungen und noch de Barros bezeichnet den Issa
(Niger) bei Timbuktu als den oberen Lauf des Senegal. Und doch hatte
Diogo Gomez im Jahre 1457 auch in Erfahrung gebracht, daß im Innern
Senegambiens große Ströme ihren Lauf nach Osten nähmen. Der Prinz
hatte nämlich drei Caravelen ausgesandt unter +Gomez, João Gonsalvez
Ribeiro+ und +Nuño Fernandez de Baya+ mit dem Auftrage, soweit als
möglich vorzudringen. Am Rio grande vorbei kamen sie in eine starke
Küstenströmung, in welcher kein Anker hielt, so daß die begleitenden
Capitäne umzukehren wünschten. Die Expedition lief in den Gambia ein
und fuhr den Strom bis zur großen Stadt Cantor hinauf. Hier erfuhr man,
daß Karawanen aus Tunis und Cairo aus diesen Gegenden Gold holten,
und daß jenseits der Gebirge der Sierra Leona große Ströme nach Osten
liefen. Es befand sich auf dem einen Schiffe sogar ein Indier, d. h.
ein Abessinier, welcher, wenn man nach Indien gelangte, als Dolmetscher
dienen sollte.

Es war die letzte bedeutende Fahrt, welche auf Befehl des Infanten
unternommen war. Prinz Heinrich der Seefahrer starb am 13. November
1460 in Sagres in seinem 67. Lebensjahre. In der eifrigen Verfolgung
seines hohen Zieles hatte er seine Mittel vollständig erschöpft, ja er
schuldete bereits 1449 seinem Verwandten Don Fernando von Braganza die
enorme Summe von 19,394 Goldkronen. Aber diese Gelder waren nicht in
der Jagd nach einem Phantom vergeudet. Portugal war dadurch zu einer
Seemacht geworden, welche die Leitung der nautischen Entdeckungen in
die Hand genommen hatte und welche zu glänzenden Erfolgen berechtigen
mußte.

Noch im Todesjahre Heinrichs entdeckte +Diogo Gomez+ die Capverden
in Gemeinschaft mit +Antonio de Noli+ oder Nolle, einem Genuesen.
Gomez landete zuerst und zwar auf Santiago, aber Noli kam ihm auf
der Rückfahrt zuvor und meldete zuerst die Entdeckung in Portugal.
Irrthümlich hat man das Verdienst der Auffindung der Inseln des grünen
Vorgebirges da Mosto zugeschrieben; allein sein Reisebericht, der
angeblich in das Jahr 1457 fällt, wird durch die innern Widersprüche
unglaubhaft, so daß man daraus schließen muß, da Mosto habe sich
fremden Ruhm angeeignet. Nach seiner Angabe will er vom Cap Branco
in westnordwestlicher Richtung auf die Capverden gerathen sein und
zwar schon am Sanct Jakobstage (1. Mai), während er erst im Anfang
Mai aussegelte. Dann will er auf der Insel Flüsse gefunden haben,
in welche er mit dem Schiffe einlaufen konnte, während ein solcher
Wasserreichthum dort nicht existirt.[75]

Ehe wir dem weiteren Gange der Entdeckungsfahrten folgen, müssen wir
einen Blick auf die geographischen Auffassungen und die Karten aus
jener Zeit werfen. Nach den Schwankungen des früheren Mittelalters war
man seit dem 13. Jahrhundert allgemein zur Annahme der Kugelgestalt
der Erde zurückgekehrt. Wenn trotzdem die Erdgemälde sich noch in
Scheibenform präsentirten, als ob man noch an der Scheibengestalt der
Erde festhielte, so hatte das seinen Grund in einer eigenthümlichen
Theorie, welche von Dante’s Zeit bis in den Ausgang des 15.
Jahrhunderts hinüberspielt. Man nahm nämlich an, daß die Centren der
festen und flüssigen Erdsphäre verschieden seien und daß es außerdem
noch ein Gravitationscentrum gebe.

Die ~Margarita philosophica~ des Karthäuserpriors Gregorius Reisch,
welche zuerst 1496 erschien und durch das 16. Jahrhundert hindurch in
vielen Auflagen verbreitet war, trägt diese Lehre etwa in folgender
Weise vor.[76] „Das Wasser umgab ursprünglich die ganze Erdoberfläche
wie ein sehr feiner Nebel bis zu den höheren Regionen. Aber auf Geheiß
des Schöpfers theilte das Firmament die oberen und unteren Wasser,
welche letztere nun in den Vertiefungen der Erde sich an +einem+
Orte sammelten, wodurch Landraum geschaffen wurde für die lebenden
Wesen. Aus der ganzen Substanz der Erde und des Wassers wurde +ein+
sphärischer Körper gebildet. Ihm schrieben die Gelehrten ein doppeltes
Centrum der Schwere und der Größe zu. Es theilt nämlich das Centrum der
Größe die Axe der ganzen Sphäre aus Erde und Wasser und das ist der
Mittelpunkt der Welt. Aber das Centrum der Schwere liegt außerhalb,
nämlich im Durchmesser der Erde, welcher nothwendigerweise größer ist
als der halbe Durchmesser der aus Erde und Wasser gebildeten Sphäre,
weil, wenn dies nicht der Fall wäre, der Mittelpunkt der Welt außerhalb
der Erde fiele. Etwas abgeschmackteres als dieses könnte aber in
Naturwissenschaft und Astronomie nicht behauptet werden.

[Illustration]

Zur Annahme verschiedener Centren wird man aber genöthigt, weil
die von Wasser entblößte Erdoberfläche leichter ist, als die mit
Wasser umhüllte. Die trockene Erde ist leichter als die mit Wasser
durchtränkte, darum kann das Centrum der Schwere nicht dasselbe sein
mit dem Centrum der Größe, sondern strebt im Durchmesser der Erde mehr
nach der Peripherie und dem mit Wasser bedeckten Theil. Hierher werden
sich die Wasser der Erde mehr sammeln, weil sie dem Centrum der Welt
näher rücken.“

Nach dieser Theorie sind also die Landmassen bei ~A~, die Wassermassen,
das Weltmeer bei ~B~ vereinigt. Der Kugelabschnitt, welcher die
Landmassen umfaßt, wird sich natürlich in Kreisform darstellen. Dieser
Theil der Erdoberfläche verdiente allein, als Wohnstätte der Menschen,
kartographisch gezeichnet zu werden. Daher bieten uns alle Weltkarten
von Marino Sanudo (1320) bis auf Fra Mauro (1459) im Grunde dasselbe
Weltbild: die von einem schmalen Ocean umfluteten Continente der alten
Welt.

Eine Darstellung der Wasserseite der Erde, der Weltmeere hatte noch
niemand versucht und schien alles Reizes zu entbehren, bis etwa ums
Jahr 1474 Toscanelli von Florenz den ersten Versuch wagte. Das war aber
zu einer Zeit, als ein anderer wichtiger Factor die bisherigen Methoden
und Theorien zu reformiren begann: das Studium des Ptolemäus. Wir
finden den Geographen von Alexandrien zuerst um 1410 in dem Werk des
Cardinal Pierre d’Ailly (geb. 1350) Bischof von Cambray erwähnt. Es ist
in dem vielgenannten Werke ~de Imagine Mundi~, welches auch Columbus
mit besonderer Vorliebe als seine Rüstkammer benutzte, um seinen Plan
einer Westfahrt nach Indien mit Aussagen classischer Autoren belegen
zu können. Seit 1470 wurden die Werke des Ptolemäus durch +Nicolaus
Donis+ in lateinischer Uebersetzung und mit Karten veröffentlicht,
nachdem durch den Cardinal Bessarion das griechische Original in die
Hände unseres größten Astronomen jener Zeit, des berühmten Regiomontan
(1436-76), gelangt war.

Durch die Anwendung der Astronomie auf die Bestimmung geographischer
Ortslagen, in den ersten Jahrhunderten allerdings nur der
geographischen Breitenbestimmung, wurden für ein correctes Kartenbild
die einzig sicheren Stützpunkte gewonnen. Regiomontan berechnete behufs
dieser Fixirungen im Jahre 1473 die Ephemeriden auf 32 Jahre, so daß
dieselben zunächst in der wichtigsten Zeit der Entdeckungen fast bis
zum Todesjahr des Columbus genügten. Er erfand aber noch ein, auch
auf Schiffen anwendbares, handliches Instrument, um die Polhöhe eines
Sternes zu messen, den s. g. +Jakobstab+, welcher aus einem Stabe mit
rechtwinklich daran befestigten, aber schiebbaren Querstabe bestand.
Dieses Instrument wurde in der Folge durch seinen Schüler Martin Behaim
in Portugal eingebürgert. Aber die Breitenmessungen der portugiesischen
Seeleute ließen, gegenüber den Resultaten der Astronomen in Europa,
noch viel zu wünschen, denn es steigerten sich die Beobachtungsfehler
auf drei Grad. So lange man den nördlichen gestirnten Himmel über sich
hatte, waren die Ephemeriden des Regiomontan stets anwendbar; aber
als die portugiesischen Entdecker die äquatoriale Linie überschritten
hatten und eine unerwartet andere Gruppirung der Sternbilder als
auf der nördlichen Hemisphäre erblickten, war es nothwendig, andere
astronomische Tafeln zu entwerfen. Zu dem Zwecke setzte König Johann
IX. von Portugal (1481-95) eine +astronomische Commission+ (Junta)
nieder, welche unter Leitung des Bischofs Diogo Ortiz und mit
Hinzuziehung Behaims diese Lücke ausfüllen sollte und die Sonnenhöhe
für südliche Breiten zu berechnen und in Tafeln zusammenzustellen hatte.

[Illustration: Facsimile einer alten Abbildung des Jakobstabes und
seiner Anwendung.[77]

Aus der 1584 zu Antwerpen gedruckten ~Cosmographia Petri Apiani et
Gemmae Frisii~.]

Von solchen Hilfsmitteln unterstützt, konnte man die von den Schiffern
befahrenen Küstensäume immer bestimmter zeichnen, daß sie ein der
Wahrheit sich annäherndes Bild boten, während man für die noch
nicht wieder erreichten Küsten Asiens vorläufig das von Ptolemäus
überlieferte Gemälde Südasiens beibehielt und erst bei fortschreitender
Erforschung behutsam abänderte. Die Karten jener Epoche bieten darum
die interessante Verschmelzung neuer wissenschaftlicher Bestimmungen
mit der Erbschaft aus classischer Zeit.

Indien trat immer entschiedener als Ziel aller nautischen
Unternehmungen hervor und was in den letzten Jahren des Prinzen noch
ziemlich unklar den Wünschen vorgeschwebt hatte, ward immer bestimmter
ins Auge gefaßt.

Da die Erde als eine Kugel angesehen wurde, auf deren Oberfläche
allerdings das Verhältniß zwischen der Größe der Wasserbedeckung und
der der auftauchenden Landmassen noch verschieden beurtheilt wurde, und
da jedenfalls das Weltmeer sich nach verschiedenen Richtungen ausdehnte
und im Zusammenhange stand, so mußten auch allmählich Projecte
auftauchen, über diesen einen Ocean nach verschiedenen Richtungen den
Weg einzuschlagen, um Indien zu erreichen.

Am einfachsten erschien das portugiesische Project, den
altherkömmlichen Randocean, der die Feste der alten Welt umflutete,
als Fahrbahn zu wählen und so gleichsam, wie es die Sicherheit
mittelalterlicher Schifffahrt vorschrieb, in einer großen Küstenfahrt
um Afrika herum zu dem gesegneten Osten zu gelangen. Eine Seefahrt
quer über ein weites unbegrenztes Weltmeer blieb hierbei außerhalb des
Planes.

                   *       *       *       *       *

Da der wichtigste Abschnitt der Geschichte der großen Entdeckungen
die Versuche umfaßt, welche die europäischen See-Nationen in directe
Verbindung mit den Gewürzländern und China setzen sollten, so werden
wir zur Erleichterung der Uebersicht die einzelnen Richtungen der
Fahrten im Zusammenhange darstellen und beginnen mit den Unternehmungen
der Portugiesen, welche zuerst auf dem Schauplatze erschienen waren,
und zuerst nach Indien gelangten.



Drittes Buch.

Die Seewege nach Indien.



Erstes Capitel.

Die Bahn der Portugiesen nach Südosten.


1. Diogo Cão und seine Vorläufer.

Nach dem Hinscheiden des großen Prinzen, seines Oheims, nahm König
Affonso V. in den ersten Jahren noch ein lebhaftes Interesse an den
weitern Fahrten. Pedro de Cintra befuhr von Rio Grande aus die Küste im
Jahre 1461 oder 1462, erreichte zuerst das Cap Verga (10° 12′ n. Br.)
und benannte weiterhin ein kühn vorspringendes Vorgebirge, wie man es
von solcher Höhe an der Küste bisher noch nicht angetroffen hatte, zu
Ehren des Infanten und der Stätte seines Wirkens das Cap Sagres. Die
schwarzen Strandbewohner zeigten in ihrem Ohren- und Nasenschmuck einen
Reichthum an Goldringen, schienen aber kein Eisen zu besitzen.

Die Küste wurde felsig, hoch, bot aber geeignete Ankerplätze. Hier
erhob sich ein Berg, in dessen Wolkengipfel beständige Gewitter zu
zürnen schienen. Nach dem grollenden Donner erhielt derselbe den Namen
Sierra Leona. Dahinter öffnete sich ein von Sandbänken erfüllter Golf,
in welchem das Meer gewaltig brandete. Den jenseitigen Abschluß der
Bucht bildete das Vorgebirge der heiligen Anna (Cabo de Sa. Anna),
(7° 34′ n. Br.), am 26. Juli, als am Tage der Heiligen benannt. Dann
folgte das Cap Mesurado[78] (6° 19′ n. Br.), wo die Bewohner das
Nahen des Schiffes durch eine große Anzahl Feuer signalisirten, in
ähnlicher Weise, wie es in dieser Gegend fast 2000 Jahre früher der
carthaginiensische Admiral Hanno mochte gesehen haben.

Wenige Meilen jenseit dieses Küstenvorsprungs, in der Nähe des
heutigen Monrovia endigte die Fahrt. In der Folgezeit wurde der
König von den Seeunternehmungen abgezogen durch die politischen
Angelegenheiten des Heimatlandes und dadurch, daß er sich in den
castilischen Erbschaftsstreit mischte. Indessen wurde, um den immer
schwunghafter betriebenen Handel mit Sklaven und Gold zu decken, in
Arguim ein Castell gebaut und das Handelsmonopol einem Portugiesen für
den jährlichen Preis von 250 Ducaten (100,000 Realen) verliehen. Im
Jahre 1469 wurde auch das Monopol des Handels an der Guineaküste für
die doppelte Summe jährlich an +Fernão Gomez+ vergeben, und zwar auf
fünf Jahre; doch mußte derselbe sich auch noch verpflichten, auf seine
Kosten die Fahrten fortzusetzen zu weiteren Entdeckungen, und von der
Sierra Leona an gerechnet, jährlich 100 Leguas weiter vordringen, sowie
dem Könige alles Elfenbein für eine festgesetzte Summe, 1500 Realen für
den Centner, überlassen.

So konnte das Jahr 1471 einen bedeutenden Fortschritt verzeichnen,
indem +João de Santarem+ und +Pedro de Escovar+ unter Beihilfe des
damals ausgezeichnetsten aller portugiesischen Piloten +Alvaro Esteves+
nicht nur die Goldküste entdeckten, an welcher später zur Ausbeutung
des Edelmetalls König Johann im Jahre 1482 bei dem Dorfe Aldea das duas
Partes eine Festung unter dem Namen S. Jorge da Mina anlegen ließ,
sondern sie drangen über die Nigermündungen und den Aequator hinaus
nach Süden bis zum Cap Sa. Catarina (1° 51′ s. Br.) vor.

In dem nämlichen oder dem folgenden Jahre entdeckt Fernão do Po die
Insel, welche jetzt seinen Namen trägt, von ihm aber Formosa getauft
war. Auch die südlichen Guinea-Inseln wurden bald darauf gefunden.
Martin Behaim verlegt dies Ereigniß ins Jahr 1484 und bemerkt auf
seinem Globus, daß „eitel wildnus und keine Menschen“ dort gefunden
seien und daß der König von Portugal jährlich Volk dahin sende, das
sonst den Tod verschuldet habe, Männer und Frauen, und daß er ihnen
gebe, damit sie das Feld bauen und sich nähren und damit dies Land von
den Portugalesern bewohnt werde.

Auf Alfons V. folgte 1481 sein Sohn Johann II. Auf ihn schien der
Geist des Prinzen Heinrich übergegangen zu sein, er nahm regern
Antheil an der weiteren Ausdehnung der afrikanischen Fahrten; aber
er hatte auch ein unmittelbares Interesse daran. Denn seit 1473 war
ihm bereits als Einkommen ein Theil der Erträgnisse des Guineahandels
zugewiesen. Er wußte, welche Reichthümer Fernão Gomez sich durch das
fünfjährige Monopol erworben hatte. Dazu kam noch ein neuer Impuls,
als Pabst Sixtus IV. durch die Bulle vom 21. Juli 1481 Portugal den
Besitz aller afrikanischen Entdeckungen bestätigte. Nachdem er im
Mittelpunkte der Goldwäschereien von Mina seine Macht befestigt hatte,
nahm er den Titel +Herr von Guinea+ an und führte auch die Sitte ein,
statt der bis dahin üblichen vergänglichen Holzkreuze, welche die
Entdecker an den hervorragendsten Küstenpunkten errichteten, um ihr
Vorrecht zu dokumentiren, steinerne Wappenpfeiler, s. g. ~padrãos~,
mit lateinischer und portugiesischer Inschrift zu setzen. Der erste,
welcher solche Steinpfeiler mit an Bord nahm, war +Diogo Cão+ oder
Cam, welcher 1484 mit seinen zwei Schiffen auslief. An Bord befand
sich in der Function eines Kosmographen +Martin Behaim+, welcher um
1459 geboren war und sich rühmen durfte, in der Zeit zwischen 1471 und
1475, in welchen Jahren Regiomontan in Nürnberg weilte, dessen Schüler
gewesen zu sein. Bald darauf hatte er sich als Kaufmann zuerst nach den
Niederlanden und von da nach Portugal gewendet. Zwischen beiden Ländern
bestand ein lebhafter Verkehr. Flandrische Colonisten gingen nach den
Açoren. Unter ihnen hatte sich auch ein Edelmann aus Brügge, Jobst von
Hurter befunden, welcher durch seine Verbindung mit einer vornehmen
Portugiesin, einer Palastdame der Königin, als Statthalter in den
erblichen Besitz der Inseln Fayal und Pico gelangte, von denen die
erste vlaamische, die andere portugiesische Ansiedler erhalten hatte.
Mit der Tochter dieses Hurter verheiratete sich Behaim nach seiner
Heimkehr im Jahre 1486.

[Illustration: Martin Behaim.]

Die Expedition des Diogo Cão war für 3 Jahre verproviantirt, hatte
allerlei Handelswaaren mitgenommen und außerdem als Geschenke an die
Mohrenkönige 18 köstlich aufgezäumte Rosse an Bord. Südlich vom Cap
der heiligen Catharina begannen die neuen Entdeckungen. Zuerst wurde
der gewaltigste aller afrikanischen Ströme, der Congo, erreicht, an
dessen Mündung der erste Wappenpfeiler,[79] und zwar auf der Südküste
errichtet wurde. Danach hieß man anfänglich den Fluß Rio de padrão (bei
Behaim Rio de patron). Die Pfeilerspitze liegt unter 6° 8′ s. Br.,
auf dem Globus Behaims ward aber die Mündung des Flusses bereits vom
südlichen Wendekreise durchschnitten. Später nannte man den Strom nach
dem gleichnamigen Königreiche Congo, obwohl man von den Eingebornen den
Namen Zaire gehört hatte. Den Entdeckern fiel bereits die Mächtigkeit
des Stromes auf, der vor seiner Mündung meilenweit das Meer mit süßem
Wasser bedeckte. Diogo Cão fuhr eine Strecke in den Unterlauf hinein
und fand allenthalben viel schwarzes Volk. Von der ganzen Küste wurde
im Namen des Königs von Portugal Besitz ergriffen. Hie und da wurden
auch Eingeborene mitgenommen, um, nachdem sie etwas Portugiesisch
gelernt hätten, als Dolmetscher zu dienen. Der König von Congo, mit
dem Cão Verkehr anknüpfte, bat sogar um christliche Lehren, und sein
Abgesandter, Kassuta, ließ sich in Portugal taufen. Man war erfreut
über die Menge neuer Gewürze. Behaim wähnte sogar die echte Zimmtrinde
gefunden zu haben. Vom Congo drang Cão noch über 200 Leguas nach
Süden, errichtete den zweiten Wappenstein am Cap Agostinho nördlich
von Cap Negro unter 13° 27′ s. Br. und den dritten am Cap Negro selbst
unter 15° 40′ s. Br.[80] Dieser Berg ist auf Behaims Globus besonders
ausgezeichnet als ein eigenthümlich schroffer Fels, der in seiner Form
von der conventionellen Bergzeichnung abweicht und in rother Schrift
den Namen Monte nigro trägt. Daneben lesen wir die Inschrift: „Hie
wurden gesetzt die säulen des konigs von portugal anno domini 1485 d.
18. jan.“ Irrthümlich hielt Behaim diese Spitze aber später für das Cap
der guten Hoffnung, welches Dias im nächstfolgenden Jahre entdeckte.
Das Datum des 18. Januar scheint zu gleicher Zeit den Zeitpunkt
anzugeben, wo man auf dieser Reise den südlichsten Punkt erreichte. Die
Dauer der ganzen Fahrt betrug 19 Monate.

[Illustration: Astrolabium des Joh. Regiomontanus vom Jahre 1468.[81]]

Man muß die Verdienste Behaims bei dieser Entdeckungsfahrt sehr hoch
angerechnet haben, da er nach seiner Rückkehr vom Könige selbst
zum Ritter des Christusordens, welcher aus dem Tempelherrnorden
hervorgegangen war, geschlagen wurde, und zwar in Gegenwart des ganzen
Hofes.

Schon im nächsten Jahre ging ein neues Geschwader aus, aber nach den
Maximen der Regierung unter einem andern Commando: man wollte nicht
+einem+ Manne zu sehr verpflichtet sein. Es war ein staatskluger
Grundsatz, dessen Vortheile erst recht ins Licht traten, als die
spanische Regierung in Folge zu weitgehender Zugeständnisse gegen
Columbus in mancherlei Verlegenheiten gerieth.


2. Bartolomeu Dias.

Im August 1486 segelte Bartolomeu Dias mit zwei kleinen Fahrzeugen von
50 Tons Gehalt, von denen das eine unter dem Befehl des João Infante
stand, und einem Proviantschiff unter dem Befehl seines Bruders Pero
Dias aus, um die Küstenforschung Diogo +Cão’s+ fortzusetzen. Die
Familie der Dias hatte sich seit dem Anfange der Unternehmungen des
Infanten Don Enrique im Seedienst ausgezeichnet. João Dias, der Ahne
des Geschlechts, war zuerst mit ums gefürchtete Cap Bojador gesegelt;
Diniz Dias erreichte zuerst das grüne Vorgebirge.

Bartolomeu sollte die rühmlichen Thaten der Vorfahren noch verdunkeln;
und seinen Namen volksthümlich machen.

An der Congoküste und bis über das südliche Cap der guten Hoffnung
hinaus wurden während der Fahrt Negerinnen mit Geschenken ans Land
gesetzt, um dasselbe zu erkunden und den Eingeborenen von der Macht und
Pracht der Portugiesen zu erzählen, welche gekommen seien, das Land
des Priesters Johannes aufzusuchen. Durch das sich weiter verbreitende
Gerücht sollte der Priesterkönig veranlaßt werden, seinerseits Boten
auszusenden, welche mit den Portugiesen eine Annäherung suchten.
Den ersten Wappenstein setzte Dias bei der Serra parda nördlich von
der Walfischbucht. Dann wurde er durch widrige Winde mehrere Tage
aufgehalten und mußte mühsam laviren. Er nannte diese Bucht Angra das
voltas. Der Name eines Cap Voltas haftet noch an der Küste, nahe der
Mündung des Oranjestroms. Vom St. Helenagolf mußte er 13 Tage lang mit
eingerafften Segeln sich von dem Sturm nach Südost treiben lassen.
Dabei gerieth er in kältere Meeresströmungen und war von der schnellen
Abnahme der Temperatur überrascht. Als der Sturm nachließ, steuerte
er wieder gegen Osten, um die Küste zu gewinnen, welche nach seiner
Vorstellung von Norden nach Süden vorlaufen mußte wie bisher. Als er
aber nach mehreren Tagen noch kein Land in Sicht bekam, richtete er
den Lauf der Schiffe nach Norden und erreichte so das Südende des
Continents an einer Bucht, wo Hottentotten mit ihren Herden weideten
und über den Anblick den Schiffe erschreckt ins Binnenland flohen. Die
Bai erhielt den Namen der Kuhhirtenbai (~Angra dos Vaqueiros~); jetzt
heißt sie Flesh-Bai.

Weiter gegen Osten in der San Bras-Bai (Mosselbai) nahm er Wasser ein,
wobei es zum Conflict mit den Eingeborenen kam; auf einer kleinen
Insel Santa Cruz in der Algoabucht wurde der äußerste Wappenpfeiler
gesetzt. Erschöpft durch die unerhörten Strapazen, welche sie erlitten,
forderten die Schiffsleute den Capitän auf, umzukehren. Man wies auch
darauf hin, daß der Proviant zu Ende gehe. Dias bedang sich noch eine
Fahrt von zwei bis drei Tagen aus; wenn sich dann nicht ein Erfolg
zeige (er erwartete wohl, daß die Küste wieder gegen Norden streiche)
wolle er umkehren. Daß das Südende Afrikas umsegelt sei, sah er gewiß;
daß das lang erstrebte Ziel sich nunmehr ohne große Schwierigkeiten
werde gewinnen lassen, war seine feste Ueberzeugung. Nach einer
Fahrt von zwei Tagen, in welchen die Schiffe noch 25 Meilen über den
Wappenpfeiler hinaus bis zum großen Fischfluß vordrangen, welcher
damals den Namen Rio do Infante erhielt, weil der zweite Capitän João
Infante das Land zuerst betrat, sah sich Dias genöthigt, schmerzerfüllt
den Heimweg anzutreten. Es wird uns erzählt, daß, als er zum zweiten
Male die Insel Sa Cruz betrat, er den Wappenstein umklammert und nur
mit schwerem Herzen Abschied von ihm genommen habe, wie wenn er einen
geliebten Sohn scheiden sehe.

Beim weiteren Verfolg erkannte er auch das imposante Felsencap am
südwestlichen Ende des Festlandes, um welches ihn bei der Hinfahrt
der Sturm herumgeführt. Er gab ihm den Namen des Sturmcaps (~Cabo
tormentoso~). Aber der König änderte diesen ominösen Namen in den Glück
verheißenden „Cap der guten Hoffnung“ (~Cabo da boa esperanza~), weil
er der festen Zuversicht war, die Pforte zum indischen Ocean stehe
offen und der Wasserweg zu den Gewürzländern werde endlich gefunden.
Das Transportschiff, welches auf der Westküste Afrikas zurückgeblieben,
zeigte sich in bedauerlichem Zustande, als die beiden Schiffe des
Dias auf ihrer Heimkehr dasselbe trafen. Sechs Mann an Bord waren
von den Negern erschlagen, drei nur noch am Leben, dazu das Schiff
selbst, in Folge von Wurmfraß, nicht mehr seetüchtig. Es mußte daher
in Brand gesteckt werden, ehe man sich zum letzten Theil der Rückreise
anschickte. Im December 1487 langte Dias, nach einer Fahrt von 16
Monaten und 17 Tagen, in Lissabon wieder an. Er hatte auf dieser Reise
weitere 350 Leguas Küstenlinie entdeckt.

Inzwischen hatte aber der König auch Leute ausgesendet, welche
das Reich Habesch und die Verkehrsverhältnisse am indischen Meere
ermitteln sollten. Der erste Versuch einer Sendung schlug allerdings
fehl, denn der Pater Antonio de Lisboa und Pedro de Montorryo,
welche nach Jerusalem geschickt wurden, um dort abessinische Mönche
auszuforschen, die damals häufig zu der heiligen Stadt walfahrteten,
kehrten unverrichteter Sache wieder zurück, weil sie ohne Kenntniß der
arabischen Sprache sich nicht getrauten, mit den Abessiniern ins Land
des Priesters Johannes zu reisen.

So wurden denn, noch ehe Dias heimgekehrt war, zwei andere, bewährte
Männer abgesandt. +Pero de Covilham+ und +Affonso de Paiva+[82] machten
sich am 7. Mai 1487 nach dem Orient auf, erreichten über Rhodos und
Alexandrien die Hauptstadt Aegyptens, Cairo, und fuhren auf dem rothen
Meere nach Aden. Hier trennten sie sich, nachdem als Ort späterer
Vereinigung Cairo bestimmt war. Covilham ging zu Schiff nach der
indischen Malabarküste, besuchte Kananor, Kalikut, Goa und kehrte von
da nach der Ostküste Afrikas zurück, besuchte die Häfen, erreichte als
südlichsten Punkt das durch seinen Goldreichthum berühmte Sofala und
zog über die Insel Madagascar Erkundigungen ein.

Als er auf der Rückreise Cairo wieder erreicht, erfuhr er, daß sein
Gefährte Paiva inzwischen gestorben sei. Doch traf er dort zwei andere
Sendlinge des Königs Johann von Portugal, den Rabbi +Abraham+ aus
+Beja+ und den Juden +Joseph+, einen Schuster aus Lamego. Der letztere
ging mit den wichtigen Nachrichten, welche Covilham eingezogen, sofort
nach Portugal zurück. Covilham schrieb in seinem Briefe, daß die
portugiesischen Schiffe an der Küste Guineas nach Süden zu steuern
hätten, bis sie das Ende Afrikas erreicht, und daß sie im indischen
Meere ihren Cours nach Sofala und der Mondinsel oder Madagascar
richten müßten. Covilham besuchte mit Rabbi Abraham sodann noch Ormuz
und sandte seinen Gefährten mit einer Karawane auf dem üblichen
Wege über Bagdad und Haleb nach Syrien und in die Heimat zurück,
während er selbst Habesch aufzusuchen beschloß. Der König nahm ihn in
seiner Hauptstadt Schoa sehr freundlich auf, wußte aber den ersten
europäischen Besucher an sich zu fesseln, so daß Covilham im Lande
blieb, sich dort verheiratete und noch ein Menschenalter später, als
ein portugiesischer Gesandter 1525 unter Rodriguez de Lima in Habesch
eintraf, lebte. Er wurde über den Besuch seiner Landsleute zu Thränen
gerührt, blieb aber in Habesch und starb dort.


3. Vasco da Gama’s erste Fahrt.

Das waren die letzten wichtigen Unternehmungen, welche der
Regierungszeit des Königs Johann noch angehören. Zwar noch bei
Lebzeiten dieses Fürsten sollte von unerwarteter Seite der Impuls
kommen, welcher die Portugiesen antreiben mußte, durch eine letzte
kühne Seefahrt ihre fast ein Jahrhundert bereits andauernden Arbeiten
zu krönen; aber Johann II. starb, ehe er an die Ausführung gehen
konnte. Den angedeuteten Impuls gab aber Columbus dadurch, daß er,
von seiner ersten Fahrt nach Westindien heimkehrend, durch Sturm
genöthigt worden war, in den Hafen von Lissabon einzulaufen und dem
portugiesischen Könige auf dessen Einladung von seinem vermeintlichen
Besuch in Zipangu (Japan) Bericht erstatten konnte. Die mitgebrachten
braunen Indianer ließen nun mit Recht vermuthen, daß der kühne Genuese,
dessen Pläne in Portugal keinen Beifall gefunden hatten, wenigstens bis
in die Nähe Asiens gelangt sei, da die vorgeführten fremden Menschen
den wirklichen Indern ähnlich zu sein schienen. Auch war zu befürchten,
daß Columbus auf einer zweiten Fahrt noch vor den Portugiesen die
Gewürzländer erreichen und damit den Preis und Lohn so vieler Mühen
vorweg nehmen könnte. Glücklicherweise konnten sich die Portugiesen
darauf berufen, daß Pabst Nicolaus V. schon im Jahre 1454 durch eine
Bulle ihnen das Privilegium über den Handel mit Indien verliehen hatte.
Trotzdem beeilten sich nun doch die spanischen Monarchen Ferdinand und
Isabella, sich die neuen Entdeckungen durch päbstliche Sanction zu
sichern. Die Bulle des Pabstes Alexanders VI. vom 3. Mai 1493 spricht
der spanischen Krone alle Inseln und Festländer, welche in der von
Columbus eingeschlagenen Richtung gefunden sind und noch gefunden
werden sollen, zu in Anerkennung der Verdienste um den christlichen
Glauben, um die Vertreibung der Mauren aus Spanien, und hofft, daß
auch in den neu entdeckten Gebieten die friedlichen nackten Bewohner,
welche keine Canibalen sind und sogar an einen Schöpfer im Himmel
glauben, durch spanische Missionäre bald bekehrt werden möchten. Auf
die weiteren Eigenthümlichkeiten und Schwächen der päbstlichen Erlasse
vom 3. und 4. Mai genauer einzugehen, ist hier nicht der Ort, wo wir
die portugiesischen Entdeckungen allein im Auge haben. Allein es mag
hier noch erwähnt werden, daß in Folge dieser päbstlichen Verleihungen
am 7. Juni 1494 zwischen Spanien und Portugal ein Vertrag abgeschlossen
wurde, welcher die Grenzlinie der maritimen Entdeckungen beider Mächte
in Gestalt einer von Pol zu Pol gezogenen Meridianlinie festsetzte.

Spanien erhielt den Westen der Erde, Portugal den Osten. Aber Spanien
schien dem Ziel näher zu sein als sein älterer Nebenbuhler. Darum
rüstete bereits Johann zu neuen Seefahrten; aber der Tod hemmte
1495 den Fortgang. Ihm folgte der jugendlich kühne +Manuel+, dem
die Nachwelt den Namen des Großen zuerkannt hat, weil unter ihm die
portugiesische Macht zu größter Entfaltung gelangte. Manuel, Herzog von
Beja, war 26 Jahr alt, als er den Thron bestieg. Er wollte sofort die
Entdeckungsarbeiten wieder beginnen lassen, aber seine Räthe machten
anfangs Schwierigkeiten. So verzögerte sich die Fertigstellung des
Geschwaders bis zum Jahre 1497. Der erfahrene Bartolomeu Dias wurde
damit betraut, diese kleine aus 3 Schiffen bestehende, zur Fahrt nach
Indien bestimmte Flotte sorgfältig auszurüsten, aber selbst sollte
er sie nur bis zur Factorei La Mina an der Goldküste begleiten. Den
Oberbefehl erhielt +Vasca da Gama+[83], im zweiten Schiffe sein
Bruder +Paulo da Gama+, im dritten +Nicolao Coelho+. Der Raumgehalt
der Schiffe betrug 100 bis 120 Tons. Die Schiffe trugen die Namen S.
Rafael, S. Gabriel und S. Michael.

Die portugiesischen Historiker weichen in ihren Berichten über Gama’s
Fahrt in vielen wesentlichen Punkten von einander ab. Gaspar Correa,
dessen ~Lendas da India~ erst 1858-1861 von der Academie in Lissabon
veröffentlicht worden sind, kam von allen Chronisten am frühesten,
vielleicht schon 1512, nach Indien und konnte als Secretär des
berühmten Affonso d’Albuquerque zum Theil das Tagebuch des Geistlichen
João Figueira, welcher die erste Fahrt Vasco da Gama’s mitmachte,
benutzen und zu Rathe ziehen. Castanheda (~Historia da India~) kam um
1528 nach Indien, Damian de Goes (~Rey Emanuel~) gelangte nicht nach
dem Orient, und Osorio (~de rebus Emanueli~) fußt vielfach auf Goes.
João de Barros, dessen Decaden lange Zeit fast allein die Grundlage
der Darstellung gebildet, schrieb viel später.[84] Correa’s Werk
sollte bei seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht werden, vielleicht um
manchen Lebenden nicht zu verletzen. So kam sein Manuscript erst nach
seinem Tode nach Europa, erlebte dort zwar, wenigstens in dem ersten
Theile, mehrere Abschriften, aber erst vor 20 Jahren eine sorgfältige
Drucklegung. In manchen Punkten, wo Correa von den übrigen Historikern
abweicht, spricht aber die innere Wahrheit und Wahrscheinlichkeit für
ihn.

[Illustration: Vasco da Gama.]

Wie weit die Differenzen unter den einzelnen Berichten über Gama’s
erste Fahrt gehen, erhellt schon daraus, daß sie nur in +einem+
Tages-Datum, nämlich in der Ankunft am Flusse Dos Reis, am heiligen
Dreikönigstage 1498 zusammen stimmen. Correa setzt die Abfahrt der
Flotte von Lissabon auf den 25. März 1497, Barros auf den 8. Juli,
Osorio auf den 9. Juli. Correa nennt die Schiffe S. Rafael (Capitän
Vasco da Gama), S. Gabriel, (Paulo da Gama), S. Michael, (Nicol.
Coelho). Barros versetzt den ersten Capitän auf den Gabriel, seinen
Bruder Paulo auf den Rafael, und nennt das Schiff Coelho’s Berrio.

Bei der Benennung neuentdeckter Küstenpunkte mußte dem Hauptschiffe,
auf welchem Vasco da Gama befehligte, naturgemäß der Vorrang eingeräumt
werden. Mustern wir nun einige der bedeutendsten Weltkarten des 16.
Jahrhunderts, die Karten Cabots und des Königs Heinrich II. von
Frankreich (+Jomard+, ~Monuments de la géographie~), so treffen wir
die Namen Gabriel und Berrio gar nicht; Rafael erscheint auf Heinrichs
II. Karte zweimal, ein Rio de S. Miguel bei Cabot. Ferner zeigt die
Baseler Ausgabe des Ptolemäus, 1513, einen padrão de S. Rafael, und
auch Ortelius (~Theatrum mundi~) bietet uns die Namen Rafaels und
Michaels. Dadurch wird die Existenz dieser Schiffsnamen bestätigt, und
wenn alle Autoren in der Angabe des Namens Gabriel übereinstimmen, muß
wohl der Name „Berrio“, den Barros angibt, falsch sein. Stanley (~l. c.
p. V.~) führt nach einem weiteren Beweis an, daß das Hauptschiff den
Namen Rafael führte. Nach dem glänzenden Verlauf der ersten Reise wurde
Vasco da Gama zum Grafen von Vidigueira in Alemtejo erhoben. Vor dieser
kleinen Stadt befindet sich eine Capelle des heil. Rafael mit dem Bilde
des Erzengels, dem das Schiff geweiht war.

Der Oberbefehlshaber erhielt Empfehlungsschreiben an den Priester
Johannes, an den Beherrscher von Kalikut und an andere Fürsten Indiens.
Die ganze Bemannung zählte nach Barros 170 Köpfe, während Correa sagt,
in jedem Schiffe seien 80 Personen gewesen. Nach Osorio und Goes zogen
148 Mann aus und kehrten nur 55 wieder zurück. Ueber die Canarien
gelangte das kleine Geschwader, nachdem es schon am Rio d’Ouro durch
Sturm getrennt war, zu den Capverden und blieb einige Tage in St. Jago.
Hier trennte sich Bartolomeu Dias, welcher sie bis dahin begleitet
hatte, von ihnen und steuerte nach seinem Bestimmungsorte, nach La Mina
an der Guineaküste. Gama richtete, das afrikanische Gestade verlassend,
seinen Cours direct nach dem Caplande.

Der Wind war sehr heftig, erzählt Correa, so daß die See einen
furchtbaren Anblick gewährte; unter den rastlosen Arbeiten während
dieser Stürme litt das Volk sehr. Nachdem sie so einen Monat gesegelt
waren, wandten sie sich wieder der Küste zu, in der Hoffnung, das Cap
zu erreichen. Aber viel zu zeitig. Es sollten noch Monate vergehen,
ehe sie das Südende des Continents umfahren konnten. Alle Historiker
stimmen darin überein, daß die Fahrt mindestens 4 Monate währte, Correa
setzt sogar volle 6 Monate an. So ging’s also wieder in die offene See
hinaus, obwohl schon damals die Mannschaft lieber wieder umgekehrt
wäre. Gama selbst theilte mit ihnen alle Arbeiten und Mühen und gönnte
sich keinen Schlaf. Die Tage wurden immer kürzer, denn man fuhr in den
südlichen Winter hinein. Es schien fast immer Nacht zu sein. Die Leute
wurden krank vor Furcht und Mühsal, sie konnten nicht einmal ihr Essen
bereiten. Sie begannen zu murren und wollten umkehren; aber Gama wies
sie, als ein leidenschaftlicher Mann, mit scharfen Worten zur Ruhe,
obwohl er sah, daß man in beständiger Lebensgefahr schwebte. Und wenn
auch die Mannschaft unter den kalten Regenschauern fast erstarrte, so
schwur doch der Capitän, es möge kommen, was Gott wolle, umkehren werde
er nicht.

Erst in der Nähe des Landes wurde die See ruhiger. Um die Polhöhe am
festen Lande zu bestimmen, ging das Geschwader in der St. Helenabai
vor Anker. Da die Seeleute mit dem Gebrauche des Astrolabiums noch
nicht lange vertraut waren, vermochten sie an Bord der kleinen Schiffe
wegen der Schwankungen der Fahrzeuge noch keine sichern Bestimmungen zu
machen. Das Beobachtungsinstrument hatte 3 Palmen im Durchmesser und
ruhte auf einem dreifüßigen hölzernen Gestell. Wahrscheinlich war es
hier, wo das begleitende (vierte) Proviantschiff entleert und in Brand
gesteckt wurde, nachdem die Mannschaft auf die andern Schiffe vertheilt
war.[85]

In einem mehrtägigen Sturme dublirten sie endlich das gefürchtete
Cap, Stürme verfolgten sie auch auf der weiteren Fahrt. Sturzseen
brachen von oben herein, das Wasser im Schiffsraume stieg immer höher.
Sie hatten keine Ruhe, weder bei Tage noch bei Nacht, weder für die
Seele noch für den Leib. Aber Gama schwur hoch und theuer, er werde
keinen Fuß breit zurückgehen, bis er Indien erreicht. Bei dieser
verzweifelten Lage wuchs die Mißstimmung unter der Bemannung immer
mehr und gestaltete sich zu einer Verschwörung: man wolle sich nicht
blindlings ins Verderben jagen lassen, Er sei nur Einer, sie aber seien
Viele. Durch einen Schiffsjungen verrathen, wurde der Plan, den Capitän
zu beseitigen, vereitelt. Gama brachte die Verschworenen mit List in
seine Gewalt und ließ sie in Ketten werfen. Vor Wuth soll er sogar alle
nautischen Bücher über Bord geworfen und erklärt haben: nun möchten sie
versuchen, ohne Steuermann und Pilot den Rückweg zu finden. Denn die
Capitäne und Steuerleute hielten alle treu zum Führer.

Erst im Anfang Januar 1498 näherten sie sich wieder dem Lande. Die
Schiffe bedurften einer Reparatur, an Trinkwasser trat ein fühlbarer
Mangel ein, manche Fässer waren in den unaufhörlichen Stürmen
geborsten und ausgelaufen. Aber sie segelten noch mehrere Tage, ehe
sie einen günstigen Ankerplatz fanden. Am 6. Januar liefen sie in
die bequeme Mündung eines Flusses ein, der nach dem Tage Rio des
Reyes, Drei-Königsfluß, genannt wurde. Der Wasserplatz, an welchem
Gama fünf Tage verweilte, wurde wegen des friedlichen Benehmens der
Bewohner Agua da boa Paz genannt. Beim Weitersegeln hatten sie vom
Cap Corrientes (~Cabo das Corrientes~) tagelang mit der heftigen
Mosambikströmung zu kämpfen und mußten darum weiter von der Küste
abhalten, um nicht gegen gefährliche Klippen getrieben zu werden.
In Folge dessen segelten sie an dem in der innern Bucht des Landes
gelegenen Sofala vorüber und erreichten nur mühsam die Mündung des
Sambesi. Dieser mächtigste Strom erhielt den Namen ~Rio dos bons
Sinaes~ (Strom der guten Anzeichen), denn hier trafen sie zuerst mit
hellfarbigen Mischlingen zusammen, die des Arabischen mächtig waren,
und ihnen mittheilten, daß weiter nordwärts eine belebte Schifffahrt
getrieben werde. Man hatte hier also die Sphäre des arabischen
Handelsverkehrs erreicht und konnte hoffnungsvoll dem glücklichen
Erfolg des kühnen Seezuges entgegensehen. Theils um die Schiffe
auszubessern, theils um der erschöpften und am Scharbock leidenden
Mannschaft Erholung und Erfrischung zu bieten, blieb Gama einen vollen
Monat hier. Dort wurde ein Wappenstein errichtet mit der Inschrift: ~Do
Senhorio de Portugal Reino de Christaõs~. Dann stach Gama wieder in
See und erreichte bald die Insel und den Hafenplatz Mosambik. Mehrere
Sambuken, mit arabisch gekleideten Leuten bemannt, kamen heran und
erkundigten sich nach Herkunft und Ziel der fremdartigen Flotille.
Gama ließ ihnen antworten, sie seien Portugiesen, welche im Auftrage
ihres Königs nach Indien führen und, da sie den Weg noch nicht gemacht
hätten, um einige Lotsen bäten.

Anfänglich schien es, als ob der Verkehr sich ganz friedlich
gestalten wolle. Der Scheich des Hafens stand unter der Botmäßigkeit
des arabischen Fürsten von Kiloa. Die Araber hatten den sicheren
Stapelplatz auf der Mosambik-Insel gewählt, um von hier aus lebhaften
Handel mit den Negern zu treiben und Gold, Elfenbein, Wachs u. a.
einzutauschen. Nachdem Gama dem Scheich mehre Geschenke gesendet,
kam dieser selbst an Bord, in faltenreicher, farbiger Tracht, das
dunkle Gesicht von einem mächtigen, buntseidenen Turban beschattet.
Unter seinem Gefolge befanden sich viele Mischlinge. Nach einem
ehrenvollen Empfange von Seiten der Capitäne nahm der Scheich alles
neue auf den Schiffen in Augenschein und ließ sich vermittelst eines
Dolmetschers von dem Flottenführer noch einmal erzählen, daß sie
von dem mächtigsten Könige der Christenheit abgesandt, bereits zwei
Jahre auf der stürmischen See umhergeworfen und von ihren Gefährten
getrennt nunmehr dem Lande der Gewürze zusteuerten und, des Weges
unkundig, um zuverlässige Piloten bäten. Bald nachdem der Scheich
zurückgekehrt war und frische Lebensmittel für die Portugiesen
gesandt hatte, erschienen auch drei Habessinier, mit denen aber die
Verständigung nur unvollkommen gelang. Werthvoller war der Verkehr
mit einem Mauren, Namens Davané, welcher sich bereit finden ließ, die
Schiffe nach Indien zu begleiten. Inzwischen änderte sich aber die
günstige Stimmung am Lande. Die Araber schöpften wegen der Herkunft
und Zwecke der Fremdlinge Verdacht oder wurden wegen ihres Handels
besorgt, für den ihnen so unerwartet eine Concurrenz zu drohen schien.
Zwar erhielt Gama die gewünschten Lotsen, aber sie waren nicht
zuverlässig; denn nachdem die Portugiesen als Christen erkannt und
somit als die natürlichen Feinde des Islam erklärt worden, wurde auch
der Scheich von den einheimischen Händlern gewonnen, die Hand zu einem
geplanten Verrath und Ueberfall zu bieten. Und hierzu sollten die
Lotsen behilflich sein. Eine Einladung des Scheich zu einem Besuche
in der Stadt hatte Gama, durch Davané gewarnt, vorsichtig abgelehnt.
Dagegen bat er, man möge ihm am festen Lande einen Platz anweisen, wo
seine Böte Wasser holen könnten. Diese Gelegenheit sollte von Seiten
der Moslemin zu einem Ueberfall benutzt werden; zu gleicher Zeit
sollten andere mit Bewaffneten besetzte Fahrzeuge, wenn ein Theil der
portugiesischen Matrosen beim Wassereinnehmen von den Schiffen fern
sei, diese überrumpeln und das Geschwader zu erobern suchen. Allein
dieser Plan wurde durch die Wachsamkeit und die Ueberlegenheit der
portugiesischen Waffen vereitelt. Gama ließ das Wasserboot mit zwei
Kanonen armiren und schickte zur Bedeckung der Matrosen bewaffnete
Mannschaft mit unter Führung des Capitäns Coelho. Zur Nachtzeit sollte
bei Hochflut Wasser eingenommen werden. Aber der begleitende Pilote
führte sie bis zum anbrechenden Morgen, wo Ebbe eintrat, in der Irre
herum und hoffte das Fahrzeug dann unversehens aufs Trockne zu setzen
und dem geplanten Ueberfall leichter preiszugeben. Indeß kam ihm Coelho
zuvor, indem er das Boot rechtzeitig wenden ließ und den Verräther, zum
abschreckenden Beispiel, an den Mast aufknüpfen wollte. Der Lotse aber
sprang über Bord, tauchte unter und kam erst in weiterer Entfernung
wieder zum Vorschein. Bei seiner Verfolgung wurde nun das Boot vom
Lande aus mit Pfeilen und Schleudersteinen angegriffen. Da man von den
Schiffen aus diesen feindlichen Zusammenstoß sehen konnte, so ertheilte
Gama dem Boote durch Flaggensignale den Befehl zur Umkehr. Auch ließ
er, wie Correa betont, nicht gleich mit Kanonen unter die Verräther
schießen, weil er sich in dem ersten arabischen Hafen nicht in
schlechten Ruf bringen wollte und vielleicht noch auf ein friedliches
Abkommen rechnete. Der Scheich, der wohl auch für seine wehrlose
Stadt fürchten mochte, ließ über den unangenehmen Zwischenfall sein
Bedauern ausdrücken und erbot sich andere Lotsen zu senden, die indeß
wieder den Auftrag zu haben schienen, die portugiesischen Schiffe auf
Korallenriffe zu führen.

Vasco da Gama hatte mehrere Verbrecher an Bord, die ihm mitgegeben
waren, um an gefährlichen Stellen ans Land geschickt zu werden.
In der Ausführung eines lebensgefährlichen Auftrages bestand die
eigenthümliche Art der Begnadigung. João Machado, so hieß der zu
dieser Mission ausersehene Sträfling, wurde ans Land gesetzt, um
dem Scheich die Botschaft zu übermitteln, daß, da man an seiner
Ehrlichkeit zweifele, der weitere Verkehr mit ihm abgebrochen werde.
Machado richtete seinen Auftrag aus und gelangte später unter allerlei
Abenteuern über Kiloa und Mombas nach Indien. Gama aber hielt noch an
einer unbewohnten Insel vor Mosambik an und ließ zu Ehren des heil.
Georg den Wappenstein San Jorge setzen. Dann stach er wieder in See.
Davané war an Bord geblieben und begann bereits etwas Portugiesisch
zu lernen, so daß man sich mehr und mehr verständigen und manche
werthvolle Mittheilungen über den Seehandel durch ihn gewinnen konnte.

Der streng bewachte, aber treulose Lotse brachte bald darauf die
Schiffe zwischen die Untiefen einer Inselgruppe und wurde, als man
seine Verrätherei erkannte, dafür durchgepeitscht. Die Inseln erhielten
aber zum Andenken daran den Namen ~Ilhas do Azoutado~, d. h. die
Inseln des Durchgepeitschten. An der Küste entlang ging die Fahrt nun
weiter auf Kiloa, welches als ein vielbesuchter Handelshafen galt,
wohin sogar christliche Armenier gelangen sollten. Aber widrige Winde
trieben die Schiffe ab. Das Schiff S. Rafael unter dem Commando des
Vasco da Gama gerieth sogar auf eine Sandbank, wurde aber glücklich
wieder losgebracht. So kamen sie in der letzten Woche des April[86]
nach Mombas. Wieder erschien ein Fahrzeug der Einwohner, um sich nach
den Zielen der Fremdlinge zu erkundigen. Gama erklärte, er komme,
auf dem Wege nach Indien, sich in dem Hafen mit einigen Bedürfnissen
zu versehen. Der Scheich, auch hier anfangs freundlich, mußte bald
den falschen Einflüsterungen nachgegeben und schon von Mosambik
Nachrichten erhalten haben, daß die Fremden Seeräuber seien und
den Handel nur zum Vorwand nähmen. Als Gama in den Hafen einlaufen
wollte, kamen viele kleine Schiffe heran, wie um die portugiesischen
Fahrzeuge mit festlicher Musik an die Stadt zu geleiten. Aber man ließ
höchstens 10 bis 12 Personen an Bord eines jeden Schiffes kommen.
Vielleicht war es dabei auf eine Ueberrumpelung oder eine Verrätherei
abgesehen, denn als das eine Schiff, rückwärts treibend, auf den Grund
gerieth, da es dem Steuer nicht folgte, so gab der Capitän rasch
Befehle, Anker auszuwerfen. Die dadurch hervorgerufene Unruhe machte
die Araber auf den andern beiden Schiffen besorgt; sie fürchteten
vielleicht, ihr Anschlag sei verrathen und sprangen eiligst wieder in
ihre Schiffe. In einer hellen Mondnacht wurde der Hafen von Mombas
verlassen und die Fahrt mit großer Vorsicht, weil man dem Lotsen
nicht traute, fortgesetzt. Bald stießen sie auf zwei Sambuken, welche
nach Mombas steuerten. Eine derselben wurde genöthigt, ihnen den Weg
nach Melinde zu zeigen, wobei man die arabische Mannschaft auf die
Schiffe vertheilte. Nach einer günstigen Fahrt von drei Nächten und
zwei Tagen langten sie in den letzten Tagen des Monats April dort
an und fanden hier endlich eine wohlgemeinte freundliche Aufnahme.
Aber der Einladung des Fürsten, in dem Hafen anzulegen, folgte Gama,
durch die Vorkommnisse in Mosambik und Mombas mißtrauisch gemacht,
nicht sogleich, sondern schickte zunächst den Capitän Coelho und in
seiner Begleitung den Davané ans Land. Am Ufer hatten sich so viele
Menschen versammelt, daß die Beamten nur vermittelst ihrer Stöcke für
die fremden Sendlinge Bahn schaffen konnten. Der Fürst ließ Coelho
neben sich auf einem Stuhle niedersitzen, erkundigte sich vor allem
nach europäischen Verhältnissen und ließ sich vom großen König Emanuel
erzählen. Gegen Sonnenuntergang nahm der portugiesische Capitän
Abschied und wurde, vom Herrscher von Melinde mit weißen und bunten
Seidenkleidern und einem kostbaren Ringe beschenkt, an den Strand
zurückgeleitet. Die von Gama auf einem Sambuk gewünschte Zusammenkunft
fand in den nächsten Tagen statt. Der ganze Strand, die weißen Häuser
und die Mauern der Stadt waren mit Schaulustigen dicht besetzt, als die
beiden Flottenführer, Vasco und sein Bruder Paulo da Gama, im vollsten
Schmucke, unter dem Donner der Salutschüsse in ihren beflaggten Böten
von den Schiffen abstießen und sich dem Audienzschiffe näherten. Bei
der herrschenden Rivalität zwischen Melinde und den anderen bereits
besuchten Häfen war die Aufnahme eine sehr günstige. Dem arabischen
Herrscher wurden ein kostbares Schwert, eine Lanze und ein Schild
verehrt und beide Theile schieden in Freundschaft. Gama bat, die
Piloten und übrigen Insassen des zur Mitfahrt gezwungenen Bootes sicher
wieder in ihre Heimat befördern zu wollen, was auch zugesagt wurde. Die
Portugiesen erhielten Lebensmittel und Wasser und konnten sich am Lande
erholen, denn sie hatten an der ungesunden Ostküste Afrikas viel durch
Krankheiten zu leiden gehabt und manchen Mann am Scharbock verloren.

Später besuchte Gama den Scheich in seinem Schlosse und wurde von
diesem am Thor empfangen. Im Verlaufe des Gespräches erklärte der
Araber, daß der Gewürzhandel in Kalikut seinen Hauptstapel habe und daß
er dem Geschwader einen zuverlässigen Piloten dahin mitgeben werde.
Auch rieth er den Portugiesen, die gewünschten Waaren nicht zu hoch zu
bezahlen, um dadurch nicht den Markt zu verderben.

Davané erbot sich bis Indien mitzugehen. Vor dem Abschiede stattete der
Fürst den Schiffen noch einen Besuch ab. Auf einer besonders angelegten
Treppe leitete man ihn an Bord, wo eine festliche Tafel hergerichtet
war. Dann ließ Gama mit Bewilligung des Herrschers einen marmornen
Wappenpfeiler in Melinde setzen, segelte, von tüchtigen Lotsen
geführt, am 24. April von der afrikanischen Küste ab und erreichte
unter günstigem SW. Monsun in 22 Tagen die Gestade Indiens. Die Berge
von Kananor traten hervor, die Häuser der Stadt zeigten sich bei dem
Vorübersegeln. Fischerböte nahten sich und waren über die seltsam
gebauten Schiffe und die weißen Menschen darin sehr verwundert. Am 20.
Mai langte das Geschwader endlich im Hafen von Kalikut an.

Indien zerfiel damals in eine große Anzahl selbständiger Reiche, Barros
nennt darunter die Königreiche von Multan, Delhi, Cospetir, Bengalen,
Orissa, Mando, Tschitor, Guzarat oder Cambaya, Dekhan, Bisnaga und
viele andere kleinere. Am Westfuße der Ghats erstreckte sich vom
Flusse Karnat, nahe beim Vorgebirge Komorin bis zu der weit übers
Meer sichtbaren Landmarke des Berges d’Ely (~de Ly~) oder Delly unter
12° n. Br., das Reich und die Landschaft Malabar mit der Hauptstadt
Kalikut. Sechs bis zehn Leguas breit und 80 Leguas lang breitete sich
dieser Landstrich aus, über welchen ein Kaiser die Oberherrschaft
besaß. Der Titel dieses Oberherrn war eigentlich Samudrin, d. h. Herr
der See, die Portugiesen nannten ihn Samorin. Zahlreiche Lehnsfürsten
standen nominell unter ihm, wußten sich aber mehrfach seinem
maßgebenden Einflusse zu entziehen oder fügten sich, wie die Fürsten
von Kotschin und Kollam, nur widerstrebend. Das Uebergewicht Kalikuts
beruhte in seinem Welthandel, in seinem Gewürzmarkte, welcher seit
dem 14. Jahrhundert an Großartigkeit alle Hafenplätze der Westküste
übertraf. Seine Blüte verdankte der Ort namentlich der Thätigkeit der
mohammedanischen Kaufleute und Schiffer, welche bei den Portugiesen
mit dem allgemeinen Namen der Mauren belegt wurden. Die Stadt zerfiel
in zwei Abtheilungen; am Hafen gruppirten sich um die steinernen
Wohnhäuser und Waarenlager der Mauren die mit Palmblättern gedeckten
Holzhütten der eingeborenen Gewerbsleute, der Handwerker und des andern
gemeinen Volks niedriger Kasten. Etwas entfernt lag in einem Palmenhain
die Residenz des Samorin, umgeben von den Villen der vornehmsten
Stände, der Brahmanen und der Kriegerkaste, der sog. Nair, die ihrem
Oberherrn mit Leib und Seele ergeben, sich dem Handelsgewoge des
Hafens entzogen, um ihren Standesvorurtheilen nichts zu vergeben durch
zu enge Berührung mit den niederen Kasten. Diese hatten ihren Erwerb
hauptsächlich durch die Mauren und waren, an deren Interesse gebunden,
von denselben abhängig, oder wenigstens geneigt, auf ihre Seite zu
treten. Denn den Vertrieb der geschätzten Waaren nach dem Abendlande
hatten die mohammedanischen Kaufherren allein in der Hand; ihre Flotten
kamen aus dem arabischen und persischen Golfe über Aden und Ormuz nach
Indien und brachten namentlich über Aegypten die indischen Artikel ans
Mittelmeer zu den christlichen Völkern. Aber nicht Araber und Aegypter
im engern Sinne betheiligten sich allein an diesem indischen Handel.
Mauren aus Tunis und Algerien, selbst Juden unternahmen die weite
Reise ins Morgenland und wieder zurück in die Markthäfen Italiens und
Spaniens. Die christlichen und mohammedanischen Staaten am Mittelmeer
standen sich feindlich gegenüber; die Niederlagen des Islam und seine
Verdrängung aus Spanien wurden bis Indien vernommen. Die Portugiesen
waren politisch die Feinde der Araber und Mauren und sollten nun auch
im indischen Handel als ihre Rivalen auf einem Gebiete erscheinen,
wo die Moslemin Jahrhunderte lang allein sich des ungestörten
Genusses und Gewinnes zu erfreuen gehabt hatten. Kein Wunder, daß
das Erscheinen einer portugiesischen Flotte auf der Küste Malabar,
vor dem Centralpunkte des Verkehrs, alle mohammedanischen Kaufleute
in die größte Aufregung brachte. Daher der eigenthümliche Willkomm,
den Gama vor Kalikut empfing. Schiffer im Hafen brachten nämlich zwei
Mauren aus Tunis zu ihm, welche spanisch und italienisch sprachen und
die Portugiesen mit den Worten begrüßten. „Schert Euch wieder zum
Teufel, der Euch hergebracht hat.“

[Illustration: ~Die WESTKÜSTE von VORDER-INDIEN

und die von den Portugiesen berührten Handelsstädte. ~

  ~_Entworfen von S. Ruge._~    ~_G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung._~
]

Auch dem Samudrin war der Besuch sicher ungelegen. Der friedliche
Verkehr und die Sicherheit der Einkünfte, auf denen seine Macht
basirte, schienen in Frage gestellt durch das plötzliche Erscheinen
der abendländischen Fremdlinge. Ließ sich der Friede und die Ordnung,
welche eine ausgezeichnete Marktpolizei bisher aufrecht erhalten hatte,
bei der Erregtheit der Concurrenten aufrecht erhalten?

Und konnte nicht durch einbrechende Unsicherheit gedrängt, der ganze
Waarenverkehr sich aus seinem Gebiet und aus seinem Hafen wegwenden?
Daß unter solchen Umständen die Bekenner des Islam leichtes Spiel
hatten, durch Einflüsterungen und Verläumdungen den Kaiser gegen die
neuen Ankömmlinge einzunehmen, liegt auf der Hand. Vasco da Gama hatte
von Anbeginn einen schweren Stand, und es ist ein nicht geringes
Verdienst, daß er vorsichtig und seine leidenschaftlichen Aufwallungen
beherrschend die Verhandlungen leitete, gewandt allen Gefahren auswich
und seinen Auftrag glänzend löste.

Die Handelssaison war bereits vorüber, die fremdasiatischen
Handelsbarken hatten den Hafen schon seit Monatsfrist oder länger
verlassen. Man war also am Lande nicht wenig erstaunt, zu so
ungewohnter Zeit Schiffe ankommen zu sehen, die offenbar mit diesen
Gewässern nicht vertraut waren. Aus Furcht vor einer sichtbaren starken
Brandung war Gama in einiger Entfernung vom Hafen bei dem Ort Kapokate
vor Anker gegangen. Hier näherten sich ihm zunächst Fischerböte, von
denen man Fische gegen portugiesische kleine Silbermünzen einhandelte.
Die Bootführer prüften die ihnen unbekannten Werthzeichen mit ihren
Zähnen auf den muthmaßlichen Silbergehalt. Dann brachten sie Hühner,
Kokosnüsse u. a. zum Verkauf. Durch diesen Verkehr erfuhr der Samorin,
daß Gama von Melinde komme und nicht ohne Erlaubniß des Landesherrn
das Ufer betreten wolle. Darauf erschien nach einigen Tagen ein Nair,
nur mit weißem Lendentuch bekleidet, mit rundem Schild und nacktem,
kurzem Schwert. Mit ihm ging dann einer der von der afrikanischen
Küste mitgenommenen Lotsen ans Land, um ähnliches über die Herkunft
und Schicksale des Geschwaders zu berichten, wie Gama selbst in
Melinde erzählt hatte: nämlich, daß sie zu einer großen Flotte von 50
Schiffen gehörten, die der mächtigste christliche König des Abendlandes
abgesendet, um Pfeffer und Droguen einzuhandeln, daß sie aber durch
Sturm zerstreut seien. Mit dem Lotsen ging auch wieder ein Sträfling
ans Land, Namens João Nuñez (oder Martins). Als diese ihre Botschaft
ausgerichtet hatten und wie es schien, nach günstiger Aufnahme wieder
zum Hafen zurückkehrten, wurden sie von einem Manne in morgenländischer
Tracht auf castilisch angeredet und eingeladen, bei ihm zu bleiben, da
sie sich bei ihrer Sendung verspätet hatten und kein Boot mehr fanden,
das sie zu den Schiffen zurückgebracht hätte. Dieser neue Gastfreund
stammte aus Sevilla, war als Gefangener und Sklave durch viele Hände
gekommen, hatte äußerlich den mohammedanischen Glauben angenommen und
ging am nächsten Morgen mit den beiden Sendlingen an Bord, um den
Flottencapitän über die Verhältnisse in der Stadt aufzuklären und
namentlich vor den Ränken der arabischen Kaufherrn zu warnen.[87]

Gama ging darum nicht zuerst selbst ans Land, sondern schickte Coelho
mit mehreren Begleitern zum König, damit er ihm die Bitte um freien
Handel und friedlichen Verkehr vortrage. Wenn das zugesichert werde,
wolle der Admiral persönlich die Geschenke und Briefe des königlichen
Herrn überreichen.

Bei der Landung der Portugiesen lief das Volk zusammen, verhielt sich
aber ruhig, als diese zum Palaste geleitet wurden. Da sich aber der
Samorin inzwischen durch seine Beamten über das Erscheinen und Benehmen
der Fremden genau berichten ließ, so verging darüber der Tag, ohne daß
eine Audienz anberaumt wurde. Coelho blieb daher über Nacht im Hause
eines Edelmanns.

Am nächsten Morgen kam der Schatzmeister und erklärte, sein Herr sei
unwohl und könne die Gesandtschaft nicht empfangen, Coelho möge ihm
daher den Inhalt seiner Botschaft anvertrauen, er werde ihn dem Könige
übermitteln. Coelho aber erwiderte, er habe directen Auftrag, und
wenn der König krank sei, werde er bis zu günstiger Zeit wieder aufs
Schiff zurückkehren. So bequemte man sich denn zur Audienz. Coelho
begrüßte den Samorin ehrfurchtsvoll, blieb aber schweigend stehen,
bis ihn der König aufforderte, seinen Auftrag auszurichten. Als dies
geschehen, wollte der König die Audienz schließen mit dem Bemerken, die
Antwort werde ihm später durch den Schatzmeister zugehen. Allein auch
darauf ging Coelho nicht ein, sondern erbat sich directen Bescheid,
den ihm der Samorin dann in wohlwollender Weise gewährte. Zum Zeichen
des Friedens erhielt Coelho den königlichen Namenszug auf einem
Palmenblatte und begab sich damit wieder an Bord. Sobald dort der
Erfolg bekannt geworden war, wurden die Schiffe beflaggt, Trompeten
erklangen und die Kanonen donnerten Salutschüsse über den Hafen hin.

So war durch das feste Auftreten Coelho’s die schwankende Politik der
königlichen Rathgeber bei Seite gedrängt. Das königliche Wort war eine
Bürgschaft des Friedens.

Dann rüstete sich Gama selbst, zu einer Audienz ans Land zu gehen;
aber, gewarnt durch den indischen Castilier, that er es nicht eher,
als bis er durch eine Anzahl vornehmer Geißeln aus dem Stande der
Nair genügend gedeckt war. Dann erst betrat er in festlichem Aufzuge,
in Weiß und Roth gekleidete Trompeter voraus, die Stadt und wurde in
einem Palankin zum Palaste getragen. Hier wurde er vom Samorin in
feierlicher Audienz empfangen. Correa gibt uns von dieser Scene ein
genaues Bild. Der König saß auf einem Divan. Er war von sehr dunkler
Hautfarbe, der Oberkörper nackt, von der Mitte des Leibes an bis zu den
Knien in Weiß gekleidet. Eines seiner Kleidungsstücke endigte in einer
langen Spitze, an welcher mehrere goldene Ringe mit großen, glänzenden
Rubinen angereiht waren. Am linken Arme über dem Ellbogen trug er eine
Spange, die aus drei Ringen zusammengesetzt schien und von Juwelen
strotzte; namentlich trug der mittlere höchst werthvolle Steine, und
von ihm hing noch ein Diamant von der Dicke eines Fingers herab. Um
den dunkeln Hals trug er eine helle Perlenschnur, deren Glieder die
Größe einer Haselnuß hatten. Zweimal umgeschlungen reichte diese Schnur
vorn bis auf die Mitte der Brust herab, und darüber trug er eine feine
Goldkette mit einem Schmuck in Gestalt eines Herzens, welches aus einem
Geschmeide von Perlen und Rubinen bestand, dessen Mittelpunkt ein
großer Smaragd bildete. Das lange schwarze Haar trug der Samorin auf
dem Wirbel in einen Knoten geschürzt und mit Perlenschnüren umwunden;
an den Ohren prangten zahlreiche Goldringe.

Rechts und links vom Throne standen Leibpagen mit reichverzierten
Waffen und mit einem goldenen Spucknapf. Der erste Brahmane reichte dem
Fürsten von Zeit zu Zeit ein Blatt Betel, welches derselbe kaute und
dann in den goldenen Napf ausspie.

Nachdem sich Gama tief vor der indischen Majestät verbeugt hatte,
reichte ihm dieselbe die rechte Hand entgegen und berührte mit den
Fingerspitzen die rechte Hand des Admirals, und dieser entledigte sich
dann zuerst mündlich seines Auftrags in portugiesischer Sprache. Sein
Dolmetscher João Nuñez übertrug den Inhalt zunächst ins Arabische und
wendete sich an den Sensal, dieser gab in der Landessprache das Wort
weiter an den Brahmanen, durch welchen dann endlich die Botschaft
an den König selbst gelangte. Darauf überreichte Gama knieend den
Brief des Königs Manuel, nachdem er ihn geküßt, auf seine Augen und
aufs Haupt gelegt hatte. Der Samorin nahm den Brief in die Hand,
drückte ihn an die Brust mit beiden Händen, öffnete ihn und übergab
ihn seinem Schatzmeister, um ihn sich übersetzen zu lassen; denn
er war portugiesisch und arabisch abgefaßt. Es war darin, was Gama
bereits mündlich ausgesprochen, der Wunsch ausgedrückt nach einem
Freundschaftsbündnisse und friedlichen Handelsverkehr. Damit war die
Audienz beendet, der Admiral kehrte unter Trompetenschall zur Factorei
zurück, wo er zu Nacht blieb. Die bald darauf folgende briefliche
Antwort des indischen Fürsten enthielt die Stelle: Vasco da Gama, ein
Edelmann aus Eurem Hause, hat mein Reich besucht, worüber ich mich sehr
gefreut habe. In meinem Lande gibt es Zimmt, Gewürznelken, Ingwer und
Pfeffer in Fülle, ich habe Perlen und Edelgestein. Was ich von Euch
wünsche, ist Gold, Silber, Korallen und Scharlach.

Damit war die Genehmigung zur Eröffnung des Handels ertheilt.

Am Lande wurden den Portugiesen Lagerhäuser eingeräumt und Diogo Dias
zum Factor bestellt. Um nun den Handel einzuleiten, wurde zunächst das
Marktgewicht festgestellt, dann der Preis der Waaren bestimmt. Gold und
Silber galt nicht nach Gepräge, sondern nach Gewicht und Feingehalt;
es stellte sich dabei der Silberpreis höher als in Portugal. Außer
Edelmetallen gab der Factor auch Korallen, Quecksilber und Kupfer zum
Tausch. Die eingehandelten Droguen wurden dann durch indische Böte zu
den Schiffen gebracht. Die Portugiesen waren über den billigen Einkauf
erfreut und der Schatzmeister konnte hinwieder seinem Herrn melden,
die Christen zahlten doppelte Preise und nähmen auch die weniger guten
Produkte, deren Annahme die Araber verweigerten. Durch die blinde
Kauflust der Fremden verlockt, begannen die einheimischen Händler
die Gewürze zu fälschen, mit fremden Körpern zu vermischen oder gar
unbrauchbare Waaren, wie ungenießbaren Zimmt zu liefern. Der Factor
gewahrte wohl den Betrug, nahm aber auch die schlechte Waare an, um
vorläufig jeden Grund zu Mißhelligkeiten fernzuhalten.

Inzwischen blieben die portugiesischen Boote stets in der Nähe auf der
Hut, mit versteckten Waffen, scheinbar müßig, aber stets schlagfertig.

Da die Mauren sahen, daß sich der Handel mit den Portugiesen, zu ihrem
Nachtheile, so rasch entwickelte, verdächtigten sie die Fremdlinge
als Spione, welche nur gekommen seien, den Reichthum des Landes zu
erkunden, um demnächst mit bewaffneter Macht als Eroberer wieder zu
erscheinen. Als rechte Kaufleute würden sie doch die schlechte Waare
nicht um doppelten Preis kaufen. Der Handel diene nur als Folie, um
böse Absichten zu verdecken.

Die reichen Handelsherren in der Stadt gewannen nun zunächst den
Katual, den mohammedanischen Gouverneur, oder, wie Correa ihn
bezeichnet, den ersten Officier der königlichen Leibwache, für sich,
daß er die Portugiesen am freien Verkehr hindern möge. Dies geschah
auch. Man gestattete ihnen nicht, die Stadt zu besuchen, unter dem
Vorgeben, als wolle man dadurch unliebsamen Begegnungen mit den Mauren
vorbeugen, auch hoffte man, sich gelegentlich der Person des Admirals
bemächtigen zu können. Vielleicht rechnete man auch bereits darauf,
den unbequemen Besuch so lange hinzuhalten, bis die mohammedanischen
Flotten mit dem neuen Monsun anlangten, um dann mit deren Hilfe die
Portugiesen vollständig zu vernichten.

Als Gama die Handelsverschleppung bemerkte, ließ er die Absicht
durchblicken, lieber den Heimweg anzutreten, ohne seine Gewürzfracht
zu vervollständigen, um wenigstens seinem Könige die Kunde von dem
erfolgreichen Zuge nach Indien bringen zu können. Kam dieser Plan zur
Ausführung, dann hatten zwar die Mauren für den Augenblick das Feld
behauptet, mußten aber einer verstärkten Wiederkehr des Erbfeindes
gewärtig sein und waren keineswegs von einer drohend aufsteigenden
Gefahr für ihr Handelsmonopol befreit. Der Samorin ließ den Admiral
noch einmal zu sich rufen, der Katual erschien mit zwei Palankinen und
bat ihn, ihm zur Audienz zu folgen. Wie in Folge derselben der Conflict
endlich zum Ausbruch kam, wird verschieden berichtet, es scheint indeß
am wahrscheinlichsten, daß er durch Gama’s Erklärung vor dem Könige
beschleunigt wurde.[88] Denn als dieser ihn aufforderte, sich von
dem überall in der Stadt ausgesprochenen Verdachte zu reinigen, als
seien die Portugiesen gemeine Seeräuber, und ihm, dem Samorin offen
die Wahrheit zu sagen, entgegnete Gama: Es wundere ihn gar nicht, daß
die Vasallen des Samorin solche Verleumdungen ausstreuten, da er so
weiten, bisher noch nicht betretenen Weges daherkomme; aber sein Herr
und Gebieter sei durch den Ruf von der Größe und Macht des Samorin
bewogen, seine Schiffe so weithin zu senden, um freundschaftliche
Beziehungen und Handelsverkehr in Spezereien anzuknüpfen, daneben aber
auch sich die Verbreitung des Christenthums angelegen sein zu lassen.
Die Mauren seien in Europa die natürlichen Feinde der Portugiesen und
suchten ihnen auch hier zu schaden. Dann bat Gama den König, ihn gegen
dergleichen Ränke und Verdächtigungen zu schützen, damit nicht Krieg
dadurch angefacht würde. Zum Zeichen der Wahrheit wies er auf die
ihm zugestoßenen Verräthereien in Mosambik und Mombas hin. Und wenn
auch ihn und sein Geschwader das Verhängniß träfe, nicht wieder nach
Portugal heimzukehren, so werde König Manuel doch fortfahren, neue
Flotten auszusenden, bis er gewisse Nachricht aus Indien erhalten habe.
Der Samorin möge darum dafür Sorge tragen, daß nicht durch die Mauren
der Zwist eingeleitet würde, denn die Portugiesen seien nicht gewillt,
sich ungestraft beleidigen zu lassen, am wenigsten von den Mauren,
über welche sie schon manchen Sieg davon getragen. Der Samorin hatte
den Worten Gama’s mit Spannung gelauscht und erkannte aus dem Feuer
und der Festigkeit der Rede, daß der Admiral die Wahrheit gesagt. Dann
wünschte er, Gama möge aufs Schiff zurückkehren, wohin ihm die Antwort
nachgesendet werden sollte. Der Katual, welcher die Portugiesen zum
Landungsplatze zurückzuleiten hatte, bemächtigte sich aber unterwegs
ihrer Personen, trennte den Admiral von seinen Begleitern und hielt
sie unter verschiedenen Vorwänden tagelang wie in Gefangenschaft,
angeblich weil er für ihre Sicherheit verantwortlich sei. Er hoffte,
die Portugiesen würden, erbittert über diese Beleidigung, losschlagen
und so einen Streit beginnen, in welchem man die Fremden sämmtlich
beseitigen könne. Aber Gama behielt trotzdem seine Fassung und blieb
ruhig. Die Mauren forderten den Tod Gama’s, aber ohne Anlaß wagte der
Katual diese That nicht. Indeß mußte sich der Admiral dazu bequemen,
den Factor als Geißel zurückzulassen, wenn er selbst wieder an Bord
gehen wollte. Er ließ nun zwar die für ihn gestellten Geißeln frei,
weil er erwartete dadurch auch den Diogo Dias aus seiner Gefangenschaft
lösen zu können. Allein er sah sich darin getäuscht. Als er dann seinen
Handelsfactor nach Verabredung heimlich vom Strande durch seine Boote
wollte abholen lassen, kamen ihm seine wachsamen Gegner zuvor und
vereitelten die Flucht. Bei dem darüber entstandenen Tumult wurden
auch die portugiesischen Lagerhäuser geplündert. Ergrimmt ließ Gama
eine Anzahl Fischer auf der See aufgreifen und lichtete die Anker.
Das Jammern und Wehklagen der zurückgelassenen Weiber bewog nun den
Samorin, den Factor Dias zu entlassen und zugleich die Erklärung
mitzusenden, daß er aufrichtig den Frieden wünsche, aber auch den
Handel der Mohammedaner, die seit Alters in seinem Lande ansässig
seien, schützen müsse. Gama gab darauf hin die meisten Indier wieder
frei, drohte aber, er werde, wenn er in kurzer Zeit wiederkomme, die
ihm angethane Schmach rächen. Die von ihm mitgenommenen Fischer,
ließ er dem Könige melden, werde er zunächst nach Portugal führen,
damit sein Herr sich von ihnen über Kalikut könne berichten lassen;
dieselben würden aber auf der nächsten Flotte wieder zurückkehren,
damit sie auch dem Samorin über Portugal Kunde bringen könnten. Dann
brach er von Kalikut auf und segelte nach Norden. Als aber am nächsten
Tage das Geschwader durch Windstille auf dem Wasser, kaum zwei Meilen
von Kalikut gebannt war, machte sich eine bedeutende Anzahl kleiner
Fahrzeuge, nach Barros etwa 60 Schiffe, auf, um die Portugiesen zu
überfallen, aber sie wurden durch grobes Geschütz sehr rasch vertrieben.

Daß Gama sodann noch den nördlich von Kalikut gelegenen Hafen von
Kananor besucht, wird unter allen Schriftstellern nur von Correa
erwähnt. Der Beherrscher von Kananor, welcher über die Vorgänge in
Kalikut wohl unterrichtet war, ließ Gama einladen, in seinem Hafen
anzulegen, dann erschienen mehrere Boote mit Wasser und Holz, Feigen,
Hühnern, Kokosnüssen, gedörrten Fischen und andern Lebensmitteln und
meldeten, wenn die Portugiesen nicht anlegen wollten, möchten sie diese
Artikel als Geschenke annehmen. Aber sie könnten im Hafen auch Gewürze
bekommen, um ihre Ladung zu vervollständigen, und zwar bessere Waare,
als man ihnen in Kalikut geboten.

Die Portugiesen schickten nun eine Liste aller Artikel, welche sie noch
wünschten, ans Land und erhielten alles in Ueberfluß, was Gama ebenso
reichlich in Korallen, Zinnober, Quecksilber, Kupfer und Messingschalen
bezahlte. Es fand sodann auch eine Zusammenkunft mit dem Fürsten statt,
indem am Ende einer vom Strande aus geschlagenen Brücke eine Art
Pavillon über dem Wasser errichtet war, wo der Fürst die Befehlshaber
der drei Schiffe empfing, mit ihnen Geschenke wechselte und ihnen im
Auftrag des Samorin noch einmal dessen Bedauern über den feindlichen
Abschied von Kalikut ausdrücken ließ.

Nachdem noch auf einer kleinen Gestade-Insel (13° 20′ n. Br.) ein
Wappenpfeiler Santa Maria errichtet worden, nach welchem dann später
die Insel ihren Namen erhielt, ging Gama an der Küste weiter nordwärts
bis zu der kleinen Gruppe der Andjediven (d. h. fünf Inseln), welche
etwa 12 Leguas südlich von Goa (14° 45′ n. Br.) liegen, um dort Wasser
einzunehmen und die Schiffe ausbessern zu lassen, ehe sie den Weg über
den Ocean bis zur afrikanischen Küste anträten.

Die Nachricht von dem Aufenthalt der Portugiesen auf Andjediva
gelangte durch Fischerboote bis nach Goa. Diese Stadt gehörte zum
Reiche Bidjapur und war Jussuf Adil Chan untergeben, der, weil er
aus Sava im westlichen Persien, bei Hamadan, stammte, den Beinamen
Sabai führte, woraus die portugiesischen Historiker den Namen Sabayo
bildeten. Dessen Statthalter in Goa hoffte nun, da er gehört hatte,
daß zwei der portugiesischen Schiffe behufs der Reparatur an den
Strand gezogen seien, sich dieser Fahrzeuge bemächtigen zu können und
übertrug dies Unternehmen seinem Hafencapitän, d. i. dem Schah-bender,
einem spanischen Juden, der bei der Einnahme Granadas jung vertrieben,
durch die Türkei über Mekka nach Indien verschlagen war. Dieser
recognoscirte bei Nacht die portugiesischen Schiffe, um zu sehen, ob
er sie nehmen oder verbrennen könne. Indische Fischer, die mit den
Portugiesen verkehrten, hatten aber bemerkt, daß in der Nähe mehrere
bewaffnete Fahrzeuge, s. g. Fusten versteckt und zum Ueberfall bereit
lagen. Gama ließ, von ihnen unterrichtet, den Juden, der anderen Tages
wie von ungefähr vorübersegelnd die Schiffe auf spanisch begrüßte,
ungehindert herankommen und an Bord steigen, dann aber sofort binden
und mit der Tortur bedrohen, wenn er seine Absichten nicht bekenne. So
gezwungen, den Schlupfwinkel seiner Boote zu verrathen, mußte er die
Portugiesen selbst dahin begleiten und zusehen, wie diese über seine
Leute herfielen und sie tödteten oder gefangen nahmen, um sie an den
Schiffspumpen arbeiten zu lassen. Barros fügt hinzu, der Jude habe sich
dazu bequemt, Christ zu werden und habe den Namen Gaspar Gama erhalten.
Da der Mißerfolg seines Planes ihm die Rückkehr nach Goa abschnitt,
zog er es vor mit nach Europa zu gehen. Später zeigte er sich
außerordentlich geschickt und nützlich bei den weiteren Fahrten und
Unternehmungen in Indien. Er war es auch, der die Portugiesen auf die
günstige Lage des Hafens von Goa hinwies, welcher bald der Stützpunkt
der portugiesischen Macht werden sollte.

Die endliche Abfahrt von den Gestaden des Gewürzlandes setzen Goes und
Castanheda auf den 5. October, Correa dagegen auf den 10. December.
Letzterer bemerkt ausdrücklich, die Piloten hätten dem Admiral
gerathen, das Eintreten des Nordost-Monsun abzuwarten. Daher ging die
Ueberfahrt dann bequem von statten und wurde der Hafen von Melinde
am 8. Januar 1499 erreicht,[89] nachdem man schon am 2. Januar die
afrikanische Küste bei Magadoschu gesehen hatte. Der Fürst von
Melinde nahm sie wieder sehr freundlich auf und versorgte sie mit
Lebensmitteln. Während des dortigen Aufenthalts, der von Einigen auf
fünf Tage, von Andern auf elf Tage angegeben wird, starben noch mehrere
Matrosen, so daß die Bemannung kaum noch zur Führung der Schiffe
ausreichte. Beim Abschied erhielt Gama noch einen Brief an den König
Manuel von dem Beherrscher Melindes, welcher dem Admiral zugleich
versicherte, die Portugiesen würden ihm jederzeit willkommen sein, wenn
sie auf der Fahrt nach Indien in seinen Hafen einliefen.

Bald darauf ging eins der drei Schiffe verloren. Ueber die Veranlassung
gehen die Berichte wieder bedeutend auseinander. Barros sagt, der San
Rafael sei wieder auf dieselben Klippen aufgefahren, auf die er schon
bei der Hinfahrt gestoßen; Osorio berichtet, Gama habe das Schiff
seines Bruders vor Melinde verbrannt, weil es untauglich war; Goes
verlegt diese Thatsache vor eine Stadt Tagata; Correa kennt dieses
Ereigniß gar nicht, denn noch nach der Umsegelung des Caps der guten
Hoffnung auf der Rückreise spricht er von dem Schiffe Paulo da Gama’s
als noch unter dem Geschwader vorhanden.[90]

Bei der weitern Fahrt wurden alle Details der Landmarken an der Küste
sorgfältig aufgenommen, um den späteren Flotten mehr Sicherheit in der
Fahrt zu geben. Am 2. Februar wurde auf einer Insel bei Mosambik noch
der letzte, S. Georg getaufte, Wappenstein gesetzt und dann später ohne
Schwierigkeit das gefürchtete Sturmcap dublirt. Hier in den kühleren
Meeresregionen genasen die meisten Kranken. Aber als man sich wieder
dem Aequator näherte und die fieberschwangeren Gewässer von Guinea
erreichte, brachen die Seuchen von neuem aus. Weniger widerstandsfähig
als früher, erlagen viele von der Mannschaft. Auch Paulo da Gama trug
seit dem Aufenthalte im Golf von Guinea den Todeskeim in sich. Die
Schiffe waren wieder sehr leck und hielten sich kaum noch über Wasser.
So sah sich Gama genöthigt, auf der Açoren-Insel Terceira anzulaufen.
Hier starb der edle Paulo da Gama in den Armen seines Bruders und
wurde im Kloster des heiligen Franciscus zu Angra bestattet. Dadurch
trat eine neue Verzögerung in dem Abschluß der Reise ein, so daß die
Nachricht von der Rückkehr der indischen Flotte eher nach Lissabon
gelangte, als Vasco da Gama selber dort einlaufen konnte.[91] Die erste
Kunde von der Ankunft der indischen Schiffe brachte Arthur Rodriguez
aus Terceira. Derselbe wollte grade mit seinem Schiffchen von den
Açoren nach Algarbe segeln, als Gama mit seinem Schiffe anlangte,
aber noch nicht bei Angra vor Anker gegangen war. Im Vorbeifahren
fragte Rodriguez, woher das Schiff komme und als er hörte, aus Indien,
steuerte er direct nach Lissabon und brachte schon nach vier Tagen dem
Könige, welcher sich grade in Cintra befand, die erste Meldung von
der Heimkehr Gama’s und wurde für diese erfreuliche Botschaft auf das
freigebigste beschenkt.

Als nun Vasco da Gama endlich selbst den Hafen der portugiesischen
Hauptstadt erreichte -- Coelho soll durch Sturm von ihm getrennt,
eher angelangt sein -- sandte ihm der König mehrere Würdenträger zur
Begrüßung entgegen und verlieh dem glücklichen Seemanne den Adelsrang
und Titel eines Admirals der indischen Meere. Ferner erhielt er das
Recht, sich am indischen Gewürzhandel jährlich mit 200 Cruzados[92]
zu betheiligen, ohne Fracht und Zoll zu zahlen. Endlich wurde ihm ein
einmaliges Geschenk von 20,000 Cruzados und 10 Quintal Pfeffer zu theil.

Nicolaus Coelho erhielt 3000 Cruzados monatlich für die Dauer der Reise
und ein Quintal von allen Droguen, sowie die Capitänschaft auf einem
Indienfahrer in allen Flotten, an denen er theil zu nehmen wünschte,
oder das Recht, dieselbe zu vergeben oder zu verkaufen.

Den Erben Paulo da Gama’s gab man die Hälfte von allem, was Vasco
bekommen hatte.

Jeder Steuermann und Bootsmann erhielt einen halben Quintal Gewürze,
ausgenommen Zimmt und Mazis, weil von diesem Artikel wenig mitgebracht
war[93].

Auch Klöster und Kirchen wurden reichlich beschenkt, und die
königlichen Majestäten wohnten allen feierlichen Processionen und
Messen bei, die bei diesen Gelegenheiten in Lissabon celebrirt wurden.

Man sprach durch alle diese Schenkungen und Stiftungen deutlich aus,
welchen Werth man auf die glückliche Vollendung der indischen Seefahrt
legte, welche unter dem Prinzen Heinrich begonnen, unter mehreren
Königen fortgesetzt, doch noch am Ausgange desselben Jahrhunderts,
welches den Keim gepflanzt, gelungen war. Es war für die Entwickelung
der Seemacht Portugals und seines Handels ein großartiger Impuls
gegeben. Der glänzende Erfolg rechtfertigte die zähe Ausdauer. Aber in
der Kühnheit des Planes steht doch die Fahrt Gama’s hinter derjenigen
eines Columbus und Magalhaens zurück, denn sie bildete nur den Abschluß
einer ganzen Reihe von Unternehmungen, deren Leiter dem glücklichen
Vollender tüchtig vorgearbeitet hatten, so daß nur ein Theil der
Reise durch gänzlich unbekanntes Gebiet führte, während Columbus und
Magalhaens vollständig neue Bahnen einschlugen. Beide durchschnitten,
auf sich selbst angewiesen, breite, unbekannte Weltmeere, Gama’s Zug
erscheint mehr als eine Küstenfahrt im großen Stil, und wo es galt, den
indischen Ocean zu kreuzen, vertraute er die Führung seines Geschwaders
zuverlässigen Lotsen an, die mit jenen Gewässern vollkommen vertraut
waren.

Dazu war Gama’s Stellung viel gesicherter, sowohl nach oben, gegen
die Behörden, die ihn aussendeten, als auch nach unten, gegen seine
Untergebenen. Gama erhielt den Auftrag von seinem Landesherrn, Columbus
und Magalhaens waren Fremdlinge, welche ihre Dienste einem auswärtigen
Fürsten anboten. Gama konnte sich seine Mannschaft aus den bewährten,
eigenen Landsleuten auslesen, Columbus und Magalhaens dagegen geboten
über Angehörige einer anderen Nation, die nur widerstrebend dem
vorgesetzten Ausländer gehorchten.


4. Cabral und João da Nova.

Aus den Berichten Gama’s über seine Begegnisse in Indien war es
ersichtlich geworden, daß man, falls man den indischen Handelsbetrieb
fortsetzen wollte, sich auf ernste Kämpfe mit den Mauren gefaßt machen
müsse, welche das Gewürzmonopol seit langer Zeit in Händen gehabt
hatten, und daß die Glaubensfeindschaft den Streit um so erbitterter
machen werde. Eine friedliche Lösung schien ausgeschlossen; man mußte
einen bewaffneten und auch für Kriegsfälle gerüsteten Handel in
Aussicht nehmen. Dazu bedurfte es vor allem einer imponirenden Flotte.
Zum Befehlshaber wurde +Pedralvarez Cabral+, ein intimer Freund Gama’s,
ausersehen. Während man in Spanien das Monopol des westindischen
Verkehrs nebst einer lästigen Reihe der höchsten Auszeichnungen und
Privilegien einem Einzigen, dem Columbus, übertragen hatte, behielten
sich die portugiesischen Fürsten, da sie von Anfang an die Initiative
dazu ergriffen hatten, alle Rechte freier Wahl vor, belohnten die
Erfolge nach Gebühr, aber wechselten in der Wahl der Oberleitung der
Expeditionen nach reiflichem Ermessen. Gama wurde nicht ganz bei Seite
geschoben, aber er wurde nur als Rathgeber herangezogen. Er entwarf die
Verhaltungsmaßregeln für den zweiten Zug nach Indien. Er überwachte die
Ausrüstung und schrieb den einzuschlagenden Schiffscours vor. Er gab
an, wie man sich in Kalikut gegenüber dem Samudrin zu verhalten habe
und empfahl, um den von den Mauren ausgestreuten Verdacht, als ob die
Portugiesen lediglich Seeräuber wären, zu beseitigen, man solle die
Beamten des Samudrin einladen, an Bord zu kommen, um die mitgebrachten
Tauschwaaren zu besichtigen. Vor allem wurde aber Cabral eindringlich
gewarnt, nicht ohne Geißel sich an Land zu begeben. Als beste Zeit für
die Abfahrt wurde der März bestimmt, weil man dann zu günstiger Zeit
die Region der Monsune im indischen Meere erreiche. Die Flotte bestand
aus zehn großen und drei kleinen Schiffen und hatte 1200 Mann an
Bord. Unter den Schiffscapitänen befanden sich +Bartolomeu Dias+, der
Entdecker des Sturmcaps und Nicolao Coelho, der Begleiter Gama’s. Auch
Franziskanermönche und Weltpriester gingen mit, um den christlichen
Glauben zu verbreiten. An der Ausrüstung der Flotte betheiligten sich
auch reiche Florentiner Kaufleute. Es war die Absicht, in Malabar
festen Fuß zu fassen.

Am 9. März 1500 ging das Geschwader von Lissabon aus unter Segel. In
der Nähe der Capverden wurde Luis Varez durch Sturm von den übrigen
getrennt und kehrte nach Portugal zurück. Von der Guineaküste ab wurde
gegen S.-W. gesteuert, um den Windstillen und widrigen Meeresströmungen
auszuweichen. Vasco da Gama’s Segelvorschrift lautete, man solle in
grade südlichem Cours bis zur Höhe des Caplandes segeln und dann mit
günstigen Westwinden das gefürchtete Südende Afrikas zu umschiffen
suchen. So kam es, daß die Schiffe durch den Aequatorialstrom weiter
als beabsichtigt war, gegen Südwesten geführt wurden, wo sie am
21. oder 24. April etwa unter dem 18° s. Br. unvermuthet auf eine
gebirgige Küste stießen, welche nach der Schätzung der Steuerleute
etwa 450 Leguas von der afrikanischen Küste entfernt lag. Es war das
Gestade Brasiliens, wohin eine günstige Meeresströmung sie durch
Zufall getragen hatte. Daß bereits drei Monate früher Vicente Yañez
Pinzon, einer der Begleiter des Columbus auf seiner ersten Fahrt, etwa
10 Grad weiter nördlich dieselbe Küste berührt hatte, war auf der
portugiesischen Flotte noch nicht bekannt. Es wird aber aus den durch
die Meeresverhältnisse geleiteten Fahrlinien der Portugiesen klar,
daß die neue Welt von ihrem südlichen Halbcontinente aus über kurz
oder lang von den Indienfahrern gefunden werden mußte, auch wenn der
kühne Plan eines Columbus keine Unterstützung gefunden hätte und nicht
zur Ausführung gelangt wäre. Der Gang der Ereignisse brachte diese
Entdeckung von selbst mit sich.

Cabral segelte mehrere Tage an dem Ufer des waldigen Landes hin,
besuchte die Bucht des Porto-Seguro und verkehrte wiederholt mit den
braunen Eingebornen, die fast unbekleidet, ohne Metallwaffen, unter
leichten Strohdächern in Netzen aus Baumwollschnüren schliefen. Am 3.
Mai, dem Tage der Kreuzes-Erfindung nahm Cabral von dem Lande Abschied,
dem er den Namen Terra de Sa. Cruz beilegte, eine Benennung, die sich
aber bald änderte, nachdem man den Reichthum an Farbeholz (Rothholz)
entdeckt hatte. Dieses Holz nannten die Portugiesen Brazil (nach der
Farbe glühender Kohlen) und daher bekam jene Küste bald den Namen
Terra de Brazil, Brasilland, +Brasilien+.[94] Der Capitän Gaspar de
Lemos erhielt den Auftrag, mit der Meldung der neuen Entdeckung nach
Portugal zurückzukehren und unterwegs so viel als möglich von der
weiter nördlich verlaufenden Küste aufzunehmen.[95] Cabral segelte quer
über den südatlantischen Ocean nach dem Caplande zu. In einem schweren
Unwetter, welches zwanzig Tage dauerte, wurden am 23. Mai in der Nähe
des Cap der guten Hoffnung vier Schiffe gekentert und gingen zu Grunde,
darunter auch das Schiff des Bartolomeu Dias. Als ein eigenthümliches
Verhängniß, daß der Entdecker des Cap hier sein Grab in den stürmischen
Wogen finden sollte, sieht es auch Camoēns an, der den Genius des
Sturmcaps also reden läßt:

    Vernimm, daß so viel Schiff’ auf dieser Reise
       Dir kühnlich folgen hin zu deinem Ziel, --
    Die soll als Feinde hier in meinem Kreise
       Bedrohen jeder Sturm, der sie befiel;
    Die Flotte, welche unerlaubter Weise
       Zuerst hieher zu lenken wagt den Kiel,
    Die will ich gleich mit solcher Straf beladen,
    Daß größer als die Fährniß sei der Schaden.

    Hier will ich nehmen (wird kein Wahn mich trügen)
    Die schwerste Rach’ an dem, der mich entdeckt.

    (Lusiaden V. 43. 44, übersetzt von Wollheim.)

Außerdem wurde auch das Schiff des Diogo Dias vollständig von den
übrigen verschlagen und gelangte auf die Ostseite von Madagascar.
Erst am Nordende bemerkte Dias, daß er eine Insel entdeckt habe. Von
der stattlichen Flotte Cabrals waren somit nur noch sechs Fahrzeuge
vorhanden, die sich auf der Rhede von Sofala am 16. Juli wieder
zusammenfanden.

Die Schiffe hatten furchtbar gelitten, mußten aber doch noch den
Weg bis Mosambik zurücklegen, ehe man Gelegenheit fand, sie für
die Fortsetzung der Reise wieder seetüchtig zu machen. Der ganze
Küstenstrich von Sofala bis Sansibar stand unter der Botmäßigkeit
des Scheich von Kiloa. Nach diesem Mittelpunkte der arabischen
Niederlassungen gelangte Cabral von Mosambik mittelst einheimischer
Lotsen, hatte aber dort wenig Erfolg, als er Handelsbeziehungen
anknüpfen wollte; denn der Scheich erklärte ihm ziemlich unumwunden,
er könne die ihm vorgelegten portugiesischen Waaren nicht gebrauchen.
Auch die Bekehrungsversuche der Geistlichen an Bord trugen keine
Früchte. Am 2. August erschien die Flotte vor Melinde. Mit dem dortigen
Oberherrn wurden die Freundschaftsbezeugungen erneuert. Hier ließ man
auch zwei portugiesische Sträflinge zurück, João Machado und Luis
de Moira, mit dem Auftrage, bis ins Land des Priesterkönigs nach
Abessinien vorzudringen; ein Unternehmen, das damals ebenso fehl
schlug als im 17. Jahrhundert, wo mehremal portugiesische Missionare,
unter ihnen Lobo, um 1626, sich abmühten, das Gebiet der Galla zu
durchbrechen. Der Scheich von Melinde gab den Portugiesen wiederum zwei
Steuerleute mit, welche die Schiffe glücklich in sechzehn Tagen nach
Indien hinübergeleiteten. Schon am 23. August wurden die Andjediven
wieder erreicht. Dort gönnte man sich vierzehn Tage Rast, die Schiffe
wurden wieder kalfatert und mit Wasser versorgt, denn man mußte mit
einer wohl in Stand gesetzten Flotte vor Kalikut auftreten. Wenn auch
die Seemacht auf die Hälfte reducirt war, war sie immerhin doppelt so
stark an Zahl der Schiffe, als das kleine Geschwader Gama’s und mußte
wohl den Verdacht eines Korsarenwesens zurückdrängen. Der Samudrin
bekundete seine friedliche Gesinnung dadurch, daß er die Fremden sofort
nach ihrem Eintreffen durch zwei Nair und einen angesehenen Kaufmann
aus Gudjerat begrüßen ließ. Cabral schickte die vier Indier, welche
Gama mitgenommen, wieder ans Land und ließ den Fürsten ersuchen, ihm
Geißeln als Bürgen eines friedlichen Geschäftsverkehrs zu senden. Der
Brief des Königs Manuel enthielt denselben Wunsch, sprach aber daneben,
unüberlegter Weise, viel von Bekehrungsplänen, wodurch die religiösen
Gegensätze und Antipathien in Indien von neuem aufgeregt werden mußten.

Sechs Geißeln wurden zwar gestellt, allein portugiesischerseits
hatte man dabei nicht an die Schwierigkeiten gedacht, welche die
brahminischen Religionssatzungen einem längeren Aufenthalte auf
den Schiffen entgegenstellte, wo die Indier keine von fremder Hand
zubereiteten Speisen zu sich nehmen durften. Man mußte wenigstens
gestatten, daß sie von Zeit zu Zeit durch ein Sambuk nach der Stadt
geholt wurden, um dort zu essen. Cabral begab sich indessen, durch
die Bürgen gedeckt, in prächtigem Aufzug ans Ufer und hatte am
Strande mit dem Samudrin die erste Zusammenkunft. Noch war er aber
nicht zurückgekehrt, als ein Fahrzeug bei der portugiesischen Flotte
erschien, um die Geißeln abzuholen. Da man an Bord die Auslieferung
verweigerte, sprangen die Geißeln ins Meer und retteten sich zum
Theil auf das befreundete Boot. Geißeln aus vornehmer indischer Kaste
erwiesen sich danach als untauglich. Cabral begnügte sich darum
fernerhin mit der Stellung von angesehenen mohammedanischen Kaufherrn.
So kam denn auch eine zweite Audienz beim Samudrin zu Stande, in
welchem ein friedliches Abkommen getroffen und die Preise der Gewürze
festgestellt wurden. Dem Factor Aires Correa wurden mehrere Häuser
am Hafen für den Handel eingeräumt und diese Waarenlager mit sechzig
Mann Besatzung zur Deckung belegt. Auch die Geistlichen versuchten von
ihr aus ihr Bekehrungswerk zu beginnen, aber ohne Erfolg, da sie die
Sprache des Volks, das Malabarische, nicht verstanden. Cabral scheint
auch, klugerweise, diesem Zweige seiner Sendung wenig Aufmerksamkeit
geschenkt zu haben. Mit Betrübniß mußte er aber bemerken, daß auch
der Handel sich gar nicht beleben wollte. Die Verschleppungspolitik
der Mauren steckte offenbar dahinter. Im Laufe von drei Monaten
hatten erst zwei seiner Schiffe eine hinlängliche Fracht an Pfeffer
eingenommen. Aergerlich darüber ließ Cabral auf Antrieb des Factors
ein im Hafen liegendes Schiff, das einem mohammedanischen Händler
gehörte und angeblich mit Gewürzen beladen war, gewaltsam untersuchen,
fand aber nur Lebensmittel an Bord. Das Gerücht dieses Gewaltstreichs
brachte die Stadt in Aufregung. Von den Mauren aufgestachelt, rottete
sich das Hafenvolk zusammen und stürmte die fremden Magazine. Aires
Correa und ein Theil seiner Leute wurde erschlagen; doch wurde
der zwölfjährige Sohn des Factor, Antonio Correa, auf wunderbare
Weise gerettet und hat sich später im indischen Dienst besonders
hervorgethan. Cabral schritt sofort zu einer energischen Züchtigung:
er ließ fünfzehn im Hafen liegende Schiffe in Brand stecken und
beschoß einen Tag lang die Stadt. Damit war jeder weitere Verkehr
abgeschnitten, man befand sich dem Samudrin gegenüber auf feindlichem
Fuß. Cabral begab sich dann nach dem südlicher gelegenen Kotschin,
dessen Radscha ihm bereits aus Eifersucht gegen Kalikut eine
freundliche Einladung gesandt hatte. Binnen drei Wochen wurden hier
und in Kranganor (Cotunglur, Kadungulur nahe bei Kotschin) alle
Schiffe mit Gewürz befrachtet. Auch der Fürst von Kollam, südlich von
Kotschin, erbot sich, zu mäßigen Preisen die gewünschten Waaren zu
liefern. Endlich lief die Flotte noch in Kananor an, welches bereits
von Gama besucht war. Hier vervollständigten sie die Ladung noch
durch Ingwer und Zimmt; von diesen Artikeln wurden aber solche Mengen
angeboten, daß man nicht alles mitnehmen konnte. Der Radscha, im
Glauben, den Portugiesen seien die Mittel zum Einkauf ausgegangen, bot
ihnen daher an, sie möchten die Waaren nur nehmen und das nächste Mal
bezahlen. Ein solches Zutrauen bewies er den handelsbegierigen Fremden.
Nachdem er dann noch Gesandte mit nach Europa abgeordnet hatte, ging
die Flotte am 16. Januar 1501 wieder unter Segel, verlor aber kurz
vor Melinde im Sturm das Schiff des Sancho de Toar; doch wurde die
Mannschaft gerettet. Dann ging’s weiter nach Mosambik, wo die Schiffe
noch einmal wieder kalfatert wurden, ehe sie in die Sturmregion am
Caplande einträten. Toar bekam hier in Mosambik noch den Auftrag,
in einem kleinen Schiffe Sofala zu besuchen, eine Aufgabe, welche
eigentlich die Gebrüder Dias hatten lösen sollen. Toar ging mit dem
indischen Juden Gaspar da India oder da Gama als Dolmetsch und einem
Piloten von Melinde nach Sofala, fand dort eine günstige Aufnahme und
kehrte von allen Capitänen, die an dieser zweiten indischen Expedition
theilgenommen hatten, am spätesten zurück, denn er erreichte Lissabon
erst im September 1501. Toar berichtete später von dem Goldreichthum
Sofalas, und daß die Eingebornen, von denen die Araber das Gold
eintauschten, vier Augen hätten, zwei vorn und zwei hinten am Kopfe.
Jedenfalls ein arabisches Handelsmärchen, das der Portugiese ebenso
treuherzig glaubte, als Herodot in alter Zeit die phönizischen
Schifferlügen erzählte.

Die Rückfahrt Cabrals ging weiterhin ohne bedeutenden Unfall von
statten. Doch wurde noch das Schiff des Pero de Taide von den übrigen
getrennt, gelangte aber auch glücklich nach Portugal. Bei den Capverden
stellte sich auch Diogo Dias wieder ein, der auf seiner einsamen Fahrt
von Madagascar nach Magadoschu gerathen war und dort am afrikanischen
Strande in einem Ueberfall, wahrscheinlich bei Barawa, seine ganze
Mannschaft bis auf sieben Köpfe eingebüßt hatte und sich dadurch
genöthigt sah, den Heimweg anzutreten, ohne Indien gesehen zu haben.
Bei den Capverden fand noch eine zweite Begegnung statt, man fand
nämlich die drei Schiffe, welche am 13. Mai von Lissabon abgegangen
waren, um die Entdeckung Brasiliens weiter zu vervollständigen. An
diesem Unternehmen betheiligte sich auch Amerigo Vespucci, welcher
seine zweite Reise nach der neuen Welt antrat.

Cabral hatte zwar fünf Schiffe vollständig verloren, und eins von
Brasilien zurückgeschickt, während ein siebentes, dasjenige des Pero
de Taide, Indien gar nicht erreicht hatte, trotzdem wog die kostbare
Fracht an Gewürzen, Perlen und Edelsteinen die Verluste vollständig
auf. Darum entschloß man sich auch in Portugal, da die Handelsvortheile
bedeutend überwogen, die Indienfahrten fortzusetzen und mit verstärkter
Waffenmacht die mohammedanischen Händler aus den indischen Gewässern zu
vertreiben.

Ehe Cabral zurückkam, schickte der König bereits am 5. März 1501 wieder
ein kleines Geschwader von vier Schiffen unter Führung des Galiciers
+João da Nova+ ab. Eins dieser Fahrzeuge, unter Diogo Barbosa, hatten
portugiesische Kaufleute ausgerüstet, ein anderes hatte der Florentiner
Bartolomeo Marchioni unter die Leitung des Francesco Vinetti gestellt;
denn der portugiesische König gestattete den Kaufherren, welche auf
ihre Kosten Schiffe ausrüsteten, auch den Capitän zu ernennen. Das
vierte Schiff befehligte Francisco de Novaes.

Auf der Fahrt durch den atlantischen Ocean entdeckte João da Nova,
unter 8° s. Br., eine Insel, der er den Namen Ilha da Conceizão
(Concepçao, Insel der Empfängniß) beilegte. Wir sehen daraus, welchen
Cours die Schiffe einschlugen. Albuquerque taufte zwei Jahre später,
wahrscheinlich weil ihm die frühere Entdeckung unbekannt geblieben
war, die Insel um und nannte sie Ilha da Ascensão (Himmelfahrtsinsel),
wie sie auch heute noch heißt. Am 7. Juli erreichte das Geschwader den
Wasserplatz von San Braz an der Mosselbai, östlich vom Vorgebirge der
guten Hoffnung. Hier fanden sie einen Brief, den Pero de Taide auf
seiner Heimfahrt zurückgelassen hatte; João da Nova ersah daraus, wie
die indischen Angelegenheiten standen und was unter Cabral vorgefallen
war. Im August erreichte man Mosambik und weiter Kiloa, wo sich ein
von der früheren Expedition zurückgelassener Verbrecher, Antonio
Fernandez, bei ihnen einfand und den Inhalt des in der Mosselbai
gefundenen Briefes bestätigte. Auf dem gewöhnlichen Wege über Melinde
gelangte da Nova ohne Fährlichkeit nach Kananor. Hier bot ihm der
Fürst die gewünschte Gewürzfracht an, aber da der Flottenführer die
Weisung erhalten hatte, sich zuerst in Kotschin mit Hilfe des dortigen
portugiesischen Factors zu versorgen, so lehnte er vorläufig das
freundliche Anerbieten ab und stach wieder in See, obwohl ihm bereits
Warnungen zugegangen waren, daß eine größere Flotte des feindlichen
Samudrin ihm den Weg verlegen sollte. João da Nova baute aber auf
die größere Gewandtheit seiner Schiffe und die Ueberlegenheit seiner
Waffen, und bahnte, während der Fahrt beständig wachsam, mit Gewalt
seinen Weg durch mehr als hundert feindliche Schiffe. Mit seinen
Geschützen bohrte er neun kleinere und fünf größere Schiffe seiner
Gegner in den Grund, wobei 417 Indier sollen ums Leben gekommen sein.
Nach dieser Niederlage bemühte sich zwar der Samudrin wiederum, die
Schuld auf die Hetzereien der Mauren zu schieben und die Portugiesen
mit Freundschaftsversprechen anzulocken; aber diese würdigten ihn
keiner Antwort.

In Kotschin sah sich da Nova insofern getäuscht, als in der Factorei
wenig Vorräthe hatten aufgespeichert werden können, da die Indier
die gewünschten Waaren nur gegen Metall hatten liefern wollen. Der
portugiesische Capitän hatte zwar unterwegs in Sofala Gold eintauschen
wollen, hatte aber nicht landen können, und befand sich, gleichfalls
ohne bedeutende Geldmittel, in einiger Verlegenheit. Indeß gelang es
doch, theils hier, theils noch in Kananor, wohin er zurückging, seine
Schiffsräume zu füllen. Auch wurden noch zwei maurische Gewürzschiffe
unterwegs mit Gewalt ihrer Fracht beraubt. So mit Erfolg und Sieg
gekrönt, sagt da Barros, hatte João da Nova auf der Heimfahrt noch das
Glück eine Insel zu entdecken, der er den Namen St. Helena gab. Diese
kleine Insel scheint Gott an dieser Stelle geschaffen zu haben, um
allen, die von Indien kommen, neues Leben zu geben, denn man findet
hier das vorzüglichste Trinkwasser und andere Erfrischungen in Fülle.
Darum bestreben sich alle dieses Eiland zu erreichen und halten sich,
hier angelangt, für gerettet und geborgen.

Am 11. November 1502 warf João da Nova in dem Hafen von Lissabon die
Anker aus und wurde vom König huldvoll empfangen, weil er durch sein
gewandtes und kühnes Benehmen, ohne Verlust an Schiffen, den ihm
gewordenen Auftrag glänzend durchgeführt hatte.

Indeß war doch der materielle Gewinn, gegenüber den großen Gefahren,
welchen die Indienfahrer unter einer feindlichen, zahlreichen
Bevölkerung beständig ausgesetzt waren, nicht erheblich genug, um ohne
sorgfältige Ueberlegung in gleicher Weise fortgeführt zu werden. Der
afrikanische Handel mit den Negerstämmen an der Küste erschien dagegen
weit bequemer, und wenn man auch sehnlichst wünschte, die bisherigen
Erfolge möglichst auszubeuten, so machten sich doch gerechte Bedenken
laut, woher die bedeutenden Mittel zu beschaffen sein würden. Denn ohne
das Aufgebot einer großen imponirenden Seemacht, welche den indischen
Handel erzwingen konnte, war an eine Fortführung der orientalischen
Unternehmungen nicht zu denken. Der König berief daher mehrmals seine
Räthe, um ihre Meinung zu hören. Trotz aller gegentheiligen Ansichten
drang aber doch die Ueberzeugung durch, daß man mit Hilfe der in
Indien schon gewonnenen Bundesgenossen und durch die überlegenen
europäischen Schiffe und Waffen die Mohammedaner bezwingen werde und
daß man im Gewürzlande festen Fuß fassen könne, um dann -- was als eine
nicht geringe Pflicht angesehen wurde -- den Heiden das Christenthum zu
bringen. So entschied sich der König zur Fortsetzung der Unternehmungen
unter dem Aufgebot aller verfügbaren Mittel.


5. Vasco da Gama’s zweite Fahrt.

Ursprünglich war Cabral dazu ausersehen, diese große Expedition zu
leiten, doch trat er noch vor ihrem Beginn zurück; sei es nun, daß, wie
Correa erzählt, Gama beim König selbst Einwände dagegen erhoben und
sich auf sein verbrieftes Recht berufen hatte, wonach ihm der König
die Flottenführung zugesagt, um ihm Gelegenheit zu bieten, sich an dem
Samudrin wegen seiner Gefangennahme zu rächen; sei es, daß Cabral, nach
Barros’ Bericht, sich dadurch verletzt gefühlt, daß man dem Vicente
Sodre eine fast selbständige Leitung der kleinen Schiffe zugesagt,
welche zum Schutze der Factorei in Indien bleiben sollten, und daß er
in Folge dessen das Obercommando abgelehnt habe.

[Illustration: Vasco da Gama.

Aus dem Manuscript von Pedro Barretto de Resenda. (In der Sloane
Bibliothek des British Museum, London.)]

Gama trat an die Spitze einer stattlichen Flotte von zwanzig Segeln,
und unter ihm behielt Sodre den Befehl über die Kriegsabtheilung mit
800 Soldaten. Doch lief das ganze Geschwader nicht auf einmal aus,
Gama brach mit fünfzehn Schiffen am 10. Februar 1502 auf, worauf sein
Neffe, Estevão da Gama mit fünf Schiffen erst am 1. April nachfolgte.
Beide Abtheilungen erreichten indeß ziemlich zu gleicher Zeit das Ziel.
Vasco da Gama landete zuerst in Porto Dale bei C. Verde und verweilte
dort sechs Tage, um Wasser einzunehmen. An der Guineaküste hatten sie
unter Windstillen zu leiden und verloren in der ungesunden Gegend
manchen Mann.

Nur Correa erwähnt, daß diese Flottenabtheilung die Küste von Brasilien
berührt habe und bis zum C. Agostinho daran hingesegelt sei, ehe sie
nach der Südspitze Afrikas hinübersteuerten. In jener Meeresgegend,
wo Cabral durch Unwetter mehrere Schiffe verloren hatte, wurde auch
Gama von einem Sturm überfallen, welcher sechs Tage währte und das
Geschwader dermaßen zerstreute, daß nur zwei größere Schiffe und zwei
Caravelen bei dem Admiral blieben. Am Cap Corrientes brach ein neuer
Sturm los, welcher eins der Schiffe, die Sa. Elena auf die Sofalabank
trieb, doch konnte die Mannschaft gerettet werden. Die meisten Schiffe
fanden sich auf dem verabredeten Sammelplatz bei Mosambik wieder
zusammen, wo aus dem baufertig mitgenommenen Material in zwölf Tagen
eine Caravele zusammengesetzt wurde, welche den Namen Pomposa erhielt
und in Mosambik zur Deckung der dort errichteten Factorei und zur
Einleitung von Handelsverbindungen mit Sofala stationirt blieb.

Gama blieb vier Tage dort und schloß mit dem Scheich von Mosambik einen
Freundschaftsvertrag. Auch erhielt er von demselben -- es war nicht
mehr der nämliche Herrscher, wie bei der ersten Reise -- Briefe von J.
da Nova, welche ihm über die Zustände in Indien Mittheilungen machten,
und ließ wiederum für seinen nachfolgenden Neffen und die beiden im
Sturm am Cap Corrientes abgetriebenen Schiffe Instructionen zurück.

Ueber den von Mosambik aus unternommenen Zug des Pero Affonso d’Aguiar
nach Sofala unter Führung zweier einheimischer Lotsen gibt Correa
interessante Einzelheiten, welche wegen ihrer originellen Färbung hier
eingefügt werden mögen. Affonso hatte bei dem Scheich von Sofala, der
über Mosambik bereits von den Portugiesen gehört hatte, eine Audienz
und sagte ihm, er komme, um im Auftrage des portugiesischen Königs
auf ewige Zeiten Friede und Freundschaft mit ihm zu schließen. Der
schwarze Fürst erklärte darauf, er habe bereits früher den Portugiesen
versichert, alle in friedlicher Absicht kommenden Kaufleute seien ihm
willkommen. Als dann Pero Affonso noch einmal die Friedensliebe des
portugiesischen Königs betont hatte, war der Negerkönig sichtlich davon
befriedigt und schwur bei der Sonne und dem Himmel, bei seinem Haupte
und seinem Bauche, daß er ihnen ihre Waare abkaufen wolle. Als ein
Unterpfand seiner Treue zog er dann von seinem Daumen einen goldenen
Ring, reichte ihn dem portugiesischen Capitän und verehrte ihm zugleich
und dem Könige von Portugal mehre Schnüre von aufgereihten kleinen
Goldperlen als Zeichen immerwährender Brüderschaft. Und zum Beweise
seiner Aufrichtigkeit und Treue faßte er die Hände der Umstehenden,
denn sie pflegten nicht zu schreiben. Pero Affonso aber ließ alles
niederschreiben und unterzeichnete es mit sechs Leuten. Dann wurde
das Schriftstück verlesen und von dem Dolmetscher erklärt, worüber
der Scheich sammt seinem Volke höchlichst erstaunte, denn sie hatten
noch nie schreiben sehen (!) und meinten, das Papier spräche durch
Zauberkünste. Als dann der Portugiese zu seinem Schiffe zurückgekehrt
war, sandte ihm der Herr des Landes Hühner, Eier, Yams und was es sonst
an Nahrungsmitteln zu Lande gab.

Pero Affonso wandte sich dann nach Mosambik zurück, traf aber den
Admiral nicht mehr an, da derselbe bereits nach Melinde weiter
gesteuert war. Gama wandte sich zunächst nach Kiloa. Diese Stadt
lag auf einer Insel an der Küste, doch war das Wasser auf der
Landseite nur knietief. Mit Mauern und Thürmen umgeben, zählte der
Ort 12,000 Einwohner und besaß gute Steinhäuser mit Terrassen und
aufgesetztem Holzbau. Sie lag in einem Hain von Citronen-, Limonen-
und Orangenbäumen. Zuckerrohr, Feigen und Granatäpfel gediehen in den
Gärten. Hier herrschte ein Araber, dem aber nur das Weichbild der Stadt
unterthänig war.

Da der Scheich sich bei der ersten Ankunft der Portugiesen
verrätherisch benommen hatte, so rückte der Admiral mit seiner ganzen
Flotte vor die Stadt, setzte dieselbe durch blinde Kanonensalven
in Schrecken, umzingelte sie und erzwang so die Unterwerfung des
Scheichs, der nach vielem Sträuben sich endlich darein ergeben mußte,
einen jährlichen Tribut von 500 Mithikals in Gold (= 584 Cruzados)
zu zahlen, wofür er dann ein Patent als Schutzbefohlener des Königs
von Portugal zur Sicherheit für sich und die Kaufleute seiner Stadt
erhielt. Auch mußte er zulassen, daß auf dem Thurme seines Palastes die
portugiesische Flagge aufgehißt wurde. Später wurde zur Befestigung der
portugiesischen Macht sogar eine Citadelle gebaut.

Dann brach das Geschwader nach Melinde auf. Es mußte dem Admiral daran
gelegen sein, dem Fürsten dieser Stadt, der sich ihm auf der ersten
Fahrt nach Kalikut allein freundlich und fördernd erwiesen hatte, seine
stattliche Flotte zu zeigen und durch die Entfaltung seiner Macht
in der Freundschaft zu befestigen. Es erscheint danach nicht recht
glaubhaft, daß Gama sich, wie Osorio und Barros erzählen, von dem
Besuch durch widrige Winde habe abhalten lassen und mehre Meilen von
der Stadt vor Anker gegangen sei, um Lebensmittel einzunehmen. Correa
dagegen schildert eingehend den Aufenthalt in Melinde und beschreibt
mit allen Einzelheiten das große Fest, welches die Portugiesen dem
Scheich auf ihren Schiffen gaben. Auch Castanheda bestätigt diesen
Besuch.

Auf der Weiterfahrt trafen sie, im August, mit drei Schiffen Estevão da
Gama’s zusammen, während die beiden übrigen sich erst an der Westküste
Indiens bei den Andjediven wieder einfanden.

Bei Dabul (17° 43′ n. Br.) erreichten sie das Gestade des Gewürzlandes
und gingen in eine Bai nahe bei Goa vor Anker. Die Küstenstädte sollten
dort bald erfahren, daß Gama nicht in friedlicher Absicht erschien,
daß ihm vielmehr daran lag, die auf der ersten Reise erlittenen
Demüthigungen zu rächen. Zur Gewaltthat geneigt, unverrückt sein
Ziel im Auge behaltend, den Gewürzhandel für die Portugiesen zu
monopolisiren, sah er alle Schiffe, auf die er stieß, als gute Beute an.

Bei den Andjediven traf er dicht am Ufer drei Fusten. Diese flüchteten
in den Fluß Onor (14° 13′ n. Br.). Estevão da Gama verfolgte sie bis
ins Flußwasser hinein, stieß dort auf Verschanzungen, von denen aus er
mit Kanonenkugeln und Pfeilen empfangen wurde, und steckte nun alle
erreichbaren indischen Schiffe in Brand.

Dann rückte die ganze Flotte weiter nach Baticala (13° 59′ n.
Br.), welches zum Königreiche von Bisnaga gehörte. Gama verlangte
Unterwerfung, begnügte sich dann aber auch mit einer Abgabe von Reis
für seine Mannschaften.

Auf dem weitern Wege nach Kananor fiel ihm ein großes Schiff in die
Hände, das mit Waaren und Pilgern aus Mekka nach Indien zurückkehrte.
Das Schiff wurde ohne Gegenwehr genommen, geplündert und in Brand
gesteckt. Zu spät setzten sich die Asiaten zur Wehr, wurden dann aber
bis auf wenige gerettete Frauen und Kinder niedergemetzelt. Noch im
Wasser wurde an denen, die über Bord gesprungen waren, das Morden
fortgesetzt. Wahrscheinlich gehörte das Schiff dem Sultan von Aegypten
oder einem seiner Unterthanen, denn bald danach beschwerte sich jener
beim Papst darüber, daß die Portugiesen in den indischen Meeren Seeraub
trieben.

Dann ging die Flotte im befreundeten Hafen Kananor vor Anker. Gama
hatte bei dem Fürsten mit großem Gefolge eine feierliche Audienz
und erklärte ihm, er werde in Zukunft keinen Handelsverkehr nach
dem rothen Meere dulden. Auch verlangte er, die Stadt solle ihre
Handelsbeziehungen mit Kalikut abbrechen. Nur die Schiffe von Kananor,
Kotschin und Kollam wollte er schonen und durchlassen. Auch der Preis
der Waaren wurde festgestellt, desgleichen, wie hoch die mitgebrachten
portugiesischen Artikel berechnet werden sollten. Auch dies setzte der
Admiral durch, obwohl man die fremden abendländischen Erzeugnisse in
Kananor eigentlich nicht verwerthen konnte.

Als sich darauf Gama gegen Kalikut bewegte, schickte ihm der Samudrin
zu wiederholten Malen Botschafter entgegen, um ihm einen friedlichen
Ausgleich anzutragen. Aber der portugiesische Befehlshaber stellte
seine Forderungen derart, daß der indische Fürst nicht darauf eingehen
konnte. Gama forderte nämlich erstens das Eigenthum zurück, das vom
Stadtvolk bei dem Morde des portugiesischen Handelsfactoren geraubt
worden war, und zweitens, daß allen Mauren, die vom rothen Meere
kämen, der Hafen verboten würde. Gegen die erste Forderung bemerkt der
Samudrin, daß durch die Plünderung des Mekkaschiffes der Schaden in der
Factorei mehr als gedeckt sei. Zum andern aber könne er unmöglich mehr
als viertausend Familien von Arabern aus Kairo und Mekka (man ersieht
daraus, wie stark die arabische Colonie und wie groß ihr Einfluß in
Kalikut war), die in der Stadt ansässig seien, vertreiben, zumal da
Stadt und Land aus diesem Handel bedeutenden Vortheil zögen.

Gama hielt diese Gründe keiner Widerlegung werth. Er wollte die
Antwort persönlich überbringen und rückte vor die Stadt. Den Versuch
des Samudrin, sich wegen der Plünderung der Factorei durch eine
bedeutende Geldsumme abzufinden, lehnte der Portugiese mit dem Bemerken
ab: angethane Schmach lasse sich nicht mit Gold decken. In seiner
Erbitterung scheute Gama keine Mittel, um seine Feinde einzuschüchtern.
Wenn auch die Berichte über die einzelnen Acte einer barbarischen
Kriegsführung von einander abweichen, so kehren doch die Angaben
über die raffinirtesten Schlächtereien aufgegriffener malabarischer
Schiffer, oder über scheußliche Verstümmlungen, die an den armen Opfern
verübt wurden, immer wieder und müssen historisch begründet sein. Einen
eigenthümlich sagenhaften Zug erwähnt Correa, und man erkennt daraus
mit Befriedigung, daß diese ausgesuchten Grausamkeiten selbst unter
den Portugiesen Bedenken erregten. Unter den unglücklichen Seeleuten,
welche der Rache des Admirals zum Opfer fielen, befand sich eine Anzahl
von der Coromandelküste, welche baten, man möge sie zu Thomaschristen
machen, wie es solche in ihrem Lande gäbe. Gama erwiderte hart, taufen
könnten sie sich lassen, aber gehängt würden sie doch. Sie fanden
nur in sofern Gnade, als sie -- es waren ihrer drei -- nicht an den
Beinen aufgehängt wurden, um dann den Bogenschützen zur Zielscheibe zu
dienen, sondern am Halse gehängt wurden, so daß sie also die auf sie
gerichteten Pfeilschüsse nicht mehr fühlten. Aber dabei geschah ein
Wunder. Kein Schuß verletzte auch nur die Haut dieser Martyrer, welche
durch die Taufe gefeiet waren. Gama ließ ihnen dann wenigstens noch ein
christliches Begräbniß zu Theil werden und die eingesargten Leichen
unter christlichen Gebeten ins Meer senken.

Zweimal ließ der Admiral die Stadt Kalikut beschießen und einen Theil
der Häuser vernichten. Er wollte keinen Frieden, sondern verlangte
Unterwerfung. Nun aber rüstete man sich auch im ganzen Reiche Kalikut
zu einem allgemeinen Rachekriege; an allen Flüssen wurden große und
kleine Kriegsschiffe gebaut, um dem grausamen Feinde die Stirne zu
bieten. Während Vicente Sodre an der Küste kreuzte, um alle indischen
Fahrzeuge abzufangen, wandte sich Gama selbst mit einer Flotte von fünf
großen und sechs kleinen Schiffen nach Kotschin, um mit dem Fürsten
dieser wichtigen Handelsstadt einen Vertrag zu schließen. Man kam dahin
überein, daß die Portugiesen Pfeffer, Gewürznelken und Benzoin mit Geld
bezahlen sollten, während sie andere Artikel wie Zimmt, Weihrauch und
dergl. gegen ihre europäischen Waaren eintauschen konnten.

Kaum war dieses friedliche Abkommen getroffen, so erschien eine
Gesandtschaft vor der Mutter des Radscha von Kollam, dessen Gebiet die
Südspitze der indischen Halbinsel umfaßte und zu dessen Einkünften der
reiche Pacht von den Perlenfischereien gehörte. Die Verhandlungen hier
boten um deswillen Schwierigkeiten, weil Gama nur im Einverständnisse
mit seinem ersten Bundesgenossen in Kotschin handeln wollte und
diesem natürlich wenig daran liegen konnte, in Kollam einen neuen
Concurrenten zu erhalten. Aber Gama löste diese Differenz mit großem
Geschick und gutem Erfolge. Zwei seiner Schiffe nahmen in Kollam eine
Fracht von Pfeffer ein und stellten dann den dortigen Handelsfahrzeugen
Geleitsbriefe aus, wie denen von Kotschin und Kananor.

Unterdessen waren die Rüstungen des Samudrin soweit gediehen, daß
er unter Anwendung indischer List sich seines wüthenden Gegners
mit einem Schlage zu entledigen hoffte. Ein Brahmine erschien als
Abgesandter auf der Flotte und gab vor, er wolle nach Europa gehen, um
das Christenthum kennen zu lernen und mit dem portugiesischen Könige
selbst zu verhandeln, da man den jährlich wechselnden Schiffscapitänen
nicht traue. Als nun Gama erwiderte, er habe Vollmacht, erklärte ihm
der Brahmine, sein Fürst wünsche Frieden, und überredete nun den
Admiral, mit ihm nach Kalikut zu gehen. Er segelte mit seinem Schiffe
allein ab in der Erwartung, das Geschwader Sodre’s vor der Stadt zu
finden. Aber dieser war durch Ausstreuung von allerlei Gerüchten nach
Norden gelockt, sodaß Gama sich isolirt sah. In der Nacht wurde sein
Schiff umzingelt und von allen Seiten angegriffen; aber die überlegene
Seetüchtigkeit rettete ihn aus dieser drohenden Gefahr. Der Brahmine
wurde zur Strafe für seinen Verrath mit dem Tode bestraft und an
der Raae aufgeknüpft, oder es wurden ihm, wie Correa berichtet, die
Lügenlippen abgeschnitten und statt der abgehaunen Ohren Hundsohren
angenäht und er so verstümmelt ans Land geschickt.

Nachdem dann ein großer Theil der Schiffe ihre Fracht in Kotschin
eingenommen, segelte die ganze Flotte im Anfang Februar 1503 nach
Kananor. Noch einmal wagten die Schiffe von Kalikut einen Angriff,
wurden aber durch Kanonen zurückgetrieben. Doch fiel der Capitän
Vasco Tinoco im Kampfe. In Kananor ließ Gama die Factorei mit Kanonen
besetzen. Sodre blieb mit fünf größeren Schiffen und zwei Caravelen in
den indischen Gewässern zurück, um den Samudrin in Schach zu halten und
die Bundesgenossen zu schützen. Dann wandte sich Gama zur Heimkehr und
ließ im September 1503 vor Lissabon den Anker fallen.

Vicomte Sodre blieb als erster Capitão do mar in den indischen
Gewässern mit einer kleinen Flotte von sieben oder acht Schiffen
zurück. Der Samudrin beschloß diese Zeit, während die Hauptmacht der
Portugiesen abwesend war, zu einem Kriegszuge gegen den Fürsten von
Kotschin zu benutzen. Aber dieser glaubte nicht, daß die Rüstungen, die
gegen ihn im Werke waren, in der stillen Zeit des Verkehrs beendigt
werden könnten, und hatte dem portugiesischen Capitän, in zu großer
Sorglosigkeit, freigestellt, inzwischen noch einen Auftrag auszuführen,
welcher ihn an den Eingang des rothen Meeres führte, um den arabischen
Handel zu sperren. So sah sich denn der Radscha von Kotschin plötzlich
zu Lande von einem überlegenen Feinde angegriffen, dem er sogar seine
Hauptstadt überlassen mußte. Er flüchtete sich nach einer kleinen Insel
und brachte dort die Wintermonate in hartbedrängter Lage zu.

Sodre war nordwärts nach Gudjerat gesegelt und von da nach der Küste
Südarabiens hinübergegangen. Hier wurde er von einem furchtbaren Sturme
überfallen und ging mit mehreren Schiffen bei den Kuria-Muria-Inseln
sammt der Mannschaft zu Grunde, wahrscheinlich im Juli oder August des
Jahres 1503.

Der Rest des Geschwaders wandte sich nach Indien zurück und wartete
bei den Andjediven auf neuen Zuzug aus der Heimat, da sie ohne
denselben sich nicht stark genug fühlten, irgend etwas zum Schutz ihrer
Bundesgenossen zu unternehmen. Die erwartete Hilfe ließ auch nicht
lange auf sich warten, denn schon im April 1503 waren wieder sechs
Schiffe segelfertig, um von Tejo auszulaufen und im Mai sollten noch
andere folgen. Am 6. April brachen Alfons und sein Vetter Francisco
d’Albuquerque mit je drei Schiffen auf. +Affonso d’Albuquerque+, den
portugiesische Geschichtschreiber den „Großen“ nennen, unzweifelhaft
der bedeutendere der beiden Verwandten, betrat hier zuerst den
Schauplatz, auf dem er sich unsterblich machen sollte, denn in ihm
haben wir den eigentlichen Begründer der portugiesischen Macht in
Indien vor uns. Er war im Jahre 1453 in der kleinen Stadt Alhandra
am Tejo sechs Leguas oberhalb Lissabon, als zweiter Sohn des Gonçalo
d’Albuquerque, des Herrn von Villaverde und der Donna Leonor da Menezes
geboren. Im königlichen Palaste erzogen, hatte er sich zuerst 1480 bei
Otranto im Kampfe gegen die Türken ausgezeichnet.

Affonso stand im fünfzigsten Lebensjahre, als er die erste kleine
Flotille von drei Segeln nach Indien führte.

Einer seiner Landsleute hat ihn folgendermaßen geschildert: „Affonso
d’Albuquerque war von mittlerer Größe und von angenehmem Aeußern. Das
längliche Gesicht von frischer Farbe und mit einer Adlernase zierte
später ein mächtiger bis über den Gürtel reichender weißer Bart,
der ihm ein sehr würdiges Ansehn gab. Er war mit dem Lateinischen
vollkommen vertraut und ebenso vorsichtig in seinen Worten wie in
seinen Schriften. Er war geliebt und gefürchtet, ohne daß sein
Wohlwollen in Parteilichkeit, oder sein Tadel in Härte überging. Er
war ein Mann von Wort, ein Feind der Lüge, ein gewissenhafter Richter.
Zu Lande und zu Wasser hat er viele Wunden davon getragen und mit
seinem Blute bezeugt, daß er keiner Gefahr aus dem Wege gehe. Er war
verschwenderisch freigebig und überließ seinen Capitänen die ganze
Siegesbeute, da er stets mehr auf Ruhm als auf Reichthum bedacht war.“

[Illustration: Alfons von Albuquerque.

Nach dem Manuscript des Pedro Barretto de Resenda. (In der Sloane
Bibliothek des British Museum, London.)]

Diesen Helden begleitete ein anderer kühner Capitän, +Duarte Pacheco
Pereira+, dem später eine Aufgabe, ähnlich der des Spartanerköniges
Leonidas, zufallen sollte. In dem Gefolge des Francisco d’Albuquerque
befand sich Nicolao Coelho, welcher sich schon auf der ersten Fahrt
Gama’s hervorgethan hatte. Am 6. April 1503 waren beide Abtheilungen
von Lissabon abgesegelt. Im August erreichten sie die Küste von
Malabar. Francisco langte zuerst an, hatte aber unterwegs ein Schiff
eingebüßt. Dafür fand er die Schiffe von Sodre’s Geschwader vor und
segelte damit südwärts nach Kananor und Kotschin. Als auch Affonso
bald danach eintraf, hatten die Portugiesen wieder die Uebermacht,
verdrängten ihre Gegner aus dem befreundeten Hafen und führten
den Radscha von Kotschin in sein Gebiet zurück. Im Gefühl der
Nothwendigkeit und Erkenntlichkeit willigte dieser sodann in die Anlage
einer festen Citadelle. Die Capitäne stellten dem Fürsten vor, daß
alle Drangsale seines Reiches nur daher rührten, daß sie aus Mangel
an eigner Sicherheit ihren Bundesgenossen weniger helfen könnten. So
entstand also in Kotschin die erste portugiesische Festung, welche
bereits in Portugal geplant war und durch die Sendung der beiden
Albuquerque ins Werk gesetzt werden sollte. Um die Citadelle rasch zu
vollenden, theilten sich beide Capitäne in die Arbeit, und so entstand
ein Holzbau mit Pallisaden. Bei der Besetzung der Commandantenstelle
traten zwischen den portugiesischen Führern bereits Eifersüchteleien zu
Tage. Jeder gab dem Bollwerk einen besonderen Namen; aber da Affonso
nach dem Befehl seines Königs zuerst in Kollam Gewürzfracht einnehmen
sollte, mußte er vorläufig seinem Vetter das Feld überlassen. In
Kollam wurde Antonio de Sa als Factor eingesetzt. In den ersten Tagen
des Jahres 1504 hatte Affonso seine Aufgabe gelöst und wollte, wie
die Vorschrift lautete, gemeinschaftlich mit Francisco den Rückweg
antreten. Aber dieser zögerte mit dem Einkauf der Frachten, sodaß
Affonso Ende Januar sich veranlaßt sah, um die günstige Fahrzeit nicht
zu versäumen, allein aufzubrechen. Mit einem geschickten Piloten
steuerte er zum erstenmal, statt den Umweg über Melinde zu machen,
direct auf Mosambik, umschiffte am 1. Mai bei schönem Wetter das Cap
der guten Hoffnung, wurde zwar an der Guineaküste eine Zeitlang von
verderblichen Windstillen aufgehalten, erreichte aber glücklich die
Capverden, wo er in dem Hafen von Sa. Maria die Fahrzeuge ausbessern
ließ, und langte am 3. September wohlbehalten vor Lissabon an. In
seiner Begleitung befand sich ein Venetianer Bonavito d’Alban, der vor
zweiundzwanzig Jahren über Aegypten nach Indien gegangen und sich lange
Zeit in Malaka aufgehalten hatte. Von ihm erhielt Albuquerque manche
wichtige Nachrichten über die entfernten Gewürzländer und über Malaka
besonders, was für die späteren Unternehmungen von großem Einfluß war.

Francisco d’Albuquerque war erst am 5. Februar von Indien aufgebrochen,
wurde aber an der Ostküste Afrikas von Stürmen überfallen und ging
sammt Nicolao Coelho unter. Von einem anderen Schiffe, welches früher
zum Geschwader Sodre’s gehört hatte, rettete sich nur die Mannschaft.
In Indien blieb vorläufig Duarte Pacheco mit einigen Schiffen zurück.

Bald nach der Abfahrt der beiden Albuquerque von Lissabon war ihnen
im Mai 1503 der Castilier Antonio de Saldanha mit drei Schiffen
gefolgt, um an Stelle Sodre’s vor dem rothen Meere zu kreuzen. Schon
im Golfe von Guinea wurden die drei Fahrzeuge von einander getrennt,
das erste Schiff, welches sich verlor, segelte allein um Afrika und
hielt sich länger bei der Insel Sokotra auf, welche die Portugiesen
bei dieser Gelegenheit zuerst betraten. Ein zweites Schiff unter Ruy
Lourenço Ravasco kam vor dem Sturmcap abhanden, ging ebenfalls auf die
Ostküste Afrikas und trieb schamlose Piraterie; alle Kauffahrer, die
man antraf, wurden geplündert. Bei Sansibar, dessen Herrscher im Namen
des Königs Manuel auch besteuert wurde, ließ er in zwei Monaten mehr
als 20 Sambuken anhalten. Nur das einzige Verdienstliche that Ravasco,
daß er dem befreundeten Scheich von Melinde gegen seine eifersüchtigen
Nachbarn in Mombas erfolgreichen Beistand leistete. Darüber verging
der Sommer, ehe Saldanha sich einfand. Dieser war noch nördlich vom
Sturmcap ans Land gegangen, in dem Glauben das gefährliche Cap bereits
hinter sich zu haben und hatte dort eine Bucht und einen Wasserplatz,
Aguada da Saldanha, entdeckt. Dann hatte er, nach Besteigung des
Tafelberges (Meza da Cabo), sich wieder auf den Weg gemacht, hatte die
Südspitze Afrikas glücklich überwunden, an der Ostküste ebenfalls dem
Seeraub obgelegen und endlich vor Melinde seine Genossen gefunden.
In der Nähe des rothen Meeres hatten sich alle drei Schiffe wieder
vereinigt und waren nach der arabischen Küste herübergesteuert, um
dort zu überwintern, hatten aber, bei der Feindseligkeit der Bewohner,
Wassermangel gelitten und waren dann nach den Andjediven gesegelt, wo
sie von der großen Flotte des Lopo Soarez eingeholt wurden, welcher
fast ein Jahr später von Portugal aufgebrochen war, um mit dreizehn
Segeln direct nach Indien zu fahren, wo er Ende August 1504 anlangte.
Auf Vasco da Gama’s Rath hatte man die Kräfte nicht zersplittert,
sondern eine imposante Armada mit vielem Kriegsgeräth und 1200 Mann
Besatzung entsendet. Der Krieg mit den Moslemin sollte mit Nachdruck
geführt werden. In Kananor erfuhr Soarez, wie in der Zwischenzeit, seit
die Albuquerques zurückgekehrt, die Angelegenheiten verlaufen waren.

Pacheco hatte alle Angriffe des Samudrin glänzend zurückgeschlagen.
Der ganze Kampf, bei welchem der Beherrscher von Kalikut 60,000 Mann
sollte aufgeboten haben, drehte sich hauptsächlich um die Vertheidigung
einer Furt, über welche der Weg von Norden her nach Kotschin
führte. Diese Furt hatte Pacheco mit Pallisaden verschanzen und mit
Kanonen besetzen lassen. Nichts zeigte deutlicher die unentwickelte
Kriegskunst der Eingebornen, als ihre vergeblichen Anstrengungen, diese
Verschanzungen zu nehmen. Duarte Pacheco hatte seine kleine Schaar von
hundertundsechzig Portugiesen auf seine Schiffe, auf die Citadelle in
Kotschin und an der Furt vertheilt; es standen ihm also an jedem Orte
nur etwa fünfzig Mann zur Verfügung, und doch schlug er, obwohl er sich
auf seine indischen Bundesgenossen wenig verlassen konnte, mit geringen
Verlusten alle Angriffe ab und machte selbst den abenteuerlichen Plan
der Inder, seine Schiffe mit großen hölzernen, auf je zwei Prauen
errichteten Holzthürmen zu erobern, gründlich zu schanden. Der Samudrin
sah sich endlich genöthigt, nachdem auch seine Vasallen fahnenflüchtig
geworden waren und da Krankheiten seine Mannschaft decimirten, seinen
Feldzug aufzugeben und nach Kalikut zurückzugehen; denn die stille
Jahreszeit ging vorüber und ein neues Geschwader feindlicher Schiffe
war mit dem Eintreten des günstigen Fahrwindes von der afrikanischen
Küste her zu erwarten.

Soarez hatte den gewöhnlichen Weg an der Ostseite Afrikas
eingeschlagen, in Melinde die wenigen aus dem Schiffbruche des
Francisco d’Albuquerque geretteten Mannschaften an Bord genommen und
war dann von den Andjediven aus gegen Kalikut vorgerückt, wo er Anfang
September erschien. Hier forderte er die Auslieferung von zwei zu den
Feinden übergelaufenen Geschützgießern (aus Mailand oder Slavonien) und
beschoß, als dieselbe verweigert wurde, zwei Tage lang die Stadt, wobei
ein Theil des königlichen Palastes zerstört wurde. Zur Vergeltung dafür
wurden in der Stadt die portugiesischen Gefangenen getödtet.

Soarez wandte sich dann nach Kotschin, wo er durch die Fürsorge
Duarte Pacheco’s eine bedeutende Pfefferfracht aufgespeichert fand
und einnehmen konnte. Nachdem er dann die wahrscheinlich unter dem
Schutze der Citadelle von Trampatão (Dharmapatam) im Gebiete von
Kananor versammelte mohammedanische Handelsflotte zum Theil erobert und
verbrannt hatte, trat er zu Anfang des Jahres 1505 mit reicher Ladung
den Rückweg an. Daß die Macht des Samudrin durch dieses rücksichtslose
und immer siegreiche Auftreten der Portugiesen mehr und mehr
erschüttert wurde, beweist auch der Abfall eines seiner Vasallen, des
Radscha von Tanor, welcher zu seinen abendländischen Feinden überging.
Im indischen Meere blieb der Capitän Manuel Tellez Barreto mit fünf
Schiffen und 300 Mann zurück, um an der Küste zu kreuzen, während
280 andere Soldaten als Besatzung in Kotschin, Kananor und Kollam
stationirt wurden.

Im Juli 1505 erreichte Soarez den Hafen von Lissabon, wo man vor allem
die Verdienste Duarte Pacheco’s, welcher mit der Flotte zurückgekehrt
war, würdigte. Als Belohnung erhielt dieser ausgezeichnete Mann die
Verwaltung der Niederlassungen an der Guineaküste, er wurde aber bald
in Folge von Verleumdungen angeklagt und in Ketten nach Portugal
transportirt, wo er später, ohne wieder Anerkennung zu finden, in der
bittersten Armuth starb. Camoens geißelt in seinen Lusiaden (X, 22-25)
den Undank des Königs mit harten Worten. Indem er Duarte Pacheco mit
Belisar vergleicht, wirft er dem Könige Ungerechtigkeit und Geiz vor.

                   *       *       *       *       *

Werfen wir, ehe wir die weiteren Unternehmungen der Portugiesen
verfolgen, einen Blick auf die +Handelslinien+ und +großen Lagerplätze
des indischen Gewürzhandels+. Im fernen Osten lag Malaka inmitten der
reichsten Pfefferländer, zugleich ein Hauptstapel für die Gewürze der
Molukken und der Droguen der Sundawelt. Mit diesem Handelsplatze stand
Kalikut in unmittelbarer Verbindung. Von hier aus boten sich aber zwei
Straßen nach dem persischen und nach dem rothen Meere. Dort galt als
Mittelpunkt des Seeverkehrs die Inselstadt Ormuz, welche Albuquerque
bald bezwingen sollte, und hier vor der Enge des rothen Meeres Aden.
Von Ormuz führte der Weg über Basra durch Mesopotamien nordwärts. Die
Karawanen gingen entweder über Armenien nach dem nördlichen Asien und
Europa, oder wandten sich am Fuß des Hochlandes, auf welchem Euphrat
und Tigris entspringen, gegen Westen nach Syrien und erreichten in
Beirut das Gestade des mittelländischen Meeres. Die Schiffe, die nach
Aden gegangen, steuerten dann durch das rothe Meer weiter nach Tor an
der Südspitze der Halbinsel des Sinai und von da nach Sues. Von hier
wurden die Waaren zu Lande über Kairo nach Alexandrien befördert.

Damals beherrschte der Sultan von Aegypten auch die syrischen Häfen;
es ging demnach fast der ganze indische Handel durch sein Gebiet und
sicherte ihm namhafte Einkünfte. Jede Veränderung oder Störung dieser
Handelslinien und Handelsbewegungen berührte die Macht des ägyptischen
Sultans auf das empfindlichste; aber auch das Interesse für den Glauben
spielte hinein.

Mohammedanische Dynastien saßen auch auf der Westküste Vorder-Indiens.
Sie alle hatten gleiches Interesse an dem Fortbestehen des
Gewürzhandels auf den bisherigen Seewegen. Der Sultan von Aegypten
empfand gar bald die Verluste in seinen Einnahmen, nachdem die
portugiesischen Schiffe die Straße nach dem rothen Meere gesperrt
hatten. Als aber die Kaufleute von Kalikut als seine Glaubensgenossen
in ihrer Bedrängniß sich an ihn gleichsam als an ihren Schirmherrn
wendeten, beschloß er sich vorerst bei dem Papst zu beschweren und
von dem geistlichen Oberhaupte der Christenheit Abhilfe zu fordern,
inzwischen aber sich auf einen entscheidenden Kampf vorzubereiten
und eine Flotte auszurüsten, welche im Verein mit dem Geschwader der
indischen Bundesgenossen den Portugiesen die Spitze bieten könne. Mit
seiner Sendung an den Papst Julius II. betraute er den Pater Mauro,
Prior des Klosters am Sinai. In seinem Briefe beschwerte sich der
ägyptische Sultan über die Grausamkeiten, welche König Ferdinand von
Aragonien gegen die Mauren in Spanien verübt hatte, sowie über die
Schädigungen, welche König Manuel von Portugal seinen Glaubensgenossen
und Unterthanen in Indien zufüge. Der Islam war seit zwanzig Jahren
hart ins Gedränge gekommen und erlag im äußersten Westen und Osten
den Schlägen der christlichen Fürsten. In Spanien waren die Mauren
aus mehr als siebenhundertjährigem Besitze vollständig verdrängt; nun
erschienen die Glaubensfeinde sogar in den indischen Meeren. Wenn die
Fürsten der spanischen Halbinsel, erklärte der Sultan, von ihrem Wüthen
gegen den Islam nicht abließen, werde er selbst zu ähnlichen Maßregeln
gegen die Christen in seinen Landen sich genöthigt sehen. Er werde das
heilige Grab vernichten und den christlichen Namen im Orient austilgen.
Er werde aber auch mit seinen Flotten die Gestade des Mittelmeeres
heimsuchen und den Christen gleiches mit gleichem vergelten, wenn der
Papst nicht dem König Manuel verbiete, fernerhin seine Schiffe nach
Indien zu senden.

Mit Abschriften dieses Drohbriefes entsandte der heilige Vater den
Prior Mauro an die Höfe nach Spanien und Portugal und erbat sich eine
Antwort darauf für den Beherrscher Aegyptens. König Manuel erwiderte:
Der Sultan drohe nur mit Worten, weil ihm die Mittel zu Thaten fehlten.
„Als wir beschlossen,“ schreibt er, „mit unseren Flotten einen Weg
nach Indien zu bahnen und die unseren Vorfahren unbekannten Länder zu
erforschen, war unser Vorsatz, der mohammedanischen Sekte, von welcher
mit Satans Hilfe so viele Leiden über den Erdkreis gebracht sind, das
Haupt zu zertreten, und wo möglich das Grab Mohammeds vom Erdboden zu
vertilgen. Wir bedauern, daß wir dies Ziel noch nicht erreicht haben.
Der Sultan wird sich wohl hüten, die Christen in seinem Lande zu
vertreiben, da er aus den Abgaben der Pilger, welche das heilige Grab
besuchen, so bedeutende Einnahmen erzielt. Und sollte er je wagen,
die Küsten des Mittelmeeres zu plündern, so würde die jetzt uneinige
Christenheit sich alsobald zur Abwehr und zu gemeinsamem Angriff
zusammenschaaren. Eine solche Gefahr für sich und sein Land wird aber
der Sultan schwerlich heraufbeschwören.“ Der König Manuel meinte
ferner, die beste Antwort auf die Drohungen des Aegypters bestehe
darin, daß der Papst die gesammte Christenheit zu einem neuen Kreuzzuge
aufrufe. Er wolle sich zwar nicht erkühnen, Sr. Heiligkeit und dem
ehrwürdigen Cardinalscollegium die Antwort vorzuschreiben, welche dem
Sultan zu ertheilen sei; aber seinen Willen und seine Meinung wolle
er doch dahin aussprechen, daß er sich durch keine Drohung, keine
Schwierigkeit von seinem Ziele abhalten lassen werde, den Uebermuth
des Glaubensfeindes zu demüthigen und zu brechen.

Damit ging Mauro zunächst nach Rom und dann nach Aegypten zurück. Ein
friedlicher Ausgleich war unmöglich; die Waffen mußten entscheiden. In
den indischen Gewässern hatte der Sultan Bundesgenossen und nur +einen+
Feind; am Mittelmeer stand er fast allein und hatte die gesammte
Christenheit gegen sich. Darum wählte er zum Kampfplatz den Orient und
beschloß eine bedeutende Flotte nach Indien zu senden. Aber auch dieser
Plan wurde schon im Entstehen theilweise vereitelt. Es war nämlich
eine Flotte von fünfundzwanzig Schiffen nach der kleinasiatischen
Küste geschickt, um von dort das Bauholz nach Aegypten und weiter ans
rothe Meer zu schaffen. Dieses Transportgeschwader wurde aber von den
Johannitern auf Rhodos angegriffen, welche elf Schiffe vernichteten,
so daß, als noch vier andere im Sturme untergegangen waren, nur zehn
Fahrzeuge mit Bauholz glücklich ihr Ziel erreichten. Somit konnten nur
sechs größere und vier kleinere Schiffe erbaut werden, über welche dann
der Kurde Hussein Almuschrif 1506 den Oberbefehl erhielt.

Die Portugiesen hatten von diesen Vorfällen und Plänen aber bereits
1505 Kunde erhalten und konnten danach ihre Maßregeln treffen. Die
bisherige Kriegsführung, welcher eine einheitliche Leitung fehlte,
mußte abgeändert werden. Es war vor allem nöthig, dem Oberbefehl eine
größere Continuität zu geben und ihn auf mehrere Jahre auszudehnen. So
entstand das Institut des Vicekönigthums, dem Portugal thatsächlich den
indischen Besitz verdankt. Die Unternehmungen des Sultans von Aegypten
trugen also wesentlich dazu bei, die portugiesische Macht im Orient zu
befestigen.


6. Francisco d’Almeida, Vicekönig von Indien.

Zum ersten Vicekönig wurde +Francisco d’Almeida+ bestellt, ein Mann von
ausgezeichneter Tapferkeit, welcher sich schon im Kampfe der Spanier
gegen Granada ausgezeichnet hatte. Es wurde die Bestimmung getroffen,
daß in Zukunft nur die Lastschiffe aus Indien zurückkehren sollten,
während die Kriegsschiffe daselbst stationirt blieben. Eine stattliche
Flotte sollte die neue Aera einleiten. Die Zahl der Schiffe steht
nicht ganz fest, nach der geringsten Angabe waren es zwanzig. Auf
den Kriegsschiffen wurden 1500 Mann Soldaten befördert, welche sich
verpflichtet hatten, wenigstens drei Jahre im Orient zu dienen. Unter
den Capitänen treffen wir João da Nova und João Serãro; auch Ferdinand
Magalhães nahm an dem Zuge theil. Ein besonderes Interesse gewinnt aber
gerade diese Expedition dadurch für uns, daß sich an dem indischen
Handel zum ersten Male auch deutsche Kaufleute von Augsburg, namentlich
die Welser, Vöhlin u. a. betheiligten; daneben aber auch Genuesen
und Florentiner. Nur die Venetianer hielten sich grollend fern; denn
es war ihnen, wie der Chronist E. Sender schreibt, „fast wider“, daß
die Portugiesen den Seeweg zu den Gewürzländern mit wachsendem Erfolg
betraten und ihnen so gefährliche Concurrenz machten.

Die Welser hatten schon 1503 einen thätigen Agenten Namens Simon Seitz
nach Lissabon entsendet, welcher mit König Manuel über die Gründung
einer deutschen Handelsgesellschaft einen Vertrag abschloß, wonach die
Augsburger Kaufherren in Portugal gebaute und mit Portugiesen bemannte
Schiffe entsenden konnten, um Spezereien und Brasilholz einzuhandeln.
Zu gleicher Zeit diente der deutsche Buchdrucker Valentin Ferdinand,
welcher sich wahrscheinlich schon seit 1494 in Lissabon aufhielt, als
Mäkler (~corretor~) und war seinen neuangekommenen unternehmenden
Landsleuten durch seine Kenntniß der portugiesischen Sprache sehr
nützlich.[96]

Auf Simon Seitz folgte alsbald ein zweiter Vertreter der Welser
+Lucas Rem+, welcher von 1503 bis 1508 in Portugal weilte.[97] Ihm
lag die schwere Arbeit ob, drei Schiffe auszurüsten und ihre Ladung
zu besorgen; denn die deutsche Handelscompagnie betheiligte sich mit
21,000 Cruzados (à 2,75 Mark). „Die on mas enxtig mie, überflisig
arbait, gros widerwertigkait mir damit gegnet, ist unerschreibenlich.“
So lauten die Worte seines Tagebuches.

Aber nicht blos deutsches Capital war bei dieser Fahrt eingesetzt; es
machten auch zwei Deutsche im Auftrage der Compagnie die Reise nach
Indien mit, und C. Peutinger schrieb voll Stolz und Freude darüber: „es
ist uns Augsburgern ein großes Lob als für die +ersten+ Deutschen, die
India suchen“. (B. Greif a. a. O. 85). Der eine von ihnen, +Balthasar
Sprenger+, hat seine Reise beschrieben unter dem Titel: „Die Merfart
von erfarung nüver Schiffung und Wege zu vile onerkanten Inseln vnd
Kunigreichen, von dem großmechtigen Portugalischen Kunig Emanuel
Erforscht, funden, bestritten vnnd Ingenomen, auch wunderbarliche
Streyt, ordnung, leben wesen handlung und wunderwerke des volcks und
Thyrer dar inne wonende, findestu in diessem buchlyn warhaftiglich
beschryben vnn abkunterfeyt, wie ich Balthasar Sprenger sollichs selbs:
in kurtz verschynn zeiten gesehen vnn erfaren habe etc. Gedruckt Anno
MDIX.“ Der Berichterstatter nennt sich darin einen „der Geschickten
des Großmechtigen Kunigs zu Portugal: Emanuel genannt: und der
Furtreffen kaufherren der Fucker, Welszer, Hochstetter, Hyrßfogel,
deren im Hofe (Imhof) und anderer yrer Gesellschaften.“[98] Der zweite,
+Hans Mayr+, welcher sich Factoreischreiber auf dem Schiffe Raphael
nennt, hat ebenfalls einen, noch handschriftlich erhaltenen Bericht
überliefert.[99]

Die drei auf Kosten der Deutschen ausgerüsteten Schiffe hießen: San
Raffael, San Jeronimo und Lionarda.

Das ganze Geschwader ging am 25. März 1505 von Lissabon ab. Eins der
Schiffe sank unterwegs in Folge eines Leckes; die übrigen steuerten
glücklich um das Cap der guten Hoffnung und langten größtentheils am
18. Juli vor Mosambik an. Von hier wandte sich die Armada zunächst
nach Kiloa und eroberte die Stadt. An Stelle des vertriebenen Scheich
wurde ein den Portugiesen willfähriges Oberhaupt eingesetzt und zum
Schutze der Handelsinteressen eine Citadelle St. Jago erbaut, in
welcher man eine stärkere Besatzung nebst „Artegleria“ zurückließ.
Vor Mombas wurde die Expedition am 13. August ebenfalls feindlich
empfangen und aus den Kanonen beschossen, welche der Fürst der Stadt
einem gescheiterten portugiesischen Schiffe entnommen hatte.[100]
Darum mußte auch diese Hafenstadt mit Verlust von vier Todten und
siebenzig Verwundeten am 15. August erstürmt werden. Dann wurde die
Stadt geplündert und niedergebrannt. Von dem befreundeten Melinde, in
dessen Hafen sich vierzehn der schnellsegelnden Fahrzeuge eingefunden
hatten, steuerte man dann in sechzehn Tagen, resp. neunzehn Tagen
nach den Andjediven hinüber. Diese Inseln, welche als günstiger
Sammelplatz der Indienfahrer erkannt worden waren und daher von den
Portugiesen besetzt wurden, erhielten, auf der größten der fünf
Eilande, nach dem Befehle des Königs gleichfalls eine Citadelle nebst
Besatzung. Panischer Schrecken ergriff das Handelsvolk von Kalikut,
als sie die Ankunft Almeida’s vernahmen; denn die Portugiesen machten
unverweilt auf alle Handelsschiffe Jagd. Im Hafen von Onor wurden alle
Fahrzeuge, die vor Anker lagen, verbrannt und dabei ging ein Theil der
leichtgebauten Stadt in Flammen auf. Bei seiner Ankunft in Kananor nahm
gegen Ende October Almeida den Titel Vicekönig an, den ihm der König
Manuel beigelegt hatte. In dieser Stadt wurde die dritte Citadelle,
S. Angelo, angelegt und mit hundertundfünfzig Mann besetzt. Der Hafen
hatte gleichfalls für die Portugiesen eine besondere Wichtigkeit, denn
„do pflegen,“ wie Sprenger berichtet, „die Schiff allweg vor irem
Abschied Speis und Wasser zu nehmen“. Inzwischen lief die traurige
Nachricht ein, in Kollam sei der Factor Antonio de Sa sammt seinen
Leuten ermordet und die Factorei geplündert. Es waren nämlich zwanzig
maurische Schiffe dort eingelaufen und hatten den Kampf begonnen. Der
Factor war mit sechzehn Portugiesen in eine Kirche geflüchtet; aber
der Fürst von Kollam ließ dieselbe anzünden und die Fremden darin
verbrennen. Der Sohn des Vicekönigs, Lourenço d’Almeida, erhielt den
Auftrag, diese Unthat zu rächen, er rückte mit acht Schiffen vor den
Hafen und zerstörte die ganze maurische Flotte.

Francisco d’Almeida selbst begab sich nach Kotschin und krönte den
dortigen Fürsten und Bundesgenossen im Namen des Königs Manuel mit
einer goldenen Krone, welche als Geschenk mitgebracht war, und verehrte
dem Königsvasallen zugleich einen goldenen Becher mit sechshundert
Cruzados, eine gleiche Summe wurde für alle Jahre zugesagt. Dafür
erzielte Almeida die Erlaubniß zum Bau einer Steinburg.

Dann erhielten sechs Frachtschiffe ihre Ladung in Gewürz und gingen
Ende December und Anfang Januar 1506 von Kananor zurück nach Portugal.
Zwei andere Handelsschiffe folgten im Frühjahr nach. Einige von
der ersten Abtheilung wurden auf der Rückfahrt über den indischen
Ocean durch Sturm aus der gewohnten Bahn getrieben und segelten an
der Ostseite Madagascars hin, darunter auch zwei von den deutschen
Schiffen, und fanden so einen kürzeren Seeweg. Sie waren die ersten,
welche den südlichen Theil jener größten afrikanischen Insel
entdeckten, die damals S. Lourenço genannt wurde.

Vier Schiffe, darunter auch San Raffael und San Jeronimo, ließen
bereits am 22. Mai 1506 im Hafen von Lissabon die Anker fallen.
Sprenger langte mit seinem Fahrzeuge erst im November daselbst an.
Dies glückliche Ereigniß für die deutsche Unternehmung erwähnt auch
Lucas Rem:[101] „~Adj.~ 22. May^o 1506 (Rem schreibt irrthümlich 1505)
kamen Sct. Jeronimo, Sct. Raffael und ~adj.~ 24. Nof. die Lionarda. Da
meret sich erst mie, anxt undt arbait. Sonder erhuben sich on mas fil
große und schwere Recht, den Ich aus wartet ob 3 Jar“. Die berührten
Rechtshändel beziehen sich wahrscheinlich darauf, daß die Deutschen
einen Antheil an der bei der Erstürmung von Kiloa und Mombas gemachten
Beute forderten, deren Werth auf 22,000 Cruzados geschätzt wurde. Aber
auch ohne dies war der Reingewinn bedeutend. Zwar erhielt dem Vertrage
gemäß die portugiesische Krone 40% vom Gewinn und hatten die fremden
Kaufherren nicht direct, sondern durch Vermittelung der portugiesischen
Factoren die Gewürze in Indien einkaufen müssen, theils um nicht etwa
die Preise zu steigern, theils aber und vor allem, um das Monopol der
Entdecker des Seewegs nicht in Frage zu stellen; trotz alledem betrug
nach Rems Angabe die „nutzung dieser armazion bey 150 ~pro Cento~“.

Darum betheiligten sich die Deutschen auch sofort bei der Ausrüstung
der nächsten Handelsflotte, die unter Tristão da Cunha 1506 nach Indien
segelte. Leider gingen zwei Schiffe dabei zu Grunde; da aber Geld und
Gut gerettet wurden, war der Verlust gering. Doch wurde das Interesse
geschwächt, weil man in Folge des Schiffbruches einen längeren
Rechtsstreit mit dem König führen mußte. Als aber die Pfefferpreise von
Jahr zu Jahr aufschlugen -- im Jahre 1505 kostete der Centner Pfeffer
in Lissabon 20 Cruzados, 1520 dagegen schon 34¼ C., -- da verloren die
Deutschen allmählich die Lust, sich an dem Handel direct zu betheiligen.

                   *       *       *       *       *

Nach der Abfahrt Almeida’s von Portugal waren wiederum acht Schiffe
entsendet worden, welche unter Leitung Pero’s d’Anhaya die Ostküste
Afrikas ansegeln und in Sofala eine Befestigung anlegen sollten. Aus
Mangel an Steinmaterial wurde dieselbe aus Holz aufgeführt. Aber das
höchst ungesunde Klima der Niederung raffte viel Mannschaft hin; auch
der Capitän Pero d’Anhaya erlag demselben. Zu seinem Nachfolger wurde
später Nuno Vaz Pereira bestimmt; bemerkenswerth ist, daß unter ihm
der berühmte Fernão de Magalhães diente.

In Indien war inzwischen, nach Abfertigung der ersten Lastschiffe,
der Vicekönig seinem Auftrag gemäß zum Angriff auf die maurischen
Flotten übergegangen. Sein Sohn Lourenço d’Almeida erfocht am 17.
und 18. März 1506 einen glänzenden Sieg vor dem Hafen von Kananor
über zweihundert Segel (Prauen), welche der Beherrscher von Kalikut
ausgerüstet hatte. In Kananor, wo der Sieger einlief, kam der
Venetianer Ludovico di Varthema zu ihm aufs Schiff. Derselbe war 1502
von seiner Vaterstadt in den Orient gewandert, hatte Aegypten, Syrien,
Arabien und Persien besucht, dann in den wichtigsten Hafenplätzen der
westlichen Küste Vorder-Indiens geweilt, am bengalischen Meerbusen die
Landschaften Bengalen und Pegu gesehen und endlich sogar Malaka und die
Gewürzinseln erreicht. Von Java war er dann nach Kalikut und Kananor
zurückgekehrt und hatte so, unter der Maske eines Mohammedaners,
den ganzen Sunda-Archipel durchstreift.[102] Was er nun über die
indischen Zustände und über den fernen Osten berichten konnte, war
den Portugiesen von hohem Werthe und gab wahrscheinlich auch die
Veranlassung, daß die Regierung in Portugal ihrem indischen Vicekönig
den Auftrag ertheilte, einige Schiffe zur Erforschung des Gewürzmarktes
von Malaka auszusenden. Allein Almeida konnte und wollte, da er in
Vorder-Indien selbst vollauf beschäftigt war und seine Macht nicht
zersplittern mochte, vor der Hand noch nicht darauf eingehen. Es war
offenbar, daß die mohammedanischen Schiffe, um zu den Gewürzhäfen zu
gelangen, andere Wege als bisher einschlugen. Statt die durch die
Portugiesen unsicher gemachten malabarischen Plätze anzulaufen, gingen
die Kauffahrer über die Malediven nach Ceylon, um dort die aus den
östlichen Productionsländern herbeigeführten Waaren in Empfang zu
nehmen.

Als der Vicekönig dies in Erfahrung gebracht, schickte er seinen
tapfern Sohn zum zweiten Male mit Schiffen aus, um bei den Malediven
den Feinden auch diese Straße zu verlegen. Aber Lourenço verfehlte
sein Ziel vollständig und gelangte schließlich, statt nach den
Malediven, nach Ceylon. Es scheint, daß er sich hier durch eine List
der Mauren täuschen ließ und unverrichteter Sache wieder zurückkehren
mußte. Dem Oberbefehlshaber war es jedenfalls lieb, daß sein Sohn
sich in Ceylon nicht auch in blutige Conflicte eingelassen hatte;
denn die mohammedanische Stellung auf der großen Insel galt als
bedeutend, und ein blutiger Zusammenstoß hätte die Schaar seiner Gegner
unnöthigerweise vermehrt. Darum waren ihm auch die Unternehmungen
Affonso’s d’Albuquerque in Arabien durchaus zuwider; selbst die
kriegerischen Streifzüge an der Ostküste Afrikas hielt er für nutzlos,
weil sie die für Indien nothwendigen Streitkräfte zersplitterten. Er
wollte alle Macht und alle kriegerische Tapferkeit nur daran gesetzt
sehen, den werthvollsten Theil der indischen Küste dem portugiesischen
Handel und Staate tributpflichtig zu machen.

Aber in Portugal dachte man anders und meinte, alle Küsten des
indischen Oceans, soweit die Glaubensfeinde auftauchten, angreifen und
auch bezwingen zu können.

So gingen also im Frühjahr 1506 wieder fünfzehn Schiffe von Lissabon
ab: die zehn Lastschiffe, von denen wieder einige durch Deutsche
und Italiener ausgerüstet waren, sollten unter +Tristão da Cunha+
direct nach Indien segeln, während Alfons d’Albuquerque mit fünf
Kriegsschiffen und 1300 Mann Soldaten nach der arabischen Küste
beordert wurde, um die Eingänge in das rothe Meer und den persischen
Golf zu bewachen. In Sokotra sollte er überdies eine Festung anlegen,
weil hier an dieser Insel die mohammedanischen Schiffe Wasser
einzunehmen pflegten.

Unterwegs entdeckte Tristão da Cunha, als er vom Cap Agostinho in
Brasilien nach dem Caplande hinübersteuerte und seine Flotte durch
Sturm zerstreut sah, die nach ihm genannte einsame Felseninsel im
südlichen atlantischen Ocean unter 39° s. Br.; indeß fanden sich die
meisten Fahrzeuge bei Mosambik wieder zusammen. Nur Ruy Pereira wurde
auch noch im indischen Meere verschlagen und gerieth in den Hafen
Matatane auf Madagascar. Dort, glaubte er aus den Mittheilungen der
Eingebornen schließen zu dürfen, sei ein Reichthum an Silber, Pfeffer,
Ingwer u. a. einzuernten, ohne auf solche Handelsschwierigkeiten zu
stoßen wie in Indien.

Auf diese Kunde hin machte sich Tristão da Cunha selbst nach dem
vielversprechenden Lande auf und erreichte im December 1506 die Bai
Angra da Concepção am nördlichen Ende der Insel. Aber hier traf er
noch Mauren. Wenn auch nicht eben wohlwollend empfangen, hütete sich
Tristão doch, sich in blutige Händel zu verwickeln, sondern er zog
nur sorgfältige Erkundigungen ein, aus denen leider hervorging, daß
die verlockenden Angaben Pereira’s auf Mißverständniß beruhten. Den
Plan, die ganze Insel zu umschiffen, gab er auf, nachdem er bei diesem
Versuch ein Schiff eingebüßt hatte, und kehrte an die afrikanische
Küste zurück. Südlich von Magadoscho (Makdischu) lag die feindliche
Stadt Brava (Barawa); dieselbe wurde nach heftiger Gegenwehr erstürmt
und geplündert. Die Portugiesen sollen dabei in der Schatzkammer des
Fürsten die reiche Beute von 2000 Centner (!) Silber gemacht haben.

Dann steuerte die vereinigte Flotte nach Sokotra, wo Christen
abessinischer Abkunft, von den Portugiesen Jakobiten genannt, ansäßig
waren, aber seit 1480 in die Abhängigkeit von dem südarabischen Fürsten
von Fartach gerathen waren, welcher bei dem Hafen Soko (Tamarida) eine
Citadelle erbaute und mit hundert Mann besetzte. Diese Festung wurde
natürlich alsbald mit Sturm genommen, wieder ausgebaut, St. Miguel
getauft und mit portugiesischer Mannschaft belegt.

Durch solche Nebenoperationen wurde viel Zeit vergeudet, ohne dem
eigentlichen Zwecke wesentliche Förderung zu bieten; denn man
verfeindete sich dadurch nur noch mehr mit dem Beherrscher Aegyptens
und war gleichwohl nicht im Stande, von Sokotra aus den Handelsverkehr
nach dem rothen Meere überwachen oder abschneiden zu können.

Da Tristão da Cunha so lange ausblieb, gerieth Almeida in große
Verlegenheit, weil er sich bei unzulänglichen Mitteln in seinen
Unternehmungen gehemmt sah. Sein Sohn Lourenço verfolgte indessen im
kleinen Kriege alle fremden Handelsschiffe, welche sich der indischen
Küste näherten.

Inzwischen starb aber auch der den Portugiesen befreundete Fürst in
Kananor, und sein Nachfolger verbündete sich wieder mit dem Samudrin,
weil der portugiesische Capitän Gonçalo Vaz da Goar ein kananorisches
Schiff, trotz seines portugiesischen Geleitsbriefes, hatte versenken
und die Mannschaft hatte ertränken lassen, angeblich, weil man es für
ein kalikutisches Schiff gehalten habe.

Die neuangelegte Festung in Kananor wurde vier Monate belagert und
mehrere Male bestürmt; aber der tapfere Commandant Lourenço de Brito
hielt sich, bis Tristão da Cunha endlich gegen Ende August erschien und
ihn befreite. Die Festung wurde nun dauernder aus Stein erbaut. Da der
Vicekönig bereits genug Waaren hatte aufspeichern lassen, so konnten
Tristão’s Handelsschiffe rasch beladen und schon im December nach
Europa zurückgeschickt werden.

Dann begab sich Lourenço d’Almeida mit einer Anzahl von Schiffen
nordwärts, um im Hafen von +Tschaul+, südlich von Bombay, Gewürze
einzunehmen. Nisam Schah, der Fürst von Tschaul, hatte sein kleines
Gebiet, welches gegen Norden an Gudjerat grenzte, von Dekhan unabhängig
gemacht und sich den Portugiesen angeschlossen. Inzwischen rückte
die ägyptische Macht unter Hussein heran. Der Admiral des Schahs von
Gudjerat, Melek Aias oder Aß, (angeblich ein Russe von Geburt, dessen
ursprünglicher Name Jakob, in der russischen Koseform Jascha, von den
Orientalen in Eias oder Aß verwandelt wurde,) kam den Aegyptern mit
vierzig +Fusten+ (s. Abbildung auf Seite 155) zu Hilfe. Als Statthalter
von Diu hatte er diesen Hafen zu einer blühenden Handelsstadt erhoben
und trat zunächst scheinbar für die Sache des Islam ein, wußte sich
aber bald auf schlaue Weise seines Bundesgenossen wieder zu entledigen.
Lourenço lag noch mit seinen Schiffen im Flusse vor Tschaul, als die
vereinigte feindliche Flotte herannahte. Da er die ägyptischen Schiffe
aber für das Geschwader des von Ormuz her erwarteten Albuquerque hielt,
blieb er ruhig liegen. So sah er sich genöthigt, im Flusse den Kampf
aufzunehmen.

Am ersten Kampfestage erfolgte noch keine Entscheidung. Trotz der
feindlichen Uebermacht wollte aber Lourenço nicht bei Nacht auf die See
zurückweichen, weil er den Vorwurf seines spartanisch gesinnten Vaters
fürchtete, der bei einer früheren Gelegenheit seine zu große Vorsicht
getadelt hatte. So entspann sich am folgenden Morgen das Seegefecht von
neuem. Das Schiff des portugiesischen Capitäns erhielt durch einen
Kugelschuß einen bedenklichen Leck und mußte versuchen, sich durch ein
anderes Schiff aus dem Flusse herausschleppen zu lassen. Dabei gerieth
es in das von den Fischern behufs des Fischfanges angebrachte Pfahlwerk
und blieb, indem ein Pfahl in den Leck eindrang, wie angespießt, darauf
hängen. Das Bugsirtau riß und Lourenço war den feindlichen Angriffen
wehrlos preisgegeben. Trotz der verzweifelten Lage blieb er standhaft.
Seine Tapferkeit war für alle ein leuchtendes Vorbild. Hatte er
doch noch bei dem Kampfe von Panane im Handgemenge einem maurischen
Hauptmanne mit seinem Schlachtschwerte den Kopf bis auf die Brust von
einander gespalten. Da verwundete ihn eine Stückkugel am Schenkel; er
ließ sich verbinden, auf einen Stuhl neben den großen Mast setzen und
commandirte weiter, bis ihn eine zweite Kugel tödtete. Erst nachdem
fast die ganze Mannschaft gefallen oder verwundet auf Deck lag, wurde
das Schiff genommen, sank aber auch alsbald unter und blieb nicht als
Trophäe in den Händen der Sieger. Die übrigen Fahrzeuge kamen glücklich
nach Kotschin zurück, wo damals der Vicekönig lag. Dieser empfing die
Todesnachricht seines tapferen Sohnes ernst und gefaßt, aber er schwur
an den Mohammedanern Rache zu nehmen, zumal da diese an den ersten Sieg
große Hoffnungen knüpften.

[Illustration: Ostindisches Fahrzeug des 16. Jahrh. mit Rohrsegeln und
am Stern aufgehängtem hölzernen Anker.[103]]

Alle Kriegsschiffe wurden zu diesem Rachezuge aufgeboten und in
Stand gesetzt, besonders das größte, Flor de la mar, ein Schiff
von vierhundert Tonnen; aber der Angriff verzögerte sich noch. Die
ägyptische Flotte überwinterte indessen in Diu.

Mittlerweile wurden auch von Portugal wiederum zwei Geschwader
ausgerüstet. Das eine bestand aus dreizehn Schiffen und sollte unter
dem Befehle des Jorge d’Aguiar zuerst an den ostafrikanischen und
arabischen Küsten kreuzen und dann nach Indien gehen, um für acht bei
dieser Abtheilung befindliche Frachtschiffe Ladung einzunehmen. Auf
dem Hauptschiffe San João sollte der Vicekönig nach Ablauf seines
Amtes am Schluß des Jahres 1508 in die Heimat zurückkehren. Die andere
Abtheilung unter Lopez de Sequeira ging mit vier Schiffen im April 1508
direct nach Indien. Aber die erste Flotte unter d’Aguiar wurde durch
Sturm gänzlich zerstreut, die Schiffe fanden sich einzeln bei Mosambik
wieder zusammen; nur das Hauptschiff blieb aus, es war mit Mann und
Maus untergegangen, so daß außer dem Befehlshaber auch Tristão da Cunha
sein Grab in den Wellen fand. Der Untergang dieses Schiffes sollte
später die Rückkehr Francisco’s d’Almeida verzögern und ihm selbst
verhängnißvoll werden.

[Illustration: Ostindischer Schnellsegler des 16. Jahrhunderts, Fusta
(s. Seite 153).]

Ehe wir aber den Vicekönig auf seinem letzten siegreichen Kriegszuge
in Indien begleiten, müssen wir unsern Blick auf die kühnen
Unternehmungen +Albuquerque+’s richten. Am 20. August 1507 war derselbe
mit sieben Segeln und vierhundert Mann von Sokotra aufgebrochen,
um die Handelsplätze am Golf von Oman zu brandschatzen, und sich
wenn möglich des wichtigsten Marktplatzes in jenem Gebiet, der Stadt
Ormuz, zu bemächtigen. Auf der Ostküste Arabiens zwischen Ràs el Hadd
und dem Ràs Mesandum erstreckt sich am Fuß des grünen Gebirges die
Landschaft Oman. Gegen das Wüstengebiet des Binnenlandes durch das
Gebirge gedeckt, mit vielen trefflichen Häfen und Ankerplätzen an der
wichtigen Handelsstraße zwischen Indien und Mesopotamien gelegen, hatte
dieses Gebiet seit Jahrhunderten sich an dem indischen Handel lebhaft
betheiligt. Weniger eng an die Satzungen des Islam gebunden und im
Verkehr mit Indien freiern Lebensanschauungen huldigend, hatten manche
dieser Städte sich zu bedeutendem Handelsrufe und Wohlstand erhoben.
Von Südosten gegen Nordosten waren die bemerkenswerthesten Hafenplätze
Kuriat, Maskat, Burka, Sohar und Khorfakkan, an welche sich dann an
der Meerenge des persischen Golfes die damals auf der kleinen, öden
Felsinsel gelegene, aber durch den Reichthum der Bewohner in aller Welt
bekannte Handelsstadt Ormuz anschloß.

Albuquerque hatte die Absicht, diese Städte der Reihe nach
rücksichtslos die Ueberlegenheit der europäischen Waffen fühlen
zu lassen. Kuriat wurde erstürmt und verbrannt, Maskat ebenfalls
erobert. Sohar unterwarf sich ohne Widerstand, wurde daher auch nicht
der Plünderung preisgegeben, sondern nur zur Zahlung eines Tributs
angehalten. Khorfakkan (Orfacao), ein Hauptplatz für die Ausfuhr
arabischer Pferde nach Indien, war von den Einwohnern aus Furcht vor
den schrecklichen Feinden verlassen und wurde daher ausgeplündert. So
rückte der Verwüstungszug näher an Ormuz heran. Die Zeitgenossen haben
über Albuquerque’s barbarische Kriegführung kein abfälliges Urtheil
ausgesprochen. Daß er hart und herzlos Gefangene verstümmeln ließ und
Städte vom Erdboden vertilgte, fand das Zeitalter ganz natürlich; es
galt ja dem Feinde der Christenheit. Man kämpfte für den heiligen
Glauben und hatte Gott auf seiner Seite.

Ende September 1507 erschien die portugiesische Flotte vor Ormuz. Den
Thron hatte damals ein zwölfjähriger Knabe, Seif-eddin (Seifadin) inne,
der eigentliche Regent war Chodscheh Atar, von Geburt ein Bengale. Die
Stadt lag, im Süden durch Felsen gedeckt, auf der flacheren Nordseite
der Insel; zwischen ihr und der Felsenküste von Mogistan befand sich
der Hafen. Die Besatzung bestand aus 30,000 Mann, darunter 4000
persische Bogenschützen als Bundesgenossen. Albuquerque begrüßte bei
seiner Ankunft die Stadt durch Kanonensalven und segelte dann kühn in
den Hafen hinein. Kurzer Hand forderte er Unterwerfung und Anerkennung
der portugiesischen Oberhoheit, andernfalls drohte er mit Vernichtung.
Aber der Regent war nicht gewillt, sich bei seiner bedeutenden Macht
ohne weiteres in fremde Botmäßigkeit zu begeben, er lehnte die
Forderung des Portugiesen ab. Als Antwort darauf ließ Albuquerque
die Handelsschiffe im Hafen in den Grund bohren. Dabei wurden seine
Schiffe von zweihundert mit Bogenschützen bemannten Böten angegriffen;
aber die höher gebauten europäischen Fahrzeuge und namentlich das
europäische Geschütz behielt den Sieg. Dann erst bequemte sich
Chodscheh Atar, die Oberhoheit des Königs Manuel anzuerkennen und einen
jährlichen Tribut von 15,000 Scherafinen (etwa ~à~ 6 Mark) zu zahlen.
Auch mußte er gestatten, daß die Portugiesen eine Festung anlegten.
Schon im October begann der Bau, aber die portugiesischen Capitäne,
welche unter Albuquerque dienten, halfen nur ungern; sie hätten lieber
gewinnreiche Jagd auf Handelsschiffe gemacht oder wären nach Indien
gesegelt, um Gewürze einzuhandeln. Sie vereinigten sich zu einem
schriftlichen Protest, aber der Oberbefehlshaber zerriß denselben,
ungelesen, unter dem Thor der neuen Citadelle. Dadurch gekränkt und
beleidigt suchten die Capitäne nach einer Gelegenheit, sich von ihrem
Führer zu trennen. Die Uneinigkeit unter seinen Feinden ermuthigte den
Regenten der Stadt zu erneutem Widerstande. Die Gelegenheit dazu bot
sich bald. Da fünf von der Flotte entlaufene und in die Stadt gelockte
Portugiesen nicht sofort, wie Albuquerque verlangte, ausgeliefert
wurden, so brach der Krieg von neuem aus. Derselbe mußte aber rasch
abgebrochen werden, weil drei Capitäne mit ihren Schiffen auf eigene
Verantwortung den Hafen verließen und nach Indien segelten, so daß
Albuquerque, dadurch in seiner Macht geschwächt, allein den Kampf nicht
fortführen konnte, sondern sich genöthigt sah, zur Ueberwinterung
nach Sokotra zurückzuweichen. Doch schickte er den João da Nova den
Flüchtigen nach, um sich beim Vicekönig über solche unerhörte Felonie
zu beschweren.

In Sokotra fand er die Besatzung der kleinen Citadelle durch Krankheit
und Hunger erschöpft. Von Melinde mußten Lebensmittel herbeigeschafft
werden; statt Unterstützung zu finden, mußte Albuquerque Hilfe
schaffen. Sein Aufenthalt an der afrikanischen Insel verzögerte sich
bis in den Hochsommer, dann kam unter Vasco Gomez d’Abreu Verstärkung
von Lissabon. Mit dieser vereinigte er den Rest seiner Macht, sah sich
also wieder an der Spitze von 300 Mann und war kühn genug, mit dieser
kleinen Schaar zum zweiten Male vor Ormuz zu rücken. Chodscheh Atar
hatte nach dem Abzuge der Portugiesen, deren Mißerfolge er sich als
Sieg anrechnete, im Vertrauen auf seine neubefestigte Stellung und
die eigne Truppenmacht, (die persischen Bundesgenossen waren durch
seinen Uebermuth verscheucht,) klugerweise die von den Portugiesen
begonnene Festung ausgebaut[104] und mit Geschützen armirt, welche
er durch europäische Ueberläufer hatte gießen lassen. Er war, wenn
auch auf sich allein angewiesen, doch nicht so wehrlos dem Gegner
preisgegeben als das erste Mal. Daher mußte sich Albuquerque vorläufig,
als er im September 1508 wieder vor der Stadt erschien, auf die
Blokade beschränken. Inzwischen erhielt aber Atar eine wesentliche
Hilfe und Ermuthigung zum Widerstande von einer Seite, woher er sie
wohl am wenigsten erwartete, vom Vicekönig Almeida selbst. Dieser
hatte nämlich auf die Klage der drei Capitäne, welche sich vor Ormuz
von Albuquerque getrennt hatten, im Mai 1508 eine Untersuchung der
Angelegenheit befohlen und Gonçalo Fernandez damit beauftragt. Im
Verlauf derselben war Almeida immer mehr zur Ueberzeugung gekommen, daß
Albuquerque durch seine Gewaltthaten die Interessen der portugiesischen
Krone mehr schädige als fördere. Ein von den Portugiesen aufgebrachtes
Schiff von Ormuz hatte Almeida wieder freigegeben und mit Briefen
an den Regenten von Ormuz gesandt. Almeida’s Schreiben[105] athmete
Freundschaft für die reiche Handelsstadt, wenn er auch wünschte, der
Fürst möge seinem König jährlich ein Geschenk senden. Er sprach seinen
Unwillen über die verderbliche Kriegführung Albuquerque’s aus und
sicherte, indem er sieben Geleitsbriefe mitsandte, jedem Handelsschiffe
von Ormuz seinen Schutz zu. „Ich will,“ schrieb er, „an dem König von
Portugal zum Verräther werden, wenn ich dulde, daß ihnen auch nur ein
Haar gekrümmt werde.“

Eine Abschrift dieses Briefes ließ Chodscheh Atar an Albuquerque
übermitteln. Albuquerque bestand aber auf der Zahlung des Tributs
und erklärte die Briefe des Vicekönigs für untergeschoben, weil sie
dessen Unterschrift nicht trügen. Atar erklärte dagegen, die Stadt
werde bereit sein, in Friedenszeiten den auferlegten Tribut von
15,000 Scherafinen zu zahlen; wenn aber ihr Handel gelähmt werde,
könne sie die Summe unmöglich aufbringen. Die Briefe seien echt, des
Königs Siegel und des Vicekönigs Unterschrift bürgten dafür. -- Man
weiß, welche Achtung man im ganzen Orient dem Siegel und Namenszuge
eines Mannes zollt. Albuquerque setzte darauf die Blokade noch eine
zeitlang fort und beunruhigte die Stadt in kleinen Gefechten; da er
aber die Gewißheit hatte, daß ihm von Indien her keine Unterstützung
kommen werde, und da er sah, daß es seinen Schiffen immer schwieriger
wurde, sich zu halten, weil sie leck geworden waren, so entschloß er
sich endlich den Kampf abzubrechen und nach Indien zu gehen. Ohne
Zwischenfälle erreichte er die Andjediven, machte dort drei Tage halt
und segelte dann nach Kananor, wo er den Vicekönig fand (im Dec.
1508). Leider mußte er hier erfahren, daß Almeida zwei von seinen
rebellischen Capitänen in Freiheit gesetzt, und den dritten, um sich
zu rechtfertigen, nach Portugal entsendet hatte. Da er zum Nachfolger
im Commando ernannt worden war, so verlangte er die Uebergabe des
Oberbefehls; aber Almeida, augenblicklich in der Ausrüstung seines
Zuges gegen Goa begriffen und begierig, noch vor Ablauf seines
Regiments die vor Tschaul den portugiesischen Waffen zugefügte
Niederlage und den Tod seines Sohnes zu rächen, erklärte, er werde
sein Amt nicht vor dem Schluß des laufenden Jahres niederlegen, auch
sei das Schiff, auf dem er, der von Portugal ergangenen Weisung gemäß,
zurückkehren solle, noch nicht angelangt. Dieses Schiff aber war, wie
bereits berichtet ist, an der ostafrikanischen Küste gescheitert und
untergegangen. Mißmuthig wartend zog sich Albuquerque nach Kotschin
zurück.

Kurz darauf, am 12. December 1508 brach Almeida mit neunzehn Segeln
gegen Norden auf; später stießen noch vier Schiffe zu ihm, so daß seine
Flotte nun dreiundzwanzig Schiffe mit 1600 Mann Truppen zählte. Noch
vor Ablauf des Jahres wurde die Stadt Dabul erstürmt und entsetzlich
verwüstet, so daß die Zerstörung dieser Stadt im Orient noch lange mit
Schaudern erzählt und sprichwörtlich wurde als ein Beispiel unerhörter
Vernichtung.

Erst am 2. Februar 1509 kam das Geschwader vor Diu an. Im Hafen lagen
die Flotten der Aegypter und des Statthalters von Diu, Melek Eias,
vereinigt; auch der Samudrin hatte eine Anzahl bewaffneter Fusten
zu Hilfe gesendet. Aber die drei Parteien trauten einander nicht,
besonders Melek Eias spielte eine zweifelhafte Rolle. Am folgenden Tage
drang Almeida in den Hafen ein und richtete seinen Angriff lediglich
auf die ägyptischen Schiffe. Eins nach dem andern wurde geentert und
versenkt, so daß der Flottenführer Hussein nur mit Noth dem allgemeinen
Verderben entrinnen konnte. Er verließ heimlich sein Schiff, bestieg
am Lande ein Pferd und jagte flüchtig nordwärts nach Kambaya. Als die
Schiffe von Diu und Kalikut sahen, daß der Ausgang des Kampfes nicht
mehr zweifelhaft blieb, und daß man sie vorläufig schonen wollte, zogen
sie sich bei Zeiten zurück. Auch hatte sich Almeida dafür entschieden,
Melek Eias vor Diu nicht anzugreifen, obwohl derselbe die Hauptursache
gewesen, daß sein Sohn Lourenço gefallen war. Der Vicekönig mochte
auch befürchten, durch einen Angriff auf Diu den Oberherrn des Landes,
den König von Gudjerat, mit in den Krieg zu verwickeln. Ihm war vor
allem darum zu thun, die mohammedanischen Aegypter aus den indischen
Gewässern zu vertreiben; mit den einheimischen Fürsten hoffte er
dann schon wieder in ein freundlicheres Verhältniß treten zu können.
In diesem Bestreben kam ihm sogar das schlaue Verhalten Melek Eias
entgegen, welcher sich nicht entblödete, den portugiesischen Sieger
wegen seines Erfolges zu beglückwünschen und ihm seine Dienste
anzubieten. Almeida begnügte sich daher auch, nur die Auslieferung
der Portugiesen zu verlangen, die auf dem Schiffe seines Sohnes zu
Gefangenen gemacht waren. Dieselben wurden auch alsbald durch Melek
Eias zurückgesandt. Dann kehrte der Vicekönig nach Kotschin zurück.
Hier erneuerte Albuquerque wiederum seine gerechte Forderung, ihm den
Oberbefehl zu übergeben; aber Almeida zögerte immer wieder, weil das
erwartete Schiff noch nicht angelangt sei. Erst als Fernão Coutinho im
Oktober 1509 von Portugal mit vierzehn Schiffen in Kotschin einlief
und bestimmten Befehl für den Wechsel des Obercommandos mitbrachte,
trat Almeida von seinem Amte zurück und schiffte sich am 19. December
ein. Aber er sollte die Heimat nicht wieder sehen. Das Schiff ging an
der Westküste von Südafrika, in der Saldanhabai, vor Anker um Wasser
einzunehmen. Dabei verwickelte sich die Mannschaft in einen Kampf mit
den Hottentotten und 150 tapfere Streiter, darunter elf Hauptleute,
welche in Indien Wunder der Tapferkeit gethan, wurden sammt dem
Vicekönig von den nackten Wilden überwältigt und erschlagen. „Nie,“
so klagt de Barros, „erlitten die portugiesischen Waffen ein größeres
Unglück!“[106]

Almeida war ein tüchtiger Soldat, ein uneigennütziger, sittlich reiner
Charakter und daher auch bei jedermann beliebt und hochgeachtet.
Er sorgte väterlich für die Soldaten, aber er stellte auch an ihre
Leistungen hohe Ansprüche. Ihre materielle Lage suchte er zu heben,
denn ihr Sold war gering, und daher kamen häufig Desertionen vor. Der
König war nur darüber unzufrieden, daß Almeida mit seinen Belohnungen
nicht geizte. Dieser aber sah sich vielfach durch die von Portugal
ergangenen Befehle in seinen Unternehmungen gekreuzt. Namentlich
tadelte er das Verfahren der portugiesischen Verwaltung, ihm Höflinge
zu senden, die nichts leisteten, aber in Indien alsbald höhere Stellen
beanspruchten, ohne sie verdient zu haben. Dem König schrieb er: „Ich
rathe Euch, dem Vicekönig, den Ihr sendet, mehr Vertrauen zu schenken,
als mir zu Theil geworden ist, und keine Befehle zu erlassen, ehe Ihr
Eure Rathgeber in Indien gehört habt.“

Er wollte alle Macht auf die Beherrschung des Meeres an der Westküste
Indiens werfen und die Flotte nicht durch Operationen an der
afrikanischen oder arabischen Küste zersplittert sehen. Daher seine
Abneigung gegen Albuquerque, in welcher er durch die abtrünnigen
Capitäne desselben bestärkt wurde. Als ihm der König befahl, Schiffe
nach Malaka zu senden, erwiderte er, dazu habe er noch keine Zeit, in
Indien gebe es noch genug zu thun.

So handelte er stets nach einem festen Plane und ließ sich selbst
durch directe Befehle, die von Portugal an ihn ergingen, nicht davon
abbringen. Daß sein System mit ihm fallen würde, sah er voraus; denn
sein Nachfolger schlug ganz andere Bahnen ein und erweiterte den
Kampfplatz über die ganze Breite des indischen Oceans. In trüber
Stimmung, erhöht durch die Erinnerung an den herben Verlust seines
tapferen Sohnes, verließ der erste Vicekönig Indien und fand auf
afrikanischem Boden ein tragisches Ende.


7. Affonso d’Albuquerque, Generalcapitän und Governador von Indien.

Nachdem Almeida Indien verlassen hatte, traf Albuquerque in
Gemeinschaft mit dem Marschall Coutinho seine Vorbereitungen, Kalikut
anzugreifen und den Samudrin zu züchtigen; denn König Manuel hatte
diesen Angriff dringlich befohlen. Fernão Coutinho ergriff diese
Gelegenheit, sich in Indien mit Kriegslorbeeren zu schmücken, mit
unverhohlener Freude. So wurde er des lästigen Commandos über die
Handelsflotte ledig. „Seine Vorfahren hätten sich nicht mit Handel
abgegeben, und er selbst habe auch keine Neigung für solches Gewerbe.“
Er war durch und durch Soldat und blickte mit Verachtung auf die
Kriegsleistungen der Indier. Am Abend des 2. Januar 1510 erschien die
vereinigte Flotte vor Kalikut, sie hatte, ungerechnet die indischen
Hilfstruppen, gegen 2000 portugiesische Soldaten am Bord. Der Samudrin
selbst war wahrscheinlich auf einem Feldzuge gegen einen benachbarten
Fürsten von seiner Hauptstadt fern, als die drohende Macht vor seiner
Residenz erschien. In der Nähe der Stadt, nicht fern vom Meere, lag auf
einer Anhöhe das Schloß des Fürsten, welches in der Zwischenzeit durch
Erdwälle verschanzt und in eine Festung umgewandelt war. Hieher mußte
sich der erste Angriff richten, wenn die unbefestigte Stadt selbst
dauernd gewonnen werden sollte.

Coutinho forderte die Führung des ersten Treffens, er hoffte wohl
allein mit der feindlichen Streitmacht fertig werden zu können.
Albuquerque willigte nur ungern ein, weil er den Marschall als einen
Hitzkopf kannte, der mit den indischen Kriegslisten noch zu wenig
vertraut war und ohne viel Ueberlegung drauf los ging in der Erwartung,
schon beim ersten Waffengange seine Gegner in alle Winde zu verjagen.

Als aber am Morgen des 3. Januar die Ausschiffung der Truppen begann,
zeigten sich die Nair doch so zäh im Widerstande und überschütteten
ihre Feinde mit einem solchen Hagel von Geschossen, daß die Portugiesen
bei ihrem Angriff sich zu theilen beschlossen. So kam es, daß indem
beide Feldherren verschiedene Landungsplätze wählten, Albuquerque seine
Leute eher ans Land geworfen hatte und zum Sturm überging als sein
Waffengefährte. Nach einem erbitterten Kampf um den Wall, bei welchem
schon viele Streiter fielen, drang der Generalcapitän zuerst in die
Schanzen ein, ließ Feuer in die königlichen Häuser werfen und vertrieb
die Indier aus der festen Stellung. Coutinho sah sich dadurch um den
ersehnten Ruhm betrogen und nannte, vor Zorn und Schmerz glühend,
jenen ein um das andere Mal einen wortbrüchigen Menschen, der anderen
keine Ehre und Auszeichnung gönne. Albuquerque blieb bei diesen
Schmähungen kaltblütig und wies darauf hin, daß man oft im Kriege gegen
den vorgefaßten Plan handeln müsse, wenn der günstige Augenblick es
fordere. Auch sei mit diesem ersten Erfolg der Sieg noch keineswegs
entschieden. Der Gegner sei zwar zurückgewiesen, aber seine Macht noch
nicht gebrochen. Allein Coutinho achtete nicht darauf, in blinder
Aufregung gebot er sofort den Angriff auf die Stadt. Hier wollte er
der erste sein und die Brandfackel in den großen königlichen Palast
schleudern. In einem entfernten Stadttheile lagen auf einem freien
Platze, von Mauern umgeben, die weitläufigen Gebäude des Fürstensitzes.
Trotz des Widerstandes drangen Coutinho und seine Schaar durch Thor und
Mauerlücken ein und legten Feuer an, worauf die Indier zurückwichen.
Albuquerque folgte, nachdem er vorsorglich einen Theil seiner
Mannschaft am Ufer zur Bewachung der Böte zurückgelassen hatte, durch
Kampf in den Straßen der Stadt aufgehalten, langsam nach. Coutinho
glaubte schon, im Besitze des Palastes, sich des vollständigen Sieges
erfreuen zu können, und gestattete sorglos seinen Soldaten sich zu
zerstreuen und die königlichen Schätze zu plündern. Darauf hatten aber
die Indier gewartet; sie sammelten sich von neuem und gingen wieder
zum Angriff über. Sie umzingelten in hellen Haufen den Palast und
drangen endlich trotz der hartnäckigen Gegenwehr des portugiesischen
Hauptmanns, dem die Bewachung des einen Thores übergeben war, wieder
in den Hof ein und fielen über die zerstreuten Portugiesen her.
Albuquerque konnte nur mit Mühe bis in die Nähe des Kampfplatzes
vordringen und sandte Boten über Boten an den Marschall, um ihn zu
eiligem Rückzuge aufzufordern. Dieser aber verachtete immer noch die
drohende Gefahr und erwiderte, der Generalcapitän möge nur ruhig den
Abmarsch antreten, er selbst werde folgen, wenn seine Mannschaft sich
wieder gesammelt hätte.

Selbst von allen Seiten umdrängt, wich Albuquerque langsam zurück.
Der Rückzug ging durch einen Hohlweg, von dessen hohen Rändern aus
die Indier mit Wurfspießen, Pfeilen und Steinen die Portugiesen
überschütteten. Von Coutinho war er vollständig abgeschnitten und
konnte nur auf sich selbst Bedacht nehmen, da seine Truppen sich
weigerten, noch einmal den Versuch zu wagen, sich bis zu dem Marschall
durchzuschlagen. Albuquerque wurde im Gewühl zuerst schwer am linken
Arme verwundet, erhielt dann einen Pfeilschuß in den Nacken und mußte
endlich, als ihn ein mächtiger Stein vor die Brust traf, besinnungslos
fortgetragen werden. Der Marschall aber fiel mit 80 Kampfgefährten. So
endigte, durch die Tollkühnheit Coutinho’s herbeiführt, dieser Angriff
auf Kalikut als vollständige Niederlage; und hätte nicht Albuquerque
am Ufer die Schiffe mit starker Mannschaft bewachen lassen und wäre
die See nicht ruhig gewesen, so hätte der Ausgang des Tages für die
Portugiesen dermaßen verhängnißvoll werden können, daß ihre ganze
Machtstellung in Indien zweifelhaft geworden wäre.

Nach dem Fall Coutinho’s erhielt Albuquerque auch das Commando über
dessen Schiffe und begab sich nach Kotschin. Kaum war er von seinen
Wunden genesen, so sann er auf neue Kriegspläne. Ende Januar 1510 waren
21 Schiffe ausgerüstet und bemannt. Es schien, als wollte er, dem
Befehl seines Königs gemäß, nach dem rothen Meere segeln, um dort einer
neuen ägyptischen Flotte entgegenzutreten. Aber der Generalcapitän
hatte seine wahren Absichten nur geheim gehalten, um desto
erfolgreicher einen unerwarteten Schlag zu thun. Er hatte sein Absehen
auf +Goa+ gerichtet, welches so ziemlich auf der Mitte der Westküste
Vorder-Indiens und dazu in der Nähe der Andjediven gelegen, wohin die
von Afrika herübersteuernden Schiffe meistens ihren Lauf richteten,
besonders günstig erschien, um von hier aus das westliche Meer und die
Straßen nach Ormuz und Aden zu beherrschen. Goa lag auf einer flachen,
aber nicht feuchten Insel, welche durch die gemeinsame Arbeit mehrerer
von den Westghats herabkommender Flüsse aus dem continentalen Ufersaume
gleichsam herausgeschnitten war. Die Insel ist von Osten nach Westen
ungefähr drei Meilen lang und von Norden nach Süden zwei Meilen breit.
Das höhere, hügelige Land läuft gegen die See in eine Spitze aus. Die
gegen das Meer bedeutend erweiterten Mündungen gestatteten den Zutritt
der Flut um die ganze Insel. Die alte Stadt lag auf der Südseite, die
neue Stadt war ungefähr vierzig Jahre vor der Ankunft der Portugiesen
in Indien von Mohammedanern gegründet, die von der etwa 18 Meilen
weiter südlich gelegenen Stadt Onor hieher geflüchtet und sich unter
der Führung Melek Husseins hier angesiedelt hatten. Die Canäle, welche
die Insel und Stadt umziehen, sind voll von Krokodilen und durften
daher, wenn sie zur Ebbezeit durchwatbar werden, nur mit Vorsicht
durchschritten werden. Alt-Goa ist jetzt fast ganz verlassen, nur
Geistliche und Mönche wohnen noch dort zwischen den großartigen Ruinen
zahlreicher Kirchen und Klöster. Der Hafen der neuen Stadt ist wegen
seiner wunderbaren landschaftlichen Schönheit hoch gepriesen.

Die Zeit zum Angriffe war von Albuquerque insofern sehr günstig
gewählt, als der damalige Beherrscher Adil-Schah, der König von
Bidjapur, nur wenig Truppen in der Stadt unterhielt. Die Bevölkerung
des Hafenplatzes und die militärische Besatzung standen in ihren
Interessen einander gegenüber. Als Albuquerque mit seiner Flotte
vor der Einfahrt zum Hafen angelangt war, schickte er seinen Neffen
Antonio de Noronha mit bewaffneten Böten voraus, um das Fahrwasser in
den Canälen zu untersuchen. Bei einer Biegung des Flusses sahen sich
die Portugiesen plötzlich der Citadelle von Pandjin gegenüber, welche
nach der Seeseite die Stadt deckte. Unverweilt, ehe die Besatzung sich
sammelte und die Kanonen bedienen konnte, gingen die Portugiesen zum
Sturm über und drangen durch die Schießscharten und über den Wall in
die Citadelle, welche, nachdem ihr Befehlshaber verwundet worden, von
der Besatzung aufgegeben wurde. Der Generalcapitän hörte in der Ferne
das Kampfgetöse und gab sofort Befehl, mit allen Truppen vorzugehen,
fand aber bei seiner Ankunft den befestigten Platz bereits in den
Händen der Seinigen. Die Truppen des Adil-Schah zogen sich auch aus der
Stadt zurück, und ihr Anführer empfahl den Bürgern, sich ohne Gegenwehr
zu ergeben, denn die abendländischen Feinde seien unwiderstehlich. So
erschien schon am nächsten Tage eine Gesandtschaft von Bürgern vor
Albuquerque und bot gegen Sicherheit des Lebens und Eigenthums die
Unterwerfung an. Dieselbe wurde angenommen, doch wurde das vorhandene
Kriegsmaterial als Beute erklärt, Albuquerque zog mit seinen Truppen in
die Stadt und nahm den Palast des Statthalters in Besitz. Die eroberte
Citadelle wurde verstärkt, und die Flotte ging im Hafen vor Anker. Die
Schiffe wurden zum Theil sogar abgetakelt, damit während der Regenzeit
das Tauwerk nicht zu sehr litte; denn Albuquerque gedachte längere Zeit
in Goa zuzubringen.

Inzwischen aber sammelte der Fürst des Landes ein größeres Heer und
rückte zum Entsatz heran. Die Portugiesen konnten die unbefestigte
Stadt nicht behaupten, und zogen sich auf die Schiffe zurück; aber
gedeckt durch die Kanonen der Citadelle blieb die Flotte noch im Hafen
liegen.

Gegen Ende Mai trafen die Indier Vorkehrungen, dem Feinde den Rückzug
abzuschneiden, sie versenkten Schiffe in dem unteren Theile des Canals,
der zur See führte, und ließen brennende Flöße den Fluß hinabtreiben,
um die portugiesischen Fahrzeuge in Brand zu setzen. Bei dieser
drohender werdenden Gefahr mußte sich Albuquerque entschließen,
vorläufig das Errungene wieder aufzugeben. Aber auch der Rückzug war
mit bedeutenden Schwierigkeiten verknüpft. Einzeln mußten seine Schiffe
zwischen den versenkten Fahrzeugen hindurch geführt werden und waren
dabei unausgesetzt dem Feuer der Feinde preisgegeben, welche an beiden
Seiten Schanzen aufgeworfen hatten. Diese mußten also erst erstürmt
werden, um das Feuer der Gegner zum Schweigen zu bringen. Und selbst
als dieses gelungen war, hemmte noch das seichte Wasser über der Barre
das Auslaufen der Flotte in die See eine längere Zeit. Von allen
Hilfsmitteln des Landes abgeschnitten, trat Mangel an Lebensmitteln
und Wasser ein, der Mann bekam täglich nur noch vier Unzen Zwieback,
und auf einigen Schiffen sah man sich sogar gezwungen, Jagd auf Ratten
zu machen. Jeder Tropfen Wasser mußte mit Blut erkauft werden. Antonio
de Noronha wurde durch einen Pfeilschuß verwundet und starb am dritten
Tage, ein herber Verlust für Albuquerque, welcher seinen heldenmüthigen
Verwandten sehr hoch schätzte. Zwar verrichteten noch manche Wunder
der Tapferkeit und gewannen dadurch die Bewunderung ihrer Feinde; aber
bei vielen griff Mißmuth und Verzagtheit dergestalt um sich, daß sie
in ihrer Verzweiflung und von Durst und Hunger gequält, desertirten.
Albuquerque bewies auch in dieser Noth seine Seelenstärke, feuerte
seine Schaar durch Trostesworte immer von neuem an und theilte mit
ihnen alle Entbehrungen und Gefahren. Erst im August gelang es ihm,
über die Barre hinwegzukommen und die See zu gewinnen. Es war die
zweite Niederlage, die er erlitten; aber sein Muth war nicht gebrochen
und seine Absichten auf Goa behielt er im Auge. Vorläufig allerdings
mußte er seinen Truppen Ruhe gönnen und wandte sich daher mit seiner
Flotte südwärts zu dem befreundeten Hafen nach Kananor. Auf dem Wege
dahin stießen vier Schiffe des Diogo Mendes de Vascogoncellos zu ihm,
die von Portugal aus den Auftrag erhalten hatten, einen Streifzug
nach dem berühmten Markte von Malaka zu unternehmen, weil man damals
im Mutterlande noch nicht erfahren hatte, daß, wie wir später sehen
werden, Lopez de Sequeira bereits jener Handelsstadt einen Besuch
abgestattet hatte. In Kananor stieß dann noch ein zweites Geschwader
zu ihm, welches unter der Führung des Capitän Gonçalo de Sequeira
mit sieben Handelsschiffen und frischen Truppen im März von Lissabon
ausgelaufen, aber ein Schiff an der afrikanischen Küste verloren hatte.

Dieser Zuwachs an Macht bestärkte den Generalcapitän, einen neuen
Angriff auf Goa zu machen. Vascogoncellos erklärte sich bereit, an
diesem Zuge theilzunehmen, da der ihm gewordene Auftrag bereits
erledigt sei. Gonçalo de Sequeira dagegen glaubte die Theilnahme
ablehnen zu müssen, weil einerseits die meisten Schiffe Privatrhedern
gehörten, welche nur, um Handel zu treiben, gekommen wären, und
anderseits ihre nächste Hilfe dem Fürsten von Kotschin gehöre, welcher
von einem Nebenbuhler, den der Samudrin mit Truppen unterstützte,
hart bedrängt werde. Um diesen zweiten Grund sofort zu erledigen, ging
Albuquerque mit einigen Schiffen und Mannschaften nach Kotschin und
stellte die Ruhe und gesetzmäßige Regierung in kurzer Frist wieder
her. Dann berief er in dieselbe Stadt einen Kriegsrath sämmtlicher
Hauptleute, um sie für seinen Plan zu gewinnen.

Dieser Rath trat am 12. October 1510 zusammen. Der Generalcapitän legte
der Versammlung die Frage vor, ob sie nicht seinem Plane zustimmen
wolle, während die Handelsschiffe in Kotschin ihre Gewürzfrucht
einnähmen, alle verfügbare Mannschaft mit seinen Truppen zu vereinigen,
um Goa von neuem zu erobern.

Diese Berathung ist in der späteren Zeit von außerordentlichen Folgen
gewesen. Hier war es, wo +Fernão de Magalhães+ sich entschieden für
die Ansicht Sequeira’s aussprach und Albuquerque dadurch auf das
empfindlichste verletzte: +Vor+ dem 8. November werde man bei den
augenblicklich herrschenden Gegenwinden schwerlich mit der Flotte vor
Goa erscheinen können (-- Albuquerque kam in der That erst am 24.
November dahin --); dann werde aber die Rückfahrt der Handelsschiffe
dermaßen verzögert, daß man entweder der am Kriegszuge betheiligten
Mannschaft später keine Zeit lassen könne, ihre eigenen Angelegenheiten
zu betreiben, um sich zur beschleunigten Abreise einzurichten, oder es
werde der günstige Monsun verpaßt.

Albuquerque erklärte dagegen aufs bestimmteste, er werde den nächsten
Tag aufbrechen, er werde auch niemanden gegen seinen Wunsch zwingen
mitzugehen, aber er wünsche deshalb diesen Zug so bald als möglich zu
unternehmen, um mit der demnächst abzufertigenden Handelsflotte seinem
Könige eine erfreuliche Botschaft aus Indien übersenden zu können.

So blieben die +Ansichten+ getheilt und der Generalcapitän gewann nur
einen Theil der Stimmen für sich. Der Widerspruch Magalhães legte
den Grund zu dem ungünstigen Urtheile, welches Albuquerque in einem
Berichte an den König über jenen fällte, und welches wohl die Ursache
war -- denn wir kennen keine andere -- daß Manuel späterhin, als
Magalhães um eine bescheidene Erhöhung seiner wohlverdienten Pension
nachsuchte, die Gewährung dieser Bitte verweigerte, wodurch der
Bittsteller sich so sehr verletzt und zurückgesetzt fühlte, daß er
seinem Vaterlande den Rücken kehrte und auf spanischen Schiffen seine
berühmte, ja die berühmteste aller Weltreisen unternahm. Magalhães
scheint bald nach dem Conflicte mit Albuquerque Indien verlassen zu
haben, denn hier sah er von da an sich aller Gelegenheit beraubt,
Aufzeichnung und Ruhm zu gewinnen.

Die portugiesische Flotte, 23 Segel stark, erschien mit 1600 Mann
Soldaten am 20. November vor Goa. Gaspar de Paiva hatte, mit drei
Schiffen vorausgesandt, schon einige Zeit vor dem Hafen gekreuzt und
kein Schiff weder hinein, noch heraus gelassen. In der Stadt war man
auf einen heißen Kampf gefaßt. Ohne Zeitverlust ging Albuquerque zum
Angriff über, schon am 25. November wurde die Citadelle erstürmt und
die Insel besetzt; aber gewarnt durch die schlimme Erfahrung von
Kalikut duldete er nicht, daß die Soldaten sich zerstreuten. Dann wurde
auch die Stadt selbst von zwei Seiten angegriffen und erobert. Viele
Einwohner verließen die Stadt, aber bei ihrer hastigen Flucht sollen in
den seichten Durchgängen der Canäle mehrere Tausende umgekommen sein.
Alles was mohammedanisch war, wurde in dem eroberten Platze ohne Gnade
niedergemacht: Männer, Weiber und Kinder. Eine Moschee, mit Gefangenen
angefüllt, wurde den Flammen übergeben, so daß alle in dem Gotteshause
Befindlichen ihren Tod fanden.

Dann ließ Albuquerque ein starkes steinernes Kastell erbauen und
gab ihm, dem König zu Ehren, den Namen Manuel. Im Vertrauen auf die
dadurch gebotene Sicherheit ließen sich bald, neben den befreundeten
Indiern, welche nach dem Sturm zurückkehrten, auch Portugiesen dauernd
an diesem Platze nieder, welcher von den Siegern zum Mittelpunkte der
portugiesischen Macht in Indien erhoben wurde.

Der Fall Goa’s machte auf die Fürsten der Nachbarschaft einen
bedeutenden Eindruck, weshalb sie sich beeilten, die Freundschaft der
neuen Herren zu gewinnen. Der König von Kambaya gab den Neffen des
Generalcapitäns Affonso de Noronha, der sich in seiner Gefangenschaft
befand, nicht nur ohne Bedingung los, sondern erklärte sich auch
bereit, den Bau einer Festung in Diu zu gestatten. Es erschienen
Gesandtschaften von Gudjerat, von Kalikut, selbst aus dem Binnenlande
von Bisnaga, alle bezeugten ihre Friedensliebe und wünschten bezüglich
eines friedlichen Handelsverkehrs in Unterhandlung zu treten. Da indeß
der Samudrin den geforderten Bau einer portugiesischen Citadelle nicht
zugeben wollte, so zerschlug sich mit diesem Fürsten die Verhandlung.
Emir Hussein, welcher damals in Kambaya sich befand, kehrte nach Kairo
zurück, da er alle Hoffnung aufgegeben hatte, in Indien noch wieder zum
Siege zu gelangen, und der Sultan von Aegypten ließ gleichfalls mit dem
weiteren Bau einer Flotte innehalten.

So war die Wirkung der Eroberung Goa’s nach allen Seiten eine
tiefgehende. Goa hatte nicht blos eine dauernde Besatzung von 400 Mann
in der Burg, sondern wurde eine portugiesische Stadt, sie war Eigenthum
ihres Königs, und die Fürsten Indiens mußten diesen staatlichen Besitz
anerkennen. Und daß die Portugiesen die neuen Verhältnisse in Goa in
ähnlicher Weise auffaßten, beweist die Thatsache, daß bald darauf eine
Münzstätte in der Stadt errichtet wurde, wo nicht blos neues Geld
geprägt, sondern auch alles indische Geld, wenn es allgemein gültig
sein sollte im Verkehr, mit einem portugiesischen Stempel versehen
wurde. Aber der portugiesische Feldherr war nicht gewillt, von Goa
aus die friedliche Entwicklung seiner Macht zu leiten. Seine Blicke
schweiften bereits über Vorder-Indien hinaus nach Malaka, welches als
bedeutendster Gewürzmarkt Hinter-Indiens galt, und ohne dessen Besitz
die Portugiesen nie das Monopol erwarben; denn von Malaka aus gingen
die Handelsschiffe direct, mit Umgehung Vorder-Indiens, nach dem rothen
Meere. Sollte also Goa gehoben und zum Mittelpunkte des Verkehrs in
Vorder-Indien gemacht werden, dann konnte dies nur erreicht werden,
wenn Malaka gleichfalls in portugiesischen Besitz übergegangen war.

Diogo Lopez de Sequeira war der erste gewesen, der jenen fernen
Handelsplatz erreicht hatte. Er war 1508 von Portugal mit vier Schiffen
abgegangen, hatte unterwegs Madagascar besucht und langte im Frühjahr
1509 in Kotschin an. Der Vicekönig Almeida gab ihm noch ein fünftes
Schiff, auf welchem Francisco Serrão, dessen abenteuerliche Reise nach
den Molukken uns später beschäftigen wird, und Fernão de Magelhães
dienten. Am 8. September desselben Jahres war Sequeira wieder von
Kotschin aufgebrochen, war an Ceylon und den Nikobaren vorüber nach
Nordsumatra gesteuert, wo er die Landschaft Pedir besuchte, denn
Sumatra lieferte schon damals am meisten Pfeffer, und war endlich
glücklich in Malaka angelaufen. Die Mauren gaben sich auch hier sofort
alle erdenkliche Mühe, die Ankömmlinge zu verdächtigen, trotzdem wurden
die Portugiesen wohlwollend aufgenommen, wenn auch der Sultan Mahmud
durch seine Grausamkeit berüchtigt war und nicht blos seinen Bruder,
sondern sogar seine Gemahlin hatte hinrichten lassen.

Die Chinesen kamen den Portugiesen zuerst in freundlicher Weise
entgegen. Es war das erstemal, daß man mit den Söhnen aus dem Reiche
der Mitte zusammentraf. Die weiße Hautfarbe dieser Leute aus dem
Osten, ihre unbefangene Art, sorglos zu den fremden Schiffen wie zu
den asiatischen heranzurudern und den Kleinhandel zu eröffnen, selbst
manche ihrer Sitten und ihre Tracht wollte mehr ans Abendland, als
an den fernsten Osten gemahnen. Man darf nicht vergessen, daß die
Chinesen damals noch keinen Zopf trugen. Damian de Goes (a. a. O.
S. 300) fand eine Aehnlichkeit mit vlaamischen oder niederdeutschen
Gewohnheiten, und ähnlich äußert sich auch Barros.[107] Man fand bei
ihnen nicht den hemmenden Kastengeist, denn sie scheuten sich ja auch
nicht, mit den Portugiesen aus +einer+ Schüssel zu essen. So war es
natürlich, daß Europäer und Chinesen, beide in der Stadt Fremdlinge,
sich einander freundschaftlich näherten, und daß diese ihren neuen
Geschäftsfreunden die Warnung zukommen ließen, den Malayen nicht zu
sehr zu trauen. Darum ging auch der portugiesische Capitän nicht
selbst zur Audienz, sondern entsendete den Jeronimo Texeira, welcher
indeß eine gute Aufnahme fand und vom Sultan ein Lagerhaus angewiesen
erhielt, um von da aus den Handel mit den einheimischen Kaufleuten zu
eröffnen. Die Portugiesen gingen dann ungehindert in der Stadt umher,
waren aber leider unbedachtsam genug, sich auch nach der Kriegsflotte
des Sultans umzusehen, was die Mohammedaner, und unter ihnen namentlich
der abgefeimte Schatzmeister, sofort zu ihrem Vortheile ausbeuteten,
um die Fremden als Spione zu verdächtigen. Mit Einverständniß des
Sultans wurde ein Plan entworfen, die Portugiesen zu vernichten.
Zuerst hoffte man den Anführer und einige der vornehmeren Offiziere
bei einem Gastmahl überfallen und ermorden zu können, aber Sequeira
lehnte die Einladung ab und entschuldigte sich mit Krankheit. Dann
wollte man die portugiesische Mannschaft in der Stadt, an verschiedenen
Orten, wohin man sie gelockt, um ihnen Lebensmittel zu verkaufen,
einzeln überfallen, inzwischen aber auch eine Anzahl von kleineren
Schiffen bereithalten, um das Geschwader der Fremden anzugreifen,
wenn es von Mannschaft halb entblößt sei. Glücklicherweise gelang der
Verrath nur zum Theil. Die Wache auf den Schiffen machte, als sie die
Unruhe in der Stadt gewahrte, rechtzeitig Lärm, sodaß die Mannschaft
an Bord augenblicklich zur Vertheidigung bereit war. Aber etwa 30
Portugiesen, die sich am Hafen und in der Stadt befanden, wurden theils
getödtet, theils gefangen. Francisco Serrão, welcher sich in der Nähe
des Landungsplatzes aufhielt, konnte sich nur mit einigen Matrosen
retten, die übrigen mußte man vorläufig ihrem Schicksale überlassen,
denn Sequeira fühlte sich keineswegs stark genug, die volkreiche
Stadt anzugreifen; er begnügte sich damit, einige feindliche Schiffe
in den Grund zu bohren und kehrte dann nach Vorder-Indien zurück.
Als das Gerücht von der zweiten Eroberung Goa’s auch bis nach Malaka
gedrungen war, ließ der Hafenmeister (Schahbender) den neunzehn noch
am Leben befindlichen gefangenen Portugiesen eine bessere Behandlung
zutheilwerden; ihre Freiheit erhielten sie aber erst wieder, nachdem
Albuquerque die Stadt erobert hatte.

An seinen Plan, gegen Malaka zu ziehen, wurde der Generalcapitän bald
nach der Besitzergreifung von Goa in unangenehmer Weise erinnert,
als der Capitän Mendes de Vascogoncellos, dessen kleines Geschwader
ursprünglich nach Malaka bestimmt war, von dem Oberfeldherrn sich
Urlaub erbat, um seinen Auftrag auszurichten. Albuquerque zögerte
mit der Abfertigung, weil er entweder der Ueberzeugung war, daß ein
so kleines Geschwader nicht die genügende Sicherheit auf Erfolg
biete, oder weil er selbst erst noch mehr Mittel aufbieten wollte.
Vascogoncellos wollte daher heimlich entweichen, ging bei Nacht mit
seinen Schiffen über die Barre von Goa in See, wurde aber von einigen
nachgesandten Böten eingeholt und sah sich genöthigt, dem strengen
Befehl Albuquerque’s, zurückzukehren, Folge zu leisten. Er selbst blieb
längere Zeit in Goa in Gefangenschaft, ein Steuermann aber und der
Lotse wurden zur Strafe für diese Flucht an der Rae aufgeknüpft.

Der Generalcapitän wäre am liebsten selbst nach Malaka sofort
aufgebrochen; allein dem stand ein Befehl Don Manuels entgegen, einen
Zug nach dem rothen Meere zu unternehmen, um diesen Handelsweg endlich
für die Mohammedaner zu schließen. Er lief auch wirklich mit 23
Schiffen aus, sah sich aber durch widrigen Monsun zuerst aufgehalten
und dann ganz an die Küste zurückgetrieben, so daß er wieder in Goa
einlaufen mußte. Derselbe Monsun aber, welcher die Fahrt nach NW. nicht
gestattete, begünstigte eine Expedition nach SO. und so entschloß
sich Albuquerque kurzer Hand mit der schlagfertigen Flotte vor Malaka
zu ziehen und sie für ihren Verrath an Sequeira zu strafen. Es war
noch im Frühjahr 1511, als die Flotte von neunzehn Segeln, mit 800
Portugiesen und 600 indischen Hilfstruppen von Kotschin nach Malaka
abging. Den Feldherrn begleiteten Antonio d’Abreu und Francisco Serrão,
die späteren Entdecker der Molukken und Fernão Peres d’Andrade, einer
der ersten Chinafahrer.

Das Gebiet von Malaka war ursprünglich von Siam abhängig gewesen; die
in früherer Zeit berühmte Hafenstadt Singapur war aber hinter Malaka
zurückgetreten, seitdem sich im 15. Jahrhundert der Islam in diesem
Gebiete verbreitet hatte, denn in Malaka herrschte der Glaube Mohammeds
vor. Aber die ehemaligen Statthalter hatten sich seit fast 100 Jahren
zu selbstständigen Herren aufgeworfen. Durch geschickte Begünstigung
und Ausbeutung des Handels zu großem Reichthum gelangt, verwandte
Mahmud seine bedeutenden Mittel auf die Gründung einer Kriegsflotte,
welche ihm den Besitz des Hafens und die Herrschaft über die See
sichern mußte. Nun dehnten sich die Handelsbeziehungen noch weiter aus,
denn die Hauptnationen waren in freier Weise durch Berufsbeamte im
Handel gedeckt. Diese Schahbender (Hafenmeister) vertraten China, Java,
Kambaya und Bengalen. Die Handelsverbindungen reichten bis nach Japan,
und der Platz wurde von allen umwohnenden Völkern besucht, nur nicht
von den Siamesen, die sich immer noch mit dem Sultan auf Kriegsfuß
befanden und ihren frühern Verlust nicht verschmerzen konnten. Das
Königreich Malaka erstreckte sich etwa 100 Meilen an der Küste hin,
reichte aber nirgends über 10 Meilen weit ins Binnenland.

Die Stadt liegt sehr günstig an der Grenze verschiedener Monsune,
denn in den chinesischen Gewässern herrschen andere Winde als im
bengalischen Meere, daher sich hier ein natürlicher Sammelplatz für
Araber, Inder und Chinesen bot. Die Häuser des Handelsplatzes dehnten
sich eine Meile am Wasser hin, -- es ist der Canal, welcher die
hinter-indische Halbinsel von Sumatra scheidet. Ein Fluß trennte die
Häusermenge in zwei Theile, aber eine Brücke verband wiederum beide
Hälften. Albuquerque, welcher denselben Weg eingeschlagen hatte wie
Sequeira, langte am 1. Juli vor Malaka an, bereits in Pedir auf Sumatra
waren acht Portugiesen, die noch in Malaka gefangen gewesen waren und
die Flucht ergriffen hatten, zu ihm aufs Schiff gekommen. Von ihnen
erfuhr er auch, daß der Hauptanstifter des Verrathes, der javanische
Hafenmeister, eine Intrigue gegen den Fürsten angesponnen und seine
Verschwörung mit dem Leben bezahlt hatte; er erfuhr ferner, daß Sultan
Mahmud 8000 Geschütze besitze, um die lange, dem Meere zugekehrte Seite
kräftig vertheidigen zu können, daß er 30,000 Mann Soldaten und selbst
Kriegselephanten zu seiner Verfügung habe. Albuquerque ließ sich durch
die großen Zahlen nicht schrecken, sondern forderte ohne Umschweife
die Auslieferung der noch zurückbehaltenen Gefangenen. Eine sofortige
Erledigung würde im Orient als Feigheit angesehen sein; der Sultan
weigerte sich also, ohne weiteres darauf einzugehen. Als Antwort darauf
ließ der portugiesische Admiral die Häuser am Strande und die Schiffe
im Hafen in Brand stecken. Dann gab man die Gefangenen frei und unter
ihnen auch den Handelsfactor Ruy d’Araujo, einen Freund Albuquerque’s.

Man war in der Stadt zu einem friedlichen Abkommen geneigt, aber
die allzuhohen Forderungen der Portugiesen trieben zum Widerstande.
Albuquerque verlangte nicht blos Schadenersatz für Sequeira, sondern
auch noch 300,000 Cruzados Kriegskosten und überdies die Einwilligung
in den Bau eines Kastelles.

Im Rathe des Fürsten von Malaka, des alten Mohammed, waren, als diese
Forderungen bekannt wurden, die Meinungen getheilt. Diejenigen,
welche besonders den Handel nicht geschädigt sehen wollten, empfahlen
Frieden und Geldzahlung, die andern, welche fürchteten, durch
Zugeständnisse das Ansehen des Fürsten zu erniedrigen, forderten
bewaffneten Widerstand. Mahmud überließ die Leitung seinem Sohne,
und dieser hoffte, gestützt auf eine Heeresmacht von 30,000 Mann,
auf das zahlreiche Geschütz und seine Kriegselephanten, den Angriff
abschlagen zu können. Aber auf die fremden Kaufleute in der Stadt war
kein Verlaß, selbst der javanischen Truppen war man nicht ganz sicher.
Es war vorauszusehen, daß der feindliche Admiral, sobald er die Lage
der Stadt und ihre Gruppirung richtig erkannt habe, seine Angriffe auf
den gefährlichsten Punkt, auf die Brücke richten werde, welche die
beiden Stadttheile mit einander verbindet. Denn wer sich der Brücke
bemeisterte, war leicht auch Herr in der Stadt. Diese Verbindungsbrücke
wurde darum verschanzt und stark mit Kanonen besetzt; aber trotzdem
richtete, nach dem Rathe des Ruy d’Araujo, welcher bei seinem
längeren unfreiwilligen Aufenthalt die Wichtigkeit dieses Punktes
erkannt hatte, Albuquerque grade hieher seine ersten Angriffe. In der
Morgendämmerung des St. Jacobstages, 25. Juli, gingen die Portugiesen
in zwei Abtheilungen gegen die Stadt vor. Albuquerque mit seiner Schaar
stieg in der Nähe der Brücke ans Land, João de Lima mit der zweiten
Truppe weiter östlich bei einer steinernen Moschee, welche nicht fern
vom fürstlichen Palaste lag. Wenn ihm der Angriff gelänge, sollte er
sich auch gegen die Brücke wenden. An beiden Orten ward mit großer
Hartnäckigkeit gekämpft. Die Malayen bewiesen sich tapfer, schossen
vergiftete Pfeile und brauchten im Nahkampf den Kries. Sie fochten in
einzelnen Haufen unter Anführung eines Hauptmannes. Albuquerque stürmte
die Brücke und trieb die Malayen mit gefällten Lanzen nach der Vorstadt
zu. João de Lima hatte einen schweren Stand und konnte nicht so rasch
vordringen, er sah sich sogar genöthigt, persönlich am Kampfe gegen die
Kriegselephanten theilzunehmen, welche dann auch, durch Lanzenstiche
verwundet, auf die eigenen Truppen zurückgetrieben wurden. Dann erst
erreichte er die Brücke und vereinigte sich mit dem Oberfeldherrn. Von
den Dächern der nächsten Häuser wurde aber der Kampf noch fortgesetzt,
bis man die umliegenden Gebäude in Brand gesteckt hatte und so die
Feinde vertrieb. Allein von der Waffenarbeit erschöpft und fortwährend,
bei dem Versuch, die Brücke durch Vertheidigungswerke zu sichern,
durch erneute Angriffe der Malayen beunruhigt, sah Albuquerque bald
die Unmöglichkeit, diesen wichtigen Platz auf die Dauer zu behaupten.
Er gab also den Befehl zum Rückzug und zog sich auf die Flotte zurück.
Einige seiner Hauptleute meinten nun zwar, nachdem der Sultan für
die erste Verrätherei genügend gestraft sei, solle man mit günstigen
Fahrwinden nach Vorder-Indien zurückkehren, denn an eine dauernde
Besetzung dieses entfernten Platzes sei doch wohl nicht zu denken;
allein sie wurden von der Mehrzahl überstimmt, welche sich für eine
Fortsetzung des Kampfes entschied.

Während der Vorbereitungen zum zweiten Angriffe hatte Mahmud allerorten
neue Verschanzungen aufwerfen und mit Kanonen besetzen lassen, in den
Straßen waren Minen und Fußangeln gelegt, um die Feinde bei ihrem
Einbruche in die Stadt aufzuhalten oder zu vernichten. Am 10. August
griff Albuquerque die Brücke zum zweitenmale an und obwohl man dieselbe
hartnäckig vertheidigte, wurde sie doch endlich erobert und die
malayischen Truppen gegen die steinerne Moschee hin vertrieben, wo sich
in Gegenwart des Sultans das letzte verzweifelte Handgemenge entspann.
Das Quartier der Kaufleute, darunter zuerst die Peguaner, begab sich
alsbald unter den Schutz des Eroberers, aber die östliche, höher
gelegene Stadt wurde nur langsam von den Malayen geräumt. Neun Tage
dauerte der kleine Kampf in den Straßen noch fort, bis diese endlich
von den eingeborenen Truppen aufgegeben wurden. Den Mauren wurde kein
Pardon gegeben, denn die Mohammedaner waren auch hier die erbittertsten
Gegner gewesen. Als Lohn für ihre Arbeit gestattete Albuquerque seinen
Leuten, die Stadt drei Tage lang zu plündern. Dreitausend Kanonen
fielen dem Sieger in die Hände. Zum Bau einer steinernen Burg wurden
die Steine der im Kampf theilweise zerstörten Moschee verwendet, und
weiteres Baumaterial aus den in der Nähe gelegenen alten Fürstengräbern
genommen. In der Burg erhob sich ein fünf Stockwerke hoher, mit Blei
gedeckter Thurm. Albuquerque gab ihr den Namen Famosa. Auch eine
Kirche wurde errichtet und das Dach dazu von einem königlichen Grabmal
genommen.

Um den Handel wieder zu beleben und das Vertrauen in die neuen
Verhältnisse zu wecken, wurden eingeborene Schahbender (Hafenmeister)
ernannt, welche die handeltreibenden Nationen zu vertreten hatten.
Um den Marktverkehr zu ordnen, ließ Albuquerque goldene und silberne
Münzen prägen, denn unter den früheren Herrschern hatte es nur
zinnerne Münzen gegeben. Die großen Silbermünzen hießen Malaquezes,
die Goldmünzen, zu 1000 Realen, Catholicos. Durch diese zweckmäßigen
Einrichtungen wurde der Handel bald wieder gehoben, und fremde
Handelsschiffe liefen wieder in den Hafen ein.

Mit den großen Staaten Ostasiens suchte Albuquerque in friedliche,
freundschaftliche Beziehungen zu treten. Durch die Vertreibung des
mohammedanischen Herrschers war er nur an die Stelle eines fremden
Eindringlings getreten, welcher sich die Freundschaft der fürstlichen
Nachbaren nicht erworben hatte; er hoffte also mit Recht, nicht als
Feind der eingeborenen Dynastien betrachtet zu werden. Nach allen
Seiten wurden Botschafter abgeordnet. Auf einer chinesischen Dschunke,
welche nach Siam ging, segelte Duarte Fernandez, welcher mit Ruy
Araujo gefangen gewesen war und in Malaka malayisch gelernt hatte,
mit nach Siam. Er war der erste Portugiese, welcher diesen mächtigen
hinter-indischen Staat betrat. Er sollte dem Könige von Siam die
Eroberung von Malaka melden und zugleich die officielle Erklärung
abgeben, daß die Kaufleute des Landes sich des besonderen Schutzes der
Portugiesen erfreuen sollten und in Malaka’s Hafen willkommen sein
würden. Fernandez wurde am siamesischen Fürstenhofe zu Ajuthia[108]
wohlwollend aufgenommen, man zeigte ihm unter anderen Merkwürdigkeiten
auch einen weißen Elephanten. Dann wurde er mit einem siamesischen
Gesandten wieder zurückgeschickt, welcher außer Briefen an den König
Manuel als Geschenke eine Krone, ein Schwert von Gold und einen
kostbaren Rubinring überreichen sollte.

Zur Erwiderung gingen mit demselben Gesandten reiche Geschenke wieder
an den König von Siam zurück. Die Ueberbringer derselben, Antonio de
Miranda d’Azevedo und Duarte Coelho, reisten zu Lande über Tenasserim
nach Siam. Eine andere Gesandtschaft ging unter Ruy da Cunha nach
Pegu, um auch mit diesem Reiche einen Vertrag zu schließen. Malayische
Fürsten von Sumatra und Java beeilten sich ihre freundschaftliche
Gesinnung für die Portugiesen ebenfalls durch Geschenke zu bethätigen.
Nur mit Arakan, dessen Hafenstadt von João da Silveira angegriffen
war, und mit dem Königreiche Atschin in Nord-Sumatra blieb man auf
feindlichem Fuße. Das letztere Reich, in nächster Nachbarschaft von
Malaka gelegen, unterstützte in der Folgezeit mehrfach die immer
wiederholten Angriffe der vertriebenen Mauren auf die Stadt und suchte
Jahrzehnte lang den Handel zu beeinträchtigen.

Da die Chinesen schon bei dem ersten Besuche Sequeira’s in Malaka sich
durchaus freundlichgesinnt bewiesen, so suchte Albuquerque auch mit
China freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen. Doch unterblieb die
Absendung einer Gesandtschaft noch in den nächsten Jahren. Dagegen
ist gewiß, daß bereits 1515 das Reich der Mitte von portugiesischen
Handelsschiffen aufgesucht wurde, welche zwar ihre Waaren absetzen
durften, aber für ihre Mannschaft nicht die Erlaubniß erhielten, das
Land zu betreten.

Der Eindruck, den die Kunde von der Eroberung Malaka’s in Europa
machte, war ein außerordentlicher. Derselbe wurde noch gesteigert
durch eine pomphafte Gesandtschaft, welche König Manuel 1513 unter
Tristão da Cunha mit großem Gefolge an den Papst Leo X. entsendete.
Außer reichen mit Gold und Edelsteinen geschmückten kirchlichen Ornaten
und schweren goldenen Gefäßen wurde bei dem prächtigen Einzuge der
Gesandtschaft in Rom, am 12. März 1514, dem erstaunten Volke auch die
gewaltige Thierwelt Indiens in Gestalt eines riesigen Elephanten, den
man seit dem Alterthum in Italien nicht mehr gesehen hatte, eines
Jagdleoparden, der auf einem reich aufgezäumten persischen Rosse saß
-- es war ein Geschenk des Königs von Ormuz -- vorgeführt. Ein Herold
mit den portugiesischen Abzeichen schritt in dem festlichen Zuge, der
eine Huldigung des Orients vor dem Haupte der Christenheit vorstellen
sollte, dem Gesandten voraus. Die Menschenmenge, welche um dieses
Schauspiel zu sehen, herbeigeströmt war, hatte Kopf an Kopf alle
Straßen dermaßen besetzt, daß der Zug kaum hindurchdringen konnte.

Als derselbe endlich die Engelsburg erreicht, wurde mit allen Kanonen
geschossen, daß der Donner der Geschütze und dichter Pulverdampf
weithin über die Stadt rollten. Dann erschien der Papst an einem
Fenster und nahm den Zug in Augenschein. Der riesige Elephant mußte
vor Seiner Heiligkeit dreimal die Knie beugen, zu nicht geringer
Verwunderung der Zuschauer.[109] Am folgenden Tage wurden die Geschenke
in feierlicher Audienz überreicht durch den portugiesischen Abgesandten
Diogo Pacheco, welcher bei dieser Gelegenheit eine glänzende Rede über
die Waffenthaten seiner Landsleute in Indien hielt und dabei einen
Brief seines Königs überreichte, in welchem gleichfalls die Siege
Albuquerque’s verherrlicht waren. Nach der deutschen Uebersetzung (Die
New Welt der Landschafften u. s. w. Straßburg 1534. Fol. 57) lautet der
Anfang dieses Briefes folgendermaßen:

Ein sendbrieff des mechtigsten vnd vnuberwintlichsten Emanuels des
Königs jnn Portugal, vnd Algarbien von den sygen, die er gehabt hat jnn
India vnd Malacha, zu dem Heyligsten jnn Gott vatter, vnd vnserm Herrn,
Herrn Leoni dem zehenden des namens Babst zu Rom.

„Wie vast wir vns mit Gott dem Herrn vnd dir frewen sollen,
Allerheyligster vatter das erscheynet aus der bottschaft, die
vnser Indische schiffrüstung bracht hat. Dweyl vnder dir Römischem
Bischoff, und presidenten der Römischen vnd Christlichen Kirchen so
wunderbarliche Ding, zu lob vnd eher dem Allmechtigen nach wunsch
ergangen seind, das man dir billich zum lob und eher rechnet. Darumb
hat vns fur billich angesehen, was in India sich verloffen hat, mit
der Hilff Gots, vnd vnsern waffen zu deiner Heyligkeyt als zu eym
Haupt der gmeynen Christenheyt vnd richtschyt aller Christlichen
Religion kurtz vnd summarien weys zubeschreyben, das alle Ding nach
jhrem werd geschetzt werden, vnd Gott dem Herren darumb gedanckt. Auch
dz wir hoffen mögen tägliche merung deines lobs sambt zunemung des
Christlichen glaubens vnd leren.“

Es wurden also auch die indischen Siege als Glaubenssiege aufgefaßt;
aber der Schauplatz dieser Kreuzzüge lag viel weiter im Osten, „am
güldenen Chersoneso, in den auswendigsten Morgenländern“, wo durch die
portugiesischen Waffen auch das Christenthum verbreitet werden sollte.
Albuquerque’s Verdienst wurde mit höchster Anerkennung gepriesen.
Der Generalcapitän Indiens stand damals auf der Höhe seines Ruhmes.
In Asien und Afrika erscholl sein Name mit Schrecken, in Europa mit
Bewunderung.

Noch von Malaka aus wurden drei Schiffe am Schluß des Jahres 1511
abgesendet, um das letzte Ziel der Portugiesen, die +Gewürzinseln
oder Molukken aufzusuchen+. Das kleine Geschwader stand unter der
Führung des +Antonio d’Abreu+. Derselbe hatte sich beim zweiten Sturm
auf Malaka ausgezeichnet, war dabei durch einen Schuß in die Backe,
welcher ihm mehrere Zähne und einen Theil der Zunge nahm, verwundet,
hatte aber trotzdem nach Anlegung eines Verbandes sich am Kampfe wieder
betheiligt. Wie diese erste Kundschaft nach den Molukken verlief,
werden wir später im Zusammenhange mit den folgenden Vorfällen auf den
Gewürzinseln zu schildern haben.

Die Angelegenheiten zu Malaka ordnete Albuquerque der Art, daß er
Ruy d’Araujo zum Richter und Factor (~alcaide mór e feitor~), Ruy de
Brito Patalim zum Commandanten der Festung einsetzte. Die Besatzung
belief sich auf 300 Mann, ebenso stark war die Mannschaft auf der
dort stationirten Flotte von zehn Segeln, welche unter dem Befehle
des Fernão Peres d’Andrade zurückblieb. Diese beträchtliche Macht war
erforderlich, um Malaka gegen Angriffe von der Land- und Seeseite
vertheidigen zu können. Und solche Angriffe waren um so mehr zu
erwarten, als die Macht des früheren Herrschers keineswegs gebrochen
war; denn Mahmud hatte sich auf Bintang, südöstlich von der alten
Residenz Singapur, und sein Sohn Alaeddin in Dschohor festgesetzt, so
daß sie von da aus die Straße nach den Gewürzinseln und nach China
nicht nur beherrschten, sondern die Portugiesen in Malaka beständig
beunruhigen konnten.

Im Januar 1512 ging Albuquerque mit drei Schiffen nach Indien zurück.
Auch nahm er eine Anzahl (gegen 60) javanischer Zimmerleute sammt
ihren Familien mit, welche ihm beim Schiffbau dienlich sein sollten.
An der gefährlichen Küste von Sumatra ging Albuquerque’s Schiff, Flor
de la mar, auf einer Sandbank zu Grunde. Er selbst verlor alle Beute
und Siegeszeichen in diesem Schiffbruche sammt den Manuscripten, in
denen er seine Thaten aufgezeichnet hatte. Die Mannschaft rettete sich
zwar auf das folgende portugiesische Schiff, aber die malayischen
Zimmerleute benutzten die Gelegenheit zu einer Meuterei, bemächtigten
sich des Fahrzeuges, auf dem sie segelten, mit Gewalt und gingen an der
Küste von Sumatra ans Land. Albuquerque selbst erreichte in den ersten
Tagen des Februar den Hafen von Kotschin.

In Goa waren unterdessen, während der Abwesenheit des
Oberbefehlshabers, die Portugiesen belagert worden und arg bedrängt.
Die verhältnißmäßig kleine Besatzung von 450 Portugiesen und 1250
indischen Hilfstruppen wurde fortwährend beunruhigt und durch kleine
Gefechte ermüdet. Sie verlor sogar zwei ihrer besten Hauptleute und
sah sich genöthigt, den noch gefangen gehaltenen Diogo Mendes de
Vascogoncellos seiner Bande zu entledigen und an die Spitze zu stellen.
Die Feinde hatten der Stadt gegenüber eine starke Burg in Benestarim
errichtet und drohten von da aus, die Fremdlinge zu vertreiben. Zum
Glück kamen im Sommer 1512 nacheinander mehrere Schiffe mit Mannschaft
und Lebensmitteln zu Hilfe, und als im August sogar eine größere Flotte
von dreizehn Schiffen mit 1800 Soldaten einlief, gewann man allen Muth
wieder und ging selbst zum Angriff über. Albuquerque durfte es daher
wagen, seine Ankunft zu verzögern, um vorher die Handelsflotte nach
Europa abzufertigen, und ging erst am 16. September mit sechzehn Segeln
nach Goa.

Sein Erscheinen änderte die Lage vollständig. Aus den bisher
Bedrängten wurden wieder Bedränger und siegesgewisse Angreifer.
Benestarim wurde erobert. Den portugiesischen Ueberläufern in der
Festung hatte Albuquerque das Leben gesichert, aber er ließ ihnen zur
Strafe, anderen zur Warnung, Ohren und Nase abschneiden, die rechte
Hand, sowie den linken Daumen abhauen und schickte die Verstümmelten
nach Portugal zurück. Benestarim wurde noch stärker befestigt und
Goa bei dem folgenden Friedensschlusse an Portugal abgetreten. Der
verhältnißmäßig leichte Sieg ist zum Theil auch der steten Eifersucht
der dekhanischen Fürsten untereinander zuzuschreiben, die einerseits
nie gemeinschaftliche Sache gegen die Abendländer machten, andererseits
sich im Geheimen um die Freundschaft der Portugiesen bewarben. Dann
wurde durch eine an der Küste kreuzende Flotte der Hafen von Kalikut
gesperrt und dadurch der Fürst auch zur Nachgiebigkeit gezwungen.
Dagegen begann Goa als Handelsplatz aufzublühen. Albuquerque hatte
dafür gesorgt, daß nur nach Goa die Pferde aus Persien eingeführt
werden durften. Die einheimischen Kriege wurden damals in Indien aber
hauptsächlich durch Reiterei entschieden. Die indischen Fürsten waren
also dadurch, daß Goa allein der Einfuhrhafen für Pferde wurde, auf den
guten Willen und die Freundschaft der Portugiesen angewiesen, wenn sie
ihre Reiterei verstärken wollten.

In Portugal selbst erkannte man die Bedeutung Goa’s noch nicht, oder
wurde durch falsche Berichte, die möglicherweise absichtlich von den
Gegnern Albuquerque’s verbreitet wurden, über die wahre Sachlage
getäuscht. Nur so erklärt es sich, daß Manuel in einem Schreiben an
den Oberbefehlshaber anordnen konnte, Albuquerque möge mit seinen
Hauptleuten wohl überlegen, ob Goa behauptet werden solle oder nicht.
Goa sei ein ungesunder Ort und seine Behauptung koste unnützes
Geld.[110] Man werde dadurch in immer erneute Kriege mit den nächsten
Landesherren verwickelt und es werde sehr fraglich sein, ob jemals
die Abgaben vom festen Lande eingezogen werden könnten, welche der
Generalcapitän als nicht unbeträchtlich bezeichnet hatte. Albuquerque
aber legte auf die Wiedereroberung Goa’s das größte Gewicht. Er
schrieb dem Könige, daß dieser Sieg in Indien mehr gewirkt habe für
die Macht des Königs, als alle Flotten, die seit fünfzehn Jahren dahin
abgeschickt worden seien. Der Bund der feindlichen Fürsten sei dadurch
gesprengt. Die Räthe des Königs wüßten die indischen Angelegenheiten
nicht richtig zu beurtheilen. Ohne feste Stütze auf dem Lande sei
in Indien die portugiesische Macht ohne Dauer. Alle Citadellen in
Kotschin, Kananor und anderen Orten hielten in Werth und Bedeutung
keinen Vergleich mit Goa aus. Er wisse wohl, daß er in Portugal Feinde
habe; aber der König möge nicht auf sie hören; denn wenn Goa wieder
aufgegeben würde, dürfte auch die portugiesische Herrschaft in Indien
ihrem Ende nahe sein. Er verdiene mehr Dank vom Könige dafür, daß er
Goa gegen Portugiesen vertheidige, als dafür, daß er es zweimal den
Feinden abgenommen.[111]

Osorio stellt bei dieser Gelegenheit folgenden interessanten Vergleich
zwischen der Politik Almeida’s und Albuquerque’s an:[112] das Ziel
beider Feldherrn ging auf die Verherrlichung und den Ruhm ihres
Königs und der portugiesischen Waffen, sowie auf die Verbreitung des
Christenthums in Indien; aber sie schlugen verschiedene Wege ein.
Almeida wollte sich mit einem Stützpunkt am Lande begnügen und dagegen
mit stets vereinigten Flotten die See beherrschen. Seine Truppen wollte
er nicht in einzelnen Besatzungen zersplittern, welche von großen
feindlichen Mächten leicht überwältigt werden könnten. Albuquerque
aber strebte vor allem danach, Herr des Landes zu werden, in der
festen Ueberzeugung, daß er dann auch über die See gebiete. Sein
Blick ging dabei über das Nächstliegende hinaus. Er wollte nicht blos
dafür sorgen, für die Gegenwart alljährlich kostbare Gewürzfrachten
heimzusenden, er wollte diesen Handel auch für die Zukunft sichern.
Dazu brauchte er eine imponirende Stellung auf dem Lande und damit
verbunden eine vollkommene Beherrschung der wichtigsten Handelsplätze.
Eine große Flotte, meinte er, könne in einem Sturme untergehen, eine
feste Stellung auf indischem Boden sei sicherer. Ein solcher Platz
sei aber nicht sicher, wenn er blos an sich fest sei, sondern erst
dann, wenn man demselben auf verschiedenen Wegen Hilfe bringen könne.
Solche Stützpunkte aber verminderten nicht, sondern stärkten auch die
Machtstellung auf der See.

Wie richtig Albuquerque’s Urtheil in Bezug auf Goa war, erwies sich
in der Folgezeit, als Soliman von Aegypten Diu angriff und durch eine
von Goa kommende Flotte zum Rückzug genöthigt wurde; ebenso als der
Beherrscher von Kambaya mit türkischer Hilfe noch einmal Diu bedrohte.
Der damalige Befehlshaber in Goa, João Castre, konnte seine Gegner
um so leichter bezwingen, als er in Goa sofort neue Truppen ausheben
und auf den Werften konnte Schiffe bauen lassen, und als er mit
allem Kriegsmaterial wohl versehen war. Der Ausgang des Kampfes wäre
zweifelhaft gewesen oder wenigstens verzögert worden, wenn man auf die
entfernte Hilfe vom Mutterlande her hätte warten müssen. Dazu hatte
Albuquerque aus Goa eine portugiesische Stadt zu machen verstanden, in
welcher die Soldaten Heiraten mit Hindumädchen eingingen.

Die große Bedeutung der Besetzung Goa’s hebt auch Barros[113]
hervor. Dieses Jahr, sagt er, war eines der glücklichsten für die
portugiesischen Angelegenheiten. Es kamen nicht blos reiche Flotten
mit Spezereien nach Portugal, sondern auch die Nachrichten von der
Eroberung Malaka’s und Goa’s, es kamen Gesandte vom Priester Johannes
(dem Könige von Habesch), von Siam und Pegu, sogar der Samudrin
bequemte sich in der Folgezeit endlich dazu, den Bau einer Citadelle
in Kalikut zu gestatten. Viele andere malabarische Fürsten von
Kambaya, von Narsinga u. a. wünschten Frieden und Freundschaft mit den
Portugiesen zu schließen.

In Indien war Portugals Macht thatsächlich befestigt, die einheimischen
Fürsten erkannten, wenn auch widerstrebend, die Herrschaft der neuen
Seemacht an; aber sie wurden von Aegypten aus immer wieder von
neuem aufgeregt und mit Schiffen und Mannschaft zu neuen Erhebungen
aufgemuntert. Aegypten verlor durch die völlige Verdrängung vom
indischen Markte zu viel an Einkünften, als daß es sich nicht immer
wieder veranlaßt fühlen sollte, mit Hilfe indischer Bundesgenossen die
verhaßten Christen zu befehden. König Manuel drängte darum mit Recht
wiederholt auf einen Zug nach dem rothen Meere, um womöglich diese
wichtigste Straße des mohammedanisch-indischen Handels zu schließen.
So rüstete sich Albuquerque denn im Beginn des Jahres 1513 zu einem
Feldzuge nach jenen arabischen Gewässern. Es klingt fast wie eine
Entschuldigung oder Ablehnung der Verantwortlichkeit für die Folgen
dieses Unternehmens, wenn Albuquerque seinen Capitänen erklärte, der
König habe schon zu wiederholten Malen ihm diesen Zug geboten und
habe nun in seinem letzten Briefe ausdrücklich befohlen, unverzüglich
aufzubrechen.[114]

Am 18. Februar 1513 ging er mit 20 Schiffen, 1700 Portugiesen und
800 indischen Soldaten nach dem rothen Meere ab. Im Hafen von Soko
auf Sokotra wurde Wasser eingenommen; die Festung daselbst war im
vorhergehenden Jahre bereits aufgehoben. Von hier aus mußte die Fahrt
mit äußerster Vorsicht geschehen, da man das Fahrwasser nicht kannte.
Seit dem Alterthum war kein den Europäern gehöriges Schiff auf diesen
Gewässern erschienen. Albuquerque war wieder der erste, welcher in
dieses zwei Erdtheile scheidende Binnenmeer eindrang. Glücklicherweise
wurde ein Schiff, das von Tschaul kam, aufgebracht, der Lotse
desselben wurde gezwungen, den Führer zu machen. Die nächste Aufgabe
war, sich Adens zu bemächtigen. Es war schon damals wie noch heute der
Schlüssel des rothen Meeres. Die Stadt blühte rasch auf, weil es in
Folge der neuen Verhältnisse zum Stapel für die Gewürze geworden war;
denn die arabischen Händler wagten sich aus Furcht vor den Portugiesen
nicht mehr ins indische Meer, sondern nahmen in Aden die Waaren in
Empfang, welche auf malabarischen Schiffen ihnen zugeführt werden
durften. Aden liegt auf einer landfest gewordenen Insel, also auf einer
Halbinsel, auf durchaus vulkanischem Boden, eigentlich im Innern eines
erloschenen Kraters, dessen nackte Wände die Stadt in einem Halbkreise
umgeben. Wasser fehlte damals und mußte von weit hergeleitet werden.
Jetzt versorgen gewaltige Cisternen die Bewohner mit dem nöthigen
Wasser. Die an sich schon feste Lage war durch starke Mauern und Thürme
noch mehr gesichert. Albuquerque forderte die Uebergabe der Stadt,
welche im Besitz des Amir Ibn-abd-el-wahhab war; aber dieselbe wurde
abgelehnt. So entschloß sich der portugiesische Befehlshaber rasch
zum Sturm, setzte 1400 Portugiesen und 400 Indier ans Land, um auf
Sturmleitern die Mauern zu erklimmen. Voll Ehrgeiz und Kampfbegier
drängten sich die Angreifer auf die allzubreiten Leitern, so daß die
Stufen unter dem Gewicht von mehr als zwanzig Menschen, die zu gleicher
Zeit hinaufstrebten, zusammenbrachen. Vierzig Portugiesen befanden
sich schon auf der Mauer. Garcia de Sousa bemächtigte sich sogar eines
Thores. Da er aber von den Arabern gedrängt, sich nicht an einem
Stricke von der Mauer herablassen wollte, so stürzte er lieber mitten
unter die Feinde und opferte sich, tapfer kämpfend, auf, um seinen
Gefährten Zeit zu verschaffen, sich zu retten.

Albuquerque mußte erkennen, daß seine Macht zu schwach sei und brach
daher nach vier Stunden den Kampf ab. Einen späteren Angriff behielt
er zwar im Auge, wollte aber vorher einige wichtige Inseln im rothen
Meere besetzen. Mit äußerster Vorsicht mußte vorgegangen werden, weil
überall Klippen und Korallenbänke ungeahnte Gefahr drohten. Dazu traute
Albuquerque dem gezwungenen Lotsen nicht, suchte mit dem Senkblei in
der Hand das Fahrwasser auf und ließ alle Abende beilegen. So gelangte
er bis zur flachen, felsigen Insel +Kamaran+ (15° 51′ n. Br. 42° 32′
ö. L. v. Greenwich). Dieselbe liegt hart an der arabischen Küste, in
der Nähe der Stadt Lohaja. Obwohl sich die Höhen nur 16 Meter über den
Meeresspiegel erheben, ist die Insel doch reich an Brunnen und besitzt
einen sehr guten Hafen auf der Ostseite. Sie war den Küstenfahrern
längst als guter Ankerplatz bekannt, wo man sich auch mit Wasser und
Früchten, namentlich Datteln versorgen könnte. So erhielten denn auch
die Europäer frühzeitig davon Kunde und lernten den Platz schätzen.
Carsten Niebuhr hebt hervor: Fast alle Nachrichten der Europäer von dem
arabischen Meerbusen erwähnen dieser Insel.[115] Ihrer wichtigen Lage
wegen ist sie gegenwärtig im Besitze der britischen Macht, welche von
der Insel Perim aus auch den Ausgang des rothen Meeres beherrscht. Es
zeugt aber sicher von dem Scharfblicke Albuquerque’s, daß er sofort
beim ersten Betreten dieses Meeres die Bedeutung jener wasserreichen
Insel erkannte. Aber viel weiter sollte er nicht gelangen. Mehrere
Versuche nordwärts zu dringen, wurden durch Unwetter abgeschlagen. Er
sah sich längere Zeit an die Insel gefesselt, da die günstigen Monsune
zur Rückfahrt nach Indien noch nicht eingesetzt hatten, er verlor in
dem verrufenen heißen Klima viele Leute und konnte erst am 15. Juli
nach Aden zurückkehren. Ohne diese Stadt noch einmal zu bedrohen,
segelte er weiter und langte schon am 4. August wieder in Diu an. Hier
zeigte sich nun Melek Eias so weit nachgiebig, daß er die Errichtung
einer Factorei den Portugiesen gestattete, und als auch Kalikut sich
endlich zu einem ähnlichen Zugeständniß bereit erklärte, wurden den
mohammedanischen Schiffen Pässe ertheilt, und das Aufbringen der im
Gewürzhandel beschäftigten Kauffahrteischiffe hörte an den Küsten
Indiens auf. Der Handel begann sich wieder zu beleben und zu befestigen.

Im nächsten Jahre wurde Pero d’Albuquerque, der Neffe des
Generalcapitäns, mit einem Geschwader nach Ormuz entsandt, um den
fälligen Tribut einzuziehen, während Jorge d’Albuquerque mit frischen
Truppen nach Malaka steuerte, um hier die Vertheidigung der viel
umstrittenen Stellung zu übernehmen.

Die nächste Zeit war Albuquerque selbst mit den indischen
Angelegenheiten: mit der Befestigung der Citadellen in den
Handelsstädten und Abfertigung der Transportflotten beschäftigt,
außerdem plante er einen neuen Zug gegen Aden. Während der Vorbereitung
dazu erhielt er aber die königliche Weisung, zunächst womöglich nach
Ormuz zu gehen. Albuquerque konnte um so mehr diesem Befehle zustimmen,
als er inzwischen in Erfahrung gebracht, daß der Sultan von Aegypten
nicht weiter rüste, daß also von Seiten dieses Gegners keine Gefahr
drohe und das rothe Meer ruhig bleiben werde. Am 21. Februar 1515 ging
der Generalcapitän von Goa aus mit 27 Schiffen (14 großen Schiffen, 7
Karavelen und 6 Ruderschiffen) in See. Es sollte sein letzter Zug sein.
Die Besatzung bestand aus 1500 Portugiesen und 700 Indiern (Kanaresen
und Malabaren). In Ormuz führte damals Rais Ahmed, ein ehrgeiziger
Perser, im Namen seines alten und schwachen Oheims das Regiment. Die
Portugiesen hatten über ihn gehört, daß er mit dem Plane umgehe, sich
unter die Oberhoheit des persischen Schah zu stellen, um sich der
Verpflichtungen des lästigen Tributs an Portugal zu entledigen.

Diese Absichten wurden durch die Ankunft Albuquerque’s vor Ormuz, am
26. März, vereitelt. Der alte Fürst sah sich noch nicht in der Lage,
der Forderung des Generalcapitäns, ihm die Citadelle zu übergeben,
lange zu widerstehen. Das Wasserthor der Festung wurde schon am dritten
Tage den Portugiesen geöffnet, und ohne Blutvergießen zogen dieselben
ein. Das Thor gegen die Stadt wurde geschlossen und die Mauern mit
Kanonen bepflanzt, um die Burg vor einem Ueberfalle zu sichern. Dann
wurden die Festungswerke weiter ausgebaut und Pero d’Albuquerque
als Commandant eingesetzt. Nun galt es, um den Frieden vollständig
zu befestigen, den ehrgeizigen Rais Ahmed mit seinem Anhange zu
beseitigen. Bei einer Zusammenkunft Albuquerque’s mit dem bejahrten
Fürsten wagte Ahmed es, seinen Oheim von einer persönlichen Begrüßung
zurückzuhalten und sich sogar an der Person des portugiesischen
Befehlshabers zu vergreifen. Er rechnete nämlich auf fünfzig Leute
seines Gefolges, die mit verborgenen Waffen vor dem Hause standen.
Albuquerque war darauf vorbereitet und befahl seinen Hauptleuten, den
Anführer der Verrätherei niederzumachen. Den alten Fürsten führte man
aus dem Getümmel fort und das Gefolge des gefallenen Ahmed wurde von
portugiesischen Soldaten zurückgetrieben. Vom Dache des Hauses mußte
sich der alte Rais Nordin seinem Volke zeigen und dasselbe über seine
Person beruhigen. Dem aufgeregten Anhange und den Verwandten Ahmeds,
welche den Palast des Fürsten plündern wollten, ließ Albuquerque
erklären, wenn sie sich nicht sofort beeilten, bis Sonnenuntergang die
Stadt zu verlassen und auf persischen Boden zurückzukehren, so solle
keiner von ihnen mit dem Leben davon kommen; denn die Portugiesen
beherrschten mit der Flotte die See und von der Citadelle aus die Stadt
und die Insel. So wanderten denn die 25 Familien der persischen Partei
aus und Rais Nordin konnte unter dem Schutze und Geleite Albuquerque’s
wieder als Herrscher in seinen Palast zurückkehren. Die Stadt war über
den Zwischenfall bald beruhigt, und durch eine Gesandtschaft nach
Persien, unter der Führung Fernão’s Gomez de Lemos, wurde auch das
gute Einvernehmen mit Schah Ismail wieder hergestellt. Dieser leicht
gewonnene Friede erklärte sich besonders aus dem religiösen Zwiespalt
zwischen den schiitischen Persern und den sunnitischen Arabern.

Albuquerque schickte einen Theil der Flotte unter seinem Neffen
Garcia de Noronha nach Kotschin und blieb selbst noch einige Monate
in Ormuz, um die Angelegenheiten vollständig zu ordnen, ehe er die
Weiterführung der Geschäfte dem Commandanten der Citadelle überlassen
konnte. Vielleicht wollte er auch noch Vorbereitungen zu einem
zweiten Angriff auf Aden treffen. Doch dieser Wunsch sollte unerfüllt
bleiben. Schon seit Anfang August litt er an der Ruhr, und da das
Uebel sich verschlimmerte, mußte er endlich dem Anrathen seiner Aerzte
nachgeben, vorläufig nach Indien zurückzukehren. Er begab sich an
Bord des Schiffes, welches Diogo Fernandez da Beja befehligte und
übergab sein eigenes Schiff seinem Neffen Vicente d’Albuquerque. Im
Anfang November segelte er von Ormuz ab; bei Kalhât an der Küste von
Oman traf man mit einem arabischen Schiffe zusammen, welches von Diu
kam und die Nachricht mitbrachte, Lopo Soarez sei zum Nachfolger im
Generalcapitanate ernannt worden.

König Manuel hatte also endlich doch den feindlichen Einflüsterungen
nachgegeben. Nach diesen Verläumdungen sollte Albuquerque bald
wahnsinnig verwegen, bald von maßlosem Ehrgeize erfüllt sein. Man
ersann sogar das Märchen: er strebe danach, sich zum unabhängigen
Herrscher von ganz Indien zu machen. Dazu stütze er sich nur auf seine
Verwandten und begünstige sie bei allen wichtigen Stellungen. -- Wenn
dies als Vorwurf gelten kann (denn die Thatsache ist richtig, daß er
die Vertheidigung von Ormuz und Malaka, unzweifelhaft die wichtigsten
Positionen außerhalb Indiens, seinen Neffen übertrug), so darf doch
nicht unberücksichtigt bleiben, daß er dadurch diese beiden Plätze am
sichersten bewahrt glaubte, da er sich auf die Befehlshaber verlassen
konnte. -- Selbst daß er mit den Fürsten in Indien Frieden schloß, galt
als Zeichen des Verraths, denn diese neue Freundschaft, hieß es, sei
nur ein weiterer Schritt zur Unabhängigkeit, nach der er strebe.[116]

Albuquerque war gewarnt, er kannte solche Verdächtigungen, aber er
hatte, gestützt auf seine Verdienste und die Makellosigkeit seines
politischen Charakters, es für unnöthig gehalten, ihnen entgegen zu
treten. Er antwortete nur durch seine Thaten. Aber er hatte in Portugal
wenig Fürsprecher mehr; alle Edelleute, welche er wegen Vergehen und
Ungehorsamkeit zurückschickte und dem König zur Bestrafung überwies,
vermehrten die Zahl seiner Widersacher, und so glaubte Manuel endlich,
indem er, statt eine Untersuchung über die wiederholt vorgebrachten
Beschwerden anzuordnen und nach deren Ausfall zu entscheiden, sich
mit einer halben Maßregel begnügte, den Generalcapitän wenigstens
zurückrufen zu müssen. Und das war es eben, was diesen so tief
kränkte. Als er vernahm, daß Lopo Soarez ihn ersetzen solle und daß
andere Befehlshaber für die wichtigsten Positionen ernannt seien,
rief er wehmüthig aus: „Lopo Soarez Generalcapitän?! Konnte es nicht
ein anderer sein! Und solche Männer, wie Diogo Mendez und Diogo
Pereira,[117] die ich wegen ihrer Vergehen als Gefangene nach Portugal
heimgesandt, schickt mir der König als Capitäne und Secretäre wieder
zu?! Um des Königs willen habe ich es mit diesen Leuten verdorben, und
falle um der Leute willen bei dem Könige in Ungnade.“[118]

Sein Lebensmuth und seine Lebenskraft waren gebrochen. Er wünschte nur
noch Goa zu erreichen, denn hier hoffte er Briefe zu finden, welche ihm
den plötzlichen Umschlag erklärten und ihn wenigstens durch Anerkennung
seiner Verdienste trösten könnten.

Auf Zureden seiner Freunde schrieb er mit zitternder Hand einen letzten
Brief an den König: „Sire, dies sind die letzten Worte, welche ich
an Ew. Majestät richte, schwergebeugt, nachdem ich so viele Berichte
mit heiterem Lebensmuthe geschrieben. Ich hinterlasse hier einen
Sohn,[119] Bras Albuquerque; ihm bitte meine Verdienste anrechnen zu
wollen. Die Angelegenheiten in Indien werden für sich selbst und für
mich sprechen.“ Im Angesicht des Hafens von Goa starb er am Bord des
Schiffes, am 16. December 1515, 63 Jahre alt. Angethan mit dem weißen
Gewande des St. Jago-Ordens, dessen Commandeur er war, und geschmückt
mit den Ordenszeichen, um die Schultern den Sammetmantel gelegt und
über dem Goldnetz, welches das Haar umschloß, mit einem Sammtbarett:
so wurde seine Leiche auf einem mit Goldbrokat bedeckten Sessel ans
Land getragen. Die Augen waren halb geöffnet, aber ohne die Häßlichkeit
des Todes. Der lange, weiße Bart wallte bis auf die Brust herab, so
daß er auch im Tode noch dieselbe Achtung und Ehrfurcht gebot, die man
ihm im Leben zollte. Am Ufer wurde er von dem Commandanten und allen
Edelleuten empfangen und in der Capelle beigesetzt, welche er selbst
vor den Thoren der Stadt hatte erbauen lassen.

Er hatte die Tugenden und Fehler eines Imperators. Er übte strenges
Recht, aber den Treubruch bestrafte er hart. Er war zäh im Ausharren
und Ertragen von Mühen. Er ging bei allen Kämpfen nicht mit Worten,
sondern mit dem besten, eigenen Beispiel voran. Schmeichler und
Ohrenbläser ließ er hart an und hielt sie von sich fern. Den gefaßten
Plänen folgte schnellste Ausführung. Persönliche Beleidigungen
ertrug er großmüthig, aber er litt es nicht, daß man seine Befehle
überschritt oder seine Pläne durchkreuzte; dann schreckte er auch vor
Gewaltmaßregeln nicht zurück. In seinen Todesurtheilen ist er mehrmals
zu rasch gewesen, denn er war eine leicht erregbare Natur, die schwer
zu befriedigen war; aber eine übereilte Handlung hat er alsbald bereut.

Er forderte volle Hingebung an den Beruf und das Amt und verlangte
die Anspannung aller Kräfte. Darin that er selbst es allen zuvor.
Im Frieden war er Tag und Nacht thätig. G. Correa erzählt,[120]
daß er gewöhnlich des Morgens in aller Frühe die Messe hörte und
dann zu Pferde stieg, um, von seiner Leibwache umgeben, die Bauten,
Werften, Magazine zu besichtigen. Im Staatsdienst duldete er keine
Verschwendung und konnte über unnütze Verschleuderung des königlichen
Gutes leidenschaftlich aufbrausen. Seine Entscheidungen traf er rasch;
man hat mehrfach gesehen, daß er unterwegs, auf der Straße, Befehle
und Dokumente auf den Knien unterzeichnete. Er war leutselig gegen
jedermann und verstand die Hindus und Mohammedaner nach ihrer Art
zu behandeln. Für alle war er bedacht, die friedliche Entwicklung
des Handels zur Verbesserung der Lage und Vermehrung des Wohlstandes
zu fördern. Jedermann hatte Zutritt zu ihm. Seine Thür war nie
verschlossen, nur nach dem Mittagsessen gönnte er sich eine kurze
Ruhe und diese wurde an den Wochentagen noch auf das geringste Maß
beschränkt. Am Tage fast immer draußen beschäftigt, verwendete er die
Stunden der Nacht dazu mit seinen Secretären zu arbeiten, um dem Könige
von allem Rechenschaft zu geben bis ins Kleinste. An den König, die
Königin, die königlichen Räthe entwarf er die Briefe selbst.

Da er immer nur darauf bedacht war, die königliche Macht in Indien
zu stärken, so lag es ihm ganz fern, für sich selbst Reichthümer zu
erwerben. Alle Geschenke, welche ihm von den Fürsten und Herren in
Indien verehrt wurden, übergab er dem König oder der Königin, oder
vertheilte sie unter die Hauptleute und Ritter. Auch gegen die Armen
erwies er sich hilfreich.

Im Kriege und in der Schlacht stellte er sich den Soldaten gleich und
achtete auf sein Leben ebensowenig als auf das Leben der andern, wenn
es ein großes Ziel galt. Bei dem ersten unglücklichen Kampfe um den
Palast in Kalikut gerieth er selbst mehrfach in Lebensgefahr. Sein
Fahnenträger und einer seiner Pagen fielen an seiner Seite und er hielt
aus, bis ihn ein Steinwurf besinnungslos niederwarf. Ebenso begab er
sich beim ersten Sturm auf Malaka in Lebensgefahr, wurde dabei von den
Feinden umstürmt und mußte von João Lemos herausgehauen werden. Dann
ging er aber sofort wieder zum Angriff über. Er war ein vorsichtiger
Feldherr und nie tollkühn; aber wenn er Großes erreichen wollte,
setzte er alles daran. Vor dem zweiten Sturm auf Malaka erklärte er
seinen schwankenden Capitänen, daß er seine Mannschaft nur darum aufs
Spiel setzte, weil er die Position von Malaka für außerordentlich
wichtig halte. So griff er auch zweimal Goa an und ließ sich durch
einen ersten Mißerfolg nicht abschrecken, die blutige Entscheidung
noch einmal zu wagen. Darum hielt er bei der ersten Belagerung in Goa
auch so zäh bis zum äußersten aus. Als hier dem feindlichen Feldherrn
durch portugiesische Ueberläufer mitgetheilt war, daß auf seiner im
Flusse abgesperrten Flotte Mangel und Hungersnoth herrsche, und jener
Heerführer des Adil Schah den Portugiesen großmüthig mehrere Böte mit
Erfrischungen anbot, ließ Albuquerque seine letzten Vorräthe, einige
Faß Wein und Schiffszwieback auf Deck bringen, zeigte dieselben den
Abgesandten und erklärte: andere Leckerbissen als diese Speisen kennten
die Portugiesen nicht und bedürften sie nicht. Sollten ihnen diese
ausgehen, dann würden seine Soldaten sich schon ungebeten an der Tafel
des Adil Schah melden. Jetzt leide er noch keine Noth.

So bewahrte er auch in schwerer Bedrängniß seinen Gleichmuth. Trotz
seiner großen Erfolge sah man ihn nie übermüthig werden, auch warnte er
seine Capitäne vor jeder Ueberhebung. Als einige von seinen Hauptleuten
meinten, die Mauern der neuen Festung in Ormuz seien nicht stark genug,
erwiderte er: „Wenn diejenigen, denen die Burg anvertraut ist, sich
nicht als Tyrannen geberden, werden sie stark genug sein. Lassen sie
sich aber zum Uebermuth hinreißen, so ist auch die stärkste Mauer zu
schwach.“

Er suchte zwar die Rechte des Siegers voll und ganz zu vertreten,
wünschte aber doch, aus politischen Rücksichten, eine Annäherung
zwischen Portugiesen und Eingebornen. Darum begünstigte er die Heiraten
der Portugiesen mit Hindumädchen. In Goa waren diese letzteren weniger
schwierig als die Töchter der Brahminen und Nair weiter im Süden.
Jedem neuvermählten Paare verehrte er 18 Milreis aus der königlichen
Kasse und vertheilte unter die Ansiedler die Häuser und Aecker der
vertriebenen Mohammedaner. Dadurch wollte er Goa zum Mittelpunkt der
portugiesischen Herrschaft machen und seinen Besitz dauernd befestigen.

Die indischen Gegner fürchtete er dabei weniger als den Sultan
Aegyptens. Von dort schien ihm auch in Zukunft allein ernste Gefahr
zu drohen. -- Das ganze Zeitalter war so reich an überkühnen,
himmelstürmenden Gedanken und Plänen, daß wir uns nicht wundern dürfen,
auch Albuquerque in eine solche Schwäche verfallen zu sehen. Wie man
von Michel Angelo erzählt, daß er den Marmorgipfel des Monte Altissimo
in den Bergen von Carrara zu einer einzigen Statue habe umgestalten
wollen, und damit ein ganzes Gebirgsprofil verändert hätte, so hatte
auch Albuquerque, indem er der Oberfläche der Erde durch Verlegung
eines Stroms ein anderes Ansehen geben wollte, nichts geringeres im
Sinne, als den Nil in seinem Oberlaufe nach Habesch abzuleiten, um den
alten Kulturboden von Aegypten des segenspendenden Wassers zu berauben;
denn nur so hoffte er die mohammedanischen Herren für immer aus dem
Lande der Pyramiden vertreiben zu können.

Verständiger klingt schon sein Vorschlag, einen großen Feldzug ins
rothe Meer hinauf zu machen und nach Eroberung Medina’s die Gebeine
Mohammeds zu entführen, um dafür das heilige Grab in Jerusalem von den
Ungläubigen auszutauschen.

So genial wie in seinen Plänen, so reich war er an treffenden
Aussprüchen. Die zeitgenössischen Geschichtsschreiber haben uns manche
davon überliefert, die offenbar von Mund zu Mund gegangen waren.
Dadurch wußte er auch die Gemüther wieder zu besänftigen, die er durch
sein leidenschaftliches Temperament verletzt hatte. Ein witziger
Einfall machte eine scheinbare Ungerechtigkeit, die er begangen, bald
vergessen. Man sah, er wollte nur die Pflichtvergessenen treffen.

Als nach der Eroberung Malaka’s Albuquerque beim Bau der Citadelle
auf einem Gedenkstein, der in der Mauer angebracht werden sollte, die
Namen der Tapfersten hatte einmeißeln lassen, beschwerten seine Leute
sich darüber, daß nur einige genannt seien, während sie doch alle ihre
Schuldigkeit gethan hatten. Da befahl der Generalcapitän den Stein
umzukehren, daß die +Schrift+ nach innen kam, und ließ ihn als
Schlußstein über das Thor der Festung setzen mit der neuen Inschrift:
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben. (Psalm 118. 22).[121]

Sicher war Albuquerque der bedeutendste unter den portugiesischen
Heerführern in Indien. Er verdunkelte auch die Thaten seiner
Nachfolger. Zu spät sah Manuel seinen Fehler ein, daß er durch seinen
Undank dem Begründer seiner indischen Macht das Herz gebrochen. Dann
wollte er ihn wieder an Stelle des Soarez einsetzen und ihm sogar den
Rang eines Vicekönigs verleihen. Aber dieser reuige Beschluß kam zu
spät, und der König selbst mußte es noch erleben, wie mühsam sich nach
Albuquerque’s Tode die indischen Angelegenheiten in befriedigender
Weise entwickelten.


8. Die Nachfolger Albuquerque’s.

+Lopo Soarez d’Albergaria+, welcher als nächster Nachfolger
Albuquerque’s von 1515-1518 den Oberbefehl in Indien führte, war kein
Neuling mehr im Orient; er hatte schon 1504 ein Commando gehabt.
Nun war er am 7. April von Lissabon mit 13 Segeln abgegangen und
erreichte am 8. September 1515 Goa. Als Capitäne der einzelnen Schiffe
begleiteten ihn alle die Widersacher Albuquerque’s, wie Diogo Mendes de
Vascogoncellos, Jorge de Brito u. a.

Bei seiner Ankunft in Goa fand er allgemeine Niedergeschlagenheit über
seine Ernennung und Betrübniß über die rücksichtslose Beseitigung
seines verdienstvollen Vorgängers, der sich in der von ihm geschaffenen
Stadt der ungetheiltesten Verehrung erfreute. Im October ging Soarez
nach Kotschin und fand dort, wie überall, nur kühlen Empfang; selbst
die indischen Fürsten außer dem von Kalikut theilten die allgemeine
Stimmung. Um diese Zeit kehrte Albuquerque von Ormuz zurück und in
Kotschin erfuhr Soarez durch Simão d’Andrade zuerst von dem Hinscheiden
des bisherigen Generalgouverneurs. Nun hatte Soarez freie Hand, aber
auch im folgenden Jahre geschah noch nichts Erhebliches, er rüstete zu
einem großen Zuge nach dem rothen Meere und brachte eine stattliche
Flotte von 37 Schiffen zusammen, mit welcher er im Februar aufbrach,
um einem ägyptischen Geschwader entgegenzutreten, welches angeblich
27 Segel stark, wiederum nach den indischen Gewässern bestimmt sein
sollte. Die feindliche Macht hatte in der That noch vor Aufbruch des
Soarez sich auf den Weg gemacht, die wichtige Insel Kamaran befestigt,
damit dieselbe nicht wieder, wie unter Albuquerque, zum Stützpunkt
der portugiesischen Unternehmungen dienen könnte, war dann vor Aden
erschienen und hatte diese Festung vergeblich berannt. Dann war sie
nach Dschidda, dem Hafen von Mekka zurückgekehrt, wo man in gesicherter
Lage die Schiffe an den Strand gezogen hatte.

Soarez erlitt zwar durch einen Sturm in der Babelmandeb-Enge einige
Verluste, drang aber trotzdem bis nach Dschidda vor. Er kam also
weiter als Albuquerque, allein damit hatten seine Erfolge ein Ende.
Denn der Hafen von Dschidda ist, wie fast alle Häfen am rothen Meere,
durch Korallenbänke gebildet und geschützt. Zwischen den Riffen
wand sich das schmale Fahrwasser wohl eine Meile weit, ehe man den
Landungsplatz erreichte, und diese gefährliche Straße war durch
Batterien vertheidigt. Eine Ueberrumpelung des Platzes mit bewaffneten
Böten mißlang, es konnten nur einige Schiffe in Brand gesteckt
werden. Während Soarez den Hafen noch blokirte, erhielt er bestimmte
Nachrichten über den Einbruch der Türken in Aegypten und die Niederlage
des ägyptischen Sultans. Dadurch war vorläufig die Kriegslust desselben
vernichtet, und da man vor der Hand von den Türken nichts für Indien zu
befürchten hatte, so wollte auch Soarez seine Leute nicht unnützerweise
in den ungesunden Gewässern opfern, sondern zog sich zurück. Die Insel
Kamaran war bei ihrer Ankunft von der mohammedanischen Besatzung
zwar verlassen; aber außer Trinkwasser bot die Insel nichts. Für
Lebensmittel war auf der Flotte nicht hinreichend gesorgt; nur um
solche zu gewinnen, wurde die Stadt Zeila, auf der afrikanischen
Küste, erstürmt und geplündert. Viele Leute verschmachteten oder
verhungerten, andere kamen in Krankheiten um, andere bei Schiffbrüchen.
Barros schätzt die Zahl der also Hinweggerafften auf achthundert.
Osorio[122] äußert sich in heftigem Unwillen über diese Mißerfolge:
„Mit Verlust von Menschen und Schiffen, mit Schimpf und Schande ging
Soarez nach Ormuz zurück. Weder besetzte er Aden, noch zerstörte er
die Flotte des Sultans in Dschidda, ja er setzte nicht einmal den
Gesandten des Königs Matthäus von Habesch, der sich an Bord befand,
in seiner Heimat ans Land.“ Auf dem Rückwege wurde die Flotte durch
Unwetter dermaßen auseinander gejagt, daß einige Schiffe sich bis nach
Melinde und gar nach Mosambik verschlagen fanden. So kläglich endete
dieses Unternehmen. Mehr Erfolg hatte Soarez 1513 mit seinem Zuge gegen
+Ceylon+. Diese Insel war seit 1506 von Portugiesen besucht. Nach
der Eroberung von Ormuz, Goa und Malaka, und nach der Besetzung der
Haupthäfen auf der Westküste Vorder-Indiens durch Albuquerque, nahmen
die arabischen Kauffahrer einen anderen Weg, um von den Gewürzinseln
in ihre Heimat zurückzukehren. Sie vermieden das früher besuchte
malabarische Küstenland, legten dafür in Ceylon, namentlich in Kolombo,
an und steuerten dann über die Malediven nach Aden. Um ihnen nun
diesen Weg gleichfalls zu verlegen, hatte Manuel den Befehl gesandt,
in Kolombo sich festzusetzen. Der dortige Fürst bequemte sich erst
nach einer Niederlage dazu, den Bau einer portugiesischen Citadelle zu
gestatten, und mußte, indem er vollständig zinsbar wurde, jährlich 300
Bahar Zimmt (~à~ 4 Centner), 12 Ringe mit Rubinen und Saphiren, und 6
Elephanten als Tribut in die Factorei von Kotschin liefern.

Nachdem dieser Zug geglückt war, übergab Soarez den Oberbefehl seinem
Nachfolger und ging am 20. Januar 1519 mit neun beladenen Schiffen
nach Portugal ab. „Sein ganzes Glück scheint darin bestanden zu haben,
daß er seine Flotten und seine Ladungen wohlbehalten nach Hause
brachte.“[123]

Indem wir vorläufig die weiter östlich ausgeführten Entdeckungsfahrten
übergehen, um sie später im Zusammenhange übersichtlich darzustellen,
verweilen wir noch bei den Angelegenheiten, welche sich in
Vorder-Indien und im westlichen Theile des indischen Oceans abspielen.
Aber auch diese Ereignisse sollen nur summarisch geschildert werden, da
wenige bedeutende Erfolge im nächsten Jahrzehnt zu verzeichnen sind.
Auf Soarez folgte als Generalgouverneur +Diogo Lopez de Sequeira+ von
1519-1521. Derselbe ist uns bereits bekannt durch seinen ersten Besuch
in Malaka 1509. Er kam als oberster Befehlshaber wieder mit einer
ansehnlichen Flotte und 1500 Mann im September 1518 nach Indien, und
unternahm auch, auf königlichen Befehl, 1520 einen erfolglosen Zug
nach dem rothen Meere, weil man in Portugal in Erfahrung gebracht, daß
die Türken in Aegypten einen Zug nach Indien vorbereiteten. In der
Nähe der Meerenge von Babelmandeb litt Sequeira selbst Schiffbruch;
er rettete sich mit seinen Leuten auf ein anderes Fahrzeug, gelangte
aber nicht einmal bis Dschidda, suchte dann den Hafen Massaua an der
Küste von Habesch auf -- er war der erste Portugiese, der hier anlief
-- und brachte endlich den habessinischen Gesandten, den schon Soarez
bei seinem Zuge an Bord gehabt, wieder in sein Vaterland. Dann begab
er sich von da nach Ormuz und wurde mit neuen Befehlen von Portugal
aus förmlich überschüttet, so daß er nicht wußte, was er zuerst
vornehmen sollte. Danach sollte er auf den Molukken, auf Sumatra,
auf den Malediven, in Tschaul (Vorder-Indien) Festungen anlegen,
dann wieder nach dem rothen Meere gehen, Diu erobern, Schiffe nach
China senden u. s. w. Aber von alledem hat er nur eins, die Anlegung
eines Forts in Tschaul, ausgeführt. Denn sein großer Zug gegen Diu
mit mehr als vierzig Schiffen mißlang und zu einem zweiten Zuge gegen
Aegypten fehlte ihm die Zeit. Seine Amtszeit war abgelaufen. Bis an das
nördliche Ende des rothen Meeres, bis nach Sues vorzudringen, war erst
1541 dem Sohne Vasco’s, Estevan da Gama vergönnt.

Schon ehe Sequeira vom Oberbefehl zurücktrat, starb König Manuel am 13.
Januar 1521. Sein Sohn und Nachfolger Johann III. schickte 1522 den
+Duarte de Menezes+ als Obergeneral nach Indien. Derselbe hatte sich im
afrikanischen Kriege vor Tanger ausgezeichnet und galt als einer der
vorzüglichsten Männer Portugals; aber auf indischem Boden grünte ihm
kein Lorbeer, denn um diese Zeit wäre beinahe die wichtige Position
von Ormuz verloren gegangen. Dort war nämlich gegen Ende des Jahres
1521 ein Aufstand ausgebrochen, weil Portugiesen als Hafenmeister
angestellt waren, welche die Hafeneinkünfte controlliren sollten.
Darüber bildete sich eine Verschwörung, welche die Fremden vernichten
sollte. In einer Nacht wurden 125 Portugiesen, welche sorglos in der
Stadt wohnten, überfallen und niedergemacht. Glücklicherweise aber
hielt sich die Festung. Der König von Ormuz begab sich daher, da der
verrätherische Plan nicht vollständig geglückt war, mit allem Volk
nach der weiter nördlich gelegenen Insel Kishm, nachdem er die Stadt
den Flammen preisgegeben hatte. Der Bruder des Generalcapitäns, Luis
de Menezes, welcher auf die Kunde von diesem Vorfall sofort dorthin
gesendet wurde, stellte indeß den Frieden wieder her. Das Handelsvolk
kehrte in die Stadt zurück und der König mußte sich zu einem jährlichen
Tribut von 20,000 Scherafinen verpflichten. Dann erschien auch Duarte
de Menezes in Ormuz, ordnete die Verhältnisse wieder und befestigte die
portugiesische Stellung.

Wenn als sein Nachfolger +Vasco da Gama+ noch einmal in Indien
erscheint, so durfte man wohl erwarten, daß er mit fester,
rücksichtsloser Hand die indischen Angelegenheiten leiten und das
eintretende Gefühl einer Ermattung durch glänzende Thaten bannen würde.
Leider sollte diese Erwartung nicht in Erfüllung gehen, da er nur ein
Vierteljahr die Oberleitung besaß.

[Illustration: Facsimile des Namenszuges von Vasco da Gama (und zwei
Zeugen) in dem Dokument, in welchem er König Johann III. huldigte, als
derselbe ihn zum Vicekönig von Indien ernannt hatte. -- Das Dokument
befindet sich im Archiv von Lissabon. Die Unterschriften lauten: ~Ho
conde do vymyoso. +Ho comde almirante.+ Bertolomeu de paiva.~]

Es ist mit Recht aufgefallen, daß der Entdecker des Seeweges seit
1502 keine Verwendung in indischen Diensten gefunden hatte. War Don
Manuel nicht einverstanden gewesen mit dem schroffen Auftreten Gama’s?
Erst unter König Johann III. begegnen wir ihm wieder und dann mit dem
Range eines Vicekönigs, den seit Almeida kein Heerführer in Indien
mehr erhalten hatte. Im Gefolge Gama’s befanden sich außer seinen
Söhnen Estevan und Paulo die Capitäne Henrique de Menezes und Lopo
Vaz de Sampayo, welche beide später als Generalcapitäne fungirten. Am
23. September langte der neue Vicekönig in Goa an, und wandte seine
Aufmerksamkeit und Thätigkeit zunächst einer sorgfältigen Prüfung
der Verwaltung zu. Hier waren allerlei Mißbräuche eingerissen und
Unterschleife vorgekommen, welche die Einkünfte des Königs schmälerten.
Dabei handelte Gama im Interesse des Staates, denn, sagte er, er wolle
lieber den König reich machen, da es das größte Glück für ein Volk sei,
einen reichen König zu haben, als die Leute sich bereichern lassen,
die arm von Portugal kämen, um, ohne für den Dienst besonders befähigt
zu sein, in Indien Schätze zu sammeln. Darum verfuhr er gegen die
reichen Beamten des Königs sehr streng und stellte niemanden an, ehe
er seine Fähigkeiten geprüft hatte. Ohne Erlaubnißschein sollte kein
portugiesischer Privatmann Handel treiben, bei Todesstrafe, und wenn
gar ein Beamter sich an den Geschäften betheiligte, sollten Schiff und
Ladung confiscirt werden.

Da auch die portugiesischen Kauffahrteischiffe wegen der kriegerischen
Verhältnisse in den indischen Gewässern mit Geschützen versehen waren
und sich dieselben auf unerlaubte Weise vielfach aus den königlichen
Arsenalen zu verschaffen gewußt hatten, so forderte Gama diese Waffen
wieder zurück. Binnen einem Monate mußten sie an die Zeughäuser wieder
abgeliefert werden. Waren die Händler auf diese Weise wieder wehrlos
gemacht, dann war auch ihre Unternehmungslust dadurch gedämpft. Aber
nicht blos Waffen waren, mit Genehmigung der königlichen Verwalter,
aus den königlichen Magazinen abgegeben; manche höhere Beamte hatten
sogar königliche Gelder zurückbehalten. Diese trieb, so weit sie
ermittelt werden konnten, der Vicekönig ohne Ansehen der Person ein.
So forderte er selbst von seinem Vorgänger im Amte, Duarte de Menezes
Summen zurück, welche dieser sich aus den Einnahmen der Factoreien
angeeignet hatte. Eine längere Dauer seines Regiments würde für die
Verwaltung von heilsamer Wirkung gewesen sein. Aber diese letztere
wurde bald verwischt, da Vasco da Gama schon am 24. December 1524
in Kotschin starb. Die Leiche wurde, in seidenen Kleidern mit dem
Mantel des Christusordens bedeckt, mit Schwert und goldenen Sporen,
zuerst in einer Halle ausgestellt und dann in der Kapelle des
Franziskanerklosters in Kotschin beigesetzt. Im Jahre 1538 wurden die
Gebeine nach Portugal gebracht und in Vidigueira bestattet, wo das
Grabmal 1840 vom Pöbel zerstört wurde.

[Illustration: Wappen von Vasco da Gama.]

Barros schildert ihn als einen Mann von mittler Größe, kühn und tapfer
in seinen kriegerischen Unternehmungen, strenge in seinen Befehlen,
furchtbar in seinem Zorn, unverdrossen in der Arbeit, beharrlich selbst
in Gefahren, unbestechlich in der Handhabung der Gerechtigkeit. Und
wenn Correa hinzufügt, daß er sich nur aus religiösem Eifer und zur
Ehre Portugals so oft in Lebensgefahr begeben habe, so liegen auch bei
Vasco da Gama als die treibenden Kräfte: ritterlicher Waffenruhm und
die Verbreitung des heiligen Glaubens offen vor Augen; denn vielen,
und darunter den Edleren, erschienen die indischen Kämpfe als heilige
Kriege, als Kreuzzüge gegen den Erbfeind des Christenthums.

Nach dem Tode des Vaters kehrten die Söhne Gama’s zunächst nach
Portugal zurück.

Gama’s Nachfolger wurde +Henrique de Menezes+, ein junger, tapferer
Mann, welcher sich zuvor im marokkanischen Kriege ausgezeichnet hatte
und zu jener Zeit Gouverneur von Goa war. Derselbe starb aber schon
am 23. Februar 1526 in Folge eines Beinschadens. Zu seinem Nachfolger
bestimmte eine königliche Verordnung den +Pero Mascarenhas+. Derselbe
war aber damals Statthalter in Malaka, und weil man voraussah, daß
eine geraume Zeit darüber vergehen werde, ehe er mit günstigem Monsun
nach Vorder-Indien kommen könne, und weil man augenblicklich bei den
fortwährenden Kämpfen an der Küste von Malabar schleunigst einer
Oberleitung bedurfte, so entschieden sich die Hauptleute dahin,
nach einer weitern königlichen Verfügung, welche bereits in Indien
schriftlich vorlag, den +Lopo Vaz de Sampayo+ provisorisch als
Generalgouverneur anzuerkennen, jedoch mit dem Vorbehalte, daß er
bei Ankunft des Mascarenhas zurückzutreten habe. Lopo Vaz war damals
Commandant in Kotschin und trat sofort sein Amt an. Noch in demselben
Jahre traf von Europa eine neue Verfügung des Königs ein, welcher von
den oben erwähnten Vorfällen und von dem Tode des Menezes noch keine
Kunde hatte und nun neuerdings bestimmte, daß, falls Menezes stürbe,
Lopo Vaz in seine Stelle treten solle. Daraus entstanden unliebsame
Verwicklungen. Als Mascarenhas am 26. Februar 1527 vor Kotschin
ankam, wurde ihm bedeutet, er dürfe sich nicht als Generalgouverneur
betrachten und mit seinen bewaffneten Leuten landen. Wolle er ohne
Waffen als Privatmann ans Land kommen, so solle das gestattet sein.
Pero Mascarenhas hoffte durch sein persönliches Erscheinen seinen
Anhang zu vermehren und dann doch anerkannt zu werden. Aber er fand
am Ufer bewaffneten Widerstand und mußte, nachdem er zweimal am Arme
verwundet war, sich auf sein Schiff zurückziehen. Er lieferte die von
Malaka mitgebrachten Frachtschiffe und die Beute aus einem glücklichen
Kriege mit dem Fürsten von Bintang ohne Weigerung ab und begab sich
ohne Gefolge nach Goa, wo er durch friedliche Entscheidung zu seinem
Rechte zu kommen gedachte. Vor der Barre von Goa wurde aber sein
Fahrzeug auf Befehl des Lopo Vaz angehalten und er selbst in Ketten
gelegt und nach Kananor gebracht. Die starke Partei des Mascarenhas
ruhte aber nicht eher, als bis Lopo Vaz zu einem Vergleich sich
herbeiließ und das Urtheil einem Schiedsgerichte anheimstellte. Als
dieses sich für ihn entschieden hatte, kehrte Pero Mascarenhas nach
Portugal zurück (December 1527). Vor seiner Ankunft hatte der König
schon beschlossen, um die in Indien ausgebrochenen Parteistreitigkeiten
zu beseitigen, einen neuen Generalgouverneur zu entsenden, dem beide
Parteien gehorchen könnten. Es wurde +Nuno da Cunha+ ernannt, der
schon mit seinem Vater Tristão in Indien gewesen war. Diese Wahl war
sehr glücklich, denn seit Albuquerque’s Tode war nichts Bedeutendes
mehr geleistet und die verfügbare Macht in fruchtlosen Unternehmungen
zersplittert. Im April 1528 verließ da Cunha Lissabon mit 11 Schiffen
und 2500 Mann. An der Küste von Madagascar verlor er sein Schiff,
wandte sich an den Komoren vorbei nach Sansibar, eroberte im November
Mombas fast ohne Blutvergießen und legte es in Asche, da der Scheich
nur in der Erwartung, daß das höchst ungesunde Klima die Portugiesen
bald vertreiben werde, den verlangten Tribut zu zahlen sich weigerte.
Dann ging da Cunha, obwohl er von dem Streite über den Oberbefehl in
Indien genauere briefliche Nachrichten erhalten hatte, zuerst nach
Ormuz, um dort zu überwintern und zugleich die Angelegenheiten in der
Stadt zu ordnen. Er traf zu Gunsten des Königs von Ormuz uneigennützige
Verfügungen und übte strenges Gericht über hochgestellte einheimische
Beamte, welche sich große Unterschlagungen königlichen Gutes hatten
zu Schulden kommen lassen. Dadurch gewann er das Vertrauen des Herren
der Stadt. Während seiner Anwesenheit daselbst kam Belchior de Sousa
Tavaros von einem Kriegs- und Entdeckungszuge nach Basra in den Hafen
zurück. Er war der erste Portugiese, welcher in den vereinigten
Mündungsstrom des Euphrat und Tigris eindrang.

[Illustration:

    +Pero Mascarenhas in Ketten.+
    Aus den „~Lendas da India~“
]

Am 15. September 1529 begab sich da Cunha nach Indien und erreichte
Goa am 22. October. Sofort begann er seine Vorbereitungen zu einem
energischen Angriff auf Diu, dem wichtigen und sehr festen Hafenplatz
im Reiche Gudjerat. Schon Albuquerque hatte, in richtiger Würdigung der
Wichtigkeit dieses Platzes, den Hafen von Diu ins Auge gefaßt, war aber
durch andere Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen gewesen, um
einen Anschlag darauf ausführen zu können. Unter seinen Nachfolgern war
die Stadt, welche lange unter der Verwaltung des Melek Aias gestanden,
mehrfach vergeblich bestürmt. Auch unter den Nachfolgern des genannten
Statthalters, seinen Söhnen Melek Saka und Melek Toghan war sie eine
gefährliche Nachbarin der Portugiesen geblieben, denn der Sultan
Bahadur (Badur) von Gudjerat, zu dessen Gebiet sie gehörte, war einer
der mächtigsten Fürsten Indiens.

Inzwischen traf da Cunha mit seinem Vorgänger Lopo Vaz vor Kananor
zusammen und übernahm aus dessen Hand die Oberleitung der indischen
Angelegenheiten. Auf Befehl des Königs Johann III. mußte er sogar den
bisherigen Generalcapitän verhaften lassen, weil von Ormuz und Kotschin
aus Klagen gegen denselben eingelaufen waren. In Portugal aber wurde
Lopo Vaz bald wieder in Freiheit gesetzt.

Dem wankelmüthigen Samudrin, welcher den Frieden immer wieder brach,
sowie sich die portugiesische Macht aus seiner Nähe entfernte, wurden
die Häfen gesperrt und der einträgliche Handel gelähmt. Er wurde
nämlich von den Mohammedanern, in deren Interesse er handelte, immer
wieder heimlich unterstützt und aufgestachelt. Auch jetzt erbot er sich
wieder zum Frieden, allein da er die ihm auferlegten Bedingungen nicht
erfüllen wollte, zerschlugen sich die Verhandlungen, und der friedelose
Zustand dauerte fort. Im Jahre 1531 gelang es aber doch durch
geschickte Unterhandlungen dem Samudrin das Zugeständniß abzugewinnen,
die Erlaubniß zu ertheilen für die Anlegung einer Festung in Chali,
drei Meilen südlich von Kalikut, im Gebiet des untergebenen Radscha von
Tanur. Da Cunha ließ den Bau sofort beginnen und belegte den festen
Platz bereits im Februar 1532 mit 250 Mann. Trotzdem blieb der Samudrin
offen oder versteckt ein Gegner der Portugiesen.

Das Reich Gudjerat, gegen welches Nuno da Cunha seinen großen Zug
richten wollte, erstreckte sich auf beiden Seiten des Golfs von Kambaya
vom Golf von Katsch bis südlich von Bombay. Hier lagen an der Küste
die reichen Handels- und Gewerbstädte Pattana, Diu, Kambaya, Barotsch,
Sorâth, Damân und Bassein, alte, wohlhabende und berühmte Orte, theils
von indischen, theils von mohammedanischen Kaufleuten bewohnt. Schon
ehe der Generalcapitän mit seiner großen Flotte aufbrach, schickte er
im Anfange des Jahres 1530 den Antonio da Silveira mit einer Anzahl von
Schiffen ab und ließ mehrere dieser Städte angreifen und plündern.

Dann folgte im nächsten Jahre da Cunha selbst von Bombay aus mit einem
so gewaltigen Geschwader, wie es vorher von den Portugiesen noch nicht
aufgebracht war. Es sollen gegen 400 große und kleine Schiffe gewesen
sein mit 3600 Portugiesen und dazu eine bedeutende Schaar indischer
Hilfstruppen. Statt aber geradenwegs auf Diu zu steuern, wandte sich
der portugiesische Befehlshaber weiter ostwärts, wo in einer Entfernung
von 8 Meilen nordöstlich von Diu eine kleine felsenumsäumte Insel,
jetzt Searbett, damals Bete genannt, liegt. Dieselbe war in letzter
Zeit mit Festungswerken versehen und hatte eine Besatzung von 800
Mann. Nuno da Cunha glaubte diese feste Position, welche den genannten
großen Handelsemporien näher lag, nicht im Rücken lassen zu dürfen
und hoffte sie ohne großen Verlust wegnehmen zu können. Allein die
mohammedanische Besatzung wehrte sich mit dem Muthe der Verzweiflung,
bis sie vernichtet war. Dadurch büßte da Cunha nicht blos viele Leute
und darunter hervorragende Führer ein, sondern er verlor auch viel
Zeit, welche von seinen Gegnern in Diu trefflich benutzt wurde, um den
ohnehin festen Platz noch mehr mit Vertheidigungswerken zu versehen.
Diu liegt vor dem Südende der Halbinsel Gudjerat auf einer Insel hart
an der Küste. Dieses Eiland erstreckt sich 1½ Meilen von Osten
nach Westen und ist etwa ½ Meile breit. Am schmäleren Ostende liegt
die Stadt, zwischen der Insel und dem nördlichen Festlande der gegen
Osten geöffnete Hafen. Klippenreihen umsäumen die Insel gegen Süden
und decken die Stadt. Auf und zwischen den Felsen waren Batterien
errichtet, um einen Angriff von der Seeseite abzuwehren. Weiter
ostwärts erstrecken sich Sandbänke vor der Einfahrt in die Bucht, und
der Hafen selbst war mit eisernen Ketten versperrt.

Hätten die Portugiesen es nur mit den einheimischen Truppen zu thun
gehabt, so wäre der Angriff auf diese starke Position vielleicht
von Erfolg gekrönt gewesen; allein der Sultan Bahadur hatte kurz
vorher einen unschätzbaren Bundesgenossen bekommen in der Person des
türkischen Generals Mustafa, der auf die Kunde von den drohenden
Ereignissen vom rothen Meere her mit zwei Schiffen und 800 tüchtigen
türkischen Soldaten der Stadt zu Hilfe geeilt war. Mustafa verstand
die europäische Kriegführung und war namentlich als Artillerieoffizier
berühmt. Er wurde der Leiter der ganzen Vertheidigung und die
gutgezielten Schüsse seiner Batterien richteten unter den Portugiesen
unerwartet großen Schaden an. Nuno da Cunha übersah bald die veränderte
Lage und das Bedenkliche eines Sturmes auf die Festung; da aber sein
König den Angriff befohlen, so wagte er ihn, um nicht als zaghaft
gescholten zu werden. Sein Hauptsturm, am 16. August, wurde indeß durch
die Vertheidiger der Stadt abgeschlagen, und die Portugiesen mußten
sich zurückziehen. Mustafa erhielt in Anerkennung seiner rühmlichen
Leistung den Titel eines Chan und wurde mit der Verwaltung des
Districts von Barotsch belohnt. Nuno beschränkte sich auf eine Blokade
und ging dann nach Tschaul, südlich von Bombay, zurück. Der kleine
Krieg zur See, die Wegnahme von Handelsschiffen, die Verwüstung von
Küstenhäfen wurde auch im folgenden Jahre noch fortgesetzt.

Bahadur, welcher bald darauf mit dem Sultan Humajun von Dehli in einen
Krieg verwickelt wurde und daher in den Küstenstädten nur wenige
Truppen zurücklassen konnte, wünschte indeß mit den Portugiesen Frieden
zu schließen und bot ihnen statt Diu die Stadt Bassein sammt der Insel
Salsette und Bombay (Mombain) an; der portugiesische Gouverneur ging
darauf bereitwillig ein und ließ schon im Januar 1535 ein Fort in
Bassein anlegen. Im Verlauf desselben Jahres lief aber Bahadurs Feldzug
gegen Dehli unglücklich ab, er wurde geschlagen und flüchtete, verfolgt
von dem Sieger Humajun, welcher Kambaya besetzte, nach Diu. Dem
Sultan war darum zu thun, in seiner Noth die Portugiesen als Freunde
zu gewinnen. Er erbot sich daher noch im Herbst 1535, ihnen einen
Platz bei Diu einzuräumen, um eine Festung anzulegen, die den Hafen
beherrschen könne. Dagegen sicherte Nuno da Cunha freien Handel der
Städte in der Richtung nach dem rothen Meere zu; alle Schiffe konnten
frei passiren, nur die türkischen nicht. Auf diesen Grundlagen wurde
ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen. Der Bau einer starken Burg
wurde alsbald begonnen.

Als aber Humajun nach anderen Theilen seines Reiches abgerufen wurde
und Bahadur sich von diesem gefährlichen Feinde erlöst sah, wurde
ihm die Burg der Portugiesen lästig. Er knüpfte daher mit anderen
Fürsten in Dekhan Verbindungen an, bewahrte aber äußerlich noch ein
gutes Einvernehmen. Nuno da Cunha erfuhr von dieser Sinnesänderung
und ging im Januar 1537 nach Diu. Als der Sultan den Gouverneur auf
seinem Schiffe besucht hatte und nach der Stadt zurückfuhr, kam es
in Folge eines unglücklichen Mißverständnisses zu einem feindseligen
Zusammenstoß mit einigen nachfolgenden portugiesischen Fahrzeugen.
Daraus entwickelte sich ein blutiges Gefecht, in welchem Bahadur
selbst getödtet wurde. Bei der allgemeinen Bestürzung, die darüber
entstand, ward es den Portugiesen leicht, die Stadt zu besetzen. Als
die Gudjeraten aber mit einem größeren Heere heranrückten, mußten
die Portugiesen sich wieder in die Festung zurückziehen. Hier hatten
sie bald eine sehr ernste Belagerung zu bestehen, denn im Jahre 1538
rückte eine gewaltige türkische Flotte mit 7000 Soldaten vor Diu.
Fünfundzwanzig Tage lang wurde die Festung aus schwerem Geschütz
beschossen, aber der tapfere Commandant Antonio da Silveira hielt
Stand, und das Beispiel edler Frauen, welche nach dem Bericht Barros’
mit Hand anlegten, um die durch die türkischen Geschosse zertrümmerten
Mauern wieder herzustellen, feuerte den Muth der kleinen Besatzung
an. Ein Hauptangriff gegen die geschossene Bresche wurde glücklich
abgeschlagen, die Türken mußten sich zurückziehen und die Belagerung
aufheben, weil Nuno da Cunha einige Schiffe zum Entsatz gesandt hatte,
welche von den Belagerern für einen Theil der großen erwarteten
Flotten gehalten wurden.[124] Es war für die hartbedrängte Schaar
auch die höchste Zeit für eine Erlösung, denn aller Kriegsvorrath war
verbraucht, und nur noch 40 Mann waren gefechtstüchtig geblieben.
Alle übrigen waren gefallen oder verwundet, oder lagen am Scorbut
krank, welcher in Folge des schlechten Trinkwassers in der Festung
ausgebrochen war.

So war Diu gerettet, und die türkische Macht kehrte am 5. November nach
dem rothen Meere zurück.

Es war dies das letzte bedeutende Ereigniß unter der Regierungszeit
Nunos. Sein Nachfolger war bereits angekommen. Garcia de Noronha, ein
Neffe Albuquerque’s, kam am 11. September 1538 mit einer Flotte nach
Goa und übernahm als Vicekönig die Leitung. Nuno da Cunha’s Stellung
war in Portugal erschüttert, das konnte er aus dieser Ernennung zu
deutlich erkennen. Statt einen kräftigen, energischen Mann, wie er
gewünscht hatte, und wie er es selbst gewesen war, ehe das indische
Klima seine Gesundheit untergraben hatte, schickte man einen Greis
von 70 Jahren, der auch dann als Diu in höchster Gefahr schwebte, mit
äußerster Bedächtigkeit seine Rüstungen vornahm. Statt geschulter
Soldaten brachte er entlassene Sträflinge mit, die erst eingeübt
werden mußten und so wenig Vertrauen erweckten, daß die portugiesischen
Hauptleute in Indien lieber eingeborene Truppen nahmen.[125] In
Portugal machte sich der Mangel an junger Mannschaft bereits so
fühlbar, daß man zu einem so bedenklichen Ersatz gegriffen hatte. Aus
Mißmuth darüber nahmen mehrere Hauptleute den Abschied und kehrten mit
da Cunha nach Portugal zurück.

Die letzten Tage seines Aufenthalts in Indien wurden dem bisherigen
Gouverneur noch dadurch verbittert, daß der Vicekönig ihm ein Schiff
zur Heimreise verweigerte, unter dem Vorwande, er könne keins
entbehren. Dadurch wurde da Cunha noch bis zum Januar 1539 in Kananor
zurückgehalten und mußte sich, nachdem er zehn Jahre die portugiesische
Macht in rühmlicher Weise erweitert und seinem Könige die Festungen
in Diu, Bassein und Chali gegründet hatte, welche, wie Barros meint,
nicht weniger wichtig waren als Ormuz, Malaka und Goa, die Eroberungen
Albuquerque’s, auf eigene Kosten ein Schiff miethen, um in die Heimat
zurückkehren zu können. Den Keim einer tödtlichen Krankheit in sich
tragend und niedergebeugt durch den Undank des Herrschers, dem er
ebenso uneigennützig als erfolgreich sein Leben lang gedient, denn er
war schon sehr früh nach Indien gekommen, stieg da Cunha zu Schiff.
Als er den Tod nahen sah, erklärte er in seinem Testamente an Eides
statt, daß er niemals königliches Eigenthum sich angeeignet habe, außer
fünf goldenen Münzen aus dem Schatze des Sultans Bahadur, die er dem
König habe zeigen wollen. Als man ihn fragte, ob er wünsche, daß, falls
er sterbe, seine Leiche mit nach Portugal genommen würde, antwortete
er: „Soll ich nach Gottes Rathschluß auf der See sterben, so mag auch
die See mein Grab sein. Das Vaterland, das mich voll Undank von sich
gestoßen, soll auch mein Gebein nicht decken.“

Sieben Wochen nach der Abfahrt von Kananor starb er und wurde, nach
seinem Willen mit dem Gewande des Christusordens bekleidet und mit dem
Schwert umgürtet, ins Meer gesenkt. So ward er wenigstens vor noch
tieferer Kränkung bewahrt; denn allzu leicht geneigt, den geheimen
Anklagen und Verleumdungen ein williges Ohr zu leihen, hatte die
portugiesische Regierung ihm bereits ein Schiff entgegengesandt mit dem
ausdrücklichen Befehl, den heimkehrenden Generalgouverneur in Ketten zu
legen.

Vielleicht war Johann III. dem Nuno deshalb nicht wohl gesinnt, weil
dieser sich zu wenig die Ausbreitung des Christenthums hatte angelegen
sein lassen und aus politischem Interesse dem Sultan Bahadur zu große
Zugeständnisse gemacht hatte. Denn gerade zu jener Zeit war die
Geistlichkeit von maßgebendem Einfluß im Rathe Johanns III., welcher
die Inquisition in Portugal eingeführt hatte.

[Illustration: +Porträt von Nuno da Cunha.+

Aus den „~Lendas da India~“]

Mit Nuno da Cunha ging die ruhmreiche Zeit in Indien zu Ende. Noch
lange nach seinem Tode, sagt Barros, erinnerte man sich der zehn Jahre
seiner Regierung, so daß selbst diejenigen, die ihn ehedem befeindet
hatten, seine Lobredner wurden.

Man muß sich erstaunt fragen, wie es gekommen, daß gerade die
verdienstvollsten Männer für ihre Thaten in Indien mit Undank
belohnt wurden. Nicht sie selbst allein beklagen sich darüber, die
Geschichtsschreiber fällen dasselbe Urtheil und stimmen ihnen bei. Ohne
Zweifel lag der Grund zum Theil darin, daß man von Portugal aus, ohne
die Sachlage aus so weiter Ferne genau beurtheilen zu können, zu viele
Wünsche, Verhaltungsmaßregeln und Befehle sandte, welche unmöglich
sofort ausgeführt werden konnten; daß man ein selbständiges Handeln,
selbst gegen die ertheilten Vorschriften, als ein Auflehnen gegen die
königliche Macht, als ein bedenkliches Trachten nach Unabhängigkeit
ansah. Dazu kam noch, daß viele portugiesische Edelleute den Dienst in
Indien als ein willkommenes Mittel ansahen, sich möglichst rasch zu
bereichern, und sei es auch auf ungerechte Weise. Wie oft ist nicht
über Unterschleife geklagt und Untersuchung angestellt worden! Oder es
wollten sich die vornehmen Herren den Befehlen des Generalgouverneurs
nicht fügen und lehnten sich dagegen auf. Wurden sie dann ihrer Stellen
entsetzt und nach Portugal zurückgeschickt, dann traten sie natürlich
mit bitteren Klagen über die Oberleitung in Indien auf, und von ihren
Gönnern bei Hofe unterstützt, fanden sie auch den Weg bis zu dem Ohr
des Herrschers, der fast nur die entstellten Berichte zu hören bekam
und so gerade die energischesten Statthalter mit Mißtrauen beobachten
lernte oder sich gegen dieselben gewinnen ließ.

Ueberblicken wir noch einmal die politische Machtstellung der
Portugiesen in Indien zur Zeit, als Nuno da Cunha starb, so lag
der Mittelpunkt ihres Besitzes auf der Westküste jener asiatischen
Halbinsel. Es wäre aber eine durchaus falsche Vorstellung, ihre
Herrschaft sich über weite Ländereien auf dem Boden Indiens ausgedehnt
zu denken. Der ursprüngliche Plan, den Weg zu den Gewürzländern
zu finden und den Gewürzhandel ganz und allein in die Hand zu
bekommen, blieb stets maßgebend und die einzige Richtschnur. Mit den
einheimischen Fürsten wünschte man stets in Frieden zu leben; aber
die Anhänger Mohammeds, diese Erzfeinde des christlichen Glaubens,
und in den indischen Gewässern fast die alleinigen Zwischenhändler
des Handels mit Europa, sei es über den persischen Golf oder durch
den arabischen Meerbusen, mußten mit Waffengewalt verdrängt werden;
ihre Kauffahrer sollten aus dem indischen Ocean verschwinden. Zu dem
Zwecke mußten wachehaltende Kriegsschiffe auf dem Meere kreuzen, um die
unter mohammedanischer Führung gehenden Gewürzfrachten abzufangen und
ihnen alle Wege zu sperren, dazu dienten aber auch in den wichtigsten
Handelsplätzen Indiens feste Citadellen zur Ueberwachung des Verkehrs.

Verstanden sich die indischen Fürsten dazu, daß in ihrem Gebiet eine
von Portugiesen besetzte steinerne Festung errichtet wurde, dann traten
sie in das Verhältniß der Bundesgenossenschaft, andernfalls waren sie
beständigen Belästigungen und Angriffen von der Seeseite ausgesetzt.

Sonach besaßen zwar die Portugiesen eine größere Anzahl von Steinburgen
in oder neben den Städten, aber die einheimischen Fürsten regierten im
Lande. Nur an drei Punkten wurden den Portugiesen durch Verträge oder
Eroberung Küstenstädte nebst dem umgebenden Lande abgetreten: Diu,
Bassein mit Salsette und Goa. Und diese lagen sämmtlich an der Küste
auf kleinen Inseln, welche von den Eroberern besser vertheidigt werden
konnten. Hier waren die Portugiesen die alleinigen Herren und wußten
im Laufe der Zeit sich, nach dem Vorgange Albuquerque’s in Goa, diese
Positionen um so mehr zu sichern, als Europäer sich dort niederließen
und die Städte ihren rein indischen Charakter verloren. Daher kommt es
auch, daß noch jetzt die allerdings längst bedeutungslos gewordenen
Städte Goa und Diu in portugiesischen Händen geblieben sind.

Außerhalb Indiens gehörte ihnen noch das mit bewaffneter Hand genommene
Malaka, das aber nur mühsam bis ins nächste Jahrhundert behauptet
wurde. Auch in Ormuz waren sie, obwohl die einheimische Herrschaft
in der Stadt belassen wurde, doch die gebietende Macht, während
eine Reihe von arabischen Küstenplätzen und ost-afrikanischen Häfen
tributpflichtig gemacht wurde.

Die Verhältnisse auf den Molukken sollen im Folgenden noch eingehend
betrachtet werden.

Die historischen Ereignisse in Vorder-Indien werden wir nicht weiter
verfolgen, sondern richten unsere Blicke auf die östlichen Länder und
Inseln Asiens, um zu sehen, wie sie allmählich entschleiert wurden, bis
die neugewonnene Kenntniß einerseits bis nach Japan, andererseits bis
hart an den Continent Australien reichte.


9. Die Portugiesen auf den Molukken.

Im Südosten von Hinter-Indien breitet sich die große malayische
Inselflur aus, welche aus der Sundawelt nebst Molukken und Philippinen
besteht. Der Flächenraum, welchen die an tropischen Erzeugnissen
überaus reich gesegneten und in malerischer Schönheit prangenden
Inseln bedecken, ist so groß wie ganz Europa. Die Summe der Landmassen
dieses Gebietes, welches in seiner ganzen Breite auf einer Strecke
von 35 Meridianen oder 525 Meilen vom Aequator durchschnitten wird,
beträgt etwa 36,000 Quadratmeilen; die Bevölkerung wird jetzt auf 35
Millionen Menschen geschätzt, ist also größer als die Einwohnerschaft
von ganz Südamerika. Die Sundainseln gehören zu den größten Inseln
der Erde: Bórneo nimmt einen größern Flächenraum ein als das deutsche
Reich sammt den angrenzenden Staaten Schweiz, Belgien, Niederlande
und Dänemark; Sumátra ist so groß wie Preußen und Bayern zusammen,
Celebes läßt sich mit Großbritannien vergleichen, und Java steht dem
Staatencomplex von Süddeutschland nicht nach. Man macht sich von der
Größe des ganzen Gebiets und der Ausdehnung dieser Inseln gewöhnlich
eine zu geringe Vorstellung. „Der Reisende,“ sagt Wallace,[126] „segelt
Tage, selbst Wochen längs den Ufern +einer+ dieser Inseln, die oft so
groß sind, daß deren Bewohner sie für ein ausgedehntes Festland halten.
Er erfährt, daß man Touren zwischen diesen Inseln meist nur nach Wochen
und Monaten berechnet und daß ihre verschiedenen Einwohner oft so
wenig unter einander bekannt sind, wie die Eingebornen des nördlichen
Festlandes von Amerika denen des südlichen. Bald gelangt er dahin,
diese Region als eine von der ganzen übrigen Welt gesonderte anzusehen,
mit ihren eignen Menschenrassen und ihren eignen Ansichten der Natur,
mit ihren eignen Ideen, Empfindungen, Sitten und Sprachweisen, mit
einem Klima, einer Vegetation, einer Thierwelt, alles von durchaus ihr
eigenthümlichem Charakter.“

Nahe dem Ostrande dieses großen Gebietes, genau in einem Abstande
von 25 Meridianen, von der Stadt Malaka aus gerechnet, liegen
die eigentlichen Molukken oder Gewürzinseln an der Westküste der
vielgegliederten Insel Halmahera oder Dschilolo zwischen dem ersten
und zweiten Grade nördl. Br. Die wichtigsten darunter sind Ternate und
Tidor. Zwei andere Gruppen von Eilanden, welche ebenfalls an Gewürz
reich sind, liegen 60 bezüglich 80 Meilen südlich und südöstlich von
der zuerst genannten Gruppe. Beide liegen im Süden der langgestreckten
Insel Ceram, und zwar die Amboinen und Banda.

Hier ist die Heimat der Gewürznelken und der Muskatnuß. Im Gegensatz
zu der namhaften Ausdehnung der Sundainseln gehören die Molukken zu
den kleinsten Eilanden, so daß die kostbarsten Güter der Pflanzenwelt
nur auf einem sehr beschränkten Raum gedeihen. Tidor umfaßt kaum 1½,
Ternate etwas mehr als 1 Quadratmeile, und die Bandagruppe ist auch
nicht größer. Dagegen nehmen die Amboinen einen Flächenraum von 17
Quadratmeilen ein. Gegenwärtig beträgt die Bevölkerung nicht ganz
100,000 Seelen, sie entspricht also annähernd der mittleren Dichtigkeit
der Bevölkerung im deutschen Reiche.

Diese Inseln sind Glieder des großen vulkanischen Ringes, welcher von
den Philippinen her gegen Süden über Banda hinaus und weiter gegen
Westen und Nordwesten über Sumatra hin die größte aller in diesem
Gebiete liegende Insel Borneo umfaßt. Sie sind sämmtlich vulkanisch
und bestehen eigentlich nur aus 4- bis 5000 Fuß hohen Bergkegeln,
in denen die eruptischen Gewalten des Erdinnern noch wach sind,
und die theils durch verheerende Ausbrüche, theils durch heftige
Erderschütterungen die Bewohner erschrecken. Aber die vulkanischen
Aschen und die verwitterten Laven haben, von tropischem Regen getränkt,
eine erstaunliche Fruchtbarkeit und eine üppige Baumvegetation
erzeugt, welche die Gehänge der Vulkane vollständig umhüllt. Auf
den eigentlichen Molukken hat Tidor den größten und vollkommen
konisch gestalteten Berg, der Berg auf Ternate ist fast ebenso hoch
aber mit einer gerundeten und unregelmäßigen Spitze. Hier erhebt
sich unmittelbar hinter der Stadt der riesige Berg, anfangs langsam
ansteigend und mit dichten Hainen von Fruchtbäumen bedeckt, bald
aber steiler werdend und von tiefen Furchen durchzogen. Fast bis zum
Gipfel, dessen Oeffnung stets schwache Rauchwolken entsteigen, ist er
mit Pflanzenwuchs bekleidet und sieht so ruhig und schön aus, obgleich
er ein Feuer birgt, das gelegentlich in Lavaströmen ausbricht, aber
sich häufiger durch Erdbeben bemerkbar macht, welche oftmals die Stadt
verwüstet haben.[127]

Ueber den Fruchtbäumen erstreckt sich ein Gürtel von Lichtungen und
bebautem Boden, welcher sich den Berg hinauf bis zu einer Höhe von
zwei- bis dreitausend Fuß zieht, worauf Urwald folgt, der fast bis zum
Gipfel reicht.

Die Küsten dieser kleinen Inseln haben steile, schwarze Gestade aus
vulkanischem Sande oder sind mit zerrissenen Massen von Lava und
Basalt belegt.[128] Nur hier auf den beiden genannten Inselbergen und
den südlich darauf folgenden Inseln, welche ähnlich gestaltet sind,
auf Motir und Makkian, sowie auf der südlichsten und größten, Batjan,
gedieh die geschätzte Gewürznelke. Der spanische Seefahrer Urdaneta,
welcher von 1526 bis 1535 dort weilte, schätzte zu seiner Zeit den
jährlichen Ertrag in guten Jahren auf 11,600 Centner (Quintal), in
schlechten Jahren auf 5- bis 6000 Centner. Als Urdaneta auf die Inseln
kam, kostete ein Bahar (d. h. mehr als 4 Centner) 2 Dukaten, und zur
Zeit, als er das Gebiet verließ, bezahlte man in Indien für dasselbe
Maß bereits 10 bis 14 Dukaten.[129]

Die zweitwichtigste Gruppe bilden die drei kleinen Bandainseln.
Barros[130] nennt sie einen Garten von Muskatbäumen, welche mit
zahlreichen Pflanzen und Kräutern zu gleicher Zeit blühen und so die
Luft mit einem unvergleichlichen Gemisch von Wohlgerüchen erfüllen.
Wallace schildert sie mit gleichem Entzücken, als bedeckt mit einer
ungewöhnlich dichten und brillianten grünen Vegetation. Banda ist ein
lieblicher kleiner Fleck Erde; die drei Inseln schließen einen sichern
Hafen ein, von dem kein Ausgang sichtbar ist, und der so durchsichtiges
Wasser besitzt, daß lebende Korallen und selbst die kleinsten
Gegenstände deutlich auf dem vulkanischen Sand und in einer Tiefe
von 7 bis 8 Faden zu sehen sind. Der immer rauchende Vulkan thürmt
seine nackte Spitze an einer Seite auf, während die zwei größeren
Inseln mit Pflanzenwuchs bis an den Gipfel der Hügel bedeckt sind.
Ungeachtet der Verluste, welche durch Erderschütterungen entstehen,
und ungeachtet des geringen Umfanges und der isolirten Lage dieser
kleinen Inseln sind sie noch der Haupt-Muskatnußgarten der Erde. Fast
die ganze Oberfläche ist mit Muskatnüssen bepflanzt, welche unter dem
Schatten der hohen Kanarienbäume (~Kanarium commune~) wachsen. Der
vulkanische Boden, der Schatten und die außerordentliche Feuchtigkeit
dieser Inseln, wo es mehr oder weniger jeden Monat im Jahre regnet,
scheinen dem Muskatnußbaume gerade zuzusagen, welcher keinen Dünger
und kaum der Pflege bedarf. Das ganze Jahr hindurch findet man Blumen
und reife Früchte, und dazu sind wenige cultivirte Pflanzen schöner
als Muskatnußbäume. Sie sind hübsch geformt und glattblättrig, 20 bis
30 Fuß hoch und tragen kleine gelbliche Blumen. Die reife dunkelbraune
Nuß ist von der carmoisinrothen Muskatblüthe oder Macis als Samenhülle
umgeben und bietet so einen reizvollen Anblick dar.[131]

Urdaneta schätzte zu seiner Zeit den Ertrag auf durchschnittlich 7000
Centner Nüsse und 1000 Centner Macis (~macía~). Ein Bahar (hier gleich
5 Centner) Nüsse kostete 5 Dukaten, Macis immer siebenmal soviel. Von
beiden Gewürzen gelangten damals nur etwa 500 Centner Gewürznelken, 100
Centner Macis und 200 Centner Muskatnüsse nach Portugal.[132]

Die dritte und größte Gruppe endlich bilden die Amboinen südlich von
Ceram, gegenwärtig dem Hauptpunkte der Molukken. Die Hauptinsel Amboina
besteht aus zwei Halbinseln, die durch Seebuchten fast gänzlich von
einander getrennt sind. Thätige Vulkane gibt es nicht mehr auf der
Insel; früher kamen häufiger heftige Erdbeben vor. Seit 1824 ist der
Vulkan auf der westlichen Seite der Insel still geworden. Der Seegrund,
welcher die Insel umgibt, ist von einer wunderbaren Klarheit und von
bezaubernder Schönheit der farbenprächtigen Korallenwelt, welche von
zahlreichen blau, roth und gelb gefärbten Fischen und der Oberfläche
näher von orangenen und rosigen, durchsichtigen Medusen belebt ist.
Ueppiger Wald, von Kletterpflanzen durchwuchert, bedeckt das ganze
Land, so weit es nicht für den Anbau gelichtet ist.[133]

Schon im sechzehnten Jahrhundert gediehen hier die Gewürznelken, wenn
auch nicht in demselben Maße wie auf den Molukken, aber die Insel war
damals bekannt wegen der Seetüchtigkeit der Bewohner. Die Malayen,
welche diese Inselwelt größtentheils bewohnen, sind recht eigentlich
ein Seevolk, und durch die Zersplitterung des heimischen Grundes in
zahllose Berginseln, deren Gipfel weit über See aus blauer Ferne
einladend winken, zum Seeleben erzogen. Die nur in ihrem Gebiete
vorkommenden Gewürze steigerten den Verkehr und die Neigung zu weiten
Wasserfahrten. Vom Süd- und Ostgestade des benachbarten asiatischen
Festlandes kamen die arabischen, indischen, chinesischen Fahrzeuge
zu ihnen, um die Gewürze zu holen. Da diese nun allein am äußersten
Ende des Gebiets gediehen, mußten alle Meere innerhalb der Inselzone
durchstreift werden und kundige Piloten sich an allen wichtigeren
Sammelplätzen bilden. Aber über den scharfbegrenzten Südrand, über
die von Java und den kleinen Sundainseln gezogenen Barrieren ging die
Schifffahrt ins offene indische Weltmeer nicht hinaus, ebensowenig aber
auch weiter gegen Osten und Südosten, sodaß die Bewohner keine Kunde
hatten von dem nahegelegenen australischen Festlande. Der Gewürzhandel
führte nicht in jene ungastlichen Gewässer, und so sind auch die
Portugiesen nach dieser Richtung nicht weiter vorgedrungen, als ihr
einziges Ziel, die Gewürzinseln zu erreichen, sie führen konnte.

Es ist bereits oben (S. 174) kurz angedeutet, daß der große
Albuquerque, nachdem er sich des Hafens von Malaka bemächtigt hatte,
drei Schiffe unter dem Oberbefehl +Antonio’s d’Abreu+ absandte, um
die Molukken aufzusuchen. Es war das äußerste und letzte Ziel der
portugiesischen Handelspolitik. Mit d’Abreu gingen als Capitäne der
beiden anderen Schiffe Francisco Serrão und Simão Affonso Bisigudo. Im
December 1511 stachen sie von Malaka aus in See, richteten ihren Cours
zunächst nach der Nordküste von Java und gelangten von da nach Amboina.
Serrão’s Schiff ging in einem Sturm unter, aber die Mannschaft konnte
sich auf eines der anderen beiden Fahrzeuge retten. Auf Banda bot sich
Gelegenheit, eine Dschunke zu erwerben als Ersatz für das verlorene
Schiff; auch konnte man hier bereits eine Gewürzfracht eintauschen.
Nach den eigentlichen Molukken kam d’Abreu nicht. Die Gewürzinseln
im weiteren Sinne hatte er gefunden. Er begnügte sich mit dem ersten
Erfolg, zumal da seine Schiffe sich in schlechtem Zustande befanden,
und kehrte bald darauf zunächst nach Malaka und später mit Fernão Peres
d’Andrade nach Portugal zurück. Aber bereits bald nach seiner Abreise
von Banda verlor er die eben erst gekaufte Dschunke, denn Serrão hatte
zum zweitenmale Unglück, indem sein Fahrzeug an den Korallenriffen
von Nusa-Pinja (Luci-para), südlich von Amboina, strandete. Der
portugiesische Capitän rettete sich nicht allein glücklich mit den
Seinen ans Land, sondern wußte sogar mit List sich eines malayischen
Raubschiffes zu bemächtigen, dessen Mannschaft ahnungsvoll ans Ufer
gegangen war. Serrão hatte das Schiff ankommen sehen, lag mit seinen
Leuten auf der Lauer im Versteck und bemeisterte sich ohne Mühe des
fast unbewachten Fahrzeuges, einer sogen. Korra-korra. Wollten die
Seeräuber nicht selbst gleichsam als Schiffbrüchige zurückbleiben,
dann mußten sie sich bequemen, die Portugiesen wieder nach Amboina zu
bringen. So gelangte Serrão zum zweiten Male dahin, und erfuhr hier,
wo er freundliche Aufnahme fand, daß der Radscha oder Sultan von
Ternate (denn die Gewürzinseln standen unter einzelnen Häuptlingen,
unter denen der Herr auf Ternate der mächtigste war) bereits von dem
unter d’Abreu nach seiner Insel beabsichtigten Zuge Kunde erhalten
hatte und ihn zu sich einlud, um ihn mit seinen Leuten womöglich
in seinen Dienst zu nehmen. Da sich auf diese Weise die sicherste
Gelegenheit bot, die eigentlichen Gewürzinseln zu erreichen, so
ging Serrão darauf ein, kam nach Ternate und wurde mit dem Sultan
befreundet. Durch ein mit Gewürzfracht von dort abgehendes malayisches
Schiff, welches nach Malaka bestimmt war, aber auf Java strandete,
gelangte im Frühjahr 1513 die Nachricht von dem Schicksal Serrão’s
nach jener hinter-indischen Hafenstadt. Um die so fern verschlagenen
Landsleute abzuholen, wurde nun Antonio de Miranda d’Azevedo mit einem
Geschwader nach den Molukken gesandt. Die Sultane von Ternate und dem
benachbarten Tidor, eifersüchtig aufeinander, bewarben sich beide um
die Freundschaft der zur See so mächtigen Fremdlinge, von deren Thaten
in Indien man auch auf den Molukken natürlich längst gehört hatte, und
erboten sich beide, den Portugiesen einen Platz zu ihrer Niederlassung
anzuweisen, denn sie hofften beide, mit Hilfe dieser neuen Freunde den
Rivalen überwältigen zu können. Vorläufig aber nahm Miranda seinem
Auftrage gemäß nur die Mannschaft Serrão’s mit sich zurück, während
dieser selbst auf Ternate blieb. Indeß gab Serrão dem abfahrenden
Schiffe einige Briefe an seine Freunde in Indien mit, darunter
einen an Fernão Magalhães, worin er ruhmredig die Entfernung der
Gewürzinseln von Malaka noch übertrieb und von seinen Thaten in einer
Weise berichtete, als ob er die Leistungen eines Vasco da Gama damit
verdunkelt hätte. Dieser Brief ist deshalb von weittragender Bedeutung
geworden, weil Magalhães, seinem Freunde trauend, aus den angegebenen
Entfernungen den Schluß zog, die Molukken lägen nicht mehr auf der den
Portugiesen zugewiesenen Erdhälfte, und weil er dann weiterhin daraus
den Plan baute, auf westlichem Wege von Spanien aus die Gewürzinseln
aufzusuchen, um sie für Kaiser Karl V. in Besitz zu nehmen.

Einen weiteren Besuch stattete 1518 +Dom Tristão de Menezes+ den
Molukken ab. Er kam nach Ternate, wo er Serrão fand und wo der Radschah
sich sofort anheischig machte, den Portugiesen eine feste Factorei zu
bauen. Darüber entstanden, durch Eifersucht erregt, Streitigkeiten mit
den benachbarten Herren von Tidor und Batjan. Da nun Menezes fürchtete,
in diesem Zwiste möchte ihm die Gelegenheit verloren gehen, eine volle
Gewürzladung zu bekommen, so lehnte er die Einladung des Gebieters
von Ternate zunächst ab und erklärte, der König habe ihn nur gesandt,
um sich in den Productionsländern der Gewürze umsehen und eine Fracht
einzukaufen. So gelang es ihm, außer seinem eigenen Schiffe auch noch
vier Dschunken beladen zu können. Serrão und ein Abgesandter des
Radschah begleiteten ihn, die Dschunken wurden von Serrão, Simão Correa
und Duarte da Costa geführt, gingen aber, als sie bald nach der Abfahrt
von Ternate in einem Sturme von dem Hauptschiffe getrennt wurden,
nach den Molukken zurück, während Menezes sich nach Banda flüchtete.
Von da kehrte dieser, weil er den Aufenthalt der verlorenen Schiffe
richtig vermuthete, nach Batjan zurück, fand dort aber seine Landsleute
in einen Streit mit den Eingeborenen verwickelt, in welchem alle
Mannschaft von der Dschunke Correa’s bis auf einen Einzigen erschlagen
wurde. Serrão war wieder nach Ternate gelangt. Menezes wandte sich, da
er dem Correa nicht mehr helfen konnte, nach Amboina, vervollständigte
dort seine Ladung und gelangte glücklich nach Malaka, starb aber bald
darauf.

Als diese Ereignisse in Portugal bekannt wurden, beschloß man ein
größeres Geschwader nach den Gewürzinseln zu entsenden und übergab
dem +Antonio de Brito+ die Leitung. Derselbe ging 1521 mit mehreren
Schiffen ab, wandte sich zunächst, als er Indien erreicht hatte,
nach Malaka, denn das war der natürliche Ausgangspunkt für alle
weiteren Unternehmungen im fernen Osten, wo auch alle Nachrichten
zusammenliefen, und steuerte dann nach Java. Hier gesellte sich noch
Garcia Henriquez mit einem Schiffe und drei Dschunken zu ihm. Auf der
weiteren Fahrt traf er ein von den Molukken kommendes javanisches
Schiff, welches einen in +spanischer Sprache+ ihm ausgestellten Paß von
dort mitbrachte.

Da nun Brito wußte, daß Fernão de Magalhães in spanische Dienste
gegangen war und von Kaiser Karl V. Schiffe bekommen hatte, um auf dem
westlichen Wege um Südamerika herum die Molukken zu erreichen (vgl.
weiter unten 3. Buch, 3. Capitel), so schloß Brito mit Recht, daß
spanische Schiffe wirklich den Weg bis zu den Gewürzinseln gefunden
hätten. Seine Flotte wurde zwar durch einen Sturm auseinander gejagt,
fand sich aber auf Banda wieder zusammen (Februar 1522). Hier schloß
er mit dem Fürsten einen Handelsvertrag ab, indeß erlaubte derselbe
nicht, daß die Portugiesen auf seinem Gebiete einen Wappenstein
errichteten. Im Mai setzte er die Fahrt nach den Molukken weiter fort,
züchtigte die Bewohner von Batjan für die Ermordung der Portugiesen
und traf, als er bei Tidor vorüberfuhr, einen spanischen Factor Juan
de Campos, welcher in der Meinung, die Ankömmlinge seien Spanier,
arglos zu ihm herangekommen war. Vom Geschwader Magalhães’ hatten zwei
Schiffe die Molukken in der That erreicht und waren von dem Radscha
auf Tidor freundlich aufgenommen, während der Fürst von Ternate zu den
Portugiesen hielt.

Nachdem die beiden spanischen Schiffe nach verschiedenen Richtungen
hin die Gewürzinseln verlassen hatten, war Campos als Factor
zurückgeblieben und nun aus Versehen in die Hände Brito’s gefallen, der
ihn mit nach Ternate nahm. Serrão scheint damals nicht mehr am Leben
gewesen zu sein. Auch der frühere Radscha war gestorben, und die Wittwe
hatte für ihren minderjährigen Sohn, den Prinzen (Kaitjil) Taruwés
(portugiesisch ~Cachil Daroës~), einen Verwandten, als Mitregenten
angenommen.

Der früher erhaltenen Zusage gemäß baute Brito eine Festung nahe der
Stadt und nannte sie nach dem Tage der Grundsteinlegung am Johannistage
S. João Bautista. Dann wurde ein weiterer Vertrag abgeschlossen
über die Preise der Gewürze, wonach die Portugiesen für ein Bahar
Gewürznelken 800 Reis in Geld, oder 1000 Reis (ein Milreis) in Waaren
zu zahlen hatten. Indes gab dieser Vertrag bald zu allerlei Mißbrauch
und Mißhelligkeiten Veranlassung. Andere Unruhen entstanden dadurch,
daß Prinz Taruwés nach der Krone strebte und die Fürstin-Mutter
verdächtigte, so daß diese sich genöthigt sah, nach Tidor zu
entfliehen, während man ihren Sohn gefangen zurückbehielt. Daraus
entstanden kriegerische Verwickelungen mit Tidor.

Im nächsten Jahre 1523 sandte Brito seinen Neffen Simão d’Abreu nach
Malaka zurück. Derselbe mußte einen neuen, bisher von den Europäern
noch nicht betretenen Weg einschlagen und +nördlich+ um Borneo
herumfahren, während die gewöhnliche Fahrbahn südlich an dieser Insel
hinlief. Es sollte dadurch die Kenntniß in dem weiten Inselgebiet
erweitert werden. d’Abreu stach im Juni in See und kam nach einer
langen Fahrt von sechs Monaten glücklich nach Malaka.

In umgekehrter Richtung machte denselben Weg drei Jahre später Dom
Jorge de Menezes auf Befehl des damaligen Gouverneurs von Malaka, Pero
de Mascarenhas, weil, wie Barros ausdrücklich betonte, diese Route noch
zu wenig bekannt war. Menezes ging am 22. August 1526 von Malaka ab,
landete auf Borneo in einem Hafen etwa unter 5° nördl. Br., segelte
dann zwischen Sulu und Mindanao hindurch und wurde hier vom Westmonsun
weit über sein Ziel hinaus ostwärts bis an die Nordküste von Guinea
verschlagen. So wurde er der Entdecker der Insel der Papuas, jener
dunkelfarbigen Bewohner, welche wegen ihres dichten Wollhaares von
ihren westlichen Nachbarn, den Malayen, den Spottnamen Papuas, d. h.
Krausköpfe erhalten haben. Mehr als zwei Jahrhunderte galt Neu-Guinea
als ein vorspringender Theil des großen unbekannten Südlandes. Von dort
kam Menezes erst gegen Ende Mai 1527 an das Ziel seiner Bestimmung,
nach Ternate; er hatte also zu seiner Fahrt volle acht Monate
gebraucht. Man erkennt aber aus diesen Beispielen, wie zeitraubend die
Verbindung zwischen Malaka und den Molukken war.

Im Jahre 1524 erhielt de Brito Verstärkungen, indem aus Indien die
Schiffe des Martim Affonso de Mello Jusarte und des Martim Correa
anlangten.

Nicht weit westlich von den Molukken springt die schlanke Halbinsel von
Celebes vor. Diese eigenthümlich gegliederte Insel wurde damals, weil
man die seichten und tiefgehenden Buchten noch nicht untersucht hatte,
noch für eine Insel+gruppe+ gehalten und Ilhos des Celebes genannt.
Zu ihrer Erforschung, denn es wurde viel von ihrem Goldreichthume
berichtet, ging von Ternate eine Fuste ab; aber dieselbe wurde an
mehreren Stellen bei Versuchen zu landen von den Einwohnern feindlich
empfangen und wollte darum nach Ternate zurückkehren. Auf dem Heimwege
trieb der Monsun das Fahrzeug weit nach Nordosten ins offene Meer und
führte es nach einer Fahrt von 200 Meilen an das Gestade einer der
Marianen oder Ladronen, welche Magalhães schon entdeckt hatte. Vier
Monate wurde die Fuste hier durch widrigen Wind festgehalten und kam
erst im Januar 1526 nach den Molukken zurück.

Um diese Zeit war Brito von seinem Posten abgerufen und wurde durch
einen neuen Commandanten in der Person des Dom Garcia Henriquez
ersetzt; dieser aber brachte durch seine falschen Maßnahmen die
Portugiesen in mancherlei Ungelegenheit, weshalb an seine Stelle
Menezes trat.

Es wirft ein eigenthümliches Licht auf die Handlungsweise des
Henriquez, wenn wir lesen, daß derselbe zuerst seinen Nachfolger
Menezes dadurch zu beseitigen hoffte, daß er ihn auf falsche Aussagen
hin gefangen nehmen ließ und dann, als er genöthigt wurde, ihn wieder
frei zu geben und als Statthalter anzuerkennen, doch ehe er das Fort
verließ, die Kanonen desselben zu vernageln befahl, weil er fürchtete,
Menezes würde, wenn er in See gehe, die Kanonen auf ihn richten und
sein Schiff in den Grund schießen!

Ueber die weiteren Ereignisse auf den Molukken werden wir später
zurückkommen, da sie ihr volles Verständniß erst im Zusammenhange mit
von den Spaniern unternommenen Fahrten nach den Gewürzinseln erhalten
(vgl. 3. Buch. 3. Capitel).


10. Das Phantom der Gold- und Silberinseln.

Zu allen Zeiten, wo durch weit ausgedehnte Eroberungszüge oder durch
kühne Seefahrten große Strecken und Gebiete früher unbekannter Länder
entdeckt worden sind, und dadurch der Gesichtskreis in kurzer Zeit
bedeutend erweitert wurde, ist die Phantasie mächtig aufgeregt worden
und hat neben den wahrheitsgetreuen Berichten von den fernen Ländern
und Inseln auch den haltlosesten Gerüchten Glauben geschenkt, welche
von unglaublichen Wunderwesen und Wunderlanden zu erzählen wußten. So
ist es den Griechen nach dem Zuge Alexanders des Großen nach Indien
gegangen, so erging es nun auch den Portugiesen in Indien und sollte
es, wie wir später sehen werden, auch den Spaniern in Amerika ergehen.

Ein besonders interessantes Beispiel dafür ist das lockende Gespenst
der Gold- und Silberinseln, um so mehr als darin ein Wahn aus dem
Alterthum neu belebt wurde, welcher das ganze Mittelalter hindurch ein
bescheidenes Dasein gefristet hatte.

Als unter den Nachfolgern Alexanders des Großen das vorderindische Land
genauer bekannt wurde und einzelne Seefahrer auch den bengalischen Golf
durchkreuzten bis zu den Gestaden Hinter-Indiens, wurde im Abendlande
die Kunde von einer fern im Osten gelegenen Goldinsel (χρυσῆ νῆσος)
verbreitet. Weiterhin belegte man die östlichsten asiatischen Länder
nach ihren werthvollsten Erzeugnissen mit dem Namen des Goldlandes,
des Silberlandes, des Kupferlandes.[134] Man hat darunter wohl die
hinterindischen Staaten Birma und Siam zu verstehen. Ueber den
Reichthum an edlen Metallen, wie er noch zu M. Polo’s Zeit von den
Fürsten zur Schau getragen wurde, ist bereits (S. 64) berichtet. Auch
die Halbinsel Malaka kannte das griechische Alterthum unter dem Namen
des goldenen Chersoneses (χρυσῆ χερσόνησος); überdies nennt Ptolemäus
auch noch eine goldene Insel. An der Fülle von Edelmetallen war also
nicht zu zweifeln.

Bei den römischen Schriftstellern ging die Vorstellung bereits ins
Phantastische und Unbestimmte über; man hielt sich namentlich an den
Begriff der Gold- und Silberinseln, wollte aber nicht entscheiden,
ob die Inseln nur Fundstätten des Metalles besäßen oder ganz und gar
daraus beständen. Auch begnügte man sich nur mit der ungefähren Angabe
der Lage. Aus den Lateinern schöpfte dann weiter das ganze Mittelalter.

Maßgebend war Plinius, denn die Griechen verstand man im Mittelalter
bald nicht mehr. -- Die Angaben des römischen Compilatoren und seines
späteren Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein
Jahrtausend. Plinius schreibt: Jenseit der Mündung des Indus liegen,
glaube ich, die Inseln Chryse und Argyre (die Namen wurden also aus dem
Griechischen beibehalten), welche reich an Metallen sind. Denn wenn
einige berichtet haben, sie beständen ganz aus Gold und Silber, so
dürfte das schwerlich zu glauben sein.

Solinus, welcher stets geneigt ist, das Wunderbare noch zu übertreiben,
änderte den Bericht dahin, daß er schrieb, die Inseln seien so reich,
daß wie die meisten (?) berichteten, der Boden ganz aus Gold und Silber
bestehe. Viel vorsichtiger hatte sich Pomponius Mela ausgedrückt. Aber
Plinius und Solinus blieben die maßgebenden Quellen für die Gelehrten
des Mittelalters. Im 6. Jahrhundert schrieb Isidor von Sevilla: Chryse
und Argyre sind reich an Gold und Silber. Dort (nämlich in Indien
überhaupt) gibt es goldene Berge, die aber von Drachen und Greifen
und menschlichen Ungeheuern bewacht werden, so daß man nicht zu ihnen
gelangen kann.

Kurz erwähnt die Inseln weiterhin der Geograph von Ravenna im 7.
Jahrhundert, ebenso Hrabanus Maurus im 8., sodann Hugo von St. Victor
im 13. Jahrhundert und Petrus de Alliaco (Pierre d’Ailly), Cardinal von
Cambray im Anfang des 15. Jahrhunderts.[135]

Der Glaube an diese Inseln war also allgemein verbreitet; sogar eine
gereimte Geographie aus dem dreizehnten Jahrhundert verherrlicht
dieselben.[136] Die Weltbilder jener Zeit durften diese allgemein
angenommenen Thatsachen nicht verschweigen. Bereits die Catalanische
Weltkarte zeigt östlich von Indien die Inschrift: „In dem Meere von
Indien sind 7548 Inseln, von denen wir hier nicht alle wunderbaren
Reichthümer, die darin enthalten sind, von +Gold, Silber+ und kostbaren
Steinen aufzählen können.“ Der Globus von Laon, welcher im Jahre 1493
entstanden ist, (vgl. ~Bulletin soc. geogr. Paris.~ 1860, 2) gibt
östlich vom Ganges wenigstens eine ~Argentea R(egio)~ und ~Aurea
R(egio)~ an.

Es ist daher durchaus erklärlich, wenn auch die Portugiesen, sobald sie
in jene Regionen kamen, nach den kostbaren Inseln suchten.

Der erste, welcher danach ausging, war Diogo Pacheco. Kaum war er
1519 mit seinem Bruder nach Malaka gekommen, als er, durch lockende
Erzählungen von der Goldinsel, welche südlich von Sumatra liegen
sollte, angespornt, sich erbot, eine Fahrt dahin zu wagen. Der
Gouverneur von Malaka, Diogo Lopez de Sequeira, gab ihm zwei Schiffe,
aber das eine ging schon an der Nordwestküste von Sumatra unter.
Mit dem andern gelangte Pacheco bis zum Hafen von Baros, welches
auf der Westseite jener Insel ungefähr unter gleicher Breite mit
Malaka liegt. Dort erfuhr er, die Goldinseln lägen wenigstens noch
hundert Meilen weiter[137] gegen Süden in der See; es seien niedrige
von Korallenriffen umsäumte Eilande mit Palmenhainen und schwarzer
Bevölkerung.

Pacheco kehrte für diesmal wieder um, um noch Beistand zu holen, stach
aber im nächsten Jahre wieder in See in Begleitung einer Brigantine.
Das Einlaufen in Baros wurde ihm durch mehrere feindliche Schiffe
von Kambaja und von Sumatra verwehrt, und ein Sturm trennte seine
beiden Schiffe von einander. Pacheco selbst ging wahrscheinlich
unter. So kostete also der Versuch dem ersten Abenteurer, der das
Geheimniß lüften wollte, das Leben. Aber damit waren die Unternehmungen
keineswegs abgeschlossen. Als König Manuel davon hörte, gab er dem
Gouverneur von Indien, Diogo Lopez, welcher die königlichen Briefe in
Kalahat (Kalhat), an den Küsten Arabiens erhielt, den Auftrag, ein
Geschwader von drei Schiffen zur Aufsuchung auszuschicken. Zuerst
sollte Christovão de Menezes die Führung übernehmen, dann wurde Pedro
Eanes damit betraut. Die drei Schiffe bildeten aber einen Theil der
Flotte, welche unter Jorge Albuquerque nach Malaka bestimmt waren. Als
man jedoch zu diesem vielumstrittenen Hafen kam, konnte man dort die
Schiffe nicht entbehren, weil der kleine Seekrieg mit den Nachbaren
fast ununterbrochen fortging, und so unterblieb noch bei Lebzeiten
Manuels eine weitere Expedition.

Dagegen gingen 1527 unter Leitung eines portugiesischen Piloten
drei Schiffe von Dieppe aus, um als Freibeuter das indische Meer zu
durchstreifen. Zwei Schiffe kamen nach Diu, ein drittes, welches schon
am Cap der guten Hoffnung von den anderen getrennt war, segelte aufs
Gerathewohl, ohne den Weg zu kennen, weiter und gerieth an die Küste
von Sumatra. Von hier aus forschte er nach der Goldinsel, wo der ganze
Strand, Kies und Sand, aus purem Golde bestehen sollte. Dieselbe
wurde als ein üppiges Land geschildert, mit schönen Bäumen und klaren
Wasserbächen und mit vielerlei wohlschmeckenden Früchten. Das nackte,
wilde Volk kleidete sich nur mit Baumblättern, zeigte sich aber den
Fremden gegenüber freundlich. Händler aus Sumatra erzählten später in
Malaka, das Schiff habe die Goldinsel wirklich gefunden, sich mit Gold
beladen und sei dann wieder abgesegelt, habe aber, der Meere unkundig,
vielfach umhergeworfen, an der Küste von Sumatra Schiffbruch gelitten
und alle Mannschaft verloren. Die dortigen Fischer hätten das Gold an
sich genommen.[138] Dadurch schien also die Existenz dieser Inseln
außer Frage gestellt. Und so schickte denn der Generalgouverneur Martim
Affonso de Sousa im Jahre 1543 wieder eine Galee mit zwei Fusten
aus, im Meere westlich von Sumatra nach der Goldinsel auszuspähen.
Jeronimo de Figueiredo wollte zu dem Zweck von Goa ausgehen, aber das
Unternehmen scheiterte bereits vor Beginn, infolge einer Intrigue.[139]
Die Lage der Insel glaubte man ziemlich sicher ansetzen zu können. Man
wird darum auch nicht vergebens suchen, wenn man auf den älteren Karten
nach der Lage der Goldinsel forscht. Ortelius führt in seinem Theatrum
Orbis[140] westlich von Sumatra sowohl ~Isole d’or~, als ~isolas
d’oure~ an. Im Atlas Mercators, 1613, lesen wir in derselben Gegend
~Andramania id est aurea insula~. Und Willem Blaeu führt in seinem
Kartenwerke 1634, ebenso wie Hend. Hondius die Insel „~de Ouro~“ an
drei verschiedenen Stellen westlich von Sumatra an. Wenn man nun später
auch etwas mehr Zweifel hegen mochte, so haben sich diese Fabelinseln
doch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten. Eine von Homanns
Erben 1748 veröffentlichte Karte unter dem Titel ~Cartes des Indes
orientales~ führt auf der Linie von den Malediven nach Nord-Sumatra
wiederum noch an drei Stellen die Inseln auf mit den Inschriften: 1)
~Ouro, juxta Anglos, positionis et existentiae incertae~ (südlich von
Ceylon); 2) ~I^{ae} ouro s. auri, juxta Batavos, pariter incertae~; 3)
~Ouro, juxta Batavos~.

Man erkennt auch hier wieder, daß Fabelwesen ein außerordentlich zähes
Leben haben.

Daß man sich aber nicht blos unter den seefahrenden Nationen lebhaft
mit diesen Inseln beschäftigte, beweist ein Brief, welcher (ohne Datum)
an den Kurfürsten August von Sachsen gerichtet ist und folgendermaßen
lautet: Es sind wahrhaftige (?) Zeitungen gekommen in kurzen Tagen aus
Spania, wie daß der König habe eine neue Insel gefunden, Serieff, darin
liegt nichts als lauter gediegen Gold, man hat zwei Gefangene aus den
Königen allenthalben umhergeschickt, wer mit ihnen reden könnte, aber
keinen gefunden, der sie hat verstehen können, vermeinend, man wolle
viel erfahren durch sie, wie es um ihre Insel stehe. Sie sind aber bald
gestorben. Der König hat wieder drei Schiffe verordnet, wie sie zu
der Insel hinzufahren und zu besichtigen, wie sie zu gewinnen und zu
erobern sei, nachfolgends will er erst ein Volk darauf verordnen. Er
ist entschlossen, sie alle todt schlagen zu lassen, denn er könnte die
Insel sonst vor ihnen nicht behalten, denn es ist ein rauhes, hartes
und fahriges Volk.[141]

Wie alle solche Phantome, so wechselten auch diese Inseln ihre Stelle.
Sie flackerten wie Irrlichter durch den großen Inselarchipel, tauchten
einmal südlich von Timor auf und verloren sich schließlich in dem
weiten fast insellosen Raum des nördlichen großen Oceans.

Es war am Ende des 16. Jahrhunderts, als Schiffer von der Insel Solor,
nordwestlich von der Insel Timor, ins südliche Meer verschlagen
wurden, und nun erzählten, sie hätten die Goldinsel gefunden. Als
man dann zum zweitenmale die Entdeckung ausbeuten wollte, war das
goldene Eiland nicht wieder zu finden. Aber die Kunde davon kam nach
Malaka, wo damals Manoel Godinho de Eredia weilte, ein portugiesischer
Mestize, welcher 1563 in Malaka geboren war und, nachdem er eine
kurze Zeit dem Jesuitenorden angehört hatte, sich mit Kosmographie
beschäftigte. Zuerst im Jahre 1594 schlug er vor, eine Expedition nach
den langgesuchten Inseln auszurüsten und schrieb zu dem Zweck auch
eine besondere Abhandlung.[142] Aber leider wurde der Plan zerstört,
da zwei Jahre später Cornelis Houtman mit einer holländischen Flotte
bei Sumatra erschien. Als dann nach Beseitigung dieser Gefahr für
Malaka Godinho wieder Zurüstungen machte, wurde seine Vaterstadt 1601
zum zweitenmale von dem Holländer Jacob van Heemskerk angegriffen und
Godinho wieder abgehalten, die Schätze der Goldinsel zu heben. Somit
unterblieb der Zug überhaupt.[143]

Als dann kurz darauf die Holländer sich auf den Molukken und auf
Java festsetzten, traten sie auch die Erbschaft bezüglich der
Goldinseln an. Es war im Jahre 1635, als ein Beamter der holländischen
Handelscompagnie, Willem Verstegen, dem holländischen Generalgouverneur
Henricq Brouwer, dem Vorgänger des berühmten Antonio van Diemen, eine
Schrift überreichte, worin er den Vorschlag machte, die Gold- und
Silberinsel, welche östlich von Japan im großen Ocean unter 37½° nördl.
Breite liegen sollte, für Holland in Besitz nehmen zu lassen. Brouwer
mußte, da er 1636 abberufen wurde, die Ausführung seinem Nachfolger
überlassen. Dieser war aber in den ersten Jahren durch wichtigere
Angelegenheiten gegen seinen Willen (~tegen ons gemoet~) abgehalten,
obwohl er die Wichtigkeit eines solchen Zuges nicht unterschätzte,
und konnte erst 1639 zwei Schiffe unter dem Commandeur Matthys Quast
aussenden mit dem Befehl, unter dem angegebenen Breitenparallel
vierhundert Meilen nach Osten zu steuern, um die reichen Inseln
aufzusuchen. Aber die ziemlich unglückliche Fahrt blieb resultatlos,
da die Schiffe nur bis zu den Bonininseln kamen, welche südöstlich
von Japan zwischen dem 20. und 30. Breitengrade liegen. Darum mußte
der Versuch 1643 wiederholt werden. Wiederum sandte van Diemen zwei
Fahrzeuge unter Martin de Vries aus, welcher zuversichtlich die so oft
vergeblich gesuchten Inseln zu finden hoffte, da man sichere Kunde
von ihrer Existenz in der bezeichneten Gegend zu haben meinte; denn
die spanischen Schiffe, welche seit Jahren zwischen Manila und Mexiko
verkehrten, hatten seit 1610 oder 1611 die Inseln schon gesehen. Es
sollten hohe Gebirgsinseln sein, welche über die Maßen gold- und
silberreich und von einem hellfarbigen, freundlichen, civilisirten
Volke bewohnt wären. Unzweifelhaft liegt diesen Mittheilungen eine
dunkle Nachricht von den hohen Sandwichinseln zu Grunde, deren Lage
aber erst durch J. Cook, auf seiner dritten Reise, 1778, bestimmt wurde.

Die beiden Schiffe des Capitän Vries wurden an der Küste von Japan
von einander getrennt; beide unternahmen daher selbständig die
Forschungsreise. Vries wußte genau, wohin er zu steuern hatte, denn
er besaß sogar eine japanische Karte, auf welcher an der Ostseite der
Goldinsel ein Fluß verzeichnet war, in dem er ankern konnte. Vries
drang 460 Meilen weit von Japan gegen Osten vor, das andere Schiff kam
sogar 500 Meilen weit, aber das gesuchte Land blieb verborgen, denn
die Sandwichinseln liegen nicht in der Nähe des 37. Parallelkreises,
sondern nahe dem nördlichen Wendekreise.[144]

So blieb also der gehoffte Erfolg aus und man gab weitere
Unternehmungen auf; aber zur Erweiterung der Kenntniß von den östlichen
Meeren hatten auch diese fruchtlosen Fahrten beigetragen.


11. Der erste Besuch der Portugiesen in China und Japan.

Mit den Söhnen aus dem Reiche der Mitte waren die Portugiesen zuerst
in Malaka zusammengetroffen; es war eine durchaus friedliche Begegnung
gewesen. Die Chinesen waren ohne Scheu, lediglich im Handelsinteresse,
an die fremden Schiffe herangekommen, denn sie hatten sofort die
nautische Ueberlegenheit der Portugiesen erkannt, und ebenso war es für
diese wohlthuend gewesen, gegenüber dem schleichenden, unzuverlässigen
Wesen der Malayen, in den Chinesen eine Klasse von Händlern zu finden,
mit denen man auf gleichem Fuße verkehren konnte, und die auch
nicht durch irgendwelche religiöse Satzungen an einem ungezwungenen
Geschäftsleben gehindert wurden.

Es stand sicher zu erwarten, daß, sowie die Verhältnisse in Malaka
etwas geregelter sich gestalteten, man zu weiterer Bekanntschaft gern
die Hand bieten würde, um dadurch den begonnenen Handelsverkehr noch
mehr zu beleben. Leider sollte man bald die Erfahrung machen, daß der
Chinese in der Fremde weit zugänglicher ist als in seinem Heimatlande.

Im Juli 1514 war Jorge d’Albuquerque Befehlshaber in Malaka geworden,
im folgenden Jahre sandte er den Rafael Perestrello mit zehn Leuten in
einer chinesischen Dschunke nach China, um das Land zu erkunden, von
da kehrte er in einer Brigantine, die er auf seine Kosten ausgerüstet
hatte, mit reicher Ladung nach Kotschin zurück.[145]

Kurz vorher langte der neue Generalstatthalter Lopo Soarez aus Portugal
an; in seiner Begleitung kam Fernão Perez d’Andrade, um auf Befehl der
portugiesischen Regierung eine Flotte nach China zu führen.

Andrade begab sich zunächst nach Sumatra, um eine Ladung Pfeffer
einzunehmen, welche man in China gegen andere Waaren vertauschen
wollte. Leider wurde er durch den Verlust seines besten Schiffes,
welches durch Feuer zerstört wurde, genöthigt, sich nach Malaka zu
begeben, und brach von hier am 12. August 1516 von neuem auf, obwohl
die beste Jahreszeit ihrem Ende entgegen ging; denn es lag dem
neuen Statthalter von Malaka, de Brito, daran, zu erfahren, was aus
Perestrello geworden sei, von dem man damals noch nichts gehört hatte.
Andrade kam aber nur bis zur Küste von Kotschinschina, nahm auf der
wichtigen Insel (Pulo) Kondor, welche vor der Mündung des Mechong liegt
und gegenwärtig im Besitz der Franzosen ist, Wasser ein, und kehrte,
durch Stürme genöthigt, über den Hafen Patani, an der Ostküste der
Halbinsel Malaka, nach dem Hafen von Malaka zurück. Nur das Schiff des
Duarte Coelho blieb aus; dasselbe lief in die Mündung des Menam in Siam
ein, blieb dort während der schlechten Jahreszeit und ging dann von
hier aus allein nach China, wo Andrade wieder mit ihm zusammentraf. In
der Zwischenzeit war Perestrello hier eingelaufen und dann weiter nach
Kotschin gegangen. Der merkantile Erfolg seiner Reise spornte Andrade
an, im Juli 1517 zum zweiten Male seine Fahrt nach China anzutreten.
Ohne Zwischenfälle erreichte er am 15. August die Küste von Süd-China
und ließ an der Insel Tamão (Tamong) die Anker fallen.[146]

Andrade’s Flotte bestand aus vier portugiesischen und vier malayischen
Schiffen. An der Küste fand er chinesische Schiffswachten gegen die
Piraten postirt. Auch bestand die Einrichtung, daß die Schiffe,
welche in den Fluß einlaufen wollten, von den chinesischen Behörden
mit Pässen versehen werden mußten. Nach mancherlei Verzögerungen und
Plackereien von Seiten der chinesischen Beamten erhielt Andrade Lotsen,
welche ihn nach Kanton brachten. Die Absendung einer Gesandtschaft,
welche im Namen des Königs von Portugal dem Kaiser von China Geschenke
überreichen sollte, zog sich aber in die Länge, weil der Statthalter
von Kanton erst am kaiserlichen Hofe um die Genehmigung zur Abfertigung
der Gesandtschaft nachsuchen mußte. In dem ungesunden Klima von Kanton
starben viele Portugiesen, so daß Andrade es gerathen fand, nach der
Insel Tamao zurückzugehen. Von hier sandte er den Duarte Coelho nach
Malaka zurück, um über den günstigen Verlauf seines Unternehmens
Bericht zu erstatten. Ein anderes Schiff unter Jorge Mascarenhas wurde
auf Kundschaft weiter nach Norden geschickt, um Nachrichten über das
Land der Lequios einzuziehen. Mascarenhas kam bis nach Tsiuan-tschau
an der Fukianstraße, der Insel Formosa gegenüber, und fand in diesem
weniger besuchten Hafen viel vortheilhaftere Handelsverhältnisse,
da man die chinesischen Artikel viel billiger eintauschen und die
mitgebrachten Waaren viel höher verwerthen konnte. Auch erfuhr
Mascarenhas dort, daß das Land Lequia, worunter in engerem Sinne die
zu Japan gehörigen Liukiu-Inseln und im weiteren Sinne das japanische
Reich selbst zu verstehen ist, noch über hundert Meilen weiter
nordwärts liege.

Nach einem Aufenthalte von vierzehn Monaten entschloß sich Andrade,
China wieder zu verlassen. Dazu nöthigte ihn besonders die Nachricht,
daß Malaka wieder von den malayischen Fürsten der Nachbarschaft
ernstlich bedroht sei. Ehe er wieder in See ging, ließ er in Kanton
und im Hafen von Tamao ausrufen, daß, wenn irgend ein Chinese von
den Portugiesen geschädigt sei, derselbe sich melden und seine
Entschädigung erhalten solle. Dieses Verfahren wurde von den
Chinesen ihm hoch angerechnet und gab ihnen einen Begriff von der
Gerechtigkeitsliebe der Fremden.[147] Der portugiesische Gesandte
Thomas Perez blieb auf Tamao zurück, bis er endlich, nach dreimaliger
Anfrage, die Erlaubniß erhielt, an dem kaiserlichen Hofe zu erscheinen.
So konnte er erst im Januar 1520 seine Reise antreten. Inzwischen war
aber im August 1519 Simão d’Andrade, der Bruder des Fernão Perez, mit
einem zweiten Geschwader vor Tamao erschienen. Thomas Perez fuhr zuerst
zu Schiffe bis an die südliche Grenze der Provinz Fukian und begab
sich dann zu Lande nach Nanking und von da weiter nach Peking. Da der
Kaiser sich aber zu jener Zeit noch in den nördlichen Grenzländern
aufhielt, so erfolgte die Audienz erst im Jahre 1521. Während dieser
Zeit waren aber über das Benehmen der Portugiesen höchst ungünstige
Nachrichten eingelaufen, welche mit der von dem Fernão Perez d’Andrade
laut verkündigten Ehrlichkeit und Gerechtigkeit in grellem Widerspruche
standen. Simão d’Andrade, unvorsichtig und rücksichtslos, hatte die
Zeit benutzt, um sich, ohne dazu von den chinesischen Behörden die
Erlaubniß zu haben, auf Tamao zu befestigen, angeblich, um sich dadurch
gegen die Angriffe von Seeräubern zu decken. Sodann wurde gemeldet, daß
Simão d’Andrade vor seiner Abreise einige Kinder angesehener Eltern,
allerdings ohne zu wissen, daß dieselben ihrer Familie gestohlen
waren, aufgekauft und mit nach Indien genommen hatte. Endlich waren
auch Abgesandte des Fürsten der Insel Bintang bei Malaka erschienen,
welche ihren Herren als einen Lehnsmann des Kaisers bezeichneten,
welcher ein Recht auf die Hilfe der Chinesen habe, da die Portugiesen
ihm einen Theil seines Reiches genommen hätten, und welche erklärten,
daß die letzteren nur zum Zweck der Eroberung ihre Fahrten bis China
ausdehnten. Die Folge dieser Nachrichten war, daß der Kaiser Befehl
gab, den portugiesischen Gesandten nach Kanton zurückzuschaffen und
dort als Gefangenen zurückzuhalten, bis die Portugiesen in allen
Stücken Ersatz geleistet hätten. Ihre Schiffe wurden gleichfalls mit
Beschlag belegt und kein Portugiese mehr in einen Hafen zugelassen,
denn der Kaiser wollte solche eigenmächtige, streitsüchtige und
habgierige Leute in seinen Landen nicht dulden.[148]

Darum wurde Duarte Coelho, als er im Juni 1521 wieder mit zwei Schiffen
vor Tamao erschien, von den Chinesen angegriffen. Er wies zwar mit
seinen Kanonen den feindlichen Angriff zurück und befreite noch eins
der portugiesischen Schiffe, aber Perez und sein Gefolge blieben
als Gefangene zurück und wurden nicht freigegeben. Der abenteuernde
Reisende Mendez Pinto wollte sogar im Jahre 1550 noch einige davon
am Leben getroffen haben. Dagegen behauptet Barros, Thomas Perez
sei mit allen seinen Mitgefangenen etwa ums Jahr 1523 hingerichtet.
Ebenso schlug ein erneuter Versuch, welchen Martin Affonso de Mello
Coutinho 1522 wagte, vollständig fehl, die Beziehungen zu China wieder
anzuknüpfen. Die Chinesen griffen sein Geschwader von fünf Schiffen
an, eroberten eins derselben und sprengten ein zweites in die Luft, so
daß Coutinho die übrigen mit Mühe nach Malaka zurück rettete. So hatte
also das unüberlegte Verfahren Simãos d’Andrade auf längere Zeit die
nachtheiligsten Folgen.

Einzelne Schiffe wagten sich später wieder in die chinesischen
Gewässer, wandten sich aber weiter nordwärts nach Ningpo, wo sie sich
anfänglich vorsichtiger benahmen, um an dem lebhaften Handel der
Stadt theilnehmen zu können. Aber mit den wachsenden Erfolgen stieg
auch wieder der Uebermuth der Portugiesen; in Folge dessen sie in den
vierziger Jahren wieder vertrieben wurden. Ningpo besaß aber eine
lebhafte Verbindung mit Japan, und so gelangten die Portugiesen von
hier nach jenem Inselreiche. In der Mitte des Jahrhunderts war China
ihnen wieder verschlossen, nur auf +Macao+ wußten sie sich zu behaupten
und haben den kleinen Besitz auf der Halbinsel bis heute zu erhalten
vermocht, von dem aus sie auch mit Kanton weiterhin in geschäftlicher
Verbindung blieben, nachdem sie sich zur Zahlung einer Geldsumme
bequemt hatten.

Die erste Bekanntschaft mit +Japan+ machten die Portugiesen im Jahre
1542. Leider fließt hier die wichtigste historische Quelle so trübe,
daß Wahrheit und Dichtung schwer zu unterscheiden ist. Es ist der
Reisebericht des Fernão Mendez Pinto,[149] welcher 1539 nach Malaka
kam, und nachdem er mehrere abenteuerliche Streifzüge nach Sumatra
ausgeführt hatte, sich im folgenden Jahre mit Antonio de Faria nach
China begab.

Der Piratenzug, an welchem sich Pinto betheiligte, scheint ihn mehrere
Jahre in der Nähe und an den Küsten Chinas beschäftigt zu haben. So
mochte er vielleicht vernommen haben, daß von der Mannschaft des Diogo
de Freitas, welcher sich im Jahre 1542 in der alten Residenz von Siam,
in Ayuthia befand, mehrere Leute desertirten und auf einer chinesischen
Dschunke versteckt, dem „himmlischen Reiche“ zusteuerten, aber von
einem Sturme nordwärts geführt unter dem 32° nördl. Br. bis an die
Inseln der Japaner geführt wurden, wo sie auf Nipongi freundliche
Aufnahme fanden. Sie waren die ersten Europäer, durch welche die
Japaner mit Feuerwaffen bekannt gemacht wurden.

Pinto, dessen Erzählung von Richthofen als „ein Meer von Lügen“
bezeichnet, „in welchem man einzelne Inseln der Wahrheit findet“,[150]
eignete sich selbst den Ruhm der Entdeckung zu und behauptete, einer
von jenen Matrosen gewesen zu sein, aber er verlegte das Ereigniß
um zwei Jahre zu spät. Da aber seine Darstellung und die Angabe von
Ortsnamen wirkliche Kenntniß von Japan verräth, so ist es nicht
unmöglich, daß er selbst, nachdem er vielleicht in Ningpo die Nachricht
von jener ersten Entdeckung erhalten hatte, den südlichen japanischen
Inseln, Tamga-sima und Kiusiu einen Besuch abgestattet hat. Eine
klarere Vorstellung von jenem Inselreiche gewann man bald, seit Franz
Xaver als erster Glaubensbote 1549 das Land betrat und bis 1551 mit
großem Erfolge wirkte. Aber über Nippon hinaus nordwärts blieb Meer und
Land in Dunkel gehüllt.

Auch China wurde noch in demselben Jahrhundert durch Augustiner- und
Franziskanermönche genauer bekannt, welche von den Philippinen her
1577 zuerst in das große Reich eindrangen und ihr Bekehrungswerk
begannen. So verdanken wir den Portugiesen nur die Kenntniß der Küsten,
den spanischen Geistlichen die Kenntniß des Binnenlandes.

Die Thätigkeit der Portugiesen, welche in den ersten Decennien sowohl
in Vorder-Indien als auch im Gebiet der Sunda-Inseln, einen so
glänzenden Aufschwung genommen hatte, erlahmte sehr bald. Das kleine
Reich hatte sich an Mitteln und Menschen erschöpft, es behauptete den
errungenen Besitz nur noch mühsam, bis nach der Vereinigung Portugals
mit Spanien im Jahre 1580 und nach der Vernichtung der spanischen
Suprematie zur See die Holländer und Engländer in den indischen
Gewässern erschienen und die ersten Entdecker der Gewürzländer aus
ihrer Domäne verdrängten. Die Holländer übernahmen dann im folgenden
Jahrhundert die Weiterführung der Entdeckungsfahrten, einerseits gegen
Südosten nach Australien, andererseits gegen Nordosten über Japan
hinaus bis an das ochotskische Meer und bis zu den Kurilen.



Zweites Capitel.

Die Bahn der Spanier nach Westen und die Entdeckung der neuen Welt.


1. Die Bedeutung der italienischen, namentlich genuesischen Nautik und
das frühere Leben des Christoph Columbus.

Noch ehe die Portugiesen das Ziel ihrer langjährigen Anstrengungen zur
See, Indien, zu erreichen vermochten, ja noch ehe sie das ihnen in den
Weg geworfene Hinderniß, die plumpe Masse des ungegliederten Erdtheils
Afrika, durch glückliche Umschiffung endlich überwunden hatten, tauchte
ein anderes Project auf, das durch seine Kühnheit alle Welt stutzig
machte und deshalb naturgemäß überall auf Widerspruch stieß, ein
Project, das in seinem Kern von ganz richtigen Grundsätzen ausging und
unter der damals nicht mehr bestrittenen Annahme von der Kugelgestalt
der Erde den geraden Weg nach Westen über das völlig unbekannte
Weltmeer als den nächsten und bequemsten Weg nach Indien oder überhaupt
nach dem Ostrande der alten Welt vorschlug, deren Gestade, wie man aus
den Erzählungen Marco Polos und seiner Nachfolger wußte, gleichfalls
von einem unendlich scheinenden Ocean bespült wurden. Der Träger
dieses Projects, wenn auch keinesweges der Schöpfer desselben, war ein
Italiener Christofero Colombo oder, wie er mit der latinisirten Form
seines Namens allgemein genannt wird, +Columbus+.

Italienern verdanken wir im Mittelalter den ersten folgenreichen
Aufschwung der Nautik, Italiener waren die Lehrmeister der
Portugiesen gewesen, ein Italiener entwarf zuerst den kühnen Plan
einer Westfahrt nach Indien, ein Italiener führte den Gedanken aus,
nach einem Italiener erhielt die neue Welt ihren Namen; Italiener
waren zur selben Zeit auch die Leiter der Seeunternehmungen, welche
von Frankreich und von England aus im westlichen Meere Entdeckungen
machen sollten. Aber daß sie niemals in der Heimat eine hochherzige
Unterstützung für ihre Pläne fanden, und ihre Ideen nur im Auslande
verwerthen konnten, wo sie, nur von Fremden umgeben, und von nationaler
Eifersucht bewacht, vielfach auf Widerstand stießen, hat mannigfache
Verwicklungen und manche Wechselfälle in dem Leben der leitenden
Persönlichkeiten veranlaßt; vor allem in dem tragischen Ausgange des
berühmtesten von allen, des Columbus selbst.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das +frühere Leben+ dieses
merkwürdigen Mannes, auf die Zeit, in welcher er das Schicksal so
mancher seiner Zeitgenossen und Landsleute, die sich dem Seegewerbe
widmeten, theilte.

Auf die Ehre, die Geburtsstätte des Columbus gewesen zu sein, haben
viele Orte Italiens Anspruch erhoben: Albisola, Bogliasco, Chiavara,
Cogoleto, Nervi, Oneglia, Pradello, Quinto, Savona, Genua; aber
Columbus selbst bezeugt in seinem Testamente zweimal, daß er in der
Stadt (~ciudad de Genova~) geboren sei, so daß damit die rechtmäßige
Entscheidung gegeben ist.

Er stammte also aus derjenigen Seestadt, welche den weitgehendsten
Einfluß auf die Entwicklung des Seewesens in Westeuropa bereits seit
mehreren Jahrhunderten gehabt hatte. Denn schon in den Jahren 1116 und
1120 waren genuesische Schiffsbaumeister und Seeleute nach Spanien
gerufen, um die Küsten des Landes vor den maurischen Seeräubern zu
schützen, und im 13. und 14. Jahrhundert wurden Genuesen zum Range
castilischer Admirale erhoben.

Genuesen hatten bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts (s. o. S.
23) den Versuch gewagt, einen Seeweg nach Indien, um Afrika herum,
aufzufinden, und hatten vielleicht um dieselbe Zeit schon die
canarischen Inseln wieder aufgefunden. Der König Diniz III. von
Portugal stellte 1307 einen Genuesen an die Spitze der Flotte und noch
unter Heinrich dem Seefahrer zeichneten sich die Söhne Genuas bei den
Entdeckungsfahrten aus: Perestrello, ein Vorfahr des Schwiegervaters
des Columbus, wird als der Wiederentdecker von Porto Santo genannt,
Antonio de Noli fand 1460 die capverdischen Inseln (s. o. S. 96).

Auch in Frankreich und England nahmen seit dem 13. und 14. Jahrhundert
die Könige genuesische Seeleute in ihren Dienst und vertrauten ihnen
die Führung von Seegeschwadern an.[151] Diesem selben Zuge der
genuesischen Jugend, in den westlichen Ländern am Ocean und auf dem
Ocean selbst ihr Glück zu suchen, folgte auch Columbus.

Ueber +sein Geburtsjahr+ ist viel gestritten worden. Man hat dafür die
Jahre 1436, 1446 und 1456 angenommen. Die Ursache dieser auffälligen
Schwankungen liegt in den einander widerstreitenden Angaben, wobei,
je nach der Berechnung der Zeiträume, auch noch die geringeren
Abweichungen bezüglich der Jahre 1435 bis 1437 oder 1445 bis 47
vorkommen. Der Beweis für das Jahr 1436 stützt sich vornehmlich auf die
Aussage eines zeitgenössischen Geschichtschreibers, welcher persönlich
mit Columbus bekannt war, auf Andres Bernaldez (~Historia de los Reyes
catolicos D. Fernando y Da. Isabel, Sevilla 1870~), welcher von 1488
bis 1513 Geistlicher im Städtchen Los Palacios bei Sevilla war, und den
Entdecker der neuen Welt bei seiner glücklichen Heimkehr von seiner
zweiten Reise als Gast bei sich sah. Bernaldez schreibt, daß Columbus
in gutem Greisenalter, im Alter von 70 Jahren etwa gestorben sei.
(~Murió in senectute bona de edad de setenta años poco mas o menos.~)
Nach dieser Angabe wäre Columbus also etwa 32 Jahre älter gewesen als
sein jüngster Bruder Diego, welcher bestimmt im Jahre 1468 geboren ist.
Aber Bernaldez hat sich durch das graue Haar des Entdeckers täuschen
lassen und wußte nicht, daß Columbus schon mit 30 Jahren ganz weiß
geworden war.

Nach einer zweiten Ansicht, welche besonders von Peschel vertreten
wurde,[152] soll Columbus 1456 geboren sein. Columbus schreibt nämlich
am 7. Juli 1493, er sei in einem Alter von 28 Jahren in den Dienst
der spanischen Krone getreten,[153] und erwähnt am 14. Jan. 1493,
daß er den kommenden 20. Januar den katholischen Majestäten gerade 7
Jahre gedient habe.[154] Sein Eintritt erfolgte demnach 1486 und sein
Geburtsjahr würde um 1458 zu setzen sein. Andererseits sagt aber der
Entdecker am 21. Dec. 1492, er sei fast ohne Unterbrechung 23 Jahre
auf See gewesen,[155] also seit 1470. Nimmt man dazu die Angabe der
„~vida del Almirante~“, welche selbst behauptet[156] von seinem Sohne
Ferdinand geschrieben zu sein, daß der Vater schon in seinem 14. Jahre
auf die See gegangen sei, so mußte Christoph Columbus 1456 geboren sein.

Allein dagegen ist mit Recht eingewendet, daß Columbus von 1483 bis
1492 fast gar keine Seereisen mehr gemacht hat und seit 1486 sich
beständig in Spanien aufhielt, daß demnach der Ausgangspunkt, von dem
die 23 Jahre ununterbrochener Seefahrten an rückwärts zu zählen sei,
in das Jahr 1483 zu setzen sei, so daß also Columbus seit 1460 etwa
das Seegewerbe betrieben habe. Dazu stimmt ferner, daß Columbus 1501
erklärt, er befahre nun bereits seit mehr als 40 Jahren das Meer. Kam
er nun sehr jung, im 14. Jahre, aufs Schiff, so müßte er 1446 geboren
sein.

Diese Ansicht vertheidigt besonders d’Avezac.[157] Den Widerstreit
gegen die eigene Angabe des Columbus, er sei in seinem 28. Jahre in
spanische Dienste getreten, löst d’Avezac scheinbar gewaltsam, indem
er, wie vor ihm bereits Navarrete, die Zahl 28 für einen Schreibfehler
erklärt und behauptet, Columbus hätte schreiben müssen, im 38.
Jahre.[158]

Aber d’Avezac verstärkt seine Hypothese durch den Hinweis auf eine
gerichtliche Urkunde vom Jahre 1472, in welcher Columbus zweimal
als Zeuge vor dem Gericht in Savona, wo sein Vater damals wohnte,
aufgeführt wird als: ~Christopherus Columbus, lanarius de Janua,
annos Laetoriae legis egressus~. Da nun das Lätorische Gesetz sich
auf das 25. Lebensjahr bezieht und Columbus 1472 dieses Jahr bereits
überschritten hatte, so kann er unmöglich 1456, wohl aber 1446
geboren sein. Auch in den Jahren 1473 und 1476 wird Columbus zusammen
mit seinem Bruder noch in den Gerichtsacten Genuas genannt. Es ist
immerhin möglich, daß er, wenn er auch zeitweilig das Handwerk seines
Vaters, die Wollweberei betrieb, doch daneben auch kleinere Seereisen
unternahm, von denen er nach seiner Vaterstadt zurückkehrte.

Ueber seine Jugendzeit wissen wir wenig, die Angabe der „~Vida~“,
welche sogar seinen Sohn Fernando als Verfasser nennt, aber
sicherlich nicht von ihm geschrieben ist, sind theils legendenhaft,
theils geradezu unglaublich, so daß sie vor der historischen Kritik
beanstandet worden sind.[159] Man hat ohne Bedenken danach angenommen,
daß Columbus die Universität Pavia besucht habe, aber seine Jugend und
die für diese Studien verfügbare Zeit sprechen dagegen, da er bereits
mit dem 14. Lebensjahre auf die See ging.[160]

Den Ocean scheint er erst im 30. Jahre kennen gelernt zu haben. Es wird
nämlich erzählt, daß er im Jahre 1477 und zwar bereits im Februar,
wahrscheinlich von Bristol aus, hundert spanische Meilen über Tyle
(Thule) hinaus gesegelt sei (vgl. oben S. 28). Thule identificirte man
mit den Faröern, welche damals unter dem Namen Friesland bekannt waren.
Columbus suchte also, wie auch andere seiner Landsleute, sein Glück im
Auslande zu machen. Von England begab er sich später nach Portugal,
wahrscheinlich zu Ende der Regierung Alfons V., welcher 1481 starb, und
machte von hier aus eine Fahrt nach der Küste von Guinea. Da er bei
dieser Gelegenheit die portugiesische Niederlassung von St. Jorge de la
Mina besuchte, so kann diese Fahrt nicht vor 1482 fallen, in welchem
Jahre das genannte Fort an der Goldküste erst angelegt wurde. In
Lissabon verheirathete er sich mit der Donna Felipa Muñiz-Perestrello,
und zog mit ihr nach dem Besitzthum ihres Vaters auf der Insel Porto
Santo. Dort lernte er auch die auf das Seewesen bezüglichen Karten
und hinterlassenen Papiere seines bereits verstorbenen Schwiegervaters
Perestrello kennen. Aus ihnen schöpfte er wohl auch die ersten dunklen
Nachrichten von Inseln und Ländern, welche im westlichen Meere liegen
sollten, von denen er dann selbst mit Eifer neue Kunde sammelte.


2. Das allmähliche Reifen des Planes einer Westfahrt.

Es lag im Glauben der Zeit, hinter jeder am Horizonte auftauchenden
Nebelbank im Ocean ein noch unbekanntes, reiches und gesegnetes
Land zu vermuthen. Die Canarien, Açoren und Capverden waren in den
letzten Jahrzehnten genauer bekannt geworden, die Fortschritte der
portugiesischen Entdeckungen wirkten auf die Seeleute geradezu
fieberhaft. Die Matrosen erzählten einander von den Geheimnissen
des westlichen Weltmeeres, und Columbus lauschte aufmerksam auf
solche Berichte. Die ~Vida del Almirante~ führt (Cap. 8) eine Reihe
solcher Schiffernachrichten auf, welche gerade durch das Nebelhafte
ihrer Umrisse die Phantasie aufzuregen vermochten. Danach hörte
Columbus über die Nähe der den westlichen Gestaden der bekannten Welt
gegenüberliegen sollenden Küsten mancherlei von solchen Seeleuten,
welche häufig die Meere jenseit Madeira und der Açoren befahren hatten.
Der portugiesische Pilot Martin Vicente erzählte ihm, er habe 450
Leguas (spanische Meilen) westlich vom Cap S. Vicente ein geschnitztes
Holz aufgefischt, welches unter dem mehrere Tage anhaltenden Westwinde
herangetrieben sei. Es müsse also in nicht zu großer Entfernung im
Westen Inseln oder größeres Land geben. Sein Schwager Pedro Correo
theilte ihm mit, daß ein ähnlich bearbeitetes Holz auch in Porto Santo
angeschwommen sei. Auf den Açoren waren Stämme von Fichten, wie sie
dort nicht wachsen, angetrieben. Auch ein mächtiges Schilfrohr, wie
es nur in Indien wachsen konnte, und welches von Knoten zu Knoten 9
Karaffen Wein fassen sollte, war aufgefunden. Auf der açorischen Insel
Flores hatten die Bewohner zwei Leichen einer unbekannten Menschenrasse
gefunden. Die Ansiedler in der Nähe des Cap de la Virga wollten sogar
gedeckte Barken, s. g. Almadias mit fremdartigen Menschen besetzt
gesehen haben.

Antonio Leme von Madeira erzählte dem Columbus ferner, er habe 100
Meilen weit gegen Abend drei Inseln gesehen. Dieselben Inseln wurden
1484 wiederum von einem Schiffscapitän aus Madeira gesehen, der sich
in Folge dessen nach Portugal begab, um sich von der Regierung eine
Caravele zu erbitten, mit welcher er jene Inseln entdecken wollte.

Ein anderer Pilot erzählte ihm in Puerto de Sta. Maria, daß er auf
der Reise nach Irland Land gesehen, welches er für den Theil der
Tatarei gehalten; schlechtes Wetter habe ihn aber abgehalten daselbst
zu landen. Ebenso wollte auch ein Galicier, Pedro Velasques (oder
Velasco), westlich von Irland Anzeichen von Land bemerkt haben. Und
endlich kam auch der Portugiese Vicente Dias aus der Stadt Tavira in
Algarbien mit der Nachricht heim, er habe auf der Rückfahrt von Guinea
nach Madeira im Westen unbekanntes Land gesehen. Mit Unterstützung
eines reichen Genuesen, Lucas de Cazzana, wurden in Folge dessen
mehrere vergebliche Versuche gemacht, dieses Land aufzufinden.

Ob Columbus von der Fahrt des +Johann von Kolno+[161] gehört hatte,
welcher 1476 von dem König Christian I. von Dänemark abgesandt worden,
um die Verbindung mit Grönland wieder herzustellen, und welcher
wahrscheinlich Labrador und den Eingang der später sogenannten
Hudsonstraße sah, ist sehr fraglich, wenn sich auch später die
Nachricht von dieser Entdeckung bis nach Spanien und Portugal
verbreitete, wie daraus zu ersehen ist, daß Gomara in seiner Geschichte
von Indien (Zaragoza 1553, S. 20) dieselbe erwähnt.[162]

Alle diese und ähnliche Mittheilungen über Inseln, welche im fernen
westlichen Meere liegen sollten, gehörten aber nicht allein dem
Zeitalter des Columbus an, sondern lassen sich bis ins classische
Alterthum rückwärts verfolgen, wie bereits oben S. 22 angedeutet ist.

Wichtiger noch war es, daß solche Angaben auch von den Verfertigern
der Seekarten im 14. und 15. Jahrhundert mit verwendet wurden. Vor
allem waren es die Italiener, welche, wie sie den Fortschritt der
portugiesischen Entdeckungen mit größter Aufmerksamkeit verfolgten,
auch die von ihren Landsleuten zuerst gesehenen Canarien und Açoren
in die Karten einzeichneten (oben S. 24). Gradezu überraschend wirkt
die Wahrnehmung, daß Andrea Bianco schon 1448 auf seiner Karte eine
Andeutung von den Capverden machte, noch ehe dieselben, nachweisbar,
von den Portugiesen betreten waren.[163] Aber daneben erscheinen
auch andere Gebilde von Inseln, welche nur einer Sinnestäuschung
der Seefahrer ihre Existenz verdankten. Zu diesen gehört namentlich
die Insel +Antilia+, welche seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts
auftauchte und uns zuerst auf einer im Jahre 1424 gezeichneten und
in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar aufbewahrten Karte
entgegentritt.[164] Ebenso findet sich diese Insel auf den Karten
des Battista Beccario vom Jahre 1426 (in München) und vom Jahre 1435
(in Parma). Westlich von den Açoren und etwa 15° vom Cap Finisterre
in Galicien erstreckt sich auf der letztern (vom Jahre 1435) eine
Inselkette von Norden nach Süden, vom Parallel der Gironde bis zu dem
von Gibraltar, und führt die Inschrift: ~Insule de novo reperte~. Von
den zwei größeren Inseln ist die südliche Antilia genannt.[165] Auch
Andrea Bianco wiederholt 1436 das Bild von Antilia (~ya de antillia~)
und fügt hinzu, daß nach der Inselgruppe spanische Schiffe gelangt
seien (~questoxe mar de spagna~). Ihm folgt 1476 Andrea Benincasa von
Ancona und zeichnet das Bild der Insel wie Bianco, während Martin
Behaim dieselbe auf seinem Globus (siehe Beilage) weiter südlich hart
an die Grenzlinie der heißen Zone versetzt.

Diese Insel hat eine gewisse Bedeutung in dem Plane des Columbus gehabt
und hat, wenn auch nicht ihre damals bereits ziemlich unbestimmte
Existenz, so doch wenigstens ihren Namen gerettet und auf die
westindische Inselflur vererbt.

Verfolgen wir nun weiter die verschiedenen Anregungen, welche Columbus
in sich aufnahm, so müssen wir neben den Schifferberichten und den
dieselben beglaubigenden Seekarten auch eines damals verbreiteten
geographischen Werkes gedenken, welches der Genuese schon während
seines Aufenthaltes in Portugal sehr fleißig las und auch später auf
seinen Reisen mit sich führte. Es ist die ~Imago mundi~ (Weltbild)
des Cardinal von Cambray, Pierre d’Ailly (Petrus de Alliaco), welche
um 1410 geschrieben ist. Dieses Werk stellt sich als eine ziemlich
mittelmäßige Compilation aus früheren scholastischen Arbeiten heraus,
~ex pluribus auctoribus recollecta~, wie der Titel der ältesten
Ausgabe besagt. d’Ailly bemühte sich, das Wissen der Vergangenheit
zusammenzufassen und citirte sowohl Lateiner und Griechen als auch
Araber, von jenen den Seneca, Plinius, Solinus, Osorius, Augustin,
Isidor und Beda, ferner den Aristoteles, Ptolemäus, Hegesippus,
Johannes Damascenus, von diesen den Alfragani und Albategna. Aber er
schreibt ziemlich ohne eignes Urtheil und stellt die Ansichten der
classischen Autoren höher, als die Resultate neuerer Forschung. Den
Namen Marco Polos erwähnt er nirgend. Aus ihm aber schöpfte Columbus
den ganzen Vorrath seiner kosmographischen Vorstellungen, namentlich
seine Auffassung von der Größe der Erde, von der Schmalheit des Oceans,
von der Lage und Natur des Paradieses und von dem bevorstehenden
Weltuntergange.[166]

Vor allem auffällig ist die Abhängigkeit des Columbus zu erkennen, wenn
wir das 8. Capitel der Imago, über die Größe der bewohnbaren Erde,
prüfen. Aus diesem Abschnitte entlehnte der Genuese in seinem Briefe
aus Haiti, auf seiner dritten Reise (1498), einen längeren Abschnitt.
d’Aillys Darstellung ist etwa folgende.[167] Wenn man wissen will,
wie viel von der Oberfläche der Erde bewohnbar ist, so hat man theils
das Klima, theils das Wasser zu berücksichtigen. Ptolemäus meinte,
etwa ein Sechstel der Erde sei Land, das übrige mit Wasser bedeckt.
Im Almagest (~lib. II.~) modificirte er seine Ansicht, und hielt ¼
der Erdoberfläche für bewohnbar. Aristoteles nahm einen noch größeren
Länderraum an und lehrte, daß zwischen der Westküste Spaniens und der
Ostküste Indiens das Meer (unser atlantischer Ocean) nur schmal sei.
Ueberdies sagt Seneca im 5. Buche der Naturgeschichte, daß man bei
günstigem Winde in wenig Tagen über dieses Meer segeln könne. Aehnlich
spricht sich auch Plinius aus, so daß man daraus folgern darf, daß das
Meer unmöglich ¾ der Erdoberfläche bedecken kann.

Dazu kommt noch der gewichtige Ausspruch Esra’s (Esdra) im 4. Buche,
welcher behauptet, es sei nur 1/7 der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt.

Im 49. Capitel, welches von der Verschiedenheit der Gewässer und
namentlich vom Ocean handelt, kommt d’Ailly noch einmal auf dieses
Thema zurück und betont, daß sowohl Aristoteles als auch sein
Commentator Averroes darauf aufmerksam gemacht, daß der Abstand
zwischen der Westküste Afrikas und der Ostküste Indiens (d. h. Asiens)
nicht sehr groß sein könne, weil man in beiden Ländern Elephanten
finde. Wie groß aber der Abstand ist, weiß man noch nicht, denn er ist
weder in unseren Zeiten gemessen, noch finden wir darüber bei den alten
Schriftstellern genauere Angaben. Aber, fügt er im 51. Capitel hinzu,
soviel ist gewiß, daß die Ausdehnung der bewohnten Erde von Spanien
ostwärts bis Indien viel größer ist als der halbe Umfang der Erde.

Mit diesen und ähnlichen Gründen wollte Columbus später die leichte
Ausführbarkeit seines Planes einer Westfahrt erhärten. Mit Recht
bemerkt Humboldt (Kosmos II, 281) dazu: „Sonderbares Zeitalter, in
welchem ein Gemisch von Zeugnissen des Aristoteles und Averroes, des
Esra und Seneca über die geringe Ausdehnung der Meere im Vergleich mit
der der Continentalmasse den (spanischen) Monarchen die Ueberzeugung
von der Sicherheit eines kostspieligen Unternehmens geben konnte.“

Außer diesen Hauptstellen hatte Columbus auch noch andere Vorstellungen
aus den Lehren d’Ailly’s sich angeeignet. Dahin gehört die Behauptung
des Cardinals (Cap. 12), daß, wie schon Augustin gelehrt habe, die
heiße Zone von menschlichen Ungeheuern belebt sei. Es geht dies hervor
aus einer Aeußerung aus dem Tagebuch der ersten Reise des Entdeckers,
wo derselbe verwundert bemerkt, die erwarteten Ungeheuer habe er noch
nicht gefunden. Ferner die Auffassung von der Lage des irdischen
+Paradieses+. Dasselbe liegt, schreibt d’Ailly Cap. 55, nach der
Angabe des Isidor, Johannes Damascenus, Beda u. a. in der lieblichsten
Gegend des Ostens, weit von unserm bewohnten Gebiet entfernt auf einem
erhabenen Ort, so daß es fast bis in die Mondsphäre reicht und von den
Wassern der Sündflut nicht bedeckt werden konnte. Von diesem hohen
Berge stürzen nun die Gewässer mit gewaltigem Brausen herab und bilden
einen großen See. Eine ebenfalls von Columbus benutzte Ansicht und eine
Ergänzung des obigen über die Natur des Paradieses finden wir bereits
im 7. Capitel, wo gelehrt wird, daß das im Osten gelegene Paradies,
auch wenn es in der Nähe des Aequators liege, doch wegen seiner
bergehohen Lage ein sehr mildes Klima besitze.

Endlich gehört hieher noch ein Ausspruch d’Ailly’s, in seinem
~Vigintiloquium de concordia astronomicae veritatis cum theologia, p.
181~, worin er die Dauer der Erde von der Schöpfung bis auf die Geburt
Christi, nach Ermittlung Bedas, auf 5199 Jahre berechnet, so daß also
bis 1501 nach Christi 6700 Jahre verflossen seien. Da aber das jüngste
Gericht 7000 Jahre nach Christi eintreten wird, ist der Weltuntergang
nahe bevorstehend. Obwohl Columbus in den Zahlen etwas abweicht, so hat
er den Grundgedanken doch in seinen Plan verwebt.


3. Das Project Toscanelli’s.

Wenn nun auch alle diese Meinungen und Lehrsätze d’Ailly’s einen großen
Einfluß auf die Gestaltung des Planes gehabt haben, so waren sie,
weil im allgemeinen zu verschwommen, nicht kräftig genug, um einen
wirklichen Impuls auszuüben, die Fahrt zu unternehmen. Denn welcher
Seemann konnte nach solchen allgemeinen, vagen Vorstellungen seinen
Cours einschlagen, welcher Fürst und welcher Staat würde zu einem
solchen Zuge ins Blaue die Mittel verschwendet haben? Darum kann ich
Humboldt darin nicht beistimmen, daß die Imago Mundi mehr Einfluß auf
die Entdeckung von Amerika geübt, als der Briefwechsel Toscanelli’s
(Kosmos II, 286). Grade die ganz bestimmte Direction, welche dieser
ausgezeichnete Astronom und Physiker den Ideen seines Landsmannes gab,
man kann sagen, die von ihm ganz genau vorgeschriebene Segelroute war
es, welche einerseits den noch unklaren Vorstellungen des Columbus
den richtigen Stützpunkt gab und andererseits auch die Monarchen
ermuthigte, die Kosten zu wagen.

In dieser Hinsicht muß man entschieden der Ansicht d’Avezacs
beipflichten: „Die Ideen des Columbus entstanden aus einer Summe von
Notizen, welche er allmählich aus verschiedenen Quellen geschöpft; aber
ein bestimmtes Project kam erst durch den Brief Toscanelli’s zur Reife.
Dieser +monumentale+ Brief sichert dem Toscanelli das unzweifelhafte
Verdienst, die transatlantischen Entdeckungen angeregt zu haben.“[168]

Diesen Brief lernte Columbus wahrscheinlich erst im Anfange der
achtziger Jahre kennen. Bis dahin war er einfach ein Seefahrer
gewesen, von da an wurde er Entdecker. Danach ist auch die von Las
Casas gemachte Zeitangabe zu verbessern,[169] wonach sich Columbus 14
Jahre bemüht haben soll, den König von Portugal für seine Pläne zu
gewinnen. Da wir wissen, daß Columbus noch um 1476 in Genua war, und
1484 nach Spanien ging, so ist die Angabe des Bischofs bestimmt falsch.
Avezac (~l. c. p. 43~) stellt die Vermuthung auf, es könne statt 14
Jahre recht wohl 14 Monate heißen und Columbus habe seinen Vorschlag
zuerst im September oder October 1483 gethan, und sei dann gegen
Ende des nächsten Jahres nach Spanien übergesiedelt. -- Doch wenden
wir zunächst unsere Aufmerksamkeit dem Briefe Toscanelli’s zu. Paolo
Toscanelli, auch, weil er Arzt war, ~Paolo fisico~ genannt (geb. 1397
in Florenz, gestorben 1482), gehörte zu den ausgezeichnetsten Gelehrten
seiner Vaterstadt und beschäftigte sich namentlich mit Kosmographie.
Durch lebhaften Verkehr stets in Verbindung mit berühmten Reisenden,
Seefahrern und Kartenzeichnern, hat er wohl zuerst bei dem Studium
des Marco Polo und angesichts der durch persönlichen Verkehr mit
Nicolo de Conti (s. oben S. 77) weiter bestätigten großen Entfernung
Ostasiens von Europa, sowie neuer Beglaubigungen der Berichte von den
kostbarsten Produkten, den menschenwimmelnden prachtvollen Städten
und großartigen Reichen den Gedanken gefaßt, daß von Portugal oder
Italien aus +ostwärts+ die Entfernung bis Quinsay und Zaiton weit
mehr als den halben Erdumfang betragen müsse, und weiterhin daraus
gefolgert, daß dann der Weg über das Westmeer der nähere sein müsse.
Zur Veranschaulichung dieser Idee bedurfte es einer Karte, welche
die, wie es scheint, vor ihm noch nie entworfene Wasserseite der Erde
darstellte. Denn die Seekarten dienten praktischen Zwecken und stellten
daher nur die in der Nähe der großen Handelslinien befindlichen Küsten
und Länder dar. Da nun Toscanelli sah, wie sich bereits seit einem
halben Jahrhundert die Portugiesen abmühten, die Umfahrt um Afrika zu
vollenden, so richtete er 1474 einen Brief an den Canonicus Fernam
Martinz in Lissabon, um den König unter Beigabe einer von ihm selbst
entworfenen Karte auf seine Idee, das Morgenland durch eine Westfahrt
zu erreichen, aufmerksam zu machen. Allein die Portugiesen hatten
1471 glücklich die Goldküste entdeckt (s. oben S. 104) und beuteten
dieses Gebiet aus, ohne Neigung, sich in unbestimmte kostspielige
Unternehmungen einzulassen. Toscanelli’s Aufforderung fand also
keinen Anklang; sein Brief galt wohl mehr als Curiosum, denn daß man
ein Staatsgeheimniß daraus machte, von dem nichts verlauten dürfe,
um nicht andere Unternehmer in dieselben Bahnen zu lenken. So konnte
auch Columbus nach Jahren davon Kunde erhalten und sich eine Abschrift
dieses Briefes verschaffen, indem er sich direct an Toscanelli
wandte. Wir kennen die Briefe des Columbus nicht, sondern nur die
Antworten des Florentiner Gelehrten und auch diese in einer sicher
nicht authentischen Fassung, da sie nur in der Vida del Almirante sich
finden, welche den Wortlaut nicht nur nicht getreu wiedergegeben hat,
sondern durch offenbare Einschiebsel den Zeitpunkt des Schreibens zu
verrücken sucht, um Columbus zu glorificiren, indem man die Bedeutung
des Briefes als maßgebend für den Impuls zu der Westfahrt verminderte
und die Initiative allein dem Entdecker beimaß.

Nach der jetzt vorliegenden Fassung des Briefes schrieb nämlich
Toscanelli folgendermaßen:

„Ich sehe Eurer edles und großes Verlangen, dahin zu reisen, wo die
Spezereien wachsen. Daher sende ich Euch zur Beantwortung Eures
Briefes die Abschrift eines andern, den ich +vor einigen Tagen+ an
einen meiner Freunde, im Dienste Sr. Maj. des Königs von Portugal,
+vor den castilischen Kriegen+, in Beantwortung eines andern schrieb,
welchen er im Auftrage des Königs über die betreffende Angelegenheit
an mich richtete, und ich schicke Euch eine andere Seekarte (~carta da
marear~), die mit derjenigen übereinstimmt, welche ich ihm sandte.“

Der castilische Erbfolgekrieg fällt in die Zeit von 1474-1479. Es liegt
auf der Hand, daß man den Ausdruck „+vor+ den castilischen Kriegen“
nur gebrauchen kann, wenn der Krieg vollständig beendigt ist, aber
weder im Beginn noch im Verlauf desselben. Der Brief Toscanelli’s
muß also an Columbus +nach+ 1479 geschrieben sein, der Originalbrief
an Martinz +vor+ oder um 1474. Das Datum dieses Briefes lautet auch:
Florenz, 25. Juni 1474. Steht dieses fest, dann kann Toscanelli aber
nicht an Columbus schreiben, er habe erst „vor einigen Tagen“ den Brief
an Martinz verfaßt, denn es lag ein Zeitraum von mindestens 5 Jahren
dazwischen. Eine der beiden Zeitangaben ist falsch, die Entscheidung
fällt unbedingt +gegen+ den Ausdruck „vor einigen Tagen“. Es soll
einerseits durch diesen Zusatz der Plan als geistiges Eigenthum des
Columbus hingestellt und der Einfluß Toscanelli’s verdeckt werden;
denn wenn der florentinische Gelehrte erst „vor einigen Tagen“ den
ersten Brief nach Portugal geschickt hat, kann Columbus noch keine
Mittheilung von demselben haben, selbst wenn der Brief direct an
ihn selbst gerichtet wäre. Es soll dem Entdecker die Priorität des
Gedankens gerettet worden. Andererseits wird der Zeitpunkt, in welchem
dem Genuesen der Plan reifte, um wenigstens fünf Jahre zurückgerückt,
aber leider in eine Zeit verlegt, welche mit dem angeblich früheren,
ständigen Aufenthalte des Columbus in Portugal sich nur schwer
vereinigen läßt, da sein Name in den Acten Genuas 1472, 1473 und 1476
erscheint. Wenn dadurch auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist,
daß Columbus 1474 sich zu Lissabon aufgehalten, so doch sicher nur als
Seemann vorübergehend, und es bleibt die Frage unerledigt, warum er
sich nicht direct von Italien aus an den Physiker in Florenz gewandt.
Zudem ist auffällig, daß, nach dem zweiten Briefe Toscanelli’s zu
urtheilen, dieser Gelehrte nicht zu wissen scheint, daß Columbus ein
Italiener ist. Er hält ihn vielmehr für einen Portugiesen, wie aus der
Anspielung auf diese Nation hervorgeht. Wenn Columbus nun nach dieser
Seite sich nicht deutlich ausgesprochen hat, ist der Schluß nicht
unberechtigt, daß er bereits in Portugal seit mehreren Jahren ansässig
gewesen und sich also gleichsam als Portugiese gefühlt habe, wie er ja
auch in Spanien später seinen ganzen Namen umänderte. Dann aber fällt
die Correspondenz mit Toscanelli bereits in den Anfang der achtziger
Jahre,[170] was auch am besten zu dem ganzen Verlauf der Angelegenheit
in Portugal stimmt.

Glücklicherweise ist von dem ausgezeichneten Forscher der ältesten
amerikanischen Literatur, von Harrisse, eine von Columbus selbst
geschriebene Copie des Toscanelli’schen Briefes an Martinz in der
Colombinischen Bibliothek zu Sevilla aufgefunden und veröffentlicht.
Ein Vergleich dieses lateinisch geschriebenen Briefes mit dem in der
~Vida del Almirante~ gegebenen Texte zeigt deutlich, daß auch dieses
wichtige Document durch die Hand des Biographen des Entdeckers nicht
unwesentliche Veränderungen erfahren hat.

Wegen seiner großen Bedeutung theilen wir den Brief vollständig
mit.[171]

„Dem Canonicus Ferdinand Martinz zu Lissabon sendet der Physiker Paul
(Toscanelli) seinen Gruß. Von deinem vertrauten Umgange mit Sr. Maj.
dem Könige ist es mir um so angenehmer gewesen Kenntniß zu erhalten,
als ich mit dir schon früher gesprochen habe über einen kürzeren Seeweg
zu den Gewürzländern, als derjenige ist, welcher über Guinea führt.
Der König wünscht nun von mir eine noch mehr durch den Augenschein
überzeugende Erläuterung, so daß auch der minder Bewanderte diesen
Weg begreifen und verstehen kann. Obgleich ich nun weiß, daß man dies
an einer Kugel, welche die Erde vorstellt, zeigen könnte, so habe
ich mich doch des leichteren Verständnisses und der geringen Mühe
wegen, entschlossen, diesen Weg auf einer Seekarte zu erläutern.
Ich sende also Sr. Majestät eine eigenhändig entworfene Karte, auf
welcher eure Küsten und Inseln eingezeichnet sind, von denen der Weg,
immer gegen Abend, beginnt, und die Orte, zu denen man gelangen muß,
und wie weit man vom Pol oder vom Aequator abweichen muß, und durch
einen wie großen Abstand, d. h. nach wie viel Meilen, man zu jenen
Orten kommen muß, welche die größte Fülle von allen Gewürzen und
Edelsteinen besitzen. Und wundert euch nicht darüber, daß ich +das+
„+westliches+“ Gebiet nenne, wo die Gewürze sind, während es gewöhnlich
als östliches bezeichnet wird, weil durch Seefahrten immer nach Westen
jene Gegenden durch unterirdische (~subterraneas~) Fahrten gefunden
werden, während sie zu Lande und auf dem +oberen+ Wege immer nach
Osten aufgesucht werden. Demnach zeigen die geraden in der Länge der
Karte eingetragenen Linien den Abstand von Osten nach Westen, dagegen
die transversalen Linien die Abstände von Süden nach Norden. Ich habe
aber in der Karte verschiedene Orte eingetragen, zu denen ihr nach den
genauern Nachrichten der Schifffahrten kommen könntet; sei es nun,
daß man durch (widrige) Winde oder durch irgend einen andern Umstand
anderswohin gelangte, als man erwartete, theils aber auch, um den
Einwohnern zu zeigen, daß sie (die Seefahrer) bereits eine Kenntniß
jenes Landes haben, was um so angenehmer sein muß. Es wohnen aber auf
den Inseln nur Kaufleute. Es wird nämlich behauptet, daß dort eine so
große Menge von Kauffahrteischiffern, wie sie auf der ganzen übrigen
Welt nicht sind, sich in dem einen berühmtesten Hafen, Namens Zaiton
finden. Man behauptet nämlich, daß in jenem Hafen jährlich 100 große
Schiffe mit Pfeffer abgehen, ungerechnet die anderen Schiffe, welche
andere Gewürze laden. Jenes Land ist sehr volkreich und sehr reich
an Provinzen, Staaten und zahllosen Städten und steht unter +einem+
Fürsten, welcher der +Groß-Kan+ genannt wird, was so viel als König
der Könige bedeutet. Sein Sitz und seine Residenz ist meistens in der
Provinz +Katay+. Seine Vorfahren wünschten mit den Christen in Verkehr
zu treten. Schon vor 200 Jahren schickten sie zum Papste und baten
um mehrere Gelehrte, damit sie im Glauben unterrichtet würden; aber
dieselben stießen unterwegs auf Hindernisse und kehrten wieder um. Auch
zur Zeit des Papstes Eugen kam einer zu Eugen[172] und bestätigte das
große Wohlwollen gegen die Christen; und ich habe selbst ein langes
Gespräch mit ihm gehabt über vielerlei, über die Größe der königlichen
Paläste und über die Größe der Flüsse in der Breite und wunderbaren
Länge und über die Menge der Städte an den Ufern der Flüsse, daß an
einem Flusse gegen 200 Städte erbaut sind und marmorne Brücken von
großer Breite und Länge, welche allenthalben mit Säulen geziert sind.
Dieses Land ist werth, von den Lateinern aufgesucht zu werden, nicht
allein weil ungeheure Schätze von Gold, Silber und Edelsteinen aller
Art von dort gewonnen werden können und von Gewürz, welches nie zu uns
gebracht wird, sondern auch wegen der gelehrten Männer, Philosophen und
erfahrenen Astrologen, und um zu erfahren, mit welchem Geschick und
Geist dieses so mächtige und große Land regiert wird und auch Kriege
geführt werden. Florenz, 25. Juni 1474.“

„Von Lissabon nach Westen in gerader Linie sind 26 Spatien in die
Karte eingetragen, von denen jedes 250 Milliarien umfaßt, bis zu der
sehr prächtigen und großen Stadt Quinsay. Dieselbe hat einen Umfang
von 100 Milliarien und hat 10 Brücken und der Name bedeutet Stadt des
Himmels,[173] und viel Wunderbares wird darüber berichtet von der Menge
der Künstler und der Einkünfte. Dieser Abstand beträgt fast den dritten
Theil der ganzen Erde. Jene Stadt liegt in der Provinz +Mangi+, in
der Nachbarschaft der Provinz +Katay+, in welcher die Hauptstadt des
Landesherrn liegt. Aber von der auch bekannten Insel +Antilia+ zu der
sehr berühmten Insel +Cippangu+ sind 10 Spatien. Jene Insel nämlich ist
sehr reich an Gold, Perlen und Edelsteinen, und mit purem Golde deckt
man Tempel und Paläste. Und so muß man auf unbekannten aber +nicht
weiten+ Wegen den Raum des Meeres durchschneiden.“

[Illustration: ~DIE OCEANISCHE SEITE DES BEHAIM’SCHEN GLOBUS VOM JAHRE
1492.~

~Das Original, im Durchmesser einen pariser Fuß und acht Zoll groß,
befindet sich im Familienarchive der Freiherrn von Behaim in Nürnberg.
Über die Geschichte der Entstehung des Globus siehe die Inschrift unter
dem Circulus antarcticus, über dem nürnberger Wappen.~]

Leider ist die Karte Toscanelli’s, welche Columbus auf seiner Reise
bei sich hatte und welche später Las Casas in seinem Besitze hatte,
nicht bis auf unsere Zeit erhalten. Um ein Bild von derselben zu
gewinnen, muß man vor allem die von Toscanelli fixirten Abschnitte
oder Spatien prüfen. Es ist besonders wichtig zu betonen, daß der
florentinische Astronom nur +ein+ Längenmaß, Milliarien, gebraucht und
von diesen römischen Millien 250 auf ein Spatium rechnet. Humboldt[174]
und Peschel[175] sind deshalb zu irrigen Resultaten gelangt, weil
sie den lateinischen Originaltext des Toscanelli’schen Briefes noch
nicht kannten und durch die in den spanischen und italienischen
Uebersetzungen jenes Documents eingeschobenen und zum Theil wieder
verschriebenen und entstellten Uebertragungen von Millien in Leguas zu
falschen Schlüssen verleitet worden.

Die Angaben und Vorschriften Toscanelli’s für eine westliche Fahrt zu
den Gewürzländern waren so bestimmt und zuversichtlich gegeben, daß
Columbus dieselben nur zu adoptiren brauchte. Und daß er sich in diesem
Sinne ausgesprochen hat, läßt sich aus der darauf folgenden Antwort
Toscanelli’s erkennen. Da sind keine Zweifel zu beseitigen, keine
dunklen Punkte mehr aufzuhellen, keine Fragen zu beantworten. Columbus
hat sich bereit erklärt, die Idee Toscanelli’s zu verwirklichen und
dieser versichert noch einmal, der Weg sei ganz sicher und führe zum
Ziel: „Ich lobe eure Absicht,“ schreibt der Physiker, „nach Westen zu
fahren und ich bin überzeugt, wie ihr auf meiner Karte bereits gesehen
habt, daß der Weg, den ihr nehmen wollt, nicht so schwierig ist, als
man denkt; im Gegentheil der Weg nach jenen Gegenden, welche ich
eingezeichnet habe, ist ganz sicher. Ihr würdet keine Bedenken haben,
wenn ihr, wie ich, mit vielen Personen verkehrt hättet, welche in jenen
Ländern gewesen sind, und seid gewiß, mächtige Könige anzutreffen,
viele volkreiche wohlhabende Städte und Provinzen zu finden, welche
an jeder Art Edelsteinen Ueberfluß haben; und es wird die Könige und
Fürsten, welche in jenen entfernten Ländern herrschen, hoch erfreuen,
wenn man ihnen einen Weg bahnt, um mit den Christen in Verbindung zu
treten und sich von denselben in der katholischen Religion und in allen
Wissenschaften, welche wir besitzen, unterrichten zu lassen. Deshalb
und wegen vieler anderen Ursachen wundere ich mich nicht, daß ihr so
viel Muth zeigt wie auch die ganze portugiesische Nation, in welcher es
immer Männer gegeben hat, die sich in allen Unternehmungen auszeichnen.“

Zwei Momente sind in diesem Schreiben noch beachtenswerth, einmal die
besondere Bedeutung der Fahrt für die Verbreitung des Glaubens, auf
welche Columbus selbst möglicherweise in seinem Brief angespielt hatte
und sodann die Anerkennung des portugiesischen Unternehmungsgeistes.
Toscanelli weiß offenbar nicht, daß Columbus Italiener ist, er hält ihn
vielmehr für einen Portugiesen, und dieser hat über seine Heimat und
sein Vaterland keine Mittheilung gemacht.

                   *       *       *       *       *

Wahrscheinlich im Jahre 1483 trat Columbus zuerst mit seinem Plane
hervor. Der König Johann II. forderte darüber das Gutachten einer
Commission ein, welche aus den bedeutendsten Gelehrten, Diego Ortiz,
Bischof von Ceuta und Beichtvater des Königs, so wie aus den beiden
königlichen Aerzten Rodrigo und Joseph bestand. Aber diese Räthe
nahmen, wie Barros erzählt[176] die Reden des Genuesen für eitle
Prahlerei und erklärten das ganze Project für Träumerei, welche nur
in den Berichten Marco Polo’s ihren Grund habe. Und da auch der König
sah, daß Columbus ein höchst fantastischer Schwätzer sei, so schenkte
er ihm keinen Glauben. Und als bald darauf seine Gemahlin starb,
verließ Columbus 1484 Portugal für immer, um in Spanien sein Glück zu
versuchen. Man hat das Urtheil der Commission scharf getadelt wegen der
rücksichtslosen Abweisung eines Unternehmens, welches noch im Laufe
des nächsten Decenniums mit Erfolg gekrönt zu sein schien. Allein man
darf nicht vergessen, daß die portugiesischen Ziele bestimmt nach einer
andern Richtung wiesen und daß, wenn auch das Südende Afrikas noch
nicht entdeckt war, doch die Erforschungen des Weges nach Indien nicht
wieder auf einem ganz andern Wege begonnen werden konnten, nachdem man
bereits so manchen Erfolg zu verzeichnen gehabt hatte. Es würde die
Mittel des Reiches zersplittert haben. Dazu hatten die portugiesischen
Räthe im Grunde Recht, den geringen Abstand der Westküste Europas von
der Ostküste Asiens zu leugnen; und es ist nicht abzusehen, was aus dem
Geschwader des Columbus geworden wäre, wenn er die wirkliche Breite des
Weltmeers bis zu den Gestaden Chinas hätte durchmessen müssen.

Das später ausgesprengte Gerücht, der König Johann habe heimlich ein
Schiff zur Westfahrt abgesendet, um den Plan des Columbus auszuführen,
entbehrt jedes historischen Glaubens.

Auch in Spanien fand Columbus anfangs keinen günstigen Boden, aber
er harrte, da sich allmählich die Aussichten günstiger zu gestalten
schienen, jahrelang aus, bis die Zeitverhältnisse die Erfüllung seiner
heißesten Wünsche, denen er von nun an sein ganzes Leben widmete,
gestatteten.


4. Columbus in Spanien.

Es ist ein beachtenswerther Umstand, daß wir kein Porträt von Columbus
besitzen, welches erwiesenermaßen als getreu bezeichnet werden darf.
Daher weichen die Bildnisse, welche es von dem Entdecker der neuen
Welt gibt, so außerordentlich von einander ab. Vielleicht liegt die
Ursache darin, daß Columbus nur wenige Jahre sich der höchsten Gunst
erfreute und bei seinem Tode unter seinen Zeitgenossen fast vergessen
schien. Wenn man indeß die Schilderungen der Mitlebenden prüft,
werden die beigegebenen Porträts wohl als die annähernd getreuesten
zu erachten sein. Columbus war von hoher und kräftiger Gestalt, aber
nach der Eigenthümlichkeit seines Kopfes und seiner Farbe hätte man
ihn eher für einen Nordländer als für einen Italiener halten sollen.
In dem länglichen, gerötheten, mit Sommersprossen bedeckten Gesichte
leuchteten ein Paar hellblaue Augen; auch sein Kopfhaar war röthlich,
ergraute aber frühzeitig, weshalb man ihn in der Regel für älter
hielt, als er wirklich war. Die älteste Charakteristik verdanken wir
dem Italiener Angelo Trivigiano,[177] welcher 1507 die Reiseberichte
veröffentlichte. In der deutschen Uebersetzung des Jobst Ruchhamer
vom Jahre 1508 lautet diese Darstellung, welche uns zugleich in die
Unternehmung des Columbus einführen soll, folgendermaßen:

Hie anhebet das vierde Buch, Vnd ist von der schieffarthe des
kuniges von Castilia, von Inseln vnd landen in kurtze erfunden. Das
lxxxiiij Capitel, wie der kunige von Hispania rüstet, oder beraythe
zway schieffe, dem Christoffel Dawber[178] von Jenua zu faren gegem
nidergang.

DIser Christoffel Dawber von Jenua was ein man̄e lang vnd gerade, was
grosser vernunfft, hette ein lang angesicht, nachuolgte vnd anhienge
lange zeythe den Allerdurchleuchtigsten kunigen von Hispania, an alle
orthe vnd ende so sie hin raysten, begerthe, das sie ime solten helffen
zurüsten vnd belastigen etwan ein Schieffe, erbothe sich, er wölte
finden gegen dem nidergange Inseln, anstossende an India, daselbstdann̄
die mennge der Edlen gestaynen, vnd Spezereyen, vnd auch des goldes,
welches man leychtlich möchte vberkummen, der Kunig vnd Kunigin, vnd
auch alle die vorgeensten in Hispania, hetten lange zeyte ein spyle,
oder kurtzweyl an diesem furnemen dises Christoffels, vnd zu letzste
nach siben jaren oder vber siben jare, vnd nach seynem manigualtigen
begeren, bitten, vnd anlangen, wurden sie zu gefallen seynem willen,
vnd rusten ime ein Naue, das ist, ein großses schieffe, vnd zway
Grauele, mit welcher er hinweg fure von Hispania, vnd also anfienge
sein rayse oder schieffarthe, vmb die ersten tage des Septeēber, das
ist, des Herbstmondes, im MCCCCxCij Jare. --[179]

Am Schluß der originellen Uebersetzung steht: Also hat ein endte dieses
Büchlein, welches auß wellischer sprach in die dewtschen gebrachte
vnd gemachte ist worden, durch den wirdigē vnd hochgelarthen Herrn̄
Jobsten Ruchamer der freyen Künste, vnd artzenneien Doctorn̄ etc. Vnd
durch mich Georgen Stüchßen zu Nüreinbergk, Gedrückte vnd volendte
nach Christi vnsers lieben Herren geburdte. M.ccccc.viij Jare, am
Mittwoch sancthi Mathei, des heiligen apostels abenthe, der do was der
zweyntzigiste Tage des Monadts Septembris.

Columbus ging nach Südspanien. Hier gelang es ihm, einflußreiche
Gönner zu finden, unter denen namentlich der Herzog von Medinaceli
sich seiner annahm und ihn fast zwei Jahre lang als Gast in seinem
Hause beherbergte, damit derselbe nicht, wie er beabsichtigte, nach
Frankreich gehe, um dort dem Könige sein Project anzubieten.[180]

[Illustration: Angebliches Porträt von Christoph Columbus.

(Madrid, Marine Ministerium.)]

Im Januar des Jahres 1486 erhielt er durch die Vermittlung des
Cardinalbischofs Mendoza von Toledo bei der Königin Isabella Audienz,
wurde, nachdem er seinen Plan vorgelegt, in das königliche Gefolge
aufgenommen und erhielt dessen Freiheiten und Auslösung. Er war damit
in den Dienst der spanischen Krone getreten. Aus den Jahren 1487 und
1488 haben sich mehrere Belege der kleinen Unterstützungen erhalten,
welche Columbus aus der königlichen Kasse erhielt, und welche in den
einzelnen Posten höchstens 10 Ducaten betrugen.[181]

Man hatte zwar von dem Vorhaben des Columbus im allgemeinen eine
günstige Meinung, wollte aber zuvor das Urtheil der Gelehrten hören
und wies ihn daher an die Universität von Salamanca. Hier hatte
Columbus einen schlimmen Stand; denn er berief sich nicht blos auf
seine kosmographischen Autoritäten, sondern glaubte vor dem Rath der
gelehrten Geistlichen auch mit falschverstandenen Bibelsprüchen kämpfen
zu können und legte von sich und seinem Beruf eine so eigenthümliche
schwärmerische Meinung an den Tag, daß die Mehrzahl der Richter sich
nicht für ihn erklären konnte.

[Illustration: Angebliches Porträt von Christoph Columbus.

(Madrid, National-Bibliothek.)]

Die Art seines Auftretens läßt sich am besten aus den brieflichen
Mittheilungen erkennen, welche Columbus später bei verschiedenen
Gelegenheiten selbst gegeben hat.

„Ich habe mit wissenschaftlichen Männern, Geistlichen und Weltlichen,
Lateinern und Griechen, Juden und Mauren und vielen anderen
verkehrt. Dazu gab mir der Herr den Geist der Erkenntniß. In der
Schifffahrtskunde gab er reiche Fülle; von der Sternkunde gab er mir,
was ich brauchte und auch von der Geometrie und Arithmetik. In dieser
Zeit habe ich alle Arten von Schriften studirt: Geschichtswerke,
Chroniken, Philosophie und andere Wissenschaften.“[182]

„Die heilige Trinität,“ schreibt Columbus bei einer andern
Gelegenheit,[183] „bewog Ew. Maj. zu dem Unternehmen nach Indien
und durch ihre unendliche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu
verkündigen. Deshalb kam ich als ihr (der Trinität) Botschafter zu Ew.
Maj., wie zu den mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche sich im
Glauben übten und so viel für seine Verbreitung thaten. Trotz alles
Ungemachs, welches mir widerfuhr, war ich gewiß, daß meine Unternehmung
gelingen werde, und beharrte bei dieser Ansicht, weil alles vergehen
wird, ausgenommen das Wort Gottes. Und in der That, Gott spricht so
klar von diesen Gegenden durch den Mund des Jesaias an mehreren Stellen
der heiligen Schrift, wenn er versichert, daß von Spanien aus sein
heiliger Name solle verbreitet werden.“[184]

In der Colombinischen Bibliothek zu Sevilla wird noch die
handschriftliche Correspondenz des Columbus mit dem Pater Gorricio,
einem Karthäuser aus dem Kloster Sa. Maria de las Cuevas zu Sevilla
aufbewahrt, welche eine Menge Texte des alten und neuen Testamentes
enthält, die sich auf die Entdeckung der neuen Welt beziehen sollen,
sowie verschiedene Aussprüche der Kirchenväter und Classiker. Diese
letzteren sind aus Aristoteles, Plinius, Seneca u. a. von Gorricio
excerpirt in der besondern Absicht, von Columbus verwendet zu
werden.[185] Unter diesen ist besonders berühmt und viel genannt worden
die prophetische Stelle aus der Tragödie Medea von Seneca:

    ~Venient annis saecula seris,
    Quibus Oceanus vincula rerum
    Laxet et ingens pateat tellus,
    Thetysque novos detegat orbes,
    Nec sit terris ultima Thule.~[186]

Mit diesen Prophezeiungen, welche Columbus auf sich bezog und durch
welche er um so fester von seiner göttlichen Sendung sich überzeugt
hielt, ging Hand in Hand die von ihm gefaßte Idee, durch die schon von
Toscanelli in Aussicht gestellten Schätze das heilige Grab zu erobern
und den Erzfeind aus dem Besitz der heiligen Stätten zu verdrängen.
Diesen Gedanken legt er in dem Tagebuch seiner ersten Reise (vom 26.
December 1492) nieder und wiederholt ihn in einem Briefe von 1503.

Aber er fühlt auch den Beruf in sich, alle Heiden vor dem nahen
Weltuntergange zum Christenthume zu bekehren. „Der heilige Augustin
lehrt uns,“ schreibt er 1503, „daß das Ende der Welt 7000 Jahre nach
der Schöpfung stattfinden werde. Das ist auch die Meinung der heiligen
Theologen und des Cardinals Pedro de Aliaco. Da nun nach der Berechnung
des Königs Alfons von Portugal bereits 6845 Jahre verflossen sind, so
ist die Frist bis zum Untergange nur noch eine sehr kurze.“

Man darf sich nicht wundern, daß selbst die Theologen von Salamanca
sich mit diesen mystischen Combinationen, mit dieser wunderlichen
Mischung einerseits von astronomisch-kosmographischen Berechnungen und
Schlüssen, anderseits von classischen und biblischen Prophezeiungen und
falschen Deutungen nicht einverstanden erklären konnten.

Man muß dazu auch die politische Lage der beiden verbundenen spanischen
Monarchien erwägen, und daß Ferdinand und Isabella nicht blos schwere
Kämpfe zur Befestigung der königlichen Autorität, sondern auch
langwierige Kriege mit den Mauren zu führen hatten und durch diese
Projecte leicht auch in neue Verwickelungen mit dem Nachbarstaate
Portugal gebracht werden konnten.

„Glücklicherweise aber,“ sagt Humboldt,[187] „begünstigten die
vorhandenen Irrthümer die Ausführung des Planes und flößten einen Muth
ein, welchen genauere Kenntniß von den Dimensionen des Erdkörpers, der
geographischen Länge von Catigara, Cathai und Zipangu, der bedeutenden
Ausdehnung des zwischen liegenden Oceans und der geringen Masse des
Festlandes wahrscheinlich erschüttert haben würden.“

Man hat das Urtheil der wissenschaftlichen Prüfung in Salamanca ebenso
verdächtigt und verleumdet, als jenes abfällige Urtheil der Junta in
Portugal. Aber alle die Gegengründe, welche vorgebracht sein sollen,
klingen so lächerlich, daß sie als platte Erfindung erscheinen, welche
später, nachdem der Erfolg sich für Columbus ausgesprochen, zu seiner
Verherrlichung erdacht sind.

Im Collegium zu Salamanca fand sich nur Einer, Diego de Deza, der
Lehrer des Prinzen Don Juan, später Erzbischof von Sevilla, welcher
sich des kühnen Planes annahm; aber da sich Talavera, damals Prior von
Prado und später Erzbischof von Granada entschieden dagegen erklärte,
so wurde vorläufig die Entscheidung ausgesetzt und Columbus auf eine
günstigere Zeit vertröstet. So lebte er, von Jahr zu Jahr auf Erfüllung
hoffend, bald in Sevilla, bald in Cordoba, gleichsam von königlichem
Gnadenbrote, wenig gekannt und wenig Freunde gewinnend.

Die ganze Angelegenheit rückte nicht vorwärts. Und als selbst noch
im Jahre 1491 die entscheidende Commission erklärte, sie könne
erst nach Beendigung des Krieges gegen Granada die Sache in genaue
Erwägung ziehen und damit gleichsam in einer höflichen Form das
Project ablehnte, so entschloß sich Columbus endlich, doch das Land zu
verlassen, das ihn seit sieben Jahren in peinlicher Muße hingehalten
hatte.

Auf seinem Wege nach Huelva, wo er sich einschiffen wollte, kam
er, mit seinem Sohne Diego an der Hand, von Palos, am breiten Rio
Tinto abwärts wandernd, zu Fuß nach dem alten Franziskanerkloster
+la Rabida+. Dasselbe liegt nahe dem Meere auf einem dürren Hügel,
dessen Anbau den Fleiß der Bearbeiter nur spärlich lohnt. Zwischen
verfallenen Mauern und Dornhecken von Nopal und Aloë steigt man jetzt
auf die beherrschende Höhe. Auf einer kleinen Plattform hinter den
Klostergebäuden bezeichnet ein steineres Kreuz die Stelle, wo Columbus
von Kummer gebeugt und von Hunger erschöpft niedersank[188] und für
seinen Knaben und sich die Mönche um Brot und Wasser bat. Aber hier,
wo er mit tiefem Seelenleiden seine Hoffnungen bereits zu Grabe
getragen hatte, sollten sie neu belebt werden. Der seltsame Anblick
der Bittenden, der fremde Dialect des Mannes erregten die Neugierde
der barmherzigen Brüder, besonders des Juan Perez de Marchena, der den
Titel eines Beichtvaters der Königin führte. Columbus wurde ins Kloster
eingelassen und in die Wohnung des Priors geleitet. In dem hohen Saal,
aus dessen Fenstern man einen prachtvollen Blick auf das Meer genießt
und wo Columbus neugestärkt und belebt, im Angesicht des Oceans von
seinen Plänen und Enttäuschungen erzählte, sind jetzt zur Erinnerung
an diese denkwürdigen Stunden mehrere Gemälde zu sehen, welche die
Geschichte dieser Ereignisse darstellen. Der Pater Juan Perez, welcher
sich bald von der schwärmerischen Glut des Erzählers angezogen fühlte,
ließ einen in der Astronomie und Kosmographie kundigen Physiker, Garcia
Hernandez, aus dem nahen Orte Palos zu sich bitten, um mit ihm den
Gehalt des vernommenen Berichts zu prüfen, denn er kannte den Genuesen
zweifelsohne nicht einmal dem Namen nach. Auch mochte er anfänglich
keine große Meinung von dem ärmlich und schlecht gekleideten Fremdlinge
haben. Columbus war eben noch eine Persönlichkeit, welche kein Mensch
kannte (~por que ninguna persona conoscia el dicho almirante~.[189])
Aber auch der junge Physiker aus Palos, welcher damals kaum das 30.
Lebensjahr überschritten hatte,[190] horchte mit demselben Interesse
wie der Pater Marchena. Beide glaubten der Königin einen großen Dienst
zu leisten, wenn sie den merkwürdigen Mann zurückhielten. Juan Perez
schrieb an die Königin Isabella einen Brief und sandte ihn durch die
Hand des Piloten Sebastian Rodriguez an den spanischen Hof von Granada.
Einstweilen blieb Columbus als Gast bei den Klosterbrüdern. Nach 14
Tagen kam ein Dankschreiben der Königin zurück, worin der Pater zur
Königin berufen wurde. Derselbe reiste noch in derselben Nacht ab und
erhielt von der Königin die Zusage, daß Columbus für seine Unternehmung
drei Schiffe erhalten solle. Dann gab die Fürstin ihm noch 53 Ducaten
mit für Columbus, damit derselbe sich besser kleiden und in anständiger
Form zu Hofe reiten könnte.

So war also in Rabida endlich die günstige Wendung des Geschickes
eingetreten und wenn auch noch manche Schwierigkeiten zu überwinden
sein mochten, so war es doch nun entschieden, daß der kühne Gedanke,
den Orient im Westen auszusuchen, seiner Verwirklichung nahe war.

Im Lager zu Santafé vor Granada erwartete man die baldige Uebergabe
dieser letzten maurischen Stadt. Als dieselbe im Januar 1492 erfolgte,
schien der Weg für Columbus geebnet, denn der maurische Krieg war
beendigt. Aber zum letztenmale schien das ganze Unternehmen doch
noch sich zerschlagen zu wollen, weil Columbus allzuhohe Forderungen
stellte, Forderungen, welche weder mit seiner hilfsbedürftigen Lage,
noch mit der Würde der Krone vereinbar schienen; denn er verlangte
die höchsten Würden in Spanien und fast königliche Gewalt in den zu
entdeckenden Ländern. Seine Bedingungen stellte er dahin, daß er Rang
und Würde eines Admirals oder eines spanischen Almiranten für sich und
seine Nachfolger erhalte, daß er und seine Familie in den Adelstand
erhoben würden, daß er in den neuentdeckten Ländern zum Vicekönig
ernannt werde mit dem Rechte, für alle hohen Verwaltungsstellen in
jeder Insel, in jeder Provinz drei Männer vorzuschlagen, daß ihm
ein Zehntel der königlichen Einkünfte aus dem Gewinn von Perlen,
Edelsteinen, Gold, Silber, Spezereien und anderen Handelswaaren
zufalle, daß er der einzige Richter sei in allen Processen, welche
aus dem Verkehr zwischen jenen Ländern und Spanien entstehen könnten
und daß er, wenn er den achten Theil der Ausrüstung von Schiffen
bestreite, auch den achten Theil aus dem Gewinn erhalte. Diese
Forderungen klangen geradezu unerhört. Eine Reihe von Conflicten war
vorauszusehen, wenn man einem Fremden zugestand, was man nie einem
Spanier von Geburt zugestanden haben würde. Die Königin, so willig
sie sich gezeigt hatte, das Unternehmen doch noch zu fördern trotz
aller Widerreden und Zweifel, schreckte vor solchen Forderungen
zurück. Und Columbus wich in keinem Punkte von seinen Ansprüchen; so
fest glaubte er selbst sowohl an seine Bestimmung, als auch an den
großen materiellen Erfolg für Spanien. So zerschlug sich auch noch
im Januar die Verhandlung, und Columbus wandte sich zum zweiten Male
vom Hofe ab, um über Cordoba nordwärts nach Frankreich zu gehen, wo,
wie er selbst behauptete, man ihm glänzende, sichere Versprechungen
gemacht. Da versuchten noch einmal seine Gönner bei Hofe, namentlich
der Cardinal Mendoza und der Schatzmeister Luis de Sant-Angel,
die Königin zu dem Vertrage zu überreden. Sie stellten ihr vor,
welche unermeßlichen Reichthümer nach erfolgreicher Fahrt durch die
Unternehmung des Genuesen nach Spanien fließen müßten, wie sie durch
Zuwachs an Colonialbesitz und durch Ausbreitung des christlichen
Glaubens an Ruhm gewinnen würde, und erreichten es, daß Isabella den
Befehl ertheilte, Columbus zurückzurufen. Ein Eilbote traf ihn bereits
unterwegs in Pinos Puente, eine Stunde von Santafé und rief ihn unter
der Versicherung, daß die Königin auf seine Forderungen eingehe,
zurück. Der Vertrag wurde am 17. April vollzogen; aber der Besitz der
unerhörten Gewalt, die dem Entdecker verliehen, die plötzliche Erhebung
in den höchsten Stand führten nur zu bald den Sturz des Mannes herbei,
weil er nicht im Stande war, allen Ansprüchen seiner neuen Stellung
zu entsprechen. Man kann Columbus nicht frei sprechen von der Schuld,
die vielfachen bitteren Kränkungen und schweren Demüthigungen seiner
letzten Lebensjahre sich durch das Uebermaß seiner Forderungen selbst
heraufbeschworen zu haben.

[Illustration: Der im Bau begriffene Rumpf eines großen Seeschiffes vom
Ende des 15. Jahrh.]

Augenblicklich dachte er nur an die Ausrüstung seiner Schiffe. Der
Staatsschatz war leer, Luis de Sant-Angel schoß der Königin 5300
Ducaten zur Fertigstellung der kleinen Flotte vor und Columbus begab
sich sofort nach Palos, nahe bei dem ihm günstigen Kloster la Rabida,
um hier seine Abfahrt mit allen Mitteln zu betreiben. Es war ein sehr
günstiger Umstand, daß er in dem kleinen Hafenplatz am untern Lauf
des Rio Tinto lebhafte Unterstützung durch die einflußreiche und
wohlhabende Schifferfamilie der Pinzone fand, welche sich selbst in
ihren Hauptträgern erbot, die kühne Fahrt mitzumachen. Ganz besonders
machte sich Martin Alonso Pinzon um das Zustandekommen der Expedition
verdient und trug sogar zur Bestreitung der Kosten bei. Es wurden
drei kleine Schiffe ausgerüstet; nur das größere war vollständig
gedeckt, die beiden andern hatten nur am Vorder- und Hintertheil
erhöhte Verdecke, waren aber in der Mitte offen. Die Schiffsmannschaft
recrutirte sich meist aus den umliegenden Hafenplätzen, aus Moguer,
Huelva und aus Palos selbst. Das größte Schiff, die Santa Maria, stand
unter dem Befehl des Columbus, auf der Pinta commandirte Martin Alonso
Pinzon und außer ihm sein Bruder Francisco Martin als Steuermann, auf
der Niña führte Vicente Yañez Pinzon das Commando. Die Mannschaft
belief sich im Ganzen auf 120 Köpfe.


5. Die erste Fahrt des Columbus über den Ocean.

Es war ein denkwürdiger Tag, als am 3. August 1492, nachdem die
Mannschaft vorher gebeichtet und das Abendmahl genommen hatte, die drei
Schiffe den Hafen von Palos verließen und dem unbekannten Weltmeere
zusteuerten. Columbus führte von Anfang an ein ausführliches Tagebuch,
von welchem uns Las Casas den größten Theil, vielfach in wörtlichen
Auszügen, erhalten hat. Die Einleitung erörtert die Beweggründe und
Ziele der Fahrt und läßt einerseits die Abhängigkeit des Führers von
den Angaben des Toscanelli, andererseits seine religiösen Empfindungen
deutlich erkennen.

[Illustration: Seeschiff vom Ende des 15. Jahrh., halb vor dem Winde
segelnd.]

„Nachdem Ew. Majestäten in dem gegenwärtigen Jahre 1492 den maurischen
Krieg beendigt haben in der sehr großen Stadt Granada, in welcher
ich, am 2. Januar dieses Jahres, durch die Gewalt der Waffen die
königlichen Banner auf den Thürmen der Alhambra aufpflanzen und den
maurischen König sich ans Thor begeben und Ew. Maj. die Hände küssen
sah, und nach den Erklärungen, welche ich Ew. Hoheiten von den Ländern
Indiens und von einem Fürsten, welcher der Großchan, d. h. König der
Könige genannt wird, gegeben habe, sowie darüber, daß derselbe wie
auch seine Vorgänger nach Rom gesendet hatten, um sich Lehrer unseres
heiligen Glaubens zu erbitten, und daß so viele Völker im Unglauben und
Götzendienst verloren gingen, beschlossen Ew. Hoheiten als christliche
Fürsten und Verbreiter des heiligen christlichen Glaubens und Feinde
der Sekte Mohammeds und aller Ketzerei mich, Cristóbal Colon[191] zu
den erwähnten Ländern Indiens auszusenden, um die erwähnten Fürsten
und Völker und Länder, ihre Lage und ihren Zustand und die Art und
Weise zu erforschen, wie man sie zu unserm heiligen Glauben bekehren
könne. Sie befahlen mir, nicht zu Lande nach dem Osten zu gehen,
wie man gewöhnlich gethan hat, sondern vielmehr den Weg nach Westen
einzuschlagen, von dem wir bis jetzt nicht bestimmt wissen, ob er schon
von jemand eingeschlagen ist.“ Weiter fügt Columbus hinzu, daß er
beschlossen, ein genaues Tagebuch zu führen, genaue Segelanweisungen
zu geben und dazu eine Reihe von gemalten Karten zu entwerfen in einem
Netz von Breiten- und Längenlinien.

Dieses letztere Vorhaben hat aber der Admiral nicht ausgeführt, er
war dazu auch kaum im Stande. Der Admiral steuerte gradenwegs nach
den Canarischen Inseln, um unter dem Parallelkreis dieser spanischen
Eilande westwärts über Antilia und Cipangu nach Indien zu segeln. Da
aber bereits am vierten Tage das Steuer der Pinta beschädigt wurde,
mußte man den Hafen in Gomera aufsuchen und sah sich dadurch vier
Wochen auf den Canarischen Inseln festgehalten. Erst am 6. September
setzte Columbus die Fahrt wieder fort und steuerte mit Nordostpassat
nach Westen. Schon am dritten Tage, am 9. September entschloß er sich,
eine zwiefache Berechnung der täglich zurückgelegten Meilenzahl zu
führen, und in dem jedermann zugänglichen Schiffsjournal kleinere
Ziffern aufzuführen, als er selbst die Entfernungen schätzte, um,
wie er sagt, die Mannschaft nicht durch die Größe der zurückgelegten
Meilenzahl zu erschrecken. Es ist dies wohl der einzige Fall, daß
bei einer großen Entdeckungsfahrt ein solches Mittel der Täuschung
zur Anwendung gekommen ist: „Am 10. September segelte er 60 Leguas,
berechnete aber nur 48, um die Mannschaft nicht zu entmuthigen, wenn
die Reise lange dauern sollte.“[192]

Am 13. September, bei Einbruch der Nacht, beobachtete Columbus zuerst
die +Declination der Magnetnadel+, „ein denkwürdiger Zeitpunkt in
den Jahrbüchern der nautischen Astronomie“.[193] Die Abweichung gegen
NW. nahm am folgenden Tage noch zu. Drei Tage später machte er die
Wahrnehmung, daß ein rascher Wechsel des Klimas eintrat.

Schon vom 16. September an, wo die Schiffe zuerst in das Sargassomeer
eintraten, glaubte er Anzeichen von der Nähe eines Landes oder von
Inseln zu bemerken. Das Schiffstagebuch enthält darüber eine Reihe von
Bemerkungen. Am 18. galt ein dunkler Horizont als Zeichen von großer
Nähe des Landes; am 19. bildete sich ein Nebel ohne Wind, eine sichere
Andeutung von Land. Auch die schwimmenden Tangmassen, welche häufig
angetroffen wurden, galten als Beweis dafür. Dieses Tangmeer liegt
zwischen 20° und 35° n. Br. und reicht gegen Westen bis an den Rand
des Golfstroms. Das Kraut bedeckt die Oberfläche nicht in gleichmäßig
dichten Massen, sondern treibt in langen Streifen in der Richtung
des herrschenden Windes. Diese Streifen bestehen aus mehreren Reihen
von Krautbüscheln, jedes einzelne höchstens einen Fuß lang; es sind
vom Strande losgerissene Fragmente, welche absterben und allmählich
untersinken, so daß von einer Behinderung der Fahrt eines Schiffes
nicht die Rede sein kann.[194]

Der beständig günstige Fahrwind erregte in den Matrosen die
Befürchtung, es werde wegen des herrschenden Ostwindes die Rückfahrt
sehr erschwert, wo nicht unmöglich gemacht werden. Als am 23. September
die Krautmassen wieder dichter die Oberfläche des Wassers bedeckten
und das Meer so ruhig und glatt blieb, äußerte sich die Besorgniß des
Schiffsvolkes laut: man werde in dieser Gegend niemals einen günstigen
Wind zur Rückkehr nach Spanien treffen. Als dann aber das Meer sich
erhob, ohne daß ein Wind wehte, und eine rauhe See entstand, waren alle
höchlich erstaunt. Bei dieser Gelegenheit bemerkt Columbus: „Diese
hoch gehende See war mir ebenso nothwendig als den Juden zur Zeit da
die Aegypter auszogen, um Moses zu verfolgen, welcher die Hebräer aus
der Knechtschaft befreite.“ Am 25. September besprach sich der Admiral
mit Martin Alonso Pinzon über eine Karte, welche er ihm vor 3 Tagen
geschickt, und auf welcher in dieser Gegend einige Inseln eingetragen
waren. Offenbar handelte es sich dabei um die Karte Toscanelli’s und
die etwas südlich vom Schiffscours vermuthete Insel Antilia (vgl. den
Globus Behaims). Martin Alonso glaubte diese Insel sogar zu sehen; auch
Columbus theilte diese Ansicht und schätzte die Entfernung auf etwa 25
Meilen. In Folge dessen ließ der Admiral gegen West steuern, aber am
folgenden Tage klärte sich der Irrthum auf, man war durch das dunkle
Aussehen des Horizonts getäuscht worden. Daß aber die Insel Antilia
in der Nähe liegen müsse, bezweifelte Columbus nicht. Am 3. October
glaubte er diese Insel bereits hinter sich haben, denn Anzeichen von
Land hatte er genug gehabt; aber er wollte seine Zeit nicht mit dem
Aufsuchen verlieren, weil Indien sein Ziel war.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß, je länger die Fahrt dauerte, die
Mannschaft immer lauter ihre Besorgniß aussprach, vielleicht auch sogar
allerlei Drohungen gegen den fremden Führer, gegen den Liguren laut
werden ließ, wenn auch die dramatische Ausschmückung dieser Stimmung,
welche in der Erzählung von einem Vertrage gipfelt, den Columbus
sollte eingegangen sein, einer späteren Zeit angehört. Dennoch sollte
der Admiral sich dazu verstanden haben, nach drei Tagen umzukehren,
wenn bis dahin das gesuchte Land noch nicht aufgefunden sei. Die
Zeugnisse Peter Martyrs und des Columbus selbst sprechen zu deutlich
von der schwierigen Haltung der Matrosen. „Die spanischen Begleiter,“
erzählt Martyr, „fingen erst heimlich an zu murren und traten dann
offen zusammen. Sie drohten ihren Führer ins Meer werfen zu wollen;
sie seien von dem ligurischen Menschen betrogen und ins Verderben
gebracht.“[195] Diese Angaben über die bedenkliche Stimmung unter dem
Schiffsvolke bestätigt Columbus in seinem Tagebuche, wenn er, am 14.
Februar 1493, also auf dem Heimwege, berichtet, daß er schon auf der
Hinfahrt viel von den Leuten zu leiden gehabt, weil alle einstimmig
erklärt hätten, umkehren zu wollen, und daß sie sich zu Drohungen gegen
ihn hätten hinreißen lassen.[196] Vom 7. October an beschloß Columbus,
einen südwestlichen Cours beizubehalten. Er wurde dazu durch den Flug
zahlreicher Vögel veranlaßt, welche nach dieser Richtung zogen; denn
er wußte, daß die Portugiesen der Beobachtung des Flugs der Vögel die
Entdeckung mancher Inseln verdankten. Auch am 10. October beklagten
sich seine Leute wieder über die lange Dauer der Reise, aber der
Admiral belebte ihre Hoffnung auf reichen Gewinn, der in sicherer
Aussicht stehe. Uebrigens fügte er hinzu, ihre Klagen nützten nichts,
da er unter allen Umständen mit Gottes Hilfe seinen Weg fortsetzen
werde, bis er Indien erreicht habe.

So hätte er nicht sprechen können, wenn es wirklich zu einem Vertrage
gekommen wäre, der ihn verpflichtet hätte, nach drei Tagen umzukehren.

Columbus war zu fest überzeugt, dem Ziel seiner Wünsche nahe zu sein
und fand in den Pinzonen eine kräftige Stütze. Ohne Schwankung war er
in den ersten Wochen westwärts gesteuert und wich nur in den letzten
Tagen mit bewußter Absicht von dieser Richtung ab.

Sie waren bereits mehr als 750 Meilen von den Canarien entfernt.[197]
Das Schiffsvolk spähte immer eifriger nach Land aus, denn dem
Glücklichen, welcher zuerst dasselbe erblicken sollte, waren reiche
Geschenke und eine jährliche Pension von 10,000 Maravedis (etwa 25
Ducaten) verheißen. Da in Folge dessen zu wiederholten Malen der Ruf:
Land! erscholl, ohne daß die daran geknüpfte Erwartung sich erfüllte,
so wurde bestimmt, daß derjenige, welcher die Gemüther auf solche Weise
vergeblich in Aufregung versetzte, in Zukunft keinen Anspruch auf die
ausgesetzte Belohnung haben solle.

[Illustration: Christoph Columbus’ Rüstung.

(Madrid, Waffen-Museum im kgl. Palais.)]

Aber trotzdem blieben aller Augen mit gespannter Aufmerksamkeit auf den
fernen Horizont im Westen geheftet, zumal sich die echten Anzeichen von
Land zu mehren schienen. Am Morgen des 7. October gab die Niña, welche
vorausgesegelt war, durch einen Kanonenschuß das Signal, daß man Land
sehe, aber man mußte wiederum eingestehen, daß man sich getäuscht habe.
Die nun folgende Niedergeschlagenheit wurde aber bald wieder gehoben,
am 9. October spürte man einen frischen Hauch der Luft, wie wenn er
von fernen Blütenbäumen herüberwehe. Am 11. October fischte man bei
dem Admiralschiffe einen frischgrünen Zweig, bei der Pinta einen mit
Feuer bearbeiteten Stab und einen Zweig mit rothen Beeren aus dem
Wasser. Am späten Abend sah Columbus vom hohen Hintercastell seines
Schiffes aus einen Lichtschein, der sich vorwärts zu bewegen schien,
als ob jemand eine Fackel trage; auch andere, die er herbei rief,
glaubten dasselbe zu erkennen. Man befand sich in der That in der Nähe
des Landes. Wenige Stunden später, am 12. October, Morgens 2 Uhr, sah
der Matrose Rodrigo von Triana auf der Pinta einen flachen, sandigen
Strand im Mondschein leuchten; denn man hatte sich dem Lande von der
Seite bereits bis auf 2 Seemeilen genähert.

Ein Kanonenschuß verkündete die glückliche Entdeckung den beiden
nachfolgenden Schiffen, und so wie es Tag wurde, sahen sie eine
anmuthig grüne Insel vor sich liegen. Die Ueberfahrt von den
Canarischen Inseln hatte 32 Tage gedauert. Entzückt und mit
Freudenthränen im Auge stimmte Columbus den Lobgesang ~Te deum
laudamus~ an, und alle seine Gefährten stimmten mit ein. Man umringte
den noch vor kurzem geschmähten Führer und brachte dem Helden seine
Huldigung dar. Leider gönnte der glückliche Entdecker dem Matrosen
Rodrigo den verheißenen königlichen Lohn nicht; er erhob selbst
Anspruch auf die ausgesetzte Jahresrente, weil er in der Nacht zuvor
das Licht in der Ferne gesehen hatte und erhielt wirklich später das
Geld ausgezahlt. War es Geiz oder Ehrgeiz? Fast muß man fürchten, daß
der schlechtere Beweggrund ihn verleitete.

Die Befehlshaber der Schiffe landeten nun mit bewaffneten Böten. Unter
fliegenden Fahnen, welche außer dem grünen Kreuz die Anfangsbuchstaben
der katholischen Könige F. und I. zeigten, stiegen sie ans Land und
warfen sich nieder, um den Boden zu küssen. Dieses erste Eiland,
welches die Entdecker betraten, nannte Columbus San Salvador und
weihete es dadurch zu einem Erstlingsopfer dem Heiland der Welt. Bei
den Eingebornen hieß es Guanaham oder +Guanahani+.[198]

Die braunen Insulaner schaarten sich harmlos um die fremden, dem
Meere entstiegenen Männer, und Columbus theilte, um sie zutraulich zu
machen, kleine Geschenke unter sie aus: Glasperlen, Nadeln und kleine
Schellen. Die Leute gingen vollständig nackt, nur einige Weiber trugen
eine Art Schürze von Blättern oder Gras oder zu dem Zweck bearbeiteter
Baumwolle. Metall war ihnen unbekannt, Waffen trugen sie nicht. Daß
sie in der Hautfarbe den Bewohnern der Canarischen Inseln glichen,
fand Columbus ganz natürlich, denn die entdeckte Insel lag unter
derselben Breite mit Ferro. Und unter denselben Breiteparallelen, so
lautete damals ein allgemein gültiger Lehrsatz, haben die Menschen
gleiche Farbe, und zwar um so dunkler, je näher dem Aequator. Einige
der Insulaner erschienen auch bemalt, schwarz, roth oder mit weißen
Streifen im Gesicht oder am ganzen Leibe. Ihr Haar war schwarz und
straff.

[Illustration: Facsimile des Titelholzschnittes einer zu Florenz im
Jahre 1493 gedruckten italienischen Flugschrift, darstellend die
Landung des Columbus. (London, British Museum.)]

Bald eröffnete sich ein gewinnbringender Tauschhandel, denn man sah
hie und da goldenen Nasenschmuck, den die Spanier für Kleinigkeiten
einzuhandeln verstanden. Auf die Frage, woher das Gold stamme, wiesen
die Indianer (Indios nannte Columbus sie bereits am vierten Tage)
nach Südosten, woraus man also auf das Vorhandensein anderer Länder
in der Nachbarschaft schließen konnte; denn wenn die Eingebornen
auch Ruderkähne, aus einem Stamme gearbeitet, besaßen, mit denen sie
erstaunlich schnell fuhren, so taugten diese Fahrzeuge doch nur zu
einem Verkehr zwischen nahegelegenen Inseln oder größeren Landmassen,
aber keineswegs zu weiteren Fahrten über den Ocean.

Die Vermuthung, daß noch andere Inseln in der Nähe lägen, wurde durch
den weiteren Verkehr mit den Wilden bestätigt, woraus man mittelst
der Gebärdensprache soviel verstehen konnte, daß manche unter ihnen
im Kampfe mit den über See kommenden feindlichen Stämmen Wunden
davongetragen hatten, deren Narben die Spanier an den Insulanern
bemerkten.


6. Wo liegt Guanahani?

Bevor wir den weiteren Verlauf der Entdeckungsfahrt schildern,
müssen wir die Insel nachzuweisen suchen, welche Columbus zuerst
betrat. Sicherlich umwebt ein historischer Glanz jene Stätte, wo die
Menschheit der alten und neuen Welt sich zuerst einander entgegen
trat, und doch muß man fast mit Beschämung gestehen, daß mit bindender
Beweiskraft jene Insel nicht nachzuweisen ist. Nur eine größere
oder geringere Wahrscheinlichkeit fällt ins Gewicht und läßt die
Schale der Entscheidung sinken. Daß das Geschwader auf eine der
flachen Koralleneilande gestoßen, welche als die dritte Gruppe der
westindischen Inseln unter dem Namen der Bahama-Inseln am meisten
bekannt ist, unterliegt keinem Zweifel; aber welche unter diesen den
Ehrennamen S. Salvador verdient, ist streitig.

[Illustration: Die ENTDECKUNGEN des COLUMBUS

auf seiner ersten Reise.

_Karte eine Theiles von Westindien, nach der englischen
Admiralitätskarte N^o 761._

Gez. v. C. Riemer.

G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung.]

Die Gruppe der Bahama besteht aus 12 größeren Inseln und über 600
Inselchen, ungerechnet die nach Tausenden zu zählenden Seeklippen.
Dieselben sind auf einer Strecke von 150 deutschen Meilen in der
Richtung von Südost nach Nordwest den großen Antillen vorgelagert und
erstrecken sich von dem Norden Haitis bis gegen die Halbinsel Florida.
Obwohl über einen so weiten Raum ausgedehnt, umfassen die meist in
der Richtung des ganzen Zuges sich hinlagernden schmalen Inseln doch
nur einen Flächenraum, welcher nicht ganz die Größe des Königreichs
Sachsen erreicht. Sämmtliche Inseln bestehen aus Korallenbauten,
welche sich auf submarinen Plateaus von Sandbänken oder Korallenkalk
aufgesetzt haben. Ihre Höhe übersteigt nirgend 60 ~m~. Es sind also
flache Eilande, meistens auch noch von Korallenriffen umschlossen und
mit untiefen Korallenbänken untermischt, zwischen denen die Schifffahrt
mit größter Vorsicht betrieben werden muß. Hie und da erheben sich
am Strande niedere Kalkklippen. Viele der Inseln sind frisch grün,
sogar bewaldet, aber es fehlt an frischen Quellen; die Teiche und
Lagunen auf manchen dieser Eilande haben salziges oder brakisches
Wasser, weil sie unterirdisch mit der See in Verbindung stehen. Wenn
nun auch der Reichthum an Nutzhölzern immerhin erwähnenswerth ist,
so konnte doch das Verlangen der Spanier nach Gold und Gewürzen auf
den der See entstiegenen flachen Eilanden nicht befriedigt werden.
Columbus hielt sich darum auch nur einige Tage an jeder der größeren
Inseln auf und tastete an den Korallenbänken und Riffen hin, seinen
Weg nach Südwesten, wohin ihn alle Indianer auf seine Fragen nach
Gold wiesen. Denn alles Sinnen und Trachten des Entdeckers war auf
das edle Metall gerichtet, sein Schiffstagebuch schreibt davon am 15.
16. 19. 22. und 27. October, am 4. 5. 6. 12. u. s. w. November; und
grade diesem Verlangen konnten die Bahama-Inseln nicht entsprechen.
Darum sind auch die späteren Entdeckungsfahrten nie wieder auf diese
Korallengebilde gerichtet, dieselben wurden als gefährlich gemieden
und höchstens aufgesucht, um Menschen zu fangen. Hierin haben wir
auch einen Grund zu suchen, daß S. Salvador eigentlich verschollen
ist. Der Hauptgrund aber, warum man die Insel nicht wieder findet,
liegt in der mangelhaften astronomischen Bildung des Admirals. Er
hatte sich zwar beim Beginn der Fahrt vorgenommen, neben einer
genauen Segelanweisung auch eine Karte von den entdeckten Gebieten
zu entwerfen, aber von einer Ausführung dieses Vorhabens ist nirgend
mehr die Rede. „Im Tagebuche des Columbus findet sich während der
ganzen Fahrt über den Ocean auch nicht eine einzige Breitenbestimmung,
und die, welche er in Westindien angestellt haben will, sind so
ungeheuerlich, daß sie schon seinerzeit Verdacht erregten; er gibt zum
Beispiel an der Küste von Cuba eine Breite von 42° statt 21°. Es läßt
sich nun einmal nicht abstreiten, daß Columbus einen sehr geringen
Grad wissenschaftlich-nautischer Kenntnisse besaß.“[199] Und allein
von diesen Thatsachen ausgehend, darf man behaupten, daß die von der
~Vida del Almirante~ zuerst verbreitete Nachricht, Columbus habe in
Pavia studirt (s. oben S. 220) auf Unwahrheit beruht; denn auf einer
Universität wird man schwerlich gelehrt haben, was die roheste Empirie
verräth, daß man die geographische Breite eines Ortes aus der Dauer des
Tages abzuleiten habe. Und doch scheint aus dem Tagebuch hervorzugehen,
daß Columbus auf diese Weise am 13. December 1492 rechnete. Es fehlt
also in Beziehung auf die Lage von San Salvador jedweder Anhalt einer
astronomischen Bestimmung; daher konnten die späteren Historiker bei
ihren Vermuthungen drei volle Breitengrade von einander abweichen.

Man muß also auf anderem Wege die Lage der zuerst entdeckten Insel
zu ermitteln suchen. Es liegt nahe, vor allem die ältesten Karten
jener Inselwelt zu Rathe zu ziehen. Allein wir vermissen auf allen
Darstellungen bis weit ins 17. Jahrhundert den Namen Salvador, sowie
die folgenden von Columbus weiterhin ertheilten neuen Inselbenennungen.
Schon die erste, von einem Begleiter des Entdeckers, um 1500 von dem
Basken Juan de la Cosa entworfene Karte Amerikas (siehe die Beilage)
führt nur die einheimischen Inselnamen und darunter auch Guanahani
auf. Aber diese Karte ist hier so ungenau, daß Capitän Becher sie
als ein altes Document bezeichnet, das den Namen einer „Karte“ nicht
verdiene.[200] In gleichem Sinne haben auch die späteren Kartographen
die Bahama-Inseln sehr ungenau dargestellt, weil man sie für ziemlich
werthlos hielt. War doch auch Peter Martyr der Ansicht, nachdem er die
Antillen genau beschrieben, es sei überflüssig, diese Koralleninseln
einer eingehenden Darstellung zu würdigen, weil die Spanier diese armen
Inseln, wo man höchstens Fischfang und etwas Landbau treiben könne,
aufgegeben hätten.[201]

Es scheint zwar noch einen andern Ausweg zu geben, das fragliche
Guanahani zu ermitteln, indem man unter den Bewohnern des Archipels
selbst sich erkundigte; denn da der Name von den Eingebornen ertheilt
ist und die Sprache der Insulaner vermuthlich wenig Aenderung
erlitten haben könnte, so müßte, sollte man meinen, auch der Name
der Insel entweder sich noch erhalten haben oder doch noch in
Erinnerung geblieben sein. Allein auch dieser Ausweg ist seit mehr als
drittehalbhundert Jahren vollständig versperrt: die Urbevölkerung ist
ausgestorben oder deutlicher gesagt, durch die Spanier vernichtet, und
man darf nicht verhehlen, daß Columbus selbst den Anlaß dazu gegeben.
Schon am 13. October schreibt er: „Diese gutartigen Menschen müssen
ganz brauchbare Sklaven abgeben.“ Bei seiner Abfahrt entführt er von
Salvador mehrere Insulaner mit Gewalt, „damit sie unsere Sprache lernen
und uns Auskunft geben können über ihr Gebiet“. Als nun die Königin
Isabella durch ein Edikt vom 30. October 1503[202] gestattete, die dem
Christenthum und ihren neuen Unterthanen in Westindien feindlichen
Canibalen wegzufangen und zu verkaufen, war damit dem Sklavenfang der
Stempel der Berechtigung aufgedrückt; und fünf Jahre später erhielt
eine spanische Gesellschaft die Erlaubniß, auch die Bahama-Insulaner
einzufangen, angeblich um sie so leichter zum Christenthum bekehren zu
können. Die ohnehin spärlich bewohnten Inseln waren bereits um 1525
dermaßen entvölkert, daß der fromme Pedro de Isla die letzten Bewohner,
nur noch 11 Personen, zusammensuchen und nach Haiti bringen ließ, um
sie vor seinen Landsleuten zu retten.[203] Damit war der Urstamm der
dortigen Insulaner erloschen, und folglich aus ihrem Munde auch die
Lage von Guanahani nicht mehr zu ermitteln.

Die neuern Historiker haben darum den einzigen noch möglichen Weg
eingeschlagen, indem sie der von Columbus in seinem Tagebuche gegebenen
Beschreibung seiner Fahrt, der Coursrichtung, den abgeschätzten
Entfernungen von einer Insel zur andern, und der Schilderung einzelner
Oertlichkeiten nachgingen. Die mancherlei Lücken des Berichts, die
offenbaren Ungenauigkeiten, die aus falscher Schätzung der Verhältnisse
entstanden, die Unklarheiten im Ausdruck haben diese kritische
Spürarbeit erschwert und die abweichenden Ansichten verursacht.
Die hauptsächlichen Meinungsverschiedenheiten sind auf der, einer
englischen Admiralitätskarte entlehnten Darstellung jenes Inselgebiets,
welche unserem Werke beigegeben ist (S. 249), zu ersehen.

Wenn wir diese Ansichten nicht historisch, sondern geographisch ordnen,
so sehen wir, daß muthmaßlich der Schiffscours auf vier verschiedene
Inseln gerichtet ist, welche von Nordwest nach Südost in folgender
Ordnung sich aneinanderreihen: Cat Island, Watling Island, Mariguana
(oder Mayaguana), Turk Islands.

Nach Cat Island führen den Entdecker W. Irving[204] und Alex.
v. Humboldt,[205] nach Watling der treffliche spanische
Geschichtsschreiber Muñoz[206] und Capitän Becher,[207] nach Mariguana
läßt ihn Varnhagen[208] gelangen, nach den Turk-Inseln Navarrete.[209]
Von diesen Erklärungsversuchen ist derjenige Navarretes mit Recht von
den Neueren ganz aufgegeben, weil er dem Texte des Reiseberichtes
weder nach der Beschreibung der zuerst betretenen Insel, noch in
Bezug auf die später eingeschlagenen Course entspricht. Gegen Irving
und Humboldt ist in erster Linie beizuwenden, daß Columbus nach dem
Wortlaut seines Tagebuches die Insel Guanahani thatsächlich auf der
Nordseite umsegelt hat, während nach der Vorstellung der beiden
genannten Forscher San Salvador nur an seinem Südende berührt wurde.
Ferner aber hat auch die im weitern Verlauf der Fahrt bis zur Nordküste
Cubas gedachte Courslinie ihre großen Bedenken, weil dieselbe auf
der Westküste von Long Island durch die ganze Breite der Bahamabank
führen müßte, wo an manchen Stellen die Wassertiefe wenig über einen
Faden mißt. Da Muñoz weiterhin bei der Erzählung der Fahrt zu den
andern Inseln in der Bahamagruppe nur allgemein gehaltene Vermuthungen
ausspricht über die Identität der von Columbus berührten Inseln, ohne
sich eingehend mit der Prüfung der eingeschlagenen Richtungen und
der berührten Oertlichkeiten einzulassen, so bleiben nur noch die
Hypothesen Bechers und Varnhagens zu vergleichen. Beide haben auf das
sorgsamste das Tagebuch des Columbus zu Rathe gezogen und alle darin
enthaltenen Angaben für ihre Idee zu verwerthen gesucht. Es läßt sich
nicht leugnen, daß für Varnhagen manche wichtige Momente sprechen, daß
namentlich die fast rathlos erscheinenden Kreuzfahrten zwischen den
nächst San Salvador besuchten Koralleninseln nach den Aufzeichnungen
sehr geschickt erklärt sind und zu den angegebenen Courslinien der
Schiffe passen. Allein zwei Momente von Bedeutung gestatten nicht,
daß wir uns für Varnhagen erklären. Varnhagen hält nämlich Mariguana
oder Mayaguana für San Salvador, und grade Mayaguana ist auf allen
älteren Karten, von Juan de la Cosa an, +neben+, d. h. südöstlich von
Guanahani eingetragen. Mögen nun auch die früheren Kartographen die
Umrisse der einzelnen Inseln noch so ungenau und falsch gezeichnet
haben, so ist doch bei allen die klare Ueberzeugung zu erkennen,
daß sie Guanahani und Mayaguana als zwei verschiedene Inseln wollen
betrachtet wissen. Sodann paßt auch die von Columbus gegebene
Beschreibung der Insel nicht recht auf Mariguana. Und in dieser
Beziehung trägt Bechers Ansicht entschieden den Sieg davon. Man muß
dem englischen Capitän beipflichten, wenn er sagt: „Beides, Lage und
Beschreibung dieser Insel (Watling Island) entspricht in jeder Weise
dem Journal“ (des Columbus).[210] Man kann sogar behaupten, daß nur
Watling auf die Beschreibung paßt, welche der Entdecker gegeben hat.
„Diese Insel,“ sagt er, „ist ziemlich groß und ganz flach und hat sehr
viel Bäume und viel Wasser und in der Mitte eine sehr große Lagune,
aber keine Gebirge.“ Daß die Insel Süßwasserquellen besitzt, ist nicht
gesagt.[211] Wir werden uns im Folgenden an die Auffassung von Becher
halten, ohne indeß der Ansicht zu sein, daß die Untersuchung schon
vollständig abgeschlossen sei.


7. Die Fahrt durch das westindische Meer.

Von S. Salvador steuerte Columbus nach Südwesten, berührte die
kleine Insel +Rum Cay+ und wandte sich von da nach dem Nordende von
+Long Island+, welche er S. Maria de la Concepcion nannte. Westlich
davon fand er die dritte Insel, +Groß Exuma+ und gab ihr den Namen
Fernandina, zu Ehren des Königs. Widrige Winde hinderten ihn, dieses
Eiland zu umsegeln, er kehrte nach Concepcion zurück und segelte, weil
die Indianer Samaot oder Saomet als eine Localität nannten, wo man Gold
finde, an der Ostseite von Long Island südwärts bis zum Cap Verde und
suchte von hier aus, wobei die Schiffe getrennt ihren eigenen Cours
gingen, ostwärts das Land Saomet auf. Nach drei Stunden Fahrt tauchte
eine neue Insel auf: es war das gesuchte Saomet, jetzt +Crooked Insel+,
an deren Nordwestende die Schiffe sich wieder vereinigten. Sie erhielt
den Namen Isabella, nach der Königin. Im Charakter glich dieselbe den
übrigen, war schön bewaldet und etwas hügelig. Während die Schiffe
an dieser Insel kreuzten, erhielt Columbus bestimmte Nachrichten von
einer großen Insel gegen Süden. Die Indianer nannten sie Colba (Cuba),
Columbus vermuthete, es sei Cipangu. So ging er am 24. October dahin
unter Segel und wollte von da direct nach Quinsay fahren, um dem
Großkaan die königlichen Briefe zu überreichen. Er war um so mehr
überzeugt, daß er die Wunderinsel Cipangu vor sich habe, weil dieselbe
auf den Globen, die er gesehen, und auf den Weltkarten in dieser Gegend
angegeben war.[212]

Zuerst ging die Fahrt nach Südwesten und dann, nachdem man am Abend
des 26. October auf den Untiefen der Columbusbank vor Anker gegangen
war, am folgenden Morgen südwärts. Bei Einbruch der Nacht wurde Land
gesehen; da aber der Regen in Strömen fiel, konnte man sich demselben
nur mit Vorsicht nähern. Am 28. October liefen die Schiffe in einen
prachtvollen Fluß an der Nordküste +Cubas+ ein, wahrscheinlich in
Port Nipe. Columbus strebte unaufhaltsam vorwärts; und wenn er auch
in begeisterten Worten die Pracht der entdeckten Inseln schildert, er
will doch nicht eher anhalten, als bis er in genügender Menge Gold und
Gewürze findet, um seine Schiffe damit zu befrachten, denn das ist
der einzige Zweck seiner Unternehmung. Auf Cuba entzückten ihn die
majestätischen Palmen, welche er von den afrikanischen verschieden
fand. Von den Indianern wurde ihm gesagt, man brauche zwanzig Tage,
um Cuba zu umschiffen. Es mußte demnach eine Insel sein. Als aber
der Capitän der Pinta die abweichende Ansicht äußerte, unter Cuba
müsse man eine Stadt verstehen, das vor ihnen liegende Land gehöre
zu Asien und das weiter westlich gelegene Gebiet gehöre bereits zum
Reiche des Großkaan, da ließ sich auch Columbus willig zu dieser
Auffassung, welche seinen Wünschen und Zielen so sehr entgegen kam,
bekehren und erklärte im Tagebuch bereits am 1. November: Cuba ist
das feste Land von Asien, wir befinden uns vor Quinsay und Zaiton in
einem Abstande von etwa 100 spanischen Meilen.[213] Martin Alonso, der
Führer der Pinta, war aber zu seiner irrigen Annahme durch ein Wort
der mitgenommenen Indianer verleitet, welche, als sie wiederholt die
Fundstätten von Gold nachweisen sollten, den Ausdruck ~Cuba-nacān~
gebrauchten, was in ihrer Sprache soviel als die Mitte von Cuba
bedeuten sollte, während die Spanier das Wort als „Kaan oder Can von
Cuba“ deuteten. Später brachte Columbus auch den Ausdruck Caniba,
mit dem die furchtsamen Stämme der kleinen Inseln ihre gefährlichen
Nachbarn, welche die erschlagenen Feinde verzehrten, mehrfach
bezeichneten, mit dem „Kaan“ in Zusammenhang und meinte, unter
Canibalen seien die Unterthanen des Großkaan zu verstehen.

In welchem Theile des indischen Meeres er damals sich zu befinden
glaubte, wird auch noch durch die befremdende Bemerkung des Tagebuches
genauer bestimmt, daß er noch keine +Sirenen+ gefunden habe. Es findet
sich nämlich auf dem Behaim’schen Globus zwischen den Inseln, welche
westlich von Cipangu gezeichnet sind, die Inschrift: „Hie findt man vil
merwunder von +serenen+ und anderen Fischen.“ Man darf wohl annehmen,
daß Behaim manche seiner Inschriften von anderen Karten, die ihm in
Portugal bekannt geworden waren, entlehnt hat, und daß dergleichen
Bemerkungen auf den Weltkarten zu lesen waren, welche der Entdecker
eingesehen hatte oder bei sich führte.

Nach allen diesen merkwürdigen Trugschlüssen scheint es nun ganz
natürlich, daß Columbus danach strebte, sich möglichst bald mit dem
Großkaan in Verbindung zu setzen. Daher schickte er bereits am 2.
November zwei Spanier ans Land: Rodrigo de Jerez und den gelehrten
Juden Louis de Torres, der Hebräisch, Chaldäisch und sogar etwas
Arabisch verstand. Zugleich sandte er mit ihnen zwei Indianer;
gemeinschaftlich sollten sie das Land ausforschen, dem König die Briefe
aus Spanien überreichen, und sich unterwegs nach Gewürzen erkundigen,
zu welchem Zwecke ihnen sogar Proben der verschiedensten Spezereien
mitgegeben wurden. An Stelle des Geldes erhielten sie Perlenschnüre, um
sich Lebensmittel dafür einzutauschen.

Am vierten Tage kamen diese Abgesandten wieder zurück und erzählten,
sie seien 12 Meilen zu einem Orte von 50 Häusern und etwa 1000
Einwohnern gekommen. Man hatte sie nach Landessitte feierlich empfangen
und in den besten Häusern untergebracht. Die Indianer küßten ihnen
Hände und Füße, weil sie die Fremdlinge für Sendboten des Himmels
hielten. Die Vornehmsten des Dorfes trugen sie auf ihren Armen zu dem
größten Gebäude und ließen sie niedersitzen; auch die Frauen erschienen
sodann und erwiesen ihnen gleiche Verehrung wie die Männer. Auf die
Frage nach Gewürzen, von denen man den Eingebornen die Proben vorlegte,
zeigten diese nach Süden, wo dergleichen Produkte gedeihen sollten. Bei
ihrer Wanderung durch das Land lernten die beiden Spanier auch zuerst
die Sitte des Rauchens kennen. Man nannte nicht das Kraut, sondern die
daraus gefertigten Rollen, welche man anzündete und deren Rauch man
einsog, ~tabaco~. Der Admiral fügte diesem Berichte die Hoffnung hinzu,
daß die spanischen Majestäten bald Geistliche herübersenden würden, um
die zahlreichen Völker zum rechten Glauben zu bekehren.

Am 12. November lichtete er die Anker, um seine Entdeckungsfahrt weiter
fortzusetzen. Mit günstigem Fahrwind steuerte er an der Nordküste Cubas
weiter gegen Nordwesten. Mit Entzücken spricht er von dem Reichthum an
Gold, Perlen und Spezereien und hofft bald die großen Städte des Kaans
zu erreichen. Da sich aber die Küste immer weiter gegen Nordwesten
zog, und Columbus fürchtete, in den Winter hineinzukommen (denn nach
einer ganz fehlerhaften Beobachtung glaubte er schon bis zur Breite
von Spanien, bis zum 42° n. Br. vorgedrungen zu sein), und da ferner
seine indianischen Begleiter wiederholt die Insel Babeque als besonders
goldreich nannten und behaupteten, dieselbe liege weiter nach Osten, so
ließ Columbus am 13. November die Schiffe wenden und wieder nach Osten
steuern. Er war etwa bis zum 77½° westlich von Greenwich gelangt.[214]

Am folgenden Tage (am 14. Nov.) glaubte er in der Nähe der zahllosen
Inseln sich zu befinden, welche auf den Weltkarten im äußersten Osten,
Asien vorgelagert, gezeichnet sind. Diese phantastische Inselwelt fand
sich also wahrscheinlich bei Toscanelli in ähnlicher Weise dargestellt,
wie auf dem Globus Behaims. Von diesen Vorstellungen war Columbus ganz
erfüllt und wie in einem Banne gefangen. Nie hat er sich von diesen
Anschauungen losmachen können und schloß dann später daraus, daß, da er
nach seiner Schätzung nicht so weit von den Canarien entfernt war, als
man nach der Darstellung der ihm vorliegenden Karten erwarten konnte,
die Erde einen geringeren Umfang besitze, als die Kosmographen auf die
Autorität der Alten hin allgemein annahmen.

Mit widrigen Winden kämpfend ging Columbus an der Nordseite Cubas
wieder zurück nach Osten. Als er am 21. November, nahe der östlichen
Spitze der Insel, sich genöthigt sah, die Küste zu verlassen und gegen
Nordosten weit ins Meer hinauszusteuern, so daß er bereits den halben
Weg nach der Bahama-Insel Isabella zurückgelegt hatte, entfernte sich
am Abend die Pinta heimlich von den andern Schiffen, um auf eigene Hand
das goldreiche Babeque aufzusuchen. Der Admiral selbst wandte sich
wieder nach Cuba zurück. Entzückt von der Schönheit dieses Theils der
Insel schrieb er am 27. November, tausend Zeugen genügten nicht, alle
die Herrlichkeiten zu preisen, und seine Hand sei nicht im Stand, die
Wunder, die ihn umgäben, zu beschreiben. In dem milden, lieblichen
Klima, welches von demjenigen an der Guineaküste durchaus verschieden
sei, befände sich die ganze Mannschaft wohl, nicht ein Einziger sei
krank. Aber, setzt er hinzu, die spanischen Majestäten dürften keinen
Menschen, der nicht gut katholisch sei, gestatten, dies Paradies zu
betreten. „Denn das ist das Ziel der Entdeckungen gewesen, die ich
auf Befehl Ew. Maj. gemacht habe, und die nur unternommen sind, den
christlichen Glauben zu verbreiten und zu verherrlichen.“

Am 5. December steuerte er von der Ostspitze Cubas, dem C. Maysi,
dem er den Namen Alpha und Omega gab, weil er dasselbe für den
äußersten Vorsprung Asiens hielt, nach Haiti hinüber und erreichte
die Nordwestspitze dieser Insel am folgenden Tage. Wegen der
Aehnlichkeit mit südspanischen Landschaften benannte der Entdecker
sie Espagnola.[215] Sie schien noch herrlicher als Cuba. „Ihre Berge
und Ebenen, ihre Auen und Fluren sind so schön und üppig. Hier könnte
man alle Feldfrüchte bauen, alle Arten Vieh züchten, Städte und
Dörfer gründen. Die Küste ist reich an Häfen; die Menge und Größe der
Flüsse, von denen die meisten Gold in ihrem Sande mit sich führen,
übertrifft alles.“ Acht Tage später glaubte er ganz nahe jener Gegend
zu sein, wo die Erde die größten Reichthümer birgt, und er hoffte,
daß Gott ihn bald in die ergiebigsten Goldfelder führen werde. Dieser
lebhafte Wunsch wird zum täglichen Gebet und Stoßseufzer. Möge der
Herr nach seiner Barmherzigkeit mich die Goldminen finden lassen! Die
letzten Tage der Fahrt waren sehr mühevoll gewesen, Columbus hatte
zwei Tage lang kein Auge zugethan. Da die See ruhig geworden, begab
er sich am Abend des 24. December, erschöpft von Anstrengungen, in
seine Cajüte, um auszuruhen. Er wußte das Steuer in sicherer Hand;
aber auch der Pilot hatte das Bedürfniß nach Ruhe empfunden und
unverantwortlicher Weise die Leitung des Fahrzeuges einem Schiffsjungen
überlassen. So kam es, daß kurz vor Mitternacht die Santa Maria auf
eine Untiefe gerieth und auf eine Sandbank stieß. Auf das Geschrei
des unerfahrenen Steuermanns eilte der Admiral sofort herbei, allein
das Schiff war nicht mehr zu retten. Die bestürzte Mannschaft wollte
sich zum Theil auf die nicht weit entfernte Niña retten, fand aber,
als sie mit dem Bote dort anlangte, mit Recht keine Aufnahme, denn
das Meer war vollkommen ruhig. Als nun aber bei zunehmender Ebbe das
Hauptschiff sich stark auf die Seite zu neigen begann, ließ Columbus
den Hauptmast kappen, um das Fahrzeug zu erleichtern; aber umsonst,
das Schiff neigte sich immer mehr und füllte sich mit Wasser. Da die
Windstille glücklicherweise anhielt, wurde mit Hilfe des Capitäns der
Niña, Vicente Yañez Pinzon, nicht nur die Mannschaft des gescheiterten
Schiffes gerettet, sondern am nächsten Tage ein großer Theil der Ladung
geborgen. Hierbei halfen auch zahlreiche Indianer, mit denen Columbus
bereits in freundschaftlichen Verkehr getreten war, und deren Häuptling
Guacanagari die geretteten Sachen bewachen ließ.

Der Admiral hielt den Schiffbruch für eine unmittelbare Fügung Gottes,
der ihn dadurch gleichsam auf die in der Nähe befindlichen, sehr
goldreichen Gebiete hinführen wolle.[216] In diesem Glauben wurde er
noch besonders durch den Namen einer Landschaft in Haiti bestärkt,
welche die Indianer Cibao nannten und welche Columbus, durch die
Aehnlichkeit des Klanges getäuscht, für Cipangu hielt. Da nun das
Volk sehr gutmüthig schien und viel Gold in der Nähe zu finden sein
sollte -- hatte man doch den Spaniern schon mancherlei goldenen
Zierat und dünne Goldblättchen gegeben --, da ferner der Boden des
Küstenlandes eine üppige Fruchtbarkeit zeigte, so beschloß Columbus
hier eine Colonie anzulegen, um so mehr, als in dem einzigen kleinen
Fahrzeuge, welches ihm noch geblieben war, die ganze Mannschaft nicht
untergebracht und nach Spanien zurückgeführt werden konnte. In diesem
Plane wurde er noch dadurch unterstützt, daß sich viele Matrosen
freiwillig erboten, zurückzubleiben, die sich schmeichelten, durch
einträglichen Tauschhandel ihre Goldgier in kurzer Frist befriedigen
zu können. So wurde auch der Admiral über den Verlust seines Schiffes
bald beruhigt und schrieb am zweiten Weihnachtstage: „Ich hoffe zu
Gott, daß ich bei meiner Zurückkunft von Castilien hieher eine Tonne
Goldes finden werde, welche die Hierbleibenden eingetauscht haben, und
daß diese inzwischen die Goldminen selbst und die Spezereien in solcher
Fülle entdeckt haben, daß, ehe drei Jahre vergehen, der König und die
Königin die Eroberung Jerusalems in Angriff nehmen können. Denn das
war -- ich bezeugte es vor Ew. Maj. -- mein Verlangen, durch meine
Unternehmung die Mittel zur Eroberung Jerusalems zu schaffen. Ew. Maj.
lachten darüber und sagten, daß ihnen das gefalle, daß sie aber auch
ohne dies bereit seien, die Entdeckungsfahrt zu unterstützen.“ Dies
sind, fügt Las Casas hinzu, die eigenen Worte des Columbus.[217]

In der neuen Colonie, welche den Namen Navidad (Weihnachten) erhielt,
blieben 39 Spanier zurück. Am 4. Januar 1493 nahm Columbus Abschied
und steuerte der Heimat zu. Zwei Tage darauf traf er zufällig wieder
mit der Pinta zusammen, welche seit jener Zeit, wo sie im November
sich getrennt, zuerst die Insel Groß-Inagua (nördl. von dem Canal,
welcher Cuba von Haiti trennt) und dann die östlichen Theile von Haiti
besucht hatte. Hier war sie dem Admiral zuvorgekommen und hatte viel
Gold eingetauscht, für ein Stück Schnur hatte Pinzon schöne, zwei
Finger lange, selbst handgroße Goldstufen erhalten.[218] Martin Alonso
kam zum Admiral an Bord der Niña und entschuldigte sich wegen seiner
Sonderfahrt, welche nur durch die ungünstigen Verhältnisse veranlaßt
und gegen seinen Willen geschehen sei. Columbus glaubte ihm zwar nicht,
aber er zeigte sich mit der Erklärung zufriedengestellt, „um den
Lockungen des Satans nicht nachzugeben, welcher diese Reise von Anfang
an zu hindern gesucht hatte“.

Von nun blieben beide Schiffe zusammen. Am 13. Januar fand der erste
blutige Zusammenstoß mit Indianern statt, bei welchem zwei derselben
schwer verwundet wurden. Am 16 Januar verließen sie bei dem Cap Samana
(19° 18′ n. Br., 69° 8′ w. L. Gr.) die Insel Haiti und steuerten über
den Ocean zurück. Die Fahrt ging bis zum 12. Februar ohne Unfall von
statten, aber in den folgenden Tagen überfiel sie ein heftiger Sturm.
Auf der Niña gelobte Columbus eine Walfahrt nach Loreto und Guadelupe,
je nachdem das Los einen von der Mannschaft dazu bestimmte; auch
verpflichteten sich alle, am nächsten Lande, wohin sie sich retten
würden, im Bußgewande eine Procession zu machen und der heiligen Mutter
ihr Dankgebet darzubringen. Als in der Nacht vom 13. zum 14. Februar
die Gefahr aufs höchste stieg, und die kleinen Fahrzeuge sich unter
der Wuth der Elemente kaum noch über Wasser hielten, so daß Columbus
das schlimmste fürchtete, traf er Vorkehrung, um womöglich wenigstens
eine Kunde seiner Entdeckungen nach Europa gelangen zu lassen und
ließ den auf Pergament geschriebenen Bericht seiner Reise sorgfältig
in Segeltuch einpacken und in einem wasserdichten Kistchen verwahrt
über Bord werfen, in der Hoffnung, daß die Wellen und die Strömung
die Botschaft irgendwohin ans Gestade tragen möchten. Am 15. Februar
kam die südöstlichste der Açoren, Sa. Maria, in Sicht, aber erst am
17. konnten sie landen. Die Hälfte der Mannschaft zog in Procession
zur Kapelle der Mutter Gottes, aber der portugiesische Gouverneur der
Insel Juan da Castañeda ließ sie während der Andacht überfallen und
gefangen nehmen. Erst nach Verlauf mehrerer Tage, während welcher das
Unwetter von neuem losbrach und auf der unsichern Rhede die Schiffe von
den Ankern riß, erhielt Columbus seine Leute zurück, nachdem er den
Abgesandten des Statthalters seine königlichen Vollmachten vorgezeigt
hatte, welche ihn zu seiner Reise autorisirten. Um sich weiteren
Unannehmlichkeiten zu entziehen, ging der Admiral am 24. wieder unter
Segel; aber am 3. März Abends brach ein so wüthender Orkan los, daß die
Schiffe von einander getrennt und der Segel beraubt ein willenloser
Spielball der aufgeregten Elemente wurden. Glücklicherweise beruhigte
sich die See am andern Morgen, je näher sie dem Lande kamen und zu
ihrem großen Entzücken erkannte die Mannschaft in der hochaufsteigenden
Küste das Cintragebirge an der Mündung des Tajo. Das Schiff des
Columbus gelangte glücklich in den Hafen von Lissabon, wo sich die
Kunde von der staunenswerthen Reise, welche durch das Erscheinen
der mitgenommenen Indianer beglaubigt wurde, rasch verbreitete und
gewaltiges Aufsehen machte. Das portugiesische Wachtschiff verlangte,
Columbus solle an Bord kommen und über sein Unternehmen Auskunft geben;
dieser aber, im Bewußtsein seines hohen Ranges als castilischer Admiral
lehnte die Forderung ab und sandte nur seine königlichen Vollmachten.
Sofort wurde dem Könige Johann II., welcher sich in Valdeparaiso bei
Santarem, oberhalb Lissabon am Tajo aufhielt, die Nachricht von dem
großen Ereigniß überbracht, und dieser lud den glücklichen Entdecker
ein, an den Hof zu kommen. In der am 9. März stattfindenden Audienz
wurde Columbus freundlich empfangen, wenn auch der König äußerte, daß
nach den wiederholten Schenkungen der Päpste und den Verträgen mit
Castilien die neuentdeckten Länder von Rechtswegen ihm gehören müßten.
Aus solchen Aeußerungen glaubten einige Hofleute entnehmen zu dürfen,
daß sie ihrem Könige einen großen Gefallen erwiesen, wenn sie den
Genuesen beseitigten. Sie erboten sich, mit demselben wie von ungefähr
Händel anzufangen und ihn zu tödten, um so die Entdeckung für immer zu
vernichten. Aber der König wies solches Ansinnen entschieden zurück
und entließ seinen Gast unter Gnadenbezeugungen. -- Columbus segelte
am 13. März von Lissabon ab und langte nach zwei Tagen glücklich an
der Barre von Saltes vor Palos an. An demselben Tage kam auch Alonso
Pinzon mit seinem Schiffe dahin zurück. Er war nach der Nordwestküste
Spaniens, nach Galicien verschlagen worden, hatte von dort aus die
erste Kunde der glücklichen Heimkehr an den König von Spanien gelangen
lassen und um Audienz gebeten, war aber dahin bedeutet worden, daß er
nur im Gefolge seines Admirals zu erscheinen habe. Diese Zurücksetzung
kränkte ihn so tief, daß er bald darauf starb. Unzweifelhaft war er
der bedeutendste unter den Begleitern des Columbus, was schon daraus
hervorgeht, daß er auf eigne Hand auf Entdeckungen ausging, indem er
sich von Columbus trennte, wenn auch nicht geleugnet werden darf,
daß er durch dieses eigenmächtige Verfahren den Erfolg der kühnen
Unternehmung im ganzen in Frage stellte. Erst später hat die spanische
Krone diese Verdienste anerkannt, indem sie die Nachkommen Alonso’s in
den Adelsstand erhob.

Unter dem Jubel des Volkes zog Columbus in Palos ein und ging von da
nach Sevilla. Durch Eilboten wurden die kgl. Majestäten, welche zu
jener Zeit in Barcelona Hof hielten, von der glücklichen Heimkehr und
dem glänzenden Erfolg der Expedition in Kenntniß gesetzt. Durch ein
königliches Schreiben vom 30. März wurde der Entdecker eingeladen
nach Barcelona zu kommen; zugleich wurde die Ausrüstung einer großen
Flotte nach dem Wunsche des Admirals angeordnet und ihm selbst die
Ertheilung der verheißenen Titel und Würden zugesagt. Mit allen
Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten Indiens, welche er auf seiner
Fahrt gesammelt hatte, und mit einigen der entführten Indier brach
Columbus von Sevilla auf und zog wie im Triumphzuge durch ganz Spanien.
Die Kunde von den unerhörten Entdeckungen flog durchs Land, überall
strömte das Volk zusammen, um den Bezwinger des Oceans zu sehen und
seine Wunderdinge anzustaunen. So zog er in der Mitte des April in
Barcelona ein.[219] Bei Hofe wurden ihm die höchsten Ehren zu Theil,
in öffentlicher Audienz lud man ihn ein sich zu setzen, was als die
höchste königliche Gnadenbezeugung galt,[220] und von seiner Fahrt
zu erzählen. Da Columbus gegen Ausgang und zum Schluß seiner Reise
zwei ziemlich gleichlautende Berichte in Briefform über den Erfolg
seiner Entdeckungsfahrt abgefaßt und dieselben, den einen „auf der
Höhe der Canarischen Inseln,“ am 15. Februar 1493 unter der Adresse
des Geheimsecretärs Luis de Sant-Angel[221] an den König und die
Königin gerichtet und den andern von Lissabon aus am 14. März an den
königlichen Schatzmeister Rafael Sanchez[222] gesandt hatte, und da in
diesen Schreiben der Gesammtgewinn der Unternehmung zusammengestellt
ist, so darf man wohl annehmen, daß der mündliche Bericht an die
Majestäten in ähnlicher Weise, wenn vielleicht auch in glühenderen
Farben und in wärmeren Worten erfolgt ist. Jedenfalls lernen wir aus
jenen Schreiben die Anschauungen und Hoffnungen des Admirals deutlich
erkennen. Daß er wirklich im indischen Meere gewesen, bezweifelt er
keinen Augenblick. Wenn auch die volkreichen Städte und Seeplätze
mit ihren Gewürzfrachten, die im äußersten Asien liegen, noch nicht
gefunden sind, so haben doch die großen neuentdeckten Inseln so viele
werthvolle Produkte, und verheißen in ihren goldführenden Flüssen eine
so reiche Ernte des edelsten Metalles, daß das zweite Ziel und die
zweite Aufgabe, welche der Entdecker sich gestellt hat, das heilige
Land wieder zu gewinnen, bald wird in Angriff genommen werden können.
So viel steht fest, daß die Zweifler und Spötter verstummen werden
„denn Gott hat auf so wunderbare Weise alles bestätigt, was ich
behauptet habe gegenüber den Meinungen hochgestellter, einflußreicher
Persönlichkeiten, welche meinen Plan für Träumerei und mein Vorhaben
für ein Hirngespinnst hielten“. „Aber daß dieses große Unternehmen
so glänzend verlaufen, ist nicht mein Verdienst, sondern dasselbe
gebührt dem heiligen katholischen Glauben und der Frömmigkeit unserer
Monarchen, weil, was der menschliche Geist nicht zu fassen vermag,
doch der göttliche Geist den Menschen gibt. Denn es erhört Gott die
Gebete seiner Diener, welche seine Gebote befolgen, auch dann, wenn
sie, wie in diesem Falle, Unmögliches zu bitten scheinen. So habe
auch ich Erfolg gehabt in meinem Unternehmen, welches bis jetzt
menschliche Kraft überstieg; denn wenn bisher einige über diese Inseln
geschrieben oder gesprochen haben, so geschah es doch nur in der Form
von Muthmaßungen, da noch niemand dieselben gesehen hatte, so daß das
ganze fast für Fabel gehalten wurde. Deshalb mögen nun der König und
die Königin, die Fürsten und ihre glücklichen Staaten, so wie alle
anderen Länder der Christenheit, wir alle, dem Erlöser unserm Herrn
Jesu Christo danken, daß er uns einen solchen Sieg verliehen hat. Es
mögen Processionen begangen und heilige Feste gefeiert, die Tempel mit
grünen Zweigen geschmückt werden. Christus mögen auf Erden jubeln,
wie im Himmel, wenn er so vieler Völker bis hieher verlorene Seelen
gerettet sieht. Auch wir wollen uns freuen über die Erhöhung unseres
Glaubens, über den Zuwachs an weltlichen Gütern, an denen in Zukunft
nicht blos Spanien, sondern die ganze Christenheit theilhaben wird.“

[Illustration: +Die erste Flugschrift, welche die Kunde von der
Entdeckung Amerikas brachte.+

Original im brit. Museum.

Ein Brief des Christoforus Colonus, dem unsere Zeit viel verdankt:
Von den neulich entdeckten Indischen Inseln jenseit des Ganges.
Um dieselben aufzusuchen war er acht Monate früher unter den
Auspicien und auf Kosten des unüberwindlichsten Königs Ferdinand von
Spanien ausgesendet. Der Brief ist an den Schatzmeister desselben
durchlauchtigsten Königs, an Raphael Sanxis gerichtet, und durch
den edlen und gelehrten Aliander de Cosco aus dem Spanischen ins
Lateinische übersetzt: am 29. April 1493 im ersten Jahre des Papstes
Alexander VI. (Gedruckt in Rom.)]

[Illustration: Titel des ersten deutschen Flugblattes, welches die
Entdeckung Amerikas meldet.]

[Illustration: Schluß des deutschen Flugblattes.

Nach dem Original in der Staatsbibliothek in München.]

[Illustration: Anfang des Berichts über die ersten Entdeckungen, nach
dem ersten deutschen Flugblatte.

Nach dem Original in der Staatsbibliothek in München.

Dieser Bericht enthält eine freie Uebersetzung des lateinischen
Briefes, dessen Anfang Seite 262 gegeben ist. Ein merkwürdiger
Uebersetzungsfehler ist bei der Wiedergabe des Namens der vierten Insel
begangen, indem man statt Hysabella oder Isabella Isla bella las und
durch „schöne Insel“ übersetzte.]

Seine schwärmerische Begeisterung, welche der Admiral auch bei dieser
Gelegenheit zur Schau trug, mochte recht wohl zu dem eignen Entzücken
über die herrliche Natur der neuentdeckten Welt passen und dem beredten
Munde des heimgekehrten Helden Ohr und Herz aller Hörer zuwenden. Aber
wenn dann die praktischen, nüchternen Fragen herantraten: wo auf der
Erde liegt das neue Indien, wie groß sind die bedeutendsten Inseln,
dann mußte doch manchem kritischen Geiste hie und da ein Bedenken über
die Zuverlässigkeit der Angaben und die Sicherheit der Behauptungen
des Columbus auftauchen, zumal derselbe nicht im Stande gewesen war,
eine Karte der entdeckten Gebiete zu entwerfen. An der Küste von Cuba
war er nach seiner Meinung 107 Leguas in gerader Linie von Osten nach
Westen entlang gefahren, ohne das westliche Ende erreicht zu haben;
und doch liegt sein Cours nur zwischen 78 n. 74 w. v. Gr. Die Länge
der Nordküste Haitis schätzte er gar auf 138 Leguas, während die von
ihm besegelte Nordseite der Insel in der That in grader Richtung
nur 60 geogr. Meilen lang ist. Aus diesen Irrthümern erwuchsen die
Ueberschätzungen der Größe jener Inseln. Cuba war demnach größer als
England und Schottland zusammen, Haiti größer im Umfange als ganz
Spanien von Catalonien herum bis nach Fuentarabia in Biscaya. Cuba
galt ihm, trotz der bestimmten Erklärung der befragten Insulaner,
für das Festland von Catayo, Haiti für Cipangu, oder, wie P. Martyr
angibt, auch wohl für das Salomonische Ophir. Dazu kommen noch die ganz
unbegründeten Breitenangaben dieser Inseln, die Nordküste Cubas soll
unter 42° n. Br., der Westen Haitis unter 34°,[223] der Osten unter 26°
n. Br. liegen, wenn er die letzte Bestimmung auch nur als Vermuthung
gibt.[224] Vor allem aber konnte ihm mit Recht eingewendet werden, daß
er nicht gehalten, was er versprochen, daß er Katai nicht erreicht,
daß er die eigentlichen Gewürzländer nicht gefunden habe und daß die
geringen Goldproben und die zweifelhaften Gewürze die rege gemachten
Erwartungen nicht befriedigen könnten.

Darum schreibt auch Peter Martyr kaum einen Monat nach jenem
großartigen Aufzuge und Empfang in Barcelona an den Grafen Boromeo
ziemlich nüchtern: „Bald darauf (nämlich nach dem Mordanfall gegen den
König Ferdinand im December 1492) kehrte von den westlichen Antipoden
ein gewisser Cristóbal Cólon zurück, ein Ligure, welcher von meinen
Monarchen nur mit Mühe zur Reise nach jener Gegend drei Fahrzeuge
erhalten hatte, weil, was er behauptete, als Fabel erschien. Er kam mit
vielen werthvollen Dingen heim und brachte namentlich Proben von Gold
mit, welches jene Länder von Natur liefern. Doch lassen wir so fern
liegende Dinge bei Seite.“[225]

In einem späteren Briefe vom 1. October 1493 an den Erzbischof
von Braga bemerkt derselbe fleißige Schriftsteller, Colon habe
mehrere Inseln entdeckt an einem Gestade, das er für das indische
halte. Angeblich seien es dieselben, welche nach den Kosmographen
(Toscanelli?) in dem Ostmeere von Indien liegen sollten. „Ich will das
nicht ganz in Abrede stellen; allein die Größe des Umkreises der Erde
scheint zu einer andern Annahme führen zu müssen. Doch gibt es Leute,
welche meinen, daß die Entfernung zwischen der spanischen Seeküste und
dem Gestade Indiens nur gering sei.“[226]

Manche Irrthümer des Columbus wurden auch bald von der Kritik
berichtigt oder zu berichtigen gesucht. So sagt Martyr, daß wenn man
die Karten genau prüfe, Haiti in der Gegend der Antillen, aber nicht
bei Asien liegen müsse,[227] und daß der Admiral die Größe dieser Insel
übertrieben habe.[228]

Zunächst aber stand Columbus in der Gunst der Monarchen so fest und
wurde so mit Ehren überhäuft, daß auch die kühleren Herzen sich mit
ihm zu befreunden beflissen waren. So stand auch Peter Martyr bald mit
dem berühmten Entdecker, dem Granden Spaniens, in Briefwechsel und
bezeichnete ihn nicht ohne Eitelkeit als seinen intimen Freund.

Am 28. Mai 1493 erhielt Columbus eine neue Bestätigung seiner
ausbedungenen Privilegien und Gerechtsame als Admiral und Vicekönig
und ein Wappen verliehen, in welchem außer seinem Familienwappen die
Wappen von Castilien und Leon und goldene Inseln in blauen Meereswogen
enthalten waren. Fünf Anker waren das Abzeichen seiner Admiralswürde
und die Umschrift lautete: ~A Castilla y a Leon Nuevo Mondo dió Colon~.
(Columbus gab Castilien und Leon eine neue Welt.)


8. Die Demarcationslinie.

Dann beeilte man sich, den Papst Alexander VI. für die Pläne
weiterer Entdeckungen und der damit zu verbindenden Ausbreitung des
Christenthums zu gewinnen. Man mußte vor allem gesichert sein vor
den Ansprüchen der Portugiesen, denen bereits zu wiederholten Malen
durch päpstliche Erlasse alle neuen Erwerbungen in Afrika und Indien
sanctionirt und monopolisirt waren. So gelang es auch schon im Mai
1493, die gewünschte Concession von Seiten des Papstes zu erhalten.
Die darauf bezüglichen Decrete sind vom 3. und 4. Mai datirt, in denen
natürlich die Verkündigung der christlichen Lehre unter den Indianern
als ein Gott wohlgefälliges Werk vorangestellt wurde. „Da nun,“ heißt
es weiter, „Columbus gewisse weit entlegene Inseln und Festländer
(~terras firmas~ mit Anspielung auf Cuba), welche bisher noch nicht
gefunden waren, entdeckt hat, so geben wir aus freier Bewegung, ohne
Euren (d. h. der spanischen Monarchen) oder irgend jemandes Antrieb,
und aus apostolischer Machtvollkommenheit, Euch alle diese neu
entdeckten und neu zu entdeckenden Inseln und Länder, so weit sie noch
keinem christlichen König gehören, Euch und Euren Erben und verbieten
allen anderen, bei Strafe der Excommunication, dahin zu fahren und
ohne Eure Erlaubniß Handel zu treiben.“ Da aber bei der zu allgemein
gehaltenen Erklärung doch Verwicklungen und Streitigkeiten mit der
portugiesischen Krone entstehen konnten, wenn die Entdeckungsbereiche
beider Mächte nicht genauer abgegrenzt wurden, so wurde in einem
Decret vom folgenden Tage, vom 4. Mai, noch eine +Demarcationslinie+
eingefügt und bestimmt, daß eine meridional gezogene Linie, welche
hundert Leguas westlich jenseits der Açoren und Caboverdischen Inseln
vom Nordpol zum Südpol laufe, beide Nationen in ihren Unternehmungen
von einander halten solle.[229] Die westliche Erdhälfte solle spanisch,
die östliche dagegen portugiesisch sein. Es sollte also der Erdball wie
ein Apfel halbirt, und jedem Staate eine Hemisphäre zugewiesen werden.
Warum man die Scheidelinie hundert Meilen westlich von den bisher
bekannten westlichen Inseln verlegte, darf wohl auf die Ansichten
und Beobachtungen des Columbus zurückgeführt werden, welcher an der
genannten Linie glaubte ein wesentlich anderes Klima, und den Anfang
eines neuen Himmels und einer neuen Erde gefunden zu haben.

„Ich erinnere mich,“ schreibt der Entdecker 1498, „daß, so oft ich nach
Indien segelte, 100 Leguas westlich von den Açoren sich die Temperatur
änderte, und daß dies überall von Norden nach Süden stattfand.“ An
einer späteren Stelle desselben Berichtes kommt Columbus noch einmal
auf dasselbe Thema zurück. „Wenn ich von Spanien nach Indien segelte,
fand ich, sobald ich hundert Meilen (Leguas) westlich von den Açoren
zurückgelegt hatte, eine sehr große Veränderung am Himmel und den
Gestirnen, in der Temperatur der Luft, in dem Wasser des Meeres, und
ich habe diese Erscheinungen mit großer Sorgfalt beobachtet. Ich
bemerkte, daß wenn man die genannten 100 Leguas vor den genannten
Inseln passirt, von Norden nach Süden, die Compaßnadeln, welche bisher
nach Nordosten abwichen, sich nun einen vollen Viertelwind[230] nach
Nordwesten wandten, und daß dies stattfand von der Zeit an, wo ich jene
Linie erreichte. Und zur selben Zeit trat eine Erscheinung ein, als
wenn eine Erhöhung der Erde sich hier fände; denn ich fand die See ganz
mit einem Kraut überdeckt, welches Tannenzweigen glich und Früchte wie
vom Mastixbaum trug und zwar so dicht, daß ich auf meiner ersten Reise
meinte, es sei eine Untiefe, und die Schiffe müßten auflaufen. Sobald
wir jenen Strich erreicht hatten, fand sich nicht ein Zweig mehr. Auch
bemerkte ich, daß an diesem Punkte das Meer ruhig und glatt und fast
nie von einem Winde bewegt war. Desgleichen fand ich, daß von derselben
Linie an, gegen Westen, die Temperatur immer milde war, und daß Sommer
und Winter sich wenig unterschieden.“[231]

„Diese Stelle,“ bemerkt A. v. Humboldt,[232] „enthält Ansichten der
physischen Erdkunde, Bemerkungen über den Einfluß der geographischen
Länge auf die Abweichung der Magnetnadel, über die Inflexion der
isothermen Linien zwischen den Westküsten des alten und den Ostküsten
des neuen Continents, über die Lage der großen Sargasso-Bank in dem
Becken des atlantischen Meeres, und die Beziehungen, in welchen dieser
Meeresstrich zu dem über ihm liegenden Theile der Atmosphäre steht.
Irrige Beobachtungen der Bewegung des Polarsternes in der Nähe der
açorischen Inseln hatten Columbus schon auf der ersten Reise, +bei
der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse+, zu dem Glauben an
eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde verführt. In der
westlichen Hemisphäre ist nach ihm die Erde „angeschwollener“, die
Schiffe gelangen allmählich in größere Nähe des Himmels, wenn sie an
den Meeresstrich kommen, wo die Magnetnadel nach dem wahren Norden
weist; eine solche Erhöhung ist die Ursache der kühleren Temperatur.
Wenn man dazu erwägt, daß Columbus gleich nach seiner Rückkehr von der
ersten Entdeckungsreise die Absicht hatte, selbst nach Rom zu gehen,
um, wie er sagt, dem Papste über alles, was er entdeckt, Bericht
abzustatten; wenn man der Wichtigkeit gedenkt, welche die Zeitgenossen
des Columbus auf die Auffindung der +magnetischen Curve ohne
Abweichung+ legten, so kann man wohl eine von mir zuerst aufgestellte
historische Behauptung gerechtfertigt finden, die Behauptung, daß
der Admiral in dem Augenblick der höchsten Hofgunst daran gearbeitet
hat, +die physische Abgrenzungslinie in eine politische verwandeln zu
lassen+.“

Es ist klar, daß die von Columbus auf einer Meridianlinie
zusammengelegten großen Unterscheidungsmerkmale der östlichen und
westlichen Welt einen ungeheuren Eindruck auf den Entdecker machen
mußten, und daß er die Hemisphäre jenseit der 100 Seemeilen, von
den Açoren ab, für die in den alten Weissagungen genannte und durch
ihn zuerst betretene „neue Erde“ ansah, von welcher er auch keinen
Fußbreit abtreten möchte. Die Merkmale schienen ja auch zahlreich
und sicher genug zu sein, um eine erkennbare Scheidelinie zu bilden.
Der entschiedene Ausspruch des Entdeckers, daß eine so auffällige
Veränderung am Himmel und auf der Erde hundert Leguas westlich von den
Açoren sich zeige, konnte dem Papste genügen. Wenn es in dem Erlasse
auffälligerweise heißt, die Linie soll 100 Meilen westlich von jeder
beliebigen (~qualibet~) Insel der Açoren +oder+ Capverden gelegt
werden, so wird auch dabei unentschieden gelassen, welche Gruppe und
welche Insel die westlichste ist. Gegenwärtig wissen wir, daß die
westliche der Capverden beinahe 6 Meridiangrade weiter östlich liegt
als die äußerste der Açoren; in jenen Tagen, wo bekanntlich noch alle
Mittel fehlten zu einer exacten Längenbestimmung, war diese Frage noch
nicht entschieden. Und eben bei der Unmöglichkeit, die nach den Angaben
des Columbus postulirte Demarcationslinie wirklich ermitteln zu können,
sahen sich die beiden Seemächte bald in die Lage versetzt, mit einander
in Unterhandlungen zu treten, um diesen Unklarheiten, als möglicher
Ursache unendlicher Streitigkeiten, baldigst eine Grenze zu setzen.
Denn wie sehr der portugiesische Monarch über seine vermeintlichen
Rechte in Bezug auf den Ocean wachte, sieht man daraus, daß er, kurz
nachdem er Columbus entlassen hatte, dem Hof in Spanien seine vom Papst
sanctionirten Entdeckungsräume nachweisen ließ und sogar mit dem Plane
umging, eine Flotte nach der neuen Welt zu entsenden. Seine Gesandten
Pedro Dias und Ruy de Pina verlangten in Spanien den Parallelkreis
der Canarischen Inseln als Grenze oder Demarcationslinie. Die Spanier
sollten nur nördlich von dieser Inselgruppe über den westlichen Ocean
segeln und also nur außerhalb der Tropen sich auch in den neuentdeckten
Gewässern bewegen dürfen. Man wünschte sie von allem Eindringen in
die heiße Zone fern zu halten. Lope de Herrera ging wiederum als
Gesandter Spaniens nach Lissabon. So schienen sich durch das Hin- und
Wiedersenden der Botschafter die Verhandlungen verschleppen zu wollen,
als durch ein anderweites Ereigniß der politische Einfluß Spaniens
bedeutend hervortrat und dadurch ein Druck auf Portugal ausgeübt
wurde, welcher es zu unerwartetem Nachgeben geneigt machte. Spanien
hatte nämlich von Frankreich die Rückgabe der Grafschaften Roussillon
und Cerdaigne erlangt. Damit war eine wichtige Streitfrage erledigt,
Spanien hatte keinen äußeren Feind mehr zu fürchten und konnte, falls
Portugal noch länger gerechten Anforderungen widerstreben sollte, wenn
es sein mußte, die Entscheidung der wichtigen maritimen Frage dem
Schwerte anvertrauen.

So kam denn am 7. Juni 1494 der berühmte Vertrag von Tordesillas (in
Altcastilien am Duero, südwestlich von Valladolid, wo Columbus 12 Jahre
später starb) zustande, in welchem die Monarchen Spaniens zunächst die
Gerechtsame des Nachbarstaats auf Guinea u. s. w. in vollem Umfange
anerkannten und ferner zugaben, daß die Demarcationslinie 270 Leguas
über die anfänglich vom Papste genehmigte Grenze hinaus, nämlich auf
370 Leguas westlich von den Capverden verlegt wurde. Nach unserer
jetzigen Kenntniß von dem Unterschiede der Lage der westlichen Açoren
und westlichsten Capverden können wir hinzufügen, daß der von Spanien
noch eingeräumte Meridiangürtel von 270 Leguas sich noch weiter um
mindestens 90 Leguas verminderte, weil man nach dem neusten Vertrage
nur von den Capverden ausging und die Açoren nicht weiter in die
Streitfrage hineinzog.

Da nun der von Columbus über den Ocean zurückgelegte Weg von den
Canarien aus mindestens 600 Leguas bis zu den neuen Inseln betrug, so
konnte man unbedenklich den mittleren Strich des atlantischen Ocean
preisgeben. Was man auf dieser Seite aufgab, erhielt man natürlich,
da die Theilungslinie auch über die andere noch unbekannte Erdhälfte
hinweglief, auf jener Seite, im Westen wieder. Und gerade hier sollte
sich später den Spaniern ein ganz unerwarteter Gewinn zeigen, als
es nach Entdeckung der eigentlichen Gewürzinseln fraglich wurde, ob
dieselben auf spanischer oder portugiesischer Hemisphäre lägen. Wir
werden darüber noch im Verfolg der Weltreise Magalhães’ zu berichten
haben. Vorläufig war in dem Vertrag auch noch die Frage offen
gelassen, auf welche Weise die Demarcationslinie festzulegen sei, ob
durch eine Gradbestimmung oder auf eine andere Weise, „wie es sich
am genauesten werde berechnen lassen“. Innerhalb der nächsten zehn
Monate nach Ratification des Vertrages sollten von beiden Parteien
eine oder zwei Caravelen oder auch noch mehr, je nach Uebereinkommen,
auf Gran Canaria zusammenkommen, um durch Piloten und Astronomen,
von beiden Seiten gleich viel Personen, die Grenzlinie zu fixiren.
Diese Commission sollte von Canaria sich nach den Capverden begeben
und von da 370 Leguas weit westwärts segeln, um dann die Entfernung
entweder durch Schiffstagereisen oder sonst wie zu bestimmen. Diese
von beiden Parteien gemeinschaftlich bestimmte Linie sollte dann
für alle Zeiten gültig bleiben.[233] Allein diese Expedition kam
nie zustande, vielleicht weil beiderseits keine Autoritäten sich
fanden, welche mit Sicherheit die gewünschte Demarcation anzugeben
wagten. Ueber diese Linie war man auch noch 20 Jahre später ebenso
im Unklaren. Peter Martyr erzählt,[234] wie er in Burgos die Karten
der neuen Entdeckungen, nach den Aufnahmen des Amerigo Vespucci,
Bartolomeo Colon, Juan de la Cosa, Morales und anderer Castilier, auch
auf einem Globus die Entfernungen geprüft und mittelst eines Zirkels
den Abstand von der Westspitze Portugals und von den Capverden bis
zur Theilungslinie und weiter bis zu den Küsten Brasiliens gemessen
habe; aber die Karten stimmten nicht genau überein und nahmen die
Küstenabstände der alten und neuen Welt verschieden an, so daß also ein
entscheidendes Urtheil nicht gefällt werden konnte.

Wenn auch im atlantischen Ocean kein streitiges Object lag, so mußte
doch die Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit der Demarcationslinie
nothwendigerweise in Südamerika noch wieder zu Differenzen führen.


9. Die zweite Reise des Columbus.

Inzwischen war aber bereits der Admiral des indischen Meeres mit einer
stattlichen Flotte zum zweiten Male über den Ocean gesegelt, ohne
den Abschluß der Verhandlungen abwarten zu können. Juan Rodriguez
de Fonseca erhielt die Leitung der indischen Angelegenheiten und
mußte, wenn auch widerstrebend, allen Forderungen des Columbus
bezüglich der Ausrüstung einer großen und theuren Flotte nachgeben,
welche aus 14 Caravelen und drei großen Lastschiffen bestand und
1200 Bewaffnete und Reiter mit an Bord nahm. Es waren Vorkehrungen
getroffen, die europäischen Hausthiere in genügender Anzahl nach
Westindien zu verpflanzen, sowie Getreide, Gemüse und Weinreben
anbauen zu können. Es war nicht mehr ein bloßes Entdeckungsgeschwader,
sondern eine Flotte mit Auswanderern; denn es galt die thatsächliche
Besitzergreifung der neuen Welt. Columbus wollte nicht allein Admiral
des Meeres sein, sondern auch den andern Theil seines neuen Titels
„Vicekönig“ durch Gründung von Colonien verwirklichen. Ein großes
Gefolge von Beamten und Soldaten mußte diesen Plan unterstützen. Als
Geistlicher wurde Fray Bernardo Boïl, ein Benediktiner von Monserrat
in Catalonien, mitgegeben, welcher von Rom aus zum apostolischen Vicar
in den neuen Ländern ernannt worden war. Auch war der spanische Adel
in diesem Seezuge vertreten: Alonso de Hojeda, Juan Ponce de Leon,
der Entdecker Floridas, sowie die späteren Statthalter von Cuba und
Jamaica, Diego Velasquez und Juan de Esquivel nahmen an dem Zuge
theil, welcher ebensowohl glänzenden Gewinn als die mannigfachsten
Abenteuer in Aussicht stellte. War dann an geeignetem Platze die
erste Niederlassung, in größerem Maßstabe als bei der ersten Fahrt
in Navidad, begründet, dann wollte Columbus seine an der Küste Cubas
abgebrochenen Entdeckungen wieder aufnehmen und nicht blos bis nach
Cipangu und Katai zu den Weltmärkten Ostasiens vordringen, sondern wo
möglich von da aus, in derselben Richtung weiter steuernd, den Erdball
umkreisen. Es war also auch eine Erdumsegelung geplant, welche der
Admiral um so eher auszuführen hoffte, weil er nach den auf der ersten
Reise gemachten Beobachtungen überzeugt war, die Erde sei nicht so
groß, als die Astronomen und Kosmographen behaupteten.

Am 25. September 1493 brach die Flotte von der Bucht von Cadix auf
und steuerte zunächst nach den Canarischen Inseln. Wir besitzen über
diese Expedition den Bericht eines Augenzeugen, des Doctor Chanca aus
Sevilla, welcher als Arzt die Fahrt mitmachte und in objectiver Weise
seine Beobachtungen aufgezeichnet hat.[235]

Am 2. October erreichte die Flotte Gran Canaria und mußte hier und
später auch in Gomera einlaufen, weil eines der Schiffe leck geworden
war und ausgebessert werden mußte. Erst am 13. October stach man von
Ferro aus in See, durchschnitt in 20 Tagen den atlantischen Ocean,
wobei Columbus einen südlicheren Weg einschlug, als auf der ersten
Fahrt.

Am 3. November, am ersten Sonntage nach Allerheiligen, entdeckte man,
unter dem allgemeinen Jubel des Schiffsvolks, das erste Land. Die
Piloten schätzten die Entfernung von Ferro auf 780 bis 800 Leguas.
Rechts neben der ersten Insel wurde noch eine andere sichtbar. Jene
war hoch und gebirgig, diese flach, aber dicht bewaldet. Als es
heller Tag wurde, erschienen auf beiden Seiten noch andere Inseln.
Die zuerst gesehene erhielt den Namen +Dominica+. Dieselbe liegt in
der Mitte der Reihe der kleinen Antillen, zwischen 15 und 16° n. Br.
Columbus erreichte also auf dieser Fahrt die westindischen Inseln an
einem Punkte, welcher 8 bis 9 Breitengrade südlicher lag, als bei
seiner ersten Unternehmung. Dominica bot aber keinen Hafen, und so
steuerte die Flotte nach der zweiten nördlicheren Insel, welche nach
dem Admiralschiffe den Namen +Maria galante+ erhielt. Hier stieg
der Flottenführer ans Land und nahm, mit dem spanischen Banner in
der Hand, von der Insel Besitz. Dieselbe schien aber unbewohnt. Der
nächste Tag führte die Entdecker nach der Doppelinsel +Guadalupe+.
Einem Versprechen zufolge, welches Columbus den Mönchen des Klosters
von Guadalupe in Estremadura gegeben, erhielt die Insel den neuen
Namen. Von der See aus bot sie einen großartigen Anblick dar: vom
hohen Gebirge stürzte sich ein prachtvoller Wasserfall ins Thal herab.
Die Landung erfolgte bei mehreren verlassenen Hütten, in denen man
Lebensmittel und viel, zum Theil verarbeitete Baumwolle fand, aber
auch Menschenknochen. Die Insel war also von Menschenfressern bewohnt.
„Menschenfleisch ist ihr bestes Essen, Knaben werden verschnitten und
zu Festmahlen aufgemästet.“ Von einzelnen gefangenen Insulanern erfuhr
man, daß die Bewohner Cariben hießen. Man deutete den Namen auf Canib
und dachte sich die Leute als Unterthanen des Großchanes, nach dessen
Lande man suchte. So entstand durch Misverständniß und falsche Deutung
bald die Bezeichnung der Canibalen für die wilden Stämme, welche ihre
Mitmenschen verzehrten. Bei dem Verkehr mit den Indianern leisteten
die auf der ersten Entdeckungsreise entführten Bahama-Insulaner
als Dolmetscher wesentliche Dienste. Leider waren von den sieben
Mitgenommenen nur noch zwei am Leben geblieben. Die Canibalen zeigten
offenbar eine höhere Entwicklung als die an Hilfsmitteln armen
Bahama-Indianer und verstanden auch bessere Häuser zu bauen. Die
einheimischen Freien und die von andern Inseln weggefangenen und zu
Sklavinnen gemachten Weiber unterschieden sich durch Bänder von
gewebter Baumwolle, welche am Knie und Fußgelenke getragen wurden. Die
Sklavinnen ließen sich von den Fremdlingen leicht gefangen nehmen, oder
kamen auch wohl aus freien Stücken zu den Schiffen. Von ihnen erfuhr
man auch, daß die weiterhin entdeckte Insel +Monserrat+ durch die
Cariben erst entvölkert worden sei. Sodann gelangte man zu den Inseln
+Sa. Maria la Redonda, Sa. Maria la Antigua, San Martin+. Sie erhielten
ihre Namen nach den spanischen Kirchen, in denen man besondere Gelübde
gethan hatte. Dann folgte am 15. November die Entdeckung von +Sa. Cruz,
Sa. Ursula+ und +der 11,000 Jungfrauen+, und endlich tauchte die schöne
und fruchtbare Insel +Puerto rico+, die östlichste der großen Antillen,
vor den Augen der Entdecker auf. Die Eingebornen nannten sie Burequen
oder Burenquen,[236] der von Columbus zuerst gegebene Name „San Juan
Bautista“ fand nicht lange Verbreitung. Hier lebten keine Cariben mehr.

Von dieser Insel aus erreichte das Geschwader am 22. Nov. die Insel
Hispaniola; derjenige Theil der Küste, wo man zuerst landete, hieß
Haiti. Aber man verweilte nicht lange, sondern strebte der Ansiedlung
Navidad zu, welche man nach der Meinung des Admirals in blühendem
Zustande und vielleicht auch schon im Besitz reichlichen Goldes,
welches von den Indianern so leicht zu erlangen war, anzutreffen
wähnte. Aber es sollte bald eine furchtbare Enttäuschung eintreten.
Das Vorspiel dazu bot sich ihnen im Hafen von Monte Christi, 12 Meilen
von Navidad, dar. Zuerst fand man zwei Leichen nicht weit vom Strande
im hohen Grase, unbekleidet und bereits unkenntlich geworden; von
denen trug die eine noch einen Strick um den Hals, die andere um die
Füße. Am zweiten Tage wurden noch zwei Leichen entdeckt, von denen
eine durch ihren großen Bart auffiel; ein sehr verdächtiges Zeichen,
weil die Insulaner sämmtlich bartlos waren. Am Abend des 27. November,
kurz vor Mitternacht, kam die Flotte vor Navidad an, aber wegen den
Klippen blieb man die Nacht auf See und landete erst am folgenden
Morgen. Der Admiral ließ zwei Kanonen lösen, um seine Ankunft zu melden
und wartete in höchster Spannung auf Antwort. Aber alles blieb still.
Statt, wie man gehofft hatte, eine fröhliche, jubelnde Menge sich am
Strande versammeln zu sehen, ließ sich in der Nähe des Hafens nur
ein einsamer, indianischer Nachen sehen. Bange Ahnung erfüllte das
Schiffsvolk. Endlich kam das Boot näher und fragte nach dem Admiral.
Die Indianer brachten zwei goldene Masken als Geschenk ihres Königs
mit und erwiderten auf die Fragen nach den zurückgebliebenen Spaniern
in zurückhaltender, dunkler Weise: diejenigen, welche im Kastelle
geblieben seien, befänden sich wohl. Einige seien an Krankheiten
gestorben, andere in einem unter ihnen ausgebrochenen Streite
erschlagen worden. Ihr Land, berichteten die Indianer ferner, sei von
zwei Fürsten, Caonabo und Mayreni überfallen und verheert, die Hütten
niedergebrannt. Ihr König Guacamari[237] sei im Kampfe verwundet und
habe daher nicht kommen können.

Das hölzerne Kastell in Navidad war bis auf den Grund niedergebrannt,
man sollte danach wohl annehmen, es sei von feindlicher Hand
vernichtet. Aber auffällig blieb, daß die Indianer in der Nähe sich
gegen früher sehr scheu zeigten. Nur mit Mühe wußte man einige zu
bewegen, an Bord zu kommen. Hier gestanden sie nun, daß die Spanier
sämmtlich todt seien. Aber man fand in der nächsten Umgebung von
Navidad keine Leiche. Man durchstreifte nun weiterhin das Land und
entdeckte zunächst in einem kleinen aus 7 oder 8 Hütten bestehenden
Dorfe, deren Insassen geflohen waren, mancherlei Gegenstände,
namentlich Kleidungsstücke, welche den Spaniern gehört hatten. Nach
der Stätte der Festung zurückgekehrt, zeigten die inzwischen bereits
dreister gewordenen Indianer die Stellen, wo man von hohem Grase
überwuchert, die Leichen von eilf Spaniern fand. Dann suchte der
Admiral in stärkerer Begleitung den anscheinend kranken Guacanagari
auf. Derselbe lag, mit verbundenem Bein, ausgestreckt auf einem Lager,
das nach Landesart aus einem von starken Baumwollfäden gefertigten
Netzwerk bestand, welches an beiden Enden an die Pfosten der Hütte
befestigt war. Es ist die erste Erwähnung der Hängematte. Der König
beklagte thränenden Auges den Tod der Spanier. Einige seien an
Krankheiten gestorben, andere auf einem beabsichtigten Beutezuge nach
den Goldminen im Gebiete Caonabos erschlagen, der Rest in der Citadelle
angegriffen und bei der Vertheidigung gefallen. Der begleitende Arzt,
Doktor Chanca, welcher über diese Vorfälle ausführlich berichtet
hat,[238] erbot sich, den Verwundeten zu heilen. Dieser schien gerne
dazu bereit; da es aber in der Hütte zu dunkel war, um die Wunde
untersuchen zu können, so mußte er seine Lagerstelle verlassen. Mehr
aus Furcht vor den Spaniern, als aus Neigung begab er sich, auf
den Admiral gestützt, ins Freie. Er wollte durch einen Steinwurf
empfindlich getroffen sein. Als der Verband entfernt war, war keine
Verletzung zu bemerken, trotzdem klagte der Indianer über heftigen
Schmerz. Unbekannt mit dem wahren Verlauf der betrübenden Katastrophe,
konnte Columbus nicht zu einem entscheidenden Schritte bewogen werden.
Mehrere seiner Begleiter glaubten entschieden an die Mitschuld
Guacanagari und riethen deshalb dem Admiral, den Fürsten gefangen zu
nehmen. Aber Columbus lehnte dieses trotz mancherlei Verdachtsgründe
ab. Er suchte so lange wie möglich mit den Eingebornen in Frieden
zu leben. Auf seinen Plan, die niedergebrannte Festung wieder zu
errichten, wollte Guacanagari keine zustimmende Meinung äußern, er
wies vielmehr, und wohl auch mit Recht, auf die ungesunde Lage des
Platzes hin. So entschloß sich denn Columbus, eine geeignetere Stelle
auszusuchen; aber man suchte lange vergeblich nach einer günstigen
Oertlichkeit. Man steuerte an der Küste zurück und kämpfte dabei
mühsam gegen Wind und Wetter. So vergingen drei Monate, ehe man 10
Leguas östlich von Monte Christi den Fuß ans Land setzte und hier sich
zu befestigen beschloß. Die neue Burg erhielt den Namen Isabella.
Daneben wurde der Plan zu einer Stadt entworfen, in welcher die
Hauptgebäude aus Stein errichtet werden sollten. Jetzt finden sich nur
noch einige Trümmer dieser Anlagen, alles ist mit Wald bedeckt; denn
es zeigte sich bald, daß auch dieser Platz ein ungesundes Klima hatte,
welches den dritten Theil der neuen Ankömmlinge aufs Krankenlager warf.
Selbst der Admiral blieb nicht verschont und konnte in Folge dessen ein
Vierteljahr lang sein Tagebuch nicht fortführen.

Von der Willfährigkeit der Indianer äußerte Chanca:[239] „Ich glaube,
wenn wir mit dem Volke sprechen könnten, würde man es leicht bekehren
können, denn sie machen alles nach, beugen die Knie vor den Altären
und machen bei dem Ave Maria sowie bei den anderen Ceremonien das
Zeichen des Kreuzes. Sie sind zwar Götzendiener, denn man findet in
allen Hütten Götzenbilder; aber sie wünschen Christen zu werden.“ Die
Gegend schien reich an werthvollen Produkten, man glaubte mancherlei
Gewürze, Zimmt und Muskatnüsse entdeckt zu haben und sammelte Wachs
und Baumwolle. Besonders aber lockte die Kunde von Goldfeldern, welche
im Innern der Insel, 25 bis 30 Leguas von der Küste entfernt, in einer
Landschaft, Namens Cibao, liegen sollten. Im Januar 1494 machte sich
der muthige Alonso Hojeda mit 15 Begleitern auf den Weg, kam nach 7
Tagen ans Ziel und brachte als besten Beleg für den Erfolg seines
Streifzuges aus den Bächen gesammelten Goldsand mit.

Nachdem Columbus am 2. Februar sodann 12 Schiffe unter Antonio de
Torres nach Spanien zurückgeschickt hatte, theils um die Kranken
heimzubringen, welche bei dem zunehmenden Mangel an guten Lebensmitteln
sich nicht erholen konnten und der Colonie zur Last fielen, theils um
den spanischen Majestäten einen Bericht über den Verlauf seiner Reise
zu überreichen, brach er selbst mit einer größeren Schar nach dem
Goldlande auf. Mit kriegerischer Musik und mit fliegenden Fahnen zog
er durch die Dörfer, erreichte am 16. März das Bergland von Cibao und
ließ dort zum Schutze für die Goldgräber aus Holz und Erde ein festes
Haus anlegen, in welchem eine Besatzung von 56 Mann unter dem Befehle
des Pedro Margarita zurückblieb. Columbus kehrte dann wieder nach
Isabella zurück. Er war der Ueberzeugung, das Ophir Salomos gefunden zu
haben.[240] Den unerwartet reichen Goldfund bestätigt auch Chanca am
Ende seines Berichtes. „Seit Anfang der Welt ist kein solches Wunder
gesehen oder davon gelesen. Man wird Gold in solcher Menge mitbringen,
daß man staunen soll. Man mag mich vielleicht für einen Schwärmer
halten; aber Gott ist mein Zeuge, daß ich auch nicht im mindesten
übertreibe.“

Dann schickte sich Columbus an, nachdem er von den wiederholten
Fieberanfällen genesen war, den Plan seiner ersten Reise wieder
aufzunehmen und den Weg nach Katai zu vollenden. In der Niederlassung
ließ er seinen Bruder Diego als Statthalter zurück und lichtete am 24.
April die Anker, um zunächst nach Cuba zu segeln. Am folgenden Tage
erreichte er mit seinen drei Schiffen Niña, S. Juan und Cardera die
Insel Tortuga und steuerte am 29. April von der Nordwestspitze Haitis,
von dem Cap S. Nicolas, nach der Südküste Cubas hinüber.

Während Columbus an dieser Küste entlang fuhr, näherten sich ihm
die Indianer zutraulich in ihren Böten und brachten Früchte,
Fische, Wasser, oder luden ihn ein ans Gestade zu kommen und ihre
Gastfreundschaft anzunehmen. Wenn sie nach Gold befragt wurden, wiesen
sie in der Regel nach Süden. Ihrem Fingerzeige folgte der Admiral,
verließ am 3. Mai das Gestade von Cuba und steuerte nach Südwesten.
Am 2. Tage erreichte er die Mitte der Nordküste +Jamaicas+, deren
landschaftliche Schönheit ihn über alles entzückte, so daß er sie nur
mit den Wohnungen der Seligen vergleichen zu können meinte, und nannte
die Gegend daher Santa Gloria und den zuerst gefundenen Hafen Santa
Anna. Da er aber zur Ausbesserung seines leck gewordenen Hauptschiffes
einen günstigeren Ankerplatz wählen wollte, richtete er den Lauf
seiner Schiffe wieder nach Westen bis zum Hafen, der noch heute
Puerto bueno heißt. Die Insulaner zeigten sich weit kriegerischer als
auf Cuba, umschwärmten in ihren Kähnen unter wildem Geschrei seine
Schiffe, schossen ihre Pfeile ab und schienen eine beabsichtigte
Landung ernstlich hindern zu wollen. Aber man vertrieb die Indianer
leicht durch einige Schüsse, ganz besonders aber dadurch, daß man
große Bluthunde auf sie hetzte. Als die Einwohner, welche vor solchen
unbekannten Angriffswaffen zurückwichen, in den folgenden Tagen
sich wieder ermannten und allmählich näherten, zeigten sie sich in
ihrer Haltung wesentlich verändert, sie begannen sogar den üblichen
Tauschhandel mit den Spaniern. Man bemerkte mit Vergnügen, daß sie
in manchen Dingen sich weiter entwickelt zeigten als auf Cuba, ihre
großen, bis zu 96 Fuß langen und 8 Fuß breiten, aus einem Stamm
gefertigten Kriegsböte waren an beiden Enden mit Schnitzwerk hübsch
verziert; aber, was man vor allem bei ihnen suchte, Gold, war nirgends
zu finden. Darum verließ Columbus, nachdem sein Schiff wieder in Stand
gesetzt war, die Insel, der er den Namen Santiago gab, und kehrte,
nordwärts steuernd, wieder nach Cuba zurück. Vom Cap Santa Cruz, wo
das Gebirge an der Südostküste jener Insel endigt, drang er in das
Labyrinth von Klippen und kleinen zum Theil grünbewachsenen Inseln
ein, welche den größten Theil der Südküste Cubas umsäumen. In diesem
„+Garten der Königin+“, wie Columbus diesen Theil Westindiens nannte,
hatte er, unter täglich wiederkehrenden Gewittern mit tausend Gefahren
zu kämpfen und mußte die äußerste Wachsamkeit üben, um seine Fahrzeuge
sicher hindurchzuführen. Die unzähligen kahlen Korallenbänke und grünen
Eilande, die er um sich sah, hielt er für jenen Archipel, welcher nach
Marco Polos Erkundigungen östlich von Cim (China) liegen und über 7000
Inseln umfassen sollte.[241] Von diesem wunderbaren Inselgarten erzählt
auch eine Inschrift auf dem Globus Behaims, westlich von Cipango, also
in jener Weltgegend, wo sich Columbus bereits zu befinden glaubte. Er
athmete ja auch die Wohlgerüche, die von den mancherlei Gewürzbäumen
und prächtigen Blumen übers Wasser zu ihm herüberwehten.

In Kreuz- und Querfahrten, bald nach Norden, bald nach Westen steuernd,
tastete der Admiral in dem gefährlichen Wundergarten weiter, ohne die
Küste von Cuba aus dem Gesicht zu verlieren. Unzählige buntfarbige
Fische tummelten sich in den klaren Gewässern, die Muscheln umschlossen
kostbare Perlen, das Meer wimmelte von großen Schildkröten.[242] In
seiner Meinung, in Cuba bereits das Festland von Asien erreicht zu
haben, wurde er von neuem durch die falsche Deutung eines Namens
bestärkt, als er von den Eingeborenen erfuhr, daß weiter im Westen
ein großer Fürst namens Magon wohne. Magon und Mango waren identisch,
und Mango war der König von Mangî (China). Er gelangte endlich zu der
größern Insel de Pinos, nahe dem Westende Cubas. Auf Befragen hatten
die Cubaner erklärt, daß man die Grenzen ihres Landes nicht kenne,
er könne wohl noch 20 Tage weiter fahren, ehe er das Ende erreiche.
Nach seiner Berechnung war er bereits 335 Leguas an diesem großen
Lande entlang gesegelt,[243] welches er mit größter Bestimmtheit für
den Anfang Indiens erklärte. Er wähnte, nur noch 2 Sonnenstunden
(also 30 Meridiangrade) von dem goldenen Chersones -- mit diesem
Namen bezeichnete man seit dem Alterthum die Halbinsel Malaka in
Hinter-Indien -- entfernt zu sein.[244] So schmal dachte er sich
den noch völlig unbekannten, noch nie betretenen Abschnitt auf dem
Erdball. Als er dann der Insel de Pinos gegenüber die Küste Cubas
sich nach Süden wenden sah, war auch der letzte Zweifel gehoben: denn
die asiatische Küste lief nun, nach seiner Meinung, in südöstlicher
Richtung bis zum goldenen Chersones weiter. Bei der Insel Evangelista,
denn so nannte er die Isla de Pinos, nahm er neue Vorräthe an Wasser
und Lebensmitteln ein. Wäre er nur noch einen oder höchstens zwei Tage
weiter gesegelt, so hätte er das Ende des vermeintlichen Continentes
erreicht. Schon von der Höhe des Mastes aus hätte man das freie Meer
westlich vom Cap S. Antonio sehen können. Leider nöthigte ihn der
üble Zustand seiner Schiffe zur Umkehr, so daß er die eigentlich
beabsichtigte Fahrt um Indien, wodurch er eine erstmalige Erdumsegelung
zu beschließen hoffte, aufgeben mußte. Aber er nöthigte auch noch
die gesammte Mannschaft, ein von dem Schreiber Fernan Perez de Luna
aufgesetztes Protokoll zu unterzeichnen, in welchem sie sich alle bei
schwerer Ahndung zu der verkehrten Ansicht ihres Admirals bekennen
mußten, daß man die Provinz Mango vor sich habe.[245] Das geschah am
12. Juni 1494.

Dann wandte sich Columbus wieder nach Osten. Bei ungünstigem Wetter
legten die Schiffe den gefährlichen Weg noch einmal unter steten
Sorgen zurück. Am 6. Juli gerieth die Niña auf den Strand, wurde
zwar mit großer Anstrengung wieder flott gemacht, war aber dabei
dermaßen beschädigt, daß man, behufs der Ausbesserung, in der Bucht
bei Cap S. Cruz landen mußte. Erst nach 10 Tagen konnte die Fahrt
weiter fortgesetzt werden. Am 8. Juli wurde das Cap S. Cruz dublirt
und am 20. Juli ging Columbus nach Jamaica hinüber, um diese Insel
auch auf der Südseite zu erforschen. Das Land entzückte durch seine
Schönheit und Fruchtbarkeit. Von der Menge seiner Bewohner zeugten
die zahlreichen Dörfer an der Küste. Auch hier mit widrigen Winden
kämpfend, gelangten die Schiffe erst am 19. August an die Ostspitze
Jamaicas (das heutige Cap Morante). Am folgenden Tage sah man eine neue
Küste vor sich aufsteigen. Das nächste Vorgebirge erhielt den Namen S.
Michael (jetzt Cap Tiburon); es war die Westspitze von Haiti erreicht.
Gewißheit darüber, daß man die Insel ihrer Niederlassung glücklich
wieder gefunden, gewann man erst am zweiten Tage, als einige Indianer
am Strande den Seefahrern außer einigen spanischen Ausdrücken auch das
Wort „Almirante“ zuriefen.

Bald darauf jagte ein Sturm das kleine Geschwader auseinander, doch
fanden sich die Fahrzeuge nach sechs Tagen glücklich wieder zusammen,
segelten nach der kleinen Insel Beata weiter, welche mitten vor der
Südseite Haitis liegt, entdeckten die reizende Bucht an der Mündung des
Neivaflusses und empfingen hier von den Eingebornen die frohe Kunde,
daß neue Schiffe von Spanien bei der Colonie angelangt seien. Um seine
bevorstehende Ankunft zu melden, sandte Columbus neun Mann mitten durch
die Insel nach seinem Blockhause S. Thomas und setzte dann seine Fahrt
weiter fort. Die Schiffe wurden durch Sturm und Unwetter von einander
getrennt. Der Admiral selbst, der aus gewissen Anzeichen den Ausbruch
desselben vorhergesehen, brachte sein gebrechliches Fahrzeug noch bei
Zeiten in den geschützten Canal, welcher von der Insel Saona (nahe
der Südostecke Haitis) und der Hauptinsel gebildet wird. Aus einer
Mondfinsterniß, welche er hier beobachten konnte (14./15. September),
berechnete er den Abstand von Cadiz bis Saona auf fünf Stunden 23
Minuten[246] (oder 80° 45′). Nach Ablauf einer bangen Woche konnten
sich die drei Schiffe wieder vereinigen. Zwar beabsichtigte der
Admiral noch weiter nach Osten zu gehen, Puertorico und die kleinen
Antillen vollständig zu entdecken und zugleich die unbändigen Cariben
zu züchtigen, allein als er die kleine zwischen Haiti und Puertorico
gelegene Insel Mona am 24. September erreicht hatte, brach seine Kraft
zusammen. Die übermenschlichen Anstrengungen, die steten Aufregungen
der gefahrvollen Reise, (er hatte 32 Nächte nicht geschlafen) hatten
seine Energie übermannt. Er brach zusammen und verfiel in eine
tiefe, einer Ohnmacht ähnliche Schlafsucht. Alle weiteren Pläne
wurden aufgegeben und noch zweifelnd, ob sie ihren Admiral am Leben
erhalten könnten, richteten die Piloten den Lauf der Schiffe gegen
Nordwesten und segelten nach Isabella, wo sie am 29. September
anlangten. Hier erholte sich Columbus bald wieder unter entsprechender
Pflege und konnte nun mit Befriedigung die Resultate seiner zweiten
Entdeckungsfahrt überblicken, auf welcher ein Gesammtbild von den vier
großen Antillen gewonnen war, von denen Haiti und Jamaica vollständig,
Cuba fast ganz umsegelt worden war. Wäre er hier nicht durch seine
kosmographischen Autoritäten irregeleitet und wie in einem Zauberbanne
gefangen, welcher ihn die Inselnatur Cubas nicht erkennen ließ; so
hätte er seine weiteren Entdeckungen an jenem Westende der Insel wieder
aufnehmen müssen, und wäre vielleicht schon nach dem Goldlande Mexiko
gelangt. So aber traute er den Angaben der Indianer zu sehr, welche ihn
bei allen Fragen nach Gold immer nach Süden wiesen, und suchte darum
auf seiner dritten Reise einen südlichern Weg schon über den Ocean
einzuschlagen.

In seiner Colonie fand Columbus eine unerwartete, aber sehr willkommene
Stütze an seinem Bruder Bartholomäus. Derselbe war schon vor Beginn
der ersten Reise in seines Bruders Auftrage nach England gegangen, um
dem britischen Könige Vorschläge behufs einer Fahrt nach Indien zu
machen, und war 1493, ehe ihm selbst sichere Kunde von dem Erfolge
seines Bruders zugekommen war, von dem Könige Heinrich, welcher directe
Nachricht von der Entdeckung der neuen Welt erhalten hatte, mit dem
Versprechen entlassen, die Pläne des Christoph Columbus unterstützen
zu wollen. Bartholomäus eilte über Frankreich nach Spanien, wo er, für
den ihm in England gewordenen Auftrag allerdings zu spät, eintraf, aber
doch bei Hofe sehr wohlwollend aufgenommen wurde und durch sein festes
männliches Auftreten, durch seine gewandte Rede und seine nautischen
Fertigkeiten sich bald einen günstigen Boden bereitete. Man ertheilte
ihm den Titel eines „Don“ und übergab ihm die Führung dreier Schiffe,
welche, mit den von dem Admiral erbetenen Vorräthen und Hilfsmitteln
versehen, nach Haiti abgehen sollten. Columbus erhielt zugleich
Nachricht von dem mit Portugal abgeschlossenen Theilungsvertrage und
fand in dem Briefe der Monarchen vollständige Zustimmung zu den bisher
von ihm getroffenen Maßnahmen. Auch noch andere in demselben Jahre 1494
einlaufende Briefe ließen in schmeichelhafter Weise die ungeminderte
Gunst des Hofes erkennen. Aber neben diesen erfreulichen Zeichen seiner
wachsenden Macht fand der Vicekönig von Indien unter den Spaniern
Mißstimmung, Unzufriedenheit, Aufruhr. Der Geistliche Boïl, dem man
das Seelenheil der Indianer anvertraut, war seines mühevollen Amtes
überdrüssig geworden, der Anführer der Truppen, Margarit, der sich den
Anordnungen des vom Admiral eingesetzten Statthalters nicht gefügt
hatte: beide verließen auf den Schiffen, mit denen Don Bartolome Colon
gekommen war, die Ansiedlung und kehrten nach Spanien zurück. Unter den
spanischen Truppen war die Manneszucht in bedenklicher Weise gelockert.
„Margarit,“ sagt Muñoz,[247] „brachte unter unsere Leute die Pest der
Zwietracht und veranlaßte bei den Indianern einen tödtlichen Abscheu
gegen den spanischen Namen. Er hielt das Kriegsvolk beständig in der
angebautesten und wohlversehensten Gegend der Vega-Real (Königsgau), wo
es schwelgen und sich alle Freiheit erlauben durfte.“ Dieser Uebermuth
der Soldateska trieb die Indianer aus ihrer Schlaffheit auf, die
bedeutendsten und mächtigsten Häuptlinge der Insel traten zu einem
Bunde zusammen, um die fremden Eindringlinge zu vernichten. An der
Spitze der Verschwörung stand Caonabo. Diesen gefährlichsten Gegner zu
beseitigen, übernahm der verwegene Alonso Hojeda, welcher mit einer
Handvoll unternehmender Gesellen den feindlichen Caziken aufsuchte
und unter der Vorspiegelung besonderer Auszeichnung zu bereden wußte,
sich mit glänzenden Handfesseln schmücken zu lassen, an denen kleine
Glöckchen, woran die Indianer ganz besonders Gefallen fanden, befestigt
waren. Der auf solche Weise bereits halbgefangene Häuptling mußte
sich dann zu Hojeda auf sein Roß setzen, um dergestalt, mit den neuen
Abzeichen eines hohen Ranges geschmückt, in der Mitte seines Volkes zu
erscheinen. Statt aber in das Dorf, wie versprochen war, einzureiten,
jagte Hojeda mit seinem Gefangenen der Küste zu; die Indianer aber
wurden durch das kühne Auftreten des spanischen Ritters und durch
das ihnen unbekannte Roß so in Schrecken gesetzt, daß sie zu spät an
die Befreiung ihres Herren dachten. Hojeda kam glücklich, wenn auch
erschöpft und halbverhungert, mit seinem Gefangenen in Isabella an, wo
er den Caziken in die Burg ablieferte. Caonabo blieb hier, sorgfältig
bewacht, bis er von Columbus selbst auf seiner Rückreise mit nach
Spanien genommen wurde; aber er starb auf der See.

Der Admiral sah sich aus verschiedenen Ursachen bewogen, im Frühjahr
1496 nach Spanien zurückzukehren. Zwar war von Seiten der Regierung
ein strenges Verbot ergangen, welches allen privaten Handel mit der
neuen Colonie untersagte, daneben war es aber jedem Spanier gestattet,
dahin auszuwandern, und überdies durften Handelsschiffe zur Aufsuchung
neuer Länder über den Ocean und überall, ausgenommen in Haiti, Handel
treiben. Dadurch wurde offenbar das dem Entdecker der neuen Welt
gegebene Privilegium verletzt. Columbus wollte daher seine Gerechtsame
persönlich wieder in Erinnerung bringen, außerdem aber den Anfeindungen
und Verleumdungen, welche bereits gegen ihn und seine Verwaltung laut
wurden, entgegen treten. Bei dieser Gelegenheit sollten auch mehr als
200 Colonisten, welche dem Lande zur Last lagen und auf Staatskosten
erhalten werden mußten, zurück gebracht werden. So verließ denn der
Admiral, nachdem er die Verwaltung der Insel seinem Bruder Bartolome
als Adelantado übertragen hatte, am 10. März 1496 mit zwei Schiffen,
225 Spaniern und 30 Indianern Haiti, steuerte durch die Reihe der
kleinen Antillen, berührte Guadalupe und langte am 11. Juni in Cadiz an.


10. Die dritte Reise des Columbus und die Entdeckung Südamerikas.

Wiederum zog der Entdecker, wie bei seiner Rückkehr von der ersten
Fahrt, mit prunkendem Gefolge durch Spanien an den Königshof. Die
vornehmsten Indianer wurden mit goldenem Schmuck behängt, den sie
recht augenfällig zur Schau tragen mußten. Andere zeigten Gewürze und
feine Hölzer. Dadurch sollte der Glaube an den Reichthum der neuen
Länder wieder aufgefrischt und beim Volke verbreitet werden. Durch
die Sicherheit seines Auftretens wußte er selbst seiner Behauptung,
in Haiti das Ophir Salomos gefunden zu haben, Eingang zu verschaffen.
Zwar waren die Zeitverhältnisse seinen weiteren Plänen wenig günstig,
denn einerseits war Aragonien mit Frankreich in Krieg verwickelt und
alle verfügbaren Mittel und Kräfte des Landes wurden gesammelt, um
das Königreich Neapel den Franzosen wieder zu entreißen, andererseits
war die große Gönnerin des Columbus, die Königin Isabella, durch
Familienangelegenheiten, durch die bevorstehende Vermählung ihrer
Kinder, des Infanten Don Juan und der Infantin Dona Juana mit den
Kindern des Kaisers Maximilian, dem Erzherzog Philipp und der
Prinzessin Margarethe von Oesterreich, vollständig in Anspruch
genommen. Trotzdem fanden die spanischen Monarchen noch Gelegenheit,
den Bericht des Admirals anzuhören und ihm die wiederholte Versicherung
ihrer Gunst auszusprechen. Wenn somit auch nicht sofort zur Ausrüstung
eines neuen Geschwaders verschritten werden konnte, so fand Columbus
doch Gelegenheit, sich seine Privilegien von neuem bestätigen und die
Rechte eines Admirals neu verbriefen zu lassen. Auch die eigenmächtig
vorgenommene Ernennung seines Bruders Bartolome zum Statthalter
(~adelantado~) wurde nachträglich bestätigt. Eine neue Verzögerung
erlitt die Vorbereitung zur dritten Reise durch den unerwarteten Tod
des spanischen Thronerben Don Juan, am 4. October 1497. Die bereits
für die indischen Unternehmungen bewilligten Gelder mußten für den
französischen Krieg verausgabt werden, so daß erst im Januar 1498
zwei Schiffe mit Vorräthen nach Haiti, zur Versorgung der Colonie,
vorausgesendet werden konnten. Die fortdauernden Störungen seines
Planes, die in einflußreichen Kreisen offen zu Tage tretende Misgunst
gegen seine kostspieligen Unternehmungen lasteten schwer auf dem
ungeduldig harrenden Admiral und verstimmten ihn tief. Da für eine
neue, auf der Südseite der Insel anzulegende Colonie sich nur mit Mühe
eine hinlängliche Anzahl von Auswanderern freiwillig aufbringen ließ,
so verfiel Columbus auf den gefährlichen Gedanken, sein indisches
Reich mit Sträflingen zu bevölkern. Die spanischen Gerichte erhielten
die Anweisung, alle Verbrecher, welche mit Verbannung bestraft
werden mußten, nach Indien zu verweisen. Auch die portugiesische
Regierung hatte bei den Fahrten Gamas und seiner Nachfolger zu dem
Mittel gegriffen, einige Verbrecher zur Ausführung lebensgefährlicher
Unternehmungen, Kundschaften und dergleichen mit an Bord zu senden;
Columbus ging aber in seinem Plane weiter, und machte die Verbrecher zu
Colonisten, welche in der jungen, nur mühsam zu erhaltenden Ansiedlung
die Elemente der Unzufriedenheit und Gährung verstärkten. Dazu kam der
immer mehr zu Tage tretende Zwiespalt des Admirals mit dem Bischof
Fonseca als dem Leiter des indischen Amts, welcher sich den zu hohen
Anforderungen des Columbus überall widersetzte. In Folge dieser
Misstände und des Miskredits, dem die indischen Angelegenheiten bereits
unterlagen, konnte Columbus erst am 30. Mai 1498 die Rhede von San
Lucar de Barrameda an der Mündung des Guadalquivir mit sechs Schiffen
verlassen und in See gehen.

Um französischen Kaperschiffen, welche ihm vom Cap S. Vicente aus
den Weg verlegen wollten, auszuweichen, steuerte der Admiral auf
einem Umwege nach Madeira, wo er sich sechs Tage aufhielt, und dann
weiter nach den Canarien. Auf der Höhe der Insel Ferro entsandte
er drei Schiffe direct nach Haiti und gebot ihnen denselben Cours
einzuschlagen, welchen er 1493 genommen hatte, und an der Küste
Hispaniolas entlang zu seiner Colonie zu segeln, um derselben neue
Hilfsmittel zuzuführen. Er selbst ging weiter gegen Südwesten nach den
Capverden, indem er ein größeres Schiff und zwei Caravelen bei sich
behielt. Seine Absicht war, die heiße Zone aufzusuchen und in der Nähe
des Aequator über das Weltmeer nach Westen zu steuern, denn hier hoffte
er die kostbarsten Produkte zu finden. In dem allgemeinen Glauben der
Zeit, daß nur die heiße Zone neben den schwarzhäutigen Bewohnern auch
die edelsten Erzeugnisse hervorbringe, wurde er durch die Mittheilungen
eines angesehenen Seemanns bestärkt, welcher auf Anregung der Monarchen
ihm seine Gedanken darüber in einem schmeichelhaften Briefe[248]
mittheilte. Moisen Jaime Ferrer aus Blanes, einem catalonischen
Hafenorte nordöstlich von Barcelona, huldigte in seinem Schreiben
den überschwenglichen Vorstellungen, welche der Admiral von seiner
Sendung selbst hatte. Er nannte die Entdeckungsfahrt mehr göttlich
als menschlich, bezeichnete den Führer als einen Abgesandten Gottes,
welcher ausersehen sei, in den unbekannten Westen das Christenthum
zu tragen, wie einst der heilige Apostel Thomas nach dem Osten,
nach Indien gezogen sei. Er sprach dabei die Hoffnung aus, daß sein
Unternehmen zur Ehre Gottes und zu Nutz und Frommen der ganzen
Christenheit, besonders Spaniens gedeihen werde und behauptete, daß
nach allen seinen Erkundigungen, welche er in Syrien und Aegypten bei
den Händlern über die Herkunft der werthvollsten Produkte eingezogen
habe, Edelsteine, Gold, Gewürze und Droguen größtentheils aus der
heißen Zone stammten, und daß Columbus diese Dinge nur dort erst in
Ueberfluß antreffen werde, wo die Menschen schwarz oder dunkelhäutig
wären.

Diese Ideen waren für den Admiral maßgebend, und er machte sie sich
dergestalt zu eigen, daß er aus ihnen wiederum als aus unanfechtbaren
Lehrsätzen seine seltsamen kosmographischen Folgerungen zog. Wir
besitzen von Columbus selbst einen ausführlichen Bericht über den
Verlauf seiner dritten Reise,[249] in welchem diese merkwürdigen
Ansichten niedergelegt sind. Die eigenthümliche Gemüthsstimmung, welche
diese Erzählung durchweht, und welche die Behauptung Ferrers, daß
auch er den Columbus für das unmittelbare Werkzeug Gottes halte, noch
verstärkte, lernen wir am besten aus den eigenen Worten des Entdeckers
kennen, mit denen er den Verlauf seiner ersten Fahrten und die später
lautwerdende Misgunst berührt. „Ich zog aus,“ schreibt der Admiral,
„im Namen der heiligen Trinität und kehrte bald wieder heim, mit dem
Beweis in der Hand von alle dem, was ich gesagt hatte. Ew. Hoheiten
schickten mich zum zweitenmale und ich entdeckte in kurzer Zeit durch
Gottes Gnade das Festland im äußersten Osten auf einer Strecke von 330
Leguas,[250] und dazu noch 700 Inseln. (!) Ich umsegelte die Insel
Hispaniola, welche größer als Spanien ist.“ Diese arge Uebertreibung
erklärt sich nur daraus, daß Columbus, ohne eigne Berechnung einfach
die auf den Karten (man vergleiche den Globus Behaims) niedergelegte
Größe Cipangus (denn dafür hielt er die Insel Haiti), mit jener von
Spanien verglich und beide Länder ziemlich gleichgroß gezeichnet
fand; denn in Wahrheit ist Spanien mindestens sechsmal und die ganze
pyreneische Halbinsel, welche Columbus wahrscheinlich im Auge hatte,
sogar mehr als siebenmal so groß wie Haiti. „Dann,“ fährt der Admiral
fort, „erhoben sich Klagen und Verdächtigungen, um meine Unternehmungen
zu verkleinern, weil ich nicht gleich mit goldbeladenen Schiffen
heimkehrte. Die Kürze der Zeit und andere Hemmnisse wurden dabei nicht
in Rechnung gebracht. Daher fiel ich, entweder wegen meiner Sünden
oder zu meinem Heile, wie ich glaube, in Misgunst und fand bei allem,
was ich sagte und wünschte, Widerstand.“ Weiter zeigt er dann mit
ausführlichen historischen Belegen, daß er für Spanien das Goldland
Ophir wiedergefunden und in Besitz genommen habe. „Von den Capverden
segelte ich 480 ~millas~ oder 120 Leguas gegen Südwesten (Anfang
Juli), wo ich fand, daß der Polarstern 5 Grad hoch stand. Da trat
Windstille ein,[251] die Hitze war so groß, daß ich fürchtete, Schiffe
und Mannschaften würden versengt. Kein Mann wagte sich unter Deck,
um auf Wasser- und Mundvorräthe zu achten.[252] Diese Hitze dauerte
acht Tage; am ersten Tage war der Himmel klar, am zweiten wurde es
nebelig und regnete es; aber wir fanden keine Erleichterung, so daß
ich glaube, wir wären alle umgekommen, wenn die Sonne wie am ersten
Tage geschienen hätte. Nach acht Tagen sandte mir Gott einen günstigen
Wind und ich steuerte nun nach Westen.“ Columbus gab also den weitern
Cours gegen Südwesten auf, weil er sich von seinen frühern Fahrten
erinnerte, daß er jenseits von 100 Leguas westlich von den Açoren stets
eine merkliche Abnahme der Hitze beobachtet hatte und daher auch jetzt
die Region der milderen Temperatur aufzusuchen beschloß. Unter der
Breite von Serra Leona, wie er meinte, steuerte der Admiral 17 Tage
mit günstigem Winde nach Westen und fand am Morgen des 31. Juli Land.
Es war eine in drei Bergen aufsteigende Inselküste. Unter dem Gesange
des ~Salve regina~ näherte man sich in freudiger Erregung dem Strande.
Die Insel erhielt den Namen +Trinidad+, das zuerst berührte Vorgebirge
wurde Cabo de la Galea (jetzt Cap Galeota) benannt. Man hatte also die
südlichste der kleinen Antillen erreicht, welche nahe an der Küste des
südamerikanischen Continentes liegt. Dieser zunächst gelegene flache
Streifen des Festlandes erhielt den Namen Gracia. Auf Trinidad bemerkte
man Häuser, von gutgepflegten Gärten umgeben und zahlreiche Menschen.
Auch Böte ließen sich blicken, aber scheu vermieden die Schiffer jede
Annäherung an die fremdartigen großen Fahrzeuge. Man suchte sie durch
Lockmittel, auch durch Musik, die vom Verdeck ertönte, zu bewegen,
näher zu kommen; aber vergebens. Man sah nur aus der Ferne, daß sie mit
Bogen und Pfeilen und hölzernen Schilden bewaffnet waren, und bemerkte
mit Staunen, daß diese Indianer eine viel hellere Hautfarbe hatten,
als die früher gesehenen. Ihre Haare waren nach spanischer Art vor
der Stirn abgeschnitten.[253] Als Bekleidung trugen sie nur einen aus
buntfarbigen Baumwollfäden gefertigten Schamgürtel.

An der Südküste Trinidads segelte der Entdecker gegen Westen, erreichte
am 1. August die westliche „Sandspitze“ der Insel, welche sich auf
zwei Leguas dem gegenüberliegenden Orinocodelta nähert. Trichterartig
verengt sich gegen Westen der Ocean zwischen Insel und Festland und
drängt die gewaltigen Massen süßen Wassers, welche sich aus den
Deltaarmen des Orinoco ergießen, unter der Wucht des nordwestlich
flutenden Aequatorialstromes zu der immer enger werdenden Straße nach
dem Pariagolfe. Das Wasser strömte mit solcher Gewalt in den Golf
hinein, wie der Guadalquibir bei Hochwasser, also ungefähr 2½ Meilen
in einer Stunde. „Wenn man weiter nach Norden fahren will,“ schreibt
Columbus, „so trifft man auf eine Reihe von Stromschnellen, welche
den Canal durchsetzen und einen furchtbaren Lärm machen. Ich glaubte,
dies komme von Felsen und Riffen, welche den Eingang sperren. Dahinter
zeigten sich zahlreiche tosende Strudel, wie wenn die Wogen sich über
Felsen brechen.“ Außerhalb des Canals gingen die Schiffe vor Anker,
denn Columbus fürchtete wegen der Strömung nicht zurückkehren und wegen
der vor ihm liegenden Untiefen nicht vorwärts kommen zu können. „Tief
in der Nacht vernahm ich vom Decke des Schiffes aus ein furchtbares
Getöse, welches von Süden her gegen das Schiff kam.“ Die wirbelnden
schiffshohen Wasserberge, welche heranrollten, drohten die Schiffe zu
kentern. Columbus war von Jugend auf mit den mannigfachsten Gefahren
der See vertraut, aber niemals war er durch die übermächtigen Gewalten
des Ocean so in Angst und Schrecken versetzt, als hier.[254]

„Am folgenden Tage,“ erzählt Columbus weiter, „sandte ich unsere Böte
aus, um die Straße zu sondiren. Man fand 6 bis 7 Faden Tiefe, aber in
heftigen Gegenströmungen flutete das Wasser hier in den Golf hinein und
dort wieder aus demselben heraus. Doch gefiel es Gott, uns günstigen
Fahrwind zu geben, und so passirte ich diese Straße glücklich und kam
bald in ruhiges Wasser. Zum Erstaunen der ganzen Mannschaft war das
Wasser im ganzen Golfe, wo man es auch schöpfte, süß und trinkbar.
Columbus steuerte nordwärts über das Becken des Golfs auf die gebirgige
Halbinsel +Paria+ zu, welche die Bucht im Norden abschließt. Hier
zeigte sich ein zweiter, noch engerer und gefährlicherer Schlund,
wo sich thurmartig einzelne dunkele Klippen aus der brandenden Flut
erhoben. Die Küste der Pariahalbinsel zog sich gegen Südwesten, und da
Columbus in dieser Richtung eine ruhige Fahrt hoffte, wendete er sich
nach Westen. Je weiter man kam, desto frischer und gesunder zeigte
sich das Wasser. Das Land schien angebaut, das Geschwader ging vor
Anker, Böte wurden zur Kundschaft ans Gestade geschickt, aber die
Hütten waren verlassen. Weiter im Westen, wo das Land flacher wurde,
hoffte man mehr Menschen zu finden und wünschte mit ihnen in Verkehr
zu treten. Wiederum wurden an der Mündung eines Flusses die Anker
ausgeworfen. Dort waren die Eingeborenen zutraulicher, näherten sich
den Fremden und gaben an, daß ihr Land Paria heiße, und daß dasselbe
weiter gegen Westen noch mehr bewohnt sei. Dies bestätigte sich auch
bald, als man noch weiter an dem Lande entlang segelte. Reizende,
dicht bewohnte Gegenden luden zum Verkehr ein. Die Eingeborenen kamen
an Bord und baten den Admiral, im Namen ihres Königs, ans Land zu
kommen. Sie trugen Goldschmuck auf der Brust und mit Perlen besetzte
Armbänder. Auf die Nachfrage, wo die Perlen gefunden würden, wiesen
sie nach Norden und bemerkten, die Fundstätten lägen nicht allzufern.
Am Lande zeigten sich die Indianer sehr höflich, die Häuptlinge an
ihrer Spitze empfingen sie, führten sie zu großen, geräumigen Häusern,
wo man die Gäste zum Niedersitzen nöthigte und mit Brod, Früchten und
verschiedenen Arten von rothem und weißem Wein bewirthete, welcher
nicht aus Trauben, sondern aus anderen Früchten bereitet war. Leider
konnte man sich nur wenig verständigen, weil man keine Dolmetscher
hatte. Von dem Mais, welchen sie anbauten, nahm Columbus später mit
nach Spanien, um dieses amerikanische Getreide auch nach der alten
Welt zu verpflanzen. Das Gold, womit sie sich schmückten, stammte
aus den Bergen an der Grenze des Landes, doch warnte man die Spanier
durch Zeichen, sich nicht dahin zu wagen, weil dort Menschenfresser
wohnten.[255]

Aber Columbus hatte nicht die Absicht, sich dahin zu wenden, noch auch
die Perlenbänke zu besuchen, denn die Mundvorräthe drohten bei der
längeren Dauer der Reise zu verderben, auch waren die Schiffe für eine
schwierige Entdeckungsfahrt nicht mehr geeignet, und endlich litt er
selbst an den Augen und fürchtete, wie es auf einer der früheren Reisen
schon geschehen war, zeitweilig des freien Gebrauchs des Augenlichts
beraubt zu werden. Da er Paria noch für eine Insel hielt, so hoffte
er sie westlich umsegeln zu können, um sich dann nordwärts zu wenden.
Ein Caravele wurde zur Prüfung des Fahrwassers vorausgesendet, man
fand aber leider, daß sich der Golf westwärts immer mehr verengte,
daß unter dem Einströmen zahlreicher Flüsse das Wasser der Bucht
vollständig Süßwasser werde, daß demnach nach dieser Richtung kein
Ausgang zu finden sei. Man mußte also umkehren, konnte aber der
Strömung wegen nicht an dem bisher besuchten und bevölkerten Gestade
von Paria wieder entlang gehen, sondern mußte, der Wirbelbewegung des
Wassers im Golfe folgend, an den flachen Ufern der Orinocoinseln hin
fast bis zum südlichen Eingang zurücksegeln und dann nordwärts den
einzigen Ausweg durch den gefürchteten Drachenschlund zwischen Trinidad
und Paria wählen. Die Erscheinung der stürmischen Wirbel an den
beiden Ausgängen aus der Pariabucht erkannte der Admiral richtig als
die Folge des Zusammenstoßes der gewaltigen Wassermassen, welche der
Orinoco ergoß, mit der Strömung des Meeres und bezeichnete die Insel
Trinidad als ein durch die abspülende Kraft der Gewässer losgetrenntes
Stück des Continents. Am 13. August gelang es dem Geschwader glücklich
die gefürchtete Straße des Drachenschlundes zu passiren und in das
caribische Meer zu kommen. „Als ich den Drachenschlund verließ,“
berichtet der Admiral weiter, „strömte das Meer so mächtig westwärts,
daß ich in einem Tage 65 Leguas zurücklegen konnte; und dabei blies
nicht etwa ein starker Wind, sondern es wehte ganz gelinde, was mich zu
dem Schlusse führte, daß das Meer gegen Süden beständig ansteigt und
dem entsprechend gegen Norden abfällt. Ich halte es für sicher, daß das
Meerwasser sich mit dem Himmel von Osten nach Westen bewegt und daß es,
weil es in diesem Striche reißender fließt, so viel Land abgespült hat,
woher die große Zahl von Inseln -- Columbus hat die Reihe der kleinen
Antillen im Auge -- entstanden ist. Und in der That bieten diese Inseln
einen weiteren Beweis dafür, da einerseits alle diejenigen Eilande,
welche sich von Osten nach Westen oder genauer von Nordwesten nach
Südosten erstrecken, breit sind, andererseits diejenigen, die sich von
Norden nach Süden oder von Nordosten nach Südwesten ausdehnen, schmal
und kleiner sind. Allerdings scheinen die Wasser in einigen Strichen
nicht dieselbe Strömungsrichtung zu haben; aber man trifft dies nur an
vereinzelten Stellen, wo sie, durch Land aufgehalten, in eine andere
Richtung gedrängt werden.

Neben diesen großartigen Anschauungen über physische Erdkunde begegnen
wir auch den wunderlichsten Vorstellungen über die Gestaltung der Erde,
die jemals ein Seefahrer ausgesprochen. Aus falschen Voraussetzungen,
ungenauen astronomischen Beobachtungen und irrigen Verknüpfungen der
Naturerscheinungen mit ein für allemal bei dem Entdecker feststehenden
Lehrsätzen, die er aus seiner mittelalterlichen Kosmographie geschöpft
hatte, baute er sich ein System von Schlüssen auf, welches in der
ungeheuerlichen Behauptung gipfelte, +die Erde habe nicht Kugelgestalt,
sondern sei wie eine Birne+ geformt.

„Irrige Beobachtungen der Bewegungen des Polarsternes in der Nähe
der açorischen Inseln hatten Columbus schon auf seiner ersten Reise
bei der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse zu dem Glauben an
eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde geführt.“ Dieser
Ausspruch Humboldts[256] findet seine Erklärung in den Bemerkungen des
Columbus über seine dritte Reise. „Ich bemerkte,“ sagt er, „daß ich den
Polarstern während der Nacht in einer Höhe von 5 Grad hatte und seine
Geleitsterne (die Sterne β und γ des kleinen Bären) grade über dem
Kopfe; dann um Mitternacht befand sich der Stern in 10 Grad Höhe und
bei Anbruch des Tages waren die Begleiter zu Füßen, in 5 Grad Höhe. Ich
sah das mit Staunen, beobachtete die Sterne mehrere Nächte hindurch auf
das sorgfältigste und mußte, da ich meine erste Wahrnehmung bestätigt
fand, es für etwas ganz +neues+ ansehen, daß auf einem so kleinen
Raume eine so große Differenz am Himmel vor sich gehen könne.“[257]
Zur Erklärung dieser „neuen“ Thatsache verfiel nun Columbus auf die
Birnengestalt der Erde. Man wird den Trugschlüssen, welche zu diesem
Resultate führten, um so leichter folgen können, wenn wir auch im
Folgenden die eigenen Worte des Admirals wiedergeben, und dadurch
zugleicherzeit die historische Localfarbe des Gemäldes bewahren.

„Ich habe stets gelesen, daß die Welt, Land und Wasser zusammen,
sphärisch sei, und die von Ptolemäus gemachten Beobachtungen, so
wie diejenigen der anderen Gelehrten, welche über diesen Gegenstand
geschrieben, haben durch die Mondfinsternisse und andere Erscheinungen
oder Beweise, welche in der Richtung nach Osten und Westen beobachtet
sind, so wie durch die Erhebung des Poles über den Horizont von Süden
nach Norden, dasselbe dargethan.“

„Ich sah aber eine so große Unregelmäßigkeit (~disformidad~,
Unterschied in der Elevation des Polarsternes), daß ich mir eine
andere Vorstellung von der Welt machte, und daß ich daraus schloß,
sie sei nicht rund, wie man es bisher beschrieben hat, sondern wie
eine Birne gestaltet (~de la forma de una pera~), welche vollkommen
rund ist, mit Ausnahme der Stelle, wo der Stil ansetzt, oder auch wie
ein ganz runder Ball, an dem auf irgend einem Punkte eine Art Warze,
wie die Brustwarze einer Frau, aufgesetzt ist, und daß dieser Punkt
der Warze höher und dem Himmel näher liegt und im äußersten Osten im
Ocean sich unter dem Aequator befindet. Ich nenne den äußersten Osten
jene Gegend, in welcher alles Land und alle Inseln endigen.[258] Zur
Unterstützung dieser Ansicht verweise ich auf die Linie 100 Meilen
westlich von den Açoren,[259] von wo gegen Westen sich die Schiffe
sanft gegen den Himmel erheben und man sich einer milderen Temperatur
erfreut. Die Magnetnadel verändert in Folge dieser Milde ihre Richtung
um einen Viertelswind, und je mehr man westwärts kommt und sich (zu
der Anschwellung der Birnenform) erhebt, um so mehr weist die Nadel
nach Nordwesten. Und diese Erhebung bewirkt die Abweichung des Kreises,
welchen der Polarstern mit seinen Begleitern beschreibt. Je mehr man
sich dem Aequator nähert, desto höher erheben sich die Gestirne über
den Horizont und desto größer wird der Unterschied in den Kreisen sein,
welche die Begleitsterne beschreiben. Ptolemäus und andere Gelehrte,
welche von dieser Welt geschrieben haben, betrachten die Erde als
kugelförmig und meinen, daß sie es überall ebenso sein müsse wie an
jenen Orten, wo sie sich befanden; namentlich auf jener Hemisphäre,
deren Mittelpunkt mit der Insel Arin zusammenfällt,[260] welche unter
dem Aequator (!) zwischen dem arabischen und persischen Meerbusen
liegt. Die Grenzen dieser Hemisphäre laufen im Westen durch das Cap
S. Vincente in Portugal, im Osten durch Cangara (Cattigara) und das
Land der Serer (vgl. oben S. 6. und 7.); und so findet sich keine
Schwierigkeit anzunehmen, daß die Erde auf dieser Hälfte kugelförmig
sei. Aber die westliche Erdhälfte gleicht einer halben Birne mit der
Anschwellung am Stiel. Ptolemäus und die übrigen, welche über die Welt
geschrieben haben, kannten diesen Theil der Erde nicht, der damals
unbekannt war, und so urtheilten sie nur nach der sphärischen Gestalt
auf der ihnen bekannten Seite.“

„Allein auf der von mir entdeckten Erdseite,“ meint Columbus, „liegen
die Verhältnisse anders und nöthigen zu anderen Schlußfolgerungen.
Denn an der Küste Afrikas, unter dem Parallel von Arguin (vgl. oben S.
91) fand ich die Bewohner dunkel und die Erde wie ausgeglüht. Unter
der Breite der Capverden waren die Eingebornen noch schwärzer[261]
und je weiter nach Süden, desto schwärzer dergestalt, daß unter dem
Parallel von Serra Leona, wo der Polarstern sich 5 Grad erhebt, auch
die allerschwärzesten Menschen wohnen.“

„Bei meiner Fahrt von hier gegen Westen stieg anfangs die Hitze noch
aufs höchste; so bald ich aber die Grenzlinie (100 Meilen westlich
von den Açoren) überschritten hatte, fühlte ich, wie die Temperatur
milder wurde, so daß mir bei der Insel Trinidad und dem Lande Gracia,
welche gleichfalls unter dem 5. Grad n. Br. liegen,[262] das Klima so
milde erschien, und Felder und Bäume so schön grün waren, wie im Monat
April in den Gärten von Valencia. Dazu waren die Eingebornen nicht
so dunkel, als ich sie früher in Indien gesehen hatte. Die liebliche
Temperatur rührt nur von der Höhe dieses Theils der Erdoberfläche her.
Folglich kann die Erde hier nicht sphärisch gestaltet sein.“

Wenn schon zu diesen mit großer Zuversicht ausgesprochenen neuen
Lehrsätzen Alexander von Humboldt bemerkt,[263] daß die Hypothese
von der Unregelmäßigkeit der Figur der Erdkugel einen Mangel an
mathematischen Vorkenntnissen und eine Verirrung der Einbildungskraft
verrathe, die uns mit Recht überraschen müsse; so wächst unser
Erstaunen und unsere Verwunderung noch mehr, wenn wir aus dem Munde des
Columbus vernehmen, daß er sich in Bezug auf astronomische Vorgänge
auf den naivsten Standpunkt des Kinderglaubens der Naturvölker stellt.
Um nämlich zu beweisen, daß auf jener birnenförmigen Anschwellung das
irdische Paradies liege, und daß er selbst so glücklich gewesen sei,
in dessen Nähe zu kommen, fährt er in seiner Deduction also fort: „Was
aber noch besonders zur Unterstützung meiner Ansicht beiträgt, ist
dieses: Als der Herr die Sonne schuf, geschah es am +ersten Punkte des
Orients+, wo +das erste Licht erschien+ (!)[264] und wo die höchste
Erhebung der Erde ist. Obwohl nun Aristoteles der Ansicht gewesen, daß
der antarktische Pol oder das Land unter ihm der höchste Theil der
Erde und dem Himmel am nächsten sei,[265] haben doch andere Gelehrte
sich dagegen erklärt und sich für den arktischen Pol ausgesprochen.
Demnach scheint also die Annahme gerechtfertigt, daß +ein+ Theil der
Erde dem Himmel näher sei als der andere. An die äquatoriale Zone
dachten sie nicht, und das ist keineswegs zu verwundern, denn über
diese Region fehlte es an einer genauen Kenntniß, da vor mir noch
niemand zur Entdeckung ausgesendet worden.“ „Dort nun,“ führt Columbus
aus, „in der Nähe des Drachenschlundes rasen die Wasser des Oceans
und kämpfen mit den Ergüssen des Orinoco, welche mit ungeheurer Wucht
nach den Ausgängen des Golfes von Paria drängen.“ Diese gewaltigen
Strömungen lassen sich nach seiner Meinung nicht anders deuten, als daß
die Süßwasserströme aus einer bedeutenden Höhe (von der birnenförmigen
Anschwellung) herabrauschen, auf welcher das irdische Paradies gelegen
ist.

„Die heilige Schrift bezeugt, daß unser Herr das irdische Paradies
schuf, und daß dort vier Flüsse aus einer Quelle entspringen. Ich finde
nicht und habe noch nie gefunden irgend eine Schrift der Griechen oder
Lateiner, welche genau die Lage des Paradieses angebe und habe es noch
auf keiner Karte gefunden, welche nach zuverlässigen Angaben gemacht
ist. Einige verlegen es nach Aethiopien an die Quellen des Nil; aber
andere, welche diese Länder durchzogen, fanden weder die Temperatur,
noch die Sonnenhöhe ihren Ideen entsprechend. Andere wieder haben das
Paradies auf den Canarischen Inseln gesucht.“

„St. Isidor, Beda, Strabon (Walafried Strabo, der Verfasser der
scholastischen Geschichte) und St. Ambrosius, Scotus und alle gelehrten
Theologen stimmen darin überein, daß das Paradies im Osten lag. Ich
nehme nicht an, daß das irdische Paradies auf einem steilen Berge
liege, wie man es uns gelehrt hat, sondern daß dasselbe auf der Höhe
der angedeuteten Anschwellung der Erde gelegen sei, welche sich aus
weiter Ferne in unmerklichem Ansteigen erhebt, und daß niemand auf
den Gipfel kommen kann; daß aber alle die Wasser, welche hier die See
bedecken (am Golfe von Paria), von dort herabkommen. Auch glaube ich
nicht, daß dieser erhabene Ort schiffbar ist oder daß dort Wasser sich
findet, vielmehr halte ich es für unmöglich, dahinanzusteigen, weil
ich überzeugt bin, daß ohne den Willen Gottes niemand zu dem Orte des
irdischen Paradieses gelangen kann.“

„Es sind hier also gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses,
und die Ansichten der heiligen und gelehrten Theologen stimmen mit
meinen Beobachtungen überein. Und wenn die Wasser (des Orinoco) nicht
aus dem irdischen Paradiese kommen, so scheint das ein noch größeres
Wunder zu sein, weil ich nicht glaube, daß man auf der ganzen Welt
einen so mächtigen und tiefen Fluß findet. Und ich glaube,“ fügt
Columbus an einer andern Stelle hinzu, „daß, wenn der erwähnte Fluß
nicht aus dem irdischen Paradiese käme, derselbe in einem ausgedehnten
Lande im Süden entspringen müßte, von welchem wir bisher noch keine
Kunde gehabt haben.“

Las Casas läßt den Entdecker sogar die Worte gebrauchen: „Sollte
es doch ein Festland sein, so wird die gelehrte Welt tief darüber
erstaunen.“[266] Der Verfasser der ~vida del Almirante~ berichtet dazu
noch bestimmter, daß Columbus, nachdem er mehrere Inseln entdeckt
hatte, überzeugt gewesen sei, in Paria das Festland erreicht zu haben,
weil er darin einen mächtigen Strom gefunden, und weil er die Angabe
der Bewohner auf den kleinen Antillen bestätigt gesehen, welche von
einem großen Lande im Süden gesprochen. Um so befremdender erscheint
das Benehmen des Admirals, der schon am zweiten Tage, nachdem er
den Drachenschlund glücklich durchsegelt hatte, mit der Strömung
gegen Nordwesten zwischen den Testigos und der Insel Margarita
hindurchsteuernd, die kaum als continental erkannten Küsten wieder
verließ und, indem er die begonnene Entdeckung kurz abbrach, nach Haiti
segelte.

War der Eindruck seiner Paradies-Hypothese so mächtig, daß er sein
Auge gegen die ermittelte Existenz einer großen Landmasse verschloß,
oder beherrschten seine Autoritäten, welche in diesen Erdstrichen
von einem Festlande nichts wußten und nichts berichteten, auch jetzt
noch seine Ansichten so sehr, daß er ihnen gegenüber und ihnen
entgegengesetzt nicht auszusprechen wagte, was der Augenschein lehrte?
Das Räthsel wird nicht gelöst durch die vorgebrachte Entschuldigung,
es habe seinen Schiffen bereits an Lebensmitteln gefehlt und er selbst
sei von einem Augenleiden befallen gewesen, so daß er sich von den
Piloten habe berichten lassen müssen. Denn wenn er wirklich zu einer
längeren Erforschungsreise ausgerüstet war, konnten doch die Vorräthe
nach Verlauf von 14 Tagen (denn länger weilte er nicht an der Küste
Südamerikas) nicht schon erschöpft sein. Auch auf den früheren Reisen
war er wochenlang durch Krankheiten an der persönlichen Leitung
der Schiffe behindert, ohne seine Unternehmungen deshalb sofort
abzubrechen. Vielleicht war es, wie Peschel angibt,[267] innere Unruhe
über das Schicksal der Colonie, die er seit 29 Monaten verlassen;
weniger wohl Besorgniß, daß die Lebensmittel, welche er zuführte,
verderben möchten, denn der größere Theil seiner Flotte war bereits von
den Canarien aus direct nach Hispaniola gegangen.

Daß er selbst den rein geographischen Werth seiner neuen Entdeckung
weniger würdigte, darf man wohl aus den wunderlichen Theorien
schließen, welche er darauf aufbaute, und daß er gegen die
Weiterführung der Küstenaufnahmen ziemlich gleichgültig geworden war,
spricht auch Humboldt aus:[268] „Columbus legte bei seiner dritten
Reise mehr Werth auf die Perlen der Insel Margarita und Cubagua als auf
die Entdeckung der Terra firma, da er bis zu seinem Tode fest überzeugt
war, schon im November 1492 auf seiner ersten Reise in Cuba einen Theil
des festen Landes von Asien berührt zu haben.“

Möglicherweise wollte er auch den immer lauter werdenden Widersachern
in Spanien nicht neue Veranlassung zu dem schon oft gehörten Vorwurf
geben, daß er in nutzlosen Fahrten viel Geld vergeude, sondern wollte
sich ganz der Pflege und Ausbeutung seiner Colonie widmen, um sie
so bald wie möglich von den Unterstützungen durch das Mutterland
unabhängig zu machen.

In fünf Tagen segelte das Geschwader von der Küste des Continents
über das caribische Meer nach Haiti. Die westliche Abdrift führte
die Schiffe über ihr Ziel hinaus, so daß, als Columbus das Ufer
seines Coloniallandes erreicht hatte, der Cours, nach Osten zurück,
eingeschlagen werden mußte, um den Platz der neuen von Bartolomé Colon
gegründeten Stadt San Domingo zu erreichen, welche an der Mündung des
Ozamáflusses lag.


11. Die Zustände auf Haiti und die Gefangennahme des Columbus.

Während der Abwesenheit des Vicekönigs hatte sein Bruder Bartolomé als
Adelantado oder Statthalter die Colonie verwaltet, die Zahl der festen
Häuser auf der Insel vermehrt und die Häuptlinge zur Anerkennung der
spanischen Oberhoheit gebracht. Der ihnen auferlegte Tribut bestand
entweder in Gold oder in anderen den Spaniern willkommenen Erzeugnissen
des Landes. Unter dem thätigen Hieronymiten Fray Ramon Pane, welcher
innerhalb eines Jahres die Sprache der Eingeborenen erlernte, und unter
dem Franziskaner Fray Juan Borgoñon hatte das Bekehrungswerk unter den
Indianern begonnen. Nach dieser Richtung war also die Befestigung der
Colonie in günstiger Entwicklung begriffen. Anders verhielt es sich
mit den eingewanderten Spaniern, den Soldaten und Colonisten. Hier
trat der tiefe Gegensatz der Nationalitäten immer greller zu Tage. Daß
sie genuesischen Fremdlingen gehorchen mußten, ertrug ihr Stolz mit
Widerwillen. Der Adelantado forderte strenge Manneszucht; statt des
erträumten glückseligen Lebens, dessen Vorspiegelungen sie über das
Meer gelockt hatten, warteten ihrer angestrengte Arbeiten, sollten sie
mit Entbehrungen aller Art, selbst mit Hungersnoth kämpfen und wurden
in unablässigen Märschen nach allen Theilen des Landes ermüdet.

Während der Abwesenheit des Statthalters brach in der Stadt Isabella
der Aufstand aus. Der Commandant Diego Colon, dem es überhaupt an
Energie zu fehlen schien, gerieth in eine mißliche Lage, um so
mehr, als der Oberrichter +Francisco Roldan+ sich an die Spitze der
Unzufriedenen stellte. Bei der Rückkehr des Adelantado mußte Roldan
mit seinem Anhange aus der Stadt weichen, fuhr aber fort, die Familie
des Columbus zu verdächtigen und zu schmähen als Feinde des spanischen
Blutes. Auch das wurde besonders den Genuesen zum Vorwurf gemacht, daß
sie die Goldminen als Familienmonopol behandelten. Um die Indianer
für sich zu gewinnen, erklärte Roldan ihnen, er wolle sie gegen die
Bedrückungen des Statthalters schützen. In Folge dessen verweigerten
jene den Tribut und lieferten keine Nahrungsmittel mehr. Selbst
die treugebliebenen Spanier wurden durch die nun eintretende Noth
entmuthigt und begannen zu desertiren, und wenn nicht im Anfange des
Jahres 1498 zwei Schiffe von Spanien neue Lebensmittel und Mannschaften
gebracht, so hätte schon damals die Colonie sich vielleicht
aufgelöst. Durch diese Zufuhr gewann Bartolomé Colon neue Kräfte,
die aufrührerischen Caziken zu bändigen und Roldan in den entfernten
Gau von Jaragua zu verdrängen, wo derselbe sich einem üppigen Leben
hingab und seinem Gefolge Zügellosigkeiten und Bedrückungen aller Art
gestattete. Ende Juli kamen die drei von Columbus vorausgesendeten
Schiffe an die Südseite von Haiti, wo Roldan Gelegenheit fand, sofort
einen Theil der neuen Ankömmlinge auf seine Seite zu ziehen, und grade
einen Monat später traf auch der Admiral selbst bei der neugegründeten
Stadt San Domingo ein. Vor allem war ihm daran gelegen, den Unfrieden
unter den Spaniern, durch welchen die Entwicklung der Colonisation
vollständig gelähmt wurde, zu beseitigen. Da er sah und hörte, daß
viele des unerquicklichen Lebens und Treibens auf der Insel überdrüssig
geworden waren, denn man vernahm oft den auffälligen Schwur: „So
wahr mich Gott wieder nach Castilien bringe“, so erließ Columbus
eine Bekanntmachung, in welcher er jedem Spanier gestattete, auf
einem der fünf zur Abfahrt nach Spanien vorbereiteten Schiffe in die
Heimat zurückzukehren. Er hoffte dadurch besonders die Zahl seiner
Widersacher und der Misvergnügten zu lichten. Aber Roldan und seine
Partei gingen darauf nicht ein; sie hielten sich für mächtig genug,
dem Vicekönige zu trotzen. Dieser ließ sich dann sogar dazu herbei,
einen freundlichen Brief an den Oberrichter zu schreiben und eine
Versöhnung anzutragen, fand aber auch dafür kein Gehör; denn seine
Gegner erkannten seine hilflose Lage, daß er ohne Geld gekommen und
seinen Soldaten den rückständigen Sold nicht bezahlen, sich bei einem
ausbrechenden Kampfe also auch nicht auf sie verlassen konnte.

Die Flotte, auf welcher Columbus gekommen war, mußte, nach dem Vertrage
mit den Rhedern, binnen Monatsfrist wieder abgefertigt werden, und
wenn er sie auch bis über sechs Wochen zurückbehielt, so mußte er
sie doch endlich am 18. October entlassen, ohne, wie er gewünscht
hatte, den spanischen Monarchen von dem wiedergewonnenen Frieden in
der Colonie berichten zu können. Er schilderte in seinem Briefe seine
Gegner als Diebe, Schurken, Räuber und Landstreicher und erklärte in
seiner Aufregung, er werde sich noch genöthigt sehen, die äußersten
Gewaltmaßregeln anzuwenden, um diese Friedensstörer zu vernichten.

Natürlich hatte auch die Gegenpartei Gelegenheit gefunden, in einem
Schreiben an die Regierung ihr Verhalten zu begründen und über
den Admiral und seine Verwandten die ärgsten Beschuldigungen von
Willkürherrschaft und Grausamkeit vorzubringen, wodurch die Feindschaft
gegen die Genuesen am spanischen Hof neue Nahrung gewann. Das konnte
freilich nicht ohne bedenkliche Folgen auf die Anschauung der Monarchen
bleiben.

Columbus sah sich wieder zu neuen Verhandlungen getrieben und mußte
schließlich, wenn auch widerstrebend, unter schimpflichen Bedingungen
mit den Meuterern Frieden machen. Dieselben erhielten demgemäß zwei
Schiffe mit Proviant, um nach Spanien zurückkehren zu können. Auch
mußte ihnen der Vicekönig einen Schein ausstellen, wonach ihnen der
rückständige Sold in Spanien bezahlt werden sollte und ertheilte ihnen
schließlich sogar noch das Zeugniß, daß sie sich in Indien um den König
wohl verdient gemacht hätten. Alle, welche in Indien bleiben wollten,
erhielten freie Geleitsbriefe.

Weil aber Columbus die versprochenen Schiffe zur gesetzten Frist nicht
ausrüsten konnte, erklärten seine Gegner auch diesen Vertrag für
nichtig. So dauerte die Zwietracht bis zum September 1499. Endlich
bequemte sich Columbus sogar dazu, Roldan wieder als Oberrichter
einzusetzen, dessen Parteigenossen mit Ländereien zu beschenken und
zu gestatten, daß, wenn der rückständige Sold nicht voll ausgezahlt
werde, die Meuterer das Recht haben sollten, diese Zusagen mit Gewalt
zu erzwingen.

Tiefer konnte sich ein Statthalter nicht erniedrigen, als in solcher
Weise den Aufruhr durch Belohnung auszuzeichnen. Zwar hatte Columbus
gar nicht die Absicht, diese Versprechungen zu halten, und darum den
Vertrag an Bord eines Schiffes unterzeichnet, wo er, wie er sich selbst
und auch seinem königlichen Herrn zu bereden suchte, nur in seiner
Stellung als +Admiral+ rechtskräftige Urkunden unterzeichnen konnte,
während der Ausgleich mit den Meuterern hätte von ihm auf dem Lande in
seiner Eigenschaft als +Vicekönig+ vollzogen werden müssen.[269] Aber
zeigte er durch solche Handlungs- und Denkweise nicht auf das klarste,
daß ihm zu einer höchsten Verwaltungsstelle alle Befähigung abging?

In Spanien hörten die Klagen gegen ihn nicht auf. Daß er den Antheil
der Krone an der Ausbeute aus den Goldminen nicht rechtzeitig
einsandte, nannte man bereits Unterschlagung; und daß er den
Oberrichter Roldan, den er selbst gleichsam als seinen Liebling
großgezogen und zu der hohen Stellung vorgeschlagen hatte, jetzt als
seinen gefährlichsten Feind bezeichnete, mußte Bedenken erregen. Die
Königin war erzürnt, daß Columbus mit dem letzten Geschwader wiederum,
um dem Fiscus Geld zuzuführen, eine Fracht von Sklaven gesendet hatte,
statt der so oft in Aussicht gestellten Schätze von edlem Metall und
Gewürzen.

Man sah wohl, daß die Colonie unter den beständigen Wirren ihrer
Auflösung entgegenging. Ein Mittel, die Ordnung wieder herzustellen,
bot sich in dem Wunsche des Vicekönigs, welcher um einen tüchtigen
Richter bat, um die Streitigkeiten auf der Insel zu untersuchen und
Recht zu sprechen. Aber die königliche Vollmacht, welche dem neuen
Richter auch die ganze Verwaltung der Insel übertrug und von Columbus
sogar die Uebergabe der höchsten militärischen Gewalt verlangte, ging
wiederum zu weit, weil sie die wiederholt bestätigten Rechte des
Genuesen als Vicekönig ohne weiteres bei Seite schob.[270] +Francisco
de Bobadilla+, dem so weitgehende Befugnisse durch Decret vom Mai 1499
ertheilt wurden, erhielt sogar das Recht, jeden, der ihm für das Wohl
der Colonie gefährlich schien, mit Gewalt aus der Insel zu entfernen.
Seine Entsendung nach Haiti erfolgte aber erst im Sommer 1500, seine
Ankunft vor San Domingo am 23. August. In der Woche zuvor hatte
Columbus noch sieben Spanier mit dem Tode am Galgen bestraft, weil
sie Unruhen anstifteten; und doch schrieb er an die Amme des Prinzen
Juan: „als Bobadilla nach S. Domingo kam, war +die Insel ruhig+“.
Bobadilla sah die Leichen der Erhängten noch am Galgen beiderseits
der Einfahrt in den Hafen, und sah diese Art der Justiz als einen
Beleg für die Grausamkeit des Genuesen an, welcher er entgegentreten
müßte. Weder der Admiral noch sein Bruder Bartolomé waren um diese
Zeit in der Stadt anwesend. Bobadilla landete am nächsten Morgen mit
seiner Schar, und ließ, nachdem er in der Kirche der Messe beigewohnt,
seine Beglaubigungsschreiben der versammelten Menge vorlesen. Als er
dann noch zum Schluß das königliche Mandat verkündigte, daß allen in
königlichen Diensten Stehenden der rückständige Gehalt ausgezahlt
werden solle, hatte er bereits einen großen Theil der Spanier
gewonnen. Dann drang er mit Gewalt, aber ohne Blutvergießen in die
Festung ein und ließ sich die Gefangenen ausliefern, um seinem Amte
gemäß ihre Vergehen zu untersuchen. Seine Wohnung nahm er im Hause des
Columbus, dessen Eigenthum und Papiere er mit Beschlag belegte, als
sei er nur abgesendet, dem Vicekönig den Proceß zu machen, nicht aber,
die Rechtsansprüche +beider+ Parteien zu prüfen. Das ganze Volk zog
er aber dadurch auf seine Seite, daß er am nächsten Tage verkündigen
ließ, in den nächsten 20 Jahren könne jedermann ungehindert sich mit
Goldgewinnung befassen, falls nur der eilfte Theil des Ertrages an die
Krone abgeliefert würde. So entfremdete er mit Ausnahme der wenigen
Getreuen dem Vicekönig die Gemüther aller Spanier und konnte es auch
wagen, indem er den ihm gewordenen königlichen Auftrag verkannte
und überschritt, Hand an den Admiral und seine Verwandten zu legen.
Gebieterisch fordert er diesen auf, vor ihm zu erscheinen, und Columbus
leistete, als er die königlichen Befehle gesehen, Folge, indem er
ohne Begleitung nach San Domingo reiste. Mittlerweile hatte Bobadilla
den Bruder des Vicekönigs, Don Diego, in Ketten an Bord eines seiner
Schiffe bringen lassen. Gleiches Schicksal widerfuhr kurz darauf dem
Admiral selbst. Bobadilla erreichte von dem Gefangenen sogar, daß
dieser seinem energischen Bruder Bartolomé schrieb, er möge sich
gleichfalls der königlichen Entscheidung unterwerfen. So wurde auch
der dritte von den genuesischen Brüdern gefesselt. Bobadilla scheute
sich, persönlich mit den Gefangenen zu verkehren. „Ich habe nie mit
ihm gesprochen,“ klagte Columbus in seinem Briefe an die Amme des
Prinzen, „auch hat er keinem anderen erlaubt, mit mir zu sprechen. Ein
Gouverneur, der z. B. nach Sicilien geschickt wird und das Land nach
bestehenden Gesetzen friedlich regiert, hat eine ganz andere Stellung
als ich in einem ganz fremden, neu unterworfenen Lande mit fremden
Menschen und Sitten. Wenn ich geirrt habe, so geschah es ohne Schuld
oder unter dem Zwange der Verhältnisse. Was mich am meisten kränkt, ist
die Wegnahme meiner Papiere, die ich nie wieder sammeln kann, und die
meine Unschuld am besten beweisen würden.“[271]

Columbus war durch die ihm widerfahrene Schmach so vollständig
gebrochen, daß er selbst für sein Leben fürchtete. Als der Hidalgo
Alonso de Villejo, ein Verwandter Fonsecas, mit der Wache bei ihm
erschien, um ihn aufs Schiff zu bringen, fragte Columbus, in dem
Glauben, man führe ihn zum Tode: „Villejo, wohin führt Ihr mich?“ „Aufs
Schiff um abzusegeln,“ lautete die Antwort. „Abzusegeln?“ wiederholte
der Admiral fast ungläubig. „Villejo, redet Ihr die Wahrheit?“ Erst bei
der wiederholten Versicherung, daß man ihn nicht täusche, fühlte sich
Columbus beruhigt. Auch fand er sowohl bei dem Schiffscapitän Andreas
Martin als bei Villejo Ehrerbietung und Theilnahme. Man wollte ihm
die Ketten abnehmen; aber er lehnte es ab: Spanien sollte die Schmach
sehen, die ihm, angeblich auf königliches Geheiß, als Lohn für seine
hohen Verdienste angethan war. Eine kurze und glückliche Ueberfahrt
ließ ihn schon in der letzten Woche des November 1500 in Cadiz landen.

Der Hof befand sich in Granada. Der Capitän Andreas Martin hatte
gestattet, daß Columbus einen Brief an die Amme des Prinzen richten
dürfe, welche, wie er wußte, bei der Königin bedeutenden Einfluß besaß.
So gelangte die Darstellung der Verhältnisse nach seiner Auffassung
eher zu Ohren des Königpaars, als der bestimmt feindselige Bericht
Bobadilla’s.

Wie es schon in Cadiz und Sevilla, soweit die Kunde gedrungen war, das
größte Aufsehen erregte, daß man den Entdecker der neuen Welt in Ketten
nach Spanien zurückbefördert hatte, so fühlten auch die Monarchen, daß
die gleichsam in ihren Namen dem Vicekönig angethane Schmach ihren
Schatten auf die eigne Majestät werfe, und gaben daher sofort ihr
höchstes Misfallen darüber zu erkennen. Columbus sollte sogleich seiner
Fesseln entledigt und mit aller ihm gebührenden Auszeichnung behandelt
werden. Zu gleicher Zeit ließen sie ihm eine bedeutende Summe (2000
Ducaten) zustellen, damit er seinem Range gemäß reisen und bei Hofe
erscheinen könne. Daß er in seinen Ketten vor dem Thron erschienen,
darf wohl als romantische Ausschmückung bezeichnet werden; eher aber
dürfen wir dem Zeugniß Herreras[272] glauben, daß Columbus, als er vor
den Majestäten am 17. December erschien, und dem Königspaar knieend
seine Huldigung darbrachte, vor innerer Bewegung nicht sprechen konnte.

Wenn ihm auch bei dieser Gelegenheit und in Zukunft stets mit
Auszeichnung begegnet wurde, und er darin eine Vergeltung für das ihm
zugefügte bittere Unrecht erblicken konnte, so sah er sich in dem
Einen, was er vor allem wünschte, getäuscht, daß er nicht wieder in
seine Hoheitsrechte über die neue Welt eingesetzt wurde.


12. Die letzte Reise des Columbus.

Es scheint, als ob König Ferdinand vor der Hand nicht daran dachte,
den einmal vollendeten Eingriff in die Rechte des Columbus wieder
rückgängig zu machen. Die Verwaltung der indischen Colonien mußte
vor allem in einen geregelten Gang gebracht werden. Bobadilla hatte
sich durchaus untauglich gezeigt durch die übereilte Parteinahme
gegen den rechtmäßigen Statthalter, den er, ohne ihn nur zu sehen und
zu hören, von der Insel entfernte. Seine Anordnungen lockerten alle
Bande, Zügellosigkeit und Gesetzwidrigkeiten traten an die Stelle
der straffen Zucht Bartolomé’s, so daß die bessern Elemente sich von
dem neuen Regimente abwandten. Auch war man auf der Insel selbst dem
beseitigten Befehlshaber eine entschiedene Genugthuung schuldig. Daher
wurde im königlichen Rathe beschlossen, Bobadilla durch den gerechten
und unparteiischen Don Nicolas de +Ovando+ zu ersetzen; denn es galt
zu gleicher Zeit auch, den nutzlosen Bedrückungen und Grausamkeiten,
welche sich die spanischen Herren über ihre indischen Unterthanen
erlaubten, ein Ziel zu setzen. Ovando erhielt von der Königin Isabella
den ausdrücklichen Befehl, den Caziken und andern Indianern die
bestimmte Versicherung zu geben, daß sie selbst ihre neuen Unterthanen
in jeder Beziehung zu beschützen gesonnen sei. Nur für den königlichen
Dienst sollten die Indianer zu Arbeiten herangezogen werden dürfen.
Dieses letzte Recht bot aber in der Folgezeit wieder die Handhabe für
fortdauernde neue Quälereien. Auch sollte es gestattet sein, gewiß
in der guten Absicht, die Indianer zu entlasten, Negersklaven nach
Haiti einzuführen entweder von Spanien oder von der Westküste Afrikas,
wo der Menschenhandel schon seit langer Zeit bestand. Damit war der
erste Anlaß zu dem für Amerika so verhängnißvoll gewordenen schwarzen
Sklaventhum gegeben, welches in den folgenden Jahrhunderten so oft zu
blutigen Conflicten und staatserschütternden Kämpfen führen und -- ein
eignes Verhängniß -- nach 300 Jahren grade die erste spanische Colonie,
Haiti, ganz in die Hände der Schwarzen und Farbigen liefern sollte.

Das von Bobadilla confiscirte Vermögen des Statthalters sollte
Ovando zurückfordern, die dem Vicekönig zustehenden Einkünfte ihm
ungeschmälert überweisen, die von Bobadilla erlassene Verfügung
bezüglich des freien Bergbaus auf Gold wieder aufheben.

Das Vertrauen, welches man in Spanien auf die Tüchtigkeit Ovando’s
setzte und die Hoffnung, mit seinem Eintreffen in Haiti die Colonie
geordneten Verhältnissen wieder zugeführt zu sehen, ermuthigte eine
große Zahl von Auswanderungslustigen, ihr Heil in der neuen Welt zu
suchen. So segelte er mit 30 Schiffen und 2500 Personen am 13. Februar
1502 von San Lucar de Barrameda ab. Ein Schiff ging leider im Sturm
unter, die übrigen erreichten indeß am 15. April ihr Ziel. Ovando wurde
ohne Schwierigkeit, nachdem er die königlichen Befehle vorgelegt, als
Statthalter anerkannt. Gegen Bobadilla, dessen Ansehen mit einem Male
verschwand, wurde keine Untersuchung eingeleitet, doch mußte er nach
Spanien zurückkehren. Roldan dagegen und seine eifrigsten Parteigänger
wurden in Haft genommen und zur Verurtheilung auf die Flotte gebracht,
welche den neuen Befehlshaber herübergeführt hatte. Nachdem dieselbe
befrachtet war, sollte sie in die Heimat zurückkehren.

Columbus hatte inzwischen, da er sah, daß er nicht sofort in seine
westindische Herrschaft wieder eingesetzt werde, sich zu einer neuen
großen Entdeckungsfahrt gegen Westen erboten. Man darf annehmen, daß
die Erfolge der Portugiesen einen wesentlichen Einfluß auf seine
neuen Pläne ausübten. Vasco da Gama war im September 1499 aus dem
indischen Gewürzlande zurückgekehrt, zu einer Zeit also, wo Columbus
noch in heftigem Kampfe gegen Roldan lag. In Spanien hatte er weitere
Nachrichten über Indien eingezogen, und da er sich überzeugt hielt,
das Ostgestade des asiatischen Continents bereits in Cuba und Paria
berührt zu haben, da ferner durch die Entdeckungsfahrten spanischer
Privatunternehmer, der Hojeda, Vespucci, Pinzon noch weitere
Küsten des Festlandes, zu welchem Paria gehörte, besucht waren, so
schloß er daraus, eine Fahrt zwischen Cuba und Paria gegen Westen
werde ihn nach dem portugiesischen Indien bringen. Die gewaltige
Meeresströmung, welche an der Küste Südamerikas ungestüm nach Westen
drängte, mußte nach seiner Vorstellung durch eine noch unerforschte
Meerenge führen, hinter welcher er das indische Meer „jenseits des
Ganges“, wie es seit dem Alterthum genannt wurde, zu finden meinte.
Durch diese Vorstellungen war die Richtung der neuen von ihm ins Auge
gefaßten Unternehmung bestimmt. Sein Plan wurde von den spanischen
Souveränen gern genehmigt, und so konnte er bereits im Herbste 1501
an die Vorbereitungen zur Ausrüstung der bewilligten Schiffe gehen.
Er scheint selbst sein Leben daran setzen zu wollen, um einen großen
Erfolg zu erzielen; aber als ein vorsichtiger Mann wollte er dabei die
Zukunft seiner Familie möglichst sicher stellen. Darum ließ er von den
wichtigsten Dokumenten beglaubigte Abschriften nehmen und dieselben
in der Bank von Genua niederlegen. Darunter befand sich auch die am
14. März 1502 von der Krone gegebene erneuerte Versicherung, daß ihm
und seinen Kindern alle seine verbrieften Rechte unverkürzt erhalten
bleiben sollten. Er hatte vier kleine Caravelen, von 70 resp. 50 Tons
ausgerüstet und mit 150 Leuten bemannt. Sein Bruder Bartolomé, der ihm
überall die kräftigste Stütze gewesen war, sowie sein jüngerer, damals
erst 13jähriger Sohn Ferdinand begleiteten ihn.

Am 9. Mai 1502 ging er von Cadiz aus in See. Beseelt von frommer
Hoffnung, daß seine Unternehmung gelingen werde, schrieb er von den
Canarien aus an seinen Freund und Rathgeber, der Karthäusermönch
Gaspar Gorricio in Sevilla. „Ich reise im Namen der heiligen Trinität
und hoffe auf Sieg“.[273] Eine rasche Fahrt von 19 Tagen brachte das
Geschwader von den Canarischen Inseln über den Ocean nach Martinique
(Matinino) und von hier an den kleinen Antillen und der Südküste
von Puertorico entlang nach San Domingo. So lange seine Schiffe im
Stande waren, wollte er seine Reise beeilen, aber da eins derselben
zur Forschungsreise untauglich war und schlecht segelte, so wollte er
dasselbe gegen ein besseres vertauschen und dieses auf seine Kosten
ausrüsten lassen. Im Haupthafen von San Domingo lag die große Flotte
noch vor Anker, als er am 29. Juni vor der Stadt erschien. Aber
Ovando gestattete dem Admiral nicht, ans Land zu kommen und Columbus
hinwieder hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, sein gesunkenes
Ansehen in seiner Colonie wieder zu heben, wenn er als Befehlshaber
eines Geschwaders einlaufe. Nur die von ihm aus Spanien mitgebrachten
Briefe konnten abgegeben werden, Ovando lehnte jede weitere Annäherung
ab. Auch darin fand Columbus kein Gehör, daß er aus astrologischen
Ursachen[274] den nahebevorstehenden Ausbruch eines furchtbaren Sturmes
verkündete und daher den Statthalter Ovando warnte, vor Ablauf einer
Woche die im Hafen segelbereite Flotte, auf welcher sich Bobadilla,
Roldan u. a. befanden, nicht abfertigen zu wollen.

Wenn nun bald darauf, als die Flotte wirklich ausgelaufen war, der
Orkan losbrach, gegen 20 Schiffe mit Mann und Maus verschlang und
dabei auch Bobadilla und Roldan vernichtete; wenn von allen Fahrzeugen
nur ein einziges, und dazu ziemlich gebrechliches, welches aber das
wieder ausgelieferte Vermögen des Admirals an Bord hatte, endlich nach
Spanien die Reise fortsetzen konnte: mußte Columbus in allem nicht die
unmittelbare Hand Gottes und sein Strafgericht erkennen? Er selbst
hatte sich mit seinen vier Schiffen in die Nähe der Küste geflüchtet
und dort das verderbliche Unwetter glücklich überstanden, wenn auch
der schlechte Segler, den sein Bruder befehligte, aufs Meer getrieben
und seiner Böte beraubt wurde. „Der Sturm war furchtbar,“ schreibt
Columbus, „die Schiffe wurden getrennt und ich fürchtete, daß die
übrigen untergegangen. Wie schmerzlich ist es bei solcher Gefahr und in
Angst um den Sohn, den Bruder, die Freunde, nicht ans Land oder in den
Hafen flüchten zu dürfen, an einer Küste, welche ich unter so vielen
Mühseligkeiten für Spanien selbst gewonnen habe.“

Am 14. Juli segelte Columbus von Haiti ab und steuerte, indem er
die Inseln Jamaica und Cuba zur Rechten ließ, grade gegen Westen.
Jenseits Jamaica trieb ihn aber eine heftige Strömung gegen Nordwesten
bis zu der Region, wo die „Gärten der Königin“ lagen, doch sah er
das Land nicht. Von hier steuerte er nach der ~terra firma~ hinüber
und erreichte am 30. Juli die im äußeren Golf von Honduras gelegene
Insel Guanaja,[275] welche er nach dem prächtigen Fichtenwalde Isla
de Pinos nannte. Dort traf er mit yukatanischen Händlern zusammen,
welche in ihren großen, aus einem Stamm gefertigte Barken allerlei
Handelswaren hatten, als messingene Schellen, Messer und Beile von
hellem, durchscheinenden Stein, hölzerne Schwerter, deren Schneiden
aus scharfen Steinen bestanden, welche beiderseits in Rinnen eingefügt
waren, schön geschnitzte hölzerne und marmorne Gefäße, baumwollene, in
verschiedenen Farben gewebte Decken u. a. Columbus erkundigte sich bei
den Insassen der Böte nach dem Lande im Westen. Man nannte das Land der
Maya (Yukatan). Da die Handelswaren eine höhere Kultur verriethen,
als die Spanier bisher im westindischen Gebiete angetroffen, so wäre
Columbus, wenn er die Heimat der einheimischen Händler aufgesucht
hätte, zu den Städten in Yukatan, vielleicht gar an das Gestade von
Mexiko gelangt. Aber von der Vorstellung einer Meerenge beherrscht,
welche ihn weiter südlich um die vermeintliche hinterindische
Halbinsel, in deren Nähe er sich zu befinden glaubte, in den Golf
von Bengalen führen sollte, blieb der Admiral seinem Plane treu und
segelte statt nach Westen, nach Osten, und sah sich dadurch auch bei
der letzten Fahrt auf die Erforschung innerhalb des caribischen Meeres
beschränkt. Zunächst ging der Admiral nach dem im Süden gelegenen
festen Lande hinüber und landete in der Nähe des Cap Honduras, um
von dem neu entdeckten Gebiete für Spanien Besitz zu ergreifen. Es
scheint, daß er bei dem fortdauernd schlechten Wetter hier gegen 14
Tage verweilte, dann steuerte er an der Küste gegen Osten. Aber die
heftigen Stürme und die furchtbare Gegenströmung ließen ihn kaum einen
Schritt vorwärts gewinnen. In einem Zeitraum von vier Wochen, vom 14.
August bis zum 12. September (Columbus gibt irrthümlich 60 Tage, Peter
Martyr richtiger 40 Tage, den Aufenthalt bei Guanaja eingerechnet),
legte er, unter stetem Laviren, nur einen Abstand von drei Meridianen
zurück. „Es regnete, donnerte und blitzte unaufhörlich, es sah aus,
als ob die Welt untergehen sollte. In der ganzen Zeit sah ich weder
Sonne noch Sterne. Meine Schiffe hatten furchtbar gelitten, die Segel
waren zerrissen. Wir hatten Anker, Takelwerk, Böte und eine große Menge
Vorräthe eingebüßt. Das Schiffsvolk war krank und niedergedrückt.
Manche gelobten ein religiöses Leben zu führen und alle verpflichteten
sich zu Walfahrt und Beichte. Wir haben manche Stürme erlebt, aber nie
einen von solcher Heftigkeit.“[276] Am meisten war Columbus um seinen
13jährigen Sohn besorgt; aber er fand einen Trost darin, daß dieser
sich auf der See bewährte. Dann machte er sich Vorwürfe darüber, daß er
seinen Bruder Bartolomé, den er gegen dessen Willen mitgenommen, stets
der äußersten Gefahr ausgesetzt sah, weil er sich auf dem schlechtesten
Fahrzeuge befand. Der Admiral selbst lag fieberkrank danieder, leitete
aber trotzdem von einer kleinen Cabine aus, die auf Deck errichtet
worden war, den Lauf des Schiffes. Krankheit und Sorgen preßten ihm die
Klage aus, daß er nun in 20 Dienstjahren voll Mühen und Gefahren noch
nichts gewonnen habe und bis jetzt in Castilien noch keinen Dachziegel
erworben habe, daß er in Spanien beständig auf das Wirthshausleben
angewiesen gewesen sei und meistens kaum die Mittel besessen habe, um
seine Rechnungen bezahlen zu können.

So erreichte er endlich am 12. September das östlichste Vorgebirge von
Honduras, von wo die Küste nach Süden lief und ihm besseres Wetter und
günstiger Fahrwind in Aussicht stand.

Zum Dank für die Errettung Aller nannte er jenes Vorgebirge ~Gracias
à Dios~ (Gott sei Dank), wie es noch heute heißt. Die Küste, welche
sich von da ab, zwischen dem 15° und 10° n. Br. nach Süden zog,
bewahrte zwar noch denselben Charakter, aber die Fahrt ging leichter
von statten. Hinter dem flachen, sandigen Strande breiten sich
zahlreiche Lagunen hin. Der Boden ist, bisweilen bis dicht ans Meer,
mit Pechtannen bewachsen oder mit üppigem Platanenwald bedeckt. Große
Savannenflächen breiten sich dazwischen aus. Die ganze Gegend gilt als
gesund. Erzgänge kennt man hier nicht; aber manche Flüsse, wie der Rio
Tinto gegen Norden, und der Rio Pataca scheinen reich an goldführendem
Sande zu sein.

Am 25. September gelangte das Geschwader zu einer reizenden
Gestadeinsel, welche Columbus den Garten (la Huerta) benannte.
Am festen Lande lag, in der Nähe der Mündung eines Flusses, das
Indianerdorf Cariai.[277] Hier gönnte er (vielleicht in der Nähe der
heutigen Stadt Greytown) seiner Mannschaft eine längere Ruhe, ließ
die Schiffe ausbessern und Vorräthe einnehmen. Aus den Erkundigungen,
welche Bartolomé Colon am Lande einzog, ging hervor, daß weiter gegen
Südosten reiche Goldgestade ihrer warteten. So steuerten denn die
Schiffe am 5. October dieser verheißenden Küste zu und kamen nach zwei
Tagen in die heutige inselreiche Bai von Chiriqui. Die Indianer nannten
diese Gegend Cerabaró oder Carabaro. „Ich selbst,“ schreibt Columbus,
„erhielt Mittheilung über die gesuchten +Goldbergwerke in der Provinz
Ciamba+ und zwei Indianer führten mich nach Carambaru, wo das nackte
Volk Goldschmuck am Halse trug.“

Die Provinz Ciamba, welche Columbus nennt, ist das schon von Polo
erwähnte Königreich Tschampa in Hinter-Indien. Der Irrthum des Admirals
erklärt sich aber, sowie wir einen Blick auf den Globus Behaims werfen.
Westlich von Cipangu (Haiti, nach Ansicht des Columbus) erstreckt sich
die Ostküste Asiens zwischen dem 20° und 10° n. Br. von Norden nach
Süden. An dieser Küste glaubte der Admiral angelangt zu sein, und eben
hier sehen wir auf Behaims Globus das Königreich Ciamba eingezeichnet.
So fest war auch hier wieder Columbus von seinen Ideen eingenommen,
daß er ohne weitere Erklärung und mit der größten Sicherheit von der
„Provinz Ciamba“ spricht.

Wo südlich von der Mündung des Rio San Juan die Küste des
mittelamerikanischen Isthmus in den Staaten Costarica und Panama
sich im allgemeinen mehr nach Osten zieht, ändert sich die Natur des
Gestades. Dicht bewaldete Berge treten bis an die See; größere und
kleinere, zum Theil mit Berginseln malerisch besetzte Buchten öffnen
sich und bieten guten Ankergrund. Gegenüber von Carabaró lag auf den
anderen Seiten der herrlichen, fischreichen Bucht von Chiriqui die
Landschaft +Aburéma+, beide reich an Gold in allen Flüssen. Hier
war es, wo Columbus die erste dunkle Kunde von dem großen Ocean
erhielt, diese Nachricht aber auf das indische Meer jenseits des
Ganges bezog. Neun Tagereisen quer durch das Land nach Westen lag
nach den Angaben der Indianer, denen man Glauben schenken durfte,
das goldreiche Land +Ciguara+, dessen Bewohner Korallenschmuck im
Haar und große Korallenarmbänder trugen. Auch sollte dort der Pfeffer
bekannt sein. Columbus erfuhr weiter, daß in jenem Lande Messen
und Märkte abgehalten würden, daß die Leute kunstreich gearbeitete
Kleidung trügen, mit Schwertern, Bogen und Pfeilen bewaffnet, sogar mit
Harnischen gerüstet seien. Auch glaubte der Admiral aus den weiteren
Mittheilungen zu verstehen, daß das Volk auf seinen Schiffen Kanonen
führe und Streitrosse besitze. Die goldreiche Küste jenseits der Bai
von Chiriqui wurde nach einem Indianerorte +Veragua+ genannt. Eine
höhere, der Küste parallel laufende Gebirgskette war fast immer in
Wolken gehüllt. Ihre Gipfel schätzte Columbus auf 50,000 Fuß Höhe.
Am Fuß der Gebirge, sagte er, öffne sich ein Pfad zu dem asiatischen
Ostmeere, so daß Veragua und Ciguara einander gegenüber liegen wie
Tortosa und Fuentarabia in Spanien, oder Venedig und Pisa in Italien.
Er hoffte also, da er sich die mittelamerikanischen Landschaften
auf den einander gegenüberliegenden Küsten einer Halbinsel, wie
Spanien und Italien vorstellte, bei einer Weiterfahrt das Ende des
Landes umsegeln zu können und eine Meerenge zu finden in ähnlicher
Lage, wie südlich von Italien oder Spanien. Darum fügt er hinzu: Die
See umgibt Ciguara und in 10 Tagen kommt man von da zum Ganges. Er
glaubte also nahe dem südlichen Ende der hinterindischen Halbinsel zu
sein, wo nach der Vorstellung des Ptolemäus der Hafen Catigara lag.
Bestärkt wurde Columbus noch durch die Angaben der Kosmographie des
Aeneas Sylvius[278] (Papst Pius II.), welche er auf seinem Schiffe
mit sich führte. Hier fand er bei der Beschreibung Ostasiens, Katais
und Matschins (Großchinas) Mittheilungen über das Tätowiren, über
den Sonnenkultus u. a., was er an der Küste von Mittelamerika auch
beobachtet hatte, so daß er daraus folgerte, er sei in die Nähe des
alten Handelshafens von Catigara angelangt, die Halbinsel sei nur noch
9 Tagereisen breit und jenseits derselben erreiche man bei günstiger
Fahrt in 10 Tagen den Ganges.

War diese Berechnung richtig und hatte er damit, auf die Autorität
des Ptolemäus bauend, welcher Catigara 180 Meridiane östlich von den
Canarischen Inseln ansetzt, gegen Westen segelnd, die Hälfte des
Erdballs umfahren, dann konnte auch der Umfang der Erde nicht so groß
sein, wie seit der Berechnung des Alterthums allgemein angenommen
wurde; denn er war sich wohl bewußt, daß er in geradem Abstande von
Osten nach Westen noch nicht eine so große Strecke durchmessen hatte,
welche der Hälfte des Erdumfanges entspräche. Aber auch vor dieser
Consequenz schreckte er nicht zurück und erklärte darum in seinem
Briefe aus Jamaica: +Die Welt ist nicht so groß, als man gewöhnlich
annimmt+, denn ein Aequatorialgrad beträgt nicht 60 sondern nur 56⅔
Meilen (~millas~).[279]

Unter diesen Vorstellungen und in der sicheren Erwartung, die
Meerenge bald zu erreichen, segelte er weiter, ohne das Goldland
von Veragua genauer zu untersuchen. Am Abend vor Simon und Judä
wurde er widerstandslos vom Sturme fortgetrieben und fand erst nach
mehreren angstvollen Tagen Schutz vor der wilden See und dem rasenden
Sturme in einem prächtigen Hafen, dem er den Namen Puerto bello gab.
Hier blieb er vom 2. bis 9. November liegen, bis das Unwetter sich
ausgetobt zu haben schien. Nach den Goldminen von Veragua wollte er
nicht zurückkehren; er sah sie schon als spanisches Eigenthum an.
Unter heftigen Regengüssen segelte er weiter, wurde aber schon nach
kurzer Fahrt genöthigt, wider seinen Willen, an der schützenden Küste
eine Zuflucht gegen die von neuem losbrechenden Wetter zu suchen. Die
Umgebung des Hafenplatzes war wohl angebaut und bot eine willkommene
Fülle von Nahrungsmitteln, daher erhielt die Bucht den Namen ~Puerto
de los bastimentos~ (Hafen der Vorräthe). Sturm und Ungewitter hielten
ihn hier bis zum 23. November fest. Als er sich ohne günstiges Wetter
von neuem wieder hinauswagte, konnte er unter großer Anstrengung nur 15
Meilen zurücklegen; denn Wind und Strömung waren ihm dermaßen entgegen,
daß er nach dem verlassenen Hafen zurückweichen mußte. Unterwegs fand
er einen andern Hafen, den er Retrete nannte. Es war ein ganz kleiner,
unbequemer Hafen, der von Sandbänken und Felsen umsäumt war. Hier ward
er von neuem auf die Dauer von 14 Tagen festgehalten. Am 5. December,
als er die Zufluchtsstätte verlassen und nur vier Meilen weit gekommen
war, brach der Sturm mit gesteigerter Wuth wieder los und machte ihn
völlig rathlos. Die schaumbedeckte See erhob sich zu furchtbarer Höhe,
wie er noch nie erlebt hatte. „Der Wind war uns grade entgegen,“ so
beschreibt Columbus diese Unwetter, „und machte es uns unmöglich, nach
einer vor uns liegenden Landspitze zu steuern. Die See kochte wie ein
Kessel über starkem Feuer. Tag und Nacht flammte der Himmel von den
zuckenden Blitzen, welche von so entsetzlichem Donner begleitet waren,
daß wir alle fürchteten, die Schiffe müßten untergehen.“ Neun Tage
schwebte er so in Lebensgefahr und während dieser ganzen Zeit strömte
das Wasser vom Himmel nicht wie Regen, sondern wie eine neue Sündflut.
Die Mannschaft wurde so muthlos, daß sie den Tod als eine Erlösung aus
diesem Jammer ansah. Zweimal hatten die Schiffe bereits Verluste an
Böten, Ankern und Tauwerk erlitten und lagen nun ohne Segel bei.

In der Nähe der eigentlichen Landenge von Panama wurde Columbus zur
Umkehr genöthigt. Seine Schiffe waren in dem erbärmlichsten Zustande
und hielten sich, von Bohrwürmern angegriffen, kaum noch über Wasser.
Aber auch auf dem Rückwege nach Veragua tobte das Wetter und hielten
widrige Winde ihn beständig auf, so daß er wiederholt sich in den
Schutz der Küste flüchten mußte; so auch am Weihnachtsabend, wo er aus
der bevorstehenden Opposition des Saturns mit der Sonne auf ein neues
Ausbrechen der Wuth der feindlichen Elemente sich glaubte gefaßt machen
zu müssen. Erst mit dem Beginn des neuen Jahres 1503 trat günstigeres
Wetter ein und so erreichte er, im Zustande höchster Erschöpfung, denn
die Mannschaft lag größtentheils krank darnieder, die Küste von Veragua
am Epiphaniastage und lief in den Fluß Belen oder Yebra ein, über
dessen Barre er zwar mit großer Schwierigkeit, aber doch glücklich in
stilles Fahrwasser gelangte. Am folgenden Tage brach der Sturm wieder
los und hätte es ihm unmöglich gemacht über die Barre zu kommen, wenn
er von dem Unwetter noch auf der See überrascht worden wäre. Der Regen
hielt bis zum 14. Februar an, so daß man anfangs nicht im Stande war
die Schiffe zu verlassen. Am 24. Januar schwoll der Fluß plötzlich so
gewaltig an, daß er die Schiffe von ihren Kabeln losriß und beinahe
wieder auf das Meer hinausgetrieben hätte.

Erst am 6. Februar konnte der Admiral es wagen, seinen Bruder Bartolomé
mit 68 Mann auf Kundschaft nach dem Veraguafluß zu senden. Der
Adelantado erreichte in seinen Böten bald das Dorf des Quibian oder
Caziken von Veragua. Der Häuptling, nach Landessitte bemalt, aber
nackt, kam den Fremden mit großem Gefolge, aber unbewaffnet entgegen.
Bei der Zusammenkunft holten seine Begleiter aus der Nähe einen großen
Stein herbei, wuschen denselben in dem Flusse sorgsam ab, rieben ihn
trocken und legten ihn vor ihrem Fürsten nieder, damit er, seiner
Würde gemäß, sitzend die Unterhaltung beginnen könne.[280] Auf den
Wunsch der Spanier, zu den Fundstätten des Goldes geführt zu werden,
zeigte sich der Quibian sofort bereit und bestellte drei Führer, um die
Fremden dahin zu geleiten. Bartolomé Colon sandte einen Theil seiner
Mannschaft zum Schutz der Böte zurück und brach mit den übrigen nach
den Minen auf. In allen Gewässern konnte man mit leichter Mühe zwischen
den Wurzeln der Bäume, unter dem Flußgeröll und im Sande Goldblättchen
auflesen. Weiter brachten die Indianer den Adelantado mit seinem
Gefolge auf einen hohen Berg, von wo aus man das Land weit und breit
übersehen konnte und erklärten, daß überall, namentlich gegen Westen
auf 20 Tagereisen weit sich Gold sammeln lasse und nannten Städte und
Dörfer, welche in jenem Goldgebiete lägen. Nachher erfuhr man, daß
der schlaue Quibian den Spaniern die ergiebigen Gebiete eines ihm
feindlichen Nachbarfürsten hatte zeigen lassen, um die Fremdlinge mit
seinem Feinde in Streit zu bringen, daß er aber die besten Goldfelder
im eignen Lande verheimlicht hatte.

Am 16. Februar setzte Bartolomé die Erforschung des Landes weiter fort,
fand überall reichliche Spuren von Gold, besuchte mehrere Caziken, bei
denen er freundliche Aufnahme fand, erkannte aber, daß das Gebiet von
Veragua von allen am reichsten sei. Auch wiederholte sich hier wieder
die Kunde von einem mächtigen Kulturvolke, das an dem andern Meere
wohnen sollte.

Es schien klar, daß man sich hier in der Nähe der reichsten Gebiete
Asiens befand, und daher beschloß Columbus hier eine Niederlassung zu
gründen. Veragua war der goldene Chersones. (Siehe oben S. 207.)[281]

Am Flusse Belen wurden Häuser errichtet, der Adelantado entschloß
sich in der Colonie die Leitung zu übernehmen und mit einem Fahrzeuge
zurückzubleiben, indeß Columbus nach Spanien zurückkehren und von da
neue Verstärkungen herüberführen wollte. Der Quibian, den der Admiral
durch Geschenke für seinen Plan gewonnen glaubte, sah die Versuche
seiner Gäste, sich häuslich niederzulassen, mit schelem Blick und
wachsendem Unbehagen. Das gute Einvernehmen zwischen Spaniern und
Indianern wurde allmählich getrübt, denn die Eingeborenen hatten
von der Anmaßung der Fremden zu leiden. Der Quibian benutzte die
entstehende Zwietracht zu einer allgemeinen Verschwörung, man wollte
die neuen Häuser der Colonie in Brand stecken und die Insassen
tödten. Diego Mendez, ein dem Columbus treu ergebener Mann, erhielt
zuerst von diesem Plan Kenntniß; er bewachte die Bewegungen der
bewaffneten indianischen Scharen, so daß sie im geheimen ihre Absicht
nicht ausführen konnten, ja er drang sogar bis zu dem Mittelpunkte
der feindlichen Macht, bis zur Behausung der Caziken vor, indem er
sich für einen Wundarzt ausgab, welcher dem verwundeten Häuptling
Linderung bringen wolle. Nachdem er sich dabei noch einmal vergewissert
hatte, daß in der That ein Angriff auf die spanische Niederlassung
bevorstehe, kehrte er nach dem Belen zurück. Bartolomé Colon wählte
sofort gegen 50 tüchtige Leute aus, rückte vor das Haus des Quibian
und nahm denselben sammt seiner zahlreichen Familie gefangen. Leider
entkam der Häuptling in der darauf folgenden dunkeln Nacht wieder und
gab nun das Signal zum Angriff auf die Ansiedlung. Inzwischen hatte der
Admiral im Anfang April drei Schiffe aus dem Flusse wieder über die
Barre aufs Meer gebracht, um nach Spanien zurückzukehren, während sein
Bruder nebst einem Schiffe in Veragua zurückbleiben sollte. Als aber
durch den erbitterten Angriff der Indianer die am Lande befindlichen
Spanier aus ihren Hütten vertrieben wurden, und als vollends der
Capitän Diego Tristan mit seiner Bootsmannschaft, welche den Fluß Belen
hinaufgegangen war, um Wasser zu holen, von den Feinden erschlagen
worden, war das Schicksal der Colonie besiegelt. Es galt nur noch, den
Adelantado mit seinen Leuten, die sich am Strande verschanzt hatten,
zu retten. Der Admiral, selbst in heftigem Fieber liegend, und fast
aller seiner Böte beraubt, nicht fähig seinem Bruder Hilfe zu bringen,
gerieth in die höchste Aufregung. „Ich war allein draußen,“ erzählte
er später, „an der gefährlichen Küste, von schwerem Fieber befallen
und todesmatt. Alle Hoffnung, zu entkommen, war dahin. Ich arbeitete
mich mühsam auf den höchsten Theil des Schiffes und rief mit zitternder
Stimme unter heißen Thränen die Hauptleute mir zu Hilfe zu kommen, aber
es kam keine Antwort.“ In seinen Fieberphantasien glaubte Columbus nun,
als er völlig erschöpft eingeschlafen war, eine mitleidige, tröstende
Stimme zu vernehmen, welche zu ihm sprach: „Warum verzagst du in deinem
Glauben an Gott? Was that er mehr für Moses oder für seine Knechte,
als er für dich gethan? Seit deiner Geburt hat er die größte Sorge
um dich gehabt. Als er dich zu den von ihm bestimmten Jahren kommen
sah, hat er deinen Namen in der ganzen Welt ertönen lassen. +Er gab
dir Indien+, den reichsten Erdtheil, du vertheiltest es nach deinem
Belieben. Du empfingst von ihm die Schlüssel zum Ocean, der bisher
mit starken Ketten verschlossen war. Man gehorchte deinen Befehlen
in den unermeßlichen Ländern, und du hast unsterblichen Ruhm unter
den Christen erworben. Was that er mehr für das Volk Israel, als er
es aus +Aegypten+ führte, und für David, den er aus dem Hirtenstand
zum Throne Judas erhob? Kehre zurück zu deinem Gott, erkenne endlich
deinen Irrthum; sein Mitleid ist ohne Grenzen. Dein Alter (~ta vejez~)
wird dich nicht hindern, große Thaten zu thun. Er hält in seiner Hand
die glänzendste Erbschaft... Sprich, wer hat dich so tief und so oft
gebeugt, Gott oder die Welt? Gott hält stets, was er verspricht.
Fürchte nichts, fasse Muth!“

Die peinliche Ungewißheit über die am Lande Zurückgelassenen währte
tagelang, denn wegen der starken Brandung war aller Verkehr mit der
Küste abgeschnitten. Endlich erbot sich der Pilot Pedro Ledesma, durch
die Brandung zu schwimmen, wenn man ihn mit dem letzten verfügbaren
Bote bis an die Grenze derselben bringe. Diese kühne That gelang, und
so erhielt Columbus Nachricht, daß sein Bruder sich noch an der Küste
vertheidige. Trotz seiner gefahrvollen Lage -- denn die von Würmern
zerfressenen Schiffe hielten sich kaum noch über Wasser -- mußte er
noch längere Zeit ausharren, bis das Wetter sich günstiger gestaltete
und es ermöglichte, die am Lande befindliche Mannschaft, wenn auch mit
Zurücklassung ihrer Caravele, wieder einzuschiffen und die Gründung
einer Colonie einer späteren Zeit vorzubehalten. So gelang es denn
Ende April, die gefährliche Goldküste von Veragua mit drei Schiffen
zu verlassen. Das Geschwader ging nach Osten an der Küste entlang,
mußte bei Puerto bello noch ein Schiff zurücklassen, welches zu einer
Fahrt über das Meer völlig untauglich geworden war, und drang bis an
den Golf von Darien vor. Von hier steuerten die beiden letzten Schiffe
grade nach Norden, um womöglich Jamaica zu erreichen; aber Wind und
Strömung trieben sie von ihrem Cours ab und zu weit nach Westen, so daß
sie statt nach Jamaica an die kleine Cayman-Insel und von da nordwärts
zu der Inselwolke kamen, welche Columbus bei seiner Erforschung der
Südküste Cubas bereits besucht und mit dem Namen „Gärten der Königin“
belegt hatte. „Die See war sehr stürmisch und ich wurde rückwärts
getrieben vor Top und Takel (~volver atras sin velas~). Das eine Schiff
verlor drei Anker. Um Mitternacht brach ein Wetter los, als sollte die
Welt untergehen, so daß auch die Kabel des andern Schiffes rissen und
dasselbe mit solcher Gewalt auf uns zutrieb, daß alles in Stücke zu
gehen drohte. Nur +ein+ Anker hielt noch, und war nächst Gott unsere
einzige Rettung.“[282] Erst nach sechs Tagen, als das Wetter ruhiger
geworden war, konnte man weiter segeln. Es war eine verzweifelte
Fahrt. Die Schiffe waren von den Würmern wie Honigwaben durchlöchert.
Die Mannschaft war völlig verzagt und muthlos. Als Columbus die
Südwestspitze Cubas, Cap de la Cruz erreicht hatte, hoffte er an der
Küste entlang ostwärts nach Haiti zu kommen; aber Wind und Strömung
waren ihm dermaßen entgegen, daß er mit seinen kaum noch haltbaren
Schiffen nicht dagegen ankämpfen konnte und sich genöthigt sah, sich
nach Jamaica zu wenden. Das Wasser drang unaufhaltsam in die Fahrzeuge
ein und konnte, trotzdem man mit drei Pumpen, mit Töpfen und Kesseln
am Ausschöpfen arbeitete, nicht bewältigt werden, sondern stieg im
Schiffsraum immer höher. Man war froh, mit den sinkenden Schiffen
bis nach Jamaica hinübergekommen und wenigstens das Leben gerettet
zu haben. So ließ denn der Admiral beide Schiffe an einer günstigen
Stelle an den Strand laufen. Es war am 25. Juni 1503, daß die Schiffe
sich im Hafen Santa Gloria, jetzt Christovals-Bucht genannt, nahe
am Lande auf seichtem Grunde mit Wasser füllten, so daß sie bis ans
Verdeck sanken. Das Verdeck selbst blieb über Wasser, und hier wurde
in gedeckten Cajüten die Mannschaft untergebracht. So konnten die
Wracks noch als Holzfestungen gegenüber unerwarteten Angriffen von
Seiten der Bewohner dienen, auch wurden die Mannschaften abgehalten, am
Lande herumzuschweifen und den Indianern Anlaß zu Conflicten zu geben,
welche bei der hilflosen Lage der Spanier allen den Untergang bereiten
konnten, wenn ihnen vom Lande her die erforderlichen Lebensmittel
versagt wurden, denn die Schiffsvorräthe waren natürlich sämmtlich
verloren gegangen.

Glücklicherweise zeigten sich die Indianer, welche bald scharenweise
am Strande erscheinen, geneigt, zum Tausch gegen europäische Artikel
Lebensmittel herzuzuschaffen. Aber diese Art der Verproviantirung
konnte bei ihrer Unregelmäßigkeit auf die Dauer die Spanier nicht vor
Hungersnoth schützen. Es mußte das Gebiet der Bezugsquellen weiter
ausgedehnt, es mußten mit den entfernteren Dörfern gewissermaßen
Lieferungsverträge abgeschlossen werden.

Zu dem Ende erbot sich Diego Mendez, mit drei Leuten auf Kundschaft
auszuziehen. Ueberall fand er freundliche Aufnahme; Cassavebrod und
Fische wurden ihm in Fülle gereicht. So zog er von einem Dorf zum
andern und gelangte endlich bis an den äußersten Osten der Insel, wo
er sogar mit dem Caziken Blutsfreundschaft schloß und seinen Namen
eintauschte. Hier kaufte Mendez ein Boot, belud es mit Nahrungsmitteln
und brachte es nach der Hafenbucht von Santa Gloria.

War damit und mit dem in Folge des Uebereinkommens reichlich
zugeführten Lebensbedarf die Noth der Schiffbrüchigen gehoben, so blieb
doch ihre Lage eine absolut hoffnungslose, wenn es nicht gelang, nach
Haiti zum Statthalter Ovando eine Mittheilung von ihrem Aufenthalte
und ihrem Schicksal zu befördern. Auch zu diesem Wagniß erbot sich
Mendez. Zwar schlug der erste Versuch fehl, da er mit seinen Genossen
am östlichen Strande von Jamaica gefangen genommen wurde und nur mit
Noth den Eingeborenen entrinnen konnte. Aber er war auch zum zweiten
Male bereit, sein Leben für die Rettung des von ihm verehrten Admirals
und seiner Begleiter zu wagen. Diese zweite Unternehmung wurde besser
vorbereitet. Es gingen nämlich zwei Böte, indianische Canoes, welche
für die Seefahrt besonders hergerichtet waren, unter Mendez und
Bartolomeo Fiesco ab. In jedem Bote befanden sich sechs Spanier und
zehn indianische Ruderer; es fand nämlich ein Verkehr über See zwischen
den großen Inseln statt und die Indianer konnten dabei den Spaniern
die Segelrichtung angeben. Damit aber die beiden Böte, welche erst vom
Ostende Jamaicas sich nordwärts über das Meer wagen sollten, nicht
wieder von Indianern überfallen werden könnten -- denn es konnte der
Fall eintreten, daß wegen widriger oder hochgehender See die Böte nicht
sofort vom Strande ablaufen durften, sondern mehrere Tage auf günstiges
Wetter zu warten hatten; -- so begleitete sie der Adelantado mit 50
Bewaffneten, die am Strande hinzogen und denselben so lange schützten,
bis ihre Genossen sich mit den Canoes aufs Meer hinaus wagen durften.
Diese kühne Bootfahrt fällt in den August 1503. Fünf Tage und vier
Nächte wurde unablässig gerudert, Mendez saß ohne Unterbrechung am
Steuer. So erreichten sie das Cap St. Miguel (jetzt Cap Tiburon), die
Westspitze Haitis, wo sie, erschöpft von der großen Anstrengung, zwei
Tage rasteten. Dann setzten sie ihre Fahrt längst der Südküste weiter
fort. In der Landschaft Jaragua traf Mendez den Statthalter Ovando,
welcher ihn zwar freundlich empfing, aber doch seinem Bericht über die
trostlose Lage der Schiffbrüchigen auf Jamaica nicht trauete, vielmehr
argwöhnte, Columbus wolle durch eine plumpe List ihn täuschen, um
wieder den Boden seiner Colonie betreten zu dürfen.

Monate vergingen, ehe der Statthalter von Haiti dem Drängen des Mendez
nachgab und ein Schiff unter Diego de Escobar auf Kundschaft nach
Jamaica entsendete. Die Wahl dieses Sendboten war als eine für Columbus
nicht günstige aufzufassen, denn Escobar hatte zu den Parteigängern
Roldans gezählt, war aber später begnadigt worden. Er kürzte auch
seinen Besuch in Jamaica möglichst ab, nahm Briefe des Columbus mit und
ging bald wieder in See mit dem Versprechen, ein größeres Schiff zu
senden, um den Admiral aus seiner gefährlichen Lage zu befreien; das
Fahrzeug, auf welchem er gekommen, sei zu klein, um die Schiffbrüchigen
alle aufzunehmen.

Mendez hatte sich indessen bemüht, mit dem Gelde des Columbus in Haiti
ein Schiff zu miethen, konnte aber seine Absicht erst im Frühling 1504
erreichen, weil nicht eher Schiffe von Spanien angekommen waren. Er
belud dann ein Fahrzeug mit Vorräthen aller Art und sandte es nach
Jamaica, während er selbst nach Spanien ging, um dem Könige von dem
Schicksal des Columbus Mittheilung zu machen. So kam es, daß der
Admiral sich ein ganzes Jahr unter wachsender Gefahr und aufreibenden
Sorgen auf Jamaica festgehalten sah.

Bald nach der Abfahrt des Mendez hatten die Indianer die weiteren
Lieferungen von Lebensmitteln verweigert und konnten nur durch eine
auf ihre Einfalt und ihren Aberglauben berechnete List bewogen werden,
die weitere Verpflegung der fremden Gäste zu übernehmen. Columbus
wußte, daß am 29. Februar 1504 eine Mondfinsterniß eintreten werde.
Er drohte daher den Indianern mit dem Zorn der himmlischen Gottheit,
welche ihr leuchtendes Angesicht von ihnen abwenden werde, wenn man den
Spaniern den nöthigen Nahrungsbedarf entzöge. Die kindlichen Gemüther
der Eingebornen wurden durch das rasche Eintreffen der drohenden
Prophezeihung so erschreckt, daß sie, um den Zorn des Lichtgottes zu
besänftigen, sich alsbald bereit erklärten, die Spanier mit Vorräthen
zu versehen.

Weit gefährlicher und langwieriger gestaltete sich die Meuterei
der beiden Brüder Francisco und Diego Porras, welche mit 48
Gesinnungsgenossen unter Drohungen, denen sich der muthige Adelantado
vergebens zu widersetzen suchte, die Schiffe verließen und auf
demselben Wege wie Mendez und Fiesco ihr Heil versuchen und nach Haiti
segeln wollten, weil sie meinten, Columbus habe gar nicht die Absicht,
Jamaica wieder zu verlassen, sondern wolle sie zwingen, mit ihm dort
eine dauernde Colonie zu gründen. Ihr Versuch, auf indianischen Böten
ihre Flucht auszuführen, scheiterte an der Ungunst des Wetters, sie
waren nach kurzem Kampf mit dem feindlichen Elemente genöthigt, nach
Jamaica zurückzukehren. Columbus suchte vergebens eine Verständigung
herbeizuführen, aber diese zerschlug sich an den unbilligen Forderungen
der Meuterer. Und als diese vollends sich anschickten, einen geeigneten
Hafenplatz, wo man die Landung der verheißenen rettenden Fahrzeuge
erwartete, zu besetzen, und sich dadurch zu Herren der Rettungsschiffe
zu machen, blieb der dem Columbus treu gebliebenen Mannschaft, an
deren Spitze der Adelantado trat, nichts übrig, als die Entscheidung
der Waffen anzurufen. So kam es am 19. Mai 1504 zu einem blutigen
Zusammenstoß, in welchem mehrere Meuterer erschossen und Francisco
Porras gefangen genommen wurde. Die Besiegten baten um Gnade und mußten
unter feierlichem Eidschwur von neuem Treue geloben. Nur unter dieser
Bedingung wurden sie in dem Schiffe mit aufgenommen, welches, von Diego
Mendez gesendet, am 28. Juni vor der Bucht von Santa Gloria eintraf und
alle Spanier nach Haiti hinüberbrachte, wo sie am 13. August den Hafen
von San Domingo erreichten. Ovando nahm den Admiral mit seinen Leuten
ehrerbietig auf, zeigte ihm aber auch seine höhere Amtsgewalt, indem
er dem gefangenen Francisco Porras seine Fesseln abnehmen ließ. Am 12.
September trat Columbus seine letzte Heimreise aus der neuen Welt an
und erreichte im Anfang November nach einer stürmischen Ueberfahrt den
spanischen Boden in Cadiz.


13. Die letzten Lebensjahre des Columbus.

Gekränkt und in seiner Ehre verletzt, niedergedrückt durch den Verlust
aller Schiffe, mit denen er von Spanien ausgezogen, siech an Körper
und Geist kam er von dieser seiner letzten Fahrt zurück. Niemand
kümmerte sich um die Heimkehr des armen Schiffbrüchigen. Der Jubel, der
ihn sonst empfangen, war verstummt. Peter Martyr, welcher in seinen
Briefen ehedem sich der intimen Freundschaft des Admirals gerühmt
hatte, schweigt in seinen gleichzeitigen Briefen über die Resultate
dieser Reise. Columbus ist ihm ein gefallener Mann, den man nicht
mehr nennen darf, ohne sich zu compromittiren. Man darf wohl daran
erinnern, daß Martyr auch in seinen Decaden (~Dec.~ I. ~lib.~ 10) am
gehörigen Orte nur ganz kurz diese letzte Fahrt des Columbus erwähnt;
und erst viel später, in den 1515 geschriebenen Abschnitten seines
Werkes (~Dec.~ III. ~lib.~ 1-4) wo er die Ereignisse von 1513 auf
dem mittelamerikanischen Isthmus erzählt, erinnert er sich seines an
Columbus begangenen Unrechts und holt die Geschichte der letzten Fahrt
nach.

Gewiß, Columbus hatte, als er wieder in Spanien eintraf, nur noch wenig
Freunde und sollte bald nach seiner Ankunft auch noch die treueste
Freundin, die Königin, verlieren. Isabella starb am 26. November 1504,
also nur wenige Wochen, seitdem Columbus in Cadiz angekommen war. Daher
fand dieser keine Gelegenheit, seine hohe Beschützerin noch einmal zu
sehen.

Der Admiral brachte den folgenden Winter in Sevilla zu. Er erwartete,
den schriftlichen Zusagen der Krone gemäß, baldigst in seine Rechte
und Würden wieder eingesetzt zu werden, er rechnete darauf, daß ihm
die versprochenen Einkünfte und der Antheil an den Erträgnissen der
Colonie, welche er seit mehreren Jahren nicht erhalten, ausbezahlt
würden. Wiederholt richtete er Briefe an seinen Sohn Diego, um seine
Angelegenheiten bei Hofe nachdrücklicher zu betreiben. So schrieb er
am 1. December 1504: „Mein Leiden gestattet mir nur des Nachts zu
schreiben, denn bei Tage habe ich keine Kraft dazu in den Händen“.
Er brannte vor Verlangen, von seinem Sohne zu hören, wie es bei Hofe
zugehe und wie seine Sachen stünden. Er ermahnt ihn, so oft als irgend
möglich zu schreiben.

Auch an den König Ferdinand richtete er einen langen Brief, in welchem
er die Misstände der Colonialverwaltung ausführlich darlegte, und
forderte, es solle ein Vertrauensmann zur Untersuchung hinübergesandt
werden. Aber er erhielt keine Antwort darauf. Er beklagte sich bitter,
daß ihm kein Mensch mehr schreibe.

Man liest diese Briefe des Verlassenen nicht ohne Mitleid; die steten
Wiederholungen seiner Wünsche, die drängende Ungeduld, die wehmüthigen
Klagen -- alles zeigt uns den gebrochenen Mann.

[Illustration: Haus zu Valladolid, in dem Christoph Columbus gestorben.]

Der König Ferdinand behandelte die ganze Angelegenheit ohne Wärme
und persönliche Theilnahme und überließ die Ordnung derselben einem
Tribunal, welches die testamentarischen Verfügungen der Königin ordnen
sollte. Daher vermochte selbst Bartolomé Colon, der sich mit seinem
Neffen Ferdinand ebenfalls an den Hof begab, nichts ausrichten. Endlich
machte sich der Admiral im Mai 1505 selbst auf die beschwerliche Reise
nach Segovia, wo sich damals der König aufhielt. Zwar erwies man ihm
hier die seinem Range gebührende Achtung, aber eine von Herzen kommende
Werthschätzung seiner Verdienste mußte er schmerzlich vermissen.
Offenbar waren nach dem Tode der Königin die Stimmen der Gegner noch
lauter aufgetreten und hatten den König Ferdinand gewonnen, so daß auch
der edle Las Casas gestehen muß, er habe von manchen dem Monarchen nahe
stehenden Personen zu seinem Bedauern Aeußerungen vernehmen müssen,
welche diese Abneigung und den Mangel des königlichen Wohlwollens
bestätigten.[283] Das einberufene Tribunal, die Junta de Descargos,
hielt zwar mehrere Sitzungen, traf aber keine Entscheidung. Man
behandelte die ganze Frage als eine rein castilische Angelegenheit. Als
dann nach längerem Zögern dem Entdecker der neuen Welt der Vorschlag
gemacht wurde, seine Rechte auf das Vicekönigthum gegen Besitzungen und
Titel in Castilien zu vertauschen, wies Columbus diesen Antrag zurück,
weil er darin einen Bruch des gegebenen königlichen Wortes erblickte
und seine höchste Ehre darein setzte, den Ruhm seines mühevollen Lebens
seiner Familie in vollem Maße zu erhalten. Auch als er sich bereit
erklärte, zu Gunsten seines Sohnes Diego auf seine indischen Würden zu
verzichten, ging man nicht darauf ein und zog es vor, die Entscheidung
noch weiter hinauszuziehen. Man gewöhnte sich daran, die Verdienste
eines Mannes zu unterschätzen, „welcher lästig zu werden anfing, als
er zu nützen aufgehört hatte“.[284] Ein letzter Hoffnungsstrahl schien
dem Verlassenen noch zu winken, als die neuen Monarchen Castiliens,
Philipp und Johanna am 28. April 1506 von Flandern nach Spanien
kamen. Selbst krank und leidend, sandte er seinen Bruder Bartolomé
dem jungen Königspaar entgegen, um demselben in seinem Namen zu
huldigen. Er erhoffte von der Tochter der Isabella dieselbe Güte und
Gunst, welche ihm die Mutter stets bewiesen. Es war natürlich, daß
die neuangekommenen Regenten nicht sofort eine Entscheidung treffen,
sondern nur freundliche Zusagen machen konnten. Aber auch davon sollte
Columbus nichts mehr vernehmen, er starb am Himmelfahrtstage, den 21.
Mai 1506 zu Valladolid, nachdem er zwei Tage vorher, im Vorgefühl
des Todes sein bereits 1505 verfaßtes Testament gerichtlich hatte
bestätigen lassen. Er setzte seinen älteren Sohn Diego zum Haupterben
ein, da dieser allein aus einer rechtmäßigen Ehe entsprossen war.
Seine letzten Worte waren: ~In manus tuas, Domine, commendo spiritum
meum~. Er starb in den Armen der Franziskaner und wurde auch im
Franciskanerkloster beigesetzt. Die Welt hatte ihn bereits vergessen;
sein Tod machte keinen Eindruck mehr. Das ~Cronicon de Valladolid~,
welches sonst die kleinsten Vorfälle in der Stadt bespricht, erwähnt
des Todesfalls mit keiner Silbe. Selbst Peter Martyr, der sich 10 Jahre
früher gerühmt hatte, mit dem Genuesen im Briefwechsel zu stehen,
schweigt in seinen Briefen darüber, und erwähnt auch in den Decaden nur
einmal ganz nebenbei, daß Columbus gestorben; und doch befand er sich
vom 10. Februar bis zum 26. April 1506 zu Valladolid, also zu einer
Zeit, wo Columbus schon den Keim des Todes in sich fühlte. Ruchhamer
hatte bis zum 20. September 1508, wo er sein Werk (Unbekanthe landte)
vollendete, noch nichts vom Tode des Columbus gehört, sondern schreibt
vielmehr, daß er „noch auf den gegenwertigen Tage“ mit seinem Bruder
Bartolomé am spanischen Hofe lebe.

Wahrscheinlich im Jahre 1513 wurde die Leiche nach Sevilla ins Kloster
~Santa Maria de las Cuevas~ übergeführt und vermuthlich erst hier
erhielt der Sarg die Inschrift: ~A Castilla y à Leon Nuevo Mondo dió
Colón~, welche sich auch in dem Wappen des Vicekönigs befand. Der
Admiral hatte den Wunsch ausgesprochen, in San Domingo auf Haiti
beigesetzt zu werden. Dorthin wurden die sterblichen Ueberreste in der
Zeit zwischen 1540 und 1559 gebracht und in dem Dome bestattet, in
welchem später auch sein Sohn Diego und wahrscheinlich auch sein Bruder
der Adelantado Bartolomé und seine Enkel Don Luis und Christoval ihre
Ruhestätte fanden.

Als 1795 Domingo an Frankreich abgetreten wurde, ließ der Admiral
Don Gabriel d’Artizabel die Gewölbe der Kathedrale in der Hauptstadt
öffnen, die wenigen Reste des Entdeckers der neuen Welt auf dem Schiffe
San Lorenzo nach Habana hinüberführen und dort im Dome am 19. Januar
1796 feierlich wieder beisetzen; denn es vertrug sich nicht mit der
spanischen Ehre, die Asche des Mannes, welcher für Spanien so große
Verdienste hatte, den Fremden zu überlassen. Wie Columbus in seinem
Leben ruhelos umhergetrieben war, so sollten auch seine Gebeine erst
nach Jahrhunderten Ruhe finden.[285]


14. Zur Charakteristik des Columbus.

Vor der welthistorischen Größe des Columbus stehen wir mit getheilten
Gefühlen. Wir bewundern die Kühnheit, die aus der felsenfesten
Ueberzeugung von der Richtigkeit seiner Theorien und Combinationen
entsprang, wir fühlen uns vielseitig angeregt durch seine treffenden
Naturbeobachtungen, in denen wir die ersten Keime einer physischen
Erdkunde erblicken dürfen;[286] aber auf der andern Seite fühlen wir
uns abgestoßen durch seinen blinden Autoritätsglauben, durch die
Zuversichtlichkeit, mit der er seine aus falsch oder ungenügend
angestellten Beobachtungen in seinem eignen Fache, der Nautik,
abgeleiteten abenteuerlichen Lehrsätze verkündet, durch die
schwärmerische Anmaßung, mit der er sich so oft als Abgesandten Gottes
einführt, durch die kleinliche Habsucht, mit welcher er die einem armen
Matrosen gebührende Belohnung sich selbst aneignet, durch die in der
Verschwörung Roldan zu Tage tretende Charakterschwäche. Wenn Humboldt
gemeint hat (a. a. O. II, 5), die großartige Gestalt des Columbus
beherrsche das Jahrhundert, so muß dagegen daran erinnert werden,
daß man den Entdecker der neuen Welt schon bei seinen Lebzeiten fast
vergessen hatte, und daß das Gesammtgebiet seiner Entdeckung kurz nach
seinem Tode nach einem seiner Nachfolger, nach Amerigo Vespucci benannt
wurde, und daß erst im 7. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts mit dem
Erscheinen der ~vida del Almirante~ die Aufmerksamkeit der Welt wieder
in erhöhtem Maße auf Columbus gelenkt wurde. Die weiteren Folgen seiner
Entdeckungszüge, die Eroberung der neuen Welt, die Erdumsegelungen,
die Enthüllung der allgemeinen Züge des ganzen Erdballs beherrschten
allerdings das Interesse aller seefahrenden Nationen des Abendlandes,
aber die Person des Entdeckers trat dabei ganz zurück. Seine Stärke
lag in dem scharfen Blick, mit dem er die Erscheinungen in der Natur
auffaßte, nicht blos in den Schilderungen, welche er mit poetischer
Begeisterung von den entdeckten Tropenländern gab, sondern in der
Aufstellung allgemeiner Gesetze, zu denen er, ohne wissenschaftliche
Bildung, in einzelnen Fällen das Richtige treffend, die wahrgenommenen
Erscheinungen combinirte. „Dieses Bestreben, die Resultate der
Beobachtung zu verallgemeinern, verdient um so größere Aufmerksamkeit,
als kein ähnlicher Versuch vor dem Schlusse des 15. Jahrhunderts,
fast hätte ich gesagt, vor den Tagen des Pater Acosta hervorgetreten
war. Bei den Urtheilen, welche Columbus über Gegenstände der
physischen Geographie fällte, ließ er sich ganz gegen seine sonstige
Gewohnheit +nicht+ von Erinnerungen aus der scholastischen Philosophie
leiten.[287] Dahin gehören seine Beobachtungen über die Vertheilung der
Wärme, die Variation des Erdmagnetismus, die äquatoriale Meeresströmung
und die durch diese Strömung bedingte Gestaltung +Trinidads+ und
der übrigen kleinen Antillen. „Columbus hat Fragen angeregt aus dem
Gebiete der physischen Geographie und Anthropologie, die damals die
aufgeklärten Geister Spaniens und Italiens beschäftigt: die Frage nach
der Vertheilung der Menschenrassen, die Configuration der Ländermassen.
Colon hat dem menschlichen Geschlechte wesentliche Dienste geleistet,
indem er so viel neue Gegenstände auf einmal dem Nachdenken darbot;
er hat die Masse der Ideen vergrößert; durch ihn hat ein wahrhafter
Fortschritt des menschlichen Denkens stattgefunden. Das Zeitalter
des Columbus war auch die Zeit des Copernicus, Ariosto, Dürer und
Rafael.“[288]

Aber neben diesen persönlichen und sachlichen Verdiensten, neben
den richtigen Beobachtungen und daraus abgeleiteten Lehrsätzen
erscheint eine so breite Phalanx von veralteten Theorien und
unverzeihlichen Verirrungen, wie sie nur in einem aller objectiven
Beurtheilung unfähigen Kopfe entstehen und von einem dem blindesten
Autoritätsglauben unterworfenen Geiste verkündigt werden konnten.

Wir brauchen hier nur auf die Abhängigkeit hinzuweisen, in welcher
Columbus bei den Fragen über die Größe oder Kleinheit der Erde, über
die Schmalheit des Oceans und den geringen Antheil, welcher der
Wasserdecke gegenüber der Landhülle des Erdballs zugewiesen wird,
ferner über die Theorien von der Lage des irdischen Paradieses und
den Weltuntergang sich von den Schriften des Cardinal d’Ailly befand,
auf seine Abhängigkeit von Toscanelli in Bezug auf Richtung und Ziel
seiner Fahrten, um dieses Verzichtleisten auf eigne Kritik zu erkennen.
Und wenn er in den erforschten Regionen Ophir und Cipangu, Katai und
den goldenen Chersones wiedergefunden zu haben glaubte, so liegt eine
Hauptursache in der Unfähigkeit des Admirals, annähernd richtige
astronomische Bestimmungen zu machen, in Folge dessen nicht einmal sein
Landungspunkt in der neuen Welt mit Sicherheit nachzuweisen ist. Weil
er den Karten Toscanelli’s u. a. bezüglich der Größe Cipangus mehr
traute, als seinen eignen Erfahrungen, hielt er die Insel Haiti für
eben so groß als ganz Spanien und verlegte die Nordküste der großen
Antillen bis unter den 40. Breitengrad.

Aber nicht blos, daß ihm thatsächlich in dieser Beziehung die
wissenschaftliche Kenntniß in seinem eigentlichsten Fache abging,[289]
er verschmähte sogar die Wissenschaft selbst, wenn er in seinem
~Libro de la profecias~[290] behauptet: „Zur Ausführung einer
Fahrt nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten
mir zu nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der
Prophet Jesaias vorhergesagt hat.“

Man erkennt darin den mächtigen Einfluß, den die Geistlichkeit auf
das gläubige Gemüth des Genuesen ausübte. Wie er das Zustandekommen
seiner Unternehmung nur der Unterstützung und Befürwortung durch
die Geistlichkeit verdankte, und diese ihm auch behilflich war bei
der Sammlung und Erklärung der Stellen der heiligen Schrift, welche
er in zuversichtlichem Glauben auf sich bezog, wie er sich für den
Abgesandten Gottes erklärte, um die heiligen Prophezeiungen zu
erfüllen, so trug er auch äußerlich diese schwärmerisch-religiöse
Richtung zur Schau. „Da der Admiral,“ erzählt Las Casas (~lib.~ I.
~Cap.~ 102), „den Lehren des heiligen Franziskus sehr ergeben war, so
liebte er vorzugsweise die braungraue Farbe; wir haben ihn zu Sevilla
in einer Kleidung gesehen, welche mit der der Franziskanermönche fast
vollkommen übereinstimmte.“

Dahin rechnen wir auch die pedantische Gruppirung, in welcher Columbus
bei dem mystischen Bau seiner Namensunterschrift die seinem Eigennamen
vorangestellten sieben Buchstaben, unter denen wieder das A größer
als die übrigen sein mußte, theilweise nur mit Punkten versah. Diese
Unterschrift (d. h. die einzelnen Buchstaben)

                                  S.
                               S. A. S.
                               Χ  Μ  Υ
                             ΧΡΟ FERENS.

malte er mit peinlicher Genauigkeit unter alle seine Briefe, selbst
an seine Söhne, und verlangte die sorgfältige Nachahmung ausdrücklich
auch von den Erben seines Majorats. Diese Unterschrift ist verschieden
gedeutet. Margry[292] erklärt sie: ~Supplex Servus Altissimi
Servatoris. Christus Maria Joseph Christoferens~. Becher[293] liest:
~Servidor Sus Altezas Sacras Jesus Maria Ysabel Christoferens~. W.
Irving macht zwar dabei darauf aufmerksam, daß es früher in Spanien
Sitte gewesen, seinem Namen irgend eine abgekürzte Sentenz beizusetzen,
welche, gegenüber den Juden und Mauren, den Schreiber als +Christen+
auswies;[294] aber Columbus hatte bei dieser langen Unterschrift,
welche auch Humboldts gerechten Widerwillen erregte,[295] die Absicht,
seinen Eigennamen Christoph, Christoferens in nicht mißzuverstehender
Weise mit der heiligen Familie in Verbindung zu bringen und sich als
den Christbringer zu erklären, welcher, dem ihm gewordenen göttlichen
Auftrage gemäß, das Christenthum über den Ocean tragen sollte.

[Illustration: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Christoph
Columbus, datirt Granada, 6. Februar 1502 „~à los Reyes Católicos
exponiendo algunas observaciones sobre el arte de naveger~“.[291]]

Diesem Gedanken, den Admiral als den Christusträger zu verherrlichen,
hat auch Juan de la Cosa auf seiner Karte von Amerika vom Jahre 1500
bildlichen Ausdruck gegeben, indem er auf dem damals noch nicht
enthüllten mittelamerikanischen Isthmus, wo Columbus 1503 eine Meerenge
suchte, den heiligen Christopherus darstellt, welcher das Christkind
durch den Ocean trägt. Einen erhöhten Reiz gewönne dies Bild, wenn die
oben bereits (S. 233) mitgetheilte Vermuthung das Richtige träfe, daß
der Kopf des Christopherus das Porträt des Entdeckers sei.

[Illustration: Die Insel Guanahani nach der Karte Diego Ribero’s von
1529.]

Dieselbe Karte enthält noch ein zweites bedeutsames Bild in der
künstlerisch ausgeführten Strichrose, unter welcher der Wendekreis des
Krebses hinläuft. Inmitten der nautischen Rose thront Maria mit dem
Kinde, umgeben von anbetenden Engeln. Daß auch spätere Kartographen
noch dem Glauben an die göttliche Sendung des Columbus huldigten,
erkennt man aus der naiven Weise, in welcher Diego Ribero auf seiner
1529 entworfenen Weltkarte der zuerst von Columbus entdeckten Insel
+San Salvador+ eine geradezu symbolische Gestalt gab. Er zeichnet sie
nämlich in Gestalt eines Kreuzes und gruppirt die Korallenbänke ringsum
als eilf rundliche Inseln. Wir sehen also den Erlöser (San Salvador)
von seinen eilf Aposteln umgeben.

Endlich ist hieher noch das merkwürdige Titelbild zu rechnen, mit
welchem die erste deutsche Ausgabe des Berichtes über die erste
Entdeckungsfahrt des Columbus geziert ist, von welchem Anfang und
Schluß bereits (S. 263) in Facsimiledruck mitgetheilt ist. Hier
erscheint Christus vor dem Könige von Spanien und weist bedeutsam auf
das Wundmal seiner Hand; ebendahin zeigte auch die rechte Hand des
Königs. Ist es nicht eine deutliche Anspielung auf den Unglauben des
Apostel Thomas, und ist der ungläubige spanische Monarch, welcher
jahrelang der Versicherung des Columbus mistraute, nicht durch den
Erfolg der ersten Reise bekehrt worden?

Den Glauben, daß der Genuese profane und heilige Prophezeihungen
aus alter Zeit erfüllt habe, theilten die Zeitgenossen mehrfach. So
schrieb der gelehrte Sohn des Columbus, Ferdinand in die Tragödien des
Seneca zu der (S. 236) mitgetheilten Stelle aus der Medea: ~Venient
etc.~ „Diese Prophezeihung hat mein Vater erfüllt.“ So machte Agostino
Giustiniani (geb. 1470 in Genua, seit 1514 Bischof in Mebbio auf
Corsica) in seinem polyglotten Psalter[296] zu der bekannten Stelle
im 19. Psalm: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ die Bemerkung,
Columbus habe oft gesagt, daß er von Gott berufen sei, den Gedanken
des fünften Verses: „Durch alle Lande gehet ihr Klang, bis ans Ende
der Welt ihr Ruf“ zu verwirklichen. Und dabei benutzt der Verfasser
die Gelegenheit, an dieser Stelle seinem Commentare eine längere
Lebensbeschreibung des Columbus einzuverleiben.[297]

Alle diese verschiedenen Aeußerungen des Glaubens und Vertrauens auf
die Berufung des Columbus hatten ihren Ursprung in der felsenfesten
Zuversicht des Genuesen zu seiner von Gott bestimmten Lebensaufgabe,
welche von ihm selbst auf seine Umgebung überging. Im allgemeinen
repräsentirt sich in ihm der unverwüstliche Drang der Zeit zu großen
Entdeckungen, aber seine unerschütterliche Ausdauer entsprang nur
seinem schwärmerischen Glauben. Dieser gab ihm den Muth, auf seinen
ungemessenen Forderungen zu verharren, ehe noch die Unternehmung
gesichert war, dieser verlieh ihm auch die unvergleichliche Energie,
welche er sowohl auf der ersten, als auch auf der letzten Reise
bewiesen. In dieser unerschütterlichen Ueberzeugung, in diesem Glauben
an sich selbst lag eine Größe, welche seine Genossen zuweilen mit
fortriß.

Den Eindruck, welchen die Kunde von den ersten Entdeckungen machte,
fühlen wir am besten aus den Briefen Peter Martyrs.

Auf die erste Mittheilung vom 15. Mai 1493, worin er schreibt: „Von
den westlichen Antipoden ist ein gewisser Christopherus Colon, ein
Ligure, zurückgekehrt mit Proben von kostbaren Produkten, namentlich
von Gold“[298] folgt im September desselben Jahres (13. Sept.) schon
der Ausdruck wärmerer Theilnahme. „Merket auf und vernehmet die neue
Entdeckung,“[299] worauf ein ausführlicher Bericht über die erste
Fahrt des Columbus folgt. Ein anderer Brief[300] von demselben Tage
bezeichnet die Entdeckung als ein wunderbares Ereigniß, als eine
gesegnete That. Kurz darauf (1. Oct. 1493) spricht er seine Freude
darüber aus, daß die bisher noch unbekannte Erdhälfte durch den
Wetteifer der Spanier und Portugiesen, welche immer weiter südwärts
vordringen, nun immer mehr enthüllt werde.[301] Er bezeichnet
Columbus als den Entdecker der „neuen Welt“ (~novi orbis repertor~)
und jubelt, daß Tag für Tag neue Wunder aus jenen Regionen gemeldet
werden, und daß der Admiral fast schon den goldenen Chersones erreicht
habe.[302] Er nimmt sich vor, diese ewig denkwürdigen Ereignisse mit
gespannter Aufmerksamkeit zu verfolgen, zu sammeln und den Gelehrten
mitzutheilen. Sein Freund Pomponius Laetus, der ausgezeichnete
Förderer der classischen römischen Literatur, war bei der Kunde von
den wunderbaren Erfolgen der Westfahrten vor Entzücken aufgesprungen
und hatte sich kaum der Freudenthränen erwehren können. „Ich ersehe,“
schreibt ihm Martyr, „aus deinem Briefe, was du empfunden hast und
wie du die Bedeutung dieser Entdeckungen zu würdigen weißt. Welche
Nahrung kann für erhabene Geister willkommener sein? Ich fühle es
an mir selbst. Ich bin freudig erregt, wenn ich verständige Männer
spreche, welche aus jenen Gegenden zurückkommen. Wer mag heute noch
staunen über die Entdeckungen, welche Saturn, Ceres und Triptolemos
gemacht haben sollen? Selbst die Phönizier müssen mit ihren Leistungen
zurücktreten.“[303] Ganz ähnlich spricht er sich in den Decaden (I.
~lib. X. p.~ 119) aus: „Weder dem Saturn, noch dem Herkules, noch
irgend einem der Alten, welche neue Küsten aufgesucht haben, stehen die
Spanier unserer Zeit nach. Wie weit wird die Nachwelt das Christenthum
ausgebreitet sehen, ein wie weiter Raum ist der Ausbreitung der
Menschen angewiesen? Was ich darüber empfinde, vermag ich weder mit
Worten noch mit der Feder wiederzugeben.“

Aber diese hohe Begeisterung schien nur kurze Zeit zu dauern. Als das
Ansehen des Columbus nach seiner dritten Reise sank, als er selbst
in Ketten nach Europa geschafft wurde, wurde die Aufmerksamkeit
der Handelsvölker vielmehr nach dem von den Portugiesen +wirklich
erreichten Indien+ gelenkt. Hier war das lang erstrebte Ziel
thatsächlich gefunden, hier waren die Gewürzländer selbst erreicht,
und gewinnbringende Frachten kehrten nach Lissabon zurück. An den
Fahrten nach der neuen Welt betheiligten sich nur spanische Fahrzeuge,
zum indischen Handel drängten sich deutsche und italienische
Handelshäuser und unterstützten den wachsenden Verkehr mit Schiffen
und Geld. Daher erklärt sich die merkwürdige Erscheinung, daß sich die
Geschichtsschreiber in England, Frankreich und Portugal gar nicht um
die Entdeckungen des Columbus bekümmerten, daß alle durch Flugblätter
verbreiteten Berichte nur in lateinischen, deutschen oder italienischen
Uebersetzungen vorhanden sind, und daß von den vier Reisen des Admirals
nur eine einzige, und zwar die erste, in spanischer Sprache vorliegt.
Daran ist aber der Entdecker selbst schuld, insofern er in ängstlicher
Sorge um sein Monopol die große Angelegenheit als sorgfältig zu
hütendes Geheimniß behandelte und von seinen Gefährten sogar die von
ihnen entworfenen Karten abforderte, damit niemand ohne seine Erlaubniß
sein privilegirtes Gebiete beträte. Selbst in seinen Mittheilungen an
die Monarchen Spaniens war er in dieser Beziehung zurückhaltend.

Nur zwei Briefe des Columbus drangen in die Oeffentlichkeit -- und
zwar über die erste und vierte Reise. Der Inhalt des ersten an den
Schatzmeister Raphael Sanchez gerichteten Briefes wurde in der +ersten
Flugschrift über Amerika+ 1493 in Rom veröffentlicht. Wir haben
bereits oben (S. 262) das Facsimile des Anfangs dieses interessanten
Blattes mitgetheilt. Von dieser lateinischen Ausgabe erschienen gleich
im ersten Jahre sechs verschiedene Auflagen, dann folgten spanische
und italienische Texte und endlich 1497 eine deutsche Bearbeitung
unter dem Titel: Eyn schön hübsch lesen von etlichen inßlen u. s. w.
Endlich folgte 1505 die ~lettera rarissima~, ein Brief über die vierte
Reise, welcher gleichfalls in Italien bekannt gemacht wurde.[304]
Damit erlosch die speciell columbische Literatur; aber bereits seit
1503 beherrschten Amerigo Vespucci’s ausführliche Reiseberichte den
buchhändlerischen Markt, und so erntete dieser den Ruhm, welcher dem
Entdecker gebührte, so daß endlich sogar die ganze neue Welt seinen
Namen erhielt. Columbus selbst hatte leider bis an seinen Tod nicht die
Ueberzeugung gewinnen können, daß er einen neuen Erdtheil entdeckt habe.

Wir fügen diesem Abschnitt eine kurze Uebersicht über die Familie des
Columbus an.

+Bartolomeus Columbus+, spanisch Don Bartolomé Colon, war der
erste Vertraute und auf seinen späteren Reisen eine wesentliche Stütze
seines Bruders. In dessen Auftrage war er schon 1488, ehe der Vertrag
mit Spanien zum Abschluß gekommen, nach England gegangen, um dem
Könige Heinrich VII. den Plan seines Bruders vorzulegen. Möglicher
Weise entstanden aus den dabei gegebenen Anregungen die Pläne zu den
Fahrten der Cabots. Bartolomé machte dann die zweite Entdeckungsreise
mit, gründete als Adelantado die erste Stadt der neuen Welt, San
Domingo, 1496 und machte sich namentlich auf der letzten Reise 1502
sehr verdient. Nach dem Tode des Admirals ging er mit seinem Neffen
Diego wieder nach Westindien und war 1511 in Besitz der kleinen Insel
Mona zwischen Haiti und Puertorico. Er starb am 12. August 1514 auf
Haiti. Las Casas rühmt seine Tüchtigkeit als Kosmograph und Kartograph.
Unzweifelhaft besaß er in der ganzen Familie am meisten Thatkraft und
Charakterstärke.

Weniger bedeutend ist der zweite Bruder +Diego+, der als Befehlshaber
in Isabella und in der Stadt San Domingo auftritt, aber ohne diese
schwierige Stelle befriedigend behaupten zu können. Auch er starb auf
Haiti.

Der einzige rechtmäßige Sohn des Admirals und Vicekönigs war
gleichfalls +Diego+ benannt. Er hatte von Kind auf den Vater während
der langen peinlichen Zeit des Hoffens und Harrens in Spanien auf
seinen Wanderungen begleitet, war ihm zur Seite, als in dem Kloster
la Rabida endlich die günstige Wendung des Geschickes eintrat, wurde
später, als der Vater seine Fahrten begann, unter die Pagen der
Königin aufgenommen und kam erst 1509 nach Haiti. Er hatte dann den
langwierigen fiscalischen Proceß wegen der Würden und Privilegien, die
dem Vater zugesichert waren, zu führen, und erbte endlich den Titel
eines Admirals von Indien. Er starb am 23. Februar 1526.

+Ferdinand+ Columbus, der natürliche Sohn des Entdeckers, erhielt
eine wissenschaftliche Bildung und wurde später Geistlicher. Nachdem
er Amerika besucht hatte, ließ er sich in Sevilla nieder, wo er eine
für jene Zeit bedeutende Bibliothek von 20,000 Bänden sammelte,
welche noch unter dem Namen ~Biblioteca Colombina~ vorhanden ist.
Es zeugt von seiner wissenschaftlichen Bedeutung, daß Cabot ihn
einst als Schiedsrichter anrief. Er galt bisher als Verfasser der
Lebensgeschichte seines Vaters, der s. g. ~vida del almirante (Historie
et vera relatione della vita é de’ fatti dell Ammiraglio D. Christofero
Colombo)~, welche 1571 erschien; allein dieses Werk enthält so viel
gradezu legendenhaften Stoff und dazu anekdotenhafte Züge, welche nicht
blos thatsächlich Unmögliches berichten, sondern auch aus der Feder
des in der Nautik wohlerfahrenen Sohnes unmöglich stammen können,[305]
so daß die Authenticität der „~vida~“ mit vollem Rechte bestritten
ist.[306]

+Don Luis+, der Sohn Diego’s, führte den fiscalischen Proceß zu Ende
und gab seine Ansprüche auf das Vicekönigthum auf gegen den Titel
Herzog von Veragua, Marquis von Jamaica, Admiral von Indien und für
eine Pension von 1000 Dublonen Gold. Er starb 1572 und es folgte ihm
der Sohn seines Bruders Christobal, +Don Diego+ II., als vierter
Admiral von Indien. Mit ihm erlosch 1576 die directe männliche Linie
des Columbus.


15. Die kleinen Entdecker.

Es war eine natürliche Folge des Misgeschicks, welches den Entdecker
Amerikas auf seiner dritten Reise während seines Aufenthalts auf
Haiti traf, daß, da sein Ansehen in dem unerquicklichen Streite
mit der Partei Roldans im Sinken begriffen war, eine Anzahl von
kühnen Unternehmern von der bereits 1495 gegebenen Erlaubniß, auf
Entdeckungsfahrten ausziehen zu dürfen, Gebrauch machte und die
Untersuchung des Festlandes von Paria, welches Columbus auf seiner
dritten Reise aufgefunden hatte, weiter fortsetzte. „Do aber Admirans
(Admiral) jnn das vngluck kam, das man in acht als wer er jn vngnaden
der könig, do vndernamen sich vil der seinen, die vast wol kundten
auff dem Meer faren, und vnderstunden vestigklich sich jn das gluck zu
begeben, und vnerfaren ort der welt zu ersuchen“.[307]

Der erste, welcher diese günstigen Zeitumstände benutzte, war
der jugendliche Ritter +Alonso de Hojeda+. Derselbe war ums Jahr
1470 in der Stadt Cuenca in Neu-Castilien aus einer angesehenen
Familie geboren[308] und trat als Page in den Dienst eines der
einflußreichsten, mächtigsten Granden Spaniens, des Don Luis de
Cerda, Herzog von Medina Celi. Dieser ist uns bereits als einer der
frühesten Gönner des Columbus bekannt, und in seinem Hause hatte Hojeda
jedenfalls schon den Genuesen kennen gelernt und sich für dessen
Pläne begeistert; denn wir haben schon oben (S. 280) mitgetheilt,
daß Hojeda die zweite Reise des Columbus mitmachte und sich durch
die Gefangennahme des Caziken Caonabo auszeichnete. Dann verweilte
er einige Jahre in Spanien und wurde durch die Vermittlung seines
Vetters, des Dominikanermönches Alonso de Hojeda, welcher als einer
der ersten Inquisitoren Spaniens bei den Monarchen in Gunst stand,
mit dem Bischof Fonseca, dem Leiter der indischen Angelegenheiten
bekannt und erhielt durch diesen Einsicht in die Briefe und die Karte,
welche Columbus über den Verlauf seiner dritten Reise und namentlich
über die Entdeckung der Küsten von Südamerika eingesandt hatte. Diese
Nachricht lief etwa um Weihnachten 1498 in Spanien ein. Wahrscheinlich
ward bald nach dieser Zeit schon der Beschluß gefaßt, den Admiral von
seiner Statthalterschaft in Haiti zu beseitigen; Fonseca förderte
deshalb bereitwillig den Plan Hojeda’s, die perlenreiche Küste von
Paria auszubeuten und stellte ihm einen Erlaubnißschein zur Ausrüstung
von Schiffen aus; doch durfte Hojeda weder portugiesisches Gebiet
berühren, noch jene Regionen besuchen, welche Columbus bis zum Jahre
1495 entdeckt hatte. Als Piloten für seine Expedition gewann der junge
Ritter den Basken +Juan de la Cosa+, welcher nach Abschluß dieser
Fahrt seine Karte, die erste von der neuen Welt, entwarf. Außerdem
nahm an dem abenteuerlichen Zuge der Florentiner +Amerigo Vespucci+
theil, welcher es verstand, durch die lebendigen Schilderungen seiner
Erlebnisse und Beobachtungen sich bald einen weltbekannten Namen zu
machen.

In welcher Stellung Vespucci mitging, läßt sich nicht mehr ermitteln.
Er war am 9. März 1451 in Florenz geboren, also nur wenige Jahre jünger
als sein Landsmann Columbus. Er war der Sohn eines öffentlichen Notars
und von seinem Oheim, einem gebildeten Geistlichen, unterrichtet worden
und zwar in Gemeinschaft mit Pietro Soderini, dem späteren Gonfaloniere
von Florenz. An diesen hat Vespucci im Jahre 1501 den Bericht seiner
zweiten Reise gesandt. Seit dem Jahre 1493 finden wir Vespucci in
Spanien, wohin sich damals viele unternehmende Italiener wandten. Dort
trat er in den Dienst des seit 1486 in Spanien ansäßigen italienischen
Handelshauses Berardi, welches für das indische Amt die Geschäfte
besorgte und die Ausrüstung der nach Westindien gehenden Schiffe
übernommen hatte. Hierbei war auch Vespucci thätig und wird 1495 und
1496 erwähnt.[309]

In der Zeit vom April 1497 bis zum Mai 1498 finden wir ihn fast immer
unterwegs zwischen Sevilla, dem Sitze des indischen Amts, und dem Hafen
von San Lucar, von wo Columbus aussegeln wollte.

[Illustration: _Alfr. Runge, Geogr. artist. Inst., Leipzig-Reudnitz_.

_G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin._

]

Das kleine Geschwader Hojeda’s ging am 18. Mai 1499 von Cadix ab,
steuerte zuerst nach den Canarischen Inseln hinüber und nahm von
Gomera ab dieselbe Richtung, welche Columbus auf seiner dritten Reise
eingeschlagen hatte. In 27 Tagen gelangten sie über den Ocean an die
Gestade von Surinam etwa unter 6° n. Br. Sie folgten der flachen Küste
nach Nordwesten, entdeckten die Mündung des Essequibo, den sie Rio
dulce nannten, und das Delta des Orinoco und verfolgten von hier aus,
nachdem sie 200 spanische Meilen Küstenlinien entdeckt hatten, den
Spuren des Columbus. Auf Trinidad fanden sie Zeichen von der früheren
Anwesenheit des Admirals und gingen durch den Golf von Paria und den
Drachenschlund auf die Nordseite des Continents. Sie folgten der Küste,
besuchten auch die Perleninsel (Margarita) und Curaçao, wo, wie aus
dem Berichte Vespucci’s hervorgeht, die Seefahrer überrascht waren
durch den großen indianischen Menschenschlag, den sie dort antrafen,
infolge dessen man sie die Insel der Giganten nannte. Am 9. August
erreichten sie das Cap S. Roman (nach dem Heiligen des Tages benannt)
und entdeckten weiterhin den Golf von Venezuela, welcher seinen Namen
daher erhält, weil man an der Ostküste des Golfes viel Volk antraf,
welches an der Küste in auf Pfahlrosten errichteten Hütten über
dem Wasser wohnte. Durch diese kunstreichen Pfahlbauten wurden die
Entdecker an die Anlage Venedigs erinnert und nannten daher zunächst
das Dorf, dessen einheimischer Name Coquibacoa war, Klein-Venedig, also
Venezuela und demnach weiterhin auch den ganzen Golf. Bekanntlich
hat späterhin die ganze Küste und neuerdings die spanisch-amerikanische
Republik den Namen Venezuela erhalten.

[Illustration: ~Aelteste Karte von

AMERIKA.~

_Westlichster Theil der im Jahre 1500 von Juan de la Cosa gezeichneten
Erdkarte. Original (auf Pergament) im Marine-Museum zu Madrid.
Facsimile-Reproduktion in ½ der Höhe des Originals._]

[Illustration: _Die englischen Entdeckungen unter Cabot in Nordamerika
und die spanischen Entdeckungen in Mittel- und Südamerika sind durch
Wappenfähnlein kenntlich gemacht. -- Die über das ganze Kartenblatt
laufenden, von den Strichrosen ausgehenden Linien sind nur an ihren
Durchschnittspunkten markiert. Die weissen Stellen im Festland von
Amerika bezeichnen im Original befindliche Löcher._]

Von dem Golf aus drangen die Schiffe am 24. August durch den engen Hals
in die innere Bucht, in den See von Maracaibo ein, an dessen Eingange
sie den Hafen San Bartolomé benannten. Langsam vorrückend, besuchten
sie darauf die westlich vom Golf gelegene Halbinsel Guajira. Bis hieher
ist auf der Karte Juans de la Cosa der Verlauf der Küste recht wohl zu
erkennen; an dieser Halbinsel endete die Entdeckung am 16. September
bei dem Cabo de la vela. In der Ferne sah man noch einen hohen Berg,
welcher bei Cosa Monte de Santa Eufemia heißt, wahrscheinlich die
Sierra nevada von Santa Marta. Dann brach man die Untersuchung des
Continentes ab und steuerte in sieben Tagen nach Haiti hinüber und
lief am 23. September in die Bucht von Yaquimo ein. Dem Vicekönig,
welcher damals mitten in dem unerquicklichen Streit mit Roldan lag,
war der Besuch Hojeda’s höchst unbequem, so daß er noch nach Jahren
in dem Briefe an die Amme des Prinzen Juan darauf zurückkommt mit den
Worten: „Dann kam Hojeda, in der Absicht, diese Unordnungen auf Haiti
zu besiegeln.“

Nach dem Bericht Vespucci’s nahm das Geschwader von Haiti aus den Weg
durch die Bahama-Inseln, wo man, um einen Theil der Ausrüstungskosten
decken zu können, 232 Menschen raubte, um sie in Spanien als Sklaven zu
verkaufen, und kehrte endlich, auf der Fahrt von den Açoren nach den
Canarien verschlagen, in Mitte Juni 1500 nach Cadix zurück.

Wenn man auf Cosa’s Karte die Insel Cuba bereits als Insel dargestellt
sieht, obwohl dieser Kartograph wenige Jahre früher eidlich seine
Ueberzeugung hatte zu Protokoll geben müssen, daß er Cuba für das
Festland von Asien halte (s. S. 278), so sollte man vermuthen, daß
vielleicht auch auf dieser Expedition Hojeda’s schon das Westende Cubas
aufgefunden sei. Darauf weist auch eine etwas unbestimmt gehaltene
Bemerkung Peter Martyrs, daß von gewisser Seite behauptet sei, man habe
Cuba umfahren.[310]

Der Gewinn der Unternehmung war gering. Nach Abzug der Kosten blieben
nur 500 Ducaten, welche unter 55 Personen zu vertheilen waren.

Daher kam es auch, daß die geographischen Erfolge weniger Beachtung
fanden, als sie verdienten, und daß die zwei Monate früher vollendete
Expedition des +Per Alonso Niño+ mehr Eindruck machte, weil der
materielle Gewinn ein größerer war.

Palos und das benachbarte Moguer[311] waren durch die Unternehmung
des Columbus mächtig angeregt. Wie die dortigen Seeleute sich der
ersten Fahrt angeschlossen, so versuchten sie späterhin mehrfach in
selbständigen Expeditionen nach der neuen Welt ihr Glück.

Der erste war +Per+ (Pedro) +Alonso Niño+ aus Moguer, welcher
unter Columbus die erste und dritte Reise mitgemacht hatte[312] und von
dem Banquier Luis Guerra in Sevilla die Mittel zur Ausrüstung eines
Schiffes unter der Bedingung erhielt, daß dessen Bruder Cristobal
Guerra nominell die Leitung erhalte. Das kleine Fahrzeug von fünfzig
Tons segelte mit 33 Mann im Juni 1499, einige Tage nach der Abfahrt
Hojeda’s, von Palos ab. Fonseca hatte dazu die königliche Erlaubniß
erwirkt, aber unter der Bedingung, daß sie sich wenigstens 50 Leguas
von denjenigen Plätzen entfernt hielten, welche Columbus berührt
hatte.[313]

Mit günstigem Fahrwinde erreichten Niño und Guerra die Küste von
Paria etwas südlicher als Columbus und gingen, nachdem sie am Golfe
Brasilholz geschlagen, durch den Drachenschlund nach der Perlenküste
(~Costa de perlas~ auf Cosa’s Karte) mit der Absicht, dort Perlen
einzutauschen. An der Küste von Cumana und la Guaira machten sie den
reichsten Eintausch, denn sie langten 14 Tage eher dahin als Hojeda.
Westwärts gingen sie nur bis zu der Landschaft Cauchieto, wo nach
Angabe der Indianer viel Gold zu finden war. Allein darin fanden sie
sich getäuscht. In Folge dessen gingen sie im Anfang November noch
einmal nach Cumana und der Insel Margarita zurück, welche Columbus
nicht betreten hatte, und traten dann die Heimreise an, nachdem sie
die feste Ueberzeugung gewonnen hatten, daß das entdeckte Land ein
Continent und keine Insel sei, da sie Hirsche, Eber und anderes Wild
angetroffen, wie man es auf Inseln nicht findet, und da sie eine
bedeutende Strecke an der Küste hingefahren waren.[314] Im Februar
(nach Andern im April) erreichten sie die Nordwestküste von Spanien
wieder und liefen in den galicischen Hafen von Bagona ein. Die gesammte
Ausbeute belief sich auf 96 Mark (~libras octunciales~) Perlen, von
denen ein Fünftel an den königlichen Fiscus abgegeben wurde. Der
glückliche Verlauf und der reiche Gewinn reizte zu neuen Fahrten.

Am Schlusse desselben Jahres 1499 brach von Palos ein zweites
Geschwader auf. Die reiche Familie der Pinzone hatte es auf ihre
Kosten ausgerüstet. An der Spitze standen +Vicente Yañez Pinzon+ und
seine Neffen Diego Fernandez und Perez Arias. Am 18. November gingen
4 Caravelen unter Segel und steuerten von der capverdischen Insel St.
Jago am 13. Januar 1500 gegen Südwesten trotz Stürme und großer Gefahr
über den Aequator. Jenseit des fünften Grades südl. Br. stießen sie am
26. Januar südlich von dem Cap S. Roque auf die brasilianische Küste
und nannten den ersten Landvorsprung das schöne Vorgebirge, Rostro
Hermoso. Die Portugiesen nannten dasselbe später Cap Sa. Cruz oder S.
Agostinho. Juan de la Cosa bezeichnet diese Stelle mit der Inschrift:
„Dieses Cap wurde im Jahre 1499 (irrthümlich statt 1500) für Castilien
entdeckt, der Entdecker war Vicentians.“[315] Der Führer der Expedition
stieg mit mehreren königlichen Notaren ans Land und nahm für den König
von Spanien Besitz von demselben, indem er Zweige von den Bäumen
abhieb, von dem Wasser des Landes trank und Kreuze errichtete. Ein
Versuch, mit den Eingebornen in friedlichen Tauschverkehr zu treten,
wurde durch das feindselige Benehmen derselben vereitelt. Man steuerte
darauf an der Küste des Landes gegen WNW. So wurde also auch, wie
Peter Martyr triumphirend schreibt, hier, jenseit des Oceans die alte
Streitfrage, an welcher sich Philosophen, Dichter und Kosmographen
lebhaft betheiligt hatten, ob nämlich der heiße Aequatorialgürtel für
Menschen bewohnbar sei, endgiltig durch den Augenschein gelöst.[316]
Auf der Weiterfahrt geriethen sie mit den Indianern in blutigen
Streit, welcher mehreren Matrosen das Leben kostete. Sie hielten daher
etwas von der Küste ab und gelangten vor die Mündung des mächtigen
Amazonenstroms; sie waren nicht wenig erstaunt, als sie in einer
Entfernung von 40 spanischen Meilen vom Lande trinkbares Wasser von
der Meeresfläche schöpfen konnten. Daß solche gewaltige Massen von
süßem Wasser, welche den Ocean bedeckten, nur von einem Riesenstrome
herrühren konnten, wurde klar, jemehr sie sich nun dem Gestade
näherten, an welchem sie mehrere Inseln entdeckten. Auf einer derselben
nahmen sie 36 Eingeborene gefangen und führten sie als Sklaven mit sich
fort. An der Mündung des Marañon, wo sie zuerst den Polarstern wieder
zu Gesicht bekamen, beobachteten sie eine Springflut und glaubten aus
den Angaben der Indianer zu verstehen, daß weiter aufwärts am Fluß
viel Gold zu finden sei. Offenbar hatte man ein bedeutendes Festland
vor sich, dem man unmöglich die kleine Bezeichnung „Insel“ ertheilen
konnte, man müßte denn, wie Martyr bemerkt, die ganze bewohnte Erde
(~universum terrae orbem~) als Insel ansehen. Wegen der ungeheuren
Breite des Amazonenstroms, welche die Entdecker auf 30 spanische Meilen
schätzten, hielt Martyr die Erzählung anfangs für eine Fabel. Als er
sie dann aber weiter fragte, ob sie nicht etwa eine Meerenge für einen
Fluß angesehen hätten, bemerkten ihm jene, daß, je weiter man in den
Strom hinauf fahre, das Wasser um so süßer werde. Durch diese Erklärung
beruhigt, ruft der Verfasser der Decaden aus: „Wer will es der Natur
nehmen, daß sie nicht noch größeres selbst als diesen Fluß schaffen
könne!“ Die Entdeckung des gewaltigsten Stroms der Erde erregte mit
Recht die staunende Bewunderung der Zeitgenossen. So verschwommen aber
waren damals noch die Vorstellungen, welche man über diese Gebiete in
Spanien hatte, daß Peter Martyr glaubte, der Marañon sei derselbe Fluß,
den Columbus auf seiner dritten Reise gefunden; der Amazonenstrom und
Orinoco schienen ihm also identisch. Daß beide neben einander existiren
könnten, schien unglaublich.

Aus den prachtvollen Urwäldern nördlich vom Strome, wo sie Riesenstämme
antrafen, welche 16 Männer kaum zu umspannen vermochten, nahmen sie
eine Ladung von Brasilholz[317] mit und gingen dann am Orinocodelta
vorüber durch den Drachenschlund, entdeckten jenseit Trinidad die
Insel Tabago, berührten mehrere der kleinen Antillen und trafen am
23. Juni 1500 in Haiti ein. Von hier aus wandte sich das Geschwader,
welches weder Gold noch Perlen gewonnen hatte, zur Menschenjagd
nach den Bahama-Inseln, verlor aber in einem furchtbaren Sturm zwei
Schiffe. Die beiden andern Fahrzeuge erreichten am 30. September 1500
den heimatlichen Hafen. Der geographische Erfolg dieser Reise war ein
bedeutender, aber der materielle Gewinn fehlte vollständig. Die Droguen
und Hölzer, welche man für Ingwer und Zimmet gehalten, waren werthlos.
Es blieb nur die Sklavenfracht und das Brasilholz; dazu stürzte der
Verlust zweier Schiffe die Familie der Unternehmer in Schulden und ließ
den Gedanken an eine Fortführung der Pläne nicht aufkommen, obwohl
man dem Ziele weit näher gekommen zu sein meinte, als Columbus; denn
man war überzeugt, über Catai hinaus das indische Gestade jenseit des
Ganges erreicht zu haben.[318]

Kaum einen Monat später, als die Pinzone, brach ebenfalls von Palos,
etwa in der Mitte des December 1499 +Diego de Lepe+ mit zwei Schiffen
auf und segelte von der capverdischen Insel Fuego 500 Leguas gegen
Südwesten, bis er in der Nähe von Cap Agostinho auf die Küste des
Festlandes stieß. Der Verlauf der Expedition am Marañon vorüber nach
dem Parialande ist ziemlich derselbe wie bei der Fahrt der Pinzone;
doch würde Lepe’s Reise noch ein besonderes Interesse gewinnen, wenn,
wie vermuthet ist, Amerigo Vespucci daran theilgenommen hätte und der
Bericht von der zweiten Schifffahrt des Florentiners sich auf Diego
de Lepe’s Unternehmung bezöge.[319] Vespucci, welcher zweimal am Cap
Agostinho war, bestimmte die südliche Breite desselben zu 8 Grad, nach
den Aussagen Sebastian Cabots, Juan Vespucio’s u. a. (Navarrete III,
319. 320). Andreas Morales entwarf nach den Angaben der Entdecker und
der nachfolgenden Expeditionen eine Karte für den Bischof Fonseca,
auf welcher auch die Lage des Cap Agostinho nach Rücksprache mit
Lepe angegeben war. Diego de Lepe’s Karte wurde später auch von Juan
Diaz de Solis geprüft. Das Cap Agostinho gewann aber deshalb eine so
große Wichtigkeit, weil man durch seine Fixirung den ersten festeren
Anhalt für die Bestimmung der Demarcationslinie zu finden glaubte.
Lepe’s Karte wurde dabei zu Rathe gezogen und Vespucci hat, nach der
Aussage namhafter Zeugen, seine Lage bestimmt (Navarrete III, 319). Die
Beziehungen zwischen Diego de Lepe und Amerigo Vespucci treten dadurch
so deutlich hervor, daß die Vermuthung, Vespucci habe mit Lepe seine
zweite Reise gemacht, dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt. Ueber
Haiti kehrten die Schiffe wieder heim und langten vor dem November 1500
in Spanien an, denn schon am 9. November desselben Jahres ist ein Erlaß
der spanischen Majestäten, Diego Lepe betreffend, ergangen (Navarrete
III, 80).

Um die Küsten des caribischen Meeres weiter zu erforschen, zog
+Rodrigo de Bastidas+ im October 1500 mit zwei Schiffen von Cadiz
aus, besuchte den Golf von Venezuela, sowie die Länder im Süden und
Westen der Landschaft Coquibacoa. Von Cabo de la vela begann er seine
Entdeckungen, berührte die Küste der Sierra nevada de Sa. Marta und
drang über die Mündung des Magdalenenstroms in das Innere des Golfes
von Darien (oder Urabá). Von hier wandte er sich nach Nordwesten und
verfolgte den Saum der darischen Landenge bis zur Punta San Blas oder
dem nahegelegenen Puerto de Escribanos.[320] Er erreichte also den
Isthmus von Panama vor Columbus, welcher erst am 26. November 1502
hieher gelangte. Durch diese Reise des Bastidas wurde die Aufnahme der
Nordküste Südamerikas vollendet.

Im Januar 1502 machte sich +Hojeda+ zum zweitenmale auf, nachdem er zur
Beschaffung der Mittel sich mit Juan de Vergara und Garcia de Ocampo
oder del Campo verbunden und mit der Krone durch Vermittlung Fonseca’s
einen Vertrag geschlossen hatte, wonach ihm die Umgebung des Golfes
von Maracaibo unter dem Namen einer Statthalterschaft von Coquibacoa
oder Cichibacoa überlassen wurde. Er ging mit vier Schiffen über die
Capverden nach der Küste von Venezuela, entdeckte den Golf von Coro,
den östlichen Theil des Golfs von Venezuela und beschloß dort eine
Niederlassung zu gründen; aber die Eingeborenen vertheidigten ihr Land
mit den Waffen und tödteten in einem Gefechte zwanzig Spanier. Mangel
an Lebensmitteln riefen unter der Mannschaft einen Aufruhr hervor, in
welchem Hojeda gefangen genommen und in Ketten geworfen wurde. Dann
gaben die Meuterer die Ansiedlung auf und gingen nach Haiti, wo Hojeda
dem Gericht überliefert und nach Spanien gebracht, im Jahre 1503 aber
völlig freigesprochen wurde.

Noch unglücklicher verliefen die beiden Expeditionen, welche 1504
nach jenen Gegenden auszogen. Das eine Geschwader unter +Cristobal
Guerra+ und +Luis Guerra+ bestand aus vier Schiffen, das andere
unter +Juan de la Cosa+ aus drei oder vier Schiffen. Nachdem sie
die Gestade Venezuelas gebrandschatzt und Menschenraub getrieben
hatten, scheiterten mehrere der Fahrzeuge am Golf von Darien. Man
sah sich gezwungen, dreiviertel Jahr unter Hunger und Mühsal an der
Küste auszuharren, wobei mehr als die Hälfte der Mannschaft dem
Fieber erlag. Von den 200 Abenteurern beider Geschwader retteten sich
schließlich nur etwa vierzig über Jamaica und Haiti nach Spanien. Trotz
aller Mißerfolge fand +Alonso de Hojeda+ im nächsten Jahre wieder
Gelegenheit, mit drei Schiffen den Versuch, seine Statthalterschaft in
Coquibacoa zu begründen, zu wiederholen. Nähere Umstände über diese
1505 ausgeführte Unternehmung sind aber nicht bekannt geworden.


16. Die Portugiesen in Südamerika.

Es ist bereits oben (S. 129) berichtet, unter welchen Umständen bei
der zweiten portugiesischen Expedition nach Indien unter Pedralvarez
Cabral im April 1500 die Küste Brasiliens zufällig berührt wurde. Da
die Portugiesen von der fast gleichzeitig erfolgten Auffindung der
nördlicheren Gestade des südamerikanischen Continents durch die Spanier
noch keine Nachricht erhalten hatten, so hielt Cabral das entdeckte
Land für eine große Insel, welcher er den Namen Santa Cruz beilegte,
und schickte den Capitän Gaspar de Lemos mit der Kunde von dieser
Entdeckung nach Portugal zurück, während er selbst seinen Weg nach
Indien fortsetzte.

In Lissabon erkannte man sofort den Vortheil, welchen die neue Insel
den Indienfahrern gewähren könne, da sie sehr günstig gelegen sei,
um Schiffe auszubessern und Wasser einzunehmen.[321] Es wurde daher
beschlossen, durch ein zu diesem Zweck entsendetes Geschwader den von
Cabral gemachten Fund weiter untersuchen zu lassen. Um diese Zeit war
Amerigo Vespucci von seiner zweiten Fahrt, auf welcher er bis zum
8. Grad s. Br. gekommen war, zurückgekehrt und weilte in Sevilla.
Da nun Amerigo auch eine von Fachleuten anerkannte Geschicklichkeit
besaß, mittelst Quadranten die geographische Breite zu bestimmen, so
suchte König Manuel ihn zu gewinnen, die beabsichtigte Fahrt nach
dem Sa. Cruzlande mitzumachen und sandte daher einen Florentiner,
Giuliano di Bartolomeo del Giocondo von Lissabon nach Sevilla. Erst
auf wiederholte Bitte erklärte Vespucci sich bereit und reiste nach
Portugal. Im Mai 1501 liefen drei Schiffe von Lissabon aus, an Bord des
einen befand sich Vespucci, wahrscheinlich als Astronom. Der Name des
Capitäns ist unbekannt, da Vespucci, dessen Briefe die einzige Quelle
über die Fahrt sind, uns denselben verschweigt. Das Geschwader ging
an der afrikanischen Küste bis über das grüne Vorgebirge hinaus, nahm
dort bei den Bissagos Lebensmittel, Holz und Wasser ein und steuerte
dann mehr westlich haltend über den Ocean. In der Region der Calmen,
in der Nähe des Aequators, brachen furchtbare Unwetter los, welche
sie lange dort festbannten.[322] Erst am 16. August kam die Küste
von Südamerika in Sicht in der Nähe von Cap S. Roque, unter 5° s.
Br. Man nahm für den König von Portugal in üblicher Weise Besitz vom
Lande und versuchte mit den Eingeborenen einen kleinen Tauschhandel
zu eröffnen. Es entstand aber auch hier bald Mißhelligkeit und Streit
und die Europäer mußten es erleben, daß einer ihrer jungen Matrosen am
Strande erschlagen und verzehrt wurde. Man folgte nun der Küste weiter
nach Südwesten und ertheilte, wie es scheint, einzelnen Punkten den
Namen der Kalenderheiligen des Tages. Der Atlas des Vaz Dourado[323]
läßt in solcher Weise den Fortschritt der Entdeckung klar erkennen.
Demgemäß war man am 16. August, am Tage des heil. Rochus zuerst auf
den Continent am Cap San Roque, gestoßen, hatte das Cap des heil.
Augustin (8° südl. Br.) am 28. August erreicht, den Rio de San Miquel
(10° südl. Br.) am Michaelistage berührt, den Rio de San Franciso am
4. October gefunden. Weiterhin streifte man die von Cabral entdeckte
Küste und erkannte daraus, daß die von demselben als Ilha de Sa. Cruz
bezeichneten Gestade einem gewaltigen Continente angehörten, und lief
nun weiter über den Rio de Sa. Luzia, wahrscheinlich den heutigen Rio
Doce, zu welchem man nach der Bestimmung des Tages am 13. December
gelangte, zum Cabo de San Thomé (21. December). Das Sternbild des
kleinen Bären war ihnen bereits entschwunden[324] und auch der große
Bär stand nur noch sehr niedrig.[325] Vermuthlich entdeckte man den
Eingang der prachtvollen Bucht am Rio de Janeiro am 1. Januar 1502
und westlich davon die Angra dos Reis am heiligen Dreikönigstage, also
am 6. Januar, Porto de San Vicente am 22. Januar und gleich darauf
Cananea (25° s. Br.), fälschlich auf den damaligen Karten als Cananor
bezeichnet. Mit diesem Punkte hören auf den Karten, welche bis 1510
erschienen, die Küstenbenennungen auf, obwohl Vespucci berichtet, das
Geschwader habe bis zum 32° südl. Br. das Land in Sicht behalten.

Bis hieher läßt sich der Verlauf der Entdeckungen also bestimmt
verfolgen. Vespucci erzählt aber, man habe von da an ihm persönlich die
weitere Leitung übertragen und er sei nun vom Lande ab gegen Süden bis
zum 50° oder 52° s. Br. in das südliche Meer vorgedrungen, wo man am
2. April eine von Klippen umsäumte, unbewohnte, öde Küste entdeckt, an
der man 20 Seemeilen entlang gesegelt; und weil man in den südlichen
Winter hineingerieth, habe man nun die weitere Fahrt aufgegeben und
sei über den Ocean nach der Serra Leona zugesteuert. Welche Küste er
gesehen haben will, läßt sich nicht bestimmen.[326] Man hat an die
Falkland-Inseln und die patagonische Küste gedacht.

An der Küste der Serra Leona wurde eins von den drei Schiffen, welches
untauglich geworden war, verbrannt, die beiden andern langten über die
Açoren am 7. September 1502 in Lissabon an, so daß also die ganze Reise
16 Monate gewährt hatte.

Der Erfolg dieser auf Staatskosten unternommenen Erforschungsreise war
in geographischer Beziehung ein sehr bedeutender, und Vespucci verstand
es, durch seine Briefe und Berichte sich dabei als den Hauptträger
und wissenschaftlichen Leiter hinzustellen. Die ausführlichen
Schilderungen der entzückend schönen, tropischen Küstenlandschaften
des südamerikanischen Continents, dessen gewaltige Ausdehnung nach
Süden durch diese Fahrt zuerst erkannt wurde, die Schönheit des
südlichen Himmels, von dessen Sternbildern Vespucci einige unförmliche
Zeichnungen entwarf, und endlich die sichere Behauptung, daß er mit
seinen Schiffen wenigstens bis zum 50° s. Br. gekommen sei, alles
dies trug ohne Zweifel dazu bei, gerade diese dritte Reise Vespucci’s
berühmter als alle anderen zu machen; denn es war eine Seefahrt
gewesen, welche sich von Lissabon, also etwa von 40° n. Br. an, in
der Richtung der Meridiane über den vierten Theil des Erdumfanges
ausdehnte. In der deutschen Uebersetzung eines Briefes des Florentiner
Kosmographen an seinen Freund Lorenzo di Pierfrancesco de Medici wird
dieses Resultat mit den Worten zusammengefaßt. „So ist küntlich vnnd
offenbar das wir den vierdenteyl der welt durchschyffet haben.“ In
demselben Sinne gibt Ruchamer[327] diesem Abschnitt seines Werkes den
Titel: „Wie Alberich den vierten Theil der Welt entdeckt hat.“ Der
Brief Vespucci’s machte ungeheures Aufsehen, wurde 1503 zuerst durch
Jean Lambert zu Paris in lateinischer Uebersetzung und weiter in
Augsburg und Straßburg in deutscher Sprache gedruckt.

[Illustration: Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes,
welchen Am. Vespucci über seine dritte Reise an Pierfrancesco de Medici
schrieb.

(Königl. Bibliothek zu Dresden.)]

[Illustration: Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes.

(Königliche Bibliothek zu Dresden.[328])]

Und wenn schon auf dem Titel, auf dem der König von Portugal in
herausfordernder Weise sich spreizt und mit den Errungenschaften zu
brüsten scheint, die neu entdeckten Länder als eine +Welt+ bezeichnet
werden, so spricht Vespucci selbst es in der Einleitung seines Briefes
noch deutlicher aus, daß man die großen Länderräume, welche er im
Auftrage des Königs von Portugal aufgefunden, die +neue Welt+ nennen
könne, zumal da man früher gar keine Kunde davon gehabt, vielmehr der
Ansicht gewesen sei, daß südlich vom Aequator sich nur Wasser über die
ganze Hemisphäre erstrecke. Nun seien aber zahlreiche Völker und eine
eben so reiche Thierwelt aufgefunden, wie sie in der alten Welt bekannt
sei.

Durch die Erzählungen von einer neuen Welt, welche Vespucci mit
bewußtem Stolze Asien, Afrika und Europa gegenüberstellte, verdunkelte
er das niedergehende Gestirn seines Landsmannes Columbus vollständig
und gab wenige Jahre später die Veranlassung, daß der neu entdeckte
Erdtheil seinen Namen erhielt. Der Florentiner war aber mit seinen
Erfolgen noch nicht zufrieden, er wollte, wie er an Lorenzo de
Pierfrancesco schreibt, noch einen ausführlicheren Bericht über
seine Beobachtungen und Entdeckungen liefern, „damit mein gedechtnuß
bei vnßern nachfaren, löblich beleib, Vnd des almechtigen gots so
groß köstlich, künstliche werk bekant werde.“ Zugleich kündigte er
auch seine Absicht an, noch eine vierte Reise zu unternehmen, zu
welcher bereits zwei Schiffe ausgerüstet seien. Er plante dabei nicht
geringeres, als durch den Süden nach dem Orient zu segeln,[329] oder
wie der Text der Dresdner Flugschrift noch bestimmter sagt „durch den
wyndt, genant Affricus“, also gegen Südwesten.

Es ist also zuerst von Vespucci der Vorsatz klar ausgesprochen,
auf südwestlichem Wege Indien zu erreichen und dabei vor allem den
Gewürzmarkt von Malakka aufzusuchen -- ein Gedanke, welchen Magalhães
16 Jahre später verwirklichte. Die Expedition, an welcher Vespucci
Theil nahm, stand unter dem Befehle des Gonzalo Coelho; sie zählte
sechs Schiffe und ging am 10. Juni 1503 von Lissabon ab. Von der
Serra Leona steuerte sie nach Südwesten, nach der Küste Brasiliens
hinüber; unter 4° s. B. scheiterte das größte Schiff an einer Klippe
vor der öden Felseninsel Fernando Noronha. Getrennt von einander
gingen die Fahrzeuge weiter nach dem verabredeten Sammelplatze der
Allerheiligenbai (Bahia). Als Vespucci mit seinem Begleitschiff
hier über zwei Monate vergebens gewartet hatte, folgte er der schon
bekannten Küste weiter nach Süden und legte unter 18° s. B. die erste
Niederlassung in Brasilien an, in welcher 24 Mann von dem gestrandeten
Schiffe als Colonisten blieben, nahm darauf eine Ladung Rothholz mit
und kehrte am 2. April nach Europa zurück. Am 18. Juni 1504 erreichte
er den Hafen von Lissabon. Nach und nach kamen auch die übrigen Schiffe
zurück. Das Unternehmen war vollständig misglückt, die der Expedition
vom König von Portugal gestellte Aufgabe, auf jeden Fall nach Indien
zu segeln, blieb ungelöst. Vespucci gab der Unerfahrenheit und dem
Hochmuth Coelho’s alle Schuld und meinte, da derselbe noch nicht
zurückgekehrt war, als Vespucci seinen Bericht entwarf, Gott werde ihn
wegen seines Stolzes auf dem Meere vernichtet haben.[330] Er schwebte
in Ungewißheit, was der König weiter über ihn selbst beschließen
werde. Er sehnte sich nach so vielen Anstrengungen nach Ruhe; aber auf
Belohnung für seine Dienste konnte er nicht rechnen, da die letzte
Unternehmung fehlgeschlagen war. Er nahm daher gern die Gelegenheit
wahr, mit einem Schreiben des portugiesischen Königs sich nach Sevilla
zu begeben. Hier traf er im Februar 1505 mit Columbus zusammen, der
ihn wie einen Leidensgenossen behandelte, welcher gleichfalls von dem
Undanke der Könige betroffen sei. „Vespucci,“ so schrieb der Admiral an
seinen Sohn Diego, „hat sich mir gefälllg erwiesen. Dem ehrenwerthen
Manne ist das Glück abhold gewesen, wie so vielen andern. Auch er hat
den gebührenden Lohn für seine Leistungen nicht empfangen.“[331] Der
König Ferdinand benutzte die dargebotene Gelegenheit, den tüchtigen und
kenntnißreichen Florentiner wieder für sich zu gewinnen; am 11. April
ehrte er ihn durch ein königliches Geschenk, und vierzehn Tage später
verlieh ihm sein Schwiegersohn, König Philipp, das Bürgerrecht in
Spanien.

Von da an blieb Vespucci in spanischen Diensten.

Neuerdings sind noch einige venetiansche Gesandtschaftsberichte bekannt
geworden,[332] aus denen hervorgeht, daß Vespucci noch eine fünfte
Reise unternommen und wiederum die Terra Firma berührt hat, aber ohne
neue bedeutende Entdeckungen zu machen.

Amerigo hatte von 1505 sich wieder in den Dienst Spaniens begeben und
blieb demselben bis zu seinem Tode treu. Im Jahre 1508 wurde er mit
200 Ducaten Gehalt als Reichspilot angestellt und hatte das Amt, die
Befähigung der Piloten zu prüfen und als Kartograph thätig zu sein. Daß
er Seekarten entworfen hat, finden wir mehrfach bestätigt; aber leider
hat sich kein Originalblatt erhalten. Dagegen darf mit Sicherheit
angenommen werden, daß die in der Straßburger Ausgabe des Ptolemäus von
1513 enthaltene Karte der neuen Welt (~tabula terre nove~) von Vespucci
stammt. Er starb am 22. Februar 1512 zu Sevilla und erhielt den Juan
Diaz de Solis zum Nachfolger.

Während Columbus schon bei Lebzeiten seinen Ruhm vollständig erbleichen
sah, widerfuhr dem Vespucci die unverdiente Ehre, daß bereits im Jahre
1507 der Vorschlag gemacht wurde, die neuentdeckten großen Landmassen
Amerika zu nennen.

Die +Entstehung des Namens Amerika+ ist beachtenswerth genug, um hier
ausführlicher dargelegt zu werden. Es ist bereits mehrfach darauf
hingewiesen, daß Amerigo ein fleißiger Briefsteller war, und indem er
mit einer frischen Beobachtung auch die Gabe verband, namentlich das
Völkerleben der neuen Welt in pikanter Weise zu schildern, so wurden
seine Berichte außerordentlich gern gelesen und waren in vielfachen
Ausgaben und Uebersetzungen verbreitet. Außer den einzelnen Briefen
erschien seit 1507 eine zusammenfassende Darstellung seiner vier ersten
Reisen nach der Fassung, welche der Reisende selbst in den Berichten an
seinen florentinischen Freund Soderini gegeben hatte. Diese „~Quatuor
navigationes~“ (Vier Schifffahrten) erlebten wiederum eine Reihe von
lateinischen Auflagen, während weder von Magalhães’ noch von Vespucci’s
Reisen gleichzeitige spanische oder portugiesische Ausgaben bekannt
sind.

[Illustration: Lies: ~De vuestra reverendisima señoria hymylmente beso
las manos~.

    _Amerrigo Vespucci_,
    ~piloto mayor~.

Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo Vespucci an den
Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez de Cisneros); datirt Sevilla, 9.
December 1508.]

Unverkennbar macht sich in ihnen ein eitles Haschen nach Gelehrsamkeit
bemerklich, denn Amerigo citirt den Plinius, Virgil und Aristoteles,
auch ist der Verfasser, wie die meisten Reisenden seines Zeitalters
zu Uebertreibungen geneigt und weiß sich auch als praktischer
Astronom einen gewissen Nimbus zu verschaffen. Alexander von Humboldt
hat es ganz treffend als ein Uebermaß astronomischer Ruhmredigkeit
bezeichnet,[333] wenn Vespucci in Bezug auf die Längenbestimmungen
zur See sich folgendermaßen äußert: Längenbestimmungen zu machen ist
eine sehr schwierige Sache, und nur diejenigen Personen verstehen es,
welche sich den Schlaf versagen können. Ich habe die nächtliche Ruhe
so oft gemieden, daß ich mein Leben dadurch um zehn Jahre verkürzt
habe, ein Opfer, welches ich keineswegs bedaure, weil ich hoffe dadurch
in späteren Jahrhunderten mir noch Nachruhm zu erwerben. Und da er
selbst nun von seiner dritten Fahrt berichtete, er habe seine Reise
über den vierten Theil des Erdumfanges ausgedehnt und die von ihm
berührten Länder könne man wohl füglich eine Welt für sich nennen und
den Erdtheilen der alten Welt gegenüber stellen, so verbreitete sich
nun sehr rasch die Meinung, +Amerigo sei der Entdecker+, und
um so mehr wurde diese Ansicht widerspruchslos weitergetragen, weil
über die Reisen des Columbus nach dem Lande Paria und dem Goldlande
Veragua kaum ein Laut in die Oeffentlichkeit drang und weil man den
Genuesen nur für den Entdecker von „etlichen Inseln“ hielt. Man staunt
über die lange Reihe von Schriften und Verfassern, welche sämmtlich
dem Amerigo das Verdienst der Entdeckung des Festlands von Amerika
zuschreiben.[334] Daher erklärt sich auch, daß als einmal der Vorschlag
aufgetaucht war, das neue Land „Amerika“ zu nennen, man ohne Zögern den
Gedanken als einen glücklichen, treffenden bezeichnete und auch für die
weitere Verbreitung des Ausdrucks sorgte.

Anfänglich waren die Bezeichnungen für die neuen Entdeckungen noch
ziemlich unsicher und schüchtern aufgetreten, so lange man noch
keine klare Vorstellung von der großen Ausdehnung zusammenhängender
Landmassen besaß. Columbus hatte von einem neuen Himmel und einer neuen
Erde gesprochen, in lateinischer Form lautete danach die Bezeichnung
~mundus novus~ oder ~novus orbis~, was dann wieder in „neue Welt“
verdeutscht wurde. Während man in den wenigen von Columbus bekannten
Mittheilungen nur von Inseln erzählen hörte, erklärte Vespucci mit
großer Sicherheit, er habe einen neuen Erdtheil entdeckt. Kein Wunder,
daß dann die jungen Gelehrten, welche sich in der lothringischen Stadt
St. Dié mit Geographie befaßten und die vier Schifffahrten des Vespucci
in lateinischer Uebersetzung verbreiteten, auch die Ueberzeugung
gewannen, man müsse dann auch dem Florentiner zu Ehren jene Länder
nennen. Der Urheber des Namens Amerika ist +Martin Waltzemüller+.[335]
In seiner 1507 zuerst veröffentlichten Einleitung zur Kosmographie
(~Cosmographiae introductio~) gibt er im 9. Capitel eine ganz kurze
Charakteristik der Erdtheile Europa, Afrika und Asia und bemerkt dazu,
daß in der neusten Zeit diese Erdtheile nicht nur genauer bekannt
geworden, sondern daß durch Amerigo Vespucci auch noch ein vierter
Erdtheil entdeckt worden sei, welchem man mit gutem Fug und Recht den
Namen Amerige, gleichsam Amerigo’s Land oder +Amerika+ geben könne, da
sowohl Europa als auch Asia nach Frauen benannt worden seien. Ueber
Land und Leute dieses neuen Erdtheils sollen dann die der Kosmographie
angehängten vier Schifffahrten des Vespucci genaueres berichten. Da an
dieser Stelle der Name „Amerika“ zuerst in der Literatur erscheint,
so geben wir hier vorstehend eine getreue Copie dieser interessanten
Stelle.

[Illustration: Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der
Name „Amerika“ vorgeschlagen wird. Aus ~Cosmographiae Introductio~ des
~Hylacomylus~ von 1507.]

Der Vorschlag Waltzemüllers fand zunächst unter den deutschen Gelehrten
Anklang. So erschien denn der Name Amerika zuerst in dem kleinen anonym
veröffentlichten Werke ~Globus mundi~ (Straßburg 1509) und in demselben
Jahre auf einer in Wien befindlichen Karte. Zwei Jahre später lesen wir
die neue Benennung in einem englischen Schauspiel (~A new interlude~).
Weiterhin begegnen wir derselben in einem 1512 von Joachim Vadianus an
Rudolf Agricola gerichteten Briefe, welcher in der 1518 erschienenen
Ausgabe des Pomponius Mela abgedruckt wurde. Im Jahre 1515 schrieb
Johannes Schöner in Bamberg den Namen Amerika auf seinen Globus.
Dann folgte die wahrscheinlich 1516 entworfene merkwürdige Weltkarte
Leonardo da Vinci’s, 1520 Peter Apian, welcher für die von Camers
(Giov. Rienzi Vellini aus Camerino in Umbrien) besorgte Ausgabe des
Solinus eine Weltkarte zeichnete, und sodann das von dem französischen
Kosmographen Oronce Fine (Orontius Finaeus) 1531 gefertigte Weltbild.
Aber allgemein befestigt war die Benennung damit noch nicht, denn
durch das ganze 16. Jahrhundert begegnen wir für Südamerika auch den
Bezeichnungen Peruana (Peru) oder Brasilia. Erst im 17. Jahrhundert
erlangte der Name allgemeine Gültigkeit.


17. Die spanischen Niederlassungen auf dem Festlande von Mittelamerika
und die Entdeckung der Südsee.

Alonso Hojeda hatte bereits drei Fahrten nach der Nordküste Südamerikas
gemacht (vgl. oben S. 325 und 329), aber seine Versuche, sich in der
ihm zuertheilten Statthalterschaft von Coquibacoa am Maracaibosee
mit Waffengewalt festzusetzen, waren an dem zähen Widerstande der
kriegerischen Cariben gescheitert. Trotzdem gab der unbeugsame
spanische Ritter seine Pläne nicht auf, er ließ sich 1508 mit der
ganzen Küste, welche nun den Namen Nueva Andalusia erhielt, von neuem
belehnen und verpflichtete sich, daselbst zwei feste Plätze anzulegen.
Zu gleicher Zeit wurde einem anderen Bewerber, +Diego de Nicuesa+, der
Küstenstrich des mittelamerikanischen Isthmus von Honduras bis Darien
überwiesen; die Grenze sollte der Atrato bilden, welcher sich in den
Golf von Darien ergießt. Gegen Osten, auf dem Gebiet Hojeda’s, trug
die Landschaft den indianischen Namen Uraba, gegen Westen erstreckte
sich weiterhin das goldreiche Veragua. Hojeda ging im Herbst 1509
mit vier Schiffen und 300 Mann nach seinem Gebiete unter Segel. In
seiner Begleitung befanden sich der Pilot Juan de la Cosa, als sein
Stellvertreter, und Francisco Pizarro. Kurz darauf folgte Nicuesa,
welcher über bedeutendere Mittel verfügte, mit sieben Segeln und 700
Mann und steuerte nach Veragua.

Hojeda landete in der Gegend von Cartagena und beschloß die Dörfer der
Cariben zu überfallen, um die Einwohner zu Sklaven zu machen. Mit dem
Erlös der Beute hoffte er einen Theil der Ausrüstungskosten decken zu
können. Vergebens warnte Juan de la Cosa vor den vergifteten Geschossen
der kriegerischen Küstenstämme, deren Gefährlichkeit er auf früheren
Fahrten hatte kennen lernen, und empfahl weiter westlich zu landen;
allein Hojeda verschmähte den wohlgemeinten Rath. Mit einer Schar von
70 Mann rückte er in der Morgendämmerung aus, überwältigte das erste
Dorf, machte alles nieder, was Widerstand leistete, und brachte die
Ueberlebenden als Menschenbeute auf seine Schiffe. Nach diesem ersten
Erfolge aber überließen sich die Spanier in der heißen Mittagszeit
sorglos der Ruhe und wurden nun von den benachbarten Indianern,
deren Ortschaft gleichfalls bedroht war, vollständig überrumpelt.
Unter den Giftpfeilen der Cariben fielen alle Spanier, zuletzt auch
Juan de la Cosa; nur Hojeda, der sich hinter seinem großen Schilde
vollständig decken konnte, schlug sich durch und rannte der Küste zu,
aber ohne die Schiffe erreichen zu können. Zum Glück kam zur selben
Zeit Nicuesa mit seinem Geschwader in dieselbe Gegend, fand Hojeda’s
Schiffe und beschloß, mit dem Reste der Mannschaft desselben die
Gegend zu durchstreifen, um das Schicksal der Expedition gegen die
Indianer aufzuklären. Zuerst fand man Hojeda, tief im Mangrovegebüsch
versteckt, wohin er sich geflüchtet hatte, entkräftet durch Hunger,
sprachlos vor Erschöpfung, aber den Degen in der Faust und am Arme
den Schild, auf welchem gegen 300 Pfeilschüsse zu zählen waren. Dann
kam man zur Stätte des unheilvollen Ueberfalls und stieß auf die
Leiche Cosa’s; dieselbe war an einen Baum gebunden und von zahllosen
Geschossen durchbohrt, „ein Igel von Pfeilen“. Von dem todbringenden
Gift gräßlich aufgedunsen, bot die Leiche ein so grauenvolles Bild,
daß keiner der Spanier, aus Furcht, von einem ähnlichen Schicksal
betroffen zu werden, auch nur noch eine Nacht an dem Orte zu bleiben
wagte. Alle kehrten zu den Schiffen zurück: Nicuesa steuerte nach
Veragua, Hojeda lief an dem Gestade westwärts und gründete im Anfange
des folgenden Jahres 1510 am Golf von Uraba, hart an der Grenze seines
Gebiets eine Niederlassung, welche er San Sebastian nannte und durch
ein festes Blockhaus sicherte. Aber da die Indianer der Nachbarschaft
ebenso kriegerisch und feindselig waren als bei Cartagena, so sahen
sich die Ansiedler fast ganz auf ihr Blockhaus beschränkt und durften
es einzeln nicht verlassen, aus Furcht, von den lauernden Cariben
aus dem Hinterhalte erlegt zu werden. So stellte sich bald Mangel an
Lebensmitteln ein und in seinem Gefolge Unmuth und Mißstimmung, welche
zu Meutereien ausartete; und wenn auch Hojeda strenge Mannszucht zu
halten verstand, so war er doch nicht im Stande, der immer drohender
nahenden Hungersnoth vorzubeugen. Um Verstärkungen an Abenteurern
heran zu ziehen, sandte er ein Schiff mit Sklaven und Gold nach Haiti.
Durch die vielverheißenden Berichte ließ sich ein spanischer Colonist
von Haiti, namens Talavera, welcher, weil er in Schulden steckte, die
Insel zu verlassen wünschte, mit einer Anzahl verwegner Leute gleicher
Lage verleiten, ein mit Lebensmitteln beladenes Schiff, welches an der
äußersten Südwestspitze von Haiti vor Anker lag, zu überfallen und
in Besitz zu nehmen, um mit diesem Raube dem Goldlande zuzusteuern.
Die Ankunft der Räuberbande mußte der bedrängten Colonie Hojeda’s
willkommen sein; sie brachte eine namhafte Verstärkung an Mannschaft
und -- Brot. Nach dem rechtlichen Erwerb des Schiffes und der Fracht
durfte der Leiter der kleinen Ansiedlung nicht fragen. Mit neubelebtem
Muthe trat man den Indianern entgegen; aber schon bei einem der
nächsten Ausfälle aus dem Blockhause erhielt Hojeda einen vergifteten
Pfeilschuß in den Schenkel. Um den bekannten, unausbleiblichen
Wirkungen der gefährlichen Verletzung zuvorzukommen, ließ der kühne
Hidalgo sich die Wunde mit einem glühenden Eisen ausbrennen und einen
in Essig getauchten Verband darumlegen. Und nur durch solche unerhörte
Energie rettete er sein Leben.

Kaum war er genesen, so ging er auf Talavera’s Schiffe selbst nach
Haiti, um neue Zufuhr herbeizuschaffen, da sich ohne dieselbe seine
Colonie nicht aufrecht erhalten ließ. Als seinen Stellvertreter ließ
er den Francisco Pizarro[336] zurück und setzte fest, daß, wenn er
binnen 50 Tagen nicht wieder erschienen sei, Pizarro die Niederlassung
ausheben und mit dem Reste der Leute Veragua aufsuchen könne.

Hojeda landete mit dem Piratenschiff an der Südküste Cuba’s. Unter
unsäglichen Beschwerden wanderte er dreißig Meilen weit durch die
menschenleeren Strandsümpfe und Lagunen ostwärts. Tagtäglich betete
er zu seiner Patronin, der Jungfrau Maria, deren Bildniß, in Flandern
gemalt und ein Geschenk seines Gönners Fonseca, er am Halse trug.
In dem ersten Indianerdorfe, welches er antreffen würde, gelobte
er dem Madonnenbilde eine Capelle zu bauen. Und als er mit seinen
Leidensgefährten, halb verhungert und verschmachtet, dasselbe
erreichte, führte er sein Gelübde aus. Denn er fand freundliche
Aufnahme und die Indianer gaben ihm sogar Führer und ein Boot, um ihn
nach Haiti hinüberzubringen. Talavera mit seinen Raubgesellen fiel
hier in den Arm der Gerechtigkeit und erlitt für seine Verbrechen
den Tod am Galgen. Hojeda wurde freigesprochen; aber auch sein Muth
war gebrochen, er starb, von allen Freunden verlassen, in tiefster
Armuth, wahrscheinlich 1515. Ein tragisches Geschick hatte alle seine
hochfliegenden Pläne vereitelt. Die anmuthige Rittergestalt war ein
Schreckbild für alle Glücksjäger geworden. Er selbst fühlte dies in
tiefster Seele und verfügte in seinem letzten Willen, man solle ihn an
der Schwelle der Klosterkirche des heiligen Franciscus in San Domingo
begraben, damit jeder, welcher das Gotteshaus besuche, den Fuß auf
seinen Grabstein setzen müsse. So wollte er selbst noch im Grabe für
seinen Stolz büßen und sich demüthigen.

Nachdem die verabredeten fünfzig Tage verflossen waren, ohne daß von
Hojeda irgend welche Kunde einlief, entschloß sich Pizarro im Sommer
1510 mit den letzten sechzig Mann, die ihm noch geblieben waren, die
unglückliche Niederlassung von San Sebastian in Uraba aufzulösen
und mit seinen zwei Schiffen den Weg nach San Domingo (Haiti)
einzuschlagen. Aber das Misgeschick verfolgte sie auch aufs Wasser.
Das eine Fahrzeug ging im Sturme unter, das andere stieß unerwartet
auf ein Schiff des Rechtsgelehrten (Baccalaureus) Martin Fernandez
de Enciso, welcher auch an der Küste der Tierra firme als Entdecker
und Colonisator sein Glück versuchen wollte. Aber auch Enciso verlor
an der Ostspitze des Golfs von Darien, an der Punta Caribana, sein
Schiff, und die Mannschaft sah sich genöthigt, am Strande hin nach der
nahe gelegenen Niederlassung von San Sebastian zu gehen. Da man aber
die kaum verlassenen Hütten bereits durch die Indianer zerstört und
verbrannt antraf, entschloß sich der ganze Haufe der unglücklichen
Abenteurer, auf die andere Seite des Golfs hinüber zu ziehen und sich
dort festzusetzen, ohne sich viel darum zu kümmern, daß dieser Theil
der Küste bereits zu Veragua, also unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s
gehörte. Die Anregung zu diesem Schritte gab Vasco Nuñez +Balboa+,
ein armer Edelmann aus Jerez de los Caballeros in Estremadura, südlich
von Badajoz. Derselbe zählte damals etwa 38 Jahre, war aber schon vor
fast zehn Jahren mit Bastidas in dieser Gegend gewesen und hoffte dort
einen günstigern Boden für eine Ansiedlung zu finden, als in Uraba.
Jahre lang hatte er dann auf Domingo, wo er Ländereien erhalten,
Feldbau getrieben. Aber des einförmigen Landlebens überdrüssig und
von Schulden gedrückt, suchte er eine Gelegenheit, sich seinen
Verpflichtungen zu entziehen. Als Enciso im Hafen von Domingo seine
Ausrüstung betrieb, nahm Balboa diese Gelegenheit wahr, ließ sich, da
nach dem Gesetz kein Schuldner ohne Wissen seiner Gläubiger die Insel
verlassen durfte, von seinem Landgute aus in einer Proviantkiste an
Bord schaffen und kam erst auf offner See, als er sich sicher glaubte,
aus seinem Versteck hervor. Enciso hatte zwar anfangs die Absicht, um
nicht selbst durch Balboa’s Erscheinen in Ungelegenheit zu kommen, den
Eindringling an der ersten wüsten Insel auszusetzen, ließ sich dann
aber bewegen, den Flüchtling als guten Kriegsmann zu behalten.

In der neuen Niederlassung am Flusse Darien, welche den Namen Santa
Maria del Antigua erhielt, wollte Enciso, der sich für den einzigen
rechtmäßigen Leiter ansah, alles nach seinen gelehrten Rechtsbegriffen
ordnen und leiten, fand aber dabei in der Schar der zügellosen
Abenteurer den heftigsten Widerstand. Militärischem Commando entzogen
sie sich nicht, aber die Fesseln einer papiernen Rechtspflege ertrugen
sie nicht. Balboa trat an die Spitze der Widersacher und erklärte den
Baccalaureus für abgesetzt und gefangen; doch ließ man ihn später
wieder los. Enciso durfte nach Spanien zurückkehren. Die Erbitterung
Balboa’s gegen diesen Rechtsgelehrten war so groß, daß er noch im
Anfange des Jahres 1513 an den König von Spanien schrieb und bat,
er möge allen Juristen und studirten Leuten, außer den Medicinern
verbieten, die Tierra firme zu betreten, denn sie hätten alle den
Teufel im Leibe und stifteten mit ihren tausenderlei Rechtshändeln und
Niederträchtigkeiten nur Unheil an.[337]

Doch in Santa Maria del Antigua erschien bald wieder die Noth und
der Mangel an Lebensmitteln, welcher namentlich in den ersten
Stadien der Bildung einer neuen Colonie verhängnißvoll geworden ist.
Glücklicherweise brachten im November 1510 zwei Schiffe unter Rodrigo
Enriquez de Colmenares unerwartete Hilfe. Dieselben waren für Rechnung
Nicuesa’s mit Lebensmitteln befrachtet und liefen an der Küste hin, um
dessen Niederlassung aufzusuchen. Colmenares ließ sich bewegen, einen
Theil seiner Vorräthe an Balboa und seine Leute abzugeben und setzte
dann seine Reise fort, um +Nicuesa+ aufzufinden.

Dieser war im November 1509, also ein Jahr vorher, von Cartagena
nach Darien gegangen und steuerte von da nach Veragua. Einer Karte
des Bartolomé Colon folgend, war er irrthümlich über das Ziel
hinausgerathen. Der Sturm trieb die Schiffe auseinander, einige
gingen unter, mit dem letzten lief er nothgedrungen in die Mündung
eines Flusses ein, wo dasselbe auf den Grund gerieth und durch den
heftigen Wogenschwall zerschlagen wurde. Die Mannschaft rettete sich
ans Land. In der Nähe des von Columbus entdeckten Vorrathshafens
(~puerto de bastimentos~) legte er nothgedrungen seine Niederlassung
an und gab ihr den Namen Nombre de Dios. Von Lebensmitteln entblößt,
an einer fieberschwangern Küste zwischen Sümpfen und dichten Wäldern
festgehalten erlag die Schar der Colonisten größtentheils den vereinten
Angriffen von Krankheit und Hunger. Colmenares fand nur noch die
bleichen Trümmer einer stattlichen Ausrüstung. Als Nicuesa durch
ihn von der Unternehmung Balboa’s hörte, der sich auf seinem Gebiet
an einem günstigen Platze festgesetzt hatte, beschloß er mit den
Ueberlebenden, -- er zählte nicht mehr als sechzig Mann -- sich dorthin
zu wenden und Nombre de Dios aufzugeben. Als einige Jahre später
(1515) Gonzalo de Badajoz mit achtzig Mann hier ans Land ging, um in
das Innere des Isthmus einzudringen, fand er in der Nähe von Nicuesa’s
Blockhaus nur noch zahlreiche Steinhaufen, mit rohen Holzkreuzen
versehen, unter denen die Leichen der Verhungerten bestattet waren.

Balboa’s Colonie hatte sich indessen, dank der ihr durch Colmenares
gewordenen Unterstützung, fester organisirt und die erste schwerste
Prüfungszeit glücklich überwunden; aber sie war nicht gewillt, sich
unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s zu begeben. Man war gefaßt darauf, daß
der nominelle Herr von Veragua seine Ansprüche werde geltend machen
und hatte darum auf den Höhen an der See Wachtposten ausgestellt,
um nicht durch einen unerwarteten Besuch Nicuesa’s überrascht zu
werden. Als dieser nun mit seiner sehr gelichteten Schar auf dem
Schiffe des Colmenares erschien, rotteten sich die Ansiedler von
Santa Maria zusammen und der „~procurador de la ciudad~“ rief
ihm vom Strande mit lauter Stimme entgegen, bei Todesstrafe keinen
Fuß ans Land zu setzen. Zurück in seine unheilvolle Colonie konnte
Nicuesa nicht; ließ man ihn nicht in Santa Maria ans Land, so war er
unabwendbar dem Verhängniß verfallen. Trotz aller Verhandlungen und
Vorstellungen beharrte das Volk auf seinem Willen, und drohte zu den
Waffen zu greifen. Erst am nächsten Morgen ließ man den unglücklichen
Mann ans Land kommen, aber nur, um ihm einen Theil seiner Gefährten
zu entfremden und ihm selbst dann hinterlistiger Weise einen Eid
abzunehmen, der ihn verpflichtete, unverzüglich wieder in See zu gehen
und an keinem Punkte in der neuen Welt anzulaufen, sondern direct nach
Spanien zu segeln. Vergebens wies Nicuesa auf die gefährlichen Folgen
eines solchen verrätherischen Verfahrens hin (auf Balboa’s Haupt sollte
das gleiche Geschick fallen), man ließ ihm nur die schlechteste und
am wenigsten seetüchtige Brigantine und stieß ihn im März 1511 mit 17
Leidensgefährten aufs Meer hinaus. Es ist ungewiß, ob Balboa oder sein
Genosse Zamudio der Hauptanstifter dieses Verraths gewesen. Nicuesa ist
verschollen, nirgends ist eine Spur von ihm aufgefunden. Die Reste von
drei verunglückten Colonisationsversuchen waren von da ab, in einer
Stärke von 300 Mann, unter Balboa’s energischer Leitung in Santa Maria
del Antigua vereinigt.

Aus der ganzen Reihe der Abenteurer traten nur zwei Männer von
bekanntem Namen hervor, Balboa und Pizarro. Pizarro, damals noch in
untergeordneter Stellung, wurde von Balboa herangezogen und erhielt zu
kleinen Unternehmungen das Commando. So kam er empor und sollte später
an Balboa die Hand legen, um dessen Laufbahn ein plötzliches Ende zu
bereiten. Aehnlich war dieser mit Enciso und Nicuesa verfahren.

+Balboa+ drang auf glücklichen Streif- und Beutezügen ins freiere
Binnenland von Darien und bis ins Quellgebiet des Chucunaque vor,
der sich in den großen Ocean, in den Golf von San Miguel ergießt.
Als ein eingeborner Fürst, Panciaco, die Goldgier der Spanier sah,
wies er sie nach dem südlichen Meere, welches man in sechs Tagereisen
übers Waldgebirge erreichen, aber auf dem näheren Gebirgskamme
bereits sehen könne. Schon Columbus hatte dunkle Kunde von jenem
anderen Meere erhalten, jetzt trat die Nachricht bestimmter auf. Um
aber in jene völlig unbekannten Räume vordringen zu können und das
Gestade des gegenüberliegenden Meeres zu erreichen, bedurfte man
bedeutenderer Kräfte, als sie augenblicklich der in Noth befindlichen
Colonie zur Verfügung standen. Dem Admiral Don Diego Colon sollte
ein Schiff die wichtige Entdeckung nach Haiti melden und die Bitte um
Zusendung von Waffen und Lebensmitteln vortragen; aber das Fahrzeug,
welches zugleich den königlichen Fünften an Gold überbringen sollte,
scheiterte an der Küste von Yukatan. Die Mannschaft rettete sich zwar
anfänglich ans Land, fiel dort aber dem Stamm der Maya in die Hände,
welche die Gefangenen zum Theil in ihren Tempeln opferten, zum Theil
als Sklaven behielten. Einer dieser letzteren, der Pater Jeronimo
de Aguilar wurde 1519 durch Cortes befreit. Als der Erfolg dieser
Schiffssendung ausblieb, schickte Balboa das letzte verfügbare Schiff
1512 direct nach Spanien, zufällig kamen vom Admiral im folgenden
Jahre zwei Fahrzeuge mit Lebensmitteln nach Darien und befreiten die
hungerleidenden Ansiedler aus äußerster Noth. Noch günstiger war, daß
eine Schar von 150 Mann die bereits zusammengeschmolzene Zahl der
Colonisten verstärkte und daß der Statthalter von Haiti dem Balboa
die Oberleitung übertrug. Aber trotz dieser Anerkennung fürchtete
Balboa mit Recht, daß man ihn in Spanien als Empörer gegen Enciso und
Nicuesa nicht so glimpflich behandeln und ihm einen Nachfolger senden
werde, denn Enciso war nach Spanien gegangen und hatte beim indischen
Rathe Klage gegen ihn erhoben und seinen Verrath gegen Nicuesa
gebrandmarkt. Balboa war daher entschlossen, durch eine große That den
übeln Eindruck seines Verrathes abzuschwächen. Er faßte den Plan, das
südliche Meer auszusuchen und die daran grenzenden reichen Gebiete
der spanischen Krone zu unterwerfen. So brach er am 1. September 1513
mit 190 Spaniern, 600 einheimischen Lastträgern und einer Meute von
Bluthunden von seiner Niederlassung auf und ging mit einer Brigantine
und neun großen Canoes an der Küste entlang nordwestlich nach Careta’s
Dorf. Der Häuptling gab ihm von hier Wegweiser mit ins Innere. Diese
Richtung des Marsches zeigt, daß Balboa über die Lage der Südsee wohl
unterrichtet war, denn von dem Punkte aus, wo er landete, beträgt die
Luftlinie zu dem gegenüberliegenden Gestade nur neun Meilen, und die
Waldgebirge auf dieser Landenge erheben sich nur 700 Meter hoch. Aber
dicht verschlungener Urwald umhüllt den mittelamerikanischen Isthmus
dergestalt, daß kaum ein Sonnenstrahl das Blätterdach durchdringt und
den Boden erreicht. Selbst noch in unserem Jahrhundert ist ein Marsch
über die Landenge mit den größten Schwierigkeiten verbunden. So hat
im Jahre 1853 der bekannte Reisende Carl v. Scherzer sich vergebens
bemüht, weiter im Westen, im Staate Costarica, unter dem 10° n. Br. von
Angostura aus, den Hafen von Limon zu erreichen. In Begleitung von 30
Trägern, unterstützt von Ingenieuren mußte man nach vergeblicher Arbeit
von 16 Tagen davon abstehen, die Küste des nur 10 Meilen entfernten
caribischen Meeres zu erreichen. Der Wald war überall so dicht, daß
nur ein fahler Schein, der durch die Blätternacht brach, die Tageszeit
verkündete.[338]

[Illustration: Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee.]

Auf versteckten Waldwegen, auf denen die Indianerstämme sich zu
nächtlichem Ueberfall und Raub beschleichen, drang Balboa’s Schar
ins Gebirge hinein, welches hier, der Ostküste näher, sich am Golfe
von Darien hinzieht. Dahinter erstreckt sich, von zahlreichen Bächen
durchschnitten, das Waldland bis ans südliche Meer. Der Uebergang über
die Cordillere, ohnehin durch die natürlichen Verhältnisse erschwert,
wurde überdies den Spaniern durch die Häuptlinge, in deren Gebiet
Balboa eindrang, streitig gemacht. Erst am 25. September konnten die
eingebornen Wegweiser dem spanischen Anführer die langersehnte Meldung
machen, daß er auf dem nächsten, vor ihnen liegenden Bergrücken das
neue Meer sehen werde. Balboa ließ den ganzen Zug halten, er wollte
+zuerst+ sich an dem Anblick der Südsee erfreuen. Allein schritt
er voran und erreichte den Gipfel. Er fällt auf die Kniee, hebt die
Hände zum Himmel empor, grüßt den Süden und dankt Gott und allen
Himmlischen auf das innigste, daß ihm als einem Manne von nicht
hervorragenden Gaben, nicht vornehmer Geburt ein solcher Ruhm zu
theil geworden. Dann winkt er den Gefährten mit der Hand und zeigt
ihnen das ersehnte Meer. Alle sinken auf die Kniee, und Balboa fleht
zum Himmel, namentlich zur Jungfrau Maria, daß das Unternehmen einen
glücklichen Ausgang finden möge. Jubelnd stimmen alle den Lobgesang
an und blicken auf das Land hinunter. Kühner als Hannibal, der seinen
Soldaten von den Alpenhöhen herab das italische Land zeigte, verheißt
er den Genossen unermeßliche Schätze. Zum Zeichen der Besitznahme wird
von rohen Steinen ein Altar aufgethürmt. Dann werden beim Hinabsteigen
rechts und links die Namen des Königs in die Bäume geschnitten, damit
die Nachwelt die kühnen Entdecker nicht der Lüge zeihen könne, daß die
große That nicht wirklich ausgeführt sei.[339] Der begleitende Notar
Andres de Valderrabano nahm über das wichtige Ereigniß der Entdeckung
und Besitzergreifung ein Protokoll auf, in welchem alle 67 anwesenden
Spanier aufgezählt wurden, an zweiter Stelle nennt er den Geistlichen
Andres de Vera, als dritten Francisco Pizarro. Noch ein siegreicher
Kampf mußte ausgefochten werden, um die Häuptlinge zum Frieden und
zum Bündniß zu bewegen, dann erreichte Balboa am 29. September mit 26
Begleitern die Mündung des Sabanas, der sich in den innern Golf von
San Miguel ergießt, welcher nach dem Tage der wichtigen Entdeckung
seinen noch jetzt gültigen Namen erhielt. Bei eintretender Flut schritt
Balboa mit Schwert und Fahne bis an die Kniee ins Wasser der See und
nahm von allen Ländern, Gestaden und Inseln dieses Meeres „vom Nordpol
bis zum Südpol“ im Namen seines königlichen Herrn feierlich Besitz.
Wochenlang blieb er dann an der Küste des Golfes, befuhr auf den Böten
der Eingeborenen die Südsee und machte die anwohnenden Häuptlinge
tributpflichtig. Vor den Augen der Spanier wurden im Golf von S. Miguel
Perlen gefischt, doch wurde der weiter draußen gelegene Archipel der
Perleninseln, wegen der stürmischen Jahreszeit, noch nicht aufgesucht.
Der Anführer selbst zog auch hier wieder möglichst genaue Erkundigungen
über die näheren und ferneren Landschaften ein und ließ sich von dem
Caziken Tumaco über eine mächtige Nation im Süden berichten, welche
unermeßlich reich sein, Schiffe und Lastthiere besitzen sollte, wie sie
in der Nähe von Darien nicht bekannt waren. Eine Figur aus Thon, welche
Tumaco von diesem Hausthiere fertigte, sah fast wie ein Kamel aus. Die
Spanier erhielten so die erste Kunde von dem Goldlande Peru und von dem
dort in Herden gezüchteten Lama. Auf keinen der Zuhörer machten diese
Erzählungen einen tieferen Eindruck als auf Pizarro, der den lockenden
Berichten mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte.

Am 3. November trat Balboa den Rückmarsch an, er schlug einen anderen
Weg ein und zog das Thal des Chucunaque, welches damals noch gut
bevölkert war, bis zu den Quellen des Flusses hinauf. Trotz der
mühevollen Märsche fanden die Spanier Gelegenheit den einheimischen
Fürsten ihre Schätze an Gold abzupressen und für jedes kleine
Vergehen die grausamste Justiz an denselben auszuüben. So wurde der
Cazike Poncoa, nachdem er sein Gold hingegeben, nebst drei anderen
Häuptlingen, schmachvoll den Bluthunden geopfert und von diesen
zerrissen. Unter der täglich schwerer werdenden Last von Gold sanken
die erschöpften Träger nieder; aber erst als auch den Spaniern die
Kräfte zum Weiterzuge versagten, machte Balboa eine längere Rast in dem
Dorfe Pocorosa’s und kehrte von da nach Careta zurück. Am 19. Januar
1514 erreichte er endlich seine Niederlassung in Sa. Maria del Antigua
wieder, ohne einen Spanier verloren zu haben. Im darauffolgenden
März sandte der glückliche Entdecker ein Schiff nach Spanien mit dem
Berichte über seinen kühnen Zug und wußte den Werth seiner Eroberung
durch Beifügung eines ansehnlichen Schatzes von 20,000 Castellanos an
Gold und 200 der besten Perlen als königlichen Antheil an der Beute in
das beste Licht zu setzen. Die Kunde von der Entdeckung eines neuen
Oceans machte natürlich das größte Aufsehen. Von nun an konnte erst
mit Recht die Frage aufgeworfen werden, ob die neue Welt wirklich, wie
man bisher angenommen, einen Theil von Ostasien bilde, oder ob, was
immer wahrscheinlicher wurde, das von Columbus erreichte Indien, einen
Welttheil für sich bilde. Die Folgen der Entdeckung waren unermeßlich,
sie gaben den ersten Anstoß zu der Weltumsegelung Magalhães’ und zu der
Eroberung Peru’s durch Pizarro.

Aber Balboa sollte die Früchte seiner glänzenden That nicht ernten.
Sein Schicksal war bereits besiegelt, als seine Sendung in Spanien
eintraf. Bereits am 11. April 1514 war sein Nachfolger, der 60jährige
+Pedrarias de Avila+ mit einer ansehnlichen Flotte von ca. 20 Schiffen
und 1500 Mann nach Darien unter Segel gegangen. Hätte Balboa sich
mit der Absendung des Schiffes mehr beeilen können, und wäre seine
Botschaft um vier Wochen früher nach Spanien gelangt, so hätte sein
Geschick und das der ganzen Colonie von Darien gewiß eine andere
Wendung genommen. Allein der Leiter der indischen Angelegenheiten, der
Bischof Fonseca, war über den an seinem Günstlinge Nicuesa verübten
Verrath empört und daher entschlossen, gegen Balboa auf das strengste
zu verfahren. Die Nachricht von Balboa’s Entdeckung würde seine
Maßnahmen unfehlbar gemildert oder ganz verändert haben, aber bis zur
Absendung Pedrarias’ hatte Balboa keinen Fürsprecher in Spanien.

Der neue Statthalter des Landes Castilla aurifia, denn so hatte der
König befohlen, solle das Gebiet der Eroberung Balboa’s in Zukunft
heißen,[340] landete am 30. Juni 1514 in Sa. Maria del Antigua. Er
brachte ein so glänzendes Gefolge von Rittern und gelehrten Männern
mit, wie es die neue Welt noch nicht beisammen gesehen. Viele von ihnen
haben sich in der Folgezeit hervorgethan und in der Geschichte der
Eroberung einen dauernden Namen erworben. Vier unter diesen Männern
haben uns werthvolle historische und geographische Arbeiten über die
neue Welt hinterlassen: +Bernal Diaz del Castillo+, der Waffengefährte
des Cortes, schrieb eine Geschichte der Eroberung Mexiko’s, Gonzalo
Fernandez de +Oviedo+, welcher als Inspector (~veedor~) eingesetzt
wurde, schrieb die ~historia general de las Indias~, der Baccalaureus
+Enciso+, welcher das Amt eines Alguacil mayor (Gerichtsbeamter)
bekleidete, verfaßte eine ~Summa de geografia~, und +Pascual de
Andagoya+ aus Cuartango in der Provinz Alava, der Mitentdecker von
Nicaragua, entwarf eine Schilderung der Thaten der Spanier unter der
Herrschaft des Pedrarias de Avila.[341] Außerdem betraten den Boden
Amerika’s Diego +Almagro+, der Eroberer von Chile, +Benalcazar+, der
Eroberer von Quito und Bogota, Fernando de +Soto+, der Waffengefährte
Pizarro’s und Entdecker des mittleren Mississippithals, und Francisco
Vasquez +Coronado+, der Eroberer von Cibola und Quivira. Als erster
Pilot der Flotte wird Juan +Serrano+ genannt, welcher mit Magalhães
die erste Reise um die Erde unternahm und zugleich mit diesem auf den
Philippinen getödtet wurde.

Die große Schar der neuen Ankömmlinge sah sich bei der Landung sehr
enttäuscht, da für die Urbarmachung des Landes und für Gewinnung von
Feldfrüchten fast noch nichts geschehen war. Die Umgebung von Sa. Maria
war mit Wald und Sümpfen bedeckt, der Landbau war völlig vernachlässigt
und wurde erst nach Balboa’s Rückkehr von der Südsee in Angriff
genommen. Auch Pedrarias de Avila war nicht der Mann, um hier energisch
einzugreifen und Hilfe zu schaffen. In kurzer Zeit erlagen gegen 500
der Neuangekommenen dem Fieber und Hungertode, andere wurden von
Indianern getödtet. Der neue Statthalter war zu alt für einen solchen
gefährlichen und verantwortlichen Posten; mißtrauisch und eifersüchtig
auf Balboa’s Ruhm, überwachte er seinen Nebenbuhler mit argwöhnischem
Auge. Hart gegen die Indianer und auf gewaltsame Eroberungen bedacht,
ward er mehr zum Verwüster als zum Begründer eines Colonialgebiets. Las
Casas verurtheilt ihn, ohne seinen Namen zu nennen, aufs schärfste,
wenn er schreibt: „Im Jahre 1514 kam ein unseliger Statthalter nach der
Terra firme, der grausamste Tyrann, ohne Erbarmen und ohne Klugheit,
ein Werkzeug des göttlichen Zorns.“[342]

Zunächst wurde +Ayora+ mit 400 Mann ausgesandt, um eine Reihe
von Stationen von einem Meere zum andern anzulegen. Es war ein
Vernichtungszug gegen die eingeborenen Häuptlinge, die der grausame
Spanier verbrennen, hängen oder von Hunden zerreißen ließ. Aber seine
Gründungen wurden von den erbitterten Indianern wieder zerstört. Im
November 1515 sollte Antonio Tello de +Guzman+ die Pläne Ayora’s wieder
aufnehmen. Ebenso grausam wie dieser drang er gegen Westen über die
Landenge und erreichte zuerst +Panama+. Von hier aus plünderte er die
Landschaft Chagre, wurde auf dem Rückwege von Indianern angegriffen,
kam indeß glücklich nach Maria del Antigua zurück.

Im Juni 1515 machten Balboa und der von Pedrarias ernannte Befehlshaber
Luis +Cavillo+ einen Zug nach +Dabaiba+ am Atrato gegen Süden, um die
dortigen, angeblich von Gold strotzenden Tempel aufzusuchen. Aber die
Indianer griffen die spanischen Böte auf dem Flusse an und stürzten
dieselben um, wobei Cavillo das Leben einbüßte. Der Rest kehrte
unverrichteter Sache nach der Colonie zurück. Als in der Folgezeit noch
drei andere Expeditionen nach dem goldenen Tempel fehl schlugen, gab
man die Eroberung nach dieser Richtung auf.

Inzwischen kam im Juli 1515 aus Spanien eine Anerkennung für Balboa’s
Leistungen; er wurde, allerdings unter dem Oberbefehl des Pedrarias,
zum Adelantado der Südsee ernannt und bekam dadurch einen eignen
Verwaltungs- oder Vergewaltigungsbezirk. Aber diese Gestade an der
Südsee waren das einzige kostbare Land in der Terra firme, ohne
welches die Ostseite, wo Pedrarias hauste, völlig werthlos war. Dazu
war es gesünder und für Europäer zuträglicher. Sollte Pedrarias es
seinem Rivalen überlassen? Er schickte seinen Neffen Gaspar de Morales
und Pizarro mit 60 Mann an den Michaelsgolf, um die Perleninseln zu
erobern. Mit 30 Mann gingen sie auf Böten nach der Isla rica, wie
Balboa die größte Insel im Perlenarchipel genannt hatte, hinüber, vor
dessen Häuptling selbst die Fürsten des Festlandes zu zittern schienen.
Nach einem erbitterten Kampfe unterwarf sich der Inselfürst und bot
den Fremden einen Korb voll kostbarer Perlen an. Dann führte er seine
Gäste auf den Thurm seines Hauses, zeigte ihnen alle Inseln, die unter
seiner Botmäßigkeit standen und sämmtlich ergiebige Perlenfischerei
besaßen, und berichtete von der mächtigen Nation im fernen Süden,
deren Schiffe er oft gesehen habe. Während Pizarro’s Phantasie aufs
neue lebhaft dadurch angeregt wurde und mit kühnen Plänen ins Weite
schweifte, hielt sich Morales an das vor Augen Liegende und dachte nur
an die Ausbeutung der besetzten Inselgruppe. Zu dem Zweck legte er dem
unterworfenen Fürsten einen jährlichen Tribut von 100 Mark Perlen auf.
Dann kehrten die Spanier nach dem festen Lande und nach der Ostseite
des Continents zurück, wobei wiederum unerhörte Schandthaten gegen die
Eingebornen verübt wurden. Bei einer zu freundschaftlichem Gespräch
berufenen Versammlung hetzte man die Bluthunde unter die Häuptlinge
und ließ achtzehn Caziken zerreißen; zu Hunderten wurden die Indianer
hingemordet und als die gefühllosen Räuber dann von dem ergrimmten
Volke verfolgt wurden, schlugen sie hundert gefesselten Eingebornen,
Weibern und Kindern, welche sie als Sklaven vor sich her getrieben
hatten, die Köpfe ab oder skalpirten sie, nur um die Verfolger von
weiterem Nachdringen abzuschrecken. Selbst Balboa berichtete mit
höchstem Unwillen über solche Greuel; aber der Neffe des Gouverneurs
ging ohne Strafe aus.

Um eine Versöhnung zwischen den beiden Rivalen Pedrarias und Balboa
herbeizuführen, regte Quevedo, Bischof von Darien, eine Heirath
zwischen der ältesten Tochter des Statthalters und dem Entdecker der
Südsee an; beide Parteien schienen dazu geneigt, aber Pedrarias lauerte
nur auf eine Gelegenheit, den ihm lästigen Eidam unschädlich zu machen.
Diese Gelegenheit bot sich, sobald Balboa seine Machtstellung am
großen Ocean erweitern wollte. Um den Befehl des Königs, eine sichere
Verbindungslinie zwischen beiden Meeren herzustellen, in Ausführung
zu bringen, wurde jenseit Careta der Hafenplatz Acla angelegt und
auf trocknem Grund ein festes Blockhaus errichtet. Von diesem Punkte
aus sollte dann Balboa das Material zum Bau mehrerer Schiffe über
den Isthmus schaffen und am Strande der Südsee zu seetüchtigen
Fahrzeugen zusammenzimmern lassen. Als Balboa aber nach Acla kam,
fand er den Platz bereits durch die Indianer wieder zerstört, die
spanische Besatzung todt. Es war also seine Aufgabe, zunächst das
Blockhaus wieder herzustellen und die Indianer zu unterwerfen. Geraume
Zeit verstrich, ehe das Baumaterial für die kleine Flotille mühsam
auf dem Rücken indianischer Lastträger über die Landenge geschafft
werden konnte, wo es am Rio Balsa, dem untern Laufe des Chucunaque,
zusammengesetzt werden sollte. Aber hier zeigte sich, daß es zu lange
am Strande von Acla der Witterung und zerstörendem Insektenfraß
ausgesetzt gewesen war, so daß man aus den durchbohrten und morschen
Planken kein seetüchtiges Fahrzeug bauen konnte. Und doch hatte der
nutzlose Transport von Holz und Eisen über den Isthmus an 500 Indianern
das Leben gekostet. Las Casas gibt den Verlust an Menschenleben sogar
auf 2000 an. Man mußte also von neuem an die Arbeit gehen, um das
Baumaterial herbeizuschaffen.

Inzwischen war König Ferdinand, 1516, gestorben und es hieß, Pedrarias
werde in der Person des bisherigen Gouverneurs auf den Canarien, Lope
de Sosa, einen Nachfolger erhalten. Um durch diesen nicht in seinen
Unternehmungen an der Südsee gehemmt zu werden, beeilte sich Balboa,
seine Schiffsausrüstung zu vollenden. Aber dieser Eifer wurde ihm
falsch ausgelegt. Die Freunde des Pedrarias behaupteten, er wolle
sich vom Statthalter von Darien unabhängig machen und direct mit der
spanischen Krone in Verbindung treten. Das sah Pedrarias als Verrath
an, denn Balboa hatte seinen Auftrag binnen 18 Monaten ausführen sollen
und diese Zeit war unter den mühsamen Vorbereitungen verstrichen,
ehe er hatte in See gehen können. Als nun Balboa zum letztenmal auf
Einladung des Pedrarias nach Acla zurückkehrte, um durch persönliches
Eingreifen die Ausrüstung zu beschleunigen, und mit dem Statthalter die
Ziele seines Unternehmens zu besprechen, ließ dieser ihn durch Pizarro
gefangen nehmen und nach kurzem Proceß, den Espinosa als Alcalde mayor
zu führen hatte, nebst vier Anhängern enthaupten; wahrscheinlich im
Jahre 1517. Balboa war etwa 42 Jahre alt geworden. Sein Tod war ein
Unglück für die Entwicklung der spanischen Herrschaft. Rohe Abenteurer
zertraten in kurzer Zeit Land und Volk und machten das Gebiet fast
menschenleer. Sicher hatte Balboa sich gegen den unglücklichen Nicuesa
schwer vergangen, aber das Urtheil des Pedrarias war ein ungerechtes.
Nachdem die Krone seine Verdienste durch Ernennung zum Adelantado
anerkannt hatte, war damit zugleich Verzeihung für sein früheres
Benehmen ausgesprochen. Leider ist die ganze Geschichte der spanischen
Eroberungen in der neuen Welt eine unausgesetzte Reihe von Treubruch
und Verrath, und diesem Verhängniß erlag auch Balboa. Aber kühn in
seinen Unternehmungen, fest im Entschluß, als Staatsmann und Krieger
zum Befehlen geboren, gebildet und von reifem Urtheil, hätte unter
seiner Leitung die Colonie einen ungeahnten Aufschwung nehmen können.
Zwar hatte auch unter Balboa das Land gelitten, aber weit schlimmer
wurden die Verhältnisse unter Pedrarias und die Verödung der einst
volkreichen Landstriche nahm dermaßen zu, daß es im Anfange des 17.
Jahrhunderts in der Provinz Panama mehr Neger als Indianer gab.

An der Südsee wurde Espinosa Balboa’s Nachfolger. Mit Hilfe der von
Balboa erbauten Flotte von vier Brigantinen und der verfügbaren
Mannschaft gründete er 1519 die Colonie von Panama, welcher Karl V.
im Jahre 1521 Stadtrecht verlieh. Aber in dem ungesunden Klima gingen
in den ersten 28 Jahren 40,000 Menschen dort zu Grunde. Daher befahl
Philipp II. später den Ort zwei Meilen weiter westwärts an einer
gesünderen Stelle anzulegen und bestimmte als Ausgangspunkt für die
Isthmusstraße +Puerto Bello+, nordöstlich von Aspinwall oder
Colon, von wo jetzt die Eisenbahn nach Panama hinüberführt.

Espinosa unterwarf die Stämme und Landschaften auf dem Isthmus und
Bartolomé Hurtado befuhr die Küste der Südsee bis zum Golfe von
Nicoya (unter 10° n. Br.), und in den folgenden Jahren gingen alle
von Pedrarias angeordneten Entdeckungsfahrten nach Nordwesten, im
ausgesprochenen Gegensatz zu den Plänen Balboa’s, der sein Augenmerk
stets nach dem Süden gerichtet hatte. Möglicherweise ließ auch schon
Pedrarias nach einer mittelamerikanischen Meerenge forschen, wie sie
später so eifrig von Cortes gesucht wurde.

Noch weiter als Espinosa gelangte +Gil Gonzalez de Avila+. Derselbe
hatte zwar im Jahre 1519 durch königlichen Befehl das Commando über
die Flotte Balboa’s erhalten, mußte aber, da Pedrarias über dieselbe
bereits verfügt hatte, auf den Perleninseln 4 andere kleine Fahrzeuge
bauen und segelte damit im Jahre 1521 zunächst nach dem Dorfe Nicoya’s,
wo der Häuptling sich willig mit sammt seinem Volke taufen ließ,
und entdeckte dann weiter das fruchtbare, offene, volkreiche Land,
das nach seinem damaligen Fürsten noch den Namen +Nicaragua+ trägt.
Die Kultur zeigte sich bei den Indianern, je weiter man nach Norden
kam, immer mehr entwickelt, denn die Landschaften von Nicaragua und
Honduras standen bereits unter dem Einfluß der von Mexiko und Yukatan
her verbreiteten höheren materiellen und geistigen Bildung. Gonzalez
verließ seine Schiffe und zog friedlich zu dem Fürsten Nicaragua, der
an dem See gleichen Namens hauste und von dessen Macht ihm bereits
Nicoya erzählt hatte. Auch Nicaragua ließ sich mit 9000 Mann auf einmal
taufen und ließ es ruhig geschehen, daß der Spanier mit seinem Pferde
in den See hineinritt, von dem Wasser trank und durch diese Ceremonie
von dem umgebenden Lande Besitz ergriff. Auch bei diesem Zuge sollen
100,000 Pesos in Gold erbeutet sein.[343]

Auf dem Rückwege an die Küste wurde Gonzalez zwar von den Eingebornen
angegriffen, aber seine Schar behauptete den Sieg und erreichte
glücklich den Strand der Südsee. Inzwischen hatte der Steuermann Andres
+Niño+ die Entdeckungsfahrt weiter bis zur Fonsecabai und darüber
hinaus bis auf „die Rückseite von Yukatan“ fortgesetzt.[344]

Am 25. Juni 1523 kam die ganze Expedition nach Panama zurück. Die alte
Niederlassung Santa Maria del Darien (Antigua) begann schon 1521 zu
veröden und wurde 1524 ganz aufgegeben. An ihre Stelle trat Panama.

Zur weiteren Ausbeutung seiner Entdeckungen, die ihm Pedrarias nur
unter +seinem+ Namen gestatten wollte, begab sich Gil Gonzalez nach
S. Domingo, warb Schiffe und Mannschaften und segelte damit im
Frühling 1524 nach der Ostküste von Nicaragua und Honduras und wollte
an der Mündung des Rio Ulea landen. Er benannte den Hafen Puerto de
Caballos, weil er gezwungen wurde, im Sturme mehrere Pferde über Bord
zu werfen, um das Schiff zu retten. Dann ging er weiter nach Osten zum
Cap Honduras und drang von hier aus gegen Süden in der Richtung zum
Nicaraguasee vor. Dort stieß er auf eine Abtheilung der spanischen
Schar, welche um dieselbe Zeit von Süden her unter dem Commando des
Hernandez de Cordova dasselbe Gebiet zu erobern suchte. Gewissenlos
fiel er über seine Landsleute her und nahm ihnen ihre Beute an Gold
und ihre Waffen ab. Als er aber nach Puerto Caballos zurückkam, wurde
ihm wiederum von Cristoval d’Olid, welchen Cortes entsendet, das Land
streitig gemacht. Ueber den Ausgang dieser Unternehmungen werden wir im
Verlauf der Eroberung Mexiko’s (Cap. 2. 24) weiter zu berichten haben.

Auch Francisco Hernandez de Cordova war von Pedrarias zur Eroberung
Nicaragua’s ausgesendet. Er legte den Grund zu den Städten Granada,
am nordwestlichen Ende des Sees und Leon, in der Nähe des Golfes von
Fonseca. Eine Brigantine, am Gestade der Südsee auseinander genommen
und im Nicaraguasee wieder zusammengesetzt, diente zur Befahrung
des Binnensees und entdeckte den Abfluß desselben, den Rio S. Juan,
den man aber wegen der Klippen und Stromschnellen nicht bis zum
caribischen Meere verfolgen konnte. Wie fast alle Conquistadoren, wenn
sie einigen Erfolg gehabt, strebte auch Cordova nach Unabhängigkeit
von dem Statthalter Pedrarias. Seine Hauptleute Hernando de Soto und
Compañon, welche den Verrath misbilligten, sagten sich von ihm los und
kehrten nach Panama zurück. Da raffte sich Pedrarias zum letztenmal
auf, erschien mit seinen Truppen unerwartet in Nicaragua, nahm den
rebellischen Hauptmann gefangen und ließ ihn in Leon 1526 enthaupten.
Als er im Februar 1527 nach Panama zurückkam, war sein Nachfolger
Pedro de los Rios bereits auf dem Isthmus gelandet. Pedrarias zog
sich nach Leon zurück und starb 1530. Dreizehn Jahre hatte das Land
unter seiner Verwaltung geseufzt, er war nicht mehr fähig gewesen,
seine Unterbefehlshaber zu zügeln, welche unter einander und gegen den
Statthalter selbst zu den Waffen griffen. Die dissoluten Verhältnisse,
welche seine schlechte Leitung über die herrlichen Landschaften von
Mittelamerika gebracht, machten sich auf immer fühlbar. Sein Name war
mit Recht verrufen.


18. Die Entdeckungen im Golf von Mexiko.

Bisher hatten sich fast alle Unternehmungen im Umkreis des caribischen
Meeres bewegt. Columbus selbst hatte dazu die Richtung angegeben. Seit
dem ersten Zusammentreffen mit den Bewohnern der neuen Welt waren
die Spanier bei ihren unermüdlichen Fragen nach den Goldländern auf
den Südwesten gewiesen, und diese Richtung war selbst dann maßgebend
geblieben, als Columbus an der Küste von Yukatan zuerst mit der Kultur
der Mayastämme in Berührung kam. Daher blieb das Meer im Nordosten
von Cuba zwanzig Jahre unbesucht. Der erste kühne Versuch in diesen
unbekannten Norden einzudringen, ging merkwürdiger Weise von dem
Statthalter von Puertorico, +Juan Ponçe de Leon+ aus. Die Bewohner der
Bahamainseln hatten von einem Wunderlande im Nordwesten berichtet, in
dessen Heilquellen das Alter sich verjüngen könne.[345] Ponçe de Leon
betrat dieses Land am Ostertage, 27. März, 1513 und nannte es nach dem
Tage der Entdeckung Pascua +Florida+. Er fuhr dann an der Ostküste
von Florida bis zum 10° n. Br., ließ es aber noch unentschieden, ob
es eine Insel oder ein Theil des Festlandes sei.[346] Von hier kehrte
er zur Südspitze der Halbinsel zurück und ging eine Strecke weit an
der Westküste nach Norden, wo zwischen 25° und 26° n. Br. die Bahia
de Ponçe de Leon noch den Namen des Entdeckers trägt. Die erste
Karte von Florida lieferte sein Pilot Antonio de Alaminos.[347] Die
feindselige Haltung der kriegerischen Einwohner hatte jeden Versuch
einer Besiedelung vereitelt. Mehr als Puertorico schien Cuba schon
durch seine Lage berufen der Ausgangspunkt aller Unternehmungen zu
werden, welche gegen die Länder im Westen gerichtet wurden. Die „Perle
der Antillen“ war mit leichter Mühe von +Diego Velasquez+ unterjocht,
welcher seit dem Jahre 1511 daselbst als Statthalter eingesetzt
war. Die ganze Insel wurde sammt den Indianern unter die Eroberer
vertheilt, und bei der großen Ausdehnung des Landes strömten immer
mehr Abenteurer dahin. Aber zum friedlichen Landbau nicht geneigt,
unternehmungslustig, unstät, durch jede neue Kunde von goldreichen
Ländern aufgereizt, scharten sich die jüngeren Leute bald zusammen,
um auf eigene Entdeckung und Eroberung auszuziehen. Sie rüsteten zwei
Schiffe aus, wählten Hernandez de Cordova zu ihrem Hauptmann, gewannen
Antonio de Alaminos aus Palos als Piloten und erhielten zur Ausrüstung
eines dritten Schiffes von Velasquez das Geld vorgestreckt.[348] Am
8. Februar 1517 gingen die Schiffe unter Segel und steuerten von Cuba
nach Westen. Beim Cap Catoche erreichten sie die Küste von Yukatan.
Diese Entdeckung war von höchster Bedeutung, denn hier trafen die
Spanier zuerst auf ein Kulturvolk, das prächtige Steinhäuser besaß,
sich in baumwollene Gewänder kleidete und in Tempeln von behauenen
Steinen, welche auf abgestumpften Pyramiden errichtet waren, ihren
Götzen Menschenopfer darbrachten. Ueberrascht waren die Entdecker, hier
mehrfach das Zeichen des Kreuzes in Stein gehauen zu finden, welches,
wie sie später erfuhren, ein Symbol des regenbringenden Gottes war.
Das Volk der Maya, welches das Land bewohnte, bediente sich sogar
einer eigenartigen Bilderschrift, welche noch nicht entziffert ist.
Abgesehen von der Verwendung derselben auf den monumentalen Bauwerken,
welche sich, im Urwald begraben, zum Theil noch erhalten haben und
das lebhafteste Interesse der europäischen Forscher auf sich gezogen
haben,[349] sind nur drei oder vier Manuscripte der +Maya-Sprache+
mit farbigen Bildern erhalten. Die werthvollste und umfangreichste
dieser Mayahandschriften bewahrt die königliche Bibliothek in Dresden.
Das Material dieser Handschriften besteht aus einzelnen Blättern, die
aus den Fasern der mexikanischen Agave gefertigt und mit einer feinen
Gypsschicht überzogen sind.[350] Neben den merkwürdigen Ruinen, deren
bedeutendste Ueberreste sich im Süden des Landes bei Uxmal und Palenque
finden, sind noch hohe Steinbilder, aus Monolithen geschaffen, vor der
Zerstörung durch die Spanier, welche bei der fanatischen Verbreitung
des Christenthums alle Erinnerungen an das Heidenthum der Eingeborenen
zu vernichten strebten, sowohl in Yukatan als in den Nachbargebieten
von Mexiko, Guatemala und Honduras erhalten. Diese Steinbilder stellen
vielfach vergötterte Könige und Fürsten dar, denen, nach Weise
des Heroencultus, Opfer gebracht wurden,[351] oder erschienen als
Frauengestalten in der eigenthümlichen Landestracht, erstere mit kurzem
Baumwollpanzer, letztere in gesticktem Rock mit Perlen und Fransen.

[Illustration: Eine Seite aus der Mayahandschrift der kgl. Bibliothek
zu Dresden; (Originalgröße).]

[Illustration: Tempelruine zu Uxmal.]

Die Spanier unter Cordova versuchten an mehreren Punkten der Küste
zu landen, wurden aber von den kriegerischen Bewohnern blutig
zurückgewiesen. Alaminos segelte an der Nord- und Westseite der
Halbinsel bis Champoton, südlich von Campeche; aber als hier in einem
Gefechte der Anführer lebensgefährlich verwundet wurde, stand man von
der Fortführung des Kampfes ab, da man sich zu einer Eroberung zu
schwach fühlte, und ging wieder in See. In dem Irrthum befangen, daß
der nächste Weg nach Cuba über die Halbinsel Florida führe, steuerte
Alaminos zuerst nach diesem Lande, welches er von der ersten Fahrt Juan
Ponçe’s kannte, sah sich aber auch hier von den Indianern feindlich
empfangen und segelte nach Cuba, wo Cordova 10 Tage nach der Landung
seinen Wunden erlag. Der Statthalter Velasquez berichtete über den
Verlauf der Expedition nach Spanien und rühmte sich der Entdeckung,
sowie der darauf verwendeten Kosten.[352] „Von uns aber,“ fügt Bernal
Diaz bitter hinzu, „die wir das Land gefunden hatten, wurde keiner
genannt.“[353] Im nächsten Jahre rüstete Velasquez eine neue Flotte
aus und sandte im April oder Mai 1518 vier Schiffe unter seinem Neffen
Juan +de Grijalva+ nach Yukatan ab. Als Pilot fungirte wiederum Antonio
de Alaminos; außerdem begleitete ihn der tapfere Pedro de Alvarado,
welcher sich später unter Cortes bei der Eroberung Mexiko’s hervorthat.
Südlich vom Cap Catoche erreichten sie bei der Insel Cozumel, welche
damals ein berühmtes Heiligthum besaß, gegenwärtig aber dicht bewaldet
und unbewohnt ist, die Küste Yukatans und umfuhren die ganze Halbinsel
bis zur Laguna de Terminos und bis Tabasco. Die zahlreichen gut
gebauten Ortschaften, welche man mit ihren weißen Steinhäusern am
Strande schimmern sah, erinnerten die Seefahrer an ihre Heimat, weshalb
man das Land „Neuspanien“ zu nennen anfing. Auf der Halbinsel zeigten
sich die Bewohner ebenso feindlich als bei der ersten Expedition und
erst am Rio Tabasco, welchen man den Grijalvafluß nannte, gelang
es einen friedlichen Verkehr mit dem Volke und seinen Häuptlingen
zu eröffnen. Dann ging die Fahrt nach Westen an dem gefährlichen
Gestade[354] weiter bis in die Nähe der heutigen Hafenstadt von Vera
Cruz. Hier liegen mehrere kleine Inseln am Strande, wo man landete.
Die erste erhielt den Namen Opferinsel (~Isla de Sacrificios~), weil
im Tempel kurz zuvor fünf Indianer geopfert waren. Auch auf der näher
an Vera Cruz gelegenen Insel S. Juan de Ulua waren zwei Knaben unter
dem Opfermesser der schwarzgekleideten Priester verblutet. Mit den
wachsenden Anzeichen einer höheren Kultur mehrten sich, zum
Entsetzen der Spanier, auch die Spuren des gräßlichen Opfercultus
der Mexikaner. Nichts desto weniger landete Grijalva hier mit seiner
ganzen Macht und verstand es, mit den Caziken in freundlicher Weise
Geschenke zu wechseln und die Schätze des Landes, Gold, Edelsteine
und Gefäße von wunderbarer Form im Werthe von 15 bis 20,000 Goldpesos
gegen Glasperlen, Nadeln und Scheeren auszutauschen. Hier war also
ein wirkliches Goldland gefunden, welches eine unermeßliche Beute
verhieß. Alvarado wurde mit dem ersten Gewinn und mit der Botschaft der
wichtigen Entdeckung nach Cuba zurückgesandt, während Grijalva seine
Küstenfahrt noch bis zur Landschaft Panuco, bis nach Tampico, unter
22° n. Br., weiter ausdehnte und erst an einem stürmischen Vorgebirge
abbrach, um dann über Yukatan nach Cuba zurückzukehren, wo er am 15.
November 1518 in St. Jago landete. Die bedeutsamen Nachrichten, welche
Grijalva mitbrachte, regten die Unternehmungslust des Statthalters von
Cuba mächtig an und drängten ihn zu raschen Entschließungen, um sich
den Gewinn dieser Entdeckung zu sichern. Während er einerseits Boten
mit reichen Geschenken nach Spanien sendete, um die Krone zu bewegen,
die entdeckten Gebiete seiner Statthalterschaft unterzuordnen, rüstete
er andererseits eine größere Flotte, um jene Länder zu erobern, und
ernannte Ferdinand Cortes zum Befehlshaber der Expedition.

[Illustration]


Sculpturen von Copán.

Am Fuße einer Pyramide an einem Altar stehende männliche Figur. Ueber
derselben ein baldachinartiger Aufbau von Ornamenten mit mehreren
sitzenden menschlichen Figürchen. Die Figur trägt auf dem Haupte
einen Helm in der Form eines phantastischen Thierkopfes; von ihm
hängen Zierrathen aus Goldblechstreifen, mit Perlen besetzt, zu beiden
Seiten herab. Die übermäßig großen Ohren scheinen Symbole der Würde
des Dargestellten zu sein. Die Brust bedeckt ein Panzer, der oben aus
Kugeln, unten aus gewebten Stoffen in Form von Rollen zusammengesetzt
ist. Letztere umschließt ein breiter Gürtel mit Masken und verzierten
Goldblechtafeln zwischen ihnen. Vorn hängt der Gürtel bis auf den
Boden herab. Um den Hals trägt die Figur an einem Bande eine Zierrath.
Die Arme sind mit dreifachen Armbändern, die Beine mit Kniebändern,
aus Masken und Perlen gebildet, und über den Knöcheln mit Ringen
geschmückt. Die Sculptur ist in +einem+ Steine ausgehauen und mißt in
der Höhe 364, in der Breite 133, in der Dicke 91 Centimeter.

Weibliche Figur, an einem Opfersteine stehend. Das kurze Gewand
ist mit netzartigen Ornamenten und am Saume mit Perlen und Fransen
geschmückt. Ein in derselben Weise verzierter Gürtel umschließt den
Leib; derselbe hat einen Thierkopf als Mittelpunkt und ist an den
Seiten, über den Hüften der Figur mit menschlichen Masken besetzt. Ein
breiter mit Goldblech und Perlen besetzter Streifen fällt vom Gürtel
auf den Boden herab. Die Figur trägt einen prächtigen Kopfschmuck,
dessen Kern ein phantastisches Thierhaupt ist, in welchem die Zähne
durch mit Perlen besetzte Fransen dargestellt werden. Von demselben
gehen nach beiden Seiten und oben viele Federn aus, deren größere
Ringe tragen und die auch sonst mit Rosetten, Perlen und Quasten reich
geschmückt sind. Eine kleine menschliche Figur krönt den Federschmuck;
unter ihm hängen vor den Ohren lange dünne Locken herab. Die nackten
Arme sind von Armbändern aus kleinen Platten, Perlen und Fransen
umschlossen. Die Brust wird von einem aus viereckigen, plattenartigen
Stücken zusammengesetzten Gewand bekleidet. Auf demselben liegt ein
Geschmeide, welches bis zu den Schultern reicht und daselbst in Masken
und Arabesken endigt. Die Füße sind von Halbschuhen, welche die vordere
Fußhälfte freilassen, bedeckt. Maaße: Höhe 345, Breite 98, Dicke 101
Centimeter.

[Illustration: Sculpturen von Copán: als Trachtenbilder.]


19. Ferdinand Cortes geht nach Mexiko.

Für die erfolgreichste Ausdehnung der spanischen Macht in der neuen,
indischen Welt war die auf Cortes gefallene Wahl eine überaus
glückliche, wenn sie auch für Velasquez selbst eine Reihe bitterer
Enttäuschungen brachte und ihm den gehofften Lohn gänzlich aus den
Händen riß. Unter den wenigen wahren Heldengestalten der spanischen
Conquistadoren, welche jenes Zeitalter gebar, ragt Cortes vor allen
hervor. Sein edler, großer Charakter, seine kühnen Thaten erfüllen uns
mit Bewunderung. Cortes war 1485 in Medellin in Estremadura geboren,
hatte in Salamanca zwei Jahre studirt und sich dort, wenn er auch
keine ausgesprochene Neigung zu den Wissenschaften zeigte, doch einen
Grad allgemeiner Bildung erworben, wie er unter den Heerführern in den
Colonialländern selten war. Der Reiz des Wunderbaren, welches die neue
Welt belebte, die Lockung zu romantischen Abenteuern, welche jenseits
des Oceans goldene Berge verhieß, erfüllte, wie die ganze spanische
Jugend, so auch ihn. Und so ging er schon 1504 zum Statthalter Ovando
nach San Domingo. Sieben Jahre später nahm er an der Eroberung Cuba’s
theil und erwarb sich dadurch Landbesitz. Seine literarische Bildung
beförderte ihn zum Secretair des Velasquez und später zum Alcalden
von St. Jago, so daß er bereits eine der ersten Beamtenstellen
auf der Insel einnahm. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen
übermittelgroßen, schönen Mann mit breiter männlicher Brust und
großen, dunkeln Augen in dem blassen Gesichte. In allen ritterlichen
Uebungen gewandt, muthig und fest in seinen Entschlüssen, wie klar und
überlegend in seinen Plänen; durch rasche Auffassung und klaren Geist,
wie durch gewandte und feurige Rede seine Umgebung beherrschend, war
er zum Anführer wie selten ein Mann in der neuen Welt geschaffen. Als
Velasquez ihm das Commando übertrug, zählte er 33 Jahre. Es war dem
Statthalter willkommen, daß Cortes aus eignen Mitteln einen Theil der
Ausrüstung bestreiten konnte, welche mit 11 Schiffen den kühnen Angriff
auf einen mächtigen Staat ausführen sollte.[355]

Aber noch ehe Cortes seine Vorbereitungen getroffen hatte, erwachte
bereits die Eifersucht des Statthalters, welcher, durch seine Getreuen
gewarnt, bereits fürchtete, dem gewählten Führer zu viele Machtmittel
anvertraut zu haben, mit denen er sich womöglich eine unabhängige
Stellung schaffen könnte. Er schien entschlossen zu sein, die Ernennung
des Cortes zum General wieder zurückzunehmen; aber dieser brach, noch
ehe der zögernde Velasquez sich entschied, mit seiner Flotte von
St. Jago auf, bevor die Ausrüstung und Verproviantirung vollendet
war, und ging zunächst nach der ebenfalls auf der Südseite von Cuba
gelegenen Stadt Trinidad und, nachdem er hier noch 100 Mann von der
zurückgekehrten Expedition Grijalva’s angeworben hatte, weiter nach
Habana. Hieher sandte Velasquez an die Behörden des Orts den Befehl,
Cortes zu verhaften, und gebot diesem in einem Briefe, er solle
nicht eher absegeln, als bis er selbst nach Habana gekommen sei.
Aber Cortes ließ sich an der Spitze seiner bedeutenden Macht weder
als ein einzelner Edelmann gefangen setzen, noch befolgte er das
unglaublich ungeschickt vorgebrachte Gebot des Velasquez, auf ihn zu
warten; vielmehr begab er sich am 10. Febr. 1519 nach dem Sammelpunkt
seiner Flotte am Cap S. Antonio, der Westspitze von Cuba, und ging
von hier aus acht Tage später mit seinen eilf Schiffen unter Segel.
Der erfahrene Steuermann Alaminos, der nun zum viertenmale nach
Yukatan steuerte, denn er hatte bereits die letzte Fahrt des Columbus
mitgemacht und dann die Expedition Cordova’s und Grijalva’s geleitet,
war sein Hauptpilot. Seine bewaffnete Macht bestand aus 400 spanischen
Soldaten, darunter 13 Büchsenschützen und 32 Armbrustschützen, und
200 Indianern, ferner aus 16 Reitern, 10 schweren Bronzegeschützen
und 4 leichten Feldschlangen. Auch begleiteten zwei Geistliche den
Zug, um den Götzendienst zu vernichten und die Indianer zu taufen.
Das Geschwader steuerte nach der Insel Cozumel. Die Einwohner flohen
bei der Landung zwar anfangs aus Furcht ins Innere, kamen dann,
durch Dolmetscher beschwichtigt, zurück, ließen es geschehen, daß
ihre blutigen Altäre gestürzt und daß in ihren Tempeln christlicher
Gottesdienst gefeiert wurde, ja sie bequemten sich sogar zur
äußerlichen Annahme des Christenthums.

[Illustration: Medaillenbildniß von Ferdinand Cortes; Originalgröße.

(Berlin, kgl. Münzcabinet.)]

Schon auf der Expedition Cordova’s hatte Alaminos mehrfach das Wort
Castillan gehört, ohne sich dasselbe in dem Munde der Indianer erklären
zu können. Cortes vermuthete sofort richtig, es müßten Spanier bereits
früher hieher gelangt sein. Diese Vermuthung wurde durch die Angabe
eines Häuptlings bestätigt, daß noch zwei Spanier als Gefangene im
Lande lebten. Unter ihnen befand sich Fray Jeronimo de Aguilar (s.
o. S. 346), den Cortes befreite und der ihm als Dolmetscher wichtige
Dienste leistete. Dann ging die Fahrt in gewohnter Weise um Yukatan
herum nach dem Rio de Tabasco oder Grijalva. Die Einfahrt in den
Fluß war so seicht, daß keins der größeren Schiffe einlaufen konnte;
Cortes befuhr ihn daher in den kleinen Brigantinen und mit bewaffneten
Böten, um die Stadt Tabasco selbst zu besuchen. Seine Erklärung, er
komme in friedlicher Absicht, wurde mit Drohungen und Kriegsgeschrei
beantwortet. Aber die Spanier ließen sich dadurch nicht abschrecken.
Der Kampf begann schon in den Böten, dann im Wasser am Strande, das den
Angreifenden bis an den Gürtel ging, und setzte sich am Lande fort, wo
am 25. März mit Geschütz und Reiterei eine förmliche Schlacht geliefert
wurde, in welcher die tapferen Tabascaner, deren Heer nach der eigenen
Angabe des Cortes[356] aus 40,000 Mann bestand, durch die ungewohnte
Kriegsmacht einer Reiterei in die Flucht geschlagen wurden und 220
Todte auf dem Schlachtfelde zurückließen.

Am nächsten Tage unterwarfen sich die Caziken und brachten unter
anderen Geschenken 20 Sklavinnen, deren eine, eine geborene
Mexikanerin, von den Spaniern den Namen +Donna Marina+ erhielt und sich
den Eroberern anschloß, denen sie als Dolmetscherin die wesentlichsten
Dienste leistete. In Tabasco vernahm man auch die Worte Culhua, womit
die gewerbreiche Stadt Cholula[357] westlich von Mexiko bezeichnet
wurde, und den Namen Mexiko selbst. Nachdem am Palmsonntag noch in
feierlicher Messe die Häuptlinge die Taufe empfangen hatten, segelte
Cortes weiter und landete am Charfreitag, 21. April 1519, mit seiner
ganzen Macht an der Stelle der heutigen Stadt Vera Cruz; zwei Tage
später stattete ihm bereits der aztekische Statthalter einen Besuch ab
und erhielt die Mittheilung, daß Cortes von einem mächtigen Herrscher
jenseits des Meeres mit Geschenken und einer persönlichen Botschaft an
den Fürsten des Landes abgesendet sei und freien Durchmarsch begehre.
Die Mexikaner waren geschickte Maler; um seinen Bericht an den Kaiser
möglichst anschaulich zu machen über die seltsamen, weißen, dem
Meere entstiegenen Fremdlinge, ließ der Gouverneur des Küstenlandes
die Spanier abzeichnen. Cortes ließ dies gern geschehen und, um den
Eindruck, den sein Erscheinen offenbar hervorrief, noch zu verstärken,
mußte die Reiterei und die Artillerie kriegerische Uebungen ausführen,
damit auch diese mit abgebildet würden. Dann richtete er sich hinter
den Dünen ein festes Lager ein und erwartete die Antwort auf seine
Botschaft.

Ehe wir den Verlauf der Verhandlungen weiter verfolgen, werfen wir
zunächst einen Blick auf die Natur des Landes und die Geschichte der
Bevölkerung.

[Illustration: KARTE ZU CORTES’ EROBERUNG von MEXICO.]

Hinter einem mehrere Meilen breiten, flachen Küstenstriche, der durch
seine Fieber verrufen ist, und an dem es keinen einzigen guten,
natürlichen Hafen gibt, erhebt sich das mittlere Land zu einem
mächtigen Plateau von durchschnittlich 2000 Meter Höhe. Der östliche
Steilrand des Hochlands wird von einzelnen Bergriesen, die über 5000
Meter emporsteigen, überragt. Hier besitzt Mexiko keinen schiffbaren
Strom; von der Küste führen nur schwierige Landwege und Gebirgspässe
auf das innere Hochland von Anahuac, das Centrum des alten Reichs,
welches sich nordwärts etwa bis zum Wendekreise erstreckte. Das
Hochthal von Mexiko, der Hauptstadt, erhebt sich bis über 2200 Meter
und erscheint als ein Oval von 73 Kil. Länge und 35 Kil. Breite. Von
einem thurmartigen Walle von Porphyrfelsen umschlossen, war dieses Thal
früher grün und dicht mit Bäumen bewachsen, erscheint aber gegenwärtig
an manchen Stellen weißlich von den Salzefflorescenzen und macht von
den Höhen aus fast den Eindruck einer Steppe in folge der Abnahme des
Sees, welcher ehedem, die Stadt umgebend, eine weit größere Ausdehnung
hatte. Trotzdem ist die ganze Landschaft von großer, eigenartigen
Schönheit, erhöht durch den Kranz von Bergen, über welche die beiden
Schneegipfel, der Popocatepetl (5400 Meter) und der Ixtaccihuatl (5200
Meter) mit breitem Rücken mächtig emporragen.

Nördlich von dem Thale von Mexiko liegt +Tula+, die erste Ansiedlung
der Tolteken, jenes räthselhaften Kulturvolkes, welches aus dem
unbekannten Norden zu unbekannter Zeit (man nennt in der Regel das 7.
Jahrh. n. Chr.) hier einzog. Sie führten den Anbau von Mais, Baumwolle
und des sog. spanischen Pfeffers als unentbehrliches Gewürz ein.
Sie bearbeiteten die edlen Metalle und entfalteten eine originelle
Baukunst. Sie liebten es, ihre Steinhäuser und Tempel auf Anhöhen
anzulegen, die verschiedenen Wohnräume lagen in verschiedener Höhe
und waren durch kleine Treppen und enge Corridore verbunden.[358]
Eigenartig waren auch die Stufenthürme oder Tempelpyramiden.

Nach einem Aufenthalte von mehreren Jahrhunderten verschwanden die
Tolteken wieder, wahrscheinlich zogen sie weiter nach Süden und
verbreiteten ihre Kultur über Yukatan und Honduras.

Nach ihnen rückten von Nordwesten die +Chichimeken+ ein und wählten
die Ostseite des Sees von Mexiko zu ihrer Hauptansiedlung, wo sie
die Stadt Tezcuco gründeten. Dort verschmolzen sie mit den Acolhuern
oder Acolhuas. Ihre Herrschaft unterlag wieder unter den Angriffen
eines verwandten kriegerischen Stammes, der +Tepaneken+, bis sie sich
mit Hilfe der Azteken in Mexiko wieder befreiten und sich mit diesen
verbanden. Als letzter Zug der Einwanderer treten die +Azteken+ auf,
welche wahrscheinlich erst im Anfang des 14. Jahrhunderts die Stadt
Tenochtitlan (Mexiko) auf einer Insel im See gründeten. Allmählich
erst gelangten sie zu bedeutenderer Macht, hatten aber zur Zeit der
Ankunft der Spanier durch ihre Kriegstüchtigkeit ihre Herrschaft von
einem Meere zum andern ausgebreitet, und dabei zahlreiche fremde, nicht
verwandte Stämme unterworfen, ohne aber in der verhältnißmäßig kurzen
Zeit trotz ihres Gewaltregiments die verschiedenartigen Volkselemente
mit einander verschmelzen zu können. Eine blutige Schreckensherrschaft
lastete auf dem weiten Länderraume zwischen dem Golf von Mexiko und
der Südsee, denn die Azteken verlangten für ihre Götzenaltäre zahllose
Menschenleben von den unterworfenen Stämmen. Man gibt die Zahl der
Menschenopfer auf jährlich 20,000 an. Die Schädel der Geschlachteten
wurden zu Pyramiden aufgethürmt; Spanier aus dem Gefolge des Cortes
wollten an +einem+ Orte 136,000 Schädel gezählt haben.

Nur Furcht und Schrecken hielt das große Reich zusammen; ein Angriff
von außen mußte viele nach Befreiung seufzende Völkerstämme in das
Lager der Feinde treiben. So fiel nach diesem Gesichtspunkte die
Ankunft des Cortes in eine ihm günstige Zeit, und es stand zu erwarten,
daß er nach den ersten bedeutenden Waffenerfolgen den aztekischen
Staatsverband lockern und manche der unterworfenen Völker auf seine
Seite ziehen werde.

Aus einer ursprünglich aristokratischen Regierung hatte sich bei den
Azteken ein fast unumschränktes Königthum entwickelt. Wenn die Könige
auch nur durch Wahl, welche von den vier vornehmsten Adligen vollzogen
wurde, auf den Thron gelangten, so blieb doch die höchste Würde stets
in derselben Familie. Bei Hofe war ein ängstliches Ceremoniell und
morgenländisches Gepränge eingeführt, den unmittelbaren Dienst bei der
Person des Monarchen versah der zahlreiche Lehnsadel.

Der Nationalgott der Azteken (man zählte an 2000 Localgötter),
Huitzilopochtli[359], war der zur Gottheit erhobene erste Anführer
gewesen, der das Volk nach Anahuac geführt. Er verlangte die meisten
Menschenopfer. Dagegen war Quetzalcoatl, ursprünglich ein Priester
und Reformator der Tolteken in Tula, aus dem Lande vertrieben, weil
er die Menschenopfer abschaffen wollte, und sollte der Sage nach an
der östlichen Meeresküste im niedrigen Waldlande am Goatzocoalco
verschwunden sein. Später verehrte man ihn als einen Gott der Luft,
als den Wohlthäter des Volkes, welches ihm die Kunst des Landbaues
und der Metallbearbeitung verdankte. Man dachte ihn sich von hoher
Gestalt, mit +weißer+ Hautfarbe und wallendem Barte. An das östliche
Meer vertrieben, schiffte er sich dort auf einem aus Schlangenhaut
gefertigten Zauberschiffe ein, nachdem er feierlich erklärt, er werde
dereinst zurückkehren und sein Reich wieder in Besitz nehmen. An seine
baldige Wiederkunft glaubte das ganze Volk. Die Unterdrückten und
selbst der König sahen in Cortes die Prophezeihung verwirklicht.

Die von den Tolteken geschaffene materielle Kultur hatten die Azteken
weiter entwickelt. Der Landbau stand in hoher Blüte; außer Mais,
Baumwolle und Pfeffer baute man die Aloe (Magnay) an, deren Blattfasern
Papier, deren Saft den berauschenden Pulquewein lieferte, erntete
Cacao, deren Bohnen als kleinste Münze cursirten, oder zur Bereitung
des Chocolatl (Chokolade) verwendet wurden, und Vanille. Bananen boten
die beliebteste Frucht, den Tabak rauchte man aus Pfeifen oder in Form
von Cigarren. Der Bergbau wurde eifrig betrieben, doch verstand man die
Gewinnung des Eisens nicht und bediente sich zu Messern und Schwertern
der scharfen Splitter des glasartigen Obsidians. Die Töpferei war
allgemein verbreitet, Trinkschalen schnitzte man aus Holz, bemalte sie
und überzog sie mit Firniß. Sehr geschickt waren die Handwerker in der
Herstellung buntfarbig gestickter Baumwollgewänder, wie in den zum
Schmuck dienenden prächtigen Federarbeiten. Ein lebhafter Marktverkehr
fand zu bestimmten Zeiten in den Städten statt, und durch das ganze
Land zog sich ein Netz von mit Posthäusern besetzten Straßen. Eilboten
beförderten die Befehle der Regierung. Die militärische Einrichtung
war durch Bildung von Kriegerorden und Abzeichen am Kleide darauf
berechnet, den Ehrgeiz anzustacheln. Die Soldaten trugen ein dichtes
Baumwollkleid, welches die leichten Wurfgeschosse nicht durchdringen
ließ. Die Brust der Führer war außerdem durch goldene oder silberne
Platten gedeckt. Man trug hölzerne, zuweilen mit Silber belegte und mit
Federn geschmückte Helme, außerdem auch Arm- und Beinschienen. Das Heer
war in Armeecorps von 8000 Mann und diese wieder in Compagnien zu 3-400
Mann abgetheilt. Die Waffen bestanden aus Schwertern, Lanzen, Keulen,
Bogen und Pfeilen und Schleudern. Wenn es zur Schlacht ging, trug der
Feldherr die Standarte. Im Kampfe war man vor allem darauf bedacht,
Gefangene zu machen, um sie den Götzen zu opfern.

Unter den Wissenschaften, welche von den Priestern gepflegt wurden,
hatte die Eintheilung des Sonnenjahres in 18 Monate zu 20 Tagen, wozu
am Ende des Jahres noch fünf Ergänzungstage kamen, religiöse Bedeutung,
weil danach die Opfer- und Feiertage geregelt wurden. Eine farbige
Bilderschrift wurde auf die Faserstoffe der Agave, auf baumwollene
Tücher oder sorgfältig bereitete Häute aufgetragen. Auch verstand
man auf dem gleichen Material große Karten des Reichs, der Provinzen
und der Küsten zu zeichnen. Cortes zog eine solche Karte auf seinem
Feldzuge nach Honduras zu Rathe.

Seit 1502 regierte der König Montezuma (Cortes schrieb Muteczuma).
Ehrgeizig, wie alle aztekischen Fürsten auf die Ausbreitung ihres
Reiches und ihres Cultus bedacht, denn er hatte die Stelle eines
Oberpriesters bekleidet, hatte er, allzueifrig und unbesonnen, den
Krieg in zu entfernte Landstriche getragen, bevor er alle seine
Feinde in der Nähe vollständig bezwungen hatte. So war er mit seinem
Heere bis Guatemala und Honduras (Vera-Paz), vielleicht sogar bis
Nicaragua vorgedrungen und hatte doch die Tlascalaner, in der
östlichen Nachbarschaft seiner Hauptstadt, nicht unterworfen. Ernst,
zurückhaltend, stolz, hatte er sich die Gemüther des Volkes entfremdet
und schlich mistrauisch, wie man es ähnlich von Harun al Raschid
erzählt, des Nachts vermummt durch die Gassen seiner Residenz, um
die Stimmung zu belauschen, angeblich um den ihm etwa verheimlichten
Misbräuchen in der Verwaltung auf die Spur zu kommen. Aus Mistrauen
hatte er seine Verwandten beseitigt, um des Thrones sicherer zu sein
und ließ sich den Spaniern gegenüber dann doch durch seinen Aberglauben
entwaffnen.[360]

Dieser Aberglaube bezog sich auf die bereits berührte Sage von der
Wiederkunft des Quetzalcoatl. Allerlei Zeichen deutete das Volk auf die
baldige Erfüllung dieser Prophezeihung. Der Thurm des Haupttempels war
abgebrannt, im Osten war ein seltsames Licht aufgegangen, drei Kometen
waren am Himmel erschienen u. dgl. mehr.

Im Jahre 1516 starb der Fürst von Tezcuco; in dem nun ausbrechenden
Thronstreite begünstigte Montezuma den +Cacama+ und wußte ihm das
Haupterbtheil nebst der Hauptstadt zuzuwenden, während die nördliche
Hälfte an den zweiten Sohn +Ixtlixochitl+ fiel, den sich der aztekische
König dadurch zum Feinde machte.

Unter diesen Ereignissen kam die Kunde von der Landung der Spanier.
Das Volk sah in ihnen die Erben des vertriebenen Gottes. Montezuma
berief seine Räthe. Die muthigen verlangten energischen Kampf, die
bedächtigen riethen zum Frieden. Montezuma wollte selbständig scheinen
und schlug einen gefährlichen Mittelweg ein. Auf die Botschaft des
Cortes antwortete er mit reichen Geschenken und mit der Bitte, den
beabsichtigten Besuch in der Hauptstadt zu unterlassen. Aber diese
wunderbaren Geschenke reizten die Spanier nur noch mehr.[361]

Den Wunsch Montezuma’s, die Spanier möchten mit diesen reichen
Geschenken heimkehren, befolgte Cortes nicht, er erwiderte vielmehr: er
habe den Auftrag erhalten, den König selbst zu sprechen. Eine zweite
mexikanische Gesandtschaft erschien mit neuen Gaben und wiederholte
das frühere Gesuch. Umsonst. Die Spanier blieben, aber sie mußten bald
empfinden, daß die Beziehungen zu dem aztekischen Fürstenhofe kühler
wurden. Die Indianer verließen die Nähe des spanischen Lagers, sie
lieferten keine Lebensmittel mehr und brachten dadurch die Fremden in
eine schwierige Lage. Da erschienen glücklicherweise mehrere Totomaken,
ein von den Azteken physisch und sprachlich verschiedener Volksstamm,
welcher nördlich von Vera Cruz an der Küste wohnte und erst kürzlich
von Montezuma unterworfen war, und luden Cortes zu einem Besuch in
ihrer Stadt Cempoalla ein. Der spanische Heerführer erkannte daraus,
daß das Reich Montezuma’s manche widerstrebende Elemente umfaßte,
welche er für sich gewinnen konnte. Ehe er aber diese Einladung annahm,
wurde in Vera Cruz eine förmliche Stadt mit spanischen Einrichtungen
gegründet. Dieselbe erhielt in glücklicher Verbindung der beiden
Hauptziele der Spanier: Gold und Christenthum, den Namen „Die reiche
Stadt des wahren Kreuzes“ (~Villa rica de la vera cruz~). Vor dem aus
seinen Getreuen zusammengesetzten Rathe der neuen Stadt legte Cortes
dann, indem er sich erlaubte, eine kleine Komödie aufzuführen, das
ihm von Velasquez anvertraute Amt feierlich nieder. Der Rath ernannte
ihn natürlich sofort „im Namen der spanischen Majestät“ zum obersten
Feldherrn und Richter und damit war das Abhängigkeitsverhältniß von
der Statthalterschaft Cuba als gelöst zu betrachten. Die neue Colonie
stellte sich unmittelbar unter die spanische Krone. Die Anhänger
des Velasquez, welche sich dadurch überrumpelt sahen, rotteten sich
zusammen; aber Cortes ließ die Rädelsführer in Ketten werfen und
beugte einem Aufstande vor. Dann marschirte er nach Cempoalla. Damals
zählte der Ort wenigstens 20-30,000 Einwohner, jetzt ist er verfallen.
Die Spanier wurden festlich empfangen und die Totomaken begaben sich
unter die spanische Botmäßigkeit. An Stelle der Götzentempel wurden
christliche Altäre errichtet und die Einwohner ließen sich taufen. Hier
erfuhr Cortes auch genauere Nachrichten von der feindlichen Stellung
des tlascalanischen Staats zu den Azteken.

Das Zerwürfniß, welches zwischen beiden Stämmen herrschte, bestärkte
den kühnen Spanier in seinen Eroberungsplänen. Aber ehe er ins Innere
des Landes hineindrang, mußten an der Küste die Verhältnisse geordnet
und befestigt werden. Mit Zustimmung der Soldaten wurde der ganze
bisher erworbene Schatz an Gold und Schmuck an den König von Spanien
gesendet; auch mußte der Rath von Villa rica denselben ersuchen,
Cortes als Oberfeldherrn zu bestätigen. Am 26. Juli 1519 ging Alaminos
mit einem Schiffe nach Spanien; er hatte zwar die strengste Weisung
erhalten, direct nach der Heimat zu steuern, trotzdem lief er in Cuba
an, und so erhielt Velasquez die ersten zuverlässigen Nachrichten über
den Abfall der Truppen und beschloß die Empörer zu züchtigen. Seine
Partei im Heere des Cortes erhob sich von neuem, sie wollten sich von
Cortes trennen und heimlich nach Cuba zurückkehren. Dadurch wäre dessen
Macht zersplittert, sein großer Plan erschwert. Die Hauptanstifter
wurden mit dem Tode bestraft, und um ähnlichen Verschwörungen für alle
Zeiten ein Ende zu machen, griff der Feldherr zu dem verzweifelten
Mittel und ließ die Flotte, mit Ausnahme eines einzigen kleinen
Schiffes, auf den Strand laufen, nachdem ein ihm willkommenes Gutachten
dieselbe für nicht mehr seetüchtig erklärt hatte. Alles brauchbare
Geräth, alles Eisen wurde ans Land geschafft. Bernal Diaz (I, 52),
indem er die Erzählung des Historikers Gomara corrigirt, welcher
behauptete, Cortes habe die Fahrzeuge +heimlich+ versenken
lassen, schreibt dagegen: „Es ist weltkundig, daß Cortes die Schiffe
mit +Zustimmung der ganzen Mannschaft+ und vor aller Augen auf
den Strand laufen ließ, damit auch die Seeleute an unserem Feldzuge
theilnehmen könnten.“ So war also der Rückzug abgeschnitten; es gab
fortan nur noch ein Ziel: die feindliche Hauptstadt zu erobern, zu
siegen oder zu fallen.

Nachdem in Villa rica 150 Mann und 2 Reiter als Besatzung
zurückgelassen waren, brach Cortes am 16. August mit 300 Spaniern,
1300 totomakischen Kriegern, 1000 Trägern, 15 Reitern und 7 Geschützen
auf und marschirte ins Bergland nach Westen. Durch das tropische
Küstenland kam der Zug in zwei Tagen nach Jalapa, wo in einer Höhe
von 1300 Metern die Palmen verschwinden. Je höher man stieg, desto
kühler wurde das Klima; die Pflanzenwelt änderte sich, und ehe man die
Gebirgspässe erreichte, hatte man auch die Region der Eichenwälder
bereits hinter sich gelassen. Drei Tage marschirten sie durch rauhes,
unbewohntes Land, wo mehrere von den cubanischen Indianern der Kälte
erlagen. Dann erreichten sie, an dem mehr als 4000 Meter hohen Cofre
de Perote vorbei, der südlich von ihnen lag, das Plateau von Anahuac.
Als Cortes hier einen Dorfhäuptling fragte, ob er auch ein Unterthan
Montezuma’s sei, antwortete dieser: „Wer wäre es denn nicht? Er ist
der Herr der Welt.“[362] Obwohl das Landvolk sich friedlich verhielt,
zog Cortes doch stets in fester Schlachtordnung weiter auf Tlascala.
Auf der Hochebene wurde bedeutender Maisbau getrieben, Tlascala
bedeutet „Brotland“. Das Volk der Tlascalaner war im 12. Jahrhundert
eingewandert und hatte sich nach mancherlei Kämpfen in dem Gebiete
niedergelassen. Sie standen nicht unter einem Könige, sondern sie
bildeten eine Art Bundesstaat, dessen vier Fürsten sämmtlich in
der Hauptstadt wohnten. In heftigen Kämpfen mit den Azteken hatten
sie sich auf ihrem Gebiet behauptet und ihre Freiheit bewahrt.
Den eindringenden Spaniern setzten sie den heftigsten Widerstand
entgegen. Die Anzahl ihrer Krieger schätzte Cortes auf 100,000.
Nach mehrtägigem, verzweifeltem Ringen, in welchem auch zwei Pferde
getödtet wurden, gewannen die Spanier, besonders durch ihre Kanonen,
am 5. September einen entscheidenden Sieg. Als dann auch noch der
Versuch eines nächtlichen Ueberfalls durch die Wachsamkeit des Cortes
vereitelt worden, welcher das Geständniß von der beabsichtigten
Ueberrumpelung von einem gefangenen Indianer herausgelockt hatte,
nahmen die Tlascalaner das Freundschaftsanerbieten des Siegers an und
schlossen Frieden. Der tapfere Fürst Xicotencatl erschien persönlich
im Lager der Spanier. Zum Abschluß eines Bündnisses trug besonders die
Erklärung der Leute von Cempoalla bei, daß die Fremden +Feinde+ des
Montezuma seien. Ohne den Bund mit Tlascala wäre das Unternehmen des
Cortes schwerlich gelungen. Sehr richtig befolgte dieser überall das
Princip sich Freunde zu erwerben und Frieden zu schließen. Der römische
Wahlspruch: ~Divide et impera~ verhalf auch ihm zum endlichen Siege.

Als die Nachricht von den wiederholten Siegen über die Tlascalaner zu
Montezuma drang, welcher trotz seiner großen Machtmittel den kleinen
Freistaat nicht hatte bezwingen können, befestigte sich in ihm der
Glaube immer mehr, die Spanier seien jene längst erwarteten Erben
Quetzalcoatls. Seine Boten suchten unter Ueberreichung wiederholter
Geschenke dem Heerführer der Weißen den Marsch in die Hauptstadt
des mexikanischen Reiches als ein höchst gefährliches Unterfangen
hinzustellen. Montezuma erklärte sich sogar zu einem Tribut an den
König Karl von Spanien bereit und ließ Cortes ersuchen, die Höhe
und den Umfang an Gold, Silber, edlen Steinen, Sklaven und bunten
Baumwolltüchern nach seinem Gutdünken zu bestimmen;[363] allein dieser
beharrte um so mehr bei seiner einmal abgegebenen Erklärung: er habe
von seinem königlichen Herrn den ganz bestimmten Befehl erhalten,
Mexiko selbst zu besuchen.

Am 23. September 1519 zog Cortes in Tlascala ein, die Stadt schien ihm
größer als Granada zu sein.[364] Vor einer großen Zahl von neugierigen
Zuschauern wurde täglich Messe gelesen. Mehrere vornehme Indianerinnen,
darunter die Tochter Xicotencatls ließen sich taufen und gingen mit
spanischen Officieren ein Ehebündniß ein.

In Tlascala erfuhr Cortes Genaueres über die Streitkräfte des
Beherrschers von Mexiko. Montezuma, so erzählten die Tlascalaner, habe
eine so große Kriegsmacht, daß er, wenn er einen großen Ort erobern,
oder in eine Provinz einfallen wolle, jedesmal 100,000 Mann ins Feld
rücken lasse. Die Mexikaner seien aber in allen Provinzen und bei
allen Völkerschaften, welche Montezuma ausgeplündert und unterjocht
habe, äußerst verhaßt und die mit Gewalt ausgehobenen Truppen schlügen
sich nur mit Widerwillen und ohne Tapferkeit. Dann berichteten sie
weiter von der Bewaffnung und Kriegsführung der Mexikaner und brachten
zur Erklärung alles dessen große Stücke Nequen herbei, worauf ihre
Schlachten abgebildet waren.[365] Es war also eine Militärherrschaft,
welche nur aus Furcht vor einem noch schlimmeren Regiment ertragen
wurde.

Nach einer Rast von drei Wochen rückte Cortes weiter nach Cholula,
einer der größten Städte, welche unter mexikanischer Botmäßigkeit
stand, denn sie zählte 20,000 Häuser, war ein Haupthandelsplatz und
besaß ein blühendes Gewerbe. Hier hatte Quetzalcoatl auf seinem
Marsch an die Küste 20 Jahre geweilt. Ihm war ein gewaltiger Tempelbau
geweiht, dessen Stufenabsätze im ganzen 177 Fuß hoch sich erhoben.
Oben in dem Tempel befand sich das riesige Bild des Gottes. Außerdem
gab es noch 400 andere Opferthürme in der Stadt. Die Scheußlichkeit
der Menschenopfer trat immer greller hervor, jemehr man sich der
Hauptstadt näherte. Aus mächtigen Balken waren große Käfige gezimmert,
in welchen Männer und Knaben zum Opfer gemästet wurden. Diese
Menschenställe wurden von den Spaniern zerstört und die Gefangenen
in ihre Heimat entlassen. Schon in Tlascala hatte man Cortes vor dem
hinterlistigen, heuchlerischen Charakter der Cholulaner gewarnt; aber
6000 tlascalanische Krieger, welche mit ihm zogen, um an dem Feldzuge
gegen Montezuma theilzunehmen, meldeten ihm alles, was auf eine gegen
ihn geplante Verrätherei hindeutete. So erfuhr er denn, daß ein Theil
der Stadt verbarrikadirt sei, und daß viele Einwohner den Ort bereits
verlassen hätten. Donna Marina erfuhr ferner, daß man die Spanier
bei ihrem Abzuge aus der Stadt überfallen wolle. Deshalb kam Cortes
ihnen zuvor und ließ einen Theil der versammelten Caziken und Soldaten
niederhauen. Dann drangen auch die tlascalanischen Hilfstruppen aus
ihrem Lager vor der Stadt ein und setzten, aus Haß gegen Cholula, das
Plündern und Morden fort, bis Cortes ihnen Einhalt gebot. In diesem
Straßenkampfe kamen gegen 3000 Menschen um. Der große Tempel wurde
erstürmt und verbrannt. Diese rasche Züchtigung eines Verrathes,
welcher, wie sich nachher herausstellte, auf Montezuma’s Befehl geplant
war, übte einen gewaltigen Eindruck, so daß die Nachbarstädte sich, um
einem ähnlichen Geschick zu entgehen, schleunig unterwarfen.

Dann ging der Marsch weiter nach Mexiko, dessen Thalbecken von Cholula
durch eine kurze von Süden nach Norden streichende Gebirgskette,
über welche einige Vulkankegel emporsteigen, getrennt wird. Der
Gebirgspaß, welchen die Spanier überschritten, führt zwischen den
beiden Hochgipfeln des Popocatépetl („rauchender Berg“) und dem
nördlich davon gelegenen Iztaccihuatl („weiße Frau“) hindurch. Von
der Höhe des Passes aus ließ Cortes durch den spanischen Hauptmann
Diego Ordaz eine Besteigung des Popocatépetl versuchen; aber es war
wegen der Menge Schnee, der großen Kälte und der Wirbelstürme in der
Höhe nicht möglich, den höchsten Gipfel zu erreichen. Von der Höhe
des Gebirgskammes genoß man eine herrliche Ansicht des schönen Thals
von Mexiko mit der Hauptstadt, welche, gleich Venedig, in einem See
erbaut war. Der See war damals größer als jetzt und verlängerte sich
gegen Südosten in das schmale Wasserbecken von Xochimilco und weiter
gegen Osten in den rundlichen See von Chalco, welcher von den ersteren
durch einen künstlichen Damm getrennt war. Nach der Hauptstadt selbst
führten von verschiedenen Seiten drei Dammstraßen, jede mit mehreren
Durchschnitten, über welche Holzbrücken gelegt waren. Unter denselben
konnten die Kähne von einem See-Abschnitt in den andern gelangen.
Wurden aber die Brücken abgenommen, so bestand die Dammstraße aus
mehreren inselartig von Wasser umgebenen Stücken, und es war nicht
möglich in die Stadt einzudringen. Diese war auch im Innern von
zahlreichen Canälen durchschnitten, über welche Zugbrücken führten. Die
Häuser waren mit einer Art von Brustwehr versehen und dienten jedes als
eine kleine Festung für sich.

Außer der Hauptstadt lagen noch zahlreiche Städte und Dörfer am See,
welcher zum Theil auch noch schwimmende Gärten trug, die den Reiz der
eigenthümlichen Scenerie erhöhten. Derartige Gärten haben sich noch
bis in die Gegenwart erhalten. Die Stadt Mexiko selbst zählte damals
wenigstens 60,000 Häuser, woraus man auf eine Bevölkerung von über
300,000 Einwohnern schließen kann, besaß aber auch große Marktplätze,
von denen einer so groß wie die Stadt Salamanca gewesen sein soll; der
große Opfertempel, von dessen hoher Plattform, zu welcher 114 Stufen
hinanführten, man die ganze Stadt überschauen konnte, ragte mächtig
über alle Gebäude empor. Der Haupttempel hatte 40 Thürme, alle sehr
stark von behauenen Steinen gebaut, das Gebälk wohl zusammengefügt und
bemalt. Die vornehmsten Herren in der Stadt hatten in diesen Thürmen
ihre Götzen und Familiengrüfte. Auf der Höhe der Plattform befanden
sich in einer Tempelhalle zwei Götzenbilder, welche von Gold und
Edelgestein strotzten. Hier war die Hauptopferstätte, wo die Gefangenen
auf einem Jaspisblocke geschlachtet wurden. Boden und Wände der Halle
waren schwarz von Menschenblut. Die Köpfe der Schlachtopfer wurden auf
Gerüsten aufbewahrt. An einem dieser Schädelberge wollte ein Spanier
136,000 Köpfe gezählt haben.

Trotzdem Montezuma immer wieder durch Botschafter seinen schon mehrfach
ausgesprochenen Wunsch erneuern ließ, marschirte doch Cortes gerade
auf die Stadt zu. Den Eindruck, welchen die Capitale der Azteken auf
die Europäer machte, malt Bernal Diaz in einzelnen charakteristischen
Zügen aus. „Wir gelangten,“ erzählt er, „auf die breite Heerstraße
von Iztallapan, wo uns zu erstenmale die Menge von Städten und
Dörfern, welche mitten in den See gebaut waren, die noch größere
Zahl von bedeutenden Ortschaften am Ufer und die schöne schnurgrade
Straße, welche nach Mexiko führte, ins Auge fiel. Unsere Verwunderung
stieg in der That auf das höchste, und wir sprachen unter einander,
daß hier alles den Zauberpalästen in Amadis’ Ritterbuche gleiche:
so hoch und stolz stiegen Thürme, Tempel und Häuser mitten aus dem
Wasser hervor. Ja manche unserer Leute behaupteten gradezu, daß
alles, was sie sähen, nur ein Traumgesicht sei. In Iztallapan selbst
stiegen unsere Vorstellungen von der Macht und dem Reichthum dieses
Landes immer höher. Wir wurden in wahre Paläste einquartirt, die von
ansehnlichem Umfange, mit großen Höfen umgeben, aus schön behauenen
Quadersteinen, aus Cedern- und anderm wohlriechenden Holze aufgeführt
waren. Sämmtliche Gemächer waren mit Tapeten von baumwollenen Zeugen
behangen.“

„Am nächsten Morgen zogen wir nach Mexiko. Die Dammstraße war acht
Schritt breit, aber gegenwärtig für die Menge von Menschen, welche in
die Stadt hineinwollten und aus derselben herausströmten, um uns zu
sehen, viel zu enge, so daß wir uns kaum bewegen konnten. Alle Thürme
und Opfertempel waren mit Zuschauern bedeckt, der ganze See lag voll
von Fahrzeugen, die mit Neugierigen angefüllt waren. Wer wollte sich
auch darüber wundern, da man Leute unserer Art und Pferde noch nie hier
gesehen hatte. Von Strecke zu Strecke hatten wir eine neue Brücke zu
passiren und vor uns dehnte sich die große Stadt Mexiko in all ihrer
Herrlichkeit aus. Und wir, die wir durch die zahllosen Menschenmassen
hinzogen, waren ein Häufchen von 450 Mann und hatten den Kopf noch voll
von den Warnungen der Bewohner von Tlascala und anderer Städte, und von
den Vorsichtsmaßregeln, die sie uns empfohlen, um unser Leben gegen
die Mexikaner sicher zu stellen. Wenn man unsere Lage erwägt, darf man
wohl fragen, ob es je Männer gegeben, welche ein so kühnes Wagestück
unternommen haben.“[366]


20. Cortes in Mexiko.

Dieser denkwürdige Einzug in Mexiko geschah am 8. Nov. 1519. In der
Hauptstraße der Stadt kam der König dem einrückenden spanischen
Feldherrn mit einem glänzenden Gefolge von 200 Personen entgegen,
sämmtlich barfuß, mit Ausnahme des Herrschers, welcher von Edelleuten
in einem goldverzierten Sessel getragen wurde, über dem sich eine
Art Thronhimmel, mit grünen Federn, Gold, Silber und edeln Steinen
geschmückt, erhob. Als die Spanier nahten, verließ Montezuma seinen
Sitz und schritt über ausgebreitete Decken den Fremden entgegen,
angethan mit einer reichen, malerischen Kleidung, auf dem Kopf den
Federbusch von grüner Farbe. Grün galt als die königliche Farbe. Seine
mit Juwelen besetzten Halbstiefel hatten goldene Sohlen. Wie er durch
die Menge daher schritt, durfte keiner zu ihm aufschauen; alle senkten
demüthig den Blick. Cortes stieg, als er des Königs ansichtig wurde,
vom Pferde, ging dem aztekischen Herrscher entgegen und hing ihm als
Geschenk eine Kette von funkelndem Kristallglas um den Hals, er wollte
ihn sogar umarmen, wurde daran aber durch die beiden begleitenden
Fürsten, welche dem Kaiser zunächst standen, verhindert, damit die
Person des Landesherrn nicht entweiht würde. Nachdem dieser dann für
Cortes noch ein reiches Geschenk zurückgelassen, zog er sich mit seinem
Gefolge zurück.

Mit Musik und fliegenden Fahnen hielten die Spanier ihren Einzug.
Sechstausend Tlascalaner folgten ihnen. Inmitten der Stadt lagen an
einem geräumigen Marktplatze der hohe Tempel des Kriegsgottes, da wo
jetzt die Stiftskirche in Mexiko steht, und die weitläufigen Gebäude
des Palastes, welchen der Vater Montezuma’s gebaut. Diesen wies
Montezuma seinen Gästen als Wohnung an. Die besten Zimmer waren auch
hier mit bunten baumwollenen Vorhängen bedeckt und der Fußboden mit
Matten belegt. Cortes ließ den ganzen Gebäudecomplex, der durch die
umgebende dicke Mauer und die Mauerthürme an sich schon einer Festung
glich, mit Wachen besetzen und vor die Eingänge Kanonen aufpflanzen. Am
Abend erschien Montezuma zum Besuch, erzählte dem Cortes ausführlich
die Sage von Quetzalcoatl und erklärte schließlich: nach allem, was
er bisher von den Spaniern über ihr Land und über ihren König gehört,
glaube er ganz fest, dieser sei der rechtmäßige Herr von Mexiko.[367]
Cortes möge daher über ihn und über sein Land verfügen.

Am nächsten Morgen erwiderte Cortes in Begleitung von vier Hauptleuten,
Pedro de Alvarado, Juan Velasquez de Leon, Diego de Ordaz und Gonzalo
de Sandoval, den Besuch. Der königliche Palast umschloß mehrere Höfe,
in einem derselben spielte ein Springbrunnen. Der ganze Bau war
aus behauenen Steinen ausgeführt. Die Wände der Gemächer waren mit
Marmor, Jaspis und Porphyr belegt, in dessen glattpolirten Flächen man
sich spiegeln konnte, oder sie waren mit kostbaren Webstoffen oder
Federteppichen behängt, auf denen Vögel und Blumen eingestickt waren.
Im Laufe des Gesprächs ließ Cortes durch den Dolmetscher erklären, er
habe von seinem Herrn den Auftrag erhalten, Montezuma zum Christenthum
zu bekehren und begann daher ihm die Grundlehren des Glaubens
auseinanderzusetzen. Allein der König, welcher früher selbst das Amt
eines Oberpriesters bekleidet hatte, wich einer weiteren Erörterung
über die Vorzüge der beiden Religionen aus; doch wiederholte er auch
hier seine Bereitwilligkeit, dem spanischen Könige als seinem Oberherrn
Tribut zu bezahlen. Bernal Diaz, welcher im Gefolge des Cortes dieser
Audienz beiwohnte, gibt bei dieser Gelegenheit folgende Beschreibung
von der Person Montezuma’s.[368]

„Der große Montezuma mochte um diese Zeit in seinem vierzigsten Jahre
stehen. Er hatte eine ansehnliche Statur, war von schlankem Wuchs,
etwas mager von Gliedern, aber in den besten Verhältnissen gebaut.
Seine Farbe fiel nicht sehr ins Braune, sondern streifte blos an das
Colorit der Indianer. Die Haare trug er nur über den Ohren stark,
welche ganz von den Locken bedeckt wurden. Er hatte einen schwachen,
aber wohlaussehenden, schwarzen Bart. Sein Gesicht war länglich und
heiter, und seine wohlgeformten Augen drückten, je nachdem es paßte,
Liebe und Ernst aus.“

Die Spanier richteten sich dann, mit Genehmigung des Königs, in ihrem
Palaste eine christliche Kapelle ein, entdeckten dabei eine vermauerte
Thür und dahinter den verborgenen Privatschatz des Königs. Nachdem
eine Woche verstrichen war, entschloß sich Cortes, den aztekischen
Herrscher gefangen zu nehmen. Den Vorwand dazu boten die Ereignisse
in seiner Station an der Küste, wo Juan de Escalante mit 150 Mann
als Besatzung zurückgeblieben war. Ein benachbarter Cazike hatte
dieselbe verrätherisch überfallen, mehrere Spanier getödtet und den
Befehlshaber tödtlich verwundet. Mit mehreren zuverlässigen Leuten
ging Cortes zu Montezuma, sowie er von diesen Vorfällen benachrichtigt
war, und beschuldigte denselben als geheimen Urheber des Verraths,
auch verlangte er die Bestrafung des Caziken. Montezuma sagte dieses
bereitwillig zu und ließ den Frevler sofort nach der Hauptstadt zur
Verantwortung rufen. Damit noch nicht zufrieden, forderte Cortes, der