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Title: Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)
Author: Wattenbach, Wilhelm
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)" ***

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MITTELALTER BIS ZUR MITTE DES DREIZEHNTEN JAHRHUNDERTS, ERSTER BAND (VON
2)***


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|                 Anmerkungen zur Transkription                      |
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| Die Schreibweise im Text (wie z. B. Ae statt Ä) ist beibehalten.   |
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| Phrase an, das Einfassen mit Unterstrichen (_) kursiven Druck      |
| im Original. Mit dem Sonderzeichen ($) wird Fettdruck angezeigt.   |
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| Die Zeichenfolge ^{ } steht für hochgestellt (Superskript).        |
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| Typografische und Fehler bei der Zeichensetzung sind still-        |
| schweigend korrigiert. (Kurios: die Überschrift "IV § 8. Schwaben" |
| im Inhaltsverzeichnis führt auf S. 392 zu "§ 8. Alamannien."       |
| - Dies ist so belassen.)                                           |
|                                                                    |
| Das Buch enthält über 1200 Fußnoten, die im Original je Seite von  |
| 1 bis höchstens 9 nummeriert sind. In der Transskription sind      |
| diese je Unterkapitel bis maximal 99 aufgeführt.                   |
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DEUTSCHLANDS GESCHICHTSQUELLEN IM MITTELALTER
BIS ZUR MITTE DES DREIZEHNTEN JAHRHUNDERTS.

von

W. WATTENBACH.

In zwei Bänden.

ERSTER BAND.

Sechste umgearbeitete Auflage.



[Illustration]

Berlin
Verlag von Wilhelm Hertz.
(Bessersche Buchhandlung.)
1893.



        =MEINEM FREUNDE=

         ERNST DUEMMLER

            GEWIDMET.



Vorwort.


Im Jahre 1858 erschien die erste Ausgabe dieses Handbuches, veranlaßt
durch eine von der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften gestellte
Preisfrage; sie ist einem dringend empfundenen Bedürfnisse entgegen
gekommen und hat eine sehr günstige Aufnahme gefunden. Die Mängel,
welche bei einem ersten Versuch kaum zu vermeiden waren, wurden mit
freundlicher Nachsicht beurtheilt. In den neuen Ausgaben sind sie, so
weit es mir möglich war, beseitigt worden; manche früher übersehene
Quellenschrift ist nachgetragen. Vorzüglich aber ist die sehr
lebhafte litterarische Thätigkeit der Zwischenzeit auf diesem Gebiete
sorgfältig berücksichtigt. Dagegen ist an dem Plane und Charakter
des Buches nichts geändert; es soll kein gelehrtes Repertorium
zum Nachschlagen sein, sondern durch zusammenhängende Darstellung
zum eigenen Studium der Quellen anleiten, diesen in Beziehung zu
den geschichtlichen Vorgängen der einzelnen Abschnitte ihren Platz
anweisen. Bibliographische Vollständigkeit anzustreben, war um so
weniger nöthig, da seitdem Potthasts Werk erschienen ist, welches diese
Aufgabe verfolgt; hier genügte es, die zunächst brauchbaren Ausgaben
anzuführen, und Schriften, in welchen weitere Nachweise zu finden sind.

Ein großes Verdienst um die neuen Bearbeitungen hat sich, wie schon um
das ursprüngliche Werk, =Ernst Dümmler= erworben, welcher nie ermüdete,
mich mit Berichtigungen und werthvollen Nachweisungen zu versehen, von
denen nur wenige ausdrücklich erwähnt werden konnten. Vorzüglich auf
seinen Wunsch sind auch mancherlei Umstände und Nachrichten angeführt
und verwerthet, welche mehr culturgeschichtlicher Art sind und den
eigentlichen Geschichtsquellen etwas ferner stehen. Nicht ganz ohne
Besorgniß dadurch der Uebersichtlichkeit zu schaden, habe ich mich
doch von der Ueberlegung leiten lassen, daß die richtige Würdigung
der Persönlichkeiten und ihrer Werke dadurch befördert wird. Eine
gleichmäßige Durchforschung aller Schulen, auch solcher, welche
geschichtlicher Arbeit fern geblieben sind, eine Darstellung der
litterarischen Thätigkeit auf allen Gebieten, ist eine so schwierige
Aufgabe, daß ihre Lösung so bald wohl nicht zu hoffen ist, und ich
habe deshalb nach dieser Seite hin lieber etwas zu viel als zu wenig
thun wollen. Die von der Münchener historischen Commission gekrönte
Preisschrift des Dr. =Specht= über die Geschichte des Unterrichtswesens
in Deutschland während desselben Zeitraums berührt sich vielfach mit
meinem Buche und ergänzt es in gewisser Hinsicht.

Auch anderen Freunden habe ich wiederum für ihre rege Theilnahme
an dieser Arbeit zu danken. Ganz besonders förderlich waren mir
auch die zahlreichen Zusendungen von Dissertationen, Programmen und
einzelnen Aufsätzen, welche das hier vorliegende Gebiet berühren; je
leichter gerade solche Schriften der Aufmerksamkeit entgehen, um so
dankenswerther ist die Zusendung derselben, und indem ich für diese
sehr wesentliche Erleichterung meiner Arbeit den lebhaftesten Dank
ausspreche, erneuere ich die Bitte, mich auch fernerhin in gleicher
Weise unterstützen zu wollen bei der Bestrebung, die Fortschritte
der Forschung auf diesem Gebiete für eine spätere neue Bearbeitung zu
verwerthen.

=Berlin=, den 7. August 1892.

                              W. Wattenbach.



Verzeichniß

einiger Werke, welche häufig abgekürzt angeführt sind.


 =d'Achery=, Spicilegium veterum aliquot Scriptorum, Paris 1655-1677.
     13 T. 4. Gewöhnlich nach der 2. Ausg. in 3 Fol. 1724 angeführt.

 =Acta SS.= Acta Sanctorum, Antw. 1643 ff. fol. Vgl. S. 10.

 =Allg. D. Biogr.= Allgemeine Deutsche Biographie. 1-34 (bis Smetana).
     1875-1892.

 =Anz. d. Germ. Mus.= Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, Organ
     des Germanischen Museums: 1-30. Nürnb. 1854-1883, 4.

 =Archiv.= Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde.
     Bd. 1-3 von Büchler und Dümge, Frankf. 1820. 1821. Bd. 4 von
     Fichard, ib. 1822. Bd. 5-12 von Pertz, Hann. 1824-1872.

 =Archiv d. W. A.= Archiv f. Kunde österr. Geschichtsquellen (jetzt für
     österr. Geschichte), herausgeg. von der zur Pflege vaterländischer
     Geschichte aufgestellten Commission der kaiserlichen Akademie der
     Wissenschaften, Bd. 1-77. Wien 1848-1891. Dazu als Beilage das
     Notizenblatt, 1851-1859.

 =Baehr=, Die christlichen Dichter und Geschichtschreiber Roms
     (Carlsr. 1856). Zweite Ausg. 1872 als 4. Band der Gesch. der röm.
     Literatur.

 -- -- Geschichte der römischen Litteratur im karolingischen Zeitalter.
     1840.

 =Balzani=, Early Chroniclers of Europe. Italy. By Ugo Balzani. London,
     Society for promoting Christian Knowledge, 1883.

 =Bibliotheca= s. Jaffé.

 =Bielowski=, Monumenta Poloniae historica, 1-3. Lemberg 1864-1878, 4.

 =Boehmer=, Fontes Rerum Germanicarum, 1-4. Stuttg. 1843-1868.

 =Bouquet=, Recueil des historiens des Gaules et de la France, von
     Anderen fortgesetzt, 23 T. Paris 1738-1876, f.

 =Canis.= Henr. Canisii Lectiones Antiquae, 6 Tomi, Ingolst. 1601, 4.
     Neue Ausgabe von Jac. Basnage, Antw. 1725, f.

 =Dobner=, Monumenta historica Boemiae. 6 T. Prag 1764-1786, 4.

 =Du Chesne=, Historiae Francorum Scriptores coaetanei. 5 T. Paris 1636
     bis 1649, f.

 =Dümmler Ostfr.= Geschichte des ostfränkischen Reichs, von E. Dümmler,
     2. Ausg. 2 Bde. in den Jahrbüchern der deutschen Geschichte.
     Berlin 1887. 1888.

 =Du Méril=, Edélestand, Poésies populaires latines antérieures au
     douzième siècle, Paris 1843. Poésies pop. lat. du Moyen âge, 1847.
     Ohne Beifügung der Jahreszahl ist die erste Sammlung gemeint.

 =Ebert=, Allgemeine Geschichte der Litteratur des Mittelalters im
     Abendlande. 1-3. Leipzig 1874. 1880. 1887. Der 3. Band reicht
     bis zum Ausgang der Ottonen, ist aber nicht mehr in Einzelcitaten
     eingetragen. 2. Ausgabe des ersten Bandes 1889.

 =Eccard=, Corpus Historicorum Medii Aevi, Lips. 1723, f. 2 T.

 =Endlicher=, Rerum Hungaricarum Monumenta Arpadiana. Sangalli 1849.

 =Fabr. Bibl.= Jo. Alb. Fabricii Bibliotheca Lat. Mediae et Infimae
     Latinitatis, 1-5. Hamb. 1734-1736. Vol. 6. cur. Christ.
     Schoettgenio 1746. Ed. II. cur. Jo. Dom. Mansi, Patavii 1754, 4.

 =Fontes= s. Böhmer.

 =Fontes Rerum Bohemicarum=, 1-4. Prag 1871 ff. 4.

 =Forschungen= zur Deutschen Geschichte, 1 bis 26. Göttingen 1862 bis
     1886.

 =Freher=, M., Corpus Francicae Historiae, 1613 f. Rerum Germanicarum
     Scriptores aliquot insignes, Francf. 1600-1611; ed. III. cur.
     Struvio 1717. 3 T. fol.

 =G G A.= Göttinger Gelehrte Anzeigen, verbunden mit den Nachrichten
     von der Georg Augustus Universität und der k. Ges. der
     Wissenschaften zu Göttingen. Die letzteren werden als Gött. Nachr.
     angeführt.

 =Giesebrecht=, Ludwig, Wendische Gesch. 780-1182. 3 Bde., Berlin 1843.

 =Giesebrecht=, Wilhelm, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, 1. 2.
     Fünfte Ausgabe 1881. 1885. Dritter Band 4. Ausg. 1877. Vierter
     Band 1875, 2. A. 1877. V, 1. 1880.

 =Hauck=, Alb., Kirchengeschichte Deutschlands. I. 1887. II. 1890.

 =Histoire Littéraire= de la France, ouvrage commencé par des Religieux
     Bénédictins de la Congrégation de St. Maur et continué par des
     Membres de l'Institut. 1733-1763. 1807-1857. 23 Vol. bis ans
     Ende des 13. Jahrhunderts. Der 24. Band (1862) eröffnet das 14.
     Jahrhundert.

 =Historische Zeitschrift= (auch HZ.), herausgegeben von Heinrich von
     Sybel, München 1852-1892.

 =Historisches Jahrbuch= der Goerres-Gesellschaft, 1-13. Münster 1880
     bis 1892.

 =Jaffé=, Bibliotheca Rerum Germanicarum. I. Monumenta Corbeiensia,
     1864. II. Monumenta Gregoriana, 1865. III. Monumenta Moguntina,
     1866. IV. Monumenta Carolina, 1867. V. Monumenta Bambergensia,
     1869. VI. Monumenta Alcuiniana, 1873. Auch als =Bibl.= angeführt.

 =Langebek=, Scriptores Rerum Danicarum Medii Aevi, fortges. v. Suhm. 7
     Vol. fol. Hafn. 1772-1792. Vol. 8 v. Engelstoft u. Werlauff, 1834.

 =Leibniz=, Accessiones historicae. 2 T. Lips. 1698, 4. Scriptores
     Rerum Brunsvicensium. 3 T. Hanov. 1707-1711, f. Annales Imperii
     Occidentis ed. G. H. Pertz, 3 T. 1843-1846.

 =Mabillon=, Acta Sanctorum Ordinis S. Benedicti, aus den Sammlungen
     von d'Achery, später unterstützt von Germain und Ruinart, 9 T.
     Paris 1668-1701, f. Nachdruck Ven. 1733-1740. In der Regel ist die
     Pariser Ausgabe citirt. Unter Mab. ohne Zusatz ist immer dieses
     Werk zu verstehen.

 -- -- Veterum Analectorum T. 1-4, 1675-1685, 8. Ed. II. 1723 fol. in
     1 Bande.

 =Manitius=, Max, Geschichte der christlich-lat. Poesie bis zur Mitte
     des 8. Jahrhunderts. Stuttg. 1891.

 =Martene= et Durand, Thesaurus Novus Anecdotorum. 5 T. Par. 1717 fol.

 -- -- Veterum Scriptorum Amplissima Collectio. 9 T. Paris 1724-1733 f.

 =Mencken=, Scriptores Rerum Germanicarum praecipue Saxonicarum. 3 T.
     Lips. 1728. 1730, f.

 =Migne=, Patrologiae Cursus completus. Paris 1844 ff. gr. 8. Meistens
     nur incorrecte Abdrücke alter Ausgaben, und deshalb nicht immer
     angeführt. Kurzes Inhaltsverzeichniß bei Potthast S. 73-76.

 =Mittheilungen des Instituts= für Oesterreichische
     Geschichtsforschung, red. von E. Mühlbacher. 1-12. Innsbruck
     1880-1891.

 =Mone=, Quellensammlung für die badische Landesgeschichte, 3 Bände.
     Carlsruhe 1848-1863, 4.

 =Monumenta Boica=, angef. als MB., 1-42; von 28 an Doppelbände.
     Mon. 1763 ff. 4. Vgl. Böhmers Einleitung zu den Wittelbachischen
     Regesten, Stuttg. 1854, 4.

 =Monumenta Germaniae= historica inde ab a. C. 509 usque ad a. 1500,
     ed. G. H. Pertz. Citirt als MG. SS., Legg. etc. Ein vortreffliches
     Hülfsmittel zum Auffinden gewähren die Indices von O. Holder-Egger
     u. K. Zeumer, 1890.

 =Müllenhoff= und Scherer, Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem
     VIII.-XII. Jahrhundert, Berlin 1864. Zweite Ausgabe 1873. Dritte,
     von E. Steinmeyer, in 2 Bänden, 1892.

 =Münch. SB.= d. i. Sitzungsberichte der philos., philol. u. hist.
     Classe der k. B. Akademie d. Wissenschaften zu München. Nach
     Jahrg. ohne Bandzahl.

 =Muratori=, Scriptores Rerum Italicarum. 28 T. Med. 1723-1751, f.

 =Neues Archiv= der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde,
     1 bis 17. Hann. 1876-1892. Angef. als NA.

 =Oefele=, Rerum Boicarum Scriptores. 2 T. Augustae 1763, f.

 =Pertz=, s. Archiv und Monumenta.

 =Pez, B.=, Thesaurus Anecdotorum Novissimus. 6 T. Aug.
     1721-1729, f. Der letzte Band hat auch den Titel: Codex
     diplomatico-historico-epistolaris, in 3 Theilen.

 =Pez, H.=, Scriptores Rerum Austriacarum. 3 T. Lips. 1721-1745, f.

 =Pistorii= Rerum Germanicarum Scriptores aliquot insignes, ed. III.
     cur. Struvio. 3 T. Rat. 1726, f.

 =Potthast=, Bibliotheca historica Medii Aevi, Berlin 1862. Supplement
     1868.

 (=Pusch= und Froelich) Diplomataria Sacra Styriae. 2 T. Vienn. 1756,
     4.

 =Rettberg=, Kirchengeschichte Deutschlands. 2 Bde. Göttingen 1848.

 =Reuber=, Veterum Scriptorum ... tomus unus. 1584. Ed. III. cur.
     G. Ch. Ioannis. Francf. 1726, f.

 =Rinaudo=, s. unten S. 12.

 =Roncallius=, Vetustiora Latinorum Scriptorum Chronica. 2 T. Paris
     1787, 4.

 =Schannat=, Vindemiae Litterariae. 2 T. Fuld. 1723, f.

 =Schmidt=, Zeitschrift für Geschichte, 9 Bände, Berlin 1844-1848.

 =Schöttgen= et Kreysig, Diplomataria et Scriptores historiae Germ.
     medii aevi. 3 T. 1753, f.

 =Stälin=, Wirtemberg. Geschichte. 4 Bände. Stuttg. 1841-1873.

 =Surius=, De Probatorum Sanctorum Historiis, 1-6, Col. 1570-1575.
     Ed. II. 1576-1581. T. VII. von Mosander mit Register zu beiden
     Ausgaben, Nachträgen und Martyrol. Adonis. Ed. III. Col. 1618 f.
     in 12 Bänden. Ed. Taurin. (Marietti) 1884.

 =Tengnagel=, Vetera Monumenta contra Schismaticos, Ingolst. 1611, 4.
     Wiederholt in Opp. Gretseri Vol. VI, 429-601. 1737, f.

 =Teuffel=, W. S., Geschichte der römischen Litteratur. 1. Aufl. 1871.
     4. Aufl. (von L. Schwabe) 1890. Da die betreffenden Paragraphen
     leicht zu finden sind, habe ich sie nur an wenigen Orten
     angeführt.

 =Traube=, Ludwig, Karolingische Dichtungen, untersucht (Schriften zur
     germ. Philologie, her. v. M. Roediger) Berlin 1888.

 -- -- O Roma nobilis. Philologische Untersuchungen aus dem
     Mittelalter. (Abhandl. der k. Bayer. Akad. d. Wiss. I. Cl. XIX.
     Bd. II. Abth.) München 1891.

 =Ughelli=, Italia Sacra. 9 T. Romae 1644-1662, f. Sehr vermehrte
     Ausgabe von M. Coleti. 10 T. Ven. 1717-1725, f.

 =Watterich=, Pontificum Romanorum Vitae, I. II. Leipzig 1862.

 =Wiener SB.=, die Sitzungsberichte der Wiener Akademie, Phil.-hist.
     Classe.



                          INHALT.


                 Litterarische Einleitung.

                                                       Seite

  §  1.  Die Ausgaben des 16. Jahrhunderts                 1

  §  2.  Die katholische Kirche. Die Heiligenleben         8

  §  3.  Sammlungen für Landesgeschichte                  11

  §  4.  Die Monumenta Germaniae Historica                17

  §  5.  Andere Arbeiten des 19. Jahrhunderts             29


                        I. DIE VORZEIT.

  Von den ersten Anfängen bis zur Herrschaft der Karolinger.

  §  1.  Die Römerzeit. Legenden                          36

  §  2.  Das Leben des heiligen Severin                   44

  §  3.  Die Anfänge und Gattungen der christlichen       51
         Geschichtschreibung

  §  4.  Die Ostgothen. Cassiodor                         65

  §  5.      "          Jordanis                          72

  §  6.  Die Westgothen. Isidor                           79

  §  7.  Die Franken                                      87

  §  8.      "      Gregor von Tours                      93

  §  9.      "      Fredegar                             104

  § 10.      "      Die Thaten der Frankenkönige         107

  § 11.      "      Fränkische Heiligenleben             112


                        II. DIE KAROLINGER.

  Vom Anfang des achten bis zum Anfang des zehnten Jahrhunderts.

  §  1.  Neue Anfänge der Geschichtschreibung.           126
         Fredegars Fortsetzer

  §  2.  Die Angelsachsen                                130

  §  3.  Die Annalen                                     138

  §  4.  Karl der Große. Allgemeines                     150

  §  5.  Alcuin                                          159

  §  6.  Paulus Diaconus                                 163

  §  7.  Angilbert                                       171

  §  8.  Einhard                                         178

  §  9.  Die Reichsannalen                               190

  § 10.  Ludwigs des Frommen Zeit                        206

  § 11.  Der Streit der Söhne. Nithard                   212

  § 12.  Frechulfs Weltchronik                           217

  § 13.  Deutschland unter den Karolingern.              220
         Reichsannalen

  § 14.  Fulda, Hersfeld, Mainz                          230

  § 15.  Sachsen. Münster, Bremen, Hamburg               243

  § 16.     "     Corvey, Gandersheim                    249

  § 17.  Lothringen                                      257

  § 18.  Schwaben                                        268

  § 19.  Baiern und Franken                              288

  § 20.  Frankreich                                      293

  § 21.  Italien                                         303


                  III. DIE ZEIT DER OTTONEN.

           Von Heinrich I. bis zum Tode Heinrich II.

  §  1.  Allgemeines                                     314

  §  2.  Sachsen. Corvey                                 328

  §  3.     "     Gandersheim, Quedlinburg               334

  §  4.     "     Hildesheim                             345

  §  5.     "     Magdeburg, Merseburg                   350

  §  6.  Lothringen. Cöln, Trier, Metz                   360

  §  7.     "        Lüttich                             379

  §  8.  Schwaben                                        392

  §  9.  Baiern                                          401

  § 10.  Frankreich. Reims                               406

  § 11.     "        Cluny                               421

  § 12.  Italien. Liudprand                              423

  § 13.     "     Chroniken                              429

  § 14.     "     Biographieen                           434


  BEILAGE.

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              Deutschlands Geschichtsquellen

                     im Mittelalter

        bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts.



Litterarische Einleitung.


§ 1. Die Ausgaben des 16. Jahrhunderts.

Ungeachtet des großen Unterschiedes zwischen den Denkmälern des
classischen Alterthums und des Mittelalters findet sich doch auch
in ihnen viel übereinstimmendes, haben sie oft ähnliche Schicksale
getheilt. Bis gegen den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts las
man in den Schulen noch häufig und fleißig die alten Autoren,
und hielt sich für die Geschichte der näheren Vergangenheit an
echte und unverfälschte Quellen. In den nächsten Jahrhunderten
tritt beides zurück. Auch die ausgezeichnetsten Geister begnügen
sich mit phantastischen Vorstellungen von der Vorzeit, ohne deren
Richtigkeit zu prüfen. Die alten Schriftsteller verschwinden aus
dem Unterricht, abgeschmackte Fabeln überwuchern bei den Chronisten
die Geschichte, und die einfachere, wahrheitsliebende Darstellung
der Zeitgenossen findet solchen Entstellungen gegenüber keine
Beachtung. Fast gänzlich scheint der Sinn für Kritik verloren,
bis wir im fünfzehnten Jahrhundert wieder einzelne Spuren davon
wahrnehmen, worauf dann bald die Bestrebungen der Humanisten für die
Wiederbelebung der classischen Studien auch der Kunde des früheren
Mittelalters zu Gute kommen.

In Italien freilich ist es das römische Alterthum fast
ausschließlich, welches die Geister beschäftigt; als dazu auch
die Griechenwelt noch hinzutrat, wandte man sich dieser fernen
Vergangenheit völlig zu, und die platonische Akademie hat mit der
Gegenwart und den aus dem Christenthum erwachsenen Zuständen kaum
eine Berührung.

Anders in Deutschland. Hier richtet sich die Kritik sogleich auf
die Urkunden der christlichen Religion, und die drückend empfundene
päbstliche Herrschaft veranlaßt zur Prüfung der Ueberlieferung.
Da werden die alten lauteren Quellen der Geschichte wieder ans
Licht gezogen, und gefeierte Humanisten wenden auch diesem Felde
ihre Thätigkeit zu. Das lebhaft erwachende Volksbewußtsein konnte
ebenfalls in der römischen Vorzeit nicht Befriedigung finden,
wie es in Italien der Fall war, und wie mit den reformatorischen
Bestrebungen diesseit der Alpen überall ein kräftiger Aufschwung
der Landessprache zusammenfällt, so auch ein eifriges Erforschen der
heimischen Geschichte[1]. Merkwürdigerweise ist es der italienische
Humanist =Aeneas Silvius= aus Siena, den zuerst seine Forschungen
über österreichische Geschichte zur Bekanntschaft mit Otto von
Freising führten, der durch eine Goetweiher Handschrift Jordanis
Gothengeschichte kennen lernte[2]. Wenig später (1457) benutzte =Peter
Luder= mangelhafte Quellen zu rhetorischer Darstellung deutscher
Vorzeit[3] und =Hartmann Schedel= sammelte neben altrömischen auch
deutsche Inschriften und Chroniken[4].

 [1] S. die Darlegung dieser Richtung der humanistischen Studien in
     Deutschland bei R. v. Raumer, Gesch. d. Germ. Philologie (1870)
     am Anfang.

 [2] G. Voigt, Enea Silvio II, 312. 314. 320.

 [3] Wattenbach in d. Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XXIII, 24. Ders.
     Allg. D. Biogr. XIX, 376.

 [4] Wattenbach, Forsch. XI, 373. Allg. D. Biogr. XXX, 661.

Mehrere unserer besten Geschichtsquellen sind uns nur in Abschriften
des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten, gerade wie so manche Classiker,
und den Handschriften reihen sich bald die ersten Drucke an. Schon in
diesem Jahrhundert, um 1472, wurde in Nürnberg Honorius _De imagine
mundi_ gedruckt; in Ulm, 1473, erschien die deutsche Uebersetzung der
_Flores temporum_ von dem Ulmer Arzt H. =Steinhöwel=; zwischen 1470 und
1474, vermuthlich zu Augsburg[5], die _Historia Friderici I_, welche
nichts anderes ist als ein Theil der Ursperger Chronik. In Poitiers
wurde 1479 das _Breviarium historiale_ bis 1428 gedruckt[6]. Denn
nicht als Quellen für gelehrte Forschung betrachtete man damals diese
Schriften; noch waren sie unmittelbar als darstellende Geschichtswerke
willkommen, da man in der Sprache sowohl wie in der ganzen Denkweise
jenen Zeiten noch nicht so fern stand, daß es eines eigenen Studiums
bedurft hätte, um sich an den Schriften des Mittelalters zu erfreuen,
sie auch nur zu verstehen.

 [5] O. Abel, Archiv XI, 81. Giesebrecht, SB. d. Münch. Akad. 1881, I,
     211.

 [6] L. Delisle, Bibl. de l'École des chartes XLVI, S. 649-668.

Zu den eifrigsten Sammlern und Forschern gehörte der gelehrte
Abt =Johann von Trittenheim=[7], der nur leider seine in der That
bewunderungswürdige Thätigkeit und Litteraturkenntniß durch kecke
Fälschungen selbst um den Ruhm gebracht hat, welcher ihr sonst gebühren
würde. In seinem Auftrag durchforschte der Bosauer Mönch =Paul Lang=
viele Klöster nach Werken über die deutsche Geschichte[8].

 [7] Monographie über ihn von Silbernagel, 2. Aufl. 1885.

 [8] Horawitz in d. Allg. D. Biogr. XVII, 614.

Vor allen aber war es Kaiser =Maximilian=, welcher die Erforschung
der deutschen Geschichte auf alle Weise beförderte und sogar selbst
daran Theil nahm. Ueberall ließ er nach alten Urkunden und Chroniken
suchen und belohnte jeden Fund; sein Historiograph =Stabius= sollte
daraus ein großes Geschichtswerk zusammensetzen[9]. Die bedeutendsten
Gelehrten der Zeit suchte er an seinem Hofe zu vereinigen, und die
Wiener Universität erreichte unter ihm ihre höchste Blüthe; sie soll
damals an 7000 Studenten gezählt haben, und viele der angesehensten
Humanisten fanden dort begeisterte Schüler[10]. In seinem Auftrag
bereiste von 1498 bis 1505 =Ladislaus Suntheim= aus Ravensburg das
südwestliche Deutschland, um die Materialien zu einer genealogischen
Geschichte des habsburgischen und anderer deutscher Fürstenhäuser
zusammen zu bringen[11]. Seinem gelehrten Arzt Johann Spießhaymer, der
sich =Cuspinian= nannte[12], gab Maximilian 1508 den Auftrag, Bücher aus
allen Theilen des Reichs zu sammeln, und einen ähnlichen Auftrag hatte
auch Dr. Jacob Mennel aus Bregenz (=Manlius=) erhalten[13], von welchem
der Kaiser sich Nachts, wenn er an Schlaflosigkeit litt, aus den alten
Schriften vorlesen ließ[14]. Auch der talentvolle, aber unstäte Dichter
=Conrad Celtis=, welchen Maximilian im Jahre 1497 nach Wien berufen
hatte, erhielt im folgenden Jahre vom Kaiser die Mittel zu seiner
letzten großen Reise in den fernen Norden, deren Frucht die _Germania
illustrata_ sein sollte, Celtis lange versprochenes Hauptwerk, welches
er aber bei seinem Tode 1508 unvollendet hinterlassen hat[15]. Doch sind
seine eifrigen Forschungen nicht ohne bedeutende Frucht geblieben. Im
Kloster St. Emmeram zu Regensburg entdeckte er die Werke der Nonne
Hrotsuit, welche er 1501 herausgab. Im fränkischen Kloster Ebrach
fand er den Ligurinus, über den er selbst in Wien, seine Freunde in
Freiburg, Tübingen, Leipzig Vorlesungen hielten; 1507 besorgten seine
Augsburger Freunde den Druck. Ihm danken wir auch die Entdeckung der
_Tabula Peutingeriana_, jener merkwürdigen römischen Straßenkarte des
dritten Jahrhunderts, mit späteren Zusätzen erhalten in einer Copie des
dreizehnten Jahrhunderts, welche sich jetzt in der Wiener Hofbibliothek
befindet[16]. Ihren Namen führt sie davon, daß Celtis sie in seinem
Testamente dem gelehrten Augsburger Patricier =Conrad Peutinger=[17]
vermachte. Dieser, der ebenfalls von Maximilian zu seinem Rath erhoben
war und fortwährend für künstlerische und gelehrte Zwecke in Anspruch
genommen wurde, war 1506 beim Kaiser in Klosterneuburg, um die alten
Briefe des Hauses Oesterreich zu besichtigen, und erhielt ein eigen
Gemach in der Wiener Burg, wohin „S. Mt. von allen orten Cronica und
historien bringen lassen“. Er selbst besaß die werthvollsten deutschen
Geschichtsquellen und beabsichtigte eine umfassende Sammlung derselben
herauszugeben; leider kam dies Vorhaben nicht in seinem ganzen Umfange
zur Ausführung, doch verdanken wir ihm mehrere vortreffliche Ausgaben,
die aber Peutingers Namen nicht auf dem Titel tragen. Nachdem er 1507
bei der Herausgabe des Ligurinus geholfen, erschien 1515 aus der in
seinem Besitz befindlichen Abschrift die erste Ausgabe des Chronicon
Urspergense, besorgt von Joh. Mader[18]; gleichzeitig erschienen, von
Peutinger bearbeitet, Jordanis de Rebus Geticis und Pauli Diaconi
historia Langobardorum[19], eine sehr gute Ausgabe, gegen welche die
1514 zu Paris von =Guillaume Petit= besorgte Ausgabe des Paulus weit
zurücksteht. Doch verdienen auch die Bestrebungen dieses Buchhändlers,
bei welchem 1512 Gregor von Tours, 1513 Sigebert, 1514 außer Paulus
noch Liudprand und Aimoin erschienen, unsere Anerkennung.

  [9] Ueber ihn Aschbach, Gesch. d. kais. Univ. zu Wien II, 363-373. Von
      den Belohnungen spricht Beatus Rhenanus, Rer. Germ. libri. III,
      p. 113, ed. 1551; p. 202, 203, ed. 1610.

 [10] Khautz, Versuch einer Geschichte der Oesterr. Gelehrten (1755),
      S. 121-125. Vgl. Kink, Gesch. der kais. Univ. zu Wien I, 226.
      Aschbach, Gesch. ders. Univ. I, 200 ff. Zweiter Band 1877 u. d.
      Titel: Die Wiener Universität und ihre Humanisten im Zeitalter
      Maximilians I.

 [11] Franz Pfeiffer, Das Donauthal von Ladislaus Suntheim, im Jahrbuch
      für vaterl. Geschichte (Wien 1861), S. 273-297. Ueber ihn Aschbach
      II, 377-381. S. 378 die Instruction von 1505.

 [12] Ueber ihn Aschbach II, 284-309; Horawitz, Allg. D. Biogr. IV,
      662-664; G. Schepss im Archiv f. Unterfranken, 1884.

 [13] Der Rath von Freiburg im Breisgau meldet 1509 K. Max, der
      bestellte Dr. Jacob Mennel könne mit den Chroniken nicht auf den
      Reichstag nach Worms kommen, weil er nach Oesterreich verreist
      sei. Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XVII, 254. Am 31. März 1510
      beauftragte M. ihn mit geschichtlichen Forschungen über die Häuser
      Oesterreich und Burgund.

 [14] M. Freheri SS. ed. Struv. II, 707. Ueber seine eigenen sehr
      mangelhaften Leistungen Horawitz, Allg. D. Biogr. XXI, 358-362.

 [15] Engelb. Klüpfel de vita et scriptis Conradi Celtis Protucii, Frib.
      1827. Erhard, Geschichte des Wiederaufblühens wissenschaftlicher
      Bildung (1830) II, 1-146 und in der Encyklop. von Ersch und Gruber
      21, 135. Kink a. a. O. S. 201 f. Aschbach II, 189-270. Joh.
      Huemer in d. Allg. D. Biogr. IV, 82-88. Ueber die Angriffe auf
      die Echtheit der von ihm entdeckten Werke s. unten bei Hrotsuit
      und Ligurinus.

 [16] Die ältere Ansicht, welche sie dem Verfasser der Annalen von
      Colmar zuschrieb, bekämpft Jaffé, MG. SS. XVII, 187. Vgl. Frid.
      Philippi de tab. Peuting. Diss. Bonn 1876. Die neue Pariser
      Ausgabe von Des Jardins ist unvollendet geblieben. Konr. Miller,
      Die Weltkarte des Castorius, gen. die Peut. Tafel. In den Farben
      d. Orig. u. mit einleit. Text (mangelhaft). Ravensb. 1888. Rec.
      v. G. Hirschfeldt, Berl. philol. Wochenschrift VIII, 20 u. a.
      besonders auch gegen die Heranziehung des Namens Castorius.

 [17] Ueber ihn s. Th. Herberger, Conrad Peutinger in seinem
      Verhältnisse zum Kaiser Maximilian. Augsburg 1851. 4. H. A. Lier,
      Allg. D. Biogr. XXV, 561-568.

 [18] O. Abel im Archiv XI, 79, berichtigt von Giesebrecht in d. SB. d.
      Münch. Akad. 1881, I, 208-210.

 [19] Archiv VII, 314.

Ebenfalls im Jahre 1515 besorgte der schon erwähnte =Cuspinian=,
zusammen mit dem kaiserlichen Historiographen Stabius, in Straßburg
eine vortreffliche Ausgabe des Otto von Freising mit der Fortsetzung
des Ragewin. Ebenda waren bereits im Jahre 1508 von dem Breisgauer
=Gervasius Soupher= die Gesta Heinrici IV herausgegeben, mit einem
Vorwort, welches von stolzem Selbstgefühl den Franzosen gegenüber
erfüllt ist. Von ähnlicher Denkungsart zur Ehrenrettung dieses
vielgeschmähten Kaisers getrieben, gab =Aventin= 1518 in Augsburg
die schöne prosaische Lebensbeschreibung desselben heraus; er war ein
Schüler von Celtis und hatte sich nach dessen Vorbild der deutschen
Geschichte schon früh eifrig zugewandt[20]. So traten nach einander die
vorzüglichsten Geschichtschreiber des deutschen Mittelalters ans Licht;
1521 erschienen in Cöln auch die Werke Einhards, herausgegeben von dem
Grafen =Hermann von Nuenar=[21]; in Mainz die Chronik des Regino von
=Sebastian von Rotenhan=[22].

 [20] Ueber Aventin s. Wegele, Allg. D. Biogr. I, 700-704, u. Bayer.
      Bibl. X (1890). Ausgabe seiner Werke von Riezler. Vgl. W. Meyer,
      Philol. Bemerkungen zu Aventins Annalen, u. Aventins Lobgedicht
      auf Albrecht IV. von 1507, Abh. d. Münch. Ak. I. Cl. XVII. 3.
      Abth. 1886. Riezlers Entgegnung ebend. III. Cl.

 [21] Ueber den Codex Steinveldensis, durch dessen Auffindung Nuenar
      gegen den Vorwurf willkürlicher Aenderungen gerechtfertigt ist,
      s. Archiv VII, 364.

 [22] Ueber ihn s. Wegele, Allg. D. Biogr. XXIX, 299.

Besonders eifrig aber nahmen die Protestanten diese Bestrebungen
auf; sie fanden bald auch unter diesen Schriften Waffen gegen die
päbstlichen Ansprüche, und die Streitschriften des elften Jahrhunderts
erschienen auch für den veränderten Standpunkt des sechzehnten noch
verwendbar. Hatte man doch schon lange im Einklang mit der wachsenden
Erbitterung gegen den entarteten Clerus die scharfen Satiren des
früheren Mittelalters hervorgezogen, so in Cöln bald nach 1470 und
mehrmals wiederholt den Pseudo-_Ovidius de Vetula_ mit seinen Ausfällen
gegen sittenlose Prälaten, und den _Brunellus_ mit der schonungslosen
Verspottung der Mönche. Die Schrift des Spaniers Alvarus Pelagius _De
planctu ecclesiae_, in welcher er unter dem Eindruck seiner Erfahrungen
an der Curie in Avignon den verderbten Zustand der Kirche beklagt, 1340
in Portugal zuletzt überarbeitet, erschien schon 1474 in Ulm bei Johann
Zainer von Reutlingen, und wurde 1517 in Lyon wiederholt. Lupolds
von Bebenburg Schrift _Germanorum principum zelus in christianam
religionem_ erschien 1497 in Basel. Die _Epistola Luciferi ad malos
principes ecclesiasticos_, eine sehr bittere Satire, welche 1351
in Avignon zum Vorschein kam und in vielen Abschriften verbreitet
war, wurde nach einer nicht mehr bekannten Pariser Ausgabe 1507 in
Straßburg gedruckt, um 1530 in einem Einzeldruck o. J. wiederholt
und 1549 in Magdeburg von =Flacius Illyricus= herausgegeben[23].
Derselbe wiederholte 1550 die deutsche Uebersetzung des Briefes,
welche schon 1521 o. O. erschienen war[24]. =Ulrich von Hutten= gab
1520 die Schrift Walrams von Naumburg gegen Gregor VII, _De unitate
ecclesiae conservanda_, heraus, welcher bald noch mehrere Schriften
verwandten Geistes aus der Zeit des Schisma und der Reformbewegung des
vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts folgten[25]. So erschien 1521
in Wittenberg der dem Bischof Ulrich von Augsburg untergeschobene Brief
unter dem Titel: _Hulderichi Aug. ep. epistola adversus constitutionem
de cleri coelibatu_. Der Cölner Humanist =Jacob Sobius= gab 1521 in
Basel die Commentare des Aeneas Silvius nebst anderen Stücken von
verwandtem Inhalt heraus, eine Sammlung, welche 1535 in Cöln mit neuen
Zuthaten von =Ortwinus Gratius= wiederholt wurde, dessen Standpunkt
in seinem späteren Leben ein von dem früheren sehr verschiedener
wurde[26]. Im Jahre 1529 wurden zu Hagenau die ersten Briefe Peters de
Vinea gedruckt, weil sie auch für die Gegenwart zutreffend zu sein
schienen. Unbefangener ließ =Melanchthon= es sich angelegen sein,
den Schulunterricht in der Geschichte zu fördern. Sehr nachdrücklich
spricht er sich über den hohen Werth der Geschichte aus in der an
Sigismund von Brandenburg, Erzbischof von Magdeburg, gerichteten
Widmung des von ihm 1558 für die Schulen bearbeiteten Chronicon
Carionis[27]. Schon 1525 gab =Caspar Churrer= in Tübingen die Chronik
Lamberts nach einer Abschrift heraus, welche Melanchthon ihm geschickt
hatte, und 1556 begleitete dieser =Siegmund Schorkels= Ausgabe des
Helmold mit einem Brief an den Herzog von Stettin.

 [23] Anz. d. Germ. Mus. XVI (1869), Sp. 9. Ueber diesen u. andere
      Teufelsbriefe s. Wattenbach, SB. d. Berl. Ak. Febr. 1892.

 [24] E. Weller, Die ersten deutschen Zeitungen, S. 90.

 [25] Strauß, Ulrich von Hutten II, 47. 55. 166. 320. 358.

 [26] David Clement, Bibliothèque curieuse (1759) VIII, 241 weist
      die Autorschaft des Jacobus Sobius nach, S. 243 die des Ortw.
      Gratius, welcher sie nie geleugnet hat. S. auch Ennen, Gesch. d.
      Stadt Cöln, IV, 87-92; L. Geiger, Allg. D. Biogr. IX, 600-602.
      Reichling, Ortwin Gratius, Heiligenstadt 1884.

 [27] Zuletzt bei Bretschneider, Corpus Reformatorum XII, 707. Vgl.
      G. D. Hoffmann, Abhandlung von Philipp Melanchthons Verdiensten
      um die teutsche Reichs-und Staatsgeschichte, Tübingen 1760.
      Schon 1532 schreibt er: _Misit Carion ad me farraginem quandam
      negligentius coacervatam, quae a me disposita est_. Ueber
      Carions Leben und Schriften Strobels Miscell. Lit. Inhalt, 6.
      Samml. S. 139 ff. A. Stern in d. Allg. D. Biogr. III, 781. Daß
      Melanchthon auch die Ausgabe des Nauclerus 1516 besorgt habe,
      bestreiten Herm. Müller, Forsch. XXIII, 595, u. M. Spieß ib. XXVI,
      138-140: Winsheim verwechselte in seiner Gedächtnißrede Carion u.
      Nauclerus.

In Basel, wo schon 1529 =Sichardus= die Chroniken des Hieronymus,
Prosper, Cassiodor, Hermannus Contractus mit einer Widmung an den
Cardinal Albrecht von Brandenburg herausgegeben hatte, besorgten die
Buchhändler =Heerwagen=, die auch Melanchthons Verleger waren, 1531
eine Sammlung, welche den Prokop, Agathias und Jordanis enthält, mit
einer Vorrede von =Beatus Rhenanus= aus Schlettstadt. Dieser hatte auch
zum Otto von Freising das Titelblatt entworfen und ist dadurch zu dem
unverdienten Ruhme gekommen, als ob er der erste Herausgeber deutscher
Geschichtsquellen gewesen wäre. Die Handschriften aber zu jener
Sammlung hatte =Conrad Peutinger= aus Augsburg geschickt[28].

 [28] Ueber B. Rhenanus s. A. Horawitz in d. Wiener SB. LXX. 189 bis
      244. LXXII, 323-376. LXXVIII, 313-340. Horawitz u. Hartfelder,
      Briefwechsel des B. Rh. Leipz. 1886. Gény u. Knod, Die Stadtbibl.
      zu Schlettstadt, 1889.

Im Jahre 1532 erschien in demselben Verlage eine zweite Sammlung,
welche den Widukind, Einhard und Liudprand enthält, herausgegeben von
dem Professor =Martin Frecht= zu Tübingen.

Es würde uns zu weit führen, wenn wir fortfahren wollten, die Ausgaben
des sechzehnten Jahrhunderts aufzuzählen, denn ihre Zahl ist nicht
gering; besonders die =Wechel=sche Buchhandlung in Frankfurt verlegte
eine ganze Reihe von Sammlungen dieser Art. Unsere Absicht war nur, zu
zeigen, mit welchem Eifer man damals bestrebt war, die echten Quellen
der Geschichte wieder ans Licht zu ziehen; mit richtiger Auswahl wurden
die besten derselben zuerst herausgegeben und mit derselben Sorgfalt
behandelt, welche die ersten Ausgaben der alten Classiker auszeichnet.
Es war ein trefflicher Anfang gemacht, hinter dem der größte Theil der
späteren Leistungen weit zurückblieb, und an die Ausgaben schloß sich
sogleich auch die geschichtliche Verwerthung, getragen von demselben
Geiste wahrheitsuchender Kritik, die sich vorzüglich der Prüfung der
kirchlichen Ueberlieferung zuwandte. Hervorzuheben ist unter diesen
Werken die nach Jahrhunderten eingetheilte Kirchengeschichte der
sogenannten Magdeburger =Centuriatoren=, =Mathias Flacius=, =Wigand=
u. a. (Basil. 1559-1574, 13 Voll. fol.), weil sie durch scharfe Kritik
und umfassende Forschung geradezu epochemachend wirkte, und durch
Mittheilungen aus einem reichen handschriftlichen Material noch jetzt
schätzbar ist[29].

 [29] Vgl. Rinck in Pertz Archiv III, 52-56. W. Preger, M. Fl. Ill.
      u. seine Zeit, 2 Bde. Erl. 1859-1861: Allg. D. Biogr. VII, 95.
      W. Schulte, Beitr. z. Entstehungsgesch. d. Magdeb. Cent. Neisse
      1877. Flacius gab auch nach dem Vorgang des Engländers Bale und
      von ihm unterstützt die Satiren des 12. und 13. Jahrhunderts gegen
      Pabst und Clerus heraus unter dem Titel: Carmina vetusta ante
      trecentos annos scripta, quae deplorant inscitiam evangelii etc.
      Viteb. 1548, vermehrt 1557 als: Varia doctorum piorumque virorum
      de corrupto ecclesiae statu poemata.

Freilich waren nicht alle gleich bereit, die geschichtliche Wahrheit
anzunehmen, und unter die Ausgaben der echten Quellen mischten sich
bald auch falsche. Schon 1498 erschien in Rom der nachgemachte Berosus
und anderes Machwerk des berüchtigten =Annius von Viterbo=. Nicht ganz
so plump erfunden waren die Megenfrid, Benno und andere Schriftsteller,
auf welche =Trithemius= sich in seiner Hirschauer Chronik (1514)
berief, und seine Angaben führen deshalb noch jetzt nicht selten irre;
hat doch sogar sein Hunibald, dessen lächerliche Larve schon der Graf
von Nuenar durchschaute, noch im neunzehnten Jahrhundert Vertheidiger
gefunden! Zum ärgsten Unfug dieser Art aber gehört das 1530 erschienene
Turnierbuch von =Rüxner=[30], dessen freche Lügen von den ahnensüchtigen
Herren begierig aufgenommen wurden und noch heutiges Tages hin und
wieder gespensterhaft erscheinen.

 [30] S. darüber Waitz, Heinrich I, 3. Ausg. S. 265-272. Ein Theil
      der Fabeln ist älteren Ursprungs, schon 1518 in Baiern ein Werk
      der Art entstanden, aber Rüxnern bleibt doch eine ansehnliche
      Vermehrung derselben.


§ 2. Die katholische Kirche. Die Heiligenleben.

Während einerseits die neu erwachende kritische Richtung willkommene
Waffen in der Litteratur des früheren Mittelalters fand, bot sich
andererseits hierin auch der katholischen Kirche ein schöner Schatz
ascetischer Schriften dar, und die Briefe der alten Päbste, wie die
alten Vorkämpfer ihrer Ansprüche, waren noch immer zu brauchen. So
finden wir denn, nachdem die katholische Kirche sich wieder ermannt
und auch wissenschaftlich neue Kraft gewonnen hat, auch von dieser
Seite viele Publicationen; der Cardinal =Caesar Baronius= setzte den
Magdeburger Centuriatoren seine _Annales ecclesiastici_ entgegen,
welchen die aus dem Vaticanischen Archiv und anderen Quellen
mitgetheilten Actenstücke hohen Werth verleihen[1]. Durch gute Ausgaben
wichtiger neu entdeckter Quellen machten sich besonders =Heinrich
Canisius=[2], =Brouwer=[3], =Sirmond=, =Tengnagel=, =Gretser=[4]
verdient. Auf einzelnes einzugehen, würde hier zu weit führen; nur
einen besonderen Zweig der Litteratur scheint es erforderlich hier
näher zu betrachten.

 [1] Bis 1198 in 12 Folianten 1588-1607 erschienen. Die Fortsetzung von
     Raynaldus in 9 Folianten bis 1565 erschien von 1646-1677. Ausgabe
     von Mansi mit Pagi's Kritik, Lucae 1738-1759.

 [2] Neffe des berühmteren Petrus, s. v. Schulte in d. Allg. D. Biogr.
     III, 749.

 [3] Kraus in d. Allg. D. Biogr. III, 368.

 [4] Werner in d. Allg. D. Biogr. IX, 645.

Schon unter den ältesten Incunabeln finden sich Legendarien und
einzelne Heiligenleben, zur Erbauung bestimmt. Hin und wieder bieten
sie ein brauchbares Körnchen dar; im ganzen aber erscheinen die
Legenden in solcher Weise überarbeitet, daß das Triviale, allen
Gemeinsame, überhand genommen hat, das Geschichtliche oft ganz
verschwunden oder doch verdunkelt ist. Die zahlreichen Wunder,
die vielen Fabeln und Albernheiten machten diese Litteratur gerade
ganz besonders zum Gegenstand lebhafter Angriffe, und bald empfand
man, daß sie allen Werth und Nutzen verlieren werde, wenn man
sich nicht zu einer Sichtung des überkommenen Stoffes entschließen
werde. Nachdem schon der Mailänder =Boninus Mombritius= auf alte
Handschriften zurückgegangen war, die er mühsam aufsuchte, und durch
deren unveränderten Abdruck[5] er sich verdient gemacht hatte, ohne
Nachfolger zu finden, erschien ein Jahrhundert später die Sammlung
des Cölner Karthäusers =Laur. Surius= († 1578): _Vitae Probatorum
Sanctorum_, die viel brauchbaren geschichtlichen Stoff zuerst ans Licht
brachte, und wenn auch der lateinische Stil etwas überarbeitet ist, so
berührt das doch kaum den Inhalt. Von Kritik aber ist in diesem Werke
keine Rede, und die herrschende Meinung der Gebildeten verwarf alle
diese Mönchsgeschichten als leere Fabeln.

 [5] Sanctuarium, in 2 großen Folianten o. J. (um 1475). Vgl.
     Tiraboschi, Tomo VI, l. II, c. 32. Von demselben rührt die erste
     Ausgabe des Prosper her, welche Holder-Egger im NA. I, 22 erwähnt,
     nach J. A. Saxii Hist. litter. typogr. Mediol. p. 146.

Diesen Angriffen gegenüber faßte nun der Jesuit =Heribert van Roswey=
den Plan, durch strenge Sichtung des ganzen vorhandenen Materials
und Aufopferung des falschen das echte zu retten und zu sichern. Er
selbst gab u. a. das Martyrologium Romanum heraus; besonders aber
veranlaßte er seinen Ordensbruder =Johann Bolland= in Antwerpen zu dem
großartigen Unternehmen der _Acta Sanctorum_, wovon 1643 der erste Band
erschien. Noch 5 Bände gab Bolland selbst heraus; dann hinterließ er
die Fortsetzung =Daniel Papebroch= und =Gotfried Henschen=, von welchen
der gediegenste Theil des Werkes gearbeitet ist. Sie gewannen bei ihrer
Arbeit eine solche Sicherheit der historischen Kritik und verfuhren mit
so wenig Schonung, daß sie bald vielfache Angriffe erfuhren und die
spanische Inquisition sogar im J. 1695 die bis dahin erschienenen 14
Bände verbot. Man versuchte auch den Pabst zu einem Verbote desselben
zu bewegen, aber vergeblich; nur Papebrochs Chronologia Pontificum
Romanorum wurde wirklich verboten[6]. Mit dem unermüdlichsten,
mühsamsten Fleiße setzten auch später die Antwerpener Jesuiten, welche
man gewöhnlich als =Bollandisten= bezeichnet, das begonnene Werk
fort; ihre Abhandlungen wurden immer weitschichtiger und verloren
an innerem Werthe, während das ganze immer langsamer vorrückte. Doch
sind noch viele sehr tüchtige Arbeiten und unermeßliches historisches
Material darin. Durch die Aufhebung des Ordens wurde das Unternehmen
gestört; andere führten es weiter, dann aber machte ihm die Occupation
Belgiens durch die Franzosen ein Ende. In neuester Zeit hat man es
wieder aufgenommen, aber mit der übertriebensten Weitschweifigkeit.
Bis jetzt sind mehr als 60 Folianten erschienen, welche bis in
den November reichen, denn das ganze Werk folgt der Ordnung des
Kalenders. Die Auffindung eines bestimmten Heiligen war früher
nicht leicht; man bedurfte dazu der Kenntniß seines Tages, wozu das
Heiligenlexicon (von =Schmauß=) Gött. 1719, 8, brauchbar ist, welches
zugleich zur vorläufigen Orientirung dienen kann. Gegenwärtig aber
bietet =Potthasts= _Bibliotheca historica_ in dem Artikel _Vita_ S.
575-940 ein nicht allein auf den Umfang des Mittelalters beschränktes
Repertorium sämmtlicher von den Bollandisten besprochener Personen, dem
ein Register der übrigen in jenem Riesenwerke enthaltenen Abhandlungen
beigefügt ist. Außerdem aber enthält jetzt ein Supplementband der
Acta Sanctorum zum October Generalregister über das ganze Werk von
=Rigollot=.

 [6] S. Rettberg, Art. Papebroch in der Encyklopädie von Ersch und
     Gruber. A. Scheler, Zur Geschichte des Werkes Acta Sanctorum,
     Serapeum VII, 305 ff. Potthast, Bibl. historica, p. 23-25. Baehr,
     Gesch. d. Röm. Litt. IV, 227.

Neben den Jesuiten begannen auch die französischen =Benedictiner=
ein ähnliches Werk, nachdem ihr Orden in der =Congrégation de
Saint-Maur= einen neuen, außerordentlich kräftigen Aufschwung genommen
hatte. Die Erforschung der Geschichte ihres Ordens wurde bald ein
Hauptgesichtspunkt der Congregation und ihr Bibliothekar Dom =Luc
d'Achery= sammelte dafür viele Jahre mit Unterstützung der ganzen
Genossenschaft unschätzbares Material. Zur Bearbeitung desselben wurde
ihm 1664 Dom =Jean Mabillon= beigegeben, den dann wieder =Germain=
und =Ruinart= unterstützten. Von ihnen erschienen 1668-1701 die
_Acta Sanctorum Ordinis S. Benedicti_ in 9 Folianten, welche bis zum
Jahre 1100 reichen und vom größten Werthe für die Geschichte sind.
Abweichend von der Anordnung der Bollandisten ist diese Sammlung nach
der Zeitfolge geordnet; sie beginnt natürlicher Weise erst mit der
Entstehung des Ordens der Benedictiner, die ersten Jahrhunderte der
Kirche aber behandelte Ruinart selbständig in seinem trefflichen Werke:
_Acta primorum martyrum sincera_, 1689, 4.


§ 3. Sammlungen für Landesgeschichte.

In viele einzelne Staaten zerspalten hatte =Italien= keine umfassende
Sammlung von Geschichtsquellen erhalten; auch ging hier der
Patriotismus gerne gleich über die Zeiten des Mittelalters hinaus
in die antike Welt hinüber. Die =römische Kirche= aber konnte vom
Mittelalter nicht lassen und noch weniger ihren Gesichtspunkt durch
enge Grenzen beschränken lassen. Ihre Geschichte, vom Cardinal
=Baronius= geschrieben, umfaßte die ganze christliche Welt, und jedes
Volk fand hier die wichtigsten Aufschlüsse über seine Vergangenheit
aus den Schätzen des Vaticanischen Archivs. Viele Geschichtsquellen
Italiens zog =Ughelli= zuerst ans Licht in dem großen Werk der _Italia
Sacra_, welches später von =Coleti= umgearbeitet und sehr vermehrt
wurde[1]. Gleichzeitig mit diesem wirkte =Ludwig Anton Muratori=, der
mit der umfassendsten Gelehrsamkeit, rastlosem Fleiße und unermüdlicher
Thatkraft die Grundlagen der italienischen Geschichte legte, auf denen
noch heute fortgebaut wird. Seine _Scriptores Rerum Italicarum_ in 21
Folianten, 1723-1751, sind die erste umfassende planmäßig angelegte
Sammlung der Geschichtsquellen eines ganzen Landes, und bis jetzt die
einzige, welche ihre Vollendung erreicht hat; das große Verdienst,
durch eifrige Unterstützung der Sache, auch durch wissenschaftliche
Mitwirkung die Ausführung möglich gemacht zu haben, gebührt den
bescheiden im Hintergrund gebliebenen Socii Palatini[2]. Neuestens hat
auch Italien eine Darstellung seiner Chronistik erhalten durch =Ugo
Balzani=[3].

 [1] Ughelli, Italia Sacra, 9 Bände f. 1644-1662. Neue Ausg. v. Coleti
     in 10 Bänden, 1717-1721.

 [2] S. über diese L. Vischi im Arch. stor. Lombardo 1880, S. 391-566.

 [3] Ein Band der durch die Society for promoting Christian Knowledge
     veranlaßten Sammlung: Early chronicles of Europe, 1883; auch ins
     Ital. übersetzt. Anderer Art, auch die Byzantiner, die Gesetze
     und Urkunden umfassend, ist die Schrift von =Costanzo Rinaudo=:
     Le Fonti della storia d'Italia dalla caduta dell' imperio Romano
     d'Occidente all' invasione dei Longobardi (476-568). Torino 1883.

Erstrebt war freilich schon früher ähnliches in =Frankreich= durch die
Sammlung von =Duchèsne= in 5 Folianten (1636-49); doch genügte diese
nicht, so werthvoll auch ihr Inhalt ist. Colbert faßte bereits 1676
den Plan einer neuen umfassenderen Sammlung, der jedoch erst später zur
Ausführung kam, als die Congregation der =Mauriner= auch diese Aufgabe
übernommen hatte. Nachdem diese fleißigen und gelehrten Mönche bereits
für die Geschichte ihres Ordens und der Kirche das außerordentlichste
geleistet, und in verschiedenen Sammlungen unendliches Material
zugänglich gemacht hatten, erschien von 1738 an der _Recueil des
Historiens des Gaules et de la France_ von Dom =Bouquet= und seinen
Nachfolgern, eine Sammlung, deren Fortführung in neuester Zeit wieder
aufgenommen ist, und die bis jetzt aus 23 Folianten besteht.

In =Deutschland= waren die vielversprechenden Anfänge des sechzehnten
Jahrhunderts durch die inneren Spaltungen gehemmt und endlich durch den
dreißigjährigen Krieg fast gänzlich erstickt worden. Die folgende Zeit
des Reichthums und der fürstlichen Stellung der Geistlichkeit brachte
wohl einige Stiftshistorien, aber nichts, das sich mit dem Wirken
der Mauriner in Frankreich irgend vergleichen ließe. Wohl reizte das
Beispiel zur Nachahmung, aber alle Versuche scheiterten theils an der
Trägheit der in Reichthum und Ueppigkeit versunkenen Stifter, theils
an der Eifersucht der Landesfürsten, welchen es bedenklich erschien,
die Geistlichkeit ihrer Territorien in nähere Verbindung mit den
Ordensbrüdern anderer Gebiete treten zu lassen. Und geradezu unmöglich
war es für die Reichsabteien, selbst wenn sie es gewollt hätten, sich
einer gemeinsamen Leitung und wechselnden Aebten unterzuordnen. Das
erfuhren namentlich die Gebrüder Bernhard und Hieronymus =Pez=[4]
in Melk bei ihren Bemühungen, neues Leben in den alten Orden der
Benedictiner zu bringen, und die Stiftung einer Congregation, welche es
möglich gemacht hätte, die vorhandenen Kräfte zu vereinigen und, wie in
Frankreich, planmäßig für gemeinsame Zwecke zu verwenden, scheiterte an
solchen Hindernissen.

 [4] S. Krones, Allg. D. Biogr. XXV. 569-575.

Material war freilich in großen Massen zu Tage gefördert, aber ohne
Auswahl, ohne Kritik; die neuen Publicationen fügten nur immer mehr
rohe Masse hinzu, in noch mangelhafterer Weise, und niemand verstand
es, den Stoff zu bearbeiten. Im siebzehnten Jahrhundert erschienen
bei dem Uebergewicht des Partikularismus fast nur noch Sammlungen für
die Geschichte einzelner Reichslande. Eine neue Epoche beginnt dann
mit =Leibniz=, dem Zeitgenossen Muratori's, und in noch viel höherem
Grade würde dies der Fall gewesen sein, wenn nicht seine Forschungen
unvollendet und großentheils unbekannt geblieben wären. Wie Muratori
von der Geschichte des Hauses Este, so ging Leibniz von den Welfen
aus, und wie Muratori wurde er durch diese Untersuchungen immer
weiter geführt zu den ausgedehntesten Quellenforschungen, welche die
ganze Reichsgeschichte umfaßten, Forschungen, die sich andererseits
an seine philosophischen sowohl wie an seine staatsrechtlichen
Studien anschlossen. Er durchsuchte alle ihm zugänglichen Archive und
Bibliotheken, und ergriff mit dem lebhaftesten Eifer den Plan einer
systematischen Sammlung und Ausgabe aller vorhandenen Quellen für die
politische und die Rechts-und Kirchengeschichte, auf deren Wichtigkeit
und die Nothwendigkeit ihrer gründlichen Erforschung zuerst =Conring=
energisch hingewiesen hatte.

Wohl einsehend, daß die Aufgabe die Kräfte eines Einzelnen
übersteige, versuchte man wiederholt, Gesellschaften zu diesem
Zwecke zusammenzubringen. Schon =Johann Christian von Boineburg=,
der Rathgeber des Churfürsten Johann Philipp von Mainz, der Freund
Conrings, Leibnizens und Forsters, entwarf den Plan, ein _Collegium
universale Eruditorum in Imperio Romano_ mit vorzüglicher Rücksicht auf
Geschichte zu stiften, und theilte denselben 1670 mehreren Gelehrten
mit. Mainz, wo das Reichsarchiv sich befand, war zum Sitz desselben
bestimmt, allein es blieb bei diesen Anfängen und hatte keinen weiteren
Erfolg. Neue Anregungen zu Versuchen dieser Art gab bald darauf die
kräftige Entwicklung der schon 1651 gestifteten, 1677 vom Kaiser
privilegirten _Academia Leopoldina Naturae Curiosorum_. =Paullini= in
Eisenach faßte die Idee einer ähnlichen historischen Gesellschaft; er
ließ 1687 eine _Delineatio Collegii Imperialis historici gloriose et
feliciter fundandi_ drucken und vertheilen. Mit vorzüglichem Eifer
gingen =Hiob Ludolf= und =Tentzel= auf diesen Gedanken ein; Ludolf
theilte Paullini seine unmaßgeblichen Bedenken mit und von ihm ging die
förmliche Aufforderung zur Theilnahme aus, welche 1688 versandt wurde.
Er war der Präses der neuen Gesellschaft, welcher mehrere namhafte
Gelehrte sich anschlossen. Vor allem aber bedurfte man materieller
Unterstützung, ohne die sich wenig ausrichten ließ; man wünschte den
Kaiser, den Reichstag dafür zu gewinnen, man suchte nach vornehmen
Patronen, aber man fand, wie Ludolf 1695 an Leibniz schrieb, keinen
einzigen, welcher einen Pfennig daran wenden wollte[5]. Nur der Herzog
von Württemberg gewährte Pregitzer die Kosten zu einer Reise durch
Schwaben, die Schweiz, Burgund und Frankreich, um die Archive zu
durchforschen; seine Reiseberichte befinden sich auf der Göttinger
Bibliothek. Erfolg hatte also auch dieser Versuch nicht, und er
konnte kaum Erfolg haben zu einer Zeit, wo die höheren Stände ganz der
französischen Bildung hingegeben, und die Gelehrten größtentheils von
geistloser Pedanterie erfüllt waren, wo lebhafte Theilnahme für die
Erforschung der vaterländischen Geschichte eben so selten zu finden
war, wie die Fähigkeit zum richtigen Verständniß der Quellen.

 [5] _De Collegio nostro historico quod dicam vix habeo, adeo omnia
     frigent. Scilicet nemo de magnatibus nostris est qui urgeat, multo
     minus qui obolum impendat. Qui ad nutum alienum laborare debent
     sine magno autore, sine praemio, sunt difficillimi._ 1695, Dec. 9.

=Leibniz= hatte diesen Bestrebungen von Anfang an große Theilnahme
zugewandt; er wies vornehmlich auf den unveränderten Abdruck der
reinen Quellenschriften hin, während Ludolf mehr eine Bearbeitung
der Reichsgeschichte ins Auge faßte. Leibnizen dagegen war um fremde
Darstellungen wenig zu thun; er wußte wohl, daß Urkunden, in denen
ein Anderer nichts finden konnte, ihm die bedeutendsten Aufschlüsse
gewährten, und rieth deshalb ernstlich, daß man sich nicht bemühen
solle, um eine Geschichte _stylo florido et eleganti_ zu schreiben,
sondern man solle die Documenta und Urkunden geben, _ut praesens
aetas thesaurum quendam relinquat_. Er zuerst erhob sich über den
Dilettantismus und die Vielwisserei und verband die ausgebreitetsten
Kenntnisse mit staatsmännischem Blick und historischer Einsicht. Und
so leistete denn dieser außerordentliche Mann allein einen großen Theil
desjenigen, was jene gutgemeinten Unternehmungen bezweckt hatten, ohne
zur Ausführung kommen zu können.

Schon 1693 gab Leibniz seinen _Codex juris gentium_ heraus, dem
1700 die zwei Folianten der _Mantissa Documentorum_ folgten. Von
1707-1711 erschienen dann die _Scriptores Rerum Brunsvicensium_, welche
theils die niedersächsische Landesgeschichte, theils die welfische
Hausgeschichte erläutern sollten, und durch die großartige Stellung des
welfischen Hauses, durch die Verflechtung desselben in alle wichtigsten
Angelegenheiten des Reiches einen universellen Charakter erhielten,
der sie von allen anderen Sammlungen für specielle Landesgeschichte
unterscheidet. Eine Anzahl anderer wichtiger Schriftsteller war schon
1698 in den _Accessiones historicae_ zuerst ans Licht gebracht. Aber
von den überreichen Sammlungen Leibnizens war dadurch nur ein kleiner
Theil erschöpft; nachdem er selbst vom Schauplatze abgetreten war,
brachten seine Nachfolger Eckhart, S. Fr. Hahn, Jung, Gruber, Scheidt
aus seinem Nachlaß das großartige Werk der _Origines Guelficae_ zu
Stande, welches noch jetzt einen ehrenvollen Namen behauptet, in Form
und Inhalt aber ganz auf den Vorarbeiten von Leibniz ruht[6].

 [6] Die vorstehenden Angaben sind aus den Mittheilungen meines 1863
     verstorbenen Freundes Rößler entnommen, welcher sie aus dem in
     Göttingen und Hannover verwahrten handschriftlichen Material
     geschöpft hatte, mit Benutzung der Nachrichten über Paullini's
     Briefwechsel im Serapeum 1856, S. 65. 367, der Schriften Guhrauers
     u. a. Vgl. auch Lucä, der Chronist Friedr. Lucä (Frankfurt
     1854), S. 279-344; Pfleiderer, Leibniz als Patriot etc. S. 632
     ff. Mit Benutzung von Paullini's Nachlaß in Jena ist der Aufsatz
     von Wegele gearbeitet: Das historische Reichscolleg, Im neuen
     Reich 1881, N. 25. Ueber Leibniz' Reise nach Wien 1708 s. Wilh.
     Guerrier, Leibniz in seinen Beziehungen zu Rußland (1873) S. 67.

Aber Leibniz hinterließ auch noch ein anderes Werk, welches allein
ausgereicht hätte, um einen gewöhnlichen Menschen berühmt zu
machen, die _Annalen_ des abendländischen Reiches, zu welchen ihn
seine Forschungen über die Welfen ebenso hinführten, wie Muratori
die Geschichte des Hauses Este zur Verfassung der Annalen Italiens
veranlaßte. Dieses Werk, welches Leibniz viele Jahre lang vorzüglich
beschäftigte, reicht von 768-1005, denn weiter ist er leider nicht
damit gekommen. Es ist durchaus ein Meisterwerk, welches alle früheren
Leistungen weit hinter sich läßt; auch hegten die Zeitgenossen große
Erwartungen davon, und lange war von dem Druck desselben die Rede,
der aber dennoch zum großen Schaden der Wissenschaft unterblieb, bis
in neuester Zeit Pertz das fast schon in Vergessenheit gerathene
Werk herausgab[7], nachdem ein großer Theil der darin enthaltenen
Forschungen von neuem gemacht worden war. Aber noch immer ist das Werk
sehr brauchbar, da es mit der vollständigen Uebersicht und Benutzung
des bis dahin bekannt gewordenen Stoffes gearbeitet ist, während die
sichere Methode, der durchdringende Scharfsinn und die geistvolle
Behandlung des großen Verfassers den Leser durchgehends fesseln und zur
Bewunderung fortreißen.

 [7] G. W. Leibnitii Annales Imperii Occidentis Brunsvicenses, ed.
     G. H. Pertz. 3 Tomi. Hannov. 1843-1846. Mit einer sehr lehrreichen
     Vorrede des Herausgebers. Vgl. Giesebrecht I, 797. Viele
     Nachrichten über die Geschichte dieses Werkes, über die schlechte
     Behandlung, welche Leibniz zu erfahren hatte, und die Intriguen
     Eckharts, welche dieselbe hauptsächlich veranlaßten, enthält:
     Leibnizens Briefwechsel mit dem Minister v. Bernstorff etc. von
     R. Doebner. Hann. 1882, und in d. Zeitschr. d. hist. Vereins f.
     Niedersachsen 1881.

Die Fehler der früheren Sammlungen, von denen auch die Leibnizsche
nicht ganz frei ist, den Mangel an kritischer Sichtung des Stoffes,
an systematischer Auswahl und Zusammenstellung, die Unzuverlässigkeit
der Abdrücke, schilderte niemand schärfer und eindringlicher als Joh.
G. =Eckhart=[8], Leibnizens Gehülfe, dann Convertit und fürstlich
Würzburgischer Rath. Dennoch vermied er in seiner eigenen Sammlung, dem
_Corpus historicorum medii aevi_ (1723) keinen jener Fehler, vermehrte
aber das vorhandene Material durch sehr werthvolle Beiträge.

 [8] Wegele in d. Allg. D. Biogr. V, 627-631; zu ergänzen aus der eben
     erwähnten Publication von Doebner.

=J. B. Mencke= veröffentlichte 1728 und 1730 noch eine sehr schätzbare
Sammlung, =B. G. Struve= gab 1717 und 1726 die älteren Sammlungen
von Pistorius und Freher neu heraus; immer mehr wuchs die Masse des
größtentheils rohen, ungeordneten, ungesichteten Materials; immer
schwieriger wurde es, eine Uebersicht über dasselbe zu gewinnen. Dieser
Uebelstand veranlaßte das Erscheinen von Schriften, die als Wegweiser
dienen sollten: =J. P. Fincke's= _Index in Collectiones Scriptorum
Rerum Germanicarum_, Lips. 1737, 4 und das vielgebrauchte _Directorium_
von =Freher=, zuletzt 1772 von =Hamberger= neu herausgegeben. Desselben
Hambergers Nachrichten von den vornehmsten Schriftstellern, Bd. 3. 4.
1760, sind von geringer Brauchbarkeit, dagegen des trefflichen =Joh.
Alb. Fabricius= _Bibliotheca Mediae et Infimae Latinitatis_ 1734-1746,
8, und ed. Mansi 1754, 4 noch jetzt unentbehrlich und von großem
Nutzen. Eine neue vermehrte Ausgabe derselben mit Berücksichtigung der
seitdem erschienenen Sammlungen und Ausgaben wäre sehr wünschenswerth
und würde einem dringenden Bedürfniß entgegenkommen. Zurechtfinden aber
können wir uns jetzt in der historischen Litteratur des Mittelalters
mit großer Leichtigkeit, seitdem =Potthasts= _Bibliotheca historica
medii aevi_ (Berlin 1862, Supplement 1868) erschienen ist, ein höchst
dankenswerthes Werk, das Product des angestrengtesten und mühsamsten
Sammelfleißes, welches, obschon nicht frei von manchen Schwächen
und Mängeln, doch als ein ungemein nützliches Hülfsmittel allgemeine
Verbreitung und Anerkennung gefunden hat.


§ 4. Die Monumenta Germaniae Historica.

Immer lebhafter empfand man in Deutschland während des 18. Jahrhunderts
das Bedürfniß einer planmäßig geordneten, kritischen Sammlung der
echten und ursprünglichen Geschichtsquellen; das Beispiel von Muratori
in Italien und den Maurinern in Frankreich reizte zur Nachfolge, aber
alle Wünsche und Versuche scheiterten, wie jene eben erwähnten ersten
Anfänge, an der Zerstückelung Deutschlands, an der Unmöglichkeit,
ein Zusammenwirken vieler Gelehrten herbeizuführen, an dem Mangel
ausreichender Geldmittel. Die Nachrichten über diese Bestrebungen
findet man gesammelt im ersten Bande des Archivs der Gesellschaft
für ältere deutsche Geschichtskunde. Namentlich hatte der Hallische
Theologe =Semler= einen solchen Plan, und bezeichnet in seinem „Versuch
den Gebrauch der Quellen in der Staats-und Kirchengeschichte der
mittleren Zeiten zu erleichtern“ (1761) scharf und treffend die Mängel
der vorhandenen Sammlungen, die Nothwendigkeit, Originalquellen von
Ausschreibern zu sondern, mit Sorgfalt und gesunder Kritik eine Reihe
der bedeutendsten Autoren durchnehmend. Durch ihn angeregt gab 1797
sein College =Krause= den Lambert heraus als Anfang und Specimen einer
solchen Sammlung; aber er starb bald nachher und es blieb bei diesem
ersten Bande. Im folgenden Jahre 1798 gab =Rösler= in Tübingen eine
kritische Bearbeitung der ältesten Chroniken des Mittelalters, allein
die Aufgabe einer umfassenden Sammlung war für die Kräfte einzelner
Männer viel zu groß, als daß etwas genügendes hätte zu Stande kommen
können.

Die lange Fremdherrschaft in Deutschland und die Befreiung davon
durch die vereinten Anstrengungen des ganzen Volkes weckten endlich
in höherem Grade das Bewußtsein eines gemeinschaftlichen Vaterlandes.
Mit neuer Liebe wandte man sich der Erforschung der Vorzeit zu; =E. M.
Arndt=, die Gebrüder =Grimm= bestärkten in dieser Richtung durch die
kräftigste Anregung. Eifrig und dringend wies =Johannes von Müller=
auf die Nothwendigkeit des Quellenstudiums hin. Auch der =Freiherr vom
Stein= empfand das lebhafte Bedürfniß, eine genügende Anschauung der
deutschen Geschichte sich zu verschaffen. Die vorhandenen Darstellungen
reichten dazu nicht aus; er suchte die Kenntniß aus den Quellen selbst
zu schöpfen, stieß aber dabei auf unüberwindliche Schwierigkeiten wegen
des verwahrlosten Zustandes derselben. Es war nicht seine Art, wegen
solcher Hindernisse einen Gedanken aufzugeben, und seine Entfernung
von den Staatsgeschäften trug dazu bei, daß er ihn um so entschiedener
festhielt und verfolgte. Der Gedanke an sich selbst, seinen eigenen
Vortheil und Genuß, trat dabei bald völlig zurück; er hatte nur noch
sein Volk im Auge, der Wunsch erfüllte ihn, „den Geschmack an deutscher
Geschichte zu beleben, ihr gründliches Studium zu erleichtern und
hierdurch zur Erhaltung der Liebe zum gemeinsamen Vaterland und dem
Gedächtniß unserer großen Vorfahren beizutragen“. Mit der ganzen
Energie seines gewaltigen Geistes faßte er den Plan, eine umfassende
und kritisch bearbeitete Sammlung der deutschen Geschichtsquellen zu
veranstalten, und er ließ nicht ab, bis er denselben zur Ausführung
gebracht hatte[1]. Im Februar 1818 brachte er ihn zuerst zur Sprache;
es gelang ihm, mehrere seiner westfälischen Freunde zu bedeutenden
Geldbeiträgen zu bewegen; er selbst hat nach und nach an 10,000 Fl.
darauf verwandt. Mehrere der damaligen Bundestagsgesandten gingen
auf Steins Vorschläge ein, und am 20. Januar 1819 trat zu Frankfurt
die =Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde= zusammen. Der
badische Legationsrath =Büchler= wurde zum Secretär, der Archivrath
=Dümge= zum Redacteur bestimmt; beide begannen sogleich die Herausgabe
der Zeitschrift, welche vom wesentlichsten Nutzen für das Unternehmen
gewesen ist. Sie heißt das =Archiv= der Gesellschaft und führt
mit Recht diesen Namen, weil darin alle Vorarbeiten für das große
Unternehmen, Nachrichten über Handschriften, Untersuchungen über die
einzelnen Quellenschriften niedergelegt wurden[2].

 [1] Vgl. Archiv I. VI, 294. MG. SS. I, Praefatio. Stein und die
     Monumenta Germaniae Antrittsrede von Pertz 6. Aug. (rect. 6. Juli)
     1843, gedr. in d. Allg. Preuß. Zeitung 1843 N. 53 vom 22. August.
     Steins Leben von Pertz V, 57. 264 ff. u. s. w. an vielen Stellen.
     E. Dümmler: Ueber die Entstehung der MG. Im neuen Reich 1876, II,
     201 ff. Alfred Stern, Briefe des Freih. vom Stein an N. F. von
     Mülinen, NA. IX, 257-268.

 [2] Eine sehr nützliche Arbeit ist das Register über alle darin
     besprochene Bibliotheken von Dr. H. Kohl im NA. II, 629-634.

Der ungeheuere Umfang des Unternehmens, die Nothwendigkeit vieler
und ausgedehnter Reisen, zeigten sich erst während der Arbeit in
zunehmendem Maße; bald sah man, daß Privatmittel, so bedeutend auch
die Beitrage der Gründer waren, doch nicht weit genug reichten. Die
Bundesversammlung war gleich anfangs um Unterstützung ersucht worden
und hatte in Ermangelung eigener Geldmittel zu solchem Zwecke das Werk
den einzelnen Regierungen zur Förderung empfohlen, allein fast ohne
Erfolg. Man befürchtete von der einen Seite Mißbrauch des Unternehmens
für revolutionäre Zwecke -- denn die Geschichte könne ebensogut zum
Umsturz der Monarchie, wie zu ihrer Erhaltung verwerthet werden --
von anderer witterte man etwas Serviles darin, und der alte Voß sah
darin eine große Verschwörung, die Geschichte für oligarchische und
katholische Zwecke auszubeuten[3]. In Oesterreich galt das Unternehmen
als revolutionär, und nachdem eine anfänglich beabsichtigte besondere
Direction für Oesterreich fallen gelassen war, blieb für die
einheimischen Gelehrten eine förmliche Betheiligung an der Gesellschaft
unmöglich[4]. 1828 hatte man sogar Bedenken, den fertig gewordenen
ersten Band der Bundesversammlung zu überreichen[5]. Der König von
Baiern hatte noch 1829 gar nichts dafür gethan[6], während doch Baden
die Dienste des Archivraths Dümge gleich anfangs auf einige Jahre der
Gesellschaft überließ, und der König von Preußen von 1821 an einigemal
einen Beitrag von 1000 Thalern bewilligte[7]. Mit Bitterkeit gedachte
Stein daran, daß er schon im Herbst 1818 eine vom russischen Kaiser
angebotene Unterstützung abgelehnt hatte[8], und erst nach des Stifters
Tode (29. Juni 1831) scheinen die verschiedenen Regierungen sich nach
und nach zu den Beiträgen entschlossen zu haben, welche den Bestand
der Sache sicherten; auf einer Ministerconferenz in Wien 1834 hatte der
Fürst Metternich sich dem Unternehmen günstig erwiesen.

 [3] A. Stern im NA. IX. 265.

 [4] Steins Leben V, 580 ff. Vgl. Anz. d. Germ. Mus. XXII (1875) S. 31.

 [5] VI, 499.

 [6] VI, 751.

 [7] V, 567. 790. VI, 954.

 [8] VI, 779.

In den gelehrten Kreisen fand das Unternehmen gleich anfangs lebhafte
Theilnahme, aber lange dauerte es, bis ein ausführbarer Plan zu Stande
kam. Ein Vorschlag nach dem andern wurde im Archiv veröffentlicht;
während man sich zu orientiren suchte, fing man erst an, den Umfang der
Arbeit zu übersehen, die Masse des Stoffes, die Schwierigkeit ihn zu
bearbeiten, namentlich wegen der in so vielen Bibliotheken und Archiven
zerstreuten Handschriften und Urkunden, welche sich viel zahlreicher
erwiesen, als man anfänglich geglaubt hatte.

Nach dem ursprünglichen Plan vertheilte man die einzelnen
Schriftsteller an verschiedene Gelehrte zur Bearbeitung, aber es zeigte
sich bald, daß auf diese Weise weder Einheit in Plan und Methode, noch
ein rascher Fortschritt in der Ausführung zu erreichen war. Die ersten
Bände des Archivs sind voll von Versprechungen und Anerbietungen, von
denen aber die meisten ohne Resultat blieben.

Von entscheidender Bedeutung für die ganze Zukunft des Unternehmens
war deshalb der Zutritt des Mannes, unter dessen Leitung es bald den
kräftigsten Aufschwung nehmen sollte. =G. H. Pertz= aus Hannover
hatte im Jahre 1818 in Göttingen seine Studien vollendet und 1819
die Geschichte der Merowingischen Hausmeier mit einer Vorrede und
lebhaften Empfehlung seines Lehrers =Heeren= vom 4. September
1818 veröffentlicht. Eine Aufforderung Büchlers zur Theilnahme
an den Arbeiten der Gesellschaft erwiderte er am 5. Juli 1819 mit
freudiger Zustimmung und dem Erbieten zur Bearbeitung der wichtigsten
Quellenschriften aus der karolingischen Periode[9]. Auf Büchlers
Mittheilung nahm Stein dieses Anerbieten bereitwillig an, und forderte
am 21. December Pertz nicht nur zur Uebernahme der Schriftsteller aus
der karolingischen Periode, sondern auch zu einer Reise nach Wien auf,
weil die Benutzung der auf der Hofbibliothek befindlichen Handschriften
zunächst nothwendig war[10]. Diese Reise, welche den reichsten Ertrag
gewährte, wurde nicht nur auf andere österreichische Bibliotheken,
sondern auch auf Italien ausgedehnt. Hier war der Freiherr vom Stein
bereits selbst gewesen, hatte von den Schätzen des Vatican vorläufige
Kunde verschafft und Mitarbeiter zu gewinnen gesucht, auf deren
Unterstützung damals noch stark gerechnet wurde. Diese Theilnahme der
Italiener erwies sich indessen später als gänzlich illusorisch, und
nicht viel mehr Erfolg hatten die Zusagen, welche Pertz in Oesterreich
gemacht wurden. Seine Reise aber gewährte die erste feste Grundlage
für das Unternehmen; allein aus den päbstlichen Regesten gewann er
1800 ungedruckte Briefe[11]. Seine Reiseberichte zeigten so entschieden
eine meisterhafte Handhabung der Kritik in scharfem Gegensatze zu den
vielen dilettantischen Beiträgen anderer, daß ihm nach seiner Rückkehr
die Redaction sowohl des Hauptwerks als auch der Zeitschrift übertragen
wurde, da Büchler und Dümge beide von ihrem Großherzog abberufen
waren[12].

  [9] Steins Leben V, 364. Vgl. über Pertz: W. Arndt, Im neuen Reich
      1876, II, 651-657. G. Waitz im N. Archiv II, 454-473, vorzüglich
      zur Charakteristik seiner Thätigkeit als Herausgeber. Necrolog
      von Giesebrecht, Münch. SB. 1877, S. 65-74. Wattenbach, Allg. D.
      Biogr. XXV, 406-410.

 [10] Steins Leben V, 412. 416. 478-483.

 [11] Archiv V, 352.

 [12] Eine außerordentlich warme und lebhafte Darstellung von Pertzens
      Verdiensten um das Unternehmen findet sich in einem Briefe
      Boehmers an Gfroerer bei Janssen, Boehmers Briefe, 450. Nach dem
      Necrolog des Raths Schlosser ib. II, 480, war dieser Mitstifter
      und bewirkte durch seinen Einfluss vorzüglich, daß Pertz bei der
      Ausführung an die Spitze kam.

Im Jahre 1824 wurde der definitive Plan des Werkes veröffentlicht,
und 1826 erschien der erste Band desselben. Aus 5 Abtheilungen soll
die ganze Sammlung bestehen, nämlich I. Schriftsteller, II. Gesetze,
III. Kaiserurkunden, IV. Briefe, V. Antiquitäten. Für alle sind
bedeutende Vorarbeiten gemacht worden, und während Pertz nur die beiden
ersten Abtheilungen wirklich begonnen hatte, sind sie seit der neuen
Organisation jetzt alle in der Ausführung begriffen.

Eigentlich hätten die ältesten Annalen des Mittelalters und die
Geschichtschreiber der Gothen, Merowinger und Langobarden das Werk
eröffnen sollen; die Vorarbeiten dazu waren aber so schwierig, und die
Benutzung so unentbehrlicher Handschriften noch nachzuholen, daß diese
ganze Abtheilung einstweilen übergangen wurde, um nicht zu lange mit
dem wirklichen Beginn der Publicationen zögern zu müssen. Jetzt erst,
nach wiederholten Reisen durch Frankreich, Belgien, England, Spanien,
Italien, Rußland, sind die Vorbereitungen der Vollendung nahe gerückt,
und die Herausgabe dieser sehnlich erwarteten Quellen ist ernstlich in
Angriff genommen, größtentheils schon erfolgt.

Den Anfang machten also aus diesen Gründen die =karolingischen
Annalen=[13], welche mit ihren Anfängen noch in die merowingische
Zeit hinaufreichen und mit den Fortsetzungen zum Theil durch das
ganze Mittelalter sich erstrecken. Nur wer die Verwirrung, den
verwahrlosten Zustand kennt, in welchem sich früher diese Annalen
befanden, an verschiedenen Orten und größtentheils in sehr fehlerhafter
Gestalt gedruckt, ohne Unterscheidung ihres echten, gleichzeitig
niedergeschriebenen Gehaltes und der späteren Zusätze, nur der kann
sich eine richtige Vorstellung machen von dem außerordentlichen
Gewinn, welcher der Geschichtsforschung daraus erwuchs, daß nun alle
jene Annalen in einem Bande vereinigt, kritisch gesichtet und durch
neue Entdeckungen bereichert, zur ungehinderten Benutzung bereitet
vorlagen. Daß eben hierdurch auch die Möglichkeit gegeben wurde, über
die ursprüngliche Arbeit hinauszugehen und die Kritik weiter zu führen,
liegt in der Natur der Dinge.

 [13] S. darüber Archiv VI, 251-373. Ausführliche Recension der beiden
      ersten Bände, von Waitz, in den Jahrbüchern f. wiss. Kritik 1837,
      S. 694-731.

Nach einer neuen Reise des Herausgebers nach den Niederlanden, Paris
und England erschien 1829 der zweite Band[14], welcher die Chroniken
und Biographieen der karolingischen Periode enthält. Den Anfang aber
bilden die Geschichtsquellen des Klosters =St. Gallen=, bearbeitet von
=Ildefons von Arx=[15], welche mit dem alten Leben des Stifters beginnen
und bis zum Jahre 1233 unzertheilt beisammen gelassen wurden. Das Leben
des heiligen Ansgar bearbeitete für diesen Band =Dahlmann=.

 [14] S. Archiv VI, 274-294. Der Plan des Unternehmens war in dieser
      Zeit noch nicht so ausgedehnt wie später, weshalb hier noch sehr
      wichtige Stücke, wie die V. Eigilis, fehlen. Diese sind jetzt in
      den Ergänzungsbänden nachgetragen.

 [15] Vgl. (Gerold Meyer von Knonau) P. Ildefons von Arx, St. Gallen
      1874, 4, u. dess. Art. in d. Allg. D. Biogr. I, 615.

Einen neuen sehr bedeutenden Fortschritt brachten die beiden Bände
=Leges= 1835 und 1837. Auch hier wurden einstweilen die alten
Volksrechte noch bei Seite gelassen; erst 1863 erschien der dritte
Band, welcher die Gesetze der Alamannen und Baiern von =Joh. Merkel=,
der Burgunden von =Bluhme=, der Friesen von =Richthofen= bearbeitet
enthält; 1868 im vierten Band das von =Fr. Bluhme= und =Alfred
Boretius= bearbeitete Recht der Langobarden; von diesen Volksrechten
aber erscheinen jetzt neue Bearbeitungen in der Quart-Ausgabe. Die
jüngeren Rechtsbücher blieben der Thätigkeit der Rechtshistoriker
überlassen, während die Reichstagsacten seit König Wenzels Wahl
von der historischen Commission übernommen sind. Von jenen beiden
Bänden aber umfaßt der erste die Capitularien bis 921, der zweite
außer neu aufgefundenen Supplementen Reichsgesetze, kaiserliche
Verordnungen, Rechtsprüche, Verträge und andere wichtige Urkunden bis
1313; hier ist namentlich aus den Vaticanischen Regesten viel neues
von erheblicher Bedeutung mitgetheilt. Ein Anhang enthält in völlig
principloser Mischung unechte Capitularien, Synodalbeschlüsse, und
einige päbstliche Bullen. Die verfälschte Capitularien-Sammlung des
=Benedictus levita= ist hier von dem leider zu früh der Wissenschaft
entrissenen Dr. =Knust= herausgegeben, welcher auf der Heimkehr aus
Spanien in Paris am 9. October 1841 verstarb[16]. Seine Ausgabe wird
ihren kritischen Werth behaupten, aber die in der vorausgeschickten
Abhandlung niedergelegten Untersuchungen sind von =Paul Hinschius=
in seiner Ausgabe der Decretales Pseudo-Isidorianae (1863) zum Theil
widerlegt und berichtigt. Diese beiden ersten Bände der Leges sind
längst vergriffen und eine neue Ausgabe war um so nothwendiger, da die
ursprüngliche Arbeit in hohem Grade durch Flüchtigkeitsfehler entstellt
ist. =Alfred Boretius=, welcher in seiner Schrift: Die Capitularien
im Langobardenreich (Halle 1864) diese Mängel nachgewiesen hatte, hat
auch die neue Ausgabe der Capitularien besorgt; nach seiner schweren
Erkrankung trat für ihn Dr. =Krause= ein. Mit der Bearbeitung der
Reichsgesetze ist =L. Weiland= beschäftigt. Als eine überaus werthvolle
Ergänzung ist die Ausgabe der Formeln von =K. Zeumer= hinzugetreten.

 [16] Seine sehr reichhaltigen und anziehenden Reisebriefe sind im
      Archiv VIII, S. 102-252, gedruckt.

In besserer Weise wurde mit Benutzung tüchtiger jüngerer Kräfte die
Reihe der Scriptores fortgeführt; in rascher Folge erschienen 1839 und
1841 der dritte und vierte Band, welche =die Periode der sächsischen
Kaiser= enthalten. Bei diesen trat =G. Waitz= als Mitarbeiter ein,
während =Lappenberg=, der die Geschichtsquellen der niederelbischen
Lande übernommen hatte, hier als Erstling den Thietmar von Merseburg
bearbeitete, dem später Adam von Bremen u. a. folgten. Für die Zeit
der Karolinger hatten zwei Bände genügt und ebenso noch für die Zeit
der Ottonen zwei von etwas stärkerem Umfange; die Salier dagegen, mit
Lothar, erforderten acht Bände, die von 1844 bis 1856 erschienen; so
sehr wächst um diese Zeit die Masse des Stoffes. Neben Waitz finden
wir hier auch =C. L. Bethmann= thätig, der schon längere Zeit an
den Vorarbeiten Theil genommen und namentlich in den Bibliotheken
Frankreichs und Belgiens gearbeitet hatte; es gelang ihm u. a. die
Urschrift der Chronik des Sigebert zu entdecken, welche mit allen
ihren Fortsetzungen im 6. Bande erschien. Eine längere Reihe jüngerer
Mitarbeiter hat sich den schon genannten angeschlossen, in den letzten
Jahren häufiger wechselnd; von der ersten Generation ist nur =G. Waitz=
fortwährend noch als Herausgeber einzelner Werke betheiligt geblieben.
So ersprießlich nun auch für die rasche Ausführung des Unternehmens
sich die thatsächlich durchaus monarchische Leitung anfänglich
erwiesen hatte, so zeigte sich im Verlaufe desselben immer deutlicher,
daß seine große Ausdehnung die Kräfte eines Mannes überstieg[17],
wie denn auch die ursprünglichen Statuten eine ganz andere Form
vorgeschrieben hatten. Nachdem schon am Bundestage nach dem Referate
Roberts von Mohl eine Aenderung der Leitung in Angriff genommen war,
nahm nach den Kriegsjahren der neue Bundesrath sich der Sache an,
und im Januar 1875 ist unter der Vermittelung der Berliner Akademie
der Wissenschaften eine neue Organisation ins Leben gerufen. Die
Leitung des ganzen Unternehmens hat jetzt eine Centraldirection, deren
Vorsitzender bis an seinen Tod =G. Waitz= war, jetzt =E. Dümmler=; die
einzelnen Abtheilungen sind besonderen Leitern selbständig übergeben.
=Waitz= selbst übernahm die Scriptores und provisorisch die Leges,
=Th. Mommsen= die 'Auctores antiquissimi' der Uebergangszeit als
eigene Abtheilung, =Sickel= die Diplomata, =Wattenbach= die Briefe,
=Dümmler= die Antiquitates. Als beschlossen war, auch die Concilien
der Merowingerzeit aufzunehmen, übernahm =Maaßen= die Vorbereitung
der Ausgabe. Für solche Serien, welche neu begonnen werden, ist ein
bequemeres Quartformat eingeführt. Als Fortsetzung des =Archivs=
der Gesellschaft erscheint das =Neue Archiv=, von welchem jährlich
ein Band ausgegeben wird; dasselbe beginnt mit einem Bericht über
die Neugestaltung der Direction und bringt regelmäßig Berichte über
die jährlichen Versammlungen der Centraldirection und den Stand der
Arbeiten.

  [17] Vgl. darüber die Anzeige von SS. XXIII. und Arch. XII. von L.
       Weiland, GGA. 1877, S. 769-796.

Von dem Deutschen Reich und Oesterreich sind bedeutende Geldmittel
bewilligt, welche eine gesteigerte Betreibung der Arbeiten durch
zahlreiche Gelehrte ermöglichen.

Werfen wir nun einen Blick auf die Art der Ausführung, so treten uns
besonders zwei Hauptprincipien entgegen, welche im Vergleich mit den
älteren Sammlungen einen bedeutenden Fortschritt bezeugen: die genaue
Wortkritik und die strenge Sichtung des Inhalts mit Bezug auf die
Herkunft und Glaubwürdigkeit der Nachrichten.

Zum ersten Male sind hier die mittelalterlichen Schriftsteller mit
einer Genauigkeit behandelt, wie sie früher nur classischen Autoren
zugewandt wurde. Von Anfang an wurde der Grundsatz aufgestellt und in
der Regel auch befolgt, für jeden Schriftsteller alle erreichbaren
handschriftlichen Hülfsmittel zusammenzubringen, ohne Rücksicht auf
frühere Drucke nur die beste Handschrift zu Grunde zu legen, und durch
Vergleichung der übrigen die möglichste Reinheit und Sicherheit des
Textes zu erstreben.

Wenn auch durch frühere Sorglosigkeit, durch die Verwüstungen
der Bauernkriege und die stürmischen Zeiten am Ende des vorigen
Jahrhunderts viel zu Grunde gegangen ist, so hat sich doch, wie
die unternommenen Reisen nach und nach ergaben, mehr erhalten, als
man irgend erwartet hatte. Und wenn auch jetzt manche Handschrift
vermisst wird, welche den Maurinern noch vorlag, so bietet dagegen
unsere Zeit den Vortheil, daß fast alle Bibliotheken und Archive der
wissenschaftlichen Forschung zugänglich sind, während jene noch häufig
über die eifersüchtige Verweigerung des Eintritts Klage führten. Hat
doch selbst Mabillon in Salzburg, so festlich er auch dort empfangen
wurde, keine Handschrift zu sehen bekommen[18].

 [18] Vgl. darüber B. Pez, Thes. I. Diss. Isagog. p. V.

Von nicht geringerer Wichtigkeit als die Correctheit der Texte ist
aber zweitens die genaue kritische Analyse der Quellen. Nicht nur sind
dadurch mehrere früher allgemein benutzte Schriften als untergeschoben
gänzlich ausgeschieden worden, sondern auch die echten Chronisten
werden erst dadurch dem Geschichtsforscher recht brauchbar, daß ihm
auf den ersten Blick entgegentritt, was jedem eigenthümlich, was
von anderen entlehnt ist, und woher er es entnommen hat. Zuerst in
der Ausgabe des Regino, und seit dem vierten Bande der Scriptores
in consequenter Durchführung, wird alles von anderen unmittelbar
entlehnte auch durch Petitdruck kenntlich gemacht, was die Benutzung
ungemein erleichtert. Das wird jeder zu würdigen wissen, welcher irgend
Gelegenheit gehabt hat, andere Sammlungen und Ausgaben zu benutzen, wo
der gewissenhafte Forscher diese Arbeit stets von neuem vornehmen muß,
während freilich viele es sich leichter machen und ohne Unterscheidung
gleichzeitige, spätere und abgeleitete Nachrichten benutzen.

Die =Reihenfolge= der Quellen ist =chronologisch=, und zwar in
zweifacher Weise, zuerst nach den angegebenen größeren Perioden und
dann wieder innerhalb der kleineren Abtheilungen. In einer solchen
Periode werden nämlich zuerst die Annalen gegeben, streng nach Jahren
geordnete, oft gleichzeitige, in der Regel kurze Aufzeichnungen[19].
Darauf folgen die Chroniken und Geschichten, welche zum Theil noch
die annalistische Form beibehalten, doch nur als äußere Gestalt,
denn sie sind meistens nicht gleichzeitig und unterbrochen,
sondern zusammenhängend, im Rückblick auf einen größeren Zeitraum
aufgezeichnet, und versuchen, über die bloße Aufzeichnung der
Thatsachen hinausgehend, deren pragmatische Verbindung und innere
Entwicklung nachzuweisen. Den allgemeineren Werken dieser Art schließen
sich die Localchroniken an, deren wir aus der älteren Zeit manche
von Klöstern und Bisthümern besitzen, während später die Chroniken
der Länder und Städte beginnen, und allmählich ganz das Uebergewicht
gewinnen. Den Schluß bilden die Biographieen und kleineren Erzählungen
verschiedener Art, welche nebst den Localchroniken in das lebendige
Treiben der Zeit einführen, und denen wir größtentheils das Fleisch und
Blut zu dem chronologischen Gerüste der Annalen verdanken.

 [19] In den letzten Bänden ist unter der Leitung von Pertz der
      Begriff der Annalen immer weiter und, wie mir scheint, übermäßig
      ausgedehnt, z. B. auf Albert von Stade, Vincenz von Prag.

Es versteht sich von selbst, daß diese Gattungen durch keine scharfe
Grenzen gesondert sind, und manches Stück so sehr in der Mitte steht,
daß es nur nach zufälligen Umständen hier oder dort seine Stelle
findet.

Innerhalb dieser Kategorieen ist die Anordnung wiederum chronologisch,
nach dem Endjahr, doch wird dieser Grundsatz nicht pedantisch
durchgeführt, sondern durch mancherlei Rücksichten beeinträchtigt.
Nicht nur wird nachträglich mitgetheilt, was während der Arbeit neu
entdeckt wird, sondern es bleibt auch oft das gleichartige zusammen.
Namentlich wird die Fortsetzung nicht vom Hauptwerk getrennt, wenn
sie nicht ganz selbständiger Art ist. So sind die Casus S. Galli bis
1233 beisammen geblieben, und Sigebert mit seinen Fortsetzern, so auch
Cosmas und die österreichischen wie die schwäbischen Annalen.

Dom Bouquet und seine ersten Fortsetzer haben das entgegengesetzte
Princip verfolgt. Sie gaben zu jeder Periode alles darauf bezügliche
aus allen Schriftstellern, wodurch scheinbar ein großer Vortheil
für den Geschichtschreiber erreicht wird, da er seinen ganzen Stoff
übersichtlich vor Augen hat. Dagegen aber wird es ihm außerordentlich
schwer, ein kritisches Urtheil über die Quellen zu gewinnen, weil
er sie nirgends vollständig beisammen hat; und doch kommt bei der
geschichtlichen Forschung gerade darauf so viel an: es ist wenig damit
gewonnen, die Worte einer historischen Nachricht zu haben, wenn man
nicht weiß, wie viel Glauben der Schriftsteller verdient, und wie die
ganze Art und Weise seiner Auffassung und Darstellung beschaffen ist.

Während nun bei Bouquet z. B. der Sigebert in viele Bände vertheilt
ist, bleibt in den Mon. Germ. jeder Schriftsteller so viel wie
möglich in seiner Integrität; man hat auch nicht, wie Stenzel früher
vorschlug, dasjenige weggelassen, was der Verfasser nur aus anderen
bekannten Quellen entlehnt hat; sondern man hat es wenigstens bei
den bedeutenderen Schriftstellern vorgezogen, diese Theile nur
durch kleineren Druck kenntlich zu machen, weil es für uns auch
von Wichtigkeit ist zu wissen, wie die Schriftsteller der Zeit die
Vergangenheit behandelten, aus welchen abgeleiteten Quellen die
Folgezeit ihre Kenntniß schöpfte, und wie auf diese Weise die Kunde
der Geschichte allmählich verengt und entstellt wurde. So hat z. B.
die Chronik des Martin von Troppau fast gar keinen eigenen Werth, aber
sein Compendium der Pabst-und Kaisergeschichte ist nichtsdestoweniger
sehr wichtig, weil es Jahrhunderte lang die Hauptquelle der
Geschichtskenntniß blieb.

In manchen Fällen jedoch war es nicht rathsam oder thunlich, die ganzen
Werke aufzunehmen, und dann hat man sich auf Auszüge beschränkt; wenn
nämlich die Hauptmasse der deutschen Geschichte fern liegt, fremde
Länder oder zu entlegene Zeiten betrifft, wenn zwischen theologischen
und anderen Betrachtungen sich nur vereinzelt geschichtliche
Nachrichten finden, oder wenn eine wüste Compilation vorlag, welche
keinen Anspruch darauf machen kann, als litterarisches Erzeugniß
behandelt zu werden. Deutsche Hauptschriftsteller dagegen, welche durch
ihre ganze Persönlichkeit bedeutend sind, haben ein wohlbegründetes
Recht darauf, in ihrer ganzen Individualität aufgefaßt zu werden, und
Männern wie Otto von Freising darf man ihre Werke nicht verstümmeln[20].

 [20] Sehr verständig äußert sich darüber am 21. Jan. 1821 Herr von
      Buchholz in Wien, der mit lebhafter Theilnahme dem Unternehmen
      zugewandt war, Archiv III. 327, und schon früher E. M. Arndt in
      Steins Leben VI, 2, 129; vgl. V, 273. 366. Ebenso auch Niebuhr,
      Arch. V, 729.

Von auswärtigen Geschichtsquellen sind von Anfang an nicht selten
Auszüge mitgetheilt; in der Periode der Staufer haben diese einen
sehr großen Umfang gewonnen. Es bedarf zu ihrer Bearbeitung einer
sehr großen Arbeit voll Selbstverleugnung, da gewöhnlich zur Gewinnung
der Auszüge das ganze Werk kritisch untersucht werden mußte. Für die
Benutzung aber ist bei der oft schwierigen Zugänglichkeit der Ausgaben
diese Zusammenstellung eine große Wohlthat, und ein gegen dieses
ganze Verfahren gerichteter Angriff hat deshalb von vielen Seiten eine
scharfe Zurückweisung hervorgerufen; es genügt hier, auf die Schrift
von =O. Holder-Egger= zu verweisen: „Die Monumenta Germaniae und ihr
neuester Kritiker“ (Hann. 1888).

Von manchen der bedeutenderen Quellen sind nun neben der großen
Sammlung auch =Octavausgaben= veranstaltet, ursprünglich ohne den
kritischen Apparat, jetzt aber mit demselben. Auch werden in dieser
Form neue Ausgaben veranstaltet und einzelne ferner liegende Quellen
vorläufig mitgetheilt.

Ueber diesen ganzen reichhaltigen, aber wegen verschiedener Umstände
nicht systematisch geordneten und schwer zu übersehenden Inhalt gewährt
jetzt ein ungemein dankenswerthes =Repertorium= die vortrefflichste
Uebersicht, gemeinschaftlich verfasst von =O. Holder-Egger= und =K.
Zeumer=[21].

 [21] Indices eorum quae in Monumentorum Germaniae historicorum tomis
      huiusque editis continentur. Hannov. et Berol. 1890. 4.

Sehr zu rathen ist, die wichtigeren, jetzt so leicht zugänglich
gemachten Quellenschriften auch wirklich zu lesen, weil das bloße
Nachschlagen und Benutzen einzelner Stellen zu so vielen Irrthümern
und Mißverständnissen Anlaß giebt, und nur das Lesen im Zusammenhang
die richtige Anschauung gewährt; nur dadurch gewinnt man ein lebendiges
Bild von den einzelnen Schriftstellern, wie von der ganzen Zeit und der
damals herrschenden Art der Anschauung und Auffassung.

Noch besser wird vielleicht in manchen Fällen dieser Zweck erreicht
durch die schon von =Stein= gewünschten[22] =Uebersetzungen= aus denen
uns der Inhalt der Schriften weit reiner entgegentritt, indem der Leser
hier nicht durch die einzelnen Schwierigkeiten beschäftigt wird, die
sonst leicht seine Aufmerksamkeit zerstreuen. Auch wird man durch die
Uebersetzungen nicht selten auf Stellen aufmerksam gemacht, die man
früher übersah, und wenn die Uebersetzung gelungen ist, bietet sie kein
unbedeutendes Hülfsmittel dar zum richtigen Verständniß des Textes,
welches häufig gar nicht so leicht ist, wie der erste Anschein glauben
läßt. Denn das mittelalterliche Latein hat viel eigenthümliches, und
nicht nur in diese Sprache überhaupt, auch in den Sprachgebrauch der
einzelnen Schriftsteller muß man sich erst mit Sorgfalt hineinlesen, um
ihn ganz zu verstehen.

 [22] In einem Brief an Büchler vom 23. Juli 1827. Steins Leben VI, 1,
      415. Böhmer legte der Centraldirection den Plan zu einer solchen
      Sammlung vor, s. Janssen, Böhmers Leben S. 129.

Die Wichtigkeit dieser seit 1849 unter dem Titel der
=Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit= erscheinenden Sammlung
von Uebersetzungen ist deshalb unverkennbar, aber die Ausführung ließ
viel zu wünschen übrig. Die Ungleichartigkeit der einzelnen Arbeiten
ließ den Mangel einer eigentlichen Leitung sehr empfinden, und manche
Uebersetzung war voll von Fehlern. Von den auf dem Titel genannten
berühmten Namen hat nur Pertz sich der Sache wirklich angenommen,
doch begreiflicher Weise nur als Nebensache. Jahrelang hat dann dieses
Unternehmen gänzlich geruht, ist jedoch, seit einigen Jahren wieder in
Angriff genommen. Die Nützlichkeit desselben bewährt sich auch dadurch,
daß von vielen einzelnen Bänden neue Auflagen nöthig geworden sind, und
gegenwärtig erscheint, von =Wattenbach= geleitet, eine chronologisch
fortschreitende neubearbeitete Auflage der ganzen Sammlung.


§ 5. Andere Arbeiten des neunzehnten Jahrhunderts.

In weiten Kreisen hat das Unternehmen der Monumenta Germaniae anregend
gewirkt, es hat als Vorbild gedient in Turin und in England; aber
andererseits wurde es auch befördert durch mancherlei Bestrebungen
verwandter Art, und durch die lebhafte Aufmerksamkeit, welche überhaupt
für das Mittelalter einmal erweckt war und bald zu den gediegensten
Untersuchungen führte. =Raumer=, =Ranke=, =Stenzel= wirkten in
anregendster Weise sowohl mündlich wie schriftlich. Schon 1813
erschien von Fr. v. Raumer das Handbuch merkwürdiger Stellen aus den
lateinischen Geschichtschreibern des Mittelalters, und die Geschichte
der Hohenstaufen (1824) gab das Beispiel einer lebendigen Benutzung der
Quellen, einer auf Leben, Verfassung, Sitte eingehenden Darstellung,
welche nicht für den Gelehrten allein geschrieben ist. Ranke stellte in
seiner Schrift _Zur Kritik neuerer Geschichtschreiber_, welche 1824 als
Beilage zu seinen Romanischen und Germanischen Geschichten erschien,
das trefflichste Muster der Quellenkritik auf[1], während seine
praktischen Uebungen, aus denen die Jahrbücher des deutschen Reichs
unter den sächsischen Kaisern hervorgegangen sind, die Mehrzahl der
älteren Mitarbeiter an den Monumenten ausgebildet haben.

 [1] Neue Ausgabe 1874: Ges. Werke XXXIV. Vgl. G. Waitz in den
     Nachrichten von der G. A. Universität 1855, N. 14.

Stenzel gab in seiner Geschichte der fränkischen Kaiser 1828 eine
rein nach Originalquellen gearbeitete Darstellung, welche um so
bewundernswerther erscheint, wenn man den damaligen Zustand der
Quellen und den Mangel an guten Hülfsmitteln und Vorarbeiten bedenkt.
Vorzüglich aber enthält der zweite Band treffliche Untersuchungen
über einzelne Geschichtsquellen dieser Zeit, und eine ausgezeichnete
Abhandlung über die bei ihrer Behandlung festzuhaltenden Grundsätze.

Seitdem haben sich diese Bestrebungen in immer weiteren Kreisen
verbreitet; aller Orten sind historische Vereine thätig für die
Bearbeitung der vorherrschend localen Quellen. Eine Zeit lang war man
vielfach geneigt, alles von den Herausgebern der Monumenta zu erwarten,
allein bald erkannte man doch, daß diese die späteren Zeiten noch
lange nicht erreichen werden, und daß auch, je mehr mit der Zeit der
Stoff anwächst und sich zersplittert, desto weniger alles ohne Ausnahme
Aufnahme finden kann. Sehr zweckmäßig ist es daher, daß man angefangen
hat, die Quellen einzelner Gegenden selbständig herauszugeben, wobei
dann auch das spätere Mittelalter und das sechzehnte Jahrhundert mehr
Berücksichtigung gefunden haben. So erschienen von =Mone= die badischen
Geschichtsquellen, von =Grautoff= die lübischen, von =Lappenberg=
die bremischen, hamburgischen, holsteinischen, von =Stenzel= die
schlesischen, von der Gesellschaft der Wissenschaften zu =Görlitz=
die Lausitzer[2], von =Ficker=, =Cornelius=, =Janssen=, =Diekamp= die
münsterischen, von =Endlicher= die ungarischen, und vielfach sind
einzelne Quellenschriften abgesondert herausgegeben. In Böhmen, wo
schon früher eine rege Thätigkeit auf diesem Felde entfaltet war,
legte =Palacky= durch seine Würdigung der böhmischen Geschichtschreiber
den Grund zu einer erneuten kritischen Bearbeitung, und 1853 erschien
von =M. Töppen= die Geschichte der preußischen Historiographie, als
Vorläufer und Keim der ausgezeichneten Sammlung der _Scriptores Rerum
Prussicarum_, welche jetzt in fünf Bänden vollendet vorliegt. Die
=Städtechroniken=, ein ebenso wichtiges wie schwieriges Gebiet, hat die
Münchener historische Commission unter ihre Aufgaben aufgenommen und
unter =Karl Hegels= Leitung sind bereits zwanzig Bände erschienen.

 [2] Da gegenwärtig die Schreibart solcher Formen mit kleinem
     Anfangsbuchstaben durchaus herrschend ist, so scheint es nicht
     überflüssig, auf J. Grimms Kl. Schriften V, 380 zu verweisen: „Ein
     grobes versehn, dessen sich heutzutage fast alle ... schuldig
     machen, ist es in den redensarten Pariser vertrag, Berliner
     belagerungszustand und zahllosen andern den vorausgesetzten,
     freilich ungefühlten gen. pl. für ein adjectiv zu halten....
     Wenn doch einmal grosze Buchstaben gelten sollen, dürfen am
     allerwenigsten sie solchen appellativen fehlen.“

Ueber das viele Material, welches in periodischen Schriften, besonders
in den Zeitschriften der historischen Vereine niedergelegt ist,
orientirt das Repertorium von =Walther= 1845 und das neuere und
zugleich umfassendere von =Koner= (1856). Eine weitere Fortsetzung
fehlt leider.

Doch noch eines Mannes haben wir zu gedenken, der allein mehr gewirkt
hat, als die meisten Vereine, und von dem sich der anregendste
lebendigste Einfluß nach allen Seiten verbreitete. =J. F. Böhmer=,
Bibliothekar in Frankfurt a. M. und mit Pertz Director der
Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde[3], hatte anfangs
die Redaction der Abtheilung der Kaiserurkunden übernommen, diese
aber später wieder aufgegeben, und sich auf die ursprünglich als
Vorarbeit dafür begonnenen _Regesten_ beschränkt. Diese haben in den
neueren Bearbeitungen immer weitere Ausdehnung erhalten; die kurzen
Urkundenauszüge sind vollständiger geworden und durch Auszüge aus
den Geschichtschreibern und Annalen in Verbindung gebracht; das ganze
historische Material einer Periode wird dem Geschichtsforscher geordnet
vor Augen gelegt und in den Einleitungen die Quellen besprochen und
gewürdigt. Der zuerst erschienene Theil, von 919 bis 1197, bedurfte
begreiflicher Weise auch zuerst der Berichtigung und Ergänzung. Diese
Aufgabe stellte sich =K. F. Stumpf= in seinem Werke: „Die Reichskanzler
vornehmlich des X., XI. u. XII. Jahrhunderts“, dessen Abschluss =J.
Ficker= nach dem frühen Tode des Verfassers in der Weise besorgte, daß
durch Aufnahme von Böhmers Citaten das Buch selbständig geworden ist
und man der alten Regesten nicht mehr bedarf. Außerdem aber ist eine
Neubearbeitung des ganzen Regestenwerkes in erweiterter Form in Angriff
genommen, wovon die Regesten der Karolinger von =Engelbert Mühlbacher=,
und die der Staufer von 1198 bis 1272, von =Ficker=, ihrer Vollendung
entgegen gehen.

 [3] Ueber seinen Antheil s. Janssen, Böhmers Leben I, 122 ff. Allg.
     D. Biogr. III, 76-78, von Wattenbach.

Neben dieser, für die historischen Studien unendlich fruchtreichen
Arbeit wurde =Böhmer= durch die Verwahrlosung der späteren Chroniken
und den Besitz an reichem, aus Handschriften gewonnenem Stoff
veranlaßt, in den drei Bänden seiner _Fontes Rerum Germanicarum_
auch eine eigene Quellensammlung erscheinen zu lassen, welche für das
zwölfte bis vierzehnte Jahrhundert vom ausgezeichnetsten Werthe ist.
Mit mannigfachen Entwürfen beschäftigt, die nicht mehr zur Ausführung
kamen, ist Böhmer am 22. October 1863 in Frankfurt gestorben; in
seinem letzten Willen hat er für die geeignete Verwerthung seines
handschriftlichen Nachlasses und die Fortführung seiner Arbeiten
Fürsorge getroffen. Auch ist bereits durch =Alfons Huber= der
vierte Band der Fontes herausgegeben, während eine große Fülle von
werthvollem, urkundlichem Material durch =Julius Ficker= in den
_Acta Imperii Selecta_ verwerthet ist. Außer der schon erwähnten
Neubearbeitung der Kaiser-Regesten aber sind von =A. Huber= die
Regesten Karls IV, von =C. Will= die Regesten der Mainzer Erzbischöfe
als Theile dieses großen Corpus erschienen.

Eine umfassendere Quellensammlung von strengerem wissenschaftlichen
Charakter und mehr methodischer Art verdanken wir =Philipp Jaffé=,
lange Zeit dem vorzüglichsten Mitarbeiter der Monumenta. Von diesen
zurücktretend, begann Jaffé ein selbständiges Unternehmen unter dem
Titel _Bibliotheca Rerum Germanicarum_. Hinweisend auf den langsamen
Fortgang der Monumenta Germaniae, auf die nach 40 Jahren noch gänzlich
fehlenden drei Abtheilungen der Urkunden, Briefe und Alterthümer,
gab der Herausgeber als seinen Zweck an, Quellen verschiedener Art,
vorzüglich solche, welche in den Monumenten fehlen, zu einzelnen
auch in sich abgerundeten Gruppen zu vereinigen, so daß ein Ort, eine
bedeutende Persönlichkeit oder ein wichtiger Zeitraum den Mittelpunkt
bilde. So sind zuerst 1864 _Monumenta Corbeiensia_ erschienen, welche
mit einer berichtigten Ausgabe der Annalen und anderer kleinerer Stücke
die lange begehrten Briefe Wibalds verbinden, und schon 1865 folgten
_Monumenta Gregoriana_, die erste kritische Ausgabe der Briefe Gregors
VII nebst Bonitho's v. Sutri liber ad amicum. Trefflichkeit der Arbeit
mit sauberer Ausstattung und handlichem Format verbindend, hat dieses
neue Unternehmen überall freudige Aufnahme gefunden. In rascher Folge
erschienen noch drei Bände, welche als Hauptstücke die Bonifazische
Briefsammlung, den Codex Carolinus nebst Einhards Briefen und den
Codex Udalrici brachten, bis ein plötzlicher Tod am 3. April 1870 der
rastlosen Arbeit des Herausgebers ein Ziel setzte. Wie gewaltig diese
Arbeit gewesen war, das wissen am besten diejenigen zu schätzen, welche
den begonnenen sechsten Band vollendet haben, dessen Hauptinhalt die
Briefe Alcuins bilden.

Nicht unerwähnt darf hier auch Jaffé's älteres Werk bleiben, die
_Regesta Pontificum Romanorum_ bis zum Jahr 1198. Im Jahr 1851
erschienen, ist es seitdem als unentbehrliches Hülfsmittel überall
verbreitet und in seinem hohen Werthe anerkannt. Was bis dahin wohl
lebhaft gewünscht war, aber nur durch gemeinschaftliche Arbeit
einer gelehrten Körperschaft erreichbar schien, gewährt hier der
eiserne Fleiß und die umfassende Gelehrsamkeit des einzelnen Mannes.
Für den uns zunächst vorliegenden Zweck ist dieses Werk insofern
von Bedeutung, als es wegen der Berücksichtigung von Chronisten
und Biographieen auch einen Wegweiser durch die Litteratur der
Pabstgeschichte darbietet. Diese ist in neuester Zeit noch durch eine
umfassende Sammlung bereichert worden, durch =Watterichs= Ausgabe
der _Pontificum Romanorum Vitae_ von 872 bis 1198; der versprochene
dritte Band bis auf Gregor X fehlt noch. Nicht eben einverstanden
mit der Zusammenhäufung abgerissener Bruchstücke, verkennen wir doch
nicht die Verdienstlichkeit dieser mühsamen Arbeit, und werden sie bei
den einzelnen Abschnitten noch häufig zu erwähnen haben. Die weitere
Fortführung der Regesten bis 1304 verdanken wir =August Potthast=.

Von Jaffé's Regesten aber ist unter Wattenbachs Leitung eine neue sehr
vermehrte Ausgabe erschienen, von welcher der erste Theil bis 590 von
=F. Kaltenbrunner=, der zweite bis 882 von =P. Ewald=, der Haupttheil
von 882 bis 1198 von =S. Löwenfeld= bearbeitet sind.

       *       *       *       *       *

Es bleibt noch übrig, einige Worte über ältere Arbeiten auf dem uns
vorliegenden Gebiete hinzuzufügen. Das Bedürfniß einer Darstellung der
historiographischen Entwickelung des deutschen Mittelalters machte
sich seit der immer wachsenden Beschäftigung mit diesem Zeitraum
stets dringender geltend. =Ludwig Wachlers= kurze Skizze im Eingange
seiner „Geschichte der historischen Forschung und Kunst“ (Gött. 1812)
verdient als erster Versuch Erwähnung, kann aber doch jetzt nur noch
dazu dienen, die seitdem gemachten Fortschritte recht lebhaft empfinden
zu lassen, während das eigentliche Hauptwerk auch jetzt noch brauchbar
ist. Willkommen als Hülfsmittel war =Dahlmanns= „Quellenkunde der
deutschen Geschichte nach Folge der Begebenheiten“, zuerst 1830, dann
1838 in zweiter Ausgabe erschienen; 1869 in dritter, 1875 in vierter,
1883 in fünfter Ausgabe durch G. Waitz =neu= bearbeitet und bedeutend
vermehrt, ist diese Quellenkunde als eine überaus dankenswerthe und
werthvolle Gabe zu betrachten, aber Darstellung liegt dem Plane des
Buches fern.

Ungemein verdienstlich war es, daß =F. Baehr= seine Geschichte der
römischen Litteratur über die gewöhnliche Grenze fortführend, 1836 die
christlichen Dichter und Geschichtschreiber Roms, 1837 die theologische
Litteratur hinzufügte, 1840 die Geschichte der römischen Litteratur
im karolingischen Zeitalter folgen ließ, mit derselben umfassenden
Gelehrsamkeit, derselben Sorgfalt und Genauigkeit gearbeitet, welche
das ganze Werk auszeichnet. Die neue Ausgabe wurde leider durch den
Tod des Verfassers unterbrochen und nur die erste Abtheilung des
vierten Bandes (Die christlichen Dichter und Geschichtschreiber bis auf
Paulus Diaconus) ist 1872 in zweiter Ausgabe erschienen. Nicht minder
umfassend ist die jetzt schon in fünfter Auflage (1890) vorliegende
Geschichte der römischen Litteratur von =W. S. Teuffel= (besorgt von
=L. Schwabe=). 1837 erschienen „Die Geschichtschreiber der sächsischen
Kaiserzeit“ von =Contzen=, der sich durch die falschen Corveyer
Quellen irre führen ließ; was sonst etwa für jene Zeit brauchbares
in der Schrift enthalten war, ist durch die inzwischen erschienenen
neuen Ausgaben der betreffenden Schriftsteller vollkommen veraltet.
Auf einen anderen Abweg war =L. Haeusser= gerathen, indem er durch die
von Schlosser ihm mitgetheilten Briefe des Herrn =Galiffe= in Genf[4]
sich verleiten ließ, auf dessen wunderliche Ideen von systematischer
Fälschung der Quellen in großem Umfange einzugehen. Freilich bewahrte
ihn sein richtiger kritischer Sinn vor völliger Zustimmung; vielmehr
widerspricht er häufig den Behauptungen Galiffe's, doch ist er noch
immer geneigt, ihnen zu große Bedeutung beizulegen. Uebrigens enthält
diese Schrift „Ueber die Teutschen Geschichtschreiber vom Anfang
des Frankenreichs bis auf die Hohenstaufen“ (Heid. 1839) manche
treffende Bemerkung, beruht aber noch auf zu ungenügenden Studien, um
das vorgesteckte Ziel erreichen zu können. Haeusser war damals noch
Lehrer in Wertheim; er hat sich später anderen Gebieten zugewandt und
diesen Gegenstand nicht wieder berührt. Noch war auch die Lage der
Dinge so, daß fast nur in dem Kreise der Mitarbeiter an den Monumenta
Germaniae die hinlängliche Vertrautheit mit dem ganzen Quellengebiet
erreichbar war, welche die Lösung der vorliegenden Aufgabe möglich
machte. Von hier aus trat nun =G. Waitz= mit einer Arbeit auf,
welche zuerst einen bleibenden Werth in Anspruch nehmen kann. In Kiel
gehaltene Vorträge weiter ausführend, gab er 1844 und 1845 in W. A.
Schmidts Zeitschrift für Geschichtswissenschaft II, 39-58, 97-114,
IV, 97-112 „Ueber die Entwickelung der deutschen Historiographie
im Mittelalter“ eine Darstellung, welche als grundlegend auf diesem
Gebiet betrachtet werden muß, und lange Zeit für diese Studien das
vorzüglichste Hülfsmittel blieb. Die Absicht, den Gegenstand in einem
größeren Werke eingehender zu behandeln, brachte Waitz jedoch nicht zur
Ausführung und suchte dagegen durch eine von der Göttinger Gesellschaft
der Wissenschaften gestellte Preisfrage eine Bearbeitung von anderer
Hand hervorzurufen. Schon früher mit dem Plane eines solchen Werkes
beschäftigt, nahm ich hiervon Veranlassung zu der 1858 erschienenen
ersten Auflage des hier vorliegenden Buches, welchem 1866 die zweite,
1873 die dritte, 1877 die vierte, 1885 die fünfte folgten. Eine sehr
nützliche und willkommene Ergänzung desselben gewähren die von =W.
v. Giesebrecht= in seiner „Geschichte der deutschen Kaiserzeit“ mit
den einzelnen Abschnitten verbundenen Uebersichten der Quellen und
Hülfsmittel, welche von anderem Gesichtspunkt ausgehen und über manche
Quellenschriften sehr lehrreiche Bemerkungen enthalten. Untersuchungen
über einzelne Geschichtsquellen sind in reicher Fülle erschienen;
sie werden in dieser neuen Ausgabe berücksichtigt werden, soweit sie
in den betreffenden Zeitraum gehören. Ueber diese hinauszugehen, war
meine Absicht nie gewesen, weil dazu ein Studium der Quellen allein
kaum ausreicht; es ist fast unerläßlich, daß, wer eine solche Aufgabe
lösen will, selbständig innerhalb dieses Zeitraums gearbeitet habe.
Um so erfreulicher war es, dass =Ottokar Lorenz=, der Verfasser der
freilich leider unvollendeten „Deutschen Geschichte im 13. und 14.
Jahrhundert“, sich entschloß, diese gerade ihm so nahe liegende Arbeit
zu unternehmen. Zuerst 1870 im Anschluß an mein Werk erschienen,
ist auch dieses Werk 1876 in zweiter Auflage erschienen, in welcher
es durchgängig vermehrt, verbessert, und auch bis zum Ausgang des
Mittelalters fortgeführt ist. 1886 erschien die dritte Auflage in
Verbindung mit Dr. =Arthur Goldmann=.

 [4] Diese Briefe sind nur autographirt vorhanden; vgl. die
     Lobpreisung: Notice sur la vie et les travaux de J. A. Galiffe
     (Genève 1856) S. 56.



I. Die Vorzeit.

Von den ersten Anfängen bis zur Herrschaft der Karolinger.


§ 1. Die Römerzeit. Legenden.

Tacitus berichtet uns, daß noch zu seiner Zeit die Germanen in ihren
=Liedern= die Thaten des Arminius feierten[1]. Nicht unmöglich ist,
daß noch in den Dichtungen der deutschen Heldensage, welche Karl der
Große sammeln und aufschreiben ließ[2], dieser uralten Kämpfe gedacht
wurde: was =uns= von einheimischer Sage erhalten ist, reicht nicht
weit über die Zeiten Attila's hinauf, dessen gewaltige Hand mit so
übermächtiger Kraft alles zerschmetterte, was ihm entgegentrat, daß
auch das Gedächtniß der früheren Zeit erlosch. Von den Völkerschaften,
deren Tacitus gedenkt, weiß die Sage nichts; auch die gothischen und
langobardischen Heldenlieder, deren Inhalt uns zum Theil erhalten ist,
sind früh verklungen. Etzel aber und Dietrich von Bern und die Könige
der Burgunden lebten fort in der Erinnerung des Volks; wir haben die
Lieder, welche von ihnen reden, aber wie unbestimmt und nebelhaft sind
ihre Gestalten geworden: kaum erkennt man noch, ob es Menschen sind
oder Götter. Das ist die Natur der mündlichen Ueberlieferung, in der
es nichts festes und stätiges giebt, und schlimm würde es um unsere
Kenntniß der Geschichte stehen, wenn wir auf jene allein angewiesen
wären.

 [1] Ann. II, 88. Vgl. Wackernagel, Geschichte der deutschen
     Litteratur, S. 8 ff.

 [2] Einh. V. Karoli c. 29.

Kaiser Ludwig hatte keine Freude an den Liedern der Heimath, welche
er in seiner Kindheit erlernt hatte[3]; mit heidnischen Vorstellungen
und Anschauungen durchwebt, widerstrebten sie seinem kirchlichen
Sinne, und wie dieser Kaiser, so verhielt sich auch die ganze Kirche
feindlich gegen diese Sagendichtung, so große Freude auch einzelne
ihrer Diener daran haben mochten. Die =Kirche= aber führte damals,
und bald für lange Zeit ausschließlich und allein, den Griffel und die
Feder, welche sie nicht entweihen wollte durch die Aufzeichnungen halb
heidnischer Gesänge; sie strebte vielmehr dahin, auch auf dem Felde der
Dichtkunst das Christenthum zum Siege zu führen. Wir gedenken jetzt mit
vergeblicher Sehnsucht der verlorenen Sammlung Karls des Großen; allein
die Kirche, in welcher sich Jahrhunderte lang fast das ganze geistige
Leben des Volkes uns darstellt, hat für diesen Verlust auch reichen
Ersatz geboten, indem sie die wirkliche Geschichte der Zeit in fester,
zuverlässiger Aufzeichnung überlieferte, freilich oft in dürrer und
reizloser Form, aber um so treuer und wahrhaftiger.

 [3] Thegani V. Lud. c. 19.

Vor der Bekehrung zum Christenthum kann daher von einheimischen
Geschichtsquellen nicht die Rede sein; von dem Deutschland, welches
Arminius' Heldenkampf dem römischen Einflüsse entzogen hat, bringen
uns nur die Werke der Römer und Griechen spärliche Kunde, und diese zu
berühren, liegt außerhalb der Grenzen der vorliegenden Aufgabe. Aber
auch westlich vom Rheine, südlich von der Donau und der Teufelsmauer
liegt gegenwärtig viel deutsches Land, wohnte auch unter der
Römerherrschaft manch deutscher Stamm, und nicht ganz ist der Faden
zerrissen, welcher in diese Zeiten hinüberführt. Der Boden selber redet
zu uns in vernehmlicher Weise. Noch stehen in Trier die gewaltigen
Bauten der Römer; ihre Thürme und Wälle, ihre Landstraßen und Gräber,
die zahlreichen Inschriften, welche die verschiedensten Verhältnisse
des Lebens berühren, entrollen vor unsern Augen ein Bild jener Zeit,
da das weltbeherrschende Volk sich auch hier häuslich niedergelassen
hatte und manche blühende Stadt ein kleines Abbild der ewigen Roma
darbot. Wir erkennen noch ihre Capitole, ihre Tempel, Theater und
Gerichtshallen, ihre Bäder und Villen, ihre Fabriken, deren Stempel auf
den Trümmern der Geräthe deutlich zu lesen sind. Allein das alles liegt
wie eine fremde Welt hinter uns, eine gewaltige Kluft trennt uns von
jener Zeit, erfüllt von allem Greuel der Verwüstung und vernichtenden
Kriegszügen. Der bebaute Acker birgt Reste von Gebäuden, die mit
der sinnvollsten Technik dem Klima gemäß zu behaglicher Bewohnung
eingerichtet und mit reichem Schmuck der Kunst ausgestattet waren;
aber was blieb außer diesen schwachen Spuren übrig von dem einst so
volkreichen und betriebsamen Virunum? In Salzburg fand Sanct Rupert nur
waldbewachsene Ruinen des alten Juvavum, wilde Thiere hausten in den
Räumen der Prachtgebäude. Andere Städte, wie Regensburg und Augsburg,
wie Trier, Cöln und Mainz, sind bewohnt geblieben, ja man hat geglaubt,
daß ganze römische Stadtgemeinden mit ihrer Verfassung und ihren
Obrigkeiten sich hier erhalten hätten. Eitler Traum! Zu gründlich haben
unsere Vorfahren hier aufgeräumt; wer durch Reichthum und ansehnliche
Stellung hervorragte, fiel als Opfer oder entwich bei Zeiten der
Gefahr: einzelne fanden bei den germanischen Fürsten als Tischgenossen
des Königs Aufnahme, aber nur indem sie den alten Verhältnissen
gänzlich entsagten und sich dem Gefolge des neuen Herrschers
anschlossen. Und so wurden auch die übrigen Romanen, so viele ihrer am
Leben und im Lande blieben, als Hörige, einzelne hin und wieder auch
als Volksgenossen, in die Gemeinschaft der Einwanderer aufgenommen.

In den Grenzlanden, welche schon durch den langen Kampf verödet
waren, welche dann die ganze Wucht der hereinbrechenden beutelustigen
Heerschaaren traf, mag kaum ein römisch redender Bauer übrig geblieben
sein; die Eroberer stürmten mit ihren Gefangenen weiter und ließen das
Land verödet hinter sich. Auch war hier schon lange die Bevölkerung
großentheils germanisch. Aber in den Gebirgen des Südrandes[4]
finden wir noch nach Jahrhunderten wälsche Bauern erwähnt; wo der
überfluthende Strom seine Dämme fand, blieb unter der Herrschaft
des deutschen Kriegers auch die gewonnene Beute der unterworfenen
Bevölkerung. Sie mußte dem neuen Herrn das Feld bauen und ihm dienen
mit der sehr willkommenen und geschätzten Arbeit ihrer kunstfertigen
Hände[5].

 [4] Auch in der Ortenau, s. Aloys Schulte, Zts. f. Gesch. d. Oberrh.
     N. F. IV, 300-314.

 [5] Vgl. Julius Jung, Römer und Romanen in den Donauländern,
     Innsbr. 1877, und die Ergebnisse der durch Virchow veranlaßten
     Ermittelungen über Farbe der Haut und der Augen.

Aber wo der Knecht den Herrn an geistiger Bildung übertrifft, da bleibt
auch die Rückwirkung nicht aus, daß dieser von seinem Diener lernt
und manches von ihm annimmt. In Hauswirthschaft und Ackerbau wie im
Handwerk haben sicher die Deutschen viel von den Wälschen gelernt;
vorzüglich aber zeigt sich die Einwirkung der besiegten Bevölkerung
in der raschen Annahme des =Christenthums= durch die Eroberer. In den
Städten des Niederrheins und Lothringens scheint die Reihe der Bischöfe
kaum unterbrochen zu sein, obgleich sich von der Fortdauer römischer
Bevölkerung, so weit noch jetzt die Sprachgrenze reicht, keine Spur
nachweisen läßt. In Noricum und Pannonien sind die alten Bischofsitze
fast gänzlich von der Erde verschwunden; dagegen hat sich aber die
Verehrung eines Märtyrers, des heiligen Florian, wie es scheint durch
bloße Tradition, unmittelbar an der alten Grenze erhalten.

Denn mit den römischen Legionen und Handelsleuten war auch in diese
Gegenden schon frühzeitig das Christenthum eingedrungen, und als
das alte Reich endlich den stets wiederholten Angriffen erlag, hatte
die christliche Kirche bereits in allen Provinzen die unbestrittene
Herrschaft errungen. Ueber diese frühesten Zeiten der Kirche in
Deutschland, über ihre Glaubensboten und Blutzeugen, wußte das
Mittelalter gar vieles zu erzählen; unmittelbar von den Aposteln
und ihren ersten Schülern sollte die Predigt und die Stiftung
der Bisthümer ausgegangen sein[6]. Es ist darüber eine so reiche
Litteratur vorhanden, und diese Erzählungen nehmen in den Chroniken des
Mittelalters eine so bedeutende Stelle ein, daß wir sie hier nicht ganz
übergehen dürfen, wenngleich diese kirchliche Sage in noch weit höherem
Grade als die weltliche, jedes festen Bodens entbehrt. Die Phantasie
der Geistlichkeit, der Heldensage abgewandt, ergriff mit um so größerem
Eifer die kirchliche, und aus den unscheinbarsten Anfängen erwuchsen
da die wunderbarsten Gebilde: weit verzweigte, mit allen Einzelheiten
ausgeführte Geschichten, welche sich immer üppiger entwickelten und
auf die ganze Denkweise der Menschen den größten Einfluß gewannen.
Den reichsten Baum der Dichtung trieb die Legende von der thebäischen
Legion, von deren Führern Gereon in Cöln mit der heiligen Ursula und
ihren 11,000 Jungfrauen zusammentrifft. Cöln wird nun vorzugsweise
die heilige Stadt durch die Menge der Heiligenleiber, welche sie
bewahrt, aber fast jeder Ort im Rheinthale hat seinen Antheil an dieser
Geschichte und erhält dadurch eine geheimnißvolle Weihe. In anderen
Gegenden sind mehr vereinzelte Legenden dieser Art, doch fehlen sie auf
dem einst römischen Boden nirgends.

 [6] Die Kritik der gleichen Nachrichten in Frankreich und Nachweis
     des allmählichen Auswachsens der Legenden, in: Origines de
     l'Église de Tours, par M. l'abbé C. Chevalier (T. XXI des Mémoires
     de la Société archéologique de Touraine) Tours 1871. Vgl. die
     Anzeige von Monod, Revue crit. 1872. Tome II, p. 84-88. Ferner
     die Kritik von Aubé über das Buch von Dom Chamard: Les églises
     du monde Romain. Revue hist. VII, 152-164, u. jetzt vorzüglich:
     Mémoire sur l'origine des diocèses épiscopaux dans l'ancienne
     Gaule, par M. l'abbé Duchesne, Paris 1890. (Mém. de la Soc. nat.
     des Antiquaires de France, Tome L).

Der leider zu früh verstorbene =F. W. Rettberg= hat das
große Verdienst, zum ersten Male alle diese Erzählungen einer
zusammenhängenden, systematischen, strengen Kritik unterzogen zu
haben[7]. Den einzig richtigen Weg einschlagend, hat er das ganze
ungeheuere Material kritisch untersucht, der Herkunft und Entstehung
jeder einzelnen Nachricht nachgeforscht. Wohl hatte man schon früher
einzelnes als unhaltbar aufgegeben, aber immer suchte man doch wieder
historisches Material aus dem Wuste der Fabeln zu gewinnen; man
konnte sich nicht entschließen auf dasjenige, dessen späte betrügliche
Entstehung einmal nachgewiesen war, nun auch gänzlich zu verzichten,
und auch jetzt noch ist für viele dieser Entschluß zu schwer: man
will doch nicht alle scheinbare Ausbeute aufgeben für Zeiten und
Gegenstände, von denen man sonst gar nichts weiß. So ist es nur zu
gewöhnlich, daß man das gänzlich unhaltbare fortwirft, aber dasjenige,
was nicht in sich unmöglich ist, behält -- ein durchaus unhistorisches
Verfahren[8].

 [7] Kirchengeschichte Deutschlands, 2 Bde. 8. 1848, bis zum Tode Karls
     des Großen. Vgl. jetzt auch Hauck, Kirchengesch. Deutschlands bis
     Bonifaz. Leipz. 1887.

 [8] Vgl. die Worte von Waitz in den Gött. G. A. 1855, S. 274: Es ist
     hier geschehen, was manchmal geschieht und die Leute beruhigt:
     man hat zeitig die besonders groben und anstößigen Behauptungen
     entfernt, und dann gemeint, daß das, was allenfalls wahr sein
     könnte, nun auch Anspruch habe, wirklich dafür zu gelten, während
     die wahre Kritik anerkennt, daß ein solches Abhandeln bei Sage
     und Erdichtung meist gerade am allerwenigsten zur historischen
     Gewißheit führt.

Wenn es z. B. feststeht, daß man von S. Dysibod im zwölften Jahrhundert
noch nichts als den Namen wußte, daß dann die Nonne Hildegard nach
angeblichen Visionen seine Geschichte schrieb, die von chronologischen
Widersprüchen strotzt, so sollte man doch denken, daß niemand dieses
Märchen ferner als Geschichtsquelle benutzen werde. Und dennoch machte
Remling in seiner Geschichte der Bischöfe von Speier davon Gebrauch,
obgleich ihm Rettbergs Werk nicht unbekannt war. Jedem besonnenen
und gewissenhaften Forscher aber gewährt die „Kirchengeschichte
Deutschlands“ eine feste Grundlage für die Beurtheilung dieser Zeiten.
Das Verfahren Rettbergs besteht darin, daß er die Entstehung der
Legenden genau untersucht und nachweist, wie sie allmählich gewachsen
sind, wie anfangs nur die Namen der Heiligen vorkommen, von denen
einige wenige auf wirklich alter localer Verehrung beruhen; wie dann
zuerst einzelne Umstände, dann allmählich mehr hinzugesetzt wird, bis
die ganze Geschichte fertig ist. Die Legenden selbst sind großentheils
ohne Zeitangaben über ihre Abfassung; einen ganz bestimmten Anhalt aber
gewähren die Martyrologien[9], deren Verfasser bekannt sind, und die
uns daher das allmähliche Anwachsen der Legenden auf das deutlichste
und bestimmteste erkennen lassen. Daß aber solche spätere Zusätze
nicht etwa auf wirklicher, durch mündliche Ueberlieferung bewahrter
Kenntniß beruhen, das zeigt uns, außer den inneren Widersprüchen,
besonders die Vergleichung mit den späteren echten Legenden, mit den
Lebensbeschreibungen der Heiligen aus geschichtlich bekannter Zeit,
welche in den Legendarien ebenfalls fortwährend sich verändern und mit
allerlei fabelhaften Zuthaten vermehrt werden.

 [9] S. über diese § 3.

Man hat freilich Rettbergs Verfahren als zu negativ angegriffen und
es wird zuzugeben sein, daß er in einzelnen Fällen zu weit gegangen
ist. Auch ist hin und wieder etwas aufgefunden, wodurch auf einzelne
Fragen neues Licht fällt. Es war deshalb ganz gerechtfertigt und
angemessen, daß Prof. J. =Friedrich= den Versuch machte, jenem Werke
eine „Kirchengeschichte Deutschlands“ (I. Die Römerzeit 1867, II. Die
Merovinger 1869) von mehr conservativer Richtung entgegen zu setzen.
Allein es fehlt darin leider an jener strengen wissenschaftlichen
Methode, durch welche Rettberg sich so sehr auszeichnet, und in Folge
der übermäßigen Weitschweifigkeit ist von der Zeit der Merovinger nur
der Anfang berührt. Eine weitere Fortsetzung ist nicht erschienen.

Das Ergebniß von Rettbergs Kritik aller jener Legenden über die
Zeit der ersten Einführung des Christenthums in das römische
Deutschland ist, daß sie alle späteren Ursprungs sind, daß für die
wirkliche Geschichte jener Zeit nichts daraus zu lernen ist. Auch was
Friedrich nachträglich zu retten versucht, ist nur sehr wenig, und
es trägt für diesen Gegenstand wenig aus, ob in der Geschichte von
dem Märtyrertode der Thebäer in Agaunum ein historischer Kern sich
nachweisen läßt[10], ob das Martyrium einiger christlicher Jungfrauen
zu Cöln glaubhaft bezeugt ist[11]. Etwas erheblicher ist die wohl
nicht unbegründete Vertheidigung der Legende von dem Martyrium der
h. =Afra= zu Augsburg[12]. Rettberg fällt ein günstigeres Urtheil nur
über die Leidensgeschichte des heiligen =Florian=[13]. Dieser, ein
entlassener Veteran, soll in Folge der Verfolgungsedicte von Diocletian
und Maximian (304) auf Befehl des Aquilinus, Präses von Ufernoricum,
zu Lorch in die Ens gestürzt sein. Ungeachtet eines schweren Steins,
der an seinen Hals gebunden ist, trägt ihn der Fluß auf einen
hervorragenden Fels, von wo eine fromme christliche Frau ihn in Folge
einer Vision zur Bestattung abholt. Diese Erzählung aber ist eine
so deutliche Nachahmung dessen, was Hieronymus in seiner Chronik vom
Bischof Quirin von Sissek erzählt, daß sich die absichtliche Erdichtung
darin kaum verkennen läßt. Denn es ist eben eine Eigenthümlichkeit
dieser späteren Legendenfabrikation, daß sich in benachbarten Gegenden
immer dieselben Todesarten und Wunder wiederholen; die Phantasie des
Mittelalters erscheint darin arm und dürftig. Auch finden sich diese
Angaben über Sanct Florians Ende erst in Martyrologien des neunten
Jahrhunderts, die Handschriften der Legende reichen nicht höher
hinauf[14], und nichts weist darauf hin, daß sie etwa, wie das Leben
Severins, in Italien aufbewahrt, und von dort zurückgebracht wäre.

 [10] S. darüber Franz Stolle, Das Martyrium der thebaischen Legion,
      Breslau 1891; vgl. NA. XVII, 223.

 [11] Ist der Einfall O. Schade's (Die Sage von der heiligen Ursula,
      1854), für die Ursulalegende eine mythologische Begründung
      nachzuweisen, ohne Zweifel verfehlt, so ist dagegen der Versuch
      Joh. Hubert Kessels (S. Ursula und ihre Gesellschaft, Cöln 1863),
      durch rationalistische Deutung, mit Verwerfung der abgeschmackten
      Visionen, die ältere Legende zu retten, nicht minder abzuweisen.
      Sein Verfahren widerspricht jeder gesunden historischen Kritik,
      er benutzt allerlei späte Legenden in unzulässiger Weise als
      Quelle für die Hunnenzeit; seine Hauptstütze aber ist die Predigt
      _In natali_, welche er ins achte Jahrhundert setzt. Diese ist v.
      Klinkenberg aus einer Hs. saec. XII. herausg. u. in Karol. Zeit
      gesetzt (Kl. u. Düntzer in d. Jahrbb. d. V. v. Alt. im Rheinland,
      Heft 88. 89). Friedrich giebt die Legende auf. Vgl. auch Annalen
      des Niederrheins 1874, Heft 26 u. 27, S. 116 bis 176, G. Stein:
      Ursula, S. 177 bis 196, Floß: Die Clematianische Inschrift. Facs.
      ders. bei F. X. Kraus: Die christl. Inss. d. Rheinlande (1890)
      S. 143. In den Anal. Bolland. III, 1-20, ist die Legende _Fuit
      tempore pervetusto_ herausgegeben mit einer früher unbekannten
      Widmung an Erzb. Gero, wie es scheint die älteste Form, die
      hiernach durch einen Grafen Hoolf vom Erzb. Dunstan v. Canterbury
      stammte. An die Thatsache des Martyriums einiger Christinnen und
      deren Cult hat phantastische Sage sich angeschlossen, welche schon
      Wandalbert von Prüm bekannt war, in jener alten Legende noch in
      einfacherer Form erscheint, später auch absichtlich erweitert ist.

 [12] _Passio S. Afrae_, wieder abgedruckt von Friedrich I, 427-430.

 [13] I, 157. _Passio S. Floriani_, aus einer St. Emmerammer Handschrift
      saec. X, bei Pez SS. I, 36. Vgl. dazu Glück, die Bisthümer
      Noricums, besonders das Lorchische, zur Zeit der römischen
      Herrschaft, Wiener SB. XVII, 60. Ueber den Grabstein der Valeria,
      die ihn begrub, Kenner im Archiv d. W. A. XXXVIII, 174. In das
      CIL. ist er nicht aufgenommen, Th. Mommsen glaubt nicht, ihn als
      römischer Zeit entstammend anerkennen zu können.

 [14] Eine Handschrift in Lambach (nicht Linz) wird ins 9. Jahrh.
      gesetzt, aber der Wiener Cod. 650, in welchem sich die zweite
      Bearbeitung findet, ist nicht, wie Tabb. I, 112 gesagt ist, saec.
      IX, sondern saec. XII. Der St. Florianer Chorherr E. Mühlbacher,
      welchem ich diese Nachricht verdanke, ist geneigt, jene erste
      Bearbeitung schon dem 7. Jahrh. zuzuschreiben, das bereits
      Schenkungen zum Grabe des Märtyrers aufweist, und bezieht sich auf
      einen Aufsatz in der Linzer theol. prakt. Quartalschrift 1868 S.
      437 ff.

Um so wahrscheinlicher ist es, daß wirklich eine ununterbrochene
örtliche Ueberlieferung das Andenken dieses Märtyrers bewahrt habe.
Denn wo sich jetzt mächtig und gebietend das schöne Chorherrnstift St.
Florian erhebt, da galt schon vor mehr als tausend Jahren der Boden
für heilig, weil hier „der kostbare Märtyrer Sanct Florianus“ ruhe,
lange bevor die Verfasser der Martyrologien den Ort seines Leidens
kannten. Also selbst im Flachlande, vielleicht in den Resten der
einst bischöflichen Stadt Lorch, haben Christen durch alle Stürme der
Völkerwanderung das Andenken Sanct Florians bewahrt, und vielleicht
die Kunde von seinem Stande und der Zeit seines Todes, während weiter
oben im Gebirge von =Maximilian= nur der Name und der Ort seines
Begräbnisses im Gedächtniß blieb, =Severin= aber gänzlich vergessen zu
sein scheint, bis aus Italien Handschriften seiner Lebensbeschreibung
nach Deutschland kamen und sein Andenken erneuten. Denn am festesten
haftete immer die Erinnerung am Grabe der Heiligen.

Diesem Umstande verdanken wir auch die Erhaltung einer anderen
Legende, der =Leidensgeschichte der heiligen Vier Gekrönten=,
welche Rettberg unbekannt geblieben ist[15]. Sie berichtet uns von
vier christlichen Arbeitern in den Steinbrüchen Pannoniens, welche
noch einen ihrer Genossen bekehren; ihn tauft der in Ketten dorthin
verbannte Bischof Cyrill von Antiochien. Das ist ein merkwürdiger
Fingerzeig für die Ausbreitung des Christenthums. Rettberg, der nicht
nur das spätere Fabelwerk mit schonungsloser Kritik zerstört, sondern
auch den wirklichen Verlauf der Bekehrung dieser Lande mit größter
Sorgfalt aus den einzelnen Anhaltpunkten nachgewiesen hat, ist zu
dem Resultat gekommen, daß für dieselbe nicht sowohl eigentliche
Missionare thätig waren, als vielmehr die christlichen Soldaten[16],
Handelsleute und Arbeiter, welche hierher kamen, während die späteren
Legenden durchgehends die Gründung der Kirchen durch die Apostel und
ihre ersten Schüler behaupten. Die Verbannung gefangener Christen
in die Steinbrüche Pannoniens, und wohl auch anderer Lande, wird
das ihrige dazu beigetragen haben. Es erklärt sich aber aus dieser
unmerklichen und unscheinbaren Verbreitung auch zur Genüge, warum
keine Schriftsteller das Andenken derselben aufbewahrt haben. Jene
Arbeiter nun fielen dem Neide ihrer Gesellen durch Diocletians Spruch
zum Opfer, so gerne dieser auch anfangs seine geschicktesten Arbeiter
sich erhalten wollte (307?). Die Reliquien der fünf Arbeiter finden
sich später zu Rom in der Kirche der heiligen Vier Gekrönten[17], mit
denen sie nur hierdurch in zufällige Verbindung gebracht sind, und
dies hat auch eine Verschmelzung ihrer Legenden zur Folge gehabt.
Vielleicht erst hierdurch sind auch chronologische Widersprüche
hineingekommen, aber alt ist die Legende sicher; sie muß geschrieben
sein, bevor Pannonien von den Barbaren überschwemmt war, und das
Treiben in den Steinbrüchen ist mit solcher Anschaulichkeit und
auch mit so durchgängiger Beibehaltung der technischen Ausdrücke
geschildert, daß der Verfasser selbst noch persönliche Kunde davon
gehabt zu haben scheint. Als solchen nennt die alte Pariser Handschrift
den Schatzungsbeamten =Porphyrius=, welchen De Rossi auch aus anderen
Erwähnungen nachgewiesen hat[18]. Aber nur die ursprüngliche pannonische
Legende können wir ihm zuschreiben.

 [15] _Passio Sanctorum Quatuor Coronatorum_, herausgegeben von
      Wattenbach, mit einem Nachwort von Karajan, in den Wiener SB.
      X, 115-137. Sie findet sich auch schon in dem Sanctuarium des
      Mombritius I, fol. 160. Neue Ausgabe in Büdingers Untersuchungen
      zur Röm. Kaisergesch. III, 321-338. Vgl. dazu S. 1-11 Untersuchung
      von O. Hunziker, S. 339 bis 356 Archäologische Bemerkungen von
      O. Benndorf, S. 357-379 Chronolog. Bem. von M. Büdinger. Vgl. den
      Bericht von A. Ilg in d. Mittheilungen der Centralcommission XVII
      p. XLVII-LI. A. Duncker im Rhein. Mus. f. Philol. XXXI, 440-445.
      Edm. Meyer, Forsch. XVIII (1878) 577 bis 603. Giov. Batt. de
      Rossi: I santi Quattro Coronati e la loro chiesa sul Celio, im
      Bull. di Archeol. crist. 1879, mit Benutzung der ältesten Hs. in
      Paris, vgl. NA. V, 227. Petschenig, SB. d. Wiener Akad. XCVII,
      761 bis 779, vgl. NA. VII, 226. C. Erbes in d. Zeitschr. f.
      Kirchengesch. V, 466-487. Ed. Meyer im Progr. d. Kgl. Louisengymn.
      in Berlin 1886, vgl. NA. XII, 426. 602. -- J. Jung a. a. O.
      hat die Legende benutzt, und verweist auch S. 132. 159 auf die
      Geschichte der =Nonsberger Märtyrer= Sisinnius, Martyrius und
      Alexander († 397) Acta SS. Mai. VII, 38-44. Gar wenig Inhalt
      hat die chronologisch ganz unbestimmte =Vita S. Florini=, aus dem
      Vintschgau, Anal. Boll. III, App. p. 122-127.

 [16] Vgl. die Verschleppung des Dolichenoscult durch römische Soldaten;
      G. Seidl in den Wiener Sitzungsberichten XII, 4-90. XIII, 233-260.

 [17] O. Hirschfeld (Archäolog. u. epigr. Mitth. aus Oesterr. IX,
      21) erinnert anläßlich einer Inschrift, worin von capitella
      columnarum die Rede ist, welche bei Sirmium für die Thermae
      Licinianae verfertigt worden, an unsere Passio, u. weist dabei
      den Gebrauch des Ausdrucks _coronati_ für höhere Beamte nächst
      dem Cornicularius nach.

 [18] _Censualis a gleba actuarius nomine Porfyreus hanc gestam
      scripsit._

Während nun also diese Legende noch die ungestörte Römerherrschaft
in diesen Gegenden voraussetzt, führt uns eine andere so recht mitten
hinein in die Stürme der Völkerwanderung, und wir können es uns daher
nicht versagen, bei dieser etwas länger zu verweilen.


§ 2. Das Leben des heiligen Severin.

 Ausgabe von Welser in Augsburg 1595, 4. (Opera p. 635) aus einer HS.
     des zehnten Jahrh. in St. Emmeram, der ältesten in Deutschland.
     Den hier fehlenden Brief Eugipps an Paschasius gab Canisius,
     Antiquae Lect. VI, 53, I, 411. Danach vollständig in der zweiten
     Ausgabe des Surius und Acta SS. Jan. I, 484 mit Commentar von
     Bolland. Nach den minder guten, wie es scheint überarbeiteten,
     östr. Handschriften in H. Pez SS. I, 64, und daraus bei Muchar,
     Das römische Noricum, II, 152-239, mit Commentar. Ausgabe von
     Ant. Kerschbaumer, Scaphus. 1862 nach dem angeblich ältesten und
     besten Lateran. Codex, unkritisch und wegen vieler Druckfehler
     unzuverlässig; Rec. von Sauppe, Gött. Gel. Anz. 1862 S.
     1544-1552. Nach Münchener Handschriften bei Friedrich, I, 431-489.
     Ausg. von Sauppe, MG. Auctt. antt. I, 2. 1877; vgl. NA. IV, 407,
     Waitz, GGA. 1879, S. 581. Gegen Sauppe's krit. Grundlage u. für d.
     Cod. Taurin. P. Knöll, Wiener SB. XCV, 445-498. Ausg. von Knöll
     im Wiener Corpus SS. eccl. VIII, 2. Uebers. v. C. Ritter, Linz
     1853, v. K. Rodenberg, Berlin 1878 (Urzeit Bd. 4), v. S. Brunner,
     Wien 1879. -- Eugippii opera, Migne 62. -- Rinaudo p. 14-19. Vgl.
     Rettberg I, 226. Büdinger, Oesterr. Gesch. I, 47 ff. Pallmann II,
     393-401. J. Jung, Römer und Romanen S. 132 und an vielen Orten.
     Hauck I, 328-332.

Die Lebensbeschreibung des heiligen Severin, von seinem Schüler
Eugippius verfaßt, ist für uns von ganz unschätzbarem Werthe, indem sie
einen hellen Lichtstrahl wirft in Zeiten und Zustände, von denen wir
sonst gar nichts wissen würden, wie denn auch vorher und nachher tiefe
Finsterniß diese Donauländer bedeckt. Keine andere Quelle giebt uns in
so reichhaltiger Weise ein Bild des christlich gewordenen und bereits
mit vollständiger kirchlicher Einrichtung versehenen Römerlandes im
Süden der Donau; unmittelbar vor der Vernichtung zeigt ein günstiges
Geschick uns das Bild dieser Gegenden und ihrer Bevölkerung in scharfen
und lebensvollen Umrissen.

Attila war gestorben, und die frei gewordenen Völker wenden nun
ihre Waffen gegen einander und gegen die kläglichen Ueberbleibsel
des römischen Reiches. Alamannen und Thüringer hatten den Grenzwall
durchbrochen und drangen in Rätien immer weiter gegen Süden und Osten
vor. In Noricum hielt sich noch die römische Bevölkerung, aber in
welchem Zustand! Von allen Seiten wurde sie schwer bedrängt durch die
vorrückenden Barbaren -- denn so nannten damals und noch lange nachher
nicht nur die Römer, sondern auch die Deutschen selbst alle Nichtrömer.
Jenseits der Donau schalteten die Rugier, durch häufige Streifzüge das
Land bedrängend und bald auch diesseits festen Fuß fassend. Sie sowohl
wie die Gothen in Pannonien waren Arianer, den katholischen Romanen
fast noch verhaßter als die Heiden. In Commagena, einer bald darauf
völlig verschwundenen Römerstadt unweit Tuln, hatten bereits Barbaren
sich festgesetzt; unfähig sie zu vertreiben, schlossen die Römer
ein Bündniß mit ihnen, und die Einwohner lebten nun wie Gefangene in
ihrer eigenen Stadt. Da tritt plötzlich, ungehindert durch die Wachen,
Severinus unter sie: eben war, wie er vorher verkündigt hatte, die
benachbarte Stadt Astura gänzlich zerstört worden, und gläubig horchte
man nun auf seine Worte, da er Rettung verhieß, fastete und betete, bis
plötzlich in der Nacht ein Erdbeben die Barbaren in Schrecken setzt;
voll Angst eilen sie aus den Thoren und morden sich gegenseitig in der
Finsterniß und Verwirrung. So war die Stadt von ihren Drängern befreit,
allein was war damit gewonnen!

Nur von den Städten aus wurde noch das Feld gebaut, und nur zu häufig
fielen Ernte und Schnitter in die Hände der Barbaren; Hunger verwüstete
das reiche und fruchtbare Land, wenn die Zufuhr auf dem Inn ausblieb.
Die Grenzsoldaten erhielten aus Italien keinen Sold mehr, und in Folge
davon lösten ihre Schaaren sich auf; nur die batavische Cohorte in
Passau hielt noch zusammen, und einige von ihnen machen sich auf, um
den Sold über die Alpen zu holen, werden aber unterwegs erschlagen. Vor
der Donaustadt Faviana, zwischen Passau und Wien, erscheinen plötzlich
Räuber und führen alles hinweg, was sie außerhalb der Mauern finden,
Menschen und Vieh. Der Tribun Mamertinus hat so wenig Mannschaft, daß
er keinen Ausfall wagen will, bis Severin ihm den göttlichen Beistand
verheißt; da zieht er muthig hinaus und gewinnt den Sieg.

Eine der wunderbarsten Erscheinungen ist dieser Severin. Nie hat er
sagen wollen, wer er sei, woher er stamme; nur daß er aus dem fernen
Osten komme, nahm man aus seinen Reden ab, doch erkannte man an der
Sprache den geborenen Lateiner. Von vornehmer Abkunft, so schien es,
hatte er sich in die Einsamkeit zu den heiligen Vätern, vermuthlich
in die thebaische Wüste, zurückgezogen; dann aber trieb ihn, wie er
selber andeutete, eine göttliche Stimme, den bedrängten Bewohnern des
Ufernoricum Trost und Hülfe zu bringen. Seine Enthaltsamkeit erschien
übermenschlich; bei der heftigsten Kälte ging er barfuß, und an die
strengsten Fasten gewöhnt, schien er Hunger und Entbehrung nur in der
Seele der Nothleidenden zu empfinden. So durchzog er das ganze Land,
ermahnend, Buße predigend, tröstend, vor allem aber Hülfe bringend,
so viel er vermochte. Förmliche Zehnten forderte er ein, um Gefangene
loszukaufen, Arme zu unterstützen. Sein Ansehen war bald groß im Lande;
unbedingte Herrschaft über die Natur maß man ihm bei, und Gottes Zorn
traf jeden, der auf sein Wort nicht achtete.

Den merkwürdigsten Gegensatz bildet dieses Land, welches in seiner
Bedrängniß sich willig der Leitung eines frommen gottbegeisterten
Mönches hingiebt, zu den sittenlosen Grenzstädten Galliens, über deren
Verderbtheit und Leichtsinn Salvian vergeblich eiferte, zu Trier, wo
„selbst noch bei dem Sturme der fränkischen Sieger auf die Stadt Jung
und Alt der zügellosesten Schlemmerei und Ausschweifung sich ergiebt,
mit wahrer Raserei alles dem unausweichbaren Untergang trunken und
prassend entgegenstürzt“[1].

 [1] Rettberg I, 25. Vgl. W. Zschimmer, Salvian und seine Schriften,
     Halle 1875. Ebert I, 452-454. Opera ed. C. Halm, MG. Auctt. antt.
     I, 1. 1877; ed. Fr. Pauly im Wiener Corpus VIII. 1883. Uebers.
     v. Pet. Caffer, Aachen 1858. -- G. Monod meint freilich (Revue
     crit. 1879, N. 24) daß wir, wenn aus den Donauländern Bußpredigten
     erhalten wären, darin ähnliche Anklagen finden würden. Aber
     Eugippius würde doch auch dergleichen nicht unterlassen haben,
     wenn er Anlaß dazu gefunden hätte.

Severins Ansehen beugten sich auch die Fürsten der Barbaren, selbst
jene böse Königin Giso, welche rechtgläubige Katholiken umtaufen
wollte; halb aus Wohlwollen, halb aus Furcht erfüllten sie seine
Bitten, achteten sie auf seine Ermahnungen; seinen Rathschlägen dankte
der Rugierkönig Flaccitheus seine friedliche Regierung. Schützte
Severin die Römer manchmal durch Ermuthigung zu kräftigem Widerstand
und durch Vorhersagen feindlicher Angriffe, so wandte er doch häufiger
durch seine Fürbitten Gefahren ab und erlangte die Freigebung der
Gefangenen. An vielen Orten hatte er Klöster errichtet, die nach
der Weise des Morgenlandes aus einer Vereinigung einzelner Hütten
bestanden, das größte, in welchem er sich am häufigsten aufhielt, bei
Faviana, einem jetzt spurlos verschwundenen Orte. Hier traten einst
einige Barbaren zu ihm, die nach Italien zogen und ihn um seinen Segen
baten; unter ihnen Odovacar, damals noch ein gemeiner Krieger und mit
schlechten Thierfellen nothdürftig bekleidet, aber so hoch gewachsen,
daß er sich bücken mußte, um nicht die Decke der Zelle zu berühren.
Geh, sagte Severin zu ihm, geh nach Italien; jetzt deckt dich noch
ein geringes Gewand, aber bald wirst du vielem Volke große Gaben
auszutheilen haben. Als König gedachte Odovacar dieser Weissagung, und
forderte Severin auf, sich eine Gnade auszubitten, worauf dieser für
einen Verbannten Verzeihung erlangte.

Severin konnte es doch nicht hindern, daß Stadt auf Stadt in die Hände
der Feinde fiel. Die Rugier bemächtigten sich der Stadt Faviana und der
benachbarten Orte; ihre Herrschaft gewährte wenigstens Schutz gegen
die wilderen Feinde, welche alle weiter aufwärts gelegenen Burgen
und Städte zerstörten. Die geflüchteten Einwohner führte König Feva
aus Lorch, wo sie sich gesammelt hatten, in die ihm unterthänigen
Städte. Joviacum dagegen wurde von den Herulern gänzlich verheert,
während Tiburnia in Oberkärnten, an dessen Namen noch Debern im
Lurnfeld erinnert, eine Belagerung der Gothen glücklich überstand.
Noch im sechsten Jahrhundert waren hier christliche Bischöfe; dann
aber unterlag auch diese uralte Stiftung, sowie die alte Bischofstadt
Pettau, den Slaven und Avaren.

Am 8. Januar 482 starb Severin. Feva's Bruder Friedrich plünderte
gleich darauf sein Kloster; innere Kriege unter den Rugiern und
Odovacars Feldzug gegen sie mehrten die Bedrängniß der Römer, bis
endlich sechs Jahre nach Severins Tod Odovacar die ganze römische
Bevölkerung aus Noricum abrief und ihr in Italien Land anwies. Dadurch
erklärt es sich, daß gerade hier von den alten und einst so bedeutenden
Römerstädten fast jede Spur verschwand, und nur schwache Reste einer
unterwürfigen romanischen Bevölkerung in den Gebirgen zurückblieben.
Damals scheint auch der heilige =Antonius= Noricum verlassen zu haben;
er war aus Pannonien zu Severin noch kurz vor dessen Tode gekommen, wie
Ennodius in der Lebensbeschreibung des Antonius berichtet[2].

 [2] _Vita S. Antonii Lirinensis_, in den verschiedenen Ausgaben der
     Werke des Ennodius, v. Fr. Vogel Auctt. ant. VII, 185-190.

Severins Mönche folgten mit Freuden dem Rufe, welcher sie aus der
Knechtschaft erlöste; der Anordnung ihres Meisters gemäß führten sie
dessen Leiche mit sich bis nach Neapel, wo sie endlich Ruhe fanden.
Hier richtete ihnen eine vornehme Frau, Namens Barbaria, ein Kloster
ein im Castellum Lucullanum, dessen Name noch das Andenken der üppigen
Gärten Luculls bewahrte; ebenda war kurz zuvor auch dem letzten
römischen Kaiser sein Aufenthalt angewiesen worden[3].

 [3] Nach Caravita, I codici e le arti a Monte Cassino I, 14 auf dem
     Pizzofalcone bei, jetzt in Neapel.

In diesem Kloster nun war =Eugippius=[4] Abt, ein Schüler Severins,
der nach Cassiodors Zeugniß von weltlicher Gelehrsamkeit nicht gar
viel wußte, aber in den heiligen Schriften wohl belesen war[5], der
Verfasser eines Auszuges aus den Schriften des heiligen Augustin[6].
Mit bedeutenden Kirchenschriftstellern der Zeit stand er im
Briefwechsel. Diesen Eugippius nun forderte ein ungenannter Laie auf,
ihm Materialien zu einer Lebensbeschreibung Severins zu geben; er
zeichnete darauf auch wirklich seine Erinnerungen auf, sandte dieselben
aber (511) nicht an jenen Laien, denn das erschien ihm unpassend,
sondern an den gelehrten Diaconus =Paschasius=, mit der Bitte, sie zu
einer förmlichen Lebensbeschreibung zu verarbeiten. Zugleich sandte
er ihm in dem Boten einen Mann, der als Augenzeuge über die Wunder
berichten sollte, welche auf dem Zuge durch Italien an Severins Sarg
geschehen waren. Paschasius aber lehnte jede Aenderung an Eugipps
Aufzeichnungen ab, und in der That ist es auch sehr zweifelhaft, ob
jene Bitte ernsthaft gemeint war, da uns ähnliche Aufforderungen, die
nichts als Phrase sind, so häufig begegnen. Eugipps Aufzeichnungen
sind durchaus nicht unfertig, nicht nachlässig und formlos, und gerade
aus jenen italischen Wundern hebt er einige als die wichtigsten
und statt aller genügend, sorgsam hervor. Auch giebt er als den
wesentlichsten Grund, weshalb er den Wunsch jenes Laien, von dem eine
andere Biographie ihm bekannt war, nicht erfüllt, die Besorgniß an,
er möchte durch die Anwendung der rhetorischen Kunst den Gegenstand
verhüllen und für den einfachen und ungebildeten Gläubigen geradezu
unverständlich machen. Er war also kein Freund von den kunstgerechten
Büchern jener Zeit, welche wie z. B. die Schriften des Ennodius und
manche von Cassiodor, durch eine Ueberfülle gesuchter Antithesen und
wortreichen Phrasenschwall so unerträglich schwülstig und geziert sind,
daß man oft nur mit Mühe den Sinn der Worte enträthselt. Das galt in
den Rhetorenschulen als schöner Stil.

 [4] Andere Formen, mit guter handschriftl. Beglaubigung sind Eugipius
     und Eugepius.

 [5] Divin. Lectionum c. 23: quem nos quoque vidimus, virum quidem
     non usque adeo saecularibus literis eruditum, sed scripturarum
     divinarum lectione plenissimum. Ein dogmatisches Sendschreiben
     an ihn von Ferrandus aus d. J. 533 bei A. Mai, Nova Coll. III,
     2, 168-184; ein anderes mit Uebersendung einer Glocke für das
     Kloster, bei Reifferscheid in Ind. lectt. Vrat. 1871-72 S. 6. Vgl.
     Büdinger, Eugipius, Wiener SB. XCI, 793-814.

 [6] Sehr gerühmt von Notker, bei Dümmler, Formelbuch Salomons III, S.
     65. Ausg. v. Knöll im Wiener Corpus VIII, 1.

Eugipps Aufzeichnungen dagegen sind ganz einfach und schmucklos,
ohne strenge Reihenfolge und Ordnung, aber um so mehr der
treue Ausdruck dessen, was ihm in seiner Erinnerung als das
bemerkenswertheste erschienen war. Gerade darin liegt der Hauptvorzug
dieser Lebensbeschreibung vor den zahlreichen Legenden, aus deren
salbungsvollem Wortreichthum die wenigen geschichtlichen Nachrichten
mühsam hervorgesucht werden müssen. Er selbst hatte Severin und den
Schauplatz seiner Wirksamkeit gekannt; in den letzten Abschnitten
bezeichnet er sich ausdrücklich als Augenzeugen, aber auch nur in
diesen, während er sich übrigens auf die häufig gehörten Erzählungen,
zuweilen auf bestimmte Gewährsmänner beruft.

Das Leben Severins finden wir schon bald nach seiner Entstehung bei
dem sogenannten Anonymus Valesianus[7], im Anfange des siebenten
Jahrhunderts von Isidor erwähnt, im achten von Paulus Diaconus benutzt;
um dieselbe Zeit verfaßte man zu Neapel einen Hymnus, dem dasselbe
zu Grunde liegt[8]. Bald wurde es dann auch an dem Schauplatz seiner
Wirksamkeit bekannt, denn schon im Jahre 903 erwarb die Passauer
Kirche eine Handschrift desselben von dem Landbischof Madalwin[9].
Eigenthümlich sind die Wirkungen, welche hier von diesem Werk
ausgingen. Man las darin von der großen alten Stadt Faviana, die man
nirgends fand, und da man nun bei Wien alte Römersteine aufgrub, so
zweifelte man nicht daran, daß hier einst Faviana gelegen habe; Otto
von Freising und Herzog Heinrich von Oesterreich nahmen diese Meinung
an, und sie hat sich bis auf die neusten Zeiten behauptet, bis endlich
Blumberger sie siegreich widerlegte[10].

  [7] Nachgewiesen von Glück, Die Bisthümer Noricums, Wiener SB. XVII,
      77.

  [8] Neapolis gaude redimita festis, Plaude caelestem retinens patronum
      etc. Ozanam, Documents inédits, p. 241.

  [9] Mon. Boica XXVIII, 2, 201.

 [10] Archiv der W. A. III, 355 (1849, vor der Ausgabe von Böckings
      Commentar). Vgl. Böcking, Notitia Dign. Occ. p. 747-750. Glück,
      die Bisthümer Noricums S. 76. Aschbach: Ueber die römischen
      Militärstationen im Ufer-Noricum zwischen Lauriacum und Vindobona,
      nebst einer Untersuchung über die Lage der norischen Stadt
      Faviana, SB. XXXV, 3-32 für Traismauer, Tauschinski SB. XXXVIII,
      31-46 wieder für die Identität mit Wien, ohne erhebliche Gründe.
      Kenner in d. Blättern d. Vereins f. Landesk. v. N. Oesterr. N. F.
      XVI (1882) S. 3-53, für Mautern. In Severins Zeit brauchte man
      den Abl. Favianis, in der Notitia Dign. Occ. p. 100 (ed. Seeck p.
      198) steht Fafianae (Genetiv). S. Corpus ISS. Latt. III, 2, 687
      und passim zur Erklärung der Ortsnamen.

Viel schlimmere Folgen hatte es, daß man in Passau nun erfuhr, Lorch
habe einst Bischöfe gehabt, lange bevor Salzburg den Krummstab führte.
Es lag nahe, sich als Erben der benachbarten Stadt zu betrachten,
welche jetzt zum Passauer Sprengel gehörte; aber der einmal angefachte
Ehrgeiz strebte immer weiter; um dem Vorrang des jüngeren Salzburg
nachdrücklicher entgegentreten zu können, wurde ein Erzbisthum Lorch
erdacht und bald zu fabelhafter Größe ausgedehnt; neu angefertigte
Legenden von St. Quirin und Maximilian mußten die Beweise dazu
hergeben, untergeschobene Urkunden das Vorgeben unterstützen, und mit
Hülfe dieser Waffen setzte Passau wirklich bei dem in geschichtlicher
Kritik wenig erfahrenen Stuhle Petri seine Ansprüche durch, und wußte
sich seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts der rechtmäßigen
Salzburger Metropolitangewalt zu entziehen. Viel größer aber, oder
doch für uns bedeutender, ist das Unheil, welches diese Fälschungen in
der Geschichtsforschung angerichtet haben; noch Rettbergs Werk trägt
bedeutende Spuren davon, und es wird noch eine gute Weile dauern,
bis es gelingt, diesen häßlichen Spuk gänzlich aus der Geschichte zu
verbannen. Aufgedeckt aber ist die ganze Sache jetzt, und mit ebenso
unermüdlichem Fleiße wie besonnenem Scharfsinn nachgewiesen in E.
Dümmlers Werk über Piligrim von Passau und das Erzbisthum Lorch[11].
Nachdem dann die Fälschung wohl zugegeben, aber verschiedene Versuche
gemacht waren, Piligrim von dem auf ihm lastenden Verdachte zu
befreien, hat neuerdings Karl Uhlirz alle betreffenden Urkunden einer
genauen Kritik unterzogen und ist zu dem Ergebniß gelangt, daß als
Fälscher sich ein Beamter aus der Kanzlei Ottos II nachweisen läßt,
welcher von Piligrim gewonnen sein muß.

 [11] Leipzig 1854. Ueber die weitere Litteratur K. Uhlirz: Die
      Urkundenfälschung zu Passau im 10. Jahrh. Mitth. d. Wiener Inst.
      III, 177-228.

Severins Leben ist der letzte Sonnenblick vor einer Zeit der
äußersten Finsterniß, wie der Abendstrahl durch die Grotte des
Posilipp. Erst viel später, und von der andern Seite, von Gallien
aus werden wir Deutschland wieder erreichen können. Von dort wurde
ihm aufs neue die litterarische Cultur gebracht, vermittelt durch
diejenigen Stämme des deutschen Volkes, welche auf römischem Boden
sich niedergelassen hatten, und hier die Schüler ihrer Feinde geworden
waren. Die Geschichtschreibung, welche sich im römischen Reiche
während der letzten Jahrhunderte entwickelte, bildet die Grundlage
der mittelalterlichen, welche mit ihr im unmittelbaren Zusammenhange
steht, und es ist deshalb nothwendig, daß wir sie auch hier etwas
ausführlicher ins Auge fassen, da sonst die Entwickelung der deutschen
Historiographie nicht verständlich sein würde.


§ 3. Die Anfänge und Gattungen der christlichen Geschichtschreibung.

 Baehr, Geschichte der römischen Litteratur. Supplementband. Die
     christlich-römische Litteratur. I. Abtheilung. Die christlichen
     Dichter und Geschichtschreiber. 1836. In der zweiten Ausgabe
     1872 als vierter Band bezeichnet. Teuffel, Gesch. d. röm Litt.
     5. Aufl. 1890. Adolf Ebert, Allg. Gesch. d. Litt. des M. A. im
     Abendlande. I. Gesch. d. christl. lat. Litt. von ihren Anfängen
     bis zum Zeitalter Karls d. Großen. 2. A. 1890.

Das Mittelalter ist durch keine bestimmte Grenzlinie vom Alterthum
geschieden; lange Zeit laufen beide gewissermaßen parallel
nebeneinander her. Das unterscheidende Element ist das Christenthum,
welches das antike Wesen zersetzt, und theils vernichtet, theils
umformt; dann das Eintreten ganz neuer Völker in die Geschichte,
welche nach und nach den Schwerpunkt ihrer Entwickelung zu sich
hinüberziehen. Die classisch-heidnische Litteratur gehört einem anderen
Gebiete an, und liegt unserer Aufgabe fern; allmählich erstarb in ihr
das Leben, und auch die Geschichtschreibung beschränkte sich immer
mehr auf Auszüge aus den älteren Werken. Hieran konnte sich natürlich
keine weitere Entwickelung anknüpfen. Den vorhandenen Stoff, wie ihn
besonders Eutropius zubereitet hatte, faßte zuletzt noch einmal =Paulus
Diaconus= in seiner römischen Geschichte zusammen, und machte ihn durch
Verschmelzung mit der Kirchengeschichte für seine Zeit brauchbarer.
So ging er in das Mittelalter hinüber, und bildete hier die Grundlage
aller Kenntniß der römischen Welt. Aber ungeachtet der christlichen
Zusätze und Fortsetzungen blieb doch dieses Werk nur eine todte
Masse; die lebendige neue Entwickelung schloß sich an die christliche
Geschichtschreibung, welche sich für die veränderte Auffassung und
andere Bedürfnisse auch neue Formen erschuf.

Die römische Weltgeschichte konnte den Christen unmöglich genügen, die
eigene Geschichte der römischen Republik sie nur wenig anziehen. Ihnen
war das Wesentliche in der Weltgeschichte die Geschichte des Reiches
Gottes, der Mittelpunkt lag ihnen in der jüdischen Geschichte, und
davon meldeten die Werke der Römer nichts. Daher fand auch des Königs
Desiderius Tochter Adelperga den Eutrop, welchen Paulus Diaconus ihr zu
lesen gegeben, so ungenügend, und einige Zusätze konnten hier nichts
helfen; es mußte eine ganz neue Weltgeschichte aufgestellt werden,
die mit dem veränderten Standpunkte im Einklang war, die namentlich
auch das hohe Alter der jüdischen Cultur, die spätere Entstehung
der heidnischen Staaten nachwies. Um dieses möglich zu machen, kam
es vor allem darauf an, das chronologische Verhältniß der heiligen
und profanen Geschichte zu bestimmen, um dann eine Verschmelzung der
beiderseitigen Nachrichten vornehmen zu können. Diese Aufgabe löste,
nach dem Vorgange des Sextus Julius Africanus, welcher zuerst den
Versuch machte, chronologisch das gesammte Alterthum mit der Bibel zu
vereinigen[1], =Eusebius= (264-340); seine zwei Bücher _Allgemeiner
Geschichte_ enthielten zuerst in darstellender Form die Chronographie,
dann tabellarisch den synchronistischen Kanon bis 325. Auf diesem
großen Werke beruhen alle späteren Weltchroniken, der Byzantiner sowohl
wie des Abendlandes, während zugleich aus seiner Kirchengeschichte
das Mittelalter alle seine Kenntniß von den Anfängen der christlichen
Kirche schöpfte. Dieses letztere Werk hatte für die Lateiner =Rufinus=
bearbeitet und fortgesetzt, die Chronik aber =Hieronymus=, welcher sie
zugleich bis 378 fortsetzte[2].

 [1] Dr. Conr. Trieber, Die Chronologie des Julius Africanus, 1879;
     vgl. Gött. Nachr. 1880, Nr. 1. H. Gelzer, S. Jul. Afr. u. die
     Byzant. Chronologie, Leipz. 1880.

 [2] Opera S. Hier. ed. Vallars, Tom. VIII. Baehr S. 189-197. Vgl.
     Bernays, Scaliger S. 92, 217. Neue kritische Ausgabe von Alfred
     Schoene in: Eusebi chronicorum canonum quae supersunt. Vol. II.
     Berl. 1866. Nachträge in Vol. I. (1875) Eusebi chronicorum libri
     duo. Vgl. Mommsen, Die älteste Hs. der Chronik des Hieronymus,
     Hermes XXIV. Facs. ders. Palaeogr. Soc. II, 129. 130.

Diese Chronik des Hieronymus finden wir vollständig oder im Auszug
an der Spitze aller umfassenden Chroniken des Mittelalters; sie war
ihre Grundlage und ihr Vorbild, und dadurch war die knappe Form der
annalistischen Aufzeichnung gegeben. Darstellende Werke aller Art
hatten daneben freien Raum, aber um eine übersichtliche Anschauung von
dem chronologischen Zusammenhange der Weltbegebenheiten zu erhalten,
war diese Form unstreitig die angemessenste, wie man ja auch heut zu
Tage der Tabellen zu diesem Zwecke nicht entbehren kann. Sehr dürftig
und ungenügend freilich erscheint uns diese Form, wo sie fast allein
und ausschließlich zur Ueberlieferung der geschichtlichen Ereignisse
verwandt wird, oder doch anderes uns nicht erhalten ist, wie dies in
den nächsten Jahrhunderten nach Hieronymus der Fall war. Diese ersten
mageren Fortsetzungen seiner Chronik sind für uns ihres Inhalts wegen
wichtig; der Geschichtschreiber der auf römischem Boden angesiedelten
deutschen Stämme ist großentheils auf diese dürftigen Quellen
angewiesen, für die Entwickelung der Historiographie in Deutschland
aber haben sie nur insofern Bedeutung, als durch ihre Vermittelung
die unmittelbare Anknüpfung der späteren Chronisten an den Hieronymus
möglich wurde[3].

 [3] Die neue Ausgabe dieser ältesten Annalisten für die MG. ist jetzt
     von Th. Mommsen, Auctt. antt. IX. zu erwarten.

Bemerkenswerth ist aber bei diesen Chronisten der allen gemeinsame
römische Standpunkt, das ängstliche Festhalten am römischen Reich.
Uns erscheint gegenwärtig der Gedanke, daß in den neuen Bildungen, den
romanischen Staaten, der fruchtbare Keim einer neuen Zukunft enthalten
war, als natürlich und naheliegend; damals aber fiel weit mehr die
Zerstörung des alten Reiches ins Auge; man sah und beklagte überall nur
den Verfall, und wer die Weltgeschichte zu betrachten versuchte, sah
fortwährend nur in dem römischen Weltreich den Träger derselben. Boten
doch die Jahre seiner Kaiser und seine Consulate die einzige vorhandene
Zeitrechnung, denn weder die von Eusebius eingeführte Rechnung
nach Jahren Abrahams noch auch die Jahre von Erbauung der Stadt Rom
erscheinen im Westreich je im praktischen Gebrauch, und Justinians
Siege stellten noch einmal die Fortdauer aller der neu entstandenen
Reiche in Frage. Mochte aber auch das abendländische Römerreich
in Trümmer fallen, das morgenländische keinen Schatten von Macht
über den Westen besitzen, für die Chronisten ist und bleibt es das
Weltreich, der Faden, der sie leitet. Die in das Reich eindringenden
deutschen Stämme sind und bleiben Barbaren, wenn auch der Schreibende,
welcher jedoch immer der Kirche angehört, selber ihr Landsmann ist.
Diese Auffassung beschränkt sich nicht auf diese Zeit, sie bleibt
herrschend durch das ganze Mittelalter, denn sie war bedingt durch
die seit Hieronymus allgemein angenommene Erklärung von dem Traume
des Nebukadnezar, bei dem Propheten Daniel, nach welchem das römische
Reich, das eiserne, welches die früheren zermalmt, bleiben soll bis zum
Eintritt des himmlischen Reiches[4]. Die Fortdauer desselben war daher
außer aller Frage. Demgemäß behandeln auch die späteren Weltchroniken
die deutsche Geschichte niemals als etwas neues, selbständiges, sondern
nur als eine Fortführung des römischen Reiches: sie führen nach dem
Untergange des westlichen Reiches die byzantinischen Kaiser fort bis
auf Karl den Großen und bewahren so seine scheinbare Continuität,
wenn sie auch dazwischen die Volksgeschichten episodisch in ihr großes
Fachwerk einschalten, wie Ekkehard.

 [4] Dan. c. 2. Vgl. Otto Fris. II, 13. Büdinger in der Hist.
     Zeitschrift VII, 113.

Neben der großen Chronik des Hieronymus gab es nun aber auch noch
eine andere, sehr dürftige und compendiarische, welche nur einige
Anhaltpunkte zur chronologischen Orientirung gewährte. Sie läßt
sich zurückführen auf ein älteres griechisches Werk des Hippolyt
von Porto, das bis 235 reichte, ein Werk, welches auch dem Liber
Generationis des sogenannten Fredegar zu Grunde liegt. Ueberarbeitet
und bis 334 fortgesetzt, bildet es einen Theil jenes merkwürdigen
=römischen Staatskalenders=, den Th. =Mommsen= in seiner Abhandlung
über den Chronographus von 354 ausführlich behandelt hat[5]. Er hat
nachgewiesen, daß dieser Kalender mit den nöthigen Veränderungen von
Zeit zu Zeit neu herausgegeben wurde; doch war er viel zu kostbar,
als daß sich, wer ihn einmal besaß, immer ein neues Exemplar davon
angeschafft hätte, und da die ganze Einrichtung des Werkes zur
Eintragung geschichtlicher Ereignisse eine sehr passende Gelegenheit
darbot, so ist seine Form nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung der
verschiedenen Gattungen geschichtlicher Aufzeichnungen geblieben. Sein
Inhalt bestand nämlich aus folgenden Stücken, welche die noch erhaltene
Abschrift eines Exemplars vom Jahre 354 uns kennen lehrt:

  1. Der eigentliche =Kalender= mit Bildern, die noch völlig in
     heidnisch-antiker Weise gezeichnet sind. Der Kalender selbst ist
     nicht mehr heidnisch, aber doch auch noch nicht christlich. Die
     öffentlichen Spiele, die Senatstage u. a. sind darin verzeichnet
     und die Geburtstage der Cäsaren auch noch abgesondert auf einem
     verzierten Blatt vorangestellt[6].

  2. =Consularfasten= bis zum Jahre 354.

  3. =Ostertafeln= auf 100 Jahre von 312 an.

  4. Ein Verzeichniß der =Stadtpräfecten= von 258 bis 354.

  5. Die =Todestage= (Depositiones) =der römischen Bischöfe und der
     Märtyrer=[7].

  6. Ein =Pabstkatalog= bis auf Liberius.

  7. Die oben erwähnte =Weltchronik= bis 334, verbunden mit einer
     =Stadtchronik= von Rom und der =Regionenbeschreibung=[8].

 [5] Abhandlungen der Kgl. Sächs. Ges. der Wissenschaften in Leipzig.
     I. 1850. S. 547-668. Neue Ausg. des Textes Auctt. antt. IX,
     13-196. Ein mit jener Arbeit verwandter, von Pallmann zuerst
     herausgegebener, ganz kurzer Abriß der Weltgeschichte bis 452
     Auctt. antt. IX, 149-153. Vgl. auch C. Frick im Rh. Mus. f.
     Philol. XLVI, 106 ff.

 [6] Ausg. v. Mommsen, CIL. I, 332-360.

 [7] Nach De Rossi, La Roma sotterranea I, 116 eigentlich ein
     Festkalender, _feriale_, und deshalb nicht vollständig.

 [8] S. darüber und über die im 12. Jahrh. daraus erwachsenen
     _Mirabilia Romae_, H. Jordan, Topographie der Stadt Rom im
     Alterthum II, 1871. Dess. Forma urbis Romae regionum XIII. 1875.

In diesen Stücken läßt sich mehr als ein Keim erkennen, der später
zu weiterer Entwickelung gelangt ist. Während aus dem letzten Theile
jene so zahlreichen, immer neu aufgelegten Beschreibungen von Rom
entstanden, hauptsächlich zum Wegweiser für die Pilger bestimmt,
forderten die =Consularfasten=, sowie die Ostertafeln von selbst
dazu auf, bedeutende Begebenheiten bei den betreffenden Namen
und Zahlen einzutragen, wie es z. B. Cassiodor gethan hat, und in
vollständigerer Weise Prosper. Ein solches Werk ist auch den späteren
Exemplaren jenes Kalenders eingefügt; Fasten, die anfangs nur sehr
vereinzelte Bemerkungen enthalten, für das fünfte Jahrhundert aber
reichhaltiger, und wegen der genauen chronologischen Bezeichnung
wichtig werden, ohne Zweifel, abgesehen von dem früheren Theil, in
=Ravenna= geschrieben[9]. Und zwar haben sie einen durchaus officiellen
Charakter; es sind bedeutende Vorfälle in Betreff der kaiserlichen
Familie, mit denen sie sich beschäftigen, dazu wichtige staatliche
Begebenheiten und Naturerscheinungen, mit ausschließlicher Beschränkung
auf Italien. Mit den Consullisten wurden sie von Zeit zu Zeit neu
ausgegeben. Durch sehr sorgfältige und eingehende Untersuchungen von
Pallmann, Waitz, G. Kaufmann, Holder-Egger ist die Benutzung dieser
Annalen bei immer zahlreicheren Schriftstellern nachgewiesen, so daß
=Holder-Egger= sogar den Versuch machen konnte, dieselben von 379 bis
572 wieder herzustellen. Seine Untersuchung ist so erschöpfend, daß
ich mich darauf beschränken kann, auf dieselbe zu verweisen[10]. Nach
dem Ergebniß derselben (S. 344) sind diese Fasti consulares für uns
für volle zwei Jahrhunderte in chronologischer Beziehung eine Quelle
vom höchsten Werthe. „Sie haben ganz außerordentliche Verbreitung
gefunden: fast alle weströmischen und ein oströmischer[11] Chronist des
fünften und sechsten Jahrhunderts haben sie benutzt, sie theilweise
zur chronologischen Grundlage ihrer Werke gemacht. Zuletzt sind sie
noch im neunten Jahrhundert von Theophanes, Agnellus und einem Mönch
von St. Gallen benutzt. Sie müssen mehrmals redigiert und jedes Mal
mit neuer Fortsetzung herausgegeben sein. Die erste Redaction fällt
vor das Jahr 445, in welchem Prosper sie bereits für die erste Ausgabe
seiner Chronik benutzt hat; dieselbe Redaction wird auch dem Chronicon
imperiale vorgelegen haben. Eine zweite schloß, wie wir mit ziemlicher
Sicherheit sagen können, mit dem Jahre 493; sie ist von Cassiodor
und Marcellin benutzt. Die meisten Chronisten schöpften aus einer
Vorlage, welche über dieses Jahr noch hinausreichte, so der Anonymus
Valesianus[12], Marius, der langobardische Chronist (Cont. Prosperi
Havniensis), wahrscheinlich auch der Verfasser der Continuatio und des
Auctarium Prosperi[13] in der vaticanischen Handschrift ... Wie weit
deren Exemplare reichten, läßt sich nicht bestimmen; doch ist einiger
Grund zu der Annahme vorhanden, daß im Jahre 526 eine neue Redaction
abgeschlossen ist. Wahrscheinlich ist dann noch eine neue Fortsetzung
etwa bis zum Jahre 572 in Ravenna hinzugefügt; diese letztere hätte
dann Agnellus, möglicher Weise auch der Mönch von St. Gallen[14]
benutzt.“

  [9] Früher als _Anonymus_ oder _Chronicon Cuspiniani_ bekannt, zuletzt
      gedr. bei Mommsen a. a. O. S. 656-668, Auctt. antt. IX, 263 ff.
      als _Fasti Vindobonenses_, mit d. Anon. Vales. u. a. herausgegeben
      als _Consularia Italica_.

 [10] Die Ravennater Annalen, NA. I, 215-368. Eine Berichtigung von
      Usener in dem Anecdoton Holderi, 1878. Benutzung bei Beda nach L.
      Schmidt, NA. IX, 197, verworfen v. Mommsen a. a. O. S. 253.

 [11] =Marcellinus Comes=, s. über diesen Holder-Egger, NA. II, 49
      bis 109. Sein Werk reicht im Anschluß an Hieronymus von 379 bis
      518 und ist von ihm selbst bis 534, weiter bis 548 fortgesetzt.
      Die weitere Forts. 549-566 in den Ausgaben ist aus Herm. Contr.
      entlehnt, wie Waitz, Gött. Nachr. 1857 S. 38 nachgewiesen hat.
      Jordanis hat nach Mommsen, Praef. Jord. p. XXIX. XXXIX, das Werk
      in ausführlicherer Fassung oder (auch schon Cassiodor) die darin
      excerpirte Grundlage benutzt.

 [12] =Anonymus Valesianus=, zuerst von H. Valois mit Ammianus
      Marcellinus herausgegebene Hauptquelle für Odovacar und
      Theodorich. Neue Ausgabe mit Benutzung der wiedergefundenen
      Hs. hinter Amm. Marc. ed. V. Gardthausen, Lips. 1875; Mommsen
      a. a. O. S. 314 ff. Uebers. v. D. Coste bei Procops Gothenkrieg.
      Vgl. C. Frick über d. cod. Pal. 927 in d. Comm. Wölfflin. (N.
      A. XVI, 642). Nach Holder-Egger im NA. I, 316-324 schrieb er in
      Ravenna und benutzte die verlorene Chronik des Bischofs Maximian
      (546-556); SS. Langob. p. 273 stimmt H. E. der Ansicht bei, der
      Anon. sei ein Fragment der Chronik Maximians.

 [13] Nach Br. Krusch in NA. IX, 103 nur eine Copie des Ostercyclus des
      Victurius mit einigen hist. Zusätzen; die doppelten Osterdaten
      hat Holder-Egger irrthümlich f. hist. Daten gehalten.

 [14] _Excerptum ex Chronica Horosii_, mit gleichzeitiger Notiz über das
      Erdbeben vom April 849, gedr. e. cod. S. Galli 878 von De Rossi,
      Bullettino di Archeologia crist. 1867 S. 17-23. Wiederholt von G.
      Kaufmann, Die Ravenn. Fasten, S. 484. Auctt. antt. IX, 264.

Leicht möglich ist es, daß Holder-Egger in seinen Folgerungen zu weit
gegangen ist. G. Kaufmann hat dieselben angegriffen[15]; er bestreitet
die Ableitung mancher Nachrichten aus dieser Quelle, beschränkt die
Ravennater Fasten auf die Zeit von 455 bis 493, und bestreitet ihren
amtlichen Charakter. Das Gewicht seiner Gründe ist nicht zu verkennen;
ohne Zweifel hat es damals noch vielerlei Aufzeichnungen gegeben,
welche sich meistens an Consullisten angeschlossen haben werden. Doch
von allen unterscheiden sich die Ravennater durch ihre knappe Auswahl
und Fassung, und durch die genauen Tagesdaten[16].

 [15] Die Fasten von Constantinopel u. Ravenna, Philologus XLII, 471
      bis 510.

 [16] Mommsen, Praef. Jord. p. XXXIX sagt von den 'Consularia
      Ravennatia': 'tota imbuta spiritu regni Theodericiani, sive ea
      publico consilio edita sunt, sive, quod prudentiores praeferent,
      a laudatore aliquo status praesentis'. Auch in der neuen Ausg.
      verhält er sich dagegen ablehnend.

Auch von einer zweiten Consulliste mit stadtrömischen Nachrichten
lassen sich Spuren nachweisen. Ein Exemplar der ravennatischen aber
bis etwa 456 ist nach Holder-Eggers Vermuthung nach =Arles= gekommen,
dort überarbeitet, mit gallischen Nachrichten verbunden und fortgesetzt
worden. Diese so neu entstandenen Annalen sind von Gregor von Tours und
dem sogenannten Severus Sulpitius[17] benutzt.

 [17] Holder-Egger: Ueber die Weltchronik des sog. =Severus Sulpitius=
      und südgallische Annalen des 5. Jahrhunderts. Gött. 1875. Neue
      Ausg. v. Mommsen, Auctt. antt. IX, p. 98 ss. als „Chronica ad
      annum 511“.

Die ursprünglich in Italien zusammengestellten und fortgesetzten
Fasten kamen unter Constantin auch nach Constantinopel und wurden hier
fortgeführt; ein Exemplar, welches bis zum Tode Theodosius I. reichte,
kam nach Spanien und ist uns, jedoch nur im Auszuge, von =Hydatius=
mit seiner Fortsetzung und in engster Verbindung mit seiner Chronik
bis 468 erhalten. Reichlichere Auszüge aus dem ursprünglichen und in
Constantinopel fortgeführten Werk sind im Chronicon paschale bis 630
enthalten. Aus beiden hat Mommsen die _Consularia Constantinopolitana_
(bis 468) zusammengestellt[18].

 [18] MG. Auctt. antt. XIX, 197-247.

In gleicher Weise, wie diese Consultafeln zu einem chronologischen
Anhalt für geschichtliche Notizen dienten, benutzte man auch die
Folge der Kaiser, indem man entweder nur mit jedem Namen kurze
Bemerkungen verband, oder auch die Regierungsjahre der Kaiser
einzeln unterschied[19]. Weit zweckmäßiger für kurze annalistische
Aufzeichnungen waren aber nach dem Aufhören der Consularfasten die
=Ostertafeln=, welche sich ebenfalls in jenem Kalender fanden und auch
ohne denselben bald in jeder bedeutenderen Kirche vorhanden waren. Im
Abendlande fand nach manchen Versuchen, unter denen die Ostertafel
des Aquitaniers Victurius eine gewisse Rolle spielt, besonders der
von Dionysius Exiguus angenommene Kanon des Alexandrinischen Bischofs
Cyrillus eine große Verbreitung, welche noch zunahm, als Beda die
Tafeln desselben über die Cyklen von 1-532 und von da bis 1063 in sein
Werk _De ratione temporum_ aufnahm[20].

 [19] S. hierüber Bethmann im Archiv X, 387 und über die Ostertafeln
      S. 279; vgl. V, 102 und Piper, Karls des Großen Kalendarium und
      Ostertafeln, Berlin 1858, S. 100 ff. -- Die Echtheit der Briefe
      von Victurius und Pabst Hilarus vor dem Canon paschalis hat Br.
      Krusch erwiesen, NA. IV. 169-172.

 [20] S. darüber Br. Krusch: Die Einführung des griech. Paschalritus
      im Abendlande, NA. IX, 169-172, vgl. 658. -- Consulliste des
      Victurius mit Forts. ib. S. 269-281.

Doch hat es längere Zeit gedauert, bis man von der einmal
herkömmlichen Rechnung nach Consulaten und Jahren der Kaiser abging;
in England zuerst, wo man außerhalb des römischen Herkommens stand,
sind Ostertafeln zu diesem Zweck benutzt, und von dort durch die
Vermittelung der irischen und englischen Missionare nach Gallien und
Deutschland gekommen[21].

 [21] Es kann ja auch einmal in Italien geschehen sein, vgl. NA. I,
      283, aber die hier früher nach Bethmann im Arch. X, 820 angeführte
      Handschrift aus Sant Andrea della Valle enthält keine Annalen. Es
      ist Christ. 2077, gedr. Roncall. I, 721; vgl. Mommsen im Hermes I,
      130 u. das Facs. bei Zangemeister u. Wattenbach, Exempla codicum
      Latinorum Tab. IV. NA. I, 29.

Schon 354 hatte auch der römische Staatskalender ein =Verzeichniß
der römischen Päbste= aufgenommen, welches seiner Anlage nach um 230
entstanden ist. Dieses wurde in der Folge nicht allein immer weiter
fortgesetzt, sondern auch durch allerlei Zusätze vermehrt. Man fügte
die Amtsdauer der Päbste hinzu, ihre Bauten und andere Verdienste
um die kirchliche Verwaltung, die von ihnen vorgenommenen Weihen,
endlich auch geschichtliche Vorfälle, und so entstand das _Pontificale
Romanum_, welches gewöhnlich nach dem päbstlichen Bibliothekar
Anastasius benannt wird. Doch zeigen weit ältere Handschriften, daß
schon im siebenten Jahrhundert der Anfang des Werkes vorhanden war[22],
und auch Beda und Paulus Diaconus haben diese Aufzeichnungen bereits
benutzen können. Eine übersichtliche Darstellung der Entstehung
dieses Werkes und seiner Fortsetzungen hat Giesebrecht gegeben in der
Allgemeinen Monatsschrift für 1852, April. Wie in Rom, so entstanden
ähnliche Aufzeichnungen auch an anderen Bischofsitzen und in manchen
Klöstern, und daraus erwuchsen später die ausführlichen Geschichten
der Bisthümer und Klöster, welche in der geschichtlichen Litteratur des
Mittelalters eine so bedeutende Stelle einnehmen.

 [22] S. Pertz im Archiv V, 70-74; De Rossi, La Roma sott. I, 122. Ueber
      den ältesten Theil des Werkes Janus S. 139 ff. mit Beziehung auf
      die sorgfältige Analyse des ganzen Werkes bei Piper, Einl. in die
      monumentale Theologie (Gotha 1867) S. 315-349, der auch bereits
      die Benutzung durch Beda nachgewiesen und die Wichtigkeit dieses
      Verhältnisses für die Kritik hervorgehoben hat, vgl. S. 198. 202
      Anm. 12. -- Ganz neue Ansichten über diesen ältesten Theil, seine
      Entstehung und das Verhältniß der Handschriften entwickelt der
      Abbé L. Duchesne: Étude sur le Liber pontificalis, Paris 1877
      (Bibl. des écoles Franç. d'Athènes et de Rome, I). Ihm entgegnete
      Waitz, NA. IV, 215-237: Ueber die verschiedenen Texte des
      Liber pontificalis. Ders. V, 229 über Lipsius: Neue Studien zur
      Pabstchronologie; VIII, 405 über eine neue Schrift von Duchesne;
      IX. 457-472 über den sog. Catal. Cononianus: X, 453-465 über die
      ital. Hss.: über den Catal. Felicianus XI, 217-229. Vgl. auch
      Krusch, XII, 236. Jetzt ist von der Ausgabe von Duchesne Bd. I.
      1886 erschienen, während Waitz dazu nicht mehr gekommen ist. Rec.
      v. Grisar, Zts. f. Kath. Theol. 1887 S. 417-446. -- Ein merkw.
      _Elogium Liberii papae_ († 366) hat De Rossi herausgegeben,
      Bullettino di Archeologia crist. 1883. Prof. Funk im Hist. Jahrb.
      V, 424-436, XII, 757 ff., bezieht es jedoch auf Martin I (†
      655), Friederich, Münch. SB. 1891 S. 87-127 auf Joh. I, De Rossi
      wieder f. Liberius im Bull. 1891.

Endlich aber enthält auch der Abschnitt des Kalenders, in welchem
die Todestage der Märtyrer und Päbste verzeichnet sind, den Anfang
eines ganz eigenthümlichen Zweiges der Litteratur, nämlich der
=Martyrologien=, in welchen die dort verzeichneten Namen sich immer
als die ersten wiederfinden, und gewissermaßen den Kern der immer
mehr anwachsenden Verzeichnisse bilden, welche zu dem bloßen Namen
bald auch Nachrichten über Leiden und Leben der Märtyrer und Bekenner
hinzufügen. Wir sahen schon, wie lehrreich diese Martyrologien
in Rettbergs Händen für die Entstehungsgeschichte der kirchlichen
Sage geworden sind; denn da die Zeit der Verfasser bekannt ist, so
läßt sich darin die allmähliche Erweiterung der Legenden urkundlich
nachweisen[23]. Die ältesten tragen den Namen des Hieronymus[24], obwohl
mit Unrecht; besonders geschätzt ist das Martyrologium Gellonense[25].
Die größte Verbreitung fand, wie alle Schriften =Beda's=, auch dessen
Martyrologium, das wir jedoch nicht in seiner ursprünglichen Gestalt
besitzen, sondern nur mit den Zusätzen des =Florus=, eines Subdiaconus
zu Lyon im neunten Jahrhundert[26]. So kam also auch dieser Zweig
der Litteratur über England nach Gallien; hier wurde er im neunten
Jahrhundert mit besonderer Vorliebe behandelt, und aus der mündlich
sich fortbildenden Tradition kamen bei jeder neuen Ausgabe stets
auch neue Zusätze hinzu. Ein Reichenauer, welches zwischen 837 und
842 entstanden ist, gab A. Holder kürzlich heraus[27]. Eine metrische
Bearbeitung verfaßte um 850 =Wandalbert=, Mönch zu Prüm[28], andere in
Prosa =Hraban=[29] zwischen 842 und 854, =Ado= von Vienne[30] (859-874)
und auf Befehl Karls des Kahlen =Husward=[31] (Usuardus) im Jahre 875;
am Ende des Jahrhunderts schrieben =Notker= der Stammler (896) auf der
Basis des von Ado 870 den Mönchen von St. Gallen geschenkten Exemplars
seines Martyrologium[32], und in Versen =Erchempert=, der Mönch von
Montecassino[33]; noch im elften Jahrhundert verfaßte =Hermann von
Reichenau= ein Martyrologium[34]. Damit war nun aber auch dem Verlangen
nach Martyrologien völlig genügt; man fragte nicht mehr so viel nach
diesen immer noch kurzen und dürftigen Aufzeichnungen, da man bereits
eine sehr große Zahl ausführlicher Legenden besaß, theils aus der
Zeit der Merowinger, theils aber auch über eben jene alten Märtyrer,
von denen die Martyrologien so wenig zu sagen wußten. Der Wunsch
danach war zu dringend, besonders in den Klöstern, welche Reliquien
von ihnen besaßen, als daß nicht eine reiche Auswahl nachgemachter
Legenden hätte entstehen sollen, welche leicht genug Glauben fanden,
oder doch in Ermangelung anderer benutzt wurden, wie z. B. die Legende
vom Apostel Thomas, deren Unglaubwürdigkeit wohl bekannt war[35]. Bald
hatte man Legenden für jeden Tag im Jahr, und eine Sammlung derselben
veranstaltete schon im Anfange des zehnten Jahrhunderts =Wolfhard=,
Mönch zu Herrieden[36]. Kleinere, unvollständige Legendarien hatte man
schon früher, und sie finden sich in großer Zahl in den folgenden
Jahrhunderten, bis sie endlich wiederum verdrängt wurden durch die
in zahllosen Abschriften verbreitete =Goldene Legende des Jacob von
Genua=[37], welche dem Gebrauch für das Leben und für die praktische
Anwendung auf der Kanzel am meisten entsprach und in gedrängter Kürze
den ganzen Kreis der Heiligengeschichte auf den Umfang eines Bandes
beschränkte.

 [23] Ausführlicheres darüber mit dem Nachweis der Ausgaben bei Rettberg
      I, 76. Vgl. Potthast S. 436. Das Hauptwerk ist die Abhandlung von
      J. B. Sollerius vor der Ausg. des Martyrol. Usuardi, Acta SS. Jun.
      VI. Vgl. auch die oben S. 41 angef. Schrift v. Fr. Stolle.

 [24] Mart. Hieron. ed. Fiorentini, Lucae 1668. Als vorzüglichste
      Handschrift rühmt De Rossi die Berner, Roma sotterranea II. p. XII
      ss. Nach dieser ist es jetzt herausgegeben, Acta SS. Oct. XIII.

 [25] D'Achery Spicil. ed. II. II, 27. Geschrieben ist es um 804. Sickel
      in d. Wiener SB. XXXVIII, 161 macht auf das noch nicht benutzte
      Martyrologium aus derselben Zeit im Wiener Cod. 387 aus Salzburg
      aufmerksam.

 [26] In den Werken des Beda und Acta SS. Mart. II. Ueber ein ihm
      zugeschriebenes kurzes Mart. in Hexametern (ed. Giles I, 50-53)
      vgl. Dümmler, NA. IV, 516.

 [27] Röm. Quartalschrift III, 204-251.

 [28] Erste krit. Ausgabe von Dümmler, Poetae Lat. aevi Carolini II,
      569-603.

 [29] Canis. II, 2, 313. Vgl. E. Dümmler, das Martyrol. Notkers u. seine
      Verwandten (Forsch. XXV) S. 197-200, mit Ergänzung des Textes.

 [30] Herausgeg. von Surius im Anhang der Vitae probb. SS., dann von
      Heribert van Roswey mit dem Martyrologium Romanum. Ueber das
      vorhergehende, von Ado in Ravenna abgeschriebene, _Romano piccolo_
      s. De Rossi, La Roma sott. I, 125. Vgl. Dümmler a. a. O. S. 200.

 [31] Ed. Sollerius, Acta SS. Jun. VI und VII. A. Longnon, Notice sur le
      plus ancien obituaire de l'abbaye de St. Germain-des-Prés (Not.
      et Doc. publ. p. l. Soc. de l'hist. de France p. 19) hält diese
      Hs. für sein Autograph.

 [32] Canis. II, 3, 89. Vgl. Dümmler, St. Gall. Denkmale, S. 252.
      Scherrer S. 149 über den cod. 454. Dümmler, Forsch. XXV, 202 ff.
      Es ist unvollständig erhalten.

 [33] NA. IV, 544. VI, 285. Noch ungedruckt. Die nach der Vorr. zur
      Bezeichnung seiner Zusätze gesetzten obeli finden sich in der Hs.
      nicht. -- Ein metr. Martyrologium (Anf. _Jure kalendarum_) ist aus
      dem angels. Theil der Hs. Galba A 18, die K. Aethelstans Psalter
      gewesen sein soll, herausg. v. Hampson, Medii Aevi Kalendarium
      (1841) S. 397-420. Die Hs. ist beschrieben in Thompons Catal. of
      anc. mss. Latin (1884) S. 12, Fasc. pl. 28.

 [34] Darüber, nebst Zusätzen einer späteren Bearbeitung, Dümmler ib.
      S. 208-214.

 [35] Ch. Schmidt, Histoire du Chapitre de Saint-Thomas de Strasbourg,
      p. 121. Auch in Handschriften des Thomasklosters zu Vorau fand
      ich die Klage über den Mangel an authentischen Nachrichten bei
      den Legenden des Heiligen, die man aus Noth benutzte.

 [36] Anon. Haser. MG. SS. VII, 256. Vgl. Archiv V, 565. X, 645.

 [37] Jacobi a Voragine Legenda aurea, vulgo Historia Lombardica dicta,
      rec. Th. Grässe. Ed. II. Lips. 1850. 8.

Geschichtlich ist Jacobs compendiarische Behandlung der Legenden
unbrauchbar; die ausführlichen Lebensbeschreibungen der Heiligen aber
enthalten für manche Zeiträume die werthvollsten Nachrichten. Auch
diese Aufzeichnungen finden ihre Vorbilder schon in den früheren
Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit. Die christlichen Gemeinden
theilten sich unter einander die Todestage der Märtyrer mit nebst den
Umständen ihres Leidens, und solche Mittheilungen wurden bei ihren
Zusammenkünften verlesen. Bald fing man auch an, das Leben anderer
frommer Männer, der Bekenner, aufzuzeichnen. Cassians vielgelesenes
Werk über die Einsiedler der Thebais, das Leben des Cyprian, Ambrosius,
Augustin und ganz besonders das um 400 von Sulpicius Severus verfaßte
und durch ganz Gallien verbreitete Leben des heiligen Martin von
Tours[38] regten zu ähnlicher Thätigkeit an[39]. Benedict von Nursia,
der eigentliche Begründer des abendländischen Mönchthums, fand einen
Biographen in dem Pabste Gregor dem Großen, und dieses Werk fehlte
natürlich in keinem Kloster seines Ordens; nebst den übrigen Büchern
der Dialoge bot es der Wundersucht des Mittelalters reiche Nahrung
und reizte zur Nachahmung. Daran also schließt sich nun eine überaus
reiche Litteratur, und wenn auch vielfach der erbauliche Ton so sehr
überwiegt, daß der geschichtliche Werth nur gering ist, so ist doch
keine der wirklich echten gleichzeitigen Biographien ganz ohne Frucht,
und für die Zeiten, wo die Heiligen zugleich Staatsmänner waren,
gehören ihre Lebensbeschreibungen zu den wichtigsten Quellen der
Geschichte. Mit dem dreizehnten Jahrhundert aber verlieren sie fast
alle Bedeutung.

 [38] Vgl. Reinkens, Martin v. Tours (1866) S. 258-274. Fast unbeachtet
      dagegen und ohne Nachwirkung blieb desselben Sulpicius Chronik
      bis 403, welche, die jüdische Geschichte mit der profanen
      verarbeitend, im Stil sich den Werken des Sallust, Vellejus,
      Tacitus anschloß und dem Geschmack des Mittelalters nicht zusagte;
      s. die geistreiche Würdigung dieses Werkes von Jakob Bernays:
      Ueber die Chronik des Sulpicius Severus, Berlin 1861, 4. u. in
      d. Sammlung seiner Kl. Schriften. Benutzung in der V. Heinr. IV
      sucht Gundlach nachzuweisen, NA. XI, 299-304. Neue Ausg. von C.
      Halm: Sulpicii Severi libri qui supersunt, Vindob. 1866. Ebert S.
      327-336.

 [39] Wie sehr es bis ins 13. Jahrh. als Vorbild diente und ausgenutzt
      wurde, zeigt Manitius, NA. XIV, 165-170. XV, 194-196.

Ganz vereinzelt erscheint daneben die weltliche Biographie; nur einige
Kaiser haben Lebensbeschreiber gefunden, und wenn Einhard den Sueton
zum Vorbilde nahm, so ist das nur eine Frucht der durch Karl den Großen
erneuten Einwirkung auch der heidnischen Classiker; eine lebendige
Fortentwickelung knüpfte sich nur an die kirchliche Litteratur.

Zu erwähnen bleibt endlich noch eine Art der Aufzeichnung, welche
den Martyrologien sehr nahe steht und häufig damit verbunden ist,
die =Necrologien= nämlich, in welchen die Todestage aller derjenigen
verzeichnet wurden, deren Gedächtniß in der Kirche oder dem Kloster,
dem diese Aufzeichnungen angehörten, gefeiert werden sollte. Da
jeder angesehene Mann sich um seiner Seligkeit willen eine solche
Gedächtnißfeier zu sichern pflegte, erfahren wir hierdurch ihre
Todestage, deren Kenntniß für manche Fragen wichtig werden kann;
auch für die verwandtschaftlichen Verhältnisse ist manches daraus zu
entnehmen, und zuweilen sind auch einzelne geschichtliche Begebenheiten
anderer Art darin verzeichnet. Zur geschichtlichen Litteratur kann man
diese Namensverzeichnisse nicht rechnen, und ich beschränke mich daher
auf diese Erwähnung und auf ein Verzeichniß der mir bekannt gewordenen,
gedruckten Necrologien, welches im Anhange zu finden ist.

Eine Zeitbestimmung ist nicht hinzugefügt, weil auch in jüngere
Necrologien einzelne ältere Angaben herübergenommen sind, und ältere
durch die fortgesetzten Eintragungen werthvoller zu werden pflegen.
Doch ist es nicht unwichtig, die Zeit der ersten Anlage zu erkennen;
bei dem lobenswerthen Versuche, dahin zu gelangen, begegnet aber stets
wiederholt ein Fehler, vor dem ich deshalb ausdrücklich warnen möchte.
Die Herausgeber glauben nämlich, zu dieser Bestimmung die Ansetzung des
Osterfestes benutzen zu können und lassen sich dabei auch durch den
auffallenden Umstand nicht stören, daß dieser überall derselbe ist,
nämlich der 27. März; auch nicht dadurch, daß es ja gar keinen Sinn
haben würde, das zufällige Datum eines einzelnen Jahres einzutragen.
Es ist aber dieser 27. März ein festes Datum, welches man für dasjenige
der wirklichen Auferstehung hielt.

Den vollen Nutzen für geschichtliche Forschung werden diese Necrologien
erst gewähren, wenn sie systematisch gesammelt, durchgearbeitet und
zusammengestellt sind. Das ist jetzt geleistet von Baumann für die
Sprengel von Augsburg, Constanz und Chur[40], von Herzberg-Fränkel für
Salzburg[41].

 [40] MG. Necrologia Germaniae I. 1888; vgl. NA. VII, 19-41. VIII,
      425-447. XIII, 409-429.

 [41] Vol. II, 1. 1890; vgl. NA. XIII, 269-304.

Geschichtlich noch wichtiger sind die =Todten-Annalen=, in welchen
Jahr für Jahr die Todesfälle eingetragen sind. Solche sind aus =Fulda=
von 779 bis 1065 erhalten[42], und an diese sich anschließend, aber
weit weniger reichhaltig, aus =Prüm=, von 1039 bis 1104[43], aus =St.
Blasien= von vor 1036 bis 1474[44].

 [42] Erste vollständige Ausgabe aus den verschiedenen Hss. von G.
      Waitz: _Annales necrologici Fuldenses_, MG. SS. XIII, 161-215.

 [43] _Ann. necrol. Prum._ ib. p. 219-223.

 [44] Necrol. I, 329-333. Die Weltenburger 1045-1109 (MB. XIII, 473-493)
      werden auch wohl bei den Necrol. gedruckt.

Verschieden davon sind die =Verbrüderungsbücher=, in welche
Lebende eingetragen wurden; bei weitem das wichtigste darunter ist
das von Karajan, jetzt aber mit wesentlichen Verbesserungen von
Herzberg-Fränkel herausgegebene von =Sanct Peter in Salzburg=[45];
von einer systematischen Bearbeitung sind die von =Sanct Gallen=,
=Reichenau= und =Pfävers= erschienen[46]. Sie geben über die
Verbindungen der Klöster untereinander Nachricht und sind durch die
Fülle alter Eigennamen für die Sprachforschung von Bedeutung. Auch
von den =Roteln= späterer Zeit, durch welche man von den Todesfällen
verbundenen Klöstern Nachricht gab, und welche theils nur mit
Empfangsbescheinigung, theils sogar mit längeren Gedichten versehen
wurden, hat sich namentlich in Frankreich eine große Anzahl, wenn auch
meistens nur fragmentarisch, erhalten, welche von L. Delisle gesammelt
und herausgegeben ist[47].

 [45] Necrol. II, 3-60; vgl. NA. XII, 53-107.

 [46] MG. Libri Confraternitatum S. Galli, Augiensis, Fabariensis, ed.
      P. Piper 1884. Das Verbrüderungsbuch von St. Gallen ist, nebst dem
      Buch der Gelübde, auch von E. Arbenz herausgegeben und erläutert,
      Mitth. z. vaterl. Gesch. XIX, St. Gallen 1884. Vgl. auch C. Will,
      Monum. Blidenstatensia, p. XX-XXII. A. Ebner, Die klösterlichen
      Gebetsverbrüderungen. Regensb. 1890.

 [47] Des monuments paléographiques concernant l'usage de prier pour
      les morts, Bibl. de l'École des chartes, II, 3, 361-411, und
      die Ausgabe: Rouleaux des morts du IX. au XV. siècle, 1866. Vgl.
      Wattenbach, Schriftwesen (2. Ausg.) S. 137.

Eine besondere Erwähnung verdienen endlich noch die alten =Diptycha=,
in welche Namen ohne Daten eingetragen wurden, um sie der Fürbitte
theilhaftig werden zu lassen, wobei auf die Ordnung nichts ankam; aus
Fulda, Trier, Novara haben sich dergleichen erhalten. In Ermangelung
anderer Denkmäler hat man daraus Bischofslisten entnommen, deren
Lückenhaftigkeit und Umstellungen sich aus solchem Ursprung erklären.
Ein Liber vitae ecclesiae Dunelmensis (jetzt Cott. Domit. A. VII) aus
der Mitte des neunten Jahrhunderts und bis in späte Zeit fortgeführt,
lag im Prachtband auf dem Altar[48], herausgegeben von Stevenson 1841.

 [48] Genaue Beschreibung der Hs. von Thompson im Catalogue of ancient
      Latin Mss. p. 81-84.

Eine besondere Art von Namensverzeichnissen entstand durch die Sitte,
in =Evangelienbücher= Namen einzutragen, wovon man sich gute Folgen
für das Seelenheil versprach. So schrieb nach einer Mittheilung von
K. Lamprecht in d. Westd. Ztschr. IV, 156 in einem Evangeliar des
Castorstifts in Coblenz der Schreiber selbst hinzu: „Waniggus peccator
nomen habeo. in vitae libro mei memoriam condo“. Darauf folgen andere
Namen. Beispiele davon kommen auch sonst vor[49]; geschichtlich wichtig
sind die Eintragungen im Evangeliar von Aquileja für die Anfänge
des Christenthums unter den Bulgaren, während Theodelinde und andere
Namen später betrügerisch zugesetzt sind, was Bethmann entdeckt und
nachgewiesen hat[50].

 [49] L. Delisle, Bibl. de l'École des ch. 1876, S. 484.

 [50] NA. II, 112-128.


§ 4. Die Ostgothen. Cassiodor.

 Manso, Geschichte des ostgothischen Reiches in Italien, Breslau 1824.
     Aschbach, Geschichte der Westgothen, Frankf. 1827. Waitz, Ueber
     das Leben und die Lehre des Ulfila, Hannov. 1840, 4. Bessell,
     Ueber das Leben des Ulfilas und die Bekehrung der Gothen zum
     Christenthum, Gött. 1860. Max Müller, Lectures on the Science
     of Language, 2. ed. 1862, p. 179 ff. Bessell, Art. Gothen in
     der Encyklopädie von Ersch und Gruber I, 75. S. 98-242 (1862).
     Raszmann, Goth. Sprache und Litteratur, ib. 294-348. Wietersheim,
     Geschichte der Völkerwanderung, bes. II, 137 ff. Pallmann, Die
     Geschichte der Völkerwanderung, I, Gotha 1863. II, Weimar 1864.
     F. Dahn, Die Könige der Germanen, Abth. II. 1861. Wackernagel,
     Geschichte der deutschen Litteratur. S. 15-22. Bernhardy, Grundriß
     der römischen Litteratur, § 60. A. Thorbecke, C. Senator, Progr.
     d. Heidelb. Lyceums 1867. Ad. Franz, C. Senator, ein Beitr. z.
     Gesch. d. theol. Litt. Bresl. 1872. Teuffel § 475. Ebert S. 498
     bis 542. Balzani p. 1-19. Rinaudo p. 25-31. -- Ueber Cassiodor und
     Jordanis: Papencordt, Geschichte der vandal. Herrschaft in Afrika
     (1837), S. 383-388. Freudensprung, De Jornande sive Jordane et
     libellorum eius natalibus, Monaci 1837. H. v. Sybel, De fontibus
     libri Jordanis de origine actuque Getarum, Berol. 1838; Entstehung
     d. D. Königthums, 2. Ausg. (1881) S. 134-208. Waitz, GGA. 1839,
     S. 769-781. Joh. Jordan, Jordanes Leben und Schriften. Progr.
     des Gymnasiums zu Ansbach. 1843. J. Grimm, Ueber Jornandes. Abh.
     der Berliner Akademie, 1846 (Kleinere Schriften III, 171-235).
     Cassel, Magyarische Alterthümer, 1848, S. 293 bis 310. Stahlberg.
     Jornandes, Programm der höheren Bürgerschule zu Mühlheim a. R.
     1854. C. Schirren, De ratione, quae inter Jordanem et Cassiodorium
     intercedat commentatio, Dorp. 1858; vgl. die Rec. von A. v.
     Gutschmid. Jahrbücher für classische Philologie, 1862, S.
     124-151. R. Köpke, Deutsche Forschungen, Berl. 1859. Bessell, Art.
     Gothen, S. 101-116, recapitulirt die ganze Frage. Waitz, Gött.
     Nachrichten 1865 N. 4, über das Verhältniß zum Anon. Cuspiniani.
     Baehr S. 247-262. Mommsen, Praef. Jord. p. XL-XLIV. -- Cassiodori
     Opera ed. Garet, Rothomagi 1679. fol. Frammenti di orazioni
     panegiriche, raccolti ed illustrati di Carolo Baudi de Vesme,
     Memorie della Real Acad. delle Scienzie, Serie II, Vol. VIII; vgl.
     Reifferscheid, SB. 68, 483, Fragm. d. Lobrede auf K. Theodahat,
     viell. von Cassiodor nach Arbois de Jubainville, Bibl. de l'École
     des chartes, V. 3, 139, vgl. M. Haupt in Hermes VII, 377. H.
     Usener, Festschrift zur Philol. Vers. in Wiesbaden 1877 (Anecdoton
     Holderi, Excerpt aus der früher unbekannten Schrift C.'s über die
     Schriftsteller in seiner Familie); vgl. aber Schepss, im NA. XI.
     125-128. F. Rühl. Ein Anecdoton zur Goth. Urgesch. im Jahrb. f.
     class. Philol. 1880, S. 549-576 (Barbarischer Auszug aus Cass.
     über Skythen und Amazonen).

Das ostgothische Reich, so kurz es dauerte, bildete doch ein sehr
wichtiges Mittelglied zwischen der antiken Welt und dem Mittelalter,
welche sich in ihm auf merkwürdige Weise berühren.

Der gothische Stamm war einer der begabtesten, bildungsfähigsten
deutschen Stämme. Er allein, nebst den Angelsachsen, hat von
Anfang an auch die Muttersprache ausgebildet, nicht nur in Lied und
Gesang, sondern auch zu wissenschaftlichem Gebrauch; außer Vulfila's
Bibelübersetzung haben sich auch Fragmente einer Evangelienharmonie
erhalten. Getrennt von der herrschenden Kirche, feierten sie den
Gottesdienst in ihrer eigenen Sprache[1], und deren Gebrauch war
dadurch bei ihnen, wie später bei den Slaven, besser gesichert als
in der römischen Kirche. Dennoch hätten auch die Ostgothen, wäre
ihrem Reiche längere Dauer beschieden gewesen, sich der Uebermacht
römischer Cultur wohl sicher ebenso wenig zu erwehren vermocht, wie die
Westgothen in Spanien und später die Angelsachsen.

 [1] Papencordt, Geschichte der vandalischen Herrschaft in Afrika, S.
     295.

Denn mit der größten Empfänglichkeit wandten die Gothen sich auch der
antiken Bildung zu; Theoderichs Reich ist merkwürdig als ein Versuch,
die neuen Elemente mit den alten zu vereinen und die Herrschaft in den
alten Formen fortzuführen; an seinem Hofe hörte man noch die alten
gothischen Heldenlieder, aber es sammelten sich dort auch die noch
übrigen Träger der alten Bildung; hier entstanden mehrere der Werke,
welche die Elemente der alten Cultur dem Mittelalter überlieferten,
aus denen es seine Kenntniß des Alterthums schöpfte und zugleich den
gezierten dunklen Stil lernte, der damals in den Schulen der Rhetoren
und Grammatiker für schön galt.

Den Schriftstellern des vierten Jahrhunderts, Donat, Macrobius,
Marcianus Capella, reiht sich Priscianus an, Theoderichs Zeitgenosse
und mit Cassiodor bekannt; doch lebte er in Constantinopel. Einer
der Hauptlehrer des Mittelalters aber, dem es zunächst die Kenntniß
der Aristotelischen Philosophie verdankte, war =Boethius=[2],
der mit seinem gelehrten Schwiegervater =Symmachus= am Hofe zu
Ravenna lebte. Die Familie der Symmacher, die domni Symmachi,
werden uns ganz besonders genannt unter den Männern, welche in
genauer Verbindung mit den Schulen der Grammatiker und Rhetoren
noch einmal das sinkende Heidenthum neu zu beleben suchten, durch
Auffrischung der Mysterien, der Philosophie, und namentlich auch durch
angelegentliche Beschäftigung mit der alten Litteratur, deren Werke
sie durch sorgfältige Verbesserung der verwahrlosten Handschriften in
diejenige Gestalt brachten, in welcher sie uns jetzt vorliegen[3].
Das Christenthum war nun freilich bereits zum unbestrittenen Siege
durchgedrungen, dennoch aber stehen diese Männer noch ganz auf dem
Boden der alten heidnischen Bildung. Auch =Cassiodor= gehört dazu; erst
in seinem Alter gab er sich immer mehr einer kirchlich frommen Richtung
hin.

 [2] So nach der Etymologie, während die handschriftliche Autorität
     mehr für =Boetius= spricht.

 [3] O. Jahn: Ueber die Subscriptionen in den Handschriften römischer
     Classiker. Berichte über die Verhandlungen der königl. Sächs. Ges.
     der W. Phil. hist. Classe, III, 327. 1851.

Dieselbe Mischung römischer und deutscher, heidnischer und christlicher
Elemente, wie an Theoderichs Hofe, finden wir nun auch in der
geschichtlichen Litteratur, die uns leider nur theilweise erhalten
ist. Was es für eine Bewandtniß mit den gothischen Philosophen habe,
mit Athanarit, Hildebald und Markomir, auf die sich der Ravennatische
Geograph beruft, ob sie existirt haben oder nicht, ist bis jetzt noch
dunkel[4]. Auch der von Jordanis[5] benutzte und gelobte =Ablavius=,
der „treffliche Geschichtschreiber des gothischen Volks“, bleibt in
zweifelhaftem Dunkel; Mommsen vermuthet, daß er an Theoderichs Hofe
nicht lange vor Cassiodor geschrieben und, der gothischen Sprache
kundig, ihre Ueberlieferungen und Lieder mit den Nachrichten des
Priscus u. a. verbunden habe. Er ist geneigt, einen sehr wesentlichen
Theil des Cassiodorischen Werkes ihm zuzuschreiben, aber Schirren hat
sich mit guten Gründen von neuem sehr nachdrücklich dagegen erklärt.
Der Name ist in jener Zeit häufig und lautet correct =Ablabius=,
doch folge ich lieber der damals üblichen, durch Jordanis bezeugten
Aussprache.

 [4] Th. Mommsen, Ueber die Ravennatische Kosmographie, SB. der
     k. Sächs. Ges. der W. Phil. hist. Classe, III, 80-117, 1851.
     Bock, Lettre à Mr. Bethmann, Annuaire de la Bibl. Royale de
     Belgique, Vol. XII. 1851. Rec. von Waitz, GGA. 1851, N. 121.
     Ravennatis Anonymi Cosmographia et Guidonis Geographia. Ex libris
     manuscriptis edd. M. Pinder et G. Parthey, Berol. 1860. -- =Guido
     Pisanus= excerpirte das ältere Werk des siebenten Jahrhunderts
     um 1119. Während Mommsen und de Rossi (Giornale Arcadico CXXIV
     p. 259-281, 1851) sammt vielen anderen seiner Autoritäten auch
     die gothischen Philosophen für erfunden halten, sehen Bock und
     Pallmann I, 9-12. II, 139, in ihnen Zeitgenossen Theoderichs.

 [5] De orig. Gett. c. 4. 14. 23. Vgl. Sybel, De fontibus Jord. p.
     34-37. Schirren S. 36-44. Koepke S. 80. Gutschmid S. 129, 130.
     Sybel, Königthum, S. 193. Mommsen, Praef. Jord. p. XXXVII. -- Daß
     um 1200 jemand _Blavius de gestis Gothorum_ aus der Bibliothek
     des Klosters Tegernsee verlangte (Pez, Thes. VI, 2, 53), erklärt
     sich wohl einfach aus der Lectüre des Jordanis. Die Meinung von
     P. Buchholz, daß Flavius Blondus den A. gekannt habe, widerlegt
     Mommsen.

Der rechte Repräsentant dieses Uebergangsreiches ist Magnus Aurelius
=Cassiodorius[6] Senator=, ein vornehmer Römer von angesehener Familie,
aus Bruttien, vielleicht aus Squillace gebürtig. Dem Beispiele seines
Vaters folgend, stellte er sich der Herrschaft der Barbaren nicht
feindselig oder schmollend gegenüber, sondern war als Staatsmann und
als Gelehrter aufrichtig und unablässig bemüht, die widerstrebenden
Elemente friedlich zu verbinden und auszugleichen; als Minister
Theoderichs und seiner Nachfolger suchte er die Regierung in den alten
Formen fortzuführen, und als Geschichtschreiber verkündete er den
erstaunten Römern, daß das Volk der Gothen und das Königsgeschlecht der
Amaler ihnen an Alter und Adel, ja sogar an uralter Cultur mindestens
ebenbürtig sei.

 [6] Diese Form wird man nach dem Veroneser Cod. saec. VII. der
     Complexiones vorziehen müssen, mit Maffei und Reifferscheid,
     SB. XLIX, 49. Auch Mommsen braucht sie (doch jetzt nicht mehr),
     während F. Rühl, Jahrb. f. Philol. 1880, S. 564, sich dagegen
     erklärt.

Schon die =Chronik= Cassiodors[7] dient der Verherrlichung Theoderichs
und seines Eidams Eutharich, dem sie in seinem Consulatsjahre
überreicht wurde; der Schwall der Lobrede belebt 496 bis 519 das
dürftig und ungeschickt zusammengestoppelte chronologische Gerippe,
dessen Mangelhaftigkeit und willkürlich leichtsinniges Machwerk
Th. Mommsen schonungslos aufgedeckt hat. Auch die wenigen früheren
historischen Notizen zur Consulartafel, die er aus Hieronymus,
Prosper, Eutrop, von 456-493 aus den Ravennater Fasten schöpfte[8],
hat er in gothischem Interesse verändert[9]. Von weit größerem Werth,
fleißiger gearbeitet und der schulmäßigen Gelehrsamkeit jener Zeit
entsprechend waren Cassiodors zwölf Bücher =Gothischer Geschichten=,
ein früh verlorenes Werk, über welches jedoch der Auszug des Jordanis
ein Urtheil gestattet, denn nach den Untersuchungen von Schirren und
Koepke kann man es jetzt wohl als festgestellte Thatsache betrachten,
wie es denn auch von Mommsen angenommen ist, daß der ganze wesentliche
Inhalt dieses Werkes mit Einschluß des gelehrten Apparats von Cassiodor
herrührt[10]. Außerdem finden sich in der Sammlung seiner Briefe mehrere
Aeußerungen, welche sich auf sein Geschichtswerk beziehen; so legt er
gleich in der Vorrede einem Freunde die Worte in den Mund[11]: „Du hast
in zwölf Büchern die Geschichte der Gothen in einer Blüthenlese ihrer
glücklichen Thaten niedergelegt“. Varr. XII, 20 wird eine Stelle über
die Einnahme Roms durch Alarich daraus angeführt, welche beweist, daß
auch die Geschichte der Westgothen darin behandelt war.

  [7] Die Chronik des Cassiodorus Senator vom Jahre 519. Nach den
      Handschriften herausgegeben von Th. Mommsen. Abhandl. der königl.
      Sächs. Ges. der Wiss. VIII. 1861. -- Zugesetzt sind die Consuln
      520-559. Benutzt ist die Chronik nur von Hermanus Contractus
      aus der Reichenauer, von Marian und den Ann. S. Dysibodi aus der
      Mainzer Handschrift.

  [8] Holder-Egger, NA. I, 247-250.

  [9] Vgl. Thorbecke S. 43. Ueber ein ähnliches Verfahren in der
      Gothengeschichte s. G. Kaufmann, Forschungen VI, 464.

 [10] Auch H. v. Sybel, der in seiner Abhandlung die entgegengesetzte
      Ansicht durchgeführt hatte, gab 1858 in der Hist. Zeitschr. II,
      515 die Wahrscheinlichkeit der Beweisführung von Schirren und
      Koepke zu. Ihm folgt darin auch Bessell. Nur die Benutzung des
      Orosius hält Mommsen für Eigenthum des Jordanis, während er auf
      die von H. v. Sybel (Königth. S. 193) aufgestellte Behauptung,
      daß J. selbst die Reihe der Gothenkönige aus Ammian ergänzt habe,
      nicht Rücksicht nimmt. -- Nach F. Rühl kannte auch Aethicus das
      Werk Cassiodors.

 [11] „XII libris Gothorum historiam defloratis prosperitatibus
      condidisti.“ Bessells Deutung (Forschungen I, 639-643) „mit
      auserlesenem Glück geschrieben“, scheint mir unhaltbar, trotz
      Thorbecke's Zustimmung.

Wichtiger aber und lehrreicher sind die Worte des Königs Athalarich
in dem Schreiben (Varr. IX, 25), durch welches er dem römischen
Senat Cassiodors Erhebung zum Praefectus praetorio für das Jahr 534
anzeigt. Nicht damit habe er sich begnügt, heißt es da, die lebenden
Herren zu loben: „auch in das Alterthum Unseres Geschlechtes ist er
hinaufgestiegen und hat durch Lesen erkundet, was kaum noch in dem
Gedächtniß unserer Altvorderen haftete. Er hat die Könige der Gothen,
welche lange Vergessenheit barg, aus den Schlupfwinkeln der Urzeit
hervorgezogen. Er hat die Amaler mit dem vollen Ruhm ihrer Herkunft
wieder ans Licht gestellt, indem er klärlich nachwies, daß Wir bis in
die siebenzehnte Generation von königlichem Stamme sind. Er hat die
Herkunft der Gothen zu einer römischen Geschichte gemacht, und die
Blüthenkeime, welche bis dahin auf den Gefilden der Bücher hier und
dort zerstreut waren, in einen einzigen Kranz gesammelt[12]. Bedenkt,
welche Liebe zu euch er durch Unser Lob bewiesen hat, da er nachwies,
daß eueres Herrschers Stamm von Uranfang her wunderbar gewesen ist, so
daß, wie ihr von eueren Vorfahren her immer für edeler Art gegolten
habt, so nun auch ein altes Königshaus über euch die Herrschaft
führt[13].“ Und weiterhin wird Cassiodor gerühmt, weil er gleich den
Anfang von Athalarichs Herrschaft gleichmäßig mit den Waffen und mit
gelehrter Thätigkeit (litteris) gefördert habe; von der tiefen Ruhe
litterarischer Beschäftigung aufgescheucht[14], habe er ohne Zaudern zu
den Waffen gegriffen.

 [12] Gutschmid S. 140 bemerkt, daß Cassiodor in diesen Worten Justins
      Vorrede nachgeahmt zu haben scheine.

 [13] Tetendit se etiam in antiquam prosapiam nostram, lectione discens
      quod vix majorum notitia cana retinebat. Iste reges Gothorum
      longa oblivione celatos latibulo vetustatis eduxit. Iste Amalos
      cum generis sui claritate restituit, evidenter ostendens in
      decimam septimam progeniem stirpem nos habere regalem. Originem
      Gothicam historiam fecit esse Romanam, colligens quasi in unam
      coronam germen floridum, quod per librorum campos passim fuerat
      ante dispersum. Perpendite quantum vos in nostra laude dilexerit,
      qui vestri Principis nationem docuit ab antiquitate mirabilem,
      ut sicut fuistis a majoribus vestris semper nobiles aestimati,
      ita vobis regum (so statt _rerum_ zu schreiben, scheint mir mit
      Gutschmid selbstverständlich) antiqua progenies imperaret.

 [14] A litterarum penetralibus ejectus. Bessell S. 115 bemerkt richtig,
      daß damit seine Thätigkeit in der k. Kanzlei nicht wohl bezeichnet
      sein kann.

Cassiodor selbst ist es, der diesen Brief verfaßt hat, und klar
genug hat er darin Zweck und Absicht seines Werkes ausgesprochen.
Der übergroße Abstand zwischen dem kräftigen, aber noch den Römern
als barbarisch geltenden Gothenvolke und den auf ihre Geschichte und
Bildung stolzen Römern sollte ausgeglichen werden, das war der leitende
Gedanke in Cassiodors ganzer Thätigkeit. Dazu mußte ihm nun auch seine
Gelehrsamkeit dienen; daß Gothen und Geten dasselbe Volk wären, war
eine längst geläufige Annahme[15], aber noch hatte niemand es versucht,
den Zusammenhang nachzuweisen. Cassiodor that es und zwar, wie jetzt
durch das von Holder entdeckte Fragment bekannt geworden ist, im
Auftrag des Königs Theoderich, doch erst nach dem Tode desselben gelang
ihm die Vollendung[16]. Er verflocht zu diesem Zwecke, was er über
die Gothen wußte und bei Ablavius las, mit dem, was er bei Römern und
Griechen über die Geten vorfand, und da diese wie jene von den Griechen
häufig Skythen genannt wurden, zog er auch die ganze Urgeschichte
der Skythen heran, und machte sogar die Amazonen ohne Bedenken zu
gothischen Weibern. So erschienen die Amaler, deren Glanz die gothische
Sage verkündete, nun als unmittelbare Nachfolger des Zamolxis und
Sitalkes, und die Römer konnten darin einen Trost finden für die
Bitterkeit der fremden Herrschaft[17]. Es war das ein Gedanke, der
wohl Anerkennung verdient, wenn auch der Zweck unerreicht blieb, die
Grundlage irrig war, wenn auch zur Verherrlichung der Amaler er ihren
Stammbaum selbst mit freier Dichtung über alle Gebühr verherrlicht
haben mag[18].

 [15] S. Schirren S. 54. Koepke S. 209. Die von J. Grimm vertheidigte
      Identität kann als antiquirt betrachtet werden; ich begnüge mich,
      auf die Anm. v. Waitz zu verweisen, Verfassungsgesch. II, S. XIII,
      2. u. 3. Ausg. I, S. 5.

 [16] Mommsen, Praef. Jord. p. XLI.

 [17] Diesen Gedanken hat R. Koepke lichtvoll entwickelt, Forsch. S.
      89 ff. Die Art der Verknüpfung, das chronologische System von
      Cassiodors Gothengeschichte weist Gutschmid S. 141 ff. nach,
      nachdem er S. 133-140 den Stammbaum der Amaler behandelt hat.
      Er hält mit Schirren den Eutharich für keinen wirklichen Amaler
      und sieht in dessen Stammbaum einen Hauptzweck des Werkes; aber
      weshalb wurde dann Eutharich aus Spanien geholt, wenn nicht,
      weil er ein Amaler war? Dafür auch Thorb. S. 18-20. -- Waitz,
      Nachrichten 1865 S. 101 vermuthet, daß Cassiodors Geschichte sich
      auf Theoderichs Regierung nicht erstreckte. Ihm stimmt Thorb. S.
      45 bei.

 [18] Das hat vorzüglich H. v. Sybel nachgewiesen und eben deshalb
      angenommen, daß die nicht als Amaler bezeichneten Gothenkönige
      erst von Jordanis eingeschoben sind.

Als Cassiodor oder Senator, denn das war sein eigentlicher Name, alle
seine Bestrebungen vereitelt sah, als das Gothenreich dem Angriff der
Mächte, mit welchen er es hatte aussöhnen wollen, unterlag, da zog er
sich, vermuthlich nach Vitigis Sturz (um 540) von der Welt zurück und
gründete ein Kloster (monasterium Vivariense) in Bruttien, wo er das
Ende seines Lebens in stiller Beschaulichkeit und schriftstellerischer
Thätigkeit als hochbetagter Greis erwartete. Hier ließ er unter
seiner Aufsicht die im Mittelalter vielgelesene Kirchengeschichte[19]
zusammenstellen und übersetzen; hier schrieb er in seinem 93. Jahre
eine Abhandlung über die Orthographie, zum Frommen seiner Mönche,
denen er die Vervielfältigung der Bücher durch Abschriften ganz
besonders zur Pflicht machte. Er zuerst hat die wissenschaftliche
Arbeit grundsätzlich in die Klöster eingeführt und dadurch einen
weitreichenden segensreichen Anstoß gegeben[20]. Ist er, wie Thorbecke
annimmt, erst um 570 gestorben, so erlebte er noch die neue Verwüstung
Italiens durch die Langobarden, sah er, wie die blutigen Lorbern
Justinians fruchtlos hinwelkten.

 [19] Die _Historia tripartita_, durch Epiphanius. Ueber dieses sehr
      mangelhafte Werk s. Ad. Franz S. 104-120.

 [20] Thorb. S. 29-31. Sehr ausführlich Franz S. 35 ff.

Von vorzüglichem Werthe für uns sind unter seinen erhaltenen Werken[21]
die 538 verfaßten zwölf Bücher seiner =Briefe= (Variae), in welchen er
die Kanzleiformen der Zeit und viele auch durch ihren Inhalt wichtige
Briefe aus der königlichen Kanzlei der Gothen aufbewahrt hat. Das
Zureden seiner Freunde, sagt er in der Vorrede, habe ihn zu dieser
Sammlung veranlaßt, welche einen Vorrath fertiger Formeln darbieten
und zugleich zur Bildung junger Staatsmänner dienen sollte, während sie
auch das Andenken der von ihm gelobten trefflichen Männer der Nachwelt
erhalte. Alles habe er hier vereinigt, was er aus der Zeit seiner
Quästur, seines Magisteriums und seiner Präfectur in den öffentlichen
Actenstücken von ihm herrührend habe finden können. Doch nicht selten
sei es ihm begegnet, daß er wegen übergroßer Eile bei der Ertheilung
von Würden und Ehren hastige und schmucklose Schreiben erlassen
habe: davor wolle er nun andere bewahren, und deshalb habe er die, im
sechsten und siebenten Buche enthaltenen Formulare für die Verleihung
aller Würden nun mit Sorgfalt überarbeitet[22]. Denn reden können wir
alle ohne Unterschied; nur der Schmuck ist es welcher den Gelehrten vom
Ungelehrten unterscheidet[23].

 [21] Sehr lehrreich sind auch seine Institutiones divinarum et
      saecularium litterarum. Ueber die verschiedenen Texte des zweiten
      Buches s. Laubmann in d. Münch. SB. 1878, II, S. 71-96.

 [22] Diese bestimmte Angabe macht es bedenklich, Schirrens Vermuthung
      zu folgen, der auch in den übrigen Büchern eine bedeutende
      Ueberarbeitung, zum Theil neue Abfassung annimmt. Er hätte ja das
      nicht nöthig gehabt zu verschweigen.

 [23] „Dictio semper agrestis est, quae aut sensibus electis per moram
      non comitur aut verborum minime proprietatibus explicatur. Loqui
      nobis communiter datum est: solus ornatus est qui discernit
      indoctos.“ Die Erlasse in seinem eigenen Namen, als Präfect, aus
      den Jahren 534, 535, 537, 538 finden sich im elften und zwölften
      Buche; in den früheren schreibt er im Namen des Königs. Vgl. über
      die Variae Thorb. S. 50-60. Horst Kohl, Zehn Jahre ostgoth. Gesch.
      (526-536), Leipzig 1877. Hasenstab, Studien zur Variensammlung des
      C. S. Progr. d. Max. Gymn. zu München 1883. Tanzi, Cronologia dei
      libri Var., Triest 1887. Ueber eine Abh. v. Gaudenzi s. Mommsen,
      NA. XIV, 437.

Das war der Grundsatz und die Richtschnur der damaligen Schulen, und
demgemäß hat denn auch Cassiodor den oft geringfügigen Inhalt seiner
Briefe unter einem solchen Wortschwall und so vielem Zierrath der
gesuchtesten Phrasen verborgen, daß es häufig nicht leicht ist, ihn
herauszufinden.

Im höchsten Grade trifft dieser Vorwurf auch die Schriften des
=Ennodius=, Bischofs von =Pavia=[24], unter denen besonders sein
Panegyricus auf Theoderich geschichtlich wichtig ist[25].

 [24] Ennodii Opera ed. Sirmond, Paris 1611. Hartel im Wiener Corpus
      VI, 1882. Rec. v. Krusch, HZ. LI, 100-102. MG. Auctt. antt. VII
      von Fr. Vogel 1885. Fertig, Magnus Felix Ennodius und seine
      Zeit. 1. Abth. Passau 1855, 4. Pallmann II, 190-192. Ebert
      432-440. Rinaudo p. 19-24. Zur Chronologie Hasenstab, Progr.
      d. Münch. Luitpoldgymn. 1889/90. Tanzi, s. NA. XV, 425. Auf
      die Bedeutung seiner Vita Epiphanii ed. Ticin. weist Binding
      hin: Das Burgundisch-roman. Kgr. I, 97. Seine Briefe sind
      culturgeschichtlich wichtig. -- Ueber die schon früh sagenhaft
      entstellte Geschichte Theoderichs, aus welcher geschichtliche
      Thatsachen nicht zu entnehmen sind, findet sich eine sorgfältige,
      auf Untersuchung der Handschriften begründete Abhandlung bei A.
      Thorbecke: Ueber _Gesta Theoderici_, Herbstprogr. des Heidelb.
      Gymn. 1875. Ausg. v. Krusch, SS. Meroving. II, 200-214.

 [25] Dafür H. v. Schubert: Die Unterwerfung der Alamannen (Strassb.
      1874) S. 67-89. Er wurde nach Cipolla dem König schriftlich
      zugesandt; s. darüber NA. IX, 244. XII, 205.


§ 5. Jordanis.

 Baehr S. 249-260. Teuffel § 477. Ebert S. 556-562. Dahn, A. D. B.
     XIV, 522-526. Rinaudo p. 31-36. Balzani p. 19-21. S. d. neuere
     Litt. zu § 4. Anstatt der älteren Ausgaben genügt es jetzt, die
     Ausgabe der MG. von Mommsen zu nennen, Berl. 1882, 4. (Auctorum
     antiquiss. V, 1.) Rec. von Schirren, Deutsche LZ. 1882, S.
     1420-1424, von L. Erhardt, GGA. 1886, S. 669-708. Bemerkungen v.
     Manitius, NA. XIII, 212. 213. -- Ausg. der Getica v. Holder 1882
     mit selbständ. Benutzung d. Heidelb. Hs. 1882. 3. Ausg. v. Closs
     1889. Emendationen v. Fröhner, Philologus, Suppl. V, 55 (1884).
     Uebers. v. W. Martens, 1884, Geschichtschr. 5 (VI, 1).

An jene Vertreter der antiken Bildung, welche Theoderich an seinem
Hofe versammelte, reiht sich nun der erste und einzige gothische
Schriftsteller, dessen Werke wir besitzen, =Jordanis=; denn so wird
sein Name in den besten Handschriften geschrieben, mit so überwiegender
Autorität, daß die durch Peutingers Ausgabe von 1515 gebräuchlich
gewordene Form =Jornandes= sich dagegen nicht behaupten kann. Jakob
Grimm freilich hat sie sehr nachdrücklich in Schutz genommen, und
unmöglich ist es nicht, daß in der entscheidenden Stelle (Cap. 50)
ursprünglich gestanden hat: Jordanis sive Jornandes. Dann wäre nach
Grimms Vermuthung der kriegerischer lautende gothische Name Jornandes
d. i. Eberkühn, beim Eintritt in den geistlichen Stand mit dem
griechisch-römischen Namen Jordanis vertauscht worden[1]. Wie dem
nun auch sein möge, sicher gestellt ist allein der letztere, durch
das ganze Mittelalter gebräuchliche Name, den wir deshalb auch hier
vorgezogen haben.

 [1] Für Jornandes kämpft Dietrich, Ueber die Aussprache des
     Gothischen, Marburg 1862. Mommsen schreibt Jordanes; ich folge
     auch hier der überlieferten Form, welche sich der Aussprache
     anschließt.

Jordanis rechnet sich selbst zum gothischen Volke[2]. Er stammte aus
einem sehr angesehenen Geschlechte, das mit den Amalern verschwägert
war; sein Großvater war Notar oder Kanzler des Alanenkönigs Candac
in Mösien, er selbst ebenfalls Notar: leider wissen wir nicht wo und
unter welchen Verhältnissen[3]; später ist er in den geistlichen Stand
eingetreten. Seiner, wie es scheint, alanischen Abkunft entsprechend,
zeigt er für dieses Volk eine deutliche Vorliebe[4], während er die
Vandalen nicht leiden kann[5].

 [2] De rebus Get. am Schluß: „Nec me quis in favorem gentis praedictae
     quasi ex ipsa trahentem originem aliqua addidisse credat“.

 [3] Ib. c. 50: „Scyri vero et Sadagarii et certi Alanorum cum duce suo
     nomine Candac Scythiam minorem inferioremque Moesiam acceperunt.
     Cujus Candacis Alanovijamuthis patris mei genitor Paria, id
     est meus avus, notarius quousque Candac ipse viveret fuit,
     ejusque germanae filio Gunthicis (l. Gunthigis, p. 150) qui et
     Baza dicebatur mag. mil. filio Andages fili Andele, de prosapia
     Amalorum descendente, ego item quamvis agramatus Jordanis ante
     conversionem meam notarius fui.“ Die nach den Hss. hergestellte
     Form dieser Stelle macht ihre Bedeutung noch unsicherer. Ueber
     die Namen Grienberger, Germania XXXIV, 406 (NA. XV, 615).

 [4] Mommsen, Praef. p. X.

 [5] ib. p. VII.

Die eigentliche grammatische Bildung der Schule war ihm fremd, wie er
selbst sagt, doch konnte es ihm nicht schwer fallen, griechische und
lateinische Schriftsteller zu lesen, und damit hat er sich denn auch,
wohl besonders in der späteren Zeit seines Lebens, eifrig beschäftigt,
wenn gleich die umfassende Belesenheit, welche seine Gothengeschichte
zu zeigen scheint, nur als erborgtes Gut gelten kann.

Seine Schreibweise ist entstellt durch den gesuchten, sententiösen
Charakter der Zeit, doch nur da, wo er seiner cassiodorischen Vorlage
folgt; er selbst drückt sich ungeschickt und unbehülflich aus und
klammert sich ängstlich an seine Quellen; die volle Barbarei der
damals gewöhnlichen Schreibweise einer Bevölkerung, welche fast alles
Gefühl für grammatische Formen verloren hatte, bis dahin nur aus den im
Original uns erhaltenen Urkunden bekannt, ist nun auch bei ihm nach den
ältesten und besten Handschriften hergestellt[6].

 [6] Immerhin giebt es zu denken, daß auch bei Orosius, wenn der cod.
     Laurent. nicht erhalten wäre, aus der Donaueschinger Hs. dieselbe
     Barbarei herzustellen sein würde.

Die Vorrede seiner Getica hat Jordanis mit geringen Aenderungen
wörtlich von Rufin entlehnt[7]. Natürlich eignete er sich auch die
römisch christliche Weltanschauung an; dahin führte ihn sein Stand,
dahin auch die ganze Richtung seines Volkes. Vollkommen theilt er
die Verehrung des Kaiserthums, und wenn er es unternahm, die Folge
der Weltreiche in gedrängter Uebersicht darzustellen, so konnte ihm
doch der Gedanke niemals nahen, daß etwa auch das römische Reich sein
Ende erreicht habe und andere an seine Stelle treten würden. Eben war
er, wie er uns berichtet, mit der Abfassung eines solchen Handbuches
beschäftigt, als sein Freund Castalius oder Castulus ihn aufforderte,
Cassiodors =Geschichte der Gothen= in einen Auszug zu bringen[8].
Diese Aufgabe, sagt er, sei für ihn um so schwieriger gewesen, da ihm
das Werk nicht einmal vorliege, sondern er es nur einmal in früherer
Zeit auf drei Tage zum Lesen erhalten habe. Doch glaube er sich des
wesentlichen Inhalts noch vollständig zu erinnern[9]. Damit habe er nun
verschiedenes aus griechischen und lateinischen Geschichten verbunden,
den Anfang und das Ende aber, wie auch mehreres in der Mitte von seinem
Eigenen dazu gethan. Später, im Verlauf der Geschichte, nennt er den
Cassiodor nie, ebenso wenig aber auch den gegen das Ende benutzten
Marcellinus. Es unterliegt nun wohl kaum noch einem Zweifel, daß er,
wie schon Cassel angenommen hatte, bis auf wenige unbedeutende Zusätze
eben nur den Cassiodor ausgezogen hat, was ihm ja auch aufgetragen
war, und die Ungenauigkeit der gelehrten Citate bestätigt, daß auch
sie mit herüber genommen sind[10]. Man muß also annehmen, daß er sich
schon früher schriftliche Auszüge gemacht hatte, die er jetzt, ohne
das Werk selbst wieder einsehen zu können, verarbeitete, eine in der
That schwierige Aufgabe, welche wohl von einer zu harten Beurtheilung
des ungeschulten Gothen abhalten sollte. Doch läßt sich freilich
nicht leugnen, daß seine Benutzung der Annalen des gleichzeitigen
Marcellinus Comes[11] nicht befriedigender ausgefallen ist. Denn
nach diesem Führer erzählt er mit auffallender Kürze von den Siegen
Belisars, und die Vergleichung mit den knappen aber genauen und
zuverlässigen Angaben dieses Schriftstellers fällt nicht günstig für
unseren Autor aus, der sich offenbar mit größerer Vorliebe den alten
Ueberlieferungen zuwendet, und wie das bei den Anfängen einer gelehrten
Geschichtschreibung so häufig ist, gerne eine unverdaute Gelehrsamkeit
auskramt, von der sorgsamen Gewissenhaftigkeit aber, welche die
Nachwelt am höchsten schätzt, kaum einen Begriff hat. Indem er nun
hierin gegen gleichzeitige und spätere Annalen zurücksteht, zeichnet
er sich dagegen vor den einfachen Chronisten aus durch das Festhalten
eines leitenden Gedankens, welcher die Darstellung beherrscht. Man
hat Jordanis eine gänzliche Entfremdung von seinem Volke zum Vorwurf
gemacht. Nicht zum Ruhme der Gothen, sagt er schließlich, habe er
dieses geschrieben, sondern um den Ruhm des Siegers zu erhöhen. Allein
darauf darf man nicht zu viel Gewicht legen. Die Liebe zu seinem Volke,
der Stolz auf die Tapferkeit der Gothen, auf die Herrlichkeit der
Amaler, treten vielmehr mit großer Lebhaftigkeit überall hervor, und
eben deshalb hielt Jordanis es für nöthig, durch eine solche Wendung in
der damaligen Zeit des Krieges dem Argwohn der Herrscher zu begegnen.
Denn als er dieses schrieb, war der Krieg noch keineswegs beendigt,
sondern vielmehr mit neuer Wuth entbrannt. Jordanis aber hatte
allerdings für diesen letzten Todeskampf der Gothen keine Theilnahme;
dem stand in ihm theils seine politische Ansicht, theils das Blut der
Amaler entgegen, welches mächtiger war als das Volksbewußtsein. Er
setzte seine Hoffnungen auf Germanus, den Gemahl der Matasuinth, dem
ja auch von seinen Landsleuten so viele sich zuwandten, und nach dessen
frühem Tode auf den letzten Sprossen der Amaler, auf das Kind Germanus:
der sollte sein Volk wieder sammeln und beherrschen, im engsten
Anschluss an das Römerreich, so wie einst Theoderich. An drei Stellen
gedenkt er dieses Kindes, und an der letzten spricht er ausdrücklich
die Hoffnungen aus, welche er an diesen Erben der vereinigten Anicier
und Amaler knüpft.

  [7] Aus Rufini presb. praefatio in explanationem Origenis super
      ep. Pauli ad Romanos, wie H. v. Sybel nachgewiesen, in Schmidts
      Zeitschrift für Gesch. VII, 288. Ueber den am Eingang seiner Rom.
      angeführten Jamblichus s. Mommsen, NA. VIII, 352.

  [8] Der Titel beider Werke scheint gelautet zu haben: _De origine
      actibusque Getarum_.

  [9] „Ad triduanam lectionem dispensatoris eius beneficio libros ipsos
      antehac relegi, quorum quamvis verba non recolo, sensus tamen et
      res actas credo me integre retinere.“ -- Zu den drei Tagen bemerkt
      Mommsen „si credis“.

 [10] G. Kaufmann, Krit. Unters. der Quellen z. Gesch. Ulfilas, handelt
      von d. Gothi minores (c. 51) im Gegensatz zu Bessell, u. bemerkt
      S. 243, daß, wenn auch Jordanis den Orosius selbständig benutzt
      habe, doch im Cap. 25 u. 26 die Vermischung seiner Angaben mit
      Amm. Marc. 31, 3 ihm von Cassiodor herzurühren scheine.

 [11] Oder dessen Vorlage, s. oben S. 56, Anm. 2.

Denn das ist eben, wie Sybel nachgewiesen, und Stahlberg weiter
ausgeführt hat, der leitende Gedanke des Jordanis, daß er, was ja auch
richtig war, nur in der friedlichen Einfügung des Gothenvolkes in das
römische Reich die Möglichkeit und Hoffnung einer gedeihlichen Zukunft
für dasselbe erkennt. Ihm konnte es nur als ein hoffnungsloses und
frevelhaftes Unternehmen erscheinen, wenn die letzten Gothenfürsten,
die dem Stamm der Amaler fremd waren, sich dem letzten Weltreich
gegenüber feindlich behaupten wollten, um so mehr, da er katholisch
war, und dadurch im Gegensatze zu seinen arianischen Volksgenossen
mit der Einheit der Kirche auch die Einheit des weltlichen Reiches
erstreben mußte. Daher legt er überall besonderes Gewicht auf die
friedlichen Beziehungen der Gothen zum Ostreiche, und seine Theilnahme
und Hoffnung konnten sich nur dem Germanus zuwenden. Dieser Auffassung
konnte sich damals niemand entziehen, der in den Bildungskreis der
römischen Kirche eingetreten war, und sie blieb herrschend, bis die
Franken stark genug waren, um sich selbst als die wahren Träger
des erneuten römischen Reiches betrachten zu können. Vollkommen
zutreffend bezeichnet daher L. v. Ranke[12] sein Werk als eine „zwar auf
historische Vorstudien basierte, aber zugleich auf den Moment angelegte
politisch-historische Arbeit über die Geschichte der Gothen“. Auch ist
es richtig, daß er ganz im Sinne Cassiodors geschrieben hat, aber wenn
dann die Vermuthung hinzugefügt wird, dass Cassiodor selbst als der
intellectuelle Urheber des Werkes zu betrachten sei, so läßt sich das
weder mit den Verhältnissen vereinigen, noch ist zu erklären, weshalb
Jordanis das so sorgfältig hätte verbergen sollen.

 [12] Weltgeschichte IV, 2. Abth. S. 313-327.

Von großer Wichtigkeit aber ist es, festzustellen, wo und unter welchen
Verhältnissen Jordanis sein Werk geschrieben hat. Da finden wir nun
bei Mommsen die Behauptung, dass er als Mönch in einem mösischen
oder thracischen Kloster gelebt und geschrieben habe. Er beruft sich
auf seine besonders genaue Kenntniß des unteren Donaulaufes und der
benachbarten Gegenden, und daß er bei dem Auszug aus Cassiodor gerade,
was sich auf Mösien und Thracien bezog, bevorzugt habe, was sich
indessen durch die Angaben über seine Herkunft leicht erklären läßt.
Weit wichtiger ist die Frage, ob aus den Worten „ante conversionem
meam“ mit Nothwendigkeit zu schließen ist, daß er Mönch geworden sei.
Das wird behauptet, aber ich finde keinen Beweis dafür, daß nicht auch
der Eintritt in den geistlichen Stand so bezeichnet werden könne.
Wir haben ja aus späterer Zeit Mönche genug, welche geschichtliche
Werke geschrieben haben, aber aus diesen Jahrhunderten ist mir
keiner bekannt. Ihre Stellung zur Welt hat sich im Laufe der Zeit
und vorzüglich durch die eigenthümliche Entwickelung der Kirche im
Abendland völlig verändert. Wer damals in ein Kloster eintrat, zog
sich in vollem Ernst aus der Welt zurück und erfuhr, wie noch jetzt
orientalische Mönche, sehr wenig von ihr. Cassiodor zuerst scheint
seine Mönche überhaupt auf litterarische Beschäftigung hingewiesen
zu haben. Ich halte es für vollkommen undenkbar, daß ein Mönch in
einem Kloster in Mösien ein solches Werk hätte zu Stande bringen, daß
er das neueste Annalenwerk hätte erhalten und über die politischen
Angelegenheiten der Gegenwart hätte schreiben können.

Deshalb halte ich fest an der Entdeckung Jakob Grimms, der in dem
Vigilius, welchem Jordanis sein zweites Werk gewidmet hat, den
damaligen römischen Pabst erkannt und mit überzeugenden Gründen
nachgewiesen hat[13]. Schon früher hatte Cassel auf einen Jordanis,
Bischof von Kroton, aufmerksam gemacht, welcher in einem Schreiben
des Pabstes Vigilius erwähnt wird; seine Vermuthung, daß er mit
unserm Autor identisch sei, fand Zustimmung. Es erklärt sich nun
dadurch leicht, daß er von dem Verwalter der unfern gelegenen Güter
Cassiodors dessen Werk auf kurze Zeit erhielt, auch daß er sich nicht
selbst im Gothenreiche befand, als er schrieb. Schirren freilich
hat einen anderen Jordanis vorgezogen, den Pabst Pelagius in einem
Schreiben vom Jahre 556 als Defensor der römischen Kirche erwähnt;
allein mit Recht hat Bessell hervorgehoben, daß doch nur ein Bischof
den römischen Pabst _frater_ anreden könne, und daß auch der ganze
Inhalt des Trostschreibens nur für einen Amtsbruder angemessen sei.
Auch bezeichnen ihn als solchen nicht geringe Handschriften[14]. Noch
erheblicher aber ist der Umstand, daß nach jenem Schreiben des Vigilius
Jordanis von Kroton sich im Jahre 551 mit ihm in Constantinopel befand,
daß er also zu denjenigen gehörte, welche ihn in seinem Exil (547
bis 554) begleiteten. Dasselbe nimmt auch Schirren von dem Defensor
Jordanis an, und hat deshalb die Vermuthung, welche auch Stahlberg
wahrscheinlich fand, ausführlich begründet, daß nämlich Jordanis
seine Gothengeschichte 551 in Constantinopel verfaßt habe[15]; darin
stimmen Bessell und Gutschmid mit ihm überein, und in der That ist die
Wahrscheinlichkeit dafür so groß, daß sie fast zur Gewißheit wird.
Nun erklärt es sich sehr einfach, weshalb Jordanis sich Cassiodors
Buch nicht wieder verschaffen konnte, während Marcellins Annalen ihm
zugänglich waren; man begreift, daß Vigilius und seine Anhänger eines
Buches bedurften, welches ihnen die gothische Geschichte kurz und
übersichtlich vorführte, die ältere vorzüglich, weil die Ereignisse
der letzten Jahrzehnte noch in frischem Gedächtniß waren. Die Worte
Jordanis, in welchen er seinen Freund Castalius als Nachbar der Gothen
(vicinus genti) im Gegensatz zu seiner eigenen Lage bezeichnet,
sind nun nicht mehr auffallend, und der politische Standpunkt, die
ängstliche Behutsamkeit des Verfassers, seine geringe Kenntniß der
Kämpfe in Italien, der Mangel an Theilnahme für die neue Erhebung
unter Totila, die lebhafte Hoffnung, welche er an den Sprößling der
Anicier und Amaler knüpft, so wie die Vertrautheit mit den in Byzanz
getroffenen Maßregeln und erst begonnenen Unternehmungen, alles das
tritt in ein helleres Licht, so daß an der Richtigkeit dieser Annahme
kaum zu zweifeln ist.

 [13] Ueber Jornandes S. 12. Ebert S. 535 bekämpft die Annahme, weil
      die Sprache des Schreibers nicht hinlänglich respectvoll sei.
      Mir scheint das bei der damaligen Sachlage und der durchaus nicht
      imposanten Persönlichkeit des Pabstes unerheblich. Noch weniger
      kann ich in den Worten: „quatinus diversarum gentium calamitate
      comperta ab omni aerumna liberum te fieri cupias et ad Deum
      convertas, qui est vera libertas“ eine Aufforderung sehen, Mönch
      zu werden, wie sich dagegen auch Schirren erklärt. -- In der 2.
      Ausg. S. 561, Anm. 3, ist Ebert dabei geblieben.

 [14] „episcopum eum dicit librorum ordo primus in titulo Romanorum“.
      Mommsen p. XIII.

 [15] Oder in Chalcedon, wohin Vigilius um Weihnachten 550 flüchtete,
      und wo er bis zum Frühjahr 553 blieb.

Bald nach der Vollendung der Gothengeschichte konnte Jordanis auch dem
Vigilius seine Chronik überreichen, die, wie er selbst sagt, im 24.
Jahre Justinians (welches am 1. April 551 begann)[16], beendigt war. Die
erneuten Kämpfe der Gothen sind hier mit sichtlicher Abneigung gegen
Totila berührt, die letzte Katastrophe aber war noch nicht zur Kenntnis
des Verfassers gekommen. Uebrigens ist dieses Werk, welches gewöhnlich
_De regnorum successione_ genannt wird, richtiger (nach Mommsen) _De
summa temporum vel origine actibusque gentis Romanorum_ betitelt wird,
eine unbedeutende und ungeschickte Compilation; es ist großentheils aus
Florus entlehnt, so wörtlich, daß die neuesten Herausgeber desselben,
Jahn und Halm, aus Jordanis den Text des Florus bedeutend berichtigen
konnten; später benutzt er den Eutrop, Orosius und andere, welche in
der Ausgabe von Mommsen nachgewiesen sind. Wichtig ist diese Schrift
fast nur als höchst charakteristisch für den Standpunkt des Verfassers,
denn die Weltgeschichte ist ihm eben nur die römische, angeknüpft an
die aus der Chronik des Hieronymus entlehnten Generationen des alten
Testaments und die Regentenreihen der früheren Weltreiche; er beruft
sich ausdrücklich auf die Prophezeiung des Daniel, daß diesem Reich die
Herrschaft bis ans Ende der Welt beschieden sei.

 [16] Mommsen p. XIV.


§ 6. =Die Westgothen.= Isidor.

 Aschbach, Geschichte der Westgothen, Frankf. 1827. Lembke, Geschichte
     von Spanien, Hamb. 1831. F. Dahn, die Könige der Germanen, Abth.
     V. 1870. Teuffel § 487.

Spanien gehörte, wie Gallien, in den letzten Zeiten des römischen
Reiches zu den blühendsten Provinzen und war von der römischen Bildung
der damaligen Zeit vollkommen durchdrungen. Unendlich viel ging hier zu
Grunde in den verheerenden Kriegen des fünften Jahrhunderts, wo Spanien
unausgesetzt der Kampfplatz verschiedener deutscher Völkerschaften war;
die Westgothen aber, welche allmählich ihr Reich dort befestigten,
zeigten sich der römischen Bildung ebenso wenig abgeneigt wie die
Ostgothen, und während sie die unterworfenen Romanen mit großer Milde
behandelten, erhielt sich auch unter ihnen noch ein Nachklang des
wissenschaftlichen Lebens der besseren Zeit; sie selbst jedoch haben
nicht in namhafter Weise an dieser Thätigkeit Theil genommen.

Den Anfang der barbarischen Heimsuchung Spaniens erlebte noch
=Orosius=, der Augustins Geschichte des Reiches Gottes auf dessen
Wunsch die Schilderung des Elendes dieser Welt zur Seite stellte. Er
wollte darin nachweisen, daß nicht das Christenthum, wie die Heiden
behaupteten, das Elend über die Welt gebracht habe, sondern daß es
zu allen Zeiten viel Trübsal und Leiden gegeben: eine Auffassung,
welche in den Zeiten des Unglücks und der Verwirrung überall Anklang
fand und großen Einfluß auf die Ansichten der mittelalterlichen
Geschichtschreiber geübt hat, ganz besonders auf Otto von Freising,
dessen Chronik sich unmittelbar an Augustin und Orosius anschließt.
Für uns mindert die unhistorische Auffassung des Orosius, die dadurch
bedingte einseitige Benutzung und Entstellung seiner Quellen, und sein
ziemlich leichtfertiges Verfahren, den Werth, welchen sein Werk sonst
durch die Benutzung jetzt verlorener Schriften, namentlich des Livius,
haben würde. Im Anfang legt auch er den Eusebius in der Bearbeitung
des Hieronymus und des Rufin zu Grunde, schreibt dann vorzüglich den
Justin aus und geht endlich zu einer ganz überwiegenden Darstellung
der römischen Geschichte über. Das römische Reich ist ihm nach der
erst kurz zuvor, wenn auch nicht zuerst, von Hieronymus aufgestellten
Deutung die vierte Weltmonarchie; als die vorhergehenden aber sieht er,
abweichend von den späteren Chronisten, das babylonische, macedonische
und karthagische Reich an. Am Schlusse seines Werkes giebt Orosius die
Geschichte seiner Zeit bis 417, in welchem Jahre er seine Geschichte
schrieb, und dieser Abschnitt hat, obschon dürftig und ganz erfüllt von
dem engherzigen Geiste der pfäffischen Hofpartei, welcher so eben der
Sturz des großen Stilico gelungen war, doch selbständigen Werth, und
enthält namentlich gute Nachrichten über Spanien und die Geschichte der
Westgothen[1].

 [1] Th. de Mörner, De Orosii vita eiusque Historiarum libris VII
     adversus paganos. Berol. 1844. 8. Vgl. Papencordt, Geschichte
     der Vand. 337-340. 365. Büdinger in Sybels Zeitschrift VII, 113.
     Pallmann II, 236-245. (Gegen dessen Vermuthung einer Fortsetzung
     unter dem Titel _De Placidia et moribus ejus_, Waitz, Gött. Nachr.
     1865, S. 113. Zangemeister in der kl. Ausg. v. 1890 Praef. p.
     XXI.) Ebert S. 337-344. Ausgabe von Zangemeister im Wiener Corpus
     V, 1882. Rec. von Krusch, HZ. L, 472-476, darin S. 475 über das
     Jahr 417, nach Orosius Rechnung 419.

Unter der westgothischen Herrschaft entstanden ferner mehrere jener
wortkargen annalistischen Aufzeichnungen, welche sich an die Chronik
des Hieronymus anschlossen, und in den späteren Weltchroniken
regelmäßig den Uebergang vom Hieronymus zum Beda bilden, weshalb eine
Zeit lang westgothische, später angelsächsische Namen vorherrschen.
Die wichtigste dieser Chroniken, für viele Begebenheiten unsere einzige
Quelle, ist das Werk des Aquitaniers =Tiro Prosper=, wie er an einigen
Stellen genannt wird, oder kurzweg =Prosper=, wie er gewöhnlich
heißt[2]. Um 400 geboren, hat Prosper sich eine für jene Zeit
hervorragende Bildung erworben, und zwar haben ihn, obgleich er Laie
war und blieb[3], ganz vorzüglich theologische Studien beschäftigt.
Als eifriger Verehrer und Bewunderer Augustins kämpfte er wacker
gegen Pelagianer und andere Ketzer, und erwarb sich als Schriftsteller
einen angesehenen Namen. Im Jahre 440 scheint er den Pabst Leo nach
Rom begleitet zu haben; er wird als Verfasser von Briefen genannt,
welche Leo's Namen tragen, und blieb fortan, vermuthlich als Notar,
am römischen Hofe, wo er die Angst vor Attila und den Schrecken der
vandalischen Eroberung erlebte. Hier, wie es scheint, hat er sein
_Chronicon_ geschrieben, oder doch vollendet, welches in erster
Redaction bis 445 reicht[4], in zweiter bis 455 fortgeführt ist[5].
Er beginnt mit der Erschaffung der Welt, beschränkt sich aber im
ersten Theile ganz auf einen grundschlechten Auszug aus Hieronymus,
welcher dessen eigenthümlichen Vorzug, die chronologische Bestimmtheit
und Uebersichtlichkeit, ganz zerstört. Von Christi Tod an beginnt
bei ihm das Verzeichniß der Consuln, welches er einem Exemplare der
Ravennatischen Fasten entlehnte. Auch finden sich Zusätze, welche sich
vorzüglich auf die verschiedenen Ketzereien beziehen und aus Augustins
Schriften entlehnt sind. Weiterhin sind auch andere Quellen benutzt,
darunter die Geschichte des ihm geistesverwandten Orosius. Spätestens
von 425 an berichtet er als Zeitgenosse, und zwar über einen Zeitraum,
aus welchem andere Quellen fast ganz mangeln. Flüchtig und nachlässig,
in dürftiger Kürze berichtet er auch hier, aber werthvoll ist in hohem
Grade, was er mittheilt. Dem Interesse des römischen Stuhles zeigt
er sich überall eifrig ergeben, und verändert sogar Nachrichten des
Hieronymus in solcher Tendenz.

 [2] S. über ihn die Abhandlung von Holder-Egger im NA. I, 13-90,
     welche ich hier zu Grunde lege.

 [3] Holder-Egger S. 55, bes. auf Gennadius gestützt. Mommsen freilich
     nimmt geistlichen Stand an, weil er in dem Schreiben an Augustin
     einen Diaconus seinen _frater_ nennt. Das ist jedoch schon von
     den alten geistlichen Herausgebern als irrelevant zurückgewiesen.

 [4] _Chronicon vulgatum_ genannt, weil es zuerst, als Fortsetzung des
     Hieronymus, bekannt wurde, in allen Drucken mit Interpolationen.
     Ueber die älteste Ausgabe s. oben S. 9 Anm. 5. Erste und beste
     kritische von Pontacus: Chronica trium illustrium auctorum.
     Burdigalae 1604. Mommsen nimmt wegen der abschliessenden
     Berechnung eine erste Ausgabe bis 433 an, eine zweite bis 443, an
     welche Victor Tonnenensis (so schreibt M.) sich anschloss.

 [5] _Chronicum integrum_ ed. Labbe, Bibl. nova Manuscriptorum, Paris
     1657, I, 16-55. Jetzt allein brauchbar die Ausgabe von Mommsen
     u. d. T. _Epitoma chronicon_. Auctt. antt. I, 341-485, woran sich
     verschiedene Additamente schliessen. (So weit konnte ich diesen
     Band benutzen.)

Verständiger Weise hat man schon früh den ersten Theil bis 378 als
werthlos fortgelassen, und nur den zweiten als Fortsetzung mit der
Chronik des Hieronymus verbunden. In dieser Gestalt wurde die Chronik
als bequemstes Handbuch der Weltgeschichte schon sehr früh allgemein
benutzt, und noch im 16. Jahrhundert häufig gedruckt, jedoch mit
Zusätzen, welche den ursprünglichen Text verdunkeln. Man verband damit
die Fortsetzung des Matthaeus Palmerius bis 1449, die weitere des
Matthias Palmerius bis 1482, und fügte noch eine Fortführung bis zum
Druckjahre hinzu, weil man den praktischen Gebrauch im Auge hatte.

Eine Ueberarbeitung der Chronik des Prosper bis 445, mit einer
römischen Fortsetzung bis 451, die noch Verwandtschaft mit dem Text
des Prosper zeigt, ist in Afrika, wahrscheinlich in Karthago, verfaßt
und bis 457 fortgeführt, mit Benutzung der Consularfasten. Hinzugefügt
ist eine Uebersicht der Geschichte des vandalischen Reiches von der
Einnahme von Karthago bis zum Untergang des Reichs 533[6].

 [6] Das sog. _Chronicon Canisianum_, auch _Ulricianum_ und
     _Augustanum_ nach dem Fundort der HS. in St. Ulrich u. Afra.
     Diese und die zweite Pariser HS. stammen aus der Sammlung des
     Reichenauer Reginbert. Ausg. Canis. I, 148 u. 306 ed. II. Bibl.
     Max. Patr. Col. V pars III. Lugd. VIII. Ronc. I, 677-704. S.
     Holder-Egger im NA. I, 24. 37-47. 278 u. S. 280 bis 291 über den
     vat. Auszug mit Forts. bis 466 u. _Auctarium Prosperi_ e cod. Vat.
     Christ. 2077.

Irrthümlich Prosper zugeschrieben ist das _Chronicon imperiale_ oder
_Pithoeanum_ (379-455), welches am Anfang und am Ende mit Prosper
übereinstimmt, übrigens aber in Form und Inhalt ganz verschieden
ist. Als Zeitrechnung dienen hier die Regierungsjahre der Kaiser.
Verfaßt ist es, wahrscheinlich vom Autor selbst, als Fortsetzung
des Hieronymus; wenigstens findet es sich nur mit diesem verbunden.
Geschrieben ist es auf Grundlage der Consularfasten mit Benutzung
des Rufinus und anderer unbekannter Quellen im südlichen Gallien,
vielleicht in Marseille, mit besonderer Verehrung des Klosters Lerins.
In scharfem Gegensatz zu Prosper erscheint der Verfasser zwar auch von
lebhaftem kirchlichen Interesse erfüllt, aber Augustin abgeneigt und
semipelagianistisch gesinnt. Holder-Egger vermuthet, daß die Chronik
vielleicht unvollendet blieb und von anderer Hand aus Prosper ergänzt
wurde, um den Uebergang zum Marius zu bilden. Benutzt ist es nur
von dem sog. Severus Sulpicius und später von Sigebert, durch den es
allgemein bekannt und verbreitet wurde. Es ist voll von chronologischen
Irrthümern, aber enthält wichtige Nachrichten über die Geschicke der
germanischen Völker in Gallien[7].

 [7] Holder-Egger im NA. I, 91-120. Ausg. von Pithou 1588 etc. Roncall.
     I, 739-760.

Von erheblichem Werthe und namentlich durch gute Nachrichten über die
Sueven und Westgothen sehr schätzbar ist die Chronik des galizischen
Bischofs =Idatius= oder =Hydatius= (gebürtig aus Lamego, daher
=Lemicensis=), welcher den Hieronymus fortsetzte, und nach seiner
eigenen Angabe bis 427, in welchem Jahre er Bischof wurde, aus Büchern
und den Berichten der Zeitgenossen schöpfte, von da an bis 467 aus
eigener Erfahrung von den Begebenheiten berichtete, in welchen er als
angesehener Bischof eine nicht unbedeutende Rolle spielte[8].

 [8] Ronc. II, 1-54. Sirmondi opera varia II. Ausg. von De Ram, Brux.
     1845. Migne LI. Vgl. Baehr S. 208-212. Papencordt, Gesch. d.
     Vandalen S. 352-355. Ebert S. 443. Krusch, NA. VII, 475-478. Ueber
     sein Verhältniß zu den Consularfasten. Mommsen, Auctt. antt. IX,
     201 (oben S. 58).

Eine grundschlechte, doch durch ihren Inhalt wichtige Chronik schrieb
=Victor=, Bischof der unbekannten Stadt =Tunnuna= in der afrikanischen
Proconsularprovinz. Er scheint von der Schöpfung begonnen zu
haben, aber erhalten ist sein Werk nur als Fortsetzung des Prosper
(444-566)[9]. An dasselbe schließt sich die Fortsetzung eines Gothen,
=Johannes von Biclaro=, der aber in Constantinopel seine Bildung
erhalten hatte, bis zum Jahre 590. Er stiftete 586 das Kloster Biclaro
am Fuße der Pyrenäen, wo er auch seine Chronik geschrieben hat; 591 ist
er Bischof von Gerona geworden[10].

  [9] Ronc. II, 337. Migne LXVIII. Vgl. Baehr S. 217. Papencordt S.
      359-365. Ebert S. 586. Holder-Egger im NA. I, 298-300. Scaliger
      benutzte dieselbe Abschrift Schotts, s. darüber C. Frick, Rhein.
      Mus. f. Philol. N. F. XLIV, 369-373.

 [10] Ausg. von Canisius mit Victor Tunnunensis 1600 etc. Baehr S. 218.
      Ebert S. 587. Zu warnen ist vor den von Papencordt benutzten und
      durch ihn weiter gelangten, gefälschten Fragmenten des angeblichen
      =Victor Cartenensis=.

Eine Fortsetzung des Prosper bis 581 schrieb in Burgund der Bischof
=Marius von Avenches=, auf welchen wir noch zurückkommen. Eine
eigenthümliche Umgestaltung des Textes mit werthvollen Zusätzen und
Fortsetzung bis 641 bietet uns der =Continuator Prosperi Havniensis=,
so genannt, weil die Handschrift 1836 von G. Waitz in Kopenhagen
entdeckt wurde. Lange nur durch spärliche Mittheilungen bekannt, wurde
sie endlich von G. Hille abgeschrieben und 1866 in einer Berliner
Dissertation herausgegeben. Der Verfasser schrieb im Langobardenreich,
vielleicht in Mailand, gehörte aber der romanischen Bevölkerung an.
Er versah schon Hieronymus und Prosper mit Zusätzen aus Isidor, einem
Pabstkatalog und den Consularfasten; auch hat er gallische Annalen
benutzt. Der Fortsetzung fehlen die Jahre 458-474. Beim Jahre 523 hört
die Rechnung nach Consuln auf, und die Regierungen der Kaiser treten
an die Stelle, wie bei Isidor, welcher von nun an dem Verfasser als
Leitfaden dient[11].

 [11] Bethmann im Arch. X. 380. Waitz, Nachr. 1865 N. 4. Holder-Egger
      im NA. I, 259-268. Theilweise Auctt. antt. IX in den Consularia
      Ital. herausgegeben.

Näher auf diese Werke einzugehen, deren Werth nur in ihrem materiellen
Inhalt besteht, würde hier nicht am Orte sein; sie durften nicht ganz
übergangen werden, weil sie den Uebergang zu den späteren Chronisten
bildeten, denen vorzüglich Prosper und Idatius ganz allgemein
als Grundlage für diese Zeiten dienten: die weiteren Quellen der
westgothischen Geschichte aber dürfen wir hier wohl unbedenklich bei
Seite lassen[12]. Dagegen haben wir noch eines Mannes zu gedenken, der,
wie jene Vertreter der alten grammatischen Bildung am Hofe von Ravenna,
alles was von der überlieferten Schulbildung noch übrig war, in sich
aufgenommen hatte, und durch seine Schriften einer der einflußreichsten
Lehrer des Mittelalters geworden ist, nämlich =Isidor von Sevilla=[13].

 [12] Hervorzuheben ist noch des =B. Julian von Toledo= _Historia
      Wambae regis_ über den Aufstand des Herzogs Paulus von Narbonne
      und den Sieg des Königs 674. Duchesne I, 821 etc. Migne XCVI.
      Ebert S. 604. Ein gefeierter Schriftsteller, Apostel der Sueven
      in Gallicien, war der Pannonier =Martin=, gest. 580 als Bischof
      von =Bracara= (Braga). Seine culturhistorisch wichtige Schrift
      _De correctione rusticorum_ hat 1883 Caspari mit gründlicher
      Einleitung über sein Leben herausgegeben. Vgl. Krusch, HZ.
      LII, 128-130. Ueber die neue Ausg. und die Hss. der Chronik des
      =Isidorus Pacensis= aus dem 8. Jahrh. s. P. Ewald, NA. X, 604.

 [13] Isidori Hispalensis Opera ed. Arevalo, 1790-1803. 7 Bände in
      quarto. Vol. VII enthält die historischen Schriften. Migne LXXXI
      bis LXXXIV. Baehr, S. 221. Ebert S. 588-602.

Isidor war der Sohn des Severian, eines Provinzialen aus dem District
von Karthagena. Er folgte seinem Bruder Leander auf dem bischöflichen
Stuhle von Sevilla, und starb 636. Außer vielen anderen Werken, brachte
er die Summe aller Kenntnisse, welche er sich vermittelst der damals
noch vorhandenen Hülfsmittel erworben hatte, in ein Compendium, die
20 Bücher _Originum sive Etymologiarum_, welche eine außerordentliche
Verbreitung erlangten und allgemein gelesen und benutzt wurden[14].
Heut zu Tage ist man geneigt diese Bestrebungen gering zu schätzen,
ja ihnen zu zürnen, weil dadurch die älteren und besseren Werke
verdrängt wurden. Allein es war damals schwer sich eine Bibliothek zu
sammeln; nur wenige von denen, welche sich mit Wissenschaften überhaupt
beschäftigten, konnten sich die umfangreichen Handschriften der alten
Classiker verschaffen, und deshalb gewannen die leicht zugänglichen
Auszüge eine so rasche Verbreitung. Es ist sehr fraglich, ob sich
die reineren Quellen besser erhalten haben würden, wenn auch niemand
Auszüge daraus verfaßt hätte; diese dagegen setzten auch unbemittelte
Schüler in den Stand, wenigstens etwas zu lernen.

 [14] Ausg. von Arevalo, Vol. III. IV, von Otto in Lindemanns Corpus
      Grammatt. Vol. III. 1833. Migne LXXXII. Ueber die Quellen eine
      Gött. Diss. von Dressel, 1875. Die Benutzung der Prata Suetons
      (Suetonii Reliquiae ed. Reifferscheid 1860) ist stark überschätzt.
      Vgl. L. Traube, Commentationes Wölfflin. p. 198 ff.

In jenem umfassenden Werke, welches freilich auch die mäßigsten
Ansprüche unbefriedigt läßt, ist nun auch eine kurze Chronik oder
chronologische Uebersicht, _liber de discretione temporum_, enthalten,
ein Auszug aus der zwölf Jahre früher verfaßten =Chronik=, welche
in gedrängtester Kürze eine Uebersicht der Begebenheiten von der
Erschaffung der Welt bis zum fünften Jahre des Heraklius, dem vierten
des Sisebut (615) giebt[15]. Eigenthümlich ist Isidor die Eintheilung
nach den =sechs Weltaltern=, entsprechend den sechs Schöpfungstagen;
das letzte beginnt mit Christi Geburt und Augusti Kaiserthum. Es ist
das ein bei Augustin wiederholt vorkommender Gedanke[16], welcher hier
zuerst chronistisch verwerthet wurde und später durch Beda allgemeine
Verbreitung fand.

 [15] Bis era 654. Den Ursprung dieser spanischen, 38 a. C. beginnenden
      Zeitrechnung findet Joh. Heller in dem Anfangsjahr der
      Ostercyclen, Hist. Zeitschr. XXXI, 13-32. -- Kurze Fortsetzung
      bis 877 MG. SS. XIII, 725.

 [16] Gegen Büdinger, welcher Isidor für den Urheber derselben hielt,
      nachgewiesen von Ebert S. 233 u. 599, u. von H. Hertzberg in
      seiner Abh. über die Chroniken des Isidor, Forsch. XV, 289-360,
      wo auch die Quellen derselben nachgewiesen sind.

So sehr nun auch Isidor von der kirchlichen Auffassung der
Geschichte erfüllt war, so hatte er doch auch ein lebhaftes Gefühl
für sein Land und für das Volk der Westgothen, von deren Milde und
Menschenfreundlichkeit er ein schönes Zeugniß ablegt. Denn nachdem
er die Einnahme Roms durch Alarich und die dabei geübte Schonung
beschrieben hat, fügt er hinzu: „Deshalb lieben auch bis auf den
heutigen Tag die Römer, welche im Reiche der Gothen leben, die
Herrschaft derselben so sehr, daß sie es für besser halten, mit den
Gothen in Armuth zu leben, als unter den Römern mächtig zu sein und die
schwere Last der Abgaben zu tragen.“ Das steht in der _Volksgeschichte
der Westgothen_, welche er verfaßt hat, kurz zwar und dürftig für uns,
die wir nach eingehenderer Darstellung verlangen, aber doch nicht ohne
Geschick zusammengefaßt und mit Wärme erzählt. Kurze Geschichten der
Vandalen und der Sueven schließen sich daran. Vorangeschickt aber ist
ein überschwengliches Lob Spaniens, das jetzt von dem blühenden Volke
der Gothen in Reichthum und glücklicher Sicherheit beherrscht werde.
Dieses Stück fehlt jedoch in den meisten Handschriften und ist nicht
von Isidor[17].

 [17] Auch nicht die Recapitulatio, nach Hugo Hertzberg: Die Historien
      des Is. (Gött. Diss. 1874) mit genauer Analyse der Quellen,
      zu welchen vorzüglich auch die verlorene Geschichte des Bisch.
      =Maximus von Zaragoza= bis c. 620 gehört, aus welcher auch die
      Randglossen zum Victor Tunnunensis stammen (S. 65-72). Vgl.
      NA. IX, 244. Uebers. d. Volksgeschichten von D. Coste 1887,
      Geschichtschr. 10 (VII, I).

Außerdem aber haben wir endlich noch ein Werk des Isidor zu erwähnen,
welches ebenfalls große Verbreitung gefunden und manchen zur Nachahmung
gereizt hat. Das ist sein litterarhistorisches Buch _De scriptoribus
ecclesiasticis_. Er selbst folgte darin dem Vorgange des Hieronymus
und des Gennadius, eines Marseiller Priesters im fünften Jahrhundert.
Ihm schloß sich dann zunächst =Ildefons von Toledo= an und darauf nach
langem Zwischenraume im zwölften Jahrhundert =Sigebert=, =Honorius=,
=Petrus Diaconus= und der ungenannte Mönch, welcher nach dem Fundort
der Handschrift von =Melk= (Anonymus Mellicensis) genannt wird[18],
aber dem Inhalt nach vielmehr nach =Regensburg= gehört, alle dürftig
und mager, aber schätzbar durch einige nur von ihnen aufbewahrte
Nachrichten. Im dreizehnten Jahrhundert folgte ihnen =Heinrich von
Gent=[19] und endlich am Schlusse des Mittelalters der vielbelesene,
aber unzuverlässige =Johann von Trittenheim=[20]. Denselben Gegenstand
behandelte im 12. Jahrhundert =Conrad von Hirschau= in seinem _Dialogus
super auctores_[21], und im Jahre 1380 =Hugo von Trimberg=, Lehrer
zu St. Gangolf in Bamberg, in Versen, in seinem _Registrum multorum
auctorum_, dessen nicht eben reicher Ertrag von M. Haupt geprüft
ist, in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie 1854, S. 142 ff.;
vollständig herausgegeben von Joh. Huemer[22].

 [18] Ueber die viel bessere gleichzeitige Handschrift in Admunt s. NA.
      II, 421.

 [19] Der Name beruht nur auf der Ausgabe von Suffridus Petri 1580.
      Sicher ist er verschieden von dem bekannten Philosophen des
      Namens, s. Hauréau, Mém. de l'Acad. des Inscriptions XXX, II,
      349-357.

 [20] Alle zusammen gedruckt in J. A. Fabricius Bibliotheca
      ecclesiastica. Vgl. Baehr S. 228-245. Die gänzlich
      unzuverlässigen, zum Theil geradezu erfundenen Angaben des
      Trithemius sind lange Zeit ohne Prüfung angenommen und werden noch
      jetzt häufig unvorsichtig nachgeschrieben. Adolf Helmsdörffer
      in seinen Forschungen zur Geschichte Wilhelms v. Hirschau
      (Gött. 1874) S. 35 ff. weist sehr gut nach, wie Trithemius
      in seinen eigenen Schriften sich nicht gleich bleibt, die
      erfundenen Schriftsteller seiner Annales Hirsaug. in den älteren
      Verzeichnissen selbst nicht kennt. (Vgl. auch Silbernagel,
      Trith. 1885, über die Zusätze der Würzb. Hs. zu seinem Catalogus
      illustrium virorum.) Er verweist auf ein ungedrucktes Werk des
      Abts =Andreas von Michelsberg= _Opus canonisatum de Ordine S.
      Benedicti_, welches in Verbindung mit ihm steht (s. Arch. XI,
      421-424). =Nicolaus de Siegen= in Erfurt in seinem _Chronicon
      ecclesiasticum_ (ed. Wegele, Thür. Geschichtsquellen II, 1855)
      scheint ihn schon benutzt zu haben. Ein _Congestus virorum
      illustrium Ordinis S. Benedicti_ von =Petrus Gallus Wagner= 1487
      in St. Ulrich und Afra verfaßt, ist noch ungedruckt und scheint
      unabhängig zu sein. Das (werthlose) von =Radulfus de Diceto=
      seiner Chronik vorausgeschickte Verzeichniß seiner Gewährsmänner
      s. in der Ausg. von W. Stubbs, Lond. 1876, NA. III, 208.

 [21] Entdeckt und herausgegeben von G. Schepss im Progr. des alten
      Gymn. in Würzburg 1889.

 [22] Wiener SB. CXVI, 145-190. Ueber eine zweite von A. Ebner gefundene
      Hs. NA. XVI, 203.


§ 7. Die Franken.

 Histoire Littéraire de la France, 1733 ff. Guizot, Histoire de la
     Civilisation en France depuis la chute de l'Empire Romain, zuerst
     1830 erschienen. Ampère, Histoire Littéraire de la France avant
     le douzième siècle. 3 Vol. 1839, 1840. Aug. Thierry, Récits des
     temps Mérovingiens, 1840. Löbell, Gregor von Tours und seine Zeit,
     1839. Zweite Ausg. 1869. Ozanam, Études Germaniques, 1845-1849; 3.
     Ausg. 1861. Junghans, Die Gesch. d. Fränk. Könige Childerich u.
     Chlodevech, 1857. Diss. traduite par M. Gabriel Monod, augmentée
     d'une introduction et de notes nouvelles, 1879. G. Monod,
     Bibliographie de l'histoire de France, 1888.

Die Gothen waren ohne Zweifel ein wohlbegabter, bildungsfähiger Stamm
und ihre Anfänge vielversprechend; aber die Westgothen zeigen nach
Isidor keine fortschreitende Entwickelung in der Litteratur, und
der Ostgothen Reich war in vollster Auflösung begriffen, als es den
Feldherren Justinians erlag. Keines der deutschen Reiche, welche auf
römischem Boden errichtet wurden, vermochte die innere Festigkeit
und Ordnung zu gewinnen, welche allein die Grundlage einer dauernden
und fortschreitenden Geistesbildung und litterarischen Entwickelung
darbieten kann. Einen ganz ähnlichen Verlauf der Dinge sehen wir auch
bei den Franken: auch sie finden einige Reste der alten Bildung vor,
welche sich eine Zeit lang kümmerlich erhalten; in der Kirche regt sich
dann einige litterarische Thätigkeit, aber zuletzt droht doch alles
in der allgemeinen Auflösung und Verwirrung rettungslos unterzugehen,
und es bedarf einer Neubelebung der fast ganz erstorbenen Keime,
um ein besseres Zeitalter herbeizuführen auf der Grundlage festerer
staatlicher Bildungen.

Hochberühmt waren in den letzten Jahrhunderten der Kaiserherrschaft
die Schulen der Grammatiker und Rhetoren in Gallien, die französischen
Schriftsteller gefallen sich darin, das Bild dieser Zeiten auszumalen,
und es tritt uns in den Werken von Guizot und Ampère lebendig entgegen.
Diese Studien, welche noch in den letzten Jahrzehnten des Reiches so
eifrig betrieben wurden, waren aber, wie sich das bei dem Charakter
dieser Zeiten nicht anders erwarten läßt, dem wirklichen Leben gänzlich
entfremdet, und bewegten sich nur auf dem Boden der Schule. Die Prosa
war bis auf einen unerträglichen Grad verkünstelt; die gesuchte,
kaum verständliche Schreibart, deren wir schon bei Ennodius und
Cassiodor gedachten, ist hier auf die Spitze getrieben. Die Poesie
war vorherrschend epigrammatisch und diente fast nur dem Zeitvertreib
der vornehmen Welt; durch Gelegenheitsgedichte suchten die Poeten die
Gunst hoher Gönner, oder diese griffen auch selbst zur Feder, und
bewiesen ihre feine Bildung durch allerhand poetisches Spielwerk,
wie =Ausonius= aus Bordeaux, der nach der Verwaltung bedeutender
Staatsämter in Muße der Litteratur lebte und bald nach 392 gestorben
ist[1]. Weniger glücklich als dieser, sah sich =Apollinaris Sidonius=
schon verdammt, unter den Barbaren zu leben, und deshalb sind seine
Gedichte und Briefe von um so größerem Werthe für uns: sie zeigen uns
nicht nur den damaligen Zustand der Schulen und des Lebens in Gallien,
sondern gewähren auch manche Kunde von den Burgunden und Westgothen,
denen er mit seiner Kunst dienen mußte. Innigst verabscheut er diese
Barbaren, und bei mancher Gelegenheit spricht er das unverhohlen aus,
aber bewundern und feiern ließ er sich doch recht gerne von ihnen.
Auch das große Hochzeitsfest der Franken, bei welchem diese von Aëtius
überfallen wurden, hat Sidonius zum Preise des Siegers geschildert.
Zuletzt wandte er sich der Kirche zu, welche allein noch einen sicheren
Hafen darbot, wurde 471 Bischof von Clermont in der Auvergne und starb
bald nach 484[2].

 [1] Neue Ausg. v. C. Schenkl, MG. Auctt. antiquiss. V, 2. 1883; von
     Peiper 1886, Leipz. Teubner. Mosella mit frz. Uebers. und Anm.
     von H. de la Ville de Mirmont, Bordeaux 1889. Manitius, Gesch. d.
     christl. lat. Poesie (1891), S. 105-111.

 [2] Teuffel § 460. Fertig, Apollinaris Sidonius und seine Zeit,
     in 3 Würzburger und Passauer Programmen 1845. 46. 48. Georg
     Kaufmann, Die Werke des C. Sollius Apollinaris Sidonius, Gött.
     Diss. 1864. Derselbe, Ueber Leben und Charakter des Sidonius, im
     Neuen Schweizer Museum, 1865. Von demselben: Rhetorenschulen und
     Klosterschulen oder heidnische und christliche Cultur in Gallien
     während des 5. und 6. Jahrhunderts, in Raumers hist. Taschenbuch
     IV, 10 (1869) S. 1-94. St. Sidoine Apollinaire et son siècle par
     l'abbé Chaix, 1867; besser als das Buch ist die Recension von
     G. Kaufmann, GGA. 1868, S. 1001-1021. Ebert I, 419 ff. Manitius
     a. a. O. S. 218-224. Mommsen, S. A. am westgoth. Hof, Berl. SB.
     1885, S. 215-223. Büdinger, A. S. als Politiker, Wiener SB. XCVII,
     915-954. Aufsatz von Sandret über ihn als Historiker in d. Revue
     des questions hist. LXIII, 210 (Juli 1882). Ausg. von Grégoire
     und Collombet in 3 Bänden, Lyon 1836: v. Baret, Paris 1879: v.
     Luetjohann MG. Auctt. antt. VIII. Migne LVIII. E. Chatelain über
     den cod. Vat. 3421, Mélanges Graux, S. 321-327.

Einst hatte Constantin die fränkischen Gefangenen den wilden Thieren
vorwerfen lassen, weil sie ihm zu wild und treulos erschienen, um sich
wie andere Barbaren zum Anbau des Landes, zum Kriegsdienst oder als
Sclaven verwenden zu lassen: nur der Schrecken, meinte er, vermöge sie
zu bändigen. Aber die vielfache, wenn auch feindliche Berührung mit
den Römern milderte allmählich ihre Wildheit; bald finden wir Franken
in ansehnlichen Aemtern bei den Römern, und schon am Ende des vierten
Jahrhunderts war der Franke Arbogast Befehlshaber der Heeresmacht
im westlichen Reiche. In der Mitte des fünften Jahrhunderts sind die
salischen Franken von den Römern abhängig, sie führen ihre Kriege und
schlagen ihre Schlachten. Mit den Römern verbündet, durchzieht der
König Childerich ganz Gallien nach allen Seiten; er besiegt mit ihnen
die ketzerischen Westgothen, die britischen und sächsischen Seeräuber,
die plündernden Alamannen. Obgleich noch Heide, ist Childerich
mit seinen Franken doch bereits dem ganzen Lande wohlbekannt, aber
nicht mehr als der wildeste aller Feinde, sondern als Retter und
Beschützer. Man freute sich des alten Hünen, wo man ihn sah, hoch zu
Roß, in reicher und prächtiger Rüstung: der Königsmantel, in welchem
seine Getreuen ihn zu Tournay bestattet haben, bestand aus purpurner
golddurchwirkter Seide, wahrscheinlich besetzt mit den goldenen Bienen,
die man in so großer Zahl in seinem Grabe fand und die Napoleon von ihm
entlehnt hat. Natürlich war das alles von römischer Arbeit, auch sein
Siegelring führte die lateinische Inschrift: CHILDIRICI REGIS[3].

 [3] J. J. Chifflet, Anastasis Childerici I illustrata, Antv. 1655, 4.
     L'abbé Cochet, Le Tombeau de Childéric I. Paris 1859.

Da ist es denn nicht zu verwundern, daß auch daheim im Salierlande
schon Römer wohnen konnten, als Gäste und Hausgenossen des Königs,
ja daß auch die Salier selbst ihr eigenes Volksrecht in lateinischer
Sprache aufzeichneten -- denn noch wagte oder verstand man es nicht,
die fränkische zur Schriftsprache zu machen, und erst an eben dieses
Rechtsbuch lehnten die ersten noch unbeholfenen Versuche sich an[4] --
und andererseits erklärt es sich auch, wie bald darauf die Vermischung
der Franken mit den schon halb barbarisch gewordenen Provinzialen so
leicht und rasch von Statten gehen konnte; war man doch beiderseitig
schon längst daran gewöhnt, mit einander zu leben und zu verkehren.

 [4] Ungeachtet anderer entgegengesetzter Ansichten scheint mir diese
     Auffassung dem ganzen Bildungsgang der Franken nicht nur, sondern
     auch anderer Völker in gleicher Lage besser zu entsprechen.

In lateinischer Sprache ist auch das älteste uns erhaltene Denkmal
einheimischer Poesie der Franken verfaßt, der =Prolog zum Volksrecht
der Salier=, wo das Volk der Franken hoch gepriesen wird, das
schöne, kluge, tapfere und treue, das jetzt auch den katholischen
Glauben empfangen habe und von jeder Ketzerei rein sei. Die frühere
Abhängigkeit von den Römern erschien ihnen in der Erinnerung als
die härteste Knechtschaft, deren Joch sie mit ihrer gewaltigen Kraft
abgeworfen hätten, und voll Stolzes rühmen sie sich der reichen Gaben
an die Kirchen der heiligen Märtyrer, gegen welche die Römer einst mit
Feuer und Schwert gewüthet hätten.

Dieser letzte Satz, welcher erst lange nach der Bekehrung geschrieben
sein kann, hat aber nicht mehr die rhythmische Form, welche für den
Anfang dieses Prologs zuerst von Bethmann-Hollweg nachgewiesen hat[5],
und dieser erste Theil, in welchem die neulich geschehene Bekehrung
des Volkes erwähnt wird, scheint älterer Zeit anzugehören. Doch ist
das sehr unsicher und die genauere Zeitbestimmung des Prologs viel
umstritten.

 [5] Schmidts Zeitschrift für Geschichte IX, 49. Vgl. Waitz, Das alte
     Recht der salischen Franken, S. 36 ff. und jetzt ausführlicher in
     d. 3. Aufl. d. Verfassungsgesch. II, 1, 122 ff. Der Schluss des
     Prol. aus d. Pariser Hs. Lat. 2294 bei L. Delisle, Sacramentaires
     p. 187.

So wie die Franken das Christenthum sogleich mit dem orthodoxen
Eifer ergriffen, welcher sich in jenen Worten ausspricht, so waren
sie auch der übrigen römischen Bildung durchaus nicht feind; ja
Chlodovechs Enkel Chilperich, der auch für byzantinischen Hofstaat und
römische Staatseinrichtung große Vorliebe zeigte, versuchte sogar das
lateinische Alphabet durch Erfindung neuer Buchstaben zu verbessern,
und machte selbst lateinische Verse nach dem Vorbilde des Sedulius,
aber wie Gregor von Tours berichtet, wollte es ihm mit der Metrik nicht
recht gelingen[6].

 [6] S. darüber Gregor von Tours V, 45, und die Uebersetzung
     Giesebrechts I, 287. Das ihm zugeschriebene Epitaphium S. Germani
     bei Aimoin III, 16 scheint nicht wirklich von ihm zu sein.

Höchst charakteristisch für diese erste Zeit der Vermischung des
Alten und Neuen ist die Persönlichkeit des =Venantius Fortunatus=[7].
Noch in den alten Rhetorenschulen gebildet, ist er einer der letzten
Repräsentanten jener verkünstelten Schulgelehrsamkeit. Er stammte
aus Italien und kam um das Jahr 565 nach Gallien, an König Sigiberts
Hof, wo man viel Gefallen an dieser Poesie fand. Ueberall bei den
fränkischen wie bei den römischen vornehmen Herren und Bischöfen war
er ein gern gesehener Gast und auf ein Lobgedicht von ihm legte man den
größten Werth. Aber mehr als alles dieses fesselte ihn die Freundschaft
der heiligen Radegunde, die ihn zuletzt bewog, in den geistlichen Stand
einzutreten und sich ganz nach Poitiers zurückzuziehen. Hierhin hatte
Radegunde, aller Herrlichkeit der Welt entsagend, sich begeben, um ihr
Leben in dem von ihr gestifteten Kloster bei den Werken der Frömmigkeit
und Demuth zu beschließen, sie, einst die Gemahlin Chlothars, den
sie aber nach der Ermordung ihres Bruders, des letzten Sprossen der
thüringischen Königsfamilie, verlassen hatte. Nur ein Vetter von ihr
war noch übrig, der in Constantinopel lebte, und an diesen schrieb
nun Fortunat in ihrem Namen eine wahrhaft schöne poetische Epistel,
in welcher er den Untergang des thüringischen Reiches in ergreifender
Weise schildert. Ebenso schön ist ein zweites langes Gedicht über
das traurige Geschick der Galswintha, Tochter des Westgothenkönigs
Athanagild, der Schwester der Königin Brunhilde, die mit König
Chilperich vermählt, aber bald nach der Hochzeit auf Anstiften der
Fredegunde ermordet wurde[8].

 [7] Baehr S. 145-161. Teuffel § 483. Ebert I, 518 ff. Manitius
     S. 438-470. Vgl. über ihn besonders die Werke von Guizot und
     Ampère. Opera poetica ed. Fr. Leo, MG. Auctt. antiquiss. IV, 1.
     1881; Op. pedestria ed. Krusch ib. 2. 1886. Vgl. auch Böcking:
     Moselgedichte des Ausonius u. Ven. Fortunatus, Bonn 1845 (Jahrbuch
     der Alterthumsfreunde im Rheinland, Band VII). Fr. Leo, V. F.
     der letzte röm. Dichter, Deutsche Rundschau XXXII, 414-426. Sehr
     häufige Benutzung im MA. hat Manitius nachgewiesen.

 [8] Beide Gedichte schreibt Ch. Nisard der Radegunde, Ven. nur
     Retouche zu, hat aber nur Widerspruch gefunden, s. NA. XIV 437.
     W. Lippert, Zts. f. Thür. Gesch. N. F. VII, 16-38.

Wo Fortunat in solcher Weise einen bedeutenden Gegenstand aus dem
wirklichen Leben zu behandeln unternimmt, zeigt er wahres Gefühl und
ungewöhnliches Talent. Aber bei weitem die Mehrzahl seiner Gedichte
bewegt sich ganz in der spielenden Weise seiner Zeit; er bedichtet
jede gute Mahlzeit, die Radegunde ihm zukommen läßt, und widmet jedem
kleinen Vorfall ein Epigramm. Vollends unerträglich ist seine Prosa,
schwülstig, geziert, kaum verständlich; nur in den von ihm verfaßten
Heiligenleben redet er einfach und natürlich. Das findet sich überhaupt
fast durchgehends, nur wenige derselben sind in dem gesuchten Stil
der Schule geschrieben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie
zur Erbauung, zum Vorlesen bestimmt waren, und deshalb allgemein
verständlich sein mußten.

In den Heiligenleben, die Fortunat verfaßte, herrscht übrigens der
moralisch-theologische Zweck und Standpunkt zu sehr vor, als daß sie
einen bedeutenden historischen Werth haben könnten; am anziehendsten
und am lehrreichsten ist das =Leben der Radegunde= († 13. Aug. 587),
worin das Klosterleben der damaligen Zeit anschaulich geschildert
wird, doch waren auch hier so bedeutende und für das Kloster wichtige
geschichtliche Vorgänge ganz übergangen, daß schon von der damaligen
Aebtissin Dedimia der Nonne =Baudonivia= die Abfassung einer zweiten
Biographie aufgetragen wurde, was sie gewissenhaft, wenn auch in
ungeschickter Weise, bald nach 600 ausgeführt hat[9].

 [9] De vita S. Radegundis libri II, ed. Krusch, SS. Meroving. II,
     358-395. Vgl. Dümmler: Radegunde von Thüringen (Im neuen Reich
     1871, S. 641 bis 656). Die Kehrseite zeigen die höchst ärgerlichen
     und anstößigen Zustände im Kloster gleich nach Radegundens Tod,
     Greg. Tur. IX, 39-43. X, 15-17.

Wie nun die Legenden sich schon durch ihre einfache Sprache als dem
Leben näherstehend bewähren, so zeigt es sich überhaupt bald, daß
die kirchliche Litteratur die einzige wahrhaft lebensfähige war. In
die Kirche flüchteten sich alle, welche noch Sinn und Neigung für
litterarische Bildung hatten, die in dem wilden Getümmel des weltlichen
Lebens keine Stätte mehr fand. Das sahen wir an Ennodius, der auch im
südlichen Gallien geboren und in den dortigen Rhetorenschulen gebildet
war, an Cassiodor, Jordanis, Apollinaris Sidonius, und auch Fortunat
wurde in seinem hohen Alter noch Bischof von Poitiers, wo er zu Anfang
des siebenten Jahrhunderts gestorben ist.

Jene innerlich leblose gekünstelte Litteratur der Grammatiker starb mit
ihren letzten, von den Franken noch vorgefundenen Repräsentanten ab,
und nur die Kirche bewahrte von nun an die Keime des geistigen Lebens,
welche sie naturgemäß für ihren Dienst verwandte. Freilich konnte auch
sie dem Druck dieser Zeiten nicht unversehrt widerstehen; die früher
in Gallien sehr bedeutende speculativ-theologische Thätigkeit hörte
gänzlich auf, da man zu gewaltsam vom Drange des praktischen Lebens
ergriffen wurde; aber in diesem bewahrte die Kirche eine bedeutende
Stellung. Politisch war die Macht der Bischöfe im fränkischen Reiche
bald größer, als sie je gewesen war, und wenn sie auch von der immer
mehr überhand nehmenden Verwilderung stark ergriffen wurden, so
ging der tiefere sittliche Gehalt in der Kirche doch niemals völlig
verloren, und mitten in dem allgemeinen Verderben erschienen immer
aufs neue einzelne Männer, welche durch Reinheit der Gesinnung und
durch rückhaltlose Hingabe ihrer eigenen Person für die Gebote des
Evangeliums die Verehrung ihrer Zeitgenossen und die Bewunderung der
Nachwelt erzwangen. Zu keiner Zeit nach den ersten Jahrhunderten der
christlichen Kirche finden wir eine größere Zahl von Heiligen als
gerade damals, Männer und Frauen, großentheils von hervorragender
äußerer Stellung, die durch Entsagungen aller Art, durch aufopfernde
Wohlthätigkeit, durch unerschrockenes Auftreten gegen die Verbrechen
der Großen und Mächtigen, sich die dankbare Verehrung des Volkes
erwarben. Das äußere Leben nahm gebieterisch alle ihre Kräfte in
Anspruch; für wissenschaftliche Bestrebungen war kein Raum in dieser
Zeit, und die geringe litterarische Thätigkeit, welche noch Statt
findet, beschränkt sich auf Predigten, moralische Schriften und
Legenden, die ebenfalls als Vorbilder zum Zweck der unmittelbaren
Einwirkung auf die Zeitgenossen verfaßt wurden.

Auf diesem Felde schloß sich an Sulpicius Severus eine reiche
Litteratur an, und auch der Mann, mit dem wir uns zunächst zu
beschäftigen haben, der bedeutendste Schriftsteller der merowingischen
Zeit, Gregor von Tours, wandte der Legende seine Thätigkeit
hauptsächlich zu.


§ 8. Gregor von Tours.

Opera ed. Ruinart, Paris 1699, fol. Migne LXXI. SS. Meroving. I.
    1885 (Hist. Fr. ed. W. Arndt, de miraculis S. Andreae ed. M.
    Bonnet, die übr. Schriften v. Br. Krusch). Rec. v. Bonnet, Revue
    crit. 1885 N. 9 (vgl. NA. X, 603), 1886 N. 8 (vgl. NA. XI, 632).
    Differenzen zw. Krusch u. Bonnet NA. XII, 309-314. XVI, 432. XVII,
    199-203. Krusch: Chlod. Sieg über die Alamannen, gegen Vogel, NA.
    XII, 289-302; zu Greg. de cursu stell. NA. XII, 303-314.

In Not. et Doc. publ. p. la Soc. de l'hist. de France (1884) giebt H.
    Omont S. 1-18 Nachricht von einem durch L. Delisle in Kopenhagen
    entdeckten Fragment e. Hs. d. Hist. in Uncialen u. einer zweiten
    saec. IX. Auch sind die Leid. u. Vat. Fragmente (A2 bei Arndt)
    abgedruckt. -- L. I-VI e cod. Corb. mit den Zusätzen d. 2. Ausg.
    v. H. Omont 1886. Album pal. pl. 12 codd. Belvac. Corb. pl. 13
    Camerac. mit von Bethmann übersehenen Correcturen.

Uebersetzung der Gesch. mit vortrefflicher Einleitung von W.
    Giesebrecht. Berlin 1851, 2. Aufl. 1878 (Geschichtschr. 8. 9.
    VI, 4. 5). Kries, De Greg. Tur. vita et scriptis, Vratisl. 1838.
    Löbell, Gregor von Tours und seine Zeit, Leipzig 1839, 1869.
    Haeusser S. 8-17. R. Koepke in der Allg. Monatsschrift, 1852
    Sept. S. 775-800. Kl. Schr. S. 289 ff. Waitz in den Gött. Gel.
    Anz. 1839, S. 781-793, in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II,
    44. Dazu jetzt die vortreffl. Monographie von G. Monod: Études
    critiques sur les sources de l'hist. Mérovingienne (Bibl. de
    l'Écol. des hautes études, 8 Fasc. 1872) p. 21-146 (vgl. seine
    oben S. 39 angeführte Recension), rec. v. Dümmler, Lit. Centr.
    1872, 819; v. Waitz, GGA. 1872, 903-909; v. W. Arndt, Hist.
    Zeitschr. 23, 415-422. Ebert S. 566-579. Alfred Jacobs, Géographie
    de Grégoire de Tours et de Frédégaire, Paris 1861, u. bei der
    Ausg. von Guizots Uebersetzung. Longnon, Géographie de la Gaule
    à l'époque de Gr. de T. 1878. Le Mire, Études archéolog. sur Gr.
    de T. Lons-le Saulnier 1879. Bonnet, Le Latin de G. de T. Paris
    1890.

Gregor von Tours stammte aus einer sehr vornehmen römischen Familie,
der fast alle Bischöfe von Tours und viele Heilige angehörten. Um das
Jahr 540 in Clermont-Ferrand (Arverni) geboren, erhielt er nach seinem
Vater und seinem Großvater die Namen Georgius Florentius; Gregor hat
er sich erst später genannt, nach seinem mütterlichen Ahnherrn, dem
heiligen Gregorius, Bischof von Langres. Seinen Vater scheint er früh
verloren zu haben; erzogen wurde er an seinem Geburtsort von seinem
Oheim, dem heiligen Bischof Gallus, und nach dessen Tode von dem
Priester Avitus, der im Jahre 571 ebenfalls Bischof von Clermont wurde.
Er selbst nennt nur diesen, der ihn nicht in weltlicher, sondern in
kirchlicher Wissenschaft unterwiesen habe. Doch hat er natürlich in
der Schule einige Kenntniß des Vergil und Sallust bekommen, weiß auch
von Marcianus Capella, aber seine Citate beschränken sich auf das erste
Buch der Aeneide und den Prolog des Catilina, wie G. Kurth nachgewiesen
hat, welcher daraus den Schluß zieht, daß eine Chrestomathie dieser Art
damals im Schulgebrauch gewesen sei[10].

 [10] Godefroy Kurth: Saint Grégoire de Tours et les études classiques
      au VI. siècle. Revue des questions historiques, Oct. 1878.

Im Jahr 573 erhielt Gregor von König Sigebert das Bisthum Tours, und
Fortunat versäumte nicht, sein Gedicht dazu zu machen; Gregor, der
ihm nahe befreundet war, hat ihn später sogar mit einem Landgütchen
beschenkt.

Der Bischof von Tours, der Nachfolger des heiligen Martin, war eine
der ansehnlichsten Personen im fränkischen Reiche, ein Kirchenfürst
von bedeutender Macht, und mehr noch wegen der ungemeinen Verehrung des
heiligen Martin ein Mann, auf den die Blicke vieler Menschen gerichtet
waren und dessen Stimme bei allen Staatshändeln von Gewicht war. Bei
den inneren Kriegen unter den Merowingern konnte es daher nicht fehlen,
daß Gregor sehr bald in schwierige Verwickelungen hineingezogen wurde,
und gleich anfangs sah er sich in sehr gefährdeter Lage, als Chilperich
die Stadt Tours seiner Herrschaft unterwarf. Er benahm sich aber stets
mit Klugheit und Festigkeit, und wußte sich selbst gegen erbitterte und
mächtige Feinde zu behaupten. Nach Chilperichs Tode (584) stieg sein
Ansehen, und von nun an war er einer der einflußreichsten Männer im
Reiche. Allgemein geachtet starb er am 17. Nov. 594, und hinterließ ein
dankbares Andenken in seinem Sprengel, für den er in jeder Beziehung
mit unermüdlichem Eifer thätig gewesen war; man verehrte ihn sogar
als einen Heiligen. Seine im zehnten Jahrhundert in Tours verfaßte
Biographie hebt nur diese Seite hervor, und gewährt fast keine neue
Belehrung über ihn[11].

 [11] Die darin von ihm erzählte Reise nach Rom ist erfunden, s. Monod
      p. 37. Als Verfasser ist von Ruinart ohne Grund der Abt Odo von
      Cluny genannt, ib. p. 25.

Vieles hatte Gregor erlebt und gesehen, von seiner Kindheit an,
wo die Auvergne der Schauplatz des Kampfes zwischen Chlothar und
Childebert war, bis zu dem blutigen Streite der Königinnen Brunhilde
und Fredegunde; seitdem er zu den Bischöfen des Reichs gehörte, konnte
kein bedeutendes Ereigniß eintreten, ohne ihn unmittelbar zu berühren;
von allem erfuhr er, und an vielen wichtigen Staatsgeschäften nahm
er persönlich Theil; einen großen Theil des Reiches kannte er aus
persönlicher Anschauung. Da erwachte in ihm der Wunsch, die Kunde
dieser Dinge auch der Nachwelt zu überliefern, und während er das Leben
der Heiligen beschrieb und reiche Sammlungen von Wundergeschichten
verzeichnete, arbeitete er zugleich unablässig an dem Geschichtswerke,
welchem wir fast allein unsere Kenntniß von dem Reiche der Merowinger
verdanken. Noch trägt es die Spuren seiner allmählichen Entstehung, man
erkennt spätere Nachträge, und es fehlt ihm die letzte Vollendung. Um
so größer ist deshalb die Glaubwürdigkeit der letzten Bücher, in welche
er den Ereignissen gleichzeitig die Zeitgeschichte eintrug.

Häufig nennt man dieses Werk die Kirchengeschichte der Franken, und in
manchen Handschriften trägt es nach dem Vorbild des Beda diesen Titel
(_Historia ecclesiastica Francorum_). Allein so sehr auch dem Charakter
der Zeit entsprechend das kirchliche Element vorwiegt, der Inhalt
zeigt doch, daß jene Ueberschrift den Grundgedanken des Werkes nicht
ausdrückt und also nicht von Gregor herrühren kann. Richtiger nennt man
es: _Zehn Bücher fränkischer Geschichten_.

Gregor hatte bereits Vorgänger gehabt; er selbst, und nur er
allein, hat uns (II, 8. 9) Namen und Bruchstücke von zwei verlorenen
Historikern aufbewahrt, von =Renatus Profuturus Frigeridus=[12], dessen
zwölftes Buch der Geschichten er anführt, und =Sulpicius Alexander=.
Aber diese scheinen beide noch den Zeiten der letzten Kaiser angehört
zu haben, und niemand versuchte mehr das Andenken dieser trüben Zeiten
aufzuzeichnen. Mit der Klage darüber beginnt Gregor sein Werk. Jetzt,
da die Pflege der schönen Wissenschaften in den Städten Galliens
vernachlässigt, ja sogar gänzlich in Verfall gerathen sei[13], so
lauten die inhaltsschweren Worte, jetzt finde sich kein Gelehrter, dem
die Kunst der Rede zu Gebote stände[14], der in Prosa oder Versen die
Begebenheiten der Gegenwart der Nachwelt aufbewahre. Laut klage das
Volk: Wehe über unsere Tage, daß die Pflege der Wissenschaften bei uns
untergegangen ist und niemand sich findet, der, was zu unsern Zeiten
geschehen, berichten könnte! Deshalb also, weil kein anderer auftrete,
habe er es auf sich genommen, das Gedächtniß dieser Tage den Nachkommen
zu überliefern.

 [12] J. Grimm, Ueber Jornandes S. 17, erklärt den letzten Namen für
      gothisch. Beide Namen kommen bei Ammian XXXI, 7 vor. Schirren,
      De Jord. p. 7, vermuthet in dem Profuturus ep. Braccarensis, an
      welchen Pabst Vigilius 538 schreibt, den Autor.

 [13] Decedente atque immo potius pereunte ab urbibus Gallicanis
      liberalium cultura litterarum.

 [14] Peritus dialectica in arte grammaticus.

Die Geschichte seiner Zeit also ist sein Gegenstand; aber um dafür
eine chronologische Grundlage zu gewinnen, schickt er im ersten Buche
eine Uebersicht der Weltgeschichte, hauptsächlich der biblischen, seit
der Schöpfung voran[15]; die Erzählung von der Stiftung der gallischen
Kirchen, zuletzt von seinem Schutzheiligen Sanct Martin, giebt dann den
Uebergang zur fränkischen Geschichte. Allein er führt doch auch noch
einen anderen Grund an für die Berechnungen, mit denen er sein Werk
beschließt, nämlich damit diejenigen, welche wegen des herannahenden
Endes der Welt in Sorgen sind, genau wissen möchten, wie viele Jahre
seit der Erschaffung der Welt verflossen wären. Denn diese Vorstellung
beherrschte auch ihn, so wie alle, die auf das untergehende römische
Reich, das letzte Weltreich, ihre Blicke gerichtet hatten. Und in der
That bot diese Zeit kaum etwas anderes dar, als Zeichen des Verfalles
und des Unterganges; Keime neuen Lebens mußten dem Frankenreiche in
Gallien erst von außen wieder zugetragen werden, für die Neugestaltung
des Staates von Austrasien, für die Kirche von den britischen Inseln.

 [15] Libuit etiam animo, ut pro supputatione annorum ab ipso mundi
      principio libri primi poneretur initium.

Vor allem findet nun Gregor es durchaus nothwendig, sein
Glaubensbekenntniß an die Spitze des Buches zu stellen, damit
kein Leser an seiner Rechtgläubigkeit zweifeln könne; denn ein
Hauptgegenstand seines Werkes würden die Kämpfe der Kirche mit den
Ketzern sein. Höchst charakteristisch ist dies für eine Zeit, die seit
Jahrhunderten von dem Gegensatze der Katholiken und Arianer erfüllt
war, wo der Name des Orthodoxen der höchste Ehrentitel der Fürsten war,
und die Franken ihren größten Stolz darin fanden, von jeder Ketzerei
frei zu sein. Das gesteht ihnen auch der Mönch Jonas im Leben des
Columban zu; den katholischen Glauben finde man bei ihnen, nur leider
von den Werken auch gar keine Spur.

Es ist aber dieser Standpunkt für die Beurtheilung von Gregors Werk
sehr wichtig; seine ganze Auffassung Chlodovechs beruht darauf. Nicht
nach schriftlichen Aufzeichnungen schildert ihn Gregor; für die ersten
Zeiten hat er wohl die schon erwähnten Autoren und den Orosius benutzt,
auch einzelne annalistische Notizen und Heiligenleben, vorzüglich
das Leben des Remigius, nebst Briefen und Aktenstücken[16]; aber seine
Hauptquelle für die Urgeschichte der Franken, und bald seine einzige,
ist doch die lebendige Ueberlieferung, und die Darstellung Chlodovechs
sowie seiner nächsten Nachfolger ist darum schon durchaus sagenhaft; in
diesem Abschnitt hat man sich sehr zu hüten, Gregors Autorität nicht zu
überschätzen[17].

 [16] s. Monod S. 81 ff. und über die Vita Aniani G. Kaufmann, Forsch.
      VIII, 130 ff. Dazu jetzt die Vorrede von Arndt. G. Kurth, Revue
      des Questions hist. XXIII, S. 385 ff. untersucht seine Quellen
      für die Gesch. Chlodwigs, nimmt _Ann. Turonenses_ an und eine
      verlorene _Vita Remigii_. Letzteres bekämpft Hans v. Schubart: Die
      Unterwerfung der Alamannen unter die Franken (Strassb. 1884) und
      macht dagegen aus einer freilich fehlervollen Hs. in Montpellier
      eine bald nach Vedasts Tod (um 540) geschriebene _Vita Vedasti_
      bekannt, welche in Betreff der Bekehrung Chlodwigs Gregor benutzt
      hat, wenn er nicht aus derselben Quelle mit ihr schöpfte. -- Die
      von Gr. benutzte, später von Hincmar interpolierte, Ven. Fort.
      mit Unrecht zugeschriebene, sehr magere _Vita Remedii_ (= Remigii)
      Auctt. antt. VI, 2, 64-67.

 [17] Neuerdings sind seine Nachrichten in diesem Sinne geprüft von
      Junghans, Die Geschichte der fränkischen Könige Childerich und
      Chlodovech kritisch untersucht, Gött. 1857, u. in der Bearbeitung
      von Monod; und von Ad. Gloël, Zur Geschichte der alten Thüringer,
      Forsch. IV, 195-240; dagegen L. Hoffmann, Zur Geschichte des alten
      Thüringerreiches, im Jahresber. d. höh. Bürgerschule zu Rathenow
      1872, 4. -- Die _Vita Basini regis_. ed. Guil. Cuper, Acta SS.
      Jul. III, 701, des Gründers von Trunchinium oder Dronghen bei
      Gent (vgl. Herm. Müller, Lex Salica, S. 128. Holtzmann, Ueber
      das Verhältniss der Malb. Glosse, S. 22) ist geschichtlich ganz
      unbrauchbar; erst sehr spät ist von ihm, u. als König noch später
      die Rede. s. H. W. Lippert, Beiträge zur ältesten Gesch. d.
      Thüringer, Zeitschr. d. Vereins f. thür. Gesch. XI, S. 292-302.
      XII, S. 91-96.

Chlodovech ist ihm der Streiter der Kirche, ihr Vorkämpfer gegen die
Arianer; als solchen faßt er ihn vorzugsweise auf, und deshalb kann
er auch (II, 40) von ihm sagen: „Gott aber warf Tag für Tag seine
Feinde vor ihm zu Boden und vermehrte sein Reich, darum, daß er rechten
Herzens vor ihm wandelte, und that was seinen Augen wohlgefällig war“.

Unmittelbar vorher hat Gregor erzählt, wie sich Chlodovech durch
Mord und Verrath des ripuarischen Reiches bemächtigte, und man hat
ihm daher jenen Ausspruch sehr zum Vorwurf gemacht. Diese Worte
fassen aber den Inhalt nicht des einen Capitels allein, sondern
auch der vorhergehenden zusammen, in welchen die Bekämpfung der
arianischen Westgothen erzählt ist, der Kreuzzug, welchen die Kirche
als Chlodovechs größtes Verdienst betrachtete. Ein feines Gefühl für
Recht und Unrecht darf man freilich bei den Schriftstellern dieser
Zeit nicht suchen; wie bei den Italienern des fünfzehnten Jahrhunderts
war durch die täglich sich wiederholenden Greuelthaten das Gefühl
dafür abgestumpft worden. Mord und Hinterlist waren so gewöhnliche
Werkzeuge geworden, daß wer sie nicht selber anwandte, ihnen zum
Opfer fiel; es kam daher für die Beurtheilung nur noch darauf an,
ob sich ein lobenswerther Zweck damit verband, oder ob sie bloß der
Selbstsucht und anderen schlechten Leidenschaften dienten. So erzählt
denn auch Gregor zahlreiche Geschichten derart mit einer Kälte, die
uns unheimlich berührt, ohne irgend etwas von dem Abscheu zu äußern,
welcher den heutigen Leser dabei ergreift. Eben dadurch aber gewinnt er
um so mehr an Glaubwürdigkeit; ganz in seiner Zeit stehend, gewährt er
uns das treueste Bild derselben, und indem er nur einfach berichtet,
was geschehen war, verdient er ohne Zweifel vollen Glauben, so weit
seine eigene Kenntniß der Begebenheiten reicht, und so weit nicht
etwa leidenschaftliche Erregung, so weit nicht seine eifrig kirchliche
Denkungsart, sein Haß gegen die Ketzer, sein Urtheil trüben, oder seine
übergroße Leichtgläubigkeit ihn irre führt. Sehr mit Unrecht hat man
ihm absichtliche Entstellung Schuld geben wollen; von Flüchtigkeit und
Ungenauigkeit dagegen ist er im ersten Theile seines Werkes nicht frei,
und daran wird es auch wohl in den späteren Abschnitten, wo es unsere
einzige Quelle ist, nicht fehlen.

Die Darstellung Gregors ist einfach und kunstlos; er selbst bittet
um Entschuldigung deshalb: „Ich bitte die Leser vorher um Verzeihung,“
sagt er, „wenn ich im großen oder geringen gegen die Grammatik fehlen
sollte, denn ich bin nicht recht bewandert in dieser Wissenschaft.“
Die Schulgelehrsamkeit der Zeit mangelte ihm, und das ist ein Glück
für uns, ebenso wie bei Eugippius. Gregor selbst sagt darüber nicht
ohne Ironie, daß er sich zu dieser Arbeit entschlossen habe, weil
kein Gelehrter sie auf sich nehme, und weil er häufig verwundert habe
vernehmen müssen, daß einen Schriftsteller von gelehrter Bildung nur
wenige verständen, des schlichten Mannes Rede aber viele[18]. Einige
Stellen seines Werkes, wo er sich in dieser Schreibart versucht hat,
zeigen uns die Gefahr, vor welcher sein Mangel an Schulbildung uns
bewahrt hat. In der Regel aber ist seine Schreibart diejenige, welche
sich damals für die Legende ausgebildet hatte, und nach und nach
allgemein herrschend wurde; schlicht und einfach, weil sie allgemein
verständlich sein mußte, und erfüllt von biblischen Ausdrücken und
Anspielungen, dem Standpunkt der Verfasser und dem Zweck ihrer Werke
angemessen, da sie ja sämmtlich Geistliche sind und auch in der
Darstellung der Geschichte die kirchliche Bedeutung derselben fast
überall vorherrscht; dabei dem verfallenen Zustand der damaligen
Umgangsprache entsprechend, erfüllt von den ärgsten grammatischen
Verstößen; das Gefühl für die Bedeutung der Flexionsendungen hatte sich
fast ganz verloren[19].

 [18] „Quia philosophantem rhetorem intelligunt pauci. loquentem
      rusticum multi.“ Auch bei den Griechen war eine rhetorische
      Kunstsprache üblich; im Anfang des siebenten Jahrh. drang die
      vulgärgriechische Umgangsprache durch kirchlichen Einfluss in die
      Litteratur ein. Gelzer, HZ. LXI, 9.

 [19] Ueber seine Bildung und Sprache vgl. Monod S. 110 ff. u. Bonnet.
      Die neue Ausgabe von W. Arndt läßt mit größerer Sicherheit
      seine Sprache erkennen, obgleich leider die ältesten Hs. nicht
      vollständig sind. Diese zeigen einen hohen Grad von Barbarei,
      welche sowohl alte Abschreiber als neuere Herausgeber bei Gregor
      und in den Heiligenleben fortwährend abgeglättet haben. Es mag
      noch in Betracht kommen, daß der Frankengeschichte die letzte Hand
      fehlt: doch bleibt es andererseits auch immer noch zweifelhaft,
      was gerade die ältesten Abschreiber schon angerichtet haben mögen.

Die kunstlose, einfache Sprache Gregors, seine behagliche,
memoirenartige Erzählung, welche Geschichten aller Art, die größten
Staatsbegebenheiten und unbedeutende Vorfälle des gewöhnlichen Lebens
bunt durch einander mischt, das ist es eben, was seinem Werke einen
so großen Reiz verleiht, und es zu einem so treuen Spiegel seiner Zeit
macht, daß ihm in dieser Hinsicht kein zweites zu vergleichen ist.

Vorzüglich zeigt uns Gregors Werk auch, wie besonders Loebell schlagend
nachgewiesen hat, die völlige Verschmelzung der fränkischen und der
romanischen Bevölkerung; von einem feindlichen Gegensatze beider
Elemente ist nichts darin wahrzunehmen, und die römische Abkunft des
Verfassers hat durchaus keinen Einfluß auf seine Darstellung ausgeübt.

Was er hörte, was er sah, das erzählte er, ohne weiteren Zweck, als das
Andenken der Dinge zu erhalten; er dachte keineswegs gering von dieser
Aufgabe und dem Werthe derselben, denn ausdrücklich beschwört er am
Ende des letzten Buches seine Nachfolger auf dem Stuhle des heiligen
Martin, sie unverkürzt und unversehrt der Nachwelt aufzubewahren, und
nichts daran zu ändern. Und wenn auch nicht durch ihr Verdienst, so
ist uns doch wirklich Gregors Werk in seiner ursprünglichen Gestalt
überliefert worden, und seit Jahrhunderten hat man diese ungeschminkte
Darstellung einer fernen Zeit hoch geschätzt und in Ehren gehalten.
Wir können ihm keine hohe Stelle unter den Geschichtschreibern
einräumen, denn ihm fehlen die wesentlichsten Eigenschaften, welche
dazu gehören, die Beherrschung des Stoffes, das tiefere Eindringen
in den Zusammenhang der Dinge; aber um so mehr ist es auch dankbar
anzuerkennen, daß er nicht versucht hat, was ihm nicht gelingen
konnte, sondern sich in Bescheidenheit begnügte, eine reiche Fülle
des mannigfaltigen Stoffes in seinen Werken zusammenzufassen. Von
vorzüglichstem Werthe ist darunter für uns seine Geschichte der
Franken, doch enthalten auch seine Wundergeschichten und Heiligenleben
viele für die Charakteristik der Zeit wichtige Züge.

In seinen letzten Jahren, als die blutigen Stürme, die das Frankenreich
zerrissen hatten, eine Weile ruhten, als Childebert und König Gunthram
den Frieden aufrecht hielten, hat Gregor seine Erzählung fortgeführt
bis zum Jahre 591; am Ende fügte er noch eine kurze Geschichte der
Bischöfe von Tours[20], und zuletzt einen Abriß seines eigenen Lebens
hinzu: ein Schlußwort, welches Monod als Epilog zu allen seinen
Werken, nicht zur Geschichte allein betrachtet. Dann begann er, wie es
scheint, sein Werk noch einmal zu überarbeiten; die sechs ersten Bücher
enthalten Einschiebungen, welche um diese Zeit geschrieben sind, und
diese sechs Bücher sind denn auch, so scheint es, zuerst allein bekannt
geworden; nur sie finden sich in der ältesten Handschrift, und sie
allein wurden später in einen Auszug gebracht.

 [20] Die Grabschrift eines sonst unbekannten „Ebracharius heros“,
      der zur Zeit des etwas späteren Bischofs Chrodobertus 4 Klöster
      stiftete, bei De Rossi, Inscriptt. urbis Romae christ. II, 1, 69.

Bei weitem nicht mehr in dem Grade wie Isidor, hatte Gregor in sich
aufgenommen, was von der alten Bildung noch übrig war; doch war sie
auch auf ihn nicht ohne Einfluß geblieben; hoch überragt er die nun
folgende Zeit der tiefsten Barbarei, wo kaum noch einzelne Funken
litterarischen Lebens zu finden sind, wo die aus der alten Welt
herübergenommene Bildung fast vollständig abstarb, während zugleich
politisch die ärgste Verwilderung und Auflösung eintrat: im siebenten
Jahrhundert, sagt O. Abel, nach Brunhilde und Fredegunde verliert im
merowingischen Königshause auch das Laster seine Größe, in wachsender
Jämmerlichkeit schleppt sich das entartete Geschlecht noch anderthalb
Jahrhunderte durch die Geschichte.

Erwähnt habe ich vorher (S. 97), daß Gregor auch annalistische Notizen
benutzt habe, welche im Anfang seiner Geschichte sehr deutlich zu
erkennen sind. Mit diesen hat man sich neuerdings sehr eingehend
beschäftigt[21]. Schon oben S. 57 ist der =Annalen von Arles= gedacht
worden, welche mit Consularfasten verbunden sind. Holder-Egger hat
ihre Benutzung nachgewiesen in einer Weltchronik, welche fälschlich den
Namen des =Severus Sulpicius= trägt[22], und bis 511 reicht, nach seiner
Ansicht aber wahrscheinlich erst 733 in Südgallien verfaßt ist; nicht
unwichtig für die westgothische Geschichte von 450 bis 500. Er findet
außerdem ihre Spuren bei Isidor, Marius, Jordanis, und in Verbindung
mit den Ravennater Fasten bei Gregor[23] und in der Fortsetzung des
Prosper bis 641. Gregor hat außerdem noch Annalen benutzt, welche
wahrscheinlich aus =Angers= stammen, und =burgundische=, welche auch
Marius hatte, und deren Verwerthung bei beiden ihre Uebereinstimmung
erklärt, wie W. Arndt nachgewiesen, und Monod, welcher früher Benutzung
des Marius bei Gregor angenommen hatte, ihm zugegeben hat.

 [21] W. Arndt HZ. XXVIII. O. Holder-Egger in der S. 57 angeführten
      Schrift. Rec. von J. J. M. im Lit. Centralbl. 1875 Sp. 1380, von
      W. Arndt, Jen. LZ. 1875 N. 48. Arndts Vorr. S. 22, wo auch noch
      annalistische Notizen aus der Auvergne und aus Poitiers vermuthet
      werden. Ueber Annalen von Tours s. oben S. 97.

 [22] Florez, Esp. sagr. IV, 430-456; vom J. 379 an wieder abgedruckt
      bei Holder-Egger.

 [23] Vgl. Holder-Egger im NA. I, 276-278.

Der Bischof =Marius von Avenches=, ein Zeitgenosse Gregors, ist zu
erwähnen, als Verfasser einer Fortsetzung des Prosper, oder vielmehr
des Chronicon imperiale (oben S. 82) bis 581. Marius scheint ein
vortrefflicher Mann und exemplarischer Bischof gewesen zu sein, dazu
ein geschickter Goldschmidt, welcher kunstreiche Geräthe für seine
Kirche selbst verfertigte. Im Jahre 530 oder 531 aus edlem Geschlecht
im Sprengel von Autun geboren, wurde er 574 Bischof der alten
Römerstadt Avenches, welche sich von der Zerstörung durch die Alamannen
niemals recht erholt hatte, und deshalb verlegte er den Sitz des
Bischofs nach =Lausanne=, wo er am 31. December 594 gestorben ist[24].

 [24] W. Arndt, Bischof Marius von Aventicum. Sein Leben und seine
      Chronik. Nebst einem Anhang über die Consulreihe der Chronik.
      Leipz. Habilitationsschrift 1875. Die falsche Jahreszahl 593 auf
      S. 13 hat der Verfasser selbst berichtigt. -- Hierin ist die jetzt
      allein brauchbare Textausgabe nach der einzigen HS. enthalten,
      welche einst in St. Trond war, jetzt Brit. Mus. 16,974. Facs. in
      Arndts Schrifttafeln 16.

In seiner Schulbildung stand er nicht höher als Gregor. Es verdient
Anerkennung, daß er in dieser Zeit den Versuch machte, die Weltchronik
fortzusetzen, aber dürftig genug ist der Versuch ausgefallen. Er
besaß ein Exemplar der Ravennater Fasten, mit annalistischen Notizen
aus Arles vermehrt, und benutzt, ihnen folgend, die Consulreihe, zu
welcher er die Indictionen hinzufügt, später die Jahre p. c. Basilii
und die Regierungsjahre Justins II und Tiberius II, als einzige
brauchbare Chronologie; inmitten der vorübergehenden und durch innere
Kriege erschütterten neuen Reiche ist ihm die „res publica“ das einzig
bleibende, und ganz außerhalb ihres Bereiches, scheint er doch die
Kaiser als die wahren Herren der Christenheit zu betrachten. Uebrigens
berichtet er doch vorzüglich die ihn näher berührenden Vorgänge des
burgundischen und des fränkischen Reiches, und was er mittheilt, hat
für uns großen Werth. Bis 467 lassen sich bei ihm (nach W. Arndt) die
Annalen von Arles, bis 526 die Ravennater verfolgen. Vom Jahre 500 an
schöpft er aus burgundisch-fränkischen Annalen, vielleicht bis 570 oder
571. Endlich nimmt Arndt noch „byzantinische, wohl in Mailand verfaßte
Annalen“ an, welche bis 568 nachweisbar wären, und auch von Marcellin
benutzt.

Verbunden mit diesen Annalen ist ein Anhang von 581 bis 624, welcher
mit Unrecht von Brosien verdächtigtg[25], von G. Monod in Schutz
genommen ist[26], in Uebereinstimmung mit G. Kaufmann[27] und H.
Hertzberg[28]. Nach letzterem ist der erste Theil desselben aus Isidor
entnommen; der zweite ist original, erzählt in fließender Darstellung,
und geht bald völlig in die fränkische Geschichte über. Dieser Anhang
wäre benutzt in der Fortsetzung des Isidor bis 636 im Cod. Urbinas,
und diese wieder in der Fortsetzung des Prosper bis 641. Vollständig
aufgenommen ist er in der Fortsetzung des Isidor von 1017 (MG. SS.
XIII, 261).

 [25] Krit. Untersuchung der Quellen zur Geschichte Dagoberts I (Gött.
      1868) S. 5.

 [26] Revue Critique 1873 N. 42.

 [27] Forsch. XIII, 418-424.

 [28] Forsch. XV, 317-324. Vgl. das Facs. bei Arndt, Schriftt. 16.

Im burgundischen Reiche ist ebenfalls schon in der ersten Hälfte
des sechsten Jahrhunderts die =Vita sanctorum abbatum Agaunensium=
(von St. Maurice im Wallis) geschrieben, welche W. Arndt nach einer
Abschrift des Jesuiten P. Fr. Chifflet herausgegeben hat[29]. Ist hier
nun auch der Text vielleicht etwas geglättet, so zeigt doch der ganze
Periodenbau noch eine anspruchsvolle Schulbildung, und sowohl die
halb in Prosa aufgelöste Grabschrift des Tranquillus c. 10, wie die
Distichen auf Ambrosius c. 12 zeigen metrisches Verständniß[30], während
die Verse auf Probus S. 3 geradezu jeder Metrik hohnsprechen. Demselben
Jahrhundert gehört das Leben eines Einsiedlers an, des =Hostianus=,
welcher ein Verwandter des Königs Sigismund war; geschichtliche
Thatsachen sind aber nicht daraus zu entnehmen[31].

 [29] Kleine Denkmäler aus der Merovingerzeit, Hann. 1874. Acta SS.
      Nov. I mit neuen Hülfsmitteln verbesserte Ausgabe von De Smedt,
      auch mit der vorher noch fehlenden _Chronologica Series_, vgl.
      Krusch, HZ. LXIII, 102. A. Jahn, Gesch. der Burgundionen (1874)
      II, 504-512 giebt den ältesten Text der ebenfalls in Agaunum im
      Anf. d. 8. Jahrh. geschriebenen _Passio Sigismundi regis_ und
      erweist S. 513-518 den Unwerth der von Lütolf, Glaubensboten der
      Schweiz S. 172 mitgetheilten _Passio SS. Victoris et Ursi_ nebst
      der Translatio. Die Passio Sigism., welche einige Umstände aus
      der Tradition und die Translationsgesch. bietet, ed. Krusch, SS.
      Meroving. II, 329-340.

 [30] Das c. 13 über Probus besteht aus rhythmischen Versen.

 [31] Analecta Bolland. II, 355-358; vgl. NA. IX, 444.

Nach Gregor versiecht im Frankenreich die geschichtliche Aufzeichnung
der Begebenheit fast völlig, und nur in Burgund entstehen noch
Schriften, welche uns über die folgenden Zeiten dürftige Kunde
gewähren[32].

 [32] Völlig unbekannt sind die „regnorum libri diversarum gentium,
      quos pretiosissimo dictamine et in luculento sermone insignis
      historiographus edidit =Roterius=“, angeführt in der Vita Severi
      (Agath. Acta SS. Aug. 25). Er soll zu Zeiten K. Reccareds, also
      gegen 600, geschrieben und über die Verheerung gallischer Städte,
      spec. Agde, durch Attila berichtet haben.


§ 9. Fredegar.

 Ausgabe v. Br. Krusch, MG. SS. Rer. Merov. II. 1888, vgl. Br. Krusch,
     Die Chronicae des sog. Fredegar, NA. VII, 247-351. 421-516. Auszug
     des fünften Buches in Giesebrechts Uebersetzung des Gregor. II,
     265-281. Die Chronik-Fredegars (Buch 6) und der Frankenkönige
     übersetzt von Otto Abel, Berl. 1849. 1876. 1888 mit d. Forts.
     (Geschichtschr. 11. VII, 2). Ebert S. 606. Palacky, Ueber den
     Chronisten Fredegar und seine Nachrichten von Samo. Jahrb. des
     Böhm. Museums I, 387-413. Herm. Brosien, Kritische Untersuchung
     der Quellen zur Gesch. Dagoberts I, Gött. 1868. Alfr. Jacobs,
     Géographie de Frédégaire, de ses Continuateurs et des Gesta
     Francorum, Paris 1859. G. Monod, Revue Crit. 1873 N. 42. Ders.
     Du lieu d'origine de la chronique dite de Frédégaire, im 3.
     Bd. d. Jahrb. f. Schweiz. Gesch. 1878. Ders. Sur un texte de la
     compilation dite de Fr. relatif à l'établissement des Burgundions
     dans l'empire Romain, in: Mélanges publiés par l'École des hautes
     études, 1878 (NA. IV, 418), Abdr. des cod. 10910, von Monod
     besorgt, Bibl. de l'École des hautes études. fasc. 63. Paris
     1885. Facs. v. Harl. 5251 im Catal. of anc. Mss. pl. 52; des cod.
     Clarom. im Album pal. pl. 13, wo H. Omont 678 berechnet.

Das einzige Geschichtswerk, welches uns aus dem siebenten Jahrhundert
aufbewahrt ist, trägt den Namen des =Scholasticus Fredegar=; aber
dieser Name findet sich nur bei J. Scaliger im Jahre 1598 und in den
Antiquités Gauloises et Françoises von Claude Fauchet 1599, in den uns
erhaltenen Handschriften dagegen nirgends[1]. Doch ist es zweckmäßig
ihn beizubehalten, wie ja auch allgemein üblich ist. Allein durch die
scharfsinnigsten Untersuchungen hat Bruno Krusch, gestützt auf die
früher noch nicht bekannt gewordenen Kapitel des Liber generationum,
der ganzen Untersuchung über den räthselhaften Schulmeister eine neue
Wendung gegeben, und unter seinem kritischen Messer hat das scheinbar
einheitliche Werk sich in ganz verschiedene Bestandtheile aufgelöst.

 [1] Vgl. über den Namen G. Monod, Études crit. p. 256.

Zunächst treten uns Annalen entgegen, die in =Burgund=, im „pagus
Ultrajoranus“, vielleicht in Avenches, von wo Marius nach Lausanne
fortgezogen war, bis in den Anfang des 7. Jahrh. fortgeführt wurden,
und deutlich zu erkennen sind in der Compilation eines Aventicensers,
welcher im J. 613 dieselben bis auf seine Zeit fortsetzte[2], und
um den Zusammenhang der Weltgeschichte zu gewinnen, den im J. 235
von Hippolyt verfaßten _Liber generationis_[3] und einen Auszug aus
Hieronymus und Idacius voranstellte[4]. Seine Arbeit reicht bis zum
39. Cap. des sog. Fredegar, und dieser Anfang gewinnt also durch
diese Entdeckung bedeutend an Gewicht. Der eigentliche Fredegar aber,
von welchem man bisher allgemein annahm, daß er vor dem J. 660 nicht
geschrieben haben könne, nahm, wie Krusch jetzt das ganz überzeugend
nachgewiesen hat, im J. 642, bis wohin er seine Arbeit geführt hat, das
ältere Werk vor; auch er war in derselben Gegend heimisch. Er versah
die beiden ersten Bücher mit Anhängen, und fügte einen Auszug aus den,
ihm allein bekannt gewordenen, sechs ersten Büchern des Gregor von
Tours hinzu[5], nicht ohne Einmischung von allerlei Fabeln, namentlich
im dritten Buche nach dem wirklichen Idatius jene über die Vorzeit
der Franken, von welchen Gregor noch frei ist, die uns aber von nun an
aller Orten begegnen, und bald weiter ausgesponnen wurden: Erzeugnisse
einer kindischen Gelehrsamkeit und kecker Erfindung, echter Sage völlig
fremd, die aber nach und nach bei Halbgelehrten und Ungelehrten Eingang
fanden[6].

 [2] Dieser ist nach Krusch der im Prolog als _quidam sapiens_
     bezeichnete.

 [3] Darüber s. Krusch, NA. VII, 456; vgl. oben S. 54.

 [4] G. Kurth, welcher in der Revue des Questions hist. 1890, S. 60 ff.
     die Geschichte Chlodwigs nach Fredegar behandelt, weist den Theil
     der Chronik von Chilperichs Tod bis 613 dem zweiten Compilator
     zu, indem er bestreitet, dass der erste überhaupt etwas originales
     geschrieben habe (NA. XV, 615).

 [5] Die auch abgesondert vorkommende sog. _Historia epitomata_ in 93
     Kapiteln. Gegen L. v. Ranke's Ansicht (Weltgesch. IV, 2, 328-368),
     daß sie nicht als Auszug aus Gregor zu betrachten sei, hat sich
     Waitz sehr entschieden erklärt, Praef. Greg. Tur. p. VIII. NA.
     IX, 650.

 [6] Vgl. hierüber Zarncke, Ueber die Trojanersage der Franken, in
     den Berichten der k. Sächs. Ges. d. Wiss. 1866 S. 257-285, nebst
     dessen Anzeige der Schrift von Wormstall: Die Herkunft der Franken
     von Troja, Münster 1869, im Lit. Centr. 1869, 381, und G. Waitz zu
     Jord. Osnabrug. S. 13. A. Dederich, Der Frankenbund, Hann. 1873.
     A. Thorbecke: Ueber Gesta Theoderici (1875) S. 9-13. Lüthgen: Die
     Quellen u. der hist. Werth der fränk. Trojasage, Diss. Bonn. 1875.
     Die Entstehung der Fabelei ist jetzt lichtvoll nachgewiesen von
     Krusch, NA. VII, 473. Die in den mit Fortsetzungen versehenen Hss.
     eingeschobene _Historia Daretis Frigii de origine Francorum_ ist
     nach Fred. S. 194-200 von Krusch herausgegeben.

Für die Fortführung der Geschichte benutzte Fredegar eine Relation über
das inhaltreiche Jahr 613, wie man wegen des genauen Berichtes Cap.
40-44 annehmen muß, und erzählte treu, wenn auch mit geringem Geschick,
was er erlebt hatte.

Dasselbe nun, was Fredegar, für seine Zeit und Bildung gut genug,
geleistet hatte, versuchte um 658 ein dritter Bearbeiter, ein
Austrasier, den Krusch vermuthungsweise nach Metz setzt; er ergänzte
das Werk durch einen Auszug der Vita Columbani, und fügte verschiedene
Supplemente über austrasische, westgothische, oströmische Geschichte,
auch über Samo hinzu; von ihm muß auch der Absatz vom Schluss des Cap.
84-88 mit entschieden austrasischem Charakter herrühren. Seine Zuthaten
sind es, welche früher zu der Annahme führten, das ganze Werk könne
nicht vor 660 geschrieben sein. Eine weitere Fortsetzung aber hat er
nicht zu Stande gebracht.

Wie nun später diese Sammlung fortgesetzt, vermehrt und umgestaltet
ist, werden wir noch zu betrachten haben. Unbehülflich und dürftig
war diese Schriftstellerei, aber es kommt auch Fredegar gar nicht
in den Sinn, große Ansprüche zu machen; er empfindet lebhaft den
traurigen Zustand der Zeit, und sieht nach der damals herrschenden
Vorstellung das Ende der Welt als nahe bevorstehend an. „Wir stehen
jetzt im Greisenalter der Welt, sagt er; darum hat die Schärfe
des Geistes nachgelassen, und niemand vermag es in dieser Zeit
den früheren Schriftstellern gleichzukommen.“ Sich selbst legte er
nur einen bäurischen und ganz beschränkten Sinn bei[7], und diese
rührende Bescheidenheit sollte wohl den Spott über den ehrlichen
Mann entwaffnen, welcher mit aller Anstrengung geleistet hat, was
er vermochte, und der sich dadurch um die Nachwelt ein unsterbliches
Verdienst erworben hat.

 [7] Rusticitas et extremitas sensus mei.

Merkwürdig wäre es allerdings, wenn Fredegar wirklich einer Schule
vorgestanden hätte; denn seine und seiner Genossen Kenntniß des
Lateinischen war unglaublich gering, seine Sprache ist über die Maßen
barbarisch, aber freilich nicht verschieden von derjenigen, welche wir
auch in den Urkunden der Zeit, und in Italien bis ins elfte Jahrhundert
finden. Entschieden falsch ist es, wenn man diese Sprache als die des
romanischen Volkes bezeichnet, sie kann nie gesprochen worden sein.
Alle Flexionsendungen sind nämlich darin vorhanden, sie werden aber nur
noch aus Convenienz gebraucht, da das Gefühl für ihre Bedeutung sich
fast ganz verloren hat[8]. Das Volk wirft in solchem Falle die Endungen
ab, und bildet sich neue; nur wer gelehrt scheinen will, braucht sie
noch, ohne aber ihre Bedeutung recht zu kennen. Treffend vergleicht
einmal Kausler diese Schreibart mit schriftlichen Aufsätzen, die einer
aus der niederen Klasse in der Sprache der Gebildeten, welcher er
nicht recht mächtig ist, niedergeschrieben hat. Wir finden sie deshalb
nur da, wo die Volksprache der lateinischen noch nahe genug stand,
daß man lateinisch schreiben konnte, ohne es schulgemäß erlernt zu
haben, besonders in Italien, wo sich ein solches Kauderwelsch bei den
Notaren am längsten erhielt. Dort zeigt es sich auch deutlich, daß
die Schreiber weit davon entfernt waren, in der Volksprache schreiben
zu wollen, denn mitten in solchen Urkunden kommen Zeugenaussagen in
ausgebildetem Italienisch vor.

 [8] Krusch hat die Eigenthümlichkeiten dieser Sprache sorgfältig
     zusammengestellt, S. 486-494. Ganz ungrammatisch sind auch die
     Reliquienzeugnisse: 'Authentiques de Reliques de l'Époque Mérov.
     découvertes à Vergy. Par L. Delisle' (École de Rome 1884). Welches
     entsetzliche Latein man noch 754 schrieb, zeigt die Unterschrift
     des Gundobin, Bibl. de l'École des chartes VI, 4, 217. Vgl. auch
     Sickel, Urkk. der Karolinger I, 137 ff., dem ich aber darin nicht
     beistimmen kann, wenn er dieses Kauderwelsch als sermo plebejus
     bezeichnet. Eine ähnliche Erscheinung bietet das ausgehende 15.
     Jahrh. in dem Diarium Nepesinum, Arch. della Soc. Rom. di Storia
     patria, Vol. VII.

Fredegar stand übrigens mit seinem Latein durchaus nicht allein unter
der fränkischen Geistlichkeit des siebenten Jahrhunderts; das zeigt
uns das Leben des um 665 verstorbenen =Wandregisil=, des Stifters von
Fontenelle, welches W. Arndt genau nach der schönen Uncialhandschrift
hat abdrucken lassen, die der Abfassung sehr nahe stehen muß und
gewiß mit aller Sorgfalt geschrieben ist[9]. Hat doch jetzt G. Waitz
nachgewiesen, daß auch noch Paulus Diaconus nicht viel anders schrieb,
und Jordanis und Gregor von Tours scheinen ebenfalls schon auf diesen
Weg geführt zu haben.

 [9] Kleine Denkmäler aus der Merovingerzeit, Hann. 1874.

Wiederum verging nach Fredegar mehr als ein halbes Jahrhundert,
in dem, außer einigen Heiligenleben, unter denen jedoch mehrere
nicht gering anzuschlagen sind, das ganze Frankenreich keine Spur
von Geschichtschreibung darbietet. Erst in den letzten Zeiten der
Merovinger, als in Austrasien schon die ganze litterarische Thätigkeit
dem aufstrebenden Geschlecht der Hausmeier sich zugewandt hatte,
wurde in Neustrien ein Werk verfaßt, welches sich Gregor und Fredegar
anschließt, und in seiner Armseligkeit dem Zustande des absterbenden
Reiches vollkommen entspricht. Es ist daher auch kaum möglich
anzunehmen, daß bei den darin Cap. 44 angeführten _scriptores_, wie
Krusch S. 217 annimmt, an wirkliche Geschichtschreiber zu denken ist;
mit Recht hebt Kurth hervor, daß mit dem ganz unbedeutenden Chlodwig
II sich nicht mehrere Geschichtschreiber beschäftigt haben werden,
dagegen in Saint-Denis, wo er ihrem Heiligen einen Arm genommen hatte,
verschiedentlich über ihn geschrieben sein mag.


§ 10. Die Thaten der Frankenkönige.

Gesta Francorum, Bouquet II, 580. Migne XCVI, 1421 aus Duchesne. Neue
    Ausg. unter dem Titel _Liber historiae Francorum_ von Br. Krusch,
    SS. Merov. II, 215-328. Vgl. Cauer, De Karolo Martello, Berol.
    1841, p. 11-28. Brosien p. 41-44. Breysig, Karl Martell S. 112. G.
    Monod, Les Origines de l'historiographie à Paris (Mémoires de la
    Société de l'histoire de Paris et de l'Ile de France, Tome III,
    p. 219-240). G. Kurth, Etude crit. sur le Gesta Rerum Francorum,
    Bull. de l'Acad. r. de Belg. 3 sér. t. XVIII (1889) p. 261-291.
    Auszugsweise Uebersetzung des ersten Theils von W. Giesebrecht,
    hinter Gregor von Tours II, 282-302. Vollständig von 639 an, von
    Abel, hinter Fredegar, s. oben S. 104.

Die Anfänge, die Herkunft und die Thaten des Frankenvolkes und
seiner Könige will ich erzählen -- so beginnt nicht ohne Kühnheit der
Verfasser sein Werk, aber genannt hat er sich nicht, und obgleich er
für seine Zeit außerordentliches leistete und im ganzen Mittelalter
sein Buch viel gelesen wurde, so hat doch niemand seinen Namen uns
überliefert. Ohne Zweifel war er ein Neustrier. E. Cauer glaubte, wegen
der besonderen Verehrung, mit welcher er des heiligen Bischofs Audoenus
gedenkt, daß er der Kirche zu Rouen angehört habe[10], und dieser
Ansicht hat auch Krusch sich angeschlossen, und einige Stellen für
seinen Aufenthalt in dieser Gegend geltend gemacht. Die von G. Monod
aufgestellte Vermuthung, daß der Verfasser ein aus Spanien geflüchteter
westgothischer Mönch in Paris gewesen sei, kann wohl als ausreichend
widerlegt betrachtet werden, aber seine Beziehungen zu Paris sind
auch von Kurth wieder schärfer betont; er hält ihn für einen Mönch
von Saint-Denis. Seine Heimath vermuthet er in der Gegend von Laon und
Soissons, von wo er allerlei zu berichten und Oertlichkeiten zu nennen
weiß.

 [1] l. c. p. 14.

Neustrien ist das Land, von dem der Verfasser des _liber historiae_
berichtet; Austrasien erwähnt er nur gelegentlich, er liebt es nicht,
und von dem Neuen, was sich dort bildet, ist er unberührt; während man
in Austrasien wenig mehr von den Merovingern weiß, sie in den Annalen
kaum noch nennt, stehen sie bei ihm überall im Vordergrunde. Er gehört
ganz der alten Zeit an, und bezeichnet durch seine den Fredegar weit
übertreffende Dürftigkeit und Armuth den fortgehenden Verfall, wenn
auch sein Latein weniger barbarisch ist. Dafür aber fehlt ihm auch
die gelehrte Belesenheit Fredegars. Er hat für die alte Zeit, außer
dem Prologus legis Salicae[11], nur eine Quelle, die ersten sechs
Bücher Gregors, und hierauf gestützt unternahm er es im sechsten Jahre
Theuderichs IV d. i. im Jahre 727[12], die Geschichte seines Volkes zu
schreiben. Mit mageren Auszügen aus Gregor verbindet er wie Fredegar
die halb volksthümlichen, halb gelehrten Sagen über die Anfänge
der Franken; dann fährt er selbständig fort, nicht Jahr für Jahr
berichtend, sondern in kurzen Umrissen, wie sie sich allenfalls durch
mündliche Ueberlieferung erhalten konnten. Fredegars Chronik war ihm
nicht bekannt, und soweit diese reicht, ist sein Werk kaum zu benutzen;
dann aber ist es für lange Zeit die einzige zusammenhängende Erzählung,
welche wir besitzen, und wie er seiner eigenen Zeit näher kommt,
wird seine Darstellung, wenn sie gleich immer dürftig bleibt, doch
zuverlässig. Die besseren Heiligenleben, aus denen einzelne Abschnitte
sich ergänzen lassen, bestätigen seine Angaben.

 [2] Was Kurth, der vielmehr den Prolog für jünger hält, m. E.
     ohne Grund bekämpft. Ausserdem hat Monod in c. 38 u. 40 eine
     Verwandtschaft mit dem Anhang zu Marius Avent. nachgewiesen.

 [3] Nicht 725, wie man früher annahm, s. Br. Krusch, NA. X, 94, wo
     die Chronologie der letzten Merovinger berichtigt ist.

Wenige Jahre nachher, noch bei Lebzeiten Theuderichs IV, der 737
gestorben ist, hat ein Austrasier eine neue Bearbeitung dieses Buches
(B) unternommen, welches er für ein Werk Gregors von Tours hielt und
dem er daher den Titel gab „Liber sancti Gregorii Toronis episcopi
gesta regum Francorum“. Daher der gewöhnliche Titel, an welchem man
als an einem gewohnten und allgemein verständlichen wohl auch ferner
festhalten wird. Der Verfasser ergänzte einiges aus Gregors Geschichte,
auch aus Isidor; schon 736 wurde dazu eine Fortsetzung geschrieben,
welche wir nur in überarbeiteter Gestalt als erste Fortsetzung des
Fredegar kennen.

Damit ist nun die Zahl der merovingischen Historiker erschöpft, denn
die =Thaten Dagoberts=[13] sind eine unzuverlässige Compilation aus
dem neunten Jahrhundert, von einem Mönch zu Saint-Denis verfaßt, um
das Kloster und seinen Stifter zu verherrlichen, mit Benutzung sowohl
mündlicher Tradition als auch der vorhandenen Urkunden, unter welchen
schon falsche sich befanden. Hat man früher sie in das Ende des neunten
Jahrhunderts gesetzt[14], so weist dagegen Krusch (S. 396) nach, dass
sie 835 schon vorhanden war. Entschiedener hat Julien Havet ihre
Glaubwürdigkeit in Schutz genommen, natürlich abgesehen von den nur
wiedererzählten Fabeln, vorzüglich in Bezug auf die Thatsache, daß
wirklich Dagobert I, wenn auch bei Lebzeiten seines Vaters, das Kloster
gestiftet hat, während Mabillon eine viel frühere Stiftung annahm[15].

 [4] _Gesta Dagoberti_, Ausg. Bouquet II, 580. Migne XCVI, 1395 aus
     Duchesne. Krusch, SS. Merov. II, 396-425, vgl. Forsch. XXVI,
     161-191.

 [5] So Monod, Rev. crit. 1873, II, S. 258, welcher die Vermuthung
     ausspricht, daß die Flucht der Mönche vor den Normannen nach
     Reims, die wahrscheinlich mit dem Verlust von Urkunden verbunden
     war, nach ihrer Rückkehr 888 zu dieser trügerischen Arbeit den
     Anlaß gegeben habe.

 [6] Questions Mérov. V. Les origines de Saint-Denis (Bibl. de l'École
     des chartes LI (1890) p. 5-62.) Derselben Zeit schreibt Havet S.
     38 die _Passio SS. Dionysii, Rustici et Eleutherii_ zu, die aber
     nach seiner Ansicht in Aquitanien geschrieben ist. Sie ist gedr.
     Auctt. antt. IV, 2, 101-105, als fälschlich Venantius Fortunatus
     zugeschrieben.

Der so viel benutzte und oft angeführte =Aimoin= aber ist gar erst
aus dem Anfange des elften Jahrhunderts und ohne allen Werth. Es war
die Roheit der Form, welche zur neuen Bearbeitung trieb, wie Aimoin
ausdrücklich sagt, und aus demselben Grunde zog man später diese
Bearbeitungen vor. Für geschichtliche Untersuchungen aber darf man sich
auf Aimoin so wenig wie auf den noch späteren =Rorico= berufen[16].

 [7] Aimoin, von dem noch unter III § 10 die Rede sein wird, war
     Mönch von Fleury und widmete sein Werk dem Abt Abbo († 1004).
     Er wollte die Geschichte bis auf Karls des Großen Vater
     Pippin beschreiben, sein Werk reicht aber nur bis 653. Rorico
     schrieb in sehr geziertem Stil und reicht bis 511. Ueber seine
     Person ist nichts bekannt, nur weisen einige Umstände nach
     Amiens; mit Unrecht hat man aus der idyllischen Einkleidung
     geschlossen, daß er die Schafe gehütet habe. Vgl. A. Thorbecke
     über Gesta Theodorici (Heidelb. Progr. 1875) S. 13-18. In der
     Chronikensammlung von St. Denis, welche man der Veranlassung
     Sugers zuschreibt, wurde Aimoin mit den Gesta Dagoberti, Gesta
     Francorum, den Fortsetzern des Fredegar etc. verbunden, später
     die Chronik amtlich fortgeführt und im dreizehnten Jahrhundert
     alles ins Französische übersetzt. Ausgabe bei Bouquet III. Die
     darin benutzte Forts. aus Saint-Germain-des-prés 1125-1167 (=
     Hist. Lud. VII) theilweise MG. SS. XXVI, 151. -- Den Anfang
     einer eigenthümlichen Ueberarbeitung der Gesta Francorum, welchen
     Ekkehard benutzt hat, theilt Waitz aus einer Bamberger Handschrift
     mit, Forschungen III, 145-147; vgl. 607.

Actenstücke, Gesetzbücher und Formeln[17] liegen unserer Aufgabe fern,
aber gedenken müssen wir doch der =Briefe=, welche theils einzeln
und ihrer besonderen Wichtigkeit wegen, theils, und vorzüglich, in
Sammlungen, die als Muster gebraucht wurden, sich erhalten haben. Für
diesen Zeitraum schließen sie sich an die berühmten Namen der Bischöfe
Avitus von Vienne, Remigius von Reims, Desiderius von Cahors[18]. Von
besonderer Wichtigkeit ist die Sammlung der _Epistolae Austrasicae_,
welche, mit einigen Schreiben des Remigius beginnend, in großer Zahl
amtliche Correspondenzen der Könige Sigebert und Childebert II (bis
585) enthält, und zwar nach Concepten, so daß die Entstehung nothwendig
in der königlichen Kanzlei zu suchen ist. Hier hatte der von Fortunat
besungene =Gogo= gewirkt, gefeiert als ein neuer Cicero wegen seiner
Beredsamkeit, Vorsteher der Hofschule und aus weiter Ferne aufgesuchter
Lehrer; zweimal wird er als Concipient genannt. In der kritisch
gereinigten Ausgabe von Gundlach, der ersten seit Freher, werden diese
Briefe erst recht benutzbar sein[19].

  [8] Ueber diese genügt es, auf die Abh. v. Zeumer. NA. VI, 9-115 u.
      die Ausg. MG. Legum Sectio V zu verweisen. Den Bischof Landerich,
      welcher Marculfs Sammlung veranlaßte, hält Z. für den Bischof von
      Meaux. c. 700.

  [9] Gesammelt bei Duchesne I, Bouq. IV. u. jetzt MG. Epp. Tom. III.

 [10] Gundlach, NA. XIII, 365-387.

Sehr eigenthümlicher Art ist die Correspondenz zwischen einem Bischof
Frodebert, vermuthlich von Tours, und Importunus von Paris (um 666),
welcher jenem u. a. vorwirft, daß er des Hausmeiers Grimoald Frau
entführt habe. In höchst barbarischem Latein verfaßt, aber durchgehends
gereimt, können diese Schmähschriften unmöglich als wirkliche Briefe
betrachtet werden, sind aber um so merkwürdiger als ein boshaftes
Pasquill des 7. Jahrhunderts[20].

 [11] S. Zeumer im NA. VI, 75 u. die Ausg. Formulae p. 220-226.

       *       *       *       *       *

Von jenen halb verklungenen, halb durch Zuthaten der Schulgelehrsamkeit
entstellten Stammsagen der Franken finden sich Spuren auch in dem
schon früher (S. 90) erwähnten Prolog des Salischen Gesetzes, und
an diesen erinnert ein seltsames Werk des siebenten Jahrhunderts,
die =poetische Weltbeschreibung= eines ungenannten Verfassers, der
in ganz ähnlicher Sprache und Weise einige Capitel des Isidor in
Verse brachte, und nur über die Franken einige selbständige Zusätze
anbrachte, in denen sich das stolze Selbstgefühl jenes Prologs wieder
erkennen läßt[21]. Es sind dreizeilige Strophen mit sehr ungenauen
Endreimen, rhythmische Langzeilen von 15 Silben mit einer Caesur nach
der achten Silbe, eine in jener Zeit häufige Form. Für den Verfasser
dieses Kunstwerkes hält Dümmler denselben =Theodofridus=, welcher ein
anderes, nicht minder rohes Gedicht über die 6 Weltalter verfaßt hat;
beide sind von demselben Winitharius abgeschrieben; auch einen dritten,
chronologischen Rhythmus vom J. 718 fügt er hinzu. In Theodofrid aber
erkennt er den ersten, bald nach 657 aus Luxeuil gekommenen Abt von
Corbie, welcher um 681 Bischof wurde, wahrscheinlich von Amiens[22].

 [12] _Versus de rota mundi_, ed. Pertz: Ueber eine fränkische
      Kosmographie des siebenten Jahrhunderts, Abh. der Berl. Ak. 1845,
      S. 253. Wright, Anecd. p. 101-104; aus Clm. 903. Dazu kommen noch
      die Handschriften Cod. S. Galli 213 u. Vat. Pal. 1357, Arch. XII,
      354. Vgl. Huemer, Untersuchungen über die ältesten lat. christ.
      Rhythmen (Wien 1879) S. 63-65. Manitius, Gesch. d. christl. lat.
      Poesie S. 474. -- Ueber eine alte =fränk. Völkertafel=, die er um
      520 ansetzt, Müllenhoff, Abh. d. Berl. Akad. 1863. S. 520. Für
      erheblich jüngeren Ursprung Ad. Bachmann, Wiener SB. XCI, 864.
      In welche Zeit und Verbindung die fabelhafte Kosmographie des
      =Aethicus= gehört, welche bei der Trojanersage eine Rolle spielt,
      ist noch dunkel; Krusch bemerkt, „dass darin die Fassung der Gesta
      Francorum von 736 benutzt und er also erheblich jünger ist, als
      man ihn gewöhnlich ansetzt. Auf die erste Hälfte des 9. Jahrh.
      weist auch seine Verwandtschaft mit der Hist. Daretis, welche der
      erste Fortsetzer des Fredegar in den Hieronymus einschob: beide
      haben die Fabel von Francus u. Vassus, beide gleichen sich im Stil
      (z. B. gignarus für gnarus).“ Das Gegentheil behauptet freilich
      K. Plath, Die Königspfalzen (Berl. Diss. 1892) These 2.

 [13] Zeitschr. f. D. Alterth. XXII, 423. XXIII, 280. Manitius S. 476.

Höchst eigenthümlich ist eine andere Dichtung, die vielleicht ebenfalls
noch dem siebenten Jahrhundert angehört, nämlich ein =Lied=, welches
sich auf =Chlothars II Sieg über die Sachsen= i. J. 622 (?) bezog,
wovon uns aber leider nur ein kleines Bruchstück erhalten ist. Es
bestand ebenfalls aus je drei gereimten Zeilen, die aber iambischen
Rhythmus haben und je vier Hebungen enthalten. Der eigentliche Held des
Liedes ist der heilige =Faro=, Bischof von Meaux, welcher die Gesandten
der Sachsen gegen die beabsichtigte Ermordung von Seiten des Königs
beschützt hatte, und ihm zu Ehren wurde nach dem Zeugniß des Biographen
des h. Faro, Bischof Hildegars, der zu Karls des Kahlen Zeit schrieb,
dieses Lied allgemein von Männern und Frauen zum Tanze gesungen[23].

 [14] Mab. Acta SS. O. S. B. II, 617. Hildegar war aus dem Kloster St.
      Denis. Brosien S. 53 schlägt die Glaubwürdigkeit dieser Vita sehr
      gering an. Manitius, S. 474 hält das Lied für Uebersetzung eines
      fränkischen.

Ein anderes, noch weit merkwürdigeres Lied glaubte Lenormant entdeckt
zu haben[24], ein =historisches Volkslied= des sechsten Jahrhunderts zur
Feier von =Childeberts I Feldzug gegen Saragossa= i. J. 542. Dieses
sollte nämlich paraphrasiert sein in dem Leben des h. =Droctoveus=,
ersten Abtes von St. Germain-des-Prés, einer Stiftung jenes Childebert,
und sich daraus zum Theil wieder herstellen lassen. In der That
erinnern Ausdrücke darin, wie _torrens pulchritudinis_[25], an jene
alte fränkische Poesie, und es ist nicht unmöglich, daß wirklich die
Spur eines alten Liedes darin zu erkennen ist; im übrigen aber ist die
Erzählung von der angeblichen Erwerbung der Stola des h. Vincenz auf
jenem Feldzuge ganz den „Thaten der Franken“ entnommen, und deshalb
die Herstellung jenes Liedes aus den Worten der Lebensbeschreibung ein
verfehltes Unternehmen.

 [15] Bibliothèque de l'École des chartes I, 1, 321.

 [16] Vgl. V. Eligii auct. Audoeno I, 14: rex Dagobertus torrens pulcher
      et inclytus.


§ 11. Fränkische Heiligenleben.

Außer den bis jetzt erwähnten Geschichtswerken ist uns aus der Zeit
der Merowinger noch eine bedeutende Menge von geschichtlichem Material
erhalten in den Legenden der Heiligen, deren Zahl in diesen Zeiten
außerordentlich groß ist. Die meisten von ihnen sind kirchliche
Würdenträger und dadurch auch in die weltlichen Händel verflochten;
ihre Lebensbeschreibungen würden unschätzbar sein, wenn sie nicht
erstlich zu ausschließlich bloße Lobreden wären, und namentlich
die weltlichen Beziehungen der Heiligen nur ganz oberflächlich
berührten, zweitens auch zum größten Theile in späterer Zeit verfaßt
wären[1]. Auch wo eine wirklich gleichzeitige Aufzeichnung vorhanden
war, besitzen wir doch häufig nur eine spätere Ueberarbeitung; noch
weit häufiger aber hat man das Leben des Heiligen erst später nach
unsicherer Ueberlieferung beschrieben und wenige bekannte Züge zu
einer ausführlichen Geschichte ausgemalt. Natürlich wurden dann
die Vorstellungen der späteren Zeit auf diese schon weit entlegene
Vergangenheit übertragen, und die unkritische Benutzung solcher Quellen
trägt einen großen Theil der Schuld an den falschen Ansichten, welche
bis auf die jüngste Zeit über die Zeit der Merowinger herrschend waren.

 [1] Vgl. Brosien, Quellen Dagoberts S. 47 ff.

Der 5. Ausgabe dieses Buches war ein alphabetisches Verzeichniß aller
dieser Legenden mit möglichst vollständigem Nachweis der Litteratur,
von Br. Krusch, beigegeben; schon ein Blick darauf genügt, um zu
zeigen, wie fern die große Mehrzahl unserm Zwecke liegt, während
allerdings für vollständige Durchforschung der Merowingerzeit alle
wenigstens geprüft werden müssen. Auch für die MG. kann nur eine
Auswahl in Betracht kommen, und jede Berührung zeigt, wie viel hier
noch für die Kritik zu thun ist. Br. Krusch hat die von =Venantius
Fortunatus= herrührenden Legenden herausgegeben und die ihm fälschlich
zugeschriebenen damit verbunden; SS. Meroving. II blieb noch Raum für
die Heiligen, welche der königlichen Familie angehören. Derselbe ist
gegenwärtig mit systematischer Durchforschung des übrigen Vorraths
beschäftigt, und bevor die Ergebnisse dieser außerordentlich großen
und mühsamen Arbeit bekannt werden, ist es besser, sich auf die
Hervorhebung einiger der wichtigsten Heiligenleben zu beschränken.

Eine der geschichtlich wichtigsten, die _Vita Vedasti_ († 540)
ist schon oben S. 97 erwähnt; das Leben von Chlodwigs Gemahlin
=Chrothildis=[2] († 548) ist aus den Gestis Francorum geschöpft, kaum
vor dem zehnten Jahrhundert geschrieben und geschichtlich unbrauchbar.
Von =Chlodovald= (Saint Cloud, † c. 550), einem Sohne Chlodomirs, den
seine Großmutter vor dem Schicksal seiner gemordeten Brüder bewahrte
und der dann ein frommer Priester wurde, giebt es eine ganz aus Gregor
geschöpfte Lebensbeschreibung; eine zweite, im zehnten Jahrhundert
in St. Cloud verfaßte[3] ist werthlos. Nicht so inhaltlos, wenn auch
hauptsächlich Wundergeschichten berichtend, ist das von =Fortunat=
beschriebene Leben des Bischofs =Germanus= von Paris[4] († 576). Des
Lebens der h. =Radegunde= († 587) wurde schon oben S. 92 gedacht.
Von der Passio des Bischofs =Desiderius von Vienne= († 608) ist
erst kürzlich die älteste Fassung aus dem siebenten Jahrhundert
bekannt geworden[5]. Durch ziemlich gleichzeitige Entstehung und
noch unverfälschte Ueberlieferung ausgezeichnet ist die erst kürzlich
wieder aufgefundene älteste Lebensbeschreibung des Bischofs =Gaugerich=
von Cambrai († zw. 623 u. 629), welche manche culturgeschichtlich
wichtige Züge und auch geschichtlich brauchbare Nachrichten bietet[6].
=Arnulf= und =Gertrud= werden weiter unten noch zu erwähnen sein. Zu
den geschichtlich wichtigsten gehört wegen der Gleichzeitigkeit und der
hervorragenden Bedeutung des Mannes das Leben des Bischofs =Desiderius=
von Cahors († 654)[7].

 [2] SS. Meroving. II, 341-348.

 [3] ib. 349-357.

 [4] Auctt. antt. IV, 2, 11-27.

 [5] Anal. Bolland. IX. fasc. 3.

 [6] Analecta Bolland. VII, 387, vgl. Krusch, NA. XVI, 225-234.

 [7] Labbe, Bibl. nova I, 699 u. App. vgl. Krusch, Forsch. XXII, 466.

Von ausgezeichnetem Werth sind die Lebensbeschreibungen von drei
Männern, welche in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts
auch politisch bedeutend hervortreten, =Eligius= (St. Eloy, † zw.
659 und 665), zuletzt Bischof von =Noyon=, besonders hervorragend
als kunstreicher Goldschmidt, und deshalb auch Schutzpatron dieser
Künstler[8], =Audoenus= (St. Ouen, † 683), Bischof von =Rouen=,
sein Freund und Biograph[9], =Leodegar= (St. Léger, † 678), Bischof
von =Autun=[10], nur ist der kritische Zustand dieser Werke bis jetzt
noch ein wenig befriedigender. Zu diesen nicht gering zu schätzenden
Leistungen des siebenten Jahrhunderts gehört auch noch das Leben der
=Balthildis=, der Gemahlin Chlodwigs II[11] († c. 680), der Stifterin
von Corbie an der Somme und von Chelles, wo wahrscheinlich diese
Schrift zur Feier ihres Andenkens verfaßt ist. Wie elend dagegen das in
viel späterer Zeit im Kloster Sathonay geschriebene Leben =Dagoberts=
III[12] († 716), den aber der Verfasser für den Zweiten hält,
ausgefallen ist, das möge man in dem Vorwort von Krusch nachlesen.
Es hat nur dadurch eine relative Bedeutung, dass es von Theofrid von
Echternach und von Alberich als Quelle benutzt worden ist. In Betreff
des Lebens der h. =Odilia= († c. 720) ist nur zu warnen vor den als
Fragmente eines angeblich ältesten Lebens veröffentlichten Fragmenten,
welche eine Fälschung Vigniers sind, während die echte Vita doch auch
nicht älter als das zehnte Jahrhundert ist und geringen Werth hat[13].
Von den Lütticher Heiligen Hubert und Lambert wird weiter unten die
Rede sein.

  [8] D'Achery Spicil. V, 156. Hall. Diss. v. O. Reich, 1872. Uebers.
      im Auszug Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 160-173.

  [9] Acta SS. Aug. IV, 805, vgl. NA. XII, 603. Verse zu einem Lobe von
      seinem Nachfolger Ansibert NA. XIV, 171.

 [10] Ueber das Bruchstück einer gleichzeitigen Vita, die Fälschungen
      des Ursinus, die Compilation des Anonymus aus beiden, Krusch,
      NA. XVI, 563-596. Die Vita metrica (nicht von Walahfrid) Poet.
      Lat. III, 1-37. Uebers. des Anon. Geschichtschr. XI (VII, 2) S.
      141-156.

 [11] SS. Meroving. II, 475-508. Auszug Geschichtschr. XI (VII, 2) S.
      157-159.

 [12] ib. S. 509-524.

 [13] Vgl. NA. XVII, 223.

Zunächst aber wollen wir uns hier noch einer Betrachtung derjenigen
Legenden zuwenden, welche eine nähere Beziehung auf Deutschland
haben und die erneute Pflanzung des Christenthums auf deutschem Boden
berühren.

Die Franken haben sich damit nicht viel befaßt; es kümmerte sie wenig,
daß so viele ihrer Landsleute noch Heiden waren; im alten Frankenlande
an der Schelde fand noch im siebenten Jahrhundert =Amandus= viel
Heidenthum auszurotten[14]. War doch bei den christlichen Franken
selbst nicht viel mehr als die äußere Form der Rechtgläubigkeit übrig
geblieben; fromme Männer fanden zu Hause Spielraum genug für ihre
Thätigkeit. Die Mission finden wir daher in diesen Jahrhunderten
fast ausschließlich in den Händen =Schottischer=, d. h. nach dem
Sprachgebrauch des früheren Mittelalters =Irländischer= Mönche, welche
damals alle Länder durchzogen. In dieser Insel, welche allein ihre
keltische Bevölkerung ungemischt bewahrt hatte, die allen fremden
Welthändeln ferne lag, war das Christenthum mit dem hingebendsten
Eifer aufgenommen worden, und hier war bald nicht nur die strengste,
mönchische Frömmigkeit, sondern auch eine ernstliche wissenschaftliche
Thätigkeit zu Hause; während im ganzen Abendland die gelehrte Bildung
unterzugehen und zu verschwinden drohte, fand sie hier sorgsame
Pflege[15] freilich nur im Dienste der Kirche. Man schrieb die
heiligen Schriften ab, man lernte, um sie zu verstehen, lateinisch
und griechisch, man beobachtete die Sterne, um die kirchlichen Feste
berechnen zu können, man übte die Musik für den Gottesdienst, baute
Kirchen und Glockenthürme, man schmückte die Bücher der Kirchen mit
kunstreicher Malerei und ihre Altäre mit köstlichen Gefäßen. Doch auch
die profanen Schriftsteller erschienen hier nicht, wie in Italien,
gefährlich; freilich sind die Columban zugeschriebenen Gedichte, worin
die alten Dichter viel benutzt und angeführt werden, von zweifelhafter
Echtheit. Vorzugsweise aber äußerte sich die Frömmigkeit dieser Mönche
in weiten Pilgerfahrten, in dem Verlassen der Heimath, um in entlegener
Fremde als Einsiedler zu leben oder Klöster zu gründen, um unter
Christen und Heiden das Evangelium zu predigen[16]. Das Frankenreich war
erfüllt von ihnen: was gäben wir darum, wenn sie aufgeschrieben hätten,
was sie sahen; wenn sie uns über ihre Thätigkeit und ihre Schicksale
zuverlässige Berichte hinterlassen hätten! Allein das lag ihnen ferne;
sie, die Meister im Schreiben, hatten für geschichtliche Aufzeichnungen
keinen Sinn, und nur wo sie so bedeutend wirkten, daß dauernde
Gründungen ihr Gedächtniß bewahrten, hat ihr Andenken sich erhalten.
Aber in völlig nebelhaften Umrissen würde ihr Bild uns verschwimmen,
wenn nicht glücklicher Weise einer von ihnen, und wohl von allen der
hervorragendste, in Italien einen Biographen gefunden hätte. Das ist
=S. Columban=, der Stifter von Bobio[17].

 [14] Ueber ihn und seine Biographen Baudemund und Milo s. Rettberg I,
      554. Brosien S. 49.

 [15] Eine seltsam sagenhafte Aufzeichnung in einem Leidener Cod. s.
      XII läßt die röm. Lehrer vor den Hunnen und andern Barbaren nach
      Irland flüchten, mitgeth. v. Luc. Müller, Neue Jahrbb. f. Philol.
      XCIII, 389.

 [16] Vgl. F. Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen
      Manuscripten der schweizerischen Bibliotheken (Mittheilungen der
      Antiquarischen Gesellsch. in Zürich VII, 3) 1851. Wattenbach,
      die Congregation der Schottenklöster in Deutschland, in der
      Archäologischen Zeitschrift von Otte und von Quast, Heft 1 und
      2. Hauréau. Écoles d'Irlande, Singularités hist. (1861) p. 1
      bis 36. Arbois de Jubainville, Introduction à l'étude de la
      litt. Celtique. Die seltsamen Ansichten Ebrards über die Culdeer
      in der Zeitschr. f. hist. Theol. XXXII u. XXXIII (Die Irische
      Missionskirche 1873. Bonifatius, der Zerstörer des Columbanischen
      Kirchenthums auf dem Festlande, 1882) kann ich nur erwähnen, um
      davor zu warnen. Hier ist Friedrichs Polemik durchaus zutreffend.
      Auch O. Reich bekämpft sie. Jetzt kann verwiesen werden auf Loofs,
      Antiquae Britonum Scotorumque ecclesiae quales fuerint mores etc.
      Lips. 1882. Keledei, verheirathete Anachoreten, kommen erst im 8.
      Jahrh. auf, nach R. Pauli's Anz. von Skene, Celtic Scotland II,
      GGA. 1878. S. 1015 ff.

 [17] Vgl. Rettberg II, 35. G. Hertel, Ueber des h. Columba (so schrieb
      er selbst seinen Namen) Leben u. Schriften, bes. über seine
      Klosterregel. Zeitschr. f. hist. Theol. 1875. III, 396-454. Hauck
      I, 240-276. _Vita S. Columbani auct. Jona abb. Bobiensi_, Mab.
      Actt. II, 5. Im Ausz. übers. von Abel, hinter Fredegar. Daran
      schließt sich als zweites Buch die _V. Attalae abb. Bob._ (Mab.
      II, 123) und _Eustasii_ (S. 116); die _Vita Burgundofarae_ oder
      _Gesta in coenobio Ebroicensi_ (S. 439) und _V. Bertulti abb.
      Bob._ (S. 160). Ueber die aus der Vita Eustasii schöpfenden
      Biographen des Agilus und der Salaberga s. Büdinger, SB. der
      Wiener Akad. XXIII, 372-383. Brosien S. 51. Columbans Schüler,
      der Ire Deicolus, stiftete Lutra (Lure oder Saint-Diey), welches
      nach gänzlichem Verfall mit Otto's I Hülfe hergestellt wurde durch
      Baltram, dem sein Neffe Werdolf folgte (Dümmler Otto I S. 309).
      Dieser veranlaßte die Aufzeichnung der _Vita S. Deicoli_, Acta
      SS. Jan. II, 199 bis 210. Mab. II, 102-116. Weil Lutra an Waldrada
      gekommen war, finden sich darin sagenhafte Nachrichten über Lothar
      II. -- _Versus de Bobuleno abbate_, einen alphabetischen Rhythmus
      auf Bertulfs Nachfolger in Bobio, nicht gleichzeitig u. ohne viel
      Inhalt, hat Dümmler herausgegeben, NA. X, 334.

Nach der Gewohnheit dieser Schottenmönche zog Columban, gebürtig
aus Leinster, gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts[18] mit zwölf
Gefährten aus von dem Kloster Benchuir oder Bangor; staunend und
tief ergriffen lauschte das Volk im Frankenreiche ihrer feurigen
Beredsamkeit, die entartete Geistlichkeit aber scheute die strengen
Bußprediger und fürchtete ihren Einfluß auf die Menge. Die Könige
dagegen nahmen sie willig auf, ihr Eifern gegen die ganz verfallene
Kirchenzucht war ihnen willkommen und auf Childeberts Wunsch ließ
Columban sich mit seinen Begleitern in den Vogesen nieder; zahlreiche
Schüler strömten ihnen zu, und bald erhoben sich Klöster in der
Wildniß, vor allem =Luxeuil=. Es waren dies nicht großartige Gebäude,
wie in der späteren Zeit, sondern wie einst S. Severins Ansiedelungen
Haufen unscheinbarer Hütten, in deren Mitte eine kleine Kirche sich
erhob; neben ihr der runde Thurm, der die Glocken trug, und im unteren
Geschoß, von der Erde nur auf Leitern zugänglich, eine Zuflucht in
Zeiten der Gefahr darbot.

 [18] Im J. 590 nach G. Hertel, Anm. z. Gesch. Columba's, Zeitschr.
      f. Kirchengesch. III, 145-150. -- Ueber C. Briefe s. Krusch, NA.
      X, 84-88; Gundlach ib. XV, 497-526; Seebass ib. XVII, 243-259 u.
      Entgegnung v. Gundlach S. 425-429. -- E. Dümmler, NA. X, 190, wo
      er das Ruderlied _En silvis caesa_ herausgiebt, vermuthet einen
      jüngeren irischen Dichter Columban, spätestens aus der ersten
      karoling. Zeit, der mit Horaz und Vergil vertraut war. Manitius,
      Gesch. d. christl. lat. Poesie, S. 390 für unsern Columban.

Aber Columbans Feuereifer schonte auch der Könige nicht; keine
menschliche Rücksicht konnte ihn bestimmen, zu dem sittenlosen
Treiben des burgundischen Hofes zu schweigen, und furchtlos trat
er den Ausschweifungen Theuderichs entgegen. Den Bischöfen war er
längst zuwider; schon die bloße Anwesenheit dieser Mönche im Lande
veranlaßte zu Vergleichungen ihres ascetisch strengen Lebens mit
dem lockeren Wandel der merowingischen Prälaten. Die Abweichung der
irischen Kirchengewohnheiten von den gallischen und die Unabhängigkeit
der Klöster von bischöflicher Aufsicht, welche nach irischer Weise
in Anspruch genommen wurde, boten eine Waffe dar; man erklärte sie
für ketzerisch, und so vertrieb denn endlich um 610 Brunhilde, deren
Zorn er verachtet hatte, den Columban sammt seinen Genossen. Ueber
Nantes sollten sie nach Irland geschafft werden, aber ein Sturm
warf sie wieder an die Küste; Chlotar II und Theudebert nahmen sie
ehrfurchtsvoll auf; hier wählte er zu seinem Aufenthalt Bregenz in
Alamannien, wo ungeachtet der Frankenherrschaft und der Bestimmungen
des Volksrechts doch das Heidenthum noch stark war. Drei Jahre lang
blieb Columban zur Bekämpfung desselben in Bregenz. Dann aber verließ
er das Frankenreich gänzlich und wanderte in das Langobardenreich,
wo Theudelinde, die Freundin Gregors des Großen, ihn mit Freuden
aufnahm. Hier stiftete er nun das Kloster Bobio zur Vertilgung der
Reste arianischer Ketzerei, und noch jetzt zeigen die zerstreuten
Handschriften dieses Klosters die alten irischen Schriftzüge und
Erinnerungen an die Heimath wie die _Versiculi familiae Benchuir_[19].
Mit vollem Eifer überließen sie sich hier ihrer Lieblingsneigung zum
Schreiben, die unverständlich gewordenen Ueberbleibsel der gothischen
Litteratur und Fragmente von alten Prachthandschriften der Klassiker
benutzten sie, um auf das reingewaschene Pergament die Werke der
rechtgläubigen Kirchenväter zu schreiben[20]. Sie retteten jene
Pergamentblätter dadurch vom Untergang, und es war auch nicht etwa ein
fanatischer Haß gegen die heidnischen Schriftsteller, welcher sie zur
Vertilgung derselben antrieb. An Handschriften derselben war damals
noch kein Mangel, und sie selber benutzten dergleichen zur Erlernung
der Sprache; finden wir doch unter den Schulbüchern zu Bobio auch den
Ovid.

 [19] In dem Antiphonarium monasterii Benchorensis, ed. Muratori,
      Anecdota Bibl. Ambros. IV, 121-159 (Verbesserungen von A. Peyron,
      Ciceronis Orationum Fragmenta, 1824, Anhang S. 224-226). Vgl.
      Manitius S. 482. Bei demselben Antt. III, 817 der wichtige
      Catalog der Bob. Bibliothek saec. X. Sacramentarium Gallicanum aus
      Bobio in Halbuncialschrift saec. VII, ed. Mabillon, Mus. Ital.
      I, 2, 273-397. Von Luxeuil aus ist c. 657 =Corbie= durch die
      Königin =Balthilde= gestiftet, daher Notizen von dort im Calend.
      Corbeiense, gedr. NA. X, 91.

 [20] Möglich, daß Columban selbst noch die arianischen Schriften
      sammelte, um sie zu widerlegen, wie Krafft, De fontibus Ulfilae
      Arianismi p. 18-20 annimmt, weil alle gothischen Reste von da
      stammen. Ob man sie aber damals noch verstand? Nicht lange nachher
      begann man sicher zu rescribiren. Ebrard in der Zeitschr. f. hist.
      Theol. XXXII, 403 giebt die merkwürdige Inschrift des Cod. Erlang.
      von Hieron. de viris ill. (mit dem üblichen Lesefehler _quum_ st.
      _quoniam_), wonach es scheint, als sei unser Text durch Columban
      aus einer beschädigten Handschrift auszugsweise hergestellt.

Am 21. November, wahrscheinlich im J. 615, ist Columban gestorben.
Drei Jahre nach seinem Tode kam =Jonas= aus Susa in das Kloster Bobio.
Dieser beschrieb zuerst, noch auf Veranlassung des Abtes Bertulf, das
Leben des Columban, welchem er das Leben seiner Schüler =Eustasius= und
=Attala=, die ebenfalls als Missionare von Luxeuil ausgingen, folgen
ließ; dann des =Bertulf=, Abtes von Bobio, und der =Burgundofara=,
welche Columban zur Nonne geweiht hatte. Jonas verräth seine italische
Herkunft und den Unterricht der Grammatiker durch seine unerträglich
schwülstige Schreibart, aber er hat uns außerordentlich schätzbare
Nachrichten aufbewahrt. Auf den Wunsch der Königin Balthilde ist er,
der inzwischen irgendwo Abt geworden war, auch nach Chalon-sur-Saone
gekommen, und hat im Nov. 659 im Reomaenser Kloster auf Verlangen des
Abts das Leben des 540 gestorbenen Gründers des Klosters =Johannes=
beschrieben[21].

 [21] _Vita S. Johannis Reomensis._ Nach Fr. Stöber, Wiener SB. CIX,
      319-398 ist es die unvollständig erhaltene des cod. Fossatensis,
      die anderen Versionen jüngere Bearbeitungen. Das. S. 330 (gegen
      A. Jahn) der Nachweis, dass die _V. Romani abb. Jur._ keine
      Fälschung, sondern echt und alt ist.

Einer von jenen ursprünglichen zwölf Gefährten, die mit Columban von
Bangor auszogen, war =Gallus=, in älterer Form Callo, Gallunus, der in
Alamannien zurückblieb, als sein Meister über die Alpen zog, und zuerst
die Bekämpfung des Heidenthums am Bodensee fortsetzte, später aber als
Einsiedler in das wildeste Gebirge sich zurückzog, wo er um die Mitte
des siebenten Jahrhunderts gestorben ist. Als dann nach seinem Tode
das Grab des Heiligen immer häufiger von irischen Pilgern aufgesucht
wurde und immer mehrere von ihnen, sowie auch von den Alamannen, sich
hier niederließen, erwuchs aus dem unscheinbarsten Anfang das Kloster
St. Gallen, und so wie die kleine Zelle des Gottesmannes der Kern und
Anfang dieser reichen Stiftung ist, so schloß sich in gleicher Weise
an die Lebensbeschreibung des Stifters[22] die später so bedeutende
Litteratur von St. Gallen. In ihrer ursprünglichen Form ist uns diese
aber nicht erhalten; sie war nach einer alten Aufzeichnung _a Scotis
semilatinis corruptius scripta_, und enthielt nach Walahfrids Zeugniß
häufig die Form _Altimannia_, welche in der uns erhaltenen ältesten
nicht vorkommt[23]. Der Verfasser dieser Biographie war ein Alamanne,
welcher die alte barbarisch geschriebene überarbeitet hat; sein Name
ist uns aber erst jetzt bekannt geworden[24], indem Fr. Bücheler
in dem unglaublich barbarischen metrischen Prolog das Acrostichon
erkannte: _Cozberto patri Wettinus verba salutis_. =Wetti= also ist
es, der 824 nach seiner bekannten Vision gestorben ist, und dem Abt
Gozbert (816-837) sein Werk widmete. Es ist daher noch bedeutend
jünger als man früher annahm, wenn man auch schon erkannt hatte, daß
es erst nach 771 geschrieben war. Mancher merkwürdige, namentlich
culturgeschichtlich bedeutende Zug ist darin aufbewahrt, aber erst fast
zwei Jahrhunderte nach dem Tode ihres Helden geschrieben, darf diese
Biographie, wenn auch eine alte Grundlage vorhanden war, doch nur mit
Vorsicht benutzt werden. Vorzüglich auf die Wunder, überhaupt aber auf
Verherrlichung des Stifters ist das Bestreben des Verfassers gerichtet;
im Anfang benutzt er das Leben Columbans, später nur die Tradition
nicht ohne erhebliche chronologische Verstöße. Seine Sprache zeigt
gegen die frühere Zeit einen erheblichen Fortschritt, doch ist sie
für karolingische Zeit recht roh und fehlerhaft; hin und wieder fällt
rhythmischer Klang mit Reimen auf.

 [22] MG. SS. II, 1-21 von Ild. v. Arx nach der von ihm wieder
      aufgefundenen Handschrift zuerst herausgegeben. Daraus Acta SS.
      Oct. VII, 860. Vgl. Stälins Wirt. Gesch. II, 167, Rettberg II, 40.
      Uebersetzung von Potthast, Geschichtschr. 12 (VIII, 1) 1888. Neue
      Ausg. von G. Meyer v. Knonau, in den Mitth. z. vaterl. Gesch. (S.
      Gallen 1870) XII, 1-61. Nach einem älteren Irrthum von Arx ist S.
      16 die Feldflasche _ascopa_ mit der Reliquiencapsel verwechselt.
      Der metr. Prolog bei Dümmler, Poet. Carol. II, 476, cf. 701.

 [23] S. Weidmann, Gesch. d. Stiftsbibl. S. 485. Gust. Scherer,
      Verzeichniß der Handschriften S. 172-175.

 [24] Schon Jodocus Metzler vermuthete ihn, doch ohne einen Beweis dafür
      zu geben; vgl. auch Mab. Anal. IV, 640.

Von Columbans Stiftung Luxeuil ging auch das Kloster =Granval= im
Baseler Sprengel aus, und das Leben des ersten Abtes =Germanus=[25],
der um die Mitte des siebenten Jahrhunderts erschlagen ist, wurde bald
nachher von =Bobolen= beschrieben.

 [25] Mabillon, Acta SS. II, 511 aus Acta SS. Feb. III, 263.

Noch andere Klöster Alamanniens und des Elsasses führten ihren
Ursprung auf irische Mönche zurück und haben es auch nicht an
Lebensbeschreibungen ihrer Stifter fehlen lassen, die aber erst später
entstanden und völlig unbrauchbar sind. Merkwürdig ist, daß man in
späterer Zeit in diesen Gegenden so gewohnt war, die Begründer der
Klöster aus der merowingischen Zeit als Schotten zu betrachten, daß man
sie in den Legenden unbedenklich dafür ausgab, wenn auch gar kein Grund
dazu vorhanden war; auch Franken, wie =Arbogast=[26], =Trudpert= und
=Landelin=[27], erscheinen da als Schotten, und sogar S. =Rupert=, der
Apostel der Baiern, wird ihnen zugezählt.

 [26] Mit Arbogast, Theodat und Hildulf soll =Florentius= zu Dagoberts
      Zeit aus Irland gekommen und Bischof von Straßburg geworden sein,
      das Kloster Haslach gegründet haben. Die Namen sind nichts weniger
      als irisch, die Legende, deren Wunder von anderen bekannten copirt
      sind, sehr jung und völlig unbrauchbar. Neue Ausgabe der Vita
      Florentii bei Ch. Schmidt, Histoire du Chapitre de Saint-Thomas
      de Strasbourg (1860), p. 283. Vgl. Rettberg II, 65. -- Ueber das
      ganz unbrauchbare Leben Trudperts s. Anm. 2 auf S. 122.

 [27] Ich rechnete hierhin früher auch =Fridolin=, glaube aber jetzt,
      daß dies ein fränkisch umgemodelter Schottenname ist, da es von
      Columban Verse an einen =Fedolius= giebt, und auch Petrus Damiani
      Opp. II, 9 den =Fredelinus= in Poitiers als Schotten bezeichnet.
      Die Legende (Mone, Quellens. I, 1-16, alte Uebers. 99-111) aber
      gewinnt dadurch wenig, sie soll von =Balther=, einem Seckinger
      Mönch in einem unfindbaren Kloster Helera ad Musellam, auch
      einer Stiftung Fridolins zu Ehren des h. Hilarius, entdeckt und
      wegen Mangels an Pergament und Dinte auswendig gelernt, dann in
      Seckingen aufgeschrieben und mit einem zweiten Theil aus localer
      Tradition versehen sein. Ich kann darin nur eine Erfindung sehen,
      wie sie ähnlich auch sonst zur Einführung erdichteter Legenden
      vorkommen, und halte auch Balthers Namen und die Widmung an einen
      Notker für Fiction. Vgl. Rettberg II, 29. Stälin I, 166. -- Von
      den Versuchen, die Legende ganz oder theilweise zu retten, erwähne
      ich Lütolf: Die Glaubensboten der Schweiz vor Gallus (Luc. 1871),
      S. 267 ff. Die Erwähnung einer =Vita Fredelini= in Poitiers bei
      Petrus Dam. Opp. II, 9, worauf hier Gewicht gelegt wird, ist
      merkwürdig; aber was von diesem gesagt wird, stimmt wenig zu
      unserer Legende. Seine Existenz und Herkunft sind allerdings jetzt
      besser festgestellt. Gegen G. Heer, der einen hist. Kern retten
      will (NA. XIV, 627), G. Meyer v. Knonau im Anz. f. Schw. Gesch.
      1889, S. 377.

Freilich sind in =Baiern= ebenfalls Schotten thätig gewesen, obwohl
hier die namhaftesten Missionare Franken waren. Die Kirchengründungen
aber entstanden nach irischer Weise in der Form von Klöstern, deren
Aebte auch zugleich das bischöfliche Amt verwalteten. So war es in
Salzburg, Regensburg und Freising, und die Rivalität zwischen den
Bischöfen und den Klöstern von St. Emmeram und St. Peter zieht sich
fort bis in die neueste Zeit.

Es ist kaum glaublich, daß nicht im Laufe des siebenten Jahrhunderts
einzelne Missionare, Franken und Iren, in Baiern sollten thätig
gewesen sein; das Christenthum war äußerlich durch die Frankenkönige
eingeführt, aber wenig ins Volk eingedrungen und nach der Lockerung des
staatlichen Bandes völlig verfallen, die Herzogsfamilie selbst, heißt
es, ungetauft[28]. Da berief der Herzog Theodo i. J. 696 den Bischof
=Rupert= von Worms zu sich, um das kirchliche Wesen einzurichten[29].
Er wurde der Begründer des nun fest und bleibend gepflanzten
Christenthums in Baiern, der Stifter von St. Peter in Salzburg, von wo
sein Nachfolger =Virgil= (743 als Abt, als Bischof 767 bis 784), ein
Irländer, das Evangelium auch zu den karantanischen Slaven trug[30].

 [28] Vgl. S. Riezler: Ueber die Entstehungszeit der Lex Bajuwariorum,
      Forsch. XVI, 409-446.

 [29] Vgl. die Abhandlung von Blumberger: Ueber die Frage vom Zeitalter
      des heiligen Rupert, im Archiv der W. Ak. X, 329-368. Gegen die
      immer wiederholten Bemühungen, Rupert dem 6. Jahrh. zuzuweisen,
      habe ich mich in den Heidelb. Jahrbb. 1870 S. 24 ausgesprochen;
      mir zustimmend Riezler a. a. O. S. 418; auch Zillner, Streifzüge,
      in den Mitth. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde 1878. Vgl. auch Hauck
      I, 337-342.

 [30] Die Nachricht aus irl. Annalen von einem Fergil oder Feirgil,
      genannt der Geometer, der Abt von Aghaboe gewesen war, und im
      30. Jahre seiner Bischofswürde in Deutschland 789 gestorben, ist
      ungenau. Zimmer, NA. XVII, 211.

Auch ein fränkischer Bischof, =Emmeram= von Poitiers, verließ,
vermuthlich im Anfang des achten Jahrhunderts, seine Heimath, um
auf diesem Felde zu wirken, und sein Grab wurde der Grundstein der
Regensburger Kirche; =Corbinian=, ebenfalls ein Franke, legte den Grund
zu der Freisinger Kirche.

Unsere Nachrichten über diese Begebenheiten sind aber leider sehr
unzulänglich; für den zuverlässigsten galt der kurze Bericht über S.
Rupert, welcher den Eingang der Schrift über die Bekehrung der Baiern
bildet, ihm schienen alte Aufzeichnungen zu Grunde zu liegen[31]. Und
diese, nämlich die ursprüngliche Form der Vita, glaubte Franz Martin
Mayer in einer Grazer Hs. gefunden zu haben, worin freilich von Sprache
und Stil des 8. Jahrh. nichts zu spüren ist[32]. Hiergegen aber hat sich
J. Friedrich erhoben[33], und aus alten Salzburger liturgischen Büchern
nachgewiesen, daß man noch lange im 9. Jahrh. kein Leben Ruperts besaß
und daß man den 24. Sept. als seinen Todestag feierte[34]. Nur durch ein
Mißverständniß hielt man später den Sonntag, an welchem er gestorben,
für den Auferstehungstag. Die Grazer Vita erklärt Friedrich für die
aus der Conversio entnommenen Lectionen, beiden aber spricht er allen
historischen Werth ab, worin er denn doch wohl etwas zu weit gehen
möchte. Denn so frei man auch in der Ausschmückung, ja Erfindung von
Legenden verfuhr, man machte doch nicht leicht seinen Heiligen zum
Bischof von Worms und setzte seine Ankunft in ein bestimmtes Jahr eines
ganz verschollenen Königs, wenn dafür nicht Notizen vorlagen.

 [31] MG. SS. XI, 4. 5. Doch konnte ich dem von Büdinger Oest. Gesch.
      I, 101 geltend gemachten Grunde für die Abfassung des ersten
      Theils unter Virgil nicht beistimmen. Auch hat Blumberger: Ueber
      die Frage, ob der heilige Rupert das Apostelamt in Baiern bis an
      sein Lebensende geführt habe, im Archiv der Wiener Akademie XVI,
      225-238, mich nicht von Ruperts Rückkehr nach Worms überzeugt, da
      es mir unglaublich ist, daß die Translation der Gebeine vergessen
      oder unerwähnt geblieben sein könnte. Andere Gründe dagegen bei
      Al. Huber: Das Grab des h. Rupert, Arch. d. W. A. XL, 275-321.
      -- Unbrauchbar ist das nach der Elevation von 816 geschriebene
      =Leben Trudperts=, den man wohl nur wegen der Aehnlichkeit des
      Namens zu einem Bruder Ruperts machte, bei Mone, Quellens. I, 19.
      Vgl. Stälin I, 167. Rettberg II, 48. Potthast S. 913. Facs. aus
      den Actis bei Herrgott, Geneal. I, p. XVIII.

 [32] Die Vita S. Hrodberti in älterer Gestalt. Arch. d. W. Ak. LXIII,
      595 bis 608. Hauck II, 380 für Veranlassung dieser Vita durch
      Virgil.

 [33] Münch. SB. 1883. S. 509-547.

 [34] So auch in dem aus Regensburg stammenden Veroneser Sacramentar
      (Saltisburgo). Delisle, Sacram. p. 194.

Die Legenden von Emmeram[35] und Corbinian[36] sind zuerst vom Bischof
=Aribo von Freising=[37] (764-783), letztere auf Ansuchen des Bischofs
Virgil von Salzburg, nach der mündlichen Ueberlieferung verfaßt und
von sehr geringem Werthe. Ein anstößiger Umstand darin ist die Reise
der beiden Missionare nach Rom; denn erst die Angelsachsen hielten es
für nothwendig, sich von dort die Vollmacht zur Missionsthätigkeit zu
holen, während vorher den Franken wie den Iren ein solcher Gedanke ganz
fern lag, ja selbst Bonifaz noch zu seiner ersten Mission unter den
Friesen eine solche Vollmacht nicht eingeholt hat. Später aber galt
diese Erlaubniß für so unerläßlich, daß die Legendenschreiber sie auch
für die ältere Zeit ganz unbedenklich als selbstverständlich annahmen.
Sie erzählen daher eine solche Reise als Thatsache, und nennen den
Pabst, der nach ihrer Berechnung der Zeitverhältnisse damals regiert
hatte. Die neueren Gelehrten haben dann wieder umgekehrt nach dem Namen
des Pabstes die Zeit des Heiligen bestimmt und dadurch die Verwirrung
vollständig gemacht; ein Fehler, von dem auch Rettberg nicht frei ist.
Daß die Sache sich aber wirklich so verhielt, zeigt sich deutlich
an den Legenden, die in ihrer älteren noch erhaltenen Form nichts
von einer solchen Reise nach Rom wissen, während sie in den späteren
Bearbeitungen eingeschoben ist. Das ist der Fall bei dem heiligen
Patricius, bei S. Rupert; auch Gregor von Tours läßt sein späterer
Biograph nach Rom reisen.

 [35] Acta SS. Sept. VI, 474. Vgl. Rettberg II, 189. Hauck I, 342.
      Nach Hugo Graf Walderdorff, Regensburg (3. Aufl.) S. 137, ist
      die ursprüngliche Form _Heimraban_, in einem Kalend. saec. VIII.
      _Emhram_. Vgl. Riezler, Forsch. XVIII, 528, über den Ort seines
      Todes. Neue Ausg. v. B. Sepp, Anal. Bolland. VIII, 211-240 u. Sep.
      Ausg. 1890. Nach Riezler muss es eine Ueberarbeitung sein.

 [36] Meichelbeck Hist. Fris. I, 2 p. 3. Acta SS. Sept. III, 281. Vgl.
      Rettberg II, 213, Hauck I, 345, und über beide M. Büdinger, Zur
      Kritik altbaier. Geschichte, Wiener SB. XXIII. Darin wird auch
      die früher herrschende Ansicht von der Anwesenheit des Eustasius
      und Agilus in Baiern bekämpft, welche jetzt G. Waitz, Gött. Nachr.
      1869 S. 136, Friedrich, Münch. SB. 1874, I, 358, Riezler, Forsch.
      XVI, 417, wieder in Schutz nehmen. Büd. Oest. Gesch. I, 85, 94,
      und über Aribo S. 141. Aelteste Form der V. Corbiniani im Cod.
      Mus. Brit. 11880, her. von Riezler, Abh. d. Münch. Akad. III.
      Cl. XVIII, 1 (1888). Die Bearbeitung ist nach ihm wahrscheinlich
      von =Hrotrohc=, einem Mönch von Tegernsee, dem eine V. Corb.
      zugeschrieben wird, saec. IX. X. Vgl. auch Dr. David Schönherr:
      Ueber die Lage der angeblich verschütteten Römerstadt Maja,
      Innsbr. 1873. Corpus Inscr. Lat. III, 707. V, 543.

 [37] Er nennt sich auch =Cyrinus= nach der Deutung des Namen _Cyrus_
      als _haeres_ bei Hieronymus de nominibus Hebraeorum.

Denselben Umstand finden wir auch im Leben des heiligen =Kilian=[38],
des ersten bekannten Missionars unter den Ostfranken. Auch er war
gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts mit mehreren Begleitern aus
Irland gekommen, und seine Wirksamkeit ist bezeugt durch die hohe
Verehrung seines Namens; wie an S. Gallus Grabe, so scheinen sich
auch in Würzburg seine Landsleute zahlreich eingefunden zu haben, und
noch jetzt finden wir ihre Spuren in den irischen Schriftzügen der
dortigen Handschriften. Die Lebensbeschreibung aber ist erst im zehnten
Jahrhundert verfaßt und fast ganz werthlos.

 [38] Canis III, 1, 180. Mab. II, 991. Acta SS. Jul. II, 612. Vgl.
      Stälin I, 167. Rettberg II, 303. Das älteste Zeugniß für
      Kilians Martyrium ist im Necrolog. Wirzib. s. IX. bei Eckhardt,
      Comm. de or. Francia I, 831. Dümmler, Forsch. VI, 116. 118.
      Piper, Karls d. Gr. Kalend. S. 26. Ueber die in Kilians Grab
      gefundene Bibel in Uncialschrift Eckhardt Franc. Or. I, 451,
      Schepss, Die ältesten Evangelienhss. der Univ.-Bibl. (1887) S.
      6. Facsim. bei Zangemeister u. Wattenbach, Exempla tab. LVIII.
      Irische Handschriften in Würzburg: Archiv VII, 106; Catalogue of
      Manuscripts in the British Museum, New Series I. 1843 fol. Tab.
      1, 3; Zeuß, Grammatica Celtica, p. XX.

Diese irischen und fränkischen Missionare bereiteten den Boden vor
für die Angelsachsen, mit deren Auftreten ihr Stern erlischt. Ihre
Pflanzungen waren zu vereinzelt, um sich erhalten zu können, es fehlte
ihnen die feste Organisation, durch welche jene so stark waren, und die
vereinzelten Mönche konnten sich von Entartung und Verwilderung nicht
freihalten. Ihre Eigenthümlichkeiten in Lehre und Gebräuchen brachten
sie bald in Streit mit den Angelsachsen, und es ist ferner nicht mehr
die Rede von ihnen. Nur als Pilger erscheinen sie noch, geschätzt wegen
ihrer strengen Entsagung, wegen ihrer Fertigkeit im Schreiben, und
häufig auch noch wegen ihrer Gelehrsamkeit; aber als Missionare finden
wir sie nur zur Zeit der Merowinger genannt.

Geschichtliche Nachrichten aus dieser Zeit haben sie selbst uns
durchaus nicht überliefert; man sollte meinen, daß ihnen der Sinn
für historische Aufzeichnung der Begebenheiten gänzlich fehlte. In
der Heimath aber verfaßten sie doch Jahrbücher, deren Anfänge sehr
alten Zeiten zugeschrieben werden, und sie mögen wohl nicht ganz ohne
Einfluss auf die Entstehung der jetzt im Frankenreiche aufkommenden
Klosterannalen gewesen sein, da wir an der Spitze derselben hin
und wieder irische Namen finden, doch ist eine irgend erhebliche
Betheiligung von Schottenmönchen an den weiteren Aufzeichnungen
nicht nachweisbar. Andere Annalen gehen auf Lindisfarne zurück, eine
britische Stiftung in England; aber diese sind nicht unmittelbar,
sondern über Canterbury ins Frankenreich gekommen, wie denn überhaupt
diese Annalen von den Angelsachsen, nicht von den Irländern ihren
Anfang nehmen.

Die Schotten stehen in der genauesten Beziehung zu der alten
fränkischen Kirche, und gehören mit dieser wesentlich der
merowingischen Periode an; sie haben manche Keime gelegt und anregend
gewirkt, aber eine neue frische Entwickelung war im merowingischen
Reiche und auf dem alten Boden nicht mehr möglich; schon in den letzten
Zeiten der Merowinger knüpft sich alles wirklich lebensfähige an das
neue Geschlecht der Arnulfinger, und wir beginnen deshalb mit seinem
Auftreten einen neuen Zeitraum.



II. Die Karolinger.

Vom Anfang des achten bis zum Anfang des zehnten Jahrhunderts.


§ 1. Neue Anfänge der Geschichtschreibung. Fredegars Fortsetzer.

 Ausgaben mit Fredegars Chronik. Uebersetzung von O. Abel ebend. und
     von 735 an bei Einhards Annalen; vereinigt u. nach der neuen Ausg.
     v. Krusch berichtigt 1888. -- Cauer, De Carolo Martello, Berl.
     1846. Breysig, De continuato Fredegarii scholastici chronico,
     Berl. 1849. Oelsner, De Pippino rege, Vratisl. 1853. p. 24-34 De
     Chronico Fredegarii continuato. Breysig, Karl Martell S. 112.
     Hahn, Einige Bemerkungen über Fredegar, Arch. XI, 805-840. G.
     Monod, Revue crit. 1873, I, 153. Br. Krusch, NA. VIII, 495-515.

Das Haus der Karolinger bewies von Anfang an seine Berechtigung
zur Herrschaft dadurch, daß es allein im Stande war, das Reich
herzustellen, dem weit vorgeschrittenen Verfall Einhalt zu thun
und auf neuen Grundlagen ein neues Zeitalter zu begründen. Auch das
Wiedererwachen der Geschichtschreibung knüpft sich an sein Auftreten:
mit dem Jahre 687, mit dem entscheidenden Siege Pippins, beginnen die
Annalen von St. Amand.

Fredegars Chronik war in Burgund, das Buch von den Thaten der Franken
in Neustrien geschrieben, in Austrasien fanden beide ihre letzte
Bearbeitung und Fortsetzung. Viel ist über die Beschaffenheit dieser,
über die Arbeit der verschiedenen dabei thätigen Personen geschrieben
worden; ich halte mich jetzt an die Resultate von Br. Krusch, welcher
genauer, als zuvor geschehen war, namentlich auch in Bezug auf die
Sprache, die Prüfung durchgeführt hat.

Als unter Pippin das Frankenreich in seiner neuen Gestaltung glänzend
befestigt war, unternahm es sein Oheim =Childebrand=, auch für das
dauernde Andenken dieser merkwürdigen Begebenheiten zu sorgen. Er ließ
ein Exemplar der alten Chronik des Fredegar sorgfältig abschreiben,
aber er oder der von ihm Beauftragte begnügte sich nicht mit
einfacher Abschrift: er ließ den Liber generationis weg, und setzte
an dessen Stelle den Hilarianus de cursu temporum ein, welchen er
in seiner Vorlage an anderm Orte fand, und erweiterte die Stammsage
im Hieronymus durch ein Excerpt aus Dares Phrygius. An den Fredegar
knüpfte er einen Auszug von cap. 43 bis 52 der Gesta Francorum nebst
ihrer 736 geschriebenen Fortsetzung; recht mangelhaft gearbeitet und
voll chronologischer Verwirrung, aber bereichert mit Zusätzen, welche
das Haus der Arnulfinger hervorheben, während er manches wegließ,
was das Haus der Merowinger betraf, das ihn nicht mehr kümmerte;
anfangs dürftig, dann von erheblichem Werthe. Das ist die sog. erste
Fortsetzung (cap. 1-17) bis zur Mitte von cap. 109, an welche bis
cap. 117 incl. die zweite (cap. 18-33) sich reiht, innerhalb welcher
stilistische Gründe einen Wechsel des Schreibers (nach cap. 109)
annehmen lassen. So weit, bis 752, war unter Childebrands Leitung
das Werk geführt, da übernahm dessen Sohn Nibelung[1] die weitere
Fortsetzung (cap. 34-54), welche uns in noch schlechterem Latein einen
schon ausführlicheren, nach Jahren genau geordneten und wohl theilweise
gleichzeitig aufgezeichneten Bericht über die königliche Herrschaft
Pippins darbietet.

 [1] Cap. 117 (34): „Usque nunc inluster vir Childebrandus comes,
     avunculus praedicto rege Pippino, hanc historiam vel gesta
     Francorum diligentissime scribere procuravit. Abhinc ab inlustre
     viro Nibelungo, filium ipsius Childebrando itemque comite,
     succedat auctoritas.“

Als vereinzelte sehr schätzbare Notiz reiht sich an diese Fortsetzer
des Fredegar eine Aufzeichnung aus Saint-Denis über die Königsweihe
Pippins und seiner Söhne (754) durch Pabst Stephan II[2], welche sich
am Schluß einer Handschrift von Werken Gregors von Tours befindet, von
anderer Hand mit blasserer Dinte geschrieben und offenbar aus einer
älteren Handschrift herübergenommen, und _Clausula de Pippino_ genannt
wird[3].

 [2] Auf dessen Reise „Roma salvanda“ starb m. Dec. ind. VII (753)
     der primicerius notariorum Ambrosius in Saint-Maurice; er
     wurde nach 6 Jahren in St. Peter bestattet mit einem rühmenden
     rhythmischen Epitaph. Rossi, L'inscription du tombeau d'Hadr. I
     (Mél. d'Archéol. et d'hist. VIII) p. 20.

 [3] Mab. Dipl. p. 384. SS. Meroving. I, 465 mit Schriftprobe. MG.
     SS. XV, 1 (vgl. p. 574a) als _De unctione Pippini regis nota_.
     Diese Nachricht wurde später mit der fabelhaften _Revelatio
     facta S. Stephano papae_ verbunden, mit welcher sie von Regino
     abgeschrieben, und bei Sur. V. p. 658 (740 ed. II) zuerst gedruckt
     ist. Hierdurch habe ich mich früher verleiten lassen, die Clausula
     als unglaubwürdig zu bezeichnen. Vgl. Oelsner, K. Pippin S. 155.
     Das Schreiben Stephans II, welches B. Simson, Forsch. XIX, 180,
     als die Quelle betrachtet, ist in der neuen Ausg. von Jaffé's Reg.
     Pont. n. 2316 von P. Ewald mit Recht als unecht bezeichnet. Ebenso
     in der Ausgabe jenes, von Hilduin seinen Acta Dionysii angehängten
     Stückes von Waitz, SS. XV, 2. -- Benutzt ist die Clausula in einem
     (unechten?) Breve Clemens II für Romainmôtier, NA. XI, 590.

So wie das ganze Reich von den Merowingern an die Karolinger überging,
so wurde auch die einzige Chronik der Franken zu einer Familienchronik
des karolingischen Hauses. Sie gewinnt dadurch gewissermaßen einen
officiellen Charakter und damit eine gewisse Glaubwürdigkeit;
andererseits leidet sie aber auch an den Mängeln solcher amtlicher
Aufzeichnungen. Je näher die Verfasser den Karolingern standen,
je besser sie unterrichtet waren, um so mehr hüteten sie sich auch
etwas aufzunehmen, was den Machthabern unangenehm war. Es genügt in
dieser Beziehung den einen Umstand hervorzuheben, daß die bedeutenden
und gefährlichen Unruhen, welche Grifo, Karl Martels Sohn von der
Swanhilde, nach des Vaters Tod erregte, und welche dem Verfasser
doch unmöglich unbekannt geblieben sein konnten, hier mit gänzlichem
Stillschweigen übergangen werden. Ebensowenig ist andererseits von der
ganzen Wirksamkeit des Bonifatius und überhaupt von den kirchlichen
Angelegenheiten die Rede. Eine vollständige und unparteiische
Uebersicht der Begebenheiten darf man daher bei diesen Fortsetzern des
Fredegar nicht suchen[4].

 [4] Zu vergleichen ist für diese Zeit noch der _Libellus de Majoribus
     domus_, Bouq. II, 699 aus Du Chesne SS. II, 1, der nicht vor
     dem neunten Jahrhundert geschrieben ist, wie B. Simson bemerkt,
     nahe verwandt dem Chron. Adonis, vielleicht ein Auszug. Ferner
     das von Wilthem excerpirte _Fragmentum historicum ex libro aureo
     Epternacensi_ über die Jahre 714 u. 715, aus unbekannter Quelle,
     herausgegeben von Reiffenberg im Bulletin de l'Académie de
     Bruxelles (1843) X, 2. 264, und Monuments de Namur etc. VII, 209;
     jetzt MG. SS. XXIII, 59. Rätselhaft ist der _Dionysius_, welchen
     Gobelinus Persona als Chronisten von Prosper bis Einhard (455-741)
     anführt, vgl. Hagemann: Ueber die Quellen des G. P. (Diss. Hal.
     1874) S. 32. Er ist aber nicht zusammenzubringen mit der Erwähnung
     der Cyclen des Dionysius Exiguus bei Regino z. J. 741, wo er
     nur von der Incongruenz der verschiedenen Berechnungen spricht;
     allerdings scheint er in seinem Exemplar eine annalistische
     Bemerkung zu 741 gehabt zu haben.

Ebenso wenig unparteiisch, zur Verherrlichung der Arnulfinger
geschrieben und namentlich in den ältesten Theilen irreführend,
übrigens aber aus guten Quellen geschöpft, reichhaltig auch über Grifo,
ist die Geschichte von 687 bis 692, welche den Anfang der _Annales
Mettenses_ bildet[5], wo bis 768 eine Compilation aus Fredegar u. a.
Annalen sich anschließt. Früher gering geschätzt, ist sie von L. Ranke
nachdrücklich in Schutz genommen und ihr Werth ins Licht gestellt[6].
Es kommt hinzu, daß das _Fragmentum de Pippino duce_[7], welches
Bonnell für ein schlechtes Excerpt aus den Mettenser Annalen erklärt
hatte, in dem Cod. Arundel. 375 saec. XI. des Brit. Museum aufgefunden
ist[8] und, da es nun als Quelle anerkannt ist, ein höheres Alter
dieser Darstellung verbürgt.

 [5] MG. SS. I, 316-321.

 [6] Weltgesch. V, 2, S. 294 ff.

 [7] Freher, Corpus SS. Franc. p. 168-170; am Schluss unvollständig.

 [8] Arch. VIII, 759.

Natürlich ist es, daß man bei fortschreitender litterarischer Bildung
bald sowohl an der rohen Form des Fredegar und seiner Fortsetzer, als
auch an dem dürftigen Inhalt dieser Aufzeichnungen Anstoß nahm. Zu
Karls d. Gr. Zeit entstand eine Compilation, in welcher die Chronik des
Beda verbunden ist mit Zusätzen aus Hieronymus, Orosius, Fredegar und
seinen Fortsetzern, den Gestis Francorum und Jahrbüchern, die mit den
Lorscher große Aehnlichkeit haben, bis 741. Wir werden auf dieses sowie
auf andere ähnliche Arbeiten später zurückzukommen haben.

Mit dem kriegerischen Ruhme vereinigte das karolingische Haus, wie es
zu einer hervorragenden Stellung damals fast unerläßlich war, auch den
kirchlichen. Klosterstiftungen und klösterlich frommer Lebenswandel
schmücken ihren Stammbaum mit Heiligen, wie Gertrud und Begga, und
auch dem Ahnherrn, Bischof =Arnulf von Metz=, wurde mit gutem Recht
die dankbare Verehrung der Nachkommen zu Theil. Sein Leben ist auch von
einem Zeitgenossen beschrieben worden, und was hier über ihn berichtet
wird, ist werthvoll, aber dem Verfasser[9], einem der Mönche, welche
den h. Romarich nach Metz begleiteten, als er den weltmüden Bischof
629 nach seiner Einsiedelei in Remiremont abholte, hatte begreiflicher
Weise wesentlich den Zweck und Gesichtspunkt, seine kirchlichen
Tugenden zu preisen[10].

  [9] Ueber die 4 von ihm verfaßten Vitae s. die Diss. von Dony in den
      von G. Kurth 1888 herausg. Dissertations académiques.

 [10] Neue Ausg. v. Krusch, SS. Merov. II, 426-446. Die Hs. schrieb
      Karl Martels neunjähr. Sohn Hieronymus ab. Uebers. Geschichtschr.
      XI (VII, 2) S. 131-140, nach Fredegar. Der angebl. Name des Vfs.
      der werthlosen 2. Vita =Umno= ist ein Lesefehler: „Exhortatione
      plurimorum commonitus Umno Dei gratia praeventus“ statt =immo=.

Als Werk eines Zeitgenossen und Augenzeugen schätzbar ist auch das
Leben der =h. Gertrud=, Pippins I Tochter, der Stifterin des Klosters
Nivelle, wo sie am 17. März 659 starb. Ganz ohne Grund von Bonnell
verdächtigt, ist ihre Lebensbeschreibung von Friedrich in ihrem Werth
erkannt, und von Krusch nach einer Handschrift des achten Jahrhunderts
herausgegeben[11].

 [11] _Vita S. Geretrudis_, SS. Meroving. II, 447-74 mit den noch im 8.
      Jh. hinzugefügten Wundern.

Einige gute Nachrichten enthält auch das noch zu König Pippins
Lebzeiten geschriebene Leben des Stifters des Klosters Laubach oder
Lobbes, =Ermino= († 737) vom Abt =Anso=[12]. Die schon für diese
Zeit nicht unwichtige Lütticher Litteratur werden wir später noch zu
berühren Anlaß haben.

 [12] Mab. III, 1, 564.

Ganz unverändert werden uns ausser diesen sehr wenige Legenden erhalten
sein; dafür ist ihre Form zu glatt, zu abweichend von den authentischen
Denkmälern. Zum Vorlesen bestimmt und gebraucht, mußten sie der
zunehmenden Bildung angepaßt werden, und leicht verbanden sich damit
Zusätze und Aenderungen, welche auch den Inhalt berührten.


§ 2. Die Angelsachsen.

Die zahlreichen Missionen der irischen Mönche vermochten doch nichts
dauerndes zu schaffen, und auch in der Heimath konnte diese alte
vereinzelte Kirche sich der römisch-englischen Uebermacht nicht
erwehren. Sie unterlag überall, aber nicht etwa der äußern Uebermacht
allein; in jeder Weise wurden die Angelsachsen ihrer alten Lehrer
Meister. In den großen Weltchroniken des Mittelalters finden wir kaum
eine Erwähnung von Irland; die Reiche der Angelsachsen aber treten
auffallend in den Vordergrund für lange Zeit. Das ist der Einfluß
des =Beda= († 735), dessen Schriften diese Angaben entnommen
wurden. Einen Mann wie diesen Beda hat die gesammte irische Kirche
nicht hervorgebracht; er war der Lehrer des ganzen Mittelalters.
Durch mathematische Kenntnisse haben gerade die Schottenmönche sich
ausgezeichnet, auf ihren Unterricht mag ein bedeutender Theil der
Gelehrsamkeit Beda's sich, wenn auch nur mittelbar, zurückführen
lassen, ihm aber war es vorbehalten, durch die Gediegenheit und
Faßlichkeit seiner Lehrbücher für Jahrhunderte in jedem Kloster die
Anleitung zu den nöthigen astronomischen Kenntnissen zu geben; wo
man es verschmähte, tiefer einzudringen, benutzte man wenigstens
seine Ostertafeln als unentbehrliches Hülfsmittel der kirchlichen
Zeitrechnung, in welcher durch ihn die für leicht übersichtliche
Chronologie so förderliche dionysische Era üblich wurde. Sein
Martyrologium ist die Grundlage aller späteren Umarbeitungen;
seine kleine Chronik von den sechs Weltaltern (bis 726) war überall
bekannt, und die Kirchengeschichte Englands (bis 731) wurde um so
eifriger gelesen, weil man hierin den Ursprung der eigenen Kirche
erkannte, sowie sie andererseits das Bewußtsein dieser Verbindung wach
erhielt[1]. Hatten die irischen Missionare nicht durch Frömmigkeit
allein, sondern auch durch mancherlei Kenntnisse und Gelehrsamkeit die
Bewunderung der Franken erregt, so überragten doch nun die Angelsachsen
noch in weit höherem Maße alles, was man bis dahin gekannt hatte.

 [1] Ueber die Schreibart Baeda (die eben damals veraltende) s.
     H. Zimmer, NA. XVI, 599-601. Vgl. über ihn Ebert S. 634-650.
     Karl Werner, Beda der Ehrwürdige und seine Zeit, Wien 1875.
     Cantor, Gesch. d. Mathematik I, 707-712. Schöll in Herzogs
     Real-Encyclopädie. -- Opera ed. Giles, Lond. 1843 ff. 12 Bände.
     Bd. 1-4 die historischen Schriften. Chron. VI, 270 als c. 66. 67.
     von De temporum ratione. Opera historica ed. Stevenson, 1841, 2
     Bände; cura R. Hussey, Ox. 1846. Mon. hist. Brit. (1848) p. 83-102
     (Sexta aetas), p. 103-289 (Hist. eccl.). Migne XC-XCV. Hist. eccl.
     ed. Holder 1882. Auszüge, Geschichtschr. VII, 1 bei Isidor, von
     Coste. G. Wetzel, Die Chroniken des Beda (über seine Quellen und
     die Art ihrer Benutzung), Diss. Hal. 1878. Ueber die _Continuatio
     Bedae_ von 731 bis 766, H. Hahn, Forsch. XX, 553-569. Die _Annales
     chronographi vetussi_. SS. XIII, 716, schreibt Krusch ihm zu. NA.
     XI, 633.

Ein älterer Zeitgenosse des Beda, ein Northumbrier aus dem Kloster
Streoneshalch (Whitby), an Bildung und Wissen ihm weit nachstehend,
hat seiner Verehrung für den Begründer des Christenthums in England,
Pabst =Gregor den Großen=, ein merkwürdiges Denkmal gestiftet, indem
er, so gut er es vermochte, eine Lebensbeschreibung desselben verfaßte,
mit nicht unwichtigen Nachrichten über die Bekehrung seiner Heimath
Wundergeschichten und den Preis der Werke Gregors verbindend. Dieses
merkwürdige Werkchen ist erst durch P. Ewald in einer alten Sanctgaller
Handschrift entdeckt, der wesentliche Inhalt mitgetheilt, und mit
grossem Scharfsinn nachgewiesen, dass dieses die von Beda, Paulus
Diaconus und Johannes Diaconus benutzte angelsächsische Legende ist[2].

 [2] P. Ewald, Die älteste Biographie Gregors I. Hist. Aufsätze dem
     Andenken an G. Waitz gewidmet (1886), S. 17-54.

Schon vor Beda hatte auch die angelsächsische Mission begonnen, welche
sich hauptsächlich den stammverwandten Sachsen und Friesen zuwandte.
Ein charakteristischer Unterschied dieser Mission von der irischen
liegt in ihrem Verhältniß zum römischen Stuhl: seitdem S. Augustin,
von Gregor dem Großen gesendet, die englische Kirche begründet hatte,
war diese in der engsten Verbindung mit Rom geblieben, und von da
aus geleitet, wurde die Kirchenverfassung fest und sicher organisirt.
Dadurch gewann diese Mission einen ganz anderen Boden, und war nicht
der Vereinzelung und der daraus folgenden Verwilderung ausgesetzt,
welche den Erfolg der Schottenpredigt auf einzelne Klosterstiftungen
beschränkte.

An zuverlässigen Lebensbeschreibungen der älteren unter diesen
Glaubensboten fehlt es freilich auch, und ihre Wirksamkeit würde uns
in nicht minder zweifelhaftem Dämmerlichte erscheinen, als die der
Schottenmönche, wenn nicht die englische Kirche, von der sie ausgingen,
in helleren Umrissen vor uns stände, und vor allem Beda uns so manche
sichere Nachricht aufbewahrt hätte.

Augustin, der erste Erzbischof von Canterbury, starb um das Jahr 604.
Schon sein Schüler =Livin= soll in Friesland gepredigt haben, seine
Lebensbeschreibung aber ist ein späteres betrügliches Machwerk. Da sie
fälschlich dem Bonifatius zugeschrieben wird, findet sie sich in der
Sammlung seiner Schriften[3].

 [3] Vgl. Rettberg II, 509. Die Unechtheit der ihm zugeschriebenen
     Verse an den Genter Abt Florbertus mit dem Epitaphium S. Bavonis,
     mit Anklängen an Boethius, hat Holder-Egger nachgewiesen,
     Waitz-Aufsätze S. 623-665. NA. XVI, 623.

Auch =Wilfrid=, Erzbischof von York, der im J. 709 gestorben ist,
hat unter den Friesen gepredigt, als er auf einer Reise nach Rom 678
an ihrer Küste landete, um den Nachstellungen des Hausmeiers Ebroin
zu entgehen[4]. Besonderes Verdienst um die Mission erwarb sich aber
=Egbert=, der Abt des Klosters Hy, in welchem er die bis dahin dort
herrschende irische Weise durch die siegreiche römisch-englische
verdrängte. Er entsandte zum Friesenfürsten Radbod den =Wigbert=[5],
und nach dessen Heimkehr im Jahre 690 =Willibrord= mit elf Gefährten.
Dieser, 695 in Rom zum Bischof geweiht, begründete 698 das Kloster
Echternach, aber nicht allein als Stätte eines stillen beschaulichen
Lebens, sondern als Ausgangspunkt für seine Thätigkeit, und mit
Karl Martels Hülfe gelang ihm sodann auch die Stiftung des Bisthums
=Utrecht=, wo er im Jahre 738 als erster Bischof verstorben ist.
Sein Leben ist erst lange nach seinem Tode von =Alcuin= aus fast
ausschließlich erbaulichem Gesichtspunkt beschrieben worden[6]; die
ältere Lebensbeschreibung, welcher er gewiss wesentlich folgte, von
einem Schottenmönch _rustico stilo_ verfaßt, wie die älteste Vita des
h. Gallus, ist leider, wie diese verloren, aber sie wurde noch benutzt
von =Thiofrid=, Abt von Echternach (1083-1110), dessen Werk deshalb
nicht ohne Werth ist[7].

 [4] Rettberg II, 511. Daß jedoch Wilfrid nicht wider Willen an diese
     Küste verschlagen wurde, bezeugt sein Schüler und Biograph
     =Aedde=, genannt =Stephanus=, bei Mab. IV, 1, 671. Wenn aber
     Alberdingk Thijm. H. Willibrordus S. 84 (deutsch S. 57) auch in
     der Missionspredigt unter den Friesen einen tief angelegten Plan
     sieht, so findet das in den Quellen keine Bestätigung. Dagegen
     auch Moll, Kerkgeschiedenis van Nederland, I, 87.

 [5] Rettberg II, 513.

 [6] _Alcuini Vita S. Willibrordi_ ed. Wattenbach, nach Jaffé's
     Vorarbeit den älteren, früher nicht benutzten Handschriften
     folgend, Bibl. VI, 32-79. Das metr. 2. Buch auch bei Dümmler,
     Poet. Carol. I, 197-220. Ebert II, 25 bemerkt, daß das hexametr.
     Gedicht über Willibrord nach XXXIII, 3 u. XXXIV, 32 schon früher
     verfaßt war. Die eigenhändige Aufzeichnung Willibrords vom J.
     728 über seine Weihe (ib. p. 46) ist im Pariser cod. Lat. 10837
     (Suppl. 1680). NA. II, 293. Facs. einer Schriftseite des Martyrol.
     Acta SS. Apr. II, Propyl. Tab. II. Auch das Evangeliar Suppl. lat.
     693 soll von ihm mitgebracht sein, Waagen, Kunstwerke in Paris
     S. 241, Facs. Hist. de l'Imprimerie (Livre d'or des métiers) p.
     12. Alberdingk Thijm, H. Willibrordus, Apostel der Nederlanden,
     Amsterd. und Brüssel 1861 (Deutsch mit Zusätzen von Dr. Troß in
     Hamm, Münster 1863) sucht einen Gegensatz zwischen Willibrord als
     Vorkämpfer der auf Errichtung einer unabhängigen deutschen Kirche
     gerichteten Politik der Päbste, und den egoistischen fränkischen
     Missionsbestrebungen nachzuweisen im Anschluß an Gfrörer, wofür
     ich in den Quellen keine Begründung finden kann. Vgl. Moll I,
     95-118. Hauck I, 396-409.

 [7] MG. SS. XXIII, 30-38, Auszüge aus dem prächtigen, dem Erzb. Bruno
     von Trier (1102-1124) gewidmeten Codex, jetzt in Gotha (diese
     Stelle S. 11). Die metr. Bearbeitung ist von R. Decker im Progr.
     d. k. Gymn. zu Trier 1880/1, und mit Benutzung d. Goth. Hs. von
     K. Roßberg, L. 83 herausgegeben.

Gleichzeitig mit ihm predigte auch =Suitbert=, der Stifter von
Kaiserswerth, von dem jedoch nur wenig bekannt ist. Als das
merkwürdigste Andenken, welches er uns hinterlassen hat, sehr
bezeichnend für die höhere und feinere Bildung, welche diese
Angelsachsen in der Heimath pflegten und von da ins Frankenreich
verpflanzten, galt bisher die schöne Handschrift des Livius, welche er
mitgebracht haben sollte, und die jetzt zu den kostbarsten Schätzen der
Wiener Hofbibliothek gehört. Doch wird die Inschrift jetzt richtiger
anders gelesen, die Bedeutung der Handschrift aber ist nicht geringer,
wenn sie aus der Utrechter Schule stammt[8]. Suitberts Biographie
dagegen, angeblich von Liudgers Genossen Marchelm oder Marcellinus
verfaßt, ist ein grober Betrug späterer Zeit[9].

 [8] Mommsen et Studemund, Analecta Liviana (1873) p. 7 et tab. IV.
     Gitlbauer de cod. Liv. Vindobonensi, Vind. 1876.

 [9] S. Rettberg II, 396. Bouterwek, Swidbert der Apostel des
     Bergischen Landes, Elberf. 1859.

Unter den Sachsen predigten der weiße und der schwarze =Ewald=, deren
Lebensbeschreibung aus Beda entnommen, aber völlig sagenhaft ist[10].
Später folgte ihnen =Liafwin=, jedoch erst um 770, nachdem vielleicht
schon mancher Glaubensbote vergeblich, und ohne das Andenken seines
Namens zu hinterlassen, versucht hatte, das starre Heidenthum der alten
Sachsen zu überwinden. Das Leben Liafwins, von =Hucbald= von St. Amand,
ist nicht ohne Werth, aber doch erst in viel späterer Zeit, im zehnten
Jahrhundert verfaßt[11].

 [10] Rettberg II, 397. Ueber den Ort des Todes Dr. Troß bei Alberdingk
      Thijm, S. 217-223. Lohoff, Krit. Untersuchungen der Geschichte
      der beiden Ewalde unter bes. Berücksichtigung der Aplenbecker
      Tradition (Beiträge z. Gesch. Dortmunds, I, 1875).

 [11] Rettberg II, 405; vgl. unten § 15. III, § 10.

In Franken finden wir =Burchard=, den Bonifaz zum ersten Bischof von
Würzburg weihte, wo S. Kilian mit seinen Genossen den Boden bereitet
hatte. Auch seine Lebensbeschreibung aber ist erst im 9. Jahrh. von
einem Würzburger Cleriker verfaßt und völlig werthlos; die wenigen
Thatsachen, welche darin berichtet werden, sind theils entstellt,
theils mit oder ohne Absicht erfunden[12].

 [12] Rettberg II, 314. Ausg. Mab. III, 1, 700. Acta SS. Oct. VI,
      573. MG. SS. XV, 43-50 mit Auszügen aus der jüngeren Vita, von
      Holder-Egger.

Die erste wirklich gleichzeitige Lebensbeschreibung besitzen wir von
=Winfrid=, dem Stifter der neuen fränkischen Kirche, der alle die
einzelnen Pflanzungen seiner Vorgänger zusammenfaßte in eine mächtige
Organisation, und ihnen dadurch die Kraft zum dauernden Bestehen gab,
der zugleich die alte verfallene fränkische Landeskirche emporrichtete,
und so im Verein mit den karolingischen Herrschern das gewaltige
Gebäude aufführte, in dem die neu hervorsprießende geistige Bildung für
viele Jahrhunderte eine gesicherte Stätte finden sollte, mitten unter
allen Stürmen und Drangsalen der kampferfüllten Zeiten. Allein die
Schilderung seines Lebens und seiner Wirksamkeit liegt unserer Aufgabe
fern; wir müssen uns hier begnügen, auf die ausführliche Darstellung
Rettbergs I, 331 ff. zu verweisen, wo auch genauere Nachweisungen über
seine Biographen zu finden sind[13].

 [13] Dazu kommen nun u. a. die Jahrbücher des fränk. Reichs unter
      Pippin v. Hahn u. Oelsner. Vgl. C. Will, Regesten d. Mainzer
      Erzbb. I. Ebert S. 650-659. Hauck I, 410-546. Die schöne
      Charakteristik bei Moll I, 141 berührt wohlthuend, gegenüber
      den zur Mode gewordenen unwürdigen und unhistorischen Angriffen
      auf ihn. -- Opera ed. Giles, Lond. 1844, 2 Bde. Külb, Sämmtl.
      Schriften übers. u. erl. 1859. 2 Bde. Nürnberger, Zur handschr.
      Ueberlieferung d. Werke, NA. VIII, 299-325. Aus der litt.
      Hinterlassenschaft des h. Bon. u. des h. Burchard. 24. Bericht d.
      Philomathie in Neisse, 1888. Beitr. zu d. Schriften des h. Bon.
      Röm. Quartalschrift V, 28 ff. Vielleicht von Bonif. Hand sind die
      Glossen zur Ep. Jacobi im Cod. Fuld. ed. E. Ranke 1868, cf. dess.
      Specimen Cod. Fuld. zum Berl. Jubil. 1860. (Facs. der Glossen).
      Gegen die Echtheit der Sermones Scherer, Denkmäler (1864) S. 144.
      H. Hahn. Forsch. XXIV, 583-625; für dieselbe Nürnberger, NA. XIV,
      109-134. Steinmeyer, 3. Ausg. II, 328, f. d. Unechtheit.

Sein kirchlicher Name war =Bonifatius=, ohne Zweifel von _bonum fatum_
abzuleiten, aber nach einer richtigen Bemerkung von Loofs scheinen
die Zeitgenossen den Namen vielmehr von _bonum fari_ hergeleitet zu
haben[14]. Er besaß eine für jene Zeit hervorragende Bildung, und
wir besitzen noch von ihm eine Grammatik und Metrik[15], und nicht
ohne Geschick und Gewandtheit verfaßte Gedichte mit der Vorliebe für
Akrostichen und andere Spielereien, welche der Zeit und besonders
seinen Landsleuten eigen ist[16].

 [14] C. Will, Hist. pol. Bl. LXXVIII, Heft 4. Regesten S. V. W.
      Schmitz, Beitr. z. Lat. Sprach-u. Litt.-Kunde (1877) S. 141.
      Loofs, Zeitschr. f. Kirchengesch. V, Heft 4.

 [15] Ars gramm. bei A. Mai, Auctt. class. VII, 475-548; vgl. Bursian
      in d. Münch. SB. 1873 S. 457-460.

 [16] Hierüber s. Dümmler, NA. IV, 98-101, und die Ausg. Poet. Carol.
      I, 1-19, vgl. II, 687.

Von weit größerem Werthe für uns ist die Sammlung von Bonifazens
eigenen Briefen und den päbstlichen Schreiben an ihn[17]; aber auch
die bald nach seinem Tode, vielleicht noch zu Pippins Lebzeiten[18],
sicher vor 786 verfaßte Biographie enthält schätzbare Nachrichten,
und erhebt sich weit über die früheren Leistungen der Art. Der
Verfasser war ein Priester Namens =Willibald=, wohl ein Landsmann,
der bei der Kirche St. Victor bei Mainz lebte, und auf Veranlassung
der Bischöfe Lullus von Mainz und Megingoz von Würzburg seine Arbeit
unternahm. Lullus besonders versah ihn mit Nachrichten, so wie auch
andere Schüler Winfrids, den Willibald selbst nicht gekannt hatte.
Dieser ist freilich hinter einer genügenden Behandlung seiner großen
Aufgabe zurückgeblieben; anfangs sorgfältig und genau, scheint er
bei der großartigen Entfaltung der Wirksamkeit seines Helden, bei
den verwickelteren politischen Verhältnissen unter Pippins Regierung
zu ermatten, er wird verwirrt und ungenau, übergeht gänzlich
die wichtigsten Vorfälle und eilt weiter zu dem Märtyrertode des
Bonifaz[19], bei welchem er in frommem Phrasenschwall verweilt.
Aehnliche Erscheinungen sind auch in Biographien der späteren
Zeit häufig; wo ein Bischof aus dem engen Kreise der Ascetik und
bescheidener Pastoraltugenden heraustritt, wo er als Staatsmann zu
schildern war, entzieht er sich dem Gesichtskreis seines Biographen.
Hier aber ist der Abstand der §§ 30-32 von Anfang und Ende so
auffallend, namentlich auch der Mangel aller bestimmten Angaben über
Bonifatius Erhebung auf den Mainzer Stuhl, die plötzlich als fertige
Thatsache erwähnt wird, sowie über die Stiftung des Klosters zu Fulda
so unerklärlich, daß der Verdacht, Lullus Censurstriche möchten hier
verwirrend und verstümmelnd eingewirkt haben, kaum abzuweisen ist[20].
Auch der Streit über die Beerdigung des Märtyrers in Mainz oder in
Fulda ist mit keinem Wort berührt. Willibalds Sprache ist noch weit
entfernt von der Reinheit der karolingischen Latinität, aber er
bezeichnet doch schon den Anfang einer besseren Zeit; er hat in der
Schule seine Classiker gelesen, und sein Hauptfehler besteht darin,
daß er es zu gut machen will, daß er im Streben nach einem gewählten
Stil in Verkünstelung verfällt, während er doch in den Grundregeln der
Grammatik noch keineswegs sicher ist[21].

 [17] Diese überaus wichtige, auch über B.'s Zeit hinausreichende
      Sammlung liegt jetzt in der ersten kritischen Ausgabe von Jaffé
      vor, Bibl. III, 8-315; eine neue von Dümmler ist bald zu erwarten.
      Vgl. Forsch. X, 397-426 gegen die chronolog. Behauptungen
      Dünzelmanns in seiner Gött. Diss. von 1869. Dieser hält jedoch
      einen Theil derselben, und vorzüglich die grundsätzliche Annahme
      willkürlicher Zufügung der Daten, aufrecht, und erklärt einige
      der Briefe für Stilübungen, Forsch. XIII, 1-32. H. Hahn, Noch
      einmal die Briefe und Synoden des Bonifaz, Forsch. XV, 43-124. Ein
      übersehener Brief des P. Zacharias, NA. I, 580-583, berichtigt
      von Loewenfeld, ib. IV, 173-175. Hahn, Ueber einige Briefe d.
      Bonif. Sammlung mit unbest. Adr. Forsch. XXI, 383-400. Hahn,
      Bonifaz u. Lul. Ihre angels. Correspondenten, 1883. Loofs, Zur
      Chronol. der auf d. fränk. Synoden bezügl. Briefe, Leipz. Diss.
      1881, vgl. NA. VII. 418. P. Ewald üb. die Fragmente in d. Brit.
      u. a. Canonensammlungen, NA. V, 284-295. Nürnberger, Verlorene
      Hss. der Briefe, NA. VII, 353-381. Die Bonif. Litt. der Magdeb.
      Centuriatoren ib. XI, 9-41. P. Ewald, Susanna u. Brannlinde,
      Deutung der chiffrirten Namen, NA. VII, 196-198. Dagegen Diekamp
      in d. Beschr. d. Wiener Hs. ib. IX, 9-28. Hahn, Die Namen der
      Briefe im Liber eccl. Dunelm. NA. XII, 109-127.

 [18] Dagegen L. Oelsner, Jahrb. S. 490.

 [19] Nach der seit Rettberg herkömmlichen Annahme am 5. Juni 755.
      Sickels und Oelsners Meinung, daß 754 das richtige Jahr sei,
      wird mit sehr erheblichen Gründen bekämpft von C. Will in d.
      Tüb. theol. Quartalschrift 1873 S. 510-533, worauf er auch in den
      Regesten der Mainzer Erzbischöfe S. 30 verweist.

 [20] Vgl. die Einleitung B. Simsons zur Uebersetzung. Die Feindschaft
      zwischen den Fuldern und Lull, dem Gründer von Hersfeld, ist
      bekannt; bei Arndt, zur Uebersetzung der V. Bonif. S. 130, ist das
      Privilegium des Pabstes Zacharias für Fulda aus der Bonifazischen
      Briefsammlung mitgetheilt und wahrscheinlich gemacht, daß aus
      dem Mainzer Exemplar dasselbe ausgeschnitten ist. Ohne Kenntniß
      hiervon erweist Th. Sickel die Echtheit jener Bulle in den
      Beiträgen zur Diplomatik IV, 47-73. Vgl. Bibl. III, 228. Oelsner,
      Jahrbb. S. 487. Hahn, Forsch. XV, 87. Ewald, Regesta Pontiff.
      2293. -- Im Prolog hat Willibald die Epistola Victurii benutzt
      nach Br. Krusch, NA. IV, 171.

 [21] Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 331-353. Uebersetzungen von
      H. E. Bonnell, Berl. 1856. 8. Külb, Sämmtliche Schriften des
      heiligen Bonifacius übersetzt, Regensb. 1859; von B. Simson und
      von W. Arndt, 1863 (diese Geschichtschr. 13. VIII, 2. in neuer
      Ausgabe), beide mit berichtigter Abtheilung der Capitel, jene
      mit sorgfältigem Commentar, Arndt mit Benutzung der ältesten
      Münchener (Freisinger) Handschrift. Nach dieser, grammatisch
      fehlerhaftesten, und der einsichtig corrigirten Reichenauer
      von Reginbert, hat Jaffé seine neue Ausgabe gemacht, Bibl.
      III, 422-471. Es folgen hier noch die Mainzer Passio und
      Auszüge aus Othloh und dem Presb. Ultraiectinus. Eine verkürzte
      Ueberarbeitung, irrig für älter gehalten, ist in den Analecta
      Bollandiana abgedruckt, s. Waitz, NA. VIII, 169-171. Eine
      interpolierte Legende, deren Angabe über die Stiftung der Kirche
      zu Hameln mit neuen Erweiterungen in die Hämelsche Chronik
      des Johann von Pohle übergegangen ist, hat O. Meinardus in
      der Zeitschr. d. hist. V. f. Niedersachsen 1882 herausgegeben.
      Nürnberger, Disquisitt. crit. im Progr. d. Bresl. Matthias-Gymn.
      1892.

Von =Lullus=, Bonifatius Schüler und Nachfolger, besitzen wir ebenfalls
eine Biographie, in welcher kürzlich Holder-Egger ein Werk Lamberts
erkannt hat, und welche deshalb als solche später zu erwähnen sein
wird. Ihr geschichtlicher Werth ist unbedeutend[22].

 [22] S. über ihn vorzüglich das oben angeführte Werk von Hahn, Bonif.
      u. Lull, 1883. Ueber ein vielleicht von ihm selbst verfaßtes
      Epitaphium Forsch. XXII, 423; NA. VIII, 225. Ein nach der in
      Marburg wiedergefundenen Hs. wesentlich verbesserter Text Forsch.
      XXV, 177.

Dagegen ist als ein merkwürdiges Denkmal dieser Zeit noch das Leben
der beiden Brüder =Willibald= und =Wynnebald= zu nennen[23], verfaßt von
einer Nonne des Klosters Heidenheim, welches Wynnebald um 751 gestiftet
hatte und bis zu seinem Tode (19. Dec. 761) leitete, während Willibald
741 von Bonifaz zum ersten Bischof von Eichstedt geweiht war. Wie diese
Brüder, so stammte auch die Verfasserin, welche mit ihnen verwandt war,
aus England, von wo sie erst nach Wynnebalds Tod nach Heidenheim kam.
Ihr Werk zeigt uns, was auch aus Bonifatius Briefsammlung hervorgeht,
wie sehr lebhaft dort auch die Nonnen an den gelehrten Studien Antheil
nahmen. Freilich wurde auch sie, wie es leider so häufig vorkam, durch
ihre Gelehrsamkeit zu einer sehr gezierten und schwülstigen Schreibart
verleitet und vor fehlerhaftem Ausdruck nicht bewahrt; ja der Ausdruck
ist, wie er in der neuen Ausgabe nach der ältesten Handschrift
hergestellt ist, sogar in unglaublichem Maaße barbarisch, aber gelehrt
barbarisch, d. h. mit griechischen und anderen seltsamen Worten
beladen. Den Hauptinhalt und den werthvollsten Theil bildet in dem
Leben Willibalds der Bericht über seine Pilgerfahrt nach dem gelobten
Lande, welcher darin besonders hervortritt und den größten Raum
einnimmt. Er ist offenbar nach den Mittheilungen Willibalds am 23. Juni
778 über seine Pilgerfahrten und die daran sich schließenden Umstände
aufgezeichnet.

 [23] So die authentische Form. Die älteren Ausgaben sind unbrauchbar
      neben der neuen von Holder-Egger, SS. XV. 80-117.

Nach Wynnebalds Tod übernahm seine Schwester =Waldburga= die Leitung
des Klosters zu Heidenheim, von welcher nur im neunten Jahrhundert
Wolfhard von Herrieden in dem Werk über ihre Wunder etwas berichtet[24].

 [24] Excerpta ed. Holder-Egger, SS. XV, 535-555.

Zu diesem Kreise gehören ferner noch =Wigbert=, den Bonifaz in Fritzlar
als Abt einsetzte, =Sualo= oder =Solus=, und =Leobgyth= oder =Lioba=,
die Aebtissin von Bischofsheim[25], deren Biographen Lupus von Ferrières
und Rudolf von Fulda später zu erwähnen sein werden.

 [25] Nach Link im Klosterbuch der Diöcese Würzburg (1876) II, 538 bis
      545 unzweifelhaft Tauberbischofsheim.


§ 3. Die Annalen.

In dem Abschnitte, bei welchem wir jetzt verweilen, in den
Anfängen der karolingischen Periode, beginnt zuerst ein Zweig
der Geschichtschreibung ans Licht zu treten, welcher sich aus den
unscheinbarsten Anfängen zu einer wahren Kunstform entwickelte, und
dem wir großentheils die festen Grundlagen der älteren Geschichte
des Mittelalters verdanken, nämlich die Jahrzeitbücher oder Annalen.
Augenscheinlich durch die Mission veranlaßt, kommen sie jetzt an
verschiedenen Orten zum Vorschein. Es bedurfte eben keiner neuen
Erfindung, um Jahr für Jahr die wichtigsten Ereignisse gleichzeitig
mit wenigen Worten aufzuzeichnen; wir haben ähnliches schon aus der
römischen Zeit zu erwähnen gehabt, und es mag auch hin und wieder
im merowingischen Reiche geschehen sein, aber erhalten haben sich
keine Beispiele davon. Einst hatten die Verzeichnisse der Consuln
den passendsten Raum dazu dargeboten, jetzt waren es die überall
verbreiteten Ostertafeln, deren Rand schon von selbst dazu aufforderte,
neben der Jahreszahl kurze Nachrichten einzutragen. Wir finden diese
Aufzeichnungen zuerst in England, und die Missionare, denen Beda's
Ostertafeln wohl selten fehlten, behielten die heimische Sitte
bei. Mit den Ostertafeln selbst wurden nun auch die Randbemerkungen
abgeschrieben, und gingen so von einem Kloster ins andere über; bald
fing man an darauf Werth zu legen, schrieb die noch ganz kurzen und
mageren, völlig formlosen Annalen auch abgesondert ab, setzte sie fort,
verband sie mit anderen, und machte sich endlich auch an die Arbeit,
die dürftige Kunde über die frühere Vorzeit durch Benutzung anderer
Quellen, aus Schriftstellern aller Art, aus der Sage und gelehrter
Berechnung zu ergänzen.

Daraus ergiebt sich nun, wie verschiedenartig, von wie ungleichem
Werthe der Stoff ist, welchen diese Jahrbücher uns darbieten.
Vielfache Fehler konnten schon beim Abschreiben nicht ausbleiben.
Der Rand der Ostertafeln hatte häufig nicht ausgereicht; dann waren
Bemerkungen unten, oben, an verschiedenen Stellen nachgetragen[1],
durch Zeichen auf das betreffende Jahr bezogen, und oft ist es selbst,
wenn das Original noch erhalten ist, schwer sich darin zurecht
zu finden. Gedankenlose Abschreiber haben dann nicht selten die
allergrößte Verwirrung angerichtet, zuweilen gar die Jahreszahlen ganz
fortgelassen[2].

 [1] Vgl. die Schriftprobe der Annales Corbejenses, MG. SS. III. Tab.
     1. Sickel in den Forschungen IV, 451 und ib. 454-461 über die
     älteste im Original erhaltene Fulder Ostertafel mit Annalen.

 [2] So bei den Ann. Ottenb. MG. SS. V, 1.

Um diese Annalen also mit Sicherheit benutzen zu können, um an ihnen
wirklich eine zuverlässige Grundlage für die Zeitrechnung zu gewinnen,
kommt natürlich alles darauf an, ihre Herstammung und Abkunft zu
erforschen, spätere Zusätze auszuscheiden, ihrem Ursprung so nahe wie
möglich zu kommen, wenn man nicht das Original selbst noch aufzufinden
vermag.

Das ist es, was für die gesammte Masse der Annalen aus karolingischer
Zeit zum ersten Male von Pertz im ersten Bande der Monumenta geleistet
worden ist, und zwar in so ausgezeichneter Weise und mit so umfassender
Benutzung des bis dahin bekannt gewordenen handschriftlichen und
gedruckten Materials, daß hier für alle weiteren Forschungen die
sicherste Grundlage gegeben ist[3].

 [3] S. den Bericht von Pertz im Archiv VI, 258 ff.

Es ist jedoch gleich hier auf eine Unterscheidung hinzuweisen, welche
erst durch die fortgesetzte Beschäftigung mit dieser eigenthümlichen
Form der Geschichtschreibung sich immer deutlicher herausgestellt hat.
Zu allgemein hat man anfangs, von späteren Zuständen rückschließend,
die Klöster für die Ursprungstätte dieser Aufzeichnungen angesehen;
man suchte in allen Annalen nach localen Andeutungen, welche in irgend
ein Kloster führen. Auch giebt es wirklich viele Annalen, welche
sich dazu eignen; sie verbinden in buntem Gemisch die Hausgeschichte
mit Vorfällen von allgemeinerer Bedeutung, die aber in diesem Falle
keine zusammenhängende Folge darstellen. Findet sich dagegen eine
Reichsgeschichte, welche, wenn auch noch so dürftig, doch das Bestreben
nach vollständiger Mittheilung dessen zeigt, was vom Mittelpunkt aus
gesehen das ganze Reich betrifft, so wird man den Ursprung schwerlich
in einem Kloster zu suchen haben, und wenn hin und wieder eine locale
Notiz sich findet, ist sie wahrscheinlich, oft nachweisbar, einer
Abschrift zugesetzt. Den Klöstern lag ein solcher Gesichtspunkt
ursprünglich ganz fern, während der Hof damals noch wirklich den
lebendigen Mittelpunkt des Reiches bildete, an dessen Bewegungen
und Heerfahrten auch die Bischöfe mit ihren Caplänen fortwährend
sich betheiligen mußten. Die Aebte aber, welche in denselben Strudel
hineingezogen wurden, waren entweder geradezu Laienäbte, oder
sie entfremdeten sich doch durch solch unklösterliches Leben der
Genossenschaft der Mönche. Es hat freilich neuerdings H. v. Sybel
für die klösterliche Herkunft von neuem das Wort ergriffen[4], und
namentlich behauptet, daß man, was in den sog. Königsannalen steht,
im Kloster Lorsch recht gut in Erfahrung bringen konnte. Ich gebe
das gerne zu, kann mir aber nicht vorstellen, daß schon im achten
Jahrhundert der Sinn der Mönche in so hohem Grade den weltlichen
Dingen zugewandt war, was doch auch später nur ausnahmsweise der Fall
gewesen ist. Nur für wenige Klöster hatten die jährlichen Feldzüge ein
unmittelbares Interesse.

 [4] Hist. Zeitschr. XLII, 265. Kleine hist. Schriften III, 1 ff.

Es hatte nun wohl den Anschein, als ob man die allmähliche Entstehung
der geschichtlichen Ueberlieferung aus den unscheinbarsten Anfängen,
die Verbindung verschiedener Aufzeichnungen und ihre nun schon
besser gelungene Fortführung deutlich vor Augen habe; man glaubte
eben jene ersten Anfänge in ursprünglicher Gestalt zu besitzen, und
bezweifelte, daß es in jener Zeit des wenig federfertigen achten
Jahrhunderts viel mehr und bessere Aufzeichnungen gegeben habe, als
uns noch jetzt vorliegen. Allein die fortgesetzte Beschäftigung mit
diesen Annalen zeigt in so hohem Grade Uebereinstimmung derselben
in vielen Notizen, während doch andere Sätze sich nur in dem einen
Exemplar, zugleich jedoch in anderen ganz entlegenen Annalen finden,
auch Spuren alter guter Ueberlieferung, die plötzlich in jüngeren
Compilationen auftauchen, daß hier, wie in manchen Fällen aus
späterer Zeit, kein anderer Ausweg möglich zu bleiben scheint, als
die Annahme verlorener Aufzeichnungen, aus welchen nur Excerpte
uns vorliegen; wir besitzen nur Bruchstücke einer einst vorhanden
gewesenen reicheren Litteratur, die wir uns aber doch hüten müssen,
uns zu bedeutend vorzustellen. Große Vorsicht ist hier nothwendig,
und eben diese Vorsicht vermisse ich bei Is. Bernays[5], dessen
Zusammenstellungen häufig gerade den entgegengesetzten Eindruck
machen, indem nur die notorischen Thatsachen übereinstimmen, im
Ausdruck aber die größtmögliche Verschiedenheit geradezu aufgesucht
sein müßte. Weit vorsichtiger dagegen ist R. Arnold[6] verfahren, und
doch scheint auch dessen Annahme von Hofannalen von 771 oder 772 an
eine unbegründete zu sein, indem ihr von Waitz[7] die erheblichsten
Gründe entgegengestellt sind. Ein solches Werk müßte deutlichere Spuren
hinterlassen haben, und als Regel werden wir doch festzuhalten haben,
daß man mühsam die dürftigen Aufzeichnungen zusammen arbeitete, und
mit einer uns oft unbegreiflichen Sorglosigkeit häufig einzelne Sätze
aus einer zugänglich gewordenen Quelle herübernahm, andere bedeutendere
Nachrichten aber unberührt ließ.

 [5] Zur Kritik Karolingischer Annalen, Straßb. 1883. In einem dadurch
     veranlaßten Aufsatz HZ. LIV (1885) S. 55-70 bestreitet G. Kaufmann
     überhaupt den Nutzen solcher Untersuchungen und die Möglichkeit
     gesicherter Erfolge.

 [6] Beiträge zur Kritik Karolingischer Annalen, Diss. Lips.
     1878. Für Hofannalen von 785-803 ist E. Seraphim eingetreten.
     Quellenkritische Untersuchungen der kleineren Karol. Annalen.
     Progr. d. livländ. Landesgymn. Fellin 1887.

 [7] Neues Archiv V, 497 ff.

Als erste Quellen dieser Art können wir zwar nicht mehr die Ann.
S. Amandi und Ann. Mosellani, wie sie uns vorliegen, betrachten,
aber doch die etwas reichere Quelle der Ann. S. Amandi bis 769 und
die Aufzeichnungen, welche den wesentlichen Inhalt der Mosellani
ausmachen, bis 764 (oder 760?) annehmen. Nach Arnolds Ansicht wären
diese in oder bei Metz (Gorze?) compiliert und im siebenten Jahrzehnt
des achten Jahrhunderts mit eigenen, ziemlich reichhaltigen Zusätzen
vermehrt, die bis c. 771 reichten. Dieses nicht mehr vorhandene Werk
betrachtet Arnold als die gemeinsame Quelle der Annales Petaviani,
die nebenbei bis 737 noch ein Exemplar der Ann. S. Amandi oder ihrer
Quelle benutzten, und seit 760 einen officiellen Charakter tragen,
der Annales Maximiniani, die nebenher noch andere Quellen benutzten,
und wieder eines verlorenen Werkes, das im ersten Theile durch Notizen
über Angelsachsen vermehrt war, und fast ganz rein vorliegt in den Ann.
Mosellani und den Ann. Laureshamenses. Doch hat in Betreff der Annales
Maximiani G. Waitz dieser Annahme sehr entschieden widersprochen und
dadurch das ganze künstliche Gebäude erschüttert.

Die =Annales S. Amandi=[8] haben diese Benennung von Pertz erhalten,
weil 782 und 809 Beziehungen auf das Kloster Saint-Amand vorkommen;
dem früheren Theile fehlen sie und der Inhalt ist durchaus
reichsgeschichtlich. Die Ursprünglichkeit ihrer jetzt vorliegenden
Form ist angegriffen, eine verlorene Quelle oder etwas reichere Form
angenommen, aber als ein ziemlich treues Abbild dieser eben beginnenden
Annalistik werden wir sie doch betrachten dürfen.

 [8] _Annales Sancti Amandi_ a. 687-810, MG. I. 6-11. Die nach dem
     Besitzer der Handschrift genannten _Ann. Tiliani_ (ib. p. 6-8)
     sind von 708 bis 737 nach Arnold, S. 53-55, aus der Quelle der
     Ann. S. Amandi geflossen, in ihrem zweiten Theil 741 bis 807
     (S. 219-224) aus den Ann. Lauriss. entnommen. Zu erkennen sind
     die Notizen bis 771 auch in den dürftigen _Ann. Sangallenses
     Baluzii_ p. 63, e cod. 124. welche nach Arnold, S. 42-47, aus
     der von ihm angenommenen Compilation stammen, weiterhin aus den
     Hofannalen. Ausg. v. Henking, Sanctgaller Mitth. XIX, 224-265;
     nach S. 340 stammen sie bis 764 aus gleicher Quelle mit d. Ann.
     S. Amandi u. sind auch weiterhin ein Auszug, nicht Original. Die
     _Ann. Laubac._ SS. I, p. 7-12. 15. 52, und ihre Gruppe behandelt
     Arnold, S. 55-61. Er erkennt in den Laubac. bis 814 eine mit
     einigen Zusätzen versehene Umarbeitung der Ann. S. Amandi, welche
     kürzer in den Ann. Auscienses, Augienses brevissimi, S. Germani
     minores, vielleicht ebenso in den _Ann. S. Amandi breves_ (SS.
     II, 184, von 742-855) und Ann. Bawarici breves benutzt, auch im
     Chron. Lausonense nicht zu verkennen sei. Verwandt, aber ganz
     unbedeutend, sind die _Ann. S. Amandi brevissimi_, 760 bis 796,
     SS. XIII, 38. und _Ann. Regum Sangallenses_, 687-855, SS. XIII,
     717 u. NA. V, 428. Vgl. über die Laubac. auch B. Simson, Forsch.
     XXV, 375-377. Seraphim S. 8-12, der sie von ursprünglich reicheren
     Ann. S. Amandi ableitet. -- Ann. 759-805 im Cod. Vat. Christ.
     213, Arch. XII, 270, vgl. Waitz, HZ. XXVIII, 200, sind das Fragm.
     Chesnianum der Ann. Laureshamenses, NA. II, 329.

Vom ersten Anfang an sind diese Annalen karolingisch. Sie beginnen mit
der dauernden Festsetzung dieses Hauses im Besitz der Macht, mit der
Begründung einer neuen Ordnung der Dinge, der Morgendämmerung einer
besseren Zeit, welche wieder Hoffnungen erweckte und die Seelen nicht
mehr mit dem trostlosen Gedanken von dem nahe bevorstehenden Untergange
der Welt erfüllte.

Die am Eingang stehende Nachricht von der Schlacht bei Tertri 687 ist
nachträglich zugesetzt; die regelmäßig fortgesetzten Aufzeichnungen
beginnen erst 708, und auch von da an möchte ich noch nicht behaupten,
daß gleich von Anfang an alles gleichzeitig eingetragen wäre; die
Form der kurzen und noch sehr dürftigen Bemerkungen, wenn man z.
B. zu dem Jahr 708, wo Ostern auf den 15. April fiel, an den Rand
schrieb: (Das war damals) als Drogo im Frühjahr starb[9] -- deutet
eher auf ein späteres Besinnen und Ueberdenken der Vergangenheit.
Auch ist das ganz natürlich; so lange der Eindruck noch frisch ist,
fühlt man kein Bedürfniß ihn künstlich festzuhalten, und erst später
macht sich das Verlangen geltend, die verschiedenen Erinnerungen aus
einander zu halten und zu ordnen. Wenn aber nun eine Reihe solcher
Aufzeichnungen beisammen ist, dann ändert sich der Gesichtspunkt,
man legt Werth auf diese Zusammenstellung und setzt sie um ihrer
selbst willen fort, trägt Jahr für Jahr die wichtigsten Begebenheiten
ein, um für spätere Zeiten ein Denkmal zu hinterlassen. Jene Annalen
nun, welche in ihrer Fortsetzung bis 810 deutliche Beziehungen zu
=Saint-Amand= enthalten, entbehren in ihrem früheren Theile bis 771
und noch darüber hinaus jeder Hinweisung auf dieses Kloster oder
dessen Umgegend; sie verzeichnen nur die großen Reichsbegebenheiten,
die Feldzüge jedes Jahres und zuweilen einen Todesfall oder einen
anderen merkwürdigen Vorfall, so kurz, daß die eigentliche Kenntniß
von den Dingen vorausgesetzt wird; an Erzählung ist kein Gedanke,
nur an chronologische Ordnung der Erinnerungen. Giesebrecht hält die
Aufzeichnung dieser Notizen im Cölnischen für sehr wahrscheinlich und
möchte den Schottenmönchen zu St. Martin, Pippins von Heristal Stiftung
in Cöln, dieses Verdienst zuschreiben. Allein daß 713 Suitberts Tod,
716 Radbots Vordringen bis nach Cöln erwähnt wird, daß 753 gerade
wie in den Annales Mosellani der Tod des Bischofs Hildegar von Cöln,
auf dem Feldzug gegen die Sachsen angemerkt wird, das berechtigt uns
noch nicht zu einer bestimmteren Annahme über die Herkunft dieser
Jahrbücher. Vorzüglich in den Klöstern Belgiens weit verbreitet, sind
sie durch Zusätze und Fortsetzungen immer mehr angewachsen, bis sie
endlich Sigebert von Gembloux zur Grundlage seiner gewaltigen Chronik
dienten, aber in ihren Anfängen weist nichts nach einer bestimmten
Gegend. Nichts tritt dagegen so sehr in den Vordergrund, wie die
Familie der Hausmeier, und man kann sie daher wohl mit besserem
Rechte, als irgend einem Kloster, einem Mitglied der Hofgeistlichkeit
zuschreiben.

 [9] Quando Droco mortuus fuit in vernale tempore.

Ganz denselben Charakter tragen auch die gleichzeitigen =Annales
Mosellani=[10], deren Entdeckung in Petersburg durch Lappenberg ein
unerwartetes Licht auf das Verhältniß der ältesten Annalen zu einander
geworfen hat, vorzüglich nachdem Giesebrecht in seiner scharfsinnigen
Abhandlung über die fränkischen Königsannalen[11] die Folgerungen,
welche dem ersten Herausgeber noch entgangen waren, daraus gezogen
hat. Weiter ist dann, wie schon oben erwähnt, durch R. Arnold das
gegenseitige Verhältniß der Annalen eingehend untersucht.

 [10] Von 703 bis 797, SS. XVI, 491-499. Den Namen wählte Lappenberg
      wegen der Beziehungen zu Klöstern an der oberen Mosel, welche sich
      darin finden.

 [11] Münch. Hist. Jahrb. (1865) S. 185-238; vgl. hier vorzüglich S.
      224 bis 226.

An der Spitze der Annales Mosellani (welche nach Arnold, wie sie
uns vorliegen, schon aus einer Vermischung mit denen von St. Amand
hervorgegangen sind) stehen von 704 bis 707 irische Namen. Diese bilden
den Uebergang von Bedas kleiner Chronik in der Schrift de temporibus,
an welche sie sich anschlossen, zu der Nachricht von Drogo's Tod 708,
die auch hier die fränkischen Eintragungen eröffnet. 713 ist der Tod
einer englischen Prinzessin, eines Königs von Ostangeln bemerkt, 726
und 729 unbekannte irische Namen. Erwähnt wird ferner 726 der Tod
Martins, welcher nach den Ann. Petav. ein Mönch von Corbie und Karls
Beichtvater war, 736 Audoins des Bischofs von Constanz, dessen Name
so wenig etwas für die Herkunft der Annalen beweisen kann, wie 728
die Erwähnung Haldulfs von Cambrai, der zugleich Abt von St. Vaast
war. Dagegen finden sich von 761 an Beziehungen zu Chrodegang von
Metz, dessen hervorragende Stellung im Reiche ganz geeignet war,
die Abschrift solcher, vielleicht in Metz ursprünglich entstandener
Aufzeichnungen und ihre Fortführung zu veranlassen, war er doch am
Hofe Karl Martels aufgewachsen und hatte 742 von Pippin das Bisthum
erhalten[12]. Pückert hat darauf hingewiesen, daß sein Bruder Gundeland
Abt von Lorsch war, was auf das in Lorsch so früh hervortretende
Interesse für Geschichte eingewirkt haben mag.

 [12] Seine Regula Canonicorum hat W. Schmitz herausgegeben mit Facs.
      der zum Theil in tironischen Noten geschriebenen Handschrift,
      Hann. 1889.

Kaum waren diese ersten Versuche geschichtlicher Thätigkeit gewagt,
so begann man auch schon ihren Werth sowohl wie ihre Unvollkommenheit
zu empfinden; man copirte sie und bereicherte sie zugleich durch
Verbindung der verschiedenen Exemplare, ohne sich jedoch noch eine
redigirende Thätigkeit zu erlauben, welche das nothdürftigste Maß
überschritten hätte. Diese Gewissenhaftigkeit sowohl wie die ersten
Regungen einer combinierenden wissenschaftlichen Thätigkeit liegen
uns, wenn wir Arnold glauben dürfen, nicht mehr in dem ursprünglichen
Product vor, wohl aber in verschiedenen Ableitungen, vorzüglich in den
=Annales Petaviani=, welche von dem früheren Besitzer der Handschrift
ihren Namen haben[13]. Sie verbinden nämlich bis 771 die beiden bisher
betrachteten Annalen, an welche sich von da an eine schon wirklich
erzählende, völlig gleichzeitige und zuverlässige[14] Fortsetzung bis
799 anschließt, die bei dem Mangel aller localen Färbung wiederum nur
für den Königshof, den Mittelpunkt aller Unternehmungen, in Anspruch
genommen werden kann. Eine Abschrift, welche nur bis 796 reicht (Cod.
Masciacensis), gewährt Zusätze, welche aus dem Martinskloster zu Tours
zu stammen scheinen, während die beiden anderen specielle Angaben
über die karolingische Familie hinzufügen[15]. Arnold freilich (S.
28) bestreitet die Richtigkeit jener Bezeichnung als gleichzeitig
und zuverlässig, weil der Verfasser schlechtes Latein schrieb,
worin ich einen Gegengrund nicht zu erkennen vermag. Erheblicher
sind einige Ungenauigkeiten, welche er nachweist, und mehr noch
die Uebereinstimmung in manchen Angaben und Ausdrücken mit den Ann.
Laureshamenses. Aehnliche Spuren in anderen Annalen führen ihn zu der
Annahme von verlorenen =Hofannalen= (S. 52), welche 771 oder 772 nach
dem Beginn der Alleinherrschaft Karls angefangen, etwa bis 803 (Ende
der Lauresham.) oder 801 (Ende der Guelferbyt.) fortgeführt wurden,
ziemlich umfangreich waren, und deshalb in sehr verschiedener Weise
ausgenutzt wurden, ihre Spuren aber in vielen Annalen hinterlassen
haben. Vielleicht durch die überwiegende Autorität und Verbreitung
der sog. Königsannalen (Laurissenses) wäre das ältere Werk in den
Hintergrund gedrängt und endlich verloren. Einen geradezu officiellen
Charakter und Ursprung will Arnold nicht annehmen, wohl aber
Entstehung am Hofe, welche auch mir unzweifelhaft ist. Als Auszug aus
diesen Annalen hätten wir also auch den letzten Theil der Petaviani
zu betrachten, welcher durch ceremonielle Ausdrucksweise deutlich
höfischen Ursprung zeigt. Beginnt diese schon 760, so kann sie auf
diese Strecke durch Ueberarbeitung übertragen sein. Doch wird, wie
schon erwähnt, von Waitz die Existenz solcher Hofannalen bestritten,
und wir werden wenigstens nur mit großer Vorsicht von einem solchen
Werke reden dürfen.

 [13] _Ann. Petav._ (697) 708-799, MG. SS. I, 7-18; cf. III, 170.
      Arch. VII, 271. Ohne Zusätze, ex codice Vat. Christ. 520, olim
      Corbejensi, deinde Petri Danielis, in A. Mai's Spicil. Rom. VI,
      181-190. Auch die Angabe über Karls Geburt 747 (= Laubac.) fehlt
      hier.

 [14] Diese Ausdrücke sind natürlich nur relativ gemeint. Seraphim,
      S. 26-31, sieht in diesen Ann. nur ein „schlechtes Excerpt der
      Hofannalen“.

 [15] S. Hahn. Sur le lieu de naissance de Charlemagne p. 76. Da
      Remedius Pippins Halbbruder war, ist kein Grund, mit Giesebrecht
      wegen der Notiz über ihn an eine Aufzeichnung in Rouen zu denken.

Neben dieser Fortführung der Annales Petaviani wurden nun auch jene
=Ann. Mosellani= in gleicher Weise fortgesetzt, ebenfalls schon von
dem ersten Hauch der karolingischen Zeit berührt und von räthselhaften
Notizen zur Erzählung übergehend; doch lassen auch hier auffallende
Uebereinstimmungen anstatt ganz selbständiger gleichzeitiger
Aufzeichnung vielmehr Benutzung einer gemeinsamen Quelle voraussetzen.
Wenn nun in diesem Theile zweimal der Tod eines Abtes von Lorsch
erwähnt wird, so darf das nicht auffallen bei einem Kleriker, der etwa
im Gefolge des Bischofs von Metz dem Hoflager folgte; ein Mönch aber
hätte wohl schwerlich so ausschließlich seinen Blick auf den König und
die allgemeinen Reichsbegebenheiten richten können. Nach dem Jahre 785
sind diese Annalen wiederum durch Abschriften verbreitet; diejenigen,
welche Pertz wegen einiger localer Zusätze =Annales Laureshamenses=
genannt hat[16], eine aus gemeinsamer Quelle stammende Nebenform
der Mosellani, erhielten von da ab zwei verschiedene ausführliche
Fortsetzungen bis 803 und 806; in den Annales Mosellani aber fehlen die
Jahre 786 und 787, und die weitere Fortsetzung bis 798 ist um ein Jahr
verschoben, also da sie doch offenbar gleichzeitig verfaßt ist, erst
nachträglich hier eingetragen.

 [16] _Annales Laureshamenses_ MG. I, 22-39, bis 768 neben den Ann.
      Alam. Guelferbyt. und Nazar. gedruckt. Die damals in St. Paul
      vergeblich gesuchte Hs. ist von Dr. Holder gefunden, und von
      Katz im Jahresbericht des Stifts 1889 herausgegeben, vgl. NA.
      XV, 425. Ueber das Fragmentum Chesnianum, eine abweichende Form
      dieser Annalen s. Dünzelmann, NA. II, 511, u. Katz. Die zweite
      Fortsetzung ist 791-806 identisch mit den Laurissenses. Ueber eine
      weitere Fortsetzung 803-818 s. unten § 10 zum Chron. Moissiacense.
      Gerade bis 785 (731-753 mit Verschiebung der Jahreszahlen)
      finden sich die Ann. Mosell. auch excerpirt in den _Annales
      Flaciniacenses_, einer chronologischen Compilation von 816 (doch
      vgl. Waitz im NA. V, 484) und von da an gleichzeitig fortgesetzt
      bis 879. Dazu geschrieben sind die _Annales Lausonenses_,
      Lausanner Notizen bis 968. 985. MG. SS. III, 150; neue berichtigte
      Ausg. von Jaffé in Mommsens Cassiodor p. 684-689; vgl. dazu Waitz,
      NA. V, 484. Vollständiger finden sich die Ann. Laus. in dem sog.
      _Chronicon Laus. Chartularii_ (ed. Gingins, Mém. et Doc. de la
      Suisse Romande (1851) VI, 5-10; Cibrario e Promis, Documenti
      p. 326-331; Waitz, SS. XXIV, 774-810), in dem sich vorher die
      Ann. Weißenburgenses benutzt finden, nebst Spuren gleichzeitiger
      Annalen saec. IX. Einzelne ältere Notizen 592. 688 ff. sind
      vorgesetzt, eine Fortsetzung bis 1056 enthält fast nur die Folge
      der Bischöfe.

Eine andere Fortsetzung von 786 bis 796 hat G. Waitz nachgewiesen in
den Annalen von 741 bis 811, welche nach dem Fundort der Handschrift
von dem ersten Herausgeber, Baron von Reiffenberg, =Maximiniani=
genannt sind[17].

 [17] Compte-rendu des séances de la Commission roy. d'histoire, VIII
      (1844) 307-322; vgl. Gött. Nachrichten 1871, S. 307-322. Ausg. von
      Waitz SS. XIII, 19-25, und Abhandlung darüber im NA. V, 475-501.

Auch diese hat Arnold als Auszug aus den von ihm angenommenen
Hofannalen in Anspruch genommen und gerade auf sie großes Gewicht
gelegt; er glaubte nicht, daß dieser Annalist so viele verschiedene
Annalen, wie Waitz annahm, benutzt und doch wieder so viele wichtige
Dinge, die auch darin standen, übergangen haben könne. Allein hier ist
ihm Waitz scharf entgegengetreten, indem er nachwies, daß die Ableitung
aus verschiedenen Elementen sich durch das Verhältniß zu anderen
Quellengruppen mit voller Sicherheit darthun läßt. Aufgeklärt wurde
die ganze Sachlage freilich erst durch die neue von Waitz gegebene
Ausgabe und die Sonderung der Annalen von der Chronik bis 741, an
welche sie sich anschließen und zu deren Fortsetzung sie bestimmt zu
sein scheinen. Diese, schon oben S. 129 kurz erwähnt, wird später zu
besprechen sein. Die Annalen sind eine um oder bald nach 811 verfaßte
Compilation, zu welcher die Gesta Pontificum Romanorum (doch noch
nicht die Vita Leonis III) mit verschiedenen Annalen in ziemlich freier
Weise, mit einigen willkürlichen Zusätzen, verbunden sind. Als solche
hier benutzte Annalen sind nachgewiesen die Mosellano-Laureshamenses,
d. h. die gemeinsame Quelle beider, und die Petaviani noch 778,
vielleicht 779, dann die Laurissenses mit Zusätzen aus einer
unbekannten Quelle, bis 811, wo ein Abschnitt derselben, das Ende einer
Bearbeitung, wahrscheinlich ist. Eigenthümlich aber ist von 786 bis
796 die Benutzung von Annalen, welche wegen besonders hervortretender
Berücksichtigung von Baiern dort geschrieben zu sein scheinen, und
welche wie B. Simson zuerst bemerkt, ebenfalls und ebensoweit in den
Annales Xantenses benutzt sind. Ebensoweit reicht auch die von Arnold
nachgewiesene Verwandtschaft mit den Juvavenses minores, welchen die
Mos. Laur. fremd sind; sie tritt aber auch schon früher, schon 743, und
überall da hervor, wo nicht die Mos. Laur. Quelle sind, so daß also die
Existenz einer anderen, den Laurissenses majores verwandten Redaction
fränkischer Annalen anzunehmen ist, an welche die Fortsetzung von 786
bis 796 sich anschloß. Berührung ist auch mit den Ann. Juvav. maj.
und S. Emmerammi maj. vorhanden, welche nach Waitz von den Maximiniani
direct oder mittelbar abhängig sind[18]. Wir werden auf dieses Werk noch
zurückkommen.

 [18] Diese Ansicht bekämpft wieder Seraphim, S. 66, indem er S. 61 bis
      73 ausführlich von den kleinen bair. Ann. handelt.

Andere gleichzeitige Aufzeichnungen, welche nach dem Fundort der
Handschrift =Guelferbytani= genannt werden, beginnen erst mit Pippins
Regierung 741. Sie weisen durch die Folge der Aebte deutlich auf das
727 gegründete Kloster =Murbach= in den Vogesen, und verfolgen die
Reichsbegebenheiten nicht so gleichmäßig wie jene anderen Annalen,
welche wir mit ihnen gemischt bis 768 in den =Annales Alamannici= und
=Nazariani= wiederfinden, deren Anfang von 708 an ebenfalls den Annales
Mosellani entnommen ist. Von 771 bis 790 folgt hier eine weitere
Fortsetzung, von ganz allgemeinem Charakter, welche in den Annales
Nazariani am vollständigsten erhalten, im Wolfenbüttler Codex allein
noch bis 805 weitergeführt ist[19], während die Annales Alamannici
eine selbständige Fortsetzung 790 bis 799 erhielten[20]. Diese Annalen
verbreiteten sich weithin durch die Klöster Schwabens und gelangten
auch nach Hersfeld, wo an diesen Anfang Lamberts Geschichtswerk sich
anlehnte, während auf den aus gleicher Quelle stammenden Reichenauer
Annalen Hermann der Lahme seine Chronik erbaute.

 [19] Für die Jahre 802-805 nach Heigel Auszug einer ausführlicheren
      Version der Königsannalen, welche in den Ann. Mett. erhalten ist.
      S. Heigel: Ueber die aus den alten Murbacher Annalen abgeleiteten
      Quellen. Forsch. V, 397-403; zustimmend, gegen Arnold, Waitz,
      Forsch. XX, 391. Seraphim S. 32-61. -- Der von Pertz im Arch.
      VII, 1018 angeführte Murbacher Bibliothekskatalog saec. IX vel
      X ist gedruckt bei Senebier. Cat. de la bibl. de Genève S. 77;
      vollständig von H. Hagen, Neue Jahrbb. f. Philol. CXVI (1877),
      865-871. Doch bemerkt schon Pertz, Arch. VIII, 257, daß er nach
      Reichenau zu gehören scheine. Geschichtlich ist darin nur Greg.
      Turon. und Vita et gesta Caroli.

 [20] _Ann. Guelferbyt._ 741-790, MG. I, 22-31; 40-44 neben den _Alam._
      und _Nazariani_; dann folgen die weiteren Fortsetzungen der
      Guelf. und Alamannici. Neue Ausg. der Alam. nach dem in Zürich
      wiedergefundenen Original von Henking, Mitth. z. vaterl. Gesch.
      XIX, S. 224-265. Arnold, S. 37-42, leitet die Forts. 771-790 und
      790-799 von den Hofannalen ab; desgl. Seraphim S. 32-39. Nach
      Dünzelmann wären die Alam. erst um 800 compilirt u. schöpften
      aus den Lauresh. u. Guelferbytanis, NA. II, 511. Untersuchung
      von Henking a. a. O. S. 347 ff. Danach ist bis 799 noch eine
      gemeinsame Quelle kenntlich, Fortsetzung der vorhergehenden,
      welche theils in Gorze, theils in Murbach überarbeitet wurde.
      Vgl. über die weitere Verbreitung dieser Annalen Waitz in Schmidts
      Zeitschrift II, 51.

Besonders merkwürdig sind die von Pertz in einer Handschrift des
Klosters St. =Germain-des-Prés= entdeckten Annalen[21], welche im Anfang
des neunten Jahrhunderts aus einer älteren Handschrift abgeschrieben
sind, und wie gewöhnlich zur Eintragung der dortigen Annalen benutzt
wurden. An der Spitze stehen hier ganz kurze Annalen von =Lindisfarne=
(643-664), einem Bisthum auf einer der kleinen Inseln an der Ostküste
von Northumberland, jetzt Holyisland bei Berwick, welches von Hy aus
begründet war. Darauf folgen von 673 bis 690 Notizen aus Canterbury.
Nach Pertz' Vermuthung war es =Alcuin=, welcher diese Handschrift mit
sich an Karls Hof brachte, wo er von 782 bis 787 (792) die Namen der
Orte eintrug, an welchen Karl in diesen Jahren das Osterfest feierte.
Daran haben nun die Mönche von St. Germain ihre eigenen Annalen
gefügt[22], als deren Grundlage jetzt Annalen von =Saint-Denis= bis
887, mit einer Fortsetzung 919-997 erkannt sind[23]. Jene Notizen über
die Osterfeier von 782 bis 787 aber finden wir auch in einer anderen
Handschrift wieder, jedoch ohne die Bemerkungen aus Canterbury.
Dieses Exemplar nämlich hat Arn, der Freund Alcuins, nach =Salzburg=
mitgenommen; die Orte der Osterfeier sind hier bis 797 genannt, und
dann schließen sich Salzburger Nachrichten daran[24]. In Salzburg
selbst hatte man damals aber bereits einheimische ältere Annalen, deren
Spuren sich in den späteren Jahrbüchern vorfinden[25]. Scheinbar bieten
sich uns in diesen viel reichere und vollständigere Aufzeichnungen
dar, allein es läßt sich mit Bestimmtheit nachweisen, daß diese erst
im zwölften Jahrhundert nach Vermuthungen und gelehrter Berechnung
zusammengestellt wurden, um die Dürftigkeit der alten Annalen zu
ergänzen. Wie bedeutende alte Quellen aber verloren, und so lange sie
noch vorhanden waren, unbeachtet geblieben sind, zeigen uns die von
Riezler nachgewiesenen, sehr wichtigen Fragmente, welche Aventin aus
einem Buch von „Herzog Thessels Kanzler mit Namen =Crantz=“ gerettet
hat[26].

 [21] MG. SS. IV, 2, _Ann. Alcuini_. Ein ähnliches Exemplar bis 792, mit
      Verbesserungen, aus Saint-Benôit-sur-Loire, bei Delisle, Catal.
      du Fonds Libri, p. 70.

 [22] _Ann. S. Germani minores_ 642-919, im Anfang des zehnten
      Jahrhunderts geschrieben, den Murbacher und besonders den Ann.
      Aug. brevissimi (SS. III, 136) verwandt (vgl. Seraphim S. 73-75),
      von geringer Bedeutung; die Fortsetzung 923-1146 sehr dürftig.
      Die _Annales S. Germani Parisiensis_ 466-1061, III, 166-168, sind
      im elften Jahrhundert geschrieben und meist localen Inhalts,
      a. 987 ist, wie Dümmler bemerkt, _captum_ irrig in _Capetus_
      verändert. Die _Translatio S. Germani_ (755) bei Mab. III, 2,
      104-118, Acta SS. Mai. VI, 788-796, beschreibt die Translation,
      bei welcher Pippin geholfen und Palaiseau geschenkt haben soll.
      Daß die Erzählung Karl dem Gr. in den Mund gelegt wird, hielt ich
      für Fiction, sie wird in Schutz genommen von Oelsner, Pippin S.
      501, und jetzt auch von Waitz, Ex translationibus et miraculis
      S. Germani Excerpta, SS. XV, 5-9. B. Simson, Jahrb. Karls I, 9,
      verhält sich skeptisch, um so mehr, da Aimoin die Schrift nicht
      kennt.

 [23] _Annales S. Dionysii_, ed. E. Berger, Bibl. de l'École des chartes
      XL (1879), 261-295; SS. XIII, 718-721 von Waitz die Annalen mit
      der in die Ann. S. Germ. min. übergegangenen Fortsetzung; aus den
      weiteren Fortsetzungen nur Auszüge.

 [24] _Ann. Juvavenses majores_ 550-855, 976, leider mit einer großen
      Lücke in der wichtigsten Zeit, MG. I, 87 nach Eckhardt. Benutzung
      der Ann. S. Amandi, wie Giesebrecht a. a. O. S. 228 meint, scheint
      mir zweifelhaft. _Ann. Juvavenses minores_ 742-814 (I, 88) sind
      816 geschrieben; über eine darin benutzte Quelle s. oben S. 147.
      Nach Auffindung der Handschrift in Würzburg sind diese beiden
      Annalen leider nicht neu abgedruckt, sondern SS. III, 122 mit
      keineswegs erschöpfenden Berichtigungen und Supplementen versehen.
      -- _Ann. Salisb._ 499-1049 (I, 89) von 784 an gleichzeitig, der
      Anfang saec. XII ergänzt, vorherrschend local. -- _Annales S.
      Emmerammi majores_ 748-823. _minores_ 732-1062, MG. I, 92 bis 94.
      Wiederholt bei Karl Roth, Verzeichniß der Freisinger Urkk. von
      Corb. bis Egilbert (München 1855) S. 89-92 nach der Handschrift;
      minores jetzt auch SS. XIII, 47. _Ann. Bawarici breves_ 684-811,
      MG. SS. XX, 8, ohne Grund in zwei Stücke getheilt, zu derselben
      Gruppe gehörig; vgl. Arnold S. 50.

 [25] Den Ann. S. Rudberti, MG. SS. IX, 758.

 [26] Ein verlorenes baierisches Geschichtswerk des 8. Jahrhunderts,
      Münch. SB. 1881, I, 247-291, vgl. S. 389. Einige Verbesserungen
      von W. Meyer: Philol. Bemerkungen zu Aventins Annalen (Abh. d.
      Münch. Ak. I. Cl. XVII, III) S. 762. Ders. weist S. 752 den Titel
      nach: „Vita Thessaloni III scripta a Creontio, qui Thessalono fuit
      ab epistolis, inc. ab a. Chr. 771 usque ad a. 796“ unter den von
      Aventin benutzten Quellen. -- Spuren davon in den Annales Salisb.
      cod. Monac. SS. XIII, 237. Die Möglichkeit eines in der Form von
      „Crantz“ wenig verschiedenen Namens zeigt v. Oefele, HZ. LI, 154.
      Zustimmend Riezler im Nachwort zur Ausgabe von Aventins Werken
      III, 577.

Namen aus Lindisfarne finden wir auch an der Spitze der Jahrbücher von
=Fulda= und von =Corvey=; letztere stammen aus der angelsächsischen
Stiftung Werden oder aus Münster, aber die 809 beginnenden
Notizen reihen sich den alten Namen des siebenten Jahrhunderts
nur ganz äußerlich an[27]. Anders in Fulda, wo diese irischen und
angelsächsischen Namen nur in zwei Abschriften an die Spitze gestellt
sind, im Original aber schon um 760 der Rand der Ostertafel mit den
leider fast ganz erloschenen Notizen von angelsächsischer Hand versehen
wurde, welche seit 790 von anderen Händen fortgeführt von 742-822
reichen. In einer anderen, jetzt Casseler Handschrift, finden sich
diese Annalen bis 814 angereiht an einen Kaiserkatalog, dem auch jene
altenglischen Annalen eingefügt sind; diese, ohne die Kaiser, und eine
Fortführung bis 833 hat auch die dritte, jetzt Münchener Handschrift
aus St. Emmeram[28]. Hier also, wie in so vielen ähnlichen Fällen,
sehen wir recht deutlich, wie auch die mangelhaftesten Aufzeichnungen
sich verbreiteten und als werthvoll betrachtet wurden, bessere also,
auch nachdem sie schon in größerer Anzahl vorhanden waren, doch wenig
Verbreitung gefunden haben müssen.

 [27] S. die Ausgabe von Jaffé, Bibl. I, 32.

 [28] _Annales Fuldenses antiqui_, ed. Pertz, MG. SS. III, 116, in
      Verbindung mit Sickels Untersuchung der Wiener Handschrift,
      Forschungen IV, 454-461. Neue Ausgabe von Fr. Kurze, Ann. Fuld.
      p. 136-138.

Die weitere Entwickelung dieser Annalen gehört einem späteren
Abschnitte an; hier waren, wenn auch manchmal schon vorgegriffen
wurde, vorzüglich nur die ersten Anfänge zu betrachten, welche noch im
höchsten Grade dürftig und armselig sind, wie sie denn auch in ihrer
ursprünglichen Gestalt als Randbemerkungen zu Ostertafeln durchaus
nicht den Anspruch machen für litterarische Erzeugnisse zu gelten. Erst
der lichteren Zeit des großen Karl gehört der Gedanke an, diese Notizen
mit anderen Nachrichten zu einem Ganzen zu verbinden, und sie dann mit
Absicht und Bewußtsein als gleichzeitige Aufzeichnung der Geschichte
weiter zu führen.


§ 4. Karl der Große. Allgemeines.

 Bethmann, Paulus Diaconus Leben und Schriften, Arch. X, 247-334. C. F.
     Baehr, De litterarum studiis a Carolo Magno revocatis ac schola
     palatina instaurata, Heidelb. 1855, 4. Desselben Geschichte der
     römischen Litteratur im Karol. Zeitalter, Carlsr. 1840. Phillips,
     Karl der Grosse im Kreise der Gelehrten, im Almanach der Kais.
     Akad. d. Wiss. 1856. S. 173-221. (Vermischte Schriften III, 93
     ff. 415 ff.) F. Dahn, Urgeschichte der germ. u. rom. Völker IV
     (1889). Litteratur unter Karl d. Großen. Dümmler, Gedichte aus
     dem Hofkreise Karls des Großen in Haupts Zeitschrift XII, 446
     bis 460. S. auch Waitz in Schmidts Zeitschrift für Geschichte
     II, 48 ff. Bernhardy, Grundriß der römischen Litteratur § 61.
     Wilh. Scherer, Ueber den Ursprung der deutschen Litteratur, Berl.
     1864, vgl. Centralblatt Sp. 572. M. Büdinger, Von den Anfängen
     des Schulzwanges, Zür. 1865. Ger. Meyer von Knonau, Ueber die
     Bedeutung Karls d. Gr. f. d. Entwicklung der Geschichtschreibung
     im 9. Jahrh. Züricher Probevorlesung 1867. -- Jahrbücher des
     Fränk. Reichs unter Karl d. Gr. I. v. S. Abel 1866 (2. Ausg. v.
     Simson 1888). II. von B. Simson 1883. Dümmler, Poetae Latini aevi
     Carolini, I. 1881, II. 1884.

Eine lange Zeit der Finsterniß liegt hinter uns. Nur geringe und
dürftige Spuren haben uns Zeugniß gegeben, daß auch in diesen
traurigen Jahrhunderten das Bedürfniß historischer Aufzeichnungen
nicht ganz erstorben war; wir haben gesehen, daß mit der beginnenden
besseren Ordnung der Dinge, der Herstellung des Reiches durch die
karolingischen Hausmeier, auch einiges Leben auf diesem Felde sich
regte, daß lebensfähige Keime zum Vorschein kamen. Aber noch ist fast
alles namenlos; seit Venantius Fortunatus und Gregor von Tours ist
uns nirgends eine bedeutende Persönlichkeit entgegengetreten. Das
Frankenreich stand noch immer an Bildung weit zurück hinter seinen
Nachbarn, als =Karl der Große= zum Throne gelangte, und die erste
Hälfte seiner Regierung war auch noch viel zu sehr vom Kriegeslärm
erfüllt, als daß er seine Aufmerksamkeit viel nach dieser Seite hin
hätte wenden können. Doch hat er in Italien schon im Jahre 776 den
Grammatiker =Paulinus=[1] mit einem Landgut beschenkt, und wir finden
diesen an seinem Hofe in Gemeinschaft mit Petrus von Pisa, befreundet
mit Alcuin, der Angilbert als ihren gemeinsamen Zögling bezeichnet.
Wahrscheinlich 787 wurde er zum Patriarchen von Aquileja erhoben.
Verschiedene Gedichte kirchlichen Inhalts haben sich von ihm erhalten
und ein Buch der Ermahnung, das er an den trefflichen Herzog Herich
von Friaul richtete, welcher mit ihm in treuer Freundschaft verbunden
war und dessen Tod 799 er eine tiefgefühlte Todtenklage widmete. Am 11.
Januar 802 ist er selbst gestorben.

 [1] „Venerabilis artis grammaticae magister.“ Er schrieb später gegen
     Felix, nahm an den verschiedenen Synoden dieser Zeit Theil, und
     starb am 11. Jan. 802. Opera ed. Madrisi 1737. Migne XCIX. Vgl.
     Ebert II, 87-91. Dümmler, NA. IV, 113-118; Poetae I, 123-148,
     darunter der Rhythmus de Herico duce Forojul. S. 131, und die wohl
     nicht von ihm herrührende Klage um Aquileja S. 142.

Ohne Zweifel hat der Aufenthalt in Italien die Veranlassung gegeben,
daß Karl aufmerksam wurde auf die unverkennbare Ueberlegenheit, welche
den Italienern ihre höhere geistige Bildung verlieh; er faßte den
Entschluß seine Franken von dem Joche der Unwissenheit zu befreien,
und von da ab finden wir ihn unablässig bemüht, mit allen Mitteln nach
diesem Ziele zu streben[2]. Der feste Grund geordneter äußerlicher
Verhältnisse und einer neu gekräftigten, von sittlichem Eifer erfüllten
Kirche war bereits vorhanden, und auf diesem Boden gediehen die
Pflanzungen Karls mit dem überraschendsten Erfolge.

 [2] Einen vermehrten Eifer, neue umfassende Maßregeln weist Scherer
     nach dem folgenden italienischen Feldzug 787 nach. Ueber die
     Zusendungen von Werken Gregors I durch Hadrian zu kirchlichem
     Zweck, aber doch auch litterarisch anregend, s. P. Ewald im NA.
     III, 440.

Schon regte sichs auch im Frankenreich. =Adam=, Haynhards Sohn aus
dem weinreichen Elsaß, Abt von Masmünster, copirte 780 zu Worms des
alten Grammatikers Diomedes Werk de oratione et partibus orationis,
und widmete es dem Könige in Versen, die metrisch freilich mangelhaft,
übrigens aber leidlich sind[3]. Im folgenden Jahre 781, als Karl das
Osterfest in Rom feierte, und Pabst Hadrian seinen Sohn Pippin aus
der Taufe hob, begann =Godesscalc= jenes Wunderwerk der Kalligraphie,
das auf Purpurpergament mit Uncialschrift ganz in Gold und Silber
geschriebene Evangeliarium, welches Karl und Hildegard zum dauernden
Andenken dieser Feier anfertigen ließen. _Providus ac sapiens,
studiosus in arte librorum_ heißt Karl in den Versen, durch welche
Godesscalc seinen Namen verewigt hat[4].

 [3] Keil, Grammatici Latini I, p. XXIX; Delisle, Cabinet des
     Manuscrits I, 3. Dümmler, NA. IV, 147; Poetae I, 93. Erst 30 Jahre
     alt, hatte er durch Karls Güte die Abtei Masmünster (Masunuilare)
     erhalten, doch wohl zur Belohnung und Förderung seiner Studien.

 [4] Früher in Saint-Sernin de Toulouse, jetzt Bibl. Nat. s. Bibl.
     de l'École des chartes XXXV, 85. Die Gemälde sind nach antiken
     Mustern, die Randverzierungen jedes Blattes theils ebenfalls
     römischen, theils irisch-englischen Ursprungs. Vgl. Piper,
     Karls des Großen Kalendarium S. 36. Bastard, pl. 81-86. Dümmler,
     Poet. I, 94. Benutzung der Schreiberverse der Mensuratio orbis
     nachgewiesen von Traube, Münch. SB. 1891, S. 406.

In diesem denkwürdigen Jahre traf auch Karl in Parma mit =Alcuin=
zusammen, den er schon früher als Boten des Yorker Erzbischofs
kennen gelernt hatte, und veranlaßte ihn an seinen Hof zu kommen; von
demselben Heereszuge brachte er =Paulus Diaconus= und den Grammatiker
=Peter von Pisa= mit nach Frankreich[5]; er lehrte am Hofe Grammatik,
unter welcher Bezeichnung die ganze Beschäftigung mit der lateinischen
Litteratur verstanden wurde. In Freundschaft mit Paulus wechselte er
scherzhafte Verse mit ihm, und Karl selbst genoß seinen Unterricht und
bediente sich seiner, wenn er an diesem poetischen Verkehr theilnahm.
Aus Spanien flüchtig, wie es scheint, kam =Theodulf= zu Karl, dessen
geistreiche und formgewandte Dichtungen das lebhafteste Bild von
Karls Hof gewähren, während er als Staatsmann und Bischof von Orléans
eine bedeutende Wirksamkeit entfaltete. Sein Gedicht an Karl nach dem
Sieg über die Avaren 796 gewährt uns die eingehendste Schilderung
des Hofes[6], während das lange und ausführliche Gedicht an die
Richter[7] für die Zustände der Zeit ungemein lehrreich ist, und sein
Capitulare[8] die Ermahnungen und Vorschriften für die Geistlichkeit
seines Sprengels enthält, welche uns die reformatorischen Bestrebungen
dieser Zeit zeigen. Unter Ludwig in Ungnade gefallen und der Theilnahme
an Bernhards Aufstand beschuldigt, verlor er sein Bisthum und ist um
821 gestorben.

 [5] Diesen Petrus hörte Alcuin schon vor Karls Zeit in Pavia mit
     einem Juden disputiren: „Idem Petrus fuit qui in palatio vestro
     grammaticam docens claruit.“ Alc. ep. ap. Jaffé, Bibl. VI,
     548; cf. Einh. V, Caroli c. 25. Damals (799) war er schon todt.
     Gedichte von Angilbert u. Karl an ihn nach seiner Heimkehr nach
     Italien hat Dümmler herausgegeben, Zeitschr. f. D. Alt. XVII, 141.
     146; Poet. I, 75. 76. Wohl von ihm ist die lat. Grammatik eines
     Petrus Grammaticus bei H. Hagen, Anecdota Helvetica (Suppl. ad
     Keilii Gramm. lat.) S. 159-171. vgl. XCVI-XCVIII; Dümmler, Poet.
     I, 73. Seine Gedichte sind bei Dümmler S. 48-56 mit denen des
     Paulus Diac. verbunden, vgl. S. 29.

 [6] Dümmler, Poet. I, 483; II, 694-697. Ich begnüge mich jetzt, auf
     diese so lange schmerzlich vermißte neue Ausgabe seiner Gedichte,
     mit dem Vorwort, zu verweisen, S. 437-581; ein Nachtrag NA. VII,
     401. Vgl. Ebert II, 70-84, Traube, Karol. Dichtungen (1888) S.
     66. 67. De Rossi bemerkt, daß I, 557 das Epit. Damasi papae,
     von ihm selbst verfaßt, irrthümlich unter Th's Gedichte gerathen
     ist. (NA. XI, 213). Anklänge an ältere Dichter bei ihm, Manitius,
     NA. XI, 561. Ein franz. Werk von Cuissard über ihn war mir nicht
     zugänglich.

 [7] Poet. I, 493. Neue Ausg. v. H. Hagen in einem Berner Univ.-Progr.
     v. 1882, vgl. NA. VIII, 422.

 [8] Theodulfi Opera ed. Sirmond, p. 1-28.

Eine etwas sagenhafte Nachricht über Computisten und Grammatiker,
welche Karl aus Rom in sein Reich berief, giebt Ademar von Chabanne
(SS. IV, 118). =Schotten= aus Irland hat er, wenn wir dem Mönch von St.
Gallen glauben dürfen, schon früher an sich gezogen[9]; hervorragend
unter ihnen ist =Dungal=, der unter Waldo's Obhut zu Saint-Denis lebte,
und 810 an den Kaiser über die Sonnenfinsterniß dieses Jahres schrieb,
vielleicht derselbe, welcher 825 in Pavia lehrte und 827 gegen Claudius
schrieb[10]; einer von ihnen lebte am Hofe in heftiger Feindschaft mit
Theodulf und Angilbert. =Joseph=, schon in England Alcuins Schüler
und mit Liudger befreundet, richtete an Karl als König einige sehr
gekünstelte Verse mit Akrostichen[11]. Er ist vor Alcuin, also vor 804,
gestorben.

  [9] Cap. 1. Ueber =Donat=, 816 Bischof von Fiesole, nachdem er vorher
      als Lehrer gewirkt hatte, s. Ozanam, Documents inédits p. 48-57.
      Seine Vita vollständig Acta SS. Oct. IX, 655-662.

 [10] Ueber ihn und den _Hibernicus exul_, welcher ein leider sehr
      fragmentarisch erhaltenes Gedicht auf Tassilo's Abfall an Karl
      richtete, s. Dümmler, NA. IV, 142. 254-256; Poet. I, 393-413. II.
      664. Traube, „O Roma nobilis“ (Abb. d. Münch. Ak. I Cl. XIX, 2,
      S. 332-337).

 [11] Zuerst in H. Hagen's Carmina Medii Aevi (Bernae 1877) p. 116
      bis 124; jetzt bei Dümmler, Poet. I, 149-159. Einige Anklänge
      nachgewiesen von Manitius, NA. XI, 558.

Vielleicht gehört zu ihnen auch =Dicuil=, in dessen 825 verfaßter
Schrift _de mensura orbis terrae_[12] der von Harun an Karl geschenkte
Elephant erwähnt wird. Er verfertigte auch Verse grammatischen Inhalts
und ein poetisches Handbuch der Astronomie in 4 Büchern, welches er in
den Jahren 814 bis 816 vollendete und Kaiser Ludwig überreichte. Dieses
ist bis jetzt noch ungedruckt geblieben.

 [12] Ausg. von G. Parthey, Berl. 1870. Benutzung der Mensuratio orbis,
      Traube, Münch. SB. 1891 S. 407. Vgl. Dümmler, NA. IV, 256 u. Poet.
      I, 666; auch Zimmer: Ueber die frühesten Berührungen der Iren mit
      den Nordgermanen, Berl. SB. 1891 S. 279 ff.

Auch =Baiern= hatte unter den Agilolfingern, in enger Verbindung mit
Italien, bereits einen höheren Grad der Bildung erreicht. Herzog Odilo
hatte Cassinenser Mönche nach =Mondsee= berufen, und Reichenauer nach
=Nieder-Altaich=; von hier entnahm Tassilo den ersten Vorsteher seiner
herrlichen Stiftung =Kremsmünster=. Vor allem aber glänzte =Freising=
unter seinem Bischof =Arbeo= oder =Aribo= (764 bis 783) durch die
Pflege der Wissenschaft[13]. Aribo selbst verfaßte in ungelenker und
schwülstiger, aber von angestrengtem Studium zeugender Schreibart die
Lebensbeschreibungen der alten Glaubensboten Emmeram und Corbinian,
deren wir oben (S. 123) schon gedachten; als Diaconen aber finden wir
an seiner Kirche =Arn= und =Leidrad=, und auch diese folgten einem Rufe
des großen Frankenkönigs. Arn erscheint in den Freisinger Urkunden
zuletzt 778; 782 erhielt er die Abtei von St. Amand. Leidrad schrieb
noch 782 eine Urkunde für Tassilo[14], dann finden wir auch ihn im
Frankenreiche wieder, wo er neben Theodulf das Amt eines königlichen
Sendboten verwaltete, und von 799 bis 813 dem Bisthum zu Lyon vorstand,
welches er dann seinem Schüler Agobard überließ, um sich in das Kloster
des h. Medardus zurückzuziehen, wo er am 28. Dec. 816 gestorben ist.
In Lyon war =Claudius= bei ihm und begann seinen Commentar zur Genesis,
den er an des jungen Ludwigs Hof in Aquitanien vollendete, in Casanolio
palatio bei Poitiers, wo 811 Faustinus das Buch abschrieb[15].

 [13] Er erscheint von 754-760 als Schreiber in der bischöflichen
      Kanzlei; als Freund der Franken fiel er gegen das Ende der
      Regierung Tassilo's bei ihm und Liutbirg in Ungnade, s. Graf
      Hundt, Ueber die Bayr. Urkunden aus der Zeit der Agilolfinger,
      Abh. d. Ak. III. Cl. XII, 182. 186, und was aus seinem Nachlaß
      im 44. u. 45. Jahresbericht des hist. Vereins von Oberbayern
      (1883) S. VII-XVII aus einer unvollendeten Abhandlung über Arbeo
      mitgetheilt ist. -- Fabelhaft und von dürftigem Inhalt ist die
      _Vita Gamulberti_, eines Gutsherren und Pfarrers aus Pippins Zeit
      in Michelsbuch, unweit des Einflusses der Isar in die Donau, Acta
      SS. Jan. II, 591-595, doch dürfte vielleicht aus den alten Hss.
      in München und Admunt eine bessere Form zu gewinnen sein.

 [14] Ueber beide s. Meichelbecks Historia Frisingensis; über Leidrad
      Baehr S. 361, Graf Hundt a. a. O. S. 181; seine Schriften
      gesammelt bei Migne XCIX, 853-886. Giesebrecht erinnert dabei
      auch an jenen alten Agilolfinger =Wicterb=, Bischof und Abt
      von St. Martin zu Tours, der 754 _jam senex, puto nonagenarius
      aut supra, dolentibus membris et caliginantibus oculis_ ein
      geistliches Werk für einen Regenten, doch wohl Tassilo, abschrieb
      und unermüdet weiter schrieb, bis er 756 starb. Rettberg II. 269.
      Daß er Abt zu Tours war, darf nach der Notiz im Cod. Masciac.
      der Ann. Petav. (MG. SS. III, 170) nicht bezweifelt werden;
      auch hatte damals dieses Kloster seinen eigenen Bischof (Gallia
      christ. XIV, 153), so daß er unter die Regensburger Bischöfe wohl
      nur durch Mißverständniß gerathen ist, und durch ein ähnliches
      Mißverständniß auch an die Spitze des erst spät zusammengestellten
      Verzeichnisses der Aebte von Groß Sanct Martin in Coeln. -- Ein
      merkwürdiges Schreiben eines (Irländers?) =Clemens= an Tassilo,
      den bair. Episcopat u. Adel in Bezug auf die Eroberung und
      Bekehrung der Carantanen hat Zierngibl in d. Neuen hist. Abh. d.
      baier. Akad. I, 246 herausgegeben, und Riezler, Gesch. Baierns I,
      155, zuerst benutzt.

 [15] Epistola ad Dructeramnum abb. (von St. Chaffre) als Vorrede.
      Delisle, Cab. des Manuscrits I, 4, Anm. 11.

So zog also Karl um das Jahr 782 von allen Seiten die Träger
wissenschaftlicher Bildung an sich und arbeitete von nun an unablässig
und unverwandt hin auf eine Wiederherstellung der antiken Cultur, deren
Herrlichkeit seinen Geist erfüllte[16]. Wie er die alten Kunstwerke
nach Aachen führte und seine Bauten nach den Regeln des Vitruv und
den Mustern der Kirchen zu Ravenna und Rom ausführen ließ, so ließ
er auch die alten Schriftsteller nach den alten Handschriften mit
der sorgsamsten Genauigkeit abschreiben. Staunend bewundern wir
die Prachtwerke seiner Kalligraphen, und nichts ist vielleicht
so charakteristisch für das was man damals erstrebte, wie diese
Handschriften[17] mit ihrer Uncialschrift, ihren vollkommen nach antiken
Mustern nachgeahmten Verzierungen und Bildern. Ja so wie Eigil von
Fulda Modelle der antiken Säulen sich verschafft hatte, welche Einhard
benutzte, so wurden auch Sammlungen alter Inschriften mit größter
Sorgfalt zusammengestellt und die Siglen der Juristen gesammelt und
erklärt[18].

 [16] „Quippe qui omnium regum avidissimus erat sapientes diligenter
      inquirere, et ut cum omni delectatione philosopharentur excolere.
      Ideo regni a Deo sibi commissi nebulosam, et ut ita dicam
      paene caecam latitudinem, tocius scientiae nova irradiatione
      et huic barbariei ante partim incognita luminosam reddidit Deo
      illustrante.“ Walafridi Praef. ad Einhardi Vitam Karoli, Jaffé
      Bibl. IV, 507.

 [17] Ohne Zweifel auch profane, die sich aber aus Karls Zeit nicht
      erhalten haben.

 [18] Notae juris aus Probus und einer jüngeren Sammlung sind im Cod.
      Einsidlensis. Schon Karl dem Großen selbst aber überreichte
      =Magno=, Erzbischof von Sens (801-818), eine Zusammenstellung
      der bei den Alten in juristischen Schriften gebräuchlichen
      Abkürzungen, zusammengestellt aus zwei anderen, die ihm in die
      Hände gekommen waren. Mommsen, Laterculus notarum in Gramm.
      Latt. ed. Keil IV, 285, 315. Ueber eine durch ihn veranlaßte
      Formelsammlung Zeumer, NA. VI, 79. Karls Sorgfalt für die
      Berichtigung verderbter Abschriften preist der Schreiber
      =Winidharius= im Wiener Codex 743:

        Qui sternit per bella truces fortissimus heros,
        Rex Carolus nulli cordis fulgore secundus,
        Non passus sentes mendarum serpere libris,
        Et bene correxit studio sublimis in omni.
                                      (Dümmler, Poet. I, 89.)

Am Hofe hatte sich aus alter Zeit immer eine =Hofschule= erhalten[19].
Diese wurde durch Karl neu belebt; er selbst, seine Kinder, seine
Hofleute, nahmen an dem Unterrichte und den Uebungen Theil. Es
erwuchs daraus neben der eigentlichen Schule eine förmliche Akademie,
welche Karl und seine vertrauteren wissenschaftlichen Freunde zu
regelmäßigen Sitzungen vereinigte[20]. In ähnlicher Weise wie an
den arabischen Höfen dieser Zeit, wurden hier poetische Episteln
gewechselt, wissenschaftliche Aufgaben gestellt und beantwortet,
Räthsel aufgegeben und gelöst. Alle führten hier Namen aus der Vorzeit,
in denen heidnische und christliche Erinnerungen in seltsamer Mischung
erscheinen. So hieß Karl selbst David, Alcuin Flaccus, Einhard Beselecl
nach dem kunstreichen Erbauer der Stiftshütte, Riculf Damoetas,
Beornrad von Sens Samuel, Angilbert Homer; Audulf der Seneschalk und
der Kämmerer Meginfrid führten die idyllischen Namen Menalcas und
Thyrsis. Naso nannte sich selbst ein Dichter Modoin oder Muadwin,
der von 815 bis nach 840 Bischof von Autun gewesen ist. In sehr
ungelenken Idyllen feierte er David, den Kaiser, als Friedensfürsten
und bewarb sich um dessen Gunst[21]. Die Standesverschiedenheiten der
Gegenwart wurden durch solche Verhüllung auf diesem Gebiete in den
Hintergrund gestellt. Nicht zu bezweifeln ist, daß Karl selbst eine
für jene Zeit nicht unbedeutende Bildung sich angeeignet hatte, aber
Einhards ausdrückliches Zeugniß, daß es ihm nicht mehr gelingen wollte,
schreiben zu lernen, dürfen wir doch auch nicht unterschätzen. Seine
gelehrten Briefe an Alcuin schrieben, gewiß nach seiner Anweisung, die
_palatini pueri_[22].

 [19] Für Pippins Zeit nachgewiesen von Léon Maitre, Les écoles
      episcopales (Paris 1866) S. 34-37. Vgl. Rud. Sohm: Die fränkische
      Reichs- u. Gerichtsverfassung S. 342 über das _commendare ad
      regem_. Simson II, 570 ff.

 [20] Oebeke, De Academia Caroli Magni. Aachener Gymn.-Progr. 1847.

 [21] Diese früher ganz unbekannten Dichtungen sind durch E. Dümmler
      zuerst bekannt geworden, Poet. I, 382-392, und nach Entdeckung der
      Darmst. Hs. wieder NA. XI, 75-91 herausgegeben; vgl. Ebert II,
      64-68. Trotz der sehr fehlerhaften Form sind die Gedichte nicht
      unbeachtet geblieben, und wurden von Ermanrich stark ausgebeutet.

 [22] Ep. Alcuini, Jaffé Bibl. VI, 459.

Man wird durch dieses Treiben erinnert an die platonische Akademie zu
Florenz, allein es ist zwischen beiden doch ein großer Unterschied.
Karl lag der Gedanke fern, die Litteratur nur wie einen Gegenstand
des Luxus zu seinem Vergnügen zu pflegen; sein Briefwechsel mit
Alcuin zeigt uns, daß seine Akademie auch praktisch wichtige Fragen
behandelte, und oft einem Ministerium der geistlichen Angelegenheiten
ähnlich wird. Der Herstellung des alten Glanzes und der Reinheit
der Kirche mußten alle seine gelehrten Freunde mit ernstlicher
Arbeit dienen[23]. Allein das war doch auch wieder nur eine Seite der
Bestrebungen des Königs; ihm war es voller Ernst, sein ganzes Volk
auf eine höhere Stufe der Bildung zu heben, und deshalb legte er
überall Schulen an, und sorgte unermüdlich für die Pflege und Hebung
derselben[24]. Sogar von Alcuin trennte er sich aus diesem Grunde, und
verlieh ihm 796 die Abtei des heiligen Martin zu Tours, wo er von nun
an als Leiter einer blühenden Schule wirkte. Fast alle bedeutenderen
Bisthümer und Abteien des Frankenreiches erhielten von hier aus
ihre Vorsteher, und wo in der nächsten Folgezeit von litterarischer
Thätigkeit etwas zu melden ist, da können wir mit Sicherheit darauf
rechnen, einen Schüler Alcuins zu finden. Weit genug erstreckte
sich der Wirkungskreis dieser Schule; doch errichtete Karl für die
entfernteren Theile seines Reiches auch eigene Mittelpunkte, welche
von seinem Scharfblick Kunde geben, wie alles was er gethan. In
Italien besaß =Pavia= schon von Alters her gefeierte Lehrer, und diese
Schule erhielt jetzt neuen Glanz durch den Schotten =Dungal=[25]; ihr
Fortleben und bleibendes Gedeihen bezeugt der erst später durch Bologna
verdunkelte Ruhm der Rechtschule von Pavia.

 [23] Ueber die _Libri Carolini_, welche uns ferner liegen, bemerke ich
      nur, daß ihre Echtheit durch Auffindung des Cod. Vat. festgestellt
      ist, s. Reifferscheid im Ind. lectt. Vrat. hib. a. 1873. Vgl.
      Leibn. Ann. Imp. Occ. ad. a. 794. H. Reuter, Gesch. d. relig.
      Aufklärung im Mittelalter I (1875) S. 10 bis 13. Abdr. Migne
      XCVIII.

 [24] Ebert II, 8 über Karls Verordnungen. Simson II, 567 über das
      Sendschreiben an Baugulf. Diekamp im Hist. Jahrb. V, 259 gegen die
      unbegründete Verdächtigung desselben durch Harttung, Dipl. hist.
      Studien, S. 319. 338 ff.

 [25] S. oben S. 153 Anm. 5.

Ein echt karlischer Gedanke war die Stiftung des Erzbisthums Hamburg an
der Nordgrenze seines Reiches, die jedoch erst unter seinem Nachfolger
zu Stande kam; aber gerade in den fernsten Osten ließ er Alcuins
ebenbürtigen Freund, Arn, den Abt von St. Amand, ziehen, dem Tassilo
785 das Bisthum =Salzburg= verlieh[26]. 798 errichtete er hier dann
ein Erzbisthum, welches bestimmt war, ein fester und segensreicher
Mittelpunkt in politischer, kirchlicher und litterarischer Beziehung
zu werden. =Arn= erfüllte seine Mission in vollem Maße; aus den
Urkunden wie aus den Briefen Alcuins an ihn[27] tritt uns das Bild
des bedeutenden, nach allen Richtungen thätigen Staatsmannes und
Kirchenfürsten klar entgegen, und wenn ihm auch zu schriftstellerischer
Thätigkeit kaum Zeit blieb, so zeugen doch seine Bemühungen für die
Sammlung eines Bücherschatzes durch Abschriften von seiner Sorge für
Schule und Lehre[28], wobei ihm von 797 bis 801 Alcuins Schüler Wizo
hülfreich zur Seite stand. Die feindliche Erhebung des mährischen,
dann des ungrischen Reiches, die Errichtung selbständiger Metropolen
im Osten, haben Salzburg nicht zu seiner vollen Entwickelung gelangen
lassen, doch auch in dieser Beschränkung ist die Stiftung des
bairischen Erzbisthums von den bedeutendsten Folgen gewesen.

 [26] Karls Zustimmung war ohne Zweifel erforderlich, um so mehr, da Arn
      die Abtei Saint-Amand behielt. Zu A. Huber: Ueber das Vorleben
      Arno's im Arch. d. W. Akad. XLVII, 197-217, ist zu bemerken,
      daß in der Urk. v. 779 (Meich. n. 57) _dd David_ und nicht
      _archidiaconus_ bedeutet, der Diakon Arn ein anderer ist, und daß
      in d. Urk. v. 776 (Meich. n. 48) _nobis_ auf den Aussteller Bisch.
      Aribo geht, und also für die Verwandtschaft Arns nichts austrägt.
      Vgl. auch Graf Hundt a. a. O. S. 187.

 [27] Leider sind uns keine Briefe von Arn an Alcuin erhalten, Bibl. VI,
      870 ein hübscher Brief von ihm an Cuculus, wie ein leichtfertiger
      Schüler Alcuins, wahrscheinlich Dodo, genannt wurde. Wichtige
      urkundliche Quellen aus seiner Zeit sind _Indiculus Arnonis_ und
      _Breves notitiae Salzburgenses_, nach den bekannten und bisher
      unbenutzten Handschriften herausgegeben und mit Erläuterungen
      versehen von Friedrich Keinz, München 1869; vgl. meine Anzeige in
      d. Heidelb. Jahrbb. 1870 S. 20-25.

 [28] Mehr als 150 Bücher ließ er nach Angabe des Necrologs schreiben,
      MG. SS. IX, 770; vgl. Alcuins Brief Frob. 76. Bibl. VI, 525.
      Darunter ein Formelbuch, herausgegeben von Rockinger, Quellen
      zur bayerschen Geschichte, Bd. VII, von De Rozière, Revue hist.
      de droit français et étranger, 1859, nach der Münchener und
      Kopenhagener Handschrift. Ueber Arn Büdingers Oesterreichische
      Geschichte I, 147 ff., über Wizo 149; Allg. D. Biogr. I, 573.
      Zeißberg, Alcuin und Arno, Zeitschrift für österreichische
      Gymnasien, 1862, S. 85-98. Derselbe, Arno, erster Erzbischof
      von Salzburg, Wiener SB. (1863) XLIII, 305-381. W. Giesebrecht,
      Königsannalen S. 199-202; vgl. unten § 9.

Ein wunderbarer Erfolg krönte diese Bemühungen Karls, und er hatte
das Glück, die Früchte seiner Mühen noch selbst zu erleben. Wie ein
Phänomen in dunkelster Nacht erscheint plötzlich die Litteratur des
neunten Jahrhunderts; nicht nur Geistliche, auch Laien schrieben
Bücher, was seit Jahrhunderten nicht vorgekommen war, und Jahrhunderte
lang nicht wieder vorkommt[29].

 [29] Zu warnen ist vor dem immer wieder (noch von Prantl und L. Maitre)
      angeführten unechten Diplom über die Errichtung griechischer
      und lateinischer Schulen in Osnabrück, dessen Unechtheit zuletzt
      wieder von R. Wilmans, Kaiserurkunden d. Provinz Westfalen, s.
      besonders S. 368, und Sickel, Acta Carol. II, 428 nachgewiesen
      ist. Auch Bass Mullinger wiederholte S. 70 unbekümmert die alte
      Fabel, hat sich aber in der Revue hist. X, 183 selbst berichtigt.

Denn von Dauer war dieser Glanz nicht; er verschwand fast eben so
plötzlich wie er gekommen war, aufs neue bedeckte Finsterniß das Land,
aber gerade in dieser Finsterniß bewährte sich die feste Begründung
von Karls Schöpfungen. So viel auch wieder verloren ging, es blieb
noch immer genug übrig, um als Grundlage für alle Folgezeit zu dienen.
Wir haben schon oben bemerkt, daß Karl sein Werk nicht erst begann,
daß er den Boden vorbereitet fand durch die Befestigung und Ordnung
des Staates, durch die Herstellung der Kirchenzucht, und daß er nur
dadurch im Stande war, so fest zu bauen. Es regten sich auch bereits
einige Keime litterarischer Thätigkeit, als er auftrat, aber ihre
rasche und glänzende Entfaltung ist doch ganz sein Werk, und nicht mit
Unrecht sagte man im Mittelalter von ihm, daß er den Sitz der Studien
von Rom nach Paris verpflanzt habe[30]. Zu einer Zeit, wo die Pariser
Universität als der Mittelpunkt der Wissenschaft betrachtet wurde, galt
er für den Stifter derselben. In dieser Form sprach sich der richtige
Gedanke aus, daß Karl der Stifter einer neuen Culturperiode gewesen
war.

 [30] Zuerst bei Jordanus de praerogativa Romani imperii, ed. Waitz p.
      70. In Vincentii Bellovac. Speculo hist. XXIII, 173 und daraus bei
      Mart. Oppav. wird Alcuin die Verlegung des Studiums von Rom nach
      Paris beigelegt. Vgl. auch G. Paris, Hist. poétique de Charlemagne
      p. 66.


§ 5. Alcuin.

 Alcuini Opera ed. Frobenius (Froben Forster, Fürst-Abt zu St.
     Emmeram), 4 Bände, fol. Ratisb. 1777. Danach bei Migne, C. CI.
     Neue Ausgabe der Briefe u. hist. Schriften nach Jaffé's Vorarbeit
     von Dümmler und Wattenbach, Bibl. VI. 1873. Alcuins Leben von F.
     Lorentz, Halle 1829. Monnier, Alcuin et Charlemagne, Paris 1853.
     1863. J, Bass Mullinger, The schools of Charles the Great and
     the restoration of education in the ninth century, London 1877.
     A. F. Théry, l'École et l'Académie Palatines. Alcuin, Amiens
     1878. Dümmler, Art. Alcuin, Allg. D. Biogr. I, 343-348. K. Werner,
     Alcuin u. sein Jahrh. 2. Ausg. 1881. Ganz fabelhafter Brief über
     die Herkunft der Beneventaner unter Alcuins Namen NA. I, 169-172.
     -- Vgl. Ebert II, 12-36. Cantor, Gesch. f. Mathematik I, 712-721.
     Hauck II, 119-145.

Alchuine, wie die ursprüngliche Form lautete, oder Alcuin, nannte
sich gern in mehr lateinisch klingender Form Albinus. Verwandt mit
Willibrord, dessen Leben er auch beschrieben hat, wurde er um das Jahr
735 in York geboren. Seine Bildung verdankte er der ausgezeichneten
Domschule in seiner Vaterstadt unter der Leitung Egberts, der seit 732
Erzbischof war, und Aelberts, der Alcuin mit sich nach Rom nahm, als er
nach der Sitte dieser Angelsachsen dahin reiste, um Handschriften auf
dem dortigen Markte zu erwerben, der noch immer bedeutend und damals
wohl der einzige im Abendland war. Im Jahre 766 wurde Aelbert zum
Erzbischof erhoben, und Alcuin folgte ihm in der Leitung der Domschule.
Der Auftrag, für Eanbald das erzbischöfliche Pallium vom päbstlichen
Hofe zu holen, führte ihn 781 wieder nach Rom, und auf dieser Reise war
es, wo er zu Parma mit Karl zusammentraf, an den er schon früher einmal
eine Botschaft gebracht hatte[1], und von ihm die Einladung erhielt,
welche ihn vermochte, im folgenden Jahre mit seinen Schülern Wizo[2],
Fridugis[3] und Sigulf[4] an Karls Hof zu kommen; die Einkünfte der
Abteien zu Ferrières und des heiligen Lupus zu Troyes sicherten ihm
hier eine ansehnliche Stellung, während er in der Hofschule vor alten
und jungen Zuhörern seine Vorträge hielt. Auch hier war es durchaus
nicht allein auf dilettantische Belehrung der Hofleute abgesehen,
sondern die vielen Söhne vornehmer Franken, welche nach alter Sitte zur
Erziehung an den Hof gebracht wurden, erhielten hier allen Ernstes ihre
Ausbildung zu Staatsmännern und Bischöfen. Nach Alcuins eigener Angabe
war sein vorzüglichster Beweggrund nicht etwa wissenschaftlicher Eifer,
sondern die Sorge für Aufrechterhaltung der kirchlichen Orthodoxie im
Frankenreiche[5], wie denn überhaupt der kirchliche Standpunkt bei ihm
durchaus maßgebend ist.

 [1] Vita c. 6. Dass der 773 von Karl an den Pabst geschickte Albinus
     Alcuin gewesen wäre, wie Jaffé p. 144 n. 1 annimmt, scheint mir
     unmöglich. Leibniz Ann. Imp. I, 40 hält ihn nach Albericus für
     den Bischof von Angers.

 [2] Genannt Candidus, von 797-801 bei Arn in Salzburg.

 [3] Genannt Nathanael, von 819-832 Kanzler; wahrscheinlich führte er
     das bessere Latein in die Kanzlei ein und veranlaßte vielleicht
     die Sammlung der Carpentierschen Formeln in tiron. Noten, jetzt
     MG. Formulae p. 285 als Formulae imperiales e curia Lud. Pii:
     vgl. Sickel Acta Kar. I, 89-95 u. 160, B. Simson, Ludw. d. Fr.
     II, 235-238. Max Ahner, Fredegis von Tours, Leipz. 1878. Ueber
     seine Schrift _de nihilo et de tenebris_ Prantl, Gesch. d. Logik
     im Abendland II, 17-19; Reuter, Gesch. d. relig. Aufklärung im
     Mittelalter I, 274; Ebert II, 221. Er war Alcuins Nachfolger als
     Abt von St. Martin, wo Canoniker an die Stelle der Mönche traten
     und die Schule verfiel; wenigstens ist in schroffem Gegensatz
     gegen Alcuins Zeit kein Schüler bekannt. Bei Herolds Taufe in
     Mainz erscheint er mit seinen Schülern. Bücher schrieb unter
     ihm und für ihn =Adalbaldus= presb., der sich _artifex_ nannte,
     Delisle, Notice des Mss. de Tours, p. 81-83; L'école calligr. de
     Tours p. 20. Desnoyers u. Delisle in Comptes rendus des Séances de
     l'Acad. des Inscr. 1886 mit Monogramm. Album pal. pl. 21. Ein sehr
     schlechtes Andenken hinterließ er in St. Bertin, wo er gleichfalls
     Abt war, s. Folcwini Gesta abb. S. Bert. MG. SS. XIII, 614, und
     daraus in Folcards V. S. Bertini und bei Bovo, De elevatione S.
     Bertini. Nach seinem Tode 834 folgte in St. Martin Adelard, unter
     dem durch Amalrich, der 849 Erzb. v. Tours wurde, die Schule
     wieder aufblühte (vgl. unten § 20). Dann folgt 845 Graf Vivian
     als erster Laienabt.

 [4] Genannt Vetulus, später als Alcuins Nachfolger Abt von Ferrières
     und Stifter der dortigen Schule. Er räumte seinen Platz Adalbert,
     der die Bened. Regel einführte, und wurde selbst unter ihm Mönch:
     dann folgt Alderich bis 829, Odo, der abgesetzt wird, an dessen
     Stelle 22. Nov. 842 Lupus tritt.

 [5] Ep. 35 u. 140 bei Jaffé, Bibl. VI, 255 u. 541, u. daraus Vita c.
     5, p. 16.

Im Jahre 789 kehrte Alcuin nach England zurück; aber die heftigen
Streitigkeiten über Adoptianismus und Bilderverehrung veranlaßten Karl,
ihn von neuem dringend einzuladen, und die inneren Unruhen, welche
England zerrissen und Alcuin sogleich wieder in die ihm verhaßten
politischen Händel verflochten hatten, machten diesen geneigt, seine
Heimath zu verlassen. Er erschien 794 auf dem zu Frankfurt gegen Felix
und Elipand versammelten Concil als Abgesandter der englischen Kirche
und bewährte sich durch mehrere Schriften als tapferer Streiter gegen
die Irrlehren[6]; noch zog es ihn zurück in sein Vaterland, aber
die Ermordung Ethelreds 796 verleidete ihm die Heimkehr, und von nun
an widmete er sich ganz dem Frankenreiche. Nach Iterius Tod erhielt
er 796 die Abtei des heiligen Martin zu Tours, der er bis zu seinem
Tode, am 19. Mai 804, vorstand. Dem unruhigen Getreibe des Hofes fern,
entfaltete er hier die segensreichste Thätigkeit und bildete eine
außerordentliche Zahl von Zöglingen, welche im ganzen weiten Reiche
Karls neue Stätten wissenschaftlicher Thätigkeit begründeten. Seinen
Schüler Wizo schickte er nach England, um Bücher zu holen, die er zu
Tours durch zahlreiche und sorgfältige Abschriften vervielfältigen
ließ. Zugleich aber blieb er in fortwährender Verbindung mit Karl, der
ihm das größte Vertrauen schenkte. Als unschätzbares Denkmal ist uns
seine =Briefsammlung= erhalten, welche zu den wichtigsten Quellen für
die Geschichte dieser Zeit gehört, wenn gleich der stoffliche Inhalt
geringer ist, als wir wünschen möchten. Die größte Masse ist aus den
letzten Jahren, in welchen Alcuins Frömmigkeit immer mehr überhand
nahm, und fromme Ermahnungen sind in hohem Grade vorherrschend. Eben
diese gaben in jenen Zeiten Anlaß, sie als Vorbilder zu sammeln und
abzuschreiben; es zeugt aber von der hohen Bedeutung des Mannes, daß
nicht wie bei anderen Briefsammlungen, die Hauptmasse einem Conceptbuch
des Verfassers entstammt, sondern wie Sickel nachgewiesen hat, seine
Schüler und Verehrer, ein Arno, Adalhard, Angilbert, dazu Angelsachsen
es gewesen sind, welche die ihnen zugänglichen Briefe sammelten und
dadurch vor dem Untergang bewahrten[7].

 [6] Ueber seine Bekämpfung des Adoptianismus s. Größler, Die
     Ausrottung des Adopt. im Reiche Karls d. Großen, Progr. d. Gymn.
     zu Eisleben 1879. Ob die _libri Carolini_ (oben S. 157) von ihm
     verfaßt sind, ist zweifelhaft; vgl. die Anm. von Dümmler, Bibl.
     VI, 222. Ueber den ganzen Gegenstand Hauck II, 283-299.

 [7] Neue Ausgabe Bibl. VI, 132 ff. Vgl. Sickel, Hist. Zeitschr. XXXII,
     355-365, u. Alcuinstudien I, Wiener SB. LXXIX, 461 ff. Ein Facs.
     aus Harl. 208 in Thompson's Catal. of ancient Lat. mss. (1884)
     pl. 51, Beschr. S. 86; S. 87 von Reg. 8. E. XV. Einen Brief über
     Felix, vermuthlich an Theodulf gerichtet, hat Loewenfeld gefunden
     und Bibl. de l'École des chartes XLII herausgegeben (s. NA. VII,
     242). -- Dümmler, Alchvinstudien, Berl. SB. 1891, S. 495-523 als
     Vorbereitung der neuen Ausgabe.

Viel und gern versuchte Alcuin sich auch in Gedichten, welche freilich
sehr incorrect, aber doch nicht ohne Leichtigkeit im Ausdruck und
gefällige Anmuth sind[8]. Sie bieten uns manchen Einblick in die
Zustände der Zeit, und das umfangreichste darunter, über die Bischöfe
der Kirche zu York, reich an schönen Stellen und belebt durch die warme
Liebe zur Heimath, gewährt mannigfache Belehrung über die Stiftschule
zu York und Alcuins Leben vor seiner Berufung nach Frankreich[9]. Seine
übrige schriftstellerische Thätigkeit dagegen war mehr auf Theologie,
Philosophie[10] und Grammatik[11] gerichtet als auf Geschichte. Sein
lateinischer Stil, der noch sehr fehlerhaft ist und von seinen eigenen
Schülern bald übertroffen wurde, fand bei seinen Zeitgenossen hohe
Bewunderung; und auf Bitten Angilberts bearbeitete er das Leben
des h. Richarius, auf den Wunsch des Abtes Rado[12] das Leben des h.
Vedastus. Bei beiden beschränkte er sich auf Glättung und Ausschmückung
der überlieferten Darstellungen, und der erbauliche Zweck ist die
Hauptsache, wie nicht minder auch in dem schon oben (S. 132) erwähnten
Leben des h. Willibrord. Daß man ihm auch ein Leben Kaiser Karls
zugeschrieben hat, beruht auf einer Verwechselung mit Einhard.

  [8] Ausg. von Dümmler, Poet. Lat. I, 160-351, cf. II, 690-693. Die
      S. 692 nachgetragenen sind aber von Prosper, s. Manitius. NA.
      XI, 553; von dems. ib. S. 558 Anklänge in Alcuins Gedichten.
      Vgl. Traube, Karol. Dichtungen, S. 47-51, 61-110. A. Largeault,
      Inscriptions métr. composées par et pour les monastères de
      St. Hilaire de Poitiers et de Nouaillé (Poitiers, Guillois
      1885); darüber u. dazu Traube, NA. XIX, 447. J. B. de Rossi:
      L'inscription du tombeau, d'Hadrien I (von Alcuin) Extr. des Mél.
      d'archéol. et d'hist. publ. par l'École franç. de Rome, 1888, mit
      Berichtigungen zu A.'s Gedichten. Vgl. NA. XIV, 447.

  [9] Bibl. VI, 80-131; Poet. Lat. I, 169-206.

 [10] Vgl. Prantl, Gesch. d. Logik II, 14-17.

 [11] Jos. Zechmeister: Scholia Vindobonensia ad Horatii Artem, Vind.
      1877, glaubt diese Alcuin oder seiner Schule zuschreiben zu
      können, aber der Stil erscheint mir sehr verschieden. S. 15, 23
      l. _colantes culices_, nicht _volantes_.

 [12] Für diesen, Karls Kanzler (Sickel I, 80), ist auch die jetzt in
      Wien verwahrte Biblia Radonis geschrieben.

In seinen alten Tagen versank Alcuin mehr und mehr in Frömmelei, und
das Studium Vergils, den er selbst einst eifrig nachzuahmen gestrebt
hatte, verwarf er später als höchst gefährlich, wenigstens für
Mönche[13].

 [13] Diese Ansicht bekämpft Ebert II, 345, allein mir erscheinen die
      Angaben der Vita c. 10 zu bestimmt und zuverlässig überliefert,
      als daß wir sie verwerfen dürften.

Fast zwanzig Jahre waren schon seit Alcuins Tod vergangen, als auf den
Wunsch eines Abtes, wahrscheinlich des Abtes Alderich von Ferrières,
der unter Alcuin dort Mönch geworden war, und 829 das Erzbisthum Sens
erhielt, nach Benedicts von Aniane Tod (11. Feb. 821), ein Schüler
Sigulfs, dem nach Alcuins Tod die Abtei zugefallen war, es unternahm,
das =Leben Alcuins= zu beschreiben. Gesehen hatte er selbst ihn nicht
mehr, aber Sigulf hatte ihm viel erzählt, und das ist, außer dem
Briefwechsel über den Adoptianismus, seine einzige Quelle. Daher ist
es nicht zu verwundern, daß wir hier viel von Alcuins Frömmigkeit,
von Askese und von Wundern finden, keineswegs aber ein Bild seiner
fruchtreichen Thätigkeit in den Jahren seiner Kraft. Erbauung für
Mönche ist der Zweck des Büchleins, und dem entspricht es leider nur zu
sehr. Doch finden sich darin auch manche nicht unwichtige Nachrichten
vorzüglich über seine Jugendzeit, welche wir dankbar annehmen müssen.
Die Sprache ist im damaligen Schulgeschmack gesucht und mit frommem
Schmuck überladen[14].

 [14] Neue Ausg. Bibl. VI, 1-34. MG. SS. XV, I, 182-197, von Arndt.


§ 6. Paulus Diaconus.

 Sein Leben ist erst genauer bekannt geworden durch die von Lebeuf
     entdeckten und in der Dissertation sur l'histoire de Paris 1739
     herausgegebenen Gedichte. Bethmann, Paulus Diaconus Leben und
     Schriften, Archiv X, 247-334. Bethmann, Die Geschichtschreibung
     der Langobarden, ib. 335-414. Langob. Regesten, nach Bethmanns
     Nachlaß bearb. v. Holder-Egger, NA. III, 225-318. L. Ranke, P. D.
     Ges. Werke LI, 77-92. F. Dahn, Des Paulus D. Leben u. Schriften,
     1876 (die Gedichte in sehr schlechten Texten). Vgl. die Anz. von
     G. Waitz, GGA. 1876 S. 1513-1523. Ebert II, 36-56. Bursian, Gesch.
     d. Philol. I, 19. Balzani S. 66-90. Pasq. Del. Giudice 1880,
     wiederholt in: Studi di storia e diritto (1890) S. 1-43. -- Die
     Gedichte Poet. Lat. I, 27-86, vgl. NA. IV, 102-112. 573. X, 165.
     XVII, 397-401. Traube, Karol. Dicht. S. 62. 63. NA. XV, 199 (Die
     Verse „Multa legit“ zu streichen). Ein grammat. Gedicht Poet. lat.
     I, 625-628, vgl. II, 698. Der Lobgesang auf den h. Mercur kann
     nach Dümmler nicht von P. D. herrühren, vgl. Dahn S. 17.

Wie die Gothen, so bewahrten auch die Langobarden ihres Volkes
Urgeschichte, die alten Sagen, die Großthaten der Väter, besonders
aber, worauf sie den größten Werth legten, die Folge und Verwandtschaft
der Geschlechter, in ihren Liedern, die sich mündlich vom Vater auf
den Sohn vererbten. Sie aufzuzeichnen, keine leichte Arbeit, mochte
überflüssig erscheinen, so lange sie noch im Volke lebten; doch gegen
das Ende des siebenten Jahrhunderts, um 670 hat ein Langobarde aus
ihnen die Geschichte seines Volkes entnommen, und der =Langobarden
Herkunft=, wie man davon sagte und sang, in kurzen und schlichten
Worten berichtet; in Umrissen nur, nicht in ausführlicher Erzählung,
aber was er uns giebt, ist unberührt von der fremden Gelehrsamkeit,
welche die gothischen und fränkischen Sagen entstellt hat[1]. Man hatte
darin doch etwas mehr als in dem kahlen Königsverzeichniß, welches
König Rothar 643 seinem Gesetzbuch vorangestellt hatte; des Volkes
Aelteste, welche das Recht sprachen und das Andenken der Vergangenheit
festhielten, trugen darum auch dieses Schriftchen in ihr Rechtsbuch
ein, wie wir das so häufig wiederfinden in den Handschriften des
Mittelalters, bei den Gesetzen der Westgothen und Franken so gut wie
beim Sachsenspiegel.

 [1] _Origo Gentis Langobardorum_, zuerst in: Edicta regum
     Langobardorum ed. opera et studio Caroli Baudi di Vesme, Aug.
     Taur. 1855, vgl. p. LXXI bis LXXXII. Ausg. v. F. Bluhme mit Chron.
     Goth. 1868 in MG. Legg. IV, 641-647. Ausg. v. Waitz, SS. Lang
     1-6 (verwirft die früher mit Baudi de Vesme angenommene erste
     Abfassung unter Rothari). -- Uebersetzung von Abel bei P. D. S.
     1-8; vgl. Bethmann S. 351-365 und über die Sagen im Allgemeinen
     S. 335-349. Hieraus geschöpft, aber erweitert auch mit Benutzung
     des Isidor, und mit einer Lobrede auf Karl und Pippin versehen
     ist das c. 810 geschriebene sog. _Chron. Gothanum_, d. h. aus
     der einst Fulder, jetzt Gothaer Handschr. der Volksrechte, in
     sehr barbarischer Form und Sprache; als _Historia Langobardorum
     codicis Gothani_ bei Waitz S. 7-11. Fragm. aus einer and. Hs. bei
     Calligaris, s. unten. Platner, Forsch. XX, 172, vermuthet erste
     Abfassung der Origo im 6. Jahr Agilulfs (597), weil nur so weit im
     Chron. Goth. benutzt. Mommsen, NA. X, 74 ff. sieht in der Origo
     einen Auszug aus dem Werke des Secundus mit einer Fortsetzung,
     aus diesem habe auch Paulus geschöpft; aber mir erscheinen die
     Gegengründe von Waitz ib. S. 421 überwiegend. Für Mommsen L.
     Schmidt, Zur Gesch. d. Langobarden (Diss. Lips. 1885), NA. XIII,
     236. 391-394.

Es gab freilich damals bereits auch eine andere Geschichte der
Langobarden, verfaßt von dem Knechte Gottes =Secundus=, Abt in
Trient († 612), aller Wahrscheinlichkeit nach, wie R. Jacobi
bemerkt, demselben, welcher in Pabst Gregors I Briefe vorkommt[2];
wir kennen sie aber nur, weil Paulus ihrer gedenkt, und sie scheint
wenig Verbreitung gefunden zu haben. Ein so frommer Mann römischer
Abkunft erzählte schwerlich von Wodan und Freia, und mit der römischen
Bildung haben die Langobarden sich nur sehr langsam befreundet. Ein
Römer scheint es auch gewesen zu sein, der im Jahre 641 die oben
S. 84 erwähnte Fortsetzung des Prosper verfaßte. Von litterarischer
Thätigkeit im langobardischen Reiche finden sich weiter keine Spuren,
man müßte denn etwa des Abtes Jonas von Susa Schriften, deren wir schon
oben (S. 118) gedachten, dazu rechnen, der aber auch ein Romane war.
Sonst liegt noch ein um 698 verfaßtes rhythmisches Gedicht in rohester
Form vor, in welchem ein Magister =Steffan= den König Kunincpert
feiert, der das Schisma von Aquilegia beendigt hatte; auch seiner
Vorfahren, die Arianer und Juden verfolgten, wird rühmend gedacht[3].
Nicht minder roh in der Form ist eine bald nach 738 verfaßte
rhythmische Beschreibung von Mailand, worin König Liutprand und Bischof
Theodor gepriesen werden[4].

 [2] R. Jacobi, Quellen der Langobardengeschichte, S. 63-84, stellt
     zusammen, was er von Paulus Werk für Secundus in Anspruch nehmen
     zu können glaubt, und bekämpft Bethmanns Meinung, daß der Contin.
     Prosperi Havn. ihn gekannt habe. L. Schmidt hält sein Werk für
     eine annalistische Fortsetzung des Prosper.

 [3] Aus 2 Hss. aus Bobio bei Oltrocchi, Eccl. Medol. hist. Ligustica
     (1795) II, 536. 579. 624 mit ausführlichem Commentar. Waitz, SS.
     Lang. p. 189-191. Paulus D. hat es nicht gekannt. Manitius S. 397.

 [4] Neu herausgeg. v. L. Traube, Karol. Dicht. S. 119-122. Manitius
     S. 398.

Die Grammatiker jedoch, welche trotz aller Ungunst der Zeiten ihre
Thätigkeit in Italien immer fortgesetzt hatten, fanden allmählich
auch unter den Langobarden Schüler, und als deren Herrschaft sich
ihrem Ende nahte, da hatten sie dem fremden Volke bereits seinen
Geschichtschreiber erzogen, der, wie Jordanis, nach dem Sturze des
Reiches wenigstens das Andenken desselben für die Nachwelt bewahrte.

=Paulus=, des Warnefrid Sohn, aus einem edlen Langobardengeschlechte,
das im Friaul begütert war, um 720 geboren, wurde wahrscheinlich nach
alter deutscher Sitte am Hofe des Ratchis (744-749) zu Pavia erzogen;
als seinen Lehrer nennt er den Grammatiker Flavianus, dessen er noch in
seinem hohen Alter mit Liebe gedenkt[5]. Auch dem König Desiderius soll
Paulus lieb und werth gewesen sein, und wenn auch die Zeugnisse dafür
unzuverlässig sind, so ist es doch an sich sehr wahrscheinlich, daß er
in der königlichen Kanzlei Beschäftigung fand und eben dadurch in ein
so nahes Verhältniß zu der Herrscherfamilie trat. Im J. 763 verfaßte
er rhythmische Verse über die sechs Weltalter, welche akrostichisch
die Worte _Adelperga pia_ enthalten[6], den Namen der Tochter des
Desiderius, welche seine Schülerin war; dieser und ihrem Gemahl Arichis
war er mit der wärmsten Anhänglichkeit und Freundschaft ergeben, und
an ihrem Hofe zu Benevent fand er eine Zuflucht nach dem Falle des
Reiches von Pavia, wenn er nicht schon früher die Königstochter dahin
begleitet hatte. Für sie verfaßte er hier seine =Römische Geschichte=
bis auf Justinian, deren wir schon oben (S. 52) gedachten[7]. Er
hatte der wißbegierigen Königstochter den Eutrop zu lesen gegeben,
in welchem sie aber jede Erwähnung der jüdischen und christlichen
Geschichte vermißte. Deshalb versah er das Werk mit Zusätzen und mit
einer Fortsetzung aus verschiedenen Quellen, und das Geschick nebst
der umfassenden Litteraturkenntniß, womit er diese Arbeit ausführte,
hat lebhafte Anerkennung bei Th. Mommsen gefunden, auf dessen Anordnung
die Ausgabe von H. Droysen die Gestalt von Zusätzen zum Eutrop erhalten
hat[8]. Den zusammenhängenden Text des Paulus dagegen finden wir in der
Octavausgabe.

 [5] Diesen vermuthet Luc. Müller in einem oft angeführten Grammatiker,
     Neue Jahrbb. f. Philol. XCIII (1866), 561. Dem aber widerspricht
     sehr entschieden H. Hagen, Anecdota Helv. p. CLXIII.

 [6] Waitz l. l. p. 13. Poet. Lat. I, 35.

 [7] Wie Del Giudice S. 25 f. nachzuweisen sucht, war er schon Mönch
     und das Langobardenreich gefallen.

 [8] Von geringem Werth ist die Bearbeitung und Fortführung bis 813
     von einem unbekannten =Landulfus Sagax= um das Jahr 1000, für
     die spätere Zeit fast ausschließlich aus der Kirchengeschichte
     des Anastasius geschöpft, bekannt als _Historia miscella_. (Ausg.
     v. Fr. Eyssenhardt, Berl. 1869). Seine Originalhs. hat Heinrich
     II dem Kl. Corvey geschenkt (Cod. Vat. pal. 909). -- Eutropi
     Breviarium ab U. C. cum versionibus Graecis et Pauli Landolfique
     additamentis, rec. H. Droysen, MG. Auctt. antiq. II. 1878, 4.
     Pauli Historia Romana in usum schol. recusa, Berl. 1879, 8. Vgl.
     Waitz, GGA. 1879, S. 583-602. H. Droysen, Zusammensetzung der
     H. R., Forsch. XV, 167-180. Mommsen, NA. V, 53.

Um diese Zeit dichtete Paulus auch für Arichis die Inschriften,
womit dieser seine glänzenden Bauten zu Salerno schmückte, und die
Grabschrift auf die Königin Ansa[9], welche 774 nach Frankreich
abgeführt war, und deren Todesjahr unbekannt ist. Noch feiert er darin
Adelchis als die Hoffnung der Langobarden.

 [5] Neue Ausgabe von Waitz, SS. Lang. S. 191; Dümmler, Poet. Lat. I,
     45.

Wann Paulus in den geistlichen Stand eingetreten ist, dem er seinen
Beinamen Diaconus verdankt, wissen wir nicht; ebenso wenig, wann
er in dem großen Mutterkloster des Abendlandes zu Montecassino
das Mönchsgelübde abgelegt hat; vielleicht führte ihn dorthin die
Anhänglichkeit an König Ratchis, der hier als Mönch seinen Weinberg
baute, vielleicht die Noth nach der Confiscation der Güter seiner
Familie. Das stille Klosterleben aber gewann bald einen solchen Reiz
für Paulus nach den traurigen Zeiten, die er durchlebt hatte, daß er
die heilige Stätte wohl nicht wieder verlassen haben würde, wenn nicht
die politischen Ereignisse ihm auch hier keine Ruhe gelassen hätten.

Im Jahre 776 nämlich war im Friaul ein Aufstand gegen die Franken
ausgebrochen, dem vielleicht Paulus selbst nicht fremd war, und wohl
ohne Zweifel war dies die Veranlassung, weshalb sein Bruder Arichis
gefangen fortgeführt wurde und sein Vermögen verlor. Lange scheint
sich Paulus jeder Annäherung an die Franken enthalten zu haben;
als aber Karl 781 nach Rom gekommen war, und in der Ordnung der
italischen Verhältnisse seine Mäßigung und Milde bewährt hatte[6],
da richtete Paulus, sechs Jahre nach jenem Ereigniß, eine Elegie
an den König, worin er ihn um Gnade für seinen Bruder bat[7]. Damit
begab er selbst sich zum Könige, und schrieb am 10. Januar 783 von
den Ufern der Mosel einen Brief an seinen Abt Theudemar[8], worin er
noch den festen Entschluß ausspricht, in sein Kloster, nach welchem
lebhafte Sehnsucht ihn erfüllte, heimzukehren, sobald er den Zweck
seiner Fürbitte erreicht habe. Er rühmt aber sehr die gute Aufnahme,
welche er gefunden habe. Es war gerade die Zeit, in welcher Karl die
Gelehrten aller Länder an seinem Hofe versammelte, und Paulus ließ
sich doch bestimmen, einige Jahre an dieser ersten frischen Entfaltung
litterarischer Thätigkeit sich zu betheiligen. Noch haben sich Verse
erhalten, welche in Karls Namen Peter von Pisa an ihn richtete[9],
wo in scherzhafter Uebertreibung seine Gaben und Kenntnisse gefeiert
werden. Eben wolle er seine Tochter nach Griechenland verheirathen,
sagt Karl, und Paulus solle ihre Begleiter in dieser Sprache
unterweisen. Bescheiden und aufrichtig lehnt Paulus die Lobsprüche und
den Auftrag ab, und ebenso wenig wird er, was ihm in ähnlicher Weise
zugemuthet wurde, die Bekehrung des Dänenkönigs Siegfried versucht
haben. Einige Kenntniß der griechischen Sprache, welche man bei der
Nachbarschaft nicht gut entbehren konnte, hatte er, wie er selbst sagt,
in der Schule erworben, aber weit wird dieselbe nicht gereicht haben.
Er dichtete aber Grabschriften für die Königin Hildegard († 783) und
für deren so wie für Pippins Töchter, und verfaßte auf Karls Befehl die
Homiliensammlung, welche der Unwissenheit der Geistlichen in wirksamer
Weise zu Hülfe kam[10]. Diese wird er jedoch, wie Dahn nachgewiesen hat,
erst in Montecassino ausgearbeitet haben.

  [6] „Quod raro fieri adsolet, clementi moderatione victoriam
      temperavit.“ Pauli Gesta epp. Mett. p. 268.

  [7] _Versus ad regem precando_, wiederholt bei Waitz, S. 15; Poet.
      Lat. I, 47.

  [8] Wiederholt bei Waitz, S. 16.

  [9] Bei Waitz S. 17; Poet. Lat. I, 48.

 [10] Bethmann, Arch. X, 296 u. 301; Poet. Lat. I, 68, und die schönen
      Widmungsverse eines Exemplars von Ebrard an den h. Germanus,
      Poet. Lat. I, 432. G. Loeck: Die Homiliensammlung des P. D. als
      unmittelbare Vorlage des Otfridischen Evangelienbuches, Kieler
      Diss. 1890.

In eben dieser Zeit schrieb Paulus auch auf Bitten des Bischofs
Angilram von Metz die Geschichte von dessen Vorfahren auf dem Stuhl
des heiligen Clemens[11]. „Mit besonderer Ausführlichkeit behandelte
er darin die Familie und die Ahnen Karls des Großen, vielleicht,“
wie Bethmann sagt, „auf dessen eigenen Wunsch oder wenigstens ihm
zu Gefallen, und nicht undeutlich blickt die Absicht durch, die
Thronbesteigung der Karolinger zu rechtfertigen und sie als ein durch
Heilige gleichsam legitimes Herrscherhaus darzustellen.“ Doch hat gegen
diese Auffassung Bonnell[12] nicht unerhebliche Gründe geltend gemacht,
und nur die Verherrlichung des Ahnherrn Arnulf im Anschluß an dessen
ältere Lebensbeschreibung bestehen lassen.

 [11] _Gesta episcoporum Mettensium_ ed. Pertz, MG. SS. II, 260-270.
      Im Auszuge übersetzt bei O. Abel, Einhards Jahrbücher S. 1-8.
      Ueber die von Freher benutzte Hs. (jetzt in Bremen) Dümmler, NA.
      III, 187. Andere nachgewiesen im Catal. des Mss. des Départ. V,
      p. LXII. Die nach Bethmanns Vermuthung im Arch. X, 294 von ihm
      herrührenden _Versus de episcopis Mettensibus_ bis auf Angilram,
      Poet. Lat. I, 60. SS. XIII, 303-305. -- Durch weitere Ausführung
      mißverstandener Worte des Paulus entstand aus den Gesten mit
      Benutzung des Fredegar und seiner Fortsetzer unter Ludwig dem
      Frommen die _Domus Carolingicae genealogia_, MG. SS. II, 308,
      XIII, 243 von Waitz als _Genealogia regum Francorum_, welche
      nach Bonnell, Die Anfänge S. 6 ff. mit Ludwigs aquitanischem
      Königreich in Verbindung steht, indem sie ihm romanische Ahnen
      giebt und an südfranzösische Heilige anknüpft. Ueber die Leipz.
      Hs. Rethfeld, NA. XIII, 243. Die _Genealogia S. Arnulfi_ ib. ist
      eine Fälschung von Vignier, NA. XI, 631. Waitz hat ausser dieser
      andere ähnliche Stücke hinzugefügt, welche in Geneal. d. franz.
      Könige u. Grafen von Flandern übergehen. S. 726-729 _Historiae
      Francorum Steinveldenses_. SS. XXV, 381-384 _Genealogia Carolorum
      Mettensis_ von 1164 ed. Heller; daran anschliessend _Geneal. ducum
      Brabantiae_, p. 385-413. Durch dieselbe Genealogie ist als später
      entstanden kenntlich der _Libellus de Maioribus domus_. Mit der
      Gen. sind in der Ausgabe von Pertz verbunden die Versificirung
      derselben zu Ehren Karls des Kahlen: _Origo et exordium gentis
      Francorum_ (wiederholt Poet. Lat. II, 141) und _Regum Merowingorum
      genealogia et catalogus_, p. 307; cfr. III, 19. 214. X, 138, und
      dazu die Bemerkung von Ermisch, Die Chronik des Regino S. 22;
      weitere Catalogi regum et imperatorum SS. XIII, 264-271. 742.

 [12] Die Anfänge des Karolingischen Hauses, S. 45.

Paulus gab in diesem Werke das erste Beispiel und Vorbild der
Bisthumsgeschichten. Auch eine Biographie Gregors des Großen hat Paulus
nach seiner eigenen Angabe geschrieben[13]; daß er aber auch derjenige
Paulus gewesen wäre, welcher eine kritisch verbesserte Auswahl aus
Gregors Briefen an Adalhard schickte, ist mindestens sehr unsicher[14].
Dagegen bemerkt Dümmler, daß er wohl der in einem Schreiben Hadrians I
(Bibl. IV, 274) erwähnte Paulus grammaticus sein könne, welcher Gregors
I Sacramentar für Karl von ihm erbeten hatte.

 [13] S. darüber Bethmann im Arch. X, 303; NA. XII, 603 über die neue
      Ausgabe von Grisar, Zts. f. kath. Theol. XI, 162-172, worin mit
      den Interpolationen auch alle Andeutungen auf den Aufenthalt des
      Vfs. in Rom fortgefallen sind. Die Autorschaft des P. D. ist ganz
      ungewiss.

 [14] S. Ewald, NA. III, 472 ff. 484. 624. u. NA. VI, 246 über die in
      Petersburg wiedergefundene Handschrift.

So wahrhaft und innig auch die Liebe gewesen zu sein scheint, welche
den langobardischen Mönch mit dem Besieger seines Volkes verband, auf
immer ließ er sich doch nicht am Hofe fesseln. Die immer zunehmende,
endlich bis zum Kriege gesteigerte Feindschaft zwischen Arichis und
Karl mag ihm wohl zuletzt den Aufenthalt daselbst vollends verleidet
haben, obwohl sein persönliches Verhältniß zum Könige auch durch
diese Vorfälle nicht gestört wurde. Doch finden wir ihn 787 wieder
in Montecassino, wo er die schöne Grabschrift für den am 25. August
verstorbenen Fürsten Arichis verfaßte[15]. Den Abend seines Lebens
widmete er von nun an in ungestörter Ruhe frommen Betrachtungen und
der Geschichte seines Volkes. Er schrieb eine ausführliche Erläuterung
der Klosterregel[16] und verfaßte die sechs Bücher seiner =Geschichte
der Langobarden=[17], die er leider unvollendet hinterlassen hat. Er
erfüllte damit das schon in der Widmung der Römischen Geschichte der
Adelperga gegebene Versprechen, sie bis auf seine Zeit fortzusetzen.

 [15] Poet. Lat. I, 66.

 [16] Gedr. Bibl. Casin. IV. Floril. p. 1-173. Der Brief an Karl im
      Namen des Abts Theudemar ist facs. bei der Beschreibung des cod.
      179 p. 39-41. Ueber diesen Commentar u. die Epit. Festi s. K.
      Neff: De Paulo D. Festi epitomatore. Diss. Erl. 1891.

 [17] Die lange erwartete neue Ausgabe ist von Waitz vollendet: SS. Rer.
      Langob. et Ital. saec. VI-IX. ed. G. Waitz 1877. 4; S. 193-197
      _Epitomae_, S. 198-220 _Continuationes_, von geringer Bedeutung.
      Anz. v. Bishop im Dublin Review, Apr. 1879, von Monod, Revue crit.
      1879, I, 272-276. Uebersehene Hs. der Classe D. Christ. 597, NA.
      X, 165. 231. Cod. 96 = 105 ist jetzt in Paris Nouv. acquis. lat.
      1602. Ueber die umgearbeitete Bamberger Hs., welche Spruners
      Uebersetzung zu Grunde liegt, s. Waitz im Arch. IX, 673-703,
      über eine verwandte in Oxford R. Pauli im NA. II, 161-168. G.
      Calligaris über eine Hs. in Turin im Bull. dell'Istituto stor.
      Ital. n. 10, S. 31 ff. u. Studien zur Kritik des Paulus in Mem.
      della R. Deputazione di storia patria per la Venezia 1890 (NA.
      XVII, 224). -- Uebers. v. O. Abel 1849, 2. A. v. Reinh. Jacobi
      1878, Geschichtschr. 15 (VIII, 4). -- Ueber den Weg, auf welchem
      die Lang. gekommen, Virchow in Verh. d. Berl. Anthropol. Ges. v.
      17. Nov. 1888, S. 508-532 (NA. XV, 211). Chroust, Ortsbestimmung,
      nach Pogatschnigg, NA. XV, 585.

Als einen bedeutenden Historiker können wir Paulus freilich nicht
betrachten. Die Sprache weiß er in seinen Gedichten mit Leichtigkeit
und Anmuth, wenn auch nicht fehlerfrei, zu behandeln[18] und in der
Erzählung zieht uns ihre schmucklose Einfachheit an. Von der gesuchten
Gelehrsamkeit und Ueberkünstelung so wie von der barbarischen Rohheit
des siebenten Jahrhunderts ist er frei, und für sein Zeitalter
ist seine gelehrte und sprachliche Bildung außerordentlich hoch
anzuschlagen[19]. Allein historische Kunst oder tiefere Auffassung
dürfen wir bei ihm nicht suchen. In der Geschichte der Bischöfe
von Metz berichtet er anfangs die fabelhafte Localtradition, ohne
ein Urtheil darüber auszusprechen, als Sage, dann schöpfte er seine
Nachrichten aus Gregor, Fredegar und dem Leben Arnulfs; was er aus der
neueren Zeit hinzufügt, ist wenig bedeutend, wie denn auch dieses ganze
Werk über einen ihm fernliegenden Gegenstand, auf den Wunsch seines
Gönners verfaßt, zu keinen höheren Ansprüchen berechtigt.

 [18] Die von Dümmler NA. X, 165 nachgetragenen Verse sind in
      scherzhafter Absicht, im Anschluß an vorhergehende ähnlicher Art,
      mit Vernachlässigung aller metrischen Regeln gemacht.

 [19] Waitz: Ueber die handschriftliche Ueberlieferung und die Sprache
      der H. Langobardorum, NA. I, 533-566. Die Ausgabe bietet doch
      nicht die barbarische Sprache, welche die ältesten Handschriften
      enthalten. Es kommen allerdings grobe grammatische Fehler vor,
      und zwar in den letzten Büchern zunehmend. Da ist in Anschlag zu
      bringen, daß das Werk unvollendet blieb.

Anders verhält es sich mit der Geschichte der Langobarden. Leider
reicht sie nur bis zum Tode Liutprands (744), und es fehlt uns also
die Darstellung der Zeit, welche der Verfasser selbst durchlebt hat. So
weit er aber mit seiner Arbeit gekommen ist, finden wir auch hier nur
einfache Erzählung, zusammengesetzt aus der mündlichen Ueberlieferung
und schriftlichen Quellen, wie der Origo, Gregor von Tours, Beda,
den Leben der Päbste u. a. m.[20]. Aus diesen nimmt er ganze Stücke
auf, ohne sie eigentlich zu einem Ganzen zu verarbeiten; in der
Kritik, sogar in der Sorgfalt und Genauigkeit bei Benutzung seiner
Gewährsmänner erscheint er schwach, höchst verwirrt in der Chronologie,
und obwohl seine eigentliche Aufgabe die Volksgeschichte der
Langobarden ist, nimmt er ohne rechtes Maß doch auch fernerliegendes
auf. Läßt er aber demnach als gelehrter Geschichtschreiber viel zu
wünschen übrig, so entschädigen uns doch dafür andere sehr wesentliche
Vorzüge, die einfache Klarheit seiner Darstellung, die lautere
Wahrheitsliebe, die ihn von allem in ungeschminkter Geradheit berichten
läßt, die Wärme des Gefühls für sein Volk, welche sich auch ohne
ruhmredige Verherrlichung besonders in der Aufzeichnung der alten
Sagen kundgiebt. Sehen wir nun aber vollends auf den materiellen Werth
seiner Geschichte, so ist derselbe unbedenklich als ganz unschätzbar
anzuerkennen, wir verdanken ihm eben die Bewahrung jenes reichen,
durch keine spätere Gelehrsamkeit verfälschten Sagenschatzes, und über
die Geschichte der Langobarden, was er aus dem Secundus von Trident
und anderen verlorenen Quellen schöpfte sowohl wie die Aufzeichnung
mündlicher Ueberlieferung: rettungslos würde alles dieses nach dem
Sturze des Reiches dem Untergang verfallen sein, wenn nicht des alten
Mönches Hand es mit treuer Liebe aufgezeichnet hätte.

 [20] Bethmann, Archiv X, 314. R. Jacobi: Die Quellen der
      Langobardengeschichte des P. Diaconus, Halle 1877. Controverse
      über den von ihm benutzten Catalogus provinciarum und verlorene
      annalistische Quellen, auch im Cont. Havniensis, zwischen Mommsen
      u. Waitz, NA. V, 51-103 u. 417-424. XI, 633. K. Neff, NA. XVII,
      204-208 gegen Waitz. Mommsen Auctt. antt. IX, 527. -- Die auch
      von P. benutzten hist. Stellen aus Gregors Dial. SS. Lang. p.
      524-540. -- Benutzung des Fredegar, von Waitz geleugnet, behauptet
      Monod, Revue crit. 1879, I, 276. Ueber die Quelle von HL. I, 25
      über Justinians Gesetzgebung s. Th. Mommsen u. Fitting, NA. III,
      185. 399-402. Zu III, 9. 31. Malfatti im Arch. stor. per Trieste,
      l'Istria e il Trentino II, fasc. 4, 1883. Zu VI, 54 W. Martens
      Polit. Gesch. d. Langobardenreichs unter K. Liutprand, Heidelb.
      Diss. 1880, Excurs S. 66-71.


§ 7. Angilbert.

 Angilberti Carmina ed. Dümmler, Poet. Lat. I, 355-381; vgl. NA. IV,
     140-142. Die älteren Drucke, gesammelt bei Migne XCIX, 849-854,
     dadurch veraltet. Herm. Althof: Angilberts Leben und Dichtungen
     (übersetzt). Wiss. Beilage z. Progr. des Realprogymn. u. Progymn.
     zu Münden. Bes. Abdr. Hann. Münden 1888. Traube, O Roma nobilis
     (Abh. d. Münch. Akad. I. CI. XIX, 2) S. 326-331. Verz. seiner
     Gedichte. Ein Abt Angilbert von Corbie zugeschriebenes Gedicht
     ihm zugesprochen. Ders., Karol. Dicht. I, 51-60 gewinnt Gedichte
     Angilberts aus denen des Bernowin (Poet. Lat. I, 413-425), der
     sich als Plagiator A.'s Gedichte angeeignet hat.

Wie Paulus am langobardischen, so war Angilbert, der ebenfalls aus
vornehmem Geschlechte stammte, am fränkischen Hofe aufgewachsen[1].
Wohl wenig jünger als Karl selbst, war er mit diesem durch innige
Freundschaft verbunden und stand zu der ganzen königlichen Familie
im vertraulichsten Verhältniß. Er scheint sich schon früh mit
wissenschaftlichen Studien beschäftigt und eine ansehnliche Stellung
in Karls Kapelle erlangt zu haben. Als Alcuin an den Hof kam, ergriff
er mit demselben Eifer, wie sein königlicher Freund, die Gelegenheit
zu höherer Ausbildung; er wurde ein Schüler Alcuins, des Paulinus und
Peters von Pisa, und nahm an der Akademie den lebhaftesten Antheil;
hier erhielt er wegen seiner poetischen Begabung den Namen =Homer=. Aus
dieser frühen Zeit der achtziger Jahre haben sich einige, in der Form
zum Theil noch sehr unvollkommene Gedichte erhalten, welche Dümmler
kürzlich aus einer gleichzeitigen Handschrift herausgegeben hat[2].
In dem einen, welches aus _versus serpentini_ besteht, grüßt Angilbert
mit seinen Genossen Angelram und Riculf den nach Italien heimgekehrten
Lehrer Peter von Pisa, und sendet zugleich ein von ihm erbetenes
Gedicht Karls des Großen an ihn. In dem Gedicht eines räthselhaften
=Fiducia= an Angelram werden Angilbert und Theodulf als _divini poetae_
erwähnt. Diese Verse scheinen früher angesetzt werden zu müssen,
als Angilberts Sendung nach Italien, wo ihm, gewiß ein Zeichen hohen
Vertrauens, eine bedeutende Stellung am Hofe des Kindes Pippin in dem
neugewonnenen italienischen Königreiche anvertraut wurde. Auch war er
mit Alcuin schon vorher befreundet[3].

 [1] _Qui paene ab ipsis infantiae rudimentis in palatio vestro
     enutritus est_, schreibt Pabst Hadrian 794 an Karl (Bibl. VI,
     245). Er muß aber als _primicerius palatii_ bei dem unmündigen
     Pippin schon in reifem Alter gewesen sein. Doch nennt Alcuin ihn
     wiederholt _filius_ und in dem Briefe n. 82 bei Jaffé, Bibl. VI,
     358 vom J. 797 genauer: _filius eruditionis meae_; Karl noch 796:
     _Homeriane puer_. Bibl. IV, 354.

 [2] Zeitschrift f. Deutsches Alterthum XVII, 141-146. Poet. Lat. I,
     75.

 [3] Alcuini ep. 22 Frob. 5 Jaffé, Bibl. VI, 149, von Jaffé 783-785
     angesetzt. In der Anrede heißt er _venerabilis_ u. _primicerius_;
     in der Aufschrift in 2 Handschriften _primicerius palatii Pipini
     regis_. B. Simson, Karl d. Gr. II, 435, Anm. 6, verwirft diese
     Angabe gänzlich; ich sehe den Grund nicht recht ein, wenn auch
     die Unsicherheit zuzugeben ist.

Zurückgekehrt trat Angilbert wieder in den Kreis seiner alten Freunde
ein, und genoß in hohem Grade Karls Vertrauen, der ihn 796 in einem
Briefe an Leo III _manualem nostrae familiaritatis auricularium_, in
dem an ihn selbst gerichteten Brief seinen _auricularius_ nennt[4]. Er
gehörte zur königlichen Kapelle, und auch seine Würde am italienischen
Hofe war vielleicht schon eine geistliche[5]. Wie bedeutend und
einflußreich seine Stellung gewesen ist, zeigen die wichtigen
Gesandtschaften an den römischen Pabst, welche ihn noch dreimal (792,
794, 796) nach Italien führten; auch soll er im Jahre 800 den König
nach Rom geleitet haben, und im Jahre 811 unterzeichnete er Karls
Verfügung über seinen Schatz zu Gunsten der Kirchen seines Reiches.

 [4] Bibl. IV, 353 u. 355.

 [5] _Ministrum capellae_ nennt ihn Hadrian 794. Docen macht darauf
     aufmerksam, daß in seinem Gedichte an Karl _primicerius aulae_
     der Erzkaplan ist. Vgl. auch Leibniz, Ann. Imp. I, 168.

Noch hatte sich am fränkischen Hofe aus Karl Martels Zeit die Sitte
erhalten, daß die Einkünfte reicher Abteien zum Unterhalt der Hofleute
verwandt wurden, und auch Angilbert war 790 Abt von Centula oder
Saint-Riquier in der Picardie geworden[6]. Er betrachtete aber diese
Würde nicht als eine bloße Pfründe, sondern stellte es sich vielmehr
zur Aufgabe, dieses Kloster so herrlich wie möglich auszustatten.
Unterstützt durch Karls fürstliche Freigiebigkeit, mit Hülfe
königlicher Baumeister und Künstler, baute er es von Grund aus neu,
und auch hierher kamen antike Säulen und Marmorstücke aus Italien.
Angilbert selbst hat darüber einen Bericht geschrieben, der fast
vollständig in Hariulfs Chronik aufgenommen ist[7]. Die vollendete
Kirche schmückte er in glänzendster Weise mit jedem Zubehör des
prachtvollen Kirchendienstes; namentlich ließ er sich, wie Arn, die
Pflege der Bibliothek angelegen sein und bereicherte diese mit 200
Büchern. Vielleicht das köstlichste unter diesen für die Mönche von
Centula war das Leben ihres Stifters, des h. =Richarius=, welches
auf Angilberts Bitten sein Freund Alcuin nach den gesteigerten
Anforderungen der Zeit neu bearbeitete[8]. Im Jahre 800 hatte Angilbert
die Freude, seinen königlichen Freund in den Mauern seines Klosters
als Gast zu empfangen, der bei ihm am 19. April das Osterfest feierte,
und wie er diesem Zeit seines Lebens in treuester Freundschaft zugethan
war, so folgte er ihm auch am 18. Februar 814 im Tode nach.

 [6] Jaffé Bibl. VI, 173.

 [7] Angilberti abbatis de ecclesia Centulensi libellus, MG. SS. XV,
     173-179. In ders. Hs. ist von ihm eine _Institutio de diversitate
     officiorum_.

 [8] Gedruckt Mabillon II, 189; die ältere ist verloren. Daran
     schließen sich _Miracula_ von 814-865 (Auszug SS. XV, 2, 915-919),
     _Historia relationis S. Richarii_ a. 981 ib. p. 696-698, viell.
     aus Hariulf, die _Vita metr._ vom Abt =Angelram= oder Ingelram,
     einem Schüler Fulberts von Chartres († 1045), weitere Mirakel
     von =Hariulf=, dem Verfasser der Chronik (Auszug ib. 919. 920).
     Ein Rhythmus mit den Namen der Aebte, von Angelram, SS. XV,
     181. Dieser hatte das Leben und die Wunder metrisch in 4 Büchern
     bearbeitet.

Daß Angilbert nach solchen Verdiensten um das Kloster später daselbst
als Heiliger verehrt ward, versteht sich von selbst[9]; =Anscher=,
sein Biograph im zwölften Jahrhundert, weiß auch viel von seinem
strengen und erbaulichen Wandel zu erzählen, allein das war gleichfalls
so unvermeidlich, wenn man nach Jahrhunderten über das Leben des
Stifters berichtete, daß darauf durchaus kein Gewicht zu legen ist.
Einem Staatsmanne Karls des Großen stand mönchische Askese übel an,
und Angilberts Thätigkeit scheint mehr auf eine tüchtige praktische
Wirksamkeit gerichtet gewesen zu sein; unmöglich ist es aber nicht, daß
er in seinen alten Tagen sich getrieben fühlte, für ein früher allzu
freies Leben Buße zu thun. Hatte er sich doch schon von Alcuin einreden
lassen, daß die Schauspiele, an denen er so viele Freude hatte,
sündlich wären, und wenn auch Alcuin seinen Wandel im übrigen würdig
und angemessen nennt[10], so wissen wir doch von einem Verhältniß,
welches den mönchischen Sittenpredigern nicht gefallen konnte, so
wenig es auch an Karls Hofe auffallen und Anstoß erregen mochte.
Denn Angilbert war der glückliche Geliebte von Karls schöner Tochter
Bertha, die ihm zwei Söhne, Nithard und Harnid, geboren hat: ein
Verhältniß, welches vielleicht durch eine naheliegende Verwechselung
Anlaß gegeben hat zu der bekannten Sage von Eginhard und Emma[11]. Die
Thatsache ist unzweifelhaft; Nithard, der eigene Sohn, erzählt sie,
und wir haben Einhards ausdrückliches Zeugniß dafür, daß Karl sich
nicht entschließen konnte, eine von seinen Töchtern zu verheirathen.
Daß er ihnen dafür um so größere Freiheit gestattete und daß manches
anstößige Verhältniß an seinem Hofe geduldet wurde, ist ebenfalls
bekannt genug. Wie Hariulf, der 1088 seine lehrreiche Chronik von
Centula vollendete, diesen Umstand behandelt hat, wissen wir nicht,
da gerade hier zwei Blätter aus der Handschrift ausgeschnitten sind;
der Interpolator sagt kurz, daß Angilbert die Bertha zur Ehe erhalten
habe und mit ihr den Ducat des Küstenlandes[12]. Wahrscheinlich aber
war die Darstellung hier ähnlich wie in der zweiten Biographie, welche
nebst drei Büchern Mirakel von dem Abt =Anscher= verfaßt ist, um die
Canonisation Angilberts zu erwirken. Im Jahr 1110 hatten die Wunder an
dem vergessenen Grabe Angilberts neu begonnen, und Anscher überreichte
das Werk dem Erzbischof Radulf von Reims, vielleicht auch dem Pabste,
um die Heiligsprechung zu erreichen. Ungeachtet dieses Zweckes aber
erzählt er unbefangen, gewiß alter Ueberlieferung folgend, daß Bertha
in heißer Liebe zu Angilbert, der schon zum Priester geweiht war und
ein Bisthum erhalten sollte, entbrannte; ungern habe Karl nachgegeben.
Angilbert aber, ausgestattet mit dem Ducat, den Anscher schon nach
den Begriffen seiner Zeit als ein Herzogthum auffaßt, schlägt die
Dänen[13] mit S. Richarius Hülfe, wird dann Mönch und führt zur Buße das
strengste Mönchsleben, während Bertha ebenfalls zu Saint-Riquier den
Schleier nimmt. Das ist nicht richtig, noch bei der Zusammenkunft Karls
mit Pabst Leo zu Paderborn 799 erscheint Bertha in voller weltlicher
Herrlichkeit, und hat nach Einhards Zeugniß bis zu des Kaisers Tod den
Vater nicht verlassen; auch 826 bei der Ankunft des h. Sebastian finden
wir sie bei ihrem Bruder in Soissons. Da sie ferner erst um 780 geboren
ist[14], war Angilbert schon Abt, als sie sich in ihn verliebte, und daß
er auch noch viel später, noch im J. 800 nach Karls Osterfeier in St.
Riquier, sein Familienleben am Hofe nicht aufgegeben hatte, zeigt uns
das anmuthige Gedicht, welches zuerst von Docen an dem Dichternamen
Homer als ein Werk Angilberts erkannt ist[15], ein Gruß an Karl und
den engeren Kreis der Seinen aus der Ferne. Hier gedenkt er nach der
Schilderung der königlichen Pfalz und ihrer Bewohner, zuletzt auch
seines nahe gelegenen Hauses mit dem Garten, in welchem seine Knaben
spielen; die zärtlichste Liebe und Sorge spricht sich darin aus, aber
von der Mutter ist keine Rede. Dagegen begrüßt er unter Karls Töchtern
Bertha mit besonderer Verehrung[16], und die Weise, wie er den König als
seinen süßen David, dessen Kinder als seine Lieben grüßt, deutet auf
ein sehr vertrauliches Verhältniß.

  [9] So in seiner Stiftung Cysoing bei Tournai Markgraf =Eberhard=
      von Friaul, Gemahl von Ludw. d. Fr. Tochter Gisla, einer der
      litterarisch gebildeten Laien dieser Zeit, s. Dümmler im Jahrbuch
      für vaterländische Geschichte (Wien 1861) S. 171-179, Gesta
      Berengarii p. 17 und die in der _Translatio S. Callisti Cisonium_
      a. 854 durch Eberhard, Acta SS. Oct. VI, 444, ausgelassenen
      Stellen NA. III, 405-407. Vollst. Ausgabe dieser von Holder-Egger
      SS. XV, 1, 418-422. Zu solcher Verehrung genügte die bloße
      Existenz des Grabes eines vornehmen oder bekannten Mannes aus
      alter Zeit, wie recht deutlich die Verehrung =Zwentibolds= in
      Süstern zeigt, und die des =Meingold= in Huy; über dessen ganz
      fabelhafte und historisch unbrauchbare Vita (Acta SS. Feb. II,
      191-196, MG. SS. XV, 556-563) s. Dümmler, De Arnulfo p. 201-204.
      Von den Helden der Sage wurden =Waltharius= in Novalese, =Otger=
      in St. Faron-les-Meaux, Tegernsee und Groß St. Martin zu Cöln
      verehrt und ihre Geschichte mönchisch gestaltet. Gar wunderbar ist
      die Geschichte von dem Haimonskinde =Reinold= (_Vita S. Reinoldi_,
      Acta SS. Jan. I, 385-387 und in lateinischen Versen im Annuaire de
      la Bibliothèque Royale de Bruxelles XII, 239-281), der in Cöln,
      für seine Sünden büssend, als Steinträger bei einem Kirchenbau
      arbeitete u. von seinen mißgünstigen Genossen erschlagen wurde;
      seine angeblich von dort geholten Knochen thaten in Dortmund
      Wunder. Abh. darüber nebst Abdr. v. Floss, Niederrhein. Ann. XXX
      (1876) S. 174-203. Gleicher Art ist die von Giesebrecht zur Passio
      Adalberti beschriebene _V. Hugonis_ aus Jumièges, über die auch
      schon Ravaisson, Rapports p. 125, Mittheilung gemacht hat; vgl.
      Gesch. d. Kaiserzeit II, 601.

 [10] Alcuini epp. 144 et 213 Froben, 116 u. 177 Jaffé.

 [11] S. O. Abel, Kaiser Karls Leben von Einhard, S. 56-62; vgl.
      Lorentz, Alcuins Leben, S. 183, A. 32.

 [12] „Cui etiam ad augmentum palatini honoris totius maritimae terrae
      ducatus commissus est.“ Hariulfi Chron. Centul. in d'Achery's
      Spicil. ed. II. II, 291 sq. Vgl. das daraus mit Benutzung der
      Handschrift gegebene Leben Angilberts bei Mab. IV, 1, 108-122,
      worauf Anschers Werk folgt. Hier fehlt der Eingang, weshalb es
      zweifelhaft ist, ob Anscher auch diese Vita verfaßte. Ein Fragment
      ders. SS. XV. 180.

 [13] Auch das ist wohl Anticipation späterer Zustände. Nach Hariulf
      III, 9 wurde Rudolf, der Bruder der Kaiserin Judith, unter Karl
      dem Kahlen zugleich Laienabt und comes maritimae provinciae.

 [14] S. Leibniz, Ann. Imp. I, 107.

 [15] Neuer litterarischer Anzeiger 1807 N. 6. Daß dieses Gedicht schon
      unter Alcuins Namen bei Froben II, 614 gedruckt ist, fand Docen
      selbst später. Aretins Beiträge VII, 523. Poet. Lat. I, 360.

 [16] „Virginis egregiae Bertae nunc dicite laudes, Pierides, mecum,
      placeant cui carmina nostra. Carminibus (cunctis) Musarum digna
      puella est.“ Da hier nicht, wie in dem sonst sehr ähnlichen
      Gedichte Theodulfs, die Königin Liudgard erwähnt wird, so ist
      dieses wohl erst nach deren Tod, 4. Juni 800, geschrieben. Althof
      a. a. O. S. 14 bemerkt, dass hier noch Thyrsis (der Kämmerer
      Meginfrid) als lebend erwähnt wird, der damals auf einem Zug
      Pippins gegen Benevent starb.

Aehnlicher Art wie dieses ist ein anderes Gedicht Angilberts, verfaßt
als er 796 nach Italien eilend, dem siegreichen jungen Könige Pippin
in Langres begegnete; er schildert die Freude des Wiedersehens, die
ungeduldige Erwartung am Hofe, und voraus schauend die zärtliche
Begrüßung des jungen Helden im Kreise der Seinen[17].

 [17] Poet. Lat. I, 358. Ueber die chronologischen Schwierigkeiten
      Simson, Karl d. Gr. II, 126.

Geglaubt hat man, daß uns auch noch aus einem größeren Werke Angilberts
ein Bruchstück erhalten sei. Sein Dichtername Homer, den ihm Karl
selbst 796 beilegt, in dem Briefe, welcher die wichtigsten Aufträge
für seine römische Gesandtschaft enthält[18], deutet auf große
Erwartungen, die sich an ihn knüpften, die Erwartung, daß er Karls
Thaten in einem Epos feiern werde. Wenn wir daher einem solchen Epos
wirklich begegnen, so ist wohl die Vermuthung gerechtfertigt, daß kein
anderer als Angilbert der Verfasser sein könne. Hegewisch hat deshalb
bereits diese Vermuthung ausgesprochen, und Pertz das Gedicht unter
Angilberts Namen herausgegeben[19]. Allein der Abstand von Angilberts
Werken in der Beherrschung der Sprache und der Behandlung des Verses zu
Gunsten dieser Dichtung ist doch zu groß, um beide demselben Verfasser
zuschreiben zu können. Auffallend ist es, da wir doch im Ganzen
über diese Zeit so genau unterrichtet sind, von einem so bedeutenden
Werke gar keine Erwähnung zu finden. Vermuthlich ist es unvollendet
geblieben, und deshalb weder vollständig erhalten, noch hinlänglich
beachtet, um von anderen genannt zu werden. Doch würde Angilberts
Dichtername Homer wenigstens eine Hindeutung enthalten, die für andere,
wie Theodulf, den Dümmler vermuthungsweise genannt hat, gänzlich fehlt.
Ein Citat freilich ist uns jetzt bekannt geworden: in der oben S.
156 angeführten Ecloge des Naso wird ein Dichtergreis eingeführt, den
er =Micon= nennt, und dieser verwendet einen Vers aus jenem Epos zum
Preise des Kaisers (p. 389, v. 74). Doch kann er ihn sich ebenso wie
so manchen Vergilvers angeeignet haben. Vorher spricht Naso von dem
Dichterruhm des Alcuin, Theodulf, Einhard, und setzt hinzu: „Nam meus
ecce solet magno facundus Homerus Carminibus Carolo studiosis saepe
placere.“ Daß aber nun dieser Homer eben der Micon sei, darauf deutet
nichts, und wir dürfen es kaum annehmen. Wir ersehen hieraus nur,
daß schon wenige Jahre nach der Kaiserkrönung das Gedicht vorhanden
war. Sicher war der Verfasser ein Mann von ungewöhnlichem Geiste und
großer dichterischer Begabung, der sich den Unterricht der Hofschule
mit bestem Erfolge zu Nutze gemacht hat. Dafür zeugt die fleißige, man
muß wohl sagen übermäßige, Benutzung des Vergil, Ovid, Lucan, und wie
B. Simson nachgewiesen hat[20], Venantius Fortunatus, zu denen Manitius
noch mehrere hinzugefügt hat, welche ihm an sich so wenig zum Vorwurf
gemacht werden kann, wie Einhard die Nachahmung des Sueton, und bei
seinen Zeitgenossen gewiß eher Bewunderung als Tadel erregte, wenn
er auch in übergroßem Eifer nach dem Vorbild von Karthago sogar von
Hafenbauten bei Aachen dichtete. Auch zu Karls Akademie muß der Dichter
gehört haben, da er ihn immer David nennt, was ein anderer sich gewiß
nicht hätte erlauben dürfen, und die lebendige Schilderung verräth
sowohl den Augenzeugen als auch einen Mann, der Karls Hofe nicht fern
stand, was freilich bei einem so ausgezeichneten Dichter ohnehin mit
voller Sicherheit anzunehmen ist.

 [18] Bibl. IV, 353.

 [19] MG. II, 391-403. Orelli, Helperici sive ut alii arbitrantur
      Angilberti _Carolus magnus et Leo III_, 1832, nach der von ihm
      wiederaufgefundenen Handschrift. Dagegen Pertz im Archiv VII,
      363. -- Poet. Lat. 1, 366-381. M. Manitius, NA. VIII, 9-45 für
      Angilbert als Autor. Dagegen Ausfeld, Forsch. XXIII, 609-615.
      Die Unsicherheit anerkennend Manitius, NA. IX, 614-617; XI, 555.
      556 über Benutzung älterer Dichter bei ihm. Traube verwirft seine
      Autorschaft.

 [20] Forsch. XII, 567-590, vgl. XIV, 623-626, sehr ungünstig über den
      Vf. urtheilend, den dagegen Ebert, Deutsche Rundschau III, 9, 407
      (vgl. Lit. des MA. II, 58-63) lebhaft anerkennt. Aehnlich auch
      Althof.

Erhalten ist uns der Anfang des dritten Buches oder vielleicht das
ganze, 536 Verse, vermuthlich ein Stück, welches seiner besonderen
Schönheit wegen einzeln in eine Blumenlese aufgenommen war, denn
es steht mitten zwischen anderen Bruchstücken. Die Geschichte der
Gegenwart episch zu behandeln, ist stets ein Mißgriff, und immer
werden es die einzelnen Schilderungen sein, welche einem solchen
Werke seinen Reiz verleihen. Aber auch die Anlage ist hier doch sehr
geschickt entworfen. In voller Pracht wird Karls Hofhaltung uns vor
Augen geführt; eine Lobrede auf den großen König eröffnet das Buch,
dann werden die Bauten zu Aachen und eine große Jagd mit reichen Farben
und lebendiger Anschaulichkeit geschildert: mit besonderer Vorliebe
verweilt der Dichter bei den Töchtern Karls, zu denen wohl kein
anderer Dichter der Zeit in so nahem Verhältniß stand wie Angilbert.
In der Nacht läßt dann der Dichter den König im Traume die Mißhandlung
erblicken, welche der Pabst Leo 799 in Rom erfuhr; er weicht darin
von der Wirklichkeit ab, aber wenn man einmal die Geschichte episch
behandeln will, so ist eine solche Wendung geschickt genug, um ohne
lange Vorbereitungen die Hauptereignisse einander nahe zu rücken[21].
Ohne von den umständlichen Gesandtschaften, welche in der Wirklichkeit
dazwischen lagen, berichten zu müssen, gelangt so der Dichter sogleich
zu der Zusammenkunft Karls mit dem Pabste im Lager bei Paderborn,
welche den eigentlichen Gegenstand seiner Darstellung bildet.

 [21] Dieser dem Vergil entlehnte Kunstgriff ist freilich nicht selten,
      sonst würde es für Angilberts Autorschaft sprechen, daß auch in
      seinem Gedichte auf Pippins Ankunft ein Traum auf ähnliche Weise
      angewandt wird.

Niemand wird dieses Fragment aus der Hand legen, ohne zu bedauern,
daß uns von diesem Werke nicht mehr erhalten ist; es weht uns darin
gleichsam die frische Luft jenes kraftvollen Lebens an, und wir fühlen
uns auf einen Augenblick entrückt aus der einförmigen Atmosphäre
der geistlichen Chronisten, ja selbst der seelenlosen Schulpoesie.
Ueber den Verfasser aber werden wir uns bescheiden müssen, unsere
Unwissenheit zu bekennen.


§ 8. Einhard.

 Pertz, MG. SS. II, 426-430. Baehr S. 200-216. O. Abel, Kaiser Karls
     Leben von Einhard, S. 1-18. Eug. Bacha bei Kurth: Dissertations
     acad. Liège 1888. Opera ed. Teulet, Par. 1840, 1843, 8. 2 Bände.
     Jaffé, Bibl. IV, 487-506; vgl. die zweite Ausgabe der Vita
     Caroli M. cur. W. Wattenbach, 1876. Vita Caroli ed. Waitz, 1880.
     Ebert II, 92-104. Bursian, Gesch. d. Philol. S. 21. M. Manitius,
     Einharts Werke und ihr Stil, NA. VII, 517-568. Nachtrag VIII, 193.
     XI, 64-73.

Dem Kaiser Karl wurde das Glück zu Theil, so lange die Herrschaft
zu führen, daß er noch selbst den Erfolg seiner Bestrebungen
und Einrichtungen erlebte. Haben wir bisher mit den Männern uns
beschäftigt, welche er als Gehülfen seiner Thätigkeit an sich zog,
seinen gleichaltrigen Zeitgenossen, so haben wir dagegen jetzt in
Einhard den ersten der jüngeren Generation zu betrachten, der schon
ganz unter dem Einfluß von Karls Zeitalter erwachsen war, und selbst
den schönsten Beweis gab für den gesegneten Erfolg dieses Strebens.
Kein mittelalterlicher Schriftsteller ist den classischen Vorbildern,
welchen sie nacheiferten, so nahe gekommen; er erfreut sich deshalb
eines guten Namens und findet selbst vor philologischen Augen Gnade.

Und doch zeigt sich auch gerade darin wieder eine Gefahr der damaligen
Richtung; so viel anziehendes Einhard auch hat, es fehlt ihm die
frische Natürlichkeit anderer, er schreibt fast wie Sueton, aber es war
nicht das richtige Ziel des Mittelalters, zu schreiben wie Sueton, so
wenig wie am Beginn der neueren Zeit diejenigen das Höchste erreicht
haben, welche fast wie Cicero schrieben.

Man hätte in die Gefahr kommen können, nichts als ein mattes Abbild
der römischen Kaiserzeit darzustellen, wenn nicht doch dagegen das
widerstrebende Element der Kirche immer geschützt hätte, welches sich
in dieser Form nicht fesseln lassen konnte, und das unvertilgbare
frische Leben der Völker, welches nicht ruhte, bis es sich seine
eigenen neuen Formen geschaffen hatte.

Für das Leben Einhards haben wir die werthvollste Bereicherung
unserer Kenntniß dem Prologe =Walahfrids= zu Kaiser Karls Leben zu
danken, dessen früher bezweifelte Echtheit durch die Auffindung der
Kopenhagener, einst Kirschgarter Handschrift gesichert ist; daraus ist
er fehlervoll Arch. VII, 372, correcter von Jaffé herausgegeben[1],
und mit Benutzung desselben hat Jaffé in sorgfältigster Weise Einhards
Leben neu bearbeitet. Eine zweite Handschrift in Freiburg i. Br. hat B.
Simson entdeckt und die Varianten mitgetheilt[2].

 [1] Bibl. IV, 507-508, doch ist S. 508 n. b. wohl mit Unrecht _debere_
     in _prebere_ geändert. In der 4. Ausg. von Waitz p. XX.

 [2] Zts. f. Gesch. d. Oberrh. N. F. VII, 314-319.

Einhard -- denn so, nicht Eginhard, wird der Name von seinen
Zeitgenossen urkundlich geschrieben[3] -- ist um das Jahr 770 in
Ostfranken im Maingau von edlen Eltern[4] geboren, und erhielt
seine früheste Erziehung im Kloster Fulda[5], zu dem er auch immer
in freundschaftlicher Beziehung blieb: noch bewahren sechs von ihm
unter Abt Baugulf (779-802) geschriebene Urkunden, wenn gleich nicht
im Original erhalten, das Andenken an jene Zeit. Darunter ist eine
Schenkung der Ehegatten Einhart und Engilfrit, höchst wahrscheinlich
seiner Eltern; zwei vom 19. April 788 und vom 12. September 791
dienen zur Zeitbestimmung[6]. So sehr zeichnete er sich durch seine
Fähigkeiten und Fortschritte aus, dass Abt Baugulf ihn an den Hof des
Königs schickte, denn dieser, das wußte Baugulf, trachtete eifrigst
danach, die fähigsten und gelehrtesten Männer aus dem ganzen Reiche
um sich zu versammeln. In der Hofschule also vollendete er seine
Ausbildung, und erwarb sich bald die Anerkennung, welcher beim ersten
Anblick seine kleine Gestalt hinderlich war. _Homuncio_ nennt ihn
deshalb Walahfrid, _nam statura despicabilis videbatur_. Und Theodulf
sagt 796 in dem oben erwähnten Gedicht an Karl v. 155 ff. von ihm:

  Nardulus huc illuc discurrat perpete gressu:
    Ut formica tuus pes redit itque frequens,
  Cujus parva domus habitatur hospite magno,
    Res magna et parvi pectoris antra colit.
  Et nunc ille libros operosus[7], nunc ferat et res,
    Spiculaque ad Scotti nunc paret apta necem.

 [3] Er selbst schrieb _Einhart_, Zeitgenossen wechseln, und neben
     _Bernhard_ erscheint _Einhard_ für uns als die natürlichere
     Schreibart.

 [4] Wegen der falschen Lesart _minus_ statt _munus_ nahm man früher
     das Gegentheil an.

 [5] Irrthümlich sah O. Abel in den Worten Walahfrids _sub pedagogio
     sancti Bonifacii martiris_ einen Anachronismus; nicht der lebende
     Bonifaz, sondern der Schutzpatron ist gemeint.

 [6] S. Jaffé S. 488, der diese Urkunden aus Dronke's C. D. Fuld.
     zuerst verwerthet hat.

 [7] Jaffé's Conjectur _operosas_ mit vorhergehendem Komma kann ich
     nicht billigen.

Denn von der Bissigkeit dieses Schottenmönchs (vgl. oben S. 153) hatte
er nicht minder als Alcuin und Theodulf selbst zu leiden. Alcuin aber
verfaßte folgende scherzhafte Verse als Inschrift auf Einhards Haus:

  Parva quidem res est oculorum cerne pupilla,
  Sed regit imperio vivacis corporis actus.
  Sic regit ipse domum totam sibi Nardulus istam:
  Nardule, dic lector pergens, tu parvule salve!

Und für seine Hausthür:

  Janua parva quidem et parvus habitator in aede est.

Seine volle Anerkennung für Einhard aber spricht er in diesem hübschen
Epigramm aus:

  Non spernas Nardum, lector, in corpore parvum,
  Nam[8] redolet nardus spicato gramine multum:
  Mel apis egregrium portat tibi corpore parvo.

 [8] _Nam_ statt _Jam_, und im folg. Vers _Mel apis_ statt _Me lapis_
     sind Verbesserungen von Jaffé. Diese Verse sind als n. 242 bei
     Frob. II, 231 unpassend mit den vorhergehenden verbunden. Poet.
     Lat. I, 248.

Als schon in späteren Jahren 829 Walahfrid Kaiser Ludwigs Hof
schilderte, schrieb er von Einhard (mit dem Lemma _de Einharto
magno_)[9]:

  Nec minor est magni reverentia patris habenda
  Beseleel, fabre[10] primum qui percipit omne
  Artificum praecautus opus: sic denique summus
  Ipse legens infirma deus, sic fortia temnit. (I. Cor. 1, 27.)
  Magnorum quis enim majora receperat umquam,
  Quam radiare brevi nimium miramur homullo?

  [9] Poet. Lat. II, 377.

 [10] Diesen Ausdruck (ich vermuthete _fabri_) rechtfertigt Dümmler
      a. a. O. durch Hinweis auf Exod. 31, 4. 35, 33. 36, 1.

Daß aber auch Einhard zu den Dichtern des Hofes gehörte, erfahren wir
erst aus jenem Gedicht des Naso, wo es zugleich mit hoher Anerkennung
seiner hervorragenden Stellung von ihm heißt:

  Aonias avide solitus recitare Camenas
  Nardus ovans summo praesenti pollet honore.

Durch seine Klugheit und Gelehrsamkeit, sowie durch seine Rechtlichkeit
und Treue erwarb sich Einhard das vollste Vertrauen Karls, der
fast keinem seiner Räthe so rücksichtslos seine geheimsten Gedanken
mittheilte; den jüngeren Mann liebte er wie einen Sohn, und Einhard
erwiderte diese Zuneigung mit der hingebendsten Verehrung[11]. Ganz
besonders zeichnete sich Einhard auch durch seine Kunstfertigkeit
aus, durch seine Kunde der Baukunst, welche er durch eifriges Studium
des Vitruv und der alten Denkmäler auszubilden suchte, und durch
Geschicklichkeit in mancherlei Arbeit. Er erhielt deshalb unter den
Hofgelehrten den Beinamen =Beseleel=, nach dem kunstreichen Werkmeister
der Stiftshütte, und wurde vom Kaiser zum Aufseher seiner großartigen
Bauten ernannt[12]. Auch in anderen wichtigen Angelegenheiten bewies ihm
der Kaiser sein Vertrauen; er sandte ihn im Jahre 806 an den Pabst,
um dessen Zustimmung zu seiner Anordnung über die Reichstheilung zu
erlangen, und 813 war es Einhard, dessen Rath und Bitte Karl bestimmt
haben soll, seinen Sohn Ludwig zum Kaiser zu ernennen. Da ist es denn
nicht zu verwundern, daß er auch bei diesem sehr in Gunst stand; die
großen Bauten hörten auf, aber nun wurde dem kunstreichen und gelehrten
Manne eine ganze Reihe der ansehnlichsten Abteien übertragen. Allein
mehr als diese zog ihn der abgelegene und einsame Fleck Landes zu
Michelstadt im Odenwald an, den er 815 für sich und seine Gemahlin
Imma vom Kaiser zum Geschenk erbat. Mehr und mehr zog er sich hierin
zurück, und nachdem er sich im Jahre 827 den nach den Begriffen der
Zeit unschätzbaren Besitz der Gebeine der heiligen Märtyrer Marcellinus
und Petrus verschafft hatte, gedachte er hier ein Kloster zu gründen;
doch veranlaßte eine Vision ihn, die Reliquien nach Mühlheim am Main
zu führen, wo er ihnen eine stattliche Kirche erbaute, und die Abtei
stiftete, welche den Namen des Ortes allmählich in Seligenstadt
verwandelte.

 [11] Dass er auch als Geheimschreiber thätig gewesen sei, was nicht
      unwahrscheinlich ist, sucht E. Bacha nachzuweisen.

 [12] Nach einer von Pertz in d. 3. Sep. Ausg. d. V. Caroli, von Jaffé,
      Bibl. IV, 536 mitgetheilten Notiz war Meister Odo der Architekt
      des Aachener Münsters; Einhard scheint die oberste Leitung
      aller Bauten gehabt zu haben. Wenigstens heißt es in der Chronik
      von St. Wandrille vom Abt Ansegis: „exactor operum regalium in
      Aquisgrani palatio regio sub Heinhardo abbate, viro undecunque
      doctissimo, a domno rege constitutus est.“ Und Hraban sagt in der
      Grabschrift:
             Quem Carolus princeps propria nutrivit in aula,
                 Per quem et confecit multa satis opera.
      Waitz fügt dazu die Stelle des Odilo in der Transl. S. Tiburtii,
      wo E. „palatii regalis domesticus“ genannt wird. Verfassungsgesch.
      III (2. Aufl.) S. 528 Anm. 1.

Noch konnte Einhard sich nicht ganz den Staatsgeschäften entziehen,
deren unruhiges und kriegerisches Getreibe allen denen, welche sich zu
litterarischer Beschäftigung hingezogen fühlten, unerträglich war[13].
Im Jahr 817 gab ihn Ludwig dem jungen Kaiser Lothar als Rathgeber,
und 830 finden wir ihn eifrig bemüht, den Ausbruch der Empörung
zu verhindern, die Aussöhnung zwischen Vater und Sohn zu bewirken;
Walahfrid rühmt ganz vorzüglich die Klugheit, mit welcher Einhard
weder vorzeitig den alten Kaiser verlassen, noch auch sich ohne Nutzen
ins Verderben gestürzt habe. Als aber die inneren Zustände des Reichs
immer unheilbarer wurden, auch niemand mehr auf seinen weisen Rath
achtete, da zog er sich ganz in seine Waldeinsamkeit zurück. Noch war
ein harter Schlag des Schicksals ihm vorbehalten, der Tod seiner innig
geliebten Gemahlin Imma, die nach Jaffé's scharfsinniger Vermuthung
eine Schwester des Bischofs Bernhar von Worms war[14]. Sie starb im
Jahre 836; der alte Kaiser hat ihn damals in seiner Zurückgezogenheit
aufgesucht, um ihm seine Theilnahme zu bezeugen, und Lupus, der
sich gerade seiner Studien wegen in Fulda aufhielt, wo er eben mit
lebhafter Bewunderung die _Vita Caroli_ gelesen hatte, schrieb ihm
in herzlichem Mitgefühl einen Trostbrief[15]. Nicht lange darnach, am
14. März 840, starb er selbst[16]; eine schöne Grabschrift von Hrabans
Hand zierte seine Ruhestätte[17]. In der Abtswürde folgte ihm sein
Schüler =Ratleik=, einst sein Schreiber, jetzt Ludwigs des Deutschen
Kanzler[18].

 [13] In einer, wie es scheint, an Ludw. d. Fr. gerichteten theol.
      Abhandlung heißt es: „Einharde, si haec legas, non mireris, si
      forte invenias errantem.“ Forsch. VI, 122.

 [14] Das bezweifelt B. Simson, Ludw. d. Fr. II, 160 Anm. 2, und es ist
      zuzugeben, daß die Vermuthung unsicher ist.

 [15] Lupi epp. 1 u. 4 ed. Baluze. Diese Briefe sind wiederholt bei
      Ideler, Leben Karls d. Gr. II, 138 ff. Einhard widmete ihm eine
      Schrift _de adoranda cruce_, welche E. Dümmler, NA. XI, 231-238
      herausgegeben hat.

 [16] Das Jahr 840 hat Jaffé den Fulder Todtenannalen (Dronke Traditt.
      p. 168, jetzt SS. XIII, 174) entnommen, und da er darin billig
      vorkommen muß, dürfen wir den ohne jede nähere Bezeichnung
      gesetzten Namen wohl auf ihn beziehen. Die Ann. S. Bavonis (MG.
      II, 187), welche 844 (Chron. S. Bavonis bei De Smet, Corp. I,
      483 auch d. 25. Juli) geben, sind eine ganz unzuverlässige späte
      Compilation. Den 14. März geben die Necrologien von Lorsch u.
      Fulda (Leibn. SS. III, 762; bei Schannat u. Boehmer fehlt Einhards
      Name) u. eine Aufzeichnung saec. IX im Cod. Vat. Pal. 1448 bei
      Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 76; den 21. März das Würzburger
      bei Eckhardt, Comm. II, 320, u. Dümmler, Forsch. VI, 116.

 [17] Poet. Lat. II, 237. Einige Bücher aus seinem Besitz, wie es
      scheint, Vergil, Persius, Arator, Boethius, befanden sich im 11.
      Jahrh. in St. Evre zu Toul, Becker, Catal. S. 152, worauf mich
      Manitius aufmerksam machte.

 [18] S. über ihn Dümmler Ostfr. II, 432.

Eine reiche Quelle für die Geschichte des letzten Jahrzehnts von
Ludwigs des Frommen Regierung, leider nicht für die frühere Zeit,
bieten uns die =Briefe= Einhards und anderer an ihn, oder die auf
irgend eine Weise in seinen Besitz gekommen waren[19], welche in seinem
Genter Kloster als Muster gesammelt wurden; die Eigennamen wurden als
überflüssig meistens beseitigt. Die Handschrift kam mit den vor den
Normannen flüchtenden Mönchen nach Laon, wo sie in stark beschädigtem
Zustande geblieben ist, bis Pertz sie 1827 dort entdeckte, worauf
sie wenig später nach Paris gebracht wurde. Nachdem zuerst Teulet die
Handschrift wieder benutzt hatte, liegt nun von Jaffé eine zu bequemem
Gebrauche kritisch bearbeitete Ausgabe vor[20].

 [19] Der Brief an den Kaiser über den Kometen von 837 (Bibl. IV, 459)
      ist einzeln vollständiger erhalten, NA. I, 585, vgl. II, 450.

 [20] Bibl. IV, 437-486; vgl. Dümmler im Lit. Centralbl. 1867 Sp. 1268.
      Es fehlen ein Brief der Gemeinde von Sens an E. s. Simson I, 302
      Anm. 2, und ein nicht unwichtiger, doch nicht von E. kommender
      Brief an Lothars Gemahlin Hermengard, Teulet II, 146 (Du Chesne
      II, 710. Mab. Ann. I. 28 n. 48).

Einhards berühmtestes und vollendetstes Werk ist:


$Das Leben Karls.$

 Ausgabe von Pertz MG. SS. II, 426-463. Besonderer Abdruck, 3. Ausgabe
     1863, mit einem Anhang von Gedichten. Ueber später gefundene
     Handschriften NA. VI, 195. Cod. Monac. 17134 aus Scheftlarn mit
     Interpolationen aus den Annalen über Tassilo, s. Graf Hundt in
     d. S. 154 angef. Abh. S. 191. Cod. Paris 4937 ist mit dem Fonds
     Barrois wieder erworben. Eine Hds. im Catalog von 1412 des Kl.
     Amelungsborn, Dürre im Progr. d. Gymn. zu Holzminden 1876 S. 22.
     Ideler: Leben und Wandel Karls des Großen von Einhard (Text mit
     Commentar und Beilagen), 2 Bde. 1839. Ausg. von Jaffé, Bibl. IV,
     487-581, und bes. Abdruck, 1867; 1876 cur. W. Wattenbach. Ed.
     Waitz. 1880; A. Holder 1881. Uebers. v. O. Abel, Geschichtschr. 16
     (IX, 1) 1850, 1880. Verbesserungen von Fröhner, Krit. Analecten,
     Philologus, Suppl. Bd. V, S. 93. Fr. Schmidt De Einhardo Suet.
     imitatore, Progr. 1880. Manitius, Anklänge an Vergil, NA. IX,
     617, an Sulpicius Severus, Vellejus u. Curtius ib. XII, 205. 206;
     an Justin XIII, 213. E. Bernheim, Waitz-Aufsätze S. 73-96, über
     das Verhältniß zu Sueton und zu den Ann. Einhardi, die er benutzt
     habe, vgl. NA. XII, 427.

„Einhard“, sagt Ranke zur Kritik fränkisch-deutscher Reichsannalisten
S. 416[21], „hatte das unschätzbare Glück, in seinem großen Zeitgenossen
den würdigsten Gegenstand historischer Arbeit zu finden; indem er ihm,
und zwar aus persönlicher Dankbarkeit für die geistige Pflege, die er
in seiner Jugend von ihm genossen, ein Denkmal stiftete, machte er sich
selbst für alle Jahrhunderte unvergeßlich.“

 [21] Ges. Werke LI. LII, S. 96. S. 121-124 sind hier weitere
      Bemerkungen hinzugefügt über die Ungenauigkeit im ersten Theil,
      während für die zweite Hälfte werthvolle Nachrichten gegeben
      werden.

„Vielleicht in keinem neueren Werke tritt nun aber die Nachahmung
der Antike stärker hervor, als in Einhards Lebensbeschreibung Karls
des Großen. Sie ist nicht allein in einzelnen Ausdrücken und der
Phraseologie, sondern in der Anordnung des Stoffes, der Reihenfolge
der Capitel, eine Nachahmung Suetons. Wie auffallend, daß ein
Schriftsteller, der eine der größten und seltensten Gestalten aller
Jahrhunderte darzustellen hat, sich dennoch nach Worten umsieht, wie
sie schon einmal von einem oder dem anderen Imperator gebraucht worden
sind. Einhard gefällt sich darin, die individuellsten Eigenheiten der
Persönlichkeit seines Helden mit den Redensarten zu schildern, die
Sueton von Augustus, oder Vespasian, oder Titus, oder auch hie und da
von Tiberius gebrauchte. Er hat gleichsam die Maße und Verhältnisse
nach dem Muster der Antike eingerichtet, wie in seinen Bauwerken:
aber damit noch nicht zufrieden, wendet er wie in diesen, auch sogar
antike Werkstücke an. Wenn wir auch überzeugt sind, daß hiebei die
Wahrheit nicht verletzt wurde, so konnte doch die ganze Originalität
der Erscheinung auf diese Art nicht wiedergegeben werden. Ueberhaupt
suchen wir in der Geschichte nicht allein Schönheit und Form, sondern
die exacte Wahrheit, deren Ausdruck die freieste Bewegung fordert und
dadurch eher erschwert wird, daß man sich ein bestimmtes Muster vor
Augen stellt.“

„Ohne Zweifel war die Absicht Einhards mehr auf eine angenehm
zusammenfassende Darstellung, als auf strenge Genauigkeit in den
Thatsachen gerichtet. Das kleine Buch ist voll von historischen
Fehlern.“

„Nicht selten sind die Regierungsjahre falsch angegeben, z. B. bei
Karlmann, der nur zwei Jahre regiert haben soll, während er doch über
drei Jahre als König neben Karl dem Großen lebte; über die Theilung
des Reiches zwischen den beiden Brüdern wird eben das Gegentheil von
dem behauptet, was wirklich stattgefunden hat: Schlachten, die ohne
besondere Wirkung vorübergingen wie die an der Berre, werden als
entscheidend bezeichnet; Namen der Päbste werden verwechselt, die
Gemahlinnen sowohl, wie die Kinder Karls des Großen nicht richtig
aufgeführt; es sind so viele Verstöße zu bemerken, daß man oft an der
Aechtheit des Buches gezweifelt hat, obwohl sie über allen Zweifel
erhaben ist.“

So weit Ranke, zu dessen scharfer Charakteristik ich nur wenig
hinzuzufügen habe. Gerade in diesem Werke tritt die Eigenthümlichkeit
der karolingischen Bildung am deutlichsten hervor; unmöglich kann der
fränkische Volkskönig in diesen suetonischen Ausdrücken zur vollen
Erscheinung kommen. Nur darf man auch nicht vergessen, dass Einhard
eben den Volkskönig kaum noch kannte, sondern hauptsächlich nur den
alternden Kaiser, der selber nach der Wiederbelebung des antiken Wesens
trachtete, dessen Streben in vieler Hinsicht auf die Herstellung des
alten Imperatorenreiches gerichtet war, und der, wenn ihm auch die
Einführung der staatlichen Formen jener Zeit fern lag, doch durch
seine große persönliche Ueberlegenheit so ehrfurchtgebietend dastand,
und so sehr die Seele der ganzen Herrschaft war, daß es nicht so ganz
unpassend war, ihn dem Augustus zu vergleichen und die Farben des
Bildes von dem Biographen der Imperatoren zu borgen. Auch dankt er, und
wir mit ihm, dem Sueton mehr als nur die Ausdrücke. Keine Biographie
des Mittelalters stellt uns ihren Helden so vollständig und plastisch
nach allen Seiten seines Wesens dar. Das ist die Frucht der Kategorien,
welche Einhard bei seinem Vorbilde fand. Indem er diesen gewissenhaft
folgte, wurde er, wie Jaffé (S. 501) richtig bemerkt, veranlaßt viele
Umstände zu erwähnen, welche er sonst wahrscheinlich übersehen haben
würde.

Daß Einhard sich bei diesem Werke nicht eine eigentliche geschichtliche
Darstellung zur Aufgabe gewählt hatte, bemerkt auch Ranke; er wollte
ein Lebensbild entwerfen, eben nach der Weise des Sueton, und diesen
Zweck hat er vollständig erreicht. Er verfaßte dieses Werk unmittelbar
nach des Kaisers Tod; schon 821 finden wir es im Reichenauer
Bibliothekskatalog genannt[22], um 830 von einem Zeitgenossen erwähnt
und benutzt. Noch stand das Bild seines väterlichen Freundes in voller
Frische vor seinem Geiste, und die etwas kalte Eleganz der Form wird
durchwärmt von der kindlichen Verehrung und Anhänglichkeit, von welcher
der Verfasser ganz erfüllt ist, und die sich überall ausspricht, ohne
daß doch das Lebensbild in eine Lobrede ausartete. Vielmehr tritt
die ruhige Mäßigung, welche Einhards Charakter eigen ist, auch hierin
deutlich hervor, und seine reine Wahrheitsliebe ist unverkennbar, wenn
er auch die Schwächen seines Helden mit leichter Hand berührt.

 [22] Neugart, Ep. Constant. I, 1, 540.

Ein Werk, welches diesem an Vollendung der Form, wie an ansprechendem
Inhalte zu vergleichen wäre, hatten die germanischen Nationen noch
nicht hervorgebracht, und so ist es denn auch nicht zu verwundern,
daß es rasch die größte Verbreitung fand und Jahrhunderte lang zu
den beliebtesten und gelesensten Büchern gehörte; bald nach seiner
Vollendung wird es von dem jungen Lupus, der es in Fulda gelesen hatte,
mit warmer Begeisterung gepriesen (oben S. 183); Walahfrid theilte es
in Capitel und schrieb dazu jenen so werthvollen Prolog, dem wir die
wichtigsten Lebensnachrichten über Einhard verdanken. Noch jetzt sind
mehr als 80 Handschriften davon uns bekannt, und seit den Biographen
Ludwigs des Frommen sind die Chronisten nicht müde geworden, es
auszuschreiben.

Nachdem die Vita Caroli schon 1521 (oben S. 5) und dann sehr häufig
gedruckt war, hat Pertz 1829 mit übergroßer Fülle von Varianten eine
Ausgabe gegeben, deren Text nicht überall den Vorzug vor den älteren
Ausgaben verdient[23]. Jaffé hat in seiner neuen Ausgabe 1867 eine
früher übersehene Pariser Handschrift zu Grunde gelegt, und endlich
Walahfrids Prolog damit verbunden, welchen Pertz mit der ihm eigenen
Starrheit auch noch in der neuesten Ausgabe unberücksichtigt gelassen
hatte[24]. Doch hat auch diese Grundlage sich nicht zu bewähren
vermocht. Waitz hat die Ueberschätzung der nicht mustergültigen Pariser
Hs. nachgewiesen, und endlich mit Benutzung neuer Hülfsmittel, und
Unterscheidung verschiedener Recensionen, die vielleicht an Einhard
selbst hinanreichen, einen neuen besser gesicherten Text hergestellt.

 [23] S. Jaffé in der Bibl. IV, 504.

 [24] Beigegeben ist dagegen hier eine schlecht gezeichnete Abbildung
      des Commoduskopfes, mit welchem Karl siegelte, die Pertz irrig
      für Karls Porträt hielt.

       *       *       *       *       *

Häufig finden sich in Handschriften das Leben Karls und die
Reichsannalen als erstes und zweites Buch mit einander verbunden; als
drittes tritt dann die Schrift des =Mönches von St. Gallen=[25] hinzu,
in welchem man jetzt =Notker= den Stammeler erkannt hat[26], der im
Jahre 883, veranlaßt durch Kaiser Karl III, den reichen Schatz von
Erzählungen und Sagen aufzeichnete, welche sich im Munde des Volkes an
Karl, an seinen Sohn und den Enkel, Ludwig den Deutschen, knüpften.
Da ist nun nichts mehr von Einhards klassischer Form zu finden, die
Sprache ist roh und unbehülflich und der Inhalt keine Geschichte; nur
selten und mit großer Vorsicht ist ein Vorfall, der hier erzählt wird,
als wirkliche Thatsache hinzunehmen.

 [25] _Monachus Sangallensis_ ed. Pertz, MG. SS. II, 726-763. Neue
      Ausg. von Jaffé, Bibl. IV, 619-700 mit Benutzung der abweichenden
      Zwiefalter (Stuttg.) und Wiblinger (St. Flor.) Handschriften,
      welche jedoch, wie Gerold Meyer von Knonau zu Ratperti Casus S.
      Galli S. 255 nachgewiesen hat, durch spätere Ueberarbeitung und
      Interpolation verändert sind, weshalb der Text nicht nach ihnen
      hätte gestaltet werden sollen. Auch Zeumers entgegengesetzter
      Ansicht kann ich mich nicht anschließen. Eine aus Tegernsee
      stammende unvollst. Hs. ist für die Pariser Bibl. erworben,
      Nouv. acq. lat. 310. Uebersetzung von W. Wattenbach, Berlin 1850,
      1877, 1890 (Geschichtschr. 26. IX, 11). Zu dem Spielmannsreim auf
      Udalrich I, 13, vgl. Steinmeyer, Zeitschr. f. D. Alt XX. Anz. S.
      147. Ueber benutzte Schriften Simson, Karl d. Gr. II, S. 612-615.

 [26] Zeumer in den Waitz-Aufsätzen, S. 97-118. Zu demselben Resultat
      kam Graf Zeppelin: Wer ist d. Mon. Sangallensis? Schriften d.
      Vereins f. Gesch. d. Bodensees XIX, S. 33 ff.

Aber um keinen Preis möchten wir doch diese Sammlung entbehren. Sie
zeigt uns das Bild des großen Kaisers, wie es im Volke lebte und bis
dahin sich gestaltet hatte, und mancher höchst charakteristische Zug
hat sich nur hier erhalten. Der gute alte Mönch, der uns so lebendig
mitten unter das Volk und seine Erzählungen führt, hat deshalb den
größten Anspruch auf unsere Dankbarkeit, und wir müssen sehr bedauern,
daß er sein Werk, wie es scheint, nicht vollendet hat.

Der Uebersetzer dieser Schrift hat sich bemüht, die Anfänge
karolingischer Sage weiter zu verfolgen, und die Spuren davon zu
sammeln; ihm war dabei in der ersten Ausgabe eine merkwürdige Stelle
entgangen, die Angabe in dem Leben der Königin Mahthild, daß der Krieg
zwischen Karl und Widukind durch einen Zweikampf beider entschieden
sei: nach langem Widerstand besiegt, habe Widukind sich taufen
lassen[27].

 [27] MG. SS. X, 576. Zu erwähnen ist noch die nach der Mitte des
      neunten Jahrhunderts in Mainz aufgezeichnete _Visio domni Caroli_,
      gegen die Ausbeutung der Kirchengüter durch seine Nachfolger
      gerichtet, bei Graff, Althochdeutscher Sprachschatz III, 855,
      übersetzt bei Abel, Kaiser Karls Leben S. 63; jetzt auch Bibl.
      IV, 701; Gengler, Germ. Rechtsdenkmäler (1875) S. 237. Vgl. Falk,
      NA. XI, 617. Eine ganz andere aus einer Londoner Hs. erwähnt NA.
      IV, 379. Ferner das von Pertz SS. III, 708 mitgetheilte Haager
      Fragment über Karls _Expeditio Hispanica_ (wiederholt bei G.
      Paris, Hist. poét. de Charlemagne, S. 465, vgl. 50 und 89, und
      größtentheils in Hexameter zurückgeführt in den Münch. SB. 1871
      S. 328 bis 342 von Hofmann, der es dem Sagenkreise von Wilh.
      von Orense zuweist) und die Sagen des _Chron. Novaliciense_.
      Auch die _Vita S. Arnoldi_, Acta SS. Jul. IV, 449-452, ist
      geschichtlich unbrauchbar, enthält aber eine sagenhafte Geschichte
      von einem Leierspieler, der sich von Kaiser Karl den Wald bei
      Arnsweiler im Jülichschen für die umliegenden Dörfer erbittet;
      vgl. Rettberg I, 548. Die aus Petrus Damiani zum Mon. Sangall.
      S. 101 mitgetheilte Geschichte findet sich, auf den Maurenkönig
      übertragen, bei Turpin wieder. Ein wirkliches Denkmal der Schlacht
      bei Roncevaux, deren Tag (15. Aug. 778) allein dadurch bekannt
      wird, ist das _Epitaphium Aggiardi_ (Karls Truchseß Eggihard),
      von Dümmler mitgetheilt in Haupts Zeitschr. XVI, 279; vgl. S.
      436, u. Gaston Paris in der Zeitschrift Romania II, 146-148, der
      im Anschluß daran im Turpin ein vielleicht echtes _Epitaphium
      Rutlandi_ nachweist. Beide jetzt Poet. Lat. I, 109; doch bemerkt
      Dümmler S. 110, Anm. 2, dass letzteres aus Venantius Fortunatas
      zusammengestoppelt und schwerlich alt ist.

Mit den Kreuzzügen artete die Karlssage aus und verlor allen
geschichtlichen Inhalt; besonders die Aachener Reliquien brachten
die Erzählung von Karls Kreuzfahrt zu allgemeiner Geltung, und fortan
treten die Lügen des falschen Turpin an die Stelle von Einhards treuer
Schilderung. Wie daneben im Munde der fahrenden Sänger das Andenken
Karls sich erhielt und umwandelte, darüber genügt es, auf das schöne
Werk von Gaston Paris _Histoire poétique de Charlemagne_ (Paris 1865)
zu verweisen.

Eine Schrift Einhards bleibt uns noch zu erwähnen, sein Bericht nämlich
von der Uebertragung der Gebeine der heiligen Märtyrer Marcellinus
und Petrus von Rom nach Seligenstadt[28]. Im Jahr 827 geschah die
Ueberbringung, und 830 verfaßte Einhard die sehr anziehend geschriebene
Darstellung derselben. Wir sehen darin, wie er sich mehr und mehr von
dem weltlichen Leben abwandte und der kirchlichen Richtung hingab,
wundergläubig in hohem Grade und ganz mit der Pflege seiner Pflanzung
im Odenwald beschäftigt; ganz vorzüglich betrübte ihn, daß bei der
Krankheit seiner geliebten Imma die Zuversicht auf die Wunderkraft
der Reliquien ihn so völlig getäuscht hatte. Diese hohe Verehrung der
Reliquien theilte er mit allen seinen Zeitgenossen, und eben wegen
dieser Verehrung haben die zahlreichen Uebertragungen solcher Gebeine
für uns auch geschichtlichen Werth. Auf ihnen beruhte großentheils der
Einfluß der Kirchen; besonders verehrte Reliquien verschafften ihnen
unermeßlichen Zulauf: der Ruf von geschehenen Wundern verbreitete
sich weithin, und ohne Zweifel wurde dadurch die Ausbreitung des
Christenthums, z. B. in Sachsen, sehr wesentlich befördert. Aus den
genauen Beschreibungen der Reise, wie aus den Erzählungen von den
Wundern, ist zugleich vieles für die Sittengeschichte wie für die
Topographie nicht unwichtige zu entnehmen, wie das namentlich in Bezug
auf die damalige Art zu reisen, aus Einhards Werk kürzlich von W.
Matthaei nachgewiesen ist[29]. Merkwürdig ist auch die Unverschämtheit,
womit man im 11. Jahrh. im Medarduskloster versucht hat, mit
entsprechender Verfälschung von Einhards Schrift sich die Leiber der
hh. Tiburtius, Marcellinus und Petrus anzueignen[30].

 [28] _Translatio et Miracula SS. Marcellini et Petri_ ed. G. Waitz,
      SS. XV, 238-264. Ib. p. 265-273 _Ex Miraculis S. Quintini_ ed.
      O. Holder-Egger, nebst einer Translationsgesch. s. XI, worin
      verlorene Annalen von Saint-Quentin benutzt sind.

 [29] Translatio SS. M. et. P. in kulturgeschichtlicher Beziehung.
      Programm.

 [30] _Translatio SS. Tiburtii. Marcellini et Petri ad S. Medardum_ ed.
      Holder-Egger SS. XV, 391-395.

Ob nun auch die in rhythmischer Form bearbeitete Passio der Märtyrer
Einhard zuzuschreiben sei, wie Teulet meint, und wie eine aus Fleury
stammende Handschrift angiebt, ist zweifelhaft, da seine ganze Richtung
der antiken Form zugewandt war. Es wäre jedoch nicht gerade unmöglich,
und Dümmler hält es für wahrscheinlich, daß er für diesen Gegenstand
die mehr populäre Form vorgezogen hätte[31].

 [31] Neue Ausg. mit Eintheilung in dreizeilige Strophen, von Dümmler,
      Poet. Lat. II, 125-135.

Es bleibt uns nun noch die Besprechung der Annalen übrig, wobei zu
bemerken ist, daß F. Kurze, während er die Autorschaft der großen
Reichsannalen Einhard entschieden abspricht, dagegen der Meinung ist,
er habe für sein Genter Kloster die sog. Annales Sithienses, für Fulda
die Fuldenses verfaßt.


§ 9. Die Reichsannalen.

 MG. SS. I, 124-218; besonderer Abdruck 1845. Cod. Steinveld. (9) ist
     jetzt Brit. Mus. Add. 21109. Frese, De Einhardi Vita et Scriptis
     Specimen, Diss. Berol. 1845 (gegen die Autorschaft Einhards). O.
     Abel, Einhards Jahrbücher, Berl. 1850. 1880 (Geschichtschr. 17,
     IX, 2). L. Ranke, Zur Kritik fränkisch-deutscher Reichsannalisten,
     Abh. der Berliner Akademie 1854 S. 415-435; vermehrt Ges. Werke
     LI-LII. G. Waitz, Zu den Lorscher und Einhards Annalen, Goett.
     Nachrichten 1857 S. 46-52. B. Simson, De statu questionis: sintne
     Einhardi necne sint quos ei ascribunt, Annales Imperii, Diss.
     Regiom. 1860. W. Giesebrecht, Die fränkischen Königsannalen und
     ihr Ursprung, im Münchener Hist. Jahrb. (1864) S. 186-238. G.
     Monod, Revue Crit. 1873 N. 42. Fr. Ebrard, Reichsannalen 741-829
     u. ihre Umarbeitung, Forsch. XIII, 425-472. E. Dünzelmann,
     Beiträge zur Kritik der Karol. Annalen, NA. II, 475-537. H.
     v. Sybel, HZ. XLII, 260-288 (Kl. Schr. III, 1 ff). Entgegnung
     Simsons, Forsch. XX, 205-214. Replik von Sybel, HZ. XLIII, 410.
     Duplik v. Simson, Karl d. Gr. II, S. 604-611. Harnack, Das Karol.
     u. das byz. Reich (1880), Excurs. Manitius, Die Ann. Sithienses,
     Lauriss. min. u. Enharti Fuld. (Diss. Lips. 1881). Manitius,
     Einhards Werke u. ihr Stil, NA. VII, 517-568. Is. Bernays,
     Zur Kritik Karol. Annalen. Straßb. 1883. Dorr, NA. X, 241-305.
     Nachwort v. Sybel S. 305 bis 307. Dorr, (Ann. Laur. 796-829 doch
     von E.) XI, 475-488. Sybel dagegen S. 489. Horst Kohl (Ueberblick)
     in G. Richters Ann. d. Deutschen Gesch. II. Abth. S. 697-714
     (1887). B. Simson, Karl d. Gr. I (1888) S. 1-5, 657-664. Progr. v.
     Seraphim, Fellin 1887 s. NA. XIII, 654. Bemerkungen von Manitius,
     Mitth. d. Inst. X, 417 ff. (NA. XV, 211); ib. XIII, 225-238. Facs.
     d. Wiener Hs. v. Ann. Einh. in E. Berners Gesch. d. pr. Staats,
     I. 1890.

Die Bestrebungen der gelehrten Männer an Karls Hofe richteten sich
vorzugsweise theils auf das Studium der älteren Litteratur und die
formelle Ausbildung, theils auf theologische und philosophische
Probleme; mit geschichtlichen Forschungen beschäftigten sie sich
wenig. Dem Kaiser jedoch entging die Wichtigkeit derselben nicht,
er sorgte wenigstens dafür, das Andenken seiner eigenen Zeit zu
erhalten. Er verordnete, daß die Gesetze und die Beschlüsse der
Reichstage seiner Zeit in mehreren Exemplaren an verschiedenen Orten
sorgfältig aufbewahrt werden sollten; die Schreiben der Päbste
und der griechischen Kaiser an ihn, seinen Vater und Großvater
ließ er, im vollen Bewußtsein der überwiegenden Wichtigkeit dieser
Verhältnisse, in einem eigenen Buche zusammenfassen, dem _Codex
Carolinus_, dessen erster Theil uns noch erhalten, und eine der
wichtigsten Geschichtsquellen ist[1]. Außerdem aber vergaß er
auch nicht die Fürsorge, welche, wie wir oben (S. 126) sahen, das
karolingische Haus schon in früherer Zeit der Aufzeichnung seiner
Haus- und Landesgeschichte gewidmet hatte. Wie Paulus Diaconus in
seiner Geschichte der Bischöfe von Metz den Ahnherrn der Arnulfinger
verherrlichte, ist schon erwähnt. Dagegen finden wir keine Spur
davon, daß etwa die Fredegarische Chronik weitere Fortsetzungen
erhalten hätte, sie scheint vielmehr damals fast vergessen zu sein.
Es hatte aber inzwischen die anfangs so gar dürftige annalistische
Aufzeichnung schon begonnen, sich zu einer Art von Reichsgeschichte
auszubilden; es waren nach der § 3 entwickelten Ansicht hauptsächlich
die Bischöfe, vielleicht auch weltliche Große, welche bei der Pflicht
regelmässiger Theilnahme an den Reichstagen und Heereszügen das
Bedürfniß empfanden, die Reihenfolge der Begebenheiten übersehen zu
können, und deshalb ihre Kleriker zu Aufzeichnungen veranlaßten, die
nach und nach zusammenhängende Gestalt gewannen und aus anderen Annalen
auch in ihrem älteren Theile ergänzt wurden. Vorzüglich Chrodegang von
Metz (742 bis 766) scheint zu solcher Thätigkeit angeregt zu haben.
Unter den Annalen dieser Art zeichnen sich aber in ganz besonderer
Weise die sogenannten =Annales Laurissenses majores=[2] aus, welche
in gedrängter Kürze freilich, aber doch mit vollständiger Uebersicht
aller Begebenheiten die ganze Regierung Karls begleiten; schrieb man
früher ihren Ursprung dem Kloster Lorsch zu, wo die älteste Handschrift
gefunden ist, so können sie doch unmöglich dort oder überhaupt in der
stillen Zurückgezogenheit eines Klosters entstanden sein. =L. Ranke=
ist es, welcher zuerst mit sicherem Scharfblick dieses Verhältniß
erkannte, und jene Annalen zum Gegenstand einer eindringenden
Untersuchung machte, deren Resultate seitdem nicht nur fast allgemeine
Zustimmung gefunden, sondern auch in hohem Grade anregend auf die
weitere Forschung gewirkt haben. Aus der Abhandlung, welche einen
wichtigen Fortschritt für unsere Kenntniß der mittelalterlichen
Geschichtschreibung bezeichnet, erlaube ich mir die betreffende
Stelle wörtlich auszuheben[3]. Ranke sagt nämlich in Bezug auf diese
Jahrbücher: „Bei dem alten Annalisten fällt nun zweierlei auf, einmal,
was wir eben berührten, daß er große Unglücksfälle verschweigt; auch
von den inneren Stürmen, den dann und wann auftauchenden Verschwörungen
giebt er keine oder nur ungenügende Nachricht, -- sodann aber, daß er
über das, was er berührt, ausnehmend gut unterrichtet ist. Ein Mönch
in seinem Kloster konnte unmöglich die Dinge so genau erkunden, wie
sie hier beschrieben sind; wir haben Kloster-Annalen dieses Landes, aus
derselben Zeit, allein wie sehr sind sie verschieden! Sie berichten nur
das ganz Allgemeine der auffallendsten Thatsachen. Hier aber haben wir
einen Autor vor uns, der die Züge der Heere, ihre Zusammensetzung und
Führung, die einzelnen Waffenthaten kurz aber sicher angiebt, und der
auch von den Unterhandlungen bis auf einen gewissen Grad zuverlässige
Kenntniß hat. Niemand konnte über die Unternehmungen gegen Benevent
und Baiern so gute Nachrichten mittheilen, der nicht dem Rath des
Kaisers nahestand. Diese beiden Eigenschaften zusammen, gute Kunde und
große Zurückhaltung, scheinen fast auf eine officielle Abfassung zu
deuten, die aber freilich von einem Geistlichen herrühren müsste: jede
Phrase bezeichnet einen solchen. Es würde ein in den Weltgeschäften
erfahrener, und mit dieser Thätigkeit vielleicht speciell beauftragter
Geistlicher gewesen sein, der diese Notizen am Hofe selbst aufgesetzt
hätte; in rohem Stil, wie ihn die Zeit, welche der Einrichtung der
Hofschule voranging, wohl erlaubte; ein Mann der alten Art und Weise,
die sich hier durch die Nachwirkung der Ereignisse allein höher erhob
als je zuvor.“

 [1] Sehr verdienstliche Ausgabe von Jaffé, Bibl. IV, 1-306, mit
     den Briefen Leo's III S. 307-334. Es folgt noch eine Sammlung
     Karolinischer Briefe S. 335-436. Phototypie einer Seite des Cod.
     bei O. v. Heinemann, Wolfenb. Hss. I, S. 214. Neue Ausg. von
     Gundlach MG. Epp. III, 469 bis 657, vgl. NA. XVII, 526-566.

 [2] Früher auch =plebei= und =Loiseliani= genannt, 741-829, ed. Pertz
     SS. I, 134-218. Hs. 7, von Pertz nicht benutzt, ist Paris. 5941 A
     (NA. IV, 244); Hs. 8, früher dem Baron de Crassier gehörig, ist
     jetzt Paris. 10911; nahe verwandt damit eine Petersburger, Lat.
     F. Otd. IV, 4. NA. VII, 228.

 [3] Abhandlungen der Berliner Akademie aus dem Jahre 1854, S. 434.

Ranke hat in diesen Worten eine Ansicht, die er mündlich bereits weiter
ausgeführt hatte, nur leicht angedeutet; die Ansicht, daß nicht nur
diese, sondern auch ein Theil der späteren Reichsannalen amtlicher
Natur waren, daß auf Veranlassung des Hofes die Zeitgeschichte
officiell verzeichnet wurde, und daraus die ungemein rasche und
bedeutende Entwickelung der Annalistik sich erklärt, welche später auch
anderen zum Vorbild diente, die nur aus eigenem Antrieb die Ereignisse,
welche sie erlebten, darzustellen versuchten.

Diese Thatsache selbst in ihrer Allgemeinheit, die Thatsache, daß
nach dem Vorgange Childebrands und Nibelungs auch Karl für eine
zuverlässige Aufzeichnung der Begebenheiten Sorge trug, daß daraus
die Jahrbücher entstanden, welche wie die Vorzüge, so auch die Fehler
und Schwächen aller officiellen Geschichtschreibung aufweisen, habe
ich früher geglaubt als erwiesen und anerkannt betrachten zu dürfen,
allein diese Auffassung hat seitdem in H. v. Sybel einen gefährlichen
Gegner gefunden. Er leugnet die Bedeutung der Reticenzen, die man
auch ebenso gut nur einem allzu lebhaften und loyalen Patriotismus
zuschreiben könne, und findet, daß der Verfasser doch nur sehr
oberflächlich unterrichtet gewesen ist. Er findet eben nichts darin,
was nicht ein Mönch des Klosters Lorsch mit Leichtigkeit habe in
Erfahrung bringen können. Das möchte auch ich nicht gerade leugnen,
nur habe ich von dem Klosterleben der damaligen Zeit eine andere
Vorstellung und kann nicht glauben, daß ein Mönch so anhaltend und in
so gleichmäßiger Weise durch viele Jahre hindurch der Erforschung und
Darstellung der weltlichen Vorgänge seine Aufmerksamkeit zugewandt
haben sollte. Und mit Recht bemerkt Bernays, daß er ja für diese
Annalen eine gleichzeitige Aufzeichnung vor 788 nicht annehme, und
daß für die vergangenen Jahrzehnte besagter Mönch doch schwer die
Kunde der Begebenheiten sich habe verschaffen können[4]. Am Hofe, das
möchte ich auch jetzt zuversichtlich behaupten, müssen die Annalen
geschrieben sein; was aber den amtlichen Charakter betrifft, so muß vor
allen Dingen betont werden, daß wir durchaus den unwillkürlich stets
sich einschleichenden Gedanken an Zustände und Verhältnisse unserer
Zeit zu verbannen haben, wo jedes officielle Wort sorgsam geprüft und
gesichert wird. In solcher Weise amtlich sind die Lorscher Annalen
gewiß nicht gewesen, und in dieser Beziehung kann ich H. v. Sybel
u. Bernays[5] vollkommen zustimmen. Wenn wir aber doch wissen, daß
Pippins nächste Angehörige dergleichen Aufzeichnungen veranlaßten,
und daß eine Annalistik dieser Art im Westfrankenreiche unzweifelhaft
bestand, wenn wir lesen, daß Smaragd, der 843 gestorben ist, von der
uralten und bis auf seine Zeit bestehenden Sitte der Könige redet,
die Begebenheiten ihrer Zeit aufzeichnen zu lassen[6], so kann ich mir
nicht vorstellen, daß Karl nicht ebenfalls dafür Sorge getragen habe.
Darunter verstehe ich aber nur, daß er einen solchen Auftrag ertheilte,
und daß man nun ein Buch hatte, welches in der Kanzlei verwahrt und
gelegentlich vom Könige selbst angesehen wurde, wie wir durch einen
Brief Hinkmars wissen, daß Karl der Kahle die Annalen des Prudentius
bei sich hatte, wie später auch Friedrich I die ihm übersandte
Chronik des Otto von Freising benutzte. Es ist dabei durchaus nicht
ausgeschlossen, daß nicht einmal Jahre lang die Arbeit liegen blieb und
der betreffende Autor auch manchmal nachlässig und flüchtig arbeitete.
Eine amtliche Nachprüfung seiner Arbeit wird nicht stattgefunden haben.
Hinkmar sagt ausdrücklich, daß die Jahrbücher des Prudentius schon in
vieler Menschen Hände gekommen seien, und da eine Einwirkung auf die
öffentliche Meinung beabsichtigt war, wird an Geheimhaltung nicht zu
denken sein.

 [4] Zur Kritik karol. Annalen S. 171. Waitz machte gegen den Lorscher
     Ursprung auch geltend, dass der dort schreibende Vf. der Laur.
     min. sie nicht gekannt habe, aber das bestreitet wieder Pückert.

 [5] S. 169 ff.

 [6] Smaragdi Praef. V. S. Bened. Anian. angeführt von Dümmler,
     Ostfr. I, 877: „Perantiquam siquidem fore consuetudinem hactenus
     regibus usitatam, quaequae geruntur acciduntve annalibus tradi
     posteris cognoscenda, nemo ut reor ambigit doctus.“ Ueber Eckharts
     verfehlte Vermuthung, daß die Annalen von den Kanzlern verfaßt
     wären, während er den officiösen Ursprung richtig erkannte, s.
     Sickel Acta Karol. p. 83.

Sicher ist es nicht dieses Buch gewesen, welches der Verfasser der Vita
Rigoberti meinte, als er über Karl Martell schrieb: „De hoc etenim,
non rege sed tyranno, ita legitur ad locum in Annalibus diversorum
regum: Iste Karlus omnibus audacior episcopatus regni Francorum laicis
hominibus et comitibus primum dedit, ita ut episcopis nihil potestatis
in rebus ecclesiarum permitteret[7]“. Diese Stelle ist bisher nur
nach dem Auszug in Flodoards Hist. Rem. II, 12 angeführt und deshalb
gänzlich mißverstanden worden. Der Verfasser stand der Zeit, über
welche er schrieb, schon sehr fern, und kann nicht sehr viel älter
sein, als Flodoard selbst; er wird vermuthlich eine jüngere Compilation
benutzt haben.

 [7] Acta SS. Jan. I, 177.

Anders verhält es sich mit der von Simson (S. 33) aus Hincmar de
villa Novilliaco angeführten Stelle über den Beginn der Regierung
Karls und Karlmanns „sicut in annali regum scriptum habemus“. Sie
findet sich wörtlich in den Ann. Lauriss. mit Ausnahme eines Satzes,
der aus der Cont. Fred. mit Leichtigkeit zu entnehmen war. Hincmar
kann also eine der Bearbeitungen der Lauriss. vor sich gehabt haben,
und ob er hier eine amtliche Quelle hat bezeichnen wollen, ist ganz
zweifelhaft. Abgesehen also von der Frage, ob und wie weit den Ann.
Lauriss. ein amtlicher Charakter beizulegen ist, bleibt die Frage,
ob es noch außerdem, wie Bernays behauptet, Hofannalen, ein Werk
von viel größerer Bedeutung und Zuverlässigkeit, gegeben habe, eine
ungelöste und vermuthlich unlösbare; mir wenigstens scheint der Beweis
der Existenz nicht geführt, wenn ich auch nicht mit H. v. Sybel den
bekannten Worten Einhards am Eingang seiner Biographie über den Mangel
einer Aufzeichnung der Thaten Karls ein solches Gewicht beilegen
möchte, daß er nicht einmal die Ann. Lauriss. gekannt haben dürfte. Dem
Versuch aber, die in ihnen nicht enthaltenen Nachrichten, welche hier
oder da einmal auftauchen, für dergleichen Hofannalen in Anspruch zu
nehmen, vermag ich eine ernsthafte Bedeutung nicht beizumessen; meiner
Meinung nach hätte ein solches Werk, wenn es wirklich vorhanden war,
deutlichere Spuren hinterlassen müssen.

Indem ich nun also an einer gewissen Beziehung der Lauriss. oder
Königsannalen zum Hofe festhalte, habe ich jetzt der Frage über ihre
Abfassung näher zu treten. Schon L. Giesebrecht[8], dann B. Simson
haben den Beweis geführt, daß die Annales Laurissenses, wie sie uns
jetzt vorliegen, nicht gleichzeitig Jahr für Jahr entstanden sind,
was Pertz nur für den ersten Theil bis 768 zugab, und W. Giesebrecht
hat in der angeführten Abhandlung diesen Punkt als sichergestellt
angenommen, die Abfassung des ganzen zusammenhängenden ersten Theils
um das Jahr 788 behauptet und dafür allgemeine Zustimmung gefunden[9].
Er knüpft daran die Frage nach der Veranlassung zu einem solchen
Werke, und findet dieselbe in dem eben damals eingetretenen, für
Karls Reich hochwichtigen Ereigniß, der Entsetzung des Baiernherzogs
Tassilo, dessen Verhalten gegen die Franken durchweg mit auffallender
Ausführlichkeit behandelt ist; er glaubt deshalb auch die Entstehung
des Werkes in Baiern suchen zu müssen und erkennt den Urheber in dem
Bischof Arn von Salzburg, dem am meisten daran gelegen sein mußte,
diese Vorfälle aufzuklären und sein früheres Verhalten, sowie seinen
Anschluß an die Franken zu rechtfertigen, während kaum ein anderer
so vollständig in diese Verhältnisse eingeweiht war. Auch die noch
rohe und fehlerhafte Sprache kann bei ihm oder bei einem Geistlichen
seiner Umgebung nicht auffallen, während sie am Hofe auch damals schon
befremdlich wäre.

 [8] Wendische Geschichten III, 283.

 [9] Doch behauptet Manitius, Mitth. d. Inst. XIII, 225-232, die
     Abfassung im J. 795.

Diese Beweisführung Giesebrechts ist allerdings sehr gewinnend, und
daß der Sturz des bairischen Herzogs zu dieser officiösen Darstellung
der Reichsgeschichte den Anstoß, einem guten Theil derselben die
Färbung gegeben, scheint einzuleuchten; auch ist die dienstbeflissene
Gesinnung des Schreibers, seine durchgängige Verherrlichung des
Königs augenscheinlich. Allein die Autorschaft Arns vermag ich weder
mit dem Bericht über seine Sendung nach Rom 787 zu vereinigen, noch
kann ich glauben, daß jemand, der auch über lange vergangene Dinge
so gut unterrichtet war, nicht zu den älteren Räthen des Königs
gehört haben sollte. An solchen Materialien, wie Giesebrecht sie
für Arn nachzuweisen sucht, den Ann. S. Amandi und Petaviani nebst
dem Verzeichniß der Orte, wo Karl Ostern gefeiert, hätte Arn wenig
Anhalt gefunden; ein alter Hofbeamter aber, dessen Gedächtniß noch in
Pippins Zeit reichte, konnte dergleichen zum chronologischen Leitfaden
benutzen, und daneben verwerthen, was von allerhand Aufzeichnungen
in der Kanzlei doch vorhanden gewesen sein muß; denn das Gedächtniß
allein wird kaum ausgereicht haben. Mit Recht hebt M. Manitius[10] die
Vertrautheit des Autors mit der Rechts-und Urkundensprache, die vielen
romanischen Wörter, die Benutzung von Actenstücken hervor, wodurch sich
auch irrige Angaben über angesagte, später aber verlegte Festfeiern
erklären. Denken könnte man z. B. an Angilram von Metz (769-791),
welcher Paulus Diaconus zur Bischofsgeschichte von Metz, den Diacon
Donatus zur Abfassung der Lebensbeschreibung des h. Trudo veranlaßte
und jetzt Erzkaplan des Königs war[11]. Ihn könnte man sich in ähnlicher
Stellung zu dem gewiß nicht leichten Unternehmen vorstellen, wie einst
Childebrand und Nibelung. Daß ihm dabei die Fortsetzungen Fredegars
fehlten, ist auffallend, wäre es aber für Arn, wenn ihm doch sonst
so gute Quellen zu Gebote standen, nicht minder. Auch fällt das
Hauptgewicht bei diesen Annalen offenbar auf Karls eigene Regierung.
Ihm also glaube ich die Anregung zu diesem Werke, welchem wir die
eingehende Kunde von seiner Thätigkeit wesentlich verdanken, nach
Ranke's Vorgang vindiciren zu müssen; als Privatarbeit in Salzburg
kann es nicht entstanden sein. Das ältere Material aber, was hier
verarbeitet ist, wird eben durch diese bequeme Zusammenfassung, die
späterhin auch sprachlich und stilistisch noch zeitgemäß überarbeitet
wurde, bald verdrängt und in Vergessenheit gebracht sein, besonders
wenn es nur in der königlichen Kanzlei vorhanden war, während
sich hin und wieder in Domstiftern und Klöstern zufällig auch viel
unbedeutendere Sachen erhielten.

 [10] Mitth. d. Inst. X, 417 ff., vgl. Bresslau, NA. XV, 211. Auch
      Mitth. XIII, 225-232.

 [11] Ueber ihn vgl. L. Oelsner in der Deutschen Allg. Biogr. I, 460.
      Nimmt man die Abfassung erst 795 an, so ist natürlich diese
      Vermuthung hinfällig.

Abweichend hiervon hat Dünzelmann versucht nachzuweisen, dass um das
Jahr 780 eine Compilation entstanden sei, welche auf einer Combination
Fredegars mit eigenartigen Nachrichten beruhe, und für die Zeit Pippins
von nicht unbedeutendem Werthe sei; diese verlorene Quelle sei uns
in den Annales Mettenses zum großen Theil erhalten, und in den Ann.
Lauriss. majores und minores benutzt[12]. Indem er vorzugweise nach
sprachlichen Gesichtspunkten die Annalen untersucht, findet er, daß der
erste Abschnitt derselben von 741-791 reiche, der zweite von 792-796,
wo in fast allgemeiner Uebereinstimmung ein Abschnitt angesetzt wird.
Doch behauptet wieder Bernays, daß nur bei 789 und 801 ein Wechsel der
Verfasser anzunehmen sei.

 [12] Diese Annahme ist von Waitz gebilligt, aber mit der wichtigen
      Modification, daß es bis 805 reichte und aus den Lauriss. maj.
      geschöpft war, s. unten.

In der leider verlorenen Lorscher Handschrift schloß sich nun
eine Fortsetzung bis 793 an, die nur ein Bruchstück aus den Ann.
Laureshamenses ist. In den übrigen Handschriften sind die nächsten
Jahre zum Theil auffallend kurz, übrigens aber in wenig veränderter
Weise und vermuthlich von demselben Autor behandelt[13], die
Verschwörung Pippins 792 ist in derselben höfischen Weise, die wir
aus dem ersten Theile kennen, ganz verschwiegen. Manitius findet
hier noch dieselbe Ausdrucksweise, wie im früheren Theile, und auch
noch Spuren derselben compilatorischen Thätigkeit, welche er für den
Anfang nachweist. Dann tritt mit dem Jahre 796 ein völlig veränderter
Stil, eine neue Art der Auffassung ein, und diese Fortsetzung fließt
nach der Ansicht von Pertz allmählich so vollständig zusammen mit
=Einhards= Werk, daß seine Hand auch im Anfang nicht zu verkennen sei.
„Nachher, sagt auch Ranke, mußte die Historiographie in litterarisch
geschicktere Hände kommen, wie die Einhards waren, der die alten
Annalen überarbeitete und neue abfaßte, wie es scheint im Palast zu
Aachen in eben den Jahren, von denen er handelte.“ Während der Arbeit
selbst schritt er an Bildung und namentlich an Gewandtheit in der
Sprache und Darstellung weiter vor, und fand zuletzt die alten rohen
Jahrbücher und seine eigene Arbeit so ungenügend, daß er sie noch
einmal überarbeitete. Ueber die Art wie dies geschah, genügt es, auf
Ranke's Untersuchung zu verweisen. Nicht die tief eindringende Kenntniß
der früheren Geschichte war es, die ihn auszeichnete, oder die ihn zu
dieser Arbeit veranlaßte; seine Arbeit war vorzugsweise stilistisch,
und nicht selten hat er dadurch auch beachtenswerte Züge des älteren
Annalisten verwischt: ja er hat an einigen Stellen eine unrichtige
Auffassung der Ereignisse hineingetragen, weil er die ihn erfüllende
Vorstellung von der alles andere überragenden Hoheit des Kaisers
unwillkürlich auch schon auf die früheren Zeiten übertrug. Wichtig aber
ist uns dennoch auch seine Ueberarbeitung nicht nur wegen einzelner
Zusätze, und weil es für uns Werth hat, auch seine Auffassung kennen
zu lernen, sondern auch deshalb, weil er so wenig zu ändern fand; die
alten Lorscher Annalen, sagt Ranke, erhalten dadurch eine nicht geringe
Beglaubigung, daß Einhard, was die Sache anbelangt, nur eine und die
andere Einschaltung über ein Paar einzelne merkwürdige Begebenheiten
beizubringen hatte.

 [13] So Waitz und W. Giesebrecht, während Pertz schon 788 die
      Fortsetzung Einhards beginnen läßt, Dünzelmann eine zweite
      Fortsetzung 792 bis 796 annimmt. Gegen Giesebrecht bemerke
      ich, daß 792 nicht von einer Brücke über die Donau, sondern von
      beweglichen Pontons für den Feldzug die Rede ist.

Einhards eigene selbständige Arbeit reicht nach Ranke bis zum Jahre
829, bis zu der Zeit, wo er sich vom Hofe zurückzog, voll Trauer über
die zunehmende Verwirrung und Auflösung des Reiches. Für solche Zeiten
war weder er selbst noch seine Feder geeignet. Mit ruhiger Würde
hatte er, so lange das Reich nach den kriegerischen Zeiten des achten
Jahrhunderts für immer befestigt schien, und durch den gewaltigen
Kaiser auch noch von seinem Grabe aus zusammengehalten wurde, Jahr für
Jahr die Ereignisse registrirt: den helleren feiner gebildeten Zeiten
verlieh sein reines fehlerfreies Latein den angemessenen Ausdruck, und
kurz und gedrängt zwar, aber doch vollständig in allem wesentlichen
liegt die Reichsgeschichte in seinen Jahrbüchern vor uns, in edler
Einfachheit, frei von aller Leidenschaft und Parteilichkeit. Als es
unmöglich wurde, inmitten der heftig erbitterten Feinde in solcher
Weise fortzufahren, da überließ er anderen die Fortsetzung seines
Werkes.

Ich habe diese Stelle aus der ersten Ausgabe unverändert gelassen,
weil sie die durch Pertz herrschend gewordene Ansicht ausdrückt, und
weil die Autorschaft Einhards, wenn auch nicht gesichert und durch
wiederholte Angriffe zweifelhaft gemacht, doch nicht mit Sicherheit
widerlegt ist, wie denn auch Ebrard es nicht unwahrscheinlich findet,
daß Einhard die Fortsetzung verfaßt habe. Neuestens haben Monod und
Dünzelmann, H. v. Sybel und Bernays in entschiedenster Weise die
Möglichkeit von Einhards Autorschaft geleugnet, während Manitius und
Dorr auf sprachliche Untersuchung gestützt sich dafür aussprechen.
Dabei fällt vorzüglich die Frage ins Gewicht, ob der nach dem Muster
der Alten gebildete Stil und der im Verhältniß zum achten Jahrhundert
so sehr viel reichere Wortschatz ausschließlich für Einhard Zeugniß
ablegen und als sein besonderes Werk zu betrachten sind, und ich kann
mich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß durch die Untersuchungen
von Dorr und Manitius fast bis zu voller Evidenz nachgewiesen ist,
nur in diesen Annalen und im Leben Karls finde sich dieser, aus einer
großen Anzahl alter Autoren mit unvergleichlicher Sorgfalt gesammelte
Wortschatz, diese Mannigfaltigkeit der Satzbildung. Es ist aber auch
bei dieser Untersuchung niemals außer Acht zu lassen, daß Einhard
nicht eigentlich Historiker, seine Aufmerksamkeit in weit höherem Grade
der Formvollendung, als der geschichtlichen Bedeutung der Thatsachen
zugewendet war, wie wir es ähnlich auch bei Lambert beobachten können.

Daß Einhard der Verfasser dieser Annalen sei, hatte zuerst Du Chesne
behauptet, gestützt auf eine Stelle in der Translatio S. Sebastiani, wo
Einhard ausdrücklich als Verfasser eines Annalenwerks unter dem Titel:
_Gesta Caesarum Caroli Magni et filii ipsius Hludowici_ genannt und
eine Stelle daraus angeführt wird, welche sich in unseren Annalen beim
Jahre 826 wiederfindet[14]. Dieses Zeugniß aus dem zehnten Jahrhundert
schien bedeutend genug, um die dagegen geltend gemachten kleinen
Widersprüche zwischen den Annalen und Einhards Vita Caroli übersehen
zu können: man darf von jener Zeit nicht die Genauigkeit der Arbeit
und des Ausdrucks verlangen und findet sie auch nicht, welche heutiges
Tages gefordert wird. Auch wurde für keinen anderen Namen auf dieses
bedeutende, seit alter Zeit bekannte und viel benutzte Werk Anspruch
gemacht; Stil und Auffassung schienen für Einhard wohl zu passen. Auch
in der neuesten Untersuchung von W. Giesebrecht ist dieses zugegeben;
die ruhige völlig objectiv gehaltene Darstellung, in welcher die bis
dahin stets wiederholten preisenden Beiwörter Karls verschwinden, die
an Einhards Werke erinnernde Reinheit der Sprache, scheinen auch ihm
die Autorschaft desselben wahrscheinlich zu machen, allein bei dem Tode
des Kaisers ist nach seiner Ansicht eine Unterbrechung eingetreten,
die weitere Fortsetzung von der vorhergehenden zu scheiden. Fragen wir
nach der Begründung dieser Behauptung, so beschränkt sich dieselbe
wesentlich darauf, daß die fragmentarische Handschrift Christ. 617
mitten in der Erzählung des Jahres 813 abbricht[15] und in dieser
unfertigen Gestalt einmal abgeschrieben worden ist, während ein anderer
Schreiber sich auf das Leben Karls des Großen beschränkte, gerade so
wie Pithou das zweite Buch von Ademars Chronik abgesondert vorfand und
als Leben Karls vom Monachus Engolismensis herausgab. Allerdings soll
auch im Ausdruck eine Verschiedenheit bemerklich sein, die aber wenig
bedeutend ist; es fällt ferner auf, daß die Wunder des h. Sebastianus
im Medarduskloster zu Soissons sehr gepriesen, die von Einhard so
hoch geschätzten Reliquien seiner Heiligen kaum genannt werden.
Die chronologischen Schwierigkeiten jedoch, welche sich an diese
Uebertragung der hh. Marcellinus und Petrus anknüpfen, hat Giesebrecht
selbst zu beseitigen versucht, und der Bescheidenheit Einhards,
vielleicht auch seiner so gerühmten Klugheit gegenüber dem mächtigen
Hilduin, mochte jene kurze und doch immer rühmende Erwähnung um so
eher genügen, da er gerade mit einer besonderen Schrift über diesen
Gegenstand beschäftigt war.

 [14] „Agenardus cognomento Sapiens, ea qui tempestate habebatur
      insignis, huius reverentissimi coelicolae mentionem in Gestis
      Caesarum Caroli Magni et filii ipsius Hludowici faciens, inter
      alia quae annotino cursu dictabat, non inoperosum duxit mortalia
      acta immortali astipulatione roborare ita dicens“ etc. -- Diese
      bestimmte Angabe gerade aus dem Medarduskloster darf man doch
      nicht zu gering anschlagen, sie kann recht wohl auf wirklicher
      Tradition beruhen. Der Verfasser =Odilo= widmet sein Werk (Mab.
      Actt. IV, 1, 383-410), welches freilich schwülstig und nicht
      allzu zuverlässig, aber doch für die Zeit Ludwigs des Frommen
      nicht unwichtig ist und auf der älteren Schrift des Probstes
      Rodoin beruht, dem Decan =Ingramnus=, der nach Flod. 932 Bischof
      von Laon wurde. Ein Brief von ihm an Hucbald, worin er der
      Mir. S. Seb. gedenkt, bei Mart. Coll. I, 266. Auch die Autorschaft
      des Prudentius und Hincmar für die späteren Annalen beruht auf
      je einem Zeugniß, womit ich nicht, wie man mich mißverstanden
      hat, sagen will, daß sie zweifelhaft sei, sondern daß auch hier
      nur ein ausdrückliches Zeugniß sich erhalten hat. Auszüge aus
      der _Translatio S. Sebastiani_ von Odilo giebt Holder-Egger, SS.
      XV, 377-391; dann S. 391-395 aus der früher irrig ebenfalls dem
      Odilo zugeschriebenen _Translatio SS. Tiburtii, Marcellini et
      Petri_, die er als betrügliches Machwerk des 11. Jh. nachweist.
      -- _Annales S. Medardi_ a. 497-987 und Auszüge aus der Fortsetzung
      bis 1249 ed. Waitz, SS. XXVI, 518-522.

 [15] Nach der Beschreibung MG. I, 129 scheint es, daß die Handschrift
      am Schluß wie am Anfang unvollständig ist und einst weiter
      reichte.

Auch jetzt kann ich, wie gesagt, nicht umhin, die Gründe für Einhards
Autorschaft als überwiegend anzusehen; die Verschiedenheit einzelner
Theile kann durch eingetretene Unterbrechung und flüchtigere Arbeit
Erklärung finden. Dünzelmann meint, daß die vortreffliche Darstellung
von 797 bis zur Mitte des Jahres 801 von Einhard herrühren, die
Ueberarbeitung der Annalen bis dahin in den ersten Jahren des neunten
Jahrhunderts von ihm verfaßt sein müsse, weil nur er so habe schreiben
können und wir von ihm kein anderes Werk vor der Vita Caroli kennen,
die nicht sein Erstlingswerk sein könne.

In der Mitte des Jahres 801 aber setzt er, und hierin hat er allgemeine
Zustimmung gefunden, einen Abschnitt an[16]; nur so weit waren die
Annalen dem Poeta Saxo bekannt, und nur so weit reicht auch die
Ueberarbeitung. Die folgende dritte, erheblich schlechtere Fortsetzung
reicht nach Dünzelmann bis 806, eine vierte bis 815, die fünfte bis
820, worauf der Schluß bis 829 wieder von anderer Hand sei; Bernays
dagegen will zwischen 801 und 829 keinen Wechsel zugeben. Müßten
wir in der That auf die Kenntniß der Persönlichkeit verzichten und
andererseits doch den höfischen Ursprung festhalten, so scheint mir mit
dieser Unterscheidung sehr wenig gewonnen zu sein.

 [16] Monod läßt hier überhaupt erst einen neuen Autor eintreten und
      ist nicht abgeneigt, Angilbert darin, etwa bis 813, zu erkennen,
      da dessen Name wiederholt genannt werde.

Von der Ueberarbeitung, den sogenannten _Annales Einhardi_, war
schon oben S. 197 die Rede; es konnte nicht anders sein, als daß
der Anfang der alten Annalen dem feiner entwickelten Sprachsinn
geradezu unerträglich erschien. Es hat aber Dünzelmann wohl richtig
bemerkt, daß diese Bearbeitung nur bis 801 reicht und auch damals
ausgeführt sein wird; die Uebereinstimmung mit einzelnen Stellen in
Einhards Vita Caroli wird dann einfach durch Benutzung der Annalen in
dieser zu erklären sein[17]. Bei dieser Bearbeitung haben sich einige
Mißverständnisse eingeschlichen, es sind aber auch nicht unbedeutende
neue Thatsachen hinzugekommen und es ist wahrscheinlich, daß hierfür
auch schriftliches Material benutzt ist[18], wozu Pückert (S. 157
ff.) das gleich zu erwähnende verlorene Werk bis 805, Kurze die bis
796 reichende Quelle desselben rechnet. Pückert (S. 167 ff.) hebt
die seltsame Eigenheit des Verfassers hervor, die Ereignisse in ganz
unzulässiger Weise als übermäßig beschleunigt darzustellen, und ferner,
daß in höherem Maaße, als es den Thatsachen entspricht, Karl als der
stets allein wissende und handelnde hervortritt.

 [17] S. die Zusammenstellung bei B. Simson, De statu etc. p. 44-52.
      Derselbe weist Forsch. XIV, 136 Benutzung des Livius nach. Fr.
      Kurze, NA. XVII, 125, nimmt Bearbeitung erst um 820 u. also
      Benutzung der Vita in den Annalen an.

 [18] W. Giesebrecht a. a. O. S. 216. Die Benutzung des fortgesetzten
      Fredegar 759, 760 vermag ich aber nicht zu erkennen. Vgl. auch
      Bernays S. 151. -- Manitius, Mitth. XIII, 232-238, unterwirft
      einige Stellen einer für Einhard ungünstigen Kritik.

Wir sehen also hier, wie man schon von der einfachen und schmucklosen,
nur auf den sachlichen Inhalt gerichteten Aufzeichnung der
Zeitbegebenheiten fortschritt zu litterarischer Bearbeitung. Natürlich
mußte, da die Reichsannalen erst mit 741 begannen, der Wunsch lebendig
werden, auch für die vorhergehende Zeit, über welche nur ein sehr
ungenügendes und schwer genießbares Material vorlag, ein Handbuch zu
gewinnen, welches den Zusammenhang mit der Weltgeschichte herstellte.
Gerade auch um das Jahr 801 ist ein solches verfaßt[19], und da es nur
bis 741 reicht, liegt die von Waitz ausgesprochene Vermuthung nahe,
daß es zur Ergänzung der Reichsannalen bestimmt war. Doch finden
wir es handschriftlich nicht mit ihnen verbunden; es scheint keine
große Verbreitung gefunden zu haben, da das schwierige Unternehmen
doch nur sehr unvollkommen gelang und die Sprache des Verfassers
durch ihre Unbehülflichkeit und Fehlerhaftigkeit verräth, daß er der
früheren Barbarei wohl entwachsen, aber doch von der höheren Bildung
eines Einhard noch weit entfernt war. Doch verdient er ohne Zweifel
Beachtung und Anerkennung: es ist, wie Waitz bemerkt, die erste
Weltchronik, die seit Fredegar im fränkischen Reich geschrieben wurde.
Dieses Werk, dessen wir oben (S. 129) schon kurz gedachten, ist in
zwei Handschriften erhalten, welche stark von einander abweichen,
und es scheint, daß der Verfasser selbst sein Werk überarbeitet und
mit weiteren Zusätzen aus seinen Quellen vermehrt hat. Er legte
die kurze Chronik des Beda zu Grunde, in welche er Auszüge aus
Hieronymus, Orosius, Fredegar mit den Fortsetzungen und den Gesta
Francorum einschob, weiterhin benutzte er auch Isidor, den Liber
pontificalis, und die Annales Mosellani et Laureshamenses. Die wenigen
ihm eigenthümlichen Stellen zeigen Verwandtschaft mit den Annales
Flaviniacenses, welche sich in derselben Hs. befinden, und da hierzu
auch die Nachricht von der Zerstörung der Stadt Autun durch die
Sarracenen 725 gehört, so ist die Vermuthung gerechtfertigt, daß der
Verfasser im Sprengel von Autun, vielleicht eben in Flavigny, lebte.

 [19] _Chronicon universale_ bis 741, ed. Waitz, MG. SS. XIII, 1-19.
      Vgl. B. Simson: Die überarbeitete und bis 741 fortgesetzte Chronik
      des Beda, Forsch. XIX, 97-135. Waitz, Weltchronik bis 741, NA. V,
      475-491.

Diese Chronik bildet in einer Hs. den Anfang der schon oben S. 146
erwähnten Annales Maximiani, welche jedoch keine innerliche Verbindung
mit ihr haben, und ist in ihrer älteren Form großentheils aufgenommen
in das Chronicon Moissiacense.

Eine andere, im J. 805 oder vielleicht 806 abgeschlossene Compilation
ist uns nicht im Original erhalten, aber aus verschiedenen Ableitungen
nach und nach mit wachsender Sicherheit kenntlich geworden. In
Beziehung dazu stehen verschiedene, erst in neuerer Zeit zum Vorschein
gekommene Bruchstücke von Bearbeitungen der Reichsannalen. Dazu
gehören die Wiener Blätter von 784 und 785[20], welche nebst einem
aus Werden stammenden Fragment in Düsseldorf von 759 bis 762, von
Pertz, der sie irrig für ursprüngliche Aufzeichnungen hielt, SS. XX,
1-15 als _Fragmenta Werthinensia_ gedruckt sind. Hiermit verwandt ist
ein anderes in Bern von Gerold Meyer von Knonau gefundenes Fragment
von 783 bis 785[21]. Diesen beiden Versionen muß schon eine ältere
zu Grunde gelegen haben, und diese glaubt Giesebrecht (Forsch. XIII,
627 bis 633) gefunden zu haben in einem Bruchstück von 769 bis 772,
welches J. Bächtold im Anzeiger für Schweizerische Geschichte 1872
S. 245-246 veröffentlicht hat. Es enthält die Capitelzahlen 56 bis
59, woraus Giesebrecht auf ein größeres Werk schloß, welches bis 714
rückgreifend, mit Benutzung des Fredegar im J. 802 ausgearbeitet,
auch in den Annales Mettenses benutzt wurde, und mit einer in diesen
erhaltenen eigenthümlichen Fortsetzung von 803 bis 805 versehen war.
Wegen einiger Beziehungen auf Reichenau vermuthete Giesebrecht in
Haito den Verfasser dieses Werkes, aber diese Stellen gehören nur
den Annales Mettenses an und sind aus Regino entlehnt. Dagegen ist
durch weitere Untersuchung festgestellt, daß dieses Werk, in seinen
älteren Theilen auf den Fortsetzungen des Fredegar beruhend, weiterhin
aus den Reichsannalen geschöpft ist, aber durch einige Zusätze und
namentlich durch die Fortsetzung sehr werthvoll. Pückert[22], welcher
sich sehr eingehend damit beschäftigt hat, hebt namentlich (S. 165)
die Nachrichten über Grifo hervor, welche seiner Ansicht nach von hier
in die Annales Einhardi übergegangen sind. Er sucht den Ursprung in
Saint-Denis nachzuweisen, und nimmt eine Ueberarbeitung in Metz um
900 mit Zuziehung der Vita Caroli an, welche den Ann. Mett. und auch
dem Poeta Saxo zu Grunde liege. Benutzung dieses Werkes ist außer in
den Mettenses nachgewiesen in den Ann. Lauriss. minores, Lobienses,
Guelferbytani, im Chron. Vedastinum und Moissiacense, Fontanellense,
und Waitz hat SS. XIII, 26-33, die erwähnten Fragmente nebst dem
betreffenden Abschnitt der Annales Mettenses herausgegeben[23].

 [20] Cod. 334, zuerst in der zweiten Ausgabe dieses Buches S. 540
      gedruckt.

 [21] Forsch. VIII, 631-633. Dagegen sind die 6 Blätter des Cod. Vat.
      Christ. 263 (Arch. XII, 272) irrthümlich hierher gezogen, sie
      gehören zu Ademar, s. NA. II, 330.

 [22] Ueber die kleine Lorscher Frankenchronik, ihre verlorene Grundlage
      u. d. Ann. Einh. (Ber. d. Sächs. Ges. d. Wiss. 1884).

 [23] _Annalium veterum fragmenta_, partim ex Mettensibus desumpta,
      769 bis 805. Früher waren von Pertz nur Stücke der Mett. als
      Zusätze zum Text der Laur. maj. abgedruckt, irreführend, weil dort
      auch schon Regino benutzt ist. Vgl. Heigel: Ueber die aus den
      alten Murbacher Ann. abgeleiteten Quellen, Forsch. V, 397-403.
      Waitz: Ueber das Verhältniß der Ann. Mett. zu anderen Annalen,
      Forsch. XX, 385-394. Simson: Ueber die verlorene Quelle der
      Ann. Mettenses, ib. S. 395-400, nebst der gleich anzuführenden
      Abhandlung von Waitz. Bernays, S. 69 ff., der auch den Poeta Saxo
      und natürlich die Hofannalen heranzieht, und weitere Fortsetzung
      vermuthet. Waitz nahm SS. XIII, 26, Anm. 6, Benutzung der
      Lauriss. nur bis 788 an, erstreckt sie aber in der Abh. über die
      Lauriss. min. S. 408, mindestens auf 789. Ranke, Weltgesch. V, 2,
      292-306, hebt sehr nachdrücklich den Werth der in den Ann. Mett.
      enthaltenen Nachrichten über die Arnulfinger hervor, wenn sie auch
      für die älteste Zeit sagenhaft gefärbt sind.

Neuestens hat nun Fr. Kurze[24], an diese Ergebnisse anschließend,
hervorgehoben, daß aus den uns bekannten Bruchstücken dieser
Compilation sich doch nicht alle Nachrichten in den Ableitungen
belegen lassen, namentlich nicht in den Fulder Annalen, weshalb man
genöthigt war, eine unwahrscheinliche Heranziehung verschiedener
Quellen anzunehmen. Er kommt dadurch zu der Schlußfolgerung, daß
schon um 796 aus den Fortsetzungen des Fredegar, den Reichsannalen
und anderen Quellen, der Vita Bonifatii, dem Pabstbuch, ein
ausführlicheres werthvolles Werk zusammengestellt sei, welches in
der Compilation von Saint-Denis nur auszugsweise enthalten sei. Es
ist nach Kurze kein anderes, als das schon S. 146 erwähnte, in den
Ann. Maximiani kenntliche, welches auch den Ann. Sithienses zu Grunde
liegt. Als ein Stück dieses verlorenen Werkes betrachtet er auch das
Fragmentum Chesnii, als eine Ableitung die Continuatio Romana der
Langobardengeschichte des Paulus Diaconus. Indem wir nun den Scharfsinn
des Verfassers dieser Untersuchungen vollkommen anerkennen, können
wir ihm doch durchaus nicht folgen, wenn er (S. 128) in diesem, seiner
Ansicht nach sehr bedeutenden Geschichtswerk das oben (S. 149) erwähnte
verlorene Werk des Crantz erkennen will, da Aventins Angabe über den
Inhalt desselben durchaus nicht dazu paßt.

 [24] Ueber die Ann. Fuldenses, NA. XVII, 117 ff.

Vermissen wir nun hier irgend eine gesicherte locale Anknüpfung,
so werden wir dagegen bestimmt nach Lorsch gewiesen durch die
=Annales Laurissenses minores=, welche jedoch Waitz jetzt als die
kleine Lorscher Frankenchronik bezeichnet hat[25], ein mageres, nach
Regentenjahren geordnetes Compendium der Geschichte des Frankenreiches,
an Beda sich anlehnend und ganz aus der oben erwähnten Compilation
bis 805 geschöpft, mit Ergänzungen aus den Ann. Laureshamenses und
einigen Erweiterungen und Zusätzen; nach Kurze bis 789 aus der von ihm
angenommenen Quelle. Nur das Jahr 806 gehört nach Waitz dem Verfasser,
wenn er nicht doch vielleicht auch dieses schon in der Compilation
fand. Die als Regierungsjahre betrachteten, überaus ungenauen Zahlen
hält Pückert für Abschnitte, die vielleicht schon in der Vorlage
gewesen, wodurch der Vorwurf großer chronologischer Verwirrung
beseitigt würde[26]. Er hebt ferner die ausserordentlich starke, gegen
die Vorlage noch sehr verstärkte kirchliche Färbung, die Betonung der
geistlichen Autorität und Leitung hervor, was der Strömung der Zeit
entspricht. -- Von 807 an beginnt eine sehr magere Fortsetzung bis 817,
während ein anderes nach Fulda gekommenes Exemplar dort eine andere mit
deutlich localer Färbung, ebenfalls bis 817, erhielt[27].

 [25] Ueber die kleine Lorscher Frankenchronik, SB. d. Berl. Akad.
      1882, S. 399-415, mit Ausgabe des Textes bis 806. Bernays, der
      auch Benutzung der Lauriss. und Hofannalen nachzuweisen sucht,
      berichtigt S. 74, daß die Berner Hs. für St. Remigius (in
      Hautvillers nach Pückert) geschrieben ist, aber aus einer Vedaster
      Hs. (mit der Abtsreihe) entnommen. Eine ganz magere Regentenfolge
      bis auf Karl u. Karlmann, und fortgeführt bis auf Ludwig d.
      Fr. hat aus Sanetgaller u. a. Hss. Waitz als _Chronicon breve
      Alamannicum_ herausgegeben, SS. XIII, 260 u. 724.

 [26] Sie fehlen ganz im Pal. 243 aus Lorsch, s. NA. X, 232.

 [27] MG. I, 121-123. Vgl. SS. III, 18 über die Münchener Handschrift,
      NA. X, 232 über die Vaticanische Hs. Pal. 243 aus Lorsch.

Die lebhaft erwachende Thätigkeit in dieser Richtung bezeugen ferner
die Chronik der sechs Weltalter, welche bis 810 reicht, von einem
ungenannten Verfasser[28], ein mageres chronologisches Gerippe, ohne
selbständigen Werth, die oben S. 146 erwähnten Ann. Maximiani von 710
bis 811, die Fulder bis 814 (S. 150) und die Flaviniacenses von 816 (S.
146).

 [28] _Chronica de sex aetatibus mundi_, bei Kollar, Anal. Vindob.
      p. 602. Das Ende allein MG. SS. II, 256, vgl. Arch. VII, 272.
      Die unter Ludwig d. Fr. verfaßte, unter dem falschen Namen des
      Claudius Taurin. bei Labbe, Bibl. nova I, 309-315 gedruckte
      Chronik ist vollends nur ein chronologischer Versuch.

Bis 818 reicht das =Chronicon Moissiacense=[29], eine große
unverarbeitete Compilation, welche aus der vorher erwähnten Chronik bis
741, der Compilation bis 805, den Reichsannalen und anderen bekannten
Werken geschöpft ist, deren Bekanntschaft, wie Pückert bemerkt, Abt
Benedict von Aniane vermittelt haben kann, aber doch hin und wieder
auch eigenthümliches aus jetzt verlorenen Quellen hat; darunter hat
Dorr[30] Aquitanische Annalen und ein _Chronicon Aquitanicum_ ohne
genaue Chronologie auszuscheiden und zu sammeln versucht. Der Verfasser
ist so unselbständig und schreibt so gewissenhaft seine Vorlagen
wörtlich ab, daß ihm auch der werthvolle letzte Theil der Chronik von
813 bis 818 nicht zuzutrauen ist. Dieser schließt sich vielmehr in
der ganzen Weise der Erzählung so genau den bis dahin benutzten Ann.
Laureshamenses (s. oben S. 145) an, daß wir mit L. Giesebrecht annehmen
müssen, es habe dem Schreiber der Handschrift ein vollständigeres
Exemplar vorgelegen, dessen Schluß uns nur hier erhalten ist. Die
Herkunft der Chronik ist südfranzösisch, es sind aber, wie G. Monod[31]
bemerkt, von ihr zwei ganz verschiedene Bearbeitungen vorhanden, von
denen die eine aus Moissac stammt, ihr fehlen die Jahre 716-777. Die
andere stammt aus Aniane und hat Zusätze, in denen die Geschichte ganz
willkürlich behandelt wird, z. B. 779 und 780 spanische Namen an die
Stelle der sächsischen gesetzt sind. Zu einer mit diesen verwandten
Chronik gehört nach der wichtigen Entdeckung von Pückert[32] die sog.
_Notitia de servitio monasteriorum_, welche überall arglos benutzt
ist, hier aber als eine spätere Fälschung, vermuthlich aus Aniane,
nachgewiesen wird.

 [29] Bis auf Honorius ungedruckt: von da an MG. I. 280-313; vgl.
      II, 257, wo die Jahre 804 bis 813 nach einer neugefundenen
      Hs. verbessert sind. Pückerts oben erwähnte Abh. enthält viele
      beachtungswerthe Bemerkungen darüber.

 [30] De bellis Francorum cum Arabibus gestis (Diss. Regiom. 1861) p.
      39-48. Die von ihm hier zuerst nachgewiesene Compilation von 805
      ist seitdem genauer bestimmt, s. oben S. 202. Herstellung des
      Chron. Aquit. von Witiza bis 812, S. 43-48. Vgl. Waitz, NA. V,
      483, über die Zusammensetzung des Berichts von 725 aus 2 Quellen;
      711, 737, 752 sind jener Compil. zu überweisen, Forsch. XX, 393.
      Nach B. Simson, Forsch. XIV, 134, sind verwandte Nachrichten in
      Labbe's Chron. S. Victoris, jetzt als _Ann. S. Victoris Massil._
      gedr. SS. XXIII, 1-7. Er vermuthet Benutzung des Chron. Moissiac.
      in diesen. Ein späteres kurzes _Chron. Aquitanicum_ (eigentlich
      Annales) 830-886. 930. 1025, MG. II, 252.

 [31] Revue critique 1873, II, 262.

 [32] Bericht der K. Sächs. Ges. d. Wiss. 1890, S. 45-74.

So stellt sich uns also eine lebhafte litterarische Thätigkeit dar,
bei welcher zunächst die Sorge für die bis dahin in so hohem Grade
vernachlässigte Form der Darstellung in den Vordergrund tritt, mit
welcher sich aber nicht minder auch das Streben nach Ergänzung der
geschichtlichen Thatsachen verbindet. Am Ende des Jahrhunderts werden
die Annalen bis 801 von dem sog. =Poeta Saxo= sogar in Verse gebracht.

Die Fortführung der Annalen bis 829 ist vom höchsten Werthe und
gewährte ein noch lange befolgtes klassisches Vorbild der gleichmäßigen
Darstellung der Zeitgeschichte. Hatte schon Einhard den früheren Theil
der Annalen für sein Leben Karls zu Rathe gezogen, so finden wir den
folgenden Abschnitt von 814 an zu einer Biographie Ludwigs verwandt,
nicht unbedeutend verändert, aber nicht verbessert, mit Einhards Werk
gar nicht zu vergleichen[33].

 [33] Der Einsiedler Codex einer Compilation über Karls Leben ist
      nach B. Simson, Forsch. XIV, 135 auf eine Benutzung des Regino
      zurückzuführen.


§ 10. Ludwig des Frommen Zeit.

 Funck, Ludwig der Fromme, Frankfurt a. M. 1832. B. Simson, Jahrbücher
     des Fränkischen Reichs unter Ludwig dem Frommen. 2 Bde. Leipz.
     1874. 1876.

Ein Jahrhundert lang hatte das karolingische Haus daran arbeiten
müssen, das zerfallende merowingische Reich wieder zur Ordnung und
Festigkeit zu bringen, bevor Karl daran denken konnte, auch den
Wissenschaften hier eine neue Heimath anzuweisen. Als dann Ludwigs
ungeschickte Hände den stolzen Bau im Laufe weniger Jahre in seinen
Grundfesten erschütterten, als von neuem Raub und Gewaltsamkeit
aller Art ungehindert geübt wurden, da wurde auch diese zarte Blüthe
geknickt. Es half nichts, daß Ludwig persönlich litterarischen
Bestrebungen geneigt war[1], daß er die Klosterzucht herstellen half,
was auch den Schulen zu Gute kam; wir wollen ihm nicht den Ruhm
schmälern, das schöne altsächsische Gedicht des Heliand veranlaßt
zu haben, aber unter dem Waffenlärm konnte die Wissenschaft nicht
gedeihen, und über ihre Mißachtung wird schon bald nach Karls Tod
geklagt[2]. Schon 829 baten die zu Worms versammelten Bischöfe dringend
um die Errichtung von mindestens drei öffentlichen Schulen, um dem
Verfall Einhalt zu thun: die Ausführung wird bei der wachsenden
Zerrüttung des Reiches unterblieben sein[3].

 [1] Aus den Kanzleiformeln der Urkunden verschwanden unter ihm die
     herkömmlichen Barbarismen, oben S. 160.

 [2] Walahfridi Praef. ad Einh. V. Caroli: „Nunc relabentibus in
     contraria studiis, lumen sapientiae quod minus diligitur, rarescit
     in plurimis.“ Lupus an Einhard: „Nunc oneri sunt, qui aliquid
     discere affectant.“ Ep. 1 ed. Baluze. Auch bei Ideler, Leben
     Karls d. Gr. II, 138. Die ganze Stelle ist lesenswerth. Aehnliche
     Stellen von Claudius Taurinensis (über ihn s. Ebert II, 222-224;
     Laville, Claude de Turin. Essai sur le protestantisme du IX.
     siècle (Thèse). Toulouse, Chauvin.) giebt Reuter, Gesch. d. Aufkl.
     I, 267. Dümmler, Ostfr. III, 649-652, wo die Hofschule ausführlich
     behandelt ist. Ueber diese auch B. Simson II, 255-260.

 [3] „Similiter etiam obnixe et suppliciter vestrae celsitudini
     suggerimus, ut morem paternum sequentes, saltim in tribus
     congruentissimis imperii vestri locis scholae publicae ex vestra
     auctoritate fiant, ut labor patris vestri et vester per incuriam
     quod absit labefactando non depereat.“ MG, Legg. I, 339. Der
     Vorschlag kam von der Pariser Synode.

Die Hofschule blieb jedoch bestehen, der Ire Clemens und andere Lehrer
wirkten daran, und unter Karl dem Kahlen gewann sie noch einmal
einen glänzenden Aufschwung. Auch die =Reichsannalen= wurden nicht
unterbrochen, sondern in gleichmäßiger Weise weiter fortgeführt. Es
sind die nach ihrem Fundort genannten =Bertinianischen= Annalen, deren
Schreibart den amtlichen Charakter nicht verkennen läßt; wir werden auf
dieselben noch später zurückzukommen haben. Alle die traurigen Vorfälle
der Zeit werden hier mit möglichster Schonung berührt; der _Herr
Kaiser_ erscheint stets in seinem Rechte, aber auch gegen die Gegner,
welche ja ebenfalls seinem Hause angehörten, wird anständige Mäßigung
beobachtet. Im Jahre 835 übernahm der Bischof =Prudentius von Troyes=
die Fortsetzung, und führte sie bis zum Jahre 861, wo der Erzbischof
=Hinkmar= die Arbeit aufnahm; schon war nicht mehr der königliche,
sondern der erzbischöfliche Hof zu =Reims= der wahre Mittelpunkt
des Reiches. Der genaue Zusammenhang der karolingischen Reiche aber
tritt in diesen Jahrbüchern noch deutlich hervor, indem auch die
italienischen und die deutschen Begebenheiten sorgfältig berücksichtigt
werden.

Der vornehmen Kürze der Reichsannalen treten für die frühere
Zeit Ludwigs die Gedichte des =Ermoldus Nigellus=[4] zur Seite;
schmeichlerische Lobgedichte, die zwar als solche kaum zu den
eigentlichen Geschichtsquellen gerechnet werden können, aber doch
von mancher Einzelheit uns Kunde geben, und durch ihre Schilderungen
vielerlei Aufschluß gewähren über Zustände und Personen der Zeit.
Aquitane von Geburt, war Ermold ein Günstling des Königs Pippin; er
geleitete ihn, obwohl Mönch, auf der Heerfahrt des Jahres 824 gegen
die Bretonen mit Schild und Speer: doch scherzt er darüber selbst,
und sein Herr lachte ihn aus. Der Kaiser aber gab ihm Schuld, daß er
Pippin verführe, und verbannte ihn deshalb nach Straßburg, wo Bischof
Bernald ihn unter seine Aufsicht nahm. Hier nun schrieb er seine
vier Bücher, in Distichen, über die Thaten des Kaisers, mit Ludwigs
aquitanischem Königthum beginnend bis auf Heriolds Taufe 826, und
es liegt in der Natur der Dinge, daß er ihm sowohl wie der Kaiserin
Judith um so ärger schmeichelte, je mehr er sich seiner Verbindung
mit ihren Gegnern bewußt sein mochte; er erreichte jedoch seinen Zweck
nicht, und sandte deshalb noch zwei Elegien an König Pippin, deutlich
Ovid nachahmend, hinter dem er doch in Sprache und Versbau unendlich
weit zurückbleibt[5]. Seine Befreiung aber mag er wohl dem Siege der
Verschworenen im Jahre 830 verdankt haben[6].

 [4] Ausgabe von Pertz, MG. SS. II, 464-523. Migne CV, 551-640 nach
     Bouquet. Dümmler, Poet. Lat. II, 1-92. Verbesserungen von Traube,
     Karol. Dicht. S. 65. Uebersetzung von Pfund, Berl. 1856. 1889
     (Geschichtschr. 18. IX, 3). Henkel: Ueber den hist. Werth der
     Gedichte des Ermoldus Nigellus, Progr. der höheren Bürgerschule
     zu Eilenburg 1876. Ebert II, 170-178. Simson, Karl d. Gr. II, 258
     ff. Theilw. übers. v. Th. Reinhart im Jahrb. f. Gesch., Sprache
     u. Litt. Elsass-Lothr. II. 1886.

 [5] Anklänge an Vergil, das allgemeine Schulbuch, fehlen natürlich
     auch nicht, zuerst gesammelt von Dorr, De bellis Francorum cum
     Arabibus gestis, Diss. Regim. 1861, p. 53-55, dann vollständiger
     bei Dümmler, nebst anderen, besonders auch an Theodulf u. Naso,
     vgl. NA. XI, 80. 554.

 [6] Die früher vermuthete Identität mit einem Abt Hermold 834 u. dem
     Abt Ermenald von Aniane kann als beseitigt gelten; vielleicht aber
     war er der Hermold, der 838 als Pippins Kanzler erscheint.

Kaum minder lobrednerisch für Ludwig, als die Verse Ermolds, sind die
beiden Lebensbeschreibungen, welche wir von ihm besitzen. Die eine,
welche nur bis 835 reicht, ist schon zu seinen Lebzeiten verfaßt, von
=Thegan= oder =Degan=, einem vornehmen Franken und Landbischof der
Trierer Kirche, auch Probst des Cassiusstifts in Bonn, von welchem
sonst nichts bekannt ist, als sein freundschaftlicher Verkehr mit
Walahfrid und einigen anderen, den ein Paar noch erhaltener Briefe
und Verse bezeugen. Er ist von ganz besonderem Eifer gegen die aus
unfreiem Stande erhobenen und dann übermüthig gewordenen Bischöfe
erfüllt, von denen er jedoch nur Ebo von Reims nennt; man vermuthet
deshalb, daß er vielleicht in dessen Sprengel ansäßig war und
persönlich von ihm zu leiden gehabt hat. Walahfrid rühmt (um 825)
seine stattliche Erscheinung, seine gigantische Statur, und seine
Gelehrsamkeit. Jene Schrift nun ist vielleicht durch Einhards Werk über
Karl angeregt, verfolgt aber, wie es B. Simson wahrscheinlich macht,
einen bestimmten politischen Zweck, indem wohl nicht ohne Absicht neben
scharfem Tadel Lothars und seiner Anhänger die Verdienste Ludwigs des
Deutschen sehr hervorgehoben werden. In der Form sehr unvollkommen,
und größtentheils in magerer annalistischer Weise verfaßt, gewährt
sie uns doch einige gute Nachrichten; der Aufgabe einer wirklichen
Biographie aber konnte der Verfasser schon deshalb nicht genügen,
weil er von Leidenschaftlichkeit gegen Ludwigs Gegner, vorzüglich
gegen Ebo von Reims, erfüllt war, und die wahren Ursachen der Unruhen
und inneren Kriege verschweigt[7]. Walahfrid freilich, ein ebenso
eifriger Anhänger Ludwigs, lobt, indem er die Mängel des Ausdrucks
mit der seelsorgerischen Thätigkeit des Mannes entschuldigt, gerade
die Wahrhaftigkeit desselben; er theilte das Büchlein in Capitel und
versah diese mit Ueberschriften, um sich und andere an den Thaten des
Kaisers Ludwig, heiligen Andenkens, um so besser und häufiger erbauen
zu können.

 [7] Am Schluß folgen noch Nachrichten über die Jahre 836 u. 837,
     in welchen die Uebertragung des h. Castor nach Coblenz (daraus
     entnommen, doch mit richtigem Datum, Anal. Boll. I, 119, vgl. NA.
     XII, 603) auffallend hervortritt. Ausgabe von Pertz, MG. SS. II,
     585-604. Uebersetzung von Jasmund, 1850. 1889 (Geschichtschr.
     19. IX, 4). Ebert II, 359-361. Eine Erwähnung unter dem Namen
     =Theganbert= in der Transl. Chrysanti et Dariae a. 844; Urkk. v.
     842 u. 847 NA. XIII, 154, 157, wo er Theigenbert heisst. Obitus
     Thegani ep. im Necrol. S. Maximini zum 20. März. Ueber Walahfrids
     Vorrede in derselben Kopenhagener Handschrift, welche auch dessen
     Vorrede zu Einhards Vita erhalten hat, s. Archiv VII, 373; im
     St. Galler Catal. s. IX. erscheint das Buch als ‚De bonitate
     Hludouuici imp. in quaternulis‘. Weidm. S. 400. Vgl. B. Simson:
     Ueber Thegan, Forsch. X, 325-352. Benutzt ist die Vita in der
     Domus Carolingicae Genealogia (SS. II, 309, vgl. Forsch. X, 338),
     den Ann. Lobienses und Flodoardi Hist. Remensis.

Mit geringerer Heftigkeit, doch mit nicht minderer Parteilichkeit
für Ludwig, ist die zweite größere Lebensbeschreibung desselben[8]
geschrieben, welche ein unbekannter Geistlicher vom Hofe bald nach
dem Tode des Kaisers verfaßt hat; man pflegt ihn den =Astronomen= zu
nennen, wegen einiger Bemerkungen, welche sich auf diese Wissenschaft
beziehen. Tiefere geschichtliche Einsicht dürfen wir bei einem Anhänger
Ludwigs überhaupt nicht suchen, und auch der Stil dieses Biographen ist
entstellt durch übertriebenes Streben nach phrasenhaftem Schmuck. So
hat er in dem mittleren Theile seines Werkes von 814 bis 829 fast nur
die Reichsannalen ausgemalt und durch seine Schönrednerei entstellt[9].
Schätzbarer ist der erste Abschnitt, wo Ludwigs Jugendzeit nach
den Erzählungen oder, wie Ebert vermuthet, nach einer schriftlichen
Aufzeichnung des Mönches Adhemar geschildert ist, der mit dem Kaiser
auferzogen war. Im letzten Theile endlich giebt der Verfasser aus
eigener Kenntniß Nachricht von dem was er erlebt, und wenn auch seine
Darstellung wenig zu loben, die Chronologie sehr verwirrt ist, so ist
doch der Inhalt von großem Werthe für uns.

 [8] Mg. SS. II, 604-648. Uebers. mit Thegan. Ebert II, 361-364. Ueber
     die Steinfelder Handschrift, jetzt Mus. Brit. 21 109, Archiv VII,
     365; über die Petersburger NA. V, 221. Ueber stilistische Anklänge
     Manitius, NA. XI, 70-73.

 [9] Zuletzt hat G. Meyer von Knonau in d. Abh. über Nithard
     ausführlich nachgewiesen, S. 132-135, wie der Astr. c. 23-43
     die Ann. Lauriss. 814-829 benutzend sie entstellt; S. 129-132.
     135, wie er c. 59-62 Nithard c. 6-8 in ähnlicher Weise behandelt
     hat, dessen Benutzung mir jedoch zweifelhaft ist; S. 129-132
     ist die Verwirrung der Chronologie c. 54-61 beleuchtet. Für
     den hohen Werth des ersten Theils ist daher das Hauptverdienst
     Adhemar zuzuschreiben. Diesen hält Dorr, De bellis Francorum cum
     Arabibus gestis (Diss. Regim. 1861) p. 51, nach einer Vermuthung
     Giesebrechts für den wiederholt genannten Heerführer Hadhemar, der
     im Alter Mönch geworden sei. Allein die verschiedene Schreibart
     in demselben Buch, der Mangel jeder Hindeutung darauf und die
     Häufigkeit des Namens in Aquitanien sprechen dagegen. B. Simson,
     Lud. d. Fr. II, 294-301 behandelt das Werk ausführlich und
     vermuthet, daß es unvollständig überliefert sei. Benutzte Verse
     von Vergil weist Manitius nach, NA. IX, 618, andere Anklänge XI,
     70-73.

Diesen Schriften reihen wir noch das Leben des Abtes =Benedict= an,
des Stifters des Klosters =Aniane= († 821), der das Vertrauen des
Kaisers in so hohem Grade besaß; zuletzt Abt des für ihn erbauten
Klosters Inden oder Cornelimünster, wurde er zugleich Obervorsteher
aller Klöster im Frankenreich, und entfaltete eine große Wirksamkeit
für die Reform des Mönchswesens und Herstellung der Schulen. Sein Leben
wurde ein Jahr nach seinem Tode (821) von =Ardo=, genannt =Smaragdus=,
seinem Nachfolger als Abt von Aniane, in anschaulicher Weise liebevoll
geschildert, mit besonders genauer Kenntniß der früheren Zeit, wie er,
damals Witiza genannt, ein edler Gothe, Sohn des Grafen von Maguelonne,
ein tapferer Kriegsmann, Mönch wurde und sich zuerst einer ganz
übertriebenen Askese hingab, bis das Leben ihn erzog, und nun seine
reformatorische Thätigkeit weithin wirksam wurde. Auch die Bekehrung
des Grafen Wilhelm von Toulouse wird darin berichtet, dessen Leben
später fabelhaft ausgeschmückt ist[10].

 [10] Mab. IV, 1, 191. S. XV, 198-220 von Waitz. mit Exc. der _Vita
      Willelmi monachi Gellonensis_. Ebert II, 346-348. Hauck II,
      528-545. Ueber das Leben des Adalhard und Wala s. unten § 16.

Ein merkwürdiges Denkmal aus dieser Zeit ist der _liber manualis
Dodanae_, die von Dhuoda, der Witwe des Grafen Bernhard von
Septimanien, im J. 841 für ihren Sohn Wilhelm verfaßten Rathschläge
und Unterweisungen, woraus einst Mabillon und Baluze Auszüge gegeben
haben, welche jetzt mit Benutzung einiger neugefundenen Fragmente von
E. Bondurand neu herausgegeben sind[11].

 [11] L'Éducation caroline. Le manuel de Dhuoda. Paris 1887.

In einer Zeit der erbittertsten Parteiungen konnte die
Geschichtschreibung nicht den Charakter ruhiger, unparteilicher
Schilderung bewahren, den wir in den Reichsannalen wahrnehmen; jede
Erzählung nimmt eine bestimmte Farbe an nach dem Standpunkt des
Verfassers, und es treten nun auch die politischen Streitschriften
hinzu, in welchen die Gegner ihr Verfahren zu rechtfertigen, die
Widersacher anzuschuldigen sich bemühen. Dahin gehört aus dieser
Zeit namentlich das beredte Manifest des Erzbischofs =Agobard= von
Lyon, welches das Auftreten der Söhne gegen ihren Vater rechtfertigen
sollte[12], und von der anderen Seite die =Klage des Herrn Kaiser
Ludwig=, angeblich von ihm selbst verfaßt, in Wahrheit aber doch wohl
nur eine Stilübung aus dem Kloster des h. Medardus[13].

 [12] _Apologeticus pro filiis Ludovici Pii imp. adv. patrem_, Bouq. VI,
      248 u. a. m. Eigentlich zwei verschiedene Schriften, s. B. Simson
      I, 398. II, 67, u. als solche SS. XV, 274-279 ed. Waitz als:
      _Libri duo pro filiis et contra Judith uxorem Lud. Pii_. Er war
      einer der bedeutendsten theologisch-politischen Schriftsteller,
      und seine Schriften (ed. Baluze 1666, Migne CIV) berühren vielfach
      die Zeitverhältnisse. S. über ihn Baehr S. 98. 383-388. C.
      v. Noorden, Hinkmar S. 39. B. Simson I, 397-399. Reuter, Gesch.
      d. Aufklärung I, 24-41. Ebert II, 209-222. Dümmler, NA. IV, 263,
      und die Gedichte an ihn, Poet. Lat. II, 118. 356. J. F. Marcks,
      Die politisch-kirchliche Wirksamkeit A. Progr. d. Realprogym. zu
      Viersen 1888. Enge, De Agobardi cum Judaeis contentione, Lips.
      1888. Er starb 840 Juni 6, Ann. Lugdun. MG. I, 110.

 [13] Sie findet sich in der Translatio S. Sebastiani (oben S. 199),
      ist aber auch unter dem Titel _Conquestio domni Chludovici
      imperatoris et augusti piissimi de crudelitate et defectione et
      fidei ruptione militum suorum et horrendo scelere filiorum suorum
      in sui dejectione et depositione patrato_ abgesondert überliefert.
      Ausg. v. Holder-Egger SS. XV, 388. -- Dahin gehört auch die gegen
      Ebo gerichtete, von Flodoard aufgenommene _Visio Raduini_, NA.
      XI, 262.

Den Tod des Kaisers und die darauf folgende Zwietracht beklagte in
einer Elegie =Florus=, der bekannte Diakonus von Lyon[14].

 [14] _Querela de divisione imperii post mortem Ludovici Pii_, bei
      Mab. Anal. I, 388, ed. II p. 413. Bouq. VII, 301. Poet. Lat.
      II, 559-564. Vgl. über ihn Ebert II, 268-272. Dümmler, NA.
      IV, 296-301. 581. 630. Poet. Lat. II, 507-566. Ueber seine
      Canonensammlung M. Conrat, Gesch. d. Quellen u. Litt. d. Röm.
      Rechts (1889) I, 253; vgl. auch NA. XI, 436.


§ 11. Der Streit der Söhne. Nithard.

 Nithardi Historiarum libri IV. ed. Pertz, MG. SS. II, 649-672.
     Besonderer Abdruck Hann. 1839; 2. Ausg. mit neuer Benutzung der
     Pariser Handschrift, sonst ohne Zusatz, 1870; von Holder mit
     wiederholter Benutzung derselben 1880. Uebersetzung von Jasmund,
     Berl. 1851. 1889 (Geschichtschr. 20. IX, 5; S. 67 l. fünften statt
     15). -- Die Eidesformeln jetzt auch bei Müllenhoff und Scherer
     S. 197 (3. Ausg. I, 231), vgl. S. 479 (II, 365). Brakelmann in
     Hoepfners und Zachers Zeitschr. f. d. Philol. III, 85-95. Arbois
     de Jubainville: Le Text Franc etc. Bibl. de l'École de chartes
     XXXII, 321-340. Facs. bei G. Paris: Les plus anciens Monuments
     de la langue Française (1875) pl. 1. Chr. Pätz, De vita et fide
     Nithardi, Diss. Hal. 1865. Gerold Meyer von Knonau, Ueber Nithards
     4 Bücher Geschichten, Leipz. 1866, 4. O. Kuntzemüller, Nithard
     u. sein Geschichtswerk, Diss. Jen. 1873. Ebert II, 370-374. Die
     Handschrift stammt aus Saint-Magloire in Paris, Hist. Zeitschr.
     XXXI, 220. Delisle, Note sur le Catalogue général p. 37. Manitius,
     Parallelstellen, NA. IX, 618. XI, 69-73.

Wir haben schon früher gesehen, wie am Anfang des Mittelalters
diejenigen Männer, welche sich durch litterarische Bildung
auszeichneten, wenn sie auch ihre Bildung noch nicht der Kirche
verdankten, doch zuletzt dieser sich zuwandten, und dasselbe wiederholt
sich auch in Karls Zeit. Die fränkischen Ritter verschmähten jede
gelehrte Bildung, und die Bemühungen Karls in dieser Beziehung blieben
ohne dauernde Wirkung. Die Kirche war gar bald wieder alleinige Hüterin
des Griffels und der Feder. Auch Einhard hatte sich klösterlichem Leben
zugewandt, wenn er auch nicht in den geistlichen Stand getreten war,
und kriegerische Waffen hatte er nie geführt. Auch Angilbert, wenn er
jemals, wie man später erzählte, ein Kriegsheld gewesen war, zog doch
die Kutte an; sein Sohn Nithard aber bietet uns das einzige Beispiel
eines vornehmen und tapferen Streiters, der wirklich das Schwert
aus der Hand legte, um auch mit der Feder die Sache seines Herrn zu
vertheidigen. Freilich hat seine Rede nicht mehr den Wohlklang von
Angilberts Muse; man fühlt ihr die Zeit an, wo schon über den Verfall
der Schulen geklagt wird, sie ist rauh und hart, aber dafür entschädigt
der tüchtige Sinn des Mannes, seine Einsicht und Kenntniß der Dinge.
Daß auch seine Schrift durchaus parteiisch ist, versteht sich von
einem Manne, der mitten in den heftigsten Kämpfen stand, von selbst; es
konnte nicht anders sein[1].

 [1] Kuntzemüller bekämpft diese Auffassung, allein es war gar
     nicht anders möglich und ist, da seine Wahrheitsliebe allgemein
     anerkannt ist, auch kein Vorwurf.

Nithard war ein eifriger Anhänger Karls des Kahlen, und theilte mit
ihm alle Wechselfälle des Kriegs. Im Jahre 840 übernahm er eine
Gesandtschaft an Lothar, und als diese vergeblich blieb, zog er
mit Karl dem Heere Lothars entgegen; da, als sie eben im Begriff
waren, in Châlons-sur-Marne einzureiten, gab Karl ihm den Auftrag,
die Geschichte seiner Zeit zu schreiben, um sein Recht aller Welt
darzulegen. Doch war ihm zunächst noch Nithards Schwert wichtiger,
als seine Feder; am 25. Juni 841 wurde die Entscheidungsschlacht bei
Fontenoy geschlagen, wo auch Nithard, wie er selbst erzählt, tapfer
kämpfte. Dann griff er wieder zur Feder; im ersten Buch stellte er
einleitend die Ereignisse dar, welche zu diesen Kämpfen geführt hatten,
die Reichstheilungen, und die Verwirrung, welche daraus entstanden
war, zweckmäßig und übersichtlich erzählt[2]. Mit Ludwigs Tode hebt
im zweiten Buch die ausführliche Darstellung an; das Unrecht Lothars
und die Verwerflichkeit seines Benehmens gegen die Brüder sind der
vorzügliche, auch in dem an Karl gerichteten Vorwort ausdrücklich
bezeichnete Gegenstand. Die Schilderung des entscheidenden Kampfes, mit
dem das Buch schließt, unterbricht Nithard durch die Bemerkung, daß
eben jetzt, während er schreibe[3], am 18. October desselben Jahres,
die Sonne sich verfinstere. Das dritte beginnt er voll Unmuth: er
habe gar nicht weiter schreiben wollen, weil es ihn schmerze und ihm
zuwider sei, von seinem Volke schmähliches zu berichten; doch damit
nicht etwa jemand sich erkühne, die Sachen anders zu berichten als
sie sich ereignet hätten, habe er sich entschlossen, noch ein drittes
Buch hinzuzufügen über dasjenige, woran er selber Theil genommen, die
Verhandlungen nämlich, die ihn fortwährend in Anspruch nahmen. Mit
ähnlichen Worten beginnt er auch das vierte Buch, das letzte, welches
leider nur bis zum Anfange des Jahres 843 reicht; dann scheint er in
sein Kloster zurückgekehrt zu sein, vermuthlich eben deshalb, weil
es ihm als Laienabt verliehen war. Ich hatte früher ganz bezweifelt,
daß er Abt gewesen sei, allein da die Grabschrift wirklich von dem
Zeitgenossen Mico zu sein scheint, so müssen wir ihm glauben, daß
Nithard kurze Zeit (_paucissimis diebus_ sagt Hariulf) Abt gewesen
und als solcher im Kampf gefallen sei. Da schon im Sept. 844 Ludwig
Abt ist, so muß er vor diesem eingeschoben werden, und es mag die
Vermuthung von Traube richtig sein, daß Richbod, nachdem er noch 842[4]
die feierliche Erhebung Angilberts besorgt hatte, ihm den Platz hat
räumen müssen, was in diesem Kloster mehrmals vorkam. Wir hören nichts
weiter von ihm, als daß im elften Jahrhundert, als Angilberts Grab
in St. Riquier eröffnet wurde, man darin die Leiche Nithards fand,
in Salz gelegt, in dem hölzernen, mit Leder bedeckten Sarge, worin er
einst vom Schlachtfelde heimgetragen war, an seinem Haupt die Wunde,
welche ihm den Tod gegeben. Damals hat man ihn als Abt gemalt, und der
Klosterdichter Mico verfaßte dazu ein Epitaph[5]. Als Todestag wird
XVIII. Kal. Jun. angegeben, was richtiger durch Id. Mai bezeichnet
wäre. Dümmler schlägt deshalb vor, Jul. zu setzen, und so kämen wir
auf den 14. Juni. Merkwürdiger Weise aber ist nach Prudentius der Abt
Richbodo von St. Riquier am 14. Juni 844 am Agout gefallen, und ist
auch dieser ein Enkel Karls des Großen gewesen. Leider fehlt es uns an
jeder zuverlässigen Nachricht zur Aufklärung dieser Verhältnisse; wenn
Nithard mit ihm zugleich gefallen wäre, so muß man doch annehmen, daß
er sicherlich auch hätte erwähnt werden müssen. Wir beschränken uns
also darauf, das Epitaph hier mitzutheilen. Es lautet:

                  EPYTAFIUM.

  Hic rutilat species Nithardi picta sagacis,
    Nomen rectoris qui modico tenuit,
  Eheu! quod subito in bello rapuit gemebundo
    Mors inimica satis seu furibunda nimis:
  Invidia siquidem multatus hostis iniqui,
    Qui primus nocuus perstitit innocuis.
  Astu nam belli viguit quasi fortis Asilas[6],
    Nec non ex sophia floruit ipse sacra.
  Extitit elatos rigidus mites humilisque
    Contra commissum pacificusque gregem.
  Cujus de Caroli genio[7] processit origo
    Nobilis ac celsa caesaris egregii.
  Occubuit Junii octavo decimoque Kalendas
    Hostili gladio: hac requiescit humo.
  Hos quicumque legis versus, miserere suique
    Dic: Animae ipsius det veniam Dominus,
  Jam quia sublatus terris regione locatus
     Sit, precibus, sancta, hocque frequens rogita.
  Donec e tumulo salient cineres quoque vivi,
    Corpore suscepto quo reparatus eat
  Ad loca sanctorum, fultus hinc inde maniplis
    Angelicis sanctis cum patribus reliquis.

 [2] Gegen Pertz haben Pätz und G. Meyer v. Knonau Benutzung des
     Nithard beim Astronomus nachzuweisen gesucht, die mir doch noch
     zweifelhaft ist.

 [3] Wahrscheinlich im Lager Karls zu St. Cloud, s. Funck S. 274,
     Dümmler, Ostfr. I, 169.

 [4] Am 24. Oct. nach Meyer v. Knonau, Anm. 292, dem Traube (für den
     5. Nov.) ohne Angabe von Gründen widerspricht.

 [5] Jetzt auch Poet. Lat. III, 310 von Traube herausgegeben.

 [6] Der in Verg. Aen. IX, 571 u. X, 175 gefeierte Held und Weissager.

 [7] Diese Correctur von Dümmler statt _gemino_ hat Traube angenommen
     mit Hinweis auf den ähnlichen Ausdruck im Carm. CL, 2.

Ungern trennen wir uns von diesem Büchlein, dem Werke eines wackern
Kriegshelden und einsichtigen Staatsmannes, welcher so recht aus der
Mitte der Begebenheiten mit Ernst und Wahrheitsliebe berichtet, was er
selbst durchlebt, woran er selbst den bedeutendsten Antheil genommen
hat. Unwillkürlich knüpft sich daran der Gedanke, wie ganz anders die
Geschichtschreibung sich hätte entwickeln können, wenn die Laien der
folgenden Jahrhunderte es nicht verschmäht hätten zu schreiben, wenn
nicht die Feder ausschließlich der Geistlichkeit überlassen wäre, der
wir zwar viel schöne und treffliche Werke zu danken haben, die aber
mit Nothwendigkeit ihre kirchliche Auffassung in alle Verhältnisse
übertrug. Wir möchten ihre Werke nicht missen, aber gar gerne hätten
wir daneben auch die Stimmen einsichtiger Laien.

Doch ist Nithard nicht der einzige von den Kämpfern in der Schlacht
bei Fontenoy, dessen Worte uns vorliegen; auch von Lothars Seite ist
uns eine Schilderung der Schlacht erhalten in dem Klagelied jenes
=Angilbert=, der, im ersten Treffen kämpfend, von Vielen allein übrig
geblieben war. Voll tiefen Grames sind seine Worte, nirgends tritt uns
so lebendig der bittere Schmerz entgegen über diese allzu harte Nacht,
in welcher die Tapfersten gefallen sind, die Kundigsten des Krieges[8].
Die Form dieser Verse ist rhythmisch, die Sprache diejenige, welche
uns schon aus der merowingischen Zeit bekannt ist, lateinisch wie
es ein Romane sprechen und schreiben konnte, ohne es schulmäßig
erlernt zu haben. Daher haben wir auch dergleichen Dichtungen nur aus
Frankreich[9] und Italien[10], aus Deutschland nur Kunstpoesie gelehrter
Geistlicher[11]. Daneben sang das Volk seine deutschen Lieder, die
wohl gelegentlich erwähnt werden, die aber niemand aufschrieb. Nur der
=Ludwigsleich=, gedichtet auf die Normannenschlacht bei Saucourt (881),
bildet davon eine Ausnahme[12].

  [8] „Ubi fortes ceciderunt, proelio doctissimi.“ Anf. _Aurora cum._
      Gedruckt in der Octavausgabe des Nithard S. 55 f. und sonst
      häufig. Coussemaker, Hist. de l'harmonie (1852) 86 u. Facs. pl.
      I, 3. Erste vollständige Ausg. (2 neue Strophen) bei Dümmler in
      den philol. Abh. zu Ehren Th. Mommsens, 1877. Poet. Lat. II, 138.
      Die Verse fangen nach der Reihe mit den Buchstaben des Alphabets
      an, reichen aber nur bis P. Eine Uebersetzung mit Erläuterungen
      bei Meyer von Knonau S. 139, und nebst anderen im Anhang zu dessen
      Schrift: Die schweizerischen hist. Volkslieder des 15. Jahrh.
      (Zürich 1870) S. 66. Ebert II, 313.

  [9] Bei Duméril, Poésies populaires Latines antérieures au douzième
      siècle finden sich S. 251 ein Klagelied um den Tod des Abtes Hugo
      844 _Hug dulce nomen_ (auch bei Coussemaker 92 mit Facs. pl. II,
      2, Poet. Lat. II, 139; s. über ihn Sickel, Acta Karol. I, 96),
      S. 253 eine Klage Gotschalks in seiner Verbannung (846 oder 847
      _O quid jubes_, Couss. 49 u. pl. II, 3; vgl. Dümmler, NA. IV,
      320. Ebert II, 166), S. 255 Verse auf die Zerstörung des Klosters
      Montglonne oder Saint-Florent-le-Vieil durch die Bretonen 853,
      _Dulces modos_ (neue Ausgabe nach dem MS. von Midlehill von Dom
      Pitra, Archives des Missions scientifiques IV, 182 a. 1856; Poet.
      Lat. II, 147), S. 266 Sigloards Klagelied um Fulko von Reims
      _O Fulco_ (900). Anderer Art sind Theodulfs Oden auf Ludwig des
      Frommen Ankunft in Orléans und in Tours, Poet. Lat. I, 529. 578.

 [10] Rhythmische Beschreibung von Verona aus Pippins Zeit, von
      Rather mitgebracht und nebst einem Stadtplan von Verona in eine
      (verschollene) Handschrift des Klosters Lobbes eingetragen,
      _Magna et praeclara_, Poet. Lat. I, 119. Traube, Karol. Dicht.
      S. 122-129. Verse auf K. Pippins Sieg über die Avaren 796
      (_Omnes gentes_) in Pertz' Octav-Ausgabe von Einhards V. Caroli
      p. 35, Poet. Lat. I, 116. Paulinus Klage über Herzog Erichs Tod
      (799 _Mecum Timavi_) ib. p. 37, Duméril S. 241, Coussemaker,
      S. 87 u. Facs. pl. I, 4. Sinner, Catal. Bern. I, 148-157 mit
      Erläuterungen, Poet. Lat. I, 131. =Planctus Caroli= (814, _A solis
      ortu_) vermuthlich aus Bobio, bei Einhard S. 41, Duméril S. 245,
      Coussemaker S. 91 mit Facs. pl. II, 1, Poet. Lat. I, 435; darauf
      bezieht sich, wie Dümmler bemerkt, Thietm. VIII, 15, indem er
      den darin als Patron des Klosters angeredeten Columban für den
      lebenden Abt zu halten scheint. Ganz verschieden davon ist das
      viel jüngere oft gedr. Kirchenlied _Urbs Aquensis_, welches auch
      auf Zürich und Frankfurt angewandt ist. -- Klage um Aquileja, _Ad
      flendos_, Paulinus zugeschrieben, Poet. Lat. I, 142. Spottverse
      auf dasselbe, _Aquilegia gloriosa_, ib. II, 150. Ueber Ludwigs II
      Gefangenschaft (871, _Audite omnes_) Duméril S. 264. Poet. Lat.
      III, 404; ib. p. 405 sein Epitaph _Hic cubat._ Das Wächterlied aus
      Modena während der Belagerung durch die Ungarn 904 _O tu qui_ bei
      Duméril S. 268; vgl. Dümmler, NA. IV, 559; Joh. Merkel NA. I, 572
      hält es für älter. -- Das von Baronius auf Lothar (855) bezogene
      Epitaphium _Caesar tantus eras_ ist von Dümmler NA. I, 179 auf
      Heinrich III bezogen, auf Lothar wieder von De Rossi, Inscriptt.
      christ. II, 1, 302, u. von Traube, der den Vf. für einen Nachahmer
      des Sedulius hält, mit Beziehung auf Poet. Lat. III, 158 u. 234.

 [11] Ueber diese rhythmische Poesie überhaupt s. Ebert II, 311-328.

 [12] Müllenhoff und Scherer I, 24, vgl. II, 71 ed. III, übersetzt bei
      Dümmler, Ostfr. III, 155. Denselben Ludwig feierte nach Mabillon
      in lateinischen Versen Abt Angilbert von Corbie bei Uebersendung
      einer Abschrift von Augustin de doctrina christiana, aber Traube
      hat dieselben für Angilbert von St. Riquier u. Ludwig d. Fr. in
      Anspruch genommen, O Roma nobilis, S. 322 ff.

Ein höchst eigenthümliches Product jener traurigen Zeiten, wo durch
die Zwietracht der Brüder alle Ordnung gestört war und besonders die
Kirchen fortwährender Beraubung und Mißhandlung ausgesetzt waren, wo
dann auch Karl der Kahle die anfangs noch an ihn geknüpften Hoffnungen
in zunehmender Weise täuschte, sind die Schriften und vorzüglich die
Revelationen des =Audradus Modicus= aus dem Martinskloster zu Tours,
der 847 vom Erzbischof Wanilo zum Landbischof von Sens eingesetzt
wurde, im Nov. 849 aber mit seinen meisten Collegen diese Stelle wieder
verlor. Im März 849 überreichte er seine gesammelten Schriften in Rom
dem Pabst Leo IV, welcher sie im Archiv von St. Peter niederlegte;
die angeblichen Visionen aber setzte er noch bis 853 fort. Diese nur
fragmentarisch erhaltenen Schriften sind kürzlich durch neugefundene
Fragmente verständlicher geworden und von L. Traube in scharfsinniger
Weise erläutert; sie enthalten nicht unbedeutende Beiträge zur
Geschichte der Zeit[13].

 [13] Audradi Modici Carmina ed. Traube, Poet. Lat. III, 67-122. Ders.
      O Roma nobilis, p. 374-391, wo die Revel. gesammelt u. erläutert
      sind. Bedeutende Fragmente hat Albricus gerettet. S. 377, 1 l.
      _judicat_ statt _indicat_.


§ 12. Frechulfs Weltchronik.

Wir haben oben § 10 die ersten, noch recht unvollkommenen Versuche
betrachtet, die fast verlorene Verbindung mit der Vergangenheit
herzustellen. Die Ereignisse der Gegenwart nahmen zunächst die
Aufmerksamkeit in Anspruch und mit ihrer Aufzeichnung begann man;
doch regte sich auch bald das Bedürfniß in den größeren Zusammenhang
einzutreten und einen Ueberblick über die Weltgeschichte zu gewinnen.
Bei der raschen Ausbildung formaler Gewandtheit konnten die in der Form
noch halb barbarischen und innerlich unverarbeiteten Compilationen sehr
bald nicht mehr genügen, und es ist begreiflich, daß man sich dieser
großen und schwierigen Aufgabe von neuem und mit besserem Erfolge
zuwandte.

Ganz anderer Art nun, als jene Compilationen, und das Werk eines
wirklich bedeutenden Mannes ist die Weltchronik des Bischofs
=Frechulf von Lisieux=. Unbekannter Herkunft nennt er Helisachar,
den vielvermögenden Kanzler Kaiser Ludwigs[1], seinen Lehrer, und die
Freundschaft, welche ihn mit Hraban verband, wird wohl schon damals
geschlossen sein, als dieser zu Alcuins Füßen saß[2]. Vermuthlich aus
dem Kreise der Hofgeistlichkeit wurde Frechulf auf den Bischofstuhl
erhoben; in Lisieux fand er eine in tiefe Unwissenheit versunkene Herde
zu weiden, und einen solchen Büchermangel, daß nicht einmal die Bibel
vorhanden war. Er wandte sich deshalb an seinen Freund Hraban, seit 822
Abt von Fulda, mit der Bitte um einen Commentar zum Pentateuch, der die
Erklärungen der alten Kirchenlehrer mit Beifügung ihrer Namen enthalten
sollte, und Hraban erfüllte seine Bitte. Wohl bald nachher sandte der
Kaiser ihn 824 an den Pabst Eugen II wegen des damals lebhaft geführten
Streites über den Bilderdienst; bis 852 wird noch seine Theilnahme an
verschiedenen Synoden erwähnt[3], 853 aber erscheint sein Nachfolger
Eirard.

 [1] Ueber diesen s. Sickel, Acta Karol. I, 86-88. Simson II, 234. Ein
     Brief von ihm über Verbesserung des Antiphonars NA. XI, 564-568.

 [2] Daß Frechulf ein Sachse und Mönch in Fulda gewesen sei,
     beruht allein auf dem Trithemischen Meginfrid von Fulda, und
     ist, da dieser erdichtet ist, wohl nur ein Schluß aus dem
     Freundschaftsbund mit Hraban. Die Briefe beider enthalten aber
     nicht die geringste Hindeutung darauf.

 [3] 852 erwähnt bei Quantin, Cartulaire de l'Yonne I, 64.

Ohne Zweifel hat Frechulf seine Verbindungen und wohl auch die Reise
nach Rom benutzt, um dem Büchermangel abzuhelfen, so daß er bald
im Stande war, auf Helisachars Wunsch und Antrieb mit einer für die
damalige Zeit nicht unbedeutenden Gelehrsamkeit und Kunst ein Werk über
die alte Geschichte zu Stande zu bringen, in welchem die ausgehobenen
Stellen der benutzten Autoren zu einer ausführlichen Darstellung nicht
ungeschickt verbunden sind. Zu diesem ersten Theile fügte er bald noch
einen zweiten, welcher die Geschichte des römischen Reiches von Christi
Geburt bis zur Vertreibung der römischen und gothischen Obrigkeiten
aus Gallien und Italien und der Aufrichtung völlig selbständiger
Reiche durch die Franken und Langobarden fortführt; die Geschichte
der christlichen Kirche fand ihren Abschluß durch Gregors des Großen
Pontificat. Diese zweite Abtheilung seines Werkes überreichte er 830
oder etwas früher der Kaiserin Judith, deren Gelehrsamkeit auch von
Hraban und Walahfrid gepriesen wird[4], um davon für den Unterricht des
noch zarten Knaben Karl Gebrauch zu machen. Ueberaus merkwürdig ist es,
daß Frechulf hierdurch die sonst so ängstlich festgehaltene Continuität
des römischen Reiches gänzlich aufgab, daß er es wagte, die neuen
Reiche auf römischem Boden als etwas wirklich neues, ihre Stiftung als
den Beginn einer neuen Zeit zu betrachten[5]. Nachfolger hat diese
Abweichung von dem herrschenden Systeme nicht gefunden; nur Notker,
der Mönch von St. Gallen (I, 1) ist kühn genug, die Bildsäule als
zertrümmert, das römische Reich als vergangen zu betrachten, und Kaiser
Karl als den Herrscher eines neuen Weltreichs hinzustellen.

 [4] Dümmler, Ostfr. I, 41. Acrostichische Verse ihr zu Ehren bei H.
     Hagen, Carmina Medii Aevi p. 126-128, Poet. Lat. II, 165, von
     Hraban.

 [5] Vgl. Büdinger, Hist. Zeitschrift VII, 115. Ebert II, 381-381. Die
     gründlichste Untersuchung über Frechulfs Werk mit genauer Analyse
     desselben nach den von ihm benutzten Quellen hat Emil Grunauer
     aus Winterthur gegeben in seiner Diss. de fontibus historiae
     Frechulphi ep. Lixoviensis, 1864. Frechulph und Frechulf ist die
     Schreibart der ältesten und besten (St. Galler) Handschrift, aus
     welcher hier nebst Facs. die in den Ausgaben fehlenden Capitel
     mitgetheilt sind. Sein Todestag (October 8. Frehholfi. ep.) im
     Würzb. Necrol. ed. Dümmler, Forsch. VI, 117. Eine unvollständige
     und dem Julius Florus zugeschriebene Hs. in Avranches 2428, s.
     Ravaisson, Rapport sur les bibl. de l'Ouest (1841) p. 20; die
     Widmung an Judith S. 361. Vgl. unten §. 20 über die Translatio
     Ragnoberti. -- Die von Fr. Haase im Breslauer Ind. lectt. hiem.
     1860 gedruckte Widmung einer Abschrift des Vegetius an einen
     König (wiederholt Veget. ed. Lang p. XXIII) kann doch wohl nur
     von Frechulf sein, nach den Worten: _post libros ab inicio mundi
     usque ad regna Francorum in Gallia a parvitate mea congestos
     ex hagiographorum sive gentilium historiis_, und das wird, wie
     Dümmler bemerkt, durch übereinstimmende Ausdrücke bestätigt. Der
     König ist dann Karl der Kahle. Vgl. auch Dümmler, Ostfr. I, 404,
     und in Haupts Zeitschr. XV, 451, wo 443 bis 450 ein von Hraban
     für Lothar, wahrscheinlich II, im J. 855 verfaßter Auszug aus
     Vegetius, mit einigen Notizen über fränkische Sitten, mitgetheilt
     ist. Den lebhaften praktischen Gebrauch des Vegetius bezeugt auch
     Salimbene S. 197.

In dem herkömmlichen Geleise blieb auch =Ado=, Erzbischof von Vienne
(† 874), der Verfasser des Martyrologiums, welcher sich auch an einer
Weltchronik versuchte[6]. Er verband zu diesem Zwecke mit der Chronik
des Beda Auszüge der gewöhnlichen Quellen, die er jedoch stilistisch
zu einer zusammenhängenden Erzählung überarbeitete. Den Faden für die
Verbindung des Ganzen gab ihm die Folge der Kaiser; an Constantin und
Irene knüpft sich unmittelbar Karl der Große, dann Ludwig, Lothar,
Ludwig II: so wird der Gedanke der Einheit des römischen Reiches
durchaus festgehalten. Die Erhebungen der Söhne gegen Ludwig den
Frommen erscheinen nur als unberechtigte Revolutionen; dann wird
Karl der Kahle als trefflicher und weiser Regent gepriesen, alle aber
überstrahlt die Hoheit des Pabstes Nikolaus. Es ist die Geschichte vom
Standpunkte der Autorität und der vorgefaßten Meinungen, der sie so
lange beherrscht hat und eine unbefangene Auffassung der Ereignisse
unmöglich machte.

 [6] Auszüge, und von 814 an vollständig MG. SS. II, 315-323; die
     beiden unbedeutenden Fortsetzungen S. 324. 325. Eine weitere,
     ebenfalls unbedeutende Fortsetzung aus dem elften Jahrhundert S.
     326. Die erste Fortsetzung ist großentheils entnommen aus der
     kurzen _Francorum Regum historia_ 840-869, fortgesetzt bis 885
     (gedr. MG. II, 324. 325) u. aus den Ann. Floriacenses; benutzt
     von Folcuin im Chartul. Sith. nach B. Simson, Ludw. d. Fr. I, 192
     Anm. 8. _Series episcoporum Vienn._ ed. Waitz, SS. XXIV, 811, wo
     auch die früher ausgelassenen Stellen aus Ado über die ältesten
     Vienner Bischöfe nachgetragen sind. -- Ebert II, 384.

Auch eine Volksgeschichte der Franken liegt uns vor, wahrscheinlich
aus dem Jahre 816, die einem übrigens unbekannten =Erchanbert=, doch
ohne genügende Sicherheit, zugeschrieben wird[7]. Doch ist kein großer
schriftstellerischer Ruhm daran zu verlieren oder zu gewinnen; sie
beruht ganz und gar auf den Gesta Francorum, und der angehängte Schluß
ist über alle Maßen dürftig; nur die sagenhafte Erzählung über die
Beseitigung des letzten Merowingers zieht unsere Aufmerksamkeit auf
sich, weil sie uns zeigt, wie früh sich eine, der Wirklichkeit nicht
entsprechende, stark kirchlich gefärbte Auffassung ausbildete.

 [7] _Erchanberti Breviarium Regum Francorum_ ed. Pertz, MG. SS. II,
     327; nur der letzte Theil ist abgedruckt nach Ussermann. Uebers.
     bei dem Mönch von St. Gallen. Die Handschrift (MG. Legg. I, 267.
     III, 9) ist jetzt in Stuttgart Cod. Jur. qu. 134, s. Haenel in
     den Berichten der K. Sächs. Ges. d. Wiss. 1865.

Die =Localgeschichten=, welche später zu so bedeutender Entwickelung
gelangten, zeigen sich in dieser Zeit noch kaum in ihren ersten
Anfängen. Wir erwähnten schon des Paulus Diakonus Geschichte der
Bischöfe von Metz; außerdem ist nur noch die Geschichte der Aebte von
=St. Wandrille= zu nennen[8], bis zum Jahre 833, mit einer Fortsetzung
bis zum Jahre 850. Sie enthält mancherlei merkwürdiges, z. B. über
Einhards Stellung als Aufseher der königlichen Bauten, und ist
besonders ausführlich über die Thätigkeit des Abtes Ansegis, jenes
bedeutenden Mannes, dessen Capitulariensammlung so großes Ansehen
gewann.

 [8] _Gesta abbatum Fontanellensium_, ed. Pertz (nach Dachery) MG.
     SS. II, 270-301, nebst einem _Fragmentum Chronici Font._ 841-859
     S. 301 bis 304. Ebert II, 377. Nach der lange vermißten Hs. im
     Hâvre neue Ausg. von S. Loewenfeld, Hann. 1886; vgl. dens. Forsch.
     XXVI, 193-215, u. über die Mängel der Ausg. Holder-Egger, NA. XVI,
     602-606. Ueber das Verhalten zu Fredegars Fortsetzern Breysig,
     Karl Martell, S. 114 u. oben S. 203. Im Münchener historischen
     Jahrbuch 1865 von P. Roth benutzt, um seine Ansicht über die
     Säcularisation unter den Karolingern zu unterstützen. Auch die
     der _Vita S. Wandregisili_ (oben S. 107) angehängten _Miracula_
     (Mab. II. 547. Acta SS. Jul. V, 281) von verschiedenen Verfassern
     bis nach 895 fortgeführt, sind nicht unwichtig; Ausz. SS. XV, 1,
     406-409.


§ 13. Deutschland unter den Karolingern. Reichsannalen.

Mit dem äußersten Widerstreben hatten die deutschen Stämme sich der
Herrschaft der Franken unterworfen, welche von ihrer niederrheinischen
Heimath aus sowohl am Oberrhein wie am Main festen Fuß faßten und
in größeren Massen sich ansiedelten, während einzelne Herren dieses
herrschenden Stammes überall im ganzen Lande zu finden waren. Mit
ihnen kam die fremde, römische Kirche, und die rein deutsche, ureigne
Entwickelung wurde durch das Uebergewicht der fremden Bildung erdrückt.
Doch ist es fraglich, ob wir überhaupt berechtigt sind, hier von einer
Entwickelung zu sprechen; so lange wir von den Deutschen Nachricht
haben, ist eine solche, wo sie unberührt blieben, kaum wahrzunehmen,
und gerade das am spätesten unterworfene sächsische Heidenthum
ist völlig starr und jeder Veränderung widerstrebend; das waren
Zustände, die ungestört viele Jahrhunderte ohne merkliche Entwickelung
fortbestehen konnten.

Gewaltsam wurden die Schwaben, Baiern, Sachsen dem Frankenreiche
einverleibt; aber nachdem bei ihnen die Kirche durch Bonifatius sicher
gegründet und durch Karls feste Hand auch über Sachsen ausgebreitet
war, nahmen sie nun auch an dem Leben innerhalb derselben, an der
Entwickelung aller der durch Karl gelegten und gepflegten Keime, den
lebhaftesten selbstthätigsten Antheil. Als das große Reich zerfiel,
hatte diese Pflanzung bereits so tiefe Wurzeln bei ihnen geschlagen,
daß die Trennung keinen nachtheiligen Einfluß darauf äußerte; auch
blieb ja die Einheit der Kirche, welche die einzelnen Glieder schützte
gegen das Schicksal jener alten, in ihrer Vereinzelung verkommenden
Gemeinden der irischen Glaubensboten.

Ludwig dem Deutschen fehlte es nicht an Bildung[1]; er fand Freude und
Geschmack daran und scheint namentlich auch, wie sein Vater, den Wunsch
gehabt zu haben, den Deutschen das Christenthum durch Werke in der
Volkssprache näher zu bringen. Ihm selber glaubt man die Aufzeichnung
des deutschen Gedichtes vom Jüngsten Tage in einer ihm gewidmeten
Handschrift zuschreiben zu dürfen[2]; ihm übersandte auch Otfrid um 865
sein Evangelienbuch. Nicht minder nahm aber auch Ludwig, wie sein Vater
und seine Brüder, lebhaften Antheil an den Fragen und Untersuchungen,
welche die gelehrten Theologen seiner Zeit beschäftigten, in so
eingehender Weise, wie es nur bei der gründlichen Schulbildung der
Karolinger möglich war. Der Erzbischof Adalram von Salzburg (821-836)
übersandte ihm die Abschrift einer Predigt des heiligen Augustin,
dieselbe, welcher die eben erwähnten deutschen Verse beigefügt sind;
ein Priester Regimar mehrere Schriften des h. Ambrosius[3]. Besonders
aber stand er in lebhaftem Verkehr mit Hraban, der ihm mehrere
seiner Werke theils aus eigenem Antriebe, theils auf ausdrückliche
Aufforderung des Königs überreicht hat; im Prolog zum Daniel erwähnt
er _peritissimos lectores_ an seinem Hofe[4]. Auch zu der Unterredung
mit seinem Bruder Karl im Jahre 865 führte Ludwig den Bischof Altfrid
von Hildesheim mit sich und benutzte die Anwesenheit des gelehrten
Hinkmar, um diesen beiden Männern einige schwierige Stellen der
heiligen Schrift zur Erklärung vorzulegen. Dadurch veranlaßt, verfaßte
Hinkmar seine Auslegung des 17. Verses des 103. Psalmes, welche er
dem Könige übersandte[5]. Auch fehlte es am ostfränkischen Hofe wohl
nicht ganz an einer Hofschule für die vornehmen Jünglinge, welche nach
alter Sitte dort sich auszubilden suchten. Erzkanzler war von 829-833
der gelehrte Abt Gozbald von Nieder-Altaich, welcher später (841-855)
das Bisthum Würzburg erhielt. Ihn nennt Ermanrich von Ellwangen seinen
Lehrer, vorzüglich aber kann er nicht Worte genug finden zum Preise des
weisesten der Lehrer, des Erzkaplans Grimald, der noch an Karls Hofe
gebildet war, man sagte sogar, daß er noch Alcuins Unterricht genossen
habe, dann in der Reichenau höhere Ausbildung suchte, und von 833 bis
870, wenngleich nicht ohne Unterbrechung, der Kanzlei, bald auch der
Kapelle Ludwigs vorstand. Mit drei Abteien, Weissenburg, St. Gallen
und Ellwangen[6] bedacht, hielt er sich doch noch immer vorzüglich am
Hofe auf, wo die wichtigsten Geschäfte ihm anvertraut wurden. Er war
ein Neffe des Erzbischofs Hetti von Trier, und der Bruder von dessen
Nachfolger Thietgaud[7]. Zu den bedeutendsten Gelehrten der Zeit
stand er in freundschaftlichen Beziehungen; so übersandte Hraban ihm
sein Martyrologium mit einer poetischen Widmung[8], und nie versäumte
Grimald über den Staatsgeschäften die Pflege der Wissenschaft.
Veranlaßt war Hraban zu jenem Werke durch Ratleik, einst Einhards
Schreiber, dann dessen Nachfolger als Abt von Seligenstadt und von 839
bis 853 Kanzler an Grimalds Stelle[9]. Auch Witgar, Abt von Ottobeuern,
der von 858-860 Kanzler war, dann Bischof von Augsburg wurde, zeichnete
sich durch Liebe zu gelehrten Studien aus; nicht minder auch Grimalds
Nachfolger Liutbert, der Erzbischof von Mainz[10].

  [1] S. Dümmler, Ostfr. II, 417 ff.

  [2] Schmeller, Muspilli, München 1832. Wackernagel, Litteraturgesch.
      S. 56. Vgl. über die vermuthlich auch ihm gewidmete Wiener
      Handschrift 552 von Karajan in den Sitzungsberichten der Wiener
      Akademie XXVIII, 311. Ein wahrscheinlich 850 an ihn gerichtetes
      theol. Gutachten NA. XI, 457.

  [3] Cod. S. Galli 98. S. Dümmler, Ostfr. II, 418. Poet. Lat. II, 480.

  [4] Kunstmann, Hrabanus Maurus, S. 212.

  [5] Dümmler II, 418. Wenn dieser S. 434 die Existenz einer Hofschule
      für Laien schon unter Ludwig bestreitet, so ist zuzugeben, dass
      kein Zeugniss davon vorhanden ist; doch möchte ich glauben, dass
      für die dem König commendierten Jünglinge einiger Unterricht nicht
      gefehlt haben wird.

  [6] Fast zweifellos nach Bossert, Württemb. Vierteljahrshefte 1889,
      S. 142-144.

  [7] In der Grabschrift seiner Tante Warentrudis, Aebtissin von
      Pfalzel. Schwester Hetti's, heißt es von Thietgaud: „Cujus
      germanus vir clarus in omnibus extat, Nomine Grimaldus, ore et
      honore potens.“ Poet. Lat. II, 661.

  [8] Dümmler, Poet. Lat. II, 169; St. Gall. Denkmale (Mitth. der
      Antiqu. Ges. XII, 6) S. 215; S. 248-250 über Gozbald und Grimald
      oder Grimold, und über diesen Ostfr. I, 92. II, 434-438.
      Die Bedenken von L. Delisle, Sacram. p. 258, gegen die ihm
      beigemessene Fortführung des Sacram. scheinen mir nicht begründet.

  [9] An ihn ist eine zweite Widmung gerichtet, verbess. Abdr. Forsch.
      XXV, 198, vgl. Dümmler, Ostfr. II, 432. Auch Lupus von Ferrières
      war mit ihm in litterarischem Verkehr, ep. 60 ed. Bal. und sein
      Epitaph von Hraban (ib. p. 398; Poet. Lat. II, 240) erwähnt, daß
      er die Schreiber unterwieß und daß er jung starb.

 [10] Dümmler. Ostfr. II, 438. Rethfeld, Urspr. d. Fuld. Ann. S. 36.

Allein der Königshof war doch nicht mehr wie in Karls Zeit der
Mittelpunkt aller litterarischen Bestrebungen, welche sich nun vielmehr
an die Orte anschlossen, wo die bedeutendsten Lehrer der Zeit wirkten,
und namentlich bei dem bald nachher eintretenden Verfall des Reiches
kann man es nur als eine glückliche Entwickelung betrachten, dass diese
Studien in voller Unabhängigkeit an den verschiedensten Orten feste
Wurzeln getrieben hatten. Naturgemäß verbreiteten sie sich im ganzen
Reiche, erblühten bald hier bald da zu reicher Entfaltung, und folgten
so derselben Richtung der Vereinzelung und Absonderung, welche im
deutschen Reiche sich überall und immer von neuem geltend macht. Daher
ergiebt sich denn auch die Betrachtung nach landschaftlichen Gruppen
als die einzige für die deutsche historische Litteratur anwendbare.

Aber wie überhaupt die Zeit der deutschen Karolinger sich aufs
genaueste den Zuständen des Frankenreichs anschließt, so finden
wir auch unter Ludwig und seinen Söhnen noch eine Fortsetzung der
alten Reichsannalen. Denn wenn auch die =Annalen von Fulda=[11] aus
einem Kloster hervorgegangen sind und diesen localen Ursprung nicht
verleugnen, so umfaßt doch auch ihr Gesichtskreis das ganze Reich,
und die Klostergeschichte erscheint ganz als Nebensache. Die Verfasser
müssen in naher Verbindung mit dem Hofe gestanden, unter dem Einfluß
desselben geschrieben haben, wenn sich auch kein Zeugniß dafür
beibringen läßt; sie zeigen sich außerordentlich gut unterrichtet
und beobachten auch als officielle Reichshistoriographen dieselben
Rücksichten, welche schon in den Fortsetzungen des Fredegar und in den
Lorscher Annalen wahrzunehmen sind. Uebrigens haben sie vortrefflich
geschrieben in jener schon an Karls Hofe festgestellten Weise;
dieselbe, in ruhiger Würde völlig objectiv gehaltene Darstellung, von
Jahr zu Jahr fortschreitend, mit der deutlichen Absicht, der Nachwelt
Kunde von den Ereignissen zu hinterlassen und zugleich ihr Urtheil
zu bestimmen. Nicht jedes Jahr ist daran geschrieben, aber doch immer
ziemlich bald nach den Ereignissen, und deshalb haben wir an ihnen eine
unschätzbare Quelle ersten Ranges, bei der wir nur die Absichtlichkeit
der Darstellung nicht außer Acht lassen dürfen. Die Form ist
anspruchslos, und doch muß man bei näherer Betrachtung die Kunst
anerkennen, welche dazu gehörte, in diesen wirren Zeiten alles im Auge
zu behalten, sich durch Nebensachen nicht abwenden zu lassen, und mit
knapper Beschränkung das Wichtigste übersichtlich zusammen zu stellen.

 [11] _Annales Fuldenses_ ed. Pertz MG. SS. I, 337-415. Neue Ausg.
      von Fr. Kurze. Hann. 1891, vgl. dessen Abh. NA. XVII, 83-158.
      Uebersetzt von Rehdantz, Berl. 1852; 1889 (Geschichtschr. 23.
      IX, 8). Spuren von Benutzung der Ann. Fuld. 769 bis 814 im Cod.
      E der angelsächs. Chronik nachgewiesen von R. Pauli, GGA. 1866,
      S. 1416. Zum Sprachgebrauch M. Manitius, NA. XI, 68. 73. Die
      Fulder Fortsetzung der Laur. min. bis 817 ist oben S. 205 erwähnt,
      die Ann. Fuldenses antiqui S. 150. Eine schon um 830 in Fulda
      entstandene Compilation, welche im Anschluss an eine Vermuthung
      von Waitz H. Lorenz wegen der Uebereinstimmung der Ann. Hersfeld,
      mit Marianus Sc. annimmt, ist, wie G. Buchholtz, HZ. LXV, 141,
      bemerkt, unwahrscheinlich, weil sich in d. Ann. Fuld. keine Spur
      davon findet, und deshalb eher mit Kurze eine Arbeit des 10. Jh.
      anzunehmen.

Ein allem Anschein nach fuldischer Mönch war es, der zuerst die Aufgabe
übernahm, die 829 abgebrochenen Königsannalen für Ludwigs Reich
weiter zu führen. Er besaß jedoch dieselben, wie es scheint, nicht
vollständig, sondern wie in der Wiener Handschrift 612 (hist. prof.
989, cod. 6 bei Pertz) nur von 771 an; dazu die Laurissenses minores
von 714 an und die Sithienses 741 bis 823. Gewiß war es wünschenswerth,
hieraus ein übersichtliches Handbuch zusammen zu stellen, und zu
diesem Zwecke empfahlen sich ihm vorzüglich die Sithienses durch ihre
knappe und nicht incorrecte Form: die für ihn nothwendige Aufgabe, die
alten Lorscher Annalen zugleich zusammen zu ziehen und ihrer rohen
Gestalt zu entkleiden, war hier bereits erfüllt; nur für den Anfang
hatte er es noch nachzuholen. Der übergroßen Kürze und Dürftigkeit
wurde durch Zusätze aus der kleinen Lorscher Frankenchronik, von
771 an überwiegend und bald ausschließlich aus den Reichsannalen
abgeholfen; diesen vertraut er sich nun ganz an, ohne doch bis 823
die Führung der Sithienses völlig zu verlassen. Als weitere Quellen
weist Kurze sowohl die von ihm construirte Chronik bis 796, wie die
nach Saint-Denis benannte Compilation bis 805 nach, der vielleicht
schon eine Fortsetzung sich anschloß; auch die Annales Bertiniani
zieht er heran. Aus der Translatio SS. Marcellini et Petri (826 und
828) ist einiges zugesetzt[12]; vorzüglich aber verfehlte er nicht,
die Hausgeschichte seines Klosters mit Hülfe der alten Annalen in die
Reichsgeschichte zu verflechten. Die wenig reichhaltige Fortsetzung bis
838 berührt jedoch nur die allgemeinen Angelegenheiten, aber von einer
Einwirkung des Hofes ist noch nichts zu spüren, ein eigenes Urtheil nur
leise angedeutet. Der Verfasser hatte wohl nur die Belehrung seiner
Klosterbrüder im Auge, und nachdem einmal die völlig ausgebildeten
Annalen vorlagen, mußte auch ohne einen äußeren Antrieb überall, wo man
eine Abschrift besaß, der Wunsch sich geltend machen, diese werthvolle
Quelle wichtiger Belehrung weiter zu führen. Für diese Zeit und in
einem Kloster von hervorragender Bedeutung war eine solche Arbeit auch
für Mönche nicht mehr zu schwierig.

 [12] B. Simson bemerkt Ludw. d. Fr. II, 300 mit Recht, daß die
      vorhandenen Anklänge an den sog. Astronomus nicht auf Benutzung
      desselben beruhen können, weil er jünger ist.

Das Verhältniß zu den Annales Sithienses, wie es hier angenommen ist,
beruht auf dem von B. Simson gegebenen Nachweis, daß den Annales
Sithienses gerade alles dasjenige fehlt, was die Annales Fuldenses
wörtlich den Laurissenses minores entnommen haben, da doch unmöglich
angenommen werden kann, daß gerade alle diese Zusätze bei einem Auszuge
weggelassen wären; zugleich weist der Zusatz zu der Notiz über die
Rinderpest 810 auf einen Zeitgenossen im letzten Theile[13].

 [13] Vgl. Waitz in Pertz Archiv VI, 739. Simson, Ueber die Ann. Enhardi
      Fuld. und Ann. Sithienses, Jenaer Habilitationsschrift 1863.
      Waitz, Gött. Nachr. 1864, N. 3. Simson, Forschungen IV, 575.
      Waitz, Forsch. VI, 653. Nachr. 1873, S. 587-599. Simson, Ludw.
      d. Fr. I, 400-404. Waitz, Forsch. XVIII, 354-361. Simson ib. S.
      607-611. Bernays, Zur Kritik karol. Ann. S. 109 ff. Simson, Karl
      d. Gr. I, 655. Holder-Egger NA. XIV, 206. Eine Anzahl abgerissener
      Sätze ist wörtlich wiederholt in den Ann. Blandinienses.

Ich sehe mich hier leider wieder genöthigt, wie schon in den früheren
Ausgaben, von dem sonst immer so schwerwiegenden Urtheil von Waitz
abzuweichen, obgleich sich derselbe Forsch. XVIII, 354 ff. speciell
an mich gewandt hat, um mich von der entgegengesetzten Sachlage
zu überzeugen. Es war auch bei mir nicht etwa eine aus Simsons
Paralleldruck hervorgegangene „Täuschung des Auges“; ich hatte mir
vielmehr selbst den Text der Fulder Annalen für diesen ganzen Abschnitt
in seine Elemente zerlegt, und war dadurch zu demselben Resultate
gekommen, welches Simson gewonnen hat, und welches durch Is. Bernays
von neuem mit großer Schärfe begründet ist. Die Ueberspringung
so vieler sicher aus den Lauriss. min. entnommener Stellen in den
Sithienses scheint mir unleugbar, und mit der Annahme, daß diese
aus den Fuldenses excerpirt wären, unvereinbar. Die vorhandenen
Schwierigkeiten müssen deshalb auf andere Weise erklärt werden, wie
es in mehreren Fällen Bernays mit Erfolg versucht hat. Fr. Kurze,
welcher sich diesem Standpunkt durchaus angeschlossen hat, vermuthet
die Benutzung einer besseren und vielleicht etwas reichhaltigeren
Handschrift, welche auch weiter fortgesetzt sein konnte. Uebrigens ist
die ganze Frage sachlich ohne Bedeutung.

Die =Annales Sithienses= haben diesen Namen nur deshalb erhalten, weil
sie von Mone in einer Handschrift des Klosters Sithiu oder Saint-Bertin
entdeckt und daraus veröffentlicht sind[14]. Locale Beziehungen aber
fehlen durchaus. Sie beginnen mit Königsnamen von 548 bis 726; von
741 bis 823 liegen fortlaufende Reichsannalen vor, von welchen schon
Mone richtig bemerkte, daß sie anfangs zum Theil auf den Ann. Petav.
beruhen, übrigens aber durchgehende Verwandtschaft mit den Ann.
Lauriss. und Einhardi zeigen. Der Text schwankt zwischen beiden Texten.
Das aber, und der Anklang an verschiedene andere Quellen wird von Kurze
zurückgeführt auf die Benutzung der oft erwähnten Compilation bis 796.
Der Auszug ist nicht ohne Geschick gemacht, aber sehr dürftig, so daß
der Fulder Annalist, wie bereits erwähnt, aus anderen Quellen sich
reicheren Stoff verschaffte.

 [14] Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit (1836) V, 5-11. Neue
      Ausg. von Waitz SS. XIII, 34-38.

Ueber die kühnen Hypothesen Dünzelmanns glaube ich jetzt weggehen zu
dürfen, da seine Ansicht von einer Theilung der Annales Fuldenses in
einen schon um 793 verfaßten und einen späteren Theil widerlegt wird
durch die zweifellose Benutzung der Lauriss. min. und den von Waitz
geführten Beweis, daß diese erst um 806 verfaßt sind.

Ueber den Verfasser dieser Annalen nun werden wir belehrt durch eine
Randnote in dem um 900 geschriebenen Schlettstadter Codex zum Jahre
838: _hucusque Enhardus_. Daß hiermit kein anderer gemeint ist, als
der berühmte =Einhard=, können wir als sichergestellt betrachten; ein
Mönch Enhard ist weder in den Fulder Todtenannalen noch im Reichenauer
Nekrolog zu finden. Für seine Autorschaft hat sich nun in bestimmtester
Weise Kurze erklärt[15], indem er sich besonders darauf stützt, daß
zum Jahre 836 in das Itinerar des Kaisers die Angabe eingeschoben ist,
derselbe sei „ad sanctos Marcellinum et Petrum“ gekommen. Darum müßten
die Annalen in Seligenstadt geschrieben sein. Allein ich denke, der Ruf
dieser Heiligen und ihrer Wunderthaten müßte damals weit verbreitet und
auch in Fulda wohlbekannt gewesen, der Besuch des Kaisers auch da als
sehr denkwürdig erschienen sein. Deshalb erscheinen mir Pückerts (S.
158) Gegengründe gegen die Fulder Ueberlieferung doch überwiegend, die
Abfassung nur in Fulda selbst anzunehmen. Und daß derselbe Mann nun
auch noch die Ann. Sithienses für seine Genter Mönche verfaßt haben
sollte, damit scheint mir ihm wirklich zu viel zugemuthet zu werden.
Sieht man in ihm den Verfasser der großen Reichsannalen, so kann man
vollends diese annalistische Vielgeschäftigkeit nicht glaubhaft finden.

 [15] NA. XVII, 133-138.

Von der Fortsetzung der Annalen war schon längst erkannt worden,
daß sie nicht aus dem Kloster Fulda herstammen können, obgleich der
Verfasser der ersten Fortsetzung (838-863) =Rudolf= uns als Mönch des
Klosters bekannt ist; wir werden noch auf ihn zurückkommen. Er ist
aber so sehr in die Denkweise, die Gesichtspunkte und Absichten des
Hofes eingeweiht, so gleichmäßig unterrichtet über die wichtigeren
Begebenheiten in allen Theilen des Reiches, daß ein näheres Verhältniß
zum König nicht zu verkennen ist; er stellt denselben stets in das
günstigste Licht, und zählt z. J. 858 sich selbst zu den „consiliorum
regis conscii“. Aber andererseits findet sich doch keine Spur eines
Aufenthaltes am Hofe, etwa der Zugehörigkeit zur Kanzlei, und wir
finden ihn auch später wieder im Kloster. Hatte nun schon Duchesne
bemerkt, daß Einige den Mainzer Ursprung dieser Annalen behaupten,
und in der That tritt die Beziehung zu Mainz oft sehr stark hervor, so
hat doch erst A. Rethfeld in seiner scharfsinnigen Abhandlung[16] die
richtige Lösung gefunden. Nachdem eine Urkunde vom 27. Jan. 849 (Mühlb.
1350), worin Rudolf vom König als sein Beichtvater, zugleich aber auch
als Vorsteher der Schule zu Fulda bezeichnet ist, schon längst als
unecht beseitigt war, zeigen uns die Urkunden des Klosters, daß Rudolf
in denselben zwar häufig vorkommt, aber nur bis 841. Unzweifelhaft,
dürfen wir wohl sagen, hat er in der Folgezeit sich lange auswärts
aufgehalten, und es ist höchst wahrscheinlich, daß Hraban 847 bei
seiner Erhebung zum Erzbischof ihn nach Mainz mit sich nahm. Aber für
die Zwischenzeit fehlt jeder Anhalt. Kurze hat jedoch auf den Bericht
der Annalen von dem Aufenthalt K. Ludwigs 838 in Frankfurt hingewiesen,
welcher schon auf eine vertrauliche Beziehung hindeutet: es scheint,
daß Rudolf selbst anwesend war, und schon damals nach der löblichen
Sitte der älteren Könige den Auftrag erhielt, Reichsannalen zu
schreiben. Durch seine gelehrte Bildung, einen lateinischen Stil, der
sich mit Einhard wohl vergleichen läßt, und eine besonnene und billige
Denkweise war er dazu besonders geeignet; möchten wir allerdings gern
sehr viel mehr von ihm erfahren, so darf man nicht vergessen, daß
seine Aufgabe eine knappe und übersichtliche Darstellung, verbunden
mit vorsichtiger Discretion erforderte. Setzte nun sein Aufenthalt
am erzbischöflichen und öftere Berührung mit dem königlichen Hofe ihn
in den Stand, vielerlei Nachrichten zu erfahren, so mag ihm doch oft
auch die Ruhe zur Ausarbeitung gefehlt haben, denn man brauchte seine
Feder auch für andere Aufgaben; nicht jedes Jahr schrieb er seine
Fortsetzung, und Kurze hat wahrscheinlich gemacht, daß er gerade, wenn
er sich einmal wieder in Fulda aufhielt, seine Notizen sorgfältig
ausgearbeitet hat, so 853, wo er die seit 849 gelassene Lücke
ausfüllte. Zuletzt 860 zog er sich, wohl durch seine Kränklichkeit
veranlaßt, ganz nach Fulda zurück.

 [16] Ueber den Ursprung des 2., 3. u. 4. Theiles der sog. fuldischen
      Annalen v. 838-887, Hall. Diss. 1886. Vgl. dazu Fr. Kurze, NA.
      XVII, 138-146.

Vermuthlich von dem Fortsetzer rühren die Randnoten her, welche Enhard
und Rudolf als Verfasser der früheren Theile nennen; ihn selbst kennen
wir nicht, aber es ist höchst wahrscheinlich, daß es =Meginhard= war,
der auch Rudolfs anderes unvollendetes Werk vollendete und mit einer
gleichlautenden Randbemerkung versah. Die Gegengründe von Pertz sind
durch Rethfeld und Kurze widerlegt. Er schrieb ganz in derselben Weise
und in demselben Geiste, wie sein Vorgänger, wenn auch mit geringerer
Kunst des Ausdrucks, gleichmäßig die Reichsgeschichte nach allen
Richtungen verfolgend, auch nicht minder beflissen, die Könige in
günstigem Lichte erscheinen zu lassen. Einen merkwürdigen Gegensatz
bildet daher eine, wie es scheint, besondere Aufzeichnung, nicht das
Fragment eines größeren Werkes, über Ludwigs des Jüngeren Krieg gegen
die Söhne Ludwigs des Stammlers, welches Boehmer auf dem letzten Blatt
einer aus Augsburg stammenden Handschrift saec. IX. in München fand[17].
Daß Meginhard in Mainz seine Annalen geschrieben hat, ist vollkommen
klar; 869 erscheint er zuletzt in den Urkunden von Fulda; 870 wurde
der Erzbischof Liutbert Erzkaplan, und damals wird er Meginhard den
Auftrag gegeben haben, die Annalen, welche seit Rudolfs Tod liegen
geblieben waren, fortzusetzen. Er besorgte zu dem Zweck eine Abschrift
von Rudolfs Werk, worin drei Stellen geändert, die nach Rudolfs Tod
864 und 865 in Fulda gemachten Zusätze freier überarbeitet sind, und
verfaßte nun den Bericht, über die Zwischenzeit, welcher dürftig und
lückenhaft, auch nicht fehlerfrei ausgefallen ist; dann aber schrieb er
von Jahr zu Jahr und zeigt sich vollkommen gut unterrichtet. Liutberts
Persönlichkeit steht durchaus im Vordergrunde, allein als 882 Ludwig
der Jüngere starb, behielt Karl III seinen früheren Erzkaplan Liutward,
und Liutbert mußte zurücktreten; das Original der noch immer als
königlich betrachteten Reichsannalen wird abgegeben sein. Nun besorgte
sich Meginhard, von dem wir wohl als erwiesen ansehen können, daß auch
die weitere Fortsetzung von ihm ist, eine Abschrift, in welcher fünf
größere Stellen geändert sind (Red. II. bei Kurze), und schrieb weiter,
jetzt aber ohne alle höfische Rücksicht, mit scharfem Tadel des Königs
und seiner Räthe, vorzüglich Liutwards. Im Jahre 887 wurde dieser
gestürzt, aber auch Arnulf hatte schon seinen Erzkaplan, den Erzbischof
Theotmar von Salzburg, und Liutbert wurde wieder in den Hintergrund
gedrängt. Da ist die Mainzer Annalistik erlahmt; Meginhard selbst starb
888 und im folgenden Jahr auch Liutbert.

 [17] Cod. lat. Monac. 3851. Gedr. MG. SS. III, 159.

Aber auch Karl blieb bei dem alten Herkommen, und auch er fand
einen Historiographen, der sich kein tadelndes Wort über den Kaiser
entschlüpfen läßt, und ihm schließlich seine Belohnung im Himmel
anweist. Auch die Absetzung des Kaisers wird von ihm noch mit loyalem
Unwillen berichtet, Arnulf jedoch mit großem Geschick geschont,
und von dem Augenblicke seiner Erhebung an tritt dieser in die
gebührende Stellung des rechtmäßigen Königs ein. Der Verfasser,
dem bei dem raschen Verfall der Schulen bereits alles Gefühl für
grammatische Correctheit abhanden gekommen ist, muß dem Hofe nahe
gestanden haben, seine Heimath aber scheint =Baiern= zu sein. Ueber
dieses Land sind seine Nachrichten ausführlich und genau, die Mährer
trifft sein leidenschaftlichster Haß. Ungeachtet der rohen Sprache,
der Mangelhaftigkeit der Darstellung, wird doch von ihm, und den
897 eintretenden Fortsetzern, so lange Arnulf lebt, die Würde der
Reichshistoriographie ungemindert aufrecht gehalten. Man versuchte
sogar auch unter dem Kinde Ludwig in alter Weise fortzufahren,
allein bei der rasch überhand nehmenden Zerrüttung verschwand auch
diese Erbschaft aus dem Reiche des großen Karl, und mit dem Jahre
901 erlischt die Fackel, welche bis dahin unserem Wege so treulich
leuchtete. Adam von Bremen hatte eine bis 911 reichende Handschrift,
führt jedoch aus dem letzten Theile nichts mehr an.

Dieser letzte Theil ist uns nur in einer aus dem Kloster Niederaltaich
stammenden Handschrift erhalten, welche von 897 ab Autograph zu
sein scheint. Hier hat merkwürdigerweise der ältere Theil eine
ganz besondere Beschaffenheit (Red. III), indem die ursprüngliche
Aufzeichnung Rudolfs, welche vielleicht nach Kurze's Vermuthung bei
einem Besuch des Klosters Fulda im August 897 dem Hofe bekannt geworden
war, mit der 2. Redaction verbunden ist, so daß wir an einigen Stellen
nur hieraus den alten Text erkennen können. Da diese Handschrift Pertz
noch unbekannt war, konnte mit Hülfe derselben Fr. Kurze seine Ausgabe
auf einer besser gesicherten Grundlage ausarbeiten.


§ 14. Fulda, Hersfeld, Mainz.

 Kunstmann, Hrabanus Magnentius Maurus, Mainz 1841. Rettberg I,
     370-374. 605-633.

Die litterarische Thätigkeit der Mönche zu Fulda beschränkte sich nicht
auf die Reichsannalen; sie ist umfangreich genug, um einen eigenen
Abschnitt in Anspruch zu nehmen, und die Bedeutung des Klosters für die
Anfänge gelehrter Bildung auf deutschem Boden ist so groß, daß wir auch
seiner Geschichte eine etwas umständlichere Betrachtung widmen müssen.

Die Gründung Fuldas wurde veranlaßt durch Bonifaz, welcher sich seine
Ruhestätte dort erwählte, und wohl auch noch bei Lebzeiten sich dahin
zurückgezogen hätte, wenn nicht schon früher die Märtyrerkrone ihm
zu Theil geworden wäre. In schmuckloser, aber ausführlicher Erzählung
wird uns mit anmuthiger Schlichtheit die Geschichte der ersten Gründung
berichtet in dem Leben des ersten Abtes =Sturmi=, der, von Geburt ein
Baier, schon als Jüngling Bonifaz übergeben, in Fritzlar von Wigbert
unterwiesen war, und nach dreijähriger Wirksamkeit als Pfarrer, von
der Sehnsucht nach dem klösterlichen Leben in der Einsamkeit ergriffen
wurde. Bereitwillig förderte Bonifaz sein Streben, und sandte ihn,
nachdem in Fulda die neue Stiftung begründet war, nach Italien, um an
der Quelle die rechte Einrichtung des Klosterlebens kennen zu lernen;
er hielt sich deshalb längere Zeit in Montecassino auf[1], welches
als des Abendlandes Mutterkloster von fränkischen Pilgern häufig
aufgesucht wurde. Unter königlichen und päbstlichen Schutz gestellt
und bald auch durch den Leib des hochverehrten Apostels der Deutschen
geheiligt, gewann das Kloster Fulda rasch eine kräftige Entwickelung
und nahm zu an Glanz und Reichthum. Sturm vertheidigte, nach manchen
Wechselfällen doch zuletzt mit glücklichem Erfolge, die Freiheit und
Unabhängigkeit des Stiftes gegen den Erzbischof Lull; sein Nachfolger
=Baugulf= (779-802) schmückte es mit Bauwerken, und erst jetzt begann
auch das wissenschaftliche Leben in seinen Mauern sich zu entwickeln,
obwohl es an einer Schule von Anfang an nicht gefehlt hatte. Alcuin
hat damals Fulda besucht, und Karls berühmtes Rundschreiben über die
Nothwendigkeit gelehrter Bildung für die Geistlichen ist uns gerade
in der an Baugulf gerichteten Ausfertigung erhalten; er ist es auch,
der Einhards glückliche Anlagen früh erkannte, und ihn deshalb an des
Königs Hof sandte. Die ältesten Fulder Annalen (oben S. 150) beginnen
mit angelsächsischen Namen und in ihren Handschriften begegnen uns die
Schriftzüge der Angelsachsen; es kann nicht ohne günstigen Einfluß
geblieben sein, daß diese höher gebildeten Mönche gerne bei den
Reliquien ihres gefeiertsten Landsmanns weilten, und auch gelehrte
Schotten fanden sich schon bald, des alten Gegensatzes ihrer Kirche
vergessend, an Winfrids Grabe ein, wie Probus, der Freund des Lupus und
Walahfrids. Baugulfs Nachfolger =Ratgar= (802-817) sandte die fähigsten
Mönche seines Stiftes zu den berühmtesten Lehrern der Zeit, Hraban und
Hatto nach Tours zu Alcuin, Brun zu Einhard, Modestus nebst mehreren
anderen zu dem Schotten Clemens[2]. Vielleicht schon dieser Zeit gehört
der =Johannes Fuldensis didasculus= an, welcher in ungeschickten Versen
als grämlicher Alter gegen den Heiden Vergil eiferte und dagegen des
Arator christliches Gedicht pries[3].

 [1] Ruodolfi V. Liobae c. 10. Libellus supplex § 10.

 [2] Catalogus abbatum in Böhmers Fontes III, 162; MG. SS. XIII, 272.
     Clemens wird als Lehrer an Ludwigs des Frommen Hofe erwähnt, er
     widmete in recht guten Versen dem jungen Lothar ein grammatisches
     Werk, Grammatici Lat. ed. Keil I p. XXI; cf. Dümmler, Ostfr. II,
     649, Hauréau, Singularités p. 23. Keil, de grammaticis quibusdam
     latinis inf. aet. (Erlanger Univ.-Progr. 1868), p. 9-17. Dümmler,
     NA. IV, 258; Poet. Lat. II, 670.

 [3] MG. Poet. Lat. I, 392. Trithemius nennt als Schüler Hrabans
     (Vita I, cap. 3): „Joannes monachus Fuldensis, patria Francus
     orientalis, poeta et musicus insignis; qui et plura scripsit
     et cantum ecclesiasticum primus apud Germanos varia modulatione
     composuit.“ Angef. v. Gerbert, De cantu et musica sacra I, 282.
     Leider eine ganz unzuverlässige Quelle. -- Caspar Barth, Advers.
     l. XXXII, c. 12, col. 1486, führt die Verse an: „Felicitatis
     regula Hac fine semper constitit“ von einem Fulder Mönch
     =Erinfrid= „a. 806 ut vita ejus testatur“. Die Hs. „e bibl.
     Martispurg.“ enthielt „alia talia“ u. Briefe. Leider habe ich
     keine weitere Spur davon finden können.

Es zeigt sich uns hier der Gegensatz, in welche die der Geistlichkeit
zu ausschließlicher Pflege überwiesene Gelehrsamkeit zu dem
ursprünglichen Zweck des Klosterlebens trat, und nicht minder litt die
stille Beschaulichkeit desselben durch den fürstlichen Hofhalt, den
Fremdenverkehr, die Unruhe und den Lärm der Bauten. Ratgar warf man
ungemessene Baulust, Härte und Hoffart vor; heftige innere Zerwürfnisse
waren die Folge[4], und der Frieden kehrte erst wieder, als 817 Ratgar
abgesetzt wurde. Es war das Jahr, in welchem der Kaiser sich ernstlich
der Reform der Klöster annahm und auf der Aachener Versammlung die
Kapitel verordnete, welche lange Zeit fast gleiches Ansehen mit der
Regel selber genossen. Zwei westfränkische Mönche, Aaron und Adalfrid,
führten diese Reform auch in Fulda ein; als sie sich hinlänglich
befestigt hatte, erlaubte der Kaiser eine neue Wahl, und =Eigil=
übernahm die Leitung des Stiftes. Dieser, den wir aus Einhards Briefen
als dessen Freund kennen lernen, war noch ein Schüler Sturms; ein
Baier, wie er, und sein Verwandter, war er schon als Kind nach Fulda
gebracht und der Klosterschule übergeben: über 20 Jahre hatte er
unter Sturms Zucht gelebt, und in dankbarer Erinnerung schrieb er das
Leben seines Meisters[5], auf Bitten der Angildruth, vielleicht einer
Nonne von Bischofsheim, dem ebenfalls von Bonifaz gestifteten großen
Nonnenkloster. Die Sprache Eigils ist nicht frei von Germanismen, sie
trägt noch den Stempel der älteren, vor Alcuins Wirksamkeit liegenden
Zeit. Doch verletzt sie nicht mehr durch die groben Fehler der
merowingischen Zeit, und reichlich entschädigt für die Mängel des Stils
der einfach fromme Sinn des Mannes, seine ansprechende und ungesuchte
Erzählung dieser Begebenheiten, welche er theils noch selbst erlebt,
theils aus dem Munde der älteren Brüder und seines Meisters erfahren
hatte. Nach seiner Anordnung wurde diese Legende jährlich an Sturms
Gedenktage (17. Dec.) während der Mahlzeit den Mönchen vorgelesen.

 [4] _Libellus supplex Monachorum Fuldensium, Carolo Magno Imperatori
     porrectus._ Broweri Antt. Fuld. p. 212. Schannat, Cod. Probb.
     p. 84. Mab. IV, I, 260-262. Vgl. über diese Vorgänge B. Simson,
     Lud. d. Fr. I, 371 bis 374. Die S. 373 Anm. 9 angef. Stelle
     des Libellus kann ich aber nur darauf beziehen, daß keine
     Acte weltlicher Gerichtsbarkeit und kein Marktverkehr auf dem
     Klosterplatz stattfinden sollen. Die Worte des Cod. Fuld. Ann.
     Lauriss. min. a. 807: ‚Aufugiunt pueri puerorum et pessime custos
     Consiliis pravis‘ sind, wie Simson bemerkt, vielleicht aus einem
     verlorenen Gedicht.

 [5] _Vita S. Sturmi_ ed. Pertz MG. SS. II, 365-377. Bei Migne CV,
     421-444 nach Mabillon. Uebersetzt von W. Arndt mit dem Leben
     des heiligen Bonifatius; von K. Schwartz mit beachtenswerthen
     Erläuterungen in 2 Fulder Programmen, 1856 und 1858. Ebert II,
     104-106. Die vermißte Bamberger Hs. ist in Würzburg, Arch. VII,
     109.

Das Leben des zweiten Abtes =Baugulf= schrieb, durch Eigil veranlaßt,
=Bruun=, mit dem Beinamen =Candidus=, wohl derselbe, den Ratgar zu
Einhard gesandt hatte, noch in seiner ersten, guten Zeit, als er erst
kürzlich in wunderbarer Einigkeit von den Brüdern zum Abt erwählt war,
wie Bruun berichtet. Leider ist dieses Leben Baugulfs verloren[6];
erhalten aber ist uns das =Leben Eigils=[7], von demselben Verfasser
auf Hrabans Veranlassung geschrieben, als dieser noch Abt war, also
vor 842. Der Verfasser war schon hochbetagt, 845 ist er gestorben.
Er befand sich auf einer einsamen Pfarre, und Hraban hatte ihn
ermahnt, sich im Lesen zu üben und etwas Nützliches zu schreiben.
Die Lebensbeschreibung ist nicht ohne Geschick verfaßt, und wenn
auch nicht fehlerfrei, lässt sie doch in der anspruchsvolleren Form
den Schüler Einhards wohl erkennen. Besonders gelungen ist die sehr
lebensvolle Schilderung der Bewegung, welche die Abtswahl im Kloster
hervorruft; die Ansichten und Aeußerungen der verschiedenen Wortführer
werden in der gewöhnlichen Umgangsprache wiedergegeben, und ein Kampf
der Meinungen und Wünsche, wie er sich ohne große Veränderungen noch
heutiges Tages bei solcher Gelegenheit beobachten läßt, stellt sich
uns mit großer Lebendigkeit dar. Darauf versucht sich der Verfasser
in langen Reden, die man nun einmal nach dem Vorbilde des Alterthums
als nothwendig betrachtete, wenn man schön schreiben wollte, Reden des
Kaisers und des Erzbischofs von Mainz, in denen Bruun die Betrachtungen
niedergelegt hat, zu welchen ihn Ratgars Amtsführung und die dadurch
hervorgerufenen Wirren veranlaßten. Zu Grunde gelegt sind hier nach
Eberts Ansicht wirkliche Ansprachen des Kaisers. Der Verfasser sagt
es im Vorwort, und auch, daß er sie so, wie sie gehalten wurden, doch
nicht wiederzugeben vermöge. Vollkommen zutreffend hat aber dagegen
Waitz bemerkt, daß eine solche Rede voll gelehrter Citate der Kaiser
nicht halten konnte, daß ferner Bruun nicht zugegen und Jahrzehnte
seitdem vergangen waren. Den Hauptinhalt dessen, was er dann von Eigils
eigener Thätigkeit berichtet, bilden wiederum dessen Bauten, namentlich
die noch jetzt stehende achteckige Rotunde, die uns wieder an die
Freundschaft mit Einhard erinnert; Bruun, Einhards Schüler, nahm selbst
an diesen Arbeiten Theil: die Apsis über dem Grabe des h. Bonifaz hatte
seine Hand mit Gemälden geschmückt.

 [6] Waitz bezweifelt, ob es überhaupt vollendet war. Vgl. O. Cl. Th.
     Richter: Wizo u. Bruun, 2 Gelehrte im Zeitalter Karls d. Gr. und
     die ihren gemeinsamen Namen Candidus tragenden Schriften, Progr.
     d. Leipz. städt. Realgymn. 1890.

 [7] _Vita Eigilis_, Broweri Sidera Germaniae, Schannat, Cod. Probb.
     88 bis 114. Daraus Mab. IV, 1, 217-246; Migne CV, 381-422. Waitz
     (nur die Prosa) SS. XV, 221-233, aber auch ohne handschriftliche
     Hülfsmittel. Uebers. v. Grandaur 1888, Geschichtschr. 25 (IX,
     10). Ebert II, 330. In der Würzb. Bibliothek ist eine von Bruun
     geschriebene Regula S. Benedicti, Forsch. VI, 119.

Der prosaischen Biographie schließt sich eine zweite in Hexametern
an, welche früher geschrieben zu sein scheint[8]; der Inhalt ist
fast ganz derselbe, und die Form giebt ein neues Zeugniß von der im
früheren Mittelalter so sehr verbreiteten Fertigkeit in dieser Kunst,
deren wir schon bei Karls Zeitgenossen häufig zu gedenken hatten. In
jeder Schule bildete die Hebung im Versemachen einen stehenden Theil
des Unterrichts, und dadurch entstand die Vorliebe für die poetische
Einkleidung, die so oft dem inneren Gehalte nachtheilig geworden ist.

 [8] Auch bei Dümmler, Poet. Lat. II, 94-117.

Zugeeignet hat Candidus oder Bruun sein Werk dem =Modestus=, oder mit
deutschem Namen Reccheo, der die Unthaten des Ratgar, des Einhorns,
welches in die fromme Herde eingebrochen war, durch beigefügte
Zeichnungen noch anschaulicher machte; leider ist die Handschrift
verloren und wir kennen nur die Abbildungen in Brauers sehr
dankenswerthem Buch[9].

 [9] Daraus wiederholt bei Jul. v. Schlosser: Eine Fulder Miniat. Hs.
     d. Hofbibl. Jahrb. d. kunsthist. Sammlungen d. A. H. Kaiserh.
     XIII. mit Studien über die Fulder Kunstschule.

Am 15. Juni 822 starb Eigil; ihm folgte sein Freund =Hraban=, der bis
dahin der Klosterschule vorgestanden hatte, einer der größten Gelehrten
seiner Zeit[10], dessen Ruhm sich schon durch das ganze Frankenreich
verbreitet hatte. Man bewunderte namentlich auch seine Verse, obgleich
sie gegen diejenigen mancher Zeitgenossen sehr zurückstehen, arm an
Inhalt sind, und voll von grammatischen und metrischen Fehlern, wie man
sie bei ihm nicht erwarten sollte, voll auch von Plagiaten, die er u.
a. auch an seinem Lehrer Alcuin verübt hat. Er war ein Schüler Alcuins;
Ratgar hatte ihn, wie oben erwähnt, nach Tours gesandt, nachdem er
im Jahre 801 zum Diaconus geweiht war[11]; und kurze Zeit genügte,
um ein warmes Freundschaftsband zwischen ihm und dem allverehrten
Lehrer zu knüpfen. Alcuin nannte ihn Maurus nach dem Lieblingsjünger
des heiligen Benedict, und nach seiner Heimkehr schrieb er ihm einen
Brief, in welchem er erwähnt, dass er einst (olim) eine Schrift unter
seinem und seines Mitschülers Samuel Namen verfaßt habe[12]: sehr bald
darauf (19. Mai 804) muß Alcuin gestorben sein. Mit Hatto, seinem
Nachfolger als Abt, damals seinem Mitschüler in Tours, noch erfüllt
von Verehrung gegen Alcuin, der auf dem Widmungsbild für den h. Martin
segnend neben ihm steht, verfaßte Hraban in seinem dreißigsten Jahr
sein Werk zum Preise des h. Kreuzes, dessen versbildliche Spielereien
im Mittelalter viel bewundert wurden. In Prachthandschriften schickte
er es dem Pabste, Erzbischof Otgar u. a. und es haben sich deren
mehrere erhalten[13]. Als Alcuin ihm zuletzt schrieb, stand Hraban
bereits der Klosterschule in Fulda vor, welche nun eine Pflanzstätte
gelehrter Bildung für ganz Deutschland wurde, denn ungestört durch
die Bedenklichkeiten seines alternden Lehrers erklärt Hraban in seiner
Schrift _de institutione clericorum_ auch das Studium der heidnischen
Autoren für unentbehrlich zum Verständniß der heiligen Schrift; bei
Lupus und in den Annalen von Fulda findet sich nach Vogel zuerst wieder
nach langer Zeit Bekanntschaft mit den Schriften Sallusts, welche jetzt
einen rasch wachsenden Einfluß auf den Stil gewannen[14]. Auch durch
die Ungunst der Zeiten unter Ratgar wurde die Schule nur theilweise
in ihrer segensreichen Wirksamkeit gehemmt. Fuldische Mönche finden
wir bald in den angesehensten Stellungen; so wurde Baturich (817-848)
Bischof von Regensburg und Erzcaplan, Haimo (840-853) Bischof von
Halberstadt; Hrabans Schüler war Otfrid, der Mönch von Weißenburg,
mit seinen Gefährten Werinbert und Hartmut aus St. Gallen[15]. Einhard
sandte ihm den Vussinus, den er seinen Sohn nennt, doch vielleicht
nur in kirchlichem Sinn; Alderich, Abt von Ferrières, später (829-841)
Erzbischof von Sens[16], den =Lupus=, der später als Abt von Ferrières
im Sprengel von Sens einen großen Namen gewann, und von dem eine
Briefsammlung[17] voll reicher Belehrung sich erhalten hat; auf seine
Bitte schrieb Hraban ein _Collectarium in epistolas Pauli_. Auch
Frechulf von Lisieux war mit Hraban befreundet, doch vermuthlich schon
seit seiner Lehrzeit in Tours (oben S. 217). Ermanrich von Ellwangen
übersandte seinem Lehrer Rudolf, der Hraban zur Seite stand, das von
ihm verfaßte Leben des heiligen Solus. Vor allem aber glänzt unter
Hrabans Schülern Walahfrid, der Abt von Reichenau, der bald selbst
das Haupt einer neuen Schule wurde. Auch Bernhard, der unglückliche
König von Italien, war ihm zur Erziehung übersandt worden. Nicht zu
den unbedeutendsten Schülern des Hraban gehört endlich auch der Mann,
der ihm und der ganzen Reichsgeistlichkeit in der Folge so viel zu
schaffen machte, der Mönch Godschalk, der ungeachtet seines Standes
den Muth hatte, eine unabhängige Ueberzeugung auszusprechen und zu
verfechten[18].

 [10] Kunstmann I. l. Wackernagels Litteraturgeschichte S. 52. Bach,
      Hrabanus Maurus der Schöpfer deutschen Schulwesens, Zimmermanns
      Zeitschrift für Alt. II, 636. Ebert II, 120-146. Hauck II, 562
      ff. Will, Regesten d. Mainzer Erzbb. I, p. XIX-XXIV. Opera ed.
      Colvener. 1627. Migne CVII-CXII. Seine Gedichte, unter denen
      manche von geschichtlicher Bedeutung, gab Chr. Brower 1617 als
      Anhang zum Venantius Fortunatus; daraus schöpften die Späteren;
      jetzt Poet. Lat. II, 154-258. Vgl. NA. IV, 286-294. 581. Dümmler,
      Ostfr. I, 315-320. 404-410. Allg. D. Biogr. XXVII, 66-74.
      Derselbe über eine verschollene =Fuld. Briefsammlung= des neunten
      Jahrhunderts, Forsch. V, 369-395 (Nachtr. XXIV, 421-425), eine
      Sammlung der von den Magd. Centuriatoren erhaltenen Fragmente
      einer wichtigen Fuldischen Briefsammlung von c. 818 bis 870. S.
      auch oben S. 219 über Vegetius. -- Ueber die von Koeberlin bekannt
      gemachte Würzb. Hs. seines Comm. zum Matthaeus s. L. Traube, NA.
      XVII, 458. Ueber seine Briefe an Hinkmar Schepss, NA. XI, 130.

 [11] Dieses Datum der Ann. Laur. min. in der Fulder Handschrift stimmt
      gut zu seiner Absendung durch Ratgar, denn daß dieser schon 802
      Abt wurde, müssen wir doch wohl den Ann. Fuld. und ant. Fuld.
      glauben, und also in den Urkunden bei Dronke S. 100. 101 vom 1.
      und 5. Mai 803, welche noch Baugulf nennen, einen Fehler annehmen;
      sie sind aus dem Elsaß, wo man vielleicht den Wechsel noch nicht
      erfahren hatte. Ebert glaubt annehmen zu müssen, daß er schon
      vorher lange Zeit bei Alcuin gewesen sei.

 [12] Daß dieser Brief an Hraban gerichtet sei, beruht freilich auf
      Vermuthung, s. Bibl. VI, 876. Sicher an ihn ist gerichtet der
      Brief Frob. 111, Bibl. VI, 801, mit Jaffé's Anmerkung. Samuel
      wird, was Dümmler jetzt selbst vorzieht, der unter diesem Namen
      vorkommende Erzbischof Beornrad von Sens ein. Hraban richtet
      (Poet. Lat. II, 188) mehrere Gedichte an den Presb. Samuel, seinen
      sodalis. Das mag der Abt von Lorsch, 841 Bischof von Worms sein,
      der, wie Pf. Falk bemerkt, im Chron. Lauresh. „a puero ibidem
      educatus“ heißt, und ohne Grund für Fulda in Anspruch genommen
      ist. Er starb nicht 859, wie Schannat nach den Urkunden Reg. Kar.
      773, 774, 777 annahm, aber die Urkk. sind unecht, s. Sickel,
      Wiener SB. XXXVI, 396. Das Chron. Lauresh. hat 855, Ann. Fuld.
      steht die Notiz am Rande bei 856 am Ende des Jahres, Ann. necrol.
      cod. 2 (SS. XIII, 177) 856. Als Todestag wird der 6. u. 7. Feb.
      bezeichnet.

 [13] S. die oben angef. Abh. von J. v. Schlosser, mit schönen
      Abbildungen. Er hält Hatto für den ausschmückenden Künstler.

 [14] Fr. Vogel, Acta sem. Erlang. II, 416. Manitius, NA. VII, 197,
      sucht auch bei Einhard die Bekanntschaft nachzuweisen.

 [15] Von den beiden letzteren ist es freilich zweifelhaft, ob sie auch
      in Fulda waren. Otfrid bezeichnet als seinen Lehrer, vielleicht
      in Fulda, auch Salomon I von Constanz, s. Dümmler, Formelbuch
      Salomons III, S. 138. Vgl. auch Meyer v. Knonau, Die Beziehungen
      O.'s zu St. Gallen, Forsch. XIX, 187-191.

 [16] Er war Lehrer der Hofschule unter Ludwig dem Frommen nach seiner
      Vita, Mab. IV, 1, 568-575. Acta SS. Jun. I, 753-758. Vgl. oben S.
      154 und Sickel, Acta Kar. I, 84.

 [17] Servati Lupi Opera ed. Baluzius, Par. 1664, Antv. 1710. Lettres
      de Servat Loup. Texte, notes et introd. par Desdevises du Dezert,
      Paris 1888 (Bibl. de l'École des hautes ét. T. 77). Er verfaßte
      836 auf den Wunsch des Abts Bun von Hersfeld die _Vita Wigberti_
      (s. unten). Ferner 839 auf Bitten des Abts Waldo (wahrsch. von
      Schwarzach im Straßb. Sprengel, der 861 entsetzt wurde, 869 als
      Abt von St. Maximin vorkommt) die _Vita S. Maximini_. Er war
      Jugendfreund des Abts Hilduin von Saint-Denis, ep. 97 (über
      dessen V. Dionysii s. Ebert II, 348). Nach der Rückkehr aus
      Deutschland wurde er 837 Sept. 22 durch die Kaiserin Judith dem
      Kaiser vorgestellt, 842 erhielt er nach Odo's Absetzung die Abtei
      Ferrières und ist nach 861 gestorben. Nach ep. 93 hat er K. Karl
      _Imperatorum gesta brevissime comprehensa_ überreicht, wobei er
      vorzüglich auf Trajan und Theodosius hinweist. Vgl. Dümmler, NA.
      IV, 314. Ebert II, 203-209. Sprotte, Biographie des S. L. Regensb.
      1880. Ueber die Vermuthung Langens, der ihm den Ps. Isidor
      zuschreibt, s. NA. VIII, 412. Ueber seine philologischen Studien
      L. Traube, Münch. SB. 1891, S. 389 ff. Sein und Haimons Schüler
      war Herich von Auxerre.

 [18] S. über ihn Dümmler, Ostfr. I, 327-336. 405-409. NA. IV, 320.
      Ebert II, 166-169.

Wie glückliche Erfolge für das eigene Kloster Hrabans Wirksamkeit
hatte, haben wir schon an den Verfassern der Annalen gesehen. Unter
seinen eigenen Werken sind keine geschichtliche, wenn man nicht
etwa das schon früher erwähnte _Martyrologium_ so bezeichnen will;
wohl aber enthalten seine Vorreden, Widmungen[19] und Gedichte viele
schätzbare Nachrichten über sein Kloster und über seine mitstrebenden
Zeitgenossen, und mehrere seiner Schriften stehen in Verbindung mit den
Zerwürfnissen der kaiserlichen Familie. Nach Eigil wurde er Abt des
Stifts; da er aber dem Kaiser Ludwig treu ergeben, Lothar befreundet
war[20], verließ er 842 sein Kloster, wo statt seiner Hatto, genannt
Bonosus, einst sein Mitschüler in Tours, erwählt wurde, und widmete
sich nun ungestört seinen wissenschaftlichen Arbeiten, die ihm ohnehin
mehr zusagten. Mit den Fuldern blieb er in freundschaftlichem Verkehr,
und söhnte sich bald auch mit König Ludwig aus, der ihn gegen seine
Neigung nach Otgars Tod zum Erzbischof von Mainz (847-856) erhob. Wie
diese Beförderung den Reichsannalen zugute gekommen ist, haben wir oben
schon gesehen.

 [19] Ein Bericht von ihm über die am 1. Nov. 819 vollzogene Einweihung
      der Fulder Kirche steht in Broweri Antiq. Fuld. p. 110-112; vgl.
      NA. IV, 260, 290.

 [20] Ihm widmete er sein Werk über Jeremias; ein auf Anordnung des
      Abts Majolus von Cluni geschriebenes Exemplar ist im Brit. Mus.
      Add. 22,820, nach Zangemeister, Wiener SB. LXXXIV, 530. Catal. p.
      739. Facs. in Libri's Mon. inédits pl. XVI. Verse an die Kaiserin
      Irmingard vor dem Commentar zu Judith u. Esther u. Begleitbrief
      des letzteren e cod. Darmst. 749, Poet. Lat. II, 167. Lothar II
      widmete er ein Gegenstück gegen die 'Coena Cypriani' zur Uebung
      für Schulzwecke, wo alle Anspielungen auf den Kreis der h. Schrift
      beschränkt sind, ed. H. Hagen 1884 in Hilgenfelds Zts. f. wiss.
      Theol. XXVII, 164-187; vgl. NA. IX, 657. Auch der Verf. der Visio
      Caroli (oben S. 188) beruft sich auf eine Mittheilung Hrabans.

In hohem Grade theilte Hraban das eifrige Streben der deutschen
Geistlichkeit, den an solchen Schätzen noch armen Boden dieses
Landes mit Gebeinen der Heiligen zu bereichern; die italienischen
Reliquienkrämer hatten an ihm ihren besten Kunden. Seit alter Zeit
bewahrte Fulda den Leib der heiligen =Lioba= oder =Leobgyth=; diesen
ließ Hraban nach dem Petersberge bringen, und veranlaßte schon
vorher =Rudolf=, ihr Leben zu beschreiben[21]. Ihm standen dazu die
Aufzeichnungen des fünf Jahre vorher (831) verstorbenen Priesters
Mago zu Gebote, welche die Erzählungen von Schülerinnen der Heiligen
enthielten. Anderes hatte sich noch in mündlicher Tradition erhalten.
Leobgyth war eine Verwandte des Bonifaz, und von ihm aus England
berufen, um in dem Kloster Bischofsheim (oben S. 137) einen Mittelpunkt
geistlicher Belehrung für Nonnen zu errichten; auch ihnen waren die
lateinische Sprache und mancherlei andere Kenntnisse unentbehrlich
zum Verständniß der heiligen Schriften und des Gottesdienstes. Rudolfs
Nachrichten geben daher eine erwünschte Ergänzung für die Kenntniß von
der Wirksamkeit des Bonifaz; später war Leobgyth auch mit der Königin
Hildegard befreundet. Diese Nachrichten sind nun verbunden mit einer
Fülle von Wundergeschichten; so wenig in Rudolfs Annalen der kirchliche
Standpunkt hervortritt, so sehr zeigt er sich hier von der die Zeit
beherrschenden Richtung erfüllt. In noch höherem Grade tritt das
hervor in seiner Schrift über die Wunder der unter Hraban nach Fulda
gebrachten Reliquien[22], welche auch einige geschichtliche Nachrichten
enthält, übrigens aber eine Fülle jener sich immer und überall in
ermüdendster Eintönigkeit wiederholenden Wundergeschichten, welche nur
durch die Namen der Personen und Ortschaften und gelegentliche Angaben
über Sitten und Gebräuche der Zeit einigen Werth erhalten. Die Zeit
der berichteten Geschichten fällt in die Jahre 835 bis 838; geschrieben
ist das Buch zwischen 842 und 847, als Hraban in seiner Zelle auf dem
Petersberge lebte; vielleicht jedoch etwas später, da die Schilderung
von Hrabans litterarischer Thätigkeit daselbst im letzten Capitel im
Praeteritum gehalten ist, und der letzte Schluß fehlt.

 [21] _Rudolfi Vita S. Leobae_, ed. Waitz, SS. XV, 118-131. Sie starb
      nach dem Necrol. Fuld. (SS. XIII, 167) am 23. Sept. 780, nach d.
      Vita am 28. Sept. u. wird urkundlich noch 782 als lebend erwähnt.
      Im Auszug übersetzt von W. Arndt hinter der V. Bonifatii. Zell,
      Lioba u. die frommen angels. Frauen, Freib. 1860. Hahn, Bonifaz
      u. Lull, S. 131 ff.

 [22] Schannat, Cod. Probb. p. 117-132 aus Browers Antiquitates
      Fuldenses, der einzigen Originalausgabe, da die Handschrift
      verloren ist. Unter dem falschen Titel _V. Rabani_ auch bei Mab.
      IV, 2, 1. Acta SS. Feb. I, 500. SS. XV, 328-341, von Waitz, als
      _Miracula Sanctorum in Fuldenses ecclesias translatorum_.

Dieses Werk Rudolfs war es wohl, welches Waltbraht, den Enkel
Widukinds, der im Jahre 851 den Leib des h. =Alexander= von Rom nach
Wildeshausen brachte, zu dem Wunsche und der Bitte veranlaßte, daß
Rudolf auch diesen Gebeinen eine ähnliche Schrift widmen möchte[23].
Aber erst, als er im Alter sich wieder in sein Kloster zurückzog,
kam er zur Ausführung. Die Art, wie er diese Aufgabe erfaßte, zeigt
seinen geschichtlichen Sinn; erfüllt davon, daß hauptsächlich diese
Uebertragungen von Reliquien das Christenthum unter den Sachsen
ausbreiteten und befestigten, ging er zurück auf die alte Heidenzeit,
um zu zeigen, von welchen Irrthümern das Volk durch die Einführung
des Christenthums befreit sei. Er begann mit einem kurzen Abriß der
Stammsage, die Widukind von Corvey ausführlicher erhalten hat; dann
aber entlehnt er die näheren Angaben über Glauben und Sitten der
Sachsen aus der Germania des Tacitus[24]. Das ist ein guter Beweis
für die gelehrten Studien der Fuldischen Klosterschule; zugleich aber
ist es auch charakteristisch für Rudolf nicht allein, sondern für die
mittelalterlichen Gelehrten überhaupt, daß er in Fulda, wo doch noch
kürzlich das Hildebrandslied aufgeschrieben war, über das sächsische
Heidenthum nichts aus eigener Kunde und Beobachtung mittheilt, sondern
sich genau an die Worte des Tacitus hält.

 [23] _Translatio S. Alexandri_ ed. Pertz, SS. II, 673-681. Uebers. von
      Richter, 1856, 2. Ausg. 1889 (Geschichtschr. 21. IX, 6). Vgl. dazu
      R. Wilmans, Kaiserurkunden der Prov. Westf. I, 388 ff. Ohne Grund
      verdächtigt von Wetzel: Die Tr. Al. Kiel 1881, aber mit einem
      wichtigen Nachtrag zum Text; vgl. NA. VII, 228 u. Waitz, GGA.
      1831, Juni. -- Ein Brevier saec. XV. viell. aus Wildeshausen, NA.
      XV, 208.

 [24] Die einzige nachweisbare Benutzung derselben im Mittelalter, nach
      Waitz, Forsch. X, 602.

Rudolf fügte noch eine kurze Uebersicht der Bezwingung der Sachsen
durch Karl den Großen nach Einhard hinzu; dann rief ihn der Tod am 8.
März 865 ab von dem wohlangelegten Werke. In den Annalen ist ihm ein
kurzer Nachruf gewidmet, wo er als Historiker und Dichter gefeiert
wird, und man vermuthet, daß auch der Maler Rudolf, dessen Werk Hraban
in einem Epigramm rühmt, kein anderer gewesen ist. Die Fortsetzung
des begonnenen Werkes übernahm sein Schüler =Meginhard=. Die Taufe
Widukinds, mit der Rudolfs Erzählung abbricht, gab diesem den Uebergang
auf dessen Enkel Waltbraht, der, an Lothars Hofe erzogen, sich mit
vollem Eifer dem Christenthume zuwandte, und um das Christenthum in
Sachsen besser zu befestigen, auszog, um aus Rom Reliquien zu holen.
Die Empfehlungsbriefe, welche ihm Kaiser Lothar mitgab, hat Meginhard
vollständig aufgenommen, hält sich dann aber bei den Vorfällen der
Reise nicht lange auf, sondern geht bald zu seinem eigentlichen
Gegenstande, den Wundern, über. Eine zweite Schrift ähnlicher Art,
über den heiligen =Ferrutius= und dessen Uebertragung von Castel nach
Bleidenstadt, nördlich von Wiesbaden, durch den Erzbischof Lull[25],
ist eine Predigt und hat deshalb einen ganz überwiegend erbaulichen
Charakter; eine große Fülle von Phrasen verdeckt den Mangel an
geschichtlichem Inhalt, der nur aus den Inschriften von Bleidenstadt
stammt.

 [25] _Sermo de S. Ferrutio_, bei Surius zum 28. October, Acta SS. Oct.
      XII. 538-542. Exc. ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 148-150. Vgl.
      C. Will, Mon. Blidenstat. Innsbr. 1874, 4. Dümmler, Poet. Lat. I,
      431. II, 225.

Meginhard, der sich in der Widmung einer theologischen Abhandlung
an den Erzbischof Gunther von Coeln als Schulmeister bezeichnet[26],
ist, wie wir schon oben sahen, ohne Zweifel auch der Fortsetzer der
Reichsannalen gewesen. Nur aus diesen sehen wir, daß die litterarische
Thätigkeit in diesem Kloster noch nicht ganz erstarb. Nur aus
dem Anfange des folgenden Jahrhunderts haben wir noch eine kurze
=Geschichte der Aebte von Fulda=[27], einen sehr kurzen und gedrängten,
aber recht hübsch geschriebenen Bericht, der jedoch nur mit Vorsicht
zu benutzen ist, da er durchaus panegyrischer Natur und keineswegs
geschichtlich wahrhaftig ist. Der Abt Huoggi (891-915) erlangte von
Kaiser Arnulf die berühmte, noch jetzt erhaltene Evangelienhandschrift,
deren Randglossen Bonifatius zugeschrieben werden[28]. Sonst aber
ist von litterarischer Thätigkeit in diesem Kloster nichts auf uns
gekommen. Es hat jedoch schon Waitz[29] erkannt, daß den Hersfelder
Annalen bis in die Mitte des neunten Jahrhunderts eine in Fulda
verfaßte Compilation zu Grunde liegt, welche aus den ältesten Lorscher
Annalen, der kleinen Frankenchronik (Lauriss. min.) und einheimischen
Aufzeichnungen zusammengesetzt war, und auch von Marianus Scotus
benutzt wurde. H. Lorenz hat das weiter ausgeführt und glaubte
das Endjahr zwischen 830 und 840 ansetzen zu können[30], wogegen G.
Buchholz[31] geltend machte, daß dann der Mangel einer Verwandtschaft
mit dem älteren Theil der sog. Ann. Fuld. nicht zu erklären sei.
Fr. Kurze bemerkte, daß die Uebereinstimmung mit Marianus sich noch
weiter erstrecke, und andererseits, daß für die erste Hälfte des
zehnten Jahrhunderts dem Fortsetzer des Regino eine Fulder Quelle
vorgelegen habe; beide schienen zusammen zu gehören[32]. So kommen wir
auf eine Fulder Compilation des ausgehenden neunten oder des zehnten
Jahrhunderts mit annalistischer Fortsetzung, Klosterannalen, in
denen, wie es bei diesen Jahrbüchern der Fall zu sein pflegt, einzelne
geschichtliche Nachrichten mit Begebenheiten aus der Hausgeschichte
verbunden waren. Dafür wird der erste Theil der _Annales S. Bonifacii_
von 716 bis 830 in Anspruch genommen[33]. Eine ausführlichere Geschichte
des Klosters, die spurlos verschwunden ist, erwähnt und lobt Lambert in
der Vorrede zu seiner Hersfelder Geschichte, SS. V, 137.

 [26] in Caspari's Kirchenhist. Anecd. (1883), S. 251.

 [27] _Acta vetusta Abbatum Fuldensium_ a. 744-916. Schannat, Cod.
      Probb. 1-3. Böhmers Fontes III, XXVIII und 161-164 aus Dronke,
      Traditt. Fuld. p. 162-164. MG. SS. XIII, 272 als _Catalogus abb.
      Fuldensium_. Das kurze Verzeichniß SS. III, 117 n. ist berichtigt
      XIII, 340. -- Acta abb. bis ins 15. Jahrh. und auch annal.
      Aufzeichnungen bei Brouwer sind nachgewiesen von Pflugk-Harttung,
      Forsch. XIX, 397-442.

 [28] Schannat, Vind. lit. I, 226. Codex Fuld. ed. E. Ranke, Marb. et
      Lips. 1868.

 [29] Archiv VI, 681.

 [30] Die Annalen von Hersfeld, S. 70.

 [31] HZ. 65, 141.

 [32] Die Hersfelder u. die größeren Hildesh. Jahrbücher bis 984, S. 8.

 [33] MG. SS. III, 117; der zweite Theil 910-1024 ist fast ganz
      identisch mit den Ann. Lobienses. Berichtigungen e cod. Lugd.
      Bat. von Dümmler, Forsch. XVI, 169. -- _Ann. S. Bon. brevissimi_
      936-1011 ib. S. 118. _Notae dedicationum Fuldenses_ 812-1168, SS.
      XV, 2, 1287.

Litterarische Thätigkeit finden wir auch in dem nahe gelegenen,
ebenfalls hessischen Kloster =Hersfeld=, welches um 770 von Lullus
begründet wurde, als Fulda mit Erfolg seine Selbständigkeit gegen
ihn behauptete, und bald zu kräftiger Entwickelung gelangte[34]. Auch
von seiner Schule, seinen gelehrten Mönchen würde wohl manches zu
berichten sein, wenn nicht die Ueberlieferungen dieses Klosters ein
besonders ungünstiges Geschick betroffen hätte; die Hersfelder Annalen,
Lamberts Geschichte von Hersfeld, sind verloren, und auch von Lamberts
Jahrbüchern ist keine alte Handschrift vorhanden; da mag noch anderes
spurlos für uns verschwunden sein. Der Abt Balthard († 796) kann
vielleicht derselbe sein, an welchen zwei Briefe seiner Schwester
Berthgyth in der Bonifazischen Sammlung sich erhalten haben[35]. Abt Bun
bewog 836 den gelehrten Lupus, ein Leben Wigberts zu schreiben[36], den
Bonifaz als Abt von Fritzlar eingesetzt hatte; seine Gebeine waren nach
Hersfeld übertragen, und in den Wundergeschichten finden sich einige
geschichtliche Nachrichten. Eine Handschrift, welche leider verschollen
ist, enthielt auch eine poetische Bearbeitung dieser Vita in sehr
barbarischer Sprache, von einem Hersfelder Mönch, welcher sie Buns
Nachfolger Brunwart (843-875) gewidmet hatte[37]. Dieser Brunwart war
befreundet mit Hraban, welcher an ihn, als er noch Chorepiscopus war,
Verse richtete[38]. Die Annalen, welche von besonderer Wichtigkeit für
uns sind, gehören erst der folgenden Periode an.

 [34] Rettberg I, 602-605. Hafner, Die Reichsabtei Hersfeld, 1889.

 [35] Bibl. III, 312.

 [36] _Vita Wigberti_, ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 36-43.

 [37] So berichtet der Jesuit Busaeus, erster Herausgeber der V.
      Wigberti, s. Hincmari epp. ed. Busaeus, Mog. 1602. NA. IV, 314.

 [38] Poet. Lat. II, 184; vgl. p. 111.

Beide Klöster, Fulda und Hersfeld, blieben in engster Verbindung mit
dem Erzbisthum =Mainz=; ihr Theil war die Pflege der Wissenschaft,
während die Metropole zu sehr in die politischen Händel verwickelt
wurde, um in litterarischer Beziehung eine hervorragende Stelle
einzunehmen, wenn wir von den Reichsannalen absehen. Auf Lulls
Nachfolger Riculf (786 bis 813), den der Mönch von St. Gallen als
dumm und hochmüthig schildert, wohl übertreibend, da er unter dem
Namen Damoetas zu Karls Hofgelehrten gehörte[39], folgte zuerst Lulls
Schüler Haistulf (813-825), dann bis 847 =Otgar=, ein Verwandter
Riculfs und eifriger Parteimann. Er ist es, welcher den Diaconus
Benedict zur Ergänzung der Capitulariensammlung des Ansegis veranlaßt
haben soll, und man hat ihn deshalb für den Mitschuldigen der hierin
enthaltenen Fälschungen gehalten, eine Ansicht, welche jetzt von P.
Hinschius als unbegründet widerlegt ist, da Benedicts Werk erst nach
Otgars Tod vollendet worden ist, und die ganze Notiz ist vielleicht
nur betrüglich erfunden. Zu verdanken haben wir ihm wahrscheinlich den
Abschluß der Mainzer Briefsammlung, in welcher der Correspondenz des
Bonifatius Briefe von Lull und Otgar sich anschließen[40]. Für seine
Metropole brachte Otgar von seiner Gesandtschaft an Lothar nach Pavia
836 die Reliquien des =h. Severus=, Bischofs von Ravenna, nebst Frau
und Tochter heim; ein französischer Speculant, der solch kostbare
Waare durch Lug und Trug sich diebischer Weise zu verschaffen und
dann theuer zu verkaufen pflegte, fand an Otgar einen Kunden, denn
um so heiligen Besitz zu gewinnen, galt auch den frömmsten Männern
Meineid und Diebstahl für zulässig[41]. Groß war die Freude in Mainz
und in Erfurt, wohin zur Beförderung des Christenthums in Thüringen
S. Severus abgelassen wurde, allein man hatte noch keine Kunde von
dem Leben des Heiligen, bis der Priester =Liudulf= eine Pilgerfahrt
nach Rom mit einem Besuche in Ravenna verband, und die dort gewonnene
Auskunft mittheilte; hinzugefügt ist von ihm die geschichtlich nicht
ganz unwichtige Erzählung von der Erwerbung der Reliquien durch
Otgar[42]. Er schrieb unter Hrabans Nachfolger Karl (856-863), dem
aquitanischen Prinzen, von dessen gelehrten Studien nichts bekannt
ist. Die Bedrängniß der Kirchen durch die Vertheilung ihrer Güter an
Kriegsleute veranlaßte einen Mainzer Geistlichen zur Aufzeichnung
der _Visio Caroli_ (S. 188), welche er noch mündlich von Hraban
erfahren haben wollte. Nach Karl verwaltete Liutbert 26 Jahre lang
das Erzbisthum, ein wohlgesinnter und nicht ungelehrter Herr, der sich
auch der Reichsannalen wieder annahm, aber die wirren Zeiten, die immer
schrecklicheren Einfälle der Normannen, drängten alle wissenschaftliche
Beschäftigung in den Hintergrund: im Kampfe gegen diese Unholde verlor
891 Liutberts Nachfolger Sunderold oder Sunzo nach kurzer Amtsdauer
das Leben, ein Fulder Mönch, dem einst, da er noch einfacher Priester
war, Meginhard die Erzählung von der Uebertragung des h. Alexander
gewidmet hatte. An seiner Statt erhob Kaiser Arnulf Hatto, den Abt
von Reichenau, berühmt durch seine Klugheit und Thatkraft, auch wegen
seiner kirchlichen Gelehrsamkeit hoch gefeiert, aber die äusseren
Sorgen für Kirchenzucht und Reichsregierung nahmen ihn vollständig in
Anspruch; diesen Zwecken diente auch das Werk _de synodalibus causis_,
welches Regino ihm gewidmet hatte[43].

 [39] Vgl. Dümmler NA. IV, 150. Poet. Lat. I, 431. 432 u. II, 694.

 [40] H. Hahn, Forsch. XV, 113.

 [41] Diese Aeußerung ist wiederholt gerügt worden, zuletzt Katholik
      1875 S. 443, aber sie ist wahr; ich habe einige Beispiele in d.
      SB. d. Berl. Akad. vom 4. Dec. 1884 zusammengestellt.

 [42] _Vita et Translatio S. Severi auct. Liudulfo presbytero_, Acta
      SS. Feb. I, 88-91. Jaffé, Bibl. III, 507-517. MG. SS. XV, 289-293,
      ed. L. v. Heinemann.

 [43] S. über Liutbert und Sunzo Dümmler, Ostfr. III, 328-331;
      über Hatto S. 352. 497. Vgl. auch desselben S. 234 angeführte
      Abhandlung über die Fulder Briefsammlung, und die betr. Abschnitte
      in Will's Regesten.


§ 15. Sachsen. Münster, Bremen, Hamburg.

Als Sturm zuerst in Hersfeld sein neues Kloster gründen wollte, verwarf
Bonifaz diesen Vorschlag wegen der Nähe der heidnischen Sachsen. Karl
aber zog auch dieses Volk in den Kreis der christlichen Bildung, und
so gewaltsam auch die neue Pflanzung begründet wurde, sie schlug doch
bald kräftige Wurzeln, und die Söhne der Bekehrten gaben sich bereits
mit regem Eifer der neuen Lebensrichtung hin. Lange schon hatten die
Angelsachsen sich danach gesehnt, hin und wieder auch versucht, ihren
alten Stammesbrüdern das Evangelium zu bringen; jetzt drangen sie unter
dem Schutze Karls vor, und pflanzten den Baum der neuen Lehre, der in
dem frischen Erdreich bald kräftig und segensvoll gedieh.

Einer der hervorragendsten unter ihnen war =Liudger=, von Geburt zwar
ein Friese, aber ein Schüler der angelsächsischen Glaubensboten. Er
selbst hat uns in dem Leben seines Lehrers, =Gregor von Utrecht=[1],
die Werkstatt geschildert, wo ein großer Theil der Lehrer für das
Sachsenvolk ausgebildet wurde; ergänzt werden seine Nachrichten durch
seine eigene Lebensbeschreibung von Altfrid.

 [1] Erste kritische Ausgabe von Holder-Egger, SS. XV, 63-79. Uebers.
     v. Grandaur, Geschichtschr. 14, nach V. Willibrordi. -- Vgl. Ebert
     II, 106 bis 108. Hauck II, 313-315. -- Die Liudger bei Rettberg
     I, 333, zugeschriebene _V. Bonifacii_ ist Mißverständniß der
     Stelle V. Liudg. II, 6 über die in der V. Gregorii enthaltenen
     Nachrichten von Bonifaz.

Liudgers Großvater Wursing, ein reicher und vornehmer Friese, hatte
sich, von Radbod vertrieben, zu den Franken geflüchtet und die Taufe
angenommen; als dann Karl Martell nach der Besiegung des Landes das
Bisthum Utrecht begründete, siedelte er auch Wursing mit den Seinen
dort an, und an ihnen fand Willibrord die kräftigste Stütze. Nach
Willibrords Tode nahm Bonifaz sich des verwaisten Bisthums an; dann
ward es der Pflege Gregors übergeben, der lange Zeit ein treuer
Begleiter und Gehülfe seines Lehrers Bonifaz gewesen war und nun als
Abt dem Martinstifte vorstand. Die bischöflichen Geschäfte versah neben
ihm der Angelsachse Aluberht. Dieser war wie so viele seiner Landsleute
zur Mission gekommen, und kehrte auf Gregors Wunsch mit Utrechter
Geistlichen heim nach York, wo er 767 vom Erzbischof Aethelberht _ad
Ealdsexos_ zum Bischof geweiht wurde, mit ihm Liudger zum Diaconus.
Durch diese Verbindung sind, wie R. Pauli nachgewiesen hat, Nachrichten
über Karls des Großen Sachsenkriege, dann auch durch Alcuin andere
nicht unwichtige Angaben, in die nordenglischen Annalen gekommen[2].

 [2] S. R. Pauli: Karl d. Große in northumbrischen Annalen, Forsch.
     XII, 137-166. 441. Vgl. L. Theopold, Krit. Untersuchungen über die
     Quellen zur angels. Gesch. d. 8. Jahrh. (Lemgo 1872) S. 102. R.
     Pauli hat in d. Gött. Nachr. 1878, S. 1-15, neben den nordengl.
     Nachrichten andere aus Winchester nachgewiesen; nach der Eroberung
     sind auch die Sanct-gallisch-Cölner Annalen über die Normandie
     nach England gekommen. -- Gegen Hahns Hypothesen, Forsch. XX,
     553-569, W. Diekamp, ib. XXII, 425-432.

Liudger hatte sich, wie mehrere von Wursings Nachkommen, der Kirche
gewidmet, er genoß schon damals Alcuins Unterweisung, und kehrte
später dieses Unterrichtes wegen noch einmal nach York zurück,
bis ihn nach drei Jahren und sechs Monaten ein Streit zwischen den
Friesen und Angeln nöthigte, nach Utrecht heimzukehren, wo Gregor
zahlreiche Schüler aus allen deutschen Stämmen, nach Liudgers Angabe
auch Sachsen, um sich versammelte. Unter Gregors Neffen und Nachfolger
Alberich war die Leitung dieser Schule in solcher Weise vertheilt, daß
abwechselnd Alberich selbst, Liudger, Adalgar und Thiatbrat[3], jeder
ein Vierteljahr, derselben vorstanden. Die übrige Zeit verwandten sie
auf die Seelsorge und die weitere Ausbildung des Volkes. Der Aufstand
der Sachsen unter Widukind 782 brachte auch in Friesland das Heidenthum
wieder zum Siege, und Liudger begab sich damals nach Montecassino,
dessen klösterliche Einrichtung er später auf seine Stiftung Werden
übertrug. Karl der Große aber vertraute ihm die geistliche Leitung
von fünf friesischen Gauen an und verband damit im Anfange des neunten
Jahrhunderts das neu errichtete Bisthum Mimigardeford in Westfalen, für
welches seit dem 11. Jahrh. der Name Münster üblich wurde. Am 30. März
804 geweiht[4], wirkte er hier für die Befestigung der neuen Lehre bis
zu seinem Tode am 26. März 809.

 [3] Dieser scheint der Besitzer des später nach Lorsch gekommenen
     Wiener Livius gewesen zu sein, nach der Inschrift: „Iste codex est
     Theatberti episcopi de Dorostat“. Nach Gitlbauer wäre er Vorsteher
     der Kirche zu D. gewesen und nach dem damals noch schwankenden
     Gebrauch Bischof genannt, weil er bischöfliche Rechte übte.
     Denselben hält G. für den Nachfolger Alberichs, der Theodard
     genannt wird. Gitlbauer de cod. Liv. (Vind. 1876) p. 2-21.

 [4] Diekamp im Hist. Jahrbuch V, 257. Ueber Liudger vgl. Hauck II,
     317 ff.

Die von ihm verfaßte Biographie Gregors ist in dem gewöhnlichen
Legendenstil geschrieben, aber die stereotypen Phrasen sind hier von
wirklicher Wärme erfüllt, von inniger Liebe zu seinem Lehrer und einer
kindlichen Demuth, wo er seines eigenen Wirkens gedenkt. Es finden
sich darin einige schätzbare Nachrichten über Bonifaz sowie über
das Bisthum Utrecht; geschichtlicher Sinn zeigt sich jedoch wenig,
es kommen arge Fehler vor, und auch die Sprache ist schwerfällig
und gesucht. Als Geschichtsquelle ist Liudgers eigenes Leben von
=Altfrid=[5] weit vorzuziehen, obgleich auch dieses von dem Verfasser,
Liudgers Verwandtem und zweitem Nachfolger (839-849), auf Bitten
der Mönche von Werden zunächst zum Zweck der Erbauung geschrieben
wurde. Die Darstellung ist einfach und ansprechend, und die ganze
Missionsthätigkeit tritt hier mit besonderer Anschaulichkeit uns
entgegen. Noch in demselben Jahrhundert wurden in Werden zwei neue
Bearbeitungen derselben verfaßt. Auch von Altfrids Vorgänger =Gerfrid=
hat man eine Biographie gehabt, von welcher aber eine Erwähnung in
der Bisthumschronik die einzige Spur ist[6]. Altfrids Nachfolger
=Liutbert=, ein geborner Lothringer († 871), war vielleicht der
Bischof Leutbert, welchem =Sedulius= eine sapphische Ode gewidmet
hat[7].

 [5] _V. Liudgeri auct. Altfrido_ ed. Pertz, MG. II, 403-425 mit
     Zusätzen und Mirakeln aus den späteren Biographieen. Vitae S.
     Liudgeri ed. Diekamp, 4 Bd. der Geschichtsquellen d. Bisth.
     Münster, 1881, mit Benutzung des von Pertz nicht verglichenen
     Cod. Vossianus. Uebersetzung in: Hüsing, Der h. Liudger, Münster
     1878, S. 174-200, und Pingsmann, Der h. Ludgerus, Freiburg 1879,
     S. 199-228; von Grandaur bei V. Willibrordi. Vgl. Ebert II, 338.
     -- _Catal. abb._ SS. XIII, 288.

 [6] Diekamp. Vitae Liudgeri, p. XXI. Anm. 1. Zu unterscheiden ist
     ein älterer Gerfrid, welcher eine Bibel schreiben ließ, deren
     Widmungsverse sich erhalten haben, Poet. Lat. I, 285.

 [7] Dümmler, Sedulii Scotti Carmina XL p. 28. Poet. Lat. III, 219.

Dem Kreise dieser Männer gehört auch =Liafwin= oder =Lebuin= an, ein
Angelsachse, der zu Gregor nach Utrecht kam und sich, nachdem er eine
Zeit lang an der Yssel gewirkt hatte, nach Sachsen begab, wo er auf
dem Landtage zu Marklo unerschrocken das Christenthum verkündete. Seine
Legende, welche besonders durch die Nachricht über diese Landtage und
die Verfassung der Sachsen merkwürdig ist, wurde jedoch erst am Anfange
des zehnten Jahrhunderts von =Hucbald= von St. Amand verfaßt, nicht in
Münster, dessen wir nach diesen so viel versprechenden Anfängen nicht
wieder zu gedenken haben werden[8].

 [8] Zu diesem Kreise gehört auch die Legende über die Stiftung
     des Klosters =Freckenhorst= oder _Vita S. Thiadildis_, ed. Jo.
     Gamans, Acta SS. Jan. II, 1156-1160 (Kindlinger, Münst. Beitr.
     II, 9; deutsch in Dorows Denkm.), welche aber erst im 15.
     Jahrh. aufgezeichnet und von geringem Werth ist. Vgl. Wilmans,
     Kaiserurkunden der Provinz Westfalen I, 416. W. Diekamp, Forsch.
     XXIV, 629-653.

Ueber die Stiftung des Klosters =Werden= an der Ruhr ist eine
eigenthümliche Aufzeichnung vorhanden, welche trügerisch zwei
Begleitern Liudgers in den Mund gelegt, in den wesentlichen Thatsachen
aber richtig, und in ihrem ältesten Theil vielleicht schon um die Mitte
des 9. Jahrhunderts geschrieben ist, als nach Altfrids Tod die Familie
des Stifters vom Bisthum abkam und die Unabhängigkeit des Klosters
bedroht war[9].

 [9] _Fundatio monasterii Werthinensis_ bei Ficker, Die Münsterischen
     Chroniken (1851) S. 352-355. Diekamp, Vitae Liudgeri, p. 286-294,
     mit neuen Hülfsmitteln; vgl. Al. Schulte, Mittheil. II, 637.
     Diekamp in d. Zts. f. Westf. Gesch. u. Alt. XLI, 148-164, u.
     Erläuterung einer Urk. K. Arnulfs. Mitth. d. Inst. V. 622. Ausg.
     v. Waitz MG. SS. XV, 164-168. -- Eine von Liudgers Neffen Hildegrimus
     diaconus, 853-888 Bischof von Halberstadt, geschriebene Hs. NA.
     X, 336.

Ein anderer Angelsachse war =Willehad= aus Northumberland, der
ebenfalls seine Missionsthätigkeit in Friesland begann und 780 von
Karl dem Großen über den Gau Wihmodia gesetzt wurde. Auch ihn vertrieb
der Aufstand Widukinds 782, dem ein großer Theil seiner Schüler
und Gehülfen zum Opfer fiel. Er selbst flüchtete nach Friesland
und pilgerte nach Rom; dann lebte er eine Zeit lang in stiller
Zurückgezogenheit in Echternach; Karl aber rief ihn nach der Besiegung
der Sachsen zu seiner früheren Thätigkeit zurück, und erhob ihn 787
zum Bischof von Bremen, wo er am 8. November 789 gestorben ist. Sein
Leben[10] ist in einer kurzen und einfachen Darstellung beschrieben,
welche von seinem berühmteren Nachfolger =Anskarius=, dem Apostel des
Nordens, verfaßt sein soll, wie Adam von Bremen berichtet. Doch hat G.
Dehio[11] darauf aufmerksam gemacht, daß die beiden Bücher (Vita und
Miracula) nicht von einem Verfasser sein können, und nur das zweite
von Anskar sein wird. Er hat ferner nachgewiesen, daß die einzigen
chronologisch bestimmten Nachrichten 787 und 789 wörtlich ebenso im
Chron. Moissiacense stehen, einige Worte über Widukind aber nicht
nur da, sondern auch in den Ann. Laureshamenses. So ergiebt sich auch
hieraus, daß dem Chron. Moissiac. ein vollständigerer Text der Ann.
Lauresham. vorgelegen hat; die Herkunft der speciellen sächsischen
Nachrichten aber vermuthet Dehio in einer Aufzeichnung, welche auch
in den von Adam angeführten =liber donationum Bremensis ecclesiae=
aufgenommen sein möchte, ein Buch, welches nach V. Ansk. c. 41 von
Anskar angelegt sein dürfte. Doch vermuthet Simson, Forsch. XIX, 134,
einfach die Lauresham. in vollständigerer Form als Quelle.

 [10] _V. Willehadi auct. Anskario_ ed. Pertz, MG. SS. II, 378-390.
      Uebersetzt von Laurent, 1856. 1888. Geschichtschr. 14 (VIII, 3).
      Hs. in einem alten Sanctgaller Catalog, NA. X, 169. Ebert II, 340.
      Hauck II, 318 bis 320.

 [11] G. Dehio, Gesch. des Erzb. Hamburg-Bremen bis zum Ausgang der
      Mission (Berl. 1877) I^b S. 51-53. Alcuin läßt 789 „dilectissimum
      meum Uilhaed episcopum“ grüßen, ep. 13 Jaffé.

Wir gedachten schon oben der großartigen Idee Kaiser Karls, an den
äußersten Grenzen seines Reiches Metropolen zu errichten, welche das
Christenthum weit über die Marken hinaus tragen und den geistlichen
Einfluß des Kaiserthums dahin erstrecken sollten, wo man seine Waffen
nicht mehr fürchtete. Das Heidenthum war der christlichen Kirche
unversöhnlicher Feind, es hing genau zusammen mit der alten freien
Gemeindeverfassung, und aus beiden entsprangen die unablässigen
Raubzüge, von denen die germanischen Nationen jetzt abgelassen hatten,
vor denen sie nun aber in ihren gefährdeten Grenzen keine Ruhe fanden,
bis die Ausbreitung des Christenthums dem alten Unwesen ein Ende
machte.

=Hamburg= war dazu bestimmt, der kirchliche Mittelpunkt des Nordens
zu werden[12]. Ludwig achtete nicht auf den unausgeführt gebliebenen
Gedanken seines Vaters; als aber der flüchtige Dänenkönig Harald die
Taufe verlangte und =Anskarius= oder =Ansgarius=, der ihn als Lehrer
der Seinen begleitete, bald auch auf Schweden seine Wirksamkeit
ausdehnte, da wurde der alte Plan wieder aufgenommen und Anskar 831
zum Erzbischof von Hamburg geweiht. Doch fehlte Karls starke Hand
zum Schutze der neuen Schöpfung, welche dem in Dänemark und Schweden
neu erstarkten Heidenthume gegenüber keine erhebliche Wirksamkeit
gewinnen konnte. Die Reichstheilung entzog Anskar die Einkünfte der
ihm angewiesenen Zelle Turholt in Flandern, und 845 wurde Hamburg
selbst von den Dänen verwüstet. Da vereinigte Ludwig der Deutsche 847
das erledigte Bisthum Bremen mit dem Erzbisthum und sicherte dadurch
dessen Bestand. Anskarius konnte nun mit ausreichenden Mitteln seine
Wirksamkeit fortsetzen und starb nach einem Leben voll rastloser
Thätigkeit am 3. Febr. 865. Einst hatte er in seiner Zelle Turholt
in Flandern einen Knaben bemerkt, der ihm besonders hoffnungsreich
erschien: es war =Rimbert=, den er zum Geistlichen erziehen ließ,
und der dann bald als sein treuester und liebster Jünger sein
unzertrennlicher Gefährte, zuletzt sein Nachfolger wurde. Dieser ist
es, der mit einem andern Schüler Anskars zusammen[13] in Hamburg das
Leben des Meisters bald nach dem Tode desselben geschrieben hat[14],
voll warmer und inniger Liebe, zugleich aber reicher an Inhalt als die
Mehrzahl der übrigen Biographieen ähnlicher Art. Anskars Leben gehört
ohne Frage zu den bedeutendsten Quellenschriften des Mittelalters; die
ganze reiche Wirksamkeit des glaubensstarken Erzbischofs, das volle
Bild seiner großartigen, kindlich demüthigen und doch so verständigen
Persönlichkeit tritt uns lebensvoll darin entgegen, und über die
Zustände des Nordens verbreiten die einfachen und zuverlässigen
Aufzeichnungen Rimberts das erste Licht. Daß auch Träume, Visionen,
Wunder einen großen Raum darin einnehmen, liegt in der Natur der
Verhältnisse; geschrieben wurde das Buch für die Mönche des Klosters
Corbie, aus dem Anskar hervorgegangen war, dessen Mönche ihn begleitet
hatten, und diesen lag mehr daran, ihren großen Klosterbruder als
einen Heiligen geschildert zu sehen, als von den nordischen Heiden
genaue Nachrichten zu erhalten. Man darf es bei der Beurtheilung
dieser Litteratur nie vergessen, daß, was wir am meisten darin zu
finden wünschen, gewöhnlich von den Verfassern wie von den Lesern als
Nebensache betrachtet wurde.

 [12] Rimberts bestimmte Angaben über Karls Absicht zu bezweifeln, sehe
      ich keinen Grund, wenn auch zuzugeben ist, daß sie keine völlig
      genügende Sicherheit gewähren.

 [13] Diese Angabe der V. Rimb. c. 9 bekämpft Koppmann: Die
      mittelalterlichen Geschichtsquellen in Bezug auf Hamburg (1868)
      S. 25. 36-38. Doch scheint mir der Verfasser jener Vita noch eine
      bestimmte Ueberlieferung gehabt zu haben, und eine Ungleichheit
      im Stil braucht deshalb nicht hervorzutreten.

 [14] V. Rimb. c. 9. Adam Br. I, 36. _V. Anskarii_, MG. II, 683-725,
      herausgegeben von Dahlmann, der in den Anmerkungen leider noch das
      unechte Chron. Corbejense benutzt hat. Octavausgabe v. Waitz 1884;
      vgl. die Bemerkungen von Kunik, Forsch. XXIV, 191-197. Uebersetzt
      von Laurent, 1856. 1889. Geschichtschr. 22 (IX, 7). Ueber die
      neueren Bearbeitungen s. H. A. Schumacher im Brem. Jahrbuch II,
      444-468, und jetzt ausführlich über diese und über A. überhaupt G.
      Dehio a. a. O. Ebert II, 341-343. Anskars Pigmenta (Gebete zu den
      Psalmen) hat Lappenberg herausgegeben, Ztschr. f. Hamb. Gesch. II,
      1 ff. Vgl. Koppmann, Allg. D. Biogr. I, 480-483. Hauck II, 617 ff.

Hier aber brachte es die ganze Art der Thätigkeit Anskars mit
sich, daß auch die äußeren Verhältnisse, in denen er sich bewegte,
geschildert werden mußten, und uns zum Glück hat Rimbert vieles
von dem, was er berichtet, selbst mit durchlebt und gesehen. Darum
reiht sich dieses Leben dem früheren Severins, dem späteren des Otto
von Bamberg an. Unbedeutend dagegen ist des wackeren Rimbert eigene
Lebensbeschreibung[15], von unbekanntem Verfasser. Geschrieben ist sie
zu Lebzeiten seines Nachfolgers Adalgar, der von 888 bis 909 Erzbischof
war.

 [15] _V. Rimberti_ ed. Pertz, MG. II, 764-775. Ausg. von Waitz mit der
      V. Anskarii. Uebersetzt von Laurent 1856. 1889 mit Anskars Leben.
      Brief von Ratramnus an Rimbert über die Hundsköpfe in Hilgenfelds
      Zts. f. wiss. Theol. 1881. Ein zweiter bei Wilmans Kaiserurkk. I,
      566.


§ 16. Fortsetzung. Corvey. Gandersheim.

In Fulda, wie in Friesland, in Münster und Bremen, waren es
Angelsachsen, welchen die Grundlagen der neuen Entwickelung verdankt
wurden; bei Anskar aber war ein solcher Einfluß nicht nachzuweisen.
Von Kindheit an im Kloster Corbie an der Somme erzogen, übernahm er
dort schon früh die Leitung der Klosterschule und wurde dann der erste
Vorsteher der Schule in dem neu gegründeten Tochterkloster =Corvey= in
Sachsen.

Diese Stiftung war eine Frucht der nicht bloß äußerlich durch Zwang und
Eroberung, sondern auch innerlich vollzogenen Einigung des fränkischen
und des sächsischen Stammes. Schon König Pippins Bruder Bernhard hatte
eine sächsische Gemahlin und Bernhards Söhne, =Adalhard= und =Wala=,
nahmen sich eifrigst der Bekehrung und Belehrung ihres Volkes an.

=Adalhard= hatte Karls Hof verlassen, als dieser die Tochter des Königs
Desiderius verstieß, war in Corbie Mönch geworden, und weil hier die
Besuche seiner vornehmen Verwandten die klösterliche Ruhe störten, nach
Montecassino entwichen. Aber Karl rief ihn von da zurück; er wurde Abt
von Corbie und mußte von neuem an den Reichsgeschäften Theil nehmen.
Namentlich hat er längere Zeit hindurch eine sehr bedeutende Stellung
in Italien eingenommen. Wala aber war, als Karl starb, über Sachsen
gesetzt.

Karl wünschte aus den Sachsen selbst Lehrer des Christenthums zu
erziehen, und deshalb hatte er gefangene und als Geiseln übergebene
Sachsenknaben in verschiedene Klöster vertheilt; viele derselben
waren Adalhards Obhut in Corbie übergeben, und dieser gedachte in
Sachsen selbst ein Kloster zu gründen, aber seine Sendung nach Italien
verhinderte die Ausführung. Als Ludwig zur Regierung kam und mit dem
kleinlichsten Hasse die Staatsmänner seines Vaters verfolgte, wurde
Adalhard nach Noirmoutiers verbannt[1], Wala aber Mönch in Corbie.
Dieser betrieb nun mit dem größten Eifer die Stiftung eines Klosters
unter dem Volke, dem er durch seine Mutter angehörte; schon 815 wurde
zu Hethis im Solling[2] eine Celle erbaut, aber der Ort war ungünstig
und das neue Kloster fing erst an zu gedeihen, als Adalhard wieder
Einfluß gewonnen hatte und Kaiser Ludwig 822 die Stiftung und den
Neubau auf dem Königshofe Höxter gestattete[3]. Hier erblühte nun die
neue Corbeja, wohin auch Ansgar damals als Lehrer ging, rasch und
kräftig; nach Adalhards Tod (2. Januar 826) wurde Warin[4] zum Abt
erwählt. Auch er hatte bereits das Schwert geführt und erst im späteren
Alter mit der Mönchskutte vertauscht. Im Jahre 830 empfing er in seinem
Kloster einen vornehmen Gast, Hilduin, den Abt von St. Denis, der nach
Corvey verbannt war. Die liebevolle Aufnahme, welche dieser bei Warin
fand, dankte er ihm später nach seiner Rückkehr durch ein kostbares
Geschenk, den Leib des heiligen Veit, der 836 nach Corvey gebracht
und hinfort als der Hort und Schutz des sächsischen Volkes betrachtet
wurde.

 [1] Dort ließ er die Historia tripartita abschreiben: „Hic codex Hero
     insula scriptus fuit jubente sancto patre Adalhardo dum exularet
     ibi“. Mab. de re dipl. tab. V. Jetzt ist die Hs. in Petersburg,
     NA, V, 248; eine andere S. 252. -- Ein prächtiges, auf Befehl
     Rodrads von Corbie 853 für B. Hilmerad von Amiens geschriebenes
     Sacramentar beschreibt Delisle, Sacram. p. 123.

 [2] Dahin gehört das in Pfeiffers Germania e cod. Vat. gedr.
     Mönchsverzeichniß s. IX, nach Enck in der Zts. f. vat. Gesch. Bd.
     37, Münster 1879.

 [3] So Simson, Ludw. d. Fr. II, 266. Wilmans Kaiserurkunden I, 463
     ff., scheint der V. Adalhardi zu viel Glauben geschenkt zu haben,
     und überschätzte Alter und Autorität der _Fundatio Corbejensis_,
     gedr. ib. I, 507. Vgl. Rodenberg, Die Vita Walae, S. 97-104.
     Gegen beide verwirft Holder-Egger in der neuen Ausg. SS. XV,
     2, 1013-1045, die Annahme einer älteren Gründungsgeschichte, er
     sieht in der 2. Form nur eine Erweiterung der ersten. Diese, kurz
     vor 1158 geschrieben, wurde zu den Zusätzen zu Thietmar benutzt,
     welche der Annalista Saxo aufnahm.

 [4] Ihm widmete Paschasius Radbertus zwei seiner Schriften, Ebert II,
     232. 235. NA, IV, 304.

Ueber diese Ereignisse berichtet uns ein ungenannter Mönch von Corvey
in der Erzählung von der =Uebertragung des heiligen Veit=[5], der
er selbst beigewohnt hatte. Es kann wohl, obgleich Jaffé es nicht
gelten lassen wollte, nicht zweifelhaft sein, daß dem Bericht von der
Uebertragung und den Wundern die Erzählung der Stiftung des Klosters
erst nachträglich vorangestellt ist, doch vermuthlich von demselben
Verfasser oder mindestens einem Zeitgenossen. In Corbie dagegen schrieb
=Radbert=, mit dem Beinamen =Paschasius=, einer der bedeutendsten
unter den gelehrten Theologen dieser Zeit[6], das Leben der Brüder
Adalhard und Wala, jedoch so überladen mit rednerischem Schmuck, daß
die Thatsachen nur mühsam herauszufinden sind. =Adalhards Leben=[7]
ist bald nach seinem Tode, noch bei Lebzeiten des Wala geschrieben;
es ist eigentlich nur eine Todtenklage, nach Traube's Vermuthung mit
dem Rotulus an die verbrüderten Klöster versandt, und nachträglich,
als Wala nicht, wie er gewünscht, Abt von Corvey geworden war, mit
Zusätzen versehen. Die hinzugefügte Egloga, ein Wechselgesang der
alten und der neuen Corbeja, ist ohne die Vita unverständlich und
gehört nothwendig dazu. Schwülstiger und schwer verständlich ist das
=Leben= des =Wala=[8] († 836), welches in Nachahmung des Cicero[9]
in Gesprächsform verfaßt und aus Furcht vor dem Kaiser und Karl
dem Kahlen in absichtliche Dunkelheit gehüllt ist; außerdem war der
Verfasser nichts weniger als unbefangen und folgte zur Verherrlichung
seines Helden und zur Erbauung seiner Leser, wie billig, kirchlichen
Gesichtspunkten, politische lagen ihm fern.

 [5] _Historia Translationis S. Viti_ ed. Papebroch, Acta SS. Jun.
     II, 1029 bis 1037. Pertz MG. II, 576-585 wiederholte die ältere
     Ausgabe Mabillons, welcher der Prolog fehlt; Handschriften fehlen.
     Neue kritische Ausgabe von Jaffé, Bibl. I, 1-26. Uebers. v.
     Grandaur 1888 nach V. Eigilis. Vgl. Enck: De S. Adalhardo abb.
     (Diss. Monast. 1873) S. 60: Translatio S. Viti quo tempore scripta
     quaeque ei fides tribuenda esse videatur. Ebert II, 336-338. Der
     Verfasser hat die V. Adalhardi schon benutzt. Späten Ursprungs
     und kaum brauchbar ist _S. Justini translatio Roma Corbejam_ 891,
     wozu 949 sein Kopf von Magdeburg kam, ed. Meibom SS. I, 769; cfr.
     Acta SS. Aug. I, 33.

 [6] Ueber ein Citat aus Senecas ludus de morte Claudii s. F. Jonas im
     Hermes VI, 126. Dümmler, NA. IV, 301-305. Ebert II, 230-244; ib.
     244-247 über Ratram, Mönch von Corbie. Epitaph des Abts Ratold
     (986) NA. V, 622. -- _V. Pascasii Radberti_ aus d. 12. od. 13.
     Jahrh. ed. Holder-Egger, SS. XV, 452-454.

 [7] Acta SS. Jun. I, 96-111. Mab. IV, 1, 308-344. Excerpte MG. II,
     524-532. Die Egloga mit anderen Versen Radberts ed. Traube, Poet.
     Lat. III, 38-53; vgl. dens. O. Roma nob. S. 310-312.

 [8] Mab. IV, 1, 455-522. Excerpte MG. II, 533-569. Vgl. Himly, Wala et
     Louis le Débonnaire, Paris 1849. C. Rodenberg: Die Vita Walae als
     hist. Quelle, Gött. 1877. Dass I, 9 unter „Virgilius ille tuus“
     Ausonius zu verstehen sei, hat B. Simson nachgewiesen, s. NA. XII,
     428. -- Gedichte des Engelmod von Corbie ed. Traube, Poet. Lat.
     III, 54-66.

 [9] Nach Traube, Poet. Lat. III, 42.

Natürlich begannen schon unter Adalhard Schenkungen dem neuen Kloster
zuzuströmen; diejenigen =Traditionen=, über welche eigene Urkunden
nicht ausgestellt waren, was damals noch selten geschah, wurden
bis 1037 auf eine Rolle geschrieben und von dieser durch den Bruder
Johannes abgeschrieben. Es begegnete ihm aber dabei das Unglück, daß
er mit der Rückseite anfing, weshalb die ältesten Traditionen unter
Adalhard erst § 225 beginnen[10].

 [10] Nachgewiesen von H. Dürre: Ueber die angebliche Ordnungslosigkeit
      und Lückenhaftigkeit der Traditiones Corbejenses, im Progr. d.
      Gymn. in Holzminden, 1877, und Zts. f. Westf. Gesch. Bd. 36.
      Ausgabe von Wigand 1843.

Verloren sind uns leider Adalhards Briefe, und nur in einem Auszuge
Hinkmars erhalten seine Schrift über die =Hofordnung Karls des
Großen=[11], welche auch so noch zu den lehrreichsten Denkmälern dieser
Zeit gehört, deren Zuverlässigkeit aber durch die Ueberarbeitung
ungewiß geworden ist. Hinkmar war nämlich damals aus seiner
einflußreichen Stellung verdrängt und sehr unzufrieden; er kämpfte
vergeblich für die Unabhängigkeit der Bischofswahlen und klagte über
den ungeordneten Einfluß von Günstlingen. Deshalb stellte er hier
Karlmann, dem Sohne Ludwigs des Stammlers, 882 ein ideales Bild der
guten alten Zeit vor Augen. Mit der Wahrheit nimmt Hinkmar es auch
sonst nicht eben genau, und Vorsicht ist daher dringend geboten.
Im allgemeinen aber entspricht die Darstellung den wirklichen
Verhältnissen, wie sie uns, freilich unvollkommen genug, aus Karls Zeit
bekannt sind.

 [11] _Hincmari epistola de ordine palatii_, gedr. u. a. in Walters
      Corp. Jur. Germ. III, 761-772. Gengler, Germ. Rechtsdenkmäler, S.
      692. Migne CXXV. Ausg. v. Prou, Bibl. de l'École des hautes études
      58. 1884. Vgl. Pernice, De Comitibus palatinis (1863) p. 47-50.
      C. v. Noorden, Hinkmar S. 385. Waitz, Verfassungsgesch. III, 412.

Das Andenken Wala's hat sich, wie R. Wilmans sehr scharfsinnig
nachgewiesen hat, in dem Nonnenkloster =Herford=, einer von derselben
Familie ausgegangenen Stiftung, erhalten. Man nannte ihn =Walder= oder
=Waltger=, und =Wigand=, ein Landpfarrer, vielleicht von Kirchdornberg,
schrieb im 13. Jahrh. seine Legende, in welcher freilich von der
wirklichen Geschichte nur noch schwache Spuren geblieben sind[12].

 [12] _Vita Waltgeri_, im Auszug bei Heinrich von Herford. Neue, erste
      krit. Ausg. bei R. Wilmans Kaiserurkk. 488-501; dazu S. 275-318
      wichtige Untersuchungen über die merkwürdige Familie und ihre
      Stiftungen.

Das =Leben= der =Ida=, der Mutter Warins (welche Verwandtschaft aber
sehr zweifelhaft ist), ist erst auf Anlaß ihrer Erhebung 980 durch den
Bischof Dodo von Münster unter Abt Liudolf von =Uffing=, einem Werdener
Mönche, geschrieben und erscheint wenig glaubwürdig[13].

 [13] Erste zuverlässige Ausgabe von R. Wilmans a. a. O. 409-488. Vgl.
      Hüsing, Genealogie der h. Ida, Zts. f. vaterl. Gesch. 38, Münster
      1880.

Einige Nachrichten über diese ersten geistlichen Stiftungen im
Sachsenlande sind uns ferner noch erhalten in den Berichten über die
Erwerbung und Uebertragung der Reliquien, welche zu ihrem Gedeihen
nun einmal unerläßlich waren; so erhielt =Herford= 860 die heilige
=Pusinna=[14], =Paderborn= schon 836 aus Le Mans den h. =Liborius=[15];
die Erzählungen davon sind aber erst gegen das Ende des neunten Jahrh.
verfaßt, die letztere durch den Bischof =Biso=, einen Zeitgenossen
des Kaisers Arnulf veranlaßt, während die Uebertragung ein Werk
des Bischofs Badurad war. Ein gleiches Verhältniß beider Bischöfe
begegnet uns darin, daß zu Badurads Zeit =Mainulf=, ein vornehmer
Sachse, Canonicus in Paderborn geworden war und das Nonnenkloster
=Boeddeken= gestiftet hatte, Biso aber dessen Leib feierlich erheben
ließ, vermuthlich auch eine Lebensbeschreibung veranlaßte. Diese ist
jedoch verloren; wir besitzen nur eine Ueberarbeitung, welche von
dem Verfasser =Sigeward= einem nicht näher bezeichneten =Albinus=
zugeeignet ist. Der Herausgeber C. Byeus vermuthet in jenem den
Abt von Fulda (1039 bis 1043) vor seiner Erhebung zur Prälatur,
wofür, wie Holder-Egger bemerkt, keinerlei Gründe vorhanden sind,
in Albin den berühmten Lehrer Albwin von Hersfeld, welcher 1043
Abt von Nienburg wurde. Die Sprache ist jener Zeit angemessen,
Reimprosa mit übertriebenem Streben nach Schönrednerei, mit Brocken
aus Horaz und Vergil geschmückt; es war nicht des Verfassers Schuld,
daß ihm geschichtliche Thatsachen fast gar nicht vorlagen, und die
Wundergeschichten, welche er zu berichten hatte, noch alberner waren
als gewöhnlich[16]. Auch das Leben der heiligen =Liutbirg=[17], einer
Klausnerin bei Halberstadt, die bis zu den Zeiten König Ludwig des
Jüngeren (876-882) lebte, giebt Kunde von dem Eifer, mit welchem die
Neubekehrten sich der Kirche zuwandten, und ist merkwürdig durch die
darin enthaltenen Angaben über die Nachkommen jenes Hessi, des Fürsten
der Ostfalen, welcher sich 775 Karl dem Großen unterworfen hatte.

 [14] _Translatio S. Pusinnae_, in berichtigtem Abdruck bei Wilmans
      a. a. O. 541-546. Auszug SS. II, 681. Bei Henr. de Hervordia ed.
      Potthast p. 59 sind noch mehr Wunder.

 [15] _Translatio S. Liborii_, MG. SS. IV, 149-157. Uebers. von Grandaur
      bei V. Eigilis. Vgl. Conr. Mertens: Der h. Liborius. Sein Leben,
      seine Verehrung u. seine Reliquien. Paderborn 1873.

 [16] _Vita S. Mainulfi_ ed. Corn. Byeus, Acta SS. Oct. III, 209-216.
      Dann folgt die neue Bearbeitung, welche von Gobelinus Persona
      verfaßt ist, wie Holder-Egger durch die Trierer Hs. sichert. Ausg.
      d. älteren Vita SS. XV, 411-417.

 [17] Bei A. Lang, De Sanctis O. S. Benedicti. B. Pez Thes. II, 3, 146.
      MG. SS. IV, 158-164 im Auszuge.

Aus =Corvey= aber sind uns noch Ostertafeln erhalten, im achten
Jahrhundert von angelsächsischer Hand geschrieben und mit wenigen
Bemerkungen versehen, zu welchen die Mönche des Klosters im Laufe der
Zeiten andere hinzugefügt haben; als Geschichtswerk kann man diese
kurzen Notizen nicht betrachten, und auch der materielle Inhalt ist
für die vorliegende Periode fast ohne Bedeutung[18]. Dagegen hat der
Abt =Bovo= (879-890), ein Neffe Warins, oder nach Wilmans' Vermuthung
vielmehr Bovo II (900-916) ein Werk geschrieben, aus welchem Adam von
Bremen (I, 41) ein werthvolles Bruchstück über die Normannenschlacht
von 884 erhalten hat[19]. Er führt es ein mit den Worten: „de sui
temporis actis scribens non reticuit dicens“, und danach möchte man an
ein Werk über die Geschichte seiner Zeit denken, doch fällt es auf,
daß nirgend sonst sich eine Spur davon findet, auch Adam nur diese
eine Anführung hat. Die Hauptsache ist das Verdienst des Erzbischofs
Rimbert, von welchem ein Brief über denselben Vorfall in die Fulder
Annalen aufgenommen war, aber leider in unserer Handschrift ausgelassen
ist. Adam bezeichnet den Vorgang als ein Wunder, und vielleicht waren
Wundergeschichten der Inhalt des Werkes. Derselbe Bovo II zeichnete
sich durch seine Kenntniß des Griechischen aus, und erregte allgemeines
Erstaunen, als er dem König Konrad ein griechisches Schreiben
auszulegen vermochte, vermuthlich 913, als der König das Kloster
besuchte[20]. Wir besitzen aber noch ein Werk von ihm, welches durch
Gelehrsamkeit und vortreffliche Latinität der besten karolingischen
Schule vollkommen würdig ist, und auch griechisch geschriebene Wörter
enthält, welche Kenntniß der Sprache zeigen, nämlich einen Commentar zu
Boeth. de consol. phil. III metr. IX. Diesen schrieb er auf den Wunsch
des Bischofs Bovo, seines viel jüngeren Blutsverwandten, der unter
ihm in Corvey Mönch geworden[21], und jetzt durch weite Länderstrecken
(longinqua nimis terrarum intercapedine) von ihm getrennt war; er
schrieb ihm trotz schwerer Sorgen, „inter miserias et aerumnas, quas
inter civilia bella et paganorum, ut prophetice loquar, velociores
aquilis incursiones sine cessatione patimur“[22].

 [18] _Annales Corbejenses_, MG. SS. III, 1-18; berichtigte Ausgabe
      von Jaffé, Bibl. I, 28-65, wo 7 Notizen 809-840 als _Ann. aut
      Monasterienses aut Werthinenses_ ausgeschieden sind. Von anderer
      Hand sind Ann. Corb. 822-879 eingetragen, dann gleichzeitige
      Fortsetzungen 880-1117. Vgl. oben S. 150. Zu warnen ist vor
      der Verwechselung mit dem unechten _Chron. Corbejense_. Ueber
      die werthvolle ausführlichere Eintragung zu 1046 s. Steindorff,
      Heinrich III, I, 480. Größeres Facs. mit den Veränderungen der
      Schrift vom 7. bis 12. Jahrh. in Wigands Arch. f. Gesch. Westf. V.

 [19] Abgesondert als _Bovonis de sui temporis actis fragmentum_,
      herausgegeben von Jaffé, Bibl. I, 27, vgl. Wilmans a. a. O. S.
      304.

 [20] „Qui Graecas litteras coram Cuonrado rege legendo factus est
      clarus.“ Cod. Steinveld. ad Widuk. III, 2.

 [21] Nach dem sehr werthvollen, vom Beginn des Klosters bis 1146
      fortgeführten Verzeichniß der Aebte und der unter jedem
      aufgenommenen Mönche, neu herausgegeben bei Jaffé, Bibl. I,
      66-72, MG. SS. XIII, 274. Bovo war wahrscheinlich Bischof von
      Châlons-sur-Marne, † 947, Bruder der Königin Frideruna, Oheim
      des B. Berengar von Cambrai, s. MG. SS. VII, 431, im Necr. Merseb.
      zu Dec. 20, Neue Mitth. XI, 250.

 [22] Herausgegeben von A. Mai, Class. Auct. III, 332-342. Der Abt ist
      nur durch B. bezeichnet, kann aber kaum ein anderer sein.

Begreiflich ist es, daß bei noch wachsender Bedrängniß auch hier die
Feder ruhen mußte, daß von Bovo's Ruhm und seinen Werken nur eine
dunkle Erinnerung blieb, und daß eine neue Zeit erst anbrach, als die
Thaten der Ottonen neuen Anstoß zu schriftstellerischer Thätigkeit
gaben.

Dasselbe war der Fall in einem andern Kloster, welches den Ludolfingern
noch näher stand als Corvey, in =Gandersheim=, wo Graf Ludolf selbst um
850 eine ältere Stiftung erneuert hatte und Prinzessinnen seines Hauses
als Aebtissinnen walteten. Die erste, bis zum Jahre 874, war Ludolfs
Tochter =Hathumod=, deren Leben von ihrem Bruder =Agius= beschrieben
wurde, der nach einer Vermuthung von Pertz wahrscheinlich Mönch in
dem nahe gelegenen Kloster Lammspring war, aber, wie Dümmler bemerkt,
ebenso gut Corvey angehört haben kann. In der Form ahmte er, wie Traube
bemerkt[23], das Vorbild des Paschasius Radbertus nach, indem er zu
der in Prosa geschriebenen Biographie Elegieen hinzufügte, die eine
tiefgefühlte rührende Todtenklage enthalten[24]. Sowohl die reine und
fehlerfreie Sprache, die gewandte Ausdrucksweise, der fließende, wenn
auch nicht ganz correcte Versbau, wie das zarte und sinnige Gemüth des
Verfassers, den die innigste Liebesgemeinschaft mit seiner Schwester
verbunden hatte, verleihen diesen Schriften einen ganz besonderen Reiz;
die mancherlei Nachrichten über die verschiedenen Mitglieder dieser
zahlreichen und ausgezeichneten Fürstenfamilie geben ihnen außerdem
noch einen größeren Werth für den Geschichtsforscher.

 [23] O Roma nobilis, S. 310.

 [24] _Agii Vita Hathumodae_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 165-189.
      Uebersetzung von Rückert, Stuttg. 1845, von Grandaur bei Vita
      Eigilis. Benutzung des Fortunat, NA. IV, 527; in der Prosa der V.
      Martini ib. XIV, 166. -- Ausg. des Dial. von Traube, Poet. Lat. III,
      2, 369-388.

Pertz hat die Vermuthung ausgesprochen, daß wohl derselbe Agius
jener sächsische Dichter sein möge, welcher Einhards Jahrbücher
metrisch bearbeitete. Dieselben Vorzüge des Ausdruckes finden sich
darin wieder, und die einzige vorhandene Handschrift stammt aus dem
Kloster Lammspring[25]. Doch ist sie kein Original, und jene Annahme
nicht ohne Bedenken. Deutlich aber bezeichnet der ungenannte Dichter
sich als einen Sachsen, den in den ersten Jahren der Regierung Königs
Arnulfs die Dankbarkeit gegen den großen Sachsenbekehrer, welchem
er nicht allein den Glauben, sondern auch die litterarische Bildung
allein verdankte, zu dem Unternehmen getrieben habe, Karls Leben
und Thaten in Versen zu verherrlichen. Er hält sich dabei ganz genau
an die Einhardischen Annalen und an das ausdrücklich citirte Leben
Karls von Einhard, welchem das letzte, in Distichen verfaßte Buch
entnommen ist; nur wenige Schilderungen aus eigener Kenntniß beleben
die reizlose Paraphrase. Von 801 an haben ihm jedoch, wie Bernhard
Simson nachgewiesen hat, jene Annalen nicht mehr vorgelegen, sondern
dürftigere, den Hersfelder verwandte, vermuthlich Halberstädter
Annalen, aus welchen die falsche Angabe über den 803 zu Salz mit den
Sachsen abgeschlossenen Frieden sich erklärt[26]. Pückert (S. 172 bis
180) nimmt Benutzung des verlorenen Werkes (oben S. 226) in einer
Metzer Bearbeitung und Angehörigkeit des Verfassers zu St. Arnulf in
Metz an.

 [25] Die nachträglich gefundene Brüsseler Handschrift (Archiv III,
      379) scheint der Lammspringer zu entstammen, wenigstens hat
      sie dieselben Lücken. Zur Zeit des Probstes Gerhard u. der
      Aebt. Judith (1178-1191) schrieb hier die Nonne Ermengarde
      einige Schriften des h. Augustin ab, Cod. Helmst. 204, s. O. v.
      Heinemanns Wolfenb. Catalog I, S. 185.

 [26] _Poetae Saxonis Annales de Gestis Caroli magni imperatoris_, ed.
      Pertz, MG. I, 225-379. Wieder abgedruckt bei Migne XCIX, 683-736.
      Jaffé, Bibl. IV. 542-627. Ebert III, 125-129. Simson, Der Poeta
      Saxo und der Friede zu Salz, Forschungen I, 301-326. Pannenborg
      vermuthet, daß der Verfasser der Gesta Heinrici IV dieses Werk
      gekannt und nachgeahmt habe. Brieden, Geschichtl. Werth des Poeta
      Saxo. Progr. d. Laurentianums zu Arnsberg, 1878.


§ 17. Lothringen.

Richbod von =Trier= (795-804) ist als Schüler Alcuins bekannt, und wird
als ein Mann von gründlicher Gelehrsamkeit und Bildung gerühmt; Alcuin
warf ihm vor, daß er die Aeneide besser kenne, als die Evangelien. Ohne
Zweifel wird er sich um die Schulen in seinem Sprengel verdient gemacht
haben. Auch Amalarius (809 bis 814) machte sich als Schriftsteller
bekannt[1]; an seinen Nachfolger Hetti (814-847) schickte Einhard mit
einem freundschaftlichen Briefe (ep. 10, bei Jaffé 23) einen Theil
seiner kostbaren Reliquien, vermuthlich für die von ihm gestiftete
und 836 eingeweihte Castorkirche zu Koblenz. Von ihm hat sich eine
Anleitung zum kirchlichen Unterricht in Gesprächform erhalten[2]; ihm
zur Seite stand als Landbischof Thegan, der schon erwähnte Biograph
Ludwigs des Frommen. Sein Neffe und Nachfolger war Thietgaud (847-863),
Grimalds Bruder, aber sehr unvortheilhaft bekannt durch seine Mitschuld
an Lothars II Scheidungsgeschichte. Am Ende des Jahrhunderts, nach
der entsetzlichen Verheerung durch die Normannen 882, war =Ratbod=
Erzbischof (883-915), welcher den vertriebenen Abt von Prüm,
=Regino=[3], zu gelehrten Arbeiten veranlaßte.

 [1] Außer verschiedenen Schriften kirchlichen Inhalts (s. NA. XIII,
     305-323, XVII, 456) schrieb er nach der Gesandtschaftsreise, die
     er 813 mit Abt Peter von Nonantula nach Constantinopel unternahm,
     die dunkeln und in der Ueberlieferung verderbten _Versus marini_,
     gedruckt in Alcuins Werken, ed. Froben II, 525; Jaffé, Bibl. IV,
     426; Dümmler, Poet. Lat. I, 426.

 [2] Herausgegeben von Dr. Nolte im Jahresbericht d. Ges. f. nützl.
     Forsch. in Trier f. 1872/73 (1874) S. 50-58.

 [3] Baehr S. 184-186. 535-538. Dümmler in der Vorrede zur Uebersetzung
     der Chronik. H. Ermisch, Die Chronik des Regino bis 813, Gött.
     1872. Vergl. unten S. 260.

Dieser Regino war von Jugend auf im Kloster Prüm erzogen, wo schon
unter dem Abte =Markward= (829-853) litterarische Thätigkeit bemerkbar
wird. Verwandt mit Lupus, war nämlich auch Markward in Ferrières Mönch
geworden, wo damals Alderich, später Erzbischof von Sens, Abt war, und
nach Markwards Erhebung zum Abt von Prüm folgte sein Klosterbruder Ado,
der als Erzbischof von Vienne seine Neigung zur Geschichtschreibung
bewährt hat, der Einladung, eine Zeit lang in Prüm zu wirken. Markward
selbst war Hüter und Lehrer Karls des Kahlen gewesen, als dieser 833
nach dem Siege Lothars nach Prüm verwiesen war[4]; Lupus (ep. 85)
sendet ihm Grüße von demselben und schickte ihm Knaben zur Ausbildung.
Schon bevor er Abt wurde, hatte Lupus 839 das Leben des h. Maximin
verfaßt und seinem Freunde Waldo gewidmet, vielleicht demselben,
welcher später Abt von St. Maximin wurde (oben S. 236).

 [4] Vgl. darüber B. Simson, Ludwig d. Fr. II, 63 Anm. 2.

In Prüm verfaßte auf Markwards Veranlassung =Wandalbert= (geb. 813)
839 die geschichtlich nicht ganz unwichtigen Wunder des heiligen
Goar, welche er zu der Ueberarbeitung der alten Legende hinzufügte;
den Schluß bildet ein ausführlicher Bericht über die Erwerbung der
Cella S. Goaris durch Verleihung Pippins und Bestätigung Karls des
Großen[5]. Auch besitzen wir von Wandalbert das schon oben (S. 60)
erwähnte metrisch bearbeitete Martyrologium, welches er auf Antrieb
eines sonst nicht bekannten Otricus begann, als er sich in Cöln
aufhielt, und nachdem es vollendet war, mit einer Commendation an
Lothar versah, 5 lustra nachdem dieser Kaiser geworden, also 848. Die
künstlichen Versmaße der dazu gehörigen Gedichte zeugen von seiner
Gelehrsamkeit, und während die Hauptmasse ihrer Natur nach fast
reine Prosa ist, bieten uns namentlich die Beschreibungen der Monate
anziehende Schilderungen ländlicher Beschäftigung in leicht fließenden
Versen[6]. Markward aber übertrug im Jahre 844 die Gebeine der heiligen
Chrysanthus und Daria nach Münstereifel, welches damals zu Prüm
gehörte; Theganbert oder Thegan war es, der sie hier am 25. October
feierlich beisetzte, und der Abt versäumte nicht, für die Aufzeichnung
dieser Begebenheit zu sorgen oder, wie Holder-Egger vermuthet, sie
selbst aufzuzeichnen[7]. Unter Abt Eigil (853-860) brachte der Tod
des Kaisers Lothar in der Kutte eines Prümer Mönches dem Kloster hohen
Ruhm und reiches Gut; Eigil selbst, ein gelehrter Mann, an den Hraban
eine Abhandlung gerichtet hat, entsagte 860 seiner Würde, vielleicht,
wie Mabillon vermuthete, weil er die Entscheidung gegen Thietberga
unterzeichnet hatte. Er folgte dann einer Einladung Karls des Kahlen
und erhielt die Abtei Flavigny, wohin er 864 von Alise-Sainte-Reine die
h. Regina übertrug; die Geschichte der Uebertragung sammt den Wundern
ließ er aufzeichnen, nachdem er 865 Erzbischof von Sens geworden
war[8].

 [5] Die werthlose alte _Vita S. Goaris_ bei Mab. II, 276-280; dann
     folgt die von Wandalbert mit den Wundern. _Miracula S. Goaris_,
     ed. Holder-Egger, SS. XV, 361-373, mit der Vorrede der Vita.

 [6] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 305-312; Ebert II, 185-191; das
     Martyrol. Poet. II, 567-622. Die von Rettberg bezweifelten Verse
     über die Cölner Märtyrerinnen sind sicher echt. Uebersetzung
     der Verse über die Monate von Paul Herzsohn in d. Westd. Zts. 1,
     277-290.

 [7] _Historia translationis Chrisanthi et Dariae_, Mab. IV, 1,
     611-618. Acta SS. Oct. XI, 490-495 ed. B. Bossue, Annalen f. d.
     Gesch. d. Niederrheins XX, 96-217, Ausg. u. Abhdlg. von Floß.
     Auszug MG. SS. XV, 373. 374.

 [8] _Translatio S. Reginae_ bei Mab. IV, 2, 238, Acta SS. Sept. III,
     40, nebst einer Urk. Eigils über eine daran sich schließende
     Stiftung zu Corbiniacum. Auszug v. Holder-Egger SS. XV, 1,
     449-451.

Auch Annalen sind um diese Zeit in Prüm geschrieben; anfangs aus
älteren Annalen ausgezogen, bringen sie locale Nachrichten bis 860, bis
zu welchem Jahre sie in Stablo ausgeschrieben sind, und wurden dann
in Prüm bis 922 fortgeführt; damals hat sie, wie es scheint, der zum
Bischof von Lüttich erhobene Abt Richarius nach Lüttich mitgenommen, wo
sie weiter fortgesetzt wurden. Aus der Chronik des Regino sehen wir,
daß es ein ausführlicheres Exemplar dieser Annalen gegeben haben muß,
welches Regino benutzte[9].

 [9] _Annales Prumienses_ a. 122-1044 ed. O. Holder-Egger, SS. XV, 2,
     1289-1292. Es folgen noch _Ann. Prum. brevissimi_ a. 906-919. 1226
     bis 1238. Vgl. F. Kurze, NA. XV, 318.

Allein im Jahre 882 und noch einmal 892 erlag auch dieses herrliche
Kloster den räuberischen Dänen; der Abt Farabert legte nach der
Zerstörung desselben sein Amt nieder, und zu seinem Nachfolger wurde
=Regino= gewählt. Aber die Parteikämpfe, welche damals Lothringen
zerrissen, ließen auch ihm keine Ruhe; er mußte 899 seinen Gegnern
weichen, und fand eine Zuflucht in Trier, wo er im Kloster St. Maximin
915 bestattet ist[10]. Der Erzbischof übergab ihm das ebenfalls von
den Normannen verwüstete Martinskloster, welches unter seiner Leitung
hergestellt sein soll[11]; vorzüglich aber scheint er sich seiner
Gelehrsamkeit bei der Verwaltung seines kirchlichen Amtes bedient
zu haben. Oft, sagt Regino, habe er gesehen, wie der Erzbischof
sich erzürnt habe über den unmelodischen und fehlerhaften Gesang in
den Chören seiner Sprengel, zu welchen er ihn also vermuthlich auf
Visitationsreisen begleitet hat. Und wie er diesem Mangel durch seine
Schrift _de harmonica institutione_[12] abzuhelfen suchte, so verfaßte
er auf Ratbods Wunsch sein umfassendes und lehrreiches Werk über
die Kirchenzucht zu dem praktischen Zwecke, bei Visitationen, welche
wegen der argen Verwilderung der Geistlichkeit wie der Laien dringend
nothwendig waren, alle erforderlichen Vorschriften des canonischen
Rechtes in mäßigem Umfang darzubieten[13]. Diese um 906 unternommene
Schrift widmete er Hatto von Mainz, dem damaligen Regenten des Reichs;
an den Erzieher des jungen Königs, den gelehrten Bischof Adalbero von
Augsburg, sandte er 908 seine Chronik von Christi Geburt bis zum Jahre
906. Dieses Werk verdient unsere Beachtung als einer der frühesten
Versuche die Weltgeschichte in einer ziemlich ausführlichen Erzählung
zusammenzufassen, eine Aufgabe, an welche sich damals nicht leicht
jemand wagte und deren Schwierigkeiten außerordentlich groß waren. Die
Ausführung ist freilich auch sehr mangelhaft geblieben und namentlich
die Chronologie in der höchsten Verwirrung; auch versucht er gar nicht
wie Frechulf eine Verarbeitung seiner Quellen, sondern begnügt sich
mit wörtlichem Ausschreiben, was von nun an immer mehr üblich wurde.
Beda, die Thaten der Frankenkönige, und andere bekannte Quellen bilden
die Grundlage seines Werkes, welches anfangs nach den Regierungen der
Kaiser angeordnet ist; weiterhin geht er, der Natur seiner Quellen
folgend, in die annalistische Form über und fährt auch selbst in
dieser Weise fort. Darin ist seine Chronik den auch von ihm benutzten
Reichsannalen ähnlich, aber sie unterscheidet sich sehr wesentlich
dadurch, daß er nicht gleichzeitig mit den Begebenheiten schrieb und
deshalb auch gerade in der chronologischen Anordnung derselben wenig
zuverlässig ist[14].

 [10] Weil sein Grabstein da gefunden ist, hat man geglaubt, daß er in
      diesem Kloster Aufnahme gefunden habe, aber es lag damals nach
      der Verwüstung durch die Normannen in Trümmern.

 [11] Vita S. Magnerici, MG. SS. VIII, 208; vgl. Archiv III, 291. Regino
      soll nach späteren Aufzeichnungen aus Altrip am Rhein gebürtig
      sein.

 [12] Gedruckt, doch ohne den _tonarius_, bei Gerbert, SS. eccl. de
      musica sacra I, 230-247. Neue Ausg. mit Facs. des tonarius bei
      Coussemaker, Scriptores de Musica Medii Aevi Paris (1867) II,
      1-73. Hs. s. X. in Brüssel 2751, nach Dümmler. Die Schrift war für
      den Erzbischof, als gelehrten Musiker, und für tüchtige Sänger
      bestimmt, nicht für Walcaud: _frustra enim lyra asino canitur_.
      -- Walcaud presb. im Cal. S. Maximini zum 10. August, Archiv XI,
      290. Vgl. W. Brambach: Die Musiklitteratur des Mittelalters bis
      zur Blüthe der Reichenauer Sängerschule (500-1050) 1883.

 [13] _Reginonis libri duo de synodalibus causis et disciplinis
      ecclesiasticis_, ed. Wasserschleben, Lips. 1840.

 [14] _Reginonis Chronicon_, ed. Pertz, MG. I, 536-612. Ausg. von
      Fr. Kurze 1890, 8. Vgl. von dems. Ueberlieferung u. Quellen
      der Chronik Regino's u. seines Fortsetzers, NA. XV, 293-330.
      Uebersetzung von Dümmler, 1857. 1890. Geschichtschr. IX, 12, Bd.
      27. Ueber Benutzung des Justin s. Rühl, Verbreitung des Justin im
      Mittelalter, S. 12-14. Von der Fortsetzung s. unten III, 6.

In dieser Beziehung hat bei ihm wie bei manchem anderen das Vorbild
der Annalen nachtheilig gewirkt; denn für die Aufzeichnung unbestimmt
gewordener Ueberlieferungen ist die annalistische Form nicht nur
hinderlich, sondern die scheinbare Bestimmtheit verleitet auch dazu,
den Angaben mehr Gewicht beizulegen, als ihnen zukommt. Bis zum Jahre
814 hat Regino die Lorscher Annalen benutzt; von da an aber fehlten ihm
außer den oben erwähnten kurzen Annalen seines Klosters schriftliche
Hülfsmittel, was wohl nur durch die Verheerungen der Normannen zu
erklären ist, und er mußte sich zur Ausfüllung der großen Lücke von
Karls des Großen Tode bis auf seine Zeit allein auf die so unsichere
mündliche Tradition verlassen; nur über die Händel, welche Lothars II
ärgerliche eheliche Verhältnisse veranlaßten, standen ihn Urkunden zu
Gebote[15].

 [15] Die Actenstücke hierüber und besonders über die nach Gunthars
      Absetzung am 7. Jan. 870 vollzogene Wahl Williberts von Cöln sind
      vermehrt durch die von Floß, Die Pabstwahl unter den Ottonen,
      Urkunden S. 24-102 herausgegebenen Schreiben. -- Dümmler, Ostfr.
      III, S. 170, giebt aus einer Londoner Handschrift der Chronik
      des Regino die von Lappenberg entdeckte Grabschrift des Grafen
      Heinrich († 886); jetzt auch in d. Ausgabe v. Kurze. S. 126.

Auffallend und für die Stellung Lothringens charakteristisch ist es
dabei, wie wenig Regino von dem Ostfrankenreiche zu sagen weiß, während
er von den Westfranken viel und eingehend erzählt, und namentlich die
Bretagne besonders berücksichtigt, ein Umstand, den Dümmler durch die
dort gelegenen Besitzungen der Mönche von Prüm erklärt. Ueber das,
was er selbst mit erlebt hat, giebt Regino sodann ausführliche und
schätzbare Nachrichten. Daß er von den entfernteren Ereignissen nur
unsichere Kunde erhalten hat, wird man ihm nicht zum Vorwurfe machen;
über Lothringen aber war er genau und zuverlässig unterrichtet, und
würde gewiß noch tiefer in die dortigen Verhältnisse blicken lassen,
wenn ihn nicht die Besorgniß vor dem Zorne der Machthaber verhindert
hätte, die ganze Wahrheit zu sagen. Als diesen Machthaber, welchen er
fürchtet, hat Harttung mit Wahrscheinlichkeit Karl den Einfältigen
nachgewiesen, der nach einer Angabe des Trithemius seine Absetzung
veranlaßte, weil er ein Anhänger von K. Odo's Bruder Robert war. Sein
Rival war Richar, der Bruder von Gerhard und Matfrid, später Bischof
von Lüttich; durch verleumderische Angaben über schlechte Verwaltung
soll er ihn verdrängt haben, nach Inhalt eines Briefes von Regino,
der den Magdeburger Centuriatoren noch bekannt und wahrscheinlich in
einem Exemplar der Chronik abgeschrieben war. Zur Zeit aber, als Regino
seine Chronik schrieb, gehörte Lothringen zu Karls Reich[16]. Seine
Zurückhaltung hat Regino jedoch nicht davor schützen können, daß aus
seinem Werke z. J. 892 ein bedeutendes Stück, in welchem er von seinen
eigenen Schicksalen erzählte, ausgeschnitten und vernichtet wurde.

 [16] Harttung, Forsch. XVIII, 362-368.

Seine Schreibart ist einfach und dem Gegenstande angemessen, und wenn
es ihm auch keineswegs gelungen ist, die Weltgeschichte in wirklich
historischer Weise zu bearbeiten, so zeigt er doch für die ihm näher
liegenden Zeiten und Verhältnisse einen freien Blick und gesundes
Urtheil; die eigenen Erfahrungen und die freundschaftliche Beziehung zu
einem hochstehenden Kirchenfürsten erhoben ihn über die gewöhnlichen
Annalisten, und sein Werk steht am Ende der karolingischen Zeit als
eine bedeutende Erscheinung da, der sich wohl weitere Fortschritte
angeschlossen haben würden, wenn nicht gerade jetzt die äußere Noth für
lange Zeit alle wissenschaftlichen Bestrebungen erdrückt hätte.

Als die bei allen ihren Mängeln doch bei weitem beste umfassende
Behandlung der Weltgeschichte ist Regino's Chronik bis ins zwölfte
Jahrhundert viel benutzt worden und hat große Verbreitung gefunden,
wobei denn auch seine großen chronologischen Irrthümer manchen irre
geleitet haben.

Man kann wohl nicht bezweifeln, daß Lothringen mit seinen bedeutenden
Kirchen und Klöstern noch manches andere Geschichtswerk hervorgebracht
hat, welches in den furchtbaren Verheerungen des Landes durch Normannen
und Ungarn zu Grunde gegangen ist; die blühendsten Klöster verödeten
und kamen in Laienhände, so daß eine Periode tiefer Dunkelheit eintrat,
welche später der kecken Erdichtung freien Spielraum darbot. Merkwürdig
sind auch in dieser Beziehung die =Annalen von Xanten=[17], weil sie
nirgends erwähnt oder benutzt sind, und völlig spurlos verschollen sein
würden, wenn nicht Pertz sie 1827 in einer angebrannten Handschrift der
Cottonschen Bibliothek entdeckt hätte. So war auch dieser vereinzelte
Rest der höheren Ausbildung jener Periode dem gänzlichen Untergange
schon ganz nahe gewesen. Nach Xanten sind diese Annalen benannt,
weil die Zerstörung des Stiftes durch die Normannen 863 ausführlich
erzählt ist, aber sonst ist gar nicht von Xanten die Rede, und auch
hier findet sich die falsche Jahreszahl 864, wie überhaupt eine
Verschiebung der Jahreszahlen, welche annehmen läßt, daß nur eine
Compilation uns vorliegt. Einem Auszug aus den Reichsannalen schließt
sich hier eine selbständige Fortsetzung von 831 bis 873 an, von
verschiedenen Verfassern gleichzeitig aufgezeichnet, hin und wieder
ziemlich ausführlich. Reichsgeschichte zu geben war die Absicht,
aber es fehlte die Verbindung mit dem Hofe; Zusammenkünfte der Könige
werden erwähnt, aber die Beschlüsse bleiben dem Schreiber unbekannt;
zu gleichmäßiger Berichterstattung fehlen ihm die Hülfsmittel. Viel ist
von Himmelserscheinungen, Ueberschwemmungen, Heuschrecken die Rede, vom
Elend der Zeiten sind die Verfasser sehr erfüllt. Der Cölner Sprengel
wird vorzüglich berücksichtigt, daneben der benachbarte von Münster.
Vielleicht hat einer der vertriebenen Xantener Chorherren, die nach
Cöln flüchteten, dort Aufzeichnungen vorgefunden und fortgesetzt.

 [17] _Annales Xantenses_ ed. Pertz, MG. II, 217-235. Uebers. bei den
      Fulder Annalen. Hans Steffen: Beiträge zur Kritik d. X. Annalen,
      NA. XIV, 87-109. Der Anfang 640 bis 789 ist jüngeren Ursprungs,
      von einem Mönch des Klosters Egmond, von wo die Hs. stammt,
      und nach Bonnell, Anfänge S. 149, aus Sigebert genommen, mit
      Einschaltungen aus Regino und Legenden. Bestätigend Oelsner,
      Pippin S. 518. Doch vgl. B. Simson, NA. II, 628; Waitz ib. V,
      493. Ueber die Ortsbezeichnung _Gronneorum_ s. Meyer von Knonau
      über Nithard S. 143. -- Kirchweihnotizen aus Xanten 1081-1411 als
      _Notae S. Victoris Xant_. MG. SS. XIII, 43-45.

In =Cöln= hat Karls des Großen Erzkaplan Hildebald[18], der von
Theodulf unter dem Namen Aaron gefeiert wird, wissenschaftliche Studien
begründet. Er ließ die vom Pabst an Karl geschickten Manuscripte für
seine Kirche abschreiben; viele davon sind noch vorhanden und jetzt
dem Cölner Domcapitel zurückgegeben[19]. Es sind auch kurze Annalen
daraus gewonnen[20]. Die Erzbischöfe Hilduin (842-849) und Gunthar (863
entsetzt) werden von Sedulius gepriesen, Gunthar machte selbst Verse
und bei ihm erhielt sein Neffe Radbod, später Bischof von Utrecht,
den ersten Unterricht[21]. Willibert (870-889) ließ für sich den Codex
Carolinus abschreiben[22], und sorgte auch für die Aufbewahrung der
Correspondenz, welche durch Gunthars Entsetzung und die folgenden
Ereignisse veranlaßt war[23]. Aber von litterarischen Erzeugnissen, wozu
jene kleinen Annalen kaum zu rechnen sind, ist nichts auf uns gekommen,
wenn nicht vielleicht die Xantener Annalen hierher gehören.

 [18] Die Angaben über sein Sterbejahr schwanken zwischen 818 u. 819,
      Sept. 3. B. Simson, Ludw. d. Fr. S. 232 für 818.

 [19] Hartzheim, Catal. bibl. Colon. (Col. 1752); cf. Archiv VIII, 617
      ff. Rettberg I, 540. Jaffé et Wattenbach, Ecclesiae Colon. Codices
      manuscripti, Berol. 1874; vgl. das Verz. der „libri praestiti de
      armario S. Petri“ saec. XI, ed. Dümmler e cod. Ampl. 64, Zeitschr.
      f. D. Alt. XIX, 466.

 [20] Davon gehören hierher _Ann. S. Petri Coloniensis_ 798. 810-818,
      nur einzelne Notizen e cod. 83 II, MG. SS. XVI, 730, Codd. p.
      29. 30, und bei Krusch, Studien zur christlich-mittelalterlichen
      Chronologie (Leipz. 1880) S. 197. _Ann. Col. brevissimi_ 814-870,
      I, 97 aus Eckh. Comm. de rebus Franciae orientalis.

 [21] Dümmler, Ostfr. II, 10. Höchst wahrscheinlich ist er der Gunthar,
      dem Meginhard ein Werk widmete, s. oben S. 240. Ein gleichzeitiges
      Gedicht in roher Form zum Preise Gunthars e cod. S. Galli 904
      ed. Dümmler im Anz. d. Germ. Mus. XVIII, 10; vgl. NA. IV, 319;
      wiederholt von Traube, Poet. Lat. III, 239.

 [22] Jaffé, Bibl. IV, 2. Auch im Wiener Cod. der Bonifaz. Briefe ist
      eine auf Williberts Weihe bezügliche Notiz, Bibl. III, 11.

 [23] S. oben S. 261 Anm. 1. Zu der bei Floß, Urkk. S. 124, erwähnten
      Verwüstung durch die Normannen 881 ist zu bemerken, daß _nomina_
      die Reliquien sind.

Etwas mehr hat sich aus =Lüttich= erhalten, dessen später so berühmte
Schule in ihren ersten schwachen Anfängen schon jetzt hervortritt. Noch
war es ein unbedeutender Ort, als ihm der Leib des um 672 erschlagenen
Bischofs Theodard von Mastricht, welchen sein Nachfolger =Landebert=
oder =Lambert= dort bestatten ließ, ein höheres Ansehen gab. An seinem
Grabe wurde Lambert selbst 708 (?) erschlagen: er hatte Pippin und
seiner Concubine Alpais Vorwürfe gemacht, Pippin war erschüttert und
dachte daran, seine rechtmäßige Gemahlin Plectrudis wieder zu sich
zu nehmen, da vollbrachte Dodo, der Bruder der Alpais, die Blutthat.
Nachdem eine Kirche dort erbaut und die Gebeine des Märtyrers feierlich
erhoben waren, mußte eine Legende geschrieben werden, aber noch fehlte
es an geeigneten Kräften. Der Autor, welcher die Ausführung nach
dem Maße seiner schwachen Kräfte in barbarischem Latein unternahm,
griff zur Vita Eligii und brachte mit starker wörtlicher Ausnutzung
derselben sein Werk zu Stande[24]. Der erbauliche Zweck ist durchaus
vorherrschend. Aber noch regierte Karl Martell, der Sohn der Alpais,
und aus Furchtsamkeit verschwieg er den wahren Anlaß des Todes. Auch
=Godesscalc=, ein Lütticher Domherr, welcher auf Befehl des Bischofs
Agilfrid sein Werk um 770 überarbeitete, folgt einfach seiner Vorlage
und beschränkt sich auf stilistische Verbesserung. Aber im Volke
erhielt sich die Erinnerung der That, und Ado in seinem Martyrologium
hat sie kurz berichtet, vielleicht kannte er schon eine Aufzeichnung,
deren später Anselm von Lüttich gedenkt, und deren Inhalt durch ihn
überliefert, nun auch in die späteren Bearbeitungen überging; auch
schon der Verfasser einer poetischen Version im Anfang des 10. Jahrh.
deutet darauf hin. Lange Zeit ist der Hergang in entgegengesetzter
Weise aufgefaßt; man glaubte hier ein recht deutliches Beispiel
davon zu haben, wie die Legenden mit der Zeit wachsen und tendenziös
entstellt werden, bis God. Kurth in, wie mir scheint, durchaus
schlagender Weise, gestützt auf den aus einer neugefundenen Handschrift
ergänzten Text des Anselm[25], den richtigen Sachverhalt nachgewiesen
hat[26]. Dieselbe Reticenz finden wir auch in der =Vita Theodardi=,
obgleich sie erst um die Mitte des 8. Jahrhunderts geschrieben
wurde[27].

 [24] Nachgewiesen von Kurth in der gleich zu erwähnenden Schrift,
      S. 102-112; es ergibt sich daraus auch, daß die Translation
      und Mirakel von dems. Vf. sind. Als diese älteste _Vita
      Lamberti_ betrachtet Kurth die bei Mabillon, Act. III, 1,
      69-76, gedruckte, welche bisher Godesscalc zugeschrieben wurde.
      Vgl. Fr. Scheibelberger: Die älteste Vita S. Lantperti, Oest.
      Vierteljahrsschrift f. Kath. Theol. (1871) X, 222-224, über den
      älteren einfacheren Text eines Linzer Codex. NA. II, 256 über
      den Brüsseler Cod. 9368. -- Ein Plagiat der V. Lamberti ist die
      älteste _V. Remaeli_, wie Kurth nachgewiesen hat im Bulletin de
      la Commission roy. d'histoire, 4. Série, tome III, n. 3.

 [25] In Anselms c. 8, MG. SS. VII, 195, muß es am Schluß der aus Regino
      (der aus Ado schöpfte) entlehnten Stelle: „ab iniquissimo Dodone
      et aliis viris de palatio missis improvise conclusus intra domum
      ecclesiae in Leodio vico occiditur“ heissen: Qua vero de causa
      regiam domum increpaverit, sic habet adhuc alterius scripturae
      relatio nobis a prioribus relicta u. s. w. Notice sur un manuscrit
      d'Hariger et d'Anselme conservé à l'abbaye d'Averbode. Bull. de la
      Comm. roy. 4. Série, II, n. 7. Kurth vermuthet eine Aufzeichnung
      in Stablo, wo Lambert früher, als er aus Mastricht vertrieben war,
      eine Zuflucht gefunden hatte; keine Vita Lamberti.

 [26] Étude critique sur S. Lambert et son premier biographe. Mém.
      couronné. Anvers 1876.

 [27] Kurth, Étude, p. 67 ff.

Lambert aber wurde nun der Schutzheilige von Lüttich, wohin von
Mastricht der Sitz des Bisthums verlegt wurde. Auch das Leben seines
Nachfolgers, des 727 verstorbenen Bischofs =Hugbert= oder =Hubert=, ist
von einem Zeitgenossen beschrieben und noch in seiner ursprünglichen,
sehr barbarischen Form vorhanden[28], nebst dem Bericht über seine
erste Translation 743. Wie darin die Vita Arnulfi und Vita Lamberti
ausgeplündert sind, haben Demarteau und Krusch gezeigt.

 [28] W. Arndt, Kleine Denkmäler aus der Merowingerzeit (1874) S. 52
      bis 70. Ausg. von De Smedt, Acta SS. Nov. I; vgl. Krusch, HZ. LXV,
      103-105.

Bischof =Waltcaud= (810-831) übertrug 825 den h. Hubert nach dem
neugestifteten Kloster Andagium, später =Saint-Hubert= in den Ardennen,
und nun bedurfte man einer Biographie, welche den gesteigerten
Anforderungen der karolingischen Zeit genügte. Dazu gelang es ihm,
den Bischof =Jonas von Orléans= zu bewegen, der zugleich auch diese
neue Translation beschrieb[29]. In der Widmung sagt Jonas zu ihm:
_cum assit vobis palatina scolasticorum facundia_. Doch ist das
vielleicht nur Phrase, oder bezieht sich, wie Dümmler, Ostfr. III,
650 annimmt, auf die Hofschule. Lüttich war eine Station für die nach
Rom pilgernden Irländer, und es haben sich noch Bittschreiben solcher
Wanderer erhalten[30]. Wenn aber in dem einen der Bittsteller, auf die
Empfehlung des Kaisers, vermuthlich Karls des Kahlen, sich berufend,
mit bitterer Klage über die allzu schmale Kost, den Brüdern der
Kirche gleichgestellt zu werden wünscht, so ist auf einen dauernden
Aufenthalt und Verwendung der gelehrten Fremdlinge für den Unterricht
zu schließen.

 [29] _Translatio S. Huberti_, Mab. IV, 1, 295 (278 ed. Ven.). Vorrede
      zu dem ganzen Werk Forsch. VI, 126, und bei Arndt a. a. O. nebst
      Inhaltsverzeichniß u. Translatio, S. 70-82; Transl. MG. SS. XV,
      234-237, von L. v. Heinemann. Ueber Jonas s. Ebert II, 225-230.
      Seine Schriften _de institutione laicali_ und _de institutione
      regia_ (834 für K. Pippin verfaßt) sind sehr lehrreich für die
      Kenntniß der damaligen Zustände; vgl. darüber B. Simson, Ludwig
      d. Fr. I, 381; K. Amelung, Leben u. Schriften des Bisch. Jonas v.
      Orléans, Progr. d. Vitzthumschen Gymn. zu Dresden 1888 (NA. XIV,
      219).

 [30] Dümmler, NA. XIII, 360-369, aus d. Zeit d. Bischofs Franco.

Schon Bischof =Hartgar= (840-854), der Erbauer eines neuen, mit
Gemälden schön geschmückten Bischofshofes, nahm in Lüttich den Iren
=Sedulius= und mehrere seiner Landsleute auf; wir werden sie oder
ihre Genossen in Mailand wiederfinden, und vielleicht machten sie
unterwegs Station in Salzburg. Sedulius, der Verfasser verschiedener
theologischer Werke und eines Fürstenspiegels[31], war nicht ohne
mancherlei Gelehrsamkeit und metrische Gewandtheit, des Griechischen
kundig, aber doch incorrect, oft schwülstig und dunkel, ein Freund
willkürlich neugebildeter Worte. Seine adulatorische Hofpoesie, der
es zuweilen nicht an ergötzlichem Humor fehlt, feiert Hartgar und
seinen Nachfolger =Franco= (854-901), Gunther von Cöln, bei dem er sich
auch einige Zeit aufgehalten hat, Adventius von Metz, den gelehrten
Markgrafen Eberhard von Friaul und andere Zeitgenossen; auch Kaiser
Lothar und dessen Familie. Ohne Zweifel gebührt ihm und seinen Genossen
ein Antheil an der späteren Blüthe der Lütticher Schule, aber auch
an der gesuchten und verkünstelten Schreibart, welche dort lange
herrschend blieb[32].

 [31] _Sedulii liber de rectoribus christianis_, ed. A. Mai, Spicil.
      Rom. VIII, 1-69. Nach Dümmlers Vermuthung vielleicht für Lothar
      II bestimmt; ältere Hss., welche die Entstehung nach Ludwigs d.
      Fr. Tod bestätigen, NA. III, 188. Entlehnungen aus der Hist. Aug.
      stammen nach Mommsen im Hermes XIII, 298-301, aus der Sammlung
      von Excerpten, welche sich in einer Cusaner Hs. erhalten hat. --
      Vgl. Ebert II, 191-202; Dümmler, NA. IV, 315-320.

 [32] Nachdem die Gedichte des Sedulius von Dümmler, Grosse, Pirenne
      einzeln herausgegeben waren, sind sie jetzt vereinigt von
      Traube, Poet. Lat. III, 151-237, und über die sehr merkwürdige
      Persönlichkeit des Sedulius handelt ders. in O. Roma nobilis, S.
      338 ff.

Bischof Franco erhob in =Eika= (Alteneyk bei Maaseyk) die ersten
Aebtissinnen =Harlindis= und =Reinila=, welche angeblich von Willibrord
und Bonifatius geweiht waren, deren Leben bald darauf, noch vor der
Verwüstung durch die Normannen, beschrieben ist, und für den Mangel an
geschichtlichem Inhalt durch culturhistorische Züge entschädigt[33].

 [33] Acta SS. Mart. III, 386-392, und daraus Mab. III, 1, 654-663.
      Ueber die Bestätigung der Nachrichten durch Denkmäler Friedrich,
      Kirchengeschichte II, 346.

Einen merkwürdigen Mann finden wir in der zweiten Hälfte des neunten
Jahrhunderts in der Brüderschaft der Klöster Stablo und Malmédy,
=Christian=, nach Sigebert aus Aquitanien stammend, einen würdigen
Vertreter karolingischer Bildung. Mit umfassender Gelehrsamkeit, auch
der griechischen Sprache nicht unkundig, hat er mit merkwürdig freier
Denkweise und nüchterner Verständigkeit einen Commentar zum Matthaeus
geschrieben, aus welchem Dümmler allerlei für die Zeitgeschichte
lehrreiche Aeußerungen zusammengestellt hat[34]. Ausserdem besitzen wir
eine bald nach 850 geschriebene Beschreibung der Wunderthaten des h.
Remaclus, zu welcher, nachdem das Kloster von der Zerstörung durch die
Normannen 881 sich erholt hatte, weitere Zusätze gemacht sind[35].

 [34] Ueber Chr. von Stavelot u. seine Auslegung zum Matthaeus, Berl.
      SB. 1890, S. 935-952.

 [35] _Ex Miraculis S. Remacli Stabulensibus_, ed. O. Holder-Egger, SS.
      XV, 1, 431-443.

Außer der kurzen, vom Probst =Liuthard= verfaßten Erzählung von
der =Uebertragung des h. Justus= bald nach 900 nach =Malmédy=[36]
ist schließlich nur noch die =Bisthumsgeschichte von Verdun=[37] zu
erwähnen, von =Berthar=, der erste Versuch einer Localgeschichte, an
denen später Lothringen so reich war, nach der traurigen Zeit der
feindlichen Verwüstungen, denn der Verfasser schrieb erst nach dem
Brande der Domkirche im Jahre 916 oder 917; sein Werk reicht aber nur
bis in die Zeit des Kaisers Arnulf und ist wegen des fast gänzlichen
Mangels an älteren Quellen sehr dürftig[38]. Veranlaßt war er zu seinem
Unternehmen durch den Bischof =Dado= (880-923), den Freund Salomons III
von Constanz, von dessen eigenen Aufzeichnungen über seine und seiner
Vorgänger Geschichte ein Fragment sich erhalten hat. Aus Metz besitzen
wir Briefe und ein Epitaphium des Bischofs =Adventius= (858-875), den
auch Sedulius gepriesen hat[39]; aus Toul sind uns einige Briefe des
Bischofs =Frothar= (813-848) erhalten[40].

 [36] Martene. Coll. VI, 833; MG. SS. XV, 1, 566. Spät geschrieben und
      fabelhaft ist die _Translatio S. Quirini Malmundarium_, angeblich
      808, mit einem fingirten Briefe Hildebalds von Cöln an Karl den
      Großen. Mart. Thes. III, 1685-1690.

 [37] _Bertharii Gesta episcoporum Virdunensium_, ed. Waitz, MG. SS. IV,
      36. Benutzung von Fortunats Gedichten NA. XII, 591. _Nomina epp.
      Virdun._ SS. XIII, 307.

 [38] Ueber die fabelhafte _Vita S. Mengoldi_ s. oben S. 174.

 [39] Poet. Lat. III, 225. Ueber Adventius s. Baehr S. 110; aus einer
      Briefsammlung, die sich auf Lothars II Ehehandel bezieht, sind
      bei Baronius noch mehr Briefe, alle von Dümmler sorgfältig benutzt
      und angeführt. -- NA. IV, 526.

 [40] Du Chesne II, 712-723. Bouquet VI, 386-397. Vgl. Ch. Pfister in
      Annales de l'Est 1890, S. 261 ff.


§ 18. Schwaben.

 Stälin I, 235-240. Baehr S. 118-122. Ild. v. Arx, Geschichte von
     St. Gallen. Weidmann, Geschichte der Bibliothek von St. Gallen,
     1841. G. Scherrer, Verz. der Handschriften d. Stiftsbibl.
     Halle 1875. F. Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen
     Manuscripten der Schweizer Bibliotheken, in den Mittheilungen der
     Antiquarischen Gesellschaft in Zürich VII, 3. 1851. Dümmler, Das
     Formelbuch des Bischofs Salomo III von Constanz, 1857. Derselbe,
     St. Gallische Denkmale aus der Karolinger Zeit, Mittheilungen
     der Antiquarischen Gesellschaft XII, 6. 1859. G. Meier, Gesch. d.
     Schule von St. G. im Mittelalter, im Jahrb. f. Schweizer Gesch.
     X. St. Gallische Geschichtsquellen, neu herausgeg. v. G. Meyer
     von Knonau. 1870-1877. Rec. von Dümmler, HZ. XXXVIII, 327-343.
     Uebers. von Ekk. Casus nebst Proben aus den übrigen Theilen, von
     M. v. Knonau, 1878, Geschichtschr. 38 (X, 11). Ueber Sanct-gall.
     Formelsammlungen Zeumer, NA. VIII, 505-553.

Wenden wir unsern Blick nach dem Süden Deutschlands, so zieht vor allem
=St. Gallen= unsere Aufmerksamkeit auf sich, nebst dem nahe gelegenen
=Reichenau=. Hatten wir früher schon in dem alten Leben des heiligen
Gall wenigstens einen ersten Versuch litterarischer Thätigkeit zu
erwähnen, so finden wir nun auch hier einen Schüler Alcuins, Grimald,
als Abt (841-872); Sanctgaller Mönche, wie Werinbert und Hartmut,
Otfrids Mitschüler, besuchen, wie es scheint, die berühmte Schule des
Klosters Fulda, und Hrabans Schüler Walahfrid wird Abt von Reichenau
(842-849). Hierzu kommt noch der Unterricht gelehrter Iren, welche
auch die Kenntniß des Griechischen hier heimisch machen, während
der lebhafte Verkehr mit Italien nicht minder anregend wirkt. Die
Sanctgaller Schule war vielleicht von allen die bedeutendste, und
glücklicher Weise besitzen wir zugleich von ihr das lebendigste Bild
in der reichhaltigen Klosterchronik[1], welche von verschiedenen
Verfassern bis 1330 fortgeführt wurde. Die Schule war hier lange
Zeit der Mittelpunkt des Klosterlebens, der Stolz und die Freude der
Sanctgaller Mönche, und die Lebensnachrichten von den bedeutenderen
Lehrern nebst mannigfachen Schulgeschichten verschiedener Art
nehmen einen sehr hervorragenden Raum in der Chronik ein. Doch die
Aufzeichnung dieses Theiles derselben gehört einer späteren Zeit an;
von Ekkehard (IV) im elften Jahrhundert nach mündlicher Ueberlieferung
aufgezeichnet, ist er in allen Einzelheiten unzuverlässig, giebt aber
doch ein culturhistorisch unschätzbares, im Gesammteindruck auch sicher
zutreffendes Bild. Der erste Theil dagegen bis zum Jahre 883, von
Ratpert verfaßt, ist erfüllt von den äußeren Schicksalen des Klosters,
den langen Kämpfen um seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit, welche
den Bischöfen von Constanz nur mit Mühe abgerungen war, und gegen
verschiedene Anfechtungen vertheidigt wurde. Das Verhältniß zu den
Bischöfen, welche formell völlig im Rechte waren, hat Ratpert, der
schon ganz entstellten Klostertradition folgend, durchaus umgekehrt
dargestellt, wie kürzlich Sickel auf die Urkunden gestützt nachgewiesen
hat[2]; seine Aufmerksamkeit aber war diesem Gegenstand so vorwiegend
zugewandt, daß er auch aus der späteren Zeit der Blüthe wenig über das
innere Leben des Klosters berichtet.

 [1] _Casus S. Galli_ ed. Ild. v. Arx, MG. SS. II, 59-183 (bis zum
     Jahre 1233). Zwischen 833 und 890 ist ein Stück verloren, auf
     welches sich Ekkehard in seiner Fortsetzung MG. II, 83 mit den
     Worten bezieht: _Kerhaldo_ (corr. _Bernhardo_) _itaque abbate,
     ut alias in alio libro relatum est, deposito_ (890). In d. neuen
     Ausg. c. 11 S. 37 fehlen die Worte _in alio libro_. Nach G.
     Scherrer, Verz. S. 9 u. 166, hat Jod. Metzler († 1639) noch
     eine verlorene Quelle gehabt. -- _Ratperti Casus S. Galli_ nach
     obiger Ausgabe bei Migne CXXVI, 1055-1080. Neue Ausg. von G.
     Meyer von Knonau in den St. Galler Mittheilungen zur vaterl.
     Gesch. XIII. mit ausführl. Commentar u. Excursen. Desgleichen
     _Ekkeharti_ (IV) _Casus S. Galli_ ebenda XV. XVI. 1877. Mit den
     Vitis et miraculis Galli et Otmari auch besonders ausgegeben als
     St. Gall. Geschichtsquellen. -- _Catal. abb. S. Galli, Augiensium,
     epp. Constantt._ MG. II, 34-39; ersterer neu herausgegeben u.
     bearbeitet von G. Meyer von Knonau, Mittheil. XI, 125-138; v.
     Holder-Egger SS. XIII, 326-330; Aug. ib. p. 331; Const. p. 324.
     -- Mitth. XI, 1-124 St. Galler Todtenbuch und Verbrüderungen,
     von E. Dümmler und H. Wartmann; S. 6 über das um 817 angelegte
     Verbrüderungsbuch. Dieses ist jetzt von P. Piper herausgegeben,
     MG. Libri Confraternitatum, 1884, 4. Verz. d. Constanzer
     Domgeistlichkeit s. XI. NA. XI, 408.

 [2] Th. Sickel, St. Gallen unter den ersten Karolingern, in den
     Mittheilungen zur vaterl. Gesch. IV. 1865. Daß die Bischöfe doch
     auch über ihre formelle Berechtigung hinaus sich, wie es fast
     immer geschah, Uebergriffe erlaubt haben mögen, hebt Monod zu
     Ratperts Gunsten hervor, Revue crit. 1873, II, 409-413.

Die ersten Zeiten des angestrengten und oft unglücklichen Kampfes
waren der litterarischen Entwickelung nicht günstig. Eine Zierde des
Klosters war jedoch schon damals =Waldo=, der zum Abt erhoben, nach
Ratperts Darstellung wegen der Bedrängung durch den Bischof nach 1-1/2
Jahren (784) die Abtei Reichenau erhielt, welcher er 22 Jahre vorstand,
endlich aber als Abt von Saint-Denis bis an seinen Tod 813 an dem
litterarischen Treiben des Hofes Theil nahm[3].

 [3] Verse von König Ludwig und von dem Schotten Dungal an Baldo hat
     Dümmler herausgegeben im Arch. d. W. Ak. XXII, 289, vgl. S. 283,
     u. (mit Froben) auf ihn bezogen, folgt jedoch Poet. Lat. I, 412
     Foltz, Gesch. d. Salzb. Bibl. S. 13, welcher den Salzburger Lehrer
     Baldo unterscheidet; s. unten S. 292.

Die neugewonnene Freiheit unter dem selbständigen Abte =Gozbert=
(816-837) erwies sich für das Gedeihen des Klosters sehr förderlich;
830 begann Gozbert den Bau der neuen Kirche, zu welcher er den noch
vorhandenen Grundriß[4] entwerfen ließ; der Urheber desselben, welcher
den Musterplan eines großen Benedictinerklosters darstellt, ist
unbekannt, eine Widmung, gerichtet, wie es scheint, an den jüngeren
=Gozbert=, des Abtes gleichnamigen Neffen. Dieser beschrieb um diese
Zeit das Leben des ersten Sanct Galler Abtes Othmar, welcher am 16.
November 759 in der Verbannung gestorben war, und fügte auch zum
Leben des heiligen Gallus, welches der Reichenauer Wetti für Gozbert
bearbeitet hatte (oben S. 120), ein Buch über die Wunder desselben
hinzu. Doch genügten ihm selber diese Arbeiten nicht, und er bat den
berühmten Abt von Reichenau, Walahfrid, beide zu überarbeiten[5].
Uns liegt daher das Leben Othmars nur in Walahfrids reiner Sprache
vor; es enthält einige schätzbare Nachrichten über die damaligen
Verhältnisse von Alamannien, doch tilgte leider Walahfrid die Namen
der Gewährsmänner als zu barbarisch. Begreiflich ist es, daß man
daneben auch des heiligen Gallus Leben in seiner schlichten unsauberen
Gestalt nicht mehr ertragen konnte: wenn es bei der Mahlzeit oder
am Gedächtnißtage des heiligen Mannes verlesen wurde, störten die
Germanismen und Sprachfehler die Andacht der Zuhörer. Walahfrid mußte
deshalb auch dieses Buch nebst den dazu gefügten Wundergeschichten in
eine zeitgemäße Form bringen[6]; doch hat sich auch Wettins Arbeit
erhalten. Auch in Versen wollte Walahfrid denselben Gegenstand
behandeln, ist aber nicht mehr dazu gekommen. Dagegen hat es auf
das ungestüme Andrängen des jüngeren Gozbert, des Kahlkopfs, ein
ungenannter Mönch unternommen und in der That Walahfrids Werk im Jahre
850 in Hexameter umgesetzt, doch stand sein Können bei weitem tiefer
und entsprach nicht seinem guten Willen[7].

 [4] F. Keller, Bauriß des Klosters St. Gallen vom Jahr 820. Zürich
     1844. Von dem etwas späteren Bau Grimalds heißt es im cod. 397:
     Aula palatinis perfecta est ista magistris, Insula pictores
     transmiserat Augia clara.

 [5] Sie sind nur in dieser Form vorhanden, _V. S. Othmari_ MG. II, 41
     bis 47, und von G. Meyer von Knonau Mitth. XII, 94-113. Uebers.
     v. Potthast mit Vita S. Galli. _Miracula S. Galli_ ib. 21-31 u.
     62-93.

 [6] Gedruckt bei Mabillon Act. II, 227-250. Neue Ausg. von R. Thuli,
     St. Gall. Mitth. XXIV (1890) S. 1-76. Daran knüpft sich eine
     Kritik in dem wunderlichen Dialog, welcher Notker u. Hartmann
     in den Mund gelegt, aber viel jünger ist, höchst confus u. voll
     chronolog. Widersprüche, bei Weidmann, Gesch. d. Stiftsbibl. S.
     483-493 (S. 486 l. _stropha_ statt _scropha_).

 [7] Nur der Anfang MG. II, 31. Vollständig zuerst herausgegeben von
     Dümmler, Poet. Lat. II, 428-473, vgl. p. 266.

Nach dem Bürgerkriege verlieh Ludwig der Deutsche die Abtei seinem
Erzkaplan =Grimald= (841-872), der sich das Wohl derselben sehr
angelegen sein ließ, so daß jetzt die rechte Blüthezeit des Klosters
und namentlich der Schule beginnt[8]. Da er selbst nicht Mönch war und
in der Regel am Hofe lebte, vertraute er Hrabans Schüler Hartmut die
unmittelbare Verwaltung des Klosters an, und nach Grimalds Tod stand
dieser demselben bis 883 als Abt vor. Beide sorgten eifrig für die
Bereicherung der Bibliothek, und als der erste bedeutende Lehrer wird
unter ihnen =Iso= genannt[9]; ihm zur Seite der Schotte =Moengal=,
auch =Marcellus= genannt[10], welcher in der inneren Schule die für das
Mönchskleid bestimmten Knaben unterwies, während jener in der äußeren
Schule die Söhne des Adels für ihren Beruf als Domherrn und Bischöfe
vorbereitete.

  [8] Vgl. oben S. 222. Gegen Scherers einseitige Hervorhebung des
      Einflusses der Fulder Schule, s. Dümmler Ostfr. III, 655. Ein für
      Grimald scotice geschriebener Priscian bei F. Keller l. c. tab.
      XI, 2. Libri quos Gr. de suo dedicavit, bei Weidmann S. 396-400.
      Ein Recept de libro Grim. Zeitschr. f. D. Alt. XX, 214.

  [9] Urkundlich in St. Gallen erwähnt von 852-868.

 [10] Von 848-865 urkundlich erwähnt. Er war vorher Abt von Bangor in
      Ulster u. starb 871. NA. XVII, 211. -- Sehr barbarische Verse von
      =Dubduin= zum Preise seiner Landsleute NA. X. 341.

Im Jahre 864 wurde Othmars Leib erhoben und in der neuen Kirche des
heiligen Gallus feierlich beigesetzt, bis 867 die ihm bestimmte eigene
Kirche vollendet war, welche auch Grimalds Ruhestätte wurde, der 870
zuletzt als Kanzler erscheint, und den Rest seiner Tage in St. Gallen
zubrachte. Von jener Erhebung Othmars mit den Wundern, die dabei
natürlich nicht fehlten, berichtet uns eine bald nachher verfaßte
Schrift Iso's[11]. Später soll dieser jedoch das Kloster verlassen,
und als Lehrer im Kloster Grandval eine große Wirksamkeit und
außerordentlichen Ruf erlangt haben, bis er am 14. Mai 871 starb.

 [11] _Ysonis de miraculis S. Othmari libri II_, MG. SS. II, 47-54.
      Mitth. XII, 114-139 im Auszug. Ekkehards Erzählung von Iso's
      Wirksamkeit in Burgund bezweifelt Dümmler Denk. S. 260, weil
      er 868 noch in St. Gallen war. M. v. Knonau jedoch, der zum
      Ekkeh. S. 116-126 über Iso handelt, hält seine Thätigkeit in
      Moutier-Grandval für gesichert durch die Tradition, nur kann nicht
      Rudolf von Burgund ihn eingeladen haben, sondern der Bischof von
      Basel.

Die volle geistliche Bildung der inneren Schule erhielten zwei Schüler
des Iso, welche Marcellus von ihm übernahm, und nicht minder als in der
Wissenschaft, auch in der Musik und anderen Künsten unterwies, deren
er als Irländer Meister war. Diese waren der berühmte Erfinder der
Sequenzen, Notker der Stammler[12], später Marcellus' Gehülfe, Verfasser
des oben erwähnten Martyrologiums und anderer Werke, die wir gleich
zu erwähnen haben werden, und der kunstreiche Tutilo[13]. Als dritten
nennt Ekkehard auch =Ratpert=, einen Züricher, der aber vielmehr sein
Zeitgenosse war, und bis an das Ende des neunten Jahrhunderts der
Klosterschule vorstand. Dieser hat, wie schon erwähnt, den ersten
Theil der Klosterchronik verfaßt. Die Einweihung der von der Aebtissin
Bertha, Ludwig des Deutschen Tochter, neu erbauten Fraumünsterkirche in
Zürich verlockte ihn zu einer Wallfahrt, die er in Versen ausführlich
beschrieb[14]; übrigens aber war er so eifrig in seinem Amte, daß er
jede Entfernung vom Kloster dem Tode gleich achtete, und nicht mehr
als zwei Schuhe im Jahre verbrauchte; selbst die Messen und Gebete
versäumte er darüber, denn sagte er, wir hören die besten Messen, wenn
wir andere lehren sie zu feiern. Unnachsichtig handhabte er den Stock,
der überhaupt in diesen Jahrhunderten eine große Rolle in der Erziehung
spielte, und doch wußte er sich durch seine Berufstreue und wahres
Wohlwollen auch die Liebe seiner Schüler zu gewinnen. Als er auf seinem
Todbette lag, hatte gerade das Fest des heiligen Gallus (Oct. 16) die
Geistlichkeit Alamanniens im Kloster versammelt, und 40 seiner Schüler
umgaben das Sterbelager ihres Lehrers[15].

 [12] S. über ihn Dümmler Denkm. S. 244 ff. 258 ff. NA. IV, 546.
      Meyer v. Kn. zu Ekk. S. 126 ff. und Der h. Notker v. St. Gallen,
      Neujahrsbl. 1877. Er starb 912. Autograph von ihm bei W. Arndt,
      Schrift. 15^b.

 [13] Dessen berühmtes Diptychon abgebildet in: Das Kloster St. Gallen
      I. Herausgegeben vom historischen Verein in St. Gallen, 1863, und
      bei Alwin Schultz: Tuotilo von St. Gallen in: R. Dohme, Kunst
      und Künstler des Mittelalters und der Neuzeit, I, 1877; doch
      vgl. dazu Rahn: Nachlese zur Gesch. der bildenden Künste in der
      Schweiz, S. 787-790. u. M. v. Knonau zu Ekkeh. S. 93 u. 129. Jul.
      v. Schlosser, Wiener SB. CXXIII, S. 180 bis 185.

 [14] Erhalten ist nur ein Bruchstück, die Beschreibung der neuen
      Kirche und der Uebertragung von Reliquien der hh. Felix et Regula
      vom Großmünster nach Fraumünster, herausgegeben v. G. von Wyß,
      Geschichte der Abtei Zürich (Mittheil. VIII), Beilagen S. 11;
      vgl. Dümmler Denkm. S. 255. Ostfr. II, 427. G. Meyer von Knonau
      in d. Vorrede der Casus. Sein Lobgesang auf den heiligen Gallus
      in Ekkehards lat. Uebersetzung bei Müllenhoff und Scherer I, 217.
      II, 78. Vgl. Dümmler, NA. IV, 541. G. R. Zimmermann, Ratpert der
      erste Zürchergelehrte (Basel 1878) ohne wissensch. Werth nach
      Dümmler im Centralbl. Sp. 1314.

 [15] Das Jahr des Todes ist wegen der vielen gleichnamigen Mönche ganz
      ungewiß.

Als Karl III 883 das Kloster besuchte[16], fand er in St. Gallen
einen alten Mönch, dessen Gedächtniß noch in die Zeit des großen Karl
reichte und der die Geschichten zu erzählen wußte, welche er einst von
des tapferen Gerolds Waffengefährten, von Adalbert und dessen Sohne,
dem Priester Werinbert, gehört hatte. Karl III, von dem sonst wenig
löbliches zu berichten ist, hatte an diesen Geschichten solche Freude,
daß er den guten Alten veranlaßte, sie aufzuschreiben; emsig ging er
an die Arbeit, scheint sie aber nicht vollendet zu haben. In diesem
Mönche hat man schon früh =Notker= den Stammler erkannt, aber Pertz
widersprach dieser Annahme, weil der Stil gar zu roh und grammatisch
fehlerhaft ist, und weil Notker damals noch nicht alt genug war, um
durch Zahnlosigkeit zum Stammler geworden zu sein. Es scheint jedoch,
daß er durch einen Naturfehler gestammelt hat, und die Vergleichung
der Ausdrucksweise hat den vollkommen überzeugenden Nachweis gestattet,
daß wirklich Notker der Verfasser dieses anmuthigen Buches gewesen ist,
an welchem man schon früh und vielfach Gefallen gefunden und es trotz
seiner mangelhaften Form mit Einhards Meisterwerk verbunden hat.

 [16] Hierhin gehören wohl die Verse von Ratpert, Hartmann, Notker
      Balbulus u. a., die sich vielleicht alle auf diese Gelegenheit
      beziehen, neu herausgegeben von Dümmler, Denkm. S. 218-221, vgl.
      255 ff. und ein späteres vielleicht von 887 S. 221, vgl. 257. Das
      von Waldram verfaßte _Rex benedicte_ S. 220, ist aber Weihn. 911
      an Konrad gerichtet, nach Heidemann S. 454, vgl. M. v. Knonau,
      Jahrbuch 1867 S. 129. Litanei aus König Konrads Zeit bei Dümmler,
      Denkm. S. 222, vgl. 258. NA. IV, 510. 551.

Ferner aber ist es wegen der auffallendsten Uebereinstimmungen in
Ausdruck und Auffassung als vollkommen sichergestellt anzusehen,
daß Notker auch der Fortsetzer der oben S. 219 erwähnten Chronik
Erchanberts gewesen ist[17]. Er fügte nämlich eine kurze Uebersicht über
die Theilungen und die Regentenfolge im karolingischen Reich hinzu,
bald nach der Kaiserkrönung Karls III (881), von dem er mit lebhafter
Verehrung spricht, wie denn auch damals noch kein Grund war, an seinen
guten Erfolgen zu zweifeln.

 [17] MG. SS. II, 329. Uebers. bei dem Mönch von St. Gallen.
      Notkers Autorschaft nachgewiesen von B. Simson u. Zeumer, s.
      Waitz-Aufsätze S. 113; NA. XII, 428.

Des Kaisers Besuch erschien als ein Höhepunkt der Blüthe des Klosters,
und nicht ohne Wahrscheinlichkeit vermuthet Meyer von Knonau, daß eben
hierdurch Ratpert zur Abfassung der Gesta veranlaßt sei, welche mit
diesem Besuche abschließen. Auch mit des Kaisers Günstling, Bischof
Liutward von Vercelli, einem geborenen Schwaben, standen die Mönche in
gutem Vernehmen und Notker widmete ihm seine Sequenzen[18].

 [18] Vgl. Meyer v. Knonau, Mitth. XIII, 60. XV, 161.

Am Schlusse dieser Periode steht Notkers berühmtester Schüler[19]
=Salomo= III, von 890-920 Bischof von Constanz und zugleich Abt von
St. Gallen, ein Mann von den glänzendsten Geistesgaben, der kluge
und gelehrte Freund Hatto's von Mainz, der das schöne und blühende
Kloster wie seinen Augapfel liebte und hegte. Mehrere uns erhaltene
Briefe und Gedichte zeugen von Notkers Liebe zu ihm und zugleich von
der Sorge des treuen Lehrers um das Seelenheil seines Schülers in
den Gefahren der Welt, denen er am Königshofe ausgesetzt war. Eine
Mustersammlung von Urkundenformeln und Briefen[20], in welcher uns
einige auch für die Geschichte der Zeit wichtige Briefe aufbewahrt
sind, während die Urkunden über mannigfache Verhältnisse reichen
Aufschluß gewähren, schrieb Dümmler Salomo um das Jahr 896 zu, während
nach Zeumers Ansicht Waldo mit seinem Bruder Salomo sie 877 und 878
während ihres Aufenthalts bei Salomo II von Constanz und Liutbert von
Mainz zusammengebracht haben, Notker nachträglich noch einige Briefe
hinzugefügt hat. Schon war man in Reichenau[21] und an andern Orten mit
ähnlichen Sammlungen vorangegangen, aber die Sanctgaller Sammlung läßt
sie durch ihren Inhalt wie durch ihre Form weit hinter sich. Aus der
späteren Zeit besitzen wir von Salomon zwei schöne poetische Episteln
an den Bischof Dado von Verdun, deren ansprechender, von wahrem Gefühl
getragener Inhalt die ziemlich incorrecte Form übersehen läßt; die
Ueberschrift „Versus Waldrammi ad Dadonem episcopum a Salomone episcopo
missi“ läßt jedoch vermuthen, daß sie nur im Auftrag und nach Anweisung
Salomons in dessen Namen von =Waldram= verfaßt sind. In der einen[22]
beklagt der Bischof in elegischer Form voll tiefer Trauer den Tod
seines letzten Bruders, des Bischofs Waldo von Freising (906), an den
nach Zeumer mehrere der Briefe in der Formelsammlung gerichtet sind;
in der anderen[23], schon früher geschriebenen, schildert er mit den
lebhaftesten Farben das Unglück des Vaterlandes, dessen König ein Kind
ist, dessen Gaue erfüllt sind von allgemeiner Zwietracht, von innerem
Kampfe in allen Ständen des Volkes, während die Ungern ungehindert
das Land verheerend durchziehen. Auch St. Gallen wurde von ihnen 926
verheert.

 [19] Diese Ansicht Dümmlers bekämpft Dammert, Forsch. VIII, 327 bis
      366 u. will vielmehr Roudker, den Ekkehard als Mentor Salomons
      bezeichnet, auch die Briefe zuschreiben. Meyer v. Knonau hat
      diese Ansicht S. 21 als chronologisch unmöglich widerlegt. Ebenso
      bekämpft er S. 4 auch Notker, aber hier ist die Chronologie ganz
      unsicher, und mir erscheinen die Gründe für Notker auch jetzt
      noch überwiegend, u. so auch Zeumer, NA. VIII, 513-517. -- Ueber
      Salomons Familie s. Graf Zeppelin, Thurgauische Beitr. XXX, 42.

 [20] Früher _Formulae Alsaticae_ genannt. Zum ersten Mal kritisch
      und vollständig herausgegeben von Dümmler: Das Formelbuch des
      Bischofs Salomo III, Leipzig 1857. Verbesserungen St. Gallische
      Denkm. S. 261. Verse von Notker (?) an Salomo S. 225. Ueber Salomo
      Formelbuch 103 ff. Denkm. 262 ff. Eine populäre Schilderung
      in: Das Kloster St. Gallen, vom historischen Verein, II, 1864,
      mit schöner Abbildung seines grossen C in Sintrams Evangelium
      longum. Das Formelbuch nach der Münchener Handschrift ed.
      Rockinger, Quellen zur bayerischen und deutschen Geschichte VII,
      und in De Rozière's Sammlung. Vgl. auch Heidemann, Salomon III
      von Constanz vor Antritt des Bisthums, Forsch. VII, 425-462.
      Dammert ib. VIII, 327-366. Vorzüglich aber jetzt Zeumer, Formulae
      Salomonis, NA. VIII, 506-540, u. seine Ausgabe MG. Form. p.
      390-437. Ein merkwürdiges Denkmal der St. Galler Gelehrsamkeit
      und Schreibkunst ist das Psalterium, welches Salomo 909 schreiben
      ließ, mit 3 lateinischen Versionen und dem griechischen Text in
      lateinischen Buchstaben, mit einem einleitenden Gedicht; dieses
      neu herausgegeben von Dümmler, Ostfr. (1. Ausg.) II, 681, von
      Hamann: Canticum Moysi ex psalterio quadruplici Salomonis III
      (Lips. 1874), p. 18. Frühzeitig ist eine um 6 Verse am Anfang
      verstümmelte Abschrift der Verse verbreitet, s. Bianchini,
      Vindiciae p. CCLI, Codd. Colon. p. 3. 4.

 [21] Zeumer, Reichenauer Formeln, NA. VIII, 481-505. Daselbst S. 547
      ff. Nachweis, daß Iso nur irrthümlich Formeln zugeschrieben sind.

 [22] Nach Canis. (II, 3, 245) berichtigt nach der Handschrift von
      Dümmler, Denkm. S. 239, mit dem größtentheils aus Reminiscenzen
      von Venantius bestehenden Trostgedicht von Waldram, und anderen
      Gedichten desselben. Vgl. Scherrers Verz. 73 über den Cod. 197.
      NA. IV, 550-554.

 [23] Bei Dümmler, Denkm. S. 230-239 (v. 9. l. iterare, v. 42: si
      domui conjuncta domus primordia sumpsit.); vgl. W. Giesebrecht,
      Geschichte der Kaiserzeit I, 174, Dümmler, Ostfr. III, 527. Ueber
      die Salomo zugeschriebene Encyclopädie (_Glossae Salomonis_)
      s. Stälin I, 404, Scherrers Verz. S. 321 bis 323. Sie ist von
      älterem Ursprung und die Benennung ungerechtfertigt, doch könnte
      S. vielleicht diese Sammlung veranlaßt haben. Als Ableitung eines
      älteren Glossars nachgewiesen von G. Götz: Der liber glossarum,
      Leipz. 1891 (Abh. d. philol.-hist. Cl. der K. Sächs. G. d. W.
      XIII).

Ekkehards lebendige Schilderung hat die Sanctgaller Schule unsterblich
gemacht; ohne ihn würden wir nicht so gar viel davon wissen, und ohne
Zweifel herrschte in manchem andern Kloster ein ganz ähnliches Treiben,
von dem nur niemand uns Nachrichten aufbewahrt hat. So vor allem in
=Reichenau=, welches schon in hoher Blüthe stand, als St. Gallen noch
schwach und unbedeutend war[24]. Abt =Waldo= (784-806), ein vornehmer
Herr, mit Grimald nahe verwandt und vorher Abt von St. Gallen (oben S.
269), hatte schon den Mönch Wadilcoz nach dem Martinskloster zu Tours
geschickt, der von dort Bücher für die Bibliothek übersandte, welche
Waldo mit großem Eifer zu bereichern bestrebt war[25]; unter ihm begann
der fleißige =Reginbert= seine musterhafte Thätigkeit für dieselbe,
welche er bis an seinen Tod 846 rastlos fortsetzte, theils durch eigene
Arbeit, theils durch Geschenke die Sammlung zu sehr ansehnlichem
Umfang vermehrend[26]. Ihm übersandten seine Schüler Grimald und
Tatto die Klosterregel nebst den Beschlüssen des Reichstages von
817, der wohl ihre Aussendung veranlaßt hatte[27]. Auf seinen Antrieb
schrieb Walahfrid das bedeutende Werk _de rebus ecclesiasticis_, wie
dieser es in den Worten ausspricht: _Dura Reginberti jussio adegit
eum_. Als Lehrer war neben ihm =Heito= thätig, ein Bruder jenes
Wadilcoz, Waldo's Nachfolger als Abt und Bischof von Basel, welches
Bisthum Waldo ebenfalls verwaltet hatte. Karl der Große sandte ihn
811 nach Constantinopel, und über diese Sendung verfaßte er eine
Reisebeschreibung[28], die leider verloren ist; 823 entsagte er seinem
Bisthum und zog sich in sein altes Kloster zurück, wo er 836 gestorben
ist. Die Abtei übergab er =Erlebold= (823-838), der bei einem leider
ungenannten Schotten große Gelehrsamkeit erworben, und Heito auf seiner
Reise begleitet hatte. Der Schule standen jetzt =Tatto= († 847) vor,
den Walahfrid seinen Lehrer nennt, in dessen Namen er Verse an Ebo von
Reims und an Thegan richtete[29], und =Wetti=, ein naher Verwandter
Grimalds und Waldo's. Wie mangelhaft jedoch noch seine grammatische und
metrische Bildung gewesen ist, haben wir jetzt erst mit Verwunderung
erfahren, da durch das von Bücheler entdeckte Akrostichon (oben S.
120) festgestellt ist, daß er der Verfasser der Vita S. Galli und ihrer
Widmung in ganz barbarischen Hexametern ist, welche man für viel älter
gehalten hatte. Wetti hatte kurz vor seinem Tode am 3. November 824
eine Vision, indem er, wie so viele andere vor und nach ihm, Himmel und
Hölle zu durchwandern glaubte, und was er in diesen Regionen gesehen
zu haben vermeinte, den gläubigen Brüdern berichtete. Heito hatte
diese Vision in Prosa[30], Walahfrid in Versen bearbeitet[31], und der
Eindruck derselben auf die Zeitgenossen war außerordentlich groß; hatte
er doch sogar den großen Kaiser Karl im Fegefeuer Schlimmes leiden
gesehen, auch Waldo. Beide werden, nebst einigen anderen, von Walahfrid
nur durch Acrosticha bezeichnet. Unter den Märtyrern dagegen erscheint
darin =Gerold=, der Königin Hildegard Bruder, welcher im Kampfe gegen
die Avaren gefallen war, ein geborner Alamanne, und des Klosters Hort
und Beschirmer. Eine vielleicht von Walahfrid verfaßte Grabschrift
auf ihn[32] findet sich in einer Handschrift neben dem Epitaph des
=Bernald=, an den die Reichenauer ebenfalls mit Stolz zurückdachten.
Dieser Bernald war nämlich ein geborner Sachse, aber in Reichenau
erzogen; er kam dann in die kaiserliche Capelle, und erhielt um das
Jahr 821 das Bisthum Straßburg. Zu den treuen Anhängern des alten
Kaisers gehörend, wurde er 825 als Gewaltbote nach Rätien, 832 nach Rom
gesandt, und starb am 17. April 840. Man rühmte ihn als einen klugen
und gelehrten Mann, der auch die deutsche Sprache zur Unterweisung des
Volkes verwandte[33].

 [24] Die älteste Lebensbeschreibung des Stifters, =S. Pirmin=, mit
      der Gründungsgeschichte von Reichenau (um 724) zuerst gedr. von
      Mone, Quellens. I, 30-36, ist nach Mone im neunten Jahrhundert
      in Reichenau verfaßt; in den Nachträgen S. 528 verlegt jedoch
      derselbe den Ursprung nach Hornbach und trifft darin zusammen
      mit Rettberg (II, 51), welcher ihre geschichtliche Werthlosigkeit
      nachweist, Dümmler verweist auch auf Wal. Visio Wett. v. 30 für
      den Ursprung in Hornbach. Dafür auch Holder-Egger in der Ausg.
      _Vita Pirminii_ I. et II. cum miraculis MG. SS. XV, 17-35; vgl.
      p. 574^a. Vgl. O. Breitenbach im NA. II, 170-174 über die von
      Gallus Oehem benutzte Bearbeitung. Sehr merkw. Predigt von ihm bei
      Caspari, Kirchenhist. Anecdota (1883) S. 151-159 (Dicta Priminii).

 [25] Neugart Ep. Const. I, 142 aus Oheims Chronik, und jetzt Gallus
      Oheims Chronik von Reichenau ed. Barack (1866) S. 43. Oheim muß
      über die Bereicherung der Bibliothek und eingetretene Mönche in
      dieser Zeit, von Waldo bis Rudhelm, eine jetzt verlorene Quelle
      gehabt haben, die bis c. 840 reichte und vielleicht von Reginbert
      herrührte, s. O. Breitenbach, NA. II, 201. Waldo hat danach eine
      Zeit lang auch das Bisthum Pavia verwaltet. In der Visio Wettini
      büßt er für die Sünde des Geizes. Das Diptychon aus Erlebalds Zeit
      NA. IV, 72, ist das von Piper herausgegebene Verbrüderungsbuch.

 [26] S. den 821 begonnenen Catalog bei Neugart I, 536-552, vgl. S. 152
      und Mommsen, Die Chronik des Cass. Senator S. 573-585 über die von
      ihm angelegte hist. mathematische Sammlung. Auch die Carlsruher
      Vita Bonif. stammt daher, s. d. Inschrift MG. II, 332, Jaffé Bibl.
      III, 425. Fragment des Liber sextus in Libri's Auctionscatalog
      (1859) S. 246 mit Facsimile. Die Verse, welche er in die Bücher
      eintrug, Poet. Lat. II, 424, vgl. NA. XIII, 665.

 [27] Baluzii Capit. II, 1382. Reginbert wird von ihnen _flos juvenum
      forma speciosus amoena_ genannt. Das Buch nebst einem zweiten von
      denselben geschenkten im Catalog S. 550. Das Martyrologium ed. A.
      Holder, Röm. Quartalschrift III, S. 204-261. Oben S. 60.

 [28] Herm. Contr. a. 811, vgl. über ihn Neugart I, 142-148,
      Rettberg II, 93-96, und die Reichenauer Inschriften bei Mone,
      Quellens. III, 133. Dümmler, NA. IV, 284. Poet. Lat. II, 425.
      O. Seebass vermuthet in ihm den Vf. der Statuta Murbacensia,
      Zts. f. Kirchengesch. XII, 322 (NA. XVI, 645). -- Gleichzeitige
      Aufzeichnung darüber, daß am 21. Dez. 823 das Bisthum Basel
      Odalrich commendirt wurde, in Mone's Zeitschr. f. Gesch. d.
      Oberrheins II, 384; MG. SS. XIII, 374 cum catal. epp. Basil.

 [29] Poet. Lat. II, 350. Ein Brief von Tatto Bibl. III, 323.

 [30] _Heitonis Visio Wettini_, abgedr. mit dem früher hier
      mitgetheilten Prolog bei Dümmler, Poet. Lat. II, 267-275.
      Walahfrids Bearbeitung ist durch seine Zuthaten besonders wichtig
      für die Geschichte des Klosters. Vgl. über die Anspielungen auf
      Bedränger desselben, und über die Nachahmung des Prudentius,
      Bock im Jahrb. d. Alterthumsfr. im Rheinland L, (1871) S. 7. --
      Meistens mit dieser Vision verbunden, findet sich im Cod. S. Galli
      573, Lambac. qu. 77, Monac. Lat. 536 u. 18 546, Brux. 10 687, Run.
      51, folgende:

               VISIO CUIUSDAM PAUPERCULAE MULIERIS.

      _Fuit namque in Laudonico pago quaedam mulier paupercula, quae
      in extasi rapta rediens multa ac miranda narravit. Ducebat
      autem illam, ut ipsa referebat, quidam homo in monachico habitu
      constitutus, ubi requiem sanctorum et poenam iniquorum cernebat,
      talem qualem Paulus apostolus in epistola sua scribit: quod oculus
      non vidit nec auris audivit nec in cor hominis ascendit. Ibi
      etiam videbat quendam principem Italiae (Karl d. Gr. ganz ähnlich
      wie in der Visio Wettini) in tormentis, multosque alios notos,
      quosdam in poena, quosdam in gloria. Interrogavit illa eundem
      ductorem illius, si ille ad aeternam ultra vitam redire debuisset.
      At ille: Utique debet. Nam si Hlodouuicus, inquit, imperator,
      natus ejus, septem agapes pro illo pleniter dispensat, resolutus
      est. Pichonem (al. Picconem) vero hujus regis qui quondam fuit
      amicus, supinum jacere in tormentis, taetrosque spiritus duos
      aurum liquefacere et in os ejus infundere dicentes: Hinc sitisti
      in saeculo nec saturari potuisti; modo bibe ad saturitatem!
      Irmingartam namque reginam aeque in tormentis, quae super se
      habebat cautes tres quasi molares, unum super caput, alterum
      super pectus, tertium super dorsum, qui semper eam in profundum
      mergebant. Mira namque dicturus sum. Clamavit namque ad istam
      dicendo: Vade et dominum meum roga imperatorem, ut me misellam
      adjuvare dignetur. Et da ei signum ut sciat a me missam te fore,
      istud quod meae depositionis (desponsationis?) tempestate sola cum
      ipso loquebar in uno pomerio, et hoc statim bene cognoscet, quia
      adhuc hodie cunctos latet eadem locutio nisi nos tantum. Cumque_
      _inde pergerent, ostendit ei ductor illius murum cujus cacumen
      coelum usque tendebat, et post eum alterum qui totus scriptus
      erat aureis caracteribus. Interrogavitque illa quid hoc esset.
      Terrestris, inquit, paradisus est, ubi nullus intrabit nisi qui
      hic scriptus reperitur. Imperavitque illi ut legeret. At illa ait:
      Non didici litteras. Scio inquit, sed tamen lege. Legit namque
      illa, et invenit nomen Bernharti quondam regis tam luculentis
      litteris exaratum sicut nullius ibidem fuit. Postea Hlodouuici
      regis tam obscurum et oblitteratum, ut vix agnosci potuisset. At
      illa: Quid est, inquit, quod istud nomen tam oblitteratum est?
      Antequam, ait, in Bernhartum homicidium perpetrasset, nullius ibi
      nomen clarius erat. Illius interfectio istius oblitteratio fuit.
      Vade et cave diligenter, ne horum quid regem celaveris. Illa vero
      non ausa conticuit. Non post multum rursum ammonuit eam, que ut
      prius conticuit. Tertia vero vice venit et dixit: Quid est quod
      non gestis obsecundare verbo Domini? Quae respondit: Domine, vilis
      sum persona, et ista non audeo in medum proferre. Ex hoc ait illi:
      Luminum tuorum non gaudebis, donec ea coram rege exponis. Cujus
      ilico pupilla caligine obducta est. Post dies multos venit in
      praesentiam regis, cuncta tradidit, lumenque recepit._

      Diese Visio ist wieder abgedruckt bei Malfatti: Bernardo rè
      d'Italia, Firenze 1876 (Nuova Antologia). Irmgard st. den 3.
      October 818; ihr schreibt auch Andreas Berg. c. 8. Bernhards
      Tod zu, der in den Ann. Aug. 817 und im Necrol. zum 17. Apr.
      verzeichnet ist. Daß Irmgard sich zur Zeit ihres Todes mit
      Ludwig gerade in einem Baumgarten unterhalten habe, scheint mir
      kaum wahrscheinlich. Ueber Picho oder Bego s. B. Simson, Ludwig
      d. Fr. I, 11 Anm. 8. Nach freundl. Mittheilung des H. Prof.
      Sievers in Jena steht die Visio auch im cod. Aug. 111 (Carlsr.
      185) saec. X mit dem Schluß: _Hinc quedam que mihi narravit
      minus commoda supersedenda sunt, ut ea introducantur, unde tota
      oratio sumpsit exordium._ Danach scheint es ein Bruchstück aus
      einem unbekannten Werk zu sein. Es folgt auch hier die Visio
      Wettini, im cod. Sangall. die _Visio Baronti_ von 680 (Acta SS.
      Martii III, 570). Mit dieser ist in einer Petersb. Hs. verbunden
      die _Visio Rotcharii_, viell. aus Fleury, worin Karl unter den
      Seligen erscheint, s. Anz. d. Germ. Mus. XXII, 73; Auszug bei
      Mabillon, Act. IV, 1, 667. Aehnlicher Art ist die _Visio Bernoldi_
      von Hincmar, s. Ebert II, 256, der, wie Dümmler bemerkt, bei
      der Aufzählung der Visionen Alcuin de Sanctis Euboric. eccl. v.
      875-1006 übersehen hat. -- Inhaltsangaben bei C. Fritzsche, Die
      lat. Visionen des Mittelalters, in Vollmöllers Roman. Forsch. II.

 [31] Poet, Lat. II, 301-334.

 [32] Herausgegeben von Mommsen im Rhein. Museum 1854, IX, 299. Poet.
      Lat. I, 114.

 [33] Vgl. Dümmler, Ostfr. I, 322. Poet. Lat. II, 420.


Den größten Glanz aber verbreitete über Reichenau der Abt =Walahfrid=,
mit dem Beinamen Strabo oder Strabus, einer der besten Lateiner seiner
Zeit, ein viel bewunderter Gelehrter und gewandter Dichter[34]. Ueber
sein Leben haben wir leider nur wenig sichere Nachrichten, und so
befreundet er auch mit den Sanctgaller Gelehrten war, wird er doch
in der Klosterchronik gar nicht genannt; doch ist nach und nach durch
neugefundene Verse mehr Licht über ihn gewonnen. Er war ein Schwabe von
armer und geringer Herkunft, um 807 geboren; früh ins Kloster gekommen,
dichtete er schon mit 15 Jahren eine Epistel an Ebo von Reims im Namen
seines Lehrers Tatto[35], aber dieser war hart und strenge, und auch
der Abt Erlebold war ihm nicht gewogen. In Wetti verlor Walahfrid
seinen väterlichen Freund und Wohlthäter; nach dessen Tod (824) litt
er sogar an Nahrung und Kleidung Mangel, und hatte häufig Schläge
zu erdulden. Er klagte seine Noth an Grimald, dessen Wohlwollen er
schon früher gewonnen hatte, und dieser forderte ihn auf, die Vision
Wettins, welche wahrscheinlich er selbst auf Wachstafeln aufgezeichnet
hatte, dichterisch zu bearbeiten. Dieselbe Aufforderung kam auch von
dem Priester Adalgis, wie wir wissen, seitdem K. Plath das Akrostichon
der seiner Antwort[36] zugefügten Verse: _Adalgiso danda_ erkannt und
die ganze Sachlage scharfsinnig entwickelt hat[37]. Walahfrid bat
ihn um bessere Kleidung und um Pergament, da er das Werk heimlich
ausführen müsse; er bat ihn, selbst zu kommen, und Adalgis kam. Unter
hartem Drängen vollendete er sein Werk[38], in welchem er reichliche
Lobsprüche auf Haito, Erlebold und Tatto anbrachte, und übersandte es
Grimald. Nach solcher Leistung und mit solchen Fürsprechern wird er
nun auch im Kloster, und bei dem Abt, obgleich dieser kein Freund von
Visionen war, mehr Anerkennung gefunden haben. Grimald hat er auch das
anmuthige Gedicht _de cultura hortorum_ gewidmet, und in dem Gedicht
de imagine Tetrici (v. 228) feiert er ihn unter dem Namen Homer.
Später hat er in Fulda Hrabans Unterricht genossen. Im Sommer 829
finden wir ihn am Hofe zu Aachen; von Kaiser Ludwig, sagt er einmal,
sei er „paupere de fovea protractus“[39], mag sich das nun auf diese
Zeit seines Hoflebens oder auf die Verleihung der Abtei Reichenau 839
beziehen. In Aachen beschrieb er damals in einem merkwürdigen Gedichte
die aus Ravenna hingeführte Reiterstatue Theodorichs[40], der hier als
Tyrann aufgefaßt wird im Gegensatz zu Ludwig, feiert Hilduin, Grimald,
Einhard, widmet aber vor allem dem Kaiser, der Kaiserin Judith und dem
kleinen Karl überschwengliches Lob; er wird als Caplan der Kaiserin
und als Lehrer des kleinen Karl bezeichnet. Den Rodbern, welcher 834
dem Kaiser zuerst Nachricht von der in Tortona gefangenen Judith unter
großen Gefahren brachte, feierte er in einem längeren Gedicht[41]. Mit
Thegan, dem Diacon Florus und anderen der classisch und kirchlich
gebildeten Männer jener Zeit war er befreundet, Prudentius rühmt
er als seinen Lehrer, bittet ihn aus der Ferne um Bücher und eigene
Gedichte; zugleich übersendet er ihm Gedichte „Modoini magni“, den
er auch in andern an ihn selbst gerichteten Versen feiert[42]. Kaum
hatte er die Abtei Reichenau erhalten -- bei seiner geringen Herkunft
eine ganz ungewöhnliche Auszeichnung --, so wurde er auch in die
politischen Wirren hineingezogen; als eifriger Anhänger Lothars und
der Reichseinheit, deren Herstellung er noch von ihm hoffte, flüchtete
er nach Ludwigs Tod und der Ueberwältigung Alamanniens durch Ludwig
den Deutschen nach Speier, wo er ein Gedicht voll Lobpreisung an
Lothar richtete, in welchem er seinen Klagen und seinen Hoffnungen
Ausdruck gab[43]. Lothar hatte in früheren Zeiten einmal persönlich
den vermeintlichen Leib des h. Januarius nach Reichenau gebracht, was
merkwürdiger Weise im Kloster ganz vergessen wurde und nur durch eine
sehr schöne Sapphische Ode Walahfrids bekannt ist[44].

 [34] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 270-286. 580 und die gesammelten
      Gedichte Poet. Lat. II, 259-423. Ebert II, 145-166. Hauck II,
      600 ff. Opera Migne CXIII. CXIV. Eine Anleitung zur Metrik mit
      Beispielen, v. Huemer, NA. X, 166-169. Der von ihm besungene
      Blaithmaic st. 827; es kamen flüchtige Mönche von Hy nach
      Reichenau. NA. XVII, 210. -- Dümmler, NA. VII, 402, Zeumer
      ib. VIII, 496-507, über die Reichenauer Briefformeln, aus
      Erlebolds u. Walahfrids Zeit mit geschichtlich nicht unwichtigen
      Briefen. -- Im Jahresbericht über die Erziehungsanstalt des
      Benedictinerstifts Maria-Einsiedeln 1856/7 ist ein Versuch
      gemacht, die Jugendgeschichte Walahfrids von ihm selbst schildern
      zu lassen, welcher zuweilen irregeführt hat, als ob ein Original
      von ihm zu Grunde liege. Eine angebl. Urk. von W. von 843 ist
      Fälschung d. 12. Jhs. Brandi, Die Reichenauer Urkundenfälschungen,
      Heidelb. 1890.

 [35] Poet. Lat. II, 350; eine andere, auch in Tatto's Namen, an den
      Landbischof Degan, S. 351.

 [36] Formulae ed. Zeumer p. 376 n. 25.

 [37] NA. XVII, 261-279.

 [38] Poet. Lat. II, 301-333.

 [39] Ad. Loth. v. 31. Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 463. Poet. II, 414,
      und S. 259 weitere Belege für seine geringe Herkunft.

 [40] _Versus de imagine Tetrici_, Poet. Lat. II, 370-378. Früher von
      C. P. Bock in den Jahrbüchern des Vereins von Alterthumsfreunden
      im Rheinland V (1844), von Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt, XII,
      461-470, vgl. XIX, 466. Sehr gewagte Hypothesen von H. Grimm: Das
      Reiterstandbild des Th. zu Aachen und das Gedicht des W. darauf,
      Berlin 1869. Dagegen die lehrreiche Abh. von Bock im angef.
      Jahrbuch L (1871) S. 1-52. Wieder abweichend Jul. v. Schlosser,
      Wiener SB. CXXIII (1891) S. 164-175.

 [41] Bouq. VI, 269; vgl. B. Simson, Lud. d. Fr. II, 99. Dümmler, Hist.
      Zeitschr. XXXVII, 134; Poet. II, 388. Judith, hier Ioda genannt,
      schmückte für Ludwig ein Prachtgewand, welches Karl der Kahle der
      Röm. Paulskirche schenkte, seine Gemahlin Irmintrud vollendete mit
      gepriesener Kunstfertigkeit dieses und andere Gewänder, ähnlich
      Lothars Gemahlin Ermengarde, s. die von Dümmler mitgetheilten
      Verse, Zeitschr. f. D. Alt. XLX, 146-148.

 [42] Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 82-86. Poet. II, 403. 355.

 [43] Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 462-466. Poet. II, 413.

 [44] Dümmler im Anz. d. Germ. Mus. XXIII (1876) 177-188. Poet. II, 415.

Sehr bald hat sich Walahfrid doch auch mit Ludwig dem Deutschen
ausgesöhnt, und vielleicht durch Grimalds Einfluß erhielt er 842 die
Abtei Reichenau von neuem; im Jahre 849 wurde ihm eine Botschaft
des Königs an dessen Bruder Karl anvertraut. Auf dieser Reise
starb er, kaum vierzigjährig, am 18. August durch einen Unfall beim
Ueberschreiten der Loire[45].

 [45] Epitaphium ed. Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 113. Poet. II,
      423.

Die von Walahfrid überarbeiteten Lebensbeschreibungen des Gallus und
Othmar, sein Vorwort zu Einhards und zu Thegans Werken erwähnten wir
schon; selbständige geschichtliche Werke hat er so wenig wie Hraban
verfaßt, aber sein Buch über Ursprung und Entwickelung der kirchlichen
Einrichtungen enthält viel beachtenswerthes über die Verfassung
der Kirche in jenen Zeiten, ähnlich dem Werke Hrabans, aber noch
lehrreicher, weil er durchgängig die kirchlichen Einrichtungen mit den
weltlichen vergleicht[46].

 [46] Das sprachlich interessante Cap. 7 theilt Dümmler in d. Zts. f.
      D. Alt. XXV, 99, berichtigt mit. Neue Ausg. v. Al. Knoepfler,
      München 1890, vgl. Dümmler, NA. XVII, 224. Eine andere wird für
      MG. Capitularia II vorbereitet.

Eines der merkwürdigsten Zeugnisse für den ernstlichen Eifer, mit
welchem man in diesen Klöstern damals das Studium des classischen
Alterthums betrieb, bietet uns die durch Mabillon bekannt gewordene
=Handschrift von Einsiedeln=, deren Urschrift aus Reichenau zu
stammen scheint. Wohl ein Schüler Walahfrids, im vollen Besitz der
damaligen Schulbildung und auch des Griechischen kundig, hat mit einer
Beschreibung des damaligen Rom und des Ceremoniels der kirchlichen
Feste auch antike Inschriften aus Pavia und Rom mit größter Genauigkeit
und Sorgfalt nach älteren Vorlagen hier zusammengestellt[47].

 [47] Mab. Anal. p. 358. Hänel in Jahn und Seebode's Archiv, 5.
      Supplementband, S. 115. Mommsen in den Berichten über die
      Verhandlungen d. K. Sächs. G. d. W. Phil. Cl. 1850, IV,
      287. Rhein. Museum 1854, IX, 296. Urlichs, Codex urbis Romae
      topographicus, Wirceb. 1871, S. 59-78. H. Jordan, Topogr. d. Stadt
      Rom II behandelt den topographischen Theil. De Rossi, Inscriptt.
      christt. II, 1. 1888.

Durch besondere Lernbegierde zeichnete sich auch =Ermenrich= aus, ein
Ellwanger Mönch, dessen Leben uns recht anschaulich die Beweglichkeit
der jungen mönchischen Studenten in jener Zeit vor Augen führt[48].
Wie Walahfrid, ging auch er nach Fulda, wo er Hrabans und Rudolfs
Schüler wurde. Besondere Freundschaft verband ihn mit Hrabans Neffen,
dem Diacon und königlichen Caplan Gundram, welcher der fuldischen
Zelle Solenhofen an der Altmühl im Eichstädter Sprengel vorstand, und
diesem, der den Stifter seiner Kirche, =Sualo=, feierlich erhoben
hatte, zu Liebe, schrieb er das Leben desselben und übersandte es
Hraban zur Durchsicht[49]; Rudolf, den er als seinen Lehrer preist,
sollte die Fehler verbessern. Sualo, den Ermenrich willkürlich =Solus=
nannte, gest. 3. Dec. 794, gehörte zu den Begleitern des h. =Bonifaz=;
Ermenrich standen aber nur mündliche Erzählungen über ihn zu Gebote,
und der geschichtliche Werth seiner Nachrichten ist daher unbedeutend.
Wo er, damals noch Diaconus, dieses Werk geschrieben hat, wissen wir
nicht; es ist sehr wahrscheinlich, daß er auch zu den Hofcaplänen
gehört hat, und von dieser Zeit her den Erzkanzler Gozbald (829-833)
als seinen Lehrer bezeichnet, sowie er auch Grimald als seinen Herrn
und Meister verehrt[50].

 [48] Vgl. über ihn E. Dümmler: Ueber Ermenrich von Ellwangen u. seine
      Schriften, Forsch. XIII, 473-485. XIV, 403. 404. NA. IV, 321. Er
      schrieb den Stiftungsbrief Salomons für Wiesensteig nach Bossert,
      Württ. Vierteljahrshefte 1889, S. 142.

 [49] Als Hraban noch Abt war, also vor 842. _Erm. Sermo de Vita S.
      Sualonis_, ed. Holder-Egger SS. XV, 151-163. Im Anfang ist Sedulii
      Carmen paschale benutzt, nach Manitius, Wiener SB. CXXI, 6.

 [50] Dümmler, St. Gall. Denkm. S. 248. Gundram nennt er _eximii
      ministerii conlevita_.

An Gozbald, jetzt (841-855) Bischof von Würzburg, sandte er, schon als
Priester, eine kleine Schrift, in Form eines Dialoges der Consolatio
des Boethius nachgebildet, dem Inhalt nach völlig sagenhaft, über die
Gründung seines Klosters =Ellwangen=, das Leben des Stifters =Hariolf=,
König Pippins Zeitgenossen, Bruders und später Nachfolgers des Bischofs
Erlolf von Langres, und die Wunder, welche man ihm zuschrieb[51]. Er
gehörte nämlich zu Gozbalds Familie.

 [51] _Vita Hariolfi_ ed. Pertz, MG. SS. X, 11-15. Ermanrich u. Mahtolf,
      die Träger des Dialogs, sind beide im St. G. Verbrüderungsbuch ed.
      Piper, p. 44, col. 111. -- Ausg. v. Giefel, Württ. Geschichtsqu.
      II. 1888.

Im Jahre 849 finden wir Ermenrich wieder im Kloster Reichenau als
Schüler Walahfrids; als dieser seine unglückliche Reise nach Frankreich
antrat, schickte ihn Grimald nach St. Gallen, um dort seine Studien
fortzusetzen. Hier verfaßte er zum Dank für die gute Aufnahme, die er
in beiden Klöstern gefunden und zum Preise Grimalds ein Sendschreiben
an denselben, geschrieben zwischen 850 und 855, in welchem er seine
ganze Gelehrsamkeit, die nicht unbedeutend, aber schlecht verarbeitet
war, zur Schau trägt, von Philosophie, Grammatik und vielen anderen
Dingen handelt, in der schwülstigen, gezierten Weise vieler Gelehrten
der damaligen Zeit; eine Schreibart, die auch das Leben des h. Solus
entstellt und am wenigsten in dem Leben Hariolfs hervortritt[52]. Er
prahlt mit Griechisch, das er aber offenbar nicht versteht, und eignet
sich aus Alcuin, Priscian und Ausonius falsche Gelehrsamkeit an, kennt
aber Pindarus Thebanus und Lucretius nebst vielen anderen Schriften.
Verse von Theodulf und Naso verwendete er ohne Scheu. Es enthält
aber dieser Brief auch einige wichtige geschichtliche Daten und eine
Lobpreisung Grimalds und der gelehrten und kunstreichen Sanctgaller
Mönche, welche zur Ergänzung der dortigen Klosterchronik dient. Am
Schluß geht er in Verse über, und feiert den h. Gallus, wozu auch
ihn Gozbert, der Kahlkopf, gedrängt hatte. Doch ist dieser Theil mehr
entworfen und begonnen als wirklich ausgeführt[53].

 [52] Dieses erwähnt Ermenrich in dem Briefe mit folgenden Worten:
      „Adjunxi autem et huic operi breve opusculum, quod de inceptione
      nostri coenobii et fratrum ibidem Deo famulantium vita conscripsi
      ipsaque dicta viro per omnia doctissimo Gozbaldo episcopo vel
      approbanda seu refutanda commendavi.“ Diese Worte lassen kaum
      daran zweifeln, daß die Vita Hariolfi gemeint ist, obgleich
      von den Ellwanger Mönchen nur wenig darin vorkommt; es spricht
      auch, wie Dümmler bemerkt, dafür die Stelle der Vita l. c. p.
      11: „quis primus hujus loci cum Deo inceptor fuerit, quantique
      viri Deo amabiles sub eo exstiterint“. Daß ein anderer Ermenrich
      aus Reichenau zu derselben Zeit eine Geschichte dieses Klosters
      verfaßt und ebenfalls an Gozbald gesandt haben sollte, ist
      unglaublich.

 [53] Das Sendschreiben ist vollständig zuerst herausgegeben von Dümmler
      im Haller Preisvertheilungsprogramm von 1873, und bes. Abdruck. Es
      ist voll von grammatischen Fehlern, die zum Theil vom Abschreiber
      herrühren mögen. Vgl. M. Haupt im Hermes I, 403 und Dümmler in d.
      Forsch. a. a. O.

In der Aufschrift dieses Briefes hat eine etwas spätere Hand zu dem
Namen Ermenrich das Wort Bischof gesetzt, und man hat deshalb nicht
ohne Wahrscheinlichkeit geschlossen, daß der Verfasser identisch ist
mit dem gleichnamigen Bischof von Passau, den Ludwig der Deutsche
867 zu den Bulgaren sandte, und dessen Tod am 26. Dec. 874 sich in
alamannischen Jahrbüchern und im Todtenbuche von Reichenau verzeichnet
findet[54].

 [54] Dümmler, Piligrim von Passau S. 144.

Ermenrichs Name ist auch gemißbraucht in einer häßlichen Betrügerei,
dem angeblichen =Leben des h. Magnus=, eines der Genossen von Columban
und Gallus, von Theodorus, das bei der Uebertragung der Gebeine in der
Mitte des neunten Jahrhunderts in St. Magnus Grab soll gefunden sein.
Der Bischof Lanto von Augsburg soll dann den Ellwanger Mönch Ermenrich
veranlaßt haben, das kaum noch lesbare Denkmal zu erneuern. So wird
dort erzählt; die Art, wie Ermenrichs Name erwähnt wird, macht es aber
nicht wahrscheinlich, daß wirklich er selbst zu dieser Fälschung seine
Hand geboten habe. Dümmler vermuthet, Forsch. XIII, 475, daß doch etwas
daran sei und Ermenrich an der formalen Bearbeitung Theil habe, doch
bemerkt er selbst, daß die Legende nichts von dem ihm eigenthümlichen
Gepräge zeige. Ich halte die angebliche ältere Legende überhaupt
für leeres Vorgeben des Fälschers, welcher ein von den gröbsten
chronologischen Fehlern erfülltes Plagiat aus den Vitae Columbani und
Galli für das Werk eines Zeitgenossen ausgab[55].

 [55] Mabillons treffliche Kritik ist bestätigt und ergänzt durch
      Rettberg II, 147-151, wo Plac. Brauns Versuch, den zweiten
      Theil zu retten, widerlegt ist. Für denselben sind neuerdings
      eingetreten Fr. Pfeiffer, Freie Forschung S. 295 aus Germania
      I, und Friedrich KG. II, 351-366. Das letzte Stück mit der
      Translationsgeschichte MG. SS. IV, 382. 425-427. Ueber eine
      jüngere Bearbeitung Archiv XI, 270. Nach einer Mittheilung
      von Baumann ist dessen Ansicht, daß man bei der Erhebung der
      Magnusreliquien um 851 im Kloster Füssen durch einen Ellwanger
      Mönch die Volksüberlieferung, wie sie bis dahin sich entwickelt
      hatte, niederschreiben ließ; in St. Gallen wollte man, als
      die Magnuskirche um 890 gebaut wurde, auch eine Legende haben,
      verwechselte ihn mit dem Maginold der Vita S. Galli und brachte
      so den Wechselbalg zu Stande.

Auch Reichenau bezog wie Fulda seine Reliquien aus Italien, doch
scheint man damit wenig Glück gehabt zu haben. Die älteste dieser
Geschichten (=Miracula S. Genesii=) ist von Dr. A. Holder in Carlsruhe
in einem von Reginbert herrührenden Codex entdeckt, und von mir in der
Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins XXIV, 1-21 herausgegeben[56].
Sie berichtet von der Uebertragung der heiligen Genesius und Eugenius
aus Jerusalem durch den Grafen Gebahard von Treviso, der 798 seine
Boten aussandte, aber vor deren Rückkunft starb. Der heimkehrende
Diacon fand in Porto seinen Bruder, der den Grafen Scrot von Florenz[57]
nach Rom begleitet hatte; mit Einwilligung des Pabstes Leo erhält Graf
Scrot den rechten Schenkel des Genesius, während der Rest nach dem bei
Treviso dafür schon bereiteten Kloster gebracht wird. Graf Scrot aber
bringt seinen Theil in seine Heimath am Bodensee, und stiftet hier
das Kloster =Schienen=, welches durch Ludwig das Kind an Reichenau
gekommen ist. Da Wunder nicht ausblieben, veranlaßte Abt Erlebold
(822-838) einen ungenannten Mönch zur Aufzeichnung dieser denkwürdigen
Begebenheiten. Während nun aber von diesen Reliquien weiterhin nicht
mehr die Rede ist, behauptete man später in Reichenau, daß die ganzen
Leiber der hh. Senesius und Theopompus, welche in unklarer Weise an
die Stelle von Genesius und Eugenius getreten sind, 830 durch Bischof
Ratolf von Verona nach Radolfzell übertragen seien, da doch ganz
unbekümmert darum dieselben 911 von Treviso aus dem inzwischen durch
die Ungern zerstörten Kloster nach Nonantula übertragen wurden. Ebenso
wenig wollte man ihnen glauben, daß der heilige Valentin, von dem ihre
alten Annalen noch allein reden, der heilige =Marcus= selber sei,
welcher, wie sie behaupteten, in demselben Jahr 830 aus Venedig zu
ihnen gebracht sein sollte; und ihre eigene Erzählung läßt den Betrug
deutlich genug erkennen[58]. Den h. =Januarius= sollte, wie wir oben
S. 281 sahen, Kaiser Lothar selbst gebracht haben; davon verlautet
weiter nichts, dagegen aber ein Bericht, nach welchem ihn und seine
Genossen im Jahre 871 ein wackerer Reitersmann aus Schwaben auf einer
Heerfahrt unter Kaiser Ludwig II aus einer verödeten Kirche geraubt
und nach der Reichenau gebracht haben sollte. Man traute ihm aber dort
vermuthlich selbst nicht, da in jüngeren Handschriften anstatt ihrer
die h. =Fortunata= mit ihren Brüdern in derselben Erzählung erscheint.
Aber auch diese waren bereits 780 nach Neapel in das Nonnenkloster
des h. Gaudiosus übertragen, wo sie fortfuhren die schönsten Wunder
zu thun[59]. Unbestritten blieb den Reichenauern nur ein Krug von
der Hochzeit zu Cana, den ein griechischer Mönch ihnen aufgeschwatzt
hatte[60].

 [56] Im Sanctgaller Catalog saec. IX bei Weidmann S. 385 erwähnt als
      _Commemoratio de miraculis S. Genesii._ Als _Ex Miraculis S.
      Genesii_ ed. Waitz, SS. XV, 169-172.

 [57] Dieser wird, wie Dümmler bemerkt, bei Herrgott, Geneal. III,
      832, als Wohlthäter von Reichenau erwähnt. Er erscheint im
      Verbrüderungsbuch S. 294, col. 466.

 [58] _Miracula S. Marci_ bei Mone, Quellens. I, 62-67: im Auszug MG.
      SS. IV, 449-452. Vgl. auch Quellens. III, 135.

 [59] Mone, Quellens. I, 232 cf. Acta SS. Sept. VI, 787. Auf Fortunata
      und das Jahr 874 angewandt auch in der ersten Ausgabe dieses
      Buches S. 150 aus 2 Münchener Handschriften, da ich sie für
      ungedruckt hielt; vgl. Acta SS. Oct. VI, 456. Beide MG. SS. XV,
      473, v. Holder-Egger.

 [60] Auszüge aus der gänzlich fabelhaften _Vita Simeonis Achivi_ ed.
      Waitz MG. SS. IV, 459. _Annales Aug. breviss._ 541-817 ib. III,
      136 sind ohne Werth.

Sehr deutlich tritt uns in diesen Geschichten die lebhafte Verbindung
mit Italien entgegen, welche in hohem Grade anregend wirken mußte[61];
Reichenau lag gerade an einer der besuchtesten Pilgerstraßen nach
Rom, und auch Schottenmönche werden nicht gefehlt haben, wenn sie
auch in Reichenau selbst kein Andenken hinterlassen haben. Dagegen
wurde in =Rheinau= gegen das Ende dieses Jahrhunderts das Leben eines
Schottenmönches, des h. =Findan=, aufgezeichnet († 878), welches für
das Treiben dieser fremden Pilger charakteristisch und durch einige
Stellen in irischer Sprache merkwürdig, übrigens aber sehr fabelhaft
und geschichtlich wenig bedeutend ist[62]. Größerer Ruhm ist dem h.
=Meginrat= zu Theil geworden, dessen Leben, wie aus dem Alter der
Handschriften hervorgeht, schon im zehnten Jahrhundert ein Reichenauer
Mönch beschrieben hat[63]. Er wurde nach dessen Bericht in Reichenau
von Erlebold unterrichtet, und als dieser als Abt auf Heito folgte,
als Mönch eingekleidet. Der Abt schickte ihn nach einer Reichenauer
Zelle am Züricher See, nach der Tradition Bollingen, um da Schule zu
halten. Er aber ging statt dessen als Eremit ins Gebirge, wo Räuber
ihn 861 erschlugen. Das noch jetzt blühende Kloster Meinradszell oder
Einsiedeln bewahrt sein Andenken.

 [61] Vgl. darüber das schöne Werk des Prof. F. Adler: Baugeschichtliche
      Forschungen in Deutschland. I. Die Kloster-und Stiftskirchen
      auf der Insel Reichenau, Berlin 1870 folio. Marmor: Kurze
      Geschichte der kirchlichen Bauten und deren Kunstschätze auf der
      Insel Reichenau, Konstanz 1873. Der Text ist selbst für einen
      praktischen Arzt zu schlecht.

 [62] _Vita Findani_ ed. Holder-Egger, SS. XV, 502-506. Vgl. Zeuss,
      Gramm. Celt. ed. II, p. 1003.

 [63] _Vita S. Meginrati_ ed. Holder-Egger, SS. XV, 444-448.

Fast überall finden wir theils die ascetische, theils die formale
Richtung vorherrschend in der Litteratur dieser Zeit, den historischen
Sinn aber noch wenig entwickelt.

Doch fehlte es auch in St. Gallen und Reichenau nicht ganz an Annalen.
Die in ihrem älteren Theil aus Murbach stammenden =Annales Alamannici=
(oben S. 147) enthalten 802-858 dürftige Reichenauer Notizen; 860-926
werden sie mit zunehmender Reichhaltigkeit in St. Gallen fortgesetzt.
Die aus denselben Annalen entnommenen =Annales Sangallenses breves=
708-815[64] gewährten den Anfang (bis 791) der =Annales Augienses=,
welche bis 939 in Reichenau fortgesetzt wurden. Sie waren auf den Rand
der Ostertafeln geschrieben, welche =Reginbert= in seine oben S. 276
erwähnte historisch-mathematische Sammlung aufgenommen hatte, die er
von 820 bis gegen sein Todesjahr 846 zusammengebracht hat. Diese jetzt
verlorene Handschrift benutzte Hermannus Contractus. Für Friedrich von
Mainz abgeschrieben, wurde sie zu 937 mit einer Notiz über Friedrichs
Weihe, 953, 954 mit Aufzeichnungen des Erzbischofs Wilhelm vermehrt;
benutzt wurde diese Handschrift vom Fortsetzer des Regino, von Marianus
Scottus, und nebst den eingehefteten Annales S. Albani vom Verfasser
der Disibodenberger Annalen[65]. Wir finden ferner die Annales Augienses
bis 939 benutzt in den Annales Colonienses, jedoch so, daß einzelne
Eintragungen vielmehr auf die Ann. Alamannici, Sangallenses und Hermann
deuten, wodurch die Vermuthung entsteht, daß eine reichhaltigere
Aufzeichnung allen zu Grunde liegt[66].

 [64] Edd. Ild. v. Arx et G. H. Pertz, MG. I. 63-66; ed. Henking,
      St. Gall. Mitth. XIX, 220-223. Local, aber sehr dürftig sind
      (MG. I, 69. 70), die _Annales brevissimi Sangallenses_ 768-889
      (ed. Henking, ib. p. 206 bis 209; Vf. nach S. 208 =Albrich=)
      und 814-961 (ib. S. 210-212), während die Fortsetzung der _Ann.
      S. G. Baluzii_ (oben S. 141) 768-814 allgemeiner Art ist. Kurze
      Aufzeichnungen an Ostertafeln 690-856 ed. Dümmler, NA. V, 428.

 [65] S. die berichtigte Ausgabe von Jaffé, Bibl. III, 700-706.

 [66] Ecclesiae Colon. Codd. p. 127. Mit dieser beschäftigt sich W.
      Erben, NA. XVI, 613 ff.

Auch in der Bischofstadt =Augsburg= war ein gelehrter und
ausgezeichneter Bischof, =Adalbero= (887-910), der Erzieher Ludwigs
des Kindes, ein vertrauter Freund der Sanctgaller Lehrer, und ohne
Zweifel derselbe, welchem Regino, der seiner mit großem Lobe gedenkt,
seine Chronik widmete; wir haben eine Biographie von ihm, sie ist aber
erst im zwölften Jahrhundert von Udalschalk geschrieben und gewährt uns
keine Belehrung[67].

 [67] S. unten IV § 8. Ueber Adalbero's Besuch in St. Gallen 908 und
      seine reichen Schenkungen s. das Verbrüderungsbuch S. 15. Jul.
      Hans, Beiträge zur Geschichte des Augsburger Schulwesens in der
      Zeitschrift des hist. Vereins f. Schwaben u. Neuburg II, 1 (1875)
      stellt die dürftigen Nachrichten darüber zusammen.

Im =Elsass= beschrieb ein ungenannter Mönch von =Neuweiler= bei
Zabern die Uebertragung des Bischofs =Adelphus= von Metz, den ihnen
Erzbischof Drogo abgelassen hatte, mit Wundern, worin viele Ortsnamen
vorkommen[68].

 [68] _Translatio et Miracula S. Adelphi_ ed. L. v. Heinemann, SS.
      XV, 293-296, mit einem Wunder von 1198 aus der Fehde zwischen
      Heinrichs VI Bruder Otto u. B. Conrad v. Straßburg.


§ 19. Baiern und Franken.

Baiern, wo schon unter den Agilolfingern eine rege litterarische
Thätigkeit begonnen hatte, zeigt auch in diesem Abschnitte Spuren
derselben, und es wird an geschichtlichen Aufzeichnungen in den
zahlreichen und blühenden Klöstern des Landes nicht gefehlt haben,
obgleich im ganzen die Bedürfnisse des praktischen Lebens, der
Geschäftsthätigkeit und des Schulunterrichts die Kräfte überwiegend
in Anspruch nahmen. Doch ist in den Verheerungen des Landes durch die
Ungern ohne Zweifel vieles zu Grunde gegangen.

In =Freising= zeugen die zahlreichen grammatischen Handschriften
aus dem neunten und zehnten Jahrhundert[1] von eifrigen Studien.
Nach Aribo, dessen wir schon früher gedachten, machte sich hier der
Bischof =Hitto= (810-835) sehr verdient; er veranlaßte seinen Notar
=Cozroh=, das höchst schätzbare Traditionsbuch der Kirche anzulegen,
welches von demselben unter seinem Nachfolger Erchanbert (bis 853)
fortgesetzt wurde[2]. An seinem Bischofsitz gründete Hitto das Kloster
=Weihenstephan=, dem er aus Rom 834 den h. Alexander zuführte; die
von einem Genossen dieser Uebertragung in recht gutem Latein und nicht
ohne Kenntniß profaner Autoren verfaßte Geschichte derselben habe ich,
von Dümmler darauf aufmerksam gemacht, herausgegeben[3]. Wenig später
hielt dort der Pfalzgraf =Timo= Gericht, wobei sein Hund den Frevel
beging, aus dem heiligen Quell zu trinken. Rascher Tod war die Strafe,
und dieses Wunder feiert ein Gedicht, welches merkwürdig ist durch
Beschreibung des Gerichtsverfahrens, der strengen Justiz, die dort
geübt ward, und durch sehr entschiedene Bekämpfung der Ordalien[4]. Als
man es im 11. Jahrhundert von der Rolle, auf welche es geschrieben war,
in ein Buch übertrug, war leider der Anfang derselben schon beschädigt
und verloren. Auch Bischof Anno (854 bis 875) ließ ein Werk für die
Bibliothek abschreiben[5]; Waldo (884 bis 906), ein Bruder Salomons
III von Constanz, zeichnete sich durch seine wissenschaftliche Bildung
aus, und scheint auch als Bischof in dieser Richtung thätig gewesen zu
sein[6].

 [1] B. Pez. Thes. I, Praef. p. XXVII.

 [2] Meichelb. Hist. Fris. I, 1, 115. 116. Jos. Zahn im Archiv d.
     W. Ak. XXVII., 200 f., wo auch K. Roths Arbeiten über Cozroh
     aufgezählt sind. MG. SS. XXIV, 314 seine Vorrede, p. 316 Notae
     de privilegiis. Ausserdem ließ Hitto viele theologische Schriften
     für die Bibliothek abschreiben.

 [3] SB. d. Berl. Akad. 1884, Dec. 4. MG. SS. XV, 286-288. Andere
     schlechtere Hs. NA. XIII, 584.

 [4] Neue Ausgabe von Dümmler, Poet. Lat. II, 120-124.

 [5] Cod. lat. Mon. 6262, s. Catal. I, 3, 81.

 [6] S. Dümmler, Formelbuch Salomons III, S. 154. Müllenhoff und
     Scherer S. 297. 451 (3. Ausg. II, 90. 335) und oben S. 275. Der
     Priester Sigihard schrieb für ihn den Otfrid ab.

In =Regensburg= war =Baturich= (817-848) Bischof und Abt zu St.
Emmeram, zugleich Erzcaplan des Königs, ein geborener Baier, der in
Fulda Hrabans Unterricht genossen hatte, und durch die Besorgung
von Abschriften kirchlicher Werke seinen wissenschaftlichen Eifer
bewies[7]. Schon unter Ambricho (864-899) begann hier =Anamod= die
Urkunden über Schenkungen an das Kloster St. Emmeram zu sammeln, und
eignete das vollendete Werk dessen Nachfolger Aspert (891-893) zu,
welcher Kaiser Arnulfs Kanzler gewesen war[8]. Hier verwahrte man auch
jene merkwürdige Aufzeichnung über die Gaue der Slaven, bekannt als
=Geographus Bawarus=, welche aus einer Handschrift von St. Emmeram
durch Hormayr zuerst bekannt gemacht ist[9].

 [7] Dümmler, Ostfr. II, 433. Müllenhoff und Scherer S. 448. 460. (II,
     331. 344.) Facs. des Cod. lat. Monac. 14,468 a. 821. Palaeograph.
     Soc. 122; von 14,437 a. 823 ib. 123; 14,288 schenkte ihm Hiring.
     Eine _Benedictio Dei_ betitelte Schrift über den Gebrauch der
     Psalmen, mit einer Vorrede an Baturich, Bibl. Patr. Lugd. XXVII.
     Suppl. Migne CXXIV, 1399. K. Ludwig ertauschte später für seine
     Kapelle von der Regensburger Kirche den Cleriker Gundpert wegen
     seiner litterarischen Bildung, B. Pez Thes. I, 3, 199. Die
     unbedeutenden Annalen s. oben S. 149.

 [8] Ueber ihn S. Dümmler, Ostfr. III, 482. Der Codex Traditionum gedr.
     bei B. Pez Thes. I, 3, 191-286; Migne CXXIX, 900. Vgl. Bretholz,
     Die Traditionsbücher von St. Emmeram, Mitth. d. Inst. XII, 1
     ff. (NA. XVI, 648). S. auch Karl Roth, Tauschverträge der Abtei
     Sanctemmeram (Beitr. IV. 1865), wo S. 42-46 _Cat. abb._, S. 47-50
     _Cat. epp. Ratisponensium_; alii SS. XIII, 359. Ein Distichon mit
     Lob des Bischofs Tuto (894-930) NA. I, 185.

 [9] Archiv für österreichische Geschichte 1827, S. 282. Boczek Cod.
     Dipl. Moraviae I, 67. Zeuß, die Deutschen und die Nachbarstämme
     S. 600. Bielowski's Monumenta Poloniae I, 10. Die Hs. ist Cod.
     lat. Monac. 560 saec. XI. Facs. bei Schiemann, Rußland etc. (Berl.
     1886) zu S. 29.

In =Nieder-Altaich= und =Würzburg= wird =Gozbald= (841 bis 855), einst
Erzkanzler Ludwigs des Deutschen und immer in hoher Gunst bei ihm,
ein gelehrter Mann, den Ermanrich von Ellwangen seinen Lehrer nennt,
ohne Zweifel die Studien befördert haben, wenn uns auch nichts darüber
bekannt geworden ist. Einer Handschrift von Nieder-Altaich verdanken
wir jene geschichtlich wichtige, wenn auch in der Form verwilderte
Fortsetzung der Fulder Annalen von 882-901, welche in Baiern, aber
schwerlich in einem Kloster, geschrieben ist[10]. Für seine Kirche in
Isarhofen bei Nieder-Altaich erbat Gozbald von Gregor IV die Gebeine
der Märtyrer Agapitus und Felicissimus, und vielleicht ist es ihre
Translation, wovon sich ein Fragment erhalten hat, merkwürdig durch die
Erwähnung der Aufschriften des P. Damasus „rotundis litteris“ und der
von Karl dem Großen gestifteten Schola Francorum in Rom[11].

 [10] S. oben S. 229. 230. Ueber Gozbald Dümmler, Ostfr. II, 428.
      Forsch. VI, 122. Handschriften, die er für seine Kirche schreiben
      ließ, sind jetzt in Oxford, s. Zangemeister, Wiener SB. LXXXIV,
      59. 61; Facs. von Aug. de civ. Dei Pal. Soc. II, 67. 68. Eine
      andere in Würzb. s. Schepss in Briegers Zts. f. Kirchengesch.
      1886, S. 458, Anm. Seinem Vorgänger Humbert von Würzburg (832-841)
      widmete Hraban den Commentar zu den Büchern der Richter und
      Ruth; auch er ließ eine Hs. abschreiben. Der Nachfolger Arn wird
      Gozbalds Schüler genannt; s. über ihn Dümmler Ostfr. II, 430,
      und denselben Forsch. VI, 123 über die gelehrten, aber nicht der
      Geschichte zugewandten Studien in Würzburg.

 [11] NA. XIII, 295.

Zum Würzburger Sprengel gehört Laufen am Neckar, wo man S. =Reginswind=
verehrte, Tochter des Markgrafen Ernst, welche als siebenjähriges
Mädchen 837 von ihrer Wärterin aus Rache im Neckar ertränkt sein
soll; ihre sagenhafte Geschichte ist aber erst im zwölften Jahrhundert
aufgezeichnet[12].

 [12] _V. Reginswindis_ Acta SS. Jul. IV, 90-96. MG. SS. XV, 359.

In =Eichstedt= ließ B. =Erchanbald= (882-912) nicht nur viele Bücher
abschreiben, sondern er veranlaßte auch den Priester =Wolfhard=,
das Leben der h. =Walburga=[13] zu schreiben, deren Reliquien er 893
nach Monheim übertragen hatte, der Schwester Willibalds -- eine der
zahlreichen Aufzeichnungen solcher Art, welche diese Zeit mit ihrer
immer wachsenden Heiligenverehrung hervorbrachte, weniger durch
geschichtlichen Sinn als durch das Bedürfniß einer Legende veranlaßt
und mit Wundergeschichten ausgestattet. In ausgedehntestem Maße sorgte
aber Wolfhard für die Befriedigung dieses Bedürfnisses durch das
ebenfalls auf Veranlassung des Bischofs Erchanbald von ihm gesammelte,
schon früher (S. 61) erwähnte große Legendarium.

 [13] Acta SS. Feb. III, 523. Mab. III, 2. 787. Vgl. den Anon. Haser.
      c. 3. 10, MG. SS. VII, 255. 256. Rettberg II, 359. Die 893
      beginnenden Mirakel sind geschichtlich nicht unwichtig. Ausg. v.
      Holder-Egger, MG. SS. XV, 535-555.

Die =Passauer= Kirche erwarb 904 durch Tausch die ansehnliche
Bibliothek des Landbischofs Madalwin[14]; vielleicht auf =Ermenrich=
zurückzuführen ist das vorzüglich aus Hrabans Schriften geschöpfte
Lehrbuch, welches sich in einer Tegernseer Handschrift erhalten hat[15].
Einem Abt =Engilmar=, den er als „venerabilis doctor et grammaticae
rethor“ bezeichnet, widmete ein ungenannter Verfasser in ziemlich
mangelhaften Versen eine Versification der Vita S. Herasmi; vielleicht
könnte dieser später Bischof von Passau geworden sein, wo wir von
874-899 einen Engelmar finden[16].

 [14] Mon. B. XXVIII, 2, 200-203.

 [15] Einige Formeln mit der Ueberschrift _Epistolae Alati_ ed.
      Rockinger, Quellen zur baierischen Geschichte VII, 169-185,
      cf. 21-29, und E. de Rozière, Revue hist. de droit français et
      étranger, IV; Zeumer, Form. S. 456 ff. Nach Passau weist die
      bischöfliche Kirche des heiligen Stephan. Vgl. Müll. u. Scherer,
      3. Ausg. II, 355.

 [16] Dümmler, NA. V, 429.

Aus =Salzburg= endlich ist uns, außer urkundlichen Aufzeichnungen
und der Erzählung von der =Uebertragung des h. Hermes=[17] aus Rom vom
Jahre 851, ein überaus werthvolles Denkmal erhalten, eine Denkschrift,
welche durch die Errichtung eines selbständigen mährischen Erzbisthums
veranlaßt, vermuthlich 870 verfaßt wurde[18], in demselben Jahr, in
welchem die Verfolgung gegen Methodius begann. Die Verdienste und
Berechtigungen der Salzburger Kirche sollten darin dargestellt werden,
und wie billig steht an der Spitze das Leben des h. =Rupert= (oben
S. 122). Die weitere Erzählung stützt sich durchweg auf Urkunden
und andere Aufzeichnungen der Kirche, es ist mehr eine rechtliche
Deduction, als ein eigentliches Geschichtswerk, und weil der Verfasser
sich streng auf das beschränkt, was für seinen Zweck von Wichtigkeit
war, anderes, wie namentlich die ganze Wirksamkeit des Bonifaz, völlig
mit Stillschweigen übergeht, genügt die Schrift unseren Wünschen nicht,
aber was sie giebt, ist unschätzbar, und bei dem fast gänzlichen Mangel
anderer Quellen über die Verhältnisse dieser südöstlichen Lande, bei
dem Verlust der Annalen, von denen nur geringe Reste übrig geblieben
sind, ist jedes Wort des Verfassers von hohem Werth für uns[19].

 [17] _Translatio S. Hermetis_, ed. Holder-Egger, MG. SS. XV, 410. Auch
      in Bamberg glaubte man den h. Hermes zu besitzen, V. Ott. II, 14
      bei Jaffé, Bibl. V, 639.

 [18] Ich lasse dahingestellt, ob sie, wie ich annahm, für den König
      bestimmt war, oder für den Pabst, wie Dümmler, Ostfr. II, 379,
      aufrecht hält, ungeachtet der gänzlichen Verschweigung aller
      päbstlichen Anordnungen. Sicher ist sie ihrer Form nach nicht an
      den Pabst gerichtet.

 [19] Ausgabe von Wattenbach, MG. SS. XI, 1-17, mit den Computationes
      saec. XII. de tempore S. Rudberti, auf welchen die fehlerhafte
      sogenannte Tradition beruht. Ueber das Fehlen einer älteren
      Tradition s. auch Meiller, Salzb. Regesten, S. 439. Wie Dümmler
      bemerkt, ist der erste, von mir übersehene Herausgeber Flacius
      Illyricus, Catalogi testium veritatis (1597) II, 121-129 aus der
      Wiener Handschrift hist. eccl. 73. Wegen der weiteren Litteratur
      begnüge ich mich, auf die 2. Aufl. von Dümmlers Ostfr. zu
      verweisen. Nach Jar. Goll, Mitth. d. Inst. XI, 443 bis 446, hätte
      er seine Angaben über Samo nur aus Fredegar geschöpft, ohne locale
      Tradition.

Unter den Nachfolgern des ersten Erzbischofs Arn wird =Adalram=
(821-836) sehr gepriesen, und =Liuphram= (836-859) folgte Arns Vorgang,
indem er durch Abschriften die Bibliothek zu bereichern bemüht war[20].
Aus seiner Zeit stammt auch eine Sammlung, in welcher formelartig
zugerichtete Briefe Alcuins, die meistens an Arn gerichtet waren,
mit allerlei Versen verbunden sind, nach Dümmlers Ansicht für den
Zweck des Unterrichts bestimmt[21]. Am Anfang stehen Verse von Dungal
an einen „clarus magister“ Baldo, von welchem man in Salzburg auch
eine Handschrift hatte mit der Inschrift: „Hunc humilis librum fecit
perscribere Baldo, Reddat in aeternum mitis cui praemia Christus“.
Aehnliche Verse finden wir in den Unterschriften der von Liuphram
besorgten Bücher. Mit Dümmler hatte ich diesen Baldo für den Abt Waldo
von Saint-Denis gehalten, aber später hat Dümmler sich mit Foltz[22]
für eine Unterscheidung beider Personen ausgesprochen, wofür sich auch
Traube erklärt[23], und es wird, wenn Baldo damals in Salzburg thätig
war, vielmehr anzunehmen sein, daß wir unter Dungal nicht den alten
berühmten Lehrer (oben S. 153) verstehen dürfen. Auch König Ludwig
dankte ihm in Versen für übersandte Schriften, wünschte aber über die
zuletzt erhaltenen, die er nicht verstehen könne, Aufschluß. Andere
Stücke jener Sammlung verherrlichen den alten Bischof Virgilius,
Arn, Adalram, Liuphram; eine besondere Classe stellt sich uns dar als
Inschriften für einen Bischofshof, der vermuthlich damals (zwischen
855 u. 859) in Salzburg gebaut wurde, und erinnert dadurch an die oben
S. 266 erwähnten Lütticher Gedichte, wie denn auch hier (III, 11)
der Dichter sich als einen armen Fremdling bezeichnet; es liegt die
Vermuthung nahe, daß Genossen jener Lütticher Schottencolonie auf ihrer
Reise nach Mailand in Salzburg einige Zeit sich aufgehalten haben. Die
einzelnen Suffragane gaben, wie es scheint, verschiedenen Hallen ihren
Namen, deren Wände mit Darstellungen ihrer Bischofsitze geschmückt
sein mochten, und hier waren auch Verse über die Folge dieser Bischöfe
angebracht, welche aber bei Passau und Saeben nicht vollständig
ausgeführt sind[24].

 [20] S. darüber Karl Foltz, Geschichte der Salzburger Bibliotheken,
      Wien 1877.

 [21] Beiträge zur Geschichte des Erzb. Salzburg, Archiv der Wiener Ak.
      XXII, 279-304. Die Verse bei Traube, Poet. Lat. III, 238.

 [22] a. a. O. S. 13: vgl. Dümmler, Poet. Lat. I, 412.

 [23] O Roma nobilis, S. 336.

 [24] _Versus de ordine comprovincialium episcoporum_ bei Dümmler
      a. a. O. S. 283-285. MG. SS. XIII, 341-343. Poet. Lat. II, 637-648
      mit anderen Versen der Sammlung. Vielleicht rühren jene aus Karls
      d. Gr. Zeit her, und wurden nur fortgesetzt; dann hätten wir
      Erneuerung älterer Darstellungen anzunehmen.


§ 20. Frankreich.

Der Vertrag von Verdun besiegelte die politische Theilung des
karolingischen Reiches, aber er zerstörte nicht die Gemeinsamkeit der
litterarischen Entwickelung. Diese beruhte, besonders in Deutschland
und Frankreich, Jahrhunderte lang ausschließlich auf der Geistlichkeit,
die von dem Gefühl erfüllt war, eine große Corporation zu bilden,
deren Mitglieder in den verschiedenen Ländern sich, wie noch heute,
einander näher verbunden fühlten als mit den Laien ihres Volkes.
Dieses Gefühl der Gemeinschaft tritt auch in späterer Zeit häufig
außerordentlich stark hervor; ganz besonders lebhaft aber war es, so
lange die Karolinger herrschten, und die Erinnerung an die Einheit des
Kaiserreiches noch die Gemüther erfüllte. In der Litteratur sind es
jedoch die kirchlichen Fragen, in denen die Gemeinsamkeit der Bildung
wie der Interessen sich vornehmlich zeigt; die überaus reiche und
bedeutende theologische Litteratur des neunten Jahrhunderts läßt sich
gar nicht getrennt behandeln. In der historischen dagegen verhält es
sich anders; diese wird naturgemäß von der politischen Trennung weit
stärker berührt und sondert sich rascher in verschiedene Zweige. Alles
was die Localgeschichte betrifft, gewinnt nur noch in einzelnen Fällen
Bedeutung für das Nachbarland; die bedeutenderen Werke allgemeiner
Art aber dürfen nicht außer Acht gelassen werden, und bei der engen
Verbindung der karolingischen Theilreiche finden wir in diesen immer
auch die Nachbarländer, wenn nicht gleichmäßig, so doch mit wenig
geringerer Sorgfalt berücksichtigt, als das eigene. Vor allem gilt das
von der Reichshistoriographie der =Annalen=. Wie die Fulder Annalen
auch für Frankreich von Wichtigkeit sind, so die =Bertinianischen=[1]
für Deutschland.

 [1] _Annales Bertiniani_ ed. Pertz, MG. SS. I, 419-515. Neue Ausg.
     v. G. Waitz, Hann. 1883, 8; vgl. dens.: Ueber die Ueberlieferung
     der Ann. Bertiniani, Berl. SB. 1883, S. 113-121. Benutzt sind
     außer den Hss. das Chron. Vedastinum, Cont. Aimoini, der einige
     Zusätze von zweifelhaftem Ursprung hat, Ann. Mettenses, über deren
     jetzt in Berlin befindl. Hs. ich NA. XVI, 607 berichtet habe.
     Wenig Hülfe bietet das fast ganz aus Ann. Bertin. u. Vedastini
     geschöpfte _Chronicon de gestis Normannorum in Francia_, MG. I,
     532-536, in ganz unbestimmter Zeit in St. Omer verfaßt. Uebers.
     der Ann. Bertin. v. Jasmund 1857. 1890. Geschichtschr. Bd. 24 (IX,
     9).

Die alten Reichs-Annalen bilden für beide Reiche gleichmäßig den
Ausgangspunkt; während man aber am ostfränkischen Hofe diese Aufgabe
erst nach einiger Zeit wieder aufnahm, trat im westlichen Franken keine
Unterbrechung ein, und wir finden schon in den Jahren 830-835 eine
gleichzeitige Fortsetzung. Das Kloster St. Bertin hat nur deshalb den
Namen dazu hergegeben, weil diese Annalen zuerst aus einer Handschrift
desselben bekannt wurden; sie tragen einen durchaus universellen
Charakter und haften an keinem bestimmten Orte.

Die Hofschule bestand unter Ludwig dem Frommen, wie unter seinem
Vater. Der Irländer Clemens setzte seine Wirksamkeit fort, und von
Alderich und einem sonst unbekannten Thomas, den Walahfrid preist,
ist es, wenn auch nicht sicher, doch wahrscheinlich, daß sie eine
ähnliche Stellung hatten[2]. Walahfrids Berufung an den Hof bezeugt
ebenfalls die Beachtung litterarischer Talente. Die Verdienste der
Kaiserin Judith in dieser Beziehung waren schon wiederholt zu erwähnen.
An Karls des Kahlen Hof glänzte Johannes Scotus[3]. Ihm widmete auch
ein unbekannter Autor ein geographisches Werk, welches ganz aus
Stellen alter Schriftsteller zusammengesetzt, und ein Zeugniß für
die eifrig betriebenen Studien in jener Zeit ist[4]. Seine Sorge für
wissenschaftliche Bildung wird gerühmt, und zu seiner Zeit wird Manno
als Vorsteher der Hofschule genannt, welcher als Probst von Saint-Oyan
(später Saint-Claude) im Jura am 16. Aug. 880 gestorben ist, nachdem
er diesem Stifte mehrere noch jetzt erhaltene Handschriften dargebracht
hatte[5].

 [2] Simson, Ludwig d. F. 256-261; vgl. Dümmler, Hist. Z. XXXVII, 134.
     Ostfr. III, 651. 652.

 [3] Reuter, Gesch. d. Aufklärung I, S. 51-64.

 [4] Anonymi de situ orbis libri duo, ed. M. Manitius, Stuttg. 1884.
     Der Prolog NA. IV, 176.

 [5] „Voto bonae memoriae Mannonis liber ad sepulcrum sancti Augendi
     oblatus.“ S. Dümmler, Ostfr. III, 652. Probst war er schon 870.
     Ueber seinen Collegen Joseph s. unten S. 300. Merkwürdige Verse
     und Briefe aus Karls d. K. Zeit, worin auch Manno erwähnt wird,
     NA. XIII, 343 bis 357, von Dümmler.

In dieser Schule ist auch der Spanier Galindo ausgebildet, welcher
den Namen =Prudentius= annahm[6]; ein vornehmer Jüngling, welcher
frühzeitig ins Frankenreich gebracht war. Aus dieser Zeit, noch vor
817, haben sich an ihn gerichtete Verse eines unbekannten Dichters
erhalten, leider nur theilweise verständlich[7]. Theodulf, Clemens
und Thomas werden darin erwähnt. Als die Kaiserin Judith sich einst
in Gefahr befand, hat er für sie auf ihren Wunsch Flores psalmorum
zusammengestellt[8]. Die Verse Walahfrids _ad Prudentium magistrum_
(oben S. 280) werden doch wohl sicher an denselben Galindo gerichtet
sein, welcher zwischen 843 und 846 Bischof von Troyes geworden, am 6.
April 861 gestorben ist. Von ihm selbst haben wir Verse aus einem von
ihm seiner Kirche gewidmeten Evangelienbuch, und kirchliche Schriften.

 [6] Ebert II, 267, u. S. 365-368 über die Annalen. Dümmler, NA. IV,
     314.

 [7] Poet. Lat. I, 579. Daß der Verf. Prudens geheißen, widerlegt L.
     Traube, Karol. Dicht. S. 65, u. gibt Verbesserungen zum Text.

 [8] Poet. Lat. II, 701. Der Prolog gedruckt bei A. Mai, Nova Coll.
     IX, 369.

Dieser Prudentius wird von Hincmar als der Fortsetzer der Annalen
genannt, auch 861 von ihm der Tod desselben mit scharfem Tadel seiner
in den letzten Jahren ketzerischen Haltung angemerkt. J. Girgensohn[9]
hat sich bemüht zu erweisen, daß der Inhalt der Annalen genau zu
dem stimmt, was wir von Prudentius wissen, indem er 835-840 dem
alten Kaiser treu ergeben ist, bis 853 Karls des Kahlen Handlungen
bestmöglichst zu beschönigen sucht, nach der Synode von Quierzy aber,
wo er die seiner früheren Lehre widerstreitenden Artikel unterschreiben
mußte, auch rücksichtslosen Tadel nicht scheut. Der Brief Hincmars,
welcher allein uns die Kunde von Prudentius Autorschaft erhalten
hat, zeigt zugleich, daß die Urschrift des Werkes, welches schon
Vielen bekannt geworden war, sich in des Königs Händen befand, und
bestätigt dadurch den officiellen Charakter desselben. Nur darf
man nicht vergessen, wie selbständig die Bischöfe Frankreichs ihrem
Könige gegenüber standen, und es ist deshalb nicht zu verwundern, daß
Prudentius seine eigene Meinung mit einer Entschiedenheit ausspricht,
welche Rudolf von Fulda ganz fern liegt. Noch weit unabhängiger
erscheint die Fortsetzung, welche der Erzbischof =Hincmar= von Reims
bis zum Jahre 882, dem Jahre seines Todes, fortgeführt hat. Sie bietet
uns die Reichsgeschichte aus dem Standpunkte des Verfassers, des
bedeutendsten Staatsmannes im Reiche Karls des Kahlen, der unablässig
bis an seinen Tod für das Wohl des Reiches und die Selbständigkeit
der westfränkischen Kirche auch gegen König und Pabst gearbeitet
und gekämpft hat, nicht immer mit redlichen Mitteln allein, obgleich
freilich Schrörs (S. 307, 507-512) ihn von dem Verdachte zu befreien
sucht, daß er zur Erreichung seiner Zwecke auch Fälschungen und
Erdichtungen nicht verschmäht habe; ein sicheres Beispiel kecker
Fälschung hat Krusch in der Vita Remigii nachgewiesen[10]. Sicher aber
sind seine Annalen von solchen Flecken rein, wenngleich an manchen
Stellen nicht frei von Parteilichkeit, und als die hervorragendste
Geschichtsquelle dieser Zeit zu betrachten[11].

  [9] Prudentius und die Bert. Annalen, Riga 1875. Vgl. die Rec. von
      F. Dahn in Lit. Centralblatt 1876 S. 848. Baehr S. 453-456. C.
      v. Noorden, Hincmar S. 152. Sein Latein ist mangelhafter, als man
      von Pr. erwarten sollte. Aber auch Hincmar hat auf die Form wenig
      Sorgfalt verwandt.

 [10] Auctt. antt. IV, 2, p. XXII, anerkannt v. Dümmler, Ostfr. III,
      683.

 [11] Als Verfasser der Annalen nennt ihn Richer im Prolog seiner
      Geschichte. Ueber deren Glaubwürdigkeit v. Noorden S. 153.
      E. Büchting, Glaubwürdigkeit Hincmars v. R. im 3. Theil der
      Ann. Bert. Hall. Diss. 1887. -- Hincmari Opuscula et epp.
      ed. Cordesius, Par. 1615, 4. Opera ed. Sirmond 1645, f. Neuer
      Abdruck bei Migne Vol. CXXV. CXXVI. Seine Gedichte Poet. Lat.
      III, 406-420. Verz. bei Schrörs, S. 512-588. Zwei neue entdeckte
      hat Gundlach herausgegeben, Zts. f. Kirchengesch. X, S. 92-145.
      258-310, das Gutachten gegen Rothad, Schrörs n. 134, und die erste
      Schrift gegen Gotschalk (849 od. 850) an die „filii simplices“
      seiner Gemeinde. Vgl. C. v. Noorden, Hincmar Erzb. v. Rheims
      1863, rec. von Wenck, Hist. Zts. XI, 222, von Dümmler im Litt.
      Centralbl. 1864 Sp. 1197. Dümmler, Ostfr. III, 210-213; auch NA.
      IV, 536-538. Heller, Allg. D. Biogr. XII, 438-456. Schrörs, H. v.
      R. Sein Leben u. seine Schriften, Freib. 1884, rec. v. Dümmler
      im Centralbl. 1884, Sp. 1197. In diesen Werken sind auch die
      übrigen geschichtlich wichtigen Schriften Hincmars besprochen
      und ausgebeutet. Seine für Karlmann geschriebene Darstellung der
      Regierungsweise Karls des Großen ist oben S. 252 erwähnt. Vgl.
      Dirksen, Hinterlassene Schriften II, 130-841: H. als Kenner der
      Quellen des römischen Rechts. Hincmar befahl seinem Clerus 852
      § 8, den compotus d. h. die Osterberechnung zu lernen (Marlot,
      Hist. Rem. I, 418). Damit verbindet Bock bei Weiß, K. Alfred S.
      31, die Inschrift bei Varin, Archives admin. de Reims I, 334,
      wonach der Probst Sicfarius von Saint-Remi, der kurz vor Hincmar
      dem Kloster vorstand und Gregors Moralien abschreiben ließ, eine
      Schule baute: „_Huic claustro pollent studio loca compotis apta_“
      etc. _Compotis_ als Gen. nach Traube, O Roma p. 373. 847 war
      Sigloardus presb. caput scholae S. Remensis ecclesiae, Marlot
      I, 390. Polyptyque de l'abb. de St. Remi ed. Guérard p. 57. --
      Geschichtlich wichtig sind auch die Parteischriften: _Narratio
      clericorum Remensium, qualiter Ebbo Rem. archiep. depositus, mox
      restitutus ac iterum dejectus est_, bei Duchesne II, 340. Bouquet
      VII, 277, und _Apologeticon Ebbonis_, Bouquet VII, 281. -- Die
      _Translatio S. Remigii_, der 882 wegen der Normannen nach Epernai,
      von da nach Orbais, 883 von Fulco zurückgebracht wurde (Acta SS.
      Oct. I, 170) enthält fast nichts, was nicht auch bei Flodoard
      steht. Die griech. Verse im cod. Laudun. 444 sind an Hincmar von
      Laon gerichtet nach L. Traube, O Roma nob. p. 363.

Von dem einflußreichsten, nur vorübergehend bei Seite gedrängten
Staatsmanne herrührend, unterscheiden Hincmars Annalen sich noch
wesentlich von einfachen Privatarbeiten; mit seinem Tode versiegte
in Frankreich noch früher als in Deutschland diese Art der
Geschichtschreibung, wie denn auch der Verfall des Reiches hier noch
rascher und unaufhaltsamer eintrat.

Allein in ganz ähnlicher Weise, wie wir in Deutschland neben den
Reichsannalen die Jahrbücher von Xanten finden, wie auch nach dem
Uebergange der amtlichen Geschichtschreibung an die Baiern die
Jahrbücher von Fulda unabhängig aus freiem Antriebe weiter fortgesetzt
wurden, so stehen auch in Frankreich den Annalen Hincmars die
Jahrbücher von St. =Vaast=[12] bei Arras zur Seite. Sie reichen von
874-900; vielleicht ist aber was uns vorliegt nur ein Bruchstück. Auf
das Kloster des heiligen Vedast weisen mehrere Stellen hin, aber die
Absicht des Verfassers war, die Geschichte des westfränkischen Reiches
zu schreiben; die Darstellung ist ausführlich und umfassend, und
dabei frei von den Rücksichten, welche in den Bertinianischen Annalen
unverkennbar sind. Die Zwietracht im Reiche und die Heimsuchungen
durch die Normannen werden mit lebhaften Farben geschildert. Wie in
Deutschland die Xantener Annalen, so blieben auch hier die Vedastiner
fast unbekannt; in Reims wußte man nichts von ihnen, als Richer
seine Geschichte schrieb, und wir haben ihre Erhaltung als einen
besonderen Glücksfall zu betrachten. Außerdem beschäftigte man sich
hier angelegentlichst mit dem Schutzheiligen, dessen Wunder um 850 der
Küster und Schulvorsteher =Haimin= beschrieb, ein gefeierter Gelehrter,
welchem sein Schüler Milo das metrische Leben des h. Amandus widmete.
Bei der wachsenden Kriegsgefahr wurde der h. Vedast 852 feierlich
erhoben und wieder wurde ein Buch über seine Wunder geschrieben. Die
Normannen jedoch fürchteten sich nicht vor ihm, 880 wurde er nach
Beauvais geflüchtet, 893 heimgeführt, und auch darüber von =Ulmar= eine
Schrift verfaßt; allerlei für die Zeitgeschichte nicht unerhebliche
Nachrichten hat daraus Holder-Egger ausgehoben[13].

 [12] _Annales Vedastini_ ed. Pertz, MG. SS. I, 516-531, und nach
      Auffindung der Brüsseler Handschrift in verbessertem Abdruck II,
      196-209; Facs. in Arndts Schriftt. 18. Vgl. Dümmler, de Arnulfo
      rege p. 176. Uebersetzt von Jasmund bei den Ann. Bert.

 [13] _Monumenta Vedastina minora_, SS. XV, 396-405: I. Ex Miraculorum
      l. I. auct. Haimino. II. Ex libro II auct. Ulmaro aliisque
      (vgl. aber S. 1315). III. Sermo de relatione S. Vedasti. IV.
      Ex Apparitione S. Vedasti auctore Huberto presbytero, Haimin
      gewidmet.

Die Annalen kannte man im eigenen Kloster wohl, und muß auch eine große
Fülle von historischem Material gehabt haben, denn gegen das Ende des
11. Jahrhunderts ist hier eine große weltgeschichtliche Compilation bis
899 aus vielerlei Quellen ohne viel Geschick zusammengearbeitet, welche
sich in einer jetzt in Douai befindlichen Handschrift erhalten hat, aus
der sie erst kürzlich bekannt geworden ist; jetzt hat den wesentlichen
Inhalt mit Fortlassung des Anfangs und der wörtlich entlehnten Stellen
Waitz (SS. XIII, 674-709) als _Chronicon Vedastinum_ herausgegeben[14].
Außer Hieronymus, Orosius, Beda, Isidor, Nennius, Jordanis, Gregor
von Tours ist Fredegar mit seinen Fortsetzungen benutzt, und die
Reichsannalen mit den Bertin. und Vedast., welche fast ganz aufgenommen
sind, so daß die Handschrift zur Verbesserung des Textes benutzt werden
kann. Von besonderer Wichtigkeit ist die Benutzung der oben S. 202
erwähnten Compilation bis 805, von der Waitz vermuthet, daß sie noch
höher hinaufgereicht habe, da schon im 7. und 8. Jahrhundert gleiche
Quelle mit den Ann. Mett. wahrzunehmen ist; doch muß für die Zeit Karl
Martells die Vorlage eine Lücke gehabt haben. Einige Stellen stimmen
mit der Bisthumsgeschichte von Cambrai überein, was für die Zeit der
Abfassung entscheidend sein würde; doch nennt er diese Quelle Gesta
Remensium, und ganz sicher ist die Benutzung nicht. Er giebt aber
manchmal seinen Quellen falsche Benennungen, weicht auch im Wortlaut
ab, und hat allerlei Nachrichten, deren Herkunft nicht festzustellen
und deren Werth zweifelhaft ist. Guiman von St. Vaast um 1170, Hermann
von Tournai und Andreas von Marchiennes haben das Werk benutzt; früher
als ins 11. Jahrhundert kann es nach der Beschaffenheit der allem
Anschein nach erhaltenen Originalhandschrift unmöglich gesetzt werden.

 [14] S. 682, 32 l. campi suda; der angeführte Vers ist, wie ich
      von Dümmler erfahren, Prudentii Psychom. 637. Die Ausgabe von
      Dehaisnes, Les Annales de Saint-Bertin et de Saint-Vaast, suivis
      de fragments d'une chronique inédite, 1871, war verfehlt, s.
      Monod, Revue crit. 1872, I, S. 242 bis 254; G. Waitz, GGA. 1873,
      S. 1-9; W. Arndt, HZ. XXXI, 167-171. Eine ältere Compilation
      bis zum 6. Jahr des Heraclius, welche hierin benutzt scheint,
      beschreibt Mommsen NA. XVI, 430. -- MG. SS. XIII, 710: _Ex
      Guimanni libro de possessionibus S. Vedasti_; p. 750: _Catal. epp.
      Atrebatensium_; p. 382: _Series abbatum S. Vedasti_, e cod. sacc.
      IX. abweichend von der sonst überlieferten Folge.

Gehört nun diese Bearbeitung schon späterer Zeit an, so stammen dagegen
die oben S. 109 erwähnten Gesta Dagoberti aus dem Ende des neunten
Jahrhunderts, und um 900 war nach B. Krusch auch schon die Bearbeitung
vollendet, welche aus Gregor von Tours mit der unter Fredegars Namen
bekannten Sammlung und deren Fortsetzern eine einigermaßen lesbare
Frankengeschichte herstellte (S. 203).

Wir finden also auch in Frankreich eine nicht unbedeutende
Beschäftigung mit der Geschichte, und namentlich die annalistische Form
der gleichzeitigen Geschichtschreibung reich entwickelt, bis sie durch
den Verfall des Reiches erstickt wird[15]. Von Aufzeichnungen anderer
Art ist nur noch die poetische Behandlung der Belagerung der Stadt
Paris durch die Normannen vom November 885 bis 886 und der weiteren
Kämpfe bis 896 zu erwähnen, verfaßt von =Abbo=[16], einem Mönche von St.
Germain-des-Prés, zur Verherrlichung seines Heiligen; schätzbar durch
ihren Inhalt, da der Dichter diese Ereignisse selbst mit durchlebt
hatte, aber kaum als Geschichtswerk zu rechnen, in sehr gezierter
und gesuchter, oft kaum verständlicher Sprache. Im allgemeinen
überwog in Frankreich noch mehr als in Deutschland die Richtung auf
theologische und philosophische Gelehrsamkeit; die kirchlichen Fragen
beschäftigten die Geister im höchsten Grade und die wissenschaftliche
Thätigkeit, welche Karl der Kahle bei aller Schwäche seiner Regierung
lebhaft begünstigte[17], kam der Geschichte wenig zu Gute. Denn die
Ueberarbeitung oder auch neue Aufzeichnung älterer Heiligenleben,
welche auch hier vielfach vorkommt, hatte mehr einen liturgischen
oder doch erbaulichen Zweck; die Form ist die Hauptsache dabei und von
ernstlicher geschichtlicher Forschung nicht die Rede.

 [15] Von den unbedeutenderen kleinen Annalen, welche doch häufig
      einzelne schätzbare Nachrichten enthalten, erwähne ich _Ann. S.
      Quintini_ _Veromandenses_ ed. Bethmann SS. XVI, 507, von 793-994
      meist gleichzeitig, aber dürftig; _Engolismenses_ ed. Pertz SS.
      XVI, 485, von 815-870 und noch dürftiger fortgesetzt 886-930.
      940-991 (daraus mit einigen Zusätzen _Chron. Aquitanicum_ SS.
      II, 252, und _Ann. Engolismenses_ SS. IV, 5); _Lugdunenses_ I,
      110 von 769-841 (_Catal. archiepp. Lugd._ s. IX. s. NA. VIII,
      624); _Masciacenses_ SS. III, 169 von 732-821 und fortgesetzt
      832-1013, von Massai im Berry; Verse auf dieses Kloster unter
      dem Abt Odo (935 bis 967) verfaßt, bei Senebier, Catal. des
      Manuscrits de Genève p. 130; H. Hagen, Carm. med. aevi, p. 112;
      _Ann. Floriacenses_ II, 254 von 864 bis 1060; _Nivernenses_ a.
      509-1188, SS. XIII, 88-91; _S. Victoris Massilienses_ (darin
      _Barcinonenses_) 538-1542, SS. XXIII, 1-7; vgl. Arnold S. 61;
      Kritik d. Ausgabe, u. Ausgabe v. Albanès, Mélanges d'Arch. et
      d'hist. VI. de l'École franç. de Rome. Dazu Todtenklage um den
      1017 gest. Grafen Raimond von Barcelona, NA. III, 407. Zwischen
      1330 und 1338, angeblich nach einer verlorenen Chronik über
      und aus Karls des Kahlen Zeit verfaßt, in der That aber ganz
      fabelhaft, begründet auf ein zur Bewirkung der Canonisation spät
      verfaßtes Leben ist: Le roman en vers de très excellant, puissant
      et noble homme Girard de Rossillon, jadis duc de Bourgogne, publié
      par Mignard, à Paris 1858; vgl. Revue hist. VIII, 216; Paul Meyer:
      La Légende de Girart de R. in d. Zts. Romania, 1879. Uebers. mit
      Einl. von dems. 1884. A. Stimming: Ueber d. provenz. G. de R.
      1888.

 [16] _Abbonis de bellis Parisiacae urbis libri III_ ed. Pertz, MG. SS.
      II, 776 bis 805. Sep. Abdr. 1871. Vgl. E. A. Freemann's Essay:
      The early sieges of Paris. Dümmler, NA. IV, 556. Das dritte
      Buch, hinzugefügt, um der heiligen Dreizahl zu genügen, ist nur
      allegorisch gramm. Inhalts und besteht fast ganz aus seltenen,
      schwer verständlichen Worten. Doch ist es mit Glossen für den
      Unterricht versehen u. auch abgesondert abgeschrieben, gedr.
      in Mangearts Catal. de Valenc. S. 656-659. Abbo's Klosterbruder
      =Aimoin= giebt in seinen zwei Büchern _de S. Germani miraculis_
      ebenfalls Nachrichten über frühere Verheerungen der Normannen;
      s. über seine Schriften Baehr S. 243; Ebert II, 352, NA. IV, 543.
      Vgl. NA. XII. 447, über eine K. Odo gewidmete poet. Bearbeitung.
      Die von Aimoin aufgenommene _Translatio S. Germani_ a. 845 Anal.
      Boll. II, 69-98, MG. SS. XV, 10-16. _Translatio S. Mederici_ (Mab.
      III, 1, 14. Acta SS. Aug. II, 524) in Paris 884 durch Bischof
      Gauslin, Abt von St. Germain und St. Denis, enthält sonst keine
      Nachrichten. _Translatio S. Bertae_ (Mab. III, 1, 454. Acta SS,
      Jul. II. 54) von Blangi bei Amiens 895 nach Erstein im Elsaß, um
      sie vor den Normannen zu retten, gedenkt einer Synode zu Tribur,
      wo die Aebtissin Rotrudis von Erstein anwesend war. Auszug _Ex
      Miraculis et transl. S. B._ ed. L. de Heinemann, SS. XV, 564.

 [17] Graf =Vivian= Laienabt von St. Martin und Marmoutiers, widmete
      ihm die herrliche Metzer Bibel Lat. 1. mit den Versen bei Traube,
      Poet. Lat. III, 243. _Versus Johannis Sapientissimi_ (A. Mai,
      Auctores Class. V, 426-450, wiederholt hinter Joh. Scotus de
      divisione naturae ed. Schlüter, Monast. 1838 S. 593-610 und
      Migne CXXXII ed. Floß p. 1221-1240 ex. cod. Vat. Chr. 1587)
      voll Verherrlichung Karls und der Irmintrud von einem Iren,
      wahrscheinlich dem bekannten Philosophen; vgl. NA. IV, 531, Ebert
      II, 257-267. (Bei Floß S. 1194 die Spottverse auf Rom: _Nobilibus
      quondam_ etc. auch Murat. Antt. II, 147. Bedae Opp. ed. Col.
      I, 449. Jaffé Bibl. V, 457 im Cod. Udalrici, cit. schon in der
      Invectiva, Dümml. Gesta Bereng. p. 138). =Joseph=, in Tours unter
      Erzbischof Amalrich (von vor 849-855), der früher Vorstand der
      Schule gewesen war, gebildet mit Paul, 849-855 Erzbischof von
      Rouen, war 847 und 848 Kanzler Pippins II von Aquitanien, dann
      „inclyti regis Ludowici (des Stammlers) liberalium litterarum
      praeceptor atque ejusdem sacri palatii cancellariorum ministerio
      functus“. Er schrieb auf Bitten jenes Paul _Translatio S.
      Ragnoberti_, der 847 von Bayeux mit Frechulfs Rath nach St.
      Victor d. Lexov. und dann in die neugebaute Kirche in Suiacum,
      vermuthlich Notre-Dame-d'Épines, gebracht wurde, wo Frechulf den
      Hauptaltar weihte; gedr. bei d'Achery Spicil. XII, 600-621. II,
      127 bis 133 ed. II. Acta SS. Mai III, 620-624. Er erwähnt den Tod
      beider Erzbischöfe gleich nach Beginn seiner Arbeit. Vermuthlich
      schrieb er auch die betrüglich dem =Lupus= untergeschobene _Vita
      S. Ragnoberti_, ein Plagiat der Vita S. Reverentii; ed. Jules
      Lair, Bibl. de l'École des chartes V, 3, 89-124.

In =Chelles= ließ die Aebtissin Hegilwich, die Mutter der Kaiserin
Judith, 833 den Leib der Königin =Baltechildis= erheben, worüber
bald nach 856 berichtet wurde[18]. Etwas später finden sich hin und
wieder Nachrichten über die Unthaten der Normannen in den Sammlungen
von Wundergeschichten und den Berichten über die Irrfahrten der vor
den gottlosen Feinden geflüchteten Reliquien. So in des Abts =Odo=
von =Glanfeuil= Geschichte der Uebertragung des h. =Maurus= von
Saint-Maur-sur-Loire nach Saint-Maur-des-Fossés bei Paris[19] 868,
welche wohl etwas, doch nicht viel mehr Glauben verdienen mag, als
desselben Odo angeblich nach einem gleichzeitigen Werk des Faustus
erneuertes Leben des h. Maurus[20], und mit besonderer Lebhaftigkeit und
Anschaulichkeit in den Wundergeschichten vom heil. =Bertinus=[21].

 [18] _Ex translatione S. Baltechildis_, ed. Holder-Egger, SS. XV, 284.

 [19] _Translatio S. Mauri._ Mab. IV, 2, 165-183. _Ex Odonis miraculis
      S. Mauri sive restauratione mon. Glannafoliensis_, SS. XV,
      461-472. Vgl. Ebert II, 351.

 [20] Schon von Papebroch aufgegeben, doch noch häufig benutzt; s. P.
      Roth, Gesch. des Beneficialwesens, S. 438; Bonnell, Die Anfänge,
      S. 200. Zeumer, NA. XI, 316.

 [21] _Miracula S. Bertini_ bis 891, mit späteren Fortsetzungen, MG.
      SS. XV, 507-534, von Holder-Egger. Daselbst auch _Ex miraculis S.
      Martialis_, S. 280-283.

Hierher gehören auch die schon oben S. 164 erwähnten Aufzeichnungen
aus dem Kloster =Saint-Riquier= oder Centulum. Aus diesem aber hat
sich auch noch eine nicht unwichtige Sammlung von Gedichten erhalten,
mit welchen ja die Mönche des neunten Jahrhunderts sich überaus gerne
beschäftigten; sie beziehen sich großentheils auf Aebte des Klosters,
welche, ohne Ausnahme Laienäbte, der kaiserlichen Familie angehörten,
und dienen zur Berichtigung der chronologischen Angaben Hariulfs.
Die Hauptmasse rührt von dem Diaconus =Mico= her und umfaßt die Jahre
825-853; er wirkte als Lehrer und hat auch eine Zusammenstellung von
Versen älterer Dichter zu prosodischen Zwecken auf überlieferter
Grundlage verfaßt. Verbunden sind damit Gedichte des Spittlers
=Fredigardus= aus den Jahren 861-871 und vermuthlich auch seines
Zeitgenossen, des Custos =Odulfus=, welchem Traube einen von Hariulf
in seine Chronik (III, 11, 12, 14) aufgenommenen Bericht über die von
ihm gesammelten Reliquien zuschreibt. Nachdem einzelne dieser Gedichte
an verschiedenen Orten veröffentlicht waren, die ganze Sammlung vor
50 Jahren von Bethmann abgeschrieben, ist sie jetzt von L. Traube
vollständig herausgegeben und scharfsinnig erläutert[22].

 [22] _Carmina Centulensia_, Poet. Lat. III, 265-368.

Zu den berühmtesten Gelehrten dieser Zeit gehörte =Heirich= aus
Auxerre, 841 geboren und seit 850 zum Diener des heiligen Germanus
geschoren; 859 wurde er zum Subdiaconus geweiht, und hat dann, nach
der Sitte der lernbegierigen jungen Mönche jener Zeit, verschiedene
Lehrer aufgesucht, namentlich auch Schottenmönche, nach Traubes
wahrscheinlicher Vermuthung in Laon. Eine alte Aufzeichnung nennt
ihn einen Schüler des Schotten Elias, Bischofs von Angoulême (†
860) und als seine Schüler wieder Remigius, der die Reimser Schule
herstellte[23], und Hucbald den Kahlkopf von St. Amand[24]. Er selbst
nennt Lupus, den Abt von Ferrières, und Haimo, vermuthlich in Auxerre,
seine Lehrer, in den Versen, mit welchen er dem Bischof Hildebold
von Soissons die Collectaneen überreichte, die er jenen verdankte,
Auszüge aus Valerius Maximus und anderen Schriftstellern[25]. Sogar den
unsauberen Petronius hat er studiert, und Verse von ihm zum Preise des
heiligen Germanus benutzt[26]. Denn dessen Legende in Verse zu bringen,
das war die große Aufgabe, welche ihm der jugendliche und früh (865)
verstorbene Abt Lothar, Karls des Kahlen Sohn, gestellt hatte, als
er eben der Schule entwachsen war. In langer Arbeit hat er das Werk
vollführt, und dem Kaiser Karl (also zwischen 875 und 877) mit vielen
Lobsprüchen überreicht; hinzugefügt sind zwei Bücher in Prosa über die
Wunder des heiligen Germanus, welche auch geschichtlich brauchbare
Angaben enthalten[27]. Später war er selbst ein gefeierter Lehrer,
und hat nach einer Vermuthung von Traube, der ihn für den Verfasser
des bisher dem Helpericus zugeschriebenen Computus hält, eine Zeit
lang mit schlechtem Erfolg in Granfelden gelehrt. Seine ungewöhnliche
Gelehrsamkeit hat Heirich auch durch seine in tironischen Noten
geschriebenen Bemerkungen zu astronomisch-chronologischen Schriften
von Beda und anderen bewiesen, während die kurzen Annalen von 826-875
in derselben Handschrift wenig Sinn für geschichtliche Aufzeichnungen
verrathen[28]. Doch hat Heirich sich auch an der Geschichte der Bischöfe
von Auxerre betheiligt, die er in Gemeinschaft mit den Domherren
Rainogala und Alagus verfaßte, ein Werk, das als einer der frühesten
Versuche der Art Beachtung verdient, übrigens aber für die ältere Zeit
unzuverlässig, für die näher liegende dürftig ist[29].

 [23] Ueber ihn s. Huemer, Wiener SB. XCVI, 505-551.

 [24] Bethmann, Archiv X, 333; ohne Kenntniß dieses Abdrucks wiederholt
      von Lucian Müller im Rhein. Mus. NF. XXII, 635. Quelle des
      Ademarus Caban. III, 5. Der Codex stammt von einem Mönch S.
      Martialis Lemovicensis, wo Ademar studiert hat, Arch. VIII,
      575. Waitz, SS. IV, 110, n. 44, unterscheidet den hier genannten
      Ademar: Dümmler, Litt. Centralbl. 1878. Sp. 940, hält beide für
      identisch.

 [25] Mab. Anal. p. 422. Commentar zu Mart. Capella, Bandini II, 538,
      soll von Remigius sein. Vgl. über Heirichs Gelehrsamkeit auch
      Prantl, Gesch. d. Logik II, 41-44, vorzüglich aber L. Traube in
      der Einleitung zur Ausgabe seiner Gedichte, Poet. Lat. III, p.
      421 ff.

 [26] Petronius ed. Buecheler, p. XI.

 [27] Labbe, Bibl. I, 531-569. Acta SS. Jul. VII, 221, die Wunder S.
      255-283. Daraus Duru, Bibl. hist. de l'Yonne II (1863) S. 1-248.
      _Ex Heirici Miraculis S. Germani_, MG. SS. XIII, 401. Vgl.
      Dümmler, NA. IV, 529.

 [28] Sickel, Lettre sur un Manuscrit de Melk, Bibl. de l'École des
      chartes, 5 Série, Tome III, p. 35. MG. SS. XIII, 80.

 [29] _Gesta episcoporum Autisiodorensium_ fortgesetzt bis 1593, bei
      Labbe, Bibl. I, 411-526, neue Ausgabe von Duru, Bibl. hist. de
      l'Yonne, I, Auxerre 1850. Excerpte MG. SS. XIII, 393; Forts. XXVI,
      584. Vgl. P. Roth, Beneficialwesen S. 444-450. Für ihren Werth als
      gleichzeitige Quelle im 10. Jahrh. Wold. Lippert, König Rudolf v.
      Frankr. (Leipzig 1886) S. 123.

Eine zweite Bisthumsgeschichte haben wir aus =Le Mans=, wo 832-856
Aldrich Bischof war, von vornehmer Herkunft aus Sachsen, wodurch es
sich erklärt, daß er seinen Vorgänger, den h. Liborius, nach Paderborn
abließ. In der Hofschule und im Metzer Clerus hatte er seine gelehrte
Bildung erhalten, und sein Wirken in Le Mans, zu dessen Bischof Ludwig
der Fromme ihn erhoben hatte, wird sehr gerühmt, sowohl in Prosa, wie
in Versen, die ein eifriger Verehrer mit fleißiger Benutzung älterer
Dichter leidlich correct, wenn auch nicht fehlerfrei, ihm zu Ehren
verfaßte[30]. Beide schrieben bei seinen Lebzeiten und überschreiten
nicht das Jahr 841. Verbunden ist mit der Biographie die Geschichte
seiner Vorgänger; leider steht dieses Werk einzig in seiner Art da
durch die erstaunliche Fülle gefälschter Urkunden, welche es enthält.
Vorzüglich gilt es dem Besitz der Abtei Anisola oder Saint-Calais,
welcher mit diesen Mitteln erstrebt wurde; dann aber auch der
Sicherung Aldrichs, welcher eine Zeit lang entsetzt war, gegen weitere
Anfechtung. Aus diesen Verhältnissen ist nach einer besonders von
B. Simson verfochtenen Ansicht die pseudo-isidorische Fälschung
hervorgegangen, und Aldrich der Betheiligung an dieser horrenden
Fälscherei mehr als verdächtig[31].

 [30] Zuerst von D. Piolin in d. Gesch. des Bisthums, II, 535-546,
      herausgegeben, dann von Dümmler, Poet. Lat. II. 623-636.

 [31] _Acta episcoporum Cenomanensium_; s. darüber P. Roth, Gesch. des
      Beneficialwesens, S. 451-461; Sickel, Acta Karol. II, 286-290.
      Ausg. der _Gesta Aldrici_, auszugsweise von Waitz. SS. XV,
      304-327: vollst. von Charles und Froger, Mamers 1890. B. Simsons
      letzte Aeusserung HZ. LXVIII, 193-210.


§ 21. Italien.

 W. Giesebrecht, De litterarum studiis apud Italos, 1845, 4.
     Kaisergesch. I, 343-361. 817. Ozanam, Des écoles en Italie aux
     temps barbares, Oeuvres compl. II, 353. Balzani, S. 190-221.

In auffallendem Gegensatze gegen die beiden fränkischen Reiche steht
Italien. Hier war die Geistlichkeit unberührt von der Bonifazischen
Reform; ihr fehlte der wissenschaftliche Sinn, welcher vornehmlich
von den Angelsachsen ausgehend, die fränkische Kirche durchdrungen
hatte, und an den theologischen Fragen, die dort im neunten
Jahrhundert so eifrig erörtert wurden, nimmt sie keinen Antheil. Eben
so wenig übt der königliche Hof hier eine bedeutende Einwirkung,
und niemand machte auch nur den Versuch, die Reichsgeschichte
in zusammenhängender Darstellung für die Nachwelt aufzuzeichnen.
Weit bedeutender tritt der römische Hof hervor, wo die amtlichen
Aufzeichnungen über die Thätigkeit der einzelnen Päbste, deren wir
schon früher gedachten, immer fortgesetzt[1], und gerade in diesem
Jahrhundert ausführlicher und reicher wurden, so daß sie sich mit
den Reichsannalen vergleichen lassen. In Bezug auf die Darstellung
und historische Kunst stehen sie aber weit dagegen zurück; es scheint
den Verfassern ein solches Bestreben ganz fern gelegen zu haben. Doch
finden wir auch hier in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts
eine nicht unbedeutende wissenschaftliche Thätigkeit, einen Kreis
von gelehrten Geistlichen, wie er uns lange nicht wieder begegnet.
Der Bibliothekar =Anastasius=[2], dem man früher die ganze Sammlung
der Pabstleben zuschrieb, ein gelehrter Mann, der verschiedene Werke
aus dem Griechischen übersetzt hat, ist vielleicht der Verfasser
des Lebens Nikolaus I, jenes gewaltigen Pabstes, der den schwachen
Karolingern gegenüber die Weltherrschaft des römischen Stuhles schon
dem Ziele nahe führte. Auf den Wunsch eines =Diaconus Johannes=, der
eine Kirchengeschichte schreiben wollte, stellte er nach dem Vorgang
des Cassiodor, den er jedoch nicht nennt, aus griechischen Quellen
eine neue _Historia tripartita_ zusammen[3]. Dieser Johannes ist
vermuthlich derselbe, welcher auf Befehl Johannes VIII mit Benutzung
der schon früher gemachten Auszüge aus dem Registrum die _Vita Gregorii
Magni_ verfaßte. Die von ihm begonnenen _Gesta S. Clementis_ vollendete
Bischof =Gauderich= von =Velletri=[4].

 [1] Oben S. 59. _Liber pontificalis_ oder _Gesta pontificum Romanorum_
     bis auf Hadrian II (867-872), nebst einer unvollständigen Vita
     Stephani V. (885-891) ed. Bianchini, Romae 1718, 4 Voll. fol.
     Vignolius, Romae 1724, 3 Voll. 4. unvollendet. Murat, SS. III nach
     Bianchini: vgl. Baehr S. 261-271. Nach Schürer, Hist. Jahrb. XI,
     425 ff. ist die V. Stephani II von dem Primicerius Christophorus
     verfaßt, welcher den Pabst als Notarius regionarius auf seiner
     Reise in Frankreich begleitet hat. Nach Kr. in der Rec. von Mock
     de donatione Caroli Magni (Centralbl. 1862 Sp. 76) ist die V.
     Hadriani I (772-795) erst 20-30 Jahre nach dessen Tod abgefaßt
     und scheint von demselben Vf. wie die V. Leonis III (795-816);
     nach F. O. Krosta de donationibus a Pippino et Carolo Magno
     sedi apostolicae factis, Königb. Diss. 1862 S. 46 erst nach
     829. Vermuthungen über Interpolation der V. Hadr. (c. 41-43)
     s. NA. VII, 228. X, 201. XIII, 236. Scheffer-Boichhorst hält
     die Vita für gleichzeitig, aber die Grenzbestimmung „id est a
     Lunis-Beneventanum“ für Interpolation; zustimmend Diekamp, Hist.
     Jahrb. VI, 637. Stücke der verlorenen V. Eugenii II (824-827)
     vielleicht in Pauli D. Cont. Romana ed. Waitz 200-203, vgl. B.
     Simson, Ludwig d. Fr. I, 230, Waitz S. 200 über die in d. Cont.
     benutzten, aus Lauresh. u. Lauriss. gemischten Annalen, ähnlich
     denen im cod. Christ. 213. Die von Wido von Osnabrück im Cod.
     Udalr. (Bibl. V, 340) erwähnte _Scriptura de querimonia Romanorum_
     über Ludwigs II Gewaltthaten 864 scheint verloren zu sein.

 [2] Ueber ihn vgl. Hergenröther, Photius II, 230-240.

 [3] Ueber sein Verhältniß zu Theophanes Car. De Boor, Theophanis
     Chronologia II, 400.

 [4] Mab. Mus. Ital. I, 2, 78. Acta SS. Mart. II. p. *15. Vorrede und
     Varianten im Floril. Bibl. Casin. IV, p. 373-390, e cod. Casin.
     234.

Vorzüglich besaß man am römischen Hofe, wo man sich nie durch
ideale Bestrebungen von den praktischen Zwecken ablenken ließ, eine
außerordentliche Sicherheit in der Behandlung der kirchlich-politischen
Angelegenheiten, und der Geschäftsstil der Curie gewann eine ungemeine
Ausbildung und Festigkeit. Die Briefe der Päbste geben davon Zeugniß,
und die erhaltenen größeren Sammlungen aus den Zeiten Nikolaus I und
Johannes VIII sind in ihrer Art wahrhaft bewunderungswürdig. Davon
erhielt sich auch später bei zunehmender Barbarei die Tradition,
obgleich mit dem Ende des neunten Jahrhunderts die Einwirkung
des päbstlichen Hofes auf die Kirche diesseit der Alpen fast ganz
verschwand, und wie hier die Annalen, so verstummten auch in Rom die
Pabstleben mit dem Jahre 891.

In der nächstfolgenden Zeit veranlaßten noch die Streitigkeiten über
die Besetzung des päbstlichen Stuhles und die Geschicke des Pabstes
Formosus, vornehmlich über die Gültigkeit der von ihm ertheilten
Weihen, die höchst merkwürdigen Streitschriften des Auxilius und
Vulgarius. Sie berühren eine der dunkelsten Seiten der Pabstgeschichte,
die unheilbarsten Widersprüche infallibler Kirchenfürsten[5].
=Auxilius= war ein von Formosus geweihter fränkischer Priester, der
in Neapel lebte, vielleicht als Mönch in Montecassino gestorben
ist. Freimüthig und mit tüchtiger gelehrter Bildung ausgerüstet,
vertheidigte er ca. 908-912 Formosus und die von ihm geweihten Priester
in verschiedenen Schriften. =Eugenius Vulgarius= hat in demselben Sinn
geschrieben, später aber Sergius III, der Theodora u. a. kriechend
geschmeichelt, endlich in der _Invectiva in Romam_ (wenn sie von ihm
ist) unter Johann X (914-928) noch einmal für Formosus geeifert. Er war
ein italienischer Grammatiker, der wahrscheinlich auch in Neapel lebte;
sein Latein und vorzüglich seine Verse sind unerträglich gesucht und
verkünstelt.

 [5] Volles Licht ist über diese schmählichen Vorgänge und die
     betreffende Litteratur verbreitet durch die ausgezeichnete
     Schrift: Auxilius und Vulgarius. Quellen und Forschungen zur
     Geschichte des Pabstthums im Anfange des 10. Jahrhunderts, von
     E. Dümmler, Leipz. 1866, wo auch aus der Bamberger Handschrift
     ungedruckte Schriften von beiden mitgetheilt sind. Die _Invectiva
     in Romam_ giebt Dümmler zu den Gesta Berengarii S. 137-154, vgl.
     66-72, in neuer Ausgabe nach der Veroneser Handschrift. Ausbeutung
     der Tragödien des Seneca weist dem Vulg. R. Peiper nach, Rhein.
     Mus. f. Philol. N. F. XXXII, 536.

Nach diesen letzten Regungen versinkt nun hier, während die Factionen
der römischen Großen über den Stuhl Petri streiten, alles in Schweigen,
und für lange Zeit geht keine Erscheinung der Litteratur von Rom
aus[6].

 [6] Die Fortdauer einer Rechtsschule in Rom behauptet Fitting: Zur
     Geschichte der Rechtswissenschaft am Anfang des Mittelalters,
     Halle 1875; Juristische Schriften des früheren Mittelalters, Halle
     1876.

Nicht auf den Vorrang in wissenschaftlicher Ausbildung begründete man
in Rom den Anspruch auf Beherrschung der Kirche; die grammatischen
Studien betrachtete man hier wegen ihrer heidnischen Antecedentien
und der Beschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern stets mit
Abneigung, und völlig bewußt verachtete man die feinere litterarische
Bildung. Es giebt nichts charakteristischeres dafür, als die Worte
des päbstlichen Legaten Leo, mit denen er bald nach 991 der gallischen
Kirche entgegentrat. Diese hatte durch Gerbert ausgesprochen, es sei
in Rom niemand, der eine litterarische Bildung empfangen habe, und
folglich auch niemand, der nach den kanonischen Vorschriften auch
nur die Weihe zum Thürhüter erhalten dürfe. Leo erklärt das kurzweg
für Ketzerei; auch Petrus habe sich um das Vieh von Philosophen nicht
bekümmert und sei doch Pförtner des Himmels geworden[7].

 [7] „Et quia vicarii Petri et ejus discipuli nolunt habere magistrum
     Platonem neque Virgilium neque Terentium neque ceteros pecudes
     philosophorum, qui volando superbe ut avis aerem et emergentes
     in profundum ut pisces mare, et ut pecora gradientes terram
     descripserunt: dicitis eos nec hostiarios debere esse, quia tali
     carmine imbuti non sunt. Pro qua re sciatis eos esse mentitos, qui
     talia dixerunt. Nam Petrus non novit talia, et hostiarius coeli
     effectus est.“ MG. SS. III, 687. Vgl. Baxmann, Politik der Päbste
     II, 144. Aehnlich schreibt Alexanders VIII Secr. Sergardi 1690 an
     Mabillon: „Pauci sunt, qui in hac aula operam dent inutilibus,
     ut ajunt, studiis. Nostrorum ingeniorum occupatio forum est
     clientumque defensio, quique ab infelici pupillo plus auri
     corrodit, litteratior habetur.“ Valery, Correspondance inédite de
     Mabillon et de Montfaucon avec l'Italie (Paris 1847) II, 240.

Die blühendsten Klöster Italiens erlagen alle gegen das Ende des
neunten Jahrhunderts den Sarazenen oder verkamen durch die inneren
Kriege und die allgemeine Unsicherheit und Verwilderung; bis dahin
finden wir auch in ihnen einige Pflege der Wissenschaft, welche
sich jedoch mit der litterarischen Bedeutung der transalpinischen
Klöster nicht vergleichen läßt. Von einem angeblich im Mutterkloster
Montecassino zur Zeit des Fürsten Sico (ca. 830-833) verfaßten
Bericht über die Translation der hh. Benedict und Scholastica nach
Frankreich[8] hat O. Holder-Egger nachgewiesen, daß er eine Fälschung
des Ps. Anastasius ist[9].

 [8] _Translatio S. Benedicti_, Anal. Bolland. I, 75-84.

 [9] NA. XII, 129-141.

In der Folgezeit wurden hier Nachrichten über die Geschichte des
Klosters und der Fürsten von Benevent aufgezeichnet[10], welche bis
872 und in den Regententafeln auch weiter reichen, gesammelt vom Abt
=Johannes= (914-934) und deshalb auch von Leo nach ihm benannt. Die
Nachrichten sind materiell für uns sehr wichtig, aber die Form ist
in hohem Grade roh und mangelhaft[11]. Im Jahre 883 wurde, wie schon
früher St. Vincenz am Volturno, so auch Montecassino von den Sarazenen
verwüstet, und die Cassinesen flüchteten nach Capua; hier schrieb
=Erchempert= eine Geschichte der langobardischen Fürsten von Benevent
seit Arichis[12], an das Werk des Paulus Diaconus und dessen Cassineser
Fortsetzung[13] anknüpfend, bis zum Jahre 889. Die weitere Fortsetzung
ist verloren. In schlichter und zuverlässiger Erzählung berichtet er
von den Schicksalen dieser Lande, von den Kriegen, durch welche sie
verheert wurden, und den Verwüstungen der Sarazenen; sein eigenes
Urtheil über die Anstifter des Uebels hält er nicht zurück, sondern
spricht es häufig mit biblischen Worten aus. Die feinere karolingische
Bildung ist ihm fremd, aber seine Sprache ist doch reiner, als wir
sie sonst bei den Italienern dieser Zeit zu finden gewohnt sind, und
sein Werk zeichnet sich daher sehr vortheilhaft aus. Der Salernitaner
Chronist, Johann von St. Vincenz, und Leo von Ostia haben ihn gekannt
und benutzt.

 [10] Nach Traube, O. Roma nob. S. 360 im J. 867 verfaßt.

 [11] Nach früheren mangelhaften und zerstückten Ausgaben SS. III. u.
      sonst, als _Chronica Sancti Benedicti Casinensis_ bei Waitz, SS.
      Rer. Langob. et Ital. p. 467-488. Beschreibung der Hs. 353, jetzt
      175, Bibl. Casin. IV, 17-31, u. v. Bethmann, Arch. X, 389 ff.,
      wo auch von den übrigen Geschichtsquellen des langobardischen
      Italiens aus dieser Zeit Nachricht gegeben ist, die sich jetzt
      bei Waitz gesammelt finden.

 [12] _Hystoriola Langobardorum Beneventum degentium_ ed. Pertz,
      MG. SS. III, 240-264. Vgl. Bethmann S. 374. Als _Erchemperti
      historia Langobardorum Beneventanorum_ bei Waitz, S. 231-264,
      wo die Sprache nach der ursprünglichen Lesart der überarbeiteten
      Handschrift fehlerhafter erscheint. Er war vermuthlich der Vf. des
      S. 61 erwähnten Martyrol. u. eines computus von 904 (Arch. VIII,
      768).

 [13] SS. Langob. p. 198; sie ist meist den Gestis Pontificum entnommen
      und von Leo Ost. und im Chron. Vulturn. benutzt.

In =Neapel= versuchten sich verschiedene Verfasser an einer
Bisthumsgeschichte. Von einem wohlbelesenen Geistlichen, der noch dem
achten Jahrhundert zugerechnet werden kann -- sein Werk ist noch in
Uncialschrift abgeschrieben --, wurden die dürftigen Notizen des alten
Cataloges durch Auszüge aus den römischen Pabstleben, Paulus Diaconus
u. a. angeschwellt; bis 754 ist die Arbeit erhalten, dann fehlt ein
Blatt, und es schließt sich von 762 beginnend die Fortsetzung des
=Johannes Diaconus= bis 872 an, welcher aus Tradition und eigener
Kenntniß schöpfte; seine Darstellung ist lebhaft und wahrhaftig, nicht
ohne Freimuth. Von der weiteren Fortsetzung des Subdiaconus =Petrus=
ist nur ein kleines Fragment erhalten, die einzige Handschrift auch
vorher lückenhaft[14]. Von dem letzten Bischof Athanasius (850-872)
ist auch eine ausführlichere Biographie[15] vorhanden, mit welcher die
in unbestimmter Zeit geschehene Translation verbunden ist, etwa im X.
Jahrhundert geschrieben; was in den Gesten und bei Erchempert zu lesen
ist, wird hier rhetorisch ausgeschmückt, zugleich aber doch einige neue
Umstände mitgetheilt. Jener =Johannes Diaconus= aber verfaßte auch eine
Geschichte der Uebertragung des h. Severin im Jahre 902 von dem Castrum
Lucullanum, welches aus Furcht vor den Sarazenen zerstört war, nach dem
neuen Kloster in Neapel[16], eine Schrift, welche werthvoll ist durch
ausführliche Nachrichten über den furchtbaren Angriff des Emir Ibrahim,
welcher Taormina zerstörte, wobei der Bischof Procop den Märtyrertod
erlitt; durch Ibrahims plötzlichen Tod wurde von Neapel die drohende
Gefahr abgewandt. Nach demselben Kloster wurde auch aus dem von den
Sarazenen zerstörten Misenum im Jahre 910 der h. Sossius gebracht,
wobei Johannes zugegen war, und er berichtet darüber in seiner Schrift
über das Leben des h. Januarius[17].

 [14] _Gesta epp. Neap._ Waitz, SS. Langob. p. 398-439. Capasso,
      Monumenta ad Neapolitani ducatus historiam pertinentia, 1881.

 [15] _Vita et Translatio Athanasii ep. Neap._ Waitz, SS. Langob. p.
      439 bis 452. Ed. Gu. Cuper, Acta SS. Jul. IV, 77-89.

 [16] _Translatio S. Severini_, ib. p. 452-459.

 [17] Nur diese _Translatio S. Sosii_ abgedr. bei Waitz, p. 459-463. Im
      Text heisst er Sossius.

Der =Petrus subdiaconus=, von welchem nur der Anfang einer Fortsetzung
der Gesta noch vorhanden ist, war bei der Uebertragung des Sossius 910
zugegen, und erwähnt in den Wundern des h. Agrippinus den Angriff der
Sarazenen auf Neapel vom Jahre 960[18]. Auch verfaßte er noch andere
Wundergeschichten. Sehr merkwürdig ist der wissenschaftliche Eifer
des Herzogs =Johannes= (928 ff.), von dem der Archipresbyter =Leo= im
Vorwort zu seiner Vita Alexandri Magni berichtet[19].

 [18] _Ex Miraculis S. Agrippini_, Waitz p. 463. Eine Anzahl anderer
      dort und bei Capasso gesammelter kleinerer Stücke zur Geschichte
      von Unteritalien übergehe ich hier, ohne sie einzeln aufzuführen.
      -- Zu unterscheiden ist ein anderer Petrus subdiac. Neap., welcher
      für den Bischof Petrus von Neapel (1094) u. dessen Nachf. Gregor
      (1116) Legenden aus dem Griechischen übersetzte und bearbeitete,
      s. De Rossi zur Passio SS. IV Coronatorum.

 [19] Arch. IX, 692. Die Vita selbst hat Landgraf herausgegeben,
      Erlangen 1885. Vgl. O. Hartwig: Die Uebersetzungslitteratur
      Unteritaliens (1886) S. 6.

Auch in =Ravenna= verfaßte gegen die Mitte des neunten Jahrhunderts
=Agnellus= eine Bisthumsgeschichte[20], in welcher schwülstiger Bombast
mit treuherzig einfältiger Erzählung abwechselt; die Sprache ist
voll von Soloecismen. Der Inhalt liegt der deutschen Geschichte fern,
doch sind über Kaiser Karl und seine Nachfolger, besonders über die
Schlacht bei Fontenoy, einige merkwürdige und wichtige Stellen darin.
Den römischen Päbsten gegenüber äußert Agnellus sich sehr freimüthig,
was vielleicht Anlaß gegeben hat, die Chronik schon frühzeitig zu
verstümmeln. Agnellus war um 805 aus vornehmer und reicher Familie
geboren, und erhielt schon mit 11 Jahren eine Abtei; für die frühere
Zeit benutzte er, außer vielen Inschriften, Gefäßen und anderen
Denkmälern, die er sorgfältig beschreibt, der Langobardengeschichte
des Paulus Diaconus und den Consularfasten auch die oben S. 57 erwähnte
Chronik des Maximian, welcher 498 geboren, durch Justinian 546 Bischof
von Ravenna geworden war, und eine Chronik bis auf seine Zeit schrieb.

 [20] Neue Ausg. von Holder-Egger, SS. Langob. 265-301. Ueber die
      besondere Bedeutung von _monasterium_ bei ihm s. F. Wickhoff,
      Mitth. des Inst. IX, 34-45. Aus Ravenna stammen auch die aus
      dem Rotulus gewonnenen 8 Briefe aus K. Berengars Zeit, NA. IX,
      513-539, vgl. XI, 599-603.

Im mittleren Italien war im Anfange des neunten Jahrhunderts das
Kloster =Farfa= in blühendem Zustande, bis auch hier die Sarazenen
alles wüste legten. Von Franken gestiftet, hatte es auch immer
fränkische Aebte. Die Geschichte der Gründung des Stiftes und seiner
Aebte bis zum Jahre 857 glaubte Bethmann gefunden zu haben[21], doch ist
neuerdings von I. Giorgi nachgewiesen, daß diese einem Lectionarium
entnommenen Stücke wohl aus derselben herstammen, unmöglich aber
das ursprüngliche Werk selbst sein können, über dessen sprachliche
Beschaffenheit wir deshalb nicht unterrichtet sind.

 [21] _Constructio Farfensis_, ed. Bethmann, MG. SS. XI, 520-530. Vgl.
      Giorgi im Archivio della Società Romana di storia patria, II,
      409-473. Von dem Registrum Farfense ist in Rom eine Ausgabe von
      I. Giorgi und U. Balzani erschienen.

Ganz außerordentlich barbarisch dagegen und an die Werke des achten
Jahrhunderts erinnernd ist die Langobardengeschichte des Priesters
=Andreas von Bergamo=, welcher 877 einen Auszug aus der Geschichte
des Paulus Diaconus machte und ihn bis auf seine Zeit fortsetzte[22].
Nach der Mitte des neunten Jahrhunderts sind seine Nachrichten durch
Genauigkeit werthvoll; das Ende ist leider unvollständig erhalten. Und
dieses ist fast das einzige litterarische Erzeugniß der Lombardei im
neunten Jahrhundert, da Claudius von Turin und Dungal als Ausländer
nicht zu rechnen sind[23]. =Schottenmönche=, mit jenen, die in Lüttich
hausten, gleicher Art, und mit des Sedulius Gedichten vertraut, fanden
auch in =Mailand= Aufnahme und feierten ihre Herren und Wohlthäter
in sapphischen Oden und in Distichen von ungewöhnlicher Correctheit.
Vorzüglich der Erzbischof =Tado= (860-868) wird von ihnen verherrlicht
und ihm werden ihre Bitten und Wünsche vorgetragen, dazu der Kaiser
Lothar und Herzog Leodfrid, ein Schwager Lothars. Diese einzige
Spur ihrer Existenz ist erst kürzlich aufgetaucht, weiteres nicht
bekannt[24]. Sehr gerühmt wird in einem Epitaphium der Abt Petrus II vom
Ambrosiuskloster[25] (858-899), und dieser wird es wohl sein, zu dessen
Zeiten ein mit lateinischen Buchstaben geschriebener griechischer
Psalter zu Stande gebracht wurde, als dessen Besitzer (oder Urheber?)
sich in höchst barbarischem Griechisch ein Mönch Symeon nennt[26].

 [22] _Andreae presb. Bergomatis Chronicon_, ed. Pertz, MG. SS. III,
      231. Bethmann S. 367 ergänzt den Anfang. Neue Ausg. v. Waitz, SS.
      Langob. 220 bis 230.

 [23] Ebenso wenig kann man das sogenannte _Chronicon Brixiense_, oder
      wenigstens was uns davon erhalten ist, zu den Geschichtswerken
      rechnen, MG. SS. III, 238; SS. Langob. 501-503 als _Catalogus
      Brixiensis_. -- Die _Translatio S. Habundii Mart._ von Foligno
      nach Berceto (Mab. III, 1, 487 ed. Ven.) gedenkt einer Synode zu
      Pavia unter Lothar.

 [24] Carmina Medii Aevi ed. H. Hagen (Bern 1877) S. 1-10. Neue Ausgabe
      von Traube, Poet. Lat. III, 231-237. S. 7 (236 Tr.) Inschrift
      eines von Tado's Vorgänger Angelbert erneuten Kelches. -- Ueber
      Marginalien mit Spuren der gelehrten Thätigkeit dieser Mönche in
      dem Cod. Bern. 363 s. Gottlieb, Wiener Studien IX, S. 151-159.
      Traube, O Roma nob. S. 348-353.

 [25] Giulini, Mem. di Milano, II, 76.

 [26] NA. VIII, 340.

Einige Verse, die zum Preise des Bischofs =Azo von Ivrea= um 876
verfaßt und im folgenden Jahrhundert einer Copie in Goldschrift würdig
erachtet wurden, sind fast nur wegen der äußerst barbarischen Form
bemerkenswerth[27].

 [27] Dümmler, Gesta Berengarii, S. 75 und 159.

Es würde jedoch ein großer Irrthum sein, wenn man nach diesen
Proben arger Barbarei den allgemeinen Standpunkt der Bildung in
Italien beurtheilen wollte. Gelehrte Studien wurden namentlich in
=Verona= gepflegt, wo ein Archidiaconus =Pacificus= († 844), dessen
Gelehrsamkeit gepriesen wird, 218 Handschriften zusammengebracht
hatte[28]. Von dort besitzen wir ein langes Gedicht zum Preise des
Bischofs =Adalhard= in sapphischem Versmaße, aus dem Ende des neunten
Jahrhunderts, dessen Correctheit für diese Zeit in Erstaunen setzt,
wenn auch einzelne Fehler vorkommen[29]. Und im überraschendsten
Gegensatze zu der Barbarei eines Andreas von Bergamo tritt uns aus
dem Anfange des zehnten Jahrhunderts (zwischen 916 und 922) ein
Werk entgegen, welches in Rücksicht der Form den meisten Dichtungen
karolingischer Zeit ebenbürtig zur Seite steht, nämlich das =Lobgedicht
auf den Kaiser Berengar=[30], dessen ungenannter Verfasser die Sprache
nicht ohne Gewandtheit behandelt und regelrechte Hexameter ohne
Anstoß zu fertigen verstand. Andere freilich finden sich darunter,
welche holprig genug sind[31], und gesuchte Ausdrücke, verkünstelte
Constructionen verdunkeln nicht selten den Sinn. Der Unterschied
ist nicht schwer zu bemerken, wenn plötzlich der melodische Wohllaut
Vergils oder die kunstvollen Verse des Statius sich vernehmen lassen.
Das sind fremde Federn, mit denen der Autor sich geschmückt hat; Bilder
und einzelne Schlachtenscenen machte er sich auf solche Weise zu eigen.

 [28] _Epitaphium Pacifici_, Poet. Lat. II, 655, vgl. Traube, O Roma
      nob. S. 309. Derselbe setzte die antikisierenden Gedichte _O Roma_
      und _O admirabile Veneris_ nach Verona ins 10. Jahrhundert.

 [29] Bei Baronius ed. Luc. XV, 480; correcter bei Biancolini dei
      vescovi S. 35-37, und jetzt bei Dümmler, Gesta Berengarii S.
      134-136, vgl. 61-65, NA. IV, 558. Traube findet auch hier irischen
      Einfluss.

 [30] _Carmen panegyricum Berengarii_, ed. Valesius, cum Adalberonis ep.
      Laudun. carmine ad Rotbertum regem, Paris 1663. MG. SS. IV, 189
      bis 210. Jetzt zuerst mit erschöpfender Benutzung der Handschrift
      in Venedig mit der vollständigen Glosse, und allseitig erläutert
      in: _Gesta Berengarii Imperatoris_. Beiträge zur Geschichte
      Italiens im Anf. des 10. Jahrh. von E. Dümmler, Halle 1871; vgl.
      NA. IV, 558. Benutzung des sog. Pindarus Thebanus, welcher von
      Doering dem Silius Italicus zugeschrieben wird (Progr. d. Lyceums
      in Straßburg 1884), weist Dümmler nach, Forsch. XIII, 415 bis 417.

 [31] Oft sind sie auch schon gereimt; vgl. über seine Metrik E.
      Bernheim, Forsch. XIV, 142.

Die Thaten und Schicksale Berengars, seine Kämpfe um die Krone Italiens
sind es, welche er schildert, und allem Anschein nach schrieb er bald
nach der Kaiserkrönung seines Helden im Nov. oder December 915. Er
war also ein Zeitgenosse, und sein Werk ist in manchen Einzelheiten
nicht ohne geschichtlichen Werth. Doch ist er zu sehr Lobredner und
zu ungenau, um als eigentliche Geschichtsquelle gelten zu können. Die
Verhältnisse sind nicht ohne Geschick, aber mit arger Entstellung, so
gewandt, daß Berengar als der allein berechtigte und legitime Herrscher
erscheint. Es ist merkwürdig, daß, während thatsächlich die Gewalt
allein den Ausschlag gab, doch nachträglich man ängstlich bemüht war,
vor der Welt den Anschein einer formellen Berechtigung zu gewinnen. Wir
haben ähnliches schon in Bezug auf die Karolinger gesehen und werden es
in noch auffallenderer Weise bei den Magyaren wiederfinden.

In der Form der Darstellung schließt sich der Panegyrist durchaus
den alten heidnischen Mustern an, so gut er es vermochte. Er zeigt
die genaueste Bekanntschaft mit Vergil, Statius und Juvenal, und hat
unverkennbar eine gute grammatische Schule durchgemacht. Auch stand
er mit diesen Kenntnissen und dieser Kunst keineswegs vereinzelt da:
Niemand, sagt er, sich selbst anredend, kümmert sich jetzt um deine
Verse; dergleichen wissen die Leute auf dem Lande wie in der Stadt zu
machen.

Ob der Verfasser ein Geistlicher oder ein Laie war, geht aus seinem
Werke nicht mit Sicherheit hervor; wahrscheinlich ist er Schulmeister
in =Verona= gewesen. Für die Schule ist auch dieses Werk bestimmt, und
ist deshalb, wie das des Abbo mit einer erläuternden Glosse versehen,
welche derselben Zeit angehört[32]. Darin tritt eine ausgebreitete
Gelehrsamkeit, und auch Kenntniß der griechischen Sprache, deutlicher
als im Gedicht selbst hervor. Einige geschichtliche Erklärungen werden
gegeben, vorzüglich aber grammatische, bei denen Servius stark benutzt
ist. Bei der Erläuterung der Mythen, welche in allen Commentaren des
früheren Mittelalters eine Hauptrolle spielt, übergeht der Glossator
vieles, weil das ja allgemein bekannt sei.

 [32] Doch kann sie nicht vom Vf. selbst herrühren, s. die Recension
      von Pannenborg, GGA. 1871, S. 1767-1783, und Dümmlers Nachtr.
      zu Anselmus Peripatet. S. 107. E. Bernheim hat Forsch. XIV,
      138-154 die Glosse genau untersucht, und besonders auf die
      alten Glossarien als Quellen einer unfruchtbaren Gelehrsamkeit
      hingewiesen.

Wir begegnen hier einer Bildung, die durchaus nicht von der Kirche
herrührt, sondern fortgepflanzt wird durch jene einzeln stehenden
Grammatiker, deren Wirksamkeit in Italien niemals aufgehört hat. Es ist
W. v. Giesebrechts Verdienst, zum ersten Male nachgewiesen zu haben,
daß diese Schulen in Italien immer fortbestanden haben und unter den
Laien einen Grad der Bildung verbreiteten, den man diesseit der Alpen
nicht kannte. In Italien, sagt Wipo im elften Jahrhundert, geht die
ganze Jugend ordentlich zur Schule und nur in Deutschland hält man es
für überflüssig oder unanständig, einen Knaben unterrichten zu lassen,
wenn er nicht zum geistlichen Stande bestimmt ist. Der italienische
Laie las seinen Vergil und Horaz, aber er schrieb keine Bücher,
während die Geistlichkeit theils in Rohheit versank, theils zu sehr
in den politischen Händeln befangen war, um an den wissenschaftlichen
Bestrebungen der Zeit Theil zu nehmen. Daraus erklärt sich der Mangel
litterarischer Productivität und die Dürftigkeit der vorhandenen
Litteratur, während andererseits bei jenem Panegyristen und etwas
später bei Liudprand plötzlich eine überraschende Fülle klassischer
Gelehrsamkeit und große Gewandtheit im Ausdruck hervortraten,
namentlich im Versemachen, welches ein Hauptgegenstand der Schulbildung
war. Denn einzelne vom geistlichen Stande naschten auch von jener
verbotenen Frucht; im allgemeinen aber stand der Clerus im Gegensatz
zu diesem Treiben, in dem er nicht mit Unrecht ein heidnisches Element
erkannte. Die Wissenschaft war hier nicht in den Dienst der Kirche
genommen; sie behauptete einen unabhängigen Standpunkt, war aber fast
ausschließlich formaler Natur und darum wesentlich unproductiv.



III. Die Zeit der Ottonen.

Von Heinrich I bis zum Tode Heinrich II, 919-1024.


§ 1. Allgemeines.

 =Contzen=, Die Geschichtschreiber der sächs. Kaiserzeit. Regensburg
     1837. Entstellt durch Benutzung der falschen Corveyer Chronik,
     und durch die neuen Ausgaben der Quellen unbrauchbar gemacht.
     -- Stälin Wirt, Gesch. I, 419-426. L. Giesebrecht, Wendische
     Geschichten III, 294-307. Waitz, Ueber die Entwickelung der
     deutschen Historiographie im Mittelalter, in Schmidts Zeitschrift
     für Geschichte II, 97-103. -- W. Giesebrecht, Geschichte
     der deutschen Kaiserzeit, I, 777-790. II, 557-560. -- Guil.
     Maurenbrecher de historicis decimi saeculi scriptoribus, qui res
     ab Ottone Magno gestas memoriae tradiderunt, Bonnae 1861; vgl.
     Lit. Centralblatt 1862, Sp. 837.

Mit dem Jahre 906 endigt Regino's Chronik, ein Jahr, bevor Herzog
Liutpold mit der Blüthe des bairischen Volkstammes von den Ungern
erschlagen wurde. Ein schwaches Kind saß auf dem Throne und vermochte
nicht das Reich zu schirmen. Es hatte den Anschein, als ob die ganze
von Karl dem Großen neu gepflanzte Kultur bereits dahin sinken sollte.
Ein Stift nach dem anderen wurde den Normannen zur Beute, und was
übrig blieb, rissen die räuberischen Großen an sich, die in ihren
gegenseitigen Fehden verheerten, was dem äußeren Feinde noch entgangen
war. Die Sitze der Bildung und Gelehrsamkeit verstummten; auch wenn sie
der gänzlichen Verödung entgingen, ließ doch die nagende Sorge um die
stets gefährdete Existenz keine wissenschaftliche Thätigkeit aufkommen.

Schlimmer noch als in Deutschland, sah es in den Nachbarländern aus;
die Normannen, aus Sachsen zurückgeschlagen, hausten in Frankreich
und Lothringen, ohne Widerstand zu finden, während der Süden von
sarazenischen Seeräubern verheert wurde. Die Bretonen und Waskonen
schüttelten das fränkische Joch ab, und die Ungern streiften auf ihren
schnellen Rossen bis an den Ocean. In Italien begegneten spanische und
afrikanische Sarazenen den Ungern, und die innere Zwietracht war in
beiden Ländern noch ärger als in Deutschland.

Allein die Keime, welche einst Karl der Große gelegt hatte, waren
bereits so stark und kräftig geworden und hatten so tiefe Wurzeln
geschlagen, daß sie auch diese Feuerprobe überdauerten.

Wie einst von Austrasien, so ging jetzt von Sachsen die Rettung aus.
Hier hatte man zuerst sich ermannt und unter den Ludolfingern in
festem Zusammenhalten die Kraft gefunden, der Feinde Herr zu werden.
Reginbern, aus Widukinds Stamm, der Bruder der Königin Mahthild,
schlug die Dänen so, daß sie nicht wiederkamen. Die Wenden, welche
die Ostgrenze bedrängten, wurden zurückgeworfen. =Heinrich= I stellte,
wie einst Karl Martell und Pippin, das Reich her und wies die Ungern
zurück; was er begonnen, vollendete sein Nachfolger, bis er die inneren
und äußeren Feinde bezwungen hatte. In dieser eisernen Zeit war noch
für die Feder kein Raum, aber nach dem Siege konnte =Otto= an die
Herstellung der geistigen Bildung denken. Da sehen wir überall die
verödeten Klöster aus der Asche erstehen, sie werden den Händen der
Laienäbte entrissen und ihrer Bestimmung wiedergegeben. Bald regt sich
in ihnen, zunächst in denen, welche von den Stürmen dieser Zeit weniger
gelitten hatten, von neuem wissenschaftliche Thätigkeit.

Wie Karl, schätzte auch Otto die Wissenschaften, ohne selbst eine
gelehrte Bildung erhalten zu haben; seine Erziehung war kriegerisch
gewesen, und erst spät, nach dem Tode der Königin Edid (26. Januar
946), lernte er lateinische Bücher lesen und verstehen[1]; reden konnte
er die Sprache der Gelehrten nicht[2]. Auf der Synode zu Ingelheim 948
wurden der Könige wegen die päbstlichen Schreiben in deutscher Sprache
verlesen[3], und auch in seinem Alter ließ er sich einen lateinisch
geschriebenen Brief von seinem Sohne Otto II übersetzen[4].

 [1] Widuk. II, 36. Vgl. Dümmler, Otto I S. 515. Ich glaube nicht, daß
     man bei _litteras discere_ und _libros legere et intelligere_ an
     andere als lateinische Bücher denken darf.

 [2] Liudpr. Hist. Ott. 11.

 [3] Flodoard h. a. MG. SS. III, 396.

 [4] Casus S. Galli MG. SS. II, 139. Einen anderen übersetzt die
     Kaiserin Adelheid, _nam litteratissima erat_; ib. p. 146.

Wie Karl, suchte auch Otto gelehrte Ausländer ins Land zu ziehen. So
bemühte er sich lange vergeblich, den =Gunzo= von =Novara=, einen
jener italienischen Grammatiker, nach Deutschland zu bekommen.
Dieser Gunzo war Diaconus in seiner Vaterstadt, und schrieb hier,
aufgefordert vom Bischof Atto von Vercelli († c. 960) eine Schrift
über Ehehindernisse[5]. Bei seiner persönlichen Anwesenheit in
Italien gelang es Otto endlich, ihn zu gewinnen[6]. An hundert Bücher
behauptet Gunzo mitgebracht zu haben, darunter Schriften von Plato
und Aristoteles; doch vermuthlich in lateinischer Uebersetzung. Trotz
seiner Gelehrsamkeit geschah es ihm zuweilen, durch das Italienische
verleitet, daß er die Casus verwechselte[7] und deshalb wurde er in
St. Gallen mit einem Spottliede verhöhnt, denn er hatte statt eines
Ablativs einen Accusativ gesetzt. Dagegen rechtfertigte sich nun Gunzo
in einem sehr langen und sehr pedantischen Briefe an die Mönche von
Reichenau, in welchem er seine ganze gelehrte Schulweisheit zur Schau
stellt.

 [5] D'Achery, Spicil. I, 437.

 [6] So erzählt Gunzo selbst in seiner _Epistola ad Augienses fratres_
     bei Martène, Coll. I, 294. Der Codex aus St. Amand ist jetzt
     in Valenciennes, Mangeart p. 302. Eine zweite Hs. in Maihingen,
     NA. IX, 286. Man hatte ihn auch in Stablo, Gottlieb, Mittelalt.
     Bibliotheken S. 440. Obgleich er Otto nur König nennt, zieht
     doch M. v. Knonau zu Ekk. S. 328 das J. 965 vor. Vgl. Gatterers
     Commentatio de Gunzone Italo, Norimb. 1756; Bursian, Gesch.
     d. Philol. S. 43. Daß er der Ebersberger Probst Guntheri oder
     Gunzo gewesen sei „Graecis ac Latinis litteris doctus, qui fuit
     conscolasticus Gerberti pape“ (Chron. Ebersp. MG. SS. XX, 18)
     scheint der Zeit nach kaum möglich, da dieser nach Gr. Hundt von
     1002 bis 1013 Probst war.

 [7] „Falso putavit S. Galli monachus me remotum a scientia grammaticae
     artis, licet aliquando retarder usu nostrae vulgaris linguae quae
     latinitati vicina est.“ M. v. Knonau vermuthet, daß Ekkehard II
     (palatinus) sein Gegner war.

Einen Landsmann von ihm Namens =Stephan=, der in Pavia gebildet war,
in Novara und Pavia gelehrt hatte, beriefen König Otto und Bischof
Poppo von Würzburg (941-961) aus Italien, und der Ruf seiner Vorträge
über Marcianus Capella zog den jungen Wolfgang aus Reichenau nach
Würzburg[8]. Seine Bücher, welche aber nicht zahlreich waren, vermachte
er dem h. Kilian[9]. Einige Auskunft über sein Leben und Wirken gewährt
die Grabschrift, welche er für sich selbst verfaßt hat[10]. Sie steht
in einer Handschrift des Domcapitels zu Novara, einer von Stephan
geschriebenen Canonensammlung; denn er hat sich nach 970 wieder in
seine Heimath begeben, wo er 985 eine Schenkung des Bischofs Aupald
unterzeichnete. Die Grabschrift lautet:

  Novariae natus, Papiae moenibus altus,
    Urbe velut potui, doctor utraque fui.
  Me rex Otto potens Francorum duxit in urbem,
    Qua legi multos mente vigente libros.
  Hinc me digressum, proprium suscepit alumnum
    Virgo salus mundi, mater et alma dei.
  Protinus amissam studui reparare sophiam,
    Erudiens pueros instituensque viros.
  His igitur cunctis Christo tribuente peractis,
    Sum pulvis modicus, jussit ut ipse deus.
  Quisquis hac graderis, Stephani memor esto jacentis,
    Ac sibi posce poli regna beata dari.
  Insuper adde diem quae contulit ultima finem.
    Hanc si scruteris, hinc mage cautus eris.

  [8] V. Wolfkangi c. 5.

  [9] Nach den Versen bei Schannat, Vind. litt. I, 229 u. Oegg, Versuch
      einer Korographie der Stadt Würzburg I, 542, die eine Art von
      Testament enthalten:

        Novaria genitus..... prae moenibus alta,
          Utraque ut patuit, doctor in urbe fui.
        Ast Popo antistes hanc me perduxit in urbem,
          Qua sophiae studiis dogmata crebra dedi.
        Quos habui paucos decrevi tradere libros,
          Martyr sancte Dei, en Kiliane tibi.
        Caetera quae restat mihimet sat parva supellex,
          Cedat fraternis usibus apta nimis.
        Quisquis ades nostri, rogito, possessor ovilis,
          Adde diem mortis, quem deus ipse sapit.

                        Actum anno dom. inc. 970. 17 Kal. Aug.

      Das fehlerhafte erste Distichon ist nach dem Epit. zu verbessern.

 [10] Nebst einem Epitaph auf seinen Vater Leo, bei Giov. Andres,
      Lettera al Sig. Abbate Morelli, Parma 1802, u. bei Reifferscheid,
      Wiener SB. LXVIII, 623 mit Auslassung des ersten Hexameters:
      „Prodolor hoc parvo claudit sua membra locello“. Dagegen ist der
      Schluß von Stephans Epitaph fälschlich dazu gezogen.

Die politischen Verwickelungen führten auch den gelehrten Bischof
=Rather= von Verona und vor Berengar flüchtend =Liudprand= an Otto's
Hof, wo sie gute Aufnahme fanden, und auch =Gerbert= wurde von Pabst
Johann XIII im Jahre 971 zum Kaiser gesandt, verweilte aber damals nur
kurze Zeit am Hofe, weil er vorher noch in Reims seine philosophische
Ausbildung zu vollenden wünschte[11].

 [11] Richer III, 44. 45. Vgl. Büdinger über Gerbert S. 44.

Gern gesehen an Otto's Hofe war =Ekkehard= (II) von St. Gallen, den
man deshalb im Kloster den Höfling (palatinus) nannte; er war einer
der Lehrer =Otto's= II[12]. Dieser hatte unter der Leitung Volcolds,
und nach dessen Beförderung zum Bischof von Meißen des Willigis[13],
einen vollständigen wissenschaftlichen Unterricht erhalten; er liebte
und beförderte die Wissenschaften und nahm lebhaften Antheil an den
gelehrten Problemen, welche damals die Menschen beschäftigten[14].
Hrotsuit feiert ihn als einen zweiten Salomo. Er zog =Gerbert= wieder
an sich, und noch ist uns ein Fragment der Disputation erhalten,
welche dieser 980 vor dem Kaiser zu Ravenna hielt gegen den berühmten
Magdeburger Lehrer =Otrich=, den Otto ebenfalls an seinen Hof
berufen hatte[15]. Auch der Abt =Adso= von Montier-en-Der, einer der
berühmtesten Gelehrten Frankreichs, war dabei zugegen, nebst einer
großen Menge von Scholastern oder Grammatikern[16]. Auch von S. Wolfgang
wird uns berichtet, daß er vor diesem Kaiser gegen einen Ketzer
disputierte. Den Bischof Gumpold von Mantua veranlaßte er, das Leben
des heiligen Wenzeslaus zu beschreiben.

 [12] Casus S. Galli p. 126. Bei der Unzuverlässigkeit derselben u. den
      chronol. Widersprüchen ist es unsicher, ob Ekk. nicht erst nach
      973 an den Hof kam; s. G. Meyer v. Knonau zu seiner Ausg. p. LXXI.

 [13] Tietm. IV, 5.

 [14] Richer III, 67.

 [15] Richer III, 55 ff. Vgl. Büdinger S. 52 ff.

 [16] In Frankreich soll um diese Zeit Fulco bonus von Anjou (938 bis
      958) vom König verlacht sein, als er in choro S. Martini mit den
      Canonikern sang. Er schrieb darauf dem König: „Noveritis domine,
      quia rex illiteratus est asinus coronatus“. Gesta consulum
      Andegavensium c. 5; vgl. Doctrina Abaelardi bei Wright und
      Halliwell, Reliquiae antt. I, 16, und das Schachbuch, Zeitschr.
      f. D. Alt. XVII, 204.

Kurz vor dem Tode des alten Kaisers, im Jahre 972, besuchten Vater und
Sohn das Kloster St. Gallen. Der Vater fragte nach dem alten Notker,
dem gelehrten Maler und Arzte, mit dem Beinamen Pfefferkorn; schwach
und erblindet saß er auf einem Sessel. Auf das Geheiß des Vaters führte
der junge Kaiser ihn herbei, und der Alte leitete ihn nach zärtlicher
Umarmung sorgsam ins Kloster und setzte ihn an seine Seite. Otto II
aber ließ sich nun hier die Bibliothek öffnen und nahm, von den reichen
Schätzen derselben gelockt, eine Anzahl der besten Bücher mit sich
fort; einige gab er auf Ekkehards Bitte später zurück[17].

 [17] Casus S. Galli, MG. SS. II, 147.

=Otto III= endlich wurde von seiner Mutter Theophano, von dem
Calabresen Johannes und Bernward von Hildesheim auf das sorgfältigste
erzogen[18], und sein wissenschaftlicher Verkehr mit Gerbert ist
weltbekannt; wie es nur zu leicht geschah, wendeten ihn diese ganz auf
fremdländischen Grundlagen beruhenden Studien vom vaterländischen Wesen
ab, und störten die harmonische Entwickelung seines Geistes[19].

 [18] Giesebrecht Kaiserzeit I, 670. 846. Lüntzel, Bernward S. 14. Vgl.
      H. Düker, Der liber mathematicalis des h. Bernward im Domschatze
      zu Hildesheim, Hild. Progr. 1875. Dieses Buch, welches B. für den
      Unterricht gebraucht haben soll, ist die Arithmetik von Boethius
      mit Glossen. Vgl. die Verse bei Giesebr. I, 889, und über die von
      Joh. Calaber an Otto III gekommenen Bücher Val. Rose im Hermes
      VIII, 46; Giesebr. I, 850.

 [19] Ueber ein von Liuthar ihm dargebrachtes Evangeliar, und über die
      Bilder von Otto III und Theophano auf dem kostbaren Einband des
      goldgeschriebenen Evangeliar in Echternach, jetzt in Gotha, s.
      Lamprecht, Der Bilderschmuck des Cod. Egberti u. des Cod. Eptern.
      im Jahrbuch d. Vereins v. Alterthumsfreunden im Rheinland, LX
      (1881) S. 56-112.

=Heinrich= II war in seiner Kindheit zum geistlichen Stande bestimmt,
und erhielt in Hildesheim, später unter Bischof Wolfgangs Leitung in
Regensburg eine gelehrte Erziehung[20]; wissenschaftliche Thätigkeit
förderte er nicht unmittelbar[21], aber seine Bestrebungen für die
Reform verwilderter Klöster kamen auch den Schulen zu Gute, wovon
namentlich die Geschichte des Bischofs Godehard von Hildesheim ein
Beispiel giebt, und die Stiftung des neuen Bisthums zu Bamberg, welchem
er es auch an Büchern nicht fehlen ließ, eröffnete den gelehrten
Studien eine neue Stätte[22]. In 54 schwerfälligen und schwülstigen
Hexametern pries Abt =Gerhard= von =Seon= zwischen 1012 und 1014 die
neue Stiftung[23], und mit nicht minder gesuchten und pedantischen
Anreden in Prosa und in Versen begleitete der Bamberger Diaconus =Bebo=
Abschriften von Büchern, welche der Kaiser hatte machen lassen; er
rühmt darin Heinrichs Bemühungen, den Landfrieden herzustellen, und
seine Schilderung von Benedicts VIII Besuch in Bamberg 1020 ist von
Adalbert in seiner Biographie Heinrichs II benutzt worden[24].

 [20] Hirsch, Heinrich II, I, 90-92. Giesebr. Kaiserzeit II, 78, 604.

 [21] Giesebr. II, 605.

 [22] Ausführlich handelt darüber Giesebrecht, II, 52-65, vgl. 600, und
      Hirsch, Heinrich II, Band II. Ein dazu gehöriger Catalog NA. V,
      624.

 [23] Hirsch, Heinrich II, I, 554. Jaffé, Bibl. V, 482.

 [24] Gedr. v. Gutenäcker im 25. Bericht d. hist. Vereins zu Bamberg S.
      138. Hirsch a. a. O. S. 545-554. Jaffé, Bibl. V, 484-497. Ergänzt
      Giesebr. II, 581.

Auch in der Todtenklage um =Constantius= den Scholasticus von =Luxeuil=
schildert =Gudinus= den Kummer des Kaisers, daß seines gleichen
nicht mehr zu finden sei[25]. Dem Kloster Corvey schenkte ein Kaiser
Heinrich, der aber auch ein späterer sein kann, eine Handschrift aus
Unteritalien, welche das Autograph von Landolfs Historia miscella (oben
S. 166) und Vegetius enthielt[26].

 [25] „Heinricus in Romano residens palatio et arcana sapientum
      comprobans ingenio, dolet nusquam inveniri similem Constantio.“
      Mab. Anal. p. 217. Duméril (1843) S. 280; vgl. über Constantius
      die Unterschrift des Cod. Bern. 87: „Ego Constantius peccator et
      indignus sacerdos S. Petri Luxov. coenobii scripsi ad serviendum
      ei hos libros Boetii de geometria diebus tantum XI infra Idus Jun.
      et VI. Kal. Jul. a. M. IIII. ab inc. Domini, conversionis autem
      nostrae II. praecepto pii patris Milonis. Sit ergo utenti gratia,
      scriptori venia, fraudatori anathema.“ Cantor, Mathem. Beiträge
      (1863) S. 404, und correcter bei Grandidier, Oeuvres hist. (1865)
      II, 236, Hagen, Catal. Bern. p. 107. Die Handschrift hatte Bischof
      Werinhar der Straßburger Kirche geschenkt.

 [26] Cod. Pal. 909, Arch. XII, 344. Nach Bethmann wäre die Inschrift
      aus dem elften Jahrhundert, nach H. Droysen im Hermes XII, 387
      (Auctt. antiquiss. II, p. LXII) aus dem Anf. des 12. und hätte
      dieselbe Hand den Text mit Randglossen, wie _cave princeps,
      attende princeps, himitare princeps_ versehen, welche auf den
      Unterricht eines Fürsten deuten. Danach wäre ein späterer Heinrich
      anzunehmen.

Bei den =Frauen= fand man im früheren Mittelalter weit eher als bei
den Männern aus dem Laienstande die Anfänge einer gelehrten Bildung,
die schwierige Kunst des Lesens und Schreibens, nebst einer Kenntniß
der allgemeinen Schriftsprache, welche zum Verständniß des Psalters
ausreichte[27]. Leicht knüpfte sich mehr daran, und auch der Einfluß,
welchen Geistliche über weibliche Gemüther so leicht erlangen,
begünstigte ihre Beschäftigung mit dem besonderen Erbtheile dieses
Standes, den Büchern. Die Frömmigkeit der Königinnen =Mahthild=[28] und
=Edid= ist bekannt; Heinrichs I Tochter =Gerberga= veranlaßte den Abt
Adso zur Abfassung seiner Schrift über den Antichrist; =Adelheid= aber,
die Burgunderin, und =Theophano=, die Griechin, zeichneten sich durch
eine in Deutschland seltene litterarische Bildung aus, die sich auch
in der sorgsamen Erziehung ihrer Kinder erkennen läßt. Ganz besonders
wird uns die hohe Bildung der schönen Herzogin =Hedwig= von Schwaben
gerühmt, der Tochter von Otto's des Großen Bruder Heinrich von Baiern.
Wie man sich in St. Gallen erzählte, war sie als Kind zur Braut eines
griechischen Kaisers bestimmt, und wurde durch Kämmerlinge, welche
dieser eigens deshalb gesandt hatte, im Griechischen unterrichtet,
zerriß aber diese Verbindung, welche ihr mißfiel. Diese Geschichte
freilich ist so, wie sie erzählt wird, nicht möglich. Später mit Herzog
Burchard vermählt und früh (973) verwittwet, waltete sie auf ihrer
Feste Hohentwiel mit männlicher Festigkeit, ja mit Härte, und ihre
wechselnden Launen waren sehr gefürchtet. Ihre liebste Beschäftigung
aber bestand darin, mit dem Sanctgaller Mönche Ekkehard, den sie sich
dazu vom Abte ausgebeten hatte, die alten lateinischen Dichter zu
lesen. Den jungen Burchard, der später Abt wurde, lehrte sie selbst
griechisch und beschenkte ihn zum Abschied mit einem Horaz[29].

 [27] Vgl. Giesebr. II, 546. Weinhold, Die deutschen Frauen S. 91. V.
      Bardonis maj. c. 1. Der Regensburger Marianus Scottus schrieb
      „multa manualia psalteria viduis indigentibus ac clericis
      pauperibus ejusdem civitatis“. Frau Ute in Lorsch „las an ir
      salter alle ir tagezît“, Diu Klage v. 1840. „Saltere und alle
      buche, di zu gotis dinste horen, die vrowen phlegen zu lesene“,
      gehören nach dem Sachsenspiegel I, 24, 3 zur Gerade. Verständniß
      der Sprache war jedoch mit dem Lesen nicht nothwendig verbunden,
      so verstand Hildegard vor ihrer Erleuchtung den Inhalt nicht:
      „solum psalterium legere didicerat more nobilium puellarum a
      quadam inclusa in monte Dysibodi“. Alberici Chron. ad a. 1141.
      Im 13. Jahrh. wird einem Scholaren der Rath gegeben: „Si vero
      grammaticam nequis scire plene, Defectu ingenii, defectu crumene,
      Horas et psalterium discas valde bene, Scolas si necesse est
      puellarum tene.“ Peiper in der Zeitschrift f. Deutsche Philologie
      V, 183.

 [28] „Domesticos omnes famulos et ancillas variis artibus, litteris
      quoque instituit; nam et ipsa litteras novit, quas post mortem
      regis lucide satis didicit.“ Widuk. III, 74. Anskar schickte
      der Liutbirg (oben S. 254) junge Mädchen zur Unterweisung im
      Psalmsingen und Handarbeit.

 [29] Casus S. Galli MG. SS. II, 122-126. Vgl. die Anmerkungen von Meyer
      von Knonau S. 319 ff. u. Allg. Deutsche Biogr. X, 308.

Ihre Schwester =Gerbirg=, die Aebtissin von Gandersheim, war, so
sagt Hrotsuit, wie es der Nichte des Kaisers gebührte, von höherer
wissenschaftlicher Bildung und unterwies mich in den Autoren, welche
zuvor die gelehrtesten Meister mit ihr gelesen hatten[30].

 [30] „Gerberga, cujus nunc subdor dominio abbatiae, aetate minor sed ut
      imperialem decebat neptem, scientia provectior, aliquot auctores
      quos ipsa prior a sapientissimis didicit, me admodum erudivit.“
      Praef. ad vitam b. Mariae.

Auch Heinrichs II Gemahlin =Kunigunde= zeichnete sich durch Kenntniß
und Verständniß der kirchlichen nicht nur, sondern auch der weltlichen
Schriftsteller aus, und in der späteren Zeit betrachtete man die
feine Bildung der vornehmen Frauen als einen besonderen Vorzug dieses
Zeitalters[31]. Aber auch über seine Standesgenossen klagte Graf
Udalrich von Ebersberg († 1029) in seinen alten Tagen: in seiner
Jugend, sagte er, habe jeder Edelmann sich schämen müssen, wenn er die
Rechtsbücher nicht zu lesen und anzuwenden gelernt hätte[32].

 [31] Im Chron. Gozec. I, 2 (MG. SS. X, 142) heißt es von der Agnes
      von Weimar, Gemahlin des 1036 verstorbenen Pfalzgrafen Friedrich
      von Sachsen: more antiquorum tam litteris quam diversarum artium
      disciplinis apud Quidelingeburg pulchre fuit instructa. Ueber
      Kunigunde s. unten V § 15. Die Quedlinburger Schatzmeisterin
      Hazecha verfaßte eine Schrift zu Ehren des h. Christoph, welche
      sie Bischof Balderich von Speier (970 bis 987) übergab. S. unten
      S. 324.

 [32] Chron. Ebersp. MG. SS. XX, 14. Aehnlich heißt es in der Vita
      S. Pauli Virodun. (aus dem 7. Jahrh.), in welcher Berthar
      angeführt wird, Hugo Flavin. aber noch nicht: „liberalium studiis
      litterarum, sicut olim moris erat nobilibus, traditur imbuendus“.
      Mab. Act. II, 268. Auch der Vater Odo's von Cluny war nach der
      Vita auct. Joh. mon. I, 5 ein angesehener Rechtskundiger am Hofe
      des Grafen Wilhelm von Poitiers.

Finden wir also das Ottonische Kaiserhaus wissenschaftlicher Bildung
geneigt und günstig, so überstrahlt doch alle, sowohl durch seine
eigene gründliche Gelehrsamkeit, wie durch seine fruchtreiche
Thätigkeit für Kirche und Schule, der große Erzbischof =Brun=, Otto's
des Großen jüngster Bruder[33].

 [33] S. über ihn und seine Wirksamkeit W. Giesebrecht, Geschichte der
      Kaiserzeit I, 321-331, vgl. 817; 401-403. 431-436, vgl. 826. 829.
      Vogel, Ratherius I, 156 ff. Jasmunds Vorwort zur Uebersetzung des
      Ruotger. Ern. Meyer de Brunone I, Diss. Berol. 1867. Dümmler, Otto
      I, S. 396 bis 399. Bursian, Gesch. d. Philol. S. 44. K. Martin,
      Beiträge zur Gesch. Bruns, Diss. Jen. 1878.

Nachdem er in Utrecht unter der Aufsicht des Bischofs Balderich
erwachsen war und hier die erste grammatische Bildung erhalten hatte,
wurde er noch in früher Jugend (940) zum Kanzler und 953, als er
Erzbischof wurde, auch zum Erzcaplan erhoben; bald lag in seinen
Händen fast die ganze Verwaltung des Reiches, deren Fäden in der
königlichen Kanzlei zusammenliefen, vor allem aber die Leitung der
kirchlichen Angelegenheiten. Mit Geschäften aller Art überhäuft, hat
er in den Aeußerlichkeiten der Urkunden, den Daten namentlich, eine
arge Unordnung einreißen lassen[34]; dagegen fand er doch noch Zeit
für seine geliebten Bücher, die ihn überall hin begleiteten, für den
wissenschaftlichen Verkehr mit den Meistern der Wissenschaft, die,
wie Ruotger sagt, von allen Enden der Welt sich hier zusammenfanden.
Ratherius, Liudprand, der Spanier Recemund, Bischof von Elvira, wurden
durch politische Ereignisse diesem Kreise zugeführt, nahmen aber
während ihres Aufenthaltes daselbst ebenfalls an den wissenschaftlichen
Bestrebungen Theil. Die Anwesenheit gelehrter Griechen benutzte
Brun, um von ihnen, deren Sprache ihm schon vertraut war, zu lernen;
besonders aber verehrte er als seinen Lehrer einen irländischen Bischof
Namens Israel, vielleicht denselben, welcher, aus seiner Heimath
vertrieben, in St. Maximin Mönch wurde[35].

 [34] Sickel, Wiener SB. XCIII, 732.

 [35] Hontheim, Prodr. hist. Trev. II, 975. Dümmler in d. Neuen Mitth.
      XI, 252.

Ungeachtet seiner hohen Stellung verschmähte Brun es nicht, auch
selbst als Lehrer zu wirken; wieder gab es, wie zu Karls Zeiten, eine
Hofschule[36], wenn auch in anderer Weise, weil für die Grundlage des
Lernens jetzt an vielen Orten besser gesorgt war. Aber die Söhne
vornehmer Familien, welche nach alter Weise an den Hof gebracht
wurden, werden schwerlich ganz ohne Unterricht gelassen sein, und die
königliche Kanzlei wurde zu einer Pflanzschule trefflicher Bischöfe,
deren Wichtigkeit für das Reich nicht hoch genug anzuschlagen ist,
denn mit diesen Bischöfen regierten die Kaiser von nun an bis zu den
Zeiten Heinrichs IV ihr Reich, und fast allein in ihnen bildete sich
ein Element der Stätigkeit in der Reichsregierung aus, welches von dem
Wechsel der Personen unabhängig war.

 [36] Mir scheint das aus Ruotgeri V. Brun c. 5-7 hervorzugehen.
      Freilich darf man kaum an eine dauernde geregelte Organisation
      denken, aber E. Meyer geht zu weit, wenn er sie ganz leugnet.
      Ihm stimmt freilich jetzt auch Dümmler bei, Otto I, S. 545, aber
      wenn Ruotger sagt: „Latialem eloquentiam non in se solum, ubi
      excelluit, set et in multis aliis politam reddidit et inlustrem“,
      so muß doch Brun lat. Unterricht gegeben haben. Die eigentliche
      Schule hatten die Hofcapläne schon hinter sich, aber wenn wir
      Ruotger irgend glauben dürfen, war doch am Hofe noch viel für sie
      zu lernen.

Brun selbst wurde im Jahre 953 Erzbischof von Cöln, wo er noch 12 Jahre
wirkte, ohne doch darum der kaiserlichen Kanzlei fremd zu werden, bis
er am 11. Oct. 965 kaum 40 Jahre alt starb. Die schwierigsten Aufgaben
ruhten auf ihm, denn das unruhige, unzuverlässige Lothringen war seiner
Leitung anvertraut, und seine Schwester, die Königin von Frankreich,
baute fast allein auf seine Hülfe. Aber während man nie in ihm die
Thatkraft seines großen Bruders vermißte, vergaß er doch über den
weltlichen Sorgen nie seines bischöflichen Amtes. Die ganz zerrütteten
Kirchen Lothringens richtete er aus ihrer Versunkenheit auf; kirchliche
und klösterliche Zucht wurden erneut, die Schulen mit größter Sorgfalt
gepflegt, und bald entfaltete sich hier das rege litterarische Treiben,
welches von nun an Lothringen besonders auszeichnet.

Nicht minder erblühten nun auch in den übrigen Reichslanden unter so
guter Pflege alle die Keime, welche die vorhergegangenen Stürme noch
überdauert hatten; frisches Leben erfüllte die alten Klöster, welche
wie Corvey, Gandersheim, St. Gallen weniger gelitten hatten, und neben
ihnen erhoben sich zahlreiche neue Stätten litterarischer Bildung[37].

 [37] Wohl konnte deshalb Brun zum König sagen:

        Deciderat Studium veterum
        Et vigilancia paene patrum,
        Caecaque saecula barbaries
        Saeva premebat et error iners.
        At tua dextra ubi sceptra tenet,
        Publica res sibi tuta placet,
        Exacuit calamos studium
        Fertque quod apparat ad solium.

      Verse hinter einer Abschrift des Frontin, bei Haase, Ind. lectt.
      Vratisl. hiem. 1860, p. 20. Leider bleibt es ungewiß, ob der Bruno
      _tuus_ dieser Bruno ist; der _Caesar_ ist nicht genannt. Diese
      Anrede setzt übrigens nicht nothwendig die Kaiserkrönung voraus.

So verpflanzte nach =Speier=, wo schon Bischof Godefrid (950 bis
961) seiner Kirche ein Werk des Beda geschenkt hatte[38], Bischof
=Balderich= (970-987), gebürtig aus Säckingen, die Studien der
Sanctgaller Schule, aus welcher er stammte. Sein Wohlgefallen und
seine Aufmerksamkeit erregte der Knabe =Walther=, den er zu aller
heidnischen und christlichen Wissenschaft anleitete. „Cum primum regno
successit tertius Otto“, also 983, übergab er ihm, der nun Subdiaconus
war, eine Schrift zu Ehren des h. Christoph, welche die Nonne Hazecha,
Schatzmeisterin von Quedlinburg, ihm zur Correctur überreicht hatte;
aber entweder wurde sie wirklich verloren, wie Walther an Hazecha
schrieb, oder er fand sie zu schlecht: genug, Walther verfaßte ein
eigenes Werk über den h. Christoph in Prosa und in Versen, ganz in
dem gespreizten, mit Gelehrsamkeit überladenen Stil der Zeit; in zwei
Monaten behauptet er beides vollendet zu haben. Voran schickte er
ein Buch mit dem Titel _Scholasticus_, worin er seinen Bildungsgang
schildert, dunkel und oft schwer verständlich, aber doch werthvoll für
die Kenntniß der damaligen Schulstudien, in welchen eine ansehnliche
Zahl classischer Autoren im Vordergrunde steht. Walther schickte später
nach des Bischofs Tod sein Werk auch _ad collegas urbis Salinarum_, d.
h. doch wohl nach Salzburg, an Liutfred, Benzo und Friedrich[39]. Damals
scheint er demnach die Speierer Schule geleitet zu haben; 1004 ist er
selbst wahrscheinlich Bischof von Speier geworden.

 [38] Brit. Mus. Addit. 23,931, wo nach dem Catalog von 3 Widmungsversen
      der erste lautet: „Me Godefrid sanctae praesul dedit ecce Mariae“.

 [39] _Waltherus Spirensis de passione S. Christophori_, bei B. Pez,
      Thes. II, 3, 29-122. Prantl, Gesch. d. Logik II. 52 hat auf dieses
      Werk aufmerksam gemacht; Remling in seiner Geschichte der Bischöfe
      von Speier erwähnt es I, 252 unter Bischof Walther, Mabillon sah
      die Hs. in St. Emmeram, jetzt Cod. lat. Monac. 14,798. Vgl. W.
      Harster: Walther v. Speier, ein Dichter des 10. Jahrhunderts.
      Speier 1877. Beigabe zum Jahresbericht der K. Studienanstalt.
      Da ist nachgewiesen, daß aus einer vielfach mißverständlichen
      Bearbeitung des griech. Textes sich die spätere Form der Legende
      entwickelt hat; doch hat Schönbach, Zeitschr. f. D. Alt. XXIV,
      Anz. S. 155-172, Einwendungen dagegen erhoben. Ausgabe von Harster
      als Beigabe zum Jahresbericht 1878. Anz. v. Pannenborg, GGA. 1879,
      No. 20; von Nolte, Zeitschr. f. öst. Gymn. 1879, XXX, 617-629.
      Acta Graeca, Anal. Boll. I, 121.

In besonderer Ausführlichkeit tritt uns hier eine Richtung der Studien
entgegen, welche wir noch an vielen Orten, wie z. B. in Lüttich, zu
berühren haben werden.

Sehr bald aber ließen sich auch schon Stimmen vernehmen, welche
die heidnische Gelehrsamkeit als sündlich verwarfen und gegen die
classischen Studien eiferten. Hatte schon Hieronymus im Traume für
die Vorliebe büßen müssen, womit er Plautus und Cicero gelesen[40],
ein Geschichtchen, welches immer wieder benutzt wird und noch bei
der Bekämpfung der Humanisten eine Rolle spielt, so finden wir in
karolingischer Zeit den alt gewordenen Alcuin in gleichem Sinne
eifernd; so auch jenen alten Schulmeister Johannes zu Fulda (oben
S. 231). Ermenrich sah, wenn er den Vergil unter sein Kopfkissen
gelegt hatte, im Traume den Dichter als Teufel, in der Hand ein Buch,
hinterm Ohr die Feder, der ihn triumphirend verhöhnte; doch meinte
er, daß man, wie für den Ackerbau den Dünger, so auch den Koth der
heidnischen Poesie mit Nutzen verwerthen könne[41]. Notker dagegen
empfahl dem jungen Salomo den Prudentius: _non sunt tibi necessariae
gentilium fabulae_[42]. Abt Odo von Cluni wurde durch einen Traum von
der Beschäftigung mit Vergil abgeschreckt[43], und ebenso verwarf,
der Tendenz dieser Congregation entsprechend, Majolus die einst
auch ihm lieb gewesenen Studien[44], und ähnliches wird vom Abt Hugo
berichtet[46].

 [40] Hieron. ad Eustochium, Opp. ed. Vall. I, 113. Vgl. im allg.
      Comparetti, Virgilio nel Medio Evo I, cap. 6.

 [41] Dümmler, St. Gall. Denkm. S. 207. Ermenrici ep. p. 29. 31.

 [42] Dümmler, Formelbuch S. 73.

 [43] Vita auct. Joh. mon. I § 12.

 [44] „Legerat isdem vir Domini libros olim antiquorum philosophorum
      Virgiliique mendacia, que nolebat nec ipse jam audire nec alios
      legere: Sufficiunt, inquiens, divini poetae vobis, nec egetis
      luxuriosa Virgilii vos pollui facundia“, Vita S. Majoli I, c. 14.

 [45] R. Lehmann über die Vitae Hugonis S. 48.

Auch Hrotsuit schrieb ihre Dramen über Gegenstände aus der heiligen
Geschichte, um den Terenz aus den Händen der Christen zu verdrängen[46].
Etwas später wurde der sterbende Schüler Gozo von Dämonen in der
Gestalt des Turnus und Aeneas beunruhigt[47], und als ein Mönch des
Lütticher Lorenzklosters mit seinen Schülern den Terentius las, bemühte
sich S. Laurentius selber, um ihn zu züchtigen[48].

 [46] Die fleißige Beschäftigung mit Terenz wird auch bezeugt durch das
      wunderliche Gedicht, welches Riese in der Zeitschr. f. österr.
      Gymnasien 1867, S. 442-446, e cod. saec. X. herausgegeben hat, und
      schon 1840 Magnin in d. Bibl. de l'École des chartes, I, 524-531.

 [47] Vita Popponis c. 32. MG. SS. XI, 314.

 [48] Reineri Palmarium Virginale bei B. Pez, Thes. IV, 3, 85.

Wer könnte auch in Abrede stellen, daß in den römischen Dichtern vieles
zu lesen ist, was sich namentlich für Klosterschulen nicht eignet.
Besonders beliebt war Ovid, und nach einigen Citaten könnte man sich
versucht fühlen anzunehmen, daß seine _Ars amandi_ das gelesenste Buch
in den Klöstern war, wobei jedoch in Anschlag zu bringen ist, daß viele
einzelne Sentenzen gelehrt und gelernt wurden, ohne daß man wußte,
woher sie stammten. Doch war auch die ganz übermäßige Beschäftigung
mit der unübersehlichen Fülle von Mythen, um jede Anspielung erklären
zu können, für Mönche wenig förderlich, und selbst Boethius und
Cicero stimmten nicht immer mit den Kirchenlehrern überein. Sogar den
Erzbischof Bruno sah der Hofcaplan Poppo in einer Vision wegen seiner
eifrigen Beschäftigung mit der Philosophie verklagt, aber S. Paulus
trat für ihn ein[49].

 [49] Thietmari Chron. II, 10.

Der Abt Smaragdus, der 819 das Kloster Castellio nach
Saint-Mihiel-sur-Meuse verlegte, bekämpfte den Widerstand gegen die
grammatischen Studien; in seiner Grammatik aber nahm er die Beispiele
aus kirchlichen Schriftstellern[50]. Doch fühlte man allgemein, daß man
die heidnische Litteratur nicht entbehren könne, ohne in Barbarei zu
verfallen; Hraban trat sehr entschieden dafür ein, und selbst Anselm
von Canterbury (ep. I, 55) hat einem Mönche gerathen, den Vergil zu
lesen. War der geistliche Stand einmal der allein lehrende, so mußte
er auch diesen Gefahren sich aussetzen. Nur an einzelnen Orten und bei
einzelnen Männern drang jene ascetische Richtung durch; in den Schulen
behaupteten sich bis ins dreizehnte Jahrhundert Vergil und Horaz,
Terenz, Ovid, Sallust, und verlockten immer von neuem die jugendlichen
Gemüther durch den Zauber ihrer Anmuth von den trockneren Vätern der
Kirche.

 [50] S. über ihn Hauréau, Smaragdus (Singularités p. 100-128); NA. IV,
      250-253; Ebert II, 108-112. Seine Gedichte sind gedruckt Poet.
      Lat. I, 605-619; sie sind ausgeschrieben von Angelomus, ib. II,
      675-677. Die Vorrede des Smaragdus zu seiner Via regia ist, wie
      Dümmler bemerkt, gedruckt bei Denis, Codd. bibl. pal. I, 1050.

Die Gewandtheit im Ausdruck, der leichte Fluß der lateinischen Rede, im
karolingischen Jahrhundert so allgemein verbreitet, waren jedoch in der
fünfzigjährigen Unterbrechung schriftstellerischer Thätigkeit verloren
gegangen; mit großer Anstrengung mußte man wieder von neuem beginnen.
Die mühsam erworbene gelehrte Bildung ist fast überall kenntlich;
man war stolz auf die neue Kunst und trug sie gern zur Schau. Die
schwerfälligen Phrasen sind erfüllt von ungeschickt eingefügten
Ausdrücken der alten Schriftsteller, man prunkt gern mit Citaten und
bringt die gelehrten Reminiscenzen auch da an, wo sie am wenigsten
passend sind, wie z. B. Liudprand die Ungern in ihrem Kriegsrath mit
pedantischer Affectation griechische Worte einmischen läßt. Schulmäßig
gekünstelte Reden sind besonders beliebt, und nur zu häufig erschwert
der gesuchte Ausdruck das Verständniß des Inhaltes. Aber die frische
Lebenskraft, welche jetzt wiederum die von jugendlichem Aufschwung
erfüllte Generation durchdrang, ist auch in dieser Vermummung nicht zu
verkennen[51].

 [51] Vgl. über den Charakter der Litteratur dieser Zeit W. Giesebrecht,
      Kaiserzeit I, 309.

Leicht genug scheinen der Nonne Hrotsuit ihre Hexameter entströmt zu
sein, aber die reiche Fülle lateinischer Gelegenheitsdichtung, welche
in der karolingischen Zeit überall uns begegnet, fehlt der ottonischen.
Wohl finden wir den Streit der Brüder Otto I und Heinrich in einem
halb lateinischen, halb deutschen Gedicht behandelt[52], und auch die
Schlacht auf dem Lechfeld verherrlicht[53], beide aber (in Bezug auf das
erste freilich jetzt bezweifelt) den Ereignissen schon so fern stehend,
daß wir hinter ihnen uns eine Fülle deutscher Lieder zu denken haben,
von jenen _Mimi_ gesungen, deren Widukind gedenkt[54].

 [52] Leich von den beiden Heinrichen, ed. Lachmann bei Koepke,
      Jahrbb. Otto's I S. 97. W. Wackernagel, Lesebuch 4. Aufl. I, 110.
      Müllenhoff u. Scherer 3. Ausg. I, 39, vgl. II, 99-106. Seelmann
      im Niederd. Jahrb. XII, 75-89, bezieht es auf den Augsb. Reichstag
      von 952; Bedenken dagegen von Steinmeyer a. a. O. S. 105.

 [53] =Modus Ottinc=, _Magnus caesar_, auch Otto II u. III feiernd,
      Lachm. im Rhein. Mus. III, 432. Coussemaker, Hist. de l'harm. 106
      u. pl. VIII, 1. Müll. u. Scherer 3. Ausg. S. 46.

 [54] Ueber die lat. Hof- u. Klosterpoesie vgl. Wackernagels LG. S. 70
      bis 74, über Volkslieder S. 75. Ueber die _modi_ des Cod. Cantabr.
      Bartsch, Die lat. Sequenzen des MA. S. 145-165. Auf Heriger von
      Mainz (913 bis 926) _Heriger urbis_, nicht historisch, Jaffé in
      d. Zeitschr. f. D. Alt. XIV, 455. Müll. u. Scherer, 3. Aufl. S.
      53. -- Kirchliche Lieder auf Heinrich II, _Lamentemur_ u. _Judex
      summe_, bei Jaffé a. a. O. 458-461; _Summe Caesar_ NA. IV, 399.
      Anspielungen auf Heinrichs II Zusammenkunft mit K. Robert von
      Frankreich im =Ruodlieb=, bei Grimm u. Schmeller, Lat. Gedichte
      des 10. u. 11. Jahrh., vgl. Giesebr. II, 624. Jahrbb. Heinrichs
      II, II, 225. III, 261. Ausgabe von F. Seiler, Halle 1882. Ueber
      Ecbasis captivi s. unten § 6. Verse auf Heribert von Cöln zur
      kirchlichen Feier, doch noch saec. XI, _Qui principium_ bei Jaffé
      S. 456.

Wie nun unter den ersten Karolingern die kräftige Neugestaltung des
Reiches naturgemäß dahin geführt hatte, die Begebenheiten der Gegenwart
aufzuzeichnen, weil man wieder Lust und Bedürfniß empfand, sie
festzuhalten, so geschah es auch nach langer Pause unter den Ottonen.
Auch jetzt suchte man zunächst die Zeitgeschichte festzuhalten; die
Weltgeschichte zu umfassen, versuchte man noch kaum. Aber überall
begann man um die Mitte des Jahrhunderts, die Zeitereignisse
aufzuschreiben. Beziehungen zum kaiserlichen Hofe wirkten auch
hier anregend, aber nirgends erhob man sich doch zu einem so klaren
Ueberblicke der Verhältnisse, wie ihn die karolingischen Reichsannalen
zeigen; nur der Fortsetzer des Regino reiht sich denselben an. Der
Königshof übte wieder einen kräftigen Einfluß, die Reichsgeschichte
ist überall im Vordergrunde, aber weit mehr als in karolingischer
Zeit herrschen doch locale Gesichtspunkte vor, und es entwickeln sich
selbständige Mittelpunkte gelehrter Thätigkeit. Deshalb betrachten wir
nach einander die einzelnen Reichslande und beginnen mit demjenigen,
von welchem die Herrschaft der Ottonen ausging, mit Sachsen.


§ 2. Sachsen. Corvey.

Das Kloster Corvey, von Anfang an in enger Verbindung mit dem Hause
der Ludolfinger und ihrer Gunst und ihres Schutzes sich erfreuend,
hatte von der Ungunst der Zeiten weniger gelitten als andere Stifter.
Doch verschwand auch hier nach Bovo II, mit Ausnahme der dürftigen
Annalen[1], jede Spur litterarischer Thätigkeit, bis der Glanz von
Otto's des Großen Thaten ein Geschichtswerk aus diesem Kloster
hervorrief, wie noch keines in Sachsen ans Licht getreten war,
dessen Form aber zugleich einen bedeutenden Verfall der grammatischen
Schulbildung bekundet.

 [1] Oben S. 254. Durch ihren Inhalt sind sie bei dem Mangel anderer
     Nachrichten wichtig.


$Widukind.$

 Widukindi Res gestae Saxonicae ed. Waitz, MG. SS. III, 408-467.
     Bes. Abdruck, neue Ausg. 1882. Uebersetzung von Schottin,
     mit Einleitung von Wattenbach 1852, 1882, mit Nachtr. 1891.
     Geschichtschr. 33 (X. 6). Facs. d. Dresd. Hs. in E. Berners
     Gesch. d. Pr. Staats I, 1890. Waitz in Schmidts Zeitschrift II,
     100. L. Giesebrecht, Wend. Geschichten III, 295. W. Giesebrecht,
     Geschichte der Kaiserzeit I, 779. Maurenbrecher S. 32-43. W.
     v. Korvei (Ottonische Studien I) von R. Koepke, 1867. Vgl. Waitz,
     GGA. 1867 S. 1429-1438. Waitz: Ueber das Verhältniß von Hrotsuits
     Gesta Oddonis zu Widukind, Forsch. IX, 335-342. Alfred Kirchhoff:
     Ueber den Ort der Ungarnschlacht. Forsch. XII, 573-592; Wyneken,
     ib. XXI, 239-250; Grandaur zur V. Uldalrici. Vgl. auch Jul. Voigt,
     Die Pöhlder Chronik und die in ihr enthaltenen Kaisersagen,
     Diss. Hal. 1879 (NA. V. 468). Zu I, 12 (Hirmin) Krause, NA.
     XVI, 611; zu I, 16 O. v. Heinemann: Die Niederlage der Sachsen
     durch die Normannen 880, Mitth. d. Vereins f. Hamb. Gesch. 1880,
     S. 58-65 (NA. VI, 203). Zu I, 36 (Lunkini) Virchow, Verhandl.
     d. Berl. Anthropol. Ges. 1886, S. 422 ff. Zu I, 40 (Chnuba)
     R. v. Liliencron, Der Runenstein von Gottorp, Kiel 1888 (NA.
     XIII, 654). Zu II, 1 (Krönung Ottos) Beissel über den Aachener
     Königstuhl, Ann. d. Aach. Geschichtsvereins, 1888, S. 14 ff. Zu
     II, 10 (Schöppenkampf) B. Simson, Forsch. XXV, 369-373. Planck,
     Münch. SB. 1886, S. 155-180.

Im Jahre 967, als Kaiser Otto auf der Höhe seiner Macht stand,
unternahm es Widukind, Mönch im Kloster Corvey, die Geschichte seines
Volkes zu schreiben, nachdem er vorher sich mit der Bearbeitung von
Heiligenleben beschäftigt hatte[2]. Dadurch, so sagt er selbst,
habe er seinem Berufe genug gethan; jetzt erfülle er die Pflicht
gegen seinen Stamm und sein Volk, indem er die Thaten ihrer Fürsten
niederschreibe. In der Widmung an die Aebtissin von Quedlinburg, des
Kaisers Tochter Mahthild, bezeichnet er genauer als seinen Gegenstand
die Thaten Heinrichs und Otto's; die Ueberschrift aber bezeichnet sein
Werk als die Geschichte der Sachsen. Denn Volk und Herrscher waren
auf das innigste verbunden, und in dem Ruhme des Kaisers fühlte das
ganze Volk sich gehoben, wie es denn auch seinen reichen Theil daran
hatte. Gänzlich fern lag es Widukind, nach der Weise der Chronisten
an das römische Reich anzuknüpfen, sondern völlig dem Verlaufe der
geschichtlichen Entwickelung entsprechend, nimmt er zum Ausgangspunkte
seiner Erzählung die Urgeschichte der Sachsen. Ihre alten Sagen
zeichnet er auf, und obgleich er es nicht lassen kann, sie durch übel
angewandte Schulgelehrsamkeit zu entstellen, so erkennt man doch
in jedem Worte die Freude des Mönches an seinen alten heidnischen
Vorfahren, an diesem kraftvollen Geschlechte, vor dem schon damals die
Franken sich fürchteten. Heiden freilich durften sie nicht bleiben, und
darum mußten sie nach tapferer Gegenwehr den Franken unterliegen, um
durch die Taufe nun mit ihnen ein Volk zu werden. Aber das Gefühl der
Unterdrückung lastet dennoch auf ihnen, bis nun S. Veit zu ihnen kommt,
und mit ihm das Glück, welches die Westfranken jetzt verläßt. Unter
seinem Schutze gedeihen und erstarken die Sachsen und werden unter
ihrem großen König Heinrich aller übrigen Völker und selbst der Franken
Herr; kein fremder Gebieter beschränkt hinfort ihre Freiheit.

 [2] Es sind alte Legenden, die er nur stilistisch umformen konnte. Er
     muss sich also darin mehr zugetraut haben, als wir ihm zugestehen
     können. Leider sind sie nicht bekannt und wir wissen also nicht,
     ob sein Stil darin nicht ein ganz anderer war.

Gegen Otto erheben sich noch einmal alle Stämme, schon schwindet die
Hoffnung, daß das Reich ferner bei den Sachsen bleibe, aber mit Gottes
Hülfe überwindet Otto alle seine Widersacher, er bändigt die Slaven,
die Ungern, die Westfranken, bringt auch Italien wieder ans Reich, und
beherrscht nun, von Gott und S. Veit beschützt, mit seinen Sachsen die
Christenheit.

Durch diese durchgehende Einheit der Auffassung und durch die
naturfrische Lebendigkeit der Darstellung hat das ganze Werk eine
epische Färbung; was in der Ferne vorgeht, berührt Widukind nur
kurz, und ist darüber auch wenig genau unterrichtet, so wie er für
die älteren Zeiten freilich auf Beda und die Geschichte der Franken
und Langobarden hinweist, auch Jordanis über den Ursprung der Hunnen
ausschreibt, Einhards Leben Karls benutzt, aber von ernstlicher
kritischer Forschung doch kaum eine Vorstellung hat. Für näher liegende
Zeiten wird es ihm nicht ganz an annalistischen Aufzeichnungen gefehlt
haben, an welche die noch erhaltenen Corveyer Annalen anklingen. Die
Translatio S. Viti kannte er, und doch wohl auch Bovo's Werk. Aber
die mühsam und geistlos compilirende Arbeit anderer Chronisten liegt
seiner Weise ganz fern. Dem Epos steht er auch darin nahe, daß er
vorzüglich bei der Schilderung der Schlachten und anderer Begebenheiten
verweilt, über ihre geschichtliche Verknüpfung aber rasch hinwegeilt.
Die Composition des Werkes ist von R. Koepke genau untersucht und
dargelegt: recht deutlich stellt sich daraus die ganz einheitliche
ursprüngliche Aufzeichnung dar, welche durch das gewissenhafte
Bestreben, auch anderen Thatsachen ihre Stelle anzuweisen, zerstückt
und oft unklar geworden ist. Am auffallendsten ist in solcher Weise die
Schilderung der Schlacht auf dem Lechfelde zerrissen. In dem Autograph
des Leo von Ostia sehen wir ein solches Verfahren noch deutlich
vor uns, doch ist ohne Zweifel Koepke in seinen Folgerungen und
Behauptungen vielfach zu weit gegangen: an einen fertig geschriebenen
Entwurf des ganzen Werkes in dieser Weise ist gewiß nicht zu denken.
Eingehend kritisirt und zurückgewiesen ist Koepke's Hypothese von J.
Raase[3].

 [3] Widukind von Korvei, Rost. Diss. 1880.

Einen seltsamen Gegensatz zu dem ganz volksthümlichen Inhalt bildet
der gesuchte sallustische Ausdruck[4], gemischt mit den Worten und
Wendungen der lateinischen Bibel. Mühsam zieht er dem widerstrebenden
Gedanken ein altrömisches Kleid an, das oft nur schwer und unvollkommen
erkennen läßt, was er eigentlich sagen will. Die Nachahmung der
antiken Redeweise beherrscht ihn so sehr, daß er sogar Heinrich wie
Otto nach dem Siege über die Ungern vom Heere als Imperator begrüßen
läßt, und Otto auch von da an so nennt, die Kaiserkrönung in Rom
aber ganz übergeht, wie denn überhaupt der Pabst in der eigentlichen
Geschichtserzählung gar nicht genannt wird[5].

 [4] Daß er auch Livius gekannt habe, weist Koepke S. 175 nach.
     Benutzung des Tacitus u. a. sucht Manitius nachzuweisen, NA. XI,
     45-90.

 [5] Maurenbrecher S. 40 bemerkt, daß Widukind einem im Mittelalter
     häufigen Sprachgebrauch folgend unter _Imperator_ den Herrscher
     über mehrere Völker versteht, weshalb er auch Theuderich so nennt,
     vgl. Ann. Fuld. a. 869: Mon. Sangall. II, 11 und die Titel des
     angelsächsischen Königs Eadgar, die Krönung Alfons von Spanien
     1135. Doch betrachtet er Theuderich ganz nach der Analogie des
     karol. und sächs. Kaiserthums, und das gänzliche Schweigen von
     der Kaiserkrönung ist darum nicht minder auffallend. In Bezug auf
     sein Verhalten zum Wunderglauben seiner Zeit ist zu bemerken, daß
     _probare_ bei ihm nicht =billigen=, sondern =erproben= bedeutet,
     und er deshalb über S. Wenzels Wunder keine Mißbilligung, sondern
     nur einen kritischen Zweifel ausspricht.

Betrachten wir Widukinds Buch als eigentliches Geschichtswerk, so
können wir nicht umhin, es für sehr mangelhaft zu erklären; seine
Auffassung der Dinge und namentlich seines großen Kaisers ist
keineswegs richtig; so wie der Kaiser selbst den Standpunkt eines
Sachsenfürsten verließ, wurde er dadurch dem Gesichtskreise Widukinds
entrückt. Obgleich Mönch, übersieht dieser fast ganz die so überaus
wichtige kirchliche Wirksamkeit Otto's, und besonders auffallend ist
sein Schweigen über die Stiftung des neuen Erzbisthums in Magdeburg.
Er stand dem kaiserlichen Hause nicht ganz ferne, wie seine Widmung
an Mahthild zeigt -- ein zwölfjähriges Mädchen, dem er fast ärger
schmeichelt, als die Devotion gegen das Haus der Ottonen entschuldigen
kann -- und es kamen ihm gute Nachrichten zu, aber er blieb doch als
Mönch in seinem Kloster, und war daher nicht im Stande, sich diejenige
Uebersicht der Verhältnisse zu verschaffen, welche damals wohl nur
am kaiserlichen Hofe zu erlangen war. Deshalb kann ich auch nicht
der Auffassung Koepke's zustimmen, welcher einen längeren Aufenthalt
am Hofe annimmt, und Erzbischof Wilhelm einen bestimmenden Einfluß
auf das Werk beimißt: wir müßten dann ganz andere Gesichtspunkte
hervortreten sehen. Wohl hat er den Kaiser und seinen Hof gesehen,
wenn sie das heimathliche Sachsen aufsuchten, aber von dem, was jenseit
der sächsischen Grenze liegt, scheint ihm aus eigener Anschauung kaum
etwas bekannt zu sein. Selbst in Magdeburg muß er ganz fremd gewesen
sein, da er sonst doch wohl nothwendig für die so wichtige Stiftung
der wendischen Bisthümer und die viel bestrittene Errichtung des
Erzbisthums einige Theilnahme gewonnen hätte.

Daß Widukind Hrotsuits Gedicht gekannt, daß er dazu eine Art von
Ergänzung hätte geben wollen, ist ein Phantasiegebilde von Koepke,
welches G. Waitz hinlänglich widerlegt hat.

Bleibt nun auch Widukind in seiner Darstellung hinter dem seinem
Gesichtskreis entrückten Reich zurück, so verleiht ihm dagegen gerade
seine Einseitigkeit und die lebendige Wärme des Volksbewußtseins
einen Reiz, der den objectiver gehaltenen Annalen fehlt, und stofflich
betrachtet sind seine Mittheilungen für uns von dem unschätzbarsten
Werthe. In allem, was ihm nahe lag, zeigt er sich durchaus zuverlässig,
unbefangen und wahrheitsliebend in der Schilderung der handelnden
Personen, und so sehr er auch für das Ottonische Haus begeistert ist,
liegt eine absichtliche Entstellung der Thatsachen zu ihren Gunsten ihm
jedoch gänzlich fern. Sogar für jene kühnen Recken, die im unbändigen
Trotze lieber alles erdulden, als der Herrschaft ihres Vetters sich
fügen wollten, bezeugt er eine offenbare Theilnahme, ja Vorliebe,
wie auch beim Volke solche Naturen immer Anklang finden; zuletzt, wo
er schon zum Schluß eilt und selbst das Näherliegende oberflächlich
behandelt, zieht ihn doch noch Wichmanns Trotz und Untergang
übermächtig an. Widukind ist eben mit seinen Vorzügen, wie mit seinen
Mängeln ein ganzer Sachse des zehnten Jahrhunderts, und in ihm spiegelt
sich die Natur seines Stammes treu und wahr. Es konnte daher auch nicht
fehlen, daß sein Werk gern und viel gelesen wurde; es findet sich bei
den späteren Schriftstellern überall benutzt, jedoch seit dem zwölften
Jahrhundert nicht mehr unmittelbar, sondern nur durch die Vermittelung
Ekkehards, der es fast ganz in seine große Weltchronik aufgenommen
hatte[6]. Daraus erklärt es sich wohl, daß uns nur drei Handschriften
davon erhalten sind. Wie es scheint, enthält von ihnen die eine, jetzt
Dresdener (A), das Werk in seiner ursprünglichen Gestalt[7]; später hat
Widukind am Schlusse noch einiges in loserer Verknüpfung hinzugefügt,
den so sehr merkwürdigen Brief des Kaisers aus Capua und die schöne
Schilderung vom Tode der Königin Mahthild und von des Kaisers Heimkehr
und Tod. Zugleich veränderte er einige Ausdrücke; vielleicht auch
die Stelle über des Erzbischofs Hatto Nachstellungen gegen Heinrich
(I, 22), in welcher die Dresdener Handschrift von der Schuld des
Erzbischofs schweigt. Doch ist auch möglich, daß vielmehr in der an
Fremde hinausgegebenen Abschrift jene bedenkliche Stelle geändert war,
denn sie macht den Eindruck einer Abkürzung, und es sind Worte darin,
welche nur durch die Vergleichung mit Cod. 1 ihre Erklärung finden[8].
Die in Corvey gebliebene Handschrift wurde abgeschrieben (Cod. 1 in
Montecassino) und vielleicht etwas später in Corvey interpolirt,
um eine Notiz über den Abt Bovo und eine ausführliche Erzählung
der beliebten Volkssage von dem Untergange des Grafen Adalbert von
Babenberg durch Hatto's Verrath anzubringen[9]. Doch schreibt jetzt
Waitz auch diese Stücke Widukind zu. In dieser Gestalt findet sich das
Werk in der Steinfelder Handschrift (Cod. 2, jetzt im Brit. Museum Add.
21109) und in der Frechtschen Ausgabe, und so lag es schon Ekkehard
und dem Annalista Saxo vor. Man möchte glauben, daß Widukind selbst
mancherlei geändert und auf die Ränder geschrieben hat, und daß die
Abschreiber bald die ursprüngliche Schrift und bald die Aenderungen und
Zusätze aufnahmen.

 [6] Benutzung durch Dietrich von Niem zeigt Lindner, Forschungen XXI,
     90.

 [7] Vgl. über diese Handschrift NA. II, 450, und die neue Ausgabe von
     Waitz.

 [8] Namentlich: „Hatho videns suis artibus finem impositum“. Daß die
     Darstellung der Dresdener Handschrift nicht in Widukinds Stil
     geschrieben wäre, und man deshalb mit Waitz die Hand eines Fremden
     erkennen müßte, möchte ich nicht mehr behaupten. Auch Waitz ist
     davon zurückgekommen. Für die Halsbandgeschichte findet sich ein
     merkwürdiges Seitenstück in Walkenried, welches Leibniz, Ann.
     Imp. II, 263 erzählt, und in Konrad Stolle's Erfurter Chronik,
     herausgegeben von Hesse, S. 177. Zu I, 12 vgl. noch Mich. Lindener
     ed. Lichtenstein, S. 130: „vermeinet auch, unser Herrgott hieß
     Herman“.

 [9] B. Simson bemerkt hiergegen, daß 2 an mehreren Stellen A
     näher steht, was richtig ist. Dem Schreiber derselben kann
     das überarbeitete Original selbst vorgelegen haben. Auch Waitz
     bemerkt, daß der Text in 2 besser sei als in 1. In der Oratio S.
     Viti I. 34 steht 2 dem Original am nächsten, 3 aber stimmt mit A
     und 1. B. Simson, NA. XII, 597. Vgl. dens. NA. XV, 565-575. Wenn
     Giesebrecht I, 810 Glossen im Text erkennen will, so ist dagegen
     doch zu bemerken, daß diese Stellen sich schon in A finden, also
     älter sind als die Vollendung des Werkes, und deshalb nur von
     Widukind selbst herrühren könnten.

Die sagenhafte Erzählung Widukinds von der Theilnahme der Sachsen an
dem Kampfe der Franken und Thüringer ist, auch hier durch Ekkehard
vermittelt, im zwölften Jahrhundert benutzt worden für die seltsame
Geschichte =von der Herkunft der Schwaben=, in welcher an die Stelle
der Sachsen die Schwaben gesetzt sind, die wegen Hungersnoth aus
Schweden auswanderten. Diese von Goldast 1604 als _Anonymus de
Suevorum origine_ zuerst veröffentlichte Fabel, welche aber Spuren
wirklicher alter Sage enthält, ist von Müllenhoff nach einer ziemlich
gleichzeitigen Handschrift neu herausgegeben[10], der zugleich
nachgewiesen hat, daß sie nur im sächsischen Schwabengau an der Bode
entstanden sein kann, aber in Schwaben aufgezeichnet ist.

 [10] Zeitschrift f. D. Alt. XVII, 57-71 mit Nachtrag XIX, 130. Uebers.
      bei der 2. Ausg. des Widukind, S. 131-137.

Unerwarteter Weise sind unsere Nachrichten über diese Zeiten, ganz
vorzüglich aber über die Zustände der Wendenländer, durch einen sehr
werthvollen Fund vermehrt worden, nämlich den in einem arabischen
Sammelwerke enthaltenen Bericht des Juden =Ibrahîm-ibn-Jakûb=, d. i.
auf deutsch =Abraham Jakobsen=, über die Slaven. Er hat, wie er selbst
erwähnt, Kaiser Otto gesprochen und Gesandte der Bulgaren in Merseburg
getroffen. Man hat das auf das Jahr 973 bezogen, allein von Herrn Kunik
habe ich jetzt erfahren, daß seiner Ueberzeugung nach Ibrahîm seinen
Bericht vor 970 abgefaßt hat, was allerdings besser zu der Thatsache
stimmt, daß schon 971 das Königthum der Bulgaren sein Ende fand. Eine
Untersuchung über diesen Bericht, in vielen Stücken von früheren
Deutungen abweichend, hat Fr. Westberg verfaßt; dieselbe ist aber
noch nicht gedruckt, und ich verdanke dem Verf. die Mittheilung seiner
Resultate in der neuen Ausgabe der Uebersetzung des Widukind[11].

 [11] Da dieser Bericht der deutschen Historiographie fern liegt,
      begnüge ich mich, auf meine Bearbeitung nach De Goeje zu
      verweisen, hinter der Uebersetzung des Wid. (2. Ausg.) S. 138-147.
      Merkwürdig ist auch: Ein arabischer Berichterstatter aus dem 10.
      oder 11. Jahrhundert über Fulda, Schleswig, Soest, Paderborn u. a.
      deutsche Städte. Zum ersten Mal aus dem Arab. übertragen, komm.
      u. mit einer Einleitung versehen von Georg Jacob. Berlin, Mayer
      u. Müller 1890.


§ 3. Fortsetzung. Gandersheim. Quedlinburg.

Während die schwerfällige, von Fehlern keineswegs freie Sprache
Widukinds von den gelehrten Studien in Corvey eben kein günstiges
Zeugniß ablegt, überrascht im Kloster Gandersheim die Nonne =Hrotsuit=,
wie sie selbst übersetzt: _clamor validus Gandeshemensis_, durch
ihre klassische Bildung und ihre große Herrschaft über die Form
des Ausdruckes; ihr bedeutendes Talent war durch eine sorgfältige
Schulbildung unter der Leitung der Rikkardis entwickelt, und sie hatte
dann diese Studien unter der Leitung der Nichte des Kaisers, Gerberga,
fortgesetzt. Sie bearbeitete verschiedene Gegenstände aus der älteren
Kirchengeschichte in metrischer Form und verfaßte darauf auch sechs
Komödien über verwandte Stoffe, weil es ihr anstößig war, daß der
leichtfertige Terenz überall mit so großem Vergnügen gelesen wurde.
Doch diese Seite ihrer dichterischen Thätigkeit, in anderer Beziehung
weitaus die wichtigste, liegt unserer Aufgabe fern.

In ähnlicher Weise wie Widukind wurde aber auch Hrotsuit durch die
glänzenden Thaten Otto's des Großen der Geschichte der Gegenwart
zugeführt; ihre Aebtissin Gerberga (959-1001), Herzog Heinrichs von
Baiern Tochter, forderte sie auf, ein Heldengedicht zum Preise ihres
Oheims zu verfassen[1], welches dem Erzbischof Wilhelm von Mainz,
dem Sohne des Kaisers, überreicht werden sollte. Im Jahre 968 war es
vollendet, und die Dichterin übersandte es mit einer poetischen Widmung
nicht nur dem jüngeren Kaiser, welcher ein Exemplar davon verlangt
hatte, sondern auch dem alten Kaiser selbst. In keinem Buch, so sagt
sie, sei bisher derselbe Gegenstand behandelt, keinem sei sie gefolgt;
es sind die Mitglieder der kaiserlichen Familie, welche ihr den Stoff
gegeben haben, und so ist es denn nicht zu verwundern, daß verschiedene
Rücksichten auf die Darstellung eingewirkt haben. Ueber die
Vergangenheit Heinrichs von Baiern konnte hier nur mit der äußersten
Vorsicht gesprochen werden. Es war nur zu viel in der kaiserlichen
Familie vorgefallen, dessen man ungern gedachte. Widukind hatte ohne
Scheu davon gesprochen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass einige
ihrer Aeußerungen direct gegen sein Geschichtswerk gerichtet sind. Mit
der Wahrheit hat sie es hier eben nicht genau genommen: sie oder ihre
Berichterstatter, deren abweichenden Angaben über schon fernliegende
Dinge sie in gutem Glauben trauen mochte. Daneben aber gab es doch auch
sonst des Stoffes noch reichlich genug, und hier hat Hrotsuit nicht nur
manches, wie namentlich die Flucht der Kaiserin Adelheid, in hübscher
und ansprechender Weise behandelt, sondern sie hat auch geschichtlich
wichtige Thatsachen und Umstände aufbewahrt. Gerade die von Widukind
vernachlässigten Vorgänge in Italien und die uns leider nicht erhaltene
Kaiserkrönung hat sie ausführlich behandelt. Die Familiengeschichte
ist ihr die Hauptsache, Schlachten zu schildern weist sie ausdrücklich
als ihr nicht zukommend ab. Ausdrücklich hebt sie hervor, daß sie
nur wiedergebe, was man ihr berichtet habe, und wie in ihren übrigen
Werken, so hält sie sich auch hier ganz genau an den ihr überlieferten
Gegenstand, und erlaubt sich nie, ihn der poetischen Darstellung
zu Liebe umzugestalten. Die metrische Form bleibt bei ihr nur ein
äußerliches Gewand, und wir können daher ihre Erzählung geradezu als
Geschichtswerk benutzen. Um so mehr ist es zu bedauern, daß etwa die
Hälfte ihres Werkes verloren ist, und zwar gerade die so inhaltreichen
Jahre 953-962; nur ein kleines Bruchstück daraus ist vorhanden, und
keiner der uns bekannten mittelalterlichen Schriftsteller hat ihr Werk
benutzt.

 [1] _Hrotsuithae Carmen de gestis Oddonis I imperatoris_ ed. Pertz,
     MG. SS. IV, 317-335. Die Werke der Hrotsvitha, herausgegeben
     von Dr. K. A. Barack (mit Verbesserungen aus der Pommersfelder
     Handschrift), Nürnb. 1858. Uebersetzung der beiden historischen
     Gedichte von Pfund, 1860; Geschichtschr. 2. Ausg. 1888, Bd.
     32 (X, 5). Vgl. W. Giesebrecht, Gesch. d. Kaiserzeit I, 780;
     Maurenbrecher S. 57-62; R. Koepke, Hrotsuit von Gandersheim, (Ott.
     Studien II) 1869 mit Facs. der Handschrift. Auf der Rückseite des
     letzten Blattes ist nach C. Hoefler altglagolitische Schrift, was
     in St. Emmeram nicht auffallen kann; Pfeiffers Germania XV, 194.
     Vgl. über das Verhältniß zu Widukind die oben S. 328 angeführten
     Aufsätze von Waitz. Aschbachs Angriffe gegen die Echtheit der
     Werke bedürfen kaum der Erwähnung; Koepke hat endgültig damit
     aufgeräumt, wenn auch A. selbst in seinem neuesten Werke es
     nicht zugeben wollte. Hugo Graf von Walderdorff hat in den
     Verhandlungen d. hist. V. v. Oberpfalz u. Regensb. XXIX, 16 die
     Inhaltsangabe der Handschrift aus dem Catalog der Bibl. v. St.
     Emm. von 1500 mitgetheilt, die wohl schon vor der Verleihung an
     Celtis geschrieben war. -- M. Haupt im Hermes VII, 189 zeigt,
     daß Hrotsuit den Plautus nicht gekannt hat. Nach Günther, Gesch.
     d. math. Unterrichts (1887) S. 83 ff. kannte sie Boethius de
     arithmetica.

Lange Zeit hat Hrotsuit an der Dichtung, die ihr offenbar große Mühe
machte, gearbeitet, denn im Anfang erwähnt sie den 965 gestorbenen
Erzbischof Brun noch als lebend. Bruno Zint[2] hat die Ansicht
aufgestellt, daß sie, als sie die Widmungen an Gerberga und an Otto
I schrieb, auch die Absicht hatte, ihr Werk in gleich ausführlicher
Weise bis zum Schluß zu führen, worauf der Wortlaut allerdings führt;
später habe sie, als Otto II ein Exemplar verlangte, die Darstellung
der Kaiserzeit aufgegeben und den summarischen Schluß hinzugefügt.
In der Zwischenzeit könnte ihr Widukind bekannt geworden sein, der
bei der eigentlichen Arbeit ihr nicht vorlag. Dagegen tritt Zint
sehr bestimmt für die schon früher aufgestellte Behauptung ein, daß
Liudprands Antapodosis ihr bekannt gewesen und von ihr benutzt sei, und
bringt dafür sehr erhebliche Gründe bei. Mit den von ihr in der Widmung
gebrauchten Ausdrücken läßt sich das wohl vereinigen, da Liudprands
Werk doch ganz anderer Art war.

 [2] Bruno Zint: Ueber Roswitha's Carmen de gestis Oddonis, Königsb.
     Diss. 1875.

Später behandelte Hrotsuit in ähnlicher Weise auch die Anfänge ihres
Klosters und dessen Geschichte bis zum Jahre 919, bis zum Tode der
Christina, der letzten von den drei Töchtern Ludolfs, welche nach
einander dem Stifte vorstanden[3]. Da diese Dichtungen sich von der
Prosa fast nur durch die äußere Form unterscheiden, so lassen sie
sich den später so beliebten Reimchroniken vergleichen; sie schließen
sich nicht dem Epos Angilberts, sondern den versificirten Annalen des
sächsischen Dichters an.

 [3] _De primordiis coenobii Gandersheimensis._ MG. SS. IV, 306-317.
     Die nach einer von Waitz, Arch. VIII, 266, angef. Notiz in Koburg
     befindliche Copie habe ich dort vergeblich gesucht, dagegen ein
     altes Verzeichniß des Gandersheimer Kirchenschatzes gefunden und
     im Anz. d. Germ. Mus. XX, 345-347 mitgetheilt.

Die Gandersheimer Nonnen sind dem gewöhnlichen Geschick reicher
und vornehmer Stifter verfallen; von ihren Studien ist nach
diesen vielversprechenden Anfängen ferner nicht die Rede. Ueber
den Kirchenstreit, welcher so viel Unruhe erregte, haben wir der
Hildesheimer Darstellung eine Gandersheimer nicht gegenüber zu stellen.
Von der Aebtissin Sophie (1002-1039), Otto's II Tochter, heißt es zwar
noch:

  Danken, word unde werk wande se all to gode,
  Under der ebtissen or nichteln hode
  Lernde se clostertucht unde ok landrecht darto;
  De scrift to lernde was se vlitich spade unde vro.
  Dat bok secht, dat se so vele wisheit konde,
  Dat se ok wolgelarden meistern wedderstunde.

Aber gerade unter ihr scheint die Hoffart dort eingezogen zu sein.
Das _Buch_ war wohl sicher von keiner Nonne verfaßt. Es behandelte
die Stiftung des Klosters und dessen Geschichte bis zu der Kirchweih
von 1007 und der Schenkung von Derneburg, nebst der aufs engste damit
verflochtenen, ja an die Pflege des Klosters geknüpften Erhebung des
Hauses des Ludolfinger. Im Jahre 993 war das Kloster abgebrannt; nach
Beilegung des langen Streites mit dem Erzbischof Willegis wurde der
Neubau 1007 durch den Bischof Bernward von Hildesheim eingeweiht,
und ohne Zweifel durch diese Vorgänge wurde die Schrift veranlaßt.
Von Hrotsuit scheint der Verfasser nichts mehr gewußt zu haben.
Dagegen benutzte er Widukind, vorzüglich für die Geschichte des
Königs Heinrich, und verband damit eine schon sagenhaft entstellte
Ueberlieferung vom Ungernkrieg. Die Aebtissinnen Gerbirg und Sophie
werden sehr verherrlicht, aber was von ihnen und ihrem Verhältniß zum
Kaiserhaus berichtet wird, trägt schon ein so sagenhaftes Gepräge, daß
eine geraume Zeit dazwischen liegen muß. Erhalten ist uns dieses Buch
nicht, wohl aber die deutsche Bearbeitung des „papen =Eberhart=“ von
1216 in wortreicher Reimerei[4].

 [4] _Eberhards Reimchronik von Gandersheim_, neue Ausg. von L.
     Weiland, MG. Deutsche Chroniken II, 385-429. Vgl. P. Hasse: Die
     Reimchronik des Eberhard von Gandersheim, Diss. Gott. 1872.

Merkwürdig ist vorzüglich, daß uns hier, wie es nach der sorgfältigen
Untersuchung von Paul Hasse scheint, der erste Anfang jener sagenhaften
Ausschmückung der Geschichte entgegentritt, deren wir noch mehrfach
zu gedenken haben werden; noch andere Spuren leiten dabei gerade nach
Gandersheim, und die Darstellung des Sieges über die Ungern in der von
Heinrich von Herford benutzten Sachsenchronik ist mit dem Bericht bei
Eberhart verwandt[5].

 [5] Nicht daraus abzuleiten, s. Waitz, Jahrbb. unter Heinrich I, 3.
     Ausg. S. 259.

In der Zeit der Ottonen scheinen auch andere Frauenklöster Sachsens
hinter Gandersheim an gelehrter Bildung nicht zurückgeblieben zu
sein, wenn auch gerade keine Hrotsuit ihnen einen so hohen Ruhm
vor der Welt verlieh, wie Gandersheim. Der Hazecha von Quedlinburg
gedachten wir schon oben (S. 321). Nicht leicht traten die Nonnen als
Schriftstellerinnen auf, aber auch die Bildung der Priester, welche wie
Agius dem Stifte nahe standen oder auch dem Kloster selbst angehörten,
erlaubt einen vortheilhaften Schluß auf den Zustand der Klosterschule.

=Herford= hatten wir schon früher (S. 253) zu erwähnen wegen der
Uebertragung der heiligen Pusinna. Hier ward Hathumod erzogen, und
es wird von Agius gerühmt. Hier wurde auch die Königin =Mahthild=
unter der Aufsicht ihrer gleichnamigen Großmutter, der Aebtissin des
Klosters, erzogen und unterrichtet. Als Witwe stiftete die Königin
das Kloster =Nordhausen=, und hier wurde im nächsten Jahrzehnt nach
ihrem Tode (28. Febr. 968) ihr Leben beschrieben, entweder von einer
Nonne des Stiftes oder von einem Priester, der ihr nahe gestanden hatte
und von der Aebtissin Ricburg die übrigen Nachrichten erfuhr. An den
Kaiser Otto II ist es gerichtet und natürlich ganz panegyrischer Art.
Auch die Form ist ungeschickt, aber in dieser Zeit war es noch ein
nicht häufiges Verdienst, überhaupt schreiben zu können. Der Inhalt
genügt freilich unseren Wünschen bei weitem nicht; die gewöhnlichen
Schilderungen klösterlicher Frömmigkeit nehmen den größten Raum ein,
und wie Einhard die Worte Suetons benutzt hat, um den Kaiser Karl zu
schildern, so finden wir hier ganze Stellen aus Sulpicius Severus
und aus dem Leben der Radegunde angewandt. Herzog Heinrich ist von
Jaffé entlarvt als der Pamphilus aus Terenz Andria[6]. Das Formelhafte
dieser Lobpreisungen tritt dadurch hier noch mehr als sonst hervor,
und an einer Stelle ist sogar die Geschichte selbst dadurch sehr
wesentlich berührt worden, indem Otto I eine gewaltsame Thronbesteigung
zum Vorwurf gemacht wird. Diese Behauptung, welche früher einigen
Anstoß erregt hatte, wird nun niemand mehr irren, seitdem Jaffé, der
jene fremden Federn überhaupt zuerst entdeckte, hier eine Stelle
des Sulpicius Severus nachgewiesen hat, welche den Kaiser Maximus
angeht. Seitdem hat nun H. Heerwagen auch noch die Plünderung der Vita
S. Gertrudis ans Licht gebracht, und dadurch Koepke's Ansicht von
einer Benutzung des Widukind in dieser Biographie die letzte Stütze
entzogen. Er hat zugleich auf die zahlreichen Fragmente von Hexametern
hingewiesen, welche bedeutende Vertrautheit mit alten Dichtern zeigen,
während dagegen der von Loeher angeregte Gedanke an eine ursprünglich
metrische Bearbeitung durch die musivische Zusammensetzung mit jenen
Plagiaten unmöglich wird[7].

 [6] Forschungen IX, 343-345.

 [7] Heerwagen: Einige Bemerkungen zu den beiden Lebensbeschreibungen
     der Königin Mathilde, Forschungen VIII, 367-384. Sehr
     beachtenswerth für die schablonenmäßige Natur der Legenden
     überhaupt, und zur Warnung, daß man auf die stereotypen Wendungen
     derselben kein Gewicht zu legen hat.

Dennoch gewährt uns diese Schrift einige schätzbare Nachrichten,
und es ist deshalb sehr erfreulich, daß R. Koepke sie in einer
Göttinger Handschrift entdeckte[8]. Früher kannte man nur eine spätere
Ueberarbeitung derselben, deren Verfasser, ebenfalls dem Kloster
Nordhausen nahestehend, das Werk stilistisch umformte und manches
veränderte, namentlich Heinrich von Baiern, Mahthilds Lieblingssohn,
ungebührlich hervorhob, dem Enkel desselben, Heinrich II, zu Liebe,
welcher ihm diese Arbeit aufgetragen hatte[9]. Daß hierzu Gumpolds
Wenzellegende benutzt war, hat zuerst Loeher bemerkt, der jedoch
eine gemeinsame Quelle annahm; R. Koepke hat das richtige Verhältniß
festgestellt. Die genaueste und sehr lehrreiche Analyse der ganzen
Vita hat aber Heerwagen angestellt. Die Bildung ist inzwischen schon
bedeutend mehr clerical geworden; nicht mehr vergilische Anklänge
herrschen hier, sondern die kirchliche Reimprosa des Chorgesangs.
Der Ausdruck ist geglättet, und die wörtlichen Entlehnungen sind mehr
verwaschen, dafür aber andere dazugekommen, und wieder ist es derselbe
gelehrte Apparat, vermehrt jedoch durch Sedulius (ep. ad Macedonium),
mit welchem auch der Ueberarbeiter wirthschaftet. Recht lebhaft tritt
uns hier entgegen, wie frei für kirchliche Zwecke und zur verzierenden
Ausschmückung die Ueberlieferung behandelt und wie bereitwillig der
Schmeichelei für das regierende Haus die Wahrheit geopfert wird. Den
Anspruch auf geschichtliche Glaubwürdigkeit hat diese jüngere Vita
vollständig eingebüßt.

 [8] _Vita Mahthildis antiquior_ ed. Koepke, MG. SS. X, 575-582: vgl.
     G. Waitz in den Goett. Nachrichten 1852, N. 13. Giesebrecht,
     Geschichte der Kaiserzeit, I, 782-784. 835. Uebersetzung von
     Jaffé 1858, wo die fremden Federn des Verfassers zuerst bemerkt
     und nachgewiesen sind; 2. A. 1891, Geschichtschr. Bd. 31 (X,
     4). R. Koepke, Forsch. VI, 147 bis 171 verficht seine Ansicht,
     daß der Verf. unter Otto III schrieb. Verbesserungen des Textes
     von Heerwagen, Forsch. VIII, 382; aus der Handschrift von Jaffé,
     Forsch. IX, 344. Vgl. auch Wilmans, Kaiserurkk. S. 439 ff. über
     das Stift Enger.

 [9] _Vita Mahthildis reginae_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 283-302. Daraus
     Migne CXXXV. Varianten der älteren und besseren Düsseldorfer
     Handschrift giebt B. Simson im Archiv f. Gesch. d. Niederrheins
     VII, 159-163. R. Koepke, Forsch. VI, 170, setzt die Abfassung in
     das erste Jahr Heinrichs II. Ranke, Weltgesch. VIII, S. 628-634,
     legt den Angaben der jüngeren Vita über Heinrichs Anspruch auf die
     Krone grössere Bedeutung bei, als ihnen m. E. Widukind gegenüber
     zukommt.

Bedeutender als Herford und Nordhausen tritt =Quedlinburg= hervor,
ebenfalls eine Stiftung der Königin Mahthild; die erste Aebtissin
(966-999) war ihre Enkelin gleiches Namens, die Tochter Otto's
des Großen, welcher Widukind seine Geschichte widmete. Hier wurde
die Pfalzgräfin Agnes erzogen, und auch der Bischof Thietmar von
Merseburg hat hier seine ersten Jugendjahre verlebt, wie denn häufig
in damaliger Zeit zum geistlichen Stande bestimmte Knaben die Anfänge
des Unterrichts von den Frauen ihrer Familie erhielten[10]. Wir haben
schon oben (S. 321) der gelehrten Nonne Hazecha gedacht, von welcher
es fast den Anschein hat, als ob sie der Studien wegen sich in Speier
aufgehalten habe.

 [10] Auch der Pole Sbignew wurde um 1090 (adultus iam aetate) von der
      Herzogin Judith, seiner Stiefmutter, nach Sachsen geschickt, um
      in einem Nonnenkloster seinen Unterricht zu erhalten. Chron. Pol.
      II, 4, SS. IX, 446.

Die bedeutende Stellung, welche die Aebtissin von Quedlinburg im
Reiche einnahm, besonders als Otto III ihr während seines Römerzuges
die Verwaltung der Geschäfte übertrug, konnte nicht fehlen, hier das
Bedürfniß nach geschichtlichen Aufzeichnungen hervorzurufen, so wie an
Nachrichten hier kein Mangel sein konnte.

Verschiedene Jahrbücher hatte man zu diesem Zwecke zur Verfügung;
als bequemste Grundlage aber erwählte man die =Hersfelder Annalen=.
Diese sind uns in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht erhalten,
aber, während locale Nachrichten die Herkunft feststellen, durch
wörtliche Uebereinstimmung als gemeinsame Quelle zu erkennen bei dem
Hersfelder Mönch Lambert, in den Annalen von Hildesheim, Quedlinburg
und Weißenburg, welche deshalb von Pertz bis 984 neben einander
abgedruckt sind[11]. Als fünftes Exemplar kommen die sog. Annalen von
Ottobeuern hinzu, welche hessischer Herkunft sind; als sechstes die
Altaicher. In den Annalen von Fulda (S. Bonifacii), Lobbes, Ellwangen,
Münster im Gregorienthal, bei Marianus Scotus, beschränkt sich die
Uebereinstimmung auf den fast werthlosen älteren Theil und wird nur auf
Benutzung derselben Fulder Grundlage beruhen, deren wir oben (S. 241)
gedachten.

 [11] MG. SS. III, 22-66. Vgl. Waitz im Archiv VI, 663-688. In
      Weißenburg schließt sich eine selbständige locale Fortsetzung
      985-1075. 1087. 1147. an, S. 70-72. Andere kurze _Ann.
      Weissenburgenses_ 763-846, MG. I, 111 aus dem Cod. Weissenb. 81
      in Wolfenbüttel, aber ohne Beziehung auf das Kloster, dagegen
      mit Hervorhebung des B. Drogo von Metz. Berichtigungen von Mone
      nebst kalendarischen Weißenburger Nachrichten aus derselben
      Handschrift in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrh. XIII,
      492. _Catal. abb._ SS. XIII, 319. Bücherverzeichniß unter Abt
      Folkmar († 1043) e cod. Weiß. 30 bei Knittel, Ulphilae Fragmenta
      p. 243-245; der ausgeliehenen p. 246 e cod. 35; dieses berichtigt
      bei Kelle, Otfrid, II, p. XVI. Becker, Catalogi S. 37 u. 133.
      Recht unbeholfene Schulverse aus Weißenburg saec. X. hat Dümmler
      herausgegeben, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 115-118.

Wie man nun auf Grundlage dieser Compilation, nebst einigen Notizen
aus älterer Zeit, die am Rande der Ostertafel vorhanden sein mochten,
sie fortsetzend das so weit verbreitete Annalenwerk aufgebaut
hat, das ist eine schwierige Frage, welche den Scharfsinn mehrerer
Forscher beschäftigt hat, unter denen ich nur Ehrenfeuchter in seiner
Dissertation über die Annalen von Nieder-Altaich (1870) nenne.
Genaueren Nachweis findet man in den gründlichen und sorgfältigen
Untersuchungen von Hermann Lorenz[12] und Friedrich Kurze[13]. Begonnen
sind sie nach diesem kaum vor 955 und im Anfang aus den Annalen von
Corvey, Regino und dessen Fortsetzung geschöpft, sehr dürftig, doch
finden sich hin und wieder, und besonders um die Mitte des zehnten
Jahrhunderts, neben localen Notizen auch nicht unwichtige Nachrichten;
von 960 bis 973 ist die Erzählung gleichzeitig und ausführlicher als
vorher.

 [12] Die Annalen v. Hersfeld, Leipz. Diss. 1885. S. 83-103 Herstellung
      der Annalen von 708-973; S. 104-105 von 974-984.

 [13] Die Hersfelder und die größeren Hildesheimer Jahrbücher. Progr.
      d. Gymn. zu Stralsund 1892.

So weit stimmen alle Ableitungen überein, doch ist unverkennbar, daß
den Hildesheimer und Quedlinburger Jahrbüchern die vollständige Urform,
den übrigen Ableitungen eine abgekürzte Form zu Grunde liegt.

Von hier an nahm man bisher zwei ganz verschiedene Fortsetzungen an,
eine in Hersfeld geschriebene bis 984, und eine davon verschiedene
Hildesheimer, allein F. Kurze hält beide für identisch und hat (S.
13-25) den Versuch gemacht, den gemeinsamen Ursprung der Nachrichten
nachzuweisen, welche in diesem Theile besonders ausführlich und
werthvoll, auch in den Altaicher Annalen am besten, wenn auch
stilistisch aufgeputzt, uns erhalten sind. Hier endeten die originalen
Hersfelder Aufzeichnungen, vielleicht, wie Kurze vermuthet, in Folge
von des Abtes Gozbert (970-984) Rücktritt. Von ihm rühmt Lambert in
seiner Geschichte von Hersfeld, daß er das Stift mit vielen Büchern
bereichert habe, und schildert dann die Verwilderung unter seinem
Nachfolger. Dagegen beginnen jetzt die Hildesheimer Eintragungen,
welche um 1040 von einem Hersfelder Epitomator in einen Auszug
gebracht, den originalen Annalen angehängt, und mit ihnen von Lambert
und den Urhebern der Altaicher und Ottobeuerer Annalen benutzt sind.

Außer diesen Annalen sind in Hersfeld auch im Anfang der Regierung
Otto's I =Wunder des h. Wigbert= aufgezeichnet worden, welche für
Heinrichs I Zeit einige Bedeutung haben[14].

 [14] Excerpta ed. G. Waitz, MG. SS. IV, 224-228. Berichtigung in Bezug
      auf den Abt Megingoz, der schon 935 sein Amt niedergelegt hat,
      bei H. Lorenz S. 55.

Jene Annalen nun wurden in Quedlinburg als Grundlage einer Compilation
benutzt, welche durch andere Materialien aus den Einhardschen Annalen,
den Corveyer und Reichenauer, Notizen aus Gandersheim und von 781 an
aus einer verlorenen Halberstädter Chronik vermehrt und bereichert
wurden[15]; den Eingang bildete hier, wie bei Lambert, ein mageres
Excerpt der Weltgeschichte, welche am Anfang der Hersfelder Annalen
stand: von 708 an beginnt erst die annalistische Form. So wurde, als
Heinrich II schon König war und Otto's III Schwester Adalheid dem
Stifte vorstand, eine Compilation verfertigt, welche unter dem Namen
=Quedlinburger Annalen= noch zum Theil erhalten ist[16].

 [15] S. Lorenz S. 26-32.

 [16] MG. SS. III, 22-90. Es gibt nur eine Hs. aus dem 16. Jahrh. mit
      Lücken von 875-909 u. von 962-983. Uebersetzt (von 984 an) von
      Ed. Winkelmann, 1862; 2. Aufl. 1891, Geschichtschr. Bd. 36 (X,
      9). Vgl. Lappenberg im Archiv VI, 635-653. Waitz S. 686-688.
      W. v. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 784. II, 557.
      Sprachliche Anklänge NA. XII, 592.

Der Verfasser wird einer der zahlreichen Geistlichen gewesen sein,
welche den Gottesdienst versahen oder als Kapläne der Aebtissin zur
Seite standen. Ihm lagen, als er seine Arbeit unternahm, die Thaten der
Frankenkönige und Einhards Leben Karls vor; auch Widukinds Werk kann
ihm nicht unbekannt gewesen sein. Allein er machte keinen Versuch, nach
der Weise dieser Vorgänger die Geschichte der Vorzeit darzustellen,
sondern schloß sich einfach der bequemen Form der Hersfelder Annalen
an, von welchen er ein Exemplar mit der Fortsetzung bis 990 besaß.
Diese excerpirte er in sehr roher Weise, und vermehrte sie wiederum mit
zahlreichen Zusätzen, aber es kam ihm doch nicht in den Sinn, auch eine
innerliche Verknüpfung zu erstreben.

Auch hier finden wir Stücke aus der alten Heldensage, die zum Theil
mit Widukinds Erzählung übereinstimmen, aber sie sind hier nur ganz
äußerlich eingeschoben. Es fällt darunter vorzüglich (S. 31) eine
Bemerkung über Dietrich von Bern auf, _de quo cantabant rustici olim_,
was zum elften Jahrhundert schlecht paßt, und eine lange Erzählung
vom Thüringerkriege, welche ganz aus dem Charakter des übrigen Werkes
heraustritt. Hiervon hat nun L. Hoffmann[17] nachgewiesen, daß weder
Ekkehard noch der Sächsische Annalist und Chronograph sie in ihrem
Exemplar gelesen haben, daß dagegen der Verfasser des Chronicon ducum
Brunsvicensium sie gekannt hat. Wenn nun, wie man vermuthet, dieser sie
aus den Nienburger Annalen entnommen hat, so muß sie im 12. Jahrhundert
vorhanden gewesen sein. Aber zum ursprünglichen Werke gehört sie nicht,
und die Bemerkung über Thiderik von Berne ist ein noch viel späterer
Zusatz[18].

 [17] Jahresbericht über die höhere Bürgerschule zu Rathenow (1872):
      Zur Geschichte des alten Thüringerreiches. Von Dr. L. Hoffmann.
      Uebers. dieses Stücks in der 2. Ausg. des Widukind, S. 127-130.

 [18] Gegen den Widerspruch von H. Lorenz, Germania XIX (1886) S.
      137-150, s. NA. XII, 428.

Gewiß fehlte es in Quedlinburg nicht an Hülfsmitteln, um besseres
zu leisten, aber vielleicht eben deshalb und weil der Verfasser gar
nicht daran dachte, die ausführlicheren Werke über die Vorzeit durch
das seinige ersetzen zu wollen, begnügte er sich mit dem dürftigsten
annalistischen Gerippe, welches ihm diente, um nach Bedürfniß hier und
da Bemerkungen und Zusätze einzutragen. Mit Heinrichs I Zeit werden
die selbständigen Eintragungen häufiger[19], durchweg panegyrisch
für die Ludolfinger; nach einer Lücke von 961-983, die sich aus dem
späteren sächsischen Chronographen zum Theil ergänzen läßt, finden wir
den Verfasser schon 993 als Augenzeugen redend, und von da an beginnt
nun eine sehr ausführliche Geschichtserzählung, die von Jahr zu Jahr
fortschreitet, und wenn nicht immer gleichzeitig, so doch nicht sehr
fern von den Ereignissen aufgezeichnet ist. Von 1004 an tritt eine
lebhafte Abneigung gegen Heinrich II hervor, welche sich vorzüglich an
seine rücksichtslose Klosterreform anknüpft; noch bis in den Anfang von
1016 scheint dieselbe völlig gleichzeitige Hand kenntlich zu sein. Der
weitere Fortsetzer aber ist ein eifriger Bewunderer des Kaisers; die
nächsten Jahre sind weit kürzer und nicht fehlerfrei, wohl nachträglich
ergänzt von demselben, welcher 1020 mit breitem pomphaften Redefluß
fortfährt[20].

 [19] Nach H. Detmer, Otto II bis zum Tode seines Vaters. Leipz. Diss.
      1878, Excurs, beginnen aus Quedlinburg selbst stammende Notizen
      nicht vor 913, und können nicht vor 967 (Kaiserkrönung Otto's II)
      geschrieben sein. Jahresbericht f. Geschichtswissenschaft I, 138.

 [20] Ich folge hier jetzt der gegen H. Pabst zu Hirsch's Heinrich
      II, II, 443-449 gerichteten Ausführung von Usinger, Forsch. IX,
      346-360. Der Text von 1014 und 1015 ist S. 351 in Ordnung gebracht
      mit Hülfe des Chronogr. Saxo, und mit Hinweis auf Zeißberg: Die
      Kriege Heinrichs II mit Bol. von Polen, SB. LVII, 397.

Vieles erinnert in diesen Jahrbüchern an die alten Reichsannalen,
allein es fehlt doch die gleichmäßige Einheit, es fehlt auch der
umfassende Ueberblick über das ganze Reich. Wenn man auch die Beziehung
der fürstlichen Aebtissin zum Kaiserhofe wahrnimmt an der zuverlässigen
Kunde von entfernten Ereignissen, so überwiegt doch das Interesse
für die nähere Umgebung, namentlich die Kämpfe mit den Slaven, und
die unbedeutendsten localen Vorfälle treten ohne Unterscheidung
zwischen die großen geschichtlichen Begebenheiten. Zugleich artet die
Sprache häufig in unerträgliche Schwülstigkeit aus, wodurch vollends
alles Ebenmaß verloren geht. Doch müssen wir diese Jahrbücher zu den
bedeutenderen Erscheinungen der Historiographie zählen, und sachlich
sind sie vom höchsten Werthe, ihr plötzliches Abbrechen mit dem Jahre
1025 läßt eine sehr empfindliche Lücke zurück. Ob sie viel weiter
gereicht haben, ist sehr zweifelhaft[21]; uns ist nur eine Abschrift
aus später Zeit erhalten, und der gänzliche Verlust, der hier so
leicht erfolgen konnte, legt den Gedanken nahe, wie manche andere
Aufzeichnung der Art spurlos verschwunden sein mag. Namentlich läßt
sich das mit Sicherheit von =Halberstadt= annehmen, wo gewiß auch
geschichtliches geschrieben wurde. Hier war 840 bis 853 =Haimo=
Bischof, ein Schüler Alcuins, Hrabans Freund, ein sehr gelehrter und
fruchtbarer theologischer Schriftsteller, der unter anderm aus Rufins
Kirchengeschichte einen Auszug in zehn Büchern verfaßte; doch ist es
zweifelhaft, ob diese Schriften ihm mit Recht zugeschrieben werden[22].
Von ihm gab es eine Biographie, aber leider ist nur ein kleines
Fragment davon erhalten[23]. Der Verfasser, =Rochus=, war jedoch Mönch
im Kloster Ilsenburg, welches erst 998 gegründet ist, und schrieb also
mindestens anderthalb Jahrhunderte nach dem Tode des Bischofs. Auf
den wegen seiner Frömmigkeit sehr verehrten Bischof Bernhard (924 bis
968) folgte (968 bis 996) =Hildeward=, welcher in St. Gallen höhere
wissenschaftliche Ausbildung erhalten hatte. Wir besitzen von ihm einen
Brief an den Bischof Adalbero II von Metz (984 bis 1005)[24], worin er,
eingedenk der mit seinem Vorfahr Dietrich geschlossenen Verbrüderung,
ihm ein Buch, um welches er gebeten hatte, überläßt, zugleich aber
bittet um ein Theilchen von dem Blute des h. Stephan, und um Reliquien
der h. Glodesinde „quatenus pietas divina, quae aliis in Gallia Hunorum
devastatione pereuntibus vestram horum interventu civitatem protexit,
nos etiam eorundem precibus a prevalidis Sclavorum, quibus undique
premimur, infestationibus omnibusque periculis liberare dignetur“.
Beide Kirchen verehrten den h. Stephan als ihren Schutzpatron.

 [21] H. Pabst de Ariberto p. 10 suchte in Uebereinstimmung mit Waitz
      und Koepke aus Annalista und Chronographus Saxo Forts. bis 1030
      nachzuweisen, aber diese Nachrichten werden jetzt für die Ann.
      Hild. majores in Anspruch genommen. Daß 1034 nicht dazu gehört,
      zeigt Steindorff, Forsch. VI, 493.

 [22] Hauck II, 597, Anm. 3. Traube, Poet. Lat, III, 422, Anm. 4. Der
      Lehrer Heirichs von Auxerre kann er nicht gewesen sein.

 [23] Archiv XI, 285. Schon Leibniz hatte es Papebroch mitgetheilt, s.
      Lucä, Der Chronist Fr. Lucae, S. 294.

 [24] Labbe, Nova Bibl. MSS. I, 682.

Unter diesem Bischof nun ist nach Weilands Forschungen eine
=Bisthumschronik= geschrieben, welche schon Thietmar benutzt hat, da
er vielfach nach Jahren der Halberstädter Bischöfe rechnet; auch in
den Quedlinburger Annalen soll sie schon benutzt sein. Diese Chronik
wurde bis 1140 fortgesetzt, bis 1113 vom Annalista Saxo benutzt. Andere
Fortsetzungen folgten; erweitert durch Benutzung von Thietmar, Ekkehard
u. a. wurde sie 1209 in den Auszug gebracht, welcher allein uns
erhalten ist[25].

 [25] _Gesta episcoporum Halberstadensium_ ed. Weiland MG. SS. XXIII,
      73 bis 123, vgl. p. VII u. GGA. 1877 S. 786. Scheffer-Boichorst,
      Forsch. XI, 498-506 wies auf diese alten Halb. Nachrichten hin,
      die er für Annalen hielt. Vgl. oben S. 256 über vermuthete Spuren
      Halb. Annalen beim Poeta Saxo.

Hildewards Nachfolger =Arnold= oder =Arnulf= (996 bis 1023) weihte
die angeblich von Heinrich II aus Liebe zu dem Einsiedler Wanlef
erbaute Stephanskirche zu Wanlefsrode, welche später als Probstei an
das nahe Ilsenburg kam[26]. Von ihm besitzen wir einen ausführlichen,
vortrefflich geschriebenen Brief, durch welchen er im J. 1007 den
Bischof Heinrich von Würzburg zu bestimmen suchte, sich die Stiftung
von Bamberg gefallen zu lassen[27].

 [26] S. die merkwürdige Urk. des Erneuerers der Kirche, B. Reinhard
      von Halberstadt, vom 9. Mai 1110 bei Delius. Untersuchungen
      über die Gesch. d. Harzburg (1826), Urkk. S. 1-5, vgl. Text S.
      280-287. Dieselbe jetzt bei Jacobs, Urkundenbuch v. Ilsenburg
      (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen VI) S. 11.

 [27] Ussermann, Ep. Bamb. I^{b}, S. 8. Jaffé, Bibl. V, 472-479; vgl.
      Giesebrecht II, 59.

Zu nennen ist von anderen sächsischen Klöstern nur noch =Werden= an der
Ruhr, wo =Uffing= außer einigen Versen zum Preise des h. Liudger und
seines Klosters auch das schon oben (S. 253) erwähnte Leben der h. Ida
zwischen den Jahren 980 und 983 verfaßte.


§ 4. Hildesheim.

Hildesheim, in der karolingischen Periode noch nicht durch
litterarische Leistungen bekannt[1], gewann in der zweiten Hälfte des
zehnten Jahrhunderts einen glänzenden Namen unter den Pflanzstätten
höherer Bildung, den es dann lange behauptete. Als erstes Denkmal ist
uns die Geschichte der =Uebertragung des h. Epiphanius= erhalten[2].
Der Eifer für die Erwerbung von Reliquien, der schon im neunten
Jahrhundert so manche kleinere geschichtliche Aufzeichnung veranlaßt
hatte, gewann in der folgenden Periode einen neuen Anstoß durch die
Römerzüge der Ottonen, und der an solchen Schätzen reiche italische
Boden wurde mit allen Mitteln ausgebeutet.

 [1] Für Bischof Reginbert (834-835 (?) Feb. 12) wurde eine
     canonistische Hs. geschrieben, welche später Bischof Biso von
     Paderborn an B. Sigismund von Halberstadt schenkte. W. Arndt,
     Schrifttafeln, t. 41. 42.

 [2] _Translatio S. Epiphanii_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 248-251; vgl.
     Dümmler, Otto I, S. 343, wo er sich mit Leibniz und Brower gegen
     Pertz, der 964 vorzog, für 962 erklärt.

=Otwin=, einst Mönch in Reichenau, der zweite Abt des Mauriciusstiftes
zu Magdeburg, der 954 den Hildesheimer Bischofstuhl bestiegen hatte,
begleitete den Kaiser auf seiner zweiten Heerfahrt nach Italien und
benutzte 962 seinen Aufenthalt zu Pavia, um sich durch Einbruch und
Kirchenraub den Leib des =h. Epiphanius= zu verschaffen, den er als
herrlichste Beute nach Sachsen brachte.

Allein nicht nur an Reliquien, sondern auch an Büchern war Italien
noch immer das reichste Land, und auch diesem Schatze stellte Otwin
eifrig nach; auch davon brachte er einen großen Vorrath mit nach dem
bis dahin bücherarmen Hildesheim, und dadurch legte er den Grund zu der
kräftigen Entwicklung der dortigen Schulen[3]. Die erste Frucht dieser
neuen Thätigkeit, welche uns bekannt geworden ist, verherrlicht eben
jene Uebertragung; es ist eine im schlichten kirchlichen Stil der Zeit
geschriebene Erzählung, die jedoch erst nach Otwins Tode (1. Dec. 984)
verfasst ist, vielleicht, wie Beelte vermuthet, von =Thangmar=.

 [3] „Librorum nihilominus tam divinae lectionis quam philosophicae
     fictionis tantam convexit copiam, ut qui illorum penuria inerti
     ante torpebant otio, frequenti nunc studii caleant negotio.“
     Transl. c. 2.

Dieser stand damals der Schule vor; später wurde er Domdechant und
nahm zugleich als Bibliothekar und Notar eine bedeutende Stellung
ein; ein großer Theil der bischöflichen Geschäfte ging durch seine
Hand, und namentlich in den Jahren von 1000 bis 1002 führten ihn
wichtige Aufträge wiederholt an den päbstlichen und kaiserlichen
Hof. Seiner besonderen Leitung wurde der junge =Bernward= anvertraut,
ein sächsischer Knabe von vornehmster Herkunft, der schon in früher
Kindheit der Hildesheimer Kirche übergeben war. Nicht allein in den
Wissenschaften, sondern auch in den Künsten, der Schreibkunst, Malerei,
Bildhauerei und Baukunst wurde der junge Bernward unterrichtet, und
auch hierin zeichnete er sich bald in hohem Grade aus. Denn wie wir
das besonders auch in St. Gallen sahen, die Geistlichkeit pflegte und
bewahrte in Deutschland damals in ihrer Mitte alles, was überhaupt von
höherer Ausbildung irgend vorhanden war; noch mußte sie fast alles,
dessen sie bedurfte um den hohen Anforderungen ihrer Stellung zu
genügen, selber leisten.

Später hielt Bernward sich einige Zeit bei dem Erzbischof Willigis
auf, bei seinem Großvater dem Pfalzgrafen von Sachsen, und bei seinem
Oheim, dem Bischof Folkmar von Utrecht; dann begab er sich 987 an den
kaiserlichen Hof, und hier vertraute ihm Theophano die Erziehung des
königlichen Kindes Otto III.

Am 7. Dec. 992 starb in Como der Bischof Gerdag von Hildesheim, und
Bernward wurde zu seinem Nachfolger erwählt. Dreißig Jahre lang hat er
dieses Amt verwaltet, und nicht leicht hat ein Bischof ein besseres
Andenken hinterlassen. Unter den trefflichen Bischöfen, an welchen
diese Zeit so reich ist, war er einer der hervorragendsten. In ihrer
Hand waren zum großen Theil die Reichsgeschäfte; Bernward hatte schon
als Hofcaplan an der Regierung Antheil gehabt, und als Bischof nahmen
ihn die wichtigsten Angelegenheiten vielfach in Anspruch. Dabei
aber sorgte er für seinen Sprengel mit unermüdlicher Sorgfalt. Noch
war Sachsen nicht gesichert gegen die Einfälle der Wenden und der
Normannen, welche grade damals mit verstärkter Wuth sich erneuten,
und erst Bernward verschaffte seinem Gebiete durch Befestigungen und
zweckmäßige Einrichtungen ausreichenden Schutz, sowie er auch durch
vielfache kaiserliche Begnadigungen die Ausbildung des Stiftes zu
einem wirklichen Fürstenthume begründete. Ueberhaupt ließ er keine
Eigenschaft eines tüchtigen weltlichen Regenten an sich vermissen
und war zugleich ernstlich bemüht, Hildesheim immer mehr zu einer
Stätte geistiger Bildung zu machen. Er bereicherte die Bibliothek des
Stiftes mit zahlreichen Handschriften; leider wurde aber durch einen
Brand 1013 der größte Theil der Bibliothek vernichtet[4]. Talentvolle
Knaben ließ er in Wissenschaft und Kunst unterweisen; die begabtesten
führte er mit sich an den königlichen Hof, um sie von der vielfachen
hier gebotenen Gelegenheit zu höherer Ausbildung Nutzen ziehen zu
lassen. Mit herrlichen Kunstwerken hat er seine Bischofstadt geziert[5]
und ein bleibendes Denkmal errichtete er sich durch die Stiftung
des Michaelisklosters, dessen erster Abt Goderamnus, Probst von St.
Pantaleon in Coeln, ein Mann von wissenschaftlicher Bildung war[6].

 [4] Vgl. darüber Forsch. XVI, 184.

 [5] Im Anschluß an Berthier „La Porte de Sainte-Sabine de Rome“ (Frib.
     Helv. Ind. lectt. 1892) sucht A. Bertram nachzuweisen, daß der
     Aufenthalt in Rom 1001 bei dem Kaiser auf dem Aventin ihn zu der
     Schöpfung der Bronzethüren des Hild. Doms angeregt habe. Die
     Thüren von St. Sabina in Rom das Vorbild der Bernward-Thüren.
     Hild. 1892.

 [6] Ihm gehörte die alte Vitruvhandschrift, jetzt im Brit. Mus. Harl.
     2767, s. Catal. of ancient Manuscripts (1884) S. 72 und das Facs.
     pl. 55. Auch Thangmar hinterließ dem Michaelskloster 55 Bücher.

Tief betrauert starb Bernward am 20. November 1022, und seinem alten
Lehrer Thangmar, der ihn um einige Jahre überlebte, fiel noch die
Aufgabe zu, ein Bild seines Lebens zu entwerfen. Die Absicht hatte er
schon früher gehabt, und nachdem er mit Mühe Bernwards Einwilligung
dazu erlangt, die Materialien dafür gesammelt, wie Beelte nachweist,
auch die ersten 10 Capitel schon zwischen 1008 und 1013 geschrieben.
Damit verband er nun den Schluß (Cap. 44-56) und schob in die Mitte
eine Zusammenstellung seiner gleichzeitig gemachten Aufzeichnungen
über den Gandersheimer Streit, weniger deshalb, weil sie für die
Biographie nöthig waren, als zum Rüstzeug für den Nachfolger. Einen
großen Theil dessen, was er berichtet, hatte er selbst mit durchlebt
und an allen Geschäften thätigen Antheil genommen; Bernward aber war,
wie Thangmar selbst sagt, von solchem Vertrauen zu ihm erfüllt, wie ein
Kind zu seinem Vater, und aus seinem ganzen Leben konnte auch nicht der
geringste Umstand ihm verborgen bleiben.

So entstand denn das =Leben Bernwards=[7], eines der schönsten
biographischen Denkmale des Mittelalters, welche wir besitzen, und eine
der wichtigsten Quellen für einen bedeutenden Zeitraum. Die reichste
Fülle des Stoffes tritt hier an die Stelle jener immer wiederkehrenden
Phrasen, welche sonst so häufig die Armuth des Schreibenden verdecken;
die Sprache ist schlicht und einfach, und während die wärmste
Liebe zu dem Verstorbenen das ganze Werk erfüllt, trägt es doch den
Stempel der Wahrhaftigkeit. Bernward bedurfte zu seinem Lobe keiner
Uebertreibungen. Nur in Bezug auf Heinrichs II Wahl, der Bernward
entgegen war, ist Thangmar nicht aufrichtig, und sein Ansehen bei Otto
III ist, wie es Biographen zu gehen pflegt, überschätzt. Einen großen
Raum nimmt hier, wie im Leben Godehards, der Streit der Hildesheimer
mit den Mainzer Erzbischöfen wegen des Diöcesanrechtes über Gandersheim
in Anspruch. Leider fehlt es uns darüber ganz an einer Darstellung von
der anderen Seite, aber eine gewisse Einseitigkeit und nicht gar zu
offenherzige Wahrhaftigkeit werden wir dem Hildesheimer zu gute halten
müssen.

 [7] _Thangmari Vita Bernwardi_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 754-782:
     _Miracula_ p. 782-786. Acta SS. Oct, XI, 996-1024 von Jos. van
     Hecke, ohne neue Hülfsmittel, mit ausführlichem Commentarius
     praevius. Uebersetzt von Hüffer 1858. Einhards V. Caroli benutzt
     nach Manitius, NA. XIII, 208. Vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der
     Kaiserzeit I, 786. Der heilige Bernward, von H. A. Lüntzel, Hild.
     1856. Ch. Beelte, Thangmar, sein Leben und Beurtheilung seiner
     Vita Bernwardi. Progr. d. Gymn. Joseph. in Hild. 1881. Ueber die
     Handschriften im Domschatz Krâtz, Der Dom zu Hildesheim, 1810;
     vgl. oben S. 318. Ueber eine in V. Bernw. u. Godeh. benutzte
     Urk. Heinrichs II Bayer, Forsch. XVI, 178-193. Ueber B.'s
     kunsthistor. Bedeutung Alwin Schultz in dem Werk von R. Dohme:
     Kunst u. Künstler des Mittelalters, I, 1877. St. Beissel, Die
     Kunstthätigkeit des h. B. (Stimmen aus Maria-Laach XXVIII, 1885)
     S. 131 ff. Ders. Die Bilder der Hs. des K. Otto in Aachen (1886)
     S. 35-39, über das von B. für St. Michael gestiftete Evangeliar
     Janitschek, Gesch. d. D. Kunst S. 83, 84.

Vieles was im Leben Bernwards steht, findet sich übereinstimmend, aber
kürzer, auch in den =Hildesheimer Annalen=[8], einer sehr schätzbaren
Geschichtsquelle, welche wir vermuthlich der Anregung Bernwards
verdanken. Wenigstens sind sie in der noch erhaltenen Urschrift bis
zum Jahre 994, wo sie mit einem unvollendeten Satze schließt, von
einer Hand geschrieben und also wohl bald, nachdem Bernward Bischof
geworden war, zuerst verfaßt. Die Beschaffenheit dieses ersten Theiles
ist ganz dieselbe, welche wir schon bei den Quedlinburger Annalen
sahen und überall wiederfinden; der Verfasser hielt eine bis auf Adam
zurückreichende annalistische Grundlage für nothwendig, ohne jedoch
darauf irgend welche Sorgfalt zu verwenden; er ließ nur auf Rufi Festi
breviarium einen Auszug aus der Chronik des Isidor[9] folgen, schon
hier mit Benutzung der Hersfelder Annalen; sodann einen Pabstcatalog.
Darauf schrieb er die kleinen Lorscher Annalen ab und excerpirte von
da an, wo diese aufhören, die Hersfelder Annalen, nicht ohne eigene
Zusätze. Daran schließt sich dann die Fortsetzung, welche den Werken
dieser Art allein einen Werth verleiht, abgesehen von den einzelnen
Notizen, welche durch den Mangel besserer Quellen zufällig Bedeutung
erlangen. Die Nachrichten sind gut und zuverlässig, bei weitem nicht
so ausführlich wie die Quedlinburger, aber übrigens ähnlicher Art. Die
Verfasser haben die großen Begebenheiten der Zeit im Auge und berichten
darüber, was sie erfahren; dazu setzen sie alles, was ihnen merkwürdig
vorkommt, großes und kleines; von einer eigentlichen Verarbeitung,
einer gleichmäßig fortgeführten geschichtlichen Erzählung ist nicht die
Rede.

 [8] _Annales Hildesheimenses_ ed. Pertz, MG. SS. III, 22-116.
     Uebersetzt von Ed. Winkelmann 1862. Vgl. Waitz im Archiv VI,
     663 ff. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten. III, 299. 307. W.
     Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit, I, 784. II, 557. 566. Neue
     Ausgabe von G. Waitz, 1878.

 [9] Ueber die hier benutzte, von anderen abweichende Form s. Waitz
     NA. IV, 163.

Nur bis zum Jahre 1040 stammen diese Annalen aus Hildesheim und zwar
aus dem von Bernward gestifteten Michaeliskloster; der Rest bis
1137 ist den Sanct Albaner und Paderborner Annalen entnommen. Von
jenem Theile aber von 995 bis 1040 nahm Pertz an, daß er in dieser
Handschrift (Paris 6114) von verschiedenen Händen den Ereignissen
gleichzeitig eingetragen sei. Nachdem jedoch mehrere Bedenken diese
Annahme als unwahrscheinlich erscheinen ließen, hat nun eine erneute
Prüfung der Handschrift ergeben, daß Pertz sich geirrt hat, und daß
vielmehr das Stück von 1000 bis 1040 von einem Copisten eingetragen
ist[10]. Deshalb steht nun kein Bedenken mehr der Thatsache entgegen,
auf welche mit zunehmender Sicherheit die scharfsinnigen Untersuchungen
von H. Pabst[11], E. Steindorff[12], W. v. Giesebrecht und H. Breßlau
führten, daß es nämlich größere vollständigere Hildesheimer Jahrbücher
gegeben hat, von welchen uns nur ein Auszug erhalten ist. Wir werden
darauf später zurückkommen; rückwärts hat sie Breßlau bis 1023
verfolgt, H. Lorenz aber und besonders Fr. Kurze, gestützt vorzüglich
auf die Annales Altahenses, auch schon für die frühere Zeit. Es
sind danach also die Hersfelder Annalen bis 984 in Hildesheim mit
Zusätzen[13] und einer Fortsetzung bis 994 versehen, und dieses Werk ist
in einen Auszug gebracht, zu welchem später ein weiterer Auszug aus
denselben, inzwischen fortgesetzten größeren Jahrbüchern hinzugefügt
ist. Zweifelhaften Ursprunges bleiben nur die Jahre 995 bis 997, welche
nach Waitz von einer zweiten Hand geschrieben sind, während eine dritte
zu 998 eine kurze Eintragung machte, Notizen zu 996 und 999 etwas
später geschrieben sind.

 [10] S. H. Breßlau im NA. II, 563-566, und die neue Ausgabe von Waitz.

 [11] De Ariberto (1864) p. 10-16.

 [12] Jahrbücher unter Heinrich III, I, 421 ff.

 [13] Merkwürdig ist besonders die Stelle über Bennopolls NA. XIII, 623
      (Arch. VIII, 606), verglichen mit dem kurzen Auszug der Ann. Hild.
      (minores) ad a. Tiberii 6. Ich hatte schon früher auf die offenbar
      aus solchen Ann. Hild. maj. stammende Nachricht der Ann. Quedl.
      992 hingewiesen.

Hildesheim wurde das Glück zu Theil, daß auf Bernward der nicht minder
ausgezeichnete Bischof Godehard folgte, und es behauptete auch in der
folgenden Periode eine hervorragende Stellung.


§ 5. Magdeburg. Merseburg.

An der Ostgrenze Sachsens hatte Otto, auch hierin Karls Beispiel
folgend, Magdeburg ausersehen zum geistigen Mittelpunkte für die
wendischen Länder. In das Moritzkloster, welches die Grundlage dazu
bildete, berief er 937 Mönche aus St. Maximin bei Trier, einem Kloster,
das freilich auch verweltlicht und verwildert, aber schon 934 zur
klösterlichen Ordnung zurückgeführt war. Auch der erste Erzbischof
=Adalbert= (968-981) war ein Mönch von St. Maximin und Abt von
Weißenburg; in beiden Klöstern zeigt sich Sinn für Geschichtschreibung,
und von Adalbert, unter dem die Magdeburger Schule einen hohen
Aufschwung nahm, vielleicht selbst Verfasser eines ausgezeichneten
Geschichtswerkes, möchte man annehmen, er werde auch dafür gesorgt
haben, daß die merkwürdigen Ereignisse, deren Mittelpunkt Magdeburg
war, nicht in Vergessenheit geriethen, doch ist davon keine Spur
vorhanden. =Ohtrich= oder Otrich, der Vorsteher der Domschule[1],
galt bei seinen Verehrern für den größten Gelehrten seiner Zeit; er
wetteiferte mit Gerbert und disputirte mit ihm (980) vor dem Kaiser
Otto II. Denn in Magdeburg hatte er sich mit dem Erzbischof nicht
vertragen können; sein Ehrgeiz, wie es scheint, trieb ihn an des
Kaisers Hof, wo außer dem Ruhme der Gelehrsamkeit auch Bisthümer zu
erhaschen waren: nach Adalberts Tod traf ihn auch wirklich die Wahl,
aber Gisiler von Merseburg wußte ihn zu verdrängen, und kurz darauf
starb er in Benevent am 7. October 981. In Magdeburg hatten bei
seinem Abgang die vielen durch ihn dahin gezogenen Fremden die Stadt
verlassen, doch scheint die Schule unter Ekkehard dem Rothen[2] und
Geddo immer eine achtungswerthe Wirksamkeit geübt zu haben.

 [1] Ueber ihn s. Büdinger, Ueber Gerbert S. 51-60. Oesterreich,
     Geschichte I, 319. Grosfeld, Disquisitiones historicae de statu
     rerum ecclesiasticarum in marcis Winedis imp. Ottone II, im
     Programm des Gymnasiums zu Recklinghausen 1856-1857, S. 10, macht
     es wahrscheinlich, daß Otrich 979 an den Hof kam. Für 978 Uhlirz,
     Gesch. d. Erzbisth. Magd. unter den Kaisern aus dem Sächs. Hause
     (1887) S. 83.

 [2] Vgl. Holstein, Gesch. d. Domgymn. in Magdeburg (Magd. 1875) S. 73.
     Uhlirz a. a. O. S. 80 ff. vermuthet in Ekkehard einen Concipienten
     kais. Privilegien für Magdeburg.

Nicht ohne Wahrscheinlichkeit ist vermuthet worden, daß bald nach
dem Tode Gisilers (1004), dessen Ehrgeiz die kirchlichen Schöpfungen
Otto's in betrübender Weise zerrüttet hatte[3], in Magdeburg ein
Geschichtswerk entstanden sei, welches nach Urkunden und eigener
Kenntniß gearbeitet, über die Stiftung und die nächstfolgenden
Schicksale des Stiftes Auskunft gab; daß dieses schon Thietmar
vorgelegen habe, und im Chronographus und Annalista Saxo so wie im
Magdeburger Chronicon theilweise zu erkennen sei[4]. Darauf hat jedoch
F. van Hout behauptet und sehr wahrscheinlich gemacht, daß der erste,
bis zu Gero's Tod 1023 reichende Theil des Chronicon Magdeburgense
unter dessen Nachfolger Hunfrid im Zusammenhang und mit Benutzung
der Chronik Thietmars verfaßt sei, wie wir denn auch diesen Theil
allein beim Chronographus Saxo wiederfinden[5]. Wird nun dadurch
die Voraussetzung einer älteren Gründungsgeschichte nicht berührt,
und bleibt es zweifelhaft, wie weit der Text der Chronik unverändert
geblieben sei, so verlieren doch andererseits auch W. Giesebrechts
Beweise dadurch theilweise ihre Kraft. Wir werden zu der vorsichtigen
Aeußerung Lappenbergs zurückgeführt, daß über die Thietmar vorliegenden
Magdeburger Aufzeichnungen ein sicheres Urtheil sich nicht gewinnen
lasse, weil in den uns vorliegenden Quellen überall schon Thietmars
Chronik wieder benutzt sei. Auf die Existenz einer metrischen
Fundatio möchte ich jedoch nicht mit C. Günther, der auch selbst diese
Vermuthung wieder aufgegeben hat, aus den eingemischten Hexametern
schließen, da dergleichen im elften Jahrhundert so sehr häufig ist. Sie
reichen nur bis zu Gisilers Tod, und lassen sich daher als Argument für
frühere Abfassung verwerthen[6].

 [3] Vgl. Fraustadt: Die Auflösung des Bisthums Merseburg u. dessen
     Wiederherstellung 1004, Weber's Archiv f. Sächs. Gesch. N. F. IV
     (1878), S. 133-168.

 [4] W. Giesebrecht in den Rankeschen Jahrbüchern II, 1, 157-162, vgl.
     Kaisergesch. I, 785. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III,
     304.

 [5] Ferd. van Hout: De Chronico Magdeburgensi, Diss. Bonn. 1867. In
     einigen Punkten, besonders über das Verhältniß zum Chronogr. Saxo
     abweichend, C. Günther: Die Chronik der Magdeburger Erzbischöfe,
     erster Theil bis 1142. Diss. Gott. 1871. Zweiter Theil 1142-1371,
     Progr. der Albinus-Schule in Lauenburg a. d. Elbe 1877 (S. 5).
     Schum, Vorr. zu den Gesta archiepp. Magd. SS. XIV, 363. Das
     angebliche Epitaphium Ottonis I ist entnommen aus der V. Mahometi
     von Embricho, nach O. Hertel, Magd. Gesch. Bl. 1889 S. 369 ff.

 [6] Dem widerspricht F. Kurze, weil er in diesen Versen die
     sprachliche Eigenthümlichkeit des jüngeren Bearbeiters erkennt.

Mit großer Bestimmtheit hat nun Fr. Kurze[7] wiederum die Abfassung
der ältesten Bisthumschronik bis 1004 behauptet, und zwar von dem
Erzbischof =Tagino= selbst, gestützt auf die Worte bei Thietmar V,
44 (26), daß dieser vom Pabst persönlich hätte geweiht werden sollen
„ut scriptura ejus testatur“. Es ist schwer zu glauben, daß Thietmar,
wenn ihm wirklich eine von Tagino verfaßte Geschichte als wichtige und
vielbenutzte Quelle vorlag, das nicht irgendwo erwähnt haben sollte,
und jene „scriptura“ möchte man lieber auf ein Privileg oder auch auf
einen Brief deuten, da eben nur bei diesem einzigen Umstand eine solche
Berufung vorkommt. Was aber die andere Stelle des Chronogr. Saxo zu 981
betrifft, daß er sich scheue, bei ausführlicherem Eingehen auf Gisilers
Handlungen den Unwillen derer zu erregen, welche wegen durch ihn
erhaltener Lehen[8] ihm günstig gesinnt wären, so paßt das allerdings
nicht zu der Zeit des Compilators, wäre aber immerhin nach zwanzig
bis dreißig Jahren noch denkbar, und vielleicht damals die Gefahr
größer als unmittelbar nach der Einsetzung des vom König beschützten
neuen Erzbischofs. Die Ueberarbeitung und Fortsetzung bis 1023 in
blüthenreicher, oft gereimter Schreibweise und mit eingemischten
Versen lag dem Nienburger Annalisten vor, und Kurze vermuthet deshalb
als Verfasser oder doch Veranlasser =Brun=, den jüngsten Bruder des
Geschichtschreibers Thietmar, Abt der Klöster in Magdeburg und Nienburg
von 1025 bis 1034. Den Beschluß der Abhandlung macht ein Versuch
der Wiederherstellung dieser Geschichte und der darin enthaltenen
ursprünglichen, dem Tagino zugeschriebenen.

 [7] Die älteste Magdeburger Bisthumschronik, Mitth. d. Inst.
     Ergänzungsband III, S. 397-450. Vgl. NA. XVII, 631.

 [8] Das ist doch wohl unter „beneficia temporalia“ zu verstehen.

Einer von Otrichs Schülern war =Adalbert=, der schwärmerisch
fromme Freund Otto's III, der vergeblich als Bischof von Prag seine
Landsleute, die Böhmen, zu lenken versuchte und zuletzt 997 in Preußen
den ersehnten Tod als Märtyrer fand. Sein Leib wurde durch Herzog
Boleslaw nach Gnesen gebracht, wo man nicht säumte das wunderbare
Ereigniß aufzuzeichnen; ganz kurz wird hier der frühere Lebenslauf
des Märtyrers berichtet, dann etwas ausführlicher die Umstände seines
Todes und die Erwerbung der Reliquien mit den beginnenden Wundern.
Kein Wort von des Kaisers Pilgerfahrt nach Gnesen, der Stiftung des
Erzbisthums, so daß die Abfassung dieser Legende wohl noch vor das
Jahr 1000 zu setzen ist. Schmucklos geschrieben und ungenügend für die
Verehrer des Heiligen, welche mehr von seiner Person erfahren wollten,
verfiel sie bald der Vergessenheit, nachdem in Italien die ausführliche
Biographie geschrieben war, deren wir später noch zu gedenken haben
werden. Den Verfasser hält Giesebrecht für einen slavischen Mönch des
Klosters Meseritz, ich möchte Gnesen vorziehen; Zeißberg ist geneigt
mit W. v. Kentrzynski und Lohmeyer anzunehmen, daß nur der Auszug eines
deutschen Geistlichen aus der größeren Arbeit eines Polen vorliege,
welche auch der sog. Martinus Gallus benutzt haben könnte. Die
Handschrift, welche nach Giesebrechts Vermuthung 1005 durch Heinrich II
aus Meseritz nach Tegernsee gekommen sein könnte, ist in München zuerst
1857 von Bielowski, dann unabhängig davon von G. Voigt entdeckt, von
W. v. Giesebrecht in ihrem Werth erkannt und herausgegeben worden[9].
Durch jenes in Rom verfaßte Leben Adalberts wurde aber auch einer
seiner ehemaligen Genossen auf der Schule zu Magdeburg angeregt,
aus eigener Erinnerung und nach den Mittheilungen von Adalberts
Freunden und Gefährten Radla und Gaudentius die ihm vorliegenden
Lebensnachrichten zu ergänzen, und so eine neue Bearbeitung zu Stande
zu bringen, in welcher das Ende des Märtyrers schon von der einfachen
Wahrheit sich weiter zu entfernen scheint. Der Verfasser derselben
war =Brun=, aus dem Hause der Edelen von Querfurt, welcher von
derselben weltverachtenden Frömmigkeit und derselben Sehnsucht nach
dem Märtyrertode beseelt war. Er benutzte eine Aufzeichnung des Prager
Domprobstes Willico, welche auch Johannes Canaparius (unten § 19)
vorgelegen hat.

 [9] Eine bisher unbekannte Lebensbeschreibung des heiligen Adalbert
     (_Passio S. Adalberti_). Separatabdruck aus den Neuen Preußischen
     Provinzialblättern, 3. Folge, V. Band 1. Heft, Königsb. 1860.
     Wiederholt im SS. Rer. Pruss. I, 235-237; vgl. II, 412. Aus
     demselben Cod. lat. Mon. 18897 in den Mon. Poloniae hist. ed.
     Bielowski I, 151-156 mit Facsimile. Fontes Rerum Boh. (Pragae
     1873) I, 231-234. Ed. Waitz, SS. XV, 2, 705 bis 708. Uebers. von
     Wattenbach, Geschichtschr. X, 7 (Bd. 34) 1891. Vgl. Zeißberg,
     Poln. Geschichtschreibung S. 19-22. Giesebr. I, 789. Das
     erste Wunder der Passio wird, wie Bielowski nachgewiesen hat,
     in der Chronik von Moyenmoutier SS. IV, 92, doch nicht ganz
     übereinstimmend, erwähnt.

Dieses Leben Adalberts[10] ist in einer widerlich blumenreichen und
salbungsvollen Sprache verfaßt, aber charakteristisch für diese aufs
äußerste getriebene Ascetik und in seinem Inhalte lehrreich; Brun
verfaßte es in Ungern um das Jahr 1004, als er im Begriffe war, dem
Beispiele seines Freundes zu folgen. Zum Erzbischof der Heiden geweiht,
ging er zuerst gegen Ende des Jahres 1007 von Ungern aus durch Rußland
zu den Petschenegen, und nachdem er diese seiner Meinung nach bekehrt
hatte, zu Boleslaw von Polen, von dessen Hofe aus er einen sehr
merkwürdigen und lehrreichen Brief an Kaiser Heinrich II schrieb[11].
Auch verfaßte er im Jahre 1008 eine ausführliche Schrift über die fünf
Einsiedler, welche am 11. Nov. 1003 in Polen, vermuthlich bei Meseritz,
von Räubern erschlagen waren. Die inhaltreiche Schrift, welche für die
Geschichte Otto's III und seiner schwärmerischen Freunde mancherlei
enthält, ist von R. Kade entdeckt und herausgegeben[12].

 [10] _Vita S. Adalberti auct. Brunone_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 577. 596
      bis 612. Bielowski I, 184-222 mit Benutzung einer Handschrift aus
      Ochsenhausen in Koenigswart. Fontes Rer. Boh. I, 266-304. Vgl.
      Giesebr. I, 789. -- _Miracula S. Adalberti_ aus dem dreizehnten
      Jahrhundert, SS. IV, 613-616 und nach einer Danziger Handschrift
      verbessert von Toppen SS. Rer. Pruss. II, 412-420, wo c. 4
      _perterriti_ statt _pertriti_ zu lesen ist und _perstiterant_
      statt des unsinnigen _prescierant_. Fontes Boh. I, 305-312 mit
      dens. Fehlern; Versus de Adalberto _Quattuor immensi_ p. 313-334.
      Hymnus _Laudem dignam_ NA. X, 180-185.

 [11] Zuerst von Hilferding in einer russischen Zeitschrift
      herausgegeben, dann mit Emendationen von Jaffé bei Miklosich und
      Fiedler, Slav. Bibl. II, 307, und endlich von demselben nach
      der Handschrift berichtigt in W. Giesebrechts dritter Ausgabe
      II, 667-670, in d. vierten 689-692, vgl. S. 104-109. Bielowski
      I, 223-238 mit Facsimile. Erzbischof Brun-Bonifacius, der erste
      deutsche Missionar in Preußen. Ein Vortrag von W. Giesebrecht,
      Deutsche Reden S. 29-54. Ausführlich über Brun, Zeißberg: Die
      Kriege Heinrichs II mit Boleslaw, SB. LVII, 346 ff., vgl. dens.
      in d. Zeitschr. f. oest. Gymn. 1867 S. 331 ff. über die von Bruno
      erwähnte heilige Lanze, u. 1868 S. 89 ff., wo S. 96-98 bemerkt
      wird, daß der Bericht über Miseco's Verheerungen Ann. Magd. 1030
      eine direkte Antwort auf den Brief Bruns enthält.

 [12] Vorläufige Nachricht in R. Kade's Leipz. Diss. De Brunonis
      Querfurt. _Vita quinque fratrum Poloniae_ nuper reperta, 1883.
      Ausg. MG. SS. XV, 2 *709-738.

Von hier aus begab sich Brun zu den Preußen und drang bis zu deren
östlichen Grenzen vor, wo er den Tod fand, den er suchte, am 14.
Februar 1009. Ein kurzer aber lügenhafter Bericht über seine Predigt,
seine Wunder und sein Ende, der nichts als ein Bettelbrief ist, wie
dergleichen auch sonst vorkommen, angeblich von seinem Begleiter
Wipert, hat sich erhalten[13]; eine andere Schrift über ihn, die als
wahrhaft gerühmt wird, kennen wir nur aus der späteren Magdeburger
Chronik, wo sie benutzt ist. Vielleicht hat auch schon Thietmar
von Merseburg sie vor sich gehabt[14], der letzte Schriftsteller
Sachsens, den wir in dieser Periode zu betrachten haben, und der
erste, bei dem eine Art gelehrter Forschung vorkommt. Denn bei allen
den Schriftstellern, die uns bis jetzt beschäftigt haben, ist die
Aufzeichnung der Zeitgeschichte die Hauptsache, sie schrieben, was sie
erlebt oder gehört hatten. Die Zusammenstoppelung der älteren Theile
der Annalen, Widukinds Berufung auf Bücher am Anfang seiner Geschichte,
lassen sich als gelehrte Arbeit kaum in Anschlag bringen. Diesen ganz
unvollkommenen Anfängen gegenüber zeigt uns die Chronik Thietmars schon
einen bedeutenden Fortschritt.

 [13] MG. SS. IV, 579. Bielowski 229. E. Kunik macht mich darauf
      aufmerksam, daß der angebliche Name des Preußenkönigs Nethimer
      vielmehr slavisch ist.

 [14] L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 303.


$Thietmar von Merseburg.$

 Ausgabe seiner Chronik von Wagener, 1807, 4. mit guten Anmerkungen.
     Die einzige kritisch zuverlässige von Lappenberg MG. SS.
     III, 723-871 u. mit weit genauerer Benutzung der Hs. von Fr.
     Kurze, Hann. 1889, 8. Die Eintheilung in Bücher und Capitel
     ist hier verändert. -- Uebersetzung von Ursinus, Dresden 1790,
     mit nützlichen Anmerkungen u. Benutzung des Cod. Dresdensis;
     von Laurent, mit Vorwort von Lappenberg, 1848; 2. Ausgabe von
     Strebitzki 1879; Berichtigungen 1892, Geschichtschr. XI, 1,
     Bd. 39. Nachträgliche Bemerkungen über Thietmars Leben, Archiv
     IX, 438. Ueber ein Meßbuch und Kalender mit Eintragungen von
     Thietmars Hand, Hesse ib. IV, 276, und Ausgabe von Hesse in
     Höfers Zeitschrift für Archivkunde I, 111; Dümmler, N. Mitth. XI,
     223-264. Ueber sein Epitaph NA. IX, 246. L. Giesebrecht, Wendische
     Geschichten III, 305. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit
     I, 785. II, 558. Erklärung von Thietm. Chron. VII, 20 von Waitz,
     Forsch. XIII, 492-494. Strebitzki: Thietmarus quibus fontibus
     usus sit, Königsb. Diss. 1870. Zur Kritik Thietmars, Forsch. XIV,
     349-366. Ueber VII, 5-8, Zeißberg in d. Mitth. d. Wiener Inst.
     III, 109-115. -- F. Kurze, Abfassungszeit u. Entstehungsweise
     der Chronik Thietmars, NA. XIV, 59-86. Nachlese XVI, 459-472.

Thietmar, ein Sohn des Grafen Sigefrid von Walbeck, am 25. Juli 975
geboren, getauft vom Bischof Hilliward von Halberstadt, stammte
aus einem der vornehmsten Geschlechter Sachsens; er war mit den
bedeutendsten Fürstenhäusern, selbst mit den Ottonen verwandt, und
die wichtigsten Ereignisse im Reiche hatten deshalb eine persönliche
Beziehung zu ihm, so daß er frühzeitig von allen Kunde erhielt und mit
den Verhältnissen des Reiches vertraut wurde. Von Emnilde, einer Nichte
der Königin Mahthild, erhielt er als Knabe den ersten Unterricht