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Title: Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka - Phantastische Novellen
Author: Gogol, Nikolaj
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka - Phantastische Novellen" ***

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                             Nikolaus Gogol
                   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka



                             Nikolaus Gogol
                            Sämmtliche Werke
                              In 8 Bänden


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                                 Band 3


                          München und Leipzig
                            bei Georg Müller
                                  1910


                             Nikolaus Gogol



                   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka


                         Phantastische Novellen

                                Deutsch
                                  von
                             Ludwig Rubiner
                                  und
                              Frida Ichak.


                          München und Leipzig
                            bei Georg Müller
                                  1910



                                 Inhalt


   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka I                                1
   Vorrede                                                             3
   Der Jahrmarkt in Sorotschintzy                                     11
   Die Johannisnacht                                                  55
   Mainacht oder die Ertrunkene                                       83
   Der verschwundene Brief                                           133
   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka II                             155
   Vorrede                                                           157
   Die Nacht vor dem Weihnachtsfest                                  163
   Schreckliche Rache                                                239
   Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante                      311
   Der verhexte Ort                                                  355
   Biographische Skizze von B. Schenrock                             373
   Anhang                                                            399



                  Abende auf dem Gutshof bei Dikanka.
                              Erster Teil


                              Erzählungen
          Herausgegeben von _Rotfuchs Panjko_, Bienenzüchter.

                     Übersetzt von _Ludwig Rubiner_
                           und _Frida Ichak_



                                Vorrede


Was ist denn das wieder für ein Ding: Abende auf dem Gutshof bei
Dikanka? Was für »Abende« sind denn das? Und die dazu gar noch ein
Bienenzüchter in die Welt gesetzt hat! Gott bewahr' uns! Hat man etwa
noch zu wenig Gänsefedern gerupft und allzu wenig Lumpen zu Papier
verarbeitet! Hat etwa noch zu wenig Pack, haben etwa noch zu wenig Leute
von jeglichem Stand ihre Finger mit Tinte bekleckst! Da muß der Teufel
nach all dem anderen Volk auch noch einen Bienenzüchter reiten, es den
andern nachzumachen! Wahrhaftig! Es gibt doch schon so viel bedrucktes
Papier, daß man bald nicht mehr recht weiß, was alles man hineinwickeln
soll!

All diese Reden hat meine Prophetie schon gehört, schon vor einem Monat
gehört! Ich will nämlich sagen, daß es für unsereins, daß es für uns
Vorwerksbesitzer genau dasselbe ist, wenn man -- o du grundgütiger
Himmel --, die Nase aus seinem Loch in die große Welt steckt, als wenn
man in die Gemächer eines feinen Herrn tritt: alle bilden einen Kreis um
einen, und der Schabernack geht los; derartiges könnte man sich am Ende
noch von besseren Lakaien gefallen lassen, -- aber nein, irgend so ein
zerlumpter Junge, irgendein Lümmel, der sich im Hinterhof herumdrückt,
auch so einer traut sich heran. Da stampfen sie mit den Füßen und rufen
einem von allen Seiten zu: »Wohin willst du? Zu wem? Pack dich du
Bauernkerl! Scher dich zum Teufel!« ..... Ich kann euch sagen .... Aber
was sollen alle Worte! Mir fällt's wahrhaftig leichter, zweimal im Jahr
nach Mirgorod zu reisen, wo mich schon seit fünf Jahren weder der
Schreiber vom Landgericht noch seine Hochwürden zu Gesicht bekommen
haben, als zu den großen Leuten zu steigen; tu ich's aber mal, dann
heißt's, ob's dir nun paßt oder nicht, Rede und Antwort stehen.

Nichts für ungut, meine lieben Leser (und ihr nehmt's vielleicht übel,
daß ein einfacher Bienenzüchter zu euch redet wie zu seinem Gevatter
oder Ehestifter), wir Vorwerksleute haben von jeher solche Bräuche:
sowie die Feldarbeiten zu Ende sind, der Bauer übern Winter zur Ruh'
hintern Ofen kriecht und unsereins seine Bienen in den dunklen Keller
steckt; sowie es keinen Kranich mehr am Himmel und auf dem Baum keine
Birne mehr gibt, da kann man, wenn es Abend wird, sicherlich irgendwo am
Ende der Dorfstraße ein Licht blinken sehen; von ferne hört man lachen
und singen, die Balalaika klimpert, oft auch vernimmt man Geigenklänge,
lauten Schwatz und Lärmen .... Das sind die _Unterhaltungen_ unserer
_Abende_! Sie ähneln sozusagen euren Bällen, aber doch nicht ganz. Wenn
ihr auf einen Ball fahrt, so geschieht's doch nur, um herumzuspringen
und in die hohle Hand zu gähnen. Bei uns dagegen, wenn da in einer Stube
ein Haufen Mädchen mit Spinnrocken und Spindelkamm zusammenkommt, so ist
das durchaus kein Ball. O nein! -- Zuerst sieht's aus, als ob sie
ernstlich an die Arbeit gehen wollten. Die Spindeln surren, die Lieder
schwirren, und keine wagt es, zur Seite zu blicken. Kaum aber kommen die
Burschen mit dem Fiedelmann in die Stube, da beginnt ein Toben und
Schreien, es wird getanzt, und solche Streiche geschehen da oft, daß
man's gar nicht erzählen kann.

Aber am schönsten ist's doch, wenn alle sich zu einem Haufen
zusammentun, und man beginnt, Rätsel zu raten, oder ganz einfach -- zu
schwatzen. O mein Gott! Was wird da nicht alles erzählt! Was wird da
nicht für alter Kram ausgegraben! Was für Gruselzeug wird da nicht
herangeschleppt! Aber nirgends ward wohl soviel Wunderliches erzählt wie
an den Abenden beim Rotfuchs Panjko, dem Bienenzüchter. Warum mich die
Leute den »Rotfuchs Panjko« nennen, das vermag ich, weiß Gott, nicht zu
sagen. Auch ist ja mein Haar, sollt' ich wohl glauben, eher grau als
rot. Aber das ist bei uns nun eben, mit Verlaub zu sagen, so Sitte:
haben die Leute einem mal 'nen Spitznamen gegeben, so behält er ihn in
alle Ewigkeit. Oft kamen am Vorabend hoher Feiertage allerlei brave
Leute in die Hütte des Bienenzüchters zu Gaste, und wenn die sich erst
an den Tisch gesetzt hatten, da gab's dann was zu hören. Das waren nicht
etwa Leute aus den einfachen Ständen, nicht etwa Bauern aus einem
Vorwerk; manch einem, der mehr als Bienenzüchter ist, würde ihr Besuch
Ehre machen. Kennt ihr zum Beispiel Foma Grigorjewitsch, den Küster an
der Kirche zu Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konnte der
nicht für Geschichten erzählen! Zwei davon sollt ihr in diesem Büchlein
finden. Nie hat der einen Kittel aus Bast getragen, wie ihr ihn bei so
vielen Küstern auf dem Lande findet; ja, kamt ihr selbst an Werkeltagen
zu ihm, so empfing er euch immer in einer Joppe aus feinem Tuch von
einer Farbe wie die von kaltem Kartoffelbrei, für das er in Poltawa fast
sechs Rubel die Elle bezahlt hat. Von seinen Stiefeln wird niemand auf
dem ganzen Weiler behaupten können, sie hätten nach Teer gerochen; jeder
weiß, daß er sie mit dem allerfeinsten Schmalz geschmiert hat, das,
glaub' ich, mancher Bauer sich wohl mit Freuden in den Brei getan hätte.
Auch wird niemand zu sagen wagen, daß er sich je die Nase mit dem
Rockschoß gewischt hat, wie es manche Leute seines Standes zu tun
pflegen; nein, er zog ein weißes, säuberlich gefaltetes Tüchlein aus dem
Busen, dessen Bänder mit rotem Zwirn bestickt waren, verrichtete sein
Bedürfnis, faltete es nach seiner Gewohnheit zwölffach zusammen und barg
es wieder im Busen. Und ein anderer Gast .... je nun, das war solch ein
feines Herrchen, daß man ihn stracks zum Präsidenten oder Exekutor hätte
machen können. Er pflanzte seinen Finger vor der Nase auf, und dann
blickte er die Spitze an und erzählte so spitzfindig durch die Blume,
akkurat wie es in den gedruckten Büchern steht! Wenn ihn unsereiner
manchmal so hörte, da mußte man ja ganz nachdenklich werden. Kein
Sterbenswörtchen war zu verstehen. Wo hat der bloß solche Worte
hergenommen? Diesbezüglich hat Foma Grigorjewitsch einmal eine
treffliche Schnurre erdacht: er erzählte ihm eine Geschichte von einem
Schüler, der einst bei einem Küster zur Schule ging; als der wieder zu
seinem Vater kam, da war er ein solcher Lateiner geworden, daß er sogar
unsere rechtgläubige Sprache vergessen hatte -- alle Worte ließ er auf
»us« endigen: statt Schaufel sagte er »Schaufelus«, statt Weib »Weibus«
usw. Einmal ging er mit seinem Vater über Feld. Der Lateiner erblickt
eine Harke und fragt: »Wie nennt man das bei euch, Vater?« und dabei
sperrte er das Maul weit auf und trat der Hacke auf die Zähne. Der Vater
hatte kaum antworten können, da flog der Griff der Harke dem Sohne mit
einem Schwung gegen die Stirn. »Die verdammte Harke!« schrie der
Schuljunge, fuhr sich mit der Hand an den Kopf und sprang eine Elle hoch
in die Luft. »Der Satan soll den Mann holen, der das Harkenzeug gemacht
hat! Sie tut so weh!« »So, bist du endlich auf den Namen gekommen, mein
Täubchen?« -- Dieses Märchen wollte dem verblümten Erzähler nicht
besonders gefallen. Ohne ein Wort zu sagen, stand er von seinem Platze
auf, stellte sich breitbeinig mitten im Zimmer hin, neigte den Kopf
etwas vor, schob die Hand in die Seitentasche seines erbsengrauen
Rockes, holte seine runde lackierte Tabakdose hervor, schnippte mit dem
Finger über das draufgemalte Gesicht eines ausländischen Generals, nahm
eine ziemlich große Prise seines mit Asche und Liebstöckelblättern
vermischten Tabaks, führte sie weit ausholend an die Nase und sog im Nu
das ganze Häufchen ein, ohne auch nur den Daumen zu streifen, und dabei
sprach er keine Silbe. Erst als er in die andere Tasche griff und ein
blaukariertes Baumwollentuch hervorholte, da murmelte er etwas vor sich
hin, wie: »_Man darf seine Perlen nicht vor die Säue werfen!_« ..... »Da
gibt's einen Krach,« dachte ich, als ich sah, wie Foma Grigorjewitschs
Finger sich zu einer Ohrfeige zusammenballten; zum Glück hatte meine
Alte die gute Idee gehabt, gebackenes Weißbrot mit Butter auf den Tisch
zu stellen. So machten sich denn alle daran; auch Foma Grigorjewitschs
Hand griff, statt dem andern eine Nase zu drehen, danach, und alle
begannen, wie üblich, die tüchtige Hausfrau zu loben. Dann gab's bei uns
noch einen, der zu erzählen verstand; aber der (nie zur Nacht sei dran
gedacht!) der erzählte so gruselige Geschichten, daß einem die Haare zu
Berge standen. Ich habe sie absichtlich nicht hier hereingebracht: die
guten Leute könnten gar noch solche Angst vor dem Bienenzüchter
bekommen, wie -- Gott bewahre mich -- vor dem Teufel. Lieber will ich,
wenn's Gott gefällt, bis Neujahr warten, und gebe dann noch ein Büchlein
heraus. Da sollen uns meinetwegen Gestalten aus jener anderen Welt
entsetzen, und Mirakel, die sich in alten Zeiten in unserem
rechtgläubigen Lande zugetragen haben. Ihr werdet darunter vielleicht
auch einige Parabeln vom Bienenzüchter selbst finden, wie er sie seinen
Enkeln erzählt hat. Ihr braucht nur die Ohren zu spitzen. Ich hab' nur
keine Lust herumzukramen, sonst könnte ich wohl noch zehn solche
Büchlein zusammenbringen.

Doch halt -- ich habe ja die Hauptsache vergessen: Wenn Ihr, lieben
Herren, zu mir fahrt, dann schlagt die gerade Poststraße nach Dikanka
ein. Ich hab' mit Fleiß den Ort an die erste Seite gestellt, damit Ihr
den Weiler schneller zu erreichen wißt. Doch Ihr habt wohl schon zur
Genüge von Dikanka gehört. Wahrlich, dort sind die Häuser stattlicher
als die Strohbude eines bescheidenen Bienenzüchters. Ganz zu schweigen
vom Garten: dergleichen findet ihr wohl nur noch in eurem Petersburg.
Wenn ihr nach Dikanka kommt, so fragt bloß den ersten besten Jungen, der
im schmierigen Hemde seine Gänse hütet: »Wo wohnt hier der Bienenzüchter
Panjko?« -- »Da hier,« wird er sagen, und zeigt's euch mit dem Finger,
und wenn ihr wollt, so bringt er euch sogar bis vors Haus. Doch bitte
ich euch, legt nur nicht zu gemächlich die Hände auf den Rücken und
springt mir nicht zu unbedacht herum, denn unsere Landstraßen sind nicht
so glatt wie die vor euren feinen Häusern. Als Foma Grigorjewitsch vor
zwei Jahren aus Dikanka hinausfuhr, geriet er mit seinem Wägelchen
mitsamt dem vorgespannten Braunen in den Graben, obwohl er selbst die
Zügel führte und sich zu seinen eignen Augen noch manchmal gekaufte
aufsetzte.

Wenn ihr nun aber doch zu Gaste kommt, so sollt ihr solche Melonen
kriegen, wie ihr sie euer Lebtage noch nicht gegessen habt; und besseren
Honig, das schwör' ich euch, werdet ihr auf keinem Vorwerk finden:
stellt euch vor, wenn man so eine Wabe hereinbringt, da strömt euch ein
Geruch durchs ganze Zimmer -- es läßt sich gar nicht ausdenken, was für
ein Geruch! Klar wie eine Träne oder wie teures Kristall, das man in den
Ohrringen trägt! Und was für Pasteten euch meine Alte vorsetzt! Was für
Pasteten! Wenn ihr das wüßtet: Zucker, der reine Zucker! Und die Butter
läuft einem beim Essen nur so über die Lippen. Es ist nicht zu glauben,
was diese Weiber alles können! Habt ihr schon je Birnenmost mit
Schlehdornbeeren gekostet, meine Herren? Oder Bier mit Rosinen und
Pflaumen? Oder Gekröse in Milch? O Gott, was es alles für Gerichte in
der Welt gibt! Man kann kaum genug bekommen. O, es ist ein Genuß: zum
Fingerablecken! Im vergangenen Jahr ..... Aber was schwatz' ich da
zusammen ..... kommt nur, kommt recht bald; ihr sollt so bewirtet
werden, daß ihr's ganz sicher weit und breit erzählen werdet.

                                                    _Rotfuchs Panjko_.
                                                        Bienenzüchter.



                     Der Jahrmarkt in Sorotschintzy


                                   I.

                       Trüb wird mir in dieser Hütte,
                       O so führ mich aus dem Haus!
                       Führ mich hin zu Lärm und Braus,
                       Dorthin, wo die Mädel springen
                       Und die Burschen Gläser schwingen!

                                              Aus einer alten Legende.

Wie köstlich und erquickend ist doch ein Sommertag in Kleinrußland! Wie
schmachtend heiß sind jene Stunden, da der Mittag in Stille und Glut
erstrahlt, der unermeßliche blaue Ozean wie eine Kuppel der Wollust über
der Erde hängt und wie ein Schlafender, ganz versunken in Wonne, seine
luftigen Arme um die Schöne schlingt! Keine Wolke steht am Himmel, kein
Laut ist im Felde zu hören. Alles liegt da wie tot; nur oben in der
Tiefe des Himmels schwirrt eine Lerche, silberne Lieder fliegen die
luftigen Stufen herab zur verliebten Erde, und ab und zu hallt der
Schrei einer Möve oder der gellende Ruf einer Wachtel durch die Steppe.
Träg und allen Denkens bar, wie Lustwandelnde ohne Ziel, stehen bis zu
den Wolken ragend die Eichen, und die blendende Glut der Sonnenstrahlen
entzündet ganze Haufen von Laub, die malerisch daliegen, während sie
andere in nachtschwarze Schatten hüllt, die nur bei starkem Winde wie
Gold aufleuchten. Smaragde, Topase und Saphire ätherischer Insekten
regnen auf die bunten Farben der Gärten herab, die von steilen
Sonnenblumen geschirmt werden. Graue Heuschober und goldene Garben malen
ein Kriegslager auf das Feld und wandern weit hinaus über den
unermeßlichen Raum. Breite Zweige, die unter der Schwere der Früchte
herabsinken, Kirschbäume, Pflaumen, Äpfel, Birnenbäume; der klare Himmel
und sein heller Spiegel, der Fluß in grünem, stolz erhöhten Rahmen .....
wie voll Wonne und Lust ist doch der kleinrussische Sommer!

In solcher Pracht erglänzte einer der heißen Augusttage des Jahres
achtzehnhundert ..... achtzehnhundert .... es werden wohl etwa dreißig
Jahre her sein, -- da die Straße schon zehn Werst vorm Städtchen
Sorotschintzy ganz schwarz von wimmelndem Volke war, das von allen nahen
und fernen Vorwerken der Umgebung auf den Jahrmarkt eilte. Seit dem
frühen Morgen zog sich eine endlose Reihe Wagen mit Salz und Fisch
dahin. Ganze Berge von Töpfen, die in Stroh gewickelt waren, schwankten
langsam hin und her und schienen sich höchlich zu langweilen über das
Dunkel ihrer Verkerkerung; nur stellenweise guckte eine buntbemalte
Schüssel oder ein tönerner Mörser prahlerisch unter dem hoch überm Wagen
aufgespannten Schutznetz hervor und lenkte die entzückten Blicke aller
Verehrer von Prunk und Luxus auf sich. Viele von den Vorübergehenden
blickten neidisch auf den hochgewachsenen Töpfer, den Besitzer dieser
Kostbarkeiten, der langsamen Schrittes hinter seiner Ware einherging,
und seine tönernen Gecken und Koketten sorgfältig in das ihnen so
verhaßte Stroh einwickelte.

Ein einsamer Wagen schleppte sich abseits hinter müden Ochsen einher. Er
war mit Säcken, Hanf, Flachs und allerhand Häuslichkeit beladen, und
hinter ihm trollte sich der Besitzer in reinem Leinwandhemd und
schmutzigen Hosen einher. Mit träger Hand wischte er den herabrieselnden
Schweiß vom braunen Gesicht und dem langen Schnurrbart, der von jenem
unerbittlichen Barbier gepudert war, der ebenso ungerufen, zum schönsten
Mädchen wie zum Krüppel kommt und seit Tausenden von Jahren das ganze
menschliche Geschlecht wider seinen Willen mit Puder bestreut. An der
Seite des Mannes trottete eine an den Wagen gebundene Stute, deren
demütiges Äußere ihr hohes Alter bezeugte. Viele Fußgänger, besonders
die jungen Burschen, griffen an ihre Mütze, wenn sie den Bauer
einholten. Allein es war weder sein Schnurrbart, noch sein stolzer Gang,
was sie zu diesem Gruße veranlaßte; man brauchte nur die Augen etwas zu
heben, um den Grund dieser Hochachtung wahrzunehmen: Oben auf dem Wagen
saß sein hübsches Töchterlein mit rundem Gesichtchen, schwarzen
Augenbrauen, die sich wie steil geschwungene Bögen über den hellgrauen
Augen abzeichneten, und sorglos lächelnden rosigen Lippchen; sie hatte
den Kopf mit roten und blauen Bändern umwunden, die zusammen mit den
langen Zöpfen und einem Strauß aus Feldblumen wie eine prächtige Krone
auf ihrem entzückenden Köpfchen ruhten. Alles schien sie zu locken;
alles war ihr so seltsam neu .... Und die hübschen Äuglein sprangen
unablässig von einem Ding zum anderen hinüber. Wie sollten sie auch
nicht! War sie doch zum ersten Male auf dem Jahrmarkt! Ein Mädchen von
achtzehn Jahren und das erstemal auf dem Jahrmarkt! ..... Aber keiner
der Vorbeiziehenden und Vorüberwandernden konnte wissen, wieviel Mühe es
sie gekostet hatte, ihren Vater zu erweichen, der es ja von Herzen gern
getan hätte, wäre nicht die böse Stiefmutter dagewesen. Die verstand's
nämlich, ihn ebenso geschickt zu lenken, wie er seine alte Stute, die er
jetzt am Zügel hielt und nach langem Dienste zum Verkauf mit sich
führte. Diese ruhelose Ehegattin ..... Aber wir haben ganz vergessen,
daß sie ja auch da oben auf dem Wagen dasaß in einer schmucken, grünen
Wolljacke, auf die, wie beim Hermelin, kleine Schwänzchen aufgenäht
waren; allerdings waren es nur solche von roter Farbe. Das reiche Tuch
sah fast so bunt aus wie ein Schachbrett, und das bunte baumwollene
Häubchen verlieh ihrem hübschen runden Gesicht eine ganz besondere
Würde. Aber ihre Züge hatten etwas so Unangenehmes und Wüstes an sich,
daß jeder sich sofort beeilte, seinen erschreckten Blick dem heiteren
Gesichtchen der Tochter zuzuwenden.

Doch jetzt leuchtete vor den Augen unserer Reisenden bereits der
Psjoll-Fluß auf; schon wehte aus der Ferne eine frische Kühle herüber,
die nach der ermattenden, zehrenden Hitze um so deutlicher spürbar war.
Durch das Dunkel und Hellgrün des Laubs schwarzer und schlanker Pappeln
und Birken, die hie und da auf der Wiese verstreut waren, leuchteten
feurige in schattige Kühle gehüllte Funken auf, und der Strom entblößte
blitzend, wie ein schönes Weib, seine silberne Brust, auf die die
dichten grünen Locken der Bäume üppig herabsanken.

In jenen köstlichen Stunden, wo der treue und beneidenswerte Spiegel den
stolzen und blendenden Glanz von des Flusses Stirn, seine lilienweißen
Schultern und seinen Marmorhals, der von einer dunkel vom blonden Haupte
fallenden Flut überschattet ist, in sich aufnimmt, wo der Strom
verächtlich den einen Schmuck von sich streift, um ihn durch einen
anderen zu ersetzen, und seine Launen kein Ende finden wollen, -- in
diesen Stunden wechselt er mutwillig, wie er ist, fast jedes Jahr seine
Umgebung, wählt sich einen neuen Weg und umgibt sich mit neuen,
mannigfaltigen Landschaften. Die langen Reihen der Mühlen hoben die
breiten Wellen auf ihre schweren Räder und warfen sie mächtig zurück,
zerstäubten sie, ließen sie über die ganze Umgebung herabsprühen und
erfüllten ringsherum alles mit Lärm. Um diese Zeit fuhr der Wagen mit
den uns schon bekannten Passagieren über die Brücke, und nun streckte
sich vor ihnen der Strom in seiner ganzen Pracht und Schönheit hin, wie
eine riesige Fläche von Glas. Der Himmel, die grünen und blauen Wälder,
die Menschen, die Wagen mit den Töpfen, die Mühlen -- alles schien
umgestürzt, zog vorüber und stand auf dem Kopfe, ohne doch in den
schönen, blauen Abgrund herabzufallen. Das schöne Mädchen wurde bei der
Herrlichkeit der Aussicht ganz nachdenklich und vergaß sogar, an ihren
Sonnenblumenkernen zu knabbern, was sie während des ganzen Weges getan
hatte, als ihr auf einmal die Worte: »Ei was für ein Mädel!« ans Ohr
drangen. Sie schaute sich um und sah auf der Brücke einen Haufen
Burschen stehen, deren einer etwas feiner gekleidet war als die anderen;
er hatte eine weiße Bluse an und eine graue Lammfellmütze auf dem Kopf,
stützte die Hände auf die Hüften und sah sich keck die Vorüberfahrenden
an. Die Schöne konnte ihn unmöglich nicht bemerken, ihr Blick streifte
sein braungebranntes, doch angenehmes Gesicht und seine feurigen Augen,
die sie gleichsam durchbohren wollten, aber sie senkte ihn wieder bei
dem Gedanken, das Wort, das sie vernommen hatte, sei von ihm gekommen.
»Ein prächtiges Mädel!« fuhr der Bursch in der weißen Bluse fort, ohne
seine Augen von ihr abzuwenden. »Ich würde mein ganzes Hab und Gut darum
geben, wenn ich sie einmal küssen könnte. Aber da vorne sitzt der
Teufel!« Von allen Seiten erhob sich Gelächter, allein der geputzten
Gefährtin des langsam voranschreitenden Gemahls war diese Begrüßung doch
zu stark: ihre roten Backen wandelten sich in lauter Feuer, und eine
Salve ausgesuchter Flüche regnete auf den Kopf des ausgelassenen Jungen
herab:

»Daß du erstickst, nichtsnutziger Kerl! Ein Topf möge deinem Vater den
Schädel einschlagen! Er soll sich auf dem Eise die Beine brechen, der
verdammte Antichrist! Möge ihm doch der Teufel in jener Welt den Bart
verbrennen!«

»Was die nur schimpfen kann,« sagte der Bursche die Frau anstarrend und
gleichsam verblüfft durch dies Geknatter unerwarteter Begrüßungen: »Daß
der hundertjährigen Hexe bei solchen Worten nicht die Zunge weh tut!«

»Hundertjährig! ....« fiel die alte Schöne ein. »Du Heidendreck, geh,
wasch dich mal zuerst! So ein unnützer Tunichtgut! Ich habe deine Mutter
nie gesehen, aber das weiß ich, daß sie nichts taugt! Auch dein Vater
ist ein Nichtsnutz, und deine Muhme ist es auch! ...... Hundertjährig!
..... Der ist ja noch grün hinter den Ohren ...«

Hier begann der Wagen von der Brücke herunterzufahren, und man konnte
die letzten Worte nicht mehr hören; aber der Bursche wollte offenbar
noch nicht Schluß machen: ohne sich lange zu besinnen, packte er einen
Haufen Schmutz und warf ihn hinter ihr her. Der Wurf war geschickter,
als man erwarten konnte: das ganze neue baumwollene Häubchen wurde mit
Dreck bespritzt, und so das Gelächter der ausgelassenen Windbeutel nur
noch doppelt angefacht. Die wohlbeleibte Kokette entbrannte vor Zorn;
aber der Wagen war schon ziemlich weit davongefahren, und ihre Rache
sprang auf die unschuldige Stieftochter und den langsamen Ehemann über,
der, schon lange an solche Vorkommnisse gewöhnt, hartnäckig Schweigen
bewahrte und die tobenden Reden der erzürnten Gemahlin kaltblütig
aufnahm. Trotzdem knarrte und zappelte ihre unermüdliche Zunge so lange
im Munde herum, bis sie endlich in der Vorstadt, bei ihrem alten
Bekannten und Gevatter, dem Kosaken Zybulja, dem »Zwiebelmann«,
anlangten. Die Begegnung mit den Gevattersleuten, die sie lange nicht
mehr gesehen hatten, verscheuchte für eine Zeitlang die Erinnerung an
diese unangenehme Begebenheit aus ihrem Kopfe. Sie sprachen erst ein
wenig über den Jahrmarkt und ruhten sich dann von der langen Reise aus.


                                  II.

                    Ach du lieber Herrgott! Was gibt es nicht alles auf
                    diesem Jahrmarkt! Räder, Glas, Teer, Tabak, Riemen,
                    Zwiebel, Ware aus aller Welt ..... Und wenn man
                    selbst dreißig Rubel in der Tasche hätte, man
                    könnte noch lange nicht den ganzen Jahrmarkt
                    aufkaufen.

                                    Aus einem kleinrussischen Schwank.

Ihr habt wohl schon einmal einen Wasserfall in der Ferne sich
herabwälzen hören? Die aufgestörte Gegend ist voller dröhnenden Getöses,
und ein Chaos wundersamer und unbestimmter Geräusche braust im Wirbel an
euch vorüber. Nicht wahr? Es sind dieselben Empfindungen, die euch
plötzlich im Trubel eines ländlichen Jahrmarktes erfassen, wenn das
ganze Volk zu einem riesigen Ungeheuer zusammenwächst und sich mit
seinem riesigen Leibe über den Platz und durch die engen Straßen
schiebt, schreit, johlt und tobt. Lärmen, Schimpfen, Meckern, Blöken,
Brüllen -- alles verschmilzt zu einem verwirrenden Mißklang. Stiere,
Säcke, Strohbündel, Zigeuner, Geschirr, Weiber, Lebkuchen, Mützen -- all
dies Grelle, Bunte, Mißklingende wühlt und wimmelt haufenweise herum und
schwirrt einem vor den Augen. Vielstimmige Reden verschlingen einander,
und in dieser Sintflut läßt sich kein Wort retten und ist kein Ruf mehr
deutlich zu vernehmen. Der Handschlag der Händler beim Kaufe ist noch
das einzige, was man auf allen Seiten des Jahrmarktes hört. Wagen
krachen, Eisenstangen klirren, Bretter fallen lärmend zur Erde nieder,
und der schwindelnde Kopf weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Unser
zugereister Bauer mit dem schwarzbrauigen Töchterchen drückte sich schon
lange unter dem Volk herum: bald trat er an einen Wagen heran, bald
befühlte er den anderen und fragte nach den Preisen, unterdessen aber
kreisten seine Gedanken unaufhörlich um die zehn Säcke Weizen und die
alte Stute, die er zum Verkauf mitgebracht hatte. Aus dem Gesichte
seiner Tochter konnte man ersehen, daß es ihr nicht besonders angenehm
war, neben dem mit Mehl und Weizen beladenen Wagen herumlungern zu
müssen. Sie hätte lieber dahin gewollt, wo unter Leinwandzelten rote
Bänder, Ohrringe, Kreuze von Zinn und Messing und Schmuckdukaten kokett
aufgehängt waren. Aber auch hier fand sie viel Dinge zu beobachten: es
ergötzte sie höchlich, wie ein Zigeuner und ein Bauer einander den
Handschlag gaben und dabei selbst vor Schmerz aufschreien mußten; wie
ein betrunkener Jude einem Frauenzimmer von hinten Püffe versetzte; wie
zankende Händlerinnen einander mit Schlägen und Schimpfworten
überschütteten; wie ein Moskowiter sich mit der einen Hand sein
Ziegenbärtchen strich und mit der anderen ...... Aber da fühlte sie, wie
sie jemand am gestickten Ärmel zupfte. Sie wandte sich um -- und der
Bursche im weißen Kittel und mit den hellen Augen stand vor ihr. Sie
erbebte, ihr Herz schlug so heftig, wie es noch nie, bei keiner Freude
und keinem Schmerz geschlagen hatte: Wunderlich und lieblich zugleich
ward ihr zumute, und sie konnte sich selbst nicht erklären, was mit ihr
geschah.

»Fürchte dich nicht, Herzchen, fürcht' dich nicht!« sprach er halblaut
zu ihr und ergriff ihre Hand: »Ich will dir nichts Schlimmes sagen!«

»Es mag schon sein, daß du mir nichts Schlimmes sagen willst,« dachte
die Schöne bei sich, »aber mir ist so wunderlich zumute ... das ist
sicher der Satan! Ich weiß ja selbst, daß sich's nicht schickt ... aber
mir fehlt die Kraft, meine Hand fortzuziehen.«

Der Bauer drehte sich um und wollte seiner Tochter etwas sagen, aber da
hörte er plötzlich aus nächster Nähe das Wort: »Weizen!« fallen. Dieses
magische Wort veranlaßte ihn im Nu, sich an zwei laut miteinander
sprechende Handelsmänner zu wenden, und seine Aufmerksamkeit konnte nun
durch nichts mehr abgelenkt werden. Die Handelsmänner unterhielten sich
über den Weizen und sprachen folgendermaßen.


                                  III.

                       Schau, was für ein Kerl da steht!
                       So gibt's wenige auf der Welt.
                       Schnaps säuft der wie süßen Meth!

                                                 Kotljarewski »Äneas«.

»Du glaubst also, daß unser Weizen sich schlecht verkaufen wird,
Landsmann,« sagte der eine Mann, nach seinem Äußeren zu urteilen ein
zugereister Kleinbürger, in geteerten, fettigen und fleckigen
Hanfleinwandhosen, offenbar der Bewohner irgendeines winzigen
Städtchens, zu dem anderen, der einen blauen, stellenweise etwas
geflickten Kittel trug, und dessen Stirn eine riesige Beule schmückte.

»Was soll ich da groß von denken: ich will mir 'ne Schlinge um den Hals
legen und an diesem Baum hier hin und her baumeln wie die Wurst vor
Weihnachten in der Stube, wenn wir auch nur ein Maß verkaufen!«

»Was schwatzst du da, Landsmann? Wir sind doch hier die einzigen
Weizenleute,« erwiderte der Mann mit den Leinwandhosen.

»Ihr könnt reden, was ihr wollt!« dachte der Vater unserer Schönen, der
sich kein Wort vom Gespräch der beiden Handelsleute entgehen ließ: »Ich
habe meine zehn Säcke im Vorrat!«

»Das stimmt ja, aber wenn der Teufel sich ins Spiel mischt, richtet man
gerad so viel aus, wie bei einem hungrigen Moskowiter,« sprach der Mann
mit der Beule auf der Stirn bedeutungsvoll.

»Was für ein _Teufel_?« fragte der Mann mit den Leinwandhosen.

»Hast du nicht gehört, was die Leute da reden?« fuhr der mit der Beule
auf der Stirne fort und sah ihn mit seinen mürrischen Augen von der
Seite an.

»Nun?«

»Nun? Was >nunTeufel< geschrien.«

»Was geht mich das an?« brummte der neben ihm liegende Zigeuner, sich
räkelnd. »Mag er doch nach der ganzen Sippe schreien!«

»Aber er hat doch so geschrien, als ob man ihn abwürgte!«

»Was schreit ein Mensch nicht alles im Schlaf!«

»Na, wie du meinst. Ich geh' nachsehen. Mach mal Feuer!«

Der andere Zigeuner stand brummend auf, ließ ein paar Funken wie Blitze
vor sich aufstieben, blies den Zunder mit dem Munde an und ging mit
seinem Lämpchen in der Hand -- einer der üblichen kleinrussischen
Lampen, die aus einem zerbrochenen Scherben, der mit Hammelfett gefüllt
ist, bestehen -- die Straße hinunter.

»Halt, hier liegt jemand! Komm her und leuchte mir!«

Noch einige Menschen schlossen sich ihm an.

»Was liegt da, Wlas?«

»Es sieht ganz nach zwei Menschen aus: der eine liegt oben, der andere
unten; wer von ihnen der Teufel ist, weiß ich nicht!«

»Wer liegt oben?«

»Ein Frauenzimmer!«

»Dann ist _das_ der Teufel!«

Ein allgemeines Gelächter weckte fast die ganze Straße.

»Ein Frauenzimmer ist auf einen Kerl raufgekrochen, na, die versteht das
Kutschieren!« sprach einer aus der herumstehenden Menge.

»Seht doch bloß, Brüder!« sprach ein anderer und hob einen Scherben des
Topfes auf, von dem nur noch die eine Hälfte auf dem Kopfe Tscherewiks
ganz geblieben war. »Was der gute Mann sich für eine Mütze aufgesetzt
hat!«

Der Lärm und das Gelächter, die immer mehr anschwollen, riefen unsere
beiden Toten wieder ins Leben zurück, Tscherewik und seine Frau, die
voll Entsetzen über den überstandenen Schreck, mit starrem Blick in die
braunen Gesichter der Zigeuner schauten. Beim unsicheren Flackern des
Lichts erschienen sie wie ein Haufen Gnomen, umhüllt von einem
unterirdisch schweren Qualm in der Finsternis einer tiefen Nacht.


                                   X.

                    Packe dich, Satansbrut!

                                    Aus einem kleinrussischen Schwank.

Die Frische des Morgens wehte über der erwachten Stadt. Aus allen
Schloten stiegen Rauchsäulen der Sonne entgegen. Auf dem Jahrmarkt wurde
es wieder lebendig. Schafe blökten, Pferde wieherten, das Schnattern der
Gänse und der Händlerinnen erfüllte wieder das ganze Lager -- und die
schrecklichen Gerüchte vom _roten Kittel_, die in der geheimnisvollen
Stimmung der Dämmerstunde die Menschen in eine solche Angst versetzt
hatten, waren mit dem Heraufkommen des Morgens verschwunden.

Gähnend und sich räkelnd schlummerte Tscherewik in der strohgedeckten
Scheune seines Gevatters unter Ochsen, Mehlsäcken und Weizen weiter und
schien gar keine Lust zu haben, sich von seinen Träumen zu trennen, als
er auf einmal eine Stimme vernahm, die ihm ebenso vertraut vorkam, wie
der gesegnete Ofen seiner Stube oder die Kneipe einer entfernten
Verwandten, die keine zehn Schritt von der Schwelle seines Hauses
entfernt war, diese Zufluchtsstätten seiner großen Faulheit.

»Steh auf! Steh auf!« knurrte die zärtliche Gattin, die ihn aus aller
Kraft am Arm zerrte, über seinem Ohre.

Statt jeder Antwort blies Tscherewik die Backen auf und begann mit den
Armen zu fuchteln wie ein Trommelschläger.

»Du verrückter Kerl!« schrie sie und prallte vor dem Schwung seiner
Hand, die ihr beinahe ins Gesicht gefahren wäre, zurück.

Tscherewik erhob sich, rieb sich die Augen und sah sich um.

»Hol' mich der Henker! Aber deine Fratze kam mir wie eine Trommel vor,
auf der ich den Zapfenstreich schlagen mußte, mein Täubchen. Akkurat wie
die Moskowiter! diese Schweinsfratzen, von denen der Gevatter sagt ....«

»Laß das Tratschen! Geh, führ die Stute auf den Markt. Es ist einfach
zum Lachen. Wir sind auf den Jahrmarkt gekommen, und bisher ist noch
keine Handvoll Hanf verkauft ....«

»Ja, Frauchen,« sagte Tscherewik, »jetzt wird man schön über uns
lachen!«

»Geh, geh! Man lacht ohnehin über dich!«

»Du siehst ja, ich habe mich noch nicht gewaschen!« fuhr Tscherewik
gähnend und sich den Rücken kratzend fort, um Zeit für seine Faulheit zu
gewinnen.

»Du hast dir ja eine recht passende Zeit für deine Reinlichkeit gewählt!
Wann war sowas bei dir Sitte? Da ist ein Handtuch für dich, wisch dir
deine Fresse ab.«

Sie ergriff etwas, das zu einem Knäuel geballt dalag, und -- schleuderte
es entsetzt von sich: es war der Ärmelaufschlag eines _roten Kittels_.

»Geh schon, geh an deine Sachen!« wiederholte sie, bereits wieder
ermutigt, als sie sah, daß ihm vor Angst die Beine gelähmt waren und die
Zähne klapperten.

»Das wird ja jetzt ein schönes Geschäft werden!« brummte er bei sich,
während er die Stute losband und sie auf den Platz führte. »Nicht ohne
Grund also lag mir's, als ich zu diesem verfluchten Jahrmarkt fuhr, so
schwer auf der Seele, als hatte mir jemand eine krepierte Kuh
aufgeladen; und die Ochsen sind ja auch zweimal von selbst mitten auf
dem Wege umgekehrt. Und da fällt mir ein, wir sind ja auch am Montag
abgereist. Da haben wir die Bescherung! .... Ein schöner Störenfried ist
mir dieser verdammte Teufel: Kann er nicht seinen Kittel ohne den einen
Ärmel tragen! Aber nein, er gönnt den Leuten ihre liebe Ruhe nicht. Wenn
ich beispielsweise, was Gott bewahre, der Teufel wäre, -- hätte ich mich
da um solch einen verfluchten Fetzen herumgetrollt?«

Hier wurde unser Tscherewik durch eine fette und schrille Stimme in
seinem Philosophieren unterbrochen. Vor ihm stand ein großer Zigeuner.

»Was hast du zu verkaufen, guter Mann?«

Der Händler blieb eine Weile stumm, sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an
und sagte dann mit ruhiger Miene, ohne stehen zu bleiben oder die Zügel
aus der Hand zu lassen: »Du siehst ja selbst, was ich zu verkaufen
habe!«

»Riemen?« fragte der Zigeuner und blickte auf die Zügel in Tscherewiks
Hand.

»Jawohl, Riemen -- wenn eine Stute 'nem Riemen ähnelt!«

»Potztausend, Landsmann! Du hast sie wohl mit Stroh gefüttert!«

»Mit Stroh?«

Tscherewik wollte eben die Zügel anziehen, um seine Stute vorzuführen,
und den schamlosen Beleidiger Lügen zu strafen; aber seine Hand fuhr ihm
mit ungewöhnlicher Leichtigkeit ans Kinn. Was sah er! -- Die Zügel waren
durchgeschnitten, und daran gebunden sah man -- oh Entsetzen! Seine
Haare standen ihm zu Berge! -- den Ärmelfetzen eines _roten Kittels_!
.... Ausspuckend, sich bekreuzigend, und mit den Armen fuchtelnd floh er
von dannen vor diesem unerwarteten Geschenk, und verschwand flinker als
irgendein junger Bursch in der Menge.


                                  XI.

                    Wes das Korn, des die Prügel.

                                                           Sprichwort.

»Haltet ihn! Haltet ihn!« so schrien einige Burschen am schmalen Ende
der Straße, und Tscherewik fühlte, wie er plötzlich von festen Händen
gepackt wurde.

»Bindet den Kerl! 's ist derselbe, der dem guten Mann die Stute
gestohlen hat!«

»Gott mit euch, warum wollt ihr mich denn binden?«

»Er fragt noch! Und warum hast du dem fremden Bauern, dem Tscherewik,
seine Stute gestohlen?«

»Seid ihr bei Sinnen, Leute? Wo hat man denn je gesehen, daß einer sich
selbst etwas stiehlt?«

»Alte Possen, alte Possen! Warum bist du denn so atemlos davongelaufen,
als wenn der Satan selbst dir auf den Fersen wäre?«

»Soll man denn nicht laufen, wenn einem der Teufelsrock .....«

»He, Bester, das lüg' du anderen vor. Du wirst noch was Schönes vom
Präsidenten erleben, weil du die Leute mit Teufelsgeschichten
erschreckst!«

»Haltet ihn, haltet ihn!« ertönte da ein Ruf am anderen Ende der Straße,
»da ist der Ausreißer!«

Und vor unserem Tscherewik erschien der Gevatter im allerjämmerlichsten
Aufzuge, er hielt die Arme auf dem Rücken und wurde von einigen Burschen
vorwärts gestoßen.

»Wunder über Wunder,« rief einer von ihnen.

»Ihr solltet nur hören, was dieser Halunke erzählt. Man braucht ihm doch
nur ins Gesicht zu schauen, und man sieht ihm den Dieb an! Als man ihn
fragte, warum er so wahnsinnig davonrannte, da sagte er: >Ich steckte
die Hand in die Tasche, um eine Prise zu nehmen, aber statt der
Tabaksdose zog ich ein Stück von dem teuflischen _Kittel_ heraus, und
eine rote Flamme sprang auf.< -- Darum sei er davongerannt!«

»He he! Es sind also beides Vögel aus demselben Nest! Bindet sie alle
beide!«


                                  XII.

                       »Was hab' ich denn getan, ihr lieben Leute?
                       Was glotzt ihr mich so an?« sprach unser Bursche,
                       »Was spottet ihr und höhnt ihr denn mich Armen?
                       Warum, warum?« so ruft er aus und flennt,
                       Daß ihm die Träne auf der Backe brennt.

                            Artemowski-Gulak: »Der Herr und der Hund«.

»Gevatter, vielleicht hast du in der Tat etwas stibitzt?« fragte
Tscherewik, der zusammen mit seinem Gevatter gebunden in einer
Strohhütte lag.

»Also auch du, Gevatter! Hände und Füße sollen mir verdorren, wenn ich
je etwas gestohlen habe, höchstens Krapfen mit Rahm bei meiner Mutter,
aber auch das nur, als ich erst zehn Jahr alt war.«

»Wofür werden wir denn so gestraft, Gevatter? Bei dir ist's ja noch
nicht schlimm: du wirst doch wenigstens nur beschuldigt, einen anderen
bestohlen zu haben; aber mich Unglücksmenschen verleumdet der Satan: ich
soll mir selbst 'ne Stute gestohlen haben. Es ist uns wohl nicht
beschieden, auch mal ein bißchen Glück zu haben, Gevatter!«

»O weh uns armen Waisen!«

Und die beiden Gevatter fingen heftig an zu schluchzen.

»Was hast du, Tscherewik?« fragte da Grytzko, der in diesem Augenblicke
eintrat. »Wer hat dich gebunden?«

»Ach, Golupupenko, Golupupenko!« schrie Tscherewik freudig. »Gevatter,
das ist der, von dem ich dir erzählt habe. O, das ist ein tüchtiger
Kerl! Gott soll mich hier auf der Stelle töten, wenn er nicht einen Krug
ausgelutscht hat, so groß wie dein Kopf; und dabei verzog er keine
Miene!«

»Nun, Gevatter, und warum hast du einen solchen Prachtkerl abgewiesen?«

»Sieh,« fuhr Tscherewik zu Grytzko gewandt fort: »Gott straft mich wohl,
weil ich mich gegen dich versündigt habe. Vergib mir, lieber Junge! Bei
Gott, ich hätte ja alles für dich getan .... Aber was soll man da
machen! Der Satan sitzt in meiner Alten!«

»Ich trage nie jemandem Böses nach! Wenn du willst, so befreie ich
dich!«

Er winkte den Burschen, und dieselben jungen Leute, die Tscherewik
bewacht hatten, eilten herbei, ihn zu entfesseln.

»Nun aber wird Hochzeit gemacht, wie's sich gehört! Und wir wollen
tanzen, daß uns vom Hopsen die Beine ein ganzes Jahr lang weh tun!«

»_Recht so!_« rief Tscherewik und klatschte in die Hände. »Nun bin ich
wieder so vergnügt, als ob meine Alte von den Moskowitern geholt worden
wäre! Was ist da viel zu bedenken! Ob's nun recht ist oder nicht --
heute ist Hochzeit und damit Schluß!«

»Nur sieh zu, Tscherewik, in einer Stunde komm' ich zu dir, und jetzt
geh nach Hause, dort warten Käufer auf dich, die deine Stute und den
Weizen haben wollen.«

»Wie? Hat sich die Stute gefunden?«

»Ja, sie hat sich gefunden!«

Tscherewik blickte dem Grytzko starr vor Freude nach.

»Na, Grytzko, haben wir unsere Sache gut gemacht?« fragte der lange
Zigeuner den vorübereilenden Burschen. »Jetzt kriege ich doch die
Bullen?«

»Ja, ja, du sollst sie haben!«


                                 XIII.

                       Fürcht dich nicht, lieb Mütterchen,
                       Zieh die roten Schühchen an.
                       Tritt mit Füßen
                       Deine Feinde.
                       Wenn die Schuh'
                       Von Eisen klirren,
                       werden alle Feinde schweigen.

                                                        Hochzeitslied.

Das liebliche Kinn auf die Hand gestützt saß Paraßka sinnend allein im
Zimmer. Mancherlei Träume umschwirrten ihr blondes Köpfchen. Manchmal
berührte plötzlich ein leichtes Lächeln ihre rosigen Lippen, und ein
freudiges Gefühl ließ sie die dunklen Brauen emporheben, bald aber
senkte sich wieder ein Sinnen wie eine Wolke auf ihre grauen klaren
Augen.

»Wie wenn es nun doch nicht so käme, wie er gesagt hat!« flüsterte sie
mit einem Ausdruck des Zweifels. »Wenn er mich nun aber doch nicht
bekommt? Wenn .... Nein, nein! Das kann nicht sein! Die Stiefmutter tut
alles, was sie will! Kann ich nicht auch tun, was _ich_ will? Mein Trotz
ist groß genug! Wie schön ist er doch! Wie wunderbar glühen seine
schwarzen Augen! Wie lieb kann er sagen: >_Paraßja, mein Täubchen!_< --
Wie gut steht ihm der weiße Kittel! Wenn er noch dazu einen hellen
Gürtel .... Ja ich will ihm einen machen, wenn wir zusammen in die neue
Wohnung ziehen. O wie ich mich darauf freue!« fuhr sie fort, indem sie
ein kleines, mit rotem Papier beklebtes Spiegelchen aus dem Busen zog,
das sie auf dem Jahrmarkt gekauft hatte, und in das sie mit geheimem
Vergnügen hineinschaute. »Wenn ich ihr später begegne, so grüße ich sie
nicht, und wenn sie platzt! Nein, Stiefmütterchen, du hast deine
Stieftochter genug geprügelt! Eher wächst Sand auf Steinen, und neigt
sich die Eiche wie eine Weide zum Wasser herab, als daß ich mich vor
_dir_ neige! Aber ich habe ja ganz vergessen .... ich will doch das
Häubchen umbinden; ob es mir wohl gut steht; wenn's auch der Stiefmutter
gehört.«

Sie stand auf, den Spiegel in der Hand und den Kopf über ihn geneigt,
und ging behutsam durch die Stube, als fürchtete sie sich hinzufallen;
denn statt des Fußbodens sah sie die Decke mit den Brettern, von denen
neulich der Popensohn heruntergefallen war, und die Wandborde mit den
Töpfen drauf vor sich.

»Ich bin doch wirklich wie ein Kind!« rief sie lachend aus, »ich hab
Angst, einen Fuß vor den andern zu setzen!«

Und sie begann laut mit den Füßen aufzustampfen, immer mutiger und
mutiger. Endlich sank ihre linke Hand herab und stemmte sich auf die
Hüfte, und sie tanzte, mit den Sporen der Stiefelchen klirrend, drauf
los, hielt sich den Spiegel vor und sang ihr Lieblingsliedchen:

   Grüne Gräser, grüne Auen,
   Wachset nicht zu sehr!
   Liebster mit den schwarzen Brauen,
   Schmieg dich zu mir her!

   Grüne Gräser, grüne Auen,
   Wachset nimmermehr!
   Liebster mit den schwarzen Brauen,
   Schmieg dich näher her!

In diesem Augenblicke blickte Tscherewik durch die Türöffnung, und als
er seine Tochter vor dem Spiegel tanzen sah, blieb er stehen. Lange sah
er ihr zu, über die seltsame Laune des Mädchens lachend, das ganz in
Gedanken versunken, nichts um sich herum zu bemerken schien; als er aber
die bekannten Laute des Liedes hörte, da wurde es ihm heiß ums Herz;
stolz die Hände auf die Hüften gestemmt, sprang er vor und begann so zu
hopsen, daß er all seine andern Geschäfte vergaß. Das laute Lachen des
Gevatters ließ beide auffahren.

»Großartig! Vater und Tochter feiern hier selber Hochzeit! Kommt! kommt!
der Bräutigam ist da!«

Bei den letzten Worten glühte Paraßka in einem Rot auf, das tiefer war
als das, welches das leuchtende Band auf ihrem Kopfe färbte. Dem
sorglosen Vater fiel es erst jetzt ein, warum er eigentlich hierher
gekommen war.

»Töchterchen, komm schnell! Chiwrja ist vor Freude, daß ich die Stute
verkauft habe, fortgelaufen, um sich feine Tücher und allerhand
Schmucksachen zu kaufen!« sprach er und sah sich dabei ängstlich nach
allen Seiten um. »Bis zu ihrer Rückkehr wollen wir alles erledigt
haben!«

Kaum hatte Paraßka die Schwelle des Hauses überschritten, da fühlte sie
sich schon in den Armen des Burschen im weißen Kittel, der sie inmitten
einer Menge von Leuten auf der Straße erwartete.

»Gott segne euch!« sagte Tscherewik, ihre Hände vereinend. »In Glück und
Glanz haltet fest wie ein Kranz!«

Da gab's plötzlich einen Lärm.

»Eher will ich zerspringen, als daß ich das zulasse!« schrie Tscherewiks
Ehehälfte, die von der lachenden Menge zurückgedrängt wurde.

»Wüt nicht so, wüte doch nicht!« sprach Tscherewik kaltblütig, als er
sah, wie ein paar handfeste Zigeuner sich ihrer Arme bemächtigten.
»Geschehen ist geschehen! Ich bin nicht für Änderungen!«

»Nein, nein, das darf nicht sein!« schrie Chiwrja, aber niemand hörte
auf sie; ein paar lustige Leute umringten das junge Paar und bildeten
eine undurchdringliche, tanzende Mauer um sie.

Ein sonderbares unsagbares Gefühl mußte einen Zuschauer ergreifen, der
mit ansah, wie beim ersten Bogenstrich des Fiedelmanns in dem groben
Rock, mit dem langgeschweiften Schnurrbart, alles unwillkürlich ein
einiges Ganzes bildete und zu friedlicher Eintracht überging. Leute,
deren mürrische Gesichter offenbar ihr Lebtag niemals ein Lächeln
erhellt hatte, stampften mit den Füßen und warfen die Schultern empor.
Alles wirbelte im Tanze durcheinander. Aber ein noch sonderbareres, noch
unsagbareres Gefühl mußte in der Tiefe der Seele beim Anblick jener
Greisinnen erwachen, über deren uralten Gesichtern schon die
Gleichgültigkeit des Grabes wehte -- und die sich unter die neuen
Menschen drängten, die dem Leben angehörten und dem Lachen. Die
Sorglosen! Selbst sie, die keine kindliche Freude und keinen Funken des
Mitgefühls kannten, die erst der Rausch, wie ein Mechaniker seine
leblosen Automaten, zu einer menschlichen Äußerung zwingt, -- selbst
_sie_ nickten leise mit den berauschten Köpfen und hüpften ein wenig
hinter der lustigen Menge her, ohne auf das junge Paar zu achten.

Das Lärmen, Lachen, Singen verklang zu einem leisen und immer leiseren
Summen. Die Fiedel erstarb, ertönte schwächer und schwächer und ließ nur
noch ein paar undeutliche Töne durch die leere Luft zittern. Noch hörte
man hie und da ein Stampfen, gleich dem Tosen des fernen Meeres, aber
bald lag alles wieder öde und stumm da.

Fliegt uns nicht so auch die Freude davon, die schöne und flatterhafte
Freundin? Vergeblich sucht ein einsamer Klang, von Lust und Seligkeit zu
singen. Im eignen Echo schon vernimmt er die Laute der Trauer und
Einsamkeit, und er lauscht ihnen voller Schrecken. Stieben nicht so auch
die ausgelassenen Freunde der freien stürmischen Jugend einer nach dem
andern in alle Winde und lassen ihren alten Herzensbruder allein? Bang
wird dem Verlassenen! Voller Schwermut und Traurigkeit ist sein Herz,
doch für ihn gibt es keine Hilfe!



                           Die Johannisnacht


                               Eine Sage
               Erzählt vom Küster an der --Kirche zu ***

Foma Grigorjewitsch hatte eine merkwürdige Eigentümlichkeit: Er konnte
es auf den Tod nicht leiden, ein und dieselbe Geschichte mehrmals
erzählen zu müssen. Gab er aber schon einmal den Bitten nach und
erzählte etwas zum zweiten Male, dann fügte er entweder hier eine neue
Wendung hinzu, oder änderte dort etwas, so daß man die Geschichte kaum
wiedererkennen konnte. Einmal hatte einer jener Herren -- wir einfachen
Leute wissen nicht recht, wie wir sie nennen sollen: Schreiber oder
dergleichen, so was ähnliches wie die Makler auf unseren Jahrmärkten;
sie kramen, betteln und stehlen sich allerhand Zeug zusammen und senden
dann jeden Monat oder gar jede Woche ein Büchelchen so dick wie eine
Fibel in die Welt hinaus, -- einmal also hatte einer jener Herren
unserem Foma Grigorjewitsch die folgende Geschichte hier abgeluchst, und
der hatte das ganz vergessen. Aber eines Tages kommt dasselbe Herrchen
im erbsengrauen Kaftan aus Poltawa, von dem ich schon einmal sprach, und
von dem ihr wohl die eine Geschichte schon gelesen habt, -- er kommt
also, bringt ein kleines Büchelchen mit, schlägt's in der Mitte auf und
zeigt uns die Sache. Foma Grigorjewitsch war schon im Begriff, seine
Nase mit der Brille zu besatteln, aber da fiel ihm ein, daß er vergessen
hatte, ein Stück Faden um sie zu wickeln und Wachs drauf zu kleben, und
so gab er denn mir das Buch. Ich verstehe mich nun mal leidlich aufs
Lesen und brauche keine Brille, und so begann ich denn. Aber ich hatte
noch keine zwei Seiten umgewendet, als er mich fest bei der Hand nahm
und unterbrach.

»Halt, sagt mir zuerst, was Ihr da lest?«

Ich muß gestehen, diese Frage verblüffte mich ein wenig.

»Wie, Foma Grigorjewitsch? Was ich da lese? Das ist doch Eure
Geschichte, es sind Eure eigenen Worte!«

»Wer hat Euch das erzählt, daß das meine Worte sind?«

»Was wollt Ihr denn noch mehr? Da steht's doch gedruckt. Erzählt von dem
Küster Soundso.«

»Spuckt dem Jungen auf den Kopf, der das darauf gedruckt hat! Er lügt,
der Saukerl! Das soll ich gesagt haben? Das ist ja fast so, als hätte
der Satan einen Sparren! Hört zu, die muß ich Euch selbst erzählen!«

Wir rückten am Tische zusammen, und er begann.

                   *       *       *       *       *

Mein Großvater (Gott hab' ihn selig! Möge er in jener Welt nur
Weizenbrot und Mohnkuchen mit Meth zu essen bekommen!) mein Großvater
verstand es wunderbar zu erzählen. Wenn der erst einmal damit anfing, so
mochte man sich am liebsten den ganzen lieben Tag nicht vom Platze
rühren und nur immer zuhören. Und er redete nicht etwa wie einer von den
heutigen Faselhänsen; wenn so einer anfängt, sein Garn herunter zu
spinnen, und dabei noch mit einem Maul, als hätte er drei Tage lang
nichts zu essen gekriegt, dann möchte man am liebsten nach der Mütze
greifen und davonlaufen. Ich erinnere mich noch, wie wenn es heute wäre,
-- meine Mutter selig war noch am Leben, -- an die langen Winterabende,
wenn draußen heftiges Frostwetter herrschte und das schmale Fensterchen
unserer Stube dicht mit Schnee verklebte, wie sie da am Spinnrocken saß,
mit der Hand den langen Faden zog, mit dem Fuß die Wiege schaukelte und
ein Lied dazu sang, das ich jetzt noch im Ohr habe. Das Lämpchen
beleuchtete zitternd und wie im Schreck aufflackernd die Stube. Die
Spindel surrte; und wir Kinder hörten alle, zu einem Haufen
zusammengedrängt, dem Großvater zu, der vor Alter schon über fünf Jahre
nicht mehr hinterm Ofen hervorgekrochen war. Aber keiner der wundersamen
Berichte aus den alten Tagen von den Ritten der Saporoger, von den
Polen, von den kühnen Taten des Podkowa, des Poltora-Koschucha oder des
Sagajdatschny ergriffen uns so stark wie die Berichte über eine alte,
sonderbare Begebenheit, bei der einem ein Schauer über den Leib lief und
das Haar sich sträubte. Manchmal kam eine solche Angst über einen, daß
man abends Gott weiß was für Ungeheuer zu sehen meinte. Hattest du mal
nachts die Stube verlassen, um etwas zu besorgen, so glaubtest du
sicher, es habe sich ein Fremdling aus jener Welt in dein Bett gelegt,
um zu schlafen. Ich will auf der Stelle sterben, wenn ich nicht oft
meinen eignen Kittel am Kopfende des Bettes für einen zusammengekauerten
Teufel hielt. Aber die Hauptsache an den Erzählungen des Großvaters war,
daß er sein Lebtag nie gelogen hat, und wie er's sagte, genau so war es
auch.

Eine von seinen sonderbaren Geschichten will ich euch jetzt erzählen.
Ich weiß wohl, es werden sich schon etliche Klüglinge finden, die
Gerichtsschreiber sind oder gar neumodische Schriften lesen, -- welche
zwar keinen Deut verstehen, wenn man ihnen ein Stundenbuch in die Hand
drückt, -- aber dafür um so besser die Zähne zu fletschen wissen. Was
man denen auch erzählen mag, sie lachen ja doch. Was hat sich doch jetzt
für ein Unglaube in der Welt verbreitet! Gott und die unbefleckte
Jungfrau mögen mir beistehen -- ihr werdet's vielleicht nicht glauben:
als ich einmal von Hexen sprach -- da fand sich doch wahrhaftig so ein
Springinsfeld, der nicht an Hexen glauben wollte! Gott sei Dank, ich
lebe schon viele Jahre; ich habe schon Menschen gesehen, die solche
Heiden waren, daß es ihnen leichter wurde, in der Beichte zu lügen, als
unsereinem, eine Prise zu nehmen; aber auch die schlugen vor einer Hexe
das Kreuz. Wenn denen einmal im Traum .... na, ich will's gar nicht erst
über die Zunge bringen .... was soll man über sowas noch Redens machen.

Vor vielen vielen Jahren, 's werden wohl sicher über hundert sein, --
erzählte mein Großvater selig -- war unser Dorf noch etwas ganz anderes
als jetzt! Da war's noch ein Weiler, der allerärmste Weiler! Zehn
ungetünchte und ungedeckte Hütten lagen mitten im Felde verstreut, und
es gab weder einen Zaun, noch einen anständigen Schuppen, in dem man
Vieh oder einen Wagen hätte unterstellen können. Und die, die so lebten,
das waren noch die Reichen, was aber erst unsereiner von der
Brüderschaft der Habenichtse für ein Leben hatte, das läßt sich kaum
beschreiben! Ein Loch in der Erde -- das war das ganze Haus! Nur an dem
Rauch konnte man merken, daß da ein Menschenkind unseres lieben
Herrgotts hauste. Ihr werdet nun fragen, warum lebten die wohl so? Armut
allein war's nicht, denn damals war fast jeder ein freier Kosak und
hatte sich in fremden Ländern nicht wenig Reichtümer erbeutet; nein, man
sehnte sich gar nicht nach einem richtigen Hause. Was trieben sich
damals nicht allerorts für Menschen herum: Leute aus der Krim, Polen,
Litauer usw. Oft geschah es auch, daß man von den eigenen Landsleuten
geschunden wurde. Ja ja, da kam mancherlei vor.

In diesem Weiler nun tauchte zuweilen ganz plötzlich ein Mensch oder
richtiger gesagt, ein Teufel in Menschengestalt auf. Woher er kam und zu
welchem Zwecke -- das wußte niemand. Er soff, vergnügte sich, -- und auf
einmal war er verschwunden, wie wenn er in die Erde gesunken wäre. Dann
kam er wieder, wie vom Himmel gefallen, trieb sich auf den Straßen des
Dorfes umher, von dem jetzt keine Spur mehr übrig ist, und das
vielleicht nicht mehr als hundert Schritte von Dikanka entfernt war,
sammelte die ersten besten Kosaken um sich, und dann ging ein Lachen und
Singen an: das Geld wurde nur so ausgeschüttet, und der Schnaps rann
dahin wie Wasser. Dann ging er zu den Mädchen und schenkte ihnen Bänder,
Ohrringe und Perlen -- in vollen Haufen! Freilich, so manches Mädel
wurde bedenklich bei diesen Geschenken: Weiß Gott, am Ende waren sie in
der Tat durch unreine Hände gegangen. Die leibliche Tante meines
Großvaters, die damals auf der heutigen Landstraße von Oposchnjani einen
Ausschank hatte, in dem Bassawrjuk (so hieß dieser Teufelskerl) oft
zechte, pflegte zu sagen, sie würde um keinen Preis in der Welt ein
Geschenk von ihm annehmen. Aber wie konnte man wiederum etwas
zurückweisen? -- Jedem wurde gruselig zumute, wenn _er_ seine borstigen
Brauen runzelte und einen finstern Blick auf einen warf, daß man am
liebsten ausgerissen wäre; nahm man aber das Geschenk an, so konnte man
schon in der nächsten Nacht einen Gast aus dem Moor, einen mit Hörnern
auf dem Kopfe, erwarten. Und der würgte einen, wenn man Perlen am Halse
trug, biß einen in den Finger, wenn ein Ring darauf steckte, oder riß
einer Frau fast den Zopf aus, wenn sie ein Band darein geflochten hatte.
Zehn Schritt vom Leibe mit solchen Geschenken! Eine neue Not aber war
es, sie los zu werden: Man wirft sie ins Wasser -- aber der teuflische
Ring oder die Perlen schwimmen oben auf und springen einem wieder in die
Hand zurück.

Im Dorfe stand auch eine Kirche, die, wenn ich mich recht besinne, dem
heiligen Pantelej angehörte. Damals nun waltete in ihr ein Priester
namens Vater Afanassi, seligen Angedenkens. Als er gewahrte, daß
Bassawrjuk sogar am Ostersonntag nicht in die Kirche kam, wollte er ihn
ausschelten und ihm eine Kirchenbuße auferlegen; aber sieh da, er kam
kaum mit heiler Haut davon. »Hör mal, _Herr_!« brüllte ihn jener an,
»kümmere dich lieber um deine Geschäfte, anstatt dich in fremde zu
mischen, wenn du nicht willst, daß dir dein Ziegenhals mit einem heißen
Sterbekuchen verkleistert wird!« Was konnte man mit diesem
Gottverdammten anfangen? Vater Afanassi erklärte nun jeden, der mit
Bassawrjuk verkehren würde, für einen Römling, und für einen Feind der
Christenkirche und des ganzen Menschengeschlechts.

In demselben Dorfe hatte auch ein Kosak namens Korsch einen Arbeiter,
den die Leute Peter Heimatlos nannten, vielleicht deshalb, weil er weder
seinen Vater noch seine Mutter kannte. Der Kirchenvorstand hatte zwar
gesagt, die wären schon in seinem zweiten Lebensjahr an der Pest
gestorben; aber die Tante meines Großvaters wollte es nicht wahrhaben
und war aus aller Kraft bemüht, ihm Eltern aufzudrängen, obgleich der
arme Peter sich geradesoviel um diese Frage kümmerte, wie wir um den
vorjährigen Schnee. Sie behauptete, sein Vater befinde sich jetzt noch
in der Saporoger Gegend, sei in Gefangenschaft bei den Türken gewesen,
habe Gott weiß welche Qualen erdulden müssen, und habe nur durch ein
Wunder, als Eunuch verkleidet, Reißaus nehmen können. Die
schwarzbrauigen Mädels und die jungen Weibsleute scherten sich wenig um
seine Verwandtschaft. Sie äußerten nur, wenn man ihm einen feinen Rock
-- etwa einen neuen Schupan -- anzöge, einen roten Gürtel umlegte, eine
neue Mütze aus schwarzem Lammfell mit einer schmucken blauen Kappe
aufsetzte, ihm einen türkischen Säbel an die Seite schnallte, und in die
eine Hand einen langen Degen und in die andere eine hübsch eingefaßte
Pfeife gäbe -- dann würde er alle andern Burschen in die Tasche stecken.
Aber der arme Petrusj besaß alles in allem nur einen einzigen grauen
Kittel, der mehr Löcher hatte, als mancher Jude Dukaten in der Tasche.
Doch das wäre noch nicht schlimm gewesen, was schlimm war, war vielmehr
dies: der alte Korsch hatte ein Töchterchen, eine Schönheit, wie ihr sie
wohl kaum je gesehen habt. Die Tante des seligen Großvaters pflegte zu
erzählen, -- und ihr wißt ja, ein Weib wird, mit Verlaub zu sagen, eher
den Teufel küssen, als eine andere schön nennen, -- daß die runden
Bäckchen des Kosakenmädchens so frisch und glänzend waren wie die
allerzarteste rote Mohnblume, die sich in Gottes Tau gebadet hat und nun
aufleuchtet, ihre Blättchen ausbreitet und sich vor der aufgehenden
Sonne putzt. Wie schwarze Schnürchen, die die Mädchen heutzutage bei den
Hausierern in den Dörfern für ihre Kreuze und Schmuckdukaten kaufen, so
zart schwangen sich die Brauen über ihren Augen, als spiegelten sie sich
in ihrem klaren Kristall. Ihr Mündchen, nach dem der ganzen jungen Welt
von damals der Mund wässerte, schien wie geschaffen für die Gesänge
einer Nachtigall. Ihr Haar, schwarz wie Rabenfittiche und weich wie
junger Flachs (denn damals flochten es die jungen Mädchen noch nicht zu
kleinen Zöpfchen, durch die sie sich jetzt hübsche bunte Bänderchen
ziehen) fiel in vollen Locken auf den goldbestickten Überwurf herab. Ei,
da soll mich doch Gott von der Kanzel nie wieder das Hallelujah singen
lassen, wenn ich sie nicht auf der Stelle abküssen möchte, und wenn auch
der alte Wald auf meinem Schädel schon so ziemlich grau ist, und meine
Alte sich mir an die Seite heftet, wie ein Star ins Auge. Na, wenn ein
Bursch und ein Mädel nah beieinander wohnen .... ja, da wißt ihr schon,
was draus wird. Man konnte stets in aller Herrgottsfrühe den Abdruck der
Stiefeleisen auf der Stelle sehen, wo Pidorka mit ihrem Petrusj
gestanden hatte. Korsch hätte immer noch nichts Schlimmes geahnt, aber
einst, -- und das kam durch nichts anderes als durch die List eines
Teufels -- da fiel es Petrusj ein, ohne sich genauer im Flur umzusehen,
sozusagen von ganzer Seele einen Kuß auf die rosigen Lippen des
Kosakenmädchens zu pressen. Und dieser selbe Teufel, -- mag doch der
Hundesohn vom heiligen Kreuz träumen! -- ritt den alten Knasterbart, daß
er gerade zu dieser Zeit die Tür öffnete. Korsch stand da wie ein
Holzklotz, sperrte den Mund auf und mußte sich an die Tür lehnen. Der
verdammte Kuß schien ihn vollkommen betäubt zu haben. Er kam ihm lauter
vor als der Schlag eines Mörserstößels auf ein Brett, mit dem zu unserer
Zeit die Bauern in Ermangelung von Pulver und Flinte den Festschmaus zu
Ehren Johannes des Täufers begleiten. Als er wieder zu sich gekommen
war, nahm er seine Nagaika aus Urväter Zeiten von der Wand und wollte
sie schon auf den Rücken des armen Peter niedersausen lassen, da
erschien auf einmal Pidorkas sechsjähriges Brüderchen Iwasj, kam
erschreckt herbeigelaufen, umschlang seine Beine mit den Händchen und
schrie: »Vater, Vater, schlag den Petrusj nicht!« Was war da zu machen?
Ein Vaterherz ist nicht von Stein: er hing die Nagaika an die Wand und
führte ihn leise aus dem Zimmer hinaus. »Wenn du dich jemals wieder hier
im Hause sehen läßt oder auch nur am Fenster, so höre, Petrusj: Bei
Gott, dein schwarzer Schnurrbart ist dahin und auch deine Kosakenlocke,
die du dir doppelt ums Ohr wickelst, -- ich will nicht Terenti Korsch
sein, wenn sie nicht von deinem Schädel Abschied nimmt!« Bei diesen
Worten versetzte er ihm einen leichten Stoß in den Nacken, so daß
Petrusj Hals über Kopf hinausflog. So weit hatten sie es mit dem Küssen
gebracht. Ein schwerer Kummer überfiel unser Täubchen; dazu ging noch im
Dorfe das Gerücht um, zu Korsch ins Haus käme ein goldbeladener Pole mit
Schnurrbart, Säbel und Sporen, dessen Taschen so klirrten wie der
Klingelbeutel, den unser Meßner Taras täglich in der Kirche umgehen
läßt. Nun man weiß ja, wozu man einen Vater besucht, der eine
schwarzäugige Tochter hat. Einmal schlang Pidorka die Arme um ihren
Bruder Iwasj: »Iwasj, mein Liebling, bester Iwasj! Lauf zu Petrusj, mein
goldenes Kind, rasch wie ein Pfeil vom Bogen schnellt, und erzähl ihm
alles: ich möchte seine grauen Augen liebkosen und sein weißes Antlitz
küssen, aber das Schicksal will es nicht. Manches Tuch habe ich mit
meinen heißen Tränen benetzt, mir ist so bang und so schwer ums Herz.
Mein eigner Vater ist mir feind und zwingt mich, dem ungeliebten Polen
in die Ehe zu folgen. Sag ihm, man bereite schon die Hochzeit vor, doch
es soll keine Musik auf unserer Hochzeit geben, und nur die Küster
werden plärren, statt daß Zither und Schalmei erklingen. Und nicht werde
ich mit meinem Gemahl zum Tanze gehen, sondern hinaustragen wird man
mich aus dem Hause. Dunkel und düster wird mein enges Haus sein -- aus
Ahornbrettern wird es gezimmert sein, und statt eines Schlotes wird ein
Kreuz auf dem Dache stehn!«

Wie versteinert und ohne sich von der Stelle rühren zu können, hörte
Petrusj das unschuldige Kind Pidorkas Worte nachlallen. »Dacht' ich
Unglücklicher nicht schon daran, in die Krim oder ins Türkenland zu
ziehen, mir Gold zu erbeuten und mit vielen Gütern beladen zu dir
zurückzukehren, du meine Schönste? Doch es sollte nicht sein. Ein böser
Blick hat uns getroffen. Wohl werden wir Hochzeit feiern, mein teures
Fischlein du, aber kein Küster wird auf unserer Hochzeit singen -- statt
eines Popen krächzt mir zu Häupten ein schwarzer Rabe, das weite Feld
wird mein Haus und die graue Wolke mein Dach sein; meine grauen Augen
hackt der Adler aus; der Regen wird mir die Kosakenknochen bleich
waschen, und der Sturmwind wird sie austrocknen. Doch was tu ich? Wem
klag' ich was vor? Gott hat's wohl so angeordnet! Verloren ist
verloren!« -- Und stracks zog er in die Schenke.

Die Tante meines seligen Großvaters war nicht wenig erstaunt, als sie
Petrusj in der Schenke sah, und dazu noch zu einer Zeit, wo ein braver
Mensch zur Frühmesse geht. Sie glotzte ihn mit ihren Augen an, wie wenn
sie noch im Schlafe läge, als er einen Krug -- oder richtiger fast einen
halben Eimer voll Branntwein bestellte. Allein vergebens suchte der
Ärmste seinen Kummer zu ertränken. Der Schnaps brannte ihm auf der Zunge
wie Nesseln und dünkte ihn bitterer als Wermut. Weit von sich warf er
den Krug zu Boden. Da dröhnte es im Baß über seinem Kopfe: »Laß doch das
Trauern, Kosak!« Er schaut auf: Es war Bassawrjuk! Uh, welche Fratze!
Der hatte Haare wie ein Borstenvieh und Augen wie ein Bulle! »Ich weiß,
was dir fehlt: das da!« rief er und klirrte teuflisch grinsend mit
seiner ledernen Geldkatze, die ihm am Gürtel hing. Petrusj erbebte.
»Hehe, wie die glühen!« brüllte er und schüttete sich die Dukaten auf
die Hand. »Hehe, die klimpern! Und doch heißt's nur eine einzige Tat
vollbringen, um einen ganzen Berg solcher Schnipsel!« -- »Satan!« schrie
da Petrusj. »Her damit! Ich bin zu allem bereit!« Beide gaben sich den
Handschlag und waren einig. »Sieh, Petrusj, du kommst gerade zur rechten
Zeit: morgen ist Johannistag. Nur in dieser einen Nacht des Jahres
treibt das Farnkraut Blüten. Du darfst es nicht verpassen. Ich erwarte
dich um Mitternacht in der Bärenschlucht.«

Ich glaube, die Hühner warten nicht so auf den Augenblick, wo ihnen die
Hausfrau Krumen streut, wie Petrusj auf den Abend wartete. Immerwährend
blickte er aus, ob die Baumschatten nicht länger würden, ob nicht die
tief herabgesunkene Sonne in Purpur erglömme, und je länger er wartete,
um so ungeduldiger wurde er. Wie lange dauerte das doch! Gottes Tag
konnte wohl kein Ende finden. -- Nun ist die Sonne fort. Nur noch auf
einer Seite rötet sich der Himmel noch. Und schon erlischt er. Es wird
kälter im Felde; dunkler und dunkler wird's, und alles liegt in
nächtlicher Finsternis da. Endlich! Das Herz wollte ihm schier aus der
Brust springen, als er sich auf den Weg machte und mit Vorsicht durch
den dichten Wald zu dem tiefen Grunde herabstieg, der Bärenschlucht
genannt wurde. Bassawrjuk wartete schon auf ihn. Es war so finster, daß
man die Hand vor den Augen nicht sah. Hand in Hand schlichen sie durch
die Sümpfe des Moors, verfingen sich im dichten Gestrüpp und
strauchelten fast bei jedem Schritte. Endlich fanden sie einen ebenen
Platz. Petrusj sah sich um: Er war noch nie hier gewesen. Auch
Bassawrjuk blieb stehen.

»Siehst du: da vor dir liegen drei Hügel. Viel mannigfache Blumen
wachsen dort; doch alle Mächte der Welt mögen dich bewahren, auch nur
eine zu pflücken. Kaum aber erblüht der Farn, so greif nach ihm und
blick dich nicht um, was du auch hinter dir dünken magst.«

Petrusj wollte noch etwas fragen .... aber jener war verschwunden. Er
ging auf die Hügel zu: wo waren die Blumen? Es war nichts zu sehen.
Schwarz lag das wilde Steppengras da und überwucherte alles mit seinem
Gestrüpp. Da blitzte ein Wetterleuchten auf, und vor ihm erschien ein
ganzes Beet voll wundersamer und nie gesehener Blumen; darinnen sah er
auch die einfachen Blätter des Farnkrautes. Voller Zweifel stemmte
Petrusj beide Hände in die Hüften und stellte sich nachdenklich vor sie
hin.

»Was ist denn Wunderbares dabei? Zehnmal des Tages sehe ich solches
Kraut: was ist denn das für ein Mirakel? Am Ende macht sich die
Teufelsfratze nur über mich lustig!«

Auf einmal aber glüht ein kleines Knöspchen rot auf und rührt sich wie
wenn es lebendig wäre. Seltsam fürwahr! Rührt sich, wird immer größer
und größer und glüht heiß wie eine rote Kohle. Da flammte ein Sternchen
auf, etwas knisterte leise, und vor seinen Augen entfaltet sich die
Blume wie eine Flamme, loht leuchtend auf und überstrahlt alles rings
herum.

»Jetzt ist's Zeit,« dachte Petrusj und streckte die Hand aus. Aber
siehe, da strecken sich noch hundert andere zottige Hände nach der Blume
aus, und hinter ihm läuft raschelnd etwas von Ort zu Ort. Er drückte die
Augen zu, riß am Stengel, und die Blume blieb in seiner Hand. Alles
verstummte. Da tauchte Bassawrjuk, auf einem Baumstumpf sitzend, empor:
ganz bläulich wie eine Leiche. Er rührte keinen Finger, seine Augen
waren starr auf etwas gerichtet, das nur ihm allein sichtbar war; sein
Mund stand halb offen, aber er sprach nichts. Ringsum rührte sich
nichts. Wie furchtbar war Petrusj zumute! .... Aber nun vernahm Petrusj
ein Pfeifen, daß ihm das Herz im Leibe erstarrte, und es kam ihm so vor,
als ob das Gras summe, und die Blumen sich mit dünnen Stimmchen
unterhielten, die wie silberne Glöcklein klangen. Die Bäume donnerten
grollend durcheinander .... Bassawrjuks Antlitz wurde auf einmal
lebendig. Seine Augen funkelten. »Endlich ist sie da, die Hexe,« grunzte
er durch die Zähne. »Petrusj schau, bald wird dir eine schöne Frau
erscheinen: Tu alles, was sie dir befiehlt, sonst bist du auf ewig
verloren!« Er zerteilte das Dickicht mit einem Knotenstock, und vor
ihnen erschien ein Häuschen, das auf Hühnerfüßchen stand, wie es im
Märchen heißt. Bassawrjuk schlug mit der Faust dagegen, und die Wand
wankte. Ein großer, schwarzer Hund kam winselnd herausgelaufen,
verwandelte sich plötzlich in eine Katze und warf sich ihnen entgegen.
»Tobe nicht, wüte nicht, alte Teufelin,« rief Bassawrjuk und würzte
seine Rede mit so einem Wörtlein, daß sich ein rechtschaffener Mensch
dabei die Ohren zugestopft hätte. Da wurde die Katze zu einem alten
Weibe mit einem so runzligen Gesicht wie ein gebratener Apfel, und
krümmte sich wie ein Bogen; Nase und Kinn glichen einem Nußknacker.
»Welch herrliche Schönheit!« dachte Petrusj, und es überlief ihn kalt.
Die Hexe riß ihm die Blume aus der Hand, beugte sich über sie, flüsterte
einen langen Spruch vor sich hin und besprengte sie mit einer
unbekannten Flüssigkeit. Funken stoben aus ihrem Munde, und Schaum trat
ihr auf die Lippen. »Wirf sie hin«, rief sie, indem sie ihm die Blume
reichte. Petrusj warf die Blume hin, aber -- o Wunder: die Blume fiel
nicht gleich zur Erde, sondern leuchtete lange wie eine Feuerkugel
mitten im Dunkel und segelte wie ein Kahn durch die Luft; endlich begann
sie sich leise zu senken und fiel so fern von ihnen herab, daß das
Sternchen kaum mehr zu sehen war und nicht größer erschien, denn ein
Mohnkorn. »Hier!« krächzte die Alte dumpf, und Bassawrjuk reichte ihm
einen Spaten hin und rief: »Grabe hier nach, Petrusj! Da wirst du so
viel Gold finden, als weder du noch Korsch je geträumt haben!« --
Petrusj spie sich in die Hände, ergriff den Spaten, trat mit dem Fuß
darauf und wühlte die Erde auf, einmal, noch einmal, ein drittes Mal,
noch einmal .... Da stieß er auf etwas Hartes! .... Der Spaten klirrte
und wollte nicht tiefer in die Erde hinein. Jetzt begannen seine Augen
plötzlich ganz deutlich eine kleine, eisenbeschlagene Kiste
wahrzunehmen. Schon wollte er sie mit der Hand erfassen, aber die Kiste
begann immer tiefer und tiefer in die Erde zu sinken, und hinter sich
vernahm er ein Lachen, das dem Zischen von Schlangen glich. »Nie sollst
du das Gold erschauen, ehe du nicht Menschenblut herbeischaffst!« rief
die Hexe und führte auf einmal ein etwa sechsjähriges Kind vor ihn hin,
das mit einem weißen Tuch bedeckt war; sie deutete ihm mit Zeichen an,
er müsse dem Kinde den Kopf abhacken. Petrusj erstarrte. Ist's denn eine
Kleinigkeit, so mir nichts, dir nichts einem Menschen den Kopf
abzuhacken, und dazu noch einem unschuldigen Kinde! Wütend riß er das
Tuch vom Kopfe, und was sah er? Vor ihm stand Iwasj! Das arme Kind stand
mit gekreuzten Händchen und gesenktem Köpfchen da .... Wie ein Rasender
sprang Petrusj mit dem Messer auf die Hexe los und erhob die Hand ....

»Was versprachst du, für das Mädchen zu tun?« donnerte ihn Bassawrjuk
an, und versetzte ihm einen Schlag in den Rücken, der ihn traf wie ein
Schuß. Die Hexe stampfte mit dem Fuße, und eine blaue Flamme sprang aus
dem Boden. Das Innere der Erde strahlte auf und war wie aus Glas, und
alles in der Erde wurde so deutlich sichtbar, gleich als läge es auf der
flachen Hand! In Kisten und Kesseln waren Dukaten und Edelsteine
haufenweise aufgestapelt, genau unter der Stelle, auf der sie standen.
Des Petrusj Augen brannten, .... sein Verstand verfinsterte sich ....
wie ein Toller packte er das Messer, und das unschuldige Blut spritzte
ihm in die Augen. Ein teuflisches Gelächter toste auf allen Seiten. --
Widerwärtige Ungeheuer sprangen scharenweise vor ihm auf und ab. Wie ein
Wolf, die Hände in den enthaupteten Leichnam gekrallt, sog die Hexe das
Blut. In Petrusj Kopf kreiste alles, und mit dem Aufwand seiner letzten
Kräfte begann er zu laufen. Alles vor ihm versank in rotes Licht. Alle
Bäume brannten in rotem Blut und stöhnten. In Rotglut getaucht wankte
der Himmel hin und her. Feuerflecke zuckten glimmend vor seinen Augen
auf. Entkräftet lief er bis in seine Hütte, sank dort zu Boden wie eine
Ähre und ein totenähnlicher Schlaf umfing ihn.

Zwei Tage und zwei Nächte schlief Petrusj, ohne zu erwachen. Als er am
dritten Tage wieder zu sich kam, betrachtete er lange alle Ecken und
Winkel seiner Stube, doch vergeblich suchte er sich an die Begebenheiten
der letzten Zeit zu erinnern: sein Gedächtnis glich der Tasche eines
alten Geizhalses, aus der man keinen Heller herauslocken kann. Nachdem
er sich ein wenig gereckt hatte, vernahm er plötzlich zu seinen Füßen
ein Klirren. Sieh da: vor ihm lagen zwei Säcke voll Gold. Erst jetzt
erinnerte er sich wie in einem Träume, daß er einen Schatz gesucht
hatte, und wie es grausig im Walde gewesen war .... Aber um welchen
Preis er ihn erhalten hatte, darauf konnte er sich durchaus nicht mehr
besinnen.

Sowie Korsch die Säcke erblickte, da wurde er seidenweich. »Petrusj, so
ein Herzensjung', den sollt' ich nicht lieben? Der war mir doch stets
wie mein eigner Sohn!« Und der alte Knurrhahn begann so zu schwefeln,
daß dem Petrusj die Tränen in die Augen kamen. Da lief Pidorka bestürzt
herbei und begann zu erzählen, Iwasj sei von vorbeiziehenden Zigeunern
gestohlen worden. Aber Petrusj konnte sich nicht einmal mehr auf ihn
besinnen, so sehr stand er im Banne des verdammten Teufelsspukes! Nun
war keine Zeit mehr zu verlieren. Der Pole wurde vor die Tür gesetzt,
und man feierte Hochzeit: da wurden Kuchen gebacken, Wäsche genäht, man
rollte ein Fäßchen Schnaps herbei, das junge Paar ward an den Tisch
gesetzt, das Hochzeitsgebäck aufgeschnitten, da klimperten Harfen und
die Saiten des Zymbals, es kreischten die Schalmeien und die Zithern
summten -- und die Lustbarkeit begann ....

Ein Hochzeitsfest aus alten Tagen ist nicht mit einem in unserer Zeit zu
vergleichen. Die Tante meines Großvaters erzählte -- hei juchhei! Ei wie
da die Mädels im prächtigen Kopftuch mit den gelben, blauen und rosa
Bändern und der Goldtresse daran darauf lossprangen. Sie hatten feine
Hemden an, deren Nähte mit roter Seide bestickt waren und die kleine
silberne Blümchen zierten, und hohe Saffianstiefelchen, die mit Hufeisen
beschlagen waren; stolz wie Pfauen flogen sie gleich einem Wirbelwind
rauschend durchs Zimmer. Wie da die jungen Frauen eine nach der anderen
hervortraten mit ihrem bootsartigen Kopfputz, dessen Kappe aus Brokat
gewirkt war, mit einem Nackenausschnitt, durch den das goldene Häubchen
mit den zwei herabbaumelnden Zipfelchen aus feinstem schwarzen Lammfell
hervorguckte, in ihren blauen Ueberwürfen aus herrlichstem Seidenstoff
mit roten Aufschlägen -- ei wie sie da gar würdig, die Hände auf die
Hüften gestützt, eine nach der anderen hervortraten, und im Takt ihren
Hopak tanzten. Wie da die Burschen in ihren hohen Kosakenmützen, in
feinen Tuchkitteln mit silbergesticktem Gürtel, und die Pfeife zwischen
den Zähnen um sie herum scharwenzelten und ihr Licht durchaus nicht
unter den Scheffel stellten! Korsch selbst konnte beim Anblick des
jungen Volkes nicht mehr an sich halten und legte los wie in alten
Tagen. Mit der Harfe in der Hand, aus der Pfeife paffend und ein Lied
vor sich hin singend, so begann der Alte, mit dem Schnapsglas auf dem
Kopf, beim lauten Geschrei der lustigen Kumpanei seinen Hopser herunter
zu stampfen. Was die nicht alles in ihrer Lustigkeit anstifteten! Schon
wenn man anfing, Mummenschanz zu treiben, Gott, was gab's da nicht
alles. Das war eine ganz andere Mummerei als auf unseren heutigen
Hochzeiten. Was macht man denn heute? Man verkleidet sich als
Zigeunerinnen und Moskowiter, das ist alles! Nein, damals verkleidete
sich einer als Jude und der andere als Teufel; erst küßte man sich, und
dann packte man einander beim Schopf .... Ich bitt' euch, das gab ein
Lachen, daß man sich den Bauch halten mußte. Oder man legte türkische
und tatarische Gewänder an, die da glühten wie das reine Feuer .... Und
wenn man erst wirklich anfing, Unsinn und Schabernack zu treiben ....
das war geradezu zum Platzen! Mit der Tante meines verstorbenen
Großvaters, die mit auf dieser Hochzeit war, begab sich eine drollige
Geschichte. Sie trug damals ein weites tatarisches Kleid und ging mit
dem Schnapsglas in der Hand umher, um alle wohl zu versorgen. Da mußte
einen der Teufel reiten, daß er sie von hinten mit Branntwein begoß, ein
anderer mußte gerade in diesem Augenblick Feuer schlagen, und so setzten
sie sie denn lichterloh in Brand. Die Flammen flackerten im Nu hoch auf:
die arme Tante begann sich voller Schrecken in aller Gegenwart die
Kleider vom Leibe zu reißen .... Was sich da für ein Lärm, Gelächter und
ein wildes Durcheinander erhob, rein wie auf einem Jahrmarkt! Kurz, die
ältesten Leute konnten sich nicht auf eine so lustige Hochzeit besinnen.

Pidorka und Petrusj begannen ein Leben miteinander wie die feinsten
Herrschaften. Alles war in Hülle und Fülle vorhanden, alles blinkte und
funkelte nur so .... Doch die lieben Nachbarn, die ihren Wohlstand
mitansahen, schüttelten nur den Kopf. »Vom Teufel kommt nichts Gutes!«
sagten sie alle einstimmig. »Woher hat er denn den Reichtum, wenn nicht
vom Versucher aller rechtgläubigen Christen? Wo hätte er einen solchen
Haufen Goldes wohl hergenommen? Warum ist Bassawrjuk gerade an demselben
Tage verschwunden, als Petrusj zu seinem Reichtum kam?« -- Und was die
Leute noch alles redeten. Und in der Tat; es war noch kein Monat
vergangen, da war Petrusj nicht mehr wiederzuerkennen. Was mit ihm
geschehen war, das weiß Gott allein. Sitzt immer auf ein und derselben
Stelle fest und redet kein Wort; er grübelt nur immer, als wollte er
sich auf etwas besinnen. Wenn es Pidorka gelang, ein Wort aus ihm
herauszupressen, sodaß er sich vergaß, ins Gespräch kam und sogar ganz
heiter wurde, dann brauchte er nur wie zufällig auf die Geldsäcke zu
blicken, und sofort schrie er los: »Halt, halt, ich hab's vergessen!«
Und wieder verfiel er in Sinnen und quälte sich ab, eine Erinnerung
heraufzurufen. Manchmal, wenn er lange Zeit still auf einem Flecke saß,
kam es ihm so vor, als ob etwas Längstvergangenes wieder in sein
Gedächtnis zurückkehrte .... aber gleich darauf verschwand alles wieder.
Es dünkt ihn, er sitzt in der Schenke, man bringt ihm Schnaps, der
Schnaps brennt ihm auf der Zunge und widert ihn an; jemand tritt zu ihm
-- schlägt ihm auf die Schulter, und er .... Aber dann schien alles vor
ihm in einen Nebel zu sinken, der Schweiß rann ihm vom Gesicht, und er
sank erschöpft wieder auf seinen Platz zurück.

Was auch Pidorka tun mochte: Kluge Frauen befragen, Zinndeuten, Wasser
besprechen -- nichts wollte helfen. So verging der Sommer. Manch ein
Kosak hatte schon sein Korn abgemäht und sein Heu geschnitten; manch
kühnerer Kosak war ins Feld gezogen. Schwärme von Enten drängten sich
auf unseren Weihern, und der Zaunkönig war schon längst verschwunden.
Die Steppen färbten sich rot, Getreidehaufen lagen hie und da verstreut
wie Kosakenmützen auf dem Felde. Auf den Wegen konnte man schon Wagen
begegnen, die mit Reisig und Holz beladen waren. Die Erde wurde hart,
und zeitweise gab es schon Frost. Schon rieselte der Schnee vom Himmel
herab, und die Zweige der Bäume waren mit Rauhreif verziert wie mit
Hasenpelzchen. Schon stolzierte in klaren Wintertagen der rotbrüstige
Gimpel wie ein eitler, polnischer Schlachziz auf den Schneehaufen umher
und suchte sich Körner, und die Kinder trieben mit Riesenstäben hölzerne
Bälle übers Eis, während ihre Väter ruhig hinter den Öfen lagen und nur
ab und zu mit der brennden Pfeife im Munde vors Haus gingen, um tüchtig
auf den russischen Frost zu schimpfen, um sich mal auszulüften, oder
weil sie das Korn in den Schobern noch einmal durchdreschen wollten.
Endlich begann der Schnee zu schmelzen, und der Hecht schlug mit dem
Schwanze das Eis auf; Petrusj aber war derselbe geblieben, und nur um so
düsterer geworden, je weiter die Zeit vorrückte. Wie angeschmiedet saß
er mitten im Zimmer, die Säcke mit dem Golde zwischen den Beinen. Er
verwilderte, war ganz und gar mit Haaren bewachsen, und wurde ein wahres
Schreckbild; immer denkt er an ein und dasselbe, will sich etwas ins
Gedächtnis zurückrufen, grollt mit sich und wütet, daß es ihm nicht
gelingt. Oft springt er wild von seinem Sitze auf, fährt mit den Händen
umher und heftet seine Augen auf etwas, als ob er es festhalten wollte;
seine Lippen bewegen sich, als wollten sie ein längst vergessenes Wort
aussprechen und -- erstarren ...... Tobsucht packt ihn; wie toll nagt
und beißt er an seinen Händen, und voll Grimm reißt er sich ganze
Büschel von Haaren aus, bis er wieder still wird, bewußtlos hinsinkt,
wieder zu sinnen anfängt; und dann wieder dieselbe Wut, und dieselbe
Qual ..... Was für eine Strafe Gottes war das! Was Pidorka durchmachen
mußte, das war kein Leben mehr! Zuerst graute sie's, allein im Hause zu
bleiben, aber dann gewöhnte sich die Ärmste an ihr Unglück. Die Pidorka
von einst war nicht mehr wiederzuerkennen. Ihr Gesicht hatte weder Farbe
noch ein Lächeln mehr; abgehärmt und abgezehrt war's, ausgeweint waren
die klaren Augen. Einst gab ihr jemand aus Erbarmen den Rat, sie solle
zu der Zauberin gehen, die in der Bärenschlucht hauste, und von der der
Ruf ausging, sie könne alle Gebreste der Welt heilen. Sie beschloß, dies
letzte Mittel zu versuchen. Nach vielem Hin und Her überredete sie
endlich die Alte, mit ihr mitzugehen. Es war gegen Abend und gerade vor
Johannisnacht. Petrusj lag besinnungslos auf der Bank und nahm den neuen
Gast gar nicht wahr. Doch bald begann er sich nach und nach aufzurichten
und um sich zu blicken. Plötzlich erbebte er wie auf dem Schafott; sein
Haar sträubte sich .... und er brach in ein solches Lachen aus, daß die
Angst Pidorka ins Herz schnitt. »Ich hab's, ich hab's!« schrie er in
fürchterlicher Lustigkeit, schwang das Beil hoch empor und ließ es aus
aller Leibeskraft auf die Alte fallen. Das Beil sauste zwei Zoll tief in
die Eichentür hinein. Die Alte war verschwunden, und mitten in der Stube
stand ein Kind von sieben Jahren in weißem Hemdchen mit verhülltem
Haupte .... Das Tuch flog herunter. »Iwasj!« schrie Pidorka und stürzte
auf ihn zu; doch das Gespenst war vom Kopf bis zu Füßen mit Blut bedeckt
und erglühte in rotem Lichte, das die ganze Stube in brennendes Rot
tauchte. Voller Angst lief sie auf den Flur; als sie wieder ein wenig zu
sich gekommen war, wollte sie ihm helfen; aber vergebens! Die Tür war so
fest hinter ihr zugeschlagen, daß man nicht imstande war, sie wieder zu
öffnen. Die Leute liefen zusammen, begannen zu klopfen, schlugen die Tür
ein: Keine Seele war da! Die ganze Stube war voll Rauch, nur in der
Mitte, wo Petrusj gestanden hatte, lag ein Haufen Asche, von dem hie und
da ein Qualm aufstieg. Man eilte zu den Säcken, darin lagen statt der
Dukaten nur zerbrochene Scherben. Mit glotzenden Augen, aufgesperrten
Mäulern, und ohne den Mut, sich zu regen, standen die Kosaken wie
angewurzelt da. In solche Angst hatte sie dies Wunder versetzt.

Was weiter geschah, das weiß ich nicht. Pidorka legte das Gelübde ab,
eine Pilgerfahrt zu machen; sie suchte ihr Hab und Gut zusammen, das ihr
vom Vater übrig geblieben war, und war in der Tat einige Tage später aus
dem Dorfe verschwunden. Wohin sie sich begeben hatte, das wußte niemand
zu sagen. Geschwätzige alte Weiber wollten wissen, sie sei dort, wo auch
Petrusj sei; aber ein Kosak, der aus Kiew kam, erzählte, er habe im
Kloster eine zum Skelett abgemagerte Nonne gesehen, die immerwährend
betete und in der ihre Landsleute allen Anzeichen nach Pidorka
wiedererkannt hätten. Bis jetzt, hieß es, habe noch niemand von ihr ein
einzig Wörtlein gehört, sie solle allein zu Fuß gekommen sein und habe
eine Fassung für das Heiligenbild der Mutter Gottes mitgebracht, eine
Fassung, die mit solchen bunten Steinen besetzt gewesen sei, daß allen
die Augen flimmerten, wenn sie sie ansähen.

Mit Verlaub, aber damit war noch nicht alles zu Ende. An demselben Tage,
als der Böse Petrusj zu sich genommen hatte, tauchte auch Bassawrjuk
wieder auf; aber alle mieden ihn von nun ab. Man wußte jetzt, was das
für ein Vogel war: niemand anders als der Satan war's, der
Menschengestalt angenommen hatte, um Schätze zu heben; und da unreine
Hände nicht Schätze heben können, so lockte er brave Burschen an sich.
Noch in demselben Jahre ließen alle ihre Lehmhütten stehen und liegen
und zogen ins Kirchdorf; aber auch dort hatte man keine Ruhe vor dem
verfluchten Bassawrjuk. Die Tante meines verstorbenen Großvaters
erzählte, er habe eine besondere Wut auf sie gehabt, weil sie ihre alte
Schenke auf der Landstraße nach Oposchnjany aufgegeben hatte, und er
habe mit allen Mitteln versucht, seinen Zorn an ihr auszulassen. Einst
waren die Dorfältesten in der Schenke beieinander; sie saßen und
unterhielten sich, wie man so sagt, nach Amt und Würden am Tisch, auf
dessen Mitte ein gewiß nicht allzu kleiner gebratener Hammel stand. Man
schwatzte über dies und jenes, auch über mannigfache Wunder und
Ungeheuerlichkeiten. Auf einmal schien's, und nicht nur einem, -- was ja
nichts bedeuten würde, -- sondern allen, als ob der Hammel den Kopf
erhob, die gebrochenen Augen wie lebendig leuchteten, und als ob
plötzlich ein borstiger schwarzer Schnurrbart sich auf die Anwesenden
zubewegte. Alle erkannten in dem Hammelkopf sofort die Fratze
Bassawrjuks, und die Tante meines Großvaters dachte schon, er würde
gleich Schnaps bestellen! .... Die guten Leutchen griffen nach ihren
Mützen und zogen ihres Weges. Ein anderes Mal sah der Kirchenvorstand in
eigener Person, der es liebte, ab und zu ein Stündchen bei Großvaters
Schnapsglas zu verbringen, noch ehe er zum zweiten Male das Glas geleert
hatte, auf einmal, wie das Glas anfing, sich ehrerbietigst vor ihm bis
zur Erde zu verneigen. »Hol' dich der Teufel!« rief er und begann sich
zu bekreuzigen ..... Aber da widerfuhr seiner Ehehälfte gleichfalls ein
Wunder: sie hatte gerade begonnen, Teig in einem mächtigen Trog zu
kneten, da sprang der Trog auf einmal in die Höhe. »Halt! Halt! Wohin
willst du?« rief sie. Aber da begann er, die Henkel in die Hüften
gestemmt, ehrwürdig in der Stube umherzutänzeln ..... Ja lacht nur! Aber
unserem Großvater war's nicht zum Lachen zumute. Vergeblich ging Vater
Afanassi im ganzen Dorfe mit Weihwasser umher und suchte den Teufel
durch Besprengen aller Straßen zu vertreiben. Es half nichts. Noch lange
klagte die Tante meines verstorbenen Großvaters darüber, daß, sobald es
Abend wurde, jemand aufs Dach klopfte und an den Wänden kratzte.

Aber das ist noch nicht alles! Jetzt scheint ja auf der Stelle, wo unser
Dorf steht, alles ruhig zu sein; aber es ist noch garnicht so lange her,
-- mein verstorbener Vater und ich haben es noch erlebt -- daß kein
ehrenwerter Mensch an der verfallenen Schenke, die noch lange Zeit
danach immer wieder von den unreinen Geistern ausgebessert wurde, ohne
Furcht vorbeigehen konnte. Aus dem rußigen Schlot schlugen Säulen Qualms
empor, die so hoch in die Luft stiegen, daß einem beim Hinaufsehen die
Mütze herunterfiel, und aus dem Qualm fielen glühende Kohlen über die
ganze Steppe. Und der Teufel -- gar nicht nennen dürft' man den
Hundesohn -- schluchzte so jämmerlich in seiner Kammer, daß die Aasgeier
erschreckt in ganzen Scharen aus dem nahen Eichenwäldchen emporstießen
und mit wildem Geschrei am Himmel umherschossen.



                                Mainacht
                                  oder
                             Die Ertrunkene


                    Der Teufel mag wissen wie's kommt! Machen sich
                    ehrliche getaufte Leute an irgend etwas, so müssen
                    sie sich abrackern, wie der Windhund hinterm Hasen,
                    und kriegen's doch nie zu fassen. Kommt aber der
                    Böse und wackelt bloß mit dem Schwänzchen -- da
                    geht's auf einmal wie vom Himmel gefallen.


                                   I.
                                 Hanna

Hell wie ein leuchtender Strom ergoß sich ein Lied durch die Straßen des
Dorfes ***. Es war die Stunde, da Burschen und Mädchen, matt von des
Tages Müh und Sorge, sich lärmend im Kreise versammeln, um im Glanz des
reinen Abends ihre Lust in Klängen hinauszujubeln, in denen stets etwas
wie eine geheime Trauer mitschwingt. Ganz in Sinnen versunken umschlang
der Abend träumerisch den blauen Himmel und wandelte alles in
Ungewißheit und Ferne. Schon begann es zu dämmern, aber die Lieder
verstummten dennoch nicht. Mit der Harfe in der Hand zieht Lewko einher.
Er hat sich von den Sängern weggeschlichen, der junge Kosak, des
Dorfamtmanns Sohn. Mit seiner hohen Kosakenmütz' auf dem Kopfe zieht der
Kosak durch die Gasse, zupft mit der Hand die Saiten und tänzelt dazu.
Doch nun blieb er vor der Tür eines Häuschens stehen, das niedrige
Kirschbäume umstanden. Wes Haus ist dieses? Und wes die Tür? Nach kurzem
Verweilen spielte er und sang:

   Sonne sinkt, Abend winkt,
   Komm zu mir, mein Herzenskind!

»Nein, mein helläugiges Liebchen schläft wohl schon fest,« sprach der
Kosak, indem er sein Lied beendete und ans Fenster trat. »Halja, Halja!
Schläfst du, oder willst du nicht zu mir kommen? Du fürchtest gewiß, es
könnt' uns jemand erblicken, oder will sich am Ende gar dein weißes
Gesichtchen nicht in die Kälte hinauswagen? Fürcht' dich nicht, niemand
ist in der Nähe; der Abend ist warm. Ja, käm' auch jemand, ich deck'
dich mit meinem Kittel zu, ich will dich mit meinem Gürtel umwinden, mit
meinen Händen bedecken, -- und niemand wird uns sehen. Und wehte es
selbst eisig kalt, ich drück' dich noch näher an mein Herz, ich wärm'
dich mit Küssen und zieh meine Mütze über deine weißen Füßchen. Mein
Herz, mein Fischchen, mein Kleinod! Schau nur einen Augenblick heraus.
Steck nur dein weißes Händchen durchs Fensterchen ... Nein, du schläfst
nicht, stolzes Mädchen!« rief er lauter und in einem Ton, wie ihn wohl
jemand findet, der sich über einen Augenblick der Erniedrigung schämt.
»Dir gefällt's, mich zu verhöhnen. Leb' wohl!«

Er wandte sich ab, schob die Mütze schief aufs Ohr und zog stolz davon,
leis die Saiten der Harfe zupfend. Da drehte sich der Holzgriff der Tür,
knarrend öffnete sich die Pforte, und ein Mädchen, das etwa siebzehn
Lenze zählte, trat, von Dämmerung umwoben, über die Schwelle; scheu sah
sie sich um, ohne den hölzernen Griff aus der Hand zu lassen. Ihre
hellen Augen leuchteten im ungewissen Dunkel freundlich wie Sternlein;
die rote Korallenkette blinkte, und vor den Adleraugen des Burschen
blieb nicht einmal die Röte verborgen, die ihr schamhaft über die Wangen
flammte.

»Wie ungeduldig du bist!« sprach sie halblaut zu ihm. »Gleich bist du
böse! Warum hast du denn gerade diese Zeit gewählt? Eine Unmenge von
Leuten lungert auf den Straßen umher .... ich zittere am ganzen Leibe.«

»O zittere nicht, mein Knöspchen! Drück dich recht fest an mich!« sprach
der Bursch, umarmte sie, streifte die Harfe ab, die ihm an einem langen
Riemen um den Hals hing, und ließ sich neben ihr vor der Türe nieder.
»Du weißt: dich auch nur eine Stunde nicht zu sehen, ist so bitter für
mich!«

»Weißt du, was ich glaube?« unterbrach ihn das Mädchen und richtete
sinnend die Augen auf ihn. »Mir ist's, als raunte mir jemand ins Ohr,
daß wir uns in Zukunft nimmer so oft mehr sehen werden. Die Menschen
sind bei euch so schlimm, die Mädchen sehen mich so neidvoll an, und die
Burschen .... Fühl' ich's doch gar, daß mich die Mutter seit einiger
Zeit noch strenger bewacht. Ich will dir's gestehen, fröhlicher war's in
der Fremde!«

Bei den letzten Worten huschte ein schmerzlicher Zug über ihr Gesicht.

»Du bist kaum zwei Monate in der Heimat, und schon wird dir's zu lang;
bin ich dir vielleicht auch schon zuwider?«

»O nein, du bist mit nicht zuwider!« sagte sie lächelnd, »ich liebe dich
doch, du schöner Kosak! Ich liebe dich um deiner klaren Augen willen,
und wenn du mit ihnen auf mich blickst, so lächelt alles in meiner
Seele, und ihr wird so wohl und so heiter; ich liebe dich, weil du so
freundlich mit dem schwarzen Schnurrbart zuckst, weil du auf der Straße
singst und spielst, und lieblich ist's, dir zuzuhören.«

»O meine Halja!« rief der Bursch, und drückte sie unter Küssen noch
fester an seine Brust.

»Halt ein, Lewko! Sag mir zuerst, hast du mit deinem Vater gesprochen?«

»Was?« rief er, wie aus dem Schlafe auffahrend, »daß wir uns heiraten
wollen? Ich habe mit ihm gesprochen.« Doch das Wort »gesprochen« klang
voller Bitterkeit in seinem Munde.

»Und nun?«

»Was soll man mit ihm machen? Der alte Tropf stellt sich nach seiner
Gewohnheit taub, will nichts hören, und schilt noch, daß ich mich, weiß
Gott wo, umhertreibe und mich mit den Burschen in den Straßen vergnüge.
Doch verzage nicht, meine Halja! Da hast du mein Kosakenwort drauf, daß
ich ihn doch beuge!«

»Ja, Lewko, du brauchst nur ein Wörtlein zu sagen, und alles geschieht
nach deinem Willen. Weiß ich es doch von mir: Ich möchte mich dir so
manches Mal widersetzen, doch du sagst nur ein Wort, und wider die
eigene Absicht tu ich, was du willst. Sieh nur, sieh --« fuhr sie fort,
indem sie den Kopf an seine Schultern lehnte und ihre Augen zur Höhe
erhob. Dort blaute der warme unermeßliche Himmel der Ukraine, der unten
von den krausen Zweigen der Kirschbäume verhängt war. »Sieh dort, --
weit, weit, da blinken Sternchen: eins, zwei, drei, vier, fünf ....
Nicht wahr, das sind doch Gottes Engel, die die Fensterchen ihrer hellen
Himmelsstübchen aufmachen und uns ansehen? Sie blicken doch auf unsere
Erde herab? O, wenn die Menschen doch Flügel hätten wie die Vögel, --
und so hinauffliegen könnten, hoch, hoch in die Höhe .... O, wie
schrecklich! Keine Eiche ragt bei uns in den Himmel. Aber es soll
irgendwo in einem fernen Lande solch einen Baum geben, dessen Wipfel in
den Himmel hineinrauscht, und Gott soll auf ihm in der Osternacht zur
Erde herabsteigen.«

»Nein, Halja, Gott hat eine lange Leiter, die vom Himmel bis zur Erde
reicht. Am Ostersonntag wird sie von den heiligen Erzengeln
aufgerichtet, und sowie Gott auf die erste Stufe tritt, da schwirren
alle unreinen Geister empor und stürzen zu Haufen herab in die Hölle.
Und darum ist zum Fest Christi kein böser Geist auf der Erde.«

»Wie sanft wiegt sich das Wasser hin und her, wie ein Kind in der
Wiege,« fuhr Hanna, auf den Teich weisend, fort, der mürrisch von
dunklem Ahorngehölz umstanden war und von den Weiden beweint wurde, die
ihre trauernden Zweige in ihn versenkt hatten. Wie ein kraftloser Greis
hielt er den ferndunklen Himmel in seinen kalten Armen, überschüttete
mit frostigen Küssen die brennenden Sterne, die trübe mitten im warmen
Meer der nächtlichen Luft glimmten, in ängstlicher Vorahnung, daß bald
der König der Nacht in blendendem Glanz aufleuchten würde. Auf dem Berge
schlummerte neben dem Walde ein altes hölzernes Haus mit geschlossenen
Läden; Moos und Unkraut bedeckten sein Dach; krausgelockte Apfelbäume
wucherten vor den Fenstern, der Wald umarmte es mit seinen Schatten und
warf eine wilde Düsternis darauf, und vor ihm breitete sich ein
Nußbaumhain aus und glitt zum Teiche herab.

»Ich erinnere mich wie im Traume,« sagte Hanna, ohne die Augen von ihm
abzuwenden. »Vor langer, langer Zeit, als ich noch klein war und bei
meiner Mutter lebte, da wurde gar Schreckliches von diesem Hause
gesprochen. Lewko, du weißt es sicher, erzähle!«

»Da sei Gott vor! Liebste! Was doch die Weiber und Dummköpfe nicht alles
erzählen. Du bringst dich nur um deine Ruhe, du könntest dich ängstigen
und nachher nicht gut schlafen!«

»Erzähl, erzähl, liebster, schönster Junge!« rief sie, preßte ihr
Gesicht an seine Wange und umschlang ihn fest. »Nein, du liebst mich
nicht! Sicher liebst du noch ein anderes Mädchen! Ich ängstige mich doch
nicht -- ich schlafe die Nacht über ganz ruhig. Aber wenn du mir's nicht
erzählst, werde ich nicht einschlafen können. Ich werde mich quälen und
werde grübeln .... erzähle, Lewko!«

»Die Leute sprechen wohl die Wahrheit, die da sagen, daß ein Teufel in
den Mädchen sitzt und beständig ihre Neugier reizt. So höre denn. Vor
langer Zeit, mein Herz, da lebte ein Hauptmann in diesem Hause. Dieser
Hauptmann hatte ein Töchterlein, ein hübsches Fräulein, so weiß wie
Schnee, ganz so wie dein Gesichtchen. Des Hauptmanns Weib war schon
lange tot, und der Hauptmann gedachte nun, sich eine andere Frau zu
nehmen. >Wirst du mich auch liebkosen wie früher, Väterchen, wenn du dir
eine andere Frau nimmst?< -- Freilich, mein liebes Töchterchen, noch
fester als früher werd' ich dich an mein Herze drücken! Glänzendere
Ohrringe noch und Perlen werd' ich dir schenken!«

»Der Hauptmann brachte das junge Weib in sein Haus. Schön war das junge
Weib, rosig und weiß war das junge Weib, und doch blickte sie so
furchtbar auf ihre Stieftochter, daß die aufschrie bei ihrem Anblick,
die strenge Stiefmutter aber sprach den ganzen Tag über kein Wort. So
kam die Nacht heran. Der Hauptmann begab sich mit seinem jungen Weibe
ins Schlafgemach; und auch das schneeweiße Fräulein schloß sich in ihre
Kammer ein. Bitter ward ihr zumute und sie begann zu weinen. Plötzlich
sieht sie, wie eine schreckliche Katze auf sie zuschleicht; ihr Fell
glüht, und ihre eisernen Krallen schlagen laut auf die Diele. Voll Angst
springt sie auf die Bank, -- die Katze ihr nach; sie springt auf die
Ofenbank, die Katze folgt ihr dort hinauf, und mit einem Male springt
sie dem Mädchen an den Hals und beginnt sie zu würgen. Mit einem Schrei
riß das Mädchen sie von sich los und schleuderte sie zu Boden. Und
wieder schleicht die schreckliche Katze heran. Ein Grausen erfaßt das
Mädchen. An der Wand hing ihres Vaters Säbel. Sie packte ihn, und
sausend fiel der Hieb, -- die Tatze mit den Eisenkrallen flog ab, und
die Katze verschwand winselnd in der dunklen Ecke. Den ganzen Tag über
verließ die junge Frau ihr Gemach nicht, erst am dritten Tage erschien
sie wieder mit einer verbundenen Hand. Da ging dem armen Fräulein eine
Ahnung auf, daß ihre Stiefmutter eine Hexe war, und daß sie ihr die Hand
abgehauen hatte. Am vierten Tage befahl der Hauptmann seiner Tochter,
Wasser herbei zu tragen und das Haus zu fegen wie eine gemeine Magd, und
verbot ihr, sich in den herrschaftlichen Gemächern zu zeigen. Der
Ärmsten ward so schwer ums Herz, doch was konnte sie tun, sie mußte ja
den Willen des Vaters erfüllen. Am fünften Tage jagte der Hauptmann
seine Tochter barfuß aus dem Hause, und gab ihr nicht einmal ein
Stückchen Brot mit auf den Weg. Da schlug das Fräulein die Hände vor das
Gesicht und begann bitterlich zu schluchzen. >O mein Vater, in Verderben
gestürzt hast du deine eigne Tochter. Die Hexe hat deine sündige Seele
ins Verderben gestürzt! Möge Gott dir verzeihen, mir hat Er wohl nicht
länger zu leben beschieden ....< -- Siehst du da ....?« wandte sich
Lewko an Hanna und wies mit dem Finger auf das Haus, »schau hin: dort
hinter dem Hause ist das Ufer am steilsten. Von diesem Ufer stürzte sich
das Fräulein ins Wasser, und ward seit dem Tage nicht mehr gesehen ....«

»Und die Hexe?« unterbrach ihn Hanna ängstlich und richtete ihre
tränenschweren Augen auf ihn.

»Die Hexe? Alte Weiber haben das Märchen ersonnen, daß seit jener Zeit
in mondhellen Nächten alle ertrunkenen Mädchen in den Garten des
Hauptmanns kamen, um sich im Mondlicht zu wärmen, und des Hauptmanns
Töchterlein war die erste unter ihnen. Eines Nachts erblickte sie ihre
Stiefmutter neben dem Teich, fiel über sie her und schleppte sie mit
Geschrei ins Wasser. Aber auch diesmal ließ sich die Hexe nicht aus der
Fassung bringen, sie verwandelte sich unter dem Wasser in eine von den
Ertrunkenen und entkam so der Peitsche aus grünem Schilf, mit der die
Ertrunkenen sie schlagen wollten.

Glaub' einer den Weibern! -- Man erzählt auch noch, daß das Fräulein
seit jener Nacht die Ertrunkenen um sich sammelt, jeder einzelnen ins
Gesicht blickt, und sich abmüht, zu erkennen, welche von ihnen die Hexe
sei; aber bis jetzt hat sie es noch nicht erfahren. Und wenn sie einen
_Menschen_ in die Hände bekommt, so zwingt sie ihn, die Hexe zu suchen,
und droht ihm, ihn sonst zu ertränken. So erzählen die alten Leute,
liebe Halja! .... Unser jetziger Pan aber will an dieser Stelle eine
Schnapsbrennerei errichten und hat schon eigens dazu einen Brennmeister
hergeschickt .... Doch ich höre reden. Die Unsrigen kommen vom Singen
zurück. Leb' wohl, Halja! Schlafe ruhig und denk nicht an diese
Weibermärchen.« --

Mit diesen Worten umschlang er sie noch fester, küßte sie und ging.

»Leb' wohl, Lewko!« sprach Hanna und richtete sinnend ihre Augen auf den
dunklen Wald.

In diesem Augenblicke begann ein riesenhafter Feuer-Mond majestätisch
aus der Erde zu wachsen. Noch lag die eine Hälfte unter der Erde, aber
schon erfüllte sich die ganze Welt mit einem feierlichen Lichte. Der
Teich sprühte Funken. Der Schatten der Bäume löste sich scharf vom
dunklen Grün.

»Leb' wohl, Hanna!« tönt es hinter ihr, und ein Kuß begleitete diese
Worte.

»Du bist wieder zurückgekehrt?« sagte sie und schaute sich um. Aber als
sie einen unbekannten Burschen sah, wandte sie sich zur Seite.

»Leb' wohl, Hanna!« ertönte es da wieder, und wieder küßte sie jemand
auf die Wange.

»Hat der Teufel noch einen hierhergeführt!« rief sie voller Zorn.

»Leb' wohl, liebe Hanna!«

»Ein Dritter!«

»Leb' wohl, leb' wohl, leb' wohl, Hanna!« Und von allen Seiten regneten
Küsse auf sie herab.

»Das ist ja eine ganze Horde!« schrie Hanna und mußte sich gewaltsam aus
einem großen Haufen von Burschen losreißen, die sie um die Wette
umarmten. »Wie ist ihnen nur das ewige Küssen nicht zuwider! Bei Gott,
bald darf man sich nicht mehr auf der Straße zeigen!«

Nach diesen Worten schlug die Türe zu, und man hörte nur noch, wie der
eiserne Riegel sich klirrend vorschob.


                                  II.
                            Der Dorfamtmann

Kennt Ihr die Nächte der Ukraine? O Ihr kennt die Nächte der Ukraine
nicht. Blickt nur recht tief in sie hinein, versenkt Euch tiefer in ihre
Wunder. Mitten vom Himmel herab blickt der Mond; noch gewaltiger als
sonst ist die unermeßliche Wölbung des Himmels, dehnt sich noch weiter
in unermeßlichen Fernen und scheint brennend und lohend zu atmen. Die
ganze Erde liegt in silbernem Lichte da, die wundersame Luft ist von
einer schwülen Kühle und Wonne erfüllt, und strömt einen Ozean von
Wohlgerüchen aus. Göttliche Nacht! Berückende Nacht! Regungslos und wie
begeistert stehen die Wälder in tiefer Finsternis und werfen ungeheure
Schatten. Still liegen die Teiche ruhend da; die Kälte und die
Finsternis sind düster verkerkert in die dunkelgrünen Mauern der Gärten.
Die jungfräulichen Hecken aus Faulbeer und Kirschbäumen strecken scheu
ihre Wurzeln in die kühle Flut der Quellen, und ihre Blätter lispeln ab
und zu, als ob sie zürnten oder sich empörten, wenn der schöne,
flatterhafte Nachtwind schnell herangeschlichen kommt und sie küßt. Die
ganze Natur schläft. Oben aber lebt und webt alles in herrlicher Feier.
Und auch die Seele breitet sich herrlich aus ins Unermeßliche, und
Reigen silberner Visionen steigen aus ihrer Tiefe auf. Göttliche Nacht!
Berückende Nacht! Mit einemmal aber wird alles lebendig: Wälder, Teiche
und Steppen. Majestätisch rollt das Schmettern der ukrainischen
Nachtigall dahin, und man meint, selbst der Mond lausche ihr aus der
Mitte des Himmels .... Wie verzaubert schlummert das Dorf auf der
Anhöhe. Noch weißer und prächtiger strahlen die Haufen der Häuschen im
Mondlichte, noch blendender heben sich ihre niederen Mauern von der
Dunkelheit ab. Die Lieder sind verstummt. Alles ist still. Die frommen
Leute schlafen schon. Nur hie und da leuchtet ein schmales Fensterchen
auf. Auf den Schwellen einzelner Hütten sitzt noch eine Familie und
verzehrt ihr spätes Nachtmahl.

»I wo, ein Hopser wird ganz anders getanzt! Also darum ging's nicht vom
Fleck! -- Was erzählt der Gevatter da? .... Nun also: Hop, trala! --
hop, trala! -- hop, hop, hop!« So sprach ein angeheiterter Bauer
mittleren Alters zu sich selbst und begann mitten auf der Straße zu
tanzen. »Bei Gott, so wird kein Hopser getanzt! Was soll ich schwindeln?
Bei Gott! So nicht! Nun also: Hop trala! -- Hop trala! -- hop, hop,
hop!«

»Der Mensch ist ja ganz närrisch. Wenn's noch ein junger Kerl wäre, aber
so ein alter Bär .... der tanzt bloß den Kindern zum Spott hier nachts
auf der Straße!« rief eine ältere Frau im Vorübergehen, die Stroh in der
Hand trug. »Geh nach Haus! Es ist schon längst Schlafenszeit!«

»Ich gehe ja schon,« sagte der Bauer und blieb stehen. »Ich geh' ja
schon. Ich pfeife auf den Amtmann. Was denkt er sich denn. Der Teufel
soll seinen Vater holen. Wenn er Amtmann ist und die Leute bei stärkstem
Frostwetter noch mit kaltem Wasser begießt, hat er darum etwa das Recht,
so hochnäsig und wichtig zu tun? Ei, ist das mir ein Amtmann! Ich bin
mein eigner Amtmann! Gott soll mich schlagen -- ich bin mein eigner
Amtmann! Jawohl,« fuhr er fort, »und nicht etwa ....« Er trat ans erste
beste Häuschen heran, blieb vor dem Fenster stehen, und bemühte sich,
mit den Fingern über die Scheibe gleitend, den hölzernen Griff zu
finden. »Weib, mach auf! Schnell, Weib, ich sage dir, mach auf! Der
Kosak will schlafen!«

»Wo willst du hin, Kalenik? du bist an ein fremdes Haus geraten!«
schrien lachend die Mädchen hinter ihm her, die vom fröhlichen Sang
heimkehrten. »Sollen wir dir dein Haus zeigen?«

»Zeigt mir's, meine lieben jungen Damen!«

»Damen? Hört ihr's?« rief die eine, »wie artig Kalenik ist! Dafür müssen
wir ihm sein Haus zeigen ....! Aber nein, erst tanz uns mal eins vor!«

»Tanzen? .... Ah, ihr schlauen Mädel!« rief Kalenik gedehnt lachend, mit
dem Finger drohend und stolpernd, denn er war etwas unsicher auf den
Beinen. »Laßt Ihr euch auch küssen? Ich will euch alle küssen -- alle
.... alle!« Und mit wankenden Schritten jagte er hinter ihnen her. Die
Mädchen schrieen alle durcheinander; aber bald faßten sie Mut und liefen
auf die andere Seite der Straße, als sie merkten, daß Kalenik nicht
allzu flink auf den Beinen war.

»Da ist dein Haus!« schrien sie ihm beim Fortgehen zu und zeigten auf
ein Haus, das größer war als die übrigen und dem Dorfamtmann gehörte.
Kalenik wankte gehorsam auf jene Seite hinüber und begann dann von neuem
auf den Amtmann zu schimpfen.

Wer aber ist denn eigentlich dieser Amtmann, der so böses Gerede über
sich erregt? O, dieser Amtmann ist eine wichtige Person auf dem Lande.
Bis Kalenik das Ende seines Weges erreicht hat, werden wir wohl Zeit
finden, einiges über ihn zu sagen. Alle im Dorfe greifen bei seinem
Anblick an die Mütze, und selbst die allerjüngsten Mädchen sagen ihm
Guten Tag. Wer im Dorfe möchte nicht Amtmann sein? Dem Amtmann ist der
Weg zu allen Tabaksdosen offen, und der kräftige Bauer steht die ganze
Zeit über ehrfurchtsvoll mit der Mütze in der Hand da, solange jener
seine dicken und groben Finger in seine Tabatiere von Bast steckt. Im
Gemeinderat hat der Amtmann immer die Oberhand, obgleich seine Macht
noch durch andere Stimmen beschränkt wird, und er heißt fast ganz nach
seiner Willkür jeden, der ihm gerade paßt, den Weg ebnen oder einen
Graben anlegen. Der Amtmann ist mürrisch, von plumpem Äußeren und redet
nicht gern. Vor langer, langer Zeit, als noch die große Zarin Katharina
seligen Angedenkens einmal in die Krim reiste, war er auserwählt worden,
an ihrem Gefolge teilzunehmen; er bekleidete dieses Amt ganze zwei Tage
und hatte sogar die Ehre, auf dem Bock neben dem Kutscher der Zarin
sitzen zu dürfen. Seit dieser Zeit weiß der Amtmann würdevoll und
sinnend den Kopf zu senken, seinen langen und an der Spitze etwas
krausen Schnurrbart zu glätten und drohende Falkenblicke um sich zu
werfen. Seit dieser Zeit weiß er auch, worüber man immer mit ihm
sprechen mag, stets die Rede darauf zu bringen, daß er die Zarin
begleitet und auf dem Kutschbock des kaiserlichen Wagens gesessen habe.
Der Amtmann beliebt nur manchmal, sich taub zu stellen, besonders wenn
er etwas hören muß, was er nicht gerne hört. Er liebt es nicht, Staat zu
machen, trägt stets einen Kittel aus schwarzem Haustuch, umgürtet sich
mit einem bunten Wollgürtel, und noch _nie_ hat ihn jemand in einem
anderen Kostüm gesehen, ausgenommen vielleicht in der Zeit, wo die Zarin
in die Krim reiste, und wo er einen blauen Kosakenrock, den Schupan,
trug. Aber auf diese Zeit kann sich wohl kaum jemand aus dem ganzen
Dorfe besinnen; den Schupan aber bewahrt er in einem Kasten unter Schloß
und Riegel. Der Amtmann ist Witwer; aber in seinem hause lebt eine
Schwägerin, die ihm Mittag- und Abendbrot kocht, die Bänke scheuert, die
Stube weißt, ihm Hemdentuch webt und sein ganzes Hauswesen leitet. Im
Dorfe heißt es, sie sei nicht richtig mit ihm verwandt; aber wir haben
ja schon gesehen, daß der Amtmann viele Feinde hat, die ihn gern ein
wenig verleumden. Übrigens hat vielleicht der Umstand Anlaß dazu
gegeben, daß es der Schwägerin immer mißfiel, wenn der Amtmann aufs Feld
ging, wo die Schnitterinnen an der Arbeit waren, oder zu einem Kosaken,
der ein junges Töchterchen hatte. Der Amtmann ist einäugig, dafür aber
ist sein einsames Auge ein Schelm und kann schon von fern ein hübsches
Bauernmädchen erkennen. Doch bevor er sein Auge auf ein niedliches
Gesichtchen richtet, sieht er sich erst sorgfältig um, ob ihm die
Schwägerin auch nicht zuschaut.

Nun haben wir schon fast alles Notwendige vom Amtmann erzählt, und der
betrunkene Kalenik hat noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt.
Noch lange traktierte er den Amtmann mit den ausgesuchtesten Worten, die
ihm auf seine faule und zusammenhangloses Zeug lallende Zunge kamen.


                                  III.
                      Ein unerwarteter Nebenbuhler
                            Die Verschwörung

»Nein, Burschen, nein! Ich will nicht! Was soll diese Ausgelassenheit?
Wie, wird euch das Tollen nicht zuwider? Wir gelten ohnehin schon für
Gott weiß was für Raufbolde. Geht lieber schlafen!« So sprach Lewko zu
seinen fröhlichen Kumpanen, die ihn zu neuen Streichen überreden
wollten. »Lebt wohl, Brüder! Gute Nacht!« Und schnellen Schrittes eilte
er davon.

»Schläft meine helläugige Hanna?« dachte er, als er an das uns schon
bekannte, von Kirschbäumen umstandene Häuschen trat. Mitten in der
Stille vernahm er ein leises Gespräch. Lewko blieb stehen. Durch die
Bäume schimmerte ein weißes Frauengewand .... »Was soll das?« dachte er,
schlich näher heran und versteckte sich hinter einem Baum. Der
Mondschein erhellte das Gesicht des vor ihm stehenden Mädchens.

»Hanna?« Aber wer war der hochgewachsene Mann, der mit dem Rücken zu ihm
stand? Vergeblich blickte er nach ihm hin: Der war vom Kopfe bis zu den
Füßen in Schatten gehüllt. Nur von vorn fiel etwas Licht auf ihn, aber
schon der kleinste und leiseste Schritt setzte Lewko der
Unannehmlichkeit aus, entdeckt zu werden. Still an einen Baum gelehnt,
blieb er stehen. Das Mädchen hatte ganz deutlich seinen Namen
ausgesprochen.

»Lewko? Lewko ist noch ein Milchbart!« rief der große Mann. »Wenn ich
ihn bei dir treffe, reiße ich ihm den Schopf aus ....«

»Ich möchte wohl wissen, welcher Lump damit prahlt, er werde mir meinen
Schopf ausreißen!« sagte sich Lewko still und reckte den Hals empor, um
ja kein Wort zu verlieren. Aber der Unbekannte fuhr so leise fort, daß
man nichts mehr hören konnte.

»Schämst du dich denn gar nicht!« sprach Hanna, als er zu Ende geredet
hatte. »Du lügst, du willst mich betrügen. Du liebst mich nicht, ich
werde dir nie glauben, daß du mich liebst!«

»Ich weiß,« erwiderte der große Mann, »Lewko hat dir viel unsinniges
Zeug vorgeschwatzt und dir den Kopf verdreht!« (Hier kam es dem Burschen
so vor, als sei die Stimme des Unbekannten ihm nicht ganz fremd, und als
habe er sie schon einmal gehört.) »Aber ich werd' es dem Lewko schon
zeigen!« fuhr der Unbekannte fort. »Er glaubt, ich sehe alle seine
Streiche nicht, er soll meine Fäuste schon zu kosten bekommen, der
Hundesohn!«

Bei diesen Worten konnte Lewko seinen Zorn nicht länger unterdrücken. Er
schlich bis auf drei Schritte an ihn heran und holte aus aller Kraft
aus, um ihm einen Hieb zu versetzen, dem der Unbekannte trotz seiner
offenbaren Stämmigkeit vielleicht nicht standgehalten hätte; aber in
diesem Augenblicke fiel das Licht auf des Unbekannten Antlitz, und Lewko
erstarrte -- er sah seinen eigenen Vater vor sich. Nur ein
unwillkürliches Kopfschütteln und ein leises Pfeifen durch die Zähne
verrieten seine Verblüffung. Dann vernahm man ein feines Rascheln, Hanna
floh eiligst ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

»Leb wohl, Hanna!« rief in diesem Augenblick einer der Burschen, der
leise herangeschlichen war, und umarmte den Amtmann, aber er prallte
entsetzt zurück, als er den struppigen Schnurrbart berührte.

»Leb wohl, mein schönes Kind!« rief ein anderer, aber dieser flog Hals
über Kopf, von einem schweren Stoß des Amtmanns getroffen, zur Erde.

»Leb wohl, leb wohl, Hanna!« riefen einige Burschen und hingen sich ihm
an den Hals.

»Fahrt doch zur Hölle, ihr verdammten Lümmel!« schrie der Amtmann, indem
er sie von sich abwehrte, und stampfte voller Wut mit den Füßen. »Bin
ich etwa Hanna? Schert euch hinter euren Vätern her; an den Galgen mit
euch, ihr Teufelsbrut! Kleben die fest an einem, rein wie die Bienen am
Honig! Ich will euch schon zeigen wer Hanna ist ....«

»Der Amtmann, der Amtmann! 's ist der Amtmann!« schrien die Burschen und
liefen nach allen Seiten auseinander.

»Ei, ei, Väterchen!« sprach Lewko, als er sich wieder von seinem Staunen
erholt hatte, und blickte dem schimpfend davonziehenden Amtmann nach.
»Solche Streiche machst du also? Großartig! Und ich habe mich noch
gewundert und immer gedacht, was mag das nur bedeuten, daß er sich immer
taub stellt, sobald ich mit ihm von dieser Sache zu sprechen anfange.
Halt, alter Graubart, ich will dir schon beibringen, was das heißt, sich
vor den Fenstern junger Mädchen herumzudrücken; fremde Bräute abspenstig
machen? -- na, ich will dir's schon zeigen! Hollah, Jungens, hierher!«
schrie er, mit der Hand die Burschen zu sich heranwinkend, die sich
wieder versammelt hatten und in einem Haufen zusammenstanden. »Kommt
doch her! Ich hab' euch zwar ermahnt, schlafen zu gehen, aber ich hab's
mir wieder überlegt und will gern die ganze Nacht mit euch verbummeln.«

»Das laß ich mir gefallen!« rief ein breitschultriger und stattlicher
Bursche, der als der erste Herumstreicher und Wildfang im Dorf galt.
»Mir ist nicht wohl zumute, wenn ich keine Gelegenheit habe, ein paar
Streiche zu machen und mich ordentlich auszutoben. Mir ist, als fehlte
mir etwas, es kommt mir dann so vor, als hätte ich die Mütze oder die
Pfeife verloren, kurz, ich fühle mich nicht mehr als rechter Kosak!«

»Wollt ihr heute den Amtmann mal tüchtig ärgern?«

»Den Amtmann?«

»Ja, den Amtmann. Wahrhaftig! Was denkt sich denn der? Der kommandiert
bei uns herum wie ein Hetman! Nicht genug, daß er uns hin und her hetzt
wie seine Knechte, nein, er macht sich auch noch an unsere Mädchen
heran! Ich glaube, im ganzen Dorfe gibt's auch nicht _ein_ hübsches
Mädchen, mit dem der Amtmann nicht anbändelte.«

»'s ist wahr, 's ist wahr!« riefen alle Burschen wie aus einer Kehle.

»Aber, Kinder, was sind wir denn für Kerle? Sind wir nicht Männer von
altem Stamm wie er? Wir sind doch gottlob freie Kosaken! Jungens, zeigen
wir ihm, daß wir freie Kosaken sind!«

»Ja, ja, wir wollen's ihm zeigen!« riefen die Burschen. »Und kommt erst
der Amtmann an die Reihe, so wollen wir auch den Schreiber nicht
vergessen!«

»Freilich, wir wollen auch den Schreiber nicht vergessen. Gerade eben
ist mir so ein hübsches Liedchen auf den Amtmann eingefallen. Kommt, ich
will es euch lehren,« fuhr Lewko fort und schlug mit der Hand die Saiten
der Harfe an. »Aber hört: jeder muß sich verkleiden wie sich's gerad
trifft!«

»Los, Kosaken!« rief der wilde, stämmige Mensch, schlug die Beine
zusammen und klatschte in die Hände. »Ist das eine Freude! Das nenn' ich
Freiheit! Wenn das Toben beginnt, so möcht' ich fast glauben, die alten
Tage erständen aufs neue. So herrlich und frei wird einem ums Herz und
die Seele fühlt sich wie im Paradies. He, Jungens! Auf, drauf los!« ....

Und die Menge zog lärmend durch die Straßen. Die frommen alten Frauen,
die vom Geschrei geweckt wurden, schoben die Fenster in die Höhe,
bekreuzigten sich mit ihren schläfrigen Händen und sprachen: »Ja, ja,
jetzt gehen die Burschen bummeln!«


                                  IV.
                          Die Burschen bummeln

Nur in einem Hause, am Ende der Straße brannte noch Licht. Das war das
Haus des Amtmanns. Der Amtmann hatte schon längst sein Nachtmahl beendet
und wäre zweifellos schon lange schlafen gegangen, aber er hatte noch
einen Gast, den Branntweinbrenner, der von einem Gutsbesitzer, welcher
mitten im Kosakenlande ein kleines Gut besaß, hierher geschickt worden
war, um eine Schnapsbrennerei zu errichten. Obenan auf dem Ehrenplatze
unterm Heiligenbilde, saß der Gast -- ein kurzes, dickes Männchen mit
ewig lachenden Äuglein, die das ganze Behagen wiederzuspiegeln schienen,
mit dem er seine Pfeife rauchte; er spuckte jeden Augenblick zur Seite
und preßte den aus der Pfeife kriechenden Tabak, der sich schon zu Asche
verwandelt hatte, mit dem Daumen wieder hinein. Dichte Rauchwolken
türmten sich schnell über ihm auf und hüllten ihn in ein Kleid von
blauem Nebel. Es schien, als ob der breite Schlot einer Schnapsfabrik
herunterspaziert wäre, weil er es überdrüssig geworden war, ewig auf
seinem Dache zu hocken, und nun artig in der Stube des Amtmanns bei
Tisch säße. Dicht unter seiner Nase befand sich ein kurzer dichter
Schnurrbart; aber dieser Schnurrbart guckte so undeutlich aus der
Tabaksluft hervor, als wäre er eine Maus, die der Branntweinbrenner
gefangen hätte und nun im Munde hielte; wie wenn jener die Absicht
hätte, das Monopol des Katers auf dem Speicher zu untergraben. Der
Amtmann saß als Hausherr in bloßem Hemd und in einer Leinwandhose da;
sein Adlerauge begann allmählich zu blinzeln und zu erlöschen wie die
Abendsonne. Am Ende des Tisches rauchte einer der Dorfbüttel, die das
Kommando des Amtmanns bildeten ein Pfeifchen; er saß aus Respekt vor dem
Hausherrn im Kittel da.

»Gedenkt ihr,« sprach der Amtmann zum Brennmeister gewandt, indem er ein
Kreuz über seinen gähnenden Mund machte, »gedenkt ihr die Brennerei bald
zu eröffnen?«

»Mit Gottes Hilfe werden wir vielleicht schon in diesem Herbst zu
brennen anfangen. Ich wette, zu Mariä Geburt werden der Herr Amtmann
schon auf der Straße mit den Beinen die Linien von deutschen Bretzeln
beschreiben!«

Bei diesen Worten verschwanden die Augen des Branntweinbrenners, und an
ihrer Stelle zogen sich lange Strahlen bis zu den Ohren hin. Der ganze
Körper schüttelte sich vor Lachen, und seine lustigen Lippen trennten
sich für einen Augenblick von der paffenden Pfeife.

»Das gebe Gott!« sprach der Amtmann und drückte auf seinem Gesicht so
etwas wie ein Lächeln aus. »Jetzt gibt's Gottlob, wenig
Schnapsbrennereien. Aber in alten Zeiten, als ich die Zarin auf der
Landstraße von Perejaslawl geleitete, und der verstorbene Besborodko
...«

»An was für Zeiten du auch denkst, Gevatter! Damals konnte man auf dem
ganzen Wege von Krementschug nach Romny noch nicht eine Schnapsbrennerei
finden. Jetzt dagegen .. hast du gehört, was sich diese verdammten
Deutschen ausgedacht haben? Bald wird man, wie es heißt, den Schnaps
nicht mehr mit Holz brennen, wie das alle ehrlichen Christen tun,
sondern mit irgend einem verteufelten Dampfe!« ... Bei diesen Worten
blickte der Brandmeister nachdenklich auf seine Ellbogen, die er auf den
Tisch stützte. »Wie das mit Dampf gemacht werden soll, das weiß ich bei
Gott nicht!«

»Was für Narren doch diese Deutschen sind! Lieber Gott erbarme dich!«
sagte der Amtmann. »Die sollten den Knüppel zu kosten kriegen, diese
Hundesöhne! Wo hat man je gehört, daß man mit Dampf kocht? Auf diese Art
könnte man ja keinen Löffel Borschtschsuppe in den Mund nehmen, ohne
sich die Lippen zu verbrühen und auch kein junges Ferkel ....«

»Gevatter,« rief da die Schwägerin, die mit übereinandergeschlagenen
Beinen auf der Ofenbank saß: »Wirst du denn die ganze Zeit über ohne
deine Frau bei uns leben?«

»Wozu brauche ich _die_? Wenn's noch was Rechtes wär'!«

»Ist sie nicht nett?« fragte der Amtmann, sein Auge auf ihn richtend.

»Gott bewahre, nett! Die ist so alt wie der Teufel! Und hat die Fratze
voller Runzeln wie ein leerer Beutel!« Und die gedrungene Gestalt des
Branntweinbrenners fing wieder an zu wackeln, so laut lachte er.

In diesem Augenblick scharrte jemand an der Tür; die Tür ging auf -- ein
Bauer trat über die Schwelle, ohne die Mütze abzunehmen, und pflanzte
sich mitten in der Stube auf, wie nachdenklich, mit aufgesperrtem Munde
die Decke musternd. Es war der uns schon bekannte Kalenik.

»So, nun bin ich zu Hause!« rief er aus und setzte sich auf eine Bank
neben der Tür, ohne im geringsten auf die Anwesenden zu achten. »Wie
lang mir der Sohn des Bösen den Weg gemacht hat! Man geht und geht, und
es nimmt kein Ende! Die Beine sind einem wie zerschlagen. Weib, gib mir
doch den Schafspelz als Unterlage. Weiß Gott, ich kriech' nicht zu dir
auf den Ofen, dazu tun mir die Beine zu weh! Gib ihn mir her. Dort liegt
er neben dem Heiligenbilde, aber sieh zu, wirf den Topf mit dem
geriebenen Tabak nicht um. Oder nein, laß ihn lieber! Du bist heute
vielleicht betrunken .... ich hol ihn mir schon lieber selbst.«

Kalenik wollte sich aufrichten, aber eine unüberwindliche Macht fesselte
ihn an die Bank.

»Das gefällt mir,« sagte der Amtmann, »der kommt in fremde Stuben und
benimmt sich ganz wie zu Hause! Schafft ihn nur in Frieden wieder
hinaus! ....«

»Laßt ihn ausruhen, Gevatter,« sprach der Branntweinbrenner, den Amtmann
an der Hand zurückhaltend. »Das ist ein nützlicher Mensch: noch mehr
solche Leute -- und unsere Brennerei geht großartig!«

Es war jedoch nicht Gutmütigkeit, die ihn zu diesen Worten veranlaßte.
Der Branntweinbrenner glaubte an allerhand üble Vorzeichen, und einen
Menschen, der sich schon gesetzt hatte, davonjagen, das hieß für ihn so
viel wie ein Unglück heraufbeschwören.

»Ach ja, das Alter rückt heran ....« brummte Kalenik und streckte sich
auf die Bank hin. »Wäre ich noch wenigstens betrunken! Aber bei Gott,
nein, ich bin nicht betrunken! Wozu sollte ich denn flunkern? Und das
will ich auch dem Amtmann selbst sagen, wenn's sein muß! Was ist mir
denn der Amtmann? Mag er verrecken, der Hundesohn. Ich spucke auf ihn.
Ein Wagen soll ihn überfahren, den einäugigen Teufel! Was hat er den
Leuten Wasser auf den Kopf zu gießen, wenn's friert! ....«

»Oho! Kommt einem so ein Schwein ins Haus gekrochen und legt auch noch
die Pfoten auf den Tisch!« sagte der Amtmann und stand zornig von seinem
Platze auf; aber in diesem Augenblicke flog ein gewichtiger Stein, der
die Fensterscheibe zerschmetterte, ihm vor die Füße. Der Amtmann blieb
stehen. »Wenn ich wüßte,« sagte er, und hob den Stein auf, »welcher
Galgenstrick den Stein da hereingeworfen hat, dem würde ich schon
zeigen, was das heißt, Steine werfen! Was für Streiche!« fuhr er fort,
indem er den Stein in die Hand nahm und mit brennendem Blicke musterte.
»Er soll ersticken an diesem Stein! ....«

»Halt, halt! Behüt dich Gott, Gevatter!« fiel der Branntweinbrenner mit
bleichem Gesichte ein. »Behüt dich Gott in dieser und jener Welt, jemand
mit einem solchen Fluch zu bedenken!«

»Oho, der hat ja einen schönen Beschützer gefunden! Krepieren soll er
....«

»Hör auf, Gevatter! Du weißt wohl nicht, was meiner seligen
Schwiegermutter widerfahren ist?«

»Deiner Schwiegermutter?«

»Ja, meiner Schwiegermutter! Eines Abends, es war ein bißchen früher als
heute, setzten sie sich zum Abendessen hin: meine verstorbenen
Schwiegereltern, der Knecht, die Magd und fünf Kinder. Die
Schwiegermutter schüttete ein paar Knödel aus dem großen Kessel in die
Schüssel, damit sie ein wenig abkühlten, denn nach der Arbeit waren alle
hungrig und wollten nicht warten, bis die Knödel kalt waren. Sie
steckten ihre langen Holzstäbe hinein und begannen zu essen. Auf einmal
taucht da ein Mann auf und bittet, ihn auch mitessen zu lassen; wer das
war, mag Gott wissen. Nun, soll man etwa einem hungrigen Menschen nicht
zu essen geben? Man reicht ihm also auch ein Stäbchen. Aber der Gast
räumt mit den Knödeln auf wie die Kuh mit dem Heu. Bis jene einen Knödel
gegessen und den Stab nach einem zweiten ausgestreckt hatten, war der
Boden der Schüssel schon so glatt wie die Diele eines Herrenhauses. Die
Schwiegermutter tat noch Klöße hinein; denn sie dachte, nun hat der Gast
sich satt gegessen und wird nicht mehr so stark zugreifen. Aber ganz im
Gegenteil: er schlang und schlang noch immer gewaltiger, und leerte auch
die zweite Schüssel. »Daß du an den Knödeln ersticktest!« dachte die
hungrige Schwiegermutter; aber da drehte sich jener auf einmal um und
sank zu Boden. Man stürzte zu ihm hin -- aber sein Geist war schon
entflohen. Er war erstickt!«

»Geschah ihm ganz recht, dem verdammten Freßsack!« sagte der Amtmann.

»Schon recht, aber es kam ganz anders: Seit jener Zeit hatte die
Schwiegermutter keine Ruhe mehr. Kaum wird's Nacht, sofort kommt der
Tote angerückt. Sitzt rücklings auf dem Schornstein, der Verdammte, und
hält einen Knödel zwischen den Zähnen. Am Tage ist alles ruhig, er läßt
weder etwas von sich sehen noch hören; kaum aber dämmert es, so braucht
man nur auf's Dach zu blicken und schon reitet der Hundesohn da oben auf
dem Schornstein!«

»Mit einem Knödel zwischen den Zähnen?«

»Ja mit einem Knödel zwischen den Zähnen!«

»Wie wunderlich, Gevatter! Ich habe ja auch so was Ähnliches von meiner
Seligen gehört ....«

Da aber hielt der Amtmann inne. Vor dem Fenster wurde Geräusch, ein
Stampfen und Tanzen laut vernehmbar. Zuerst hörte man die Harfensaiten
leise klimpern und dann fiel eine Stimme ein. Die Saiten erklangen
stärker, mehrere Stimmen fielen ein -- und wie ein Wirbel ertönte
rauschend das Lied:

   Burschen, habt ihr schon vernommen?
   Sind wir wirklich solche Narren?
   Unser Amtmann hat bekommen
   In dem Schädel einen Sparren!
   Böttcher, schlag um unsern Amtmann
   Deine festen Eisenreifen!
   Böttcher, laß um unsern Amtmann
   Ruten, Ruten, Ruten pfeifen!

   Unserm Amtmann alt und grau,
   Fehlt ein Auge in dem Kopf!
   Unser Amtmann ist 'ne Sau,
   Schleicht zu Mädels, dieser Tropf!
   Läufst du zu den jungen Leuten,
   Bleib nur lieber fein zu Haus!
   Denk' mal: wenn sie dich verbläuten
   Und den Schopf dir rissen aus! ....

»Ein ausgezeichnetes Lied, Gevatter!« sagte der Branntweinbrenner, indem
er den Kopf etwas auf die Seite neigte und sich an den Amtmann wandte,
der bei dieser Frechheit ganz starr vor Staunen geworden war.
»Ausgezeichnet! 's ist nur schade, daß man in nicht ganz anständigen
Worten vom Amtmann spricht ...«

Und wieder stützte er mit einer süßlichen Rührung in den Augen die Arme
auf den Tisch und bereitete sich vor, weiter zuzuhören, denn vor dem
Fenster erdröhnte ein Gelächter, und man vernahm den Ruf: »Noch einmal,
noch einmal!« Ein scharfes Auge hätte jedoch sofort bemerkt, daß nicht
das Staunen allein den Amtmann so lange auf einem Fleck festhielt. So
läßt oft ein alter erfahrener Kater die junge unerfahrene kleine Maus
rings um seinen Schwanz herumlaufen, während er Pläne schmiedet, wie er
ihr am besten den Rückzug in ihr Mauseloch abschneiden kann. Noch war
das einsame Auge des Amtmanns auf das Fenster gerichtet, aber schon lag
seine Hand, die dem Büttel ein Zeichen gegeben hatte, am Holzgriff der
Tür; auf einmal erhob sich auf der Straße ein lautes Geschrei ..... Der
Branntweinbrenner, zu dessen zahlreichen Vorzügen auch eine gewisse
Neugierde gehörte, stopfte rasch den Tabak wieder in seine Pfeife und
lief auf die Straße hinaus. Aber die Taugenichtse waren schon
auseinandergestoben.

»Nein, du wirst mir nicht entwischen!« schrie der Amtmann und zerrte
einen Menschen in einem schwarzen Schafspelz hinter sich her, dessen
Fell nach außen gekehrt war. Der Branntweinbrenner benutzte die Zeit und
eilte herzu, um dem Friedensstörer ins Gesicht zu schauen; aber er wich
angstvoll zurück, als er einen langen Bart und eine schreckhaft
ausgemalte Fratze erblickte. »Nein, du wirst mir nicht entwischen!«
schrie der Amtmann und schleppte seinen Gefangenen in den Flur; ruhig
und ohne den geringsten Widerstand zu leisten, folgte ihm der Gefangene,
als ob's sein eignes Haus wäre. »Karpo, mach' die Kammer auf!« rief der
Amtmann dem Büttel zu. »Wir sperren ihn in die dunkle Kammer! Dann
wecken wir den Schreiber, holen die Büttel herbei, fangen all diese
Raufbolde ein und urteilen sie heute noch ab!«

Der Büttel klapperte im Flur am Hängeschloß und öffnete die Kammer. In
diesem Augenblick machte sich der Gefangene die Dunkelheit im Flur
zunutze und riß sich plötzlich mit ungewöhnlicher Kraft aus den Händen,
die ihn hielten.

»Wohin?« rief der Amtmann und packte ihn noch fester am Kragen.

»Laß los, ich bin's ja!« hörte man ein dünnes Stimmchen rufen.

»Das nützt dir nichts, das nützt dir gar nichts, Brüderchen! Quiek du
nur wie ein Weib oder wie ein Teufel! Mich wirst du nicht übertölpeln!«
Und der Amtmann stieß ihn in die dunkle Kammer, so daß der arme
Gefangene aufstöhnend zu Boden fiel. Er selbst begab sich in Begleitung
des Büttels ins Haus des Schreibers, und hinter ihnen kam der
Branntweinbrenner wie ein Dampfschiff dahergeraucht.

Nachdenklich schritten alle drei mit gesenktem Kopfe dahin, doch auf
einmal stießen sie beim Einbiegen in ein dunkles Gäßchen einen Schrei
aus -- jeder hatte einen mächtigen Schlag vor die Stirn bekommen, und
eben solch ein Schrei hallte ihnen zur Antwort entgegen. Der Amtmann
kniff sein Auge zu und sah erstaunt den Schreiber mit zwei Bütteln vor
sich.

»Ich will gerade zu dir, Herr Schreiber!«

»Und ich wollte gerade zu dir, Herr Amtmann!«

»Es geschehen Wunder, Herr Schreiber!«

»Ja, es gehen Wunderdinge vor, Herr Amtmann!«

»Was denn?«

»Die Burschen toben! In ganzen Scharen treiben sie Unfug auf den
Straßen. Sie benennen Euer Gnaden mit solchen Worten .... Man schämt
sich, eins davon zu nennen; selbst ein betrunkener Moskowiter würde sich
hüten, mit seiner unreinen Zunge sowas auszusprechen! (All diese Worte
begleitete der dürre Schreiber, der eine Hanfpluderhose und eine
hefenfarbene Weste anhatte, mit einem Vorstrecken und schleunigem
Zurückziehen des Halses.) Ich wollte gerade einnicken, da schleppten
mich die verdammten Lümmel mit ihren unflätigen Liedern und ihrem
Gepolter aus dem Bett! Ich wollte ihnen eine ordentliche Lehre geben,
aber bis ich die Hose und Weste angezogen hatte, waren sie wieder nach
allen Seiten auseinandergelaufen. Der Rädelsführer ist uns aber nicht
entwischt. Jetzt brummt er in der Stube, wo man die Häftlinge festhält.
Ich brannte darauf, zu erfahren, was das für ein Vogel sei, aber seine
Fratze ist mit Ruß beschmiert, wie bei einem Teufel, der die Nägel für
die Sünder schmiedet.«

»Und wie ist er angezogen, Herr Schreiber?«

»Er trägt einen schwarzen, nach außen gekehrten Pelz, der Hundesohn,
Herr Amtmann!«

»Lügst du auch nicht, Herr Schreiber? Wie, wenn nun dieser Taugenichts
_bei mir_ in der Kammer säße?«

»Nein, Herr Amtmann, sei nicht böse, aber da irrst du dich selbst ein
wenig.«

»Macht einmal Licht, wir wollen doch nachsehen!«

Man holte Licht herbei, machte die Tür auf -- und der Amtmann stieß vor
Verwunderung ein lautes »Ah!« aus, als er seine Schwägerin vor sich sah.

»Nun sag mir doch, bitte, bist du denn ganz von Sinnen!« rief sie und
ging mit diesen Worten auf ihn zu. »Wäre auch nur ein Quentchen Gehirn
in deinem einäugigen Schädel, -- hättest du mich wohl dann in die dunkle
Kammer hineingepufft? Noch ein wahres Glück, daß ich mir nicht den Kopf
an der eisernen Türangel zerschlagen habe! Hab' ich dir nicht zugerufen,
daß ich es bin? -- Muß mich dieser verfluchte Bär mit seinen eisernen
Tatzen packen und mich herumstoßen. Daß dich in jener Welt der Teufel so
stoßen möge! ....«

Die letzten Worte sagte sie schon auf der Gasse, denn sie mußte aus
gewissen Gründen hinausgehen.

»Freilich sehe ich, daß du es bist!« sagte der Amtmann, der unterdes
wieder zu sich gekommen war.

»Was sagst du dazu, Herr Schreiber! Ist dieser verdammte Windbeutel
nicht ein Schelm?«

»Wahrhaftig, ein Schelm; Herr Amtmann!«

»Wäre es nicht Zeit, alle diese Taugenichtse einmal tüchtig ins Gebet zu
nehmen, damit sie an ihre Arbeit gehen?«

»Es wäre schon Zeit, höchste Zeit, Herr Amtmann!«

»Diese Narren haben .... Was Teufel? Ich glaube, ich höre meine
Schwägerin auf der Straße schreien .... diese Narren haben sich in den
Kopf gesetzt, ich sei ihresgleichen. Sie glauben offenbar, ich sei nur
ein einfacher Kosak!« .... Aus dem nun folgenden Hüsteln und Blitzen des
Auges, das er im Kreise umherschweifen ließ, konnte man erraten, daß der
Amtmann vorhatte, etwas Wichtiges zu sagen. »Im Jahre Eintausend, ....
Gott töte mich, ich kann diese verdammten Jahreszahlen nicht behalten
.... Also im Jahre .... erhielt der damalige Kommissär Ledatschi den
Befehl, einen Kosaken auszuwählen, der gescheiter sei, als die anderen.
O, (der Amtmann sprach dieses »O« mit erhobenem Finger) gescheiter als
die anderen, um der Zarin das Geleit zu geben. Ich bin damals ....«

»Was ist da viel zu reden? Jeder kennt die Geschichte schon, Herr
Amtmann! Alle wissen doch, daß du dir die Gnade der Zarin verdient hast.
Gesteh jetzt, hatte ich nicht recht? Hast du dich nicht doch etwas
geirrt, als du sagtest, du habest diesen Kerl im Pelz erwischt?«

»Was diesen Teufel im Pelz betrifft, so soll er zur Lehre für die
anderen in Ketten geschmiedet und tüchtig abgestraft werden. Sie sollen
schon merken, was das heißt, Obrigkeit! Wer hat denn den Amtmann
eingesetzt, wenn nicht der Zar? Und dann wollen wir uns um die anderen
Lausbuben kümmern. Ich habe noch nicht vergessen, wie diese verfluchten
Lümmel eine Schweineherde in meinen Gemüsegarten getrieben haben, die
mir den ganzen Kohl und alle Gurken wegfraß. Ich habe auch nicht
vergessen, wie diese Teufelskinder sich weigerten, mir mein Korn zu
dreschen; o nein, ich hab's nicht vergessen! .... Aber sie sollen
verrecken, ich muß auf jeden Fall erfahren, wer der Schelm im Pelz ist!«

»Man merkt's, das ist ein flinker Vogel!« sagte der Branntweinbrenner,
der sich während dieses ganzen Gespräches fortwährend die Backen mit
Rauch vollpumpte, wie ein Belagerungsgeschütz, und dessen Lippen eine
ganze Rauchfontäne ausstießen, wenn sie sich von der kurzen Pfeife
trennten.

»Es wäre auf jeden Fall nicht übel, diesen Menschen in der Brennerei zu
haben, noch besser wär's freilich, ihn an einem Eichenwipfel
aufzuhängen, wie einen Kirchenkronleuchter.«

Dieser Witz kam dem Branntweinbrenner nicht ganz dumm vor, und er
beschloß sofort, ohne erst die Billigung der anderen abzuwarten, sich
selbst mit einem heiseren Lachen zu belohnen.

In diesem Augenblick näherten sie sich einer kleinen, halb in die Erde
gesunkenen Hütte. Die Neugierde unserer Wanderer hatte sich noch
vergrößert; alle drängten sich vor der Türe zusammen. Der Schreiber nahm
einen Schlüssel heraus und das Schloß klirrte; aber dieser Schlüssel
gehörte zu seinem Spind. Die Ungeduld stieg. Er begann in der Tasche
herumzuwühlen, fand jedoch den Schlüssel nicht.

»Da!« sagte er endlich, und holte ihn aus der Tiefe seiner gewaltigen
Tasche hervor, die sich in seiner Hanfpluderhose befand.

Bei diesem Laut schienen die Herzen unserer Helden zu einem einzigen
Herz zu verschmelzen, und dieses Riesenherz schlug so heftig, daß sein
unregelmäßiges Hämmern nicht einmal von dem Klirren des Schlosses
übertönt wurde. Die Tür ging auf, und .... der Amtmann wurde bleich wie
ein Stück Leinwand; den Branntweinbrauer überlief's kalt, und sein Haar
wollte gen Himmel fliegen. Entsetzen malte sich auf dem Gesicht des
Schreibers; die Büttel wuchsen fest an die Erde und waren nicht einmal
imstande, ihre aufgesperrten Mäuler zu schließen: vor ihnen stand die
Schwägerin.

Sie war nicht weniger betroffen als die anderen, aber bald erholte sie
sich etwas und wollte gerade auf sie zugehen.

»Halt!« schrie da der Amtmann mit wilder Stimme und schlug die Türe zu.
»Leute, das ist der Satan!« rief er dann. »Feuer! Schnell Feuer her! Es
ist nicht Schade um das Kronshaus! Steckt es an, damit die Satansknochen
nicht länger auf dieser Erde bleiben!«

Die Schwägerin schrie entsetzt auf, als sie hinter der Tür von der
fürchterlichen Absicht vernahm.

»Was macht ihr da, Brüder?« rief der Branntweinbrenner. »Euer Haar ist
gottlob fast so weiß wie Schnee, trotzdem aber scheint's euch noch am
Verstand zu fehlen: ein einfaches Feuer kann doch der Hexe nichts
anhaben! Nur das Feuer aus einer Pfeife kann einen Werwolf in Brand
stecken! Halt, ich mach gleich welches an!«

Bei diesen Worten schüttete er die Glut aus der Pfeife auf ein Heubündel
und begann zu blasen. Aber die Verzweiflung der armen Schwägerin verlieh
ihr einen ungeahnten Mut; sie begann laut um Hilfe zu flehen und die
Männer zu beschwichtigen.

»Haltet ein, Brüder! Warum wollt ihr euch grundlos einer Sünde schuldig
machen. Vielleicht ist's wirklich nicht der Satan,« rief der Schreiber.
»Vielleicht kann das Wesen, das da drinnen in der Stube sitzt, doch das
Zeichen des heiligen Kreuzes machen, und das bedeutet dann, daß es nicht
der Teufel ist!«

Der Vorschlag wurde angenommen.

»Packe dich, Satanas!« fuhr der Schreiber fort und legte die Lippen an
die Türspalte. »Wenn du dich nicht vom Platze rührst, machen wir dir die
Tür auf.«

Die Tür wurde aufgemacht.

»Bekreuzige dich!« rief der Amtmann, und sah sich um, wie wenn er für
den Fall des Rückzuges einen Zufluchtsort suchte.

Die Schwägerin schlug ein Kreuz.

»Was Teufel! Das ist wirklich die Schwägerin!«

»Welche unsaubere Macht hat dich bloß in diese Kammer gebracht,
Gevatterin?«

Die Schwägerin erzählte schluchzend, wie die Burschen auf der Straße sie
gepackt und sie trotz ihres Widerstandes durch das breite Fenster in die
Hütte hineingeschoben und die Fensterläden geschlossen hatten. Der
Schreiber sah sich die Sache an. Die Angeln waren heruntergerissen, und
der breite Laden war oben nur mit einem Holzbalken festgerammelt.

»Du bist mir ein feiner Kerl, du einäugiger Satan du,« schrie sie und
ging auf den Amtmann zu, der zurückwich und sie immer noch mit seinem
Auge maß. »Ich kenne deine Absichten schon, du hättest mich wohl am
liebsten aufgefressen, damit du dann ungestört jeder Schürze nachlaufen
kannst, und keiner mehr weiß, wie der Jammergreis sich selbst zum Narren
macht. Du meinst, ich weiß nicht, was du heute abend mit Hanna
gesprochen hast? O, ich weiß alles! Mich kann keiner so leicht betrügen,
nicht einmal einer, der weniger blöd ist als du! Ich habe lange Geduld,
aber dann: nimm dich in acht ....!«

Bei diesen Worten ballte sie die Faust, machte sich rasch davon; und
ließ den Amtmann in völliger Erstarrung zurück.

»Nein, da ist der Satan ernsthaft mit im Spiel!« dachte er, sich den
Kopf kratzend.

»Wir haben ihn!« riefen die eintretenden Büttel.

»Wen habt ihr?« fragte der Amtmann.

»Den Teufel im umgewendeten Pelz!«

»Bringt ihn her!« rief der Amtmann und packte den hereingeführten
Gefangenen an der Hand. »Seid ihr verrückt geworden? -- Das ist doch der
besoffene Kalenik!«

»Pfui Teufel, wir hielten ihn doch schon fest, Herr Amtmann!«
antworteten die Büttel. »In dem einen Gäßchen umringten uns die
verdammten Kerls, fingen an zu tanzen und uns hin und her zu zerren,
steckten die Zunge raus und rissen ihn uns aus den Händen. .... Der
Henker soll sie holen! .... Aber wie wir statt seiner zu dieser Krähe
hier gekommen sind, das mag Gott wissen!«

»Kraft meiner Vollmacht und im Namen der ganzen Gemeinde ergeht die
Verfügung, diesen Räuber unverzüglich gefangen zu nehmen,« sprach der
Amtmann; »desgleichen alle anderen, die ihr auf den Straßen antrefft,
und sie mir zur Aburteilung vorzuführen! ....«

»Erbarm dich doch, Herr Amtmann!« riefen da einige Büttel und verneigten
sich tief bis zur Erde vor ihm. »Hättest du nur gesehen, was das für
Fratzen sind! Gott straf uns, aber seit unserer Geburt und Taufe haben
wir keine so abscheulichen Larven gesehen. Wie leicht verfällt man der
Sünde, Herr Amtmann! Die können einen rechtschaffenen Menschen so
erschrecken, daß einem nachher kein Weib mehr ein Gebreste besprechen
kann!«

»Ich will euch schon zeigen, was ein Gebreste ist! Was? Ungehorsam? Ihr
zieht wohl mit ihnen am selben Strang, ihr Rebellen! Was soll denn das?
.... Ihr werdet sie noch zum Mord anstiften! .... ihr .... ihr .... Ich
werde das dem Kommissär melden! Auf der Stelle, hört ihr, auf der
Stelle! Lauft, fliegt schnell wie die Vögel! Ich werde euch schon ....
Ihr sollt mir ....!«

Alle stoben auseinander.


                                   V.
                             Die Ertrunkene

Unbekümmert, und ohne auf die abgesandten Verfolger zu achten, näherte
sich der Urheber dieses ganzen Wirrwarrs dem alten Hause am Teich. Ich
glaube, man braucht wohl nicht weiter hervorzuheben, daß es Lewko war.
Sein schwarzer Pelz war aufgeknöpft, er hielt seine Mütze in der Hand,
und der Schweiß rann ihm von der Stirn. -- Düster und hehr stand der
schwarze Ahornhain da, und nur auf der Seite, die dem Monde zugewandt
war, lag ein feiner Silberstaub über ihm ausgestreut. Vom regungslosen
Teich wehte eine kühlende Frische dem müden Fußgänger entgegen und lud
ihn ein, an seinen Ufern auszuruhen. Alles war still; nur im tiefen
Dickicht des Waldes hörte man das Schmettern der Nachtigall. Ein
unüberwindlicher Schlaf senkte sich rasch auf Lewkos Lider. Die
ermatteten Glieder lösten sich und erschlafften; der Kopf suchte eine
Stütze .... »Nein, auf die Art schlafe ich hier noch ein!« sprach er,
stand auf und rieb sich die Augen. Er blickte um sich: die Nacht lag
noch leuchtender vor ihm. Eine seltsam berauschende Helle mischte sich
in den Glanz des Mondes. Noch nie hatte er etwas Ähnliches gesehen.
Silberne Nebel senkten sich aufs Land. Ein Duft von blühenden
Apfelbäumen und Nachtblüten war über die ganze Erde ausgegossen. Mit
Verwunderung blickte er in die regungslosen Wasser des Teiches; das alte
Herrenhaus spiegelte sich in ihm umgestürzt, klar und in lichter
Erhabenheit. Statt der düsteren Fensterläden blinkten einem lustige
Glasfenster und Türen entgegen und das Gold schimmerte durch die klaren
Scheiben. Auch schien es ihm, als habe sich ein Fenster geöffnet. Er
hielt den Atem an, regte sich nicht und glaubte sich in die Tiefe des
Teiches versetzt. Und siehe: zuerst schob sich ein weißer Ellenbogen aus
dem Fenster, dann schaute ein liebliches Köpfchen heraus mit glänzenden
Augen, die sanft durch dunkelblonde Haarwogen hindurch leuchteten, und
stützte sich auf den Ellenbogen. Lewko sah, wie sie leise den Kopf
schüttelte, wie sie winkte und lächelte .... Sein Herz fing plötzlich an
heftig zu pochen .... das Wasser erzitterte, und das Fenster schloß sich
wieder. Leise ging er vom Teiche fort und sah das Haus unverwandt an:
Die düsteren Fensterläden standen weit offen, und die Scheiben funkelten
im Monde. »Wie wenig darf man doch auf das Gerede der Menschen geben!«
dachte er bei sich. »Das Haus ist nagelneu, und die Farben sind frisch,
als ob sie erst heute aufgetragen wären. Hier muß doch jemand wohnen!«
Und er trat schweigend näher, aber im Hause war alles still. Mächtig und
klingend tönten die leuchtenden Lieder der Nachtigall durcheinander, und
wenn sie schmachtend wie in Wonne zu ersterben schienen, vernahm man das
Rascheln und Zirpen der Heimchen oder das Schnarren eines Sumpfvogels,
der mit seinem glatten Schnabel auf den weiten Wasserspiegel aufschlug.
Lewko empfand eine süße Stille in seinem Herzen, es schien sich zu
weiten und schlug so leicht und frei. Er stimmte seine Harfe und fing an
zu spielen und zu singen:

   Du mein helles Licht der Nacht,
   Du mein Mond, ach bester Mond!
   Leucht mir über Haus und Hof,
   Wo mein liebstes Mädchen wohnt!

Ein Fenster tat sich leise auf, und dasselbe Köpfchen, dessen
Spiegelbild er im Teiche gesehen hatte, guckte heraus und lauschte
aufmerksam dem Sang. Ihre schweren Lider waren halb über die Augen
gesenkt. Sie war bleich wie Linnen, bleich wie der Mondenschein, aber
wie köstlich und wundersam! Sie lachte! .... Lewko erschauerte. »Sing
mir ein Lied, junger Kosak!« sprach sie leise, neigte den Kopf etwas zur
Seite und senkte die dunklen Lider ganz über die Augen.

»Was für ein Lied soll ich dir singen, du mein strahlendes Fräulein?«

Stille Tränen flossen über ihr bleiches Antlitz. »Jüngling,« sprach sie,
und etwas unsäglich Rührendes klang aus ihren Worten, »Jüngling, finde
mir meine Stiefmutter! Nichts soll mir zu schön für dich sein. Ich will
dich belohnen. Ich will dich reich und herrlich belohnen! Ich habe mit
Seide bestickte Gewänder, Korallen und Kleinode, ich will dir einen
Gürtel schenken, der mit Perlen besät ist. Ich habe Gold .... Jüngling,
finde mir meine Stiefmutter. Sie ist eine furchtbare Hexe: ich hatte
keine Ruh' vor ihr auf Gottes Erde. Sie hat mich gemartert, und ließ
mich schaffen wie eine niedrige Magd. Blick in mein Angesicht: sie ließ
die Röte von meinen Wangen schwinden mit ihrer unreinen Zauberkunst.
Blick auf meinen weißen Hals: kein Wasser wäscht die blauen Flecke fort,
keines wird sie je fortwaschen, die von ihren eisernen Krallen stammen!
Sieh meine weißen Füße an, weit sind sie gewandert, und nicht nur auf
Teppichen, auch über heißen Sand, durch sumpfiges Feld, durch stechende
Nesseln sind sie gewandert! Und meine Augen! Blick in meine Augen: sie
sehen nichts mehr vor Tränen! .... Finde sie mir, Jüngling, find mir die
Stiefmutter! ...«

Ihre Stimme, die immer mehr und mehr angeschwollen war, stockte auf
einmal. Tränenströme flossen über ihr bleiches Antlitz. Ein drückendes
Gefühl des Mitleids und der Trauer schnürte dem Burschen das Herz
zusammen.

»Zu allem bin ich für dich bereit, mein herrliches Fräulein,« rief er in
tiefster Erregung. »Doch sag mir nur, wo soll ich sie finden?«

»Sieh, sieh!« rief sie schnell, »sie ist hier! Sie tanzt am Wasser mit
meinen Mädchen den Reigen und wärmt sich im Mondenlichte. Sie ist schlau
und voller List: sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen; aber
ich weiß, ich hör' es, sie ist hier! Sie macht, daß mir so drückend
schwer, so dumpf zumute wird. Durch sie ward mir's verwehrt, so leicht
und frei dahin zu schwimmen wie ein Fisch. Ich sinke, versinke und falle
zu Boden wie ein Schlüssel. Find sie mir, Jüngling!«

Lewko blickte aufs Ufer: Im zarten Silbernebel sah man etwas schimmern.
Eine Schar Mädchen tummelte sich, leicht wie ein Schatten, in lichten
Gewändern, die so hell waren, wie die Maiglöckchen auf der Wiese;
goldene Spangen, Perlenketten und Dukaten glänzten an ihren Nacken;
allein sie waren bleich: ihr Leib war wie aus durchscheinenden Wolken
gewoben und schimmerte durchsichtig im silbernen Mondenlicht. Spielend
und tanzend näherte sich der Mädchenreigen und man hörte schon ihre
Stimmen.

»Laßt uns das Rabenspiel spielen, das Rabenspiel,« säuselten alle
durcheinander, wie das Schilf am Flusse, das der Wind in stiller
dämmernder Stunde mit seinen lustigen Lippen berührt.

»Wer soll Rabe sein?«

Das Los ward geworfen -- und ein Mädchen trat aus der Menge hervor.
Lewko betrachtete sie aufmerksam. Ihr Gesicht und ihr Kleid war ganz so
wie bei allen anderen. Man merkte ihr nur an, daß sie ihre Rolle nicht
gern spielte. Die Menge bildete eine lange Reihe und wich behend den
Angriffen des räuberischen Feindes aus.

»Nein, ich will nicht Rabe sein!« rief das Mädchen, ganz schlaff vor
Müdigkeit. »Es tut mir so leid, der armen Henne die Küken zu rauben.«

»Du bist nicht die Hexe!« dachte Lewko.

»Wer soll Rabe sein?«

Die Mädchen wollten wiederum losen.

»Ich will Rabe sein!« rief da eine aus ihrer Mitte.

Lewko begann ihr Gesicht scharf zu mustern. Schnell und kühn machte sie
Jagd auf die Schar und stürzte nach allen Seiten, um ihr Opfer zu
fangen. Da sah Lewko, daß ihr Leib nicht so leuchtete, wie der der
anderen: mitten im Innern gewahrte er etwas Dunkles. Plötzlich ertönte
ein Schrei: der Rabe stieß auf ein Mädchen herab, fing es ein, und es
deuchte Lewko, als habe sie ihre Krallen gezeigt, und als blitze in
ihrem Gesicht eine boshafte Freude auf.

»Hexe!« rief er, und zeigte, nach dem Hause gewandt, mit dem Finger auf
sie.

Das holde Fräulein lachte auf, und die Mädchen führten die, welche den
Raben gespielt hatte, schreiend mit sich fort.

»Womit soll ich's dir lohnen, Jüngling? Ich weiß, du brauchst kein Gold,
du liebst Hanna. Doch der gestrenge Vater will dir's nicht erlauben, sie
zu heiraten. Nun wird er dich nimmer hindern; nimm dies Briefchen und
gib es ihm ...«

Sie streckte ihm ihr weißes Händchen hin, ihr Antlitz leuchtete
wundersam und erstrahlte .... Mit einem nie geahnten Schauer und
sehnsüchtigen Pochen des Herzens griff er nach dem Briefchen und ....
erwachte.


                                  VI.
                                Erwachen

»Hab' ich wirklich geschlafen?« sprach Lewko zu sich selbst, als er sich
von der kleinen Böschung erhob. »Alles war doch so lebendig wie in
Wirklichkeit« .... »Seltsam, seltsam!« wiederholte er, indem er sich
umsah. Der Mond stand gerade über seinem Kopfe und wies auf Mitternacht.
Alles war still; vom Teich wehte es kühl her; über ihm stand traurig das
verfallene Haus mit den geschlossenen Läden; Moos und wildes Steppengras
ließen erkennen, daß sich die Menschen schon lange von ihm getrennt
hatten. Lewko öffnete seine Hand, die er während des Schlafes krampfhaft
geballt hatte, und stieß einen Schrei der Verwunderung aus; er hatte
einen Zettel in ihr entdeckt. »Ach, wenn ich doch lesen könnte!« dachte
er, indem er ihn vor seinen Augen hin und her wandte. In diesem
Augenblick vernahm er hinter sich ein Geräusch.

»Fürchtet nichts! Packt ihn nur! Vor wem habt ihr Angst? Wir sind ja zu
zehn! Ich will darauf wetten, das ist ein Mensch und kein Teufel! ....«

Es war der Amtmann, der diese Worte seinen Begleitern zuschrie, und
Lewko fühlte sich von mehreren Händen gepackt, von denen einige vor
Furcht zitterten. »Nun Freundchen, wirf mal endlich deine schreckliche
Maske ab, du hast die Leute schon genug in die Irre geführt!« rief der
Amtmann und packte ihn am Kragen. Aber da glotzte er ihn voller Schreck
mit seinem einzigen Auge an: »Lewko, mein Sohn!« schrie er
zurückweichend, und ließ vor Staunen die Hände herabsinken. »Du bist's?
Du Hundesohn! So eine Ausgeburt der Hölle! Ich denke: was für ein
Schelm, was für ein verkleideter Teufel treibt da sein Unwesen? Und nun
stellt sich heraus, daß du es bist. -- Der ungekochte Mehlbrei soll
deinem Vater im Halse stecken bleiben! -- Du treibst böse Streiche auf
den Straßen, du dichtest Lieder ....! Oho, Lewko! Was soll das? Dich
juckt wohl der Rücken? Bindet ihn!«

»Halt Vater! Ich hab' dir einen Zettel zu geben!« sagte da Lewko.

»Jetzt ist keine Zeit für Zettel, mein Täubchen! Bindet ihn!«

»Halt ein, Herr Amtmann!« sagte der Schreiber und entfaltete den Zettel.
»Das ist ja die Handschrift des Kommissärs!«

»Des Kommissärs?«

»Des Kommissärs?« wiederholten die Büttel mechanisch.

»Des Kommissärs? Wunderlich! Das ist noch unbegreiflicher!« dachte Lewko
bei sich.

»Lies, lies!« sagte der Amtmann, »was schreibt denn der Kommissär da?«

»Hören wir, was der Kommissär schreibt,« sprach der Branntweinbrenner,
mit der Pfeife in den Zähnen, und schlug Feuer.

Der Schreiber hüstelte und begann zu lesen:

»Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir haben vernommen, daß
du alter Tropf statt die alten Steuerschulden einzutreiben und die
Ordnung in dem Dorfe aufrecht zu erhalten, närrisch geworden bist und
Unzucht treibst ....«

»Bei Gott!« unterbrach der Amtmann die Verlesung, »ich kann nichts
hören!«

Der Schreiber begann von neuem.

»Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir vernehmen, daß du
alter Tro....«

»Halt, halt, es ist nicht nötig,« schrie der Amtmann, »ich habe zwar
nichts gehört, aber ich weiß, daß die Hauptsache noch kommt. Lies
schnell weiter!«

»Infolgedessen tu ich dir den Befehl kund und zu wissen, deinen Sohn
Lewko Makohonenko alsogleich mit der Kosakentochter aus Eurem Dorf,
Hanna Petrytschenkowa, zu verehelichen, insgleichen auf der Landstraße
die Brücke instand zu setzen und ferner die Gutspferde nicht den Herren
vom Gericht zu geben, selbst dann nicht einmal, wenn sie von einer
Kronsitzung kommen. So ich bei meiner Ankunft obige Verfügung nicht
erfüllt finden sollte, wirst du allein zur Verantwortung gezogen.
Kommissär und Leutnant außer Diensten Kosjma Dergatsch-Drischpanowski.«

»So?« meinte der Amtmann mit offenem Munde. »Hört ihr, hört ihr, für
alles macht man den Amtmann verantwortlich. Da heißt's gehorchen,
gehorchen ohne Widerrede! Sonst, mit Verlaub zu sagen .... Und du,« fuhr
er, zu Lewko gewandt, fort, »sollst auf Befehl des Kommissärs
verheiratet werden -- wenn's mich auch sonderbar dünkt, wie er das wohl
erfahren haben mag! Aber vorher sollst du noch die Nagaika zu kosten
bekommen! Kennst du _die_, die bei mir neben dem Heiligenbilde an der
Wand hängt? Ich werde sie mal morgen frisch in Gang bringen .... Wo hast
du diesen Zettel her?«

Trotz seines Staunens über diese unerwartete Wendung der Sache, war
Lewko so vernünftig gewesen, sich im Kopfe eine Antwort zurecht zu legen
und die Wahrheit, wie er zu dem Zettel gekommen war, zu verschweigen.

»Ich war gestern abend noch in der Stadt,« sagte er, »und da begegnete
ich dem Kommissär, der gerade aus seinem Wagen stieg. Als er erfuhr, daß
ich aus unserem Dorfe stamme, gab er mir diesen Zettel da und hieß mich,
dir mündlich ausrichten, er würde auf dem Rückwege bei uns zu Mittag
essen, Vater.«

»Hat er das gesagt?«

»Ja, das hat er gesagt!«

»Hört ihr's,« sprach der Amtmann, sich mit wichtiger Gebärde an seine
Begleiter wendend, »der Kommissär kommt in eigner Person zu unsereinem,
das heißt zu mir, zur Tafel. Oh ....« Dabei hob der Amtmann den einen
Finger in die Höhe und gab seinem Kopf eine Haltung, als ob er auf etwas
lausche. »Der Kommissär, hört ihr's, der _Kommissär_ kommt zu mir zu
Tisch! Wie denkst du, Herr Schreiber, und du, Gevatter, ist das etwa
eine kleine Ehre, wie?«

»Noch nie hat, so viel ich mich besinne,« fiel hier der Schreiber ein,
»je ein Amtmann einem Kommissär mit einer Mahlzeit aufgewartet.«

»Es gibt eben Amtmänner und Amtmänner!« sprach der Amtmann mit
selbstzufriedener Miene. Sein Mund verzog sich, und etwas wie ein
dumpfes, heiseres Lachen, das mehr dem Grollen eines fernen Donners
glich, kam über seine Lippen.

»Wie denkst du, Herr Schreiber? Müßte man nicht eigentlich zu Ehren des
hochgestellten Gastes den Befehl erlassen, daß jedes Haus wenigstens ein
Hühnchen, ein bißchen Leinwand oder dergleichen spendet .... was? ....«

»Ja, das müßte man eigentlich, das müßte man, Herr Amtmann!«

»Und wann ist die Hochzeit, Vater?« fragte Lewko.

»Die Hochzeit? Ich möchte dir schon eine Hochzeit zeigen! .... aber, dem
hochgestellten Gaste zu Ehren .... Morgen soll euch der Pope trauen. Der
Teufel mag euch holen! Der Kommissär soll sehen, was Pünktlichkeit ist!
Nun aber, Kinder, geht zu Bett! Geht jetzt heim! .... Der heutige
Vorfall hat mich an die Zeit erinnert, wo ich ....!«

Bei diesen Worten blickte der Amtmann nach alter Gewohnheit würdig und
bedeutungsvoll drein.

»Jetzt wird der Amtmann zu erzählen anfangen, wie er die Zarin begleitet
hat!« sagte Lewko, und eilte schnellen Schrittes zu dem wohlbekannten
Häuschen, das von niedrigen Kirschbäumen umstanden war. »Gott schenke
dir die ewige Seligkeit, schönes gutes Fräuleinchen!« dachte er sich.
»Mögen dir in jener Welt alle heiligen Engel zulächeln! Niemand soll je
aus meinem Munde von dem Wunder hören, das in dieser Nacht geschah. Nur
dir allein, Hanna, will ich's erzählen, du allein wirst mir glauben und
wirst mit mir für die Seele der unglücklichen Ertrunkenen beten!«

Und er näherte sich dem Häuschen; das Fenster stand offen, die
Mondstrahlen fielen durchs Fenster auf die schlafende Hanna, ihr Kopf
lag auf den Arm gestützt, ihre Wangen glühten sanft, und ihre Lippen
bewegten sich und sprachen halblaut seinen Namen. »Schlaf, mein
schönstes Mädchen! Mögest du träumen von dem Herrlichsten, was es auf
der Welt gibt; doch unser Erwachen soll noch herrlicher sein!«

Er schlug ein Kreuz über sie, schloß das Fenster, entfernte sich leise,
und wenige Augenblicke später schlief alles im Dorfe. Der Mond allein
segelte voller Glanz und Wunder durch die unermeßlichen Fernen des
prunkenden Himmels der Ukraine. In hehrer Feier webten die Höhen dort
oben, und die Nacht, die göttliche Nacht glomm majestätisch ihrem Ende
entgegen. Und auch die Erde lag so voll Schönheit da, in ihrem
wundervollen Glanz von Silber; aber es war niemand mehr, der es genießen
konnte; alles war in Schlaf versunken. Nur ab und zu wurde das Schweigen
für einen Augenblick von Hundegebell unterbrochen, und noch lange tappte
der betrunkene Kalenik durch die schlafenden Gassen herum und suchte
sein Haus.



                        Der verschwundene Brief


                               Eine Sage
                Erzählt vom Küster der -- Kirche zu ***

Ihr möchtet also, daß ich euch noch mehr vom Großvater erzähle? --
Meinetwegen. Warum soll ich euch nicht mit einer Schnurre einen Spaß
machen? O ihr Tage der Vergangenheit! Welche Freude und Lust überkommt
doch das Herz, wenn man vernimmt, was vor langer, langer Zeit einmal in
der Welt geschah, und niemand weiß mehr Jahr noch Tag. Und wenn erst so
ein Alter aus unserer Verwandtschaft mit im Spiel ist, irgendein
Großvater oder ein Urgroßvater, -- dann ist's ganz um mich geschehen:
Ich will beim Lobsingen auf die heilige Märtyrerin Barbara den Schlucken
kriegen, wenn es mir nicht immer so vorkommt, als ob ich das alles
selbst durchgemacht hätte: gerad als wenn ich in des Großvaters Seele
hineingekrochen wäre, oder als wenn die Seele des Großvaters in mir
selbst rumorte .... Nein, aber am ärgsten sind die Mädels und die jungen
Weiber dahinter her; kaum erblicken sie einen, gleich heißt es: »Foma
Grigorjewitsch, Foma Grigorjewitsch! Schnell ein Märchen recht zum
Gruseln, bitte, bitte, ein Märchen zum Gruseln ....!« Taratata --
taratata! Und los geht es .... Warum sollt man ihnen auch nicht ein
Märchen erzählen, aber paßt mal auf, was nachher mit ihnen im Bett
geschieht. Ich weiß doch, daß jede unter der Decke zittert, als wenn sie
das Fieber hätte, und am liebsten den Kopf unter den Pelz stecken
möchte. Da braucht nur eine Ratte an einem Topf zu scharren, oder sie
gerät selbst mit dem Fuß an den Feuerhaken, Gott bewahre, -- gleich
fliegt die Seele bis in die Strümpfe. Am anderen Tage aber ist alles
vergessen; und sie drängen einen von neuem: man soll ihnen doch nur ein
recht grusliges Märchen erzählen! Was soll ich euch nun erzählen? Es
fällt mir gerade nichts ein .... Ach ja, ich will euch das erzählen, wie
die Hexen mit meinem seligen Großvater Schafskopf gespielt haben. Aber
darum muß ich im Voraus bitten, meine Herren, bringt mich nicht aus dem
Geleis, sonst giebt's so einen Brei, daß man sich schämen muß, ihn ins
Maul zu nehmen. Also mein seliger Großvater war, wie ich euch bemerken
muß, durchaus nicht einer von den gewöhnlichen Kosaken. Der verstand's,
auf jeden Topf seinen Deckel zu setzen. An Feiertagen konnte er seine
Apostel so herunterschnurren, daß sich auch jetzt noch mancher Popensohn
vor ihm verstecken könnte. Na, und das wißt ihr ja selbst, wenn man in
der damaligen Zeit die Schriftkundigen aus ganz Baturin zusammentrommeln
wollte, da brauchte man nicht erst die Mützen bereitzuhalten, -- die
offene Hand hätte schon vollständig genügt. Was Wunder, daß jeder, der
am Großvater vorüberging, sich tief vor ihm verneigte.

Eines Tages fiel es dem hochwohlgeborenen Herrn Hetman ein, aus
irgendeinem Grunde ein Schreiben an die Zarin zu senden. Der damalige
Regimentsschreiber (daß dich der Geier hole, ich kann mich nicht auf
seinen Namen besinnen .... hieß er Wisrjak oder Motusotschka oder
Goloputzek .... ich weiß nur, daß er einen sehr komischen Namen hatte,
der ganz absonderlich anfing) er ließ also den Großvater zu sich kommen
und sagte ihm: so und so, der Hetman wolle ihn als Kurier mit einem
Briefe zu der Zarin senden. Mein Großvater liebte die langen
Vorbereitungen nicht, nähte den Brief in die Mütze ein, führte sein
Pferd aus dem Stall, schmatzte seine Frau und seine zwei Ferkelchen (wie
er sie selbst nannte) -- einer von ihnen war mein leiblicher Vater --
ordentlich ab, und hinter ihm erhob sich eine solche Staubwolke, als ob
fünfzehn Jungen auf der Straße Schlagball spielten. Am andern Tage hatte
der Hahn noch nicht zum vierten Male gekräht, als der Großvater schon in
Konotop war. Dort war gerade Jahrmarkt; und es wimmelten so viel Leute
auf den Straßen herum, daß es einem vor den Augen flimmerte. Weil es
aber noch früh am Morgen war, so schlief alles lang hingestreckt auf der
Erde. Neben einer Kuh lag ein versoffener Kerl mit einer roten Nase, der
wie ein Gimpel aussah; etwas weiter schnarchte eine Händlerin im Sitzen
mit Feuersteinen, Waschblau, Schrot und Brezeln; unter einem Wagen lag
ein Zigeuner; auf einem andern Wagen mit Fischen ein Frachtfuhrmann,
mitten auf dem Wege lag mit gespreizten Beinen ein bärtiger Moskowiter
mit Gürteln und Däumlingen .... mit einem Wort: allerhand Pack, wie
man's auf den Jahrmärkten trifft. Der Großvater machte Halt, um sich's
anzusehen. Unterdessen aber wurde es nach und nach in den Buden
lebendig: die Judenweiber begannen mit ihren Flaschen zu klappern; der
Rauch stieg hie und da in Ringen empor, und ein Duft von heißen Buchteln
zog übers ganze Lager. Da fiel es dem Großvater ein, daß er weder Zunder
noch Tabak vorrätig hatte, und so fing er denn an, auf dem Jahrmarkt
herumzustreichen. Er hatte noch keine zwanzig Schritt gemacht, da kommt
ihm ein Saporoger entgegen. Ein Draufgänger, man sieht's ihm schon am
Gesicht an! Glutrote Pluderhosen, ein blauer Schupan, ein grellbunter
Gürtel, ein Säbel an der Seite und 'ne Pfeife mit einer Messingkette,
die bis zu den Fersen reicht -- mit einem Wort, ein Saporoger vom Kopf
bis zu den Füßen! Ist das ein Völkchen! Wie der so dasteht, sich reckt,
sich den prächtigen Schnurrbart streicht, mit den Hufeisen klirrt -- und
dann loslegt! Ja, sag' ich euch, wie der loslegt: Die Beine schwirren
nur so hin und her wie eine Spindel in Weiberhänden; wie ein Wirbelwind
saust seine Hand über alle Saiten der Harfe, er stemmt sie in die
Hüften, schnellt in Kniebeugestellung die Beine von sich und stimmt ein
jauchzendes Lied an -- daß einem die Seele erzittert! .... Ja diese
Zeiten sind vorbei; jetzt gibt's keine Saporoger mehr! Ja, ja. Sie
trafen sich also, machten Bekanntschaft, begannen miteinander zu
schwatzen, und der Großvater hatte bald seine Reise vergessen. Es ging
ein Saufen an wie auf 'ner Hochzeit vor den großen Fasten. Endlich aber
kriegten sie's satt, Töpfe zu zerschmeißen und Geld unters Volk zu
werfen, und dann kann man ja auch nicht ewig auf dem Jahrmarkt bleiben!
So verabredeten sich denn die neuen Freunde, sie wollten sich nicht mehr
trennen und den Weg zusammen zurücklegen. Es war schon gegen Abend, als
sie sich aufmachten und ins freie Feld hinausritten, die Sonne war schon
zur Ruhe gegangen und nur hie und da flammten dort, wo sie noch vor
kurzem gestanden hatte, ein paar rötliche Streifen auf. Bunte Saatwiesen
lagen ausgestreut da wie die Sonntagstücher schwarzbrauiger, junger
Frauen. Unsern Saporoger packte ein schrecklicher Drang zum Schwatzen.
Mein Großvater und noch ein anderer Kumpan, der sich zu ihnen gesellt
hatte, fragten sich schon, ob er nicht vom Teufel besessen sei: Wo hatte
er bloß all das Zeug her, all diese Geschichten und Mären so
verwunderlicher Art, daß der Großvater sich die Seiten halten mußte, um
nicht vor Lachen zu platzen. In der Steppe aber ward es immer düsterer,
je weiter man kam, und die Reden des Braven wurden immer
unzusammenhängender. Endlich aber verstummte unser Erzähler und fing
beim leisesten Geräusch an zu zittern.

»Hoho, Landsmann! Du scheinst mir die Eulen zu zählen! Du möchtest wohl
heim, hinter den Ofen?«

»Ich will nichts vor euch verbergen,« sprach er, sich auf einmal
umwendend, und seine Augen blickten starr. »Wißt ihr, daß ich meine
Seele schon lange an den Bösen verkauft habe?«

»Ei potztausend! Wer hat nicht schon mit dem Bösen zu tun gehabt? In
solchen Fällen ist's das Beste, man ist lustig und geht lumpen.«

»O je, Jungens, lumpen möcht ich schon gern, aber heut ist mein Termin!
O je, Brüder!« sprach er und schüttelte ihnen kräftig die Hände. »O je,
gebt mich nicht preis, schlaft nur diese eine Nacht nicht! Mein Lebtage
will ich eure Freundschaft nicht vergessen!«

Warum sollte man einem Menschen in so einem Unglück nicht beistehen? Der
Großvater erklärte glattweg, er würde sich eher sein Kosakenhaar vom
eignen Kopf scheren, als den Teufel mit seiner Hundeschnauze eine
christliche Seele beschnüffeln lassen. Unsere Kosaken wären vielleicht
noch weiter geritten, wenn nicht die Nacht den ganzen Himmel umwoben
hätte, wie ein schwarzes dichtes Netz; im Feld war es so dunkel geworden
wie unter einem Schafspelz. Nur von ferne blinkte ihnen ein Lichtschein
entgegen, und die Pferde, die die nahe Krippe ahnten, sputeten sich, und
starrten mit gespitzten Ohren in die Finsternis. Der Lichtschein schien
ihnen entgegen zu eilen, und vor den Kosaken tauchte eine Schänke auf,
die ganz morsch und auf die Seite geneigt war, wie ein Frauenzimmer, das
von einer fröhlichen Taufe heimgeht. Zu jener Zeit war eine Schänke
etwas ganz anderes wie heutzutage. Nicht nur, daß man nicht ordentlich
losgehen und drinnen kein Tänzchen oder 'nen Hopser machen konnte, es
gab nicht einmal Platz genug zum Hinlegen, wenn einen ein Rausch
überkommen hatte, und die Füße von selbst anfingen, Zeichen in die Luft
zu schreiben. Der Hof war mit Frachtfuhren vollgepfropft; in den
Scheuern und den Krippen und auf dem Flur lagen Leute: der eine
zusammengekrümmt, ein anderer lang ausgestreckt, und schnarchten wie die
Kater. Nur der Wirt saß vorm Lämpchen und schnitt Kerben in einen Stock,
um sich's zu merken, wieviel Viertel und Achtel die Fuhrleute
ausgepfiffen hätten. Der Großvater bestellte ein drittel Eimer für drei
Mann, ging in die Scheune, und alle drei legten sich nebeneinander
nieder. Kaum aber hatte er sich auf die Seite gelegt, als er merkte, daß
seine Landsleute schon in einen wahren Totenschlaf versunken waren. Der
Großvater weckte den dritten Kosaken, der zu ihnen gestoßen war, und
erinnerte ihn an das Versprechen, das sie ihrem Kameraden gegeben
hatten. Jener richtete sich ein wenig auf, rieb sich die Augen und
schlief wieder ein. Es war nichts zu machen, er mußte also allein Wache
halten. Um den Schlaf zu verscheuchen, besah er sich alle Wagen,
beguckte die Pferde, steckte sich eine Pfeife an, kam wieder zurück und
setzte sich neben die Seinen. Alles war so still, daß man eine Fliege
hätte hören können. Auf einmal war es ihm, als wenn ihm ganz in der
Nähe, hinter einem Wagen, etwas Graues die Hörner zeigte .... Seine
Augen begannen zuzufallen, und er mußte sie jeden Augenblick mit den
Fäusten wach reiben und mit dem Rest vom Schnapse waschen. Kaum aber
konnten sie wieder scharf blicken, da war alles wieder verschwunden.
Nach einer kleinen Weile zeigte sich das Ungetüm von neuem hinterm Wagen
.... Der Großvater riß die Augen auf, so weit er konnte; aber die
verdammte Schlaftrunkenheit umnebelte alles vor ihm, seine Hände wurden
steif, der Kopf sank hintenüber, und ein fester Schlaf übermannte ihn,
so daß er hinfiel wie ein Toter. Der Großvater mußte wohl recht lange
geschlafen haben, denn erst als die Sonne ihm tüchtig auf den Schädel
brannte, sprang er auf die Beine. Er räkelte sich, kratzte sich den
Rücken und merkte, daß schon nicht mehr so viele Wagen dastanden wie
gestern. Die Fuhrleute waren also bereits vor Tagesanbruch davon
gefahren. Was jedoch seine Leute anging, so schlief der Kosak noch, der
Saporoger aber war weg. Er fragte herum, aber niemand wußte was. Nur
sein Kittel lag noch auf demselben Platze. Mein Großvater wurde von
Angst ergriffen und fing an zu grübeln. Er sah nach den Pferden -- sie
waren fort, sowohl seins, wie das des Saporogers! Was hatte das zu
bedeuten? Gesetzt, der Gottseibeiuns hatte den Saporoger geholt, wer
aber hatte die Pferde mitgenommen?

Nach reiflicher Überlegung kam der Großvater zum Schluß, daß der Teufel
sicherlich zu Fuß herbeigelaufen sei; und da es gar weit bis zur Hölle
wäre, hatte er das Pferd gestohlen. Es schmerzte ihn sehr, daß er sein
Kosakenwort nicht gehalten hatte. »Nun,« dachte er, »da ist nichts zu
machen. Ich gehe zu Fuß; am Ende treff' ich unterwegs einen
Pferdehändler, der vom Jahrmarkt zurückkehrt, und dann kaufe ich mir bei
dem ein Pferd.« Wie er aber nach der Mütze griff, war auch die Mütze
fort. Da schlug mein seliger Großvater die Hände überm Kopf zusammen,
denn er erinnerte sich, daß er ja gestern mit dem Saporoger die Mützen
getauscht hatte! Wer konnte also wohl sonst der Dieb sein, wenn nicht
der Unreine! Na, das war eine schöne Hetmans-Post! Da hatte er den Brief
an die Zarin! Und der Großvater begann den Teufel mit solchen Namen zu
traktieren, daß es dem in seiner Hölle wohl mehr als einmal in den Ohren
klingen mochte. Aber alles Schimpfen hilft wenig, und so viel sich der
Großvater auch den Kopf kratzte, es wollte ihm nichts einfallen. Was war
da zu tun? Er suchte sich also eilig einen fremden Verstand zu borgen:
sammelte all die guten Leute, die in der Schänke waren, die Fuhrleute
und die anderen Reisenden, um sich und erzählte ihnen alles: so und so,
und dies Malheur sei ihm geschehen. Die Fuhrleute saßen lange, das Kinn
auf den Peitschenstiel gestützt, da, sannen nach, schüttelten die Köpfe
und meinten, von so einem Wunder hätten sie wahrhaftig in Gottes
getaufter Welt noch nie vernommen, daß ein Hetmans-Brief vom Teufel
geholt worden sei. Andere fügten noch hinzu, wenn der Teufel oder ein
Moskowiter etwas stibitzten, dann könne man hinterher nur noch drei
Kreuze machen. Der Schankwirt allein saß schweigend in seinem Winkel.
Der Großvater machte sich an ihn heran. Wenn ein Mensch schweigt, so
bedeutet das, er hat's dick hinter den Ohren. Aber der Wirt war sehr
wortkarg, und hätte der Großvater nicht fünf Gulden aus der Tasche
geholt, so hätte er bis an sein Lebensende vor ihm stehen können.

»Ich will's dir sagen, wie du wieder zu deinem Briefe kommen kannst,«
sprach er endlich und führte ihn auf die Seite. Dem Großvater wurde
bedeutend leichter ums Herz. »Ich sehe dir's an deinen Augen an, daß du
kein Weib bist, Kosak! Gib acht: unweit von der Schänke führt ein Pfad
rechts nach dem Walde. Sobald die Dämmerung sich über's Feld senkt, sei
bereit. Im Walde da leben Zigeuner. Die kommen dann in solchen Nächten,
wo sich keine Menschenseele zeigt, und nur die Hexen auf ihren
Ofengabeln reiten, aus ihren Höhlen gekrochen, um Eisen zu schmieden.
Was sie aber in Wahrheit treiben und womit sie handeln, das braucht dich
nicht zu kümmern. Da wird's im Wald ein gewaltiges Getöse geben. Aber
geh du nicht dahin, woher der Lärm kommt; ein enger Pfad wird vor dir
liegen, der an einem verkohlten Baumstamm vorbeiführt: auf diesem Wege
geh' weiter und immer weiter .... die Dornen werden dich stechen, und
dichtes Gestrüpp versperrt dir den Weg, -- aber geh du nur immer weiter!
Erst wenn du an einen kleinen Bach kommst, dann darfst du Halt machen.
Dort wirst du finden, was du brauchst. Doch vergiß ja nicht, deine
Taschen damit zu füllen, wofür die Taschen gemacht sind .... Du
verstehst mich, diese Ware lieben die Teufel nicht weniger als die
Menschen!« Nach diesen Worten zog sich der Wirt in seinen Verschlag
zurück und wollte nichts weiter sagen.

Mein Großvater seligen Angedenkens war ein Mann, der sich nicht so
leicht ins Bockshorn jagen ließ; wenn er einem Wolf begegnete, so packte
er ihn stracks am Schwanze; und machte er mal mit seinen Fäusten einen
Gang durch die Kosaken, so sanken sie zu Boden, wie Birnen, die man vom
Baum schüttelt. Als er aber in der stockfinsteren Nacht in den Wald kam,
da überlief's ihn denn doch kalt. Kein Sternchen stand am Himmel und es
herrschte eine düstere Finsternis, wie in einem Weinkeller; nur ganz
hoch oben über dem Kopfe, da hörte man den kalten Wind durch die
Baumwipfel streichen, und die Bäume wackelten wie berauschte
Kosakenköpfe und die Blätter flüsterten sich trunkene Reden zu. Auf
einmal wehte eine solche Kälte daher, daß der Großvater an seinen
Schafpelz denken mußte; und plötzlich fing's an zu hämmern, wie wenn
hundert Hämmer herunterfielen, und es ging so ein Riesenlärm durch den
Wald, daß es ihm fürchterlich im Kopfe dröhnte. Der ganze Wald wurde auf
einen Augenblick ganz hell wie bei einem Wetterleuchten. Der Großvater
erspähte sogleich den Pfad, der zwischen niedrigem Gebüsch dahinführte:
da war auch der verkohlte Baumstamm und das Dornendickicht! Alles genau
so, wie's ihm gesagt worden war. Nein, der Schankwirt hatte ihn nicht
betrogen. Aber besonders heiter war es doch nicht, sich durch das
dastehende Gestrüpp hindurcharbeiten zu müssen. Sein Lebtag hatte er
noch nie gespürt, daß die verfluchten Äste und Dornen so schmerzhaft
stechen können: fast bei jedem Schritte wollte er aufschreien.

Nach und nach hatte er sich auf einen freien Platz hinausgewunden. Er
gewahrte, daß die Bäume seltener wurden, und als er weiter zusah, da
waren sie so dick, wie er's nicht einmal jenseits vom Königreich Polen
gesehen hatte. Bald schimmerte auch das Bächlein zwischen den Bäumen
auf: schwarz wie eine Damaszener Klinge. Lange stand der Großvater am
Ufer und spähte nach allen Seiten aus. Am anderen Ufer brennt ein Feuer.
Schon will es erlöschen, da fällt sein Wiederschein aufs neue ins
Bächlein, das aufzuckt wie ein polnischer Schlachziz unter einer groben
Kosakenfaust. Da ist auch eine winzige Brücke! »Da drüber kann doch
höchstens ein Teufelswägelchen fahren!« dachte der Großvater, aber er
betrat sie schnell, und schneller noch als mancher die Dose aus der
Tasche holt, um eine Prise zu nehmen, war er am anderen Ufer. Jetzt erst
nahm er wahr, daß Leute am Feuer saßen; aber die hatten solche garstige
Fratzen, daß er zu andern Zeiten Gott weiß was drum gegeben hätte, ihrer
Bekanntschaft entgehen zu dürfen. Jetzt aber war ihm nicht zu helfen: Er
mußte schon mit ihnen anbändeln. Der Großvater verneigte sich tief bis
zur Erde vor ihnen. »Grüß Gott, gute Leute!« Aber auch nicht einer
nickte mit dem Kopfe: sie saßen stumm da, schwiegen und streuten etwas
ins Feuer. Da der Großvater fand, daß noch ein Platz frei war, so setzte
er sich denn ohne weitere Umschweife. Die widerlichen Fratzen sprachen
nichts, und auch der Großvater sagte nichts. Lange saßen sie schweigend
so da, und der Großvater bekam die Sache schon satt; er griff in die
Tasche, zog die Pfeife raus, blickte um sich -- aber keiner sah nach ihm
hin. »Wollten Euer Gnaden mit Verlaub die hohe Güte haben, sozusagen«
.... (Mein Großvater war ein vielerfahrener Mann, er verstand es, am
rechten Fleck ein höfliches Wörtlein anzubringen; selbst vor dem Zaren
hätte er, wenn's drauf ankam, in Ehren bestehen können.) ....
»sozusagen, um weder von mir, noch von euch zu schweigen: ein Pfeifchen
hab' ich wohl, aber wo soll ich Feuer herkriegen?« Auch auf diese Rede
erfolgte keine Antwort. Nur eine von den Mißgestalten ergriff ein
brennendes Holzscheit und stieß es dem Großvater geradewegs gegen die
Stirn, und wenn er nicht etwas zurückgefahren wäre, hätte er auf ewig
von seinem einen Auge Abschied nehmen müssen. Als er endlich sah, daß
die Zeit unnütz verrann, beschloß er -- ob's die unreine Brut nun
anhören wollte oder nicht -- ihnen seine Sache zu erzählen. Jene
spitzten die Ohren und streckten die Pfoten vor. Der Großvater begriff,
was sie wollten; nahm sein ganzes Geld und warf es mitten vor sie hin,
wie man Hunden etwas vorwirft. Kaum hatte er das Geld hingeschmissen, da
schien alles vor ihm durcheinanderzugehen, die Erde erzitterte, und er
geriet -- _wie_, das konnte er selbst nicht erzählen -- schier in die
Hölle. »Mein Gott!« schrie der Großvater auf, als er sich wieder umsah.
Was für Ungeheuer! Fratze neben Fratze! Da gab's Hexen in so ungeheuerer
Menge, wie die Schneeflocken, die zuweilen auf Weihnachten fallen, und
alle so aufgeputzt und angemalt, wie die Fräulein auf dem Jahrmarkt. Sie
alle begannen, soviel ihrer da waren, einen teuflischen Hopser zu
tanzen. Der Staub wirbelte in die Höhe, -- Gott bewahr, welch ein Staub!
Einen ehrlich getauften Menschen hätte ein Zittern erfassen müssen, wenn
er gesehen hätte, wie hoch diese Teufelsbrut sprang. Aber den Großvater
überkam, trotz seiner Angst, ein Lachen, als er sah, wie die Teufel mit
ihren Hundeschnauzen zierliche Schritte machten und mit wedelnden
Schweifchen um die Hexen herumscharwenzelten, wie junge Burschen um die
hübschen Mädchen; und die Musikanten paukten auf ihren eignen Backen
herum wie auf Trommeln, und pfiffen durch die Nasen wie auf Flöten. Kaum
aber hatten sie den Großvater erblickt, da stürzten sie sich wie ein
ganzes Heer auf ihn: Schweinemäuler, Hundemäuler, Bocksmäuler,
Gänsemäuler, Pferdemäuler -- sie alle reckten sich vor und wollten,
kam's wie's kam, von ihm geküßt werden. Der Großvater mußte ausspucken,
so ein Ekel überkam ihn! Endlich aber wurde er gepackt und an einen
Tisch gesetzt, der vielleicht so lang war, wie der Weg von Konotop nach
Baturin. »Na, das ist wenigstens nicht übel,« dachte der Großvater, als
er Schweinefleisch, Würste, Kohl mit Zwiebeln und noch viele andere
Leckerbissen auf dem Tische stehen sah. »Das Satanspack hält wohl die
Fasten nicht!« Der Großvater ließ die Gelegenheit, einen guten Bissen zu
nehmen, nie außer acht. Er hatte stets Appetit, und darum rückte er ohne
viel Federlesens die Schüssel mit dem angeschnittenen Speck und einen
Schinken zu sich heran, ergriff eine Gabel, die nicht viel kleiner war
als die Gabeln, mit denen die Bauern Heu aufladen, spießte ein riesiges
Stück Fleisch auf, nahm noch ein mächtiges Stück Brot dazu und schob es
geradewegs in -- einen fremden Mund, der eben neben seinen Ohren
aufgetaucht war, er hörte sogar noch, wie das Maul kaute und über den
ganzen Tisch hin mit den Zähnen klapperte. Der Großvater muckste nicht,
gabelte ein anderes Stück auf, und schon glaubte er es auf seinen Lippen
zu spüren, aber da geriet es wieder in einen fremden Rachen. Er
versuchte es ein drittes Mal -- und wieder traf er vorbei. Der Großvater
raste vor Wut. Er vergaß all seine Angst und in wessen Händen er sich
befand, und sprang auf die Hexen los: »Was, ihr Herodesbrut, ihr! wollt
ihr euch vielleicht über mich lustig machen? Wenn ihr mir nicht auf der
Stelle meine Kosakenmütze herausgebt, so will ich ein Römling sein, wenn
ich euch nicht die Schweineschnauzen auf den Nacken drehe!« Noch hatte
er die letzten Worte nicht ausgesprochen, als alle Ungeheuer die Zähne
zu fletschen begannen und ein solches Gelächter aufschlugen, daß dem
Großvater die Seele zu Eis erstarrte.

»Gut!« winselte eine der Hexen, die der Großvater für das Oberhaupt der
anderen hielt, denn ihr Lärvchen war vielleicht noch wundervoller als
die Fratzen der anderen. »Die Mütze wollen wir dir geben, aber nicht
eher, als bis du dreimal mit uns _Schafskopf_ gespielt hast.«

Was war da zu machen? Soll etwa ein Kosak mit Weibern zusammen sitzen
und Schafskopf spielen? Der Großvater weigerte und weigerte sich immer
wieder. Endlich aber ließ er sich doch dazu herbei. Man brachte Karten,
und zwar so schmierige wie die, aus denen sich bei uns die Popentöchter
wahrsagen, wenn sie wissen wollen, was für Bräutigams sie bekommen
werden.

»Hör'!« bellte die Hexe wieder los, »wenn du auch nur ein einziges Mal
gewinnst, so ist die Mütze dein. Wenn du aber alle dreimal Schafskopf
bleibst, so nimm's mir nicht übel, dann wirst du nicht bloß deine Mütze,
sondern vielleicht auch die Welt nie mehr wiedersehen!«

»Gib her, alte Vettel! Komme, was kommen mag!«

Die Karten wurden verteilt und der Großvater nahm die seinen in die
Hände. Nicht hinblicken mochte er auf den Schund! wenn auch bloß zum
Scherz nur ein einziger Trumpf darunter gewesen wäre! Bei _einer_ Farbe
war die _Zehn_ schon der höchste Stich, und nicht einmal ein Paar hatte
er; die Hexe aber spielte immer Fünfer aus. So blieb er denn Schafskopf!

Kaum war der Großvater Schafskopf geworden, so begannen die Mäuler von
allen Seiten zu wiehern, zu bellen und zu grunzen: »Schafskopf,
Schafskopf, Schafskopf!«

»Mögt ihr doch platzen, ihr Satansbrut!« schrie der Großvater und
stopfte sich mit dem Finger die Ohren zu. »Na,« denkt er, »die Hexe hat
wohl falsch gemischt! Jetzt werde _ich_ mal mischen!« Er gab also die
Karten, sagte Trumpf an und blickte in die Karten: waren das großartige
Karten, auch Trümpfe waren dabei! Zuerst ging die Sache, wie's nicht
besser gehen konnte; aber die Hexe hatte eine Fünf und alle Könige! Der
Großvater jedoch hatte lauter Trümpfe in Händen! Ohne da groß zu
überlegen, deckte er, bumms, alle Könige mit Trümpfen!

»Oho, das ist nicht Kosakenart! Womit deckst du denn da, Nachbar?«

»Was da -- womit? Mit Trümpfen natürlich!«

»Das sind vielleicht bei euch Trümpfe, bei uns aber nicht!«

Sieh mal an -- es war in der Tat nur eine einfache Farbe. So eine
hundsföttische Zauberei! Er mußte zum zweitenmal Schafskopf werden, und
das Teufelspack brüllte von neuem: »Schafskopf, Schafskopf!« so daß der
Tisch wackelte und die Karten auf dem Tische herumhüpften. Der Großvater
geriet in Hitze; er gab zum letzten Male Karten. Wieder ging es schlecht
und recht. Die Hexe spielte wieder eine Fünf aus; der Großvater deckte
sie und kaufte eine ganze Hand voll Trümpfe.

»Trumpf!« schrie er und schlug mit der Karte so mächtig auf den Tisch,
daß sie sich krumm bog. Jene deckte, ohne ein Wort zu sagen, mit einer
Acht. »Und womit stichst du, alter Teufel?« Die Hexe hob die Karte auf,
unter der eine einfache Sechs lag. »Ach verdammtes Satansgeflunker!«
rief der Großvater und schlug vor Ärger aus aller Leibeskraft mit der
Faust auf den Tisch. Ein wahres Glück, daß die Hexe schlechte Karten
hatte; der Großvater hatte wie zu Fleiß lauter Paare in seiner Hand. Er
begann zu kaufen, aber er war schon mit seiner Kraft zu Ende: er bekam
so schlechte Karten, daß er die Hände sinken ließ. Es gab keine Karten
mehr zu kaufen und nun ging er schon, ohne viel hineinzublicken, mit
einer einfachen Sechs los. Die Hexe nahm sie auf. »Da hast du die
Bescherung! Was sollte das bedeuten? Oho, da stimmt sicher etwas nicht!«
Der Großvater nahm also heimlich die Karten unter den Tisch und schlug
ein Kreuz über sie; und auf einmal hatte er Trumpf-Aß, Trumpf-König und
Trumpf-Bube in Händen, und statt seiner Sechs hatte er Dame gespielt.
»Ein schöner Narr bin ich gewesen,« dachte er sich. -- »Trumpf-König!
Was? Hast du das? Du Katzenbrut! Willst du vielleicht ein Aß? Ein Aß!
einen Buben! ....« Ein donnerndes Dröhnen rollte durch die ganze Hölle;
die Hexe verfiel in Krämpfe, und auf einmal flog dem Großvater --
patsch! -- die Mütze ins Gesicht. »Nein, das ist zu wenig!« schrie der
Großvater schon viel dreister, als er erst seine Mütze aufgesetzt hatte.
»Wenn nicht mein braves Pferd auf der Stelle vor mir erscheint, so soll
mich an diesem unreinen Ort gleich der Donner treffen, oder ich schlage
wahrhaftig das heilige Kreuz über euch alle!« Und schon erhob er die
Hand, als er auf einmal Pferdeknochen vor sich klappern hörte.

»Da hast du dein Pferd!«

Der Ärmste brach bei diesem Anblick in Tränen aus, wie ein törichtes
Kind. Schade um den alten Freund! »Gebt mir nur irgend ein Pferd, damit
ich aus eurem Nest herauskomme!« Der Teufel knallte mit seiner
Hetzpeitsche, -- ein Pferd sauste wie ein Feuer unter dem Großvater
herauf, und er flog wie ein Vogel in die Höhe. Aber mitten im wilden
Ritt ergriff ihn eine mächtige Angst, als das Pferd ohne auf seine Rufe
oder auf die Zügel zu achten, über Gräben und Sümpfe dahinjagte. An was
für Orten war er damals nicht überall gewesen! schon beim bloßen
Erzählen überkam ihn ein Zittern. Er blickte vor sich hinab und
erschrak: vor ihm lag ein Abgrund, eine furchtbare Schlucht! Doch das
Satansvieh machte sich nichts daraus und setzt einfach drüber weg! Der
Großvater wollte sich festhalten, aber es gelang ihm nicht. Hals über
Kopf, durch Gestrüpp und über Felsen flog er hinab in den Schlund und
prallte tief unten am Grunde so gewaltig auf, daß ihm der Atem verging.
Wenigstens konnte er sich später auf nichts mehr besinnen, was damals
mit ihm vorgegangen war; und als er wieder zu sich kam und sich umsah,
da war es schon ganz hell geworden. Vor ihm schimmerte eine wohlbekannte
Gegend, und er lag auf dem Dache seines eigenen Hauses.

Als der Großvater heruntergeklettert war, schlug er ein Kreuz.
»Teufelszeug! Was zum Henker einem Menschen nicht für Wunderdinge
widerfahren können!« Er sah seine Hände an. Sie waren voll Blut; er sah
in das vor ihm stehende Wasserfaß -- auch sein Gesicht war voller Blut.
Er wusch sich gründlich, um die Kinder nicht zu erschrecken, trat leisen
Schrittes in die Stube, und was sieht er da? Die Kinder gehen rücklings
auf ihn zu, strecken die Finger aus und sagen: »Sieh doch, sieh -- die
Mutter springt herum wie verrückt!« Und wahrhaftig: sein Weib sitzt
eingeschlafen vorm Spinnrocken, hält die Spindel in der Hand und hüpft
im Schlaf auf der Bank hoch und nieder. Der Großvater nahm sie sanft bei
der Hand und weckte sie. »Grüß Gott, Frau, bist du auch ganz wohl?« Jene
starrte ihn lange an. Endlich erkannte sie den Großvater und erzählte,
sie habe geträumt, der Ofen sei in der Stube herumgefahren, habe mit der
Schaufel alle Töpfe und Schüsseln hinausgejagt ... und der Teufel weiß,
was noch alles! »Na ja,« sagte der Großvater, »dein Traum war meine
Wirklichkeit, ich sehe schon, man muß unser Haus mit Weihwasser
besprengen -- aber jetzt darf ich keine Zeit mehr verlieren.« So sprach
der Großvater, und als er sich etwas ausgeruht hatte, holte er das Pferd
und machte nicht eher Halt, weder bei Tag noch bei Nacht, als bis er
sein Ziel erreicht und der Zarin selbst den Brief übergeben hatte. Da
bekam der Großvater solche Wunderdinge zu sehen, daß er noch lange
nachher davon erzählen konnte: wie er in ein Schloß geführt wurde,
welches so hoch war, daß man zehn Häuser hätte übereinander bauen
können, und es hätte noch nicht gereicht; wie er in ein Gemach
hineinblickte -- die Zarin war nicht drin, -- dann in ein zweites --
auch da war sie nicht, in ein drittes -- auch da nicht, -- in ein
viertes -- sie war immer noch nicht da. Erst im fünften Zimmer saß sie
selbst, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, in einem grauen,
funkelnagelneuen Kittel und mit roten Stiefelchen, und aß goldene
Knödel. Sie ließ ihm die ganze Mütze mit blauen Scheinen vollstopfen,
und ihm .... aber man kann sich doch nicht an alles erinnern! Der
Großvater hatte sogar die Plackerei mit den Teufeln ganz vergessen, und
wenn es geschah, daß ihn jemand daran erinnerte, so schwieg er, als
ginge ihn das nichts an, und es kostete gar viele Mühe, ihn so weit zu
bringen, daß er's erzählte. Aber wohl zur Strafe dafür, daß er damals
das Haus nicht sofort mit Weihwasser besprengt hatte, widerfuhr der Frau
jedes Jahr, und zwar immer um dieselbe Zeit, das Wunder, daß sie immerzu
tanzen wollte. Was sie auch beginnen mochte, die Beine taten das ihrige
und zwangen sie förmlich, ein Tänzchen aufzuführen.

Ende des ersten Teils.



                  Abende auf dem Gutshof bei Dikanka.
                              Zweiter Teil



                                Vorrede


Hier habt ihr das zweite Büchlein, oder richtiger gesagt, das letzte.
Erst wollt' ich's ja nicht, nein, ich wollt' es ganz und gar nicht
herausgeben. Wahrhaftig, man muß auch mal 'nen Schlußpunkt setzen
können. Und ich kann euch nur mitteilen: auf dem Vorwerk fängt man schon
an, über mich zu lachen. »Sieh mal einer an!« sagt man, »der alte Toback
ist ja schon ganz närrisch: der amüsiert sich auf seine alten Tage noch
mit Spielereien!« Ja wirklich, 's wäre doch längst Zeit, zur Ruhe zu
gehen. Ihr, lieben Leser, glaubt natürlich, ich tue nur so, als ob ich
schon so alt sei. Ach du lieber Gott, was heißt da Verstellung, wenn
einem kein Zahn mehr im Munde sitzt! Was Weiches kann ich ja noch
irgendwie kauen, aber Hartes kann ich nun schon gar nicht mehr beißen.
Hier habt ihr also noch ein Büchlein! Bloß eins, aber schimpft nicht! 's
ist nicht recht, beim Abschied zu schimpfen, besonders auf einen
Menschen, den man Gott weiß wann wiedersieht. In diesem Büchlein werdet
ihr Erzähler zu hören bekommen, die euch fast alle unbekannt sind,
ausgenommen etwa Foma Grigorjewitsch. Was aber jenes erbsengraue
Herrchen angeht, das immer so verblümt zu erzählen pflegte, so daß ihn
selbst irgend so ein pfiffiger Moskowiter nicht recht verstehen konnte,
-- der ist schon lange nicht mehr da. Erst hat er sich gründlich mit uns
allen verkracht, und dann ließ er sich überhaupt nicht mehr blicken. Ja,
hab' ich euch denn diesen Fall nicht erzählt? Hört doch nur, es war
wirklich eine höchst possierliche Geschichte. Im vorigen Jahr, es war
gegen Anfang des Sommers, -- ich glaube beinahe am Namenstage meines
Schutzheiligen, -- kamen einige Gäste zu mir .... (Das muß ich euch
sagen, lieben Leser; meine Landsleute -- Gott schenke ihnen ein langes
Leben und eine gute Gesundheit -- haben mich alten Mann nicht vergessen.
Es geht schon ins fünfzigste Jahr, daß ich mich auf meinen Namenstag
besinne; aber wie alt ich nun genau bin, das kann weder _ich_ euch
sagen, noch meine Alte. Wahrscheinlich so gegen siebzig. Der Pope von
Dikanka, Vater Charlampi, hat's gewußt, wann ich geboren bin; aber
leider sind's schon fünfzig Jahr, daß er tot ist.) Also es kamen Gäste
zu mir: Sachar Kirilowitsch Tschuchopupenko, Stepan Iwanowitsch
Kurotschka, Taras Iwanowitsch Smatschnenjki, und der Assessor Charlampi
Kirilowitsch Chlosta; dann war noch .... sieh mal einer an, da hab' ich
doch wahrhaftig seinen Vor- und Zunamen vergessen .... Ossip .... Ossip
.... mein Gott, ganz Mirgorod kennt ihn ja! Wenn er redet, schnippt er
zuerst mit den Fingern, und dann stemmt er die Hände in die Hüften ....
Na, Gott helf' ihm! 's wird mir ein andermal einfallen. Ferner war auch
der euch schon bekannte junge Herr aus Poltawa gekommen; Foma
Grigorjewitsch rechne ich übrigens nicht mit; der gehört schon zur
Familie. Man kam ins Gespräch (ich muß schon wieder was einschalten! Bei
uns wird nämlich nie Firlefanz geredet: ich kann nur höchst anständige
Gespräche leiden, damit, wie man so zu sagen pflegt, zugleich dem
Vergnügen, und der Erbauung Genüge geschieht). -- Man kam also ins
Gespräch darüber, wie man wohl am besten Äpfel einlegt. Meine Alte
sagte, man müsse die Äpfel zuerst gut waschen, dann in Sauerbier
einweichen, und dann erst .... »Aber kein Gedanke!« fiel das Herrchen
aus Poltawa ein, schob die Hand in seinen erbsengrauen Kaftan und
stolzierte würdevoll im Zimmer auf und ab. »Aber kein Gedanke! Erst muß
man Minze auf sie streuen, und dann erst ....« Ich muß _euch_ zu Zeugen
aufrufen, liebe Leser, sagt mal ganz ehrlich: habt ihr je gehört, daß
man Minze auf die Äpfel streut? Freilich legt man Johannisbeerblätter,
Nagelkraut und Kleeblatt hinein, aber daß man Minze einlegte .... nein,
das habe ich noch nie gehört. Besser als meine Alte weiß wohl niemand
Bescheid mit solchen Sachen. Seht, nun sagt ihr's selbst! Ich führte ihn
also, als honetten Menschen, ein wenig zur Seite und sagte: »Höre, Makar
Nasarowitsch, treib doch keine Narrenspossen! Du bist doch ein feiner
Herr: hast doch, wie du selber sagst, einmal am Gouverneurstische mit
gegessen. Wenn du da so etwas sagst, da werden dich ja alle auslachen!«
Und was glaubt ihr nun, hat er drauf gesagt? -- Nichts! Er hat auf den
Boden gespuckt, hat seine Mütze genommen und ist gegangen. Nicht einmal
Abschied hat er von irgendeinem genommen, ja nicht einmal jemandem
zugenickt; wir hörten bloß, wie sein Wägelchen mit den Schellen am Tore
vorfuhr; und schon saß er drin und fuhr davon. Na, um so besser! Solche
Gäste können wir nicht brauchen! Ich will euch nur sagen, meine lieben
Leser, es gibt gar nichts Schlimmeres auf der Welt, als diese Ritter vom
hohen Roß. Weil sein Ohm mal Kommissär war, muß er drum die Nase
rümpfen? Als ob Kommissär schon so ein Rang wäre, daß es gar nichts
Höheres auf der Welt gibt! Gott sei Dank, es gibt noch höhere Tiere, als
so ein Kommissär. Nein, diese Vornehmtuerei kann ich nicht ausstehen!
Nehmt doch zum Beispiel Foma Grigorjewitsch; das ist doch kein feiner
Herr, aber seht ihn mal an: in seinem Gesicht glänzt stets eine gewisse
Würde; sogar wenn er seinen gewöhnlichen Tabak schnupft, da hat man
unwillkürlich Respekt. Und erst in der Kirche; wenn er da oben auf dem
Chore steht und singt, -- da kommt es ordentlich wie Rührung über einen!
Man möchte am liebsten vergehen! .... Aber jener .... na, Gott mit ihm!
Der glaubt ganz gewiß, ohne seine Geschichten könne man gar nicht
auskommen. Je nun, auch ohne ihn hat sich ein Büchelchen
zusammengefunden.

Ich habe euch, glaub' ich, versprochen, daß in diesem Büchlein auch ein
Märchen von mir sein wird. Ich wollt' es auch wirklich so machen, aber
da hab' ich gemerkt, daß man für meine Geschichte wenigstens drei
solcher Büchelchen brauchte. Ich gedachte zuerst, es besonders drucken
zu lassen, aber dann hab' ich mir's überlegt. Ich kenne euch ja: ihr
werdet noch über mich alten Mann lachen. Nein, ich mag's nicht! Gehabt
euch wohl! Wir sehen uns lange Zeit nicht wieder, oder vielleicht auch
nie. Aber was ist daran gelegen? Euch kann's ja gleich sein, auch wenn
ich gar nicht auf der Welt wäre. Ein Jahr wird dahingehn und noch eins
-- und ich bin sicher, niemand von euch besinnt sich mehr auf mich, oder
denkt mit Bedauern an den alten Bienenzüchter

                                                    _Rotfuchs Panjko_.



                    Die Nacht vor dem Weihnachtsfest


Der letzte Tag vor dem Weihnachtsfeste war verstrichen. Klar brach die
Winternacht an, die Sterne schauten hervor, der Mond stieg majestätisch
am Himmel empor, um allen guten Leuten und der ganzen Welt zu leuchten,
damit allen fröhlich ums Herz sei, wenn nach dem Weihnachtsbrauch unter
den Fenstern zu Christi Lob und Preis gesungen würde. Der Frost war noch
schneidender als am Morgen; aber dafür war es so still, daß man das
Knirschen des Schnees unter den Stiefeln eine halbe Werst weit hören
konnte. Noch war unter keinem Fenster eine einzige Schar von Burschen zu
sehen; allein der Mond blickte verstohlen durch die Scheiben, als wollte
er den sich putzenden Mädchen zuwinken, sie sollten schneller
hinauslaufen in den knisternden Schnee. Da wälzten sich dichte Ballen
von Qualm aus dem Schornstein einer Hütte und stiegen wie eine Wolke zum
Himmel auf, und zugleich mit dem Rauch ritt eine Hexe auf einem
Besenstiel in die Höhe.

Wenn in diesem Augenblick der Herr Assessor aus Sorotschintzy in einem
mit Gutspferden bespannten Dreispänner vorbeigefahren wäre, die Mütze
mit der Hammelfellborde, wie sie die Ulanen tragen, auf dem Kopf, in
seinem blauen, mit schwarzem Lammfell gefütterten Pelz, und mit seinem
Teufelsding, der geflochtenen Peitsche, mit der er gewöhnlich seinen
Kutscher anfeuerte, so hätte er sie bestimmt gesehen; denn dem Assessor
von Sorotschintzy kann keine Hexe entgehen. Er kann sich's nämlich von
jedem Frauenzimmer an den Fingern abzählen, wieviel Ferkelchen ihre Sau
wirft, wieviel Leinwand in ihrem Kasten liegt, und er weiß aufs
Tüpfelchen, was ein wackerer Mann an einem Sonntag in der Schenke an
Kleidern und Wirtschaftssachen versetzt. Aber der Assessor von
Sorotschintzy kam nicht vorbeigefahren, und dann kümmerte er sich auch
nicht um fremde Leute -- er hatte ja seinen eigenen Bezirk. Unterdessen
aber stieg die Hexe so hoch empor, daß sie da oben nur noch wie ein
schwarzes Pünktchen aussah. Aber wo dies Pünktchen sich zeigte, dort
verschwand ein Stern nach dem andern vom Himmel. Bald hatte die Hexe
einen ganzen Ärmel voll von ihnen heruntergeholt. Nur noch drei oder
vier blinkten so herum. Auf einmal jedoch tauchte an der
entgegengesetzten Seite ein andres Pünktchen auf, wurde immer größer,
dehnte sich in die Breite, und bald war es kein Pünktchen mehr. Ein
Kurzsichtiger hätte sogar statt einer Brille die Räder vom Wagen des
Kommissärs auf die Nase setzen können, aber auch dann hätte er nicht
genau erkennen können, was das für ein Ding war. Von vorne sah es sich
ganz an wie ein Welscher: das spitzige Mäulchen, das sich fortwährend
bewegte und alles und alle beschnüffelte, lief in ein rundes
Fünfkopekenstück aus, wie bei unsren Schweinen; die Beine waren so dünn,
daß sie auch dem Jereskower Amtmann, wenn er solche gehabt hätte, schon
beim ersten Sprung im Kosakentanz gebrochen wären. Dafür aber war's von
hinten ein waschechter Gouvernementsprokurator in Uniform, denn ihm
baumelte ein Schwanz herunter, der so lang war und so spitz zulief wie
die Schöße an den neumodischen Uniformen; höchstens aus dem Bocksbart
unterm Maul, aus den kleinen Hörnerchen auf dem Kopfe und daraus, daß er
nicht viel weißer war als ein Schornsteinfeger, konnte man erraten, daß
das weder ein Kerl aus dem Auslande, noch ein Gouvernementsprokurator
war, sondern ganz einfach der Teufel in eigener Person, für den die
letzte Nacht gekommen war, wo er sich in Gottes weiter Welt umhertreiben
und die guten Menschen zu allerlei Sünden verführen durfte. Denn morgen
schon sollte er beim ersten Glockenschlage der Frühmesse mit
eingezogenem Schwanz zur Hölle fahren.

Indessen aber schlich sich der Teufel leise an den Mond heran und
streckte die Hand aus, um nach ihm zu greifen; plötzlich jedoch riß er
seine Hand zurück, als wenn er sich verbrannt hätte, sog an den
Fingerspitzen, schlenkerte mächtig mit dem einen Bein und schlüpfte dann
auf die andere Seite; aber da prallte er wiederum zurück und zog
schleunigst die Hand weg. Trotz dieser Mißerfolge ließ jedoch der
listige Teufel nicht von seinen bösen Streichen. Mit einem Anlauf rannte
er heran und packte den Mond mit beiden Händen; er krümmte sich hin und
her, blies aus vollen Backen auf ihn und warf ihn aus einer Hand in die
andere, wie ein Bauer, der sich mit bloßen Händen Feuer für seine Pfeife
holt; endlich steckte er ihn rasch in seine Tasche und sauste weiter,
als ob ganz und gar nichts geschehen wäre.

In Dikanka hatte niemand gemerkt, daß der Teufel den Mond gestohlen
hatte. Freilich, als der Gemeindeschreiber, übrigens auf allen Vieren,
die Schänke verließ, sah er, daß der Mond plötzlich am Himmel
umhertanzte, und er beschwor das bei allen Heiligen vor dem ganzen
Dorfe; aber die Leute im Dorfe schüttelten nur die Köpfe und lachten ihn
einfach aus. Doch was hatte den Teufel eigentlich zu einer so
schändlichen Tat veranlaßt? Der Grund war folgender: er wußte, daß der
reiche Kosak Tschub vom Küster zum Weihnachtsschmaus eingeladen war, und
daß außerdem noch der Amtmann, ein Anverwandter des Vorsängers von der
Bischöflichen Sängerkapelle, ein Mann im blauen Rock, der die tiefsten
Baßtöne mühelos hervorbrachte, ferner der Kosak Swerbygus und noch
dieser und jener da sein würden. Da würde es außer dem Weihnachtskuchen
noch süßen Branntwein, Safranschnaps und noch allerhand Gutes zum Essen
und Trinken geben. Unterdessen würde aber sein Töchterchen, die erste
Schöne im ganzen Dorf, allein zu Hause bleiben; und dann würde sicher
der Schmied zu dem Mädel kommen, ein handfester, kräftiger Bursch, ein
Mordskerl, der dem Teufel noch widerwärtiger war als die Predigten des
Vaters Kondrat. In seinen Mußestunden pflegte der Dorfschmied sich
nämlich mit der Malerei zu beschäftigen, und er galt als der beste Maler
in der ganzen Umgegend. Der Kosaken-Hauptmann L...ko, der damals noch
lebte, hatte ihn sogar eigens dazu nach Poltawa kommen lassen, um den
Bretterzaun vor seinem Hause zu tünchen. Alle Schüsseln, aus denen die
Kosaken in Dikanka ihren Borschtsch schlürften, waren von ihm bemalt.
Der Schmied war ein gottesfürchtiger Mann, malte oft Heiligenbilder, und
man kann jetzt noch in der Kirche zu T..... einen Evangelisten Lukas von
seiner Hand sehen. Aber der Triumph seiner Kunst war ein Bild, das er an
die Wand der rechten Kirchenvorhalle gemalt hatte; da hatte er den
heiligen Petrus dargestellt mit Schlüsseln in der Hand, wie er am
jüngsten Tage den bösen Geist aus der Hölle vertreibt: der erschrockene
Teufel rennt, seinen Untergang vorausahnend, hin und her, und die
Sünder, die einst in die Hölle gesperrt waren, prügeln mit Knuten,
Holzscheiten und allem, was ihnen unter die Hände kommt, auf ihn los.
Zur Zeit, als der Maler an diesem Bilde arbeitete -- er malte es auf ein
großes Brett -- hatte sich der Teufel aus aller Kraft bemüht, ihn dabei
zu stören: er puffte ihn unsichtbar am Arm, holte Asche aus der
Schmiede-Esse und streute sie auf das Bild; aber trotz alledem wurde das
Werk zu Ende geführt, das Brett wurde in die Kirche gebracht, an der
Wand der Vorhalle angenagelt, und seitdem hatte der Teufel dem Schmied
Rache geschworen.

Nur noch eine Nacht war ihm nun geblieben, durch die Welt zu ziehen; in
dieser Nacht aber wollte er seine ganze Wut an dem Schmied auslassen,
und darum beschloß er, den Mond zu stehlen; er hatte es sich nämlich
folgendermaßen ausgedacht: der alte Tschub ist träge, und schwer auf die
Beine zu kriegen, und dann ist es auch von seinem Hause bis zum Küster
nicht sehr nahe. Der Weg zu ihm führte hinterm Dorfe an Windmühlen und
am Friedhof, an einem Abgrund vorüber, und dann konnten bei hellen
Mondnächten auch noch der süße Branntwein und der Safranschnaps den
Tschub locken; aber bei dieser Finsternis konnte es wohl kaum jemandem
gelingen, ihn von seinem Plätzchen hinterm Ofen hervor und auf die
Straße hinaus zu lotsen. Und da würde der Schmied, der schon lange nicht
im besten Einvernehmen mit ihm lebte, es sicher nicht wagen, seine
Tochter aufzusuchen, und wenn er auch noch so kräftig war.

Und so kam es, daß der Teufel kaum den Mond in die Tasche gesteckt
hatte, als es plötzlich in der ganzen Welt so stockfinster wurde, daß
manch einer den Weg ins Wirtshaus nicht gefunden hätte, geschweige denn
_den_ in des Küsters Haus. Die Hexe fand sich auf einmal im Dunkeln und
stieß einen Schrei aus. Da scharwenzelte der Teufel auf sie zu, faßte
sie flink unterm Arm und begann ihr allerhand schöne Dinge ins Ohr zu
flüstern, wie man sie den Weibern gewöhnlich zuzuraunen pflegt. Es geht
doch recht wunderlich zu in unserer Welt! Alles was in ihr leibt und
lebt, alles ist bemüht, einander was abzugucken und andere Leute
nachzuäffen. Früher gab's einmal eine Zeit, da trugen in ganz Mirgorod
nur der Richter und der Bürgermeister im Winter Pelze, die mit Tuch
überzogen waren, während die übrigen Unterbeamten gewöhnlich die Pelze
mit dem Fell nach außen trugen; jetzt dagegen haben sich der Assessor
und der Unterrendant neue Pelze aus feinem Lammfell mit Tuchbezügen
zugelegt. Vor zwei Jahren kauften der Kanzlist und der Gemeindeschreiber
Nanking zu sechzig Kopeken die Elle, und der Kirchendiener hat sich zum
Sommer gar eine Pluderhose aus Nanking und sogar eine Weste aus Kammgarn
machen lassen. Kurz, alles will zur feinen Welt gehören! Wann werden die
Menschen endlich einmal von ihrer Eitelkeit ablassen! Nun könnte man
wetten, manchem kommt der Gedanke sonderbar vor, daß der Teufel sich
ebenso benimmt. Am ärgerlichsten ist's aber, daß er sich am Ende gar
noch auf seine Schönheit was zugute tut, und dabei hat er doch eine
Fratze, daß es eine wahre Schande ist. Geradezu eine Fresse, wie Foma
Grigorjewitsch zu sagen pflegt, das Garstigste vom Garstigen, und so
einer geht auch noch auf Liebschaften aus! Aber am Himmel war es so
stockfinster geworden, daß man durchaus nichts mehr von dem sehen
konnte, was sich zwischen dem Pärchen weiter abspielte.

                   *       *       *       *       *

»Also, Gevatter, du bist noch nicht beim Küster in der neuen Hütte
gewesen?« sprach der Kosak Tschub, trat aus der Tür seines Hauses und
ging auf einen hageren, baumlangen Bauer in kurzem Schafspelz zu, mit
einem dichten Bart, der davon Zeugnis ablegen konnte, daß dies Kinn
schon über vierzehn Tage lang nicht mehr von dem Sensenstück berührt
worden, mit dem sich die Bauern in Ermanglung eines Rasiermessers ihren
Bart schaben. »Dort wird es jetzt ein schönes Gelage geben!« fuhr
Tschub, übers ganze Gesicht schmunzelnd, fort. »Daß wir nur nicht zu
spät kommen!«

Dabei rückte Tschub seinen Gurt zurecht, der seinen Pelz fest
zusammenzog, schob die Mütze tief in die Augen und nahm die Knute -- den
Schrecken und die Angst aller lästigen Hunde -- fester in die Hand. Als
er jedoch nach oben blickte, hielt er inne ....

»Teufel noch einmal! Schau! schau nur, Panas! ....«

»Was denn?« sprach der Gevatter und hob ebenfalls seinen Kopf.

»Was? Der Mond ist fort!«

»Verflucht! Wahrhaftig, der Mond ist fort!«

»Das ist es ja eben,« rief Tschub, einigermaßen ärgerlich über die
unerschütterliche Teilnahmslosigkeit des Gevatters. »Du scherst dich
wohl wenig drum!«

»Ja, was soll _ich_ denn dabei machen?«

»Mußte sich da gerad so ein Teufel,« fuhr Tschub fort und wischte sich
mit dem Ärmel den Schnurrbart, »grad so ein Teufel hineinmischen! So ein
Hundsfott! Daß er morgens doch nie wieder sein Glas Schnaps zu trinken
kriegte! .... Wahrhaftig! Es ist zum Lachen .... Als ich in der Stube
saß, da sah ich zu meinem Vergnügen zum Fenster hinaus: die Nacht war
ein reines Wunder! Es war ganz hell, der Schnee leuchtete im Mondlichte
und alles war so klar zu sehen wie am lichten Tag; kaum aber trete ich
aus der Tür -- da herrscht eine Dunkelheit, daß man die Hand vor den
Augen nicht sieht! Mag er sich doch alle Zähne an hartem Buchweizenbrot
ausbrechen!«

Lange noch brummte und schimpfte Tschub, zugleich aber überlegte er,
wozu er sich entschließen solle. Für sein Leben gern hätte er beim
Küster über dies und jenes schwatzen mögen; denn sicher saßen dort schon
der Amtmann, der zugereiste Baß und der Teersieder Mikita, der alle
vierzehn Tage zum Markt nach Poltawa zu fahren pflegte und solche Possen
trieb, daß die Leute auf dem Dorf sich den Bauch vor Lachen hielten.
Schon sah Tschub in Gedanken den süßen Branntwein auf dem Tische stehn.
Freilich, all das war verlockend, aber die Dunkelheit der Nacht lockte
wieder zu jenem Faulenzerleben, das jedem Kosaken so lieb ist. Wie gut
wäre es jetzt, mit untergeschlagenen Beinen auf der Ofenbank zu sitzen,
seine Pfeife zu rauchen und in süß umnebelndem Schlummer den lustigen
Burschen und Mädeln zuzuhören, die in Scharen vor den Fenstern ihre
Lieder singen und die Weihnacht preisen! Ohne Zweifel hätte er sich auch
für das letztere entschieden, wenn er allein gewesen wäre; aber zu zweit
war es jetzt nicht mehr so langweilig und so gruselig, mitten durch die
Nacht zu gehen, auch wollte er vor dem andern nicht faul und feige
erscheinen. Als er mit dem Schimpfen fertig war, wandte er sich an den
Gevatter.

»Der Mond ist also weg, Gevatter?«

»Ja, er ist weg!«

»Wirklich sonderbar! Gib mir mal eine Prise! Du hast einen
vortrefflichen Tabak, Gevatter! Wo hast du ihn her?«

»Vortrefflich? Ei, da soll mich doch der und jener --« antwortete der
Gevatter, indem er seine Dose aus Baumrinde mit den eingeritzten Mustern
zuklappte. »Nicht einmal ein altes Huhn würde bei diesem Tabak niesen!«

»Ich erinnere mich,« fuhr Tschub in demselben Tone fort, »der
verstorbene Schankwirt Susulja hatte mir einmal etwas Tabak aus Njeschin
mitgebracht. O, war das ein Tabak! Also, Gevatter, was machen wir nun?
Es ist ja mächtig dunkel.«

»So bleiben wir meinetwegen zu Hause!« rief der Gevatter und griff schon
nach der Türklinke.

Hätte der Gevatter das nicht gesagt, so hätte Tschub sich wohl
entschlossen, zu Hause zu bleiben; jetzt aber schien ihn geradezu etwas
zum Widerspruch zu reizen. »Nein, Gevatter, wir wollen gehen! Unmöglich!
Wir müssen gehen!«

Kaum hatte er das gesagt, so ärgerte er sich schon über seine eigenen
Worte. Es war ihm höchst unangenehm, sich in solcher Nacht herumtreiben
zu müssen, aber der Gedanke tröstete ihn, daß er es selbst so gewollt,
und daß er wider den Ratschlag eines anderen gehandelt hatte.

Der Gevatter ließ auch nicht die leiseste Regung von Verdrießlichkeit
auf seinem Gesichte erkennen. Er war ein Mann, dem es durchaus gleich
war, ob er zu Hause saß, oder ob er sich draußen umhertrieb. Er sah sich
nur noch einmal um, kratzte sich mit dem Stiel der Knute die Achseln --
und die beiden Gevattern machten sich auf den Weg.

                   *       *       *       *       *

Doch sehen wir nun zu, was seine schöne Tochter trieb, die allein zu
Hause geblieben war. Oxana war noch nicht ganz siebzehn Jahre alt, als
man schon beinah in der ganzen Welt, sowohl diesseits wie jenseits von
Dikanka, von nichts anderem sprach als von ihr. Die Burschen erklärten
einstimmig, ein herrlicheres Mädchen gäbe es im ganzen Dorfe nicht, habe
es noch nie gegeben und werde es auch niemals geben. Oxana hörte und
wußte alles, was über sie geredet wurde, und sie war so eingebildet, wie
ein schönes Mädchen es eben ist. Hätte sie nicht ein Kopftuch und die
Jacke einer Bäuerin getragen, sondern ein Stadtkleid, so hätte sie
sicher alle Mädchen in den Schatten gestellt. Die Burschen liefen ihr
scharenweise nach; aber sie verloren allmählich die Geduld, verließen
nach und nach die eigensinnige Schöne und wendeten sich anderen, weniger
verwöhnten Werbern zu. Nur der Schmied blieb hartnäckig und hörte nicht
auf, sie zu umwerben, obwohl er keineswegs besser behandelt wurde als
die anderen. Sobald nun der Vater fortgegangen war, putzte und schmückte
sich Oxana noch lange vor dem kleinen Spiegel im Bleirahmen. Sie konnte
sich nicht satt sehen an ihrer Schönheit.

»Was fällt den Leuten nur ein, mich zu rühmen, ich sei schön?« sprach
sie mit zerstreuter Miene, nur um einen Vorwand zu haben, mit sich
selbst zu plaudern. »Die Leute lügen, ich bin gar nicht schön!«

Aber das frische, lebhafte, kindlich jugendliche Gesicht im Spiegel, mit
den strahlenden schwarzen Augen und dem unsagbar anmutigen Lächeln, das
die Seele erglühen machte, bewies das Gegenteil.

»Sind denn meine schwarzen Brauen und meine Augen in der Tat so schön?«
fuhr sie fort, ohne den Spiegel aus der Hand zu legen, »daß sie nicht
ihresgleichen in der Welt haben? Was ist nur Schönes an dieser
Stumpfnase? an meinen Wangen? an meinen Lippen? Meine schwarzen Zöpfe
sollen schön sein? O jeh, am Abend können sie einem Menschen einen
ordentlichen Schreck einjagen: wie lange Schlangen winden und schlingen
sie sich um meinen Kopf. Ich sehe jetzt, daß ich gar nicht schön bin!«
Und sie rückte den Spiegel etwas von sich fort und rief: »Nein, ich bin
doch schön! Ach, wie ich schön bin! Wundervoll! Welch eine Freude werde
ich einst dem bereiten, dessen Frau ich werde. Wie wird mein Gemahl
entzückt von mir sein! Er wird außer sich sein vor Freude. Er wird mich
zu Tode küssen!«

»Wunderbares Mädchen!« flüsterte der Schmied, der leise eingetreten war.
»Aber sie ist nicht wenig eitel! Schon eine Stunde lang steht sie da,
besieht sich im Spiegel und kann sich nicht satt sehen an sich selbst,
und dazu lobt sie sich noch ganz laut!«

»Ja, ihr Burschen, ich bin nicht euersgleichen, seht mich an,« fuhr die
reizende Kokette fort. »Wie ist mein Gang so geschmeidig. Mein Hemd ist
mit roter Seide genäht. Und was für Bänder ich auf dem Kopf habe! Euer
Lebtag werdet ihr nicht mehr solche Goldborden sehen! All das hat mit
mein Vater gekauft, damit mich der schönste Bursch der Welt zur Frau
nimmt.« Sie lächelte, wandte sich um und erblickte den Schmied ....

Sie schrie auf und blieb mit strenger Miene vor ihm stehen.

Der Schmied ließ die Hände herabsinken.

Es wäre schwer zu sagen, was das braune Gesicht des wundervollen
Mädchens ausdrückte: ein strenger Ausdruck spiegelte sich in ihm und
durch die Strenge hindurch blickte ein gewisser Hohn über den
verblüfften Schmied, und eine kaum merkliche Röte, die ihr der Ärger ins
Gesicht getrieben hatte; all das zusammen war so unbeschreiblich schön,
daß das Beste, was man hier hätte tun können, dies gewesen wäre: -- sie
eine Million Mal abzuküssen.

»Wie bist du hierhergekommen?« begann Oxana. »Willst du denn, daß ich
dich mit der Schippe davonjage? Ihr versteht euch meisterhaft darauf,
euch an uns heranzumachen. Im Nu schnüffelt ihr aus, wann die Väter aus
dem Hause sind. O, ich kenne euch schon! Nun, ist meine Truhe fertig?«

»Sie ist bald fertig, mein Herzchen; nach den Feiertagen wird sie
fertig. Wenn du wüßtest, wieviel Mühe ich mir gegeben habe: zwei Nächte
lang habe ich die Schmiede nicht verlassen. Dafür soll aber auch keine
Popentochter so eine Truhe haben. Ich habe Eisenbeschläge darauf getan,
wie ich sie nicht einmal für den Wagen des Hauptmanns nahm, als ich noch
in Poltawa auf Arbeit war. Aber wie wird sie erst bemalt sein! Und wenn
du die ganze Umgegend mit deinen weißen Füßchen abläufst, du findest
solch eine Truhe nicht mehr! Über den ganzen Grund werden rote und blaue
Blumen verstreut sein, und es wird so leuchten wie Feuer. Zürne mir
nicht! Erlaube mir wenigstens, zu dir zu reden und dich nur
anzuschauen!«

»Wer verbietet dir das? Rede und schau!«

Und sie nahm Platz auf der Bank, blickte wieder in den Spiegel und
begann ihre Flechten auf dem Kopfe zu ordnen. Sie blickte auf ihren
Hals, auf das neue seidenbestickte Hemd, und ein leises Gefühl der
Selbstzufriedenheit spiegelte sich auf ihren Lippen und auf ihren
frischen Wangen und leuchtete aus ihren Augen.

»Erlaube mir, daß ich neben dir Platz nehme!« sagte der Schmied.

»Setze dich,« sprach Oxana immer noch mit demselben selbstzufriedenen
Ausdruck auf den Lippen und in den Augen.

»Wundervolle, herzallerliebste Oxana, erlaube mir nur, daß ich dir einen
Kuß gebe!« sagte der Schmied ermutigt und preßte sie an sich, in der
Hoffnung, ein Küßchen von ihr zu erwischen. Doch Oxana wandte ihre
Wangen ab, die sich schon in erreichbarer Nähe von den Lippen des
Schmiedes befanden, und stieß ihn von sich. »Was du nicht alles
möchtest! Kaum hat er den Honig, so braucht er gleich auch noch einen
Löffel dazu! Geh doch, deine Hände sind noch härter als Eisen. Auch
riechst du nach Rauch. Ich glaube gar, du hast mich ganz mit deinem Ruß
beschmiert.«

Sie nahm den Spiegel und begann sich von neuem zu putzen.

»Sie liebt mich nicht!« dachte der Schmied bei sich und ließ den Kopf
hängen. »Für sie ist alles nur Spielerei; und ich stehe vor ihr da wie
ein Narr, und kann meine Augen nicht von ihr wenden. Ja, ich möchte
immer so vor ihr stehen und meine Augen nicht von ihr wenden. Welch
herrliches Mädchen! Was würde ich alles darum geben, zu erfahren, was in
ihrem Herzen vorgeht und wen sie eigentlich liebt. Aber nein, sie
kümmert sich um niemand. Sie freut sich nur ihrer Schönheit, quält mich
Armen, und ich bin so traurig, daß mir alles trüb und dunkel erscheint.
Und dabei liebe ich sie doch so, wie kein Mensch in der Welt sie je
geliebt hat oder lieben wird.«

»Ist es wahr, daß deine Mutter eine Hexe ist?« fragte Oxana und brach in
lautes Lachen aus; auch der Schmied fühlte, wie alles in seinem Innern
auflachte. Dieses Lachen schien plötzlich in seinem Herzen
wiederzuhallen und in den leise erschauernden Adern, aber gleich darauf
erwachte ein Ärger in seiner Seele, weil er nicht die Macht hatte,
dieses so anmutig lachende Antlitz zu küssen.

»Was geht mich meine Mutter an? Du bist mir Mutter und Vater und alles,
was es auf der Welt an Teurem für mich gibt! Wenn mich der Zar zu sich
rufen ließe und zu mir sagte: »Wakula, du darfst mich um alles bitten,
was es Schönes in meinem Reiche gibt, ich will dir alles geben. Ich will
dir eine Schmiede aus purem Golde bauen lassen, und du sollst silberne
Hämmer zum Schmieden bekommen,« -- dann würde ich zu dem Zaren sagen:
»Ich will weder kostbare Edelsteine, noch eine goldene Schmiede, noch
dein ganzes Reich. Gib mir lieber meine Oxana!«

»Schau, schau, so einer bist du also! Aber mein Vater ist auch nicht auf
den Kopf gefallen. Paß auf, er heiratet noch deine Mutter!« sagte sie
und lächelte listig. »Aber, wo bleiben nur die Mädchen? .... Was soll
das bedeuten? es ist schon höchste Zeit, daß man vor den Fenstern zu
singen beginnt. Ich fange an, mich zu langweilen.«

»Mögen sie nur bleiben, wo sie sind, du meine Holde!«

»Warum nicht gar! Mit den Mädchen werden auch wohl die Burschen
mitkommen. Da wird's was geben. Ich stell' mir vor, was für putzige
Sachen sie da erzählen werden!«

»Du sehnst dich also wohl nach ihrer Gesellschaft?«

»Sicherlich mehr als nach dir. Ah! Jemand hat geklopft. Das sind wohl
die Mädchen und Burschen.«

»Worauf soll ich noch länger warten?« sprach der Schmied zu sich selbst.
»Sie macht sich über mich lustig. Ich bin ihr ebensoviel wert, wie ein
verrostetes Hufeisen. Wenn das aber wirklich so ist, dann soll
wenigstens kein anderer über mich lachen. Sobald ich merke, daß ein
anderer ihr besser gefällt als ich, dem will ich doch gleich ....«

Hier wurden seine Gedanken durch ein Pochen an die Tür unterbrochen, und
eine Stimme, die bei dem kalten Frost ziemlich scharf klang, rief: »Mach
auf!«

»Warte, ich mache schon selbst auf,« sagte der Schmied und trat in den
Flur hinaus mit dem Vorsatz, dem ersten, der hereinkäme, aus Ärger die
Rippen einzuschlagen.

                   *       *       *       *       *

Der Frost nahm zu, und oben in der Höhe wurde es so kalt, daß der Teufel
von einem Huf auf den anderen hüpfte und sich in die Fäuste blies, um
nur einigermaßen seine frierenden Hände zu erwärmen. Es war auch kein
Wunder, wenn's einen fror, der sich Tag für Tag in der Hölle
herumdrückte. Dort ist's bekanntlich längst nicht so kalt wie bei uns im
Winter, er aber steht da unten vor dem Feuer, mit einer Zipfelmütze auf
dem Kopf, akkurat wie ein wirklicher Küchenmeister, und brät die Sünder
mit solchem Vergnügen, wie wohl die Weiber zu Weihnachten Wurst braten.

Selbst die Hexe litt unter der Kälte, trotzdem sie recht warm angezogen
war; daher hob sie die Arme in die Höhe, schob ein Bein vor, gab ihrem
Körper die Haltung eines Schlittschuhläufers und sauste, ohne ein Glied
zu rühren, durch die Luft, wie wenn's einen steilen Eisberg hinabginge,
geradeswegs in den Schornstein hinunter.

Der Teufel folgte ihr auf dieselbe Art. Da dieses Vieh aber viel
gewandter ist als so mancher Geck in Seidenstrümpfen, so ist's kein
Wunder, daß er gerad am Eingang zum Schornstein seiner Geliebten auf den
Hals flog, und schnell sahen sich die beiden in dem geräumigen Ofen
mitten unter den Töpfen.

Die Besenreiterin schob leise das Ofentürchen auf, um zu sehen, ob ihr
Sohn Wakula nicht die Stube voller Gäste geladen hatte; als sie aber
sah, daß niemand da war außer etwa ein paar Säcke, die in der Stube
umher lagen, so kroch sie aus dem Ofen, warf den warmen Pelz ab, ordnete
ihre Kleidung, und niemand hätte ihr mehr ansehen können, daß sie noch
vor einer Minute auf einem Besenstiel geritten war.

Die Mutter des Schmieds Wakula war nicht mehr als vierzig Jahre alt und
war weder schön noch häßlich. Es ist ja auch ziemlich schwer, in diesen
Jahren schön zu sein. Sie verstand es aber, selbst die gesetztesten und
würdigsten Kosaken an sich zu fesseln (denen es, nebenbei bemerkt, auch
wenig um die Schönheit zu tun war), so daß sie ebensowohl der Amtmann,
wie der Küster Ossip Nikiforowitsch (natürlich, wenn die Frau Küsterin
nicht zu Hause war), der Kosak Korni Tschub und der Kosak Kassjan
Swerbygus aufzusuchen pflegten. Zu ihrer Ehre muß übrigens gesagt
werden, daß sie es vorzüglich verstand, mit ihnen umzugehen: keinem
einzigen von ihnen kam es auch nur von ferne in den Sinn, er könne einen
Nebenbuhler haben. Ging ein frommer Bauer oder ein »Edelmann«, wie die
Kosaken sich selbst zu nennen pflegen, am Sonntag in seinem Mantel mit
der Kapuze zur Kirche, oder -- wenn das Wetter schlecht war -- ins
Wirtshaus, so ließ er sich's nicht nehmen, bei der Solocha
vorzusprechen, um ein paar fette Käsekrapfen mit Rahm zu essen und ein
Weilchen mit der gesprächigen und gefälligen Hausfrau in der warmen
Stube zu schwatzen. Der Edelmann machte eigens zu diesem Zweck einen
großen Umweg, bevor er im Wirtshaus anlangte -- und nannte das
»unterwegs mal vorsprechen«. Oder ging die Solocha einmal an einem
Festtag, in ihrem grellen Kopftuch und ihrem Nankingkittel und dem
blauen Rock darüber, der hinten mit goldenen Bändern benäht war, zur
Kirche, und stellte sie sich gerade neben dem rechten Chor auf, so fing
der Küster sicherlich an zu hüsteln und blinzelte unwillkürlich nach
jener Seite hinüber; der Amtmann aber strich sich den Schnurrbart,
wickelte sich seine Kosakenlocke ums Ohr und sprach zu dem neben ihm
stehenden Nachbar, »Ei, ei, das ist mir ein Weibsbild! Ein ganz
verteufeltes Weib!« Die Solocha pflegte denn auch jeden Menschen zu
grüßen, und jeder glaubte, sie grüße ihn allein.

Aber wer es liebte, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen, der
konnte sofort merken, daß die Solocha am freundlichsten gegen den
Kosaken Tschub war. Tschub war Witwer. Vor seinem Hause standen stets
acht Schober Getreide, zwei Paar mächtige Ochsen streckten beständig
ihre Köpfe durch das Geflecht des Schuppens auf die Straße hinaus und
brüllten jedesmal, wenn sie eine Muhme oder einen Ohm, das heißt eine
Kuh oder einen dicken Bullen kommen sahen. Ein bärtiger Bock kletterte
hoch auf das Dach hinauf und meckerte mit einer gerad so schrillen
Stimme von dort herab wie der Bürgermeister, um die auf dem Hofe umher
stolzierenden Truthähne zu reizen, oder er kehrte seinen Hintern hervor,
wenn er seine Feinde, die Dorfjungen, erblickte, die sich über seinen
Bart lustig zu machen pflegten. In Tschubs Truhen lagen viele Ellen
Leinwand, teure Schupans und altertümliche Röcke mit Goldborden: seine
verstorbene Frau war nämlich sehr putzsüchtig gewesen. In seinem
Gemüsegarten gab es außer Mohn, Kohl und Sonnenblumen auch noch zwei
Beete mit Tabak. Von all dem, meinte die Solocha, wäre es ganz nett,
wenn es ihrer eigenen Wirtschaft einverleibt würde; sie rechnete schon
im voraus damit, welche Ordnung sie einführen wollte, wenn all das in
ihre Hände gelangen würde, und daher verdoppelte sie ihr Wohlwollen
gegen den alten Tschub. Damit aber ihr Sohn Wakula sich nicht an seine
Tochter heran machte, alles Hab und Gut selbst einheimste, und ihr dann
am Ende nicht mehr erlaubte, sich in irgend etwas einzumischen, so griff
sie nach dem üblichen Mittel aller vierzigjährigen Weiber, das heißt,
sie säte möglichst viel Fehde zwischen Tschub und dem Schmied.
Vielleicht waren gerade diese Ränke und Listen der Grund davon, daß die
alten Weiber, besonders wenn sie in fröhlicher Gesellschaft zusammen
saßen und etwas über den Durst getrunken hatten, davon munkelten, die
Solocha sei wirklich eine Hexe: der Bursche Kisjakolupenko habe hinten
bei ihr einen Schwanz gesehen, der ungefähr so lang gewesen sei wie eine
Weiberspindel; am verflossenen Donnerstag erst sei sie in Gestalt einer
schwarzen Katze über die Straße gelaufen; auch sei einmal eine Sau zur
Popenfrau gerannt gekommen, habe wie ein Hahn gekräht, dann sich die
Mütze des Vaters Kondrat aufgesetzt und darauf sich wieder davongemacht
....

Der Zufall wollte es, daß gerade zu der Zeit, als die alten Weiber über
diese Dinge redeten, ein gewisser Kuhhirt namens Tymisch Korostjawi bei
ihnen erschienen war. Er versäumte nicht, zu erzählen, wie er einmal im
Sommer, kurz vor Peter und Paul, gerade als er sich im Stall schlafen
gelegt und sich ein Bündel Stroh unter den Kopf gebettet hatte, mit
eigenen Augen gesehen habe, wie eine Hexe mit aufgelöstem Haar und in
bloßem Hemde angefangen habe, die Kuh zu melken; er habe sich nicht vom
Fleck rühren können, so behext habe sie ihn, auch habe sie ihm die
Lippen mit einem so widerlichen Zeug beschmiert, daß er noch einen
ganzen Tag danach immer ausspucken mußte. Doch all das war immerhin
zweifelhaft, denn nur der Assessor von Sorotschintzy kann eine Hexe
sehen. Und daher wehrten sich alle Kosaken von Ansehen und Würden mit
Händen und Füßen dagegen, wenn sie solche Reden mit anhören mußten. »Sie
lügen, die hundsföttischen Weiber!« war gewöhnlich ihre Antwort.

Kaum war die Solocha aus dem Ofen gekrochen und hatte sich ihre Kleider
wieder ein wenig in Ordnung gebracht, so begann sie sofort als gute
Wirtin die Stube aufzuräumen und alles auf seinen Platz zu stellen. Die
Säcke aber rührte sie nicht an. »Die hat Wakula gebracht, mag er sie
doch auch selbst wieder hinaustragen!« Der Teufel aber hatte sich, als
er in den Schornstein hineinflog, zufällig umgeschaut, und da hatte er
ganz nahe am Hause den Tschub Arm in Arm mit seinem Gevatter erblickt.
Im Nu flog er wieder aus dem Ofen, rannte ihnen auf ihrem Wege voran und
begann von allen Seiten Haufen hartgefrorenen Schnees aufzuwirbeln. Es
erhob sich ein richtiges Schneegestöber, in der Luft flimmerte es nur so
weiß durcheinander. Der Schnee wogte hin und her wie ein Netz und
drohte, den Fußgängern Augen, Mund und Ohren zu verstopfen. Der Teufel
aber flog wieder in den Schornstein hinein, fest davon überzeugt, daß
Tschub und der Gevatter umkehren würden; dann würde Tschub den Schmied
bei sich im Hause treffen und ihn sicherlich so traktieren, daß der auf
lange Zeit nicht mehr imstande sein sollte, einen Pinsel in die Hand zu
nehmen und Spottbilder zu malen.

                   *       *       *       *       *

Und in der Tat, kaum hatte sich das Schneegestöber erhoben und kaum fing
der Wind an, ihnen gerade ins Gesicht zu fegen, so äußerte Tschub schon
Reue. Er schob sich die Mütze tiefer über die Ohren und regalierte alle,
sich selbst, den Teufel und den Gevatter mit Schimpfworten. Übrigens war
diese Wut nur geheuchelt. Tschub war sehr froh über das Unwetter. Bis
zum Hause des Küsters war es ungefähr achtmal so weit, wie die Strecke,
die sie schon zurückgelegt hatten. Die Wanderer kehrten also um. Der
Wind blies ihnen zwar in den Nacken, aber es war gänzlich unmöglich, in
diesem Schneegestöber auch nur das geringste zu sehen.

»Halt, Gevatter! Ich glaube, wir gehen falsch,« sagte Tschub nach einer
kurzen Weile. »Ich sehe keine einzige Hütte. He, ist das ein
Schneegestöber! Bieg doch mal etwas zur Seite, Gevatter, vielleicht
findest du da einen Weg, unterdessen will ich hier nach ihm suchen.
Mußte uns auch der Gottseibeiuns bei solchem Unwetter aus dem Hause
locken! Vergiß nur nicht zu rufen, wenn du den Weg gefunden hast.
Herrgott, was für einen Haufen Schnee hat mir der Satan in die Augen
gejagt!«

Der Weg war jedoch noch immer nicht zu sehen. Der Gevatter schlug einen
Seitenweg ein und irrte in seinen langen Stiefeln hin und her, bis er
endlich auf das Wirtshaus stieß. Diese Entdeckung freute ihn dermaßen,
daß er alles vergaß, den Schnee von sich abschüttelte und ins Wirtshaus
trat, ohne sich im Geringsten um seinen Gevatter auf der Straße zu
scheren. Unterdessen war es Tschub so vorgekommen, als ob er den
richtigen Weg gefunden hätte. Er machte Halt und schrie aus voller
Kehle, als er aber sah, daß der Gevatter nicht zum Vorschein kam,
beschloß er, den Weg allein fortzusetzen. Etwas weiter erblickte er sein
Haus. Vor dem Hause und auf dem Dache lagen ganze Berge von Schnee. Er
klatschte in die vor Kälte erstarrten Hände und begann, an die Tür zu
klopfen und seiner Tochter gebieterisch zuzurufen, sie solle aufmachen.

Da trat der Schmied aus dem Hause und schrie ihn grob an: »Was willst
du?«

Tschub erkannte die Stimme des Schmieds und wich etwas zurück. »Hm,
nein, das ist nicht mein Haus,« sagte er sich, »in mein Haus würde sich
der Schmied doch nicht hineinwagen, aber wenn ich's mir wiederum genauer
ansehe, so ist's auch nicht das Haus des Schmieds. Wessen Haus könnte
das bloß sein? Holla! Daß ich's nicht gleich erkannt habe! Das ist ja
das Haus des lahmen Lewtschenko, der sich erst vor kurzem eine junge
Frau genommen hat. Nur sein Haus sieht dem meinen so ähnlich. Daher kam
es mir doch auch gleich etwas sonderbar vor, daß ich schon so schnell zu
Hause war! Aber Lewtschenko sitzt jetzt ja beim Küster, das weiß ich
genau. Was hat nur der Schmied hier zu suchen? .... Hahaha! Er besucht
seine junge Frau. Das ist's also! Schön! .... Jetzt verstehe ich alles.«

»Wer bist du und was treibst du dich vor fremden Türen herum?« rief der
Schmied noch gröber als früher und rückte näher.

»Nein, ich sag' ihm nicht, wer ich bin,« dachte sich Tschub, »am Ende
krieg ich noch Hiebe von ihm, diesem verfluchten Bastard!« Und er
antwortete mit verstellter Stimme: »Ich bin doch ein anständiger Mensch!
Ich will euch nur ein paar Weihnachtslieder vorsingen, um euch einen
kleinen Spaß zu machen!«

»Scher' dich zum Teufel mit deinen Weihnachtsliedern,« schrie Wakula
wütend. »Was stehst du noch da? Hörst du! Packe dich auf der Stelle!«

Tschub hatte diesen vernünftigen Vorsatz schon selbst gefaßt; es war ihm
nur unangenehm, dem Befehle des Schmieds folgen zu müssen. Es schien
ganz so, als ob ihn ein böser Geist vorwärts stieß und ihn zum
Widerstand nötigte. »Was schreist du da so?« rief er mit derselben
Stimme. »Ich will euch Weihnachtslieder vorsingen und sonst nichts!«

»Aha! du hast also wohl an Worten noch nicht genug?« rief der Schmied,
und Tschub fühlte einen höchst schmerzhaften Schlag auf der Schulter.

»Du bist gleich mit Prügeln bei der Hand, wie ich sehe!« sagte er und
wich etwas zurück.

»Pack' dich, marsch!« schrie der Schmied und regalierte ihn mit einem
zweiten Schlag.

»So!« rief Tschub mit einer Stimme, in die sich Schmerz, Ärger und
Furcht mischten. »Wie ich sehe, machst du keinen Spaß, deine Prügel tun
ja ordentlich weh!«

»Marsch, vorwärts!« rief der Schmied und schlug die Türe zu.

»Schau einer an, wie tapfer der tut!« sprach Tschub, als er nun allein
auf der Straße stand. »Versuch's nur und komm bloß heran! He, wer bist
du denn? Etwa ein großes Tier, was? Du glaubst wohl, ich kann dir nichts
anhaben? Nein, mein Täubchen, ich gehe geraden Wegs zum Kommissär, da
sollst du was von mir erleben! Ich werde keine Rücksicht darauf nehmen,
daß du ein Schmied bist und noch ein Maler dazu. Hm, wenn ich mir meinen
Rücken und meine Schultern ansehe, so werde ich wohl sicher blaue
Flecken finden. Er hat mir tüchtig zugesetzt, der hundsgemeine Lümmel.
Schade nur, daß es so kalt ist, ich möchte nämlich nicht gern den Pelz
ausziehen. Warte nur, du Teufelsschmied! Der Satan soll dich und deine
Schmiede in Stücke schlagen. Du sollst noch ein Tänzchen bei mir
erleben! Verfluchter Hallunke! -- Also ist er jetzt nicht zu Hause?
Solocha ist wohl allein! Hm .... Es ist ja nicht weit. -- Ob ich am Ende
hingehe! Um diese Zeit wird uns niemand überraschen. Vielleicht hab' ich
auch Glück und .... Seine Hiebe tun aber weh .... O, dieser
gottsverdammte Schmied!«

Und Tschub kratzte sich den Rücken und schlug die entgegengesetzte
Richtung ein. Die Genüsse, die seiner bei der Solocha harrten,
verringerten einigermaßen den Schmerz, und machten Tschub sogar weniger
empfindlich gegen den Frost, der auf den Straßen knirschte, und der
nicht einmal vom Sausen des Windes übertönt wurde. Eine sauersüße Miene
erschien manchmal auf seinem Gesicht, dessen Kinn und Schnurrbart das
Unwetter schneller mit Schnee eingeseift hatte, als irgendein Barbier,
der sein Opfer tyrannisch an der Nase packt. Wäre jedoch der Schnee
einem nicht kreuz und quer vor den Augen herumgewirbelt, so hätte man
noch lange sehen können, wie Tschub immer wieder stehen blieb, sich den
Rücken kratzte, ausrief: »Die Hiebe von diesem verfluchten Schmied tun
aber mächtig weh!« und dann weiter zog.

                   *       *       *       *       *

Während der flinke Stutzer mit Schwanz und Bocksbart aus dem Schornstein
und wieder in den Schornstein zurückflog, blieb ihm zufällig seine
Tasche, die ihm an der Seite hing und in die er den gestohlenen Mond
hineingesteckt hatte, im Ofen hängen und ging auf. Der Mond benutzte
diese Gelegenheit, flog aus dem Schornstein des Hauses der Solocha in
die Freiheit hinaus und stieg flugs zum Himmel empor. Alles wurde hell!
das Schneegestöber war wie weggeblasen, der Schnee dehnte sich weit in
die Ferne wie ein großes silbernes Gefild, über das kristallene Sterne
ausgestreut waren. Selbst der Frost schien etwas nachgelassen zu haben.
Burschen und Mädchen kamen in Scharen mit ihren Säcken herbei. Die
Lieder schwirrten durcheinander, und beinahe vor keinem Fenster fehlten
Sänger, die den heiligen Christ besangen.

Der Mond leuchtet wundersam vom Himmel herab! Es ist schwer zu
beschreiben, wie schön es ist, sich in solcher Nacht unter die Scharen
laut lachender Mädchen und Burschen zu mischen, die zu allen Späßen und
losen Streichen aufgelegt sind, wie sie nur eine lustig verbrachte Nacht
eingeben kann. Unter dem dicken Pelze ist's warm; die Backen glühen nur
noch lebhafter vor Kälte, und der Teufel scheint einen hinterrücks nur
so zu mutwilligen Stückchen zu treiben.

Scharen von Mädchen brachen mit Säcken in Tschubs Haus ein und umringten
Oxana. Das Geschrei, das Gelächter und die Erzählungen betäubten den
Schmied. Alle beeilten sich, der Schönen etwas Neues zu erzählen, sie
luden ihre Säcke aus und prahlten mit dem Kuchen, den vielen Würsten und
Krapfen, die ihnen ihr Straßengesang bereits eingebracht hatte. Oxana
schien sehr vergnügt und fröhlich zu sein, schwatzte bald mit der einen,
bald mit der anderen und lachte ohne Ende.

Der Schmied sah dieses fröhliche Treiben voller Neid und Ärger an, und
verfluchte diesmal das ganze Christsingen, obwohl er sonst wie besessen
darauf war.

»Du, Odarka!« rief die Schöne lustig, zu einem der Mädchen gewandt, »du
hast ja neue Schuhe an. Ach, wie reizend! Mit Goldstickerei! Du hast es
gut, Odarka, du hast jemand, der dir alles kauft, mir kauft niemand so
entzückende Schuhe.«

»Gräm dich nicht, meine herzallerliebste Oxana!« unterbrach sie der
Schmied. »Ich will dir solche Schuhe schenken, wie sie selbst ein
Edelfräulein selten trägt!«

»Du?« rief Oxana sofort und blickte ihn stolz an. »Ich möchte doch
sehen, wo du solche Schuhe herkriegen willst, die an meine Füße passen.
Ja, wenn du mir die Schuhe brächtest, die die Zarin trägt ....!«

»Sieh einer an, was die will!« riefen die Mädchen lachend.

»Ja!« fuhr die Schöne stolz fort. »Seid ihr meine Zeugen: wenn mir der
Schmied Wakula die Schuhe bringt, die die Zarin trägt, so habt ihr mein
Wort darauf, daß ich sofort seine Frau werde.«

Die Mädchen führten die launische Schöne mit sich fort.

»Lache nur, lache!« sprach der Schmied, der gleich nach ihnen das Haus
verließ. »Ich lache selbst über mich! Ich grüble und grüble und kann's
nicht fassen, wo mein Verstand geblieben ist. Sie liebt mich nicht --
nun, da ist nichts zu ändern! Als ob's in der Welt nur die eine Oxana
gäbe. Gott sei Dank, es gibt auch außer ihr noch viele nette Mädchen im
Dorfe. Was soll ich denn überhaupt mit der Oxana? Sie wird ja doch nie
eine gute Hausfrau; sie versteht es nur, sich zu putzen. Nein, nun ist's
genug! Nun soll die Narretei aufhören!«

Aber gerade zur selben Zeit, als der Schmied diesen Entschluß fassen
wollte, führte ihm ein böser Geist Oxanas lachendes Antlitz vor Augen,
und das sprach höhnisch: »Schmied, hol mir die Schuhe der Zarin, und ich
bin deine Frau!« Und alles in ihm geriet in Wallung, und er dachte nur
noch an Oxana.

Scharen von Sängern: Burschen und Mädchen in getrennten Trupps eilten
aus einer Straße in die andere. Aber der Schmied schritt dahin, ohne
etwas zu sehen, und teilnahmslos gegen die Lustbarkeit, die er einst
mehr geliebt hatte, als alle andern Burschen.

                   *       *       *       *       *

Unterdessen wurde der Teufel allen Ernstes zärtlich gegen Solocha: er
küßte ihr die Hand mit denselben Fratzen, mit denen der Assessor der
Popentochter die Hand zu küssen pflegt, legte seine Hand aufs Herz,
stöhnte und erklärte geradeheraus, wenn sie nicht seine Leidenschaften
stillen und ihn nach Brauch und Sitte erhören würde, wäre er zu allem
fähig: er würde sich ins Wasser stürzen und seine Seele geradeswegs in
die Hölle schicken. Solocha war nicht so hartherzig; und dann unterhielt
der Teufel ja bekanntlich auch mit ihr eine alte Freundschaft. Sie
liebte es, sich von Anbetern umringt zu sehen, und selten war sie ohne
Gesellschaft. Diesen Abend gedachte sie jedoch allein zu verbringen,
denn alle angesehenen Bewohner des Dorfes waren zum Weihnachtsschmaus
beim Küster geladen. Aber es kam alles anders: Kaum hatte der Teufel
seine Werbung vorgebracht, da vernahmen sie plötzlich ein Klopfen und
die Stimme des beleibten Amtmanns vor der Türe. Solocha lief hin, um ihm
aufzumachen, der flinke Teufel aber sprang hurtig in einen der Säcke.

Nachdem der Amtmann den Schnee von sich abgeschüttelt und ein Gläschen
Schnaps aus Solochas Hand entgegengenommen und ausgetrunken hatte,
erzählte er, er sei nicht zum Küster gegangen, denn es habe sich ein
Schneegestöber erhoben; da habe er in ihrer Stube Licht gesehen und sei
bei ihr eingekehrt, um den Abend mit ihr zu verbringen.

Kaum aber hatte der Amtmann das gesagt, als an die Türe geklopft wurde
und sich die Stimme des Küsters vernehmen ließ. »Versteck mich
irgendwo,« flüsterte der Amtmann, »ich möchte jetzt nicht mit dem Küster
zusammentreffen.«

Solocha überlegte lange, wo sie einen so dicken Gast verstecken könnte;
endlich wählte sie einen der größten Kohlensäcke, schüttete die Kohlen
in einen Zuber, und der feiste Amtmann kroch mitsamt seinem Schnurrbart,
Kopf und Mütze in den Sack.

Der Küster kam ächzend und sich die Hände reibend, herein, und erzählte,
es sei niemand zu ihm zum Essen gekommen, er sei aber herzlich froh über
die Gelegenheit, sich mit ihr unterhalten zu können, und habe sich nicht
einmal durch das Schneegestöber davon abhalten lassen. Dann trat er
näher auf sie zu, räusperte sich, grinste, tippte mit seinen langen
Fingern auf ihren nackten vollen Arm und sagte mit einer Miene, in der
Schlauheit und Selbstzufriedenheit lagen: »Was habt Ihr denn da,
reizende Solocha?« Und indem er das sagte, sprang er etwas zurück.

»Was kann das wohl sein! Ein Arm, Ossip Nikiforowitsch!« antwortete
Solocha.

»Hm! Ein Arm! Hähähä!« rief der Küster herzlich zufrieden über diesen
Anfang und ging im Zimmer auf und ab.

»Und was habt Ihr hier, teuerste Solocha?« sprach er mit derselben
Miene, ging wieder auf sie zu, betappte ihren Hals mit seiner Hand und
sprang ganz so wie vorher wieder zurück.

»Als ob Ihr das nicht seht, Ossip Nikiforowitsch,« erwiderte die
Solocha, »mein Hals ist es, und dies hier ist ein Halsband!«

»Hm! Ein Hals mit einem Halsband! Hähähä!« und der Küster ging wieder
ein paarmal im Zimmer auf und ab und rieb sich die Hände.

»Und was habt Ihr hier, unvergleichliche Solocha? ....« Es ist nicht
ganz sicher, was der Küster jetzt mit seinen langen Fingern berührt
hätte, denn auf einmal ertönte ein Klopfen an der Tür, und die Stimme
des Kosaken Tschub ließ sich vernehmen.

»Oh Gott, ein Fremder!« rief der Küster erschrocken. »Das soll nur
werden, wenn man eine Person meines Standes hier antrifft .... Vater
Kondrat wird es noch erfahren! .....................«

Aber die Befürchtungen des Küsters lagen auf anderem Gebiet; am meisten
fürchtete er, seine Ehehälfte könnte es erfahren, deren schreckliche
Hand ohnehin aus seinem dicken Priesterzopfe ein dünnes Mauseschwänzchen
gemacht hatte. »Um Gottes willen, tugendhafte Solocha!« sprach er, am
ganzen Leibe zitternd. »Eure Güte, wie es im Evangelium Lucae heißt,
Kapitel dreiz.... dreiz.... Man klopft, bei Gott, man klopft! Versteckt
mich doch nur irgendwo!«

Solocha schüttete die Kohlen aus noch einem Sack in den Zuber, und der
nicht besonders umfangreiche Küster kroch hinein und kauerte sich ganz
am Boden des Sacks zusammen, so daß man noch einen halben Sack voll
Kohlen über ihn hatte ausschütten können.

»Grüß Gott, Solocha!« sagte Tschub, der jetzt in die Stube trat. »Du
hast mich vielleicht nicht erwartet, was? Nicht wahr, du hast mich nicht
erwartet? Vielleicht störe ich?« .... fuhr Tschub fort und ließ auf
seinem Gesichte eine verschmitzte und vielsagende Miene sehen, aus der
man von vornherein erkennen konnte, wie sehr sein schwerfälliger Kopf
sich abmühte, etwas recht Spitzes und Schelmisches zu sagen. »Vielleicht
hast du dir gerade mit jemandem die Zeit vertrieben. Vielleicht hast du
doch jemanden versteckt, was?« Und entzückt über diese Bemerkung brach
Tschub in ein Gelächter aus, innerlich darüber triumphierend, daß nur er
allein Solochas Gunst genieße. »Nun, Solocha, trinken wir jetzt ein
Schnäpschen. Ich glaube, mir ist die Kehle ganz eingefroren von der
verfluchten Kälte. Mußte uns Gott gerad zu Weihnachten solch eine Nacht
schicken! Was das für ein Schneetreiben war! hörst du, Solocha, was das
für ein Schneetreiben war .... Mir sind die Hände ganz steif geworden:
ich kann nicht einmal den Pelz aufknöpfen! Wie das Schneegestöber
losging ....«

»Mach auf!« ertönte in diesem Augenblick eine Stimme von der Straße her,
die von einem Stoß gegen die Tür begleitet wurde.

»Es klopft jemand,« sagte Tschub und hielt inne.

»Mach auf!« schrie es noch lauter.

»Das ist der Schmied!« rief Tschub und griff rasch nach der Mütze.
»Hörst du Solocha, versteck mich, wo es auch sei, um keinen Preis der
Welt will ich mich hier vor dieser gottverdammten Mißgeburt sehen
lassen. Diesem Satanskind sollen doch gleich unter beiden Augen Blasen
anlaufen: so groß wie zwei Heuschober!«

Solocha erschrak gleichfalls und rannte umher, als ob sie nicht ganz
gescheit wäre. Ohne sich viel zu besinnen, machte sie Tschub ein
Zeichen, er solle in denselben Sack hineinkriechen, in dem bereits der
Küster steckte. Der arme Küster konnte nicht einmal durch Husten oder
Ächzen seinen Schmerz kundgeben, als sich der schwere Mann ihm beinah
auf den Kopf setzte und ihm seine hartgefrorenen Stiefel gegen die
Schläfen drückte.

Der Schmied trat ein und ließ sich, ohne ein Wort zu reden, und ohne die
Mütze abzunehmen, auf eine Bank sinken. Er war ersichtlich schlechter
Laune.

Zur selben Zeit, als Solocha die Tür hinter ihm zumachte, ertönte ein
neues Klopfen. Es war der Kosak Swerbygus. Aber den hätte man schon
nicht mehr in einem Sack verstecken können, denn ein solcher Sack war
nirgends mehr zu finden. Er war noch beleibter als selbst der Amtmann
und höher von Wuchs als Tschubs Gevatter. Daher führte ihn Solocha in
den Gemüsegarten, um alles von ihm zu hören, was er ihr zu sagen hatte.

Der Schmied blickte zerstreut in alle Winkel seiner Stube und lauschte
ab und zu den weit vom Dorfe herüber hallenden Liedern der Sänger;
endlich blieben seine Augen an den Säcken haften. »Wozu liegen diese
Säcke hier? Man hätte sie schon längst wegräumen sollen. Die dumme Liebe
hat mich ganz wirr gemacht. Morgen ist Feiertag, und in der Stube liegt
noch immer aller mögliche Plunder herum. Ich trage sie gleich in die
Schmiede!«

Der Schmied kauerte sich neben den riesigen Säcken hin, band sie fest
zusammen und machte sich daran, sie auf seine Schultern zu heben. Aber
es war ersichtlich, daß seine Gedanken Gott weiß wo herumspazierten;
sonst hätte er hören müssen, wie Tschub keuchte, als ihm das Haar auf
dem Kopfe vom Strick festgeklemmt wurde, und wie der feiste Amtmann
ziemlich deutlich den Schlucken bekam.

»Will mir diese abscheuliche Oxana denn gar nicht aus dem Sinne?« sprach
der Schmied. »Ich will nicht an sie denken; und doch kreisen meine
Gedanken, immerfort und wie zu Fleiß allein um sie. Wie kommt es, daß
man wider Willen an etwas denken muß? Verflucht! Die Säcke scheinen ja
schwerer geworden zu sein! Sicher hat man zu den Kohlen noch etwas
hinein gestopft. Ich Dummkopf. Ich vergesse ja ganz, daß mir jetzt doch
alles schwerer erscheint. Früher konnte ich mit einer Hand
eine Fünfkopekenmünze und ein Hufeisen zusammen- und wieder
auseinanderbiegen, und jetzt kann ich nicht einmal mehr ein paar
Kohlensäcke aufheben. Bald wird mich noch ein Windhauch umblasen ....
Nein!« rief er nach einem kurzen Schweigen und faßte Mut. »Was bin ich
doch für ein Frauenzimmer! Ich erlaube niemandem, über mich zu lachen!
Und wenn es auch zehn solche Säcke wären, -- ich trag sie alle weg!« Und
rüstig warf er sich die Säcke über die Schultern, diese Säcke, die nicht
einmal zwei kräftige Männer hätten aufheben können. »Ich nehme auch den
da noch mit,« fuhr er fort und hob den kleinen Sack in die Höhe, auf
dessen Boden der Teufel zusammengekauert lag. »Da hab ich meine
Werkzeuge hineingetan.« Mit diesen Worten verließ er das Haus, und vor
sich her summte er das Liedchen:

   »Ach vom Weibe sollt ich lassen!«

                   *       *       *       *       *

Immer lauter und lauter erklangen die Lieder und das Gelächter auf den
Straßen. Den Scharen der umherziehenden Leute schlossen sich auch noch
solche an, die aus den kleineren Nachbardörfern herbeigekommen waren.
Die Burschen tobten umher und verübten nach Herzenslust allerhand
Streiche. Oft auch klang in die Weihnachtsgesänge ein lustiges Liedchen
hinein, das einer der jungen Kosaken eben erst verfaßt hatte. Oder
plötzlich sang einer aus der Menge statt eines Weihnachtsliedes ein
Silvesterliedchen und brüllte aus vollem Halse:

   Silvester, Bester!
   Will lecken 'nen Wecken!
   Will papfen 'nen Krapfen!
   Will Wurst nach'm Durst!

Lautes Lachen belohnte den Spaßvogel. Die kleinen Fenster wurden
zurückgeschoben, und die dürren Arme einer alten Frau, die allein mit
den würdigen Vätern des Hauses daheimgeblieben war, streckten sich, mit
einer Wurst oder einem Stück Kuchen in der Hand, hervor. Die Burschen
und Mädchen hielten um die Wette ihre Säcke unter und fingen die Beute
auf. An einer andern Stelle umringte ein Haufen von jungen Burschen
mehrere Mädchen. Da gab es Lärm und Geschrei; der eine warf einen
Schneeball, und ein anderer raubte einen Sack, der mit allerhand Kram
angefüllt war. Wieder an einer anderen Stelle haschten Mädchen nach
einem Burschen, sie stellten ihm ein Bein, und er flog mitsamt seinem
Packen Hals über Kopf zu Boden. Es schien, als ob sie die ganze Nacht
hindurch in toller Lust verbringen wollten. Die Nacht war, wie mit
Absicht, so herrlich und milde! Und noch heller und weißer erschien der
Mondschein vom Leuchten des Schnees!

Der Schmied machte mit seinen Säcken halt. Er glaubte die Stimme und das
feine Lachen Oxanas in der Mädchenschar vernommen zu haben. Er fühlte,
wie ihm ein Schauder durch alle Adern rann, warf die Säcke zu Boden, so
daß der Küster im Sack aufstöhnte und der Amtmann aus vollem Halse
aufschluckte, und schloß sich mit dem kleinen Sack über der Schulter dem
Haufen der Burschen an, die hinter der Schar der Mädchen herzogen, in
der er die Stimme Oxanas vernommen zu haben glaubte.

»Sie ist es! Steht da wie eine Zarin, und ihre schwarzen Augen leuchten.
Ein stattlicher Bursch erzählt ihr etwas; sicher etwas Ergötzliches,
denn sie lacht. Aber sie lacht ja immer.« Und unwillkürlich und ohne zu
begreifen, wie es geschah, drängte sich der Schmied durch die Menge
hindurch und stellte sich an ihre Seite.

»Ah, Wakula, du bist hier! Grüß Gott!« rief die Schöne mit jenem
Lächeln, das Wakula beinah wahnsinnig machte. »Nun, hast du dir viel
ersungen? He, was hast du denn da für einen kleinen Sack bei dir! Und
die Stiefelchen der Zarin? hast du mir die schon gekriegt? Schaff mir
die Stiefelchen, so heirate ich dich« .... Und lachend lief sie mit
einem Trupp Mädchen davon.

Der Schmied stand wie angewurzelt auf einem Fleck. »Nein, ich kann
nicht; ich hab keine Kraft mehr« .... rief er endlich. »Himmel Herrgott,
warum ist sie nur so verteufelt schön? Ihr Blick, ihre Rede, alles
brennt in mir, glüht und brennt! Nein, ich kann mich nicht mehr
überwinden. Es muß ein Ende gemacht werden. So geh denn zugrunde, meine
Seele! Ich will mich in einem Eisloch ertränken, dann ist alles aus!«

Er eilte entschiedenen Schritts voraus, holte die Mädchen ein, erreichte
Oxana und rief mit fester Stimme: »Leb wohl, Oxana! Suche dir einen
Bräutigam, wie du ihn haben magst, halte zum Narren, wen du willst; mich
wirst du nie mehr auf der Welt erblicken.«

Die Schöne schien erstaunt und wollte etwas sagen, aber der Schmied
wehrte mit der Hand ab und rannte davon.

»Wohin, Wakula?« schrien die Burschen, als sie den Schmied davonlaufen
sahen.

»Lebt wohl, Brüder!« rief ihnen der Schmied zu. »Wenn Gott will, sehn
wir uns in jener Welt wieder, in dieser werden wir uns nie mehr
zusammenfinden. Lebt wohl! Gedenkt meiner nicht in Bösem! Sagt dem Vater
Kondrat, er möge eine Totenmesse für meine sündige Seele lesen. Ich weiß
es, ich bin schuldig und habe die Kerzen an den Bildern des heiligen
Wundertäters und der Mutter Gottes nicht bemalt, ich war zu sehr in
irdischen Dingen befangen. Mein ganzes Hab und Gut und alles, was sich
in meinem Kasten findet, vermach' ich der Kirche. Lebt wohl!«

Nach diesen Worten lief der Schmied mit dem Sacke auf dem Rücken weiter!

»Er ist von Sinnen!« sprachen die Burschen.

»Eine verlorene Seele!« murmelte fromm eine vorübergehende Alte. »Ich
muß doch gleich herumgehen und allen erzählen, wie sich der Schmied
erhängt hat!«

                   *       *       *       *       *

Unterdessen lief Wakula durch die Straßen; endlich blieb er stehen, um
Luft zu schöpfen. »Wohin renne ich eigentlich so?« dachte er. »Als ob
wirklich alles verloren wäre. Ich will noch das letzte Mittel versuchen.
Ich gehe zum Saporoger, zu Patzjuk Schmerbauch. Der soll doch alle
Teufel in der Welt kennen und alles machen können, was er will. Ich geh
zu ihm, meine Seele ist ja ohnehin verloren!«

Der Teufel, der lange regungslos dagelegen war, hüpfte im Sack vor
Freude; der Schmied aber glaubte, er selbst hätte den Sack irgendwie mit
der Hand berührt und diese Bewegung hervorgerufen, schlug mit seiner
mächtigen Faust auf den Sack, rüttelte ihn und begab sich zu Patzjuk
Schmerbauch.

Dieser Schmerbauch Patzjuk war in der Tat vormals ein Saporoger Kosak
gewesen; aber niemand wußte, ob er aus der Gemeinschaft vertrieben oder
von selbst davongelaufen war. Er lebte schon seit langem in Dikanka,
vielleicht an die zehn oder gar fünfzehn Jahre. Zuerst führte er den
Lebenswandel eines echten Saporogers: arbeitete nicht, schlief
dreiviertel des Tages, aß wie sechs Drescher und trank einen ganzen
Eimer voll auf einen Zug; übrigens hatte der auch bequem Platz, denn
obwohl Patzjuk klein von Statur war, war er doch recht stark in die
Breite gegangen. Dazu trug er so weite Pluderhosen, daß seine Beine, so
lang er auch ausschreiten mochte, kaum zu sehen waren, und daß es den
Eindruck machte, als ob sich eine Branntweinkufe die Straße entlang
bewege. Daher mochte wohl auch sein Spitzname Schmerbauch stammen. Noch
waren keine vierzehn Tage seit seiner Ankunft im Dorfe verstrichen, da
wußte schon jedermann, daß er ein Hexenmeister sei. Hatte jemand irgend
eine Krankheit, sogleich wurde Patzjuk gerufen, Patzjuk brauchte nur ein
paar Worte zu murmeln und das Gebrechen war wie mit der Hand
weggewischt. Oder geschah es, daß einem unmäßigen Edelmann eine
Fischgräte in der Kehle stecken geblieben war, so verstand es Patzjuk,
den Rücken des Herrn so geschickt mit der Faust zu beklopfen, daß die
Gräte den rechten Weg einschlug, ohne der adligen Kehle auch nur den
leisesten Schaden zuzufügen. In der letzten Zeit hatte man ihn wenig
gesehen. Der Grund davon lag vielleicht in seiner Faulheit, vielleicht
aber auch in dem Umstande, daß es ihm mit jedem Jahre schwerer wurde,
durch die Tür zu kommen. Und so mußten denn die Leute zu ihm in sein
Haus kommen, wenn sie seiner bedurften.

Nicht ohne Furcht öffnete der Schmied die Tür und erblickte Patzjuk, der
wie ein Türke auf dem Boden und vor einem kleinen Fasse saß, auf dem
eine Schüssel mit Klößen stand. Diese Schüssel stand wie mit Absicht
gerade vor seiner Nase. Ohne auch nur einen Finger zu rühren, neigte er
bloß den Kopf leise über die Schüssel und schlürfte die Brühe ein, ab
und zu schnappte er auch mit den Zähnen nach einem Kloß.

»Nein,« dachte Wakula bei sich, »der da ist noch fauler als Tschub:
jener ißt doch wenigstens noch mit einem Löffel, dieser aber mag nicht
einmal die Hand aufheben!«

Patzjuk war sicherlich mächtig mit seinen Klößen beschäftigt, denn er
schien das Kommen des Schmiedes gar nicht bemerkt zu haben; kaum aber
war dieser über die Schwelle getreten, so machte er eine tiefe
Verbeugung.

»Ich komme zu Euer Gnaden, Patzjuk!« sagte Wakula und verbeugte sich von
neuem.

Der dicke Patzjuk erhob den Kopf und begann wieder die Kloßbrühe zu
schlürfen.

»Die Leute sagen, -- nimm es mir nicht übel ....« sagte der Schmied,
indem er sich selbst Mut zusprach, »ich sag's nicht, um dich zu
beleidigen -- die Leute sagen, du bist mit dem Teufel verschwägert!«

Kaum hatte Wakula diese Worte gesprochen, so erschrak er schon, denn er
dachte, er hätte sich zu eindeutig ausgedrückt und die herben Worte
nicht genügend gemildert. Er erwartete, daß Patzjuk das Faß mitsamt der
Schüssel packen und ihm an den Kopf werfen würde; darum wich er etwas
zur Seite und hielt sich den Arm vor, damit die heiße Kloßbrühe ihm
nicht das Gesicht bespritze.

Aber Patzjuk blickte ruhig vor sich hin und aß weiter.

Der Schmied entschloß sich ermutigt, fortzufahren: »Ich komme zu dir,
Patzjuk; Gott schenke Dir viel Reichtum, gebe dir alles in Hülle und
Fülle, und auch Brot in Proportion!« Der Schmied verstand es sehr wohl,
ab und zu ein neumodisch Wörtchen in seine Rede einzuflechten. Das hatte
er sich während seines Aufenthaltes in Poltawa angewöhnt, als er den
Bretterzaun des Hauptmanns tünchte. »Ich armer Sünder muß zugrunde
gehen!! Nichts in der Welt kann mir mehr helfen! Komme, was kommen mag.
Es bleibt mir nichts mehr übrig, als den Teufel selbst um Beistand zu
bitten. Also, Patzjuk,« rief der Schmied, als er bemerkte, daß jener
unerschütterlich schwieg, »was soll ich anfangen!«

»Wenn du den Teufel brauchst, so scher dich doch auch zum Teufel!«
antwortete Patzjuk, richtete nicht einmal die Augen auf ihn, und fuhr
fort, seine Klöße zu vertilgen.

»Deshalb komme ich ja eben zu dir,« erwiderte der Schmied mit einer
Verbeugung, »außer dir, glaube ich, weiß niemand den Weg zu ihm.«

Patzjuk sprach kein Wort -- und aß seine Klöße zu Ende. »Erbarm dich,
guter Mensch, schlag mir die Bitte nicht ab!« drängte der Schmied. »Ob
Schweinefleisch oder Wurst, ob Leinewand oder Hirse, -- oder
Buchweizenmehl, und alles, was du brauchst .... wie es so unter guten
Leuten Sitte ist .... es soll dir an nichts fehlen. Sage mir doch nur so
beispielsweise, welcher Weg zu ihm führt?«

»Der braucht nicht weit zu gehen, der den Teufel auf dem Buckel hat,«
sprach Patzjuk gleichgültig, ohne seine Stellung zu verändern.

Wakula starrte ihn an, als stände die Erklärung dieser Worte auf seiner
Stirne zu lesen. »Was spricht er?« schien seine Miene stumm zu fragen;
und sein halbgeöffneter Mund bereitete sich vor, das erste Wort, das er
sagen würde, zu verschlingen wie ein Klößchen. Aber Patzjuk schwieg.

Da merkte Wakula, daß weder Klöße noch ein Faß vor Patzjuk standen;
statt dessen aber standen zwei Holzschüsseln auf dem Boden: die eine war
mit Krapfen, die andere mit Rahm gefüllt. Seine Gedanken und seine Augen
wandten sich unwillkürlich diesen Gerichten zu. »Sehn wir mal zu, wie
Patzjuk die Krapfen essen wird,« sagte er zu sich selbst. »Er wird sich
sicher nicht bücken wollen, um sie mit dem Mund einzuschlürfen, wie die
Klöße; es geht ja auch gar nicht: man muß den Krapfen ja zuerst in den
Rahm tunken!«

Doch kaum hatte er dies gedacht, da sperrte Patzjuk seinen Mund weit
auf, blickte auf die Krapfen und riß dann den Mund noch weiter auf. Da
plantschte ein Krapfen aus der Schüssel, fiel klatschend in den Rahm,
drehte sich auf die andere Seite, hüpfte hoch empor und fiel ihm stracks
in den Mund. Patzjuk verzehrte den Krapfen, machte den Mund wieder auf,
und mit einem anderen Krapfen geschah dasselbe. Er selbst mußte sich nur
die Mühe nehmen, zu kauen und ihn zu verschlucken.

»Potztausend!« dachte der Schmied und machte vor Verwunderung den Mund
weit auf; aber da merkte er, daß auch ihm ein Krapfen in den Mund
hineinspazierte, und schon waren seine Lippen mit Rahm beschmiert. Der
Schmied stieß den Krapfen verwirrt von sich, wischte sich die Lippen und
begann darüber nachzudenken, was für Wunder es doch in der Welt gäbe,
und bis zu welchen Spitzfindigkeiten des Satans Macht einen Menschen
gelangen ließe; und er sagte sich beiläufig, daß nur Patzjuk imstande
sei, ihm zu helfen.

»Ich will mich noch einmal verbeugen, vielleicht sagt er's mir ....
Aber, Teufel! Morgen ist ja Weihnachten, und er ißt Krapfen -- das ist
doch kein Fastenessen! Was bin ich doch für ein Dummkopf: steh da und
belade mich mit Sünde! Zurück! ....« Und der gottesfürchtende Schmied
stürzte aus dem Hause.

Da aber konnte der Teufel, der im Sack saß und sich schon im Voraus
gefreut hatte, vor Angst, es könne ihm eine so großartige Beute
entgehen, nicht mehr an sich halten. Kaum ließ der Schmied den Sack zu
Boden gleiten, so sprang er flugs hinaus und setzte sich rittlings auf
seinen Hals.

Den Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde totenbleich, und wußte
einfach nicht, was er tun sollte; schon wollte er sich bekreuzigen ....
Aber der Teufel neigte sein Hundeschnäuzchen an Wakulas rechtes Ohr und
sagte: »Ich bin's, dein Freund; ich werde alles für meinen Kameraden und
Genossen tun! Ich gebe dir Geld, soviel du willst,« murmelte er ihm ins
linke Ohr. »Oxana wird heute noch die Unsere sein,« flüsterte er, sein
Maul wieder zum rechten Ohr neigend. Der Schmied stand da und sann.
»Schön,« sagte er endlich, »um diesen Preis bin ich bereit, dir
anzugehören!«

Der Teufel schlug die Hände zusammen und begann vor Freude auf dem Halse
des Schmiedes auf und ab zu hüpfen. »Jetzt habe ich den Schmied!« dachte
er bei sich. »Gut, mein Täubchen, du sollst mir all deine Malereien und
Schmierereien, mit denen du den Teufel verspottet hast, bezahlen! was
werden meine Genossen dazu sagen, wenn sie erfahren, daß der frömmste
Mann des Dorfes in meinen Händen ist?«

Und der Teufel lachte und stellte sich vor, wie er in der Hölle die
geschwänzte Rotte necken werde; und wie der hinkende Teufel, der als
Meister aller satanischen Streiche galt, Wut schnauben würde.

»Na Wakula!« piepste der Teufel, der den Hals des Schmiedes immer noch
nicht verlassen hatte, gerade als ob er befürchtete, jener könne ihm
entwischen. »Du weißt ja, daß ohne Vertrag nichts unternommen wird.«

»Ich bin bereit!« sagte der Schmied. »Wie ich gehört habe, unterzeichnet
man bei euch die Verträge mit Blut; halt, ich hol mir nur einen Nagel
aus der Tasche!«

Dabei griff er mit der Hand nach hinten -- und siehe -- er hatte den
Teufel am Schwanze gepackt.

»Ei ei, du Schäker!« rief der Teufel lachend, »jetzt aber laß los, genug
der Schelmenstreiche!«

»Nein, warte mein Täubchen!« schrie der Schmied. »Und was sagst du
dazu?« Dabei machte er das Zeichen des Kreuzes, und der Teufel wurde
lammstill. »Warte mal!« rief er und zerrte ihn am Schwanze zu Boden.
»Ich will dich lehren, ehrliche Leute und anständige Christenmenschen in
Sünden zu stürzen.«

Und der Schmied sprang rittlings auf ihn und hob die Hand empor, um das
Zeichen des Kreuzes zu machen.

»Hab Erbarmen, Wakula!« stöhnte der Teufel kläglich. »Ich tue ja alles,
was du willst; nur verschone mich; lege mir nur nicht dies furchtbare
Kreuz auf.«

»Jetzt singst du schon ein andres Lied, du gottverdammter Welschling du!
Nun weiß ich, was ich zu tun habe. Führe mich sofort im Ritt auf und
davon. Hörst du? eile dahin wie ein Vogel!«

»Wohin?« rief der Teufel traurig.

»Nach Petersburg, geradewegs zu der Zarin!« Aber da erstarrte der
Schmied vor Schreck, denn er fühlte, wie er in die Lüfte emporgehoben
wurde.

                   *       *       *       *       *

Noch lange stand Oxana da und dachte an die sonderbaren Reden des
Schmieds. Schon regte sich etwas in ihrem Innern und raunte ihr zu, sie
habe ihn zu hart behandelt. »Und wenn er sich wirklich etwas
Schreckliches antut? Nichts ist unmöglich! Vielleicht verliebt er sich
noch am Ende aus Kummer in eine andere und wird sie aus lauter Aerger
für die Schönste im Dorfe erklären. Aber nein, er liebt mich. Ich bin ja
auch so schön! Er wird mir keine andere vorziehen; er treibt nur Unsinn
und tut nur so. Es werden noch keine zehn Minuten verstreichen, und er
wird wiederkommen, um mich zu sehen. Ich bin wirklich zu hartherzig. Ich
muß mich einmal scheinbar widerwillig von ihm küssen lassen. Das wird
eine Freude für ihn sein!« Und die leichtsinnige Schöne fing schon
wieder an, mit ihren Freundinnen zu scherzen.

»Halt!« rief die eine von ihnen, »der Schmied hat seine Säcke vergessen;
o schaut nur, was für gräßliche Säcke das sind! Er hat ganz andre
Geschenke für seinen Gesang bekommen als wir; ich glaube, man hat ihm
ein ganzes Viertel von einem Hammel geschenkt, und sicherlich Würste und
Brote ohne Zahl. Prächtig! Da kann man die ganzen Feiertage davon
essen.«

»Sind das die Säcke des Schmiedes?« rief Oxana. »Schleppen wir sie doch
zu mir in die Stube und sehn wir zu, was er alles drin hat.«

Alle billigten lachend diesen Vorschlag.

»Aber wir können sie nicht in die Höhe heben!« rief auf einmal die ganze
Schar, die bemüht war, die Säcke vom Platze zu rücken.

»Halt,« meinte Oxana, »holen wir einen Schlitten und schleppen wir sie
auf dem Schlitten zu mir!«

Und die ganze Schar lief fort, um einen Schlitten zu holen.

Den Gefangenen wurde indessen in den Säcken die Zeit gewaltig lang, wenn
auch der Küster sich ein tüchtiges Loch in den Sack gebohrt hatte. Wären
keine Leute dagewesen, so hätte er vielleicht auch noch ein Mittel
gefunden, herauszukriechen; aber in Gegenwart aller aus dem Sack zu
kriechen, sich lächerlich zu machen .... dieser Gedanke hielt ihn
zurück, und er beschloß daher, zu warten; und nur hie und da stöhnte er
unter Tschubs unhöflichen Stiefeln schmerzlich auf. Tschub selbst aber
sehnte sich nicht minder nach Freiheit, denn er fühlte, daß ein gewisses
Etwas unter ihm lag, auf dem ganz grauenhaft unbequem zu sitzen war.
Sobald er aber vom Entschluß seiner Tochter vernahm, beruhigte er sich
und wollte jetzt schon selbst nicht mehr zum Vorschein kommen, denn er
dachte daran, daß es bis zu seinem Hause noch mindestens hundert Schritt
oder gar noch mehr waren; hätte er aber hinauskriechen wollen, so hätte
er seine Kleidung ordnen, den Pelz zuknöpfen, und sich den Gurt umbinden
müssen -- welche Arbeit! Und dann war auch seine Mütze bei der Solocha
geblieben. Da sollten ihn doch lieber die Mädel nach Hause fahren! Es
kam jedoch ganz anders, als Tschub erwartet hatte. Während die Mädchen
davonliefen, um einen Schlitten zu holen, trat der hagere Gevatter
verstört und mißgestimmt aus dem Wirtshaus. Die Schankfrau hatte sich
durchaus nicht entschließen können, ihm zu borgen. Er wollte im
Wirtshause abwarten, ob nicht irgendein frommer Edelmann kommen und ihm
was vorsetzen würde; aber wie zum Trotz waren alle Edelleute zu Hause
geblieben und verzehrten als ehrliche Christen ihren Weihnachtskuchen
inmitten ihrer Familie. Wie nun der Gevatter so über die allgemeine
Sittenverderbnis und das steinerne Herz des Judenweibs, das den Schnaps
feilhielt, nachdachte, stieß er plötzlich auf die Säcke und blieb
erstaunt stehen. »Schau, schau, hier hat jemand Säcke auf die Straße
geworfen!« sagte er und sah sich um. »Wahrscheinlich ist Schweinefleisch
drin. Es gehört doch ein großes Glück dazu, sich so viel zu ersingen!
Was für riesige Säcke! Angenommen selbst, sie wären nur mit
Buchweizenbroden und Brezeln gefüllt, das wär' auch gar nicht übel, aber
selbst wenn nur einfaches Brot darin wäre, so ließe ich mir auch das
gefallen: die verfluchte Jüdin gibt ein Achtel Schnaps für jeden Laib.
Ich will sie rasch fortschleppen, so daß niemand es sieht.«

Da wälzte er sich den einen Sack, gerade den mit Tschub und dem Küster,
auf die Schulter, fühlte jedoch, daß er zu schwer sei. »Nein, für mich
allein ist der zu schwer,« rief er. »Aber da kommt ja gerad wie gerufen
der Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, Ostap!«

»Guten Abend!« erwiderte der Weber und blieb stehen.

»Wohin gehst du?«

»Ganz ohne Ziel, wohin mich gerad die Füße tragen.«

»Hilf mir doch die Säcke forttragen, lieber Mensch, da hat jemand seine
Weihnachtsgeschenke hergeschleppt und sie mitten auf der Straße
hingeschmissen. Wir wollen das Gut redlich unter uns teilen.«

»Die Säcke? Und was ist drin? Kuchen oder Brot?«

»Ich glaube, es ist von allem etwas drin.«

Sie rissen schnell eine Latte vom Zaun, legten die Säcke darauf und
trugen sie auf den Schultern fort.

»Wohin wollen wir sie tragen? Ins Wirtshaus?« fragte der Weber
unterwegs.

»Ich hab's mir auch gedacht; aber die verdammte Jüdin wird uns am Ende
nicht recht trauen, sie wird glauben, wir hätten sie gestohlen, und
außerdem _komme_ ich gerade aus dem Wirtshaus. Tragen wir den Sack zu
mir. Niemand wird uns stören: meine Frau ist nicht zu Hause.«

»Ist sie auch sicher nicht zu Hause?« fragte der vorsichtige Weber.

»Wir sind ja, Gott sei Dank, noch bei vollem Verstande,« sagte der
Gevatter, »nur der Teufel könnte mich dorthin bringen, wo sie jetzt ist.
Ich glaube, sie wird sich bis morgen früh mit den Weibern herumtreiben.«

»Wer ist da?« rief die Frau des Gevatters, als sie den Lärm hörte, den
die beiden Freunde im Flur mit dem Sack machten, und öffnete die Tür.

Der Gevatter war starr vor Schrecken.

»Na, da haben wir die Bescherung!« rief der Weber und ließ die Arme
sinken.

Des Gevatters Frau war so ein Juwel, wie es deren durchaus nicht wenige
in der Welt gibt. Genau wie ihr Gemahl saß sie fast niemals zu Hause und
schmarotzte fast den ganzen Tag lang bei allerhand Basen und
wohlhabenden Muhmen umher, schmeichelte sich bei ihnen ein, aß mit
vielem Appetit und prügelte sich nur am Morgen mit ihrem Manne herum,
denn bloß um diese Tageszeit pflegte sie ihn zuweilen zu sehen. Ihre
Hütte war doppelt so alt wie die Pluderhosen des Gemeindeschreibers. Das
Dach hatte an manchen Stellen gar kein Stroh mehr, und vom Zaun waren
nur noch ein paar klägliche Überreste übrig, denn kein Mensch pflegte
beim Ausgehen noch einen Stock zur Abwehr der Hunde mitzunehmen, weil
jeder hoffte, am Gemüsegarten des Webers vorüberzugehen und sich da
einen Knüppel aus seinem Zaun reißen zu können. Der Ofen wurde oft drei
Tage lang nicht geheizt. Alles, was die zärtliche Gattin bei gutherzigen
Leuten zu erbetteln pflegte, verbarg sie möglichst vor ihrem Manne, und
manchmal nahm sie sogar Sachen als Beute an sich, die ihm gehörten,
falls er sie noch nicht in der Schenke versoffen hatte. Der Gevatter
wollte ihr trotz seiner ewigen Gleichgültigkeit doch nicht nachgeben,
daher verließ er auch das Haus fast immer mit ein paar Beulen unter
beiden Augen, und die geschätzte Ehehälfte trollte sich ächzend zu ihren
alten Weibern, um ihnen von der Lüderlichkeit ihres Mannes und von den
Schlägen vorzuklatschen, die sie zu ertragen hatte.

Man kann sich ausmalen, wie verblüfft der Weber und der Gevatter durch
ihr unerwartetes Erscheinen waren. Sie ließen den Sack zu Boden sinken,
stellten sich vor ihn hin und bedeckten ihn mit ihren Rockschößen; aber
schon war es zu spät; des Gevatters Frau hatte den Sack schon erblickt,
obwohl ihre alten Augen nur noch schlecht sahen. »Das ist aber fein!«
sagte sie mit einer Miene, in der die Freude eines Habichts aufzuckte.
»Das ist fein, daß ihr euch so viel zusammengesungen habt! Anständige
Leute machen es immer so. Aber nein, ich glaube doch, ihr habt es
irgendwo stibitzt. Zeigt mir's sofort, hört ihr, zeigt mir sofort, was
ihr in eurem Sacke habt!«

»Vielleicht zeigt dir's ein kahlköpfiger Teufel, aber nicht wir,« sagte
der Gevatter und stellte sich in Positur.

»Was geht dich das an?« sagte der Weber, »_wir_ haben das für unseren
Gesang bekommen und nicht du!«

»Nein, du sollst es mir zeigen, du nichtsnutziger Trunkenbold!« rief die
Frau, versetzte dem langaufgeschossenen Gevatter einen Schlag unters
Kinn und drängte sich an den Sack heran. Jedoch der Weber und der
Gevatter verteidigten den Sack tapfer und nötigten sie zum Rückzuge.
Kaum aber hatten sie Zeit, sich recht zu besinnen, als die Gattin schon
mit einem Feuerhaken in der Hand wieder auf den Flur herausgerannt kam.
Sie schlug ihrem Mann flink mit dem Haken auf die Hände und dem Gevatter
übern Rücken, und schon stand sie neben den Säcken.

»Warum haben wir sie herangelassen?« rief der Weber, als er wieder zu
sich gekommen war.

»Ja, warum haben wir sie herangelassen! Warum hast du sie
herangelassen?« sagte der Gevatter kaltblütig.

»Ihr habt wohl einen eisernen Ofenhaken!« sagte der Weber nach kurzem
Schweigen, indem er sich den Rücken kratzte. »Meine Frau hat im vorigen
Jahr auf dem Jahrmarkt einen Ofenhaken gekauft und ein halb Schock Eier
für ihn gegeben: der ist besser ..... er tut nicht so weh ......!«

Unterdessen stellte die triumphierende Gattin ihr Lämpchen auf den
Boden, band den Sack auf und blickte hinein.

Aber ihre alten Augen, die den Sack doch so gut wahrgenommen hatten,
täuschten sie wohl diesmal. »He, da liegt ja ein ganzer Eber!« rief sie,
vor Freude in die Hände klatschend.

»Ein Eber! Hörst du, ein ganzer Eber!« rief der Weber und puffte den
Gevatter in die Seite, »du allein hast an allem schuld!«

»Was ist da zu machen!« rief der Gevatter achselzuckend.

»Was? Warum stehen wir auch so ruhig da? Nehmen wir ihr doch den Sack
ab! Pack dich!«

»Vorwärts marsch, du Teufelsweib! Der Eber gehört uns!« rief der
Gevatter und rückte vor. Seine Gattin griff wieder zum Ofenhaken, aber
in diesem Augenblick kroch Tschub aus dem Sack und stellte sich
breitbeinig mitten im Flur hin, indem er sich dehnte und reckte, wie ein
Mensch, der soeben aus einem langen Schlafe erwacht ist.

Des Gevatters Frau stieß einen Schrei aus, schlug die Hände zusammen,
und alle miteinander sperrten unwillkürlich die Mäuler auf.

»Was faselt sie da von einem Eber, diese Närrin! Das ist doch kein
Eber,« sagte der Gevatter, die Augen weit aufreißend.

»Sieh einer an, was für einen Kerl sie da in den Sack gesteckt haben!«
rief der Weber, vor Schreck zurückweichend. »Sag, was du willst, ich
will auf der Stelle platzen, wenn da nicht der Böse seine Hand im Spiel
hat. Der da kann doch durch kein Fenster, geschweige denn in einen Sack
geraten!«

»Das ist ja Gevatter Tschub!« rief der Gevatter, als er näher zusah.

»Und was dachtest du?« rief Tschub schmunzelnd. »Was? habe ich euch
einen Schabernack gespielt? Ihr wolltet mich wohl schon gar verspeisen,
wie ein Stück Schweinefleisch? Wartet nur, ich will euch noch eine
Freude bereiten: im Sacke liegt noch etwas, wenn das kein Eber ist, so
ist's sicher ein Ferkel oder irgendein anderes Vieh. Es hat fortwährend
unter mir gezappelt.«

Der Weber und der Gevatter stürzten sich auf den Sack, die Hausfrau
klammerte sich auf der anderen Seite an ihn und das Gefecht wäre wieder
losgegangen, wenn nicht der Küster, der einsah, daß er sich nirgends
mehr verbergen konnte, von selbst aus dem Sacke herausgekrochen wäre.

Die Frau des Gevatters wurde starr wie Stein und ließ den Fuß los, an
dem sie den Küster bereits aus dem Sacke ziehen wollte.

»Also noch einer!« rief der Weber in heller Angst. »Der Teufel mag
wissen, was in der Welt los ist .... Der Kopf dreht sich mir im Kreise
herum .... Weder Würste noch Brot, sondern lauter Menschen wirft man
jetzt in die Säcke!«

»Das ist der Küster!« rief Tschub, der noch mehr erstaunt war, als die
anderen. »Da haben wir's! Ei, ei, die Solocha! Die Menschen in einen
Sack zu stecken .... Ich dachte mir gleich: warum ist nur die Stube
voller Säcke .... Jetzt weiß ich alles: bei ihr saßen zwei Kerle in
jedem Sacke. Und ich glaubte, daß sie mir allein .... Ei, ei! diese
Solocha!«

                   *       *       *       *       *

Die Mädchen waren einigermaßen erstaunt, als sie den einen Sack nicht
mehr fanden.

»Nun, da ist nichts zu machen, wir werden auch an dem anderen genug
haben!« meinte Oxana.

Alle ergriffen den Sack und wälzten ihn auf den Schlitten. Der Amtmann
beschloß zu schweigen, denn er bedachte die Folgen, wenn er schrie, man
solle den Sack aufbinden; die dummen Mädel würden auseinanderlaufen,
würden glauben, im Sacke sitze der Teufel, und er müßte dann vielleicht
bis morgen auf der Straße bleiben.

Indes flogen die Mädchen, Hand in Hand, wie der Sturmwind mit dem
Schlitten über den knisternden Schnee. Einige von ihnen setzten sich
mutwillig auf den Schlitten; und manche setzten sich sogar auf den
Amtmann selbst. Der Amtmann aber war entschlossen, alles zu ertragen.

Endlich waren sie angekommen, sie rissen die Türen zum Flur und zur
Stube weit auf und schleppten den Sack unter lautem Gelächter hinein.

»Sehn wir zu, was drin ist,« riefen alle auf einmal und beeilten sich,
ihn aufzubinden.

Da aber wurde der Schlucken, der nicht aufgehört hatte, den Amtmann
während der ganzen Zeit seines Aufenthalts im Sack zu quälen, so arg,
daß der laut aufzuschlucksen und zu husten begann.

»Ach, da sitzt ja jemand drin!« schrien alle, und stürzten erschrocken
zur Tür.

»Was Teufel! Wohin rennt ihr denn alle, als ob ihr nicht gescheit seid?«
fragte Tschub, der in die Türe trat.

»O, Vater!« rief Oxana, »im Sacke sitzt jemand!«

»Im Sacke? Wo habt ihr diesen Sack her?«

»Der Schmied hat ihn mitten auf die Straße hingeschmissen,« riefen alle
zugleich.

»Na also; hab ich's nicht gleich gesagt? ....« dachte Tschub bei sich.
»Worüber seid ihr so erschrocken? Wir wollen doch mal nachsehn. Holla,
Menschenskind -- nimm's mir nicht übel, daß ich dich nicht bei deinem
Vor- und Zunamen rufe -- kriech mal aus dem Sack heraus!«

Der Amtmann kroch heraus.

»Ah!« riefen die Mädchen.

»Auch der Amtmann war also dabei,« sprach Tschub verblüfft zu sich, und
maß ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. »So so? .... Hehe! ....« Mehr konnte
er nicht hervorbringen.

Der Amtmann selbst war nicht minder verlegen und wußte nicht, was er
anfangen sollte. »Es ist wohl recht kalt draußen?« fragte er, zu Tschub
gewandt.

»Ein mächtiges Frostwetter,« antwortete Tschub. »Darf ich dich fragen:
womit schmierst du eigentlich deine Stiefel: mit Schmalz oder mit Teer?«
Er hatte natürlich etwas ganz andres sagen wollen, und fragen wollen:
»Wieso kommst du, der Amtmann, in den Sack?« und er wußte selbst nicht,
wie es kam, daß er etwas ganz anderes gesagt hatte.

»Mit Teer ist's besser,« erwiderte der Amtmann. »Leb wohl, Tschub!« Und
er drückte die Mütze in die Stirn und verließ die Stube.

»Warum habe ich so dumm gefragt, womit er seine Stiefel schmiert!« rief
Tschub, auf die Tür blickend, durch die der Amtmann hinausgegangen war.
»Ei, ei, diese Solocha! Solch einen Herrn in den Sack zu stecken! Dieses
Teufelsweib! Und ich Dummkopf .... Aber wo ist nur der verfluchte Sack
geblieben?«

»Ich habe ihn in die Ecke geschmissen, es ist nichts mehr drin,« sagte
Oxana.

»Ich kenne diese Scherze schon. Nichts drin! Gib ihn mal her: dort sitzt
doch noch jemand! Schüttelt ihn nur mal ordentlich. Wie? ist wirklich
nichts drin? Ei, _so_ ein verfluchtes Weibsbild! Und dabei ist sie von
Aussehen die reinste Heilige, als ob sie noch nie was anderes als
Fastenspeisen gekostet hätte .....!«

Aber lassen wir Tschub in aller Gemütlichkeit seinen Ärger verpuffen und
kehren wir zu dem Schmied zurück; denn es geht gewiß schon in die neunte
Stunde.

                   *       *       *       *       *

Zuerst war's Wakula sehr unheimlich zumute, besonders als er so hoch
oben schwebte, daß er unten auf der Erde nichts mehr unterscheiden
konnte, und als er wie eine Fliege hart am Monde vorbeigeflogen kam, so
daß er, hätte er sich nicht etwas gebückt, den Mond mit der Mütze
gestreift hätte. Bald darauf faßte er jedoch Mut, und begann wieder über
den Teufel zu scherzen. Es ergötzte ihn außerordentlich, wie der Teufel
jedesmal, wenn Wakula sein Kreuz aus Zedernholz vom Halse nahm und es
ihm vor die Nase hielt, niesen und prusten mußte. Absichtlich erhob er
die Hand, um sich den Kopf zu kratzen, aber der Teufel dachte, er greife
nach dem Kreuze und flog noch rascher dahin. Alles in der Höhe leuchtete
hell. Die Luft schimmerte durchsichtig in dem sanften silbernen Nebel.
Alles war klar zu sehen und man konnte sogar wahrnehmen, wie ein
Zauberer rittlings auf einem Topfe sitzend an ihnen vorüberjagte, wie
die Sterne, zu einem Haufen geballt, Blindekuh spielten, wie ein ganzes
Rudel Geister sich gleich Wolken dahin wälzte, wie ein im Mondschein
tanzender Teufel beim Anblick des daherreitenden Schmiedes die Mütze
zog, und wie ein Besen, auf dem offensichtlich soeben eine Hexe zu ihrem
Ziel geritten war, heimwärts flog ......! Und noch vieles andere und
mancherlei böses Gesindel trafen sie auf ihrem Wege. Beim Anblick des
Schmiedes machten alle halt, um ihn anzusehen, und dann rasten sie zu
ihren Verrichtungen weiter; der Schmied flog immer weiter und weiter,
und auf einmal leuchtete Petersburg ganz in Feuer gehüllt vor ihm auf.
(Damals fand dort aus irgend einem Anlaß gerade eine Illumination
statt.) Der Teufel flog über den Schlagbaum hinweg, verwandelte sich in
ein Roß, und der Schmied fand sich plötzlich mitten auf der Straße auf
einem hitzigen Renner wieder.

Himmel Herrgott! War das ein Lärmen, Rasseln und Funkeln; auf beiden
Seiten ragten vier Stockwerk hohe Mauern in die Höhe; das Stampfen der
Pferdehufe und das Rollen der Wagenräder hallte donnernd aus allen vier
Himmelsrichtungen wider; da schossen Häuser empor und schienen auf
Schritt und Tritt der Erde zu entsteigen; Brücken bebten; Equipagen
flogen dahin, Kutscher und Vorreiter brüllten; der Schnee pfiff unter
den tausenden, von allen Seiten vorbeifliegenden Schlitten; die
Fußgänger drückten sich ängstlich an die Häuser, die mit Lämpchen
übersät waren; und ihre riesigen Schatten huschten über die Wände und
reichten mit den Köpfen bis an die Dächer und Schornsteine.

Voller Staunen sah sich der Schmied nach allen Seiten um. Es schien ihm,
als ob alle diese Häuser ihre zahllosen Feueraugen auf ihn richteten und
ihn anschauten. Soviel feine Herren in ihren mit Tuch überzogenen Pelzen
erblickte er, daß er nicht wußte, vor wem er zuerst die Mütze ziehen
sollte. »O Gott, wieviel Herrschaften es hier gibt!« dachte der Schmied.
»Ich glaube, hier ist jeder, der einem auf der Straße in einem Pelz
begegnet, Assessor und wieder Assessor! Und die, die in diesem
wunderbaren Wagen mit Glasscheiben dahinfahren, sind, wenn nicht
Bürgermeister, so doch sicherlich Kommissäre oder vielleicht sogar noch
mehr.« Hier wurden seine Betrachtungen durch eine Frage des Teufels
unterbrochen: »Soll ich gradeswegs zur Zarin?« -- »Nein, ich habe
Angst!« dachte der Schmied. »Ich weiß nicht, hier sind doch irgendwo die
Saporoger Kosaken abgestiegen, die im Herbst durch Dikanka gekommen
sind. Sie fuhren mit einem Schreiben zur Zarin; nicht übel wäre es, sie
um Rat zu fragen. He, Satan! kriech mir in die Tasche und führe mich zu
den Saporogern!«

Im Nu magerte der Teufel ab und wurde so klein, daß er ohne Müh zu ihm
in die Tasche hineinhüpfen konnte. Noch bevor Wakula sich umzusehen
vermochte, stand er schon vor einem riesigen Hause und, ohne selbst zu
wissen wie, stieg er die Treppe empor, machte die Türe auf und prallte
ein wenig zurück vor dem blendenden Glanze, als er das geschmückte
Gemach erblickte; doch er faßte wieder etwas Mut, als er die Saporoger
erkannte, die durch Dikanka gekommen waren, und die nun auf seidenen
Sofas saßen: mit geteerten Stiefeln an den übereinandergeschlagenen
Beinen, und den allerstärksten Tabak rauchten, jenen Tabak, den man
gewöhnlich Wurzeltabak nennt.

»Grüß Gott, Herrschaften! Helf euch Gott! Wo wir uns wiedersehn!« sprach
der Schmied, trat näher und verbeugte sich tief bis zur Erde.

»Was ist das für ein Mensch?« fragte der dem Schmied zunächst Sitzende
einen andern, der etwas abseits saß.

»Habt ihr mich nicht wiedererkannt?« rief der Schmied. »Ich bins ja, der
Schmied Wakula! Als ihr im Herbst durch Dikanka kamt, da wart ihr ja
zwei Tage lang bei mir zu Gaste, Gott schenke euch Gesundheit und langes
Leben. Ich hab euch doch noch damals einen neuen Reifen ans Vorderrad
eures Wagens geschlagen!«

»Ah!« rief da der Saporoger, »das ist ja derselbe Schmied, der so
großartig malt. Gott zum Gruß, Landsmann! Was führt dich hierher?«

»Ich wollte mich nur ein wenig umsehen .... Man sagt ja ....«

»Nun, Landsmann,« rief der Saporoger wichtig und da er zeigen wollte,
daß er nicht bloß seine Kosaken-Mundart, sondern auch reinstes Russisch
sprechen konnte, sagte er: »Eine gewoltige Stadt, wie?«

Der Schmied wollte sich auch nicht bloßstellen und als Neuling zeigen,
außerdem verstand er sich auch selbst auf die Schriftsprache, wie wir
bereits oben zu bemerken Gelegenheit hatten, und so antwortete er ruhig:
»Eine mächtige Goubernie! Hier gibt's unstreitig große Häuser, und
meisterhafte Bilder hängen darin. Gar viele Häuser sind mit köstlichen
Lettern aus Blattgold bemalt. Man muß zugeben, eine herrliche
Proportion!«

Als die Saporoger den Schmied so frei sich ausdrücken hörten, bekamen
sie die günstigste Meinung von ihm.

»Wir wollen uns später weiter unterhalten, Landsmann: Jetzt müssen wir
gleich zur Zarin fahren.«

»Zur Zarin? O seid so lieb, meine Herren, nehmt mich auch mit!«

»Dich?« rief der Saporoger in einem Ton, wie etwa ein Kinderwärter zu
seinem vierjährigen Zögling redet, der bittet, ihn auf ein großes Pferd
zu setzen.

»Was willst du denn dort? Nein, das geht nicht.« Dabei nahm sein Gesicht
eine wichtige Miene an. »Wir müssen mit der Zarin über unsere eigenen
Angelegenheiten reden, Bruder!«

»Nehmt mich doch mit!« drängte der Schmied. »Bitte du sie!« flüsterte er
dem Teufel leise zu, indem er mit der Faust auf seine Tasche schlug.

Kaum aber hatte er das gesagt, als ein anderer Saporoger ausrief:
»Nehmen wir ihn doch wirklich mit, Brüder!«

»Uns ist's recht, nehmen wir ihn mit!« sprachen die Anderen.

»So leg ein Kleid an, wie wir es tragen.«

Der Schmied beeilte sich, einen grünen Schupan anzuziehen, als auf
einmal die Tür aufging und ein Mann mit Tressen am Rock eintrat und
sagte, es sei die höchste Zeit, abzufahren.

Dem Schmied war es wieder wunderlich zumute, als er in der riesigen
Kalesche dahinfuhr, die auf Sprungfedern hin und her schaukelte; und als
die vierstöckigen Häuser auf beiden Seiten an ihm vorbeirannten, und das
Pflaster mit Gepolter wie von selbst unter den Füßen der Pferde
dahinzurollen schien.

»O Gott, wie hell es ist!« dachte der Schmied bei sich, »bei uns ist es
nicht einmal am Tage so hell!«

Die Wagen hielten vor einem Palaste. Die Saporoger stiegen aus, traten
auf den prächtigen Vorplatz und begannen die blendend beleuchtete Treppe
hinaufzusteigen.

»Was für eine Treppe!« flüsterte der Schmied vor sich hin, »es wäre doch
schade, mit den Füßen drauf zu treten. Welch ein Schmuck! Und da sage
noch einer: die Märchen lügen! Wahrlich, die lügen nicht! O Gott, mein
Gott, was für ein Geländer! Was für eine Arbeit! Da hat man allein fürs
Eisen mindestens fünfzig Rubel ausgegeben!«

Oben angelangt, durchschritten die Saporoger den ersten Saal. Scheu
folgte ihnen der Schmied, voller Angst, er könnte bei jedem Schritt auf
dem Parkett ausgleiten. Drei Säle durchschritten sie und der Schmied war
noch immer nicht aus seiner Verwunderung herausgekommen. Wie sie in den
vierten Saal traten, ging er unwillkürlich an ein Gemälde heran, das an
der Wand hing. Es war ein Bild der heiligen Jungfrau mit dem Sohne auf
dem Arm.

»Was für ein Bild! Was für eine wunderbare Malerei!« dachte er und
stellte seine Betrachtungen an. »Es sieht aus, als wollte es reden! Wie
lebendig es ist! Und das Christkind! Wie es die Händchen faltet und
lächelt, das Ärmste! Und diese Farben! O Gott! Welche Farben! Da hat man
wohl auch nicht für eine Kopeke Ocker gebraucht, glaub ich, sondern
nichts als Karmin und Grünspan. Und wie das Blau leuchtet! Eine
meisterhafte Arbeit. Der Grund ist wahrscheinlich mit dem kostbarsten
Bleiweiß angelegt. Aber wenn diese Malerei wunderbar ist, so ist doch
dieser Messinggriff noch mehr der Bewunderung würdig,« fuhr er fort,
indem er an die Tür trat und das Schloß betastete. »Was für eine saubere
Arbeit! Ich bin sicher, das alles ist von ausländischen Schmieden
gemacht und die haben sich sicherlich die höchsten Preise dafür zahlen
lassen.«

Der Schmied wäre vielleicht noch lange in seinen Betrachtungen
fortgefahren, wenn ihn nicht ein betreßter Lakai am Arm gepufft und
ermahnt hätte, nicht hinter den anderen zurückzubleiben. Die Saporoger
durchschritten noch zwei Säle und machten dann halt. Da hieß man sie
warten. Im Saale standen einige Generäle in goldbestickten Uniformen.
Die Saporoger verbeugten sich nach allen Seiten und traten zu einer
Gruppe zusammen.

Einen Augenblick später kam, begleitet von einem ganzen Gefolge, ein
korpulenter Mann von majestätischer Statur, in Hetmansuniform und mit
feinen gelben Stiefeln herein. Sein Haar war wirr, das eine Auge
schielte etwas, das Gesicht drückte Stolz und Erhabenheit aus, allen
seinen Bewegungen merkte man die Gewohnheit, zu befehlen, an. Alle
Generäle, die in ihren goldenen Uniformen umherstolzierten, gerieten in
Bewegung und schienen jedes seiner Worte, ja die leiseste Bewegung von
ihm unter tiefen Verbeugungen auffangen zu wollen, um alles schleunigst
auszuführen. Aber der Hetman achtete nicht einmal darauf, nickte kaum
mit dem Kopfe und ging auf die Saporoger zu.

Sämtliche Saporoger verbeugten sich tief.

»Seid ihr alle hier?« fragte er gedehnt und mit etwas näselnder Stimme.

»Alle, alle miteinander, Väterchen!« antworteten die Saporoger und
verbeugten sich von Neuem.

»Vergeßt nicht, zu reden, wie ich's euch gelehrt habe!«

»Nein, Väterchen, wir werden's nicht vergessen!«

»Ist das der Zar?« fragte der Schmied den einen Saporoger.

»Der Zar? Warum nicht gar! Das ist doch Potemkin in eigener Person!«
antwortete jener.

Im Nebenzimmer wurden Stimmen laut, und der Schmied wußte nicht, wo er
seine Augen lassen sollte, soviel Damen in Atlaskleidern mit langen
Schleppen und Höflinge in goldgewirkten Kaftans und mit steifen Zöpfchen
traten jetzt herein. Er sah nur ein Aufleuchten -- sonst nichts.

Auf einmal fielen alle Saporoger zu Boden und schrien wie ein Mann:
»Gnade, Mütterchen! Erbarmen!«

Der Schmied, der schon gar keine Ahnung mehr hatte, was da eigentlich
vorging, streckte sich in seinem Eifer auch lang auf den Boden hin.

»Steht auf!« erklang über ihnen eine gebieterische, aber zugleich
angenehme Stimme. Einige Höflinge gaben den Saporogern geschäftig ein
paar Rippenstöße.

»Wir stehen nicht auf, Mütterchen! Wir wollen nicht aufstehen! Wir
sterben lieber, als daß wir aufstehen!« schrien die Saporoger.

Potemkin biß sich auf die Lippen; endlich trat er selbst zu ihnen und
flüsterte dem einen Saporoger gebieterisch etwas zu. Die Saporoger
erhoben sich sofort.

Da wagte es auch der Schmied, den Kopf zu erheben und erblickte eine --
etwas beleibte -- Frau von mittlerer Größe vor sich; sie war gepudert,
hatte blaue Augen und jene erhaben lächelnde Miene, die es so gut
verstand, sich alles untertan zu machen, und nur einem königlichen Weibe
angehören konnte.

»Durchlaucht haben mir versprochen, mich heute mit meinem Volke bekannt
zu machen, das ich bisher noch nicht gesehen habe,« sprach die Dame mit
den blauen Augen, während sie die Saporoger neugierig musterte. »Seid
ihr hier gut aufgehoben?« fuhr sie fort und trat näher.

»Danke, Mütterchen! Die Kost ist gut, obwohl die Hammel hier lange nicht
so gut sind -- wie bei uns daheim -- aber es läßt sich leben! ....«

Potemkin runzelte die Stirn, als er sah, daß die Saporoger keineswegs
sagten, was er sie gelehrt hatte ....

Ein Saporoger gab sich nun ein Ansehen und trat vor: »Erbarmen,
Mütterchen! Womit hat dein treues Volk dich erzürnt? Haben wir etwa dem
heidnischen Tatarenvolke beigestanden, haben wir gemeinsame Sache mit
den Türken gemacht, haben wir dir in Wort oder Tat die Treue gebrochen?
Womit haben wir deine Ungnade verdient? Erst hörten wir, du ließest
überall Festungen gegen uns bauen; nachher vernahmen wir, du wollest
Scharfschützen aus uns machen; jetzt hören wir von neuem Unheil. Welche
Schuld trifft das Heer der Saporoger? Ist's etwa die, daß sie deine
Armee über den Perekop geführt und deinen Generälen geholfen haben, die
Männer der Krim niederzuwerfen? ....«

Potemkin schwieg und putzte mit einem kleinen Bürstchen lässig die
Brillanten, mit denen seine Hände besät waren.

»Was wünscht ihr also?« fragte Katherina freundlich.

Die Saporoger sahen einander vielsagend an.

»Jetzt ist's Zeit! Die Zarin fragt, was wir wünschen,« sagte der Schmied
zu sich selbst, und auf einmal stürzte er zu ihren Füßen nieder.

»Eure kaiserliche Hoheit, straft mich nicht, sondern schenkt mir Eure
Gnade! Mögen meine Worte Eure kaiserliche Hoheit nicht erzürnen: woraus
sind die Schuhe gemacht, in denen Eure Füßchen stecken? Ich glaube, kein
Schuster in der Welt vermag je wieder solche Schuhe zu machen. O Gott!
Wenn mein Frauchen nur solche tragen könnte!«

Die Kaiserin brach in Lachen aus. Die Höflinge lachten ebenfalls.
Potemkin ärgerte sich, aber er lächelte gleichfalls. Die Saporoger
glaubten, der Schmied sei verrückt geworden und begannen ihm Rippenstöße
zu geben.

»Steh auf!« sagte die Kaiserin freundlich. »Du willst durchaus solche
Schuhe haben? Nun wohl, das hat keine Schwierigkeiten. Bringt ihm sofort
die kostbarsten, mit Gold bestickten Schuhe. Wahrlich, diese Einfalt
gefällt mir sehr! Da habt Ihr,« fuhr die Kaiserin fort, indem sie ihre
Augen auf einen abseits stehenden Herrn mit einem vollen aber ein wenig
bleichen Gesicht richtete, dessen bescheidener Kaftan mit den großen
Perlmuttknöpfen erkennen ließ, daß er nicht zu den Höflingen gehörte,
»da habt Ihr ein Sujet, das Eurer geistvollen Feder würdig ist!«

»Majestät sind allzu gnädig. Dazu bedürfte es mindestens eines
Lafontaine!« erwiderte der Mann mit den Perlmutterknöpfen, der Dichter
Von Wisin, indem er sich verneigte.

»Auf Ehre und Gewissen: ich muß sagen: ich bin jetzt noch von Eurem
»Brigadier« in hellem Entzücken. Ihr lest aber auch ganz wunderbar vor.«
Dann wandte sich die Kaiserin wieder dem Saporoger zu. »Ihr habe
übrigens gehört, bei Euch in der Ssjetsch soll kein Kosak heiraten
dürfen!«

»Was sagst du, Mütterchen! Du weißt doch selbst: kein Mensch kann ohne
ein Frauchen leben,« antwortete der Saporoger, mit dem der Schmied
gesprochen hatte, und der Schmied mußte staunen, als er hörte, daß
dieser Saporoger, der die Schriftsprache so gut beherrschte, gerade, wie
absichtlich, mit der Zarin in der gröbsten Mundart redete, jener
Mundart, die man gewöhnlich die Bauernsprache nennt. »Schlaue Leutchen!«
dachte er bei sich, »sicher tut er es nicht ohne Absicht.«

»Wir sind doch keine Mönche,« fuhr der Saporoger fort, »wir sind ja nur
sündige Menschen. Wir sind, wie die ganze ehrliche Christenheit, der
Fleischeslust verfallen. Es gibt nicht wenige unter uns, die Frauen
haben, nur wohnen die Frauen nicht in der Ssjetsch. Es gibt auch solche,
die ihre Frauen im Polenlande und in der Ukraine haben; es gibt aber
auch solche, deren Frauen in der Türkei leben.«

Unterdessen hatte man dem Schmied die Schuhe gebracht.

»O Gott, was für eine Zier!« rief er freudig und ergriff die Schuhe.
»Kaiserliche Hoheit! Wenn Ihr solche Schühchen anhabt und darin
einhergeht, Euer Gnaden, oder gar noch übers Eis mit ihnen gleiten könnt
-- wie müssen da die Füßchen selbst sein? Ich glaub', wahr und
wahrhaftig, sie sind von reinstem Zucker.«

Die Kaiserin, die in der Tat die zierlichsten und reizendsten Füßchen
besaß, mußte lächeln, als sie ein solches Kompliment aus dem Munde eines
einfältigen Schmiedes vernahm, der trotz seines braunen Gesichtes in
seinem Saporogergewand für einen wirklich schönen Mann gelten konnte.

Hocherfreut über diese wohlwollende Aufmerksamkeit wollte der Schmied
die Zarin schon über alles ordentlich ausfragen: ob's wahr sei, daß die
Zaren nichts wie Honig und Speck äßen und ähnliches mehr. Da aber fühlte
er, wie die Saporoger ihn in die Rippen pufften, und er beschloß, zu
verstummen. Und als die Zarin sich den alten Leuten zuwandte und sie
über ihr Leben und Treiben in der Ssjetsch auszufragen begann, trat er
zur Seite, neigte sich zu seiner Tasche hinab, sagte leise: »Bring mich
schnell von hier weg!« Und auf einmal befand er sich wieder hinter dem
Schlagbaum.

                   *       *       *       *       *

»Ertrunken! Bei Gott, er ist ertrunken! Ich will mich nicht mehr vom
Fleck rühren, wenn er nicht ertrunken ist!« murmelte die dicke
Webersfrau, die mitten auf der Straße in einem Haufen von Weibern stand.

»Was, ich bin also eine Lügnerin? Hab' ich etwa jemandem eine Kuh
gestohlen? Oder hab' ich jemand böse angesehen, daß ihr mir nicht trauen
wollt?« schrie eine Frau mit violetter Nase und in einem Kosakenkittel,
indem sie mit ihren Armen hin und her fuchtelte. »Ich will nie wieder
Wasser trinken, wenn die alte Perepertschicha nicht mit eigenen Augen
gesehen hat, wie der Schmied sich erhängt hat!«

»Der Schmied hat sich erhängt? Eine schöne Bescherung!« rief der
Amtmann, der eben aus dem Hause Tschubs kam; er blieb stehen und drängte
sich unter die Keifenden.

»Sage lieber, du willst keinen Schnaps mehr trinken, du alte Sauftrine
du!« antwortete die Webersfrau. »Da müßte man ja gerad' so blöde sein,
wie du, um sich aufzuhängen! Er ist ertrunken, er ist im Eisloch
ertrunken! Das weiß ich so gewiß, wie daß du soeben im Wirtshaus gewesen
bist.«

»Was, du freches Frauenzimmer? Sieh mal einer an, was die mir vorwirft!«
entgegnete wütend die Frau mit der violetten Nase. »Du hättest doch
lieber das Maul halten sollen, du Weibsstück du! Als ob ich nicht wüßte,
daß jeden Abend der Küster zu dir kommt!«

Die Webersfrau geriet außer sich.

»Was tut der Küster? Zu wem kommt er? Was faselst du da?«

»Der Küster?« krähte die Frau des Küsters, sich in ihrem Hasenpelz, der
mit blauem Nanking bezogen war, an die Streitenden herandrängend. »Ich
will dir schon zeigen, was es heißt, so vom Küster zu reden! Wer sagt da
was vom Küster?«

»Man weiß ja doch, wen der Küster besucht!« schrie die Frau mit der
violetten Nase und zeigte auf die Weberin.

»Du also bist's, du Hündin«, rief die Frau des Küsters und ging auf die
Webersfrau los, »du bist's, du Hexe, die ihn umnebelt und ihn mit
Satanskräutern behext, daß er zu dir kommt?«

»Pack dich fort, du Satan!« sprach die Webersfrau zurückweichend.

»Sieh mal einer die verdammte Hexe an, du sollst's nicht mehr erleben,
daß du deine Kinder jemals wiedersiehst! Du niederträchtiges Weib!
Pfui!« Und dabei spuckte die Küsterin der Webersfrau gerade in die
Augen.

Die Webersfrau wollte dasselbe tun, aber statt dessen spuckte sie dem
Amtmann, der näher an die Streitenden herangekommen war, um alles besser
zu hören, in seinen unrasierten Bart.

»Ah, du garstiges Weibsbild, du!« rief der Amtmann, wischte sich mit dem
Rockschoß das Gesicht ab und schwenkte seine Knute.

Diese Bewegung veranlaßte alle, schimpfend nach allen Seiten
auseinanderzustieben. »So was Ekelhaftes!« wiederholte der Amtmann und
wischte sich wieder ab. »Der Schmied ist also ertrunken! O du meine
Güte! Was war das für ein großartiger Maler! Was für starke Messer,
Sensen und Pflüge konnte der schmieden! Und wie kräftig der war! Ja,
ja,« fuhr er nachdenklich fort, »bei uns im Dorfe haben wir wenig solche
Leute. Ich hab's ja gleich gemerkt, als ich noch in diesem verfluchten
Sacke saß, daß der Aermste ganz bedrückt und traurig war. Ja, da haben
wir nun den Schmied! Einst war er, und nun ist er nicht mehr! Ich wollte
doch gerade noch meine scheckige Stute beschlagen lassen! ....« Und
solcher christlicher Gedanken voll, trottete der Amtmann langsam seinem
Hause zu.

Oxana war ganz bestürzt, als diese Gerüchte zu ihr drangen. Sie traute
zwar den Augen der Perepertschicha und dem Weibergetratsch nur wenig,
denn sie wußte, daß der Schmied fromm genug war, seine Seele nicht ins
Verderben zu stürzen. Wie aber, wenn er in der Tat mit der Absicht
davongegangen war, nie wieder ins Dorf zurückzukehren? Schwerlich konnte
man wo anders einen so schmucken Burschen finden, wie der Schmied einer
war. Und dann liebte er sie doch so sehr! Er ertrug auch ihre Launen
länger als alle anderen ... Die Schöne drehte sich die ganze Nacht
hindurch unter ihrer Decke von der rechten Seite auf die linke, und von
der linken auf die rechte, und konnte doch nicht einschlafen. Bald warf
sie sich in ihrer berückenden Nacktheit, die das nächtliche Dunkel sogar
vor ihr selbst verbarg, hin und her, und schalt laut auf sich, bald
verstummte sie, faßte den Entschluß, an nichts mehr zu denken -- und
grübelte doch weiter und weiter. Sie lag da wie in lohendem Feuer, und
gegen Morgen war sie bis über die Ohren in den Schmied verliebt.

Als Tschub den Tod Wakulas vernahm, ließ er weder Freude noch Trauer
erkennen. Seine Gedanken waren nur mit einer Sache beschäftigt: er
konnte Solochas Treubruch nicht vergessen, und ließ sogar im Schlafe
nicht davon ab, auf sie zu schimpfen.

Der Tag brach an. Die Kirche war schon vor Morgengrauen voll von
Menschen. Die alten Frauen in ihren weißen Kopftüchern und Tuchkitteln
standen ganz nahe am Eingang und bekreuzigten sich fromm. Vor ihnen
standen die adligen Damen in grünen und gelben Jacken, ja manche sogar
in blauen Überwürfen, die hinten mit Brokatschleifen versehen waren. Die
Mädchen, die einen ganzen Laden von aufgewickelten Bändern auf dem Kopfe
und ebensoviel Perlenbänder, Kreuze und Dukaten um den Hals trugen,
suchten so nahe als möglich an den Altar heran zu kommen. Ganz vorne
aber standen die Edelleute und die einfachen Bauern mit Schnurrbärten,
Haarschöpfen, mit dickem Hals und frisch rasiertem Kinn, die meisten in
Mänteln, unter denen ein weißer, oder bei manchen auch ein blauer Kittel
hervorguckte. Wohin man auch blicken mochte, auf allen Gesichtern
spiegelte sich die Feiertagsstimmung wieder. Der Amtmann leckte sich
schon die Lippen, wenn er an die Wurst dachte, mit der er die Festtage
beschließen würde; die Mädel dachten daran, wie sie mit den Burschen auf
dem Eise schlittern würden, und die alten Frauen murmelten eifriger denn
je ihre Gebete. Durch die ganze Kirche konnte man hören, wie der Kosak
Swerbygus niederkniete. Nur Oxana stand wie abwesend da: sie betete und
betete doch auch nicht. Ihr Herz bestürmten so viele und mannigfaltige
Empfindungen, von denen eine immer peinlicher war, als die andere, daß
ihr Gesicht nichts wie eine starke Verwirrung ausdrückte, und in ihren
Augen zitterten Tränen. Die Mädchen konnten natürlich den Grund davon
nicht erkennen, und ahnten nicht, daß der Schmied daran schuld war.
Jedoch der Schmied beschäftigte nicht nur Oxana allein. Alle Bewohner
des Dorfes fühlten, daß der Feiertag kein rechter Feiertag war, und daß
gewissermaßen etwas fehlte. Unglücklicherweise war auch der Küster nach
seiner Reise im Sack vom Abend vorher noch heiser geworden, und sang
seine Lieder mit kaum hörbarer krächzender Stimme; wohl brachte der
zugereiste Sänger ein paar prächtige Baßtöne hervor, aber wieviel besser
wäre es gewesen, wenn man auch noch den Schmied dagehabt hätte, der
jedes Mal, wenn man das »Vaterunser« oder die »Himmlischen Heerscharen«
sang, auf den Chor stieg und so schön sang, wie man es sonst nur in
Poltawa hören konnte. Dazu kam noch, daß er ganz allein sich um das Amt
des Kirchenvorstands kümmerte. Schon war die Frühmesse zu Ende und nach
der Frühmesse war bald auch das Hochamt vorbei ..... In der Tat, wo war
nun der Schmied geblieben?

                   *       *       *       *       *

Noch rascher fast flog der Teufel in den letzten Stunden der Nacht mit
dem Schmied auf dem Rücken heimwärts, und im Nu befand sich Wakula vor
seiner Hütte. In diesem Augenblick krähte der Hahn.

»Wohin?« rief der Schmied und ergriff den Teufel, der ausreißen wollte,
am Schwanz. »Halt, Freundchen, das ist noch nicht alles: ich hab mich
noch nicht bei dir bedankt.«

Und er ergriff eine Gerte und versetzte ihm drei mächtige Hiebe, daß der
arme Teufel davonrannte wie ein Bauer, dem der Assessor eben
tüchtig eingeheizt hat. Und so geschah's, daß der Erzfeind des
Menschengeschlechts, statt andere Leute zu foppen, zu versuchen und zu
narren, selbst genarrt wurde.

Hierauf trat Wakula in den Flur seines Hauses, warf sich auf ein
Heubündel und schlief bis spät in den Mittag hinein. Als er erwachte,
erschrak er heftig, denn er sah, daß die Sonne schon hoch am Himmel
stand. »Ei, Herrjeh, ich habe ja die Frühmesse und das Hochamt
verschlafen!« rief er aus.

Und der gottesfürchtige Schmied verfiel in eine tiefe Zerknirschung,
denn er vermeinte, Gott habe zur Strafe für sein schlimmes Vorhaben, und
um seine Seele zu verderben, einen Schlaf auf ihn herabgeschickt, der
ihn verhindert habe, an einem so großen Feiertag die Kirche zu besuchen.
Er beruhigte sich jedoch bald, nachdem er den Beschluß gefaßt hatte, in
der künftigen Woche alles dem Popen zu beichten und von da ab ein ganzes
Jahr lang täglich fünfzig Kniefälle zu machen. Er blickte in die Stube
hinein: es war niemand da. Die Solocha war offenbar noch nicht
zurückgekehrt.

Behutsam zog er die Schuhe aus dem Busen, staunte von neuem die kostbare
Arbeit an, und wunderte sich über die sonderbaren Ereignisse der
vergangenen Nacht; er wusch sich, kleidete sich an, so gut er nur
konnte, zog das Gewand an, das er von den Saporogern bekommen hatte,
holte seine neue Lammfellmütze mit dem blauen Dach, die er, seit er sie
seinerzeit in Poltawa gekauft, noch niemals aufgesetzt hatte, aus der
Truhe; holte auch einen neuen, vielfarbigen Gurt hervor, packte alles,
zusammen mit einer Nagaika, in ein Tüchlein ein und begab sich gradewegs
zu Tschub.

Tschub machte große Augen, als der Schmied eintrat und wußte nicht,
worüber er mehr staunen sollte: darüber, daß der Schmied von den Toten
auferstanden war, daß er es wagte, zu ihm zu kommen, oder darüber, daß
er so stutzerhaft herausgeputzt und wie ein echter und rechter Saporoger
angezogen war. Noch mehr aber staunte er, als Wakula das Tuch aufband,
die funkelnagelneue Mütze nebst einem Gurt, wie man ihn noch niemals im
Dorfe gesehen hatte, vor ihm auf den Tisch legte, ihm zu Füßen fiel und
flehentlich ausrief: »Hab' Erbarmen, Väterchen! Zürne mir nicht! Da hast
du eine Peitsche: schlag zu, soviel deine Seele verlangt. Ich gebe mich
selbst in deine Hand, ich bereue ja alles; schlage mich, aber zürne mir
nicht. Du warst ja vormals meinem seligen Vater wie ein Bruder, ihr habt
doch zusammen gegessen und getrunken!«

Nicht ohne heimliche Freude sah Tschub, wie der Schmied, der sich den
Teufel um jemand im Dorfe scherte und der Fünfkopekenstücke und Hufeisen
mit der Hand zusammendrückte wie Buchweizenflinsen, wie dieser selbe
Schmied jetzt zu seinen Füßen lag. Um sich nichts zu vergeben, ergriff
Tschub die Peitsche und schlug ihn dreimal auf den Rücken. »Nun ist's
aber genug, steh auf! Hör stets auf die Alten! Wir wollen alles
vergessen, was zwischen uns vorgefallen ist. Und nun sag, was du
möchtest?«

»Väterchen, gib mir Oxana zur Frau!«

Tschub überlegte einen Augenblick und sah sich die Mütze und den Gurt
an: die Mütze war wunderbar und der Gurt nicht minder; dabei fiel ihm
auch noch die treulose Solocha ein, und er rief entschlossen: »'s ist
recht! Schicke deine Brautwerber her!«

»Ah!« schrie Oxana auf, die über die Schwelle getreten war und den
Schmied erblickt hatte, und sie richtete freudig und ganz erstaunt ihre
Blicke auf ihn.

»Schau mal, was ich dir für kleine Schuhe mitgebracht habe!« sagte
Wakula, »dieselben sind's, die die Zarin trägt.«

»Nein, nein! Ich brauche keine Schuhe!« rief sie, ihn mit den Händen
abwehrend und ohne ihre Augen von ihm abzuwenden; »ich bin auch ohne
Schuhe ....« Und sie sagte nichts weiter, sondern errötete nur.

Der Schmied kam näher heran, ergriff sie bei der Hand, und die Schöne
schlug die Augen nieder. Noch nie hatte sie so wunderbar schön
ausgesehen. Der Schmied küßte sie voller Entzücken auf die Lippen, ihr
Antlitz verfärbte sich noch tiefer, und sie wurde nur noch schöner.

                   *       *       *       *       *

Der Bischof seligen Angedenkens kam einmal durch Dikanka, lobte die
schöne Lage des Dorfes und hielt, als er die Straße herunterfuhr, vor
einer der Hütten an.

»Wem gehört diese schön bemalte Hütte?« fragten Seine Hochwürden die
hübsche Frau, die mit einem Kinde auf dem Arm vor der Türe stand.

»Dem Schmied Wakula!« antwortete ihm mit einer Verbeugung Oxana, denn
sie war es.

»Großartig! Eine wundervolle Arbeit!« sprachen Seine Hochwürden, als sie
sich Türen und Fenster ansahen. Die Fenster waren ringsherum mit roter
Farbe bestrichen und auf den Türen waren überall Bildnisse von reitenden
Kosaken mit Pfeifen in den Zähnen aufgemalt.

Noch mehr aber lobten Seine Hochwürden den Schmied Wakula, als sie
erfuhren, daß er eine Kirchenbuße eingehalten, die er sich selbst
auferlegt, und in der Kirche den ganzen linken Chor mit grüner Farbe
gestrichen und mit roten Blumen bemalt habe.

Das ist jedoch noch nicht alles. An die Wand, die, wenn man die Kirche
betritt, sich gleich zur Linken befindet, hatte Wakula einen in der
Hölle sitzenden Teufel gemalt und zwar einen so abscheulichen Teufel,
daß jedermann, der vorbeiging, ausspeien mußte, und wenn einer Frau das
Kind auf dem Arme zu weinen anfing, so trug sie es ans Bild und sprach:
»Schau, schau, hu, hu, was da hingemalt ist!« Und das Kind verschluckte
seine Tränen, schielte scheu nach dem Bilde und schmiegte sich enger an
die Brust der Mutter.



                           Schreckliche Rache


                                   I.

Dröhnend braust's dahin durch Kijews Vorstadt: Da feiert Gorobetz, der
Kosakenhauptmann, den sie Jessaul nennen, die Hochzeit seines Sohnes.
Viel Leute sind beim Jessaul zu Gast. In alten Zeiten liebte man's wohl,
gut zu essen, gut zu trinken und noch lieber mocht' man lustig sein. Auf
braunem Roß kam Mikitka, der Saporoger Kosak, stracks vom gewaltigen
Zechgelag auf dem Pereschlaj-Gefilde, allwo er sieben Nächte und sieben
Tage des Königs Schlachta mit rotem Weine bewirtet hatte. Auch der
Kriegskamerad des Jessaul, Danilo Burulbasch kam angefahren vom anderen
Ufer des Dnjepr, wo zwischen zwei Bergen sein Landgut lag; er kam mit
seinem jungen Weibe Katerina und seinem einjährigen Sohne. Die Gäste
staunten über das weiße Gesicht der Pani Katerina, über die Brauen, die
schwarz wie deutscher Sammet waren, über den prächtigen Rock und die
Jacke aus altertümlich blauer Seide, und über die Stiefel mit den
silbernen Hufen; aber mehr noch nahm sie's wunder, daß der alte Vater
nicht mit ihnen zusammen gekommen war. Der lebte seit einem Jahr in dem
Landstrich hinterm Dnjepr, einundzwanzig Jahre war er verschollen
gewesen und erst zu seinem Töchterchen zurückgekehrt, als es vermählt
war und einen Sohn geboren hatte. Gewiß hätt' er viel Wunderliches
erzählen können. Ja, wie hätte er auch nicht erzählen können, da er doch
so lange im fremden Lande geweilt! Dort ist doch alles so anders wie
hier: die Menschen sind anders, und dort gibts auch keine christlichen
Kirchen ..... Allein er war nicht gekommen.

Den Gästen ward Schnaps mit Rosinen und Pflaumen und auf einer großen
Schüssel Hochzeitsbrot gereicht. Die Musikanten griffen tief in den
Brotlaib hinein, wo Geld eingebacken war; verstummten eine kurze Zeit
lang und legten die Zymbeln, Geigen und Pauken beiseite. Indes wischten
sich die jungen Frauen und die Mädchen mit gestickten Tüchern den Mund
und traten wieder aus ihren Reihen hervor, während die Burschen, die
Hände in die Hüften gestützt, stolz zur Seite blickend, gerad ihnen
entgegen wollten, als der alte Jessaul zwei Heiligenbilder herbeitrug,
um das junge Paar zu segnen. Er hatte diese Bilder von einem würdigen
Eremiten, dem greisen Bartholomäus erhalten. Ihr Zierat war nicht reich,
weder Silber noch Gold funkelte auf ihnen, und doch hätte keine unreine
Macht es gewagt, den zu berühren, in dessen Haus sie sich befanden. Der
Jessaul hob die Bilder in die Höhe und schickte sich an, ein kurzes
Gebet zu sprechen ...... da schrien die Kinder, die am Boden spielten,
auf einmal in hellem Schreck auf, das Volk wich zurück hinter ihnen, und
alle wiesen voll Angst auf einen Kosaken, der in ihrer Mitte stand. Wer
er war, das wußte niemand zu sagen, aber schon fing er wacker an, seinen
Kosakentanz zu tanzen und ergötzte die Menge, die ihn umringte und
brachte sie zum Lachen. Als jedoch der Jessaul die Heiligenbilder
emporhob, da verwandelte sich auf einmal das Antlitz des Kosaken: die
Nase fing an zu wachsen, wurde größer und größer und krümmte sich zur
Seite; grüne Äuglein blitzten anstelle der grauen hervor, die Lippen
wurden blau, das Kinn fing an zu zittern und wurde spitz wie ein Speer,
aus dem Mund entsprangen zwei Hauer, hinter dem Kopfe wölbte sich ein
Buckel empor, und der Kosak wurde zum Greise.

»Das ist _er_! Das ist _er_!« schrien die Menschen, sich eng aneinander
drängend.

»Der Zauberer ist wieder da!« schrien die Mütter und faßten ihre Kinder
schnell bei der Hand.

Würdig und stolz trat der Jessaul vor, und während er die Heiligenbilder
vor sich hinhielt, sprach er mit lauter Stimme:

»Verschwinde, Satansbild! Für dich ist kein Platz hier!«

Und siehe da, der seltsame Greis knirschte zischend mit den Zähnen wie
ein Wolf, und verschwand.

Da erhob sich ein Raunen und Reden unter dem Volke, schwoll immer mehr
an und rollte dahin wie das Brausen des Meeres im Ungewitter.

»Was ist das für ein Hexenmeister!« fragten die Jungen und Unerfahrenen.

»Ein Unheil zieht herauf!« sprachen die Alten kopfschüttelnd, und
überall im weiten Gehöfte des Jessaul lauschten die Haufen des Volkes
den Geschichten von dem unheimlichen Zauberer. Doch beinahe alle wußten
Verschiedenes zu erzählen, und niemand konnte etwas Sicheres von ihm
berichten.

Ein Faß Meth ward auf den Hof gerollt und nicht allzuwenige Eimer voll
griechischen Weines stellte man hin. Und wiederum tobte es lustig
weiter. Die Musikanten spielten drauf los -- und die Mädchen, die jungen
Frauen und die noblen Kosaken in blanken Schupans wirbelten wild
durcheinander. Das Greisenvolk der Neunzig- und Hundertjährigen wagte,
auch schon bezecht, ein Tänzchen und gedachte so mancher Jahre, die
nicht ganz tatenlos verflossen waren. Bis zur späten Nacht wurde gezecht
und so wurde gezecht, wie man's jetzt nimmermehr tut. Dann strömten die
Gäste auseinander, aber nur wenige gingen ihres Weges: viele blieben in
dem weiten Hofraume des Jessaul über Nacht, und noch viel mehr Kosaken
schliefen von selbst ein, ungebeten, unter den Bänken, auf dem Fußboden,
neben den Rossen oder vor den Ställen: und wo ein rechter Kosak im
Rausche hintaumelte, da lag er auch schon und schnarchte laut über ganz
Kijew.


                                  II.

Still leuchtete es über dem Weltall auf: der Mond schien hinterm Berg
empor. Mit einem kostbaren Schleier aus schneeweißem Damast verhüllte er
des Dnjepr gebirgiges Ufer und sein Schatten schlich weit zurück bis ins
Dickicht der Fichten.

Inmitten des Dnjepr schwimmt ein eichener Kahn, vorn sitzen zwei
Burschen, die schwarzen Kosakenmützen schief in die Stirn gedrückt, und
von ihren Rudern sprühen Wasserstrahlen nach allen Seiten auf, wie aus
dem Feuerstein Funken.

Warum singen die Kosaken nicht? Warum sprechen sie nicht davon, daß die
römischen Pfaffen die Ukraine durchwandern, die Kosaken umzutaufen und
zu Katholiken zu machen, und auch nicht davon, wie ihre Horde zwei ganze
Tage lang am Salzsee gekämpft. Wie sollten sie auch singen und sagen von
kühnen Taten? Pan Danilo, ihr Herr, war in Gedanken versunken, ein Ärmel
seines rostroten Schupans glitt aus dem Boot und sank ins Wasser, aber
ihre Herrin, Pani Katerina, wiegte leise das Kind und wendete kein Auge
von dem Manne, und auf ihren festlichen Rock, der nicht von schützender
Leinwand bedeckt war, sprühte das Wasser herab wie grauer Staub.

Köstlich ist von der Mitte des Dnjepr die Schau auf die hohen Berge, die
weiten Wiesen und die Wälder im Grün! Das sind nicht Berge wie andere
auch: ihr Fuß ist nicht zu sehen, nach oben wie nach unten ragen die
spitzen Gipfel empor, sich im Wasser spiegelnd, und über und unter ihnen
dehnt sich hoch und weit der Himmel. Auch auf den Hügeln die Wälder sind
keine Wälder: das sind Haare auf des Waldgreises zottigem Haupte. Unten
umspült ihm das Wasser den Bart, und ganz hoch über dem Barte und über
den Haaren erhebt sich der hohe Himmel. Auch die Wiesen sind keine
Wiesen: ein grüner Gürtel ist's, der den runden Himmel in der Mitte
umgürtet, und auf seiner oberen wie auf der unteren Hälfte lustwandelt
der Mond.

Pan Danilo blickt nicht zur Seite, er blickt auf sein junges Weib.
»Warum versankst du in Gram, mein junges Weib, meine goldene Katerina?«

»Nicht bin ich in Gram versunken, mein Herr Danilo! Mich erschreckten
nur die seltsamen Sagen vom zaubernden Mann. Man sagt doch, gar
furchtbar an Gestalt sei er zur Welt gekommen ..... und von klein auf
wollte kein Kind mit ihm spielen. Hör', Pan Danilo, wie schrecklich das
ist, was man erzählt: man sagt, es dünkte ihn stets, daß ihn alle
verhöhnten. Geschieht's, daß abends, wenn's dunkelt, ein Mensch ihm
begegnet, so meint der gleich zu sehen, wie jener den Mund auftut und
die Zähne fletscht. Und dann ist der Mensch am folgenden Tage tot. Es
ward mir so sonderbar, so grauenvoll ward mir zumute, als ich die Mären
vernahm,« sprach Katerina, und sie nahm ein Tuch und wischte damit ihrem
Kinde, das ihr in den Armen schlief, das Gesicht. Dies Tuch war mit
Blättern und Beeren geziert, die mit roter Seide darauf gestickt waren.

Pan Danilo sprach kein Wort. Er blickte ins Dunkel der Schatten hinüber,
wo in der Ferne sich hinter dem Wald ein Erdwall gleich einem schwarzen
Streifen dahinzog, und wo hinter dem Walle ein altes Schloß in die Höhe
starrte. Da zeichneten sich in Danilos Antlitz drei Falten über den
Brauen ab, und die linke Hand spielte mit dem kecken Schnurrbart. »Nicht
das ist schrecklich, daß er ein Zauberer ist,« sprach er, »schrecklich
ist's, daß er ein schlimmer Gast ist. Was fiel ihm ein, hierher zu
kommen? Ich hörte, die Polen wollen eine Festung bauen, um uns den Weg
zu den Saporogern abzuschneiden. Mag's wahr sein ..... Dies Teufelsnest
will ich vernichten, sobald nur das Gerücht umzugehen beginnt, daß das
ein Schlupfwinkel sei! Ich will den alten Zauberer verbrennen, daß
selbst den Raben nichts zu picken mehr bleibt. Doch ich denke mir, er
besitzt wohl nicht wenig Gold und allerhand Gut. Hier ist's, wo dieser
Satan wohnt! Wär' Gold bei ihm zu finden, so ...... Wir rudern sogleich
bei den Kreuzen vorbei -- da ist der Friedhof, wo das unreine Gebein
seiner Ahnen modert. Sie alle, sagt man, waren bereit, sich für einen
Groschen dem Satan zu verkaufen, mitsamt ihrer Seele und ihrem
zerlumpten Schupan. Doch besitzt er in Wahrheit soviel Gold, dürfte man
jetzt nicht lange mehr zögern, nicht immer kann man's im Kriege da
erbeuten.«

»Ich kenne dein Vorhaben wohl: nichts Gutes verkündet mir die Begegnung
mit ihm. Du atmest so schwer, du blickst so rauh, deine Brauen sind so
finster über den Augen geballt! ....«

»Schweig, Weib!« rief Danilo wütend, »wer sich mit euch verbindet, wird
selbst zum Weibe. Gib mir Feuer für meine Pfeife, Junge!«

Er wandte sich an einen der Ruderer, der klopfte glühende Asche aus
seiner Pfeife und tat sie in die Pfeife des Herrn.

»Sie schreckt mich mit dem Zauberer!« fuhr Pan Danilo fort. »Der Kosak
fürchtet, Gott Lob und Dank, weder Teufel, noch römische Priester. Das
wär' was Rechtes, wenn wir auf die Weiber zu hören anfingen. Nicht wahr,
Burschen? Unsere Frau ist die Pfeife und die Schärfe des Schwerts!«

Katerina verstummte und ließ die Augen über das träge Wasser gleiten;
der Wind kräuselte die stille Flut, und der ganze Dnjepr schimmerte
silbern wie ein Wolfsfell zur Nacht.

Der Kahn machte eine Wendung und glitt am waldigen Ufer entlang. Jetzt
wurde der Friedhof am Ufer sichtbar. Haufen morscher Kreuze drängten
sich da aneinander. Da blühte kein Wachholder zwischen ihnen, da grünte
kein Moos, und nur der Mond schien von seiner himmlischen Höhe wärmend
auf sie herab.

»Hört ihr das Schreien, ihr Burschen? Jemand ruft uns zu Hilfe!« sprach
da Pan Danilo, indem er sich an seine Ruderer wandte.

»Ja, wir hören jemand rufen, und dort von jener Seite her, scheint's!«
riefen alle Burschen zugleich und wiesen nach dem Friedhof. Doch es war
schon wieder alles still. Der Kahn wendete nun und fuhr um eine
Landzunge herum. Plötzlich ließen die Leute ihre Ruder sinken und
blickten starr zum Ufer hinüber. Auch Pan Danilo hielt inne: Angst und
kaltes Grauen rannen durch der Kosaken Adern.

Das Kreuz auf einem der Gräber wankte, und plötzlich erhob sich daraus
ganz leise ein vertrockneter Leichnam. Er hatte einen Bart, der bis auf
den Gürtel reichte, und lange Krallen an den Fingern, die noch länger
waren als die Finger. Leis erhob er die Arme, sein Gesicht erschauerte
und verzerrte sich. Man sah ihm an, daß er entsetzliche Qualen litt.

»Mir ist so schwül, so schwül!« stöhnte er mit wilder unmenschlicher
Stimme. Seine Stimme bohrte sich einem ins Herz wie ein Messer. Aber
plötzlich war der Leichnam wieder in der Erde verschwunden. Dann wankte
ein anderes Kreuz, und wiederum entstieg ein Leichnam dem Grabe, noch
schrecklicher und noch größer als jener: er war ganz von Haar
überwachsen, sein Bart ging bis an die Knie und die Krallen an den
Knochen waren noch länger. Er rief noch wilder: »Mir ist so schwül!« und
sank in die Erde zurück. Jetzt wankte ein drittes Kreuz, und ein dritter
Leichnam stand auf. Da schien's, als wenn ein riesenhaftes Knochengerüst
sich hoch über die Erde erhob. Der Bart floß bis zu den Fersen herab,
die Finger mit den riesigen Krallen gruben sich tief in die Erde,
furchtbar warf er die Arme empor, als ob er bis an den Mond langen
wollte, und er begann zu schreien, wie wenn ihm einer seine gelben
Knochen zersägte ....

Das schlafende Kind, das in Katerinas Armen lag, stieß einen Schrei aus
und erwachte; die Pani selbst schrie auf, die Ruderer ließen die Mützen
in den Dnjepr fallen, und auch der Pan erschauerte.

Auf einmal aber war alles verschwunden, als wär' es überhaupt nie
gewesen, doch die Burschen griffen noch lange nicht zu den Rudern.
Besorgt blickte Burulbasch auf seine junge Frau, die das schreiende Kind
voller Schrecken in ihren Armen in Schlaf wiegte; er drückte sie an sein
Herz und küßte sie auf die Stirn. »Fürchte dich nicht, Katerina! Schau:
es ist ja nichts!« sprach er und wies nach allen Seiten. »Der Zauberer
will den Menschen nur Schrecken einjagen, damit ihm niemand bis an sein
unsauberes Nest gelange. Nur Weiber kann er damit schrecken! Gib mir den
Sohn doch herüber!«

Bei diesen Worten hob Pan Danilo seinen Sohn in die Höhe und drückte ihn
an seine Lippen. »Nun, mein Iwan, fürchtest du dich vor Zauberern? --
Sag: >nein, Vater, ich bin ein Kosak!< Doch genug, hör auf zu weinen!
Wir fahren nach Hause! Gleich sind wir wieder zu Haus, dann kocht Mutter
dir Brei, legt den Iwan in die Wiege und singt ihm das Lied:

   Lulli, lulli, lulli, lulli!
   Schlaf, mein Söhnchen, schlafe ein!
   Bleib gesund und wachs mir fein!
   Bring Kosaken Ruhm und Freud,
   Und den Feinden Schmerz und Leid!

Hör', Katerina, ich glaube, dein Vater will nicht in Frieden mit uns
leben. So mürrisch kam er hier an und so verdrießlich, als zürnte er uns
... Wenn er nicht zufrieden ist -- wozu kam er denn her? Er wollte nicht
mit uns trinken auf die Kosakenfreiheit und hat nicht einmal das Kind in
den Armen gewiegt! Zuerst wollte ich ihm alles anvertrauen, was mir das
Herze beschwert, doch etwas hielt mich zurück, und meine Rede stockte.
Nein, er hat kein Kosakenherz! Ein Kosakenherz fängt gleich laut in der
Brust an zu schlagen, wenn's einem andern begegnet! Nun, liebe Burschen,
ist das Ufer schon nah? Ihr sollt auch neue Mützen bekommen. Du,
Stetzko, kriegst eine, die mit Sammet und Gold verziert ist. Ich hab'
sie dereinst einem Tataren mitsamt seinem Kopfe genommen; auch sein
ganzes Rüstzeug fiel mir damals zu, nur seine Seele allein ließ ich
frei. Legt an! Siehst du, Iwan, da sind wir schon, und du weinst noch
immer! Nimm ihn, Katerina!«

Alle gingen ans Land. Hinter dem Berge stieg ein Strohdach auf, das war
Pan Danilos Erbsitz. Dahinter lag noch ein anderer Berg, dann kam gleich
freies Feld, und hundert Werst weit konnte man laufen, ohne auf eine
Kosakenseele zu stoßen.


                                  III.

Das Landgut Pan Danilos liegt zwischen zwei Bergen in einem engen Tal,
das auf den Dnjepr hinausgeht. Das Haus ist nicht hoch, gleicht von
außen der Hütte eines einfachen Kosaken, und bloß eine Stube ist drin;
doch ist Raum darinnen genug für ihn, wie für sein Weib und für die alte
Magd und zehn auserlesene Burschen. An den Wänden entlang laufen oben
eichene Bohlen. Dort stehen zahlreiche Schüsseln und Töpfe für die
Mahlzeiten, darunter auch Pokale von Silber, in Gold gefaßte Becher, die
der Pan zum Geschenke erhielt oder im Kriege erbeutete. Kostbare
Musketen hängen von den Wänden herab, Säbel, Feuergewehr und Lanzen;
freiwillig oder mit Gewalt nahm man sie aus Tatarenhänden oder von
Türken und Polen, und darum haben sie auch so viele Scharten. Ihr
Anblick gemahnte Pan Danilo gar oft wie Merkzeichen an seine vielen
Gefechte. An den Wänden ziehen sich glatte, gehobelte Eichenbänke hin
und daneben, vor der Ofenbank, hängt die Wiege an ein paar Stricken, die
man durch einen Ring an der Zimmerdecke oben gezogen hat. In der ganzen
Stube ist der Fußboden glatt gestampft und mit Lehm überstrichen. Auf
den Bänken schläft Pan Danilo mit seiner Frau, auf der Ofenbank die alte
Dienerin; in der Wiege spielt und schaukelt das kleine Kind, und auf dem
Fußboden schlafen die Burschen. Doch ist's dem Kosaken lieber, auf
nackter Erde unter dem freien Himmel zu schlafen, da braucht er weder
Kissen noch Federbett: er bettet sich frisches Heu unter den Kopf und
streckt sich wohlig hin aufs Gras. Dann freut's ihn wohl, wenn er mitten
in der Nacht erwacht, nach dem hohen, von Sternen besäten Himmel zu
sehen, und in der nächtlichen Kälte, die doch den Kosakenknochen soviel
Frische verleiht, zu erschauern; er dehnt sich, murmelt schlaftrunken
etwas, steckt seine Pfeife an und hüllt sich fester in seinen warmen
Pelz.

Es war nicht mehr ganz früh, als Burulbasch nach dem gestrigen Fest
erwachte; er setzte sich auf eine Bank in der Ecke und begann seinen neu
eingetauschten türkischen Säbel zu schleifen, Pani Katerina aber machte
sich dran, ein seidenes Tuch mit Gold zu besticken.

Auf einmal trat Katerinas Vater ein, griesgrämig und mürrisch, mit einer
fremdländischen Pfeife zwischen den Zähnen. Er ging auf seine Tochter zu
und begann streng sie auszuforschen, was wohl der Grund sei, daß sie so
spät nach Hause gekommen.

»Nach solcherlei Dingen hast du, Schwäher, nicht sie zu befragen,
sondern mich! Nicht der Frau steht die Antwort zu, sondern dem Manne. So
ist es nun einmal Sitte bei uns, nehmt es nicht übel!« sprach Danilo,
ohne von seiner Arbeit zu lassen, »vielleicht ist es in manchen Ländern,
wo Ungläubige wohnen, anders -- das freilich weiß ich nicht!«

Das rauhe Gesicht des Schwiegervaters verfärbte sich, und seine Augen
blitzten wild auf. »Wer hat denn sonst nach seiner Tochter zu sehen wenn
nicht der Vater!« murmelte er vor sich hin. »Nun denn, so frage ich
dich: wo bist du herumgestrichen bis spät in die Nacht?«

»Das hört sich schon anders an, lieber Schwäher. Darauf will ich dir
antworten, daß ich schon lange nicht mehr zu denen gehöre, die von einem
Weib in Windeln gewickelt werden. Ich weiß wohl, hoch zu Pferde zu
sitzen und in der Hand den scharfen Säbel zu schwingen; auch manches
andere noch versteh' ich ... Ich versteh es auch, niemandem Rechenschaft
zu geben über das, was ich treibe!«

»Ich seh' es, Danilo, ich weiß, du suchst Hader! Wer Heimliches tut, der
führt sicher nichts Gutes im Schilde.«

»Denk doch, was dir beliebt,« sagte Danilo, »auch ich denke das Meine.
Noch war ich nie in einen schändlichen Handel verwickelt, stets stand
ich für rechten Glauben und das Vaterland ein, nicht so wie mancher
Landstreicher, der sich, Gott weiß wo, umhertreibt, wenn rechtgläubige
Leute sich bis aufs Blut schlagen müssen; der will dann das Korn ernten,
das nie er gesät. Die gleichen nicht einmal den Unierten: nicht einmal
in Gottes Kirchen schauen sie hinein. Diese Leute sollte man befragen,
wo sie sich umhertreiben!«

»Holla, weißt du wohl, Kosak!« rief jener .... »Ich schieße ja nicht
gut, höchstens bis auf hundert Klafter trifft meine Kugel ins Herz, auch
bin ich kein allzu starker Fechter: die Stücke, in die ich die Menschen
schlage, sind kleiner als die Körner, draus man Brei kocht!«

»Ich bin bereit,« rief Pan Danilo und schlug flink mit dem Schwert ein
Kreuz in der Luft, als hätt' er gewußt, wozu er's geschliffen.

»Danilo!« schrie Katerina laut, ergriff ihn beim Arm und hing sich an
ihn, »du Wahnwitziger, bedenke doch, gegen wen du den Arm erhebst!
Vater, dein Haar ist so weiß wie Schnee, und doch erhitzest du dich wie
ein törichter Knabe!«

»Weib!« rief Danilo streng, »du weißt, das leide ich nicht, bleibe bei
deinen Weibergeschäften!«

Furchtbar erklirrten die Säbel; Eisen schlug Eisen, und die Kosaken
wurden von Funken besprüht wie von Staub. Weinend lief Katerina in eine
gesonderte Kammer, warf sich aufs Bett und hielt sich die Ohren zu, um
nichts von den Säbelhieben zu hören.

Doch so schlecht kämpften die Kosaken nicht, daß man ihren Hieb
überhören konnte. Das Herz wollte ihr springen, sie hört' es in ihrem
ganzen Leibe erzittern bei den klirrenden Lauten: Klick -- klack!

»Nein, ich halt es nicht aus, ich halt's nicht aus ... vielleicht
sprudelt schon purpurnes Blut aus dem weißen Leibe, vielleicht hat
meinen Liebsten schon seine Kraft verlassen, und ich liege noch hier!«
Und bleich, und kaum atmend schlich sie in die Stube.

Gleichmäßig und furchtbar schlugen sich die Kosaken, nicht der, noch
jener hatte einen Vorteil errungen. Bald drang Katerinas Vater vor und
Pan Danilo wich zurück oder Pan Danilo griff an, und der Vater wehrte
sich finster, und dann standen beide wieder gleich. Die Wut kocht in
ihnen. Sie holten aus .... hui! wie die Säbel schmettern .... und tosend
fliegen die Klingen zur Seite.

»Ich danke dir, Gott!« rief Katerina, doch tat sie gleich einen neuen
Schrei, als sie sah, wie die Kosaken nach den Musketen griffen; sie
richteten die Feuersteine und spannten die Hähne.

Pan Danilo feuerte ab und traf nicht. Jetzt zielte der Vater. Er war
alt, er sah nicht so scharf wie ein Junger und doch zittert ihm die Hand
nicht. Da krachte der Schuß ..... Pan Danilo wankte, und rot lief sein
helles Blut in den linken Ärmel des Kosakenschupans.

»Nein!« rief er, »so billig verkauf ich mich nicht! Nicht der linke Arm
ist der Herr, 's ist der rechte! Bei mir an der Wand hängt eine
türkische Pistole: noch nie in meinem Leben ist sie mir untreu geworden.
Komm von der Wand herab, alter Genosse! Erweis dem Freund deinen
Dienst!« Und Danilo streckte die Hand aus.

»Danilo!« schrie Katerina verzweifelt, packte ihn am Arm und warf sich
vor ihm auf die Knie, »nicht meinetwegen fleh ich dich an. Dein Ende ist
auch das meine: unwürdig ist die Frau, die ihren Mann überlebt; der
Dnjepr, der kalte Dnjepr wird mein Grab sein .. Aber siehe deinen Sohn
an, Danilo, sieh deinen Sohn! Wer wird das arme Kind beschirmen? Wer
wird es hätscheln? Wer wird es lehren, auf rabenschwarzem Rosse
dahinzufliegen, für Freiheit und Glauben zu kämpfen, nach Kosakenart zu
trinken und zechen? Mein Sohn, geh dahin und verdirb! Dein eigner Vater
will dich nicht mehr kennen! Schau, wie er sein Gesicht von dir
abwendet. Oh, jetzt kenn ich dich erst! Du bist ein Tier und kein
Mensch! Du hast das Herz eines Wolfs und den Sinn einer listigen
Schlange! Glaubt' ich denn nicht, du hegest ein Tröpflein Erbarmen in
deinem Herzen, und in deinem steinernen Leibe brenne ein menschlich
Gefühl? Wie töricht täuschte ich mich. Ja, das bereitet dir Freude.
Deine Knochen werden im Grabe vor Freude springen, wenn sie vernehmen,
wie diese ungläubigen Tiere, die Polen, deinen Sohn in die Flamme
werfen, wenn dein Sohn dann unter dem Messer und im siedenden Wasser
liegt und schreit! Oh, ich kenne dich! Froh wärest du wahrlich,
aufzustehn aus dem Grabe und das Feuer mit der Mütze zu schüren, das
unter ihm lodert!«

»Halt, Katerina! Komm her zu mir, lieber Iwan, ich will dich küssen!
Nein, mein Kind, niemand soll dir ein Härchen krümmen. Du wirst
aufwachsen zum Ruhm deines Vaterlands, wie im Sturm rasest du dereinst
vor den Kosaken dahin, mit einer Sammetmütze auf dem Kopfe und mit dem
scharfen Schwert in der Hand! Vater, reich mir die Hand! Wir wollen
vergessen, was zwischen uns vorfiel. Hab' ich dir Unrecht getan, nun so
gesteh' ich meine Schuld ein. Warum gibst du mir nicht deine Hand?«
sprach Danilo zu Katerinas Vater, der immer noch auf seinem alten Platze
dastand und dessen Gesicht weder von Zorn noch von Versöhnung sprach.

»Vater!« rief Katerina, umarmte und küßte ihn, »laß dich erbitten.
Vergib Danilo, er wird dich nimmermehr kränken!«

»Nur deinetwegen vergebe ich ihm, meine Tochter,« erwiderte jener, küßte
sie und seine Augen glänzten absonderlich auf.

Katerina schrak leise zusammen: so seltsam erschien ihr der Kuß, so
seltsam der Glanz seiner Augen. Sie stützte sich mit der Hand auf den
Tisch, auf dem Pan Danilo seinen verwundeten Arm verband. Indessen sann
Danilo darüber nach, daß er falsch gehandelt, und nicht nach rechter
Kosakenart, als er um Vergebung gebeten, obwohl er sich keiner Schuld
bewußt war.


                                  IV.

Ein Tag kam herauf, doch ein Tag ohne Sonne: der Himmel war finster, und
ein feiner Regen rieselte über die Felder und Wälder und über den
breiten Dnjepr hernieder. Pani Katerina war aufgewacht, aber ihr war
nicht recht froh zumute: ihre Augen waren verweint, und sie war wirr und
ruhelos. »Geliebter Mann, teurer Mann,« sprach sie, »ich hab' einen
wunderlichen Traum geträumt!«

»Was für einen Traum, meine liebe Pani Katerina?«

»Mir träumte etwas so Wunderliches, und wahrlich so lebensvoll, als ob
ich wachte, mir träumte, mein eigner Vater sei jenes selbe Ungeheuer,
das wir beim Jessaul geschaut. Doch ich bitt' dich, trau' dem Traume
nicht: was träumt man nicht alles für Torheit! Mir war's, als stände ich
vor ihm und zitterte, und bei jedem Wort von ihm stöhnte es auf in
meinen Adern. O hättest du gehört, was er gesprochen ....«

»Was sprach er denn, meine goldene Katerina?«

»Er sprach: »Schau mich an, Katerina, ich bin schön! Zu Unrecht sagen
die Leute, daß häßlich ich sei. Doch werde ich dir ein trefflicher Mann
sein. Sieh, wie mein Auge glüht!« -- Da warf er einen flammenden Blick
auf mich, und ich schrie auf und erwachte!«

»Ja, vieles Wahre sagen die Träume. Ist es dir auch bekannt, daß hinter
den Bergen nicht alles mehr ruhig ist? Die Polen sollen sich wieder
gezeigt haben. Gorobetz ließ mir verkünden, ich solle nicht schlafen;
doch seine Sorge ist grundlos: auch ohne dies bin ich kein Schläfer.
Meine Burschen schlugen heut Nacht zwölf Schanzen auf. Wir wollen den
Herren vom Polenreich mit Bleipflaumen aufwarten, und die Schlachzizen
sollen unter der Zuchtrute tanzen lernen!«

»Und weiß mein Vater das?«

»Dein Vater sitzt mir auf dem Halse! Er blieb mir ein Rätsel bis zur
Stunde. Er hat wohl viel gesündigt im fremden Lande. Wahrlich, was mag
das für einen Sinn haben -- schon einen Monat fast lebt er hier, und
noch nie war er lustig und froh, wie ein rechter Kosak! Er weigert sich,
Meth zu trinken! Hörst, Katerina, weigert sich Meth zu trinken, den ich
herausgesackt habe von den Brester Juden! Heda, Bursche!« rief Pan
Danilo, »lauf schnell in den Keller, Junge, und hol mir Judenmeth! Auch
trinkt er keinen Schnaps! Hölle und Teufel! mir scheint fast, Pani
Katerina, er glaubt wohl auch nicht an Christus, unseren Herrgott! Was
dünkt dir?«

»Weiß Gott, was alles du sprichst, Pan Danilo!«

»'S ist wunderlich, Pani,« fuhr Danilo fort und nahm den Tonkrug aus der
Hand des Kosaken entgegen. »Selbst die Katholiken im heidnischen Rom
sind Freunde des Schnapses. Nur die Türken trinken ihn nicht. Nun,
Stetzko, hast du im Keller tüchtig vom Meth geschluckt?«

»Ich habe nur gekostet, Pan!«

»Du lügst, Hundesohn! Sieh nur, wie sich die Fliegen auf deinen
Schnurrbart stürzen! Ich seh's an deinen Augen, daß du einen halben
Kübel ausgesoffen hast. Hei, ihr Kosaken! Was für ein tolles Volk seid
ihr doch! Ihr seid bereit, alles dem Freunde hinzugeben, doch wenn's
gilt zu saufen, dann schluckt ihr's selbst herunter. Ich war schon lange
nicht mehr betrunken, wie, Katerina?«

»Ei, warum lange! Erst am letzten .....«

»Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht! Ich trink nicht mehr, als einen
Krug! Da kommt der türkische Abt durch die Tür geschlichen!« murmelte er
durch die Zähne, als er den Schwiegervater erblickte, der sich bückte,
um durch die Tür zu kommen.

»Nun, meine Tochter,« sagte der Vater, nahm die Mütze vom Kopf und
ordnete seinen Gürtel, an dem ein Säbel mit wundersamem Gestein hing,
»die Sonne steht schon hoch, und noch ist das Mittagsmahl nicht
bereitet.«

»Das Mahl ist bereit, Herr Vater, bald wird es gerichtet sein! Nimm den
Topf mit den Klößen vom Feuer!« fuhr Pani Katerina zu der alten Dienerin
gewandt fort, die das Holzgerät abwischte. »Nein, warte, ich tu' es
lieber selbst, ruf mir die Burschen!«

Alle ließen sich im Kreis auf die Erde nieder, der Vater gegenüber dem
Heiligenbild, ihm zur Linken Pan Danilo, ihm zur Rechten Pani Katerina
und zehn der allertreuesten Burschen in blauen und gelben Schupans.

»Ich mag diese Klöße nicht!« sprach der Herr Vater; er aß nur wenig und
legte den Löffel hin, »sie schmecken nach nichts!«

»Ich weiß, besser schmecken dir Judennudeln!« dachte Danilo bei sich.
»Warum, meinst du, die Klöße schmeckten nach nichts, Herr Schwäher?«
fuhr er laut fort. »Oder sind sie vielleicht schlecht bereitet? Meine
Katerina macht so gute Klöße, wie sie selbst der Hetman selten zu essen
bekommt. So was verschmäht man nicht: 's ist ein christlich Gericht!
Alle heiligen und gottesfürchtigen Männer haben stets Klöße gegessen!«

Der Vater sagte kein Wort, und auch Pan Danilo verstummte. Hierauf wurde
ein gebratener Eber mit Kohl und Pflaumen gebracht. »Ich mag das
Schweinefleisch nicht!« sprach Katerinas Vater und steckte den Löffel in
den Kohl.

»Wie kann man Schweinefleisch verschmähen?« sagte Danilo: »nur Türken
und Juden essen kein Schweinefleisch.«

Des Vaters Stimmung wurde noch finsterer und düsterer; nichts als
Mehlbrei mit Milch aß der Alte, und statt des Schnapses trank er nur
dann und wann eine dunkle Flüssigkeit aus einer Flasche, die er im Busen
verwahrt hielt.

Nach dem Mahl legte sich Danilo zu einem kräftigen Schläfchen nieder und
wachte erst gegen Abend auf. Er setzte sich hin, Sendbriefe zu schreiben
an das Heer der Kosaken. Pani Katerina aber saß währenddessen auf der
Ofenbank und schaukelte die Wiege mit ihrem Fuße. Pan Danilo sitzt da,
blickt mit dem linken Aug' auf die Schrift und mit dem rechten nach dem
Fenster. Und ins Fenster leuchten die Berge und glänzt der Dnjepr von
ferne herein; hinter dem Dnjepr blauen die Wälder, und von oben glimmt
der geklärte Himmel der Nacht. Doch nicht auf dem fernen Himmel noch auf
dem blauen Walde ruht Danilos Blick; er schaut nach der vorspringenden
Landzunge. Schwarz erhebt sich darauf das alte Schloß. Ihn deuchte, es
blitzte im Schlosse ein schmales Fensterchen auf. Doch alles blieb
still; gewiß hatte es ihm nur so geschienen. Unten hörte man nur den
Dnjepr dumpf rauschen und von drei Seiten das Tosen der jäh erwachten
Wogen herüber hallen. Nicht Aufruhr war's oder Empörung: der Dnjepr
murrte und grollte wie ein Greis; nichts wollte ihm gefallen, denn alles
um ihn herum war verändert; er führte einen heimlichen Krieg mit den
Bergen, den Wäldern und den Wiesen am Ufer und Klage trägt er ob ihrer
zum Schwarzen Meere hin.

Da erschien plötzlich ein Kahn wie ein schwarzer Fleck auf dem breiten
Spiegel des Dnjepr, und im Schlosse flammte es von neuem auf. Leise
pfiff Danilo, und auf den Pfiff lief der treue Bursche herzu: »Nimm
schnell den scharfen Säbel und das Gewehr, Stetzko, und folge mir!«

»Du gehst?« fragte Pani Katerina.

»Ja, Frau, ich gehe. Ich muß überall hingehen, zu sehen, ob alles in
Ordnung ist.«

»Ich fürchte mich so, allein zu bleiben. Der Schlaf kommt über mich.
Wie, wenn ich heute wieder dasselbe träumte? Ich bin nicht gewiß, ob es
auch wirklich nur ein Traum war, -- so lebendig stand alles vor mir!«

»Die Alte bleibt bei dir, und auf der Diele und im Hof schlafen die
Kosaken!«

»Die Alte schläft auch schon, und auf die Kosaken vertrau ich nicht
sehr. Hör, Pan Danilo: Schließ mich im Zimmer ein und nimm den Schlüssel
mit dir. Dann ist mir nicht so schrecklich zumute, und die Kosaken laß
vor der Tür schlafen.«

»Sei's denn so,« sagte Danilo, wischte den Staub von der Flinte und
schüttete Pulver auf.

Der treue Stetzko stand schon angekleidet da in seiner ganzen
Kosakenausrüstung. Danilo setzte die Lammfellmütze auf, machte das
Fenster zu, schob den Riegel vor die Tür, schloß sie ab und ging
zwischen den schlafenden Kosaken hindurch auf den Hof und in die Berge
hinaus.

Der Himmel war jetzt schon fast völlig klar. Ein frischer Wind wehte
leise vom Dnjepr herüber. Und hätte man nicht von ferne den Schrei einer
Möwe gehört, so wäre alles tot und starr erschienen. Doch jetzt vernahm
man ein Rascheln ..... Burulbasch versteckte sich leise mit seinem
treuen Diener hinter dem Gestrüpp, das einen Verhau verdeckte. Vom Berge
kam jemand herabgeschritten, mit zwei Pistolen im roten Schupan, und an
der Seite den Säbel. -- »Das ist der Schwäher!« sagte Pan Danilo,
während er ihn hinterm Busch beschaute. »Wohin nur geht er zu dieser
Stunde und wozu? -- Gähne nicht, Stetzko, und gib acht, welchen Weg der
Herr Vater einschlägt!« Der Mann im roten Schupan schritt zum Ufer
hinab, machte eine Wendung und ging auf die Landzunge zu: »Ah, dahin
geht's also!« sprach Pan Danilo. »Wie, Stetzko, ist er nicht geradeswegs
in die Höhle des Zaubrers geschlichen?«

»Ja, sicher an keinen anderen Ort, Pan Danilo, sonst würden wir ihn auf
jener Seite sehen, aber er ist vor dem Schlosse verschwunden.«

»Halt, kriechen wir aus dem Verhau und gehen wir seinen Spuren nach.
Dahinter steckt etwas. Nein, Katerina, hab's dir wohl gleich gesagt, daß
dein Vater kein guter Mensch sei; sein Tun ist nicht das eines
Rechtgläubigen!«

Schon standen Pan Danilo und sein getreuer Bursch auf der Landzunge.
Schon waren sie nicht mehr zu sehen, denn der dichte Wald, der das
Schloß rings umgab, ließ nichts von ihnen gewahr werden. In der Höhe
leuchtete schwach ein Fensterchen auf. Unten standen die Kosaken und
trachteten hineinzukommen: doch waren weder Tor noch Tür zu sehen; vom
Hof aus gab's sicher einen Zugang, aber wie sollte man dort hingelangen?
Von ferne hörte man Ketten rasseln und Hunde herumlaufen.

»Was grüble ich noch lange!« sprach Pan Danilo, als er eine hohe Eiche
vor dem Fenster erblickte. »Bleib hier, mein Junge! Ich steig' auf die
Eiche: von hier aus kann ich gerad ins Fenster schauen.«

Da nahm er seinen Gürtel ab, legte den Säbel nieder, damit er nicht
klirrte, griff in die Zweige und schwang sich hinauf. Das Fenster war
immer noch hell. Dicht davor klammerte er sich mit einer Hand, auf einem
Aste zusammengekauert, am Baum fest, und was sah er? Im Zimmer brannte
kein Licht, doch es leuchtete ganz. Die Wände waren mit wunderlichen
Zeichen bedeckt und mit Waffen behängt; doch war es höchst seltsames
Gewaffen: solches tragen weder die Türken noch die Bewohner der Krim,
weder Polen noch Christen, noch das wackere Schwedenvolk. Unter der
Decke flogen Fledermäuse hin und her, und ihr Schatten huschte über die
Wände, die Türen und die Diele. Doch da öffnete sich ganz leise und ohne
zu knarren die Tür. Ein Mann im roten Schupan trat herein und ging
geradewegs auf den Tisch zu, der mit einem weißen Tuche bedeckt war. »Er
ist's! Es ist der Schwiegervater!« Pan Danilo kauerte sich noch mehr
zusammen und drückte sich noch fester an den Baumstamm.

Doch der Schwiegervater hatte nicht Zeit darnach zu sehen, ob ihm jemand
ins Fenster guckte oder nicht. Finster trat er herein und zornig riß er
die Decke vom Tisch herab -- und plötzlich ergoß sich fast unmerklich
ein blau durchsichtiges Licht übers Zimmer, und nur die Wellen des alten
bleichgoldigen Lichtes, die sich noch nicht mit dem neuen vermischt
hatten, fluteten auf und ab wie ein azurenes Meer und zogen sich, wie
ein buntscheinendes Aderngeflecht im Marmor, durch die Luft. Da stellte
er einen Topf auf den Tisch und begann Kräuter hineinzuwerfen.

Pan Danilo sah genauer hin, doch jetzt gewahrte er schon den roten
Schupan nicht mehr; statt dessen hatte jener weite Pluderhosen an, wie
sie die Türken tragen, in seinem Gürtel steckten Pistolen, und auf dem
Kopfe hatte er eine wunderliche Mütze, ganz mit Zeichen bemalt, die aber
weder dem russischen, noch dem polnischen Alphabet angehörten. Er sah
ihm ins Antlitz -- und auch das Gesicht begann sich zu verwandeln: die
Nase fing an sich zu dehnen und hing ihm bald über die Lippe herüber;
der Mund breitete sich bis an die Ohren, ein Hauer kroch aus ihm hervor
und bog sich zur Seite -- vor ihm stand derselbe Zauberer, der einst
beim Jessaul auf der Hochzeit erschienen war. »Dein Traum ist wahr,
Katerina!« dachte Burulbasch.

Der Zauberer fing an, den Tisch schneller zu umkreisen, die Zeichen an
der Wand begannen sich rascher zu ändern und Fledermäuse flatterten
wilder herauf und herab, hin und her. Das blaue Licht ward milder und
milder und schien ganz zu verlöschen. Und schon hellte die Kammer sich
auf von sanft rosigem Licht. Wie ein zarter Klang, so floß das
wundersame Licht in alle Winkel, doch plötzlich schwand es dahin, und es
wurde ganz dunkel. Nur ein Geräusch war noch zu hören, wie wenn zur
stillen Abendstunde der Wind kreisend auf dem Wasserspiegel spielt und
die Silberweiden noch tiefer zum Wasser biegt. Und Pan Danilo ist's, als
ob im Gemach ein Mond aufglänzte, Sterne auf und ab wandelten und ein
dunkelblauer Himmel darüber aufleuchtete, ja sogar die Kühle der
Nachtluft hauchte ihm ins Gesicht. Dann aber ist's Pan Danilo plötzlich
so (er zupfte sich gar am Schnurrbart, ob er nicht schliefe), als breite
sich im Gemach schon kein Himmel mehr aus, sondern als sei dies seine
eigene Schlafkammer: an den Wänden hängen seine Säbel von Tataren und
Türken; längs der Wände Bretter mit allerhand Geschirr und Hausgeräten;
auf dem Tische Brot und Salz, und dort hängt die Wiege. Doch statt der
Heiligen blickten schreckliche Larven aus den Bilderrahmen hervor, und
auf der Ofenbank ..... aber nun sank ein Nebel hernieder und legte sich
auf alles, und es wurde wieder dunkel. Und wieder erfüllt sich der Raum
in wunderbarem Klingen mit rosigem Lichte und wieder steht der Zauberer
regungslos da in seinem sonderbaren Turban. Die Klänge werden immer
stärker und tiefer, das sanfte Rosenlicht wird immer heller, und etwas
wie eine weiße Wolke strich durch das Zimmer. Und es kam Pan Danilo so
vor, als sei die Wolke keine Wolke, sondern eine Frau; doch was war das,
war sie gar aus Luft gewebt? Wie stand sie denn da, ohne die Erde zu
berühren? Sie stützte sich auf nichts, und das rosige Licht und die
Zeichen an der Wand schimmerten durch sie hindurch. Doch jetzt bewegte
sie den durchsichtigen Kopf: die blaßblauen Augen leuchteten still auf,
das Haar fiel ihr kraus wie ein fahlgrauer Nebel über die Schultern, ein
blasses Rot färbte ihre Lippen, wie wenn in der Frühe das junge
Morgenrot kümmerlich durch den bleichen durchsichtigen Himmel
hindurchschimmert, ganz wie ein schwacher Schatten leuchteten ihre
Brauen. »Ah! es ist Katerina.« Und Danilo fühlte, wie ihm die Glieder
erstarrten; er wollte sprechen, doch seine Lippen bewegten sich lautlos.

Der Zauberer stand regungslos auf seinem Platze. »Wo bist du gewesen?«
fragte er, und sie, die vor ihm stand, erschauerte.

»Oh, warum hast du mich gerufen?« stöhnte sie leise. »Ich war so froh.
Ich befand mich an jenem Ort, wo ich geboren ward, und ich lebte
fünfzehn Jahre lang dort. O, wie herrlich ist's da! Wie grün und duftig
ist diese Wiese, auf der ich in meiner Kindheit spielte! Auch die
Feldblümelein sind noch dieselben, und das Haus und der Garten auch! Wie
zärtlich umarmte mich die gute Mutter! Wieviel Liebe ist in ihren Augen!
Sie hat mich geherzt und auf Wange und Mund geküßt und meine blonden
Flechten mit dem dichten Kamme gekämmt. Vater!« Sie heftete ihre
bleichen Augen auf den Zauberer. »Warum hast du meine Mutter ermordet?«

Der Zauberer drohte zornig mit dem Finger. »Hab' ich verlangt, du
sollest davon sprechen?« Und die aus Luft gewobene Schöne erbebte.

»Wo ist deine Herrin jetzt?«

»Meine Herrin, Pani Katerina, ist jetzt eingeschlafen. Ich freute mich
des, flatterte empor und flog von hinnen. Ich wollte meine Mutter schon
lang wieder sehen. Auf einmal war ich wieder fünfzehn Jahre alt und so
leicht wie ein Vogel. Warum hast du mich gerufen?«

»Denkst du noch an all das, was ich dir gestern gesagt?« fragte der
Zauberer so leise, daß man's kaum hören konnte.

»Gewiß denk' ich dran, gewiß. Aber was würd' ich darum geben, es zu
vergessen. Arme Katerina! Sie weiß gar manches von dem nicht, was ihre
Seele weiß.«

»Das ist die Seele Katerinas!« dachte Pan Danilo, aber er wagte es noch
immer nicht, sich zu bewegen.

»Tu Buße, Vater! Ist's dir denn nicht fürchterlich, wenn nach jedem
deiner Morde die Toten aus den Gräbern steigen?«

»Schon wieder die alten Reden!« unterbrach sie der Zauberer streng »Ich
setz' meinen Willen durch, ich werde dich zwingen, mir zu gehorchen.
Katerina wird mich lieben lernen!«

»Oh, ein Ungeheuer bist du, du bist nicht mein Vater!« stöhnte sie auf.
»Nein, nicht sei es so, wie du willst! Hast dir freilich mit unreinen
Zauberkünsten die Macht erworben, meine Seele heraufzubeschwören und sie
zu martern. Doch Gott allein kann sie zwingen, ihm den Willen zu tun.
Nein, nie wird Katerina, solange ich in ihr lebe, die gottverfluchte Tat
vollbringen. O, Vater! Das jüngste Gericht ist nahe! Und wärst du auch
nicht mein Vater, nie würdest du mich zwingen können, meinen treuen,
geliebten Gatten zu betrügen. Ja, wär' mir mein Gemahl auch nicht so
lieb und so treu, ich würd' ihn dennoch nie betrügen; denn Gott liebt
die meineidigen und treulosen Seelen nicht!«

Da heftete sie ihre bleichen Augen auf das Fenster, vor dem Pan Danilo
saß, und hielt starr inne ....

»Wohin blickst du? Was siehst du dort?« schrie der Zauberer auf.

Die luftgewobene Katerina erzitterte. Aber Pan Danilo war schon längst
wieder unten auf der Erde und zog mit seinem getreuen Stetzko in die
Berge.

»Furchtbar, furchtbar!« sprach er bei sich selber und Angst umfing sein
Kosakenherz.

Bald war er wieder auf seinem Hofe, wo die Kosaken noch immer fest
schliefen; nur der eine saß da, hielt Wache und rauchte sein Pfeifchen.

Der Himmel war ganz mit Sternen besät.


                                   V.

»Wie gut tatest du, daß du mich wecktest!« sprach Katerina, und während
sie sich mit dem gestickten Ärmel ihres Hemdes die Augen rieb,
betrachtete sie ihren Mann, der vor ihr stand, vom Kopf bis zu Füßen.
»Welch schrecklichen Traum ich gehabt! Wie schwer atmete meine Brust!
Oh! .... mir war's als stürbe ich ....«

»Was war das für ein Traum? Vielleicht dieser?« und Burulbasch erzählte
seinem Weibe alles, was er geschaut.

»Wie konntest du das nur erfahren, mein Gemahl?« fragte Katerina
erstaunt. »Doch, nein. Gar vieles, was du erzählt hast, ward mit nicht
bekannt. Nein, mir hat nicht geträumt, der Vater habe meine Mutter
getötet; auch hab' ich keine Toten gesehen, ich habe nichts gesehen.
Nein, Danilo, es war ganz anders, wie du's erzählst. O, wie furchtbar
ist doch mein Vater!«

»Das ist fürwahr auch kein Wunder, daß du gar vieles davon nicht sahest!
Du weißt doch nicht den zehnten Teil von dem, was deine Seele weiß.
Weißt du -- dein Vater -- das ist der Antichrist! Erst im vorigen Jahr,
als ich mich mit den Polen zum Feldzug in die Krim aufmachte (damals
hielt ich's noch mit diesem Heidenvolk), da hat der Abt des
Bruderklosters zu mir gesagt (und das ist ein heiliger Mann, Weib!), der
Antichrist habe die Macht, jedes Menschen Seele zu beschwören; die
lustwandle dann nach eigenem Willen, wenn er einschläft, und fliege
zusammen mit den Erzengeln um Gottes Gemach herum. Schon auf den ersten
Blick wollt' mir deines Vaters Gesicht nicht recht gefallen. Hätt' ich
geahnt, daß du solch einen Vater hast, nie hätt' ich mich mit dir
vermählt; ich hätt' dich verlassen und der Seele nimmer die Sünde
aufgebürdet, mich der Sippe des Antichrist zu verschwägern.«

»Danilo!« rief Katerina, verbarg ihr Gesicht in den Händen und
schluchzte auf. »Hab' ich je eine Schuld gegen dich auf mich geladen?
Ward ich dir je untreu, geliebter Gemahl? Womit hab' ich deinen Zorn auf
mich gelenkt? Hab' ich dir nicht treu gedient? Hab' ich denn je ein
widriges Wort gesprochen, wenn du angezecht vom lustigen Schmaus
heimkamst? Gebar ich dir nicht einen schwarzbrauigen Sohn? ...«

»Weine nicht, Katerina, jetzt kenne ich dich, und ich werde dich nie
verlassen. Alle Sünden liegen bei deinem Vater!«

»Nein, nenne ihn nicht meinen Vater! Er ist nicht mein Vater! Gott ist
mein Zeuge, ich sage mich von ihm los! Er ist der Antichrist und ein
Gottesverächter! Mag er verderben, mag er ersaufen, nie biet' ich die
Hand ihm zur Rettung. Und wenn er dahinsiecht an einem todbringenden
Kraut, so will ich ihm kein Wasser zum Trinken reichen. _Du_ bist mir
mein Vater!«


                                  VI.

In Pan Danilos tiefem Verließe sitzt der Zauberer in eiserne Ketten
geschmiedet; fern über dem Dnjepr brennt sein satanisches Schloß, und
blutrote Wellen gurgeln und lecken an den uralten Mauern empor. Nicht
wegen Hexerei, noch um gottwidrige Taten sitzt der Zauberer im tiefen
Verließ: die richtet nur Gott; um eines geheimen Verrates willen sitzt
er dort, und wegen seines Bundes mit den Feinden des rechtgläubigen
Russenlands -- den er mit den Römlingen eingegangen, um ihnen das
ukrainische Volk zu verschachern und die christlichen Kirchen
niederzubrennen. Gar finster und grimmig ist der Zauberer;
nachtschwarzes Sinnen zieht durch seinen Kopf; nur ein Tag noch bleibt
ihm zu leben, und morgen gilt's, Abschied zu nehmen von der Welt: morgen
erwartet ihn Tod. Kein leichter Tod wartet auf ihn: es ginge noch gnädig
ab, wenn er lebendig im Kessel gekocht oder wenn ihm die sündhafte Haut
abgezogen würde. Düster und grimmig ist der Zauberer, und er läßt den
Kopf hängen. Vielleicht geht er vor seiner Sterbestunde noch in sich;
doch sind seine Sünden nicht so, daß Gott ihm verzeihen könnte. Hoch
oben vor ihm ist ein schmales Fenster, das Eisenstäbe vergittern. Mit
seinen klirrenden Ketten hat er sich bis zum Fenster emporgehoben, um zu
schauen, ob seine Tochter nicht vorbeiginge. Sie ist mild wie ein
Täubchen und nicht rachesüchtig. Würde sie sich nicht des Vaters
erbarmen? ... Aber es war niemand da. Tief unten zieht der Weg sich hin,
aber niemand wandert auf ihm. Und tiefer noch zieht der Dnjepr vorbei;
aber der achtet auf niemand: er tost dahin, und schmerzlich ist's dem
Gefesselten, seinem dumpfen Rauschen zu lauschen.

Da erschien jemand auf dem Wege -- es war ein Kosak! Schwer seufzte der
Gefangene auf, und wieder ward alles tot und leer. Doch dort in der
Ferne kam jemand herab ...... Ein grüner Überwurf flatterte empor, ein
goldener Kopfschmuck glänzte auf dem Haupte. Das war _sie_! Noch enger
preßte er sich ans Fenster. Sie kam näher und immer näher ...

»Katerina! Meine Tochter, erbarme dich! Hab' Mitleid mit mir! .......«

Aber sie blieb stumm, sie wollte ihn nicht hören. Sie wendete nicht
einmal die Augen nach dem Gefängnis, und schon war sie vorbei und wieder
verschwunden. Leer wird die Welt, wehmütig rauscht der Dnjepr;
hoffnungslose Trauer und Wehmut umfängt das Herz; aber wußte wohl der
Zauberer, was Wehmut ist?

Der Tag ging zur Neige. Schon sank die Sonne hinab, schon ist sie nicht
mehr. Schon war es Abend. Kühl ward es, irgendwo brüllte ein Stier, von
irgendwo tönten verwehte Klänge herüber; sicherlich kamen jetzt die
Menschen von ihrer Arbeit, um auszuruhen und fröhlich zu sein: über den
Dnjepr glitt ein Kahn ...... aber wer kümmerte sich um den Gefangenen?
Die silberne Sichel leuchtet am Himmel auf; da schreitet jemand von der
anderen Seite den Weg empor; schwer war's, im Dunkeln zu erkennen, wer
das war: Es war Katerina, die jetzt zurückkehrte.

»In Christi Namen, Tochter! Selbst das grausame Junge des Wolfes
zerfleischt seine Mutter nicht! Tochter, so wirf doch nur einen Blick
auf deinen sündigen Vater!«

Aber sie hörte ihn nicht und ging weiter.

»Tochter, im Namen deiner unglücklichen Mutter ...« Sie blieb stehen.

»Komm und vernimm mein letztes Wort!«

»Wozu rufst du mich, Gottesverächter? Nenn' mich nicht Tochter! Zwischen
uns ist keine Verwandtschaft! Was willst du von mir im Namen meiner
unglücklichen Mutter?«

»Katerina, mein Ende ist nahe! Ich weiß, dein Mann gedenkt, mich an den
Schweif eines Rosses zu binden und übers Feld zu schleifen, oder
vielleicht erfindet er einen noch grauenvolleren Tod für mich ...«

»Gibt es denn auf der Welt einen Tod, der deinen Sünden gleichkommt?
Mach dich darauf gefaßt, für dich wird niemand bitten!«

»Katerina, mich schreckt nicht der Tod, mich schrecken die Qualen in
_jener_ Welt! ...... _Du_ bist frei von Schuld, Katerina: deine Seele
wird im Paradies in Gottes Nähe weilen, aber die Seele deines gottlosen
Vaters wird im ewigen Feuer brennen, und nimmer wird dieses Feuer
erlöschen, nur noch höher und höher wird es emporlodern. Kein Tautropfen
wird auf ihn herabfallen, und kein Wind wird ins Feuer hauchen.«

»Ich habe nicht die Macht, deine Strafe durch Gebet zu mindern!« sprach
Katerina und wandte sich ab.

»Katerina, warte, noch ein Wort: Du kannst meine Seele erretten. Du
weißt noch nicht, wie gut und gnädig Gott ist. Hast du je vom Apostel
Paulus gehört, der voller Sünden war und dann in sich ging -- und ein
Heiliger wurde?«

»Was kann ich tun, deine Seele zu retten?« sprach Katerina. »Sollte ich,
ein schwaches Weib, daran denken können?«

»Wenn es mir gelänge, von hier zu entfliehen, so würde ich mein ganzes
altes Leben aufgeben! Ich würde Buße tun, in die Wüste gehen, ein
härenes Hemd anlegen und Tag und Nacht beten! Ja, nicht einmal
Fastenkost und keinen Fisch soll mein Mund mehr berühren! Kein Gewand
breit' ich mir hin, wenn ich mich zum Schlaf niederlege! Und immer nur
werde ich beten und beten! Und wenn Gottes Gnade auch nicht den
hundertsten Teil meiner Sünden von mir nimmt, dann will ich mich bis an
den Hals in die Erde vergraben oder eine Wand von Stein um mich
aufmauern, nicht Speise noch Trank will ich mehr zu mir nehmen und
sterben, und all mein Hab und Gut will ich den Mönchen vermachen, auf
daß sie vierzig Tage und vierzig Nächte lang Seelenmessen für mich
lesen!«

Katerina sann nach. »Selbst wenn ich dir das Tor aufschlösse, ich kann
dir doch die Ketten nicht aufschmieden!«

»Die Ketten fürchte ich nicht. Du meinst wohl, sie hätten mir Hände und
Füße zusammengeschmiedet? O nein, ich senkte Nebel auf die Augen der
Menschen und hielt ihnen statt der Hände ein trockenes Holz hin. Schau,
hier bin ich: jetzt trag' ich keine Kette mehr!« sagte er und trat frei
in die Mitte des Raumes. »Ich hätte ja auch die Wände nimmer gefürchtet
und wäre hindurchgeschritten; aber dein Mann weiß nicht, was das hier
für Mauern sind: Ein heiliger Anachoret hat sie einst errichtet und
keine unreine Macht ist imstande, den Gefangenen zu befreien, ohne die
Zelle mit jenem Schlüssel aufzuschließen, mit dem der Heilige sie
verschloß. Solch eine Zelle will ich, schrecklichster aller Sünder, auch
mir erbauen, wenn ich nur frei bin!«

»Nun wohl, so höre: ich lass' dich hinaus, doch, wie wenn du mich
trügst,« sprach Katerina und blieb vor der Tür starr stehen. »Wenn du,
statt in dich zu gehen, wieder des Teufels Bruder wirst?«

»Nein, Katerina, ich hab' nicht mehr lange zu leben; auch ohne diese
Marter ist mein Ende nahe. Glaubst du denn, daß ich mich selbst zu
ewigen Qualen verurteilen will?«

Die Schlösser klirrten. »Leb' wohl, der barmherzige Gott behüte dich,
mein Kind!« sprach der Zauberer und küßte sie.

»Rühr mich nicht an, schrecklichster aller Sünder! Geh schnell von
hinnen!« rief Katerina.

Doch er war schon verschwunden.

»Ich hab' ihn befreit!« flüsterte sie und blickte voller Schrecken wie
irr auf die Mauern. »Was soll ich jetzt meinem Manne sagen? Ich bin
verloren! Ich kann mich nur noch lebendig ins Grab legen.« Und sie sank
schluchzend auf den Klotz, auf dem der Gefangene gesessen hatte. »Aber
ich habe eine Seele gerettet!« sagte sie leise. »Ich tat ein Gott
wohlgefälliges Werk. Jedoch mein Mann ...... Ich hab' ihn zum ersten
Male betrogen. O, wie furchtbar, wie schwer wird mir's werden, ihm die
Unwahrheit zu sagen! Da kommt jemand! O, _er_ ist es! es ist mein Mann!«
rief sie verzweifelt, und besinnungslos fiel sie zu Boden.


                                  VII.

»Ich bin's, meine liebe Tochter, ich bin's, mein Herzchen!« hörte
Katerina jemand sagen, als sie wieder zu sich kam; sie sah ihre alte
Dienerin vor sich. Die Alte beugte sich über sie, schien ihr etwas
zuzuflüstern, und ihre vertrocknete Hand bespritzte sie mit kaltem
Wasser.

»Wo bin ich?« sagte Katerina, indem sie aufstand und um sich blickte.
»Vor mir rauscht der Dnjepr und hinter mir liegen die Berge ... Wohin
hast du mich geführt, Weib?«

»Ich hab' dich nicht weggeführt, sondern hinausgetragen; auf meinen
Armen trug ich dich aus dem dumpfen Gewölbe. Ich habe die Tür mit dem
Schlüsselchen zugeschlossen, damit dich Pan Danilo nicht findet und
bestraft!«

»Wo ist der Schlüssel?« sprach Katerina und blickte auf ihren Gürtel,
»ich seh' ihn nicht!«

»Dein Mann hat ihn abgebunden, um nach dem Zauberer zu sehen, mein
Kind!«

»Um nach ihm zu sehen? .... Weib, ich bin verloren!« rief Katerina.

»Davor mag Gott uns bewahren, mein Kind! Schweig du nur, liebe Herrin.
Niemand wird etwas erfahren!«

»Er ist entflohen, der verfluchte Antichrist! Hast du gehört, Katerina?
Er ist entflohen!« rief Pan Danilo, der auf seine Frau zutrat. Seine
Augen sprühten Feuer, und sein Säbel schüttelte sich klirrend an seiner
Seite. Sein Weib erstarrte.

»Es hat ihn wohl jemand befreit, lieber Mann?« sprach sie zitternd.

»Befreit! Du hast recht. Aber der Teufel hat ihn befreit. Schau hin!
Statt seiner liegt ein in Eisen geschmiedeter Klotz da. Gott hat's nun
einmal so eingerichtet, daß der Teufel sich nicht vor Kosakenfäusten
fürchtet! Wenn einer von meinen Kosaken auch nur von fern daran gedacht
haben sollte, und ich erfahre es ..... O, ich würde keine Strafe
ausdenken können, die schwer genug für ihn wäre!«

»Und wenn ich es wäre?« sprach Katerina unwillkürlich und hielt
erschrocken inne.

»Wenn du's getan hättest, so wärest du mein Weib nicht mehr! Ich würde
dich in einen Sack einnähen lassen und mitten im Dnjepr ertränken! ....«

Katerina stockte der Atem und ihr war, als lösten sich ihr die Haare vom
Haupte.


                                 VIII.

In einer Schänke am Grenzwege sind die Polen versammelt und zechen schon
zwei Tage lang. Nicht wenig Gesindel sitzt da beisammen. Sie sind wohl
zusammengekommen, um einen Überfall auszuhecken! Manche von ihnen haben
Musketen, die Sporen klirren und die Säbel rasseln. Die polnischen
Herren sind lustig, schneiden auf und reden prahlerisch von unerhörten
Taten, sie spotten über den rechten Glauben, nennen das Volk der Ukraine
ihre »Knechte«, zwirbeln stolz den Schnurrbart in die Höhe, und mit
hochmütig zurückgeworfenen Köpfen recken sie sich auf den Bänken. Auch
ihr Priester ist bei ihnen; doch auch der ist vom selben Schlage wie
sie. Er gleicht nicht einmal dem Äußern nach einem christlichen
Priester, denn er schmaust und zecht mit ihnen, und seine unreine Zunge
führt unzüchtige Reden. Auch das Gesinde gibt ihnen in nichts nach: sie
haben die Ärmel der schäbigen Schupans aufgestreift und stolzieren so
aufrecht einher, als wären sie was Rechtes! Sie spielen und hauen
einander mit den Karten auf die Nasen. Dann haben sie fremde Weiber bei
sich und das gibt ein Geschrei und ein Raufen! ... Die polnischen Herren
toben nur so und treiben Schabernack mit den Leuten; sie packen einen
Juden am Bart, malen ihm ein Kreuz auf seine gottlose Stirn, schießen
mit blind geladenen Pistolen nach dem Weibsvolk und tanzen einen
Krakowiak mit ihrem schändlichen Priester. Gab's doch nicht einmal von
den Tataren solch Ärgernis im russischen Lande: Gott hat es ihm wohl
beschieden, solche Schmach für seine Sünden zu erdulden. Und mitten in
diesem Sodom hört man sie vom Gutshof des Pan Danilo am Dnjepr und von
seinem schönen Weibe sprechen ..... Wahrlich, nichts Gutes sinnt die
Rotte, die hier versammelt ist!


                                  IX.

Pan Danilo sitzt in seiner Stube am Tisch, das Haupt auf den Ellenbogen
gestützt, und sinnt nach. Auf der Ofenbank aber sitzt Pani Katerina und
singt ein Lied.

»Mir ist so traurig zumute, Weib!« spricht Pan Danilo, »der Kopf tut mir
weh und das Herze auch. Es lastet etwas auf mir! Mein Tod ist wohl nicht
mehr fern.«

»O, mein herzliebster Gemahl, neig deinen Kopf zu mir her! Warum hegst
du so schwarze Gedanken in deiner Brust?« dachte Katerina, wagte es aber
nicht auszusprechen. Ihr, der Schuldbewußten, wurde es schwer, des
Mannes Liebkosungen entgegenzunehmen.

»Hör, liebes Weib!« sagte Danilo, »verlaß meinen Sohn nicht, wenn ich
einst tot bin! Gott wird kein Glück auf dich herabsenden, weder in
dieser, noch in jener Welt, wenn du ihn von dir stößt. Schwer würde es
meinen Knochen werden, in der feuchten Erde zu verfaulen, und noch
trauriger wär' meine Seele!«

»Was sprichst du, mein Gemahl? Warst du es nicht, der uns schwache
Frauen einst auslachte? Und jetzt redest du selbst wie ein schwaches
Weib. Du wirst noch lange leben!«

»Nein, Katerina, meine Seele ahnt schon den nahen Tod. Es wird so
traurig in der Welt und schlimme Zeiten brechen an. Oh! ich besinne mich
wohl auf die vergangenen Jahre; die kehren wohl nimmer wieder! Damals
war noch der alte Konaschewitsch am Leben, der Ruhm und die Ehr' unseres
Heeres! Und all die Kosakenregimenter ziehen wieder an meinen Augen
vorüber. Ja, es war eine goldene Zeit, Katerina! Der alte Hetman saß auf
seinem Rappen und in seiner Hand glänzte der Hetmansstab; rings um ihn
standen die Führer, und auf den Seiten wogte das rote Meer der
Saporoger. Und wenn der Hetman zu sprechen begann, dann stand alles da
wie erstarrt. Der Alte weinte, als er der früheren Taten und Gefechte
gedachte. Ach, wenn du wüßtest, Katerina, wie wir damals uns mit den
Türken schlugen: Noch heute sieht man die Narbe auf meinem Haupte. Vier
Kugeln durchbohrten mich an vier Stellen, und keine der Wunden ist je
vollständig geheilt. O, wieviel Gold wir damals erbeuteten, und die
Edelsteine schöpften die Kosaken wie Wasser mit ihren Mützen. Und was
für Pferde, wenn du wüßtest, was für Pferde wir damals raubten,
Katerina! Nein, solche Kriege erleb' ich nie wieder! Noch bin ich ja
nicht alt, ich bin noch rüstig, doch das Kosakenschwert entsinkt meiner
Hand, ich lebe tatenlos dahin und weiß selbst nicht, wozu ich lebe. In
der Ukraine herrscht keine Ordnung mehr: die Feldherrn und Jessauls
beißen sich herum wie die Hunde; 's ist keiner da, dem alle gehorchten
und der ihr Haupt wäre. Unsere Schlachzizen haben alles geändert und
polnische Sitten eingeführt, sie sind so schlau und so tückisch geworden
und haben ihre Seelen verkauft, indem sie die Union annahmen und einen
Bund mit dem Papst schlossen. Die Juden knechten das arme Volk. O
Zeiten, Zeiten, vergangene Zeiten! Wo seid ihr geblieben, ihr, meine
vergangenen Jahre? Geh ins Gewölbe hinab, Bursch, und hol mir einen Krug
mit Meth! Ich will trinken auf unser altes Leben und die vergangenen
Zeiten!«

»Womit sollen wir die Gäste empfangen, Pan? Die Polen kommen von der
Wiese her!« rief Stetzko, der in diesem Augenblick ins Zimmer
hereinstürzte.

»Ich weiß wohl, wozu sie kommen!« sprach Danilo, sich von seinem Platze
erhebend. »Sattelt die Pferde, meine treuen Knechte! Schirrt sie rasch
an und heraus mit den Säbeln! Vergeßt auch die blauen Bohnen nicht! Die
Gäste sollen mit Ehren empfangen werden!«

Kaum hatten die Kosaken ihre Pferde bestiegen und die Musketen geladen,
da überschwemmten die Polen schon den Berg wie Laub, das im Herbst von
den Bäumen fällt.

»Hehe, da gibt's eine feine Gesellschaft!« rief Danilo und blickte auf
die dicken Pans, die sich würdevoll auf ihren goldgeschirrten Rossen
schaukelten. »Wohl denn, so werden wir uns einmal noch herrlich tummeln!
Freu dich zum letzten Male, Kosakenseele. Wohlauf, ihr Burschen, das
Fest hat begonnen!«

Und auf den Bergen ward es fröhlich, und das Fest hub an: da schwirren
die Säbel, da fliegen die Kugeln, da wiehern und trampeln die Pferde.
Die Schädel dröhnen vom Rufen und Schreien, und der Rauch blendet die
Augen. Alles geht wild durcheinander, aber der Kosak ahnt wohl, wo
Freund und Feind ist. Eine Kugel kommt gepfiffen, und ein tapferer
Reitersmann stürzt vom Roß; ein Säbel klirrt -- und ein Kopf wälzt sich,
zusammenhanglose Reden lallend, am Boden.

Aber mitten im Haufen, da sieht man die rote Kosakenmütze des Pan
Danilo, und wie ein Blitz trifft das Auge das Gefunkel des goldenen
Gürtels auf dem blanken Schupan; wie ein Wirbelwind flattert die Mähne
des Rapphengstes daher; gleich einem Vogel eilt er bald hier hin, bald
dort hin, schreit laut auf, schwenkt den Damaszener-Säbel und schlägt
rechts und links um sich. Hau zu, Kosak! Frisch drauf und los, Kosak!
Erfreu dein mutiges Herz, aber verguck dich nicht in das Gold der
Gespanne und Schupans; tritt Gold und Edelsteine mit den Füßen! Stich
zu, Kosak! Frisch drauf los, Kosak! Aber sieh dich nicht um: schon
stecken die frevelnden Polen die Hütten in Brand und treiben das
ängstliche Vieh fort. Wie ein Sturm wirbelt Pan Danilo zurück, die Mütze
mit dem roten Dach blitzt schon dicht neben den Häusern auf, und rings
um ihn wird der Haufen geringer.

Nicht nur eine Stunde oder zwei kämpften die Kosaken und Polen. Immer
weniger wurden ihrer auf beiden Seiten; doch Pan Danilo ermattete nicht:
mit seiner langen Lanze hob er die Feinde aus dem Sattel, und trat mit
seinem tapferen Roß das Fußvolk nieder. Schon leert sich der Hof, schon
fliehen die Polen, schon reißen die Kosaken die goldenen Schupans und
die reiche Rüstung von den Gefallenen herab. Schon will Pan Danilo zur
Verfolgung aufbrechen, schon blickt er sich um, die Seinen zu sammeln
..... doch da kocht in ihm die Wut, vor ihm taucht Katerinas Vater auf.
Nun steht er auf dem Berge und zielt mit seiner Muskete nach ihm. Danilo
treibt sein Pferd grad auf ihn los .... Kosak, du eilst ins Verderben!
Da kracht die Muskete, und der Zauberer ist hinter dem Berge
verschwunden. Nur der getreue Stetzko hat noch gesehen, wie das rote
Gewand und die seltsame Mütze im Husch vorbeiflogen. Danilo schwankt und
stürzt zu Boden. Der treue Stetzko eilte zu seinem Pan: sein Herr liegt
ausgestreckt auf der Erde, und hat die hellen Augen geschlossen, und das
hellrote Blut quillt aus seiner Brust. Aber er erkannte den treuen
Diener noch, leis hob er die Lider und blitzte ihn mit den Augen an:
»Leb wohl, mein Stetzko! Sag Katerina, sie soll meinen Sohn nicht
verlassen! Verlaßt auch ihr ihn nicht, ihr meine treuen Diener!« und er
verstummte. Die tapfere Kosakenseele war aus dem adligen Leibe
entflohen; blau sind seine Lippen, der Kosak schläft einen Schlaf, aus
dem es kein Erwachen gibt.

Da schluchzte der getreue Diener auf und winkte Katerina mit der Hand:
»Komm, komm schnell herbei, Pani! Dein Pan hat ausgetobt; sieh, da liegt
er, trunken auf feuchtem Erdreich; nimmer wird der aus seinem Rausche
erwachen!«

Da schlug Katerina die Hände zusammen und sank über den Leichnam hin wie
eine Garbe. »O mein Gemahl, du mein Gemahl! Bist du's, der geschlossenen
Auges daliegt? Steh auf, mein herzallerliebster Falke, rühr deine süße
Hand! Erhebe dich doch! O, schau sie nur einmal noch an, deine Katerina,
reg deine Lippen und sprich nur ein einziges Wörtlein! ... Doch ach, du
schweigst, du schweigst, mein lieber herrlicher Pan! Bläulich wardst du
wie das Schwarze Meer, und dein Herz schlägt nicht! Warum bist du so
kalt, mein Pan? O, ich seh's, meine Tränen sind nicht heiß genug, sie
können dich nicht erwärmen! Ich seh's, nicht laut genug ist meine Klage,
denn sie kann dich nicht erwecken! Wer wird jetzt deine Heere anführen?
Wer wird nun auf deinem Rappen dahinjagen und laut jauchzend vor den
Kosaken den Säbel schwingen? Kosaken, Kosaken! Wo ist eure Ehre und euer
Ruhm? Da liegt eure Ehre und euer Ruhm geschlossenen Augs auf der
feuchten Erde. O, begrabt nun auch mich, begrabt mich zusammen mit ihm!
Streut mir Erde auf die Augen, preßt die Bretter von Ahorn mir auf die
weißen Brüste! Ich brauche meine Schönheit nicht mehr!«

Und Katerina weinte und klagte bitterlich, da aber steigt eine
Staubwolke in der Ferne auf: Gorobetz, der alte Jessaul, sprengt zu
Hilfe heran.


                                   X.

Voller Wunder ist der Dnjepr bei heiterem Wetter, wenn er frei und
ungehemmt durch Gebirg und Wälder seine reichen Wasser trägt. Da ertönt
kein leises Rauschen und kein mächtiger Donnerlaut. Du blickst hin und
weißt es kaum, ob sich sein hehrer breiter Rücken regt, ob nicht; ganz
aus Glas gegossen scheint die Flut und sein blauer Spiegelweg windet
sich, breit ohne Maßen, lang ohn' Ende, in verschlungenen Bahnen durch
die grüne Welt. Dann blickt auch die heiße Sonne selig von der Höhe
herab und taucht ihre Strahlen in die kühlen gläsernen Wässer, und selig
spiegeln sich die Wälder am Ufer in den klaren Fluten. O, ihr
Grüngelockten! Ihr drängt euch mit den Feldblumen zum Wasser hin, beugt
euch hinab, schaut hinein und könnt euch nicht satt sehen an eurem
klaren Angesicht und ihr lächelt ihm zu und grüßt es, indem ihr die
Zweige schüttelt. Aber in die Mitte des Dnjepr wagt ihr doch nicht zu
blicken: in sie hinein blickt nur die Sonne und der blaue Himmel, und
selten nur kommt ein Vogel bis mitten über den Dnjepr geflogen. O, du
herrlicher Fluß! Kein Strom in der Welt kommt dir gleich. Voller Wunder
ist auch der Dnjepr in einer stillen Sommernacht, wenn alles in
Schlummer sinkt: Mensch und Tier und Vogel. Nur Gott allein blickt
majestätisch auf Himmel und Erde und schüttelt gewaltig sein wunderbares
Ornat. Und von dem Kleide regnen Sterne herab; die Sterne aber glühen
und leuchten über die Welt, und spiegeln sich alle im Dnjepr wieder. Der
Dnjepr birgt sie alle in seinem dunklen Schoße, und kein einziger kann
ihm entrinnen -- es sei denn, daß er am Himmel erlischt. Der schwarze
Wald mit seinen Reih an Reih schlafenden Raben und die in grauer Urzeit
geborstenen Berge beugen sich vor und suchen ihn wenigstens mit ihren
langen Schatten zu bedecken -- vergebens! Es gibt nichts auf der Welt,
das den Dnjepr überdecken könnte. Azurblau fließt er gemessen dahin, und
bei Nacht wie bei Tage sieht man ihn so, wie nur ein Menschenauge sehen
kann. Wenn er sich wiegt und wie ein verzärteltes Kind bei der
nächtlichen Kühle ans Ufer schmiegt, dann wird er zur silbernen Flut und
die flammt auf, wie die stählerne Schneide einer Damaszenerklinge und
dann liegt er wieder tiefblau da und schlummert. Und auch dann ist der
Dnjepr voller Wunder und kein Fluß in der Welt kommt ihm gleich! Doch
wenn sich am Himmel die blauen Wolken zu Bergen ballen, der schwarze
Wald bis auf die Wurzeln bebt, die Eichen krachen und der Blitz, aus den
Wolken splitternd, plötzlich die ganze Welt erhellt -- o, dann ist der
Dnjepr schrecklich! Die Wasserhügel tosen, wenn sie gegen die steinigen
Felsen anprallen, sinken blitzend und stöhnend zurück und ächzen und
heulen in der Ferne. So jammert wohl die alte Kosakenmutter, wenn sie
ihren Sohn ins Kriegslager geleitet: frei und kühn reitet er auf seinem
rabenschwarzen Roß dahin, die Hand in die Hüfte gestemmt und die Mütze
keck aufs Ohr geschoben, sie aber läuft schluchzend hinter ihm her,
hängt sich an den Steigbügel, greift ihm in die Zügel, ringt die Hände
und zerfließt in heißen Tränen.

Wild und schwarz ragen zwischen den kämpfenden Wellen auf der Landzunge
verkohlte Baumstümpfe und Steine in die Luft. Ein Boot, das landen will,
wird ans Ufer geworfen, schießt hoch empor und sinkt dann wieder tief
abwärts. Wer ist der Kosak, der sich in den Kahn gewagt, zu einer Zeit,
da der alte Dnjepr grollt? Der weiß nicht, daß der Dnjepr die Menschen
hinabschlingt wie Fliegen!

Doch nun landete das Boot, und der Zauberer entstieg ihm. Ihm ist nicht
heiter zumute. Er grollt über den Totenschmaus, den die Kosaken ihrem
erschlagenen Herrn zu Ehren abhielten. Die Polen mußten ihn teuer
bezahlen, vierundvierzig vornehme Herren in schönen Schupans, ihr ganzes
Pferdegeschirr und dreiunddreißig Knechte dazu wurden in Stücke gehauen,
und die übrigen saßen mit ihren Rossen gefangen und sollten an die
Tataren verkauft werden.

Er stieg die steinernen Stufen zwischen den verkohlten Baumstümpfen
hinab, wo sich tief unten im Erdreich seine Hütte befand. Leise und ohne
mit der Türe zu knarren, trat er ein, stellte einen Topf auf den
gedeckten Tisch und begann mit seinen langen Armen unbekannte Kräuter in
ihn hineinzuwerfen, dann holte er einen Krug herbei, der aus einem
merkwürdigen Holz geschnitzt war, schöpfte Wasser und begann es wieder
auszugießen, während seine Lippen Beschwörungen murmelten.

Rosiges Licht erhellte die Kammer, und schrecklich war es, sein Gesicht
zu schauen: es sah ganz blutig aus, tiefe schwarze Furchen gruben sich
drein, und die Augen glühten wie ein Feuer. Schrecklicher Sünder! Der
Bart war ihm längst ergraut, und das Gesicht von Runzeln durchfurcht,
schon ist er fast gänzlich verdorrt, und noch immer trachtet er nach
gottlästerlichen Taten. Inmitten des Raumes erhob sich jetzt eine weiße
wehende Wolke, und etwas wie Freude huschte über des Zaubrers Gesicht.
Doch warum stand er plötzlich regungslos mit weitgeöffnetem Munde da,
warum wagte er es nicht, sich zu bewegen? Und warum sträubten sich die
Haare wie Borsten auf dem Haupte? In der Wolke erschien ihm ein
sonderbares Gesicht. Ungebeten und ungerufen kam es zu Gaste; immer
deutlicher trat es hervor und bohrte die starren Augen in ihn hinein.
Die Züge, die Brauen, die Augen, die Lippen -- alles war ihm unbekannt
und noch nie in seinem Leben hatte er es gesehen. Auch war nichts
eigentlich Grauenhaftes an ihm, und doch packte ihn ein unüberwindliches
Entsetzen. Das seltsame unbekannte Haupt blickte ihn noch immer starr
durch die Wolke an. Doch nun war die Wolke verschwunden, aber das
unbekannte Gesicht hing noch klarer vor ihm, und die scharfen
schneidenden Blicke wollten sich nicht von ihm wenden. Der Zauberer
wurde so weiß wie Leinen; mit einer furchtbaren Stimme, die ihn selber
fremd dünkte, schrie er auf, warf den Topf um. Alles war verschwunden.


                                  XI.

»Sei ruhig, liebe Schwester!« sprach der alte Jessaul Gorobetz. »Träume
reden selten die Wahrheit.«

»Leg dich doch hin, Schwesterchen!« sagte seine junge Schwiegertochter.
»Ich werde die alte Wahrsagerin rufen: ihr kann keine Macht der Welt
widerstehen: sie wird deine Unruhe bannen.«

»Fürchte nichts!« rief der Sohn und griff nach dem Säbel, »niemand soll
dir etwas zuleide tun.«

Mit trüben und düsteren Augen blickte Katerina sie alle an und fand kein
Wort zur Antwort. »Ich habe mir selbst mein Verderben bereitet: ich hab
ihn befreit!« Endlich aber sprach sie: »Ich habe keine Ruhe vor ihm.
Schon sind's zehn Tage, daß ich bei euch in Kijew bin, und mein Schmerz
ist um keinen Tropfen geringer. Ich hab mir gedacht, ich will nun in
aller Stille mein Söhnchen als Rächer aufziehen ...... O, furchtbar,
furchtbar war er, wie er mir im Traume erschien. Behüt euch Gott davor,
ihn je zu erblicken! Mein Herz pocht noch immer!« -- »Ich hack dir dein
Kind in Stücke, Katerina!« schrie er, »wenn du nicht mein Weib sein
willst! ....« Schluchzend stürzte sie sich auf die Wiege, daß das
erschrockene Kindlein die Hände ausstreckte und zu schreien begann.

Des Jessauls Sohn brauste zornig auf, als er diese Rede hörte.

Auch Gorobetz, der Jessaul, raste vor Wut: »Mag er's nur wagen, hierher
zu kommen, der gottlose Antichrist -- er soll die Kraft meiner alten
Kosakenarme kosten. Gott ist mein Zeuge!« rief er und hob die scharf
blickenden Augen gen Himmel empor. »Bin ich denn Bruder Danilo nicht zu
Hilfe geeilt? Doch es war Gottes heiliger Wille! Ich traf ihn schon auf
dem kalten Lager, darauf schon so viel Kosakenvolk sich gebettet. Hat
man ihm zu Ehren nicht dafür einen prächtigen Leichenschmaus gefeiert?
Ist etwa auch nur ein Pole lebend entkommen? Sei ruhig, mein Kind!
Niemand wird es wagen, dich zu berühren, solange wir leben, ich und mein
Sohn!«

Mit diesen Worten trat der alte Jessaul an die Wiege. Das Kindchen
erblickte die rote Pfeife mit der silbernen Fassung am Riemen und den
Beutel mit dem glänzenden Feuerstein, streckte die Händchen zu ihm hin
und lachte. »Der wird ganz wie der Vater!« sprach der alte Jessaul, nahm
die Pfeife aus dem Munde und reichte sie dem Kinde hin. »Noch hat er die
Wiege nicht verlassen und schon will er ein Pfeifchen rauchen!«

Katerina seufzte leise auf und begann die Wiege zu schaukeln. Man
verabredete sich, die Nacht gemeinsam zu verbringen; nach einer kurzen
Weile schliefen alle, und auch Katerina schlummerte bald ein.

Im Hofe und in der Stube war alles still, nur die Kosaken, die Wache
hielten, schlummerten nicht. Plötzlich wachte Katerina mit einem Schrei
auf, und mit ihr erwachten alle aus ihrem Schlummer. »Er ist tot, man
hat ihn ermordet!« schrie sie und stürzte zur Wiege hin ..... Alle
umringten die Wiege und waren starr vor Entsetzen, als sie das leblose
Kind daliegen sahen. Keiner sprach ein Wort und niemand wußte, was er
von dem unerhörten Frevel denken sollte.


                                  XII.

Fern vom Lande der Ukraine, wenn man das Polenreich durchreist und schon
die volkreiche Stadt Lemberg hinter sich hat, stößt man auf eine
Gebirgskette mit hohen Gipfeln. Berg an Berg umklammern hier von rechts
und links wie mit steinernen Ketten die Erde und schmieden sie in einen
Felsenring, damit das brausende tosende Meer nicht hereinbreche. Die
Felsenketten ziehen sich bis in die Wallachei und das Siebengebirge
hinein, und ragen wie ein gigantisches Hufeisen zwischen Galiziens und
Ungarns Völkern empor. Solche Berge gibt's in unserer Gegend nicht, und
das Auge wagt es nicht, sie zu umspannen. Einige von diesen Gipfeln hat
noch kein menschlicher Fuß betreten. Wie ein Mirakel sind sie zu
schauen: gleich als wäre ein trotziges Meer während eines Sturmes seinen
weiten Ufern entflohen und als hätte es mißgestalte Wogen aufgetürmt,
die dann zu Stein geworden, steil in der Luft emporstarrten. Oder sind
es schwarze Wolken, die vom Himmel herabgestürzt sind und den Weg zur
Erde versperrt haben? Denn ihre Farbe ist ebenso grau wie die der
Wolken, und der weiße Gipfel blitzt und funkelt in der Sonne. Bis zu den
Karpathen hin hört man die russische Zunge, und auch hinter den Bergen
hallt's hie und da wieder wie ein Klang aus der Heimat; doch dann kommen
Menschen mit einem andern Glauben und einer fremden Sprache. Hier lebt
das zahlreiche Volk der Ungarn; die reiten, fechten und trinken nicht
schlechter als die Kosaken und kargen nicht, wenn's gilt, goldene
Dukaten für Pferdegeschirr und kostbare Kaftans aus dem Beutel zu holen.
Groß und frei liegen ihre Seen zwischen den Bergen. Unbeweglich wie Glas
sind sie, und wie ein Spiegel werfen sie die nackten Gipfel der Berge
und die grünende Sohle zurück.

Doch wer kommt dort inmitten der Nacht -- bei Finsternis oder
Sternenglanz -- auf dem riesigen Rappen daher geritten? Welch ein Recke
von übermenschlichem Körpermaß fegt die Berge entlang und über die Seen
dahin und spiegelt sich samt seinem Riesenroß in den leblosen Gewässern,
daß sein unermeßlicher Schatten furchtbar über die Berge hinhuscht? Es
glänzt der Harnisch von herrlichem Schmiedeeisen; er trägt eine Pike auf
der Schulter, am Sattel rasselt der Säbel, das Visier ist
niedergelassen, schwarz hängt ihm der Schnurrbart herab, die Augen sind
geschlossen, und die Lider gesenkt. -- Er schläft und hält im Schlafe
die Zügel fest, hinter ihm auf demselben Roß sitzt der junge Page und
auch er schläft und klammert sich schlafend an den Ritter. Wer ist er,
wo reitet er hin und zu welchem Ziele? Wer weiß etwas von ihm? Nicht
einen Tag nur oder zwei reitet er schon über die Berge dahin. Der Tag
bricht an, die Sonne geht auf, aber _er_ ist nicht zu erblicken. Nur
selten sehen die Bergbewohner einen langen Schatten durch die Berge
huschen -- und doch ist der Himmel ganz klar, und keine Wolke zieht über
ihn hin. Aber kaum bricht die Nacht an und mit ihr die Finsternis, so
läßt er sich wieder sehen; dann spiegelt er sich in den Seen, und hinter
ihm kommt zitternd sein Schatten einher gesprungen. Schon ist er an
vielen Bergen vorbeigekommen und selbst auf den Kriwan ist er
hinaufgeritten. Und doch ist in den Karpathen kein Berg höher als
dieser, denn einem Könige gleich erhebt er sich über die andern. Da
machte Roß und Reiter Halt; tiefer noch sank er in Schlaf, und
herabsinkende Wolken bedeckten ihn.


                                 XIII.

»Pst ... still doch, Weib! Lärme nicht so! Mein Kind ist eingeschlafen.
Lang hat mein Kindchen geschrien, jetzt aber schläft es. Ich geh' in den
Wald, Weib! Was siehst du mich denn so an? Du bist fürchterlich: eiserne
Zangen strecken sich aus deinen Augen hervor -- -- oh, und wie lang sie
sind, und brennen wie Feuer! Du bist gewiß eine Hexe! Hör, wenn du eine
Hexe bist, so verschwinde! Du willst mir meinen Sohn stehlen! Wie
töricht ist doch dieser Jessaul: er glaubt, es machte mir Vergnügen, in
Kijew zu leben; doch nein, mein Mann und mein Sohn sind hier, wer soll
denn das Haus überwachen? Ich bin so leise davongeschlichen, daß weder
Katze noch Hund es hören konnten. Weib, du willst wieder jung werden? O,
das ist garnicht so schwer: man muß nur recht viel tanzen. Schau, wie
ich tanze .....« Und nachdem sie diese zusammenhanglosen Worte
gesprochen hatte, fing Katerina an zu tanzen, sie drehte sich wie ein
Wirbel herum -- blickte stier nach allen Seiten, stemmte die Arme in die
Hüften, und ihre silbernen Hufeisen klirrten regellos und ohne Takt.
Ihre schwarzen aufgelösten Flechten hingen ihr über den weißen Hals
hinüber, sie schwirrte wie ein Vogel dahin, weiter und immer weiter ohne
Halt, schwang die Arme im Kreise, schüttelte den Kopf, und es schien so,
als müßte sie gleich matt zu Boden sinken oder weit hinausfliegen aus
dieser Welt.

Traurig stand die alte Amme vor ihr, und die Tränen strömten ihr über
die tiefen Runzeln hinab, schwer wie ein Stein lastete es auf dem Herzen
der treuen Burschen, die zusehen mußten, wie ihre Herrin tanzte. Doch
schon fing sie an, müde zu werden, träg stampfte sie mit den Beinen auf
ein und derselben Stelle herum und glaubte doch, sie tanze den
Lachtaubentanz. »Ah, ich hab' auch ein Perlenhalsband, ihr Burschen!«
rief sie endlich aus und hielt inne. »Ihr aber habt keins! .... Wo ist
mein Mann?« schrie sie plötzlich auf und zog rasch einen Türkendolch aus
dem Gürtel. »Oh, das ist kein Messer, wie ich es brauche!« und dabei
flossen ihr die Tränen über ihr schmerzbewegtes Gesicht. »Das Herz
meines Vaters ist weit, weit von hier, und dieses Messer wird's nicht
erreichen. Sein Herz ist von Eisen, eine Hexe hat es ihm auf dem
höllischen Feuer geschmiedet. Warum erscheint mein Vater nur nicht? Weiß
er denn nicht, daß die Zeit gekommen ist, wo ich ihn töten muß? Er will
wohl gar, daß ich selbst zu ihm komme ....« Und ohne ihre Rede vollendet
zu haben, lachte sie seltsam auf. »Eine komische Mär kam mir in den
Sinn: Ich erinnerte mich, wie sie mir den Gemahl begruben. Sie haben ihn
lebendig begraben ... O, wie mußte ich lachen! ...... Hört, hört!« und
statt weiterzureden, begann sie ein Lied zu singen:

   Da fährt 'ne Karre im Blut .....
   'S liegt ein Kosak im Wagen
   Zerschossen und zerschlagen,
   Hält in der Rechten einen Spieß,
   Und von dem Spieß läuft soviel Blut
         Soviel Blut,
   Daß es 'nen Blutstrom wies.

   Überm Bach da steht ein Ahornschragen
   Und ein Rabe krächzt darüber her.
   Vom Kosaken will die Mutter klagen,
   Wein nicht, Mutter, gräm dich nicht zu sehr!

   Dein Sohn hat wohl genommen
   Ein Fräuleinchen gar fein,
   Drum soll er auch bekommen
   Ein Stübchen eng und klein,
   Ohne Fenster, ohne Tür,
   So geht's immer für und für.

   Ging ein Fisch mit 'nem Krebs zu Tanz ...
   Wer mich nicht leiden mag, den soll der Kuckuck ..

So wirrten sich bei ihr alle Lieder durcheinander. Schon einen oder zwei
Tage lang lebte sie in ihrem Hause und wollte nichts von Kijew hören;
sie betete nicht, sie floh vor den Menschen und vom frühen Morgen bis in
die späte Nacht hinein streifte sie im dunklen Eichwald umher. Spitzige
Äste ritzten ihr weißes Gesicht und ihre Schultern, der Wind zerzauste
ihr die aufgelösten Flechten, das Herbstlaub raschelte unter ihren Füßen
-- sie aber achtete es nicht. Zu der Stunde, da das Abendrot erlischt,
die Sterne noch nicht vom Himmel herab blinken und der Mond noch nicht
leuchtet, ist es voll Grauen, durch den Wald zu wandern. Die ungetauften
Kinder kratzen an den Baumstämmen, hangen an den Zweigen, heulen, lachen
gellend auf und wälzen sich wie ein Knäuel über die Wege und durch das
dichte Dornengestrüpp; den Fluten des Dnjepr entsteigt ein Reigen von
Jungfrauen, die selbst ihre Seele verderbten, die Haare rieseln ihnen
vom grünlichen Haupte auf die Schultern herab; das Wasser rinnt laut
glucksend vom langen Haare hinunter, und der Leib der Jungfrau schimmert
durchs Wasser hindurch wie durch ein gläsernes Hemd, seltsam lächeln die
Lippen, die Wangen glühen, die Blicke locken einem die Seele aus dem
Leibe .... sie möchte in Liebe entbrennen, sie sehnt sich nach heißen
Küssen .... Fliehe, der du ein Mensch bist und ein Christ, ihre Lippen
sind Eis, ihr Bett ist das kühle Wasser, sie wird dich zu Tode kitzeln
und dich mit in den Fluß schleifen. Katerina aber blickt niemanden an.
Sie, die Wahnsinnige, fürchtet die Waldgeister und Wasserjungfrauen
nicht; zu später Stunde läuft sie umher mit dem Dolche im Busen und
sucht nach dem Vater.

Ganz früh am Morgen kam ein stattlicher Gast in rotem Schupan angeritten
und fragte nach Pan Danilo; als er die traurige Kunde vernahm, wischte
er sich die weinenden Augen mit dem Ärmel und zuckte die Achseln. Er
habe manch einen Feldzug mit dem verstorbenen Burulbasch gemacht, und
sie hätten gemeinsam gegen die Krimschen Tataren und Türken gefochten;
wie hätt' er erwarten können, daß Pan Danilo so enden würde! Und noch
von manchem anderen wußte der Gast zu berichten, und dann wünschte er
Pani Katerina zu sehen.

Katerina achtete zuerst nicht darauf, was der Gast erzählte; schließlich
aber begann sie dennoch, seinen Reden zu lauschen, ganz als ob sie bei
Vernunft wäre. Er sprach davon, daß er und Danilo miteinander wie Brüder
gelebt, wie sie sich einst hinter einem Damm vor den Krimschen Tataren
versteckt hielten und mehr dergleichen ....... Katerina hörte dies alles
und wandte keinen Blick von ihm ab.

»Sie kommt wieder zu sich,« dachten die Burschen, die sie aufmerksam
beobachteten. »Der Gast wird sie heilen! Schon hört sie ihm zu wie ein
vernünftiges Wesen!«

Unterdessen aber begann der Gast zu berichten, wie Pan Danilo ihm in
vertraulicher Stunde gesagt hatte: »Sieh, Bruder Koprian: ist es einmal
Gottes Wille, und ich bin nicht mehr unter den Lebenden, dann nimm mein
Weib zu dir, und sie soll deine Gattin sein ....«

Da heftete Katerina die Augen mit einem fürchterlichen Ausdruck auf ihn.
»Ah!« rief sie, »er ist es, er ist es. Es ist mein Vater!« und sie
stürzte sich mit einem Messer auf ihn.

Lange rang jener mit ihr und wollte ihr das Messer entwinden; endlich
riß er ihr's aus den Händen, holte aus -- und die schaurige Tat geschah:
der Vater erstach seine wahnsinnige Tochter.

Entsetzt stürzten sich die Kosaken auf ihn, aber der Zauberer schwang
sich aufs Pferd und war aller Blicken entschwunden.


                                  XIV.

Vor Kijew begab sich ein unerhörtes Wunder. Alle hohen Herren und
Hetmans kamen zusammen, dies Wunder anzustaunen, und plötzlich war es
weithin zu sehen bis an alle Enden der Welt. Weit in der Ferne blaute
die breite Mündung des Stroms, und hinter ihr rollte das Schwarze Meer.
Weltkundige Leute wollten auch die Krim erkennen, die wie ein Berg aus
dem Meere emporstieg, und auch den sumpfigen Siwasch erkannten sie. Zur
Linken aber sah man das galizische Land.

»Und was ist _das_?« fragte das versammelte Volk die großen Männer, und
alle wiesen auf die fern am Himmel leuchtenden mächtigen weißen Spitzen,
die grauen Wolken glichen.

»Das sind die Karpathen!« sprachen die alten Männer. »Da gibt's auch
solche darunter, von denen der Schnee nie verschwindet; dort landen und
übernachten die Wolken.«

Und nun geschah ein neues Wunder: die Wolken senkten sich vom höchsten
Berggipfel herab, und auf seiner Spitze erschien ein Recke zu Roß und in
voller Ritterrüstung; seine Augen waren geschlossen, und er war zu
schauen, als ob er ganz in der Nähe vor allen dastände.

Da sprang einer von der schreckvoll staunenden Menge aufs Pferd und
jagte eilig und so schnell er konnte, fort.

Er blickte wild um sich, als wollte er mit seinen Augen prüfen, ob nicht
jemand ihm nachsetzte. Es war der Zauberer! Doch was hatte ihn so in
Schrecken gesetzt? Als er den wunderbaren Ritter betrachtete, hatte er
plötzlich dasselbe Gesicht erkannt, das ihm damals bei seinen schwarzen
Künsten so ungerufen erschienen war. Er konnte es selbst nicht
begreifen, warum bei diesem Anblick alles in ihm zusammenschrak, und er
raste, scheu um sich blickend, auf seinem Rosse dahin, bis ihn der Abend
überraschte und die Sterne am Himmel erschienen. Da erst machte er kehrt
und floh heimwärts, vielleicht um die unreinen Mächte zu befragen, was
dies Wunder wohl zu bedeuten hatte. Schon wollte er mit dem Roß über den
schmalen Bach setzen, der wie ein Ärmel sich mitten über den Weg
dahinzog, als sein Roß mit einem Male gerad vor dem Sprunge anhielt, das
Maul zu ihm wandte, und -- o Wunder! -- zu lachen begann. Zwei Reihen
weißer Zähne grinsten ihm aus der Dunkelheit entgegen. Das Haar sträubte
sich auf dem Haupte des Zauberers, er schrie wild auf, kreischte laut
wie ein Besessener und spornte sein Pferd stracks auf Kijew zu. Es war
ihm, als ob jemand von überall her nach ihm haschte: die Bäume schienen
zu einem dichten Wald zusammenzulaufen und ihn einzuschließen, sie
schüttelten ihre schwarzen Bärte und reckten ihre langen Zweige heraus,
als ob sie lebendig wären und ihn erdrosseln wollten. Die Sterne
schienen ihm vorauszueilen und vor der ganzen Welt auf den Sünder zu
weisen; selbst die Landstraße, schien ihm, jagte auf seinen Spuren
hinter ihm her.

Und der Zauberer floh voller Verzweiflung nach den heiligen
Wallfahrtsorten der Stadt Kijew.


                                  XV.

Ein Anachoret saß einsam in seiner Höhle vor einer Leuchte und wandte
seine Blicke nicht von dem heiligen Buche ab, das vor ihm lag. Seit
vielen Jahren schon hatte er sich in der Höhle eingeschlossen und schon
hatte er sich den hölzernen Sarg gezimmert, in dem er zu ruhen pflegte,
wie in einem Bett. Der heilige Greis schloß eben das Buch und begann zu
beten .... Da stürzte plötzlich ein Mann von seltsamem und schrecklichem
Äußeren herein. Zum ersten Male erstaunte der heilige Einsiedler und
trat einen Schritt zurück vor diesem Menschen. Der aber bebte am ganzen
Leibe wie Espenlaub, seine Augen irrten wild umher; ein schreckliches
Feuer glomm furchtsam in ihnen, und sein verzerrtes Gesicht machte die
Seele erschauern.

»Bete, Vater! So bete doch!« schrie er verzweifelt. »Bete für eine
verlorene Seele!« Und er stürzte zu Boden.

Der heilige Anachoret machte das Zeichen des Kreuzes, holte das Buch
hervor, schlug es auf, aber er wich entsetzt zurück und ließ das Buch
wieder herabsinken. »Nein, du unerhörter Sünder! Es gibt keine Gnade für
dich! Flieh von hinnen! Nie vermag ich für dich zu beten!«

»Nie!« schrie der Sünder wie toll.

»Blick hin: die heiligen Lettern dieses Buches sind blutüberströmt ....
noch niemals hat die Welt einen solchen Sünder gesehen.«

»Vater! Du spottest über mich!«

»Geh, du gottverdammter Sünder! Ich spotte nicht. Angst ergreift mich.
Nichts Gutes bedeutet es für einen Menschen, in deiner Nähe zu weilen.«

»Nein, nein! Du spottest, rede nicht .... Ich sehe, wie dein Mund sich
öffnet und mich die weißen Reihen deiner alten Zähne spöttisch
anblicken!«

Und er sprang rasend vor -- und erschlug den heiligen Einsiedler.

Da stöhnte etwas schwer auf, und das Stöhnen hallte durch Feld und Wald
weiter. Hinter dem Walde streckten sich ein Paar dürre hagere Hände mit
langen Krallen hervor, fingen an zu beben und verschwanden wieder.

Und schon war keine Angst mehr da, und er fühlte nichts mehr. Alles
erschien ihm verschwommen: in seinen Ohren sauste es, es rauschte ihm im
Kopfe wie wenn er trunken wäre. Er sprang aufs Roß und ritt gen Kanew,
von dort gedachte er seinen Weg über Tscherkany geradeaus zu den Tataren
und nach der Krim zu lenken, doch wußte er selbst nicht, zu welchem
Zweck er es tat. Er ritt einen Tag lang und ritt einen zweiten, aber
Kanew wollte sich immer noch nicht sehen lassen. Es war der richtige
Weg, und er hätte schon längst in Kanew sein müssen, aber die Stadt
wurde und wurde nicht sichtbar. Da leuchteten plötzlich in der Ferne die
Kuppeln von Kirchen auf, aber es war nicht Kanew, sondern Schumsk. Der
Zauberer war aufs höchste betroffen, als er sah, daß er eine falsche
Richtung eingeschlagen hatte; er jagte sein Roß zurück auf Kijew zu, und
einen Tag später tauchte eine Stadt vor ihm auf, aber es war wieder
nicht Kijew, sondern Halitsch, eine Stadt, die noch weiter von Kijew
entfernt ist als selbst Schumsk und schon nahe bei Ungarn liegt. Ohne zu
wissen, was er tun sollte, riß er sein Pferd wieder herum. Aber wiederum
fühlte er, daß er in der entgegengesetzten Richtung dahinritt, und immer
weiter und weiter. Kein Mensch in der Welt hätte sagen können, was in
der Seele des Zauberers vorging; und hätte jemand hinein geblickt und
gesehen, was dort geschah, so hätte er keine Nacht mehr ruhig
geschlafen, und nie hätt' er mehr gelacht. Das war nicht Wut, nicht
Furcht noch wilder Groll. Es gibt kein Wort dafür in der Welt. Es glühte
und siedete in ihm, die ganze Welt hätte er mit seinem Rosse
zerstampfen, die ganze Erde von Kijew bis Halitsch mitsamt all den
Menschen und allem, was drauf lebte, packen, und sie im Schwarzen Meere
ertränken mögen. Doch war es nicht Grimm, warum er dies tun wollte, er
wußte selbst nicht warum. Und er erbebte, als ganz nahe vor ihm die
Karpathen und der hohe Kriwan erschienen, der sich eine schwarze Wolke
wie eine Mütze auf seinen Schädel gestülpt hatte; aber das Roß jagte
immer weiter dahin und trabte schließlich bis ins Gebirge. Plötzlich
verschwanden die Wolken und vor ihm erschien in furchtbarer Erhabenheit
der Reiter ..... Der Zauberer mühte sich, Halt zu machen und zog die
Zügel straff, aber das Roß wieherte wild, warf den Kopf empor und raste
dem Ritter entgegen. Da ward dem Zauberer zumute, als ob alles in ihm
erstarrte und ihm schien, der regungslose Ritter rührte sich vom Fleck;
er machte auf einmal die Augen weit auf, sah den ihm entgegeneilenden
Zauberer an und lacht laut auf. Wie ein Donner rollte das wilde
Gelächter durchs Gebirge, hallte dröhnend im Herzen des Zauberers wieder
und erschütterte sein ganzes Innere. Es schien ihm, als ob ein
furchtbares, gewaltiges Wesen in ihn hineingekrochen wäre und in seinem
Inneren umherwandere, auf sein Herz und alle seine Sehnen loshämmerte,
so gewaltig hallte das Gelächter in ihm wieder!

Der Reiter packte den Zauberer mit seiner schrecklichen Hand und hob ihn
hoch in die Lüfte, und im Nu war der Zauberer tot, doch er öffnete nach
dem Tode noch die Augen; aber schon war er ein Leichnam und sah wie ein
Toter vor sich hin. So fürchterlich blickt kein Lebender und auch kein
Auferstandener. Er rollte die blinden Augen nach allen Seiten, und er
sah, wie sich die Toten in Kijew, Galizien und in den Karpaten erhoben,
und sie alle glichen ihm von Angesicht, wie zwei Tropfen Wasser einander
gleichen.

Bleich, totenbleich, der eine den anderen an Größe überragend, und der
eine knochiger als der andere, so drängten sie sich um den Ritter, der
seine furchtbare Beute in der Hand hielt. Noch einmal lachte der Ritter
auf und dann schleuderte er sie in den Abgrund. Und alle Toten sprangen
in den Abgrund herab, fingen den toten Zauberer auf und bohrten ihre
Zähne in ihn hinein. Aber da war noch einer, der größer und furchtbarer
war als alle; der wollte sich auch aus der Erde erheben, doch er
vermochte es nicht, er hatte nicht mehr die Kraft, es zu tun. -- So
riesengroß war er geworden in seiner Erdengrube; hätte er sich erhoben,
so hätte er die Karpathen umgestürzt und das Siebengebirge und das
Türkenreich dazu. Ein wenig nur rührte er sich im Grabe -- und es ging
ein Beben über die ganze Erde, viele Häuser wurden allerorten
umgeworfen, und viele Menschen erstickten.

Oft hört man in den Karpathen ein Schnauben, wie wenn das Wasser über
tausend Mühlräder dahinrauscht: das sind die Toten, die in einem
Abgrund, dem man nicht entrinnen kann und den noch nie ein Mensch
gesehen hat, an einem Leichnam nagen, und jeden graut es, vorbeizugehen.
Gar oft geschieht es, daß die Erde von einem Ende bis zum andern erbebt:
das kommt, wie die Schriftgelehrten sagen, daher, daß irgendwo, in der
Nähe des Meeres ein Berg steht; aus dem schlagen Flammen und fließen
brennende Ströme hervor. Aber die greisen Männer im Ungarlande und auch
in Galizien wissen es besser und erzählen von dem ungeheueren Toten, der
in die Erde hineinwuchs, sich erheben will und so das Weltall
erschüttert.


                                  XVI.

In der Stadt Gluchow hatte sich das Volk um einen greisen Harfenspieler
geschart und lauschte wohl schon eine Stunde lang dem Spiele des
Blinden. Kein Harfenspieler hatte je so wundersame Lieder, so herrlich
hatte noch nie ein Harfenspieler gesungen. Er sang von den Hetmans der
alten Zeiten: von dem Sagajdatschny und von Chmelnitzki. Ja, das war
eine andere Zeit: weit berühmt und geehrt waren damals die Kosaken; sie
zertraten ihre Feinde mit den Hufen ihrer Rosse, und niemand wagte es,
ihrer zu spotten. Aber der Greis sang auch lustige Lieder und er ließ
seine Augen im Kreise umherwandern wie ein Sehender, und die Finger mit
den Knochenstäbchen flogen wie Fliegen über die Saiten, sodaß die Saiten
von selbst zu spielen schienen; und ringsherum stand das Volk, -- die
Greise gesenkten Hauptes, und die Jungen, die Augen zum Sänger erhoben,
und wagten es nicht einmal, untereinander zu flüstern.

»Wartet einmal!« sprach der Alte. »Ich will euch singen von einer
längstvergangnen Begebenheit.«

Die Leute drängten sich noch enger zusammen, und der Blinde begann:

Zur Zeit Pan Stephans, des Fürsten von Siebenbürgen (der Fürst von
Siebenbürgen war auch König der Polen), da lebten einmal zwei Kosaken:
Iwan und Petro. Sie lebten wie zwei Brüder. »Hör, Iwan,« sagte Petro
einst, »alles, was wir erbeuten, -- sei zu gleichen Teilen unter uns
geteilt; des einen Freude sei des andern Freude und des einen Kummer sei
des andern Schmerz; des einen Beute soll auch dem anderen zukommen, und
wenn der eine in Gefangenschaft gerät, soll der andere alles verkaufen
und Lösegeld zahlen, oder selbst in Gefangenschaft gehen.« Und so
geschah's auch, alles, was die Kosaken erbeuteten, teilten sie
untereinander: ob sie nun fremdes Vieh wegtrieben oder Pferde -- sie
teilten alles zu gleichen Teilen unter sich.

                   *       *       *       *       *

Einst führte König Stephan Krieg mit dem Türkenvolk. Drei Wochen schon
focht er gegen den Türken und konnte ihn immer noch nicht vertreiben.
Die Türken aber hatten einen Pascha, der ganz allein mit zehn
Janitscharen ein ganzes Heer in die Flucht schlagen konnte. Da tat König
Stephan kund, wenn sich ein Wagehals fände, der ihm den Pascha lebend
oder tot brächte, so wolle er ihm allein einen so hohen Lohn bezahlen,
wie den, den er seinem ganzen Heere zukommen ließ. Da sprach Iwan zu
Petro: »Komm, Herzensbruder, wir wollen den Pascha fangen!« Und die
Kosaken ritten davon: der eine hierhin, der andere dorthin.

                   *       *       *       *       *

Ob ihn Petro nun gefangen hätte oder nicht, das läßt sich nicht sagen,
doch schon führt Iwan den Pascha an einem Strick um den Hals vor den
König. »Tapfrer Kosak,« sprach König Stephan und ließ ihm allein soviel
Lohn ausbezahlen, als sonst sein ganzes Heer erhielt; und er hieß ihm
Land zuzuteilen, wo er welches haben wollte, und Vieh schenken, soviel
er nur wünschte. Wie Iwan nun den Lohn vom König erhalten hatte, teilte
er ihn noch am selbigen Tage zu gleichen Teilen unter sich und Petro.
Petro bekam die Hälfte vom Lohne des Königs, aber der konnte es nicht
verwinden, daß Iwan vom Könige solche Ehren zuteil geworden waren, und
in den Tiefen seiner Seele regten sich Rachegedanken.

                   *       *       *       *       *

Einst ritten die beiden Ritter jenseits der Karpathen durch das Land,
das der König ihnen geschenkt hatte, und der Kosak Iwan hatte auch
seinen Sohn neben sich auf dem Roß sitzen und ihn fest an sich gebunden.
Schon senkte sich die Dämmerung aufs Land herab -- sie aber ritten immer
weiter und weiter. Der Knabe schlief, und auch Iwan fing an
einzuschlummern. »Schlaf nicht, Kosak, denn gefahrvoll sind die Pfade in
den Bergen!« .... Doch der Kosak hatte ein Pferd, das alle Wege kannte,
und nie stolperte oder strauchelte es. Ein Abgrund lag tief zwischen den
Bergen versenkt, und noch niemand hatte den Grund des Schlundes gesehen,
denn so hoch es von der Erde bis zum Himmel ist, so tief ist es bis zum
Grunde jener Schlucht. Über den Abgrund führte ein Steg -- über dem noch
gerade zwei Menschen hinweg reiten konnten, nicht aber drei. Behutsam
schritt das Roß mit dem schlummernden Kosaken über den Steg. An seiner
Seite aber ritt Petro, er bebte am ganzen Leibe und hielt vor Freude den
Atem an, und nun blickte er um sich, stieß seinen selbst erkorenen
Bruder in den Abgrund hinab, und das Roß stürzte mitsamt dem Kosaken und
dem Kinde in die Tiefe.

                   *       *       *       *       *

Doch der Kosak vermochte noch einen Ast zu erfassen, und das Pferd
stürzte allein hinab. So begann er denn, mit seinem Sohne auf dem
Rücken, in die Höhe zu klimmen; und er war schon beinahe ganz oben, da
erhob er die Augen und sah, wie Petro mit seiner Pike nach ihm zielte,
um ihn wieder hinabzustoßen. »O, du gerechter Gott! Hätte ich doch
lieber nicht die Augen erhoben; warum muß ich jetzt sehn, wie mein
erkorener Bruder mit der Pike nach mir zielt, um mich wieder
hinabzustoßen. O, lieber Bruder! Stich zu mit der Pike, wenn's mir denn
schon so beschieden ist, nur nimm meinen Sohn zu dir: was hat das
unschuldige Kind denn getan, daß es solch grimmen Tod erleiden soll?« Da
lachte Petro, stieß mit der Pike nach ihm, und der Kosak flog samt dem
Knaben in den Abgrund hinab. Und Petro nahm all sein Hab und Gut an
sich, und lebte dahin wie ein Pascha. Niemand hatte solche Viehherden
wie Petro, und nirgends gab's so viel Schafe und Hammel, wie er besaß.
Doch eines Tages starb Petro.

                   *       *       *       *       *

Als Petro tot war, rief Gott die Seele der beiden Brüder, Petro und
Iwan, vor Gericht. »Dieser Mensch ist ein großer Sünder!« sprach Gott.
»Iwan! Ich weiß keine Strafe, die groß genug für ihn wäre; wähle du
sie!« Lang grübelte Iwan nach, um eine Strafe zu ersinnen, und endlich
sprach er: »Dieser Mensch hat mir einen großen Schmerz zugefügt: er hat
seinen Bruder verraten wie ein Judas, und er hat mich meines edlen
Geschlechts beraubt und meiner Nachkommenschaft auf Erden, und ein
Mensch ohne ehrlich Geschlecht und ohne Nachkommen ist wie ein
Getreidekorn, das man auf die Erde wirft, und das in der Erde umkommt.
Da gibt's keine Saat, und niemand erfährt je, daß ein Same ausgesät
ward.«

                   *       *       *       *       *

»So tu denn also, o Gott, daß sein ganzes Geschlecht auf Erden kein
Glück habe und daß der letzte seines Geschlechts solch ein Bösewicht
werde, wie es noch nie einen in der Welt gab: seine Ahnen und Urahnen
mögen durch jede seiner Freveltaten aus der Ruhe ihrer Gräber aufgestört
werden, und in Qualen, wie die Welt sie nicht kennt, ihren Gräbern
entsteigen! Der Judas Petro aber soll nicht die Kraft haben, sich zu
erheben, auf daß noch viel größere Martern ihn peinigen; wütend soll er
Erde fressen und sich wie ein Rasender unter der Erde winden!«

                   *       *       *       *       *

»Und wenn das Maß der Freveltaten jenes Menschen voll ist, Gott, so
erhebe mich mitsamt meinem Roß aus jenem Schlunde bis auf den höchsten
Berg, dann soll jener zu mir kommen, und ich will ihn von dem Berge in
den tiefen Abgrund stürzen, und alle Toten, seine Ahnen und Urahnen, sie
sollen herbeieilen von allen Enden der Welt, wo sie auch bei Lebzeiten
geweilet haben mögen, und an ihm nagen zum Dank für die Qualen, die er
ihnen zugefügt; ewiglich sollen sie an ihm nagen, ich aber werde mich
freuen beim Anblick seiner Qualen. Der Judas Petro aber soll sich nicht
aus der Erde erheben können, er soll _auch_ den Wunsch haben, an dem
andren zu nagen, aber er mag an sich selbst nagen, und seine Knochen
sollen immer größer werden und höher empor wachsen, auf daß darob seine
Qual noch stärker werde. Diese Qual ist die fürchterlichste von allen;
denn es gibt keine größere Folter für den Menschen, als sich rächen zu
wollen und nicht rächen zu können.«

                   *       *       *       *       *

»Furchtbar fürwahr ist die Strafe, die du ersonnen, o Mensch!« sprach da
Gott. »Und alles möge so geschehen, wie du es gesprochen; aber auch du
sitze nun ewiglich dort zu Pferde, und das Himmelreich sei dir nicht
beschieden, solange du noch dort auf deinem Rosse sitzen mußt!« Und
alles geschah, wie es gesagt ward: auch heute noch steht der wunderbare
Ritter auf dem Karpathenberge und sieht im bodenlosen Schlunde die Toten
an einem Leichnam nagen, und er fühlt, wie der Leichnam unter der Erde
wächst, wie er in furchtbarer Pein an den eigenen Knochen nagt und
schrecklich die Erde erschüttert ........

Der Blinde hatte sein Lied beendet, schon fing er von neuem an, die
Saiten zu zupfen und schon begann er wieder ergötzliche Märlein von
Choma und Jerjoma, und von Stkljar Stokosa zu singen ... aber Alt und
Jung konnten noch immer nicht zu sich kommen, und lange noch standen sie
mit gesenktem Haupte da, in tiefes Sinnen versunken über die
schreckliche Tat aus vergangenen Zeiten.



                      Iwan Fjodorowitsch Schponjka
                            und seine Tante


Mit dieser Geschichte ist selbst eine Geschichte passiert: erzählt hat
sie uns Stepan Iwanowitsch Kurotschka aus Gadjatsch. Nun muß ich euch
vermelden, daß mein Gedächtnis ganz unmöglich schlecht ist: ob mir einer
was sagt oder nicht, das kommt ganz auf dasselbe hinaus, es ist genau
so, als wenn man Wasser in ein Sieb gießt. Weil ich aber meinen Fehler
kenne, so habe ich ihn gebeten, die Geschichte in ein Heftchen
einzutragen. Gott schenke ihm ein langes Leben, er hat sich mir
gegenüber immer als guter Mensch erwiesen, und so hat er die Geschichte
denn auch wirklich aufgeschrieben. Nun gut. Ich legte also das Heftchen
in das kleine Tischchen: -- Ich glaube, ihr kennt es alle, es steht
gleich in der Ecke, wenn man zur Tür hereinkommt ..... Ja, da hab' ich
richtig vergessen, daß ihr noch niemals bei mir wart! Meine Alte, mit
der ich schon an die dreißig Jahre zusammen lebe, hat, -- was soll ich
ein Hehl daraus machen, -- ihr Lebtag nichts vom Lesen verstanden.
Einmal bemerkte ich nun, wie sie Küchel auf Papier bäckt. Diese
Küchelchen kann sie nämlich ganz wunderbar backen, lieber Leser; bessere
Küchel bekommt ihr sicherlich nirgends zu essen. Wie ich mir nun so den
Boden eines Küchelchens anschaue, da finde ich plötzlich geschriebene
Worte! Ich laufe zum Tischchen, als ob mein Herz es geahnt hätte: -- vom
Hefte ist kaum mehr als die Hälfte übrig! Sie hatte sich alle übrigen
Blätter für ihre Kuchen weggeschleppt! Was sollte man da machen? Man
kann sich doch nicht auf seine alten Tage noch raufen! Nun reiste ich
aber im vorigen Jahre so einmal durch Gadjatsch hindurch: noch, bevor
ich in die Stadt kam, hatte ich mir absichtlich einen Knoten ins
Taschentuch gemacht, um nicht zu vergessen, daß ich Stepan Iwanowitsch
meine Bitte vortragen wollte. Mehr noch, ich nahm mir selbst das
Versprechen ab: mich, sobald ich in der Stadt niesen würde, daran zu
erinnern. Aber es war alles vergebens. Ich kam durch die Stadt, nieste
auch, schneuzte mich in mein Taschentuch und vergaß es dennoch; erst als
ich schon sechs Werst hinterm Tor war, da fiel es mir wieder ein. Na, da
war nichts mehr zu machen, und so mußte die Geschichte denn notgedrungen
ohne Schluß abgedruckt werden. Übrigens, wenn jemand unbedingt wissen
will, wie diese Geschichte weitergeht, braucht er nur nach Gadjatsch zu
fahren und bei Stepan Iwanowitsch vorzusprechen. Der wird sie ihm mit
dem größten Vergnügen von Anfang bis zu Ende erzählen. Stepan
Iwanowitsch wohnt nicht weit von der steinernen Kirche. Da ist gleich so
ein kleines Gäßchen: sobald ihr in dies Gäßchen einbiegt, ist's der
zweite oder dritte Torweg. Oder noch besser: wenn ihr im Hofe eine lange
Stange mit einer Wachtel erblickt und euch ein dickes Weibsbild in einem
grünen Rocke entgegenkommt (nebenbei bemerkt, er führt ein
Junggesellenleben), so ist das sein Hof. Ihr könnt ihm übrigens auch auf
dem Markt begegnen, wo er jeden Morgen bis gegen neun Uhr Fische oder
Gemüse für seinen Tisch einkauft und sich mit Vater Antip oder mit dem
jüdischen Händler unterhält. Ihr werdet ihn sofort erkennen, denn
niemand außer ihm trägt Hosen aus bedruckter Leinewand oder einen gelben
Nankingrock. Oder, da habt ihr noch ein gutes Merkzeichen: wenn er geht,
so schlägt er mit den Armen um sich. Der Assessor am Ort, Denis
Petrowitsch, pflegte immer zu sagen, wenn er ihn von ferne herankommen
sah: »Seht, seht doch, da kommt die Windmühle!«


                                   I.
                      Iwan Fjodorowitsch Schponjka

Es ist schon vier Jahre her, daß Iwan Fjodorowitsch Schponjka Abschied
vom Militär genommen hatte und auf seinem Gutshof Wytrebenjki hauste.
Als er noch der kleine Iwan hieß, besuchte er die Kreisschule zu
Gadjatsch, und das muß man sagen, er war ein höchst sittsamer und
fleißiger Junge. Sein Lehrer in der russischen Grammatik, Nikifor
Timofejewitsch Dejepritschastje, behauptete immer, wenn alle so fleißig
gewesen wären wie Schponjka, dann hätte er das Ahornlineal nicht in die
Klasse mitzunehmen brauchen, denn er war, wie er selbst eingestand, es
schon müde, den Faulen und Mutwilligen immer auf die Finger zu klopfen.
Iwans Heftchen war stets sauber; es war rings herum mit einem Rande
versehen, und nirgends war ein Fleckchen zu entdecken. Er saß stets
still mit gefalteten Händen und die Augen auf den Lehrer gerichtet, da;
nie heftete er einem vor ihm sitzenden Kameraden einen Zettel auf den
Rücken, schnitzte nie Buchstaben oder Zeichen in die Bank und spielte
auch nie »Drängeln,« bevor der Lehrer in die Klasse trat. Wenn jemand
ein Messer brauchte, um sich eine Feder zu schneiden, so wandte er sich
sofort an Iwan Fjodorowitsch, da jeder wußte, daß er stets ein
Messerchen bei sich hatte; und Iwan Fjodorowitsch, der damals noch
einfach »Wanjuscha« genannt wurde, holte das Messer aus dem kleinen
Ledertäschchen, das am Knopfloch seines grauen Rockes hing, und bat nur
darum, man möchte die Feder nicht mit der scharfen Seite des Messers
schaben, denn er behauptete, daß die stumpfe Seite dazu da sei.

Diese Sittsamkeit lenkte bald sogar die Aufmerksamkeit des lateinischen
Lehrers auf ihn, der schon im Korridor durch sein Husten, und noch bevor
sein Friesmantel und sein blatternarbiges Gesicht in der Tür erschien,
die ganze Klasse in Angst und Schrecken jagte. Dieser fürchterliche
Lehrer, auf dessen Katheder stets zwei Rutenbündel prangten, und bei dem
die Hälfte aller Schüler auf den Knien stehen mußten, machte Iwan
Fjodorowitsch zum Auditor der anderen, obwohl es in der Klasse viele
Schüler gab, die bedeutend begabter waren als er. Hier darf ein Fall
nicht übergangen werden, der einen gewissen Einfluß auf Iwans Leben
gewann. Einer der ihm anvertrauten Schüler, der den Auditor bewegen
wollte, ihm ein »_Scit_« ins Klassenbuch zu schreiben, obgleich er keine
blasse Ahnung von seiner Lektion hatte, brachte einen in Papier
eingewickelten und mit Butter übergossenen Eierkuchen in die Klasse mit.
Trotzdem Iwan Fjodorowitsch sonst stets gerecht war, war er doch gerade
in diesem Augenblick sehr hungrig und daher konnte er der Versuchung
nicht widerstehen. Er nahm den Eierkuchen, pflanzte ein Buch vor sich
auf und begann ihn zu verzehren. Er war so damit beschäftigt, daß er
nicht einmal merkte, wie es plötzlich in der Klasse totenstill wurde. So
kam er erst wieder zu sich, als sich eine schreckliche Hand aus dem
Friesmantel hervorstreckte, ihn beim Ohr packte und mitten in die Klasse
zerrte. »Gib den Eierkuchen heraus, gib ihn heraus! sagt man dir, du
Taugenichts!« rief der schreckliche Lehrer, ergriff den fettigen
Eierkuchen mit den Fingern und warf ihn durchs Fenster, wobei er es
übrigens nicht vergaß, den im Hofe herumlaufenden Schuljungen aufs
strengste zu verbieten, ihn aufzuheben. Darauf schlug er Iwan
Fjodorowitsch gleich an Ort und Stelle kräftig auf die Finger, und das
mit Recht: denn die Finger waren ja gerade die Schuldigen, _sie_ hatten
sich ja den Eierkuchen genommen und kein anderer Körperteil. Wie dem
auch sei, genug, seitdem wurde Iwans Schüchternheit, die aufs engste mit
seiner Person verwachsen war, nur noch größer. Vielleicht war eben
dieses Geschehnis der Grund davon, daß er später nie Lust hatte, in den
Zivildienst einzutreten; hatte er doch aus eigener Erfahrung erkannt,
daß es uns nicht immer gelingt, unsere Sünden zu verbergen.

Er war nicht weniger als fünfzehn Jahre alt, als er in die zweite Klasse
versetzt wurde, wo er vom kleinen Katechismus und den vier Spezies in
der Arithmetik, zum großen Katechismus, zum Buch von den Pflichten des
Menschen und zu den Brüchen überging. Aber da er merkte, daß, je größer
der Wald, um so dichter die Baumstämme beieinander ständen, und als er
die Nachricht erhielt, daß sein Vater das Zeitliche gesegnet habe, blieb
er nur noch zwei Jahre dort und trat dann mit Einwilligung seiner Mutter
in das P--er Infanterieregiment.

Das P--er Infanterieregiment war nun keineswegs von der Sorte, zu der
die meisten Infanterieregimenter gehören; und obwohl es gewöhnlich nur
in Dörfern lag, lebte es doch auf großem Fuße, so daß es manchem
Kavallerieregiment nichts nachgab. Der größte Teil der Offiziere trank
den stärksten Schnaps, den man nur durch Gefrierenlassen gewinnt, und
verstand es nicht schlechter als die Husaren, die Juden bei den
Schläfenlöckchen zu packen und nach sich zu ziehen; einige von den
Offizieren konnten sogar Mazurka tanzen, und der Oberst des P--schen
Regiments ließ sich in Gesellschaft nie die Gelegenheit entgehen, dies
besonders zu betonen. »Bei mir,« sagte er gewöhnlich und tätschelte sich
bei jedem Wort seinen Bauch, »bei mir im Regiment tanzen viele Mazurka,
jawohl viele, sogar sehr viele!« Um dem Leser den Grad der Bildung, der
im P--er Infanterieregiment herrschte, noch deutlicher vor Augen zu
führen, wollen wir noch hinzufügen, daß zwei seiner Offiziere ganz
schreckliche Spielratten waren und Uniform, Mütze, Mantel samt ihrer
Troddel und ihrer Unterkleidung im Bankspiel verloren, und das kommt ja
selbst bei den Kavalleristen nicht immer vor.

Der Umgang mit solchen Kameraden hatte jedoch nicht im geringsten dazu
beigetragen, die Schüchternheit von Iwan Fjodorowitsch zu vermindern,
und da er nur einfachen Schnaps trank, und zwar _ein_ Gläschen vor dem
_Mittag_- und _ein_ Gläschen _vor_ dem _Abend_essen -- weder Mazurka
tanzte noch Karten spielte, so blieb er natürlich immer allein. Auf
diese Art pflegte er, während die anderen auf Gutspferden zu den
kleineren Grundbesitzern zu Besuch fuhren, in seiner Wohnung zu sitzen
und sich Beschäftigungen zu widmen, die nur zu einer sanften und gütigen
Seele passen: bald putzte er seine Knöpfe, bald las er im Wahrsagebuch,
bald stellte er in allen Winkeln seines Zimmers Mausefallen auf, und
bald warf er endlich die Uniform ab und lag dann lang ausgestreckt auf
dem Bette.

Dafür aber gab es niemand im Regiment, der zuverlässiger gewesen wäre,
als Iwan Fjodorowitsch, und er befehligte seine Korporaltruppen so gut,
daß der Kompagniechef ihn den andern immer zum Vorbild aufstellte. Dafür
wurde er auch, kaum elf Jahre, nachdem er die Fähnrichscharge erhalten
hatte, zum Sekondeleutnant ernannt.

Während dieser Zeit erhielt er die Nachricht, seine Mutter sei gestorben
und seine Tante, die leibliche Schwester seiner Mutter, eine Tante, die
er nur _daher_ kannte, weil sie ihm in seiner Kindheit einmal
getrocknete Rosinen und äußerst schmackhafte, selbst gebackene Bretzeln
mitgebracht hatte und die ihm später dergleichen schöne Dinge sogar nach
Gadjatsch schickte (sie war mit seiner Mutter verfeindet, und daher
bekam sie Iwan Fjodorowitsch später nicht mehr zu sehen), -- diese Tante
habe aus reiner Gutherzigkeit die Verwaltung seines kleinen Gutes
übernommen, wovon sie ihm rechtzeitig in einem Briefe Mitteilung machte.

Iwan Fjodorowitsch, der von dem verständigen Sinn seiner Tante
vollkommen überzeugt war, verrichtete indes seinen Dienst weiter wie
früher. Manch einer an seiner Stelle wäre, wenn er solch einen Rang
erklommen hätte, stolz geworden; aber jeglicher Stolz war ihm völlig
fremd, und auch als Sekondeleutnant blieb er ganz derselbe Iwan
Fjodorowitsch, der er auch als Fähnrich gewesen war. Er brachte nach
diesem für ihn so denkwürdigen Ereignis noch weitere vier Jahre so zu,
und war gerade im Begriff, mit seinem Regiment aus dem Gouvernement
Mohilew nach Großrußland zu ziehen, als er einen Brief folgenden Inhalts
erhielt:

                  »Mein lieber Neffe Iwan Fjodorowitsch!

   Ich schicke Dir Wäsche: fünf Paar Zwirnsocken und vier feine
   Leinenhemden; auch möchte ich geschäftlich mit Dir reden: da Du ja
   schon einen nicht geringen Rang erklommen, und, wie ich glaube, ein
   Alter erreicht hast, wo man weiß, daß es an der Zeit ist, sich mit
   der Landwirtschaft zu beschäftigen, so solltest Du nicht länger noch
   beim Militär bleiben. Ich bin schon alt und kann auf Deinem
   Besitztum nicht alles selbst besorgen; auch muß ich Dir vieles
   persönlich mitteilen. Komm, mein Lieber. Indem ich sehnsüchtig auf
   das Vergnügen warte, Dich wiederzusehen, verbleibe ich Deine Dich
   innig liebende Tante

                                              Wassilissa Zuptschewska.

   _P. S._ Bei uns im Garten gibt's jetzt herrliche Rüben: sie gleichen
   schon mehr Kartoffeln als Rüben.«

Acht Tage nach Empfang des Briefes erhielt Iwan Fjodorowitschs Tante
folgende Antwort:

                  »Liebe Tante Wassilissa Kaschparowna!«

   »Vielen Dank für die Wäschesendung. Besonders meine Socken sind
   schon sehr alt, so daß der Bursche sie bereits viermal stopfen
   mußte; dadurch sind sie mir auch zu eng geworden. Was Ihre Ansicht
   über den Dienst anbelangt, so bin ich ganz mit Ihnen einverstanden,
   und habe daher vorgestern meinen Abschied eingereicht. Sobald ich
   den Dispens erhalte, nehme ich mir sogleich einen Wagen. Ihren
   früheren Auftrag, Ihnen sibirischen Weizensamen zu besorgen, konnte
   ich leider nicht ausführen: im ganzen Gouvernement Mohilew gibt es
   keinen solchen Samen. Schweine werden hier meistenteils mit Mais
   gemästet, wobei man etwas gegorenes Bier hinzutut.

                            Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich
                                                             Ihr Neffe
                                                      Iwan Schponjka.«

Endlich erhielt Iwan Fjodorowitsch seinen Abschied, und wurde dabei zum
Oberleutnant befördert; mietete sich für vierzig Rubel einen jüdischen
Fuhrmann von Mohilew bis Gadjatsch und nahm im Wagen Platz, just zu der
Zeit, da die Bäume sich mit den ersten jungen Blättern schmückten, die
Erde in frischem Grün prangte, und alle Felder einen herrlichen
Frühlingsduft ausströmten.


                                  II.
                               Die Reise

Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. Man reiste etwas
über vierzehn Tage lang. Vielleicht wäre Iwan Fjodorowitsch noch früher
angekommen, wenn der fromme Jude nicht seinen Sabbath eingehalten und
nicht den ganzen Tag über, in seine Pferdedecke gehüllt, gebetet hätte.
Wie ich übrigens schon gelegentlich bemerkt habe, war Iwan Fjodorowitsch
ein Mensch, der keine Langeweile aufkommen ließ. Während dieser Zeit
schnallte er seinen Koffer auf, nahm seine Wäsche heraus, musterte sie,
ob sie auch gut gewaschen und richtig zusammengelegt sei, entfernte
behutsam ein Federchen von seiner Uniform, die schon keine Epauletten
mehr zierten, und legte alles wieder in schönster Weise zusammen. Er
liebte im Allgemeinen das Bücherlesen nicht; und wenn er auch hie und da
in das Wahrsagebuch hineinblickte, so geschah es nur deshalb, weil er es
gern hatte, bekannten Dingen, die er schon einige Male gelesen, wieder
einmal zu begegnen. Genau so besucht der Städter seinen Klub, nicht etwa
um irgend etwas Neues zu hören, sondern um dort Freunde zu treffen, mit
denen er seit unvordenklichen Zeiten im Klub zu plaudern gewohnt ist.
Oder so liest ein Beamter ein paarmal täglich mit viel Genuß das
Adreßbuch, nicht etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Pläne
willen, sondern weil ihn die gedruckten Namen amüsieren. »Ah! Das ist
Iwan Gawrilowitsch so und so! ....« murmelt er dumpf vor sich hin. »Ah!
Da bin ich! hm! ....« Und am folgenden Tage liest er's wieder, wobei er
seine Lektüre mit denselben Interjektionen begleitet.

Nach einer vierzehntägigen Fahrt erreichte Iwan Fjodorowitsch ein
Dörfchen, das hundert Werst von Gadjatsch entfernt war. Es war gerade
ein Freitag und die Sonne war schon längst untergegangen, als er samt
seinem Wagen und dem Juden in den Hof des Gasthauses einfuhr.

Dieses Gasthaus unterschied sich durch nichts von allen andren
Gasthäusern, die man in kleinen Dörfern vorfindet. Dort bringt man dem
Fremden zumeist mit viel Eifer Heu und Hafer entgegen, gleich als ob er
ein Postgaul wäre. Will er dagegen frühstücken, wie anständige Leute es
gewöhnlich zu tun pflegen, so soll er sich seinen Appetit ruhig und
unversehrt bis zu einer anderen Gelegenheit aufsparen. Indessen, da Iwan
Fjodorowitsch all das wußte, hatte er sich rechtzeitig zwei Bündel
Brezeln und Wurst besorgt, bestellte sich jetzt nur einen Schnaps, an
dem es in keinem Wirtshaus fehlt, und begann sein Abendmahl, indem er
auf der Bank vor dem Eichentisch Platz nahm, der fest in den Lehmboden
eingegraben war.

Währenddessen kam unter mächtigem Gerassel ein Wagen heran. Das Tor
knarrte, aber der Wagen fuhr noch lange nicht in den Hof hinein und man
hörte jemand mit lauter Stimme auf die Alte losschimpfen, der das
Wirtshaus gehörte. »Gut, ich steige hier ab,« hörte Iwan Fjodorowitsch
den Fremden rufen, »wenn mich aber auch nur eine Wanze beißt, so prügle
ich dich durch, bei Gott, du alte Hexe, ich prügle dich durch, und
bezahle dir nichts für dein Heu!«

Einen Augenblick später ging die Tür auf, und herein trat, oder
richtiger gesagt, _kroch_ ein dicker Mann in einem grünen Rock. Sein
Kopf saß unbeweglich auf dem kurzen Halse, der infolge des Doppelkinns
noch dicker erschien. Schon nach dem bloßen Äußeren hätte man glauben
können, einen Mann vor sich zu haben, der sich nie den Kopf über
Alfanzereien zerbrach, und dessen Leben ruhig dahinglitt wie Öl.

»Ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit, mein Herr!« rief er, als er
Iwan Fjodorowitsch erblickte.

Iwan Fjodorowitsch verneigte sich stumm.

»Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre, zu sprechen?« fuhr der
dicke Fremde fort.

Bei diesen Fragen erhob sich Iwan Fjodorowitsch unwillkürlich von seinem
Platze und richtete sich stramm auf, wie er es zu tun pflegte, wenn sein
Oberst sich bei ihm nach irgend etwas erkundigte. »Leutnant außer
Diensten Iwan Fjodorowitsch Schponjka,« antwortete er.

»Darf ich fragen, wohin Sie zu fahren belieben?«

»Auf mein Gut Wytrebenjki«.

»Wytrebenjki!« rief der gestrenge Frager. »Gestatten Sie, mein Herr,
gestatten Sie!« rief er, indem er auf ihn zutrat und mit den Armen um
sich schlug, gleich als ob er sich gegen jemanden wehren, oder sich
durch eine Menschenmenge hindurchdrängen wollte. Dann aber trat er auf
ihn zu, schloß Iwan Fjodorowitsch in die Arme und küßte ihn zuerst auf
die rechte, dann auf die linke und dann wieder auf die rechte Wange.
Iwan Fjodorowitsch fand Gefallen an diesem Zärtlichkeitsausbruch, denn
die großen Wangen des Fremden erschienen seinen Lippen wie zwei weiche
Kissen.

»Erlauben Sie, mein Herr, daß wir einander kennen lernen!« fuhr der
Dicke fort. »Ich bin Gutsbesitzer, und zwar ebenfalls im Kreise
Gadjatsch; ich bin Ihr Nachbar, wohne höchstens fünf Werst von Ihrem
Gutshof Wytrebenjki entfernt auf meinem Gute Chortystsche, und heiße
Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Nein, unbedingt, mein Herr,
unbedingt .... ich will nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht zu mir
nach Chortystsche zu Besuch kommen. Jetzt muß ich eilig in Geschäften
weiter .... Was soll denn das da bedeuten?« sprach er mit sanfter Stimme
zu seinem Reitknecht, einem Knaben in einem Kosakenkittel mit geflickten
Ellenbogen und verwunderter Miene, der allerhand Pakete und Schachteln
auf den Tisch stellte. »Was soll das? Wie?« -- und Grigori
Grigorjewitschs Stimme wurde zusehends strenger und strenger. »Habe ich
dir etwa befohlen, das hierher zu stellen, du Schurke? Habe ich dir
nicht befohlen, zuerst das Huhn warm zu machen, Halunke du? Pack dich!«
rief er und stampfte mit dem Fuße auf. »Halt, du Fratz du! Wo ist denn
das Kästchen mit den Flaschen? Iwan Fjodorowitsch!« fuhr er fort, indem
er ein Gläschen Kräuterschnaps einschenkte, »bitte ergebenst: ärztlich
empfohlen!«

»Bei Gott, ich kann nicht .... ich hatte schon Gelegenheit ....« sagte
Iwan Fjodorowitsch stockend.

»Nein, ich will nichts hören, mein Herr!« rief der Gutsbesitzer mit
erhobener Stimme, »ich will nichts hören! Ich rühr' mich nicht vom
Fleck, bis Sie getrunken haben ....«

Iwan Fjodorowitsch sah ein, daß hier eine Weigerung unmöglich war, und
trank den Schnaps nicht ohne Vergnügen.

»Hier ist Huhn, mein Herr,« fuhr der dicke Grigori Grigorjewitsch fort,
indem er das Huhn in seinem Holzkästchen mit dem Messer zerlegte. »Ich
muß Ihnen sagen, meine Köchin Jawdocha liebt es manchmal, ein Gläschen
hinter die Binde zu gießen, und daher macht sie's zuweilen zu trocken.
He, Junge!« und hierbei wandte er sich an den Knaben im Kosakenkittel,
der gerade ein Federbett und ein Kissen hereinbrachte, »mach mir das
Bett auf dem Fußboden, mitten in der Stube! Paß aber auch gut auf, lege
recht viel Heu unter das Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein
bißchen Hanf aus der Decke, damit ich mir zur Nacht die Ohren zustopfen
kann! Sie müssen nämlich wissen, mein Herr, daß ich die Gewohnheit habe,
mir nachts die Ohren zuzustopfen, seit jener verfluchten Geschichte, wo
mir einmal in einer großrussischen Kneipe eine Schwabe ins Ohr gekrochen
ist. Wie ich später erfahren habe, essen diese verdammten Russen sogar
Kohlsuppe mit Schwaben. Es ist unmöglich zu beschreiben, was damals mit
mir vorging: es kitzelte und kitzelte mir nur so im Ohr ... na, um auf
die Wände zu klettern! Schließlich hat mir ein einfaches altes Weib
geholfen, aber das war schon hier in unserer Gegend, und womit glauben
Sie? Ganz einfach, indem sie mich besprach. Was denken Sie über die
Ärzte, mein Herr? Ich meine, die foppen uns nur und halten uns zum
Besten; manche alte Frau weiß zwanzigmal mehr, als all diese Ärzte.«

»In der Tat, was Sie da zu sagen belieben, ist vollkommen richtig. In
der Tat, es gibt ....« Und Iwan Fjodorowitsch hielt inne, als ob er kein
passendes Wort finden konnte. An dieser Stelle muß ich sagen, daß er
überhaupt ziemlich wortkarg war. Vielleicht rührte das von seiner
Schüchternheit her, vielleicht aber entsprach es auch nur dem Wunsche,
sich möglichst hübsch auszudrücken.

»Schüttle das Heu nur recht tüchtig; tüchtig, hörst du!« rief Grigori
Grigorjewitsch seinem Lakai zu. »Hier ist das Heu so abscheulich, daß
man nur allzuleicht auf ein Ästchen stoßen kann. Ich erlaube mir, Ihnen
eine gute Nacht zu wünschen, mein Herr! Morgen werden wir uns wohl nicht
mehr sehen: ich fahre noch vor Tagesanbruch weiter. Ihr Jude wird hier
wohl seinen Sabbath halten, morgen ist nämlich Sonnabend; da brauchen
Sie nicht so früh aufzustehen. Vergessen Sie nur meine Bitte nicht, ich
will einfach nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht nach Chortystsche
kommen.«

Der Kammerdiener zog dem Grigori Grigorjewitsch Rock und Stiefel aus,
half ihm statt dessen in einen Schlafrock hinein, und Grigori
Grigorjewitsch warf sich auf sein Bett, was genau so aussah, wie wenn
ein riesiges Federbett sich auf ein anderes gelegt hätte.

»He, Bursche! Wo steckst du nur, du Schuft? Komm her, leg mir die Decke
zurecht! He, Junge, lege mir noch Heu unter den Kopf! Wie? sind die
Pferde schon getränkt? _Noch_ mehr Heu! Hierher, _da_ unter die Seite!
Aber so lege mir doch die Decke zurecht, du Schurke! So! Besser, noch
besser .... Oh! ....«

Und Grigori Grigorjewitsch seufzte noch ein paarmal tief auf, und
erfüllte das ganze Zimmer mit einem fürchterlichen Pfeifen, das aus
seiner Nase hervordrang; er schnarchte zuweilen so laut, daß die alte
Frau, die auf der Ofenbank schlummerte, aufwachte, verwundert in alle
Ecken und Winkel guckte, und erst, als sie nichts besonderes bemerkte,
beruhigt wieder einschlief.

Als Iwan Fjodorowitsch am nächsten Morgen erwachte, war der dicke
Gutsbesitzer nicht mehr da. Das war das einzige merkwürdige Ereignis,
das sich während seiner Reise zugetragen hatte. Zwei Tage darauf näherte
er sich seinem Gutshof.

Er fühlte, wie sein Herz heftig zu schlagen begann, als die Windmühle,
ihre Flügel schwenkend, hervorschaute, und als in dem Maße, wie der Jude
seine Stuten den Berg hinaufjagte, unten eine Reihe von Weiden
auftauchte. Hell und lebhaft schimmerte der Teich zwischen ihnen auf und
strömte eine kühlende Frische aus. Hier pflegte er früher zu baden; und
in demselben Teiche war er einstmals mit den Dorfjungen, bis zum Halse
im Wasser, herumgewatet, um Krebse zu fangen. Das Wägelchen fuhr den
Damm hinauf, und jetzt erblickte Iwan Fjodorowitsch das alte mit Schilf
gedeckte Häuschen, und die alten Äpfel- und Kirschbäume, auf denen er
einstmals heimlich herumgeklettert war. Kaum war er in den Hof
eingefahren, so kamen von allen Seiten Hunde aller möglichen Rassen
herbeigelaufen: schwarze, dunkelbraune, graue, scheckige. Die einen
warfen sich den Pferden bellend vor die Füße, die anderen liefen
hinterdrein, da sie merkten, daß die Achse mit Fett eingeschmiert war;
ein Hund stand neben der Küche, hatte die Pfote auf einen Knochen gelegt
und kläffte aus Leibeskräften; ein andrer bellte von ferne, rannte hin
und her, und wedelte mit dem Schweif, gleich als ob er sagen wollte:
»Seht, ihr Christenmenschen, was ich noch für ein Jüngling bin!« Mehrere
Jungen in schmutzigen Hemden kamen herausgelaufen, um zu gaffen. Eine
Sau, die mit sechzehn Ferkeln im Hofe herumpromenierte, hob ihre
Schnauze mit prüfender Miene in die Höhe und grunzte noch lauter als
sonst. Im Hofe lag auf einem Stück grober Leinwand eine Unmenge Weizen,
Gerste und Buchweizen, und all dieses trocknete in der Sonne. Auch auf
dem Dache lagen allerhand Kräuter zum Trocknen: Nagelkraut, Grindkraut
und mehr dergleichen.

Iwan Fjodorowitsch war dermaßen in Betrachtung all dieser Herrlichkeiten
versunken, daß er erst wieder zu sich kam, als ein scheckiger Hund den
vom Bock herunterkriechenden Juden in die Wade biß. Das Gesinde, das
auch herbeigeeilt war und aus einer Köchin, einer Frau und zwei Mädeln
in wollenen Röcken bestand, meldete ihm, nachdem alle laut ausgerufen
hatten »Da ist ja der junge Herr!«, daß sich die Tante im Gemüsegarten
befände und zusammen mit der Dienstmagd Paloschka und dem Kutscher
Omeljka, der manchmal auch das Amt eines Gärtners und Wärters versah,
Weizen säe. Aber die Tante, die den Wagen von ferne erblickt hatte, war
schon selbst erschienen. Iwan Fjodorowitsch erstaunte, als sie ihn fast
in ihren Armen in die Höhe hob, und er fing beinahe an zu zweifeln, ob
das auch wirklich dieselbe Tante sei, die ihm so viel von ihrer
Gebrechlichkeit und Kränklichkeit geschrieben hatte.


                                  III.
                               Die Tante

Tante Wassilissa Kaschparowna war damals gegen fünfzig Jahre alt. Sie
war nie verheiratet gewesen, und sie behauptete, das jungfräuliche Leben
sei ihr wertvoller als alles auf der Welt. Übrigens hatte -- so viel ich
mich besinnen kann, -- auch nie jemand um ihre Hand angehalten. Das kam
daher, daß alle Männer ihr gegenüber eine gewisse Schüchternheit
empfanden und nicht den Mut hatten, ihr ihre Gefühle zu erklären.
»Wassilissa Kaschparowna hat sehr viel Charakter,« sagten die Freier,
und sie hatten recht, denn Wassilissa Kaschparowna verstand es, einen
sammetweich zu machen. Aus dem versoffenen Müller, der zu gar nichts
mehr zu gebrauchen war, hatte sie ohne Anwendung irgendwelcher äußerer
Mittel und nur indem sie ihn täglich ein paarmal am Schopfe rupfte,
verstanden, einen ganzen Menschen, ja, mehr noch, geradezu einen
Goldklumpen zu machen. Ihr Wuchs ging ins Riesenhafte, und ihre
Beleibtheit und Kraft entsprachen ihm. Es hatte den Anschein, als ob die
Natur einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, als sie es ihr zum
Schicksal bestimmte, an den Werktagen ewig einen dunkelbraunen
Morgenrock mit kleinen Säumchen und am Ostersonntag und an ihrem
Namenstage einen roten Kaschmir-Schal zu tragen, während ihr ein
Dragonerschnurrbart und lange Schaftstiefel am besten gestanden hätten.
Dafür aber entsprach ihre Beschäftigung vollkommen ihrem Charakter, sie
konnte rudern, und zwar besser als irgend ein Fischer; sie ging auf die
Jagd; sie beaufsichtigte die Schnitter, sie kannte die Zahl der Kürbisse
und Melonen auf dem Felde auswendig; sie erhob eine Steuer von fünf
Kopeken von jedem Wagen, der über ihren Damm fuhr; sie kletterte auf die
Bäume und schüttelte die Birnen herunter; sie prügelte eigenhändig ihre
faulen »Vasallen« mit ihrer schrecklichen Hand und belohnte die Würdigen
mit einem Schnaps aus derselben gestrengen Hand. Und fast zur gleichen
Zeit konnte sie schimpfen, Leinwand färben, in die Küche rennen, Kwas
bereiten, und Honig einmachen; sie machte sich den ganzen lieben Tag zu
schaffen und versäumte nichts. Die Folge davon war, daß Iwan
Fjodorowitschs kleines Gut, das nach der letzten Revision achtzehn
Leibeigene gezählt hatte, förmlich aufblühte, und zwar im vollen Sinne
dieses Wortes. Übrigens liebte sie auch ihren Neffen viel zu sehr und
hob sorgsam jede Kopeke für ihn auf.

Seit Iwan Fjodorowitsch wieder zu Hause war, ging eine große Veränderung
in seinem Leben vor und es schlug völlig neue Bahnen ein. Es schien so,
als ob die Natur ihn geradezu dazu geschaffen hätte, ein Gut mit
achtzehn Leibeigenen zu beaufsichtigen. Sogar die Tante merkte, daß er
einen guten Landwirt abgeben würde, obwohl sie ihm übrigens nicht
gestattete, sich in alle Fragen der Wirtschaft einzumischen. »Der Junge
ist noch nicht alt genug!« pflegte sie gewöhnlich zu sagen, trotzdem
Iwan Fjodorowitsch mindestens vierzig Jahre alt war; »woher soll er auch
alles wissen!«

Er wich jedoch auf dem Felde keinen Schritt von den Schnittern und
Mähern, und dies bereitete seiner sanften Seele einen unaussprechlichen
Genuß. Ein Dutzend glänzender Sensen und mehr fliegen einmütig in einem
Schwunge in die Höhe; das Gras sinkt rauschend in harmonischen Reihen
zur Erde; und nun erklingen die Lieder der Schnitterinnen, bald lustig,
wie beim Empfang von Gästen, und bald wehmütig, wie bei einer Trennung;
der Abend ist still und die Luft ist rein! -- O wie köstlich ist solch
ein Abend! Wie leicht und frisch ist die Luft! wie erscheint dann alles
belebt: die Steppe rötet sich, blaut und glüht in allen Farben auf;
Wachteln, Trappgänse, Möwen, Heimchen und tausende von Insekten: sie
alle pfeifen, summen, knarren, schreien, und auf einmal ist's ein
harmonischer Chor; und nichts verstummt auch nur für einen Augenblick.
Schon senkt sich die Sonne herab und versteckt sich. Ah! wie frisch und
wohlig wird einem da! Auf dem Felde werden hie und da Feuer entzündet
und Kessel aufgestellt, und die schnauzbärtigen Schnitter setzen sich
rings um die Kessel herum; von den brodelnden Klößen steigt ein Dampf
auf; der Abend graut .... Es wäre schwer zu sagen, was dann in Iwan
Fjodorowitsch vorging. Er vergaß es, wenn er sich zu den Schnittern
gesellte, von ihren Klößen zu kosten, obwohl er sie doch so gerne aß,
stand regungslos auf einem Fleck da, verfolgte eine hoch im Himmel
schwirrende Möwe mit den Augen oder zählte die Garben des abgemähten
Kornes, die das Feld überfluteten.

Bald erzählte man überall von Iwan Fjodorowitsch, er sei ein großer
Landwirt vor dem Herrn. Die Tante konnte sich nicht genug über ihren
Neffen freuen und ließ sich keine Gelegenheit entgehen, mit ihm zu
prahlen und wichtig zu tun. Eines Tages aber -- es war am Ausgang des
Juli und schon nach Beendigung der Ernte -- faßte Wassilissa
Kaschparowna ihren Neffen mit geheimnisvoller Miene bei der Hand und
erklärte ihm, sie wolle mit ihm über etwas sprechen, was sie schon seit
langem beschäftigte.

»Es ist dir wohl bekannt, lieber Iwan Fjodorowitsch,« begann sie, »daß
dein Gutshof achtzehn Leibeigene zählt; übrigens nur laut der letzten
Revision, in Wirklichkeit werden's vielleicht noch mehr sein, vielleicht
gar bis an die vierundzwanzig. Doch es handelt sich nicht darum, du
kennst wohl das Wäldchen, das sich hinter unserer Trift befindet, und
wohl auch die breite Wiese hinter diesem Walde: sie ist mindestens
zwanzig Deßjatin groß, und es wächst so viel Gras darauf, daß man jedes
Jahr für mehr als hundert Rubel davon verkaufen kann, besonders wenn,
wie man erzählt, ein Kavallerie-Regiment in Gadjatsch stehen wird.«

»Gewiß, liebe Tante; das Gras ist sehr gut!«

»Ich weiß selbst, daß es sehr gut ist; aber weißt du auch, daß dieses
ganze Land eigentlich von Rechts wegen dir gehört? Was siehst du mich so
groß an? Hör mich an, Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch an
Stepan Kusmitsch? Warum sage ich eigentlich: erinnerst du dich? Du warst
ja damals noch so klein, daß du nicht einmal seinen Namen aussprechen
konntest. Wie solltest du dir da noch eine Erinnerung bewahrt haben! Ich
weiß noch: als ich grad vor Philippi zu euch kam und ich dich auf die
Arme nahm, da hättest du mir beinahe das ganze Kleid verdorben; zum
Glück konnte ich dich noch der Amme Matrjona übergeben, so abscheulich
warst du damals .... Aber es handelt sich ja nicht darum. Das ganze
Land, das sich hinter unserem Gutshof befindet, und selbst das Dorf
Chortystsche gehörte damals Stepan Kusmitsch. Und da muß ich dir sagen
-- denn damals warst du noch nicht auf der Welt -- der kam zu jener Zeit
oft zu deiner Mutter zu Besuch, -- freilich zu einer Zeit, da dein Vater
nicht zu Hause war. Ich sag' es jedoch nicht, um ihr einen Vorwurf
daraus zu machen. -- Gott sei ihrer Seele gnädig! Obwohl die Selige mir
gegenüber im Unrecht war. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Wie
dem auch sei, genug, Stepan Kusmitsch setzte eine Schenkungsurkunde auf,
in der er dir das Gut vermachte, von dem ich dir eben sprach. Deine
selige Mutter hatte jedoch, -- unter uns gesagt, einen ganz wunderlichen
Charakter. Selbst der Teufel (Gott verzeih mir dies häßliche Wort!)
hätte sie nicht verstehen können. Wohin sie diese Urkunde gesteckt hat
-- das weiß der liebe Himmel. Ich glaube einfach, sie befindet sich in
den Händen des alten Junggesellen, Grigori Grigorjewitsch Stortschenko.
Und nun ist alles diesem dickbäuchigen Schurken zugefallen. Bei Gott,
ich wäre bereit, um alles in der Welt zu wetten, daß er die Urkunde
einfach unterschlagen hat.«

»Darf ich fragen, liebe Tante, ob das derselbe Stortschenko ist, den ich
auf der Station kennen gelernt habe?« Und Iwan Fjodorowitsch erzählte
ihr von seiner Begegnung.

»Wer weiß!« antwortete die Tante nach kurzem Nachdenken. »Vielleicht ist
er doch kein Schuft. Es ist wahr, er lebt erst ein halbes Jahr lang
hier, und in so kurzer Zeit kann man einen Menschen nicht genau kennen
lernen. Die Alte, das heißt seine Mutter, soll, wie ich gehört habe,
eine sehr vernünftige Frau sein und sich meisterlich darauf verstehen,
Gurken einzulegen, und ihre Mägde sollen großartige Teppiche weben. Da
er dich, wie du sagst, so freundlich empfangen hat, so fahre nur zu ihm
hin: vielleicht wird der alte Sünder auf sein Gewissen hören und
zurückgeben, was ihm nicht gehört. Du kannst meinetwegen die Kalesche
nehmen, nur haben die verdammten Kinder hinten alle Nägel herausgezogen;
man muß vorher dem Kutscher Omeljko sagen, daß er das Leder festnageln
soll.«

»Wozu nur, liebe Tante? Ich nehme lieber das Wägelchen, in dem Sie auf
die Jagd fahren.«

Damit schloß das Gespräch.


                                  IV.
                               Das Diner

Iwan Fjodorowitsch kam um die Mittagszeit im Dorfe Chortystsche an, und
wurde etwas unruhig, als er sich dem Herrenhause näherte. Dieses Haus
war sehr lang und nicht mit Schilf gedeckt, wie die Häuser so vieler
Gutsbesitzer in der Umgegend, sondern hatte ein Holzdach. Die zwei
Schuppen im Hofe waren ebenfalls mit Holzdächern versehen; und das Tor
war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch glich einem jener Stutzer, die
auf einen Ball kommen und plötzlich bemerken, daß, wohin sie auch
blicken mögen, alle Leute feiner gekleidet sind als sie selbst. Er ließ
sein Wägelchen respektvoll neben einem Schuppen halten und ging zu Fuß
auf die Freitreppe zu.

»Ah! Iwan Fjodorowitsch!« rief der dicke Grigori Grigorjewitsch, der
gerade im Hof herumspazierte; er hatte einen Rock an, aber keine
Kravatte, keine Weste und keine Hosenträger. Aber auch dies Kostüm
schien ihn bei seiner Leibesfülle noch zu belästigen, denn der Schweiß
rieselte ihm nur so vom Gesicht herunter.

»Sie sagten doch, daß Sie sofort kommen würden, sobald Sie Ihre Tante
gesehen hätten; warum sind Sie denn dann nicht früher gekommen?« Und bei
diesen Worten berührten die Lippen Iwan Fjodorowitschs die ihm
wohlbekannten Kissen.

»Ich war meist in der Wirtschaft beschäftigt .... Ich komme auch nur auf
einen Augenblick zu Ihnen, eigentlich sogar in Geschäften ....«

»Was, nur für einen Augenblick? Nein, das gibt's nicht. He, Junge!« rief
der dicke Hausherr, und der Bursche im Kosakenkittel, den Iwan schon
kannte, kam aus der Küche gelaufen. »Sage dem Kaßjan, er solle sofort
das Tor schließen, -- hörst du! -- fest zuschließen! Und die Pferde
dieses Herrn sollen auf der Stelle ausgespannt werden. Bitte, kommen Sie
mit mir ins Haus: hier ist es so heiß, daß mein Hemd schon ganz naß
ist.«

Im Zimmer angelangt, beschloß Iwan Fjodorowitsch, keine Zeit zu
verlieren, und trotz seiner Schüchternheit, mit aller Entschiedenheit
vorzugehen.

»Meine Tante hatte die Ehre .... Meine Tante hat mir gesagt, daß die
Schenkungsurkunde des verstorbenen Stepan Kusmitsch ....«

Es ist schwer zu beschreiben, welch unangenehmen Ausdruck das breite
Gesicht Grigori Grigorjewitschs bei diesen Worten annahm. »Bei Gott, ich
höre rein gar nichts!« antwortete er. »Ich muß Ihnen sagen, daß eine
Schwabe in mein linkes Ohr hineingekrochen ist, (bei diesen verfluchten
Russen gibt's überall Schwaben in den Häusern); keine Feder kann Ihnen
beschreiben, was das für eine Qual war -- es kitzelte so fürchterlich,
sage ich Ihnen, -- es kitzelte und krabbelte ....! Aber eine kluge Frau
hat mir mit einem ganz einfachen Mittel geholfen ....«

»Ich wollte nur sagen ....« wagte Iwan Fjodorowitsch ihn zu
unterbrechen, als er sah, daß Grigori Grigorjewitsch das Gespräch
absichtlich auf ein andres Thema lenken wollte, »daß im Testament des
verstorbenen Stepan Kusmitsch die Rede von .... sozusagen die Rede von
einer Schenkungsurkunde ist .... nach der ich ....«

»Ich weiß schon, was Ihre Tante Ihnen eingeredet hat. Das ist alles
erlogen, bei Gott, es ist erlogen! Mein Onkel hat nicht die geringste
Schenkungsurkunde hinterlassen. Im Testament ist allerdings von einer
Urkunde die Rede, aber wo ist sie? Niemand hat sie vorlegen können. Ich
sage Ihnen das nur deshalb, weil ich Ihnen von Herzen wohl will. Bei
Gott, es ist erlogen!«

Iwan Fjodorowitsch verstummte, da ihm der Gedanke kam, es könnte der
Tante vielleicht in der Tat nur so vorgekommen sein.

»Ah, da kommen ja auch meine Mutter und meine Schwestern!« rief Grigori
Grigorjewitsch. »Das Mittagessen ist also schon fertig; gehen wir!«

Und er zog Iwan Fjodorowitsch am Ärmel ins Zimmer, wo bereits allerhand
Schnäpse und eine kalte Platte auf dem Tische standen.

In demselben Augenblick trat eine alte Frau herein; sie war sehr klein
und glich einer Kaffeekanne, die mit einer Haube bedeckt ist; zwei junge
Mädchen, ein blondes und ein brünettes, begleiteten sie. Als
wohlerzogener Kavalier küßte Iwan Fjodorowitsch erst der Alten und dann
den beiden Fräuleins die Hand.

»Das ist unser Nachbar, Iwan Fjodorowitsch Schponjka, Mütterchen!« sagte
Grigori Grigorjewitsch.

Die Alte sah Iwan Fjodorowitsch scharf an oder gab sich vielleicht auch
nur den Anschein, als ob sie ihn anblickte. Übrigens war sie die Güte
selbst; es schien, als ob sie Iwan Fjodorowitsch gleich hätte fragen
wollen: »Wie viel Gurken machen Sie zum Winter ein?«

»Haben Sie schon einen Schnaps genommen?« fragte die Alte.

»Sie haben wohl nicht ausgeschlafen, Mütterchen,« meinte Grigori
Grigorjewitsch. »Wer wird denn einen Gast fragen, ob er schon einen
Schnaps getrunken hat? Reden Sie dem Gast nur zu; ob wir aber trinken
oder nicht, das ist schon unsere Sache. Iwan Fjodorowitsch, bitte:
Wollen Sie Tausendgüldenkräuterlikör oder diesen Schnaps? Welchen ziehen
Sie vor? Iwan Iwanowitsch! Nun, was stehst du so da?« rief Grigori
Grigorjewitsch, indem er sich rückwärts wandte, und Iwan Fjodorowitsch
sah den soeben erwähnten Iwan Iwanowitsch auf den Schnaps zugehen; dies
war ein Mann in einem Rock mit langen Schößen und mit einem riesigen
Stehkragen, der seinen ganzen Nacken bedeckte, so daß sein Kopf ganz im
Kragen steckte, wie in einer Kutsche.

Iwan Iwanowitsch trat an den Schnaps heran, rieb sich die Hände, sah
sich das Glas genau an, schenkte ein, hielt es gegen das Licht, und goß
den Schnaps mit einem Male aus dem Glase in den Mund, aber er schluckte
ihn nicht herunter, sondern spülte sich erst ordentlich den Mund,
schluckte ihn erst darauf herunter, nahm etwas Brod und gesalzene
Eierschwämme, und wandte sich dann an Iwan Fjodorowitsch.

»Habe ich die Ehre, mit Herrn Iwan Fjodorowitsch Schponjka zu sprechen?«

»Jawohl,« antwortete Iwan Fjodorowitsch.

»Sie beliebten sich seit der Zeit, wo ich Sie kenne, sehr zu verändern.
O ja!« fuhr Iwan Iwanowitsch fort: »ich kannte Sie, als Sie noch so groß
waren!« Dabei hielt er die Hand eine halbe Elle weit über den Boden.
»Ihr seliger Vater -- Gott schenke ihm die ewige Seligkeit -- war ein
seltener Mann. Er hatte solche Kürbisse und Melonen, wie man sie jetzt
nirgends mehr findet. Hier zum Beispiel«, fuhr er fort, indem er ihn zur
Seite führte, »werden Ihnen auch Melonen vorgesetzt werden -- aber was
sind das für Melonen? Nicht ansehen möchte man sie. Glauben Sie mir's,
seine Melonen waren ....« rief er mit geheimnisvoller Miene und spreizte
die Arme, als ob er einen dicken Baum umschlingen wollte, »bei Gott,
seine Melonen waren so dick!«

»Gehn wir zu Tisch!« sagte Grigori Grigorjewitsch und faßte Iwan
Fjodorowitsch rasch unterm Arm.

Grigori Grigorjewitsch ließ sich auf seinen üblichen Platz am Ende des
Tisches nieder; er band sich seine riesige Serviette vor und glich so
einem jener Helden, wie sie sich die Barbiere auf ihre Schilder malen
lassen. Iwan Fjodorowitsch setzte sich errötend auf den ihm zugewiesenen
Platz, den beiden Fräuleins gegenüber, und Iwan Iwanowitsch versäumte
nicht, an seiner Seite Platz zu nehmen, innerlich hocherfreut, daß er
jemanden hatte, dem er seine Kenntnisse mitteilen konnte.

»Nehmen Sie doch lieber kein _Bürzelbein_, Iwan Fjodorowitsch! Da ist ja
noch ein Truthahn!« rief die Alte, zu Iwan Fjodorowitsch gewandt, dem
der Diener vom Lande in einem grauen Frack mit schwarzem Flicken gerade
eine Schüssel reichte. »Nehmen Sie doch ein Stück vom Rücken!«

»Mütterchen! Es hat Sie doch niemand gebeten, sich in fremde
Angelegenheiten zu mischen!« rief Grigori Grigorjewitsch. »Seien Sie
versichert, unser Gast weiß selbst, was er nehmen soll! Iwan
Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Flügelchen und noch dies zweite und
den Magen dazu! Warum haben Sie sich nur so wenig genommen? Nehmen Sie
noch ein Beinchen! Was stehst du mit der Schüssel da und sperrst den
Mund auf? Du sollst ihn sofort darum bitten, auf die Knie, du Schurke
und sag sofort: >Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!<«

»Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!« brüllte der Diener,
mit der Schüssel in der Hand, und kniete nieder.

»Hm! Was sind denn das für Truthähne!« sagte Iwan Iwanowitsch halblaut
und mit verächtlicher Miene zu seinem Tischnachbar. »Darf denn ein
Truthahn so sein, wie der da? Sie hätten mal meine Truthähne sehen
sollen! Ich versichere Ihnen, jeder einzelne hatte mehr Fett an sich,
als zehn solche, wie die da. Glauben Sie mir, mein Herr, man mag gar
nicht ansehen, wie sie bei mir auf dem Hof herumspazieren -- so fett
sind sie! ....«

»Du lügst, Iwan Iwanowitsch!« schrie Grigori Grigorjewitsch, der
zugehört hatte.

»Ich will Ihnen was sagen,« fuhr Iwan Iwanowitsch zu seinem Nachbar
gewandt fort, indem er so tat, als ob er Grigori Grigorjewitschs Worte
gar nicht gehört hätte. »Als ich sie im vorigen Jahre nach Gadjatsch
brachte, da bot man mir fünfzig Kopeken pro Stück, und doch wollte ich
sie nicht dafür hergeben.«

»Ich sage dir, du lügst, Iwan Iwanowitsch!« rief Grigori Grigorjewitsch,
hierbei betonte er, um noch deutlicher zu sein, jede Silbe und sprach
noch lauter als vorher.

Aber Iwan Iwanowitsch tat so, als ob ihn das gar nicht anginge und fuhr
in seiner Rede fort, nur sprach er jetzt bedeutend leiser als früher.
»Ja, mein Herr, ich wollte das Geld nicht nehmen. In Gadjatsch hatte
kein Gutsbesitzer ....«

»Iwan Iwanowitsch! du bist ganz dumm und weiter nichts,« rief Grigori
Grigorjewitsch laut. »Iwan Fjodorowitsch weiß doch das alles besser als
du und glaubt dir sicher nicht!«

Da aber fühlte sich Iwan Iwanowitsch verletzt; er verstummte und begann,
mit dem Truthahn aufzuräumen, trotzdem dieser lange nicht so fett war,
wie die Truthähne, die man »gar nicht ansehen« mochte.

Eine Zeitlang ersetzte das Klappern der Messer, der Löffel und Teller
das Gespräch; am lautesten aber hörte man, wie Grigori Grigorjewitsch
das Mark aus einem Hammelknochen aussog.

»Haben Sie schon gelesen,« fragte Iwan Iwanowitsch nach einigem
Stillschweigen, steckte den Kopf aus seinem Wagen und wandte ihn Iwan
Fjodorowitsch zu, »haben Sie das Buch: >Korobejnikows Reise ins heilige
Land< gelesen? Ein wahrer Genuß für Seele und Leib! Jetzt werden keine
solchen Bücher mehr gedruckt. Leider habe ich nicht nachgesehen, aus
welchem Jahre es stammt.«

Als Iwan Fjodorowitsch hörte, daß es sich um ein Buch handelte, begann
er, eifrig seine Sauce aufzulöffeln.

»Ein wahres Wunder, mein Herr, wenn man bedenkt, daß ein einfacher
Kleinbürger all diese Länder durchwandert hat: über dreitausend Werst,
mein Herr! Über dreitausend Werst! Wahrlich, Gott selbst hat ihn würdig
befunden, bis nach Palästina und Jerusalem zu kommen.«

»Sie sagen, daß er auch in Jerusalem war,« rief Iwan Fjodorowitsch, der
noch als Soldat von seinem Burschen viel über Jerusalem gehört hatte.

»Worüber sprechen Sie, Iwan Fjodorowitsch?« rief Grigori Grigorjewitsch
vom Ende des Tisches herüber.

»Ich habe, das heißt, ich bemerkte gelegentlich, daß es in der Welt
ferne Länder gibt!« antwortete Iwan Fjodorowitsch, innerlich
hochbefriedigt, daß es ihm gelungen war, einen so langen und schweren
Satz zu Ende zu bringen.

»Glauben Sie ihm nicht, Iwan Fjodorowitsch!« sagte Grigori
Grigorjewitsch, ohne genauer hinzuhören, »alles ist gelogen!«

Das Diner war zu Ende. Grigori Grigorjewitsch zog sich nach seiner
Gewohnheit zurück, um ein Nickerchen zu machen; und die Gäste folgten
der alten Hausfrau und den jungen Mädchen ins Gastzimmer, wo derselbe
Tisch, auf dem sie den Schnaps stehen gelassen hatten, als sie sich zum
Mittagsmahl begaben, sich wie auf einen Wink verwandelt und mit
Schälchen voll verschiedener Konfitüren und Schüsseln mit Melonen,
Kirschen und Zuckerkürbissen bedeckt hatte.

Grigori Grigorjewitschs Abwesenheit machte sich an allem bemerkbar: die
Hausfrau wurde gesprächig und teilte ganz von selbst, ohne dazu
aufgefordert worden zu sein, mancherlei Geheimnisse über die Zubereitung
von Marmelade und das Trocknen von Birnen mit. Selbst die jungen Mädchen
begannen zu sprechen, doch blieb die Blonde, die sechs Jahre jünger
aussah als ihre Schwester und von Ansehen etwa fünfundzwanzig Jahre alt
sein mochte, etwas schweigsam.

Am meisten aber redete und betätigte sich Iwan Iwanowitsch. Da er sicher
war, daß ihn nun niemand mehr unterbrechen und in Verlegenheit bringen
würde, redete er von allem möglichen: von Gurken und Kartoffelsaat,
davon, wie gescheit die Leute früher waren -- was wären die Heutigen
dagegen? -- und davon, wie jetzt alle immer klüger würden, je weiter man
komme, wie man noch die allergescheitesten Dinge ersinnen würde; kurz er
war einer von den Menschen, die sich mit dem größten Vergnügen
erbaulichen Gesprächen hingeben und über alles reden, worüber man nur
reden kann. Wenn das Gespräch wichtige und heilige Gegenstände berührte,
seufzte Iwan Iwanowitsch nach jedem Worte auf und nickte leise mit dem
Kopfe; wenn es sich um Wirtschaftsangelegenheiten handelte, so steckte
er den Kopf aus seinem Wagen hervor und schnitt seltsame Gesichter, aus
denen man ganz deutlich entnehmen konnte, wie man den Birnenmost
zubereiten müsse, wie groß die Melonen seien, von denen er sprach, und
wie fett die Gänse wären, die bei ihm im Hofe herumliefen.

Endlich gelang es Iwan Fjodorowitsch mit vieler Mühe und erst gegen
Abend, sich zu verabschieden; aber obwohl er leicht zu überreden war und
man ihn geradezu zwingen wollte, über Nacht dazubleiben, bestand er doch
auf seiner Absicht, nach Hause zu fahren -- und fuhr richtig davon.


                                   V.
                        Der neue Plan der Tante

»Nun? Hast du die Urkunde von dem alten Schelm herausgelockt?« Dies war
die erste Frage, mit der Iwan Fjodorowitsch von seiner Tante empfangen
wurde, die ihn bereits seit einigen Stunden voller Ungeduld an der
Freitreppe erwartete, und sich schließlich kaum hatte überwinden können,
nicht bis vors Tor zu laufen.

»Nein, liebe Tante!« sagte Iwan Fjodorowitsch indem er ausstieg.
»Grigori Grigorjewitsch _hat_ gar keine Urkunde.«

»Und du hast ihm geglaubt? Er lügt, der verdammte Kerl! O, ich bekomme
ihn noch eines Tages zu sehen, wahrhaftig, und dann prügle ich ihn mit
meinen eigenen Händen durch. Oh, ich werde ihm schon etwas von seinem
Fett abzapfen! Übrigens wollen wir zuerst mit unsrem Gerichtsschreiber
reden, ob man vielleicht auf gerichtlichem Wege .... Aber es handelt
sich jetzt ja nicht darum. Nun, war das Diner gut?«

»Sehr gut! .... sehr gut, liebe Tante!«

»Nun, und was gab's dort zu essen? Erzähle! ich weiß schon, die Alte
versteht sich gut auf die Küche.«

»Käsekuchen mit Rahm, liebe Tante; Sauce mit gefüllten Tauben ....«

»Und gab es auch einen Truthahn mit Pflaumen?« fragte die Tante, denn
sie selbst verstand es meisterhaft, dieses Gericht zuzubereiten.

»Es gab auch Truthahn! .... Die Schwestern von Grigori Grigorjewitsch
sind sehr hübsche junge Mädchen, besonders die Blonde!«

»Ah!« rief die Tante und sah Iwan Fjodorowitsch scharf an, er errötete
und ließ die Augen sinken. Ein neuer Gedanke blitzte in ihr auf. »So?«
fragte sie voll Neugierde, »und was für Augenbrauen hat sie?« Hier ist
es nicht überflüssig zu bemerken, daß für die Tante das Schönste an der
Frau die Augenbrauen waren.

»Das Fräulein hat genau solche Augenbrauen, liebe Tante, wie Sie sie
nach Ihren Erzählungen in Ihrer Jugend gehabt haben müssen, und ihr
ganzes Gesicht ist voller Sommersprossen.«

»Ah!« rief die Tante, äußerst befriedigt über Iwan Fjodorowitschs
Bemerkung, der allerdings nie daran gedacht hatte, der Tante ein
Kompliment machen zu wollen. »Und was für ein Kleid hatte sie an? Man
findet zwar heutzutage keine solchen haltbaren Stoffe mehr wie zum
Beispiel den, aus dem dieser Morgenrock gemacht ist. Aber es handelt
sich jetzt nicht darum. Und hast du dich gut mit ihr unterhalten?«

»Das heißt, wie meinen Sie .... liebe Tante? Sie glauben vielleicht
schon ....«

»Was denn? Was ist denn Wunderbares dabei? Das ist nun mal Gottes Wille!
Vielleicht ist's euch beiden noch beschieden, einmal ein Paar zu
werden.«

»Ich verstehe nicht, liebe Tante, wie Sie nur so reden können. Das
beweist doch nur, daß Sie mich absolut nicht kennen ....«

»So, nun fühlt er sich richtig beleidigt!« sagte die Tante. »Der Junge
ist noch nicht alt genug!« dachte sie bei sich. »Er weiß noch von
nichts! Ich werde die beiden mal zusammenbringen, sie sollen einander
näher kennen lernen!«

Und die Tante ging nach der Küche und ließ Iwan Fjodorowitsch allein.
Aber seit der Zeit dachte sie an nichts anderes, als daran, ihren Neffen
möglichst bald zu verheiraten und seine kleinen Enkelkinder zu wiegen.
Ihr Kopf war nur noch von Gedanken an die Vorbereitungen zur Hochzeit
erfüllt, und man sah ganz deutlich, daß sie noch viel emsiger war als
vorher, obwohl alles eher schlimmer als besser ging. Wenn sie jetzt
einen Kuchen zubereitete, den sie übrigens niemals der Köchin
anzuvertrauen pflegte, versank sie häufig in Gedanken, bildete sich ein,
neben ihr stehe ein kleines Enkelchen, das ein Stückchen Kuchen haben
wollte, und streckte zerstreut die Hand mit dem besten Stücke aus; der
Hofhund machte sich das gewöhnlich zunutze, packte den leckeren Bissen
und weckte sie durch sein lautes Schmatzen aus ihrer Nachdenklichkeit,
wofür der Hund übrigens immer Schläge mit dem Ofenhaken bekam. Sie gab
sogar ihre Lieblingsbeschäftigung auf und fuhr nicht mehr zur Jagd,
besonders seitdem sie einmal statt eines Truthahns eine Krähe geschossen
hatte, was ihr früher niemals widerfahren war.

Vier Tage später sah man endlich die Kalesche aus dem Schuppen in den
Hof fahren. Der Kutscher Omeljko, der gleichzeitig auch Gärtner und
Aufseher war, fing schon seit dem frühen Morgen an zu hämmern und das
Leder anzunageln, während er immerzu die Hunde davonjagen mußte, die
herankamen und an den Rädern leckten. Hier halte ich es für meine
Pflicht, dem Leser zu berichten, daß dies dieselbe Kalesche war, in der
schon Adam gefahren ist, und sollte daher jemand eine andere für die
Adams ausgeben, so wäre das sicherlich eine freche Lüge, und die
Kalesche wäre unecht. Es ist nicht genau bekannt, wie sie der Sintflut
entronnen ist, man kann nur annehmen, daß in der Arche Noah ein
besonderer Schuppen für sie vorhanden war. Es ist sehr schade, daß ich
dem Leser ihre Gestalt nicht lebendig vor Augen führen kann. Es genüge
daher zu sagen, daß Wassilissa Kaschparowna mit ihrer Bauart äußerst
zufrieden war und es stets bedauerte, daß die alten Equipagen aus der
Mode gekommen seien. Selbst das, daß die Kalesche etwas schief, und daß
die rechte Seite etwas höher war, als die linke, erregte ihren Beifall,
denn so konnte von der _einen_ Seite, wie sie behauptete, ein Mensch von
kleinem Wuchse, und von der anderen ein großer aussteigen. Im übrigen
konnte die Kalesche etwa fünf Personen von kleiner Statur und drei
solche, wie die Tante, in ihrem Inneren aufnehmen.

Als er mit der Kalesche fertig war, führte Omeljko gegen Mittag drei
Pferde aus dem Stall, die etwas jünger waren als die Kalesche und band
sie mit einem Strick fest an die majestätische Equipage. Iwan
Fjodorowitsch und die Tante stiegen ein, er von der einen, sie von der
anderen Seite, und die Pferde zogen an. Alle Bauern, die ihnen
begegneten, blieben beim Anblick dieser vornehmen Equipage (die Tante
pflegte nämlich nur selten in ihr auszufahren) respektvoll stehen,
nahmen die Mützen ab und verbeugten sich bis zur Erde.

Nach etwa zwei Stunden machte der Wagen vor der Freitreppe Halt; ich
glaube, es ist hier nicht erst nötig zu sagen, vor wessen Freitreppe er
hielt. Grigori Grigorjewitsch war nicht zu Hause; und die Alte und die
Fräuleins empfingen die Gäste im Speisezimmer; die Tante näherte sich
ihnen mit majestätischen Schritten, stellte mit viel Geschicklichkeit
einen Fuß vor und sagte laut:

»Gnädige Frau, ich freue mich, daß ich die Ehre habe, Ihnen persönlich
meine Hochachtung ausdrücken zu dürfen, zugleich erlaube ich mir mit
Respekt, Ihnen meinen Dank für die gastfreundliche Aufnahme meines
Neffen Iwan Fjodorowitsch auszusprechen, der Ihres Lobes voll ist. Sie
haben einen wundervollen Buchweizen, gnädige Frau, das habe ich bemerkt,
als ich mich dem Dorfe näherte. Darf ich fragen, wieviel Sie pro
Deßjatin ernten?«

Hierauf küßten alle einander aufs herzlichste ab und erst als man im
Gastzimmer Platz genommen hatte, begann die Alte:

»Was den Buchweizen anbetrifft, so kann ich Ihnen nichts Genaues darüber
sagen. Das ist Grigori Grigorjewitschs Ressort; ich beschäftige mich
schon längst nicht mehr damit, auch könnte ich's nicht, selbst wenn ich
wollte: ich bin schon zu alt dazu! In früheren Zeiten wuchs, wie ich
mich besinne, der Buchweizen bei uns so hoch, daß er einem bis an den
Gürtel reichte, jetzt ist das nicht mehr so, obwohl man stets behauptet,
es werde jetzt alles immer besser.« Die Alte stieß einen Seufzer aus,
und ein aufmerksamer Beobachter hätte in ihm das Aufseufzen des alten
achtzehnten Jahrhunderts vernehmen können.

»Ich habe gehört, daß bei Ihnen im Hause großartige Teppiche gemacht
werden, gnädige Frau,« sagte Wassilissa Kaschparowna und berührte damit
die empfindlichste Seite der Alten: bei diesen Worten lebte jene auf,
und nun strömten ihre Reden nur so hin: wie man das Gewebe färben,
welchen Faden man dazu nehmen müsse und was dergleichen mehr ist.

Von den Teppichen ging die Unterhaltung bald aufs Gurkeneinlegen und
Birnentrocknen über. Kurz, es war noch keine Stunde verflossen, da
unterhielten sich die beiden Damen schon so lebhaft, als ob sie ihr
Lebtag miteinander bekannt gewesen wären. Ja, Wassilissa Kaschparowna
sprach sogar über viele Dinge so leise mit der Alten, daß Iwan
Fjodorowitsch nichts mehr hören konnte.

»Wollen Sie nicht selbst sehen?« sagte die greise Hausfrau und erhob
sich.

Die Fräuleins und Wassilissa Kaschparowna erhoben sich mit ihr und
begaben sich ins Mädchenzimmer. Die Tante machte Iwan Fjodorowitsch ein
Zeichen, er solle zurückbleiben und flüsterte der alten Dame etwas zu.

»Maschenjka!« sagte die Alte zu dem blonden Fräulein, »bleibe bei
unserem Gaste und unterhalte ihn, damit ihm die Zeit nicht zu lang
wird!«

Das blonde Fräulein blieb zurück und setzte sich auf das Sofa. Iwan
Fjodorowitsch saß auf seinem Stuhle wie auf Nadeln, errötete und schlug
die Augen nieder; aber das Fräulein schien dies gar nicht zu bemerken,
saß gleichgültig auf dem Sofa, beobachtete fleißig die Fenster und die
Wände, oder verfolgte die Katze, die scheu unter den Stühlen umherlief,
mit den Augen.

Iwan Fjodorowitsch wurde etwas mutiger und wollte schon ein Gespräch
anknüpfen, es war ihm aber so, als ob er unterwegs alle Worte verloren
hätte. Es wollte ihm kein einziger Gedanke in den Sinn kommen.

Dieses Schweigen dauerte eine Viertelstunde lang, aber das Fräulein saß
noch immer ebenso da wie früher.

Endlich faßte Iwan Fjodorowitsch sich ein Herz. »Im Sommer gibt's so
viel Fliegen, gnädiges Fräulein!« rief er mit einer Stimme, die vor
Erregung zitterte.

»Ja, außerordentlich viele Fliegen!« versetzte das Fräulein. »Mein
Bruder hat eigens deswegen aus Mamas altem Schuh eine Fliegenklappe
hergestellt, aber es bleiben doch noch immer sehr viele übrig.«

Hier stockte die Unterhaltung, und Iwan Fjodorowitsch wollte durchaus
kein Wort mehr einfallen.

Endlich kamen die Alte, die Tante und das dunkle Fräulein zurück.
Nachdem man sich noch etwas unterhalten hatte, nahm Wassilissa
Kaschparowna Abschied von der Dame und den Fräuleins, obwohl sie
dringend gebeten wurde, über Nacht da zu bleiben. Die Dame und die
Fräuleins begleiteten die Gäste bis zur Freitreppe und winkten der aus
der Kalesche hinausblickenden Tante und ihrem Neffen noch lange zu.

»Nun, Iwan Fjodorowitsch, worüber hast du dich mit dem Fräulein
unterhalten?« fragte die Tante unterwegs.

»Marja Grigorjewna ist ein sehr bescheidenes und sittsames Fräulein!«
sagte Iwan Fjodorowitsch.

»Höre, Iwan Fjodorowitsch: ich will ernst mit dir reden. Du bist, Gott
sei Dank, schon fast achtunddreißig Jahre alt; und einen schönen Rang
hast du _auch_ schon: es wird nun bald Zeit, an die Kinder zu denken! Du
brauchst unbedingt eine Frau ....«

»Wie, liebe Tante!« rief Iwan Fjodorowitsch ganz erschrocken: »Wie? Eine
Frau! Nein, liebe Tante, seien Sie doch so lieb .... Sie beschämen mich
.... Ich bin noch nie verheiratet gewesen .... Ich weiß ja gar nicht,
was ich mit einer Frau anfangen soll!«

»Du wirst's schon lernen, Iwan Fjodorowitsch, du wirst es schon lernen,«
rief die Tante lächelnd und dachte bei sich: >Kein Gedanke! Der Junge
ist noch ein richtiges Kind: er weiß ja von gar nichts!< -- »Ja, ja,
Iwan Fjodorowitsch!« fuhr sie laut fort, »eine bessere Frau als Marja
Grigorjewna wirst du wohl nie finden. Außerdem hat sie dir ja doch gut
gefallen. Die Alte und ich haben schon viel darüber gesprochen: sie wäre
sehr froh, dich zum Schwiegersohn zu bekommen. Freilich weiß man noch
nicht, was dieser alte Sünder Grigori Grigorjewitsch dazu sagen wird;
aber wir werden nicht darauf achten, und sollte er dir etwa die Mitgift
nicht herausgeben wollen, so würden wir ihn auf gerichtlichem Wege ....«

In diesem Augenblick fuhr der Wagen in den Hof und die uralten Stuten
lebten auf, als sie die Nähe des Stalles witterten.

»Höre, Omeljko! laß die Pferde zuerst gut ausruhen und führe sie nicht
gleich zur Tränke. Die Pferde sind ja noch ganz heiß. -- Also, Iwan
Fjodorowitsch, ich rate dir, dir die Sache gründlich zu überlegen. Ich
muß noch etwas in der Küche nachschauen: ich habe vergessen, das
Abendbrot bei der Solocha zu bestellen und das nichtsnutzige Weib hat
sicher nicht von selbst daran gedacht.«

Iwan Fjodorowitsch stand da wie vom Donner gerührt. Marja Grigorjewna
war zwar ein sehr nettes Fräulein: aber heiraten! .... Das erschien ihm
so sonderbar und wundersam, daß er nicht ohne Schreck daran denken
konnte. Mit einer Frau zusammen leben! .... das war doch ganz
unbegreiflich! Er sollte nicht mehr allein in seinem Zimmer sein können,
sondern sie würden immer zu zwei sein! .... Und der Schweiß trat ihm auf
die Stirn, je mehr er sich in die Betrachtung vertiefte.

Früher als sonst ging er zu Bett, aber trotz aller Bemühungen konnte er
nicht einschlafen. Endlich suchte ihn der ersehnte Schlaf, dieser
Ruhebringer und Tröster aller Menschen auf. Aber was war das für ein
Schlaf! Unzusammenhängendere Träume hatte er noch niemals gesehen. Bald
träumte er, rings um ihn rausche und drehe sich alles, und er selbst
laufe und laufe atemlos dahin .... Schon verließen ihn die Kräfte ....
Plötzlich aber packte ihn jemand am Ohr. »O je! Wer ist das?« -- »Das
bin _ich_, deine Frau!« sprach eine lärmende Stimme zu ihm -- und er
erwachte. Bald schien es ihm, er sei schon verheiratet und alles in dem
Häuschen sei so absonderlich und so merkwürdig; in seinem Zimmer stehe
statt eines einfachen Bettes ein Doppelbett und auf dem Stuhle sitze
seine Frau. Es war ihm ganz eigentümlich zumute: er wußte nicht, wie er
an sie herantreten, worüber er mit ihr sprechen sollte, und nun erst
merkte er, daß sie das Gesicht einer Gans hatte. Zufällig drehte er sich
um und sah eine zweite Frau, die ebenfalls einen Gänseschnabel hatte, er
drehte sich auf die andere Seite um -- da stand eine dritte Frau, er
wandte sich nach hinten -- da stand noch eine Frau. Da erfaßte ihn eine
wilde Angst; er stürzte in den Garten, aber im Garten war es heiß, er
nahm den Hut ab, und siehe: auch im Hute saß eine Frau. Schweiß bedeckte
sein Gesicht; er wollte das Taschentuch aus der Tasche holen -- aber
auch in der Tasche saß eine Frau; er zog sich die Watte aus dem Ohre --
auch da saß eine Frau .... Dann hüpfte er wieder auf einem Bein, und die
Tante sah zu und sprach mit würdevoller Miene: »Ja, jetzt kannst du
hüpfen und springen, denn du bist ja jetzt ein verheirateter Mann.« Er
eilte auf sie zu; aber die Tante war nicht mehr die Tante, sondern ein
Glockenturm. Und er fühlte, wie jemand ihn an einem Strick auf den
Glockenturm hinaufzog. »Wer zieht mich da hinauf?« fragte Iwan
Fjodorowitsch klagend. »Ich ziehe dich, ich, deine Frau, denn du bist
eine Glocke!« »Nein, ich bin keine Glocke, ich bin Iwan Fjodorowitsch!«
schrie er. »Nein, du bist eine Glocke!« sprach der Oberst des P--er
Infanterieregiments im Vorübergehen.

Oder er träumte, seine Frau sei gar kein Mensch, sondern ein wollener
Stoff; er käme nach Mohilew in einen Laden, und der Kaufmann fragte ihn:
»Was für einen Stoff wünschen Sie? Nehmen Sie doch Frau, das ist der
modernste Stoff! Er ist sehr haltbar! Man macht jetzt Röcke daraus.« Und
der Kaufmann maß und schnitt ein Stück von der Frau ab. Iwan
Fjodorowitsch nahm sie unter den Arm und ging damit zum jüdischen
Schneider. -- »Nein,« meinte der Jude, »das ist ein schlechter Stoff!
Daraus läßt sich doch niemand einen Rock machen ....!«

Voller Angst und ganz außer sich erwachte Iwan Fjodorowitsch; der kalte
Schweiß troff nur so von ihm herunter wie ein Platzregen.

Kaum war er aufgestanden, so wandte er sich sofort an sein Wahrsagebuch,
dem ein tugendhafter Buchhändler in seiner seltenen Güte und
Uneigennützigkeit noch einen kurzen Traumdeuter angehängt hatte. Aber
dort stand nichts, was diesem sinnlosen Traume auch nur einigermaßen
entsprochen hätte.

Indessen aber reifte im Kopfe der Tante ein ganz neuer Plan, von dem Sie
im nächsten Kapitel hören sollen.



                            Der verhexte Ort


                                  Sage
                Erzählt vom Küster an der Kirche zu ***

Bei Gott, ich hab' das Erzählen satt! Was glaubt ihr denn? Es ist
wahrhaftig auch zu langweilig: man erzählt und erzählt, und kommt nie
wieder davon los! Na, meinetwegen, ich will euch noch was erzählen, aber
gebt acht, es ist das letztemal. Ja, ihr habt also davon gesprochen, daß
ein Mensch mit dem unreinen Geiste fertig werden könne. Gewiß, das
heißt, wenn man genauer zusieht, dann merkt man dennoch, daß es in der
Welt allerhand sonderbare Vorfälle gibt .... Indessen sagt das nicht:
will einen die Teufelsmacht blenden, so tut sie es, bei Gott, sie tut
es! ..... Nun also, mein Vater hatte im ganzen vier Kinder; ich war
damals noch ein Grünschnabel, und war erst elf Jahre alt ... Doch nein,
ich war noch nicht elf Jahre alt, ich erinnere mich, wie wenn's heute
wäre, daß ich einmal auf allen Vieren herumkroch und wie ein Hund zu
bellen anfing, und wie da mein Vater den Kopf schüttelte und mich
anschrie: »Ei, Foma, Foma! Es ist Zeit, daß man dich verheiratet, sonst
wirst du noch so närrisch wie ein junges Maultier!«

Mein Großvater war damals noch gesund und -- mag ihm in jener Welt der
Schluckauf leicht werden -- noch ziemlich gut auf den Beinen. Wenn der
nun manchmal so ..... Aber wozu erzähle ich euch das eigentlich? Der
eine von euch wühlt schon seit einer Stunde im Ofen herum und sucht nach
einer Kohle für seine Pfeife, und ein anderer ist in die Kammer
gelaufen, um sich was zu holen ... Ach was! Wenn ich mich euch noch
aufgedrängt hätte -- aber ihr habt ja selbst darauf bestanden .... Man
hört entweder ordentlich zu oder gar nicht.

Mein Vater war schon im Anfang des Frühlings in die Krim gefahren, um
Tabak zu verkaufen. Ich kann mich nun nicht mehr daran erinnern, ob er
zwei oder drei Wagen ausgerüstet hatte; aber der Tabak stand damals hoch
im Preise. Er nahm meinen dreijährigen Bruder mit sich, um ihn
frühzeitig an das Handwerk zu gewöhnen; wir dagegen: der Großvater, die
Mutter, ich, ein Bruder und noch ein zweiter Bruder blieben zu Hause.
Der Vater hatte dicht an der Landstraße ein Stück Land, das er bebaut
hatte; er siedelte daher in seine Hütte auf dem Felde über, und nahm
auch _uns_ mit, um ihm die Spatzen und die Elstern von den Feldern
verscheuchen zu helfen. Man kann nicht sagen, daß es uns gerade schlecht
ging. Den Tag über aß man sich so sehr an Gurken, Melonen, Rüben,
Zwiebeln und Erbsen voll, daß es einem zumute war, als ob einem die
Hähne im Bauche krähten. Dazu brachte es auch noch etwas ein: manch ein
Reisender zog auf der Straße vorbei, und da wollte jeder gerne eine
Wassermelone oder eine Zuckermelone kosten, oder man brachte von den
umliegenden Vorwerken Hühner, Eier und Truthähne herbei und tauschte sie
ein. Das war ein schönes Leben.

Am meisten aber freute sich der Großvater, wenn jeden Tag an die fünfzig
Frachtfuhrleute vorbeigezogen kamen. Das sind meist Leute, die was
erlebt und erfahren haben: und dann ging ein Erzählen los, daß man nur
so die Ohren aufsperren mochte! Für den Großvater aber war das halt, so
wie Knödel für einen Hungrigen. Manchmal stieß er auf alte Bekannte, --
denn meinen Großvater kannte jedermann, -- na, ihr könnt euchs ja wohl
selbst denken, wie das ist, wenn die alten Leute zusammensitzen: dann
geht's taratata und taratata, über dies und jenes, diese und jene
Zeiten, da floß ihnen wohl der Mund über, wenn sie so anfingen, sich auf
Anno dazumal zu besinnen.

Einst ging der Großvater über Feld -- 's ist mir wahrhaftig, als wär's
jetzt eben geschehen --; die Sonne war im Begriff unterzugehen, und
Großvater war damit beschäftigt, die Blätter von den Zuckermelonen
abzunehmen; er pflegte die Melonen nämlich den Tag über mit Blättern zu
bedecken, damit sie nicht so in der Sonne brieten.

»Schau, Ostap!« sagte ich zu meinem Bruder, »da kommen Frachtfuhrleute
angefahren!«

»Wo sind die Fuhrleute?« fragte der Großvater und machte ein Zeichen auf
einer großen Melone, damit sie ihm die Buben nicht gelegentlich wegäßen.

Und in der Tat, auf der Landstraße kamen so an die sechs Wagen
dahergezogen. Vorn schritt ein Fuhrmann mit einem angegrauten
Schnurrbart. Er kam uns -- nun, wie soll ich sagen, -- so etwa bis auf
zehn Schritte nah' und blieb dann stehen.

»Guten Tag, Maxim! Sieh nur, wo Gott uns wieder zusammengeführt hat!«

Der Großvater kniff die Augen zusammen: »Ah! Guten Tag! Guten Tag! Woher
des Wegs? Ist Boljatschka auch da? Grüß Gott, Bruder! Was Teufel! Da
sind ja alle miteinander: Krutotrystschenko! Und Petzcherytzja, Kowelek
und Stetzko! Grüß euch Gott! Haha, hoho! ...« Und alle umarmten und
küßten sich.

Die Ochsen wurden ausgespannt und auf die Wiese getrieben, die Wagen
aber blieben auf der Landstraße stehen; alle setzten sich in einen Kreis
zusammen und steckten sich ihre Pfeifchen an. Aber da kam keiner recht
zum Rauchen! Vor lauter Erzählen und Klatschen kam kaum ein Zug auf
jeden. Nach dem Essen begann der Großvater, die Gäste mit Melonen zu
bewirten. Jeder nahm eine Melone und putzte sie hübsch mit dem
Messerchen ab (das waren alles gerissene Kerle, die waren weit in der
Welt herumgekommen, und hatten mancherlei erfahren, daher wußten sie
auch, wie man in der vornehmen Welt ißt -- man hätte sie geradezu an
einen herrschaftlichen Tisch setzen können), sie putzten die Melonen
also hübsch ab, bohrten mit dem Finger ein Löchelchen in sie hinein,
sogen den Saft raus, zerschnitten sie in Stücke und schoben sie in den
Mund.

»Und ihr, Jungens!« rief der Großvater uns zu, »was haltet ihr Maulaffen
feil? Tanzt doch los, ihr Hundesöhne! Ostap, wo ist deine Schalmei? Nun
also, einen Kosakentanz! Foma, die Hände auf die Hüften! Recht so! hei,
hopp!«

Ich war damals noch ein beweglicher Bursche. Ach ja, dieses verdammte
Alter! Jetzt kann ich's nicht mehr so: anstatt zierliche Sprünge zu
machen, stolpere ich über meine eigenen Beine. Lang schauten der
Großvater und die Fuhrleute uns zu, und ich merkte, daß seine Beine
nicht mehr ruhig bleiben wollten, gleich als ob jemand an ihnen zupfte.

»Schau, Foma!« sagte Ostap, »der alte Knaster tritt wohl selbst noch zum
Tanze an!«

Was glaubt ihr? Kaum hatte er das gesagt, da konnte das Großväterchen
wirklich nicht mehr an sich halten! Der wollte den Fuhrleuten nämlich
zeigen, was er konnte. »Was, ihr Teufelskinder? tanzt man denn so? _So_
tanzt man!« rief er, sprang auf die Beine, streckte die Arme vor und
stampfte mit dem Hacken auf.

Und in der Tat, man konnte nichts dawider sagen, er tanzte wahrhaftig so
gut, daß er auch mit der Hetmansfrau hätte tanzen können. Wir traten ein
wenig zur Seite, und nun begann der alte Knasterbart seine Beine auf dem
glatten Plätzchen, das sich neben dem Gurkenbeet befand, in die Luft zu
werfen. Kaum war er jedoch bis in die Mitte des Platzes gelangt -- und
wollte nun erst richtig losgehen, wie ein Wirbel mit den Füßen
dahinfahren und uns ein besonderes Kunststückchen zeigen -- da wollten
die Beine plötzlich nicht vom Fleck und aus war es! War das ein
sonderbarer Teufelsspuk! Er fing noch einmal an, gab sich einen Schwung,
kam wieder bis zur Mitte, aber wieder ging es nicht weiter! Tu einer,
was er will -- es ging und ging nicht! Die Beine waren plötzlich so
steif wie ein Stück Holz. »So eine verteufelte Stelle, so ein
Satansspuk! Da ist wohl gar der Herodes, dieser Feind des
Menschengeschlechts mit im Spiel!« Und nun gar noch diese Schmach vor
den fremden Lastführern! Er fing aber wiederum an, und begann von neuem
mit ganz kleinen Schritten im Takt herumzuhüpfen, daß es nur so eine
Freude war, es mit anzusehen; aber wie er bis zur Mitte kam, ging's
wieder nicht weiter, und der Tanz wollte ihm durchaus nicht gelingen!
»Ah, verdammter Satan! Daß du doch an einer faulen Melone erstickest!
Als Kind schon sollst du krepieren, du Hundesohn! Mir in meinen alten
Tagen noch eine solche Schmach anzutun ....« Und in der Tat, hinter ihm
lachte jemand laut auf.

Er sah sich um, das Feld und die Fuhrleute waren verschwunden, hinter
ihm, vor ihm, und zu beiden Seiten sah man nichts als flaches Land. »He
... da haben wir die Bescherung!« Er begann mit den Augen zu blinzeln,
der Ort kam ihm nicht unbekannt vor: auf der einen Seite lag ein Wald,
und hinter dem Wald ragte eine hohe Stange empor, die bis weit in der
Ferne zu sehen war. Was Teufel! Das ist ja der Taubenschlag im
Gemüsegarten des Popen! Auch von der anderen Seite schimmerte etwas grau
herüber; er sah näher hin. Es war die Scheune des Gemeindeschreibers.
Teufel auch, wohin einen die unreine Macht forttragen kann! Er lief ein
paarmal hin und her und im Kreise herum und entdeckte endlich einen
kleinen Pfad. Der Mond war unsichtbar, und an seiner Stelle blinkte ein
weißer Fleck durch eine Wolke. »Morgen wird's sehr windig sein!« dachte
der Großvater, da leuchtete plötzlich, etwas abseits vom Wege auf einem
kleinen Grabe, ein Flämmchen auf. »Sieh mal an!« und der Großvater blieb
stehen, stemmte die Hände in die Hüften und sah näher hin: nun war das
Flämmchen erloschen, aber weiter und noch etwas weiter, da flackerte ein
anderes auf. »Ein Schatz!« schrie der Großvater, »bei Gott, ich möchte
alles darum geben, daß das ein Schatz ist!« Und schon wollte er sich in
die Hände spucken, um nach dem Schatz zu graben, da fiel ihm ein, daß er
ja weder Schippe noch Spaten bei sich hatte. »Schade, schade! Aber wer
weiß? Vielleicht braucht man nur den Rasen wegzuräumen, und der
Herzensschatz liegt gleich darunter! Na, da ist eben nichts zu machen!
Merken wir uns wenigstens den Platz, daß wir's später nicht vergessen.«

Er nahm einen mächtigen Ast, der offenbar vom Sturm zerbrochen worden
war, wälzte ihn auf das Grab, auf dem das Licht gebrannt hatte, und ging
seines Weges. Der junge Eichenwald lichtete sich; und ein geflochtener
Zaun tauchte vor ihm auf. »Na also, hab' ich's nicht gleich gesagt, daß
es die Trift des Popen ist!« dachte der Großvater, »da ist ja auch sein
Zaun. Jetzt ist's keine ganze Werst mehr bis zu meinem Melonenfeld.«

Er kam aber erst spät am Abend heim und wollte nicht einmal von den
Klößen kosten. Er weckte meinen Bruder Ostap, fragte nur, ob die
Fuhrleute schon lange fort seien, und wickelte sich dann in seinen
Schafspelz. Mein Bruder wollte ihn ausfragen. »Wo haben dich denn heute
die Teufel hingebracht, Großvater?« begann er.

»Frage nicht,« sagte dieser, sich noch fester in seinen Pelz hüllend,
»frage nicht, Ostap, vom vielen Fragen kriegt man graue Haare!« Und er
fing so an zu schnarchen, daß die Sperlinge, die sich im Melonenfelde
niedergelassen hatten, vor Schreck in die Luft aufflogen. Aber in
Wahrheit schlief er gar nicht! Es ist nicht zu sagen, was das für eine
schlaue Bestie war -- Gott hab ihn selig -- aber er verstand es
vorzüglich, sich mit allem abzufinden. Manchmal konnt' er einem ein
Liedchen singen, daß man sich nur so in die Lippen biß.

Kaum aber brach der nächste Tag an, und kaum begann es im Felde zu
dämmern, da zog der Großvater seinen Kittel an, legte den Gürtel um,
nahm einen Spaten und eine Schaufel unter den Arm, setzte die Mütze auf,
trank einen Krug Brotkwas, wischte sich die Lippen mit dem Rockschoß und
ging geradewegs in des Popen Gemüsegarten. Er war schon am Zaun und an
dem niedrigen Eichenwäldchen vorbei. Da schlängelte sich zwischen den
Bäumen ein Pfad hin, der gerad ins Feld führte; offenbar derselbe, den
er gestern entdeckt hatte. Er betrat das Feld -- es war dieselbe Stelle,
wo er gestern gewesen war. Da ragte auch der Taubenschlag in die Höhe,
aber die Scheune war nicht zu sehen. »Nein, das ist nicht der rechte
Ort. Der liegt also etwas weiter; ich muß offenbar umkehren und auf die
Scheune zugehen!« Er kehrte also um, und ging auf einem andern Wege
weiter: jetzt war die Scheune zu sehen, aber nun war der Taubenschlag
fort! Er kehrte also wieder um und näherte sich dem Taubenschlag, doch
nun war wieder die Scheune verschwunden. Und nun begann, wie zu Fleiß,
noch ein Regen herunterzurieseln. Er lief wieder nach der Scheune --
aber der Taubenschlag war fort; oder zum Taubenschlag -- dann war die
Scheune fort.

»Verfluchter Satan, daß du es nie mehr erlebtest, deine Kinder zu
sehen!« Der Regen aber rauschte in Strömen herab. Der Großvater zog sich
die neuen Stiefel aus, wickelte sie in ein Tüchlein ein, damit sie sich
nicht vor Nässe zusammenzögen und gab Fersengeld wie ein
herrschaftlicher Renner. Er kroch, ganz durchnäßt bis auf die Knochen,
in die Hütte, bedeckte sich mit dem Schafspelz und begann etwas durch
die Zähne zu murmeln und den Teufel mit so lieblichen Worten zu
traktieren, wie ich sie mein Lebtag noch nicht gehört habe. Ich gestehe,
ich wäre ganz rot geworden, wenn so etwas am helllichten Tage geschehen
wäre.

Am anderen Morgen erwache ich und sehe: der Großvater zieht auf dem
Felde umher, als ob nichts geschehen wäre und bedeckt die Wassermelonen
mit Blättern von Kletten. Beim Essen wurde der Alte erst wieder
gesprächig und begann meinen jüngeren Bruder damit zu schrecken, daß er
ihn gegen ein Paar Hühner umtauschen werde wie eine Wassermelone; nach
Tisch schnitt er sich selbst eine Flöte aus Holz und fing an, auf ihr zu
blasen; dann gab er uns eine Melone zum spielen, die ganz
zusammengeschrumpft war wie eine Schlange, und die er eine türkische
Melone nannte. Ich habe nie wieder eine solche Melone gesehen; er hatte
den Samen von weit her gesandt bekommen.

Abends, nach dem man gevespert hatte, ging der Großvater mit dem Spaten
ins Feld, um ein neues Beet für die späten Kürbisse zu graben. Wie er
nun an der behexten Stelle vorüberkam, da konnte er nicht an sich halten
und murmelte durch die Zähne: »Verfluchter Ort!«, er trat in die Mitte
des Platzes, wo er tags zuvor nicht hatte zu Ende tanzen können, und
schlug wütend mit dem Spaten auf die Erde. Da lag plötzlich wieder
dasselbe Feld vor ihm: auf der einen Seite ragte der Taubenschlag empor,
auf der anderen stand die Scheune. »Noch gut, daß ich so klug war, einen
Spaten mitzunehmen,« dachte er: »Da ist auch der Pfad, da ist das Grab,
und da liegt noch der Ast! Sieh, da brennt ja auch das Flämmchen! Daß
ich mich nur nicht irre!«

Leise lief er herzu, hob den Spaten in die Höhe, als ob er einem Eber,
der sich bis ins Feld verirrt hatte, einen Schlag versetzen wollte, und
blieb vor dem Grabe stehen. Das Flämmchen war erloschen und auf dem
Grabe lag ein mit Gras bewachsener Stein. »Diesen Stein muß ich heben!«
dachte der Großvater und begann rings um ihn herum die Erde aufzugraben.
Der verfluchte Stein war verdammt groß! Doch, nun stemmte er die Füße
fest gegen die Erde und stieß ihn vom Grabe herab. »Bums --!« dröhnte es
weit durch's Tal. »Nun sind wir dich los! Jetzt wird die Arbeit
schneller gehen!« dachte der Großvater.

Und der Alte machte ein wenig Halt, holte seinen Tabaksbeutel hervor,
schüttete sich etwas Tabak auf die Faust und wollte ihn an die Nase
bringen, als plötzlich über seinem Kopfe ein »Pschü!« ertönte und jemand
so laut nieste, daß die Bäume zu schwanken begannen und das ganze
Gesicht des Großvaters bespritzt wurde. »Du könntest dich doch auch
abwenden, wenn du niesen willst!« rief der Großvater und rieb sich die
Augen. Er sah sich um, aber es war niemand da. »Der Teufel liebt wohl
den Tabak nicht!« fuhr er fort, steckte den Beutel wieder in die Brust
und nahm den Spaten wieder in die Hand. »Er ist wirklich dumm genug
dazu! Solch einen Tabak hat weder sein Großvater noch sein Vater je
geschnupft!« Und er begann zu graben. Die Erde war weich, und der Spaten
versank nur so in ihr. Jetzt klirrte etwas. Er schaufelte die Erde weg
und erblickte einen Kessel.

»Ah, Täubchen, hier also bist du!« rief der Großvater und schob den
Spaten unter den Kessel.

»Ah, Täubchen, hier also bist du!« piepte ein Vogel und pickte auf den
Kessel.

Der Großvater wich zur Seite und ließ den Spaten fallen.

»Ah, Täubchen, hier also bist du!« blökte ein Hammelkopf von einem
Baumwipfel herab.

»Ah, Täubchen, hier also bist du!« brüllte ein Bär, seine Schnauze
hinter dem Baum hervorschiebend.

Den Großvater überlief es kalt. »Hier hat man ja rein Angst, noch ein
Wort zu sagen«, brummte er vor sich bin.

»Hat man ja rein Angst, ein Wort zu sagen!« piepte der Vogelschnabel.

»Angst, ein Wort zu sagen!« blökte der Hammelkopf.

»Wort zu sagen!« brüllte der Bär.

»Hm ....« machte der Großvater, und schrak zusammen.

»Hm!« piepte der Vogel.

»Hm!« blökte der Hammelkopf.

»Hum!« brüllte der Bär.

Voll Angst blickte der Großvater um sich: O Gott, was für eine Nacht!
Weder Mond, noch Sterne; und ringsumher nichts wie Schluchten; ihm zu
Füßen lag ein schier bodenloser Abgrund, ihm zu Häupten hing ein Fels
herab, der gerade auf ihn herunterstürzen wollte! Und es deuchte den
Großvater, als blinzelte ihn hinter dem Felsen eine Fratze an: Hu! Hu!
Die hatte eine Nase wie der große Blasebalg in der Schmiede; die Nüstern
waren so groß, daß man einen Eimer Wasser in jede hinein gießen konnte,
und zwei Lippen hatte sie, bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten
Augen glotzten nach oben und dazu steckte sie noch die Zunge heraus und
bläkte ihn an! »Hol dich der Teufel!« rief da der Großvater und warf den
Kessel hin. »Da hast du deinen Schatz! Solch eine widerwärtige Fratze!«
Und schon wollte er Reißaus nehmen, aber da sah er sich um, und siehe
da, es war alles wie früher. »Der Satan will mich nur schrecken!« dachte
er sich.

Er ging wieder daran, den Kessel auszugraben -- doch nein, er war zu
schwer! Was war da zu machen? Er konnte ihn doch nicht etwa da lassen!
So nahm er denn alle Kraft zusammen und packte ihn mit beiden Händen:
»Nun also, eins -- zwei, drei!« und er hatte ihn emporgehoben. »So,
jetzt nehmen wir mal erst eine Prise!« dachte er sich.

Er holte den Tabaksbeutel hervor. Zuerst aber sah er sich um, ob auch
niemand da war. Nein, es war niemand da, so schien es wenigstens! Aber
auf einmal kam es ihm so vor, als ob der Baumstamm ihn anfauchte und
sich aufblies, zwei Ohren traten hervor, ein Paar rote Augen quollen
heraus, die Nüstern bliesen sich auf und eine Nase zog sich kraus, als
wollte sie niesen. »Nein, ich will lieber doch nicht schnupfen!« dachte
der Großvater und steckte den Tabak wieder ein. »Sonst spuckt mir der
Satan wieder in die Augen!« Er ergriff also schnell den Kessel und
begann aus allen Leibeskräften zu laufen, da fühlte er, wie ihm von
hinten jemand wie mit Ruten auf die Beine schlug ..... »O je, o je!«
schrie der Großvater und rannte weiter, als ob er nicht gescheit wäre;
erst als er an des Popen Gemüsegarten vorbeikam, schöpfte er wieder ein
wenig Atem.

»Wo mag nur der Großvater geblieben sein?« dachten wir, nachdem wir drei
Stunden auf ihn gewartet hatten. Die Mutter war schon längst vom Vorwerk
zurückgekommen und hatte einen Topf mit heißen Klößen mitgebracht. Der
Großvater aber kam und kam nicht! Wir setzten uns also allein hin, um zu
vespern. Nach dem Abendessen wusch die Mutter den Topf und suchte mit
den Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht ausgießen konnte; denn
ringsum gab es nichts als Beete, da sieht sie auf einmal, wie ihr eine
Tonne entgegengerollt kommt. Es war ziemlich dunkel. Sicherlich hatte
sich jemand von den Burschen mutwillig hinter die Tonne gesteckt und
schob sie vor sich hin. »Ei, da kann ich ja das Spülicht in die Tonne
gießen,« sagte sie und goß das heiße Spülicht hinein.

»O weh!« schrie da eine tiefe Baßstimme auf. Sieh da. Es war der
Großvater! Ja, wer konnte denn das wissen! Bei Gott, wir dachten
einfach, ein Faß käme herangerollt! Offen gestanden, wenn's auch eine
Sünde ist, aber es war wirklich furchtbar komisch, als der graue Kopf
des Großvaters ganz von Spülicht triefend und mit Melonenschalen behängt
hervorschaute.

»So ein Teufelsweib!« rief der Großvater und wischte sich den Kopf mit
dem Rockschoß ab. »Wie die mich verbrüht hat, rein wie ein Schwein vor
Weihnachten! Na, Jungens, jetzt sollt ihr aber Bretzeln bekommen. Ihr
sollt nur in goldenen Schupans herumlaufen, ihr Hundesöhne. Seht her!
Seht, was ich euch mitgebracht habe!« rief der Großvater und deckte den
Kessel auf.

Und was glaubt ihr wohl, was drin war? Überlegt's euch wohl, hört ihr --
ihr denkt wohl: Gold? Aber das ist's ja eben, daß es kein Gold war:
Mist, Unrat und sowas ..... Es ist eine Schande zu sagen, was alles da
drin war. Der Großvater spuckte aus, warf den Kessel hin und wusch sich
die Hände.

Und seit der Zeit beschwor uns der Großvater, niemals dem Teufel zu
trauen. »Denkt lieber gar nicht dran!« sagte er oft zu uns. »Alles, was
der Feind Jesu Christi spricht, hat er erlogen, dieser Hundesohn! Der
hat auch nicht für einen Deut Wahrheitsliebe!« Und kaum vernahm der
Alte, daß es irgendwo rumore, so rief er uns schon zu: »Schnell Kinder,
machen wir ein Kreuz darüber! So, so, so geschieht's ihm recht! Tüchtig
soll er's kriegen!« und dann legte er los mit dem Kreuzschlagen. Jenen
verhexten Ort aber, an dem er nicht zu Ende tanzen konnte, ließ er
umzäunen und ließ von da ab alles, was man nicht brauchen konnte, also
den ganzen Schutt und Unrat, den er auf dem Felde ausgrub, dort
hinwerfen.

So also foppte des Satans Macht den Menschen! Ich kenne diesen Ort sehr
gut: später haben ein paar Kosaken aus der Nachbarschaft ihn von meinem
Vater gepachtet, um ihn zu bebauen. Der Boden ist prachtvoll, und die
Ernte war immer ganz herrlich; aber von einem behexten Orte kann ja nie
Gutes kommen. Man sät etwas, was man braucht, dann aber geht etwas auf,
wovon nur der Teufel weiß, was es ist: Es ist kein Kürbis, keine Melone
und auch keine Gurke ..... Weiß der Teufel, was es ist.



                          Biographische Skizze
                                  von
                              B. Schenrock


                     Übersetzt von _Alexandra Ramm_

Nikolaj Wassiljewitsch Gogol, der mit vollem Recht als einer der großen
schöpferischen Geister im Gebiete der Wortkunst anerkannt wird, hat
sich, wie bekannt, seinen Anspruch auf Unsterblichkeit nicht nur durch
die großen Qualitäten seiner Werke, sondern auch durch die entscheidende
Wirkung erworben, die er als richtunggebende Kraft auf die gesamte
Entwicklung des russischen Schrifttums ausübte. Als ein Schriftsteller,
der der Literatur unschätzbare Dienste erwies: indem er sie von der
Nachahmung befreite und sie endgültig auf die Darstellung des wirklichen
Lebens richtete, hat Gogol sich für immer einen der ersten Plätze in der
Literaturgeschichte gesichert, wie groß auch die Verdienste seiner
Nachfolger sein mögen.

Die persönlichste Note Gogols, des Menschen wie des Dichters, ist die
unbezweifelbare Eigenart seiner Erscheinung, dies Wort in seinem
höchsten Sinne genommen. Ihr hat er es zu verdanken, daß er fast allein
durch sein natürliches Temperament die hohe Vollkommenheit erreichte,
die seine Werke auszeichnet. Es ist kaum möglich, einen ähnlich
bedeutsamen Vertreter der russischen Literatur zu nennen, der in gleich
geringem Maße fremden Einflüssen verpflichtet ist.

Gogol war ein echter Kleinrusse. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der großen
russischen Dichter war er sowohl seiner Abstammung wie seiner Erziehung
nach fast gänzlich frei von jeder Beimischung fremder Einwirkungen. Mit
den frühesten Eindrücken seiner Kindheit sog er zugleich alle nationalen
Eigenheiten des Kleinrussentums ein, als er noch die Luft seiner
heimatlichen, so inniggeliebten Ukraine atmete. Immer blieb ihm
Kleinrußland, das der Gegenwart wie der Vergangenheit, teuer und er
forschte lebhaft nach seinen Ahnen, wenn auch nicht in dem Sinne
genealogischen Nachspürens. Im Gegenteil: Gogol empfand aufs tiefste den
_dichterischen_ Zauber der Erinnerung an die Ahnen, dem er in folgenden
tief gefühlten Zeilen Ausdruck gab: »O Vergangenheit, Vergangenheit!
Welch ein Jubel, welch eine Befreiung erfüllt unsere Seele, wenn wir von
dem hören, was vor langer, langer Zeit, vor Jahr und Tag einmal in der
Welt geschah! Und wenn nun noch ein Blutsverwandter, ein Großvater oder
Urgroßvater an jenen Ereignissen teilnahm, ah -- dann verstummt der
sonst so beredte Mund.« Wir wollen hier nicht die Geschichte Ostaps
erzählen, der vermutlich ein Ahne Gogols war und bemerken nur, daß diese
echt kleinrussische Familie, wenn auch nur für kurze Zeit, mit zweien
ihrer Mitglieder in die Reihen der polnischen Schlachta eingetreten war,
was eine Erklärung für den zweiten polnischen Namen liefert, dem die
Gogols dem ihren anfügten: Gogols Urgroßvater hieß Jan, nach ihm nannten
sie sich auch Janowski, und ihr Erbgut im Kreise Mirgorod,
Regierungsbezirk Poltawa, erhielt den Namen Janowschtschina (wie ein
anderes Gut, Wassiljewka, seinen Namen nach Gogols Vater Wassilij
erhalten hatte). Später war Gogol bemüht, diesen zweiten Namen
abzulegen, denn er behauptete, daß »die Polen« dieses Anhängsel erfunden
hätten.

Und doch war Gogol den Professoren und Mitschülern fast ausschließlich
unter dem Namen Janowski bekannt. Schon der Sohn Jan Gogols war
griechisch-katholisch geworden; er wurde in der Kiewer Akademie erzogen
und trat sogar in den geistlichen Stand ein; sein Enkel, der Großvater
unseres Dichters, war den Zeugnissen nach, die sich erhalten haben, ein
echter Kleinrusse. Für uns hat die Bekanntschaft mit den Ahnen Gogols
vor allem die Bedeutung, daß sie uns von der Überlieferung alle als
hochbegabte Menschen geschildert werden -- jedenfalls waren sie keine
gewöhnlichen Erscheinungen. Auch der Vater Gogols, Wassilij
Afanaßjewitsch, war ein außerordentlich begabter und herzensguter
Mensch, mit einem lebendigen und wißbegierigen Verstand, literarischen
Neigungen und einem ausgesprochenen Erzählertalent. Sorglos und geliebt
von Nachbarn und Freunden begnügte er sich mit seinem bescheidenen
Familienglück und träumte nie von dem lockenden Ruhm des Dichters. Ein
Zufall, die Übersiedelung nach dem Gute des bekannten kleinrussischen
Magnaten Troschtschinsky, einem Verwandten seiner Frau, Kibinzu,
erschloß der dichterischen Begabung Wassilij Afanaßjewitschs ein
würdigeres Feld. Dank der weitherzigen Gastfreundschaft Troschtschinskys
war dieser immer von Freunden umringt: stets standen Zimmer und ganze
Flügel für die Ankömmlinge bereit. In seinem Hause herrschte ewiger
Feiertag: man musizierte, spielte Theater, arrangierte Feste -- und
alles war immer von einer erregten Atmosphäre von Freude und Glanz
umgeben. Nicht minder hing man in diesem Schlosse geistigen Interessen
nach: selbst bloße Vergnügungen trugen das Merkmal vollendeten Taktes
und Geschmacks, und keiner widerstand dem bezaubernden Eindruck des
Ganzen. Gogols Eltern wurden hier gern gesehen, und man schien in diesem
zeitgenössischen Athen dem alltäglichen Leben ganz entrückt zu sein.

Am 19. März 1800 wurde W. A. Gogol, das ältere von den zwei am Leben
gebliebenen Kindern, unser Dichter, geboren. Von dem ersten Tag an war
er der Abgott der Familie, vor allem der Mutter, deren Güte und
Freundlichkeit allgemein hochgeschätzt wurde. Es ist selbstverständlich,
daß der Knabe von seinen Eltern mit zartester Sorgfalt behütet wurde,
und so wuchs er mitten unter Gutsherrn und Bauern alten Schlages auf.
Schon als Kind hatte ihm die Natur eine außerordentliche
Beobachtungsgabe verliehen, und so prägte sich ihm von früher Jugend an
das Bild eines kleinrussischen Dorfes ein: unmerklich schleichen sich
die kleinrussischen Sagen, Sitten und Tänze in sein Herz. Auf dem Gute
Troschtschinskys lernt er vieles kennen, was ihm in der Enge seines
väterlichen Hauses ewig unbekannt geblieben wäre. Und hier erlebte er
seinen ersten künstlerischen Genuß: als er bezaubert den Dramen
Kotlarewskis zuschaute, die von Leibeigenen auf dem Haustheater gespielt
wurden. Mit zehn Jahren brachte man ihn nach Poltawa, um ihn dort für
sein späteres Studium vorbereiten zu lassen; bald jedoch wurde er nach
Njäschin geschickt in das »Gymnasium der höheren Wissenschaften,« wo er
vom Mai 1821 bis Juni 1828 als Schüler verblieb. In der Schule machte
der kränkliche, nicht allzufleißige Knabe, der seine geringe Zuneigung
zu den Wissenschaften durch eine innige Hingabe an allerlei kleine
Streiche und Neckereien ersetzte, weder auf seine Altersgenossen noch
auf die älteren Schüler einen besonders guten Eindruck: die einen
lachten ihn als einen Spaßmacher aus, die andern verachteten ihn als
einen Faulenzer. Der natürlichen Begabung des Knaben, die sich vorläufig
nur dadurch kundgab, daß er den Lehrern treffende Spitznamen gab und
ihre Eigenheiten geschickt nachahmte, schenkte keiner irgendwelche
ernstere Beachtung: aber die von ihm erfundenen Spitznamen werden von
den andern sogleich aufgegriffen, und alles belacht seine närrischen
Streiche, wenn auch keiner glaubt, daß sich hierin irgend etwas
ungewöhnliches ausdrückt. In dieser Zeit faßt er plötzlich eine
leidenschaftliche Hinneigung zur Malerei, wohl auch zu Büchern: aber
bald beherrscht das Theater widerspruchslos seine Sehnsucht. Er bemüht
sich, im Njäjiner Lyzeum kleine Aufführungen zu arrangieren und als
Schauspieler gelingen ihm vor allem die Rollen der komischen Alten.
Seine Leidenschaft entflammte auch seine Kameraden. Bald gibt er eine
Schülerzeitschrift heraus und träumt von seiner Zukunft, die sich in
lichten Farben vor ihm eröffnet. Als er sechzehn Jahre alt ist, stirbt
sein Vater plötzlich. Dadurch wird seine Entwicklung entscheidend in
eine andere Bahn gelenkt. Aus dem spielerischen Knaben wird unversehens
ein Jüngling. Sein und seiner Angehörigen Schicksal, dem er sich ganz
widmen will, bemächtigt sich seiner Phantasie: vor allem will er der
jüngeren Schwester den Vater ersetzen. Noch immer sind seine
Fortschritte in der Schule gering, nur für Geschichte wird ein größeres
Interesse bei ihm bemerkbar, ebenso für die Poesie, wenn ihn auch der
Literaturunterricht im Gymnasium wenig anzieht. Er macht sich über den
Professor, dessen vorsintflutliche Anschauungen noch in der »guten alten
Zeit« wurzeln und der Puschkin verachtet, lustig ... Und dann erwacht
die jugendliche Sehnsucht nach Freundschaft in ihm. Außer seiner
Knabenfreundschaft mit Danilewski, dem Sohne des Gutsnachbars, gewinnt
er noch Wyssozki und die Brüder Prokopowitsch zu Freunden. Die letzten
Jahre der Schulzeit eilen schnell vorüber; Wyssozki, der die Schule
absolviert hat, reist nach Petersburg, und Gogol, der oft mit dem
Freunde von der Hauptstadt im Norden geträumt hat, sehnt sich heiß nach
den Ufern der Newa. Seine Träume zaubern ihm das herrliche Leben in
Petersburg vor, wo die großen Ziele locken: gereizt empfindet er das
Provinzielle seiner Umgebung. Seine scharfe Beobachtungsgabe verbindet
sich mit schneidendem Humor zu bissigen Ironien. Aus den kühnen Träumen
der Jugend gestaltet sich das Idyll »Hans Küchelgarten«. Endlich naht
die Zeit der Abschlußprüfung. Gogol fühlt, daß er noch große Lücken
auszufüllen hat und beginnt angestrengt zu arbeiten. In den Briefen an
seine Mutter, die in dieser Zeit geschrieben sind, macht er der Schule
bittere Vorwürfe, daß sie ihn so lange aufgehalten hat, ohne ihm sichere
Kenntnisse beizubringen. Aber endlich besteht er die Prüfling.

Er kehrte auf kurze Zeit in seine Heimat zurück, um dann mit seinem
treuen Kameraden Danilewski nach Petersburg zu fahren. Bald enttäuscht
die grausame Wirklichkeit die großartigen Träume der Jugend: statt in
einem großen Zimmer mit hohen Fenstern auf die Newa hinaus zu wohnen,
muß er sich mit einem Raum in einer höheren Etage in einer viel
prosaischeren Gegend begnügen; die hohen Preise machen ihn
niedergeschlagen. Die Empfehlungsbriefe, mit denen ihn die sorgliche
Mutter ausgerüstet hatte, öffnen ihm zwar die Häuser einiger angesehener
Personen, bleiben aber ohne jegliches praktisches Resultat. Er leidet
Not und muß im Winter mit einem Sommermantel herumlaufen. Er muß allen
Vergnügungen entsagen: nicht einmal das heißgeliebte Theater kann er
besuchen ... Er fühlt sich tief unglücklich und mit fieberhafter Eile
unternimmt er einen Versuch nach dem andern; aber alles mißglückt ihm.
Er erinnert sich der Erfolge, die er auf der Bühne des Schultheaters
errungen hatte und läßt sich als Schauspieler prüfen: aber sein Organ,
klar und jeder Übertreibung bar, macht auf die zeitgenössischen
Theateraristarchen einen ungünstigen Eindruck. Er selbst bemerkt es
während der Probe und entfernt sich heimlich, ohne das Resultat
abzuwarten. Dann fiel es ihm ein, sein Idyll »Hans Küchelgarten« drucken
zu lassen, aber die Kritik nahm es kühl auf, und der gekränkte Dichter
warf eiligst seinen Erstling in die Flammen. Inzwischen war ihm aber das
Interesse der Petersburger für alles Kleinrussische aufgefallen, und der
unternehmungslustige Jüngling beschäftigt sich mit dem Plan, die
Komödien seines Vaters aufzuführen. Ebenso beginnt er, mit Hilfe der
Mutter und seiner Freunde näheres Material für einige geplante
kleinrussische Erzählungen zu sammeln, die er auch wirklich
niederschreibt und die unter dem Namen »Abende auf dem Gutshof bei
Dikanka« bald eine umfassende Popularität erlangten. Über seine Stimmung
zu dieser Zeit mögen einige Zeilen Auskunft geben, die einem
gleichzeitigen Brief an seine Mutter entnommen sind: »Ist das eine ein
Mißerfolg, kann man zum andern greifen, und mißglückt das auch -- dann
zum dritten usw. Das Kleinste kann manchmal eine große Hilfe bedeuten.«
In dieser Stimmung reifte plötzlich der Plan in ihm, ins Ausland zu
reisen -- in das Ausland, von dem er seit seiner Schülerzeit zu Njäschin
geträumt hatte! Er sehnte sich nach einem phantastischen Land des Glücks
und der schöpferischen Arbeit. Aber auch diesmal enttäuschte die
Wirklichkeit die farbige Glut seiner Jugendträume. In der »Beichte des
Dichters« bekannte er, daß »er sich kaum auf dem Meere, auf dem Dampfer,
unter fremden Menschen« befand, als schon die frohen Träume von einem
glücklichen exotischen Leben in nichts zerflossen. Kaum hatte er sich
flüchtig umgesehen, kaum hatte er Lübeck, Travemünde, Hamburg kennen
gelernt, als er schon zurück nach Petersburg eilte. (Nach A. S.
Danilewskis Angabe war Gogol aus Petersburg fortgefahren, um sich in
Amerika anzusiedeln.) Bald nach seiner Rückkehr erhielt er eine Stellung
im Apanagen-Departement. So kläglich hatten seine herrlichen
Dichterträume geendet. Und gerade diesen Ausgang hatte er wie das Feuer
gefürchtet, und mit allen Kräften sträubte er sich gegen den Gedanken,
daß »das Schicksal ihm ein düsteres Heim des Ungekanntseins zugedacht
hätte«.

Inzwischen aber gediehen die »Abende auf dem Gutshof bei Dikanka«
fleißig weiter; außerdem begann Gogol seine ersten literarischen
Versuche in Zeitschriften zu veröffentlichen und Beziehungen zu
Schriftstellern anzuknüpfen. So war er endlich auf der Bahn, die zu
einer Verwirklichung seiner Träume führen konnte. Delwig, Schukowski,
Pletniew -- vor allem der letztere -- erkannten seine glänzende Begabung
und entwickelten für seine Zukunft eine geradezu väterliche Besorgnis.
Pletniew verschaffte ihm eine Stellung als Geschichtslehrer am
»Patriotischen Institut,« wo er selbst Geschichtsunterricht erteilte,
und ebenso einige Stunden in vornehmen Häusern. Er war es auch, der ihn
mit Puschkin bekannt machte. Noch ein paar Mißerfolge hatte Gogol zu
überwinden, und dann erhaschte er das Glück, das phantastische,
zauberhafte Glück ... Plötzlich fühlte er sich in die Sphäre der höheren
literarischen Welt gehoben ... aussichtsreiche Beziehungen eröffneten
sich ihm. Vor allem befreundete er sich mit dem vielumworbenen Fräulein
A. O. Rosset, der späteren Frau Smirnowa. Ihre gemeinsame heiße Liebe
zur Ukraine hatte sie zusammengeführt, und das war für ihn um so
bedeutungsvoller, als sich sein Verhältnis zur Heimat in den seelischen
Erschütterungen der letzten Jahre wesentlich verändert hatte. War es
früher seine leidenschaftliche Sehnsucht, nur schnell in die Hauptstadt
zu kommen, so sehnte er sich jetzt aus den schweren Enttäuschungen der
großen Stadt in seine geliebte Ukraine zurück, obwohl er die Bedeutung
Petersburgs für seine Zukunft wohl erkannt hatte. Im Jahre 1831 gab er
unter dem ihm von Pletniew empfohlenem Pseudonym Rudy Panjko die »Abende
auf dem Gutshof bei Dikanka« heraus. Den Sommer verbrachte er in
Zarskoje Selo, in glücklicher Gemeinschaft mit Puschkin und Schukowski.
(Nunmehr war er überhaupt einer »derer um Puschkin« geworden.) Erst im
Sommer 1832 benutzte er seine Ferien, um die Heimat aufzusuchen. Eine
neue Idee hatte sich um diese Zeit seiner bemächtigt: er wollte eine
Komödie schreiben, deren Stoff dem alltäglichen Leben entnommen sein
sollte. Seine eminente Beobachtungsgabe mußte einmal einen solchen
Gedanken gebären, um sich vollkommen entladen zu können: durch sie
wurden Züge seiner Umgebung hell bestrahlt, die dem gewöhnlichen Blick
für immer verborgen bleiben, obwohl sie in Wahrheit die am tiefsten
charakteristischen sind. Das zeitgenössische Repertoire bestand in der
Mehrzahl aus affektierten Dramen und Tragödien: teils waren es lärmende
Trauerspiele im pseudoklassischen Geschmack, teils anspruchslose
Komödien, die, ohne jede Bedeutung, nur der Abwechslung dienten. Es kann
nicht stark genug betont werden, daß in dieser Lage Gogols Plan geradezu
eine Offenbarung bedeutete: und wenn um Gogols schöpferischer Stellung
in der Literatur vielleicht gestritten werden kann, so kann über seine
Bedeutung für die dramatische Kunst nicht der geringste Zweifel
herrschen. Denn die Entwicklung des russischen Dramas kann selbst durch
so starke ästhetische Schöpfungen wie Puschkins »Geizige Ritter«,
»Mozart und Salieri« oder »Der steinerne Gast« nicht erklärt werden:
überall wird man der entscheidenden Einwirkung Gogols begegnen. Seine
Ansicht von der Bedeutung des Dramas, die ihm aus tiefstem Innern
zugeflossen war, war so selbstständig und neu, daß sie ihm bei einem
vorübergehenden Aufenthalt in Moskau die gerühmten Produkte der
zeitgenössischen dramatischen Literatur ganz bedeutungslos erscheinen
ließ; diesen Aufenthalt in Moskau -- übrigens auf seiner Reise in die
Heimat -- benutzte er, um literarische Beziehungen anzuknüpfen, die er
sich vorher sorgfältig ausgewählt hatte und von denen er eine Förderung
seiner dramatischen Absichten erwarten konnte, oder die ihm bei einer
praktischen Ausnutzung seiner Geschichtsstudien behilflich sein konnten.
Gogols Ansichten frappierten allgemein und selbst ein so kultivierter
Kenner des Theaters wie S. T. Aksakow war von einigen gelegentlichen
Äußerungen aufs tiefste überrascht, deren tiefe Wahrheit er trotz ihrer
scheinbaren Seltsamkeit sofort einsah. In Moskau kam Gogol mit M. P.
Pogodin und seinen Landsleuten Maximowitsch und dem Schauspieler
Schtschepkin in nähere Berührung. Seine Rückkehr in die Heimat
bereicherte ihn um viele trostlose Erfahrungen: er kehrte ja nicht mehr
als der glückliche, von lichten Träumen erfüllte Jüngling zurück, als
der er vor drei Jahren mit Danilewski fortgezogen war. In diesen drei
Jahren hatte er etwas köstliches verloren: die frohen Träume der Jugend.
Die Träume der Jugend, die voll blühender Sehnsucht die Welt als einen
Triumphpfad träumt, mit bunten Blumen überschüttet. Aber der rosa
Vorhang ist gesunken, und nackt starrt vor dem bestürzten Auge die kahle
Mittelmäßigkeit des Alltags. Und Gogol erfüllt die ernste Tragik des
Lebens, die sich unter dem grauen Einerlei des Weltlaufs verbirgt.
Alles, was ihm der Traum in verlockenden Bildern gemalt hat, was in der
Ferne ihm begehrenswert erschienen war -- alles zeigte sich noch
nichtiger und trostloser, als es ihm vor drei Jahren erschienen war. Und
in der Nähe wartete das gleiche Petersburg auf ihn: aber ohne die
magische Aureole, die es ihm vor drei Jahren verklärt hatte. Das alles
drückt sich in der veränderten Stimmung seiner nächsten Werke aus:
deutlich scheidet sich schon »Mirgorod« hierin von den »Abenden auf dem
Gutshof bei Dikanka,« die in allem die zärtliche Verklärung der Jugend
atmen. Aber kaum ist er wieder in Petersburg angelangt, als er sich
schon den Traum einer neuen glücklichen Zukunft ausmalt: er will nach
Kiew gehen, um sich dort um die Geschichtsprofessur an der eben
eröffneten Universität zu bewerben. Erfüllt von dem Gefühl seiner
reichen inneren Kräfte, durchdrungen von der Überzeugung, die im Kreise
Puschkins alle beherrschte, daß das Genie der Masse und ihrer Meinung
absolut überlegen sei -- hatte er sich nie ernste Gedanken über die
Verantwortlichkeit einer akademischen Stellung gemacht. Er war fest
überzeugt, daß allein durch die Kraft der lebendig-bildlich-bewegten
Vorstellung die Künste der »welken Schulmeister« in Schatten gestellt
würden. Nachdem er sich mit Puschkins und Schukowskis Hilfe den
Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Petersburger
Universität erobert hatte, hielt er es natürlich auch nicht für nötig,
sich für die bevorstehenden Vorlesungen ernsthaft vorzubereiten: statt
dessen überläßt er sich der geliebten Arbeit des dichterischen
Schaffens. In dieser Zeit schreibt er den »Revisor.« Sein
Selbstvertrauen wächst maßlos: er denkt daran, eine Geschichte
Kleinrußlands im Mittelalter zu schreiben. Das Resultat ist nicht
anders, als man erwarten konnte: in seiner Universitätszeit entstehen
dichterische Schöpfungen von hohem Werte, würdig seines Talents -- aber
seine wissenschaftlichen Pläne scheitern jammervoll, und seine
Vorlesungen sind, wenn man von einigen wirklich glänzenden absteht,
flüchtig und mittelmäßig. Die Hörer verlieren Achtung und Vertrauen vor
ihrem Professor, und wenn sie ab und zu in sein Auditorium hineinsehen,
geschieht es nur, um sich »durch seine phantastische Diktion unterhalten
zu lassen.« Gogols Professur endete mit einem vollständigen Fiasko,
zumal er seine Vorlesungen bald aus Mangel an gelehrtem Material
ausfallen lassen mußte. Und da gerade zu dieser Zeit die Anforderungen
an die Professoren erhöht wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als
seinen Abschied zu nehmen. Kurz vorher hatte er auch die Stunden im
»Patriotischen Institut« verloren.

Nach diesen Mißerfolgen richtete er all seine Kraft auf die Aufführung
des »Revisors«. Am 19. April 1836 wurde dieses große Werk, das bis heute
noch eine hohe Zierde der russischen Bühne ist, endlich zum erstenmal
gegeben. Anders als jene Dutzendautoren, deren kühnste Hoffnung nur bis
zum freundwilligen Applaus des Publikums reicht, blickte Gogol auf die
Bühne: mit tiefer Angst und Wehmut verfolgte er das Schicksal seines
Werkes, in das er seine ganze Seele, seine edelsten Kräfte gelegt hatte.
Die Pfeile der Komödie trafen scharf ins Ziel, und im Publikum wogte
eine außerordentliche Erregung gegen das Werk. Kaiser Nilolaj
Pawlowitsch, der bei der ersten Vorstellung des Revisors anwesend war,
entschlüpften folgende denkwürdige Worte: »Das ist ein Stück! Alle haben
ihr Teil bekommen -- aber ich am meisten!« Von tiefer Anteilnahme für
die schonungslose Entblößung sozialer Schäden erfüllt, ebnete der Kaiser
durch seine Protektion dem Werk den Weg zur Bühne. Aber statt daß der
Dichter über eine so offensichtliche Wirkung erfreut ist, ist er
überrascht und niedergeschlagen und wehmütig ruft er aus: »Herrgott,
wenn nur einer oder zwei geschimpft hätten -- Gott segne sie. Aber alle
... alle!« Bitter beklagt er sich bei seinen Freunden, daß alle das Werk
schmähten und doch abends in die Vorstellung liefen. Die Aufführungen
werden durch die üblichen Schikanen und Intriguen der Theaterbehörden
immer wieder gestört: und das alles bringt den Kelch schließlich zum
Überlaufen. Von den schweren Erlebnissen der letzten Jahre gequält und
zerrüttet, reist er mit seinem unzertrennlichen Freunde Danilewski ins
Ausland, um dort Ruhe und Zerstreuung zu finden.

Trotz der vielen Mißerfolge blickt er mit unzerstörbarer Heiterkeit in
sein zukünftiges Leben. Und so reisten beide Freunde in die Welt hinaus,
jung, frei, und fortgerissen von dem Drange, sich in das lockende,
fremde, westeuropäische Leben zu stürzen. Fröhlich, als hätten sie die
Last düsterer, ewig gleicher Eindrücke für immer abgeworfen, eilten sie
einer hellen, rosigen Zukunft entgegen. Die goldenen Träume der Jugend
schwebten noch über ihnen, und vor ihnen erhob sich die Morgenröte eines
besseren poetischeren Lebens, erfüllt von Jubel und lichtem Glück.

Mit dieser Reise in das Ausland begann für Gogol eine neue Epoche seines
Lebens. Von allen Interessen der offiziellen Petersburger Welt getrennt,
gab er sich ungehemmt der ihm entgegenbrausenden neuen Welle hin. Er
schließt neue Bekanntschaften, und die Distanz zwischen ihm und seiner
Vergangenheit wird mit jedem Tage größer, entscheidender. Ein, zwei
Monate vergehen -- und er fühlte sich allen ehmaligen Sorgen und
Ärgernissen entfremdet. Nur die innige Liebe zur Heimat erwacht wieder:
und jede Erinnerung wird ihm zu einem sorgsam gehegten Schatz. Aber die
Bitterkeit, mit der sie die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatte,
ließ sich doch nicht ganz vergessen, und in seinen intimen Bekenntnissen
stehen neben begeisterten Hymnen auf die Heimat bittere Klagen über ihre
Schattenseiten. Beides ist gleichbezeichnend für des Dichters
unübertroffene Aufnahmefähigkeit. Mit der Hingabe eines Jünglings weiß
er die zahllosen neuen Eindrücke zu genießen, er reist von einem Land in
das andere, um sich endlich für längere Zeit in Italien niederzulassen,
das er später seine »zweite Heimat« nennt. Die Wunder der italienischen
Natur und Kunst, die große Eigenart Roms, die Lebensführung, die allem
früher Gesehenen nur allzu Gewohntem direkt widersprach -- wie stark
mußte das alles auf die empfängliche Seele des Künstlers wirken! Und
gierig schlürft Gogol den Kelch dieses erregten Lebens, oft mit seinem
Freund Danilewski, oft auch mit einem andern Enthusiasten, dem edlen und
reinen Maler A. A. Iwanow. In einer glücklichen poetischen Umgebung
geben sie sich bis zur Selbstvergessenheit dem ästhetischen Genießen der
Natur hin, und voll tiefer Seligkeit empfinden sie sich als freie
Menschen, unendlich fern von allem Kalten und Offiziellen, von allen
materiellen Ablenkungen. Hier in Italien berührten alle Dinge die Seele
unserer Einsiedler zärtlich: das stille Genießen der Kunst, der Zauber
der wundervollsten Sprachmelodie, das Ergreifende überraschender
Farbenwechsel und die mit nichts zu vergleichende Pracht des südlichen
Himmels. Jede durchkreuzte Straße dieser hingebend geliebten Stadt,
jeder unbedeutende Winkel in den dunklen und nicht immer ganz sauberen
Osterien wird ihnen teuer. Eine besondere Freude war es für Gogol, hier
in der Fremde Seelenverwandte zu treffen, und er fand ihrer viele. Mit
einem Wort: es war die glücklichste, hellste Zeit seines Lebens.

Aber wie es immer im Leben geht, diese Zeit war nicht von langer Dauer,
und ihr Glück mußte hart gebüßt werden. Das Schicksal ist nicht
freigiebig mit solchen Geschenken, und es war Gogol nicht lange
beschieden, in dieser Hochflut ästhetischer Genüsse zu leben. Allein in
dieser Zeit hatte er den ersten Band der »Toten Seelen« geschrieben,
eines Werkes, das nunmehr zu seiner Lebensaufgabe heranwächst. Das
glückliche Leben verdüsterte sich durch materielle Sorgen, und auch
Wolken anderer Art bedrohten seinen heiteren Horizont. Bald mußte er
eine kostspielige Reise nach der Heimat machen, um seine Schwestern aus
dem Institut zu nehmen und die jungen unerfahrenen Mädchen wenigstens
nach Moskau zu begleiten, und die Rückreise brachte neue Sorgen, die
eine erhebliche Anleihe verlangten. Bald vergifteten Krankheiten sein
Leben; im Jahre 1840 überstand er nacheinander in Wien und Rom zwei
schwere Krankenlager. Eine Zeitlang glaubte er sich sogar am Rande des
Grabes. Jede Genesung empfindet der von Kindheit an religiös gestimmte
Gogol als eine göttliche Erlösung von dem Tode, die ihm das Schicksal
nur gewährt hat, um durch neue Schöpfungen dem Nutzen der Menschheit in
einem höheren Sinne dienen zu können oder, wie er sich später äußerte,
»um einen Hymnus auf die göttliche Schönheit zu singen«.

Das alles geschah an der Grenze der dreißiger und vierziger Jahre. Die
sensible Natur des Künstlers hatte sich der schweren Anfechtungen zu
erwehren, die unbarmherzig auf ihn niederprasselten. Einer der
schwersten Schicksalsschläge, die ihn betroffen hatten, war der frühe
Tod des jungen Josef Wielgorski, an dem er während der letzten Monate
seines langsamen Dahinschwindens mit ganzer Seele gehangen hatte. Gogol
war für die Freundschaft aufs äußerste empfindlich, und gerade darum
blieb der Kreis seiner Freunde immer sehr klein. Aber nicht minder
zerrütteten ihn die kleinlichen Sorgen des Alltags. Fern von den
aktuellen Tagesfragen und den Interessen der zeitgenössischen
literarischen Welt, beschränkt durch seine persönlichen Beziehungen und
materiellen Verpflichtungen, konnte er seinen Freunden kaum etwas recht
tun. Unter dem Kreuzfeuer ihrer Ansprüche und gegenseitiger
Gereiztheiten geriet er unwillkürlich in eine unangenehme und unbequeme
Lage, da sie sich alle für berechtigt hielten, eine Unterstützung ihrer
zahlreichen Zeitschriften durch Arbeiten aus seiner Feder zu verlangen.
So entzweite er sich mit dem ihm einst in Moskau (1841) sehr
nahestehenden Pogodin, der ihm Geld geliehen hatte und sich berechtigt
fühlte, Arbeiten von ihm zu verlangen. Pletniew und seinen andern
Petersburger Freunden gefiel wiederum seine Annäherung an die Moskauer
nicht, und die Aksakows mit ihrer aufrichtigen, aber wie Gogol selbst
sagte, übertriebenen Liebe zu ihm waren durch seine Anhänglichkeit an
Italien verletzt. Die Mühen, die das Erscheinen der »Toten Seelen« im
Jahre 1842 verursachte, machten in Gogol die Erinnerung an die
schrecklichen Seelenqualen lebendig, die er bei der Aufführung des
Revisors erlitten hatte. Wieder die gleichen offiziellen Scherereien,
vor allem mit der Zensur, die Meinungen äußerte wie folgende: der Titel
»Tote Seelen« schon könne nicht zugelassen werden, da die Seele
unsterblich sei! Besonders hatte die Erzählung vom Kapitän Kopeikin
darunter zu leiden. Wieder war Gogol gezwungen, durch Bitten und Besuche
hochgestellte Persönlichkeiten zu interessieren, wieder allerlei
quälende Intrigen. Und waren es früher nur die Intrigen im Theater, die
ihn marterten, so bereiteten ihm jetzt seine Freunde allerlei
Schwierigkeiten: vor den Aksakows mußte er seine Beziehungen zu
Belinski[1] verbergen, und bei Pogodin war es ihm unangenehm, daß er mit
dem von ihm erborgten Gelde dem Maler Iwanow geholfen hatte. Zu gleicher
Zeit beunruhigten ihn die finanziellen Verhältnisse seiner Familie auf
das äußerste, und er durfte nicht einmal daran denken, zu helfen, da
seine eigene materielle Lage eher alles andere als glänzend war. Noch
während seines Petersburger Aufenthaltes hatte er in dieser Beziehung
allen Boden unter den Füßen verloren. Nachdem er seinen früheren Beruf
aufgegeben hatte, war es ihm nie wieder in den Sinn gekommen, zu einer
bestimmten Tätigkeit zurückzukehren -- ausgenommen natürlich die Arbeit
an seinen Dichtungen. Wiederholt wandte er sich an die Regierung mit der
Bitte um eine Subvention, wobei er immer wieder darauf hinwies, daß es
sein heißer Wunsch sei, dem Vaterlande zu nützen, und daß er, da er sich
in keiner Stellung befände, ohne bestimmte Einnahmen sei. Gleichzeitig
befestigt sich in ihm die Überzeugung, daß er sich ganz dem heiligen
Werk der Arbeit an den »Toten Seelen« widmen müsse. Er glaubt sich von
Gott dazu berufen, in den folgenden Bänden die Ganzheit des russischen
Menschen darzustellen und die besseren helleren Seiten seiner Natur. Für
Gogol beginnt sich nunmehr die Frage nach der Fortsetzung seiner Arbeit
immer stärker mit dem Problem der Rettung seiner Seele zu verknüpfen;
und um die ihm gestellte Aufgabe würdig lösen zu können, glaubt er sich
geistig ganz neu gebären zu müssen. Er bittet Gott, ihm Kraft zu
verleihen, die ihm bevorstehende heroische Tat vollbringen zu können.
Inzwischen geht er immer mehr in sich und verschließt seine Seele vor
den andern. Er beginnt, seinen früheren Arbeiten wenig Bedeutung
beizulegen, er findet sie leer, und mit der ganzen Kraft seiner Seele
geht er in dem innig gehegten Traum auf, seinem Volke das ihm so nötige,
noch nie gesagte Wort zu verkünden. Grandiose Perspektiven eröffnen sich
vor seinem Auge, und unwillkürlich drängt sich ihm die Empfindung auf,
daß der erste Teil der »Toten Seelen« nur die Vorhalle zu einem
mächtigen, noch im Bau befindlichen Palast sei. In dieser Stimmung
schreibt er Zeilen, wie jene über Rußland, die tiefster Inspiration
entsprungen sind und die ihn den von diesem Anspruch gereizten
Zeitgenossen als mehr denn anmaßend erscheinen ließen. Tönend verkündet
er in diesen Zeilen, daß nunmehr aller Augen auf ihn gerichtet seien und
daß er der Sendbote einer anderen neuen Zeit sei, »wo aus einem anderen
Quell ein furchtbarer Sturm der Begeisterung sich erheben wird, aus
einem Haupte, das von heiligem Schrecken und strahlendem Glanz umweht
ist: und in verwirrtem Zittern wird man den erhabenen Donner anderer
Reden hören«. Gogol träumt von seiner messianischen Sendung: wenn er
auch nicht, wie es der Traum seiner Jugend war, der ganzen Menschheit
Segen bringen könne, so doch zumindest seinem geliebten Vaterlande. Er
vergißt seine Bitterkeit und die tiefen Wunden, dankbar segnet er die
Vorsehung für sein hohes, über der Ebene des gewöhnlichen Lebens
gelegenes Schicksal, und er heißt alle Prüfungen willkommen: selbst die
Armut, die er nach seinen eigenen Worten liebgewonnen hat, wie der
Liebhaber seine Geliebte. Mit starrer Entschlossenheit beschränkt er
seine Habe auf ein »Köfferchen« mit den Handschriften seiner Werke und
einigen Büchern religiösen Inhalts; und zuletzt sucht er Tröstung selbst
in den physischen Leiden, die seinen von Natur schwachen Körper mehr und
mehr untergraben. Diese Idee, an die er sich klammert und die sein
ganzes sittliches Sein erfüllt, wandelt seine moralische Persönlichkeit
vollkommen um, obschon es keine wurzelhafte Veränderung ist, vielmehr
erhalten einige Seiten seiner moralischen Konstitution, die in der
Jugend durch Sehnsucht, Lebensfrische, Gestaltungslust im Gleichgewicht
gehalten wurden, jetzt mehr und mehr das Übergewicht. Dieser Prozeß
beginnt Ende der dreißiger Jahre und erfüllt das ganze nächste
Jahrzehnt, er spiegelt sich deutlich in den Briefen dieser Periode, und
wenn er mitunter so abweichende, leidenschaftlich vertretene
Beurteilungen findet, so ist dies eine Folge der Verschiedenheit des
Gesichtswinkels, unter dem man ihn betrachtet; ob man auf das stürmische
Wachsen des inneren Menschen in Gogol achtet, der sich bis zum reinsten
Idealismus läutert, oder ob man die seelische Krise Gogols vom
Standpunkt des Ästhetikers bewertet, der ihren zerstörenden Einfluß auf
seine schöpferische Kraft betrachtet. Unter diesem ästhetischen
Gesichtspunkt ergibt sich diese Wandlung als notwendige Folge des
Zwiespaltes, in den die freie schöpferische Kraft durch ihre Bindung mit
-- wenn auch zweifellos idealen -- religiösen Motiven geraten muß. Eines
aber ist unzweifelhaft: das letzte Jahrzehnt des Dichters stellt einen
schmerzlichen und langwierigen Auflösungsprozeß seiner physischen Kräfte
dar und ihm parallel einen stetigen Niedergang seiner ästhetischen
Schöpfungskraft und eine sich bis zum Krankhaften steigernde religiöse
Ekstase. Aber trotz der hartnäckigen Gerüchte, die sich bis über seinen
Tod hinaus erhielten, hat keiner seiner Freunde je bei ihm eine geistige
Störung festgestellt. Andererseits hat jeder von der äußerst schroffen
Umwandlung Gogols während seiner letzten Jahre berichtet, und dieser
Eindruck, der von seiner Familie wie von seinem Vertrauten Danilewski
bestätigt wird, muß bei der Beurteilung dieser Epoche Gogols durchaus
mit berücksichtigt werden. Keime der mystischen Stimmung, die
Maximowitsch schon 1835 bei Gogol beobachtet hat, und nach ihm -- aber
immer noch früher als die andern Freunde -- S. T. Aksakow, sind unter
dem Eindruck der überstandenen Qualen und der ewigen Angst vor der Not
der Todesstunde schnell gereift, außerdem fanden sie auch einen
günstigen Boden in der Umgebung, in der Gogol sich während seines Lebens
im Auslande befand. Die Gesellschaft der Schukowski, Frau Smirnowas, A.
P. Tolstois und des kranken Dichters Jasykow schien geradezu auserwählt
zu sein, um Gogol, der von der Heimat getrennt und von allen Einflüssen
des westeuropäischen Lebens ganz abgeschlossen war, immer tiefer und
hemmungsloser in einen bodenlosen Mystizismus versinken zu lassen.
Gogols Umwandlung in seinen letzten Lebensjahren war eine endgültige:
mitgerissen von seelischen Entdeckungen, Prophetien, und zermarternden
Selbstbespiegelungen und bestürmt von grausamen unablässigen Leiden
zerrann ihm sein früheres Dasein in nichts. Seine Verschlossenheit und
innere Einsamkeit wuchs: seine Zuneigung zu seinen Jugendfreunden
verwandelte sich in eine mißtrauische Gespanntheit, seine dichterische
Schöpfungskraft nahm an Umfang und Wert ab. Lange noch lebte Gogol im
Ausland, mitunter auch in dem von ihm so innig geliebten Italien, aber
er ist nicht mehr der frühere Enthusiast, der sich vor der wundervollen
italienischen Landschaft begeistert. Immer ausschließlicher beschränkten
sich seine Gedanken auf das Religiöse: es zieht ihn nach Palästina, und
eine Zeitlang läßt er sogar die Arbeit an den »Toten Seelen«, um die
»Ausgewählten Stellen aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden« zu
schreiben. 1847 erscheint der Briefwechsel: es entspinnen sich
leidenschaftliche Diskussionen, und vor allem gefällt er in seiner von
der Zensur entstellten und verkürzten Gestalt dem Autor nicht. Gogol ist
bis zum Äußersten gequält und niedergedrückt.

[Fußnote 1: berühmter russischer Kritiker.]

Der bekannte Brief Belinskis und eine andere Äußerung seiner Freunde,
verstärkt durch eine Anzahl Kritiken zerrütteten Gogol endgültig. Er
fühlt sich zu einer Gegenäußerung gezwungen und schreibt die »Beichte
des Dichters«. Und Anfang 1848 gibt er seiner heißen Sehnsucht nach und
reist nach Jerusalem. Nach seiner Rückkehr bleibt er in der Heimat,
langsam nur schreitet die Arbeit an den »Toten Seelen« vorwärts. Sein
Lebensmut sinkt und allmählich unterliegt er in dem schweren Kampfe
zwischen der ungeheuren Aufgabe, die er sich gestellt hat, und seinen
immer schwächer werdenden geistigen und körperlichen Kräften. In dieser
Zeit gewinnt der Geistliche von Rschew, Pater Mathäus, einen
tiefgehenden Einfluß auf ihn, und seine strengen asketischen Worte
peinigen die kranke Seele des Dichters so, daß er die Predigt des
Geistlichen einmal mit dem Angstschrei unterbricht: »Genug, genug, es
ist furchtbar!« Hier soll bemerkt werden, daß ein starker Bestandteil
von Gogols Religiosität die Furcht vor dem Jenseits war.

Kurz vor seinem Tode verbrannte er den zweiten Teil der »Toten Seelen«.
Hartnäckig verweigert er die Annahme von Nahrung: er will sterben.
Beides, Verzweiflung und Todessehnsucht, erklärt sich aus der
peinigenden Ungewißheit des Dichters, ob seine Werke Gutes stiften
würden oder nicht: bis zu seinem Tode kämpften in Gogol flammende
Hoffnung und dumpfes Verzweifeln. Und hinzu kommt die unerträgliche
Angst vor der Qual der Todesstunde, die nur einen Wunsch gestattet, sich
so weit wie möglich auf den furchtbaren Augenblick der Abrechnung mit
dem Irdischen vorzubereiten, um die Seele vor der ewigen Verdammnis zu
retten.

Gogol starb in Moskau am 21. Februar 1852. Zu seinem Begräbnis
erschienen die Spitzen der Stadt, die Leichenfeier fand in der
Universitätskirche statt. Eine große Menge Volk hatte sich eingefunden,
um dem Dichter die letzte Ehre zu erweisen.

Die feindlichen Stimmen verstummen, und die große Bedeutung Gogols
stellt sich immer klarer, wahrnehmbarer heraus. Und in unsern Tagen wird
keiner versuchen, an der Bedeutung seiner gewaltigen Dichtungen zu
zweifeln, an diesem starken Darsteller der Wirklichkeit -- dem ersten,
den Rußland aus eigener Kraft hervorgebracht hat.



                                 Anhang


                   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
                             (Erster Teil.)

Der erste Teil der in diesem Bande vereinigten Erzählungen erschien im
September des Jahres 1831. Die Unterschrift des Zensors trägt das Datum
»den 26. Mai 1831.«


I. _Der Jahrmarkt in Sorotschintzy_ stammt aus dem Jahre 1830. 1851
wurde diese Novelle mit unwesentlichen stilistischen Änderungen in der
Gesamtausgabe von Gogols Werken wieder abgedruckt.

II. _Die Johannisnacht._ Diese Erzählung erschien zuerst im Februar- und
Märzheft der »Vaterländischen Annalen« (Otetschestwennye Sapiski),
Jahrgang 1830 und zwar anonym unter dem Titel: »_Basawrjuk oder die
Johannisnacht_«. Eine kleinrussische Novelle (nach einer Volkssage),
erzählt vom Küster an der Kirche zu Pokrowsk. Gogol arbeitete die
Novelle später für die »Abende auf dem Gutshof bei Dikanka« um. Hierbei
beseitigte er einige Änderungen, die _Swinjin_ bei der Drucklegung in
den Vaterländischen Annalen eingefügt hatte, und schickte der Erzählung
eine kleine Vorrede voraus, in der er auch auf Swinjins Änderungen
hinwies.

III. _Mainacht oder die Ertrunkene._ Ist im Jahre 1829 entworfen und
dann für die »Abende« neu bearbeitet worden. 1851 fügte Gogol noch
einige kleine Änderungen ein.

IV. _Der verschwundene Brief._ Stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1831,
und wurde von Gogol für die Gesamtausgabe (II. Aufl.) noch einmal
durchgesehen.


                   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
                            (Zweiter Teil.)

Der zweite Teil der »Abende« erschien Anfang März 1832; die Unterschrift
des Zensors trägt das Datum: »den 31. Januar 1832.«


I. _Die Nacht vor dem Weihnachtsfest_ wurde 1831 niedergeschrieben und
1851 noch einmal durchgesehen.

II. _Schreckliche Rache_ stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1831. In
der ersten Ausgabe der »Abende« lautete der Titel dieser Novelle
»Schreckliche Rache« (»eine alte Sage«). In der zweiten und den
folgenden Auflagen der »Abende« vom Jahre 1836 wurde der Untertitel
(»eine alte Sage«) fortgelassen.

III. _Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante._ Die Zeit der
Entstehung dieser Novelle ist unbekannt.

IV. _Der verhexte Ort._ Auch über die Entstehungszeit dieser Erzählung
liegen keine Nachrichten vor.

                                                    _Der Herausgeber._

                   *       *       *       *       *


                Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt.



Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
verändert.

Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des
russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgeführt
(vorher/nachher):

   ... Frieda Ichak. ...
   ... Frida Ichak. ...

   [S. 6]:
   ... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konten ...
   ... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konnte ...

   [S. 92]:
   ... Die Hexe hat deine sündige Seele in Verderben gestürzt! ...
   ... Die Hexe hat deine sündige Seele ins Verderben gestürzt! ...

   [S. 127]:
   ... »Verfügung: An den Amtman Jewtuch Makohonenko. ...
   ... »Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. ...

   [S. 198]:
   ... erschien der Mondschein vom Leuchten der Schnees! ...
   ... erschien der Mondschein vom Leuchten des Schnees! ...

   [S. 205]:
   ... Dem Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde ...
   ... Den Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde ...

   [S. 210]:
   ... Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, Ostop!« ...
   ... Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, Ostap!« ...

   [S. 219]:
   ... Herrschaften es hier gibt!« dache der Schmied. ...
   ... Herrschaften es hier gibt!« dachte der Schmied. ...

   [S. 228]:
   ... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,« anwortete der ...
   ... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,« antwortete der ...

   [S. 242]:
   ... hät' er viel Wunderliches erzählen können. Ja, ...
   ... hätt' er viel Wunderliches erzählen können. Ja, ...

   [S. 243]:
   ... Und siehe da, der seltsame Greis knirrschte zischend ...
   ... Und siehe da, der seltsame Greis knirschte zischend ...

   [S. 244]:
   ... schon und schnarrchte laut über ganz Kijew. ...
   ... schon und schnarchte laut über ganz Kijew. ...

   [S. 260]:
   ... Hetmann selten zu essen bekommt. So was verschmäht ...
   ... Hetman selten zu essen bekommt. So was verschmäht ...

   [S. 299]:
   ... von seltsamem und schrecklichen Äußeren herein. Zum ...
   ... von seltsamem und schrecklichem Äußeren herein. Zum ...

   [S. 309]:
   ... vergangener Zeiten. ...
   ... vergangenen Zeiten. ...

   [S. 313]:
   ... und so hat er die Geschiche denn auch wirklich
       aufgeschrieben. ...
   ... und so hat er die Geschichte denn auch wirklich
       aufgeschrieben. ...

   [S. 322]:
   ... Unterwegs passierte nicht besonders Bemerkenswertes. ...
   ... Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. ...

   [S. 322]:
   ... etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischen Pläne willen, ...
   ... etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Pläne willen, ...

   [S. 326]:
   ... Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein bischen ...
   ... Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein bißchen ...

   [S. 342]:
   ... Burschen viel über Jerusalem gehört hatte? ...
   ... Burschen viel über Jerusalem gehört hatte. ...

   [S. 359]:
   ... »Wo sind die Fuhrleute,« fragte der Großvater und ...
   ... »Wo sind die Fuhrleute?« fragte der Großvater und ...

   [S. 365]:
   ... Stömen herab. Der Großvater zog sich die neuen ...
   ... Strömen herab. Der Großvater zog sich die neuen ...

   [S. 368]:
   ... bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen glotzen ...
   ... bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen glotzten ...

   [S. 369]:
   ... Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht aufgießen ...
   ... Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht ausgießen ...

   [S. 383]:
   ... Sommer verbrachte er in Zarskoje Selow, in glücklicher ...
   ... Sommer verbrachte er in Zarskoje Selo, in glücklicher ...

   [S. 391]:
   ... Pletniew und seinen andern Petursburger Freunden gefiel ...
   ... Pletniew und seinen andern Petersburger Freunden gefiel ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka - Phantastische Novellen" ***

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