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Title: Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter
Author: Pinner, Felix
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
    und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
    korrigiert. Fremdsprachliche Ausdrücke können in verschiedenen
    Variationen auftreten. Diese wurden nicht korrigiert, wenn sie im
    Text mehrmals auftreten. Auch andere inkonsistente Schreibweisen,
    einschließlich Personennamen (z.B. ‚Sigismund/Sigmund Schuckert‘)
    wurden nicht vereinheitlicht.

    Der Übertrag (‚Transport‘) der Tabelle ‚Gewinn- und Verlust-Conto‘
    zu Beginn der Seite 122 wurde vom Bearbeiter entfernt.

    Die von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden
    in der vorliegenden Fassung mit den nachfolgenden Sonderzeichen
    gekennzeichnet:

      kursiv:   _Unterstriche_
      fett:     =Gleichheitszeichen=
      gesperrt: +Pluszeichen+

  ####################################################################



    [Illustration:

    Akademische Verlagsgesellschaft m. b. H. Leipzig.

    Nach einem Bilde von Prof. Max Liebermann.

    Dr. Emil Rathenau]



                             Grosse Männer

                    Studien zur Biologie des Genies

                           Herausgegeben von

                            Wilhelm Ostwald

                             Sechster Band

                             Emil Rathenau

                                  und

                       das elektrische Zeitalter

                                  Von

                             Felix Pinner

                                Leipzig

               Akademische Verlagsgesellschaft m. b. H.

                                 1918



                             Emil Rathenau

                                  und

                       das elektrische Zeitalter

                                  Von

                             Felix Pinner

                        Mit einer Heliogravüre

                            [Illustration]

                                Leipzig
               Akademische Verlagsgesellschaft m. b. H.
                                 1918

                            [Illustration]



                            Copyright 1918
              by Akademische Verlagsgesellschaft m. b. H.
                              in Leipzig


               Druck von +Paul Dünnhaupt+, Cöthen i. A.



Vorwort


Als die „Akademische Verlagsgesellschaft“ an mich die Aufforderung
richtete, eine Lebensgeschichte Emil Rathenaus zu schreiben, habe
ich diesen Vorschlag mit Freuden angenommen. Gab er mir doch die
Möglichkeit, das Bild einer großen, und in jedem Zuge ihres Wesens
reizvollen Persönlichkeit aus dem Hintergrund ihrer Zeitgeschichte
heraustreten zu lassen und den wechselseitigen Einfluß von
Persönlichkeit und Organisation, der für die großen Kaufleute der
letzten Epoche deutscher Wirtschaft typisch gewesen ist, an einem
großen, wohl dem größten Beispiel darzustellen. Gerade dieses Bild und
dieses Leben wird zeigen, wie falsch es ist, wenn man die Kraft und
das Wesen der deutschen Industriewirtschaft -- was ja heute häufig in
der Kritik des Auslandes +und+ leider auch des Inlands geschieht
-- ganz allein aus dem Organisatorischen ableitet und ihnen damit
den Charakter einer unpersönlichen, zwar durchschnittlich starken,
aber doch höchster Einzelleistungen nicht fähigen Kultur aufprägen
will. Emil Rathenau, und nicht nur er allein -- neben dem mindestens
ein halbes Dutzend ähnlicher Kopfe über einen gehobenen Durchschnitt
in Geniehöhen hinausragt -- beweist, daß Persönlichkeiten in dem
Deutschland der Organisation und des „Militarismus“ durchaus nicht
zu verkümmern brauchten. Wo sind im Bereiche des viel gepriesenen
englischen Individualismus während der letzten Jahrzehnte die
Erscheinungen gewesen, die einen Vergleich mit Emil Rathenau, Albert
Ballin, Georg v. Siemens, August Thyssen, Emil Kirdorf, Guido v.
Donnersmarck aufnehmen konnten? -- Gewiß mag das Mittelmaß an
Persönlichkeitswerten, der Mensch, Bürger und Kaufmann mittlerer
Größe in England und in anderen Ländern freier gelebt, geschaffen,
über seine Zeit und Arbeit verfügt haben als in Deutschland, aber
die +große+ Persönlichkeit konnte sich in Deutschland so stark
und frei ausleben wie nirgend wo anders. Allerdings haben sich alle
diese deutschen Schöpfernaturen den Gesetzen, die sie zuerst kraft
ihrer Eigenart und Überlegenheit aufgestellt haben, später freiwillig
unterworfen gemäß dem klugen Spruch des Wagnerschen Hans Sachs, der das
Wesen jeder schöpferischen Meisterschaft darin sieht, die Regeln zuerst
aufzustellen und ihnen dann zu folgen. Daraus und nicht aus dem Mosaik
des Zusammenwirkens vieler, zu großen höchstpersönlichen Leistungen
unfähiger Mittelmäßigkeiten sind die deutschen Organisationen
entstanden, die sich in ihrer Wirkung als so stark und unüberwindlich
erwiesen haben.

Das Bild der Persönlichkeit Emil Rathenaus, das ich in diesem Buche
zeichnen möchte, soll sozusagen in einem +doppelten Rahmen+
gefaßt sein. Der engere stellt die +Geschichte der A. E. G.+ dar,
der weitere die +allgemeine deutsche Wirtschaftsentwicklung+,
wie sie sich in jenem Zeitalter gestaltet hat, von dem Emil Rathenau
so viel empfing, dem er aber auch nicht weniger zurückgab. Eine
solche Darstellung bald nach dem Tode eines Mannes nicht als Skizze,
sondern als sorgfältig ausgeführtes Bild zu versuchen, hat seine
Schwierigkeiten, aber auch seine Vorteile. Die Nähe noch frischer oder
halbfrischer Geschehnisse mag dem Urteil die Distanz erschweren und
auch der Sammlung des vollständigen Materials in mancher Beziehung
hinderlich sein, da mit Rücksicht auf den soeben Gestorbenen und noch
Lebende sich manche Quellen vorerst nicht öffnen werden. Bei einem
volkswirtschaftlich zu Wertenden ist der Nachteil, der aus solcher
Zurückhaltung erwachsen könnte, allerdings nicht so groß wie bei einem
Künstler oder selbst einem Politiker. Das Privat- und Intimmenschliche,
auf das sie sich erstrecken könnte, spielt bei der zutreffenden
Schilderung einer wirtschaftlichen Persönlichkeit, wenngleich es
durchaus nicht ohne Wichtigkeit ist, doch nicht die gleiche Rolle wie
bei einem Dichter oder Musiker. Die Geschäftsgeheimnisse hinwiederum
brauchen vor dem rückschauenden Auge nicht so sorgsam und so lange
gehütet zu werden wie manche politischen Geheimnisse (meist nicht
der großen, sondern der kleinen Art). Denn das Geschäftsgeheimnis
verliert seinen diskreten Charakter in dem Augenblick, in dem das
Geschäft oder die Geschäftsreihe, deren Teil es ist, seinen Abschluß
erreicht hat. Bei Emil Rathenau im besonderen liegt der Fall für den
Geschichtsschreiber so, daß ein wirklich bedeutendes Schriftenmaterial
+innerer+ Art gar nicht vorhanden ist. Es könnte im wesentlichen
nur in Briefen bestehen, und ein Briefschreiber war Rathenau im
Gegensatz zu Werner v. Siemens, dessen interessanten Briefwechsel
kürzlich Conrad Matschoß veröffentlicht hat, ganz und gar nicht.
Persönlichkeit, Zeit, Arbeits- und Ruhensart Rathenaus widerstrebten
der Beschaulichkeit, auf deren Boden ein Bedürfnis zum Briefschreiben
und die Kunst des Briefschreibens erwachsen können. Die Privatbriefe,
die Rathenau mit seinen Angehörigen und Freunden wechselte, sind rein
familiär und meist knapp gehalten, ohne besondere stilistische und
menschliche Eigenart und bekunden höchstens -- was wir auch ohnedies
wissen -- daß Rathenau ein guter Sohn, Gatte und Vater gewesen ist. Mit
Berufs- und Geschäftsfreunden korrespondierte Rathenau nur selten in
persönlicher Weise, wichtige Auseinandersetzungen wurden meist mündlich
erledigt. Viel bessere Proben seines fachlichen Stils als Briefe bieten
die Geschäftsberichte der A. E. G., an deren Abfassung sich Rathenau
-- in Gemeinschaft mit seinem Sohn Walther -- bestimmend zu beteiligen
pflegte, ferner Denkschriften, Reden, von denen ich einige besonders
kennzeichnende ganz oder auszugsweise wiedergebe.

Im ganzen war das dokumentarische Material, das einer Bearbeitung
unterzogen werden mußte, trotzalledem außerordentlich umfangreich.
Die Geschäftsberichte nicht nur der A. E. G. selbst, sondern der
wichtigeren Tochter- und Konkurrenzgesellschaften, die sehr zerstreuten
Zeitungsberichte über Generalversammlungen und sonstige Vorgänge bei
dem Konzern, Verträge, Denkschriften und Vorlagen der verschiedensten
Art mußten durchgearbeitet werden. Diese Vorbereitung war nicht
ganz einfach, weil die A. E. G. wie die meisten und leider auch die
allergrößten unserer gewerblichen Unternehmungen keine systematischen,
nach volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten geführten Archive besitzt,
sondern sich mit der -- lediglich für geschäftliche Bedürfnisse
hinreichenden -- Registratur begnügt, in die ja wohl Geschäftsdokumente
zunächst auch gehören, aus der aber wenigstens die wichtigeren nach
Ablauf einer gewissen Frist in Archive überführt werden sollten.
Die ganzen Registraturen zu durchforschen ist naturgemäß für den
volkswirtschaftlichen Schriftsteller ebenso undurchführbar und
unlohnend, wie es den Geschäftsunternehmungen nicht zugemutet werden
könnte, eine solche Durchforschung zu gestatten. So blieb nichts übrig,
als jeweils solche Dokumente zu erbitten, deren Studium sich mir im
Laufe meiner Arbeit als notwendig oder wünschenswert erwiesen hatte,
ein Verfahren, das natürlich bei aller erzielten Reichhaltigkeit
+absolute+ Vollständigkeit des Materials nicht zu gewährleisten
vermag.

Gerade bei einer solchen Verfassung der dokumentarischen Verhältnisse
bietet die +schnelle+ Inangriffnahme einer biographischen
Bearbeitung eher Vorteile als Nachteile. Denn mit der fortschreitenden
Zeit werden diese Verhältnisse nicht besser, sondern schlechter.
Die Registraturen entrücken immer mehr der Zugänglichkeit, die sich
ständig häufende Fülle des Nebensächlichen erdrückt das Wesentliche,
-- und vor allem die Personen, die heute noch durch ihre Kenntnis der
zurückliegenden Vorgänge, durch ihre lebendige Erinnerung den Schlüssel
zu den toten Akten in den Händen haben, verschwinden allmählich aus
dem Betrieb und aus dem Leben. Die neueren Leiter haben aber an die
Gegenwart zu denken, nicht an die Vergangenheit.

Gerade aber die Erinnerung Mitlebender ist eine schätzenswerte und
unersetzbare Quelle für die Nachschaffung wirtschaftlicher Vorgänge.
Ich konnte sie erfreulicherweise reich zum Fließen bringen, und wenn
auch in manchen Einzelzügen die Schilderung, mehr noch das Urteil der
noch lebenden Mitarbeiter und Freunde Emil Rathenaus auseinanderging,
so haben gerade diese Darstellungen, verbunden mit meiner eigenen
persönlichen Kenntnis des Menschen Rathenau mir eine plastische
Vorstellung von diesem gegeben, die keine Distanz des späteren
Biographen ersetzen könnte.

Gedenken möchte ich noch der zahlreichen, wenn auch nicht immer ebenso
reichen Literatur, die bereits vor meiner Arbeit über Emil Rathenau und
die A. E. G. vorlag. Für die ersten Abschnitte, etwa bis zur Befreiung
von den Fesseln der Verträge mit Siemens & Halske, vermochte sie mir
manche wertvolle Hilfe zu leisten. Für die Darstellung der Reifezeit
und der Zeit der Reife, wie auch besonders für die Schilderung der
wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenhänge bin ich im wesentlichen
auf mich selbst angewiesen gewesen.

    +Berlin-Friedenau+, im Jahre 1917.

                                               Dr. Felix Pinner.



Litteratur


    Arthur Wilke, Die Berliner Elektrizitätswerke. Berlin 1890. F. A.
    Günther & Sohn.

    Dr. Hermann Hasse, Die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft und
    ihre wirtschaftliche Bedeutung. Heidelberg 1902. Karl Winter.

    Dr. Emil Kreller, Die Entwicklung der deutschen elektrotechnischen
    Industrie. Leipzig 1903. Dunker & Humblot.

    Dr. Friedrich Fasolt, Die sieben größten deutschen
    Elektrizitätsgesellschaften, ihre Entwickelung und
    Unternehmertätigkeit. Dresden 1904. O. V. Böhmert.

    A. E. G. Zeitung, Festnummer 2. 10. 1908.

    A. E. G. 1883-1908, herausgegeben von der Gesellschaft.

    Conrad Matschoß, Die geschichtliche Entwickelung der Allgemeinen
    Elektrizitäts-Gesellschaft in den ersten 25 Jahren ihres Bestehens.
    Jahrbuch des Vereins Deutscher Ingenieure, 1909, 1. Bd. Julius
    Springer, Berlin.

    B. E. W. 1884-1909, herausgegeben von der Gesellschaft.

    Dr. Felix Pinner, Emil Rathenau, „Der Kaufmann und das Leben“.
    Beiblatt der Zeitschrift für Handelswissenschaft und Handelspraxis.
    Leipzig, Februar 1913. Ernst Poeschel.

    Artur Fürst, Emil Rathenau, der Mann und sein Werk. Vita, Deutsches
    Verlagshaus. Berlin.

    Gedenkblatt zum Todestage Emil Rathenaus. Berlin, Juni 1915.

    Emil Schiff, Allgemeine Elektrizitäts Gesellschaft und Berliner
    Elektrizitäts-Werke. Berlin 1915. Franz Siemenroth.

    Conrad Matschoß, Geschichtliche Entwickelung der Berliner
    Elektrizitäts-Werke von ihrer Begründung bis zur Übernahme durch
    die Stadt. Jahrbuch des Vereins Deutscher Ingenieure. Berlin 1916.

    A. Riedler, Emil Rathenau und das Werden der Großwirtschaft. Julius
    Springer. Berlin 1916.

    Werner v. Siemens, Lebenserinnerungen. 9. Auflage. Berlin 1912.
    Julius Springer.

    Francis Arth. Jones, Thomas Alva Edison. Sechzig Jahre aus dem
    Leben eines Erfinders. Frankfurt a. M. Otto Brandner.

    Dr. ing. Gustav Siegel, Der Staat und die Elektrizitätsversorgung.
    Berlin 1915. Georg Stilke.

    G. Klingenberg, Elektrische Großwirtschaft unter staatlicher
    Mitwirkung. Berlin 1916.

    Archiv der Handelszeitung des Berliner Tageblattes.

    Archiv der Zeitschrift „Die Bank“, Herausgeber Alfred Lansburgh.
    Berlin.



Inhaltsverzeichnis


                                                                   Seite

    Vorwort                                                            V

    Litteratur                                                         X

    Erstes Kapitel: Jugendjahre                                        1

    Zweites Kapitel: Zwischenspiel                                    35

    Drittes Kapitel: Wirtschaftliche Vorbedingungen                   48

    Viertes Kapitel: Technische Vorbedingungen                        59

    Fünftes Kapitel: Licht                                            80

    Sechstes Kapitel: Die Deutsche Edison Gesellschaft               100

    Siebentes Kapitel: Zentralstationen                              129

    Achtes Kapitel: A. E. G.                                         146

    Neuntes Kapitel: Ausdehnung und Befreiung                        155

    Zehntes Kapitel: Das Finanz- und Trust-System                    186

    Elftes Kapitel: Krisis                                           223

    Zwölftes Kapitel: Konzentration                                  251

    Dreizehntes Kapitel: Weltwirtschaft                              280

    Vierzehntes Kapitel: Großkraftversorgung                         317

    Fünfzehntes Kapitel: Gemischt-wirtschaftliche Unternehmung       336

    Sechzehntes Kapitel: Charakterbild                               350



Erstes Kapitel

Jugendjahre


Emil Rathenau wurde am 11. Dezember 1838 in Berlin geboren. In der
Rede, die er am Vorabend seines 70. Geburtstages hielt, erzählte er,
nicht ohne beziehungsreichen Stolz:

„Als ich die Lebensreise antrat, gab es in unserer Vaterstadt ein
interessantes Erlebnis: Die Vollendung der ersten preußischen
Eisenbahn. Die Berliner sollen in hellen Haufen begeistert zum
Potsdamer Tor hinausgepilgert sein, um den Zug nach Steglitz abfahren
zu sehen. Viel zu langsam (nach heutigen Begriffen) bewegte er sich
vorwärts, ohne Schlaf- und ohne Speisewagen; und doch war die Eisenbahn
ein gewaltiger Fortschritt gegen die Postkutsche, in der mein Vater aus
der Uckermark als Jüngling, meine Mutter als Kind mit ihren Eltern aus
der Mark hierher übersiedelten.“

Rathenaus Großeltern väterlicherseits und namentlich mütterlicherseits
waren für die damalige Zeit wohlhabende Leute gewesen. Sein
Vater wurde früh Rentier und betätigte sich nur hier und da
in Gelegenheitsgeschäften. In der Mischung von geschäftigem
Unternehmungsdrang und schnellem Überdruß an einer seßhaften,
geordneten Geschäftlichkeit, die der ganzen Familie etwas eigen
gewesen zu sein scheint, die sich entschiedener in dem Lebensgang
seines ältesten und seines jüngsten Sohnes ausprägte und die eine
Zeitlang auch den mittleren und begabtesten Sohn Emil zu erfassen
drohte, scheint bei dem Vater die Abneigung gegen eine ausdauernde
Geschäftstätigkeit das überwiegende Element gewesen zu sein. Gewiß
nicht aus Unlust zur Arbeit, sondern zu einer Arbeit, die ihm nicht
zusagte, seinen Wünschen und Fähigkeiten nicht zu entsprechen
schien. Ein strenger, Fremden und Verwandten gegenüber nicht gerade
entgegenkommender Mann, dessen Denkungsweise aber rechtlich und redlich
war, so wird er von denen geschildert, die ihn gekannt haben. Sein
Anteil an der Erziehung seiner Kinder war offenbar nicht sehr positiv,
er hielt sie äußerlich streng, aber er verstand und versuchte es nicht,
auf ihre innere Bildung Einfluß zu gewinnen, und zu diesem Zwecke in
ihr Charakter- und Seelenleben einzudringen. Sie entwickelten sich,
im Guten wie im Schlechten, ohne ihn und trotz ihm, und da er kein
sehr hohes Alter erreichte (er starb im Jahre 1871), verwischte und
verfärbte sich die Einwirkung seiner Persönlichkeit in dem späteren
Leben der erwachsenen Söhne ziemlich schnell. Emil Rathenau hat in der
selbstbiographischen Skizze, die in seinem Nachlaß vorgefunden wurde,
das Verhältnis zu seinen Eltern mit ein paar kurzen und ziemlich kühlen
Worten geschildert:

„Mein Vater hat sich bald nach meiner Geburt vom Geschäft
zurückgezogen. Er war streng und gewissenhaft und führte eine korrekte
Ehe mit der klugen und geistreichen Mutter, die Ehrgeiz besaß und
Eleganz in ihrer Erscheinung bis an ihr spätes Lebensalter zu bewahren,
die Schwäche hatte. Für die Erziehung der drei Söhne scheuten die
Eltern keine Kosten, aber sie überließen die Sorge hierfür der Schule
und Privatlehrern, weil das gesellige und gesellschaftliche Leben ihnen
die Muße nicht ließ, den wilden Knaben die erforderliche Aufmerksamkeit
zu widmen.“

Auch der Mutter werden in dieser sachlich-knappen Darstellung keine
Worte innerer Beziehung gewidmet und es mag richtig sein, daß auch sie
trotz unleugbarer geistiger Begabungen und Interessen keine eigentliche
Menschenerzieherin im innerlichen Sinne des Wortes gewesen ist. Dennoch
wirkten der mütterliche Einfluß und das Gefühl für die Mutter in
dem Leben der Kinder ganz anders nachhaltig wie die Beziehungen zum
Vater fort. Hier war nicht nur Respekt, hier war Liebe und herzliche
Zuneigung auf beiden Seiten, und wie sehr auch Entwicklung und
Veranlagung die Söhne später auseinander führten, ja entfremdeten,
der Mutter hingen sie alle treu an, und namentlich Emil Rathenau ließ
-- auch in den Zeiten, in denen seine Tage nicht mehr die Fülle der
Arbeit fassen wollten -- kaum einen Sonntag vergehen, an dem er die
Frau, die in seltenem und klugem Greisenalter den stolzen Aufstieg
des Sohnes erleben, seinen Stern noch im Zenith sehen durfte, nicht
zu einem Plauderstündchen besuchte. Den Kindern gegenüber hatte sie
jene Herzensfreundlichkeit besessen, die die Grundlage jedes wirklich
schönen Verhältnisses zwischen Eltern und Kindern ist und die bei
tüchtigen und guten Kindern auch einmal einen bewußten Erziehungsplan
ersetzen kann.

Emil Rathenau besuchte, wie seine Brüder, zunächst die alte Berliner
Knabenschule von Marggraf in der Sophienstraße, wo die Vorschüler in
ziemlich patriarchalischer Weise auf das Gymnasium vorbereitet wurden.
Die Privatanstalt verließ Emil Rathenau nach einiger Zeit mit seinem
älteren Bruder, der das nach Ansicht des Schulvorstehers unverzeihliche
Vergehen begangen hatte, den Unterricht durch Knallerbsen zu stören.
Im Jahre 1849 kam er auf das Gymnasium zum grauen Kloster, das damals
von dem älteren Professor Bellermann geleitet wurde. Wie so viele,
die später im praktischen Leben bedeutende Männer geworden sind,
war Emil Rathenau kein Musterschüler, und den meisten Fächern, die
auf dem humanistischen Gymnasium gelehrt wurden, vermochte er nicht
viel Interesse abzugewinnen. Immerhin hielt er sich auf leidlichem
Niveau. Die Selbstkritik seiner Leistungen auf dem Gymnasium hat er
in die Worte zusammengefaßt: „An Begabung fehlte es mir weniger als
an häuslichem Fleiß.“ Die interessanten und aufregenden Begebnisse
politischer Art, die in die ersten Schuljahre Rathenaus fielen,
lenkten naturgemäß seine und seiner Mitschüler Aufmerksamkeit von
den Schuldingen ab, so sehr auch die Eltern und Lehrer die Jugend
durch Vorhaltungen und Strafen ihrer Wirkungssphäre zu entrücken
versuchten. Die Ereignisse des Jahres 1848 hat Rathenau meist auf
der Straße miterlebt. Die ausführliche Schilderung, die er in seinen
Aufzeichnungen von ihnen gibt, läßt erkennen, daß der Eindruck auf ihn
und die damalige Schuljugend ein starker war, aber ebenso auch, daß
dieser Eindruck ganz im Sensationellen, Straßenjungen-Romantischen
wurzelte und ihm kaum eine Ahnung der politischen Hintergründe
beigemischt war. „Es war eine lustige Zeit für die Jungen, da die
neuerrungene Freiheit sich häufig auch auf den Schulunterricht
erstreckte und Eltern und Lehrer im Ernst der Zeit den strengen
Gehorsam nicht als das oberste Gesetz mehr zu betrachten schienen.“ --
Einen ernsten und tiefen Eindruck machte wohl nur die Überführung der
Märzgefallenen nach dem Friedrichshain. Hier traf die Wucht und Tragik
der Ereignisse auch die Kinderseele. „Unvergeßlich“ nannte Rathenau
diese Stunde.

„Wir beobachteten das Schauspiel von den Fenstern eines kleinen Hauses
am Schloßplatz, das jetzt dem Neubau des Marstalls zum Opfer gefallen
ist; es gehörte der Firma Krüger & Peterson, deren Tabakgeschäft durch
den Verkauf von Hyazinthenzwiebeln in Berlin bekannt geworden war. Der
Schloßplatz, die Kurfürstenbrücke, König- und Burgstraße waren dicht
gedrängt, alles schwarz; überall wehten Trauerfahnen von den Dächern
und an Fenstern, und auf Balkonen standen Männer und Frauen in tiefer
Trauer. Die nicht endenden Züge von offenen Särgen konnten sich nur
mühsam und langsam durch die enge Menschengasse gen Osten bewegen. Auf
den Balkonen des Schlosses und gegenüber standen entblößten Hauptes der
König und sein Gefolge über der Stelle, von der die Kartätschen ihren
Weg durch die Breitestraße zur d’Heureuseschen Konditorei genommen und
manche Erinnerung an die blutigen Ereignisse in Straßenbrunnen und
Häusern zurückgelassen hatten.“

Mit dem Zeugnis für Unterprima verließ Rathenau schließlich das
Gymnasium. Über seinen zukünftigen Beruf hatte er noch wenig
nachgedacht. Technische Neigungen hatten sich wohl gelegentlich
gemeldet, waren aber nicht so stark und bestimmend gewesen, daß die
technische Laufbahn sozusagen im festen Plan eines zielbewußten
Willens gelegen hätte. Die Entscheidung brachten vielmehr, wie so
häufig im Leben, Familienbeziehungen. Rathenau wurde Maschinenbauer
und lernte sein Handwerk von der Pike auf. „Da weder Terpsichore noch
andere Musen an meiner Wiege gestanden,“ erzählt er launig, „reiste
ich auch ohne ihr Geleit in die Lehre nach Schlesien.“ Dort besaßen
seine reichen Verwandten, die Liebermanns, industrielle Betriebe,
die für die damalige Zeit als sehr respektabel gelten konnten. Die
Wilhelmshütte, bei Sprottau, ein Eisenwerk mit Maschinenbauanstalt, das
seine Entstehung wie viele der damals noch karg gesäten industriellen
Unternehmungen des preußischen Landes Friedrich dem Großen verdankte,
später in Privatbesitz übergegangen war, aber erst in den Händen von
Rathenaus Großvater mütterlicherseits, Liebermann und dessen Söhnen
sich schnell einen gewissen industriellen Ruf erworben hatte, diente
Rathenau als Lehrstelle. Die Lehre war wie die väterliche Erziehung zu
Hause streng, und das verwandtschaftliche Verhältnis zu den Inhabern
der Fabrik schaffte dem jungen Maschinenbauer in der Arbeit keine
Erleichterung. „Proletarier in blauer Bluse und mit zerschundenen
Händen“ nannte er sich, als er in späteren Jahren auf diesen Abschnitt
seines Lebens zurückblickte. Das Herrensöhnchen durfte er -- zu seinem
eigenen Besten -- nicht spielen und der tüchtige Mestern, der den
technischen Betrieb ziemlich selbständig leitete, behandelte ihn wie
jeden beliebigen anderen Praktikanten auch. Der junge Rathenau, der
doch immerhin die Primareife besaß, niemals gering von sich dachte und
sich wohl damals schon zu Höherem berufen fühlte, mag manchmal unter
dem Joch geknirscht haben, und sich etwas inferior vorgekommen sein,
zumal wenn er den nicht nur äußerlich feinkultivierten Haushalt seiner
Verwandten als Kontrast zu seiner damaligen Lage betrachtete. Erblickte
der Lehrling im Arbeitskittel seine „vornehmen“ Kusinen von ferne, so
wich er einer Begegnung lieber aus und drückte sich, wenn es ging, um
eine naheliegende Ecke, tief beschämt, wenn er inne ward, daß sie ihn
doch gesehen und sich an seiner Verlegenheit geweidet hatten. -- Volle
4½ Jahre mußte er aushalten und er hielt aus. Von seiner Lehrzeit
hat Rathenau die folgende Schilderung gegeben:

„Das Werk hatte mein Großvater, ein hervorragender Industrieller
unserer Stadt, mit seinen Söhnen eben erworben. Es lag in hübscher
Gegend am Bober, besaß schöne Wohnhäuser und einen großen Park, und
prächtige Wälder in der näheren und weiteren Umgebung machten den
Aufenthalt angenehm.

Der Reichtum an Holzbeständen und Wiesenerzen, die die Verhüttung
lohnten, Wasserkräfte von mäßiger Stärke und sehr billige Arbeitslöhne
hatten im niederschlesischen Revier zur Errichtung von Hochöfen und
Walzwerken Anlaß gegeben, und namentlich erstere versorgten fast die
ganze Monarchie mit einfachem Guß und Poterien, die roh oder mit
einer schönen weißen Emaille auf den Markt kamen. In den Gießhütten
stellte sich bald das Bedürfnis nach Kupolöfen ein, um die Hallen
und Arbeitskräfte durch Herstellung von Maschinen- und Bauguß besser
zu verwerten. Die Wilhelmshütte hatte einen Hochofen von mäßigen
Dimensionen, dessen Gase ungenutzt in die Luft stiegen und die Gegend
mit hellen Flammen erleuchteten. Das Kolbengebläse wurde durch ein
mittelschlächtiges Wasserrad angetrieben, wie es Scharwerker jener
Zeit herstellten; bei der Konstruktion hatte man offenbar mehr auf
billige und solide Herstellung als auf hohen Nutzeffekt Wert gelegt.
Die Maschinenfabrik baute landwirtschaftliche Maschinen, meist
nach englischem Muster, Pumpen, Wasserstationen, Weichen, Radsätze
für Eisenbahnwagen, Apparate für Gasanstalten, Einrichtungen für
Brennereien und Mühlen jeder Art, daneben wurde all und jedes, was das
Publikum verlangte, auch wenn es in sehr losem Zusammenhang mit dem
Maschinenbau stand, hergestellt, zum Beispiel eiserne Bettstellen,
Turmuhren und dergleichen. Diese Vielseitigkeit wurde eingeschränkt,
als bald nach meinem Antritt A. Mestern die Leitung des Werkes
übernahm. Dieser begabte Techniker hatte sein gemeinsam mit Tischbein
in Magdeburg betriebenes Zivil-Ingenieur-Geschäft aufgegeben und war
auf Fr. Walz’ Empfehlung als Sozius in die Firma getreten. Er war
ein reiner Empiriker und hatte meines Wissens weder im praktischen
Betriebe noch auf Hochschulen Erfahrungen gesammelt, aber sein feines
Auge und Gefühl, sein Verständnis der kinematischen Vorgänge, sein
Talent in der Formgebung und Abmessung aller Konstruktionen ersetzten
diesen Mangel an Ausbildung. Mestern kannte die Dampfmaschine in
ihrer damaligen primitiven Ausführung, und wenn er nach einfachen
Formeln, wie sie in England gebräuchlich zu sein schienen, die
Hauptabmessungen festgestellt hatte, konstruierte er vertikale oder
Balanzier-Maschinen mit gotischem Gestell oder auf blanken Säulen
gelagerter Schwungradwelle. Viel Fleiß verwendete er auf Ausgestaltung
der Formen im Geschmack seiner Zeit, auf tadellose Bearbeitung von
unzähligen blanken Pfeilern; das Publikum der 50er Jahre des vorigen
Jahrhunderts liebte und bezahlte solche Erzeugnisse, legte aber wenig
Wert auf die ökonomische Wirkung, die es weder zu beurteilen noch zu
messen verstand. Obwohl Sachverständige die Bedeutung der Expansion des
Dampfes zu schätzen wußten, begnügten viele Konstrukteure sich mit der
unvollkommenen Wirkung nicht entlasteter Schieber und Drosselklappen,
und die Kunst im Bau dieser langsam laufenden Maschinen bestand zumeist
in der Bearbeitung der Einzelteile mit nichts weniger als vollendeten
Werkzeugen. Die schwachen Hobelmaschinen vibrierten schon bei winzigen
Spänen, und da genaue Flächen einer gründlichen Nacharbeit in jedem
Falle bedurften, begann man häufig sogleich mit der Handarbeit, um die
Zeit des Aufspannens zu ersparen.

Eine neue Ära des Maschinenbaues begann mit der Corliß-Dampfmaschine
nach amerikanischen Mustern. Ihr vorangegangen war eine Periode des
Maschinenbaues mit U-förmiger Grundplatte, deren Dampfzylinder und
Geradführung an dieser seitlich befestigt waren; das Schwungradlager
mit mehrteiliger Büchse lag so in derselben, daß die Kurbel gegen die
gedrehte Fläche lief; der hohle Raum der Grundplatte war mit einem
Holzdeckel geschlossen und diente als Schrank für Werkzeuge; auf der
Grundplatte stand der von einem Riemen angetriebene Regulator.

Die Konstruktion der Corliß-Maschine mit ihren getrennten Ein-
und Auslaßschiebern wurde in allen Größen und in einer Ausführung
hergestellt, die dem amerikanischen Original nicht nachstand;
sie führten sich durch das bestechende Äußere und die Ökonomie
des Dampfes rasch ein, trotzdem die Verkaufspreise den teuerern
Herstellungskosten entsprechend hohe waren. Für Reversier-Walzwerke
und Gebläsemaschinen wurde die Schiebersteuerung beibehalten, und
bei den Wasserhaltungsmaschinen für das Waldenburger Revier büßte
die Katarakt-Ventil-Steuerung ihre Bedeutung nicht ein. Als ich
die Wilhelmshütte nach 4½jähriger Tätigkeit verließ, war sie
eine Maschinenfabrik, die sich eines guten Rufes in den Kreisen der
Industrie erfreute und den besten Fabriken gleichwertig erachtet wurde.“

Die lange praktische Lehrzeit, die weit über das hinausging, was heute
ein akademisch gebildeter Ingenieur auf diesem Gebiete zu leisten hat,
gab Rathenau eine gründliche handwerkliche Kenntnis des Maschinenbaus,
für den er immer eine gefühlsmäßige Vorliebe behielt, mit auf den
Lebensweg.

Rathenaus Austritt aus der Wilhelmshütte wurde durch die Mobilmachung
der preußischen Armee aus Anlaß des italienischen Krieges
herbeigeführt. Er sollte beim 2. Garde-Regiment eintreten, als der
Friede von Villafranca geschlossen wurde. Damit wurde der Eintritt in
das Heer zunächst aufgeschoben, der junge Mann ging aber nicht wieder
zur Wilhelmshütte zurück, sondern entschloß sich, seiner technischen
Bildung zunächst eine wissenschaftliche Grundlage zu geben. Aus
der Erbschaft des Großvaters, die beim Kinderreichtum der Familie
allerdings in 15 Teile ging, fiel ihm eine an sich bescheidene, für ihn
aber damals nicht unbedeutende Summe von einigen tausend Talern zu.
Mit diesem Gelde ausgerüstet, über das er ganz frei verfügen konnte,
durfte Emil Rathenau, seinem längst gehegten Wunsch nach akademischer
Durchbildung nachgeben. Er bezog zunächst die polytechnische Schule
in Hannover. Da seine mathematischen Kenntnisse durch den Schulbesuch
auf dem „Grauen Kloster“ nur recht mangelhaft gefördert worden waren,
strebte er danach, sie durch Selbststudien zu ergänzen und hatte sich
tatsächlich in kurzer Zeit in die Differential- und Integral-Rechnung
so eingearbeitet, daß er den Vorlesungen, die allerdings keine großen
Vorkenntnisse der Mathematik voraussetzten, gut folgen konnte. Die
meisten Lehrer, so der Technologe Karmarsch, der Architekt Debo und
der Statiker Ritter verstanden es, mit einer geringen Menge von
Mathematik auszukommen, auch für das Studium des Maschinenbaus in
seiner damaligen Form war ein Zurückgehen auf mathematische Begriffe
nicht unbedingt erforderlich. Nicht lange konnte sich aber Rathenau in
Hannover seinen Studien ruhig hingeben. Ein Streit um die akademische
Freiheit sah Rathenau und einige preußische Kommilitonen unter den
Wortführern, was den Zorn der welfischen Lehrer gegen die preußischen
Studenten erregte. Nach Beendigung der Ferien ging Rathenau darum
nicht mehr nach Hannover zurück, sondern wandte sich nach Zürich, wo
Männer wie Zeuner, Reuleaux, Culmann und andere lehrten und in einem
fast kameradschaftlichen Verhältnis zu ihren Schülern standen. Die
Diplomprüfung bestand Rathenau, trotzdem die Zeit der schriftlichen
Arbeiten gerade in die feuchtfröhliche Feier des eidgenössischen
Schützenfestes fiel, mit der besten Nummer. Mit dem Diplom „eines
richtig gehenden Ingenieurs“ kehrte der junge Techniker nach Berlin
zurück. Der Wiedereintritt in die Wilhelmshütte stand ihm wohl offen,
aber er hatte die Empfindung, daß er mit seiner inzwischen erworbenen
wissenschaftlichen Methodik nicht mehr so recht unter die dortigen
Empiriker passen würde. Als einen großen Erfolg betrachteten er und
die Familie es, als er eine Anstellung in der Lokomotivfabrik von A.
Borsig erhielt, die damals von dem Sohn des Begründers geleitet wurde.
Zuerst wurde er im Zeichenbureau beschäftigt und hatte Arbeiten mehr
untergeordneter Art auszuführen. Bald wurde er aber unter die meist
älteren Konstrukteure versetzt und konnte sich unter der Leitung des
Oberingenieurs Flöhringer mit der Konstruktion von Gitterbrücken,
später unter der Leitung des Obermaschinenmeisters Stambke mit dem
Entwerfen von Lokomotiven beschäftigen. Sein Gehalt betrug 25 Taler
monatlich, womit er seine einfachen Bedürfnisse bestreiten konnte,
ohne die geldliche Hilfe der Eltern in Anspruch zu nehmen. Dagegen
speiste er Sonntags und an manchen Abenden der Woche im elterlichen
Haus in der Kronenstraße. Die Tätigkeit bei Borsig befriedigte den
jungen Ingenieur indessen nicht lange. Der Lokomotivbau wurde ziemlich
schematisch nach den Entwürfen der Maschinenmeister durchgeführt und
ließ den Konstrukteuren wenig Spielraum für die freie Entfaltung
eigener Gedanken. Dazu war auch die Fühlung mit der Praxis, die eine
solche Tätigkeit wenigstens vorausgesetzt hätte, sehr gering. Denn der
Besuch der Werkstätten wurde durch Meister und Werkführer, die ihre
Domäne namentlich den jungen Ingenieuren eifersüchtig verschlossen,
sehr erschwert. Befand man sich doch damals in einer Zeit, in der
die alte empirische Technik im Kampfe mit der neu aufkommenden
wissenschaftlichen Methode stand, die auf den technischen Schulen
herangebildet wurde und infolgedessen ihre Ideen etwas ungestüm und in
der Form vielleicht auch etwas überheblich in die Praxis hineinzutragen
suchte. Emil Rathenau war nicht der Mann, um seine frisch errungenen
wissenschaftlichen Erkenntnisse sich im praktischen Betriebe um des
leichten Fortkommens willen wieder langsam abzugewöhnen. Er hätte,
wenn er ein Durchschnittsmensch und ein Durchschnittstechniker gewesen
wäre, bei Borsig bleiben und allmählich eine wichtige Stellung,
wahrscheinlich sogar einen Ober-Ingenieurposten erringen können.
Aber Rathenau hat sich nie in seinem Leben mit mittelmäßigen Zielen
begnügt. Er besaß die fruchtbare Unzufriedenheit des nach Großen
strebenden Charakters, dem seine innere Entwickelung mehr wert war als
eine gesicherte Existenz. Als er Borsig von seinem Entschluß, bereits
nach ½jähriger Tätigkeit aus seinem Betriebe auszuscheiden und nach
+England+ zu gehen, benachrichtigte, schien der Chef einigermaßen
darüber befremdet, daß Rathenau sein Interesse und seine Absicht, ihn
bald in eine höhere Stellung aufrücken zu lassen, nicht mit größerem
Dank anerkannte. Neben dem Bestreben, sich fortzubilden und alles in
sich aufzunehmen, was die Technik damals in den fortgeschritteneren
Industrieländern an Gegenwartserfüllungen und Zukunftsmöglichkeiten
bieten konnte, war es wohl auch der Wandertrieb, der „Durst nach
weiter Welt“, die ihn bewogen, die aussichtsreiche Stellung in der
Heimat aufzugeben und sich in England, dem damals an der Spitze
schreitendem Lande der Technik und Wirtschaft, gründlich umzusehen.
Mit einem Empfehlungsbrief von Borsig an die große Maschinenfabrik von
John Penn in Greenwich und einem zweiten des Admiralrates Coupette
reiste Rathenau über den Kanal. Die Hoffnung einer Anstellung bei Penn
schien sich zunächst nicht zu verwirklichen und Rathenau war vorerst
darauf angewiesen, sich durch Annoncen im „Engineer“ eine Stellung
zu suchen. Ein persönlicher Besuch in der Villa John Penns führte
aber, ehe sich der junge Ingenieur zur Annahme eines Anerbietens
der landwirtschaftlichen Maschinen- und Lokomotivfabrik Marshall in
Gainsborough entschloß, doch noch zum Ziele einer Anstellung in der
großen Greenwicher Fabrik und er bekam die Stelle eines Draughtsman mit
30 sh. Wochenlohn. Lassen wir nun Rathenau wieder selbst erzählen, wie
sich seine Tätigkeit in verschiedenen englischen Fabriken gestaltete:

„Mein Vorgesetzter war ein liebenswürdiger Herr Lobb, der bald
nach meiner Anstellung zu dem Österreichischen Lloyd überging;
sein Nachfolger, Mr. Wright, war mir weniger sympathisch. Aber
dieses Vorurteil war ungerecht, denn gerade ihm verdanke ich meine
Heranziehung zu größeren Arbeiten. Ein Landsmann, der spätere
Oberwerftdirektor Meyer, trat in dasselbe Bureau ein. Die teueren
Lebensbedingungen veranlaßten uns zu einem gemeinsamen Haushalt,
und wir fanden eine passende Behausung in der Nähe von zwei
Marineingenieuren Gujod und Dede, die zur Überwachung der im Bau
befindlichen Panzerkorvette nach England geschickt waren. Während
wir unser Leben in Gainsborough allesamt sehr bescheiden einrichten
mußten, fand ich hohe Befriedigung in der geschäftlichen Tätigkeit.
Die englische Marine muß sehr gute Erfahrungen mit den Schiffen der
Warrior-Klasse, zu denen „Achilles“ und „Black Prince“, wie ich
glaube, gehörten, gemacht haben, denn sie ging zu einem ähnlichen
Typ, dem Bellerophon, über und übertrug der Firma J. Penn & Sons die
Ausrüstung des Schiffes mit Maschinen, Kesseln und Zubehör. Es war
die erste 1000 PS-Expansionsdampfmaschine mit Zylinder von 105 Zoll,
eine Trunk-Maschine, in der die Kurbelwelle zwischen jenen und den
Kondensatoren gelagert war. Diese Konstruktion war neu, die Firma
hatte früher meist oszillierende Dampfmaschinen gebaut und durch sie
einen Weltruf erlangt. Nach Vollendung der Werkstattszeichnungen,
Transportmittel, die für die ungewöhnlich schweren Arbeitsstücke
angefertigt werden mußten, und der Gesamtanordnung, die bis in
die Einzelheiten auf dem Papier festgelegt und in Maßskizzen den
verschiedenen Abteilungen zur Fertigstellung überlassen wurden,
befragte mich ein Freund, der nach Deutschland zurückzukehren im
Begriff stand, ob ich sein Nachfolger in der Firma Easton & Amos zu
werden wünsche. Die Vielseitigkeit dieses Geschäftes zog mich an und
ich siedelte nach London über, das ich während meines Aufenthaltes
in Gainsborough an Sonnabenden jeder Woche nachmittags mit Vergnügen
aufgesucht hatte, und in dem das großzügige Leben und der enorme
Verkehr auf den Straßen mich förmlich elektrisierten.

Im Gegensatz zu John Penns prächtigen Werkstatthallen und imposanten
Werkzeugmaschinen fand ich hier eine elende Baracke, man mußte sich
erst an die Arbeit in diesen Bureaus gewöhnen, die von den Schlägen
der Dampfhämmer erzitterten. Auf den Zeichenbrettern häufte sich der
Kohlenstaub, und während in Gainsborough unsere Kollegen junge lustige
Leute waren, die Späße trieben und sich amüsierten, befanden sich hier
meist Familienväter, deren Pünktlichkeit, wie die von Arbeitern, durch
den Portier und Stundenzettel kontrolliert wurde; sie waren wohl meist
aus diesem Stande hervorgegangen.

Meine erste Aufgabe war die Konstruktion einer Tunnelbohrmaschine
nach den Patenten von Captain Beaumont: Eine Scheibe von etwa 5 Fuß
Durchmesser enthielt an ihrem Umfange zur Achse parallel laufende
Schlitze, in denen eine große Zahl von Stahlbohrern mit Keilen
befestigt waren. Die hin- und hergehende Bewegung wurde durch einen
mit der Scheibe verbundenen Differential-Dampfkolben verursacht, der
in einem nach Art direkt wirkender Dampfspeisepumpen gesteuerten
Zylinder vor- und rückwärts lief. Der volle Dampfdruck erfolgte bei
der Stoßwirkung, während die kleinere Fläche den Rückzug vollendete.
Waren die Stähle bis an die Befestigung in der Scheibe vor Ort in das
Gebirge durch schnell aufeinanderfolgende Schläge eingedrungen, so
erhielt der auf Rollen stehende Truck, der nach jedem Stoß selbsttätig
vorrückte und sich wieder befestigte, eine geringe Drehung, so daß die
Löcher in der gewünschten Teilung einen Kreis bildeten. Ein Bohrer in
seinem Zentrum diente zur Aufnahme der Patrone, durch die die Sprengung
erfolgte. Hierbei wurde die schwere Maschine auf den radial zur
kreisrunden Öffnung stehenden Rollen des Trucks so weit zurückgezogen,
daß man die Débris vor Ort bequem ausräumen konnte. Über das Schicksal
dieser Maschine ist mir nichts bekannt geworden, dagegen sah ich ein
anderes Werk meiner damaligen Tätigkeit nach einem Menschenalter noch
im Betriebe. Es war ein hydraulischer Aufzug mit direktem Antrieb für
Personentransport, der in dem ersten großen, damals im Bau befindlichen
Hotel in Brighton aufgestellt wurde. Der sehr lange Stempel stak in
dem Preßzylinder, für den man einen tiefen Rohrbrunnen in das Erdreich
gesenkt hatte. Die einzelnen Kolbenteile bestanden aus gußeisernen
Röhren, die durch Gewinde miteinander verbunden waren. Trotzdem diese
Konstruktion große Sicherheit den Reisenden bot, erfuhr ich später
durch Zeitungen, daß im Grand Hotel ein nach diesem Muster erbauter
Aufzug mit den Passagieren verunglückt sein soll.

Die primitiven Einrichtungen deuteten auf den allmählichen Verfall des
Werkes, und obgleich ich wegen der Vielseitigkeit der Aufträge eine
bessere Schule in England kaum hätte wieder finden können, trat ich
mit achttägiger Kündigung aus der Fabrik aus, die zwar bald nachher
einen neuen Partner aufnahm, aber später von der Bildfläche, wie ich
vorausgesehen hatte, verschwand. Der Wert der Grundstücke in der
City hat hoffentlich die Inhaber oder Gläubiger für ihre Verluste im
Betriebe entschädigt.

Auf eine Annonce in einem Londoner Fachblatt, durch die ein theoretisch
erfahrener, der französischen Sprache mächtiger Ingenieur bei hohem
Salär gesucht wurde, meldete ich mich zum sofortigen Antritt und
hatte das Glück, aus der großen Zahl von Bewerbern mit 4 Lstrl.
wöchentlichem Gehalt Anstellung nach kurzer Prüfung bei einer neu
gegründeten Gesellschaft, die British & Continental Steam Improvements
Co. firmierte, zu erhalten. Das Bureau der Gesellschaft lag in
Adelphi Street, Strand, ihr Leiter war ein französischer Chemiker
namens Martin, auf dessen Erfindungen das Unternehmen gegründet
war. Der Dienst begann um 10 Uhr; nach dem Luncheon, das ich in
dem dem Theater gegenüber liegenden Public House stehend, aber mit
Gemütsruhe einzunehmen pflegte, erschien der Chef; er las die wenigen
eingegangenen Briefe, besprach die Geschäfte, die ihn kaum mehr als
mich erregten, und führte mich bei eintretender Dunkelheit in ein
vornehmes Restaurant zum Mittagessen, das mir wegen der lukullischen
Genüsse und der gewaltig hohen Preise imponierte. Niemals hatte ich
für eine so geringe Tätigkeit eine solche Behandlung und Bezahlung
erfahren. Meine Aufgabe war doppelter Natur; Konstruktionen und
Schriftstellerei. Beide erstreckten sich auf eine Rauch verzehrende
Lokomotivfeuerung einerseits und einen Kesselsteinreinigungsapparat
andererseits; letzteren kannte ich bereits aus meiner früheren
Tätigkeit; ich entsinne mich nicht, wo er zuerst konstruiert worden
war, glaube aber aus der Literatur später erfahren zu haben, daß er
unter dem Namen Schau in der Lokomotivfabrik in Wiener-Neustadt gebaut
wurde. Auf dem Kessel war ein zweiter Dampfdom so befestigt, daß
man ihn von den ebenen Dichtungsflächen leicht abnehmen konnte. In
diesem waren Teller übereinander so angebracht, daß das kaskadenweise
herabfließende Speisewasser von den oberen zu den unteren langsam in
der heißen Dampfatmosphäre herabtröpfelte. Da gewisse Verunreinigungen
bei diesen Temperaturen sich bereits absondern, so wurde die bewußte
Reinigung häufig erzielt, und da auch die Wärmeverluste unbedeutend
waren, so hat der Apparat sich zuweilen und jedenfalls bei den
Versuchen bewährt, wie denn die Salze auf den Tellern bei ihrer
Herausnahme ad oculus demonstrierten. Mit guten Patenten, genügender
Reklame und glänzenden Zeugnissen hätte der Erfinder vielleicht durch
Herstellung en masse einen Gewinn für die Gesellschaft erzielen können,
dazu aber fehlte ihm kaufmännische Begabung.

Die Lokomotive, in die auf einem der großen Bahnhöfe in London --
ich entsinne mich nicht, ob Great Eastern, Northern oder Western --
die neue Feuerung eingebaut wurde, gab befriedigende Resultate in
ökonomischer Beziehung, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß die
feuerfesten Konstruktionsteile bei den Stößen und Erschütterungen,
denen solche Dampfkessel ausgesetzt sind, eine genügend lange Dauer
besitzen. Die maßgebenden Persönlichkeiten scheinen anderer Ansicht
gewesen zu sein, denn kaum waren die Meßresultate in ihren Händen, so
erhielt ich den Auftrag, eine Straßenlokomotive von Aveling und Porter
mit der Feuerung auszurichten. Technisch bot dieses Kommissorium keine
Schwierigkeiten, aber die kommerzielle Behandlung öffnete mir die Augen
über die Geschäftsgebarung, und ich beschloß deshalb, einen neuen
Wirkungskreis zu suchen.“

Vorher wünschte Rathenau seine Eltern nach zweijähriger Abwesenheit
wiederzusehen; zumal diese in der Meinung, daß der junge Ingenieur
sich draußen in der Welt genügend umgesehen habe, und sich nunmehr
eine dauernde Existenz gründen solle, auf die Rückkehr drängten,
die nach ihrem Wunsche eine dauernde Heimkehr sein sollte, während
Rathenau selbst, als er sich zur Heimreise anschickte, noch nicht
fest entschlossen war, sich für die Dauer im Heimatlande anzusiedeln.
Indessen gefiel es ihm im Hause Viktoriastraße 3, das die Eltern
inzwischen bezogen hatten, recht wohl und er ließ sich unschwer
überreden, seine weiteren Wanderpläne aufzugeben. Den Eltern und
Freunden kam es bei ihren Plänen zu statten, daß Rathenau, trotz
aller Lust die Welt kennen zu lernen, doch mit seinem ganzen Herzen
an Deutschland und besonders seiner Heimatstadt Berlin hing, und
eigentlich in seinem ganzen Leben niemals ernstlich daran dachte, sich
wie so viele andere tüchtige Deutsche jener Zeit irgendwo draußen, wo
es sich zu jener Zeit besser und aussichtsvoller leben ließ, dauernd
anzusiedeln. In seinem Streben und Denken war Rathenau Kosmopolit.
In seinem Grundgefühl blieb er trotzdem immer bodenständig. Jeder
Fortschritt, jede Errungenschaft, jede Verbesserung der Verhältnisse,
die er irgendwo draußen sah, waren ihm nie allein Inhalt genug. Er
konnte sie sich nur in Verbindung mit der Heimat denken, der er
entstammte und der er ihren Nutzen dienstbar machen wollte. So wenig
sich Rathenau durch die Schranken und Bedingungen des Vaterlandes
binden oder hemmen ließ, so sehr er alle Fernen nach neuen wissens- und
nachahmenswerten Einrichtungen abschweifte, in irgend einem fremden
Boden hätte er nie Wurzel fassen können. Dort sich einfach und bequem
niederzulassen, wo das Neue bereits entwickelt war, reizte ihn nicht,
bot seinem Schaffenswillen wohl auch nicht Leistungsmöglichkeit und
Spielraum genug. Ihn leitete stets das instinktive Bestreben, das Neue
dorthin zu verpflanzen, wo es sich noch nicht vorfand und ihm schwebte
wohl schon damals der Gedanke vor, daß in Deutschland ein weiteres
Arbeitsgebiet offen lag als in fortgeschritteneren Ländern, wo er die
Hauptstraßen bereits durch einen zu starken Wettbewerb besetzt fand.
„Trotz schmaler Kost und wenig Geld“, sind Emil Rathenau, der in dem
berechtigten Stolz, auf eigenen Füßen zu stehen, schon damals auch die
kleinste geldliche Beisteuer des Vaters nicht mehr angenommen hatte,
die Jahre in England unvergeßlich geblieben. Außer den technischen
Erkenntnissen, die er ihnen verdankte, gaben sie ihm den freien Blick
des Staats- und Weltbürgers und eine ausgeprägte +demokratische
Anschauungsweise+, deren Fundament sich nie verlor, wenngleich
der Geschäftsmann sie später aus Opportunitätsgründen, vielleicht
auch aus Mangel an Zeit für politische Interessen, nicht mehr
sonderlich betonte, allerdings auch nie verleugnete. Auch der spätere
Gegensatz zu der aufkommenden sozialdemokratischen Agitation mit
ihrer Erschwerung der Arbeiterbehandlung und Arbeiterökonomie für das
Unternehmertum mag dazu beigetragen haben, den demokratischen Grundton
der Rathenauschen Denkweise zu dämpfen. In den englischen Jahren
warf er sich ihr aber mit Entschiedenheit in die Arme. Bedeutete sie
doch eine reife Betätigung und Erfüllung der ringenden Bestrebungen,
deren jähes gewaltsames Aufflackern der heranwachsende Knabe im
Jahre 1848 staunend, wenn auch wohl nicht verstehend, miterlebt,
für die der junge polytechnische Student dann im engen Kreise
mitgekämpft hatte. Das waren Erinnerungen, die in der englischen Luft
wieder aufgewacht waren und ihm manche Einrichtungen der englischen
Bürgerfreiheit als glücklich und nachahmenswert erscheinen ließen.
Auch die +Freihändlerlehre+ mochte sich dem jungen Deutschen
damals so tief ins Gemüt gesenkt haben, daß er Zeit seines Lebens nie
so recht von ihr loskam, auch hier allerdings später die Theorie den
Zweckmäßigkeitsgründen seiner besonderen Interessensphäre anpassend.

Nun machte Emil Rathenau zum ersten Mal den Versuch, seßhaft zu werden
und sich eine Position zu schaffen, wie sie den Augen der Familie
wohlgefiel. Ein wohlsituierter Bürger und tüchtiger Fabrikbesitzer,
das war das Ziel, das den Eltern vorschwebte und das sich immerhin um
eine wesentliche Spielart von den Lebens- und Wirtschaftsbedingungen
unterschied, die sonst in den damaligen jüdischen Kreisen Berlins
und Deutschlands üblich waren. In der Industrie hatten die jüdischen
Kaufleute damals erst in geringem Umfange Fuß gefaßt. Handel und Finanz
waren noch ausgesprochener als heute die Hauptgebiete ihrer Betätigung,
und die kombinierten, großkapitalistischen und großgewerblichen
Methoden, durch die sie späterhin den Übergang auch in die Industrie
fanden, erschienen damals noch wenig ausgebildet. Allerdings
fehlte es nicht an Ausnahmen. Der Stern des industriellen Gründers
Strousberg, der allerdings durch eine Welt von dem soliden deutschen
Industrietypus geschieden war, stand damals noch im Zenith. In Berlin
waren es gerade Rathenaus Verwandte, die Liebermanns und Reichenheims,
die als Industrielle sich bereits einen soliden Reichtum und ein
großes bürgerliches Ansehen geschaffen hatten. Mitglieder der Familie
Liebermann besaßen neben der schon erwähnten Wilhelmshütte in Sprottau
eine bedeutende Tuchweberei, die Familie Reichenheim gleichfalls
eine blühende Textilfabrik im schlesischen Wüste-Giersdorf. Auch die
noch jetzt als Aktiengesellschaft bestehende Textil-Firma Anton und
Alfred Lehmann befand sich im Besitz von Verwandten Rathenaus. Gerade
diese Beispiele aus der Familie, die sich allerdings nach dem Tode
des Großvaters Liebermann nicht mehr allzuviel um Emil Rathenau und
sein Elternhaus kümmerte, werden dazu beigetragen haben, den jungen
Rathenau der industriellen Laufbahn zuzuführen. Nach der Rückkehr aus
England begab er sich auf die Suche nach einem geeigneten, bereits
bestehenden und eingeführten Unternehmen. Durch Familienbeziehungen
gelangte Rathenau an eine Fabrik, die damals verkäuflich war und auch
den Eltern eine geeignete Grundlage für eine Selbständigkeit zu bieten
schien. Es war die kleine Maschinenfabrik von M. +Webers+, die in
der Chausseestraße, dem damaligen Berliner Maschinenfabrikenviertel,
unweit der alten Berliner Anstalten von Schwartzkopf, Borsig,
Wöhlert und Engells gelegen war. Die Fabrik beschäftigte nicht mehr
als 40-50 Arbeiter und betrieb neben dem Bau von Dampfmaschinen
die Herstellung von Einrichtungen für Gas- und Wasserwerke. Auch
Zentrifugalpumpen, Lokomobilen und was sonst zu dem Betrieb einer
damaligen Maschinenfabrik gehörte, wurde gelegentlich hergestellt.
Daneben führte das Unternehmen, gewissermaßen als Monopol, sämtliche
Apparaturen aus, die die Königlichen Theater brauchten. Emil Rathenau
prüfte die Grundlage des Betriebes, von denen die technische trotz
ziemlich primitiver Methoden einen besseren Eindruck machte als die
kaufmännische, und war grundsätzlich zu einem Erwerb bereit. Die
Verfassung, in der sich das Unternehmen damals befand, wurde von ihm
wie folgt geschildert:

„Aus einem früheren Vergnügungslokal, Bella Vista, war ein
hübsches Wohnhaus mit Vorgarten stehen geblieben, das sich durch
schmuckes Äußeres hervortat; hinter diesem lag die Fabrik in dem
früheren Tanzsaal, der sich als Seitenflügel dem einstöckigen
Wohnhause anschloß; Dampfkessel, wie sie unter bewohnten Räumen
zu jener Zeit zulässig waren, und eine ihrer Größe entsprechende
Dampfmaschine trieben vermittels Wellentransmission die einfachen
Werkzeugmaschinen, wie sie Chemnitzer und Berliner Fabriken
herstellten. Die Fabrik hatte einen guten Ruf. Der spätere Rektor
der technischen Hochschule in Darmstadt hatte als technischer Leiter
die Bügel- und Balanziermaschinen etwas modernisiert und mit einer
Expansionsvorrichtung versehen, die sich recht bewährt hat. Ein
Glockenventil, das auf und mit dem Schieber sich bewegte, wurde von
dem unrunden Konus auf der Spindel des Zentrifugalregulators geöffnet
und geschlossen.“ -- Der junge Ingenieur konnte und wollte das
Wagnis, das auch über die ihm zur Verfügung stehenden finanziellen
Kräfte hinausging, nun allerdings nur in Gemeinschaft mit einem
tüchtigen und gleichgesinnten Kaufmann übernehmen. Für die Fabrik mit
Grundstücksgebäuden und Inventar -- dazu gehörte ein großer Garten mit
schönen alten Bäumen -- wurden 75000 Taler gefordert und von dem Käufer
eine Anzahlung von einem Drittel dieses Betrages verlangt, über das
Emil Rathenau nur zum Teil verfügte. An Geldmännern, die sich an dem
Geschäft beteiligen wollten, fehlte es nicht. Doch konnte sich Rathenau
nicht zur Wahl eines stillen Teilhabers entschließen. Ein Sozius
fand sich aber bald in der Person des um zwei Jahre jüngeren Julius
+Valentin+, den Rathenau als Nachbarkind vom Monbijouplatz und
als jüngeren Schulgenossen vom Grauen Kloster her kannte. Die beiden
jungen Männer trafen sich ganz zufällig. Auf der Straße begegnete
Rathenau einige Zeit nach seiner Rückkehr aus England dem jungen
Valentin, der ihm den Eindruck eines intelligenten, offenen Menschen
machte. Den ersten gegenseitigen Fragen nach dem „Woher“, nach den
Lebensschicksalen beider seit der gemeinsamen Schulzeit, folgte bald
die Frage nach dem „Wohin“, den Plänen für die Zukunft.

Rathenau erzählte schließlich, daß er etwas Eigenes unternehmen
wolle, auch schon eine bestimmte Sache in Aussicht habe, daß ihm
aber noch der Kaufmann fehle. Auf die Frage, ob er dieser Kaufmann
sein wolle, und ob er sich mit einem bestimmten Kapital beteiligen
könne, bat sich Valentin Bedenkzeit aus, gestand auch ganz offen,
daß er nicht nur über die zu erwerbende Maschinenfabrik, sondern
auch über Rathenau selbst vorher Erkundigungen einziehen müsse.
Einige Tage nachher bat sich Valentin von Rathenau eine schriftliche
Erklärung aus, daß er ihn zum Sozius bei der Fabrik nehmen wolle. Den
jungen Ingenieur verstimmte diese Vorsicht ganz und gar nicht, sie
gefiel ihm sogar, und man vereinbarte weitere Besprechungen. Diese
fanden statt, und man wurde miteinander einig. Rathenau und Valentin
erwarben gemeinsam die Maschinenfabrik, und der Jugendbekanntschaft
folgte eine enge, fast zehnjährige Geschäftsgenossenschaft und bald
eine herzliche Freundschaft, die auch die geschäftliche Trennung
überdauerte, in manchen späteren gemeinsam geplanten, wenn auch nicht
ausgeführten Projekten ihren Ausdruck fand, und das ganze Privatleben
der beiden trefflich zueinander passenden Männer durchzog. Wenn man
den glaubhaften Schilderungen des in seinem Verhältnis zu Rathenau
selten bescheidenen Valentin folgt, so ist Emil Rathenau schon in der
damaligen gemeinsamen Tätigkeit der führende, aktive und bestimmende
Teil gewesen, während Valentin sich anpaßte und bemüht war, die
Gedanken und Anregungen Rathenaus, so gut ihm das möglich war,
auszuführen. Daß auch Valentin kein gewöhnlicher Mensch gewesen ist,
zeigen die immerhin respektablen Erfolge in seiner späteren eigenen
Tätigkeit. In der Leitung der Maschinenfabrik Webers jedenfalls
vereinigten und ergänzten sich die beiden Charaktere auf das beste,
und es ist vielleicht nie wieder ein äußerlich Gleichgeordneter mit
Rathenau, der im Verkehr mit Menschen als eigenwillig, rücksichtslos,
ja manchmal sogar als hart galt, so gut und glatt ausgekommen wie
Valentin. Dieser rühmt besonders die feine, taktvolle Art, mit der sein
damaliger Sozius bei gemeinsamen Verhandlungen und Beratungen jedes
Pochen auf seine Überlegenheit, jede besserwisserische Art vermied.
„Ja sogar, wenn man Aufklärung, Belehrung bei ihm suchte, hatte man am
Ende den Eindruck, als ob Rathenau, der klar und mit ausgeprägtem Sinn
für das Wesentliche auseinanderzusetzen und zu antworten verstand, als
der Gewinnende, Belehrte und Dankbare aus der Unterhaltung schied.“
-- Ungefähr zu derselben Zeit, als die Maschinenfabrik M. Webers in
den Besitz der beiden Freunde überging, heiratete Rathenau Mathilde
Nachmann, die Tochter eines angesehenen und wohlhabenden Bankiers, und
die Mitgift, die er erhielt, bildete zum Teil die finanzielle Einlage,
die er in die Sozietät mit einbrachte. Mathilde war Emil Rathenau sein
ganzes Leben hindurch eine treue und kluge Lebensgefährtin, die in den
jungen Jahren der ersten kaufmännischen Tätigkeit an den Plänen und
Arbeiten ihres Mannes ihren beratenden Anteil nahm und ihm später in
den Jahren des beschäftigungslosen, manchmal unbefriedigten Suchens
stützend und anspornend zur Seite stand. Als dann das Lebenswerk
Rathenaus auf fester Grundlage errichtet war, die Tätigkeit wuchs, sich
verzweigte und die Tages-, manchmal auch die Nachtstunden des Mannes in
immer zunehmenden Umfange fortnahm, lernte sie sich bescheiden, gerade
weil sie verstand, daß große Männer mehr ihrem Werke als sich und ihren
Nächsten gehören. Sie konnte sich auch bescheiden, weil sie der Liebe
ihres Mannes, +des+ Teils seines Denkens und Fühlens, der dem
Menschen und Privatmann verblieb, stets sicher war und stets sicher
sein durfte. So wenig Emil Rathenau für seine Familie im weiteren Sinne
übrig hatte, so innig war er mit seiner engsten Familie verwachsen, so
selbstverständlich fest war sein Familienzusammengehörigkeitsgefühl mit
seinen nächsten Angehörigen. Unzertrennbar wie er den Eltern, besonders
der Mutter anhing, fühlte er sich auch Frau und Kindern verbunden.
Dieses Bewußtsein linderte auch in den späteren Jahren die Klage der
Lebensgefährtin, daß sie von ihrem Manne so wenig hätte, und „es kaum
so viele Romane gäbe, wie sie in ihren einsamen Stunden lesen müßte.“
Daß an eine ins Einzelne gehende Teilnahme der Gattin an der Arbeit des
Gatten in späteren Jahren in der Rathenauschen Ehe gar nicht mehr zu
denken war, erscheint bei der Größe, dem Umfange und der Vielseitigkeit
dieser Arbeit nicht verwunderlich. Auch die aktiengesellschaftliche
Form und die strenge Scheidung, die Rathenau -- wie wir noch später
sehen werden -- zwischen seinen eigenen Vermögensinteressen und denen
der Aktiengesellschaft stets wahrte, ließ eine enge Fühlungnahme
der Gattin mit den Geschäften des Gatten, zu der Mathilde Rathenau
an sich durchaus fähig gewesen wäre, nicht entstehen. Wie weit ihre
Geschäftsfremdheit in späteren Jahren gegangen ist, zeigt ein Vorfall,
den mir Rathenau einmal persönlich erzählt hat. Die A. E. G. hatte
seit einiger Zeit die Herstellung der lichtstarken und stromsparenden
Metallfadenlampen aufgenommen und dafür eine große geschäftliche
Propaganda entfaltet. In seiner eigenen Wohnung am Schiffbauerdamm
brannten aber noch ganz gemütlich die altmodischen Kohlenfadenlampen,
bis eines Abends Frau Mathilde einmal den Gatten fragte: „Sag mal,
Emil, Ihr macht doch jetzt in den Zeitungen so viel für eine neue
Lampe Reklame. Können wir die nicht auch bei uns einführen?“ -- Dieser
Vorfall, der zugleich für die völlige Gleichgültigkeit kennzeichnend
ist, mit der Emil Rathenau immer nur das Allgemeine, nie das Spezielle
sehend, sein Privatleben wenigstens in äußeren Dingen behandelte, kann
gegen den tiefen inneren Ernst, mit dem Rathenau die Ehe -- allerdings
weitab von jeder modernen Emanzipation -- ansah und behandelte, nicht
das geringste besagen. Frau Mathilde wird diesen Vorfall wahrscheinlich
ebenso von der gemütlichen, humoristischen Seite genommen haben, wie
die harmlose Galanterie, die ihr Mann, besonders auf Reisen -- und zwar
je älter er wurde, umso mehr -- jungen oder klugen Damen, mit denen
er gern und gut plauderte, entgegengebracht hat. Wußte sie doch, daß
dabei keine Spur von Erotik, sondern nur angeborene Ritterlichkeit
dem weiblichen Geschlechte gegenüber mitspielte, die diesem innerlich
keuschen, jeder groben Sinnlichkeit abholden Manne stets eigen war,
eine Ritterlichkeit, die er der Gattin selbst stets entgegengebracht
hatte.

Aber kehren wir wieder zu dem jungen Rathenau und seiner
Maschinenfabrik zurück. Kurz nach ihm hatte auch der Sozius Valentin
geheiratet, und die beiden Familien wohnten nun in dem der Fabrik
vorgelagerten Wohnhause in der Chausseestraße, einträchtig beisammen.
Abends nach getaner Arbeit zogen die beiden Ehepaare nicht selten
gemeinsam in das Stadtinnere, nach der Friedrichstadt, wo es damals
noch an jeder Kanalisation fehlte und die Abwässer in offenen
Rinnsteinen, an den Straßenübergängen nur von Bohlen überdeckt, sich
ihren Weg suchten, an warmen Sommerabenden einen wenig angenehmen Duft
verbreitend. Die baulichen und hygienischen Verhältnisse ließen auch
in der Zeit, als Berlin schon Reichshauptstadt geworden war, noch
viel zu wünschen übrig. Die Einführung der Gasbeleuchtung hatte die
wenig fortgeschrittene Kommunalverwaltung zunächst einer englischen
Gesellschaft überlassen, die Gründung des ersten öffentlichen
Schlachthofes und der ersten Markthalle durch Strousberg betrachtete
man mit Mißtrauen und suchte ihr, statt sie zu unterstützen, allerlei
kleinliche Hindernisse in den Weg zu legen. Rathenau, der ja die damals
viel besseren Verhältnisse in englischen Großstädten kannte, empfand
die Rückständigkeit der Vaterstadt schmerzlich, und auf den gemeinsamen
Abendspaziergängen entwarf er, dessen Hirn stets voll von Plänen
steckte und dem besonders beim Sprechen die Projekte nur so zudrängten,
nicht selten kühne und großzügige Modernisierungsvorschläge.

Die Tätigkeit Rathenaus in der Maschinenfabrik M. Webers dauerte fast
10 Jahre. Als die beiden Freunde die Leitung übernahmen, verstanden sie
von dem Fabrikbetriebe, wie Rathenau selbst zugab, wenig oder nichts.
Der alte Webers hatte einen Buchhalter hinterlassen, der Valentin
in die Mysterien der einfachen kaufmännischen Tätigkeit einweihte.
Rathenau glaubte eine ähnliche Stütze in dem Ingenieur zu finden, der
den technischen Arbeiten in Bureau und Werkstatt vorgestanden hatte.
Dieser Mann, verstimmt darüber, daß sein früherer Chef das Anwesen
verkauft hatte, ohne ihn zu fragen, ob er selbst darauf reflektiere,
zog sich aus dem Geschäft zurück, um eine eigene Fabrik zu begründen
und Emil Rathenau war somit allein auf sich selbst angewiesen. Der
wichtigste Gegenstand bei seinem Eintritt war die Herstellung des
Schiffes für Meyerbeers Oper „Die Afrikanerin“, die von dem Königlichen
Opernhaus damals vorbereitet wurde. Rathenaus Interesse für derartige
Theaterarbeiten war gering. Weder die Bühne noch die Balletteusen,
für deren Gruppendarstellungen er schmiedeeiserne Konstruktionen
auszuführen hatte, übten eine Anziehungskraft auf ihn aus. Zu dem
Programm des Unternehmens gehörten, wie wir schon gesehen haben, außer
Dampfmaschinen von nicht erheblicher Größe, Apparate für Gasanstalten
und Wasserwerke, wie sie in den beschränkten Werkstätten und mit den
vorhandenen einfachen Hilfsmaschinen ausgeführt werden konnten. Auch
Schieber von den kleinsten bis zu den größten Abmessungen bildeten eine
lohnende Spezialität. Über die technischen Zustände, die Rathenau in
der Fabrik vorfand, und über die Versuche, sie auf eine höhere Stufe zu
heben, lassen wir ihn am besten wieder selbst berichten:

„Während Aufträge auf gewisse Gegenstände ohne Mühe und regelmäßig
einliefen und die listenmäßigen Preise ohne Feilschen erzielten,
schwankten die Bestellungen auf Dampfmaschinen, und diese Schwankungen
erschwerten den geordneten Werkstattbetrieb. Brauchbare und
leistungsfähige Arbeiter lassen sich nur erziehen, wenn sie die
Überzeugung gewinnen, daß ihre Beschäftigung eine dauernde ist und
das Unternehmen im Aufblühen sich befindet, denn mit dem Wachsen der
Bestellungen nimmt auch ihr Verdienst zu. Der Bau von Dampfmaschinen
nach Preislisten, wie viele amerikanische Fabriken ihn später
aufgenommen haben, lag zuerst in meiner Absicht, aber ich sah bald, daß
jeder Kunde neue Wünsche äußerte und die von mir festgelegten Typen
diesen nicht entsprachen. Lag die fertige Maschine rechts, wünschte
man das Spiegelbild, war das Schwungrad als Riemscheibe ausgebildet,
forderte man besondere Scheiben, befand sich die Kondensation hinter
dem Dampfzylinder, legte man Wert auf den Antrieb der Luftpumpe von
der Kurbel usw. Unter solchen Umständen beschloß ich eine neue Type
zu schaffen, in der Hoffnung, daß mit derselben die Kritik aufhören
würde, und in dieser Erwartung habe ich mich nicht getäuscht, denn
viele hundert Maschinen von 1 PS bis zu ansehnlichen Leistungen wurden
ohne Änderungen der Modelle ausgeführt und verkauft; freilich sorgte
ich stets, daß sie auf der Höhe der Technik verblieben. Diese Maschinen
nannte ich zum Unterschiede von Lokomobilen auf Rädern transportable
Dampfmaschinen. Sie bildeten ein in sich abgeschlossenes Ganze. Die
vertikale Maschine war mit ihrer Grundplatte an dem sauber gearbeiteten
stehenden Dampfkessel befestigt; die einfache Feuerbüchse erhielt
durch herabhängende (Fieldsche) Röhren genügende Heizfläche, und die
aufsteigenden Rauchgase wurden durch eine mit feuerfestem Material
bekleidete Eisenwand abwärts und dann in den Schornstein geführt.
Die Montage der Maschinen nahm geringe Zeit in Anspruch, sie konnten
in tadelloser Ausführung fast immer sogleich vom Lager oder aus
den Werkstätten geliefert werden, hatten einen ganz befriedigenden
ökonomischen Effekt und so viele Vorzüge vor stationären Maschinen
mit schwerfälligen Kesselanlagen, Einmauerungen, Schornsteinen usw.,
daß die Firma sich bald eines Rufes erfreute und die Fabrikate über
die ganze Welt absetzte. Weitere Spezialfabrikationen bauten sich auf
direkt gesteuerten Dampfpumpen auf, die die Schwungradpumpen allmählich
ersetzten, auf Zentrifugalpumpen, darunter solche für Hochdruck und
direkten Dampfmaschinenantrieb, auf Ejektoren für Kondensationszwecke
und dergleichen, während Dampfmaschinen und Dampfkessel in allen
Größen, wie sie damals üblich waren, auf besondere Bestellung gebaut
wurden. Es muß hier bemerkt werden, daß der schöne Garten modernen
Werkstätten für Kessel- und Maschinenbau inzwischen Platz gemacht und
Umsatz sowie Arbeiterzahl mit jedem Jahre sich vermehrt hatten. Außer
den laufenden Bestellungen betätigten wir uns in Konstruktionen für
das Heer und die Marine.

Die Firma Siemens & Halske hatte uns den Auftrag zur Herstellung einer
10 PS transportablen Dampfmaschine erteilt, die auf Rädern dergestalt
hergestellt war, daß Dampfkessel und Maschinen auf der Hinterachse,
Dynamo- und Erregermaschine auf einem leichten schmiedeeisernen
Gestell ruhten. Der Betrieb erfolgte mittels Riemen. Die Versuche mit
Scheinwerfern wurden entweder auf dem Tegeler Schießplatze oder der
damals unbebauten Genthinerstraße, wo die Bureaus des Ingenieurkomitees
sich befanden, wie ich meine, mit befriedigendem Erfolge ausgeführt.

An ersterer Stelle hatten wir bereits größere Leistungen aufgewiesen.
Unter Leitung eines sehr befähigten, damals als Hauptmann fungierenden
Offiziers hatten wir einen drehbaren Panzerturm für zwei 50
cm-Geschütze erbaut; die Panzerplatten waren so schwer, wie sie die
englische Firma damals walzen konnte, umgaben aber hauptsächlich
+den+ Teil des Turmes, in dem die Minimalscharten sich befanden,
während der übrige Teil des Ringes aus sehr starken Flächen und die
gewölbte Kalotte aus einer Doppellage von diesen gebildet wurde. Die
Drehung des solid und genial konstruierten Turmes erfolgte durch das
Gewicht von Artilleristen mittelst Hebel und Tritte vorwärts und
rückwärts in mäßigem Tempo. Fast eine Kunst war die Auswechslung der
schweren und langen Geschützröhren in dem niedrigen Turm; ohne Kräne
und Winden mußte sie in wenigen Stunden erfolgen. Diese Röhren wurden
in Eisenblechlafetten durch zwei voneinander unabhängige Vorrichtungen
so bewegt, daß der ideelle Drehpunkt in der Schießscharte verblieb und
diese auf ein Minimum reduziert werden konnte.

Die Mannschaft wurde allmählich mit den Manipulationen so vollkommen
vertraut, daß es eine Freude war, die schwierigen Exerzitien zu
beobachten. Welche Einfachheit der Übungen im Vergleich zu den
heutigen Manövern, bei welchen alle Neuerungen der modernen Technik
zur Anwendung gebracht sind! Über die zahlreichen Feldbefestigungen,
die wir ausführten, gehe ich hinweg zu dem Barackenlager, das in Tegel
errichtet, vorher aber in einem Exemplar in unserer Fabrik aufgestellt
wurde. Gebogene I-Eisen, durch einen Ring zu einer Kuppel vereinigt und
mit einem halben Stein ausgewölbt, bildeten hohe, luftige Wohnräume
für etwa je 16 Mann; kleinere Baracken waren für Offiziere, Küchen,
Latrinen usw. bestimmt. Bei Ausbruch des französischen Krieges hatte
das für eine Kompagnie in Tegel bestimmte Lager die Aufmerksamkeit
auf sich gelenkt, und der damalige Direktor der Charité Esse, Virchow
und andere Zelebritäten bestürmten uns, zwei solcher Baracken, für
die das Material noch vorhanden war, in dem Königin Augusta-Hospital
zu errichten. Acht Damen, darunter meine Frau, übernahmen die Pflege
der Verwundeten, deren Lob und Dank sie erwarben. Die hohe Protektorin
wünschte mir als Urheber des zeitgemäßen Gedankens und seiner
Verwirklichung ihre Anerkennung persönlich auszusprechen, aber die
Auszeichnungen, die meine Frau erfuhr, schienen mir eine ausreichende
Belohnung für die zur Befriedigung meiner patriotischen Gesinnung
bewirkte Leistung.

Als die Kriegserklärung erfolgte, stand das Geschäft plötzlich still,
der Gütertransport auf den Bahnen hatte aufgehört, die besten Arbeiter
waren zu den Fahnen berufen, Aufträge liefen nicht mehr ein, und
niemand wußte, welche Ausdehnung der Zustand nehmen würde. Da erhielten
wir die Anfrage, ob wir Minentorpedos anfertigen könnten. Die anderen
Berliner Fabriken hatten es abgelehnt, sich auf die Herstellung
der völlig neuen und von unseren Fabrikaten gänzlich verschiedenen
Konstruktionen einzulassen, und so erhielten wir den großen Auftrag
zu den von uns auskömmlich berechneten Preisen. Das Material wurde
auf Requisitionsschein herbeigeschafft, und die mit der Fabrikation
beschäftigten Beamten, wie ich selbst, von der Dienstpflicht im Heere
befreit. In kurzer Zeit waren Werkstätten und Höfe für den neuen
Zweck eingerichtet. Verzinkereien angelegt, große Feuer zum Biegen
der Bleche gebaut und Drehbänke für Herstellung der Schrauben und
Zünder angeschafft. Die ungewohnte Arbeit ging anfänglich schwer
vonstatten; es fehlte an guten Holzkohlenblechen, die die unsanfte
Behandlung vertrugen, und auch die Dichtung ließ zu wünschen übrig.
Allmählich lernten wir und unsere Arbeiter jedoch die Behandlung, und
jeder Torpedo wurde anstandslos abgenommen. Als die Konkurrenz sah,
wie immer neue Arbeiter von uns eingestellt wurden, die sie aus Mangel
an Beschäftigung entlassen mußten, bewarben auch sie sich um diese
Aufträge und erhielten sie, da unsere Leistungen erschöpft waren. Aber
die höheren Preise, die man ihnen zugebilligt hatte, wurden uns nicht
nur für die noch in Ausführung und Bestellung gegebenen, sondern
auch für die bereits abgelieferten Torpedos in einem schmeichelhaften
Schreiben über unsere Leistungen gewährt.

So beschlossen wir, unsere Fabrikation beträchtlich zu erweitern. Die
Kesselschmiede wurde damals in Berlin noch recht primitiv betrieben.
Bei Arbeiten aus dünnen Blechen, wie bei Gasbehältern, erhielten wir
kaum die Auslagen für Material und Lohn ersetzt, wie wir zuletzt beim
Bau in Nauen zu unserem Bedauern erfahren hatten, und nicht viel
besser erging es bei Dampfkesseln, Brücken, Dächern, Trägern usw.,
die nach Gewicht geliefert und verrechnet wurden. Die einzige Hilfe,
uns aus dieser üblen Lage zu befreien, war auch in diesem Zweig die
Aufnahme von Spezialfabrikaten, denn die Herstellung der Torpedos
hatte gezeigt, daß wir billig zu arbeiten in der Lage waren. Da mit
feinerem Material auch die Arbeit sich verbessern mußte, nahmen
wir den Bau von Stahlkesseln auf, die zwar neue Konstruktionen und
Einrichtungen erforderten, aber auch bessere Verkaufspreise erzielten,
da wir mit Preisunterbietungen seitens der Konkurrenz nicht mehr
zu rechnen brauchten. Auch hier zahlten wir Lehrgeld; denn als ich
in den Weihnachtsfeiertagen durch die Kesselschmiede ging und die
Arbeiten betrachtete, sah ich, daß an verschiedenen Bördelungen der
Feuerröhren infolge mangelhaften Materials Längsrisse entstanden waren.
Der Fabrikant der Bleche schob die Schuld von sich auf nicht genügend
langsame Abkühlung nach dem Biegen der Flansche, ich vermutete die
Ursache in der Unzuverlässigkeit des Materials und überlegte, ob es
nicht geraten sei, die weitere Fabrikation solange zu sistieren, bis
Erfahrungen aus dem Betriebe vorlägen. Seit länger als 30 Jahren ist
der von mir gefertigte Stahlkessel im Betriebe einer Tuchfabrik, und
der Besitzer ist seines Lobes voll.

Eine andere von mir eingeführte Fabrikation hat sich seit meiner
Zeit zu außerordentlicher Höhe entfaltet: die Verarbeitung von
Wellblechen. In der Fabrik für Eisenbahnbedarf von Pflug erbaute ich
zwei freitragende Dächer aus Wellblech von erheblicher Spannweite über
der großen Schmiede. Interessant ist, daß gerade auf diesem Grundstücke
die A. E. G. etwa zehn Jahre später ihre erste Fabrikationsstätte
errichtet hat. Indem ich jener Fabrik gedenke, erinnere ich mich, daß
nicht nur die ersten Dampfheizungen in den Waggons unter den Sitzen
der Reisenden, sondern auch Niederdruck-Wasserheizungen in Wohnhäusern
von mir ausgeführt sind: sie bewiesen, daß man ideale Behaglichkeit
erreichen kann, wenn man die Kosten der Anlage nicht spart. --
Kompressoren wurden gebaut, um Gefäße mit komprimierter Luft zu füllen,
mit der die Soldaten in langen Minengängen sich ernährten. Sie trugen
die kurzen Röhren über den Tornistern auf dem Rücken und konnten
dadurch ihre Arme frei bewegen. Erwähnenswert ist auch die Herstellung
einer +Dampfturbine+. Sie bestand aus zwei miteinander verbundenen
Scheiben, die, durch dünne Zwischenlagen voneinander getrennt, den
Dampf von der Mitte nach dem Umfang durch Schaufeln ausströmen ließen,
die in den Zwischenlagen ausgespart waren. Die Querschnitte der
Aktionsturbinen erweiterten sich der Expansion des Dampfes entsprechend
nach dem Umfang zu, und dieser strömte durch die hohle Welle in das
Rad, das in einem Gebäude rotierte, um den Auspuff in die Atmosphäre zu
leiten. Bei der geringen Heizfläche der stehenden Dampfkessel und der
wenig ökonomischen Wirkung war es immer nur minutenweise möglich, die
Turbine im Leerlauf zu erhalten, und die Versuche wurden aufgegeben.
Hätte man die Geschwindigkeit zu steigern, Kondensation anzuwenden und
die erzeugte Arbeit auf die noch wenig bekannten Dynamos zu übertragen
verstanden, die Fortsetzung der Versuche wäre beim Übergang von
Aktions- zu Reaktionsrädern vielleicht von Erfolg gekrönt worden.“

Diese Schilderung zeigt, daß alles von Rathenau damals an Neuerungen
Versuchte, zwar im einzelnen ganz schöne Erfolge brachte, aber doch den
Rahmen für eine großzügige Erweiterung oder gar für eine grundlegende
Umgestaltung des im ganzen primitiven Betriebes nicht abgeben konnte.
Über die Grenzen, die der damaligen Maschinen-Industrie in Deutschland
noch gesetzt waren, fand sich das Unternehmen nicht hinaus. Es gab in
der Maschinenfabrikation jener Zeiten bestimmte Typen, an denen zwar
hier und da kleinere oder größere Verbesserungen angebracht wurden,
die aber doch im großen und ganzen ziemlich festlagen. Bahnbrechende
Erfindungen wurden nicht gemacht, für großzügige Experimente wurde
nicht viel Geld ausgegeben. Emil Rathenau, der noch mit einem anderen
Ingenieur den ganzen technischen Stab der Maschinenfabrik bildete,
saß in jener Zeit fleißig am Reißbrett und betätigte sich, ohne schon
eine Spur seiner späteren schöpferischen Kaufmannsbegabung erkennen
zu lassen, hauptsächlich als Konstrukteur. Mit dem, was sich mit
den Mitteln seiner Fabrik verwirklichen ließ, war er innerlich nicht
zufrieden. Damals durchgrübelte er in den freien Stunden, die ihm
der nicht überhastete Betrieb ließ, bereits die Möglichkeiten des
Maschinenbaus, und Ideen, die später in der Hochdruck-Zentrifugalpumpe
und der Dampfturbine ihre Verwirklichung fanden, fühlte und dachte er
schon bis an die Schwelle ihrer Konstruierbarkeit problematisch vor.
Zum großen Konstrukteur fehlte ihm weder die technische Phantasie
noch die intime Kenntnis der maschinellen Praxis, aber wohl das
breite Zwischengebiet, das zwischen diesen beiden Exponenten liegt.
Er hatte das Gefühl dafür, welche Erfindung nottat, und wußte wohl
auch die Richtung ungefähr zu treffen, in der sie zu gewinnen
war. Er verstand es auch trefflich, die vielen kleinen und großen
Hindernisse zu beseitigen, die auf dem Wege von der prinzipiell
gelungenen Konstruktion bis zu ihrem glatten und geschäftlich
rationellem Funktionieren in der Praxis wie Steingeröll auf einer schon
tracierten, aber noch nicht applanierten Chaussee zu liegen pflegen.
Aber die Chaussee zu bauen vermochte er nicht. Dazu fehlte es seinem
technischen Sinn an gleichmäßiger Kraft, seiner Arbeit an Freiheit und
Selbständigkeit. Darunter scheinen auch seine konstruktiven Versuche in
der Maschinenfabrik gelitten zu haben. Gänzlich neue Gebilde vermochte
er nicht zu schaffen. Damals bemächtigte sich seiner zeitweilig sogar
eine gewisse Resignation hinsichtlich der Entwickelungsfähigkeit
des Maschinenbaus überhaupt, und seinem Sozius klagte er in der
beginnenden Stimmung des Überdrusses an dem ewigen Kreislauf des
kleinen Betriebes, daß die Kolbendampfmaschine in allem Großen und
Wesentlichen wohl für alle Zeiten festgelegt sei, und an ihr höchstens
mittlere und kleine Verbesserungen noch erreicht werden konnten.
Es war schon nach einigen Jahren ersichtlich, daß die Tätigkeit in
der Maschinenfabrik dem ruhelos schweifenden Geist Rathenaus, der
Entwickelungsfeld, Weite und die Möglichkeit des vollen Schaffens vor
sich sehen mußte, keine dauernde Befriedigung zu bieten vermochte.
Wäre Emil Rathenau eine Durchschnittsnatur gewesen, ein Mensch, dem
es genügt hätte, einen guten und entwickelungsfähigen Wohlstand zu
gründen, so würde er in der Chausseestraße zufrieden geblieben sein,
mit der Aussicht, es vielleicht allmählich zu einer Position zu
bringen, wie sie seine Verwandten Liebermann sich geschaffen hatten.
Das Gefühl und der Wert des Erwerbens und Besitzens haben aber
Rathenau in seiner Handlungsweise nie geleitet. Gelderwerb war ihm eine
Begleiterscheinung der Arbeit und ein äußeres Zeichen für ihren Erfolg.
Persönlich bedürfnislos, ohne Sinn für Wohlleben und Luxus, auch in
der Zeit des Reichtums noch dem Geld mit kleinbürgerlichen Gefühlen
gegenüberstehend, so ist er allezeit geblieben. Nur die Seligkeit des
Schaffens war es, die ihn beflügelte und befriedigte. Seinem Werke
diente er, weil er in dem Werke und mit ihm wachsen, sich ausleben
konnte, nicht weil er durch Geld genießen und Macht üben wollte. Es
ist kein Wunder, daß einen so gearteten Menschen nach wenigen Jahren
ruhigen Wirkens im gemäßigten Klima Überdruß und Unrast überfielen.
Nicht lange vermochte er sie sich und den Seinen zu verbergen. „Lassen
Sie mich heraus,“ bat er den Sozius, Valentin. „Behalten Sie mein Geld
im Geschäft, ich will keinen Pfennig heraushaben.“ -- „Aber warum
wollen Sie unser gutes Unternehmen, unsere harmonische Zusammenarbeit
im Stich lassen?“ fragte bekümmert der Freund. „Ich finde darin
keine Zukunft für mich, ich komme mir auch manchmal unseren Kunden
gegenüber wie ein Betrüger vor. Unsere heutigen Maschinen verbrauchen
viel mehr Kohlen, als sie dürften. Die Abnehmer rügen es nicht, aber
gerade deswegen drückt es mich. Gewiß sind unsere Fabrikate nicht
schlechter als die anderer Firmen. Das ganze Niveau ist zu niedrig. Es
müßte gehoben werden, aber in einer Fabrik wie unserer, mit unseren
Mitteln muß ich daran verzweifeln, es heben zu können.“ So sprach
Rathenau, zuerst aus vorübergehenden Stimmungen heraus, die Valentin
zurückzudrängen versuchte. „Ich will Ihre Stimmungen und Verstimmungen
nicht benutzen, um mich zu bereichern. Wenn Sie aus der Firma
herausgehen, bleibe auch ich nicht. Dann liquidieren wir eben oder
verkaufen die Fabrik gemeinsam.“ Der Gedanke, den Sozius und Freund
der ihm lieb gewordenen Unternehmung zu entziehen, hielt Rathenau dann
wieder eine Zeitlang von seinem Vorhaben zurück. Aber die Stimmungen
wurden immer düsterer, die Klagen immer dringlicher. „Es ist die
typische Veränderungssucht der Rathenaus, ihr Mangel an Sitzfleisch,“
so urteilte vielleicht die Familie über die Nöte des schwer ringenden
Mannes. Wer mochte ihn damals verstanden haben? -- Nach dem Kriege
von 1870/71 schien ein Ausweg zu winken. Ein großer Auftrag der
Militärverwaltung auf Umarbeitung von 800000 Gewehren sollte vergeben
werden. Rathenau gibt von dem Vorgang folgende Schilderung:

„Während der Torpedoauftrag zu Ende ging, erfuhr ich, daß man in
den Spandauer Gewehrfabriken sich mit Umänderung der Visiere auf
den eroberten Chassepotgewehren herumquälte und gern Offerten der
Privatindustrie entgegennehmen würde. Ich begab mich unverweilt in
das Bureau des Dezernenten und führte aus, daß die Umänderungen mit
den hier üblichen Mitteln kostspielig und zeitraubend seien, daß
ich mit modernen amerikanischen Millingmaschinen die Arbeit, deren
Selbstkosten in Spandau ich auf fünf Taler schätzte, für ebensoviel
Mark liefern würde. Der alte General hielt mich zuerst für einen
Hochstapler oder Wahnsinnigen, wie ich aus seinen Fragen und Mienen
sah, im weiteren Verlauf der Unterhaltung gewann er indessen die
Überzeugung, daß meine Offerte Ernst sei, als ich als Garantie für
die Erfüllung meiner Verpflichtungen eine imposante Summe (300000
Taler) bei einer ersten hiesigen Bank zu hinterlegen mich erbot.
Obwohl ich keine Zusage erhielt, daß der Auftrag an uns zur Vergebung
gelangen würde, veranlaßte ich einen Freund, der die Fabrikation
der oben bezeichneten Maschinen durch seine Tätigkeit in Amerika
genau kennen gelernt hatte, schleunigst nach den Vereinigten Staaten
abzureisen und sich zu vergewissern, in welcher kürzesten Zeit der
ausgedehnte Maschinenpark zu beschaffen sei. Ein Probevisier hatte
er mitgenommen, und bald erhielt ich ein Kabeltelegramm, daß ein
großer Teil der Werkzeuge und Maschinen in vier Monaten, der Rest in
gewissen, näher bezeichneten Perioden zur Verladung gelangen würde. Mit
diesem Telegramm begab ich mich nach der Zimmerstraße in das Bureau
des Dezernenten, der fast sprachlos war, als ich auf seine Fragen die
Absendung meines Delegierten kurz und bündig schilderte. Er hätte mir
weder einen Auftrag erteilt, noch in sichere Aussicht gestellt, meine
Handlungsweise sei nicht zu rechtfertigen; als ich ihm entgegenhielt,
daß die Arbeit in kürzester Zeit vollendet werden müsse, daß weder
die Königlichen Fabriken noch ein Dritter hierzu in der Lage seien,
daß mit den alten Werkzeugmaschinen präzise Arbeit nicht hergestellt
werden könne und meine Mittel mir gestatteten, für die Möglichkeit,
eine große Bestellung zu erlangen, eine Summe zu opfern, beruhigte
sich der alte Herr und entließ mich mit dem Versprechen, die Offerte
wohlwollend zu prüfen. Als wir am Weihnachtsheiligabend desselben
Jahres unsere Kinder unter dem Baum zu bescheren gerade im Begriff
waren, meldete sich der Adjutant des Generals mit dem Auftrage, uns zu
befragen, ob wir den geforderten Preis für Änderung von 800000 Visieren
um 50 Pfg. das Stück zu reduzieren geneigt seien; in diesem Falle würde
der Auftrag uns, sonst aber der inzwischen aufgetauchten Konkurrenz
erteilt werden. Ohne lange Überlegung lehnten wir den Vorschlag ab,
nicht weil wir an einen ernsten Wettbewerb glaubten, sondern weil nach
Lage der Dinge diese Behandlung uns nicht fair erschien. Der Konkurrent
ging, wie vorauszusehen war, bei der Arbeit zugrunde, denn er hatte
weder die Mittel, die neuen Arbeitsmethoden einzuführen, noch kannte
er diese. Sein Untergang war die Erweckung der Nähmaschinenfabrik von
+Ludwig Loewe & Co.+, die bis dahin Erfolge nicht aufzuweisen
gehabt hatte. Nach meinen Kalkulationen sind an diesem Auftrage mehrere
Millionen verdient worden, aber wichtiger als der einmalige Gewinn war
die hierdurch herbeigeführte Annäherung an die Firma Pratt, Whitney
& Co. in Hartford, Conn., deren Maschinen- und Werkzeugbau Loewe an
Stelle der unlohnenden Nähmaschinen aufnahm und hiermit das Verdienst
erwarb, den amerikanischen Machine tools eine würdige Stätte in unserem
Vaterlande zu bereiten.“

Das Fehlschlagen dieses Geschäfts bedeutete aber für die
Maschinenfabrik Rathenaus nicht nur einen entgangenen Gewinn und eine
entgangene Entwicklungsmöglichkeit, sondern brachte auch einen --
wenn auch nicht allzu schweren -- Geldverlust mit sich. Im Vertrauen
auf das erwartete Geschäft, an dessen Zustandekommen die Sozien
nicht zweifelten, hatten sie zur Aufbringung der erforderlichen
beträchtlichen Kapitalien einen stillen Teilhaber aufgenommen oder
doch mit ihm einen Vertrag abgeschlossen, nach dem er einen Betrag von
600000 Mark einbringen sollte. Nachdem das Geschäft sich zerschlagen
hatte, mußte dieser Vertrag gelöst werden, wobei dem Kapitalisten eine
Abstandssumme von 20000 Mark zu zahlen war. Die Frage, ob Rathenau dem
Unternehmen treu geblieben sein würde, wenn es durch den großen Auftrag
der Militärverwaltung auf eine verbreiterte, und vielleicht wesentlich
veränderte Grundlage gestellt worden wäre, ist schwer zu beantworten.
Auch auf dem Gebiet der Waffen- und Werkzeugmaschinen-Industrie waren
große Entwickelungsmöglichkeiten vorhanden, wie ja der Werdegang der
Löweschen Fabrik zeigte, die später einen ganzen Kranz gewaltiger
Unternehmungen der Waffen- und Munitionsindustrie, ihrer Hilfs- und
Nebengewerbe und der Werkzeugmaschinenfabrikation um sich gruppiert
hat. Hinter dem großartigen und vielgestaltigen Sonnensystem der A. E.
G. mit seinen Ausstrahlungen nach allen Seiten und Himmelsrichtungen
bleibt die beschränkte Spezialfabrikation des „Waffenkonzerns“
aber nicht nur an Umfang, sondern auch an Fülle der Formen und
Gestaltungen, an Möglichkeiten zur Betätigung des kaufmännischen
Ingeniums und des industriellen Schaffenswillens so weit zurück,
daß sie fast einförmig erscheint. Ob einen Emil Rathenau, dem der
Formenreichtum und die gewaltigen Maße der A. E. G. kaum genügten,
dessen Phantasie den Wundern der Elektrizität himmelhoch nachfliegen
durfte, die nüchterne Klein- und Präzisionskunst der Waffenindustrie
und der Drehbänke dauernd gefesselt hätte, will mir nicht sonderlich
glaubhaft erscheinen. Für die Entwickelung der deutschen Industrie
ist es jedenfalls gut gewesen, daß Emil Rathenau als 33jähriger eine
Enttäuschung bei einem kleineren Werke erlebte, um für größere Aufgaben
freizubleiben, zu denen er erst als Reiferer mit 43 Jahren gelangen
sollte.

Den Jahren der gewerblichen Beschäftigungslosigkeit und der
Kriegsdepression, in denen Rathenau und Valentin, um ihrer Fabrik
überhaupt eine größere Arbeit zuzuführen, dem ihnen an sich fremden
Auftrag aus dem Gebiet der Waffenindustrie nachgegangen waren, folgte
bald die +Gründerperiode+ mit ihrem Überschwung, ihren stürmischen
Hoffnungen und schweren Enttäuschungen. An alledem sollte auch die
Webers’sche Maschinenfabrik Anteil haben. Die Inhaber entschlossen
sich, da die Räume in der Chausseestraße eine Vergrößerung, wie
sie diese planten, nicht zuließen, eine neue Fabrik nach modernen
Grundsätzen auf billigem Gelände in der Nähe der Stadt zu errichten.
Sie erwarben einen geeigneten Komplex von großer Ausdehnung in
Martinikenfelde für 70000 Taler. Der Plan war großzügig angelegt. An
den beiden gegenüberliegenden Straßenfronten lagen nach Martinikenfelde
zu die mächtige Eisengießerei, an der Huttenstraße die ihr an Größe
entsprechende Modellierwerkstatt und Dreherei und zwischen ihnen auf
der westlichen Seite Schmiede und Kesselschmiede. Im Mittelpunkte
befand sich die zentrale Dampferzeugungsstation, die alle Maschinen
des ausgedehnten Werkes durch wohl isolierte Röhren mit Dampf
versorgte. Die Kondensation erfolgte durch Ejekteure, deren Bau die
Firma neuerdings aufgenommen hatte, auch nur ein Schornstein war auf
dem Werke vorhanden.

„Die Gießerei bestand aus einem Längsschiff von ca. 20 Meter
Spannweite und einer beträchtlichen Höhe und Länge. Sie war mit großen
Kupolöfen, schweren Lauf- und Drehkranen, tiefen Dammgruben und allen
Vorrichtungen einer modernen Gießhalle ausgerüstet, um die schwersten
Stücke in Sand, Masse und Lehm zu gießen. An ihren Enden schlossen sich
zweistöckige Gebäudeflügel an; der eine diente als Modelltischlerei
und Modellboden, der andere für Kleinguß, der mit Maschinen geformt
wurde. -- Die Montagehalle war in Form und Größe der Gießerei ähnlich,
die sich ihr anschließende Dreherei mit kräftigen Werkzeugen reichlich
versehen. Auch in den anderen Werkstätten ließen die Einrichtungen
nichts zu wünschen übrig.“

Rathenau faßte später sein Urteil über die Anlage in die Worte
zusammen: „Es war eine Fabrik aus einem Guß, wie sie Berlin
nicht besaß.“ Schon während des Baues waren in der Gründerzeit
Offerten von Großbanken zur Umwandlung des Unternehmens in eine
+Aktien-Gesellschaft+ immer wieder ihren Inhabern gemacht worden.
Rathenau hatte sie zuerst standhaft zurückgewiesen, ja er hatte sogar
ein großes Kapital unter nicht leichten Bedingungen von privater Seite
beschafft, um den Klauen des Geldmarktes zu entschlüpfen, dem er eine
unüberwindliche Abneigung entgegenbrachte und trotzdem, so bekannte er
später resigniert, „entging ich meinem Schicksal nicht.“

„Ein befreundetes Bankhaus hatte mit einer ersten Bank sich verbunden
und meinen Sozius zum Verkauf überredet. Trotz der ungewöhnlichen
Bedingungen, die ich in der Erwartung stellte, daß sie die Käufer
abschrecken würden, gingen sie zu meinem Bedauern auf diese ein und
verwandelten das gutrentierende Unternehmen in eine Aktiengesellschaft.
Ich übernahm keine Aktie, erhielt vielmehr den gesamten Kaufpreis
in bar ausgezahlt, die Leitung der Geschäfte mußten wir trotz allem
Widerwillen für einige Zeit übernehmen, da eine geeignete Direktion
nicht sogleich sich finden ließ und die zweckmäßige Umwertung der
Bestände von nicht zu unterschätzendem Wert war. Die Geschäfte gingen
zunächst glänzend, als aber der Krach von 1873 hereinbrach und das
große und sehr geschätzte Bankinstitut, das die Gründung durchgeführt
hatte, von diesem am stärksten betroffen wurde, erlitten wir zwar keine
Einbuße an dem vorhandenen Betriebskapital, aber die Obligationen,
die für den Bau der neuen Fabrik uns zugesichert waren, konnten nicht
zur Ausgabe gelangen, und Hypotheken waren nicht zu beschaffen. Mein
Entschluß war sofort gefaßt: Nachdem die Fabrikbauten schleunigst
vollendet und alle Gläubiger befriedigt waren, legten wir unsere
Stellungen nieder und überließen das weitere Geschick der Gesellschaft,
die später liquidierte. Den fast täglich an mich herantretenden,
zuweilen sehr verlockend erscheinenden Anerbietungen, das glänzende
Unternehmen zurückzuerwerben, entzog ich mich durch eine lange Reise.
Gewiß wäre es ein gutes Geschäft gewesen, die beiden Werke billig zu
kaufen und den früheren Betrieb mit vergrößerten Mitteln aufzunehmen,
aber dieses Ansinnen widerstrebte mir. Geradezu verfolgt hat mich
mit seinen Anträgen der reiche Verwandte eines Großindustriellen der
Branche, der Kriegsmaterial in Martinikenfelde fabrizieren wollte,
große Aufträge der Regierung hinter sich hatte und über sehr erhebliche
pekuniäre Mittel verfügte. Der Kauf kam ohne meine Mitwirkung
zustande, die schöne Fabrik wurde umgestaltet, und ihr Besitzer
stellte die Zahlungen ein, nachdem er das große Vermögen der Erzeugung
von Stahl geopfert hatte. Aus dem Konkurs erwarben die Waffen- und
Munitionsfabriken dieses Werk und gestalteten es für ihre Zwecke um.“

Das Bankinstitut, das an der Finanzierung sich beteiligte, war
die Preußische Boden-Kredit-Aktienbank, deren Direktor Schweder
Aufsichtsrat-Vorsitzender bei der „Berliner Union“ -- so hieß die neue
Aktiengesellschaft -- geworden war. Er hatte Rathenau und Valentin
sogar größere Geldmittel als sie beanspruchten, förmlich aufgedrängt,
indem er in den Aufsichtsratssitzungen darlegte, daß es auf 300000
Mark mehr oder weniger bei einer solchen Gründung nicht ankomme.
Infolgedessen war das finanzielle sowohl wie das betriebliche Gewand
des neuen Unternehmens den Gewohnheiten jener Zeit entsprechend
sehr reichlich bemessen worden. Man hatte neue Fabrikationszweige
aufgenommen und wenn auch alles organisch gut gegliedert und nach dem
Rathenauschen Urteil „wie aus einem Guß“ hingestellt war, so setzte es
doch die pünktliche und regelmäßige Zuführung immer neuer Geldmittel
voraus. Als nun die Krise hereinbrach, stockte der Kapitalzufluß
plötzlich, die bereits gedruckten Schuldverschreibungen konnten nicht
mehr emittiert werden und zu allem Überfluß brach Schweder, eine der
verwegensten Spekulantennaturen jener Periode, finanziell zusammen
und wurde seines Direktorpostens bei der von ihm geleiteten Bank
enthoben. Als daraufhin die Direktoren der „Berliner Union“ bei dieser
Bank vorstellig wurden und um die Hergabe der ihnen zugesagten Mittel
ersuchten, wurde ihnen ein kühl ablehnender Bescheid. Die Bank habe
sich zu nichts verpflichtet, sie könne und wolle als Hypothekenbank
überhaupt derartige industrielle Geschäfte nicht mehr machen und die
Herren möchten sich an Schweder halten. Mit diesem Bescheid mußten
sich Rathenau und Valentin zufrieden geben. Es blieb nichts anderes
übrig als die Liquidation der Gesellschaft, bei der die Gläubiger
nichts verloren, die Aktionäre allerdings nur sehr wenig retteten.
Mit geschmälertem aber immerhin noch ansehnlichem Besitz -- jeder der
beiden Teilhaber verfügte damals aus dem Verkauf der Aktien über ein
Vermögen von etwa 900000 M. -- ging Rathenau nach 10jähriger Tätigkeit
aus seinem ersten Unternehmen heraus. Aber er behielt doch als nie
vergessene Lehre aus der ganzen Angelegenheit die später für seine
großen Transaktionen sehr nützliche und heilsame Abneigung gegen
Geschäfte zurück, für die er vorher das Geld nicht bar im Kasten
hatte. Ihm, dem sich gewisse persönliche Erfahrungen hartnäckig bis
zur Grenze der Zwangsvorstellung einprägten, hatte sich für allezeit
ein Mißtrauen gegen Banken und Bankiers eingegraben, von denen er,
wenn es irgend ging, bei seinen Geschäften nicht abhängig sein wollte.
Hier liegt die erste tiefe Wurzel für seine Bankguthabenpolitik in der
A. E. G.-Zeit, die wir später noch kennen lernen werden. Auch eine
unüberwindbare Antipathie gegen Effektenspekulationen jeder Art hatten
die Erlebnisse und Erfahrungen der Gründerjahre in ihn gelegt. Der
Zusammenbruch Schweders, die Liquidation der „Berliner Union“, und das
tragische Schicksal seines Schwiegervaters Nachmann, der nach schweren
Börsenverlusten aus dem Leben schied, waren die Fälle, die sich von
dem gleichgestimmten Hintergrund der allgemeinen Zeitverhältnisse für
ihn besonders scharf abhoben und ihn persönlich tief berührten. Sein
Unterbewußtsein hat diese Eindrücke nie vergessen.



Zweites Kapitel

Zwischenspiel


Emil Rathenau war in einer ungünstigen Zeit frei geworden. Wir haben
bereits gesehen, daß die Krisis, die der Gründerzeit folgte, mit in
die letzten Phasen seiner ersten Unternehmung hineingespielt hatte.
Wenngleich seine Trennung von der Maschinenfabrik zweifellos früher
oder später auch ohnedies erfolgt wäre, so ist sie doch durch den
mißglückten Aufschwung und den darauf folgenden Zusammenbruch, mit
denen die Rathenau-Valentinsche Fabrik der Zeitentwicklung Rechnung
trug, beschleunigt worden. Inzwischen war die Krisis hereingebrochen,
und für einen halbverkrachten Unternehmer, als der Rathenau damals
in den Augen der Öffentlichkeit erscheinen mußte, war es nicht
leicht, etwas Neues und Besseres zu finden, das ihm voll zusagte. Vom
Standpunkt der damals nächstliegenden Situation aus beurteilt war das
vielleicht ein „Pech“, vom Standpunkte der langsichtigen Entwickelung
aber ein Glück für den innerlich noch nicht Ausgereiften. Hätte er
seine erste Fabrik vor oder in den Gründerjahren aufgegeben, so würde
die hochflutende Welle der Konjunktur ihn vielleicht schnell wieder
an irgend einen anderen Strand geführt haben. Von dem hochgestimmten,
der Selbstkritik und der Kritik der Dinge abholden Schwunge der Zeit
getragen, würde er vielleicht -- wie so viele andere auch -- Arbeit
und Kredit in einer Sache engagiert haben, der es an solider Grundlage
und dauernder Lebensfähigkeit fehlte. Selbst eine in der Anlage gute
Sache hätte von der Sturmflut der wenig später hereinbrechenden Krisis
untergraben und fortgespült werden können. Ein zweites Mißlingen
hätte ihm aber innerlich und äußerlich zweifellos noch schwerer
geschadet, hätte sein Selbstvertrauen und das Vertrauen, das andere
ihm entgegenbrachten, völlig erschüttern können. So war es wohl für
ihn am besten, daß er, der innerlich noch nicht fertig geworden, der
noch nicht im Feuer des doppelten Kampfes mit sich selbst und mit
der Außenwelt dreimal gehärtet war, nach der Aufgabe seiner ersten
Selbständigkeit in eine Zeit geriet, die aus Erfahrung kritisch
geworden war, die ein berechtigtes Mißtrauen vor neuen Gründungen und
Unternehmungen hatte. Im Jahre 1875 war die Auflösung der „Berliner
Union“ vollendet, und nun tat der siebenunddreißigjährige Rentier, der
seinen wahren Beruf noch nicht gefunden hatte, eigentlich 8 Jahre, --
sonst die produktivsten Jahre des Manneslebens -- nichts Bestimmtes,
wenn man eben für das unablässige Suchen und das leidenschaftliche
Lernen eines reifenden Charakters den Ausdruck „nichts Bestimmtes tun“
gebrauchen will. Die Familie, besonders die weitere, die Reichenheims
und Liebermanns, die etwas hinter sich gebracht hatten, deren
gefestigter Wohlstand sich von dem Aufschwung der Gründerzeit vornehm
zurückgehalten hatte, aber auch von den Folgen des Zusammenbruches
verschont geblieben war, gebrauchte wahrscheinlich solche Ausdrücke,
und vielleicht -- wenn sie unter sich war -- noch weniger respektvolle.
Für sie war Emil Rathenau der kleine Verwandte, der Fiasko erlitten
hatte, der sich mit einer Menge von nicht ernstzunehmenden Projekten
herumtrug und herumschlug, dem man darum auch keine rechte Zukunft
zutraute. Emil Rathenau schwankte und irrlichtellierte in dieser
Zeit tatsächlich ziemlich viel hin und her. Er faßte Pläne, ließ sie
wieder fallen, erwärmte sich anfänglich für irgend einen ihm von den
Brüdern oder Fremden zugetragenen Vorschlag, und lehnte -- manchmal im
letzten Augenblick -- wenn der andere sich schon darauf eingerichtet
hatte, aus irgend einem eigensinnigen oder nebensächlichen Vorwande
ab. Sein älterer Bruder zum Beispiel, der eine glückliche Hand bei
dem Kaufe und Wiederverkauf von Häusern zeigte, hatte ihn einmal
zur Teilnahme an einem derartigen Geschäft, das Rathenau von ferne
zunächst einen plausiblen Eindruck zu machen schien, aufgefordert.
Man war übereingekommen, 80000 Taler für das Objekt anzulegen, der
Bruder hatte das Grundstück aber nur zu einem höheren Preise bekommen
können und Emil, dem das ganze seinem Charakter fernliegende Geschäft
inzwischen leid geworden war, benutzte den Vorwand des überschrittenen
Preises, um sich von der Sache loszusagen. „Behalte du das Haus lieber
alleine,“ sagte er zu dem Bruder, der ihm den Kaufabschluß melden
kam. Ein anderes Mal, als es sich um den von Rathenau eine Zeitlang
erwogenen Ankauf der sogenannten Jablochkoff-Patente für elektrische
Bogenlampen-Beleuchtung handelte, die in der Avenue de l’opéra in Paris
mit vielem Reklame-Tam-Tam als erste elektrische Straßenbeleuchtung
größeren Umfangs angewendet worden war, erwog er mit demselben
Bruder den Plan, daß jeder zum gemeinsamen Ankauf jener Patente für
Deutschland einen Teil des erforderlichen Geldes beschaffen sollte.
Auch hier kam es aber nicht zum Kaufabschluß, und die Verstimmungen,
die sich aus diesen gescheiterten Unternehmungen ergaben, waren so
stark, daß eine Aussöhnung zwischen den beiden Brüdern nie mehr
erfolgte.

Für die Menschen, die ihn damals sahen und kannten, soll Emil Rathenau,
wie manch’ einer von den Zeitgenossen berichtet, keineswegs den
Eindruck eines überragend genialen Mannes gemacht haben, dessen Stunde
noch nicht gekommen ist, und der im vollen Bewußtsein seiner Kraft
den richtigen Augenblick für sein Hervortreten abwartet. Er trug noch
immer den Marschallstab im Tornister, aber der Durchschnittsmensch
sah es ihm nicht an, und er hatte, wo und wann er auch immer mit
Plänen an jemanden herantrat, Mißtrauen oder die noch schlimmere
Gleichgültigkeit, kurz alle jene Hemmungen zu überwinden, die dem
Anfänger, erst recht aber dem, der zum zweiten Mal anfangen will,
im Wege stehen. Nur wer selbst mit Genieaugen Menschen und Dingen
durch die äußere Schale auf den Grund blickte, wie Werner v. Siemens,
spürte aus Rathenaus Reden und Entwürfen den göttlichen Funken
überspringen. „Dem Mann geben wir Geld,“ sagte er, und machte sein
Versprechen trotz skeptischer Einwände und passiver Resistenz seiner
Mitarbeiter schließlich wahr. Für die meisten übrigen Menschen aber
mochte Rathenau, der stets bereitwillig die Lippen von dem überfließen
ließ, wessen sein Herz voll war, in jener Zeit manche Züge von Hjalmar
Ekdal, dem ewigen Genie von morgen, an sich gehabt haben. Eine
gewisse leidenschaftliche Beflissenheit und Verbissenheit konnten
dem werdenden Genius eigen sein, aber dieselben Eigenschaften weist
auch häufig die problematische Natur auf. Auch für Rathenau selbst
war die Wartezeit zwischen der ersten provisorischen Unternehmung,
die im Niedergang einer alten, überlebten Epoche zerbröckelte, und
der zweiten endgültigen Schöpfung, die im Aufstieg einer neuen Zeit
sich zu weltenweiten Formen auswuchs, keineswegs immer die bewußt
gewählte, in jedem Augenblick gut ausgefüllte Ruhe- und Lernpause, als
die sie in den Rückblicken des Vollendeten erscheint. Gar manchmal,
wenn der Akkumulator des phantasiebegabten Kopfes zu viel von der
aufgespeicherten Gedankenkraft von sich gegeben und sich erschöpft
hatte, kamen Stunden und Tage der Verzagtheit, der Trübsal, in
denen der beschäftigungslose Vierziger sich in seine Wohnung in der
Eichhornstraße mit grauen Gedanken einspann. Aber solche Zeiten wurden
von der ihm eigenen Schwungkraft des Wesens bald überwunden, und im
Notfalle half die Ablenkung und Abwechselung einer Reise, wie denn
Emil Rathenau Zeit seines Lebens vom Reisetrieb beseelt war und auch
in den späteren Jahren der Arbeitsüberlastung aus geschäftlichen und
privaten Reisen -- mochten sie auch noch so kurz sein -- immer wieder
Frische und Nervenergänzung mit heim brachte. Wenn somit den in der
Vollkraft der Jahre stehenden Mann die Tatenlosigkeit manchmal drückte,
so zeigt doch seine ganze spätere Entwickelung, besonders die Art, wie
er im richtigen Augenblick mit genialer Intuition und unbeirrbarer
Entschlossenheit zugriff und alle Zweifelsucht von sich abstreifte,
daß +nicht er+ es gewesen war, der in jener Warteperiode an
Ziellosigkeit, an Stagnation krankte, sondern die +Zeit+. Jene
Zeit, in der die Triebkräfte der alten Wirtschaftsordnung abgestorben
waren und die der neuen Epoche nach dem ersten überschwänglichen
Aufflackern in der Gründerperiode noch nicht so recht Wurzelboden
gefunden hatten. Rathenau wartete -- innerlich betrachtet -- nicht
aus Unentschlossenheit, sondern aus Prinzip, und, wenn seine
oberflächlichen Einsichten auch manchmal vielleicht ihn selbst der
hamletischen Charakterschwäche anklagen mochten, die instinktiven,
tieferen Einsichten waren stark genug, um sich dieser Selbstkritik und
der Kritik der Außenwelt gegenüber durchsetzen zu können. Es waren
nicht Jahre der inneren Klarheit, der bewußten Selbstzügelung und
überlegenen Voraussicht, die Emil Rathenau damals durchmachte, sondern
+Jahre+ des inneren +Kämpfens+ und +Ringens+. Mit dieser
Feststellung setzt man die Größe des Mannes und seines Charakters nicht
herab, dessen Bild weder menschlich-richtig, noch glaubhaft erscheinen
würde, wenn man ihm nur geniale Frühzüge andichten wollte. Zu seiner
vollen Entfaltung ist Rathenau, wie so viele seiner Zeitgenossen, erst
dadurch gelangt, daß die Zeit sein Werk und sein Werk +ihn+ zu
einer Höhe trug, die er unter weniger glücklichen Bedingungen kaum
erreicht hätte. Was er vorher darstellte, war ein Charakterboden, auf
dem alle die reichen Saaten der Zeit Wurzel fassen und in reicher Blüte
aufgehen konnten.

Der Fehler mancher früheren Biographen, den +jungen+ Rathenau zu
bewußt, zu klar und gewissermaßen zu seherisch-weise darzustellen,
ist vom Standpunkt des nachgeborenen Betrachters verständlich
und er ähnelt der Art der dichterischen oder zweckhistorischen
Schilderung, die ihrem Helden bereits pränumerando Gedankengänge und
Ereignisdarstellungen prophetisch in den Mund legt, welche erst viel
später als Ergebnis von Notwendigkeiten, Zufällen, sich kreuzenden
Entwickelungsrichtungen in Kampf und Wirrnis verwirklicht wurden.
So wird von oberflächlichen Schilderern vielfach die Geschichte der
Reichsgründung in der Weise gelehrt, als ob Bismarck bereits, als er
die preußische Ministerpräsidentschaft übernahm, die genauen Pläne für
den Aufbau des Reiches und die Politik, die zu ihm führte, fertig in
seinem Kopfe getragen hätte, als ob Moltke, da er Chef des preußischen
Generalstabs wurde, seine drei großen Kriege und ihren genauen
Hergang bereits in ihren „notwendigen“ Grundzügen vor Augen gehabt
hätte. Wer bewußt Geschichte miterlebt hat, weiß, wie ganz anders die
Dinge sich zu entwickeln pflegen, wie auf dem großen Schachbrett der
Geschehnisse Zug und Gegenzug abwechseln, wieviel verschiedene Züge in
einem bestimmten Augenblick möglich sind, und wieviel Zufälligkeiten,
Gegenströmungen und Wechselwirkungen einen Entschluß zeitigen und seine
Folgen bilden. Die Rathenauschilderer, die in seinem Leben alles auf
Gesetzmäßigkeit, auf Notwendigkeit und Vorherbestimmung zurückführen,
die der Ansicht sind, daß dem 37jährigen, als er seine Maschinenfabrik
Webers aufgab und sich zur ersten Ausreise nach Amerika anschickte,
seine ganze spätere Entwickelung und die ganze spätere Entwickelung der
Industrie wenigstens in ihren Umrissen klar vor Augen gestanden haben,
können allerdings eines zu ihrer Entschuldigung anführen: Rathenau
selbst hat in der schon verschiedentlich erwähnten Jubiläumsrede die
Gedankenwelt, die ihn damals an der Wende zweier Generationen und
wirtschaftlicher Epochen erfüllte, so dargestellt, als ob er nicht
erst als rückschauend Betrachtender, sondern schon als Miterlebender
Vergangenheit und Zukunft mit voller Klarheit erkannt und durchschaut
hätte. Die betreffenden Ausführungen sind interessant genug, um hier
wörtlich wiederholt zu werden. Rathenau erzählte:

„Als in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ich die erste
Phase geschäftlicher Tätigkeit abgeschlossen hatte, erwog ich, ein
Dreißiger damals, ob ich den mit Leib und Seele zugetanen Beruf
wieder aufnehmen oder einer neuen Technik mich zuwenden sollte. An
Anerbietungen fehlte es nicht, aber der Großmaschinenbau schien seine
Bedeutung in Berlin eingebüßt zu haben, und die Geburtsstadt mochte ich
ungern verlassen.

Mit der Erhebung zur Reichshauptstadt hatten die Berliner Verhältnisse
sich wesentlich geändert: Der Wert von Grund und Boden, die Preise der
Lebensbedürfnisse und infolgedessen die Arbeitslöhne waren so gewaltig
gestiegen, daß die großen Maschinenbauanstalten von Borsig, Egells,
Schwartzkopf, Wöhlert, Hoppe und andere sich anschickten, ihre Fabriken
aus dem Norden der Stadt, wo sie seit Begründung betrieben wurden, in
die weitere Umgebung zu verlegen, oder das Feld früher ersprießlicher
Tätigkeit aufzugeben. Auf den weitläufigen Geländen entstanden
neue Straßenzüge, an der Stelle lärmender Werkstätten erhoben sich
Wohnhäuser und Mietskasernen, und wo aus hohen Schornsteinen dichter
Qualm zu den Wolken emporgestiegen war, wirbelten dünne Rauchsäulen
von den häuslichen Herden. In den Vororten aber waren bei dem Mangel
an Verkehrsgelegenheit geschulte Arbeitskräfte mit Schwierigkeit zu
beschaffen. Ein noch wichtigerer Faktor beeinflußte meinen Entschluß,
von der unmittelbaren Aufnahme einer neuen Tätigkeit abzustehen und
den völligen Verlauf der Krisis abzuwarten, die in der Finanzwelt und
Industrie unzählige Opfer gefordert hatte: Patriotische Fabrikherren,
die trotz eigener Sorgen in der schweren Zeit die Angehörigen ihrer
im Felde stehenden Arbeiter mit reichen Mitteln unterstützt hatten,
ernteten hierfür keinen Dank, sondern mußten nach dem Kriege mit
Bedauern wahrnehmen, daß die Wogen der sozialdemokratischen Bewegung
sich höher auftürmten als zuvor. Männer, wie Siemens, Schwartzkopf,
-- auch ich hatte die Ehre, der kleinen Vereinigung anzugehören, --
hofften vergeblich durch Wohlfahrtseinrichtungen und den Bau von
Wohnhäusern die Unzufriedenheit der Arbeiter einzudämmen.

Unter diesen Verhältnissen war eine Wiederbelebung des einst
hochgefeierten Berliner Maschinenbaus frühestens mit dem Ersatz der
physischen Arbeit durch selbsttätig wirkende Maschinen oder bei
vollkommener Ausnutzung der der Berliner Arbeiterschaft eigenen
Geschicklichkeit und Intelligenz zu erwarten. Unter ähnlichen
Bedingungen waren vollendete Arbeitsmethoden in den Vereinigten Staaten
von Nord-Amerika entstanden, allerdings unter Befolgung des Prinzips,
das Zahl und Wahl der Produkte durch Teilung der Arbeit beschränkte.
Leider steht in den heimischen Werken die weitgehende Spezialisierung
der Erzeugnisse auch jetzt noch hinter der amerikanischen zurück,
trotzdem die Fabrikation aus ihr große Vorteile ziehen würde.

Dieses amerikanische System war in Berlin nicht unbekannt. Intelligente
Fabrikanten hatten mehr oder weniger automatisch arbeitende Maschinen
von Amerika eingeführt, konnten ihnen jedoch in ihren Betrieben
genügende Geltung nicht verschaffen, weil entweder die Präzision der
Leistung damals noch nicht hoch genug eingeschätzt, oder die Rückkehr
zu altmodischen Werkzeugen durch die Gewohnheit zu sehr begünstigt
wurde.

Im Gegensatz zu diesen Erfahrungen erblickte ich in den Maschinen
Werkzeuge der Zukunft; ich war überzeugt, daß ihre vortrefflichen
Eigenschaften die Abneigung der Arbeiter allmählich überwinden und eine
ihrer Bedeutung entsprechende Verwendung sichern würden.“

Zweifellos hat Rathenau damals wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen
das sichere Gefühl gehabt, daß eine gründliche Umwandlung der ganzen
industriellen Technik und Arbeitsmethoden bevorstehe. Und zweifellos
hat ihn dies Gefühl mit dazu veranlaßt, mit der vollkräftigen Gründung
eines neuen Unternehmens erst dann zu beginnen, wenn sich die neue
Lage einigermaßen übersehen lasse, wenn sich der neue Boden derart
gefestigt haben würde, daß auf ihm ein tragfähiger Bau errichtet
werden könnte. Was aber die Einzelheiten der von ihm gegebenen
Schilderung, was ihre scharfe Präzisierung und Schattierung anlangt,
so darf nicht vergessen werden, daß es sich bei ihr nicht um eine
impulsive Beschreibung aus der geschilderten Zeit heraus, sondern
um eine rückschauende Darstellung handelt, gesehen mit der Brille
des durch Erfahrungen hindurchgegangenen Mannes, geklärt im Spiegel
der Distanz, geordnet und gerichtet nach den +Ergebnissen+ der
Strömungen, die in ihren +Ursprüngen+ und Anfängen geschildert
werden. Vergleicht man mit dieser bewußten Darstellung die Zeugnisse
Mitlebender, so möchte man der Ansicht zuneigen, daß in Emil Rathenau
damals, als er an der Wende zweier Zeiten und Unternehmungen stand,
bei aller Denk- und Sehschärfe, die ihn stets ausgezeichnet haben,
doch mehr Chaos gewesen ist, als er später selbst zugegeben und gewußt
hat. Das Vorhandensein eines derartigen kreisenden Chaos würde ja auch
die ungemeine Ursprünglichkeit, Kraft und Ausdauer seiner späteren
Leistung nicht abschwächen, sondern erst recht verständlich machen.
Jede völlig durchsichtige Klarheit wird auf die Dauer kraftlos, matt
und unschöpferisch, und nur das Ringen der wechselnden Gedanken vermag
fortzeugendes Leben, Formen und Gestalten zu gebären. Für Emil Rathenau
bildeten die 8 Jahre, die zwischen der Aufgabe seiner Maschinenfabrik
und der Gründung der Deutschen Edison Gesellschaft lagen, das
Staubecken, in das die neuen Kräfte von allen Seiten strömten, in
dem sich -- oft unter Schmerzen, unter drängender Hoffnungs- und
Zweifelsfülle -- aus der Tüchtigkeit das Genie bildete. Fast spürt
man angesichts dieser Pause Neigung an Zarathustra zu denken, dem der
Dichter an die Stirn seiner Geistesgeschichte die Worte schrieb: „Als
Zarathustra 30 Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See
seiner Heimat und ging ins Gebirge. Hier genoß er seines Geistes und
seiner Einsamkeit und wurde 10 Jahre nicht müde. Endlich aber wandelte
sich sein Herz --“. Auch Zarathustra trug keine Klarheit in seine
Einsiedelei, sondern er brachte erst Klarheit und Entschiedenheit aus
ihr mit zurück. Der moderne Zarathustra der Industrie mußte allerdings
nicht in die Einsamkeit, sondern in die Welt gehen, um sich mit dem
Geiste anzufüllen, den er später in Taten umsetzen wollte. Die erste
große Reise, die Rathenau schon im Jahre 1876, also ein Jahr nach der
Auflösung der „Berliner Union“ antrat, ging nach +Amerika+, dem
Lande der technischen Verheißungen. Ein langgehegter Wunsch, mit dem
schon der 28jährige während seines englischen Aufenthaltes gespielt
hatte, fand damit seine Erfüllung. Den äußeren Anlaß zu der Reise bot
die +Weltausstellung in Philadelphia+, eine der wirklich großen
Ausstellungen, auf der fruchtbare technische Gedanken verkündet
wurden und von der aus sie ihren Weg in die Welt fanden. Für Emil
Rathenau, der später als großer Kaufmann und Industrieller von den
Reklameausstellungen, mit denen gewisse Länder und Städte ihren
Fremdenverkehr zu heben suchten, nur recht wenig hielt, bedeutete die
Ausstellung in Philadelphia eine Offenbarung. Was ihm in den Jahren
der mühsamen Kleinarbeit, der beschränkten Enge in seiner Berliner
Maschinenfabrik vor dem geistigen Auge gestanden hatte, an dessen
Erreichung er aber damals verzweifelte, hier war es verwirklicht
und erfüllt. „Was ich im Geiste erschaute, gestaltete sich zur
Wirklichkeit, und mit reicher Ausbeute kehrte zurück, wer der Heimat
neue Arbeitsprozesse und Industrien zu beschaffen gedachte.“ Damit
meinte Rathenau nicht so sehr die Dampfmaschine, die in Amerika
damals eher auf einer niedrigeren Stufe der Entwickelung stand als
in Deutschland und England. Die 1400 PS vertikale Corlißmaschine,
die in der Mitte der Maschinenhalle paradierte, imponierte zwar dem
Maschinenbauer Rathenau durch den einfachen und soliden Bau, sowie
den langsamen und sanften Gang, aber er hatte doch bereits ähnliches
gesehen. Viel stärker fesselten ihn die Holzbearbeitungs- und
Werkzeugmaschinen für Präzisionsarbeiten, die automatischen Maschinen
zur Herstellung von Massenfabrikaten, neuartige und feine Instrumente
zum Messen, wie sie die deutschen Fabriken nicht einmal kannten. Auch
die Schreibmaschine fand sein lebhaftes Interesse. Im allgemeinen war
es die neuartige technische und wirtschaftliche Betriebsökonomie, die
arbeitssparenden und leistungsverbessernden Maschinen, die Rathenau
in Philadelphia und in den amerikanischen Fabriken bewunderte,
während die räumlichen und sozialen Einrichtungen ihm im Verhältnis
zu den deutschen vernachlässigt zu sein schienen. Auch die deutsche
Industrie hatte damals in Philadelphia ausgestellt, und breite Kreise
der öffentlichen Meinung in Deutschland waren patriotisch-kurzsichtig
genug, um die „soliden und bewährten“ Leistungen der heimischen
Industrie den amerikanischen Bluffkonstruktionen an die Seite oder
noch voranzustellen. Wer den Unterschied wahrheitsgemäß feststellte,
wie Professor Reuleaux, der von der deutschen Industrie damals das
bittere, von unseren Neidern und Konkurrenten noch jahrzehntelang auch
dem längst führend gewordenen deutschen Gewerbe entgegengehaltene
Wort „billig und schlecht“ prägte, wer erkannte und aussprach,
daß die deutsche Fabrikation sich damals zum großen Teil auf
Vergangenheitsgleisen bewegte, während in der amerikanischen
Industrie die konstruktiven Neugedanken vorwärts stürmten, der wurde
„gesteinigt und verbrannt“. Emil Rathenau gehörte weder zu den
radikalen Verächtern der Heimat, deren guten Industrieboden, deren
schlummernde Entwickelungsmöglichkeiten er wohl würdigte, noch zu den
Selbstzufriedenen, die da ständig priesen, „wie wir es so herrlich
weit gebracht hätten.“ „Die Schätze der Maschinenhalle blieben mir
unvergeßlich,“ so erzählte er und in der Tat hat er sich das, was er
dort sah, so tief eingeprägt, daß er es in dem Augenblicke, in dem er
davon Gebrauch machen konnte, nur aus der Kammer des Gedächtnisses
hervorzuholen brauchte. Im Geiste noch übertrumpft mag die mächtige
Phantasie Rathenaus auch die derzeitigen Höchstleistungen des
+Großmaschinenbaus+ schon damals haben. Denn was Rathenau zu
jener Zeit in Philadelphia sah, war neben dem, was er später an
gewaltigen Aggregaten von den Konstrukteuren seiner Drehstrom- und
Hochspannungsmaschinen verlangte und erreichte, das reine Kinderspiel.

Aber so stark auch die Anregungen auf dem Gebiete der Maschinentechnik
waren, so sehr sie gerade den gelernten Maschinenbauer reizten und
beschäftigten, es war vielleicht zu viel des Neuen, das auf ihn
einstürmte und ihm die Wahl schwer machte. „Mir schien, als brauche ich
nur ins volle Menschenleben hineinzugreifen, um mir die Fabrikation
zu sichern, die mich interessierte,“ schrieb er. Aber die Fülle
der Gesichte, die den Schauenden und Lernenden überwältigte, hätte
entsagungsvoll eingedämmt und eingeschränkt werden müssen, sobald
es ans praktische Ausführen gegangen wäre. Er war ja nicht nur nach
Amerika gereist, um zu lernen, sein Wissen zu bereichern und zu
vertiefen, sondern auch um eine geschäftliche Idee, eine faßbare
Grundlage für eine neue aussichtsreiche Unternehmung mit nach Hause
zu bringen. Der frühere Sozius Valentin begleitete ihn auf dieser
Reise, und beide waren sich darüber klar, daß sie ihr gutes Geld
nicht ausschließlich für eine wissenschaftliche Studienreise ausgeben
durften, sondern als einen Spesenbetrag betrachten müßten, den sie sich
aus den geschäftlichen Früchten dieser Reise vervielfacht zurückholen
wollten. Mehrere amerikanische Städte und Fabriken wurden darum
besucht, und es wurde nach einer aussichtsreichen Sache gesucht, die
man mit den zur Verfügung stehenden, immerhin nicht unbeschränkten
Mitteln und Kräften nach Deutschland verpflanzen könnte. Daß diese
Mittel für die gewaltigen Maße einer in Deutschland nach amerikanischem
Muster zu errichtenden Großmaschinenfabrik nicht ausreichten, sagten
sich die beiden Freunde wohl ohne weiteres. Wenn Rathenau diese
notgedrungene Entsagung nicht zu schwer fiel, so war dies darauf
zurückzuführen, daß sich noch etwas anderes bot, das ihn technisch kaum
weniger fesselte, dazu aber leichter und schneller praktische Erfolge
versprach:

In Philadelphia hatte Rathenau das Telephon und Mikrophon, eine
dem Gedanken nach deutsche Erfindung, zuerst praktisch brauchbar
ausgeführt in überzeugender Funktion gesehen. „Das Telephon und das
fast gleichzeitig mit ihm erfundene Mikrophon haben, vielleicht wegen
ihrer verblüffenden Einfachheit, die Bewunderung niemals erregt, die
minder bedeutsamen Errungenschaften der Technik zuteil geworden war.
Mich elektrisierten förmlich die ingeniösen Apparate...“ Rathenau
schwankte, ob er ihre Erzeugung im Großen aufnehmen sollte, aber die
Befürchtung, daß einerseits fremde Patente den Absatz ins Ausland
erschwerten und andererseits die Herstellung so außerordentlich,
so fast handwerksmäßig leicht war, daß sie einen verheerenden
Wettbewerb anlocken mußte, ließ ihn vorsichtig sein. Der Kaufmann in
Rathenau bändigte eben fast immer die Leidenschaft des technischen
Gründers. Er entschloß sich, keine Telephonfabrik zu bauen, sondern
nur eine Konzession für eine Berliner Telephonzentrale nachzusuchen,
gewissermaßen das Telephon in Berlin in Generalentreprise zu nehmen.
Die Stadt Berlin hätte die Sache vielleicht mit ihm gemacht, aber
der damalige Polizeipräsident v. Madai wollte die Konzession, die
Rathenau brauchte, nicht erteilen. „Das Telephon ist ein Reichsregal,“
entschied Herr v. Madai, und, wenn sich auch später bei der Beratung
des Telegraphengesetzes ergab, daß er geirrt hatte, Rathenau fürchtete
zu jener Zeit die Scherereien des Instanzenweges und bot dem damaligen
Generalpostmeister Stephan, dem Verweser des angeblichen Regals,
die Durchführung in Reichsregie an. Aber der sonst so weitsichtige
Stephan versagte zunächst. Er stellte sich auf den Standpunkt, den die
Verteidiger der Postkutsche der Einführung der Eisenbahnen gegenüber
eingenommen hatten und prophezeite, daß eine Telephonzentrale in Berlin
höchstens 23 Anschlüsse finden würde. Diesen rückständigen Standpunkt
nahm er ein, trotzdem die Postverwaltung damals mit dem telephonischen
Überlandverkehr zwischen verschiedenen Ortschaften Versuche gemacht und
günstige Erfolge erzielt hatte. Die städtische Schaltzentrale hielt die
Postbehörde dagegen für ein unlösliches Problem. Später kam Stephan
von selbst auf die Idee zurück, er bot Rathenau an, die Einführung
des Telephons im öffentlichen Postdienst auf Reichskosten zu leiten.
Rathenau, den inzwischen schon ganz andere Dinge beschäftigt und
tiefer in das Wesen der elektrischen Industrie hineingeführt hatten,
nahm trotzdem an, weil er sich mit der elektrischen Technik praktisch
vertraut machen wollte. Ihre Zukunftskraft hatte ihn inzwischen mit
Macht gepackt, um ihn nie mehr loszulassen.

Den ihm von Stephan übertragenen Auftrag führte er ehrenamtlich
aus, ohne eine Vergütung dafür zu beanspruchen oder anzunehmen.
Nachdem er die grundlegende Organisation geschaffen hatte, verließ
er das Arbeitszimmer im Reichspostamt, das ihm Stephan für die Zeit
seiner Tätigkeit im Telephondienste der Post eingeräumt hatte. Da
Schwachstromanlagen dem Feinmechaniker mehr Spielraum als dem Ingenieur
gewährten, so wandte er sich seinem alten Plan, nach kurzer Übung
auf dem Schwachstromgebiete zu der durch die Elektrizität veredelten
Technik zurückzukehren, ohne längeres Besinnen wieder zu. An einer
Tätigkeit, die ihm innerlich nichts mehr sagte, ihm keine Rätsel
mehr aufgab, hielt er nicht fest, auch wenn sie ihm noch so gute
geschäftliche Erfolge versprochen hätte.

An die großartige Verbindung und die gegenseitige Befruchtung
der Maschinentechnik und der Elektrizität, die Rathenau auf sein
ureigenstes Schaffensgebiet, zu der großen Leistung seines Lebens
führen sollten, dachte dieser damals noch nicht. Die gewaltige Weite
und Tiefe der zukünftigen Verschwisterung hatte sich vor seinem
Auge noch nicht aufgetan, und wenn er auch einige Blicke in die
Werkstatt der Elektrizität geworfen hatte, so lag es doch nicht
in seiner Absicht, sich zum Meister dieser Werkstatt zu machen,
sondern er dachte an Rückkehr zum „veredelten“ Maschinenbau. Der
„Dynamo“, der Hauptträger der maschinellen Elektrotechnik, befand
sich damals allerdings noch immer in einem primitiven Zustand und
ließ die gewaltige Entwickelung, die er bald -- besonders auf Grund
der Anforderungen nehmen sollte, die Rathenau seinen Konstrukteuren
stellte, noch nicht ahnen. Wie so viele technische Erfindungen wurde er
nicht aus sich heraus, aus seiner eigenen konstruktiven Idee zur vollen
Leistungsfähigkeit entwickelt und ihm dann die Anwendungsmöglichkeit
geschaffen, sondern als sich die praktischen Bedürfnisse einstellten
und immer größere Ansprüche an ihn stellten, wurden die Heere der
Techniker mobilisiert, die besten Ingenieurgehirne aufgeboten, um ihm
seine Geheimnisse abzulauschen und ihm die Leistungen abzuringen, die
der Anwendungszweck von ihm forderte.



Drittes Kapitel

Wirtschaftliche Vorbedingungen


Die Wirtschafts-Geschichte aller Epochen und Länder weist wohl kaum
-- trotz der japanischen Emanzipation -- einen zweiten Fall auf, in
dem sich ein Volk in seinem ganzen ökonomischen Leben so grundsätzlich
und grundlegend wandelte, in die Breite, Tiefe und Höhe reckte, wie
das deutsche Volk nach dem wahrhaft schöpferischen Einigungskriege von
1870/71. Ich weiß, daß ich eine Binsenwahrheit niederschreibe, die von
pathetischen Rednern, denen das unbegreifliche Wunder dieser Befreiung
und Beflügelung elementarer Volkskräfte nie das Hirn erhellt hat, so
oft leer hingesprochen worden ist, daß sie fast zur Phrase versteinte.
Wenn man eine Erscheinung, wie die Emil Rathenaus, wenn man ein Werk,
wie das des großen Organisators der Elektrizität in seinen Wurzeln und
Verzweigungen, in seinem Werden und Sein verstehen will, darf man sich
nicht schämen, diese Binsenwahrheit dreimal unterstrichen noch einmal
auszusprechen, nachdem man sie von allem Phrasenwerk gereinigt und mit
dem Blut des Gedankens wieder gefüllt hat.

Was der Schöpfer des geeinten Deutschland politisch erreicht
hat, war schon nach wenigen starken Schritten des Volkes auf der
neuerschlossenen Bahn klar und im Resultat abzuschätzen. Nach Bismarcks
entscheidender staatsmännischer Tat hat es in Deutschland einen
großen politischen Gedanken nicht mehr gegeben, brauchte es auch auf
lange Zeit keinen mehr zu geben. Die erobernde Arbeit, die jetzt zu
leisten war, ist wirtschaftliche Arbeit gewesen, selbst die Ansätze
zu einer deutschen Kolonialpolitik, die nach den nun einmal verpaßten
Möglichkeiten einer vollblütigen deutschen Kolonialwirtschaft mehr
ein Luxus des mächtig gewordenen und reich werdenden Deutschlands
waren, als eine wirtschaftliche Notwendigkeit, mußten Nebensache
bleiben. Darin -- noch mehr als in dem subalternen Niveau der
epigonischen Regierungskunst -- liegt wohl der tiefste Grund dafür,
daß sich die Persönlichkeiten mit Schöpferwillen und Schöpferkraft
im Deutschland der nachbismärckischen Zeit nicht der Politik,
sondern dem Wirtschaftsleben zuwendeten, daß wir in Deutschland eine
Überfülle bedeutender, ja großer Kaufleute und Industrieller, so
wenig politische Talente besaßen. Der schöpferische Mensch drängt
dahin, wo es zu schaffen gibt, und besonders Männer des großen Wurfes
fanden in der Politik nicht das Feld, das ihrem Schaffensbedürfnis
genügte, ganz abgesehen davon, daß sich ihr Temperament an den
ständigen Reibungen und fruchtlosen Hemmungen (es gibt auch fruchtbare)
mit dem Bureaukratenstaat müde gelaufen hätte. Es konnten wohl
Organisatoren jener stillen, schmiegsamen Art, wie Stephan und Miquel
im preußisch-deutschen Staate ihren Platz finden, eine volle und
vielleicht übervolle Kraft wie Dernburg wurde darin nie heimisch,
überschritt allenthalben die ihr gezogenen Grenzen, fand die Einheit
ihres Werkes auf Schritt und Tritt von hochmütiger Verständnislosigkeit
durchkreuzt und kapitulierte schließlich vor dem Geist Erzbergers.

Die politische Sammlung, die die bis 1870 verzettelten, durcheinander
und gegeneinander streitenden Kräfte des Volkes in Richtung und
Zusammenwirkung brachte, vermochte aber allein für sich und aus sich
zunächst das neue wirtschaftliche Deutschland noch nicht zu schaffen,
wenngleich eine Änderung und ein Aufschwung gegenüber dem bisherigen
binnenwirtschaftlich beschränkten Zustand des Landes sofort sichtbar
wurde, wenngleich aus dem Boden fast fabelhaft schnell frisches Grün
emporsproß, vielleicht zu schnell emporwucherte. Aber all das war nur
eine Verstärkung, eine Beschleunigung einer in ihrer Art und Richtung
bisher schon im Flusse befindlichen Entwicklung. Es war nicht die
Etablierung des neuen, technisch wie organisatorisch völlig anders
gearteten Systems, das bisher noch nicht dagewesene Betriebsformen,
Arbeitsmethoden, Wirtschaftsgebilde in Deutschland auf die Füße
stellte, Kanäle und breite Tore auf den Weltmarkt öffnete, aus dem
nach innen gerichteten, an versteckten Meereswinkeln träumenden
Binnenlande den modernsten und expansivsten Industriestaat, den
emsigsten Exporteur der Welt schuf. Dazu bedurfte es erst einer
völligen Umdüngung des freigerodeten Bodens, der für die neue Ökonomie
aufnahmefähig sein sollte. Die tüchtigen Industrieunternehmungen des
Landes erhielten sofort nach dem Kriege einen verstärkten Antrieb
gerieten in ein schnelleres Tempo der Entwicklung. Krupp, Borsig,
Siemens fingen an wirklich groß zu werden. Sie und ein paar andere
Werke wuchsen in die Statur von Weltfirmen hinein, aber die deutsche
Industrie wuchs noch nicht zur Weltindustrie. Es gab schon große
Industriepersönlichkeiten, Männer von jener zähen, soliden Genialität,
die von unten, von klein herauf strebten, ihre Geschäfte Schritt für
Schritt aufbauten, ihren Unternehmungen nur den gerade unbedingt
notwendigen Schuß von Spekulation beimischten und geliehenes Geld
wenn überhaupt, so nur widerwillig, gewissermaßen contre coeur
und contre honneur aufnahmen. Noch in unsere heutige ganz anders
geartete Zeit ragen Reste dieser Familienindustriewirtschaft hinein.
Man denke an die Tradition bei Aktiengesellschaften wie Siemens &
Halske und Krupp, an den alten Magnaten- und Gewerkenreichtum in
Westfalen und Oberschlesien. Neben diesen Industriepersönlichkeiten
und Industriefamilien mit durchaus intensiver Finanzwirtschaft standen
schon damals große, oder doch wenigstens berühmte Finanziers. Sie
waren entweder ihrem Grundzuge nach reine Bankiers wie damals noch die
Bleichröders, Mendelsohns, Schicklers, die Industriefinanzierungen nur
gelegentlich mitmachten, oder sie konnten, wenn sie die wechselseitigen
Befruchtungsmöglichkeiten von Industrie und Bankgeschäft schon
erkannten -- wie einer der Bahnbrecher des modernen Finanzwesens, David
Hansemann -- den neuen Weg nur vorsichtig beschreiten, weil sich in
ihrer Hand zu jener Zeit lange noch nicht die Kapitalien gesammelt
hatten, die für eine Industriefinanzierung großen Stils notwendig
sind. Die damals größte Bank Deutschlands, die Diskontogesellschaft,
verfügte in den 70er Jahren über ein Kapital von 60 Millionen Mark,
unser heutiges führendes Institut, die Deutsche Bank, nur über
ein solches von 45 Millionen. Die Mittel dieser Banken und des
Kapitalmarktes flossen in jenen Zeiten abgesehen von den Beträgen, die
der Handel beanspruchte, in weit größerem Umfange als den Industrien
den Eisenbahngesellschaften zu, die sich damals noch im Privatbesitz
befanden und deren Aktien wie Obligationen mit den wichtigsten Posten
in der Anlagenbilanz des nationalen Kapitals bildeten.

Einer allerdings hat schon damals -- und zwar schon vor dem Kriege
-- seiner Zeit und ihren Möglichkeiten mit ungeduldigem Geniewurf
vorausgreifend, beides, das Industrielle und das Finanzielle, in
denkbar größtem Maße zu vereinen versucht, sich nicht damit begnügen
können, ein einziges Unternehmen in Ruhe auszubauen, sondern sein
Bedürfnis und seine glänzenden Fähigkeiten im Anregen, Finanzieren und
Verwirklichen immer neuer Projekte betätigen müssen. +Strousberg+,
dessen Größe nur allzusehr im „Entwerfen“ lag, und den nicht nur
seine nach einem Sündenbock suchende Zeitgenossenschaft, sondern auch
die geschichtliche Registratur als das böse Musterbeispiel einer
„Gründerei nur um des Gründens willen“, als das Symbol jener sinn-
und skrupellosen Wertetreiberei der ersten siebziger Jahre verewigt
hat. Er war es nicht, war nicht Symbol, nicht Urheber, sondern Opfer
dieser in allen Fäulnisfarben schillernden Periode. Ihre Wurzeln
waren nicht die seinen; der Krieg, der die eigentlichen Gründer groß
machte, hatte ihn, der damals gerade zuviel auf die Karte seiner
rumänischen Bahnbauten gesetzt hatte, bereits empfindlich geschwächt.
Die Atmosphäre der Gründerjahre ergriff den schon unsicher Gewordenen,
und in ihren Zusammenbruch wurde der Ausschweifend-Geniale, der seine
Saatkörner auf zu viele Äcker ausgestreut hatte, als einer der ersten
mit hineingezogen. Den guten, den fruchtbaren Grundkern in Strousberg
und seiner Methode anzuerkennen, ist Pflicht desjenigen, der die Art
und das Werk eines Emil Rathenau in ihrer ganzen Bedeutung für unsere
deutsche Wirtschaft erkennen und würdigen will. Wer Rathenau unbedingt
bejaht, darf Strousberg nicht unbedingt verneinen. Denn Strousberg
hat schon das vorgeschwebt, was Rathenau und die anderen großen
Industriellen in den Jahrzehnten um die Wende des 19. Jahrhunderts auf
ihren begrenzteren, aber geschlosseneren und intensiver bearbeiteten
Arbeitsgebieten verwirklichen konnten. Woran Strousberg scheiterte,
das waren Anomalien der Charakterveranlagung und der Zeitverhältnisse,
die seinen Plänen und Absichten ebenso stark zuwiderliefen, wie die
Schöpfungen Rathenaus und der anderen Nachsiebziger durch Harmonien
der Umstände gefördert und hochgetragen wurden. Der Vergleich zwischen
Strousberg und Rathenau ist darum ganz besonders lehrreich, wenn man
die historischen Wurzeln und Bedingtheiten einer Erscheinung wie der
Emil Rathenaus verstehen lernen will. Strousbergs Entwickelung und
geschäftlicher Höhepunkt lagen in einer Zeit, in der größere Bildungen
industrieller Natur in Deutschland zwar an sich möglich waren, aber
doch mangels entwickelter Kapitalmächte und Geldorganisationen,
mangels einer ausgebildeten modernen Fabrikationstechnik nicht in
verhältnismäßig kurzer Zeit hingeworfen werden konnten. Die bedächtige
Entwicklung von innen heraus, der stufenweise Aufbau vom kleineren
zum größeren war nötig, um dem industriellen Wachstum Gesundheit und
Dauerhaftigkeit zu verleihen. So entwickelten Krupp und Siemens ihre
Betriebe, so betrieb Wilhelm v. Mevissen seine Eisenbahnbaupolitik.
Die kühneren Perspektiven eines Friedrich List waren nur Theorien, die
zwar mit treffsicherem Blick für die Praxis erdacht waren, aber doch
erst in einer späteren Zeit verwirklicht werden konnten. Strousberg
ging ohne Rücksicht auf die Zeitumstände zu Werke. Er sprang mit
Volldampf in seine Projekte. Nicht aus kleinen Anfängen und Entwürfen
wuchsen seine Werke allmählich über sich hinaus, sondern seine
Verwirklichungen blieben fast immer hinter dem Idealbild seiner Pläne
zurück. Interessant und bezeichnend war es schon, wie er die Geldmittel
für seine Gründungen aufbrachte. Sein Kapital stammte -- wenigstens
in der ersten Periode seiner Gründungstätigkeit -- vorwiegend aus
England, dem Lande, das ihm den Namen und die industriellen Maßstäbe
gebildet, aber wohl auch für deutsche Verhältnisse etwas verbildet
hatte. Es war ein geistreicher und geschickter Gedanke Strousbergs, den
damals sehr erheblichen Unterschied zwischen dem niedrigen englischen
und dem hohen deutschen Geldleihsatz als rentensteigernden Faktor in
seine Rechnung einzustellen. Der Gedanke war nicht einmal ganz neu
in jener Zeit, aber er war sonst nicht von Deutschen, sondern meist
von Engländern ausgegangen und hatte zum Beispiel dazu geführt, daß
englische Kapitalisten und Unternehmer in Deutschland Kohlenbergwerke
(wie die Hibernia), Gasanstalten (wie die Berliner Imperial Gas
Association), zu deren Errichtung von deutscher Seite es an Kapital
oder auch an Unternehmungsgeist fehlte, mit eigenen Mitteln und unter
eigener Verantwortung gründeten. Strousberg wollte selbst gründen,
selbst die vollen industriellen Chancen ausnützen und das englische
Kapital, das er verwendete, auf den bescheidenen Platz des mit einer
festen Rente abgefundenen Finanz- oder Bankkapitals verweisen. Auch
das ließ sich durchführen, und versprach sogar hohen Ertrag, wenn mit
der bei einer Verringerung jener Zinsdifferenz eintretenden Gefahr
des plötzlichen Abziehens der englischen Gelder gerechnet und gegen
die Nachteile, die aus einer derartigen Geldentziehung erwachsen
mußten, Vorsorge getroffen worden wäre. Eine solche Vorsorge hätte
darin bestehen können, das englische Kapital entweder so fest an die
deutschen Unternehmungen zu fesseln, daß eine plötzliche Abziehung
nicht hätte vorgenommen werden können. Dann hätte Strousberg aber
diesem Kapital einen starken Einfluß auf die Verwaltung und Verfassung
seiner Unternehmungen einräumen, wahrscheinlich ihnen sogar einen
englischen Sitz und englische Rechtsform, ihren Aktien einen
englischen Markt geben müssen (+deutsche+ Aktien würden ja bei
einer Krise auf den +deutschen+ Markt geworfen worden sein). Da
Strousberg aber seinen Geldgebern einen solchen Anteil an der Macht
nicht einräumen wollte, hätte er sich auf eine andere Art gegen die
Gefahr der Kapitalentziehung sichern müssen. Er hätte das englische
Kapital nur als eine vorübergehende, vorläufige Finanzgrundlage
seiner Unternehmungen betrachten und dafür sorgen müssen, daß es
allmählich entsprechend der langsameren Kapitalbildung auf dem
deutschen Geldmarkte oder auch vermittels der eigenen Erträgnisse
seiner Unternehmungen durch deutsches Kapital ausgewechselt werden
konnte. Das hätte aber einmal einen Verzicht auf die langfristige
Ausnutzung der Zinsdifferenz, an deren dauerndes und ununterbrochenes
Vorhandensein Strousberg geglaubt zu haben schien, zur Bedingung
gehabt; ferner hätte es einen ruhigen, geduldigen Ausbau der Gründungen
verlangt, nicht jenes überstürzte Eiltempo der Expansion, das in dem
Temperament Strousbergs begründet lag. Schon in finanzieller Hinsicht
waren Strousbergs Werke also auf einer historischen Anomalie gegründet.
Dasselbe gilt von ihrer industriellen und technischen Anlage. Seine
Entwürfe und Ideen waren meist gut, oft zukunftsreich und immer
genialisch, die Mittel, mit denen er sie ausführte, oft unzulänglich.
Denn der intellektuelle Defekt in diesem bewunderungswürdig
scharfsinnigen und positiven Gehirn bestand darin, daß Strousberg
keinen Sinn für die praktischen Hemmungen der Materie hatte, daß er
seiner eigenen Phantasie gegenüber durchaus unkritisch war. Sein
Positivismus war ein Rausch, keine fest verankerte Weltanschauung,
er war zu sehr Bau+künstler+ und zu wenig Bau+meister+.
Seiner Phantasie schwebte ein großzügiges Eisenbahnsystem von Rumänien
durch Deutschland bis zum Atlantischen Ozean vor, aber die Art, wie
er nun an allen Ecken und Enden, wo sich ihm gerade eine Möglichkeit
bot, Linien anzulegen begann, in der Hoffnung, das Stückwerk werde
sich schon von selbst zum Ganzen runden, war ganz und gar systemlos.
Der Gedanke, die Lokomotiven, Waggons, Schienen, Eisenteile und den
sonstigen Bedarf für seine Bahnen in eigenen Betrieben herzustellen,
war von industrieller Folgerichtigkeit und Fruchtbarkeit, aber es
war vermessen und ein Zeichen gänzlich falscher Einschätzung des
Entwicklungsgesetzes, die Konzentrationsidee, den Gedanken der
Selbstbedarfsdeckung, des gemischten Fabrikationsprozesses gleich mit
einem umfassenden Radikalismus zu beginnen, bis zu dem er heute nach 50
industriellen Entwicklungsjahren kaum gediehen ist. Das konnte keine
gesunde Grundlage für mächtige Unternehmungen, kein gerundetes Ganzes
geben, sondern es wurde Stückwerk, das beim ersten naturnotwendigen
Rückschlag der Entwicklung, beim ersten Kampf der Idee mit der
Materie zerbrechen mußte. Die Dortmunder Union, das erste, fast ein
Menschenalter zu früh angewendete Beispiel eines gemischten Eisen- und
Stahlwerks, wie es später eine der schöpferischsten Ideen der deutschen
Industrie wurde, ist in der praktischen Anlage so verunglückt, daß
immer neue Sanierungen notwendig wurden und doch Jahrzehnte hindurch
den Boden des Fasses nicht erreichten. Noch haltloser waren die
Grundlagen für das von Strousberg geplante große Werk in Zbirow bei
Pilsen, das ebenfalls die ganze Eisenfabrikation vom Erz bis zum
Eisenbahnbedarf umfassen sollte. Hier war nicht nur die Anlage, sondern
auch der Standort, die Rohstoffgrundlage verfehlt. Auch den übrigen
Gründungen Strousbergs, den Markthallen, Schlachthöfen, Zeitungen, die
er gewissermaßen nebenbei aus dem unerschöpflichen Füllhorn seines
Ideenreichtums schüttete, lag fast stets ein guter Gedanke zu Grunde,
die Ausführung aber war flüchtig und sorglos. Es war vielleicht die
verhängnisvollste Schwäche Strousbergs, daß er, der Nichtfachmann, der
seine Unternehmungen auf die Technik einer künftigen Zeit anlegte,
nicht einmal die Technik seiner Zeit völlig beherrschte. So sehr er
sich in seinem Memoirenwerk dagegen wehrt, er +hat+ manchmal
schlecht gebaut, trotz des meist ehrlichen Willens, gut zu bauen, weil
er nicht imstande war, sich die richtigen Fachleute auszusuchen und
weil er zu schnell bauen wollte und mußte.

Aber nicht nur in den Zeitumständen, auch in den Charaktereigenschaften
war Emil Rathenau fester gegründet, als der so ähnlich begabte
Stammesgenosse. In dem wesentlichen Grundzug ihrer finderischen
Natur waren diese beiden Juden einander nahe verwandt. Beide von
einer -- bei aller Fähigkeit für das Komplizierte -- schlichten
und fast naiven Konstruktivität, Strousberg naiver, Rathenau
schlichter, beide von hellseherischer Phantasie für zukünftige
Möglichkeiten und Notwendigkeiten, Strousberg schweifender auf die
Möglichkeiten, Rathenau -- wenigstens in der Arbeit -- nüchterner
auf die Notwendigkeiten gerichtet. Des einen, des Bahnenkönigs
Unternehmungsgeist, trotzdem er nie eine Sache um des Gründergewinns,
sondern nur um des meist guten industriellen Gedankens willen gründete,
etwas fessel- und hier und da auch wahllos umherspringend, des andern
Schaffen bei allen gelegentlichen gedanklichen Exkursionen von einer
einheitlichen Grundidee gebändigt und beherrscht, sich selbst mit
eiserner Selbstzucht stets wieder auf den Boden der Wirklichkeit
zurückzwingend. Strousberg hat auf +viele+ Gebiete der Industrie
übergegriffen, Rathenau hat +eine+ Industrie mit höchster
Vertiefung und Vielseitigkeit ausgebaut und die Nebenindustrien,
denen er sich zuwandte, doch immer unter die Gesichtspunkte des
elektrotechnischen Gewerbes gestellt. Bei aller Verwandtschaft der
spirituellen Intelligenz, der Begabung und der Methode, eine starke
Verschiedenheit weniger der Temperamente, als der Hemmungen der
Temperamente. Strousberg drängte gewaltsam vorwärts und überstürzte.
Rathenau hat gezeigt, daß er wohl zu warten verstand.

Unter solchen Umständen ist es falsch zu sagen, daß Glück oder Unglück
die entscheidende Rolle in dem Leben dieser beiden Männer gespielt
haben, wie dies Strousberg in seiner im russischen Schuldgefängnis
geschriebenen Selbstbiographie von sich behauptet hat. Es ist richtig,
daß die 6 Millionen Taler Entschädigung, die Strousberg gerade in
seiner kritischen Zeit an Rumänien infolge fehlerhafter Ausführung
eines Bahnenbaus zahlen mußte, seinen Zusammenbruch beschleunigt
haben. Aber dieses Schicksal traf ihn nicht unverdient, und es wurde
aufgewogen durch manchen Glückszufall, aus dem er früher hatte
Nutzen ziehen können. Emil Rathenau andererseits ist durch das Glück
nie sonderlich verwöhnt worden und gerade die vielen Reserven,
Hindernislinien und Schutzgräben, von denen er um sein Werk nicht
genug ziehen konnte, um es gegen jeden Schicksalsschlag, gegen
jeden ungünstigen Zufall zu sichern, zeigen den Unterschied seiner
industriellen Bauweise von der Strousbergs.

Die vorangegangene Schilderung hat gezeigt, welche große Bedeutung
die +zeitlichen Umstände+ als Vorbedingung für ein Werk,
wie das Rathenaus gehabt haben, wenngleich sie keineswegs allein
ausschlaggebend für das Wachstum seiner Persönlichkeit und seiner
Schöpfung gewesen sind. Man kann sagen, daß die letzten 3 Jahrzehnte
in Deutschland deswegen so viel schöpferische Persönlichkeiten und
Leistungen in Handel und Gewerbe hervorgebracht haben, weil sie
selbst so schöpferisch waren und Gelegenheit, ja förmlich Zwang zu
produktiver Tätigkeit boten. In dem Agrarland Deutschland war noch
so viel Platz für große Industrieunternehmungen, es gab so viele
ungehobene industrielle Rohstoffe, so viel überschüssiges, früher
auf den Weg der Auswanderung gedrängtes Menschenmaterial, daß die
Entwicklung, nachdem einmal die Bahn durch Beseitigung der politischen
Hemmungen, durch Freimachung und Anreicherung der kapitalbildenden
Kräfte geebnet war, mächtig vorwärts drängen mußte. Man brauchte sich
nur von dieser Entwicklung tragen zu lassen, um es zu etwas zu bringen
und selbst die +mäßige+ Begabung konnte sich ansehnliche Ziele
stecken. Die +große+ aber fand Baustoff und Werkzeug zu stärkstem
Vollbringen. Man kann den Anteil, den Zeit und Persönlichkeit an den
gewerblichen Schöpfungen unseres Zeitalters hatten, vielleicht am
besten charakterisieren, wenn man sagt, daß die Männer dieser Zeit mit
der Stromrichtung schwimmen konnten. Sie hatten -- natürlich nur im
Großen, und nicht im einzelnen betrachtet -- kein zähes Gestrüpp an
Gewohnheiten, Vorurteilen erst auszuroden, ehe sie mit der eigentlichen
Arbeit beginnen konnten. Sie brauchten nicht einen erheblichen Teil
ihrer besten Kraft darauf zu wenden, erst den Kampf des Positiven gegen
das Negative zu führen, wie etwa der gedankliche Bahnbrecher Friedrich
List, sie brauchten auch keiner spröden Materie langsame Gestaltung
abzuzwingen, wie David Hansemann, Alfred Krupp und Werner Siemens. Sie
fanden den Boden gepflügt und gedüngt. Gewiß, nur fruchtbare Körner
konnten auf ihm aufgehen. Aber das fruchtbare Korn wird, wenn es auf
einen guten und bereiten Boden fällt, anders und stärker gedeihen, als
wenn es in Brachland oder dünnen Sandboden gesenkt wird.

Es spricht nicht gegen unsere Auffassung von den wirtschaftlichen
Wirkungen der reichsdeutschen Gruppierung um die staatenbildende
Zentrifugalkraft Preußens, wenn man feststellt, daß einmal der
wirtschaftliche Zusammenschluß Norddeutschlands und der spätere
Hinzutritt Süddeutschlands zu dem deutschen Zollverein schon vor dem
deutsch-französischen Kriege stattgefunden hatten und daß nachher noch
fast ein Jahrzehnt hinging, ehe die moderne Wirtschaftsbewegung mit
voller Kraft einsetzte. Vor dem Kriege war durch die Zollbündnisse,
die den politischen Reichsgedanken vorbereiten halfen, wohl eine
gewisse Einheit schon de jure erreicht. Das blieb auch ganz gewiß
nicht ohne befruchtende Wirkung auf das Wirtschaftsleben und führte
schon in der Mitte der 60er Jahre zu günstigen Geschäftskonjunkturen.
Aber die große Revolutionierung des Wirtschaftsbodens, von der wir
gesprochen haben, wurde dadurch höchstens angekündigt, noch nicht
eingeleitet. Dies konnte erst geschehen, nachdem die wirtschaftliche
Einheit durch die feste politische Form endgültig geworden, gegen
jede Bedrohung von innen und außen gesichert war. Die allgemeine
Überzeugung, daß die Einheit politisch und kriegerisch noch einmal
würde erprobt und verteidigt werden müssen, hinderte vorerst das
organische Zusammenwachsen der einzelnen Glieder Deutschlands zu
einem einheitlichen Wirtschaftsgebiet. +Nach dem Kriege+ setzte der
+subjektive+ Aufschwung sofort ein und zwar in einem Tempo, daß ihm
der objektive Aufschwung nicht zu folgen vermochte. Da keine genügende
Zahl von industriellen Unternehmungen und von den sie repräsentierenden
Wertpapieren da war, an denen die spekulative Hochbewertung sich
hätte genug tun können, nahm der Aufschwung die Form der künstlichen
„Wertschafferei“ und „Werttreiberei“ an, die sich auch am +fingierten+
Wert entzündeten. Die +wirklichen+ Werte an industriellen Objekten, an
Grund und Boden, an Waren und Rohstoffen wurden gewaltig übersteigert,
wie das immer der Fall ist, wenn der Kreis der realen Tatsachen
nicht schnell genug erweitert und auf den Umfang der neuen geistigen
Möglichkeiten gebracht werden kann. Die Plötzlichkeit, mit der die
deutsche Binnenwirtschaft vor weltwirtschaftliche, ja imperialistische
Probleme gestellt wurde, zeitigte ein gewaltiges schöpferisches
Bedürfnis, dem die schöpferischen Verwirklichungen nicht im gleichen
Tempo folgen konnten. Die Zukunftsphantasien, die den Gründern und
Spekulanten jener Zeit vor Augen standen, waren dabei sicherlich nicht
einmal falsch gesehen oder übertrieben. Was seither verwirklicht
wurde, hat jene Phantasiegemälde längst überboten und in Schatten
gestellt. Falsch war nur die Bemessung der Distanz, der Zeitspanne,
in der man zur Verwirklichung jener Ideen kommen zu können glaubte.
Man glaubte Tal und Berg im Sprung überwinden zu können, während eine
mühselige Wanderung über Hügel und Einsenkungen, durch Schluchten und
Gestein notwendig war. Was diesen Trugschluß damals noch so wesentlich
förderte, war der französische Milliardensegen, der sich unerwartet
und unvorbereitet über Deutschland ergoß. Man glaubte, daß mit diesem
Gelde jede Distanz überwunden werden könnte und hatte noch nicht
die vorher nirgends so augenfällig gewordene, erst anläßlich dieser
gewaltigsten gegenwertlosen Geldübertragung der Geschichte möglich
gewordene Erfahrung gemacht, daß ein Überfluß an Geld eine gesunde
Entwicklung nicht fördert, sondern stört. Nur Geld, das Kapital
geworden ist oder Kapital werden kann, das heißt für das sich eine
gesunde Anlagemöglichkeit findet, vermag Früchte zu tragen. Das Geld,
das beschäftigungslos umhertreibt oder zu zwecklosen Experimenten
verwendet wird, schafft eine künstliche Kaufkraft, eine ungesunde
Unternehmungslust, bringt die Faktoren der Preisbildung, die Ventile
der Marktregulierung in Unordnung und treibt in Krisen hinein, in denen
die künstlichen Gebilde zusammenbrechen müssen, ehe wieder richtige
Wertmaßstäbe gewonnen werden können.

Durch die Delirien dieser Krise mußte erst die subjektive
Aufschwungskraft des wirtschaftlichen Deutschland nach seiner Einigung
hindurchgehen, ehe der wirkliche, wohlfundierte Aufstieg begonnen
werden konnte. In dieser Krise wurde schon die Spreu von dem Weizen
gesondert, und wer sie überlebte, hatte schon halb bewiesen, daß er
würdig und fähig war, an den Mühsalen und Früchten des aufsteigenden
Weges teilzunehmen. Emil Rathenau gehörte zu jenen, die sich durch das
falsche Gold der Gründerjahre nicht hatten blenden lassen. Er hatte
seine gewaltige Bejahungskraft, seine Phantasie, die doch nicht weniger
lebendig und beweglich waren als die des verwegensten Abenteurers aus
der Gründerzeit, vollkräftig und doch fast unbeschädigt durch die Jahre
getragen, die rings um ihn von Orgien der Unternehmungslust erfüllt
gewesen waren. So war er rein und stark für die kommenden Jahre der
Stärke geblieben.



Viertes Kapitel

Technische Vorbedingungen


    „Als Emil Rathenau seine Siegeslaufbahn begann, war die
    Elektrotechnik wenig mehr als ein bescheidener Versuch, die
    großartigen Forschungen der Physik des vorigen Jahrhunderts
    nützlicher Verwertung zu erschließen. Die Erfindungen trugen noch
    deutlich den Stempel ihrer Geburtsstätte -- es waren Erzeugnisse
    instrumentaler Technik. Werner v. Siemens, selbst aus dieser
    hervorgegangen, war der erste, dessen weitschauender Geist die
    Notwendigkeit erkannte, die Hilfe eines Bundesgenossen, der
    Maschinentechnik, herbeizurufen, das Studium der Elektrotechnik
    den Technischen Hochschulen zuzuweisen, und mit dem Maschinenbau
    auf das Innigste zu verschmelzen. Schwierig war die Aufgabe,
    die er damit den technischen Hochschulen erteilte, fehlte es
    denselben doch zunächst an geeigneten Lehrkräften, die mit
    theoretischem Wissen praktisches Können vereinten. Da brachte
    Hilfe die schnell sich entwickelnde Technik selber. Hervorragende
    Maschineningenieure, technische Physik beherrschend, traten in die
    Werkstätten der Elektrotechnik und wurden bald ihre Lenker und
    Leiter. Als der ersten einer -- Emil Rathenau. Es war ein großes
    Glück für die deutsche Elektrotechnik, daß ihr neben Siemens ein
    Mann erstand, von gleichen Überzeugungen beseelt, mit genialer
    Veranlagung zum Maschineningenieur erzogen, der, zwar nicht mit ihm
    vereint, wohl aber im edelsten Wetteifer mit ihm gleichen Zielen
    zustrebte. Dem Wirken dieser beiden Männer verdankt die deutsche
    Elektrotechnik ihre erstaunlich schnelle Entwicklung.“

    (Prof. Dr. Slaby in einer Festrede zur Feier des 25jährigen
    Bestehens der A. E. G.)

Im vorigen Kapitel haben wir gesehen, welche allgemeinwirtschaftlichen
Bedingungen Emil Rathenau vorfand, als er am Anfang der 80er Jahre
daranging, ein neues Unternehmen aufzubauen. Jetzt soll untersucht
werden, wie es mit der +Entwicklung+ der +elektrotechnischen
Industrie+ stand, der sich Rathenau zuwandte, weil er auf ihrem
Gebiet die größten Zukunftsmöglichkeiten für einen technischen Kaufmann
sah.

Die Elektrotechnik, als Grundlage der Elektrizitäts-Industrie, das
heißt einer praktisch-wirtschaftlichen Ausnutzung der Wissenschaft
von der Elektrizität ist viel jünger als die Erfindung oder besser
als die Findung der galvanischen Kraft. Sie ist ganz und gar ein
Kind des 19. Jahrhunderts und setzte zu ihrer Ausbildung die
Pionierdienste voraus, die auf allgemein-technischem Gebiete erst
die Physik und die Chemie leisten mußten. Der erste Schritt in das
seitdem experimentell vielfach durchleuchtete Gebiet einer ihrem
inneren Wesen nach noch immer geheimnisvollen Kraft wurde halb durch
Zufall getan. Lange Zeit ging die herrschende Ansicht dahin, daß
die magnetischen und elektrischen Erscheinungen nicht miteinander
zusammenhingen. Ein dänischer Physiker Hans Chrystian Oersted
entdeckte 1820 das Prinzip des Elektromagnetismus, indem er bemerkte,
daß eine auf seinem Experimentiertische befindliche Magnetnadel
durch galvanischen Strom abgelenkt wurde. Deutsche, französische
und englische Forscher warfen sich bald darauf mit intensiver
Energie auf das neue Gebiet der Wissenschaft und suchten die schmale
Eingangspforte durch systematische Arbeit zu erweitern. Während
man auch nach der Entdeckung Oersteds zunächst noch an der Ansicht
festhielt, daß nicht die Elektrizität, sondern der Magnetismus die
einfachere, grundlegende Kraft sei, begründete Ampère die Theorie,
daß das Grundphänomen das elektrische sei und daß alle Äußerungen
des Magnetismus auf elektrischen Strömen beruhten, eine Theorie, die
als erwiesen gelten konnte, nachdem gezeigt worden war, daß durch
elektrischen Strom ein Magnetfeld erzeugt werden konnte. Damit war
die industriell so außerordentlich fruchtbar gewordene Einwirkung der
elektrischen Kraft auf den Grundstoff aller modernen industriellen
Betätigung, das Eisen, festgestellt, das die Eigentümlichkeit besitzt,
durch einen elektrischen Strom sehr kräftig magnetisiert zu werden.
Gauß und Weber gelangten auf Grund ihrer Arbeiten im Jahre 1833 zur
Erfindung des +elektrischen Telegraphen+ und stellten bald darauf die
erste telegraphische Verbindung auf eine kurze Strecke -- zwischen
ihren beiden Arbeitsstätten in Göttingen -- her. Damit schien die
deutsche Forschung, nachdem sie dieses eminent praktische Problem
wissenschaftlich gelöst hatte, sich zunächst begnügen zu wollen.
Für eine praktische Ausnutzung fehlte es in Deutschland damals an
einer entwickelten Industrie und gerade umgekehrt wie bei späteren
großen Erfindungen, die im Auslande gemacht, aber in Deutschland
systematisch-praktisch durchgebildet wurden, ließ man bei den ersten
epochemachenden Entdeckungen auf dem Gebiete der Elektrotechnik
die grundsätzlichen Erkenntnisse der Wissenschaft ohne Folgen. Wie
später auch das von dem deutschen Physiker Philipp Reis erfundene
Telephon wurde der elektrische Telegraph in Amerika entwickelt.
Schon im Jahre 1835 konstruierte der Amerikaner Samuel Morse den
nach ihm benannten Fernschreibapparat, auch andere Amerikaner und
Engländer, wie Wheatstone und Coke befaßten sich erfolgreich mit der
Ausbildung des Telegraphen. Im Jahre 1844 wurde die erste öffentliche
Telegraphenleitung zwischen Washington und Boston eingerichtet und
dem öffentlichen Verkehr zugänglich gemacht. Die verkehrstechnische
Entwicklung des Telegraphen schritt nun mit schnellen Schritten fort.
In Amerika, wo besonders große Entfernungen zu überwinden sind, war
das Bedürfnis nach rascher Nachrichtenübermittelung naturgemäß am
stärksten, und der praktische Sinn überdies am schnellsten bereit,
die Errungenschaften der Technik nutzbar zu machen. Aber auch Europa
rührte sich. England, Frankreich und Deutschland vermochten sich
der Bedeutung nicht zu entziehen, die der Telegraph für das ganze
wirtschaftliche, soziale und politische Leben gewinnen mußte. Die Welt
war damals bereits aus dem handwerklichen in das maschinelle Zeitalter
getreten, und sie rückte auch immer entschiedener in das Zeichen
des Verkehrs. Im Jahre 1838 war die erste Eisenbahn in Deutschland
fertiggestellt worden, nun folgten allenthalben neue Schienenwege, und
die Eisenbahnverwaltungen erkannten bald die Vorteile, die es ihnen
bot, ihre Linien von telegraphischen Leitungen begleiten zu lassen. So
trafen sich die Bedürfnisse der maschinellen Verkehrstechnik mit denen
der elektrischen. Der erste Anstoß für die Einführung des Telegraphen
kam in Preußen allerdings nicht von der verkehrspolitischen, sondern
von der militärischen Seite her. Die Kommission des preußischen
Generalstabes für die Einführung der elektrischen Telegraphen übertrug
im Jahre 1847 dem Artillerieleutnant +Werner Siemens+ die Herstellung
einer unterirdischen Telegraphenlinie von Berlin nach Großbeeren zu
Versuchszwecken. Eine glücklichere Wahl hätte die Militärbehörde
nicht treffen können. Damit wurde zum ersten Male der Mann mit
der Lösung einer bedeutsamen Aufgabe betraut, der zu den größten
technischen Konstrukteuren aller Zeiten gehörend, die Entwicklung
der elektrotechnischen Industrie in ihrer ersten, grundlegenden
Periode anregen, führen und verkörpern sollte wie kein zweiter in
Deutschland, wie nur wenige andere in der ganzen Welt. In der Mitte
zwischen technischer Wissenschaft und Praxis stehend, war es Werner
Siemens in einer Zeit, in der eine tiefe Kluft zwischen der Theorie
und der ausübenden Technik gähnte, vergönnt, sich beide Gebiete ganz
zu eigen zu machen, auf beiden Gebieten Gedanken aus erster Hand, von
primärem Wert und schöpferischer Auswirkung zu prägen und miteinander
zu verschmelzen. Die eiserne Folgerichtigkeit seines technischen
Denkens, und die nie ermüdende und nie abschweifende Konstanz seiner
Arbeit ermöglichten es ihm, die fruchtbaren Gedanken zur industriellen
Reife zu entwickeln. Kein schnelles Blitzlicht, das hier und dorthin
springend dunkle Gebiete der Forschung einen Augenblick erhellt und es
dann anderen oder auch dem Zufall überläßt, sie dauernd aufzuklären,
sondern eine ruhig brennende Flamme, die sich von dem zu erforschenden
Gegenstand nicht früher abkehrt, bis sie ihn von allen Seiten
abgeleuchtet hat. Nicht so geniefunkelnd, experimentell-geistreich und
vielseitig wie der amerikanische „Zauberer“ Thomas Alva Edison, aber
nicht weniger finderisch als dieser. Der ernste Kopf, das tiefe Auge,
die feste Hand des Niederdeutschen, eine Natur, die mit einer Sache
ringt und sie nicht läßt, bevor sie sich ihm ergeben hat. Gewiß, auch
Werner Siemens fehlte manches, wovon später noch zu reden sein wird.
Aber es war vielleicht gut, daß ihm dieses fehlte, wofür in seiner
Zeit die Bedingungen wenigstens in Deutschland noch nicht vorhanden
waren, was ihn möglicherweise in der Sicherheit seines Wesens und
Wollens nur beirrt, in der Gradlinigkeit seines Schaffens zersplittert
hätte. Gerade dadurch, daß Werner Siemens die Möglichkeiten und
Forderungen +seiner+ Zeit so völlig erschöpfte, erschöpfte er sich in
ihnen, ging die Entwicklung schließlich über ihn hinweg, vermochte er
sich einer anderen Zeit nicht mehr so recht anzupassen.

Werner Siemens wurde im Jahre 1816 in Lenthe in Hannover als Sohn
eines Gutspächters geboren. Schon den jungen Gymnasiasten drängten
Begabung und Neigung zur Technik. Da das Studium auf der Bauakademie,
dem damals einzigen technischen Lehrfach, dem Vater zu kostspielig
war, wurde auf Anraten eines Freundes der Familie ein Kompromißweg
gefunden. Werner Siemens sollte preußischer Pionieroffizier werden,
wo er Gelegenheit haben würde, dasselbe zu lernen wie auf der
Bauakademie. Wie so viele strebsame Jünglinge aus den deutschen Mittel-
und Kleinstaaten wandte sich Siemens nach Preußen. „Der einzige
feste Punkt in Deutschland ist jetzt der Staat Friedrichs des Großen
und die preußische Armee,“ sagte ihm zustimmend der Vater, als er
seinen Entschluß zu erkennen gab. Werner Siemens wurde aber nicht
Pionier-, sondern Artillerieoffizier, da ihm gesagt wurde, daß er
als solcher bedeutend bessere militärische Aussichten und dieselbe
technische Vorbildung haben würde. Die Zeit auf der Artillerie- und
Ingenieurschule nutzte der junge Mann in ernster Weise aus, auch als
Offizier in verschiedenen preußischen Garnisonstädten befaßte er
sich mit wissenschaftlichen Studien und Experimenten. Die Erfindung
Jacobis, Kupfer in metallischer Form durch den galvanischen Strom aus
reiner Lösung von Kupfervitriol niederzuschlagen, veranlaßte ihn,
sich im Jahre 1840 mit der Galvanisierung zu beschäftigen. In der
Zitadelle von Magdeburg, in der er eine ihm wegen Sekundierens beim
Duell auferlegte Festungshaft absolvieren sollte, richtete er sich,
ganz zufrieden mit der ihm ermöglichten Muße, ein Laboratorium ein,
und es glückte ihm, ein neues Verfahren galvanischer Versilberung und
Vergoldung zu entdecken. Der praktische Sinn des jungen Offiziers
äußerte sich darin, daß er, obwohl als Militär in der Wahl der Mittel
zur Einleitung von Geschäften sehr beschränkt, darauf bedacht war,
aus seiner Erfindung Kapital zu schlagen. Es gelang ihm, mit der
Neusilberfabrik J. Heninger einen Vertrag abzuschließen, auf Grund
dessen er dieser eine Anstalt für Vergoldung und Versilberung nach
seinen Patenten gegen Gewinnbeteiligung einrichtete. Seinen Bruder
Wilhelm schickte er nach England, damit er dort den Versuch mache,
die elektrolytischen Patente und das später erfundene Verfahren der
Vernickelung zu verwerten. Diesem glückte es auch, die Patente für
1500 Pfd. Sterl. an eine englische Firma zu verkaufen. Bald lenkten
größere Aufgaben das Interesse Werner Siemens auf sich. Er beteiligte
sich an den Versuchen, die Leonhardt im Auftrage des Generalstabes
der preußischen Armee über die Frage der Ersetzbarkeit der optischen
Telegraphie durch elektrische anstellte. Siemens konstruierte einen
Zeigertelegraphen mit Selbstunterbrechung, dessen Herstellung er
einem jungen Mechaniker namens +Halske+ anvertraute. Kurze
Zeit später fand er in dem damals neu auf dem englischen Markte
erschienenen Guttapercha ein ausgezeichnetes Isolationsmaterial für
unterirdische elektrische Drahtleitungen, wie sie damals angesichts
der herrschenden Meinung, daß oberirdische Leitungen zu leicht der
Zerstörung ausgesetzt seien, für allein anwendbar gehalten wurden. Er
stellte ferner auch eine Schraubenpresse her, durch die der erwärmte
Guttapercha unter Anwendung hohen Drucks nahtlos um den Kupferdraht
gepreßt wurde. Siemens Entschluß, sich ganz der Entwicklung des
Telegraphenwesens zu widmen, stand nun fest. Er veranlaßte im Jahre
1847 den Mechaniker G. Halske, mit dem die gemeinsame Arbeit ihn näher
verbunden hatte, eine Telegraphenbauanstalt zu begründen, in die er
nach seiner Verabschiedung aus dem Heeresdienste selbst eintreten
wollte. Das Betriebskapital von 6000 Talern lieh ihm ein Vetter, der
Justizrat Siemens, der Vater des später so berühmt gewordenen ersten
Direktors der Deutschen Bank Georg von Siemens. Die Werkstatt wurde
in einem Hinterhaus der Schönebergerstraße in der Nähe des Anhalter
Bahnhofs eröffnet. Siemens selbst wollte seine ganze Kraft dem neuen
Unternehmen erst widmen, wenn die Generalstabskommission zur Einführung
des elektrischen Telegraphen ihre Aufgabe voll erfüllt hatte. So sehr
er auch die ihm offenstehende Laufbahn, sich dank seiner beherrschenden
Stellung in der Telegraphenkommission allmählich zum Schöpfer und
Leiter des preußischen Staatstelegraphen aufzuschwingen, als zu eng,
zu wenig selbständig, zu bureaukratisch ablehnte, hier lag doch in
der damaligen Zeit noch das Feld, auf dem er am entscheidendsten
an der Verwirklichung seiner Pläne mitarbeiten konnte. Bald darauf
wurde auch die bereits erwähnte erste unterirdische Telegraphenlinie
Berlin-Großbeeren und die oberirdische Linie Berlin-Potsdam
fertiggestellt, und von dem freien Blick dieses kaufmännischen
Soldaten zeugt es, daß er -- im Gegensatz zu den Heeresbehörden --
dafür eintrat, daß die neuen Linien nicht nur dem Militär, sondern
auch dem Publikum zur Verfügung stehen mußten. Die März-Revolution
und der dänische Krieg von 1848 unterbrachen die systematische Arbeit
am Telegraphen. Wir sehen Siemens als Kriegstechniker in Kiel,
Friedrichsort und Eckernförde, wo er die Verteidigung dieser Seehäfen
durch Minensperren -- die ersten, die jemals gelegt wurden -- und
durch Hafenbatterien durchführte. Nach Berlin zurückgekehrt, nahm
Siemens die telegraphischen Projekte mit Hochdruck wieder auf. Der
brave Halske hatte, unbeirrt durch Revolution und Kriegsgeschrei, seine
Telegraphenapparate auch ohne Bestellung weiter fabriziert und dadurch
das junge Unternehmen vor dem Zusammenbruch bewahrt. Die Zuversicht
sollte sich lohnen. Es gab bald Arbeit in Hülle und Fülle. Eine große
unterirdische Telegraphenlinie von Berlin nach Eisenach und eine
oberirdische von dort nach Frankfurt, wo damals das erste deutsche
Parlament tagte, waren im Auftrage des preußischen Handelsministeriums
zu bauen. Die Loslösung des Telegraphen vom rein militärischen
Interesse, seine Verwendung im Dienste des Verkehrs war eine Tatsache.
Siemens zog nun endgültig den Soldatenrock aus und trat als offener
Teilhaber in die Firma Siemens & Halske ein. Die Periode der Versuche,
der tastenden Anfänge und kleinen Dimensionen ist überwunden. Die
Entwicklung verstärkt, verbreitert, vervielfältigt sich, geht ins
Große und trägt die Firma Siemens & Halske zur Bedeutung nicht nur des
ersten elektrotechnischen Unternehmens in Deutschland, sondern eines
Welthauses empor.

Neben Telegraphenanlagen wurden bald Läutewerke für Bahnanlagen,
Meßinstrumente hergestellt. Der im Jahre 1850 nach Europa gekommene
Morse-Apparat wurde von der Firma mit vielen Verbesserungen versehen
und zu einer Vollendung gebracht, die ihn über alle früheren Systeme
weit hinaushob. Das Absatzgebiet wurde über Deutschland hinaus
erweitert. Insbesondere in Rußland verstand es die junge Firma,
die im Jahre 1849 immer noch mit 32 Arbeitern auskam, festen Fuß
zu fassen; neben kleineren Telegraphenlinien wurden die großen
Strecken Petersburg-Warschau, Moskau-Kiew-Odessa, Petersburg-Reval
und Petersburg-Helsingfors fertiggestellt. Werner Siemens hatte
das Glück, energische und tüchtige Brüder zu besitzen, denen er
die Geschäfte im Auslande anvertrauen konnte, was dazu beitrug,
den Familiencharakter der Siemensschen Unternehmungen zu wahren,
und trotz der notwendig gewordenen Dezentralisation aufrecht zu
erhalten. Wie Karl Siemens das russische Geschäft, den technischen
Weisungen des genialen Werner folgend, aber kaufmännisch mit einem
hohen Grade von Selbständigkeit und Geschick entwickeln konnte, so
vermochte Wilhelm Siemens, der früh nach England gegangen war, trotz
der starken Konkurrenz in diesem technisch dem damaligen Deutschland
überlegenen Lande, eine starke Stellung zu erkämpfen. Er lieferte
für den indischen Telegraphen Materialien und Apparate und eröffnete
einen lohnenden Fabrikationszweig durch die Konstruktion des nach
ihm benannten Wassermessers. Entscheidend wurde die Betätigung in
England für die Bedeutung, die sich die Firma Siemens & Halske in
der +Kabelfabrikation+ und in der Kabellegung erwerben sollte.
Zunächst beschränkte man sich auf die Herstellung von Kabeln und
elektrischen Apparaten für die Unterwassertelegraphie, und entwickelte
grundlegende Methoden für Kabelprüfung und Fehlerbestimmung. Die
erste selbständige Kabellegung für die Linie Kartagena-Oran, die
von der französischen Regierung in Auftrag gegeben worden war, aber
infolge ungünstiger Formation des Meeresbodens dreimal mißglückte,
forderte schwere Opfer, die die Brüder Siemens nicht entmutigten,
aber den vorsichtigen, jeder Großzügigkeit baren Halske veranlaßten,
die Trennung des Londoner Geschäfts von dem Berliner zu beantragen.
Diese erfolgte und das Londoner Geschäft ging unter der Firma Siemens
Brothers in den Besitz der Brüder Wilhelm, Werner und Karl über. Das
Vertrauen in die Leistungsfähigkeit dieser Firma für den Bau von
Überseekabeln hat nicht getrogen. Im Laufe der Jahre gelang es Siemens
Brothers mit einem direkten Kabel von Irland nach Amerika das Monopol
eines damals unter den Auspizien Sir William Penders gebildeten
Kabelringes zu durchbrechen und andere große Überseekabel in Auftrag
zu bekommen. Kein Geringerer als der große Gelehrte Sir William
Thomson hatte das erste Siemenskabel geprüft und für fehlerfrei und
außerordentlich sprechfähig erklärt. Vorangegangen war die Errichtung
einer eigenen Guttaperchafabrik in England, die notwendig wurde, da
die einzige englische Fabrik, die bis dahin nahtlos mit Guttapercha
umpreßte Drähte nach dem Siemensschen System herstellte, offenbar
im Interesse jenes Kabelringes bei der Lieferung von gereinigter
Guttapercha an Siemens Brothers Schwierigkeiten gemacht hatte. Die
Gesellschaft, die von den Brüdern Werner, Wilhelm und Karl Siemens
für den Bau der Kabellinie Irland-Amerika gegründet wurde, mußte ihr
Kapital auf dem Kontinent aufbringen, da der englische Markt durch
die übermächtige Konkurrenz verschlossen war. Schon vorher hatte
der ständig nach neuen Projekten ausschauende Geist Werner Siemens
ein anderes gewaltiges Werk ersonnen und ausgeführt. Es handelte
sich um nichts geringeres, als um den Bau einer Indo-Europäischen
Überland-Telegraphen-Linie, die England über Preußen, Rußland und
Persien mit seiner Kolonie Indien verband. Zu diesem Zwecke wurde
eine englische Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 425000 Pfd.
Sterl. gegründet, die sämtliche Konzessionen von den beteiligten
Regierungen erwarb und die Linie bis zum Jahre 1869 fertigstellte.
Der Bau, die Lieferungen an Materialien und Apparaten und die
Unterhaltung der ganzen Linie wurde der Firma Siemens & Halske
übertragen, die sich ihrerseits mit einem Fünftel des Aktienkapitals
an dem Unternehmen beteiligte. Die Indo-Europäische Überland-Linie
und die Kabelgesellschaft Irland-Amerika bilden die ersten Fälle von
sogenannten Betriebsunternehmungen, die nicht im fremden Auftrag,
sondern auf eigene Initiative von einer Fabrikationsgesellschaft in
der elektrischen Industrie gegründet worden sind. Für Werner Siemens
sind es Ausnahmefälle geblieben, die nicht einem geschäftlichen
System entsprangen, sondern der Verwirklichung technischer und
verkehrspolitischer Lieblings-Gedanken dienen sollten, weil diese
Verwirklichung auf anderem Wege nicht hätte erfolgen können. Zu
den Prinzipien der Firma Siemens & Halske gehörten derartige
Eigen-Gründungen durchaus nicht, und wir werden später sehen, daß
hier gerade ein Ansatzpunkt für das kaufmännisch anders geartete und
modernere System Emil Rathenaus lag.

Schon der unternehmerische Wagemut, den damals die Firma Siemens &
Halske an den Tag legte und der die Grenzen der Firma immer weiter ins
Weltwirtschaftliche und Großbetriebliche hinausschob, sagte Halske,
dem ersten Sozius Werner Siemens und Mitbegründer der Firma nicht zu.
Sein ehrlicher, gediegener, aber immerhin begrenzter und ängstlicher
Geist liebte nur Geschäfte, die er überblicken konnte. Wohl fühlte er
sich nur in kleineren Dimensionen, das andere schien ihm ein Wagen,
das dem Hazardieren verwandt war. Darum schied er im Jahre 1868 aus
der Firma, der er in den ersten Jahren ihres Bestehens als geschickter
und tüchtiger Feinmechaniker hatte treffliche Dienste leisten können,
die ihm aber entwachsen war, seitdem sich die Firma handwerkliche
Talente, wie er eins war, zu Dutzenden gegen mäßige Bezahlung halten
konnte. An Bedeutung für das Geschäft war Halske schon lange hinter
Siemens Jugendfreund William Meyer, der jahrelang die Stellung eines
Oberingenieurs und Prokuristen bekleidet hatte, zurückgeblieben. Meyers
Nachfolger, der frühere Leiter des Hannoverschen Telegraphenwesens Karl
Frischen, überragte als Persönlichkeit Halske noch beträchtlicher.
Endlich wuchs in der Person des Herrn v. Hefner-Alteneck, der aus
dem jüngeren Schülerstabe Werner Siemens stammend, als Chef des
Konstruktionsbureaus tätig war, eine Kraft heran, der als technischer
Erfinder in der Folgezeit Bedeutendes leisten sollte und als
Konstrukteur neben Werner Siemens wohl bestehen konnte. Damit war
Halskes Platz als erster Mitarbeiter Werner Siemens in einer dem neuen
Charakter des Geschäfts entsprechenden Weise schon lange besetzt
worden, ehe er ihn noch verlassen hatte.

Alles was die Firma Siemens & Halske, was die Elektrizitätsindustrie
in der vergangenen Periode geleistet hatte, was auch noch
den Hauptinhalt des nächsten Jahrzehnts bildete, gehörte der
+Schwachstromindustrie+, das heißt der Erzeugung von Elektrizität
auf +chemischem Wege+ an. In Deutschland waren in dieser ersten
Blüteperiode der Elektrizitätsindustrie nur verhältnismäßig wenige
größere Firmen neben Siemens & Halske tätig. Bedeutung erwarben
außerdem eigentlich nur die Firmen Felten & Guilleaume in Mülheim a.
Rh., Gebr. Naglo und H. Poege in Chemnitz. Im übrigen gab es wohl
eine ganze Anzahl von kleinen Betriebswerkstätten, die mit wenigen
Arbeitern auskamen, und sich auf die Anfertigung von Apparaten,
kleineren Telegraphenanlagen, Instrumenten usw. beschränkten. Über
eine nationale, kaum lokale Bedeutung gingen aber diese Betriebe
nicht hinaus. Wie wenig auch Siemens & Halske damals noch trotz
ihres internationalen, weit ausgesponnenen Geschäfts dem entsprachen,
was wir heute unter einem Großunternehmen verstehen, geht daraus
hervor, daß diese Firma im Jahre 1869 nur 250, im Jahre 1875 nur
600 Arbeiter beschäftigte, eine Anzahl, die ungefähr die Hälfte der
damals in der ganzen deutschen Elektrizitätsindustrie verwandten
Arbeiter darstellte. Die überragende Bedeutung der Firma Siemens &
Halske in dieser Periode hatte insofern ihr gutes, als der deutschen
Elektrizitätsindustrie dadurch die konjunkturellen Ausschreitungen und
die darauf folgende Krise erspart blieben, die in den anderen damals
industriell weiter entwickelten Ländern infolge der Übergründungen
elektrotechnischer Unternehmungen unausbleiblich gewesen waren. Die
erste der großen elektrotechnischen Krisen berührte infolgedessen
Deutschland nur verhältnismäßig wenig. Am stärksten hatte sie England
betroffen, wo die industrielle Elektrotechnik namentlich nach den
ersten großen Erfolgen des Kabelbaus mit einer Hochflut von Gründungen
und Projekten eingesetzt hatte. Die hohen Dividenden der ersten
Kabelunternehmungen hatten zur Nachahmung angestachelt, und das
Publikum riß sich förmlich um die Papiere von Aktiengesellschaften, die
irgend etwas mit Elektrizität zu tun hatten. Da die Aktien nach dem
englischen Gesetz auf den kleinen Betrag von 1 Pfd. Sterl. ausgegeben
werden konnten, ergriff das elektrische Spekulationsfieber auch die
kleinsten Kapitalistenschichten. Ein Börsenkrach fegte diese ungesunden
Auswüchse schließlich fort und die englische Regierung hielt es
für richtig, als im Jahre 1880 mit der Lichtelektrizität ein neues
Feld für Gründungen auf elektrotechnischem Gebiete sich zu eröffnen
schien, mit einem beschränkenden Gesetz, der Electric Lighting Act,
einzugreifen. Durch dieses Gesetz, das elektrische Beleuchtungsanlagen
für die Dauer von 20 Jahren als ein Monopol der Regierung erklärte,
wurde aber nicht nur die Entwicklung der Gründerei und Spekulation,
sondern auch die der elektrotechnischen Industrie behindert, was sich
in den kommenden Zeiten der zweiten elektrotechnischen Blüteperiode,
in der die +Starkstrom-Industrie+ zur Geltung kam, als ein
schwerer Nachteil für England erwies. Die großen Erfolge der deutschen
Starkstromindustrie, die dieser die unbestrittene Führung in Europa
sicherten, sind einmal dadurch ermöglicht worden, daß in Deutschland
dank der soliden Vorherrschaft der Firma Siemens & Halske kein
kapitalistischer Zusammenbruch den Enthusiasmus für elektrische
Gründungen abgekühlt hatte; dann aber auch dadurch, daß England, das
gegebene Hauptwettbewerbsland, schon unangenehme Erfahrungen mit der
industriellen Elektrotechnik hinter sich hatte, von denen sich weder
die Regierung, noch das Publikum im richtigen Augenblick befreien
konnten.

Das große historische Verdienst Werner v. Siemens lag nicht nur
in der hervorragenden Mitwirkung, die er der Entwicklung der
Schwachstromtechnik hatte angedeihen lassen, sondern in der
+schöpferischen Wendung+, die er der +Starkstromtechnik+ durch seine
grundlegende Erfindung des sogenannten +dynamo-elektrischen+ Prinzips
im Jahre 1866 gegeben hatte. Dieses Prinzip besteht darin, daß
Elektrizität nicht wie beim Schwachstrom auf chemischem Wege (durch
Elemente oder Batterien), sondern auf physikalischem Wege durch die
elektromagnetische Induktionsmaschine erzeugt wird. Werner v. Siemens
schildert seine Versuche auf diesem Gebiete und die Ergebnisse,
zu denen er durch sie gelangte, in seinen Lebenserinnerungen
folgendermaßen:

„Bereits im Herbst des Jahres 1866, als ich bemüht war, die
elektrischen Zündvorrichtungen mit Hilfe meines Zylinderinduktors
zu vervollkommnen, beschäftigte mich die Frage, ob man nicht durch
geschickte Benutzung des sogenannten Extrastromes eine wesentliche
Verstärkung des Induktionsstromes hervorbringen könnte. Es wurde mir
klar, daß eine elektromagnetische Maschine, deren Arbeitsleistung durch
die in ihren Windungen entstehenden Gegenströme so außerordentlich
geschwächt wird, weil diese Gegenströme die Kraft der wirksamen
Batterie beträchtlich vermindern, umgekehrt eine Verstärkung der
Kraft dieser Batterie hervorrufen müßte, wenn sie durch eine äußere
Arbeitskraft in der entgegengesetzten Richtung gewaltsam gedreht
würde. Dies mußte der Fall sein, weil durch die umgekehrte Bewegung
gleichzeitig die Richtung der induzierten Ströme umgekehrt wurde. In
der Tat bestätigte der Versuch diese Theorie, und es stellte sich
dabei heraus, daß in den feststehenden Elektromagneten einer passend
eingerichteten elektromagnetischen Maschine immer Magnetismus genug
zurückbleibt, um durch allmähliche Verstärkung des durch ihn erzeugten
Stromes bei umgekehrter Drehung die überraschendsten Wirkungen
hervorzubringen.

Es war dies die Entdeckung und erste Anwendung des allen
dynamo-elektrischen Maschinen zu Grunde liegenden dynamo-elektrischen
Prinzips. Die erste Aufgabe, welche dadurch praktisch gelöst wurde,
war die Konstruktion eines wirksamen elektrischen Zündapparates ohne
Stahlmagnete, und noch heute werden Zündapparate dieser Art allgemein
verwendet. Die Berliner Physiker, unter ihnen Magnus, Dove, Rieß, du
Bois-Reymond, waren äußerst überrascht, als ich ihnen im Dezember
1866 einen solchen Zünderinduktor vorführte und an ihm zeigte, daß
eine kleine elektromagnetische Maschine ohne Batterie und permanente
Magnete, die sich in einer Richtung ohne allen Kraftaufwand und in
jeder Geschwindigkeit drehen ließ, der entgegengesetzten Drehung einen
kaum zu überwindenden Widerstand darbot und dabei einen so starken
elektrischen Strom erzeugte, daß ihre Drahtwindungen sich schnell
erhitzten.“

Die Priorität der Siemensschen Erfindung ist bald nach ihrer
Bekanntgabe von verschiedenen Seiten bestritten worden. Die Engländer
Wheatstone und Varley nahmen für sich die Gleichzeitigkeit der Idee
in Anspruch. Immerhin hat Werner v. Siemens das dynamo-elektrische
Prinzip zuerst literarisch dargestellt, konstruktiv mit Hilfe des
sogenannten Doppel-T-Ankers ausgeführt, und ihm den Namen gegeben.
Sein Verdienst wird nicht geschmälert, wenn man selbst annimmt, daß er
etwas erfunden habe, was damals in dem Gang der wissenschaftlichen und
technischen Entwicklung logisch begründet und sozusagen in der Luft
lag. Dies zeigt im Gegenteil, daß seine Erfindung systematischer Arbeit
und folgerichtigem Denken, nicht einem Zufall ihr Dasein verdankt.
Richtig ist hingegen, daß Werner v. Siemens weder die Dynamomaschine
zu voller praktischer Brauchbarkeit entwickelt, noch den ganzen
Umfang ihrer industriellen Nutzungsmöglichkeit erkannt und mit der
sonst bei ihm gewohnten Energie zu verwirklichen gesucht hat. Sein
Gedanken- und Arbeitskreis war doch wohl zu sehr von den Problemen der
Schwachstromtechnik erfüllt, seine Kraft zu sehr von der lebenslangen
Beschäftigung mit ihr absorbiert, als daß er sich dem Neuland der
Starkstromtechnik hätte mit unverminderter Schaffensfähigkeit zuwenden
können. Dazu gehörte eine unverbrauchte Frische, eine Jugend mit
Zukunftsaugen, nicht der Rest eines mit Arbeit und Gedanken überfüllten
Lebens.

Die praktische Verwertbarkeit der Dynamomaschine wurde gefördert
durch die Einführung des sogenannten Pacinottischen Ringankers und des
Hefnerschen Wickelungssystems (Trommelanker), aber erst Gramme baute
im Jahre 1869 die erste wirklich gut funktionierende und industriell
brauchbare Dynamomaschine, die kontinuierlichen Gleichstrom erzeugte.
Werner v. Siemens hat selbstverständlich als der bedeutende Techniker
und der klare Kopf, der er war, erkannt, daß die neue Erfindung
eine große Tragweite besitze. An seinen Bruder Wilhelm schrieb er
schon im Jahre 1866: „Die Effekte der dynamo-elektrischen Maschine
müssen bei geeigneter Konstruktion kolossale werden. Die Sache ist
sehr ausbildungsfähig und kann eine neue Ära des Elektromagnetismus
anbahnen. Magnet-Elektrizität wird billig werden und kann nun zur
Lichterzeugung, für elektrochemische Zwecke, ja selbst wieder zum
Betriebe von kleinen elektromagnetischen Maschinen zum Vorteil
verwandt werden.“ -- Man sieht, das sind Worte, in denen die höchsten
Erwartungen und Hoffnungen sich widerspiegeln, aber es ist merkwürdig,
die Hand Werner v. Siemens war bei den Ausführungsmaßnahmen auf dem
neuen, als gewaltig erkannten Gebiet nicht mehr so sicher, fest
und glücklich wie früher, die Phantasie arbeitete nicht mehr so
hoffnungsfreudig und kühn, und die Durchführung wirkt sozusagen kleiner
als der Gedanke. Wenn Werner v. Siemens auch recht wohl erkannte, daß
die Erzeugung starker Gleichströme und großer Strommengen für die
Lichterzeugung von großer Bedeutung sein werde, so sah er doch auf
diesem Gebiete hauptsächlich nur die äußerlich pompöse Bogenlampe, die
in den 70er Jahren erfunden worden war, und für die Siemens & Halske in
der Hefner-Alteneckschen Differential-Lampe ein besonders gutes Modell
besaßen. Die unscheinbarere, aber für die elektrische Beleuchtung viel
wichtiger gewordene Glühlampe lehnte Siemens nicht gerade ab. Er ließ
sich, als Emil Rathenau mit genialem Blick die großartige Zukunft
dieser Lampe erkannt hatte und zu ihrer Einführung in Deutschland die
Unterstützung der damals maßgebenden deutschen elektrotechnischen Firma
nachsuchte, sogar ziemlich leicht von ihrem Wert überzeugen, aber seine
ganze Stellung zur Glühlampe war doch mehr passiv. Sie mußte ihm erst
plausibel gemacht, fast aufgedrängt werden. Er riß sie nicht an sich,
wie er vor 30 Jahren den Telegraphen an sich gerissen hatte. Auch von
der gewaltigen quantitativen Ausdehnungsfähigkeit der Dynamomaschine
machte er sich nicht das richtige Bild. Als Emil Rathenau, der in
den ersten Jahren seiner Tätigkeit für die Edison-Gesellschaft die
Maschinen vertragsgemäß bei Siemens & Halske bauen lassen mußte, von
Siemens bis dahin unerhört große Maschinentypen verlangte, sah ihn
der große Konstrukteur verwundert, und fast geringschätzig wie einen
überspannten Dilettanten an, und sagte ihm: „Gewiß, bauen kann ich
Ihnen solche Maschinen, aber gehen werden sie nicht.“ Emil Rathenau
ließ die Maschinen schließlich aber doch bauen, und sie gingen nicht
nur, sondern es gingen auch noch solche, neben denen sich seine ersten
heute als Zwerge ausnehmen würden. Emil Rathenau reichte als positiver
Techniker auch nicht entfernt an Werner v. Siemens heran, aber in
diesen Dingen und zu diesen Zeiten hatte er den größeren technischen
Weitblick.

Auch im Kaufmännischen ging Werner v. Siemens nicht ganz mit der
aufkommenden neuen Zeit mit, wenngleich ein Unternehmen, wie das von
Siemens & Halske naturgemäß genug innere Triebkraft und Elastizität
besaß, um seine Stellung -- allerdings hier und da nach einigem Zaudern
-- allen Methoden der Konkurrenz gegenüber zu verteidigen, und wo
es nottat, sich ihnen anzupassen. Einrosten ließ diese Firma ihren
Betrieb auch auf der Höhe der Entwicklung nicht, lebendig blieb ihr
Geschäft auch in der Folgezeit, aber das +Bahnbrechende+ ging doch
in mancher Hinsicht verloren. Das Kämpfen wurde nicht verlernt, aber
doch das Angreifen und Erobern. Die Zeiten, in denen Werner Siemens
nacheinander sechs Außenseiterlinien gegen den englischen Kabelring
aufbot, und immer eine neue Linie begann, wenn sich der Ring mit der
früheren verglichen hatte, wichen ruhigeren Perioden, in denen nicht
das Erringen des Besitzes, sondern seine Wahrung dem Ganzen den Stempel
aufdrückte. Das lag sozusagen an der zunehmenden „Klassizität“, in die
sich Werner v. Siemens hineinwuchs. Der Grundzug seines Wesens war
ja nie loderndes Temperament, heiße Flamme gewesen, wie sie manchmal
auch Grauköpfe noch zu Ausbrüchen, Überraschungen, Neuerungen bringen
mögen. Die ruhige Wärme, die gleichmäßige Kraft, die seiner ganzen
Natur eigen war, gaben seinem reifen Alter etwas Zurückhaltendes,
in sich Geschlossenes, manchmal Abweisendes. Eine gewisse --
wenigstens äußere -- Abkühlung war bei Menschen seines Schlages
mit den zunehmenden Jahren nicht zu vermeiden. Wir haben bereits
früher einmal gesagt, daß Werner v. Siemens in der Mitte zwischen
Wissenschaft und Technik stand und durch die eine die andere zu erobern
trachtete. In seinen späteren Jahren suchte er immer tiefer von dem
Technischen in das Wissenschaftliche vorzudringen, und wie ernst seine
Wissenschaftlichkeit nicht nur war, sondern auch von der Zunft und
ihren Königen genommen wurde, zeigt sich darin, daß Männer wie Magnus,
Dove, du Bois und Helmholtz ihm eng befreundet waren und ihn durchaus
als ihresgleichen betrachteten. Du Bois-Reymond sagte von ihm, daß er
nach Beanlagung und Neigung in weit höherem Maße der Wissenschaft als
der Technik angehöre und Werner Siemens war mit dieser Charakteristik
durchaus zufrieden. Er wurde philosophischer Ehrendoktor, Mitglied
der Akademie der Wissenschaften, und war als solches nicht nur
genötigt, sondern auch gern bereit, sich über Probleme der angewandten
technischen Wissenschaft hinaus, auch mit rein naturwissenschaftlichen
Untersuchungen und Arbeiten allgemeiner Art zu beschäftigen. Diese
Beschäftigung und dieser Umgang mußten auch auf die kaufmännische Seite
seiner Tätigkeit zurückwirken. Er wurde als Kaufmann sehr vornehm, und
als der alte Kaiser Wilhelm ihm durch die Ernennung zum Kommerzienrat
eine Ehre erweisen wollte, bemerkte er ablehnend zu dem Beauftragten
des Monarchen: „Premierleutnant, Dr. phil. honoris causa und
Kommerzienrat vertrügen sich nicht, das mache ja Leibschmerzen.“ -- Es
wäre indes völlig falsch, wenn man Werner Siemens, wie dies hier und da
geschehen ist, kaufmännische Talente und Neigungen absprechen wollte.
Er besaß sie in hohem Maße, wie sich schon in seiner ersten Periode der
technischen Erfindungen, für die er mit großer Geschäftsgewandtheit
noch als Offizier sofort die richtige kaufmännische Ausnutzung
zu finden wußte, hinlänglich gezeigt hat; wie noch stärker die
spätere meisterhafte Ausnutzung aller nationalen und internationalen
Kaufmannschancen bewies. Man vergleiche damit z. B. die Weltfremdheit,
mit der ein Gauß auf jede kommerzielle Verwertung seines Telegraphen
verzichtet hatte, man vergleiche damit auch moderne Erfinder, wie
Nernst, Röntgen, Ehrlich usw., die zwar -- im Zeitalter der technischen
Ausnutzung -- sehr wohl verstanden, Industrielle für ihre Entdeckungen
zu interessieren und Kapital aus ihnen zu schlagen, aber trotzdem
Gelehrte gewesen und geblieben sind. Werner Siemens war -- das kann
man auch seiner eigenen anders lautenden Ansicht gegenüber aufrecht
erhalten -- im Kerne seines Wesens vor allem nicht nur praktischer
Techniker, sondern auch praktischer Kaufmann. Er beherrschte nicht nur
die großen, sondern auch die kleinen kaufmännischen Mittel und konnte
nicht nur klug, sondern auch gerissen sein. Erst nachdem er sich in
diesen Richtungen so weit ausgelebt hatte, als es die Bedingungen
seiner Zeit und seine Veranlagung erlaubten, gab er der +dritten
Fähigkeit+ seiner reichen Natur freie Bahn, die vielleicht nicht
die innerste, aber doch die innerlichste seines Wesens war, in der
er am reinsten und klarsten zu einer Vertiefung und Sammlung seiner
Gedankenarbeit, zu einem einheitlichen, geschlossenen Wissensbild, zu
einer Klarheit über sich, die Wurzeln und Kräfte seiner Welt gelangen
konnte. Diese Verinnerlichung und Veredelung seines Wesens, die
gewiß nur wenig mit Akademikerstolz, mit geschmeichelter Eitelkeit
des wissenschaftlich Anerkannten zu tun hatte, ehrt den Menschen
Siemens gewiß; diese schließliche seelische Intensivierung ist
keine geringe ethische Leistung für einen von Hause aus praktisch
veranlagten Menschen, dessen Leben lange Zeit im Zeichen der äußersten,
vielgestaltigsten Expansion gestanden hatte. Dem industriellen Kaufmann
und seinem Unternehmen hat sie naturgemäß nicht in gleicher Weise zum
Vorteil gereicht.

Die Starkstromtechnik brachte bald das zu Wege, was in den Zeiten der
Schwachstromtechnik -- wenigstens in Deutschland -- nicht gelungen war.
Es entstand neben Siemens & Halske eine ganze Reihe von Unternehmungen,
die sich im industriellen Großbetrieb der Elektrotechnik zuwandten.
Auf dem Gebiete des Telegraphen und des Kabels hatten die Verhältnisse
so gelegen, daß zur Gründung von Betrieben, die den Bau von großen
Telegraphenlinien und Kabelverbindungen für fremde oder auch für
eigene Rechnung unternehmen wollten, umfangreiche Kapitalien und
eingehende Erfahrungen nötig waren. An solche Aufgaben traute man
sich in Deutschland, besonders angesichts des Vorsprungs, den Siemens
& Halske darin erworben hatten, nicht heran. Für die Herstellung von
Apparaten, Instrumenten und Materialien der Schwachstromindustrie
genügten aber kleinere Mechanikerbetriebe, die der großgewerblichen
Methoden entraten konnten, da es auf die feinmechanische Arbeit, nicht
auf die Maschinentechnik ankam. Dies wurde mit einem Schlage anders,
als die Starkstromtechnik auf dem Plane erschien. Dynamomaschinen,
elektrische Lampen usw. ließen sich nur in fabrikmäßigen Betrieben
herstellen. Hierzu waren aber weder -- wenigstens in der ersten Zeit
-- besonders große Kapitalien nötig, noch war die weit überlegene
Konkurrenz älterer Fabriken zu überwinden. Die Firma Siemens & Halske
mußte hier genau so von vorn anfangen, wie alle anderen Fabriken, und
es gab eine ganze Menge von Fachleuten, die in der Maschinentechnik
ebenso große, vielleicht noch größere Vorkenntnisse besaßen, als die
Ingenieure dieser Firma. Gegen Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre
entstanden infolgedessen mehrere elektrotechnische Fabriken, die sich
vornehmlich der Starkstromindustrie zuwandten. Von ihnen sind besonders
zu erwähnen die Elektrizitätsgesellschaft vorm. Schuckert und die
Deutschen Elektrizitätswerke Garbe, Lahmeyer & Co., die später in die
Kommanditges. und schließlich in die Elektrizitäts-Aktiengesellschaft
W. Lahmeyer & Co. überführt wurde. Ihre Entstehung hat mit der
Lichtelektrizität, die -- ihrerseits vorbereitet durch die Konstruktion
der Dynamomaschine -- wiederum eine Reihe weiterer Unternehmungen wie
die Deutsche Edison-Ges. (A. E. G.), die Helios-Elektrizitäts-Ges., die
Elektrizitäts-Akt.-Ges. Kummer ins Leben rief, noch nicht viel zu tun.
Jene Gründungen -- Schuckert und Lahmeyer -- beruhten hauptsächlich
auf der Fabrikation von Dynamomaschinen. Besonders die Entwicklung
der Schuckertschen Fabrik illustriert deutlich die Bedeutung, die die
praktische Ausgestaltung der Dynamomaschine für die geschäftlichen
Aussichten neuer Unternehmungen in der Elektrizitätsindustrie gehabt
hat.

Johann Sigmund Schuckert gehört zu den interessanteren Persönlichkeiten
der deutschen Elektrizitätsindustrie, und darum seien seinem
ungewöhnlichen Lebens- und Entwicklungsgang einige Worte gewidmet.
Schuckert hat keine Ingenieurbildung erhalten, sondern er stammte aus
ganz einfacher Mechanikerlaufbahn, und ist in dieser Hinsicht von allen
bekannten Persönlichkeiten der deutschen Elektrizitätsindustrie am
meisten Halske ähnlich. Während dieser aber alles, was er geworden ist,
seinem Sozius Siemens verdankte, dessen fortreißende Persönlichkeit den
für bescheidene Verhältnisse Geschaffenen über die ihm sonst gesetzten
Grenzen hinaushob, ohne ihn doch auf der erreichten Höhe heimisch
machen zu können, besaß Schuckert die +Energien des Auftriebs+
in sich selbst. In einer mechanischen Werkstätte seiner Vaterstadt
Nürnberg duldete es ihn nur gerade die drei Lehrjahre. Dann ging er
auf die Wanderschaft durch eine Reihe von größeren deutschen Städten.
In Berlin arbeitete er eine Zeitlang im Betriebe von Siemens & Halske.
Allmählich brachte er es bis zum Werkmeister, die Mußestunden, die ihm
seine Berufsarbeit ließ, zu seiner technischen Fortbildung benutzend.
Sein Wandertrieb führte ihn schließlich nach Amerika, wo er auch
bei Edison tätig war. Im Jahre 1873 kehrte er nach Nürnberg zurück,
wo er eine kleine Werkstätte errichtete und sich mit der Reparatur
von Nähmaschinen und der Herstellung von Instrumenten und Apparaten
beschäftigte, die er zum Teil selbst konstruierte oder verbesserte.
Seine Fabrikate verleugneten nicht den Fachmann, der die Elemente
der Feinmechanik nicht nur technisch, sondern auch handwerklich bis
ins Kleinste studiert hatte. Im Jahre 1875 baute er seine erste
Dynamomaschine, und die vorzüglichen Eigenschaften, die sie besaß,
schufen seinen Erzeugnissen Ruf, seinem Geschäft die Grundlage für den
Aufschwung. Auch die Bogenlampe und später die Glühlampe traten hinzu,
wodurch sich das Unternehmen allmählich zum größeren elektrotechnischen
Etablissement auswuchs, das in Alexander Wacker einen tüchtigen
Kaufmann fand, der die technische Arbeit Schuckerts so lange glücklich
ergänzte, als er sich nicht zu unbeherrschten Experimenten hinreißen
ließ.

In technischer und kaufmännischer Hinsicht richteten sich die
meisten der damals neugegründeten Firmen bis zum Beginn der 90er
Jahre noch immer nach dem +Vorbild+ von Siemens & Halske, die
damals ihren Vorrang noch unbestritten behaupteten. Sie begannen als
offene Handelsgesellschaften und sobald es galt, ihnen eine straffere
handelsrechtliche Form zu geben, bedienten sie sich der Rechtsnatur
der +Kommanditgesellschaft+, die auch Siemens & Halske (Inhaber
Werners Bruder Karl und Werners Söhne Arnold und Wilhelm) nach dem
im Jahre 1890 erfolgten Austritt Werner v. Siemens aus der Firma
gewählt hatten. Erst später, als die A. E. G. sich immer stärker mit
ihren neuen Geschäftsmethoden an die Seite von Siemens & Halske und
an dieser vorbei in den Vordergrund schob, wurde auch für die anderen
Unternehmungen der Elektrizitätsindustrie die +Aktiengesellschaft+
die gegebene Form, für die sich Emil Rathenau schon bei der Gründung
seiner Gesellschaft im Jahre 1883 ohne Zögern, und ohne an irgend
welche Vorbilder zu denken, entschieden hatte. Selbst Siemens &
Halske konnten schließlich nicht umhin, ihr Unternehmen auch in
dieser Hinsicht ihrer jüngeren Konkurrenz anzupassen und wandelten
im Jahre 1897 ihre Kommanditgesellschaft als letzte der großen
Elektrizitätsfirmen in eine Aktiengesellschaft um. Der Typ Rathenau
hatte endgültig gesiegt. Werner v. Siemens, der im Jahre 1892 gestorben
war, hatte diesen Umschwung allerdings nicht mehr erlebt. Ob er ihn
gebilligt hätte, ist schwer zu sagen. Noch im Jahre 1889, als er
seine Lebenserinnerungen schrieb, äußerte er sich über die Frage der
rechtlichen Form von gewerblichen Unternehmungen folgendermaßen:

    „Es führt mich dies auf die Frage, ob es überhaupt dem
    allgemeinen Interesse dienlich ist, daß sich in einem Staate
    große Geschäftshäuser bilden, die sich dauernd im Besitze der
    Familie des Begründers erhalten. Man könnte sagen, daß solche
    großen Häuser dem Emporkommen vieler kleineren Unternehmungen
    hinderlich sind und deshalb schädlich wirken. Es ist das gewiß in
    vielen Fällen auch zutreffend. Überall, wo der Handwerksbetrieb
    ausreicht, die Fabrikation exportfähig zu erhalten, wirken große
    konkurrierende Fabriken nachteilig. Überall dagegen, wo es sich
    um die Entwicklung neuer Industriezweige und um die Eröffnung des
    Weltmarktes für schon bestehende handelt, sind große zentralisierte
    Geschäftsorgane mit reichlicher Kapitalansammlung unentbehrlich.
    Solche Kapitalansammlungen lassen sich heutigen Tages für
    bestimmte Zwecke allerdings am leichtesten in der Form von
    Aktiengesellschaften herbeiführen, doch können diese fast immer nur
    reine Erwerbsgesellschaften sein, die schon statutenmäßig nur die
    Erzielung möglichst hohen Gewinnes im Auge haben dürfen. Sie eignen
    sich daher nur zur Ausbeutung von bereits vorhandenen, erprobten
    Arbeitsmethoden und Einrichtungen. Die Eröffnung neuer Wege ist
    dagegen fast immer mühevoll und mit großem Risiko verknüpft,
    erfordert auch einen größeren Schatz von Spezialkenntnissen und
    Erfahrungen, als er in den meist kurzlebigen und ihre Leitung
    oft wechselnden Aktiengesellschaften zu finden ist. Eine solche
    Ansammlung von Kapital, Kenntnissen und Erfahrungen kann sich nur
    in lange bestehenden, durch Erbschaft in der Familie bleibenden
    Geschäftshäusern bilden und erhalten. So wie die großen
    Handelshäuser des Mittelalters nicht nur Geldgewinnungsanstalten
    waren, sondern sich für berufen und verpflichtet hielten, durch
    Aufsuchung neuer Verkehrsobjekte und neuer Handelswege ihren
    Mitbürgern und ihrem Staate zu dienen, und wie dies Pflichtgefühl
    sich als Familientradition durch viele Generationen fortpflanzte,
    so sind heutigen Tages im angebrochenen naturwissenschaftlichen
    Zeitalter die großen technischen Geschäftshäuser berufen, ihre
    ganze Kraft dafür einzusetzen, daß die Industrie ihres Landes im
    großen Wettkampfe der zivilisierten Welt die leitende Spitze, oder
    wenigstens den ihr nach Natur und Lage ihres Landes zustehenden
    Platz einnimmt.“

Man sieht also, Werner v. Siemens fühlt das Bedürfnis, sich und
seinen Typus des großindustriellen Geschäftshauses noch nach zwei
Seiten hin zu verteidigen, einmal gegenüber dem von ihm überwundenen
+Handwerksbetrieb+, den er zur Zeit seiner Anfänge in Deutschland
noch als den herrschenden vorgefunden hatte, ferner gegenüber dem
Aktienbetrieb, der damals schon im Begriff war, seinen Typus zu
überwinden. Inzwischen hat sich gezeigt, daß die Nachteile, die er
den Aktiengesellschaften zuschreibt, nämlich die Notwendigkeit, hohe
Gewinne zu erzielen und +auszuschütten+, dieser Rechtsform
zwar anhaften können, aber nicht anzuhaften brauchen. Es gibt
Aktiengesellschaften, die Gewinne ebenso zurückzuhalten und im
Betriebe weiterarbeiten zu lassen verstehen, wie Privathäuser.
Man braucht gar nicht einmal an die Friedrich Krupp Akt.-Ges., an
die Thyssenschen, Hanielschen Unternehmungen und an viele andere
zu denken, deren Aktien sich in einer Hand oder in den Händen
einer geschlossenen Gruppe befinden. Wir wissen jetzt, daß auch
die eigentlichen Aktiengesellschaften, die nicht Privathäuser
in Aktiengesellschaftsform, sondern republikanische Gebilde mit
zersplittertem Aktienbesitz sind, die Nachteile, die ihnen Werner
v. Siemens zuschreibt, sehr wohl vermeiden und über das jeweilige
Aktionärinteresse hinaus bei zweckentsprechender Verwaltung eine solide
+Innenkultur+ treiben können. Diesen Beweis hat kein anderer
so glänzend erbracht, wie der zweite große technische Kaufmann der
deutschen Elektrizitätsindustrie: Emil Rathenau.



Fünftes Kapitel

Licht


Emil Rathenau benutzte, wie wir schon gehört haben, die Zeit
zwischen seinen beiden Arbeitsperioden viel zu Reisen, die teils
der Unterrichtung, teils der Erholung dienten. Auch der schwankende
Gesundheitszustand seines zweiten Sohnes Erich, der seit einer
schweren Erkältung, die er sich auf dem Eise zugezogen hatte, an einer
Herzkrankheit litt, veranlaßte die Familie, häufig Kurorte und Bäder
aufzusuchen. Es mag vielleicht nur ein eigenartiger +Zufall+ sein,
daß Emil Rathenau, ebenso wie er sich die entscheidenden Anregungen
für neue Phasen seiner beruflichen Tätigkeit auf Reisen holte -- in
England, von den Weltausstellungen in Philadelphia und Paris --,
auch die wichtigsten persönlichen Beziehungen auf Reisen anknüpfte.
Die Ausnutzung solcher Zufälle, in mancher Hinsicht möglicherweise
auch die geeignete Prädisposition für ihre Herbeiführung, ist aber
doch zweifellos von der „Reisestimmung“ begünstigt worden. Die
größere Freiheit und Leichtigkeit der veränderten Atmosphäre, die
Losgebundenheit von der latenten Trägheit, in die auch dieser Arbeiter
trotz aller in ihm wirkenden Energien des Gedankens und der Tat
ebenso wie andere Mitglieder seiner Familie gelegentlich verfallen
konnte, wenn sein Leben sich in gewohnten Gleisen ohne zwingende
Arbeitsnötigung hinspann, erfrischten und verjüngten ihn, hoben seine
Entschlußkraft und sein Selbstvertrauen. „Geistige Luftveränderung“
ist ihm stets sehr gut bekommen, so wenig auch für ihn ein dauernder
Ortswechsel denkbar war. Wir werden später sehen, daß Emil Rathenau
die finanzielle Beihilfe zur Gründung seiner Deutschen Edison
Gesellschaft einer zufälligen Begegnung in Bad Langenschwalbach
verdankte. Auch die Anknüpfung näherer Beziehungen zu Werner v.
Siemens, die so wichtig für ihn werden sollten, vollzog sich auf
einer Schweizer Reise. Kennen gelernt hatte Rathenau den Altmeister
der deutschen Elektrizität, wie wir schon berichteten, bereits lange
vorher, als er noch Besitzer der Maschinenfabrik Webers war. Am
Anfang der 70er Jahre hatte Emil Rathenau mit Siemens, Schwartzkopff
und anderen der kleinen Vereinigung Berliner Fabrikanten angehört,
die durch patriarchalische Wohlfahrtseinrichtungen, wie den Bau von
Arbeiterhäusern gehofft hatten, der jungen sozialdemokratischen
Bewegung den Wind aus den Segeln nehmen zu können. Die Bekanntschaft
war damals aber nur ziemlich oberflächlicher Art gewesen. Zwischen
dem berühmten technischen Industriellen und dem bescheidenen jungen
Fabrikbesitzer war es zu einem näheren Verkehr nicht gekommen.
Immerhin war die frühere Beziehung dazu hinreichend, daß sich Werner
v. Siemens des damaligen Vereinsgenossen erinnerte, als dieser auf der
Rückreise vom Engadin in Bad Alveneu mit ihm zusammentraf. Nach dem
Mittagessen entspann sich eine zunächst wohl konventionell einsetzende,
dann allmählich wärmer werdende Unterhaltung. Man erörterte die
Möglichkeiten des damals aufkommenden elektrischen Lichts. Rathenau,
der gerade über Zukunftsprobleme zündend zu sprechen wußte, beklagte
die Rückständigkeit Berlins in der elektrischen Beleuchtung gegenüber
Paris, wo die Avenue de l’opéra und die Place de la Concorde jeden
Abend im Glanz von Jablochkoff-Kerzen erstrahlten. Emil Rathenau,
der sich -- wie wir wissen -- vorübergehend selbst mit dem Plan, die
Jablochkoff-Patente für Deutschland zu erwerben, beschäftigt, die Idee
aber bald wieder fallen gelassen hatte, warf die Bemerkung hin, daß die
Leipziger Straße mit Hefner-Altenecks Differential-Lampen beleuchtet,
die französische Hauptstadt in Schatten stellen würde. Werner v.
Siemens gefiel die Anregung, vielleicht schmeichelte sie ihm auch nur,
und er lud Rathenau ein, in Berlin weiter darüber zu sprechen. Bei
seinem Besuch begleitete er Rathenau zur Tür des Chefkonstrukteurs,
mit dem Rathenau persönlich bekannt war, seitdem er für die erste
von Siemens & Halske konstruierte elektrische Scheinwerferanlage die
Dampfmaschine geliefert hatte. Hefner-Alteneck, der merkwürdigerweise
seiner eigenen Erfindung nur eine beschränkte praktische Entwickelung
zuzutrauen schien, fragte Rathenau skeptisch, ob ihm der Alte gesagt
hätte, wie er die Aufgabe zu lösen denke oder ob er selbst es wisse.
Ihm sei das Problem schleierhaft. Hefner-Alteneck dachte bei diesem
Ausspruch vielleicht noch mehr als an die technische Schwierigkeit der
Anlage an die schwer zu überwindende Konkurrenz der Gasbeleuchtung,
die bereits im Jahre 1880, bei einem Versuch, den Pariser Platz
mit Bogenlampen zu beleuchten, hervorgetreten war. Die probeweise
hergestellte Anlage war damals nicht zur Ausführung gekommen, weil
die Gasfachleute das neue elektrische Licht wirksam zu übertrumpfen
in der Lage gewesen waren. Mit etwas bitterer Selbstironie hatte
Hefner-Alteneck damals bemerkt, daß es zu den guten Eigenschaften des
elektrischen Lichtes gehörte, überall da, wo es sich auch nur von ferne
blicken lasse, zu einer mächtigen Gasbeleuchtung die Veranlassung
zu bieten. Daß der Gedanke Rathenaus, die Leipziger Straße mit
Differentiallampen zu beleuchten, übrigens doch nicht so ganz aus der
Welt lag, zeigte sich etwa 1½ Jahre später. Damals -- im Herbst
1882 -- führten Siemens & Halske nach einem kurzen Versuche mit einer
Glühlichtbeleuchtung in der Kochstraße eine Bogenlampenbeleuchtung
in der Leipziger Straße durch. Beide fanden aber keinen so rechten
Anklang beim Publikum. Das Glühlicht in der Kochstraße imponierte
infolge der noch unentwickelten Lampen, die sich mit ihrem roten Licht
kaum vom Gas unterschieden, nur wenig, das Bogenlicht in der Leipziger
Straße, das von 4 Deutzer Gasmaschinen zu je 12½ PS erzeugt wurde,
stellte sich, trotzdem mit der verwendeten Gasmenge die zehnfache
Lichtwirkung wie beim reinen Gaslicht erzielt wurde, sehr teuer, denn
die Lampenbrennstunde kam auf 38 Pfennige zu stehen. Rathenau, der die
Unvollkommenheit der Siemensschen Versuche nicht verkannte, sprach
damals die Überzeugung aus, daß trotz alledem der Sieg des elektrischen
Lichts in der Straßenbeleuchtung nicht ausbleiben werde.

Die Möglichkeit, mit Siemens & Halske an der elektrischen Beleuchtung
Berlins zu arbeiten, war jedenfalls nach jenem Besuch bei Werner
Siemens, der sich nur halbinteressiert gezeigt hatte, und bei
Hefner-Alteneck, der Rathenau -- zum Teil vielleicht aus einem
Konkurrenzgefühl heraus -- völlig abgewiesen hatte, vorerst erledigt.
Sie stellte für ihn aber nicht den einzigen oder auch nur den besten
Weg dar, auf dem er sich dem Gebiet der elektrischen Beleuchtung
nähern konnte. Dazu war er -- die große Zukunft der Lichtelektrizität
erkennend -- fest entschlossen. War es nicht die Differentiallampe,
die er Siemens gegenüber wohl nur vorgeschlagen hatte, weil er so am
schnellsten dessen mächtige Unterstützung zu finden hoffte, so war es
ein anderer Typus. Diesen fand er mit divinatorischer Sicherheit auf
der Pariser Elektrizitäts-Ausstellung im Jahre 1881, wo Thomas Alva
+Edison+ sich eben anschickte, sein neues Beleuchtungssystem, in
dessen Mittelpunkt als Hauptstück die +Kohlenfadenlampe+ stand,
der europäischen Öffentlichkeit vorzuführen.

Bevor wir uns der Edisonschen Erfindung und ihrer umwälzenden
Bedeutung für die Lichtelektrizität zuwenden, wollen wir einen kurzen
Rückblick auf die früheren Versuche auf dem Gebiete des elektrischen
Lichts werfen. Die erste -- allerdings nicht praktisch gewordene --
Verwendung der Elektrizität zur Erzeugung von Licht ist sehr früh
erfolgt, lange bevor der elektrische Telegraph, der doch mehr als ein
Menschenalter vor dem elektrischen Licht die Welt eroberte, entdeckt
worden war. Der berühmte englische Chemiker Humphry +Davy+
stellte im Jahre 1808, also nur 18 Jahre nach der Entdeckung Galvanis,
den fundamentalen, für seine eigene wissenschaftliche Leistung
allerdings nur nebensächlichen Versuch an, der unter dem Namen des
elektrischen Lichtbogens berühmt geworden ist und die Grundlage
für das Verfahren der Bogenlichterzeugung bildet. Davy hatte zwei
zugespitzte Kohlenstäbchen mit den Polen einer galvanischen Kette
verbunden, und beobachtete, daß zwischen den Spitzen eine leicht
gebogene Flamme entstand, wenn man die vorher in Berührung gebrachten
Kohlenspitzen vorsichtig auseinanderzog. Von da bis zur Anwendung der
Bogenlampe in der Praxis war aber ein weiter Weg. Solange man auf
Schwachstrom angewiesen war, kam man über vereinzelte Versuche nicht
hinaus, als gebräuchliches Beleuchtungssystem wollte die Bogenlampe
nicht Fuß fassen. Im Jahre 1846 wurde die Lampe, der „potenzierte
Mondschein“, wie man sie damals nannte, bei der Erstaufführung der
Meyerbeerschen Oper „Der Prophet“ in Paris als Bühnenbeleuchtung
benutzt. Als Straßenbeleuchtung erschien das neue Licht zu grell und
„augenschädlich“. Diese ungünstigen Eigenschaften verbunden mit einer
noch ziemlich starken Unzuverlässigkeit des Lichtes, ließen den Versuch
einer Straßenbeleuchtung, den Jacobi im Jahre 1850 in Petersburg
machte, scheitern. Dagegen erwies es sich gerade der genannten
Eigenschaften wegen als besonders geeignet für Leuchtturmlicht.
Und besonders nachdem der berühmte englische Elektro-Physiker
+Faraday+ zum wissenschaftlichen Berater der Korporation, die
die Instandhaltung des gesamten englischen Leuchtturmwesens zur
Aufgabe hatte, ernannt worden war, fand das Bogenlicht ausgedehnte
Anwendung bei Leuchttürmen. Dabei bediente sich Faraday aber als
Kraftquellen nicht mehr großer galvanischer Batterien, wie das bei
den früheren Versuchen (auch in St. Petersburg) geschehen war,
sondern von ihm hergestellter magnetelektrischer Maschinen, die nach
dem von Faraday entdeckten Prinzip der Induktion hergestellt worden
waren. Diese Maschinen, bei denen die induzierende Wirkung durch
die Kraft permanenter Stahlmagnete hervorgerufen wurde, arbeiteten
indes trotz ihrer Größe und im Verhältnis zu ihrer Größe wie ihren
Kosten sehr unökonomisch, so daß sich ihre Verwendung für Zwecke,
in denen andere, billigere Beleuchtungsarten zur Verfügung standen
und nicht besonders starke Einzellichter benötigt wurden, verbot.
Erst die Erfindung des dynamoelektrischen Prinzips, bei dem sich die
induzierenden Magnete und der erzeugte Strom gegenseitig verstärkten,
und die hieraus folgende schnelle Entwickelung immer vollkommenerer
Dynamomaschinen schufen hierin Wandel. Es schoß bald eine große
Anzahl von Bogenlampen-Konstruktionen aus dem Boden. Das ganze System
krankte aber noch an dem Nachteil, daß für jede Lampe eine besondere
Dynamomaschine als Kraftquelle benötigt wurde, was das Bogenlicht als
Beleuchtung dem aus zentralen Kraftquellen gespeisten Gas unterlegen
machte. Die erste Erfindung, nach der aus +einer+ Maschine mehrere
Stromkreise gespeist werden konnten, ging von Jablochkoff aus, von
dessen Lampen wir bereits mehrfach, unter anderem zum Beginn dieses
Kapitels gesprochen haben. Das Pariser Warenhaus „Louvre“ wurde zuerst
mit Jablochkoff-Kerzen erleuchtet, es folgten mehrere öffentliche
Plätze und Straßen in Paris, darunter die Avenue de l’opéra, deren
strahlendes Licht Emil Rathenau als Berliner Lokalpatriot in Gegensatz
zu der rückständigen Beleuchtung seiner Vaterstadt gestellt hatte.
Zur Krafterzeugung für diese eine kurze Straße waren damals noch
drei Zentralstationen notwendig. Kurze Zeit später, im Jahre 1878,
konstruierte Hefner-Alteneck die nach ihm benannte Differentiallampe,
deren Prinzip von Werner Siemens herrührt. Hier wurde derselbe Erfolg
der Speisung mehrerer Lampen aus einer Kraftquelle solider und
vollkommener erreicht als bei Jablochkoff, wobei die Differentiallampe
auch durch andere Verbesserungen, wie die Verwendung der sogenannten
Dochtkohlen, reineres Licht usw. ausgestaltet worden war. Dennoch
war man, wie wir gesehen haben, im Hause Siemens & Halske nicht so
wagemutig und unternehmend wie in Paris, was die Beleuchtung von
öffentlichen Straßen mit Bogenlampen anlangt. Werner Siemens stand
derartigen neuen Problemen passiver gegenüber als den Erfindungen
seiner Jugendzeit, und dem Konstrukteur Hefner-Alteneck fehlte
bei aller Tiefe und Gründlichkeit der technischen Anschauung doch
der Feuergeist und die Einbildungskraft des großen Erfinders. Man
beschränkte sich zunächst auf die Beleuchtung von Hallen, Innenräumen
usw. und der Gedanke der zentralen Kraftstation auch in der
primitivsten Form war den vorsichtigen Technikern der Firma Siemens &
Halske noch „schleierhaft“.

Die große Belebung sollte der Industrie des elektrischen Lichtes aber
nicht von der Bogenlampe, sondern von der +Glühlampe+ kommen.
Die Bogenlampe war bei ihrer großen Intensität und Lichtstärke nur
für die Beleuchtung von Straßen und großen Innenräumen zu verwenden,
nicht für die Erhellung von Wohnräumen. Ihr Licht brannte -- namentlich
in der ersten Zeit -- flackerig und unregelmäßig und sie sonderte
verhältnismäßig viel Kohlenruß ab.

Experimentelle Versuche mit der Glühlampe sind gleichfalls schon sehr
früh angestellt worden. Das Prinzip bestand darin, Kohlen oder Metalle
in luftleer gemachtem Raume so zu erhitzen, daß sie leuchteten, ohne
zu verbrennen. Als im Jahre 1859 C. G. Farmer in Newport sein Haus
mit 42 Platinfaden-Lampen beleuchtete, war dies nicht der erste, wohl
aber der erste größere Versuch dieser Art. Eine weitere Ausdehnung
der Erfindung scheiterte auch hier daran, daß große galvanische
Batterien, auf die man vorläufig als Kraftquellen angewiesen blieb,
sehr teuer herzustellen waren und trotzdem eine für praktische Zwecke
nur beschränkte Kraftmenge lieferten. Im Großen gelang erst Thomas Alva
+Edison+, dem Verbesserer des Mikrophons -- unter Benutzung von
Dynamomaschinen -- die Herstellung und Verwendung von Glühlampen. In
seinem Laboratorium zu Menlo-Park, einem Vorort von New York, begann
Edison im Jahre 1878, angeregt durch den Anblick der ersten Bogenlampe,
die er sah, und deren Mängel er bei aller Bewunderung sofort erkannte,
mit Hilfe eines Kreises von Assistenten und Schülern die systematische
Arbeit an der Glühlampe, die er trotz aller anfänglichen Fehlschläge
mit großer Zähigkeit fortsetzte. Es ist eigentümlich, daß Edison
seine ersten Versuche nicht mit Kohlenfäden, sondern mit Metallfäden
machte, zu denen ja die Glühlampenindustrie in neuerer Zeit schließlich
nach dem Umwege über die Kohlenfadenlampe wieder zurückgekehrt ist.
Damals mißglückten die 13 Monate lang fortgeführten Versuche mit
Platindrähten, mit Platin-Iridiumdrähten und anderen Metallen, weil es
nicht gelingen wollte, die Drähte bei genügender Erhitzung unschmelzbar
zu machen. Versuche, die Drähte mit Oxyden zu umwickeln, ließen eine
Lampe mit hoher Widerstandsfähigkeit entstehen, aber solche Lampen
erlitten bald Kurzschluß. Durch einen Zufall kam Edison auf die
Idee, Kohlenfäden zu benutzen. Das Experiment glückte mit verkohlten
Baumwollfäden, aber die Brenndauer der Lampe war noch nicht lang
genug. Es dauerte noch einige Zeit, ehe er den geeigneten Stoff zur
Herstellung der Kohlenfäden in den Bambusfasern gefunden hatte. Mit der
Erzeugung der Lampe, auf die Edison bald in Amerika und Europa Patente
nahm, war aber nur der Keim der neuen Beleuchtungsart gefunden. Für das
ihm im Januar 1880 erteilte amerikanische Patent auf die Glühlampe hat
Edison folgende Beschreibung seiner Erfindung geliefert:

    „Ich, Thomas Alva Edison, von Menlo Park, New-Jersey, Vereinigte
    Staaten von Amerika, habe eine Verbesserung an elektrischen Lampen
    und in der Methode der Fabrikation dieser Lampen erfunden, die ich
    im Folgenden einzeln beschreibe:

    Das Objekt dieser Erfindung ist die Herstellung elektrischer
    Lampen mit weißglühendem Licht, die einen so starken Widerstand
    leisten, daß sie die praktische Verteilung des elektrischen
    Lichtes gestatten. Die Erfindung beruht auf einem Licht spendenden
    Körper von verkohltem Draht, der dergestalt gedreht ist, daß er
    dem Durchgang des elektrischen Stromes hohen Widerstand leistet
    und gleichzeitig nur eine geringe Oberfläche für die Ausstrahlung
    darbietet. Die Erfindung besteht ferner in der Verwendung von
    Brennern von großer Widerstandskraft in einem nahezu vollkommenen
    Vakuum, die das Oxydieren und eine Beschädigung des Konduktors
    durch die Luft verhindern. Der so durch Platindrähte in die
    evakuierte Birne geleitete Strom wird im Glas verschlossen.
    Die Erfindung umfaßt ferner die Methode der Herstellung von
    Konduktoren aus Kohlenstoff von hoher Widerstandskraft, damit sie
    imstande sind, ein weißes Glühlicht zu liefern.

    Vordem hat man weißes Glühlicht von Kohlenstiften mit ein bis vier
    Ohm Widerstand erhalten und in verschlossenen Gefäßen gehabt,
    worin die Luft durch Gase ersetzt war, die sich chemisch nicht
    verbinden. Die Leitungsdrähte sind immer stark gewesen, so daß
    ihre Widerstandskraft manchmal geringer als jene des Brenners ist.
    Überhaupt waren die Versuche früherer Arbeiter darauf gerichtet,
    den Widerstand des Kohlenstifts zu vermindern. Die aus dieser
    Praxis erwachsenden Nachteile sind, daß eine Lampe mit nur ein
    bis vier Ohm Widerstand in großer Anzahl zu vielfachem Bogenlicht
    nicht ohne Verwendung von Konduktoren von enormen Dimensionen zu
    benutzen ist, sowie daß wegen des geringen Widerstands der Lampe,
    die Leitungsdrähte stark und die Konduktoren gut sein müssen, und
    eine Glaskugel nicht dicht gehalten werden kann, wo die Drähte
    eingeleitet und fest verbunden sind. Deshalb verzehrt sich der
    Kohlenstift, weil stets ein vollkommenes Vakuum vorhanden sein muß,
    um den Kohlenstift dauerhaft zu erhalten, besonders wenn dieser nur
    klein ist und hohen elektrischen Widerstand leistet.

    Die Verwendung von Gas in dem Empfänger führt bei dem Luftdruck,
    wiewohl dieser die Kohle nicht angreift, in kurzer Zeit zur
    Zerstörung, entweder durch das Ausfegen durch die Luft, oder durch
    die von dem rapiden Durchströmen des Gases über die nur lose
    verbundene, noch erhitzte Oberfläche der Kohle erzeugte Reibung.
    Die Methode habe ich umgestaltet. Ich habe gefunden, wie selbst ein
    gut verkohlter Baumwollfaden in einer verschlossenen Glasbirne,
    woraus die Luft bis auf ein Millionstel gepumpt ist, dem Durchgang
    des Stromes 100-500 Ohm Widerstand leistet, und daß er auch bei
    sehr hoher Temperatur durchaus aushält. Ferner, daß, wenn der
    Faden als Spirale gedreht und verkohlt ist, oder wenn die Fasern
    gewisser Pflanzen, die einen Rückstand von Kohle aufweisen, nach
    Erhitzung in einem geschlossenen Raum gedreht werden, sie bis zu
    2000 Ohm Widerstand leisten, ohne zur Ausstrahlung einer größeren
    Oberfläche als drei Sechzehntel eines Zolls zu bedürfen. Baumwoll-
    und Leinenfaden habe ich verkohlt probiert, Holzsplitter, auf
    verschiedene Weise gedrehte Papiere, auch Lampenruß, Graphit und
    Kohle in der verschiedensten Weise mit Teer gemischt und daraus
    Drähte von verschiedener Länge und Stärke gedreht.“

Mit der bloßen Konstruktion der Glühlampe begnügte sich indes ein
Mann der praktischen Ausnutzung wie Edison nicht. Er glaubte seine
Arbeit nicht eher beendigen zu können, als bis er ein bis ins Kleinste
durchkonstruiertes, alle Erfordernisse der praktischen Nutzbarkeit
berücksichtigendes Beleuchtungssystem fertiggestellt hatte. Die
Hauptstücke waren die Glühlampe und die nach damaligen Begriffen
riesige Stromerzeugungsmaschine (im Volksmund Jumbo genannt), ein
sogenannter „Schnelläufer“ von 150 PS. Die Verbindung zwischen beiden
hatte ein mit allen Finessen feinmechanischer Inspiration ausgedachtes
und ausgeführtes Netz von Apparaten zu schaffen. Emil Rathenau, der
das Ganze auf der Pariser Ausstellung sah, schilderte den Eindruck
folgendermaßen: „Edisons Beleuchtungssystem war bis in die Einzelheiten
so genial erdacht und sachkundig durchgearbeitet, daß man meinte,
es sei in unzähligen Städten jahrzehntelang erprobt gewesen. Weder
Fassungen, Umschalter, Schmelzsicherungen, Lampenträger noch andere
zur Installation gehörige Gegenstände fehlten, und die Stromerzeugung,
die Regulierung, die Leitungen mit ihren Abzweigen, Hausanschlüssen,
Elektrizitätsmessern usw. waren mit staunenswertem Verständnis und
unvergleichlichem Genie durchgebildet.“

Dem Eindruck, wie ihn Rathenau hier 27 Jahre nach dem auslösenden
Erlebnis schilderte, ist wohl, wie wir das schon in einem anderen Falle
feststellen zu können glaubten, ein gewisser Schuß retrospektiver
Phantasie beigemischt. So urteilte nicht der unmittelbar Erlebende,
sondern der Zurückschauende, der inzwischen eine lange Periode der
Entwickelung, Durchbildung und Vervollkommnung mit angesehen und
sein ganzes Leben und Tun mit ihr so identifiziert hatte, daß er die
Fähigkeit zur historischen Kritik vielleicht nicht mehr in vollem Maße
besaß. Gewiß, Rathenau, dem die Gabe in seltenem Maße zu eigen war,
eine Erfindung -- auch wenn sie nur in ihrer Urzelle vorlag -- mit
blitzschneller Prophetie bis zu ihrer höchsten Vollendung zu Ende zu
denken, hat in Paris in dem Edisonlicht mehr gesehen als alle anderen,
vielleicht sogar mehr als der Erfinder selbst. Er war überhaupt wohl
der einzige, der die +ganze+ Zukunftskraft der Erfindung erfaßte,
wie er denn auch derjenige gewesen ist, der am meisten zu ihrer
Ausbildung getan hat. Seine Tat war vom technischen Standpunkt aus
betrachtet keine primäre, sondern eine „zweithändige“, aber technisch
doch keine Epigonenleistung und praktisch direkt von schöpferischer
Prägung. Um dies zu verstehen, muß man sich vergegenwärtigen, daß
der +allgemeine+ Eindruck des Edisonlichts in Paris durchaus
nicht einhellig und mit dem Rathenaus identisch war. Es gab gewiß
genug Leute, die von der neuen Erfindung fasziniert waren, ohne doch
ihren ganzen Zukunftswert zu erfassen. Es gab auch wieder andere,
die kühl blieben und das Glühlicht -- ohne seinen praktischen Wert
ganz zu verneinen -- weit hinter das Bogenlicht stellten. Es fehlte
aber auch schließlich nicht an Fachleuten, die die ganze Geschichte
für Humbug, für eine Spielerei erklärten. So hielt ein namhafter
Techniker im Saal der Ausstellung einen wissenschaftlichen Vortrag,
in dem er die Edisonsche Erfindung mit Ironie abtat und am Schluß die
Behauptung aufstellte, daß in Paris eine Edisonsche Glühlichtanlage
zum ersten, aber wohl auch zum letzten Male im Betrieb gewesen sei.
Derartige Aussprüche können heute nur noch komisch wirken. Immerhin
war die Edison-Beleuchtung -- das sollte gerade Rathenau in den ersten
Jahren, als er sich praktisch mit Installationen befaßte, erfahren
-- keineswegs so vollkommen, wie er sie rückschauend geschildert
hat. Sie litt vielleicht nicht in der Anlage, wohl aber in der
Durchführung an großen Mängeln und Unvollkommenheiten. Edison ist
stets mehr ein genialer Experimentierer, ein origineller Erfinder,
als ein systematischer Forscher, ein exakter Konstrukteur gewesen.
Diesen Stempel trug auch seine Pariser Glühlichtanlage, und alles
was er in derselben Art bereits in Amerika gemacht hatte, deutlich
an der Stirn. Besonders die Maschinen waren nicht gut konstruiert,
und noch schlechter ausgeführt. Es war alles mehr empfunden, als
genau errechnet; die Maße der Spannungen und Belastungen usw.
waren in ziemlich primitiver empirischer Weise gewählt, sozusagen
nach dem Gefühl. Man hielt sich an eine Schablone, die man bei den
ersten Versuchen gefunden hatte und war zufrieden, wenn sie halbwegs
stimmte. Den Grundsatz „Probieren geht über Studieren“ hat auch die
Arbeit des Autodidakten Edison trotz ihrer genialen Faktur nicht
verleugnet. Gewiß leidet jede große Erfindung unter derartigen
anfänglichen Unvollkommenheiten der Ausführung und des Details, aber
es ist sehr fraglich, ob die damalige amerikanische Elektrotechnik
imstande gewesen wäre, sie so schnell zu beseitigen, wie dies Rathenau
später tat. Jedenfalls waren derartige Mängel in Paris vorhanden,
und während ein technisch-kritisches Genie wie Rathenau über diese
leicht zu beseitigenden Nebensächlichkeiten hinwegblickte und nur den
genialen Kern der Idee und den guten Grundzusammenhang der ganzen
Anlage sah, blieben kleinere Geister, weniger scharfe Augen an den
mangelhaften Äußerlichkeiten haften und erschöpften ihre Kritik an
ihnen. -- Trotzdem aber die Wirkung der Edisonschen Ausstellung
gerade in Fachkreisen keine einhellige war, ist selten der Eindruck
einer technischen Demonstration so nachhaltig gewesen, wie der des
Edison-Lichts in Paris.

Die Pariser Elektrizitätsausstellung vom Jahre 1881 erlangte für
das elektrische Glühlicht dieselbe epochemachende Bedeutung wie
die Pariser Weltausstellung von 1878 für das Bogenlicht. Die
französische Hauptstadt war damals das unbestrittene Zentrum der
modernen Elektrizitätsentwickelung, die gerade in ihr effektvollstes,
brillantestes Stadium, das der „Lichtwunder“ getreten war. Während
Frankreich in der früheren Geschichte der angewandten Elektrizität
keine besonders ausschlaggebende Rolle gespielt, in der Technik der
elektrischen Telegraphen, Kabel und Maschinen den Pionierländern
Amerika, England und Deutschland nur eben gefolgt war, riß es in der
Beleuchtungsfrage oder wenigstens in ihrer ersten praktischen Anwendung
(denn von den grundlegenden Erfindungen der Lichtelektrizität war
in Frankreich keine gemacht worden) die Führung an sich. Für diese
Erscheinung können zwei Gründe angeführt werden. Einmal war gerade der
französische Volkscharakter und der ihm anhaftende Ehrgeiz, in seiner
Hauptstadt Paris die erste Welt- und Fremdenstadt der Erde zu sehen,
besonders empfänglich für Wirkungen, wie sie das elektrische Licht als
großstädtischer Faktor ausüben mußte. Ferner war besonders die damalige
Zeit, in der sich die französische Republik von dem militärischen
und politischen Schlage des Krieges von 1870/71 zu erheben begann,
angefüllt mit leidenschaftlichen Bemühungen, das an Prestige auf
jenen Gebieten Verlorene durch wirtschaftliche und kulturelle Werke,
oder vielleicht besser durch wirtschaftliche und kulturelle Effekte
wettzumachen. Die Republik warb mit solchen Mitteln aufs neue um die
Bewunderung der Welt, die den Diplomaten und Soldaten des Kaiserreichs
durch den unglücklichen Krieg zu einem großen Teile verloren gegangen
war. Die Weltausstellung wurde hier in die moderne internationale
Form gegossen, in der sie die nächsten Jahrzehnte beherrschen sollte,
als ein Mittelding zwischen einer wissenschaftlichen, technischen
und gewerblichen Demonstrationsstätte und einem den Fremdenverkehr
anziehenden Sensations- und Amüsierbetrieb. Sie war hier nicht
so sehr der Ausdruck einer großen gewerblichen und technischen
Leistungsfähigkeit und Fortschrittlichkeit, deren überquellende innere
Kräfte nach äußerer Darstellung drängten, als die Bekundung eines
ehrgeizigen Glänzenwollens. Nicht die Befriedigung des Schaffens,
sondern der Drang nach Wirkung beherrschte diese Ausstellungen, und
gerade der Umstand, daß das eigene Schaffen der französischen Nation
damals nicht auf einer Höhe stand, die es gestattete, großartige
Ausstellungswirkungen hervorzurufen, ließ es notwendig erscheinen,
den +Welt+charakter der Ausstellungen in bisher nicht üblich
gewesener starker und wie man zugeben muß national vorurteilsloser
Weise zu betonen. Dieses Weltausstellungssystem ist im Laufe der
Jahre, als es jede mittlere Nation, jede mäßig interessante Stadt
nachzuahmen versuchte, allmählich zu Tode gehetzt worden und es verlor
an Zugkraft, je häufiger sich derartige Ausstellungen wiederholten.
Das Ungewöhnliche wird gewöhnlich, wenn es regelmäßig wiederkehrt und
dabei noch verkleinlicht wird. Die Welt stumpft gegen Sensationen ab,
die einander zu ähnlich sehen. Trotz dieser späteren Entwickelung und
trotz der zweifelhaften Motive, die den ersten Pariser Ausstellungen
zu Grunde lagen, darf ihr gewaltiger Wert für die Verbreitung und
Popularisierung technischer Fortschritte nicht verkannt werden. Gerade
auf dem Gebiete der elektrischen Lichtindustrie haben sie durch die
überzeugende, wirkungsvolle Darstellung, die sie einem ungewöhnlich
großen internationalen Kreis von den damaligen Errungenschaften
der Technik gaben, eine sehr beträchtliche Beschleunigung in der
praktischen Anwendung herbeigeführt. Die Vorführung des Edisonschen
Beleuchtungssystems wirkte an dieser Stelle mit ganz anderer
internationaler Anregungskraft, als wenn die Erfindung in irgend einer
amerikanischen Stadt mit nüchternem Nutzungszweck durchgeführt und ihre
internationale Propaganda in Europa nur durch Beschreibungen in Büchern
und Zeitungen vermittelt worden wäre.

Auf Naturen wie Emil Rathenau, deren Energien der Anregung durch
eine überzeugende Demonstration bedurften (ebenso wie er später
die Demonstration am gut gewählten Beispiel als das nachhaltigste
Wirkungsmittel auf andere erkannte und benutzte), waren die Eindrücke
in Paris derartig überwältigend, daß sie alles innere Schwanken, alle
Wahlnöte und Entschlußhemmungen mit einem Schlage beseitigten. Aus
dem reflektierenden Zauderer, der auf Enttäuschungen ebenso stark und
schnell reagiert hatte wie auf Hoffnungen, war mit einem Male der
sehnige, bestimmte Tatmensch geworden, der Rathenau, einmal in die
richtige Bahn gestellt, bis an sein Lebensende geblieben ist. Die
Fülle der Gesichte und Möglichkeiten war durch den Anblick des „Ziels“
gebändigt und vereinheitlicht. Das verwirrende Durcheinander der
gangbaren Wege war zur Straße geworden, deren Lauf mit Notwendigkeit
vorgeschrieben war. Rathenau glaubte, als er Edisons Beleuchtungssystem
zuerst sah, sich seiner ganzen Art nach im Sturm der neuen Aufgabe
bemächtigen zu können. Als nicht sofort festzustellen war, von
wem man die Patente und Nutzungsrechte erwerben könne, kabelte er
kurzentschlossen an Edison nach New York, er möge sich sofort auf das
Schiff setzen und in einer dringenden, für beide Teile außerordentlich
wichtigen Angelegenheit nach Europa kommen. Edison erklärte dies zur
Zeit für unmöglich und riet dem ihm unbekannten deutschen Ingenieur,
sich an seine Pariser Vertreter zu wenden. Wäre Rathenau der leicht
zu entflammende, aber von Schwierigkeiten schnell wieder abgekühlte
Stimmungsmensch gewesen, für den er damals vielfach gehalten wurde,
so hätte er bald die Büchse ins Korn geworfen. Aber es bildete die
erste große Probe auf den inneren Stahl, der in dem Charakter des
Mannes enthalten war, mit welcher Energie und Zähigkeit er aus dem
Labyrinth der Edisonschen Patent- und Rechtsverwirrnis die Verträge
herauszuzwingen verstand, die er für eine gesicherte Anwendung des
Edisonlichts in Deutschland haben zu müssen meinte.

Edison hatte zur Verwertung seiner Patente zunächst zwei Gesellschaften
gegründet. Die Edison Electric Light Company mit dem Sitz in New York
sollte die Patente für Amerika verwerten, eine Tochtergesellschaft
gleichen Namens in London sollte Europa bearbeiten. Sie veranstaltete
die erste elektrische Ausstellung im Crystal Palace und baute die
erste elektrische Zentralstation -- oder was man damals so bezeichnete
-- in Europa. Von ihr abgezweigt wurde wieder die +Compagnie
Continentale Edison+, der die Verwertung aller Edisonschen Patente
auf dem europäischen Kontinent übertragen wurde. Sie errichtete
wieder zwei Untergesellschaften, die Société électrique Edison, die
sich mit der Ausführung privater Beleuchtungsanlagen beschäftigte,
und als Fabrikationsunternehmen die Société industrielle commerciale
Edison, die in Ivry bei Paris Maschinen und Apparate herstellte. Die
Rechtsverhältnisse waren also reichlich kompliziert, was nicht so sehr
an der Vielheit der Gesellschaften, als an der unklaren Organisation
und Kompetenzverteilung zwischen ihnen lag. Auch Rathenau hat später
in seiner industriellen und finanztechnischen Praxis das System der
Dezentralisation und Verschachtelung mit Vorliebe angewandt, aber er
beherrschte doch dieses System derart, daß er jederzeit die Zügel in
der Hand behielt. Zwischen den von ihm gegründeten Unternehmungen
waren die rechtlichen Beziehungen und Aufgaben so klar geordnet und
verteilt, daß Zweifel niemals entstehen konnten, wie dies bei den
Edisonschen Gesellschaften damals und auch weiterhin noch der Fall war.
„Edison hatte,“ so erzählt Rathenau, „seine europäischen Interessen in
die Hände von Gesellschaften gelegt, deren Ideal zum wenigsten darin
bestand, die Welt mit einem Kulturwerk zu beglücken; und so gelang
es erst nach unsäglichen Schwierigkeiten, Verträge zu vereinbaren,
die das Fundament solider deutscher Gesellschaften bilden konnten.“
Nachdem die unberechtigten Ansprüche verschiedener Gesellschaften
abgewiesen bzw. abgefunden worden waren, wurde der grundlegende
Vertrag schließlich mit der +Compagnie Continentale Edison in
Paris+ abgeschlossen. Ähnlich wie in Frankreich sollte danach auch
für Deutschland eine Fabrikationsgesellschaft und eine zweite zur
Herstellung von Zentralstationen gegründet werden. So großzügig wie
die Sache geplant war, ließ sie sich allerdings zunächst noch nicht
verwirklichen. Während der Verhandlungen hatte sich der finanzielle
Himmel infolge einer von Paris ausgehenden Krisis umwölkt. Der etwas
gewaltsame Industrialismus, mit dem Frankreich über die Schlappe von
1870/71 hinwegzukommen hoffte, hatte zu einem Rückschlag geführt,
und die englische Elektrizitätskrise, die aus einer Überspannung im
Gründerwesen auf dem Gebiete der Kabeltelegraphie entstanden war,
trug dazu bei, daß man gerade Neugründungen auf dem Gebiete der
Elektrizitätsindustrie damals mit Zurückhaltung begegnete. Rathenau
ließ sich von dem einmal gewählten Wege auch durch dieses Hemmnis
nicht abbringen. Er suchte in Berlin in den maßgebenden Bankkreisen
Unterstützung für sein Projekt zu finden. Er besuchte Bleichröder
und andere führende Finanzgrößen. Ohne Erfolg. Die „Großen“ auf dem
Gebiete des Kapitals hielten sich kühl zurück. Schließlich lernte
Rathenau bei einem Besuch seiner Mutter in Bad Langenschwalbach
+Ludwig von Kaufmann+, den Schwiegersohn Jacob Landaus und
Mitinhaber des Bankhauses +Jacob Landau+ kennen. Es gelang ihm,
diesen für die Idee zu interessieren. Es war in verschiedenen Berliner
Unterredungen, die sich an dieses Langenschwalbacher Zusammentreffen
knüpften, vereinbart worden, ein Bankenkonsortium zu bilden, das die
neue Gesellschaft errichten und mit Geld ausstatten sollte. Infolge der
finanziellen Krise kamen die Verhandlungen zunächst ins Stocken. Das
Bankenkonsortium hatte die Geldmittel natürlich nur +vorstrecken+
wollen, und zwar angesichts seiner nicht sehr starken eigenen
Kapitalskraft, nur für kurze Zeit. Jahrelange Vorschüsse, wie sie
die finanziellen Trustunternehmungen gewährten, die Rathenau später
für derartige Zwecke gegründet hatte, konnten und wollten Rathenaus
Geldgeber dem Ingenieur, dessen Enthusiasmus die einzige Garantie
war, die er bieten konnte, nicht anvertrauen. Man hatte daher von
vornherein geplant, das zur Gründung erforderliche Geld sofort durch
Ausgabe der Aktien an das Publikum aufzubringen. Als dies unmöglich
wurde, verzichtete man auf die sofortige Ausführung des Planes.
Rathenau sorgte indessen dafür, daß die einmal angeknüpften Beziehungen
zwischen ihm und der Bankengruppe nicht völlig abgebrochen wurden. Er
komplizierte die Situation, schon damals sein leidenschaftlich vorwärts
drängendes Temperament durch realpolitische Erwägungen zügelnd,
nicht dadurch, daß er die Bedingung „Alles oder nichts“ stellte. Er
schlug ein Kompromiß vor, das den Mittelweg zwischen völliger Aufgabe
und unbestimmter Vertagung des Projekts darstellte. Es sollte eine
+Studiengesellschaft+ mit dem geringen Kapital von 250000 Mark
gegründet werden. Diese sollte die Arbeit unverzüglich aufnehmen
und Rathenau war überzeugt, daß sie den praktischen Wert der neuen
Beleuchtung einwandfrei dartun würde. Geschah dies aber, so war die
Gründung eines größeren Unternehmens später wesentlich leichter, als
wenn wiederum ganz neue Verhandlungen hätten angeknüpft und neue
Vorbedingungen hätten geschaffen werden müssen. Es war also auf diesem
Wege manches zu gewinnen, und wenig zu verlieren.

Die Studiengesellschaft trat denn auch bald auf Grund der deutschen
Edisonpatente ins Leben. Die drei Patentansprüche des ersten und
grundlegenden Patentes lauteten folgendermaßen:

1. Eine elektrische Lampe, die durch Weißglühen Licht gibt, und in der
Hauptsache aus Kohlefasern von großem Widerstand besteht, hergestellt
und mit den metallischen Drähten verbunden, wie beschrieben.

2. Ein Faden oder Streifen aus Kohlefasern, welche in solcher Weise
in Spiralform gewunden ist, daß nur ein Teil der Oberfläche dieses
Kohlenleiters (ca. 5 mm) Licht ausstrahlt.

3. Die Platindrähte wie beschrieben an dem Kohlenfaden zu befestigen
und das Ganze in einem geschlossenen Gefäß zu karbonisieren.

(Der Widerstand ist je nach der Menge des abgelagerten Lampenrusses
klein oder groß herstellbar.)

Die Studiengesellschaft verfolgte den doppelten Zweck, praktische
Erfahrungen für die Glühlampentechnik zu sammeln, und das Publikum
mit dem neuen Licht bekannt zu machen. Ein paar kleinere Anlagen
wurden für den Berliner Börsencourier und das Böhmische Brauhaus
geschaffen. Dann wandte man sich etwas größeren Aufgaben zu. Der
Unionklub in der Schadowstraße und die benachbarte Ressource von
1794 erteilten den Auftrag zur Ausführung von Musteranlagen. Die
Ressource veranstaltete zur Feier der gelungenen Beleuchtung ein
Bankett, das so etwas wie ein gesellschaftliches Ereignis für Berlin
darstellte. Gerade während Hugo Pringsheim in einer schwungvollen Rede
das neue Licht und den Schöpfer der Anlage, Emil Rathenau, feierte,
verdüsterte sich allmählich, wie Rathenau später ausplauderte, das
Licht und der diensthabende Ingenieur meldete mit schreckensbleichem
Gesicht, daß er die Anlage nicht halten könne. In der gehobenen
Festesstimmung bemerkte niemand das Verschwinden des Ehrengastes, der
im Gesellschaftsanzuge die persönliche Führung der Anlage bis zum
Morgen übernahm, und mit zwei Ingenieuren durch eifriges Kühlen der
Lager mit dem für die Sektkühler bestimmten Eis den Betrieb aufrecht
erhielt. Ein Verlöschen des Lichts an dieser sichtbaren Stelle wäre
ein harter Schlag für das Schicksal der elektrischen Beleuchtung
geworden und noch ein stärkerer für das Schicksal des in der Gründung
befindlichen Unternehmens, dessen Aktien in kurzer Zeit herausgebracht
werden sollten. Das Gelingen wirkte dagegen wie eine besonders wirksame
Propaganda. Weitere Privatanlagen entstanden bald in Berlin. Auch
eine Straßenbeleuchtung wurde versucht und zwar in der Wilhelmstraße
zwischen den Linden und der Leipzigerstraße. Die Wirkung war zumal bei
dem am Eröffnungstage herrschenden Schneefall eindrucksvoll. Trotzdem
ist das intimere Glühlicht in der Folgezeit bei Straßenbeleuchtungen
hinter dem lichtstarken Bogenlicht stets zurückgetreten. In München,
wo der Ingenieur Oscar von +Miller+ im Jahre 1882 die erste
deutsche Elektrizitätsausstellung veranstaltet hatte, von dem größten
Teil der Aussteller aber im Stich gelassen worden war, sprang die
Studiengesellschaft entschlossen ein. Sie übernahm fast die ganze
Versorgung des als Ausstellungsgebäude dienenden Kristallpalastes
mit Elektrizität. Unter ihren Vorführungen erregte besonders die
Beleuchtung eines zu diesem Zwecke errichteten kleinen Theaters, in
dem Balletts aufgeführt wurden, Bewunderung nicht nur beim Publikum,
sondern auch bei Fachleuten. Namentlich faszinierte sie den Intendanten
der Kgl. Schauspiele in München so, daß er sogleich einen Vertrag über
die Einrichtung der elektrischen Beleuchtung des Residenztheaters, der
kleineren der beiden Königlichen Bühnen Münchens, die zur Aufführung
von Schauspielen und Spielopern diente, abschloß. Die Grundlage dieses
Vertrages war, daß die Deutsche Edison Gesellschaft das ganze Risiko
des Gelingens oder Mißlingens auf sich nehmen mußte.

Oscar v. Miller hatte Rathenau die tatkräftige Hilfe bei der Rettung
der gefährdeten Ausstellung nicht vergessen. Rathenau hinwiederum
hatte in dem Münchener Ingenieur einen für die Sache der Elektrizität
begeisterten, durch Tatkraft und Wagemut ausgezeichneten Mann
gefunden, der ihm als Mitarbeiter bei seinem Unternehmen wie kein
anderer geeignet erschien. Er bewog ihn daher, in die Deutsche
Edison Gesellschaft als Mitdirektor einzutreten, als diese -- durch
die bisherigen technischen und propagandistischen Erfolge der
Studiengesellschaft gut vorbereitet -- am 19. April 1883 mit einem
Aktienkapital von 5 Millionen Mark gegründet und am 5. Mai desselben
Jahres in das Handelsregister eingetragen wurde. Das Bankenkonsortium,
das Emil Rathenau zwei Jahre vorher zusammengebracht hatte, hielt
ihm trotz mancher Zweifel und Meinungsverschiedenheiten, die sich
inzwischen eingestellt hatten, die Treue. Es war ihm sogar, als es an
die endgültige Konstituierung des Unternehmens ging, gelungen, eine
Erweiterung dieses Konsortiums herbeizuführen, das ursprünglich aus
den Firmen Jacob Landau in Berlin, Gebr. Sulzbach in Frankfurt a.
M. und der Nationalbank für Deutschland in Berlin bestanden hatte.
Einen Überblick über seine Mitglieder gibt der erste Aufsichtsrat der
Neuen Edison Gesellschaft, der sich aus folgenden Persönlichkeiten
zusammensetzte:

    Bankier Rudolph Sulzbach in Firma Gebrüder Sulzbach in Frankfurt a.
    M., Vorsitzender.

    Ludwig von Kaufmann, in Firma Jacob Landau in Berlin,
    Stellvertretender Vorsitzender.

    J. F. Bailey, Administrateur délegué der Compagnie Continentale
    Edison in Paris.

    Bankier Edmund Becker, in Firma Becker & Co. in Leipzig.

    Rechtsanwalt Robert Esser II in Köln.

    Kommerzienrat Paul Gaspard Friedenthal in Breslau, in Firma
    Breslauer Discontobank Friedenthal & Co.

    Stadtrichter Julius Friedenthal in Breslau, Direktor der Breslauer
    Wechslerbank.

    Bankier Moritz Guggenheimer, in Firma Guggenheimer & Co. in München.

    Bankier Hermann Köhler, Disponent der Firma Gebrüder Sulzbach in
    Frankfurt a. M.

    Konsul Dr. Kunheim, in Firma Kunheim & Co. in Berlin.

    Bankier Hugo Landau, in Firma Jacob Landau in Berlin.

    Assessor a. D. Dr. Hermann Löwenfeld, Direktor der Nationalbank für
    Deutschland in Berlin.

    Bankier Carl Schlesinger-Trier, in Firma C. Schlesinger, Trier &
    Co. in Berlin.

    Kommerzienrat Wilhelm Wolf in Berlin.

Es war also für ein Unternehmen von mäßigem Umfang ein ziemlich
mitgliederreiches Kollegium, das im ganzen 14 Köpfe umfaßte. Darin lag
insofern eine gewisse Absicht, als man einmal durch einen stattlichen
Aufsichtsrat mit Namen von gutem Klang eine gewisse werbende Wirkung
auf die Öffentlichkeit und die für eine Aktienbeteiligung in Betracht
kommende Kapitalistenwelt erzielen wollte. Ferner hielten es aber
auch die hauptsächlich beteiligten Bankfirmen Jacob Landau und Gebr.
Sulzbach für notwendig, sich im Aufsichtsrat doppelt vertreten zu
lassen, einmal um sich bei den Abstimmungen des Kollegiums den ihnen
gebührenden Einfluß zu sichern, andererseits aber auch, um eine
möglichst weitgehende Kontrolltätigkeit ausüben zu können. Da der große
Aufsichtsrat für eine intensive Beteiligung an den innergeschäftlichen
Dingen nicht geeignet war, zweigte man von ihm einen aus 5 Mitgliedern
bestehenden +Arbeitsausschuß+ ab, der die Aufgabe hatte, der
Direktion bei der Führung der Geschäfte zur Seite zu stehen und wohl
auch auf die Finger zu sehen. Man war wohl von der Lebenskräftigkeit
der Rathenauschen Idee durchaus überzeugt, man schätzte die Energie und
die Tüchtigkeit des Direktors auch sehr hoch ein, aber man hielt ihn
für zu schlau und zu eigenwillig, um sich ihm rückhaltlos anvertrauen
zu können. Es zeigte sich schon hier, und es hat sich in den ersten
Jahren der Edison Gesellschaft wiederholt gezeigt, daß das Genie Emil
Rathenaus mit dem Kritizismus und dem gelegentlichen Mißtrauen einer
kleingeistigen Umgebung manchmal recht schwer zu kämpfen hatte. Von
einem großzügigen Verständnis für seine aufs Ganze gerichtete Art und
seine hochfliegenden Pläne, das ihm später sein Aufsichtsrat stets
entgegenbrachte, war anfänglich noch wenig zu spüren. Man glaubte
ihn, in dem man noch immer etwas vom Projektemacher witterte, fest an
der Kandare halten zu müssen, und wenn er seinen Willen schließlich
auch stets zur Geltung zu bringen wußte, so genügte in den Zeiten,
in denen seine Autorität noch nicht über allen Zweifel gefestigt
war, doch häufig nicht sein einfaches Wort, um überall Vertrauen zu
finden, sondern es waren manchmal laute und stille Kämpfe nötig, zu
deren Durchführung es seiner ganzen Zähigkeit bedurfte. Zur Erledigung
der kaufmännischen Geschäfte, zum Teil wohl auch zur Überwachung
seiner Geschäftsleitung im inneren Betriebe war ihm als Helfer
Felix +Deutsch+, der bis dahin in dem der Firma Jacob Landau
nahestehenden Strontianitkonsortium und in deren Zuckerinteressen sich
bewährt hatte, beigegeben worden. Deutsch hat, ohne daß er darum je
nötig hatte, das Vertrauen seiner Auftraggeber zu enttäuschen, doch
vom ersten Augenblick an seine Aufgabe so aufgefaßt, daß er mit ihr
vornehmlich dem Unternehmen, in dessen Dienste er trat, förderlich
war und förderlich sein wollte. Er hat die überragende Bedeutung Emil
Rathenaus wie seine moralische Zuverlässigkeit keinen Augenblick
verkannt, hat sich redlich Mühe gegeben, einen Standpunkt zu gewinnen,
der dem des genialen Mannes ebenbürtig war und es ist ihm sowohl als
Helfer und Mitarbeiter Rathenaus, wie später auch schöpferisch in dem
ihm ziemlich selbständig überlassenen Kreis der Absatz-Organisation
gelungen, eine des Meisters würdige Arbeit zu leisten.



Sechstes Kapitel

Die Deutsche Edison Gesellschaft


Als die Deutsche Edison Gesellschaft gegründet wurde, verfügte sie
keineswegs über eine starke und gefestigte Position. Was ihr an
Kapitalmacht zur Seite stand, um ihr über die schwierigen Anfänge
hinwegzuhelfen, war trotz mancher gut angesehener Namen, die im
Bankenkonsortium vertreten waren, nicht eben hervorragend und geeignet,
die junge Gesellschaft gegen die Fährnisse der Konjunkturen und die
Bedrohungen durch eine übermächtige Konkurrenz sicherzustellen.
Von den damals führenden Großbanken war keine an der Gesellschaft
beteiligt. Die Nationalbank für Deutschland, die selbst erst im
Jahre 1881 gegründet worden war, verfügte über ein Kapital von 40
Millionen Mark, das aber nur zur Hälfte eingezahlt war, und hatte in
den folgenden Jahren mit eigenen Schwierigkeiten genug zu tun. Sie wie
auch die Breslauer Diskontobank, die gleichfalls in der Bankengruppe
vertreten war, stand unter Landauschem Einfluß. Diese Aktienbanken
waren also höchstens als Ableger des Bankierkonsortiums, nicht als
weitere unabhängige Finanzquellen zu betrachten und konnten einem
jungen industriellen Unternehmen jedenfalls keinen sonderlichen
Rückhalt geben. Viel Spielraum zum Experimentieren stand Emil Rathenau
also nicht zur Verfügung. Er mußte schnell vorwärtskommen und die
Tragfähigkeit seiner Schöpfung beweisen. In der II. Etage des Hauses
Leipziger Str. 94, in der Rathenau und Deutsch mit einem Buchhalter und
einer Schreibmaschine ihr Heim aufgeschlagen hatten, wurde denn auch
mit Hochdruck gearbeitet. Aber nicht nur zu arbeiten galt es, sondern
auch zu paktieren und zu diplomatisieren. Zuerst mußten die Verträge
mit der Pariser Edison Gruppe einer Revision unterzogen werden, denn
es hatte sich erwiesen, daß sie in der Form, wie sie im Jahre 1881
vereinbart worden waren, nicht aufrechterhalten werden konnten. Der
Plan, neben der Fabrikationsgesellschaft eine besondere Gesellschaft
für den Bau von Zentralen zu gründen, wurde fallen gelassen, da
Zweifel bestanden, ob eine solche in nächster Zeit auf genügende
Aufträge würde rechnen können. Man wollte nicht Kapital in einer
besonderen Gesellschaft festlegen, um es etwa nachher brach liegen
zu lassen. Es wurde vielmehr der Fabrikationsgesellschaft auch das
Baugeschäft übertragen; dafür wurde sie mit einem erhöhten Kapital von
5 Millionen Mark statt dem ursprünglich in Aussicht genommenen von 2
Millionen Mark ausgestattet. Durch diese Art der Finanzierung war ein
freieres Disponieren über die zur Verfügung stehenden Gesamtkapitalien
ermöglicht. Die französische Edison-Gesellschaft beteiligte sich mit
Aktienkapital nicht an dem deutschen Unternehmen. Dagegen erhielt
sie 1500 Genußscheine. Weitere 1000 Genußscheine wurden den ersten
Zeichnern des Aktienkapitals ausgefolgt. Die Inhaber der 2500
Genußscheine hatten Anspruch auf 35% des nach Zahlung einer Dividende
von 6% verbleibenden Gewinnüberschusses. Der mit der französischen
Gesellschaft abgeschlossene Vertrag, der in das Statut der Deutschen
Edison Gesellschaft aufgenommen wurde, hatte folgenden Wortlaut:

    +Rechtsverhältnisse zu der Compagnie
    Edison in Paris, sowie zu Herrn
    Thomas Alva Edison und der Edison
    Electric Light Company of Europe
    Lim. zu New York.+


§ 35.

Die Deutsche Edison Gesellschaft für angewandte Electricität erwirbt
von der Compagnie Continentale zu Paris mit Genehmigung des Herrn
Thomas Alva Edison und der Edison Electric Light Company of Europe lim.
zu New York, unter Anwendung des Art. 209 b des Allgemeinen Deutschen
Handelsgesetzbuches das Recht der gewerblichen Ausnützung der in § 3
bezeichneten Erfindungen des Herrn Edison und der vorgedachten Electric
Light Company und zwar für das gesamte deutsche Reichsgebiet als
ausschließliches Recht, insbesondere nachbezeichnete Befugnisse:

1. Das Recht, sämtliche zu den im § 3 dieses Statuts spezialisierten
(gleichviel ob patentierten oder nicht patentierten) Edisonschen
Verfahren gehörigen Maschinen zu fabrizieren oder auch in den
Werkstätten ausländischer Edisonscher Gesellschaften fabrizieren zu
lassen, während die Herstellung in sonstigen Fabriken, so lange die
Compagnie Continentale besteht, nur mit deren Genehmigung statthaft
ist; ferner die gedachten Objekte zu beziehen und zu verkaufen;

2. das Recht, Installationen für Beleuchtungs- und
Kraftübertragungszwecke einzurichten oder die hierauf bezüglichen
Befugnisse anderen einzuräumen;

3. das Recht, die ad I und II gedachten Gegenstände selbst zu benutzen,
sowie deren Benutzung Dritten zu gestatten.

Eine andere Gewähr, als die für die gegenwärtige Existenz der Patente
wird bezüglich derselben von Herrn Edison, der Edison Electric Light
Company und der Compagnie Continentale nicht übernommen.

Das Recht der Fabrikation (ad I) erstreckt sich auch auf die bei den
elektrischen Bahnen zur Verwendung kommenden Maschinen, Apparate,
Utensilien und Materialien, nicht aber auf die Anwendung derselben.

Die Gesellschaft ist hinsichtlich ihrer gewerblichen Tätigkeit (§ 3)
und hinsichtlich der ihr vorstehend eingeräumten Rechte nur beschränkt
durch diejenigen Rechte, welche der Firma Siemens & Halske in Berlin
laut der am 13. März 1883 zwischen dieser Firma einerseits und dem
Herrn Edison und der Edison Electric Light Company, der Compagnie
Continentale sowie sonstigen Konsorten andererseits abgeschlossenen
beiden Verträge eingeräumt sind, wogegen aber auch die Rechte, welche
in den gedachten Verträgen dem Herrn Edison, der Electric Light Company
und deren Rechtsnachfolgern zugestanden sind, auf die Deutsche Edison
Gesellschaft von selbst übergehen, sofern dieselbe spätestens innerhalb
4 Wochen nach ihrer Eintragung in das Handelsregister eine schriftliche
Annahmeerklärung zu Händen der Herren Siemens & Halske abgiebt.

Als Erwerbspreis für die vorstehend beschriebenen Rechte wird an die
Compagnie Continentale zu Paris die Summe von Dreihundertfünfzigtausend
Reichsmark bar aus dem Vermögen der Gesellschaft bezahlt. Es findet
aber eine Amortisierung dieser Summe in der Weise statt, daß die
Compagnie Continentale auf die ihr im folgenden § 41 zugebilligten
Prästationen so lange verzichtet, bis dieselben den Betrag von 350000
Reichsmark erreicht haben. In dem Maße, in welchem dieser Betrag aus
dem Geschäftsbetriebe der Gesellschaft aufkommt, fließt er den Aktivis
der letzteren zu, während der Erwerbspreis der dafür gemäß Vorstehendem
erworbenen Rechte immer nur mit dem entsprechenden Minderbetrage in die
Bilanz eingestellt werden darf, bis er spätestens bei Erreichung der
vollen Summe aus den Aktivis gänzlich verschwindet.

Neben den vorstehend gedachten 350000 Reichsmark gelten auch diejenigen
Vermögensvorteile, welche der Compagnie Continentale sonst in dem
gegenwärtigen Statut eingeräumt worden sind (vergl. §§ 12 und 41), als
Äquivalente für die gemäß dem Vorstehendem und § 36 erworbenen Rechte.

Der Wert der von Herrn Edison, der Edison Electric Light Company und
der Compagnie Continentale gemäß diesem Statut (§§ 35, 36) eingeräumten
Rechte wird hiermit auf den mehrgedachten Betrag von 350000 Reichsmark
und die in vorstehendem Alinea bezeichneten Äquivalente festgesetzt.


§ 36.

Die Compagnie Continentale in Paris verpflichtet sich, der Gesellschaft
und zwar dieser ausschließlich alle einschlägigen patentierten und
nicht patentierten Erfindungen, Verbesserungen und Erfahrungen,
welche dem Herrn Edison, der Edison Electric Light Company, oder ihr
selbst für elektrische Beleuchtungen und Kraftübertragung bereits zu
Gebote stehen oder in deren Besitz Herr Edison, die Electric Light
Company oder sie selbst bis zum 15. November 1886 noch gelangen wird,
für Deutschland im ganzen Umfange der im § 35 erwähnten Verfahren
mitzuteilen, und sie in ihrem Geschäftsbetriebe für Deutschland auf
jede Art dergestalt zu unterstützen, daß sie in der Lage ist, die
Fabrikation in dem nämlichen Grade der technischen Vollkommenheit
auszuführen wie die Compagnie Continentale selbst.

Insbesondere soll die Pariser Gesellschaft verpflichtet sein, der
Gesellschaft auf deren Kosten geeignete Instrukteure zu stellen. Die
Deutsche Edison Gesellschaft ist in allen diesen Beziehungen zur
Reziprozität verpflichtet.


§ 37.

Sobald die Gesellschaft in das Gesellschaftsregister eingetragen ist,
erhält dieselbe von der Compagnie Continentale diejenigen Vollmachten
des Herrn Edison und der Light Company zu New York ausgehändigt, deren
dieselbe zur Führung etwaiger, wegen Verletzung der durch diesen
Vertrag auf sie zu übertragenden Rechte erforderlichen gerichtlichen
und außergerichtlichen Maßnahmen bedürfen wird.

Dem Herrn Edison und der Light Company wird hiermit das ihnen laut
ihres Vertrages mit der Compagnie Continentale vom 15. November 1881
gewährleistete Recht, sich an allen wegen unbefugter Nachahmung
der von ihnen patentierten Erfindungen zu führenden Prozessen
akzessorisch zu beteiligen, sowie an jedem anderen Rechtsstreit und
Verwaltungsverfahren, welcher auf Antrag der Lizenzberechtigten in Gang
gebracht werden sollte, ausdrücklich reserviert.


§ 38.

Die Deutsche Edison Gesellschaft übernimmt ihrerseits die
Verpflichtung, für den Schutz der in Rede stehenden Edison-Patente
auf ihre Kosten Sorge zu tragen, und von jeder zu ihrer Kenntnis
gelangenden Verletzung der einschlägigen Patentrechte der Compagnie
Continentale in Paris unverzüglich Mitteilung zu machen. Ist zur
Inschutznahme der gedachten Patente ein prozessualisches Einschreiten
erforderlich, so dürfen Vergleiche hierüber nur mit Genehmigung der
Compagnie Continentale abgeschlossen werden.


§ 39.

Die Compagnie Continentale ist verpflichtet, der Gesellschaft an
deren Sitz unter der Bedingung der Gegenseitigkeit das erforderliche
Aktenmaterial zu dem im § 37 gedachten Zweck jederzeit zur Verfügung zu
stellen.


§ 40.

Für den Fall der Auflösung der Gesellschaft, insbesondere für den Fall
der Liquidation fallen die derselben übertragenen Patentrechte, soweit
sie sich zu jener Zeit noch in Kraft befinden sollten, an die Compagnie
Continentale zu Paris unentgeltlich zurück.


§ 41.

Außer den in dem § 12 bestimmten Vorteilen, welche die Gesellschaft
der Compagnie Continentale eingeräumt hat, ist dieselbe verpflichtet,
an die Compagnie Continentale in Paris halbjährlich nach Abschluß der
Gesellschafts-Rechnungen folgende Prästationen, zahlbar an die Kasse
der letzteren, zu entrichten:

a) für jede durch die Deutsche Edison Gesellschaft oder deren
Lizenzberechtigte oder durch die Firma Siemens & Halske auf Grund des
im § 35 erwähnten Vertrages in Benutzung genommene oder verkaufte
Lampe, unabhängig von der Lichtstärke derselben 16⅔% des jeweiligen
Selbstkostenpreises, zu welchem die Deutsche Edison Gesellschaft ihre
Lampen fabriziert oder bei einer auswärtigen Edison Gesellschaft
entnehmen wird, keinesfalls aber mehr als 25 Pfennige pro Stück; von
dieser Abgabe sind jedoch diejenigen Lampen befreit, welche die Firma
Siemens & Halske gemäß dem vorgedachten Vertrage, sowie die Deutsche
Edison Gesellschaft selbst im Bereiche ihrer eigenen Geschäfts- und
Fabrikationsräume verwenden wird;

b) eine Abgabe für jede von der Deutschen Edison Gesellschaft oder
von der Firma Siemens & Halske auf Grund des mehrgedachten Vertrages
innerhalb des Deutschen Reiches ausgeführte Glühlampenbeleuchtung;
diese Abgabe wird entrichtet für jede in solchen Glühlampen tatsächlich
verbrauchte Maschinen-Pferdekraft gleich 75 Kilogrammeter per Sekunde.
Die Feststellung dieser in Lampen verbrauchten Pferdekraft hat nach
dem elektrischen Maßsystem zu erfolgen; für die ersten 50 hiernach bei
einer Anlage in Rechnung kommenden Pferdekräfte beläuft sich die Abgabe
auf 12½ Mark pro Pferdekraft, für jede weitere Pferdekraft auf 16
Mark; für außerordentliche Anlagen, die vorübergehend eingerichtet
werden, wird diese Abgabe nicht entrichtet. Bei Anlagen gemischter
(Glüh- und Bogenlicht-)Beleuchtung wird diese Abgabe nur für die in
den Glühlichtlampen verbrauchten Pferdekräfte bezahlt. Die Abgaben
werden fällig für die von der Gesellschaft selbst in Benutzung
genommenen resp. verkauften Lampen und Dynamomaschinen mit Ende des
jeweilig laufenden Semesters, für die von der Firma Siemens & Halske
auf Grund des mehrgedachten Vertrages, sowie von etwaigen Lizentiaten
der Gesellschaft benutzten oder verkauften Lampen und Maschinen
jedesmal alsbald nach Eingang. Die Deutsche Edison Gesellschaft wird
der Compagnie Continentale zu Paris allmonatlich eine Liste der
ihrerseits sowie seitens ihrer Lizentiaten oder der Herren Siemens &
Halske in Deutschland veräußerten zur Glühlichtbeleuchtung verwendbaren
Stromerzeugungs-Maschinen unter Angabe der näheren Details zufertigen.

Von jeder in Glühlicht verbrauchten Maschinen-Pferdekraft und von jeder
Lampe ist jedoch diese Angabe nur einmal zu leisten.


§ 42.

Solange und in so weit die Gesellschaft nicht in der Lage sein wird,
die zur Anwendung des Edisonschen Glühlichtsystems nötigen Maschinen,
Apparate, Utensilien und Materialien bezw. Teile derselben selbst
zu fabrizieren oder durch die Firma Siemens & Halske fabrizieren zu
lassen, jedoch nicht länger als auf die Dauer eines Jahres, hat die
Compagnie Continentale in Paris die zur Anwendung der einschlägigen
Edisonschen Verfahren nötigen Maschinen, Apparate, Utensilien und
Materialien zum Selbstkostenpreise an die Gesellschaft zu liefern.

Eine Ausnahme hiervon bilden die Lampen, welche der Deutschen
Gesellschaft zu demselben Preise wie der Compagnie Continentale und
der Société électrique zu Paris frei an Bord des Dampfers in New York
geliefert werden.


§ 43.

Die Compagnie Continentale verpflichtet sich, der Deutsches Edison
Gesellschaft die zur Errichtung von Installationen oder auch
Zentralstationen erforderlichen Hilfskräfte, insbesondere das
technische Personal, auf Kosten der letzteren zur Verfügung zu stellen.


§ 44.

Die Compagnie Continentale wird die Gebühren für die in §§ 3 und 36
erwähnten Patente jedesmal rechtzeitig vor Verfall an das Deutsche
Reichs-Patentamt entrichten und die Belege darüber der Deutschen Edison
Gesellschaft spätestens einen Monat vor Ablauf der letzten Frist
zustellen.


§ 45.

Die Compagnie Continentale in Paris hat das Recht, zwei ständige
Kommissarien zur Wahrnehmung ihrer Befugnisse und Interessen der
Gesellschaft gegenüber zu bestellen.

Diese Kommissarien partizipieren als solche, wenn sie nicht schon
Mitglieder des Aufsichtsrats sind, an der Tantieme des letzteren und
es stehen ihnen, soweit es sich um die Wahrung der Vertragsrechte
der Compagnie Continentale handelt, sämtliche den Mitgliedern
des Aufsichtsrats in diesem Statut eingeräumten Revisions- und
Kontroll-Befugnisse zu.


§ 46.

Die Bestimmungen dieses Titels können ohne Genehmigung der Compagnie
Continentale in Paris nicht geändert werden.

                           *               *
                                   *

Ein Vertreter der Compagnie Continentale Edison in Paris trat in den
Aufsichtsrat der Deutschen Edison Gesellschaft ein. Daneben wurden
noch zwei Kommissare der französischen Gesellschaft bestellt, die die
Geschäftstätigkeit des neuen Unternehmens unter dem Gesichtspunkte der
Interessenwahrnehmung der Compagnie Continentale zu überwachen hatten.
Es waren Herr Louis Rau, administrateur délégué de C. C. E. in Paris
und der deutsche Rechtsanwalt und Notar A. Simson in Berlin.

Abgesehen von der juristischen Auseinandersetzung mit Edison und den
von ihm gegründeten Gesellschaften war aber noch eine schwierigere mit
der deutschen Konkurrenz zu bewerkstelligen. Insbesondere erschien es
nicht als ratsam, die Tätigkeit ohne Übereinkommen mit der stärksten
Konkurrenzfirma +Siemens & Halske+ zu beginnen, umsomehr, als
die Edisonpatente nicht mehr als unerschütterlich gelten konnten.
Es hätten Versuche gemacht werden können, Glühlampen von ähnlicher
Beschaffenheit und Güte unter Umgehung der Edisonschen Patente
herzustellen und solche Versuche sind auch, je erfolgreicher das neue
Licht sich bewährte, und je mehr es sich beim Publikum einführte,
in großer Zahl unternommen worden. Wenigstens die leistungsfähigste
Elektrizitätsfirma Deutschlands galt es von einem derartigen Vorgehen
zurückzuhalten. In einem der ersten Geschäftsberichte der Deutschen
Edison Gesellschaft wird von der illegitimen Konkurrenz gesprochen
und ihre Erzeugnisse werden als „billig und schlecht“ bezeichnet.
Infolge dieser Eigenschaften waren sie vielleicht nicht allzusehr zu
fürchten. Etwas ganz anderes wäre es aber gewesen, wenn die Firma
Siemens & Halske mit ihren reichen technischen Mitteln und ihren
großen Erfahrungen in der elektrischen Feinmechanik an die Aufgabe,
eine Konkurrenzlampe herzustellen, herangegangen wäre. Dies galt es zu
verhindern, und so wurde, noch bevor die Deutsche Edison Gesellschaft
sich endgültig konstituierte, gleichsam als eine der Vorbedingungen
für ihre rechtliche und wirtschaftliche Lebensfähigkeit ein umfassender
Vertrag mit der Firma Siemens & Halske abgeschlossen, an dem Edison,
die europäischen Edisongesellschaften, das Gründungskonsortium der
Deutschen Edison Gesellschaft und die Rechtsnachfolger Edisons, unter
denen insbesondere die zu gründende Deutsche Edison Gesellschaft
namhaft gemacht wurde, als Vertragsgenossen teilnahmen. Nach dem
Vertrage verpflichteten sich Siemens & Halske, die Edison-Patente
nicht anzufechten und zu stören, sondern im Gegenteil alles zu
tun, um ihre Aufrechterhaltung zu fördern. Ein damals schwebender
Prozeß zwischen Edison und Siemens & Halske, bei dem es sich um eine
angebliche Verletzung der Siemensschen Dynamomaschinen-Patente durch
Edison handelte, wurde bei dieser Gelegenheit durch Vergleich aus der
Welt geschafft. Rathenau entschloß sich nicht leicht zu dem Pakt mit
der älteren Konkurrenzfirma, zumal er damals wie auch später noch die
Empfindung hatte, daß trotz der geschriebenen Verträge eine wirkliche
Harmonie, ein ehrliches Vertrauensverhältnis schwer herzustellen sein
würde. Aber es blieb ihm tatsächlich kein anderer Ausweg und das
Bankenkonsortium forderte wenigstens nach dieser Seite hin gesicherte
Verhältnisse. Ein Streit mit der Firma Siemens & Halske hätte für
das junge Unternehmen, gleich wie er auch juristisch und tatsächlich
schließlich ausgelaufen wäre, doch sicher jahrelange Kämpfe und
Unruhen mit sich gebracht und wäre jedenfalls die denkbar schlechteste
Beigabe für die zielbewußte Arbeit der ersten entscheidenden Jahre
gewesen. So kam denn der rechtlich durch die eigenartige Stellung der
vielen Kontrahenten zueinander sehr verwickelte Vertrag zustande,
der 10 Jahre lang in Geltung bleiben sollte. Die Deutsche Edison
Gesellschaft übernahm von Siemens & Halske mit der Edison Gruppe
geschlossene Patentausnutzungs-Verträge in der Weise, daß Siemens &
Halske ihre Abgaben nicht an die ausländischen Edison Gesellschaften,
sondern an die Deutsche Edison Gesellschaft abzuführen hatten,
während diese die Hälfte der ihr so zugeflossenen Beträge ebenso wie
ihre eigenen Abgaben an die Pariser Gesellschaft weitergeben mußte.
Wirtschaftlich erhielt also die Firma Siemens & Halske die Stellung
einer Unter-Lizenznehmerin der Deutschen Edison Gesellschaft, wenn sie
auch rechtlich direkte Lizenznehmerin der ausländischen Edisongruppe
blieb. -- Natürlich war für Rathenau diese „Einrangierung“ der Firma
Siemens & Halske in sein deutsches Glühlampenmonopol nicht ohne
Zugeständnisse an das alte Elektrizitätshaus zu erreichen gewesen.
Die Übertragung der Siemensschen Verträge mit der Pariser Gruppe auf
die Deutsche Edison Gesellschaft war nur die +eine+ Seite des
Vertragskomplexes zwischen den beiden Gruppen. Ein zweiter Teil bestand
darin, daß Siemens & Halske im Verhältnis der Vertragsgenossen das
alleinige Recht erhielten, Maschinen, Apparate und Materialien für
Beleuchtungsanlagen nach dem System Edison herzustellen, die sie zu
Meistbegünstigungspreisen an die Deutsche Edison Gesellschaft liefern
und die diese von Siemens & Halske beziehen mußte. Glühlampen und
Zubehör durften beide Gesellschaften selbst herstellen. Hinsichtlich
ihres Bezuges von Dampf- und Hilfsmaschinen war die Deutsche Edison
Gesellschaft nicht auf den Bezug von S. & H. angewiesen. Was
Bogenlampen anlangt, so sollte die Deutsche Edison Gesellschaft
die nach dem System von S. & H. gebauten verwenden müssen, sofern
nicht Edison eine eigene Lampe erfinden und exploitieren würde.
Als Gegenleistung für diese Zugeständnisse verpflichtete sich die
Firma Siemens & Halske, keine elektrischen Anlagen zu gewerblichen
Zwecken (sogenannte Zentralstationen) zu betreiben. Die vertraglichen
Abmachungen, die einer +Teilung+ der +Fabrikations- und
Interessengebiete+ auf dem Gebiete der elektrischen Beleuchtung
zwischen beiden Unternehmungen gleichkamen, wurden dadurch bekräftigt,
daß die Firma Siemens & Halske der jüngeren Gesellschaft, die für die
Propagierung des Edisonlichts eine weitverzweigte und leistungsfähige
Absatzorganisation benötigte, ihre eigenen Vertreter in allen Teilen
des Deutschen Reiches für diese Zwecke zur Verfügung stellte. --
Der für die Entwickelung der Deutschen Edison Gesellschaft so
wichtig gewordene Hauptvertrag mit Siemens & Halske soll nachstehend
gleichfalls in seinen wesentlichsten Bestimmungen wörtlich
wiedergegeben werden.


§ 3.

Die Firma Siemens & Halske verpflichtet sich für die Dauer des
gegenwärtigen Vertrages, die dem Herrn Edison bezw. der Light-Company
für das Deutsche Reich erteilten, die elektrische Glühlicht-Beleuchtung
betreffenden Patente weder mit dem Antrag auf Nichtigkeits-Erklärung
noch sonst anzufechten; sie ist im Gegenteil gehalten, tunlichst
dahin mitzuwirken, daß diese Patente in ihren wesentlichen Teilen
aufrechterhalten und hinsichtlich ihrer gesetzlichen Wirkung allseitig
beachtet bleiben.

Dagegen räumen Herr Edison, die Light-Company, die Continentale und das
Konsortium hierdurch der Firma Siemens & Halske für das Deutsche Reich
auf die Dauer des gegenwärtigen Vertrages das Recht ein, den Gegenstand
der durch die vorbezeichneten Glühlicht-Patente geschützten Erfindungen
uneingeschränkt gewerbsmäßig herzustellen, herstellen zu lassen, in
Verkehr zu bringen und feilzuhalten. Die Kontrahenten zu 2. bis 7.
entsagen demgemäß für sich und ihre Rechtsnachfolger dem Recht, selbst
oder durch ihre Agenten oder sonstigen Vertreter der vorbeschriebenen
Ausnutzung der Glühlicht-Patente von Seiten der Herren Siemens &
Halske, sei es im Rechtswege, sei es in irgend einer anderen Weise ein
Hindernis entgegenzusetzen, während die letzteren als Entgelt hierfür,
sowie für die weiteren ihnen in diesem Vertrage von dem anderen Teile
eingeräumten Vorteile die Verbindlichkeit übernehmen, nach näherer
Maßgabe der §§ 4 und 6 eine Abgabe

    a) für die Verwendung der Glühlicht-Lampen und ihrer akzessorischen
    Teile zur Beleuchtung,

    b) für die Veräußerung solcher Lampen

zu entrichten.


§ 4.

..... Diese Abgabe wird entrichtet für jede in den Glühlampen
tatsächlich verbrauchte Pferdekraft (= 75 Kilogrammeter per 1 Sekunde).
Die Feststellung dieser in den Lampen verbrauchten Pferdekraft hat nach
dem elektrischen Maß-System zu erfolgen. Es wird vorbehalten, künftig
eine möglichst einfache und sichere Art der Erhebung dieser Abgabe zu
vereinbaren. Für die ersten fünfzig hiernach bei einer Anlage überhaupt
in Rechnung kommenden Pferdekräfte beläuft sich die Abgabe auf 25.--
Mark pro Pferdekraft, für jede weitere Pferdekraft auf 32.-- Mark. Für
außerordentliche Anlagen, die vorübergehend eingerichtet werden, wird
diese Abgabe nicht entrichtet.

..... Von Stromerzeugungsmaschinen, welche die Herren Siemens & Halske
veräußern, ohne selbst oder durch ihre Agenten oder Monteure die
Installation auszuführen, haben sie eine Abgabe nicht zu entrichten.


§ 5.

Die Herren Siemens & Halske entsagen für die Dauer des gegenwärtigen
Vertrages dem Recht, permanente Anlagen mit dem gewerblichen
Zweck der Abgabe von Licht gegen Bezahlung des Licht-Verbrauchs
zu betreiben. Dieser Verzicht umfaßt unbedingt jede Anlage, aus
welcher jedermann Licht beziehen kann, betrifft indessen nicht
den Betrieb solcher Anlagen, bei welchen das Eigentum der Anlagen
innerhalb eines Zeitraumes von längstens 6 Jahren auf den resp. die
Licht-Konsumenten übergeht, auch wenn solche bis zum Eigentumsübergang
als Lichtlieferungsanstalten angesehen werden könnten, und ferner nicht
den Betrieb solcher Anlagen, welche nur dem Zweck der in § 4 erwähnten
vorübergehenden Beleuchtungen dienen.


§ 6.

Auf jede Glühlampe, welche die Herren Siemens & Halske im Deutschen
Reich anwenden oder zum Zweck der Anwendung im Deutschen Reich
veräußern, ausschließlich jedoch aller derjenigen Lampen, welche
sie von Herrn Edison oder dessen Rechtsnachfolgern beziehen, und
ausschließlich derjenigen, welche sie im Bereich ihrer eigenen
Fabrikations- und Geschäftsräume verwenden, werden die Herren Siemens
& Halske -- in besonderer Anerkennung der Verdienste des Herrn Edison
in der Erfindung und Durchführung der Glühlicht-Lampe -- an diesen
beziehungsweise an den von ihm jeweilig als empfangsberechtigt
bezeichneten Rechtsnachfolger eine Abgabe entrichten. Die dieser
Abgabe unterliegenden Lampen werden von den Herren Siemens & Halske
bei der Fabrikation durch ein besonderes Merkmal kenntlich gemacht
werden. Ein ähnliches Merkmal wird auch seitens der künftigen Deutschen
Edison Gesellschaft bei den von ihr in Deutschland in Verkehr
gebrachten Lampen angewendet werden. Die Abgabe wird unabhängig von
der Lichtstärke der Lampen festgesetzt auf 33⅓% (dreiunddreißig ein
Drittel Prozent) des jeweiligen Selbstkostenpreises, zu welchem die
Lampen in der Fabrik der Light-Company zu New York resp. in derjenigen
Fabrik, der die künftige Deutsche Edison Gesellschaft die Mehrzahl
ihrer Lampen entnimmt, hergestellt werden und welchen Herr Edison bezw.
seine Rechtsnachfolger halbjährig nach Semestral-Abschluß der Bücher
den Herren Siemens & Halske mitteilen werden. Die Abgabe pro Lampe
darf indessen in keinem Falle den Betrag von 50 Pf. (fünfzig Pfennig)
übersteigen.

Das Minimum des Preises, zu welchem Herr Edison und seine
Rechtsnachfolger die Glühlampen in Deutschland verkaufen dürfen,
soll der jeweilige Selbstkostenpreis der Fabrik der Light-Company
zu New York oder derjenigen Fabrik, der die künftige Deutsche
Edison-Gesellschaft die Mehrzahl ihrer Lampen entnimmt, unter
Zurechnung eines Gewinnaufschlages von 33⅓% sein, auch wenn und wo
ein Rabatt gewährt wird. Die so festgesetzte untere Preisgrenze ist für
die Herren Siemens & Halske gleichfalls verbindlich.


§ 7.

Die Abgabe (§ 6) wird nicht gezahlt für alle Glühlampen, welche die
Herren Siemens & Halske von Herrn Edison beziehungsweise der ins Leben
zu rufenden Deutschen Aktien-Gesellschaft (§ 1) oder seinen sonstigen
Rechtsnachfolgern erwerben.

Im Geschäftsverkehr zwischen diesen und den Herren Siemens & Halske
werden den letzteren vielmehr, unbeschadet etwaiger künftiger
Verständigung über weitergehende Vergünstigungen, mit Rücksicht auf die
vertragsmäßigen Gegenleistungen der Herren Siemens & Halske folgende
Vorzugs-Verkaufspreise zugesichert:

    a) Auf Glühlampen bis zu 16 Kerzenstärken erhalten die Herren
    Siemens & Halske einen Rabatt von 25% (fünfundzwanzig Prozent) des
    Preiskourant-Satzes, mindestens aber einen Rabatt, der den irgend
    einem anderen Abnehmer in Deutschland gewährten um wenigstens 10%
    des Preiskourant-Satzes übersteigt.

    b) Wird der Preiskourant-Satz der vorbezeichneten Lampen für
    Deutschland loko Berlin unter 4 Mark herabgesetzt, so erhalten
    die Herren Siemens & Halske die Lampe zu einem Preise, der um
    mindestens 5% niedriger ist, als der irgend einem anderen Abnehmer
    in Deutschland bewilligte. Stellt sich der so normierte Preis
    höher als der nach Litt. a) von einem Preis von 4 Mark oder mehr
    berechnete, so sind die Herren Siemens & Halske berechtigt, die
    Lieferung zu diesem letzteren Preise zu fordern.

    c) Auf Glühlampen von mehr als 16 Kerzenstärken erhalten die Herren
    Siemens & Halske auf den Preiskourant-Satz einen Rabatt, welcher
    den irgend einem anderen deutschen Abnehmer gewährten um wenigstens
    5% des Preiskourant-Satzes übersteigt.

Die Herren Siemens & Halske sind befugt, selbstverfertigte oder
von Dritten bezogene Lampen -- unter Einhaltung der in § 6 am
Ende gezogenen unteren Preisgrenze -- zu einem ihnen beliebigen
Preise zu verkaufen, während sie die von Herrn Edison bezw. dessen
Rechtsnachfolgern, das heißt ohne Leistung einer Abgabe bezogenen
Lampen nicht unter dem Edisonschen Preiskourant-Satz und nicht mit
einem höheren, als dem auf diesen Edisonschen Preiskourantsatz Dritten
gewährten Rabatt weiter veräußern dürfen.


§ 8.

Herr Edison und die Kontrahenten zu 3. bis 7. entsagen mit Rücksicht
auf die vertragsmäßigen Gegenleistungen der Herren Siemens & Halske
für sich und alle ihre Rechtsnachfolger in der Ausnutzung der
Edison-Patente, zu Gunsten der Herren Siemens & Halske, dem Rechte,
Maschinen, Apparate und Materialien anzufertigen, welche bei ihren
Anlagen in Deutschland für elektrische Beleuchtung zur Verwendung
kommen.

Ausgenommen von vorstehender Entsagung bleiben:

    a) Glühlampen,
    b) sockets (Lampenhalter),
    c) safety-catches (Sicherheitsausschalter),
    d) commutators (Umschalter),
    e) alle solche Gegenstände, welche die Herren Siemens & Halske
       selbst, nachdem sie solche eingekauft, ohne Bearbeitung weiter
       verkaufen würden, als blanke Drähte, Porzellan-Isolatoren und
       dergl.,
    f) Dampfmaschinen oder sonstige Motoren, Dampfkessel und Hilfsmittel
       für Betriebskraft,
    g) Kandelaber und Befestigungsteile für die Anbringung der Lampen.

In der Anschaffung und Anfertigung ihres Bedarfs an Gegenständen der
Kategorien zu a) bis g) sind Herr Edison und seine Rechtsnachfolger
nicht beschränkt. Dagegen verpflichten sie sich, gleichfalls aus der
oben gedachten Rücksicht, alle sonstigen nachstehend unter 1. bis 4.
einschließlich aufgeführten Gegenstände unter folgenden Modalitäten
ausschließlich von den Herren Siemens & Halske fabrizieren zu lassen
und zu beziehen, und zwar:

    1. Stromerzeugungs-Maschinen nach Edisonschen Modellen, welche
    die Herren Siemens & Halske zu fabrizieren und zu Preisen
    zu liefern haben, die für innerhalb Berlin zur Installation
    gelangende Maschinen unverpackt franko Ausstellungsort in Berlin,
    für andere Maschinen einschließlich der Verpackung und franko
    Bahnhof Berlin die Ausgangspreise nicht übersteigen, zu denen die
    Société industrielle et commerciale Edison in Paris die gleichen
    Typen jeweilig franko Bahnhof Paris einschließlich der Verpackung
    abgibt. Für die innerhalb des ersten Fabrikationsjahres, von
    dem Zeitpunkte ab gerechnet, mit welchem die Verpflichtung der
    Herren Siemens & Halske zur Fabrikation beginnt oder zu welchem
    tatsächlich Bestellungen erfolgt und akzeptiert sind, ausgeführten
    Lieferungen darf jedoch der Preis der Herren Siemens & Halske den
    vorbeschriebenen Pariser Preis um 5% übersteigen;

    2. Conductoren Edisonscher Spezialkonstruktion, boites de jonction
    und T-Stücke, sowie alle übrigen hier nicht besonders aufgeführten,
    zu dem Edisonschen Leitungssysteme gehörenden Gegenstände, welche
    die Herren Siemens & Halske verpackt loko Berlin Bahnhof bezw.
    unverpackt loko Berlin franko Aufstellungsort zu Preisen zu
    liefern haben, die denjenigen Preis nicht übersteigen, zu welchem
    die Société industrielle et commerciale Edison in Paris diese
    Gegenstände inklusive Verpackung franko Pariser Bahnhof abgibt.

    3. Kabel zur Glühlicht-Beleuchtung und Bogenlicht-Beleuchtung, die
    Spezial-Konstruktionen der Firma Siemens & Halske sind, welche die
    Herren Siemens & Halske zu liefern und loko Fabrik ausschließlich
    der Verpackung mit einem Rabatt zu berechnen haben, der den irgend
    einem anderen deutschen Abnehmer in derselben Rechnungsperiode
    gewährten Rabatt um 5% des Lieferungspreises übersteigt.

    4. Leitungsdrähte für die Installation im Innern der Gebäude,
    welche Herr Edison und seine Rechtsnachfolger gleichfalls
    vorzugsweise von den Herren Siemens & Halske beziehen sollen,
    sofern und solange diese Firma jene Gegenstände unter den
    gleichen Bedingungen, insbesondere in gleicher Qualität, zu dem
    nämlichen oder einem geringeren Preise und innerhalb der gleichen
    Lieferungszeiten liefert, als zu welchen dieselben loko Berlin von
    einem anderen Lieferanten bezogen werden können.

..... Die Verpflichtung der Herren Siemens & Halske, Maschinen etc.
unter obigen Bedingungen zu liefern, beginnt sechs Monate nach
Vollziehung dieser Vertrages.

..... Im Fall die Herren Siemens & Halske eine Kündigung des Vertrages
ausgesprochen haben, werden Herr Edison und seine Rechtsnachfolger --
in besonderer Anerkennung der Verdienste des Herrn Dr. Werner Siemens
und der von ihm geleiteten Firma in der Erfindung und Durchführung der
Dynamo-Maschine -- für die Dauer des gegenwärtigen Vertrages von jeder
solchergestalt in ihren eigenen Werkstätten angefertigten Maschine
an die Herren Siemens & Halske eine Abgabe entrichten. Diese Abgabe
wird festgesetzt auf 5% (fünf Prozent) desjenigen Preises, welcher
den Herren Siemens & Halske für eine stromerzeugende Maschine der
betreffenden Type zuletzt tatsächlich gezahlt ist, bezw. -- bei neuen
Typen -- nach dem Obigen (siehe Nr. 1 etc.) zu zahlen sein würde.


§ 11.

Herr Edison und seine Rechtsnachfolger entsagen mit Rücksicht auf
die vertragsmäßigen Gegenleistungen der Herren Siemens & Halske
für Deutschland dem Recht, bei Bogenlicht-Beleuchtungen irgend
ein anderes System als dasjenige der Herren Siemens & Halske oder
ein von Herrn Edison selbst erfundenes zu exploitieren und den zu
Bogenlicht-Beleuchtungen gebrauchten Zubehör aus einer anderen
Bezugsquelle als von den Herren Siemens & Halske zu entnehmen,
unbeschadet der im § 8 bestimmten Ausnahmen. Nur Kohlenstäbe fallen
nicht unter diese Vereinbarung (§ 9 in fin.).

                           *               *
                                   *

Das Abkommen zwischen der Deutschen Edison Gesellschaft und Siemens
& Halske hatte für beide Teile seine Vorteile und Nachteile. Für
die ältere Firma, deren weitverzweigter Geschäftskreis dadurch nur
in einem, überdies ziemlich weit an der Peripherie gelegenen Teile
berührt wurde, hatte es zunächst mehr die Bedeutung eines Ausgleichs
über ein neues, den alten Geschäftsstamm ergänzendes Zukunftsgebiet,
keineswegs die Tragweite einer Teilung bisherigen Alleinbesitzes
mit einem neu hinzukommenden Konkurrenten. So wurde es wenigstens
damals von den Leitern der Firma S. & H. aufgefaßt. Auf diesem neuen
Gebiete, dem der Lichtelektrizität, sicherte man sich das Recht, die
beste damals vorhandene Glühlampe zu produzieren. Die der Deutschen
Edison Gesellschaft gegenüber höhere Lizenzgebühr nahm man in den
Kauf, glaubte diesen Nachteil aber dadurch hinlänglich ausgeglichen zu
haben, daß man das ausschließliche Recht, Maschinen und Materialien
für Beleuchtungszwecke nach dem Edisonschen System herzustellen und
dazu einen bedeutenden Pflichtabnehmer für diese Fabrikate sowie
für die eigene Bogenlampenkonstruktion gewann. Der Verzicht auf die
sogenannten „Konzessionen“, das heißt das Recht, Zentralstationen zur
Erzeugung und gewerblichen Abgabe von Lichtstrom für eigene Rechnung
zu errichten, fiel der Firma Siemens & Halske damals nicht schwer.
Sie hielt diesen Zentralenbau in eigener Regie für etwas Unsolides,
mit dem Odium der Gründerei Behaftetes und hätte -- wenigstens zu
jener Zeit -- wohl auch ohne diese Bindung nicht an die Errichtung
solcher Stationen gedacht. Der ganze Vertrag war für die Firma insofern
wertvoll, als er ihr die Möglichkeit bot, die neue Konkurrenz, deren
Kapitals- und Industriekraft ihr gewiß nicht ebenbürtig war, deren
Unternehmungslust aber sehr groß und lebhaft zu sein schien, auf ein
Sondergebiet, das der Glühlampenbeleuchtung, zu beschränken. Für
die Deutsche Edison Gesellschaft waren manche der einschränkenden
Bedingungen -- darüber war sich Emil Rathenau schon damals nicht im
Unklaren -- hemmend, wenngleich nicht so sehr für die nächste Zeit, die
auf dem gewählten Sondergebiet vorerst mehr als genug Arbeit bot, als
für die weitere Entwickelung. Dafür erwarb die junge Gesellschaft aber
ein Rechtsmonopol für Glühlampen Edisonschen Systems in Deutschland,
schaltete die stärkste Konkurrenz auf dem wichtigen Zentralenbaugebiet
aus und hatte die Gewähr, diejenigen Hilfsanlagen, die sie selbst
nicht herstellen durfte, von der leistungsfähigsten Fabrikationsfirma
zu günstigen Preisen geliefert zu erhalten. Schließlich war die enge
Geschäftsverbindung mit dem großen Hause Siemens & Halske für den
geschäftlichen Ruf eines neu gegründeten Unternehmens an sich, ganz
unabhängig von dem Inhalt der Verträge, wertvoll genug. Sie hob es über
die Fährnisse und Unsicherheiten der Vertrauensfrage Abnehmern und
Aktionären gegenüber mit einem Schlage soweit hinaus, wie dies sonst
nur durch jahrelange gute Leistungen und Erträgnisse möglich gewesen
wäre, und gab ihm von vornherein den Rahmen der Ernsthaftigkeit und
industriellen Bedeutung. Eine Gesellschaft, die Siemens & Halske eines
Interessenteilungs-Vertrages für würdig hielten, mußte -- so wird man
sich damals gesagt haben -- doch eine ernsthafte Grundlage besitzen,
und der „Vertrag mit Siemens, der Rathenau an Händen und Füßen
fesselte“ -- so drückte sich ein bekannter Finanzmann aus -- „war für
das junge Unternehmen nichtsdestoweniger ein Glück, weil es eben ein
Vertrag mit Siemens war.“

Nach Erledigung dieser rechtlichen und vertraglichen
Grundkonstruktionen konnte sich die neue Verwaltung mit Intensität
ihrer industriellen Arbeit widmen. Dabei war sie sich durchaus der
Tatsache bewußt, daß das neue Beleuchtungssystem in seiner praktischen
Anwendung und Handhabung noch nicht völlig über die Periode der
Versuche und Kinderkrankheiten hinausgewachsen war. Rückschläge und
Mißerfolge -- namentlich in der Hand von ungeübten Unternehmern --
waren leicht möglich, und hätten der Volkstümlichkeit der jungen
Beleuchtung schweren Schaden bringen können. In der ersten eigenen
Blockstation, Friedrichstraße 85, von der aus man die umliegenden
Häuser und Etablissements mit elektrischem Licht speiste, mußten die
Ingenieure der Gesellschaft, darunter Rathenau und Oscar v. Miller,
noch immer persönlich scharfen Überwachungsdienst leisten, damit
die Maschinen in richtigem Gang blieben, und wenn doch einmal, was
gar nicht so selten vorkam, die elektrische Beleuchtung plötzlich
erlosch, mußten die Gäste im Café Bauer, das zu den Abnehmern
jener ersten Station gehörte, mit guter Laune über die unangenehme
Situation hinweggebracht werden, eine Aufgabe, die allerdings -- wie
Oscar v. Miller humorvoll zu erzählen pflegte -- bei den Kollegen
am wenigsten begehrt war. Hatte die Deutsche Edison Gesellschaft
schon selbst trotz ihrer besonderen Erfahrungen auf dem Gebiete des
Glühlampen-Lichts mit derartigen Schwierigkeiten zu kämpfen, so mußte
sie sich die Lizenzanträge, die ihr in großer Zahl zugingen, doppelt
und dreifach daraufhin ansehen, ob die Firmen, von denen sie ausgingen,
die erforderliche technische Gewähr für zuverlässige Ausführung
boten. In ihrem ersten Geschäftsbericht hebt die Edisongesellschaft
ausdrücklich hervor, daß sie unter Verzicht auf den durch unbeschränkte
Lizenzerteilung zu erzielenden Nutzen unter dem Schutz der deutschen
Edison-Patente nur Firmen vereinigen dürfe, die durch ihre bisherigen
Leistungen und durch ihre bevorzugte Stellung in der Industrie dem
Publikum genügende Sicherheit für sorgfältige Installation und
Garantien dafür boten, daß sie nicht auf Kosten der Qualität eine
Preiskonkurrenz herbeiführen würden. Infolge dieser vorsichtigen
Verkaufspolitik wurden im ersten Geschäftsjahre nur mit der Firma J.
Schuckert in Nürnberg und der Firma Heilmann, Ducommun & Steinlen
in Mülhausen Lizenzverträge abgeschlossen, nach denen sie gegen
Erstattung gewisser Abgaben und gegen die Verpflichtung, die Lampen
ausschließlich von der Deutschen Edison Gesellschaft zu beziehen,
zur Benutzung der Edisonschen Patente berechtigt waren. Trotz dieser
selbstgewählten Beschränkung waren bei Ablauf des ersten im ganzen
noch nicht 8 Monate umfassenden Geschäftsjahres der Gesellschaft in
Deutschland bereits 138 Dynamomaschinen mit mehr als 12000 Lampen unter
dem Schutze der Edisonschen Patente in Tätigkeit. Die ersten Maschinen,
Apparate usw. mußten noch von ausländischen Edison-Gesellschaften
bezogen werden, da die Firma Siemens & Halske nicht sofort mit
der Lieferung von Edison-Maschinen beginnen konnte, sondern erst
umfassende Vorbereitungen für die Produktion treffen mußte. Hierbei
trat denn die Mangelhaftigkeit der Edisonschen Original-Maschinen
klar zutage. Eisenteile zerbrachen häufig, die Widerstände waren
falsch berechnet. Kurz, die Deutsche Edison Gesellschaft hatte mit
diesen Maschinen viel Ärger. Schon in kurzer Zeit gelang es der Firma
Siemens & Halske aber dank ihrer ausgezeichneten und geschulten
Kräfte und der reichen Mittel, die ihr zur Verfügung standen, sich
der übernommenen Aufgabe in so vollendeter Weise zu entledigen, daß
die Deutsche Edison Gesellschaft ihren Bedarf ausschließlich in ihren
Werkstätten decken konnte. Für die Herstellung von Antriebsmotoren
zum Betriebe der Dynamomaschinen, bei deren Bezug die Gesellschaft
nicht an S. & H. gebunden war, entwarf die Edison-Gesellschaft, nachdem
es sich herausgestellt hatte, daß die zu verwendenden Motoren die
bisherigen Ansprüche überstiegen, Spezialkonstruktionen, die nach ihren
Anweisungen von einer Berliner Maschinenfabrik hergestellt wurden.
Auch hier ging es nicht ohne Fehlschläge ab. Für die Herstellung
von Glühlampen, die den wesentlichsten Teil der neuen Beleuchtung
bildeten, richtete die Gesellschaft dagegen eigene Fabrikationsanlagen
auf Grund der in Amerika und Frankreich gemachten Erfahrungen
ein; die Erzeugungsfähigkeit der Fabrik wurde auf zunächst 150000
Lampen jährlich bemessen und im ersten Geschäftsjahre -- in einer
Verkaufszeit von 6 Monaten -- wurden 25000 Stück abgesetzt. An größeren
Installationsaufträgen waren u. a. auszuführen: Die endgültigen
Beleuchtungsanlagen in den beiden Münchener Königlichen Theatern,
dem Residenztheater und dem Opernhaus, und eine Anlage in dem neuen
Königlichen Residenztheater zu Stuttgart. Im ganzen wurden 27 Anlagen
mit 33 Maschinen hergestellt, unter deren Bestellern sich Maschinen-,
Zucker- und Papierfabriken, Spinnereien, Webereien, Geschäftshäuser und
Restaurants befanden. Dabei leisteten Felix Deutsch seine Beziehungen
namentlich zur Zuckerindustrie gute Dienste. Auch hier waren die
Ergebnisse aber zunächst keineswegs so befriedigend, wie man das
erhofft hatte. Abgesehen von den Störungen, die durch die anfänglich
gelieferten schlechten amerikanischen Maschinen hervorgerufen
wurden, konnten sich die Kunden auch nur schwer an die sogenannten
„Schnelläufer“ gewöhnen, die mit den 300 Touren, die sie in jener Zeit
liefen, für damalige Begriffe ein Höllengeräusch machten. In eigenem
Betrieb wurde die kleine von der Versuchsgesellschaft übernommene
Zentralstation ausgebaut, die von dem Grundstück des Unionklubs in der
Schadowstraße diesen sowie die Ressource von 1794 mit elektrischer
Energie versorgte. Eine Erweiterung mit dem Zwecke, auch das in der
Nähe gelegene Aquarium so wie einige andere Nachbarbetriebe mit Licht
zu versorgen, wurde in die Wege geleitet. Die im Jahre 1883 in Berlin
abgehaltene Hygiene-Ausstellung wurde dazu benutzt, das Glühlicht in
großem Maßstabe dem Publikum der Reichshauptstadt vorzuführen.

Für das Jahr 1883, das erste Geschäftsjahr des neuen Unternehmens,
wurde folgende Bilanz aufgestellt:

    =Bilance für das erste Geschäftsjahr=,
      abgeschlossen per 31. Dezember 1883.

    _Aktiva._                                            M.     Pf.

      An Kasse-Conto                                      7.720.07

      „ Effekten-Conto 3½ pCt. Pr. St.
          Schld. (Kaution) nom. M.
          150.--                                            150.05

      „ Waaren-Conto                                    204.248.01

      „ Conto-Corrent-Conto
        a) Guthaben bei diversen Banken 4.103.672.--
        b) Guthaben auf Forderungen in
           lfd. Rechnung                  548.298.27  4.651.970.27

      „ Inventarien-Conto
           I. Mobilien                     11.727.97
          II. Comptoir- und
              Bureau-Utensilien             4.219.95
         III. Technische Instrumente,
              Apparate und Chemikalien      5.929.55
          IV. Bücher und Pläne              2.387.60
           V. Werkzeuge                     1.233.85
                                          ----------
                                           25.498.92
              ab 10% Abschreibung           2.550.--     22.948.92

      „ Immobilien-Conto
        Grundstück Friedrichstrasse 85                  227.211.38

      „ Vorschuss-Conto Compagnie
        Continentale Paris, Rest der
        an dieselbe, für Ausnutzung
        der Edison-Patente gezahlten
        Erwerbspreise von M.
        350.000 per 31. Dezember
        1883 (§ 35 der Statuten)                        336.133.45

      „ Centralstation Schadowstrasse 9
        Union-Club und Ressource 1794                    54.739.05

      „ Patent-Conto                                      2.000.--
                                                      ------------
                                                      5.507.121.20


    _Passiva._                                   M.  Pf.

    Per Actien-Capital-Conto                     5.000.000.--
       „  Conto-Corrent-Conto
    Creditoren in laufender Rechnung
                                                   303.137.03

       „  Hypotheken-Conto
    auf Friedrichstrasse 85 haftende
    Hypothek                                        30.000.--

       „  Gewinn- und Verlust-Conto
    Reingewinn                                     173.984.17

       „  Dividenden-Conto per 1883
    4% v. M. 5.000.000 resp.
    10.000 Act. à M. 13.35            M. 133.500

       „  Rückstellungs-Conto
    für unternommene Anlagen          M.  40.000

       „  Gewinn-Uebertrag pro 1884   M. 484.17
    _____                                        ____________
                                                 5.507.121.20

    =Gewinn- und Verlust-Conto=
    per 31. Dezember 1883.

    _Debet._                                                     M.  Pf.

    An Handlungs-Unkosten-Conto
      I. Gehälter                     56.563.70

     II. Reisekosten                   4.203.75

    III. Schreib- und Zeichen-Material,
         Druckkosten, Formulare
         und Bureaubedürfnisse
                                       6.529.48

     IV. Porti, Depeschen, Insertionen
         und öffentliche
         Blätter                       5.926.68

      V. Miethe und Instandhaltung
         der Dienstlokale              6.641.50

     VI. Feuer-Versicherung              861.48

    VII. Stempel, Steuern, Einkommen-
         und Mieths-Steuer             4.993.70
                                                    _________
                                                    85.720.29

    An Organisations-Conto
        Druck der Actien und Statuten, Prospekte,
        Eintragungskosten, Fertigstellung und
        Controllzeichnung der Actien und
        Publikationen durch die Presse                        12.323.33
     „  Inventarien-Conto
        10 pCt. Abschreibung von 25.498.92                     2.550.--
        Reiner Gewinn                                        173.984.17
                                                             __________
                                                             274.577.79

    _Credit._                                    M.  Pf.
        Per Waaren-Conto                     160.151.23
        Per Zinsen-Conto                     114.426.56
                                             __________
                                             274.577.79

                           *               *
                                   *

Wir sehen aus dieser Bilanz, daß nach Ablauf des ersten Geschäftsjahres
das eingezahlte Kapital der Gesellschaft von 5 Millionen Mark erst zu
einem kleinen Teil in Anspruch genommen und in den Betrieb überführt
worden war. Ein Betrag von 4.103.672 Mark war noch bar vorhanden und
als Guthaben der Gesellschaft bei verschiedenen Banken niedergelegt.
Trotzdem konnte auf das Aktienkapital von 5 Millionen Mark eine
Dividende von 4% für die Zeit von der Gründung der Gesellschaft bis
zum Bilanzabschluß zur Ausschüttung gebracht werden, was aber zum Teil
dadurch ermöglicht wurde, daß neben dem Warengewinn von 160.151 Mark
ein Zinsgewinn von 114.426 Mark aus dem Bankguthaben der Gesellschaft
zufloß.

In den folgenden Jahren schritt die technische Entwickelung rüstig
fort. Trotz mancher Rück- und Fehlschläge war der Siegeszug des
Edison-Lichts nicht mehr aufzuhalten, besonders nachdem es der
Gesellschaft gelungen war, eine Bogenlampenkonstruktion zu erwerben,
bei der es möglich wurde, Bogenlicht und Glühlicht rationell in
demselben Stromkreise zu brennen. Diese Lampe füllte auch die
Lücke aus, die bisher zwischen der sechzehnkerzigen Glühlampe
und der Bogenlampe von 1000 Normalkerzen bestanden hatte, da man
ihre Lichtstärke durch Regulierung des Stromverbrauchs in weiten
Grenzen bis zu 100 Kerzen Leuchtkraft herab vermindern konnte.
Damit wurde eine der Hauptvorbedingungen für die Einrichtung von
Zentralstationen, die Straßen und Innenräume gleichzeitig versorgen
konnten, gegeben. Die neue Bogenlampe bewährte sich gleich gut in
Wohnungen wie in Werkstätten, in Theatern wie auf Straßen und gewann
schon in wenigen Monaten unter der großen Zahl von Bogenlampen, die
allenthalben angeboten wurden, solchen Ruf, daß die Deutsche Edison
Gesellschaft nur selten Glühlichtbeleuchtungen ausführte, bei denen
nicht einige oder mehrere Bogenlampen mit verwendet wurden. Mit dem
neuen System hatte die Deutsche Edison Gesellschaft zwar, bei der
damals herrschenden Praxis des Patentamts, neue Erfindungen nur in
begrenztem Umfange zu schützen, kein Monopol für gemischtes Licht
erworben, aber trotz der Intensität, mit der sich fast die gesamte
Konkurrenz sofort dem neuen Gebiete zuwandte, einen Vorsprung erlangt,
der so schnell nicht einzuholen war. Auf Grund ihrer Erfahrungen
hatte sie eine Spezialfabrikation der neuen Lampe eingerichtet, die
es ihr ermöglichte, diese in einer Vollendung herzustellen, wie
sie die Konkurrenz damals noch nicht erreichen konnte. Derartige
Vorsprünge lassen sich gerade in der Elektrotechnik allerdings nur
verhältnismäßig kurze Zeit hindurch aufrechterhalten, und, selbst
wenn unablässig weiter gearbeitet und der Zwischenraum durch neue
Verbesserungen aufrecht zu halten versucht wird, gelingt es meist
nach einiger Zeit der Konkurrenz, den Anschluß wieder zu finden. So
schnell war dies damals bei dem gemischten Licht der Deutschen Edison
Gesellschaft aber nicht möglich, und infolgedessen wurde gerade von
der stärksten Konkurrenzfirma, Siemens & Halske, die sich in ihrer
bisherigen fast monopolistischen Beherrschung des Bogenlampengeschäfts
durch die neue Erfindung ernstlich bedroht sah, eine Einwirkung auf
nichttechnischem Gebiete versucht. Siemens & Halske bestritten der
Deutschen Edison Gesellschaft auf Grund des zwischen beiden Firmen
geschlossenen Vertrages das Recht, Bogenlampen anderer Konstruktion als
der von Siemens & Halske verwendeten herzustellen oder zu beziehen.
Der Vermittlungs-Vorschlag der Deutschen Edison Gesellschaft, Siemens
& Halske die Anfertigung der neuen Lampen vorzugsweise zu bestimmten
Preisen zu übertragen, wurde nicht angenommen, und es kam zwischen den
beiden Firmen zu ihrem ersten Prozeß. Auch sonst hatte die Edison
Gesellschaft ihre Patente und Konstruktionen gegen Einsprüche und
Verletzungen zu verteidigen. Insbesondere die Swan United Electric
Light Co. in London, die Besitzerin der englischen Edisonpatente,
hatte einerseits eine Klage auf Nichtigkeit der Edison-Patente in
Deutschland angestrengt, und andererseits behauptet, daß die von ihr
hergestellten und in Deutschland vertriebenen sogenannten Swanlampen
die Edison-Patente nicht berührten. Es entwickelte sich ein Rattenkönig
von Prozessen, da umgekehrt auch die Deutsche Edison Gesellschaft gegen
Agenten und Abnehmer der Swan Electric Co. Klagen bei verschiedenen
Landgerichten wegen Patentverletzung eingereicht hatte. Solange die
Prozesse schwebten, konnten, wie es in solchen Fällen zu geschehen
pflegt, wirksame Mittel gegen eine Herstellung und Vertreibung der
„rechtswidrig hergestellten“ Lampen nicht ergriffen werden. Selbst als
die Hauptklagen vom Reichsgericht zu Gunsten der Edison Gesellschaft
entschieden waren, gelang es nicht mehr, eine völlige Aufrechterhaltung
der Edison-Patente zu erreichen, da die Gegner in gewissen rechtlich
als Nebenpunkte figurierenden Teilen ihrer Klage durchdringen konnten,
womit aber bei der Lage der damaligen Technik die Edison-Patente
tatsächlich gefallen waren. Streng genommen sind sie niemals derart in
Kraft gewesen, daß sie ein tatsächliches Monopol für die Herstellung
der Glühlampen gewährten. Es gab stets Konkurrenzfirmen, sowohl in
Deutschland als auch anderswo, die sich außerhalb der Patente zu
stellen wußten, und so wäre es auch Rathenau an sich möglich gewesen,
seine Glühlampenfabrikation ohne die belastenden Verträge mit Edison
aufzunehmen. Er hätte vielleicht als „Patent-Freibeuter“ nicht viel
mehr Prozesse führen müssen, wie er in seiner Eigenschaft als Wahrer
der legitimen Edisonschen Rechte gegen die Freibeuter zu führen
gezwungen war. Aber er wählte zum Teil aus Redlichkeit, zum Teil,
um die große Zugkraft des berühmten Erfindernamens und die damals
beste und fertigste Glühlampe sowie die von Edison bereits gemachten
Erfahrungen sich nutzbar machen zu können, den geraden Weg. Bitter
hat er es gelegentlich beklagt, daß „dem großen Meister der Tribut
seiner Erfindung vorenthalten worden sei und daß selbst die technische
Autorität eines Slaby nicht ausgereicht hätte, um den Richtern seine
wissenschaftliche Überzeugung, mit der er für die Erhaltung der
deutschen Patente eingetreten war, glaubhaft zu machen.“ Wieviel
Intriguenspiel und inneres Unrecht bei diesen „rechtlich“ zu Gunsten
der Gegner entschiedenen Prozessen mit im Spiel war, zeigt allein
die Tatsache, daß dieselbe Swan Electric Co., die in Deutschland
die Edison-Patente bekämpfte und zu Fall brachte, in England selbst
Inhaberin dieser Patente war und daß es ihr dort gelang, sie noch etwa
10 Jahre lang gegen alle Einsprüche aufrecht zu erhalten. Angesichts
solcher Widersprüche wird die Bitterkeit, mit der Rathenau häufig genug
von den Patententtäuschungen jener Zeit sprach, wohl verständlich.

Die geschilderten Umstände dürften gezeigt haben, daß es nicht die
bequemen Monopolrechte waren, denen es zuzuschreiben war, daß die
Deutsche Edison Gesellschaft vorwärts kam, sich Namen und Erfolge
errang. Kaufmännische Zähigkeit und technische Tüchtigkeit errangen
diese Erfolge und bewirkten, daß die junge Gesellschaft die von
ihr rechtmäßig erworbenen Monopole auch tatsächlich verdiente. Sie
mußte sie sozusagen täglich erwerben, um sie zu besitzen. Überall
da, wo die Einführung der Lichtelektrizität am schwersten war,
da war die Deutsche Edison Gesellschaft zu finden. Die kleineren
isolierten Einrichtungen, die mit Hilfe von Agenten und selbständigen
Installateuren verhältnismäßig leicht ausgeführt werden konnten,
überließ sie ihren Lizenzträgern. Sie selbst befaßte sich fast
ausschließlich mit dem Bau umfangreicherer Anlagen wie Blockstationen,
Beleuchtungen von Theatern, Kauf- und Warenhäusern, ausgedehnten
gewerblichen Etablissements. Den bereits geschilderten Anlagen
im Jahre 1883 folgten im nächsten Jahre die Blockstation in der
Friedrichstraße 85, die das Café Bauer, die Gebäude Unter den Linden
26 und 27 mit Strom versorgte und eine Lichtkapazität von 2000
Lampen erhielt. Der Schnelldampfer „Werra“ des Norddeutschen Lloyd
und das chinesische Panzerschiff „Chen Yuen“ erhielten durch die
Gesellschaft Edison-Anlagen. Den Theaterbeleuchtungen in München und
Stuttgart folgten solche in Schwerin, Dessau und Halle. Das Bayerische
Landtagsgebäude, das Preußische Kultusministerium und die Friedrich
Wilhelmsuniversität in Berlin erteilten Aufträge. In Spinnereien,
Webereien, Druckereien, Mühlen, Brauereien fand das neue Licht
wegen seiner Annehmlichkeit und Sicherheit immer größeren Eingang,
besonders nachdem die Maschinen zuverlässiger ausgeführt wurden
und regelmäßiger funktionierten. Derartige größere Anlagen waren
durch selbständige Abnehmer, Agenten oder Installationsingenieure
nicht einzurichten, sie erforderten eine so eingehende Kenntnis der
neuen Methoden, eine so umfangreiche Bauorganisation, daß sie nur
von der Edison-Gesellschaft selbst vorgenommen werden konnten und
nicht nur eine Projektierung durch diese Firma, sondern auch eine
sorgfältige Überwachung der Installationen durch alle Stadien von
der Zentralstelle aus erforderten. Sollte das Werk wirksam seinen
Meister loben, und dem neuen Licht die Anhängerschaft immer weiterer
Kreise werben, so mußten alle wichtigen und schwierigen Anlagen unter
eigener Verantwortlichkeit ausgeführt werden. Besonders Deutsch, der
von Anfang an die Licht- und Kraftanlagen sowie das Installations-
und Absatzgeschäft unter sich hatte, erkannte, gewitzigt durch die
Klagen, die ihm in seinen Abnehmerkreisen fehlerhaft ausgeführte
Anlagen eingetragen hatten, die Notwendigkeit, die bisherigen
Absatzmethoden, wie sie in der Elektrizitätsindustrie, namentlich
auch bei Siemens & Halske, üblich gewesen waren, einer gründlichen
Reform zu unterziehen. An die Stelle des Agenten, Installateurs und
Händlers, der Maschinen, Apparate, Lampen und Materialien bezog,
setzte er das +eigene Installationsbureau+, das allmählich in
allen wichtigeren Städten des In- und Auslands entstehen, die dort
vorkommenden Aufträge ausführen und durch lebendige, individuelle
Propaganda, solide Arbeit und wirksame Beispiele die in Betracht
kommenden Betriebe zur Einführung der elektrischen Beleuchtung anregen
sollte. Bereits im Jahre 1885 wurde das erste Installationsbureau
in München errichtet, zum Teil um den partikularischen Interessen
und Eigenheiten entgegenzukommen, zum Teil weil man in der Stadt
der Elektrizitätsausstellung von 1883 und der ersten elektrischen
Theaterbeleuchtung einen besonders gut vorbereiteten Boden zu finden
hoffte. Leipzig, Breslau, Köln, Hamburg und Straßburg i. E. folgten
bereits in den nächsten Jahren. Die Entwickelung des Geschäfts in der
ersten Periode der Gesellschaft, die mit dem Jahre 1886 abschließt,
wird dadurch am besten gekennzeichnet, daß im Jahre 1883 27 Anlagen mit
33 Maschinen und 4729 Lampen hergestellt wurden, während am Schlusse
des Jahres 1886 durch die Gesellschaft bereits 260 Anlagen mit 70000
Glühlampen und 1000 Bogenlampen in Betrieb gesetzt waren.

Dieser Entwickelung des Absatzes und der Geschäftsorganisation
entspricht auch das Wachstum der Fabrikations- und
Geschäftseinrichtungen. Bereits nach wenigen Monaten hatte die
Gesellschaft ihre Bureauräume im Hause Leipzigerstraße 94 aufgegeben,
zum Teil weil sie zu eng wurden, zum Teil weil die Nähe eines in die
Parterre-Räume eingezogenen Caféetablissements mit wenig vornehmem
Konzert- und Nachtbetrieb unangenehm fühlbar wurde. Die Gesellschaft
hatte alsdann auf Veranlassung des rührigen Deutsch das Grundstück
Friedrichstraße 85 erworben. Deutsch hatte einen Erwerb der ganzen
damals verkäuflichen 400 Quadratruten vorgeschlagen. Rathenau, der
bei Neuerwerbungen immer sehr vorsichtig zu Werke ging, hatte von
diesen 400 Quadratruten 200 abgestrichen. Er huldigte überhaupt dem
Grundsatz „Eher zu klein, als zu groß“ und diesem Grundsatz hat es
seine Gesellschaft zu verdanken gehabt, daß ihre Betriebe stets
überbeschäftigt waren, und jene Halbleere, die die Produktionskosten
und Zinsen so abnorm steigert, auch in Zeiten schlechter Konjunktur
vermieden wurde. Auf die Chancen, gute Konjunkturen ganz auszunutzen,
besonders wenn sie überraschend auftraten, mußte allerdings bei einem
solchen System verzichtet werden. In dem Gebäude Friedrichstraße
85, in dessen Kellerräumen die schon mehrfach erwähnte Blockstation
untergebracht war, befanden sich die Bureauräume, indes auch nur
kurze Zeit. Als das erste Fabrikgebäude in der Schlegelstraße,
die Lampenfabrik, auf dem einstmals von Strousberg für einen
Schlachthof, später für eine Markthalle in Aussicht genommenen
Gelände fertiggestellt war, wurden die Bureauräume im Interesse
einheitlicher Verwaltung bereits Mitte März 1884 in die Fabrik verlegt.
Die Parterre-Räumlichkeiten des Hauses Friedrichstraße wurden an
Laden-Geschäfte vermietet, in den oberen Räumen wurde eine permanente
Ausstellung von Erzeugnissen der Gesellschaft eingerichtet. Die
neue Fabrik hatte einen Umfang und Einrichtungen erhalten, in denen
jährlich 300000 Glühlampen hergestellt werden konnten. Man glaubte
damals, mit solchen Dimensionen einen gewaltigen Spielraum für weitere
Ausdehnungsmöglichkeiten der Zukunft erschlossen zu haben. Mit welchen
Riesenschritten die Ansprüche wachsen würden und wie bald und wie
oft neue Erweiterungen dieser Grundfabrik notwendig werden würden,
hat selbst ein Elektrizitäts-Optimist wie Emil Rathenau damals nicht
vorhergesehen.

Die Bilanz von Ende 1886 gewährte schon ein ganz anderes Bild als
die erste von 1883. Das Anfangskapital von 5 Millionen Mark, mit dem
die Gesellschaft bei ihrer Gründung ziemlich reichlich ausgestattet
worden war, ist auch jetzt noch nicht aufgezehrt. 1.724.886 Mark
werden noch als Bankguthaben flüssig gehalten. Daneben aber sind die
Immobilien (Friedrichstraße und Schlegelstraße) bereits auf 829.502
Mark angewachsen, die Blockstation in der Friedrichstraße erscheint
mit 132.843 Mark, die in der Schadowstraße mit 50.102 Mark; Aktien der
Städtischen Elektrizitätswerke werden mit 557.200 Mark aufgeführt,
Maschinen und Apparate mit 162.756 Mark, Waren mit 491.938 und
Forderungen in laufender Rechnung mit 1.724.886 Mark. Die Geldmittel
sind also zum großen Teil in den Betrieb geflossen und in werbende
Anlagen überführt worden. Die offenen Schulden der Gesellschaft sind
nur gering und betragen 392.912 Mk., und es hätte aus dem Reingewinn
von 324.870 Mk. bequem eine Dividendensteigerung auf 6%, nachdem in den
ersten beiden Jahren 4% und im dritten Jahre 5% gezahlt worden waren,
vorgenommen werden können. Um zu verstehen, warum dies nicht geschah,
warum die Gesellschaft sogar 1886 und Anfang 1887 in eine Krise -- die
einzige wirklich bedrohliche in ihrer ganzen Geschichte -- geriet, muß
noch von anderen Dingen gesprochen, eine andere Entwickelungsreihe
verfolgt werden, die uns zeigen wird, daß der unternehmerische Geist
Rathenaus sich in den bereits geschilderten Dingen nicht erschöpft
hatte, andererseits aber auch, daß er sich trotz seiner unleugbaren
Erfolge noch nicht zum +entscheidenden+ Erfolg durchgerungen
hatte.



Siebentes Kapitel

Zentralstationen


Der Name Zentralstation ist uns in den früheren Kapiteln schon öfter
begegnet. Bereits in den Verträgen mit Edison und Siemens wird von
Zentralstationen gesprochen. In dem ersten Vertrage mit Edison im
Jahre 1881 hieß es, daß abgesehen von der Fabrikationsgesellschaft
eine zweite für den Bau von Zentralstationen errichtet werden sollte,
in dem zweiten endgültigen Vertrage von 1883, der die Gründung nur
+einer+ Gesellschaft vorsieht, ist von Zentralstationen in
diesem Zusammenhange nicht mehr die Rede. Es heißt darin schlechthin,
daß die Deutsche Edison Gesellschaft das Recht, Installationen für
Beleuchtungs- und Kraftübertragungswerke einzurichten, von Edison
erwirbt. Im Vertrage mit Siemens & Halske wird der Edison Gesellschaft
bekanntlich das Recht vorbehalten, allein Zentralstationen für eigene
Rechnung zu bauen. Daß der Begriff Zentralstation überhaupt so früh
auftaucht, ist nicht darauf zurückzuführen, daß er in der damaligen
Zeit bereits in großem Maßstabe und in vielen Beispielen verwirklicht
war. Er lebte -- wenigstens in einer Form, die diesen Namen wirklich
verdiente -- eigentlich erst allein in der Idee Emil Rathenaus, der
sich dafür keineswegs auf Vorbilder, sondern höchstens auf gewisse
Ansätze in den damals in der Lichtelektrizität am meisten entwickelten
Ländern Amerika und Frankreich berufen konnte. Was zu jener Zeit
die Regel, den Typus bildete, waren isolierte Lichtanlagen, die ein
Haus, eine Fabrik, einen Park, eine Straße oder mehrere benachbarte
Häuser in einem beschränkten Radius versorgen konnten. Edison war dem
Gedanken des Zentralwerks allerdings bereits früh nachgegangen und
hatte auch eine Zentrale, die einen Stadtteil südlich von Wallstreet
mit Licht versehen sollte, errichtet. Aber diesem genialen Techniker
war doch nur bis zu einem gewissen Grade die Fähigkeit gegeben, ein
technisches Verfahren industriell auszubauen. Seine Anschauungen von
finanziellen Dingen waren naiv, und an betrieblicher Methodik fehlte
es ihm so gut wie ganz. Edison hat denn auch aus seinen großartigen
Erfindungen nur verhältnismäßig geringen und fast niemals dauernden
Nutzen wirtschaftlicher Art gezogen. Wie wenig die Edisonsche Zentrale,
obwohl für einen ersten Versuch sinnreich erdacht, doch dem entsprach,
was wir später unter einer Großstation verstanden, geht daraus hervor,
daß die Herstellung von Maschinen mit 150 PS als ganz besonders
großartiger Fortschritt bezeichnet wurde. Bei der Broadway-Zentrale
wurden die Dynamos nach Edisons eigener Aussage auf bloße Vermutung
hin gebaut. Die gewählte Spannung von 110 Volt reichte denn auch
nicht aus. Auch sonst wurde rein empirisch, ohne jede Systematik
vorgegangen, wenig berechnet und viel probiert. Die Folge war, daß von
den parallel geschalteten Maschinen die eine stille stand, während die
andere bis auf 1000 Umdrehungen lief und dabei wippte. Zur Messung
bediente die „Edison Beleuchtungsgesellschaft“ sich alter chemischer
Geräte, die bald zufroren, bald rotglühend wurden, bald in Brand
gerieten. „Voltometer“, so hat Edison in der „Electrical Review“
erzählt, „besaßen wir schon gar nicht. Wir benutzten Glühlampen. Mit
Mathematikern ließ ich mich erst recht nicht ein, da ich bald fand,
wie ich es ein gut Teil besser treffen konnte als sie mit ihren
Ziffern, und so fuhr ich im Vermuten fort.“ Gewiß hat ein so glänzender
Experimentator wie Edison alle Anstände, die aus solchem Vorgehen
entstehen mußten, immer, wenn sie sich zeigten, durch seine genialen
Kombinationen zu beseitigen verstanden, aber schließlich kam dabei
doch nur ein Werk zustande, das in seinem empirisch-primitiven Aufbau
auf die Persönlichkeit eines so erfinderischen Kopfes wie Edison
gestellt blieb, und überall dort keine Nachahmung finden konnte, wo
eine ähnlich überlegene Persönlichkeit als Leiter fehlte. 8 Jahre
lang arbeitete das Edisonsche Werk auf diese Weise. Schule konnte es
natürlich nicht machen, da ihm die systematische Durchbildung, die
sichere wissenschaftliche Grundlage fehlte. Emil Rathenau erkannte
die Mängel eines solchen gefühlsmäßigen Vorgehens auf den ersten
Blick. Er war sich klar darüber, daß eine wirklich epochemachende
Zentral-Station nicht auf dem Versuch und dem Zufall, sondern nur auf
dem festen Boden der wissenschaftlichen Methodik aufgebaut sein mußte.
Seine Einbildungskraft lebte nicht von dem Experiment, sondern von der
Konstruktion. Auch +er+ war voller Phantasie und rechnete mit
neuartigen Antriebsmaschinen, kunstvoll durchgearbeiteten Kabelsystemen
und wenn er vor den Grenzen der Gegenwart nicht halt machte, so
ließ er doch die Wege in die Zukunft, ehe er sie betrat, stets von
dem Mathematiker genau durchforschen. Er fragte sich, warum eine
Vergrößerung und Vervielfältigung, eine Sammlung und Verteilung der
in kleinem Rahmen geschaffenen Anlagen nicht möglich sein sollte. Er
suchte nach den Gründen, die einer Übertragung ins Große hätten im Wege
stehen können und fand, daß es keine gab, die unüberwindlich gewesen
wären. Denn die Hemmnisse lagen alle nur noch in der Durchführung,
nicht mehr im Prinzip. Gerade aber die Probleme der Durchführung ließen
sich, das wußte er, nur auf wissenschaftliche Weise lösen. Wenn er
daher mit dem damals der übrigen Welt noch nicht geläufigen oder nur
in unvollkommener Form bekannten Begriff der Zentralstation wie mit
etwas Selbstverständlichem operierte, so hatte er seine bestimmten
Gründe dafür. Er erreichte damit, daß dieser anscheinend harmlose
Begriff -- und zwar in einem ihm günstigen Sinne -- in seine Verträge
aufgenommen wurde, was ihm deswegen nicht besonders schwer fiel, weil
die Vertragsgegner diesem Begriff teils zweifelnd, teils sogar direkt
mißtrauisch gegenüberstanden und das mit ihm gekennzeichnete Gebiet
der Wagnisse und Fährnisse gern dem „Phantasten“ überlassen wollten.
Selbst ein Mann wie Werner v. Siemens lächelte über die Idee der
Zentralstation, und erklärte es für eine Utopie, daß man den Leuten
jemals aus einer Zentrale elektrisches Licht in die Häuser würde leiten
können, wie man es mit dem Gaslicht machte. Die Gasfachleute stellten
sich gleichfalls ungläubig, aber durch ihre Ironie klang doch ein
Unterton von Furcht vor der neuen Konkurrenz, die ihnen vielleicht
auch noch die Hausbeleuchtung streitig machen könnte, nachdem sie
ihnen bereits in der Straßen-, Fabrik- und Theaterbeleuchtung Boden
abgerungen hatte. Daß Rathenau eigentlich als einziger die Idee erfaßte
und trotz aller Anfeindungen von wissenschaftlich-autoritativer und
technisch-praktischer Seite an ihr festhielt, ist ein Beweis seines
originellen, unabhängigen und im Grunde schöpferischen technischen
Denkens.

Trotzdem aber der Gedanke absolut klar, folgerichtig und fertig
entwickelt vor dem Geiste Rathenaus stand, sah es zunächst noch nicht
so aus, als ob er bald verwirklicht werden würde. In den Jahren der
Versuchsgesellschaft konnte an die Schaffung einer Zentralstation
natürlich nicht herangegangen werden. Es fehlte an dem technischen
Apparat, es fehlte auch an den geldlichen Mitteln. Das erste Jahr der
Deutschen Edison Gesellschaft sah lediglich die Verwirklichung einer
Reihe von Einzelanlagen und die Vollendung einer +Blockstation+
(in der Schadowstraße) sowie die Inangriffnahme einer zweiten größeren
(in der Friedrichstraße). Sie wurden in den ersten Geschäftsberichten
und Bilanzen der Gesellschaft als Zentralstationen bezeichnet. Mit
Unrecht. Sie waren im technischen Sinne keine Zentralen, sondern
isolierte Anlagen, die -- über den Umfang einer größeren Einzelanlage
kaum hinausgehend -- mehrere Verbraucher versorgten, weil jeder
dieser Verbraucher einen zu geringen Bedarf für eine eigene Anlage
hatte. Weder die Technik war zentral, noch die Verteilung. Denn die
Krafterzeugung erfolgte nicht durch Großmaschinen, sondern durch
eine große Zahl kleiner „Schnellläufer“, von denen jeder nur eine
beschränkte Anzahl von Lampen speiste. Die Verteilung erfolgte
nicht unter Benutzung der öffentlichen Straßen und Verkehrswege
für die Kabellegung, sondern auf dem weit kostspieligeren Wege der
Kabelführung durch privates Gelände. Nur unter besonders günstigen
Bedingungen, nämlich dann, wenn genügend gut zueinander gelegene
Abnehmerbetriebe da waren, die die Leistung der Anlage voll ausnutzen
konnten, waren die Voraussetzungen für die Rentabilität solcher
Blockstationen gegeben. Aber selbst in der Schadowstraße, und in der
Friedrichstraße, also in besonders gut gelegenen Stadtteilen, waren
diese Voraussetzungen nicht vorhanden, denn es konnte nur ein Teil
des erzeugten Stromes abgesetzt werden, und die Erträgnisse reichten
kaum für die notwendigen Abschreibungen, geschweige denn für eine
Verzinsung der Kapitalien aus. Emil Rathenau, für den derartige
Blockstationen nur ein Kompromiß, eine Abschlagszahlung auf die
vollkommenere Idee der Zentralstation darstellten, gelangte sehr
bald zu der Ansicht, daß ein ähnliches Schicksal der Unrentabilität
sehr bald auch die übrigen Stationen erreichen werde, die die
Lieferung elektrischer Ströme mit Umgehung der öffentlichen Straßen
ins Werk setzten. Er war der Ansicht, daß diese Blockstationen nur
Übergangsgebilde darstellen, die verschwinden müßten, nachdem sie
ihren eigentlichen Zweck, als Demonstrationsunternehmungen zu dienen,
erfüllt hätten, und die nächste große Etappe in der Entwickelung,
nämlich die öffentliche Zentralstation, erreicht war. Die spätere
Gestaltung der Dinge hat ihm auch durchaus recht gegeben. Es haben
sich in der Licht- und Krafterzeugung nur +die+ Einzelanlage,
die genau auf die Bedürfnisse des Verbrauchers berechnet war, sich
seinem Betriebe in Produktion und Bedarf anpassen konnte, also im
wesentlichen die industrielle Einzelanlage und ferner die öffentliche
Zentralstation erhalten. Die Blockstation ist völlig verschwunden, wenn
man nicht Einzelanlagen mehrerer Verbraucher oder solche, bei denen
ein Hauptverbraucher nach vorher ungefähr festgelegtem Bedarfsplan an
Nachbarbetriebe Energie abgibt, als Blockstationen bezeichnen will.

Die Entwickelung von der Blockstation bis zur Zentrale, die zunächst
noch im weiten Felde zu liegen schien, ging aber schließlich wider
Erwarten schnell vor sich. Die Praxis folgte in diesem glücklichen
Falle -- einem der wenigen, in dem Rathenaus fast immer richtige
Diagnostik +schneller+ als er erwartet hatte, durch die Tatsachen
bestätigt wurde -- nicht dem behutsamen Gang der allgemeinen
Anschauungen, sondern dem Siebenmeilenstiefelschritt der Rathenauschen
Phantasie. Professor +Slaby+, dem doch niemand langsames Denken
und mangelndes Einbildungsvermögen in elektrischen Dingen wird
nachsagen können, erzählte später, daß er beim Anblick der ersten
Rathenauschen Blockstation, die aus zahlreichen winzigen Maschinen,
von sogenannten Schnellläufern betrieben, mit bewunderungswerten
Regulierungsmethoden die elektrische Kraft sammelte, um sie in
einige umliegende Häuser zu verteilen, begeistert ausgerufen habe:
„Die Lichtzentrale des kommenden Jahrhunderts.“ -- „O nein,“
erwiderte Rathenau lächelnd, „wie verkennen Sie den unersättlichen
Elektrizitätshunger der Menschheit, der in wenigen Jahren sich
einstellen wird. Statt dieser Kellerräume mit ihrem ohrenbetäubenden
Lärm sehe ich hohe, luftige Riesenhallen mit vieltausendpferdigen
Maschinen, die automatisch und geräuschlos Millionenstädte mit Licht
und Kraft versorgen. Zuvor haben wir den Maschinenbau für diese
Leistungen zu erziehen.“ Slaby und wohl auch Rathenau selbst haben
damals kaum gedacht, daß schon ein Jahr nach diesem Zwiegespräch die
erste Zentralstation projektiert und kaum ein halbes Jahr später im
Betrieb sein würde.

Der demonstrative Erfolg der Einzel-Installationen, der Blockstationen
und der Anlage in der Hygieneausstellung war groß gewesen. Es hatten
sich daraufhin in verschiedenen Stadtgemeinden Vereinigungen von
Haus- und Ladenbesitzern gebildet, die mit Anträgen zur Beleuchtung
ihrer Lokale von abgeschlossenen Stationen aus an die Gesellschaft
herantraten. Die Schwierigkeit bestand darin, die Genehmigung der
Stadt Berlin wegen Überlassung städtischen Grund und Bodens zur
Legung von Leitungen zu erhalten, und man bezweifelte, daß die
Stadtverwaltung, als Eigentümerin des Konkurrenzbetriebes der
städtischen Gaswerke, diese Genehmigung in absehbarer Zeit erteilen
würde. Die Kommunalbehörde war aber in diesem Falle besser als
ihr Ruf. Im Roten Hause erinnerte man sich daran, daß man bereits
einmal, als Rathenau vor einer Reihe von Jahren mit dem Plan einer
städtischen Telephonzentrale an die Stadtverwaltung herangetreten
war, die Vorschläge dieses Mannes kurzsichtig abgelehnt hatte. Man
entschloß sich also, trotz der städtischen Gasinteressen, der Idee
der elektrischen Lichtzentrale näherzutreten, und erwog sogar, ob man
das Werk in städtischer Regie errichten solle. Dafür war aber weder
die Mehrheit der Stadtverordneten, noch der vorsichtig abwägende
Oberbürgermeister +Forkenbeck+, der damals an der Spitze der
hauptstädtischen Verwaltung stand, zu haben. Es setzte sich die zu
jener Zeit zweifellos richtige Überzeugung durch, daß ein erstes
Experiment auf so schwierigem Gebiete nicht mit bureaukratischen
Kräften gelöst werden könnte, daß in einer noch so sehr der technischen
Ausgestaltung und Erprobung bedürfenden Unternehmung nicht städtische
Mittel größeren Umfanges investiert werden dürften. Am 24. Januar
1884 wurde von der Stadtverordnetenversammlung nach langen erregten
Debatten, in denen besonders der Bürgermeister +Duncker+ die
Vorlage mit den Worten verteidigte: „Alles Risiko entfällt auf die
Gesellschaft, alle finanziellen Vorteile fallen auf die Stadt,“
ein Vertrag genehmigt. Das Monopol der +ausschließlichen+
Straßenbenutzung, das bei einem Teil der Stadtverordneten besonderen
Widerspruch hervorgerufen hatte, fiel allerdings, wenigstens de
jure. De facto ist es nicht durchbrochen worden, da die Stadt Berlin
anderweitige Konzessionen nicht mehr erteilt hat. Die Zersplitterung,
die in manchen anderen, besonders ausländischen Großstädten, wie New
York, Paris usw., die Entwickelung der Zentralen sehr gehemmt hat,
wurde dadurch in der Berliner Elektrizitätsversorgung glücklicherweise
vermieden. Durch den Konzessionsvertrag wurde der Deutschen Edison
Gesellschaft das Recht eingeräumt, in den Straßen eines beträchtlichen
im Stadtinnern gelegenen Teils von Berlin, begrenzt durch einen um
den Werderschen Markt gezogenen Kreis mit einem Halbmesser von 800 m,
Leitungen zur Fortführung elektrischer Ströme von einer oder mehreren
Zentral-Stationen aus zu legen und zur Anlage dieser Leitungen die
Straßendämme und Bürgersteige zu benutzen. Die Stadt Berlin bedang sich
natürlich Gegenleistungen aus, die u. a. in einer jährlichen Abgabe von
der Bruttoeinnahme wie vom Reingewinn bestanden. Gewonnen war mit dem
neuen Vertrage viel. Die Gesellschaft war durch das Recht, die Straßen
für ihre Leitungen zu benutzen, der Notwendigkeit enthoben, kleine
Sonderstationen für die zu beleuchtenden Häuserblocks zu beschaffen,
sich zu diesem Zwecke in jedem Einzelfall teure Lokalitäten zu mieten
und kostspielige Kabelführungsverträge abzuschließen.

Mit dem technischen Gedanken der Zentralstation war auch in Rathenaus
Kopfe sofort schon die +finanzielle+ und +rechtliche+ Form
da, in der er am besten verwirklicht werden konnte. Es sollte eine
besondere Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 3 Millionen Mark
gegründet werden, an der die Deutsche Edison Gesellschaft bezw. ihre
Aktionäre beteiligt werden konnten. „Um im Interesse unserer Aktionäre
die Aktien der neuen Gesellschaft diesen zu einem angemessenen Kurse
reservieren zu können, haben wir von einer festen Begebung der Aktien
an ein Bankierkonsortium Abstand genommen, mit einem solchen jedoch
die Verabredung getroffen, daß es gegen eine mäßige Gewinnbeteiligung
uns die Abnahme von 80% des gesamten Kapitals garantiert. Wir zweifeln
nicht, daß uns aus dem Verkauf dieser Aktien schon in diesem Jahre
ein entsprechender Nutzen erwachsen wird.“ -- Dies sind die Worte,
mit denen die Gründung der Städtischen Elektrizitätswerke, der
ersten Tochtergesellschaft der Deutschen Edison Gesellschaft, im
Geschäftsbericht von 1883 angekündigt wird. In dem gleichen Bericht
findet sich schon ein +programmatischer Satz+ über die Behandlung
von Zentralstationen und Tochterunternehmungen im allgemeinen, der
einige der wichtigsten Richtlinien, die die Gesellschaft später beim
Ausbau ihres Beteiligungssystems befolgt hat, wenn auch noch in
ziemlich einfacher Form, enthält. Er lautet: „Im übrigen liegt es nicht
in unserer Absicht, den liquiden Vermögensstand dauernd durch eigene
Übernahmen großer Zentralstationen zu alterieren. Vielmehr verfolgen
wir das System, solche Stationen mit Hilfe unserer Geldmittel zwar
einzurichten, dieselben aber spätestens nach erfolgter Inbetriebsetzung
selbständigen Gesellschaften zu überlassen, um so unser Kapital immer
wieder für neue Unternehmungen flüssig zu machen.“ -- Hier ist das
Ideal gekennzeichnet, dem Emil Rathenau von Anfang an zugestrebt hat,
das er allerdings gerade in den ersten Zeiten und gerade bei der
ersten Tochtergründung, wie wir später sehen werden, nicht sofort
verwirklichen konnte. Es bedurfte erst eines elastischen und fein
ausgebildeten Finanz- und Beteiligungssystems, mit sinnreich angelegten
Kapitalsammlungs-, Aufsparungs- und Verteilungsvorrichtungen, um
stets die Freiheit der Verfügung über die eigenen Betriebsmittel
und die in Gründungsbauten anzulegenden Kapitalien zu behalten und
das finanzielle Gleichgewicht unabhängig von den Zufälligkeiten der
Geld- und Industriekonjunkturen, unbeeinflußt von unvorhergesehenen
Entwickelungen in den Finanzbedürfnissen der Tochterunternehmungen,
sicherzustellen.

An einer anderen Stelle des Geschäftsberichtes für 1883, in der
von eingeleiteten Verhandlungen mit anderen Städten über die
Einrichtung elektrischer Zentralen gesprochen wird, findet sich
gleichfalls ein Satz, der wert ist, hier wiedergegeben zu werden. Er
lautet: „Wir sind indessen weit entfernt, die Organisation solcher
Lokal-Beleuchtungs-Gesellschaften mit Ausschluß jeder Konkurrenz
nur aus eigenen Mitteln zu bewirken, sondern werden vielmehr die
Kooperation solcher Kräfte, welche naturgemäß zur Einführung des
neuen Lichts berufen scheinen, mit Dank begrüßen; insbesondere
hoffen wir, auch auf dem Wege der +Genossenschafts-Assoziation+
die Wohltaten des elektrischen Lichtes selbst kleineren Städten
und Industriebezirken zugänglich zu machen, welche entweder eine
Beleuchtung von Zentralstellen überhaupt noch nicht besitzen, oder
vermöge ihrer natürlichen Hilfsmittel imstande sind, das elektrische
Licht billiger als andere Beleuchtungen zu erzeugen.“ Diese Stelle ist
in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Einmal zeigt sie das Bestreben,
Aktionäre, Geldgeber und Finanzkonsortium, denen vielleicht damals
noch vor den Risiken des gänzlich unerprobten Zentralenbaus in eigener
Regie etwas bange war, die Beruhigung zu geben, daß man nicht mit
vollen Segeln auf das noch von der Gründerkrisis her gefürchtete Meer
der Unternehmertätigkeit hinausfahren werde. Ferner aber klingen
hier auch schon Ideen über verteiltes Risiko und verteilten Einfluß
zwischen Privatunternehmung und Lokal-Verwaltungen an, die zwar in
der dort geschilderten Form der genossenschaftlichen Assoziation nie
verwirklicht worden sind, aber doch später in der ähnlichen Form der
gemischt-wirtschaftlichen Unternehmung zur Durchführung gelangten.
Es dauerte allerdings Jahrzehnte, bis dieses Zusammenarbeiten von
privatem und öffentlichem Kapital sich durchsetzte. Es ist aber ein
Beweis für den durchdringenden Blick Rathenaus, daß er damals schon das
unzweifelhaft vorliegende Bedürfnis erkannte. Bevor der Zentralenbau
zu dieser Zusammenarbeit gelangte, mußte erst die Privatunternehmung
allein eine ausgedehnte erfolg-, aber auch zum Teil verlustreiche
Arbeit leisten, und die kommunale Verwaltung mußte gleichfalls die
Methoden der öffentlichen Unternehmung ausbilden. Erst dann gelang es,
die Kräfte und Mittel beider organisatorisch zusammenzufassen.

Der von der Stadtverordnetenversammlung genehmigte Vertrag mit der
Stadt Berlin wurde am 6. Februar 1884 vom Magistrat, und am 19. Februar
desselben Jahres von der Deutschen Edison Gesellschaft vollzogen. Das
ganze Jahr 1884 und ein Teil des Jahres 1885 gingen mit den Bauarbeiten
hin.

Die +Städtischen Elektrizitätswerke+, eine neu gegründete
Aktiengesellschaft, der die Deutsche Edison Gesellschaft die ihr von
der Stadt gewährte Konzession zur Einführung des elektrischen Lichts
in einem zentralen Berliner Stadtteil überließ, hatten dafür die
Verpflichtung übernommen, alle Maschinen, Apparate und Utensilien zur
Erzeugung und Verwendung des elektrischen Stroms zu meistbegünstigten
Preisen ausschließlich von der Edison Gesellschaft zu beziehen. Die
Lieferungen hielten sich im Jahre 1884 noch in engen Grenzen, die
Gewinne bei dem Bau der beiden geplanten Zentralen wurden, um den
zukünftigen Nutzen aus den Lieferungen ungeschmälert zu erhalten,
über Handlungsunkosten abgeschrieben. Von den Aktien der Städtischen
Elektrizitätswerke behielt die Edison Gesellschaft nur 560000 Mark
für sich zurück, die übrigen wurden teilweise von den Aktionären
der Edison Gesellschaft bezogen, teilweise zum Parikurse dem
Bankenkonsortium überlassen. Es mag wohl die Aktionäre enttäuscht
haben, daß der „entsprechende Nutzen“, der im vorjährigen Bericht aus
diesen Transaktionen schon für 1884 in Aussicht gestellt worden war,
ausblieb. Auch sonst wickelten sich die Bau- und Installationsarbeiten
bei der Zentralstation nicht ganz glatt ab. Zwar funktionierte der
elektrische Teil der Anlage von Anfang an ohne Tadel, die Durchführung
der Installationen wird als völlig gelungen und als mustergiltig
bezeichnet. Aber die Dampfmaschinen, die die Gesellschaft auf den
Wunsch der Stadtverwaltung, die heimische Industrie bei ihren Aufträgen
zu berücksichtigen, bei der Firma Borsig bestellte, hatten sich bei
Ablauf der kontraktlichen Liefertermine „noch nicht so bewährt, wie das
der Ruf der mit der Konstruktion beauftragten Firma erwarten ließ.“
Die Städtischen Elektrizitätswerke leiteten aus der Verzögerung der
Termine Schadenersatzansprüche gegen die Deutsche Edison Gesellschaft
als Generalunternehmerin der gesamten Anlage her, gegen die diese
Gesellschaft allerdings durch Garantien der Maschinenfabrik gedeckt
war. Nach einiger Zeit wurden die bestehenden Differenzpunkte durch
beiderseitiges Entgegenkommen aus der Welt geschafft. Der mißglückte
Teil der motorischen Anlage mußte unter der direkten Aufsicht der
Edison Gesellschaft einer Remontierung unterzogen werden, die von der
Firma Kuhn in Stuttgart zur Zufriedenheit durchgeführt wurde. Die erste
Zentrale in der Mauerstraße war somit erst in der zweiten Hälfte des
Jahres 1886 in Betrieb gekommen, der sich nach Angabe der Gesellschaft
nunmehr tadellos und regelmäßig abwickelte. Eine der ersten größeren
Aufgaben, die den Städtischen Elektrizitätswerken gestellt wurde, war
die Beleuchtung der beiden königlichen Theater, des Opernhauses und
des Schauspielhauses. Sie wurde nach anfänglichen Schwierigkeiten mit
gutem Gelingen durchgeführt. Es folgten die Reichsbank, das Hotel
Kaiserhof und eine Anzahl von Bankgeschäften im Zentrum der Stadt.
Die elektrische Straßenbeleuchtung machte nur langsame Fortschritte.
Eigentlich wurden in den ersten Jahren nur die von Siemens & Halske
früher angelegten, und bis dahin mit besonderen Antriebsmaschinen
versorgten Straßenbeleuchtungen, also im wesentlichen die in der
Leipziger Straße übernommen, deren Kosten sich durch den Strombezug
aus der Zentralstation in der Mauerstraße erheblich verbilligten,
nämlich von 36 auf 4 Pfennige für die Lampenbrennstunde. Aber auch
dieser Preis war im Vergleich mit dem des Gaslichts noch hoch, und
erst später, als mit der zunehmenden Vergrößerung und der wachsenden
Spannung der elektrischen Maschinen die Ausnutzung der Kohlen beim
elektrischen Licht sich erhöhte, konnten die Preise, die später nicht
mehr nach Lampenstunden, sondern nach Kilowattstunden berechnet wurden,
wesentlich herabgesetzt werden.

Die Stadtverwaltung, die die anfänglichen Hemmnisse vielleicht etwas
stutzig gemacht hatten, die vielleicht auch die Zeit gekommen glaubte,
die Werke zu günstigen Bedingungen an sich zu bringen, verlangte
die Errichtung zweier weiterer Zentralen, abgesehen von den beiden
schon erbauten, und finanzielle Garantien für die Fähigkeit der
Gesellschaft, diese Aufgabe durchzuführen. Insbesondere wurde die
Erhöhung des Grundkapitals von 3 auf 6 Millionen Mark gefordert.
Da in den ersten Jahren die Werke mangels jeglicher Erfahrungen
im Zentralenbetrieb mit Verlust arbeiteten, und die ersten beiden
Zentralen in der Markgrafenstraße mit 6 Dampfmaschinen und in der
Mauerstraße mit 3 Dampfmaschinen, jede nach Edisonschem Vorbild mit
nur 150 PS ausgestattet, über die Voranschläge hinausgehende Summen
verschlangen, war die Situation für die Städtischen Elektrizitätswerke
und die hinter ihr stehende Edison Gesellschaft eine sehr heikle. Der
damalige Direktor Geh. Postrat Ludewig wurde damit beauftragt, ein
Gutachten abzufassen, ob die Gesellschaft die neue Finanzbelastung
ertragen könnte und wie sich bei Erfüllung der von der Stadt
geforderten Garantien die Lage der Werke gestalten würde. Ludewig kam
zu einem niederschmetternden Ergebnis. „Erfüllen wir die Forderungen
der Stadt, so sind wir bankerott.“ Dieses Gutachten rief unter den
Aktionären und den Geldleuten eine wahre Panik hervor, und es mußte
unbedingt etwas geschehen, wenn der Zusammenbruch, der nicht nur für
die Städtischen Werke, sondern auch für die gesamte Zentralen-Idee
von den verhängnisvollsten Folgen begleitet gewesen wäre, verhütet
werden sollte. Rathenau, der die Gefahr erkannte, innerlich aber in
dem festen Glauben an seine Sache keinen Augenblick wankend geworden
war, bewies zum ersten Male die Unbeirrbarkeit, die ihn in kritischen
Lagen stets auszeichnete. Er, der in weniger zugespitzten Situationen
die Vorsicht selbst war, setzte alles auf eine Karte. Es blieb ihm
allerdings wohl auch keine andere Wahl, da eine weniger entschlossene
Haltung wahrscheinlich den Zusammenbruch nicht nur der Städtischen
Werke, sondern auch der Deutschen Edison Gesellschaft, jedenfalls aber
seine Ausschaltung aus beiden Unternehmungen herbeigeführt hätte. Als
Aufsichtsrat und Aktionäre ihn mit Vorwürfen bestürmten, erklärte er
sich bereit, 1.500.000 Mark Aktien der Städtischen Elektrizitätswerke
zum Kurse von 95% zurückzuerwerben. Man ging gern auf sein Angebot ein.
Was damals als tollkühnes Wagnis erschien, hat sich später als ein sehr
gutes Geschäft erwiesen, ja es ist der A. E. G. später noch häufig zum
Vorwurf gemacht worden, daß sie zuviel an den B. E. W. verdiene und
daß sie sich bei der Aktienübernahme zuviel Vorteile in vertraglicher
und verwaltungstechnischer Hinsicht habe zusichern lassen. Zu
diesen späterhin besonders scharf bekämpften Vorteilen gehörte die
Einführung der sogenannten Verwaltungsgemeinschaft zwischen der Edison
Gesellschaft und ihrem Tochterunternehmen, ferner die Einräumung von
Gründerrechten in der Art, daß die Gesellschaft bei Kapitalserhöhungen
die Hälfte der neuen Aktien zum Parikurse beziehen durfte. Man kann
es Rathenau indes nicht verdenken, daß er sich das Risiko, das er
ganz allein zu tragen bereit war, gehörig bezahlen lassen wollte. Der
Geh. Oberpostrat Ludewig, der sich der Situation so wenig gewachsen
gezeigt hatte, wurde mit einer angemessenen Abfindung aus seinem Amt
entfernt, und Emil Rathenau, Oscar v. Miller sowie der inzwischen zum
Vorstandsmitglied der Edison Gesellschaft aufgerückte Felix Deutsch
übernahmen die Leitung der Gesellschaft, die dem Mutterunternehmen
aus ihren Einnahmen einen bestimmten Betrag als Beisteuer zu den
Verwaltungskosten zahlte, wogegen die Verwaltung von der Edison
Gesellschaft geführt und bestritten wurde.

Bei Gelegenheit der finanziellen Stärkung der Städtischen
Elektrizitätswerke, die vielleicht keine offene, wohl aber eine
heimliche Reorganisation bedeutete, wurden die Beziehungen zur
Stadt -- dieses Äquivalent wußte Rathenau immerhin herauszuschlagen
-- gefestigt und für die Gesellschaft im großen und ganzen
verbessert. Die Abgaben vom Reingewinn wurden eingeschränkt, die
vom Installationsgeschäft völlig aufgehoben, wogegen für die
Installationen aber die freie Konkurrenz ausdrücklich zugelassen
werden mußte. Die Straßenbeleuchtung sollte erweitert werden und
zwar besonders durch die Einbeziehung der Straße „Unter den Linden“
(1888). Das Konzessionsgebiet wurde ausgedehnt und umfaßte jetzt einen
Stadtteil, der von der Besselstraße bis zum Oranienburger Tor, von
der Wallner-Theater-Straße bis zum Ende der Bellevue-Straße reichte.
Dieser ganze Stadtteil mußte mit Kabeln ausgerüstet werden. Zwei
neue Zentralstationen, in der Spandauerstraße und am Schiffbauerdamm
waren anzulegen und mit je 2000 Pferdekräften zunächst für je 6000
Lampen, die bis zum Jahre 1892 auf 24000 bezw. 12000 gesteigert werden
sollten, auszustatten. Die Zentrale in der Mauerstraße war erheblich zu
erweitern. Die Maschinen für diese Anlagen wurden bei der belgischen
Fabrik van der Kerkhoven in Gent bestellt. Emil Rathenau benutzte die
Gelegenheit, um von den kleineren Schnellläufermaschinen von nicht
mehr als 150 PS, mit denen die erste Zentrale in der Markgrafenstraße
gegen seinen Willen auf Verlangen des zur Vorsicht mahnenden
Bankenkonsortiums ausgestattet worden war, zu großen „Langsamläufern“
überzugehen, die schnell bis auf 1000 PS gesteigert wurden. Er
stand dabei im Gegensatz zur ganzen Fachwelt, selbst zu Edison, der
die Meinung vertrat, daß die Kraft mehrerer Kleinmaschinen besser
ausgenutzt und den jeweiligen Strombedürfnissen richtiger angepaßt
werden könnte als die einer Großmaschine. Auch die Sachverständigen der
früheren Bankengruppe der Städtischen Elektrizitätswerke hatten sich
von dieser durch die Autorität des Erfinders Edison gestützten Ansicht
nicht abbringen lassen und das war ein weiterer Grund für die Banken
gewesen, Rathenau das Geld für die Erweiterung der Elektrizitätswerke
zu verweigern. Wenn er schon mit den kleinen Maschinen keine
Rentabilität erzielte, so würde er sie -- dies war ihr Argument -- mit
großen sicherlich nicht erreichen. Rathenau war damals der einzige, der
von großen Maschinen das Heil erwartete, nicht nur aus technischen,
sondern auch aus ökonomischen Gründen, denn er hielt es für wichtig,
daß ihre Aufstellung viel weniger Platz in Anspruch nahm als die vieler
Kleinmaschinen, was bei den hohen städtischen Bodenpreisen immerhin
ins Gewicht fiel. Als er bei den Städtischen Werken nun unabhängig
von fremdem Einfluß geworden war, konnte er seine Pläne hinsichtlich
des Großmaschinenbaus unbehindert zur Durchführung bringen und hatte
die Genugtuung, daß sich selbst Edison nach einer Besichtigung der
neuen Zentralen von der Überlegenheit der Neuerung überzeugen ließ.
Erst durch das von Rathenau gegen die ganze damalige übrige Fachwelt
durchgesetzte Prinzip der Großmaschinen ist die Grundlage für die
gewaltige Entwickelung des Zentralenbaus gelegt worden.

Die Kosten des Bauprogramms wurden auf 9 Millionen Mark berechnet,
die zur Hälfte in Aktien, zur Hälfte in Obligationen aufzubringen
waren. Die Firma der Gesellschaft wurde umgewandelt in +Berliner
Elektrizitätswerke+. Durch die Forderungen der Stadt war die
Tragfähigkeit der ersten großen Elektrizitätszentrale auf eine harte
Probe gestellt worden. Nachdem diese aber bestanden war, schlug die
Belastungsprobe zum Segen für das Unternehmen aus, das dadurch in
seinem Wachstum und seiner Stärke in einer Weise gefördert wurde, die
es wahrscheinlich, sich selbst überlassen, nicht so schnell erreicht
haben würde.

An den Schluß dieses Kapitels sei der Wortlaut der Rede gesetzt,
die Emil Rathenau am Vorabend der Einführung des elektrischen
Lichtbetriebes in der Straße „Unter den Linden“ hielt:

    „Es ist uns ein Bedürfnis, im Namen der Berliner Elektrizitätswerke
    den Spitzen der Städtischen Verwaltung unseren Dank dafür
    auszusprechen, daß Sie uns gestattet haben, an einer Schöpfung
    mitzuwirken, deren epochemachende Bedeutung weit über die Grenzen
    dieser Stadt hinaus greift und deren Vollendung überall mit Freuden
    begrüßt werden wird. Diese Schöpfung beweist aufs neue, mit
    welchem Verständnis die Stadt Berlin jede neue Errungenschaft der
    Wissenschaft und Technik dem Wohle der Bürgerschaft dienstbar zu
    machen weiß. Das „lichtvolle“ Werk, dessen Generalprobe Sie soeben
    beigewohnt haben, tritt würdig in die Reihe der schon bestehenden
    Wohlfahrtseinrichtungen, welche der Erleichterung des Verkehrs,
    der Befriedigung der Lebensbedürfnisse und der immer weiteren
    Ausgestaltung des täglichen Komforts zu dienen berufen sind. Die
    Naturkraft des neunzehnten Jahrhunderts, welche im Telegraphen und
    im Telephon sich bereits überall das Bürgerrecht erworben hat, soll
    in Zukunft der gesamten Bevölkerung zugängig gemacht werden, dem
    Wohlhabenden in der Form strahlenden Lichts, dem Handwerker als
    Werkzeug des täglichen Gebrauches.

    Unsere Stadt tritt mit dem heutigen Tage in eine neue
    Entwickelungsphase ihres Beleuchtungswesens ein; neben das
    Gaslicht, das bisher die Alleinherrschaft behauptete, tritt heute
    gleichzeitig das elektrische Licht, und die Zukunft wird lehren,
    welchem von beiden der Sieg gehört.

    80 Jahre sind es her, daß in dieser selben Straße „Unter den
    Linden“ das bescheidene Öllämpchen von der ersten Gasflamme
    verdrängt wurde und es wird vielleicht nicht weiterer 80 Jahre
    bedürfen, um, wie damals die erste, so dereinst die letzte
    Gasflamme als staunenswerte Kuriosität betrachtet zu wissen.

    Nicht leicht war die Entscheidung, auf welchem Wege am raschesten
    und sichersten das erstrebte Ziel zu erreichen sei, zumal
    da städtische Interessen hinzuweisen schienen, welche schon
    in Gasanstalten, den Wasserwerken und last not least, der
    unübertroffenen Kanalisation zu unbestrittenem Erfolge verholfen
    hatten. Die Erkenntnis aber, daß die junge Industrie sich frei
    entfalten müsse, bevor sie völlig in den Dienst des städtischen
    Ärars treten durfte, hat Früchte gezeitigt, welche die Bewunderung
    aller Nationen erregen. Und in dieser Entwicklung betätigt sich
    gleichzeitig das Walten ausgleichender Gerechtigkeit, denn an
    seiner Geburtsstätte hat der elektrische Strom seine größte
    Verbreitung gefunden, obgleich es eine Zeitlang schien, als ob die
    neue Welt uns diesen Ruhm streitig machen wolle.

    Weit hinter dieser zurück steht das übrige Europa; in England
    erschwert der Wille des Parlaments die Errichtung elektrischer
    Zentralstationen und Frankreich konnte, trotz des hohen Fluges,
    den es in der Ausstellung des Jahres 1881 zu nehmen schien, weder
    in der Städtebeleuchtung noch in der elektrotechnischen Industrie
    mit uns Schritt halten. So können wir mit Stolz behaupten, daß wir
    an der Spitze aller Kulturvölker marschieren, die in erster Linie
    berufen waren, das Prinzip der elektrischen Beleuchtung zu fördern
    und sich nutzbar zu machen.

    Diese Erfolge verdanken wir nicht zum wenigsten der Weisheit und
    Einsicht unserer Behörden, welche der Privatindustrie freien
    Spielraum ließen, und sie vor allen schädlichen Hemmnissen und
    Beschränkungen bewahrten. So konnten wir in freier Entfaltung aller
    unserer Kräfte das große Werk fördern helfen, das, noch früher als
    gehofft und beabsichtigt war, als fertiges und vollendetes Ganzes
    vor Ihnen stehen wird. Ein hoher Wille, dem wir uns in Ehrfurcht
    beugen, hat uns diese Beschleunigung unserer Arbeiten nahe gelegt,
    und wir sind stolz darauf, daß wir diesem Willen trotz mancher
    entgegenstehender Hindernisse gerecht werden konnten.

    So wird denn die elektrische Beleuchtung der prächtigsten Straße
    der Reichshauptstadt schon mit dem morgigen Abend definitiv
    beginnen.

    Freilich konnten wir, die wir an der Lösung dieser gewaltigen
    Aufgabe mitzuwirken das Glück hatten, nicht immer gleich allen
    Wünschen in dem Umfange Rechnung tragen, wie es das Publikum, das
    nach elektrischem Licht sich sehnt, in seiner leicht erklärlichen
    Ungeduld beanspruchte, und auch dem Maß des zunächst Erreichbaren
    entsprach. Vielleicht nicht immer den weitgehenden Erwartungen, die
    gerade auf diesem Gebiet der Technik mehr als auf jedem anderen
    sich geltend zu machen pflegen. Das Publikum steht eben unserer
    Aufgabe im allgemeinen zu fern, um deren ganze Schwierigkeit voll
    ermessen zu können, und es vergißt leicht, wie neu die Sache
    eigentlich noch ist, deren Ausbildung und Realisierung wir uns
    gewidmet haben. Es vergißt dies um so eher, als die Elektrizität,
    trotz der ihr noch anhaftenden Jugendfehler uns schon jetzt ganz
    unvergleichliche Dienste leistet. So mag man denn das immer noch
    unvermeidliche Mißverhältnis zwischen unserem Wollen und unserem
    Vollbringen in der Überzeugung entschuldigen, daß die Naturkraft,
    die schon in ihren Kinderjahren so Gewaltiges zu leisten vermochte,
    zu noch Größerem berufen ist, wenn Sie derselben Ihren Schutz mit
    wohlwollender Nachsicht so lange angedeihen lassen, bis sie völlig
    erstarkt ist und in freiem Fluge ihre Schwingen zu regen vermag.
    Wir aber, die wir den Berliner Elektrizitätswerken vorstehen,
    werden, wie bisher, so auch in Zukunft mit redlichem Eifer
    bemüht bleiben, die neue Schöpfung zu einer der Reichshauptstadt
    würdigen Stellung emporzuheben und dafür zu sorgen, daß die
    führende Stellung in der Elektrotechnik, die Deutschland in beiden
    Hemisphären einnimmt, ihm dauernd erhalten werde.

    Das Verdienst für diese Führerschaft gebührt, wie nochmals
    betont sei, in erster Reihe den Leitern unserer Stadt, die
    mit weitsichtigem Blick, trotz der Bedenken vieler, daß die
    Elektrizität andere städtische Unternehmen beeinträchtigen werde,
    den Mut besaßen, für die Verwirklichung jener Ideen einzutreten,
    welche die Bürgerschaft von Berlin schon jetzt als weise und
    wohltätig erkannt hat.

    Darum bitte ich Sie, Ihr Glas mit mir zu erheben, und einzustimmen
    in den Ruf: Berlin, die Stadt der Intelligenz, die darum auch die
    Stadt des Lichtes werden müßte, sowie die Verwaltung derselben, sie
    lebe hoch!“



Achtes Kapitel

A. E. G.


Wir haben im vorigen Kapitel gesehen, daß die Idee und Ausführung
einer Berliner Zentralstation die Deutsche Edison Gesellschaft in
ernste Gefahr gebracht hatte, nicht weil die Lösung des technischen
Problems -- abgesehen von gewissen anfänglichen Hemmnissen --
Schwierigkeiten oder Enttäuschungen verursachte, sondern weil das
finanzielle Gleichgewicht zwischen Mutter- und Tochtergesellschaft
verloren zu gehen drohte. Die geldlichen Erfordernisse für die
Zentralstation, die mit einem Kapital von 3 Millionen Mark gegründet
worden war und nach 3 Jahren 9 Millionen Mark neues Geld brauchte,
waren zu groß, als daß sie im richtigen Verhältnis zu den Finanzen der
Muttergesellschaft gestanden hätten, die noch immer mit einem Kapital
von 5 Millionen Mark arbeitete. Ein derartiges Über-den-Kopf-Wachsen
der Tochtergesellschaft würde dann möglich und unbedenklich gewesen
sein, wenn die Zentralstation in der öffentlichen Meinung gesichert
und bewährt genug gewesen wäre, um ein eigenes kapitalistisches
Leben führen, und ihre geldlichen Erfordernisse selbständig auf dem
Anlagemarkt befriedigen zu können. Das war aber, wie wir gesehen
haben, nicht der Fall. Im Gegenteil, nicht nur die Öffentlichkeit und
die Stadt Berlin als Konzessionsgeberin, sondern auch die Aktionäre,
der eigene Aufsichtsrat und die Banken standen der Gesellschaft
skeptisch gegenüber, und waren froh, als Emil Rathenau ihnen ihren
riskanten Aktienbesitz, wenn auch mit Verlust, abnahm. Mit dieser
Transaktion war nun zwar die Tochtergesellschaft gerettet, aber die
Muttergesellschaft war mit einer finanziellen Last beschwert, die
sie in ihrem bisherigen Zustande und mit ihren bisherigen Kräften
nicht tragen konnte, selbst wenn sie ihre ganzen flüssigen Mittel
-- besonders die ihr verbliebenen 1,7 Millionen Mark Bankguthaben
-- für die Berliner Elektrizitätswerke verwendet hätte, was sie
aber, ohne ihre eigene Entwickelung als Fabrikationsgesellschaft zu
beeinträchtigen, eigentlich gar nicht tun durfte. Dennoch schien
Emil Rathenau eine Zeitlang wohl oder übel entschlossen gewesen zu
sein, seine letzte Geldreserve zu opfern und das Problem der B. E.
W. auf Kosten seiner Deutschen Edison Gesellschaft zu lösen, die zu
diesem Behufe ihre Kräfte aufs äußerste hätte anspannen und sich
wahrscheinlich hätte überlasten müssen. Da die flüssigen Mittel
dieser Gesellschaft aber allein zu jenem Zwecke nicht ausgereicht
hätten, wurde der außerordentlichen Generalversammlung vom 10. Februar
1887 eine Kapitalserhöhung um 2 Millionen Mark vorgeschlagen. Eine
stärkere Inanspruchnahme des Kapitalmarktes verbot sich deswegen,
weil am politischen Horizont schwere Wolken aufgezogen waren und ein
Krieg mit Rußland im Bereiche der Möglichkeit zu liegen schien. Wäre
diese Kapitalstransaktion damals zur Ausführung gelangt, so hätte
durch sie nur eine isolierte Lösung der +einen+ brennenden
Frage, nämlich derjenigen der Städtischen Elektrizitätswerke,
herbeigeführt werden können. Die Dinge lagen aber bei der Deutschen
Edison Gesellschaft schon seit geraumer Zeit so, daß abgesehen von dem
Problem der Elektrizitätswerke noch mehrere andere zur Entscheidung
drängten, weil die Grenzverhältnisse der Gesellschaft gegenüber ihren
wichtigsten Geschäftsfreunden unerfreulich, ja unhaltbar geworden
waren. Es handelte sich um die Pariser Edison Gesellschaft und um
die Firma Siemens & Halske, die aus Interessen-Freunden immer mehr
zu Interessen-Gegnern geworden waren oder zu werden drohten. Mit
Siemens & Halske hatte dieser Zustand schon zu mehreren Prozessen
geführt, von denen wir den wichtigsten über die Frage, ob die Edison
Gesellschaft nur Bogenlampen nach dem Siemensschen System verwenden
dürfte, bereits erwähnt hatten. Auch die fabrikatorische Einengung
der Edison Gesellschaft, die in der Verpflichtung bestand, Maschinen
und Materialien mit Ausnahme von Glühlampen unter Verzicht auf die
Selbstherstellung nur von S. & H. zu beziehen, machte sich mit jedem
Schritte mehr fühlbar, den die Gesellschaft in ihrer Entwickelung
vorwärts tun wollte. Das Gleiche galt von den Beschränkungen
und Auflagen, mit denen das Vertragsverhältnis zu der Compagnie
Continentale die Edison Gesellschaft belastet hatte. Die Zeit, in der
die Abgaben an die Pariser Edison Gesellschaft und der Verzicht auf
Gewinne aus wichtigen Absatzartikeln, die die Gesellschaft von Siemens
& Halske beziehen mußte, die Lebensfähigkeit des Unternehmens nicht
beeinträchtigten, war sehr bald vorübergegangen. Als die Deutsche
Edison Gesellschaft ihr Geschäft auf die Glühlampenfabrikation
beschränkte und diese noch dazu mit hohen Abgaben an den Erfinder
belastete, glaubte sie ein Monopol erworben zu haben. Ein Monopol,
geschützt rechtlich durch Patente und tatsächlich durch Einrichtungen
und Erfahrungen, die anderen Fabrikationsfirmen nicht zu Gebote
standen. Technische Vorsprünge können aber erfahrungsgemäß in einer
Zeit starken technischen Wettbewerbs nur eine Zeitlang gegenüber der
Konkurrenz aufrecht gehalten werden. Nach einigen Jahren war es dieser
sogar gelungen, so wesentliche Verbesserungen an der Lampe anzubringen,
daß es zeitweilig starker Anstrengungen der Ingenieure der Gesellschaft
bedurfte, um sich die Spitze nicht nehmen zu lassen. Der Monopolschutz
versagte in der Praxis so gut wie vollständig. 5 richterliche
Erkenntnisse hatten bis zum Jahre 1887 die Monopolrechte der
Gesellschaft im wesentlichen bestätigt, eine definitive Entscheidung
war noch immer nicht ergangen. Inzwischen war fast die Hälfte der
Patentdauer verstrichen, und die Gesellschaft besaß keine hinreichenden
Handhaben, um gegen die angeblichen Patentbrecher vorzugehen, die zwar
riskierten, bei einem späteren obsiegenden Endurteil der Deutschen
Edison Gesellschaft zum Schadensersatz verurteilt zu werden, inzwischen
aber an der Herstellung von Glühlampen nicht verhindert werden konnten.
Das Warten auf diesen Endsieg und die sich etwa daran schließende
retrospektive Verfolgung der früher erfolgten Patentverletzungen war
für eine Erwerbsgesellschaft eine unlohnende und unsichere Sache,
selbst wenn die Patentrechte schließlich durchgesetzt worden wären.
Im entgegengesetzten Falle aber -- der ja bei der Deutschen Edison
Gesellschaft schließlich praktisch eintrat -- würde die Gesellschaft
ihre ganze Existenzberechtigung verloren haben, wenn sie sich bis zur
Entscheidung der Patentfrage nur auf ihr beanspruchtes Monopolrecht
und nicht auf Leistungen gestützt hätte, die auch unabhängig von
diesem Monopolrecht ihr eine starke Stellung im Wettbewerb sicherten.
Dieser Wettbewerb war, angelockt durch die glänzenden und, wie man
glaubte, leicht zu erringenden Erfolge der Lichtelektrizität,
immer größer geworden. Die Errichtung einer Glühlampenfabrik schien
eine leichte, mit verhältnismäßig kleinem Kapital durchzuführende
Unternehmung zu sein. Fast alle elektrotechnischen und verwandten
Betriebe, daneben noch andere Unternehmer, errichteten Lampenfabriken.
Auf dem Gebiete des Dynamo-Baus lagen die Verhältnisse nicht anders.
Hier waren Patentrechte, die das Prinzip des Dynamos erfaßten,
überhaupt nicht vorhanden, und höchstens spezielle Typen patentierbar.
Jeder konnte sich eine eigene Dynamo-Type konstruieren, und neben
den elektrotechnischen Fabriken gingen auch Maschinenfabriken
vielfach dazu über, zur Unterstützung des Absatzes ihrer Motoren
die eigene Herstellung von Dynamomaschinen aufzunehmen. Auch das
Gebiet der Installation wurde stark umworben. Unternehmer für Gas-
und Wasseranlagen dehnten ihre Betriebe auf elektrische Anlagen
ähnlicher Art aus. In einer solchen Zeit verstärkten und ungehemmten
Wettbewerbs konnte die Deutsche Edison Gesellschaft nicht ohne dauernde
Beeinträchtigung ihrer Position und Entwickelungsmöglichkeit so weiter
existieren, wie sie gegründet worden war: gebunden durch Beschränkungen
nach verschiedenen Richtungen, belastet durch Abgaben, die bei einem
Monopol gerechtfertigt gewesen wären, bei einem nahezu unbegrenzt
freien Wettbewerb aber ihren Sinn verloren hatten. Das Ideal für
Rathenau wäre schon damals die Befreiung von +allen+ hemmenden
Verträgen gewesen, sowohl denen mit der Compagnie Continentale als
auch mit Siemens & Halske. Das erstere ließ sich erreichen, aber nur
dadurch, daß die Bindung an Siemens & Halske enger gestaltet wurde. Die
völlige Selbständigmachung nach allen Richtungen -- besonders zu einem
Zeitpunkte, in dem die auf 10 Jahre geschlossenen Verträge noch nicht
abgelaufen waren und ihre vorzeitige Ablösung auf dem Vergleichswege
nur unter Aufwendung großer Abfindungssummen möglich gewesen wäre --
hätte finanzielle Ansprüche an die Gesellschaft gestellt, denen sie in
einer Zeit, in der die Stützung der Berliner Elektrizitätswerke ihre
ganzen Mittel und ihren ganzen Kredit schon über Gebühr in Anspruch
nahm, auch nicht entfernt gewachsen war. Eine Lösung ließ sich damals
also nur durch engere Anlehnung der Edison Gesellschaft an Siemens &
Halske, und die Bankkräfte, die ihr diese Anlehnung zuführen konnte,
erreichen. Bereits im September 1886 wurden Verhandlungen eingeleitet,
die sich über volle 8 Monate hinzogen. Sie kamen ins Stocken, wurden
wieder aufgenommen, aufs neue abgebrochen und führten schließlich
zu einem komplizierten Vertrags- und Vertragslösungskomplex, der
der Generalversammlung vom 23. Mai 1887 zugleich mit dem verspätet
veröffentlichten Geschäftsbericht und der Bilanz für das Jahr 1886
vorgelegt wurde. Die Vorbedingung für die Lösung vom Edison-Konzern
bildete, wie schon gesagt, die Änderung des Vertragsverhältnisses mit
Siemens & Halske, durch die -- wie es in der Vorlage an die Aktionäre
hieß -- die „Gleichberechtigung beider Firmen in technischer und
kommerzieller Beziehung auf dem von ihnen gemeinschaftlich vertretenen
Arbeitsfelde anerkannt wurde.“ Die Grundlage des Neuabkommens mit S. &
H. war die folgende:

I. Der Bau und Betrieb von Zentralstationen, die beträchtliche
Geldmittel, reiche Erfahrungen und wohlgeschulte Kräfte erfordern,
wird durch Kooperation beider Firmen im In- und Auslande bewirkt.
Der Grundsatz, daß die Edison Gesellschaft die Konzessionen nehmen
sollte, wurde dabei nicht fallen gelassen, dagegen hatte die
Bauausführung in Gemeinschaft mit Siemens & Halske zu erfolgen. Alle
Stromlieferungsunternehmungen von mehr als 100 PS, deren Konzession
Siemens & Halske erwarben, hatten sie der Edison Gesellschaft gegen
Erstattung der Unkosten anzubieten, die die Finanzierung, den
Bau und die Einrichtung der Zentralen zu besorgen hatte, während
Siemens & Halske Maschinen und Kabel lieferten. Verzichtete die
Edison-Gesellschaft auf den Bau, so blieb ihr doch das Recht, gegen
eine Entschädigung die Hausinstallationen auszuführen. Auch dieses
Recht konnte sie gegen eine bestimmte Abgabe an S. & H. abtreten.
Konzessionen auf elektrolytische Einzelanlagen und elektrische Anlagen
für den Betrieb von Eisenbahnen brauchten S. & H. nicht an die Edison
Gesellschaft abzutreten.

II. Auf dem Gebiete der isolierten Anlagen wurden die der Ausdehnung
der eigenen Fabrikationsfähigkeit der Edison Gesellschaft
entgegenstehenden Schranken beseitigt. Zu diesem Zwecke wurde es der
Gesellschaft erlaubt, Kraftmaschinen bis zu 100 PS selbst herzustellen.

III. Die Glühlampenfabrikation wurde durch eine Konvention vor einer
gegenseitig ruinösen Preiskonkurrenz geschützt.

Das Hauptzugeständnis, das der Deutschen Edison Gesellschaft hier
gemacht wurde, lag in der Erlaubnis, Maschinen bis zu 100 PS selbst
bauen zu dürfen. Es war dürftig genug und mußte mit der Aufteilung
des bisher der Edison Gesellschaft allein zustehenden Zentralenbaus
unter beide Firmen bezahlt werden, zu der sich Rathenau gerade in
dem damaligen Zeitpunkte etwas leichter verstand, weil das Berliner
Musterbeispiel eines solchen Zentralenbaus die großen finanziellen
Ansprüche, die dieser Geschäftszweig stellte, deutlich dargetan hatte.
Überdies bedeutete diese Teilung des Zentralengebietes insofern keine
allzugroße Änderung im Vertrage, als ja auch schon vorher die Deutsche
Edison Gesellschaft bei Zentralenbauten einen erheblichen Teil der
Anlage, nämlich die elektrischen Maschinen, Kabel und sonstigen
Materialien von S. & H. hatte beziehen müssen. Allerdings war das
in Aussicht genommene Zusammenwirken beider Firmen im Zentralenbau
insofern ein wunder Punkt in dem gegenseitigen Verhältnis beider
Firmen, als die Fassung dieser Vertragsbestimmung ziemlich dehnbar
war, und nur bei beiderseitigem guten Willen ein ersprießliches
Zusammenwirken versprach. Böswilligkeit oder passive Resistenz auf
einer Seite konnten das Zusammenwirken im Zentralengeschäft sehr
erschweren.

Die Voraussetzung für dieses Abkommen zwischen der Edison Gesellschaft
und Siemens & Halske bildete eine Regelung der Vertragsbeziehungen
zu der Compagnie Continentale. Beide deutschen Firmen besaßen das
Ausnutzungsrecht für die Edison-Patente, beide waren dafür mit einer
Abgabenpflicht belastet. Die Deutsche Edison Gesellschaft war ferner
durch satzungsmäßige Bestimmungen zu Gunsten der Compagnie beschränkt
und schließlich an sie durch die der französischen Gesellschaft
übergebenen Genußscheine gebunden. Die satzungsmäßigen Beschränkungen
bestanden hauptsächlich darin, daß die Deutsche Edison Gesellschaft
für die Glühlicht-Beleuchtung sich ausschließlich des Edisonschen
Systems bedienen und daß sie Patente, Patentausnutzungsrechte
sowie alle hierher gehörigen Rechte aller Art, betreffend die
Anwendung technischer Prozeduren, Erfindungen und Geheimnisse nur
mit Genehmigung der Compagnie Continentale erwerben durfte. Die
Verhandlungen mit der französischen Edison Gruppe wurden nicht von
der Deutschen Edison Gesellschaft, sondern von der Firma Siemens &
Halske geführt, die sich durch ihren Unterhändler, den Bürgermeister
a. D. Rosenthal, zum Befremden Rathenaus und hinter seinem Rücken in
das Eigentum der deutschen Edisonpatente gesetzt hatten. Rathenau
war dadurch noch mehr auf die Mitwirkung von S. & H. bei der von ihm
geplanten Loslösung von der Compagnie Continentale angewiesen. S. &
H. schlossen ein Abkommen, das die Beseitigung aller Beschränkungen
und Abgaben, die Rück-Übertragung der 1500 Genußscheine der Compagnie
Continentale und den +gemeinsamen Erwerb+ der Patente durch S. &
H. sowie die Deutsche Edison Gesellschaft (nicht nur wie bisher das
Ausnutzungsrecht) ermöglichte. Der Firma S. & H. waren aus diesem
Abkommen Kosten von 809000 Mark erwachsen, von denen sie selbst
ein Drittel, nämlich 269666 Mark, die Deutsche Edison Gesellschaft
75000 Mark für den Rückerwerb von 1500 im Besitz der französischen
Gesellschaft befindlichen Genußscheinen übernahm und ferner auf die
noch etwa 170000 Mark betragende Restsumme verzichtete, die von dem der
Compagnie Continentale seinerzeit als Vorschuß auf die Patentabgaben
gezahlten Betrage von 350000 noch verblieben und in der obigen Summe
von 809000 Mark verrechnet war. Der Rest von 294334 Mark wurde von
einem durch Siemens & Halske gebildeten Bankenkonsortium unter Führung
der Deutschen Bank übernommen, das ebenso wie die Firma Siemens &
Halske einen Teil der 7 Millionen Mark neuen von der Deutschen Edison
Gesellschaft auszugebenden Aktien zeichnen sollte.

Die Deutsche Edison Gesellschaft hatte im ganzen einschließlich
50000 Mark, die zum Rückerwerb der restlichen 1000 seinerzeit an die
Gründer begebenen Genußscheine dienten, 295000 Mark bereitzustellen.
Die Aufbringung dieser Summe fiel der Gesellschaft, die damals
stille Reserven kaum aufgesammelt hatte, nicht leicht. 195000 Mark
sollten den außerordentlichen (offenen) Reserven entnommen werden,
von denen damals ein Rückstellungskonto in Höhe von 145743 Mark und
eine außerordentliche Reserve von 95000 Mark bestand. Diese wurden
demnach durch die Entnahme bis auf 45000 Mark verzehrt. Ferner
bestand noch ein gesetzlicher Reservefonds von 47674 Mark. Das
war alles, was der Gesellschaft an Reserven verblieb. Die innere
Verfassung des Unternehmens war damals also eine ziemlich schwache,
und wenn im Geschäftsbericht für 1886, wohl um die Aktionäre über
die unbehagliche Situation hinwegzutrösten, mit Genugtuung darauf
hingewiesen wurde, daß in den bisherigen 4 Geschäftsjahren Reserven
von 284667 Mark aufgesammelt, buchmäßige Abschreibungen von 239912
Mark vorgenommen und 883500 Mark an Dividenden gezahlt worden seien,
so bedeutete diese Zusammenstellung vom Standpunkt der späteren
Rathenauschen Reserven- und Bilanzpolitik betrachtet, eine ziemlich
herbe Kritik, was das Verhältnis der gezahlten Dividenden zu den
zurückgehaltenen Beträgen anlangt. Es waren Dividenden ausgeschüttet
worden, die -- wenn sie auch an sich niedrig waren, -- Emil Rathenau
in späteren Jahren im Verhältnis zu dem erzielten Gewinn entschieden
als viel zu hoch betrachtet haben würde. Das war vielleicht nötig
gewesen, um die Aktionäre des jungen Unternehmens nicht sofort vor
den Kopf zu stoßen, den technischen und finanziellen Kredit nicht zu
gefährden und das Bankenkonsortium zufriedenzustellen, das zu großen
Entsagungen nicht bereit war. Die Folge davon war die mangelhafte
Fundierung der Gesellschaft bei Gelegenheit der Vertragsrevision
mit der Edison-Gruppe. Nicht nur die Reserven mußten geplündert
werden, sondern auch die Aktionäre mußten auf einen Teil ihrer Rente
verzichten. Von dem 308626 Mark betragenden Überschuß mußten 100000
Mark abgezweigt werden, um den Restbetrag der aus Anlaß des Ausgleichs
mit der Edison-Gruppe aufzubringenden Summe herbeizuschaffen. Statt
6%, wie erwartet worden war, konnten die Aktionäre nur 4% erhalten.
In der Generalversammlung vom 23. Mai 1887 herrschte darum eine
recht ungemütliche Stimmung, und zum ersten Male trat eine kräftige
Opposition hervor, die sich gegen nicht eingelöste Versprechungen
usw. richtete. Die Aktionäre Michelet und Jacob kritisierten die
Verwaltung mit scharfen Worten und gaben Protest gegen die Beschlüsse
der Versammlung zu Protokoll. Hugo Landau, der stellvertretende
Vorsitzende des Aufsichtsrats und Vertreter der Bankengruppe, erklärte
demgegenüber, daß nur durch die Verkürzung der Dividende die fehlenden
100000 Mark aufgebracht werden könnten. Werde das abgelehnt, so sei
die Transaktion nicht durchzuführen. Der Vertrag mit S. & H. und die
Kapitalserhöhung kämen nicht zustande. Statt eine gesunde und große
Zukunft zu gewärtigen, müßte die Gesellschaft mit ihren jetzigen
unzureichenden Mitteln in eine Periode verschärfter Konkurrenz
eintreten. Der Kampf könnte ohne wesentliche Herabschreibung der
Aktiva dann nicht mit Aussicht auf Erfolg aufgenommen werden. Die
+Sanierung+ wurde also als drohendes Gespenst an die Wand gemalt.
Sie wurde vermieden, denn die Generalversammlung genehmigte die Anträge
der Verwaltung schließlich mit großer Mehrheit, und sie tat gut
daran. Schon im nächsten Geschäftsjahr 1887/88, das infolge Verlegung
des Bilanztermins auf den 30. Juni 1½ Jahre umfaßte, konnte eine
Dividende von 7% für das Jahr und 10½% auf 1½ Jahre bei sehr
vorsichtiger Bilanzierung ausgeschüttet werden, und die Aktionäre haben
sich über schlechte Abschlüsse, und nicht eingehaltene Versprechungen
nie wieder zu beklagen gehabt.

Die 7 Millionen Mark neuen Aktien, von denen Siemens & Halske 1
Million Mark übernahmen, erhielten für 1887/88 nur 4% Bauzinsen. In
den Aufsichtsrat traten als Vertreter von Siemens & Halske, Arnold
von Siemens, der Sohn Werners, und Bürgermeister a. D. Rosenthal,
ferner als Vertreter des neuen Bankenkonsortiums Dr. Georg Siemens
(Deutsche Bank), August Klönne (Schaaffhausenscher Bankverein),
Geh. Kommerzienrat A. Delbrück (Delbrück, Leo & Co.) sowie
Eisenbahnpräsident A. Jonas (Discontogesellschaft) ein. Trotzdem wurde
der Mitgliederbestand des Aufsichtsrats nicht erhöht. Er betrug wie
zuletzt 11 Köpfe, eine Reihe von bisherigen Aufsichtsratsmitgliedern
mußte den Bankenvertretern ihren Platz räumen. Bereits früher waren
verschiedene Mitglieder, darunter der Vertreter der Nationalbank für
Deutschland, Assessor Löwenfeld ausgeschieden. Im Jahre 1888 wurde der
Geschäftsinhaber der Berliner Handelsgesellschaft Carl Fürstenberg
in den Aufsichtsrat gewählt, der späterhin -- besonders nach dem
Ausscheiden Georg Siemens -- der eigentliche finanzielle Berater Emil
Rathenaus geworden ist und ihm in enger Freundschaft bis an sein
Lebensende verbunden blieb.

Die Gesellschaft legte nach ihrer Lösung vom Edison-Konzern den Namen
„Deutsche Edison Gesellschaft“ ab und nahm den Namen „+Allgemeine
Elektrizitäts-Gesellschaft+“ an, unter dem sie groß und berühmt
geworden ist.



Neuntes Kapitel

Ausdehnung und Befreiung


Die folgenden Jahre der Gesellschaft, die ersten unter der Firma
Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft, standen im Zeichen einer
+Expansion+ nach allen Richtungen. Die neuen Mittel im Betrage von
7 Millionen Mark jungen Aktien, deren Ausgabe die Generalversammlung
vom 23. Mai 1887 beschlossen hatte, sollten in erster Linie zu dem
Ausbau der Berliner Elektrizitätswerke verwendet werden, aber dieser
Ausbau erfolgte nur allmählich, und wenn er schließlich auch wesentlich
höhere Kapitalien verschlang, als damals vorgesehen war, so konnte
ein Teil des Aktienerlöses aus der Emission von 1887 zunächst flüssig
gehalten und zu anderen Zwecken verwendet werden. Schon zu dieser Zeit
verfolgte Emil Rathenau das Prinzip, in finanzieller Hinsicht über den
augenblicklichen und im Augenblick übersehbaren Bedarf ausgestattet,
in der Einleitung jedes neuen Geschäfts nicht von der Geldbewilligung
durch Banken und Aktionäre abhängig zu sein, und eine „Von der Hand
in den Mund-Politik“, wie sie ihm einmal beinahe verhängnisvoll
gewesen wäre, zu vermeiden. Die Bilanz vom 30. Juni 1888 wies noch
ein Bankguthaben von 6401740 Mark auf, was allerdings zum Teil damit
zusammenhing, daß die Verhandlungen mit der Stadt Berlin über den neuen
Vertrag sich länger als erwartet hinzogen, und erst im August 1888
zum Abschluß gelangten, so daß im Geschäftsjahr 1887/88 nur 400.000
Mark zu der Erweiterung der schon bestehenden Zentralen verwendet
wurden. Umso stärker und über die Voranschläge weit hinausgehend
gestaltete sich das Geldbedürfnis der Berliner Elektrizitäts-Werke in
den nächsten Jahren, da die Nachfrage nach Licht- und Kraftanschlüssen
sich im Zusammenhang mit dem Bau neuer Zentralen über Erwarten
steigerte. Die gesamten Investitionen sollten nach dem Bauentwurf
von 1887 9 Millionen Mark betragen, sie schwollen schon im nächsten
Jahre auf 18 Millionen Mark an. Die A. E. G., die abgesehen von der
Erhöhung ihrer Aktienbeteiligung ein Darlehen von 3 Millionen Mark
zugesagt hatte, mußte dieses auf 6 Millionen Mark erhöhen. Abgesehen
davon bezog sie die Hälfte der neuausgegebenen 3 Millionen Mark B.
E. W.-Aktien in Ausnutzung ihrer Gründerrechte zu pari, und an der
Übernahme der anderen Hälfte beteiligte sie sich nach Maßgabe ihres
Aktienbesitzes mit 549000 Mark. Einen Teil der Mittel für die Zeichnung
der neuen Aktien beschaffte sie sich dadurch, daß sie mit ansehnlichem
Nutzen 1044000 Mark von ihrem im ganzen 2.044.000 Mark betragenden
Aktienbesitz erster Emission verkaufte, die sie erst im Jahre vorher
zum Kurse von 95% von den Banken übernommen hatte. Zwar hatten die B.
E. W. ihre Dividendenzahlung noch nicht aufgenommen, aber es stand
doch schon fest, daß bereits im Jahre 1889/90 die erste Dividende
in ansehnlicher Höhe würde ausgezahlt werden können. Diese Aussicht
schuf den Aktien der B. E. W. eine ganz andere Bewertung als noch vor
kurzer Zeit, und erleichterte infolgedessen die Abstossungstransaktion
der A. E. G. Die Gesellschaft verfolgte auch späterhin bei den B.
E. W. wie bei anderen Aktienbeteiligungen das Prinzip, bei Ausübung
des Bezugsrechtes auf junge Aktien einen entsprechenden Teil der
alten Aktien zu realisieren, sofern dies mit Gewinn ermöglicht werden
konnte. In solchen Austauschtransaktionen lag jedesmal ein sicherer
Zwischengewinn, denn die alten Aktien konnten stets zu höheren Kursen
abgestoßen werden, als die jungen Aktien erworben wurden, während diese
für die A. E. G. denselben Beteiligungs- und Kapitalswert besaßen.
Ganz besonders groß und glatt zu erzielen waren die Zwischengewinne
bei den Transaktionen mit den B. E. W.-Aktien, da die A. E. G. bei
dieser Gesellschaft ja infolge ihrer Gründerrechte die Hälfte der neuen
Aktien zu pari beziehen konnte, während infolge der hohen Dividenden
der Gesellschaft ihr Kurs und damit auch ihre Verwertungsmöglichkeit
für die A. E. G. wesentlich über dem Parikurse lag. Emil Rathenau
hat einmal in einer Generalversammlung erklärt, daß er -- auch als
das Kapital der B. E. W. auf viele Zehnmillionen stieg -- den Besitz
der A. E. G. dauernd nie über 2 Millionen Mark hinaus zu steigern
brauchte. Mit einem solchen Kapital konnte er die Tochtergesellschaft
völlig beherrschen. Dieses Prinzip der Kontrollausübung mit sparsamen
Geldmitteln, fußend auf guter Verwaltung und Autorität, war überhaupt
charakteristisch für das Rathenausche Beteiligungssystem, doch konnte
es nicht überall so schnell und wirksam zur Geltung gebracht werden
wie bei den B. E. W. Manche Beteiligungen kosteten viel mehr Geduld
und viel größere und länger festliegende Investierungen. Übrigens hat
sich Emil Rathenau durch den Gesichtspunkt der hohen Zwischengewinne,
die ihm das Pari-Bezugsrecht für die Hälfte der Neuemissionen der B.
E. W. ermöglichte, nicht dazu verleiten lassen, die Finanzpolitik der
B. E. W. auch dort unter diesen Gesichtspunkt zu stellen, wo deren
eigene Kapitalinteressen andere Rücksichten erheischten. Wäre das der
Fall gewesen, so hätte er überhaupt nur Stammaktien, bei denen die
Differenz zwischen dem Paribezugsrecht und dem Börsenkurse allein in
größerem Umfange zu realisieren war, ausgegeben. In Wirklichkeit sind
aber durch die B. E. W. neben Stammaktien im Betrag von 44100000 Mark
auch 4½%ige Vorzugsaktien von 20 Millionen Mark (deren Börsenpreis
nie erheblich über den Paristand gehen konnte), und fast 60 Millionen
Mark Obligationen ausgegeben worden, bei denen ein Bezugs- und
Verwertungsrecht der A. E. G. überhaupt nicht in Frage kam.

Neben der kräftigen Weiterentwickelung der B. E. W., die nach kaum
10jährigem Bestehen etwa 30 Millionen Mark in ihren Betrieben angelegt
hatten, und nur in den ersten Jahren die Festlegung erheblicher Mittel
seitens der A. E. G. verlangten, während sie sich später mit ihrer
zunehmenden Rentabilität selbständig mit Kapital versorgen konnten,
erforderte das Fabrikations- wie das sonstige Beteiligungsgeschäft
der A. E. G. beträchtliche neue Mittel. Die Glühlampenfabrik erfuhr
eine gewaltige Ausdehnung. Gegen 90000 Stück Lampen im Jahre 1886
wurden im nächsten, 18 Monate umfassenden Geschäftsjahr 1887/88
bereits 300000 Stück abgesetzt. Ein paar Jahre später zählte der
Absatz nach Millionen. Die zunehmende Konkurrenz zwang allerdings zu
Preisherabsetzungen und zu Verbesserungen in der Ökonomie der Lampen,
die nur durch Verbilligungen des Herstellungsprozesses ausgeglichen
werden konnten. Die Aufnahme der Dynamomaschinenfabrikation, die für
Maschinen bis zu 100 PS durch den neuen Vertrag mit Siemens & Halske
der Gesellschaft ermöglicht worden war, und für die erst noch das
Edisonsche, dann später ein eigenes System verwendet wurde, erforderte
die Errichtung einer besonderen Fabrik. Es wurde bereits im Jahre 1887
die Weddingsche Maschinenfabrik samt dem zugehörigen von der Acker-,
Hermsdorfer-, Feld- und Hussitenstraße begrenzten Gelände erworben und
ausgebaut. Auch eine neue Fabrik für Leitungsmaterial wurde errichtet,
desgleichen eine Akkumulatorenfabrik, nachdem die Gesellschaft mit
Rücksicht auf die zukünftige Bedeutung, die sie den Apparaten zur
Aufspeicherung des elektrischen Stromes beimaß, die Patentrechte der
Electrical Power Storage Company für das Deutsche Reich erworben
hatte. Im Jahre 1888/89 wandte sich die Gesellschaft ferner der
Herstellung +elektrischer Straßenbahnen+ zu. Um sogleich mit
einem fertigen und in allen Teilen erprobten System hervortreten zu
können, erwarb Rathenau -- der sich nie gern mit Vorarbeiten abgab,
wo fertige Resultate bereits vorlagen -- die Erfindungen und Patente
des im amerikanischen Eisenbahnwesen bekannten Konstrukteurs J. Frank
Sprague und sicherte sich dadurch vertragsgemäß weitgehende Erfahrungen
auf dem Gebiete der elektrischen Straßenbahnen. Auch elektrische
Grubenbahnen wurden in den Tätigkeitskreis der Gesellschaft gezogen.
Die Zahl der inländischen und ausländischen Installationsbureaus wurde
fernerhin vermehrt. Die Herstellung isolierter Anlagen, für die die
Gesellschaft nach dem neuen Vertrage mit Siemens & Halske nun auch
die +Maschinen+ selbst herstellen durfte, nahm beträchtlich
zu, insbesondere erhielt die Gesellschaft wieder eine Reihe von
Aufträgen für Theaterbeleuchtungen sowie industrielle Stationen, und
mit Genugtuung wurde im Jahre 1892 festgestellt, daß die Gesellschaft
nunmehr den ganzen Bedarf derartiger Anlagen von der Dampfmaschine
bis zur Glühlampe selbst herstelle. Inzwischen war nämlich neben der
Dynamomaschine auch der Elektromotor, ferner die Herstellung von Gummi-
und anderem Isolationsmaterial in den Produktionskreis der Gesellschaft
gezogen worden. Elektrische Pumpen, Winden, Aufzüge und Krähne wurden
gleichfalls fabriziert und außer dem ersten großen Anwendungsgebiet
des elektrischen Starkstroms, der Beleuchtungselektrizität, begann
das zweite, das im Laufe der Entwickelung ungleich wichtiger werden
sollte, das Gebiet des +Kraftstroms+ an Bedeutung zu gewinnen.
Die elektrische Kraftübertragung, die Emil Rathenau schon früh an
Stelle der Dampfkraft setzen wollte, weil er sie als ökonomischer
und leistungsfähiger ansah, faßte allmählich Fuß, wenngleich sich
die Industrie nur schwer von ihrer Überlegenheit beim Betrieb von
Fabriken, Bergwerken usw. überzeugen ließ, und die demonstrative
Vorführung am Muster-Beispiel, die Rathenau sonst gern eindrucksvoll
zur Wirkung kommen ließ, hier viel schwieriger wie auf anderen Gebieten
durchzuführen war. Denn Blockstationen, Beleuchtungszentralen,
elektrische Bahnen, konnte die A. E. G. selbst erbauen und betreiben,
um an ihnen den Wert der Elektrizität zu beweisen. Der überzeugende
Nachweis der elektrischen Ökonomie im Fabrikbetriebe war viel
schwieriger zu erbringen. Rathenau konnte nicht eigene Bergwerke,
Hütten, Hochöfen erwerben, um vergleichende Tabellen über die Kosten
des Dampf- und des elektrischen Betriebes aufzustellen. Die Industrie
ihrerseits, noch immer gegen die unbedingte Zuverlässigkeit des
elektrischen Betriebes mißtrauisch, fürchtete Störungen, und gab sich
zu gefährlichen Experimenten nicht leicht her. Dampfkrafttechniker
und Elektrotechniker bekämpften sich mit Ökonomie-Statistiken, und
jeder wollte nachweisen, daß seine Methode die billigere sei und den
Vorzug verdiene. Emil Rathenau hat die Heranziehung der Elektrizität
als Kraftquelle mit den von Jahr zu Jahr steigenden Kohlenpreisen
einerseits und andererseits mit der Notwendigkeit begründet, die
allmählich sich aufbrauchenden Kohlenvorräte der Erde dadurch zu
„strecken“, daß nur der Kraftantrieb durch Kohle zu erfolgen habe,
während die eigentliche Krafterzeugung durch die mit Kohle in
Bewegung gesetzte Elektrizität erfolgen müsse, eine Anschauung, die
vom Standpunkte einer weitsichtigen Entwickelung aus betrachtet,
zweifellos Berechtigung besitzt. Einen großen Schritt auf dem Wege der
Kraftübertragung tat im Jahre 1890 die A. E. G. durch die Ausbildung
eines von ihrem Ingenieur +Dolivo Dobrolowsky+ ausgebildeten
neuen Stromsystems, das als Drehstrom- oder Mehrphasensystem für
die Kraftübertragung eine fundamentale Bedeutung erlangt hat. Die
Kraftübertragung, die bis dahin technischer Behandlung nur in engen
räumlichen Grenzen fähig war, wurde damit auch auf weitere Entfernungen
hin möglich. Noch wichtiger für die damalige Zeit war es wohl, daß
durch das Drehstromsystem der +Wechselstrom+ mit seinen hohen
Spannungen und größeren Leistungen sich endgültig gegenüber dem bis
dahin vorherrschenden Gleichstrom durchzusetzen vermochte, nachdem
er bis dahin mehrere Jahre lang einen nicht gerade erfolgreichen
Kampf gegen den Gleichstrom geführt hatte. Die technische Welt
war längere Zeit in zwei Lager gespalten gewesen, und gerade die
größten Autoritäten, wie Siemens und Edison, bis zu einem gewissen
Grade auch Rathenau, hatten sich durch die bis dahin eingeführten
unvollkommenen Systeme des Wechselstroms meist einphasiger Natur
nicht für die neue Stromart gewinnen lassen. In Amerika kämpften
Georg Westinghouse, in England Ferranti, in Deutschland besonders die
Helios-Elektrizitäts-Gesellschaft für den Wechselstrom. Es wurden von
diesen auch große Krafterzeugungswerke errichtet, die aber weder in
technischer, noch in wirtschaftlicher Beziehung die Überlegenheit des
Wechselstromsystems zu erweisen vermochten, trotzdem manche von ihnen,
besonders das Ferrantische Werk in Deptford bei London mit großzügigen
Baugedanken, namentlich auf dem Gebiete der Großmotorentechnik
errichtet worden waren. Erst das mehrphasige Drehstromsystem, das nach
einem von dem italienischen Physiker Ferraris entwickelten Prinzip
von verschiedenen Konstrukteuren, mit besonderem Erfolg von Dolivo
Dobrolowsky ausgeführt worden war, brachte die endgültige Entscheidung.

Die A. E. G. fand Gelegenheit, die starke Wirkung ihres
Drehstromsystems und der dadurch ermöglichten Kraftübertragung in
die Ferne auf der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung in
Frankfurt a. M. im Jahre 1891 vorzuführen, unter deren hervorragenden,
von der Leistungsfähigkeit der Starkstromtechnik zum ersten Male
ein zusammenfassendes Bild gebenden Veranstaltungen die Fernleitung
Lauffen-Frankfurt a. M. im Mittelpunkt des Interesses stand. Die
Idee, mit Hilfe des neuerfundenen Drehstroms die Wasserkräfte des
Neckarfalles bei Lauffen 175 km weit auf elektrischem Wege nach
Frankfurt a. M. zu überführen, ging von dem Ingenieur Oscar v. Miller
aus, der ebenso wie in München vor 9 Jahren auch der leitende Geist
der Frankfurter Elektrizitätsausstellung war. Miller, dieser nicht
nur geschickte, sondern auch geistvolle Organisator und Herold der
Elektrizitäts-Propaganda, der es wie kaum ein anderer verstand, das
repräsentative Bild einer modernen technischen Kultur aus ihren
historischen Fundamenten aufzubauen, in ihrem Gegenwartswert greifbar
lebendig zu machen und zugleich ihre Zukunftsperspektiven aufzurollen,
Oscar v. Miller, der später in der Schöpfung des Deutschen Museums
einen klassischen Ausdruck für seine „gehobene Ausstellungskunst“
fand, suchte nach einem „Schlager“ für die Frankfurter Ausstellung,
der über die bereits anderweitig gezeigten „Errungenschaften“ der
Elektrizität nicht nur dem Grade nach hinausging, sondern etwas ganz
Neues bieten sollte. Die modernsten Lampen, die damals gerade in voller
Entwickelung stehenden Techniken des Zentralen- und Bahnenbaus, alles
das wurde selbstverständlich in Frankfurt gezeigt, das waren doch
aber nur Verbesserungen von technischen Prozessen, die anderswo auf
Ausstellungen oder im praktischen Betriebe bereits vorgeführt worden
waren, Feinheiten des Details und des Fortschritts, die eigentlich
nur den Techniker voll interessierten. Das ganz Neue, das er suchte,
fand Oscar v. Miller nun bei der A. E. G., deren Mit-Direktor er
bis vor wenigen Jahren gewesen war, bevor er dem an ihn ergangenen
Rufe folgte, die Frankfurter Ausstellung zu organisieren. Miller,
der übrigens bereits 1882 in München den allerdings damals mehr
spielerischen Versuch gemacht hatte, eine Fernleitung vermittelst
Gleichstroms nach dem System von Deprez vorzuführen, kannte von der
A. E. G. her das Dobrolowskysche Drehstrom-Verfahren. Er wußte auch,
daß Emil Rathenau entgegen den Zweifeln und Einwänden, mit denen
ein großer Teil der Elektriker der Fernübertragung des elektrischen
Stroms noch immer begegnete, die kühnsten und höchsten Erwartungen in
dieses Verfahren setzte. Es galt diesen latenten Kräften und Ideen die
Vorbedingungen der Verwirklichung zu geben, da sonst damals auf anderem
Wege die Mittel zur praktischen Nutzanwendung der Erfindung noch nicht
geschaffen werden konnten. Die Fernübertragung war gewissermaßen
nur die sensationelle Einkleidung für das weniger wirkungsvolle,
aber für die damalige Entwickelungsstufe der Elektrizität weit
wichtigere Drehstromsystem. Hinter dem +Schlager+ verbarg sich
das vielumstrittene +Problem+, und Oscar v. Miller leistete
weit mehr als ausstellungstechnische Arbeit, indem er einer der
zukunftskräftigsten, aber auch am schwersten zu verwirklichenden Ideen
der angewandten Elektrizität durch Dornengestrüpp die Wege bahnte.
Denn die zu überwindenden Hindernisse waren groß. Sie bestanden
nicht so sehr in den maschinellen Vorbedingungen der Anlage, die
auf eine so hohe Spannung eingerichtet werden mußte, wie sie damals
noch unerhört war. Daß man Maschinen von genügender Größe und
Stärke herstellen konnte, ist Emil Rathenau und Oscar v. Miller nie
zweifelhaft gewesen. Die Maschinenfabrik Oerlikon bei Zürich in der
Schweiz lieferte auch eine tadellos funktionierende Maschine von
mehr als 200 Pferdestärken, mit der es möglich war, eine Spannung
von 16000 Volt -- eine für jene Zeit außerordentliche Leistung -- zu
erzeugen. Die Anwendung einer derartigen Hochspannung gestattete es
auch, Kupferleitungen zu verwenden, die einen verhältnismäßig geringen
Durchmesser aufwiesen, während bei starkem Gleichstrom wesentlich
größere und direkt unwirtschaftliche Kupferdurchschnitte notwendig
gewesen waren. Auch genügend widerstandsfähige Isolatoren konnten
gebaut werden. An der Erzeugungsstelle, und an der Verbrauchsstelle
des Stroms wurden Transformatoren eingebaut, die die Heraufsetzung und
Wiederherabsetzung des dreiphasigen Stroms tadellos bewirkten. Schwerer
waren die Hemmungen zu überwinden, die der Durchleitung des damals
als sehr gefährlich geltenden Hochspannungsstroms durch die zwischen
der Erzeugungs- und der Verbrauchsstelle liegenden Landstrecken im
Wege standen. Württemberg, Baden, Hessen und Preußen hatten die
Genehmigung zur Durchführung der Leitungen über ihr Gebiet zu erteilen.
Nach großen Schwierigkeiten und Widerständen namentlich seitens der
Postverwaltung, die eine Störung ihrer Schwachstromleitungen durch
die Hochspannungsanlagen befürchtete, gelang auch dies, aber erst
längere Zeit nach Eröffnung der Ausstellung in Frankfurt konnte die
Fernleitung in Betrieb gesetzt werden. Dann aber brannten in Frankfurt
a. M. eines Abends 1000 Glühlampen, die mit Wasserkraftstrom aus
dem 175 km entfernten Kraftwerk gespeist waren. Um die trotz der
Übertragung nicht verminderte Stärke des Fernstroms zu zeigen, wurde in
Frankfurt ein Wasserfall betrieben, der vermittelst einer durch einen
Drehstrommotor in Bewegung gesetzten Kreiselpumpe in Tätigkeit gesetzt
wurde. Charakteristisch für den reifen und klaren Blick, mit dem Emil
Rathenau das Fernleitungsproblem schon im Jahre 1891 sah, ist die Rede,
die er bei der Besichtigung der Frankfurter Anlage vor den Festgästen
gehalten hat. Sie ist interessant genug und gibt außerdem ein so
bezeichnendes Bild von der Art, mit der Rathenaus reale Phantasie
Zukunftsentwickelungen schon aus Erfindungen, die erst sozusagen in
den Anfangsgründen vorlagen, gedanklich vorwegnahm, daß sie hier im
Wortlaut wiedergegeben werden soll:

        „Meine Hochgeehrten Herren!

    Wenn wir auch das Verdienst in keiner Weise für uns in Anspruch
    nehmen, daß Sie, meine hochgeehrten Herren, von weit hergekommen
    sind, um sich durch den Augenschein zu überzeugen, auf welche
    Entfernung der elektrische Strom zur Übertragung der Kraft des
    Neckars mit Erfolg verwendet werden kann, so können wir doch
    nicht umhin, Ihnen unseren ehrerbietigen und verbindlichsten Dank
    auszusprechen, daß Sie uns gestattet haben, die Anregung dazu zu
    geben und in diesem Sinne heiße ich Sie willkommen.

    Es möchte als Selbstverherrlichung erscheinen, wenn die, welche an
    dem eben vollendeten Werke mitgewirkt haben, sich in Betrachtungen
    verlören, über etwaige Umwälzungen, die das Gelingen dieser Aufgabe
    herbeiführen kann, und ich überlasse es deshalb der begeisterten
    Phantasie Fernstehender, Zukunftsbilder auszumalen; aber vom rein
    technischen Standpunkte aus wollen Sie mir gestatten, einige Worte
    über die Kraftübertragung hier auszusprechen.

    Wenn wir, uns des wohlgelungenen Werkes freuend, Rückblicke in
    die Vergangenheit werfen und sinnend in die Zukunft schauen, so
    geschieht dies nicht in dem selbstgenügenden Sinne, in welchem
    Goethe seinen alternden Faust zum Augenblicke sagen läßt: „Verweile
    doch, du bist so schön.“ Wir glauben nicht einen Idealzustand, ein
    endgültiges Ziel erreicht zu haben. Wir möchten uns dem kühnen
    Bergsteiger vergleichen, welcher, nachdem wieder ein großer Teil
    des Weges zurückgelegt ist, stehen bleibt und auf die überwundenen
    Schwierigkeiten zurückblickt, dabei aber doch das Endziel nicht aus
    den Augen verliert.

    Die Kultur unserer Erde ist den Jugendjahren entwachsen, sie tritt
    in das ernste Alter der Männlichkeit, wo die volle Kraft zur
    Verfügung steht, wo es aber zu Ende sein muß mit dem übermütigen
    Brausen und Vergeuden der Jugend, und was hier im Bilde von der
    Kraft gesagt ist, müssen wir auf die Kraft im wissenschaftlichen
    Sinne, auf das eigentliche Lebensprinzip unserer Erde mit
    bedeutungsvollem Ernst anwenden. Die Zunahme der Bevölkerung und
    ihre dichtere Verbreitung auf dem besser gelegenen Teil unserer
    Erde zwingen uns, mit dem Vorhandenen haushälterisch umzugehen.
    Die Not hat uns suchen gelehrt, und wir lernen, die Entfernungen
    aufzuheben und auszugleichen. Ein Baum, ein Rind, ein Getreidefeld
    ist an der einen Stelle kaum des Aneignens wert und wird weit
    entfernt von dort so hoch geschätzt, daß einer großen Mehrzahl
    der Bevölkerung nur unter schwerer Arbeit es möglich ist, diese
    zur Erhaltung notwendigen Erzeugnisse unserer Erde, unser Aller
    Mutter, sich zu verschaffen. Nicht anders ergeht es uns mit
    jener belebenden Naturkraft, der Sonnenwärme, welche wir in den
    mannigfachsten und wunderbar erscheinenden Formen auf unserer
    Erde aufgespeichert finden. Die Quelle, der Wassersturz, die Ebbe
    und Flut des Ozeans, sie alle sind Kräfte, welche der menschliche
    Geist sich dienstbar machen kann und muß, soll er anders die
    Herrschaft über die Erde behaupten, und doch gestatten ihm sehr oft
    oder vielleicht zumeist die scheinbar zufällig sich entwickelnden
    Lebensbedingungen der Individuen nicht, diese Kräfte am günstigsten
    auszunutzen. Als der Mensch überhaupt darauf kam, die elementaren
    Naturkräfte sich dienstbar zu machen, waren es nur Wind und
    Wasser, die er sich gefügig zu machen vermochte, und Jahrhunderte,
    Jahrtausende vergingen, ohne daß ein Fortschritt verzeichnet werden
    konnte. Erst unserem Jahrhunderte, dem des Dampfes, blieb es
    vorbehalten, die Kräfte der Erde dem Menschen zu erschließen und
    die in der Kohle angehäufte Sonnenwärme in ihren Urzustand wieder
    zurückzubringen, sie zu zwingen, sich wieder als Kraft und so als
    Arbeit dem Menschen zu betätigen. Der Dampf wiederum war es, der es
    ermöglichte, die Kraft zu verteilen, einerseits durch Verbesserung
    der Transportmittel, andererseits, indem man es bald lernte, seine
    Wirkung direkt auf Entfernungen, die man für große hielt, zu
    übertragen; ja man lernte es auch, die Dampfkraft zu teilen und
    mehreren den Nutzen einer großen Einrichtung gemeinschaftlich und
    zu gleicher Zeit zuzuführen.

    Bei weitem überflügelt hat aber der, wie man ihn bisher nannte,
    elektrische Funke den Dampf. Wir haben es heute gezeigt, daß auf
    eine Entfernung von über 170 km mit mathematischer Gewißheit
    Elektrizität die ihr von einem Wasserfall zugeführte Kraft
    überträgt, und was heute auf 175 km und mit 16000 Volt Spannung
    gelingt, wird gewiß in +wenig Jahren mit 100000 Volt auf weit
    riesigere Entfernungen ein Leichtes sein+.

    Aber nicht allein dieser fast märchenhafte Erfolg, der Überwindung
    von Zeit und Raum ist uns klargelegt; Sie werden, meine hochgeehrte
    Versammlung, bei Ihrer Rückkehr nach der Ausstellung dort gewahren
    können, wie die auf nur 4 Millimeter starke Drähte eingezwängte
    und über weite Strecken fortgeleitete Kraft von mehr als 200
    Pferdestärken an der Ankunftsstelle den verschiedenartigsten
    Zwecken dienstbar gemacht wird, wie sie nicht nur mit einem Aufwand
    von etwa 80 Pferdestärken eine Wassermenge 10 Meter in die Höhe
    drückt, um dieselbe als Wasserfall hinabsprudeln zu lassen, wie sie
    dann noch an verschiedenen Stellen dem Gebote eines geringen Drucks
    auf einen Hebel folgend, eine große Anzahl von Lampen aufglühen
    läßt, wie sie endlich ohne jede Schwierigkeit geringe Teile ihrer
    Kraft, 1/10 Pferdekraft, abgibt, um mittels einer kleinen, fast
    spielzeugartigen und doch dauerhaften und betriebsfähigen Maschine,
    einen Luftfächer zu bedienen.

    Die großartige Verteilungsfähigkeit der Elektrizität ist es, welche
    den Versuch der Übertragung auf große, sehr große Entfernungen
    erst so recht zu einem bedeutungs- und wertvollen gemacht hat.
    Wenn wir daran denken, daß es das ungewußte Sinnen der Menschheit,
    das zielbewußte Streben der Forscher, Erfinder, der Leute der
    Zukunft, wie ich den Ingenieur bezeichnen möchte, ist, menschlicher
    Arbeit das Gebiet des Nachdenkens, das Gebiet der individuellen
    Tätigkeit vorzubehalten und immer weiter zu erschließen, alle
    rein mechanische, gedankenlose Tätigkeit aber durch Unterjochen
    der Naturkraft durch Maschinen zu vollbringen, so darf ich den
    jetzt eingeschlagenen Weg kühn als denjenigen bezeichnen, auf dem
    Jahrhunderte mit Erfolg weiter wandeln können. Wir dürfen uns auch
    weiter der Überzeugung nicht verschließen, daß die Unterstützung
    unserer Tätigkeit durch die Arbeitsleistung der Tierwelt längst
    nicht mehr ausreicht, und das Zugpferd und der Zugochse von
    rechtswegen schon längst der Vergangenheit angehören müßten. Das
    Zeitalter des Dampfes hat hierin großes getan, aber wie jeder
    rapide und bedeutende Fortschritt auch Nachteile gezeitigt; so
    haben wir besonders auf dem Gebiete des Handwerkers mit Bedauern
    sehen müssen, daß dem Individualismus die Maschinenarbeit den
    Garaus gemacht hat, so daß wir bis vor kurzem uns gewöhnt hatten,
    mit dem Ausdruck „Handwerksarbeit“ eine gedankenlose mechanische
    Nachahmung zu bezeichnen. Es liegt aber in der Natur des Dampfes,
    als Betriebskraft, für große Betriebe mit Erfolg verwendet
    werden zu können. Wir haben kein Mittel, um mit materiellem
    und technischem Vorteil den Dampf direkt in die Wohnung des
    Kleinmeisters zu führen, ebenso wenig können wir die Wirkungen des
    Dampfes, sei es durch Transmissionen oder durch andere Art, gut auf
    erhebliche Entfernungen übertragen. Ganz anders die Elektrizität!
    Die neuesten Fortschritte werden uns gestatten, +großartige
    Krafterzeugungszentren an beliebigen Stellen+, im Bergwerk, an
    der Meeresküste, um die Ebbe und Flut zu benutzen, an den großen
    Katarakten anzulegen, die dort vorhandenen, bisher zwecklos
    vergeudeten Kräfte in nutzbringende Elektrizität umzusetzen, diese
    in, wir können fast sagen, +beliebige Entfernungen+ zu versenden
    und dort in beliebiger Art zu verteilen und zu verbrauchen. Wir
    können dem Handwerkmeister seine Nähmaschine elektrisch betreiben,
    wir heizen ihm sein Bügeleisen, wir rüsten dem Vergolder die
    chemischen Bäder für seine Erzeugnisse. Wir geben noch dazu einem
    jeden die Beleuchtung in der Stärke und an dem Orte und zu der
    Zeit, wo sie am vorteilhaftesten ist. Und wenn wir schließlich den
    Elektromotor mit anderen ähnlichen Maschinen vergleichen, so finden
    wir, daß er den geringsten Raum einnimmt, daß seine Einrichtung
    die einfachste ist, daß er keine Wartung braucht und keine Gefahr
    des Explodierens vorhanden ist, vor allem aber, daß er ökonomisch
    deshalb am vorteilhaftesten arbeitet, weil sein Kraftverbrauch
    sich mit seiner Belastung selbsttätig regelt. Und wie wir so an
    der Verbrauchsstelle sehen, daß die Elektrizität sich bemüht, eine
    sparsame Betriebskraft zu sein, so auch an der Erzeugungsstelle.
    Das schlechteste Feuerungsmaterial, das bisher den Transport nicht
    lohnte, weil zu viel tote Last mit ihm davon geschleppt werden
    mußte, wird am Orte, wo es gefunden wird, immer noch mit Vorteil
    zum Betriebe von Erregermaschinen Verwendung finden können, und so
    sehen wir vor uns, daß die Fortleitung und Verteilung der Kraft
    als Elektrizität von der schönsten ausgleichenden Wirkung ist. Wir
    können dadurch den Vorteil großartiger Zentralisation erreichen
    und ersparen daher viel nutzlose Betriebskraft und Arbeit, und wir
    können andererseits in vollkommenster Weise die dezentralisierte
    Kraft dem Einzelnen in dem kleinsten Teilchen zugängig machen und
    beleben dadurch das Schaffensvermögen und die Schaffensfreudigkeit
    der Einzelnen zum Wohle Aller und des Ganzen. Es ist auch nicht
    zu unterschätzen, daß die Elektrizität als Verteiler von Kraft die
    natürlichen Wasserkräfte wieder zu Ehren gebracht hat, welche durch
    den Dampf in die Ecke gedrückt, ein im Verhältnis zu ihrem hohen
    ökonomischen Werte zu bescheidenes Dasein fristeten.

    In diesem Sinne bitte ich Sie, meine hochgeehrte Versammlung,
    diesen, unseren ersten, in den Einzelheiten gewiß noch der
    Ausarbeitung bedürftigen Versuch als einen neuen Schritt auf
    der Bahn der menschenbeglückenden Zivilisation wohlwollend zu
    betrachten. Ich möchte aber meine herzliche Begrüßung und den
    Ausdruck meiner hohen Freude über Ihre Anwesenheit, welche ich
    zugleich im Namen aller mitbeteiligten ausführenden Firmen und
    Männer der Wissenschaft und Praxis auszusprechen die Ehre habe,
    nicht schließen, ohne der überaus nutzbringenden Fürsorge der hohen
    Reichs- und Staatsbehörden unseren tiefgefühlten Dank ehrerbietigst
    abzustatten, ohne welche dieser Versuch nicht hätte unternommen
    werden können. Ich bitte die anwesenden hohen und geehrten Herren
    Vertreter der Regierungen diesen, unseren ehrfurchtsvollen Dank
    auch an dieser Stelle entgegennehmen zu wollen.“

Die Frankfurter Anlage wurde bei aller epochemachender Wirkung, die
nach Schluß der Ausstellung noch zu experimentellen Zwecken auf
eine Spannung von 30000 Volt gesteigert wurde, nur als ein Versuch
aufgefaßt, der nicht als dauernde Einrichtung, sondern als eine
lediglich für die Zeit der Ausstellung berechnete Demonstration
in Geltung bleiben sollte. Trotz des großen Aufsehens, das dieses
Probebeispiel in wissenschaftlichen, technischen und Laienkreisen
machte, hat es ziemlich lange gedauert, bis sich die Kraftübertragung
und erst gar die Fernübertragung elektrischer Kraft praktisch in
vollem Umfange durchgesetzt hat. Die großen Verwirklichungen auf
diesem Gebiete gehören erst einer viel späteren Zeit an. Die ersten
Zweckanwendungen, die dem Frankfurt-Lauffener Experiment folgten,
wurden in der Schweiz vorgenommen, wo Wasserkräfte in großer
Zahl zur Verfügung standen und die zu überwindenden Entfernungen
verhältnismäßig gering waren. Die A. E. G. selbst hat mit den
+Kraftübertragungswerken Rheinfelden+ bereits in den nächsten
Jahren eine praktische Durchführung der Fernübertragung größeren
Umfanges in Angriff genommen. Mit Maschinenleistungen von 15000 PS
sollten elektrische Ströme bei diesem Werk 50 km weit an große und
kleine Abnehmer geliefert werden. Dieser erste Dauer-Anwendungsversuch
hat noch manche schwierige, nur durch langwierige geduldige Arbeit zu
lösende Probleme theoretischer und praktischer Natur aufgeworfen, zumal
da er mit den ersten Versuchen, die Turbine statt der Kolbenmaschine
als Antrieb für Dynamomaschinen zu verwenden, zusammenfiel. Er hat
aber gerade durch die zu überwindenden Schwierigkeiten außerordentlich
lehrreich und klärend gewirkt und über die durch das Lauffener
Experiment bereits festgelegten und im großen ganzen bis heute
unverändert gebliebenen Grundgedanken der Fernübertragung hinaus
viele wichtige Erfahrungen eingetragen. Ist die Lauffen-Frankfurter
Fernübertragung als die erste experimentell-theoretische Lösung des
Problems zu bezeichnen, so stellt die Rheinfeldener Unternehmung
das Schulbeispiel der praktischen systematischen Durchbildung
der Fernübertragung dar. Neben der technischen Bedeutung hat die
Inangriffnahme des Kraft- und Fernübertragungs-Problems für die A.
E. G. noch eine wichtige geschäftliche Folge gehabt. Durch sie sind
die Beziehungen der Gesellschaft zu der schweizerischen Industrie und
Finanz mitangebahnt bezw. es sind diese Beziehungen, die noch von einer
anderen Seite her, nämlich von der Aufnahme der Aluminium-Erzeugung auf
elektrischem Wege in Neuhausen, eingeleitet wurden, derart erweitert
worden, daß sie für die fabrikatorische, besonders aber für die
finanztechnische Entwickelung der Gesellschaft eine große Bedeutung
erhielten.

Das Drehstromsystem, dieses Rückgrat der modernen Kraftübertragung,
hatte übrigens auch mit dem Lauffen-Frankfurter Erfolge die starke
Opposition, die der Wechselstrom in einem Teile der Fachwelt gefunden
hatte, noch keineswegs völlig überwunden. Der Streit der technischen
Sachverständigen verstummte erst einige Jahre später, und sogar
für die Stadt Frankfurt a. M., die doch gerade in ihren Mauern die
Elektrizitätsausstellung veranstaltet hatte, um für den damals
geplanten Bau eines städtischen Elektrizitätswerkes das beste und
modernste System ausfindig zu machen, war es trotz des großen Erfolges
der Lauffener Fernübertragung nicht ohne weiteres ausgemacht, daß für
ihr Werk das Drehstromsystem zur Anwendung kommen müßte. Als dies
doch schließlich geschah, wurde die Ausführung einer ausländischen
Gesellschaft übertragen. Gleichstrom- und Wechselstrom-Anhänger
kämpften noch bei dieser Gelegenheit scharf gegeneinander. Von den
letzteren wurde auf die Vorteile der Unabhängigkeit vom Verbrauchsort,
des kleineren Querschnitts der Kupferleitungen und der billigeren
Erzeugungskosten, die besonders für Kraftzwecke in die Wagschale
fielen, von den ersteren auf die Mängel, die dem Wechselstrom damals
noch für die Lichtelektrizität anhafteten, sowie auf die angeblichen
Gefahren der Hochspannung hingewiesen. Rathenau nahm auch nach dem
Frankfurt-Lauffener Erfolge noch einen vermittelnden Standpunkt
ein, und wollte die Frage „Gleichstrom oder Wechselstrom“ von den
Bedürfnissen des jeweiligen Anwendungsfalles abhängig machen. Durch die
Verbesserung des Drehstromlichtes wurde schließlich diese Streitfrage
endgültig zugunsten des moderneren Systems gelöst.

Aber nicht nur die fabrikationstechnische Entwickelung der A. E. G.
kam nach Überwindung der Krise von 1887 in Schwung, auch auf einem
anderen Gebiete begann sie eine weitreichende und bis zu einem gewissen
Grade neuartige Tätigkeit auszuüben. Wir haben gehört, daß schon bei
der Gründung der Gesellschaft nicht nur die Fabrikationstätigkeit,
sondern der Erwerb von Konzessionen zum Zwecke der Errichtung von
Zentralstationen in ihr Programm aufgenommen worden war. Auf dieses
Feld der Gründung und Finanzierung von Tochterunternehmungen, von denen
elektrotechnische Lösungen zunächst beispielmäßig zu Anwendungszwecken
in der Praxis durchgeführt wurden, war die Gesellschaft umsomehr
angewiesen, als ihre fabrikatorische Tätigkeit durch die Verträge mit
der ersten deutschen Fabrikationsgesellschaft Siemens & Halske nach
vielen Seiten hin eingeengt war. Es trafen also sozusagen Neigung und
Zwang zusammen, um einen guten Teil der Kräfte der Gesellschaft auf das
Gebiet des Unternehmergeschäfts zu leiten. In der ersten Periode des
Unternehmens von 1883-1887, als die Kraftquellen noch spärlich flossen,
wurde ihre Gründungstätigkeit voll und sogar übermäßig beansprucht
durch das große Werk der Berliner Elektrizitätswerke. In der zweiten
Periode konnte sich das Unternehmer- und Beteiligungsgeschäft der
Gesellschaft freier und vielfältiger betätigen dank dem größeren
Reichtum der Mittel und dem stärkeren finanziellen Rückhalt, den der
A. E. G. die Erweiterung ihrer Bankengruppe und die erfolgreiche
Entwickelung ihrer ersten großen Tochtergesellschaft verliehen
hatten. Der Umstand, daß die Schranken der Fabrikationstätigkeit in
dieser zweiten Periode zum Teil niedergelegt worden waren, zog die
Gesellschaft von dem Unternehmergeschäft aber nicht ab, sondern
verstärkte in mancher Hinsicht sogar ihre Neigung zu Geschäften auf
diesem Gebiet. Denn um in den neu aufgenommenen Fabrikationszweigen
nicht erst selbst die Anfangsgründe mühsam auf empirischem Wege sich
aneignen zu müssen und der bereits vorher in ihnen tätig gewesenen
Konkurrenz sofort gewachsen zu sein, erwarb die Gesellschaft fertige
Verfahren, in die sie dann sofort mit entwickelter Produktion eintrat.
Das konnte aber am besten dadurch geschehen, daß sie Gesellschaften,
die diese Verfahren bisher betrieben hatten, in sich aufnahm, oder
daß sie für diese Verfahren besondere Gesellschaften bildete, um sie
von ihrem bisherigen Arbeitsgebiete zu trennen, ihr eigenes Risiko
zu begrenzen und der neuen Fabrikation Spielraum zu Experimenten,
Fehlschlägen und Investitionen zu lassen, durch die sie nicht so direkt
berührt wurde wie beim Eigenbetrieb. Über die verschiedenen Arten
und Zwecke der Untergesellschaften soll später eine systematische
Darstellung versucht werden, hier soll nur rein historisch über die
Gründungen und Beteiligungen der Gesellschaft in der eben behandelten
Periode berichtet werden. Zu den ersten Beteiligungsinteressen der
A. E. G. gehörten die an der +General Electric Co.+ in New York
und an der +Compagnie Internationale d’Electricité+ in Lüttich.
Beide Verbindungen standen hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt:
„Austausch von Erfahrungen -- Gegenseitige Absatzunterstützung in den
beiderseitigen Arbeitsgebieten“. -- Die General Electric Co. in New
York vereinigte die verschiedenen amerikanischen Edison-Gesellschaften
zu einem großen Unternehmen, dem größten, das damals in der
elektrotechnischen Industrie Amerikas bestand. Die Finanzierung
erfolgte durch ein Konsortium erster deutscher und amerikanischer
Firmen, in das die A. E. G. mit einem Anteil von 250000 Doll. eintrat,
der später auf 400000 Doll. erhöht wurde. Es ist bezeichnend für
die Fortschritte, die in dem kurzen Zeitraum von 8 Jahren in der
Durchbildung der deutschen Starkstrom- und Beleuchtungstechnik wie
in den Methoden ihrer Bewirtschaftung gemacht worden waren, daß ihre
Hilfe bei der erst jetzt einsetzenden Organisation der zwar technisch
bahnbrechenden, aber lange unsystematisch arbeitenden Unternehmungen
in Amerika nachgesucht wurde und gewährt werden konnte. Emil Rathenau
überzeugte sich durch einen persönlichen Besuch in Amerika, der ihm wie
stets solche Besichtigungsreisen große Anregungen brachte, von „den
vortrefflichen Einrichtungen und den ausnahmsweise günstigen Aussichten
dieses größten elektrotechnischen Unternehmens der neuen Welt.“ Weder
der aufgefrischte Enthusiasmus für die technische Welt Amerikas noch
die alte Liebe zu dem großen Edison verhinderten aber, daß die A. E. G.
einige Jahre später den Besitz an General Electric-Aktien veräußerte,
als dies mit Nutzen (der Gewinn betrug allerdings nur 85459 Mark)
geschehen konnte und naheliegendere Aufgaben wichtiger wurden als die
amerikanische Freundschaftsbeteiligung, die ihren eigentlichen Zweck
bereits erfüllt hatte. So wurde dieser Faden verloren und erst nach
Jahren wieder aufgenommen, als die A. E. G. durch ihre Fusion mit
der Union Elektrizitäts-Ges. in neue Beziehungen zu dem Konzern der
General Electric trat. Eine ähnliche technisch-kontrollierende und
geschäftlich-ausdehnende Bedeutung wie die Beteiligung an der General
Electric hatte auch der Erwerb von 500000 Frcs. Aktien der Compagnie
Internationale d’Electricité in Lüttich. Diese Gesellschaft war aus
einer Firma hervorgegangen, deren Erzeugnissen die A. E. G. seit
Jahren mit Erfolg den deutschen Markt erschlossen hatte. Bei dieser
Anknüpfung war zum Teil der Gedanke maßgebend, daß die Compagnie
Internationale umgekehrt neben ihren Fabrikaten auch denen der A. E.
G. in den westlichen Ländern Europas, die deutschen Gesellschaften aus
nationalen Gründen damals schwer zugänglich waren (gemeint war wohl in
erster Linie Frankreich), Eingang verschaffen sollte. Der Gesellschaft
wurde die Generalvertretung der A. E. G. für Belgien und Frankreich
übertragen. Auch verschaffte sich diese durch die Aktienbeteiligung
an dem belgischen Unternehmen den deutschen Vertrieb einer von der
Compagnie Internationale exploitierten neuen Lampe, die in der
Beleuchtungstechnik eine gewisse Rolle zu spielen versprach, da sie die
Vorzüge des Glühlichts mit denen des Bogenlichts zu vereinigen schien.
Auch hier war die Interessennahme nur eine vorübergehende. Bereits im
Jahre 1891 wurden die Aktien zum Nennwerte wieder verkauft, nachdem
die A. E. G. durch eigene Konstruktionen in den Stand gesetzt worden
war, die Fabrikate, die den Hauptgegenstand der Lütticher Fabrikation
bildeten, selbst herzustellen. -- Wenig ersprießlich gestaltete
sich zunächst auch die Beteiligung der in London von der A. E. G.
mitbegründeten +Key’s Electric Co.+, die an Stelle einer Filiale
für den Verkauf der Erzeugnisse der A. E. G. in England tätig sein
sollte. Von dem 15000 Pfd. Strl. betragenden Kapital erwarb die A. E.
G. zuerst die Hälfte, schließlich 13500 Pfd. Strl. Die Gesellschaft
zeigte sich in dieser Form ihrer Aufgabe nicht gewachsen, zumal auch
in England die Einführung und der Vertrieb deutscher Produkte auf
nationalistischen Widerstand stieß. Die A. E. G. glaubte trotzdem für
die Erschließung des englischen Absatzgebietes noch weitere Opfer
bringen zu sollen. Sie formte das genannte Unternehmen unter Änderung
der Firma in „The Electrical Company Ltd.“ zur Vertretung ihrer
alleinigen Interessen um, erwarb die in fremdem Besitz befindlichen
Aktien und Gründeranteile und beseitigte die vorhandene Unterbilanz,
nachdem sie die ihr dadurch verursachten Verluste in ihrer eigenen
Bilanz bereits vorher abgeschrieben hatte. Auch in dieser Form
vermochte sich die Gesellschaft aber nicht auf die Dauer zu halten.

Sehr früh wurde der Grund zu einer neuen elektrischen Technik
gelegt, die in nicht langer Zeit zu einer großen industriellen
Bedeutung gelangen und der Gesellschaft ansehnliche Erträge bringen
sollte. Es handelt sich um die Gewinnung von +Aluminium+ auf
elektrischem Wege. In der Generalversammlung vom 22. November 1888
äußerte sich Emil Rathenau auf Anfragen aus Aktionärkreisen zum
ersten Male ausführlich über seine Anschauungen und Pläne auf diesem
elektrolytischen Gebiete. Auch hier fehlte es nicht an Fachleuten, die
von Utopien und Phantastereien sprachen, auch hier hat die Entwicklung
bewiesen, daß Emil Rathenaus in die Zukunft dringender Blick die
technischen Möglichkeiten durchaus sicher und zutreffend abgeschätzt
hat und daß seine „phantastisch klingenden“ Worte vom Standpunkt der
späteren Verwirklichungen aus betrachtet eher noch zu vorsichtig
gewählt waren. Die Bedeutung der elektrischen Legierungs-Verfahren,
so bemerkte Rathenau in jener Generalversammlung, der ersten, in
der er mit einer größeren Rede hervortrat, sei durchaus nicht zu
unterschätzen. Es sei anzunehmen, daß die Verbindungen des Aluminiums
mit Eisen als Ferro-Mangan und mit Kupfer als Aluminium-Bronze der
Metallindustrie sogleich neue Bahnen eröffnen würden. Das Problem
der Aluminiumgewinnung bestehe darin, das Metall mittels des
elektrischen Stromes aus seinen häufig in der Natur vorkommenden
Verbindungen (hauptsächlich der Tonerde) auszuscheiden und ohne jede
Zutat zu gewinnen. Die bisherige kleine Fabrik habe gute Erfahrungen
für den Großbetrieb geschaffen. -- In Zürich war unterdessen eine
„Metallurgische Gesellschaft“ mit gleichen Zielen ins Leben getreten.
Rathenau hielt es seiner Gewohnheit nach als kluger Taktiker für
zweckmäßig, statt eines Konkurrenzkampfes, eines Wettrennens beider
Unternehmungen um das beste und billigste Verfahren, eine Vereinigung
der zwei Gruppen und Techniken herbeizuführen. Eine solche empfahl
sich für die A. E. G. besonders, weil der Züricher Gesellschaft die
Wasserkräfte des Rheinfalls bei Schaffhausen zur Verfügung standen,
die ihr bei gleicher technischer Leistungsfähigkeit jedenfalls eine
billigere Produktion ermöglicht hätten als der auf Kohlenfeuerung
angewiesenen Fabrik der A. E. G. Der Schweizerischen Gruppe hinwiederum
erschien eine Anlehnung an die stärkere Finanzmacht und an die
größere Absatzorganisation der A. E. G. zweckmäßig. Da schon auf
anderen geschäftlichen Gebieten gute Beziehungen zwischen der A. E.
G. und den maßgebenden Schweizer Persönlichkeiten bestanden, gelang
es rasch, eine Grundlage zur Verständigung zu finden, nachdem eine
gegenseitige Prüfung der beiden Verfahren befriedigt hatte. Es wurde
eine Gesellschaft mit 10 Mill. Frcs. Kapital gegründet, von dem die
A. E. G. 1½ Mill. Frcs. übernahm. Der Besitz der Wasserkräfte
des Rheins, die Vereinigung der beherrschenden europäischen Patente
und Verfahren stellten der Gesellschaft auf die Dauer einen Schutz
gegen jede Konkurrenz in Aussicht. Den Alleinverkauf der Produkte
des Neuhausener Werks übernahm die A. E. G. für Deutschland und
Rußland. Die Erwartungen der Industrie für Verwendung des leichten
Metalls wurden allerdings nicht so rasch erfüllt, als man bei
fabrikmäßiger Herstellung des bis dahin kostbaren Erzeugnisses
vorausgesetzt hatte. Zu den Schwierigkeiten des Großbetriebs gesellte
sich neben mangelnder Erfahrung in der Behandlung, Unkenntnis der
Verwendungszwecke. Ferner warf durch den zollfreien Import begünstigt,
die ausländische Konkurrenz ihre Überproduktion zu Schleuderpreisen
auf den deutschen Markt. Erst allmählich gelang es der Neuhausener
Gesellschaft, die Schwierigkeiten des Gewinnungsprozesses vollkommen
zu beseitigen und das Produkt zu einem den Vorausberechnungen
entsprechenden, konkurrenzfähigen Preise herzustellen. In der Folge
hat sich das Aluminium, das erst nur als Kuriosität betrachtet und
in etwas spielerischer Weise zu allen möglichen und unmöglichen
Gebrauchsgegenständen des täglichen Bedarfs, wie Federhaltern, Büchsen
etc. verwendet wurde, in der Industrie und im Militärbedarf immer
mehr eingebürgert. Der Absatz stieg förmlich von Tag zu Tag, die
Selbstkosten wurden immer weiter herabgedrückt und die vorhandene
Anlage konnte auf die volle Leistung ausgebaut werden, die die
Gesellschaft dem Rheinfall zu entnehmen berechtigt war. Bereits nach
wenigen Jahren stellte sich die Produktion der Gesellschaft auf 1
Million Kilo, für 1892 wurde zum ersten Mal die Dividendenzahlung
mit 8% aufgenommen, die im nächsten Jahre auf 10% stieg. Die
Gesellschaft vermochte die Kosten für ihre Erweiterung bereits aus
verfügbaren Mitteln zu decken und die ursprünglichen Aktienzeichner
waren, nachdem die Gesellschaft zur Rentabilität und damit zur
kapitalistischen Selbständigkeit gelangt war, nicht mehr genötigt,
neue Investitionsmittel in dem Unternehmen festzulegen, sie konnten
sogar einen Teil der von ihnen ursprünglich übernommenen Aktien
auf den Markt bringen und dort mit Gewinn abstoßen. Nachdem die in
Neuhausen gemachten Erfahrungen die fabrikatorische Lage hinreichend
geklärt hatten, konnte auch das Konsortium für die Verwertung der
Aluminium-Patente in +Österreich+, dem die A. E. G. gleichfalls
angehörte, zu dem Bau einer Fabrik in Lend-Gastein und zur Ausnutzung
der ihr daselbst gehörigen Wasserkraft mit einem Gefälle von über 100 m
schreiten.

Die eigene Betätigung, die die A. E. G. auf dem Gebiete der
+Akkumulatoren-Herstellung+ nach Erwerb der Electrical Power
Storage Company für Deutschland geplant, und, um zunächst die
notwendigen Erfahrungen unter geringem Kostenaufwand gewinnen
zu können, in mäßigem Umfange aufgenommen hatte, fand bald ihr
Ende, nachdem die Gesellschaft im Verein mit Siemens & Halske die
bewährte Akkumulatorenfabrik Müller & Einbeck erworben und in eine
Aktiengesellschaft unter der Firma Akkumulatorenfabrik Akt.-Ges.
Hagen umgewandelt hatte. Dieser Akkumulatorenfabrik, die nach dem
System Tudor arbeitete und die von der A. E. G. erst zu machenden
Erfahrungen bereits in erheblichem Grade gesammelt hatte, überließen
sowohl die A. E. G. als auch Siemens & Halske ihre Patente. Von den
Aktien wurde der überwiegende Teil von Siemens & Halske, der A. E.
G. und den Vorbesitzern, der kleinere Teil von den Finanzgruppen der
beiden Gesellschaften übernommen. Der Vorsprung, den diese Gesellschaft
damals an sich schon besaß, die technischen Ergänzungen, die ihr durch
die Akkumulatorenabteilungen der beiden Elektrizitätsgesellschaften
zugeführt wurden, und die Stärke, die ihr die Finanzbeteiligung
sowie die Kundschaft dieser Gesellschaften gewährten, haben
die Stellung der Akkumulatorenfabrik Hagen, die später auch in
Berlin Fabriken errichtete, so gefestigt, daß sie nicht nur eine
glänzende Rentabilität, sondern auch eine marktbeherrschende, fast
monopolistische Stellung in Deutschland erringen konnte. -- Im Jahre
1890 erwarb die A. E. G. schließlich den größten Teil der Aktien der
Akt.-Ges. für Bronze- und Zinkgußwaren vorm. +J. C. Spinn & Sohn+
im Umtausch gegen Aktien der Berliner Elektrizitätswerke. Damit
gliederte sich die Gesellschaft ein Unternehmen an, das die Herstellung
von Beleuchtungskörpern als Spezialität betrieb und ergänzte damit ihr
Glühlampengeschäft in wirksamer Weise.

Neben dieser Gruppe von Beteiligungs-Unternehmungen, die im
wesentlichen dazu dienten, entweder bestimmte elektrische
Produktionsprozesse von dem Hauptunternehmen abzusondern bezw.
einen Einfluß auf derartige der Gesellschaft bis dahin fernstehende
Fabrikationen zu gewinnen, oder die auch den Zweck verfolgten,
Hilfsorganisationen für den Absatz in bestimmten Produkten und Ländern
zu schaffen, wurde eine andere Gruppe von Beteiligungsunternehmungen
ausgebildet, mit der Aufgabe, Muster- und Anwendungsbeispiele für
+stromverbrauchende+ Werke zu schaffen. Nachdem man in Amerika
bereits seit einiger Zeit mit der Umwandlung von Pferdebahnen
in elektrischen Betrieb günstige technische wie wirtschaftliche
Erfahrungen gemacht hatte, entschloß sich die A. E. G. zur Anlage einer
elektrischen +Straßenbahn in Halle+. Sie tat dies, indem sie sich
unter maßgebender Beteiligung an einem zur Übernahme der dortigen
Stadtbahn und zu ihrem elektrischen Ausbau gegründeten Finanzsyndikat
die Betriebführung der neuen Bahn für 10 Jahre sicherte. Das Projekt
wurde mit bestem Gelingen durchgeführt und bildete ein so wirksames,
von staatlichen und kommunalen Kommissären, Vertretern von vielen
europäischen Straßenbahngesellschaften studiertes Demonstrationsobjekt,
daß nicht nur die elektrische Straßenbahnführung in Halle auch auf
den bisher noch im Pferdebetrieb verbliebenen Linien eingeführt
wurde, sondern sofort eine Anzahl neuer Elektrisierungspläne in
anderen Städten zur Verwirklichung gelangte. Allerdings führte die
A. E. G. diese Betriebe nicht mehr ausschließlich in eigener Regie
durch, sondern baute sie zum Teil für Rechnung von Kommunen oder
Straßenbahngesellschaften, an denen sie sich allerdings vielfach
durch kleinere Aktienübernahmen beteiligte. Zu erwähnen sind aus
diesen Jahren die Bahnen in Breslau, Gera, Kiew, Chemnitz, Essen,
Dortmund, Christiania, Lübeck und Plauen. Charakteristisch für die
kleinlichen Bedenken, die zu jener Zeit der Einführung der elektrischen
Straßenbahnen entgegengehalten wurden, ist die, auch in der Presse
damals vielfach erörterte, Furcht gewesen, daß die Starkstromleitungen
der Straßenbahnen die Schwachstromleitungen, die die Post für ihre
Telegraphen- und Telephonnetze unterhielt, stören könnte. Es war der
Technik ein Leichtes, diese Gefahr durch geeignete Vorrichtungen zu
bannen. Auch der ästhetische Gesichtspunkt in Form einer Opposition
gegen die „unschöne Oberleitung“ wurde damals von manchen Kreisen nur
zu wirksam gegen die elektrischen Bahnen ins Feld geführt. Er hat zum
Beispiel die Elektrisierung der Berliner Straßenbahn solange verzögert,
daß die Reichshauptstadt erst wesentlich später als viele andere
deutsche Städte elektrische Bahnen erhielt.

Gleichzeitig mit dem Erwerb der Spragueschen Patente für den
elektrischen Straßenbahnbau und der Inangriffnahme der Elektrifizierung
der Stadtbahn in Halle hatte sich die A. E. G. im Jahre 1890
durch Aktienübernahme Einfluß auf die +Allgemeine Lokal- und
Straßenbahn+ gesichert, die eine Reihe von Beteiligungen an damals
noch mit Pferden betriebenen Straßenbahnen besaß. Bei dem Erwerb
leitete die Gesellschaft einmal der Gesichtspunkt, daß die betreffenden
Aktien aus dem Konsortialbestande einer nach Entlastung strebenden
Bank billig zu haben waren, andererseits das Bestreben, eine Reihe von
Objekten für die Anwendung ihres elektrischen Straßenbahnsystems sich
fest zu sichern. Der Nutzen, den der Erwerb dieses Aktienpostens für
die Gesellschaft im Gefolge haben konnte, erwies sich erst später.
In der Generalversammlung vom 26. November 1891 kritisierte ein
Aktionär sowohl diesen Ankauf wie auch den der Spinn & Sohn-Aktien.
Die Allgemeine Lokal- und Straßenbahn-Gesellschaft zahle nur 5%
Dividende. Großen Ertrag verspreche eine derartige Kapitalsanlage
nicht, und was die technischen Umgestaltungspläne der Gesellschaft
anlange, so solle man in dem Bestreben, alles selber machen zu wollen,
nicht die finanzielle Übersicht verlieren und die Rücksicht auf die
Geldbeschaffung außer acht lassen. Man möge den Nebenindustrien
auch etwas zukommen lassen, und nicht die ganze Welt aufkaufen.
Die günstigen Erträgnisse, die die Aktien der Allgemeinen Lokal-
und Straßenbahn-Gesellschaft später aufwiesen, die vorteilhaften
Bauaufträge, die sie der Gesellschaft zuführten, haben indes die
Berechtigung auch dieser Transaktion erwiesen.

Auch mit dem Problem der +elektrischen Untergrundbahnen+
befaßte sich die A. E. G. frühzeitig, und es ist nicht ihre
Schuld, wenn andere Weltstädte, insbesondere London, Paris und New
York, früher ihre „Subways“ und „Metropolitains“ erhalten haben
als die deutsche Hauptstadt. Im Geschäftsbericht für das Jahr
1890/91 schreibt die Gesellschaft: „Ein Projekt von ungewöhnlicher
Bedeutung für die Verkehrsinteressen der Stadt Berlin haben wir
den Behörden zur Konzessionserteilung eingereicht. Es betrifft den
Bau einer elektrischen Untergrundbahn, die in zwei sich kreuzenden
Achsen nord-südlich und ost-westlich und zwei konzentrischen
Ringen in beträchtlicher Tiefe unter dem Niveau der Straßen den
Hauptverkehrsadern folgen wird. Wir hoffen zuversichtlich, daß dieses
Unternehmen, dem vom Publikum und der Presse eine sympathische
Beurteilung zuteil wird, auch bei den Behörden die Unterstützung finde,
deren es zu seiner Verwirklichung bedarf.“ -- Diese Hoffnung sollte
indes nicht erfüllt werden. Die Gesellschaft bereitete technisch
alles aufs Beste für dies -- wie man zugeben muß -- großzügige
Untergrundbahn-Projekt vor, sie ließ sich Verfahren für neuartige
Tunnelvortriebsapparate patentieren, und rief eine Gesellschaft mit
beschränkter Haftung für den Bau von Untergrundbahnen ins Leben.
Das Projekt scheiterte indes sowohl an den Hemmnissen, die ihm
die Aufsichtsbehörden entgegensetzten, wie auch an dem geringen
Entgegenkommen, das die Stadt Berlin bewies. Mehr Erfolg hatte
bekanntlich das von der Firma Siemens & Halske sowie der Deutschen Bank
geplante und durchgeführte Projekt einer Hoch- und Untergrundbahn, die
zunächst von Osten nach Westen unter Einbeziehung des Verkehrs mit
dem Potsdamer Platz führte. In der Generalversammlung interpelliert,
warum die A. E. G. nicht dem Siemens & Halskeschen Projekt Konkurrenz
gemacht habe, erklärte Rathenau, daß man es für besser erachte, nicht
in einen zu scharfen Wettbewerb zu dieser Firma zu treten, durch den
man nur die Preise verderben würde. Man erwarte, daß Siemens & Halske
in einem anderen, ähnlich gelagerten Falle der A. E. G. gegenüber
ebensolche Zurückhaltung zeigen würden. Abgesehen von diesen nach
außen hin zugegebenen Gründen war man wohl damals schon darauf
bedacht, die Konkurrenzfirma, mit der man noch in dem bekannten
Interessengemeinschaftsverhältnis stand, schonend zu behandeln, da
Rathenau zu jener Zeit schon die Lösung des im Jahre 1887 auf 10 Jahre
geschlossenen Vertrages anstrebte, diese aber nur bei gutem Willen der
Firma S. & H. erreichen zu können Aussicht hatte.

Am wenigsten entwickelte sich bei der A. E. G. eigentlich +der+
Geschäftszweig, den man ursprünglich am sorgfältigsten zu pflegen
beabsichtigt hatte: +der Zentralenbau+. Die A. E. G. hatte
das erste große Musterbeispiel für eine Elektrizitätszentrale in
den Berliner Elektrizitätswerken geschaffen und war nach diesen
Erfolgen und Erfahrungen die nächste dazu, für ähnliche Werke,
die anderswo errichtet werden sollten, als Baufirma herangezogen
zu werden. Dennoch war ihre Tätigkeit auf diesem Gebiete sowohl
für eigene Rechnung auf Grund erteilter Konzessionen als auch im
fremden Auftrag verhältnismäßig gering. Konzessionsbauten wurden in
Eisenach und im Berliner Villenvorort Wannsee errichtet, es handelte
sich aber hierbei nur um kleinere Unternehmungen, denen keine große
Bedeutung zukam. Eine weit wichtigere Schöpfung war die +Compania
Generale Madrilena de Electricidad in Madrid+, eine Zentrale, die
im Zusammenwirken mit der Besitzerin der Madrider Gasanstalten, der
Compagnie Madrilene d’Eclairage et de Chauffage par le Gaz in Paris,
unter erheblicher Aktienbeteiligung der A. E. G. errichtet wurde.
Infolge der ausnahmsweise günstigen Verhältnisse in Madrid war diese
Zentrale, die sich eng an das Vorbild der Berliner Elektrizitätswerke
anlehnte, in technischer wie in finanzieller Hinsicht ein voller und
schneller Erfolg; umsomehr als diese Unternehmung sich weit günstiger
entwickelte, als eine andere gleichfalls in Madrid arbeitende englische
Konkurrenzgesellschaft. Die Gesellschaft begann bereits nach 2 Jahren
mit der Dividendenzahlung, schüttete in der Folge hohe Erträgnisse
aus, und mußte andauernd erweitert werden. Bereits nach wenigen Jahren
konnte die A. E. G. ihr Aktieninteresse mit einem Buchgewinn von etwa 1
Mill. Mark abstoßen, und dieses gute und glatte Geschäft, das aber auch
für die A. E. G. eine Ausnahme bildete, während die meisten übrigen
Gründungen eine geduldigere Behandlung erforderten, trug in erster
Linie dazu bei, in der deutschen Elektrizitätsindustrie den Glauben
an die leichten und großen Gewinnchancen des Unternehmergeschäfts zu
erwecken, ein Glauben, der für viele Elektrizitäts-Firmen späterhin
verhängnisvoll werden sollte.

Dieser „Treffer“ in Madrid war aber, solange der Vertrag mit Siemens &
Halske in Geltung war, der einzige Lichtblick in dem sonst unergiebigen
Zentralenbau-Geschäft. Der Vertrag hemmte an allen Ecken und Enden.
Die Bedingung, große Maschinen und Kabel von Siemens & Halske zu
beziehen, erschwerte die Kalkulation, gestattete keine ökonomischen
Projektierungen und verringerte die Wettbewerbsfähigkeit +beider+
Vertragsgesellschaften gegenüber der ungebundenen Konkurrenz, die sich
auf dem ureigenen Gebiet Rathenauscher Initiative die Unfreiheit der
beiden stärksten Gesellschaften zunutze machte. Besonders die Firma
Schuckert in München, die sich fabrikatorisch damals auf der Höhe
ihrer Leistungsfähigkeit befand, sehr gute Maschinen herstellte und
in allem Technischen der Konkurrenz nicht nachstand, warf sich auf
den Zentralenbau und stellte zeitweilig allein mehr Werke her, als
Siemens & Halske und die A. E. G. zusammen. Dabei wurde man sich in
der A. E. G. bald darüber klar, daß die Firma Siemens & Halske oder
wenigstens manche ihrer Beamten in der Zentralenfrage nicht den guten
Willen hatten, den Vertrag seinen Absichten gemäß loyal zu erfüllen.
Kamen zum Beispiel eine Gemeinde oder ein Unternehmer zu Siemens, der
damals namentlich bei Behörden noch immer als die höchste Autorität
in elektrischen Dingen galt, mit der Frage, ob und wie sie ein
Elektrizitätswerk bauen könnten, so empfahl ihnen der Altmeister Werner
v. Siemens zwar in durchaus korrekter Weise, wegen Konzession und
Projektierung sich mit der A. E. G. in Verbindung zu setzen. Darüber
hinaus kümmerte sich aber der alte Herr um Einzelheiten des Geschäfts
nicht mehr wie in den früheren Zeiten seiner industriellen Vollkraft.
Er hörte die an ihn Empfohlenen oder ihm Bekannten zwar höflich an, zur
Besprechung der Einzelfragen verwies er sie aber an seine Prokuristen,
Oberingenieure usw. Und wenn die Frager in diese Regionen kamen, wehte
meist ein ganz anderer Wind. Die „Halbgötter“ der Firma Siemens waren
eifersüchtig auf den jungen Ruhm, die kräftige Unternehmungslust und
die wachsende Bedeutung der Berliner Konkurrenzfirma. „Was brauchen Sie
dazu die Juden?“ fragten sie diejenigen, die mit Projektierungswünschen
an sie gewiesen wurden. Sie wollten der A. E. G. weder Konzessionen
zuweisen, noch selbst welche übernehmen, denn sie hätten sie ja
an die A. E. G. vertragsgemäß weitergeben müssen. So empfahlen sie
meistens den Anfragern, die Anlagen in eigener Regie zu errichten.
Die Kapitalien würden sie sich ja auch ohne die A. E. G. beschaffen
können, und den Bau, die Maschinenlieferung usw. würden ihnen Siemens
& Halske ebensogut direkt liefern können als indirekt durch die A.
E. G. Derartige Fälle kamen wiederholt zur Kenntnis Rathenaus und
seiner Mitdirektoren. Man war empört, beschwerte sich, aber die
Tatbestände waren so geschickt verschleiert, daß Vertragsverletzungen
nicht nachgewiesen werden konnten. Sogar im eigenen Aufsichtsrat,
in dem verschiedene Vertreter des Siemens-Konsortiums saßen, konnte
die Direktion mit ihren Beschwerden nicht hinreichend durchdringen.
Es fehlte nicht an Intriguen und Kabalen, und es gab Zeiten, in
denen an jedem Tage ein anderer A. E. G.-Direktor seine Demission
einreichte. Die Situation war in dieser Weise nicht länger haltbar.
Diese Überzeugung kam schließlich nicht nur bei der A. E. G., sondern
auch bei Siemens & Halske zum Durchbruch. Die A. E. G. war allmählich,
das merkte man jetzt auch bei Siemens, eine solche Macht, eine solche
Lebenskraft geworden, daß man sie -- durch den besten Vertrag --
nicht mehr niederhalten konnte, umsomehr wenn dieser Vertrag nicht
nur die Freiheit der A. E. G., sondern auch die eigene zu Gunsten
lachender Dritter hemmte. Georg von Siemens, der Direktor der Deutschen
Bank, der Zeit seines Lebens ein Verehrer und Freund Emil Rathenaus
gewesen ist, auch Objektivität und volkswirtschaftlichen Sinn genug
besaß, um die engherzige Knebelung einer Gesellschaft, die das Zeug
hatte, Mehrerin der deutschen Industriekraft zu werden, zu Gunsten
seiner Bankinteressen nicht mitzumachen, erbot und bemühte sich als
Vermittler, eine vorzeitige Lösung des Vertrages auf gütlichem Wege
herbeizuführen. Nach schwierigen Verhandlungen gelang am 20. Juni 1894
die endgültige Auseinandersetzung. Die A. E. G. verpflichtete sich, an
Siemens & Halske eine Entschädigungssumme von 696742 Mark zu zahlen.
Darauf waren aber Bestellungen auf Maschinen und Kabel in Anrechnung
zu bringen, die die A. E. G. noch bis zum 1. Januar 1900 von Siemens
& Halske beziehen sollte und die zum Meistbegünstigungspreise mit 13%
Rabatt geliefert werden mußten.

So wichtig die endgültige Trennung der A. E. G. von Siemens & Halske
auch war, weder im Geschäftsbericht für das Jahr 1893/94 noch in der
Generalversammlung wurde dieser Vorgang eingehender behandelt. -- Bald
nach Lösung des Vertrages wurde der Bau des +Kabelwerks+ an der
Oberspree begonnen und damit der Fabrikation der A. E. G. das letzte
ihr noch fehlende Hauptglied eingefügt. Auch die Maschinenfabrikation
wurde erweitert. Die Befreiung von den Vertragsfesseln äußerte
sich sofort in einer sichtbaren Zunahme des Zentralenbaus. Der
Geschäftsbericht für 1893/94 verzeichnet bereits Bauaufträge für
Barcelona, Sevilla, Craiova, Freihafengebiet Kopenhagen und Straßburg.
Außerdem wurde für die B. E. W. eine neue Zentralanlage an der
Oberspree errichtet, die die Vorstädte Berlins und die umliegenden
Ortschaften mit elektrischem Strom versorgen sollte. Hier wie in
Straßburg gelangte das Drehstromsystem in großem Maßstabe zur Anwendung.

                           *               *
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Überblicken wir den zuletzt behandelten Abschnitt, der von der
Überwindung der Krisis von 1886/87 und dem zweiten Vertragsabschluß
mit Siemens & Halske bis zur vollständigen Vertrags- und
Betätigungsfreiheit Mitte 1894 reicht, so finden wir, daß diese
Periode, vielleicht die entscheidende und grundlegende für die
Fundierung und Richtungsentwickelung der Gesellschaft --, im Inneren
voll von drängender, vielgestaltiger und doch deswegen nicht
unbeherrschter Gestaltung, auch das +äußere Bild+ der Gesellschaft
wesentlich verändert hat. Zunächst in den Kapitalverhältnissen. Der
Erhöhung des Aktienkapitals von 5 auf 12 Millionen Mark im Jahre 1887
folgte im April 1889 eine weitere Erhöhung auf 16 Millionen Mark.
Dabei konnten die Aktien der Gesellschaft zum ersten Male mit einem
äußerlich sichtbaren Agio begeben werden. Sie wurden zum Kurse von
150% herausgebracht und 2 Millionen Mark flossen in den Reservefonds,
der dadurch die statutenmäßige und gesetzliche Höhe bereits um
501364 Mark überschritt. Im nächsten Jahre 1890/91 erfolgte eine
dritte Kapitalserhöhung um wieder 4 Millionen Mark auf 20 Millionen
Mark, wobei die neuen Aktien zu dem weiter erhöhten Kurse von 165%
ausgegeben wurden und nach Abzug sämtlicher Provisionen, Spesen,
Stempelkosten usw. 2378115 Mark in den Reservefonds flossen. Von
der Generalversammlung (29. November 1890) hatte sich ferner die
Verwaltung die Ermächtigung erteilen lassen, Obligationen in Höhe
des Aktienkapitals auszugeben, nicht ohne daß aus Aktionärkreisen
-- der Oppositionsredner war der angesehene Inhaber des Bankhauses
N. Helfft & Co. -- die Warnung ergangen wäre, den Geschäftsbetrieb
zu weit auszudehnen und die Aktion durch eine uferlose Expansion
zu beunruhigen. Emil Rathenau belächelte innerlich diese Warnungen
kleingeistiger Aktionärvorsicht, die von seiner pflichtgemäßen
Verwaltungsvorsicht so sehr verschieden war. -- In jener Zeit konnte
er allerdings noch nicht auf die Erfolge seiner Finanzwirtschaft
verweisen, mit denen er später alle ähnlichen Einwendungen leicht
zu schlagen vermochte. Georg v. Siemens und Rathenau entschuldigten
die immer neuen Geldforderungen gewissermaßen mit den großen
Geldbedürfnissen der B. E. W., in denen man bald 30 Millionen Mark
investiert haben werde. Man tröstete die Aktionäre damit, daß die
Stadt Berlin die Berliner Werke sicher später einmal übernehmen würde,
vielleicht schon im Jahre 1895, wobei man dann das ausgelegte Geld auf
Heller und Pfennig, dazu mit einem ansehnlichen Gewinn, zurückerhalten
müßte.

Trotz der großen Agiogewinne, mit denen die Reserven stattlich
aufgefüllt werden konnten, sah Emil Rathenau aber bald ein, daß es
nicht zweckmäßig sein würde, den Emissionskredit der Gesellschaft
allzusehr anzuspannen und den Marktwert der Aktien durch eine
Überproduktion an Aktienkapital zu entwerten. „Wir verkennen den
Vorteil nicht, der bei dem gegenwärtigen Kursstande unserer Papiere
der Gesellschaft durch Ausgabe neuer Aktien erwachsen würde,
glauben aber mit Rücksicht auf eine möglichst gleichbleibende Rente
von derselben für jetzt Abstand nehmen zu sollen, nachdem wir --
allerdings bei progressiver Steigerung der Gewinnziffern -- in rascher
Folge Kapitalserhöhungen durchgeführt haben, die das ursprüngliche
Gesellschaftsvermögen von 5 auf 20 Millionen Mark vermehrten.“
-- Der Finanzpolitiker, der stets eine feine Witterung für die
Imponderabilien des Geld- und Kapitalmarktes bekundet hat, erkannte in
einem Augenblick, in dem der Aktienkurs seinen höchsten Stand erreicht
hatte, und mancher andere vielleicht dem Agio noch seine letzten
Möglichkeiten abgepreßt haben würde, daß der Aktienemissionskredit nun
zunächst einmal einer längeren Schonung bedürfe und das Gefäß, das
jetzt vielleicht noch nicht ganz angefüllt sei, durch einen neuen
Aufguß zum Überlaufen gebracht werden könne. Also entschloß sich
Rathenau, zunächst einmal ein anderes Mittel der Geldbeschaffung zu
wählen und Obligationen auszugeben. Auch hier nahm er jedoch bei weitem
nicht den ganzen Spielraum, den er sich von der Generalversammlung
hatte geben lassen, in Anspruch. Im Jahre 1890/91 wurden 5 Millionen
Mark Obligationen ausgegeben, mit deren Auslosung sofort begonnen
wurde. Eine meisterhafte Hand in der Verteilung und Niedrighaltung
der Kapitalien für das Gründungsgeschäft tritt schon hier zu Tage. Im
Geschäftsbericht für 1893/94 wird bemerkt: „Da wir die Finanzierung
fast aller größeren Unternehmungen potenten Bankkonsortien überlassen
haben, in denen wir uns angemessene Beteiligungen vorbehielten, so
wird unser Geldbedarf im Verhältnis zu dem Kapitalsaufwand, den
diese Anlagen erfordern, in mäßigen Grenzen sich bewegen.“ Schon
damals gelang es Rathenau, mit einem kleinen eigenen Kapital große
Unternehmergeschäfte in Bewegung zu setzen. Verschiedene glückliche
Geschäfte, die er zum Teil im Gegensatz zur herrschenden Auffassung
und zu den Ansichten der Banken mit großem Erfolge durchgeführt
und durchgehalten hatte, schufen ihm den Ruf eines glücklichen
und scharfsinnigen Finanziers. So drängten sich die Konsorten zu
seinen Geschäften, und er, dem es letzten Endes immer nur auf die
industriepolitische Seite ankam, überließ ihnen gerne einen Teil der
finanziellen Chance, wenn sie ihm halfen, einen entsprechenden Teil der
finanziellen Last und des finanziellen Risikos zu tragen.

Trotzdem innerhalb des von uns behandelten Zeitabschnittes eine
gewerbliche Krise, die der A. E. G. zwar nichts anhaben konnte, der
aber Rathenau durch die vorsichtige Behandlung des Emissionsmarktes
Rechnung trug, die Verhältnisse unsicher machte, brauchte die
Dividende der Gesellschaft nur vorübergehend und nicht erheblich
gesenkt zu werden. Sie zeigt von 1887-1893 folgende Kurve: 7, 9,
10, 9, 7½, 8¼, 9%. Sehr interessant ist das Bild, das die
Bilanz der Gesellschaft im Vergleich mit denen an früheren markanten
Abschnittspunkten gewährt. Immobilien sind bis Ende 1894 auf 2807455
Mark, Maschinen und Apparate auf 1220000 Mark, Werkzeuge auf 263000
Mark, Fabrikutensilien auf 60000 Mark, Waren auf 4108925 Mark, Guthaben
in laufender Rechnung einschließlich der bei Zweigniederlassungen
auf 6613742 Mark, Forderungen für Installationen auf 535848 Mark,
Wechsel auf 247128 Mark und Kautionen auf 579712 Mark gestiegen. Es
ergibt sich danach eine Summe des Fabrikationsgeschäfts von 16435810
Mark. Das Finanzgeschäft wird dargestellt durch Effekten von 5976266,
Konsortialien von 2963348 Mark und 1913253 Mark Guthaben bei den
B. E. W., also zusammen durch 10852867 Mark. Daneben erscheint als
gleitender Faktor in der Bilanz das Bankguthaben von 7933463 Mark,
wohlgemerkt in einem Zeitpunkte, in dem seit mehreren Jahren weder
neues Aktien-, noch Obligationenkapital der Gesellschaft zugeflossen
war. Die Kreditoren von 2575873 Mark sind gegenüber den festliegenden
und flüssigen Aktivwerten bescheiden und stellen keine Verschuldung,
sondern laufende, durch den Stand des regulären Geschäfts bedingte
Verbindlichkeiten dar, die durch die Aktiva -- und zwar schon durch
die sofort greifbaren -- weit überdeckt sind. Die äußere Finanzlage
der Gesellschaft muß also als glänzend bezeichnet werden. Zum Teil
hing das damit zusammen, daß die B. E. W. durch Obligationenausgabe
in der Lage gewesen waren, einen großen Teil der ihnen geleisteten
Vorschüsse zurückzuzahlen. Auch war vom Effektenbestande einiges
verkauft worden. Die +innere+ Fundierung der Gesellschaft, nicht
zu verwechseln mit der äußeren Finanzlage, ist befriedigend, aber nicht
mehr als dies, wenn man sie in Vergleich stellt zu der Reservenfülle,
die in späteren Jahren erreicht wurde. Der ordentliche Reservefonds,
der bei einem Kapital von 20 Millionen Mark 4479479 Mark enthielt,
ist fast ausschließlich aus den Agiogewinnen der Kapitalserhöhungen
zusammengesetzt. Eine solche Reserve kann wertvoll sein, wenn der
innere Wert der mit hohem Agio begebenen Aktien dem äußeren Kurse
entspricht, er kann aber auch ein Truggebilde darstellen, wenn die
Emissionskurse und die Dividenden künstlich und ungesund in die Höhe
getrieben worden sind. Eine außerordentliche Reserve von 500000 Mark
und ein Rückstellungskonto von 550000 Mark sind zweifellos als echte
Reserven zu bezeichnen, denn sie stammen aus den erzielten Gewinnen.
Stille Reserven enthielt die Bilanz der Gesellschaft im Jahre 1894 wohl
erst in bescheidenem Umfange; sie ruhten zumeist in dem Effektenbesitz,
wenngleich dieser damals über alle Schwankungen noch keineswegs
hinaus war und deshalb eigene Vorsichtsreserven brauchte, die auf ihm
ruhenden Reserven also erst zum Teil für das Gesamtunternehmen in
Rechnung gestellt werden konnten. Die Abschreibungen auf Anlagekonten,
die damals noch sichtbar gemacht wurden, waren angemessen, zum Teil
sogar reichlich, sie betrugen bei Maschinen etwa 10%, bei Werkzeugen,
Modellen usw. etwa 20%. Hier und da wurden Extraabschreibungen
vorgenommen. Auch hier kann man von Überschuß-Reserven, die über die
Sicherung der einzelnen Anlagekonten wesentlich hinausgingen, auf die
sie vorgenommen worden waren, kaum schon sprechen.



Zehntes Kapitel

Das Finanz- und Trust-System


In einem kurzen Jahrzehnt war es dem bauenden Genie Rathenaus gelungen,
aus einer eng begrenzten Spezialfabrikation trotz aller technischen
und vertraglichen Fesseln, ein großes, universelles Fabrik- und
Geschäftsunternehmen zu machen. Die kleine Glühlampe hatte den Weg zu
großen industriellen Neuschöpfungen erhellt. Sie hatte auch in dem
ringenden Chaos des Rathenauschen Hirns den schöpferischen Funken, die
klärende Flamme entzündet.

Im vorigen Kapitel haben wir die äußere Expansion der Allgemeinen
Elektrizitäts-Gesellschaft in dem ersten Abschnitt ihrer veränderten
Gestalt geschildert, die Verbreiterung der Fabrikation und die ersten,
aber schon kräftigen und vielfältigen Anfänge des Beteiligungs-
und Unternehmergeschäfts. Der jetzt zu behandelnde Zeitraum, der
ungefähr die Jahre 1895-1901 umfaßt, und von der Gewinnung der
vollständigen Handlungsfreiheit der A. E. G. bis zum Ausbruch der
großen Elektro-Krise um die Jahrhundertwende reicht, ist erfüllt von
den starken Fortschritten dieser doppelten Expansion, die sich ins
Große und Reiche auslebt. Daneben aber und im Gleichschritt mit dieser
ständigen Mehrung der +Quantität+ des Besitzes und Einflusses
entwickelt sich -- mehr unterirdisch und zunächst nur dem eingeweihten
Auge sichtbar -- ein Prozeß der Konsolidierung und Organisierung der
zunächst nach außen bewegten Kräfte, der zu einer stärkeren Festigung
der Fundamente, zu einer Dichtung des Gebälks, zu einer inneren
Auspolsterung mit freien, beliebig hin- und herschiebbaren Reserven
führt. Dadurch wird für das Ganze eine Elastizität erreicht, die in der
Lage ist, Verschiebungen, Erschütterungen und Verluste, die von außen
an das Unternehmen oder einzelne Teile herantreten, im wachsenden Maße
innerlich auszugleichen und somit auf den Weg der Rentenstabilisierung,
der Sicherstellung und Festigung der Aktiendividende führt. Die
Fabrikation wird nicht nur ausgedehnt, sondern auch teils durch
technische, teils durch finanzielle Ökonomie verbilligt, und somit in
die Lage gesetzt, wettbewerbsfähiger liefern und Konjunkturabschläge
ausgleichen zu können. In das Unternehmergeschäft, das bisher
unorganisiert, sozusagen von Augenblickserwägungen geleitet war, wird
System gebracht. -- Mit wenigen Strichen soll zunächst das Bild der
+äußeren Fortentwickelung+ der Gesellschaft in dieser Periode
gezeichnet werden.

In den Geschäftsberichten der Jahre 1894 und 1895 war bereits
auf die zunehmende Bedeutung der +Kraftübertragung+ für die
elektrische Industrie hingewiesen worden, nachdem die Bestrebungen, die
Elektrotechnik der Kraftübertragung und Kraftverteilung zuzuführen,
infolge des Beharrungsvermögens der Verbraucher lange erfolglos
geblieben waren. Zwei Entwickelungen waren es, die dann in der Frage
des elektrischen Antriebes der Arbeitsmaschinen den Bann brachen:
Die -- nach kurzem Zögern -- rapide Entwickelung des Drehstroms, die
Möglichkeit der Verwendung, Umformung und Verteilung hochgespannter
Ströme, die technisch wie ökonomisch dem bisher verwendeten Gleichstrom
und Wechselstrom weit überlegen waren, und ferner das Beispiel
der ersten +Straßenbahnen+, die sofort und schlagend die
Betriebsbilligkeit der Elektrizität als Antriebs- und Arbeitsfaktor
erwiesen. „Die Elektrotechnik vertieft sich zur Maschinenindustrie.“
Im Straßenbahnbau war die A. E. G. von Anfang an ebenso frei gewesen
wie Siemens & Halske, in der Entwickelung der Kraftübertragung hemmte
das vertragliche Verbot der Herstellung großer Maschinen und hierdurch
wurde die Ausnutzung des starken Vorsprungs, den der Gesellschaft das
von ihr zuerst und besonders wirkungsvoll dargestellte Drehstromsystem
ermöglicht hätte, verhindert, zumal eine Monopolisierung dieses bald
allenthalben von der Konkurrenz adoptierten Systems -- wie das bei
großen elektrischen Erfindungen üblich ist -- nicht gelang. Die erste
technische Aufgabe nach der Erlangung der völligen Fabrikationsfreiheit
war die Erweiterung der Maschinenfabrikation. 84541 qm wurden zu
diesem Zwecke längs des Humboldthains zwischen der Brunnen- bis zur
Hussitenstraße von der Berliner Lagerhof-Ges. in Liqu. erworben und
mit der alten Maschinenfabrik durch eine Tunnelbahn verbunden. 2
Millionen Mark neue A. E. G.-Aktien, die bei dem damaligen Kurse
einen Wert von mehr als 5 Millionen Mark repräsentierten und 341667
Mark in bar mußten für die Grundstücke allein bezahlt werden. Für
den Ausbau wurden die Mittel der Gesellschaft um weitere 5 Millionen
Mark Obligationen und 3 Millionen Mark neue Aktien vermehrt, von
denen allerdings 1 Million Mark zum Erwerb von 2 Millionen Mark
Anteilen der +Elektrochemischen Werke Bitterfeld G. m. b. H.+
dienten und der Rest zum Kurse von 175% den Aktionären angeboten
wurde. Die zweite große Ergänzung des fabrikatorischen Prozesses der
Gesellschaft, das +Kabelwerk+, das Material für unterirdische
Leitungen erzeugen sollte, nachdem die Gesellschaft schon seit längerer
Zeit oberirdisches Leitungsmaterial herstellte, wurde im Jahre 1896
begonnen. Dafür wurde ein Gelände von 102,120 qm an der Oberspree,
unmittelbar neben der neuen Kraftstation der B. E. W. erworben; dahin
wurde die gesamte Leitungsmaterialfabrikation verlegt, so daß der
bisher durch die Fabrik für oberirdisches Leitungsmaterial belegte
Werkstattraum in der Ackerstraße für andere Zwecke frei wurde.
Zugleich gewann die Gesellschaft durch den neuen Grundstückskauf einen
wertvollen Wasserstraßenanschluß. Von den bestehenden Fabrikanlagen
wurde die Glühlampenfabrikation durch Hinzunahme neuer Räume auf dem
Grundstück Schlegelstraße so beträchtlich erweitert, daß sie im Jahre
1895/96 600000 Lampen mehr erzeugen konnte als im Vorjahre und daß
die Erhöhung der gesamten Produktion auf das Doppelte im Bedarfsfalle
mit den geschaffenen Betriebseinrichtungen vorgenommen werden konnte.
Eine Anzahl von neuen Modellen, besonders Lampen hoher Spannung, die
eine wesentliche Ausdehnung der Netze von Beleuchtungsstationen ohne
starke Kosten ermöglichten, wurde in den nächsten Jahren geschaffen.
Im Jahre 1897/98 stieg der Absatz weiter um 900000 Lampen gegenüber
der gleichfalls wesentlich erhöhten Zahl des Vorjahres; in den Jahren
1898/99 und 1899/1900 um je 1 Million. Damit war die Leistungsfähigkeit
der erweiterten Fabrik erschöpft und es mußte zu einer neuen Ausdehnung
geschritten werden. Dabei wurde auch Vorsorge für die Haltung eines
größeren Lagerbestandes getroffen. Die Preise für Glühlampen waren
infolge der starken Konkurrenz in dieser Zeit ständig unter Druck, und
in den Kreisen der Fabrikanten wurde vielfach über unauskömmliche, zum
Teil ruinöse Preise geklagt. Im Geschäftsbericht für das Jahr 1895/96
trat die A. E. G. diesen Anschauungen mit folgenden Worten entgegen:
„Trotzdem der Marktpreis der Glühlampen sich über das frühere Niveau
nicht erhoben hat, müssen wir der, auch von Fabrikanten vielfach
ausgesprochenen Ansicht entgegentreten, daß derselbe die Lieferung
eines sorgfältig sortierten und geprüften Fabrikates nicht gestatte.
Bei zweckmäßigen Einrichtungen und entsprechendem Umsatz ist der Preis
dieses nach Millionen zählenden Massenartikels auskömmlich.“ -- In
den nächsten Jahren bis zur Krise kam die rückläufige Preisbewegung
auf dem Kohlenfadenlampen-Markte nicht zum Stillstand. Erst nachdem
eine Reihe schwacher und nicht konkurrenzfähiger Betriebe zum Erliegen
gekommen war, gelang ein Zusammenschluß der verbliebenen Fabriken im
+Kohlenfadenlampensyndikat+. Im Jahre 1898 erwarb die A. E. G. die
Nernstlampe, die nach dem Erfinder Prof. Dr. Nernst in Göttingen diesen
Namen erhalten hat, und suchte, zunächst durch Laboratoriumsarbeit die
praktische Verwertbarkeit dieser Lampe zu erreichen und sie für die
Fabrikation vorzubereiten. Darüber wurde im Geschäftsbericht dieses
Jahres geschrieben:

„Im Laboratorium beschäftigen wir uns seit Mitte März mit der
Erfindung des Herrn Professors Dr. Nernst in Göttingen. Das Prinzip
derselben läßt sich kurz dahin charakterisieren, daß, ähnlich wie beim
Gasglühlicht anstatt leuchtender Kohlenpartikelchen Substanzen von
besserer Lichtemission durch die Flammgase zum Glühen gelangen, so auch
in der neuen Lampe anstatt Kohlenkörper, die sowohl beim elektrischen
Bogen- wie Glühlicht bisher praktisch ausschließlich zur Verwendung
kamen, unverbrennliche Substanzen von hohem Lichtvermögen durch
den galvanischen Strom zur blendenden Weißglut erhitzt werden. Die
Hauptschwierigkeiten, die der Übertragung der Erfindung in die Praxis
anfänglich entgegenstanden, und welche einerseits die Anregung der im
kalten Zustande isolierenden Glühkörper, andererseits die Erzielung
genügender Haltbarkeit und Konstanz der Glühkörper bot, können jetzt
als bis zum gewissen Grade überwunden angesehen werden. Der Nutzeffekt
der Lampen ist z. Zt. etwa derjenige kleinerer Bogenlampen, also
erheblich besser als derjenige der bisherigen Glühlampen. Es steht zu
hoffen, daß sich der Nutzeffekt noch merklich steigern wird, und daß
sich Glühkörper bis zu fast beliebigen Kerzenstärken werden herstellen
lassen. In der Bequemlichkeit oder Handhabung sind die neuen Lampen
den Bogenlampen offenbar überlegen, stehen aber darin den gewöhnlichen
Glühlampen erheblich nach. Wir glauben nicht, daß die neue Lampe die
bisherigen Systeme elektrischer Beleuchtung verdrängen wird, vielmehr
scheint uns sicher, daß sie neben jenen ihr Anwendungsgebiet sich
erobern wird.“

Die Exploitation der Lampe nahm indes unerwartet viel Zeit in Anspruch,
trotzdem unermüdlich unter tätiger und ratender Mitarbeit Emil
Rathenaus an ihr gearbeitet und experimentiert wurde. 1899 hieß es:
„Die technische und wirtschaftliche Bedeutung der Nernstlampe werden
wir zu erproben Gelegenheit haben, sobald die im Bau begriffenen
Werkstätten uns in den Stand setzen, die der regen Nachfrage
entsprechenden Mengen herzustellen. Das Hauptpatent ist in Deutschland
nach Erledigung verschiedener Einsprüche erteilt worden. Die Option auf
die übrigen Patente mit Ausnahme derer für Österreich-Ungarn, Italien
und der Balkanländer haben wir ausgeübt.“ -- Die Hauptschwierigkeit lag
danach nicht mehr in der Konstruktion, sondern in der Produktion, deren
Überführung ins Große sich Hindernisse in den Weg stellten. Sie waren
auch im folgenden Jahre noch nicht behoben. Endlich im Jahre 1900/01
war das Stadium der Versuche und Enttäuschungen überwunden, worüber die
Gesellschaft mit folgenden Sätzen im Geschäftsbericht quittierte:

„Ein voller Erfolg ist nach jahrelanger, mühsamer Arbeit die Einführung
der Nernstlampe geworden. Die schöne und zugleich sparsame Lichtquelle
befindet sich in Hunderttausenden von Exemplaren bereits im Gebrauch
und gewinnt infolge sehr günstiger Betriebserfahrungen und der äußerst
befriedigenden Meßresultate der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt
täglich weitere Kreise.“

Vermochte die A. E. G. auf dem Gebiete der Beleuchtungstechnik
ihre dominierende Stellung (wenn auch unter ständiger, gewaltiger
Steigerung der Absatzquantität) nur gerade zu behaupten, während
ihren Plänen, neue Vorsprünge vor der Konkurrenz zu gewinnen,
-- wie die Folgezeit lehren sollte -- trotz der Nernstlampe ein
durchschlagender und dauernder Erfolg nicht beschieden war, so wurden
auf anderen Gebieten Leistungen vollbracht, die durchaus den Stempel
des Neuartigen, Schöpferischen trugen. Hierher gehört vor allem
die klassische Durchbildung und praktisch-großartige Nutzanwendung
der Kraftübertragung in Stromerzeugungswerken, die das Höchstmaß
der damals möglichen Leistungsfähigkeit zu erreichen und ständig
zu erweitern suchten. Gerade dadurch, daß Rathenau auf dem Gebiete
des Wechselstroms nichts überstürzte und andere Unternehmungen,
so die Helios-Gesellschaft in Köln, englische und schweizerische
Gesellschaften den Wettlauf um die halbfertigen, halbgelungenen
Verwirklichungen ausfechten ließ, erwies er die Geduld und die
Kunst des Meisters. Er hatte sehr richtig erkannt, daß die Motoren
und auch die Lampen erst einer gründlichen Durchbildung für das
Hochspannungssystem bedurften, die nicht im Handumdrehen zu erreichen
war. Seine ersten nach dem Drehstromsystem erbauten Zentralen waren,
nachdem diese Schwierigkeiten überwunden waren, von überzeugender
Schlagkraft und Reife. Die Zentrale in Straßburg i. E. wurde im
Jahre 1895 rechtzeitig eröffnet, um die Stromlieferung für die
elsaß-lothringische Landesausstellung übernehmen zu können. Die neue
Zentrale an der Oberspree trat im Jahre 1896 in Tätigkeit mit einer
Anlage, die auf 50000 Pferdekräfte zugeschnitten war und einen Teil der
Vororte Berlins mit billiger Energie nach einem besonders vorteilhaften
Tarif versorgen sollte. Die Werke der Berliner Elektrizitätswerke
wurden dadurch ergänzt und die B. E. W. übernahmen das fertiggestellte
Werk, nachdem sein Funktionieren zweifelsfrei erwiesen war. Die
moderne Außenanlage wurde bei der nächsten Vertragserneuerung dem
Vertrage mit der Stadt Berlin eingegliedert, und man sorgte dafür,
daß der in Oberschöneweide erzeugte Hochspannungsstrom auch in
das innere Weichbild Berlins eingeführt werden konnte, wo er in 5
Unterstationen umgeformt wurde. Die Riesenmaschinen der neuen Zentrale
erregten die Bewunderung der ganzen Fachwelt, deren Vertreter wie
seinerzeit bei der Straßenbahn in Halle aus aller Herren Länder zur
Besichtigung herbeieilten. Es folgten die Anfänge der Versorgung
des oberschlesischen Industriebezirks mit Licht- und Kraftstrom,
verbunden mit der Elektrifizierung oberschlesischer Straßenbahnen.
In Zaborze und Chorzow wurden zunächst Zentralstationen errichtet,
die das Fundament für die +Oberschlesischen Elektrizitätswerke+
abgaben, und im Laufe der Zeit unter der Firma Schlesische
Elektrizitäts- und Gas-Aktiengesellschaft sich zu einem der wenigen
ganz großen Überlandzentralen-Werke Deutschlands auswuchsen. Die
Kraftübertragungswerke Rheinfelden, deren schwierige Wasserbauten
infolge ungünstiger Witterungsverhältnisse und des dadurch
herbeigeführten hohen Wasserstandes des Rheins nicht mit der
planmäßigen Schnelligkeit gefordert werden konnten, reiften ihrer
Vollendung entgegen. Hier wie in anderen modernen Zentralstationen
wurden +Turbinen+ großer Maßstäbe als Antriebsmaschinen
verwendet. Auch auf diesem Gebiete trat das echt Rathenausche Prinzip
deutlich hervor, nicht zu warten, bis der Absatz allmählich den
Erzeugungsstätten zufloß, sondern sich für besonders rationell zu
erzeugende Kraft Groß-Abnehmer zu schaffen. Die Kraftübertragungswerke
Rheinfelden überließen die Hälfte ihrer verfügbaren Kraft auf die
Dauer der Konzession großen elektrochemischen Fabriken, die von der A.
E. G. und ihrem Konzern zu diesem Behufe gegründet oder unterstützt
worden waren und deren Produktionsnutzen auf dem Prinzip des billigen
Kraftbezuges beruhte. Der Standort der billigen Betriebskraft fing
auch in der elektrotechnischen Industrie an, eine maßgebende Bedeutung
neben dem Standort der günstigen Produktions- und Absatzverhältnisse
zu erlangen. Die Elektrochemie, der sich die A. E. G. besonders
durch Errichtung der Elektrochemischen Werke in Bitterfeld mit ihren
Zweigunternehmungen in Rheinfelden zugewendet hatte, betätigte sich
in der ersten Zeit besonders durch Erzeugung von Kalziumkarbid, um
später durch die elektrochemische Herstellung von Luftstickstoff eine
gewaltige Bedeutung zu erlangen. -- Lizenzen der elektrochemischen
Verfahren wurden an ausländische Gesellschaften, in Polen, in
Frankreich, in der Schweiz usw. übertragen, an denen sich das
Stammunternehmen beteiligte.

In dieser Zeit beginnt auch das +ausländische+ Gründungs- und
Beteiligungsgeschäft, das schon vorher in kleineren und mittleren
Unternehmen betätigt worden war, große Formen anzunehmen. Die Werke in
Madrid, Barcelona, Bilbao, Craiova, Kopenhagen hatten die A. E. G. im
Auslandsgeschäft heimisch gemacht. Im Jahre 1894 wird durch Übernahme
der Aktien der von der Stadtgemeinde Genua und der italienischen
Regierung konzessionierten Società di Ferrovie Elettriche e Funicolare
(Elektrische Tram- und Drahtseilbahnen) die Zusammenfassung und
Elektrifizierung des gesamten Straßenbahn- und Krafterzeugungswesens
der lebendigsten italienischen Hafenstadt eingeleitet. Schon im
nächsten Jahre wird diese Gesellschaft zum Erwerb sämtlicher
Aktien der Società dei Tramways Orientali veranlaßt, die mit den
Konzessionsrechten zum Bau und zum Betrieb elektrischer Trambahnen für
den Osten von Genua und für die Vororte bis Nervi ausgerüstet war.
Die Netze beider Verkehrsunternehmen sollten zusammen ausgebaut und
in einheitlichem Betriebe geführt werden. Nahezu gleichzeitig mit
dem Erwerb der Società dei Tramways Orientali wird der A. E. G. von
der Stadt Genua die Konzession für den Bau und Betrieb eines Werkes
zur Erzeugung von Licht und Kraft erteilt, die einer neugegründeten
italienischen Aktiengesellschaft „Officine Elettriche Genovesi“
übertragen wird. Die Interessen der drei Gesellschaften wiesen auf
enges Zusammengehen hin, damit alle Vorteile ausgenutzt würden, die
sich aus der Zusammenlegung der Betriebe ergeben konnten. Die schon
an sich starke Position der A. E. G. in der Elektrizitätsversorgung
Genuas wird noch dadurch verstärkt und ergänzt, daß die seit Jahren
bestehende große Pferdebahn der Compania Generale Francese, die Genua
mit Sampierdarena, Pegli, Voltri und Pontedecimo verband, in den
Besitz einer neugegründeten italienischen Aktiengesellschaft, der
Unione Italiana, übergeführt und dem Netz der A. E. G. -- wenn auch
nicht durch direkte finanzielle Beteiligung, so doch durch Bau- und
Betriebseinfluß -- angegliedert wird. Alle drei Trambahnunternehmen,
die eine Gleislänge von 90 km besitzen, werden in elektrischen Betrieb
überführt und mit dem Strom der Offizine Elettriche Genovesi, des neuen
Kraftwerks, gespeist. Diese mustergültige Konzentration des gesamten
Elektrizitätswesens einer großen Stadt bietet eine Fülle finanzieller,
organisatorischer und technischer Arbeit, zu deren Bewältigung ebenso
wie für andere gegenwärtige und zukünftige Aufgaben ähnlicher Art
eine besondere Finanzgesellschaft, die „+Bank für elektrische
Unternehmungen in Zürich+“ mit einem Kapital von 30 Mill. Fr.
gegründet wird. Sie übernimmt zunächst den Hauptaktienbesitz der A.
E. G. an den italienischen Gesellschaften, zu denen im Laufe der Zeit
Betriebe in Mailand, Venedig und Neapel treten.

Noch breitere Dimensionen, weitere Perspektiven weist ein zweites
Auslandsunternehmen auf, das zum ersten Mal die Pioniere der A. E. G.
nach +Übersee+ führt. In Buenos Aires und in Santiago de Chile
werden im Jahre 1897 Konzessionen zur Errichtung von Zentralstationen
für die Erzeugung von Kraft und Licht erworben. Straßenbahnprojekte
ergänzen diese Konzessionen. An der chilenischen Unternehmung
beteiligen sich neben der A. E. G. und ihren Finanzfreunden, die dem
Löwe-Konzern nahestehende Gesellschaft für Elektrische Unternehmungen
und das Haus Wernher, Beit & Co. in London. Die südamerikanischen
Werke, zu denen später noch Gründungen in Montevideo und Rosario
treten, werden in einer +Deutsch-Überseeischen Elektrizitäts-Ges.+
zusammengefaßt. Diese Gesellschaft entwickelt sich so gewaltig, daß zu
ihrer Finanzierung später fast alle deutschen Banken, unter der Führung
der Deutschen Bank hinzugezogen werden, und daß ihr technischer Ausbau
ein Zusammenarbeiten der A. E. G. mit Siemens & Halske wünschenswert
erscheinen läßt. Es entsteht und wächst ein Unternehmen, dessen Kapital
schließlich 150 Millionen Mark an Aktien und über 100 Millionen
Mark an Obligationen erreichte, das größte Kulturwerk deutscher
Auslandswirtschaft.

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                                   *

Neben der +zentralistischen+ Tätigkeit der A. E. G. in den eigenen
Fabriken war seit der Schaffung der B. E. W. in immer stärkerem
Umfange die +dezentralisierende+ getreten, die sich in der
Gründung von Zweigunternehmungen, Tochter- und Enkelgesellschaften
aller Art ausdrückte. Es wurde ein Weg beschritten, zunächst scheinbar
unabsichtlich oder doch ohne feste programmatische Absicht, der von
Fall zu Fall, wie es jeweilig die einzel-geschäftliche Erwägung
zweckmäßig erscheinen ließ, zu Außenansiedelungen führte, die dem
Stammunternehmen in irgend einer Hinsicht von Nutzen sein und als
Stützpunkte dienen konnten. Die Methode der Dezentralisation, der
Abzweigung exzentrischer Unternehmergebiete vom Hauptunternehmen
durch Schaffung juristisch selbstständiger Gesellschaften oder
auch der Zusammenfassung einer Reihe von verwandten, miteinander
in Beziehung stehenden oder einander ergänzenden Unternehmungen in
einer Gruppe, sei es durch eine übergeordnete Mantelunternehmung
oder durch gegenseitige Aktienbeteiligung, ist nicht von Rathenau
erfunden worden. In dem Zeitalter, das durch Konzentration groß wurde,
lag sie sozusagen in der Luft. Die dezentralisierenden Seiten des
sogenannten Verschachtelungssystems entlasteten die Leiter der großen
Gruppenunternehmungen von einer Kleinarbeit und einer aktienrechtlichen
Verantwortlichkeit für Einzelheiten ihrer weitverzweigten Geschäfte,
die sie bei einer streng zentralistischen Verwaltung in der
Entfaltung ihrer Kräfte behindert, vielleicht erdrückt hätten. Die
zusammenfassenden Seiten dieses Systems boten ihnen trotzdem die
Möglichkeit, jederzeit alle Ausstrahlungen ihrer Unternehmungen zu
überblicken und zu überwachen. Vor Rathenau und gleichzeitig mit ihm
waren in der heimischen und der ausländischen Industrie trustartige
Gebilde entstanden, so besonders in den Vereinigten Staaten von
Amerika, wo sie sich als eine Folge des dort üblichen Finanz- und
Kapitalsystems herausbildeten. Zusammenballung unter ständigem Kampf
mit Konkurrenten war die Tendenz, in der unter der rein plutokratischen
Ordnung in Amerika Vermögen und Unternehmungen in die Breite strebten.
Die Häufung der +Quantität+ gab hier oft den Ausschlag, und
die großen Trustherren des Landes erweiterten ihren Aktienbesitz
durch Zusammenschweißung vielfach heterogener Wirtschaftsgebilde,
getrieben häufig nur von dem Willen zur Macht und zum Reichtum.
Rivalitätsneid, Agiotage, Plusmacherei, Spekulationssucht und andere
unsachliche Nebenerscheinungen des kapitalistischen Unternehmertums
nahmen im Transaktionswesen einen ungebührlich breiten Raum ein
und durchseuchten auch das Wurzelreich der Trustkombinationen. Die
Operationen am Aktienmarkte, nicht die wirtschaftlichen Interessen
der Industrie bildeten häufig die Triebfeder für Effektengeschäfte.
Nicht die Wertebildung, sondern die Wertebemessung war ihr Ziel. Es
konnte durch rasche Manöver besser erreicht werden als durch geduldige
Arbeit, und der Kurs ließ sich schneller beeinflussen als die Rente.
Da der Gewinn am Kurse schon an sich den Gewinn an der Rente um ein
Vielfaches übertrifft, indem er sozusagen die Kapitalisierung des
letzteren darstellt, da überdies Schwankungen des Kurses sich ungleich
häufiger ins Werk setzen lassen als Schwankungen der Rente, findet
derjenige, der auf eine schnelle Häufung großer Kapitalien ausgeht, in
dem Manipulieren, das heißt dem Hin- und Herschieben von industriellen
Wertpapieren eine Potenzierung +der+ Gewinnmöglichkeiten, die
ihm die Entwickelung von industriellen Werten bietet. Nur durch
die skrupellose Schaffung und Ausnutzung von künstlichen oder gar
fiktiven Werteverschiebungen und Wertevergrößerungen, für die
industrielle Vorgänge geschickt als Vorwand benutzt oder konstruiert
wurden, erklärt sich die schnelle Bildung mancher amerikanischen
Riesenvermögen. Ebensowenig wie behauptet werden kann, daß unsere
deutschen Verhältnisse von derartigen Erscheinungen und Auswüchsen
ganz frei gewesen sind -- wir werden später noch sehen, daß gerade
das Rathenausche Unternehmergeschäft, falsch nachgeahmt, zu ganz
ähnlichen Mißbräuchen des Effekteninstruments, allerdings in den
kleineren Maßen unseres Landes geführt hat --, ebensowenig soll dem
amerikanischen Trustsystem jeder sachlich-wertvolle Inhalt, jeder
industriell-zweckvolle Gesichtspunkt abgesprochen werden. Neben der
rein kapitalistischen Macht wurde vielfach auch industrielle Macht
angestrebt, und im Entwurf, wenn auch nicht in der Ausführung, hatten
die Spekulationen der Trustkönige fast stets einen wirtschaftlich
wertvollen Kern, weshalb manchen dieser Männer auch -- im Anfange ihrer
Tätigkeit wenigstens -- der gute Glaube nicht unbedingt abgesprochen
werden kann. An wirtschaftlicher Phantasie fehlte es ihnen häufig
nicht, wohl aber an wirtschaftlicher Solidität, und sie zogen es
bald -- nachdem sie die großen Schwierigkeiten zäher Industriearbeit
kennen gelernt hatten -- vor, Effektenpolitik zu treiben, statt
Wirtschaftspolitik. Viele der großen Trusts haben infolgedessen
Jahrzehnte gebraucht, ehe sie das ihnen bei ihrer Taufe mitgegebene
reichliche „Wasser“ aus ihren Eingeweiden aussondern konnten, und die
unorganische Anlage mancher der amerikanischen Bahnsysteme hat sich
bis in die heutige Zeit als unheilbar erwiesen. Auch die elektrischen
Konzerne der Vereinigten Staaten litten jahrzehntelang unter den
Schäden zu leichter Zimmerung.

Wenn nun im Laufe der Jahre, nachdem die Expansionsmöglichkeiten selbst
in Amerika eine gewisse Einengung erfahren haben, die Entwickelung
auch in diesem Lande zu einer gewissen Intensität der Wirtschaft
hinlenkte, wenn auch hier die Effektenfluktuationen allmählich
ruhiger wurden, das Land des Trustsystems hat es bisher eigentlich
nur zu Unternehmungsgruppen gebracht, die man +Flächentrusts+
nennen kann. Es wird eine Anzahl von Unternehmungen, die denselben
Zweck verfolgen und einander ungefähr ähnlich organisiert sind,
zusammengebracht, um die Konkurrenz zwischen ihnen auszuschließen und
den Markt in den von ihnen hergestellten Waren oder den von ihnen
geleisteten Arbeiten zu monopolisieren. Die amerikanischen Trusts sind
im allgemeinen Gegenstücke zu unseren deutschen +Kartellen+.
Sie verfolgen denselben Zweck wie diese, wenngleich sie ihn nie so
voll erreicht haben, weil in Amerika die größeren industriellen
Neubildungsmöglichkeiten ein Außenseitertum mehr begünstigten als
unsere extensiv ziemlich erschöpfte und nur im wesentlichen noch
intensiv zu entwickelnde Industrie. Der wirtschaftliche Vorteil
der amerikanischen Trusts besteht nun fast lediglich darin, ihre
Beteiligten davor zu bewahren, die Waren ohne den von ihnen für
notwendig gehaltenen Produktionsnutzen abgeben zu müssen. Die
Politik, die sie betreiben, ist daher nicht nur in der Absicht,
sondern auch in der Wirkung reine Produzentenpolitik. Sie stärkt die
Erzeugerschicht und leistet der Volkswirtschaft damit einen -- wenn
auch einseitigen -- Dienst, indem sie die Rente des in der Industrie
arbeitenden Kapitals schützt und mehrt, und das Gesamtkapital des
Landes, allerdings vielleicht unter Schädigung anderer Schichten,
nach einer bestimmten Richtung hinlenkt. Wird ihre Politik maßvoll
gehandhabt, so braucht sie, und dasselbe gilt von der Politik der
deutschen Kartelle, auch den Interessen der Konsumenten nicht zuwider
zu laufen. Ist ihre Preisdiktatur aber rücksichtslos, so kann die damit
verbundene Schädigung der Konsumenten oder Weiterverarbeiter so groß
sein, daß sie der gesamten volkswirtschaftlichen Ökonomie des Landes
abträglich wird. In der Praxis haben die amerikanischen Trustherren,
die „reichen Räuber“, begünstigt durch eine auf ihre industriellen
Interessen zugeschnittene Hochschutzzollpolitik, tatsächlich die
Kapitalbildung des Landes in eine industrieplutokratische Richtung
gezwungen, wie sie sich in keinem anderen Lande auch nur annähernd
so scharf ausgeprägt hat. Den amerikanischen Flächentrusts sind aber
die ökonomischen Vorteile, wenn auch nicht gänzlich fremd, so doch
verhältnismäßig wenig vertraut, die sich aus der +Vertiefung+
des Produktionsprozesses durch Selbstbedarfsherstellung und
Selbstabsatzdeckung ergeben können. Derartige +Tiefentrusts+, wie
sie besonders die deutsche Industrie herausgebildet hat, verfolgen
an sich nicht die Tendenz der Marktbeherrschung. Sie wollen nicht
so sehr an dem teuren Absatz einer Ware verdienen, als an der
billigen Produktion. Sie wollen diese Ware so billig wie möglich
+herstellen+, um sie -- trotz Erzielung ihres angemessenen
Unternehmer-Nutzens -- so wettbewerbsfähig, das heißt so wohlfeil wie
möglich +verkaufen+ zu können. Sie erreichen dies dadurch, daß
sie die Ware in einem möglichst lückenlosen Produktionsprozeß in allen
Stadien der Rohstoffbeschaffung, Weiterverarbeitung und Endproduktion
selbst erzeugen und sie so -- unbelastet mit den Produktionsnutzen der
Vor-Unternehmer (Roh- und Halbstofflieferanten) -- lediglich unter
Einkalkulierung ihres Schlußgewinnes in den Verkehr bringen können. Die
volkswirtschaftlichen Vorteile dieses Systems liegen auf der Hand.
Sie sind produzenten-fördernd und zugleich konsumenten-dienlich und
selbst wenn der Tiefentrust zugleich ein Monopol besitzt oder -- wie
dies in der deutschen Montanindustrie der Fall ist -- sich mit anderen
Unternehmungen ähnlicher Art durch Kartelle usw. zu einem Monopol
zusammenschließt, sind die Gefahren der Monopolisierung nicht so groß
wie bei dem Flächentrust, weil selbst ein hoher Preisaufschlag beim
Verkauf durch die Ersparnis an den Produktionskosten kompensiert oder
doch verringert wird. Ähnliche Ersparnisse kann der Flächentrust --
wie dies ja in Amerika teilweise der Fall ist -- nur durch äußerste
Spezialisierung, also auf dem ganz entgegengesetzten Wege, machen,
zum Beispiel dadurch, daß eine Fabrik oder eine Fabrikengruppe nicht
Werkzeugmaschinen verschiedener Art, sondern nur eine ganz bestimmte
Werkzeugmaschinentype, daß eine andere Gruppe nur Automobilreifen, eine
dritte nur Fahrradreifen usw. herstellt. Eine solche Spezialisierung
läßt sich aber nur in der Verfeinerungsindustrie, nicht in den unteren
gewerblichen Stufen erreichen, sie entzieht dem Unternehmer auch den
Überblick über die Gesamtheit seiner Industrie, hindert manchmal darum
sein technisches Fortschreiten und setzt jedenfalls seinen, lediglich
auf einen bestimmten Produktionsprozeß zugeschnittenen Betrieb der
Gefahr aus, konkurrenz- und damit lebensunfähig zu werden, sobald von
irgend einer anderen Seite ein besseres Verfahren gefunden wird oder
die Konjunktur seinem Erzeugnisse ungünstig wird.

Schon aus der Gegenüberstellung von Tiefen- und Flächentrust werden wir
erkannt haben, daß die trustartigen Erscheinungen, die Emil Rathenau
in Amerika vorgefunden haben mochte, als er sich anschickte, sein
Beteiligungs- und Unternehmungssystem zu schaffen, von ihm keineswegs
nur kopiert zu werden brauchten, um die ihm vorgeschriebenen Probleme
lösen zu können. Was er dort sah und von dort übernehmen konnte,
war eigentlich nur die Form der Effektenverschachtelung. Diese
konnte ihm an sich naturgemäß nichts bedeuten, sondern er bediente
sich ihrer nur, um die ganz eigenartigen und neuartigen Aufgaben
durchzuführen, vor die ihn seine Arbeit -- erst von Fall zu Fall,
dann allmählich systematisch aus- und um sich greifend -- stellte.
Das von ihm geschaffene Trustsystem läßt sich weder als Flächen- noch
als Tiefentrust bezeichnen, es hat Merkmale von beiden und daneben
Eigenschaften, die jenen beiden Systemen ganz fremd sind. Es ist auch
nicht ausschließlich auf die Bildung von industriellen Werten bedacht,
wenngleich diese stets ausschlaggebend im Vordergrunde stehen. Es trägt
auch manche Bestandteile des Effektengeschäfts in sich, die zuerst
vielleicht unbewußt und unbeabsichtigt als Folgen der industriellen
Bildungen in Erscheinung treten, dann aber, als sie in ihrem Wert
und Nutzen erkannt sind, gern ausgebeutet und zur Gewinnung von
Geldmitteln benutzt werden, die später als erwünschtes Subsidienkapital
dem industriellen Prozeß wieder zugeführt werden. Als Selbstzweck,
das heißt als Mittel lediglich zum Zwecke der Geldansammlung werden
derartige Effektengeschäfte aber niemals betrachtet, und weil dies
nicht der Fall ist, können sich Effekten-Gesichtspunkte niemals zu
Herren der industriellen Gesichtspunkte machen. Die Effektengewinne
fallen sozusagen als reife Früchte vom Baume der industriellen
Entwickelung, und dürfen sich nie hervordrängen, wenn die industrielle
Frucht noch nicht gereift ist.

Das Rathenausche Trustsystem wurde ganz von innen heraus aufgebaut.
Es waren Geschäfte da, die gemacht werden sollten, und zwar mit dem
geringsten Aufwand von Mitteln, Abhängigkeiten und Reibungen. Beispiele
sollten gegeben, Versuche unternommen werden. Alle diese Unternehmungen
suchten sich die Formen, die ihnen paßten, Formen, die nicht durch
ein Übermaß von Organisationsschwere, technischem Apparat den Inhalt
bedrückten, die aber genug Organisationskraft und Tragfähigkeit
besaßen, um nicht durch eine mangelhafte Durchführung die Sache zu
gefährden. Elastisch in seiner Beweglichkeit, fest in seiner Konstanz,
vielfältig in der Fülle und Verschiedenheit seiner Erscheinungen war
das Trustsystem Emil Rathenaus; es fanden sich Formen in ihm vor, die
nur +einmal+ angewendet wurden, es gab aber auch Typen, die in
verwandten Fällen mit mehr oder weniger großen Abweichungen wiederholt
wurden. Wenn es auch empirisch aufgebaut wurde, so mußte es doch
in einem gewissen Stadium seiner Entwickelung das Feuer logischer
Durchschmelzung und Gliederung, die Kontrolle der Idee durchschreiten.
Dieses Stadium war in dem Zeitraum von 1895-1900 gekommen, dessen
äußeren Entwickelungsgang wir oben geschildert haben. Deshalb dürfte
sich an dieser Stelle zweckmäßig der Versuch anschließen, das
Trustsystem Emil Rathenaus als ein Gebilde sui generis in seinen
Grundrissen und Grundzwecken zu untersuchen.

Die erste große Gruppe der Tochterunternehmungen der A. E. G.
verfolgte Zwecke der Demonstration. Werke dieser Art waren die
Berliner Elektrizitätswerke, die Stadtbahn in Halle, zu einem Teil
auch die Kraftübertragungswerke Rheinfelden und die Elektrochemischen
Werke in Bitterfeld. Durch sie sollten wichtige Anwendungsgebiete
der Elektrizitätsindustrie in der Methode geklärt und der Praxis
erschlossen werden. Ein Schulbeispiel wurde aufgestellt, an dem der
Produzent, wie der Konsument lernen sollte. Die A. E. G. lernte die
Methodik der praktischen Ausführung eines theoretisch bereits gelösten
Problems, der Konsum wurde durch die Vorteile, die ihm vor Augen
geführt wurden, zur Nachahmung und Benutzung angefeuert. War eine Idee
für die Ausführung im Großen, für die dauernde praktische Nutzanwendung
noch nicht reif, waren vor allem noch Zweifel vorhanden, ob sich diese
Idee in der Praxis ebenso bewähren würde wie in der Theorie, oder
war das technische Rüstzeug für die Ausführung eines Problems noch
nicht durchgebildet genug, so wurden der Kostenersparnis halber nur
Studiengesellschaften mit kleinem Kapital gegründet, sofern die bloße
Laboratoriumsarbeit in den eigenen Fabriken nicht die Sicherheit der
praktischen Bewährung zu bieten vermochte. Dies war zum Beispiel bei
der ersten Einführung des Edisonlichtes selbst, beim Akkumulatorenbau,
bei den elektrischen Vollbahnen, beim Untergrundbahnenbau, bei
der drahtlosen Telegraphie usw. der Fall. Waren anderswo bereits
reifere Stadien der Erfahrung erreicht, so suchte Rathenau -- um
sich zeitraubende Umwege zu ersparen und nicht hinter der Konkurrenz
zurückzubleiben -- sich ihre Benutzung zu sichern, entweder indem er
die Unternehmungen, die im Besitze brauchbarer Erfahrungen waren,
erwarb, oder indem er seine Verfahren ihnen überwies, und sich an dem
so geschaffenen Gemeinschaftsbetriebe beteiligte. Auf solche Weise kam
zum Beispiel die Beteiligung an der Akkumulatorenfabrik Berlin-Hagen
zustande, die gemeinsam mit Siemens & Halske erfolgte, indem die
A. E. G. in diese Gesellschaft ihre eigenen Akkumulatorenpatente
einbrachte und mit den von den Vorbesitzern des Hagener Werkes
benutzten Tudor-Patenten vereinigte. In solchen Fällen handelte es
sich meist um Produktionsprozesse, die die Gesellschaft für sich nicht
als hauptsächlich betrachtete und vornehmlich deswegen pflegte, um
Ergänzungen ihrer Hauptproduktionen herbeizuführen. Betriebszweige
ersten Ranges entwickelte sie meist selbständig, und die oben
erwähnten Demonstrationsunternehmungen hatten den Zweck, sie populär
zu machen, wenn der Konsum sich ihnen nur zögernd zuzuwenden schien.
Das geschah hauptsächlich bei den Werken, die als Groß-Produzenten
oder Groß-Verwender elektrischen Stroms in Betracht kamen. Ihre
Produktions- und Absatzverhältnisse mußten erst sinnfällig geklärt,
ihre Rentabilitäts- und Wettbewerbsbedingungen praktisch erprobt
werden, ehe fremde Unternehmer sich ihnen zuwendeten. Der Einfluß der
Berliner Elektrizitätswerke auf den Zentralenbau war, wie wir schon
gesehen haben, außerordentlich stark, nachdem erst das Unternehmen
den Kinderschuhen entwachsen war. Sehr schnell wirkte das Beispiel
der Stadtbahn in Halle, zu dessen Besichtigung sofort Interessenten
aus ganz Deutschland und Europa zusammenströmten. Frühere Erfahrungen
aus amerikanischen Städten hatten hier den Bauproblemen wie der
Aufnahmefähigkeit des Publikums vorgearbeitet. Ziemlich langsam, aber
dann umso intensiver wirkte das Beispiel der Kraftübertragung.

Das Demonstrations-Motiv blieb aber nicht lange das einzige oder
hauptsächlich ausschlaggebende beim Unternehmergeschäft. Auch nachdem
das gelungene Beispiel aufgestellt war, kamen die Interessenten nun
nicht in genügender Zahl sofort herbei, um es für ihre Rechnung
nachahmen zu lassen, und außerdem kamen die, welche es nachahmen
lassen wollten, nicht alle mit ihren Aufträgen zu der A. E. G. Auch
die Konkurrenz tat sich um und machte sich die werbende Kraft der
gelungenen Probestücke zunutze. Bei Interessenten, die noch nicht
ganz von der industriellen Lebensfähigkeit der Anlagen überzeugt
oder auch nicht allein in der Lage waren, ihre Kosten und Risiken zu
tragen, mußte nachgeholfen werden, indem sich die A. E. G. an der
Kapitalaufbringung oder sogar an der Betriebsführung beteiligte. Bei
Objekten, die von der Konkurrenz umworben wurden, mußten gleichfalls
finanzielle und betriebliche Beihilfen zugesagt werden. Neben das
Motiv der Anregung traten bald das Motiv der Nachhülfe sowie das
Motiv des Wettbewerbs. Hier erscheint die Unternehmer-Beteiligung
aber immerhin noch als ein Mittel zum Zweck der Alimentierung des
+Fabrikationsgeschäfts+ mit Aufträgen, immer wieder von der
Tendenz begleitet, für die allgemeine Ausdehnung der angewandten
Elektrizität Propaganda zu machen. Die guten Erfahrungen, die
mit diesen Beteiligungsgeschäften gemacht wurden (und zwar nicht
nur in ihrer Rückwirkung auf die Fabrikation, sondern in rein
effekten-technischer Hinsicht) ließen aber neben die sekundären
Motive der Effektenbeteiligungen ebenso stark schließlich ihren
+Selbstzweck+ treten. Der Effektenbesitz rentierte sich so
gut, daß das Bestreben der A. E. G. ganz von selbst darauf hinging,
ihn in geeigneter Weise zu mehren. Die Unternehmungen, an denen sie
beteiligt war, wurden nicht nur durch ihre Bauaufträge, sondern
die in ihrem Betriebe fortlaufend hervortretenden Betriebs- und
Erweiterungsbedürfnisse zu einer ständigen Abnehmerschicht für die
A. E. G., ihre alljährlichen Dividendenerträgnisse führten der
Gesellschaft auch regelmäßig namhafte Summen zu. Daneben gab der
Effektenbesitz auch Gelegenheit zu vorteilhaften Transaktionen mit
der Wertpapier+substanz+. Günstige Bezugsrechte auf neue Aktien
konnten ausgeübt, billig erworbene Effekten nach Eintritt oder nach
Besserung der Rentabilität abgestoßen werden. Häufig wurden beide
Transaktionen vereinigt und aus dem alten Besitz Aktien mit Buchgewinn
abgestoßen, während das Beteiligungsinteresse durch Übernahme
billigerer junger Aktien wieder aufgefüllt wurde. Je mehr sich der
betriebstechnische, verwaltungstechnische und finanzielle Umkreis
derartiger Geschäfte mehrte, desto nötiger wurde seine Gruppierung
und Organisierung in besonderen zusammenfassenden Verwaltungs- und
Aktionsunternehmungen, die die Hauptgesellschaft von einem verwirrenden
Zuviel an Belastung und Arbeit befreiten, wie es bei einem im
Grunde die Fabrikation pflegenden Unternehmen den eigentlichen Kern
nicht überwuchern durfte. Es wurden Neben-Zentralen, sogenannte
Mantel-Gesellschaften gegründet, die nicht Unternehmungen besonderer
Art +schaffen+, sondern diese verwalten, überwachen und ihre
Bedürfnisse befriedigen sollten. Sie nahmen dem Konzern-Mittelpunkt
Funktionen ab, sie fügten ihm aber auch andererseits Kräfte und
Hilfsquellen zu, über die er ohne sie wahrscheinlich nicht hätte
verfügen können. Bei derartigen Mantelgesellschaften sind solche,
die als bankähnliche Institute die finanziellen Aufgaben der
Unternehmungen zu übernehmen hatten, zu unterscheiden von anderen,
die eine technische und betriebliche Überwachung durchführen sollten.
Zu den letzteren Unternehmungen gehörten die +Allgemeine Lokal-
und Straßenbahn-Akt.-Ges.+ für den Geschäftszweig „Elektrische
Bahnen“ und die +Elektrizitätslieferungsgesellschaft+ für
die Abteilung „Elektrizitätswerke“. Die Allgemeine Lokal- und
Straßenbahn-Gesellschaft war ein bereits vorher bestehendes
Unternehmen, dessen Aktien die A. E. G. im Jahre 1890 aus dem damals
entlastungsbedürftigen Portefeuille der Nationalbank für Deutschland
erworben hatte. Der Geschäftsbericht der A. E. G. verzeichnet über
den Erwerb nur eine kurze Begründung: „Wir haben uns damit bei
einem in solider Entwickelung befindlichen Unternehmen beteiligt
und eine bleibende Unterlage für ein aussichtsvolles Vorgehen auf
Einführung des elektrischen Betriebes gewonnen.“ Der zunächst in den
Vordergrund tretende Zweck der Angliederung war nicht die Schaffung
eines „Mantels“ für neu zu errichtende oder zu erwerbende elektrische
Bahnen, sondern die Gewinnung eines Stammes eigener Pferdebahnen,
die als Objekte für die Überführung in den elektrischen Betrieb
benutzt werden konnten. Das Versuchs- und Demonstrationsmotiv
spielt also hier noch stark hinein, und das Unternehmerbaumotiv
steht zunächst im Mittelpunkt der Erwerbung. Später verschiebt
sich die Aufgabe der Allgem. Lokal- und Straßenbahn immer stärker
nach der Richtung einer Holding- und Verwaltungsorganisation für
alte und neuzuerwerbende Straßenbahninteressen. Sie wird eine
echte Mantelgesellschaft großen Stils. Daneben werden im Laufe der
Jahre noch kleinere Konzernunternehmungen für den Bahnenbetrieb,
so z. B. die Schlesische Kleinbahn-Akt.-Ges. erworben. -- Die
+Elektrizitätslieferungsgesellschaft+, die von vornherein als
Betriebs- und Verwaltungsgesellschaft errichtet ist, wurde im Jahre
1897 ins Leben gerufen. Im Geschäftsbericht desselben Jahres wird ihr
Zweck folgendermaßen geschildert: „Nach dem Muster der Allgem. Lokal-
und Straßenbahn-Gesellschaft haben wir eine Stromlieferungsgesellschaft
unter der Firma „Elektrizitätslieferungsgesellschaft“ gegründet. Wie
jene eine Anzahl von elektrischen Bahnen in sich vereinigt und nach
einheitlichem Prinzip und mit wirtschaftlichem Erfolge verwaltet,
wird diese den Betrieb auch von Elektrizitätswerken übernehmen, die
den kostspieligen Apparat einer selbständigen Organisation nicht zu
tragen vermögen oder einer längeren Entwickelungszeit bedürfen, bevor
sie eine angemessene Rente gewähren. Wir haben das gesamte 5 Mill. M.
betragende Aktienkapital unserem Effektenbestande zu dauerndem Besitz
einverleibt und einen maßgebenden Einfluß auf die Geschäftsführung
der Gesellschaft uns gesichert.“ Weiterhin wird dann bemerkt, daß
die Preise und Bedingungen für den Bau von Zentralen mit Rücksicht
auf die engen Beziehungen der Elektrizitätslieferungsgesellschaft
zur A. E. G. in billiger Weise durch Verträge festgelegt sind. Ein
Teil der Aktien der Elektrizitätslieferungsgesellschaft wurde später
übrigens den Berliner Elektrizitätswerken übereignet, als bei diesen
die Wahrscheinlichkeit eintrat, daß die Verträge mit der Stadt Berlin,
die ihren Hauptinhalt bildeten, nicht erneuert werden würden. Die B.
E. W. haben sich schon in den letzten Jahren vor dem Vertragsablauf,
und später noch entschiedener, zu einer Mantelgesellschaft für
Stromerzeugungswerke ausgebildet, da der bei ihnen nach der Übernahme
der Werke durch die Stadt Berlin eintretende Rückfluß freigewordener
Anlagekapitalien mit dem gerade um diese Zeit akut werdenden
Geldbedürfnis anderer in der Entwickelung befindlicher Unternehmungen
des Konzerns zusammentraf. Ihren Hauptbesitz bildeten einige Zeit
die „Elektrowerke“ in Bitterfeld, die auf Braunkohlengrundlage die
Stromerzeugung in großem Maßstabe mit der Tendenz der Fernübertragung
aufnahmen. Als die Entwickelung der Elektrowerke nicht die gewünschten
schnellen Fortschritte machte, wurde diese Beteiligung indes von den
B. E. W. der A. E. G. selbst übertragen und später das ganze Werk von
den Reichsstickstoffwerken übernommen. Durch den früher erfolgten
Erwerb von Aktien der Elektrizitätslieferungsgesellschaft seitens
der B. E. W. wurde eine doppelte Verschachtelung herbeigeführt, die
nicht das einzige Beispiel für die indirekten Beteiligungs-Methoden
des Systems Rathenau ist. Die Mantelgesellschaft erwarb -- und
zwar lediglich aus finanztechnischen Gründen -- die Aktien einer
anderen Mantelgesellschaft, der Weg von dem äußersten Mantel
bis zu den direkten Produktionsgesellschaften führte hier über
zwei Stufen. Ähnliche Mehrstufigkeiten traten z. B. dadurch in
Erscheinung, daß die Elektrizitätslieferungsgesellschaft territoriale
Unter-Elektrizitätslieferungsgesellschaften in Bayern, Sachsen,
Thüringen und so weiter gründete, in denen die bayerischen, sächsischen
und thüringischen Stromwerke zusammengefaßt waren. Den größten Teil der
Aktien dieser territorialen Elektrizitätslieferungsgesellschaften nahm
die Berliner Elektrizitätslieferungsgesellschaft in ihr Portefeuille.
Stellt man folgende Stammtafel auf:

    Aktien des +Elektrizitätswerkes Plauen+ besitzt die
    +Sächsische Elektrizitätslieferungs-Ges.+, Aktien der Sächs.
    E. L. G. besitzt die +Elektrizitätslieferungsgesellschaft
    Berlin+, Aktien der E. L. G. Berlin besitzen die B. E. W. --
    Aktien der B. E. W. besitzt die A. E. G.,

so erhält man das System der Verschachtelung bis zum vierten Gliede
fortgeführt. -- Übrigens wird bei den sogenannten Mantelgesellschaften
das Prinzip, Aktien von Werken einer bestimmten Gattung nur jeweilig
der dafür geschaffenen Trust-Gesellschaft zu übergeben, nicht
immer ganz konsequent durchgeführt. So besitzt zum Beispiel die
Elektrizitätslieferungsgesellschaft Anteile der Brenner Werke G. m.
b. H. und der Elektromotor G. m. b. H. Hier handelt es sich aber
immerhin um Gesellschaften, die als Hilfswerke für Stromunternehmungen
bezw. als Erzeugungsstätten für Produkte, die bei der Stromverwendung
gebraucht werden, in Betracht kommen. Eine solche Verwandtschaft
ist aber -- wenigstens äußerlich -- nicht vorhanden, wenn zum
Beispiel die Elektrizitätslieferungsgesellschaft Aktien der Lahrer
Straßenbahn-Akt.-Ges. erwirbt. Erklären wird sich diese Anomalie
wahrscheinlich dadurch, daß irgend ein Werk der E. L. G. den Strom
für die Lahrer Straßenbahnen liefert und sich diese Beziehung durch
Aktienbesitz zu festigen wünscht. In manchen Fällen werden auch
finanzielle Gründe für derartige Systemlosigkeiten maßgebend sein,
manchmal vielleicht auch nur Zufälligkeiten. An Prinzipienreiterei hat
das System Rathenau nie gekrankt, und es hat sich manche sozusagen
künstlerische Regellosigkeit leisten können, weil es in den großen
Grundgedanken so ganz logisch aufgebaut war.

Neben den industrie- und verwaltungstechnischen Mantelgesellschaften
stehen die vielleicht noch wichtigeren +finanztechnischen+.
Die bedeutendste und erste von ihnen ist die „Bank für elektrische
Unternehmungen in Zürich“. Dieses Unternehmen ist im Jahre 1896
mit einem zunächst zu 50% eingezahlten Aktienkapital von 30 Mill.
Frcs. und einem autorisierten, aber erst allmählich ausgegebenen
Obligationenkapital in derselben Höhe begründet worden. Es wurde im
Laufe der Zeit auf 75 Mill. Frcs. Aktien und mehr als 75 Mill. Frcs.
Obligationen erhöht. Als Zweck der Gesellschaft wurde im Statut
angegeben: „Übernahme und Durchführung von Finanzgeschäften, insoweit
dieselben Bezug haben auf die Vorbereitung, den Bau, den Erwerb, den
Betrieb, die Umwandlung oder die Veräußerung von Unternehmungen im
Gebiet der angewandten Elektrotechnik, insbesondere der Beleuchtung,
Kraftübertragung, des Transportwesens und der Elektrochemie.“ --
Der erste Inhalt, der dieser großen, von vornherein mit bewußter
Absicht ihrer weitausgreifenden Ziele und Grenzen geschaffenen Form
gegeben wurde, bestand -- wie wir schon gesehen haben -- in den
wichtigen italienischen Elektrounternehmungen (in Genua), denen
sich die A. E. G. in der damaligen Zeit eben zugewandt hatte. Neben
der Erkenntnis, daß das Beteiligungsgeschäft des Konzerns ganz
allgemein bis zu einem Umfang und einer Verzweigung gediehen sei,
die die Schaffung einer besonderen Finanzgesellschaft erforderlich
machten, war schon damals für die Wahl eines in der neutralen Schweiz
liegenden Gesellschaftssitzes der Gedanke maßgebend, daß es zweckmäßig
sei, große Auslandsbeteiligungen nicht in Deutschland, sondern im
neutralen Ausland zu verankern; ein Gedanke, der sich gerade in den
im Weltkriege eingetretenen chauvinistischen Irrungen und Wirrungen
als psychologisch durchaus richtig erwiesen hat, wenn er auch die
deutschen Interessen im feindlichen Auslande -- neben dem italienischen
Besitz verwaltete die Bank für elektrische Unternehmungen (kurz
Elektrobank genannt) insbesondere auch den großen Besitz an Aktien der
St. Petersburger Gesellschaft für elektrische Beleuchtung vom Jahre
1886 -- nicht so wirksam zu schützen vermochte, wie dies erwünscht
gewesen wäre. Außer dieser Dislozierung deutscher Auslandsinteressen
verfolgte die Errichtung der Finanzgesellschaft der A. E. G. in der
Schweiz noch verschiedene andere Zwecke. Zunächst einmal bot die
freiere Aktiengesetzgebung der Schweiz einen größeren Spielraum für
Aktien-Transaktionen, wie sie den Haupttätigkeitskreis der neuen
Gesellschaft bildeten. Ferner wurde damit die Einbeziehung der Schweiz
in den Aktions-Radius der A. E. G. in zweifacher Richtung angestrebt.
Einmal sollte die Produktions- und Absatzsphäre der Gesellschaft auf
das elektrischen Unternehmungen von jeher besonders günstige Gebiet
der Schweiz ausgedehnt werden, das mit seinen reichen Wasserkräften
für die Erzeugung billiger Elektrizität und besonders für die damals
aufkommende Kraftübertragung einen besonders guten Entwickelungsboden
abgab, das in der Fernübertragung, im Vollbahnenwesen späterhin
bahnbrechende Leistungen sah. Zweitens sollte der Kapitalmarkt der
Schweiz und vielleicht auch indirekt derjenige anderer ausländischer
Staaten, die vielleicht einer direkten Bearbeitung durch deutsche
industrielle und finanzielle Kräfte nicht so leicht zugänglich gewesen
wären, dem Emissionskredit der A. E. G. erschlossen werden. Alle
diese Zwecke sind in mehr oder weniger starkem Grade auch erreicht
worden. Die Elektrobank wurde, so eng sie stets auch an die A. E. G.
angeschlossen blieb, ein Unternehmen, das sehr stark in der Schweiz
verwurzelte, in dem Schweizer Einfluß sich zur Geltung zu bringen
verstand, und durch das Schweizer Kapitalien dem A. E. G.-Konzern und
umgekehrt deutsche Kapitalien der Schweiz zuflossen. Als die russische
Regierung während des Weltkrieges die schon erwähnten Petersburger
Elektrizitätswerke als „deutsche Unternehmungen“ mit Zwangsmaßnahmen
aller Art bedrohte, konnte von der schweizerischen Regierung mit Recht
darauf hingewiesen werden, daß die Bank für elektrische Unternehmungen,
die Hauptbesitzerin der Aktien der Gesellschaft für elektrische
Beleuchtung, durchaus kein überwiegend deutsches Unternehmen sei
und daß von den 75 Millionen Francs Aktien der Gesellschaft sich
nur 14512000 Francs im Besitze der A. E. G. befänden. Wenngleich
der gesamte Besitz des A. E. G.-Konzerns einschließlich dem ihrer
Bankengruppe und ihrer Tochtergesellschaften größer ist und sich auch
im deutschen Publikum namhafte Beträge von Elektrobank-Aktien befinden
mögen, so ist doch auch der Schweizer Eigenbesitz an Aktien und
namentlich an Obligationen der Elektrobank sehr erheblich.

Der Zweck dieser Elektrobank ist in ihrem Statut bereits in gedrungener
Kürze, aber eigentlich mit allen wichtigen Merkmalen umgrenzt worden.
In späteren Geschäftsberichten wurden die Finanzmethoden, die die
Gesellschaft zur Anwendung brachte, eingehender unterschieden. Sie
benutzte folgende juristische Formen der Beteiligung:

    1. Dauernde Aktienbeteiligungen,

    2. Stille Beteiligungen (als „Partecipacioni“ besonders in Italien
    üblich),

    3. Vorschüsse im Kontokorrent,

    4. Vorschüsse gegen Hinterlegung von Aktien und Obligationen,

    5. Syndikatsbeteiligungen und vorübergehende Anlagen.

Diese Formen sind so gewählt, daß sie allen Bedürfnissen der
Unternehmer- und Industrietätigkeit gerecht werden können. Um dies
zu verstehen, müssen wir diesen Bedürfnissen etwas näher nachzugehen
versuchen. Die Methoden der Finanzierung neuer Unternehmungen, die
Rathenau vorfand, waren ziemlich primitiv. Wenn man Bauprojekte
nicht von irgend einem geldkräftigen Unternehmer, einer Kommune,
einer fremden Aktiengesellschaft usw. im festen risikolosen Auftrag
erhielt (was aber namentlich in den ersten Zeiten der angewandten
Elektrotechnik nur selten der Fall war), mußte man die Geldmittel
für zunächst in eigener Regie auszuführende Werke entweder selbst
bereitstellen, von Banken borgen oder am Kapitalmarkt beschaffen.
Alle derartige Methoden waren aber sozusagen nur von kurzem Atem.
Sie schafften zinsloses Geld nur für verhältnismäßig kurze Zeit, und
hinter dem Industriellen stand der Kapitalist, stets nach schneller
Rente, kurzfristiger Rückgewährung des Kapitals und eventuell noch nach
möglichst hohen Zwischengewinnen drängend. Baldigen und hohen Nutzen
erwartete er von einer neuen Industrie, der er noch nicht so recht
traute und deren Risikoprämie er also verhältnismäßig hoch bemaß und
kurz begrenzte. Die Solidität der Bauarbeiten mußte darunter leiden,
und den Unternehmungen war nicht genügend Zeit und Raum zum Ausreifen
gegönnt. Wir haben gesehen, daß durch solche Verhältnisse selbst ein
so aussichtsreiches und gutfundiertes Unternehmen wie die Berliner
Elektrizitätswerke an den Rand der Krise geführt wurde, daß nicht
nur die Aktionäre, sondern auch die Banken bei dieser Gesellschaft
vorzeitig das Vertrauen verloren. Schon damals wurde es Rathenau,
der von der Notwendigkeit der eigenen Unternehmertätigkeit stets
fest durchdrungen war, vollkommen klar, daß er mit den bisherigen
Finanzierungsmethoden diese Unternehmertätigkeit und damit die
Entwickelung der Elektrizitätsindustrie nicht in dem gewünschten Tempo
vorwärts bringen könnte. Zwar wuchs mit den Erfolgen der ersten Werke
-- mit den technischen wie finanziellen -- auch der Emissionskredit
und die Emissionsgeduld beim Kapitalistenpublikum und bei den Banken.
Immerhin war die Hebelkraft, die man auf diese Weise gewinnen
konnte, noch zu gering, und von zu vielen Zufälligkeiten abhängig.
Man konnte dem Publikum vielleicht zu gleicher Zeit zwei oder drei
Papiere werdender, aber noch nicht werbender Unternehmungen derselben
Art anbieten, überall hätte man subsidiär wohl noch den Kredit der
A. E. G. einsetzen müssen. Außerdem war man von den Banken, als
Emissionsvermittlern, Garanten und Vorschußgebern abhängig, und was
das zu bedeuten hatte, wußte Rathenau aus der Praxis ziemlich genau.
Eine derartige Abhängigkeit war ihm unsympathisch und sie paßte auch
nicht in seine planmäßig festen Baukalkulationen. Schließlich mußte
man sich auch nach Industrie- und Börsenkonjunkturen richten. Man lief
somit Gefahr, daß in einem Augenblicke, in dem irgend ein Bauprogramm
dringend fortgeführt werden mußte, die Erweiterung einer Anlage sich
als zweckmäßig und gar notwendig erwies, kein Geld aufzutreiben war,
weil die Verhältnisse auf dem Emissionsmarkte gerade ungünstig lagen.
Hier nun sollte das Finanzierungssystem sichernd, ergänzend, helfend,
vermittelnd und vorsorgend eingreifen. Es war nicht lediglich eine
Vermittelungsorganisation, die den geldbedürftigen Unternehmungen am
Anlagemarkte mit ihrem eigenen gefestigteren Kredit Kapital besorgte,
es war selbst ein Kapitalmarkt im Kleinen, ein Sammel- und Staubecken,
das in günstigen Zeiten der Geldkonjunktur sich mit Kapital vollsog
-- gleichgültig ob es zunächst eine bestimmte Verwendung dafür
hatte --, um es zu geeigneten Zeiten an die Bauunternehmungen des
Konzerns weiterzugeben. Ähnlich wie der unregelmäßige Wasserzufluß
eines Gebirgsbaches zu Zeiten des Wasserreichtums in einer Talsperre
aufgesammelt wird, um die konstanten Ansprüche eines Kraftwerkes
auch in Perioden der Wasserarmut befriedigen zu können, war auch das
Stauwerk des Finanzsystems organisiert. „In den nächsten Jahren wird
eine Reihe von neuen Aufgaben an uns herantreten, zu deren Lösung wir
uns jetzt schon rüsten müssen.“ Mit solchen oder ähnlichen Worten
sind von der A. E. G. selbst und ihren Finanzgesellschaften häufig
genug Kapitalserhöhungen begründet worden, für die im Augenblick
ihrer Durchführung bestimmte Anlässe noch nicht vorlagen oder doch
noch nicht klar hervorgetreten waren. Emil Rathenau hielt darauf, daß
in seinen Kassen nie der Boden sichtbar wurde und sorgte dafür, daß
stets mehr Geld darin war, als er für alle im Augenblick übersehbaren
Ausgaben brauchte. Es mußten stets beträchtliche Kapitalreserven für
unvorhergesehene Mehrausgaben oder für neue, plötzlich hervortretende
Projekte verfügbar gehalten werden. Nur dadurch konnte er stets die
+besten+ Geschäfte machen, daß er allen anderen Mitbewerbern in
geldlicher Bereitschaft und geldlicher Leistungsfähigkeit überlegen
war. Er war stets Gläubiger, nie Schuldner der Banken, und blieb durch
die beträchtlichen Bankguthaben, die er so unterhielt, nicht nur
von den großen Geldinstituten unabhängig, sondern er schuf sich eine
solche Position, daß sie um ihn werben mußten und sich zur Teilnahme
an seinen Finanzierungen, an seinen Konsortial- und Kreditgeschäften
drängten. Denn das ist gerade das Geniale an seinem System der
Finanzgesellschaften: Sie waren wohl stets in der Lage und gerüstet,
ihm das Höchstmaß der etwa verlangten finanziellen Kraftanspannung zu
leisten, er nutzte diese theoretische Höchstbelastung aber praktisch
nie aus, sondern verteilte die Ansprüche auf einen möglichst weiten
Kreis ihm zur Verfügung stehender Geldquellen. Nachdem er die feineren
und zuverlässigen Methoden der Finanzierung ausgebildet hatte,
verzichtete er durchaus nicht auf die älteren und primitiven. Neben
dem neuen Trustsystem wendete er das alte Konsortialsystem weiter an,
und die Banken, die ihm zuerst nur vorsichtig Kredit gegeben hatten,
beteiligten sich später gern an seinen neuen, wenn auch zunächst noch
nicht rententragenden Unternehmungen, weil sie bald aus Erfahrung
wußten, daß die mageren Jahre bei ihnen durch darauffolgende fette
mehr als reichlich ausgeglichen würden. So legten sie gewissermaßen
die Bankguthaben, die Rathenau bei ihnen unterhielt, wieder in seinen
industriellen Unternehmungen an und zogen aus der Zinsdifferenz
zwischen beiden Konsortialgewinne. Rathenau selbst hinwiederum
brauchte nicht die ganzen ihm zur Verfügung stehenden Kapitalien in
industriellem Risiko festzulegen, sondern war in der Lage, einen
Teil davon, wenngleich auch dieser letzten Endes indirekt seinem
Unternehmergeschäft wieder zugute kam, als Bankgeld flüssig zu halten.

Die reichlichen Mittel, die ihm jederzeit für Unternehmungen zur
Verfügung standen, wurden nun in der verschiedensten Form den jungen
Bauwerken zur Verfügung gestellt, teils als einfache Vorschüsse mit
längerer oder kürzerer Rückzahlungsfrist, teils als fundierte Darlehen
(Obligationen oder Hypotheken), teils als aktives Beteiligungskapital,
je nachdem die Bedürfnisse der jungen Werke dies erforderten und
ihre Baureife es zuließ. Mit fortschreitender Entwickelung wurde
vielfach die formlosere Art der Kapitalhergabe in die gebundenere
umgewandelt. Während der Anlaufszeit, die junge Unternehmungen bis zu
dem Zeitpunkt erforderten, in dem sie sich „freigebaut“ hatten und
zinstragend geworden waren, betätigten sich die Finanzgesellschaften,
das Beteiligungskonto der Hauptgesellschaft und die Bankenkonsortien
als kapitalische „Vorwärmer“ für sie, indem sie ihren Geldbedarf
sicherstellten, das Risiko und entsprechend auch die kapitalistische
Gewinnchance übernahmen. Der Emissionskredit der alten bewährten
Unternehmungen trat gewissermaßen solange für die Finanzbedürfnisse
der jungen werdenden Betriebe ein, bis deren eigener Emissionskredit
gereift war und selbständig auf dem Kapitalmarkt tätig sein konnte.
Sobald dieses Stadium erreicht war, erledigten die flügge gewordenen
Gesellschaften nicht nur ihre zukünftige Geldbeschaffung selbständig
(wobei die Finanzgruppen des Konzerns häufig Teilbeträge der neuen
Emissionen noch weiter übernahmen, aber nicht um den geldsuchenden
Tochtergesellschaften die Geldbeschaffung zu erleichtern, sondern
um selbst an den durch sie gebotenen günstigen Anlagemöglichkeiten
teilzunehmen); sondern die Vorwärmer-Gesellschaften konnten dazu
schreiten, die früher von ihnen übernommenen Kapitalbeteiligungen
unter Ausnutzung der inzwischen eingetretenen Wertsteigerungen
soweit abzustoßen, als es ihnen zweckmäßig erschien. Derartige
„Realisierungen“ rententragend gewordener Beteiligungen sorgten
dafür, daß die Finanz- und Konsortialkonten aus dem Wechsel ihrer
Bestände selbst einen Teil der Mittel gewinnen konnten, die sie für
neue Aufgaben brauchten. Der Effektenbesitz alimentierte und ergänzte
sich aus sich selbst. Da der Umfang dieser Aufgaben aber ständig
anwuchs, reichten die Realisations- und Abbaufonds meist nicht aus,
um die Anlage- und Aufbaufonds vollständig zu speisen. Es wurden
Kapitalserhöhungen der Finanzstammunternehmungen, Verstärkungen der
zentralen Geldquellen selbst, von Zeit zu Zeit nötig. Gelegentlich
fügte es sich auch so, daß neugegründete Unternehmungen die ihnen
mitgegebenen Kapitalien nicht sofort vollständig verwenden konnten.
Sie stellten sie dann zeitweilig den Finanzgesellschaften zur
Verfügung, die sie ihrerseits teils wieder zur Deckung akuter
Geldbedürfnisse anderer Betriebswerke verwandten, um sie ihren
Eigentümern im gegebenen Augenblicke zurückzustellen. Neben die
Disposition über dauernde Anlagekapitalien trat dann die Disposition
über vorübergehend verfügbare Mittel, die Finanzgesellschaften wurden
zu Ausgleichsstellen, die sich von den wirklichen Banken nur noch durch
die Begrenzung ihrer Geschäftsgebiete, nicht durch das Wesen ihrer
Geschäfte unterschieden.

Im allgemeinen wurde bei dem Rathenauschen Finanzsystem nicht der
Nachdruck auf dauernde, unlösliche Aktien-Verkapselung gelegt. Je
selbständiger die Tochtergesellschaften in ihrer Finanzgebarung
gestellt werden konnten, umso mehr ihrer Wertpapiere wurden aus den
Portefeuilles der Konzerngesellschaften an den freien Markt gegeben.
An dem Besitz von Dreiviertel-Majoritäten oder auch nur einfachen
Majoritäten wurde nicht pedantisch festgehalten, sondern das Streben
darauf gerichtet, daß der Konzernzusammenhang bei verhältnismäßig
kleinen Aktienbeteiligungen durch innere Bande, durch den Magnetismus
des wechselseitigen Interesses und der Gewohnheit erhalten blieb.
Nicht die Majoritätskontrolle, sondern die Hingezogenheit der freien
Aktionäre zum Konzern der A. E. G. sollte und konnte fast stets die
Verbindung wahren. Die Besetzung der Aufsichtsratskollegien mit
Konzernmitgliedern, und auch der Herdentrieb der freien Aktionäre,
die die Vertretung ihrer Aktien in den Generalversammlungen meist der
Konzerngesellschaft oder ihren Banken überließen, unterstützte die
Aufrechterhaltung der Herrschaft auch in solchen Fällen, in denen
der Konzern an sich in der Minderheit war. So zum Beispiel besaß die
A. E. G. zeitweilig nicht mehr als 1 Million Aktien der B. E. W. und
vermochte doch das mit einem Aktienkapital von 60 Millionen Mark
arbeitende Unternehmen in allen Einzelheiten zu leiten, trotzdem ihr
die Bestimmung darüber zeitweilig durch eine aus Kreisen der freien
Aktionäre gebildete Opposition streitig zu machen versucht wurde. Eine
solche Herrschaft mit geringem Eigenbesitz konnte nur durch einen
Konzern ausgeübt werden, der ein hohes Maß von immanenter Macht und
Autorität besaß, und der das ihm entgegengebrachte Vertrauen trotz
mancher gegen ihn vorgebrachten Einzel-Kritiken nie getäuscht hat.

Ein Trustsystem der geschilderten Art war aber nicht nur imstande,
die Emissionskraft der ihm angehörenden Unternehmungen sozusagen zu
„eskomptieren“, auf indirektem Wege früher zur Geltung zu bringen,
als es auf direktem Wege möglich gewesen wäre; es hat sie auch in
außerordentlicher Weise erweitert und verbreitert, und zwar dadurch,
daß es die Emissionen durch Teilung und Abwechslung reizvoller und
verdaulicher für den Kapitalmarkt zu gestalten vermochte. Hätte die
A. E. G. ihr Finanzsystem streng zentralistisch ausgebaut, hätte sie
die Kosten ihrer Unternehmertätigkeit nur durch ihre eigenen Aktien
und Obligationen bestritten, oder auch nur in vorbereitender Weise
aufgebracht, so würde das an dem +industriellen+ und +technischen+
Wert des Gesamtanlagenkomplexes und der Sicherheit der ihn
repräsentierenden Kapitalanlage eigentlich nichts geändert haben. Ob
ein Betriebsunternehmen direkt von der A. E. G. oder von einer ihrer
Finanzgesellschaften finanziert wurde, wäre für die industrielle
Entwickelung dieses Unternehmens und seiner Rente gleichgültig gewesen,
nicht aber für die Geldaufbringung am Kapitalmarkt. Hätte die A. E.
G. 500 oder 1000 Millionen eigener Aktien und einen ähnlichen Betrag
eigener Obligationen am Geldmarkt aufnehmen müssen, statt nur 200
Millionen Mark, so würde der Marktwert der A. E. G.-Aktien zweifellos
unter einem Überangebot gelitten haben, ihre Emissionskraft wäre
vermindert worden, da sich der Kapitalmarkt gesträubt und schließlich
ganz geweigert hätte, immer dasselbe Papier aufzunehmen. Viel günstiger
gestaltete sich die Situation dadurch, daß der Emissionskredit des
Gesamtkonzerns auf eine ganze Reihe von A. E. G.-Unternehmungen
verteilt wurde. Er wurde vor Überanstrengung bewahrt, denn die
Tochtergesellschaften behielten ebenso wie die Hauptgesellschaft jede
ihren Einzel-Kredit für sich, und empfingen von ihrer Zugehörigkeit
zum Gesamtkonzern noch eine Beigabe moralischer Art, die ihren eigenen
Kredit festigte und steigerte.

Dem rückschauenden Blick wird es vielleicht scheinen, daß dieses
Rathenausche Finanz- und Trustsystem, das -- so kompliziert es in
der Darstellung sich auch ausnehmen mag, -- doch wie jede einem
wirtschaftlichen Bedürfnis organisch angepaßte Methode im Kerne
und Aufbau ganz einfach ist, die Zeitgenossen sofort gewonnen und
überzeugt haben muß. In dieser Ansicht wird man noch bestärkt,
wenn man sich vergegenwärtigt, daß bereits ein paar Jahre später
die ganze Konkurrenz in der Elektrizitätsindustrie das Bestreben
zeigte, dieses System nachzuahmen und die mit ihm -- anscheinend
so mühelos -- erzielten Erfolge auch ihrerseits zu erreichen.
Aber es war nicht der gesunde, innere, nur in geduldiger Arbeit
zu entwickelnde Kern, der diese Mitläufer +überzeugt+ hatte,
sondern meist die von ihnen mißverstandenen und für die Hauptsache
gehaltenen äußeren Oberflächenwirkungen, die sie +blendeten+.
In den damals mit Rathenau liierten Bankkreisen war man von den
fachlichen Finanzierungsbanken innerlich durchaus nicht begeistert.
Einmal fürchtete man von ihnen einen Übergriff auf ihr eigenes
Geschäftsgebiet, sah in ihnen das Instrument, durch das sich
Rathenau von den Emissionsbanken unabhängig machen, diese jedenfalls
ihrer finanziellen Vorherrschaft -- soweit die Finanzierung seiner
Unternehmungen in Frage kam -- entkleiden wollte. Die Banken ahnten
wohl, daß hier ein Industrieller den Versuch machte, ihnen die
herrschende Stellung im Industrieleben allmählich zu nehmen und
ihnen die Rolle von dienenden Gliedern in seinem Bereich anzuweisen.
Außerdem war der letzte, vielleicht unbewußte Rest von Mißtrauen in
die Neuerungen des Mannes noch immer nicht geschwunden, von dem erst
endgültig zu erweisen war, ob er ein schöpferischer Umwälzer aller
Werte, oder nur ein glänzend begabter, doch unruhiger Experimentierer
war, dessen kühnes, vielstöckiges Architekturwerk doch eines Tages
-- in sich selbst überbaut -- zusammenbrechen konnte. Es gibt ja
Brücken- und Gebäudekonstruktionen, deren Tragfähigkeit die technische
Wissenschaft als sicher, ja übersicher errechnet hat und die doch auf
den Laien einen gefährlichen Eindruck machen. Man hatte sich an der
Gründung der Elektrobank -- fasziniert von der Neuartigkeit der Idee,
und unter dem Einfluß der Rathenauschen Erfolge -- kapitalistisch
beteiligt. Aber es kam hier, -- ähnlich wie seinerzeit bei den
Berliner Elektrizitätswerken, wenn auch in weit weniger krisenhafter
Weise -- bald dahin, daß die Banken an der Ertragfähigkeit des neuen
Unternehmens zweifelten und sich von den ihnen zu groß erscheinenden
Aktienbeteiligungen, die das Publikum ihnen nicht bereitwillig genug
abnehmen wollte, zu entlasten wünschten. In der Tat war in diesen
ersten Jahren ihres Bestehens die Elektrobank, wie das nicht anders
zu erwarten war, mit jungen, meist noch halbfertigen Unternehmungen
-- besonders den ausländischen Werken in Genua, Barcelona, Bilbao,
Buenos Aires, Santiago -- angefüllt, die sich nur langsam zur
Rentabilität entwickelten und von Rathenau bewußtermaßen nicht zur
schnellen Einträglichkeit getrieben wurden. Mit Mühe und Not zahlte die
Elektrobank Dividenden von 5%. Darin lag keine Emissionschance für ihre
Aktien und was aus den „exotischen“ Werten ihres Portefeuilles werden
würde, war noch eine ganz offene Frage. Die Banken hatten vielleicht
gewünscht, daß um ihrer Beteiligung an der Mantelgesellschaft willen,
die in deren Besitz befindlichen Betriebswerke etwas gewaltsam
gefördert worden wären. Aber Rathenau war viel zu sehr Industrieller,
als daß er finanztechnische Momente den bautechnischen hätte,
auch nur vorübergehend, voranstellen können. Er, der inzwischen
so erstarkt war, daß er Konzessionen -- wie manchmal am Anfang --
nicht mehr zu machen brauchte, hätte aber gerade in diesem Punkte
zuallerletzt Bankwünschen nachgegeben. Das entscheidende Interesse
legte er stets den produzierenden Unternehmungen und niemals den
finanzierenden Hilfsgesellschaften bei. Das Mittel, mit dem er die
latenten Schwierigkeiten in dem Falle der Elektrobank beseitigte,
war genau dasselbe wie das im Falle der Berliner Elektrizitätswerke
-- vor einem Jahrzehnt -- angewandte. Er übernahm kurz entschlossen
die gesamten Elektrobank-Aktien der Bankgruppe zu vorteilhaftem Kurse
und gewann die Mittel dazu durch Erhöhung des Kapitals der A. E. G.
um 12 Millionen Mark, die allerdings nicht sämtlich zum Umtausch der
Elektrobank-Aktien benötigt wurden. Dieser erfolgte in der Weise, daß
für je 5 vollgezahlte Elektrobank-Aktien zu 1000 Frcs. nom. 2000 M.
junge A. E. G.-Aktien angeboten wurden. Hierbei gelangte die A. E.
G. zu dem lächerlich geringen Buchpreise von 400 Mark für das Stück
in den Besitz von 28640000 Frcs. Elektrobank-Aktien, sie erwarb also
fast das ganze damals 30 Mill. Frcs. betragende Aktienkapital. Im
Geschäftsbericht des Jahres 1897/98 wird der Erwerb nur kurz begründet:
„Die Angliederung einer Trust-Gesellschaft war ratsam, und das uns
nahestehende Institut in Zürich wegen der in Angriff genommenen
internationalen Geschäfte hierfür vorzüglich geeignet.“ -- Für einen
Schritt, der vielleicht in den Augen Emil Rathenaus den Keim für ein
sehr gutes Geschäft darstellte, in den Augen der Aktionäre aber als ein
großes Wagnis erscheinen mußte, waren diese paar Zeilen der Begründung
ziemlich dürftig. Allerdings wurde den Aktionären der A. E. G. auf
Wunsch ein ausführlicher Bericht über die Situation der Elektrobank
zur Verfügung gestellt, aber bei der statistischen Ungeklärtheit der
die ausländischen Unternehmungen betreffenden Fragen, enthielt er
natürlich auch nur Konjekturen, keine unumstößlichen Tatsachen. In
der General-Versammlung sah sich Emil Rathenau denn auch veranlaßt,
den Erwerb der Elektrobank-Aktien näher zu motivieren. In seinen
Ausführungen klingen die Unstimmigkeiten mit der Bankengruppe, die
den Entschluß der Fusion mit der Elektrobank letzten Endes ausgelöst
hatten, nur leise an. In ihrem wesentlichen Teile bedeuten sie eine
Rechtfertigung des Systems der Trustgesellschaften im allgemeinen. Sie
sind gerade darum interessant genug, um nachstehend in ihrem Wortlaut
wiedergegeben zu werden, Rathenau sagte:

„Zur Durchführung der von uns ins Leben gerufenen Unternehmungen
hatten wir uns bisher mit einem aus potenten Finanzkräften bestehenden
Konsortium verbunden, und diese Vereinigung wird vielleicht auch in
Zukunft aufrecht erhalten werden. Aber wir verhehlen uns nicht, daß
die Banken als Vermittler des Kapitals zwischen dem Publikum und dem
Unternehmer der jeweiligen Stimmung des ersteren Rechnung tragen und
in Perioden wirtschaftlichen Niederganges und politischer Wirren ihre
Mitwirkung leicht versagen könnten. Gerade in solchen Zeitläuften,
deren baldige Wiederkehr freilich vorläufig nicht zu befürchten ist,
am wenigstens für uns, die wir mit lohnenden Aufträgen versorgt sind,
bedarf der Fabrikant ihrer Unterstützung zur Erlangung von Arbeiten,
mit denen er seine Werkstätten beschäftigen und den Stamm geschulter
Arbeiter erhalten kann. Schon aus diesem Grunde erachten wir es als
eine Pflicht, Geldquellen für den steigenden Kapitalbedarf, den die
ausgedehnten Unternehmungen fortdauernd hervorrufen, rechtzeitig uns zu
sichern. Diese Vorsicht scheint uns umsomehr geboten, als wir in einer
Industrie stehen, von der wir nicht wissen, wie lange ihr die Gunst
des Publikums erhalten bleibt. Denn es sind durch die Leichtigkeit der
Geldbeschaffung in den vergangenen Jahren zahlreiche Unternehmungen
gegründet worden, die ihre Lebensfähigkeit noch zu erweisen haben;
Enttäuschungen irgend welcher Art können aber ein Mißtrauen
verursachen, das sich auch auf gesunde Unternehmungen erstreckt.
Unter solchen Umständen werden gut organisierte und kapitalkräftige
Trustgesellschaften, welche den inneren Wert von Unternehmen
erkennen, die sich noch in der Vorbereitung befinden, den Mangel an
Unternehmungslust ersetzen können. Für die großen ausländischen und
überseeischen Unternehmungen, welche eine um so größere Bedeutung
für uns erlangen, je mehr die Geschäfte im Mutterlande abnehmen,
tritt aber das unabweisbare Bedürfnis einer Trustgesellschaft hervor,
welche ein internationales Gepräge besitzt und kapitalkräftig genug
ist, um die Führung in solchen Unternehmungen zu übernehmen. Eine
solche Organisation besteht bereits in der unter dem Patronat der
Schweizerischen Kreditanstalt in Zürich wirkenden Bank für elektrische
Unternehmungen, die auf einem politisch neutralen Gebiet, unter dem
Schutz einer für Trustgesellschaften günstigen Gesetzgebung im Juli
1895 gegründet wurde. Ein solches großes, bereits in voller Tätigkeit
befindliches internationales Organ für unsere Zwecke in noch höherem
Maße als bisher nutzbar zu machen, halten wir für zweckentsprechend.“

Die Aktionäre der A. E. G. haben, wie sich bald zeigte, die Transaktion
nie zu beklagen gehabt. Die Dividende der Elektrobank erhöhte sich
sehr bald auf 6½% und dann nach einem zweijährigen Rückschlag, der
sie in den Jahren der Elektrokrise auf 6% zurückführte, weiter auf
10 und 12%. Die A. E. G. wurde dadurch in die Lage versetzt, jeden
beliebigen Teil ihrer Elektrobank-Aktien mit ansehnlichem Kursgewinn
wieder zu veräußern, eine Möglichkeit, von der sie auch in den ihr
zweckmäßig erscheinenden Grenzen Gebrauch machte. Wieder einmal hatte
Emil Rathenau recht behalten und eine zunächst unerfreulich scheinende
Situation zum Vorteil gewandt. Späterhin wurde der Versuch gemacht, die
Organisation der Elektrobank auf eine grundsätzlich breitere Grundlage
zu stellen und ihren Wirkungskreis über den Bezirk der A. E. G. hinaus
zu erweitern. In ihrem Geschäftsbericht für 1903/04 finden sich
folgende Programmsätze:

    „Nachdem wir uns früher hauptsächlich mit der Finanzierung solcher
    neuen Unternehmungen abgegeben haben, deren technische Ausführung
    durch die uns nahestehende Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft
    besorgt wurde, haben wir im Laufe des letzten Berichtsjahres den
    ausdrücklichen Beschluß gefaßt, unsere geschäftliche Tätigkeit
    insbesondere auch auszudehnen auf die Beschaffung der nötigen
    Geldmittel für bereits bestehende Unternehmungen und die
    Bevorschussung von Werten solcher, beides eventuell in Verbindung
    mit technischer und administrativer Reorganisation des Betriebes
    und mit dadurch zu erzielender Höherbewertung der eigentümlich
    erworbenen oder mit Ausbedingung von Optionsrechten bevorschusster
    Werte solcher Unternehmungen. Unsere Bank soll mit anderen Worten
    +ein allgemeines Finanzierungsinstitut+ der Elektrizitätsindustrie
    sein.“

Zur besseren Durchführbarkeit dieser Ziele wurde in Berlin
ein Zweigbureau geschaffen, das von Dr. Walther Rathenau, dem
Administrateur und eigentlichen Kopf der Elektrobank geleitet wurde.
In dieser Zeit war die fast völlige Union zwischen der A. E. G. und
der Elektrobank einer Lockerung insofern gewichen, als die A. E. G.
langsam größere Posten ihres Aktienbesitzes der Elektrobank abstieß.
Ferner hatte die Annäherung der Union-Elektrizitäts-Gesellschaft an
die A. E. G. zwar eine erhebliche Anzahl von Beteiligungen dieser
Gesellschaft dem Portefeuille der A. E. G. zugeführt, andere wiederum
einer selbständig bleibenden Trustgesellschaft der „Gesellschaft für
elektrische Unternehmungen“ überlassen. Auch neue schweizerische
Interessentenkreise traten der Elektrobank nahe, und gerade an
Finanzierungen aus der von der A. E. G. unabhängigen Schweizer
Elektrizitätsindustrie war wohl gedacht, wenn die Grenzen der Tätigkeit
der Elektrobank etwas weitergerückt wurden. Überdies wuchs auch
die Deutsch-Überseeische Elektrizitätsgesellschaft, die in ihren
Anfängen vorwiegend von der Elektrobank entwickelt worden war, immer
mehr über das Wurzelreich des A. E. G.-Konzerns hinaus. Sie brauchte
zur Speisung ihres gewaltigen Kapitalbedarfs stärkerer Quellen, als
die A. E. G. und ihr engeres Bankenkonsortium zu bieten vermochten.
Die Gruppe der Deutschen Bank, die an der D. Ü. E. G. schon seit
der Gründung beteiligt gewesen war, wurde schließlich die führende
Bankverbindung der großen südamerikanischen Elektrizitätsunternehmung
und als solche gelangte auch ihre Stellung in der Elektrobank, die
ja noch immer einen beträchtlichen Teil der Deutsch-Überseeischen
Aktien besaß, zu ausgeprägterer Bedeutung. Aus allen diesen Gründen
erschien eine allzugroße Isolierung der Elektrobank auf den A. E.
G.-Konzern nicht mehr erwünscht, und wenn die A. E. G.-Note bei der
Züricher Finanzgesellschaft auch stets die vorherrschende blieb, so
sollte sie doch nicht mehr die einzige sein. In späteren Jahren ist der
Elektrobank durch die Fusion mit der +Elektrizitäts-Akt.-Ges. vorm.
Lahmeyer+, der Finanzgesellschaft des von der A. E. G. aufgenommenen
Felten-Guilleaume-Lahmeyerkonzerns, ein neues großes Einflußgebiet
zugeführt worden. Sie übernahm von dem 25 Millionen Mark betragenden
Kapital der Lahmeyergesellschaft 21720000 Mark gegen Hingabe von
16290000 Frcs. neuer Elektrobank-Aktien. Es fand also eine Verkapselung
zweier Finanzgesellschaften ineinander statt, die beide ohne förmliche
Fusion juristisch selbständig nebeneinander bestehen blieben.

                           *               *
                                   *

Werfen wir zum Schluß auch dieses Kapitels unserer Gewohnheit nach
noch einen Blick auf die Entwickelung der Erträgnisse und der
Bilanzaufstellungen der A. E. G. in dem soeben behandelten Abschnitt,
den die Jahre 1894 und 1900 umrahmen. Die Entwickelung der Kapitalien
ist folgende: Im Jahre 1895/96 wurde das Stammkapital von 20 auf 25
Millionen Mark erhöht, im Jahre 1896/97 auf 35 Millionen Mark, im
Jahre 1897/98 auf 47 Millionen Mark, im Jahre 1898/99 auf 60 Millionen
Mark, eine Höhe, die es auch im Jahre 1899/1900 nicht überschritt.
Das Obligationenkapital wurde in dieser Zeit von 4844000 auf 14046500
Mark gesteigert. Der ordentliche Reservefonds stieg von 4479479 auf
22027621 Mark, wie früher ausschließlich durch Agiobeträge, die ihm
bei den verschiedenen Kapitalerhöhungen zuflossen. Daneben wurde
die freie oder außerordentliche Reserve von 500000 auf 5 Mill.
M. vermehrt. Neben diesen offenen Reserven sind aber die stillen
Rücklagen in ganz anderer Weise gestärkt worden als in den früheren
Perioden. Die Gesellschaft hat die dazwischen liegende große Expansion
nicht nur zur Erzielung hoher Agiogewinne, sondern auch zur inneren
Festigung des Unternehmens durch Zurückhaltung beträchtlicher Teile
der erzielten Gewinne benutzt, und sich so aufs beste gerüstet und
gewappnet, die folgenden Jahre des Rückschlages und der Krisis nicht
nur unerschüttert zu überstehen, sondern auch ausnutzen zu können.
In dem von der A. E. G. gewählten System waren die stillen Reserven
darum die echten Reserven, die offenen -- wenigstens soweit der
gesetzliche Reservefonds in Frage kam -- nur der Ausfluß des hohen
Markt- und Emissionswertes der A. E. G.-Aktie. Offene Reserven
brauchen durchaus nicht immer wirkliche Schutzwälle zu sein, die um
das Aktienkapital gelegt sind, um es gegen Stöße und Erschütterungen
zu sichern und zu verhindern, daß Verluste sofort die Kapitalsubstanz,
den inneren Fundus einer Gesellschaft treffen können. Sie brauchen
es besonders dann nicht zu sein, wenn sie aus Agiogewinnen stammen.
Denn Agiomöglichkeiten können künstlich durch hochgetriebene oder
leichtfertige Gewinnausschüttungen herbeigeführt werden, da sich ja
der Kurs einer Aktie und damit das Aufgeld bei Kapitalerhöhungen nach
der Höhe der gezahlten Dividenden zu richten pflegen. Gerade wenn ein
zu großer Teil der verdienten Gewinne auf Kosten der Abschreibungen
und Rückstellungen als Dividende ausgeschüttet wird, läßt sich der
Aktienkurs steigern, und in der Zeit, von der wir sprechen, war
die Bilanzkritik bei der Presse und bei den Aktionären noch nicht
ausgebildet genug, als daß nicht derartige Versuche auf dem Gebiet der
künstlichen Agiotage möglich gewesen wären und die Wirtschaftswelt
hätten irre führen können. In der Elektrizitätsindustrie insbesondere,
die in den von uns behandelten Jahren unter einem Überschwange der
Tendenzbeurteilung bei den Produzierenden sowohl wie auch beim Publikum
stand, war ein besonders geeigneter Nährboden für eine derartige
Ausnutzung des Aktienagios vorhanden. Es wurde überreichlich von ihm
Gebrauch gemacht, und wir werden später sehen, daß die auf diese Weise
geschaffenen großen offenen Reserven mancher Unternehmungen dem Anprall
der Krise durchaus nicht standhielten und sozusagen auf den ersten
Anhieb zusammenstürzten, das innere Leben der Gesellschaften, die sie
decken sollten, sofort dem Ansturm preisgebend. In der Rathenauschen
Bilanz war die Expansion, die zur Bildung der großen offenen Reserven
geführt hatte, Hand in Hand mit einer Konsolidierung der inneren
Werte gegangen, und die Echtheit der inneren Reserven wirkte auch auf
den Bestand der äußeren Reserven zurück. Worin bestanden nun diese
inneren Reserven? -- Ein Vergleich der Bilanzen von 1894 und von
1900 zeigt es deutlich. Während im Jahre 1894 noch die sämtlichen
Anlagekonten der A. E. G. in der Bilanz mit sichtbaren Wertansätzen
erschienen, die einen vielleicht +verhältnismäßig+ niedrigen,
aber doch absolut betrachtet, noch einen recht hohen Bewertungsgrad
darstellten, werden im Jahre 1900 nur noch Grundstücke, Gebäude und
Vorräte mit Effektivansätzen bewertet. Maschinen, die 1894 noch mit
1220000 Mark ausgewiesen worden waren, erscheinen jetzt lediglich mit
pro-Memoria-Beträgen von je 1 Mark. Sie sind also ganz abgeschrieben
worden, trotzdem ihr wirklicher Wert in dieser Zeit nicht verringert,
sondern um viele Millionen Mark -- entsprechend dem gewaltigen
Anwachsen der A. E. G.-Unternehmungen -- vergrößert worden ist. In
diesen Konten liegen also sehr beträchtliche innere Reserven, die
sich von Jahr zu Jahr steigerten, denn alles, was in einem Jahre
an neuen Maschinen, Werkzeugen, Utensilien usw. angeschafft wurde,
gelangte sofort wieder voll zur Abschreibung. Während im Jahre 1894
auf Werkzeuge 20%, auf Maschinen 10% abgesetzt worden waren, betrugen
im Jahre 1899/1900 die Abschreibungssätze auf diesen Konten volle
100%. Emil Rathenau hatte, um diese Bilanzierungsmethode möglichst
unkontrolliert von der Öffentlichkeit und den Aktionären durchführen
zu können, seit einigen Jahren die Gewohnheit angenommen, nur die
Ergebnisse der Fabrikation, des Produktionsgeschäftes -- und auch
diese nur soweit es ihm paßte -- in der Gewinn- und Verlustrechnung
auszuweisen. Die gesamten Erträge des Finanzgeschäftes, und zwar
sowohl die Rentenerträgnisse der im Besitz der A. E. G. befindlichen
-- auf Effekten- und Konsortialkonto verbuchten -- Wertpapiere und
Beteiligungen wie auch die Gewinne aus Effektentransaktionen wurden
überhaupt nicht eingestellt, sondern zu Abschreibungen entweder auf
Effekten oder auf Anlagen benutzt. Dabei richtete sich das Ausmaß der
vorzunehmenden Abschreibungen nicht nach den wirklichen jeweiligen
+Ergebnissen+ der Effektenkonten, die ja immerhin einen zufälligen
Faktor darstellten, und somit auch ein Moment der Zufälligkeit in die
Abschreibungspolitik der Gesellschaft gebracht hätten. Sie wurden
vielmehr nach dem Abschreibungsbedürfnis reguliert, das durch die Höhe
der Zugänge auf den regelmäßig bis auf 1 Mark herunterzubuchenden
Anlagekonten und durch den Stand der übrigen Konten (Gebäude,
Grundstücke, Vorräte usw.) bestimmt wurde. Reichten also die aus dem
Effektengeschäft stammenden Beträge nicht aus, so mußten noch Teile
aus dem Fabrikationsgewinn abgezweigt und zu Abschreibungen mit
herangezogen werden. Je gewaltiger die so heruntergeschriebenen Anlagen
der Gesellschaft anwuchsen, desto größer mußten naturgemäß auch die
hinter den Eine-Mark-Posten stehenden inneren Reserven sich erhöhen.
Über die Bedeutung dieses später nur noch quantitativ, nicht mehr
grundsätzlich geänderten Abschreibungssystems für die innere und äußere
Entwickelung der Gesellschaft, für ihre Finanzen und die Stellung der
Aktionäre zu ihr, wird noch später zusammenfassend zu sprechen sein.
Hier soll nur im historischen Entwickelungsgange auf den Zeitpunkt
hingewiesen werden, in dem diese Methode in das Finanzsystem der
Gesellschaft eintritt und auf den Kontrast, in dem sie zu den früheren
Bilanzierungsgewohnheiten steht. In dieser Hinsicht ist sie als Symptom
für den fortschreitenden Konsolidierungsprozeß der Gesellschaft zu
bewerten.

Abgesehen von diesem Zeichen der Konsolidierung weist die Bilanz von
1899/1900 aber auch noch andere interessante Merkmale auf. Auch bei
den übrigen Anlagekonten ist eine stärkere Abschreibungspolitik
sichtbar. Während zum Beispiel früher auf Gebäude nur 2% abgeschrieben
wurden, werden jetzt neben den ordentlichen Abschreibungen in derselben
Höhe noch außerordentliche Abschreibungen vorgenommen, die dreimal
so hoch sind wie die Pflichtabschreibungen. Es gelangen also auf
Gebäude jetzt 8% gegen 2% früher zur Abschreibung, das sind für solche
Anlagen ungewöhnlich hohe Prozentsätze. Das Effektenkonto wird mit
20984364 Mark gegen 5976266 Mark ausgewiesen, das Konsortialkonto
mit 4837794 gegen 2963348 Mark. Daneben werden noch die Aktien der
Bank für elektrische Unternehmungen mit 11395290 Mark aufgeführt.
Die Effektenbestände sind also in sehr erheblichem Umfang gestiegen.
Vergleicht man aber die Buchwerte mit dem Nominalbesitz an
Wertpapieren, so zeigt sich, daß die Effektenbestände durchschnittlich
viel niedriger zu Buche stehen als im Jahre 1894. In der Bilanz
erscheint ferner -- und dies ist für die Flüssigkeit des Status,
nicht so sehr für die Solidität der Bewertung charakteristisch -- ein
Bankguthaben von 15620344 Mark gegen ein solches von 7933463 Mark in
der Vergleichsbilanz. Die Gesamtdebitoren betragen 47037896 Mark gegen
16996308 Mark, die Gesamtkreditoren 19301579 Mark gegen 2575873 Mark.
Bei einem Kapital von 60 Millionen Mark weist jede Seite der Bilanz
jetzt einen Saldo von 133420023 Mark gegen einen solchen von 35542941
Mark bei einem Kapital von 20 Millionen Mark in der Vergleichsperiode
auf. Trotzdem die Werte im Jahre 1900 viel niedriger bemessen sind als
im Jahre 1894, trotzdem also ein großer Teil dieser Werte nur durch
innere Reserven, nicht durch sichtbare Bilanzwerte belegt ist, stellt
sich sogar der Gesamtbetrag der sichtbaren Aktiva im Verhältnis zum
Aktienkapital ganz unvergleichlich höher als im Jahre 1894. D. h. mit
einer Kapitalverdreifachung ist eine Expansion ausgeführt worden, die
die Werte des Unternehmens weit mehr als verdreifacht hat.

Trotz dieser starken inneren Konsolidierung und der Zurückbehaltung
großer Gewinnteile ist die Rente der Aktionäre in diesem Abschnitt
ständig gestiegen. Die Dividende betrug im Jahre 1893/94 9%, sie ging
dann in den folgenden Jahren bis 1895/96 auf 11% und 13%. In den Jahren
1896/97-1899/1900 betrug sie 15%.



Elftes Kapitel

Krisis


Die bisherige Schilderung des Entwickelungsganges der A. E. G. seit
der Überwindung der Krisis des Jahres 1887 wird bei dem Leser den
Eindruck einer unaufhaltsamen, im Innern von mächtiger, manchmal
ungestümer Triebkraft bewegten, von den äußeren Verhältnissen im
großen und ganzen begünstigten Vorwärts- und Aufwärtsbewegung gemacht
haben. Dieser Eindruck war auch vom Verfasser gewollt, denn er gibt
ein richtiges Spiegelbild von dem inneren Schwung und dem Tempo, die
Rathenaus Persönlichkeit wie das von seinem Geist geschaffene und
erfüllte Werk stets, doch vielleicht nie so feurig beflügelten wie in
jenem Zeitraum. Es waren die Jahre, in denen die Persönlichkeit sich
am reichsten und freiesten entfaltete, in denen die Schöpfung den
Ausdruck der Persönlichkeit und der Eigenart des Schöpfers annahm, in
denen sie die bestimmenden Formen ihres Charakters, ihrer äußeren und
inneren Gestalt, kurz ihres Entwickelungsgesetzes fand. Der Besitz
der A. E. G. ist in späteren Perioden vielleicht noch stärker gemehrt
worden, die Expansion noch vielgestaltiger fortgeschritten. Das
geschah aber dann zum Teil infolge der automatisch nach Erweiterung
drängenden Schwerkraft des kernhaft gewordenen Unternehmens, nicht
mehr so sehr durch höchstpersönliche Leistung am werdenden Werk. Die
Entwickelung +nach 1902+ hätte man sich zur Not auch ohne Emil
Rathenau vorstellen können, die +vor 1900+ aber keinesfalls. Alle
Keime begannen in dieser schöpferischen Periode bereits aufzugehen,
alle Möglichkeiten traten bereits in den Kreis des Unternehmens,
alle Fundamente wurden gefestigt und alle Grenzen fingen an, sich
abzuzeichnen. Die Ideen traten hervor, ohne sich allerdings bereits
ganz zu erfüllen, oder gar zu erschöpfen. Aber das Werk ließ
bereits die Umrisse erkennen, das Wesenhafte an Rathenaus Art und
Leistung hatte sich ausgeprägt. Seine Art der Industriepolitik,
der Unternehmerpolitik, der Finanzpolitik und der Sozialpolitik
ist grundsätzlich hier bereits festgelegt. Was dann noch kam, war
gewiß keineswegs bloße Wiederholung oder nur Anwendung und Ausbau im
Quantitativen, keineswegs nur das Abrollen und Anschwellen einer im
Lauf befindlichen Lawine, aber es war doch das Fortschreiten auf dem
bereits gebahnten und gerichteten Wege. Die Verfeinerungsarbeit, die
nun folgte, die eine naturgemäß im Expansionsgange liegende Häufung
der Mengen und Mittel vor einer Ausartung ins Nichts-als-Kolossale
bewahren, und darum einer ganz besonders eindringlichen inneren
Verarbeitung unterziehen mußte, warf tagtäglich neue Probleme auf,
erforderte ständig eine Verjüngung und Erneuerung der Methoden. Sie
stellte an die Individualität immer frische geistige Anforderungen,
damit die Gefahr der Schematisierung und Mechanisierung vermieden
wurde, die eine unbeherrscht so stark anschwellende Masse schließlich
starr und unproduktiv gemacht hätte. Eine Organisation, die nur
vergrößert, nicht stets kontrolliert und erneuert wird, muß schließlich
zur Bürokratie werden und leidet unter ihrem eigenen Gewicht. Dies im
zunehmenden Tagesdrang der kleinen und großen Geschäfte vermieden,
daneben jedoch neuen Problemen frisches Augenmaß gegeben zu haben,
bleibt die geistige Leistung der nachfolgenden Schaffensperiode
Rathenaus.

Das große Bild jener Grundlegung in den Entwickelungsjahren bis
1900 durfte nicht durch zu starkes Betonen der Retardations- und
Rückschlagsmomente, der Nebenwirkungen, Auswüchse, der richtigen
und falschen Nachahmungen beschwert und beunruhigt werden, wenn
es voll wirken sollte. An solchen Zügen hat es natürlich auch in
jenen Zeiten des Aufschwungs nicht gefehlt, weder innerhalb, noch
außerhalb des A. E. G.-Kreises. Auf sie ist gelegentlich auch bereits
hingewiesen worden, so besonders auf die langsame, kühle Verwirklichung
mancher heiß und kühn konzipierten technischen und wirtschaftlichen
Erkenntnisse, auf den Überschwang mancher Projekte und die falsche
Abschätzung mancher Dimensionen, schließlich auch auf die falsche,
mißverstandene Anwendung mancher Methoden durch dritte. Wir haben
gesehen, daß in der vergangenen Epoche die Führung und Tonangabe,
wenn auch nicht in der elektrischen Industrie, so doch in ihrer
Fortentwickelungstendenz von der Firma Siemens & Halske auf die A.
E. G. übergegangen war. Ihre Schwungkraft, ihr Expansionswille und
die Art seiner Betätigung gaben der ganzen Industrie die bestimmende
Note. Auf ihrem Fluge war sie bald von einem ganzen Schwarm von
Mitläufern umringt, die ihr Tempo mitzuhalten, wenn gar noch zu
übertreffen versuchten. Überspannung, heftiger Konkurrenzkampf,
der noch durch die Energie und Eifersucht, mit der sich die früher
allein herrschende Firma Siemens & Halske aus ihrem bereits etwas
satt gewordenen Entwickelungstemperament heraus zur Wehr setzte,
gesteigert und vertieft wurde, gaben schon in den letzten Jahren des
zu Ende gehenden neunzehnten Jahrhunderts den Verhältnissen in der
Elektrizitätsindustrie immer stärker das Gepräge. Überproduktion
und Preisrückgänge waren die Folgen. Sie traten umso schärfer in
Erscheinung, als die großen Anregungen der Elektrizitätsbewegung, die
von der Konstruktion der Dynamomaschine, der Erfindung des Bogen-
und Glühlichts ihren Ausgang genommen und ihre Kraft zwei Jahrzehnte
hindurch in ständig anschwellendem Strom betätigt hatten, ihren
Höhepunkt überschritten zu haben und in die Periode des Auslaufs zu
kommen schienen, ohne daß zunächst neue motorische Kräfte an ihre
Stelle traten. Die Krise kündigte sich durch mehr als ein Zeichen
an, und es kam jetzt darauf an, ob alle Unternehmungen der Industrie
ebenso wie die A. E. G. trotz des Sturmschritts des letzten Jahrzehnts
ausreichende Sicherheitsventile gegen die Wucht plötzlichen Überdrucks,
innere Kraftausgleichsquellen gegen Rückschläge geschaffen hatten.

Von Emil Rathenau war mit der Wahrscheinlichkeit, ja Notwendigkeit
eines Rückschlages immer gerechnet worden. Trotz allem Optimismus für
die große Zukunft und die unverwüstliche Lebenskraft der elektrischen
Idee überließ sich seine praktische Arbeit nie unbeherrscht diesem
felsenfesten Vertrauen in den Enderfolg, sondern sie wurde auf Schritt
und Tritt von dem latenten Pessimismus überwacht, der die Durchführung
dieser Idee gegen alle nur denkbare Zufälle und Mißhelligkeiten nicht
genug versichern konnte. „Ich traue auf meinen Stern, also brauche
ich mich nicht vorzusehen,“ diese beliebte Devise der Optimisten war
Rathenau ganz und gar fremd. Bereits in den letzten Jahren des zu
Ende gehenden Jahrhunderts hat Rathenau die Krisis nahen gefühlt,
während die Konkurrenz sich noch mit ungeminderter Leidenschaft dem
Gründungstaumel hingab. Ganz besonders auf dem scharf umstrittenen
Gebiete des elektrischen Straßenbahnbaus legte sich die A. E. G.
sichtbare Zurückhaltung auf. Dem Handelsredakteur eines großen
süddeutschen Blattes vertraute Emil Rathenau bereits längere Zeit
vor Ausbruch der Krisis seine Befürchtungen an. „Flaumacherei,
Baissemanöver, Neid gegenüber der ihn überflügelnden Konkurrenz“ wurden
Rathenau damals von anderen Elektrizitätsfachleuten in der Presse
vorgeworfen, als seine Äußerungen an die Öffentlichkeit gelangten.
In den offiziellen Kundgebungen der A. E. G. wird zum ersten Male im
Geschäftsbericht für das Jahr 1898/99 das Nahen der Krisis angedeutet,
nachdem bereits in der oben wiedergegebenen Generalversammlungsrede
im Jahre 1898 gelegentlich des Erwerbes der Elektrobank-Aktien auf
die ungesunden Gründungen in der Elektrizitätsindustrie, und auf die
Wahrscheinlichkeit eines früher oder später eintretenden Rückschlags
hingewiesen worden war. Die Gesellschaft spricht im Jahre 1898/99
von eventuell bevorstehenden schlechteren Zeiten und einer für die
Elektrizitätsindustrie drohenden Überproduktion. Im Bericht für das
Jahr 1899/1900 wird schon ein deutlicheres Warnungssignal gegeben.
Nachdem konstatiert worden ist, daß die Geschäftslage noch günstig
sei, daß die Summe der auf das laufende Jahr übertragenen Aufträge
den Umsatz des abgelaufenen Jahres wesentlich übersteige und die
Gesellschaft auch im neuen Jahre mit lohnenden Arbeiten bisher
reichlich versehen worden sei, heißt es: „Ungeachtet dessen mahnt
die schwindende Zuversicht in den Fortbestand der industriellen
Hochkonjunktur zu verstärkter Vorsicht bei Aufnahme neuer Geschäfte,
die zu ihrer Entwickelung erfahrungsgemäß einer Reihe von Jahren
bedürfen.“ -- Weiter unten wird aber schon die tröstliche Versicherung
gegeben: „Gegen die Nachteile einer etwaigen Überproduktion im Lande
hoffen wir, durch die Einrichtungen unserer Fabriken und deren
Bewertung uns wirksam schützen zu können.“ In der Generalversammlung
vom 6. Dezember des Jahres 1900 unterstrich Rathenau diese Mitteilungen
noch, indem er ausführte, es könne niemand leugnen, daß die Konjunktur
ihren Höhepunkt überschritten habe. Vorläufig sei allerdings der
Rückgang noch mäßig. Als einer der Gründe für den Rückschlag wurde
angegeben, daß zu viele neue Unternehmungen gegründet seien. Am
frühesten zeigten sich Spuren der beginnenden Stauung denn auch
im +Unternehmergeschäft+. Der Geschäftsbericht der Bank für
elektrische Unternehmungen für das Jahr 1899/1900 geht diesen
Spuren nach und schildert sie folgendermaßen, zugleich zeigend, daß
die Trustorganisation für das Unternehmergeschäft nach Versagen des
Kapitalmarktes genau so funktioniere und wirke, wie das von Emil
Rathenau gedacht worden war:

    „Die nicht unerhebliche Steigerung der Preise fast sämtlicher,
    für die elektrische Industrie in Betracht fallender Rohprodukte
    und die daraus sich ergebende Preiserhöhung der Fabrikate, hat
    glücklicherweise den Umfang der geschäftlichen Tätigkeit der
    großen Elektrizitätsgesellschaften bisher nicht beeinträchtigt. Im
    Gegenteil wird von vielen Seiten während des ganzen Berichtsjahres
    eine erfreuliche Andauer der Beschäftigung und eine Steigerung
    der Umsätze gemeldet, welche häufig sogar den Gewinn-Ausfall
    auszugleichen vermocht hat, der dadurch entstand, daß die Preise
    der Fabrikate nicht im gleichen Verhältnis hinaufgesetzt werden
    konnten, wie die Preise der Rohstoffe und Hilfsmaterialien für die
    Konstruktion der elektrotechnischen Produkte sich steigerten.

    Diese Preissteigerung der Rohstoffe und Hilfsmaterialien hat sich
    aber, mehr noch als beim Bau, beim Betrieb der elektrotechnischen
    Maschinen und Anlagen fühlbar gemacht. Man denke nur an die sehr
    erhebliche Erhöhung der Selbstkosten des elektrischen Stromes, wie
    sie sich für diejenigen Zentralen, die auf Dampfkraft angewiesen
    sind, aus der Preissteigerung der Kohle um rund 50% ergeben mußten.
    Eine Reihe von diesen Anlagen ist dadurch in ihrer finanziellen
    Entwickelung im abgelaufenen Jahr gehemmt worden, und da
    infolgedessen den großen Elektrizitätsgesellschaften die definitive
    Abstoßung ihrer finanziellen Beteiligungen an von ihnen ins Leben
    gerufenen Unternehmungen nicht erleichtert worden ist, so hat
    sich in neuester Zeit eine gewisse Zurückhaltung in der Übernahme
    von Aufträgen, mit welchen finanzielle Leistungen seitens der
    Unternehmerfirmen verknüpft sind, geltend gemacht. Daß die großen
    Gesellschaften diesen Standpunkt, jedenfalls nicht zum Nachteil des
    eigentlichen legitimen Unternehmer- und Fabrikations-Geschäftes,
    einnehmen können, erleichtert und ermöglicht ihnen gerade der
    erfreuliche Umstand, daß sie bis jetzt auch ohnedies auf allen
    Gebieten vollauf und zu lohnenden Preisen beschäftigt zu sein
    scheinen.

    Unter solchen Umständen finden Banken, welche, wie die
    unsrige, sich speziell mit der Übernahme und Durchführung
    von Finanzgeschäften auf elektrotechnischem Gebiet abgeben,
    Gelegenheit genug, sich zu betätigen, und es hat der Umfang unserer
    Geschäftsverbindungen und die Anlage unserer Betriebsmittel in
    Beteiligungen aller Art bei elektrotechnischen Unternehmungen auch
    im abgelaufenen Jahr wieder zugenommen. Immerhin genügten hierfür
    die von uns schon früher beschafften Mittel, während wir von der
    Begebung weiterer Obligationen unserer Bank bei der im ganzen
    ungünstigen Disposition des Geldmarktes glaubten absehen zu sollen.“

Nichtsdestoweniger wird für das Jahr 1899/1900 bei der A. E. G. noch
die unverminderte Dividende von 15% ausgeschüttet. Das folgende Jahr
bringt einen Rückgang auf 12%, wobei allerdings zu berücksichtigen
ist, daß diesmal 13 Millionen Mark junge Aktien, die im Vorjahre
nur die Hälfte der Dividende erhielten, voll daran teilnehmen. So
wird noch immer eine Dividendensumme von 7,2 Millionen Mark gegen
8025000 Mark im Vorjahre herausgewirtschaftet. Der Niedergang kann
nun von niemandem mehr geleugnet werden. Die starken wohlfundierten
Unternehmungen halten den Stoß bewunderungswürdig gut aus, aber in
dem leichten Gebälk der schwächer gezimmerten Gesellschaften kracht
und knirscht es bereits. Der Geschäftsbericht des Jahres 1900/1901
setzt sofort mit Krisenstimmung ein. „Fast zwei Jahrzehnte lang hat
die elektrotechnische Industrie immer neue lohnende Aufgaben gefunden
und sich einer stetigen Entwickelung erfreut; die bekannten Vorgänge
in unserem Wirtschaftsleben mußten eine vorläufige Unterbrechung
dieser Bewegung mit Notwendigkeit herbeiführen. Auf die Anzeichen
drohender Überproduktion und ungesunder Übertreibung haben wir in den
letzten Jahren oftmals hingewiesen. Wie schmerzlich auch der scharfe
Rückgang in der Konjunktur empfunden wird und wie berechtigt die
Klagen über Schäden und Einbußen sind: der auf Vervollkommnung der
Arbeitsmethoden bedachte Fabrikant und Techniker wird zugeben, daß nur
normal beschäftigte Werkstätten Zeit und Muße zu Verbesserungen und
Verbilligungen finden, während die zwei- und dreifachen Schichten, wie
sie jahrelang zur Notwendigkeit geworden waren, Ausgestaltungen und
Neuerungen der Fabrikationsmethoden erschwerten.“ -- Von Resignation
oder Waffenstreckung also trotz der Enttäuschungen und Rückschläge
keine Spur. Auch hier der feste Wille, sich von Mißhelligkeiten nicht
unterkriegen zu lassen und sogar aus ihnen noch Vorteil für die Zukunft
zu ziehen. Zur Verzweiflung lag allerdings bei der A. E. G. auch
noch kein Anlaß vor: „Wir konnten annähernd den gleichen Umsatz wie
im Vorjahre abrechnen und waren in den meisten Abteilungen unseres
Geschäftsbetriebes und der Fabrikation befriedigend beschäftigt; neuen
Unternehmungen gegenüber legen wir uns aber große Beschränkungen auf.“
-- Auch die Aussichten werden nicht als direkt ungünstig geschildert,
wenigstens was die Arbeits+quantität+ anlangt: „Nach den ultimo
September gemachten Aufstellungen erreichen die fakturierten Umsätze
nahezu die der gleichen Periode des Vorjahres, ebenso die vorliegenden
Aufträge, soweit Bahnunternehmungen und Bestellungen für die Berliner
Elektrizitätswerke, deren Bautätigkeit einstweilen zum Abschluß gelangt
ist, nicht in Betracht kommen.“ Nun aber kommt der wunde Punkt:

    „Diese Ziffern wären unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen
    befriedigend, wenn die Akquisitionstätigkeit der Konkurrenz,
    welche ohne Rücksicht auf Herstellungskosten um jeden Auftrag
    kämpft, nicht zu andauerndem Rückgang der Preise führte. Da
    unter diesen Umständen ein Urteil über die zukünftige Gestaltung
    des wirtschaftlichen Lebens schwer zu gewinnen ist, müssen wir
    damit rechnen, daß ein Aufschwung gleich dem der letzten Jahre,
    dem die Elektrotechnik ihre Größe verdankt, sich nicht sogleich
    erneuern werde. Vielfach haben Unternehmungen, welche in der
    Hochflut der Konjunktur ohne innere Notwendigkeit entstanden
    und mit ungenügender Sachkenntnis geleitet waren, das Vertrauen
    in die Ergiebigkeit unserer Industrie erschüttert. Es wird die
    Aufgabe der auf solider Grundlage errichteten und mit Umsicht
    und Verständnis geleiteten Werke sein, dieses Vertrauen wieder
    herzustellen. Aber hierdurch allein wird die Schwierigkeit der
    Lage, die teilweise auf notorischer Überproduktion der Fabriken
    beruht, nicht beseitigt. Die mißlichen Verhältnisse werden
    schwinden, und die deutsche Elektrotechnik wird ihre Macht und
    Bedeutung, welche sie im Wettbewerbe der Nationen in Chicago und
    Paris gezeigt hat, erfolgreich auf dem Weltmarkt betätigen, wenn
    neue Handelsverträge, wie wir hoffen, unseren Waren die Märkte
    befreundeter Nationen offen halten, und wenn die kräftigeren
    Unternehmungen durch zweckmäßige Organisation und rationelle
    Arbeitsteilung die Versuchs-, Fabrikations- und Verkaufsspesen auf
    das geringste Maß herabmindern. Im eigenen Interesse, wie in dem
    der elektrotechnischen Industrie ist deshalb unser Bestreben darauf
    gerichtet, in dem angedeuteten Sinne zu wirken, und wir halten uns
    die Initiative hierfür zu ergreifen für berechtigt, weil die innere
    und äußere Lage unserer Gesellschaft die Vermutung ausschließen
    sollte, daß sie auf das Zustandekommen derartiger Projekte
    angewiesen ist.“

Noch weiter werden die hier angedeuteten Gesichtspunkte betreffend die
ruinöse Konkurrenz und das Mißtrauen des Kapitals, von dem gerade die
Elektrizitätsindustrie in den letzten Jahren außerordentlich verwöhnt
worden war, ausgesponnen und daneben noch andere negative Momente,
so die langsame Verwirklichung der von der Elektrizitätsindustrie
mit Ungeduld erwarteten Elektrisierung der Vollbahnstrecken, in dem
Geschäftsbericht der Elektrobank für das Jahr 1900/01 geschildert:

    „Die von kompetenten Fachleuten schon vor geraumer Zeit gemachte
    und geäußerte, anfänglich aber vielfach bestrittene Wahrnehmung,
    daß die Konjunktur in der elektrischen Industrie für einmal
    ihren Höhepunkt erreicht habe, hat durch den Geschäftsgang in
    dem Zeitraum, über welchen wir Bericht und Rechnung zu erstatten
    haben, eine Bestätigung gefunden, welche an der Richtigkeit
    dieser Tatsache heute wohl niemanden mehr zweifeln läßt. Zwar
    sind wenigstens die größeren Etablissements der elektrischen
    Industrie noch immer befriedigend beschäftigt. Aber der Bau
    neuer elektrischer Anlagen, sowohl für Beleuchtung, als für
    Straßenbahnen und für Kraftübertragung, hat doch insofern eine
    fühlbare Einschränkung erfahren, als es den Unternehmerfirmen nicht
    mehr so leicht gemacht ist, durch gleichzeitige Finanzierung der
    zu erstellenden Werke sich vorteilhafte Bestellungen zu sichern:
    Das Kapital drängt sich zu Anlagen in elektrischen Werten nicht
    mehr so heran, wie vor einigen Jahren. Das hat zur Folge, daß die
    Konstruktionsfirmen diejenigen Aufträge bevorzugen, welche für
    sie keine finanziellen Leistungen involvieren, selbst wenn die
    dabei zu erzielenden Preise weniger günstig sind. Daneben kommt
    das eigentliche Fabrikationsgeschäft, welches sich die Erzeugung
    der vielfältigen Verbrauchsgegenstände für die bereits bestehenden
    Anlagen zur Aufgabe stellt, immer mehr zur Geltung. Die Zeit muß
    lehren, ob alle die großen Konstruktionsunternehmungen, welche die
    elektrische Industrie namentlich in Deutschland und der Schweiz
    zu so hoher Blüte gebracht haben, auch auf dieser reduzierten
    Basis genügende und lohnende Beschäftigung finden, namentlich
    wenn neben der gegenseitigen inländischen auch die ausländische,
    speziell amerikanische Konkurrenz in der Folge sich noch intensiver
    geltend machen sollte. Jedenfalls ist die heutige Situation ein
    Ansporn, allen Bestrebungen, welche neue Arten der Verwendung der
    elektrischen Energie zu finden bezwecken, die größte Aufmerksamkeit
    zu widmen. Angesichts der unbestrittenen Höhe, welche die
    Leistungsfähigkeit unserer elektrischen Industrie, wissenschaftlich
    und praktisch, erreicht hat, darf man zuversichtlich hoffen, daß
    es ihr gelingen wird, die Aufgabe zu lösen, der Elektrizität
    Anwendung auf immer weiteren Gebieten zu sichern und sich damit
    die Möglichkeit ausreichender Tätigkeit auch in Zukunft zu wahren.
    So dürfte eine neue, der frühern nahekommende Blütezeit für die
    elektrische Industrie namentlich dann zu erwarten sein, wenn
    es gelingen sollte, das Problem eines rationellen elektrischen
    Vollbahn-Betriebes endgültig zu lösen, ein Problem, welches
    namentlich für kohlenarme, aber wasserkraftreiche Länder, wie die
    Schweiz, von sehr großer Bedeutung ist und bleiben wird.

    Für unsere Bank ist der eingetretene Unterbruch in der mehrjährigen
    glänzenden Entwicklung der Elektrizitätsbranche bis jetzt nur
    insofern von Einfluß gewesen, als auch wir uns mehr mit unseren
    bisherigen Geschäften und deren weiteren Forderung, als mit neuen
    Unternehmungen abgegeben haben.“

Das Jahr 1901/1902 bringt noch eine Vertiefung der Krisis. Die
Dividende der A. E. G. sinkt bis auf 8% und neben der Kritik
der äußeren Dinge wird auch die Selbstkritik schärfer, wird die
Notwendigkeit anerkannt, aus den begangenen Fehlern und Irrtümern zu
lernen, aber doch zugleich eingestanden, daß ein Ende des Niederganges
noch nicht abzusehen und eine volle Erkenntnis der Heilmittel noch
nicht möglich ist. Lassen wir wieder den Geschäftsbericht in Rathenaus
diesmal besonders scharf geprägten Worten sprechen:

    „Wie der wirtschaftliche Aufschwung des letzten Jahrzehntes sich um
    die aufblühende elektrotechnische Industrie konzentrierte, so steht
    diese in der gegenwärtigen Periode im Mittelpunkte des allgemeinen
    Niederganges; ja es darf heute kaum mehr geleugnet werden, daß
    die elektrische Krisis eher eine der Ursachen als eine Folge der
    wirtschaftlichen Gesamterkrankung darstellt.

    Die Ursachen der Krisis waren übermäßige Investitionen bei
    Betriebsunternehmungen, die weder mit der Kapitalskraft des
    Landes noch mit den landesüblichen Ansprüchen an Verzinsung im
    Einklang standen, mangelhafte Prüfung und Überkapitalisation
    dieser Unternehmungen; ungerechtfertigte +Erweiterung der
    Fabrikationsstätten+ auf Grund der +Aufträge+, die aus +Lieferung
    für eigene Unternehmungen stammten+ und daher nur einmalige
    waren, Ausbreitung der Geschäfts- und Verkaufsorganisationen über
    dasjenige Maß hinaus, das durch die Basis der Fabrikation gegeben
    war.

    Die Bedeutung und Zukunft der Elektrotechnik als Faktor des
    modernen Lebens wird durch die Kalamität der Industrie nicht
    verringert; im Gegenteil ist zu erwarten, daß die durch Besorgnis
    gesteigerte Emsigkeit neue Gebiete und neue Anwendungen erschließen
    und die Kenntnis und Beherrschung der vorhandenen erweitern wird.
    Wenn auch diese Rückwirkung der elektrotechnischen Industrie zugute
    kommen wird, eine Gesundung wird schwerlich sofort erfolgen. Fürs
    erste handelt es sich darum, dem vorhandenen Zustand ins Auge zu
    sehen und das Mißverhältnis zwischen Produktionsfähigkeit und
    Konsum rückhaltlos zu konstatieren. Dies wird dem Kapitalisten
    heute leichter sein als vor einem Jahre, nachdem inzwischen
    vielfach Ergebnisse und Bewertungen in scharfen Kontrast zu
    mannigfachen hoffnungsvollen Erklärungen und Voraussagen getreten
    sind. Welche Mittel zu ergreifen sein werden, um unsere Industrie
    zu konsolidieren, haben wir wiederholt ausgesprochen. Ein engeres
    Zusammenschließen der großen Firmen wird sich kaum vermeiden
    lassen, wenn die Verkaufspreise der Erzeugnisse wieder auf ein
    der Fabrikation lohnendes Niveau gebracht werden sollen. Daß aber
    eine Beschleunigung des Zusammenschlusses leicht zu Übereilungen
    führen könnte, scheint uns durch die Tatsache erwiesen, daß noch
    im +Verlauf des letzten Jahres+ erhebliche +Verschiebungen in der
    relativen Bewertung der einzelnen Unternehmungen+ stattgefunden
    haben und anscheinend dauernd sich vollziehen. Schon aus diesem
    Grunde scheint uns ein klares Erfassen der Situation die
    nächstliegende Vorbedingung für spätere Sanierung.“

Noch pessimistischer klingt’s im Geschäftsbericht der Elektrobank:

    „Der Rückschlag auf dem Gebiete der Elektrizitätsindustrie,
    der sich schon im Vorjahre als recht intensiv erwies, hat
    im Berichtsjahre leider weitere Fortschritte gemacht, und
    es ist noch nicht abzusehen, wann die rückläufige Bewegung
    einem wiederkehrenden Aufschwunge weichen wird. Speziell das
    Unternehmergeschäft, das für Institute, wie das unsrige,
    in erster Linie in Betracht fällt, hat an Umfang noch mehr
    eingebüßt. Zweifelsohne trägt daran die allgemeine Depression
    der wirtschaftlichen Lage in Europa, welche durch den ungewissen
    Ausgang der Verhandlungen über den Abschluß neuer Zoll- und
    Handelsverträge noch verstärkt wird, eine Hauptschuld. Daneben
    wirkt aber mit, daß die Anlagen auf dem Gebiete der elektrischen
    Zentralstationen und Straßenbahnen, soweit es sich wenigstens
    um hinsichtlich ihrer Ertragsfähigkeit gerechtfertigte Projekte
    handelt, in den hierfür einstweilen in Betracht fallenden Ländern
    zum guten Teil bereits ausgeführt sein dürften. Eine weitere
    Betätigung nach dieser Richtung wird sich also entweder auf
    entferntere, politisch und wirtschaftlich weniger entwickelte
    Länder erstrecken oder durch eine Verbilligung der Anlagekosten
    und des Betriebes die Vorteile der elektrischen Beleuchtung
    und Traktion auch solchen Gemeinwesen zugänglich zu machen
    suchen müssen, die man für derartige Einrichtungen bis anhin
    nicht als genügend lohnende Objekte betrachten konnte. Wohl hat
    sich die deutsche und schweizerische Elektrizitätsindustrie
    auch schon wiederholt an große ausländische Beleuchtungs- und
    Transport-Unternehmungen herangemacht, und wir selbst haben
    uns finanziell an solchen interessiert; die Frage bleibt aber
    noch offen, ob namentlich die daherige überseeische Tätigkeit
    überall eine mit den vermehrten Risiken aller Art im Einklang
    stehende Entlohnung dabei findet. Und was die Ausdehnung
    elektrischer Einrichtungen im Beleuchtungs- und Traktionswesen
    auf wirtschaftlich minder entwickelte Gemeinwesen anbetrifft, so
    scheint man auch da schon jetzt oft bis an die äußerste Grenze des
    Berechtigten gegangen zu sein.

    Solange die Elektrizitäts- und deren Hilfsgesellschaften über,
    wie es damals schien, unerschöpfliche Geldmittel verfügten,
    wurden die ihnen sich bietenden Unternehmungen häufig mit einem,
    den tatsächlichen Verhältnissen widersprechenden Optimismus
    eingeschätzt, und die an der Erteilung von Konzessionen
    interessierten Organe nahmen nicht selten zum eigenen Nachteil
    keinen Anstand, Bewerber nur deshalb zu bevorzugen, weil sie
    glänzende Zugeständnisse machten und hohe Erträge in Aussicht
    stellten. Nach dieser Richtung wird die jetzt zuweilen beklagte
    Zurückhaltung des Kapitals Wandel schaffen, indem es die
    Bedingungen des Zustandekommens und die Chancen neu zu schaffender
    Elektrizitätsunternehmungen sorgfältiger prüft als bisher.
    Andererseits werden aber auch die Kreise, welche die Hebung der
    Gemeinden und die Förderung des Verkehrs durch Einführung von
    elektrischem Licht und elektrischen Bahnen mit fremden Mitteln
    anstreben, im eigenen Interesse auf die zukünftige Prosperität
    dieser Schöpfungen bedacht sein und den privaten Unternehmungen
    durch Gewährung günstiger Bedingungen das mit Übernahme derselben
    verbundene Risiko erleichtern müssen.

    Unter den gegenwärtigen Verhältnissen liegt einstweilen nach
    wie vor das Schwergewicht der Tätigkeit der großen elektrischen
    Konstruktionsfirmen in der Fabrikation aller Einrichtungen für
    den täglichen, laufenden Gebrauch und Verbrauch der elektrischen
    Bedarfsgegenstände aller Art. Hier aber zeigt sich immer mehr, daß
    die vorhandenen Fabrikationseinrichtungen für die gegenwärtigen
    Bedürfnisse mehr als genügend sind. Daraus resultiert ein ungemein
    intensiver Wettbetrieb und ein Preisniveau für die Erzeugnisse,
    das kaum mehr den richtigen industriellen Nutzen läßt. Daß
    dabei diejenigen Gesellschaften, welche in den guten Zeiten auf
    möglichst hohe Rücklagen und Abschreibungen Bedacht genommen
    und vor allem für die höchste technische Vervollkommnung ihrer
    Fabrikationseinrichtungen Sorge getragen haben, im Konkurrenzkampf
    am günstigsten dastehen, ja vielleicht diesen allein zu überdauern
    vermögen, ist selbstverständlich. Vielleicht wird auch für
    unsere europäischen Elektrizitäts-Gesellschaften ein engerer
    Zusammenschluß nach amerikanischem Vorbild zur Notwendigkeit, bei
    dem die weniger günstig produzierenden Anlagen einstweilen zum
    Stillstand verurteilt werden könnten, bis die Verhältnisse sich
    wieder gebessert haben werden. Aber wenn auch verschiedene Gruppen
    ihre Interessen vereinigen, so wird eine durchgreifende Besserung
    erst allmählich und in dem Maße eintreten, wie die heutigen
    Anwendungsarten der elektrischen Industrie auf neue Gebiete sich
    erweitern. Wird auch in dieser Richtung unablässig gearbeitet,
    und dürfen wir auch in die Fähigkeit, Intelligenz und Energie der
    Vertreter unserer elektrischen Wissenschaft und Praxis für die
    Zukunft alles Zutrauen haben, so müssen wir doch zugestehen, daß
    speziell im abgelaufenen Jahr neue, epochemachende Erfindungen auf
    elektrischem Gebiete nicht gemacht, auch längst anhängige wichtige
    Probleme, wie insbesondere der elektrische Vollbahnbetrieb, sehr
    weit nicht gefördert worden sind.“

Doch gerade hier werden die Interessenten nicht ohne Hoffnungsschimmer
entlassen:

    „So düster das vorstehend entworfene Bild sein mag, so fehlen
    doch auch gewisse Lichtblicke nicht, die leicht eine Wendung zum
    Besseren einleiten könnten: Die starke Verbilligung vieler für die
    Elektrotechnik wichtiger Rohmaterialien, insbesondere von Kupfer
    und Eisen, hat bereits mit zur Herabsetzung der Preise elektrischer
    Maschinen, Kabel usw. beigetragen und wird die Erstellung
    neuer elektrischer Einrichtungen, sowie die Ausdehnung des
    Anwendungsgebietes der elektrischen Energie zweifelsohne fördern.
    Auch die ganz außerordentliche Geldflüssigkeit, die sich seit
    längerer Zeit geltend macht, muß früher oder später das Kapital
    veranlassen, sich wieder eine höhere Verzinsung bei der Industrie
    zu suchen. Das kann auch der Elektrizitätsbranche zugute kommen.
    Wie bald, das ist freilich schwer vorauszusagen.“

Das Jahr 1902/03 bringt endlich den ersten Schritt zur Lösung und
Überwindung der Krise. Die Dividende der A. E. G. kann zwar noch nicht
wieder über 8% hinaus erhöht werden, aber bei der Elektrobank und der
Elektrizitäts-Lieferungsgesellschaft werden Steigerungen von 6 auf 6½
und 7 auf 7½% vorgenommen. Das Wesentlichste aber ist, daß das Mittel
nicht nur gefunden, sondern auch zum erstenmal in durchgreifender
Weise zur Anwendung gebracht wird, das den schlimmsten und am bösesten
verwucherten Keim der Krisis, die Überproduktion und den ruinösen
Konkurrenzkampf, zu ertöten geeignet ist. Dieses Mittel heißt
+Konzentration+. Bis dahin in der Elektrizitätsindustrie mit ihren
völlig dezentralisierenden, durch keinerlei Kontrollvereinbarungen
abgedämpften Absatzmethoden völlig unbekannt, ergriff der Gedanke der
Konzentration diese Industrie, geboren aus der Not des Zusammenbruches
und der Kraft des Kontrastes, nun stärker als jedes andere Gewerbe,
die Macht der Schwachen völlig erschütternd, die der Starken aus der
Erbschaft jener außerordentlich mehrend. Er hat die ganze Entwickelung
des folgenden Jahrzehntes beherrscht, aber auch diesen ganzen
Zeitraum gebraucht, um die Reste der früheren individualistischen
Entwicklungsära völlig aufzusaugen und zu verdauen. Bevor wir diesen
Weg weiterverfolgen, wird es notwendig sein, zu untersuchen, wie sich
die Situation der +gesamten Industrie+ in dem Hexenkessel der Krisis
gestaltet und verändert hat. Was wir bisher von ihr gesehen haben, war
aus dem Spiegel der A. E. G. zurückgeworfen und gab -- abgesehen von
subjektiv gefärbten, übrigens immerhin zurückhaltenden Darstellungen
der Lage des Allgemeingewerbes -- nur die Wirkungen auf das A. E.
G.-Unternehmen selbst wieder. Dieses Bild muß durch die Schicksale der
anderen in der Industrie tätigen Unternehmungen, ihre Ursachen und ihre
Folgen, ergänzt werden. Erst dann wird das Verständnis der Krise und
das Verständnis ihrer Überwindung ganz erschlossen werden können.

Wie wirkte nun der Niedergang auf die übrigen Unternehmungen der
Elektrizitätsindustrie? -- Wenden wir uns zunächst zu der Firma
+Siemens & Halske+, die erst im Jahre 1897 -- nach dem Tode Werner
Siemens -- in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war. Das
Kapital dieser Gesellschaft hatte bei der Gründung 35 Millionen Mark
betragen, hatte also genau dieselbe Höhe wie das damalige Aktienkapital
der A. E. G., auf das allerdings zu jener Zeit nur 32586000 Mark
eingezahlt waren. In den Jahren 1898 und 1899 trug die Gesellschaft
dem stürmischen Expansionstempo in der Elektrizitätsindustrie durch
Erhöhungen von je 5 Millionen Mark Rechnung, und im April 1900, also
in einer Zeit, in der der kluge und vorsichtige Emil Rathenau bereits
warnend von der schwindenden Zuversicht in die Konjunktur sprach und
sich wohlweislich hütete, den Kapitalmarkt noch in Anspruch zu nehmen
(nachdem er sich allerdings vorher zu geeigneter Zeit reichlich mit
Mitteln versehen hatte), erfolgte bei Siemens & Halske noch eine
dritte größere Kapitalvermehrung um 9500000 Mark. Die Aktien wurden
allerdings nur teilweise -- in Höhe von 4,5 Millionen Mark -- auf dem
Kapitalmarkt untergebracht, 5 Millionen Mark übernahm die Familie
Siemens, die der Aktiengesellschaft dafür Aktien der Siemens Brothers
& Co. in London und der russischen elektrotechnischen Werke Siemens &
Halske überließ. Damit war das Kapitalbedürfnis der Siemens & Halske
Akt.-Ges. in jener Zeit der Hochspannung aber noch keineswegs gedeckt.
Im Jahre 1898 wurde eine Obligationenanleihe von 20 Millionen Mark, im
Jahre 1900 eine weitere von 10 Millionen Mark aufgenommen. Auch auf dem
Gebiete des Obligationenkredits hatte Emil Rathenau seine Bedürfnisse
in jener vor-kritischen Periode niedriger zu halten verstanden und
im Jahre 1900 eine Anleihe von 15 Millionen Mark, also nur die Hälfte
der von Siemens & Halske beanspruchten Obligationen-Mittel ausgegeben.
-- Die Folge der von Siemens & Halske gerade in der kritischen Zeit
auf sich genommenen neuen Zinslasten war, daß dieses alte, historisch
und technisch viel tiefer als die A. E. G. verwurzelte Unternehmen
dennoch von der Krisis schärfer angefaßt wurde als die jüngere
Konkurrenzgesellschaft. Die Aktiengesellschaft Siemens & Halske,
die in den ersten beiden Jahren ihres Bestehens Dividenden von 10%
ausgeschüttet hatte, mußte im Jahre 1900/01 auf 6%, im Jahre 1901/02
sogar auf 4% heruntergehen, zum Teil auch deswegen, weil sie das
Unternehmer- und Beteiligungsgeschäft, das bei der A. E. G. schon durch
jahrelangen Ausbau gefestigt worden war, erst in den letzten Jahren
vor der Krisis eingerichtet, und infolgedessen noch nicht hinlänglich
geschützt hatte.

Immerhin hielt sich die Siemens & Halske Akt.-Ges. naturgemäß doch ganz
anders als die übrigen Elektrizitätsunternehmungen, die der zweiten
und dritten Kategorie angehörten. Sie blieb nicht nur lebenskräftig
und unerschüttert, sondern auch aufnahmefähig zur Übernahme
schwachgewordener Elemente der Elektrizitätsindustrie und konnte,
gestützt auf ihren unverwüstlichen Fundus, trotz einer nicht gerade
elastischen, sondern eine freie Bewegung erschwerenden Organisation
an der gewaltigen Konzentrationsbewegung, die nach Überwindung
der Krisis einsetzte, mit erstaunlicher Aktivität teilnehmen. Für
alle anderen Unternehmungen, -- mit Ausnahme der A. E. G. und der
Siemens & Halske-Akt.-Ges. -- waren die destruktiven Einwirkungen
der Krisis aber derart schwer, daß sie nicht nur von dem akuten
Rückschlag in ihren Grundfesten erschüttert wurden, sondern auch die
Reorganisationskraft für alle Dauer einbüßten. Bei ihnen wurden --
ob nun die volle Schwere der Krisis sogleich, oder erst später nach
außenhin hervortrat -- nicht nur die Bezirke an der Peripherie, sondern
der Lebensnerv von der Krisis getroffen. Zum offenen Zusammenbruch
kam es sofort bei der +Elektrizitätsgesellschaft vormals Schuckert in
Nürnberg+, bei der +Akt.-Ges. Elektrizitätswerk (vorm. O. L. Kummer)+
in +Dresden+ und bei der +Helios-Akt.-Ges. für Elektrizität+ in
+Köln+. Die Schuckert-Gesellschaft in Nürnberg war -- wie wir schon
gesehen haben -- ein Unternehmen, das eine ausgezeichnete technische
Leistungsfähigkeit und einen vorzüglichen Ruf in der Fachwelt besaß
und sich diese auch trotz aller späteren Fehlschläge und Mißerfolge,
die sie auf organisatorisch-finanziellem Gebiet erlitt, bewahren
konnte. Ihre Anfänge und die Persönlichkeit ihres grundtüchtigen
Gründers haben wir bereits an früherer Stelle geschildert, und
späterhin auch gesehen, wie sich die Firma in den achtziger und am
Anfang der neunziger Jahre die vertragliche Gebundenheit der A. E.
G. und der Siemens & Halske-Ges. im Zentralenbau derart zunutze zu
machen verstand, daß sie zeitweilig mehr Elektrizitätswerke bauen
konnte, als die beiden Berliner Unternehmungen zusammen. Ihre
Dynamomaschinen besaßen vorzügliche technische Eigenschaften, auf dem
Gebiete der kombinierten Bogen- und Glühlichtbeleuchtung gelangen
ihr treffliche Konstruktionen. Bereits in den Jahren 1883-1886 baute
die Gesellschaft elektrische Straßenbahnen (zwischen Schwabing bei
München und Ungarbad) und Industriebahnen (bei Rosenheim). 1887, also
wenige Jahre nach der Errichtung der Berliner Elektrizitätswerke,
wurde in Lübeck die erste Elektrizitätszentrale von Schuckert gebaut,
seine Scheinwerferkonstruktionen (mit parabolischen Spiegeln) wurden
zeitweilig in der deutschen Marine ausschließlich verwendet. Kurzum
eine Zeitlang hatte es den Anschein, als ob die Gesellschaft sich als
drittes großes Gestirn neben der A. E. G. und Siemens & Halske am
Elektrizitätshimmel dauernd behaupten würde. Der gesellschaftliche
Entwickelungsgang des Unternehmens führte im Jahre 1888 zur Bildung
einer Kommanditgesellschaft mit einem Kapital von 2 Millionen Mark,
an der neben Johann Siegismund Schuckert auch Hugo Ritter von Maffei
von der Maschinenfabrik Maffei in München, die Maschinenfabrik
Augsburg-Nürnberg und der A. Schaaffhausensche Bankverein beteiligt
waren. In demselben Jahre wurde die Elektrotechnische Fabrik
Spieker & Co. in Köln aufgenommen. Im Jahre 1893, also in demselben
Jahre, in dem sich die A. E. G. endgültig von Siemens & Halske frei
machte, erfolgte die Umwandlung des Schuckert-Unternehmens in eine
Aktiengesellschaft, an der auch die Firma Felten & Guilleaume, die
in Mülheim am Rhein ein Kabelwerk betrieb, Anteil nahm. Das Kapital
betrug 12 Mill. M., es wurde im Jahre 1896 bereits auf 18 Mill.
M., im Jahre 1897 weiter auf 22,5 Mill. M. erhöht, wobei ein Teil
der jungen Aktien zu dem hohen Kurse von 265% an die Firma Gebr.
Naglo als Kaufpreis für deren Fabrikunternehmen gegeben wurde; im
Jahre 1898 stieg das Kapital weiter auf 28 Millionen Mark und im
Jahre 1899 auf 42 Millionen Mark, bei welcher Gelegenheit das noch
im Umlauf befindliche Kapital der +Continentalen Gesellschaft für
elektrische Unternehmungen+, der Trust- und Beteiligungsgesellschaft
des Schuckert-Konzerns, erworben wurde. Anleihen von 10, 10 und 15
Millionen Mark wurden in den Jahren 1898, 1899 und 1901 aufgenommen
und standen in schlechtem Verhältnis zu der Höhe des Aktienkapitals.
Die bald nach der Aktiengründung einsetzende Periode der schnellen
Expansion hatte der ruhige und solide, allen phantastischen Plänen
abholde Joh. Siegismund Schuckert, der, solange er lebte, die
technische Seele und das Gewissen des Unternehmens gewesen war, nicht
mehr miterlebt. An seine Stelle trat Alexander Wacker, der zuerst die
Generalvertretung der Firma Schuckert für Mittel- und Norddeutschland
innegehabt, dann mit der zunehmenden Ausdehnung des Geschäfts die
kaufmännische Leitung in Nürnberg übernommen hatte. Alexander Wacker
schloß sich der Hochkonjunktur in der Elektrizitätsindustrie mit vollen
Segeln an. Er nahm das Unternehmergeschäft nach Rathenauschem System
auf und betrieb die fabrikatorische Expansion in großem Stile. Die
Dividenden der Gesellschaft steigerten sich schnell von 9 auf 15%,
bei den Kapitaltransaktionen wurde das sich aus den hohen Dividenden
ergebende Agio des Aktienkurses bis zur letzten Neige ausgenutzt, ohne
daß dabei aber auf die innere Stärkung des Unternehmens Rücksicht
genommen worden wäre. Die hohen offenen Agio-Reserven vermochten das
Unternehmen nicht vor dem Niederbruch zu bewahren. Für das Jahr 1900/01
war im Geschäftsbericht noch eine Dividende von 10% vorgeschlagen.
Weil aber als Folge des Krachs der Leipziger Bank 4,2 Millionen Mark
für den Erwerb von Aktien der Bosnischen Elektrizitätswerke seitens
der Gesellschaft sofort zu zahlen waren, die nach den ursprünglichen
Abmachungen erst in 2 Jahren hätten fällig sein sollen, wurde die
Dividendenzahlung von der Generalversammlung sistiert. 714602 Mark
Unkosten und Disagio aus der Begebung der letzten noch im Krisisjahre
1901 aufgenommenen Anleihe von 15 Millionen Mark belasteten überdies
den Abschluß, die Erträgnislosigkeit der Continentalen Gesellschaft
für elektrische Unternehmungen beeinträchtigte ihn weiterhin. Die
Vorgänge bei der Gesellschaft wurden im Bayerischen Abgeordnetenhause
einer abfälligen Kritik unterzogen, was die geschäftliche Entwickelung
natürlich keineswegs förderte. Im Jahre 1901/02 fiel der Umsatz von
72 auf 49 Millionen Mark und das Resultat dieses Jahres gipfelte nach
Aufzehrung des Gewinnvortrages von 5549689 Mark in einem Verlust von
nicht weniger als 15399317 Mark, durch den auch der Reservefonds in
Anspruch genommen wurde. Die Gesellschaft war in ihren Grundlagen
erschüttert und „fusionsreif“ geworden.

Ganz ähnlich entwickelten sich die Verhältnisse bei der
+Kummer-Gesellschaft+. Sie war als Aktiengesellschaft im
Jahre 1894 errichtet worden und aus der Firma O. L. Kummer, die
in den achtziger Jahren durch den Marineingenieur gleichen Namens
gegründet worden war, hervorgegangen. Auch hier eine stürmische
Kapitalssteigerung von 1,5 Millionen Mark auf 2,5 Millionen Mark im
Jahre 1896, auf 4,5 Millionen Mark im Jahre 1897, auf 7,5 Millionen
Mark im Jahre 1898, auf 10 Millionen Mark im Jahre 1899, hohe
Dividenden bis zu 10%, Ausnutzung des Aktienkurses zur Agiotage
und eine über den engen Rahmen des Unternehmens weit hinausgehende
Beteiligung am Unternehmergeschäft. Am 31. Dezember 1900 waren die
offenen Schulden einschließlich der Bankschulden infolge des in den
letzten Jahren schon verringerten Emissionskredites bis auf 9150239
Mark angewachsen, erreichten also fast die Höhe des Aktienkapitals.
Die von den Gesellschaftern beabsichtigte Geldbeschaffung zur
Finanzierung schwebender Projekte auf dem Gebiet des Bahnen- und
Zentralenwesens konnte nicht mehr durchgeführt werden, nachdem
die Begebung einer Obligationenanleihe von 2,5 Millionen Mark nur
teilweise geglückt war. Zuerst glaubte die Verwaltung mit einer
Sistierung der Dividendenzahlungen über die Krisis hinwegzukommen.
Der Geschäftsbericht für das Jahr 1900 berichtet sogar noch über
die Schaffung von Ingenieurbureaus in Hannover, Bielefeld, München,
Breslau und von mehreren in Japan und China errichteten Vertretungen.
Bald aber wurde es klar, daß die Verhältnisse des Unternehmens nicht
ohne Sanierung zu ordnen waren, doch auch dieser Ausweg war nach
kurzer Zeit nicht mehr gangbar. Die Situation verschlimmerte sich
rapide. Das Finanzinstitut, auf das sich die Gesellschaft seit ihrer
Gründung gestützt hatte, die Creditanstalt für Industrie und Handel,
geriet selbst in Schwierigkeiten, und es schwand die Möglichkeit, mit
seiner Hilfe die Sanierung durchzuführen. Anderweitig eingeleitete
Verhandlungen zerschlugen sich und am 15. Juni 1901 mußte wegen
Zahlungsunfähigkeit der +Konkurs+ über die Gesellschaft eröffnet
werden. Aus ihren Trümmern entstand späterhin auf gänzlich neuer
Grundlage die Sachsenwerk-Akt.-Ges., ein Elektrizitätsunternehmen, das
sich sehr langsam zu einer mäßigen Rentabilität entwickelte, bis ihm
die Kriegskonjunktur zu außerordentlich günstigen Verhältnissen verhalf.

Ein ähnliches Schicksal erlebte die +Helios
Elektrizitäts-Akt.-Ges.+ Ihr Ursprung geht zurück auf die im Jahre
1882 mit 200000 Mark Aktienkapital gegründete Kommanditgesellschaft
für elektrisches Licht und Telegraphenbau P. Berghausen in Köln. Im
Jahre 1884 wurde diese Firma mit einem Kapital von 1 Million Mark in
eine Aktiengesellschaft umgewandelt; 1886 erfolgte eine Erhöhung auf
2 Millionen Mark, 1890 eine zweite auf 3,1 Millionen Mark. Das Jahr
1894 führte zu einer Sanierung des Unternehmens durch Herabsetzung
des Kapitals auf 2056000 Mark, das Jahr 1895 bereits wieder zu
einer Erhöhung auf 3 Millionen Mark. Nunmehr geht es wie bei allen
übrigen Gesellschaften im stürmischen Tempo weiter. Das Jahr 1897
sieht sogar zwei Kapitalerhöhungen, um 1 und 4 Millionen Mark, das
Jahr 1898 eine Erhöhung um 2 Mill. M. und das Jahr 1899 schließlich
eine solche um 6 Millionen Mark, so daß das Kapital der Gesellschaft
beim Ausbruch der Krisis auf 16 Millionen Mark angewachsen war.
Daneben wurden in den Jahren 1896 und 1898 Obligationsanleihen von
1 und 3 Millionen Mark, im Jahre 1900 eine solche von 10 Millionen
Mark und im Jahre 1901 noch eine von 6 Millionen Mark aufgenommen.
Dividenden von 11 und 12% stützten das auf so schmaler Grundlage
hochgetürmte Kapitalgebäude eine Zeitlang. Die Gesellschaft war in ganz
besonders starkem Maße bestrebt, das Rathenausche Unternehmergeschäft
nachzuahmen und sie schuf sich zu seiner Unterstützung eine ganze
Reihe von Finanz- und Beteiligungsgesellschaften, so die Akt.-Ges. für
Elektrizitätsanlagen in Köln, die Bayerische Elektrizitäts-Ges. Helios,
die Elektrizitätsgesellschaft Felix Singer in Berlin, die Bank für
elektrische Industrie in Wien. Aber die Krisis warf alle diese Gebilde
über den Haufen. Die Betriebe und Tochterunternehmungen vermochten den
Anprall des Konjunkturrückschlages nicht auszuhalten, das Jahr 1900/01
schloß mit einer Unterbilanz von 4906417 Mark, die im folgenden Jahre
auf 8853094 Mark stieg. Eine im Jahre 1902 beschlossene Sanierung
konnte das Unternehmen nicht lebensfähig machen, das Jahr 1903/04 ergab
eine neue Unterbilanz von 5283953 Mark und die Gesellschaft mußte in
Liquidation treten, nachdem mit den Obligationären und Bankengläubigern
ein kompliziertes Abkommen zur Rettung der Masse getroffen worden war
und die großen Elektrizitätskonzerne eine Anzahl von Beteiligungen
übernommen hatten.


Nicht ganz so scharf wie die vorstehend geschilderten Unternehmungen
wurden einige andere von der Krisis gefaßt, wenigstens gelang
es ihnen, den offenen Zusammenbruch zu vermeiden. Die +Union
Elektrizitäts-Akt.-Ges.+ in Berlin, die im Jahre 1892 gegründet worden
war, verdankt ihre Existenz starken Kapital- und Industriekräften, die
allerdings damals noch bei weitem nicht die Bedeutung und Macht erlangt
hatten, die sie heute besitzen. An ihrer Gründung waren beteiligt die
Akt.-Ges. Ludw. Loewe & Co. in Berlin, die damals noch außer ihrer
Werkzeugmaschinenfabrik die später auf die Deutschen Waffen- und
Munitionsfabriken übergegangene Waffenfabrik Martinikenfelde besaß,
ferner die Dresdner Bank, die Firma Thyssen & Co. in Mülheim, deren
Industriemacht zu jener Zeit gleichfalls noch nicht so entwickelt war
wie jetzt, schließlich die Thomson Houston Electric Co. in Boston,
die im Jahre 1892 aus einer Fusion zwischen der Thomson Houston
Co. mit der -- uns schon aus den Rathenauschen, allerdings nur
vorübergehend geknüpften Beziehungen bekannt gewordenen -- General
Edison Electric Co. hervorgegangen war. Die beiden Hauptgründer, die
Firma Ludw. Löwe und die Thomson Houston Electric Co. hatten mit der
Errichtung der „Union“ ganz bestimmte Zwecke verfolgt und daher das
junge Unternehmen durch langfristige Verträge an sich gefesselt. Löwe
sicherte sich -- ähnlich wie dies in dem Vertrage zwischen Siemens
& Halske und der Deutschen Edison-Ges. der Fall gewesen war -- bei
der neuen Gesellschaft auf 25 Jahre ein Monopolrecht für den Bau und
die Lieferung aller von ihr benötigten elektrischen Maschinen, die
Firma Thomson Houston Electric Co. übertrug der Union ihre bekannten
und ausgezeichneten Straßenbahnbau-Patente, nach denen bis zum Jahre
1897 etwa 70% aller elektrischen Straßenbahnen in Amerika und 50%
aller europäischen Straßenbahnen gebaut waren. Dem Straßenbahnbau
widmete sich die junge Gesellschaft auch vornehmlich und auf diesem
Gebiete übertraf sie bald die anderen, auch die größten deutschen
Elektrizitätsgesellschaften in dem Umfang ihrer Tätigkeit. Ihr eigenes
Anfangskapital war nur klein, es betrug 1,5 Millionen Mark. Da ihre
Fabrikation nur gering war und der Straßenbahnbau, ihr Spezialfach,
sie hauptsächlich auf das Unternehmergeschäft hinwies, gliederte
sie sich schon im Jahre 1894 in der „Gesellschaft für elektrische
Unternehmungen“ ein Finanzunternehmen an, das mit dem Zehnfachen ihres
Kapitals, nämlich 15 Millionen Mark, arbeitete. Bald aber wurde auch
die Union E. G. von dem Expansionstaumel in der Elektrizitätsindustrie
erfaßt. Ihr Aktienkapital wurde im Jahre 1896 auf 3 Millionen Mark,
und bis zum Jahre 1900 in schnellen Sprüngen auf 24 Millionen Mark
gesteigert. Daneben wurden noch 10 Millionen Mark Obligationen
aufgenommen. Auch diese Gesellschaft vermochte es in der kurzen Zeit
ihrer Schnellentwickelung nicht zu einer soliden inneren Durchbildung
zu bringen. Ihre Dividenden von 12% gingen im Jahre 1899/1900 auf 10%,
im nächsten Jahre auf 6% und in 1901/02 auf 4% zurück. Immerhin schien
es, als ob diese Gesellschaft die Krisis besser überwinden würde als
manche anderen Unternehmungen der Industrie, ja sie benutzte sogar die
Zeit stillerer Beschäftigung, um die maschinellen Einrichtungen ihrer
Fabrik durch Einführung besonders trefflicher Werkzeugmaschinen und
vorteilhafte Anordnung und Anwendung „in einer Weise zu vervollkommnen,
wie sie ihresgleichen kaum finden.“ (Geschäftsbericht für 1900/01.)
Aber gerade die Kosten dieser inneren Umwälzung und die drückende Bürde
des schlechtrentierenden Effektenbesitzes, den die Gesellschaft im
Gegensatz zur A. E. G. nicht durch Vornahme innerer Abschreibungen auf
einen gefahrlos niedrigen Stand herabgeschrieben hatte, und der daher
in der Krisis immer weitere Kursabbuchungen verlangte, führte auch bei
dieser Gesellschaft einen Schwächezustand herbei. Dieser veranlaßte
sie, nachdem das Bilanzgleichgewicht bis in das Jahr 1901/02 künstlich
aufrecht erhalten worden war, in dem Anschluß an die A. E. G. Hilfe zu
suchen. Dem kritischen Prüferauge Emil Rathenaus hielt das notdürftig
gezimmerte Bilanzgerüst nicht stand, und bevor die endgültige Übernahme
der Union durch die A. E. G. erfolgte, mußte die Bilanz noch im
Juni 1903 in einer Zwischenaufstellung einer gründlichen Säuberung
unterzogen werden. Ein buchmäßiger Verlust von 2549933 Mark war das
äußere Zeichen dieser verspäteten Krisen-Reaktion.

Noch länger konnte die +Elektrizitätsgesellschaft vorm. Lahmeyer
in Frankfurt a. M.+ den vollen Umfang der Schäden verschleiern,
den ihr die Krisis verursacht hatte. Diese Gesellschaft führte ihren
Ursprung zurück auf die im Jahre 1896 als offene Handelsgesellschaft
gegründeten Deutschen Elektrizitätswerke Garbe, Lahmeyer & Co. Von
dieser bezw. von dem Ingenieur W. Lahmeyer wurde im Jahre 1890 mit
1,2 Millionen Mark Kapital die Kommanditgesellschaft W. Lahmeyer
gegründet, die hauptsächlich große Dynamos bauen sollte. Diese Firma
wieder errichtete im Jahre 1893 die „Elektrizitätsgesellschaft vorm.
W. Lahmeyer in Frankfurt a. M.“ mit einem Kapital von 500000 Mark
sowie die „Aktiengesellschaft für den Bau und Betrieb elektrischer
Anlagen“, die eine für die Fabrikation, die andere für die Ausführung
von Elektrizitätsanlagen. Später wurden beide Unternehmungen, da
sich der getrennte Betrieb organisatorisch nicht bewährte, wieder
miteinander fusioniert. Das Kapital der Gesellschaft, das im Jahre 1893
1,7 Millionen Mark betrug, wurde 1896 auf 3 Millionen Mark, 1897 auf
4 Millionen Mark, 1899 auf 6 Millionen Mark und 1900 auf 10 Millionen
Mark erhöht. Im Jahre 1901 wurde das Aktienkapital gelegentlich
der Angliederung der „Deutschen Gesellschaft für elektrische
Unternehmungen“, der Finanzgesellschaft des Lahmeyer-Konzerns, auf
rund 20 Millionen Mark erhöht, daneben wurden im Jahre 1898, 1901 und
1902 Anleihen von 2, 4 und 10 Millionen Mark aufgenommen. Bei dieser
Gesellschaft liegt also das Schwergewicht der Kapitalsvermehrung
schon direkt in der Krisenzeit. Die Gesellschaft zahlte auch ihre
Höchstdividende von 11% noch im Jahre 1899/1900, im Jahre 1900/01 ging
sie auf 10% herab, und erst die beiden folgenden Jahre brachten die
völlige Einstellung der Dividendenzahlungen. Das Jahr 1901/02 ergab
einen Verlust von 2493871 Mark, das Jahr 1902/03 einen solchen von
371698 Mark, wodurch der Reservefonds so gut wie vollständig aufgezehrt
wurde. Wenn es dieser Gesellschaft gelang, die Bilanzreinigung
länger als andere Unternehmungen hinauszuschieben, so war dies auf
den Umstand zurückzuführen, daß eine verhältnismäßig gute, aber auf
Kosten zu niedriger Konkurrenzpreise erreichte Beschäftigung und ein
relativ befriedigender Geldbestand die latente Schwäche zeitweilig
zu übertünchen gestatteten und die akute Gefahr hinausschoben.
Auf die Dauer war eine derartige Bilanzierung aber natürlich nicht
aufrechtzuerhalten. Auch die Verlustjahre 1901/02 und 1902/03 brachten
keine wirkliche Gesundung. Eine im Jahre 1905 vorgenommene Vereinigung
des Fabrikationsgeschäfts der Gesellschaft mit dem Kabelwerk Felten
& Guilleaume in Mülheim am Rhein, einem in sich durchaus kräftigen
und lebensfähigen Unternehmen, gestattete eine Aufrechterhaltung der
Scheingesundheit für ein paar weitere Jahre. Erst im Jahre 1910 ließ
sich die innere Schwäche der Gesellschaft nicht länger verbergen und
die Gesellschaft fiel als Fusionsobjekt der A. E. G. anheim.

Günstiger als diese Unternehmungen, die den großen führenden
Konzernen nach zur Universalität in der elektrischen Fabrikation
strebten und sich von Emil Rathenau auf das gefährliche Gebiet
der Unternehmergeschäfte locken ließen, überstanden die
guten elektrotechnischen Spezialfabriken die Krise der Jahre
1900-1903. Kabel- und Drahtwerke, Apparatefabriken, Dynamowerke,
Instrumentenfabriken, die ihre Spezialität sorgfältig ohne
Großmannssucht und ohne Übergriffe auf andere Gebiete ausbildeten,
konnten sich auch späterhin gegen die erdrückende und aufsaugende
Übermacht der großen Konzerne behaupten, der sich die „gemischten
Unternehmungen“ zweiten und dritten Ranges ohne Ausnahme nicht
gewachsen zeigten.

Es bleibt noch zu untersuchen, weswegen die +Krisis+ des Jahres
1900/01 die Elektrizitätsindustrie +stärker mitnahm als jede andere
gewerbliche Depression+ vorher und nachher, wenigstens soweit die
von uns vornehmlich behandelte Periode von der Gründung der A. E.
G. bis zur Gegenwart in Betracht kommt. Wohl stand der Anfang der
achtziger Jahre in der Elektrizitätsindustrie, namentlich in der
englischen, unter dem Zeichen einer Kabelkrisis, die durch die vielen
Gründungen von Telegraphen- und Kabelgesellschaften entstanden war.
Gerade aber die beginnende Epoche der Starkstromindustrie und die
Erfindung des elektrischen Bogen- und Glühlichts trugen dazu bei,
diese Krisis verhältnismäßig schnell zu überwinden. Indem man sich
in England unter dem Eindruck der Schäden und Verluste, die eine
übermäßige Gründungstätigkeit auf dem Gebiete der Schwachstromtechnik
dort verursacht hatte, vor ähnlichen Gefahren und Auswüchsen auf dem
Gebiete der Lichtelektrizität in Zukunft durch gesetzliche Hemmungen
und Kontrollen schützen zu müssen meinte, trug man dazu bei, das
Schwergewicht der Starkstromtechnik nach anderen Ländern zu verlegen,
von denen besonders Deutschland, dank der Voraussicht und der Energie
Emil Rathenaus, die Führung auf dem neuen Gebiete übernahm. Die kurze
Krisis von 1891/92 berührte natürlich auch die Elektrizitätsindustrie,
aber sie hinterließ keine tieferen Spuren. Die Entwickelungskräfte,
von denen die Industrie damals getrieben wurde, der Zentralenbau,
der Straßenbahnbau und die Anfänge der Kraftübertragung, waren
noch frisch, und zeigten bislang keine Spuren von Erschöpfung. Das
Unternehmergeschäft war noch nicht allzusehr umstritten, und überhaupt
die Konkurrenz in der Elektrizitätsindustrie noch verhältnismäßig
gering, die Expansionsfreiheit bei großen Unternehmungen wie bei
Siemens & Halske und der A. E. G. beschränkt und durch Verträge
gehindert. Diese Verhältnisse hatten sich in dem folgenden Jahrzehnt
gründlich verändert. Die großen Erfindungen und Entwickelungsprobleme
der achtziger Jahre hatten einen starken und zahlreichen Wettbewerb
auf den Plan gelockt, der sich fast ganz frei betätigen und
ausbreiten konnte, denn die Dynamomaschine und die Glühlampe, die
technischen Träger dieser Entwickelung, hatten sich durch Patente
nicht monopolisieren lassen. Dadurch wurden diese Erfindungen und die
ihnen innewohnenden industriellen Möglichkeiten sehr schnell aus- und
abgenützt, alle der Anwendung zugänglichen Objekte in kurzer Zeit
herausgesucht und bearbeitet und zwar unter Bedingungen, die mit dem
zunehmenden Wettbewerb sich für die Industrie verschlechterten. Die
Zeit von 1890 bis 1900 war eine Periode der schnellen, umfassenden
und gründlichen Durchführung, Verbesserung und Ausbildung früherer
Erfindungen, keine Periode neuer schöpferischer und befruchtender
Gedanken, eine Periode der Industrialisierung, keine der technischen
Grundlegung. Der Zentralenbau hatte noch nicht den großen Schritt zur
Überlandzentrale und erst recht noch nicht den größeren zu der Montan-
oder Wasserkraftzentrale mit weiterem Fernübertragungsradius getan. Der
Lichtelektrizität erstand in der scheinbar schon stark zurückgedrängten
+Gastechnik+ ein alter, aber verjüngter Wettbewerber wieder, der
mit Zähigkeit, Geschick und Glück dem elektrischen Eindringling die
Spitze zu bieten, ja ihn zurückzuschlagen suchte. Das Gasglühlicht,
die geniale Erfindung Auer v. Welsbachs, mit seinem großen technischen
und ökonomischen Fortschritt gegenüber der alten Gaslampe nahm
den Kampf gegen die stagnierende Technik der Kohlenfadenlampe auf.
In der Mitte der neunziger Jahre war es, als die damals gegründete
+Deutsche Gasglühlicht-Akt.-Ges.+ (+Auer-Gesellschaft+)
Dividenden von 100 und 130% ausschüttete und das märchenhafte Phantom
am deutschen Börsenhimmel wurde, bis die Krisis auch diesen Kometen
vorerst wieder verdunkelte. Jene Konstruktion hatte gleichfalls dem
Versuch, sie in die Fesseln des Patentes zu schlagen, gespottet. Die
Patentfreiheit hatte das Monopol der Auer-Gesellschaft zwar vernichtet,
die Konkurrenz des Gasglühlichts gegenüber dem elektrischen Glühlicht
aber wesentlich gesteigert. Später bedeutete das hängende Gasglühlicht
einen weiteren bedeutenden Fortschritt an Lichthelle, Lichtschönheit
und Gasersparnis. Selbst das an die elektrische Bogenlampe verlorene
Terrain suchte die Gaslampe durch neue gelungene Konstruktionen
wiederzuerobern. Demgegenüber gelang der Lichtelektrizität in dieser
Zeit kein ganz großer Wurf. Die elektrische Metallfadenlampe, mit der
Auer v. Welsbach seiner Deutschen Gasglühlicht-Ges. die durch die
Überproduktion im Gasglühlichtgebiete erschütterte Sonderstellung
wiederzugeben versuchte, war noch nicht auf dem Plan erschienen; die
Nernstlampe, so ingeniös ihre Idee auch war und so enormen Aufwand an
Kapital und Arbeit in der Konstruktion und Propaganda die A. E. G.
ihr auch widmete, blieb eine Sonderlichtquelle von schönem, reichem
und stromsparendem Licht. Sie bedeutete für gewisse Zwecke einen
beachtenswerten Fortschritt, es fehlte ihr aber doch das Zündende und
Einfache, das sie zu einem Massenbeleuchtungsartikel hätte machen
können. Der Optimismus Emil Rathenaus sollte sich diesmal nicht ganz
als gerechtfertigt erweisen. „Wiederum stehen wir,“ so hatte Rathenau
in der Generalversammlung der A. E. G. vom November 1899 prophezeit,
„wie damals in Paris an der Wiege einer neuen Beleuchtungsart.“
Gerade aber das, was Rathenau von der Erfindung der elektrolytischen
Beleuchtungskörper erwartet hatte, daß „das elektrische Licht mit
ihr nicht länger seinen Triumphzug auf Paläste und vornehme Häuser
beschränken würde, sondern vielmehr in die Hütten und Werkstätten
Minderbemittelter eindringen und den Wettbewerb mit untergeordneten
Beleuchtungsmitteln auch ökonomisch bestehen würde,“ hat sich mit
der Nernstlampe noch nicht erfüllt. Diese Aufgabe wurde erst mit der
Metallfadenlampe gelöst. -- Auch auf dem Gebiet der elektrischen
Bahnen schien ein Stillstand einzutreten. Im +Strassenbahnbau+
mußte sich der Kreis der +möglichen+ Aufträge mit ihrer Erledigung
allmählich erschöpfen, und je stürmischer die Elektrifizierung der
Straßenbahnen in der vorangegangenen Periode vor sich gegangen war,
desto stärker war der Abfall in der Beschäftigung, nachdem der größte
Teil der lokalen Pferdebahnen in den elektrischen Betrieb überführt
war. Dieser Geschäftszweig schrumpfte zusammen und stellte bald kein
ergiebiges Tätigkeitsfeld mehr für eine so umfangreich gewordene
Industrie wie die elektrische dar. Was jetzt noch an Aufträgen
einging, setzte sich aus der Nachlese der Straßenbahnbau-Tätigkeit
und dem im Verhältnis zu den großen Fabrikationsanlagen der Werke
geringen Reparatur- und Ergänzungsgeschäft zusammen. Der Bau von
+Untergrundbahnen+ wollte noch nicht so recht vorwärts schreiten,
und die Unternehmung im Reiche hielt es für richtig, fürs erste einmal
die Erfahrungen abzuwarten, die man mit der Elektrischen Hoch- und
Untergrundbahn in Berlin machen würde. Vollends die +Elektrifizierung
der Vollbahnen+, die von den Elektrizitätsfachleuten, voran Emil
Rathenau, als das große, ertragreiche Zukunftsgebiet bezeichnet wurde,
stieß auf schwer zu überwindende Hemmungen. Die Staatsbahnverwaltungen,
die über die ökonomische Frage, und die militärischen Behörden,
die über die Betriebssicherheit im Kriege recht skeptisch dachten,
standen den großen, stürmisch geäußerten Plänen der Industrie sehr
zurückhaltend gegenüber, und waren nur für eine langsame, vorbereitende
Versuchsarbeit auf kurzen Strecken zu gewinnen. Alles, was in dieser
Epoche auf elektrischem Gebiet geleistet wurde, war somit -- oft sehr
wertvolle und verdienstliche -- Kleinarbeit, bot aber keine großen,
in die Zukunft weisenden, die Phantasie und das Kapital anregenden
Ausblicke. Der bisher stürmisch dahinsausende Wagen der Entwickelung
verlangsamte seinen Lauf, es traten Reibungen und Hemmungen auf und der
Schwung drohte verloren zu gehen.

Als letztes, die Krisis auslösendes und verschärfendes Moment traten
die +Auswüchse des Unternehmergeschäfts+ hinzu, das von einer
Rathenauschen Spezialität zu einer allgemeinen Übung der Industrie
geworden war, ohne aber in dieser allgemeinen Anwendung die Solidität,
Sicherheit und Rückendeckung zu besitzen, die ihr der Erfinder und
Meister für seinen Sonderfall gegeben hatte. Eine Zeitlang hatte
dieses Unternehmergeschäft der Industrie verstärktes Leben einhauchen
können, gerade diese künstliche Belebung des Pulsschlages mußte aber
umso früher zu einer Erschöpfung und Erschlaffung führen. Die Fabriken
waren, wie die A. E. G. es in ihrem Geschäftsbericht ausgedrückt hatte,
auf Grund von Aufträgen, die aus Lieferungen für eigene Unternehmungen
stammten, und darum nur einmalige waren, ungerechtfertigt erweitert
worden. Von dieser falschen Einschätzung des Verhältnisses zwischen
Unternehmer- und Fabrikationsgeschäft hatte sich sogar die A. E. G.
nicht ganz freihalten können; die meisten übrigen Gesellschaften der
elektrotechnischen Industrie hatten ihre ganze Schwerkraft darauf
eingestellt.

Rathenaus System war zwar in seinen Äußerlichkeiten nachgeahmt, aber
nicht in seinem organischen Wesen begriffen und übernommen worden.
Was Emil Rathenau in jahrelanger geduldiger Arbeit Stein auf Stein
setzend, vom Kleineren zum Größeren schreitend, keinen Schritt tuend,
ohne den vorigen gesichert und gefestigt zu haben, aufgebaut hatte,
sollte von den anderen in der raschen Arbeit weniger Jahre zu gleicher
Höhe geführt werden. Der industrielle Baugedanke, der bei Rathenau
die Hauptsache gebildet hatte, aus dessen Durchführung erst alle
anderen gefolgt, die Auftragsgewinne, die Effektengewinne usw. als
Früchte langsam gereift waren, trat bei den anderen mehr und mehr in
den Hintergrund. Sie bauten ihre Unternehmungen nicht so selbstlos
wie möglich, damit sie als dauernde Rentenquellen ihren späteren,
dann aber endgültigen Wert erhielten, sondern sie suchten sich schon
an der Ausführung zu bereichern. Sie hielten die Effekten nicht
vorsichtig zurück, bis sie wirklich emissionsreif geworden waren,
sondern wollten den Emissions- und Finanzgewinn schnell pflücken. Die
Banken, die ihnen nahestanden, drängten zu häufigen und schnellen
Transaktionen, bei denen auch die Finanzinstitute umsetzen und
verdienen konnten. Sie machten sich so zu den Herren der Finanzpolitik,
während sie bei Rathenau stets die Diener geblieben waren. Das
Mißverhältnis der Finanzkapitalien zu den Industriekapitalien,
das wir bei einigen der jüngeren Gesellschaften oben festgestellt
haben, ist charakteristisch für die falsche Anwendung der Methode
Rathenau. So gelangen den Nachahmern zwar vielleicht am Anfang einige
Transaktionen -- wenigstens scheinbar. Die schlechten Erfahrungen,
die das Kapitalistenpublikum aber schließlich mit der Mehrzahl der
erworbenen Werte machte, diskreditierte bald ihren Emissionskredit und
den der Elektrizitätsindustrie überhaupt. Denn es ist verständlich,
daß für die zu Tage getretenen Enttäuschungen und Auswüchse nicht
die falsche Anwendung des Systems Rathenau, sondern das System
an sich verantwortlich gemacht wurde. Gerade in Hausseperioden
wie in Krisenzeiten unterscheidet und sichtet das Publikum nicht
ruhig und unbefangen, sondern es ist geneigt, zu verallgemeinern,
statt zu unterscheiden. Der Rausch wie der Katzenjammer führen zu
stimmungsmäßigem, nicht zu kritischem Urteil.

Auch hier wieder machte die Firma Siemens & Halske eine rühmliche
Ausnahme. Das Finanzierungssystem, das auch sie schließlich gezwungen
war anzunehmen, hat sie nicht leichtfertig gehandhabt. Daran hinderte
sie die anerzogene Gründlichkeit und Ehrlichkeit ihrer industriellen
Methoden. Aber die Tatsache, daß sie sich erst verhältnismäßig
spät entschloß, Rathenau auf den von ihm eingeschlagenen Wegen zu
folgen, hat es ihr nicht gestattet, den Vorsprung des Rivalen, wenn
er auch vielleicht nur 3-4 Jahre alt war, einzuholen. Das zeigt die
Rentabilität ihrer Finanzgesellschaften deutlich. Die „Schweizerische
Gesellschaft für elektrische Industrie“, die das Siemens & Halskesche
Gegenstück zu der Rathenauschen Bank für elektrische Unternehmungen
bildete, hat nur eine Rente von durchschnittlich 6% erreicht gegenüber
einer solchen von 12% der Elektrobank. -- Die „Elektrische Licht-
und Kraftanlagen-Gesellschaft“, die denselben Zwecken diente wie die
Elektrizitätslieferungsgesellschaft der A. E. G., zahlte, nachdem
sie lange Zeit nur eine bescheidene Rente von durchschnittlich
5% erbracht hatte, in den letzten Friedensjahren 7% gegen 10
und 12% der Elektrizitätslieferungsgesellschaft. Ein ähnliches
bescheidenes Erträgnis haben auch die Siemenssche „Akt.-Ges. für
Elektrizitätsanlagen“ und die „Siemens Elektrische Betriebe Akt. Ges.“
bisher nicht überschritten.



Zwölftes Kapitel

Konzentration


Jede große Krisis in der Wirtschaftsgeschichte hat neben dem
allgemeinen Gesetz der Ebbe und Flut, des aus der Überspannung
geborenen Rückschlages, noch irgendeinen bestimmten Sondercharakter
und somit besondere Ursachen und Folgen, die sie von ihren Schwestern
unterscheiden. D. h. nicht im innersten, wesenhaften Kern und
auch nicht so sehr in der Art und Zahl der äußeren Merkmale oder
Ausstrahlungen sind die Krisen voneinander verschieden, sondern
in dem größeren oder geringeren Nachdruck, mit dem sie gewisse
wirtschaftliche Adern und Schichten treffen, in der Stärke, mit
der sie aus ihnen gespeist werden und in der Intensität, mit der
solche Schichten von ihnen umgelagert werden. Fast alle Krisen
weisen ungefähr dieselben Symptome auf, aber in der einen ist dieses
Hauptsymptom stärker ausgeprägt, in der anderen jenes, während die
Symptome zweiten Ranges nur eine mitschwingende, schwächer nuancierte
Bedeutung haben. Diese Differenzierung und Unterscheidung äußert sich
in den Ursachen, Ausdruckserscheinungen und Folgen der einzelnen
Krisen. Gewisse Krisen entstehen hauptsächlich durch die Erfindung
neuer revolutionierender Techniken oder durch die Schaffung neuer
wirtschaftsverändernder Wettbewerbs- und Transportmittel. Andere
haben ihren Grund in geldlichen Bewegungen, in monetären Umwälzungen,
Häufungen oder Verknappungen von Zahlmitteln, sei es aus Metall
oder Papier, die die Kaufkraft des Geldes nach oben oder nach unten
von ihrem normalen Stande entfernen. Manche Krisen wieder entstehen
durch den Wechsel wirtschaftspolitischer Systeme (Freihandel oder
Schutzzoll), die gewisse Wirtschaftsformen in ihren Bedingungen
begünstigen, andere wiederum benachteiligen. Auch soziale und
politische Veränderungen können Revolutionen wirtschaftlicher Art
zur Folge haben. Den verschiedenen Ursachen entsprechen auch stets
die verschiedenen Äußerungs- und Wirkungserscheinungen der einzelnen
Krisen, und jede von ihnen weist sozusagen die Gegenbilder des
vorausgegangenen Aufschwungs und namentlich des ihm fast stets auf
dem Fuße folgenden Überschwangs auf. Frühere Krisen hatten ihre
Ursachen in der Entdeckung neuer großer Gold- oder Silberläger, in
der Verdrängung von Manufakturen durch Maschinentechniken, in der
Ausweitung der lokalen Absatzkreise zu nationalen oder internationalen
durch die Entwickelung der Eisenbahnen und Dampfschiffe. In diesem
Sinne war ferner die Krisis von 1873 vornehmlich eine durch politische
und damit auch wirtschaftliche Maßstabsvergrößerung hervorgerufene,
sowie durch geldliche Hyperthrophie begünstigte Wertveränderungskrise.
Die von 1881, aus Frankreich stammend, hatte ihre Ursache im Gegenteil
in einer Verkleinerung der Maßstäbe, gegen die sich der französische
Wirtschaftsgeist, dazu bestimmt von der unternehmerischen zur
rentnerischen Hauptfunktion überzugehen, in einer krampfhaften, doch
vergeblichen Aufwallung zu wehren strebte. Die Krise von 1907 hatte
ihren Ursprung in einer wirtschaftspolitischen Umwälzung der Ver.
Staaten von Amerika, die zu einer Hochkonjunktur im dortigen Trustwesen
und zu einer Übergründung innerlich schwach konstruierter Trustgebilde
geführt hatte. Der internationale Güteraustausch und das überseeische
Transportwesen waren denn auch von dieser Krise am schärfsten betroffen
worden. Die Krise von 1913 war hinwiederum wenigstens für Deutschland
eine typische Großstadtkrise, von der die gut konsolidierte Industrie
und die gleichfalls gesunde Landwirtschaft nur oberflächlich berührt
wurden, während der städtische Grundbesitz und seine künstlich
hochgezüchteten Blüten, das Terrain-, Kaufhaus-, Theater- und
Etablissementswesen ihre bis dahin schärfste Erschütterung erlebten.

Die Krisis von 1901 war dagegen die ausgesprochene +Krise der
Großindustrie+, hervorgerufen durch die starken Wucherungen,
die mit der Expansion der zur Großwirtschaft strebenden Gewerbe
naturnotwendig verbunden waren. Die allenthalben ins Breite dringenden,
in individueller Geschäftspolitik bis dahin ungehemmt entwickelten
Großunternehmungen „stießen sich hart im Raume“, rieben sich aneinander
und verstanden noch nicht, Fühlung miteinander zu nehmen, sich
miteinander zu organisieren, in die Absatzgebiete zu teilen und
gewisse Absatzfunktionen gemeinsam auszuüben. Die +Krisis+ des
+freien, ungezügelten Wettbewerbs+ war gekommen, nachdem die
ihr vorangegangene Epoche zu unerhört raschem Wachstum, aber auch zu
starken Energieverlusten geführt hatte. Die Krisis, die nun folgte, war
das deutlichste Negativ jener Entwickelungsperiode. Sie trug aber auch
bereits das Gegengift in sich, die Keime zur Gesundung und Überwindung,
und diese ergaben sich logisch aus der Natur und der Art der Krankheit.
Überproduktion der zu schnell ausgedehnten Wirtschaftskräfte und
Überflutung der beschränkten heimischen Märkte: das war die Krankheit
gewesen. Planmäßige Eroberung der Auslandsmärkte einerseits,
Konzentration und gegenseitiger Ausgleich der zersplitterten
Industriekräfte andererseits, das waren die angewandten Heilmittel.

Die Konzentration erfolgte in den verschiedensten Formen, je nachdem
der Charakter, das Entwicklungsstadium und die Vorgeschichte der
verschiedenen Industrien sie forderten oder begünstigten. In den
Gewerben, die Massenfabrikate herstellten, also in der Kohlenindustrie,
in den roheren Stadien der Eisenindustrie, erfolgte der Zusammenschluß
auf dem Wege der +Kartellierung+, d. h. der Vereinigung der
Produzenten zur Regelung und gemeinsamen Erledigung gewisser Teile
ihres Geschäftes unter Aufrechterhaltung der bisherigen freien
Besitzverhältnisse. Die Not der Krisenjahre von 1901/02 war es, die
nach dem bekannten Worte die Kartelle der Montanindustrie teils erst
schuf, teils festigte und dauerhaft ausbaute. Daneben trat aber auch
bereits das +Konzentrationsprinzip+ der +Verschmelzung+,
der Zusammenfassung mehrerer sich ergänzender Betriebe sowohl der
Breite als auch der Tiefe nach als generelle Tendenz oder auch
als Mode stärker hervor. Das große und gemischte Montanwerk, das
vorher in einer Reihe von Unternehmungen, so bei Krupp, dem Bochumer
Verein usw. als Einzelerscheinung schon verwirklicht worden war,
begann sich zum Typus in der Montanindustrie auszugestalten. Wo
Zusammenballungstendenzen verwirklicht wurden, drängten sie zum großen
und gemischten Werk, das alle Stufen der Produktion vom untersten
Rohstoff bis zum verfeinertsten Fertigfabrikat umfaßte und in dieser
Vertiefung des Produktionsprozesses und in der Unabhängigmachung von
allen Märkten außer dem letzten Markte der fertigen Verbrauchsartikel
das Ideal des für den Produzenten höchsten und für den Konsumenten
geringsten Unternehmergewinns suchte. Das kleine und reine Werk,
das sich außerhalb dieser Produktionsordnung zu halten versuchte,
wurde konkurrenzunfähig. Einmal, weil die gemischten Werke sich
ihre Rohstoffe billiger zu beschaffen, ihre Selbstkosten durch
Großfabrikation zu ermäßigen und darum die Verkaufspreise niedriger zu
stellen vermochten, zweitens weil die großen gemischten Werke bald die
Verbände in den Stufenfabrikaten beherrschten, denen sie gemeinsam mit
den reinen Werken, -- zum Teil ihren eigenen Abnehmern -- angehörten
und deren Preisbildung sie zu ungunsten der reinen Werke regeln
konnten. Das Trustsystem benutzten sie also dazu, um sich die eigenen
Rohstoffe zu verbilligen, das Kartellsystem u. a. dazu, um sie ihrer
Konkurrenz zu verteuern.

In anderen Industrien hatten sich die Vertrustungs- und
Verschmelzungstendenzen noch reiner ausgeprägt als in der
Montanindustrie, die sowohl Massenartikel als auch individuelle
Produkte umfaßte und in deren Konzentration sich infolgedessen
das System der Kartellierung mit dem der Vertrustung vermengte.
Reine Vertrustungs-Konzentration fand in der großen chemischen
Farbenindustrie statt, +reine Vertrustungs-Konzentration+ war
auch der +Weg der Elektrizitäts-Industrie+. Umfassende und
vielfältige Gestaltung der Produktion, weitgehende Selbstbedarfsdeckung
und Selbstabsatzwirtschaft waren hier unter Führung der Großkonzerne
schon lange vor der Krisis wenigstens von einem Teil der Industrie
angestrebt und erreicht worden. Die Krisis führte alsdann eine
Ergänzung und Verstärkung dieser Vertrustungsbewegung dadurch herbei,
daß eine Reihe der vorher selbständig entwickelten Konzerne miteinander
verschmolzen wurde. Vor der Krise war das Konzentrationsprinzip in
einer Zusammenfassung von Spezialbetrieben zu Gemischtbetrieben zum
Ausdruck gekommen, nachher wirkte es sich in der Zusammenfassung
mehrerer Gemischtbetriebe zu Kolossalbetrieben aus. Wir haben
bei der Schilderung der Einwirkungen, die die Krisis auf die
einzelnen Unternehmungen ausübte, bereits gesehen, daß eine Reihe
von Unternehmungen der Elektrizitätsindustrie schwach, unfähig zur
selbständigen, wettbewerbsfähigen Weiterexistenz, -- wie man zu sagen
pflegt -- fusionsreif wurde. Sie hatten aber -- wenn auch nicht
mehr mit eigener Zentrilfugalkraft ausgestattet -- zum Teil genug
an technischen Werten, Kundschaft und Beteiligungsbesitz in sich,
daß ihre Angliederung einem oder dem anderen der großen Konzerne
verlockend erscheinen mußte. Konnten diese doch so ihr Machtgebiet
erweitern und -- was vielleicht manchmal noch entscheidender für
sie war -- eine Erweiterung des Machtgebietes der Konkurrenz
verhindern. Der Faktor des +Dualismus+, der seit jener Krisis
die Entwickelung der Elektrizitätsindustrie zu beherrschen begann,
also die Existenz und der Gegensatz von zwei stark, ausdehnungs-
und kristallisationsfähig gebliebenen Gruppen, der A. E. G. und der
Siemens & Halske-Ges., hat die Konzentrationsbewegung wenn auch
nicht veranlaßt, so doch sehr gefördert und beschleunigt. Es ist
seither für die Verschmelzungsbewegung in der Elektrizitätsindustrie
charakteristisch geworden, daß immer, wenn der eine der beiden Konzerne
eine größere Angliederung vornahm, bald auch der andere zu einer
ähnlichen Erweiterung schritt, um das Gleichgewicht in der Machtlage
und der Marktbeherrschung wieder herzustellen. Der Übernahme der
„Union“-Elektrizitätsgesellschaft durch die A. E. G. folgte sofort die
Aufnahme der Schuckert-Ges. durch Siemens & Halske. Die Angliederung
der Lahmeyer-Gesellschaft durch die A. E. G. zog den Anschluß der
Bergmann Elektrizitätswerke an Siemens & Halske nach sich.

Die Tatsache, daß die Konzentration in der Elektrizitätsindustrie fast
ausschließlich auf dem Wege der Verschmelzung und nicht auf dem der
Kartellierung erfolgte, war aber nicht auf den zufällig oder doch nur
historisch begründeten Umstand zurückzuführen, daß in der Krisis von
1901/02 eine Reihe von Unternehmungen fusionsreif wurde und von den
starkgebliebenen Werken zu niedrigen Preisen und günstigen Bedingungen
(unter geschickter Ausnutzung des eigenen Aktienagios) erworben
werden konnte. Sie beruhte vielmehr auch auf dem natürlichen Umstand,
daß die Elektrizitätsindustrie als Erzeugerin meist komplizierter,
individueller Produkte sich für die Gleichmacherei einer Kartellierung
im allgemeinen nicht eignete. Für die Spezialgebiete, auf denen die
Elektrizitätsindustrie Massenartikel erzeugte, also hauptsächlich
auf dem Gebiete der Glühlampen- und Kabelerzeugung sind sehr wohl
Preis- und Kontingentierungssyndikate zustande gekommen, die nicht nur
die gemischten Konzerne, sondern auch Spezialfabriken umfaßten. Im
Geschäftsbericht des Jahres 1902/03 der A. E. G. werden die Gründe
für den Vertrustungscharakter der Elektrizitätskonzentration in ganz
ähnlicher Weise geschildert. Es heißt da:

    „Die bisher zumeist bekannten und betretenen Wege industrieller
    Konsolidierung, Bildung von Kartellen, Syndikaten und
    Verkaufsvereinigungen, sind für die Elektrotechniker aus zwei
    Gründen schwerer gangbar: Einmal, weil die Fabrikation in zahllose
    Gattungen von Erzeugnissen verschiedenster Konstruktion und
    Bewertung sich spaltet, sodann, weil nicht Zwischenprodukte,
    sondern für den Einzelkonsum bestimmte Endprodukte hergestellt
    werden, und nicht der weiterverarbeitende Fabrikant, sondern
    der Verbraucher selbst in der Hauptsache die Kundschaft unserer
    Industrie bildet. Das kaufende Publikum aber wünscht nicht auf die
    Auswahl konkurrierender Produkte zu verzichten und entschließt sich
    ungern, von einer monopolisierenden Organisation seinen Bedarf zu
    beziehen.

    Unsere Unternehmungen sind daher darauf angewiesen,
    organisatorische Ersparnis durch gruppenweise Zusammenfassung
    anzustreben, und die bisher dutzendfach geleistete
    Projektierungsarbeit, Propaganda und Verkaufstätigkeit auf eine
    drei- oder vierfache zu beschränken. Daß daneben allgemeine
    Verständigungen über Auswahl der Typen, Auslandsgeschäfte,
    allgemein geschäftliches Vorgehen und mannigfache Einzelgebiete
    durch Zusammenschlüsse dieser Art erleichtert werden, liegt auf der
    Hand.

    Auch sind Syndizierungen solcher Produkte keineswegs
    ausgeschlossen, bei denen die individuelle Nüanzierung wenig
    bedeutet, und bei denen geringe Korrekturen der Verkaufspreise über
    Gewinn und Verlust bei der Fabrikation entscheiden. Dies zeigt das
    Zustandekommen der Verkaufsstelle Vereinigter Glühlampenfabriken.“

Anfangs hatte es den Anschein, als ob die A. E. G. schnell und
energisch die Führung bei der Konzentrationsbewegung in die Hand
nehmen würde, die sie theoretisch bereits in verschiedenen offiziellen
Auslassungen als notwendig bezeichnet hatte. Doch stellten sich der
Verwirklichung dieser Theorie manche inneren und äußeren Hindernisse
entgegen. Bereits im Jahre 1897 wurde zwischen der A. E. G. und
der Löweschen „Union-Elektrizitäts-Gesellschaft“ über eine Fusion
verhandelt. Das Projekt zerschlug sich an dem hohen Preise, den die
Union damals noch fordern zu können glaubte und Rathenau schritt
unter Verzicht auf die Angliederung zu einer Erweiterung seiner
eigenen Werke unter Erhöhung des Aktienkapitals. Auch mit Schuckert
in Nürnberg wurden im Jahre 1901, also bereits nach Ausbruch der
Krisis Verhandlungen eingeleitet, die damals noch in dem Bestreben
gipfelten, die allmählich unhaltbar gewordenen Wettbewerbsverhältnisse
in der Industrie zu erleichtern und sozusagen sanierend zu wirken.
Diese Verhandlungen wurden aber zu jener Zeit mehr grundsätzlich
und dilatorisch als auf konkret-geschäftlicher Grundlage geführt.
Schuckert war damals schon wankend geworden, aber der Tag seines
Zusammenbruchs war noch nicht gekommen. In der Generalversammlung vom
5. Dezember 1901 interpellierte ein Aktionär die Verwaltung der A.
E. G. über die bekanntgewordenen Gerüchte hinsichtlich einer Fusion
mit der Nürnberger Gesellschaft. Emil Rathenau gab die Tatsache
der Verhandlungen zu, stellte aber eine nahe Entscheidung nicht in
Aussicht. Es sei erklärlich, so legte er dar, daß sich Verwaltungen
zweier Konkurrenzunternehmungen in Zeiten der Krisis miteinander
über die Marktlage aussprachen und Erwägungen anstellten, in welcher
Weise sie sich durch engeren Anschluß ergänzen könnten. Ein festes
Programm oder andere Ergebnisse als eine persönliche Annäherung
der Verwaltungen hätten die jüngsten Verhandlungen, die von beiden
Seiten ohne Leidenschaft (und wohl auch ohne sonderlichen Eifer)
geführt wurden, bisher nicht gezeigt. Es ließe sich auch nicht
übersehen, ob ein Resultat erzielt werden würde. Unmöglich könne
man eine derartige Transaktion in wenigen Tagen zu Ende bringen. --
Wer die Naturgeschichte wirklich aussichtsreicher und ernsthafter
Transaktionen kennt, sieht sofort, daß hier nicht der Boden und
die Atmosphäre vorhanden waren, in denen Entschlüsse wachsen. Die
öffentliche Behandlung so heikeler Verhandlungen ertötet ihre
Entwickelungsfähigkeit und die Realität ihrer Aussichten, zumal wenn
ein kalter akademischer Hauch durch derartige Erörterungen geht.
Rathenau, der kühne und unabhängige Rechengeist, dem das Urteil
der kompakten Majoritäten sonst immer so gleichgültig gewesen ist,
scheint mitten in der Krisis, aus der er den Ausweg noch nicht
sieht, etwas unschlüssig und unsicher. Seine eigene Schöpfung ist
gut konsolidiert, durch jahrzehntelange Auspolsterung mit inneren
und äußeren Reserven so geschützt, wie Vorsicht und Voraussicht nur
schützen können, und dennoch leidet sie unter den schlechten Zeiten,
muß sie sich vor neuen Geschäften hüten. Soll sie sich mit einer
so großen und mangelhaft organisierten Masse belasten, wie es die
Schuckertgesellschaft ist? -- Rathenau tut auch jetzt noch, als wenn
er Aktionäre und Kapitalistenpublikum verachte und Außenstimmen keinen
Einfluß auf das innere Rädergetriebe seiner Gesellschaft einräume:
„Weder Anfeuerungen, noch Furcht, Enttäuschungen hervorzurufen,
werden uns bestimmen, auf einen voreiligen Abschluß der Verhandlungen
hinzuwirken,“ ruft er trotzig aus, der Spekulation zugewandt, die
offenbar die Ungewißheit über den Ausgang der Verhandlungen ausgenutzt
hat und nunmehr ungeduldig und unsicher hinsichtlich der Früchte ihrer
Manipulationen geworden ist. Aber trotz dieser zur Schau getragenen
Gleichgültigkeit gibt es damals doch anscheinend für Rathenau einen
außenstehenden Faktor, von dem er sich abhängig fühlt, von dem er
nicht genau weiß, ob er sich günstig oder ungünstig zu der Transaktion
stellen wird: den Kapitalmarkt, der -- wie er instinktiv fühlt --
Anlagen in Elektrizitätsunternehmungen nach den gemachten schlechten
Erfahrungen noch mißtrauisch gegenübersteht. „Das Publikum ist mit
Recht weittragenden Kombinationen gegenüber skeptisch geworden
und wir teilen diese Skepsis.“ Daß es nicht innerste industrielle
Überzeugung ist, die ihn hemmt, sondern augenblickliche finanzielle
Unsicherheit, geht wieder aus dem prinzipiellen Bekenntnis zur
Konzentrationspolitik hervor, das er den negativen Sätzen sofort folgen
läßt: „Daß die materiellen Voraussetzungen für lohnende Geschäfte auf
dem Gebiet der Verständigung liegen, ist nicht zweifelhaft.“ -- Er
schildert die Ersparnisse im Laboratorium, bei den Arbeiten auf dem
Erfindungsgebiete, bei den Versuchsarbeiten, bei der Propaganda, die
auf dem Wege der Konzentration zu finden waren. „Eine solche Teilung
der Arbeit könnte auch eine Mehrheit von Fabrikationsunternehmungen
umfassen,“ sagt er, und deutet damit an, daß nicht nur an
Interessengemeinschaft, sondern an völlige Fusion gedacht wird. Den
in der Öffentlichkeit im Anschluß an die Konzentrationstendenzen in
der Elektrizitätsindustrie schon damals von Theoretikern geäußerten
Befürchtungen, daß diese Tendenzen zu einem Elektrizitätsmonopol
führen könnten, tritt er beruhigend entgegen. „Die Grenzen werden
uns gezogen durch die Notwendigkeit, den Wettbewerb zu erhalten, der
für den technischen Fortschritt ebenso unentbehrlich ist, wie für
die Verhinderung einer Monopolwirtschaft.“ -- Die Aktionäre werden
aus alledem nicht recht klug geworden sein. Ein halbes Ja, dem ein
halbes Nein folgt. Das Resumée ist mehr auf Nein gestimmt. „Weder
Expansionslust noch Waghalsigkeit werden bestimmend sein. -- Es ist
nicht beabsichtigt, für irgendwelche Kombinationen jetzt neue Mittel
zu investieren, noch die Liquidität und die Kreditfähigkeit der A. E.
G. zu beeinflussen.“ Der tiefblickende Bilanzkenner Rathenau witterte
wohl, daß bei Schuckert der Boden des Fasses mit dem schlechten
Abschluß für das Jahr 1900/01 noch nicht erreicht sei und er sollte
recht behalten. In der nächsten Generalversammlung am 2. Dezember 1902,
als sich das Schicksal von Schuckert bereits erfüllt hat, erlebte er
die Genugtuung, daß ein Aktionär -- anscheinend derselbe, der ihn
in der vorigen Generalversammlung wegen des langsamen Fortgangs der
Verhandlungen mit der Nürnberger Gesellschaft befragte -- seiner
Freude darüber Ausdruck gab, daß aus der Fusion nichts geworden sei.
Die Freude teilten nicht alle Kenner und nicht alle Getreuen im Hause
der A. E. G. In einer dreiwöchentlichen eingehenden Prüfung, die
Vertrauensmänner der A. E. G., besonders Walther Rathenau und Deutsch
an Ort und Stelle in Nürnberg vorgenommen hatten, waren einige zu der
Überzeugung gelangt, daß diese Fusion trotz alledem zweckmäßig und
erstrebenswert sei. Sie meinten, daß die Schuckertschen Fabrikbetriebe
und auch die Beteiligungen soviel Wertvolles enthielten, daß ihre
Erwerbung in jedem Falle eine außerordentliche Bereicherung des A.
E. G.-Konzerns, nicht nur einen Zuwachs an Umfang, sondern auch
an Qualität darstellen würde. Es käme nur auf die Bedingungen der
Übernahme an. Ließen sie sich annehmbar gestalten, so sei das Geschäft
zu machen, schon wegen der Gewinnung der wichtigen Stützpunkte in
Süddeutschland, über die Schuckert verfügte. Man müßte 25 Millionen
Mark in die Nürnberger Unternehmungen stecken, um sie auf die Höhe
zu bringen. Allerdings könnte man eine solche Summe den bisherigen
Leuten der Schuckert-Ges. nicht ohne weiteres anvertrauen, sondern es
müßten erste A. E. G.-Leute für die Dauer nach Nürnberg gesetzt werden.
Emil Rathenau scheint in jenen Zeiten unter einer Art Depression,
einer Erschlaffung der Willens- und Entschlußkräfte gestanden zu
haben, die ihm nicht gestattete, selbst das entscheidende Wort zu
sprechen, wie er es in früheren Fällen, so beim Rückerwerb der B. E.
W. und bei der Übernahme der Elektrobank ohne Zaudern, mit durchaus
sicherem inneren Gefühl getan hatte, unbekümmert um die Bedenklichkeit
und Gefährlichkeit der Lage, die auch bei jenen Transaktionen in
den äußeren Verhältnissen vorhanden gewesen war. Die Kraft der
Initiative war ihm zeitweilig verloren gegangen, wie schon in der
bereits erwähnten Generalversammlung vom 5. Dezember 1901 zu erkennen
gewesen war, in der er auf einen Angriff aus Aktionärkreisen, der
sich gelegentlich der Einstellung seiner beiden Söhne in den Vorstand
gegen die Aufrichtung einer „Dynastie Rathenau“ gerichtet hatte, die
Erklärung abgab: Er müsse seine Nachfolge vorbereiten, denn er selbst
gedenke sich in absehbarer Zeit von der Leitung der Gesellschaft
zurückzuziehen, allerdings gehe es gegen sein Gefühl, der A. E. G.
in der Zeit der Krisis den Rücken zu kehren. Das werde er erst tun,
wenn für das Unternehmen wieder eine Zeit des Aufschwungs gekommen
sei. Und was er sonst nie getan hatte, weder vorher noch nachher,
tat er im Falle der Schuckert-Fusion. Er überließ, in einem Anfall
von Unentschlossenheit, der seinem Charakter -- wie wir ja wissen --
gelegentlich nicht fremd war, die Entscheidung dem Direktorium. Er
beschloß, sich der Majorität seiner Kollegen zu fügen. Gründe und
Gegengründe drangen damals bis in die Öffentlichkeit. In einem offenbar
von +einer+ Verwaltungsseite inspirierten Artikel, der Anfang 1902
seinen Weg in die Presse fand, wurden die Vorteile der Angliederung
breit ausgemalt. Es hieß darin:

    „Die Herstellungskosten des fertigen Fabrikates werden
    erfahrungsgemäß durch die Preise für die Rohmaterialien und durch
    die Arbeitslöhne wenig beeinflußt, (?) es kommt außerdem hinzu,
    daß, wenn diese beiden Summanden fallen, alle Fabrikanten ziemlich
    denselben Nutzen davon haben. Die Preise der fertigen Fabrikate
    geben dann ganz allgemein nach und für eine einzelne Fabrik kann
    beim Verkauf ein ins Gewicht fallender Nutzen hierdurch nicht
    erzielt werden. Es bleiben somit allein die +Generalunkosten+
    übrig, durch deren Reduzierung Ersparnisse erzielt werden können,
    und der Zweck der Fusion A. E. G.-Schuckert ist in der Tat
    der, die beiderseitige Fabrikation durch ein Zusammenarbeiten
    zu verbilligen, dadurch, daß sich die Generalunkosten beider
    Gesellschaften, welche teils durch die eigentliche Fabrikation,
    teils durch den Verkauf der fertigen Fabrikate entstehen, sich
    ermäßigen.

    Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser Zweck durch die Fusion
    erreicht werden würde, und es ist auch leicht einzusehen, daß damit
    ein +Vorsprung+ erreicht wird, welcher von anderen Firmen nicht
    leicht hinfällig gemacht werden kann. Augenblicklich, so kann man
    sagen, halten sich die Unkosten aller großen Fabriken so ziemlich
    das Gleichgewicht, der Nutzen, den die Fabrikation abwirft, ist
    gleich schlecht. -- Wenn nun zwei Gesellschaften imstande sind, den
    wesentlichsten Faktor, der im Selbstkostenpreis seinen Ausdruck
    findet, herabzumindern, so müssen die anderen Fabriken erst Mittel
    und Wege finden und suchen, um das Gleiche zu erreichen, bevor das
    Gleichgewicht wieder hergestellt wird. Früher oder später tritt das
    natürlich ein, und von dann an wird ein weiteres Fallen der Preise
    wieder allmählich beginnen, bis wieder weitere Ersparnisse, um die
    Fabrikation rentabel zu machen, nötig werden.“

Ferner enthielt dieser Artikel einen genauen Plan über die Organisation
der Unkostenersparnis und der Arbeitseinteilung, die zwischen den
beiden Fabrikationsstätten in Berlin und Nürnberg vorgenommen werden
sollte. -- Trotz aller Propaganda für den Plan überwog im Kollegium
schließlich die Abneigung. -- Es wurde zwar noch ein Versuch gemacht,
wenigstens den Beteiligungsbesitz der Schuckert-Gesellschaft, an
dem der A. E. G. anscheinend am meisten gelegen war, unter deren
Einfluß zu bringen. Nachdem die umfassende Interessenvereinigung
nicht zustande gekommen war, wurden zwischen dem Finanzkonsortium
der A. E. G. und der Schuckert-Gesellschaft bezw. der Continentalen
Gesellschaft für elektrische Unternehmungen, der Finanzgesellschaft
Schuckerts, Verhandlungen eingeleitet mit dem Ziele, daß das genannte
Konsortium der Schuckert-Gruppe einen Vorschuß von 7½ Millionen Mark
gewähren solle. Als Unterpfand für das Darlehen sollten die im Besitz
der „Continentalen“ befindlichen Effekten dienen, die das Berliner
Konsortium möglichst günstig verwerten und aus denen das Darlehen
allmählich abgetragen werden sollte. -- Auch diese Verhandlungen,
die wochenlang hin und her gingen, wurden schließlich ohne Resultat
abgebrochen; damit war die Annäherung zwischen der A. E. G. und
Schuckert endgültig gescheitert. -- Später kam bekanntlich zwischen
der Siemens & Halske-Gesellschaft und Schuckert ein Abkommen zustande,
wonach die beiderseitigen Starkstrombetriebe in eine Gesellschaft
mit beschränkter Haftung, die +Siemens-Schuckert-Werke+,
eingebracht wurden. Von deren 90 Millionen Mark betragenden
Stammanteilen übernahmen Siemens & Halske 45050000 Mark, die
Elektrizitätsgesellschaft Schuckert 44950000 Mark. Die Gründung dieser
Gesellschaft erfolgte im März 1903, also ein Jahr nach dem Scheitern
der Verhandlungen mit der A. E. G. Sie richtete die zusammengebrochene
Schuckert-Gesellschaft wieder empor, indem sie ihr die meisten
Fabrikbetriebe abnahm. Das Schwachstromgeschäft, die Beteiligungen, auf
die doch bei den Verhandlungen mit der A. E. G. von dieser gerade der
Hauptwert gelegt worden war, und die Finanzierungsaufgaben verblieben
bei den unabhängig erhaltenen Stammgesellschaften. In dieser Form, die
vielleicht etwas umständlich war, aber die Parität sorgfältig wahrte,
haben sich die Siemens-Schuckert-Werke gekräftigt und bald nach der
Überwindung der Krisis eine aufsteigende Entwickelung genommen.

Ob unter den Gründen, die die Fusionspläne bei der A. E. G. aus
dem Stadium der Grundsätzlichkeit in den Bereich der Aktualität
rückten, das Beispiel eine Rolle gespielt hat, das die Erweiterung
des Machtgebiets der Siemens & Halske-Gesellschaft durch die
Angliederung der Schuckertschen Fabriken gab, oder ob umgekehrt die
A. E. G.-Pläne Siemens & Halske anregten, kann nicht zweifelsfrei
festgestellt werden. Die Transaktion zwischen der A. E. G. und der
Union-Elektrizitätsgesellschaft schwebte zur gleichen Zeit, wie die
zwischen Siemens und Schuckert und sie wurde sogar einige Tage früher
veröffentlicht. Wo die Priorität des ersten inneren Gedankens lag, läßt
sich nicht feststellen; zweifellos waren beiden Parteien die geführten
Fusionsverhandlungen der anderen Gruppe nicht verborgen geblieben,
und sie hatten damit einander beeinflußt und angespornt. Was in jenem
obenerwähnten Zeitungsartikel als ein Vorsprung bezeichnet worden
war, der erst allmählich von der Konkurrenz eingeholt werden müßte,
hatte sich blitzschnell in der Taktik der beiden führenden Konzerne
paralysiert. Keine von ihnen wartete ab, daß ein solcher Vorsprung
zugunsten der anderen eintrat. Das Machtverhältnis sollte sich
nicht verschieben, es mußte sofort wieder das frühere Gleichgewicht
hergestellt werden. Das Gesetz des Dualismus begann zu wirken.

Die A. E. G. konnte aber den Weg der Konzentration nicht nur aus
konkurrenztaktischen, sondern aus sachlichen Gründen betreten,
umsomehr, als er ihr schon seit langem als der zweckmäßigste, ja der
einzig gangbare erschienen war. Dazu kam, daß die Krisis den Tiefpunkt
überschritten hatte und sich bereits wieder hellere Ausblicke zu
zeigen begannen. Die Furcht, bei einer Transaktion neue große Mittel
zu investieren, war zwar noch nicht geschwunden. Aber immerhin war
doch in den Wertverhältnissen der einzelnen Unternehmungen zueinander
jetzt etwas mehr von jener Klarheit geschaffen, die Rathenau noch im
Jahre vorher vermißt hatte, als er im Geschäftsbericht für 1901/02
schrieb: „Daß aber eine Beschleunigung des Zusammenschlusses leicht zu
Übereilungen führen könnte, scheint uns durch die Tatsache erwiesen,
daß noch im Verlauf des letzten Jahres erhebliche Verschiebungen in
der relativen Bewertung der einzelnen Unternehmungen stattgefunden
haben und anscheinend dauernd sich vollziehen.“ Das hieß auf
deutsch: Die Dividenden- und Kursverhältnisse, die doch bei Fusionen
den Maßstab für den Aktienumtausch oder die Bewertung der Aktiva
anderer Unternehmungen abgeben mußten, boten nicht nur vor, sondern
noch +in+ der Krisis ein falsches Bild. Man hätte auf ihrer
Grundlage die zu erwerbenden Objekte zu teuer bezahlt und mußte erst
warten, bis die Krisis, dieser untrügliche Prüfstein der Werte und
Potenzen, die Fusionsobjekte genügend verbilligt haben würde. In der
Generalversammlung vom Dezember 1902 war Emil Rathenau sogar noch
deutlicher geworden und hatte, nachdem doch schon empfindliche Schäden
bei manchen Gesellschaften zu Tage getreten waren, mit dem untrüglichen
Scharfblick des Kritikers seine Zweifel darüber ausgesprochen, „ob
einige Gesellschaften, die einer Sanierung unterzogen worden und sich
damit genügend organisiert glaubten, nun auch wirklich gesundet wären.“
Die Prognose war richtig, denn schon die nächstjährigen Bilanzen
brachten neue, noch viel schwerere Verluste bei den halbsanierten
Unternehmungen zu Tage. Das Jahr 1902/03 erst konnte als Tiefpunkt
der Krisis bezeichnet werden; und erst jetzt ließ sich mit Sicherheit
erkennen, was bei den erschütterten Elektro-Unternehmungen seinen
Wert behalten hatte und was abgestorben war. Nicht vor dem Frühjahr
1903 entschlossen sich darum sowohl die A. E. G. wie Siemens &
Halske zu ihren ersten großen Konzentrationsgeschäften. Fast
gleichzeitig mit der Transaktion Siemens-Schuckert wurde der erste
Vertrag mit der „Union-Elektrizitätsgesellschaft“ den Aktionären
der A. E. G. vorgelegt. Er enthielt lediglich den Vorschlag einer
Interessengemeinschaft zwischen beiden Unternehmungen, und sollte --
wie in der beschlußfassenden Generalversammlung erklärt wurde -- den
Beweis liefern, daß eine Verständigung der sich zusammenschließenden
Firmen auch ohne Verzicht auf ihre Individualität erreicht werden
könne. Diese Selbstbeschränkung, die in Wirklichkeit aber nur
eine Halbheit war und als solche auch wohl von Rathenau innerlich
erkannt wurde, hatte ihren Grund weniger in Zweckmäßigkeitsfragen,
als in persönlichen Rücksichten und Vorbehalten auf beiden Seiten.
Bei der A. E. G. wollte man anscheinend noch immer nicht an die
große Kapitalstransaktion herangehen, die mit einer vollständigen
Fusion unumgänglich verbunden gewesen wäre, auch hielt man die
Bilanz-Verhältnisse bei der Union wohl noch immer nicht für geklärt
genug, als daß man auf der damaligen Bewertungsbasis die Objekte der
Union dauernd und unwiderruflich hätte aufnehmen wollen. Bei der
Union hinwiederum konnte man sich zu dem Opfer der völligen Aufgabe
der Selbständigkeit noch nicht recht entschließen. Endlich schien
sich auch eine vorherige Auseinandersetzung mit den amerikanischen
Verbindungen der Union als zweckmäßig zu erweisen. Man machte also aus
der Not eine Tugend und rühmte bei der unvollkommenen Transaktion die
Erhaltung der Individualität beider Unternehmungen. Der geschlossene
Vertrag hatte nach den damals den Aktionären beider Gesellschaften
gemachten ausführlichen Mitteilungen den Zweck, eine Zusammenfassung
und möglichste Vereinigung der technischen und kommerziellen Kräfte und
Leistungen beider Gesellschaften herbeizuführen. Für ihn sollten die
folgenden Bestimmungen und Grundsätze gelten.

1. +Identität der Geschäftsführung+ und Verwaltung, soweit dies
gesetzlich zulässig ist;

2. +Arbeitseinteilung+, entsprechend der Eigenart der
beiderseitigen Fabrikationseinrichtungen, unter Austausch der
kommerziellen und technischen Erfahrungen;

3. Möglichste +Erhaltung+ des gegenwärtigen
+Beschäftigungsverhältnisses+ beider Gesellschaften;

4. Tunliche +Verschmelzung+ der +auswärtigen Organisationen+.

Im einzelnen wurde bestimmt, daß die beiderseitigen Direktoren
gemeinschaftlich die Geschäfte beider Gesellschaften als
Gesamtdirektoren leiten. Die Zahl der Direktoren wurde auf zehn
festgesetzt, wovon sieben der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft
und drei der Union angehören sollten. Die Mitglieder der
+Aufsichtsräte+ beider Gesellschaften bildeten zusammen den
gemeinsamen +Delegationsrat+ der Gesellschaften. In dem
Delegationsrate führten die Mitglieder jedes Aufsichtsrates zusammen
zwölf Stimmen, ohne Rücksicht auf die Zahl der Abstimmenden. Die
Aufsichtsräte beider Gesellschaften waren bei der Beschlußfassung über
folgende Gegenstände an die Beschlüsse des Delegationsrates gebunden:

1. Erweiterung oder Abtretung von Fabrikationseinrichtungen, im Falle
es sich um mehr als 1% des Aktienkapitals der betreffenden Gesellschaft
handelte.

2. Dauernde Investitionen im Betrage von mehr als 2% des Aktienkapitals
der betreffenden Gesellschaft.

3. Abänderungen des Interessengemeinschaftsvertrages.

4. Ausgabe von Obligationen.

Über folgende Gegenstände sollten die Aufsichtsräte beider
Gesellschaften nur in Übereinstimmung mit den Beschlüssen des
Delegationsrates beschließen: Vorschläge an die Generalversammlungen,
betreffend Statutenänderung, Fusion mit anderen Unternehmungen,
Kapitalserhöhung und -herabsetzung, Auflösung einer Gesellschaft,
Anstellung und Abberufung von Vorstandsmitgliedern. -- Abgesehen
von den obigen Einschränkungen, behielten die Aufsichtsräte ihre
bisherigen Funktionen bei. Die Aufsichtsratsmitglieder der A. E. G.
wurden zu den Aufsichtsratssitzungen der Union E. G. eingeladen und
nahmen daran mit beratender Stimme teil und umgekehrt. Jede der beiden
Gesellschaften sollte zunächst in der bisher bei ihr üblichen Weise
eine Bilanz nebst Gewinn- und Verlustrechnung aufmachen. Von dem
Gewinn- oder Verlustsaldo dieser Vorbilanz der A. E. G. sollten von
dieser der Union E. G. 4/19 gutgebracht bzw. belastet werden, während
die Union E. G. von dem Gewinn- oder Verlustsaldo ihrer Vorbilanz an
die A. E. G. 15/19 gutzubringen bzw. zu belasten hatte. Auf Grund der
ermittelten Gewinn- oder Verlustziffer stellte dann jede Gesellschaft
für sich ihre gesetzlich und statutarisch vorgeschriebene Bilanz auf.
Der Vertrag sollte vom 1. Juli 1903 ab auf eine Dauer von 35 Jahren
in Kraft treten. Über alle die Auslegung des Vertrages betreffenden
oder sonst sich aus ihm ergebenden Streitigkeiten sollte ein
Schiedsgericht entscheiden. Zur Begründung dieses Vertrages, der eine
aktienrechtlich außerordentlich seltene und interessante Verquickung
der Verwaltungsorgane zweier Gesellschaften darstellte, verlas
Generaldirektor Rathenau in der Generalversammlung eine Erklärung, aus
der wir folgendes hervorheben:

    „Mit dem Vertrag, den wir mit der Union Elektrizitätsgesellschaft
    getätigt haben, tritt die deutsche elektrotechnische Industrie
    in die Phase der Associationen, die seit Jahren zur Heilung
    ihrer Schäden von uns empfohlen werden. Daß der Zusammenschluß
    der Gesellschaften neben anderen Zwecken die Hebung der durch
    gegenseitige Unterbietungen unlohnend, zuweilen verlustbringend
    gewordenen Geschäfte auf eine dem Fabrikationsgewinn entsprechende,
    angemessene Höhe verfolgt, wird nicht in Abrede gestellt. Aber
    dieser Zweck soll weder durch willkürliche Preisfestsetzungen,
    noch durch Syndikatsbildungen erreicht werden, für welche die
    Elektrotechnik ihrer Natur nach sich weniger als andere Industrien
    eignet.....

    ... Unser Vertrag mit der Union zeigt, daß eine Verständigung
    der sich zusammenschließenden Firmen +auch ohne Verzicht
    auf ihre Individualität+ erzielt werden kann. Der nach dem
    Vorgang der A. E. G. erfolgte Zusammenschluß anderer Firmen
    der Elektrizitätsindustrie beweist ferner, daß auch an anderen
    maßgebenden Stellen Befürchtungen vor den ungünstigen Folgen
    der Vertrustung zu weichen beginnen. Auch in Amerika hat die
    Trustbildung technische Fortschritte nicht ausgeschlossen, sondern
    gefördert, und nicht mit Unrecht wird darauf hingewiesen, daß
    in diesem Lande noch immer mehr erfunden und versucht wird wie
    in Europa.... Von keiner Seite ist bisher behauptet worden, daß
    die Interessengemeinschaft unserer Gesellschaft mit der Union
    inkongruente Elemente zusammengeführt habe; es werden vielmehr von
    allen Seiten Gründe angeführt, die gerade für diese Kombination
    sprechen. Bei unserer umfangreichen Tätigkeit, welche über die
    gesamte Starkstromtechnik sich erstreckt, +hatten wir dem Bau
    elektrischer Eisenbahnen weniger Bedeutung+ geschenkt als die sich
    hauptsächlich auf dieses Gebiet konzentrierende Union, der noch
    dazu die Versuche und Erfahrungen befreundeter Gesellschaften in
    Amerika zur Verfügung stehen. Von jeher hat dieses Land gerade
    im elektrischen Transportwesen einen Vorsprung erlangt, den es
    bei der Eigenart der dortigen Verhältnisse voraussichtlich noch
    länger zu bewahren imstande sein wird. Die Fabriken der A. E. G.
    und der Union ergänzen sich so glücklich, daß nur verhältnismäßig
    wenige, in beiden Unternehmungen gleichzeitig ausgeübte Betriebe
    im Interesse der Einheitlichkeit verschmolzen zu werden brauchen.
    Außerdem können Aufträge, welche die Union bisher anderweitig
    vergeben mußte, den Werkstätten der A. E. G. im Interesse beider
    zufallen. Im Besitze der Union befinden sich keine Aktien ihrer
    Trustgesellschaft. Die +Finanzgesellschaft bleibt außerhalb des
    Vertrages+; ebenso sind die selbständigen, ausländischen Geschäfte
    in die jetzige Kombination nicht einbezogen worden. Immerhin
    sichert die gewählte Form des Abschlusses die Möglichkeit weiterer
    Angliederungen solcher Unternehmungen, die den geschaffenen Konzern
    zu ergänzen oder zu stärken geeignet sind.

    Die von uns gewählte Art des Zusammengehens steht der formellen
    Fusion vielleicht insofern nach, als diese einen scheinbar weniger
    umständlichen Verwaltungsapparat erfordert und der +Gedanke einer
    Verschmelzung, von dem man ursprünglich ausgegangen war, braucht
    auch deshalb nicht aus dem Auge verloren zu werden+. Für jetzt
    wird man sich begnügen, den Zusammenschluß einer tatsächlichen
    Fusion so zu nähern, daß materielle Nachteile aus dem +etwas
    künstlicheren Aufbau+ weder für die Gesellschaften noch für die
    Aktionäre entstehen. Die verschiedenen Momente kann man ihrem
    wesentlichen Inhalte nach dahin zusammenfassen: Die gegenwärtige
    Lage der Industrie macht den Zusammenschluß der elektrotechnischen
    Firmen zu einer Notwendigkeit. Die wirtschaftlichen Vorteile des
    Zusammenschlusses sind so erheblich, daß ihnen gegenüber die
    Bedenken verschwinden. Interessen dritter werden nicht verletzt,
    weder Einzelner noch der Allgemeinheit. Dem Lande aber wird das
    Fortbestehen einer seiner schönsten und stärksten Industrien
    gesichert.“

Wenngleich in den die Interessengemeinschaft begründenden Ausführungen
auf die verbleibende Selbständigkeit der beiden Unternehmungen ein
gewisser Nachdruck gelegt worden war, so betonte doch dasselbe
Verwaltungsdokument, in einem gewissen Widerspruch zu diesem
Individualitätsprinzip bereits, „daß der Gedanke einer Verschmelzung,
von dem man ursprünglich ausgegangen war, deshalb nicht aus dem Auge
verloren zu werden brauchte.“ Daß man bei der A. E. G. die gefundene
Form von vornherein nur für eine vorläufige hielt und sobald als
möglich in eine endgiltige umzuwandeln bestrebt war, geht aus allen
nachprüfbaren Umständen hervor. Auch weiterhin blieb man in jener
Zeit der Konzentrationsbewegung, die man während der Krisis aus
praktischen Gründen hatte zurückdämmen müssen, mit Entschlossenheit
zugewandt und hielt sie mit dem vorstehend geschilderten Abkommen
noch nicht für erledigt. Der Geschäftsbericht für 1902/03 stellte
fest: „der +erste Schritt+ in der Richtung, die wir stets als die
wünschenswerte bezeichneten, ist geschehen: die vier bedeutendsten
Unternehmungen unserer Industrie sind heute zu zwei Gruppen vereinigt,
die mehr als dreiviertel der Gesamtproduktion repräsentieren.“
-- An einer weiteren Stelle hieß es: „In gemeinsamem Interesse
wünschen und hoffen wir, daß die zentralisierende Bewegung in der
Elektrotechnik andauert und unterstützt vom guten Einvernehmen der
leitenden Persönlichkeiten die Erfolge zeitigt, deren, wenn auch
nicht alleinige, Voraussetzung sie bildet.“ -- In demselben Bericht
konnte schon auf ein paar weitere Ergebnisse der Transaktionspolitik
hingewiesen werden, die sich allerdings -- vom Standpunkte der großen
Entwickelung aus betrachtet -- als Nebengeschäfte darstellen. Die A.
E. G. beteiligte sich an der Umwandlung der bekannten Maschinenfabrik
+Gebr. Körting+ in Hannover in eine Aktiengesellschaft, von
deren 16 Millionen Mark betragendem Kapital sie 1,1 Millionen Mark
übernahm. Die elektrische Abteilung des Unternehmens wurde von der
A. E. G. ganz erworben und als G. m. b. H. insbesondere zum Zweck
der Herstellung von Generator-Gasanlagen für elektrische und andere
Betriebe organisiert. -- Auch zwischen den beiden Großkonzernen,
der A. E. G. und Siemens & Halske, die sich bereits früher einmal
bei der Gründung der Akkumulatorenwerke Berlin-Hagen zu gemeinsamer
Betätigung zusammengefunden hatten, spannen sich unter dem Einfluß
der Konzentrationsbewegung weitere Fäden. Die beiderseitigen
funkentelegraphischen Systeme Arco-Slaby und Braun wurden in der
Gesellschaft für drahtlose Telegraphie (System Telefunken) vereinigt.
Nur in gemeinsamer technischer und kommerzieller Ausgestaltung der
zu entwickelnden Anfänge konnte man hoffen, dem mächtigen englischen
Marconi-System, das auf ein Weltmonopol namentlich in der drahtlosen
Schiffstelegraphie hinsteuerte, die Spitze zu bieten. Auch an dem
Bau eines großen Unternehmens in Valparaiso für Licht-, Kraft- und
Bahnbetrieb beteiligten sich die beiden Konzerne. Fertiggestellt
sollte das Werk der Deutsch-Überseeischen Elektrizitätsgesellschaft,
jenem gewaltigen südamerikanischen Sammelunternehmen, zugeführt werden,
in das neben der A. E. G. und der Deutschen Bank damit auch Siemens
& Halske eintraten. Derartige gelegentliche Gemeinschaftsgeschäfte
führten aber letzten Endes keineswegs zu einer engeren Zusammenfassung
der beiden Gesamtgruppen. Die Hauptstrome liefen weiter getrennt
nebeneinander und vielfach sogar auseinander.

Die +konzentrative Hauptrichtung+ der A. E. G. blieb in dieser
Zeit aber auf den Ausbau der Verbindung mit der „Union“ und den
Anschluß an das amerikanische Interessengebiet dieser Gesellschaft
gerichtet. Diese Angelegenheit erschien Emil Rathenau so wichtig,
daß er sich im Herbst 1903 zu einer Reise nach Amerika entschloß.
Wie in früheren Fällen schon war ihm auch diesmal die Auffrischung
nach den niederdrückenden Zeiten der Krisis ein körperliches und
geistiges Bedürfnis, wie früher schon war die amerikanische Reise
ein Jungbrunnen für seine Energien, eine Quelle neuer bezwingender
Eindrücke, die den auch auf der Höhe des Erfolges und des Ruhmes
frisch und naiv gebliebenen, genau so wie den jungen, unbekannten
Ingenieur enthusiasmierten. Diesmal erschien er aber in der Neuen
Welt nicht als einer, der einen kleinen Teil des drüben angehäuften
Geistesreichtums in sich aufnehmen und zur Errichtung einer
bescheidenen Existenz im Heimatlande mit sich forttragen wollte,
sondern als ein Geistesherrscher, ein Industriekönig, der den
führenden Männern drüben als Gleichberechtigter entgegenzutreten
und mit ihnen über die +Verteilung der elektrischen Welt+ zu
verhandeln beabsichtigte. Er kam nicht nur, um zu nehmen, sondern
auch um zu geben, um auszutauschen. Gewiß hatte die amerikanische
Elektrizitätsindustrie, der die Welt und der Rathenau das elektrische
Glühlicht verdankte, inzwischen erfolgreich weiter gearbeitet und
Erstaunliches geleistet. Aber auch die deutsche Elektrizitätsindustrie
sah auf eine Periode glänzender Vollbringungen, systematischer
Durcharbeitungen zurück und konnte namentlich im Zentralenwesen, auf
dem Gebiete der Kraftübertragung, der Metallurgie und Elektrochemie
wertvolle Kompensationen anbieten.

Der ordentlichen Generalversammlung vom 12. Dezember 1903 wohnte
Rathenau nicht bei. Es war kein Wunder, daß aus Kreisen der
Aktionäre Interesse und Neugierde laut wurden, welche Zwecke die
Reise des Generaldirektors verfolge, mit der sich auch schon
die Presse angelegentlich beschäftigt hatte. Den Fragern wurde
eingehende Auskunft. Die Union-Elektrizitäts-Ges., so hieß es, war
eine Tochtergesellschaft der amerikanischen Thomson Houston Co.,
von der sie als Wirkungsgebiet Mittel- und Nordeuropa zugewiesen
erhalten und mit der sie einen Austausch von Erfindungen, Patenten
und Konstruktionen vereinbart hatte. Später wurde die Thomson Houston
Co. -- wie wir schon wissen -- mit der Edison Electric zu der General
Electric Co. verschmolzen, deren Aktienkapital den stattlichen
Betrag von 42 Millionen Dollar erreichte. Die amerikanischen
Interessenten sahen nun eine Beeinträchtigung für sich darin, daß die
A. E. G., die territorial unbeschränkt war, in Wettbewerb mit den
Tochtergesellschaften der General Electric auf +den+ Gebieten des
Weltmarkts treten konnte, die der Union verschlossen waren. Bei der
engen Interessenverbindung, die zwischen der A. E. G. und der Union
neuerdings bestand, war damit die Beschränkung auch für die Union
praktisch hinfällig geworden. Der Präsident der General Electric war
persönlich nach Europa gekommen, um mit der A. E. G.-Union-Gruppe
auf vorbereiteter Basis ein neues Übereinkommen zu treffen, dessen
Voraussetzung sein sollte, daß die Tochtergesellschaften der General
Electric, die britische und die französische Thomson Houston Co.,
denen die Mittelmeergebiete zugewiesen waren, sich der Abgrenzung der
Organisationsgebiete anschlossen. Neben diesen Absatzfragen gab es auch
technische Angelegenheiten zu regeln. Diese bezogen sich insbesondere
auf die +Turbinenfrage+. Die A. E. G. hatte den Turbinenbau
aufgenommen, aus dem Bestreben heraus, sich neue Geschäftszweige zu
schaffen, nachdem manche der alten unter dem starken Wettbewerb in
ihrer Ergiebigkeit gelitten hatten. „Die Konstruktion von Dampfturbinen
haben wir mit dem ihrer Bedeutung entsprechenden Nachdruck entwickelt
und die hierbei erzielten günstigen Ergebnisse haben uns bestimmt,
die Fabrikation dieses für stationäre Betriebe und die Seeschiffahrt
gleich wichtigen Motors, welcher ein hervorragendes Organ auch der
elektrischen Stromerzeugung zu werden verspricht, in großem Umfange
zu betreiben. Zur Erfüllung dieser Aufgabe genügen unsere für andere
Zwecke der Technik geschaffenen Einrichtungen nicht, aber wir sind bis
zur Vollendung der neuen Projekte in der Lage, die noch zu schaffenden
Typen, sowie die Hilfsmittel und Werkzeuge zu ihrer Herstellung im
praktischen Gebrauche zu erproben.“ So hieß es im Geschäftsbericht für
das Jahr 1902/03. Die A. E. G. stützte sich bei ihren Plänen auf die
+Riedler-Stumpf+schen Patente. Die General Electric besaß die
wertvolle und bereits weiter entwickelte +Curtis Turbine+. Während
die General Electric große Typen herstellte, versuchte die A. E. G.,
der für diese Zwecke damals unbeschränkte Mittel nicht zur Verfügung
standen, die Konstruktion kleinerer Typen. Eine Vereinigung beider
Systeme und eine damit zu erreichende Vervollkommnung des Turbinenbaus
wurde von den Gruppen angestrebt. In der Zeit der Anwesenheit des
Präsidenten der General Electric in Europa waren die Schwierigkeiten
mit den Mittelmeergesellschaften noch nicht gelöst. Dagegen war es
gelungen, mit der +Brown Boveri-Ges.+, die zur Ausnutzung ihrer
Parsons Patente die Turbinia Parsons Marine-Akt.-Ges. gegründet und
auch einige Aufträge für die deutsche Marine erhalten hatte, ein
Abkommen zu treffen. Die A. E. G. übernahm im Anschluß daran 5625000
Frcs. Aktien der Brown Boveri & Cie.-Ges. in Baden (Schweiz). Auch
hier war ein Erfolg auf dem Konzentrationswege erreicht worden, der
zwar keine Verbindung erster Größe, doch immerhin eine solche von
Wichtigkeit auf einem Spezialgebiet darstellte.

Die Reise Emil Rathenaus nach den Ver. Staaten löste alle noch offenen
Probleme und überwand alle Schwierigkeiten. Am 27. Februar 1904 konnte
eine außerordentliche Generalversammlung einberufen werden, von der die
Anträge auf +völlige Verschmelzung+ der A. E. G. mit der Union
E. G. genehmigt wurden. Aus der ausführlichen Denkschrift, die den
Aktionären in der Generalversammlung vorgelegt wurde, sei das Folgende
wiedergegeben:

    „Die Schranken, welche die Verschmelzung unserer Gesellschaften
    hinderten, sind beseitigt, und, nachdem die Beziehungen zu
    den amerikanischen Gesellschaften eine den neu zu schaffenden
    Verhältnissen entsprechende Gestaltung gefunden haben, erscheint
    die Fusion jetzt als letzte Konsequenz der Interessengemeinschaft,
    die eine Etappe auf diesem Wege war und sein sollte.

    In der Generalversammlung vom 12. Dezember 1903 sind Andeutungen
    über den Zweck der Reise des Generaldirektors der Gesellschaft
    nach den Vereinigten Staaten gemacht worden. Im Vordergrunde des
    Interesses stand die Regelung der zukünftigen Beziehungen der
    Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft zur General Electric Co.,
    der mächtigsten Trägerin der elektrischen Industrie in der Neuen
    Welt. Die Werke dieser Gesellschaft sind von gewaltigem Umfang; sie
    verfügt über einen großen Stab fähiger Männer aus der Wissenschaft
    und Praxis und fördert mit reichen Mitteln und seltener
    Freigebigkeit die Ziele der elektrischen Industrie in Laboratorien
    und Versuchswerkstätten.

    Eine innige Annäherung an diese Organisation erschien umso
    erstrebenswerter, als schon das Bündnis der Union E. G. mit der
    inzwischen von der General Electric Co. aufgesaugten Thomson
    Houston Co. die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft in
    hervorragendem Maße für die Interessengemeinschaft bestimmt hatte.

    Es bestehen europäische Tochtergesellschaften der General Electric
    Co. für England, Frankreich und die Mittelmeerländer; sie haben
    den Namen Thomson Houston beibehalten. In den Vereinigten Staaten
    von Nord-Amerika werden von der General Electric Co. kontrolliert:
    Edison General Electric Co., Thomson Houston Electric Co., Fort
    Wayne Electric Works, Stanley Electric Manufacturing Co., Eddy
    Electric Corporation, General Incandescent Arc Light Co., Sprague
    Electric Co. und Northern Electric Co.

    Das Gebiet der Union E. G. war Deutschland, Mittel- und Nord-Europa
    und die Balkanstaaten. In Österreich, Rußland und Belgien hat sie
    unter Beteiligung einheimischer Finanzinstitute die österreichische
    bezw. russische Union E. G. und die Union Electrique in Brüssel
    errichtet.

    Die einzelnen Gesellschaften sind durch Verträge untereinander
    und mit der Muttergesellschaft auf den ihr zugewiesenen
    Bezirk geographisch beschränkt, aber frei, die Gebiete durch
    Separatabkommen zu erweitern; so hat die Union Electrique durch
    eine Vereinbarung mit der Mittelmeergesellschaft, kurz Meditomson
    genannt, das Recht erlangt, unter gewissen Bedingungen auch in
    Italien Geschäfte abzuschließen.

    Das alle Gesellschaften gemeinsam verbindende Element ist der
    wechselseitige Austausch von Patenten und Erfahrungen.

    Auf den Beitritt zu diesem Konzern und die Anbahnung
    freundschaftlicher Beziehungen auch zu den europäischen
    Unternehmungen waren unsere Bemühungen nicht weniger
    gerichtet, als auf die Verallgemeinerung der wichtigen
    technischen und kommerziellen Interessen, welche wir in unseren
    Dampfturbinen-Patenten und denen von Riedler-Stumpf besaßen. Die
    Vereinigung der letzteren mit den Patenten der Curtisgruppe, die
    die General Electric Co. zur eigenen Ausübung in den Vereinigten
    Staaten erworben hatte und für andere Länder zu verwerten im
    Begriff stand, erschien uns nützlich.

    Unsere zahlreichen Verträge mit den amerikanischen und europäischen
    Gesellschaften enthalten folgende Hauptpunkte:

    1. Eine Vereinbarung, nach welcher die Allgemeine
    Elektrizitäts-Gesellschaft und die General Electric Co. ihre
    Gebiete für sich und ihre Tochtergesellschaften gegenseitig
    abgrenzen und jede Partei der anderen Patente und Erfahrungen für
    die betreffenden Gebiete überläßt.

    Das ausschließliche Gebiet der General Electric Co. umfaßt im
    wesentlichen die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und Kanada,
    das der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft Deutschland mit
    Luxemburg, Österreich-Ungarn, europäisches und asiatisches Rußland,
    Finnland, Holland, Belgien, Schweden, Norwegen, Dänemark, Schweiz,
    Türkei und die Balkanstaaten.

    Für die Gebiete der europäischen Tochtergesellschaften sind
    langsichtige Separatabkommen geschlossen, für die anderen
    Weltteile einschließlich Süd-Amerika ist ein gemeinsames Arbeiten
    der beiden großen Elektrizitätsgesellschaften in Aussicht
    genommen, Abmachungen, welche ein langjähriges und ersprießliches
    Zusammenwirken erwarten lassen.

    Auf die Vereinbarungen über Italien werden wir später noch
    zurückkommen; in Spanien und Griechenland bleiben die bisherigen
    Verhältnisse einstweilen unverändert.

    2. Die General Electric Co. und die Allgemeine
    Elektrizitäts-Gesellschaft gründen eine Gesellschaft
    mit 3 Millionen Mark zur Verwertung der Riedler-Stumpf-
    und Curtis-Patente im Gebiete der Allgemeinen
    Elektrizitäts-Gesellschaft. Hierbei sind die Patente von Curtis
    mit 1,8 Millionen Mark, die von Riedler-Stumpf mit 1,2 Millionen
    Mark bewertet. Die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft hat sich
    eine Lizenz gesichert. Sie erlangt hiermit auch das Lieferungsrecht
    nach allen außereuropäischen Ländern mit Ausnahme der Vereinigten
    Staaten und Kanada, für welche die General Electric Co. die
    Riedler-Stumpf-Rechte erwirbt.

    3. Das Recht der Benutzung von Curtis-Patenten für
    Betriebsmaschinen von Schiffen war der International Curtis
    Marine Turbine Co. vorbehalten. Diese hat der Allgemeinen
    Elektrizitäts-Gesellschaft Lizenz für deren europäisches Gebiet
    erteilt, wogegen die letztere der Marine Turbine Co. die Verfügung
    über Riedler-Stumpf-Patente für Schiffsbewegungszwecke gestattet.

    4. Mit den Professoren Riedler und Stumpf besitzt und
    bearbeitet die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft deren
    Dampfturbinen-Patente in der Gesellschaft zur Einführung von
    Erfindungen m. b. H. Die Patente sind nunmehr an die Vereinigte
    Dampf-Turbinen-Gesellschaft und für Nord-Amerika an die
    General Electric Co. übergegangen, die Marine-Rechte an die
    Marine-Turbinen-Gesellschaften, während die genannten Erfinder
    an den der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft gewährten
    Gegenleistungen beteiligt werden.

    5. Mit der British Thomson Houston Co. ist ein analoger Vertrag,
    wie der mit der General Electric Co. über das Exportgeschäft
    geschlossen worden. Es sind der englischen Gesellschaft aber
    außerdem im Interesse der Geschäftsbetriebe noch gewisse
    Befugnisse eingeräumt worden, u. a. die finanzielle Beteiligung
    an der englischen Tochtergesellschaft der Allgemeinen
    Elektrizitäts-Gesellschaft und an einer in England etwa zu
    gründenden Gesellschaft für Herstellung von Nernstlampen. Dagegen
    bleibt der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft das Recht,
    außer anderen Fabrikaten auch Turbinen nach England zu liefern,
    vorbehalten.

    6. Wie mit der britischen Gesellschaft findet auch mit
    der französischen Thomson Houston Co. ein gegenseitiger
    Austausch der Patente und Erfahrungen statt. Die Allgemeine
    Elektrizitäts-Gesellschaft wird ihre französische Organisation
    auf den Verkauf ihrer Erzeugnisse in Frankreich beschränken und
    Maschinen, sowie Dampfturbinen nur an die französische Gesellschaft
    liefern, welcher eine Option auf den Bezug von Aktien der Société
    Française d’Electricité A. E. G. bis zu einem gewissen Betrage
    zugesichert ist. Dagegen garantiert die französische Thomson
    Houston Co. der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft einen dem
    bisherigen Umsatz an Maschinen in Frankreich entsprechenden Bezug
    von Dynamos.

    Aus den Verträgen ergibt sich für uns das Recht und die Pflicht,
    folgende Gesellschaften zu gründen:

    I. eine Gesellschaft für den Bau von Dampfturbinen, Turbodynamos
    und deren Zubehör. Die „Allgemeine Dampfturbinen-Gesellschaft“ soll
    mit einem nach Bedarf einzuzahlenden Aktienkapital von 5 Millionen
    Mark ausgerüstet werden. Die Aktien zeichnet die Allgemeine
    Elektrizitäts-Gesellschaft. Als Fabrikanlage werden Grundstücke,
    Gebäude und Maschinen der Union E. G., deren Fabrikbetrieb mit dem
    der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft verschmolzen worden ist,
    voraussichtlich dienen. Die vorgenannten Immobilien würden der
    Allgemeinen Dampfturbinen-Gesellschaft auf eine Reihe von Jahren
    mit dem Rechte des Erwerbes verpachtet werden. Die technische
    Leitung wird Herrn Direktor Lasche, in dessen Hände der Turbinenbau
    der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft sich gegenwärtig bereits
    befindet, übertragen.

    II. Die oben erwähnte Turbinen-Licenz-Gesellschaft; diese ist unter
    der Firma „Vereinigte Dampfturbinen-Gesellschaft m. b. H.“ bereits
    errichtet.

    III. Eine italienische Gesellschaft mit einem Kapital von
    6 Millionen Lire, auf die die bisherigen Organisationen
    der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft und der Thomson
    Houston-Gesellschaft, sowie die italienischen Turbinen-Patente
    sämtlicher Gruppen übergehen.

    IV. Zwischen der Union Electrique in Brüssel und der Société
    Belge d’Electricité A. E. G. ist ein analoges Abkommen, wie es
    zwischen der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft und Union
    Elektrizitäts-Gesellschaft besteht, einstweilen getroffen; eine
    förmliche Fusion dieser Gesellschaften dürfte vielleicht später
    sich vollziehen.

    Sind schon die Aufwendungen für die genannten Gesellschaften,
    den Erwerb von Patenten und die Gewährung von Vorschüssen und
    aus den erwähnten Transaktionen von beträchtlichem Belang, so
    erfahren sie noch eine Vermehrung durch Übernahme von Aktien
    der Österreichischen Union E. G., an der die hiesige Union E.
    G. hervorragend beteiligt ist, und die wir sowohl aus diesem
    Interesse, als auch zur Schaffung geeigneter Fabrikationsstätten
    in Österreich, einer durchgreifenden Rekonstruktion zu unterziehen
    beabsichtigen.

    Endlich wird die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft die häufig
    im Wege des Kredits beschafften +Betriebsmittel der Union E. G.+,
    falls sie ihre durch zwei Jahrzehnte bewährte Finanzgebarung auch
    auf diese Geschäfte übertragen will, +ergänzen und verstärken
    müssen+.

    Zur +Beschaffung+ der für die Durchführung des vorgezeichneten
    Programms erforderlichen +Kapitalien+ unterbreiten wir folgende
    Vorschläge Ihrer geneigten Erwägung:

    Die Union E. G. verfügte nach der Bilanz vom 30. Juni 1903 über
    Effekten und Anlagen im eigenen Betriebe zum Buchwerte von ca.
    13 Millionen Mark, aber die Objekte befinden sich größtenteils
    in der Entwicklung, haben keinen Börsenkurs und würden deshalb
    schwer flüssig gemacht werden können. Zur Verwertung dieser
    Vermögensobjekte wird die Union E. G. unter Gewährleistung
    angemessener Erträgnisse den größten Teil dieses Besitzes der
    Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft überlassen und dafür von
    ihr 6,5 Millionen Mark nominal neu auszugebender Allgemeine
    Elektrizitäts-Gesellschafts-Aktien mit Gewinnberechnung vom 1. Juli
    1903 empfangen. Diese 6,5 Millionen Mark neuer Aktien hat sich der
    Union E. G. gegenüber ein Konsortium zu einem Kurse von 210% tel
    quel netto ohne Stückzinsenberechnung abzunehmen bereit erklärt.

    Vermöge dieser Transaktion würde die Union in den Besitz von
    Barmitteln in Höhe von ca. 13650000 Mark gelangen, und die
    Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft die erworbenen Effekten unter
    Abzug der aus dieser Transaktion entstehenden Spesen und Zinsen
    weit unter dem Buchwerte bei der Union E. G. inventarisieren dürfen.

    Sollte dieses Anerbieten Ihre Zustimmung finden, so
    würden wir gleichzeitig den Antrag stellen, die bisherige
    +Interessen-Gemeinschaft+ der beiden Gesellschaften +aufzuheben+
    und den Umtausch der Aktien der Union E. G. gegen solche der
    Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft im Verhältnis der durch
    die Interessengemeinschaft festgesetzten Relationen von 3:2 zum
    Zwecke einer späteren Fusion bezw. Liquidation der Union E. G.
    zu vollziehen. Diese Verschmelzung würde wesentlich noch dadurch
    erleichtert werden, daß Immobilien, Betriebsinventarien, Waren und
    Materialien teils auf die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft
    übergehen, welche zugleich Kasse, Wechsel, Kautionen, Vorräte,
    Debitoren, Versicherungsprämien und Patente zu übernehmen hätte.
    Da die Reserven der Union E. G. den aus der Bilanz sich ergebenden
    Verlust des letzten Jahres reichlich decken, so wäre das teils
    in bar, teils in sofort realisierbaren Werten vorhandene
    Gesellschaftskapital der Union E. G. zur Durchführung sämtlicher
    Transaktionen vorhanden.

    Aktionäre der Union E. G., welche über die Hälfte des
    Aktienkapitals verfügen, haben den eventuellen Umtausch ihrer
    Aktien unter diesen Bedingungen zugesagt, und wir zweifeln nicht,
    daß die übrigen ihrem Beispiel folgen werden.

    Aber auch die Aktionäre der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft
    hätten Grund zur Zufriedenheit, denn ihre Gesellschaft würde
    gegen Hergabe von 22½ Millionen neuer Aktien und Übernahme von
    10 Millionen Obligationen erstens 34 Millionen liquider Mittel,
    zweitens Effekten, Zentralen und Bahnen, welche bei der Union E.
    G. mit mehr als 13 Millionen Mark zu Buche stehen, und drittens
    Rechte, Erfahrungen, Patente, die gesamten Grundstücke und
    Fabrikanlagen und die Organisation dieser Gesellschaft erlangen,
    sowie in den alleinigen und ausschließlichen Besitz der Rechte
    und Verträge treten, die namens der deutschen Gruppe mit den oben
    erwähnten Parteien geschlossen sind.“

Das äußere Resultat, sozusagen der Mantel, mit dem die Fülle der neuen
Lebens- und Schaffensformen umkleidet wurde, ist die Kapitalserhöhung
der A. E. G. um 26 auf 86 Millionen Mark. Die vielen kleineren und
größeren Kräfte, die mit den Transaktionen des 27. Februar 1904 dem
Fundus der A. E. G. zugefügt wurden, setzten ihr Wirken fort, aber
ihr Pulsschlag, ihre Richtung und ihr Taktschritt wird dem größeren
Leben der A. E. G. angepaßt, ihren Gesichtspunkten und Interessen
eingeordnet, -- gewiß nicht im ersten Wurfe, sondern in langsamer,
zusammenschweißender und abschließender Organisationsarbeit. Allmählich
gingen sie auf in dem regelmäßig und einheitlich arbeitenden
Räderwerk, das der Betrieb eines Riesenunternehmens wie der A.
E. G. darstellte, darstellen mußte, wenn nicht Reibungsverluste,
Desorganisation, Absterben von Trieben den Organismus verfallen lassen
sollten. Nur wer die ungeheuren Schwierigkeiten und die gewaltige
Menge an Kleinarbeit, Disharmonik und Unstimmigkeit kennt, die mit
einer Eingliederung und Abstimmung oft heterogener Fusionselemente
verbunden sind, wer es einmal gesehen hat, wie neben den durch die
Fusion erhaltenen und belebten Kräften auch andere der Verpflanzung
sich widersetzen und verkümmern, ja wie manchmal der ganze theoretisch
fein ausgeklügelte Fusionsgedanke sich bei der Verwirklichung
als irrtümlich und verfehlt erweist, der kann ermessen, welche
kaufmännische Leistung die +Durchführung+ einer so umfangreichen
und vielgestaltigen Transaktion wie der vorstehend geschilderten
bildet. Für den Außenstehenden ist die Angelegenheit damit erledigt,
daß der Plan der Transaktionsarchitektur im großen festgelegt ist,
die Personalveränderungen in den höchsten Stufen, bei Aufsichtsrat
und Vorstand, erfolgt und die Generalversammlungsformalitäten erfüllt
sind. Die neuen Aktien sind da und verbergen dem Außenstehenden das
Chaos, das noch besteht, das Durcheinander der Meinungen, Gewohnheiten
und Methoden, das nun erst zu ordnen, in Reih und Glied zu bringen
ist. Welche ungeheure Menge an Fehlschlägen, an Verstimmungen,
an Vergewaltigungen nach der papierenen Beschlußfassung über die
Verschmelzung noch zu entstehen vermag, ahnt der Aktionär nicht, dessen
Wertpapiere nur eine andere Uniform angezogen haben. Oder er bekommt
es manchmal erst später zu erfahren, wenn sich herausstellt, daß das
Mißlingen der Fusionsdurchführung die Rente und die Aktie entkräftet
hat. Auch solche Fälle von unheilbarer Fusionskrankheit gibt es,
und gerade in der Elektrizitätsindustrie ist ein sehr lehrreiches
Beispiel dieser Art in der Fusion des Felten Guilleaume Carlswerks
mit der Elektrizitäts-Ges. Lahmeyer zu finden, die kurze Zeit nach
der Verschmelzung der A. E. G. mit der Union E. G. aus derselben
Konzentrationstendenz heraus und mit ähnlichen Absichten erfolgte.
Hier war nicht Kräftigung, sondern Schwächung die Folge der in der
Durchführung mißlungenen Fusion, und bei der später wieder erforderlich
werdenden Trennung war es gerade die Reorganisationskraft der A. E.
G., die das Übel heilen mußte und heilen konnte. Nicht nur in der
Anlage von Fusionsplänen, sondern auch in ihrer Durchführung haben
Rathenau und seine Mitarbeiter stets eine überragende Meisterschaft
bekundet. Gewiß gab es auch bei ihnen im einzelnen Rückstände
im Einschmelzungsprozeß, aber die große Reservekapazität ihrer
Unternehmungen gestattete es diesen, derartige Verluste bei Fusionen
leicht zu verwinden, ja von vornherein mit in die Rechnung einzustellen.

Das Gesetz der Rivalität und des +Dualismus+ wurde durch die
Ausdehnung der A. E. G. auf das amerikanische Interessengebiet
augenblicklich in Tätigkeit gesetzt. Siemens & Halske leiteten bald
nach Bekanntwerden der Reise Rathenaus nach Amerika und der damit
verbundenen Pläne Verhandlungen mit dem +Westinghouse-Konzern+
ein, der zeitweilig seinen mit großer Kühnheit und Vielseitigkeit
entworfenen Unternehmungen größere Ausdehnung zu geben verstanden
hatte als selbst die General Electric. Georg Westinghouse, ein Geist
von hohen technischen und kaufmännischen Fähigkeiten, hatte ähnliche
Bahnen beschritten wie Rathenau, aber gerade bei ihm machte sich
verhältnismäßig früh das Fehlen einer soliden Fundierung, einer inneren
Festigung und Sicherung der durch die Expansion eroberten großen und
mit verschwenderischer Fülle ausgestatteten Gebiete geltend. Die
amerikanische Krisis des Jahres 1907 erschütterte die Fundamente seiner
Gründungen und stellte sie vor die Notwendigkeit einer Reorganisation.
Die Westinghouse-Gesellschaft mußte sich damals unter Receiverschaft
(Zwangsverwaltung) begeben, während Emil Rathenau die Genugtuung hatte,
daß die von ihm beratene General Electric den Sturm überstehen konnte.
So waren es letzten Endes hüben und drüben nur wenige der aus der
großen Schwungkraft der Elektrizitätsbewegung geborenen Unternehmungen,
die aus der Feuerprobe der Krisis ungeschwächt hervorgingen. Die
wenigen allerdings, die stark blieben, wurden durch den Verlust und
den Fall der anderen noch stärker und konnten einen Teil der Werte
aufraffen, die von den anderen hatten aufgegeben werden müssen.



Dreizehntes Kapitel

Weltwirtschaft


Es kamen die Jahre der Reife und der Ernte. Nachdem die Krisis
überwunden, der Besitz durch sie gemehrt, die früher mit unzulänglichen
Mitteln unternommene Einflußausdehnung auf die verwandte Industrie der
Neuen Welt mit gesammelter Kraft wiederholt, die überseeische Tätigkeit
durch mächtige Stützpunkte und gewaltige Kulturbauten fest gegründet
worden war, brauchte eine Erschütterung der Position nicht mehr
befürchtet zu werden. Eines der größten Unternehmungen Deutschlands
nicht nur, sondern auch eines der bekanntesten im Auslande war die
A. E. G. geworden. Der Weltruf war geschaffen. Nur wenige deutsche
Industrie-Unternehmungen standen ihr darin gleich. Vielleicht Krupp,
Siemens, die Hamburg-Amerika-Linie und der Norddeutsche Lloyd. Die
Riesenhüttenwerke Rheinland-Westfalens konnten es an internationaler
Popularität mit ihr nicht aufnehmen, weil sie für breite Teile ihres
Absatzes nicht unmittelbar, sondern durch die großen Montanverbände,
Kohlensyndikat, Stahlwerksverband, Walzdrahtverband usw. mit der
Auslandskundschaft in Berührung traten.

Nach der stilleren Laboratoriumsarbeit, der inneren Ausgestaltung
der Betriebe und Methoden, die in der Zeit der Krisis und Nachkrisis
zu Ersparnissen und Verbilligungen in der Arbeit führen sollten,
kam wieder die Zeit des kühnen Planens, der neuen Entwürfe und
Geschäfte. Es wurde nicht mehr gespart, sondern gewagt, um zu
gewinnen. Millionen wurden wieder auf eine Karte gesetzt, und
die Zurückhaltung gegenüber neuen Projekten, die Rathenau in den
Generalversammlungen der vergangenen Jahre gepredigt hatte, drückte
nicht mehr auf die Schaffensfreudigkeit. Die Fenster wurden weit
wie nie zuvor geöffnet, und frische Luft drang von allen Seiten in
Bureauräume und Fabrikhallen. Auch in äußeren Dingen wurde mehr auf
Repräsentation und würdige Aufmachung gegeben als vorher. Man mußte
auch dadurch erweisen, daß man an der Spitze der deutschen Industrie
marschierte und Welthaus geworden war. Statt des engen und veralteten
Verwaltungsgebäudes, das die A. E. G. von den B. E. W. gemietet und
mit ihnen geteilt hatte, entstand der in seiner Schlichtheit schöne
und monumentale +Messelbau+ am Friedrich Karl-Ufer. Statt der
roten Backsteinfabriken, wie sie die 80er und 90er Jahre in einer
unschönen Mischung von Kasernen- und Trutzburgenstil geschaffen hatten,
-- Bauwerke, die den Fabrikcharakter mehr verdecken, als zum Ausdruck
bringen sollten -- entstanden die Maschinen- und Turbinenhallen Peter
+Behrens+, massige, dabei doch leichte und lichte Zweckbauten
aus Stein, Beton und Eisen, die mit selbstbewußter Sachlichkeit, doch
ohne Aufdringlichkeit den Verwendungszweck der Gebäude betonten. Das
Großgewerbe fand seinen künstlerischen Stil und die Kunst begann das
Großgewerbe zu verstehen.

Neue große Fabrikbauten entstanden an allen Betriebsstätten des
Unternehmens. Die Grundstücke der Union E. G. in der Sickingen-
und Huttenstraße wurden zur Verlegung ganzer gesonderter
Produktionsabteilungen benutzt. Neben dem Kabelwerk Oberspree wurden
neue Betriebe, so ein Messingwalzwerk, eine eigene Eisen- und
Stahldrahtfabrik, eine Automobilfabrik errichtet. Schließlich als
die in der Stadt und nahe der Stadt liegenden Grundstückskomplexe
der Gesellschaft nicht mehr ausreichten, wurde in Hennigsdorf am
neuen Großschiffahrtsweg Berlin-Stettin im Jahre 1909 ein weites
zusammenhängendes Gelände erworben, auf dem neue Betriebe entstanden
und der Expansionsdrang sich frei ausleben konnte.

Die Selbstbedarfsdeckung und die Vielseitigkeit im Produktionsprozeß
wurden weiter ausgedehnt, und gingen soweit, daß eigene Porzellan-,
Gummi- und Papierfabriken als Hilfsbetriebe entstanden. Dabei hat
sich die A. E. G. allerdings nicht eigensinnig auf die Durchführung
eines lückenlosen Selbstbedarfsdeckungsprinzips versteift, wo es
nicht rationell in den herrschenden Marktverhältnissen begründet
war. Als zum Beispiel die französische Gummireifen-Firma Michelin
plötzlich dazu überging, die Verkaufspreise ihrer Fabrikate um 50%
herabzusetzen, stellte Rathenau kurzentschlossen die Eigenproduktion in
diesem Artikel ein, denn er konnte seinen Bedarf am Markte billiger
eindecken. Das System der Selbstbedarfsdeckung wurde von der A. E. G.
auch nicht soweit ausgedehnt, daß das Gleichgewicht des Aufbaus durch
die Angliederung „schwerer“ Nebenbetriebe beeinträchtigt worden wäre.
Insbesondere hielt sich Rathenau davon zurück, die Hauptrohstoffe
seiner Produktion in eigenen Betrieben zu erzeugen. Ein Strousberg
hätte vielleicht den jährlichen Kupferverbrauch von zuletzt mehr als
30000 t zum Anlaß genommen, sich eine eigene Kupfermine in Amerika
zu kaufen. Emil Rathenau war ein zu vorsichtiger Rechner, um in
derartige Nebenbetriebe, die ihm möglicherweise eine etwas günstigere
Materialbeschaffung gestattet hätten, ein Kapital zu investieren,
das im Mißverhältnis zu den Anlagen seiner Hauptwerke stand und mit
dem er in seinen Verfeinerungsbetrieben weit mehr verdienen konnte.
Bei aller Großzügigkeit in der Fabrikationspolitik war er doch frei
von jeder Großmannssucht. Er suchte Wirkungen, nicht Effekte. Auch
der Versuchung, eine Kohlenzeche zu erwerben, widerstand er, denn
er hätte deren Produkte nur zum Teil ausnutzen können, zum anderen
Teil verkaufen und damit Geschäftszweige aufnehmen müssen, die
seinem Gebiet ganz fern lagen. Die Feldererwerbungen im Bitterfelder
Braunkohlenrevier dienten nicht der Brennstoffversorgung der A.
E. G., sondern der Stromerzeugung besonderer Kraftwerke. Eine
eigene Stahlanlage in Steinfort schuf sich der A. E. G.-Konzern nur
indirekt durch das Felten-Guilleaume-Carlswerk in Mülheim, dessen
Aktienmajorität er im Jahre 1910 erwarb. Im allgemeinen verfolgte
Rathenau das Prinzip, über den Kreis der Elektrizitätsindustrie nicht
hinauszugehen, und von Erwerbungen, die nur teilweise in diesen
Kreis hineingehörten, mit beträchtlichen Abschnitten aber in andere
Industrien hineinragten, wollte er nicht viel wissen. Dafür war er aber
darauf bedacht, sein eigenes Gebiet, das der Elektrizitätsindustrie, so
weit als möglich auszubauen, innerhalb dieses Gebietes alle möglichen
Techniken und Betriebszweige zu entwickeln, alle Absatzmöglichkeiten
durch Sonderorganisationen zu pflegen und alle Hilfsindustrien, soweit
dies mit angemessenen Kosten möglich war, sich anzugliedern.

Eine eigenartige Entwickelung nahm im neuen Jahrhundert die
+Beleuchtungs-Industrie+. Die A. E. G. hatte durch Übernahme und
Entwickelung der +Nernstlampe+ die Führung auf diesem Urgebiete
der Starkstromtechnik, die sie bei ihrer Gründung durch den Erwerb der
Edisonpatente für Deutschland inne gehabt hatte, sich von neuem sichern
und festigen wollen. Große Mittel waren in diese Lampe investiert
worden, der Erfolg hatte sich allmählich eingestellt, überwältigend
wäre er nie geworden, -- auch wenn die +bessere+ Metallfadenlampe
nicht gekommen wäre, und sofort über die gute Nernstlampe den Sieg
davon getragen hätte.

Die sogenannten „ökonomischen“ Lampen waren nicht aus einer in sich
selbst begründeten Fortentwickelung der elektrischen Glühlampe
entstanden, sondern sie wurden gesucht und gefunden, weil das
Gasglühlicht in seinen modernen Formen die „stromfressende“, teure und
lichtschwache Kohlenfadenlampe völlig zu verdrängen drohte. Zuerst
hatte man es mit einer Verbesserung der Ökonomie des Kohlenfadens
versucht und durch die sogenannte Metallisierung dieses Fadens in
der Tat eine Stromersparnis von etwa 30% zu erreichen verstanden.
Das genügte aber nicht lange und höhere Glühtemperaturen ertrug der
Kohlenfaden nicht. Schon vorher war Nernst auf den Plan getreten. Er
nahm an, daß unter den metallisch leitenden Körpern (den sogenannten
Leitern I. Klasse) sich keine Substanz befinde, die für die Herstellung
einer wirklich ökonomischen Lampe geeignet sei. Er benutzte darum als
Glühkörper seltene Oxyde, bei denen die Leitfähigkeit elektrolytischer
Natur ist, die allerdings den Nachteil haben, den elektrischen Strom
erst in der Wärme zu leiten. Es dauerte darum stets einige Zeit,
ehe die Nernstlampe zu leuchten begann. Die Glühstäbchen mußten
erst glühend geworden sein. Die A. E. G. hat auf alle mögliche
Weise versucht, diesen Nachteil zu beheben oder doch abzumildern.
Sie stellte in der sogenannten Expreßlampe eine Kombination der
Heizspirale der Nernstlampe mit sofort leuchtenden Glühfäden her,
ein höchst kunstreiches Produkt, das aber naturgemäß nicht zur
Billigkeit eines Massenartikels zu bringen war. Auch die sogenannte
Mehrfach-Lampe, die eine Anordnung mehrerer Nernstlampen zur Verwendung
für die verschiedensten Zwecke darstellte, konnte den Hauptnachteil
nicht beheben. Es ist eine seltsame Ironie des Schicksals, daß es
gerade Auer von Welsbach, der Erfinder des Gasglühlichts war, dem
als zweiter großer Wurf seines Lebens die Konstruktion +der+
elektrischen Lampe gelang, die einzig und allein imstande gewesen
ist, die Niederlage des elektrischen Glühlichts im Kampfe mit dem
Gasglühlicht zu verhindern. Auer von Welsbach teilte die Ansicht
Nernsts nicht, daß unter den Metallen keine für die Herstellung
ökonomischer Lampen geeignete Substanz zu finden sei. Nach langen
und mühevollen Versuchen gelang es ihm, im Osmium der Platingruppe
(wer erinnert sich nicht der ersten Versuche Edisons vor Herstellung
des Kohlenfadens?) ein Metall zu finden, das nur im elektrischen
Lichtbogen geschmolzen werden konnte. Helles Licht, große Fortschritte
in der Stromökonomie und verhältnismäßig lange Lebensdauer waren
schon die Vorzüge dieser ersten Metallfadenlampe, die den Anstoß
zu neuen, immer vollkommeneren Konstruktionen gab. Emil Rathenau,
der die Nernstlampe doch gewiß außerordentlich hoch eingeschätzt
hatte, besaß wissenschaftliche Einsicht und kritische Objektivität
genug, um sofort zu erkennen, daß die Bahn Auer von Welsbachs die
erfolgversprechendere war und daß seine eigene Mühe und der gewaltige
Aufwand, den er an die Nernstlampe gewandt hatte, diese nicht zu retten
vermochten. Eine Spezialfabrik, die in eine solche grundsätzlich
„überwundene“ Konstruktion viele Millionen hineingesteckt haben
würde, ohne sie schließlich produktiv machen zu können, hätte den
Schlag wahrscheinlich überhaupt nicht verwunden. Auch ein gemischtes
Unternehmen, das aus großen Reserven die entstandenen Verluste
nicht hätte ausgleichen können, würde schwer unter dem Fehlschlag
gelitten haben. Die A. E. G., die alle für die Nernstlampe gemachten
Investitionen sofort abgeschrieben hatte, vermochte ihn angesichts
ihrer inneren Stärke ohne äußerlich erkennbare Schäden zu überwinden,
und konnte sich sofort mit erheblichen Geldkräften der neuen Industrie
der „seltenen Metalle“ zuwenden. Im Jahre 1909 wird der Nernstlampe
auch offiziell im Geschäftsbericht der Begräbnisschein ausgestellt.
„Nur noch Ersatzbrenner und Projektionslampen werden verkauft.“ Bis
die A. E. G. eine leistungsfähige Metallfadenlampe aus Wolfram-Erz
hergestellt hatte, verging natürlich einige Zeit. Neben ihr arbeiteten
noch andere Firmen, darunter Siemens & Halske, die in der Tantallampe
eine Erstkonstruktion von nicht so erheblicher Stromersparnis als
Stoßfestigkeit hergestellt hatten, unermüdlich an der Ausgestaltung
der Metallfadenlampe. Ein bedeutender Fortschritt gelang der General
Electric Co. durch die Erzeugung der +Metalldrahtlampe+, bei
der der gespritzte Metallfaden durch den gezogenen Metalldraht
ersetzt worden war. Die A. E. G. hatte auf Grund ihres technischen
Austauschvertrages mit der General Electric Anspruch auf die
Auslieferung der Erfahrungen dieser Gesellschaft. Schließlich kam
zwischen der A. E. G., der Siemens & Halske-Ges. und der Deutschen
Gasglühlicht-Gesellschaft (Auer) ein Gegenseitigkeitsvertrag zustande,
auf Grund dessen alle diese Gesellschaften zur Vermeidung von
Patentkonflikten ihre Konstruktionen austauschten. Auch andere Firmen
wandten sich dem neuen Gebiete zu, aber durch Reichsgerichtsurteil
wurde den obengenannten drei Gesellschaften, zu denen später
auch noch die Bergmann-Elektrizitätswerke als Lizenznehmer
traten, der Patentschutz für die Metalldrahtlampe gesichert. Eine
Metallfadenlampen-Konvention nach dem Muster der Verkaufsvereinigung
für Kohlenfadenlampen war von manchen Seiten zur Bekämpfung der bald
eintretenden scharfen Konkurrenz vorgeschlagen worden. Die A. E. G.
lehnte eine solche Konvention diesmal ab, mit der Begründung, daß die
technische und ökonomische Höchstleistung der Metallampe noch nicht
erreicht sei und eine Festlegung von Absatzkontingenten die freie
Entwickelung hemmen könnte. Einige Zeit später schritt die A. E. G.
sogar zu mehrmaligen beträchtlichen Herabsetzungen der Verkaufspreise
für die Metalldrahtlampen und zwar besonders für die größeren
Lampentypen, in denen sie damals leistungsfähigere Konstruktionen
besaß als in den kleinen Lampen. Ihre Absicht war es dabei offenbar,
die Verbraucher an die größeren Lampen zu gewöhnen, die sie ihnen zu
ungefähr denselben Preisen lieferte wie vorher die kleinen. Neben ihren
Fabrikationsinteressen mochten sie dabei auch die Interessen ihrer
Stromerzeugungswerke geleitet haben. Erst während des Krieges ist eine
lose Preiskonvention zwischen den größeren Metallfadenlampenfabriken
zustande gekommen. -- Auch mit der Metalldrahtlampe war der
Höhepunkt der Entwickelung noch nicht erreicht. Es folgte die
+Halbwattlampe+, bei der der Glühfaden nicht mehr im luftleeren,
sondern im gasgefüllten Raum eingespannt war. Zuerst wurde diese
Lampe nur für ganz große Formen hergestellt, in denen sie weniger
der Glühlampe, als der Bogenlampe Konkurrenz machte. In letzter
Zeit ist es aber auch gelungen, kleine Halbwattlampen herzustellen.
Die Ökonomie der elektrischen Lampe ist im Laufe der Entwickelung
seit Erfindung der Glühlampe außerordentlich verbessert worden. Die
Halbwattlampe verbraucht weniger als den zehnten Teil des Stromes, den
die Kohlenfadenlampe mit mehr als 5 Watt für die Normalkerze anfänglich
in Anspruch nahm.

Auf dem Gebiete der +Kraftübertragung+ begann in den ersten
Jahren des neuen Jahrhunderts die vorher in mühseliger technischer
und propagandistischer Arbeit ausgestreute Saat ihre reichen Früchte
zu tragen, und zwar sowohl auf dem Gebiete der Einzelanlagen als
auch auf dem der Zentralen. Die Industrie ging in immer stärkerem
Umfange zur Benutzung des elektro-motorischen Antriebes über. Die
+elektrische Fördermaschine+ begann sich in den Bergwerken
einzubürgern. Die Dampfmaschine setzte sich zwar anfangs energisch
zur Wehr und ihre Techniker konstruierten eine Dampfförderanlage,
die die Vorzüge der elektrischen Förderung wettzumachen versuchte
und in wenigen Jahren Verbesserungen erreichte, wie sie vorher in
Jahrzehnten nicht hatten erzielt werden können. Hüben und drüben
wurde mit ökonomischen Tabellen in den industriellen Zeitschriften
für die Vorteile dieses oder jenes Systems gestritten. Es nützte der
Dampfförderanlage nicht viel. Der Kampf war scharf, aber nur kurz.
An Betriebssicherheit und Bequemlichkeit war die elektrische Anlage
namentlich für die Personenbeförderung der Dampfanlage überlegen.
Auch auf den +Hochofen-+ und +Stahlwerksanlagen+, bei den
+Reversierstraßen der Walzwerke+ setzte sich die elektrische
Kraftübertragung rasch durch. Hier galt es einen Kampf mit dem Gasmotor
zu führen, der allerdings nicht so leicht gewonnen werden konnte, wie
der mit der Dampfförderanlage. Die Verwendung des Turbinenantriebes für
Dynamos brachte die Elektrizität auch auf diesem Gebiet in Vorteil,
zumal da es hierdurch möglich war, die Abfallgase mehr als bisher
nutzbar zu machen. Immerhin behauptete sich der Gasmotor für manche
Zwecke. Auch in anderen Industriezweigen, in der Braunkohlenindustrie,
in der Papierindustrie, in der Textilindustrie, die großer
Heißdampfmengen bedarf, drang die Kraftübertragung im Verein mit der
Turbine vor. „Die Zeit der Groß-Elektromotoren ist im Beginnen“ heißt
es im Geschäftsbericht der A. E. G. für 1903/04.

Die Hochkonjunktur für +Zentralstationen+, für die das letzte
Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts den Höhepunkt gebracht
hatte, war in den Jahren der Krisis und in der Folgezeit merklich
abgeflaut. Zwar wurden auch jetzt im Inlande, namentlich aber im
Auslande noch Zentralstationen errichtet, doch der Regiebetrieb
überwog den Unternehmer-Betrieb. Auch an Aufträgen für Ergänzungs-
und Ersatzlieferungen für alte Zentralen fehlte es nicht. Der
Geschäftszweig war aber im ganzen viel ruhiger geworden, und infolge
der scharfen Konkurrenzbedingungen nicht mehr so lohnend wie früher.
Schwung kam erst in ihn wieder hinein, als sich das Lokalwerk zur
+Überlandzentrale+ auswuchs, vermittelst des Hochspannungssystems
der Versorgungsradius der Kraftwerke sich ausdehnte und neben dem
städtischen Bedarf auch die Industrie und das platte Land in die
Versorgung von Zentralwerken einbezogen werden konnten. Erst jetzt --
wiederum begünstigt durch die Ausgestaltung des Turbodynamos -- kam das
Drehstromsystem, das vorher etwas rohe und ökonomisch wie technisch
nicht ganz befriedigende Ergebnisse geliefert hatte, zu voller und
reifer Auswirkung. Aber die technische Leistungsfähigkeit war eher
erreicht als das Gleichgewicht der wirtschaftlichen Durchbildung.
Emil Rathenau warnte vor Überlandzentralen, die nur ländliche Bezirke
versorgten. Der ungleichmäßige, zeitweilig anschwellende, dann wieder
erheblich nachlassende Bedarf, die zu geringe Beanspruchung des Stroms
in den dünn besiedelten ländlichen Verbrauchsstätten machten die großen
Kosten des weit auseinandergezogenen Hochspannungsnetzes nicht bezahlt.
Erst der Anschluß von industriellen Verbrauchern, die Einbeziehung
lokaler Kraftwerke, die von den Überlandzentralen den Strom zu
niedrigeren als ihren eigenen Erzeugungskosten beziehen und ihn durch
ihre Anlagen umformen sowie verteilen konnten, ließen die Zentralen
rentabel arbeiten. An besonders geeigneten Stellen, im Kraftwerk an
der Oberspree, im oberschlesischen Industriebezirk schuf die A. E. G.
Musterbeispiele moderner und ökonomisch arbeitender Überlandzentralen.
Zu typischer Bedeutung gelangte das neue System erst in den Jahren
1907 bis 1909. Im englischen Kohlenrevier von Newcastle führte die
A. E. G. ein Kabelnetz von 130 km Länge mit 10000 bis teilweise
20000 Volt Spannung aus, im südafrikanischen Randminen-Gebiete
errichtete sie das gewaltige Elektrizitätswerk der +Victoria
Falls und Transvaal Power Co.+ mit Wasserkraftantrieb, das einen
beträchtlichen Teil der Goldminen Transvaals mit Energie versorgte,
während allerdings ein anderer Teil an seinen eigenen Kraftzentralen
festhielt. Als dieses Projekt in der Öffentlichkeit bekannt wurde,
warf man der unternehmenden Gesellschaft wie der bauausführenden
A. E. G. Phantasterei vor und hielt es technisch, besonders aber
wirtschaftlich für außerordentlich gewagt, eine oberirdische
Fernleitung 800 Kilometer weit von den Victoria-Fällen durch die Wüste
nach dem Rand zu legen. „Die deutsche Elektrizitätsindustrie ist an der
Ausführung des Planes durch ihr gewordene große Aufträge wesentlich
interessiert. Sie hat sich dadurch vielleicht ebenfalls etwas ins
Utopische hineinziehen lassen. Die Utopie ist aber eine Insel, die
schwer mit heilem Schiffe zu umsegeln ist,“ so hieß es in einer der
gelesensten Berliner Zeitungen. Nichtsdestoweniger gelang das kühne
Unternehmen. In Deutschland erstand durch die A. E. G. das +Märkische
Elektrizitätswerk+ bei Eberswalde, das eine Anzahl märkischer Kreise
versorgte und in neuester Zeit zu einem gemischt-wirtschaftlichen
Unternehmen unter Beteiligung der Provinz Brandenburg umgestaltet
wurde. Im westfälischen Bezirk wurde das +Elektrizitätswerk
Westfalen+ am Standorte der Kohle errichtet, im Saargebiet
gleichfalls ein großes Elektrizitätswerk unter denselben Bedingungen.
Zur Ausrüstung des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks, der
größten Montanzentrale Deutschlands, lieferte die A. E. G. Turbodynamos
von 21500 K. V. A. Ständig wurden diese Größenmaße überboten und im
Kriegsjahre 1915/16 erhielt dasselbe Werk von der A. E. G. Turbodynamos
von 60000 K. V. A. Auch in Braunkohlenrevieren entstanden große
Kraftwerke. Die Hochspannung wurde schließlich bis auf 100000 Volt und
mehr gesteigert. Über diese Werke, ihre rechtliche, wirtschaftliche
und technische Bedeutung soll in einem besonderen Kapitel gesprochen
werden. Hier seien sie nur als vorläufige Endpunkte einer mit der
Schaffung der Überlandzentralen eingeleiteten Entwickelung kurz erwähnt.

Eine gleiche Entwickelung vom Kleinen zum Großen, vom Lokal- zum
Überland- und Fernbetrieb wie im Zentralenwesen vollzog sich auch
auf dem zweiten großen Ausdehnungsgebiete der Elektrizität, bei den
+elektrischen Bahnen+. Allerdings kam hier die Entwickelung noch
schwerer in Fluß und der Ausbreitung stellten sich größere Widerstände
entgegen als dem Bau zentraler Kraftwerke. Insbesondere bekundeten die
Staatsbahnverwaltungen in der Frage der Elektrisierung der Vollbahnen
Zurückhaltung. Emil Rathenau schätzte die Widerstände anfänglich wohl
zu gering ein, seinem lediglich auf den Fortschritt eingestellten
Geist war die bureaukratische und fiskalische Bedächtigkeit, mit
der die Verwaltungsbehörden diese Dinge anfaßten oder vielmehr nach
Möglichkeit von sich fernhielten, unverständlich. Er hatte daher
nicht mit ihr gerechnet und das Problem der Vollbahnen für gelöst oder
doch für lösbar gehalten, nachdem die technische Seite und vielleicht
auch die ökonomische, wie sie für große privatwirtschaftliche
Betriebe sich dargestellt hätte, ihre grundsätzliche Klärung gefunden
hatten. Bereits um die Wende des 20. Jahrhunderts sprach Rathenau in
den Geschäftsberichten der A. E. G. viel davon, daß die Lösung des
elektrischen Vollbahnproblems zu den nächsten großen Aufgaben der
Zukunft gehöre. Er hatte aber dabei wohl nicht genügend berücksichtigt,
daß eine aktive Art der demonstrativen Propaganda, wie sie die
Elektrizitätsindustrie unter seiner Führung bei der Einführung der
früheren großen Unternehmungstypen entwickelt hatte, auf diesem Gebiete
unmöglich war. Für Eigenbetriebe war hier wenigstens in Deutschland
wegen des Eisenbahnmonopols kein Raum, in anderen Ländern verbot der
Umfang der notwendigen Kapitalinvestitionen große Unternehmergeschäfte
im Vollbahnbau.

So entwickelte sich der Großbahnenbetrieb nur langsam, tastend und
versuchsweise. Die Staatsbahnverwaltung verlangte umfangreiche Vor-
und Probearbeiten. Auf der Militärbahnstrecke Berlin-Zossen wurde ein
elektrischer Versuchsbahnbetrieb eingerichtet, an dem neben der A.
E. G. auch Siemens & Halske sich beteiligten. Die zu diesem Behufe
bereits im Jahre 1902 gebildete Studiengesellschaft bekundete schnell
ihre elektrotechnische Leistungsfähigkeit, indes gestattete der
Oberbau der Strecke nur eine Schnelligkeit von 125 km in der Stunde.
Um größere Schnelligkeiten zu erreichen, war eine Verstärkung des
Oberbaus der Strecke erforderlich. Nachdem diese durchgeführt war,
gelangen mühelos Stundengeschwindigkeiten bis zu 200 km. Damit war
die Schnelligkeitshöchstgrenze, über die man vorerst praktisch nicht
hinausgehen wollte, erreicht und die Studiengesellschaft beendete
im Jahre 1905 vorläufig ihre Arbeiten, nachdem sie die technische
Seite des Problems hinlänglich klargestellt hatte. Das von der A.
E. G. und Siemens & Halske auf Grund der Erfahrungen ausgearbeitete
+Projekt+ einer +elektrischen Schnellbahn Berlin-Hamburg+,
durch das die Elektrizitätsindustrie an einer Stelle der stärksten
Verkehrsakkumulation sozusagen in medias res springen wollte, erschien
der Regierung zu kühn. Es war dazu bestimmt, Schreibtischarbeit zu
bleiben. Dagegen entschloß sich die preußische Eisenbahnverwaltung in
schrittweisem Vorgehen zu einem zweiten Stadium der Versuchsarbeiten.
Es wurde -- auch hier wieder ohne Überstürzung und Beschleunigung
-- der Ausbau einer größeren für den praktischen Verkehr bestimmten
+Vollbahnstrecke Magdeburg-Halle-Leipzig+ begonnen und zunächst
der Streckenteil Dessau-Bitterfeld in Angriff genommen. An dieser
Strecke sollte die betriebliche und wirtschaftliche Seite der
elektrischen Fernbahn studiert werden. Gemäß dem Grundsatz, daß bei
der Ausprobierung des Problems möglichst vielseitige Konstruktionen
und Erfahrungen gesammelt und aus ihrem Zusammenarbeiten die beste
praktische Lösung gefunden werden sollte, wurden verschiedene
Elektrizitätsfirmen zur Beteiligung aufgefordert, neben der A. E. G.
auch Siemens & Halske, die Bergmann Elektrizitätswerke und andere
leistungsfähige Unternehmungen. Noch eine weitere -- kleinere --
Strecke Lauban-Königszelt, die nicht ausschließlich durch Flachland
führte, sondern größere Steigungen zu überwinden hatte, wurde in
Angriff genommen.

Schon vorher hatte die A. E. G. sich auf eigene Faust mit dem
Schnellbahnsystem in seinen verschiedensten Formen, wenn auch
in kleineren Ausmaßen beschäftigt. Dabei hatte sie sich auf
das Einphasen-Wechselstromsystem gestützt, das die „Union“ ihr
aus dem amerikanischen Patentkreis in die Fusion eingebracht
hatte. Zunächst wurde es bei der Elektrisierung der Anhalter
Vorortbahnstrecke Berlin-Groß-Lichterfelde-Ost, dann auf der Strecke
Spindlersfeld-Johannisthal, beidemal im Auftrage der Preußischen
Staatsbahnverwaltung, ausprobiert und bewährte sich schon in der
ersten Anlage. Auch der Stadt- und Vorortverkehr von Hamburg-Altona
wurde nach demselben System teilweise in den elektrischen Betrieb
überführt, daneben wurden mehrere Gebirgsstrecken, so die Linie
Berchtesgaden-Salzburg, die Stubaitalbahn erbaut. Auch im Auslande
konnte die A. E. G. ihr Einphasen-Wechselstromsystem zur Anwendung
bringen, auf einer schwedischen Linie und auf der Strecke Padua-Fusina.
Die London Brighton und South East Bahn (Victoria Station) bezog ihre
elektrische Ausrüstung ebenfalls von der A. E. G. Um die elektrische
Städtebahn Köln-Düsseldorf mußte ein langwieriger Konzessionsstreit
geführt werden. Um das Bild der Betätigung der A. E. G. auf dem Gebiete
der elektrischen Vollbahnen vollständig zu machen, soll noch auf die
+Hamburger Hochbahn+ hingewiesen werden, die von der A. E. G.
gemeinsam mit Siemens & Halske erbaut wurde, ferner auf die +A. E.
G. Schnellbahn-Gesellschaft+, ein die Stadt Berlin in der Richtung
Gesundbrunnen-Neukölln durchquerendes Untergrundbahn-Unternehmen, das
in eigener Regie von der A. E. G. gebaut wird. Das Projekt wurde im
Jahre 1907 den Behörden unterbreitet, die Fertigstellung des Baus,
bei dem schwierige Wasseruntertunnelungen nach neuartigen Systemen
unternommen wurden, ist in einigen Jahren zu erwarten. Das Kapital
dieses Unternehmens, das ganz allein von der A. E. G. finanziert wird,
beträgt 42500000 M.

Im Zusammenhang mit den Bestrebungen auf dem Gebiet des Fernbahnenbaus
wurde die +Lokomotivfabrikation+ aufgenommen, die sich bald
zu einem umfangreichen Geschäftszweig entwickelte. Bereits im
Jahre 1909/10 waren tausend Lokomotiven von den Fabriken der
Gesellschaft geliefert. Ergänzt wurden die Fabrikationen auf dem
Gebiet der motorischen Beförderungsmittel durch die Aufnahme
des +Automobilbaus+. Zu diesem Zwecke wurde in den ersten
Jahren des neuen Jahrhunderts die Automobilfirma Kühlstein in
Charlottenburg übernommen und eine eigene Fabrik neben dem Kabelwerk
Oberspree errichtet, die sowohl Benzin-Automobile wie Elektromobile
herstellte. Gerade auf diesem Gebiet blieben der Gesellschaft aber
Anfangsschwierigkeiten und Kinderkrankheiten nicht erspart. Die
schwere Automobil-Krise der Jahre 1907/08 traf auch ihre Fabriken,
und die Neue Automobil-Gesellschaft, die den Vertrieb der A. E.
G.-Automobile besorgte, mußte erst einer durchgreifenden Reorganisation
unterworfen werden, ehe aus dem von ihr bearbeiteten Geschäftszweige
ein rentables Unternehmen werden konnte. Bei der Automobilindustrie
sind die Erfahrungen der Krisenjahre auf ganz besonders fruchtbaren
Boden gefallen, sie hat die Unsicherheitsfaktoren, die gerade
in ihrer Fabrikation liegen, ebenso wie die ungewöhnlich großen
Reklameaufwendungen richtig einschätzen gelernt, und ist seither eine
der bestfundierten und reichsten Industrien Deutschlands geworden.

Die gewaltig steigenden Leistungen und Ausmaße der elektrischen
Großkraftwerke auf allen Gebieten wären nicht möglich gewesen ohne
die schnelle und glückliche Entwickelung der +Turbinen+ und der
Turbodynamos. Emil Rathenau hatte sich in richtiger Voraussicht dieser
Entwickelung, mit dem sicheren Instinkt des geborenen Maschinenbauers,
dem neuen Gebiete frühzeitig zugewandt, und den Turbinenbau noch in
den Krisenjahren 1901 und 1902 als einen der neuen Geschäftszweige
aufgenommen, die dazu dienen sollten, die infolge der starken
Konkurrenz geschmälerten Gewinne der alten Produktionen zu ergänzen
und zu ersetzen. Er hatte sich nicht lange mit der eigensinnigen
Beschränkung auf die eigenen Turbinensysteme aufgehalten, sondern diese
nur als Kompensationsobjekte benutzt, um die besten damaligen Patente
in seinen Bereich zu ziehen und durch Verschmelzung mit seinen eigenen
einen möglichst vollkommenen Typ zu gewinnen. Er bekannte sich zu dem
Standpunkte, lieber eine vollkommene Maschine in einem vertraglich
beschränkten Absatzgebiet zu verkaufen, als für eine schlechtere
Maschine die ganze Welt freizuhaben. Diese Grundsätze kamen in den
Verträgen mit der General Electric und der Brown Boveri-Gesellschaft
zum Ausdruck. Die Turbine errang sich auf verschiedenen Gebieten
bald eine beherrschende Stellung. Große Kraftleistung, regelmäßiger
Gang, Geräuschlosigkeit und geringe Raumbeanspruchung zeichneten sie
vor den Kolbenmaschinen aus, ihre Größen- und Leistungsmaße erwiesen
sich schlechthin als unbegrenzt. Mit Leistungen von 3000 bis 6000 PS
begann die Turbine ihre Entwickelung, bis zu Leistungen von 60000 PS
ist sie zurzeit schon gelangt. Als die beiden Hauptanwendungsgebiete
hatten -- das wurde bald klar -- der Kraftantrieb bei Schiffen und die
Verbindung mit dynamoelektrischen Maschinen im sogenannten Turbodynamo
zu gelten. Schon im Jahre 1905 wurde der Hapag-Dampfer „Kaiser“ mit
2 Turbinen von je 6000 PS ausgerüstet, die vom ersten Tage an ohne
Störung liefen. Schnell griff die Kriegsmarine die neue Errungenschaft
auf, die damit erreichbare größere Schnelligkeit der Schiffe gab
für sie den Ausschlag. Zuerst wurden ein paar Torpedobootdivisionen
mit Turbinen ausgerüstet, dann der kleine Kreuzer „Mainz“. Die
gemachten Erfahrungen führten dahin, daß schließlich auch die
größten Schiffsneubauten der Marine Turbinenantrieb erhielten. Die
Handelsmarine entschloß sich etwas langsamer zur allgemeinen Einführung
der Turbinen. Hier war das Problem der Wirtschaftlichkeit, das für
die Kriegsmarine gegenüber der offenkundig größeren Schnelligkeit an
Bedeutung zurücktrat, erst zu lösen. Ferner wirkte zuerst der Umstand
störend, daß der Turbinenantrieb nur in +einer+ Laufrichtung
des Schiffes wirksam war. Für die Rückwärtsbewegung mußte eine
zweite Turbine oder ein zweiter Turbinensatz eingebaut werden. Die
Umschaltung der Turbinen gelang erst eine Reihe von Jahren später
durch Transformatoren (Föttinger Transformator). Nachdem die englische
Cunard-Linie ihre beiden Rekordbrecher-Schiffe „Lusitania“ und
„Mauretania“ unter Subvention der englischen Regierung gebaut und
mit Turbinenantrieb versehen hatte, verschloß sich auch der deutsche
Handelschiffsbau bei seinen Großschiffen der Turbine nicht länger. Die
Hamburg-Amerika-Linie versah ihre gewaltigen Bauten der Imperatorklasse
mit Turbinen, der Norddeutsche Lloyd verhielt sich zunächst allerdings
noch abwartend. -- Im Kraftantrieb wie im Schiffsbau hat allerdings
der Dieselmotor in den letzten Jahren sich einen Platz neben der
Turbine zu erringen verstanden, doch bewährte sich jener bislang nur
für kleinere Schiffseinheiten und für Privatzentralen, nicht so sehr
für Großkraftwerke und es ist ein Fall bekannt geworden, in dem eine
neue große Kraftzentrale die zuerst von ihr eingebauten Dieselmotoren
wieder stillgelegt und dafür Turbinen verwendet hat. Die A. E. G. hat
denn auch nur Dieselmotoren kleineren Typs in ihr Fabrikationsprogramm
aufgenommen.

Der große Erfolg der Turbine führte naturgemäß bald dahin, auch
dieses Produktionsgebiet starker Konkurrenz auszusetzen, und zwar
umsomehr, als es von zwei verschiedenen Industriegruppen aus zu
erreichen und zu erobern war: von der +Elektrizitätsindustrie+
und von der +Maschinenindustrie+ aus. Fast alle namhaften
Elektrizitätswerke und Maschinenfabriken bemächtigten sich der Turbine
und konnten, nachdem die Technik des Turbinenbaus die grundsätzlichen
Schwierigkeiten überwunden hatte und zu einer typischen Fabrikation
geworden war, unschwer brauchbare Konstruktionen herstellen: das
übliche Schicksal neuer Produktionszweige, in denen sich technische
Vorsprünge bei der systematischen Durchbildung und dem öffentlichen
Charakter der modernen Technik nicht lange aufrecht erhalten
lassen. Die Turbinenfabrikation wurde infolgedessen bald aus einem
privilegierten und einträglichen Geschäft zu einem landläufigen
und scharf umstrittenen. Überproduktion und Preisdruck waren die
Folge dieser Entwickelung, die sich höchstens durch eine allgemeine
Syndizierung, nicht durch Einzelverträge hätte beseitigen oder mildern
lassen. Ein allgemeines Syndikat kam bei der Verschiedenartigkeit der
Fabrikate und der Fabrikanten indes nicht zustande, die Sonderverträge
aus früherer Zeit hatten aber ihre Bedeutung verloren. Infolgedessen
löste die A. E. G. nach einiger Zeit auch ihr Turbinenabkommen mit der
Gesellschaft Brown Boveri & Cie. in Baden (Schweiz) und brachte den von
ihr früher erworbenen Besitz an Aktien dieser Gesellschaft wieder zur
Abstoßung.

                           *               *
                                   *

Die Krisis von 1907/08 hatte den starken und gefestigten Unternehmungen
der deutschen Elektrizitätsindustrie nicht viel anzuhaben vermocht.
Die A. E. G. hatte ihre Dividende von 12% unverkürzt aufrecht
erhalten können, und das Jahr 1908/09, das in der allgemeinen
Konjunktur bereits Ansätze zu einer Wiederbelebung aufwies, brachte
den Aktionären sogar eine vorsichtige Erhöhung auf 13%. Die großen
Arbeiten und schwebenden Probleme der A. E. G. waren während der
kritischen Zeit nicht unterbrochen, kaum verlangsamt worden. Von
einer Cäsur wie in 1901/02 war hier nichts zu spüren gewesen. Der
Umfang des Geschäftes, namentlich für Großmaschinen, und die Preise
hatten sich besonders gegen das Ende der Krisis wohl etwas gesenkt,
es setzten auch zeitweilig der Auftrieb und der jährliche Zuwachs
aus, auf die ein blühendes Unternehmen wie jeder lebendige Organismus
vielleicht vorübergehend, aber nicht dauernd verzichten kann, wenn
statt des Aufbaus nicht ein Abbau der Kräfte eintreten soll. -- Im
Geschäftsbericht für 1907/09 wird mit knappen Strichen das Bild der
schwindenden Krisis gezeichnet:

    „Die Krisis, die Handel und Gewerbe während der jüngsten Jahre
    niederhielt, hatte ihren Ursprung in Amerika. Wie in mehreren
    früheren Fällen, ist indes auch die Besserung des Wirtschaftslebens
    von dort ausgegangen. Ihre Ausdehnung auf die heimische Konjunktur
    wurde zunächst durch politische Besorgnisse und durch die
    Unsicherheit über die deutsche Finanzreform verzögert. Erst in den
    letzten Monaten zeigen sich erfreulicherweise auch in Deutschland
    wieder vertrauenerweckende Ansätze zu einer Hebung der gewerblichen
    Tätigkeit. Wenngleich nun die deutsche Elektrizitätsindustrie sich
    gegenüber der jüngsten Krisis verhältnismäßig widerstandsfähig
    erwiesen hatte, so begrüßt sie doch das Wiedererwachen des
    Unternehmungsgeistes mit lebhafter Befriedigung und knüpft daran
    die zuversichtliche Erwartung auf kräftige Anregungen und lohnende
    Beschäftigung.

    War eine der Ursachen der Krisis die Geldklemme gewesen, so wurde
    durch deren Beseitigung die Erholung eingeleitet. Die A. E. G. war
    auch während der kritischen Periode des Geldmarktes mit verfügbaren
    Mitteln überaus reichlich versorgt. Die Geldflüssigkeit, die
    in vielen Fällen als Folge darniederliegender Gewerbstätigkeit
    anzusehen ist, erklärte sich, soweit unsere Gesellschaft in
    Betracht kommt, größtenteils aus den niedrigen Preisen der Metalle,
    wie der sonstigen Rohstoffe und damit unserer Lagerbestände. Bei
    Lieferungen und Bauausführungen hat sich diese Liquidität schon als
    nutzbringend erwiesen.

    Die Gefahr einer Elektrizitätssteuer ist glücklich abgewendet
    worden, nur Beleuchtungsmittel werden seit dem 1. Oktober d. J.
    besteuert. Für die Verbraucher elektrischer Beleuchtungsmittel wird
    diese Belastung insofern weniger empfindlich, als Leuchtkörper
    für das Gas ebenfalls von der Steuer betroffen werden, und die
    elektrischen Lichtquellen neuerdings so gebessert sind, daß
    sie trotz der Steuer beträchtliche Ersparnisse gegen früher
    ermöglichen.“

Nicht so glimpflich war die neue Krisis an den wenigen gemischten
Fabriken vorübergegangen, die sich abseits von dem Dualismus der beiden
führenden Großkonzerne noch bis dahin eine volle Selbständigkeit
gewahrt hatten. Die Kräfte, die sie nach den Blutverlusten der Krise
von 1901-1903 in den folgenden Jahren des Aufschwungs langsam wieder
angesammelt hatten, waren ihnen durch den bald von frischem entbrannten
Wettbewerb und die Angriffe der neuen Krisenzeit wieder verloren
gegangen. Viel Hoffnung, es den führenden Gruppen noch gleichtun,
diese an Leistungsfähigkeit und Finanzkraft erreichen zu können,
besaßen sie nicht mehr. Immer breiter dehnte sich das Wurzelreich der
„Großen“ unter der Erde, das Geäst ihrer üppigen Baumkronen über der
Erde aus, immer stärker sog es die Kräfte des Bodens in sich hinein,
nahm Licht und Luft für sich in Anspruch. Die größten Kapitalmächte
des Landes waren ihnen dienstbar geworden, speisten ihren Geldhunger,
konnten und wollten anderen Wettbewerbern nicht die riesigen Mittel
zuführen, die zur Behauptung neben den führenden Gruppen, oder
gar zur Überwindung jener Konzerne notwendig gewesen wären. Und
neue Geldmächte, die vielleicht ein Interesse an der Stärkung und
Stützung mittlerer Unternehmungen gehabt hätten, konnten sich auf dem
aufgeteilten und größtenteils kultivierten Kapitalboden Deutschlands
nicht mehr bilden. Denn ebenso wie in der Elektrizitätsindustrie lagen
die Wettbewerbsverhältnisse auch im Bankgewerbe. Auch hier war die
Welt vergeben, Machtverschiebung nicht mehr durch Neubildung, sondern
nur noch durch Konzentration und Fusion möglich. So nahte denn für
die Elektrizitätsindustrie die +zweite Fusionsära+, auch diese
wieder nach einer Krisis, die die Schwachen geschwächt und die Starken
gestärkt hatte.

Zuerst wurde der Konzern +Felten Guilleaume Lahmeyer+ fusionsreif.
Die Felten Guilleaume Lahmeyerwerke in Mülheim und Frankfurt waren
1905 durch Zusammenschluß der Felten Guilleaume Carlswerk-Akt.-Ges.
mit der Fabrikationsabteilung der Elektrizitäts-Akt.-Ges. vorm. W.
Lahmeyer & Co. entstanden. Der Zusammenschluß war die Frucht jener
ersten Konzentrationsperiode in der Elektrizitätsindustrie gewesen und
die beiden stattlichen Provinzunternehmungen hatten versucht, sich
nach demselben Prinzip, nach dem die beiden großen Berliner Gruppen
vorgegangen waren, gegenseitig zu stützen und zu ergänzen. Der Versuch
mißlang, trotzdem das Mülheimer Carlswerk als ein altes, wohlsituiertes
und tragfähiges Unternehmen recht wohl den Kern hätte bilden können,
um den sich eine starke und leistungsfähige Elektrizitätsgesellschaft
gemischter Art kristallisieren konnte. Das Carlswerk war hervorgegangen
aus der schon im Jahre 1826 gegründeten offenen Handelsgesellschaft
Felten & Guilleaume, seine Ursprünge reichten also sogar weiter
zurück als die der Siemens & Halske-Ges. und gar der A. E. G. Das
Unternehmen war aber erst viel später der Elektrizitätsindustrie
nähergetreten und befaßte sich auch dann noch als Spezialfabrik fast
ausschließlich mit der Erzeugung von Draht, Kabeln und metallurgischen
Fabrikaten für die Zwecke der angewandten Elektrizität. So standen
die Dinge noch, als die offene Handelsgesellschaft nebst ihrer
Filiale in Nürnberg Ende 1899 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt
wurde. Damals war allerdings bei den Inhabern des Werkes -- und
darin lag einer der Hauptzwecke der Aktiengründung -- bereits der
Gedanke entstanden, der Zeitrichtung folgend, das Unternehmen zu
einem elektrischen Universalbetrieb auszubauen. Unter den Zwecken
der Aktiengesellschaft war auch die „Erlangung von Konzessionen
zur gewerblichen Ausnutzung der Elektrizität und deren Ausbeutung
im eigenen Betriebe oder mittels sonstiger Verwertung“ in den
Gesellschaftsvertrag aufgenommen. Es war vielleicht kein Schaden
für die Gesellschaft, daß die nahende Krisis eine umfangreichere
Betätigung der Gesellschaft auf neuen Gebieten, insbesondere im
Unternehmergeschäft, zunächst verhinderte. Erst nach Überwindung der
Krise tauchten die Ausdehnungspläne von neuem auf, und erhielten
durch die Konzentrationsbeispiele bei der Konkurrenz einen stärkeren
Nachdruck. Auch der Weg war vorgeschrieben. Er lag nicht in der
Errichtung eigener Fabriken mit neuen Geschäftszweigen, insbesondere
auf dem Gebiete der Maschinen- und Lampenherstellung, die eine zu lange
Anlaufszeit bis zur Produktionsreife gefordert und die Gesellschaft
gezwungen hätten, eine Menge von Betriebserfahrungen, neuen Techniken
aus dem Nichts zu schaffen und bis zur Wettbewerbsfähigkeit mit einer
hochentwickelten Konkurrenz zu vervollkommnen. Der Weg der Angliederung
schien schnelleren und leichteren Erfolg zu versprechen. Zeitweilig
hatte man sich mit dem naheliegenden Gedanken getragen, mit der
Kölner Helios-Gesellschaft, dem größten rheinischen Unternehmen auf
dem Gebiete der Licht- und Kraftelektrizität, zusammenzugehen, aber
ehe derartige Pläne sich verwirklichen konnten, kam der Zusammenbruch
des „Helios“, aus dem es, wie sich bald zeigte, auch mit Hilfe eines
stärkeren Werkes, keine Rettung mehr gab. So blieb eigentlich nur
Lahmeyer in Frankfurt übrig. In der Theorie ergänzten sich beide
Werke recht gut, vielleicht sogar besser als die Kontrahenten bei
den bisherigen Fusionen in der Elektrizitätsindustrie. Während
bei Siemens-Schuckert, bei der A. E. G. und der Union sich Werke
miteinander vereinigt hatten, die vielfach dieselben Erzeugnisse
herstellten und gleichartige Geschäftszweige betrieben, deckten sich
die Produktionen des Carlswerkes und der Lahmeyer-Gesellschaft nur zum
kleinen Teile. Dem „gemischten Starkstromwerk“ Lahmeyer fehlte die
Kabel- und Drahtindustrie vollständig, in der Schwachstrom-Technik,
die Felten und Guilleaume seit langem ganz besonders gründlich
ausgebildet und noch vor kurzem durch die Aufnahme des Baues von
Telephon- und Telegraphen-Apparaten ergänzt hatten, war Lahmeyer
nur ganz geringfügig tätig gewesen. Seine Hauptbedeutung lag in der
Fabrikation von elektrischen Maschinen, Motoren und Apparaten (in
denen im Jahre 1904/05 die Ablieferung 4783 Stück mit 164000 PS, gegen
25829 Stück mit 667773 PS bei der A. E. G. betragen hatte) und in
dem Bau von elektrischen Anlagen für eigene oder fremde Rechnung.
Ebenso wie Felten und Guilleaume eine Ergänzung ihres Betriebes durch
den Maschinenbau und das Anlagengeschäft schon seit längerer Zeit
anstrebten, hatte sich Lahmeyer bereits verschiedentlich mit der
Frage der Errichtung und des Erwerbs eines Kabelwerks beschäftigt.
Gut angelegt, litt und scheiterte der Plan des Zusammenschlusses an
der schlechten Durchführung. Was bei Siemens-Schuckert wenigstens
betrieblich, wenn auch nicht in gleicher Weise finanzpolitisch, was
bei der A. E. G.-Union in beiden Richtungen restlos gelungen war,
die +organische+ Verschmelzung und Vereinheitlichung, zwischen
Mülheim und Frankfurt kam sie nicht zustande. Gerade die „in die Augen
springenden Vorteile der Transaktion“, von denen der Geschäftsbericht
der Lahmeyer-Werke sprach, die Gunst der organisatorischen und
geschäftlichen Vorbedingungen, verleiteten offenbar zu einer zu
leichten Behandlung der Organisationsfrage. Da sich beide Betriebe
gut zu ergänzen schienen, glaubte man, die Zusammenarbeit und der
Zusammenschluß würden sich von selbst einstellen, brauchten nicht erst
durch sorgfältige Organisations- und Abtönungskunst herbeigeführt
zu werden. Die Folge war, daß beide Betriebe, in der Verwaltung
selbständig gelassen, nebeneinander und zu wenig miteinander arbeiteten.

Die Selbständigkeit entwickelte sich mit der Zeit zu stark, das
Selbständigkeitsgefühl der örtlichen Direktionen verschärfte sich
allmählich zur Eifersucht, und die lokale Trennung, die zuerst
nur passive Hemmungen verursacht hatte, führte schließlich zu
lokalpatriotischen Absonderungen und Störungen. So kam es, daß am
Ende aus dem „Nebeneinander“, das nicht gleich von Anfang an zu einem
„Miteinander“ geworden war, in vielen Dingen ein „Gegeneinander“
wurde. Beide Teile verfolgten zum mindesten im Kleinen, im
Betriebsdetail, eine eigene Geschäftspolitik, wenn es dem Aufsichtsrat
auch im allgemeinen gelingen mochte, die Gegensätze in der großen
Geschäftspolitik immer wieder auszugleichen oder wenigstens nicht
zum offenen Ausbruch kommen zu lassen. Eine solche Zwiespältigkeit
der Richtung, die das Gesamtunternehmen naturgemäß außerordentlich
schädigen, den Nutzen der Sammlung beeinträchtigen und die Kraft des
Auftriebs dämpfen mußte, hatte Emil Rathenau bei seinen Fusionen immer
klug zu verhindern gewußt und zwar gleich in den ersten Keimen. Auch er
nahm wohl geeignete Direktoren und Aufsichtsräte aus den angegliederten
Unternehmungen mit zu sich hinüber, aber sie durften keine
Nebenregierungen bilden, mußten sich anpassen und wurden, wenn sie dies
nicht konnten oder wollten, bald wieder ausgeschifft. Selbständige
Arbeit duldete auch er und wünschte sie sogar, aber sie mußte sich
streng sachlich äußern, sich dem Willensgesetze seiner Persönlichkeit
und dem Entwickelungsgesetze der A. E. G. unterordnen, dem er selbst
trotz aller scheinbaren Autokratie gehorchte. An Ungerechtigkeiten,
ja an Gewalttätigkeiten und sonstigen Zusammenstößen auf persönlichem
Gebiete hat es auch in seinem System nicht gefehlt, aber Rathenau hielt
es immer noch für besser, einmal einer einzelnen Persönlichkeit unrecht
zu tun, als die Ordnung des Gesamtunternehmens zu gefährden, dessen
streng zentralistische Leitung nicht angetastet werden durfte.

Für die Konzentration Felten Guilleaume-Lahmeyer war es abgesehen
von der dualistischen Organisation nachteilig, daß die Frankfurter
Abteilung sozusagen unkonsolidiert in die Fusion hineingenommen worden
war. Die Union wie die Schuckertwerke waren bei ihrem Übergang auf
die Hauptwerke einer gründlichen Bilanzreinigung unterzogen worden,
ihre zu hohen Buchwerte waren auf einen Stand abgeschrieben worden,
der den Bilanzmaßstäben der aufnehmenden, durch und durch gesunden
Unternehmungen entsprach. Auch die Verfassung der Lahmeyerwerke hätte
einen derartigen Umwertungsprozeß erforderlich gemacht. Statt dessen
wurden die Buchwerte unverändert übernommen, da eine innere Sanierung
dem streng paritätischen Charakter dieser doch von „zwei gleichwertigen
und ebenbürtigen Gesellschaften“ beschlossenen Fusion nicht entsprochen
hätte. So krankte das Gesamtwerk weiter an der Krankheit des einen
der beiden Beteiligten, und die Gefahr lag nahe, daß auch das gesunde
Unternehmen schließlich angesteckt werden würde. Dieser in der
Gesamtanlage der Vereinigung anfänglich begangene Fehler mußte in der
weiteren Entwickelung umso nachteiliger hervortreten, als es nicht das
gesunde, tragfähige Kabelwerk, sondern das schwache Dynamowerk war, bei
dem sich die Hauptexpansion der folgenden Jahre abzuspielen hatte, bei
dem der Hauptwettbewerb mit der überlegenen Konkurrenz auszufechten und
auszuhalten war. Das Kabelwerk war in sich geschlossen und nur noch in
den unteren Stufen der Selbstbedarfsdeckung, also im Montanbetriebe,
auszubauen. Bei ihm war der Wettbewerb nicht -- wie im Maschinen-,
Turbinen- und Lampenfach oder im Unternehmergeschäft des Frankfurter
Werks -- ungeregelt, sondern durch das Kabelkartell vor ruinösem
Preiskampf gesichert. Somit traf es sich unglücklich, daß gerade der
schlecht organisierte, schlecht fundierte und mangelhaft geleitete
Teil des zersplitterten Unternehmens den ungünstigen Zeitverhältnissen
besonders stark ausgesetzt war.

In den ersten beiden Jahren nach der Fusion, 1905 und 1906, war, --
wohl auf Grund einer unbekümmerten, mit Zukunftshoffnungen rechnenden
Bilanzpolitik -- der Versuch einer aufsteigenden Rentenentwickelung
gemacht und es waren Dividenden von 10 und 11% ausgeschüttet worden,
aber schon im Jahre 1907, das doch eigentlich ein Hochkonjunkturjahr
war, mußte die Gesellschaft auf 10% heruntergehen, dann ging es weiter
abwärts auf 8%, 6 und 4%. -- In Frankfurt, namentlich aber auch in
Mülheim mußte man sich jetzt sagen, daß die Dinge so nicht weitergehen
konnten, sollten die guten Gewinne der Mülheimer Abteilung nicht durch
die Zuschüsse, die das Dynamowerk in den letzten Jahren gefordert
hatte, vollends aufgezehrt werden. Aussicht auf Besserung war nirgends
zu sehen, sofern das Dynamowerk weiter seine Selbständigkeit behaupten
wollte. So entschloß man sich zu Verhandlungen mit der A. E. G., die
von Dr. Walther Rathenau über die grundsätzlichen Punkte hinweg geführt
wurden, ehe der Vorstand der A. E. G. sich mit ihnen beschäftigte.
Der +Abschluß+ erfolgte in +zwei Etappen+. Zunächst wurde
die Elektrizitäts-Gesellschaft vormals Lahmeyer in Frankfurt a. M.,
die bei der Fusion des Dynamowerks mit Felten Guilleaume bestehen
geblieben war und das Beteiligungsgeschäft selbständig weitergeführt
hatte, mit der Bank für elektrische Unternehmungen in Zürich, der
Finanzgesellschaft der A. E. G., in Verbindung gebracht. Auch die
Elektrizitäts-Gesellschaft Lahmeyer, die für ihre an die Felten
Guilleaume-Lahmeyerwerke im Jahre 1905 abgetretenen Fabrikanlagen 15
Millionen Mark Aktien der letzteren Gesellschaft erhalten und ins
Portefeuille genommen hatte, war durch den Dividendenrückgang des
Fabrikations-Unternehmens, der für ihren Haupteffektenposten eine
bedeutende Mindereinnahme mit sich brachte, in Mitleidenschaft gezogen
worden und hatte ihre eigene Dividende von 7 auf 4% ermäßigen müssen.
Als nunmehr von ihrem 25 Millionen Mark betragenden Aktienkapital
21720000 Mark auf die Züricher Elektrobank übergingen, wurden auf
je 4000 Mark Lahmeyer-Aktien 3000 Frcs. neue Elektrobank-Aktien
gegeben, so daß 16290000 Frcs. dieser Elektrobank-Aktien für die
Durchführung des den Lahmeyer-Aktionären anheimgegebenen Umtausches
erforderlich waren. Mit dieser ersten Transaktion aus der Gruppe
der A. E. G.-Lahmeyer-Geschäfte, die sich lediglich zwischen den
beiderseitigen Finanzgesellschaften abspielte, war aber doch schon eine
Brücke auch zwischen den Fabrikationsunternehmungen geschlagen. Denn
die 14 Millionen Mark Aktien der Felten & Guilleaume Lahmeyerwerke
(1 Million Mark war vorher abgestoßen worden), die sich im Besitze
der Elektrizitäts-Ges. Lahmeyer befunden hatten, waren damit nebst
2 weiteren Millionen Mark aus Konzernbesitz in den Machtbereich der
A. E. G. gelangt. Ein so kleiner Aktienbesitz erschien aber für die
Ausübung der Macht seitens der A. E. G. nicht ausreichend. Auf ihr
fußend konnte Rathenau eine Neuordnung der Verhältnisse bei dem Felten
Guilleaume-Lahmeyer-Konzern noch nicht durchführen. Der +ersten
Transaktion+, die Ende August 1910 vor sich ging, folgte Mitte
Oktober nach weiteren eingehenden Verhandlungen die +zweite+
entscheidende. Sie war von dem Gelingen des Aktienaustausches zwischen
der Bank für elektrische Unternehmungen und der Elektrizitäts-Ges.
vormals Lahmeyer abhängig gemacht worden und führte zu folgenden
Anträgen an die Generalversammlung der A. E. G. vom 15. Oktober 1910:

    „1. Das Grundkapital der Gesellschaft wird um 30 Millionen Mark auf
    130 Millionen Mark erhöht durch Ausgabe von 30000 auf den Inhaber
    lautenden Aktien über je 1000 Mark, die für das mit dem 30. Juni
    1911 abschließende Geschäftsjahr den halben Gewinnanteil erhalten
    und sonst den übrigen Aktien gleichstehen.

    Von diesen Aktien werden:

      a) 8777 Stück den Herren Geheimer Kommerzienrat Theodor
      von Guilleaume und Kommerzienrat Max von Guilleaume zu
      Mülheim am Rhein zum Nennwert überlassen gegen Hergabe
      von nominal 16 Millionen Mark Aktien der Felten &
      Guilleaume-Lahmeyerwerke-Aktien-Gesellschaft zu Mülheim am Rhein
      nebst Gewinnanteilscheinen vom 1. Januar 1910 ab;

      b) 11223 Stück werden der Felten &
      Guilleaume-Lahmeyerwerke-Aktien-Gesellschaft zu Mülheim am
      Rhein zum Nennwert überlassen gegen Einbringung der sämtlichen
      10 Millionen Mark nominal Aktien einer neu zu gründenden
      Aktiengesellschaft unter der Firma A. E. G.-Lahmeyer-Werke
      Aktiengesellschaft oder unter einer anderen Firma, zu Frankfurt
      a. M., die die gesamte Abteilung Frankfurt (Dynamowerk) der
      Felten & Guilleaume-Lahmeyerwerke Aktiengesellschaft zu
      Mülheim am Rhein, mit allen zugehörigen Immobilien, Maschinen,
      Beständen, Vorräten und Aufträgen, jedoch ohne Übernahme von
      Schuldverbindlichkeiten und Außenständen, besitzen soll.

      c) 10000 Stück der Berliner Handels-Gesellschaft und der
      Direktion der Diskonto-Gesellschaft zu Berlin gemeinschaftlich
      zum Kurse von 200% und einem Spesenbauschbetrag von je 100 Mark
      für jede Aktie ohne Stückzinsenberechnung überlassen und mit der
      Verpflichtung, die sämtlichen übernommenen 10000 Stück-Aktien
      alsbald nach Eintragung des Kapitalserhöhungsbeschlusses in das
      Handelsregister den Besitzern der 100 Millionen Mark alter Aktien
      unter Offenhaltung einer mindestens zweiwöchentlichen Frist zum
      Kurse von 200% und einem Spesenbauschbetrag von 100 Mark für
      jede Aktie zum Bezuge derart anzubieten, daß auf je 10000 Mark
      Nennwert alter Aktien eine neue Aktie bezogen werden kann.

    Die Ausgabe dieser 10000 Stück Aktien erfolgt zur Verstärkung der
    Betriebsmittel.“

Den Anträgen wurde folgende Begründung gegeben:

    „Als die Felten & Guilleaume-Lahmeyerwerke Akt.-Ges. für
    das Jahr 1909 nur 6% Dividende verteilte, weil der in den
    letzten Jahren bei ihrem Dynamowerk in Frankfurt a. M.
    eingetretene Rückgang die früheren guten Dividenden der Felten
    & Guilleaume-Gesellschaft beeinträchtigte, wurden Verhandlungen
    wegen Abstoßung des Frankfurter Werkes veranlaßt. Diese haben
    zu einer Verständigung mit der A. E. G. geführt, nach der die
    Felten & Guilleaume-Gesellschaft das Dynamowerk an die A. E.
    G. gegen Hergabe von neuen A. E. G.-Aktien abstößt. Das Werk
    wird der A. E. G. in Form einer mit einem Aktienkapital von 10
    Millionen Mark und mit Reserven von 3 Millionen Mark ausgestatteten
    Aktiengesellschaft übergeben; diese neue Gesellschaft übernimmt die
    Fabriken und Anlagen des Dynamowerks nebst Inventar und Vorräten,
    jedoch ausschließlich Debitoren und Kreditoren. Das Werk geht
    hiermit auf ein Unternehmen über, das die Kraft und Mittel zu
    dessen vorteilhafter Ausgestaltung besitzt. Zugleich wird die A.
    E. G. infolge der bei der Überlassung ihrer Aktien festgesetzten
    Relation das Frankfurter Werk zu niedrigem Buchwert in ihre Bilanz
    einstellen können. Für die Felten & Guilleaume-Gesellschaft
    ergibt sich der nicht zu unterschätzende Vorteil, daß sie die
    von ihr für das Frankfurter Werk bisher verwendeten erheblichen
    Kapitalien in Zukunft nutzbringend in ihren Stammwerken anlegen
    wird. Hiermit bessert sie ihre bisherige Situation wesentlich,
    indem sie an Stelle von Verlusten aus dem Dynamowerk Gewinne aus
    den frei gewordenen Mitteln ziehen kann. Zu der Übernahme des
    Dynamowerks hat sich die A. E. G. indes nur unter der Voraussetzung
    entschlossen, daß ihr gleichzeitig ein ausreichender Betrag Aktien
    der Felten & Guilleaume-Gesellschaft zu günstigen Bedingungen
    überlassen wurde. Indem weit ausschauende Großaktionäre der Felten
    & Guilleaume-Gesellschaft 16 Millionen M. Aktien an die A. E. G.
    abtreten, erlangt diese in Gemeinschaft mit der +befreundeten
    Elektrobank in Zürich 32 Millionen Mark Aktien von den im ganzen
    55 Millionen betragenden Felten & Guilleaume-Aktien und hiermit
    entscheidenden Einfluß+ auf die in hohem Ansehen stehende
    Gesellschaft, aus deren Firma der Name Lahmeyer in Zukunft
    ausscheidet. Zudem erwachsen der A. E. G. Vorteile daraus, daß
    sie mit der Übernahme des Frankfurter Dynamowerks eine lästige
    Konkurrenz beseitigt, mit dem Dynamowerk materielle und ideelle
    Werte zu günstigen Bedingungen erwirbt, einen +neuen Stützpunkt
    in Süddeutschland+ erlangt und durch innige Verbindung ihres
    Kabelwerks mit dem alten Mülheimer Carlswerk auch auf dem +Gebiet
    des Seekabelwesens+ die Führung übernimmt. Indem die A. E. G. in
    dieser Weise ihre Stellung von neuem um ein erhebliches stärkt,
    wird dieser Zusammenschluß auch der von dem Dynamowerk befreiten
    Felten & Guilleaume-Gesellschaft die Bahn zu neuer erfolgreicher
    Tätigkeit ebnen.

    Der Erwerb der 16 Millionen Mark Felten & Guilleaume-Aktien erfolgt
    gegen Hergabe neuer A. E. G.-Aktien in einem Umtauschverhältnis,
    das der A. E. G. die Einstellung in die Bilanz zu niedrigem
    Buchwert gestattet. Während die vorstehenden Transaktionen
    20 Millionen Mark neue A. E. G.-Aktien erfordern, soll den
    Aktionären gleichzeitig ein Bezugsrecht auf 10 Millionen Mark
    Aktien angeboten werden, um die Mittel für den Betrieb und die
    Ausgestaltung des Dynamowerks zu schaffen.“

Das Prinzip der Gesamttransaktion bestand also darin, daß die
mißlungene Verbindung zwischen der Frankfurter Lahmeyer-Fabrik und dem
Carlswerk durch einen resoluten Schnitt wieder beseitigt wurde. Der
Frankfurter Teil wurde mit der A. E. G. verschmolzen, der Mülheimer
Teil und die Finanzgesellschaft traten durch Aktienbeteiligung in den
Konzern der A. E. G. ein. Da der Kurs der A. E. G.-Aktien zur Zeit
jener Transaktion ungefähr 260% betrug, stellten die 11223000 Mark
jungen Aktien, die mit halber Dividendenberechtigung für 1910/11 bei
der Übernahme des Lahmeyer-Dynamowerks in Zahlung gegeben wurden,
einen rechnerischen Wert von etwa 28,4 Millionen Mark dar. In der
Bilanz der A. E. G. erschien das Werk allerdings nur mit einem Betrage
von 10 Millionen Mark, das heißt in Höhe des Nominalkapitals der A.
E. G.-Unternehmungen-Akt.-Ges., welchen Namen die zur Aufnahme der
Frankfurter Werke der Felten & Guilleaume-Lahmeyerges. neu gegründete
Aktiengesellschaft schließlich erhielt. Diese blieb in Zukunft nicht in
ihrer bisherigen Gestalt, das heißt als gemischtes Elektrizitätswerk,
bestehen. Die Hauptabteilungen, die als Produktionsstätten die
Wirtschaftlichkeit der entsprechenden Berliner Betriebe nicht
erreichten, so die Maschinenfabrik, die Lampenfabrik wurden aufgegeben
bezw. mit den Berliner Betrieben zusammengelegt. Aufrechterhalten und
weiterentwickelt wurden in Frankfurt nur einige Sonderbetriebe, so
die Stellwerk-Abteilung, in der elektrische Signalapparate als neuer
Produktionszweig aufgenommen wurden, ferner die Scheinwerferabteilung,
die hauptsächlich für den Bedarf von Heer und Marine arbeitete. Die
Beschränkung der Frankfurter Abteilung hatte zur Folge, daß ein
beträchtlicher Teil des in Frankfurt benutzten Fabrikgeländes frei
wurde, der an die Adlerwerke vorm. Kleyer veräußert werden konnte und
somit einen Gegenwert für die Aufgabe der Frankfurter Betriebsstätten
und die damit verbundenen Substanzenverluste bildete.

Die technische und industrielle Bereicherung, die die A. E. G. aus dem
Transaktionskomplex mit dem Felten & Guilleaume-Lahmeyerkonzern gewann,
war vielleicht nicht so groß wie jene, die ihr bei dem Zusammenschluß
mit der Union zugeflossen war. Die Bedeutung lag hier mehr auf dem
Gebiete der Verringerung des Wettbewerbs und der Absatzausdehnung,
die durch die neuen starken Stützpunkte in Süddeutschland und dem
industriereichen Westen gefördert werden konnte. Dem kräftigen,
wohl arrondierten und wohl proportionierten Wirtschaftskörper
der A. E. G. waren nicht so sehr neue Lebensquellen, neue
Befruchtungsmöglichkeiten nötig, sondern er schob die Grenzen seines
Wirtschafts- und Wirkungsgebiets, der Schwerkraft, dem drängenden
Wachstumsbedürfnis seiner industriellen Kraft Raum schaffend, weiter
vor. Der Wille zur Macht und zur Entwickelung der Macht, der jedem
blühenden Wirtschaftskörper unzertrennlich innewohnt, war hier die
Haupttriebfeder des Handelns. Rein wirtschaftlich betrachtet, gehörte
die Aufnahme der Lahmeyerwerke zu den Geschäften, die sich nicht sofort
und nicht unmittelbar völlig bezahlt machen, und es gehörte schon die
ganze strotzende Gesundheit der A. E. G. und die Fülle ihrer Säfte
dazu, um einen so schweren Bissen wie das Lahmeyerwerk zu verdauen und
zu verarbeiten. Erst allmählich begann diese Fusion sowie auch die
Verbindung mit dem Carlswerk ihre Früchte zu tragen.

War Triebfeder und Ergebnis der Lahmeyer-Transaktion für die
A. E. G. in erster Linie Machterweiterung, so konnte es nicht
ausbleiben, daß das die Verhältnisse in der Elektrizitätsindustrie
beherrschende Gesetz des +Dualismus+ die Wurzel für einen +Gegenzug+
des +Siemens-Schuckert-Konzerns+ bildete. Dieser erfolgte
nicht so stürmisch, so „Zug um Zug“ wie in der ersten großen
Konzentrationsperiode, in der die Machtverhältnisse noch nicht so
gefestigt, die Möglichkeiten der Ausdehnung noch zahlreicher, die
Auswahl unter den Fusionsobjekten noch größer, die ganze Entwickelung
noch mehr im Fluß gewesen war. Beide Konzerne waren inzwischen in
ihrem Besitz, in ihrer inneren Verfassung reicher, weiter und sicherer
geworden und konnten ihre Transaktionen langsam vorbereiten und
überlegen. Sie brauchten sich der neuen Objekte nicht ungeduldig zu
bemächtigen, sondern konnten die Dinge an sich herankommen lassen.
So dauerte es noch fast ein Jahr, bis die Siemens-Schuckert-Werke
auf die Machterweiterung der A. E. G. damit antworteten, daß sie
sich durch Aktienerwerb und Verwaltungseinfluß an dem letzten
bis dahin noch unabhängig gebliebenen „gemischten“ Großwerk der
Elektrizitätsindustrie, den +Bergmann-Elektrizitätswerken+, beteiligten.

Die Bergmann-Elektrizitätswerke in Berlin waren nicht als
gemischtes Werk gegründet worden, sondern hatten sich,
ursprünglich als Spezialfabrik für Isolier-Leitungsrohre und
Spezial-Installations-Artikel errichtet, erst später und in
allmählichem Ausbau zum elektrischen Universalunternehmen entwickelt.
Ihre Geschichte, ihr Kampf und ihr Schicksal ist in mehr als einer
Hinsicht charakteristisch für die Gestaltung der Verhältnisse in der
deutschen Elektrizitätsindustrie nach der Krise von 1901/03. Im Jahre
1893 wurde die Gesellschaft mit dem kleinen Kapital von 1 Million
Mark zur Herstellung der oben erwähnten Sonderartikel gegründet, sie
ging hervor aus der seit 1891 bestehenden offenen Handelsgesellschaft
S. Bergmann & Co. in Berlin. Sigmund Bergmann, ihr Gründer, stammte
aus der Schule des Amerikaners Edison, mit dem er jahrelang als
Associé zusammengearbeitet hatte und der ihm auch später stets in
enger Freundschaft verbunden blieb. Bergmann gründete im Jahre 1897,
während er seinen Wohnsitz noch in New York hatte, außerdem die
Bergmann-Elektromotoren- und Dynamo-Werke, die gleichfalls zuerst nur
mit einem Kapital von 1 Million Mark arbeiteten. Im Jahre 1900 wurden
beide Gesellschaften miteinander fusioniert und das Kapital des damit
den Weg der gemischten Werke beschreitenden Gesamtunternehmens erhielt
einen Umfang von 8,5 Millionen Mark. Die Gesellschaft, technisch aufs
beste und modernste ausgerüstet und mit den neuesten amerikanischen
Konstruktionen arbeitend, hatte bis zum Jahre 1900 ihre Dividenden
auf 23% gesteigert. Die Krisis brachte nur einen Rückgang auf den
immerhin noch sehr hohen, von keiner anderen Elektrizitätsgesellschaft
jemals gezahlten Satz von 17%. Nach der Krisis stellte sich die
Dividende jahrelang auf 18%. Die hohe Rente bot die Möglichkeit zur
Erzielung großer Agiogewinne bei den verschiedenen und häufigen
Kapitalerhöhungen. Die Aktienkurse bewegten sich zwischen 200 und 300%.
Bei Neuemissionen konnten Begebungskurse von durchschnittlich 200%
festgesetzt werden, und kein geringeres Institut als die Deutsche Bank
wurde für den Aufsichtsrat und als Bankverbindung für die Gesellschaft
gewonnen.

Diese äußerlich glänzende Entwickelung hatte aber eine Schattenseite.
Sigmund Bergmann war ein ausgezeichneter Techniker, ein moderner,
tatkräftiger Industrieller, aber er, der Amerikaner unter den deutschen
Elektrikern, glaubte die amerikanischen Industrie- und Finanzmethoden
nach Deutschland übertragen zu können, wo doch Emil Rathenau längst
einen Typus und ein System entwickelt hatte, das dem amerikanischen
weit überlegen war und die nach diesem arbeitenden Unternehmungen
letzten Endes schlagen +mußte+. Bergmann mangelte bei seinen
außerordentlichen technischen und industriellen Fähigkeiten eine
ebenbürtige kaufmännische Veranlagung. Er kopierte hier eigentlich
nur, was ihm die großen Konkurrenzwerke bereits erfolgreich vorgemacht
hatten. Ganz ging ihm aber die +finanzielle Meisterschaft+ eines
Emil Rathenau ab, er besaß nicht das eigene finanzielle Urteil,
geschweige denn die originale, schöpferische Finanzkunst des A.
E. G.-Gründers. So ließ er sich auf der Bahn, die ihm die ersten
großen technischen Erfolge seines Unternehmens mit ihren hohen
Dividendenresultaten eröffnet hatten, gern und kritiklos weitertreiben.
Er nutzte unbekümmert um die innere Konsolidierung, um die Sicherung
seiner Basis durch starke Reservestellungen, die Möglichkeiten aus,
die ihm die hohen äußeren Renten boten. Seine Finanztechnik bestand
in der Ausmünzung des +Aktienagios+, und er glaubte genug
Rücklagen zu haben, wenn er die ihm aus seinen Kapitalserhöhungen
zufließenden stattlichen Aufgelder in den Reservefonds einstellte.
Seine Finanzpolitik war ein grundsätzliches Gegenbild zu der Emil
Rathenaus, der sich nie durch die Agiochancen dazu verführen ließ,
seine Dividenden höher zu bemessen, als ihm dies seine streng
sachliche, hypervorsichtige Bilanzierung gestattete. Sigmund Bergmann
war dabei zweifellos finanziell gutgläubig, seine Finanzpolitik kann
nicht etwa als +leichtfertige+ Agiotage bezeichnet werden, und in
einer anderen, nicht so sehr durch übermächtigen Wettbewerb älterer
Unternehmungen beengten Industrie hätte sie vielleicht sogar passieren
können. Bergmanns Tragik war, daß er 10 oder 15 Jahre zu spät kam, und
in seiner Fachtüchtigkeit einen Gegner wie Emil Rathenau vorfand, der
nicht nur fachtüchtig, sondern universal-tüchtig war und obendrein
im Besitz, im Vorsprung war. Bergmann fand die ungeheuer schwere
Aufgabe vor, nicht nur unter gleichen Bedingungen die stärksten Gegner
zu besiegen, sondern noch deren beträchtliche Vorgabe einzuholen.
Der Mut, mit dem der finanziell naive Techniker an die gewaltige
Aufgabe heranging, ist bewunderungswürdig, bewunderungswürdig auch,
was er unter so ungünstigen Bedingungen industriell erreicht hat.
Der Ausbau seiner kleinen Spezialbetriebe zu einem großen modernen
elektrotechnischen Universalwerk, das sich in technischer Beziehung
durchaus neben der A. E. G. und Siemens-Schuckert sehen lassen konnte,
ist eine hervorragende Leistung, die ohne bedeutende Organisationskraft
nicht zu bewältigen war. Da er große und zahlreiche Werke schnell
bauen mußte, auch in der kostspieligen Außenorganisation, die ihn zur
Errichtung vieler auswärtiger und ausländischer Installations- und
Konstruktionsbureaus zwang, und schließlich in der Fundierung des
Unternehmergeschäfts, die er durch die Gründung einer Trustgesellschaft
„der Bergmann Elektrische Unternehmungen-Akt.-Ges.“ zu stützen
versuchte, den großen Vorbildern nachstreben mußte, konnte er
allerdings wohl finanziell gar nicht so vorsichtig und bedächtig
vorgehen wie Emil Rathenau. Er konnte sich nicht den Luxus leisten,
das Geld auf die hohe Kante zu legen, sondern mußte häufige und
umfangreiche Kapitalerhöhungen vornehmen, und dabei so beträchtliche
Agiobeträge wie möglich hereinbringen. Er war spät gekommen und
mußte schnell vorwärts, wenn er noch mit an die Spitze wollte. Der
finanziell Einsichtige hätte wissen müssen, daß er so Gefahr lief,
sich letzten Endes in geldlichen Schwierigkeiten zu verfangen, der
industriell Wagemutige und Schaffensfreudige hat das Experiment doch
versucht, und ist daran gescheitert. Bergmanns Tragödie ist die
Tragödie des Nachgeborenen, der mit all seiner Schaffenskraft beendete
Entwickelungen, verschlossene Kanäle, gelöste Probleme vorfindet, wie
Rathenaus Glück das Glück des Schöpfers ist, der gerade im Augenblicke
zu schaffen beginnt, in dem die Zeit seinen Plänen entgegenreift,
in dem Baugrund und Baumaterial nur des Baumeisters warten. Den
einen haben die Verhältnisse niedergehalten, den anderen haben sie
emporgetragen.

Sigmund Bergmann war es zwar in den Tagen des Glücks gelungen, die
erste deutsche Bank zur Unterstützung seiner Finanzgebarung zu
gewinnen. Aber gerade hier hat sich erwiesen, wie wenig auch die
beste Bank (wenn sie nicht gerade selbst industrielle Unternehmungen
entwickelt) in der Lage und gewillt ist, rein industrielle
Finanzpolitik zu treiben, die eigene, rein sachliche und nur den
Interessen des Unternehmens dienende Finanzpolitik des industriellen
Leiters zu ersetzen. Gerade dieses negative Ergebnis bei Bergmann
illustriert in scharfem Kontrast, wie sehr umgekehrt Emil Rathenau,
der sein eigener Finanzminister war, die Bankier-Begabung zustatten
gekommen sein muß. Die Deutsche Bank hat Sigmund Bergmanns falsche
Finanzpolitik, die ihr selbst bei den vielen Kapitalserhöhungen schöne
Provisions- und Emissionsgewinne einbrachte, bereitwillig und ohne
Kritik mitgemacht, so lange alles gut ging. Als aber die Zeit der
Dividendenrückgänge, des Schwachwerdens im Konkurrenzgeschäft, das
Versagen des Emissionsmarktes und die durch keine Kapitalserhöhungen
mehr zu behebenden Geldschwierigkeiten kamen, hat die Deutsche Bank
der Gesellschaft und ihrem Leiter nicht die starke finanzielle
Rückendeckung gewährt, die ihn vielleicht noch (oder vielleicht
auch nicht mehr) hätte retten können. Sie hat vielmehr die
Bergmann-Gesellschaft zur Aufgabe ihrer Selbständigkeit, zum Anschluß
an einen der großen Konzerne gedrängt und die weitere Geldhergabe
von dieser Kapitulation abhängig gemacht. Mit diesen Worten soll
der Deutschen Bank gewiß nicht der Vorwurf einer illoyalen,
unzuverlässigen Handlungsweise gemacht, sondern nur gezeigt werden,
daß auch die größten Banken nicht gewillt und imstande sind, schon mit
Rücksicht auf ihre eigenen Aktionäre gar nicht imstande sein können,
junge Industrie-Unternehmungen im Kampf gegen große übermächtige
Konkurrenzkonzerne durchzuhalten und in ihrer Entwickelung zu stützen;
insbesondere dann nicht, wenn diese Kapitalmächte -- wie das im
deutschen Wirtschaftsleben nicht selten der Fall ist -- in Beziehungen
zu einem jener großen Konkurrenzkonzerne stehen und im Interesse der
wertvolleren Verbindung die minder wertvolle preiszugeben geneigt
sind. Die Unabhängigkeit eines Industrieunternehmens, besonders eines
mittleren, noch nicht zum ersten Range emporgestiegenen, kann nur auf
dem Wege erreicht werden, den Rathenau einschlug, nämlich dem der
finanziellen Selbständigkeit. Unbedingt Herr im eigenen Hause bleibt
nur +der+ Industrielle, der sich frei von Bankgeld und Bankenhilfe
hält, der genug eigene Geldmittel aufsammelt, um damit auch Krisen
überwinden, in Zeiten schlechten Emissionswetters seine Bedürfnisse
decken zu können. Beispiele für solche selbständige Finanzpolitik,
die zwar die Banken gelegentlich benutzt, darin aber nicht so weit
geht, daß sie von Banken beherrscht werden kann, bieten abgesehen von
der A. E. G., Siemens & Halske, Krupp, die Hamburg-Amerika-Linie, die
Gelsenkirchener Bergwerksgesellschaft, der Bochumer Gußstahlverein,
die großen Anilinfarbengesellschaften und eine erhebliche Anzahl in
der letzten Zeit reich gewordener Unternehmungen kleineren Formats.
Gegenbeispiele der durch Banken in ihrer sachlichen Geschäftspolitik
zeitweilig beeinflußten Unternehmungen sind außer Bergmann u. a. die
Phönix-Akt.-Ges. in ihrer früheren Periode, in der sie durch die
Banken zum Eintritt in den Stahlwerksverband gezwungen wurde, die
Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-Ges., die Hohenlohewerke,
die Deutschen Erdölwerke. Nur +ein+ großes Beispiel, bei dem
sich industrielle Selbständigkeit mit starker Verschuldung bei Banken
vereinigt hat, kennt die Geschichte der deutschen Großindustrie:
den Fall +August Thyssens+. Dieser Ausnahmefall weist aber
so viele seltene, einzigartige Vorbedingungen auf, daß er gerade
dadurch die Regel bestätigt. Eine große, kühne und ganz besonders
im Komplizierten sich erweisende Finanzkunst, die in ihrer Art der
ganz anders gerichteten Emil Rathenaus ebenbürtig war, die mit dem
persönlichen Kredit ebenso überlegen operierte, wie Rathenau mit dem
Aktienkredit, unterstützte hier die industrie-kaufmännische Begabung.
August Thyssen verstand es, so viele Kreditquellen zu benutzen, und die
Konkurrenzströmungen auf dem Kapitalmarkte so geschickt gegeneinander
auszuspielen, daß er stets Herr der Lage blieb und schließlich eine
Macht wurde, mit der es kein Bankgläubiger verderben durfte, -- in
guten Zeiten, weil er den großen Kunden zu verlieren fürchtete, in
schlechten, weil er die Sicherheit des geliehenen Geldes besser durch
Nachgiebigkeit als durch Rücksichtslosigkeit gewährleistet glauben
mußte.

Kehren wir zu den Verhältnissen der Elektrizitätsindustrie zurück.
Die Bergmann-Elektrizitätswerke mußten, durch den Konkurrenzkampf der
letzten Jahre geschwächt, mitten in großen Erweiterungsplänen und
Geldbedürfnissen, ihre Dividende im Jahre 1910 von 18 auf 12%, im
folgenden Jahre auf 5% herabsetzen. Der überanstrengte Emissionskredit
brach damit zusammen, die unvollendeten Pläne konnten nicht mehr weiter
geführt werden. In dieser Situation gab es keinen anderen Ausweg als
den Anschluß an einen der großen Konkurrenzkonzerne. Die Deutsche
Bank vermittelte die Anlehnung an den Siemens-Schuckert-Konzern,
dem sie ja selbst finanziell nahestand. Auch mit der A. E. G. war
verhandelt worden, aber diese konnte sich nicht dazu entschließen,
Bergmann die von ihm verlangte, wenigstens halbe Selbständigkeit
zu gewähren, war wohl auch durch die Angliederung des Felten
Guilleaume-Lahmeyer-Konzerns vorerst gesättigt und brauchte kein
Unternehmen mehr zu erwerben, das ihr nur Machterweiterung, aber
keine Ergänzung durch neue Betriebszweige bot. So kam die Anlehnung
der Bergmannwerke an Siemens-Schuckert zustande. Das Kapital der
Bergmann-Werke wurde von 29 auf 52 Millionen Mark erhöht, davon
übernahmen die Siemens-Schuckertwerke 8½ Millionen Mark. Aus ihrem
Konzern trat Theodor Berliner in die Generaldirektion der Bergmannwerke
neben Sigmund Bergmann ein, er übernahm die kaufmännische und
finanzielle Führung, während die technische bei Bergmann verblieb.
Die industriellen Baupläne wurden, mit +dem+ Teil des neuen
Geldes, der nicht zur Ablösung bereits verbauter, vorläufig durch
Bankkredit beschaffter Mittel erforderlich war, zu Ende geführt. Das
Unternehmergeschäft dagegen wurde liquidiert. Der früher hochrentablen
Bergmann-Aktie stand eine Reihe magerer Jahre bevor, bis der Krieg auch
diesem Unternehmen, wie so manchen anderen durch Betätigung auf dem
seiner eigentlichen Natur fremden Gebiet der Munitionsherstellung eine
unerwartet schnelle Erholung brachte.

Die Geschichte der Bergmannwerke hat den Beweis erbracht, daß ein
aussichtsreicher Wettbewerb gegen die beiden herrschenden Groß-Konzerne
auf dem Gebiete der +Neuerrichtung von Werken+ ebensowenig
möglich war, wie er durch Fusion bereits bestehender Unternehmungen
mittlerer Größe im Falle Felten Guilleaume-Lahmeyer auf die Dauer
sich hatte behaupten können. Dies Aufgehen der beiden letzten
Konkurrenzbetriebe gemischter Natur in die Interessenkreise der beiden
„Großen“ hatte nunmehr die Situation in voller Reinheit und Klarheit
hervortreten lassen, auf die die ganze Entwickelung seit Beginn der
Konzentrationsperiode sichtlich hingedrängt hatte. Das Prinzip des
Dualismus hatte sich voll ausgewirkt. Nur zwei Gruppen, die A. E.
G. und Siemens-Schuckert, standen sich jetzt noch gegenüber. Es war
kein Wunder, daß die Monopolfurcht, die schon gelegentlich der ersten
großen Fusionen im Jahre 1903 in der Öffentlichkeit hervorgetreten
war, von neuem auftauchte. Vom konsequent durchgeführten Dualismus
bis zum Monopolismus war ja nur -- so fürchtete ein Teil der
öffentlichen Meinung -- ein Schritt. Ein offener oder ein geheimer
Vertrag zwischen den beiden Gruppen konnte den deutschen Konsum der
Herrschaft eines Elektrizitätsmonopols ausliefern. In der Mitteilung,
die der Siemens-Schuckertkonzern gelegentlich der Transaktion mit
Bergmann bekannt gab, verwahrte er sich allerdings mit Nachdruck gegen
Monopolbestrebungen. Man wolle kein Monopol, und man halte es nicht
einmal für nützlich im Interesse der Elektrizitätsindustrie. Darum
beabsichtige man auch nicht, die kaufmännische Selbständigkeit der
Bergmann-Elektrizitätswerke durch die Übernahme der Bergmann-Aktien
anzutasten. Diese Gesellschaft solle ihre Bewegungsfreiheit auch
weiter behalten. Eine +nachhaltige+ Beunruhigung über die
Monopolfrage kam denn auch infolge der letzten Fusionen in der
Elektrizitätsindustrie nicht auf oder sie verlor sich doch bald. Das
war zum Teil darauf zurückzuführen, daß man den Monopolen in manchen
Kreisen nicht mehr so streng ablehnend gegenüberstand, wie noch vor 10
Jahren, nachdem man erkannt hatte, daß ihre Macht durch Staatskontrolle
zu beschränken sei, während die betriebliche Wirtschaftlichkeit
durch sie zweifellos gefördert werde. Auf der anderen Seite hatte
man aber gerade in der Zwischenzeit die Erfahrung gemacht, daß die
Vereinigungsidee in der Elektrizitätsindustrie über den Dualismus A. E.
G.--Siemens-Schuckert nur schwer hinwegschreiten würde. Zwischen beiden
Konzernen waren viele Berührungspunkte entstanden, sie saßen in manchen
Produktionsgesellschaften, wie den Akkumulatorenwerken Hagen, in der
Telefunkengesellschaft, in vielen Betriebsgesellschaften, wie der
Deutsch-Überseeischen Elektrizitätsgesellschaft, der St. Petersburger
Gesellschaft für elektrische Beleuchtung, der Hamburger Hochbahn
usw. zusammen, sie gehörten verschiedenen Kartellen an, hatten sogar
gelegentlich geheime Submissionsabmachungen getroffen, und doch waren
die Grundgegensätze zwischen ihnen dadurch keineswegs beseitigt, oder
auch nur gemildert worden. Wenn man mit Persönlichkeiten aus einem der
beiden Häuser von der Konkurrenz sprach, so waren es durchaus nicht
immer Worte des gegenseitigen Verständnisses, der Anerkennung, der
Würdigung, die man über den anderen zu hören bekam. Die Gefühle der
Rivalität, des Konkurrenzneides, waren mehr als je vorherrschend. Statt
eine Annäherung im großen herbeizuführen, hatten die gelegentlichen
geschäftlichen Verbindungen nur das heimliche Gegensatzgefühl, die
innere Kampfstellung verschärft. Und dieser Gegensatz blieb nicht auf
akademische Erörterungen beschränkt, er trat auch auf den Absatzmärkten
allenthalben in Erscheinung. Überall war das Bestreben fühlbar, den
Gegner zu verdrängen, an Leistung zu überbieten und im Preise zu
unterbieten, seine Produkte schlecht zu machen, seine Geschäftspraxis
zu bemängeln. Wenn auch bei großen Geschäften der eine manchmal
vornehm hinter dem anderen zurücktrat, er tat es nur mit innerlichem
Ingrimm, und in kleinen Geschäften wurde der Konkurrenzkampf oft
bis aufs Messer ausgefochten. Man hat gesagt, daß dieser Gegensatz
in Personenfragen begründet sei und mit dem Rücktritt der alten, im
gegenseitigen Kampf aufgewachsenen Personen verblassen und schließlich
ganz verschwinden werde. Das mag bis zu einem gewissen Grade richtig
sein, vorläufig ist aber mit einem Absterben dieser persönlichen
Stimmungen noch lange nicht zu rechnen. Der Patrizierstolz der Familie
Siemens hat sich nun bereits bis ins dritte Glied fortgeerbt, und ist
noch immer stark und unerschüttert. Der A. E. G.-Geist, der nicht
einmal so sehr in der weniger fruchtbaren Dynastie Rathenau verkörpert
ist, wie in den vielen noch lebenden Mitarbeitern Emil Rathenaus aus
seinen ersten Anfängen, will und braucht ebenfalls keine Kompromisse
zu schließen. Ob vielleicht die veränderte Weltlage, die nach
Beendigung des Krieges zweifellos in Erscheinung treten wird, einen
Zusammenschluß der Elektrizitätskonzerne aus Gründen der Verteidigung
des Weltmarktbesitzes herbeiführen wird -- wie sie während des Krieges
schon zu einer Vereinigung der Anilinkonzerne geführt hat und wie ihre
Vorahnung vor dem Kriege bereits ein Bündnis zwischen Hapag und Lloyd
zu Wege brachte -- läßt sich jetzt noch nicht beurteilen. Es ist aber
nicht ganz von der Hand zu weisen, daß auch hier vielleicht die Sachen
stärker sein werden als die Personen.

Bei Beurteilung der Monopolfrage darf nicht außer acht gelassen
werden, daß die elektrischen Großkonzerne, die gemischten Betriebe,
nicht die einzigen Unternehmungen auf dem Gebiete der deutschen
Elektrizitätsindustrie sind. Es besteht sowohl auf dem Starkstrom-
wie auch auf dem Schwachstromgebiet noch eine erhebliche Anzahl
leistungsfähiger und unabhängiger Spezialbetriebe, die gewisse
Sonderprodukte herstellen und die darin eine beachtenswerte Konkurrenz
für die Großkonzerne bilden. Es gibt fast kein elektrotechnisches
Erzeugnis, angefangen von der kleinen Glühlampe und dem Telephonapparat
bis zu der größten Dynamomaschine, das nicht in Spezialfabriken
hergestellt wird. Man kann annehmen, daß die Produktion dieser
Spezialfabriken sich zu der der Großkonzerne etwa wie 1:3 verhält.
Eine Reihe der Spezialfabriken, wie zum Beispiel das Sachsenwerk,
die elektrotechnische Fabrik Rheydt, die Telephonfabrik Berliner,
die Mix & Genest-Gesellschaft, die Elektrizitätsgesellschaft Poege,
die Hackethal-Draht- und Kabelwerke, die Fabrik isolierter Drähte
Vogel, das Kabelwerk Cassierer, hat sich im Kriege finanziell sehr
günstig entwickelt und große Reserven aufgehäuft. Dadurch dürfte die
Konkurrenzfähigkeit dieser Gesellschaften nach dem Kriege gegenüber dem
früheren Stand wesentlich gesteigert worden sein. Solange der Dualismus
zwischen der A. E. G. und Siemens-Schuckert erhalten bleibt, werden
auch die Spezialfabriken ihre Stellung behaupten können.

Etwas anders liegen die Verhältnisse auf dem Gebiete der
+Betriebsunternehmungen+. Hier beherrschen die beiden Gruppen
ziemlich allein das Feld und sowohl im Unternehmergeschäft,
als auch bei den Auftragsbauten für Rechnung von besonderen
Betriebsgesellschaften, Kommunen und sonstigen Behörden findet sich
für sie kaum ein nennenswerter Wettbewerb. Das Prinzip des Dualismus,
der wechselseitigen Konkurrenz beider Konzerne, reicht aber auf diesem
Gebiet nur bis zur Projektionsgenehmigung und Auftragserteilung für den
Bau im ganzen, manchmal, wenn beide Gruppen zusammenarbeiten oder sich
über Projekte verständigen, scheidet es auch schon vorher aus. In der
Durchführung des Baus, meist auch in der späteren Materialversorgung,
werden die Gruppen kaum noch durch eine Einwirkung der Konkurrenz
gestört. Diese Gestaltung der Dinge hat in der Öffentlichkeit vielfach
die Furcht vor einem privaten Strommonopol hervorgerufen. Gerade aber
hier würde es auch einem solchen Monopol schwer sein, seine Macht zu
einer Vergewaltigung der Konsumenten, die doch hauptsächlich nur in
einer Heraufschraubung der Tarife bestehen könnte, zu mißbrauchen.
Besonders gilt das für den Kraftstrom. Sobald bei der Tarifbemessung
für elektrische Kraft nämlich die Elektrizitätswerke zu hohe Preise
forderten, würde die Anlage von Privatkraftzentralen für größere
Verbraucherbetriebe, die schon bisher den Strom vielfach vorteilhafter
liefern konnten als öffentliche Zentralen nicht ganz moderner Art und
Leistungsfähigkeit, eine solche Ausdehnung nehmen, daß die öffentliche
Stromversorgung jede Aussicht verlieren würde, an großindustrielle
Betriebe Strom überhaupt abzusetzen. Wurden doch von öffentlichen
Elektrizitätswerken im Jahre 1913 nur 2800 Millionen Kwstd. nutzbar
abgegeben gegen 10000 Millionen Kwstd. von Einzelanlagen[1]. Was aber
den kommunalen Stromverbrauch für Licht- und Kraftzwecke anlangt,
so ist seine Abgabe von der Erteilung der Konzessionen seitens der
Kommunalbehörden abhängig, die sich vertraglich gegen eine Ausnutzung
der Strommonopole zur Erzielung unangemessener Preise schützen können,
wobei die Angemessenheit der Preise durch den sachverständigen
Vergleich mit anderen Werken und Verträgen der gleichen Art nicht
schwer festzustellen ist. Vielfach haben auch Städte, Kreise und
sonstige öffentliche Körperschaften die Stromwerke in eigenen
Betrieb genommen, um statt des privaten Monopols ein öffentliches zu
schaffen. Auch verschiedene +Staaten+ haben sich Einfluß auf die
Elektrizitätserzeugung innerhalb ihrer Grenzen durch Errichtung von
eigenen großen Kraftwerken, Beschlagnahme der Wasserkräfte, Kohlenläger
usw. gesichert.

Das hindert allerdings nicht, daß die elektrischen Großkonzerne
durch geschickte „Strategie“ verschiedentlich kommunalpolitische
Elektrizitätsprojekte geschädigt haben. Ein Beispiel bildet
das Vorgehen des A. E. G.-Konzerns im Falle der Berliner
Elektrizitätswerke, nachdem diese auf die Stadt Berlin übergegangen
waren. Hier hat die A. E. G. mit ihrem Märkischen Elektrizitätswerk
die Berliner Elektrizitätserzeugung sozusagen „eingekreist“, indem sie
durch ihren die Bildung eines gemischt-wirtschaftlichen Unternehmens
vorsehenden Vertrag mit der Provinz Brandenburg der Stadt Berlin
jede Möglichkeit nahm, sich mit dem Stromabsatz ihrer Werke über
deren altes Versorgungsgebiet auszudehnen, wie es wohl im Rahmen
einer großzügigen und ökonomischen Berliner Elektrizitätspolitik
gelegen hätte. In ähnlicher Weise ist die Stadt Mülhausen i. E. an
der Errichtung eines leistungsfähigen kommunalen Werkes verhindert
worden, weil ringsherum große, mit Wasserkraft und Montankraft
arbeitende Privatwerke entstanden, die ihr an Wettbewerbsfähigkeit
überlegen waren. Aber auch in diesen Fällen kann man nicht sagen,
daß die eigentlichen Verbraucherinteressen durch das Vorgehen der
Großkonzerne gelitten haben, denn es ist ja gerade die aus höherer
Leistungsfähigkeit sich ergebende Möglichkeit der Unterbietung,
die das private Großwerk dem kommunalen Lokalwerk überlegen macht.
Beeinträchtigt werden vielmehr nur kommunale Interessen, wobei die
Frage, ob es überhaupt kommunalpolitisch gerechtfertigt ist, daß eine
Gemeinde über ihr eigenes Weichbild hinaus als Stromlieferant auftritt,
offenbleiben soll. -- Im Falle der Berliner Elektrizitätswerke steht
übrigens nicht das kommunalpolitische Verwaltungs-Prinzip dem privaten
Unternehmerprinzip, sondern dem gemischt-wirtschaftlichen Prinzip
gegenüber, da ja die Märkischen Elektrizitätswerke durch Beteiligung
der Provinz Brandenburg zu einem halböffentlichen Unternehmen geworden
sind. Durch den Hinweis auf öffentliche Interessen wird man also diesen
Widerstreit -- auch bei aller Sympathie für die Reichshauptstadt --
nicht in ihrem Sinne lösen können. Was der Stadt Berlin recht ist, muß
schließlich der Provinz Brandenburg billig sein. Es bleibt ein rein
wirtschaftlicher Kampf übrig, in dem letzten Endes wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit und geschickte Geschäftstaktik den Ausschlag geben
müssen.

Ein besonderes Wort sei noch den sogenannten
+Installationsmonopolen+ gewidmet. Darunter versteht man
den von manchen Stromlieferungswerken ausgeübten Zwang auf die
Stromabnehmer, die Hausinstallationen, die Anschlüsse an das
Kabelnetz des Stromwerkes usw. von ihnen selbst oder von den ihnen
nahestehenden Fabrikationsgesellschaften vornehmen zu lassen und
die dazu erforderlichen Apparate durch sie zu beziehen. Derartige
Installationsmonopole, die bei konsequenter Durchführung den
Handwerkerstand der unabhängigen Elektromechaniker bald völlig
beseitigen würden, sind neuerdings in fast allen Konzessionsverträgen
ausdrücklich verboten, die Zentral-Regierungen in den einzelnen
Bundesstaaten haben sie in Erlassen bekämpft, und auch die
großen Elektrizitätsgesellschaften haben erkannt, daß derartige
Installationsmonopole (nicht zu verwechseln mit den Einrichtungs-
und Materiallieferungsmonopolen oder den Lieferverträgen mit
Meistbegünstigung für den Bedarf der Stromwerke selbst) weder
durchzusetzen sind, noch den Fabrikationsgesellschaften selbst zum
Nutzen gereichen, da diese an der Vernichtung eines selbständigen und
leistungsfähigen Installateur-Standes keineswegs ein Interesse haben.



Vierzehntes Kapitel

Großkraftversorgung


Die Entwicklung der elektrischen Stromversorgung, die von
der Blockstation über die Zwischenetappen der +Lokal-+ und
+Überlandzentrale+ zum großen +Zentral-+ und +Fernkraftwerk+ schritt,
ist im letzten Jahrzehnt besonders durch zwei Dinge vorbereitet
und ermöglicht worden. Einmal durch die Lösung des technischen
Problems der +Fernübertragung hochgespannter+ Ströme über beliebig
weite Strecken und ferner durch die juristisch-organisatorische
„Erfindung“ der +gemischt-wirtschaftlichen+ Unternehmung. Die letztere
war in Wirklichkeit allerdings nur das Verwaltungskleid, das der
ersteren gesucht und gefunden wurde. Die grundsätzliche Lösung des
Fernübertragungsproblems liegt schon Jahrzehnte zurück, sie war
mit der Einführung des Drehstromsystems gegeben, das wir an +der+
Stelle unseres Buches, die ihm im historischen Gange der Untersuchung
zukam, bereits behandelt haben. Wenn es auch noch ziemlich lange
dauerte, bis die neue Erfindung trotz schon anfänglich verblüffender
Demonstrationswirkung in größerem Umfange angewendet wurde und
die Praxis der Theorie auf ihre damals dem vorausschauenden Genie
schon erkennbaren Wege folgte, so lag dies daran, daß man in der
Elektrizitätsindustrie erst die Verwendung hochgespannter Ströme
zu hinreichender Leistungsfähigkeit entwickeln und ebenso sicher
ihre Umwandlung in niedrige Spannungen beherrschen mußte. Ganz
besonders für die Fernübertragung kam es auf diese Ausbildung der
Transformatoren-Technik an. Denn in den Zentralwerken war, um deren
günstige Ökonomie auszunutzen, die Erzeugung höchster Spannungen
nötig, ebenso für die Übertragung nach den Verbrauchsstätten durch
die weiten dazwischen liegenden Strecken. An den letzteren mußte der
Strom, um für manche Verwandlungszwecke erst brauchbar zu werden,
auf niedrige Spannungen wieder zurückgebracht werden. Besonders die
Lichtelektrizität verlangte eine solche Verringerung der Spannung.
Neben den Maschinen, Transformatoren und Generatoren, die für die
großen Ausmaße hergestellt und erprobt werden mußten, bedurfte auch
das Leitungsnetz einer Einrichtung für die erforderlichen hohen
Volt-Spannungen. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß die
Leitungsdrähte mit der Zunahme der Spannung nicht verstärkt zu werden
brauchten, sondern im Gegenteil eine Verringerung ihres Querschnittes
zuließen und daß gerade darin einer der Hauptvorteile der Hochspannung
lag. Auf der anderen Seite war aber für besonders gutes, zug- und
druckfestes Material und für eine minutiöse Isolierung Sorge zu tragen.

Nachdem diese technischen Vorbedingungen gelöst waren, stand das
Problem großzügiger und billiger Stromerzeugung bald klar vor
Augen: die Elektrizität konnte in Zukunft viel vorteilhafter an
den +Fundstätten+ der +Antriebsenergie+, also an Orten,
wo Wasserkräfte oder Kohle aus erster Hand zur Verfügung standen,
gewonnen werden, als an den +Verbrauchsorten+ des elektrischen
Stromes, wo sie bisher erzeugt worden war, nachdem man die zu ihrer
Gewinnung erforderliche Kohle mit der Bahn oder mit dem Schiff
dorthingeschafft hatte. Der Vorteil des neuen Systems lag einmal darin,
daß die Massenproduktion in großen Zentralwerken die Gewinnungskosten
verbilligte und ferner darin, daß durch die Herstellung größerer
Absatzgebiete ein besserer Ausgleich zwischen Stromproduktion und
Strombeanspruchung ermöglicht wurde. Je größer das Versorgungsgebiet
eines Elektrizitätswerkes ist, desto vielseitigere und vielzeitigere
Anwendungsmöglichkeiten bieten sich in ihm für den elektrischen
Strom. Kraftstrom und Lichtstrom, Industriebedarf, Hausbedarf und
Straßenbahnbedarf ergänzen einander. Wenn der eine Verbraucher feiert,
arbeitet der andere, alle Tages- und Nachtzeiten werden ausgenutzt, die
steil ansteigenden und wieder abfallenden Beanspruchungskurven, die zu
ungleichmäßiger Beschäftigung und schlechter Ausnutzung der Anlagen
führen, -- werden gemildert, oder gar ganz aufgehoben. Eine geschickte
Produktionspolitik, die eine möglichst gleichmäßige Erzeugung in den
Hauptwerken herbeizuführen sucht, und den außergewöhnlichen Bedarf
durch kleinere Spitzenwerke deckt, eine großzügige Absatzpolitik,
die sich für die sogenannten Vacuen selbst Abnehmer schafft oder
erzieht, können den wirtschaftlichen Effekt wesentlich verbessern.
Ein neuer Standort für Industrien bildete sich im Anschluß an diese
Großkraftwerke heraus. Neben den Gewerben, die an den Gewinnungsstätten
für Kohle, Erze und sonstige industrielle Rohstoffe sich niedergelassen
hatten, neben den Verfeinerungsindustrien in und bei den Großstädten
wurden nunmehr auch in der Nähe der Großkraftwerke Betriebe, namentlich
chemischer Art (Stickstofferzeugung aus Luft) und metallurgischer Art
errichtet, mit dem Zwecke, die billige Kraft auszunutzen. Aber auch
dort, wo die Kraft nicht an Ort und Stelle verbraucht werden konnte,
sondern transportiert werden mußte -- und hier tritt ja der Hauptzweck
der Fernkraftwerke in Erscheinung -- bedeutete es eine sehr große
Ersparnis an Transportkosten, daß die körperlich schwere Kohle nicht
mehr auf Schienen- und Wasserwegen an die lokalen Erzeugungsstätten
der elektrischen Energie geschafft zu werden brauchte, sondern daß der
körperlose Strom in fertigem Zustande sozusagen an die Verbrauchsorte
„hinübertelegraphiert“ werden konnte. Ein besonderer Vorteil ergab
sich noch insofern, als auch ganz minderwertige Brennstoffe, die einen
Transport nicht lohnten, für die Krafterzeugung an ihrem Fundorte noch
mit Nutzen verwendet werden konnten.

Derartige Kraftwerke auf Wasser- oder Kohlengrundlage, die nicht
immer allergrößten Umfanges waren und vielfach an Ausmaßen hinter
einem Unternehmen wie den Berliner Elektrizitätswerken zurückblieben,
wenn sie diese auch an technischer und wirtschaftlicher Ökonomie
übertrafen, wurden im vorletzten und besonders letzten Jahrzehnt
allenthalben in den großen Montanrevieren und an Wasserkraft-Standorten
(Niederdruckwerke) errichtet. In Rheinland-Westfalen erstand das
Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk Hugo Stinnes, das zum Teil
unter Ausnutzung der von den Hochöfen entweichenden Gichtgase zum
Motorenantrieb eine große Anzahl von Stadt- und Landgemeinden mit
Strom versorgte, ferner das Elektrizitätswerk Westfalen, an dessen
Gründung die A. E. G. mitwirkte, das aber später in ein rein kommunales
Verbandsunternehmen überführt wurde. Auch in Oberschlesien und im
Saarrevier wurden von der A. E. G. ähnliche Werke errichtet. In allen
deutschen Braunkohlenrevieren traten gleichfalls Montankraftwerke ins
Leben, namentlich im rheinischen Braunkohlenrevier, im mitteldeutschen,
niederlausitzer und bitterfelder Gebiet. Eines der größten und
modernsten waren die +Elektrowerke+ in Bitterfeld, die von der
A. E. G. erbaut und später auf die B. E. W., nach deren Abtretung der
Berliner Werke an die Stadt Berlin, überführt wurden. Sie wurden auf
eine Erzeugungsfähigkeit von mehreren Millionen Kilowattstunden im
Jahre eingerichtet. Vor dem Kriege waren zwischen den B. E. W. und
der Stadt Berlin Verhandlungen geführt worden, um eine Verlängerung
des Vertrages zwischen diesen beiden Parteien unter der Bedingung zu
erreichen, daß der Strom für die Berliner Werke aus Bitterfeld bezogen
werden sollte. Diese Verhandlungen wurden von den B. E. W. abgebrochen,
nachdem sie während des Krieges in den staatlichen Stickstoffwerken
in Bitterfeld an Ort und Stelle einen Abnehmer gefunden hatten,
der von ihnen 500 Mill. Kwstd. jährlich bezog, während ein anderes
Unternehmen, die Elektrosalpeterwerke, einen weiteren Lieferungsvertrag
von 250 Mill. Kwstd. jährlich abschloß. Diese Verträge, die einen
Stromverkaufspreis von nur 1 Pf. für die Kwstd. vorsahen gegen einen
durchschnittlichen Licht- und Kraftpreis der B. E. W. von zuletzt
13,32 Pf., erwiesen sich allerdings später infolge der unerwartet
ungünstigen Selbstkostenentwickelung des Braunkohlenbergbaus im Kriege
als recht unvorteilhaft für die Elektrowerke, und die Folge davon
war, daß die A. E. G. den B. E. W. das Interesse an den Elektrowerken
wieder abnahm, um es mit ihren reicheren Mitteln erst selbst zur
Reife zu bringen.[2] Auch die preußische Regierung hat bereits
mehrere große Fernkraftwerke auf Kohlenbasis errichtet, so das Werk
Muldenstein für den Bedarf der Staatsbahnstrecke Dessau-Bitterfeld;
ferner ist ein noch größeres Kraftwerk bei Wittenberg im Bau
begriffen, das den Bedarf für die Elektrifizierung der Berliner
Stadt- und Ringbahn decken soll und daneben mit dem Märkischen
Elektrizitätswerk, dem gemischt-wirtschaftlichen Unternehmen des A. E.
G.-Konzerns, an dem sich neuerdings die Provinz Brandenburg führend
beteiligt hat, einen langjährigen Lieferungsvertrag abgeschlossen
hat. In den meisten dieser Dampfkraftwerke auf Montanbasis wird
der Brennstoff auf mechanischen Rosten verfeuert, wobei auch die
minderwertigsten Kohlen, die für Heiz- und Brikettierungszwecke
unbrauchbar sind, Verwendung finden können. Neuerdings hat man auch
mit dem System der +Vergasung der Kohle+ in Generatoren zum
Zwecke der Elektrizitätserzeugung gute Erfolge erzielt, ein Gebiet,
auf dem wieder die A. E. G. in Gemeinschaft mit einer Reihe anderer
Unternehmungen bahnbrechend vorging. Dieses noch der Ausbildung
bedürfende System ist deswegen besonders aussichtsreich, weil es
einmal die Möglichkeit gibt, den Brennwert der Kohle fast vollständig
auszunutzen und ferner eine Verwertung der meisten Nebenprodukte wie
Mineralöle, Ammoniak usw. gestattet. Sogar der in Mooren gewonnene
+Torf+ läßt sich für die Zwecke der Energieerzeugung mit
Nutzen verwenden, wie die vom Siemens-Schuckertkonzern errichtete
Überlandzentrale Wiesmoor, die allmählich ganz Ostfriesland, Oldenburg
und die anstoßenden Gebiete mit Strom versorgen soll, erwiesen
hat. Auf der Grundlage von Wasserkräften wurden namentlich in den
süddeutschen Staaten große Stromerzeugungswerke errichtet, so in
Bayern das staatliche Walchenseewerk, die Isarwerke, die Ampèrewerke,
die Lech-Elektrizitätswerke, in Baden das Murgtalwerk usw. An eine
Ausnutzung der großen Wasserkräfte des Oberrheins unter Mitwirkung des
Reiches wird demnächst herangegangen werden.

Emil Rathenau hat den Problemen der Großkraftversorgung in den
letzten Jahren seines Lebens lebendige und fast jugendliche
Anteilnahme entgegengebracht. Greisenhafte Müdigkeit oder jene
Abgeklärtheit des Alters, die von Werner v. Siemens Besitz ergriff,
waren ihm gänzlich fremd. Er, der Zeit seines Lebens für die private
Elektrizitätswirtschaft eingetreten war, der er die Sphäre seiner
Leistung und den Erfolg seines Lebens verdankt, besaß Elastizität
genug, um umzulernen, als die Verhältnisse sich änderten und über die
Grenzen hinauswuchsen, die der privaten Erzeugung gezogen werden.
Die fachliche und sachliche Einsicht, daß die Tendenz, ganz große
Elektrizitätswerke zu errichten, nicht nur aus politischen, sondern
auch aus wirtschaftlichen Gründen zu stark geworden sei, als daß sie
mit der denkbar größten Leistungssteigerung privater Werke noch dauernd
hätte aufgehalten werden können, genügte, um diesen Realpolitiker
umzustimmen und ihm neue Gedankengänge zu eröffnen. Als ich Rathenau
im Mai 1914 aufsuchte, nachdem er von schwerer Krankheit scheinbar
genesen, seine Arbeit wieder aufgenommen hatte, sah er mich aus seinen
hellfragenden, klugen Augen ganz wie früher an. Er war durchaus mitten
im Strom lebendiger Probleme und als ich neben anderen Fragen, auch
die eines Elektrizitätsmonopols streifte, war ich erstaunt, von ihm
Ansichten zu hören, die ich dem alten Privatindustriellen am wenigsten
zugetraut hätte. Ich habe damals unter dem frischen Eindruck seiner
Darlegungen ihren Gedankengang folgendermaßen aufgezeichnet:

    „Der ganz billige Strom, wie wir ihn zu Kraftzwecken unbedingt
    brauchen, kann nur in Betrieben hergestellt werden, die über
    das Ausmaß auch unserer bisherigen größten Zentralen weit
    hinausgehen. Die Stadt Berlin verbraucht im Jahre alles in
    allem zurzeit vielleicht 300 Millionen Kilowattstunden, der
    preußische Eisenbahnfiskus dagegen dürfte auf seiner einzigen
    kleinen elektrischen Vollbahnstrecke Dessau-Bitterfeld bei vollem
    Betriebe fast das Doppelte an Strom verbrauchen. Es ist also
    durchaus natürlich, daß der preußische Staat, zumal bei einer
    fortschreitenden Elektrifizierung der Vollbahnen, Kraftwerke bauen
    muß, die in bezug auf die Leistungsfähigkeit selbst die größten
    lokalen Werke und Überlandzentralen weit übertreffen werden. Da nun
    die Herstellungskosten des Stromes sich mit der Größe der Anlagen
    und der produzierten Menge progressiv verringern, da andererseits
    aber die staatlichen Werke ihre Kapazität sowie die für einen
    regelmäßigen Bahnbetrieb unumgänglich notwendige Reservekapazität
    nicht und vor allem nicht zu jeder Zeit voll ausnutzen können,
    ist es natürlich, daß sie dazu übergehen, und auch schon dazu
    übergegangen sind, Strom an Private abzugeben. Bereits kürzlich
    hat eines der staatlichen Werke auf dem Wege der Submission ein
    Stromkontingent von ca. 30 Mill. Kilowattstunden ausgeboten. Wenn
    wir in unseren lokalen Elektrizitätswerken den Strom uns dadurch
    billiger schaffen können, daß wir ihn von einem staatlichen
    Riesenwerk beziehen, so sehe ich gar keinen Grund, warum wir uns
    eigensinnig gegen einen derartigen Verzicht auf eigene Erzeugung
    sperren sollen. Wir beziehen dann einfach Strom statt Kohlen
    und benutzen die lokalen Anlagen für Stromverteilungszwecke.
    Die technischen Möglichkeiten der Stromherstellung im großen
    sind beinahe unbegrenzt. Es wäre durchaus möglich, daß der ganze
    Bedarf Europas an elektrischer Energie an einem Orte hergestellt
    würde und die elektrische Fernübertragung wäre durchaus imstande,
    diesen zentral hergestellten Strom über ganz Europa und noch
    weiterhin zu versenden. Natürlich wird es in der Praxis zu einer
    derartigen intensiven Konzentrierung der Stromherstellung
    nicht kommen. Immerhin aber wird man voraussichtlich über die
    jetzige Dezentralisation und Verzettelung hinausstreben müssen.
    Ein Reichsmonopol allerdings ist für Deutschland wohl kaum
    noch durchführbar, nachdem Einzelstaaten wie Bayern und Baden
    bereits mit Hilfe ihrer Wasserkräfte durch Errichtung riesiger
    Werke ihre Stromproduktion auf dem Wege der einzelstaatlichen
    Gesetzgebung geregelt haben. Wohl aber wäre es denkbar, daß
    man für Preußen zu einer monopolistischen Gestaltung der
    Stromerzeugung unter staatlicher Führung oder Mitwirkung gelangte.
    Das notwendige Korrelat für eine derartige großzügige Regulierung
    der Stromproduktion müßte allerdings ein Enteignungsgesetz für
    die Zwecke elektrischer Anlagen, besonders für Kabelführungen
    durch private und öffentliche Grundstücke bilden. Heute sind,
    um derartige Durchführungen zu ermöglichen, komplizierte
    Privatverträge erforderlich, die oft durch kleinliche Motive
    erschwert werden.“

Es waren keine Projekte und spekulativen Phantasien, wie sie Rathenau
manchmal aus irgend einer Stimmung heraus entwickelte, um sie ebenso
schnell wieder zu vergessen. Diese Darlegungen gaben wohldurchdachte
Anschauungen wieder, die sich bei ihm und seinem Kreise über die
Fortführung einer Hauptrichtung ihres Gewerbes gebildet hatten und
deren systematisch-theoretische Durcharbeitung auch bald danach von
Mitgliedern dieses Kreises in Angriff genommen wurde. Anfang 1915
veröffentlichte Dr. ing. Gustav +Siegel+ in den Preußischen
Jahrbüchern unter dem Titel „Der Staat und die Elektrizitätsversorgung“
eine Arbeit, in der er den von Rathenau entwickelten Plan mit einem
ausführlichen Zahlen- und Datenmaterial zu begründen und die Tatsache,
daß die Reichszuständigkeit für das vorgeschlagene Monopol durch
Präjudiz in verschiedenen Einzelstaaten behindert werde, durch den
Vorschlag der Bildung eines +Reichselektrizitätsverbandes+ zu
überwinden suchte. Rathenau selbst schrieb dem Aufsatz ein kurzes
Vorwort, in dem er sich zu dem Grundgedanken zustimmend äußerte. Drei
Gesichtspunkte stellte er darin in den Vordergrund: Einmal Befriedigung
des Verbrauchs zu niedrigen Strompreisen, zweitens die Schaffung neuer
Einnahmequellen für den Staat und drittens die wenigstens teilweise
Erhaltung des Tätigkeitsgebietes für die bisherigen Träger des
Elektrizitätsgebietes. Rathenau schrieb:

    „Die seit einer Reihe von Jahren gepflogenen Erörterungen über
    die seitens des Staates gegenüber der Elektrizität einzunehmende
    Haltung haben durch das starke Bedürfnis nach Erhöhung der
    Staatseinnahmen einen neuen Anstoß erhalten. Wenn die auf
    diesem Gebiete gestellte Aufgabe eine zweckmäßige Lösung
    finden soll, ist darauf Bedacht zu nehmen, unter Befriedigung
    des Verbrauchs zu niedrigen Strompreisen dem Staate in der
    Elektrizität eine Quelle zu neuen Einnahmen zu schaffen, indem
    ihm nicht über das unvermeidliche Erfordernis hinaus Aufgaben
    und Lasten auferlegt werden und den bisherigen Trägern der
    Elektrizitätsunternehmungen die Tätigkeit vorbehalten bleibt,
    in der sie sich Jahrzehnte hindurch bewährt haben. Einen zu
    diesem Ziele führenden Weg scheint mir der Verfasser der Arbeit
    „Der Staat und die Elektrizitätsversorgung“ zu weisen, indem er
    empfiehlt, die elektrische Arbeit an den Energiequellen durch
    staatliche Großkraftwerke zu erzeugen und den Strom mit einem
    durch die wirtschaftlichere Erzeugung ermöglichten Gewinn den
    Stromverteilungsunternehmen zu überlassen, die die für sie
    erforderlichen Leitungsnetze anschließen und betreiben. Diesem
    Grundgedanken der mir vorliegenden Arbeit pflichte ich durchaus
    bei. Ohne zu den Ausführungen im Einzelnen Stellung zu nehmen,
    möchte ich die eine Bemerkung hinzufügen, daß der von dem
    Verfasser empfohlene Reichs-Elektrizitätsverband, der die von
    den Einzelstaaten zu betreibenden Großkraftwerke zusammenfassen
    soll, dahin ausgestaltet werden könnte, daß er die gesamten
    Einnahmen aus dem Stromabsatz der Elektrizitätswerke einzieht und
    nach Entschädigung der Einzelstaaten für die von ihnen gemachten
    Aufwendungen und nach ihrer angemessenen Beteiligung an den
    Überschüssen den verbleibenden Ertrag an das Reich zur Befriedigung
    des hier am dringendsten fühlbaren Bedürfnisses nach neuen
    Einnahmen abführt.“

Siegel selbst sucht in seiner Arbeit nachzuweisen, daß die für ein
Elektrizitätsmonopol zumeist vorgebrachten Gründe, soweit sie den
Schutz der Verbraucher vor einer Vergewaltigung und Ausnutzung durch
private Elektrizitätsmonopole wie den Schutz der Installateure
vor einer Ausschaltung durch den überlegenen Wettbewerb der
Fabrikationsgesellschaften betreffen oder im Interesse der politischen
und militärischen Macht des Staates über die Kraftquelle der Zukunft
vorgebracht werden, nicht zwingend genug seien. Wenn er trotzdem
einer Zentralisation der Stromerzeugung und im gewissen Sinne auch der
Stromverteilung zustimmt, so tut er dies lediglich aus Gründen der
technischen und wirtschaftlichen Ökonomie.

    „Es handelt sich darum, unmittelbar an ergiebigen Kraftquellen,
    an den Fundstätten der Brennstoffe, an den Wasserkräften,
    den Torfmooren, oder wo sonst sich billige Betriebsstoffe in
    ausreichender Menge finden, Elektrizitätserzeugungsstätten größten
    Umfangs zu errichten und +sie durch ein nach einem einheitlichen
    Plane ausgebautes Hochspannungsnetz zu verbinden+, das sich über
    das ganze Reich erstrecken und den Ausgleich aller verfügbaren und
    benötigten Elektrizitätsmengen bilden soll. Diese Aufgabe stellt
    sowohl in finanzieller wie organisatorischer Hinsicht schwierige
    Probleme, die zwar auch ohne Mithilfe des Staates vielleicht im
    Laufe von Jahrzehnten überwunden werden könnten, die aber durch
    sein Eingreifen +schneller+, +zuverlässiger+ und +vollständiger+
    einer glücklichen Lösung entgegengeführt würden.“

Siegel untersucht die Möglichkeiten und Bedingungen der
einzelnen Vorschläge, auf Grund deren eine Vereinheitlichung der
Elektrizitätserzeugung unter Wahrung der Interessen des Staates,
der Verbraucher und der Erzeuger durchgeführt werden könnte. Ein
lediglich kontrollierendes Elektrizitätsschutzgesetz, das keine
wirtschaftliche oder technische Umgestaltung der Verhältnisse,
sondern nur eine Abwägung der Interessen aller beteiligten Kreise
durch Zuweisung der Kontrolle an den Staat, Festlegung günstiger
Bezugsbedingungen für den Konsum, und Beseitigung der Wege- und
Leitungsschwierigkeiten für die Stromerzeugung auf dem Wege staatlicher
Gesetze und Verwaltungsnormative herbeiführen würde, lehnt er aus
zwei Gründen ab. Es würde einen Hemmschuh für die freie Entwicklung
der immerhin von starken Konkurrenzen, wie dem Gas, dem Petroleum,
dem Treiböl bedrängten Elektrizitätserzeugung bedeuten und dem
Staate keine Erträgnisse zuführen. Auch ein derartiges Schutzgesetz,
verbunden mit einem finanziellen Nutzen für den Staat, wird als
unsachgemäß bezeichnet. Denn eine Regelung, die darin bestehen
würde, die Erzeugung des elektrischen Stromes in den bisherigen
Händen, also denen der Privatindustrie, der kommunalen und der
gemischt-wirtschaftlichen Werke zu belassen, um den Staat an ihr nur
durch das Recht der Konzessionserteilung sowie durch Anteile am
Umsatz, Gewinn oder sonstige Abgaben zu beteiligen, würde letzten Endes
auf eine +Elektrizitätssteuer+ hinauslaufen, wie sie gelegentlich
der Reichs-Finanzreform von 1909 bereits einmal vorgeschlagen, aber
abgelehnt worden war. Eine solche Steuer-Ordnung müßte, da sie die
betriebliche Ökonomie der Elektrizitätsindustrie nicht verbessern,
sondern die bisherigen Methoden der Erzeugung beibehalten würde,
infolge der den Werken aufgebürdeten neuen Lasten eine Erhöhung der
Selbstkosten und dadurch eine Steigerung der Strompreise im Gefolge
haben, während doch umgekehrt die Bedürfnisse der Konsumenten --
und zwar mit berechtigtem Nachdruck -- gerade auf eine Ermäßigung
der Strompreise hindeuten. Eine solche fiskalische Methode würde
letzten Endes auch den Interessen des Staats zuwiderlaufen, da eine
Verteuerung der Strompreise oder auch nur eine Erhaltung des jetzigen,
den Möglichkeiten der neuzeitlichen Technik nicht mehr entsprechenden
Preisniveaus die Einnahmen, die der Staat aus der Elektrizitätsregelung
erwartet, schmälern oder doch jedenfalls den von der Zukunft erhofften
Zuwachs stark herabmindern würde.

Eine +dritte+ -- die radikalste -- +Möglichkeit+ bestünde
darin, halbe Maßnahmen jeder Art zu vermeiden, und sofort an die
gesamte Monopolisierung der Elektrizitätserzeugung und -Verteilung
heranzugehen. Diese Forderung besticht durch ihre staatssozialistische
Entschiedenheit und wird insbesondere von politischen Schriftstellern,
aber technischen Laien erhoben, die damit die Ausschaltung der
Privatindustrie am gründlichsten herbeiführen, die staatlichen
Einnahmen am stärksten steigern zu können meinen. Siegel geht davon
aus, daß der Staat nur die öffentlichen Elektrizitätswerke mit
einer nutzbaren Stromabgabe von 2,8 Milliarden Kilowattstunden,
nicht die viel umfangreicheren Einzelanlagen privater Erzeuger, mit
der viel größeren Stromabgabe von 10 Milliarden Kwstd. erwerben
würde und erwerben könnte. Der Erwerb der unzähligen, auf die
einzelnen Verbraucherbetriebe zugeschnittenen Privatanlagen käme
aus betrieblichen wie finanziellen Gründen nicht in Betracht. Er
würde dem Staat eine zersplitterte, statt einer zentralisierten
Elektrizitätswirtschaft aufhalsen und das Anlagekapital auf weit
über 6 Milliarden Mark steigern. Bereits bei der Übernahme der 4000
öffentlichen Elektrizitätswerke müßte das aufzuwendende Kapital
2,9 Milliarden Mark betragen, und bei einem daraus zu erzielenden
Reinertrag von 167 Milliarden Mark würde für den Staat nach Abzug
der Zinsen von 4½% für das Anlagekapital ein frei verfügbarer
Überschuß von nur 37 Milliarden Mark verbleiben. Das sei bei einem
so riesigen Anlagekapital ein viel zu geringer Ertrag. Die ganze
Konstruktion eines solchen Monopols wäre aber weder vom Standpunkte
des Produzenten, noch von dem des Konsumenten, noch schließlich
auch von dem der Staatswirtschaft aus fortschrittlich, sondern
würde eher Keime zur Stagnation, oder gar zum Rückschritt in
sich tragen. Die Übernahme der vielen verschiedenartigen, teils
veralteten, teils halbmodernen, teils modernen Erzeugungsstätten zu
ihrem Gegenwarts- oder Vergangenheitswerte durch den Staat müßte
den Übergang zu einer wirklich zeitgemäßen Großerzeugung in wenigen
billig arbeitenden Zentralwerken erschweren, infolgedessen einer
Ermäßigung der Strompreise entgegenstehen, den Wettbewerb der privaten
Einzelanlagen und der übrigen konkurrierenden Kraftquellen stärken,
der Zukunftsentwicklung der Elektrizitätswirtschaft den Weg verlegen
und somit auch den -- an sich schon geringen -- staatlichen Ertrag
des Elektrizitätsmonopols gefährden. Siegel kommt infolgedessen auf
Grund seiner theoretischen Gründe und praktischen Berechnungen zu
der Empfehlung des oben erwähnten +gemischten+ Systems, bei
dem der Staat, ohne sich mit der Übernahme und Bezahlung alter und
veralteter Werke zu belasten, nur die zentralen Hauptkraftwerke an
den Standorten der Wasserkräfte, der Kohlenläger, der Torfmoore usw.
errichten, diese untereinander und mit den bestehenden öffentlichen
Privatwerken durch Hochspannungsanlagen verbinden und die letzteren
als Verteilungs- und Reserveanlagen in Privatbetrieb weiter bestehen
lassen würde, soweit er es nicht für zweckmäßig erachtete, einige
ganz besonders moderne Anlagen, die den Anforderungen zentraler
Erzeugung entsprechen, zur Beschleunigung und Erleichterung seiner
Produktionsaufnahme zu erwerben. Die Privatwerke sollen bei diesem
System durch die vorteilhafte Preisstellung der Zentralwerke veranlaßt
werden, von diesen den Strom zu besseren Bedingungen zu beziehen, als
sie ihn selbst in ihren eigenen Werken herstellen könnten. Besonders
leistungsfähige Privatwerke sollen aber auch berechtigt werden, an
staatliche Fernleitungen elektrische Kraft zu liefern, sofern sie dies
zu gleichen Preisen wie die Staatswerke zu tun vermöchten. Einen
gesetzlichen Zwang für die Privatwerke, Strom von den Staatszentralen
zu beziehen, will Siegel nicht schaffen, er erwartet die allmähliche
freiwillige Zentralisation vielmehr von den Vorteilen des billigeren
Bezuges. Die +Verteilung+ des Stroms soll wie bisher in den Händen
der privaten, kommunalen und gemischt-wirtschaftlichen Unternehmungen
verbleiben, die dadurch in die Lage versetzt würden, für ihre Anlagen
weitere Beschäftigung und für ihre Kapitalien weitere Verzinsung zu
finden, die auch besser als der Staat in der Lage seien, für die
Ausdehnung des Stromabsatzes werbend tätig zu sein. Die Träger der
staatlichen Unternehmung sollen die Bundesstaaten sein, die sich
ähnlich wie bei den Eisenbahnen zu einem „Reichs-Elektrizitätsverband“
zusammenschließen müßten.

Siegel errechnet bei einem Kapitalaufwand des Staates für den ersten
Ausbau der Fernleitungszentralen von 400 Millionen Mark, bei einem
durchschnittlichen Selbstkostenpreis von 1 Pfennig pro Kwstd. und einem
Verkaufspreis von durchschnittlich etwa 2,6 Pfennig auf Grund einer
jährlichen Verkaufsmenge von 6 Milliarden Kwstd., einen Reinüberschuß
des Staates von 60 Millionen Mark. Hinsichtlich der Zukunftsentwicklung
legt Siegel seiner Phantasie keine Zügel an. Er schreibt:

    „Nach einem weiteren Ausbau wird eine nutzbare Abgabe von
    etwa 12 Milliarden Kilowattstunden in Frage kommen; die Zahl
    der Kraftwerke dürfte sich dann auf etwa 35 erhöht haben. Die
    Gesamtkosten betragen mit einem entsprechend erweiterten Ausbau der
    Hochspannungsleitungen etwa 650 Millionen Mark. Unter ähnlichen
    Verhältnissen wie beim ersten Ausbau läßt sich selbst unter
    Verringerung des Verkaufspreises noch ein Reinüberschuß von etwa 90
    Millionen Mark für den Staat erzielen. Es dürfte auf diese Weise
    möglich sein, vielleicht im Laufe eines Jahrzehnts einen großen
    Teil des gesamten Kraftbedarfs Deutschlands, der einschließlich
    der Eisenbahnen weiter oben auf etwa 80 Milliarden Kilowattstunden
    geschätzt wurde, aus den staatlichen Kraftwerken zu liefern,
    selbstverständlich unter entsprechender Erhöhung der Reineinnahme
    des Staates.“

Während sich Siegels Untersuchung auf eine Zusammenstellung der
+wirtschaftlichen+ Grundgedanken des Problems beschränkt und
die technischen wie statistischen Nachweise, sofern sie überhaupt
gegeben sind, in einer gewissen al fresco-Manier behandelt werden,
hat sich Professor Georg +Klingenberg+, Direktor und Leiter der
Abteilung Elektrizitätswerke der A. E. G., mit einer statistisch
wie technisch sorgfältig durchgeführten Studie in einem Vortrag,
den er unter dem Titel „Elektrotechnische Großwirtschaft unter
staatlicher Mitwirkung“[3] in Frankfurt a. M. hielt, mit derselben
Frage beschäftigt. Der Gedankengang seiner Ausführungen ist genau
derselbe wie bei Dr. Siegel, kleine Abweichungen brauchen hier nicht
hervorgehoben zu werden, auf technische und ökonomische Details,
so lehrreich sie auch sein mögen, kann ich im Rahmen dieses Buches
leider nicht eingehen. Interessant sind aber die Ergebnisse, zu denen
Klingenberg kommt. Er faßt sie in folgenden Leitsätzen zusammen:

1. Die Zusammenfassung großer Gebiete zu einer einheitlichen und
großzügigen Elektrizitätswirtschaft läßt sich mit dem heutigen System
der Einzelanlagen nicht erreichen. Nur der Staat ist imstande, die
entgegenstehenden rechtlichen Schwierigkeiten zu beseitigen; hieraus
folgt die Notwendigkeit des staatlichen Eingriffs.

2. Es empfiehlt sich nicht, den staatlichen Betrieb auch auf die
Verteilung elektrischer Arbeit zu erstrecken. Die Verteilung muß
vielmehr Sache derjenigen bleiben, die sie heute schon besorgen. Der
Staat muß sich auf die Erzeugung des Stromes und die Verkupplung der
Kraftwerke durch Hochspannungsleitungen beschränken.

3. Das Übergewicht großer Werke gegenüber mittleren und kleinen
entsteht durch die geringeren Erzeugungskosten des Stromes, durch die
Ausnutzung billiger Brennstoffe und vor allem durch die Verkupplung der
Werke, die zur Verbesserung des Ausnutzungsfaktors und zur Verminderung
der Reserven führt. Diese Vorteile werden durch die erhöhten
Umformungs- und Fortleitungskosten zwar vermindert, als Endergebnis
bleibt jedoch eine ziffernmäßige Überlegenheit des staatlichen
Betriebes.

4. Es werden Untersuchungen über die gegenseitigen Versorgungsgrenzen
mehrerer mit verschiedenen Brennstoffen arbeitender Großkraftwerke
angestellt.

5. Ein staatlicher Wettbewerb mit den bestehenden großen und mittleren
Werken würde zu einem Mißerfolg führen. Der Staat kann deshalb nur
auf dem Wege vorgehen, daß er die bestehenden Werke als Abnehmer zu
gewinnen sucht. Für die bereits vorhandene Erzeugung ist dies nur
teilweise möglich, dagegen läßt sich der +Zuwachs+ fast restlos
für die staatlichen Werke sichern.

6. Der Staat muß zu diesem Zwecke eine Anzahl von Großkraftwerken
an geeigneten Stellen errichten, sie mit 100000 Volt-Leitungen
untereinander verbinden, und an diese Umformerwerke anschließen, die
zur Versorgung der Verteilungsorganisation dienen. Die Einführung einer
Reihe von technischen Normalien ist hierbei wünschenswert.

7. Es muß ferner eine einheitliche staatliche Organisation für diese
Aufgaben geschaffen werden.

8. Unter Voraussetzung der zu erwartenden Entwicklung darf für das Jahr
1926 mit folgenden Zahlen für Preußen gerechnet werden:

    Gesamte Erzeugung der staatlichen Werke 10 Milliarden Kwstd.
    Anlagekapital 900 Millionen Mark.
    Jährlicher Reingewinn 41 Millionen Mark.

9. Weitere Einnahmen lassen sich nur durch eine Besteuerung
erzielen. Von den vielen möglichen Steuerformen empfiehlt sich eine
unmittelbare +Besteuerung der Beleuchtungselektrizität+ und des
+Beleuchtungsgases+ in Höhe von 10 v. H. des Rechnungsbetrages und
eine mittelbare durch Besteuerung der +Kohle+. Insgesamt wird ein
Erträgnis aus der Elektrizitätswirtschaft und den Steuern für 1926 von
320 Millionen Mark errechnet.

Die Arbeit Klingenbergs hat in der Fachwelt manche Kritik
hervorgerufen. Insbesondere hat sich der Direktor des Städtischen
Elektrizitätswerkes in Kiel, +Dr. Voigt+, in der Hauptversammlung
der Vereinigung der Elektrizitätswerke, die im wesentlichen
die kommunalen Werke umfaßt, gegen die Vorschläge Klingenbergs
gewandt, denen er das uneingestandene Motiv unterlegte, daß
die Elektrizitätsindustrie sich eine gute Geschäftskonjunktur
durch die Aufträge, die die Errichtung der neuen staatlichen
Elektrizitätszentralen mit sich bringen würde, schaffen wolle. Er
nannte im besten Falle die Erträgnisse des Monopols für den Staat sehr
bescheiden, erwartete sogar im Gegensatz zu Klingenberg Fehlbeträge
und fürchtete Nachteile für die Kommunen, deren Gasbetriebe durch
das Monopol nicht weniger beeinträchtigt werden würden als die
Elektrizitätsbetriebe. „Die Aufgabe der staatlichen Großkraftwerke
sei letzten Endes auf die Stillsetzung der Ortskraftwerke gerichtet.
Damit werde eine große Zahl von Trägern selbständigen Lebens und
selbständiger Wirtschaft zugunsten einer Zentralisation ausgeschaltet,
deren technisch-wirtschaftliche Notwendigkeit nicht bewiesen sei.“
Auf die Dauer werde neben der staatlichen Elektrizitätserzeugung eine
private oder gemeindliche Gaswirtschaft nicht bestehen können, deren
Verstaatlichung würde -- wenn die Ergebnisse des Elektrizitätsmonopols
gut seien, aus dem Wunsch nach weiteren finanziellen Einnahmequellen
heraus, wenn sie schlecht seien, aus dem Wunsch nach ihrer Verbesserung
heraus -- bald folgen und schließlich würde der Staat auch die Urquelle
beider Kräfte, die Kohle, mit Beschlag belegen. Die Klingenbergschen
Pläne zielten auf eine äußere und einseitige Zusammenfassung der im
Lande gebrauchten elektrischen Kräfte hin, während die natürliche
Entwicklung auf eine wirtschaftliche Sammlung aller an ein und
demselben Ort vorhandenen Energiemengen (offenbar durch die Kommunen.
Der Verf.) gerichtet sei.

Klingenberg hat auf die Darlegungen Voigts geantwortet und die
Überzeugung ausgesprochen, daß die technisch mögliche Modernisierung
und Verbilligung der Stromerzeugung in zentralen Großkraftwerken, die
nach Voigts Ansicht ganz von selbst sich vollziehen werde, nur durch
staatliche Mitwirkung gelöst werden könne. Nur durch den Staat, der
allein die Macht hierfür besitze, würden sich die politischen Grenzen
zwischen den einzelnen Wegeberechtigten und deren partikularistische
Eigeninteressen soweit überwinden lassen, daß Großkraftwerke
geschaffen werden könnten. Von den bestehenden Werken weisen nur ganz
wenige befriedigende Ausnutzung auf. Das gelte insbesondere von den
städtischen Werken, die in ihrer bisherigen Entwickelung nur sehr
langsam auf die industrielle Versorgung eingegangen seien. Die Werke
-- auch die meisten großstädtischen -- seien viel zu klein, um größere
Industrien wirtschaftlich versorgen zu können. Aber nur durch die
Einbeziehung industriellen Anschlusses, nur durch die möglichst weit
getriebene Vermischung eines verschiedenartigen Verbrauches ließen
sich die höchstmöglichen wirtschaftlichen Vorteile erzielen, und
so gute Ergebnisse erreichen, wie sie durch die besten städtischen
Belastungen, nämlich die Straßenbahnen, erzielbar seien. Damit würden
die Erzeugungskosten auf einen Bruchteil der bisherigen heruntergehen.

Zu dieser Kontroverse ist zu sagen, daß der rein technisch-ökonomische
Kern des Klingenbergschen Vorschlages zweifellos richtiger und
überzeugender ist als die von allen möglichen außerwirtschaftlichen,
kommunalpolitischen und partikularistischen Gesichtspunkten beeinflußte
Gegenargumentation Voigts, womit aber nicht gesagt werden soll, daß
in dieser Angelegenheit nur der technisch-ökonomische Gesichtspunkt
Beachtung verdient, wenn er zweifellos auch den wichtigsten Faktor des
Problems darstellt.

Dennoch werden auch die Klingenbergschen Vorschläge oder vielmehr
Ergebnisse, an den hohen Erwartungen gemessen, mit denen man auf Grund
der großzügigen Perspektiven Rathenaus der Lösung der Monopolfrage
entgegensah, manch einen etwas enttäuscht haben. Klingenberg, der seine
Rechnung nur für Preußen aufgestellt, gelangt auf Grund eines von den
Staatswerken gedeckten Stromverbrauchs von 10 Milliarden Kwstd. und
bei einem Anlagekapital von 900 Millionen Mark für das Jahr 1926 zu
einem jährlichen Reingewinn von 41 Millionen Mark. Siegel berechnete
den in ganz Deutschland durch Staatswerke zu deckenden Stromverbrauch
nach Fertigstellung der von ihm vorgeschlagenen Anlagen auf 6 Milliard.
Kwstd. und kam bei einem Anlagekapital von 400 Mill. M. auf 60 Mill.
M. jährlichen Reingewinn. Sind Klingenbergs Berechnungen richtig, so
folgt daraus, daß jene Siegels -- auf die Kilowattstunde berechnet --
viel zu optimistisch waren. Die Klingenbergschen Ergebnisse, die wohl
als besser fundiert gelten müssen, können aber vom Standpunkte der
Staatsfinanzwirtschaft betrachtet, nicht sehr befriedigen. Er will
im Jahre 1926 -- also erst nach einem Jahrzehnt -- dem Staate eine
Einnahme von 41 Millionen Mark zuführen, muß aber zu diesem Zwecke
in einer Zeit, in der Kapital sehr knapp sein wird, 900 Millionen
Mark investieren. Auch ihm selbst haben offenbar die finanziellen
Resultate, die sich allerdings nach Überwindung des Übergangsstadiums,
nach Amortisierung der alten, jetzt noch im lokalen Verteilungsprozeß
mitzuschleppenden Werke wesentlich erhöhen dürften, nicht genügt.
Darin liegt denn offenbar auch der Grund, daß er seinen Vorschlag
mit einer +Besteuerung+ der Beleuchtungselektrizität und des
Beleuchtungsgases -- die ja vom Standpunkt der Konkurrenzfähigkeit der
deutschen Industrie auf dem Weltmarkte vielleicht nicht gefährlich,
aber vom Standpunkt der Verbraucherinteressen doch bedauerlich wäre
-- verknüpft, daß er auch die zweifellos auf einem ganz anderen
Blatte stehende Besteuerung der Kohle mit heranzieht, und ihr sogar
den Hauptanteil (200 Millionen Mark) an seiner mit 320 Millionen Mark
balanzierenden „Finanzreform“ aufbürdet.[4]

Die Frage der Reichskonzentration, die recht schwierig geworden
ist, nachdem Bayern und Sachsen bereits selbständig Wege
beschritten haben, wie sie Klingenberg vorgeschlagen hat, wird
von diesem gar nicht behandelt, während sie von Siegel mit dem
Wort Reichs-Elektrizitätsverband leichthin abgetan worden ist.
Ganz so einfach dürfte es ja nicht sein, die Wasser-Elektrizität
Bayerns zum Beispiel mit der Kohlen-Elektrizität Preußens auf eine
gemeinsame Formel zu bringen, abgesehen davon, daß gerade die
größeren Bundesstaaten nicht ohne weiteres bereit sein werden, ihre
Elektrizitätskompetenzen auf das Reich übergehen zu lassen oder auch
nur Teile davon in eine Reichs-Elektrizitätsgemeinschaft einzubringen.

Nach alledem kommen wir zu dem Ergebnis, daß der Gedanke der zentralen
Krafterzeugung der technischen und ökonomischen Folgerichtigkeit
nicht entbehrt, daß er aber starke Hemmnisse, die zum Teil aus der
Belastung der Gegenwart mit Rudimenten der Vergangenheitsentwickelung,
zum Teil aus dem bundesstaatlichen und kommunalen Partikularismus
stammen, überwinden muß, ehe er zu voller Wirkung und Reife erwachsen
kann. Die Ernte dieses fruchtbaren Gedankens wird erst in der
Zukunft gepflückt werden[5]. Viel wird dabei auf die Frage ankommen,
welche Entwickelung in den nächsten Jahren das Vollbahnenproblem
nehmen wird. Geht der Staat nach dem Kriege in verstärktem Tempo
zur +Elektrifizierung der Vollbahnen+ über, wie das allerdings
nach den Erfahrungen des militärischen Verkehrs und bei der starken
Verschuldung aller kriegführenden Staaten nicht gerade erwartet
werden kann, so würden zur Deckung des Strombedarfs für die Bahnen
sowieso riesige Zentralstromwerke errichtet werden müssen, die
ganz natürlich zur Unterbringung ihrer überschüssigen Kapazitäten
versuchen würden, auch andere Großabnehmer an sich zu ziehen. Daß
auch der preußische Staat in solchem Falle danach streben würde,
diese Tendenz durch ein Strommonopol zu unterstützen, erscheint
naheliegend. Ebenso ist damit zu rechnen, daß sich bei einer solchen
Entwickelung, wenn nämlich die Anlageinvestitionen sowieso vorgenommen
werden müßten, und zur Deckung des zusätzlichen Absatzes an Private
nur vergrößert zu werden brauchten, die Erträgnisbedingungen für das
Staatsmonopol wesentlich verbessern würden. Je stärker nämlich in
der Zusammensetzung von neuem Bedarf (für die Bahnen) und von altem
Bedarf (für bestehende Verteilungsanlagen) der neue Bedarf, bei dem
eine Verzinsung und Amortisierung alter Anlagen nicht mehr in Betracht
kommt, dominieren würde, desto stärker und ungestörter würden sich
in der Monopolwirtschaft die technischen und ökonomischen Wirkungen
und Vorteile des Großkraftwerk-Betriebes ausprägen können. In jedem
Falle, ob nun die Elektrifizierung der Vollbahnen das Monopolproblem
begünstigen würde oder ob dieses sich ohne eine solche Stütze
durchzusetzen hätte, bleibt es fraglich, ob der Monopolgesetzgeber die
Frage des Anschlusses der bisherigen privaten Erzeuger -- öffentlicher
Werke und Einzelanlagen -- an das Monopolnetz so ganz von deren freiem
Willen abhängen lassen könnte, wie dies sowohl Siegel wie Klingenberg
voraussetzen. Das Riesenproblem der Kriegslastendeckung wird vielleicht
tiefere Eingriffe in das wirtschaftliche Selbstbestimmungsrecht
der Privaten erforderlich machen und insbesondere dürfte ein
Elektrizitätsmonopol sich nicht damit begnügen, den viel geringeren
Teil der Elektrizitätserzeugung zu erfassen, der in den öffentlichen
Werken vereinigt ist, und den weit größeren Teil frei zu lassen, der in
den Einzelanlagen zum Ausdruck kommt. Gewiß ist für manche Unternehmer
die Versorgung durch Einzelanlagen, trotz der an sich höheren
Produktionskosten des Stroms in meist kleinen und oft unmodernen
Betrieben infolge der Ersparnis der Kosten des Leitungsnetzes
vorteilhafter als der Bezug aus einer öffentlichen, wenn auch ganz
modernen Zentrale. Es wird aber auch Fälle geben, in denen, namentlich
bei günstiger Lage der Zentralen, das Gegenteil zutrifft. Will man
aber schon den Besitzer einer bereits bestehenden Privatanlage um
der Kapitalien willen, die er in seine Zentrale gesteckt hat, nicht
zwingen, vom Staatsnetz teureren Strom zu beziehen, als er ihn sich in
seiner eigenen Anlage selbst herstellen könnte, so fällt doch diese
Rücksicht fort bei dem Unternehmer, der erst eine Privatanlage schaffen
oder eine schon bestehende erweitern will. Ihm schmälert man kein
wohlerworbenes Recht, wenn man ihn durch gesetzlichen Zwang oder durch
Prohibitiv-Steuer veranlaßt, seinen Strombedarf bei den Staatswerken
zu decken. Die Furcht Klingenbergs, daß dann ein Teil der Industrie
wieder von der elektrischen Kraftübertragung zur Dampftransmission
zurückkehren würde, erscheint mir kaum begründet. Der +ganze+
Zusatzbedarf jedenfalls, gleichgültig ob er sonst durch öffentliche
Werke oder private Einzelanlagen gedeckt werden würde, gebührt
dem Monopol. Erst dann kann dieses auf die große und einträgliche
Neubeschäftigung rechnen, die ihm die Grundlage für eine sichere und
ergiebige Gewinn-Kalkulation bietet.



Fünfzehntes Kapitel

Gemischt-wirtschaftliche Unternehmung


Wenn man der Stellungnahme Rathenaus und seines Kreises für das
Elektrizitätsmonopol in der oben geschilderten Art neben den
objektiven, volkswirtschaftlichen Gründen auch so etwas wie ein
subjektives, sozusagen -- im erlaubten Sinne -- eigennütziges
Motiv unterlegen wollte, so könnte es im folgenden liegen: Der
kluge Realpolitiker, der sich bei allem Gedankenschwung nie an
Unmöglichkeiten klammerte, dessen Stärke darin bestand, immer nur
zu wollen, was er konnte, hatte wohl erkannt, daß die Tendenz zum
Staatsmonopol so stark sei, daß ihr auf die Dauer nicht Widerstand
zu leisten war. Gewisse Widerstände, denen Konzessionsanträge von
Privatgesellschaften für Großkraftwerke seit einiger Zeit bei der
Regierung begegneten, zeigten ihm, daß man dort die Zukunft nicht zu
„präjudizieren“, sondern sich die Freiheit des Handelns zu erhalten
wünschte. War sich die Privatunternehmung aber einmal klar darüber
geworden, daß sie die Zukunft auf dem Gebiete der Stromerzeugung
nicht mehr so würde beherrschen können wie die Vergangenheit und
zum Teil auch noch die Gegenwart, so war es für sie unklug, sich
gegen eine doch unvermeidliche Entwickelung zu sträuben, schließlich
besiegt zu werden und unter Bedingungen kapitulieren zu müssen, die
sie dann nicht mehr stellen, mit bestimmen oder auch nur beeinflussen
könnte. Bis zur Rolle des Expropriierten hat sich Emil Rathenau nie
drängen lassen. Er hielt es in solcher Lage für besser, mit den
Zukunftsmächten in einem Zeitpunkte zu paktieren, in dem er ihnen noch
als Gleichstarker, Ebenbürtiger, in freier Verhandlungs-, Forderungs-
und Konzessionsfähigkeit gegenübertreten konnte. Er wollte lieber
beizeiten einen Teil seiner Macht und seines Besitzes an Kräfte,
deren schließliche Überlegenheit er erkannt hatte, hergeben, um sich
durch dieses Opfer den anderen Teil zu erhalten, anstatt später einmal
alles zu verlieren. Auf unseren Fall übertragen: Rathenau hielt es
für richtiger und vorteilhafter, früh ein Strommonopol vorzuschlagen,
auf dessen Konstruktion und Beschaffenheit er bestimmend einwirken
konnte, statt schließlich eins nehmen zu müssen, bei dessen Formung und
Verwaltung er ausgeschaltet sein würde. Sein Elektrizitätsmonopol mit
der Zentralkraftherstellung durch den Staat und der Verteilung durch
die bisherigen Privatunternehmer läßt auch deutlich die Aufteilung der
Macht, des Besitzes, der produktiven und ertragsfähigen Arbeit zwischen
Staat und Privatindustrie erkennen.

Genau nach diesem diplomatischen Rezept hatte sich Rathenau bereits
vorher mit einem anderen -- kleineren, wenn auch für die Zeit seiner
Geltung sehr wichtigen -- Problem abgefunden, nämlich dem Problem der
+kommunalen+ und sonstigen +öffentlich-korporativen Einfluß-
und Besitzansprüche+ auf dem Gebiete der Elektrizitätserzeugung.
Die Gefahr war auch hier die völlige Überführung der Stromversorgung
und Stromverteilung auf die Gemeinden, Kreise, Provinzen usw. und
damit die Expropriierung der Privatindustrie gewesen, die Lösung wurde
in der +gemischt-wirtschaftlichen Unternehmung+ gefunden. Diese
ist im Verhältnis zum staatlichen Elektrizitätsmonopol, der Betriebs-
und Verwaltungsform der Größtkraftversorgung von morgen, das Gewand,
das die Großkraftversorgung der letzten Vergangenheit und zum Teil
auch noch der Gegenwart sich geschaffen hat. Eine Schöpfung, die im
+Prinzip+ bereits wieder überholt und überwunden ist, in der
Praxis aber die Verhältnisse gegenwärtig noch stark beherrscht. Ist das
Elektrizitätsmonopol die Rechts- und Betriebsform, der die zentrale
Fernkraftversorgung zudrängt, so ist die gemischt-wirtschaftliche
Unternehmung die typische Rechtsform der +Überlandzentrale+.

Um die ganze Atmosphäre, die historische Bedingtheit zu
verstehen, in der sich die gemischt-wirtschaftliche Unternehmung
entwickelte, muß man etwas weiter ausholen und sich kurz die
Entwicklung des +Staatssozialismus+ vergegenwärtigen, ehe
man sich dem für uns in Betracht kommenden damit verschwisterten
+Kommunalsozialismus+ zuwenden und neben dem technischen auch den
öffentlich-wirtschaftlichen Wurzelboden der gemischt-wirtschaftlichen
Unternehmung verstehen lernen kann.

Eine Zeitlang hat es den Anschein gehabt, als ob der Staats- und
Kommunalsozialismus mit raschen Schritten das wirtschaftliche Gebiet
mit Beschlag belegen wolle, das den von ihm bereits beherrschten
Verwaltungsfeldern benachbart oder verwandt ist. Nachdem das Reich und
die Einzelstaaten mit bedeutendem Organisations- und Finanzerfolge die
großen Verkehrsmittel, wie Eisenbahnen, Post, Telegraph und Telephon,
verstaatlicht hatten, nachdem auch in den Kommunen vielfach mit Erfolg
versucht worden war, Anstalten lokaler Ausbreitung und öffentlichen
Charakters, wie Straßenbahnen, Schlachthäuser, Wasserwerke, Gas-
und Elektrizitätswerke, in eigenen Betrieb zu nehmen, schien die
Entwicklung darauf hinzuzielen, die privatwirtschaftlichen Reste
innerhalb dieses von der Theorie bereits mit Entschiedenheit für
die öffentliche Unternehmung in Anspruch genommenen Gebietes auch
praktisch zu verdrängen. Es gab eine Zeit -- und sie liegt gar nicht
einmal weit zurück --, in der es zum Beispiel für die städtischen
Verwaltungsorgane, für die Presse und die Bürgerschaft von Berlin
außer Zweifel stand, daß alle Straßenbahnen und Elektrizitätswerke
beim Erlöschen der Privat-Konzessionen städtisch werden müßten; in der
es das Ziel jeder großzügigen Gemeindepolitik war, alle derartigen
Anstalten in kommunale Verwaltung zu bringen, einerseits um die
Anstalten den öffentlichen Gesichtspunkten besser und unabhängiger von
privaten Unternehmerinteressen dienstbar zu machen, andererseits auch,
um die aus den Anstalten erzielten Unternehmergewinne den Kommunen in
vollem Umfang zuzuführen.

Der Kreis der für den öffentlichen Betrieb geeigneten Unternehmungen
erweiterte sich immer mehr. Die bereits öffentlich betriebenen
Gewerbe zogen andere nach sich, die als Hilfsgewerbe für sie wichtig
waren. Der preußische Staat errichtete in Westfalen staatliche
Kohlenbergwerke, um den Kohlenbezug für seine Bahnen sicherzustellen
und sich von der Preisdiktatur des Kohlensyndikats unabhängig zu
machen. Das war in einer Zeit, in der die Kartellbildungen noch neu
waren und, namentlich was die Roh- und Halbstoffindustrien anlangt,
nicht nur bei den Konsumenten, sondern auch bei den Regierenden
Beklemmungen erweckten und Gegenwehr erheischten. Den schlüpfrigen
Boden eines Kartellgesetzes scheute man sich zu betreten, da man
nicht wußte, wie sich die neuen Organisationen entwickeln würden, da
man auch fürchtete, für die Gesamtwirtschaft vielleicht fruchtbare
(und tatsächlich außerordentlich fruchtbar gewordene) Möglichkeiten
durch Bureaukratismus und Polizeimaßregeln zu verbauen. So versuchte
man es mit einer indirekten Methode der Sicherung, indem man in
staatlichen Konkurrenzwerken Gegengewichte gegen die Überspannung
des Unternehmereigennutzes zu schaffen suchte. Aus dieser Stimmung
heraus motivierte man die neuen Unternehmungen nicht nur mit
den fiskal-wirtschaftlichen Beweggründen der Sicherstellung des
Kohlenbedarfs für die staatlichen Bahnen, sondern man stellte sie
auch unter die Gesichtspunkte der Wahrung allgemeiner Bürger- (das
heißt Verbraucher-)Interessen. Es mag dahingestellt sein, ob man
sich damals klar darüber war, wie weit man mit solchen immerhin nur
in beschränktem Umfange vorgenommenen Experimenten das angestrebte
Ziel überhaupt erreichen konnte, oder ob man mit der Möglichkeit
rechnete, diesen Experimenten im Erfolgsfalle eine breitere Basis
zu geben, oder ob man vielleicht nur aus einer Stimmung, nicht aus
einem durchdachten Plane heraus staatssozialistischen und auch
bodenreformerischen Bestrebungen, die sich damals zu einem System
gerundet hatten, eine Konzession machen wollte. Jedenfalls griff die
staatssozialistische Theorie die vereinzelten Eroberungszüge, die die
öffentliche Unternehmung aus dem Gebiet der Kommunikationsmittel in
das Gebiet der Produktionsmittel unternahm, sofort begeistert auf und
verallgemeinerte sie zu Forderungen, nach denen die Bodenschätze und
Bodenwerte eines Landes nicht von einzelnen Unternehmern nach Belieben
ausgenutzt werden dürften, sondern im Interesse der Allgemeinheit
verwendet werden müßten. Damit war eine Atmosphäre geschaffen,
in der es auch im kommunalen Leben als überaus rückständig galt,
Unternehmungen öffentlicher Art mit lokal umgrenztem Wirkungskreise
privaten Unternehmern zu überlassen.

Es ist aber bald ein Rückschlag eingetreten. Er mußte eintreten, da
es sich zeigte, daß staatssozialistische Experimente, auf schmaler
Grundlage zaghaft und ohne volle Konsequenz ausgeführt, ohne
organische Umbildung des ganzen Wirtschaftslebens auf ungünstige
Betriebsbedingungen angewiesen, ohne Monopolrechte dem in vielen
Dingen freieren Wettbewerb der Privatunternehmer unterlegen, keinen
überzeugenden und namentlich keinen schnellen Erfolg haben konnten.
Die Verstaatlichung der Eisenbahnen gelang, weil hier ein Monopol
geschaffen wurde, dessen ganze Organisation dem bureaukratischen
Apparat entgegenkam und dessen Betrieb mehr die verwaltende als die
propagandistische Seite der Kaufmannstätigkeit in Anspruch nahm. Die
Ordnung, die Sicherheit, die Einheitlichkeit bedeuteten hier mehr
als die bloße geschäftliche Nutzwirkung, die möglicherweise beim
Privatbetriebe größer gewesen wäre als beim Staatsbetriebe. Was aber
für die Kommunikationsmittel galt, das galt nicht in gleicher Weise
für die Produktionsmittel. Die teurere Betriebsweise des Staates,
die im bureaukratischen Betriebe wie in der staatssozialistischen
Idee begründeten Hemmungen des unternehmerischen Agens, würden auch
bei einer vollständigen Verstaatlichung vieler Produktionsmittel
(namentlich solcher, die in ihrem Absatzradius nicht auf die
Staatsgrenzen beschränkt, sondern auf den Ausfuhrmarkt angewiesen
sind) den volkswirtschaftlichen Nutzeffekt der Industrien
herabgedrückt haben, ohne daß diese Nachteile auf der anderen Seite
durch so große Vorteile wie bei den Eisenbahnen aufgewogen worden
wären. Ganz besonders augenfällig mußte diese Unterlegenheit des
staatlichen Betriebes in Erscheinung treten, als der Staat auf
privatkapitalistischem Boden mit der Privatindustrie in Wettbewerb
trat, als er sich nicht die monopolistische Form schuf, die seiner
Verwaltungsmethode entsprach. Hier mußte er den Kürzeren ziehen, nicht
nur weil seine Arbeits- und Verwaltungsweise weniger beweglich war,
sondern auch weil er in seiner Unternehmerpolitik naturgemäß sozialer
und rücksichtsvoller sein mußte als die Privatindustrie.

Die Tatsache, daß die staatssozialistischen Eroberungszüge in das
Gebiet der Produktionsmittel, geführt mit dem Rüstzeug und auf dem
Boden der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, unergiebig ausgelaufen
sind und auslaufen mußten, schien vor dem Kriege fast festzustehen.
Was der Krieg an +unfreiwilligen+ und durch die Verhältnisse
erzwungenen staatssozialistischen Verwirklichungen umfassenderer Art
gebracht hat, welche Erfahrungen -- sie schienen zuerst günstiger, dann
wieder ungünstiger zu sein, als man erwartet hatte -- dabei gemacht
wurden, braucht uns hier ebenso wenig zu interessieren wie die Folgen,
die sich daraus ergeben werden. Denn wir sprechen von dem Zeitpunkt
und den Zeitverhältnissen, aus denen die gemischt-wirtschaftliche
Unternehmung historisch entstand und die wir in ihren Ursachen und
Anlässen zu erklären haben.

In dieser Zeit war nun die Folge der wenig erfolgreichen
staatssozialistischen Experimente, daß die Stimmung in den Kreisen der
Regierenden unsicher wurde, und neues Feld für staatssozialistische
Versuche nicht mehr zu gewinnen war. Der Fiskus, der bei der ganzen
Sache viel riskiert und wenig gewonnen hatte, sträubte sich und
verlangte aus dem Spiel gelassen zu werden, und somit war der
Bildung von Unternehmungen, die eine rein staatliche Verwaltung
und beträchtliche staatliche Mittel erforderten, zunächst der Weg
erschwert. Dennoch war die Luft inzwischen mit staatssozialistischen
Ideen derart getränkt worden, daß ein völliger Rückzug nicht mehr gut
möglich war. So kam man denn schließlich zu dem +Aushilfsgebilde+
der +halböffentlichen Betriebs- und Verwaltungsform+. Verschiedene
brennende Probleme der Industriepolitik suchte man mit ihr zu
bewältigen. So stellte die Diamantenregie Dernburg-Fürstenbergs ein
gelungenes, für die Privatunternehmung und den Staat vorteilbringendes
Beispiel, die Regelung des Kaliabsatzes, die der Industrie als
solcher nur Unsegen und dem Staate keinerlei Vorteil brachte, ein
mißglücktes Beispiel dieser halbstaatlichen Verwaltungsform dar.
Alle diese Experimente liegen aber nicht mehr ausschließlich in der
Richtung des Staatssozialismus; sie laufen nicht lediglich auf eine
Regulierung, Machtbeschränkung und Erziehung der Produzenten im
staatlichen und Konsumenten-Interesse hinaus. Zu derselben Zeit, da
der Staat seine Bemühungen, den großen Unternehmerorganisationen mit
Staatssozialismus beizukommen, fast schon aufgeben wollte, hatten die
Unternehmer erkannt, welche Möglichkeiten ihnen der Staatssozialismus
für die Aufrechterhaltung ihrer künstlichen Marktregelungen zu
bieten vermochte. Das Argument, daß man die wirtschaftliche Lage,
wie sie durch die ehemals als Feinde bekämpften Kartelle seit Jahren
befestigt worden war, im volkswirtschaftlichen Interesse nicht
zusammenbrechen lassen dürfe, daß aus der Auflösung dieser oder jener
„bewährten Organisation“ unberechenbare Folgen sich ergeben würden,
wurde nicht selten als Vorspann für die Forderung oder Verwirklichung
halböffentlicher Regelungen von den privaten Unternehmern selbst
benutzt und die Verbraucher mußten noch froh sein, wenn bei derartigen
auf Anregung der Produzenten vorgenommenen Regelungen durch gewisse
Lieferungsvorschriften auch auf sie Rücksicht genommen wurde.

Diese ganze Hemmung und Umbiegung einer in ihrer Art und Richtung
anfänglich recht entschiedenen Bewegung ist aber nicht lediglich auf
die obengeschilderte wirtschaftliche und betriebliche Überlegenheit
der Privatindustrie über die Staatsindustrie (wohlgemerkt, wenn sie
nach dem System und auf dem Boden der Privatindustrie arbeitet),
sondern auch auf die Überlegenheit der privatwirtschaftlichen
+Finanztechnik+ über die staatswirtschaftliche zurückzuführen. Es
ist durchaus kein Zufall, daß die Resignation des Staatssozialismus
mit dem damals vielleicht vorläufigen, aber doch recht entschiedenen
+Siege der Industrieaktie+, ja sogar der Industrieobligation,
über die Staatsrente zeitlich zusammenfiel. Einstmals besaß die
staatliche Unternehmung vor der privaten den einen, manche Nachteile
ausgleichenden Vorteil der wesentlich billigeren Geldbeschaffung.
Hier hat die neuere Entwicklung abschwächend gewirkt. Als der Staat
noch sein Leihgeld mit nur 3 oder 3½% zu verzinsen brauchte, die
Privatindustrie aber für das ihrige 5 bis 6% oder noch mehr zahlen
mußte, bestand hinsichtlich der Sicherheit und Stabilität zwischen
Staats- und Privatpapieren eine scharfe Trennungslinie. Auch heute sind
Staatsanleihen theoretisch noch sicherer als die besten Privatpapiere,
aber je mehr die großgewerblichen Kartelle und Trustgebilde die
privatindustrielle Rente ausgeglichen und befestigt haben, um so
mehr ist die +praktische+ Sicherheitsgrenze verwischt worden.
Dazu kam, daß die zunehmende Industrialisierung unserer Wirtschaft
schon im Frieden eine andauernde Verteuerung der Lebenshaltung und
ein andauerndes Sinken des Geldwerts im Gefolge hatte, wodurch der
Rentner veranlaßt worden ist, auf eine höhere Verzinsung seines
Kapitals hinzuarbeiten. Es war eben die Rückwirkung der überwiegend im
Produzenteninteresse liegenden Wirtschaftspolitik, die der Staat in
den letzten Jahrzehnten getrieben hatte und vielleicht mit Rücksicht
auf die Gesamtwirtschaft und ihre Stellung im Wettbewerb auch treiben
mußte, daß der Staat nun diese Politik bei seiner Finanzgebarung am
eigenen Leibe nachteilig zu spüren bekam. Jedenfalls hatte diese
Entwicklung, welche die althergebrachte, in der Finanzwissenschaft
beinahe zum Dogma gewordene Lehre von dem Abstand zwischen Staatsrente
und Industriepapier zuungunsten der Staatsrente verschob, für eine
Weiterbildung der staatssozialistischen Ansätze starke finanzpolitische
Hemmungen geschaffen.

Die zurückflutende Welle der staatssozialistischen Bewegung hat
naturgemäß auch die Entwicklung des +Kommunalsozialismus+, die
an sich schon durch allerlei Reibungen in ihrem zeitweilig kräftigen
Vorwärtsdrängen gehemmt worden war, nicht unberührt gelassen. Das
bureaukratische Betriebssystem ist mit seinen Nachteilen und Vorteilen
in der Kommune und der sonstigen öffentlichen Körperschaft ungefähr
dasselbe wie im Staate. Das schwerfällige Rechnungs- und Haushaltswesen
der öffentlichen Gemeinschaften, das ohnehin die Beweglichkeit und
Elastizität der privaten Unternehmertätigkeit nicht zuläßt, macht
sich vielleicht in den Kommunen noch störender bemerkbar, weil
bei ihnen nicht nur der eigene Instanzenzug, sondern auch der der
übergeordneten Staatsbehörde zu berücksichtigen ist. Selbst wenn eine
Kommune Unternehmungen in eigenen Betrieb übernehmen wollte, ist ihr
dies häufig (man denke an die Erfahrungen der Stadt Berlin in der
Straßenbahn-Verstadtlichungsfrage und bei dem Ankaufsgebot auf das
Tempelhofer Feld) durch die Staatsregierung erschwert, wenn nicht ganz
unmöglich gemacht worden.

Ein weiterer und sehr wichtiger Grund, der einer allzustarken
Ausdehnung des Kommunalsozialismus -- selbst wenn betriebliche
Gründe, von denen noch die Rede sein wird, ihm nicht von selbst
schon gewisse Schranken gezogen hätten -- hinderlich werden mußte,
war wieder die Finanzierungsfrage, die sich für die Kommunen noch
schwieriger gestaltete als für den Staat. Der Kapitalmarkt, schon
an sich den festverzinslichen Rentenwerten nicht mehr so geneigt
wie früher, vermochte die sich von Jahr zu Jahr häufende Menge von
Stadt- und Kommunalanleihen nicht mehr aufzunehmen; das Wettrennen
zwischen den Staaten, Kommunen, Bodenkreditanstalten und industriellen
Unternehmungen um den günstigsten Platz auf dem Anleihemarkte
drohte diesen der Schonung dringend bedürftigen Markt völlig zu
desorganisieren. Die Städte hatten unter diesen Umständen Mühe,
ihren bei den erhöhten Anforderungen der modernen Kommunalpolitik
schon an und für sich stark angeschwollenen Geldbedarf für reine
Verwaltungszwecke recht und schlecht zu decken. Die Aufgaben des
Kommunalsozialismus mußten so nach Möglichkeit eingeschränkt oder
zurückgestellt werden, und sie ließen sich leichter zurückstellen
als die übrigen öffentlichen Aufgaben. Man kann der Regierung
infolgedessen nicht so unrecht geben, wenn sie die Kommunen mehrfach
zur Einschränkung ihrer Anleiheausgaben aufgefordert und so indirekt
auf eine Eindämmung des reinen Kommunalsozialismus hingewirkt hat.
Emil Rathenau, der diese Entwickelung frühzeitig erkannt hatte,
machte verschiedene Versuche, um aus ihr Nutzen zu ziehen oder doch
die sich daraus für die Elektrizitätsbewegung ergebenden Nachteile
zu beseitigen. Ein erster Versuch in dieser Richtung, der darin
bestand, +Elektrotreuhandbanken+ zu errichten, die den Kommunen
und Korporationen zur Errichtung von Elektrizitätsunternehmungen
Obligationenkredit einräumen sollten, führte zu keinem rechten
Ergebnis. Dagegen bürgerte sich die ähnlichen Zwecken dienende
gemischt-wirtschaftliche Unternehmung ziemlich schnell und umfassend
ein und die Kommunalpolitik nahm bereitwillig diese Form an, als das
Großgewerbe -- den Zeichen der Zeit folgend -- sie ihr sozusagen auf
halbem Wege entgegenbrachte. Man hat sie hier sogar in verhältnismäßig
kurzer Zeit praktisch wirkungsvoller auszugestalten vermocht, als dies
dem Staat gelungen ist. Allerdings gerade denjenigen Vorteil, den
der theoretische Befürworter und Ausgestalter dieser Form, Geheimrat
Freund, vielleicht als den ausschlaggebenden angesehen hat, konnte sie
nicht erbringen. Sie vermochte nicht mit der privatwirtschaftlichen
Initiative und Beweglichkeit die billigere Geldbeschaffung der Kommunen
zu vereinigen, eben weil eines der Hauptmotive zu ihrer Bildung und
zur Abkehr der Kommunen von eigenen Betrieben die Überspannung des
Kommunalkredits gewesen ist.

Anwendung gefunden hat die Form der gemischt-wirtschaftlichen
Unternehmung bisher hauptsächlich bei Elektrizitätswerken (Kraft-,
Lichtwerken und elektrischen Bahnen), Kleinbahnbetrieben, und mit
schwächeren Ansätzen auf dem Gebiet der Grundstücksunternehmung. Im
nachfolgenden soll ausschließlich von dem uns im Rahmen unserer Arbeit
vornehmlich angehenden Anwendungsgebiet der Elektrizitätsbetriebe die
Rede sein.

Will man verstehen, warum gerade das +elektrische Lokal-
und Überlandunternehmen+ die Hauptanwendungsform für die
gemischt-wirtschaftliche Unternehmung geworden ist, so muß
man notwendig auf die Entstehung und Geschichte der lokalen
Elektrizitätsunternehmungen zurückgehen. Sie gehörten im Anfang nicht
zu jenen Betrieben, die mit städtischen Mitteln und in städtischer
Verwaltung errichtet wurden. Das hat seinen Grund vor allem darin, daß
vor der Elektrizitätszentrale die Gasanstalt da war. Die Errichtung der
ersten lokalen Zentralbeleuchtungsanstalt war naturgemäß eine wichtige
Angelegenheit jeder einigermaßen fortgeschrittenen Kommunalpolitik.
Es bildete eine fast unerläßliche Aufgabe jeder größeren Kommune,
eine zentrale Beleuchtung einzuführen, die nicht nur eine helle
Lichtwirkung, sondern auch eine bequeme Bedienung ermöglichte. Diese
Möglichkeit bot zuerst das Gas, und da die Privatunternehmung nicht
mit einer an der Gasherstellung interessierten Spezialindustrie
zusammenhing, und da sich überdies die Städte damals noch nicht damit
befreunden konnten, ihren Straßengrund der privaten Röhrenverlegung
preiszugeben, so mußten die Kommunen, wenn sie sich modernes Licht
schaffen wollten, die Gaszentralen und die verteilenden Röhrennetze in
vielen Fällen selbst errichten (wenngleich auch auf diesem Gebiete der
Privatunternehmung ein größeres Arbeitsfeld verblieb). Als dann geraume
Zeit später die elektrische Beleuchtung aufkam, zögerten die Kommunen,
die ja ihr Beleuchtungssystem in eine immerhin moderne Verfassung
gebracht hatten, neben ihren Gaswerken noch Elektrizitätswerke zu
bauen. Das Bedürfnis dafür schien nicht unbedingt vorhanden zu sein,
zumal da die Gasbeleuchtung den Kampf mit der Elektrizität tatkräftig
und lange Zeit erfolgreich führte. Das Elektrizitätswerk stellte zudem
eine technisch wesentlich kompliziertere, in ihrem Betriebe besonders
in der ersten Zeit schwerer zu übersehende Unternehmung dar als die
Gaszentrale. Auch beschränkte sich die Elektrizität nicht auf das
Beleuchtungsgebiet, vielmehr griff sie in der Form von Antriebsenergie
für alle Arten von Maschinen direkt auf das industrielle Leben über
und in den allgemeinen Produktionsprozeß hinein. Man scheute sich
daher in kommunalen Kreisen zunächst, eine so vielfältige und schwer
übersehbare Produktion in eigene Verwaltung zu übernehmen. Da griff
denn die Elektrizitätsindustrie -- als Großinteressentin an der
Ausbreitung der elektrischen Energie -- wie wir dies in unserem Buche
bereits ausführlich geschildert haben, mit privater Initiative ein.
Die privaten Elektrizitätswerke, an die zumeist auch elektrische
Straßenbahnnetze angeschlossen wurden, entwickelten sich trotz der
beträchtlichen Abgaben, die an die Kommunen zu entrichten waren,
so nutzbringend, daß die Privatindustrie gern die ganze kommunale
Elektrizitätsversorgung dauernd in ihrer Hand behalten hätte. Je mehr
aber die hohe Nutzwirkung der Stromerzeugung ersichtlich wurde, desto
mehr zeigte sich bei den Kommunen das Bestreben, diese Quelle reichlich
strömender Gewinne völlig für sich mit Beschlag zu belegen. Es kam
die Periode, in der allenthalben die Verstadtlichung der elektrischen
Kraftwerke und Straßenbahnen angestrebt und vielfach auch durchgesetzt
wurde.

Zweifellos haben die Kommunen dabei keine schlechten Erfahrungen
gemacht. Die von ihnen geführten Betriebe wurden vielfach geschickt
verwaltet, ihre Erträgnisse befruchteten die kommunalen Finanzen,
und für die Verbraucher ergaben sich befriedigende Verhältnisse.
Dennoch ist die kommunalsoziale Strömung im Elektrizitätswesen schon
nach kurzer Zeit verlangsamt worden. Daran waren neben den oben
geschilderten finanziellen Gründen auch verwaltungspolitische und
betriebstechnische schuld. Die Übernahme von Elektrizitätswerken,
elektrischen Straßenbahnen usw. in städtische Regie erforderte
eine beträchtliche Verstärkung der kommunalen Beamten- und
Arbeiterschaft; sie schuf verwickelte Besoldungsprobleme und rapide
anschwellende Pensionsetats. Überdies erforderte die Eigenart
des elektrischen Betriebes die Anstellung besonders tüchtiger
und demgemäß auch teurer Kräfte, deren Bezahlung innerhalb der
kommunalen Beamtenschaft Schwierigkeiten bot. Alles dies in einer
Zeit, in der die Kommunalpolitik notgedrungen auf größtmöglichste
Sparsamkeit und auf Einschränkung der Ausgaben hinarbeiten mußte. Das
ausschlaggebende Moment war aber doch wohl das betriebstechnische.
Die +Elektrizitätswerke+ fingen an +zu groß+ zu werden,
als daß ihr Wirkungsgebiet sich hätte auf eine einzige mittlere oder
selbst große Kommune beschränken können. Elektrizitätszentralen,
die auf der Höhe der Technik und Wirtschaftlichkeit stehen
sollten, mußten neben der Zentralstadt nicht nur die Vororte und
benachbarten Landkreise, sondern auch weitere Zentralstädte in ihren
Versorgungsradius ziehen. Den einzelnen Kommunen wuchs mit anderen
Worten das Problem der wirtschaftlichen Elektrizitätsversorgung
aus den Händen. Sie machten zwar gelegentlich den Versuch, sich zu
Verbänden oder Verbands-Aktiengesellschaften zusammen zu schließen,
aber solche Versuche gelangen doch nur ausnahmsweise, zumal da sich
gleichzeitig die Elektrizitätserzeugung der großen Industriezentren
mit überzeugendem Nutzen an privatindustrielle Produktionsstätten
anzulehnen begann, die einen Teil ihrer überschüssigen oder billig
zu erzeugenden Kraft für die Elektrizitätserzeugung hergeben
konnten. Hier liegt die große produktive Leistung Hugo Stinnes,
der -- ohne eigentlich Elektrizitätsfachmann zu sein -- eine
derartige Elektrizitätserzeugung auf montanindustrieller Basis zum
ersten Mal in großem Stile aufnahm, die Gichtgase seiner Hochöfen
als Antriebskraft für riesige Dynamomaschinen benutzte und in
seinem Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk eine technisch
wie kaufmännisch gleich hervorragende Organisation schuf. In diese
Organisation zog er eine große Reihe rheinisch-westfälischer Groß- und
Kleinstädte, Landgemeinden und Privatkonsumenten mit hinein. Was Emil
Rathenau vorschwebte, als er vor Jahrzehnten bereits aus den damaligen
Schwierigkeiten seiner privaten Kraftwerke heraus ein Zusammenwirken
zwischen Privatindustrie und Gemeinden auf genossenschaftlicher
Grundlage vorschlug, was er später beim Elektrizitätswerk Straßburg
i. E. durch Verbindung eines Konzessionsvertrages mit einer mäßigen
Aktienbeteiligung der Kommune vorbereitend anbahnte, ist beim
Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk aus den Unzulänglichkeiten
lokaler Elektrizitätsversorgung heraus voll verwirklicht und in reifer
Form angewendet worden.

Hugo Stinnes hat nicht nur zuerst das technische Problem der
montanindustriellen Großzentrale bewältigt, er hat auch zugleich
die grundsätzliche wirtschaftliche Unternehmungsform gefunden,
die es gestattete, einen privaten Industriebetrieb mit einer oder
mehreren kommunalen Körperschaften zu einem Interessenverbande zu
vereinigen. Er wählte die Form der Privat-Aktiengesellschaft, an deren
Finanzierung sich sowohl das private Unternehmerkapital als auch die
Kommunen beteiligten, und in deren Verwaltungsrat sowohl Vertreter
der beteiligten Kommunen als auch der privaten Unternehmerkreise
saßen. Ging beim Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk die
Anregung zur Bildung eines gemischt-wirtschaftlichen Unternehmens
von der Rohstofflieferantin, der Montanindustrie, aus, so gab
bei anderen Bildungen dieser Art die Materiallieferantin, die
Elektrizitätsindustrie, den Anstoß. Diese Industrie, die seit
langem mit der Errichtung von Elektrizitätswerken in eigener Regie
oder in der Regie von Tochterunternehmungen günstige finanzielle
Erfolge erzielt hatte, indem sie sich nicht nur für den Absatz ihrer
Fabrikate Stützpunkte schuf, sondern auch noch die Quelle reichlich
und ziemlich gleichmäßig fließender Rentengewinne erschloß, diese
Industrie hat sehr schnell eingesehen, daß sie mit der neuen Form der
gemischt-wirtschaftlichen Unternehmung, mit dieser Konzession an den
sozialen Zeitgedanken, der streng kommunalsozialistischen Bewegung den
Wind wenigstens teilweise würde aus den Segeln nehmen können. Was sie
praktisch aufgab, war nicht sehr viel. Das absolute privatindustrielle
Selbstbestimmungsrecht, das ihr übrigens vorher schon durch die
Konzessionsverträge mit den Kommunen beschnitten gewesen war, wurde
durch die Beteiligung der Kommunen am Stimmrecht und an der Verwaltung,
sowie durch gewisse kommunale Veto- und Forderungsrechte allerdings
bis zu einem gewissen Grade eingeschränkt. Dafür bot ihr aber die
Kontrolle durch öffentliche Verwaltungsorgane einen wirksamen Schutz
gegen Angriffe, denen sie vorher ausgesetzt war. Ferner behielt die
Privatindustrie die besonders wertvolle Möglichkeit, die von ihr
in Gemeinschaft mit den Kommunen betriebenen Elektrizitätswerke
als Arbeitszubringer und Abnehmer für ihre Fabrikate zu benutzen,
fast unbeschränkt bei. Ebenso blieb ihr das Renteninteresse an den
Unternehmungen erhalten, wenn auch der Quantität nach durch die
Beteiligung der Kommunen etwas verringert; der Qualität nach wurde es
durch die moralische und manchmal auch rechtliche Garantieübernahme
seitens der Kommunen sogar noch erhöht.

Ob die Interessen der Kommunen und der Verbraucher bei der
gemischt-wirtschaftlichen Unternehmung ebenso gut aufgehoben gewesen
sind, wie die der Privatindustrie, ist eine Frage, die sich nicht
allgemein entscheiden und bejahen läßt. Ein gewisser Nachteil für
die Kommunen mag darin liegen, daß eine gemeinsame Beteiligung
und Tätigkeit in denselben Unternehmungen sie aus übergeordneten
Behörden zu Wirtschaftsgenossen und Geschäftsteilnehmern der
Unternehmer macht, ein Verhältnis, das gewiß Gefahren mit sich
bringt, deren Vermeidung besondere Klugheit und Charakterfestigkeit
der kommunalen Vertreter erfordert. Dabei war besonders anfänglich
der Kaufmann dem Verwaltungsbeamten in der geschäftlichen Praxis,
noch mehr in der industriellen Technik so sehr überlegen, daß die
theoretisch zugestandenen Aufsichts- und Mitbestimmungsrechte
nicht immer wirkungsvoll zur Geltung gebracht werden konnten. Das
lag aber oft nicht an der Formulierung dieser Rechte, die meist
ausreichend war und einer besonderen gesetzlichen Regelung, wie
sie zum Beispiel Freund gefordert hat, nicht bedurfte, sondern
eben an der mangelhaften Handhabung. Gerade in dieser Hinsicht
hat der Kommunalbeamte im Laufe der Entwickelung und durch diese
viel gelernt. Die Möglichkeiten der Erfahrung und der Vergleichung
haben ihn geschult. Eine Kontrolle durch fachmännische Revisoren
ist bei Elektrizitätswerken heute fast schematisch möglich. Es läßt
sich ziemlich genau bestimmen, welche Stromkosten ein Kraftwerk
je nach seiner Größe, seiner betriebstechnischen Grundlage (als
montanindustrielles, Fernleitungs- oder lokales Werk) haben, und welche
Strompreise es berechnen darf. Schwieriger schon ist die Kontrolle,
ob die von den privaten Unternehmergesellschaften berechneten Preise
für Maschinen- und Materiallieferungen angemessen sind, aber auch
in dieser Hinsicht sind die Kontrollaufgaben für eine tüchtige
Kommunalverwaltung schließlich recht wohl zu erfüllen. Prinzipiell
wird man das System der gemischt-wirtschaftlichen Unternehmung in der
elektrischen Stromerzeugung schon deswegen billigen können, weil in dem
Entwicklungsprozeß der Stromerzeugung, der sich gegenwärtig vollzieht,
die gemischte Unternehmung eine nützliche Übergangsstufe zu den höheren
Betriebsformen darstellt, die wir im vorigen Kapitel geschildert haben.



Sechzehntes Kapitel

Charakterbild


a)

Wenn man sich den großen Tatmenschen vorstellt, so sieht man
ihn gemeiniglich als absoluten Willensmenschen von unbeirrbarer
Geistesschärfe, unerschütterlicher Entschlußkraft und
Entschlußdurchführung, von immer gleichbleibender Energie des
Entwerfens und Arbeitens. Unentschlossenheit, Schwankungen des
Intellektes und des Willens traut man ihm und seiner ganzen Art nicht
zu. Hat er Nerven, so sind es stählerne, federnde, die ihn nicht in
der Entfaltung seiner Geisteskräfte hemmen, sondern ihn beschwingen,
ihn über körperliche Anfechtungen und Schwächen hinwegtragen, seinem
Geist, wenn er in zu einsame Höhen der Abstraktion fliegen will, die
Verbindung mit dem Körper, dem Humusboden der Realität erhalten. So
sieht vielleicht das Bild des Genies der Tat für den Fernstehenden aus,
wie es sich am Ende einer festliegenden und festlegenden Entwickelung
geformt hat. Mit so abgeschlossenen und verschlossenen Zügen tritt das
Genie vielleicht aus den Kämpfen seines Innenlebens, aus den Stürmen
seines Werdegangs der Öffentlichkeit entgegen, der es nur die fertigen
Tatsachen, nicht den schweren Weg, auf dem es zu ihnen gelangt ist, nur
die äußeren Ergebnisse, nicht den aufreibenden und oft verzweifelten
Kampf der Möglichkeiten, der ihnen voranging, zeigen will und zeigt.
So ist es auch erklärlich, daß zunächst nur das +äußere+ Bild des
großen Mannes in die Geschichte übergeht und erst die eindringende
Nachforschung des psychologischen Geschichtsschreibers notwendig ist,
um es zu verinnerlichen, um hinter der +Maske+ das Gesicht hervortreten
zu lassen. Man hat gesagt, daß niemand vor seinem Kammerdiener der
große Mann bleibt, und man kann mit der gleichen Berechtigung sagen,
daß niemand vor dem Spiegel seines eigenen Inneren oder dem seiner
nächsten Umgebung der eiserne Tatenmensch bleibt, als den ihn die
Fernstehenden nach seinen Taten ansehen. Shakespeare hat seinem Hamlet,
diesem genialischen Typus der Halbheit und Unentschlossenheit, der
ewigen einander lähmenden Schwankungen und Streitereien des Gemüts
und des Verstandes in Fortinbras einen Tatmenschen, einen Typus des
Positivismus gegenübergestellt. Jener zergrübelt, dieser handelt.
Hamlet ist ein bis ins Feinste ausgeführtes Bildnis, Fortinbras eine
nur den Zwecken des Kontrastes dienende Skizze. Hätte Shakespeare
diese Skizze weiter ausgeführt, so würde er gefunden haben, daß auch
Fortinbras nicht nur klares Wissen, gradliniger Wille ist. Er, der
tiefe Menschenkenner, würde sicherlich zu dem Ergebnis gekommen sein,
daß auch der Tatmensch nicht immer sofort instinktiv das Richtige
sieht und das Richtige tut, sondern daß auch ihm die Fülle der
Gesichte oft beängstigend entgegendrängt, daß auch er sich in Streit
und Widerstreit, in leidenschaftlichen Diskussionen mit sich selbst
und anderen erst aus dem verwirrenden Zuviel der Möglichkeiten auf
den klaren Weg der Notwendigkeit retten muß. Das Entscheidende und
Unterscheidende ist es eben, +daß+ er sich rettet, daß er nicht in dem
Strauchwerk der Reflexion hängen bleibt wie der hamletische Charakter,
der ihm an +vielen+ Gaben nicht unterlegen zu sein braucht, dem aber
die +eine+ Gabe fehlt, in sich Ordnung zu schaffen, seiner Gedanken und
Gefühle doch schließlich Herr zu werden, nachdem er sie genug in sich
hat ringen und wühlen lassen. Gewiß tritt mancher schöpferische Gedanke
intuitiv, sozusagen blitzartig vor den Geist des Tatmenschen hin. Er
hat sich vielleicht nie oder nur obenhin mit dem Problem beschäftigt,
das dieser Gedanke löst. Er erhält Antwort, ohne gefragt zu haben,
findet Gold, ohne daß er danach zu graben brauchte. Die Überlieferung
berichtet von manchen großen Taten, die so entstanden sind, aber sie
verschweigt, wie viel öfter der sogenannte Instinkt den schöpferischen
wie den problematischen Menschen irregeführt hat. Die Bewunderung der
Masse vor dem genialen Instinkt würde vielleicht geringer werden,
wenn sie erfaßte, daß gerade zu dem psychischen Bild Hamlets schnelle
Gedankenblitze und Gedankensprünge gehören, die dem geistreichen
Menschen in gehobener Stimmung oft einen Goldwert der Idee vortäuschen,
der sich bei nüchterner Überlegung nur als blinder Glanz erweist.

Wie nahe die Grenzen problematischen Wesens und tatkräftiger
Veranlagung beieinander liegen können, wie schmal manchmal die
Wasserscheide ist, von der der Lauf eines Lebens zu diesem oder jenem
Charakter führen kann, zeigt gerade die Geschichte Emil Rathenaus. Nach
einer frisch, doch keineswegs ungewöhnlich geführten Jugend drohte
sein Dasein -- eine beklemmend lange Zeit -- in Unentschlossenheit
zu zerfließen, und doch hat sich derselbe Mann später zu einem
Tatmenschen stärkster Prägung entwickelt. Es ist eben nicht nur
Charakter+material+ zur Bildung eines Charakters erforderlich,
sondern auch das taugliche Objekt, an dem sich dieses Material bewähren
kann. Sicherlich gibt es nicht nur Begabungen, sondern auch Charaktere,
die ihre beste Energie im Suchen um einen geeigneten Platz aufbrauchen,
ihn vielleicht nie finden oder, wenn sie ihn endlich gefunden haben,
nicht mehr Vollkraft genug besitzen, um auf ihm Großes zu wirken. Das
tägliche Leben kennt viele solcher halben Helden, die Geschichte weiß
nicht ebensoviel von ihnen zu erzählen, denn ihr Schicksal erfüllt
sich meistens nicht im Licht, sondern im Dunkel. Hätte Emil Rathenau
ganz mit denselben Geistes- und Charaktereigenschaften erst zehn Jahre
später seinen wahren Beruf, sein wahres Objekt gefunden, und dann nicht
mehr die Frische gehabt, um sich ganz darin auszuleben und auszuwirken,
oder wäre er über die Krise der Berliner Elektrizitätswerke
gestrauchelt und hätte nicht die Kraft besessen, um zum dritten
Male anzufangen, die Geschichte hätte kaum etwas von ihm gewußt und
in dem Gedächtnis seiner Bekannten hätte er höchstens als begabter
„Lebensverfehler“ fortgelebt.

Emil Rathenaus Charakter rückte wohl deswegen eine Zeitlang scheinbar
so dicht in die Nähe der problematischen, weil er ganz ungewöhnlich
voll von Gegensätzen und Widersprüchen war, die sich mit dem
zunehmenden Alter nicht etwa verringerten oder abschliffen, sondern
im Gegenteil bis zur Wunderlichkeit und Skurrilität verschärften.
Hierin lag vielleicht letzten Endes der Grund für die Langsamkeit,
mit der er sich in die entscheidende Bahn fand, mit der er den Boden
erreichte, auf dem er endlich Wurzel fassen und den festen Punkt
für die Ausgleichung seiner starken Charakterschwankungen finden
konnte. Aber hierin lag auch der Grund für die Kraft, den Reichtum,
die Mannigfaltigkeit und die Elastizität seiner Natur, die sich
niemals länger in einer Richtung festhalten ließ, als dies ihrer
Entwickelung förderlich war und die bei aller sachlichen Konsequenz
-- wenn es von höherem Gesichts- oder Gefühlspunkte zweckmäßig war --
auch einmal inkonsequent sein konnte. Dem außenstehenden Beobachter
mochte vielleicht manchmal als Sprunghaftigkeit, als Impressionismus
erscheinen, was doch nur ein freies und souveränes Spiel mit den
äußeren Formen der Logik war, ein Spiel, das manchmal vielleicht
den Gesetzen der Umwelt, niemals aber den Gesetzen der eigenen
Natur zuwiderlief. Den Mitlebenden oft unverständlich, sich selbst
vielfach nicht bewußt, sprang Rathenaus schneller Instinkt manchmal
über Zwischenglieder der logischen Entwickelung hinweg, an denen
andere nicht vorüberkamen oder vor denen sie wenigstens stutzten.
Seine Entschlüsse und Maßnahmen, die aus einem derartigen geistigen
Telegrammstil entsprangen, erschienen anderen darum oft verkehrt und
nicht folgerichtig, zumal Rathenau sie häufig nicht bewußt begründen
konnte. Die rückschauende Beurteilung mußte sie fast stets als treffend
und zweckmäßig anerkennen, was Rathenau verschiedentlich den Ruf
prophetischer Gabe eingetragen hat. In der schönen Grabrede, die er
seinem Vater hielt, hat Walther Rathenau diese Gabe folgendermaßen
geschildert: „Wer ihm nahe gestanden hat, der weiß es, wie erschütternd
es war, wenn er in seiner einfachen Sprache von Dingen erzählte,
die ihm selbstverständlich erschienen; aber diese Dinge waren nicht
selbstverständlich, denn es waren keine Erinnerungen und es war
keine Gegenwart. Was er schilderte und was er erzählte, das war die
Zukunft, und in dieser Zukunft sah er so klar, wie wir sehen in unserer
Zeit und in dem, was wir von der Vergangenheit wissen. So kamen die
Menschen von weit her und fragten ihn: was wird aus dieser Technik,
was wird aus jenem Verkehr, was wird aus dieser Wirtschaftsform und
was wird aus jener Entwickelung? Und dann gab er ihnen stille Antwort
und wunderte sich nur über das Eine, daß der andere nicht als ein
Selbstverständliches schmählte, was er ihm aussprach.“

Gegensätze und Widersprüche des Charakters können die Tatkraft einer
Intelligenz lähmen und zerreiben, wie wir das nur zu oft auch bei
klugen und scharfsinnigen Menschen zu beobachten vermögen. Aber sie
können einem Wirken auch jene Fruchtbarkeit geben, die der einfach
organisierten Natur nicht erreichbar ist, weil sie nicht die ganze
Tiefe, Fülle und Vielgestaltigkeit der Probleme ausschöpfen kann, die
der komplizierte Charakter -- stets auf den Kampf und den Ausgleich
zwischen seinen verschiedenen Gegensätzen angewiesen -- aufwerfen
und in glücklichen Fällen lösen wird. Jeder Mensch und besonders der
sanguinische hat Zeiten des Optimismus und Pessimismus, schwankt
zwischen verschiedenen Stimmungen auf und nieder. Hochgefühl, frische
Spannkraft auf der einen Seite, Depression, Unzufriedenheit und
Überdruß auf der anderen Seite wechseln miteinander ab. Wie sehr hier
eine der Triebkräfte jeder Leistung, jedes Fortschritts und jeder
Entwickelung liegt, zeigt die Übertragung dieser Schwankungen auf
die Geschichte allgemeiner Gestaltungen, die sozusagen von diesem
Auf und Nieder leben, aus dem Wechsel von Hausse und Baisse, von
Ebbe und Flut ihre immer neue motorische Lebenskraft ziehen. Fehlten
die Pendelschwingungen dieses geistigen „Perpetuum mobile“, so
würde die Uhr bald stille stehen, jede Fortentwickelung im Marasmus
ersticken. Bei Emil Rathenau war die Wellenlinie zwischen Optimismus
und Pessimismus außerordentlich stark ausgeprägt. Beide Pole standen
einander ganz schroff entgegen. Daher lebte der Organismus so stark,
wirkte der Ausgleich so fruchtbar, war der entladende Funke von so
zündender Durchschlagsgewalt. So kraß Wärme und Kälte in dem Wesen Emil
Rathenaus aber auch in Erscheinung treten konnten, so wenig ließ der
reale Tatsachensinn, der in der Mitte zwischen den beiden Polen stand,
zu, daß sie mit ihrem +Übermaß+ Einfluß auf die praktische Arbeit
gewinnen konnten. Sie hatten im richtigen Moment anzufeuern und im
richtigen Momente abzukühlen, hatten sich gegenseitig zu beobachten und
zu kontrollieren. War die rechte Mischung erreicht, so war damit die
Bahn und das Tempo der Arbeit festgelegt. Beide wurden dann unbeirrt
und unbeirrbar festgehalten bis zum Ende. Optimistische Voreiligkeit
und pessimistische Hemmung durften ihre Konstanz nicht mehr stören.

+Optimist+ war Rathenau stets im Entwerfen, und noch vielmehr
in der Absteckung des Feldes, auf dem entworfen oder verwirklicht
werden sollte. Die Ziele, die er seiner elektrischen Technik stellte,
wurden mit fast unbegrenzter Phantasie so weit als nur irgend denkbar
gestellt. Sein Ideal war, die Welt mit Elektrizität zu durchdringen.
Oft im Gespräch mit Fachgenossen, noch mehr mit Laien und Frauen
erging er sich in kühnen Zukunftskombinationen, die sich bis zu Jules
Verneschen Sphären versteigen konnten. Wenn er in den bescheidenen
Anfängen der Lichtelektrizität von den Möglichkeiten sprach, zu
denen die neue Beleuchtungsart einmal führen könnte, mochte das den
Zeitgenossen phantastisch klingen. Für uns, die wir die Verwirklichung
seiner Pläne miterlebt haben, wirken diese Äußerungen als fast exakt
wissenschaftliche Voraussagung einer Entwickelung, die kommen mußte,
wie sie gekommen ist, und die doch nur dieser eine damals gerade so
vorhergesehen hat. Dasselbe war bei der elektrischen Kraftübertragung
der Fall, wenngleich hier noch einige andere an die große Zukunftskraft
der Erfindung vielleicht nicht weniger stark geglaubt haben als
Rathenau. Ihren optimistischen, phantasievollen Charakter auch jetzt
noch bis zu einem gewissen Grade behalten haben die Rathenauschen
Prophezeiungen über das elektrische Fernbahnsystem, dessen Durchführung
nur langsam fortschreitet, trotz alledem jedoch im Bereiche der
Wahrscheinlichkeit liegt. Aber, wenn Rathenau ins Schwärmen kam, konnte
er auch Ideen entwickeln, zu deren Verwirklichung heute noch nicht
die geringsten Ansätze vorliegen, die zu verwirklichen die Menschheit
vielleicht auch nie unternehmen wird, weil der erreichbare Erfolg
in keinem Verhältnis zu dem technischen Aufwand steht. Warum sollte
man, so meinte er, nicht dahin kommen, daß alle Wohnungen von großen
Elektrizitätszentralen aus geheizt werden, daß jede Wohnung mit einer
Anlage versehen ist, die sie von einer Zentrale her elektrisch mit
Kälte für die Eisherstellung versorgt? Fast stets waren derartige
Kombinationen -- auch wenn sie Dinge nebensächlicher Art betrafen --
technisch richtig gesehen. Das verstand sich für einen so gewiegten
Fachmann von selbst. Rathenau war sich aber recht wohl bewußt, daß er
in solchen lässigen Gesprächen mehr beispielmäßig als ernst sprach und
er würde es sich verbeten haben, wenn ihn jemand beim Wort genommen
und seine praktische Mitwirkung bei der Ausführung derartiger Projekte
verlangt haben würde. Solche Phantasien im großen und im kleinen waren
aber doch kennzeichnend für den gewaltigen Glauben, mit dem Rathenau
seiner Wissenschaft anhing, für die stets beschwingte Vorstellungswelt,
in der dieser Praktiker lebte und aus der er sich Kraft und
Lebendigkeit für seine Arbeit immer wieder aufs neue holte, wenn ihn
die Kleinlichkeiten und Schwierigkeiten mancher Einzeltätigkeit zu
ermüden und niederzudrücken drohten.

Optimist war Rathenau nicht nur in seiner technischen Weltanschauung,
sondern auch im Entwerfen und Unternehmen, wenn es sich um die
Bewältigung einer neuen bestimmten Aufgabe oder eines Aufgabenkomplexes
handelte. Seine Initiative war frisch, sein Plan großzügig, seine
Stimmung hoffnungsfreudig angeregt, sein Einfluß auf die Tätigkeit
der Mitarbeiter anfeuernd. Kurzum der Rausch des Schaffens erfüllte
und bewegte ihn, wie nur je einen Künstler, der von der Inspiration
ergriffen ist. Sobald aber vom Entwerfen zum Ausführen geschritten
wurde, trat eine merkwürdige Erkältung ein. Ernüchterung, Mißtrauen
und Zweifel an der Arbeit und ihrer Lösung überkamen ihn, er quälte
sich und die Mitarbeiter mit Bedenken, Abänderungsplänen, immer neuen
Einwürfen und Fragen. Kein Ergebnis erschien ihm vollkommen genug,
keine Leistung genügte ihm. Dieser Abfall der Stimmung hatte aber nun
nicht wie bei optimistischen Plänemachern die Wirkung, daß er der
Sache schnell überdrüssig wurde und sie mißmutig und müde beiseite
legte, um sich neuen Projekten zuzuwenden. Im Gegenteil, nun, da der
Schwung, das Hochgefühl des Schaffens verloren gegangen war, trat
eine andere Eigenschaft seines Charakters in Erscheinung, die seine
Mitarbeiter und Untergebenen bewunderten, aber auch fürchteten. Es
war eine Zähigkeit ohne Gleichen, die allen das Leben schwer machte,
kein Ausruhen, keine Ablenkung für ihn und für die anderen zuließ.
Die spröde Materie mußte sozusagen bis ins Kleinste durchknetet, der
Arbeitsprozeß immer wieder von neuem wiederholt werden, bis das Höchste
an Inhalt und Form aus dem Stoffe herausgearbeitet war. Ein Abschweifen
zu anderen Plänen gab es dabei selten, wenigstens nicht, wenn es sich
um die Bewältigung einer großen Aufgabe handelte. Der Meister, der
sonst viele Zügel auf einmal in der Hand halten konnte, konzentrierte
sich dann ganz auf die eine Sache, Schwierigkeiten konnten ihn nie
schrecken, sie veranlaßten ihn höchstens, die bereits geleistete Arbeit
über den Haufen zu werfen und das Problem von einer ganz anderen Seite
anzupacken. Auch in finanziellen Dingen trat dieser Gegensatz zwischen
optimistischem Schwung und kritischer, ja übertriebener Vorsicht
oft auffallend in Erscheinung. Vor finanziellen Wagnissen, neuen
großen Unternehmungen und Gründungen schreckte er nie zurück, aber er
begann nie eine Sache zu verwirklichen, bis er sie nicht gründlich
nach allen Seiten hin fundiert hatte. Damit, daß er jemandem, der
ihm ein Projekt vortrug, in freudigen Worten seine erste Zustimmung
ausgedrückt hatte, war er -- wie manche Erfinder und Unternehmer zu
ihrer Verblüffung inne wurden -- noch keineswegs für die Durchführung
gewonnen. Solche Leute schickte er gewöhnlich zu dem Fachdirektor,
der das betreffende Gebiet bearbeitete, mit dem Auftrag, alles
einzelne zu besprechen und zu verabreden. Hier wurden nun häufig die
überschwänglichen Hoffnungen, denen sich die Besucher auf Grund ihrer
Unterredung mit Rathenau hingegeben hatten, wesentlich herabgemindert.
War aber einmal ein Projekt als reif und aussichtsvoll anerkannt, so
trug Rathenau kein Bedenken, seine Verwirklichung in freigebiger Weise
mit Geldmitteln zu unterstützen. Vor großen geldlichen Transaktionen
ist er nie zurückgescheut, das Kapital der A. E. G. war ihm stets zu
niedrig, und als es auf 60 Millionen Mark angelangt war, erklärte er
Aktionären, denen das Tempo der Expansion zu schnell gegangen war,
daß er sich freuen würde, wenn er es auf 100 Millionen bringen könne.
Dabei war ihm doch häufig sozusagen vor seiner eigenen „Courage“
bange. Die Sorge vor Rückschlägen, vor unerwarteten Entwickelungen
raubte ihm den Schlaf mancher Nacht, und wenn er sein Unternehmen nie
genug mit Reserven auspolstern konnte, so tat er dies weniger, weil
er sich von dem großen Spartopf nicht trennen konnte, sondern weil
er, Zeit seines Lebens beherrscht von den schlimmen Erfahrungen, die
er mit seiner Maschinenfabrik in der Gründerzeit gemacht hatte, ein
überstarkes Gegengewicht gegen die großen Risiken und Gefahren, denen
er durch seine extensive Geschäftspolitik die Gesellschaft aussetzen
+mußte+, für unbedingt nötig hielt. Als ich ihn einmal ein paar
Jahre vor seinem Tode besuchte, sagte er mir wörtlich: „Sie glauben gar
nicht, welch ein Stein mir vom Herzen gefallen ist, als ich die offenen
Reserven in diesem Jahre auf 50% des verantwortlichen Aktienkapitals
bringen konnte.“

Höchst widerspruchsvoll war auch das Verhältnis Rathenaus +zum
Gelde+. Bei den Geschäften seiner Unternehmungen schaltete er damit
in einer Weise, die an Großzügigkeit nichts zu wünschen übrig ließ.
Aussichtsreiche, gut begründete Geschäfte stattete er in durchaus
splendider Weise aus, knauserte nicht mit Einrichtungskosten,
Spesen, Versuchs- und Propagandaopfern. In technische Ideen, die ihm
zukunftsreich erschienen, konnte er Millionen hineinstecken, ehe er
noch Aussicht hatte, einen Pfennig wieder herauszuholen. So legte er
zum Beispiel die Netze neuer elektrischer Bahnen manchmal in einem
Umfange an, der die bisherigen Verkehrszahlen weit übertraf und alle
Vorkalkulationen außer acht ließ. Dabei ging er von der optimistischen
Ansicht aus, daß die modernere Verkehrsform die Frequenz auf eine
ganz andere als die bisherige Stufe stellen würde. Nicht nur dem
Inhalt seiner Unternehmungen gab er, was notwendig war, sondern er
hatte auch Sinn für die Form, die Ausstattung, das Dekorum. Zwischen
dieser Großzügigkeit bei Ausgaben, die er sozusagen nur auf dem Papier
übersah und nur auf ihrem Wege durch Projekte, Rechnungsauszüge
und Bilanzen verfolgen konnte, und dem Ausgabeetat, der zu seiner
unmittelbaren persönlichen Sphäre gehörte, gewissermaßen unter
seinen Augen verbraucht wurde, bestand aber ein großer Unterschied.
Hier war er kleinlich bis zum Geiz, weniger aus System -- denn ein
System hätte zweifellos die geistig sichtbaren mit den körperlich
sichtbaren Ausgaben auf eine Stufe gestellt und die nur scheinbare
Verschiedenheit zwischen ihnen überwunden -- sondern aus Gewohnheit und
Beharrungsträgheit. Wir können ja vielfach bei selfmademen, die aus
kleinen Anfängen sich zu großen Verhältnissen hinaufgearbeitet haben,
die Beobachtung machen, daß sie mit den Maßen ihrer Geschäfte in allen
Hauptdingen gewachsen sind, aber in gewissen +Äußerlichkeiten+ und
+Nebensachen+ sich von den alten Befangenheiten und Beschränktheiten
nicht zu befreien vermögen. Daß eine den neuzeitlichen Anforderungen
entsprechende Fabrik, ein modernes Geschäftshaus gebaut werden muß,
sieht ein solcher selfmademan stets ein, zur Anschaffung einer neuen
Kopiermaschine kann er sich dagegen viel schwerer entschließen. In
seiner Jugend ist man, so meint er, mit dem alten Kontormaterial sehr
gut ausgekommen. Warum muß man jetzt neue und kostspieligere Moden
einführen? Für jüngere Kaufleute, die derartige Reminiszenzen aus ihrer
bescheidenen Werdezeit nicht mit sich herumschleppen und gleich in
größere Verhältnisse hineingeboren sind, ist ein derartiges Verhalten
unverständlich, es erscheint ihnen kleinlich, unlogisch, ja lächerlich.
Von Emil Rathenau werden viele Züge solcher Kleinlichkeit erzählt, und
mit den Anekdoten, die über seine Sparsamkeit in kleingeschäftlichen
und privaten Dingen über ihn im Umlauf sind, könnte man ein Kapitel
füllen, das an Umfang das längste dieses Buches übertreffen würde.
Das würde zwar ganz unterhaltend sein, aber doch die kleinen
Schönheitsflecke, die auch im Bilde dieses Großen nicht fehlen, über
Gebühr betonen. Einiges, was für dieses Bild charakteristisch ist,
möge immerhin erzählt werden. So konnte Rathenau es nicht über sich
gewinnen, aus der Hausverwaltung des unmittelbaren Geschäftsgebäudes
der A. E. G. sich ganz auszuschalten. Dabei begnügte er sich nicht mit
gelegentlichen Stichproben. Er ließ sich über alle Anschaffungen, die
gemacht werden mußten, Bericht erstatten. Jeder neue Linoleumläufer
mußte von ihm genehmigt sein, und er konnte recht ungemütlich werden,
wenn er Botenjungen im Hause unbeschäftigt herumlungern sah. Wenn
bei den Generalversammlungen der Gesellschaft drei Garderobiers den
Aktionären die Mäntel und Hüte abnahmen, konnte er den Hausverwalter
heftig zur Rede stellen, und ihm vorrechnen, daß für diesen Zweck auch
zwei Beamte völlig ausreichend seien. Auch in Personalangelegenheiten
behielt er sich die letzte Entscheidung vor bis zur Anstellung von
Maschinenschreiberinnen hinab. Alle nicht ganz geringfügigen Zulagen
bedurften seiner Genehmigung. Es war aber vielleicht nicht nur die
alte Gewohnheit, von der er sich nicht zu trennen vermochte, sondern
einem derartigen Abschweifen und Haftenbleiben an geschäftlichem
Kleinkram, bei dem möglicherweise wirklich erzielbare Ersparnisse den
Zeitaufwand auch nicht im entferntesten lohnten, den die Oberleitung
und kostbarste Kraft des Unternehmens an sie wendete, lagen wohl noch
andere Ursachen zu Grunde. Die eine von ihnen bestand vielleicht
darin, daß Emil Rathenau, wie viele praktische Kaufleute, die „von
der Pike auf gedient haben,“ mit der persönlichen „Kontrolle bis ins
Kleinste“, wenn er sie auch nur in einem ganz schmalen Ausschnitt des
gewaltigen Gesamtbetriebes zur Geltung bringen konnte, bei seinem
Personal den Eindruck erwecken wollte, als ob sein Auge und sein
Interesse allgegenwärtig seien. Möglicherweise wollte er dadurch einen
erzieherischen Eindruck auf Kontrollierte und Kontrolleure ausüben.
Wahrscheinlicher ist es aber, daß dieser bewußte Beweggrund, wenn er
wirklich mitspielte, nur eine Art Vorwand darstellte für ein unbewußtes
Bedürfnis, das überlastete Menschen, die aber doch nicht stillsitzen
und sich einer völligen Muße hingeben können, häufig dazu zwingt, sich
ein Ventil gegen Überspannung zu schaffen. Die ständige ununterbrochene
Beschäftigung mit großen und schwierigen geschäftlichen Problemen
würde solche Männer frühzeitig aufreiben und aufbrauchen, und es ist
ja auch schon häufig beobachtet worden, daß derart überanstrengte
Persönlichkeiten, die stets mit voller Kraft arbeiteten, plötzlich
geistig oder körperlich zusammenbrachen. Bei anderen wieder sucht sich
die Natur selbsttätig einen gewissen Ausgleich. Dieser kann in der
Beschäftigung mit Sport, Kunst, Spiel oder auch in der Geselligkeit
bestehen. Er kann aber auch sehr wohl darin liegen, daß sie sich für
gewisse Zeiten mit kleingeschäftlichen Dingen beschäftigen, zu deren
Behandlung sie keine eigentliche Geistesarbeit aufzuwenden brauchen und
die sie gerade aus diesem geistigen Ausruhebedürfnis heraus häufig ganz
schablonenhaft (wie sie es in ihrer Jugend gelernt haben), erledigen.
Emil Rathenau hatte außerhalb seines Geschäftes keine Interessen. Er
besuchte zwar regelmäßig -- aber meist nur zu leichteren Stücken --
das Theater, im übrigen war er gänzlich kunstfremd. Musik, Malerei
sagten ihm nichts. Er konnte nicht einmal der Kunstsammlerei, die
manche reichen Leute auch ohne innere Beziehung zur Kunst betreiben,
einen Geschmack abgewinnen. Von Politik und von Fragen des Gemeinlebens
hielt er sich fast gänzlich fern. Spiel und gesellige Anregung reizten
ihn nicht. Auch die Fähigkeit auszuruhen, ohne irgend etwas äußerlich
Greifbares zu tun, besaß seine unruhige Natur nicht. So ruhte er in
der Beschäftigung mit geschäftlichem Kleinkram aus, wobei er sich
natürlich bemühte, die sachlich wenig ergiebige, für sein persönliches
Gleichgewicht aber nützliche und heilsame Tätigkeit durch logische
Erwägungen vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen. Auf einem
ganz ähnlichen Blatte stand es zum Beispiel auch, wenn er manchmal mit
der Stadtbahn nach Niederschöneweide ins Kabelwerk hinausfuhr, statt
-- wie die übrigen Direktoren und höheren Beamten -- Automobile dazu
zu benutzen. Er redete sich dann ein, daß die Fahrt mit der Stadtbahn
ökonomischer sei als die Automobilfahrt, bei der Benzin, Gummi usw.
verbraucht würden. Der folgerichtige Denkprozeß hätte ihn natürlich
dahin geführt, daß der Zeitverlust, den er bei der Stadtbahnfahrt
erleiden mußte, ökonomisch für ihn in keinem Verhältnis zu den
verhältnismäßig geringen Unkosten stand, die bei einer Automobilfahrt
entstanden. Aber trotzdem war in diesem Falle die unbewußte Halblogik
besser als die schärfste Konsequenz im abstrakten, unpersönlichen
Denkprozesse. Hätte Rathenau in der Struktur seiner Seele und seines
Körpers ganz klar lesen können, wie in den Blättern eines Buches, so
würde er den Vorwand der Materialersparnis erst gar nicht gebraucht
haben. Er hätte die Frage überhaupt nicht mit rechnenden, sondern mit
psychologischen oder wenn man will, mit ärztlichen Augen angesehen und
wäre zu dem Schluß gekommen, daß die Zeit, die er an unwichtige Dinge
preisgab, für ihn doch im ganzen betrachtet keine zur Arbeit nutzbare
gewesen wäre.

Noch bescheidener und sparsamer als in kleingeschäftlichen Dingen
war Rathenau in seinem +Privatleben+. Bedürfnisse hatte er
nicht, Wohlleben verstand er nicht zu würdigen. Wenn er auch ganz
und gar nicht frei von Ehrgeiz und dem Bedürfnis nach Anerkennung
war, im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben wollte er keine
repräsentative Rolle spielen. Er hätte sie auch schlecht gespielt,
da ihm das leichte Plaudertalent fehlte, und er nur im geistig
anregenden, ernsthaften Gespräch seine nicht gewöhnliche Fähigkeit
des Sprechens erweisen konnte. Überdies schätzte Rathenau das Geld,
seine wirtschaftliche Kraft und Macht zu hoch ein, um es für Dinge
hinzugeben, die er nicht würdigte, kaum verstand. Seine Sparsamkeit war
nicht das Hängen am persönlichen Besitz, der ihm niemals eine besondere
Freude oder auch bloß Interesse bereitete, da er nur arbeitete, um zu
schaffen, nicht um zu erwerben. Seine Sparsamkeit entsprang vielmehr
ganz einem sachlichen Wertgefühl gegenüber dem Gelde, das man nicht
vergeudete oder verschenkte, sondern verwertete, und zwar so, daß
keine Leistung überzahlt wurde. In großen Dingen des geschäftlichen
Lebens konnte Rathenau den Wert oder den Kurs einer Leistung nun sehr
wohl abschätzen, nicht aber in den kleinen Privatangelegenheiten des
täglichen Lebens. Hier war er, der vom Weltmann nichts, aber auch
gar nichts an sich hatte, gänzlich unerfahren und die Maße, die er
an solche Ausgaben anlegte, entstammten noch den kleinbürgerlichen
Verhältnissen und Zeiten, in denen er aufgewachsen war. Wenn seine
Mitdirektoren oder Geschäftsfreunde zum Beispiel mit ihm im Schlafwagen
reisten oder im Hotel wohnten, so gaben sie häufig dem Dienstpersonal
nach Rathenau noch einmal Trinkgeld, um dieses einigermaßen auf die in
ihren Kreisen übliche Höhe zu bringen. Rathenau selbst bekam, wenn er
allein reiste, oft mürrische Gesichter zu sehen, denn er betrachtete
den Hotelportier, „der ihm ja nichts geleistet hatte,“ mit 50 Pfennigen
als genügend entlohnt. Es konnte auch vorkommen, daß Rathenau zu
einer Geschäftsreise nach Zürich, die er mit einem Vorstands- oder
Aufsichtsratsmitgliede gemeinsam unternahm, in Lackstiefeln erschien
und auf die Frage, ob er gerade von einer Gesellschaft komme,
erwiderte: „Das nicht, aber man muß doch solche Stiefeln einmal
auftragen.“ „In großen Dingen ein Grandseigneur, in kleinen Dingen ein
Krämer,“ so hat ihn einmal einer seiner Freunde charakterisiert und
ein anderer, Karl Fürstenberg, hat den hübschen Ausspruch geprägt, daß
bei Rathenau das Geld bei 3 Mark aufhöre und erst bei 3 Millionen Mark
wieder anfange. Die Gegensätze in seiner Stellung zum Gelde waren so
groß, daß sie Emil Rathenau selbst nicht verborgen bleiben konnten.
Er zwang sich, weil er seine schwache Seite kannte, manchmal direkt,
seinem Naturell zuwider zu handeln, besonders in solchen Fällen, in
denen er sich vor anderen genierte, als geizig zu erscheinen. Wenn
er zum Beispiel mit Bekannten zusammen ein Restaurant besuchte, so
bezahlte er manchmal die ganze Zeche heimlich, lange vor dem geeigneten
Zeitpunkt, damit alle späteren Erörterungen über den Zahlungsmodus
von vornherein abgeschnitten wurden. Ebenso kam es vor, daß er bei
gemeinsamen Droschken- und Autofahrten den Kutscher vor der Fahrt
schon entlohnte. Gerade die Umständlichkeit, mit der er freihielt,
bildet aber die beste Bestätigung dafür, daß ihm das Freihalten und
Geldausgeben nicht leicht und selbstverständlich von der Hand ging.

Diese kleinbürgerliche Einfachheit, ja Knickerigkeit des Privatlebens
bei sonst groß gewordenen Lebens- und Schaffensformen ist eine
Eigenschaft, die vielleicht als Erbteil der +jüdischen+ Rasse
bezeichnet werden kann. Sie ist ebenso jüdisch wie das entgegengesetzte
Extrem der üppigen Lebensführung, die sich gerade bei manchen jüdischen
Emporkömmlingen herauszubilden pflegt. Auch sonst ist der jüdische
Einfluß in Rathenaus Charakter deutlich zu spüren. Der rechnerische
Sinn im Schwärmen, der Realismus in der Phantasie, die Kühle im
Enthusiasmus, die Selbstkritik im Optimismus und schließlich die
Schärfe und Helle des Intellekts, die trotzdem nicht zur Gedankenblässe
wird, sondern der Fülle und Farbe fähig ist, alles das sind Zeichen
des einmal bodenständig gewesenen, aber dann entwurzelten und nun
wieder nach Verankerung strebenden, darum in seinen Empfindungen häufig
umschlagenden jüdischen Geistes. Eine Wesens- und Blutsverwandtschaft
zwischen Rathenau und seinem um 8 Jahre jüngeren Vetter, dem Maler Max
Liebermann, mit dem er sich allezeit gut verstand und dessen Berufswahl
er einst gegenüber der ganzen Familie verteidigt hatte, ist hier
schwer zu verkennen.

Außer dem Unterschied zwischen dem problematischen und dem positiven
Charakter, von dem wir am Eingang dieses Kapitels ausgingen, ist
auch für die Beurteilung großer Männer noch ein anderer zu beachten,
nämlich jener, den Schiller durch den Gegensatz von +naiv+ und
+sentimentalisch+ gekennzeichnet hat. Ein Tatmensch kann sowohl
naiv wie auch sentimentalisch sein oder besser gesagt, sowohl der naive
wie der sentimentalische Mensch kann es zu starken Taten bringen.
Der ganze Unterschied liegt vielleicht, wenn man den seelischen
Vorgängen auf den Grund geht, nur im Graduellen. Beim naiven Menschen
ist die Ausbeute aus den intuitiven Einfällen größer als beim
sentimentalischen. Er denkt, schafft, ringt leichter, weil ihm mehr
zufliegt, d. h. weil sein schwingendes, schaffendes Unterbewußtsein
an den Problemen mitarbeitet, die es selbst seinem Bewußtsein als die
seinem Wesen adäquatesten sozusagen untergeschoben hat. Einfall und
bewußte Gedankenarbeit kommen sich bei ihm auf halbem Wege entgegen,
während sich beim sentimentalischen Menschen die Gedankenbildung fast
(aber nur +fast+) vom Urgrund an in der quälend offenliegenden
Sphäre des Bewußtseins, d. h. im Bereiche der Kämpfe, Zweifel und
Widerstände abspielt und er auch Anlage und Form der Schöpfung, die
sich dem naiven Schöpfer meist unwillkürlich runden, erst mühsam
konstruieren muß. Aber man soll nur ja diesen graduellen Unterschied
nicht zu einem grundsätzlichen machen. Auch sentimentalische Schöpfer
gehen von Einfällen aus, wenn diese auch unfertiger, geringer
entwickelt, weniger original sind und mehr von Außendingen angeregt
zu werden pflegen. Auch sie haben Visionen, indes auf der anderen
Seite genialen Männern, die wir als Hauptvertreter des naiven Typus
zu bezeichnen pflegen, wie Luther, Goethe, Friedrich, Napoleon und
Bismarck problematische Kämpfe der schwersten Art gewiß nicht erspart
geblieben sind.

Emil Rathenau ist, wenn man ihn von dieser Seite aus betrachtet,
nicht ganz leicht in eine der beiden Charakterklassen einzuordnen,
aber im ganzen ist er doch mehr den naiven als den sentimentalischen
Menschen- und Schöpfernaturen zuzurechnen. Dies zeigt sich einmal
in dem schon oben angeführten Merkmal, daß bei ihm die Zahl und
Qualität der „Einfälle“, der intuitiven Gedanken, verhältnismäßig
groß war. Ferner aber in der echt naiven Art, wie er sich, so sehr
und vielseitig er auch die Möglichkeiten seiner Begabung auf den ihr
zugänglichen Gebieten auszubilden bestrebt war, gegen alles abschloß
und verschloß, was ihm nicht „lag“, was ihn von den Grundlagen seines
Wesens und seiner Kraft ablenken, zersplittern und unnötigerweise
mit wahrscheinlich doch zweckloser Arbeit belasten konnte. Der
sentimentalische Mensch weiß oder fühlt nicht so sicher, was ihm
nützen oder schaden, fördern oder hemmen wird. Weil er sich aus
unsicheren Grundlagen heraus seinen wesenhaften und charakteristischen
Besitz erringen muß, kommt er manchmal auch in die Versuchung, sich
etwas nutzbar machen zu wollen, was ihm nichts nützen, ihn nicht
bereichern kann. Er hat, um die gleiche Leistung zu vollbringen wie
der naive Schöpfer, meist einen größeren Material- und darum auch
Energieverbrauch aufzuwenden als jener. Seinem Ertrag an Weizen steht
eine größere Menge Spreu gegenüber. Darüber darf auch die Tatsache
nicht forttäuschen, daß er, als der selbstkritischere Intellekt,
gegenüber dem, was er als fertig betrachtet und an die Öffentlichkeit
gelangen läßt, meist schonungsloser urteilt und es sorgfältiger
sichtet, als der naive Genius.

Emil Rathenau, der ein großer Fachmann war und den die kleinen
Künstler vielleicht mitleidig lächelnd als einen Fachmenschen abtun
werden, stand zum Beispiel jeder Kunst -- mit Ausnahme vielleicht der
ihm naheliegenden Architektur -- mit gänzlich naivem Unverständnis
gegenüber. Er hat sie und manches andere, dem näherzukommen er keinen
Sinn und keine Zeit hatte, aber durchaus nicht etwa geringgeschätzt.
Im Gegenteil, er hatte eine Art kindlich staunender, echt naiver
Bewunderung dafür, die er allerdings auch in derselben Weise den
halsbrecherischen Kunststücken irgendeines Akrobaten entgegenbringen
konnte. Vielleicht hat er manches, was ihm nicht zugänglich war, sogar
mit größerer Ehrfurcht betrachtet als die eigenen Leistungen und das
Gebiet, auf dem sie sich abspielten, und die schriftstellerischen
Arbeiten seines Sohnes Walther, die er wohl kaum ganz verstand,
haben ihn gerade darum etwas von jener Art bewundernden Stolzes auf
den gelehrten und in allen schöngeistigen Sätteln gerechten Sohn
abgenötigt, wie sie der reiche Kaufmann vor dem „studierten“ Erben
häufig genug empfindet. Trotz seiner Kunstfremdheit war Emil Rathenau,
der sich so ängstlich in sein Fachgebiet einschloß, aber im Grunde
seines Wesens und seines Schaffens eine durch und durch künstlerische
Natur. Den Fachmenschen charakterisiert Trockenheit, Pedanterie und
Erdenschwere. Rathenau besaß Schwung, visionäre Kraft und Leidenschaft.
Seine Geistesklarheit, seine Logik waren nicht von nüchterner
Abstraktion durchsetzt, sondern sozusagen bluterfüllt und darum auch
Widersprüchen zugänglich, die ja der Natur gleichfalls nicht so fremd
sind wie der Wissenschaft.

Bei einer solchen Grundveranlagung war an Emil Rathenau und den
Eigenschaften seines Wesens nichts alltäglich, schablonenhaft, vielmehr
alles eigenartig, persönlich, eigenem Boden entwachsen und nach eigenen
Maßen gebildet. Nichts war eindruckslos, matt und trübe, alles farbig,
und zwar von starker, gleichzeitig aber subtil vermischter Farbe. Alles
rundete und gestaltete sich bei ihm zur charakteristischen, bedeutenden
Form. Nichts blieb ungebildetes, unbeherrschtes Material. Gerade
dieser unwillkürliche Drang zur Form offenbart die im tiefsten Wesen
künstlerische Natur dieses Geschäftsmannes.


b)

Rudolf +Sulzbach+, der dem Aufsichtsrat der A. E. G. seit
ihrer Gründung angehörte und mit ihrem Begründer mehr als nur
geschäftsfreundlich verkehrte, fragte einmal, als in einem Kreise
von den +technischen Fähigkeiten+ Rathenaus gesprochen wurde,
einigermaßen erstaunt: „Ist Rathenau denn Ingenieur?“ Herrschte schon
in dem engeren Kreise, der Emil Rathenau umgab, solche Unwissenheit
über seine technische Begabung und Leistung, so ist es nicht weiter
verwunderlich, wenn die weitere Öffentlichkeit von dem Techniker nicht
viel wußte und ihn so sehr ausschließlich als Kaufmann und Finanzmann
betrachtete, daß die Legende entstehen und sich jahrelang erhalten
konnte, die A. E. G. sei gar kein Fabrikationsunternehmen, sondern ein
rein industrielles Finanzinstitut. Gewiß, Emil Rathenaus einzigartige
Begabung, sein Genie und das Schöpferische seiner Leistung lagen auf
industrie-kaufmännischem und industrie-finanziellem Gebiete, aber alles
dies hätte sich doch nicht zu so geschlossener Wirkung, zu so sicherer
Schlagkraft und Ausgeglichenheit entwickeln können, wenn es nicht auf
dem Untergrunde einer zuverlässigen technischen Fähigkeit aufgebaut
gewesen wäre. Ein Kaufmann, der erst über die technische Grundlage und
Tragweite seiner wirtschaftlichen Projekte den Fachmann befragen muß,
wird seine Pläne nie so frei, so sicher, so souverän entwerfen und
überwachen können, als wenn er selbst der technische Fachmann ist. Er
ist von dem Urteil anderer abhängig und kann Glück haben, wenn diese
anderen ein richtiges Urteil besitzen und seinen Plänen kongeniales
Verständnis entgegenbringen. Er kann aber auch Unglück haben, wenn das
Urteil seiner Fachleute falsch ist oder sich ihr technischer Ideengang
nicht ganz harmonisch mit seinem wirtschaftlichen verschmelzen läßt.
Emil Rathenau war kein sogenannter produktiver Techniker, kein
Erfinder und Entwerfer, er hat nur selten eine technische Konstruktion
selbständig von Anfang bis zum Ende durchgeführt. Darin waren ihm
viele Ingenieure mittleren und kleineren Formats überlegen. Selbst
in der Maschinenfabrik Webers, wo er doch konstruieren sollte und
wollte, hat er es nur zu Verbesserungen der Maschinen gebracht. Das
Hauptresultat seiner Arbeit war ein ziemlich resigniertes Urteil über
die Unzulänglichkeit der ganzen damaligen Maschinentypen. Dennoch besaß
er auch auf dem Fachgebiet eine Begabung allerersten Ranges: Er war ein
technischer +Kritiker+ von ungewöhnlichem Scharf- und Weitblick,
ein Kritiker, der nicht nur tief in die Einzelheiten und Kleinheiten
einer Materie eindringen, sondern der neben dem Mikrokosmos auch den
Makrokosmos, die großen Zusammenhänge, Untergründe und Ausblicke sah.
Vielleicht ist diese Gabe der technischen Kritik sogar für den Leiter
eines so weit ausgesponnenen Unternehmens mit gemischter Fabrikation,
das sozusagen alle Erzeugnisse seines Faches herstellen und sich
nicht auf die hervorragende Durchführung irgend einer Spezialität
beschränken darf, wichtiger als die geniale Technikerveranlagung
positiver Art. Denn der positive Techniker, der ein großes Unternehmen
leitet, kann immer nur eine beschränkte Anzahl von Konstruktionen
selbst durchführen oder leiten. Es liegt bei ihm die Gefahr vor, daß
er gerade +seine+ Konstruktionen für die wichtigsten hält, sie
in der Gesamtökonomie seiner Fabrikation bevorzugt und darum den
objektiv richtig wertenden Überblick über den ganzen technischen
Komplex der Gesamt-Unternehmung aus subjektiven Gründen verliert. --
Ein technischer Kritiker ist dieser Gefahr nicht so sehr ausgesetzt.
Auch er kann natürlich, wie jeder Mensch, subjektiv sein, sich in den
Maßstäben seiner Kritik irren, gewisse Vorlieben und Vorurteile haben.
Während aber bei dem positiven Techniker der Subjektivismus mit der
Größe des Talents sehr wohl wachsen, der Eigensinn mit der Eigenart
sich steigern kann, wird der Kritiker, je klüger, scharfsinniger,
treffsicherer er denkt, auch umso objektiver in seinem Urteil werden
und man kann ruhig sagen, daß gerade der große Kritiker sich von
Willkürlichkeiten in der Wertbemessung im allgemeinen fern halten
wird. Er hat die Distanz zum Einzelnen und zum Gesamten, die dem
Erfinder häufig fehlt. Denn das Grundelement seiner Begabung ist
+vergleichende+ Logik, das des Erfinders +temperamentvolle+
Logik. Worin tritt nun die Wirksamkeit eines solchen technischen
Kritikers, wie Emil Rathenau einer war, besonders in Erscheinung? --
Wenn man es kurz und prägnant zusammenfassen will, kann man vielleicht
sagen, daß er +einmal+ aus dem bisherigen Stande der Wirtschaft
und der Technik Bedürfnisse und die Möglichkeiten ihrer Befriedigung
für die weitere Entwickelung ablesen kann und +zweitens+,
daß er bei technischen Erfindungen die Frage ihrer praktischen
Verwertbarkeit treffend zu beurteilen vermag. Die erstere Eigenschaft
macht den technischen Anreger, und tatsächlich ist Rathenau für seine
Konstrukteure ein außerordentlich fruchtbarer Anreger gewesen, er
hat sie auf Ideen gebracht, die nicht selten unter den Händen der
richtigen Fachleute zu glücklichen Verwirklichungen führten. Er sagte
zum Beispiel: Wir brauchen, um eine gewisse wirtschaftlich notwendig
erscheinende Wirkung zu erzielen, jetzt Maschinen oder Transformatoren
von einer gewissen Stärke und Beschaffenheit. Oder wir brauchen, um die
elektrische Kraftübertragung in den Fabriken einzuführen, Vorrichtungen
bestimmter Art und Wirkung, durch die gewisse ökonomische Vorteile
erreicht werden. Er gab das Ziel an, und manchmal auch den Weg oder
mehrere Wege, auf denen man zu dem erwünschten Ziel kommen könnte und
er hat sich in der richtigen Beurteilung des Zieles nur selten geirrt
und ziemlich häufig auch mit den von ihm vorgeschlagenen Wegen das
Richtige getroffen. Vielleicht noch erfolgreicher war Rathenau in der
treffsicheren Beurteilung der in einer Erfindung liegenden praktischen
Ausnutzungs-Möglichkeiten. Sein Blick dafür war direkt genial, und
es gibt vielleicht keinen zweiten, der ihm in dieser Hinsicht an
die Seite zu stellen ist. Seine praktische Vision beim Anblick der
Edisonlampe sah sofort Jahrzehnte der Entwickelung voraus, die dann
tatsächlich fast genau so eingetreten ist, wie er sie sich vorgestellt
hatte. Die Aussichten der Aluminiumherstellung auf elektrochemischem
Wege erkannte er gleichfalls auf der Stelle und hielt das Verfahren
und die praktische Arbeit mit diesem durch alle Schwierigkeiten und
Kosten hindurch aufrecht. Den Wert des Drehstromsystems, der Turbine
hat er mit schneller Sicherheit begriffen, und auch viele kleinere
Erfindungen verdanken ihm ihre Ausgestaltung und Nutzanwendung.
Erfindungen dagegen, die nicht so absolut schlagkräftig waren, wie den
Jablochkofflampen, dem ersten Wechselstromsystem usw. stand er mit
abwartender Vorsicht gegenüber. Den Akkumulator, der viele Techniker
und Gründer blendete, hat er niemals überschätzt, sondern bei aller
Würdigung seines Wertes doch stets als Stromquelle minderen Ranges
betrachtet.

Der kritische Techniker dieser Art braucht zwar kein hervorragender
Könner im Positiven zu sein, aber ohne grundlegende technische
Vorbildung, ohne genaue Einsicht in die technischen Methoden,
Erfahrungen und Gesetze kann er seine fruchtbare Arbeit nicht
ausüben. Ein begabter Dilettant, der nur gewisse mehr oder weniger
phantasievolle, selbst geistreiche Vorstellungen von technischen
Dingen hätte -- ein Jules Verne der Praxis -- würde das sichere
Urteil, diese Grundlage des technischen Kritikers, nicht besitzen,
er würde vielleicht einmal einen Treffer erzielen, öfter jedoch
irren und Fehlschläge erleiden. Ein solcher Dilettant, dessen Wissen
Stückwerk ist, würde, an die Spitze eines großen Unternehmens
gestellt, mit seiner Autorität im Anregen und Entscheiden großes
Unheil über seine Gesellschaft bringen können, Geld und Arbeitskräfte
vergeuden und das Unternehmen zum finanziellen Ruin treiben können.
Emil Rathenau war ganz und gar kein solcher Dilettant. Er hatte die
Maschinentechnik in seiner Jugend gründlich gelernt und studiert,
und mit der Elektrotechnik, wenigstens dem für ihn ausschlaggebenden
Starkstromwesen, war er sozusagen aufgewachsen. Ihre Gesetze und ihre
Erscheinungsformen waren ihm nicht angelernter, sondern erworbener
Besitz.

Neben seiner Fähigkeit der technischen Kritik oder sozusagen
verbunden mit ihr, besaß Rathenau noch eine andere Gabe, die seine
Mitarbeit an technischen Dingen für seine Ingenieure zwar manchmal
wenig angenehm, aber im Interesse eines gelungenen Ergebnisses
außerordentlich wertvoll machte. Er besaß eine ausgesprochene,
direkt erfinderische Kunst, Hemmnisse, Fehler und Widerstände in der
technischen Konstruktion zu überwinden oder doch die Konstrukteure auf
die richtigen Wege zu ihrer Überwindung hinzuweisen. Diese Kunst, bei
der es sich um kein bloßes Herumraten, sondern um ernstes Durchdenken
handelte, wurzelte in zweien seiner grundlegenden Eigenschaften,
nämlich einmal in seiner intellektuellen Fähigkeit der technischen
Kritik und ferner in der Unerschütterlichkeit des Willens, mit der er,
von keinem Fehlschlage entmutigt, immer wieder von neuem durchdachte,
versuchte und aufstachelte, um schließlich dennoch -- wenn nicht auf
der Hauptstraße, so doch auf Umwegen -- zum Ziele zu gelangen. Dabei
begnügte er sich nicht mit einer unvollkommenen oder annehmbaren
Lösung, sondern er gab nicht eher Ruhe, als bis die höchstmöglichste
Vollendung erreicht war. Als einmal Felix Deutsch noch in der ersten
Zeit der A. E. G. von einer Geschäftsreise aus England zurückkehrte,
empfing ihn Rathenau zu seiner großen Bestürzung mit den Worten:
„Lieber Deutsch, Sie haben zwar sehr schöne Aufträge gebracht. Das
nützt aber nichts. Wir sind kaputt. Siemens hat eine neue Lampe, die
viel besser ist als die unsrige.“ Emil Rathenau setzte sich aber trotz
dieses Anfalls von Resignation 4 Wochen lang von morgens früh bis
tief in die Nacht hinein in die Lampenfabrik, und arbeitete mit den
Konstrukteuren so lange, bis er eine Lampe fertiggebracht hatte, die
dem Konkurrenzfabrikat mehr als ebenbürtig war. Unsäglich peinigte er
die armen Techniker, denen er die knifflige Aufgabe zugewiesen hatte,
die Nernstlampe, aus einer geistreich ersonnenen in eine praktisch
brauchbare Konstruktion umzuwandeln. Hier liegt vielleicht der einzige
Fall vor, bei dem sich Rathenau in eine falsche Richtung verrannt, oder
doch die noch richtigere Bahn verfehlt hatte. Bei dieser Arbeit war der
Verbrauch Rathenaus an Technikern ganz gewaltig gewesen, und einige von
ihnen mußten Sanatorien aufsuchen, um sich von der Arbeit und Mitarbeit
Emil Rathenaus zu erholen.

Leicht gemacht wurden Emil Rathenau seine technischen Erfolge fast nie.
Er mußte überall ringen, und Lehrgeld bezahlen, viel Mühe und Zeit
aufwenden, ehe er den Erfolg sah. Dafür hat er aber auch diesen am
Ende fast stets für sich gehabt, und ein vollständiges Fiasko kaum je
erlitten.


c)

Als +Kaufmann+ wurzelte Emil Rathenau +nicht+ im
+Händlerischen+, sondern im +Industriellen+. Das heißt, ihn
interessierte nicht der Verkauf der Ware, und die Technik des Absatzes,
sondern sein Interesse und seine Arbeit gingen dahin, eine Ware so
herzustellen und auszustatten, daß sie sich gut verkaufen ließ, daß
ihre Eigenschaften dazu angetan waren, auf dem Absatzmarkte Nachfrage
zu erregen, wirkliche Bedürfnisse zu befriedigen oder auch zukünftige
Bedürfnisse zu wecken. Dabei wußte er sehr wohl, daß man dem Käufer
auf die Dauer keine Ware aufdrängen konnte, die ihm nicht wirklich
Vorteile bot. Nicht das Verblüffende, das Effektvolle einer Ware konnte
das dauernde Bedürfnis nach ihr schaffen, sondern nur das Zweckmäßige,
das irgendwelche Vorzüge vor der bisherigen Art der Bedarfsdeckung
bot, eine höhere Stufe der Wirtschaftlichkeit verhieß, neue produktive
Möglichkeiten eröffnete und neue Aussichten des Gewinnes oder der
Ersparnis bot. Das Telephon, die Glühlampe, die Kraftübertragung
führte er in Zeiten, in denen ein großer Bedarf nach ihnen sich noch
nicht feststellen ließ, vielleicht auch noch gar nicht vorhanden war,
keineswegs deswegen ein, weil die Einrichtungen technisch sinnreich
und praktisch effektvoll waren, sondern er sah voraus, welche neuen
Wirkungen, Leistungen und Vervielfältigungen im Wirtschafts- und
Verkehrsleben sich mit ihnen erreichen lassen würden. Hier, wo die
Statistik, die Erfahrung, die zahlenmäßige Kalkulation auf Grund des
vorhandenen Tatsachenmaterials versagen, wo aber auch die Phantasie
nicht theoretisch schweifen darf, sondern die realen Voraussetzungen,
die +Tatsachen+ einer zukünftigen Wirtschaftswelt sich sozusagen
im Irrealen voraus konstruieren muß, als ob bereits Erfahrungen
vorlagen, ist das schwierigste, aber auch das erfolgversprechendste
Gebiet des industriellen Kaufmanns.

Emil Rathenau war ein Meister dieser +realen+, dieser
+statistischen+ Phantasie. Naturgemäß genügte aber bei
der Befriedigung erst zu weckender Kaufbedürfnisse nicht die
einfache ökonomische Fertigstellung einer brauchbaren, ja selbst
konkurrenzüberlegenen Ware, so daß dann alles übrige der Verkaufs-
und Handelstechnik überlassen werden konnte. Es war auch notwendig,
die Ware oder die Leistung so zu zeigen, daß ihre Vorzüge für jeden
als Verbraucher in Betracht kommenden deutlich in Erscheinung
treten +mußten+. Diese Propaganda für neuartige Dinge gehörte
infolgedessen mit zu der Sphäre des industriellen Kaufmanns, in
der Rathenau lebte und webte. Die Schaffung und Organisation der
sogenannten Demonstrationsunternehmungen war sogar eine seiner
ureigenen Aufgaben, zu deren Lösung er die Anregungen und die
bestimmenden Anweisungen gegeben hat. Anders war es mit dem Absatz
von sogenannten marktgängigen Waren, von Typen- und Massenartikeln,
worunter nicht nur solche zu verstehen sind, die in ihren Formen und
Eigenschaften endgültig oder für längere Zeitspannen festliegen,
sondern auch solche, die -- wie es bei den meisten Fabrikaten
einer fortschrittlichen Technik der Fall ist -- in einem ständigen
Entwickelungs- und Verbesserungsprozeß begriffen sind. Hier griff
die eigentliche Verkaufsorganisation ein, die für Rathenau aber nur
eine Sache zweiter Ordnung war. Wenn trotzdem die A. E. G. auch in
dieser Hinsicht nicht nur mustergültig versorgt war, sondern ganz
neuartige Wege beschritt, so ist dies dem Umstand zu danken, daß
ihr von Anfang an in Felix Deutsch, Rathenaus erstem Mitarbeiter,
eine Kraft zur Verfügung stand, die an händlerischer Begabung die
mehr aufs Industrielle gerichteten Fähigkeiten des Meisters wirksam
und glücklich ergänzte. Deutsch war auf seinem ureigenen Gebiete so
überragend und selbstsicher, daß Emil Rathenau ihm dieses Gebiet
fast ganz selbständig überließ und sogar zugab, daß die Organisation
des Verkaufsgeschäfts sich in einer Richtung entwickelte, die seinen
eigenen Anschauungen anfangs bis zu einem gewissen Grade zuwiderlief.
Rathenau hatte nämlich in allen Fragen, die er nicht aus erster
Hand, sozusagen in höchstpersönlicher Art löste (was bei dem ihn
nur mittelbar interessierenden Verkaufsgeschäft aber nicht der Fall
war), eine gewisse bewundernde Vorliebe für das Amerikanische. Das
amerikanische Verkaufssystem bestand nun wesentlich in der Abgabe
der typischen Artikel und Massenware an Vertreter, Kommissionäre,
Installateure und Händler, die ihrerseits den Absatz an die Verbraucher
besorgten. Ein solches System ist einfach für den Fabrikanten, und
entsprach aus diesem Grunde wohl der minder bedeutsamen Stellung, die
Rathenau dem Verkaufsgeschäft zuwies. Er wollte es ohne allzugroßen
Aufwand an Eigenarbeit, Apparatur und Kapital, die nach seiner Ansicht
besser anderen, ihm wichtiger erscheinenden Gebieten zugeführt werden
sollten, erledigen und konnte sich dabei immerhin darauf berufen, daß
die Amerikaner mit diesem System gute Geschäfte machten und einen
großen Umsatz erzielten. Nun lagen allerdings die Verhältnisse in
Amerika wohl etwas anders als in Europa. Die Absatzmöglichkeiten des
weiten und sich rasch auf jungem Kulturboden entwickelnden Landes
waren an sich größer, der Bedarf war weniger passiv und wandte sich
ganz von selbst den modernsten Methoden der Technik zu, denn es waren
dort absolut und relativ viel mehr Unternehmungen und Ausrüstungen
ganz neu zu schaffen, die sich naturgemäß dann sofort mit den
zeitgemäßesten Einrichtungen versahen. In der Zeit der Licht- und
Kraftelektrizität entstanden drüben zum Beispiel erst viele Städte
oder es wuchsen Ortschaften zu städtischem Umfang an, die, vor das
Problem der Beleuchtung und Beförderung gestellt, naturgemäß nicht
die älteren Systeme (Gas und Pferdebahn), sondern die modernsten
(elektrisches Licht und elektrische Straßenbahnen) wählten. Dasselbe
war mit neuerstehenden Fabriken, Hüttenwerken usw. der Fall. Sie
führten sofort die rationellste Art der Kraftübertragung ein. Ganz
anders lagen die Verhältnisse in den europäischen Ländern. Hier waren
die Städte und ein großer Teil der Fabrikationsbetriebe bereits, bevor
die Elektrotechnik ihre Leistungsfähigkeit bis zu voller Überlegenheit
entwickelt hatte, auf andere Weise eingerichtet gewesen, und es galt,
sie zur Auswechslung ihrer alten Einrichtungen und zur Ersetzung durch
neue elektrotechnische Anlagen zu veranlassen, eine Aufgabe, die
naturgemäß eine größere Aktivität der Elektrizitätsindustrie erforderte
als in Amerika. Für die Zentralunternehmungen (Elektrizitätswerke
und Bahnen) erkannte dies auch Rathenau als erster durchaus
richtig, und seine Gründungen auf jenen Gebieten dienten darum in
erster Linie dem Zwecke, den Konsum durch anregende Beispiele zur
Elektrizität hinzuführen, ja sogar hinzuzwingen. Sobald es sich aber
um Privatzentralen oder sonstige Einzelanlagen handelte, wollte Emil
Rathenau die Konsequenzen seiner eigenen Idee merkwürdigerweise nicht
ziehen. Er neigte dem amerikanischen System des Absatzes zu, trotzdem
man mit diesem doch nicht unmittelbar an den Konsum herankommen, und
offenbar manche Möglichkeiten des Geschäfts nicht tatkräftig genug
ausnutzen konnte. Anscheinend fürchtete Rathenau, die Schicht der
Zwischenhändler, Vertreter-Firmen und Installateure zu verstimmen, die
zur Zeit der Gründung der A. E. G. das Geschäft zum großen Teil noch
vermittelte und auf die er bis zu einem gewissen Grade sich stützen
zu müssen glaubte. Hier war nun Deutsch weitsichtiger als Rathenau
selbst, indem er die Aussichten der Zukunft über die Beschränktheiten
der damaligen Gegenwart stellte. Er machte die Inkonsequenz seines
Meisters nicht mit und bestand, gestützt auf seine Autorität als
Leiter des Verkaufsgeschäfts, darauf, auch in diesem Gebiete das
Rathenausche System zur Geltung zu bringen. Rathenau selbst ließ ihn
gewähren und mußte sich später überzeugen, daß Deutsch recht gehabt
hatte. Die 300 kaufmännisch-technischen Bureaus, die Deutsch an allen
größeren Plätzen des In- und Auslandes errichtete, bildeten immer mehr
die Tragpfeiler der Absatzorganisation und boten die Möglichkeit,
den Absatz in schneller Progression zu steigern, und alle neuen
Konstruktionen auf dem direktesten Wege in den Konsum zu bringen. Die
Bureaus waren nicht nur mit Kaufleuten besetzt, die propagandistisch
tätig waren und Geschäfte in ihrem Bezirk abschlossen, sondern auch mit
Technikern, die sich nicht darauf beschränkten, die von der A. E. G.
gelieferten Anlagen zu montieren, sondern sie auch ständig überwachten,
Anregungen zu ihrer Anlage, Ergänzung, Verbesserung usw. gaben, Fehler
beseitigten, Belehrungen über die Anwendung erteilten, Irrtümer in der
Anwendung korrigierten, kurzum den Kunden dieselben Berater-Dienste
erwiesen, die ihnen sonst von sogenannten „konsultierenden Technikern“
geleistet wurden. Naturgemäß verschlang ein solcher Riesenapparat von
300 technischen Bureaus mit ihrem Beamtenstab, ihren Lagerbeständen,
ihren Räumlichkeiten gewaltige Summen. Er machte sich nur bei einem
wirklich großen Umsatz bezahlt, und gewann infolgedessen besonders
an Einträglichkeit durch die verschiedenartigen großen Fusionen, die
eine Zusammenlegung der Verkaufsorganisationen der verschmolzenen
Unternehmungen und eine wesentliche Vergrößerung ihres Umsatzes bei nur
geringfügig erhöhten Unkosten gestatteten. Gerade der gewaltige Apparat
der Verkaufsorganisation war ebenso wie das Unternehmergeschäft eine
der Klippen, an denen die schwächeren Konkurrenzunternehmungen in der
Elektrizitätsindustrie scheiterten. Sie vermochten den Umsatz nicht
hereinzubringen, der die großen Spesen dieses Apparates aufgewogen
hätte.

Emil Rathenau hat sich um das Verkaufsgeschäft -- wie schon gesagt
-- nicht allzusehr gekümmert. Wenn er zum Beispiel auf Reisen war,
ließ er sich nur in gewissen Abständen eine kurze Aufstellung über die
Art und die Summe der erfolgten Verkäufe nachsenden. Die Namen der
Käufer interessierten ihn nicht. Das war Deutsch’s Ressort, der als
„Globetrotter der A. E. G.“ einen großen Teil des Jahres unterwegs war,
die Filialen und Bureaus kontrollierte, dort Anregungen geschäftlicher
und organisatorischer Art gab und dafür sorgte, daß die Einrichtungen
auf der Höhe blieben. Wenn Rathenau reiste, so geschah dies -- sofern
nicht Aufsichtsratssitzungen oder Generalversammlungen befreundeter
Gesellschaften und Transaktionsverhandlungen die Veranlassung dazu
boten -- fast stets nur, wenn technische oder fabrikatorische Fragen
zu lösen waren. Insbesondere hatten seine Reisen nach Amerika,
deren letzte noch im Jahre 1912 geplant war, aber nicht mehr zur
Ausführung kam, meist sozusagen eine vergleichende Generalrevision
der jeweiligen technischen Gesamtlage der elektrischen Welt zum
Zwecke. Er prüfte, wie die beiderseitigen Leistungen und Fortschritte
zueinander standen, brachte Eindrücke und Anregungen mit heim und
hielt drüben auch nicht mit den Errungenschaften zurück, die in der
alten Welt inzwischen gemacht worden waren. Natürlich genügten diese
gelegentlichen persönlichen Besuche in Amerika nicht, um einen wirklich
erschöpfenden Ausgleich zwischen kontinentaler und amerikanischer
Elektrizitätstechnik zu gewährleisten. Sie dienten sozusagen nur der
Superkontrolle für das von Rathenau bereits früh eingeführte System des
Austausches mit der General Electric-Gruppe.

Nicht nur gegenüber dem Kaufmann wußte Rathenau das industrielle
Prinzip zur Geltung zu bringen, sondern auch gegenüber dem Techniker.
Der manchmal eigensinnige Ehrgeiz vieler, hauptsächlich konstruktiv
begabter Techniker, alles im eigenen Hause machen zu wollen, für
jeden Gegenstand eine eigene Konstruktion zu haben, war ihm fremd. Es
hat der A. E. G. unter der Leitung Rathenaus nie an hervorragenden
Eigenkonstruktionen gefehlt. Wenn aber durch den Erwerb fremder,
bereits erprobter Verfahren oder durch die Zusammenlegung eigener und
fremder Verfahren schneller und vorteilhafter zum Ziele zu kommen war
als durch die mühselige technische Innenarbeit, so wählte Rathenau,
dem es letzten Endes nicht nur auf den technischen, sondern auch
auf den wirtschaftlichen Erfolg ankam, unbedenklich statt des rein
technischen Weges den technisch-kommerziellen. Von einer bloßen
schematischen Nachahmung und Benutzung fremder Geistesarbeit war
die Rathenausche Methode aber auch in solchen Fällen weit entfernt.
Überall, wo er fremde Konstruktionen erwarb, so bei den Edisonlampen,
bei den Spragueschen Straßenbahnpatenten, beim Akkumulator und
der Curtis-Turbine, hat er die übernommenen Gegenstände in steter
Weiterentwickelung verbessert und durchgebildet, sie so recht
eigentlich erst zu der Reife gebracht, durch die sie ihre großen
Erfolge davontrugen.

Für die industrielle Grundlage des kaufmännischen Charakters
Emil Rathenaus zeugt schließlich auch die innere Ausbildung des
Kalkulationswesens der A. E. G. Dieses war so organisiert, daß die
Fabrikationsabteilungen mit dem Verkauf und mit der Preisbemessung für
die von ihnen hergestellten Waren nicht das geringste zu tun hatten.
Für sie gab es nur Selbstkostentabellen. Diese übermittelten sie der
Verkaufsabteilung, der es vorbehalten war, auf der Grundlage jener
Tabellen die Preise festzusetzen. Damit wurde bezweckt, daß sich die
Fabrikation von dem Verkaufspreise weder nach oben noch nach unten in
ihrem Herstellungsprozess beeinflussen lassen sollte. Ihre Aufgabe war
es, nach rein sachlichen Gesichtspunkten zu produzieren und dabei die
Ware so gut und so billig wie möglich herzustellen, ohne sich in der
Qualität ihrer Arbeit durch die Kenntnis der Verkaufspreise beirren
zu lassen. Stellte die Verkaufsabteilung fest, daß die Selbstkosten
einer bestimmten Ware im Vergleich mit dem Preise einer gleichartigen
Ware der Konkurrenz zu hoch waren, so wurde auf ihre Veranlassung in
die Frage einer Untersuchung und Verbesserung des Produktionsprozesses
eingetreten. Im übrigen war es das Prinzip Rathenaus, aus den drei
Faktoren Grundrente, Produktionspreis und Vertriebskosten eine
Preisstellung zu ermöglichen, die der jedes Konkurrenten gewachsen,
möglichst aber überlegen war. Über die Faktoren Produktionspreis und
Vertriebskosten ist schon gesprochen worden. Über das Thema Grundrente
soll der nächste Abschnitt, der die Grundlage der Rathenauschen
Finanzpolitik noch einmal zusammenfassend schildern will, Aufschluß
geben.


d)

+Industriefinanzier+ -- das ist das Wort, mit dem Rathenau am
häufigsten charakterisiert wird, womit man die Größe und Besonderheit
seiner Leistung am kräftigsten herausheben und umschreiben zu
können meint. Große Industriegebilde hätten auch andere geschaffen,
unterschiedlich und neu seien bei Rathenau aber hauptsächlich die
Finanzierungsmethoden, die in dieser Art und Ausprägung kein anderer
vor ihm und neben ihm ausgebildet habe, die für eine ganze Generation
vorbildlich und fruchtbar geworden seien. Drängt sich ein so starker
Eindruck von dem Wesen und Wirken eines Mannes der Öffentlichkeit
auf, so muß ihm naturgemäß irgend eine berechtigte Ursache zu Grunde
liegen. Das Urteil der öffentlichen Meinung braucht nicht umfassend zu
sein, es braucht das Bild des beurteilten Menschen oder Gegenstandes
nicht ganz in der Fläche zu decken und nicht ganz bis in die Tiefe
zu erfassen. Die Beurteilung kann schief und oberflächlich, aber
sie kann nicht völlig falsch sein. In der Tat war Emil Rathenau
ein Finanzkünstler ersten Ranges, und in der Tat gehen von hier
vielleicht die stärksten Einflüsse aus, die er über die Grenzen seiner
Sondertechnik und Sonderindustrie hinaus auf das Gesamtwirtschaftsleben
ausgeübt hat, sofern wir allerdings die umwälzenden Einwirkungen der
von Rathenau beschleunigten „Elektrisierung“ fast aller Verkehrs-
und Produktionsprozesse als zur elektrischen Sondertechnik gehörend
betrachten. Unter seinen Methoden, die einfach von anderen Gewerben
übernommen, zum Gemeingut der Gesamtwirtschaft werden konnten,
stehen die finanziellen weitaus im Vordergrunde. Das System der
Selbstbedarfsdeckung und Selbstabsatzwirtschaft, wie es Rathenau für
die elektrische Industrie erfunden hat, war doch im wesentlichen
auf diese oder wenige verwandt organisierte Industrien beschränkt,
in anderen Großgewerben, wie zum Beispiel im Montangewerbe, in der
chemischen Großindustrie usw. entstanden unabhängig davon ganz andere,
zum Teil sogar noch radikalere Methoden der „Gemischtwirtschaft“. Das
Finanz- und Reservensystem Emil Rathenaus dagegen ist weit über die
Grenzen der Elektrizitätsindustrie hinaus epochemachend geworden, und
mit Recht konnte Dr. Walther Rathenau in der ersten Generalversammlung,
die die A. E. G. während des Krieges abhielt, darauf hinweisen, daß
die großen Reserven der industriellen Unternehmungen, dieses „Mark im
Knochengerüst des deutschen Industriekörpers“ die schnelle Umstellung
und Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie im Kriege in erster
Linie ermöglicht hätten. Nun folgt allerdings daraus, daß Emil Rathenau
diese Reservenpolitik zuerst im großen Maßstabe angewandt hat, noch
nicht unbedingt, daß sie ohne ihn überhaupt nicht Eingang im deutschen
Wirtschaftsleben gefunden hätte. Vielleicht lag sie ohnedies in der
Richtung unserer Industrieentwickelung und Emil Rathenaus Verdienst
bestände alsdann nur darin, durch sein erfolgreiches Vorbild diese
Entwickelung bestärkt und beschleunigt zu haben. Daß sie nicht mit
+jeder+ großen und reichen Wirtschaftsentwickelung notwendig
verbunden zu sein braucht, zeigt das Beispiel Englands, wo eine
viel ältere wirtschaftliche Generation doch nicht annähernd so viel
Reservekraft der unpersönlichen Unternehmungen, dafür aber mehr
persönlichen Reichtum angesammelt hatte wie die deutsche, zeigt
ferner das Beispiel Amerikas, wo man trotz einer fast noch stärkeren
Industrialisierung im allgemeinen noch nicht die Kinderkrankheit
jeder Großwirtschaftsbewegung, das System der Agiotage und
Kapitalverwässerung, überwunden hat.

Und doch -- trotz der großen Ausbildung, Sichtbarkeit und Fernwirkung
der Rathenauschen Finanzkunst, kann sie nicht als seine grundlegende,
seine primäre Begabung bezeichnet werden. Rathenau hat niemals
reine Geschäfte mit dem Gelde und um des Geldes willen gemacht, er
finanzierte nie aus Freude am Finanzieren, sondern dies war ihm nur
das -- virtuos angewandte -- Mittel zum Zwecke des Industrialisierens.
Seine Finanzwirtschaft war sozusagen nur das der Industriewirtschaft
genau angepaßte Kleid, eine sekundäre Kunst, destilliert aus
seinen +ursprünglichen+ Begabungen und Eigenschaften, denen
sie dienen und die sie erst zu voller Wirkung bringen sollte.
Finanzgewinne wurden von Rathenau -- wenigstens ursprünglich -- nicht
+angestrebt+, sondern sie fielen als reife Früchte von dem Baume
seiner Industriepolitik ab. Erst später, als er erkannt hatte, wie
reiche Geldfrüchte dieser Baum tragen könnte, ging er dazu über, sie zu
züchten, immer jedoch die Gesichtspunkte der Industriewirtschaft denen
der Finanzwirtschaft voranstellend, deren Gefahren er wohl kannte und
deren Verlockungen er darum nie Macht über sich gewinnen ließ.

Entwickelte sich so Rathenaus Finanzkunst, die in der Hochzüchtung,
Festigung und späteren gewinnreichen Verwertung von Betriebsrenten,
nicht im Manipulieren mit dem Aktienkurse bestand, ganz aus dem
Bedürfnis des Industrialisierens, also aus der wirtschaftlichen
Grundeigenschaft des Mannes, so wurzelte seine finanzielle
Reservenpolitik vielleicht noch tiefer in einem der Grundgefühle des
Rathenauschen +Charakters+: nämlich in dem +Pessimismus+.
In der Kühnheit des Entwerfens industrieller und finanzieller
Transaktionen keinem der großen Kaufleute unserer Zeit nachstehend,
übertraf sie Rathenau doch alle in dem Gegengewicht der Vorsicht,
durch das er diese Kühnheit des Entwurfes bei der Ausführung gegen
alle möglichen Gefahren zu sichern bestrebt war. Dieses Gegengewicht
war aus Reserven gebildet, die zum Teil aus zurückgelegten Beträgen
der Jahresgewinne, zum Teil aus dem zurückhaltend angewandten
Aktienagio und zum Teil aus Buchvorteilen bei Transaktionen unter
Ausnutzung dieses Aktienagios stammten, das es der A. E. G. gestattete,
Fabrikationswerte und Beteiligungen zu außerordentlich niedrigen
Preisen zu erwerben oder doch so in ihre Bilanz einzustellen.
Dabei hat sich die Reservenpolitik nie so weit verstiegen, daß von
einer +ungesunden+ Thesaurierung gesprochen werden könnte,
wie sie sich in einem Teil der deutschen Verfeinerungsindustrie,
namentlich im Metallgewerbe, in der chemischen Großindustrie, in der
Rüstungsindustrie -- unter übertriebener Nachahmung des Rathenauschen
Vorbildes -- während des letzten Jahrzehnts ohne berechtigten
wirtschaftlichen Zweck herausgebildet hat. Ein so falsches Bild wie
bei den Unternehmungen dieser Art, so zum Beispiel den Daimlerwerken,
den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken, den Köln-Rottweiler
Pulverfabriken, der Deutschen Gasglühlicht-Gesellschaft (Auer),
den Vereinigten Glanzstofffabriken und vielen anderen, die mit
verantwortlichen Aktienkapitalien von 10 bis 20 Millionen Mark,
Vermögenswerte von 50 und 100 Millionen Mark decken, hat die Bilanz
der A. E. G. niemals gezeigt. Bei ihr standen die Rücklagen immer noch
in einem ungefähr richtigen Verhältnis zu den Risiken, der Aktienkurs
war nicht so beschwert mit spekulationstreibenden Rätseln, wenn auch
das Bilanzbild keineswegs jene Durchsichtigkeit besaß, die der Sinn
und jedenfalls der Buchstabe des Aktienrechts vielleicht verlangen,
die der wirtschaftlichen Entwickelung des Aktienwesens aber nicht
immer zuträglich ist. Niemals hat die A. E. G. jene künstlichen
Kapitalserleichterungen und Kapitalsverwässerungen vornehmen müssen,
die das sicherste äußere Kennzeichen einer +ungesunden+
Reservenanhäufung sind, eine spekulative Unsicherheit in den Besitz
der Aktien und bis zu einem gewissen Grade auch in die Verwaltung der
Aktiengesellschaften tragen. Emil Rathenau hat niemals unter Verzicht
auf das Aktienagio Pari-Aktien oder gar Gratis-Aktien ausgegeben, er
hat andererseits auch niemals das Agio bis zur letzten Grenze oder
gar noch darüber hinaus ausgenutzt. Er ging einen Mittelweg, der alle
Bedürfnisse des gesellschaftlichen Interesses, des Aktionärinteresses
und des Kapitalmarktes zu berücksichtigen suchte. Ebenso wie die Rente
und den Aktienkurs suchte er auch das Aktienagio stabil oder doch in
stabiler, das heißt stetiger Aufwärtsbewegung zu halten.

Damit waren der Grundrente nicht nur günstige, sondern auch sichere
Verhältnisse geschaffen und das Verhältnis zwischen Kapital plus
inneren und äußeren Reserven auf der einen Seite und dem Umsatz,
dem Gewinn und dem Unternehmerrisiko auf der anderen Seite blieb in
den Formen des Ebenmaßes und Gleichgewichts, die auf Produktion und
Kalkulation vorteilhaft und festigend einwirkten und in guten Zeiten
angenehme Überraschungen nicht übermäßigen Umfanges, in schlechten
Zeiten niemals allzu unangenehme Enttäuschungen bringen konnten.
Das finanzielle Traggerüst war so gezimmert, daß es auf die denkbar
größte Belastung eingerichtet war. Dieses Ideal der Sicherheit, das
für Rathenau mit dem der +allgemeinen und durchschnittlichen+
Wirtschaftlichkeit zusammenfiel, wurde soweit verfolgt, daß darüber
die Wirtschaftlichkeit in manchen Einzeldingen allerdings auch außer
acht gelassen wurde. Dies zeigt sich vornehmlich auch in der von
Jahr zu Jahr größeren +Anhäufung von baren Mitteln+, die nicht
im Betriebe werbend angelegt, sondern in Form von Bankguthaben stets
greifbar gehalten wurden und fast immer die Hälfte des nominellen
Aktienkapitals, so gewaltig dieses auch zuletzt anwuchs, erreicht
haben. Der Zweck dieser Bankguthaben, in denen ja allerdings nicht
allein die Barmittel der A. E. G. selbst vereinigt waren, sondern
auch ein Teil der überschüssigen Gelder des ganzen Konzerns zum
Ausdruck kam, bestand in der jederzeitigen völligen Unabhängigkeit
von den Banken und vom Kapitalmarkte. Die Gesellschaft sollte stets
bereit und fähig sein, neue Projekte und Geschäfte, die sich ihr vom
technischen oder industriellen Standpunkte aus boten, durchzuführen,
gleichgültig, ob die Zeitverhältnisse oder die kapitalbeherrschenden
Geldmächte solche Unternehmungen gerade begünstigten oder nicht. Bis zu
einem gewissen Grade war die Geldbeschaffung des Konzerns durch die
Finanzgesellschaften sichergestellt. Ein Teil von deren Hilfskräften
aber gerade sowie die eigenen Barmittel der A. E. G. waren in den
Bankguthaben der A. E. G. (im Gegensatz zu den buchmäßigen Rücklagen,
die möglichst verborgen gehalten wurden) sichtbar zusammengefaßt und
mit einem gewissen Stolze zur Schau getragen, als deutliches Zeichen
der finanziellen Macht und Stärke der Gesellschaft. Industriell ist
diese Hauptreserve der Gesellschaft in den späteren Jahren selten in
vollem oder auch nur größerem Umfange in Anspruch genommen worden,
und das Beispiel anderer großer Industriekonzerne hat gezeigt, daß
ein wohlfundiertes, gut rentierendes Unternehmen auch von außenher
fast stets Investitionsmittel erhalten konnte, wenn es sie für
wichtige Zwecke gebrauchte. Gerade erstklassige Großunternehmungen
brauchen so riesige Barmittel nicht unbedingt, kleinere und weniger
gefestigte Gesellschaften können sie sich wiederum nicht leisten.
Eine rückschauende Kritik wird daher möglicherweise einmal zu dem
Ergebnis kommen, daß diese großen Flüssigkeitsreserven in stärkerem
Maße einen Luxus darstellten als die von den Aktionären viel
heftiger bekämpften Buchreserven. Bei der Struktur unseres Kapital-
und Bankenwesens, die immer mehr darauf zugeschnitten wurde, die
einträgliche Industrieanlage vor den sonstigen Kapitalanlagen, der
Staatsrente, dem Hypothekarkredit usw. zu bevorzugen, erscheint von
einem industriellen Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet diese
übermäßige Anhäufung von Barmitteln für ein industrielles Unternehmen
vielleicht nicht mehr unbedingt nötig. Vom finanziellen Standpunkte
aus bedeutet die Barhaltung so großer Teile des Anlagekapitals, die
nicht im Betriebe gewinnbringende Anlage finden, sondern im günstigsten
Falle die Zinsen wieder einbringen, die sie kosten, bis zu einem
gewissen Grade eine unwirtschaftliche Last. Emil Rathenau, der doch
sonst moderne Entwickelungen so schnell begriffen, häufig sogar ihnen
vorangegangen ist, kam in dieser Hinsicht von den Verhältnissen in den
70er und 80er Jahren und den schlechten Erfahrungen, die er damals
mit der „Berliner Union“, der Deutschen Edison Gesellschaft und den
Städtischen Elektrizitätswerken gemacht hatte, niemals so recht los. Er
bedachte nicht, daß sich in der Zwischenzeit nicht nur sein Unternehmen
bis zu einer Größe und Kraft entwickelt hatte, die es den Banken unter
keinen Umständen hätte geraten erscheinen lassen, seine Bedürfnisse zu
ignorieren, sondern daß auch Bankwesen und Kapitalmarkt sich inzwischen
gewandelt und zu größerer Aufnahmefähigkeit und Aufnahmewilligkeit
für Industriefinanzierungen vertieft hatten. Wenn sich trotzdem auch
der Grundsatz der Unabhängigkeit von Banken und Kapitalmarkt für ein
großindustrielles Unternehmen sehr wohl billigen ließ, so ist doch
die Übertreibung dieses Grundsatzes, die durch Ansammlung übergroßer
Barmittel eher umgekehrt eine Beherrschung der Banken anstrebte, nicht
ebenso ganz zu rechtfertigen.

Die +Krisengefahr+ konnte -- wie sich wiederholt gezeigt hat --
die übermäßige Höhe der unwirtschaftlichen Barmittel nicht hinreichend
begründen, höchstens konnte man bis vor ein paar Jahren der Ansicht
sein, daß die +Kriegsgefahr+ sie fordere. Der gegenwärtige
Weltkrieg scheint aber -- wohl entgegen der vorher überwiegend
herrschenden Meinung -- gerade diese Ansicht bis zu einem gewissen
Grade widerlegt zu haben. Denn er hat -- wenn man von wenigen
Gewerben, wie der Seeschiffahrt, absieht -- nicht die Folge gehabt,
die Barmittel der industriellen Unternehmungen in Anspruch zu nehmen
oder gar aufzubrauchen, sondern er hat im Gegenteil allenthalben diese
Barmittel in ungeahntem Umfange vergrößert, und Verhältnisse, wie
sie in dieser Hinsicht vor dem Kriege nur bei einer Minderzahl von
Gesellschaften, besonders bei der A. E. G., bestanden, für die Mehrzahl
der Industrieunternehmungen geschaffen. Das Barreservensystem ist im
Kriege typisch für die deutsche Gesamtindustrie geworden, bei den
Kriegsmaterialunternehmungen infolge übernormaler Gewinnansammlungen,
bei vielen Friedensunternehmungen infolge einer immer weiter
fortschreitenden Liquidierung ihrer Betriebsmittel (Vorräte,
Außenstände usw.). Welche Wirkung allerdings in dieser Hinsicht ein
unglücklich verlaufender Krieg gehabt haben würde, der ja auch zu einer
Besetzung großer deutscher Industriegebiete durch den Feind hätte
führen können, ist eine andere Frage, die uns veranlassen muß, das
Urteil über das industrielle Barreservensystem immerhin mit einiger
Vorsicht abzugeben.

Gerade wenn wir uns die Reserven- und Finanzpolitik Emil Rathenaus
ansehen, mit ihrer Fülle von verwickelten Erscheinungen und Formen, von
Mitteln und Zwecken, und ihren wenigen einfachen, manchmal vielleicht
übertrieben vereinfachten Resultaten, in die am Ende alle diese Ströme
münden, so finden wir einen der stärksten Grundzüge Rathenauschen
Wesens und Strebens bekräftigt, der sich auch auf allen anderen seiner
Wirkungsgebiete nachweisen läßt: +den Drang vom Komplizierten zum
Einfachen+. Menschen kleineren und mittleren Wuchses beginnen häufig
mit dem Einfachen und gelangen im Laufe ihrer Tätigkeit immer mehr zum
Komplizierteren. Ganz anders Rathenau. Seine Anfänge waren kompliziert.
Er besaß eine erdrückende Fülle der Formen und Möglichkeiten in sich,
in ihm gärte, wie in vielen genialen Charakteren, ein Chaos, das nach
Ausdruck, nach Gestaltung rang. Jede Unfertigkeit, jede Unklarheit
und Ungelöstheit war ihm dabei eine Qual und so strebte er naturgemäß
nach ihrer Beseitigung. Den Mitlebenden mag die erste Schaffensperiode
Rathenaus wirr, unübersichtlich und sprunghaft erschienen sein. Sie
mußte Außenstehenden und in Sonderheit oberflächlich Urteilenden wohl
auch so erscheinen, wenngleich die mannigfaltigen Kräfte Rathenaus wohl
innerlich stets schon nach bestimmten Richtungen und Zielen gedrängt
haben. Erst die zweite Periode brachte -- auch nach außenhin erkennbar
-- die Vereinfachung, die Zusammenfassung der auf verschiedenen Wegen
vorwärts strebenden Tendenzen. Auch dieser kaufmännische Stratege
folgte -- wenn auch bis zu einem gewissen Grade unbewußt -- dem
Grundsatz: „Getrennt marschieren und vereint schlagen“. Und nun trat
das ein, was stets bei den Leistungen großer Männer zu geschehen
pflegt. Was während des mühevollen Arbeitens und Ringens solcher
Männer den Zuschauern unentwirrbar, fragwürdig, im Ziele unklar, im
Ausgang zweifelhaft erschien, wurde nach erreichten Resultaten allen
so einleuchtend, so selbstverständlich, daß es gar nicht anders hätte
kommen können, daß alle schon vorher gewußt und vorher gesagt haben
wollten, wie es kommen würde. Ein großes Beispiel aus der Geschichte:
Die Bismarcksche Reichsgründung, von der wir Nachgeborenen den
Eindruck haben, daß die ganze vorherige Entwickelung mit Notwendigkeit
darauf hindrängte, die aber doch von ihrem Schöpfer nicht mit wenigen
mächtigen Hammerschlägen gefügt, sondern aus vielen Möglichkeiten,
gegen hundert Widerstände und Mißhelligkeiten im erbitterten Ringen
mit sich selbst und der Umwelt, unter aufreibenden Kleinkämpfen
durchgesetzt wurde. Wenn man mit dem gewaltigen politischen Werk
Bismarcks die in ihrer Art gleichfalls imposante Leistung eines großen
Industrieschöpfers vergleichen darf, so hat sich das Urteil der Welt
ihr gegenüber mit dem Erfolge in ähnlicher Weise gewandelt. Aber erst
die lapidaren Linien der Resultate ließen auch die innere Arbeit
erkennen, die das Ringen um sie verursacht haben mußte.

                           *               *
                                   *

In dem Bilde des finanziellen Charakters Emil Rathenaus ist einer der
Hauptzüge die Meisterschaft, mit der er die Aktie behandelte, und es
ist kaum glaublich, daß derselbe Mann, dessen ganzes öffentliches
Wirken auf der Grundlage des Aktienwesens aufgebaut ist, im Privatleben
eine unüberwindliche Scheu vor Aktienerwerb und Aktienbesitz hatte.
Das ist kaum glaublich und doch müssen wir, da es von Personen,
die ihm nahestanden, übereinstimmend versichert wird, wohl daran
glauben, ohne es allerdings hinreichend verstehen und erklären zu
können. Der kleinbürgerliche Privatcharakter, den wir ja auch schon
in anderem Zusammenhange in Gegensatz zu seinem geschäftlichen
Weltbürgertum stellen mußten, scheint sich hier von dem Netzwerke der
höchstpersönlichen Begebnisse nicht haben befreien zu können mit dem
Ergebnis, daß Rathenau für sich selbst, und auch für Freunde, die Rat
von ihm verlangten, alles das abschwor, was er öffentlich verkündet
hatte. Einem alten Freunde, der ihn einmal fragte, ob er denn jetzt
A. E. G.-Aktien hinzu kaufen, oder seinen alten Besitz verkaufen
solle, erwiderte er: „Sie können auch das Spekulieren nie lassen.“ Es
mag Leute geben, die Emil Rathenau nach solchen Feststellungen für
unehrlich halten werden und man könnte sich sogar denken, daß ein
findiger Staatsanwalt für den Fall, daß Rathenaus vielverschlungene
Aktiengründungen nicht zu einem großen Erfolg, sondern zu einem
finanziellen Zusammenbruch geführt hätten, aus dem Gegensatz zwischen
der öffentlichen und der privaten Stellung zur Aktie so etwas wie
den „bösen Glauben“ konstruiert haben würde. Als feiner Psychologe
hätte er sich dabei allerdings nicht erwiesen, denn man wird diesen
Widerspruch nicht klären, wenn man den öffentlichen Charakter Rathenaus
der Unehrlichkeit, sondern wenn man den privaten Charakter einer
schrullenhaften Schwäche zeiht. Zweifellos ist Emil Rathenau, dieser
größte Meisterer des Aktienwesens, die tiefinnerliche Abneigung gegen
die Aktie nie losgeworden, die ihn schon beherrschte, als er in der
Gründerzeit gegen die Umwandlung der Maschinenfabrik Webers in eine
Aktiengesellschaft längere Zeit Widerstand leistete. Da er aber ohne
sie seine industriellen Pläne nicht ausführen konnte, mußte er sie
wohl oder übel benutzen, denn sein Drang zum industriellen Schaffen
war schließlich doch noch größer als seine Abneigung gegen die Aktie.
Gewissermaßen um sein Gewissen zu beschwichtigen, hat er die Aktie in
seinem Machtbereich durch die Reservenpolitik immer mehr der Obligation
angenähert, sozusagen aus ihr ein Surrogat für das festverzinsliche
Papier gemacht, ohne daß er sich doch entschließen konnte, für seine
Person von diesem Surrogat Gebrauch zu machen. Als reicher und dabei
bedürfnisloser Mann war er auf die paar Prozent Mehrzinsen, die ihm die
Aktie vor der Staatsrente, der Hypothek brachte, nicht angewiesen.

Doppelseitig wie die Stellung Rathenaus zur Aktie war auch die zu
den Aktionären. Er verachtete und ignorierte die Kapitalisten, die
ihr Geld ihm und seinen Gesellschaften anvertrauten, keineswegs,
wie das manche Selbstherrscher des Aktienwesens tun, von denen die
Aktionäre nur als Objekte, nicht als Subjekte der aktienrechtlichen
Gesetzgebung und der aktiengesellschaftlichen Interessen betrachtet
werden. Für Emil Rathenau stand das Interesse der Aktionäre sehr hoch
und wurde von ihm mit peinlicher Gewissenhaftigkeit wahrgenommen. Bei
allen Maßnahmen, die er traf, bei allen Vorschlägen, die er machte,
fragte er sich und seine Mitarbeiter stets: „Was werden die Aktionäre
dazu sagen, wie schneiden die Aktionäre dabei ab?“ Diese Frage
beschäftigte ihn unausgesetzt und spielte bei seinen Entschließungen
eine wichtige Rolle. Er fühlte sich durchaus als Sachwalter fremden
Vermögens, und in der Tat waren seine Maßnahmen, selbst wenn sie von
Generalversammlungs-Oppositionen heftig bekämpft wurden, auch vom
Standpunkte der Aktionäre aus betrachtet, fast immer wohlüberlegt.
Jedenfalls kann Emil Rathenau kein Fall nachgewiesen werden, in dem
er berechtigte Interessen der Aktionäre verletzt und Ansprüche,
die von einem höheren Gesichtspunkte aus begründet waren, nicht zu
erfüllen versucht hätte. Aber formell erkannte er den außenstehenden
Aktionären nicht das Recht zu, sich über wichtige gesellschaftliche
Fragen, die nur aus der Kenntnis der inneren Verhältnisse und Vorgänge
bei dem Unternehmen begriffen werden konnten, ein Urteil anzumaßen,
das an fachmännischem Gehalt dem der Verwaltung gleichwertig gewesen
wäre. Der Tag der Generalversammlung war für Rathenau durchaus
keine bloße Formalität, keine unbequeme Äußerlichkeit, der aus
gesetzlichen Gründen genügt werden und die man so schnell als möglich
erledigen mußte. Er schilderte den Aktionären seine Beweggründe so
ausführlich, wie er das mit den geschäftlichen Interessen der Firma
vereinbaren zu können glaubte, gab Auskunft, so weit er es für irgend
tunlich hielt und gewährte den Aktionären volle Rede-, Frage- und
Beschwerdefreiheit. In seinen Entschlüssen ließ er sich aber fast nie
durch sie umstimmen, zumal sie ihm selten etwas Neues vortrugen, einer
Frage eine Beleuchtung geben konnten, in der er sie nicht schon selbst
gesehen hatte. Er pflegte ja die ihm vorliegenden Probleme nach allen
Seiten hin zu durchdenken, sie immer wieder hin- und herzudrehen, ehe
er zu einem Ergebnis kam. Sein Sohn Walther hat nach dem Tode des
Vaters einmal Aktionären, die der Ansicht waren, neue Gesichtspunkte
zur Beurteilung einer Angelegenheit beigebracht zu haben, das Wort
zugerufen: „Glauben Sie denn nicht, daß wir Phantasie genug besitzen,
um uns ungefähr alle Einwände, die Sie hier in der Generalversammlung
vorbringen könnten, schon vorher vorzulegen und sie in Erwägung zu
ziehen?“ -- Die Aktionäre antworteten auf diesen Ausspruch, -- der ganz
und gar aus dem Geiste Rathenaus, des Vaters, gesprochen war, wenn
dieser ihm vielleicht auch nicht die schlagfertige, scharf pointierte
Fassung gefunden haben würde, -- daß dann ja die Generalversammlung
nur eine Farce sei und es sich für die Aktionäre nicht lohne, sie zu
besuchen und in ihr das Wort zu ergreifen. In der Tat läßt sich mit
einer solchen Aktionärpolitik mancher Mißbrauch treiben, denn keine
Verwaltung ist unfehlbar und es gibt Fälle, in denen der Außenstehende
mehr und schärfer sieht, eine bessere Distanz zu den Dingen hat, als
die doch immerhin im Geschäftsgang befangene Verwaltung. Rathenau hat
sich solchen Mißbrauch aber eben nie zu schulden kommen lassen. Wenn
man heute zurückschauend die verschiedenen Kämpfe zwischen ihm und den
Aktionären betrachtet, so wird man finden, daß +in der Sache+
fast stets Rathenau recht gehabt hat, und daß die Anträge und Wünsche
der Aktionäre, wenn ihnen Folge gegeben worden wäre, die A. E. G. von
der finanziellen Richtung, die sie mit so großer Konsequenz und mit
so glänzendem Erfolge innehielt, abgelenkt und vielleicht etwas ganz
anderes aus ihr gemacht hätten.

Niemals ist Emil Rathenau in den Generalversammlungen wegen Schäden,
fehlerhafter oder schlechter Führung der Geschäfte angegriffen worden,
sondern das in allen Versammlungen mit seltener Regelmäßigkeit
wiederkehrende Thema der Opposition waren die angeblich zu niedrigen
Dividenden. „Tun Sie doch nicht immer nur in den Spartopf hinein,
sondern nehmen Sie doch auch einmal etwas für die Aktionäre heraus.“ --
„In guten Zeiten sammeln Sie für die schlechten, in schlechten nehmen
Sie nichts von den Notreserven, sondern sammeln weiter im Hinblick
auf die ungeklärte Lage.“ -- „Was nützen uns die Reserven, von denen
man versprochen hat, daß sie uns einmal zugute kommen werden, wenn
erst unsere Enkel den Vorteil davon haben sollen.“ -- So und ähnlich
lauteten die manchmal ganz witzig und klug zugespitzten Wendungen, mit
denen man ihn -- nicht selten mit Argumenten aus dem Arsenal seiner
eigenen Logik -- zu schlagen und aus seiner Festung herauszulocken
suchte. Emil Rathenau blieb kühl bis ans Herz hinan. Er war nicht
so gewandt wie sein Sohn Walther, der als Aufsichtsratsvorsitzender
resigniert zu entgegnen pflegte: „Es hat keinen Zweck, der Opposition
entgegen zu kommen, denn gleichgültig, welche Dividende wir auch
vorschlagen, es wird stets eine Erhöhung um 2% beantragt werden.“ Wenn
die Opposition heftig oder gar in der Form verletzend wurde, so konnte
allerdings auch Emil Rathenau in Harnisch geraten und seine Worte waren
dann manchmal von einer Bitterkeit, einer persönlichen Gereiztheit,
die er ruhigen Blutes wohl selbst als zu weit gehend erkannt haben
würde. -- Zu derart heftigen Kämpfen kam es aber nur in einigen wenigen
Versammlungen, so in der vom 12. Dezember 1905, als der Führer der
Opposition, Rechtsanwalt Elsbach, nachdem er die Bilanz undurchsichtig,
den Geschäftsbericht einen furchtbaren Blender genannt und dem
Generaldirektor vorgeworfen hatte, daß er seine Versprechungen nicht
gehalten habe, seine Rede mit den Worten schloß: „Wir bitten nicht
mehr, fordern wollen wir. Wir sind hier im eigenen Hause und stehen vor
den Verwaltern unseres Vermögens.“ -- Rathenau entgegnete aufbrausend:
„Wenn wir in derartiger wenig taktvoller Weise angegriffen, ja
persönlich besudelt werden, so können wir nichts anderes tun, als Ihnen
unseren Platz zur Verfügung zu stellen.“ -- Erst Fürstenberg, der kluge
Dialektiker, der die Verhandlungen gewöhnlich anstelle der dekorativen
Aufsichtsratsvorsitzenden mit dem Staatssekretärstitel leitete, konnte
durch seine schlagfertigen Bemerkungen die Situation in solchen Fällen
wieder einigermaßen herstellen. Derart scharfe Zusammenstöße bildeten
aber Ausnahmen. Im allgemeinen verliefen die Generalversammlungen ruhig
und sachlich, und wenn die Aktionäre auch durch sie keinen Einfluß auf
die Verwaltung zu gewinnen vermochten, so waren diese Tage doch für
die Besucher nicht selten recht interessant und lehrreich, und diese
konnten stets die Beruhigung mit davon tragen, daß die Verwaltung ihres
Vermögens in guten Händen sei.


e)

Wenn in der Presse die Unergiebigkeit unseres politischen Lebens, das
angeblich niedrige Niveau unserer Parlamente und Parlamentsdebatten
beklagt wird, so empfiehlt man häufig als Abhilfe die Zuwahl unserer
geistigen und gewerblichen Führer in den Reichstag oder Landtag,
da man von ihnen glaubt und hofft, daß sie mit ihren anderwärts
bewährten überlegenen Persönlichkeitswerten auch das parlamentarische
Leben befruchten, neue und größere Gesichtspunkte in den Kleinkram
der geschäftspolitischen Verhandlungen bringen könnten. Die Stände
des Handels und der Industrie haben es auch oft genug beklagt, daß
ihre Vertreter in den Parlamenten weit spärlicher zu finden seien
als zum Beispiel Persönlichkeiten aus der Landwirtschaft. Ob die
so ausgesprochenen Gedanken und Wünsche allgemein betrachtet einen
berechtigten Kern haben, ist mir stets zweifelhaft gewesen. Die
Beschäftigung mit der Politik stellt ihre eigenen Ansprüche, fordert
ihre eigenen Maßstäbe. Nicht geistiges, industrielles oder agrarisches
Talent ist zu ihrer Ausübung erforderlich, sondern politisches,
daneben auch politische Leidenschaft. Sie fordert heute bei der Fülle
der Facharbeit, die im parlamentarischen Leben zu erledigen ist, den
ganzen Mann, und ist nicht mit den paar beschäftigungslosen oder der
eigentlichen Beschäftigung abgerungenen Stunden zufrieden, die ihr
ein auf anderem Gebiete voll in Anspruch genommener Mann etwa widmen
könnte. Beim Landwirt liegen die Verhältnisse meist etwas anders.
Die agrarischen Führer sind fast durchweg Berufspolitiker, die aus
landwirtschaftlichen Kreisen stammen und die Interessengesichtspunkte
ihrer Herkunft mit in das politische Leben hinübernehmen. Üben
sie eine landwirtschaftliche Tätigkeit noch aus, so ist sie meist
nebensächlicher Natur. Es fehlt ihr auch fast stets der schöpferische
Inhalt, der den großen Industriellen so stark ausfüllt und beansprucht,
daß er kaum eine seiner Hauptkräfte für eine ganz anders geartete
politische Tätigkeit einsetzen kann. Für die Richtigkeit dieser
Ansicht sprechen die Erfahrungen, die wir mit bedeutenden Kaufleuten
in ihrer parlamentarischen Praxis gemacht haben. In ihrer besten
schaffenskräftigsten Zeit waren sie nur selten gute, vollgültige
Politiker. Man wird vielleicht auf Männer wie Hansemann und Camphausen
verweisen. Aber diese gehörten einer anderen Zeit an. Damals lag
das wirtschaftliche Leben ganz auf der Linie des politischen. Die
Wirtschaft wollte frei werden wie der Staatsbürger. Beide hatten
denselben Weg. Inzwischen ist die wirtschaftliche Freiheit schneller
zum Ziele gelangt als die politische. Statt nach Zielen orientierte
sich die Wirtschaft nunmehr nach Interessen. Das war auch auf die
Stellung der Industriellen nicht ohne Einfluß geblieben. Sie waren
nun meistens Interessenten, ähnlich wie die Agrarier, nur nicht
auf einem so geschlossenen und in sich einheitlichen Gebiet wie
der Landwirtschaft, sondern auf ihrem eigenen Sondergebiete, das
ja in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht durchaus nicht von
denselben Interessen beherrscht zu werden brauchte, wie irgend ein
anderes, nicht minder wichtiges, aber auch nicht minder beschränktes
Wirtschaftsgebiet. Es gibt Gewerbe, die schutzzöllnerisch sind, andere
die dem Freihandel zuneigen, es gibt Gewerbe, deren Vertreter politisch
rechts, andere, deren Vertreter politisch links stehen. Der Hansabund,
dessen unorganische Zusammensetzung im Gegensatz zu dem homogenen Bund
der Landwirte schnell zutage trat, ist ein sprechendes Beispiel für
diese politische Zerfallenheit der Handels- und Industriekreise. Die
höheren politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkte, die früher
in unserem parlamentarischen Leben zur Geltung kamen, vermochte er
ebensowenig zurückzubringen, wie das die stärkere Zuwahl bedeutender
Gewerbetreibender in unsere Parlamente tun könnte, wenn diese nicht
zugleich einen entwickelten Sinn für Dinge des Gemeinwohls, für
staatsbürgerliche und staatsgesellschaftliche Interessen hätten.

Emil Rathenau gingen diese Interessen so gut wie völlig ab. Auf seinem
Fachgebiete universell, in allem Können und Wissen, das diesem
Fachgebiete irgendwie nützen konnte, unbestrittener Meister, schloß
er sich von Gesichtspunkten und Fragen des Gesamtinteresses fast
ebenso entschieden ab, wie von den schönen Künsten, den theoretischen
Wissenschaften und ähnlichen für ihn abseits liegenden Dingen. Sein
Leben war so ganz von der Sphäre durchdrungen, in der es zur Vollendung
gelangte, daß er sicher keine Zeit, und ebensowenig Neigung zu Dingen
hatte, in denen er es höchstens zu halben Resultaten hätte bringen
können. Die Mehrzahl der +intensiven+ Schöpfer ist so organisiert,
ihre Kraft ist an den Boden gebannt, dem sie entwuchs, und nur ganz
frei und leicht schaffenden Naturen ist es manchmal gegeben, daß ihnen
ihre Genialität auch auf anders geartete Gebiete folgen darf. Emil
Rathenau war ein überwiegend naiver Schöpfer, aber darum wurde ihm
sein Werk nicht leicht. Sein Ringen mit ihm verzehrte alle Kräfte.
So blieb er denn auch ganz in seinem Werk und dessen Dunstkreise
befangen. Seine Tätigkeit für gemeinwirtschaftliche Fragen beschränkte
sich auf eine vorübergehende Gastrolle, die er im Ältestenkollegium
der Berliner Kaufmannschaft gab. Nach dem Tode seines Sohnes Erich
zog er sich auch von dieser Tätigkeit und der damit verbundenen
Geselligkeit zurück. Allgemeine wirtschaftspolitische Anschauungen
besaß er vielleicht, sie waren aber nach den Interessen seines
Faches orientiert, ein freies wirtschaftspolitisches Weltbild wurde
nicht daraus. Er war gegen Kartelle, weil sie der elektrotechnischen
Industrie nicht „lagen“, er war gegen die hohen Schutzzölle, weil seine
Industrie einen ausländischen Wettbewerb im Inlande nicht zu befürchten
brauchte und andererseits stark auf den Export angewiesen war. Er war
in diesen Dingen Interessent, besaß aber Takt und Selbsterkenntnis
genug, um seine privatwirtschaftlichen Interessen nicht im Gewande
des Volkswirts der Allgemeinheit aufzudrängen. Einmal hat er, befragt
von einer illustrierten Zeitschrift (Illustrierte Zeitung, 27. Januar
1910), sich über Zollfragen öffentlich ausgelassen. Die Äußerung ist so
interessant, daß sie hier wiedergegeben werden soll.

    „Als Nichtpolitiker möchte ich mich einer Antwort auf die
    erste Frage enthalten, wie sehr ich auch die Bedeutung des
    darin angeregten schiedsgerichtlichen Vertrages für die
    deutsch-französischen Beziehungen und für das gesamte Kulturleben
    zu schätzen weiß.

    Mehr berechtigt halte ich mich zur Beantwortung der zweiten
    Frage, die das wirtschaftliche Verhältnis der beiden Länder
    betrifft. Sie bietet mir eine willkommene Gelegenheit, zunächst
    einige grundsätzliche Bemerkungen zu machen. Das unter der Parole
    „Schutz der nationalen Arbeit“ betriebene System hat nunmehr zwar
    schon eine langjährige Geschichte, indes ist damit noch nicht
    ohne weiteres seine Berechtigung erwiesen. Vorteilhafter ist es
    vielmehr, wenn eine Ware möglichst da produziert wird, wo die dafür
    günstigsten Bedingungen gegeben sind. Statt dessen hat es das
    Schlagwort vom Schutz der nationalen Arbeit mit sich gebracht, daß
    heute nicht mehr bloß jedes Land, sondern auch die verschiedenen
    Städte, ja selbst kleine Gemeinden allerlei herstellen möchten,
    was geeigneter anderwärts und unter anderen Bedingungen geschaffen
    werden kann. Um Produktion und Konsum steht es am besten, wenn die
    denkbar höchste Qualität unter möglichst niedrigen Kosten erreicht
    werden kann. Das läßt sich nur erzielen, wenn die Herstellung an
    dem dafür zweckmäßigsten Orte erfolgt, da, wo sie sich am ehesten
    im großen auf höchster Stufenleiter betreiben läßt. Statt dessen
    werden die Produktionsstätten verengt, wenn die Länder sich
    gegeneinander absperren, und wenn dem Vorbilde, das diese in ihrem
    Verhalten zueinander geben, auch Städte und Gemeinden innerhalb der
    einzelnen Länder folgen.

    Dieser Auffassung von den Nachteilen des Schutzzollsystems
    pflegen die Vereinigten Staaten von Amerika als ein Beispiel
    entgegengehalten zu werden, das für die Ersprießlichkeit der
    Schutzzölle spreche. Indes nehmen die Vereinigten Staaten eine
    Ausnahmestellung ein. Ich werde da an eine Begegnung mit Mac Kinley
    erinnert. Wir sprachen über den teueren Lebensunterhalt in Amerika
    und ich bezeichnete ihn als eine nachteilige Wirkung der von Mac
    Kinley so eifrig vertretenen Hochschutzzölle. Er stimmte meiner
    Verurteilung dieses Systems und meiner Befürwortung des freien
    Handels im Prinzip zu, nur wollte er meinen Standpunkt nicht für
    die Vereinigten Staaten gelten lassen. Sie bildeten ein Land für
    sich, das auf das Ausland nicht angewiesen wäre. Amerika sei als
    eine Art Robinson Crusoe imstande, seine Bedürfnisse vom Rohprodukt
    bis zum letzten Fabrikat selber herzustellen.

    Mindestens bis zu einem gewissen Grade ist dieses Urteil Mac
    Kinleys in der Tat berechtigt. Die sich auf achtzig Millionen
    belaufende Bevölkerung der Vereinigten Staaten stellt einen
    Konsumenten von ungewöhnlicher Größe dar. Da sie zudem fast
    völlig einheitlich in ihrer Sprache, ihren öffentlichen
    Einrichtungen und ihren Lebensgewohnheiten ist, hat sie mehr als
    die Bevölkerung anderer Länder die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse
    durch Massenfabrikation zu befriedigen. Indem damit der Arbeit
    der Maschine ein so viel größerer Spielraum gewährt ist, wird die
    Produktion durch die Höhe der Löhne für menschliche Arbeit nur
    verhältnismäßig wenig benachteiligt. Die übrigen Produktionsmittel
    aber stehen dem Lande in der größten Mannigfaltigkeit und Fülle zur
    Verfügung.

    Anders die europäischen Länder. Deutschland mit seinen sechzig,
    Frankreich mit vierzig Millionen Einwohnern bleiben in der
    Bevölkerungszahl hinter der amerikanischen stark zurück. Dazu ist
    die Bevölkerung und damit auch die Befriedigung ihrer Bedürfnisse
    hier um vieles differenzierter. Und weiter ist keines dieser Länder
    mit den vielseitigen und reichen Naturschätzen bedacht, die den
    Vereinigten Staaten beschieden sind. In Frankreich ist, da es über
    Kohle und Erz nur in relativ unzureichenden Mengen verfügt, der
    Betrieb von Gewerben, in denen es auf Massenfabrikation ankommt,
    erschwert. Er ist vergleichsweise so viel mehr für Deutschland
    geeignet, dem jene Roh- und Hilfsmaterialien in umfassender
    Menge zu Gebote stehen. Hinwiederum sind Frankreich in manchen
    seiner Weine und in deren vorzüglicher Kultur, sowie in dem durch
    jahrhundertlange Tradition überlegenen Kunst- und Luxusgewerbe
    Produktionszweige gegeben, in denen es berufen ist, die Bedürfnisse
    des Auslandes, unter anderm auch die Deutschlands, zu befriedigen.

    Aus dieser meiner Auffassung ergibt es sich als selbstverständlich,
    daß ich alle Schritte, die das bisherige handelspolitische
    Verhältnis Deutschlands zu Frankreich bessern könnten, mit voller
    Sympathie begrüße. Da die hier veranstaltete Umfrage die Anregung
    gibt, „in einem bestimmten Punkte Vorschläge zu machen“, liegt es
    mir nahe, im Hinblick auf etwaige Besprechungen zwischen den beiden
    Regierungen Frankreich darauf hinzuweisen, von welcher Bedeutung
    es für die französische Bevölkerung wäre, wenn ihr die Möglichkeit
    geboten würde, elektrotechnische Fabrikate, für deren Herstellung
    in Deutschland die günstigeren Voraussetzungen bestehen, billiger
    und leichter, als es bisher möglich ist, zu beziehen.

    Die deutsche Elektrotechnik nimmt in Europa eine führende
    Stellung ein. Der Vorsprung, den sie erreicht hat, läßt sich
    anderwärts in absehbarer Zeit nicht einholen. Es wäre demnach
    natürlich, daß die Nachbarländer sich die Leistungen der deutschen
    Elektrizitätsindustrie zunutze machten, zumal es keinerlei
    Beschäftigung oder Beruf gibt, in denen die Elektrizität
    nicht in irgend einer Weise Verbesserungen der Arbeits- und
    Lebensbedingungen mit sich bringt. Für die Erzeugnisse der
    elektrotechnischen Industrie besteht aber zwischen Frankreich
    und Deutschland keine handelsvertragliche Verständigung. Die
    Zollschranke, die Frankreich zwischen sich und der Schweiz
    aufgerichtet hat, und die die elektrotechnische Industrie im
    besonderen Grade trifft, gilt laut Vertrag vom Jahre 1871 unter der
    Bezeichnung einer „Meistbegünstigung“ auch für die deutsche Einfuhr
    nach Frankreich. Wenn ein Handelsabkommen zwischen Deutschland
    und Frankreich zustande käme, das den Erzeugnissen der deutschen
    Elektrotechnik die französische Grenze öffnete, würde Frankreich
    damit die Teilnahme an den Fortschritten der Industrie erleichtert
    werden. Für den Vorteil, der sich daraus zugleich für Deutschland
    ergäbe, könnten Frankreich Zugeständnisse bei der Einfuhr seiner
    Weine und kunstgewerblichen Fabrikate gemacht werden. Das hätte
    auch für Deutschland den Vorteil, daß die Lebensfreude hier durch
    die Erzeugnisse Frankreichs gehoben würde.

    Statt daß die Lebenshaltung des einen Landes durch die Zollmauer,
    die es von dem andern trennt, niedergehalten wird, schüfe ein
    auf der Grundlage freieren Warenaustausches sich aufbauendes
    Handelsabkommen eine Harmonie der Interessen, die hier und dort
    Arbeit und Genuß mehrten und erleichterten.“

Wir sehen also: Am Anfang ganz gescheite, wenn auch nicht
übermäßig originelle Ausführungen prinzipieller Natur. Sobald
aber die Nutzanwendung kommt, steuern sie in das Fahrwasser
einer Interessenpolitik, die nur auf den Nutzen für die eigene
Industrie, nicht auf eine wirklich tief durchdachte und objektive
wissenschaftliche Begründung Wert legt. Hätte Emil Rathenau, als er zu
schaffen anfing, den Vorsprung, den sich damals Amerika und England in
der elektrotechnischen Industrie errungen hatten, als etwas gegebenes
hingenommen und auf eine eigene Betätigung in dieser Industrie
verzichtet, so würde er nie die A. E. G. geschaffen und zu der ersten
Elektrizitätsgesellschaft der Welt gemacht haben.


f)

Wie ist Emil Rathenau, der die +Sachen+ im allgemeinen so
trefflich zu behandeln verstand, nun mit +Menschen+ umgegangen?
-- Man könnte vielleicht sagen: Wie mit den Sachen, -- wenn dem Worte
nicht ein gewisser herabsetzender Beiklang von Gefühllosigkeit,
von Herzenskälte innewohnte, der in Rathenaus Art, mit Menschen zu
verkehren, vielleicht manchmal, aber durchaus nicht immer enthalten
war. Rathenau konnte kühl und uninteressiert, ja schroff und ablehnend
sein, aber er war durchaus keiner von den Menschen, die über Leichen
gehen. Er hatte darum für eine so ausgesprochene Eroberernatur
eigentlich wenig persönliche Konflikte. Er war Gefühlsregungen
keineswegs unzugänglich und Personen gegenüber, die ihm menschlich
nahe standen, sogar großer Zartheit fähig. Man konnte seine Art,
Menschen zu behandeln, eher „sachlich“ nennen, wenn diese Sachlichkeit
nicht gelegentlich durch persönliche Stimmungen, Gereiztheiten und
sogar Ungerechtigkeiten getrübt worden wäre. Am besten wird man sein
Verhältnis, seinen Umgang mit Menschen vielleicht mit dem Worte
„direkt“ kennzeichnen. Er kannte im Verkehr mit Menschen keine
Umschweife, keine Nebenwege, keine Umhülltheiten, mit einem Worte keine
Indirektheiten. Er hielt mit nichts zurück, und täuschte nichts vor.
Er sagte ehrlich, was er dachte, war in Lob und Tadel, in Anerkennung
und Kritik offen. Rücksichten auf Stand, Rang und Alter nahm er dabei
nicht, und er hat einmal -- wie mir ein Augenzeuge berichtete -- eine
hochgestellte Persönlichkeit seines Konzerns, einen Exzellenzherrn
in Gegenwart von dritten ziemlich brüsk zur Rede gestellt, weil
dieser eine von ihm übernommene Aufgabe nicht zu seiner Zufriedenheit
ausgeführt hatte. Aber so sehr sein Tadel verletzen konnte, so tief
konnte sein Lob beglücken. Für Mitarbeiter, die viel mit ihrem Chef in
Berührung kamen, gab es keine schönere Belohnung als eine Anerkennung
des Meisters, nicht nur deswegen, weil sie selten war, sondern weil
er ihr oft eine menschlich-warme, den Belobten innerlich berührende
Form zu geben verstand. Eine so direkte Art der Menschenbehandlung
war natürlich für das kaufmännische +Verhandeln+ nicht unter
allen Umständen geeignet. Delikate Besprechungen, in denen zunächst
sondiert werden mußte, in denen es darauf ankam, vorerst einmal nicht
das ganze Ziel, die letzte Absicht, das eigentliche Interesse zu
zeigen und aus dem Gegner, der sich ebenso vorsichtig, abwartend
und berechnend verhielt, trotzdem das Wissenswerte herauszuholen,
lagen ihm im allgemeinen nicht. Auch Verhandlungen, bei denen der
Kontrahent nicht durch sachliche Gründe, sondern durch politische
List, nicht durch den Inhalt, sondern durch die Form des Gesprächs
gewonnen werden sollte, verstand Emil Rathenau, trotzdem er am
Schreibtisch und im monologischen Denkprozeß nicht nur klug, sondern
auch schlau zu argumentieren vermochte, nicht übermäßig gut zu
führen. Der +Mensch+, der ihm gegenüber saß, zwang ihn mehr oder
minder rasch zur Offenbarung seiner Karten. Die Ursprünglichkeit, die
Ungeduld, das Endziel zu erreichen, sprengten den zurückhaltenden
Gang umhüllter Unterredungen. Emil Rathenau vermochte im Gespräch
schlagend, aber nicht ebenso schlagfertig zu sein. Während er im
uninteressierten Fachgespräch gut zu plaudern verstand, waren für
Einleitungsverhandlungen zu konkreten Geschäften andere im Konzern
besser geeignet als er. Denn er sagte hier, wie auch in Zweckgesprächen
mit Konkurrenten, Vertretern von Behörden usw. zu schnell und zu
offen, alles was zu sagen und manchmal besser auch nicht zu sagen war,
wie er denn überhaupt der Ansicht war, daß gute Geschäfte nur solche
seien, die beiden Kontrahenten zum Vorteil gereichten. Vorsichtig
zu behandelnde Einleitungsbesprechungen ließ er denn auch meist von
seinen Direktoren oder von seinem Sohn Walther führen. Standen die
Dinge aber so, daß eine offene Aussprache am besten zum Ziele führen
konnte, das heißt handelte es sich um Geschäfte, die überhaupt ganz auf
diese Weise erledigt werden konnten, oder waren die Erörterungen bei
anderen Geschäften über das Stadium des Parlamentierens hinausgelangt,
so war Emil Rathenau der richtige Mann. Dann wurde er zum glänzenden
Verhändler. Kurz, sachlich, bestimmt formulierte er seinen Standpunkt,
machte die Konzessionen, die er machen konnte, feilschte nicht viel und
blieb unbeirrbar bei der Sache. Für Leute, die gleichfalls sachlich zu
diskutieren verstanden, war es ein Vergnügen mit ihm zu verhandeln,
eine Leichtigkeit, mit ihm ins Reine zu kommen. Aber auch Abschweifende
zwang er durch die Suggestion seiner Art und Persönlichkeit gleichfalls
bald zur Sache.

Ein +schneller+ Menschenkenner war Emil Rathenau nicht. Dazu
war er zu vertrauensvoll und darum anfänglich stets geneigt, die
Menschen als das zu nehmen, was sie selbst darstellen und scheinen
wollten. Seine Naivität veranlaßte ihn, nicht nur die Menschen
direkt zu +behandeln+, sondern sie auch direkt, das heißt ohne
Hintergedanken zu +beurteilen+. So kam es, daß ihm auch ein
weniger wertvoller Mensch anfänglich zu interessieren, zu gefallen, ja
zu imponieren vermochte. Niemand konnte ihn aber auf die Dauer über
seinen Wert täuschen. Eine nähere Bekanntschaft offenbarte Rathenau
bald die wirkliche Natur und Fähigkeit eines Menschen, und wenn er
diese einmal als unzulänglich erkannt hatte, so war er für allezeit mit
ihrem Besitzer fertig. Auf eine nachträgliche Revision seines Urteils
ließ er sich nur höchst selten ein. Dies führte dazu, daß er -- der
im allgemeinen die Menschen richtig und gerecht einschätzte -- in
Ausnahmefällen auch einmal aus Vorurteil oder Eigensinn einem Menschen
unrecht tat. Las er meist auch nicht so schnell in Menschenseelen
wie andere sogenannte gute Psychologen, so las er doch häufig tiefer
und gründlicher als diese. Ungewöhnliche Menschen, auch wenn sie
ihre Eigenart noch nicht greifbar bekundet hatten, vielleicht selbst
nicht einmal kannten, hat er nicht selten entdeckt, gefördert und an
die richtige Stelle gesetzt. Als der Professor an der technischen
Hochschule +Klingenberg+ mit einem in der Konstruktion nicht
gerade gelungenen Automobilmotor zu Rathenau kam, erkannte dieser im
Gespräch, welche ungehobenen Schätze technischer Praxis in diesem
akademischen Professor schlummerten, und ohne langes Besinnen forderte
er ihn zum Eintritt in die Direktion der A. E. G. auf, in der sich
Klingenberg ganz so bewährte, wie es Rathenau vorausgesehen hatte.
Seine Mitarbeiter suchte und erzog er sich auf ganz individuelle Weise,
und zwar individuell für ihn wie für die anderen. Wenn irgend ein Platz
zu besetzen, irgend eine Aufgabe zu lösen war, so schaffte er sich
die Personen hierzu nicht nach dem System, das leider sonst vielfach
in der Industrie üblich ist, wo man bekannte Fachkräfte durch das
Angebot eines höheren Gehalts einfach aus ihrem früheren Wirkungskreis
fortengagiert. Ein derartiges System, bei dem schließlich nicht nur
Tenoristen-, sondern fast Bankdirektorengehälter für sogenannte erste
Fachkräfte üblich wurden, hat er seiner Konkurrenz oft vorgeworfen.
„Auf solche Weise ist es kein Kunststück, Leute zu bekommen,“ hat er
mir selbst einmal geklagt. Er selbst ging ganz anders zu Werke. Er nahm
nicht notwendigerweise für einen freigewordenen Posten oder eine zu
lösende Aufgabe -- abgesehen von Ausnahmen, bei denen die Zeit drängte,
oder es eine besondere Spezialität unbedingt verlangte, -- einen gerade
auf diesem Gebiete bewährten oder bekannten Fachmann, es sei denn,
daß er ihn ebenso leicht wie einen anderen bekommen und ihn ebensogut
brauchen konnte. Er suchte sich vielmehr unter seinen Leuten denjenigen
aus, der ihm für diese Sache die beste Eignung zu besitzen schien, auch
wenn er sich erst in das neue Gebiet einarbeiten mußte. Fähigkeiten,
nicht Vorkenntnisse waren für ihn ausschlaggebend und er wußte, daß
Frische, Unbefangenheit, die Gabe, sich eine Materie während der Arbeit
zu erobern, manchmal wertvoller sind als Wissen, das zur Routine
geworden ist. Er kannte seine Mitarbeiter genau, schematisierte nicht
mit Menschen und suchte jeden nach seiner Individualität, nach der Art,
nicht nur nach dem Maß seiner Leistung zu beschäftigen.

Emil Rathenau hatte das Glück, schon bei der Gründung oder kurz nach
der Gründung seines Unternehmens Mitarbeiter zu finden, die ihm und
seiner Gesellschaft ihr ganzes Leben lang treu blieben und so eng mit
ihr verwuchsen wie er selbst. Daß Deutsch, Mamroth oder Jordan jemals
hätten aus der A. E. G. ausscheiden, eine andere Stellung suchen oder
annehmen können, ist ein Gedanke, der allen Beteiligten wohl absurd
vorgekommen wäre. Diese treue und gute Kameradschaft, die auf der
Arbeit an der gemeinsamen großen, unter ihren Händen aufblühenden
Sache, aber auch auf der gegenseitigen Achtung vor der Persönlichkeit
der anderen beruhte, spricht gleicherweise für den menschlichen Wert
Rathenaus wie seiner Mitarbeiter. Tüchtige, energische Charaktere von
eigener Prägung und starkem Wuchs gruppierten sich um den Mittelpunkt
des Genies, dessen Überlegenheit alle anerkannten, das aber auch
ihnen Spielraum und Entwickelungsfreiheit für ihre Kräfte gewährte.
Die Stärke des Vorstandes der A. E. G., sagte mir einmal eines seiner
Mitglieder, liegt in ihrer seltenen, nicht herbeigeführten, sondern
„gewordenen“ +Homogenität+. Da war stets ein vollständiges
Gleichgewicht in dem Verwaltungskörper vorhanden, niemand drängte
sich vor, niemand blieb zurück, nichts verschob sich, nichts
mußte verschoben werden. Palastrevolutionen, innere Konflikte und
Auseinandersetzungen -- abgesehen von Meinungsverschiedenheiten wegen
sachlicher Fragen -- gab es nicht. Eifersucht, Neid, Intriguen,
persönliche Motive trugen keine Verwirrung in den Geschäftsgang. Die
geschäftliche Arbeit spielte sich auf dem Untergrund langjähriger
persönlicher Freundschaft ab. Viele Jahre hindurch wohnte Emil Rathenau
mit Deutsch und Mamroth zusammen in einem Hause am Schiffbauerdamm,
ganz nahe den alten und nicht fern den neuen Geschäftsräumen, Rathenau
im ersten, Deutsch und Mamroth im zweiten Stockwerk. Rathenau in
seiner Einfachheit hätte die alte Wohnung vielleicht nie aufgegeben.
Aber die Kollegen zogen fort, erbauten sich eigene Villenhäuser.
So entschloß sich denn auch Rathenau als Siebzigjähriger zum Bau
eines eigenen Hauses in der Viktoriastraße, auf dem Grundstück,
das seinen Eltern, zuletzt seiner Mutter, gehört hatte und das er
durch das danebenliegende erweiterte. Pietät gegen einen geliebten
Menschen erleichterte ihm den Bruch mit der Pietät gegen die gewohnte
Heimstätte. Um den Umständlichkeiten, den Gemütsbewegungen des Umzuges
zu entgehen, reiste er nach Wien, als schwerkranker Mann kehrte er
zurück und kurz, nachdem er sein neues Heim bezogen hatte, mußte er
sich zur Beinamputation entschließen.

Die Organisation des Vorstandes der A. E. G. ist, wie ich schon sagte,
nicht geschaffen worden, sie hat sich historisch entwickelt und ist
gerade darum so innerlich organisch geworden. Es wird von Interesse
sein, sie nachstehend in der Form, zu der sie sich in den letzten
Jahren Rathenaus entwickelt hatte, zu schildern.

    1. +Deutsch+:

      System der inländischen und ausländischen Zweiganstalten.
      Installation und Fabrikation im Auslande. Organisation
      der 300 Filialen, Installations- und Ingenieurbureaus. --
      Großinstallationsgeschäft, soweit es von Berlin aus geleitet
      wurde, also Einrichtung von Stationen für Berg- und Hüttenwerke,
      Fabriken usw. (Privatanlagen). Fertigstellung der Jahresbilanz
      (nicht Buchwesen). Sozusagen Minister des Äußeren.

    2. +Mamroth+:

      Wiederverkaufsgeschäft, Warenhandelsgeschäft, Buchführung,
      Kasse, Gelddispositionen (Anlage der flüssigen Gelder,
      Bankguthaben), Überwachung der Betriebsgesellschaften (nicht der
      Trustunternehmungen). -- Sozusagen Minister des Inneren.

    3. +Jordan+:

      (früher im Patentamt tätig, leitete zuerst das Patentbureau der
      A. E. G.) Leitung der gesamten Fabriken der A. E. G. mit Ausnahme
      des +Kabelwerks+, und ausschließlich derjenigen Fabriken, die an
      ausländische Zweiganstalten angegliedert waren. Arbeiterwesen.

    4. Prof. +Klingenberg+:

      Bau der Zentralstationen für eigene und fremde Rechnung.

    5. Baurat +Pforr+:

      Elektrische Bahnen.

    6. +Emil Rathenau+:

      Vereinheitlichung und Kontrolle der Geschäftspolitik,
      Kontrolle der Finanzinvestitionen, technische Politik, wie
      Aufnahme neuer Fabrikationszweige, ferner besondere Mitwirkung
      beim Bahnengeschäft, beim juristischen, litterarischen und
      Patentbureau. Das Kabelwerk, das Erich Rathenau geleitet hatte,
      übernahm nach dessen Tode Emil Rathenau aus Pietät. -- Vertretung
      der Gesellschaft in ihren Ausstrahlungen, Finanzbeteiligungen
      (Aufsichtsräten) in erster Linie E. +Rathenau+, unterstützt
      durch Dr. Walther Rathenau und daneben durch Deutsch, Mamroth
      und Klingenberg. -- Fusionsunternehmungen behandelte E. Rathenau
      mit Dr. Walther Rathenau, Elektrobankunternehmungen Dr. Walther
      Rathenau allein.

Diese Organisation des Vorstandes erwies sich als außerordentlich
glücklich und leistungsfähig.

„Wir bewältigen damit einen Umsatz von 300 Millionen Mark, wir können
ebenso gut damit einen Umsatz von einer halben, ja einer ganzen
Milliarde kontrollieren,“ sagte einmal Deutsch zu einem Frager.

Bei einem Vorstande, der aus so starken Persönlichkeiten
zusammengesetzt ist, bei einer Gesellschaft, die sich zudem geldlich
so unabhängig zu halten verstand wie die A. E. G., ist die bestimmende
geschäftliche Mitwirkung des +Aufsichtsrats+ natürlich nur
verhältnismäßig gering. Abgesehen von den gesetzlichen Funktionen,
die er zu erfüllen hat, sind seine Aufgaben im wesentlichen
dekorativer Natur, nicht in leer repräsentativer Bedeutung, sondern
in dem Sinne einer Zusammenfassung und Wiederspiegelung wichtiger
geschäftlicher Beziehungen, die das Unternehmen mit anderen Industrie-
und Kapitalmächten verbinden. Eine intensive Arbeitsleistung kann ein
Kollegium von 30 Mitgliedern, das fast schon ein kleines Parlament
ist und sich nur ein paar Mal im Jahr vollständig versammeln wird,
naturgemäß nicht vollbringen. Es waren wohl auch zu vielerlei
Interessen in ihm vertreten, als daß diesem Kollegium ein allzutiefer
Einblick in alle Geschäftsdetails gegeben werden konnte. Neben den
Vertretern fast aller Großbanken gehörten Repräsentanten solcher
Unternehmungen dem Aufsichtsrat der A. E. G. an, die in einer
hervorragenden Geschäftsverbindung mit ihr standen, so Albert Ballin
von der Hamburg-Amerika-Linie, Ministerialdirektor a. D. Micke und
später Dr. Wussow von der Großen Berliner Straßenbahn, ferner die
Vertreter der früher mit der A. E. G. fusionierten Konzerne der
„Union“, der Lahmeyerwerke, der Felten & Guilleaume-Gesellschaft.
Auch die beiden großen Berliner Kohlenhändler Eduard Arnhold in
Firma Caesar Wollheim und Fritz von Friedländer-Fuld waren in
ihm vertreten. Als Fachleute, die für eine industrie-technische
Kontrolle in Betracht kamen, konnten eigentlich nur die früheren,
inzwischen in den Aufsichtsrat gewählten Vorstandsmitglieder und
einige wissenschaftliche Praktiker oder Konstrukteure, wie Geheimrat
Dr. Kirchhoff und bis zu seinem Tode v. Hefner-Alteneck gelten. Den
Vorsitz im Aufsichtsrat führten nach Georg v. Siemens Ausscheiden zwei
Exzellenzen, zuerst der preußische Staatsminister a. D. Herrfurth,
dann der Staatssekretär a. D. Hollmann, Repräsentationsfiguren, die
offenbar Beziehungen zu Regierungskreisen herstellen sollten und in
dieser Hinsicht auch wertvolle Dienste leisten konnten, namentlich
in einer Zeit, in der die A. E. G. als jüngeres Unternehmen noch mit
dem alten Ruhm und Ruf, den die Konkurrenzfirma Siemens & Halske
namentlich bei Behörden sich erhalten hatte, ringen mußte. Der
eigentlich geschäftsführende Vorsitzende war in jenen Zeiten Carl
Fürstenberg, der finanzielle Vertrauensmann und Freund Emil Rathenaus,
der den Titel eines stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden
führte. Nach dem Ausscheiden Hollmanns wurde Dr. Walther Rathenau
Aufsichtsratsvorsitzender der Gesellschaft und erhielt nach dem Tode
Emil Rathenaus als solcher den Titel Präsident der A. E. G. Mit diesem
war eine ausgedehnte und dauernde Arbeitsstellung verbunden, in die
ein Teil der früher von Emil Rathenau erfüllten Obliegenheiten, u. a.
die Zusammenfassung der Gesamtpolitik der A. E. G., eingebracht wurde,
während den anderen Teil der Vorsitzende des Direktoriums Geheimrat
Felix Deutsch übernahm.

Die ungewöhnliche und geistig leitende Stellung, die dem einzig
überlebenden Sohne Emil Rathenaus in der von diesem geschaffenen,
aber doch längst über die Grenzen eines persönlichen und privaten
Unternehmens hinausgewachsenen Gesellschaft von den bewährten
Mitarbeitern des Gesellschaftsgründers bereitwillig eingeräumt wurde,
findet ihre hinreichende Erklärung nicht in einem traditionellen
Erbgange, nicht in dem Streben nach einer Fortführung der „Dynastie
Rathenau“ aus dekorativen Gründen. Dem verständnisvollen Leser dieses
Buches braucht nicht gesagt zu werden, daß nur +sachliche+ Gründe
zu verantwortlichen Stellungen in der A. E. G. führen, daß solche
Stellungen nicht ererbt werden konnten, sondern erworben werden mußten.
Um den Nachweis für die Richtigkeit dieser Ansicht zu führen, aber auch
deswegen, weil es für das Charakterbild des Vaters nicht ohne Wert sein
kann, wenn dem Wesen und Wirken der Kinder -- ebenso wie dem der Eltern
-- nachgegangen wird --, wollen wir uns mit den Gestalten der Söhne
Emil Rathenaus an dieser Stelle kurz befassen. Der Anteil, den sie an
der Schöpfung des Vaters genommen haben, war nicht gering; er war auch
nicht äußerlich und zufällig, sondern innerlich und sozusagen organisch.

Emil Rathenaus Söhne sind beide keine Epigonennaturen gewesen. Sie
haben ihr Licht nicht nur von dem väterlichen Gestirn erhalten, sondern
durch ausgeprägte Eigenleistungen gezeigt, daß die Kraft des Stammes,
die das Genie des Vaters formte, in ihnen nicht ermüdete, sondern
lebendig blieb. Der jüngere von ihnen, +Erich+ Rathenau ist an der
Schwelle der Mannesjahre einem tückischen Leiden erlegen, das ihn schon
in den Knabenjahren befiel. Wohl kein Ereignis seines Lebens hat den
Vater so schwer getroffen, wie dieses Leiden und dieser Tod, es hat ihn
jahrelang der Geselligkeit und eine Zeitlang fast dem Werke entfremdet.
Erich Rathenau wird von allen, die ihn kannten, als ein gradliniger,
schlichter und gütiger Mensch geschildert. Er hatte ohne Zweifel das
Zeug zu einem hervorragenden Techniker. Das Kabelwerk der A. E. G.,
das er leitete, hat er zur Vollendung entwickelt. Es war keine Phrase,
wenn Emil Rathenau, als ihm in einer Generalversammlung vorgeworfen
wurde, daß er nun auch noch seinen zweiten Sohn in den Vorstand der A.
E. G. berufen lasse, sein Vorgehen in folgender Weise begründete: „Dem
tüchtigen Fachmann Erich Rathenau sind von der Konkurrenz so glänzende
Anerbietungen gemacht worden, daß es besonderer Gegenleistungen seitens
der A. E. G. bedarf, um ihn zu halten.“

+Walther+ Rathenau, sein älterer Bruder, ist eine kompliziertere
Natur. Auch er ging vom Technischen aus. Als Ingenieur war er
in schaffender Weise an der Ausbildung der elektrochemischen
Arbeitsgebiete der A. E. G. beteiligt, baute und leitete sieben
Jahre hindurch die drei Fabriken der Elektrochemischen Werke G. m.
b. H., deren Chlorverfahren er selbständig entwickelt hatte. Im
Jahre 1899 trat er in den Vorstand der A. E. G., übernahm dort die
Abteilung „Zentralenbau“ und führte insbesondere das Baugeschäft
für fremde Rechnung, das vorher etwas vernachlässigt worden war,
zu ansehnlichem Wachstum. Im Jahre 1901 wurde er mit Karl Frey
Administrateur der Elektrobank in Zürich, deren Geschäftskreis er ganz
selbständig verwaltete und deren Geschäftsmethoden er reformierte;
eine Tätigkeit, die ihn zu weitgehender Mitwirkung an dem Aufbau
des Trust- und Finanzsystems der A. E. G. berief und fähig zeigte.
Die Besserung der Beziehungen zu der Konkurrenzfirma Siemens &
Halske, die eine Verständigung über das Zentralengeschäft und die
Bildung des Kabelkartells ermöglichte, hat er durch ausgesprochenes
Verhandlungsgeschick angebahnt. Besonders war seine Hand bei den
großen Ausdehnungsgeschäften der A. E. G. zu spüren. Die Aufnahme
der Schuckert-Gesellschaft, für die er sich nach gründlicher
Untersuchung der Verhältnisse entschieden ins Zeug legte, konnte
er im Vorstandskollegium nicht durchsetzen. Dieses Schicksal eines
persönlichen Projektes, dessen Mißlingen er als einen großen und
dauernden Verlust für die A. E. G. ansah, veranlaßte ihn im Jahre 1902
aus dem Vorstand der A. E. G. auszuscheiden und einer Aufforderung
Karl Fürstenbergs zu folgen, in die Berliner Handelsgesellschaft als
Geschäftsinhaber einzutreten. Aber auch nach seinem Austritt blieb
Walther Rathenau in enger Fühlung mit der A. E. G., zumal da er seine
Stellung als Administrateur der Elektrobank beibehielt. Bei der
Verschmelzung der A. E. G. mit der „Union“ wirkte er in weitgehender
Weise mit; den Zusammenschluß mit dem Lahmeyer-Konzern, der ja von der
Elektrobank seinen Ausgang nahm, hat er fast selbständig entworfen,
desgleichen die erst nach dem Tode Emil Rathenaus eingeleitete Serie
der B. E. W.- und Elektrowerke-Transaktionen, durch die die Berliner
Elektrizitätswerke Akt. Ges. nach der Verstadtlichung ihrer Berliner
Zentralen durch Überführung des größten Teils der Aktien mit der A.
E. G. nahe verbunden und dann von dem ihr zur Last gewordenen Besitz
an den Elektrowerken in Bitterfeld befreit wurde. Bei allen diesen
Entwürfen kamen ihm sein Sinn für die Architektur großer Transaktionen
und seine konstruktive Begabung zustatten, die er während des Krieges
in noch größerem Rahmen bei der Rohstoffsicherung für die Zwecke des
deutschen Heeresbedarfs erweisen konnte.

Hatte sich in Erich Rathenau die naive Seite des väterlichen
Charakters fortentwickelt, so war Walthers Erbteil die Größe und
Schärfe des Denkens. Eine Erscheinung von ausgesprochener und sehr
bewußter Geistigkeit, die sich nicht auf das Fachgebiet des Vaters
oder das eigene beschränkte, sondern die allgemeinen Probleme des
wissenschaftlichen, künstlerischen und gesellschaftlichen Lebens ihrer
Zeit in den Brennspiegel ihrer Persönlichkeit zog. Die nicht nur in
den +Schaffens-+, sondern auch in den +Lebensformen+, mit
denen der Vater, wie wir gesehen haben, im Kleinbürgertum seiner
Herkunft haften geblieben war, frei zum Weltbürgertum emporwuchs
und darum ihrer Geistigkeit auch Kultur zu geben verstand. Daß eine
solche Entwickelung auch zu schriftstellerischer Betätigung drängen
mußte, ist verständlich. An dieser Stelle das Bild des Schriftstellers
Walther Rathenau und seines litterarischen Schaffens zu zeichnen, ist
unmöglich. Aber wenn wir feststellen, daß er Tiefe des Gedankens mit
einer ungewöhnlichen Plastik der Darstellungsweise, Originalität der
Anschauung mit einem sicheren Blick für das Praktische zu verbinden
weiß, sind wir uns der Zusammenhänge bewußt, die zwischen dem Geist des
Vaters und dem des Sohnes bestehen.

                           *               *
                                   *

Haben wir im Vorstehenden geschildert, wie Emil Rathenau die
Menschen als einzelne Persönlichkeiten behandelte, so bleibt noch
zu untersuchen, wie er zu den +Menschengruppen+, zu den
Kollektivpersönlichkeiten stand, mit denen er in Berührung kam.
Rathenau hatte, wie fast alle bedeutenden Industriellen seiner Epoche,
keinen ausgesprochenen Sinn und kein unmittelbares Interesse für das
+Soziale+. Er war nicht gerade antisozial, aber er war asozial.
Das Schicksal der Arbeiter- und Beamtenklasse interessierte ihn nicht
um dieser Menschenschichten oder um der Menschheit willen, sondern weil
er mit ihnen zu tun hatte, sie für seine industriellen Zwecke und Pläne
brauchte. Daß die meisten Industriepolitiker keine Sozialpolitiker
sind, ist erklärlich. Um ein bedeutender Industriepolitiker zu werden
und zu sein, braucht man die Arbeit eines ganzen Lebens und oft reicht
sie nicht einmal dazu hin. Auch die Sozialpolitik braucht ihren ganzen
Mann. Dazu kommt, daß der Industrielle, der verdienen, das Verhältnis
zwischen Einnahmen und Ausgaben ständig verbessern will, als größten
Widerstand auf diesem Wege die ständige Forderung des Arbeiters und
Beamten nach höherer Entlohnung, höherem Anteil am Produktionsertrag
findet. Der Fabrikant, dessen Streben in der Gegenrichtung fortdrängt,
hat es naturgemäß am schwersten, den Standpunkt der arbeitenden Klassen
zu begreifen. Denn er muß erst sich selbst ausschalten, seine stärksten
Ichgefühle neutralisieren, ehe er beginnen kann, sich in die Seele des
Arbeiters einzufühlen. So einfach, so primitiv und brutal darf man
den Gegensatz natürlich nicht darstellen, als ob die unersättliche
Geldgier des reichen Produzenten dem armen Arbeiter nicht von seinem
Überfluß ein Teilchen zur Verbesserung seiner Existenzbedingungen
abgeben will. Gewiß, auch das hat es häufig gegeben und gibt es wohl
auch noch. Aber gerade bei industriellen Schöpfernaturen spielt das
Geld nicht die ausschlaggebende Rolle, sondern die Kalkulation,
die Ökonomie des Produktionsprozesses, das Gedeihen des Werkes.
Gerade die tiefsten Verelendungen der Arbeiterklasse hatten ihren
Ursprung nicht in der Willkür zu reichlich verdienender Fabrikanten,
sondern in der Verschlechterung der Produktionsbedingungen für den
Industriellen, häufig sogar in dem Aufkommen neuer überlegener
Produktionseinrichtungen, die die Herstellung der nach den alten
Verfahren arbeitenden Unternehmer unrentabel machten und sie zum
Lohndruck zwangen.

Emil Rathenau hat sich mit der Sozialwissenschaft, die derartige
soziale Übergangskatastrophen zu verhindern oder doch zu mildern
suchte, nicht bewußt beschäftigt, ebenso wenig war er allerdings auch
konsequenter Antisozialist, wie zum Beispiel Kirdorf. Er war in dieser
Hinsicht, wie in mancher anderen, Unternehmer, Realist und Rationalist
und suchte mit dem Sozialismus, den er als eine wurzelstarke,
unausrottbare Bewegung erkannt hatte und mit dem er darum rechnen
mußte, so gut wie möglich fertig zu werden. Konflikte suchte er so
lange als möglich zu verhindern, denn er wußte, daß eine Niederlage für
den Arbeitgeber verhängnisvoll werden konnte, daß ein Sieg die Lage für
ihn nur auf eine verhältnismäßig kurze Zeit sicherte und den Keim zu
immer neuen Kämpfen bildete. Dabei war seine Art, der Arbeiterbewegung
Konzessionen zu machen, keineswegs die alte patriarchalische, die
sich vorzugsweise an das Gemüt wendet und die auch in ganz großen
Betrieben, wie zum Beispiel bei der Firma Fried. Krupp noch gepflegt
wird. Seine Methode war vielmehr eine ganz nüchtern rechnungsmäßige,
die an den Verstand appelliert und vom Verstande geleitet wird.
Während der Patriarchalismus manchen Forderungen des Sozialismus,
rein sachlich betrachtet, entgegenkommt, aber stets betont, daß er
diese Konzessionen freiwillig, gewissermaßen als Wohltat gewähre, dem
Arbeitenden jedoch keinen Anspruch auf sie einräumen will, war es
Rathenau ziemlich gleichgültig, in welcher Form er die Forderungen der
Arbeiter erfüllte. Wenn er sachlich etwas geben mußte, hielt er sich
nicht lange bei der Formfrage auf, ob er den Arbeitenden ein Recht
einräume, oder ob er ihnen ein Geschenk mache. Die Hauptfrage war für
ihn der rechnerische Effekt, die Einwirkung auf die Ökonomie. Erschien
diese ihm zu nachteilig, so ließ er es lieber auf den Kampf ankommen,
ehe er nachgab. Im anderen Falle war er zum Entgegenkommen bereit,
sofern er den Eindruck hatte, daß der Gegner stark genug war, um einen
Arbeitskampf wagen zu können. Im allgemeinen huldigte er der Ansicht,
daß es auch wirtschaftlich zweckmäßig sei, Störungen der industriellen
Arbeit möglichst zu vermeiden, da sie auch dem Unternehmer häufig mehr
schaden könnten als Zugeständnisse, die er den Arbeitern machte und die
vielleicht durch Verbesserung der Arbeitsmethoden wieder ausgeglichen
werden konnten. Von Arbeitskämpfen aus prinzipiellen Gründen wollte er
nicht viel wissen, und vermied sie, wenn es irgend angängig war.

Naturgemäß haben sich seine Anschauungen und Methoden auch in der
Arbeiterfrage im Laufe der Zeit verändert und entwickelt. Vor einer
Reihe von Jahren hielt ihm einmal jemand vor, daß er in der Zeit der
Hochkonjunktur viele Arbeiter eingestellt habe, die er dann in der
Periode des Rückschlags nicht behalten konnte. Er erwiderte: „Habe
ich denn diese Arbeiter alle gezeugt, daß ich +verpflichtet+
bin, sie zu beschäftigen? Wenn ich Arbeit für sie habe und sie zu
mir kommen, gebe ich ihnen Beschäftigung, habe ich keine Arbeit mehr
für sie, muß ich sie entlassen.“ -- Von diesem Standpunkt kam er mit
den Jahren immer mehr ab, je klarer er erkannte, wie vorteilhaft es
vom geschäftlichen Standpunkt für ein Großunternehmen ist, einen
dauernden, treuen und geübten Arbeiterstamm zu besitzen. Natürlich
führte er diese Ansicht nicht bis zu der Konsequenz durch, nun
überhaupt keinen Arbeiter mehr zu entlassen, auch wenn es für ihn
an Beschäftigung fehlte. Aber er suchte die Entlassungen möglichst
einzuschränken, indem er für Arbeiter, deren Tätigkeit auf einem Gebiet
beendigt war, neue Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen bestrebt war und
zur Erreichung solcher Zwecke auch Opfer nicht scheute, von denen er
wußte, daß sie sich später wieder bezahlt machen würden. Übrigens trug
sein kaufmännisches System, die A. E. G. vor Beschäftigungskrisen
sicherzustellen und die Produktion auch in schlechten Zeiten konstant
zu erhalten, naturgemäß dazu bei, auch die Arbeiterverhältnisse in
ihren Betrieben zu festigen. Entlassungen fanden in späteren Jahren
weniger in Zeiten des Konjunkturrückganges als infolge der Einführung
neuer arbeitersparender Produktionsmethoden statt. Hier war aber der
Arbeiterrückgang meist nur ein ganz vorübergehender, denn solche neuen
Produktionsmethoden pflegten sehr schnell den Bedarf anzuregen und
damit auch die Nachfrage nach Arbeitern wieder zu heben.

In der +Angestelltenfrage+ war der Standpunkt Rathenaus
grundsätzlich derselbe wie in der Arbeiterfrage. Er stellte sich auf
den Boden einer nüchternen Tatsachenpolitik, und wenn die Angestellten
bei ihm trotzdem nicht dasselbe erreichten wie die Arbeiter, so liegt
das daran, daß ihnen die Macht und Solidarität des Zusammenschlusses
nicht in demselben Maße zur Seite stand, die ihren Forderungen
denselben Nachdruck hätte geben können wie der Arbeiterschaft. Immerhin
versuchte er, soweit es bei einem so großen Betrieb möglich ist, den
tüchtigen Angestellten den Aufstieg aus den niedrigsten Regionen zu
ermöglichen. Die Verbesserung der sozialen Lage des Durchschnitts ging
nur schrittweise vor sich.

Ein eigenartiges Kapitel im sozialen Leben Rathenaus betrifft die
+Frauenarbeit+. Er schätzte an Frauen besonders die Weiblichkeit,
und infolgedessen entsprach seinem Gefühl die Frauenarbeit recht wenig.
Als ihm aber manche seiner Mitarbeiter rechnerisch überzeugend deren
Vorteile für das Unternehmen dargelegt hatten, gab er seinen Widerstand
auf und ließ sogar zu, daß Frauen von der A. E. G. in großem Umfange
eingestellt wurden. In seinem innersten Empfinden blieb er aber immer
ungläubig und als einmal in irgend einer Zeitung die Meldung zu lesen
war, daß die Baltimore- und Ohio-Bahn eine Statistik aufgemacht habe,
nach der die Bezahlung der Frauen bei dieser Gesellschaft um 30%,
die Leistung aber um 50% geringer sei als die der Männer, ließ er
überall nachforschen, um Näheres über diese Statistik zu ermitteln.
Die Ermittelungen fielen negativ aus und es erwies sich, daß die
Baltimore-Ohio-Bahn überhaupt keine Statistik dieser Art angefertigt
habe. -- Die Beamten, die er mit dieser Nachforschung beauftragt
hatte, waren nicht wenig erstaunt, als Rathenau wenige Tage nachher
gelegentlich des Empfanges einer Studiengesellschaft eine Rede hielt,
in der er die Vorteile der Frauenarbeit begeistert pries und mit Stolz
darauf hinwies, daß bei der A. E. G. schon seit langem die Frauenarbeit
in großem Maßstabe gepflegt würde.

Im Endeffekt hat natürlich Emil Rathenau, wie jeder andere große
Entwickeler industrieller Arbeit, auch sozial fördernd gewirkt.
Industrie schaffen, heißt Arbeit schaffen und die Bedingungen der
Industrie verbessern, heißt auch die Bedingungen der Arbeit verbessern,
wenngleich eine zu plötzliche, revolutionierende Verbesserung der
Industrietechnik vorübergehend auch auf die Arbeiterverhältnisse
drücken kann. Das von Adam Smith aufgestellte Lohngesetz, nach dem die
Industrie den Arbeiter stets nur so viel verdienen läßt, daß er gerade
sein Auskommen finden kann, hat doch heute nicht mehr volle Geltung.
Die soziale Bewegung, aber auch die großartige Industrieentwickelung
haben zweifellos in den letzten Jahrzehnten dahin gewirkt, die soziale
Lage zu mindestens des Standes der gelernten Arbeiter zu heben und sie
der des Kleinbürgertums anzunähern.


g)

Wir sind am Ende. Wir haben versucht, ein Menschenleben in seinem
Sein und Wirken zu schildern, das ein Heldenleben gewesen ist, wie
nur irgend eines, wenn ihm auch vielleicht der Schimmer der Romantik
gefehlt hat. An Kämpfen war dieses Leben reich und reich an Erfolgen.
Mit dem Leben hatte Emil Rathenau zu ringen, und zuletzt auch mit
dem Tode. Wer den Invaliden sah, als er sich, von dem ersten Anfall
der tückischen Krankheit kaum erholt, im Rollstuhl nach seinem
Arbeitszimmer am Friedrich Karl-Ufer fahren ließ, diese zitternden
Hände, diesen totenblassen Kopf, diese müden Züge, die einst von
Energie und Lebenswillen durchglüht gewesen waren, gab diesem Mann
nur noch wenige Wochen. Immer neue Attacken der Krankheit schüttelten
ihn. Er überwand sie und gewann noch ein paar Jahre. Im Mai 1914, als
ich ihn zum letzten Male aufsuchte, war er äußerlich ganz der alte.
Seinen künstlichen Fuß, den ihm ein Meister-Orthopäde konstruiert
hatte, betrachtete er nur als technisches Problem. In stundenlanger
Unterhaltung entwickelte er mir damals alle brennenden Fragen der
Elektrizitätsindustrie, jugendlich, frisch, zukunftsfreudig wie nur je,
ganz ungebrochener Geist, der sich die Materie untertan gemacht hat.
Ein Jahr später hatte die Materie doch den Geist überwunden. Am Tage
der Wiedereroberung von Lemberg schloß Emil Rathenau die Augen.

Können heute noch Männer seinesgleichen wachsen und werden? Die
Großen aus dem Reiche der Industrie sind gestorben oder sie altern.
Aus den Reihen der jungen Saat sehen wir noch keinen Halm, der über
die umstehenden Köpfe soweit hinausragt, wie Saul über die Propheten.
Unsere Industrieentwickelung ist voller aber auch ruhiger geworden. Es
sind nur Schritte vorwärts zu tun, langsame oder schnelle, aber keine
großen Distanzen mehr zu überspringen, im Sturmschritt zu durcheilen
wie zur Zeit, als Rathenau nicht nur selbst jung war, sondern das Glück
hatte, die Jugend einer Epoche zu erleben. Es fehlen die neuen, großen
jungfräulichen Probleme, an denen sich die Begabung zur Vollkraft
entwickeln, der Feuerfunke des Genius zum lodernden Brand entzünden
kann. -- Fehlen sie? Oder werden sie aus der ungeheuren Umwälzung
entstehen, in die dieser lange, schwere und zerstörende Krieg Europa
gestürzt hat und aus der seine Weltherrschaft nur eine ungeheure Arbeit
der Geister und Hände erretten könnte? -- Warten wir und hoffen,
daß uns Deutschen Männer wie Emil Rathenau wieder geschenkt werden,
die unsere Kraft der Organisation mit dem Blute der Persönlichkeit
durchtränken und zu noch höherem Werte emporheben können.



Wir machen bei dieser Gelegenheit noch besonders auf die früher
erschienenen Bände I-V der „Großen Männer“ aufmerksam.


Band I

Große Männer.

Von +Wilhelm Ostwald+, 3. u. 4. Aufl. Broschiert M. 14.--.

Die schnelle Folge der Auflagen ist ein Beweis dafür, wie dieses Werk
die öffentliche Meinung wachgerüttelt hat. Demgemäß haben denn auch
die vorliegenden Kritiken alle Stufen von glühendem Enthusiasmus bis
zu wütender Gegnerschaft durchmessen... Es sei wiederholt auf dieses
bedeutsame Buch hingewiesen, das die so wichtigen Gegenstände der
Erziehung und Bildung der Jugend in eine ganz neue Beleuchtung rückt
und aus deren Ergebnis einschneidende Verbesserungsvorschläge gewinnt.

    Frankfurter Zeitung.


Band II

Zur Geschichte der Wissenschaften und der Gelehrten seit zwei
Jahrhunderten

nebst anderen Studien über wissenschaftl. Gegenstände, insbesondere
Vererbung u. Selektion beim Menschen v. +Alphonse de Candolle+.
Deutsch herausgeg. v. +Wilh. Ostwald+. Brosch. M. 12.--, gebunden
M. 13.--.

... Die Umsicht und die Gewissenhaftigkeit, mit der das Material
bearbeitet ist, erweckt ebenso unsere Bewunderung, wie die
Bescheidenheit, mit der die Ergebnisse vorgetragen werden, unsere
Sympathie erregt. Forscher und Lehrer sollten sich mit dem Inhalt des
schönen Werkes vertraut machen.

    Prof. Schaum, Leipzig, in „Leipziger Neueste Nachrichten.“


Band III

Jacobus Henricus van’t Hoff.

Sein Leben und Wirken von +Ernst Cohen+, Prof. an der
Reichs-Universität zu Utrecht. Mit 2 Gravuren u. 90 Abbildungen.
Broschiert M. 14.75, gebunden. M. 16.--.

Das Aufsehen erregende Werk bildet einerseits einen wertvollen Beitrag
zur Geschichte der exakten Naturwissenschaften, insbesondere der
Chemie und sucht andererseits die Schätze aufzudecken, die der heutige
Schulbetrieb für einseitig begabte Menschen, die das Zeug zum „großen
Mann“ hätten, im Gefolge habe.

    „Jahresbericht für das höhere Schulwesen.“


BESTELLSCHEIN

Unterzeichneter bestellt hiermit von den im Verlage der

Akademischen Verlagsgesellschaft m. b. H. in Leipzig

erschienenen Bänden der „=Großen Männer=“:

    Bd. I: =Große Männer.= Von Wilh. Ostwald. Brosch. M. 14.--,
    gebd. M. 15.--

    Bd. II: =Zur Geschichte der Wissenschaften u. der Gelehrten
    seit zwei Jahrhunderten.= Von A. de Candolle -- Wilh. Ostwald.
    Brosch. M. 12.--, gebd. M. 13.--

    Bd. III: =Jac. Henr. van’t Hoff.= Von Ernst Cohen. Brosch. M.
    14.75, gebd. M. 16.--

    Bd. IV: =Victor Meyer.= Von Rich. Meyer. Brosch. M. 18.--,
    gebd. M. 20.--

    Bd. V: =Ernst Abbe.= Von F. Auerbach. Brosch. M. 18.--, gebd.
    M. 21.--

    Ort und Datum      Unterschrift (bitte recht deutlich):

    ...........................................................



GROSSE MÄNNER

Studien zur Biologie des Genies

Herausgegeben von

WILHELM OSTWALD


Band IV

VICTOR MEYER

Leben und Wirken eines deutschen Chemikers und Naturforschers 1848-1897

von

RICHARD MEYER

Geh. Rat, Professor an der Herzogl. Techn. Hochschule zu Braunschweig.

Mit 1 Titelbilde, 79 Textabbildungen und der Wiedergabe eines
Originalbriefes.

Geheftet M. 18.--; gebunden M. 20.--.

Aus dem Vorwort:

Das vorliegende Werk ist aus einem Nachruf hervorgegangen, den ich auf
Wunsch des Vorstandes der Deutschen Chemischen Gesellschaft verfaßt
habe und der in den Berichten der Gesellschaft (41, 4505) im Jahre
1909 erschienen ist. Wie ich damals ausführte, glaubte ich im ersten
Augenblick die Aufgabe, ein Lebensbild meines geliebten Bruders zu
entwerfen, nicht übernehmen zu können. Ich empfand nicht nur die
großen, allgemeinen Schwierigkeiten, sondern vor allem die besonderen
persönlichen Bedenken, welche sich aus meinem verwandtschaftlichen
Verhältnisse zu dem früh Geschiedenen ergaben. Sie wollten sich auch
durch die Erwägung nicht beschwichtigen lassen, daß die gemeinsam
verlebte Jugend und unsere durch ein ganzes Leben fortgesetzten
innigen Beziehungen mir eine Fülle von Erinnerungen und schriftlichen
Zeugnissen seiner Entwickelung hinterlassen haben, welche eine
wertvolle Grundlage für ein Lebensbild abgeben konnten. Die Bedenken
habe ich in eingehender Darlegung zum Ausdruck gebracht. Sie wurden
freundlich aber entschieden zurückgewiesen -- und so glaubte ich
mich der verantwortungsvollen und zugleich mir teuren Pflicht nicht
entziehen zu dürfen.

Als vier Jahre später die Akademische Verlagsgesellschaft mit der
Aufforderung an mich herantrat, eine ausführliche Biographie zu
verfassen, habe ich dem nach gründlicher Überlegung Folge gegeben. An
der Bearbeitung des Werkes hat meine Frau einen wesentlichen Anteil.
Von der Jugend her in inniger Freundschaft mit uns beiden verbunden,
stand sie meinem Bruder menschlich nahe und teilte seine künstlerischen
und literarischen Interessen. Manches hier Niedergeschriebene stammt
aus ihrer Feder, und vielfach ist die Grenze ihres und meines Anteils
verwischt.

Dem Texte sind zahlreiche Bildnisse von Personen eingefügt, welche mit
meinem Bruder in näherer wissenschaftlicher oder freundschaftlicher
Beziehung gestanden haben. Daher war ich bestrebt, die Betreffenden in
dem Alter wiederzugeben, in dem sie hauptsächlich mit meinem Bruder
verkehrten, was in den meisten Fällen, wenn auch nicht immer gelungen
ist.

Die Darstellung gliedert sich in zwei Abschnitte. Der erste enthält
die Schilderung des Lebensganges, im zweiten ist die wissenschaftliche
Lebensarbeit des Mannes im Zusammenhange dargestellt. Dabei konnte
es aber nicht fehlen, daß die Arbeiten auch schon im ersten Teile
berührt wurden, soweit sie das innere Leben beeinflußten, und
weil die Briefe vielfach ganz davon erfüllt sind. -- Den Schluß
bildet ein Anhang, welcher kurze biographische Notizen über die im
Text erwähnten Persönlichkeiten enthält. Dabei ließ ich mich von
demselben Gedanken leiten, welcher +G. W. A. Kahlbaum+ bei der
Herausgabe von +Liebigs+ Briefwechsel mit +Schönbein+ und
+Friedr. Mohr+ zur Anfügung umfassender Anmerkungen veranlaßte,
und welchen er durch die Worte zum Ausdruck brachte: „Als Ideal hat
uns vorgeschwebt, den Leser so zu stellen, als sei er ein Mitglied
des Freundeskreises +Liebig-Schönbein+ gewesen, und daher
über Menschen und Dinge, über Vorgänge und Arbeiten einigermaßen
orientiert.“ -- Dabei mußte ich auf einen Leserkreis Rücksicht nehmen,
der sich aus Chemikern und Nicht-Chemikern zusammensetzt.

Die Arbeit wurde im Januar 1914 begonnen. Während ich damit beschäftigt
war, brach der Weltkrieg aus, der natürlich hemmend darauf einwirken
mußte. Gleichwohl konnte ich sie zu Ende führen, und wenn jetzt der
ersehnte Friede anscheinend noch in unbestimmter Ferne liegt, so wird
doch vielleicht nach mehr als zweijähriger Kriegsdauer der Leserwelt
die Darbietung eines friedlichen Stoffes nicht unerwünscht sein.

    +Braunschweig+, im Oktober 1916.

    +Richard Meyer.+


Band V

ERNST ABBE

Sein Leben, sein Wirken, seine Persönlichkeit

nach den Quellen und eigenen Erinnerungen dargestellt

von

FELIX AUERBACH

Mit 1 Gravüre, 115 Abbildungen im Text und der Wiedergabe zweier
Originalschriftstücke.

    Geheftet M. 18.--            Gebunden M. 21.--.

Hiermit wird den Lesern die Lebensbeschreibung eines Mannes geboten,
der wegen der völligen Originalität seiner Persönlichkeit wie seines
Wirkens, durch die Mannigfaltigkeit seiner Betätigung und doch auch
wieder durch die einheitliche Größe seines Wesens das Interesse
weiterer Kreise erwecken und erfüllen muß, als es sonst Biographien tun
können. Hat doch Ernst Abbe nicht bloß in der wissenschaftlichen Optik
Bahnbrechendes geleistet, hat er doch nicht bloß die optische Industrie
auf eine Höhe gebracht, von der aus Deutschland jetzt auf die andern
Länder mit berechtigtem Stolze herabschaut; sondern auch auf einem ganz
andern Gebiete, als sozialer Reformator, Unvergleichliches geschaffen
-- auf einem Gebiete, auf dem es leicht ist zu reden und zu schreiben,
aber ebenso schwer zu handeln, schwer wegen der unumgänglichen
Voraussetzungen des Herzens, des Charakters und des Verstandes, an die
jenes Handeln geknüpft ist. Nur selten in Jahrhunderten finden sich
diese Voraussetzungen in einer und derselben Person vereinigt; bei
Abbe sind sie es gewesen, und so war diesem einfachen Arbeitersohn ein
innerer und äußerer Erfolg gleichen Maßes und größten Stils beschieden.
Im vorliegenden Buche wird, an der Hand des Quellenmaterials und
persönlichen Erlebnisses, unterstützt durch sorgfältig ausgewählte
Bildnisse und Illustrationen, der ganze Aufbau dieses Lebens
dargestellt, und das in einer Weise, die es auch dem Nichtfachmann
(und Abbe gegenüber sind wir das alle) ermöglicht, Schritt für Schritt
mitzugehen und die Entwickelung dieses wahrhaft großen Mannes zu
verfolgen -- nicht nur dem Gelehrten, dem Techniker, dem Industriellen,
dem Volkswirt; nein, auch ganz einfach dem Menschen, zu dem der große
Mensch eindringlich spricht. Den Beschluß des Buches bilden Beigaben
für den, der durch seine Lektüre zu eingehender Beschäftigung mit
seinem Gegenstande angeregt worden ist.



Fußnoten:

[1] Siehe „Der Staat und die Elektrizitätsversorgung“ von Dr. ing.
Gustav Siegel.

[2] In letzter Zeit hat die A. E. G. die Elektrowerke an den
Reichsfiskus verkauft.

[3] Abgedruckt in der „Elektrochemischen Zeitschrift“ 1916, S. 297 ff.

[4] Inzwischen ist die Besteuerung der Kohle ohne Zusammenhang mit dem
Elektrizitätsproblem bereits zur Durchführung gelangt, und zwar in viel
höherem Ausmaß, als es Klingenberg vorgeschlagen hatte.

[5] Nach Fertigstellung dieser Ausführungen hat der Verkehrsminister
v. Breitenbach im Abgeordnetenhause eine stärkere Betätigung des
preußischen Staates auf dem Gebiete der Großkrafterzeugung angekündigt
und Pläne entwickelt, die ganz in der Richtung der Rathenau’schen,
Siegel’schen und Klingenberg’schen liegen. Auch er mußte aber zugeben,
daß die Vorteile eines solchen Vorgehens zunächst nicht so sehr auf
dem staatsfinanziellen, als auf dem allgemeinwirtschaftlichen Gebiete
liegen würden.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter" ***

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