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Title: Freiland - Ein sociales Zukunftsbild
Author: Hertzka, Theodor
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Freiland - Ein sociales Zukunftsbild" ***

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                               Freiland.



                               Freiland.


                       Ein sociales Zukunftsbild
                                  von
                            Theodor Hertzka.


                     Vierte durchgesehene Auflage.


                          Dresden und Leipzig.
                          E. Pierson's Verlag.

                        Alle Rechte vorbehalten.



                      Vorrede zur vierten Auflage.


Auch die dritte Auflage ist vergriffen, kaum daß sie die Presse zu
verlassen vermochte, und so übergebe ich denn meinen Lesern diese
vierte. Möge sie vereint mit ihren Vorgängerinnen dahin wirken, daß der
Gedanke, dem ich in den nachfolgenden Blättern Worte leihe, möglichst
rasch zur That werde.

_Wien_ im August 1890.

                                                      Theodor Hertzka.



                                Inhalt.


        Erstes Buch.
    1.  Kapitel          3
    2.  Kapitel          9
    3.  Kapitel         21
    4.  Kapitel         34
    5.  Kapitel         47
    6.  Kapitel         58
    7.  Kapitel         69
        Zweites Buch.
    8.  Kapitel         79
    9.  Kapitel         94
   10.  Kapitel        105
   11.  Kapitel        110
   12.  Kapitel        127
        Drittes Buch.
   13.  Kapitel        143
   14.  Kapitel        155
   15.  Kapitel        169
   16.  Kapitel        181
   17.  Kapitel        192
   18.  Kapitel        200
   19.  Kapitel        209
   20.  Kapitel        222
   21.  Kapitel        240
   22.  Kapitel        251
        Viertes Buch.
   23.  Kapitel        267
   24.  Kapitel        283
   25.  Kapitel        295
   26.  Kapitel        307
   27.  Kapitel        321
        Schlußwort     334



                              Erstes Buch.



                              1. Kapitel.


Um die Mitte des Monats Juli des Jahres 18.. war in den angesehensten
Zeitungen Europas und Amerikas folgende Ankündigung zu lesen:

                  »Internationale freie Gesellschaft.

Eine Anzahl von Männern aus allen Teilen der civilisierten Welt hat sich
zu dem Zwecke vereinigt, einen praktischen Versuch zur Lösung des
socialen Problems ins Werk zu setzen.

Diese Lösung suchen und finden dieselben in der Schaffung eines
Gemeinwesens auf Grundlage vollkommenster Freiheit und wirtschaftlicher
Gerechtigkeit zugleich, d. i. eines solchen, welches, bei unbedingter
Wahrung des individuellen Selbstbestimmungsrechtes, jedem Arbeitenden
den ganzen und ungeschmälerten Genuß der Früchte seiner eigenen Arbeit
gewährleistet.

Zum Zwecke der Gründung eines solchen Gemeinwesens soll auf bisher
herrenlosem aber fruchtbarem und zur Besiedelung wohlgeeignetem Gebiete
ein größerer Landstrich besetzt werden.

Auf diesem ihrem Gebiete wird die freie Gesellschaft keinerlei Eigentum
an Grund und Boden anerkennen, ebensowenig dasjenige eines Einzelnen,
als ein solches der Gesamtheit.

Behufs Bearbeitung des Bodens, wie überhaupt zum Zwecke jeglicher
Produktion, werden sich Associationen bilden, deren jede sich nach
eigenem Gutdünken selber verwalten und den Ertrag ihrer Produktion unter
ihre eigenen Mitglieder je nach deren Leistung verteilen wird. Jedermann
hat das Recht, sich einer beliebigen Association anzuschließen und
dieselbe nach freier Willkür zu verlassen.

Die Arbeitskapitalien werden den Produzenten zinslos von
Gesellschaftswegen zur Verfügung gestellt, müssen jedoch von denselben
zurückerstattet werden.

Arbeitsunfähige und Frauen haben das Recht auf auskömmlichen Unterhalt
von Gesellschaftswegen.

Die zu obigen Zwecken, sowie zu sonstigen gemeinnützigen Ausgaben
erforderlichen Geldmittel werden durch eine auf das Reineinkommen
jeglicher Produktion gelegte Abgabe beschafft.

Die Internationale freie Gesellschaft verfügt derzeit schon über eine
Mitgliederzahl und über Kapitalien, die zur Durchführung ihres Planes --
wenn auch nur in bescheidenem Maßstabe -- ausreichen. Da sie jedoch
einerseits der Ansicht ist, daß der Erfolg ihres Versuches desto
sicherer und durchgreifender ausfallen muß, mit je größeren Mitteln
derselbe ins Werk gesetzt wird, andererseits etwaigen Gesinnungsgenossen
Gelegenheit geboten werden soll, sich an dem Unternehmen zu beteiligen,
so tritt sie hiermit vor die Öffentlichkeit und giebt bekannt, daß
Anfragen oder Mitteilungen, welcher Art immer, an das Bureau der
Gesellschaft: Haag, Boschstraße 57 zu richten sind. Auch wird die
Internationale freie Gesellschaft am 20. Oktober l. J. im Haag eine
öffentliche Versammlung abhalten, in welcher die letzten Beschlüsse vor
praktischer Inangriffnahme des Werkes gefaßt werden sollen.

                               Für den geschäftsführenden Ausschuß der
                                  Internationalen freien Gesellschaft.
                                                        _Karl Strahl._

Haag, im Juli 18..«

                   *       *       *       *       *

Diese Ankündigung rief in der gesamten Presse eine nicht geringe
Aufregung hervor. Der Name des für den geschäftsführenden Ausschuß
Unterschriebenen beseitigte von vornherein den sonst so naheliegenden
Gedanken an irgend eine Mystifikation oder Unlauterkeit, denn Dr. Karl
Strahl war nicht bloß als Mann von geachteter socialer Stellung, sondern
auch als einer der ersten volkswirtschaftlichen Schriftsteller
Deutschlands rühmlichst bekannt. Man mußte also das seltsame Projekt
ernst nehmen und die Zeitungen verschiedenster Parteirichtung
bemächtigten sich alsbald desselben mit größtem Eifer. Lange vor dem 20.
Oktober gab es diesseits wie jenseits des atlantischen Ozeans kein
Journal, das nicht zu der Frage Stellung genommen hätte, ob die
Verwirklichung der von der Freien Gesellschaft angekündigten Pläne in
den Bereich des Möglichen oder des Utopischen gehöre; diese Gesellschaft
selbst aber mengte sich nicht in den Kampf der Zeitungen. Es war
offenbar zunächst nicht ihre Absicht, die Gegner durch theoretische
Beweise zu gewinnen; sie wollte allfällige Gesinnungsgenossen an sich
ziehen und dann handeln.

Als der 20. Oktober herannahte, zeigte es sich, daß selbst der größte im
Haag vorhandene öffentliche Saal nicht genügen würde, die Menge der
erschienenen Mitglieder, Gäste und Neugierigen zu fassen; es erwies sich
daher als notwendig, zum mindesten die letztere Kategorie des
Auditoriums durch irgend ein Mittel einzuschränken, welches Mittel denn
auch darin gefunden wurde, daß die von fernher zugereisten Gäste zwar
unentgeltlich, die Ortsansässigen dagegen bloß gegen Erlegung von 20
holländischen Gulden Eintrittskarten erhielten. (Der Erlös dieser Karten
wurde dem Haager Krankenhause zugewiesen.) Nichtsdestoweniger war der
2000 Personen fassende Versammlungssaal am Morgen des 20. Oktober bis in
den letzten Winkel gefüllt.

Unter atemloser Spannung aller Anwesenden nahm der Vorsitzende -- Dr.
Strahl -- das Wort, um die Versammlung zu eröffnen und zu begrüßen. Die
alle Erwartungen der Einberufer überflügelnde Zahl der neuen Mitglieder
und die Höhe der gezeichneten Beiträge zeuge dafür, daß die Bedeutung
des von der Internationalen freien Gesellschaft beabsichtigten
Unternehmens heute schon, noch bevor die Thatsachen gesprochen, vollauf
erkannt worden sei von Tausenden aus allen Teilen der bewohnten Erde
ohne Unterschied des Geschlechtes und der Lebensstellung. »Die
Überzeugung, daß das Gemeinwesen, an dessen Gründung wir nunmehr
schreiten,« so fuhr Redner fort -- »bestimmt ist, Armut und Elend an der
Wurzel zu fassen und mit diesen zugleich auch all jenen Jammer und die
Reihe von Lastern zu vernichten, die als Folgeübel des Elends anzusehen
sind, sie drückt sich nicht bloß in den Worten, sondern auch in der
Handlungsweise des größten Teiles unserer Mitglieder aus, in der hohen,
opferfrohen Begeisterung, mit der sie -- ein Jedes nach seinen Kräften
-- zur Verwirklichung des gemeinsamen Zieles beigesteuert haben. Als wir
unseren Aufruf erließen, waren wir unser 84, das Vermögen, über welches
wir verfügten, betrug 11400 Pfund Sterling; heute besteht die
Gesellschaft aus 5650 Mitgliedern, ihr Vermögen beträgt 205620 Pfd.
Sterling.« (Hier wurde der Vorsitzende von minutenlangem Applaus
unterbrochen.) »Es ist selbstverständlich, daß eine solche Summe nicht
von jenen Elendesten der Elenden allein aufgebracht werden konnte, die
man gemeinhin als bei der Lösung des socialen Problems ausschließlich
interessiert anzusehen gewohnt ist. Noch deutlicher wird das, wenn man
die Liste unserer Mitglieder im Einzelnen durchmustert. Unwiderstehlich
drängt sich dabei die Erkenntnis auf, daß Ekel und Grauen vor den
socialen Zuständen der Gesellschaft allgemach auch jene Kreise ergriffen
hat, die scheinbar Vorteil ziehen aus den Entbehrungen ihrer enterbten
Mitmenschen. Denn -- und darauf möchte ich besonderen Nachdruck legen --
diese Wohlhabenden und Reichen, die zum Teil mit vielen Tausenden von
Pfunden an unserer Kasse erscheinen, sie sind bis auf geringe Ausnahmen
nicht bloß als Helfer, sondern zugleich als Hilfesuchende beigetreten,
sie wollen das neue Gemeinwesen nicht bloß für ihre darbenden Mitbrüder,
sondern zugleich für sich selber gründen. Und daraus mehr als aus allem
Anderen schöpfen wir die felsenfeste Überzeugung vom Gelingen unseres
Werkes.«

Neuerdings unterbrach langandauernder, jubelnder Applaus den
Vorsitzenden; als die Ruhe wieder hergestellt war, schloß dieser
folgendermaßen seinen kurzen Vortrag:

»In Ausführung unseres Programms soll ein annoch herrenloser größerer
Landstrich zum Zwecke der Gründung eines unabhängigen Gemeinwesens
erworben werden. Es fragt sich nunmehr, welchen Teil der Erde wir zu
solchem Vorhaben wählen wollen. Europäisches Gebiet kann aus
naheliegenden Gründen nicht in Frage kommen; auch in Asien würden wir
überall, zum mindesten dort, wo Ansiedler kaukasischer Rasse gedeihen
könnten, leicht in Kollision mit alten Rechts- und Gesellschaftsformen
geraten. In Amerika und Australien ist zwar zu erwarten, daß die
dortigen Staaten uns bereitwillig Raum und Freiheit der Bewegung
einräumen würden, aber auch dort könnte unser junges Gemeinwesen nur
schwer jene ungestörte Ruhe und Sicherheit vor feindlichen Angriffen
gewährleistet erhalten, die insbesondere für den Anfang eine der
Voraussetzungen raschen und ungetrübten Erfolges ist. Bleibt also nur
Afrika, der älteste und doch der jüngstentdeckte Weltteil. Dessen
centrales Innere ist der Hauptsache nach herrenlos, dort finden wir
nicht bloß schrankenlosen Raum und ungestörte Ruhe zur Entfaltung,
sondern bei richtiger Wahl auch die denkbar günstigsten Verhältnisse des
Klimas und der Bodenbeschaffenheit. Gewaltige Hochländer, welche die
Vorzüge der Tropen und unserer Alpenwelt in sich vereinigen, harren dort
noch der Besiedelung. Die Verbindung mit diesen, tief im Inneren des
dunklen Weltteiles gelegenen Bergländern ist allerdings schwierig, aber
gerade das ist's, was uns für den Anfang notthut. Wir schlagen Ihnen
daher vor, die neue Heimat im äquatorialen Innerafrika zu suchen. Und
zwar denken wir zunächst an das Hochgebirge des Kenia, das ist an das
Land östlich vom Ukerewesee, zwischen dem 1. Grade südlicher bis zum 1.
Grade nördlicher Breite und zwischen dem 34. bis 38. Grade östlicher
Länge. Dort glauben wir die geeignetsten Gebiete für unsere Zwecke
finden zu können. Ist die Versammlung mit dieser Wahl einverstanden?«

Allgemeine Zustimmung folgte und stürmische Rufe: »Vorwärts, lieber
heute als morgen!« wurden laut. Unverkennbar zeigte sich, daß die
Mehrzahl gewillt war, sofort aufzubrechen. Neuerdings nahm jetzt der
Vorsitzende das Wort:

»So rasch geht dies denn doch nicht, meine Freunde. Die neue Heimat muß
erst gesucht und erworben werden; das aber ist ein schwieriges und
gefahrvolles Unternehmen. Durch Wüsteneien und unwirtliche Wälder führt
der Weg, Kämpfe mit feindseligen wilden Stämmen werden vielleicht nicht
zu vermeiden sein, und zu all dem taugen nur kräftige Männer, nicht
Frauen, Kinder und Greise. Auch die Verpflegung eines viele Tausende
umfassenden Auswandererzuges durch jene Gebiete muß erst noch organisirt
werden, kurzum: es ist durchaus notwendig, daß der Masse der Unseren
eine Schar erlesener Pfadfinder vorausgehe. Erst wenn diese ihre Aufgabe
gelöst haben, können die Anderen nachfolgen.

»Damit nun alles Erforderliche mit möglichster Kraft, Umsicht und
Raschheit ins Werk gesetzt werde, ist einheitliche, zielbewußte Leitung
vonnöten. Bisher lagen die Geschäfte der Gesellschaft in den Händen
eines Zehnerausschusses; da die Mitgliederzahl inzwischen so stark
gestiegen ist und noch fernerhin steigen wird, so wäre eine Erneuerung
oder zum Mindesten eine Ergänzung der Geschäftsleitung durch die
neuhinzugetretenen Elemente im Wege freier Wahl höchst wünschenswert;
trotzdem können wir Ihnen eine solche jetzt nicht empfehlen, und zwar
aus dem Grunde, weil die neuen Mitglieder einander nicht kennen, und so
rasch auch nicht genügend kennen lernen werden, um Wahlen vorderhand als
etwas anders, denn als ein bloßes Spiel des Zufalls erscheinen zu
lassen. Wir verlangen vielmehr von Ihnen eine Bestätigung unserer
Vollmacht, verbunden mit der Befugnis, uns durch Cooptirungen aus Ihrer
Mitte nach unserem Ermessen verstärken zu dürfen. Und zwar bitten wir um
diese Vollmachten, die übrigens durch Beschluß Ihrer Vollversammlung
jederzeit widerrufbar sein sollen, für die Dauer von zwei Jahren. Nach
Ablauf dieser Frist werden wir, das ist unsere feste Zuversicht, die
neue Heimat nicht blos gefunden, sondern in ihr auch genügend lange
miteinander gelebt haben, um uns einigermaßen kennen zu lernen.«

Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen.

Der Vorsitzende teilte hierauf noch mit, daß alle Kundmachungen des
geschäftsführenden Ausschusses den Mitgliedern sowohl in den Zeitungen
als durch besondere Zirkulare bekannt gegeben würden und schloß die
Versammlung, welche in gehobenster Stimmung auseinanderging.

Die erste That des von der Generalversammlung bestätigten Ausschusses
der Internationalen freien Gesellschaft war, daß er für die Leitung des
nach Centralafrika zu entsendenden Zuges der Pfadfinder zwei
Persönlichkeiten ernannte und mit umfassenden Vollmachten ausstattete.
Diese zwei Führer der Expedition sollten sich in ihre Aufgabe derart
teilen, daß der eine die Expedition bis in das zur ersten Ansiedelung zu
erwählende Gebiet leiten, der andere die Organisation der eigentlichen
Ansiedelungsarbeiten zu unternehmen habe. Der eine sollte gleichsam der
Heerführer, der andere der Staatsmann des Expeditionskorps sein. Zu
ersterem Amte wählte der Ausschuß den bekannten Afrikareisenden Thomas
Johnston, der insbesondere das Gebiet zwischen dem Kilima Ndscharo und
Kenia, das sogenannte Massaï-Land wiederholt durchquert hatte. Johnston
war ein jüngeres Mitglied der Gesellschaft und wurde vom Ausschusse erst
aus Anlaß seiner Ernennung zum Führer des Pfadfinderzuges kooptirt. Zur
Leitung der Expedition nach deren Ankunft an ihrem Ziele designirte der
Ausschuß einen jungen Ingenieur, Namens Henri Ney, der als innigster
Freund des Gründers und geistigen Führers der Gesellschaft -- Dr. Strahl
-- der Geeignetste war, diesen während der ersten Epoche der Gründung zu
vertreten.

Dr. Strahl hatte allerdings ursprünglich die Absicht, sich
den Pfadfindern selber anzuschließen und gleich die ersten
Organisationsarbeiten in der neuen Heimat persönlich zu leiten; die
anderen Mitglieder des Ausschusses erhoben jedoch dagegen Einsprache.
Sie konnten nicht zugeben, daß der Mann, von dessen fernerem Wirken das
Gedeihen der Gesellschaft in so hohem Maße abhing, sich Gefahren
aussetze, die für ihn um so bedrohlicher waren, als seine Gesundheit
nicht eben die festeste schien. Auch mußte er bei reiflichem Erwägen
selber zugeben, daß für die nächsten Monate seine Anwesenheit in Europa
weit nützlicher und notwendiger sei, als in Centralafrika. Kurzum: Dr.
Strahl willigte ein, zu bleiben, den Pfadfindern erst mit dem großen
Auswandererzuge nachzufolgen und Henri Ney trat an seine Stelle.



                              2. Kapitel.


Wir überlassen nunmehr dem vom Ausschusse der Internationalen freien
Gesellschaft zum eigentlichen Leiter der afrikanischen Expedition
erwählten Freunde des Dr. Strahl das Wort, indem wir sowohl die
Vorbereitungen des Zuges, als auch dessen glückliche Durchführung und
die ersten Kulturarbeiten in den Hochländern des Kenia nach Auszügen aus
dessen Tagebuch mitteilen.

                   *       *       *       *       *

Meine Ernennung zum provisorischen Stellvertreter unseres verehrten
Führers hatte mich anfangs mit Schrecken erfüllt. Der Gedanke, daß von
meinen Fähigkeiten zu nicht geringem Teile die glückliche Einleitung
eines Werkes abhängen solle, welches wir alle als das bedeutsamste
und folgenreichste im bisherigen Verlaufe der menschlichen
Entwickelungsgeschichte zu betrachten uns gewöhnt hatten, erfüllte mich
mit einer Art Schwindel. Doch dieser Zustand der Mutlosigkeit währte
nicht lange; ich hatte kein Recht, mich einer Verantwortlichkeit zu
entziehen, zu deren Übernahme die Genossen mich als den Passendsten
erachteten, und als vollends mein väterlicher Freund Strahl mich fragte,
ob ich ein Mißlingen für möglich hielte, wenn die meiner Leitung
Unterstellten von gleicher Begeisterung erfüllt wären wie ich, und ob
ich mich berechtigt glaube, daran zu zweifeln, daß diese Voraussetzung
zutreffen würde, da trat hoher Mut und felsenfestes Vertrauen auf das
Gelingen des Werkes an die Stelle der anfänglichen Verzagtheit, eine
Stimmung, die mich fürderhin keinen Augenblick verlassen hat.

Die ersten Vorbereitungen zur Organisierung des Zuges der Pfadfinder
wurden übrigens gemeinschaftlich vom gesamten Ausschusse der
Internationalen freien Gesellschaft beraten und beschlossen. Zunächst
galt es festzustellen, aus wieviel Mitgliedern die Expedition bestehen
solle. Dieselbe durfte nicht zu schwach sein, da gerade jener
Volksstamm, inmitten dessen wir uns niederzulassen beabsichtigten -- die
zwischen dem Kilima und Kenia nomadisierenden Massai --, der
kriegerischeste von allen des äquatorialen Afrika ist und ihm nur durch
kräftiges, machtvolles Auftreten imponiert werden kann. Aber auch allzu
zahlreich durfte die Expedition nicht sein, wollte sie sich nicht der
Gefahr aussetzen, durch Schwierigkeiten der Verproviantierung
aufgehalten zu werden. Schließlich einigte man sich darüber, daß
zweihundert »Pfadfinder« mitgenommen werden sollten. Natürlich mußten
diese aus den kräftigsten, zur Überwindung von Anstrengungen,
Entbehrungen und Gefahren am besten geeigneten Mitgliedern der
Gesellschaft erwählt werden. Auch jenes Ausmaß von Intelligenz wurde bei
jedem Teilnehmer der Expedition für notwendig erachtet, welches dazu
gehört, um den vollen Umfang der Verantwortlichkeit und Bedeutung der
übernommenen Mission zu erfassen.

In Verfolgung dieses Zweckes wendete sich der Ausschuß an die
Zweigvereine, die er inzwischen allerorten gebildet hatte, wo Mitglieder
der Gesellschaft wohnten, mit der Bitte, ihm eine Liste jener sich zur
Expedition Meldenden einzusenden, für deren Gesundheit, kräftige
Konstitution und Intelligenz der betreffende Zweigverein glaube
einstehen zu können. Zugleich sollte angegeben werden, welche
Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten die Vorgeschlagenen besäßen.
Daraufhin liefen binnen wenigen Wochen die Anerbietungen von 870
wärmstens empfohlenen Mitgliedern ein. Von diesen wurden zunächst
hundert ausgewählt, deren Qualifikation dem Ausschusse unter allen
Umständen in erster Linie berücksichtigenswert erschien. Dieses erlesene
Hundert enthielt 4 Naturforscher (darunter 2 Geologen), 3 Ärzte, 8
Ingenieure, 4 Vertreter anderer technischer Wissenszweige und 6
theoretisch geschulte Land- und Forstwirte; ferner 30 solche
Gewerbsleute, die man der Expedition für alle Fälle sichern wollte und
schließlich 45 als besonders treffliche Schützen oder als ausnehmend
kräftig gerühmte Männer. Sonach blieben noch 100 Mitglieder, deren
Auslese den Zweigvereinen in der Weise überlassen wurde, daß jedem
derselben für angemeldete 7 bis 8 Pfadfinder die Wahl je eines solchen
zufiel. Die solcherart Auserlesenen wurden aufgefordert, thunlichst
rasch in Alexandrien, dem vorläufigen Versammlungsorte der Expedition,
einzutreffen; das erforderliche Reisegeld wurde ihnen sofort angewiesen
(im übrigen, wie nebenbei bemerkt werden mag, von ungefähr der Hälfte,
welche die Reisekosten aus Eigenem bestritt, dankend abgelehnt).

Darüber verging der Monat November. Der Ausschuß aber hatte inzwischen
nicht gefeiert. Die Ausrüstung der Expedition wurde nach allen Seiten
gründlich erörtert, festgestellt und für die Beschaffung aller
Erfordernisse vorgesorgt. Für jedes der 200 Mitglieder wurden sechs
komplete Unterkleider aus leichtem elastischem Wollenstoff, sogenannte
Jägerwäsche, ein leichter und ein schwerer Wollenanzug, ferner zwei Paar
wasserdichte und zwei Paar leichtere Stiefel, je zwei Korkhelme und je
ein wasserdichter Regenanzug bestellt. An Waffen erhielt jedes Mitglied
ein Repetiergewehr bester Konstruktion für zwölf Schüsse, einen
Taschenrevolver und ein amerikanisches Bowiemesser. Außerdem wurden 100
Jagdgewehre verschiedensten Kalibers, von den vierlötige Sprengkugeln
schießenden Elefantenflinten bis zur leichtesten Schrotbüchse
angeschafft, selbstverständlich ausreichende Munition nicht vergessen.

Die hierauf zu erörternde wichtigste Frage war, ob die Expedition
beritten gemacht werden solle oder nicht, und ob die Beförderung der
mitzunehmenden Lasten von der Zanzibarküste ab durch Träger, sogenannte
Pagazis, oder durch Lasttiere zu erfolgen habe. Johnston hatte anfangs
die Absicht gehabt, bloß 80 Pferde und Esel, teils zum Tragen der
schwereren Laststücke, teils zur Beförderung etwaiger Kranker oder
Maroder anzukaufen und als Träger des von ihm auf 400 Zentner
veranschlagten Gesamtgepäcks 800 Pagazis in Zanzibar und Mombas
anzuwerben. Diesen Plan ließ er jedoch sofort fallen, als ich seiner
Gepäckliste, die der Hauptsache nach bloß die zum Unterhalte der
Expedition für sechs Monate berechnenden Bedarfs- und Tauschartikel
umfaßte, meine Anforderungen hinzufügte. Ich verlangte vor allem die
Mitnahme von Werkzeugen, Maschinenbestandteilen und sonstigen
Gegenständen, die uns -- am Ziele angelangt -- in den Stand setzen
sollten, möglichst rasch rationellen Feldbau und die Selbsterzeugung der
notwendigsten Bedarfsartikel für viele Tausend uns nachfolgender
Ansiedler in Angriff zu nehmen. Zu diesem Behufe brauchten wir eine
Reihe landwirtschaftlicher Geräte oder doch jene Bestandteile derselben,
die sich ohne komplizierte, zeitraubende Vorrichtungen nicht herstellen
lassen, ähnliche Bestandteile für eine Feldschmiede und Schlosserei,
sowie für eine Mahl- und Sägemühle; ferner Sämereien und Setzlinge in
nicht geringer Menge, desgleichen einige Materialien, auf deren rasche
Beschaffung im inneren Afrika nicht zu rechnen wäre. Schließlich machte
ich darauf aufmerksam, daß zum Zwecke der vollkommenen Sicherung des
Weges für die uns nachfolgenden Karawanen die Abschließung fester
Freundschaftsbündnisse, insbesondere mit den kriegerischen Massai sich
empfehlen würde, wozu wieder weit zahlreichere und wertvollere Geschenke
erforderlich seien, als er sie präliminiert habe.

Johnston hatte gegen all dies nichts einzuwenden, meinte aber, daß damit
die zu befördernde Last sich mindestens verdoppeln, wahrscheinlich
verdreifachen würde und daß die sohin erforderlichen 1600 bis 2400
Pagazis den Zug allzu schwerfällig gestalten würden. Da schlug Dr.
Strahl vor, von der Beförderung durch Pagazis gänzlich abzugehen und
ausschließlich Lasttiere zu verwenden. Er wisse wohl, daß in den
Niederungen des äquatorialen Afrika die Tsetsefliege und das schlechte
Wasser insbesondere den Pferden tötlich werde; auf unserer Route sei
aber solches nicht zu befürchten, da dieselbe sehr bald das den Tieren
ganz zuträgliche Hochland erreiche. Ebenso lasse sich die in der
Beschaffenheit der innerafrikanischen Wege gelegene Schwierigkeit wohl
überwinden. Dieselben besitzen -- wie er unter anderem auch aus
Johnstons Reiseberichten wisse -- überall, wo sie Dickicht oder Gestrüpp
durchziehen, eine Breite von knapp zwei Fuß, zu wenig für Packtiere, die
deshalb an solchen Stellen oft abgeladen werden müßten, wobei
menschliche Träger zeitweilig die Lastenbeförderung zu übernehmen haben.
Letzteres wäre nun allerdings bei einer ausschließlich aus Tragtieren
bestehenden Karawane mit verhältnismäßig nur wenigen Treibern und
Begleitern entweder ganz unmöglich oder doch mit unberechenbarem
Zeitverluste verbunden. Er glaube aber, daß es gelingen müsse, mittels
einer entsprechenden Anzahl gut ausgerüsteter Eclaireure den Weg überall
auch für Tragtiere frei zu machen. Johnston stimmte dem zu; wenn man ihm
etwa 100 mit Äxten und Faschinenmessern versehene Eingeborene, die er
sich unter der Küstenbevölkerung aussuchen würde, zur Disposition
stelle, so mache er sich anheischig, auch eine Karawane von Tragtieren
ohne nennenswerten Aufenthalt bis an den Kenia zu führen.

Nachdem diese Frage erledigt war, regte Dr. Strahl des ferneren die Idee
an, auch die sämtlichen 200 Mitglieder der Expedition beritten zu
machen. Er habe dabei einen doppelten Zweck im Auge. Erstlich -- und das
habe teilweise auch zu seinem obigen Vorschlage den Anstoß gegeben,
müsse für die Einführung und dauernde Akklimatisierung von Trag- und
Zugtieren in der künftigen Heimat gesorgt werden, wo es zwar derzeit
Rinder, Schafe und Ziegen, nicht aber Pferde, Esel oder Kamele gebe, und
zwar sei es am besten, diese nützlichen Tiere in thunlichst großer Zahl
schon von Anbeginn mitzunehmen; sodann glaube er, daß wir beritten uns
viel rascher bewegen könnten. Er fügte hinzu, daß er sowohl bei den
Last- als bei den Reittieren auf die Anschaffung erlesener, zur
Fortzucht geeigneter Exemplare Gewicht legen würde, insbesondere bei den
Pferden, da doch von der Beschaffenheit dieses ersten Materials auch die
der späterhin zu erzielenden Nachzucht abhänge. Auch dem wurde
zugestimmt; nur gab Johnston zu bedenken, daß sich durch all dies die
Kosten der Expedition ganz außerordentlich verteuern würden. So wie er
sie ursprünglich geplant habe, wären mit höchstens 12000 Pfd. Sterl. die
Kosten zu decken gewesen, jetzt müsse mit ungefähr der vierfachen Summe
gerechnet werden. Letzterer Umstand wurde nicht bestritten und die
Rechnung erwies sich auch nachträglich insofern richtig, als die
Expedition in Wahrheit 52500 £ verschlang; aber übereinstimmend wurde
hervorgehoben, daß es eine nützlichere Verwendung der doch so reichlich
zu Gebote stehenden und fortwährend in raschem Wachsen begriffenen
Geldmittel gar nicht geben könne, als den Aufwand für alles, was
geeignet sei, den Erfolg der Expedition zu beschleunigen und das neu zu
gründende Gemeinwesen auf möglichst gedeihlicher Grundlage einzurichten.

Hierauf wurde zu einer detaillierten Beratung und Feststellung des
gesamten anzuschaffenden Materials geschritten. Als alles verzeichnet
und seinem Gewichte nach abgeschätzt war, zeigte sich, daß wir ungefähr
1200 Zentner würden zu befördern haben und zwar:

   150  Ztr.  verschiedene Lebensmittel und Getränke;
   120   "    Reisegeräte (darunter 50 wasserdichte Zelte für je 4
                 Mann);
   160   "    verschiedene Sämereien und Materialien;
   220   "    Werkzeuge, Maschinenbestandteile und Instrumente;
   400   "    Tauschwaren und Geschenke;
   120   "    Munition und Sprengstoffe.

Außerdem wurden auf Johnstons besonderen Wunsch bei Krupp in Essen 4
leichte stählerne Gebirgskanonen für Sprenggeschosse bestellt. Seine
Absicht bei dieser Anschaffung war keineswegs, diese Mordwaffen
ernstlich gegen etwaige Feinde zu gebrauchen; aber er rechnete darauf,
durch den Schrecken, den dieselben erforderlichenfalls erregen mußten,
den Frieden desto sicherer erhalten zu können. Dazu kamen im letzten
Momente 300 Werndlgewehre samt entsprechenden Patronen, sehr gute
Hinterlader, die wir billig von der österreichischen Regierung erstanden
und teils als Reserve, teils zur Ausrüstung eines Teiles der in Zanzibar
anzuwerbenden Neger gebrauchen konnten.

Diese ansehnliche Last sollte auf 100 Saumpferde, 200 Esel und Maultiere
und 80 Kamele verladen werden. Da wir außerdem 200 Pferde brauchten, um
uns beritten zu machen und auch eine kleine Reserve zum Ersatze
unterwegs eingehender Tiere wünschenswert war, so wurde beschlossen, in
allem 320 Pferde, 210 Esel und 85 Kamele zu kaufen, die Pferde teils in
Ägypten, teils in Arabien, die Kamele in Ägypten, die Esel in Zanzibar.

Alle erforderlichen Anschaffungen wurden sofort gemacht. Unsere
Bevollmächtigten wählten und bestellten alles an erster Quelle; nach
Jemen in Arabien und nach Zanzibar wurde je ein Einkäufer für Pferde und
Esel gesendet, und nachdem dies besorgt oder angeordnet war, machten
Johnston und ich -- die wir inzwischen innige Freundschaft geschlossen
hatten -- uns auf den Weg nach Alexandrien.

Bevor ich jedoch zur Schilderung unserer dortigen Thätigkeit übergehe,
muß ich einen Zwischenfall erwähnen, den wir im Ausschusse mit einer
jungen Amerikanerin hatten, die durchaus in die Expedition aufgenommen
werden wollte. Die Dame war reich, schön und exzentrisch, eine
schwärmerische Anhängerin unserer Ideen und sichtlich nicht gewöhnt, an
die Möglichkeit irgend eines ernstlichen Widerstandes ihren Wünschen
gegenüber zu glauben. Sie hatte der Gesellschaft eine sehr bedeutende
Summe gewidmet und sich jetzt in den Kopf gesetzt, mit unter den Ersten
zu sein, welche die neue afrikanische Heimat betreten würden. Ich muß
gestehen, daß mich das herrliche Mädchen dauerte, das sichtlich von
verzehrendem Thatendrange erfüllt war und die seinem Geschlechte
gegenüber an den Tag gelegte ängstliche Schonung als beschämende
Zurücksetzung empfand. Allein es ließ sich nichts thun; wir hatten
mehreren Frauen, die in Begleitung ihrer als Pfadfinder acceptierten
Ehemänner die Expedition mitmachen wollten, dies abgeschlagen und
konnten jetzt keine Ausnahme machen. Die junge Miß wandte sich hierauf,
da ihr Drängen bei uns Männern vom Ausschusse nichts half, an unsere
weiblichen Angehörigen, die sie rasch ausgekundschaftet hatte; allein
auch dort erntete sie geringen Erfolg. Sie wurde zwar von den Damen
herzlich und liebenswürdig aufgenommen, denn sie war in der That reizend
in ihrer Schwärmerei; aber das war in den Augen der Frauen nur ein Grund
mehr, den Männern darin Recht zu geben, daß so zarte Geschöpfe nicht in
die Gefahren und Entbehrungen einer Forschungsreise gehören. Man
hätschelte und schmeichelte ihr wie einem verzogenen Kinde, welches
Unmögliches fordere, und das brachte Fräulein Ellen Fox -- so hieß die
Amerikanerin -- vollends außer sich.

Plötzlich schien sie beruhigt und zwar auffallenderweise kurze Zeit
nachdem sie die Bekanntschaft einer anderen Dame gemacht, die
gleichfalls, wenn auch aus anderen Gründen, unsere Expedition mitmachen
wollte. Diese andere Dame war meine Schwester Klara. Wollte jene aus
Begeisterung für unsere Ideen mit nach Afrika, so war diese aus Abscheu
und Angst vor diesen selben Ideen zu dem gleichen Entschlusse gelangt.
Meine Schwester -- um zwölf Jahre älter als ich und ledig geblieben,
weil sie keinen Mann zu finden vermocht, der ihren Vorstellungen von
Distinktion und vornehmem Wesen genügend entsprochen hätte -- war eine
der besten, im innersten Herzen edelsten, aber von den mannigfaltigsten
Vorurteilen fest eingesponnenen Frauen, auf die ich während der 26 Jahre
meines bisherigen Lebens gestoßen. Sie war nicht kaltherzig, ihre Hand
jedem Hilfsbedürftigen gegenüber stets offen, aber vor allem, was nicht
den sogenannten höheren, gebildeten Ständen angehörte, hatte sie eine
unüberwindliche Mißachtung. Als sie durch mich zum ersten Male von der
socialen Frage Näheres erfuhr, flößte es ihr Grauen ein, daß vernünftige
Menschen ernstlich glauben könnten, sie und ihre Küchenmagd seien von
Natur aus mit gleichem Rechte ausgestattet, und da ich wußte, daß hier
alle Bekehrungsversuche eitel wären, teilte ich der Guten Jahre hindurch
nichts mit von meinen Verbindungen mit Dr. Strahl, nichts von der
Gründung der freien Gesellschaft und von der Rolle, die ich in dieser
spielte. Ich wollte ihr den Kummer über meine »Verirrung« möglichst
lange ersparen, denn ich liebe diese Schwester zärtlich, deren Abgott
hinwieder ich bin. Seit langen, langen Jahren war meine Betreuung, die
ängstliche Sorge um mich, ihr einziger Lebenszweck. Ich wohnte bei ihr
und sie behandelte mich stets als kleinen Jungen, dessen Erziehung ihre
Sache sei. Daß ich ihrer Hut entrückt länger als höchstens zwei bis drei
Tage existieren könne, ohne das Opfer meiner kindlichen Unerfahrenheit
und der Bosheit schlechter Menschen zu werden, erschien ihr stets als
ein Ding der baren Unmöglichkeit. Nun denke man sich das namenlose
Entsetzen dieser meiner Vormünderin, als ich ihr endlich doch die
Eröffnung machen mußte, daß ich nicht nur einer socialistischen
Gesellschaft beigetreten, nicht nur mein ganzes, bescheidenes Vermögen
deren Zwecken geweiht, sondern überdies dazu ausersehen sei, 200
Socialisten in das Innere von Afrika zu führen. Es dauerte mehrere Tage,
bis sie das Ungeheure begreifen, glauben lernte; dann kamen Bitten,
Thränen, verzweifelte Vorwürfe und Vorstellungen. Ich möge den
»Strolchen« mein Geld, auf welches sie es doch allein abgesehen hätten,
ruhig überlassen und nur ums Himmels willen redlich im Lande bleiben;
sie konsultierte unseren Hausarzt über meine Zurechnungsfähigkeit, kam
aber dabei übel weg, denn dieser war auch einer der Unsrigen, ja sogar
Mitglied der Expedition. Schließlich, da alles nichts fruchtete,
eröffnete sie mir, daß sie, wenn ich partout in mein Verderben rennen
wolle, mich begleiten werde. Als ich ihr erklärte, dies gehe nicht an,
da Frauen nicht mitgenommen würden, führte sie ihr schwerstes Geschütz
ins Treffen, sie erinnerte mich an unsere verstorbene Mutter, die ihr
noch auf dem Totenbette aufgetragen habe, mich nicht zu verlassen, eine
letztwillige Anordnung, der ich mich fügen müsse; und als ich auch dem
gegenüber hartnäckig blieb, zum ersten Mal in meinem Leben die Bemerkung
wagend, die gute Mutter habe mich damit offenbar bloß während der Zeit
meiner Kindheit ihrer Obhut empfehlen wollen, verfiel sie in
hoffnungslose Verzweiflung, aus der nichts sie herauszureißen vermochte.
Vergebens nannte ich sie mein liebes kleines Mütterchen, vergebens
versicherte ich ihr, daß unter unseren 200 Pfadfindern immerhin einige
ganz erträgliche Kerle seien, die wohl ein menschliches Rühren mit mir
haben würden, vergebens versprach ich ihr, daß sie in Halbjahrsfrist
etwa mir nachfolgen könne -- es half alles nichts, sie gab mich
verloren, und ich begann nachgerade, als der Tag meiner Abreise
herannahte, ernstlich in Sorge zu geraten, was diesem ebenso rührenden
als närrischen Schmerze gegenüber wohl zu beginnen sei.

Da besuchte Miß Ellen meine Schwester; ich mußte, von Geschäften
gerufen, die Beiden allein lassen, und als ich zurückkam, fand ich Klara
wunderbar getröstet. Sie jammerte und stöhnte nicht mehr, ja sie konnte
sogar, ohne in Thränen auszubrechen, von dem Schrecklichen sprechen.
Offenbar hatte Miß Ellens Exaltation wohlthuend auf ihre kindische Angst
gewirkt und ich segnete um deswillen die schöne Amerikanerin, umsomehr,
da auch sie uns von da ab durch ihr Drängen nicht mehr quälte. Sie war
plötzlich abgereist und ich beglückwünschte mich höchlichst, einer
doppelten Verlegenheit so rasch ledig geworden zu sein.

Am 3. trafen Johnston und ich in Alexandrien ein, von der Mehrzahl
unserer Expeditionsgenossen bereits erwartet. Es fehlten nur noch 23,
die teils aus zu entfernten Weltgegenden herbeieilten, um schon
eingetroffen sein zu können, teils durch irgendwelche unvorhergesehene
Zwischenfälle noch zurückgehalten waren. Johnston schritt ohne Zögern an
die Equipierung, Einübung und Organisierung der Schar. Zu diesem Behufe
wurde die Stadt verlassen und zehn Kilometer entfernt vom Weichbilde
derselben, an den Ufern des Mariut-Sees, ein Zeltlager bezogen. Die
Verpflegung besorgte unter meiner Leitung ein aus 6 Mitgliedern
gebildeter Wirtschaftsausschuß; jeder Mann erhielt vollständige
Beköstigung und außerdem -- sofern er nicht ausdrücklich darauf
verzichtete -- 2 £ in Bargeld monatlichen Zuschuß. Dieselbe Summe wurde
auch später während der Dauer des eigentlichen Zuges bezahlt, nur
selbstverständlich nicht in der Form von Gold- oder Silbermünze, die im
äquatorialen Afrika nutzlos ist, sondern in der von mitgenommenen
Bedarfsgegenständen oder Tauschwaren zum Kostenpreise. Nachdem die
Ausrüstungsgegenstände -- Kleider und Waffen -- ausgepackt waren,
begannen die Übungen. Täglich wurde acht Stunden lang manövriert,
marschiert, geschwommen, geritten, gefochten und nach der Scheibe
geschossen. Später veranstaltete Johnston größere auf mehrere Tage
ausgedehnte Märsche bis nach Gizeh und an den Pyramiden vorbei nach
Kairo. Inzwischen lernten wir uns genauer kennen, Johnston ernannte
seine Unterbefehlshaber, denen gleich ihm militärischer Gehorsam
geleistet werden mußte, eine Notwendigkeit, die von allen ohne Ausnahme
freudig anerkannt wurde. Das mag vielleicht manchem sonderbar erscheinen
angesichts der Thatsache, daß wir doch auszogen, ein Gemeinwesen zu
gründen, in welchem unbedingte Gleichberechtigung und schrankenloses
individuelles Selbstbestimmungsrecht herrschen sollte; aber wir
begriffen eben alle, daß dieser Endzweck unseres Unternehmens und die
Expedition, die uns dahin führen sollte, zwei verschiedene Dinge seien;
es kam während des ganzen Zuges auch nicht ein Fall von
Widersetzlichkeit vor, wogegen allerdings auch von Seiten der Offiziere
kein Fall überflüssigen barschen Befehlens bemerkt werden konnte.

Als der Zeitpunkt unserer Weiterreise nach Zanzibar herannahte, waren
wir eine vollkommen eingeübte Elitetruppe. Im Manövrieren konnten wir es
mit jedem Gardekorps aufnehmen -- natürlich nur hinsichtlich jener
Übungen, die Schlagfertigkeit und Beweglichkeit einem etwaigen Feinde
gegenüber, nicht aber den Parademarsch und die s. g. militärischen
Honneurs zum Gegenstande haben. In letzterer Beziehung waren und blieben
wir so unwissend wie die Hottentotten; dafür konnten wir ohne Beschwer
24 Stunden lang mit bloß sehr kurzen Unterbrechungen marschieren oder im
Sattel sein, unser Schnellfeuer ergab schon auf 1000 Meter Distanz eine
ganz respektable Zahl von Treffern; auch unser Granatenfeuer wäre im
Bedarfsfalle nicht zu verachten gewesen und ebenso trefflich wußten wir
mit einer kleinen Batterie Congrève'scher Raketen umzugehen, die
Johnston auf den Rat eines im Sudan bedienstet gewesenen ägyptischen
Offiziers, eines geborenen Österreichers, der sich in Alexandrien häufig
als Zuschauer bei unseren Übungen eingefunden, aus Triest hatte
nachsenden lassen.

Am 30. März schifften wir uns auf der »Aurora«, einem prächtigen
Schraubendampfer von 3000 Tonnen ein, den der Ausschuß von der
englischen P. & O.-Company gechartert hatte und der, nachdem er zuvor in
Liverpool, Marseille und Genua die für uns bestimmten Waren an Bord
genommen, am 22. März in Alexandrien eingetroffen war. Die Einschiffung
und sichere Unterbringung von 200 Pferden und 60 Kamelen, die in Ägypten
gekauft worden waren, nahm mehrere Tage in Anspruch; doch hatten wir
keinen Grund zur Eile, da der eigentliche Zug ins Innere Afrikas der
Regenzeit wegen ohnehin nicht vor dem Monat Mai angetreten werden
sollte. Von Alexandrien bis Zanzibar aber rechneten wir -- den
Aufenthalt in Aden behufs Einschiffung der noch notwendigen Pferde und
Kamele eingerechnet -- höchstens 20 Tage. Es blieben uns also noch immer
reichlich zwei Wochen für Zanzibar und für die Überfahrt nach Mombas,
von wo aus wir den Weg zum Kilima Ndscharo und Kenia antreten wollten
und wo wir uns, der an der Küste angeblich herrschenden Fiebergefahr
wegen, keinen Tag länger als notwendig aufzuhalten gedachten.

Es ging auch alles ganz programmgemäß von statten. In Aden trafen wir
unseren Agenten mit 120 der prachtvollsten edelsten Jemener Pferde und
mit 25 Kamelen, nicht minder vorzüglicher Rasse; ebenso wurden hier 115
Esel eingeschifft, die gleich den Kamelen infolge geänderter
Dispositionen in Arabien statt in Zanzibar, resp. Ägypten angeschafft
worden waren. Am 16. April warf die »Aurora« im Hafen von Zanzibar
Anker.

Die halbe Bevölkerung der Insel hatte sich aufgemacht, uns zu begrüßen.
Der Ruf war uns voraufgegangen, und wie es schien, kein schlechter Ruf,
denn nicht bloß die hier lebende, während der letzten Jahre auf nahezu
200 Köpfe angewachsene europäische Kolonie, sondern auch Araber, Hindu
und Neger wetteiferten an Freundlichkeit und Entgegenkommen. Die erste
Persönlichkeit, die uns in Empfang nahm, war natürlich unser Zanzibarer
Bevollmächtigter, der uns auch sofort die erfreuliche Versicherung gab,
daß er alles ihm Aufgetragene vollbracht habe und daß angesichts der uns
gegenüber herrschenden Stimmung die Anwerbung der erforderlichen
eingeborenen Mannschaften mit größter Leichtigkeit von statten gehen
werde.

Am 26. April verließen wir mit der Aurora Zanzibar und kamen am Morgen
des nächsten Tages wohlbehalten in Mombas an. Unsere sämtlichen Tiere
und den größten Teil der Waren hatten wir schon sieben Tage vorher in
Begleitung eines Trupps der in Zanzibar aufgenommenen Wärter und unter
Aufsicht von 10 Mann der Unsrigen -- gleichfalls mit der Aurora -- dahin
gesendet, wo wir sie alle in sehr guter Verfassung und zumeist auch
schon erholt von den Strapazen der Seereise antrafen. Um die
aufgenommenen Leute zu mustern und jeglichem seine Obliegenheiten
zuzuteilen, bezogen wir außerhalb der Stadt Mombas in einem kleinen
Palmenhaine mit herrlicher Aussicht auf das Meer ein Lager. Für je 2
Handpferde oder Kamele und für je 4 Esel wurde je ein Treiber und Wärter
bestellt, so daß zu diesem Behufe von unseren 280 Suahelileuten 145
beansprucht waren; 35 wurden zum Tragen leichter und zerbrechlicher oder
solcher Gegenstände ausersehen, die jederzeit zur Hand sein mußten; 100
-- unter diesen selbstverständlich die Wegführer und zwei Dolmetscher --
dienten als Eclaireure. Am 2. Mai war all dies organisiert und
durchgeführt, die Lasten verteilt, jedem Manne sein Platz angewiesen;
der Zug ins Innere konnte angetreten werden.

Da wir aber programmgemäß nicht vor dem 5. Mai abmarschieren durften, um
zuvor noch das am 3. oder 4. in Zanzibar eintreffende europäische
Postschiff abzuwarten, welches uns die letzten Nachrichten von unseren
Freunden und allenfallsige Anordnungen des Ausschusses überbringen
sollte, so hatten wir einige Tage der Muße vor uns, die wir dazu
benutzen konnten, die Gegend um Mombas zu besichtigen.

Der Ort selber liegt auf einem Inselchen, welches hier von einem sich
ins Meer ergießenden und zu einer mächtigen Bucht sich ausweitenden
Flusse gebildet wird, dessen Ufer einige dichte Mangrovesümpfe umgeben.
Der Aufenthalt unmittelbar an der Küste und auf Mombas selber ist daher
nicht ganz gesund und keineswegs für längere Zeit rätlich. Aber schon
wenige Kilometer landeinwärts finden sich sanftgeschwungene Hügel,
bestanden mit prachtvollen Gruppen von Kokospalmen, die sich inmitten
smaragdgrüner Grasmatten erheben und unter denen die von Gemüsebeeten
umgebenen Hütten der Wanjika, der hiesigen Küstenbewohner,
hervorlauschen, welche Hügel selbst während der Regenzeit einen ganz
gesunden Aufenthalt bieten. Allerdings wäre es für einen Europäer
gefährlich, hier jahrelang zu wohnen, da die während der Hitzemonate --
Oktober bis Januar -- herrschende Temperatur ihm auf die Dauer schädlich
wird. Im Mai jedoch, wo die großen Regen, die in den Monaten Februar bis
April niedergehen, den Boden und die Atmosphäre tüchtig erfrischt haben,
ist die Hitze nicht eben lästig.

Das Eilschiff der französischen Messagerie hatte sich zwar um einen Tag
verspätet, so daß es in Zanzibar erst am 4. spät Nachts eintraf; wir
aber erhielten, Dank der Liebenswürdigkeit des Kapitäns die für uns
bestimmten Sendungen trotzdem einen Tag früher als wir erwartet hatten.
Dieser nämlich, der in Aden erfahren hatte, daß und wo wir auf die von
ihm beförderte Post warteten, hielt auf der Höhe von Mombas, das er
zeitlich am Morgen des 4. passierte, eine gerade vorbeisegelnde
arabische Dhau an und übergab ihr die für uns bestimmten Pakete, die wir
demzufolge noch am selben Vormittag empfingen, während wir andernfalls
bis zum Abend des nächsten Tages hätten auf sie warten müssen. Von den
uns solcherart unmittelbar vor unserem Aufbruche erreichenden
Nachrichten, sind nur zwei hervorzuheben; erstlich die Anzeige, daß der
Ausschuß unseren Bevollmächtigten in Zanzibar beauftragt habe, während
der ganzen Dauer unseres Zuges engste Fühlung mit Mombas zu unterhalten
und dort für alle Fälle einige Eilboten nebst einem schnellsegelnden
Kutter bereit zu halten; zum zweiten die Mitteilung, daß bis zum 18.
April, dem Tage der Postabfertigung, die Zahl der gesellschaftlichen
Mitglieder auf 8460, das Vermögen auf nahezu 400000 £ gestiegen sei.

Und noch eine kleine Überraschung kam in Begleitung dieser letzten
Nachrichten aus der Heimat. Zugleich mit den Postpaketen hatte das
Postschiff der Dhau ein Koppel von nicht weniger als 32 Hunden
übergeben, geführt von 2 Wärtern, welch letztere uns Grüße von ihrem
Auftraggeber, Lord Clinton, vermeldeten, der als warmer Freund unserer
Ideen und großer Hundeliebhaber dies Geschenk eigens aus York übersende,
überzeugt, daß uns dasselbe auf der Reise sowohl als am Ziele derselben
vortrefflich zu statten kommen werde. Die Tiere waren prachtvoll, 12
Doggen und 20 Schäferhunde von jener langbeinigen und langhaarigen
Rasse, die ein Mittelding zwischen Windspiel und Bernhardiner zu sein
scheint. Die kleinste der Doggen war vom Kreuz gemessen 70 Zentimeter
hoch, die Schäferhunde nicht sonderlich kleiner, wie sich bald erwies,
alles wohlgesittete, anstellige Kreaturen, die denn auch allseitig mit
größter Freude begrüßt wurden. Die beiden Wärter erklärten, daß ihnen
zwar unsere Pläne und Ideen höchst gleichgültig seien, da sie »von all
dem Zeug nichts verstünden«, daß sie aber, wenn wir es gestatteten, in
Begleitung ihrer lieben vierfüßigen Freunde sehr gerne mit uns zögen. Da
sie sich als kräftige, gesunde und trotz aller Einfalt ganz anstellige
Kerle zeigten, überdies versicherten, im Reiten und Schießen leidlich
bewandert, in der Dressur mannigfaltigen Getiers aber geradezu Virtuosen
zu sein, so nahmen wir sie gerne mit. An Lord Clinton wurde ein
herzliches Dankschreiben adressiert, und nachdem die Post mit diesem und
den anderen für Europa bestimmten Nachrichten über Zanzibar expediert
und die Anordnungen für morgen getroffen waren, umfing uns die letzte
Nacht vor unserem Aufbruche in das dunkle Innere der afrikanischen Welt.



                              3. Kapitel.


Am Morgen des 5. Mai weckten uns die Horn- und Trommelsignale der
Kirangozis (Karawanenführer), wie angeordnet war, um 3 Uhr aus dem
Schlafe. Große, schon Abends vorher bereit gelegte Lagerfeuer wurden
angezündet, an denen das Frühstück -- Thee oder Kaffee mit Eiern und
kaltem Fleisch für uns Weiße, eine Fleisch- und Gemüsesuppe für die
Suahelis -- gekocht und bei deren Schein die Vorbereitungen für den
Abmarsch getroffen wurden. Der Vortrab, bestehend aus den 100
Eclaireuren und 20 leichtbeladenen Packpferden, brach, begleitet von 30
Berittenen, schon eine Stunde später auf. Ihm war die Aufgabe
zugewiesen, den Weg, wo er durch Dschungel oder dichtes Gehölz führte,
mit Axt, Faschinenmesser und Haue soweit zu lichten, daß unsere
umfangreichsten Gepäckstücke ungefährdet auf dem Rücken der Tragtiere
passieren könnten, Gewässer nach Thunlichkeit zu überbrücken und die
Lagerplätze für das nachrückende Hauptkorps vorzubereiten. Zu diesem
Behufe mußte diese Truppe -- je nach der Beschaffenheit der vor uns
liegenden Wegstrecke -- einige Stunden bis zu einigen Tagen Vorsprung
nehmen. Für den Anfang, wo nach Aussage der wegekundigen Führer
sonderliche Hindernisse nicht zu erwarten waren, genügte ein Vorsprung
von wenigen Stunden.

Der Hauptzug war erst um 8 Uhr in Ordnung. Die Tête nahmen hier 150 von
uns Weißen, voran Johnston und ich; dann folgten in langer Linie zuerst
die Handpferde, dann die Esel, zum Schluß die Kamele; der Nachtrab war
durch 20 Weiße gebildet. So verließen wir endlich, als die Sonne schon
heiß herniederbrannte, unseren Lagerplatz, warfen einen letzten Blick
nach dem malerisch hinter uns gelegenen Mombas zurück, sandten unsere
Scheidegrüße dem da unten brandenden Meere zu, dessen dumpfes Grollen
trotz der Entfernung von mindestens 7 Kilometern in der Luftlinie
deutlich zu hören war -- und vorwärts ging es unter Hörnerklang und
Trommelwirbel die ziemlich steilen, doch nicht eben ansehnlichen Höhen
hinan, die uns von der am Eingange ins Innere liegenden sogenannten
Wüste trennten. Diesen Namen verdient jedoch dieser alsbald von uns
erreichte Landstrich offenbar nur in der heißen Jahreszeit; jetzt, wo
die dreimonatliche Regenepoche kaum erst abgeschlossen war, fanden wir
die Landschaft eher parkähnlich. Schönes, wenn auch nicht eben hohes
Gras wechselte ab mit Gebüschen von Mimosen oder Zwergpalmen und mit
kleinen Akaziengruppen. Als wir nach zwei Stunden die letzten Ausläufer
des Küstengebirges hinter uns hatten, wurde das Gras noch üppiger, die
Bäume häufiger und höher, zahlreiche Antilopen zeigten sich in der
Ferne, waren aber sehr scheu und wurden alsbald von den Hunden, denen
das nutzlose Jagen noch nicht abgewöhnt war, verscheucht. Gegen 11 Uhr
wurde unter dem Schatten eines von dichten Schlingpflanzen zu einem
förmlichen Riesenbaldachin umgestalteten Palmenhaines Rast gemacht und
abgekocht. Wir alle, Menschen und Tiere, waren trotz des bloß
dreistündigen Marsches sehr erschöpft; das vorangegangene vierstündige
Rennen und Laufen im Lager war eben auch gerade keine Erholung gewesen
und die Hitze hatte von 10 Uhr ab angefangen höchst unangenehm zu
werden.

Durch eine reichliche Mahlzeit, deren Hauptbestandteil zwei fette,
unterwegs gekaufte Ochsen waren, und die erquickende Ruhe im Schatten
des dichten Lianen-Baldachins gestärkt, brachen wir schon um 4 Uhr
nachmittags wieder auf und erreichten nach sehr anstrengendem, nahezu
fünfstündigem Marsche den von unserer Avantgarde bereiteten Lagerplatz,
in der Nähe eines Wakambadorfes zwischen Kwale und Mkinga. Die
Avantgarde selber trafen wir nicht mehr; sie hatte hier Mittagsrast
gehalten und war mehrere Stunden vor unserer Ankunft weiter marschiert,
um ihren Vorsprung nicht zu verlieren. Dafür hinterließ sie uns unter
der Obhut eines der Ihrigen elf verschiedene Antilopen, die ihre Jäger
unterwegs geschossen, zum Abendimbiß.

Am Morgen des zweiten Marschtages befanden wir uns -- eingedenk der
Qualen des gestrigen Vormittags -- schon um 4½ Uhr unterwegs. Das Land
war anfangs recht offen; schon nach zwei Stunden aber erreichten wir das
Gebiet von Duruma, wo unser Vortrab sichtlich heiße Arbeit gefunden
hatte. Kilometerweit zog sich der Pfad durch dornige Gestrüppe
abscheulichster Art, in denen ohne die Beile und Messer unserer wackeren
Eclaireure an ein Fortkommen mit Packtieren nicht zu denken gewesen
wäre. Da jene jedoch tüchtig aufgeräumt hatten, so kamen wir überall
rasch und ohne Hindernis hindurch. Gegen acht Uhr wurde der Weg wieder
besser und das wechselte dann so ab, bis wir am Abend des dritten Tages
Durumaland hinter uns hatten und die große Wüste betraten, die sich von
da nahezu ununterbrochen bis Teita ausdehnt.

Sonst ist über diese Marschtage nichts zu berichten, als daß wir stets
ziemlich pünktlich um 4½ Uhr aufbrachen, nach 9 Uhr morgens eine erste
Station machten, vor 5 Uhr nachmittags uns wieder in Marsch setzten und
zwischen 8 und 9 Uhr abends das Nachtlager bezogen. Die
Verproviantierung in Duruma-Land war nicht eben leicht, aber es gelang
uns doch, von den Viehzucht und Landbau treibenden Bewohnern genügende
Lebensmittel an Vegetabilien und Fleisch, von letzterem auch einen
ausreichenden Vorrat für den Durchzug durch die Duruma-Wüste
einzuhandeln. Das Land scheint von großer natürlicher Fruchtbarkeit zu
sein, ist aber gerade an seinen besten Stellen unangebaut und verlassen,
da die Bewohner der unablässigen Einfälle der Massai halber sich aus
ihren unzugänglichen Dschungeldickichten kaum hervorwagen. Allenthalben
hörten wir Klagen über die Missethaten jener ritterlichen Räuber, die
erst vor einigen Wochen einen Stamm überfallen, die Männer
niedergemacht, Weiber, Kinder und Vieh weggetrieben hatten und jetzt
schon wieder unterwegs sein sollten, um nach neuer Beute auszuspähen.
Unsere Versicherung, daß wir ihr Gebiet sowohl als dasjenige aller
Stämme, mit denen wir Freundschaft geschlossen oder noch zu schließen
gedächten, von dieser Plage demnächst befreien würden, nahmen die
Wa-Duruma mit starkem Zweifel entgegen; hatte doch selbst der Sultan von
Zanzibar gegen die Massai, die zeitweilig bis Mombas und Pangani
streiften und brandschatzten, nichts auszurichten vermocht. Indessen
verbreitete sich doch dieses unser Versprechen sehr rasch überall in der
Umgegend.

Am Morgen unseres vierten Marschtages, als wir uns eben zum Eintritte in
die Wüste anschickten, wurden wir durch atemlos unter allen Anzeichen
des Entsetzens und der Angst herbeieilende Eingeborene benachrichtigt,
daß ein starker Schwarm Massai wieder da sei, in der Nacht ansehnliche
Beute an Sklaven und Rindern gemacht habe und sich im Anzuge gegen uns
befinde. Wir änderten darauf unsere Dispositionen, ließen das Gepäck und
die Treiber im Lager und formirten uns, da das Terrain günstig war,
sofort zum Gefecht. Die Geschütze wurden auf ihre Lafetten gesetzt und
bespannt, die Raketen bereit gemacht; erstere kamen in das Centrum,
letztere in die beiden Flügel unserer in einer langen Linie sich
ausdehnenden Front. Das Alles war das Werk von kaum zehn Minuten und es
verstrich auch keine fernere Viertelstunde, daß wir die Massais, die
ungefähr 600 Mann stark sein mochten, im Laufschritt nahen sahen. Wir
ließen sie ruhig bis auf etwa einen Kilometer herankommen; dann
schmetterten die Trompeten und unsere ganze Linie jagte im Galopp den
Massai entgegen. Diese stutzten und hielten, als sich ihnen der
ungewohnte Anblick einer ansprengenden Kavalleriemasse darbot, worauf
auch wir unser Tempo mäßigten und langsam bis auf hundert Meter
heranritten. Nun machten wir Halt und Johnston, der den Massaidialekt
leidlich spricht, ritt einige Schritte vor die Front, mit lauter Stimme
fragend, was sie wollten. Darauf gab es unter den Massai eine kurze
Beratung, dann trat auch ihrerseits ein Mann vor die Front, und fragte,
ob wir Tribut zahlen oder kämpfen wollten? »Ist das _Euer_ Land«, war
die Gegenfrage, »daß Ihr Tribut verlangt? Wir zahlen Niemand Tribut; wir
haben Geschenke für unsere Freunde, schreckliche Waffen für unsere
Feinde. Ob die Massai unsere Freunde werden wollen, werden wir sehen,
wenn wir sie in ihrem Lande besuchen. Mit den Wa-Duruma aber haben wir
schon Freundschaft geschlossen und wir erlauben daher Niemand, sie zu
berauben. Gebt die Gefangenen und die Beute freiwillig heraus und kehret
zurück in Eure Krals, damit wir nicht genötigt seien, unsere Waffen und
Medizinen (Zaubermittel) gegen Euch zu gebrauchen, was uns sehr leid
thäte, denn wir wünschen, Freundschaft auch mit Euch zu halten.«

Letztere Versicherung wurde offenbar für ein Zeichen der Schwäche
angesehen, denn die Massai, die anfangs etwas eingeschüchtert schienen,
schwangen nun drohend unter gewaltigem Geschrei ihre Speere und setzten
sich neuerdings gegen uns in Bewegung. Da erklangen abermals unsere
Trompeten, und während wir Reiter vorsprengten, eröffneten die Kanonen
und Raketen ihr Feuer -- nicht auf die Gegner, in deren dichtgedrängten
Massen sie eben so schreckliche als überflüssige Verheerungen
angerichtet hätten, sondern über deren Köpfe hinweg. Die Massai hielten
nur einer einzigen Salve Stand; als die Geschütze donnerten, die Raketen
zischend und knatternd über sie hinfegten und überdies die unheimlichen
Geschöpfe mit vier Füßen und zwei Köpfen -- wir Reiter nämlich -- auf
sie zustürmten, wandten sie sich augenblicklich heulend zu wilder
Flucht. Unsere Artillerie sandte ihnen noch einige Salven nach, um ihre
Panik womöglich zu steigern, während die Reiter sich damit
beschäftigten, Gefangene zu machen und die in der Ferne sichtbar
werdenden, von den Massai erbeutet gewesenen Sklaven und Rinder in
unsere Gewalt zu bringen.

Beides gelang; nach kaum einer halben Stunde hatten wir 43 Massais und
die ganze Beute in der Hand. Die in Sklaverei gefallenen Durumaweiber
und Kinder zu befreien, wäre uns, nebenbei bemerkt, kaum so vollständig
gelungen, wenn dieselben nicht in einer Weise gefesselt gewesen wären,
die ihnen rasches Laufen unmöglich machte. Als nämlich diese armen
Geschöpfe den Lärm des Gefechts sahen und hörten, machten sie
verzweifelte Anstrengungen, davon- und zwar den fliehenden Massai
nachzulaufen. Klüger benahmen sich die Rinder, die durch die Schüsse und
Raketenschläge zwar auch in hochgradige Unruhe versetzt waren, sich aber
trotzdem von uns und unseren Hunden, die bei dieser Arbeit sich als
ausnehmend verwendbar erwiesen, ohne sonderliche Beschwer auf unser
Lager zutreiben ließen.

Die gefangenen Massai waren prächtige, verwegen aussehende Kerle, die
trotz des Schreckens, der ihnen noch sichtlich in allen Gliedern lag und
trotzdem sie offenbar erwarteten, kurzen Weges niedergemacht zu werden,
doch eine gewisse Haltung behaupteten. Unter ihnen befand sich -- ein
sehr glücklicher Umstand -- auch der Leitunu, d. i. der oberste,
unumschränkte Anführer der Bande, ein bronce-farbener Apoll von
reichlich 2 Meter Höhe, der ganz darnach aussah, als ob er sich am
liebsten sein kurzes Schwert, die »Sime«, in die eigene Brust gestoßen
hätte, insbesondere, als die von weither zusammengelaufenen Wa-Duruma
ihn und die Seinen zu verhöhnen und grimmig schreiend, ihren Tod zu
verlangen begannen. Johnston verwies ihnen dies mit großer Strenge.
Laut, daß es die Gefangenen hören konnten, erklärte er, auch die Massai
sollten unsere Freunde werden, wir hätten sie blos deshalb gezüchtigt,
weil sie sich hier schlecht benommen; ob sie denn glaubten, daß wir
ihrer, der Duruma, oder sonstwessen Hülfe bedürften, um jene zu tödten,
wenn wir es wollten; ob sie denn nicht gesehen hätten, wie wir in die
Luft schossen, wo doch ein paar ernstlich gemeinte Schüsse aus unseren
gewaltigen Maschinen genügt hätten, um alle Massai in Stücke zu reißen?
Um ihnen -- mehr aber noch den Massai -- die Wahrheit dieser ohnehin mit
tiefem Grausen und ohne die geringste Spur eines Zweifels angehörten
Worte zu zeigen, ließ Johnston eine volle Lage unserer sämtlichen
Geschütze und Raketen auf eine etwa 1000 Meter entfernte verfallene,
strohgedeckte Lehmhütte abgeben. Natürlich brach diese sofort zusammen
und geriet unmittelbar in Brand, ein Schauspiel, das auf die Wilden den
gewaltigsten Eindruck machte.

»Jetzt geht«, wandte sich hierauf Johnston, der bei all dem so that, als
merke er gar nicht, wie gespannt unsere Gefangenen zuhörten und zusahen,
zu den Wa-Duruma, »nehmt Euere Weiber, Kinder und Rinder, die wir
befreit haben, und laßt die Massai in Ruhe. Wir werden dafür sorgen, daß
sie Euch in Zukunft nicht mehr belästigen, aber vergesset nicht, daß in
wenigen Wochen auch sie unsere Freunde sein werden«.

Die Wa-Duruma gehorchten, obwohl sie nicht recht wußten, was sie aus der
Sache machen sollten. Nachdem sie sich entfernt hatten, ließ Johnston
den gefangenen Massai ihre Waffen zurückgeben und forderte sie auf, sich
gleichfalls zu entfernen; binnen höchstens 2 Wochen gedenke er sie in
Leitok-i-tok, dem südöstlichen Grenzdistrikte Massailands, zu besuchen;
um ihnen das mitzuteilen, habe er sie vor sich bringen lassen. Statt
jedoch dieser Erlaubnis sofort zu entsprechen, zögerten die El Moran
(der Name für Massaikrieger); schließlich trat Mdango, ihr Leitunu, vor
und erklärte, jetzt durch das aufgeregte Duruma-Land, versprengt von den
Ihrigen, heimzuziehen, wäre für eine so kleine Massai-Schaar der sichere
Tod, und wenn sie schon sterben müßten, so sei es ihnen größere Ehre,
von der Hand so gewaltiger weißer Leibons (Zauberer), als durch feige
Wa-Duruma oder Wateita zu fallen. Da wir die Absicht hätten, sie
demnächst zu besuchen, so mögen wir ihnen gestatten, mit uns zu ziehen.

Johnstons Gesicht strahlte bei dieser Eröffnung vor innerer Genugthuung;
den Massai gegenüber jedoch bewahrte er seine gemessene Ruhe und
erklärte feierlichen Tones, das sei eine so große Gunst, die sie da
verlangten, und deren sie sich durch ihr bisheriges Benehmen so wenig
würdig erwiesen, daß er zuerst ein Schauri (eine Ratsversammlung) mit
den Seinigen abhalten müsse, bevor er ihnen Bescheid geben könne. Damit
ließ er sie stehen, rief unserer zwanzig die wir ihm zunächst zu Pferde
hielten, beiseite, und teilte uns den Inhalt des Gespräches mit. »Daß
wir, den Wunsch des Leitunu, der nach der großen Zahl der von ihm
geführten El Moran zu schließen, einer der einflußreicheren sein dürfte,
erfüllen, versteht sich von selbst; der Mann muß vollständig gewonnen
werden, und gewinnt uns dann seine Landleute. So, jetzt werde ich ihm
das Ergebnis unseres »Schauri« mitteilen.«

»Höre« -- so wandte er sich an Mdango, »wir haben beschlossen, Deinen
Wunsch zu erfüllen, denn Euere Brüder in Leitok-i-tok sollen nicht
sagen, daß wir Euch einem schimpflichen Tode entgegengejagt hätten. Aber
nachdem wir einmal -- wenn auch ohne Blutvergießen -- unsere Waffen
gegen Euch gerichtet, können wir Euch -- das verbieten unsere Gebräuche
-- nicht als Gäste in unser Lager und an unseren Tisch lassen, bevor der
Frevel, durch den Ihr uns gereizt habt, vollständig gesühnt ist. Dies
wird nur dann geschehen sein, wenn jeder von Euch mit demjenigen unter
uns Blut-Brüderschaft schließt, der ihn zum Gefangenen gemacht hat.
Wollt Ihr das, und werdet Ihr den Bund ehrlich halten?«

Die El Moran bejahten dies mit großer Bereitwilligkeit; hierauf neues
»Schauri« unter uns, dem dann die 43fache Verbrüderung nach den
eigentümlichen Gebräuchen der Massai folgte, und wir hatten 43 Freunde
gewonnen, die sich -- wie Johnston versicherte -- eher in Stücke hauen
lassen, als zugeben würden, daß uns ein Leides geschehe, wo sie es
irgend verhindern könnten.

Über all dem war es 9 Uhr geworden und da der Tag glühend heiß zu werden
versprach, so hatten wir keine Lust, die sengende Duruma-Wüste zu
betreten, so lange die Sonne hoch am Horizonte stand. Wir kehrten daher
in das von unseren Tragtieren ohnehin noch nicht verlassene Lager zurück
und rüsteten das Mittagmahl. Zur Feier des unblutig erfochtenen Sieges
wurde dasselbe besonders reich, vornehmlich mit Fleisch nebst Milch, der
einzigen Nahrung der Massai-Elmoran -- bereitet, und zum Schlusse eine
riesige Bowle aus Rum, Honig, Limonen und heißem Wasser gespendet, die
allen unseren Leuten trefflich mundete, die Massai aber geradezu in
Begeisterung versetzte. Diese Begeisterung überschritt alle Grenzen, als
die diversen 43 Blutbrüder nach genossenem Punsche mit einer
Freundschaftsgabe von je einer -- roten Hose bedacht wurden. Der Leitunu
erhielt ein Extrageschenk in Form eines goldgestickten Scharlachmantels.

Die Duruma-Wüste, in die wir um 5 Uhr nachmittag eintraten, ist gänzlich
unbewohnt und während der trockenen Monate berüchtigt wegen ihres
beinahe absoluten Wassermangels. Jetzt, unmittelbar nach der Regenzeit,
fanden wir in den zahlreichen Bodenspalten und brunnenartig oft bis zu 2
und 3 Metern vertieften natürlichen Löchern erträgliches Wasser in
genügender Menge. Von der Hitze aber hatten wir bis Sonnenuntergang viel
zu leiden, was uns veranlaßte, mit Preisgebung unserer Nachtruhe in
einem Gewaltmarsche bis Taro vorzudringen, einem recht ansehnlichen,
durch angesammeltes Regenwasser gebildeten Teich, den wir gegen Morgen
erreichten. Hier hielten wir einen halben Rasttag, d. h. wir brachen
nicht des Morgens, sondern des Abends auf, unsere Kräfte für den nun
folgenden bösesten Teil des Weges schonend. Die Wasserlöcher wurden von
da ab seltener, das Aussehen der Landschaft besonders trostlos:
eintönige, flache Steinfelder, abwechselnd besetzt mit häßlichem
Dornendickicht. Doch Menschen und Tiere hielten die schlimmen 3 Tage
wacker aus und am 12. Mai erreichten wir wohlbehalten, obwohl arg
durchnäßt durch einen uns plötzlich überraschenden Platzregen, das
liebliche Land der Wateita am herrlichen Ndaragebirge.

Hier lernten wir zum ersten Male die entzückende Pracht äquatorialen
Hochlandes kennen. Das Ndara-Gebirge erreicht eine Höhe bis zu 1550
Metern, ist vom Gipfel bis zum Fuße mit üppiger Vegetation bedeckt,
zahlreiche silberhelle Bäche und Flüsse rauschen und tosen an seinen
Abhängen zu Thale und die Rundschau von günstiger situierten
Aussichtspunkten ist geradezu entzückend. Da wir hier einen vollen
Rasttag hielten, so benützten die meisten von uns die Gelegenheit zu
Ausflügen rings in der wundervollen Landschaft, wobei uns einige zu
Handels- und Missionszwecken angesiedelte Engländer in liebenswürdigster
Weise als Führer dienten. Ich selber konnte nicht allzutief in das
Gewirr köstlicher, schattenreicher Thäler und Gipfel, das uns rings
umgab, eindringen, da ich die Verproviantierung der Karawane sowohl in
Teita als auch für die jenseits desselben bis zum Kilima-Ndscharo sich
erstreckende Wüstenei durchführen mußte. Aber meine glücklicheren
Genossen erstiegen die umliegenden Höhen, übernachteten zumeist auf oder
dicht unter denselben, erquickten sich an der kühlen Luft derselben und
kamen zurück trunken von all der Schönheit die sie genossen. Im übrigen
war es auch am Fuße der Teitaberge kaum minder entzückend. Das Bad unter
einem der plätschernden Wasserfälle, umfächelt von den milden Lüften und
Düften die der Abend brachte, würde stets zu den schönsten Erinnerungen
meines Lebens zählen -- wenn mir Afrika nicht noch weit herrlichere
Naturscenen geboten hätte.

Am 14. und 15. wanderten wir in nicht zu anstrengenden Märschen weiter
durch dies Paradies, in welchem auch unsere Jäger reiche Beute an
Giraffen und verschiedenen Antilopen machten, schlossen überall
mit den Stämmen und Häuptlingen durch Geschenke besiegelte
Freundschaftsbündnisse, arbeiteten uns dann in zwei weiteren Tagen durch
die menschenleere, dafür aber desto wildreichere Wüste von Taweta, die
im übrigen gar nicht so schlimm ist, als ihr Name, und hatten am
Nachmittag des 17. die kühlen Wälder der Vorberge des Kilima vor uns --
wo uns eine seltsame Überraschung erwartete.

Wir waren Taweta auf wenige Kilometer nahe gekommen und unsere
Gewehrsalven hatten -- wie dies in Afrika üblich -- dort soeben die
Ankunft einer Karawane verkündigt, als Johnston und ich, die wir an der
Spitze des Zuges ritten, einen Mann mit verhängtem Zügel auf uns
zusprengen sahen, in welchem wir alsbald den Führer unseres Vortrabs,
Ingenieur Demestre, erkannten. Anfangs machte uns die rasende Eile, mit
der er auf uns zujagte, einigermaßen besorgt, dann aber zeigte uns sein
lachendes Gesicht, daß es kein Unfall sei, was ihn uns entgegenführe. Er
winkte mir schon von Weitem zu und rief, sein Pferd vor uns parierend:
»Deine Schwester und Miß Fox sind in Taweta!«

Wir beide, Johnston und ich, müssen auf diese unerwartete Botschaft hin
erklecklich alberne Gesichter gemacht haben, denn Demestre brach jetzt
in ein tolles Gelächter aus, in welches endlich auch wir einstimmten.
Dann erzählte er, die beiden Damen hätten ihn und die Seinen, die
gestern Abend in Taweta anlangten, ganz harmlos, als träfen sie sich
daheim auf der Straße, begrüßt, ihre Verblüffung gänzlich ignoriert und
auf Befragen im gleichmütigsten Tone erzählt, sie wären am 30. April,
also während wir in Mombas saßen, von Aden kommend, in Zanzibar
eingetroffen, nach kurzem Aufenthalte nach Pangani übergefahren und von
dort über Mkumbara und am Jipe-See vorbei schon am 14. in Taweta
angelangt, wo sie sich mitsamt ihrem Diener oder Freunde Sam, einem
alten ehrwürdigen Neger, der Miß Fox überall begleite, und ihren vier
Elefanten -- denn auf dem Rücken solcher Tiere wären sie zu grenzenlosem
Erstaunen der Neger gereist -- ganz ausnehmend wohl befänden. »Fräulein
Klara läßt Dich grüßen und Dir sagen, sie sehne sich schon recht sehr,
Dich an ihr schwesterliches Herz zu drücken.«

Da ich sah, daß Demestre nicht scherze, so gab ich meinem Pferde die
Sporen, befand mich schon nach wenigen Minuten in einem der
tiefschattigen, laubenartigen Waldwege, die vom offenen Lande nach
Taweta hineinführen, und sah auch bald darauf die beiden Damen, von
denen die eine mit ausgebreiteten Armen auf mich zueilte und mich, kaum
daß ich den Boden berührt hatte, laut weinend ans Herz drückte. Nachdem
der erste Sturm des Wiedersehens vorüber war, suchte ich von meiner
Schwester nähere Aufklärung über die Art ihres Erscheinens hier mitten
unter den Wilden zu erlangen; allein das war ein vergebliches Bemühen;
so oft die Gute auch zu einem Berichte ansetzte, unterbrachen sie
Thränen und Ausrufe der Freude über unser Wiedersehen sowie des
nachträglichen Entsetzens über all die Gefahren, vor denen mich
leichtsinnigen Knaben sicherlich nur mein gutes Glück bewahrt.
Inzwischen hatten wir uns Miß Fox genähert, die meinen Gruß zwar etwas
spöttisch, aber deßhalb nicht minder herzlich erwiderte und aus deren
Munde ich endlich alles Wissenswerte erfuhr.

Darnach hatten sich also die Beiden gleich bei ihrer ersten Begegnung
verständigt und das Komplott in seinen Grundzügen angelegt, die näheren
Vereinbarungen der Zeit nach meiner Abreise aus Europa vorbehaltend.
Meine Schwester hatte in Miß Fox die Energie und die erforderlichen
pekuniären Mittel zur Inscenierung einer gegen den Willen der Männer auf
eigene Faust durchzusetzenden Expedition, Miß Fox dagegen in meiner
Schwester die Gefährtin und ältere Beschützerin gefunden, ohne welche
auch sie vor einem solchen Geniestreich zurückschreckte. Da insbesondere
Miß Fox die Dispositionen unserer Reise ganz genau kannte, so ahmte sie
dieselben dem Wesen nach im Kleinen nach; sie bestellte bei denselben
Fabrikanten und Lieferanten, von denen wir unsere Vorräte, Tauschwaren
und Reisegeräte bezogen, auch die ihrigen, entschied sich gleich uns für
Tragtiere statt für Pagazis, wählte aber, um wenigstens in Einem Punkte
originell zu sein, Elefanten statt der Pferde, Kamele oder Esel. Da es
überall dort, wo wir hin wollten, wilde, wenn auch bisher niemals
gezähmte Elefanten in Menge gebe, so mußten -- das war ihr Kalkül,
indische Elefanten auch überall im äquatorialen Afrika fortkommen. Ein
Geschäftsfreund ihres verstorbenen Vaters in Kalkutta, hatte ihr vier
Prachtexemplare dieser Dickhäuter verschafft, diese mitsamt acht
erprobten indischen Führern und Wärtern nach Aden expediert, wo sie
dieselben angetroffen und nach Zanzibar genommen. Hier wurden einige
Wegführer und Dolmetscher geworben und um nicht etwa zu nahe an der
Küste mit uns zusammenzutreffen, der Weg über Pangani genommen, auf
welchem ihnen zwar die Neugier der Eingeborenen hie und da lästig
geworden, im übrigen aber, insbesondere Dank der liebenswürdigen
Fürsorge der in Pangani, Mkumbana, Membe und Taweta stationierten
deutschen Agenten nicht der geringste Unfall zugestoßen sei. Ihre
Suaheli-Leute hätten sie sofort nach ihrer Ankunft entlassen, mit den
Elefanten und Indern gedächten sie sich uns anzuschließen -- es sei
denn, daß wir sie allein in Taweta zurücklassen wollten.

Was war unter so bewandten Umständen zu thun? Es verstand sich von
selbst, daß die beiden Amazonen von da ab zu den Unsrigen gehörten und
was mich anlangt, so müßte ich die Unwahrheit sagen, wollte ich
behaupten, ich sei meiner Schwester oder Miß Fox ob ihrer Hartnäckigkeit
gram geworden. Die ärgsten Gefahren konnten nach der Affaire mit den
Massai in Duruma als beschworen gelten; die Beschwerden des Weges waren
-- wie ja der Erfolg zeigte -- auch von Frauen recht gut zu überwinden;
ich gab mich also der Freude des unverhofften Wiedersehens ungetrübt
hin. Aber auch die anderen Mitglieder der Expedition waren -- wie ich
mit Genugthuung bemerkte -- mit dem Zuwachse, der uns in Taweta
geworden, durchaus einverstanden und so erhielten denn die Elefanten
mitsamt ihrer schönen Last -- denn nebenbei bemerkt ist auch meine
Schwester trotz ihrer 38 Jahre noch immer ein schönes Weib -- ihren
Platz in der Karawane angewiesen.

Vor Taweta verabschiedeten sich unsere Massai-Freunde. Sie nahmen den
Auftrag mit, ihren Landsleuten mitzuteilen, daß wir in 8-10 Tagen an den
Grenzen von Leitok-i-tok eintreffen würden, daß es unsere Absicht sei,
ganz Massai-Land zu durchreisen, um uns dort, wo es uns am besten
gefallen würde, dauernd niederzulassen. Diese unsere Ansiedelung werde
dem Stamme, in dessen Nachbarschaft wir Hütten bauen würden, zum größten
Vorteil gereichen, denn wir würden ihn reich und unbesiegbar allen
Feinden gegenüber machen. Uns aufzunehmen und Gebiete abzutreten würden
wir Niemand zwingen, obwohl wir, wie sie bezeugen könnten, dazu
genügende Macht besäßen und noch viele Tausende unserer weißen Brüder
nur auf Nachricht von uns warteten, um uns nachzufolgen; den freien
Durchzug aber würden wir, wenn er uns nicht friedlich gewährt werde,
überall zu erkämpfen wissen. Schließlich banden wir unseren Blutbrüdern
noch ans Herz, dafür zu sorgen, daß bei den Verhandlungen möglichst
zahlreiche Stämme erscheinen, insbesondere diejenigen, welche längs des
Weges nach dem Naiwascha-See -- unserer Route an den Kenia -- wohnen,
und schieden unter beiderseitigen herzlich gemeinten Wünschen von
einander. Als letztes Angedenken gaben wir den ganz zuthunlich
gewordenen Kerlen eine Reihe in ihren Augen überaus kostbarer Geschenke
für ihre Herzallerliebsten, die sogenannten »Dittos« mit, als da sind,
Messingdraht, messingene Armbänder und Ringe mit falschen Steinen,
Handspiegel, auf Schnüre gereihte Glasperlen, Baumwollzeuge und Bänder.
Der Tauschwert dieser Geschenke, obwohl sie uns in Europa insgesamt
keine 200 Mark gekostet hatten, betrug nach Massai-Währung, wie wir uns
später zu überzeugen Gelegenheit hatten, reichlich den von 100 fetten
Ochsen, und die El Moran waren auch ganz sprachlos über unsere
Freigebigkeit. Geradezu unschätzbar aber war in ihren Augen das
Geschenk, mit welchem Johnston zum Schlusse herausrückte: ein
Kavalleriesäbel mit eiserner Scheide und guter Solinger Klinge für jeden
der sich verabschiedenden Helden. Um ihnen die Vortrefflichkeit dieser
Waffe _ad oculos_ zu demonstrieren, ließ Johnston durch einen in solchen
Kunststücken bewanderten Belgier den mächtigsten der Massaispeere,
dessen Klinge gut 12 Centimeter breit war, mit einem Hiebe durchhauen,
und wies dann den zu Bildsäulen erstarrten Kriegern die völlig
unversehrte Schwertklinge vor. »So schneiden _unsere_ »Siemes,« sagte
er, wenn sie in gerechtem Kampfe gebraucht werden; hütet Euch aber, sie
bei Raubzügen oder Mordthaten zu ziehen, sie würden Euch in der Hand
zerspringen wie Glas und Unheil über Eure Köpfe bringen.« Damit winkten
wir ihnen nochmals freundlich zu und hatten sie bald aus den Augen
verloren.

In Taweta weilten wir 5 Tage, um den Tieren nach den anstrengenden
Märschen Ruhe zu gönnen und uns an den über alle Beschreibung
entzückenden Reizen dieses an Lieblichkeit und tropischer Pracht sowohl
als an Großartigkeit der Gebirgsformen alles bis dahin Gesehene weitaus
übertreffenden Landes zu erlaben, und schließlich um unsere Ausrüstung
mit Hilfe der hier und im benachbarten Moschi residierenden deutschen
Agenten einigermaßen zu ergänzen. Diese Herren, wie nicht minder die
freundlichen Eingeborenen, informierten uns bereitwilligst über jene
Waren, nach denen augenblicklich im Massai-Lande besonderer Begehr
herrsche und da sich ergab, daß wir von einer derzeit bei den Dittos
modernen blauen Perlenart sehr wenig, von einer als haute Nouveauté
geltenden Sorte Baumwolltücher vollends auch nicht einen Ballen besaßen,
so kauften wir in Taweta mehrere Traglasten von diesen Kostbarkeiten.

Auf unseren Streifungen in Taweta sahen wir zum ersten Male den Kilima
Ndscharo in seiner vollen überwältigenden Majestät. Nahe an 4000 Meter
steil aus dem umliegenden Hochlande emporragend, trägt dieser
zweizinkige, sich zu 5700 Metern über die Meeresfläche erhebende Riese
auf seinem breiten, wuchtigen Rücken ein Schneefeld, mit dessen Wirkung
sich nicht die Gletscher unserer europäischen Alpenriesen, ja in
gewissem Sinne nicht einmal die der Anden und des Himalaja vergleichen
lassen. Denn nirgend sonst auf unserer Erde bietet die Natur so
unvermittelt nebeneinander den Kontrast der üppigsten, saftigsten
Tropenwelt und der schauerlichen Öde zerrissenen Geklüftes und ewigen
Eises, wie hier im äquatorialen Afrika. Die Flora und Fauna am Fuße des
Himalaja z. B. ist zwar kaum minder herrlich, wie im Wald- und
Quell-Lande von Taweta; aber während die schneebedeckten Gipfel des
Central-Asiatischen Gebirgsstockes sich Hunderte von Kilometern entfernt
vom Fuße desselben erheben und es daher dem Menschen nicht vergönnt ist,
die Reize beider zugleich zu genießen und durch den Kontrast zu
steigern, kann man hier, beschattet von einer wildwachsenden Banane oder
Mangopalme mit einem guten Fernrohre die unergründlichen Schlünde der
Gletscherspalten zählen, so zum Greifen nahe ist die Welt des ewigen
Eises der des ewigen Sommers gerückt. Und welchen Sommers! Eines
Sommers, der seine reichsten Schätze an Schönheit und Fruchtbarkeit
gewährt, ohne unsere Nerven durch seinen Gluthauch zu erschlaffen. Man
muß diese schattigen und doch lichten Wälder, diese allenthalben durch
den blumenduftenden Boden hüpfenden krystallklaren Bäche gesehen, diese
kühlenden Lüfte, die beinahe ununterbrochen von den nahen Eisfeldern
herabwehen und sich unterwegs durch den Blumenatem der tiefer gelegenen
Bergabhänge würzen, um seine Schläfen empfunden haben, um zu wissen, was
Taweta ist.

An materiellen Genüssen greifbarer Art bietet dieses gesegnete Ländchen
eine überreiche Fülle. Fette Rinder, Schafe und Ziegen, Hühner,
köstliche Fische aus dem nahen Jipe-See und dem Lumi-Flusse, einige
besonders delikate aus den rings vom Kilima-Ndscharo herabschäumenden
kleineren Gebirgswässern, Wildpret in tausenderlei Varietäten,
befriedigen selbst den unersättlichen Hunger nach Fleisch; das
Pflanzenreich schüttet ein nicht minder reiches Füllhorn fast aller in
den Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse und Obstarten aus.
Dabei ist alles so wohlfeil, daß selbst der übermütigste Schlemmer nicht
im Stande ist, mehr als wenige Pfennige täglich auszugeben -- falls die
liebenswürdigen, gastfreundlichen Wataweta überhaupt Zahlung annehmen,
was z. B. uns gegenüber fast niemals der Fall war. Allerdings kam uns
dabei der Ruhm unserer Heldenthaten gegen die Massai und insbesondere
unsere Versicherung zu statten, daß wir auch Taweta von diesen bösen
Gästen befreien würden, die bisher zwar noch bei jedem Angriffe von den
uneinnehmbaren Waldfestungen des Kilima abgeschlagen worden waren, deren
Nachbarschaft sich aber bisher doch sehr lästig erwiesen hatte. Auch war
unsere Hand den Taweta-Männern und mehr noch den Weibern gegenüber stets
offen. Europäische Geräte aller Art, Kleidungsstücke, primitive
Schmucksachen, und hauptsächlich eine Auslese von Photographien und
bemalten Münchener Bilderbogen gewannen uns die Herzen unserer schwarzen
Gastfreunde, so daß, als wir am Morgen des 23. Mai endlich aufbrachen,
wir ebenso ungern diesen herrlichen Waldwinkel verließen, als die
Wataweta uns ungern scheiden sahen. Bis über die Grenze ihres Gebietes
begleiteten uns diese guten, einfachen Menschen, und gar manches der
keineswegs unschönen Tawetafräulein, das sein Herz an einen der weißen,
oder wohl auch der Suaheli-Gäste verloren haben mochte, vergoß bittere
Thränen und klagte sein Leid mit Vorliebe -- unseren beiden Damen, die
glücklicher Weise von diesen Ergüssen und Eröffnungen tawetanischer
Mädchen-Seelen kein Wort verstanden. Prüderie ist im äquatorialen Afrika
eine gänzlich unbekannte Sache und die Taweta-Schönen würden ebensowenig
begriffen haben, daß irgend Jemand Übles darin finden könne, wenn man
einem Gaste ohne weiteres sein Herz entgegenträgt, als ihre weißen
Schwestern begriffen hätten, daß man derlei Dinge in aller Unschuld
ausplaudern könne, ohne daß Freunde und Verwandte daran den geringsten
Anstoß nähmen.



                              4. Kapitel.


Nach Massailand führen von Taweta zwei Wege, der eine westlich vorbei am
Kilima durch das Gebiet der Wakwafi; der andere am Ostabhange des
Gebirgsstockes durch die verschiedenen Tribus der Wadjagga.

Das Land ist fruchtbar und schön auf beiden Seiten; wir wählten aber die
letztere Route, weil die Wakwafi eben im Kriege waren mit den Massai und
wir uns in keine überflüssigen Händel mengen wollten, auch ganz im
allgemeinen der Verkehr mit den friedfertigen und schüchternen Wadjagga
dem mit den rauflustigen Wakwafi vorzuziehen ist. In kleinen
Tagemärschen zogen wir vorbei an dem wildromantischen, von düsteren,
senkrecht abfallenden Felsen eingefaßten Dschallasee, durch die waldigen
Bergabhänge von Rombo und durch die Hochebenen von Useri, übersetzten
dabei drei nicht unansehnliche, wasserreiche Bäche, die vereint den
Tsabofluß bilden, und zahllose Quellen, die allenthalben vom Kilima
herunterrieselnd, die parkartigen Wiesen und die wohlangebauten Felder
der Eingeborenen bewässern. Überall tauschten wir reiche Geschenke und
schlossen Freundschaftsbündnisse. Nebenbei wurde auch der Jagd gepflegt,
die Antilopen, Zebras, Giraffen und Rhinoceros in großer Menge ergab.

Am 28. Mai trafen wir an der Grenze von Leitok-i-tok, dem südöstlichen
Grenzdistrikt von Massailand ein. Als wir den Rongeibach überschritten,
stieß unser Freund Mdango in Begleitung zahlreicher seiner Krieger zu
uns. Sein Bericht war befriedigend. Die ihm aufgetragene Botschaft hatte
er nicht bloß den Alten und den Kriegern des eigenen Stammes, sondern
allen Stämmen von Leitok-i-tok bis an die Grenzen von Kapte übermittelt
und sie zu einem großen Schauri am Minjenjeberge -- einen halben
Tagmarsch von der Grenze gegen Useri -- eingeladen. Sie waren zahlreich
erschienen, El-Morun und El-Moran, d. i. verheiratete Männer und
Krieger, letztere in einer Gesamtstärke von über 3000 Mann, und
vorgestern hatten sie vom Morgen bis Abend verhandelt. Das Ergebnis war
der einstimmige Beschluß, uns ein Freundschaftsbündnis anzutragen.

Bald darauf nahten die Massai in hellen Haufen. Wir luden sie in unser
Lager, wo wir sie Mann für Mann reichlich beschenkten. Zuerst bekam
Mdango für seine diplomatischen Bemühungen ein buntes, goldgesticktes
Ehrenkleid (wo bei Geschenken von »Gold« die Rede ist, welches die
Centralafrikaner nicht kennen und nicht schätzen, muß überall unechte
Waare verstanden werden), eine silberne Taschenuhr, ein Eßbesteck aus
Weißblech und einige Zinnteller. Die Verwendung und Behandlung der
letztgenannten Dinge mußte ihm allerdings erst mühsam beigebracht
werden, doch sei bemerkt, daß Mdangos Uhr von da ab stets in gutem Gange
blieb und daß er sich bei feierlichen Gelegenheiten des Messers und der
Gabel mit angemessener Würde bediente.

Andere Massaigrößen wurden gleichfalls, wenn auch nicht so
verschwenderisch wie der vielbeneidete Mdango, mit auserlesenen Dingen
bedacht; alle El-Moran aber erhielten außer Perlenschnüren und Tüchern
für ihre Mädchen, die vielbegehrte rote Hose, die verheirateten Männer
farbige Mäntel, und jedes Weib -- Frau oder Mädchen -- das unser Lager
mit seinem Besuche beehrte, ward durch Bilder, Perlen, Zeuge und
allerlei broncenen und gläsernen Tand erfreut. Das Verteilen dieser
Gaben nahm viele Stunden in Anspruch, trotzdem etwa fünfzig von uns
damit beschäftigt waren. Es hielt eben schwer, in dieser entzückt
durcheinander schwatzenden und wogenden Masse Ordnung zu halten. Erst
als die Sonne sich ihrem Untergange zuneigte, verließen die letzten
Massaimänner unser Lager, während gerade die hübschesten der jungen
Mädchen und Frauen keine Miene machten, die heimischen Penaten
aufzusuchen. Die Männer bemerkten es, fanden es jedoch sichtlich in der
Ordnung, daß ihre Frauen und Töchter so freigebigen Fremden auch nach
Sonnenuntergang Gesellschaft leisten. So will es die Sitte in
Massailand, und wir hatten Mühe, uns vor deren Konsequenzen zu bewahren,
ohne die zwar nach ranzigem Fett duftenden, sonst aber selbst nach
europäischen Begriffen wohlgebildet zu nennenden braunen Damen zu
beleidigen.

Am nächsten Vormittag schritten wir zum Abschlusse des Friedens- und
Freundschaftsvertrages. Johnston forderte jeglichen Kral -- es waren
deren 17 aus Leitok-i-tok und 4 aus Kapte vertreten -- auf, den Leitunu
und Leigonani der El-Moran und je zwei der El-Morun zu designieren, die
den Vertragsabschluß mit uns vollziehen sollten. Dieser Wahlakt ging
merkwürdig rasch von statten und schon eine Stunde später war die
Ratsversammlung, an welcher unsererseits bloß Johnston, ich und 6
Offiziere teilnahmen, unter allerlei Zeremonien eröffnet. Zuerst gab es
einige Reden, in denen unsererseits die Vorteile auseinandergesetzt
wurden, die den Massai aus unserer bevorstehenden Ansiedelung in ihrer
Mitte oder an ihren Grenzen erwachsen würden, von Seiten der
Massaisprecher hinwieder Versicherungen der Bewunderung und Liebe den
weißen Freunden gegenüber, die Hauptrolle spielten. Dann legte Johnston
die Punktationen des Vertrages vor. Dieselben lauteten wie folgt:

1. Die Massai werden uns und unseren Bundesgenossen gegenüber, als da
sind: die Bewohner von Duruma, Teita, Taweta, Dschalla und Useri,
unverbrüchlich Frieden und Freundschaft einhalten.

2. Die Massai werden von keiner von Weißen geführten Karawane unter
irgend welchem Vorgeben Hongo verlangen, versprechen vielmehr, dem
Durchzuge derselben in jeder Weise behülflich zu sein, insbesondere, so
weit ihre Vorräte reichen, gegen billige Bezahlung Lebensmittel
beizustellen.

3. Die Massai werden auf unser Verlangen jederzeit El-Moran in jeder
beliebigen Zahl zu unserer Verfügung stellen, die Geleits- und
Wachdienste zu leisten haben und uns während der Dauer ihrer Verwendung
militärischen Gehorsam schuldig sind.

4. Dagegen verpflichten wir uns, die Massai als unsere Freunde
anzuerkennen, sie in ihren Rechten zu schützen und ihnen gegen fremde
Angriffe beizustehen.

5. Die El-Moran jedes am Bunde teilnehmenden Stammes erhalten von uns
alljährlich Mann für Mann je zwei Beinkleider aus gutem Baumwollstoff
und je 50 Schnüre Glasperlen, deren Auswahl ihnen überlassen bleibt,
oder auf Wunsch andere Waren im gleichen Werte. Die El-Morun erhalten je
einen Baumwollmantel, die Leitunu und Leigonani Beinkleid, Perlen und
Mantel.

6. Die zu Dienstleistungen herangezogenen El-Moran erhalten außer voller
Verpflegung an Fleisch und Milch je 5 Perlenschnüre oder deren Wert als
tägliche Besoldung.

Dieses, von den anwesenden Massai mit den Zeichen unverhohlener
Befriedigung aufgenommene Aktenstück wurde durch eine symbolische
Blutverbrüderung zwischen den beiderseitigen Kontrahenten unter vielen
Feierlichkeiten bekräftigt. Da die in achtungsvoller Ferne lauschende
Menge dasselbe, als es ihr verlesen ward, mit lautem Freudengeschrei
aufnahm, so wußten wir, daß die öffentliche Meinung von Leitok-i-tok und
eines Teiles von Kapte vollkommen gewonnen sei.

Wir teilten nun unseren neuen Bundesgenossen mit, daß es unsere Absicht
sei, über Matumbato und Kapte an den Naiwascha-See zu ziehen, die
unterwegs wohnenden Massaistämme womöglich alle in den Bund aufzunehmen
und dann entweder über Kikuja oder über Leikipia an den Kenia
vorzudringen. Behufs rascherer Herstellung der freundschaftlichen
Beziehungen mit jenen Stämmen, deren Gebiete wir zu durchziehen hätten,
verlangten wir die Beistellung einer 50 Mann starken Schar El-Moran, die
unter Führung unseres -- inzwischen unter seinen Landsleuten zu hohem
Ansehen gelangten -- Freundes Mdango, uns voraufziehen solle. Es geschah
wie wir wünschten und Mdango fühlte sich durch die auf ihn gefallene
Wahl nicht wenig geschmeichelt. Aus den 50 El-Moran, die wir forderten,
wurden übrigens mehr als 500, da sich die jungen Krieger um die Ehre
stritten, uns dienlich zu sein. Vom Wege über Kikuja aber rieten uns die
Massai ab. Die Wa-Kikuja sind kein Massaistamm, sondern gehören einer
ganz anderen Rasse an, die von altersher mit ihnen in steter Fehde lebt.
Sie wurden uns als verräterisch, feige und grausam zugleich geschildert,
als Leute ohne Treu und Glauben, mit denen ein ehrlicher Bund ganz
unmöglich sei. Da wir indessen aus unserer civilisierten Heimat her
wußten, welches Vertrauen man auf das gegenseitige Urteil einander
bekämpfender »Nationen« legen dürfe, so machte obige Schilderung
vorderhand weiter keinen Eindruck auf uns, als daß wir derselben
entnahmen, die Wakikuja seien »Erbfeinde« der Massai. Wie sehr im Rechte
wir mit unserer Skepsis waren, sollte die Folge lehren. Mdango wurde
bedeutet, daß es bei der ursprünglichen Abrede sein Bewenden habe. Er
solle uns in Eilmärschen voranziehen, wo möglich bis an die Grenzen von
Leikipia, dann aber umkehren und uns am Ostufer des Naiwascha-Sees
erwarten, wo wir drei Wochen von heute an gerechnet das große
Bundes-Schauri mit den von ihm unterwegs verständigten und berufenen
Massai-Stämmen abzuhalten gedächten. Was es mit den Wakikuja, die das
Gebiet östlich vom Naiwascha bewohnen, auf sich habe, würden wir selber
untersuchen.

Am ersten Juni um 4 Uhr Morgens brachen wir von Miveruni auf. Nach
mehrstündigem Marsche lagen die letzten Waldstreifen der Kilima-Vorberge
hinter uns und wir betraten die kahlen Flächen der Ngiriwüste. Der Weg
durch diese und an den Limgeriningbergen vorbei durch das Hochplateau
von Motumbuto bot wenig des Bemerkenswerten. Am 6. Juni erreichten wir
die Berge von Kapte, längs deren Westabhang wir in einer Seehöhe von
1200 bis 1700 Metern dahinzogen, zur Linken unter uns die eintönige
unabsehbare Dogilaniebene, zur Rechten die bis zu 3000 Metern
aufsteigenden Kapteberge, an den Abhängen meist grasreiches Parkland,
auf den Kuppen dunkle Wälder zeigend. Zahlreiche Bäche, die stellenweise
malerische Wasserfälle bilden, rauschen von ihnen hernieder und
vereinigen sich im Dogilaniland zu größeren Flüssen, die, soweit das
Auge sie verfolgen kann, allesamt nach Westen ihren Lauf nehmen und in
den Ukerewe, diesen größten unter den Riesenseen Centralafrikas, münden.
Alle Stämme unterwegs nahmen uns wie alte Freunde auf, selbst
diejenigen, mit denen wir noch kein Bündnis geschlossen hatten. Zu ihnen
allen war die Wundermär von den weißen Männern gedrungen, die sich bei
ihnen ansiedeln wollen und die so mächtig und freigebig zugleich seien;
Mdangos Einladung zum Schauri am Naiwaschasee war überall freudig
aufgenommen worden, große Scharen waren schon unterwegs. Andere
schlossen sich uns an oder versprachen nachzufolgen. Von »Hongo« nirgend
die Rede, kurzum, wir hatten gewonnenes Spiel in allen Gauen des Landes.

Am 12. erreichten wir die Grenze des Kikujalandes, dem entlang der
weitere Weg an den Naiwascha sich hinzieht. Die schlimmen Berichte über
den heimtückischen, häßlichen Charakter dieses Volkes waren uns von den
Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstärkter Form
wiederholt worden; inzwischen aber hatten wir von anderer Seite durchaus
verschieden klingende Darstellung erhalten. Unsere beiden Damen führten
nämlich ein Andorobomädchen mit sich, welches sie in Taweta aufgenommen
hatten. Die Andorobo sind ein Jägervolk, welches ohne festen Wohnsitz
durch das ganze ungeheure Gebiet zwischen dem Ukerewesee und der
Zanzibarküste hin zu finden ist; aus einem Stamme dieses Volkes, welcher
die Gegenden am Fuße des Kenia, nördlich von Kikuja nach Elefanten
durchstreift, war Sakemba -- so hieß das fragliche ungefähr 18 Jahre
zählende Mädchen -- vor zwei Jahren von Massai geraubt worden; diese
verhandelten sie an eine Suahelikarawane, mit welcher sie nach Taweta
kam. Das Mädchen hatte -- eine Seltenheit bei diesen Rassen -- eine
unbesiegliche Sehnsucht nach ihrer Heimat, und da meine Schwester und
Miß Ellen, in Taweta vor uns angelangt, auf Befragen erzählten, sie
warteten auf eine nach dem Kenia ziehende Karawane, so wandte sich jene
mit der flehenden Bitte an die Beiden, sie ihrem gegenwärtigen Herrn
abzukaufen und in ihre Heimat mitzunehmen; dort würden ihre Angehörigen
gern einige schöne Elefantenzähne an ihre Auslösung wenden. Durch das
inständige Flehen des Negermädchens gerührt, bewilligten Klara und Miß
Fox sofort diese Bitte, d. h. sie bezahlten den Herrn, schenkten der
Andorobo die Freiheit und versprachen ihr, sie mitzunehmen. Dieses, als
sehr intelligent und über die Verhältnisse ihres Heimatlandes
wohlunterrichtet sich erweisende Mädchen hatte schon in Miveruni gehört,
wie schlecht die Massai von den Wakikuja sprachen und bei nächster
Gelegenheit seinen Beschützerinnen versichert, daß die Sache lange nicht
so schlimm sei. Massai und Wakikuja seien alte Feinde und da sie
einander demzufolge gegenseitig möglichst viel Übles zufügen, so
glaubten und erzählten sie auch alles erdenkliche Böse über einander.
Wahr wäre allerdings, daß die Wakikuja lieber aus dem Hinterhalt als in
offener Feldschlacht kämpften, und so tapfer, als die Massai seien sie
auch nicht; verräterisch und grausam aber wären sie nur gegen ihre
Feinde und wer ihr Vertrauen einmal gewonnen habe, der könne sich so gut
auf sie verlassen, als auf Angehörige irgend eines anderen Volkes. Die
Andorobo zögen den Verkehr mit den Wakikuja dem mit den Massai sogar
weit vor, denn sie seien friedfertiger und nicht so übermütig wie diese.
Der direkte Weg an den Kenia aber führe für uns über Kikuja, während die
Straße über Leikipia wegen des in weitem Bogen zu umgehenden
Aberdargebirges um mindestens 6 Tagereisen länger wäre.

Da wir keinen Grund hatten, an der Glaubhaftigkeit dieses Berichtes zu
zweifeln, dessen letzten, für uns wichtigsten Teil zudem ein Blick auf
die Karte vollauf bestätigte, so beschlossen wir, es jedenfalls mit
Kikuja zu versuchen. Während also der größere Teil der Expedition unter
Johnstons Führung die Straße nördlich an den Naiwaschasee weiter
verfolgte, schwenkte ich mit 50 Mann und einigem Gepäck bei dem
Grenzorte Ngongo-a-Bagas östlich ab. Meine Absicht war, bloß Sakemba,
als Kennerin von Land und Volk, mitzunehmen und die zwei Damen bis zu
meiner Rückkehr der Obhut Johnstons zu übergeben. Allein meine Schwester
erklärte, mich um keinen Preis zu verlassen und da das Andorobomädchen
nicht mir, sondern den Frauen gehorchte, überdies aber versicherte, daß
für diese schon ganz und gar nicht an Gefahr zu denken sei, indem
zwischen Massai und Wakikuja seit unvordenklicher Zeit der niemals
verletzte Brauch bestehe, die Weiber gegenseitig selbst mitten im Kriege
zu respektieren, eine Versicherung, die allseitig -- auch von den Massai
-- bekräftigt wurde, so waren meine Schwester und Miß Ellen mit von der
Partie.

Sowie wir die Grenze von Kikuja überschritten, nahmen uns gewaltige
schattige Wälder auf, die jedoch keineswegs »undurchdringlich« genannt
werden können, vielmehr das Eigentümliche haben, daß sie an sehr
zahlreichen Stellen von breiten Durchschlägen durchschnitten sind, die
geradezu den Eindruck machen, als wären sie von einem geschickten
Gärtner zur Bequemlichkeit und Erquickung Lustwandelnder angelegt. Die
Breite dieser nicht eben schnurgeraden, doch in der Regel eine bestimmte
Richtung einhaltenden Wege schwankt zwischen einem und sechs Metern;
stellenweise erweitern sich dieselben zu umfangreichen Lichtungen, die
jedoch mit den eigentlichen Wegen gemein haben, daß der Boden mit dem
schönsten, dichtesten, kurzen Grase bedeckt ist, und daß schattige Kühle
in ihnen herrscht. Wodurch diese Durchschläge entstanden sind, war und
blieb mir rätselhaft. Seitlich von denselben giebt es Unterholz zwischen
den hochstämmigen Bäumen, stellenweise sogar sehr dichtes, und wir
konnten ganz gut bemerken, daß dunkle Gestalten zu beiden Seiten uns
folgten, jede unserer Bewegungen beobachtend und offenbar nicht ganz im
Reinen darüber, was sie aus uns machen sollten. Daß wir aus dem
feindlichen Massailande kamen, mochte wohl Mißtrauen erregen, denn wir
waren schon zwei Stunden lang solcher Art marschiert, ohne daß unsere
Begleiter sich hervorwagten.

Dem mußte ein Ende gemacht werden, da irgend ein unvorhergesehener
Zwischenfall leicht zu Mißverständnissen und daraus sich ergebenden
Feindseligkeiten führen konnte; ich fragte daher Sakemba, ob sie sich
getraue, allein unter die Wakikuja zu gehen. »Warum nicht«, meinte sie,
»dabei ist so wenig Gefahr für mich, als wenn ich allein in die Hütte
meiner Eltern träte«. Ich ließ also Halt machen, die Andorobo schritt
furchtlos auf die Büsche zu, hinter denen wir die Wakikuja wußten und
hinter denen sie alsbald verschwand. Nach Verlauf einer halben Stunde
kam sie in Begleitung einiger Wakikujaweiber zurück, die abgesandt
worden waren, die Glaubhaftigkeit von Sakembas Aussagen zu untersuchen,
d. h. zu sehen, ob wir wirklich allesamt bis auf einige Treiber Weiße
seien und ob sich -- der sicherste Beweis unserer friedlichen Absichten
-- wirklich auch zwei weiße Mädchen unter uns befänden. Dunkle Gerüchte
über uns waren zwar schon bis zu den Wakikuja gelangt, allein da die
feindlichen Massai die Quelle derselben gewesen, so wußten sie nicht,
was sie davon glauben sollten. Mit der Entsendung der Weiberkommission
waren aber die guten Beziehungen zwischen uns eingeleitet; einige
verschwenderisch gespendete Kostbarkeiten gewannen uns sehr bald die
Herzen und das volle Zutrauen der schwarzen Schönen. Unsere
Besucherinnen nahmen sich gar nicht Zeit, zu den Männern zurückzukehren,
sondern winkten und riefen dieselben herbei, welchem Rufe diese denn
auch Folge leisteten, so daß wir im Handumdrehen von einigen Hundert uns
verwundert und noch immer etwas scheu anglotzender Wakikuja umgeben
waren.

Nun trat aber ich, begleitet bloß von einem Dolmetsch mitten unter sie
und fragte, wo ihr Sultan oder ihre Ältesten wären. Sultan hätten sie
keinen, war die Antwort, sie seien unabhängige Männer; ihre Ältesten
dagegen seien anwesend, mitten unter ihnen. »Dann laßt uns sofort ein
Schauri halten, denn ich habe Euch Wichtiges mitzuteilen«. Der
Aufforderung zu einem Schauri kann kein Afrikaner widerstehen, und so
saßen wir denn alsbald im Kreise und ich konnte mein Anliegen
vorbringen. Zunächst berichtete ich von unseren Heldenthaten bei den
Massai und wie wir diese zum Friedenhalten mit uns sowohl als mit allen
unseren Freunden gezwungen, wie nicht minder von unserer späterhin
bethätigten Freigebigkeit. Darauf versicherte ich, daß wir auch die
Wakikuja uns zu Freunden zu machen wünschten, woraus für sie Ruhe vor
den Massai und großer Gewinn von uns sich ergeben würde. Wir aber
verlangten nichts, als freundliche Aufnahme und ruhigen Durchzug durch
ihr Gebiet. Sodann ließ ich einen, für solchen Anlaß bereitgelegten
Ballen unterschiedlicher Waren herbeischaffen, öffnen und erklärte: »Das
gehört Euch, damit Ihr Euch dieser Stunde, in der Ihr uns zum ersten
Male gesehen, erinnern möget. Niemand soll sagen: »»Ich saß bei den
weißen Männern und hielt Schauri mit ihnen und meine Hand blieb leer««.«

Die Wirkung dieser oratorischen Leistung und mehr noch der
ausgebreiteten Geschenke ließ nichts zu wünschen übrig. Wegen Verteilung
der Letzteren entstand zwar eine ausgiebige Balgerei unter unseren
zukünftigen Freunden, als aber diese glücklich ohne ernsten Unfall
vorüber war, ging es an Beteuerungen überschwänglicher Zärtlichkeit und
Dienstbeflissenheit uns gegenüber. Zunächst wurden wir eingeladen, ihre
sehr geschickt in den Dickungen des Waldes versteckten Hütten mit
unserer Gegenwart zu beehren, eine Aufforderung, der wir bereitwilligst
Folge leisteten, vorsichtshalber aber doch darauf achteten, in einer
möglichst dominierenden Position und nicht all zu sehr zerstreut
einquartiert zu werden. Auch sorgte ich dafür, daß unausgesetzt einige
von unseren Leuten in unauffälliger Weise Wache standen. Das Gepäck ließ
ich unter der Obhut von vier riesigen Doggen, die wir mitgenommen
hatten. Im übrigen erwies sich der eine Teil dieser Vorsichtsmaßregeln
als überflüssig; Niemand führte Böses gegen uns im Schilde und auch die
in den ersten Stunden noch immer hervortretende Ängstlichkeit der
Wakikuja machte rasch vollkommenster Zutraulichkeit Platz, wobei --
nebenbei bemerkt -- die Weiber in sehr entschiedener Weise vorangingen.
Dagegen zeigte sich die Bewachung der Waren als höchst ersprießlich, wie
uns alsbald das verzweifelte Zeter- und Hülfegeschrei eines
Wakikujajünglings bewies, der unsere Ballen, unbewacht wähnend, sich mit
einem Messer an einen derselben herangeschlichen hatte, dabei aber von
einer der Doggen kunstgerecht gestellt worden war. Wir befreiten den zu
Tode Erschrockenen, im übrigen jedoch gänzlich Unverletzten, aus den
Fängen des gewaltigen Tieres und hatten fernerhin auch kein Attentat auf
unsere Güter zu besorgen.

Am nächsten Morgen forderten wir unsere Gastfreunde auf, uns noch einige
Tagmärsche weit in das Innere ihres Landes in der Richtung nach dem
Kenia hin zu begleiten und dabei ihre Stammesgenossen, soweit sie diese
in so kurzer Zeit mit einer Botschaft erreichen könnten, zu einem
Schauri mit uns zu laden, da wir einen festen Freundschaftsbund
vereinbaren wollten. Dem wurde bereitwilligst entsprochen und so zogen
wir denn in Gesellschaft mehrerer Hundert Wakikuja noch zwei Tage lang
durch den herrlichen Wald, in welchem die Mannigfaltigkeit und Pracht
der Flora mit jener der Fauna wetteiferte. Unsere Verpflegung besorgten
dabei die Wakikuja ohne Bezahlung für irgend etwas zu nehmen in wahrhaft
verschwenderischer Weise. Wir schwammen förmlich in Milch, Honig,
Butter, allerlei Fleisch- und Geflügelsorten, Mtamakuchen, Bananen,
süßen Kartoffeln, Yams und einer großen Auswahl sehr wohlschmeckender
Früchte. Dabei wunderten wir uns, von wo dieser unerschöpfliche Überfluß
insbesondere an Feldfrüchten wohl stammen möge, denn in den Lichtungen
der Wälder, die wir bis nun durchzogen hatten, wurde neben Viehzucht
zwar auch Feldbau betrieben, aber sichtlich doch nur nebenbei. Am Ende
des zweiten Tagmarsches aber wurde uns das Rätsel gelöst, denn sowie wir
den »Guaso Amboni« genannten, nach dem indischen Ocean hin abfallenden
recht ansehnlichen Fluß erreicht hatten, dehnte sich ein unabsehbares
Hochplateau vor uns, das, soweit unser Auge reichen konnte, den
Charakter eines offenen Parklandes trug, in welchem, insbesondere am
Saume des von uns soeben verlassenen Waldlandes, alle Anzeichen eines
sehr intensiven Feldbaues zu bemerken waren. Von hier bezieht offenbar
Kikuja seinen unerschöpflichen Körnerreichtum. Ganz fern im Norden
dieses Plateaus sahen wir eine mächtige Gebirgsgruppe blauen, in der
Luftlinie wohl 80 bis 90 Kilometer entlegen, die unsere Führer und
Sakemba als den Gebirgsstock des Kenia bezeichneten. Man könne von hier
aus, so versicherten sie, bei klarem Himmel auch den Schneegipfel des
Hauptberges sehen; derzeit aber sei er in jenen Wolken dort verborgen.

Hier lag es also vor uns, das Ziel unserer Wanderung, und mächtige
Rührung ergriff uns Alle, als wir, wenn auch vorläufig nur aus weiter
Ferne, die zukünftige Heimat zum ersten male erschauten. Der Keniagipfel
aber blieb unsichtbar in Wolken gehüllt während der zwei Tage unseres
Aufenthaltes an der Ostlisière des Kikujawaldes. Wir machten dort in
einem entzückenden Haine riesiger Brotbäume Halt, wo gastfreie Wakikuja
uns ihre Hütten einräumten. Der Ort heißt Semba und war als
Versammlungsplatz für das große Schauri verabredet worden. Wir fanden
denn auch eine große Zahl Eingeborener bereits versammelt und am
nächsten Tage wurde Alles zu größter beiderseitiger Zufriedenheit
zwischen uns geordnet und festgemacht, so daß wir schon am 16. Juni den
Rückmarsch antreten konnten, den wir jedoch nicht über Ngongo, sondern,
einen Nebenfluß des Amboni bis zu dessen nahe an 2200 Meter über dem
Meeresspiegel gelegenen Quellgebiet verfolgend und dann vom Rande der
Kikujatafelberge jäh hinabsteigend, direkt auf den Naiwascha zu nahmen.
Diesen erreichten wir am 19. Abends zwar etwas erschöpft, aber
wohlbehalten und in köstlichster Stimmung. Wir hatten die Sicherheit
erlangt, den Kenia um eine gute Woche rascher erreichen zu können, als
auf dem ursprünglich in Aussicht genommenen Wege über Leikipia möglich
gewesen wäre.

Am Naiwascha -- einem von malerischen Bergzügen, deren höchste Gipfel
sich zu 2800 Meter erheben, umsäumten schönen See von ungefähr 80
Quadratkilometer Flächenraum, dessen charakteristische Eigenschaft ein
fabelhafter Reichtum an Federwild aller Art ist, hatte inzwischen
Johnston umfassende Vorkehrungen zu dem großen Friedens- und
Freudenfeste getroffen, das wir den Massai zu geben gedachten. Die
Botschaft, daß sie von nun ab auch die Wakikuja als in den Kreis unserer
Freunde gehörig zu betrachten hätten, wurde zwar von den El-Moran mit
gemischten Gefühlen entgegengenommen; indessen fügten sie sich doch ohne
Murren und bei dem nun folgenden Feste, an welchem auch 50 mit uns
angelangte angesehene Wakikuja teilnahmen, wurden die neugeknüpften
Freundschaftsbande zwischen den Beiden etwas inniger gestaltet.

Dieses Fest aber bestand aus einer zweitägigen großen Schmauserei, bei
welcher wir nicht weniger als 6000 Gäste -- Weiber und Kinder
ungerechnet -- mit riesigen Quantitäten Fleisch, Backwerk, Früchten und
Punsch bewirteten, und dessen Glanzpunkt ein splendides Feuerwerk war.
150 fette Stierkälber, 260 verschiedene Antilopen, 25 Giraffen,
unzählbares Federwild, und gar nicht zu übersehende Mengen von
Vegetabilien wurden in diesen zwei Tagen vertilgt, der Punsch aber in
160 je 30 Liter fassenden Töpfen gebraut, die im Durchschnitt nicht
weniger als viermal frisch gefüllt werden mußten. Nichtsdestoweniger
kostete uns diese kolossale Gastfreundschaft -- vom Feuerwerke abgesehen
-- fast gar nichts. Denn die Rinder waren Geschenke -- und zwar nur ein
Teil der uns von zahlreichen Stämmen als Zeichen dankbarer Wertschätzung
dargebrachten -- das Wild hatten wir natürlich nicht gekauft, sondern
geschossen, und die Vegetabilien waren hier an der Grenze von Kikuja so
billig, daß man die Preise eigentlich nur nominelle nennen konnte; was
dagegen den Punsch anlangt, dessen wichtigster Bestandteil bekanntlich
Rum ist, ein Saft, der in Massai- und Kikujaland -- glücklicherweise --
nicht heimisch ist, so hatten unsere Techniker auch diesen dadurch
verschafft, ohne unsere ohnehin zur Neige gehenden mitgebrachten Vorräte
anzugreifen, daß sie denselben an Ort und Stelle brannten. Unter den
mitgenommenen Maschinen und Geräten befand sich nämlich auch eine
Destillierblase. Diese wurde ausgepackt, wildwachsendes Zuckerrohr war
in Menge vorhanden und so gab es alsbald Rum in Fülle. Nur wurde dafür
Sorge getragen, daß diese Prozedur nicht etwa von den Eingeborenen
erlauscht und späterhin nachgeahmt werde, denn die Rumflasche -- diese
Pest der Negerländer -- wollten wir nicht unter unseren Nachbarn
einbürgern. Den Punsch, den wir ihnen servierten, erhielten sie zwar
heiß, aber anständig verdünnt, etwa 10 Teile Wasser auf einen Teil Rum,
was übrigens nicht hinderte, daß während der zwei Festtage 18 Hektoliter
dieses edlen Nasses in den improvisierten Bowlen verschwanden. Der
Jubel, insbesondere während des Feuerwerkes, war unbeschreiblich, und
als wir vollends, nachdem ein Trompetentusch Stillschweigen geboten
hatte, durch stimmkräftige Herolde ausrufen ließen, das Volk der Massai
sei von nun an _alljährlich_ für den 19. und 20. Juni hier an dieser
Stelle von uns zu Gaste geladen, wären wir aus purer Begeisterung
beinahe in Stücke gerissen worden.

Den 21. Juni weihten wir der Erholung von den Strapazen des Festes und
der Ordnung des Gepäcks; am 22. wurde der Marsch nach Kikuja angetreten.
Da wir mit den Lasttieren den von mir auf dem Rückwege gewählten Pfad
über die steilen Abhänge der das Naiwaschathal umsäumenden Berge
vermeiden wollten, kehrten wir vorerst nach Ngongo-a-Bagas zurück,
welches am 24. erreicht wurde. Von hier aus beschlossen wir eine
Eilbotenverbindung mit dem Meere herzustellen, damit die Nachricht von
unserem Eintreffen am Ziele, dem wir binnen wenigen Tagen entgegensahen,
so rasch als möglich nach Mombas und von da an den Ausschuß der
Internationalen freien Gesellschaft gelangen könne. Von Mombas nach
Ngongo hatten unsere Ingenieure 802 Kilometer verzeichnet; wir rechneten
nun, daß unsere arabischen Hengste, wenn ihnen immer bloß je eine
eintägige Anstrengung zugemutet würde, während eines solchen Tages
bequem 100 Kilometer, demnach in 8 Etappen den ganzen Weg in 8 Tagen
zurücklegen könnten. Es wurden also 16 unserer besten Reiter mit 24 der
ausdauerndsten Renner zurückbeordert; diese Kuriere erhielten die
Anweisung, sich zu zweien und zweien in Distanzen von circa 100
Kilometern -- wo böse Wegestrecken sind, etwas weniger, wo der Weg
leicht ist, etwas mehr -- zu verteilen. An Gepäck bekamen sie nebst
Waffen und Munition bloß so viel europäische Bedarfsartikel und
Tauschwaren auf den Weg, als die 8 überzähligen Pferde, die zugleich als
Reserve dienen sollten, leicht zu tragen vermochten. Im übrigen konnten
wir uns jetzt darauf verlassen, daß sie überall, wo sie längs der von
uns durchzogenen Straße auf Eingeborene stoßen, mit offenen Armen
aufgenommen und reichlich verpflegt werden würden. Der gleiche
Etappendienst wurde selbstverständlich auch zwischen Ngongo und dem
Kenia eingerichtet; da diese Wegestrecke 193 Kilometer maß, so genügten
hier zwei Etappen, so daß ihrer im ganzen zehn waren; dabei wurde also
vorausgesetzt, daß eine Nachricht vom Kenia nach Mombas in zehn Tagen
gelangen werde -- was sich denn auch als richtig erwies.

Der Marsch durch das Waldland von Kikuja, der am 25. Juni angetreten
wurde, vollzog sich ohne jeden Zwischenfall. Als wir zeitlich am Morgen
des 27. in das offene Land eintraten, umfing uns zuerst dichter Nebel,
der von uns Kaukasiern bloß insofern unangenehm empfunden wurde, als er
uns jegliche Aussicht benahm, unsere Suahelileute dagegen, die eine
Temperatur von 12 Grad Celsius, verbunden mit Feuchtigkeit noch niemals
erlebt hatten, zum Zähneklappern brachte. Für die Nordländer und
insbesondere für die Gebirgsbewohner unter unter uns hatten die
wallenden, vom Dufte balsamischer Bäume und Sträucher durchtränkten
Nebelmassen sogar etwas anheimelndes. Da -- es war gegen 8 Uhr -- erhob
sich plötzlich eine von Norden her wehende leichte warme Brise, mit
zauberhafter Schnelle teilten sich die Nebel, und vor uns lag im
strahlenden Glanze des sieghaften Tagesgestirnes eine Landschaft, deren
überwältigende Großartigkeit jeder Beschreibung spottet. Hinter uns und
seitlich zu unserer Linken der wundervolle Wald, den wir erst kürzlich
verlassen; unmittelbar vor uns ein sanft abfallendes Gelände, in welchem
smaragdne Wiesen mit dunkeln Bananenhainen und kleinen Flecken wogender
Saat abwechselten. Der Boden überall mit leuchtenden Blumen bedeckt,
deren süßen Duft uns die laue Brise in berauschender Fülle
entgegentrieb; kleine Gruppen hoher Palmen, einzelne riesenhaft sich
ausbreitende Feigen, Platanen, Sykomoren da und dort zerstreut, und all
das belebt von zahlreichen Herden des verschiedensten Wildes. Hier
tummelt sich übermütig eine Schar von Zebras, dort weiden ruhig einige
Giraffen zwischen zierlichen Antilopen; links jagen sich grunzend zwei
ungeschlachte Nashörner, ein Rudel von 20 Elefanten zieht einige tausend
Meter von uns dem Walde zu, und in noch größerer Ferne trottet eine nach
Hunderten zählende Herde Büffel dem gleichen Ziele entgegen.

Unabsehbar dehnt sich dieses herrliche Land nach Ost und Südost,
durchschnitten von einem breiten Silberbande, dem Guaso Amboni, der etwa
8 Kilometer vor uns und vielleicht 100 Meter tiefer gelegen als unser
Standplatz, seine Fluten nach Osten trägt und soweit wir es übersehen
können, mindestens ein Dutzend von Quellbächen von beiden Seiten der ihn
einfassenden Abdachung aufnimmt. Die von der Südseite -- auf welcher wir
uns befinden -- entsprungen aus dem Kikujawalde, sind die kleineren; die
von der Nordseite sind unvergleichlich wasserreicher und mächtiger, denn
ihr Quellland ist der Kenia. Und dieser Riese unter den Bergen Afrikas,
dessen Massiv ein Areale von reichlich 2000 Quadratkilometern deckt, und
dessen Gipfel nahezu 6000 Meter hoch gen Himmel ragt, zeigt sich jetzt
zum ersten Male unseren trunkenen Blicken, ein trotz der Entfernung von
gut 80 Kilometern in der Luftlinie sich vom tiefdunkeln Firmament scharf
abhebendes riesiges Eisfeld und darüber hinausragend zwei krystallklare
Spitzen.

Selbst unsere Suahelis, die sonst Naturschönheiten gegenüber stumpf
sind, brechen bei diesem Anblicke in betäubendes Jubelgeschrei aus; wir
Weißen aber stehen in Entzücken versunken, drücken uns stumm die Hände
und gar Mancher wischt verstohlen eine Thräne aus dem Auge. Das Land der
Verheißung liegt vor uns, schöner, herrlicher, als wir zu träumen
gewagt, die Wiege einer beglückenden Zukunft für uns und, wenn unser
Hoffen und Wollen nicht eitel ist, noch für die spätesten Geschlechter.

Von da ab war's, als ob unsere Füße und die unserer Tiere Flügel
bekommen hätten. Die reine, erquickende Luft dieses schönen Tafellandes,
erfrischt durch die vom Kenia kommenden Winde, der angenehme Weg auf
weichem kurzem Grase und die vortreffliche leichte Verpflegung
ermöglichten uns bisher unerreichte Marschleistungen. Am Abend des 27.
überschritten wir die Ostgrenze von Kikuja, wo wir uns reichlich
verproviantieren mußten, weil von da ab gänzlich unbewohntes Gebiet
begann, durchstreift bloß von wandernden Andorobo. Das Land glich, so
weit das Auge reichte, einem Garten, aber der Mensch hatte noch nicht
Besitz ergriffen von diesem Paradiese. Den 28. und die größere Hälfte
des 29. zogen wir dahin durch blumige Wiesen und malerische Wäldchen,
über murmelnde Bäche und ansehnliche Flüsse; aber Giraffen, Elefanten,
Nashörner, Büffel, Zebras, Antilopen und Strauße, an den Flußufern
Nilpferde und Flamingos waren die einzigen lebenden Wesen, denen wir
begegneten. Die meisten dieser Tiere waren so wenig scheu, daß sie
unserem Zuge kaum auswichen, ja einige übermütige Zebras begleiteten uns
unter Kapriolen und herausforderndem Gewieher eine Strecke weit. Am
Nachmittag des 29. betraten wir den gewaltigen, in unabsehbarer Linie
vor uns sich dehnenden Hochwald, durch dessen dichtes Unterholz die Axt
unserer Pioniere uns Bahn hauen mußte. Das Terrain, schon seit zwei
Tagen, seitdem wir nämlich den Amboni überschritten hatten, allmählich
ansteigend, wurde jetzt steiler; wir waren am Fuße der Keniaberge
angelangt. Die Waldzone erwies sich jedoch als ein bloßer Gürtel von
verhältnismäßig geringer Breite, jenseits dessen wir schon am Vormittag
des 30. wieder offenes welliges Vorland betraten. Als wir den Rücken
einer der vor uns gelagerten Erhöhungen erreicht hatten, lag vor uns,
fast mit Händen zu greifen, der Kenia in der ganzen eisigen Pracht
seiner Gletscherwelt.

Wir waren am Ziele!



                              5. Kapitel.


Am Morgen nach unserer Ankunft am Kenia war meine erste Sorge -- denn
von da ab überging die Leitung der Expedition in meine Hände -- das
ausführliche, die bisherigen Ereignisse schildernde Tagebuch und einen
kurzen Schlußbericht an unsere Freunde in Europa zu expedieren. Ich
erklärte in diesem Berichte, daß wir dafür einstehen könnten, bis zur
nächsten Ernte, d. i. also nach afrikanischem Kalender bis Ende Oktober
dieses Jahres, alles zum Empfange von vielen Tausenden unserer Brüder
vorbereitet zu haben; ebenso könnten wir versprechen, von Mombas zum
Kenia einen für langsam fahrendes Fuhrwerk vollkommen geeigneten Weg bis
längstens Ende September fertig zu stellen und Zugochsen in genügender
Zahl herbeizuschaffen. Ich forderte die Gesellschaftsleitung auf,
ihrerseits den rechtzeitigen Bau geeigneter und genügender Wagen zu
veranlassen und machte mich anheischig, jede beliebige, uns rechtzeitig
angekündete Zahl einwandernder Mitglieder, vom 1. Oktober angefangen,
gefahrlos und so bequem, als angesichts der gebotenen Transportmittel
nur immer möglich, in die neue Heimat zu befördern. Zum Schlusse bat ich
um sofortige Nachsendung einiger hundert Zentner verschiedener Waren in
Begleitung einer neuen Schar kräftiger junger Mitglieder.

Die zwei Kuriere mit dieser Depesche -- die Kuriere hatten nämlich
überall zu zweien zu reisen -- ritten am 1. Juli vor Morgengrauen ab;
pünktlich am 10. Juli war die Depesche in Mombas, am 11. in Zanzibar, am
selben Tage noch hatte der Ausschuß meinen ihm von Zanzibar
telegraphisch durch unseren Bevollmächtigten weiterbeförderten Bericht
in Händen, während er das per Postschiff gehende Tagebuch allerdings
erst zwanzig Tage später erhielt; noch am Abend des gleichen Tages war
die Rückantwort in Zanzibar und am 22. Juli schon konnte ich dieselbe
den gleich mir über dieses erste Lebenszeichen von den fernen Freunden
seltsam bewegten Brüdern vorlesen. Sie war sehr kurz: »Dank für
hocherfreuliche Nachricht; Mitgliederzahl derzeit 10000 überschritten;
Wagen für je 10 Personen und 20 Zentner Last nach Bedarf bestellt;
werden von Ende September ab successive in Mombas eintreffen; 260 Reiter
mit 300 Tragtieren und 800 Zentner Waren gehen Ende Juli ab. Bitten um
möglichst häufige Nachricht.« Letzterem Wunsche war inzwischen
meinerseits schon entsprochen worden, denn nicht weniger als fünf
fernere Depeschen hatte ich zwischen dem 6. und 21. Juli expediert. Was
dieselben enthielten, wird sich am besten aus dem weiteren Laufe der
Erzählung über unsere Erlebnisse und Arbeiten ergeben. Und zwar sind von
da ab zweierlei Vorgänge zu unterscheiden: Kulturarbeiten zur
Installierung der neuen Heimat am Kenia, und Vorkehrungen behufs
Sicherstellung und Erleichterung des Verkehrs mit der Küste.

Unser Lager hatten wir am Abend des letzten Juni am Ufer eines
ansehnlichen Flusses aufgeschlagen, des wasserreichsten, den wir bisher
getroffen. Die Breite desselben betrug 30 bis 40 Meter, seine Tiefe
schwankte zwischen 1 und 3 Metern. Seine Fluten waren klar und kühl,
sein Gefäll jedoch ein auffallend mäßiges. Er durchströmte von Nordwest
nach Südost ein muldenartig sanft eingebuchtetes Plateau von nahezu 30
Kilometer Länge, welches sich halbmondförmig an die Vorberge des Kenia
schmiegte; dessen größte Breite in der Mitte betrug 14 Kilometer,
während es sich am Westende bis auf 1½, am Ostende bis auf 4 Kilometer
verengte. Diese etwa 260 Quadratkilometer bedeckende Mulde war durchweg
saftiges Grasland, bestanden von zahlreichen kleinen Palmen-, Bananen-
und Sykomorenhainen. Begrenzt war dieselbe im Süden von den
grasbedeckten Hügeln, die wir überschritten hatten, im Westen von
schroffen Felswänden, im Norden teils von dunkeln Waldbergen, teils
gleichfalls von kahlen, himmelanstrebenden Felsen, welche die Aussicht
nach dem hinter ihnen liegenden Kenia-Massiv benahmen; im Osten zeigte
sich zwischen den Hügeln des Südens und den Felsen des Nordrandes eine
Lücke, durch welche der Fluß seinen Abzug fand, und zwar, wie von
dorther trotz der großen Entfernung herübertönendes Donnern und Brausen
anzeigte, in Form eines mächtigen Wasserfalls, der sich als ein solcher
von 95 Metern Fallhöhe ergab. Seinen westlichen Eintritt in das Plateau
fand dieser Fluß, der sich späterhin als der Oberlauf des an der
Wituküste in den indischen Ozean mündenden Dana erwies, durch ein enges
Felsenthor, durch welches wir vorerst nicht weiter vorzudringen
vermochten. Vom Norden her, den Abhängen der Keniavorberge entlang,
eilten dem Dana vier größere und zahlreiche kleinere Bäche zu, die
während ihres Laufes über die Felsenschroffen eine Menge mehr oder
minder malerischer Kaskaden bildeten. Die Seehöhe dieses, einem großen
Tierparke gleichenden Plateaus war, an seinem tiefsten Punkte, dem
Spiegel des Flusses gemessen, 1740 Meter.

Noch während wir uns mit der näheren Untersuchung dieser Hochebene
beschäftigten, sandte ich mehrere Expeditionen aus mit der Aufgabe,
möglichst tief in das Keniagebirge einzudringen, um von beherrschenden
Höhen aus genauen Einblick in die Gestaltung und Beschaffenheit des vor
uns liegenden Gebietes zu erlangen. Denn so ausnehmend uns allen auch
die Landschaft gefiel, in deren Mitte wir lagerten, so wollte ich mich
doch nicht entschließen, den Grundstein zu unserer ersten Ansiedelung zu
legen, bevor ich zum mindesten oberflächlichen Überblick über das
Gesamtgebiet des Kenia gewonnen hätte. Die Auskünfte, die uns
diesbezüglich Sakemba erteilen konnte, erwiesen sich als dürftig und
ungenügend. Wir waren daher sehr erfreut, als sich acht Eingeborene, die
wir als Andorobo erkannten, vor unserem Lager zeigten. Sie hatten in der
vorigen Nacht unsere Lagerfeuer bemerkt und wollten nun sehen, wer wir
seien. Sakemba, die ihnen entgegenging, machte sie rasch zutraulich und
nun hatten wir ortskundige Führer, wie wir sie nur wünschen konnten. Was
wir zunächst von ihnen verlangten, war ihnen mit Hilfe Sakembas bald
begreiflich gemacht, acht verschiedene Expeditionen unter Führung je
eines Andorobo zogen aus und kehrten -- die erste schon am Abend des
nächsten Tages, die letzte erst nach Verlauf von sieben Tagen, mit
ziemlich erschöpfenden Berichten zurück.

Dem Gipfel des Kenia war keine auch nur nahe gekommen. Dagegen hatten
sie von verschiedenen leichter zugänglichen Punkten des Hauptstockes,
zum Teil aus Höhen von nahezu 5000 Metern, großartige Rundsichten
erlangt. Danach war die offenste, für Viehzucht und Ackerbau günstigste
Seite des Kenia gerade diejenige, von welcher wir uns genaht hatten.
Auch im Osten und Norden dehnte sich anscheinend sehr fruchtbares
Vorland, doch war dasselbe im Osten recht monoton, ohne jene nicht bloß
malerische, sondern auch mannigfache praktische Vorteile bietende
Abwechselung von offenem Land und Wald, Hügel und Ebene, die wir im
Süden getroffen; das Land im Norden hinwieder schien zu feucht; im
Westen dehnten sich endlose, nur von wenig offenem Land unterbrochene
Wälder. All das konnte späterhin ohne Zweifel in üppiges Kulturland
umgewandelt werden; vorläufig aber war selbstverständlich bereits
kulturfähiger Boden vorzuziehen. Das Innere der Gebirgswelt vor uns
erfüllten hohe Waldberge und Felsen, durchkreuzt von zahllosen Thälern
und Schluchten. Diese Vorberge treten von allen Seiten nahe an das
schroff emporsteigende Hauptmassiv des Kenia heran; nur im Südwesten,
etwa fünf Kilometer entfernt vom Westende unseres Plateaus, treten die
Vorberge zurück, den Raum freilassend für eine ausgedehnte offene
Thalmulde, in deren Mitte auch ein See sich befindet, dessen Abfluß der
Dana ist. Den Flächeninhalt dieses Thales schätzten unsere Kundschafter
auf ungefähr 150 Quadratkilometer und alle stimmten darin überein, daß
es sehr fruchtbar und seiner Lage nach ein wahres Wunder an Schönheit
wäre. Zugänglich aber sei dieses Thal am besten durch die Schlucht, aus
welcher der Dana hervorbreche, nur müsse dieselbe, so lange geeignete
Wasserfahrzeuge fehlen, nicht unmittelbar von unserem Plateau aus,
sondern auf dem Umwege über ein südlich einmündendes kleines Seitenthal
betreten werden.

Diese Nachricht empfing ich am 3. Juli. Am nächsten Tage schon war ich,
ohne die Rückkehr zweier noch fehlender Expeditionen abzuwarten,
unterwegs nach diesem vielgepriesenen Seethale. Der bezeichnete und in
der That sehr praktikabel sich erweisende Weg führte von unserem
Lagerplatze zunächst an das Westende des Plateaus, dann südlich
ausbiegend und einen kleinen felsigen Waldberg umgehend, zu einem nach
Nordosten ziehenden engen Thale, welches seinerseits in die vom Dana
durchflossene Schlucht mündete, die jedoch hier weder so eng, noch so
ungangbar war, wie beim Austritte in die Hochebene. Diese Schlucht
aufwärts verfolgend, standen wir nach einer Stunde plötzlich inmitten
des gesuchten Thales.

Der Anblick, der sich uns hier bot, war geradezu unbeschreiblich. Man
denke sich ein 18 Kilometer langes, an seiner breitesten Stelle 12
Kilometer messendes, mit beinahe geometrischer Regelmäßigkeit
aufgebautes Amphitheater, dessen Halbkreis durch einen Kranz sanft
aufsteigender, 100 bis 150 Meter hoher Waldhügel, dessen Grundlinie
dagegen durch die jäh und schroff sich emportürmenden Felswände des
Kenia gebildet wird, von deren Höhe, die Wolken überragend, die
schneeigen Firnen herniederleuchten. Den Boden dieses majestätischen
Amphitheaters deckt auf der einen, dem Kenia zugewandten Seite, ein
tiefblauer, klarer See, zur anderen ein blumiges Park- und Wiesenland.
Das Publikum, welches diese Arena füllt, sind zahllose Elefanten,
Giraffen, Zebras, Antilopen; und das Stück, welches in demselben zur
Aufführung gelangt, betitelt sich: Die Kaskaden des Keniagletschers.
Hoch oben, in unerreichbarer Höhe, entspringen unter dem Kuß der
glühenden Sonne zahllose Wasseradern den bläulich und grünlich
strahlenden Eisklüften; schäumend und funkelnd, bald zerstäubt in alle
Farben des Regenbogens, bald vereint in weißlichem Glaste, eilen sie
hernieder, stets kräftiger anwachsend, stets unbändiger tobend, bis
endlich der gesamte Schwall sich vereinigt zu _einem_ mächtigen Flusse,
der nun mit donnerndem Tosen, das bei günstiger Windrichtung selbst da
unten, in einer Entfernung von gut 10 Kilometern, deutlich zu hören ist,
seiner Gletscherheimat enteilt und den Felsschroffen zustürmt; dort
angelangt aber stürzt die ganze kolossale Wassermasse, dieselbe, die
wenige Kilometer weiter den Dana bildet, 500 Meter tief jäh herab, in
Atome zerstäubend, zu einer Regenbogenwolke umgestaltet. Der Fluß ist
urplötzlich in den Lüften verschwunden, vergebens sucht dein Auge die
Fortsetzung seines Laufes auf den schwarz gleißenden Klippen; erst 500
Meter weiter unten sammeln sich die fallenden Nebelmassen wieder zu
fließendem Wasser, um von da ab in kleineren Absätzen dumpf brausend und
grollend dem See auf gewundenen Umwegen zuzueilen.

In sprachloses Entzücken versunken standen wir lange vor diesem
Naturwunder sonder gleichen, dessen unsägliche Majestät und Schönheit
Worte nicht schildern können. Gierig sog das Auge die Flut von Licht und
Farbenglanz, gierig das Ohr den aus märchenhafter Höhe herabklingenden
Ton der Wässer, gierig die Brust das duftgeschwängerte Labsal ein,
welches als Atmosphäre dieses Zauberthal durchfächelt. Zuerst fand das
Weib in unserer Mitte, Ellen Fox, wieder Worte. Einer verzückten Seherin
gleich hatte sie lange dem Spiel der Wässer zugeschaut; da rief sie
plötzlich, als ein stärkerer Windhauch den Nebelschleier des
Wasserfalles, der soeben noch einen schillernden, schwertähnlich
geschwungenen Streifen gebildet hatte, vollends verwehte: »Seht hin, das
Flammenschwert des Erzengels, welches den Eingang zum Paradiese bewacht
hat, ist bei unserem Erscheinen zerstäubt; »Eden« laßt uns diesen Ort
nennen!«

Daß dieses Thal -- der Name Eden wurde für dasselbe einhellig acceptiert
-- unser zukünftiger Wohnort sein müsse, stand bei uns allen sofort
fest. Eine nähere Untersuchung desselben ergab, daß dessen Gesamtfläche
160 Quadratkilometer betrug. Davon entfallen auf den, in Form einer
langgestreckten Ellipse unter dem Keniaabhange sich ausdehnenden See 35,
auf den die Höhen umsäumenden Wald 40 Kilometer; 95 Kilometer sind
offenes Parkland, welches den See bis auf einige Stellen, wo die
Keniafelsen unmittelbar in ihn abfallen, rings umgiebt, im Nordosten,
dem Kenia zu, in schmalen Streifen, auf den anderen drei Seiten in einer
Breite von 1 bis 7 Kilometern. Der den Abfluß des Keniagletschers
bildende Dana mündet am Nordwestende des Sees in diesen und verläßt ihn
am Südostende. Seine Wasser, schon vor ihrem Eintritt in den See nicht
so kalt, als man nach ihrem Ursprunge unmittelbar aus dem Gletscher da
oben vermuten sollte, erwärmen sich hier mit merkwürdiger Raschheit; die
Temperatur des Sees erreicht an heißen Tagen bis zu 24 Grad Celsius.
Außer dem Dana münden in den Edensee noch mehrere Quellen, die teils den
Keniaklippen, teils den Abhängen der seitlich und gegenüber gelagerten
Berge entspringen. Wir zählten deren nicht weniger als elf, darunter
eine heiße, deren Temperatur 52 Grad Celsius betrug.

Daß wir in den vier Tagen bis zur Entdeckung von Edenthal nicht müßig
gewesen, versteht sich von selbst. Zunächst hatten sich schon am 1.
Juli, wenige Stunden nach den mit den ersten Depeschen entsandten
Kurieren, die zur Herstellung geregelter Verbindung mit Mombas
bestimmten Expeditionen auf den Weg gemacht. Es waren deren zwei; die
eine unter Leitung Demestres' und dreier anderer Ingenieure, sollte die
Straße bauen, die andere unter Leitung Johnstons, das erforderliche
Zugvieh -- dessen Menge einstweilen auf 5000 Stück Ochsen präliminiert
war -- auftreiben und die Verproviantierung längs der ganzen Wegstrecke
sicherstellen. Ersterer wurden 20 unserer Mitglieder und 200 unserer
Suahelileute nebst einem Train von 50 Tragtieren mitgegeben; Johnston
bekam bloß 10 der Unseren, 20 Tragtiere und 10 Schäferhunde mit. Wie
diese Expeditionen ihre Aufgabe lösten, davon später.

Bei mir am Kenia blieben, da ich bis nun insgesamt 53 der Unseren, 200
Suahelis und 131 Reit- und Tragtiere entsendet hatte, von letzteren
überdies auf dem Marsche 9 zugrunde gegangen waren, 149 Weiße, 80
Suahelis und 475 Tiere -- die Hunde und Elefanten ungerechnet. Außerdem
waren uns aber einige hundert Wakikuja gefolgt, die sich bereitwilligst
zu beliebigen Dienstleistungen erboten. Von diesen behielt ich 150 der
anstelligsten zurück, die anderen sandte ich -- begleitet von fünf der
Unserigen -- noch am 1. Juli in ihre Heimat, mit dem Auftrage, 300
kräftige Zugochsen, 150 Kühe, 400 Schlachtochsen und einige tausend
Zentner verschiedener Sämereien und Nahrungsmittel einzukaufen und
successive an den Kenia zu befördern. Nachdem ich dies erledigt,
verteilte und übergab ich die mannigfaltigen Arbeiten, die uns nun
zunächst zu beschäftigen hatten, sachverständigen Händen. Einer unserer
Techniker erhielt die Feldschmiede und Schlosserei, ein anderer die
Sägemühle zugewiesen -- dazu selbstverständlich die entsprechenden
Arbeitskräfte; zum Holzfällen war eine besondere Sektion bestimmt, eine
andere sollte die landwirtschaftlichen Geräte in Stand setzen und
ergänzen. Einer der am Kenia zurückgebliebenen Ingenieure hatte mit 100
Schwarzen die Herstellung geeigneter Kommunikationen in dem zu
besiedelnden Gebiete, insbesondere den Bau von Brücken über den Dana zu
bewerkstelligen.

Am 5. Juli fand die Übersiedelung in das Edenthal statt. Das Terrain
wurde genau vermessen und zuvörderst rings um den See die zukünftige
Stadt abgesteckt, mit ihren Straßen und Plätzen, öffentlichen Gebäuden
und Belustigungsorten. Dieser -- zunächst allerdings bloß in unserem
Geiste existierenden Stadt -- reservierten wir vorerst einen Raum für
25000 Familienhäuser, deren jedem auch ein ansehnliches Gärtchen
zugedacht war, was insgesamt 35 Quadratkilometer beanspruchte. Außerhalb
dieses Bauareals -- das späterhin nach Bedarf beliebig ausgedehnt werden
mochte -- wurden 1000 Hektaren als vorläufiger Ackergrund ausgesucht;
sie erhielten ein Netz kleiner Bewässerungskanäle und sollten so bald
als möglich eingefriedigt werden, zum Schutze gegen die Invasion des
zahllos umherschwärmenden Wildes, wie nicht minder unserer Haustiere,
die bei Nacht in einem starken Pferch untergebracht, bei Tag dagegen,
sofern man ihrer nicht bedurfte, unter der Hut einiger Suaheli und der
Hunde im Freien weideten.

Inzwischen hatte die Sägemühle, die wir nicht mit nach Eden genommen,
sondern am Danaplateau belassen und dort unter Benutzung der Wasserkraft
eines der vom Gebirge herniederrauschenden Bäche hart am Flusse
errichtet hatten, ihre Arbeit begonnen. Die ersten Bretter und Pfosten,
welche sie lieferte, wurden zur Erbauung zweier größerer Flachboote
benutzt, auf denen dann sofort der Transport des gewonnenen Bauholzes
den Fluß aufwärts nach dem Edensee begann. Wenige Wochen später erhoben
sich an dessen Ufern vierzig geräumige Holzbaracken, in welche nun wir
Weiße aus den bisher bewohnten engen Lagerzelten übersiedelten; die
Neger zogen es vor, in den Grashütten zu bleiben, die sie sich unter dem
Schutze eines Wäldchens errichtet. Gleichzeitig bekam das Vieh seinen
Pferch, der hoch und stark genug war, um jeder vierfüßigen Invasion
unübersteigliche Schranken zu ziehen. Dieser Pferch bot Raum für
ungefähr zweitausend Tiere und war überdies mit einem gedeckten Raume
versehen, der bei Regenwetter Schutz gewährte.

Schon am 9. Juli hatten unsere Schmiede, Wagner und Zimmerleute zehn von
den mitgebrachten Pflugscharen zu Pflügen ergänzt; gleichzeitig war aus
Kikuja der erste Viehtransport -- 120 Ochsen und 50 Kühe samt 200
Schafen und zahllosem Geflügel eingetroffen. Sofort wurden unter
Anleitung unserer Ackerbauer Pflügeversuche gemacht. Die Kikujaochsen
sträubten sich zwar ein wenig gegen das Joch und auch das Gehen in der
Ackerfurche leuchtete ihnen anfangs nicht ein; binnen drei Tagen aber
hatten wir sie doch so weit, daß sich mit ihnen, zu achten vor den Pflug
gespannt, leidlich ackern ließ. Dieser Kraftaufwand war notwendig, da
der schwarze, fette Boden, gebunden überdies durch die üppige Grasnarbe,
sich außerordentlich schwer aufbrechen ließ. Jedes Ochsenpaar mußte zwar
anfangs seinen eigenen Treiber haben und die Ackerfurchen liefen
trotzdem nicht so schnurgerade, wie von civilisierten Ochsen gefordert
wird; aber umgebrochen wurde der Boden doch und binnen verhältnismäßig
kurzer Zeit hatten die Tiere weg, worauf es bei ihrer Arbeit ankam und
leisteten dieselbe von da ab zur vollsten Zufriedenheit. Am 15. Juli
kamen mit Hilfe inzwischen neu angelangter Ochsen fünfzehn fernere
Pflüge in Verwendung, ebensoviel am 20. Mit diesen vierzig Pflügen waren
bis zu Ende des Monats 300 Hektaren gepflügt, die sodann geeggt und
gewalzt, soweit der Vorrat reichte mit unseren mitgebrachten Sämereien
-- hauptsächlich Weizen und Gerste, zu reichlich drei Vierteilen dagegen
mit afrikanischem Weizen und Mtamakorn bestellt, und schließlich wieder
eingewalzt wurden. In der zweiten Augusthälfte war diese Arbeit gethan,
kurze Zeit darauf das ganze Ackerareal eingehegt, und wir konnten
getrost der nun beginnenden kleinen Regenzeit entgegensehen.

Inzwischen war auch ein -- vorläufig bloß 10 Hektare umfassender --
Garten angelegt worden, etwas entfernter vom Weichbilde der zukünftigen
Stadt als das Ackerland, denn während letzteres bei dem zu gewärtigenden
Wachstume der Stadt leicht weiter hinaus verlegt werden konnte, mußte
für den Garten ein möglichst dauernder Standort gesucht werden, also ein
solcher, der außerhalb des Weges der zukünftigen städtischen
Entwickelung lag. Da wir nicht weniger als achtzehn geschickte Gärtner
besaßen und diesen Suaheli und Wakikuja als Gehilfen nach Bedarf an die
Hand gegeben wurden, so gelang es, binnen wenigen Monaten die ganzen 10
Hektaren mit den erlesensten Obst- und Beerenarten, Gemüsen, Blumen,
kurzum mit Nutz- und Zierpflanzen aller Art zu besetzen, die wir teils
aus der alten Heimat herübergebracht, teils unterwegs vorgefunden und
mitgenommen, teils am Kenia und in dessen Umgebung angetroffen hatten.
Auch der Garten wurde mit einem Netze kleiner Bewässerungskanäle
versehen und durch einen starken hohen Zaun gegen unliebsame Besuche
gesichert.

Die Bestellung der Felder, Gartenbau und Jagd hatten nicht alle uns zur
Verfügung stehenden Kräfte absorbiert. Es waren gleichzeitig mehrere
praktikable Fahrwege rings um den Edensee, längs des Flusses bis zum
Ostende des Plateaus und von diesem Hauptstrange aus abzweigend nach
mehreren anderen Richtungen unseres Gebietes hergestellt worden. Man
darf sich darunter keine Kunststraßen vorstellen, es waren eben
Feldwege, die jedoch die Beförderung ganz ansehnlicher Lasten ohne
sonderliche Kraftverschwendung ermöglichten. Der Dana wurde an drei
Stellen für Fuhrwerk und an zwei anderen für Fußgänger überbrückt; sonst
waren nur an zwei kurzen Strecken Kunstbauten erforderlich gewesen: am
Ende der Schlucht, die den Dana aus Edenthal nach dem großen Plateau
führt, und an einer der in den See abfallenden Keniaklippen. An diesen
beiden Orten mußten mehrere Kubikmeter Felsen weggesprengt werden, damit
am Ufer Raum für einen Weg geschaffen werde.

Da inzwischen auch Wagnerei und Feldschmiede nicht stille gestanden
hatten, so waren gleichzeitig mit den Wegen auch mehrere tüchtige Wagen
und Karren fertig geworden, die alsbald nützliche Verwendung fanden.

Größere Arbeit beanspruchte die Herstellung der Mahlmühle. Dieselbe
wurde mit zehn kompleten Mahlgängen am Oberlaufe des Dana, einen
Kilometer vor dessen Einfluß in den Edensee, errichtet. Diese Stelle
wurde aus dem Grunde gewählt, weil dicht oberhalb derselben eine große
Stromschnelle ist, von da ab jedoch der Dana jenes ruhige, geringe
Gefälle hat, das erst am großen Wasserfall, am Ostende des Plateaus,
unterbrochen ist. Wir hatten also durch das ganze vorläufig okkupierte
Gebiet hindurch eine vortreffliche Wasserstraße zur Mühle und konnten
für dieselbe trotzdem den raschen Lauf des oberen Dana ausnützen. Die
komplicierteren, feineren Bestandteile dieser Mühle hatten wir aus
Europa mitgebracht; die Räder, Wellen und die zehn Mühlsteine dagegen
erzeugten wir uns selber. Auch diese Mühle war -- vorläufig zwar nur aus
Holz und Fachwerk erbaut -- Ende September fertig, allerdings schon mit
Hilfe jenes Nachschubs der Unseren, der während der ersten Hälfte des
gleichen Monats in zwei Kolonnen zu uns gestoßen war.

Ich habe bereits erzählt, daß ich sofort nach unserem Eintreffen am
Kenia neue Vorräte und eine Schar neuer Pioniere vom Ausschusse verlangt
und daß dieser den mit Ende des Monats Juli erfolgenden Abgang einer
Expedition von 260 Reitern und 800 Zentner Waren auf 300 Tieren
angezeigt hatte. Diese Expedition traf am 16. August in Mombas ein;
hier teilte sie sich in zwei Gruppen; die eine, die besten,
unternehmungslustigsten 145 Reiter enthaltend, machte sich schon am 18.
August mit bloß 50 sehr leicht bepackten Handpferden -- die 300
Tragtiere waren, nebenbei bemerkt, sämtlich Pferde -- auf den Weg, ohne,
von einem Dolmetscher abgesehen, auch nur einen einzigen Eingeborenen
mitzunehmen; sie verließ sich beinahe gänzlich auf die Aushülfe von
seiten unserer unterwegs beschäftigten Wegbauer und der uns freundlich
gesinnten Bevölkerung, nicht zum mindesten aber auf ihren Entschluß,
alle etwa zu gewärtigenden Entbehrungen und Strapazen ohne Murren zu
ertragen. Ein Gewaltritt von zwanzig Tagen mit bloß eintägiger
Unterbrechung in Taweta brachte diese Wackeren am 9. September in unsere
Mitte. Fünf Pferde waren den Anstrengungen erlegen, sieben andere mußten
unterwegs marod zurückgelassen werden; sie selber aber trafen sämtlich
bis auf einen, der bei einem Sturze das Bein gebrochen und unter guter
Pflege in Miveruni geblieben war, zwar etwas erschöpft, im übrigen aber
in bester Verfassung ein und beteiligten sich schon zwei Tage später
rüstig an unseren Arbeiten. Die 115 anderen folgten mit 250 Lastpferden,
zu denen sie 100 Suaheli-Treiber aufgenommen hatten, erst zehn Tage
später. Die größere Hälfte der mitgenommenen Waren hatten sie unterwegs
an Johnston abgegeben, auf den sie in Useri gestoßen waren und der
darauf schon sehnsüchtig gewartet hatte. Die an den Kenia gebrachten
neuen Vorräte -- in allem etwas über 300 Zentner -- enthielten auch
mancherlei Werkzeuge und Maschinen; diese und mehr noch der ansehnliche
Kräftezuwachs beflügelten unsere Kulturarbeiten in nicht geringem Maße.

Die Mahlmühle wurde -- wie schon erzählt -- noch Ende September fertig.
Sie fand sofort vollauf Beschäftigung. Zwar unsere eigene Ernte war noch
nicht eingebracht; aber von den Wakikuja hatten wir inzwischen
allmählich 10000 Zentner verschiedener Getreidearten gekauft und in
Speichern am Seeufer eingelagert, zu denen die Sägemühle reichlich
Baumaterial geliefert hatte. Bis Ende Oktober waren diese 10000 Zentner
zu Mehl vermahlen; selbst wenn wir eine Mißernte hatten, brauchten die
ersten paar Tausend fernerer Ankömmlinge nicht Hunger zu leiden.

Wir hatten aber keine Fehlernte, vielmehr brachte uns, wenige Wochen
nach Beginn der mit dem Oktober anhebenden heißen Jahreszeit, der
üppige, durch unser Bewässerungsnetz mit reichlicher Feuchtigkeit
regelmäßig versehene Boden einen Segen, der aller europäischen
Vorstellungen spottet. Hundertzwanzigfache Frucht gab im Durchschnitt
jedes gesäete Korn; wir ernteten von unseren 300 Hektaren 42000 Zentner
verschiedener Getreidearten, denn nicht in einzelnen mageren Ähren,
sondern in dichten, mächtigen Ährenbüscheln endete jeglicher Halm, der
europäische Weizen und unsere Gerste nicht minder als die afrikanischen
Sorten. Bei Bergung dieses Segens kam uns besonders zu statten, daß
schon gegen Ende August auch eine Maschinenschlosserei einige hundert
Meter oberhalb der Mahlmühle eingerichtet worden war, die alsbald unter
Benutzung von Wasserkraft zu arbeiten begann und teils aus mitgebrachten
Bestandteilen, hauptsächlich aber aus selbsterzeugten Materialien einige
Erntemaschinen und zwei mit Pferdegöpel zu treibende Dreschmaschinen
geliefert hatte.

Zu solcher Leistung aber war diese Werkstätte befähigt, weil unsere
Geologen neben anderen wertvollen mineralischen Schätzen auch Eisen und
Kohle auf unserem Gebiete entdeckt hatten. Die Kohle lag in einem der
Keniavorberge auf dem Danaplateau, drei Kilometer vom Flusse; das Eisen
in einem der Vorberge, die der Dana in seinem Oberlauf durchschneidet,
zwei Kilometer oberhalb des Edenthals. Die Kohle war mittelguter
Anthracit, das Eisenerz vortrefflicher, 40prozentiger Manganeisenstein.
Es wurde in der Nähe des Eisenfundortes sofort ein Schmelz- und
Raffinierofen und ein Hammerwerk errichtet, provisorisch und primitiv,
aber doch genügend, um ganz brauchbares Guß- und Schmiedeeisen zu
liefern, das uns in unseren Ausführungen sofort unabhängig machte von
den aus Europa mitgebrachten Vorräten. Nun erst besaßen wir eine, wenn
auch kleine, so doch auf eigenen Füßen stehende Maschinenindustrie, und
diese setzte uns in den Stand, die unverhofft reiche Ernte binnen
wenigen Wochen einzuheimsen und zu verarbeiten.

Ein fernerer Gebrauch, den wir sofort von unserer gesteigerten
Leistungsfähigkeit machten, war die Errichtung zweier neuer Sägemühlen
und einer Bierbrauerei. Die Sägemühlen brauchten wir, um für die stetig
anschwellende Menge der angekündigten Ankömmlinge bequeme Unterkunft zu
schaffen, die Brauerei sollte dazu dienen, sie durch einen
Willkommentrunk des von den meisten sicherlich schwer entbehrten
heimischen Getränks zu überraschen. Sowie die Gerste geschnitten und
gedroschen war, ging's ans Malzen; den Hopfen hatten unsere Gärtner an
den Hängen der Kenia-Vorberge in sehr annehmbarer Güte gezogen, und bald
füllten zahlreiche Fässer des edlen Getränkes einen unter Benutzung
natürlicher Höhlungen angelegten kühlen Felsenkeller.

Als der Oktober seinem Ende entgegenging, durften wir mit Beruhigung und
Genugthuung auf unsere viermonatliche Thätigkeit im Keniagebiete
zurückblicken. Sechshundert nette Blockhäuser für ebensoviel Familien
harrten ihrer Bewohner; 50000 Zentner Getreide und Mehl, reiche Vorräte
an Schlacht- und Zugvieh, Baumaterialien und Werkzeuge zur Unterbringung
und Ausrüstung vieler Tausende waren aufgespeichert. Der Garten hatte
sich nicht minder schön entwickelt und seine köstlichen Gaben waren
teilweise schon zum Genusse bereit. Zwar hier genügte unsere eigene
Produktion vorläufig noch nicht zur Deckung des voraussichtlichen
Bedarfes; aber dem ließ sich, wie bisher, durch den sich stets lebhafter
gestaltenden Tauschverkehr mit den Wakikuja abhelfen. Diesen hatten wir
regelmäßig einmal in der Woche einen Markt in Edenthal veranstaltet,
welchen sie jedesmal zu vielen Hunderten beschickten, ihre Waren auf
Ochsenkarren mit sich führend, deren Gebrauch wir ihnen beigebracht und
durch Herstellung des inzwischen durch unsere Ingenieure vollendeten,
ihr Land durchziehenden Weges auch praktisch ermöglicht hatten. Seitdem
wir unsere Eisenhütten besaßen, suchten die Wakikuja bei uns vornehmlich
Eisen, entweder roh oder in Form von allerlei Werkzeugen. Dafür brachten
sie uns anfangs Vieh und Vegetabilien, dann, als wir deren vorläufig
nicht mehr bedurften, hauptsächlich Elfenbein, von welchem wir, teils
durch diesen Handel, teils durch die Andorobo, teils durch das Ergebnis
unserer eigenen Jagden successive schon 140000 Kilogramm aufgespeichert
hatten. Denn Elfenbein ist hier wohlfeil wie Brombeeren; für unser
Schmiedeeisen geben uns die Wakikuja und Andorobo mit Vergnügen das
doppelte Gewicht jenes im Abendlande so geschätzten Materials, und jedes
eiserne Werkzeug, es sei nun Hammer, Nagel oder Messer, wird mit dem
zehn- bis zwanzigfachen Elfenbeingewichte aufgewogen. Der ganze
Kostenbetrag unserer Expedition war also schon nahezu in Elfenbein
bezahlt; das Vieh und die Vorräte, die Werkzeuge und Maschinen -- vom
Lande gar nicht zu reden -- gingen gratis drein.



                              6. Kapitel.


Während wir am Kenia solcherart damit beschäftigt waren, den aus der
alten Welt erwarteten Brüdern das neue Heim behaglich einzurichten,
arbeiteten unsere Genossen unter Demestres und Johnstons Führung nicht
minder erfolgreich an den ihnen zugeteilten Aufgaben.

Die Herstellung der Wege innerhalb des eigentlichen Keniagebietes ging
Demestre nichts an; sein Geschäft begann erst am Saume der die
Keniaregion umgürtenden großen Wälder. Von hier bis zur Grenze zwischen
Kikuja und Massailand bei Ngongo übergab er die Ausführung des Werkes
dem Ingenieur Frank, einem Amerikaner; die zweite Sektion von Ngongo bis
Masimani im Massailande, mittwegs zwischen Ngongo und Taweta, erhielt
der Ingenieur Möllendorf, ein Deutscher, die dritte Sektion,
Masimani-Taweta, Lermanoff, wie sein Name verrät, ein Russe; die letzte
und schwierigste Sektion, Taweta-Mombas zwei der bösesten Einöden
enthaltend, behielt sich Demestre selber vor. Jeder der vier Sektionen
waren 5 Weiße zugeteilt; seine 200 Suahelis, verstärkt durch die
doppelte Zahl auf dem Marsche durch ihr Land angeworbener Wakikuja, wies
Demestre den beiden ersten Sektionen zu, und zwar der ersten in
Kikujaland 50 Suaheli und 300 Wakikuja, der zweiten in Massai-Land 150
Suaheli und 100 Wakikuja. Die dritte Sektion wurde von Taweta aus
organisiert; dahin ritt Lermanoff mit einem Begleiter unter Benützung
unserer Kurieretappen vom Kenia binnen 6 Tagen, engagierte in Taweta, wo
sich stets Suahelikarawanen finden, 100 Suahelileute, in Useri und
Dschagga 250 der dortigen Eingeborenen und begann, nachdem inzwischen
auch seine anderen vier Begleiter eingetroffen waren und auch die ihm
wie jeder Sektion, zugeteilten Packpferde mitgebracht hatten, schon am
15. Juli von Taweta und Useri zugleich die Arbeiten. Demestre dagegen
ritt, gleichfalls unter Benutzung der Kurieretappen, in einer nur von
Nachtruhen unterbrochenen Tour zuerst nach Teita, warb dort 400 Wateita
an, die er unter Leitung eines seiner Begleiter sofort die Strecke
Teita-Taweta in Angriff nehmen ließ, eilte dann weiter nach Mombas und
brachte es zuwege, schon am 20. Juli mit 500 Küstenleuten auf der
schwierigsten Strecke, Mombas-Teita, die Arbeiten zu beginnen.

Diese Arbeiten waren überall dreifacher Art. Zunächst mußten an den
wasserarmen Stellen, deren es auf den unteren Sektionen mehrere gab,
insbesondere aber in den Wüsten von Duruma, Teita und Ngiri, Brunnen,
und wo sich kein Grundwasser fand, Cisternen gegraben werden, ergiebig
genug, um nicht nur die Arbeiter während der Bauzeit, sondern späterhin
Menschen und Vieh der durchziehenden Karawanen ausreichend mit Wasser zu
versorgen. Da es im äquatorialen Afrika zu allen Jahreszeiten heftige
Regengüsse giebt, die in den sogenannten trockenen Zeiten eben nur um
vieles seltener sind, als in der sogenannten Regenzeit, so war nicht zu
besorgen, daß große Cisternen, denen das Regenwasser aus genügend weitem
Umkreise zufloß, selbst in den heißen Monaten erschöpft werden könnten;
nur mußten diese Cisternen sowohl gegen den unmittelbaren Sonnenbrand
als auch gegen Schmutz geschützt werden. Ersteres geschah durch
Eindeckung und Überdachung, letzteres durch Einfriedigung der Cisternen
sowie dadurch, daß das Regenwasser, bevor es in die Gruben gelangen
konnte, durch eine mehrere Meter mächtige Sand- und Schotterschicht
hindurchgeleitet wurde. Die natürlichen, jedoch in Zeiten anhaltender
Dürre austrocknenden Wasserlöcher, die sich in allen Einöden vorfanden,
zeigten die Stellen an, wo diese Cisternen am praktischesten anzulegen
seien, denn es waren das selbstverständlich die tiefsten Punkte, nach
denen zu das Regenwasser seinen natürlichen Abfluß nahm. Die
bedeutendsten dieser Wasserlöcher brauchten blos entsprechend vertieft,
gegen Verdunstung des ihnen zuströmenden Wassers geschützt und mit den
oben erwähnten natürlichen Filtern umgeben zu werden, und die Cisternen
waren fertig. Von diesen wurden in den verschiedenen Sektionen 25
gegraben, mit einer Tiefe von 8 bis 15 und mit einem Durchmesser von 2
bis 8 Metern. Gewöhnliche Brunnen mit Grundwasser wurden 39 hergestellt.
An jedem dieser künstlichen Wasserbehälter ward zur Überwachung gegen
Verunreinigung ein Wächter angesiedelt.

In zweiter Reihe kamen die eigentlichen Wegbauten. Im allgemeinen wurde
dabei die schon beim Zuge von Mombas aufwärts hergestellte Straße
benutzt, bloß von Hindernissen etwas sorgfältiger befreit und wo sie
durch den Busch gehauen werden mußte, um mehr als das Doppelte
erweitert. An einzelnen Stellen jedoch, insbesondere wo steilere Höhen
zu überschreiten waren, mußte eine neue, minder jäh ansteigende Trace
gesucht werden. Daß auch einige Brücken zu bauen waren, bedarf wohl
keiner Erwähnung.

Der dritte Teil der Arbeit bestand in der Herstellung von primitiven
Unterkunftshäusern für Menschen und Vieh an geeigneten Orten. Speise-
und Schlafräume für einige Hundert Menschen, Pferche für zahlreiche
Rinder und Magazine für Lebensmittel wurden in Abständen von 12 bis 20
Kilometern, im ganzen 65 an der Zahl errichtet.

Alle diese Arbeiten waren auf der Strecke Mombas-Teita Ende September,
auf allen anderen Sektionen 14 Tage später vollendet. Die aufgenommenen
Arbeiter wurden jedoch nicht entlassen, da ein Teil derselben zur
Überwachung und Instandhaltung des Weges und der Baulichkeiten, ein
anderer Teil dagegen zu Zwecken des Transportdienstes auf der
neugeschaffenen Strecke Verwendung fand. Der Kostenaufwand für das
wahrlich nicht kleine Werk betrug 14500 Pfd. Sterling, zur Hälfte in
Löhnen, zur Hälfte in Subsistenzmitteln für die Arbeiter; zu bezahlendes
Baumaterial gab es nicht.

In der gleichen Zeit vollbrachte Johnston den Einkauf des zum Transporte
erforderlichen Zugviehes und die Organisation des Verpflegwesens der
Karawane. Seine Massai-Freunde verschafften ihm binnen wenigen Wochen
die ursprünglich bestellten 5000 Rinder, aus denen schließlich, da die
Zahl der zu transportierenden Mitglieder sich in jeder neuen, vom
Ausschusse der freien Gesellschaft anlangenden Depesche größer und
größer angegeben fand, nicht weniger als 9000 wurden. Ein Rind stellte
sich auf durchschnittlich etwas über 8 Schill. (Mark), wobei jedoch
reichlich die Hälfte auf die Nebenspesen entfiel; der nackte
Einkaufspreis betrug im Durchschnitt nicht einmal ganze 4 Schilling per
Stück.

Den Transportdienst organisierte Johnston in der Weise, daß von Mombas
täglich 25 Wagen abgehen und unterwegs auf jeder der 65 Stationen
frische Zugochsen finden sollten. In Edenthal angelangt, hatten dann die
Wagen wieder umzukehren, um von den Ochsengespannen Etappe um Etappe
zurückbefördert zu werden. Im Sinne dieser ebenso einfachen als
praktischen Anordnung durchliefen also alle Wagen einen ununterbrochenen
Kreislauf von Mombas nach dem Kenia und von dort wieder nach Mombas,
während die Zugochsen in gleichen Abteilungen immer bloß zwischen je
zwei benachbarten Stationen hin und her wanderten. Es konnten solcher
Art täglich 250 Personen befördert werden, und um die sämtlichen, vom
Ausschusse signalisierten 20000 Mitglieder aufzunehmen, waren 80 Tage
erforderlich, es sei denn, daß ein Teil derselben den Weg zu Pferde
zurücklegte.

Die in England, Amerika und Deutschland konstruierten Wagen trafen
rechtzeitig in Mombas ein. Sie waren in jeder Beziehung Musterbilder
sinnreicher Konstruktion, solid und im Verhältnis zu ihrer Größe doch
leicht gebaut, eine Menge von Bequemlichkeiten bietend und doch einfach.
10 Personen fanden in jedem derselben bei Tag gute Sitzplätze, bei Nacht
ein erträgliches Lager. Eine höchst einfache Vorrichtung ermöglichte
eine derartige Veränderung in der Anordnung der Sitze, daß _unter_
denselben für 6, _auf_ denselben für 4 andere Personen genügender Raum
zum Liegen gewonnen wurde. Solide Federn milderten die Stöße des
Gefährtes, ein bewegliches Lederdach bot im Bedarfsfalle Deckung gegen
Regen wie Sonnenbrand, und die -- des Nachts zur Lagerstätte dienenden
-- Matratzen waren tagsüber derart unterhalb des Lederdaches
angeschnallt, daß dieses doppelten Schutz gegen die Sonnenhitze
gewährte. Auch für die Unterbringung des Gepäcks war in sehr praktischer
Weise gesorgt.

Am 30. September langte das erste Schiff mit 900 Mitgliedern an -- und
zwar war dasselbe gleich allen folgenden Eigentum der Gesellschaft. In
der Voraussicht, daß der Zuzug von Einwanderern sobald nicht aufhören,
ja wahrscheinlich stetig zunehmen werde, und von der Absicht geleitet,
diese Einwanderung soweit nur irgend möglich in eigener Hand zu
behalten, hatte sie 12 große, schnellfahrende Dampfer von
durchschnittlich 3500 Tonnen Tragkraft angekauft und ihren Zwecken
entsprechend umgestalten lassen. Klassenunterschiede gab es auf den
Schiffen der Gesellschaft nicht; es wurde von Niemand Bezahlung
genommen, weder für den Transport noch für die Verpflegung auf der
ganzen Reise, dafür mußte sich auch Jedermann mit dem gleichen,
allerdings nicht geringen, Ausmaße von Komfort begnügen. Auf Deck waren
große Speise- und Gesellschaftsräume, unter Deck zwar kleine, aber für
jede Familie gesonderte, bequem ausgestattete und durchweg ausgezeichnet
ventilierte Schlafkabinen. Die Aufnahme geschah in der Reihenfolge der
Beitrittserklärungen zur Gesellschaft; die älteren Mitglieder hatten die
Priorität. Natürlich blieb es jedermann freigestellt, die Seereise auch
auf fremden Schiffen zu machen, ohne dadurch in Mombas seines Platzes in
der Reihe der zu Befördernden verlustig zu werden.

In Mombas angelangt, stand es Jedermann frei, die Weiterreise zu Pferd
oder zu Wagen zu wählen. Die Reiter ihrerseits konnten entweder die
Wagenkarawanen begleiten oder in beliebig eingeteilten Märschen
voraneilen; nur der jeweilige Vorrat an Pferden zum Wechseln in den 65
Stationen mußte beachtet werden; doch war thunlichst dafür gesorgt, daß
der erforderliche Pferdebestand nirgends ausging. Die Fahrenden hatten
gleichfalls die Wahl, ob sie ununterbrochen Tag und Nacht, bloß mit den
zum Wechseln der Gespanne nötigen Pausen, oder bedächtiger, unter
Einhaltung beliebig ausgedehnter Mittags- oder Nachtstationen sich
fortbewegen wollten. Ersterenfalls konnten sie bei günstigem Wetter in
14 Tagen, ja sogar rascher in Edenthal anlangen, letzterenfalls waren
dazu 20 Tage und darüber erforderlich.

Alle getroffenen Anordnungen bewähren sich aufs vollständigste. Nirgends
gab es Aufenthalt, die Verpflegung ließ nichts zu wünschen übrig; eine
Massaieskorte, die Johnston in der Stärke von 10 Mann für jede Station
organisiert hatte, sorgte während der Nachtreisen für Sicherheit gegen
wilde Tiere, hatte überhaupt als Beistand in etwaigen Verlegenheiten zu
dienen, und 4 aus der Mitte der Unseren entsendete Kommissare mit dem
Sitze in Teita, Tawete, Miveruni und Ngongo überwachten das Ganze. Die
Eingeborenen kamen den ersten Wagenzügen mit staunendem Jubel, Allen
aber mit größter Freundlichkeit und Dienstbeflissenheit entgegen.
Insbesondere die Wataweta, der Sultan von Useri und die Massaistämme
ließen es sich nicht nehmen, unsere Reisenden mit den Beweisen ihrer
Verehrung und Liebe für die »am großen Berge angesiedelten« weißen
Brüder zu überhäufen.

Die ersten neuen Ankömmlinge -- unter ihnen unser geliebter Meister --
trafen am 14. Oktober in Edenthal ein; ihnen folgten in ununterbrochener
Reihe stets neue und neue Scharen. Doch bevor über die damit anhebende
neue Ära der Geschichte unseres Unternehmens berichtet wird, mag noch
kurz erzählt werden, was in der letzten Zeit am Kenia geschah.

Zunächst ist zu erwähnen, daß noch im Monat August eine zahlreiche
Gesandtschaft von Massaistämmen aus Leikipia -- das ist das Land
nordwestlich von Kenia -- und aus den Distrikten nördlich vom Naiwascha-
bis zum Baringosee in Edenthal eingetroffen war, uns Gruß und
Freundschaft entbietend und die Bitte an uns richtend, sie in den mit
den anderen Massai abgeschlossenen Bundesvertrag mit aufzunehmen. Die
Gewährung dieser sehr beweglich und nicht ohne einige Empfindlichkeit
vorgetragenen Bitte legte uns nun allerdings erhebliche neue Lasten auf;
trotzdem besann ich mich keinen Augenblick, dieselbe zu gewähren und
alle Mitglieder stimmten mir einhellig zu. Denn mit dem Opfer von
einigen tausend Pfd. Sterling jährlich war die vollständige
Pacifizierung des streitbarsten und zweifellos tüchtigsten unter allen
Volksstämmen der ganzen Äquatorialzone wahrlich nicht zu teuer erkauft.
Wir hatten nunmehr genügende Sicherheit, allmählich wachsende Kultur in
diesen bisher von unaufhörlichen Fehden und Raubzügen heimgesuchten
Gegenden einziehen zu sehen, stets brauchbarere Genossen unseres großen
Werkes in den schwarzen und braunen Eingeborenen zu erziehen, und indem
wir sie lehrten, Wohlstand und Überfluß für sich selber zu erzeugen, die
Quellen unseres eigenen Wohlstandes zu vermehren. Ich hielt also den
braunen Recken eine sehr schmeichelhafte Lobrede, erklärte mich gerührt
über die an den Tag gelegte gute Gesinnung und versprach behufs
Ausfertigung des Vertrages, wie nicht minder, um sie zu ehren, demnächst
eine Gesandtschaft an sie zu senden. Reich beschenkt wurden die,
übrigens auch ihrerseits nicht mit leeren Händen erschienenen Massai --
sie hatten 100 erlesene Rinder und 200 fettschwänzige Schafe als
Ehrengabe mitgebracht -- entlassen. Johnston, den ich sofort von dem
Vorgefallenen verständigte, übernahm die Ausführung des gegebenen
Versprechens. Daß er sich zu diesem Behufe aus den Waren der im
September am Kenia angelangten Expedition, auf die er in Miveruni
gestoßen, reichlich mit Hülfsmitteln versorgte, habe ich schon
berichtet; als seine Aufgabe an der Etappenstraße erfüllt war, zog er --
zu Anfang des Monats Oktober -- an den Naiwaschasee, von da weiter durch
die mächtige, meist überaus fruchtbare Hochebene von 1800 Meter Seehöhe,
die, eingerahmt von 1000-2000 Meter höheren Randbergen, die Hochseen von
Massailand enthält, nämlich außer dem Naiwascha-, dem wunderbaren
Elmetaita- und dem Salzsee von Nakuro noch eine Reihe kleinerer Becken,
und erreichte am 20. Oktober den etwa 200 Quadratkilometer deckenden, in
einer bloß 980 Meter hohen Bodensenkung gelegenen Baringosee, an der
Nordgrenze von Massailand. Von da westlich wieder aufwärts steigend
durchzog er, vorbei an den gewaltigen Thomsonfällen, das wald- und
wasserreiche Leikipia und traf in der zweiten Novemberwoche bei uns am
Kenia ein, nachdem er mit allen unterwegs wohnenden Massaistämmen, wie
nicht minder mit den »Ndemps« am Baringosee, Bündnisverträge geschlossen
hatte.

In zweiter Linie ist von den erfolgreichen Zähmungsversuchen zu
berichten, die auf Anregung unserer beiden Damen mit mehreren der am
Kenia heimischen Tierarten angestellt wurden. Die Idee hiezu ging
ursprünglich von Miß Fox aus, der dabei in erster Reihe bloß die Absicht
vorschwebte, den Frauen und Kindern der neuen Ankömmlinge Freude zu
bereiten. Für diese Idee gewann sie meine Schwester, eine große
Tierfreundin, und so warben denn die Beiden einige Andorobo und Wakikuja
zunächst dafür, Affen und Papageien zu fangen, deren es im Edenthal und
Umgebung einige sehr reizende Arten gab. Als die Zähmungsversuche mit
diesen Tierchen über Erwarten rasch und gut gelangen, so daß schon nach
Verlauf weniger Wochen die ihrer Haft entlassenen Gefangenen den
Herrinnen freiwillig nachsprangen und nachflatterten, wuchs Beider
Ehrgeiz und die Andorobo erhielten den Auftrag, einige Exemplare einer
besonders niedlichen Antilopenart einzufangen, die unsere Naturforscher
als eine Abart der hauptsächlich in Westafrika vorkommenden
Schopfantilope (_Cephalophus rufilatus_) bestimmten. Auch dieser Versuch
war von Erfolg begleitet; zwar die alten Tiere erwiesen sich so scheu
und ungeberdig, daß man sie schließlich laufen ließ; aber mehrere Junge
gewöhnten sich überraschend schnell an ihre Wärterinnen und liefen
denselben nach, wie die Hündchen. Diese Antilopengattung wird nicht
größer, als etwa ein mittelgroßes Schaf, insbesondere die jungen Tiere
nehmen sich mit ihren rötlichen Schöpfen überaus putzig aus und geberden
sich in allen Stücken wie übermütige Zicklein. Miß Ellen und meine
Schwester hatten bald eine ganze Menagerie von Antilopen, Äffchen,
Papageien um sich versammelt, die zu Nutz und Frommen der erwarteten
Kinderwelt zu allerlei Kunststücken dressiert wurden.

So standen die Dinge, als einer der indischen Elefantenwärter, die Miß
Ellen mit an den Kenia genommen hatte und die nicht daran dachten,
jemals wieder in ihre Heimat zurückzukehren, seiner »Herrin« gegenüber
-- denn die Inder konnten sich noch nicht daran gewöhnen, sich als
vollkommen unabhängige Männer zu fühlen -- die Frage wagte, ob sie nicht
auch ein Elefanten-Baby als Schoßtierchen wünsche? Als diese bejaht
wurde, machte er sich anheischig, eines oder mehrere zu fangen, falls
ihm erlaubt werde, mit den vier Elefanten und ihren Führern für einige
Tage in die Wälder zu ziehen. Da Miß Ellen ihre Elefanten zum Baudienste
hergegeben hatte, wo die intelligenten Kolosse von geradezu
unschätzbarem Nutzen waren, und eines Spielzeugs halber die Arbeit nicht
stören mochte, sagte sie dies dem Inder und erklärte, auf die Erfüllung
ihres Wunsches verzichten oder wenigstens so lange damit warten zu
wollen, bis man die Elefanten bei der Arbeit leichter entbehren könne.
Der Inder ging; aber die Idee, daß seine geliebte Herrin sich etwas
versagen sollte, was ihr -- das hatte er sofort bemerkt -- großes
Vergnügen bereitet hätte, rüttelte ihn aus seiner gewohnten
fatalistischen Indolenz auf; er grübelte über die Sache zwei Tage lang
und erschien am dritten mit dem Vorschlage, die Zeitversäumnis der vier
Elefanten dadurch gut zu machen, daß er und die anderen Kornaks nebst
dem Elefanten-Jungen auch einige Elefanten-Alte fangen und zur Arbeit
dressieren wollten. »Aber afrikanische Elefanten lassen sich nicht
dressieren, gleich den indischen«, wandte Miß Ellen ein. Der Inder
erlaubte sich, das zu bezweifeln, und seine 7 Kollegen waren sämtlich
der gleichen Meinung. Elefant sei Elefant; sie möchten das Rüsseltier
sehen, das sie nicht binnen wenigen Wochen kirre bekämen, wenn es erst
einmal in ihrer Gewalt wäre. »Wenn dem wirklich so ist, warum habt Ihr
das früher nicht gesagt, da Ihr doch sehen mußtet, wie gut man hier
Elefanten gebrauchen kann?« forschte die Amerikanerin weiter, erhielt
jedoch darauf bloß ein lakonisches »Weil Du uns nicht gefragt hast« zur
Antwort.

Miß Ellen wußte sich nicht zu raten; der Gedanke, die Kolonie von
Edenthal mit Herden gezähmter Elefanten zu versehen -- denn wenn sich
diese Tiere überhaupt zähmen ließen, dann konnte man hier ebensogut
Tausende als Einen zur Stelle schaffen -- ließ sie nicht zur Ruhe
kommen; aber andererseits erinnerte sie sich, in ihrer Naturgeschichte
gelesen zu haben, der afrikanische Elefant sei unzähmbar, und wir alle,
die sie diesfalls befragte, mußten ihr bestätigen, daß es nirgends in
Afrika gezähmte Elefanten gebe. Sie wurde über dieses Problem nachgerade
beinahe trübsinnig; sichtlich gelüstete es sie, es auf einen Versuch
ankommen zu lassen; aber die Inder blieben dabei, ohne Mitwirkung der
zahmen keinen wilden Elefanten einbringen zu können, und erstere in der
Zeit dringendster Arbeiten zu problematischen Versuchen zu verwenden,
das zu beantragen, scheute sie sich um so mehr -- als die Elefanten
_ihr_ Eigentum waren und sie daher eigentlich nach Gutdünken über
dieselben verfügen konnte. Da kehrte unser Zoologe, Signor Michaele
Faënze, von einem längeren Ausfluge nach dem Kenia-Massiv zurück und
stellte sich, als ihn Miß Fox ins Vertrauen zog, ohne weiteres auf die
Seite der Inder. Zwar auch er gab zu, daß es thatsächlich keine zahmen
afrikanischen Elefanten gebe, behauptete aber geradezu, dies müsse bloß
daran liegen, daß die Afrikaner verlernt hätten, dies edle Tier dem
Menschen dienstbar zu machen. An der Rasse liege es ganz gewiß nicht,
was schon daraus hervorgehe, daß zur Römerzeit dressierte Elefanten in
Afrika gerade so gut bekannt waren, wie in Asien. Man solle die Inder
nur machen lassen; wenn sie ihre Kunst verstünden, werde ihnen dieselbe
hier so gut gelingen wie in Indien.

Und so geschah's. Die 8 Kornaks mit ihren 4 Elefanten zogen in einen der
nahen Wälder, und als sie dort, was gar nicht lange dauerte, eine Herde
wilder Elefanten gefunden hatten, machten sie es mit diesen genau so,
wie sie es in ihrer Heimat erlernt hatten. Die zahmen Elefanten wurden
führerlos in die Herde der wilden gelassen, von denen sie zwar anfangs
mit einigem Befremden empfangen, schließlich aber in aller Freundschaft
aufgenommen wurden. Einmal so weit, machten sich die listigen Tiere
zunächst mit dem Führer der Herde, dem stärksten und schönsten Bullen,
zu schaffen, liebkosten ihn, wedelten ihm die Fliegen weg, fesselten
aber dabei mit mitgenommenen starken Stricken einen seiner Füße an einen
starken Baumstamm. Nachdem dies geschehen war, stießen sie ihren
Angstruf -- einen scharfen Trompetenton -- aus, als ob sie irgendeine
Gefahr bemerkt hätten und stürmten davon, auf welches Signal hin die
Inder unter Geschrei und Flintenschüssen hervorstürzten, was die ganze
Herde veranlaßte, den Zahmen in größter Eile nachzufolgen. Der arme
Gefesselte konnte natürlich nicht mithalten, so verzweifelt er auch an
dem Stricke zerrte, und die Inder ließen ihn trampeln und trompeten,
ohne sich vorläufig um ihn zu kümmern. Ihre nächste Sorge war, die Spur
der enteilten Herde zu finden. Nach etwa einer Stunde hatten sie sich an
diese neuerlich herangeschlichen, wo inzwischen die vier Zahmen das
vorige Spiel mit einem neuen Opfer wiederholten; auch dieses wurde
gefesselt und dann unter großem Spektakel verlassen. Noch drei weitere
Elefanten teilten im Laufe des Tages dies Schicksal; dann schien die
Herde argwöhnisch geworden zu sein, denn die berüsselten Verräter
kehrten nach einer Weile allein zu ihren Treibern zurück.

Nunmehr erst wurde jedem der fünf Gefesselten -- unter ihnen ein
Weibchen mit einem etwa einjährigen Jungen in der Größe eines mittleren
Kalbes -- ein Besuch abgestattet. Die zahmen Elefanten gingen ohne
weiteres auf die verzweifelt am Stricke Zerrenden los und banden ihnen
die Vorderfüße eng aneinander. Das gelang zwar nicht, ohne daß die
Betrogenen wütenden Widerstand leisteten, aber dieser wurde in höchst
brutaler Weise durch Rüsselschläge und Zahnstöße bewältigt. Hierauf
machten sich die erbarmungslosen Schergen daran, rings um ihre Opfer
alles für Elefantengaumen Genießbare -- also Gras, Büsche und Baumzweige
zu entfernen; wo dazu die Rüssel nicht ausreichten, drängten sie die
Gefesselten auf die Seite und ermöglichten es den Treibern, mit Axt und
Beil das Werk zu vollenden.

Als der Abend anbrach, waren alle fünf Gefangenen geknebelt und jeder
Möglichkeit beraubt, sich Nahrung zu verschaffen. Nunmehr mußten sie
aber auch bewacht werden, damit nicht etwa Löwen oder Leoparden die
Gelegenheit wahrnähmen, die wehrlos Gemachten anzufallen. Am anderen
Morgen statteten die zahmen Elefanten ihren gefesselten Brüdern der
Reihe nach Besuche ab, halfen den bei ihrem nächtlichen Toben
Umgefallenen sich aufrichten, was wieder nicht ohne ausgiebige Prügel
und Stöße vollbracht ward und überließen sie dann abermals ihrem
Schicksale.

Das ging so drei Tage hindurch; die armen Gefesselten litten Hunger und
Durst und bekamen, so oft ihre verräterischen Brüder nach ihnen sahen,
jämmerliche Schläge. Am vierten Tage waren sie so schwach und kleinlaut,
daß sie gar nicht mehr tobten, sondern kläglich brüllten, als sich ihre
Peiniger nahten, die aber nichtsdestoweniger mit Rüsseln und Zähnen über
sie herfielen. Da erschien nun den Mißhandelten ein rettender Engel --
in Gestalt des Menschen. Dieser verjagte zunächst unter drohenden
Geberden und einigen schallenden Schlägen die Schergen von ihrem Opfer
und hielt diesem dann ein Gefäß Wasser hin. Stutzte darauf der wilde
Elefant und nahm sich Zeit, die Sachlage zu überblicken, so war die
Tragikomödie aus, das Tier gebändigt. Denn es acceptierte in diesem
Falle nach einigem Bedenken den gebotenen Trunk, nach diesem einige
Nahrungsmittel, konnte dann gefahrlos vollständig getränkt und gefüttert
und unter Eskorte der zahmen Elefanten zu weiterer Ausbildung
heimgeführt werden. Wurde es dagegen beim Anblicke des Menschen erst
recht rabiat -- was allerdings bei dreien von den Fünfen der Fall war --
so mußte mit der Prügel- und Hungerkur so lange fortgefahren werden, bis
der Elefant zu begreifen begann, Erlösung aus seiner Lage könne hier nur
das schreckliche zweibeinige Geschöpf spenden.

Schließlich ergab sich jeder der Gefangenen in sein Schicksal. Die
einzige Gefahr dieser Jagd bestand bloß darin, daß der Jäger sich auf
die Sicherheit seines Urteils über den Charakter des Gefesselten
verlassen mußte in dem Augenblicke, wo er ihm zum ersten Male nahte.
Zwar standen die zahmen Elefanten hülfsbereit und aufmerksam dabei; da
jedoch ein einziger Rüsselhieb des gereizten Tieres genügen kann, einen
Menschen zu töten, so gehört immerhin viel Geistesgegenwart und Mut zu
der Sache. Die Inder versicherten übrigens, daß ein halbwegs an den
Umgang mit Elefanten Gewöhnter aus dem Blick des Tieres ganz zuverlässig
auf dessen Absichten schließen könne; man brauche daher bloß die
Vorsicht zu beachten, keinem Gefangenen völlig nahe zu treten, bevor man
in dessen Auge die Ergebung in das Unvermeidliche gelesen, und es sei
überhaupt nichts zu fürchten.

Schon nach sechs Tagen kehrte die Expedition mit ihren fünf Gefangenen
zurück, die zwar noch nicht dressiert und zur Arbeit brauchbar, aber
doch schon insoweit »zahm« waren, daß sie sich ruhig einsperren,
füttern, tränken und unterrichten ließen. Nach Verlauf fernerer zwei
Wochen waren sie der Hauptsache nach »fertig«, d. h. brauchbar zu
allerlei Arbeiten, insbesondere wenn ihnen einer der Veteranen an die
Seite gegeben wurde. Miß Ellen feierte einen doppelten Triumph: sie
besaß ein herziges Elefantenbaby, das zwar für ein Schoßtierchen etwas
zu plump, aber nichtsdestoweniger das drolligste Wesen war, das es geben
mag und sich rasch zum erklärten Liebling von ganz Edenthal aufschwang;
und sie hatte des ferneren der Gesellschaft eine unerschöpfliche Quelle
sehr schätzbarer Arbeitskraft eröffnet, auf welche ohne sie niemand
geraten wäre. Denn hätte sie sich nicht seinerzeit in den Kopf gesetzt,
die Expedition mitzumachen, so wären wohl schwerlich so rasch indische
Elefanten und Elefantenführer an den Kenia gekommen, und ohne diese
wären die Elefanten Afrikas vielleicht von den Elfenbeinjägern
ausgerottet gewesen, bevor an ihre Zähmung auch nur jemand gedacht
hätte.

Von da ab fuhren wir mit dem Elefantenfange rüstig fort, so daß binnen
kurzem der Elefant das hauptsächlichste _Tragtier_ am Kenia wurde und
überall dort verwendet werden konnte, wo schwere Lasten auf kurze
Entfernungen oder auf Gebieten, die für Wagen unpassierbar waren,
bewältigt werden sollten.

Das so vortrefflich gelungene Experiment mit den Elefanten legte uns
aber auch den Gedanken nahe, es mit der Zähmung anderer Tiere nicht bloß
zu Zwecken der Belustigung, sondern um des Nutzens willen zu versuchen.
Zunächst kam das Zebra an die Reihe und es gelang auch mit diesem. Zwar
die alten Tiere waren unbrauchbar; aber die Füllen erwiesen sich -- wenn
sehr jung eingefangen -- als leidlich gelehrig und nicht sonderlich
scheu und in den zweiten Generationen unterschieden sich später unsere
zahmen Zebras in nichts, als in der Hautfarbe von den besten Maultieren.
Strauß und Giraffe wurden der Reihe unserer Haustiere angereiht; den
größten Triumph aber feierten unsere Dresseure mit der Zähmung des
afrikanischen Büffels. Es ist das das bösartigste, unbändigste und
gefährlichste unter allen afrikanischen Tieren und dennoch wurde es so
vollständig gezähmt, daß es im Verlaufe der Jahre das gemeine Rind als
Zugtier vollständig verdrängte. Zwar in Freiheit aufgewachsene Bullen
waren und blieben wahre Teufel; doch schon die gefangenen Kühe konnte
man wenigstens so weit bringen, daß sie dem Wärter aus der Hand fraßen,
und was die in Gefangenschaft aufgezogenen Büffel anlangt, so zeigten
diese genau den nämlichen Charakter wie das gewöhnliche Rind. Die Bullen
blieben, insbesondere wenn sie alt wurden, immer etwas unverläßlich, die
Kühe und die verschnittenen Ochsen dagegen waren so sanft und gelehrig
wie nur irgend ein Wiederkäuer. Als Milchkühe wurden sie bei uns niemals
geschätzt, da sie zwar fette, aber nicht reichliche Milch gaben; als
Zugtiere aber waren unsere Büffelochsen unvergleichlich. Es gibt für
diese riesigen Tiere -- sie überragen das größte Hausrind um reichlich ½
Fuß, ihr Nacken hat eine Breite bis zu 2 Fuß und ihre Hörner lassen sich
an der Wurzel mit zwei Händen nicht umspannen -- keine zu schweren
Lasten; wo vier gewöhnliche Ochsen erlahmen, gehen zwei Büffel ihren
gleichmäßigen Schritt weiter, als wären sie ledig. Dabei vertragen sie
Hunger, Durst Hitze und Regen besser als ihre längst gezähmten
Verwandten -- kurzum sie erweisen sich in einem Lande, wo gute Chausseen
noch nicht überall zu finden sind, als geradezu unschätzbar.

Das dritte Ereignis -- doch dieses geht eigentlich direkt nur mich
persönlich an und gehört bloß insofern in den Rahmen dieser Erzählung,
als es mit der Lebensweise und mit den socialen Zuständen in Edenthal
zusammenhing. Es wird also am besten sein, wenn ich zunächst erzähle,
wie wir vor dem Eintreffen der Hauptmasse unserer Brüder in der neuen
Heimat lebten, uns einrichteten und arbeiteten.



                              7. Kapitel.


Die Kolonisten auf Edenthal betrachteten mich, den Bevollmächtigten der
Gesellschaft, der unseren Zug an den Kenia veranstaltet und die Mittel
zu demselben beschafft hatte, als ihren Vorgesetzten im
gemeingebräuchlichen Sinne des Wortes: ich hätte befehlen können und es
wäre gehorcht worden. Anderseits aber handelte ich nicht bloß meinen
eigenen Neigungen, sondern den offenbaren Intentionen des Ausschusses
gemäß, wenn ich mich dem Wesen nach als den Vorsitzenden einer
Versammlung frei über sich selber verfügender Männer benahm. Wo immer
möglich, befragte ich vor meinen Anordnungen die Genossen, fügte mich
der Meinung der Mehrheit und traf selbständige Verfügungen bloß in
dringenden Fällen oder wenn es sich um Zuweisung von Aufträgen an
Abwesende handelte. Sonst geschah die Zuteilung der verschiedenen
Arbeiten an verschiedene Gruppen stets im Einverständnisse mit allen
betreffenden Mitgliedern, die Vorsteher dieser Arbeitszweige wurden von
ihren speziellen Genossen selber gewählt, und wenn dabei auch in allen
wesentlichen Fragen stets meiner und meiner engeren Vertrauten Ansichten
und Vorschläge zur Ausführung gelangten, (so daß -- wenn im Bisherigen
zumeist der Kürze halber gesagt wurde: »ich ordnete an, ich designierte«
-- damit dem Wesen nach die Wahrheit erzählt wurde) so geschah dies doch
nur aus dem Grunde, weil diese meine Vertrauten eben die geistigen
Spitzen der Kolonie waren und die anderen sich diesen freiwillig
unterordneten. Dabei wußten wir alle, daß dies keine auf Dauer
berechnete Organisation sei. Niemand arbeitete einstweilen für sich,
alles was wir erzeugten, gehörte nicht dem Erzeuger, auch nicht der
Gesamtheit von uns Erzeugern, sondern dem Unternehmen, aus dessen
Mitteln wir hinwieder allesamt zehrten. Mit einem Worte, die »freie
Gesellschaft«, die wir gründen wollten, war noch nicht gegründet, sie
befand sich noch unterwegs und inzwischen waren wir ihr gegenüber nichts
anderes, als Angestellte nach altem Recht, die sich von gewöhnlichen
Lohnarbeitern bloß dadurch unterschieden, daß ihnen selber überlassen
war, was sie zu ihrem Unterhalte vorweg nehmen und was sie als
»Unternehmergewinn« für die Auftraggeberin zurücklegen mochten. Hätte
mich böser Wille einzelner Genossen dazu genötigt, so war ich nicht bloß
im Rechte, sondern auch entschlossen, den »Bevollmächtigten«
hervorzukehren; daß ich es vermeiden konnte, trug nicht wenig dazu bei,
das Behagen, das uns alle erfüllte, zu steigern und war auch insofern
von großem Werte, als dadurch der Übergang zu den späteren endgültigen
Organisationsformen wesentlich erleichtert wurde, ändert aber nichts an
dem Sachverhalt, daß unser Leben und Wirken unterwegs wie am Kenia sich
noch innerhalb der sozialen Formen der alten Welt bewegte.

Die Arbeitszeit war in Edenthal einstweilen für jedermann -- ob
Arbeitsvorsteher oder simpler Arbeiter, Weißer oder Neger -- die
gleiche, von 5 bis 10 Uhr vormittags und von 4 bis 6 Uhr nachmittags;
nur in der Erntezeit waren ein bis zwei Stunden zugegeben worden. Am
Sonntag ruhte ebenso gleichmäßig alle Arbeit.

Die Tagesordnung war die folgende: Gegen 4 Uhr wurde aufgestanden, im
Edensee -- es waren zu diesem Behufe mehrere Badehütten errichtet -- ein
Bad genommen und hierauf Toilette gemacht. Das Reinigen und etwa
notwendige Ausbessern der Kleider besorgte unter Anleitung eines in
solchen Künsten bewanderten Mitgliedes eine Gruppe von Suaheli, welcher
diese Arbeit als alleinige Verrichtung zugewiesen worden war. Da wir
Kleidungsstücke zum Wechseln besaßen, so wurden des Morgens immer die
während des gestrigen Tages gereinigten gebracht, dafür die gestern
gebrauchten abgeholt, um im Laufe des Tages für den morgigen Gebrauch in
Stand gesetzt zu werden. Hierauf kam das Frühstück, gleich allen
Mahlzeiten wieder das Werk einer damit betrauten anderen Schar von
Suahelis -- um deren Einweihung in mehrfache Geheimnisse französischer
Kochkunst sich meine Schwester große Verdienste erworben hatte. Dieses
erste Frühstück bestand je nach dem Geschmacke eines Jeden aus Thee,
Schokolade, schwarzem oder mit Milch gemengtem Kaffee, Milch oder irgend
einer Suppe; dazu ebenso nach Wahl Butter, Käse, Honig, Eier, kalter
Braten nebst Brot oder anderem Gebäck. Nach diesem ersten Frühstück
wurde bis 8 Uhr gearbeitet, um welche Zeit ein zweites Frühstück kam,
bestehend aus irgend einer substantiellen warmen Speise -- Omelette,
Fisch oder Braten mit Brot, etwas Käse und Früchten, dazu als Getränk
entweder das köstliche Quellwasser unserer Berge, oder der sehr
erfrischende, wohlschmeckende Bananenwein, den die Eingeborenen zu
bereiten verstehen. Nach diesem Frühstück, welches in der Regel 15 bis
20 Minuten in Anspruch nahm, wurde bis 10 Uhr weiter gearbeitet, worauf
die große Mittagspause folgte. Diese wurde, insbesondere in den heißeren
Monaten, von den Meisten zunächst zu einem zweiten Bade im See benutzt,
welchem irgendeine häusliche Zerstreuung, Lektüre, Konversation oder
Spiel folgte. Die Hitze war um diese Zeit in der Regel groß; während der
heißen Monate stieg das Thermometer häufig auf 35 Grad Celsius im
Schatten. Zwar verhüteten kühle Brisen, die bei schönem Wetter
regelmäßig zwischen 11 Uhr vormittags und 5 Uhr nachmittags vom Kenia
her wehten und zwar desto stärker, je heißer der Tag sich anließ, daß
der Aufenthalt im Freien jemals unerträglich wurde; aber am angenehmsten
und zuträglichsten war während der Mittagsstunden jedenfalls das
Verweilen in gedeckten Räumen. Um 1 Uhr wurde die Hauptmahlzeit
gehalten, bestehend aus Suppe, einem Fleisch- oder Fischgericht mit
Gemüsen, süßem Backwerk und Früchten der mannigfachsten Art, dazu
abermals Bananenwein oder, nachdem unsere Brauerei zu arbeiten
angefangen hatte, Bier. Nach dem Speisen wurde von Einzelnen ein halbes
Stündchen geschlafen, hierauf gab es wieder Konversation, Lektüre,
Spiel, worauf, nachdem die ärgste Hitze vorüber war, die zweistündige
Nachmittagsarbeit erledigt ward. Dieser ließen Einzelne ein drittes
kurzes Bad folgen. Um 7 Uhr nahm man wieder eine dem ersten Frühstück
ähnliche Mahlzeit, sofern es nicht regnete, im Freien und zu größeren
Gesellschaften vereinigt. Zu bemerken ist dabei, daß hinsichtlich aller
Mahlzeiten, wie überhaupt aller Genußmittel als Regel galt, daß
Jedermann wählen konnte, was und soviel ihm beliebte. Nur bezüglich der
geistigen Getränke hielten wir es anders -- aus leicht begreiflichen
Gründen. Späterhin, wenn Jedermann auf eigenen Füßen stand, mochte er es
auch mit diesen halten, wie ihm beliebte; solange wir von
Gesellschaftswegen verpflegt wurden, mußten wir schon mit Rücksicht auf
unsere Neger Beschränkung üben.

Des Abends wurde meist Musik gemacht. Wir hatten einige sehr tüchtige
Musiker, ein ganz artiges, 45 Mann zählendes Orchester von Blas- und
Streichinstrumenten und einen vortrefflichen Chor, die sich, so oft es
das Wetter erlaubte, hören ließen. Zwei oder drei Stunden nach
Sonnenuntergang pflegte es kühl zu werden; in wenigen Nächten behauptete
sich das Thermometer über 22 Grad, sank aber bisweilen bis auf 15 Grad
Celsius, so daß die Nachtruhe stets erquickend war.

An den Sonntagen gab es mannigfaltige Veranstaltungen zu Zwecken der
Belustigung sowohl als der Belehrung: Ausflüge in die benachbarten
Wälder, Jagden, Konzerte, Vorlesungen, Vorträge.

Die von uns bewohnten Blockhäuser waren eigentlich dazu bestimmt, je
einer Familie als zukünftiges, wenn auch bloß provisorisches Heim zu
dienen. Ein jedes lag inmitten eines tausend Quadratmeter umfassenden
Gärtchens und deckte mit seinen 6 Räumen: Vorzimmer, Küche und 4 Stuben,
selber ein Areal von 150 Quadratmetern. Jedes solcher Häuschen nun wurde
einstweilen von Vieren der Unseren besetzt; den beiden Frauen mit
Sakemba, die inzwischen den Besuch ihrer Eltern und Geschwister erhalten
und diese bewogen hatten, ihre Grashütten gleichfalls in Edenthal
aufzuschlagen, war selbstverständlich auch ein besonderes Häuschen
eingeräumt.

Letztere Anordnung aber gefiel meiner Schwester ganz und gar nicht.
Während der Reise hatte sie sich notgedrungen darein gefunden, getrennt
von mir, dem ihr von unserer verewigten Mutter ans Herz gelegten
Pfleglinge, zu kampieren; in Edenthal angelangt, gedachte sie jedoch
ihre alten Vormundschaftsrechte und -Pflichten wieder zu beanspruchen,
sah sich aber durch die Rücksicht auf einen zweiten Schützling, der
inzwischen auch zu einem Liebling geworden war, durch die auf Ellen Fox
nämlich, in der Ausführung ihrer Vorsätze gehindert. Sie konnte doch
unmöglich dies junge Mädchen inmitten so vieler Männer allein lassen;
ebenso wenig aber konnte sie uns beide -- obwohl wir in ihren Augen die
reinen Kinder waren -- Thür an Thür im selben Häuschen unterbringen. Was
hätten ihre Freunde und Freundinnen in Paris dazu gesagt! Zwar brachte
ich all meine freie Zeit bei den Frauen zu, wo mich, ohne daß ich es
bemerkte, die aus geistreichen theoretischen Kontroversen und
unbefangenem Geplauder eigentümlich gemengte Konversation der jungen
Amerikanerin nicht minder als ihr Harfenspiel und ihre glockenhelle
Altstimme, stets mehr und mehr fesselten; aber das genügte Schwester
Klara nicht und sie geriet schließlich auf den Gedanken, uns zu
verheiraten. Schon wegen unserer gemeinsamen »Narrheit« -- unserer
sozialen Ideen nämlich -- paßten wir ganz gut zu einander, und wenn auch
-- ihrer Meinung nach -- außer Zweifel stand, daß in dieser Ehe
gesunder, hausbackener Menschenverstand gänzlich fehlen würde, so war ja
_sie_ dazu da, für die beiden Kindsköpfe zu sorgen und zu handeln.

Nachdem sie diesen Vorsatz einmal gefaßt, legte sie sich als
vorsichtige, diskrete Person, die ganz richtig voraussah, daß in diesem
Punkte weder bei mir, noch bei Miß Ellen auf unbedingten Gehorsam zu
rechnen wäre, zunächst aufs Beobachten, und dabei machte sie denn
ungeachtet ihrer in Sachen der Liebe höchst mangelhaften eigenen
Erfahrungen, ausgerüstet bloß mit dem keinem Weibe fehlenden
instinktiven Feingefühle, die überraschende Entdeckung -- daß wir beiden
bereits bis über die Ohren ineinander verliebt seien. Anfangs war sie
über diese Wahrnehmung so erstaunt, daß sie ihren Augen keinen Glauben
schenken wollte. Aber die Sache war zu klar, als daß eine Täuschung
möglich gewesen wäre. Wir beiden Liebenden ahnten zwar selber nicht im
entferntesten, wie es um uns stand; aber wer Miß Fox so genau kannte,
wie dies bei meiner Schwester nach mehrmonatlichem ununterbrochenen
Zusammenleben mit der offenherzigen und freimütigen Amerikanerin
selbstverständlich war, der konnte sich nicht darüber täuschen, was es
zu bedeuten habe, wenn ein Mädchen, das bisher nur seinen Idealen:
Freiheit und Gerechtigkeit, gelebt, deren Abgott die Menschheit gewesen
und das keinem Manne gegenüber anderes Interesse gezeigt, als dasjenige
für die Ideen, denen er diente -- wenn dieses selbe Mädchen in Aufregung
geriet, so oft es eines gewissen Mannes Schritte hörte, und im
vertrauten Umgange mit meiner Schwester statt von der Herrlichkeit
unserer Prinzipien mit Vorliebe von den Vorzügen dessen sprach, der hier
in Edenthal der erste Diener dieser Prinzipien war. Und was meine
Gefühle anlangt, so wußte Schwester Klara allzu genau, daß mir am Weibe
bisher dessen Stellung in der menschlichen Gesellschaft das einzig
Interessante gewesen, als daß es ihr nicht wie Schuppen von den Augen
hätte fallen sollen, als ich sie kürzlich, nachdem ich Miß Fox, die eben
abseits mit etwas beschäftigt war, lange und andächtig betrachtet hatte,
mit den Worten apostrophierte: »Ist nicht jede Bewegung dieses Mädchens
Musik?«

Sie nahm uns daher beide einzeln beiseite und erklärte, daß wir uns
heiraten müßten. Aber da kam sie hier und dort schlecht an. Miß Ellen
wurde zwar auf diesen Antrag hin abwechselnd purpurrot und leichenblaß,
erklärte aber sofort, lieber sterben zu wollen, als mich zu heiraten.
»Würden diese übermütigen Männer, die uns Frauen allen Sinn für das
Ideale, jede Fähigkeit rein sachlichen Strebens absprechen und als
Sklavinnen unserer egoistischen Triebe betrachten, nicht triumphierend
behaupten, daß meine vorgebliche Begeisterung für unser soziales
Unternehmen nichts anderes gewesen, als Leidenschaft für einen Mann, daß
ich nicht um einer Idee, sondern um dieses Mannes willen nach Afrika bis
an den Äquator gelaufen? Nein, -- ich liebe Deinen Bruder nicht -- ich
werde überhaupt niemals lieben und noch weniger heiraten!« Dieser
heroischen Apostrophe folgte zwar ein Strom von Thränen, die jedoch --
als Schwester Klara sie zu meinen Gunsten auslegen wollte -- für Zeugen
der Empörung ob des kränkenden Verdachtes ausgegeben wurden. Nicht viel
anders machte ich es; als Klara mir auf den Kopf zusagte, ich sei in Miß
Fox verliebt, lachte ich sie aus und erklärte die mir vorgehaltenen
Symptome meiner Leidenschaft als bloße Zeichen psychologischen
Interesses an einem weiblichen Geschöpfe, welches echter Begeisterung
für abstrakte Ideen fähig sei.

Doch eine mütterliche Schwester, die einmal den Vorsatz gefaßt, ihren
Bruder -- und noch dazu an ihre Freundin -- zu verheiraten, ist nicht so
leicht aus dem Felde zu schlagen, am allerwenigsten, wenn sie so gute
und mannigfache Gründe hat, auf ihrem Willen zu beharren. Da es auf
geradem Wege nicht ging, wählte sie einen krummen -- keinen neuen, aber
einen oft bewährten: sie machte uns beide eifersüchtig. Jedem von uns
erzählte sie im Vertrauen, es sei nichts mit ihrem »dummen Plane«, da
der andere Teil nicht mehr frei wäre. Da sie mir gegenüber schlauerweise
hinzufügte, sie habe ihr Projekt bloß ersonnen, um zugleich mit der
jungen Frau in mein Haus ziehen und die ihr von rechtswegen gebührenden
Mutterpflichten mir gegenüber neuerlich übernehmen zu können, so glaubte
ich ihr um dieser offenbaren Wahrheit willen auch die Erfindung, daß
Ellen einen Verlobten in Amerika zurückgelassen, welcher demnächst schon
hier eintreffen werde. »Denke Dir nur, Ellen ist mit diesem Bekenntnisse
erst herausgerückt, als ich ihr gleich Dir mit meiner Heiratsidee
zusetzte. Es ist nur ein Glück, daß Du mein Junge Dir nichts aus der
kleinen Duckmäuserin machst; das wäre jetzt eine schöne Bescherung, wenn
Du Dir Ellen in den Kopf gesetzt hättest.«

Ich erklärte mich mit dieser Wendung der Dinge höchlich zufrieden, hatte
aber das Gefühl dabei, als ob mir ein Messer im Herzen umgewendet würde.
Deutlich und klar stand jetzt plötzlich meine Liebe vor meinem inneren
Auge, eine glühende grenzenlose Leidenschaft, wie sie nur der empfinden
kann, dessen Herz 26 Jahre lang jungfräulich geblieben. Ich konnte
hinfort -- das ward mir zu unumstößlicher Gewißheit -- noch leben und
kämpfen -- mich des Lebens und des Erkämpften freuen, nimmermehr! Aber
war es denn auch gewiß und unabwendbar? Gab es denn keine Möglichkeit,
diesen Verlobten, der seine Braut allen Gefahren einer abenteuerlichen
Reise, allen Versuchungen der Schutzlosigkeit preisgab und der jetzt
plötzlich hier auftauchen soll, um mir aus meinem Eden die Seligkeit zu
rauben, gab es keine Möglichkeit, ihn aus dem Felde zu schlagen? Doch
ist es überhaupt denkbar, daß Ellen, diese Ellen, wie ich sie seit
Monaten kenne, einen solchen Jammermenschen lieben würde? Hin zu ihr,
mir Klarheit zu verschaffen, um jeden Preis!

Damit stürmte ich hinüber ins Nachbarhaus. Dort hatte inzwischen meine
Schwester ein ähnlich Märchen auch Ellen erzählt. Sie habe sich nun
einmal in den Kopf gesetzt gehabt, aus uns ein Paar zu machen, und daher
in der Hoffnung, daß meine Werbung ihren (Ellens) Widerstand brechen
würde, auch mir von ihrem Plane gesprochen, wäre, als auch ich mich
weigerte, dringender geworden, und da hätte ich ihr endlich gestanden,
mich hinter ihrem Rücken in Europa verlobt zu haben; die Braut werde mit
dem nächsten Einwanderzuge hier eintreffen ... So weit war Klara
gelangt, als mein Erscheinen ihre Erzählung unterbrach.

Totenbleich wankte Ellen auf mich zu; sie wollte sprechen, doch ihre
Stimme versagte; erst meine halb angst-, halb zornerfüllten Fragen nach
dem amerikanischen Bräutigam gaben ihr die Sprache wieder. Zugleich aber
hatte sie auch den Schlüssel der Situation gefunden: daß ich sie liebe,
daß meine Schwester uns beide getäuscht. Was weiter folgte, läßt sich
leicht erraten. So kam es, daß Ellen meine Braut war, als Dr. Strahl in
Edenthal anlangte -- und dieses ist das dritte Ereignis, von welchem ich
vorher noch erzählen wollte.

Ob das Entzücken, mit welchem ich das Weib meiner Liebe zum ersten Male
ans Herz drückte, das größere gewesen oder jenes, mit welchem ich den
Freund meiner Seele, den Abgott meines Geistes einführte in jenes
irdische Paradies, zu welchem er uns den Weg gewiesen -- das wage ich
nicht zu entscheiden.

Als ich im Auge des verehrten Freundes beim Erschauen der Herrlichkeit
unserer neuen Heimat und des kräftig pulsierenden fröhlichen Lebens, das
sie bereits erfüllte, Thränen der Freude, in diesen aber die sichere
Bürgschaft unmittelbar bevorstehenden Erfolges erblickte, da erfaßte
mich zwar nicht jene überschwängliche, für die Brust, die ihr zum ersten
Male sich öffnet, schier unerträgliche Wonne, wie wenige Tage zuvor, als
die Geliebte mir in Küssen das Geheimnis ihres Herzens offenbarte; aber
wenn einst mein Haar weiß und mein Nacken gebeugt sein wird, dürfte wohl
die Erinnerung an jene bräutlichen Küsse mein Blut nicht mehr so
siedendheiß durch die Adern jagen, wie heute, während der Gedanke an die
Stunde, in der ich Hand in Hand mit dem Freunde die stolze und doch
reine Freude empfand, den ersten, schwersten Schritt zur
Erlösung unserer leidenden, enterbten Mitbrüder aus den Martern
vieltausendjähriger Knechtschaft vollbracht zu haben, niemals seine
beseligende Kraft einbüßen wird, so lange ich unter den Lebenden wandle
und mein Geist nicht von Nacht umfangen ist.

Lange, lange stand der Meister auf den Höhen vor Edenthal, jede
Einzelheit des entzückenden Bildes andächtig in sich aufnehmend; dann zu
uns sich wendend, die wir ihn rings umgaben, fragte er, ob wir dem
Lande, das unabsehbar nach allen Seiten sich ausdehnt und welches unsere
Heimat werden solle, schon den Namen gegeben hätten. Als ich dies
verneinte, mit dem Beifügen, daß ihm, der dem Gedanken Worte lieh,
welcher uns hierher geführt, auch das Amt gebühre, das Wort für das Land
zu finden, in welchem dieser Gedanke zuerst verwirklicht werden soll, da
rief er: »Die Freiheit wird in diesem Lande ihre Geburtsstätte finden:
»_Freiland_« wollen wir es nennen!«



                             Zweites Buch.



                              8. Kapitel.


Wir nehmen nunmehr den Faden der Erzählung dort auf, wo ihn das Tagebuch
Ney's verlassen.

Zugleich mit dem Vorsitzenden waren 3 Mitglieder des dirigierenden
Ausschusses in Edenthal eingetroffen; 5 andere folgten binnen wenigen
Tagen mit der ersten Wagenkarawane aus Mombas nach, so daß deren -- Ney,
Johnston, und den auf dieser Beiden Vorschlag kooptierten Demestre
eingerechnet, in Freiland 12 anwesend waren. Da es im ganzen derzeit 15
Ausschußmitglieder gab, so waren ihrer noch drei zurückgeblieben und
zwar je eins in London, Triest und Mombas, wo sie bis auf Weiteres als
Bevollmächtigte des Ausschusses den abendländischen Geschäften der
Gesellschaft vorstehen sollten. Ihr Amt war die Aufnahme neuer
Mitglieder, die Einkassierung und provisorische Verwaltung der
einfließenden Gelder und die Überwachung der Auswanderungen nach
Edenthal.

Ihre Instruktion bezüglich der Aufnahme neuer Mitglieder ging vorerst
dahin, jeden sich darum Bewerbenden aufzunehmen, sofern er kein
rückfälliger Verbrecher und des Lesens und Schreibens kundig wäre.
Erstere Einschränkung bedarf wohl keiner eingehenden Motivierung. Wir
hatten allerdings unbedingtes Vertrauen in die veredelnden, weil das
treibende Motiv der meisten Laster beseitigenden Folgewirkungen unserer
socialen Reformen; wir waren vollkommen beruhigt darüber, daß Freiland
keine Verbrecher erzeugen und selbst durch Elend und Unwissenheit da
draußen zu Verbrechern Gewordene, wenn nur irgend möglich, dem Laster
entreißen werde; für den Anfang aber wollten wir es vermeiden, von
schlimmen Elementen überschwemmt zu werden, und angesichts des
verzeihlichen Bestrebens einzelner Staaten, sich ihrer rückfälligen
Verbrecher in irgend welcher Weise zu entledigen, mußten wir von
Anbeginn vorbauen.

Härter mag erscheinen, daß wir der Einwanderung von gänzlich Unwissenden
eine Schranke zogen. Doch gerade das war ein notwendiges
Erfordernis unseres Programms. Wir wollten das absolute, freie
Selbstbestimmungsrecht des Individuums auch auf dem Gebiete der
Arbeit an die Stelle des Jahrtausende hindurch geltenden
Knechtschaftsverhältnisses setzen; wir wollten den unter der
Botmäßigkeit der Brotherren stehenden Arbeiter zum selbständigen in
freier Vereinbarung mit freien Genossen auf eigene Gefahr thätigen
Produzenten umgestalten -- es ist daher selbstverständlich, daß wir zu
diesem unserem Werke blos solche Arbeiter gebrauchen konnten, die zum
mindesten über die unterste Stufe der Brutalität und Unwissenheit hinaus
waren. Daß wir damit gerade die Elendesten der Elenden zurückstießen,
ist wahr; aber abgesehen davon, daß dem Unwissenden zumeist das klare
Bewußtsein seines Unglücks und seiner Entwürdigung fehlt, seine Leiden
daher in der Regel blos physischer und nicht auch moralischer Natur
sind, wie die des mit Intelligenz gepaarten Elends, abgesehen davon
durften wir uns auch durch weichliches Mitleid nicht dazu verleiten
lassen, den Erfolg unseres Werkes zu gefährden. Der Unwissende muß
beherrscht werden und da wir unsere Mitglieder nicht erst allmählich zu
freien Produzenten erziehen, sondern unmittelbar in die freie Produktion
einführen wollten, so _mußten_ wir uns, wie gegen das Verbrechen, auch
gegen die Unwissenheit schützen.

Sollte hinwieder geltend gemacht werden, daß Kenntnis des Lesens und
Schreibens allein denn doch kein genügendes Kennzeichen jenes Ausmaßes
von Bildung und Intelligenz sei, welches bei Menschen, die ihre Arbeit
selber regieren sollen, vorausgesetzt werden müsse; so ist darauf zu
erwidern, daß zu diesem Behufe allerdings ein sehr hoher Grad der
Intelligenz erforderlich ist, aber nicht bei allen, sondern bloß bei
verhältnismäßig nicht sehr zahlreichen der solcherart sich selber
organisierenden Arbeiter, während bei der Majorität jenes Mittelmaß von
Geisteskräften und Geistesausbildung durchaus genügt, dessen es zu
richtiger Erkenntnis des eigenen Interesses bedarf. Wenn hundert oder
tausend Arbeiter sich zusammenthun, um für gemeinsame Rechnung und
Gefahr zu arbeiten, so kann und muß nicht jeder derselben die
Fähigkeiten zur Organisation und Leitung dieser gemeinsamen Produktion
besitzen; dieses höhere Ausmaß von Intelligenz wird bloß bei einigen
Wenigen unerläßlich sein, während es für die Majorität genügt, daß sie
richtig beurteilen könne, was mit der gemeinsam zu betreibenden
Produktion erzielt werden soll und kann und welche Eigenschaften
Diejenigen besitzen müssen, in deren Hände die Wahrung dieses
gemeinsamen Interesses gelegt wird. Gerade in diesem Punkte aber ist die
Kenntnis der Schrift von ausschlaggebender Bedeutung, denn das gedruckte
Wort allein ist es, welches den Menschen und sein Urteil unabhängig
macht von den zufälligen Einflüssen der unmittelbaren Umgebung, seinen
Verstand der Belehrung erst öffnet. Es wird sich später zeigen, in wie
hohem Maße die ausgedehnteste, lediglich durch Schrift und Druck zu
vermittelnde Öffentlichkeit aller Vorgänge auf dem Gebiete jeglicher
produktiven Thätigkeit zum Gelingen unseres Werkes beitrug.

Es versteht sich von selbst, daß diese beiden Bedingungen für
aufzunehmende Mitglieder auch bisher schon vom Ausschusse gefordert
wurden, und zwar das zweitgenannte ursprünglich in ziemlich strenger
Form. Da sich jedoch gezeigt hatte, daß das geistige Niveau der meisten
Bewerber ein überraschend hohes war, indem der Hauptsache nach von den
körperlich arbeitenden Klassen sich blos die Elite in ausgedehnterem
Maße für unser Unternehmen interessierte, und da nunmehr, wo die Zahl
der Mitglieder 20000 überschritten hatte, die mitunterlaufende
Unwissenheit nicht mehr so gefährlich sein konnte, so begnügte sich der
Ausschuß mit der Forderung, daß die Anmeldungen eigenhändig und
schriftlich geschehen müßten.

Die Zahl der sich meldenden Mitglieder -- es ist zu bemerken, daß Frauen
und Kinder stets mitgerechnet sind -- war in stetigem Wachstume
begriffen, insbesondere seit Veröffentlichung der ersten Berichte über
die am Kenia angelegte Kolonie. Als der Ausschuß sich unter
Hinterlassung seiner Delegierten in Triest einschiffte, hatte der
Mitgliederzuwachs 1200 in der Woche erreicht; drei Monate später war er
auf 1800 wöchentlich gestiegen. Die Aufgabe der europäischen
Bevollmächtigten war es nun, die neuen Mitglieder -- gleichwie dies
vorher schon mit den alten geschehen -- sorgfältig nach Geschlecht,
Alter und Beruf zu registrieren und mit jeder Schiffsgelegenheit die
entsprechenden Listen nach Freiland zu expedieren; sie hatten den --
nach wie vor unentgeltlich erfolgenden -- Transport bis Mombas zu
organisieren und zu überwachen und waren mit Vollmacht versehen, alle zu
diesem Behufe erforderlichen Ausgaben, im Bedarfsfalle auch den Ankauf
neuer Schiffe, gegen nachträgliche Verrechnung und Genehmigung zu
bestreiten. Sache der Bevollmächtigten war es ferner, den sich zur Reise
rüstenden Mitgliedern mit Rat und That an die Hand zu gehen; auch hatten
sie Vollmacht, hilfsbedürftigen Genossen materiell beizuspringen. Die
Mitgliederbeiträge zeigten ähnlich wachsende Tendenz, wie die
Mitgliederzahl; es wuchs eben offenbar das Interesse und Verständnis für
unser Unternehmen nicht blos in den arbeitenden, sondern auch in den
besitzenden Klassen; der Wochenzufluß steigerte sich in der Zeit von
Ende September bis Ende Dezember von rund 20,000 £ auf 30,000 £. Über
diese Gelder war, nach Bestreitung der den Delegirten eingeräumten
Kredite, dem Ausschusse die Verfügung vorbehalten, dessen Vollzugsorgan
übrigens auch in diesem Punkte bei allen in der alten Welt zu
bestreitenden Auslagen die zurückgelassenen Delegierten waren.

Am 20. Oktober hielt der Ausschuß seine erste Sitzung in Edenthal, um
über die geeignetesten Vollzugsmaßregeln zur Konstituierung jener freien
Vergesellschaftungen schlüssig zu werden, deren Sache von da ab die
Produktion in Freiland sein sollte. Die Ausschußsitzungen waren von
jeher öffentlich gewesen, d. h. jedes Mitglied der Gesellschaft hatte
Zutritt zu denselben und so sollte es auch fernerhin bleiben; eine bloß
provisorisch eingeführte Neuerung dagegen war es, daß die Zuhörerschaft
auch eingeladen wurde, an den Verhandlungen -- allerdings nur mit
beratender Stimme, teilzunehmen. Diese Maßregel hat die Bestimmung, in
der Zwischenzeit, bis die Presse ihre informierende und kontrollierende
Wirksamkeit beginnen konnte, deren Rolle zu übernehmen.

Die Grundlage des zur Durchführung gelangenden Organisationsplanes war
schrankenlose Öffentlichkeit in Verbindung mit ebenso schrankenloser
Freiheit der Bewegung. Jedermann in ganz Freiland mußte jederzeit
wissen, nach welcherlei Produkten jeweilig der größere oder geringere
Bedarf und in welchen Produktionszweigen jeweilig der größere oder
geringere Ertrag vorhanden sei. Ebenso aber mußte Jedermann in Freiland
jederzeit das Recht und die Macht haben, sich -- soweit seine
Fähigkeiten und Fertigkeiten reichen -- den jeweilig rentabelsten
Produktionszweigen zuzuwenden.

Die zu treffenden Maßnahmen hatten also zunächst diese zwei Punkte ins
Auge zu fassen. Eine sorgfältige Statistik hatte in übersichtlicher, und
was die Hauptsache ist, in denkbar raschester Weise jede Bewegung der
Produktion auf der einen, des Consums auf der anderen Seite zu
registrieren; ebenso galt es, die Preisbewegung aller Produkte zur
allgemeinen Kenntnis zu bringen. Angesichts der entscheidenden
Wichtigkeit dieser Veröffentlichungen mußte Vorsorge getroffen werden,
daß Täuschungen oder unbeabsichtigte Irrungen bei denselben von
vornherein ausgeschlossen seien -- ein Problem, welches wie im
Nachfolgenden gezeigt werden wird, in vollkommenster und doch
einfachster Weise gelöst wurde.

Und damit nun die solcherart erlangte Kenntnis auch von Jedermann
praktisch zum eigenen Vorteile ausgenutzt werden könne, was nur möglich
ist, wenn Jedermann in die Lage versetzt wird, sich jenem seinen
Fähigkeiten entsprechenden Arbeitszweige zuzuwenden, der jeweilig die
höchste Rente bietet, mußte dafür gesorgt werden, daß Jedermann
jederzeit in den Besitz der hierzu erforderlichen Produktionsmittel
gelangen könne. Dieser Produktionsmittel giebt es zweierlei: Naturkräfte
und Kapitalien. Ohne diese Beiden nützt die genaueste Kenntnis jener
Arbeitszweige, nach deren Erzeugnissen gerade der dringendste Bedarf
vorhanden ist und die deshalb die höchsten Erträge liefern, eben so
wenig, als die vollendetste Geschicklichkeit in diesen Produktionen. Der
Mensch kann seine Arbeitskraft nur verwerten, wenn er über die von der
Natur gebotenen Stoffe und Kräfte, wie nicht minder über entsprechende
Instrumente und Maschinen verfügt; und zwar muß er, um mit seinen
Mitbewerbern konkurrieren zu können, Beides in gleich guter und
vollkommener Beschaffenheit besitzen, wie diese. Man muß nicht bloß
Boden zur Verfügung haben, um Weizen zu bauen, sondern auch gleich
ergiebigen Weizenboden wie die anderen Weizenbauer, sonst wird man mit
geringerem Nutzen, ja möglicherweise sogar mit Schaden arbeiten; und der
Besitz des ergiebigsten Bodens wird die Arbeit noch nicht ermöglichen,
oder doch nicht gleich ertragreich machen, wenn man die erforderlichen
landwirtschaftlichen Geräte nicht, oder doch nicht in jener
Vollkommenheit besitzt, wie die Konkurrenten.

Was nun die Kapitalien anlangt, so machte sich die freie Gesellschaft
anheischig, sie Jedermann nach Wunsch zur Verfügung zu stellen, und zwar
zinslos, gegen Rückzahlung in gewissen Fristen, deren Ausmaß je nach der
Natur der beabsichtigten Anlagen in der Weise festgestellt wurde, daß
die Abtragung aus den Produktionsergebnissen stattfand. Da die
Arbeitsinstrumente und sonstigen kapitalistischen Arbeitsbehelfe in
beliebigem Umfange und in beliebiger Qualität hergestellt werden können,
so wäre damit der eine Teil des Problems gelöst gewesen.

Anders verhält sich die Sache mit den Naturkräften, als deren
Repräsentanten wir den Boden, an den sie doch gebunden sind, gelten
lassen wollen. Den Boden hat Niemand erzeugt, es hat also Niemand
Eigentumsanspruch auf ihn und Jedermann hat das Recht, ihn zu benutzen;
aber den Boden hat nicht bloß Niemand erzeugt, es kann ihn auch
fernerhin Niemand erzeugen; Boden ist daher bloß in beschränkter Menge
vorhanden und außerdem ist auch der vorhandene Boden nicht von gleicher
Güte. Wie soll es nun trotzdem möglich sein, nicht bloß Jedermanns
Anspruch auf Boden, sondern sogar auf gleich ertragreichen Boden zur
Geltung zu bringen?

Um dies zu erklären, muß zunächst noch die dritte und in Wahrheit
fundamentalste Voraussetzung der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
dargelegt werden. Wenn in deren Sinne jedem Arbeitenden der
ungeschmälerte Ertrag der eigenen Arbeit zugesprochen wird, so ist dies
nur insofern und unter der Voraussetzung wirklich gerecht, daß
angenommen wird, der Arbeitende sei selber und ausschließlich der
Erzeuger dieses ganzen Ertrages. Das war er aber nach der alten
Wirtschaftsordnung mit nichten. Der Arbeitende erzeugte als solcher nur
einen Teil des Produkts, während ein anderer Teil vom Arbeitgeber --
derselbe sei nun Grundbesitzer, Kapitalist oder Unternehmer --
hervorgebracht wurde. Ohne den organisatorischen, disciplinierenden
Einfluß dieses Letzteren wäre die Mühe der Arbeitenden unfruchtbar, oder
doch weit minder fruchtbar gewesen; der Arbeiter lieferte bisher stets
nur die zusammenhanglose Kraft, während der ordnende Geist Sache des
Arbeitgebers war.

Damit soll nicht gesagt sein, daß die größere geistige Kraft bisher
ausnahmslos oder notwendiger Weise auf Seite des Letzteren sich
befunden; auch die Techniker und Direktoren, die den großen
Produktionsanstalten vorstehen, gehören dem Wesen nach zu den
Lohnarbeitern und ganz im allgemeinen kann ohne weiteres zugegeben
werden, daß die höhere Intelligenz in zahlreichen Fällen nicht bei den
Arbeitgebern, sondern bei den Arbeitern sich gefunden haben mag.
Trotzdem ist es der Arbeitgeber, dessen Verdienst überall dort, wo es
galt, mehrere Arbeitende zu gemeinsamem Werke zu vereinigen und zu
disciplinieren, diese Vereinigung und Disciplinierung gewesen. Für sich
zu produzieren, vermochten die Arbeitenden bisher stets nur vereinzelt;
sowie ihrer Mehrere unter einen Hut gebracht werden sollten, war ein
»Herr« notwendig, ein Herr, der mit der Peitsche -- dieselbe mag nun aus
Riemen, oder aus den Paragraphen einer Fabrikordnung geflochten sein --
die Widerstrebenden beisammenhält und _dafür_ -- nicht für seine höhere
Intelligenz, den Ertrag der Arbeit einstreicht, den Arbeitenden, sie
mögen nun dem Proletariate oder der sogenannten Intelligenz angehören,
nur so viel einräumend, als zu ihrem Unterhalte erforderlich ist. Noch
niemals bisher haben die Arbeitenden den Versuch gewagt, ohne Herrn, als
freie eigenberechtigte Männer und nicht als Knechte -- dabei aber mit
vereinten Kräften zu produzieren. Die Benützung jener gewaltigen, den
Ertrag der menschlichen Thätigkeit so unendlich vervielfältigenden
Instrumente und Einrichtungen, die Wissenschaft und Erfindungsgeist der
Menschheit an die Hand gegeben, setzt vereintes Wirken Vieler voraus,
und dieses hat sich bisher nur Hand in Hand mit der Knechtschaft
bewerkstelligen lassen. Man spreche nicht von den Produktivassociationen
eines Schulze-Delitzsch und Anderer; sie haben am Wesen der Knechtschaft
nichts geändert, bloß der Name der Herren ist ein anderer geworden. Auch
in diesen Associationen gibt es nach wie vor Arbeitgeber und Arbeiter;
Ersteren gehört der Ertrag, Letztere erhalten Stall und gefüllte
Futterraufe gleich den zweibeinigen Arbeitstieren des Einzelunternehmers
oder der gewöhnlichen Aktiengesellschaft, deren Aktionäre zufällig keine
Arbeiter sind. Damit die Arbeit frei und eigenberechtigt werde, müssen
sich die Arbeitenden als solche, nicht aber als kleine Kapitalisten
zusammenthun; sie dürfen keinen wie immer genannten oder gearteten
Arbeitgeber über sich setzen, also auch keinen solchen, der aus einer
Genossenschaft von Ihresgleichen besteht; sie müssen sich als Arbeitende
und nur als solche organisieren, dann erst haben sie auch als solche
Anspruch auf den vollen Arbeitsertrag. Und diese Organisation der Arbeit
ohne jeglichen Rückstand des altererbten Herrschaftsverhältnisses irgend
eines Arbeitgebers ist das Grundproblem der socialen Befreiung; ist
dieses glücklich gelöst, so folgt alles Andere ganz von selbst.

Diese Organisation aber war mit nichten so schwierig, als auf den ersten
Blick scheinen mag. Der Ausschuß ging von dem Grundsatze aus, daß die
richtigen Organisationsformen freier Arbeit sich am besten durch das
freie Zusammenwirken sämtlicher an dieser Organisation Beteiligten werde
finden lassen. Besondere Schwierigkeiten vermochte er dabei nicht zu
entdecken. Handelte es sich dabei doch dem Wesen nach um höchst einfache
Dinge. Um z. B. ein Eisenwerk zu errichten, brauchten die Arbeiter den
Gesamtmechanismus der Eisenfabrikation keineswegs sämtlich zu verstehen;
was notthat, war bloß zweierlei: erstlich daß sie wußten, welcherlei
Leute sie an die Spitze ihrer Fabrik zu stellen hätten und zweitens, daß
sie diesen Leuten einerseits genügende Gewalt einräumten, um die Arbeit
in Ordnung zu erhalten, anderseits aber auch sie genügend
kontrollierten, um jederzeit das Heft über ihr Unternehmen in eigenen
Händen zu behalten. Dabei konnten ohne Zweifel sehr ernste Fehler
begangen werden; man konnte sich in der Organisation der leitenden
sowohl als der überwachenden Organe, im Ausmaße der erteilten
Vollmachten arg vergreifen; aber gerade die einmal bereits erwähnte,
schrankenlose Öffentlichkeit aller Produktionsvorgänge, die von
Gesamtheitswegen auch aus anderen Gründen gefordert werden mußte,
erleichterte den Arbeiterschaften ihr Werk wesentlich, und da alle
Genossen einer jeden Produktiv-Association im entscheidenden Punkte
genau die gleichen Interessen hatten, und ihre gesammelte Aufmerksamkeit
jederzeit auf diese Interessen gerichtet war, so lernten sie wunderbar
rasch die gemachten Fehler verbessern, so daß schon nach wenigen Monaten
der neue Apparat leidlich arbeitete und in merkwürdig kurzer Zeit einen
hohen Grad von Vollkommenheit erreichte. Fleiß und Emsigkeit aller
Genossen aber ließen von Anbeginn nichts zu wünschen übrig, was
angesichts der vollkommen entfesselten Eigeninteressen, sowie der
unablässigen gegenseitigen Anfeuerung und Kontrolle Gleichberechtigter
und Gleichinteressierter eigentlich selbstverständlich ist.

Der Ausschuß arbeitete daher zum Gebrauche der Associationen zwar ein
sogenanntes »Musterstatut« aus, jedoch keineswegs in der Meinung, daß
dasselbe sich wirklich mustergiltig erweisen werde oder auch nur könne,
sondern bloß um einen Anfang zu machen, den Genossenschaften gleichsam
ein Formular zu bieten, das sie als Gerippe ihrer eigenen, durch
Erfahrung allmählich entstehenden Organisationsentwürfe gebrauchen
könnten. Thatsächlich war dieses »Musterstatut«, anfangs von allen
Genossenschaften beinahe unverändert angenommen, nach kaum einem Jahre
überall so gründlich geändert und ergänzt, daß von seinen ursprünglichen
Bestimmungen meist nur die leitenden Prinzipien übrig blieben. Diese
aber waren die folgenden:

1. Der Beitritt in jede Association steht Jedermann frei, gleichviel ob
er zugleich Mitglied anderer Associationen ist, oder nicht; auch kann
Jedermann jede Association jederzeit verlassen.

2. Jedes Mitglied hat Anspruch auf einen, seiner Arbeitsleistung
entsprechenden Anteil am Nettoertrage der Association.

3. Die Arbeitsleistung wird jedem Mitgliede im Verhältnisse der
geleisteten Arbeitsstunden berechnet, mit der Maßgabe jedoch, daß
älteren Mitgliedern für jedes Jahr, um welches sie der Gesellschaft
länger angehören, als die später Beigetretenen, ein Präcipuum von x
Procent eingeräumt ist. Ebenso kann für qualifizierte Arbeit im Wege
freier Vereinbarung ein Präcipuum bedungen werden.

4. Die Arbeitsleistung der Vorsteher oder Direktoren wird im Wege einer,
mit jedem Einzelnen derselben zu treffenden freien Vereinbarung, einer
bestimmten Anzahl täglich geleisteter Arbeitsstunden gleichgesetzt.

5. Der gesellschaftliche Ertrag wird erst am Schlusse eines jeden
Betriebsjahres berechnet und nach Abzug der Kapitalrückzahlungen und der
an das freiländische Gemeinwesen zu leistenden Abgaben zur Verteilung
gebracht. Inzwischen erhalten die Mitglieder Vorschüsse in der Höhe von
x Procent des vorjährigen Reinertrags für jede geleistete oder
angerechnete Arbeitsstunde.

6. Die Mitglieder haften für den Fall der Auflösung oder Liquidation der
Association nach dem Verhältnisse ihrer Gewinnbeteiligung für die
kontrahierten Darlehn, welche Haftung sich bezüglich der noch
aushaftenden Beträge auch auf neueintretende Mitglieder überträgt. Auch
erlischt mit dem Austritte eines Mitgliedes dessen Haftung für die schon
kontrahiert gewesenen Darlehn nicht. Dieser Haftbarkeit für die Schulden
der Association entspricht im Falle der Auflösung oder Liquidation der
Anspruch der haftenden Mitglieder an das vorhandene Vermögen.

7. Oberste Behörde der Association ist die Generalversammlung, in
welcher jedes Mitglied das gleiche aktive und passive Wahlrecht ausübt.
Die Generalversammlung faßt ihre Beschlüsse mit einfacher
Stimmenmehrheit; zu Statutenänderungen und zur Auflösung und Liquidation
der Association ist ¾ Majorität erforderlich.

8. Die Generalversammlung übt ihre Rechte entweder direkt als solche,
oder durch ihre gewählten Funktionäre aus, die ihr jedoch verantwortlich
sind.

9. Die Leitung der gesellschaftlichen Geschäfte ist einem Direktorium
von x Mitgliedern übertragen, die von der Generalversammlung auf x Jahre
gewählt werden, deren Bestallung jedoch jederzeit widerruflich ist. Die
untergeordneten Funktionäre der Geschäftsleitung werden von den
Direktoren ernannt; doch geschieht die Feststellung des Gehaltes dieser
Funktionäre -- bemessen in Arbeitsstunden -- auf Vorschlag der
Direktoren durch die Generalversammlung.

10. Die Generalversammlung wählt jährlich einen aus x Mitgliedern
bestehenden Aufsichtsrat, der die Bücher sowie das Gebahren der
Geschäftsleitung zu überwachen und darüber periodischen Bericht zu
erstatten hat.

Es fällt sofort auf, daß in diesem Statut bloß für den Fall der
Auflösung der Association (Absatz 6) von dem die Rede ist, was scheinbar
doch als Hauptsache angesehen werden sollte, nämlich vom »Vermögen« der
Associationen und von den Ansprüchen der Mitglieder an dieses Vermögen.
Der Grund liegt aber darin, daß ein Vermögen der Association im
gemeingebräuchlichen Sinne gar nicht existiert. Die Mitglieder besitzen
allerdings das Nutznießungsrecht der vorhandenen Produktivkapitalien; da
sie aber dieses Recht mit jedem beliebigen Neueintretenden jederzeit
teilen und selber durch nichts anderes, als durch das Interesse am
Ertrage ihrer Arbeit an die Association gebunden sein sollen, so darf es
Vermögensinteressen bei den Associationen gar nicht geben, so lange
dieselben im Betriebe sind. Und in der That ist ein -- sei es auch noch
so nützlicher -- Gegenstand, den Jedermann benutzen kann, kein
Vermögensbestandteil. Es giebt keine Eigentümer, bloß Nutznießer der
Associationskapitalien. Und sollte darin vielleicht ein Widerspruch mit
jener Bestimmung erblickt werden, wonach die dargeliehenen
Produktivkapitalien von den Associationen zurückgezahlt werden müssen,
so darf nicht übersehen werden, daß auch diese Kapitalrückzahlung -- den
bereits erwähnten Fall der Liquidation ausgenommen -- von den
Mitgliedern bloß in ihrer Eigenschaft als Nutznießer der
Produktionsmittel geleistet wird. Da die Kapitalrückzahlungen von den
Erträgen in Abzug gebracht, diese aber je nach der Arbeitsleistung unter
die Mitglieder verteilt werden, so leistet eben auch jedes Mitglied
Abzahlung je nach seiner Arbeitsleistung. Und wenn man noch genauer
zusieht, so wird man finden, daß diese Abzahlungen in letzter Linie
eigentlich von den Verbrauchern der von den Associationen erzeugten
Güter getragen werden; sie bilden -- selbstverständlich -- einen Teil
der Betriebskosten und müssen notwendigerweise im Preise des Produkts
Deckung finden. Daß dies auch überall vollkommen geschehe, dafür sorgt
mit unfehlbarer Sicherheit die freie Beweglichkeit der Arbeitskräfte.
Eine Produktion, bei welcher diese Abzahlungen im Preise der Erzeugnisse
nicht vollkommen Deckung gefunden hätten, wäre solange von
Arbeitskräften teilweise verlassen worden, bis das sinkende Angebot die
Preise entsprechend erhöht hätte. Ist hinwieder die Abzahlung geleistet,
so entfällt dieser Bestandteil der Betriebskosten; die betreffenden
Gesellschaftskapitalien können als amortisiert angesehen werden und
nunmehr sinken -- wieder unter dem Einflusse der Freizügigkeit der
Arbeitskräfte -- die Preise des Produkts, so daß die Mitglieder der
Association ebensowenig einen Sondervorteil aus der Benützung
lastenloser Kapitalien ziehen, als sie früher einen Sondernachteil aus
der Abtragung dieser Lasten hatten. Vorteil und Nachteil verteilt sich
-- immer Dank der freien Beweglichkeit der Arbeitskräfte -- stets
gleichmäßig auf die Gesamtheit aller Arbeitenden Freilands.

Man sieht, die Produktivkapitalien sind infolge dieser einfach und
unfehlbar funktionierenden Einrichtung streng genommen ebenso herrenlos,
als der Boden; sie gehören Jedermann und daher eigentlich Niemand. Die
Gemeinschaft der Produzenten giebt sie her und benützt sie, beides genau
nach Maßgabe der Arbeitsleistung jedes Einzelnen; und Zahlung für den
gemachten Aufwand leistet die Gemeinschaft aller Konsumenten, abermals
ein Jeder genau nach Maßgabe seines Konsums.

Daß mit der absoluten Freizügigkeit der Arbeit weder beabsichtigt, noch
jemals erreicht wurde, daß der Ertrag überall das _absolut_ gleiche
Niveau einhielt, ist selbstverständlich. Abgesehen davon, daß ja die
Ungleichheiten oft erst nachträglich, bei Gelegenheit der
Bilanzabschlüsse, sich zeigen, also auch erst nachträglich durch Zu- und
Abfluß von Arbeitskräften ausgeglichen werden können, giebt es eine
nicht unerhebliche, dauernde, jeder Ausgleichung entrückte
Verschiedenheit der Gewinne, die in der Verschiedenheit der mit den
unterschiedlichen Arbeitszweigen verknüpften Anstrengungen und
Unannehmlichkeiten ihre naturgemäße Begründung hat. Nur ist es
allerdings in Freiland anders, als in der alten Welt, wo nur zu oft die
Last der Arbeit im umgekehrten Verhältnisse steht zu ihrem Ertrage; bei
uns müssen schwierige, lästige, unangenehme Arbeiten ausnahmslos höheren
Gewinn abwerfen, als die leichteren, angenehmeren -- sofern Letztere
keine besonderen Fähigkeiten voraussetzen -- sonst würde man Jene sofort
verlassen und sich Diesen zuwenden. Außerdem ist auch das im 3. Absatze
den älteren Mitgliedern eingeräumte Präcipuum -- dasselbe schwankt bei
verschiedenen Gesellschaften zwischen 1 und 3 Prozent per Jahr, summiert
sich also bei längerer Arbeitszeit zu ganz respektabler Höhe und ist
dazu bestimmt, die erprobten Arbeitsveteranen an das Unternehmen zu
binden, -- ein Hindernis absoluter Gewinnausgleichung selbst bei ganz
gleichgearteten Associationen.

Einer kurzen Erläuterung bedarf Punkt 5 der Statuten. Für das
erste Betriebsjahr war natürlich die Berechnung der den
Associationsmitgliedern zu leistenden Gewinnvorschüsse in Prozenten des
vorjährigen Reinertrags nicht möglich, und der Ausschuß schlug daher für
dieses erste Jahr ein Fixum von 1 Shilling (1 Mark) per Stunde vor. Man
wird vielleicht erstaunen über die -- insbesondere unter
Berücksichtigung der am Kenia herrschenden Preisverhältnisse --
auffallende Höhe dieses Ansatzes und billig fragen, von wo der Ausschuß
den Mut schöpfte, auf derartige Erträge zu hoffen, daß solche
Gewinnanteile, und noch dazu »vorschußweise« ausbezahlt werden könnten.
Es gehörte aber dazu keine besondere Kühnheit, vielmehr war dieser
Ansatz in Wahrheit mit äußerster Vorsicht bemessen. Das Ergebnis der bis
dahin in Gang gesetzten gesellschaftlichen Produktionen war nämlich
thatsächlich ein wesentlich günstigeres gewesen. Die Körnerwirtschaft z.
B. hatte bei einem Arbeitsaufwande von insgesamt 44,500 Arbeitsstunden
einen Rohertrag von 42,000 Centnern verschiedener Sämereien ergeben.
Deren Preis in Edenthal betrug derzeit im Durchschnitt allerdings nicht
ganz 3 Schilling per Centner, da wir mehr davon erzeugen konnten, als
wir brauchten, der Export über Mombas aber, der einstweilen noch recht
primitiven Transportmittel halber, keinen größeren Ertrag, als eben
diese 3 Schilling ergab. Wir hatten also rund 6,000 Pfd. Sterling
landwirtschaftlichen Rohertrag. An Produktionskosten hierfür waren zu
berechnen: 400 Pfd. Sterling für Materialien, 300 Pfd. Sterling als
Amortisation der investierten Kapitalien (Werkzeuge und Vieh), so daß
5300 Pfd. Sterling Netto-Gewinn verbleiben werden. Da zur Deckung all
der gemeinnützigen Ausgaben, die im Sinne unseres Programms Sache des
gesamten Gemeinwesens sind, und von denen später noch gesprochen werden
soll, eine Abgabe von nicht weniger als 35 Prozent in Aussicht genommen
war, so verblieben rund 3400 Pfd. Sterling als verfügbarer Gewinn.
Repartiert man nun diesen auf die geleisteten 44,500 Arbeitsstunden, so
berechnet sich die Arbeitsstunde mit 1,5 Schilling. Das war aber auch
annähernd der Durchschnittsertrag der anderen bislang betriebenen
Produktionen gewesen, soweit sich derselbe für die Vergangenheit, in
welcher es einen regelmäßigen Markt für alle Waren am Kenia noch nicht
gab, überhaupt feststellen ließ; so viel war mit größter Beruhigung
anzunehmen, daß für den Fall, als wir den Preis jedes Arbeitsprodukts
durch Angebot und Nachfrage hätten regulieren können, im Durchschnitt
für jedes derselben mindestens jener Preis hätte bezahlt oder
angerechnet werden müssen, der dem landwirtschaftlichen Ertrage
entsprach. Denn Körnerfrüchte, zu 3 Schilling ab Edenthal gerechnet,
hätten wir doch vorerst erzeugen und absetzen können, so weit unsere
Arbeitskraft reichte; es hätte also in der hinter uns liegenden
Betriebsperiode Jedermann mindestens 1,5 Schilling für eine
Arbeitsstunde erwerben können. Der nächsten Betriebsepoche schon gingen
wir aber -- wie man bald sehen wird -- mit wesentlich verbesserten
Hülfsmitteln entgegen, es mußte also, von unvorhergesehenen
Unglücksfällen abgesehen, die Ergiebigkeit unserer Arbeit sehr namhaft
steigen, so daß, als wir 1 Schilling Vorschuß für die Arbeitsstunde
beantragten, unsere Meinung dahin ging, kaum die Hälfte des wirklichen
Verdienstes vorweg zahlen zu lassen -- eine Voraussetzung, der die
Erfahrung durchaus entsprach. In den späteren Betriebsepochen wurde es
bei den meisten Associationen üblich, 90 Prozent des vorjährigen
Reinertrages als zu bezahlenden Vorschuß zu bestimmen.

Die Honorierung der Direktoren anlangend, ist zu bemerken, daß dieselbe
bei den verschiedenen Gesellschaften von Anbeginn höchst verschieden
war. Wo zur Leitung keine ausnahmsweisen Kenntnisse und kein besonderer
Scharfblick erforderlich war, begnügten sich die Vorsteher damit, daß
ihre Mühewaltung einer Arbeitsleistung von täglich 8-10 Stunden
gleichgesetzt wurde; es gab aber auch Direktoren, die bis zu 24 Stunden
täglich angerechnet erhielten, was schon im ersten Jahre einem
Jahresgehalt von ungefähr 850 £ entsprach. Den Funktionären minderen
Grades wurden in der Regel zwischen 8 und 10 Arbeitsstunden angerechnet;
die kontrollierenden Aufsichtsräte erhielten für ihre Funktion meist
keinerlei Extravergütung.

Die den Associationen gewährten Kredite erreichten im ersten
Betriebsjahre durchschnittlich 145 £ per Kopf der beteiligten
Arbeiterschaft -- und wenn nun die Frage auftaucht, von wo wir diese
Beträge für die Gesammtzahl unserer Mitglieder aufbrachten, so ist die
Antwort: eben durch die Mitglieder. Und zwar sind hier nicht blos die
von den Mitgliedern anläßlich ihres Beitritts zur Internationalen freien
Gesellschaft gezahlten freiwilligen Beiträge gemeint, denn diese waren
in erster Reihe dem Transportdienste zwischen Triest und Freiland
geweiht, und hätten, auch wenn sie allesammt zur Ausstattung unserer
Associationen mit Kapitalien herbeigezogen worden wären, zu diesem
Behufe nicht genügt; die im Laufe des ersten Jahres beanspruchten
Kredite umfaßten die Gesamtsumme von nahezu 2 Millionen Pfd. Sterling,
während die gleichzeitig eingelaufenen freiwilligen Beiträge nur
unwesentlich 1,5 Mill. Pfd. Sterling überstiegen. Die hauptsächlichen
Mittel, die wir zu obigen Krediten an unsere Mitglieder gebrauchten,
lieferte uns einerseits das durch die verfügbaren Vorräte repräsentierte
gesellschaftliche Vermögen, andererseits die von den Mitgliedern
gezahlte Steuer.

Nicht unerwähnt darf hier bleiben, daß sich der Ausschuß für die ersten
Jahre die Entscheidung über Ausmaß und Reihenfolge der zu gewährenden
Kredite vorbehielt. Diese -- wenn auch blos negative -- Einmischung in
die Betriebsverhältnisse der Associationen stand allerdings nicht im
Einklange mit dem Prinzipe des unbedingten Selbstbestimmungsrechtes der
Produzenten, war aber insolange unvermeidlich, als unser Gemeinwesen
jene hohe Stufe der Ergiebigkeit der Arbeit noch nicht thatsächlich
erreicht hatte, welche eben die Voraussetzung vollkommener Durchführung
aller ihm zu Grunde liegenden Prinzipien ist. Späterhin, als die
Ausrüstung mit auf der Höhe des technischen Fortschritts stehenden
Produktionsmitteln der Hauptsache nach bei uns vollbracht war und es
sich folglich nurmehr darum handelte, das Vorhandene fortlaufend zu
ergänzen und zu verbessern, konnte niemals die Frage sein, ob die
Überschüsse der laufenden Produktion auch genügen würden, selbst den
weitestgehenden neu auftauchenden Kapitalansprüchen zu genügen. Anders
zu Beginn, wo die Kapitalbedürfnisse unbegrenzt und die Hülfsmittel noch
unentwickelt waren. Mehr, als es zu leisten vermochte, konnte das freie
Gemeinwesen nicht bieten, und es mußte sich daher eine Auslese der zu
bewilligenden Investionskredite vorbehalten. Dank der durch die freie
Beweglichkeit der Arbeitskräfte sich geltend machenden durchgreifenden
Interessensolidarität konnte dies geschehen, ohne daß damit auch nur
vorübergehend eine gefährliche Bevorzugung oder Benachteiligung der
verschiedenen Produzenten in ihren wesentlichen materiellen Interessen
verknüpft gewesen wäre. Denn wenn -- wie dies kaum zu vermeiden war --
durch die gewährten oder verweigerten Kredite einzelne Produktionen
begünstigt oder benachteiligt wurden, so hatte dies unmittelbar und
selbstverständlich ein derartiges Zu- und Abströmen von Arbeitskraft zur
Folge, daß die auf die gleichen Arbeitsleistungen entfallenden Erträge
sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzten.

Doch wie gesagt, nur auf Ausmaß und Reihenfolge der zu gewährenden
Kredite erstreckte sich diese in den ersten Jahren geübte Einmischung,
nicht aber auf die Art der Verwendung derselben. Diesbezüglich wurde von
Anbeginn das Prinzip der Selbstverantwortlichkeit der Produzenten zu
vollständiger Durchführung gebracht. Da die Produzenten für die
Rückzahlung der empfangenen Kapitalien aufzukommen hatten, so blieb es
ihre Sache, für die nützliche Verwendung derselben Sorge zu tragen.
Allerdings sind es -- wie früher erwähnt -- die Konsumenten, welche in
letzter Linie die Kosten der gemachten Anlagen bezahlen; aber das thun
sie selbstverständlich nur, wenn und insoweit diese Anlagen nützlich und
notwendig sind. Hätte eine Association überflüssige oder schlechte
Maschinen angeschafft, so wäre es ihr unmöglich gewesen, die für
dieselben zu leistenden Abzahlungen auf die Käufer ihrer Erzeugnisse
abzuwälzen, sie hätte durch solche Investionen ihren Gewinn nicht
erhöht, sondern geschmälert, und man durfte es daher füglich dem
Eigeninteresse der bei den Associationen Beteiligten überlassen, dafür
Sorge zu tragen, daß derartige Kapitalvergeudung unterbleibe.

Wir kommen nun zu der Frage, wie es möglich war, das gleiche Anrecht
Aller auf gleich ergiebigen Boden zur Wahrheit zu machen. -- Auch dieses
Problem löste sich in einfachster Weise durch die im Prinzipe der freien
Vergesellschaftung enthaltene freie Beweglichkeit der Arbeitskräfte.
Zwar gab es auch in Freiland besseren und minder guten Boden wie überall
in der Welt; aber da dem besseren Boden mehr Arbeiter zuströmten, als
dem schlechten und da einem bekannten ökonomischen Gesetze zufolge der
Mehraufwand von Arbeitskraft auf gleicher Bodenfläche mit
_verhältnismäßig sinkendem_ Ertrage verknüpft ist, so entfiel für den
einzelnen Arbeiter, respektive für die einzelne Arbeitsstunde auf bestem
Boden kein höherer Reinertrag, als auf überhaupt noch in Arbeit
genommenem schlechtesten.

Im Danaplateau z. B. konnten mit einem Arbeitsaufwande von 80 Stunden
120 Centner Weizen vom Hektar gewonnen werden, in Edenthal mit dem
gleichen Arbeitsaufwande bloß 90 Centner. Die Bodenassociation im
Danaplateau hatte daher, da der Centner Weizen 3-1/8 Schilling galt und
1/8 Schilling zur Deckung aller Spesen ausreichte, am Schlusse des
Jahres 4½ Schilling pro Arbeitsstunde als Gewinn und konnte von diesem
nach Abzug der Steuer und der Kapitalrückzahlungen 2¾ Schilling zur
Verteilung bringen. Die Mitglieder der Edenthal-Association dagegen
erhielten bloß 2 Schilling pro Arbeitsstunde Gewinnanteil, und da nähere
Untersuchung ergab, daß dieser Unterschied nicht in zufälligen
Witterungsverschiedenheiten und auch nicht in minderer Arbeit, sondern
in der Beschaffenheit des Bodens zu suchen sei, so war die Folge, daß im
nächsten Jahre die neu eingewanderten Feldarbeiter mit Vorliebe den
besseren Boden des Danaplateaus aufsuchten. Dort kamen jetzt
durchschnittlich 105 Arbeitsstunden auf den Hektar, in Edenthal bloß 60;
die mehraufgewendeten 25 Stunden ergaben aber auf Ersterem keinen
Rohertrag von je 1½ Centner, wie im Durchschnitt die früher
aufgewendeten 80 Stunden, sondern bloß einen solchen von knapp ¾
Centner, d. h. der Ertrag stieg nicht von 120 auf 157½ sondern bloß auf
138 Centner, sank also per geleisteter Arbeitsstunde auf 1,34 Centner,
was zur Folge hatte, daß der Gewinn, ungeachtet der inzwischen wegen
Verbesserung der Kommunikationsmittel eingetretenen namhaften
Preissteigerung des Getreides, sich bloß auf 5 Schilling erhöhte, wovon
3 Schilling pro Stunde zur Verteilung gelangten. In Edenthal dagegen
verminderte sich der Rohertrag durch den Entgang von 20 Arbeitsstunden
per Hektar bloß um je 8 Centner; er betrug also jetzt für 60
Arbeitsstunden 82 Centner oder 1,27 Centner per Arbeitsstunde. Die
Edenassociation zahlte also eine Kleinigkeit mehr als die von Dana und
da zudem der Aufenthalt in Edenthal mit größeren Annehmlichkeiten
verknüpft war, als der im Danaplateau, so wandte sich nun der Zuzug von
Ackerbauern wieder insolange nach Edenthal, bis endlich -- nach 2
ferneren Betriebsepochen -- eine ungefähr fünfprocentige Gewinndifferenz
zu Gunsten Danas hervortrat, bei welcher es dann, von kleinen
Schwankungen abgesehen, auch sein Bewenden hatte.

Ebenso aber, wie das durch die Freizügigkeit der Arbeitskräfte
verwirklichte Prinzip der Interessensolidarität Denjenigen, der
thatsächlich schlechteren Boden bearbeitet, in den Mitgenuß der Vorteile
besseren Bodens setzt, so partizipiert auch jeder, in welchem
Produktionszweige immer Beschäftigte an allen wie immer gearteten
Vorteile des besten Bodens und umgekehrt zieht auch der Bodenbebauer,
wie überhaupt jeglicher Produzent, Gewinn aus sämmtlichen
Produktionsvorteilen, die in welchem Arbeitszweige unseres Gemeinwesens
immer erzielt werden, gerade so, als ob er bei demselben unmittelbar
beteiligt wäre. _Alle_ Produktionsmittel sind Gemeingut; über das Ausmaß
des Nutzens, den ein jeglicher von uns von diesem gemeinsamen Eigentume
ziehen mag, entscheidet nicht der Zufall des Besitzes -- aber auch nicht
die Fürsorge einer Alles bevormundenden kommunistischen Obrigkeit,
sondern einzig die Fähigkeit und der Fleiß eines Jeden.



                              9. Kapitel.


Ausgedehnteste Öffentlichkeit aller wirtschaftlichen Vorgänge war -- wie
bereits erwähnt -- die oberste Voraussetzung des richtigen
Funktionierens der im Vorherigen geschilderten überaus einfachen
Organisation, die in Wahrheit in nichts anderem, als in der
Hinwegräumung aller, der freien Bethätigung von weisem Eigennutze
geleiteter individueller Willkür im Wege stehenden Hindernisse bestand.
Um so notwendiger war es, diese souveräne Willkür wohl zu beraten, dem
Eigennutze alle Handhaben zu richtigem und raschem Erfassen seines
wahren Vorteils zu bieten.

Kein wie immer geartetes Geschäftsgeheimnis! Das war gleichsam mit eines
der Grundgesetze von Edenthal. Da draußen, wo der Kampf ums Dasein darin
gipfelt, einander nicht blos auszubeuten und zu verknechten, sondern
überdies wirtschaftlich zu vernichten, wo infolge der allgemeinen, aus
Unterkonsum hervorgehenden Überproduktion konkurrieren gleichbedeutend
ist mit: einander die Kunden abjagen; da draußen in der alten Welt wäre
Preisgebung der Geschäftsgeheimnisse gleichbedeutend mit Preisgebung
mühsam ergatterten, erlisteten Absatzes, also mit Untergang. Wo die
ungeheure Mehrzahl der Menschen kein Anrecht auf steigende
Produktionserträge besitzt, sondern sich -- unbekümmert um die
Ergiebigkeit der Arbeit -- mit »Arbeitslohn«, d. i. mit dem zur
Lebensfristung Erforderlichen begnügen muß, dort kann es auch keine
Verwendung für die Gesammterträge hochproduktiver Arbeit geben. Denn die
wenigen Besitzenden können unmöglich die stetig wachsenden Überschüsse
verzehren und ihr Bestreben, solche zu kapitalisieren, d. h. in
Arbeitsinstrumente zu verwandeln, scheitert an der Unmöglichkeit der
Verwendung von Produktionsmitteln, für deren Produkte es keine
Verwendung giebt. Es herrscht also in der ausbeuterischen Welt ein
stetiges Mißverhältnis zwischen Produktivkraft und Konsum, zwischen
Angebot und Nachfrage, und die selbstverständliche Folge ist, daß der
Absatz Gegenstand eines eben so stetigen und schonungslosen Kampfes
zwischen den verschiedenen Produzenten ist. Nicht möglichst viel und gut
zu erzeugen, sondern für einen möglichst großen Teil der eigenen
Erzeugnisse einen Markt zu erobern, ist die vornehmste Sorge der
ausbeuterischen Produzenten, und da dieser Absatzmarkt angesichts des
oben klargelegten Mißverhältnisses stets nur auf Kosten anderer
Produzenten erlangt und behauptet werden kann, so besteht hier
notwendigerweise ein dauernder und unversöhnlicher Interessenkonflikt.
Anders bei uns. Wir können des Absatzes jederzeit sicher sein, denn bei
uns kann nicht mehr erzeugt werden, als gebraucht wird, da ja der
gesamte Produktionsertrag dem Arbeitenden gehört und der Verbrauch, die
Befriedigung irgendeines realen Bedürfnisses, die ausschließliche
Triebfeder der Arbeit ist; bei uns kann also durch Preisgebung seiner
Absatzquellen niemand um seine Kunden kommen, da ihm für die eventuell
verlorenen notwendigerweise andere zufallen müßten.

Und welchen Anlaß hätte anderseits der Produzent da draußen, seine
Erfahrungen Anderen mitzuteilen? Können sie von der erlangten Kenntnis
überhaupt anderen Gebrauch machen, als einen auf seinen Nachteil
abzielenden? Kann er die ihm ihrerseits mitgeteilte Kunde zu etwas
anderem benützen, als wieder zu ihrer Schädigung? Läßt er den Anderen
heran zur Teilnahme an seinem Geschäfte, wenn dieses das ertragreichere
ist, oder läßt ihn Jener in das seine, wenn es sich umgekehrt verhält?
Steigt die Nachfrage nach den Erzeugnissen eines Produzenten, so steht
ihm der Arbeits-»Markt« offen, wo er stets Knechte in Hülle findet, die
zur Arbeit bereit sind, ohne nach deren Ertrag zu fragen, sofern sie nur
ihren »Lohn« erhalten. Also nicht einmal die Konsumenten sind da draußen
an der Öffentlichkeit der Geschäftsführung interessiert, die übrigens,
wie schon gesagt, ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Ganz anders auch dies
bei uns in Freiland. Wir lassen Jedermann teilnehmen an unseren
Geschäftsvorteilen, können dafür aber auch teilnehmen an Jedermanns
Geschäftsvorteilen, und wir _müssen_ diese veröffentlichen, weil Mangels
eines Marktes willen- und interesseloser Arbeiter, diese
Veröffentlichung der einzige Weg ist, bei steigender Nachfrage
entsprechende Arbeitskräfte heranzuziehen.

Und was die Hauptsache ist: während da draußen Niemand ein wirkliches
Interesse daran hat, daß die Produktion Anderer sich hebe, ist bei uns
Jedermann aufs lebhafteste dabei interessiert, daß Jedermann möglichst
leicht und gut produziere. Denn die klassische Phrase von der
Solidarität aller wirtschaftlichen Interessen ist zwar bei uns zur
Wahrheit geworden, da draußen aber nichts anderes, als eine jener
zahlreichen Selbsttäuschungen, aus denen sich die nationalökonomische
Doktrin der ausbeuterischen Welt zusammengesetzt. _Allgemeine_
Steigerung der Produktion, des Reichtums ist dort wo die alte
Wirtschaftsordnung herrscht, ein Unding. Wo der Massenkonsum nicht
zunehmen kann, dort können auch Produktion und Reichtum nicht wachsen,
sondern nur verschoben werden, Ort und Eigner wechseln; um was die
Produktion des Einen zunimmt, genau um das nämliche muß die irgendeines
Anderen abnehmen -- es sei denn, daß auch der Verbrauch einigermaßen
gewachsen ist, was jedoch, wo die Massen ausgeschlossen sind vom Genusse
wachsender Arbeitserträge, nur zufällig und keineswegs schritthaltend
mit der gewachsenen Arbeitsergiebigkeit geschehen kann. Bei uns in
Freiland dagegen, wo die Produktion -- angesichts der mit ihr
naturnotwendig genau proportional wachsenden Konsumtionskraft -- ins
Ungemessene steigen kann und steigt, soweit nur unsere Fertigkeiten und
Künste es gestatten, bei uns ist es das oberste, absoluteste Interesse
der Gesamtheit, jedermanns Arbeitskraft verwertet zu sehen, wo jeweilig
die höchsten Erträge für ihn zu erzielen sind, und niemand giebt es, der
nicht Vorteil daraus zöge, wenn dies in möglichst vollkommener Weise
überall geschieht. Der Einzelne oder die einzelnen Associationen, die
vermöge unserer Organisation genötigt sind, einen zufällig erlangten
Vorteil mit anderen zu teilen, erleiden durch dieses einzelne Faktum für
sich betrachtet allerdings einen Gewinnentgang; aber unendlich größer
ist für alle Fälle der Vorteil, den sie davon haben, daß Ähnliches
überall geschieht, daß die Produktivität unablässig wächst, und ihr
eigener Nutzen gebietet also, daß es überall -- sohin selbstverständlich
auch bei ihnen -- geschehe. In wie ungeahnt hohem Maße dies der Fall
ist, wird die fernere Geschichte von Freiland sattsam zeigen.

Über die zu ausgedehntester Öffentlichkeit der wirtschaftlichen Vorgänge
abzielenden Maßnahmen ist folgendes zu sagen. Wir gehen von dem
Grundsatze aus, daß die Gesamtheit sich so wenig als möglich hindernd
oder anordnend, dagegen so viel als möglich orientierend und belehrend
in das Thun und Lassen der Individuen zu mengen habe. Jedermann mag
handeln, wie ihm beliebt, sofern er nur die Rechte anderer nicht kränkt;
aber wie er immer handle, sein Thun muß vor jedermann offen daliegen. In
Gemäßheit dieses Grundsatzes wurde schon in der alten Heimat bei
Anmeldung des neuen Mitgliedes dessen wirtschaftliche Eignung
festgestellt und die betreffenden Listen gelangten -- wie einmal schon
erwähnt -- mit möglichster Beschleunigung an den Ausschuß. Dem lag weder
müßige Neugier, noch polizeiliche Bevormundungssucht zu Grunde, vielmehr
wurden diese Daten ausschließlich zu Nutz und Frommen der
Produktionsgenossenschaften sowohl als der Neuangemeldeten selber
veröffentlicht. Die Folge davon war, daß Letztere in der Regel schon bei
ihrer Ankunft am Kenia auf sie vorbereitete und eingerichtete
Arbeitsstätten vorfanden, und zwar allemal diejenigen, an denen sie die
jeweilig beste Verwertung ihrer Arbeitskraft fanden. Niemand zwang sie,
sich diesen ohne ihr Zuthun getroffenen Vorbereitungen anzubequemen,
aber da dieselben in denkbar bester Weise ihrem eigenen Vorteile
dienten, so thaten sie es -- von vereinzelten Ausnahmen abgesehen -- mit
der größten Freude.

Der zweite und wichtigste Gegenstand der Publikationen waren die
Betriebsausweise der Produzenten -- der Associationen sowohl als der --
in geringer Zahl stets vorhandenen -- Einzelproduzenten. Von ersteren,
als den weitaus wichtigeren und überdies ihrer Natur nach schon zu
sorgfältiger Buchführung genötigten, wurde sehr viel, in Wahrheit die
Bloßlegung ihres gesamten Gebahrens verlangt. Rohertrag, Spesen,
Reinertrag, Einkauf und Verkauf, Arbeitsleistung, Verwendung des
Reinertrags, alles mußte fortlaufend veröffentlicht werden und zwar je
nach der Beschaffenheit der betreffenden Daten einmal jährlich, anderes
in kürzeren Abständen, der gemachte Arbeitsaufwand z. B. allwöchentlich.
Von Seite der wenigen Einzelproduzenten begnügte man sich mit dem, was
infolge der nunmehr zu beschreibenden Einrichtung auch ohne ihr Zuthun
über sie bekannt wurde.

Einkauf und Verkauf aller erdenklichen Produkte und Handelsartikel
Freilands war nämlich in großen Warenhallen und -lagern konzentriert,
deren Leitung und Überwachung von Gesamtheitswegen geschah. Es war zwar
niemand verboten, zu kaufen und zu verkaufen, wo ihm beliebte, diese
öffentlichen Magazine boten aber so gewaltige Vorteile, daß Jedermann,
der sich nicht selber schädigen wollte, sie in Anspruch nahm. Gebühren
für Einlagerung und Manipulation wurden nicht berechnet, da wir von der
Anschauung ausgingen, daß es ganz gleichgültig sei, ob man in einem
Lande, wo Jedermann einen seiner Produktion entsprechenden Verbrauch
hat, diese Manipulationsgebühren von den Konsumenten als solchen, oder
in Form eines minimalen Steuerzuschlages von ihnen in ihrer Eigenschaft
als Produzenten einhebe. Als reiner Gewinn verblieb die Ersparnis aus
der Vereinfachung des Verrechnungswesens.

Die oberste Verwaltung von Freiland war aber zugleich auch der Bankier
der gesamten Bevölkerung. Nicht bloß jede Association, sondern Jedermann
hatte sein Konto in den Büchern der Centralbank, diese besorgte die
Inkassi und die Auszahlungen, von den Millionen Pfunden angefangen, die
späterhin gar manche Genossenschaft im Inlande wie im Auslande zu
fordern und zu entrichten hatte, bis hinab zu den auf die
Arbeitsleistung des Einzelnen entfallenden Gewinnanteilen und dessen
Kleider- oder Küchenrechnungen. Ein in Wahrheit »alles« umfassendes
Clearingsystem ermöglichte die Durchführung dieser zahllosen Geld- und
Kreditoperationen beinahe ohne jeden Aufwand wirklichen Geldes,
lediglich durch Zu- und Abschreibungen in den Büchern. Niemand zahlte
bar, sondern gab Anweisungen auf sein Konto bei der Centralbank, die ihm
seine Forderungen gutschrieb, die Ausgaben zu seinen Lasten buchte und
ihm allmonatlich mitteilte, mit welchem Betrage er bei ihr aktiv oder
passiv sei. Denn auch die von Gesamtheitswegen gewährten, zu
kapitalistischer Ausrüstung der Produktion dienenden, im vorigen Kapitel
erwähnten Kredite gingen selbstverständlich durch die Bücher der Bank.
Diese war solcherart über jede wie immer geartete geschäftliche
Beziehung im ganzen Lande fortlaufend bis ins kleinste Detail
unterrichtet. Sie wußte nicht bloß, wo und wie teuer die Produzenten
ihre Vorräte und Rohstoffe einkaufen, ihre Erzeugnisse absetzen, sie
kannte auch die Haushaltungsbilanz, das Einkommen und den Küchenzettel
jeder Familie. Selbst der Kleinhandel konnte an der Allgegenwart dieser
Kontrolle nichts ändern. Die meisten Lebensmittel und zahlreiche andere
Bedarfsartikel wurden von diesen Geschäftszweig betreibenden
Associationen den Kunden ins Haus gestellt; auch diesen konnte die Bank
auf den Heller nachrechnen, wieviel sie verdient hätten, denn auch deren
Einkäufe wie Verkäufe gingen durch die Bücher dieses Instituts. Die
Konti der Bank aber mußten mit den Ausweisen des statistischen Amtes
stimmen, und so besaßen denn alle Veröffentlichungen eine nicht bloß
annähernd und schätzungsweise, sondern absolut sichere Grundlage; selbst
wer es gewollt hätte, wäre schlechterdings außer stande gewesen, irgend
etwas zu verheimlichen oder zu fälschen.

Diese allumfassende, automatisch sich ergebende Durchsichtigkeit der
gesamten Produktions- und Erwerbsverhältnisse bot nun auch für die in
Freiland eingehobenen Abgaben eine vollkommen verläßliche Grundlage.
Grundsatz war, daß alle Ausgaben des Gemeinwesens von jedem Einzelnen
genau nach Maßgabe seines Reineinkommens gedeckt werden sollen, und da
es in Freiland anderes Einkommen als das von Arbeit nicht gab, dieses
aber genau bekannt war, so machte die Verteilung der Abgaben nicht die
geringsten Schwierigkeiten. Dieselben wurden ganz einfach schon bei
Entstehung des Einkommens erfaßt, und zwar durch Vermittlung der Bank
nicht bloß bei den Associationen, sondern auch bei den wenigen
Einzelproduzenten. In Wahrheit hatte ja das Gemeinwesen durch seine Bank
jegliches Einkommen früher in Händen als der Bezugsberechtigte selber,
und es brauchte diesem daher die Abgabe bloß in Rechnung zu stellen,
unter den Passiven zu buchen, und die Steuer war einkassiert. Man
betrachtete daher in Freiland diese Steuer gar nicht als Abzug vom
Reineinkommen, sondern gleichsam als eine vom Bruttoertrage in
Abrechnung kommende Auslage, etwa gleich den Betriebsspesen. Niemand
empfand sie, trotz ihrer sehr bedeutenden Höhe, als Last, schon aus dem
Grunde nicht, weil Jedermann wußte, daß der größte Teil derselben ihm
oder den Seinen wieder zurückfließen werde, jeder Heller derselben aber
ausschließlich gemeinnützigen Zwecken gewidmet sei, deren Früchte ihm
mittelbar zu Gute kämen. Die Auffassung war also durchaus berechtigt,
zwischen den durch Vermittlung der Gesamtheit und den im engeren Kreise
vorgenommenen fruchtbringenden Ausgaben keinerlei Unterschied zu machen.

Diese Abgaben aber waren sehr hoch; sie betrugen im ersten Jahre 35
Prozent des Reinertrages und sanken niemals unter 30 Prozent, trotzdem
das Einkommen, von welchem die Abgabe erhoben wurde, den gewaltigsten
Aufschwung nahm. Denn die Aufgaben, welche sich das Gemeinwesen in
Freiland gerade zu dem Zwecke gesteckt hatte, um diesen Aufschwung des
Reichtums zu ermöglichen, waren sehr umfassend und beanspruchten die
kolossalsten Beträge.

Die eine dieser Aufgaben war die Beistellung der zu Zwecken der
Produktion erforderlichen Kapitalien. Doch mußte bloß im Anfang dieser
Bedarf seinem ganzen Umfang nach aus der laufenden Steuer gedeckt
werden, während späterhin die Rückzahlungen der Schuldner dem neuen
Bedarfe teilweise die Wage hielten.

Eine stetig wachsende Ausgabenpost bildete das Erziehungswesen, welches
Summen verschlang, von denen man außerhalb Freilands keine Vorstellung
besitzt.

Ebenso beanspruchte das Kommunikationswesen einen in riesigen
Dimensionen zunehmenden Aufwand und das nämliche gilt vom öffentlichen
Bauwesen.

Die Hauptpost des freiländischen Ausgabenbudgets aber bildete der Titel
»Versorgungswesen«, unter welchem die Ansprüche all jener zu verstehen
sind, denen wegen thatsächlicher Arbeitsunfähigkeit, oder weil sie im
Sinne unserer Grundsätze von Arbeit entbunden werden sollten, ein Recht
auf auskömmlichen Unterhalt eingeräumt war. Zu diesen gehörten alle
Frauen, alle Kinder, alle Männer über 60 Jahre und selbstverständlich
alle Kranken oder Invaliden. Die Bezüge dieser verschiedenen
Versorgungsberechtigten waren sämtlich so hoch bemessen, daß nicht bloß
der dringenden Notdurft, sondern auch höheren Ansprüchen, wie sie nach
dem jeweiligen Stande des allgemeinen Reichtums in Freiland gebräuchlich
waren, Genüge geschah; zu diesem Behufe mußten sie derart berechnet
sein, daß sie parallel mit dem Einkommen der arbeitenden Bevölkerung
stiegen, waren daher nicht in festen Summen, sondern in Teilbeträgen vom
Durchschnittseinkommen ausgeworfen. Der Jahr für Jahr erhobene, im
Durchschnitt aller im Lande betriebenen Produktionen auf den einzelnen
Produzenten entfallene Reinertrag war die Versorgungseinheit, und von
dieser Einheit entfiel nun auf jede alleinstehende Jungfrau oder Witwe
-- sofern sie nicht das Lehreramt oder Krankenpflege ausübten und
hierfür entsprechend bezahlt wurden -- 30 Prozent; verheirateten sie
sich, so sank ihr Anspruch auf 15 Prozent der Einheit; auf die drei
ersten Kinder jedes Haushalts entfielen je 5 Prozent. Vater- und
mutterlose Waisen wurden in öffentliche Verpflegung genommen und
erforderten einen Aufwand von durchschnittlich 12 Prozent der Einheit.
Männer über 60 Jahre und Kranke oder Invaliden erhielten 40 Prozent.

Es mag hier sofort bemerkt werden, daß diese sämtlichen
Versorgungsbeträge nach außerfreiländischen Begriffen geradezu horrend
zu nennen wären; schon im ersten Jahre betrug die Einheit 180 Pfd.
Sterling, es bekam also eine Jungfrau oder Witwe 48 Pfd. Sterling, eine
verheiratete Frau 24 Pfd. Sterling, eine Familie mit drei Kindern und
Frau wieder 48 Pfd. Sterling, ein Greis oder Invalide 54 Pfd. Sterling,
was angesichts der bei uns damals herrschenden Preise mehr war, als die
meisten europäischen Staaten ihren höchsten Funktionären oder deren
Witwen und Waisen an Pension zahlen. Denn ein Zentner feines Mehl
kostete in jenem ersten Jahre am Kenia 7 Shilling oder Mark, ein fetter
Ochse 12 Shilling, Butter, Honig, das köstlichste Obst waren zu
ähnlichen Preisen zu haben, Wohnung beanspruchte nicht mehr als
höchstens 2 Pfd. Sterling im Jahr, kurzum mit ihren 48 Pfd. Sterling
konnte bei uns eine ledige Frau in Überfluß leben und brauchte sich
nichts Wesentliches von jenen Annehmlichkeiten und Vergnügungen zu
versagen, die zu jener Zeit in Edenthal überhaupt erreichbar waren. Und
späterhin, als die Preise in Freiland denn doch einigermaßen stiegen,
eilte das Steigen der Arbeitserträge, d. i. also auch der
Versorgungsbeträge dem gewaltig voran, so daß der in diesen gewährte
Überfluß stets ausgesprochener wurde. Allein das lag eben in der Absicht
des Volkes von Freiland. Warum? Davon wird an geeigneter Stelle noch die
Rede sein, insbesondere auch davon, warum den Frauen ausnahmslos
Versorgungsrecht zugesprochen wurde und warum bloß das Lehramt und die
Krankenpflege als ihnen zugedachter Beruf erwähnt ist. Auch von den
Ansprüchen der Kinder wird noch gesprochen werden. Hier sei nur
konstatiert, daß die Deckung all dieser Ansprüche selbstverständlich
stetig wachsende Summen erforderte.

Recht namhafte Ausgabeposten waren auch die für Statistik, Lagerhaus-
und Bankwesen; indessen nahmen die Kosten dieser Verwaltungszweige --
trotz ihres großen absoluten Wachstums -- relativ, nämlich im
Verhältnisse zu dem steuerbaren Einkommen, so rasch ab, daß sie schon
nach wenigen Jahren auf einen minimalen Prozentsatz der Gesamtausgaben
gesunken waren.

Dagegen kosteten Justiz, Polizei, Militär und Finanzverwaltung, die in
anderen Ländern reichlich Neun-Zehnteile des Gesamtbudgets verschlingen,
in Freiland nichts. Wir hatten keine Richter und Polizeiorgane, unsere
Steuern flossen von selber ein und Soldaten kannten wir auch nicht.
Nichtsdestoweniger wurde bei uns nicht gestohlen, geraubt oder gemordet,
gab es keine Steuerrückstände und wehrlos waren wir, wie sich aus dem
Späteren ergeben wird, keineswegs. Im übrigen mögen unsere Waffen- und
Munitionsvorräte sowie unsere an die kriegerischen Massai gezahlten
Subsidien immerhin als Surrogat für ein Militärbudget gelten. In Bezug
auf das Justizwesen waren wir so arge Barbaren, daß wir nicht einmal
einen Zivil- oder Kriminalkodex für nötig hielten, nebenbei bemerkt,
einstweilen auch keinerlei geschriebenes Verfassungsrecht besaßen. Der
Ausschuß, immer noch im Besitze der ihm im Haag erteilten Vollmacht,
begnügte sich, alle seine Maßnahmen in öffentlichen Versammlungen
darzulegen und die Zustimmung der Gemeine zu verlangen, die ihm auch
einstimmig gewährt wurde. Zur Schlichtung etwa auftauchender
Streitigkeiten unter den Mitgliedern wurden -- einstweilen gleichfalls
vom Ausschusse empfohlene -- Schiedsrichter gewählt, die einzeln in
mündlichem Verfahren nach bestem Wissen ihre Entscheidungen treffen
sollten und von denen der Appell an das Schiedsrichter-Kollegium offen
stand; sie hatten aber allesamt so gut wie nichts zu thun. Gegen Laster
und deren gemeingefährliche Folgen maßten wir uns kein _Straf_-, sondern
bloß ein _Schutz_recht an, und zwar erachteten wir die _Besserung_ als
das beste und wirksamste Schutzmittel. Da geistig und moralisch normal
veranlagte Menschen in einem Gemeinwesen, welches alle berechtigten
Interessen jedes seiner Mitglieder gleichmäßig berücksichtigt, sich
unmöglich gewaltsam gegen fremdes Recht vergehen können, so betrachteten
wir allenfallsige Verbrecher als geistig oder moralisch Kranke, deren
Heilung eine Angelegenheit des öffentlichen Interesses sei. Sie wurden
daher -- je nach dem Grade ihrer Gemeingefährlichkeit -- in Beobachtung
oder in Gewahrsam genommen und insolange geeigneter Behandlung
unterzogen, als dies nach dem Urteile kompetenter Fachmänner im
Interesse der allgemeinen Sicherheit rätlich erschien. Fachmänner im
obigen Sinne waren aber nicht die Friedensrichter, welche bloß darüber
zu entscheiden hatten, _ob_ das verklagte Individuum dem
Besserungsverfahren zu unterziehen sei, sondern besondere, zu diesem
Behufe eigens erwählte Ärzte. Dem in Beobachtung oder Gewahrsam
Genommenen stand es frei, an das _Kollegium_ der vereinigten Ärzte und
Friedensrichter zu appellieren und seine Sache vor demselben öffentlich
zu vertreten, wenn er sich durch das Verfahren des ihm vorgesetzten
Arztes gekränkt erachtete.

Die Anstellungen der sämtlichen Beamten für öffentliches Bauwesen,
Kommunikationswesen, Statistik, Lagerhaus und Centralbank,
Unterrichtswesen etc. gingen provisorisch vom Ausschusse aus. Die
Gehalte wurden in Stundenäquivalenten angesetzt, gleich denen der
genossenschaftlichen Funktionäre, und zwar betrugen diese Gehalte den
Durchschnittswert von 1200 bis zu 5000 Arbeitsstunden jährlich, was im
ersten Jahre schon 150 bis 600 Pfd. Sterling ausmachte. Die
Bevollmächtigten in London, Triest und Mombas wurden mit je 800 Pfd.
Sterling im Jahre bezahlt. Bemerkt muß hier werden, daß diese
Delegierten bloß 2 Jahre lang auf ihrem auswärtigen Posten verharrten
und dann Anspruch auf entsprechende Verwendung in Freiland hatten.
Seinen eigenen Mitgliedern bestimmte der Ausschuß einen Gehalt von je
5000 Stundenäquivalenten.

Jedes Ausschußmitglied stand einem der 12 Verwaltungszweige vor, in
welche die sämtlichen öffentlichen Geschäfte Freilands provisorisch
geteilt wurden. Die Verwaltungszweige waren:

    1.  _Das Präsidium_
    2.  _Versorgungswesen_
    3.  _Unterricht_
    4.  _Kunst und Wissenschaft_
    5.  _Statistik_
    6.  _Straßenbau und Kommunikationsmittel_
    7.  _Post_, dazu später Telegraph
    8.  _Auswärtige Angelegenheiten_
    9.  _Lagerhaus_
   10.  _Centralbank_
   11.  _Gemeinnützige Unternehmungen_
   12.  _Sanitätswesen und Justiz._

Hiermit wären in großen Zügen die für den Anfang in Freiland geltenden
Verwaltungs- und Organisationsprinzipien geschildert. Dieselben
bewährten sich allseitig aufs vortrefflichste. Die Bildung der
Genossenschaften ging ohne den geringsten Anstand vor sich. Da die
Mehrzahl der successive anlangenden Mitglieder gegenseitig einander
fremd war, mußte man sich bei Besetzung der leitenden Stellen vorläufig
auf die Empfehlungen des Ausschusses verlassen, begnügte sich deshalb
auch zumeist mit provisorischen Wahlen, die jedoch ziemlich rasch durch
definitive ersetzt werden konnten. Die schon vorgefundenen Produktionen:
Landwirtschaft, Gartenkultur, Viehzucht, Mahlmühle, Sägmühle,
Bierbrauerei, Kohlengruben und Eisenwerke, wurden nach Maßgabe des
täglich mit den Mombas-Karawanen einlangenden Kräftezuwachses namhaft
erweitert und mit wesentlichen Verbesserungen ausgestattet. Eine
stattliche Zahl neuer Industrien reihte sich unmittelbar daran. Eine der
ersten war eine -- der Hauptsache nach schon fertig importierte und nur
zu adjustierende Druckerei mit 2 Rotations- und 5 Schnellpressen, und
gestützt auf diese eine täglich erscheinende Zeitung; diesen reihten
sich in rascher Folge eine Maschinenfabrik, eine Glashütte, eine
Ziegelei, eine Ölmühle, eine chemische Fabrik, eine Näh- und
Schuhfabrik, eine Bautischlerei und eine Eisfabrik an. Am 1. Januar des
neuen Jahres wurde der erste kleine Schraubendampfer für den
Remorquierdienst im Edensee und Danaflusse vom Stapel gelassen, welchem
die ihres ausgezeichneten Verdienstes halber außerordentlich rasch
anwachsende Betriebs-Association in kurzen Intervallen zahlreiche andere
und größere Lasten- und Personendampfer folgen ließ.

Gleichzeitig nahm auch der Ausschuß einen nicht unbedeutenden Teil der
neu eintreffenden Kräfte für mehrere auf öffentliche Kosten zu
bewerkstelligende Arbeiten und Einrichtungen in Anspruch; den dabei
beschäftigten Arbeitern mußte selbstverständlich ein, der
Durchschnittshöhe des allgemeinen Arbeitsertrages entsprechender -- und
wo es sich um besonders anstrengende Leistungen handelte, ein diesen
Durchschnitt entsprechend übersteigender, Verdienst gesichert werden.
Diese Arbeiten waren in erster Reihe die provisorischen Hausbauten für
die neu eintreffenden Mitglieder. Dabei wurde daran festgehalten, daß
jede Familie je ein eigenes Häuschen erhalte, während für die
alleinstehenden Ankömmlinge mehrere große Hotels eingerichtet wurden.
Die Familienhäuser waren der Größe nach verschieden -- von 4 bis zu 10
Wohnräumen, jedes mit einem Garten von 1000 Quadratmeter Fläche
ausgestattet. Jeder Ankömmling konnte ein ihm nach Größe und Lage
passend erscheinendes wählen, selbstverständlich gegen je nach Belieben
ratenweise oder sofortige Abzahlung. Solcher Häuschen mußten im
Monatsdurchschnitt nicht weniger als 1500 fertiggestellt werden; sie
waren aus starken Bohlen in doppelter Lage solid gefügt und der
Bauaufwand stellte sich auf durchschnittlich 8½ Pfd. Sterling für jeden
Wohnraum. Für die Benutzung der Hotelzimmer wurde eine zur Amortisation
der Baukosten und Deckung der Regie genügende Wochengebühr von ½ Sh.
berechnet.

Gleichzeitig mit diesen Wohnhäusern wurde der Bau von Schulen in Angriff
genommen, und zwar mußte, da bis auf weiteres dem Eintreffen von 1000
bis 1200 Schulkindern im Monatsdurchschnitt entgegenzusehen war,
fortlaufend für genügende Räume zu entsprechender Unterbringung
dieser so rasch anwachsenden Menge Vorsorge getroffen werden.
Selbstverständlich waren auch diese -- gleich den Wohnhäusern -- teils
im Edenthale, teils auf dem Danaplateau errichteten Schulräume nur
provisorische Barackenbauten, dabei aber licht, luftig und geräumig.

In der Lebensweise am Kenia hatte sich im übrigen einstweilen noch wenig
verändert, mit Ausnahme des Umstandes, daß Edenthal, vor Eintreffen der
ersten Wagenkarawane ein mäßiges Dorf, binnen wenigen Monaten zu einer
mehr als 20000 Seelen zählenden ansehnlichen Stadt herangewachsen war.
Auf dem Danaplateau, wo sich zuvor nur einige Hütten gefunden hatten,
waren zwei ansehnliche Dörfer entstanden, das eine mit den
Arbeiterschaften einiger Fabriken am Ostende, hart neben dem großen
Wasserfalle, das andere, näher zu Edenthal gelegen, der Sitz einer
Ackerbaukolonie. Gemeinsam war all diesen Bewohnern von Freiland ein
ausgesprochener Zug sorgloser Fröhlichkeit und unverkennbaren Behagens.
Die Lebensweise blieb, was die Wohnungs- und Kleidungsverhältnisse
anlangt, noch sehr primitiv, dagegen herrschte in Speisen und Getränken
Überfluß, ja Luxus. Mit den Mahlzeiten wurde es der Hauptsache nach so
gehalten, wie einige Monate zuvor von den ersten Ankömmlingen; nur
hatten die Frauen gar bald eine ganze Reihe neuer und sinnreicher
Verwendungsarten der vielen köstlichen Landesprodukte herausgefunden.
Das Register der erreichbaren ästhetischen und geistigen Genüsse hatte
vorerst keine sonderliche Bereicherung erfahren. Die Zeitung, eine von
der Unterrichtsverwaltung angelegte Bibliothek, die beinahe Tag für Tag
durch neueintreffende Bücherkisten bereichert wurde, zu Neujahr aber
doch erst 18000 Bände zählte, die dem insbesondere während der heißen
Mittagsstunden sehr lebhaften Lesebedürfnisse keineswegs voll genügen
konnten, mehrere neue Sing- und Orchestervereine, Lese- oder
Debattierzirkel und zwei Dutzend Klaviere -- das war alles, was zu dem
ursprünglich Vorhandenen gekommen war. Daneben wurde in den herrlichen
Wäldern fleißig gejagt, Ausflüge nach nicht allzu schwierig erreichbaren
Aussichtspunkten waren an der Tagesordnung -- kurz man suchte sich das
Leben so angenehm als möglich zu machen, ohne jedoch einstweilen große
Abwechslung in das Programm der Vergnügungen und geistigen Genüsse
bringen zu können. Das hinderte aber nicht, daß Glück und Zufriedenheit
in jedem Hause herrschten.

Auch hinsichtlich der Arbeitseinteilung war im großen Ganzen das
ursprünglich beobachtete System beibehalten worden. Die Männer
arbeiteten meist zwischen 5 und 10 Uhr morgens und zwischen 4 und 6 Uhr
abends; die Frauen -- im Bedarfsfalle unterstützt von Eingeborenen --
versahen inzwischen das Haus und die Kinder, sofern diese nicht in der
Schule waren. Doch erachtete sich niemand gerade an diese Zeiteinteilung
gebunden; jedermann arbeitete wann und so lange es ihm beliebte; auch
hatten einige Associationen, deren Betrieb die gänzliche Unterbrechung
der Arbeit während der Mittagszeit schwer vertrug, einen Turnus
eingeführt, der während der heißen Tagesstunden dem Werke einige Hände
sicherte. Da auch hierzu niemand gezwungen werden konnte, wurde es
üblich, die lästigere Mittagsarbeit höher anzurechnen, als die zu der
übrigen Tageszeit, wonach dann die erforderlichen Freiwilligen sich
fanden. Dasselbe gilt für die in einzelnen Etablissements notwendige
Nachtarbeit.



                              10. Kapitel.


Als das erste Jahr unseres Aufenthaltes am Kenia vergangen war, zählte
Freiland 95000 Seelen, wovon 27000 arbeitsfähige Männer, die, zu 218
Associationen vereinigt, 87 verschiedene Gewerbe betrieben. Die letzte
Ernte -- es gibt nämlich hier zwei Ernten im Jahr, die eine nach der
kleinen Regenzeit im Oktober, die andere nach der großen im Juni --
hatte von 14500 Hektaren angebauten Ackerlandes nahezu 2 Millionen
Centner Getreide getragen, die einen Wert von 300000 Pfd. Sterling
repräsentierten und den dabei beschäftigten 10800 Arbeitern im
Durchschnitt nahe an 2½ Schilling Gewinn für jede darangewendete
Arbeitsstunde ergaben. Doch darf man nicht etwa glauben, daß diese
sämtlichen Arbeiter ihre gesamte Zeit durch landwirtschaftliche
Beschäftigung ausfüllten; das war blos während der Saat- und Erntetage
der Fall gewesen, während in der ganzen übrigen Zeit stets zahlreiche
Landbauer in den benachbarten industriellen Etablissements lohnende
Verwendung ihrer im Ackerbau gerade überschüssigen Arbeitskraft fanden.
Der Durchschnittsertrag der Industrien stellte sich um eine Kleinigkeit
höher, als der der Landwirtschaft, und da im Mittel 40 Stunden
wöchentlich gearbeitet wurde, so betrug der Wochenverdienst eines
gewöhnlichen Handarbeiters von mäßigem Fleiße in dieser zweiten
Jahreshälfte durchschnittlich 5¼ Pfd. Sterling.

Nächst der Landwirtschaft beanspruchte die Eisen- und
Maschinenfabrikation die zahlreichsten Arbeitskräfte, ja, wenn man nicht
die zeitweilig in Verwendung kommende Arbeiterzahl, sondern die
überhaupt aufgewendeten Arbeitsstunden zum Maßstabe nimmt, so war diese
Industrie der Landwirtschaft sogar stark voraus. Und dies ist nicht zum
Verwundern, denn Maschinen verlangten und bestellten alle Associationen,
um ihren Betrieb möglichst zu verbessern. In der alten Welt, wo
Arbeitslohn und Arbeitsertrag grundverschiedene Dinge sind, besteht auch
zwischen Rentabilität und theoretischer Vollkommenheit von Maschinen ein
fundamentaler Unterschied. Um theoretisch brauchbar zu sein, muß eine
Maschine bloß Arbeitskraft ersparen, d. h. die zu ihrer Herstellung und
Betriebführung erforderliche Arbeit muß geringer sein, als die durch
ihren Gebrauch zu ersparende. Der Dampfpflug z. B. ist dann eine
theoretisch gute und nützliche Maschine, wenn die Fabrikation eines
Dampfpfluges mit samt der Erzeugung des zu seiner Heizung erforderlichen
Kohlenquantums weniger menschliche Arbeit verschlingt, als auf der
anderen Seite beim Pflügen mit Dampf gegen das Pflügen mit Rindern
gewonnen wird. Etwas anderes aber ist die Rentabilität einer Maschine --
wohlverstanden außerhalb Freilands. Um rentabel zu sein, muß der
Dampfpflug nicht Arbeitskraft, sondern Wert oder Geld ersparen, d. h. er
muß weniger kosten, als die durch ihn ersparte Arbeitskraft gekostet
hätte. Das ist aber da draußen mit nichten schon deshalb der Fall, weil
die ersparte Arbeitskraft größer ist, als die zur Herstellung des
Pfluges und der Kohle erforderliche. Denn während die Arbeit, die der
verbesserte Pflug erspart, blos ihren »Lohn« erhält, muß bei dem
gekauften Pfluge und der gekauften Kohle neben der zu ihrer Herstellung
erforderlich gewesenen Arbeit auch noch der aus drei Bestandteilen
bestehende »Gewinn«, nämlich Grundrente, Kapitalzins und
Unternehmerlohn, bezahlt werden. So kann es kommen, daß der Dampfpflug
von seiner Entstehung bis zu seiner Abnützung 1 Million Arbeitsstunden
erspart, selber aber mitsamt dem ganzen, zu seinem Betriebe
erforderlichen Kohlenquantum bloß 100000 Arbeitsstunden verschluckt
hätte -- und dennoch höchst unrentabel ist, d. h. denjenigen, der
gestützt auf die Sicherheit so riesiger Kraftersparnis ihn kaufen und
benutzen wollte, den größten Schaden verursachte. Denn die Million
ersparter Arbeitsstunden bedeutet eben nicht mehr, als eine Million
ersparter Stunden_löhne_, also beispielsweise ersparte 10000 Pfd.
Sterling, wenn der Arbeitslohn bloß 1 Pfund für 100 Arbeitsstunden
beträgt. An den zur Herstellung des Pfluges und der Betriebsmittel
erforderlichen 100000 Arbeitsstunden, die für sich allein allerdings
bloß 1000 Pfd. Sterling beansprucht haben mögen, haftet aber außerdem
noch die Rente, welche die Besitzer der Eisen- und Kohlengruben
einheben, der Zins, der für die investierten Kapitalien gezahlt werden
muß und schließlich der Gewinn der Eisenfabrikanten und Kohlenerzeuger;
all dies kann unter Umständen mehr betragen, als die Differenz von 9000
Pfd. Sterling zwischen den hier und dort aufgewendeten Arbeitslöhnen,
und wenn es der Fall ist, verliert der abendländische _Arbeitgeber_ Geld
daran, daß er eine Maschine kauft, die tausend Prozent Arbeit erspart.
Ganz anders bei uns; die lebendige Arbeit, die der Dampfpflug _uns_
erspart, ist Stunde für Stunde genau so viel wert, als die im Pfluge und
in der Kohle steckende, bereits in Warenform verwandelte Arbeitszeit;
denn in Freiland giebt es keinen Unterschied zwischen Arbeitsertrag und
Arbeitslohn; in Freiland ist daher jede theoretisch brauchbare, d. i.
jede wirklich Kraft ersparende Maschine zugleich notwendigerweise
rentabel. Dies der Grund, warum in Freiland die Maschinenindustrie von
so enormer, stetig zunehmender Bedeutung sein mußte. Die eine Hälfte
unseres Volkes war damit beschäftigt, jene stählernen, von Dampf,
Elektricität, Wasser, komprimierter oder verdünnter Luft in Bewegung
gesetzten sinnreichen Werkzeuge herzustellen, mittels deren die andere
Hälfte ihre Leistungsfähigkeit verhundertfachte, und notwendigerweise
mußte sich daher bei uns in der Verwendung von Maschinenkraft eine
Vielseitigkeit und Vollkommenheit entwickeln, von welcher man außerhalb
der Grenzen unseres Landes keinerlei Vorstellung besitzt.

Die wichtigsten Einrichtungen, die noch vor Ablauf dieses ersten Jahres
in Angriff genommen wurden, waren erstlich die Herstellung von
Dampfpflügen und -- vorläufig noch durch tierische Kraft bewegten --
Säe- und Erntemaschinen, genügend zur Bearbeitung von 26000 Hektaren,
die für die Oktoberernte unter den Pflug genommen werden sollten. Wir
rechneten dabei, durch einmaligen Aufwand von 3½ Mill. Arbeitsstunden
mindestens 3 Millionen Arbeitsstunden jährlich zu ersparen. Das wäre da
draußen in der alten Welt für die solcherart überflüssig werdenden
Arbeiter ein großes Unglück gewesen, ohne daß die Gesamtheit davon den
geringsten Vorteil gehabt hätte; wir dagegen wußten für derart ersparte
Arbeitsstunden vortreffliche Verwendung; sie wurden zu allerlei
Veredlungsindustrien frei, für deren Produkte eben infolge der
gewachsenen Ergiebigkeit der Arbeit die Abnehmer sofort gegeben waren.

Eine zweite, noch im Laufe des nächsten Jahres zu vollendende Arbeit war
die Verbesserung der Kommunikationsmittel durch Ausbaggerung des
Danaflusses von der Mahlmühle oberhalb des Edensees bis zum großen
Wasserfall am Danaplateau, und durch Anlage einer das Danaplateau
durchziehenden Eisenbahn. Daran sollten sich Seilbahnen auf einige der
Keniavorberge zu Zwecken des Bergwerks- und Forstbetriebs schließen.

Daß alle bestehenden Industrien neuerlich vergrößert und eine stattliche
Reihe neuer eingerichtet wurden, versteht sich von selbst. Erwähnt mag
dabei werden, daß nur solche Fabriken in Edenthal oder am Oberlaufe des
Dana angelegt wurden, die weder die Luft, noch das Wasser verdarben; die
minder reinlichen Betriebe siedelten sich entweder am Ostende des
Danaplateaus, hart am Wasserfalle, oder auch unterhalb desselben an.
Später wurden Einrichtungen getroffen, die der Vergiftung der Wässer
durch industrielle Abfälle ganz im Allgemeinen ein Ende machten.

Die Stadt Edenthal war auf 48000 Seelen angewachsen und deckte mit ihren
10600 Häuschen und Gärten, ihren zahlreichen großen, wenn auch immer
noch im Holzbarackenstil gehaltenen öffentlichen Bauten, mehr als 16
Quadratkilometer. Die zu riesiger Zahl angewachsenen Rinderherden wie
nicht minder die Pferde, Esel, Kamele, Elefanten und die neu
importierten Schweine und feinen Schafsorten übersiedelten zum größeren
Teile nach dem Danaplateau.

Schon zu Beginn des zweiten Jahres hatten uns unsere europäischen
Bevollmächtigten angezeigt, daß die bei ihnen einlaufenden Anmeldungen
sich in gewaltigen Dimensionen vermehrten. Die in den Zeitungen
veröffentlichten Berichte aus Freiland -- es waren inzwischen
Korrespondenten einiger der größten europäischen und amerikanischen
Journale bei uns eingetroffen -- hatten die Auswanderungslust
selbstverständlich in hohem Grade entfacht und wenn nicht alle Anzeichen
trogen, hatten wir uns für das zweite Jahr unseres Aufenthalts am Kenia
auf einen Zuzug von mindestens dem doppelten, wahrscheinlich aber von
dreifachem Umfange, wie im ersten Jahre, gefaßt zu machen. Es mußte also
für Beschaffung der erforderlichen Kommunikationsmittel Vorsorge
getroffen werden. Da zahlreiche der bemittelten neuen Mitglieder
einstweilen die Schiffe fremder Gesellschaften gegen Zahlung benutzten,
anstatt darauf zu warten, bis auf unseren Schiffen die Reihe an sie
käme, so war das Dringendste, für Vermehrung der Fahrgelegenheiten von
Mombas ab zu sorgen. Es wurden daher schleunigst 1000 neue Wagen nebst
der entsprechenden Anzahl von Zugtieren gekauft und successive vom März
ab in Betrieb gesetzt. Gleichzeitig aber kaufte unser Londoner
Bevollmächtigter sechs und kurze Zeit darauf noch vier weitere Dampfer
von 4000-10000 Tonnen Laderaum, die zu unseren Zwecken umgebaut, je 1000
bis 3000 Passagiere faßten. Mit Hülfe dieser neuen Dampfer wurde
zunächst der Verkehr über Triest verstärkt; die größten Schiffe kamen an
dieses, zum Transport über Suez für ganz Mitteleuropa günstigst gelegene
Ausfallthor; daneben aber wurde zweimal in der Woche eine Fahrt ab
Marseille und einmal im Monat eine Fahrt ab San Franzisko über den
stillen Ocean eingerichtet. Nachdem noch für alle Fälle eine dritte
Serie von 1000 Wagen bestellt worden war, erachteten wir uns den
Anforderungen des bevorstehenden zweiten Jahres gegenüber ausreichend
gerüstet.

So standen die Dinge, als Demestre mit der Erklärung vor den Ausschuß
trat, daß die primitive Art der Beförderung von Mombas ab angesichts der
voraussichtlich auch in Zukunft anhaltenden gewaltigen Einwanderung
unmöglich genügen könne. Wir müßten sofort an den Bau einer Eisenbahn
von Edenthal an die Küste denken.

Alles, was Demestre zur Begründung seines Vorschlages sagte, war so
richtig und einleuchtend, daß derselbe ohne Debatte einhellig angenommen
wurde, ja, daß sich Jedermann insgeheim wunderte, ihn nicht schon längst
selber gemacht zu haben. Es handelte sich jetzt nurmehr darum, die Trace
der zukünftigen Eisenbahn festzustellen. In erster Reihe stand der alte
Weg, durch Kikuja ins Massailand, durch dieses, den Kilima östlich
umgehend über Tawenta und Teita nach Mombas. Eine zweite, möglicherweise
viel günstigere Trace, ließ sich zwei Längengrade weiter östlich, aber
gleichfalls nach Süden gerichtet und in Mombas die Küste erreichend,
durch Kikuja ins Land der Ukumbani und dort das Flußthal des Athi bis
Teita verfolgend, denken. Diese Trace konnte günstigenfalls eine
Distanzverkürzung von nahe an 200 Kilometern mit sich bringen. Die
dritte, kürzeste Route an den Ocean aber wäre die in streng östlicher
Richtung, den Dana verfolgend, durch die Gallaländer an die Wituküste
gewesen; hier konnte eventuell nahezu die Hälfte der Distanz erspart
werden, denn in der Luftlinie waren wir östlich keine 450 Kilometer vom
Meere entfernt.

Diese drei Alternativlinien sollten also näher untersucht werden, so
genau, als es binnen wenigen Monaten möglich wäre; denn länger als
höchstens ein halbes Jahr sollte mit dem Beginne der Bauarbeiten nicht
gezögert werden. Die Tracierung der alten Route, die er schon ziemlich
genau kannte, behielt sich Demestre vor; nach dem Athi und dem Dana
wurden zwei andere tüchtige Ingenieure, begleitet gleich Demestre von
einem Stabe nicht minder tüchtiger Kollegen, entsendet. Außerdem aber
mußten diese beiden letzteren Expeditionen, da sie noch gänzlich
unbekannte Gebiete mit wahrscheinlich feindlichen Einwohnern zu
durchziehen hatten, wehrhaft gemacht werden. Sie waren je 300 Mann stark
und hatten außer entsprechenden Repetirgewehren auch einige
Kriegselefanten, Kanonen und Raketen mit sich. Überdies waren alle drei
Expeditionen von einer kleinen Schar Naturforscher -- unter diesen
hauptsächlich Geologen -- begleitet. Anfangs Mai zogen diese
Expeditionen aus; womöglich noch vor der kleinen Regenzeit -- im August
-- sollten sie zurück sein.



                              11. Kapitel.


Die Haager Versammlung der »Internationalen freien Gesellschaft« hatte,
wie man sich erinnern wird, dem Ausschusse Generalvollmacht für die
Dauer von zwei Jahren erteilt. Am 20. Oktober lief diese Frist zu Ende,
und bis dahin mußte sich die Gesellschaft eine neue, endgiltige
Verfassung geben, eine frei durch das Volk von Freiland gewählte Behörde
die bisherigen Vollmachten des Ausschusses übernehmen. Dieser berief
daher schon für den 15. September eine constituierende Versammlung, und
zwar, da die Zahl der Bewohner Freilands zu groß war, als daß allesamt
zu einer Beratung hätten vereinigt werden können, indem er das Land in
500, der Einwohnerzahl nach gleiche Sektionen teilte und jede Sektion
zur Wahl eines Abgeordneten aufforderte. Diese derart zustande gekommene
Repräsentantenversammlung erklärte er sofort zur vorläufigen Trägerin
der obersten souveränen Gewalt und forderte sie auf, das Weitere zu
verfügen, es ihr anheim stellend, ob sie ihn bis zu Ausarbeitung der
Verfassung noch vorläufig in Funktion belassen, oder irgend eine neue,
sofort zu schaffende Behörde mit der Geschäftsführung von Freiland
betrauen wolle. Die Versammlung entschied sich nach kurzer Debatte
einstimmig für das Erstere und beauftragte überdies den Ausschuß, einen
Verfassungsentwurf vorzulegen. Da ein solcher für alle Fälle bereits
fertig ausgearbeitet war, so konnte dieser Forderung sofort willfahrt
werden. Dr. Strahl legte den Verfassungsentwurf namens des Ausschusses
»auf den Tisch des Hauses«, dieses beschloß dessen Drucklegung und trat
schon nach drei Tagen in die Beratung der neuen Verfassung. Auch diese
Beratungen waren, angesichts der großen Einfachheit der vorgeschlagenen
Grundgesetze und Ausführungsbestimmungen nicht sehr langatmig und schon
am 2. Oktober konnten diese, einhellig approbiert, als solche verkündet,
und in ihrem Geiste die neue Verwaltung in Kraft gesetzt werden.

Die Grundgesetze lauteten:

l. Jeder Bewohner Freilands hat das gleiche unveräußerliche Anrecht auf
den gesamten Boden und auf die von der Gesamtheit beigestellten
Produktionsmittel.

2. Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfähige haben Anspruch auf
auskömmlichen, der Höhe des allgemeinen Reichtums billig entsprechenden
Unterhalt.

3. Niemand kann, sofern er nicht in die Rechtssphäre eines Anderen
greift, in der Bethätigung seines freien individuellen Willens gehindert
werden.

4. Die öffentlichen Angelegenheiten werden nach den Entschließungen
aller volljährigen (mehr als 20jährigen) Bewohner Freilands ohne
Unterschied des Geschlechts verwaltet, die sämtlich in allen, das
gemeine Wesen betreffenden Angelegenheiten das gleiche aktive und
passive Stimm- und Wahlrecht besitzen.

5. Die beschließende sowohl als die ausübende Gewalt ist nach
Geschäftszweigen geteilt und zwar in der Weise, daß die Gesamtheit der
Stimmberechtigten für die hauptsächlichen öffentlichen Geschäftszweige
gesonderte Vertreter wählt, die gesondert ihre Beschlüsse fassen und das
Gebahren der den fraglichen Geschäftszweigen vorstehenden
Verwaltungsorgane überwachen.

In diesen fünf Punkten ist das Um und Auf des öffentlichen Rechts von
Freiland niedergelegt; alles weitere ist nichts anderes, als das
selbstverständliche Ergebnis oder die nähere Ausführung derselben. So
ergeben sich die Prinzipien, auf denen die Associationen sich aufbauten
-- Anrecht des Arbeiters am Ertrage, Verteilung desselben nach der
Arbeitsleistung und freie Vereinbarung mit höherwertigen Arbeitskräften
-- naturgemäß und notwendigerweise aus dem ersten und dritten
Grundgesetze. Da jedermann über sämtliche Arbeitsmittel verfügte, so
konnte niemand sich gedrängt sehen, auf den Ertrag der eigenen Arbeit zu
verzichten, und da niemand gezwungen werden konnte, seine höheren
Fähigkeiten anderen zur Verfügung zu stellen, so mußten diese höheren
Fähigkeiten, sofern man ihrer zur Leitung der Produktion bedurfte, im
Wege freier Vereinbarung entsprechende Verwertung finden.

Mit Bezug auf das im zweiten Absatze ausgesprochene Versorgungsrecht der
Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfähigen ist zu bemerken, daß dieses
im Sinne unserer Grundsätze als Ausfluß der Wahrheit angesehen wurde,
daß der Reichtum des Kulturmenschen nicht Produkt seiner eigenen,
individuellen Fähigkeiten, sondern das Ergebnis der geistigen Arbeit
zahlloser vorangegangener Generationen sei, _deren Erbe dem Schwachen
und Arbeitsunfähigen gerade so gebühre, wie dem Starken und Tüchtigen_.
Alles, was wir genießen, verdanken wir nur zu unendlich geringem Teile
unserer eigenen Intelligenz und Kraft; auf diese allein angewiesen,
wären wir arme, in tiefstem, tierischem Elend vegetierende Wilde; die
reiche Hinterlassenschaft unserer Vorfahren seit unvordenklicher Zeit
ist es, von welcher wir zehren, der wir neunundneunzig Hundertteile
all unserer Genüsse verdanken. Ist dem aber so -- und kein
Zurechnungsfähiger hat dies jemals in Abrede gestellt -- dann haben all
unsere Geschwister Anrecht auf Mitgenuß der Erbschaft. Daß diese
Erbschaft ohne unsere, der Starken, Arbeit unfruchtbar wäre, ist
allerdings richtig, und unbillig, ja thöricht und undurchführbar wäre
daher das Verlangen der schwächeren Geschwister nach _gleicher_ Teilung.
Aber geschwisterlichen, nicht auf das bloße Erbarmen, sondern auf
Anerkennung ihres Erbrechts gestützten Anteil des dem gemeinsamen
Erbgute -- und es sei immerhin bloß durch _unsere_ Arbeit --
abgewonnenen reichen Ertrages können sie fordern; sie stehen uns nicht
als bettelnde Fremdlinge, sondern als erbberechtigte Familiengenossen
gegenüber. Und unser, der stärkeren Geschwister eigenes wohlverstandenes
Interesse verlangt die rückhaltlose Anerkennung dieses guten Rechtes
jedes Angehörigen der menschlichen Familie. Denn unser eigenes Glück
kann nicht gedeihen, wenn wir Geschöpfe, die Unseresgleichen sind,
entwürdigen, zu Not und Schmach verurteilen. Gesunder Egoismus verbietet
uns, dem Elend und seinen Kindern, den Lastern, irgend einen
Schlupfwinkel inmitten von Unseresgleichen offen zu halten. Frei und
»edelgeboren«, ein König und Herr dieses Planeten muß jeder sein, dessen
Mutter ein menschliches Weib gewesen, sonst wird seine Not zu einem
fressenden Geschwüre, welches um sich greifend den stolzen Bau auch
unserer, der Starken, Herrlichkeit vergiftet.

So viel über das Versorgungsrecht im allgemeinen. Was aber speziell das
den Frauen zugesprochene anlangt, so war bei diesem die fernere Erwägung
maßgebend, daß das Weib seiner physischen und psychischen Beschaffenheit
nach nicht zu aktivem Kampfe ums Dasein, sondern einerseits zu dessen
Fortpflanzung, anderseits zu dessen Verschönerung und Veredlung bestimmt
ist. So lange wir alle, oder doch die ungeheuere Mehrheit von uns allen,
in unablässigem, jammervollem Kampfe mit des Lebens gemeinster,
tierischer Notdurft uns quälten, konnte von Rücksicht auf die Schwäche
und auf den Adel des Weibes keine Rede sein; die Schwäche konnte --
gleich der jedes anderen Schwachen -- nicht der Rechtstitel auf
Schonung, sondern mußte zu einem Anreize der Unterjochung werden; der
Adel des Weibes war geschändet -- abermals gleich dem jedes rein
menschlichen, wirklichen Adels. Eine Sklavin und ein käufliches Werkzeug
der Lüste war das Weib ungezählte Jahrtausende hindurch -- und die
vielgerühmte Civilisation der letzten Jahrhunderte hatte daran dem Wesen
nach nichts geändert. Auch unter den sogenannten Kulturnationen der
Gegenwart blieb das Weib rechtlos, und was schrecklicher ist, es blieb,
um sein Dasein zu fristen, angewiesen darauf, sich dem ersten Besten zu
verkaufen, der um seiner Reize willen die Verpflichtung übernahm, es zu
»versorgen«. Diese von Recht und Sitte geheiligte Prostitution ist in
ihren Wirkungen verheerender, als jene andere, ihr Wesen unverhüllt zur
Schau tragende, die sich von ihr bloß dadurch unterscheidet, daß hier
der schmähliche Handel nicht auf Lebenszeit, sondern für kürzere Frist
geschlossen wird, für Jahre, Wochen, Stunden. Gemeinsam ist beiden, daß
das süßeste, heiligste Kleinod der Menschheit, das Herz des Weibes, zum
Gegenstande gemeinen Schachers, zu einem Mittel des Lebensunterhalts
gemacht wird, und schrecklicher als die Prostitution der Straße ist die
von Gesetz und Sitte geheiligte der Versorgungsehe, weil unter ihrem
verpestenden Gifthauche nicht bloß Würde und Glück der jeweilig
lebenden, sondern auch Saft und Mark der zukünftigen Geschlechter
verdorren. Da die Liebe, jener geheiligte Instinkt, der bestimmt ist,
das Weib in die Arme jenes Gatten zu führen, mit dem vereint es der
kommenden Generation die tüchtigsten Mitglieder schenken könnte, zum
Erwerbsmittel, dem einzigen das ihm offen stand, geworden, so mußte das
Weib, um zu leben, sich -- in sich aber die Zukunft der Rasse schänden.

Glück und Würde, wie das zukünftige Heil der Menschheit, erfordern daher
im gleichen Maße, daß das Weib der entehrenden Notwendigkeit enthoben
werde, im Gatten zugleich den Versorger, in der Ehe das einzige
Rettungsmittel gegen materielle Not zu sehen. Aber auch gemeiner Arbeit
darf das Weib nicht überwiesen werden. Auch das verbietet das Glück der
jeweilig lebenden und die Tüchtigkeit der zukünftigen Generation in
gleicher Weise. Die Gleichberechtigung des Weibes dadurch verwirklichen
wollen, daß man ihm gestattet, im Broterwerb mit dem Manne zu
konkurrieren, ist eben so nutzlos als verderblich; nutzlos, weil dem
weiblichen Geschlechte als Ganzes genommen eine solche Befugnis, von
welcher es nur in Ausnahmefällen wirklichen Gebrauch machen kann, doch
nicht hilft; verderblich, weil das Weib mit dem Manne hier nicht
konkurrieren darf, ohne seinen edleren schöneren Aufgaben untreu zu
werden. Und diese Aufgaben liegen nicht etwa in der Verfolgung von Küche
und Wäschespinde, sondern in der Pflege des Schönen in der gegenwärtigen
Generation einerseits und der geistigen wie körperlichen Entwickelung
des Nachwuchses anderseits. Das Weib muß daher nicht bloß in seinem
eigenen, sondern ebenso im Interesse des Mannes und insbesondere in
jenem der zukünftigen Geschlechter dem Kampf um des Lebens Notdurft
gänzlich entrückt werden; es darf kein Rad im Getriebe des Broterwerbs,
es muß ein Juwel am Herzen der Menschheit sein. Nur eine »Arbeit« ist
dem Weibe angemessen: die der Kindererziehung und allenfalls noch die
Pflege von Kranken und Gebrechlichen. In der Schule und am Siechbett
kann weibliche Zärtlichkeit und Vorsorge eine passende Vorschule für die
Pflichten des späteren eigenen Hauses finden, und hier mag die
alleinstehende Frau zugleich Erwerb suchen, sofern sie es wünscht. Als
selbstverständlich darf gelten, daß im Sinne unserer Prinzipien jeder
dem Weibe gegenüber geübte abwehrende Zwang durchaus verpönt war.
_Verboten_ war der Frau nicht, welches Gewerbe immer zu ergreifen, was
denn in vereinzelten Fällen auch jederzeit geschah, insbesondere auf dem
Gebiete der geistigen Berufe; aber die öffentliche Meinung in Freiland
billigte dies eben auch nur in Ausnahmefällen, d. h. wenn hervorragende
Fähigkeiten solches Thun rechtfertigten und es muß bemerkt werden, daß
unsere Frauen in erster Reihe es waren, welche sich auf die Seite dieser
öffentlichen Meinung stellten.

Daß der Versorgungsanspruch der Frauen um ein Vierteil geringer bemessen
wurde, als derjenige der Männer -- die konstituierende Versammlung
bestätigte nämlich nicht bloß das Prinzip, sondern auch das bereits
mitgeteilte Ausmaß der verschiedenen Versorgungsrechte -- hat nicht in
einer Minderbewertung des weiblichen _Anspruches_ seine Motivierung,
sondern lediglich in der Thatsache, daß die _Bedürfnisse_ des Weibes
geringer sind, als die des Mannes. Wir gingen von der Ansicht aus, daß
die Frau mit ihren dreißig Hundertteilen des durchschnittlichen
Arbeitsertrages eines freiländischen Produzenten ebenso reichliches
Auslangen finden werde, als ein versorgungsbedürftiger Mann mit seinen
vierzig Hundertteilen; und die Erfahrung hat dies vollauf bestätigt.

Es hatte jedoch nicht bloß die alleinstehende Jungfrau oder Witwe,
sondern auch die Ehefrau -- wenn auch bloß den halben --
Versorgungsanspruch. Das begründete sich dadurch, daß auch das
verheiratete Weib nicht auf die Versorgung des Mannes angewiesen und
dadurch in ein materielles Abhängigkeitsverhältnis zu diesem gebracht
sein sollte. Da im Haushalte die Thätigkeit der Frau immerhin mit einem
Teile ihres Eigenbedarfs zu veranschlagen ist, so bedurfte es, um dem
Ehemanne die Versorgungslast abzunehmen, auch nur einer teilweisen
Versorgung von Gesamtheitswegen. Mit dem beginnenden Kindersegen
vermehrt sich die Familienlast neuerlich, und da diese abermals durch
das Weib erwächst, so steigerten wir den Versorgungszuschuß insolange,
bis er wieder die volle Höhe des Versorgungsanspruches der Frau, d. i.
30 Prozent erreichte.

Das vierte Grundgesetz, das allgemeine, auf volljährige Frauen
ausgedehnte Stimmrecht, bedarf wohl keiner besonderen Erläuterung. Zu
bemerken wäre hier nur, daß sich diese Bestimmung auch auf die in
Freiland wohnenden Neger erstreckte, mit dem Beifügen jedoch, daß des
Lesens und Schreibens Unkundige insofern von der thatsächlichen Ausübung
politischer Rechte ausgeschlossen waren, als alle Abstimmungen durch
eigenhändig auszufüllende Stimmzettel vorgenommen wurden. Wir gaben uns
übrigens redlich Mühe, unseren Negern nicht bloß das Lesen und
Schreiben, sondern auch eine Reihe anderer Kenntnisse beizubringen, und
da dies im allgemeinen von gutem Erfolge begleitet war, so nahmen unsere
schwarzen Brüder allmählich an allen unseren Rechten teil.

Näherer Erklärung bedarf dagegen Punkt 5 der Grundrechte, wonach die
Gemeine ihr Beschluß- und Kontrollrecht über alle öffentlichen
Angelegenheiten nicht durch _eine_, sondern durch mehrere, nach
Verwaltungszweigen geordnete Körperschaften ausübte, die von der Gemeine
auch ebenso gesondert gewählt wurden. Dieser Bestimmung verdankt die
Verwaltung von Freiland ihre geradezu erstaunliche Sachkenntnis, das
öffentliche Leben Freilands seine nicht minder beispiellose Ruhe und das
Fehlen aller tiefergehenden, leidenschaftlichen Parteiungen. In den
Staaten Europas und Amerikas besteht bloß die vollziehende Gewalt aus
Männern, die unter Rücksicht auf ihre Sachkenntnis und Befähigung für
jenen Zweig des öffentlichen Dienstes ernannt, respektive gewählt sein
_sollten_, dem vorzustehen ihres Amtes ist. Selbst das ist nur mit sehr
großen Einschränkungen der Fall, ja insbesondere den sogenannten
parlamentarischen Verfassungen Europas und Amerikas gegenüber muß mit
Recht behauptet werden, daß sie gerade an die Spitze der verschiedenen
Verwaltungszweige Männer stellen, die nur zu oft von den wichtigen
Angelegenheiten, denen sie vorstehen sollen, sehr wenig verstehen. Die
Versammlungen, aus deren Mitte und durch deren Willen parlamentarische
Minister zur Macht gelangen, sind in der Regel gänzlich außer Stande,
durchweg sachkundige Männer zu berufen, schon aus _dem_ Grunde nicht,
weil sie solche häufig gar nicht in ihrer Mitte besitzen. Damit soll
nicht gesagt sein, daß nicht selbst parlamentarische Schönredner und
Berufspolitiker in der Regel immer noch mehr von ihrem Amte verstehen,
als jene Günstlinge der Macht und des blinden Glücks, die in
nichtparlamentarischen Ländern das Ruder führen -- aber Sachverständige
sind sie nicht, können sie nicht immer sein. Doch wie gesagt, die Organe
der Exekutive _sollten_ es doch zum mindesten sein, es besteht die
Fiktion, daß sie es seien, und ein Mann, der sich in irgend einem Fache
rühmlich hervorthut, hat damit wenigstens einen -- wenn auch
thatsächlich ziemlich untergeordneten -- Anspruch mehr, in diesem Fache
Verwendung im öffentlichen Dienste zu finden. Für die _gesetzgebenden_
Körperschaften des Abendlandes dagegen ist Sach- und Fachkenntnis nicht
einmal prinzipiell ein Grund der Wahl. Die Männer, welche Gesetze
erlassen und deren Ausübung zu kontrollieren haben, brauchen
grundsätzlich von all den Angelegenheiten, auf welche sich diese Gesetze
beziehen, nicht das Geringste zu verstehen. Das Vertrauen ihrer Wähler
ist vom Grade dieses ihres Verständnisses in der Regel unabhängig, sie
werden nicht als Fachmänner, sondern als »_gesinnungstüchtige_« Männer
gewählt.

Das aber hat einen doppelten Übelstand im Gefolge; es macht zunächst den
öffentlichen Dienst mehr als irgend eine Privatangelegenheit zum
Spielballe menschlicher Unwissenheit und Unklugheit; das Wort
Oxenstiernas: »Du weißt nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die
Welt regiert wird«, ist in weit höherem Maße, als allgemein geglaubt
wird, ein wahres Wort; der durchschnittliche Grad von Klugheit und
Sachkenntnis in zahlreichen öffentlichen Verwaltungszweigen der
sogenannten civilisierten Welt, steht tief unter dem in den
Privatgeschäften der nämlichen Länder gemeinhin anzutreffenden
Durchschnittsniveau. Zum zweiten aber gestaltet diese, zugleich
centralisierte und kenntnislose Organisation der öffentlichen
Verwaltungszweige das Parteigetriebe zu einem leidenschaftlichen und
erbitterten Kampfe, in welchem stets alles an alles gesetzt werden muß
und in welchem beinahe niemals sachliche Erwägungen, sondern stets nur
die vorgefaßten politischen Meinungen entscheiden. Unablässiger Kampf,
stete, leidenschaftliche Erregung ist also die zweite, notwendige Folge
dieser verkehrten Einrichtung.

Eine Änderung derselben ist aber schlechthin unmöglich, so lange die
geltende soziale Ordnung in Kraft bleibt. Denn solange dies der Fall
ist, fährt das allgemeine Wohl noch immer besser, wenn die öffentlichen
Angelegenheiten von Unwissenden, ohne Rücksicht auf ihre Fachkenntnis
Gewählten, verwaltet und kontrolliert werden, als wenn Fachleute von
Beruf die Macht erhielten, in Sachen ihres Faches namens der Gesamtheit
zu handeln. Das Interesse dieser wirklichen Fachmänner ist nämlich in
der ausbeuterischen Gesellschaft dem der großen Masse nicht bloß häufig,
sondern in der Regel entgegengesetzt. Man denke sich einen europäischen
oder amerikanischen Staat, in welchem die Fabrikanten über Fabrikation,
die Landwirte über Bodenproduktion, die Eisenbahnleute über
Transportwesen, und so fort die sachkundigen Vertreter jedes
Interessen-Zweiges über das sie zunächst interessierende Gebiet Gesetze
machen, ausführen und überwachen könnten! Da in der ausbeuterischen
Gesellschaft der Kampf ums Dasein auf gegenseitige Unterdrückung und
Verdrängung gerichtet ist, so müßten die Folgen einer solchen
»Verfassung« für sie geradezu schrecklich sein, und in jenen, unter dem
Sammelnamen der politischen Korruption bekannten Fällen, wo es
vereinzelten Interessenkreisen gelang, ihren Willen dem der Gesamtheit
unterzuschieben, überschritt auch thatsächlich die Schamlosigkeit der
Ausbeutung alle Grenzen.

Anders in Freiland; bei uns giebt es keine dem Gesamtinteresse
entgegenstehenden oder auch nur nicht vollkommen mit diesem
harmonierenden Sonderinteressen. Produzenten z. B., die in Freiland auf
den Gedanken gerieten, ihren Gewinn dadurch zu erhöhen, daß sie den
Import mit Zöllen belegten, müßten Blödsinnige sein; denn daß sie die
Konsumenten zwängen, ihre Fabrikate höher zu bezahlen, würde ihnen
nichts nützen -- da sofort der Zufluß von Arbeitskraft ihren Gewinn
wieder auf sein Durchschnittsniveau herabbrächte -- dagegen würde ihnen
allerdings schaden, daß sie allen andern Produzenten das Produzieren
erschwert hätten, denn dadurch würde eben jenes Durchschnittsniveau der
Gewinne, über welches sich ihr eigener niemals dauernd erheben kann,
herabgedrückt worden sein. Und genau das nämliche gilt für alle unsere
Interessenkreise. Dadurch, daß jeder derselben Jedem zugänglich ist, und
daß Niemand das Recht und die Macht hat, einen irgendwo erwachsenden
Vorteil für sich allein zu beanspruchen, sind wir in der glücklichen
Lage, in allen Interessenfragen Jenen die Entscheidung anzuvertrauen,
welche die _zunächst_ Interessierten, also die Sachkundigsten sind.
Dadurch aber gestalten sich Gesetzgebung und Verwaltung nicht bloß
sachkundig im höchsten Grade, es verschwindet auch aus dem öffentlichen
Leben jene leidenschaftliche Voreingenommenheit, die da draußen das
charakteristische Merkmal des Parteigetriebes ist. Da überall
wohlverstandenes gemeinsames Interesse und Vernunft entscheiden, so
haben wir niemals Grund, uns zu erhitzen. Bei unseren Wahlen handelt es
sich gar nicht darum, »einen Gesinnungsgenossen durchzubringen«, sondern
höchstens um Meinungsverschiedenheiten darüber, welcher der Kandidaten
wohl der Erfahrenste, Klügste sein möge. Und da die Fähigkeiten eines
Jeden unter uns wegen der Organisation unserer gesamten Arbeit auf die
Dauer unmöglich verborgen bleiben können, so sind Irrtümer in diesem,
für unser öffentliches Leben allein maßgebenden Punkte kaum möglich.

Da die Konstituante die Zwölfteilung der Verwaltung beibehalten hatte,
so gab es von da ab in Freiland neben den zwölf verschiedenen
Exekutivbehörden -- die in ihrem Wirkungskreise etwa mit den
abendländischen Ministerien in Parallele zu stellen wären -- zwölf
verschiedene beratende, beschließende und überwachende, aus der
allgemeinen Wahl hervorgegangene Versammlungen an Stelle der
einheitlichen abendländischen Parlamente. Diese zwölf Versammlungen
wurden sämtlich von der Gesamtheit aller Wähler gewählt, es hatte zum
Mindesten jeder Wähler das Recht, bei allen Wahlen seine
gleichgewichtige Stimme abzugeben; aber die Einteilung der Wahlkörper
war verschieden, und die Wahlen fanden für jeden der zwölf
Vertretungskörper gesondert statt; ein Teil derselben, nämlich die für
die Geschäfte des Verwaltungspräsidiums und der Finanzen, für
Versorgungswesen, Unterricht, Kunst und Wissenschaft, Sanitätswesen und
Justiz, fand nach Wohnbezirken, die Wahlen in die anderen
Vertretungskörper fanden nach Berufskategorien statt. Zu letzterem
Zwecke waren die sämtlichen Einwohner Freilands je nach ihren
Berufsgeschäften in zahlreiche größere oder geringere Wahlkörper
geteilt, deren jeder, je nach der Zahl seiner Angehörigen einen oder
mehrere Abgeordnete wählte; von ganz kleinen Berufsklassen waren je
einige möglichst gleichartige zu je einem Wahlkörper zusammengelegt; die
Zugehörigkeit zu den verschiedenen Wahlkörpern hing vom Belieben jedes
Wählers ab, d. h. es konnte sich Jedermann -- und ebenso
selbstverständlich auch jede Frau -- in eine ihm oder ihr genehme
Berufsklasse eintragen lassen, und übte dann in dieser das Wahlrecht für
die von diesen Klassen gewählten Vertretungskörper aus.

Die obersten Beamten der zwölf Verwaltungszweige wurden sodann je von
den zwölf Vertretungskörpern ernannt; die Ernennung der anderen Beamten
war Sache der Verwaltungschefs. In allen wichtigeren Fällen hatten diese
alle den Vertretungskörpern vorzulegenden Maßnahmen vorher gemeinsam
untereinander zu beraten.

Die Beratungen der verschiedenen Vertretungskörper fanden in der Regel
gesondert und meist auch in verschiedenen Sessionsperioden statt;
einzelne derselben waren in Permanenz, andere traten bloß einigemal im
Jahr für wenige Tage zusammen; auch die Mitgliederzahl dieser
Fachparlamente war verschieden; das schwächste derselben, das für
Statistik, bestand bloß aus 30 Mitgliedern, die vier zahlreichsten
zählten je 120 Mitglieder. Wenn Angelegenheiten, die mehrere
Vertretungskörper gemeinsam interessierten, zur Sprache kamen, so traten
die betreffenden Körperschaften zu gemeinsamen Sitzungen zusammen.
Kompetenzstreitigkeiten waren unmöglich, da der bloße von Seiten welches
Vertretungskörpers immer ausgesprochene Wunsch, an den Beratungen irgend
eines anderen Teil zu nehmen, dazu genügte, um die betreffende
Angelegenheit zu einer gemeinsamen zu machen.

Das naturgemäße Ergebnis dieser Organisation war, daß jeder Bewohner
Freilands bloß an jenen öffentlichen Angelegenheiten teilnahm, von denen
er etwas verstand oder doch zu verstehen glaubte, und daß er in jedem
Verwaltungszweige jenem Kandidaten seine Stimme gab, der seiner Meinung
nach der berufenste und befähigteste gerade für den fraglichen
Verwaltungszweig war, was wieder zu naturgemäßen -- abendländischem
Begriffe nach allerdings schier unglaublichen -- Folge hatte, daß jeder
öffentliche Verwaltungszweig von den sachverständigsten und berufensten
Männern in ganz Freiland verwaltet wurde. Und dabei entwickelte sich
sehr bald eine höchst eigentümliche Art politischer Ehre, die
gleichfalls sehr verschieden war von der überall anderwärts geltenden.
Gilt es da draußen für »gesinnungstüchtig,« der einmal erwählten Partei
unterschiedlos durch Dick und Dünn zu folgen, ihr seine Stimme und
seinen Einfluß zu leihen, gleichviel ob man von der Sache, um die es
sich gerade handelt, etwas versteht oder nicht, so verlangt die
politische Ehre eines Bürgers von Freiland zwar noch viel entschiedener,
daß er seine Aufmerksamkeit und seinen Eifer den öffentlichen
Angelegenheiten widme; die öffentliche Meinung verübelt es ihm aber
höchlich, wenn er -- gleichviel aus welchen Rücksichten -- sich in
solche Angelegenheiten mengt, von denen er offenbar nichts versteht, so
daß streng genommen schon vom Wähler verlangt wird, daß er in jenen
Verwaltungszweigen, bei denen er das Gewicht seiner Stimme geltend
macht, einigermaßen Fachmann sei. Die Wahlen befinden sich daher
durchweg in sehr guter Hand, Beeinflussung der Wählerschaften durch
phantastische Vorspiegelungen oder Versprechungen wären, selbst wenn
versucht, niemals von Erfolg. Es giebt keinen Wähler, der für sämtliche
zwölf Vertretungskörper wählen würde; speziell die Frauen halten sich
mit verschwindenden Ausnahmen fern von allen Wahlen, die nach
Berufsklassen vorgenommen wurden; dagegen beteiligen sie sich sehr
lebhaft an den nach Wohnbezirken stattfindenden; speciell bei denen für
Unterrichtswesen geben ihre Stimmen den Ausschlag. Auch ihr passives
Wahlrecht kommt zur Geltung und in den Vertretungskörpern für
Versorgungswesen, Kunst und Wissenschaft, Sanitätswesen und Justiz
sitzen häufig, in dem für Unterricht stets mehrere Frauen. An der
Exekutive beteiligen sie sich niemals. Der Vollständigkeit halber mag
noch erwähnt werden, daß die gewählten Abgeordneten für ihre Thätigkeit
bezahlt werden und zwar erhalten sie für jeden Tag der Sessionsdauer je
acht Stundenäquivalente.

Nachdem die Verfassung von der Konstituante angenommen worden war, löste
sich diese auf und es wurden sofort die Wahlen für die zwölf
Vertretungskörper vorgenommen. Pünktlich am 20. Oktober traten diese
zusammen und der Ausschuß legte in deren Hände seine Gewalten nieder.
Die alten Ausschußmitglieder wurden jedoch als Chefs der verschiedenen
Verwaltungszweige wiedergewählt, mit Ausnahme von Vieren, welche
erklärten, kein öffentliches Amt mehr anzunehmen und an deren Stelle
neue Männer traten. Die Regierung von Freiland war endgiltig
konstituiert.

Inzwischen waren die drei zur Feststellung der geeignetsten Trace für
eine Eisenbahn an die Küste entsendeten Expeditionen zurückgekehrt. Die
eine derselben, die auf der kürzesten Route, im Danathale an die
Wituküste, operiert hatte, war zwar auf keine ungewöhnlichen
Terrainschwierigkeiten gestoßen und die Voraussicht, daß diese weitaus
kürzeste Strecke sich als die technisch empfehlenswerteste erweisen
werde, hatte sich bewährt; auch im übrigen hatte sich bis zu einer
Entfernung von 200 Kilometern vom Kenia keinerlei ernstliche
Schwierigkeit ergeben; aber von da ab bis an die Küste setzten die jenes
Gebiet bewohnenden Gallastämme der Expedition einen so hartnäckigen und
bösartigen Widerstand entgegen, daß die Feindseligkeiten zwei Monate
lang kein Ende nahmen, zahlreiche Gefechte bestanden werden mußten, in
denen sich die Gallas zwar stets schwere Züchtigungen holten, die aber
doch nicht bewirken konnten, daß die Expedition anders, als in stetem
Kriegszustande ihre doch durchaus friedliche Mission zu erfüllen
vermochte. Der Eisenbahnbau durch jenes Gebiet hätte durch einen
förmlichen Feldzug zur Pacifizierung oder Vertreibung der Galla
eingeleitet werden müssen und wäre auch dann nur unter dauernder
Kriegsbereitschaft zu vollenden gewesen. Diese Linie mußte also --
vorläufig zum mindesten -- fallen gelassen werden.

Nicht minder gewichtige Gründe sprachen gegen die Linie über Ukumbani
längs des Athiflusses. Die Trace durch das Flußthal wäre zwar ohne
sonderliche technische Schwierigkeiten gewesen, aber sie durchzog,
insbesondere in der zweiten Hälfte, ungesundes Sumpf- und Dschungelland,
welches in nächster Zukunft nicht kulturfähig zu machen war. Entschied
man sich dagegen für eine, das eigentliche Flußthal verlassende, die
begleitenden Höhenzüge durchquerende Nebenvariante, so waren die
technischen Verhältnisse nicht günstiger und die voraussichtlichen
Baukosten nicht geringer, als bei der dritten Linie, der längs unserer
alten Straße nach Mombas nämlich, die denn auch einhellig gewählt wurde.
Zu ihren Gunsten sprach der gewichtige Umstand, daß sie befreundete
Gebiete durchzog, die in nicht zu ferner Zukunft höchst wahrscheinlich
von freiländischen Kolonisten zum Wohnplatze erkoren werden durften; daß
sie die längste und kostspieligste von allen war, konnte daher, wenn der
Kostenunterschied nicht allzusehr in die Wagschale fiel -- was, wie sich
zeigte, thatsächlich nicht der Fall war -- nicht abhalten, ihr den
Vorzug zu geben.

Der Bau wurde unverzüglich begonnen. Mächtige, neuartige Maschinen aller
Art waren inzwischen in großer Zahl durch unsere freiländischen
Maschinenfabriken konstruiert worden, und mit diesen ausgerüstet,
griffen 5000 freiländische und 8000 Negerarbeiter das Werk an 18 Punkten
zugleich an, wobei die 11 größeren und 32 kleineren Tunnels in einer
Gesamtlänge von 38 Kilometern, die auf der Strecke vorkamen, und die
jeder für sich ein eigenes Bauobjekt bildeten, gar nicht mitgezählt
sind. Die Schienen -- bestes Bessemermaterial -- lieferten teils unsere
eigenen Fabriken, teils -- und zwar für die Strecke Mombas-Taweta --
kamen sie aus Europa. Zwei Jahre nach Beginn des ersten Spatenstiches
wurde die Teilstrecke Edenthal-Ngongo, drei Monate später die Strecke
Mombas-Taweta und abermals ¾ Jahre später das Mittelstück Ngongo-Taweta
dem Verkehr übergeben, so daß genau fünf Jahre, nachdem unsere Pioniere
zum erstenmale den Boden von Freiland betreten hatten, die erste
Lokomotive, die den Tag zuvor noch die Brandung des indischen Oceans an
die Ufer von Mombas schlagen gesehen, die Gletscher des Kenia mit
gellendem Pfiff begrüßte.

Daß dieses gewaltige Werk in so kurzer Frist und mit verhältnismäßig so
geringem Arbeitsaufwande vollendet werden konnte, verdankten wir unseren
Maschinen, auf deren Rechnung es auch zu stellen ist, daß der
Kostenaufwand sich innerhalb verhältnismäßig billiger Grenzen hielt,
trotzdem wir unseren Arbeitern -- selbstverständlich -- Löhne zahlen
mußten, wie sie wohl noch bei keinem Eisenbahnbaue jemals vorgekommen.
Unsere freiländischen Eisenbahnbauer -- sie hatten sich natürlich sofort
zu einer Anzahl von Associationen zusammengethan -- bezogen im ersten
Baujahre einen Tagesverdienst von je 22 Sh., im dritten einen solchen
von 28 Sh. -- und arbeiteten dabei bloß je 7 Stunden täglich. Trotzdem
kosteten die gesamten 1082 Kilometer, meist ziemlich schwieriger
Gebirgsbahn, bloß 9½ Millionen Pfd. Sterling, d. i. nicht ganz 9000 Pfd.
Sterling per Kilometer. Unsere 13000 Arbeiter leisteten eben mit ihren
großartigen kraftersparenden Maschinen mehr, als 100000 gewöhnliche
Arbeiter mit Haue, Krampe und Karren auszurichten vermocht hätten: und
die Verwendung dieses kolossalen, mehr als 4 Millionen Pfd. Sterling
verschlingenden »Kapitals« war »rentabel,« gerade weil die Arbeit so
hohen Lohn empfing.

Daß zugleich mit dieser -- zweigeleisigen -- Eisenbahn auch ein
Telegraph zwischen Edenthal und Mombas gelegt wurde, ist
selbstverständlich.

Während aber diese Arbeiten im Zuge waren, und die unaufhaltsam
anwachsende Bevölkerung von Freiland in engere Berührung mit der alten
Heimat trat, hatten sich in den Beziehungen zu unseren eingeborenen
afrikanischen Nachbarn wichtige Veränderungen vollzogen, teils
friedlicher, teils kriegerischer Natur, die von nicht minder bedeutsamem
Einflusse auf den Entwickelungsgang unseres Gemeinwesens waren.

Zunächst hatten die Massai von Leikipia und aus dem Seengebiete zwischen
Naiwascha und Baringo aus eigener Initiative und auf eigene Kosten, wenn
auch unter Anleitung von ihnen erbetener freiländischer Ingenieure, eine
gute, 380 Kilometer lange Fahrstraße durch ihr ganzes Gebiet vom
Naiwaschasee erst nördlich und dann östlich durch Leikipia bis nach
Edenthal gebaut. Sie erklärten, es gehe wider ihre Ehre und ihren Stolz,
daß sie durch fremdes Gebiet von uns getrennt seien und wenn sie uns
oder wir sie besuchen wollten, der einzige praktikable Weg über das Land
der Wakikuja genommen werden müsse. So groß war der eifersüchtige Wunsch
nach unmittelbarem Anschlusse an unser Gebiet, daß die Massai, als sie
ein Teil der angeworbenen Wataweta-Straßenarbeiter irgend einer
Mißhelligkeit halber während der besten Bauzeit plötzlich im Stiche
ließ, selber zugriffen und abwechselnd in der Zahl von 3000 das Werk mit
einer Energie förderten, die Niemand bei diesem noch vor kurzem so
arbeitsscheuen Volke für möglich gehalten hätte. Wir beschlossen denn
auch, diesen Beweis ungewöhnlicher Anhänglichkeit und Tüchtigkeit durch
einen ebenso hervorragenden Akt der Anerkennung zu belohnen. Als die
Massaistraße fertig war und eine aus den Ältesten und Führern aller
Stämme bestehende Massaideputation auf derselben freude- und
triumphstrahlend ihren Einzug in Edenthal hielt, wurde dieselbe mit
großen Ehren empfangen, und mit Geschenken für das ganze Massaivolk
bedacht, die dem Bauwerte der neuen Straße ungefähr gleichkamen.

Die damit bewerkstelligte innigere Verbindung mit den nördlichen und
westlichen Massaistämmen brachte uns bald darauf in Berührung mit den am
Ostufer des Ukerewe-Sees wohnenden Kawirondo. Diese, ein sehr
zahlreicher und friedlich von Ackerbau und Viehzucht lebender
Volksstamm, grenzten im Norden ihres Gebietes an Uganda, wo in den
letzten Jahren mannigfache innere Kämpfe und Umwälzungen vor sich
gegangen waren. Unähnlich den anderen Völkern, die wir bis dahin kennen
gelernt und die sämtlich in unabhängigen, nur lose verbundenen kleinen
Stämmen, meist unter freigewählten Häuptlingen mit geringem Einflusse
lebten, waren die Wangwana (der Name für die Bewohner von Uganda) schon
seit Jahrhunderten zu einem größeren, despotisch regierten Staate unter
einem Kabaka oder Kaiser vereinigt. Ihr Reich, dessen Stammland sich
längs des Nordufers des Ukerewe erstreckt, war von wechselndem Umfange,
je nachdem die wilde Eroberungspolitik des jeweiligen Kabaka den
umliegenden Völkerschaften gegenüber von größerem oder geringerem
Erfolge begleitet war; stets aber blieb Uganda eine Geißel für alle
Nachbarn, die unter den unaufhörlichen Beutezügen, Erpressungen und
Grausamkeiten der Wangwana litten. Weite, fruchtbare Landstriche
verödeten unter dieser Plage, und als vollends seit einer Reihe von
Jahren der Kabaka es verstanden hatte, sich durch Vermittelung
arabischer Händler in den Besitz einiger tausend -- wenn auch recht
miserabler -- Gewehre und einiger Geschütze zu setzen, mit welch
Letzteren er mangels geeigneter Munition allerdings wenig auszurichten
vermochte, wuchs der Schrecken vor dem grausamen Raubstaate in riesigen
Dimensionen. Gerade in die Zeit unserer Ankunft am Kenia war eine Epoche
vorübergehender Ruhe gefallen, weil die Wangwana, durch innere
Streitigkeiten allzusehr beschäftigt, ihren Nachbarn geringere
Aufmerksamkeit schenken konnten. Nach des letzten Kabaka Tod machten
sich dessen zahlreiche Söhne die Herrschaft in Kriegen streitig, die,
mit bestialischer Wut geführt, das Land schrecklich verheerten, bis
endlich einer der Prätendenten, der den Namen des durch seine unerhörte
Grausamkeit wie durch sein Kriegsglück berühmten großen Ahnen Suna
führte, sich im Vorjahre durch Verräterei der Mehrzahl seiner Brüder
entledigte. Von da ab konzentrierte sich die Macht mehr und mehr in
dieses Kabaka Händen und sofort begannen auch die Überfälle und
Brandschatzungen der benachbarten Stämme. Insbesondere richtete sich
Sunas Zorn gegen die Kawirondo, weil diese einen seiner Brüder, der zu
ihnen geflüchtet, ihm nicht ausgeliefert, sondern hatten entwischen
lassen. Wiederholt waren einige tausend Wangwana in Kawirondo
eingefallen, hatten Menschen und Vieh geraubt, die Dörfer angezündet,
die Bananen umgehauen, die Ernten verwüstet und sich dabei unmenschliche
Grausamkeit zu schulden kommen lassen. Die Kawirondo wandten sich in
ihrer Not an die nördlichen Massaistämme um Hülfe. Es war die Kunde zu
ihnen gedrungen, daß wir den Massai Gewehre und Pferde geschenkt hätten,
und sie baten nun diese, ihnen eine Schar europäisch ausgerüsteter
Krieger zur Bewachung ihrer Grenze gegen Uganda zu senden; als Lohn
versprachen sie jedem ihnen zu Hülfe ziehenden Massaikrieger neben
vollständiger reichlicher Verpflegung einen Ochsen monatlich, den
Reitern zwei.

Weniger dieses Lohnes halber, als um ihrer Abenteuerlust zu genügen,
sagten die Massai zu. 2500 El-Moran machten sich nach Kawirondo auf und
bezogen dort -- es war das im März des vierten Jahres von Freiland, an
der Grenze gegen Uganda eine Reihe von Kantonnements.

Anfangs ging auch alles vortrefflich; die Wangwanaräuber wurden, wo sie
sich zeigten, mit blutigen Köpfen heimgeschickt, auch wenn sie mit
bedeutender Übermacht auftraten und es schien nach einigen Monaten fast,
als ob man in Uganda, durch die empfangenen herben Lektionen gewitzigt,
Kawirondo künftighin in Frieden zu lassen gedenke, denn es verlautete
geraume Zeit nichts mehr von neuen Einfällen. Da plötzlich, wir waren in
Freiland eben mit Einbringung der Oktoberernte beschäftigt, traf uns die
erschütternde Kunde von einer schrecklichen Katastrophe, die über unsere
Massaifreunde in Kawirondo hereingebrochen. Der Kabaka Suna hatte nur
Ruhe gehalten, um zu einem größeren, vernichtenden Schlage auszuholen.
Während die bisherigen Einfälle nach Kawirondo immer nur mit wenigen
tausend Mann versucht worden waren, vereinigte er diesmal 30000 Mann,
darunter 5000 Flintenträger, und überfiel mit diesen persönlich die
ahnungslosen Kawirondo und Massai. Es gelang ihm, die 900 Mann mit 300
Pferden zählende Massaibesatzung eines Grenzlagers beinahe im Schlafe zu
überfallen und bevor sie sich noch zu ernstem Widerstande zu sammeln
vermochte, niederzumetzeln. Dadurch waren die Massai nicht bloß um mehr
als ein Drittel ihrer Stärke reduziert, sondern außerdem in zwei
zusammenhanglose Teile getrennt, denn das überfallene Lager lag gerade
im Centrum ihres Grenzkordons. Statt nun aber schleunigst den Rückzug
anzutreten und bestenfalls erst nach vollzogener Vereinigung ihrer
getrennten Streitkräfte die Offensive zu ergreifen, ließ sich einer der
Massaiführer, kaum daß er 500 Mann zusammengerafft hatte, in der Wut
über den Untergang so vieler seiner Kameraden zu einem tollkühnen
Angriffe auf die ungeheuere Überzahl der Feinde verleiten, fiel dabei in
einen Hinterhalt und wurde, nachdem er seine Patronen nur zu rasch
verschossen hatte, mitsamt den Seinen, von denen nur wenige Mann
entkamen, nach heldenmütigem Widerstande gleichfalls niedergemetzelt.
Nur 1100-1200 Massai vermochte unser nunmehr das Oberkommando
übernehmende Freund Mdango auf dem andern Flügel zu vereinen und mit
diesen gelang es ihm auch, einen ziemlich geordneten Rückzug ins Innere
von Kawirondo anzutreten, wenig verfolgt von Suna, dessen Hauptaugenmerk
auf die Bergung der kolossalen Beute gerichtet war.

Noch am nämlichen Tage, an welchem uns Massai- und Kawirondo-Eilboten
diese Trauerkunde überbrachten, ging unser Ultimatum an Suna ab. Den
Massai, die sich erboten hatten, ihre gesamten Krieger gegen Uganda zu
senden, ließen wir sagen, 1000 Mann zu den noch in Kawirondo stehenden
1200 seien mehr als genug; diese 2200 Massai stellten wir unter
freiländische Offiziere, nahmen aus unserer Mitte 900 Freiwillige,
darunter 500 Reiter, dazu 12 Geschütze und 16 Raketen nebst 30
Elefanten, und schon am 24. Oktober brach Johnston, der Führer dieses
Kriegszuges, unter Benutzung der Massaistraße nach Kawirondo auf.

Dort traf er rings um das -- jetzt, wo es zu spät war, sehr vorsichtig
verschanzte und bewachte -- Lager der El-Moran ungezählte Tausende mit
Speer und Bogen bewaffneter Kawirondo und Nangi, die er aber allesamt
als unnützen Troß heimschickte. Am 10. November überschritt er die
Ugandagrenze, sechs Tage später wurde Suna in einem kurzen Gefecht in
der Nähe der Riponfälle total auf's Haupt geschlagen, sein 110000 Mann
zählendes Heer in alle Winde zerstreut und er selbst nebst einigen
tausend Mann seiner von Küstenarabern geführten, mit Flinten bewaffneten
Leibgarde gefangen genommen.

Schon am zweiten Tage nach der Schlacht besetzten die Unseren Rubaga,
die Hauptstadt von Uganda. Dort stellten sich in rascher Folge die
sämtlichen Häuptlinge des Landes ein, bedingungslose Unterwerfung
gelobend und bereit, jede ihnen auferlegte Forderung zu erfüllen.
Johnston aber bot ihnen an, sie in den großen Bund all der bisher mit
uns in Berührung getretenen eingeborenen Völker aufzunehmen, worauf die
Wangwana selbstverständlich mit größter Freude eingingen. Die ihnen
auferlegten Bedingungen waren: Freigebung aller Sklaven, friedliche
Aufnahme freiländischer Kolonisten und Instruktoren und Ersatz alles den
Kawirondo und Massai zugefügten Schadens. In letzterer Beziehung war
übrigens das Wangwanavolk gar nicht in Mitleidenschaft gezogen, denn die
unermeßlichen Rinderherden ihres Kabaka, die uns als gute Beute in die
Hände gefallen waren, genügten reichlich zu vollem Ersatz des in
Kawirondo gemachten Raubes und als Buße für die getöteten Kawirondo- und
Massaikrieger. Suna selber wurde als Gefangener abgeführt und am
Naiwaschasee interniert.

Der fernere Verlauf der Ereignisse war dann ein friedlicher, nur von
einem vereinzelten Empörungsversuche im Lande verbliebener Araber
unterbrochener, welchen Versuch aber die Wangwana selber energisch und
prompt unterdrückten, ohne daß unsere Intervention notwendig gewesen
wäre. Allerdings trug eine gute Heerstraße, welche die Kawirondo und
Nangi vom Ukerewe bis zum Anschlusse an die Massaistraße am Baringosee
ausbauten, und eine an der Grenze zwischen Kawirondo und Uganda
angesiedelte Massaikolonie von 3000 El-Moran einigermaßen dazu bei, die
Wangwana in gehörigem Respekt zu erhalten. Doch genügte der Hauptsache
nach seit der Schlacht an den Riponfällen der bloße Klang unseres
Namens, uns auch in diesem Teile des äquatorialen Innerafrika Ruhe und
Frieden zu gewährleisten. Rings um den Ukerewe, dessen Ufer seit
unvordenklicher Zeit der Schauplatz grimmigen, erbarmungslosen Krieges
Aller gegen Alle gewesen, stellten sich allmählich Gesittung und
Menschlichkeit ein, und verhältnismäßig rasch entwickelte sich in deren
Gefolge, selbst unter den bis dahin wildesten der umwohnenden Stämme,
nicht unerheblicher Wohlstand.

Der Ukerewe ist, auch abgesehen von seiner Größe, unter den Riesenseen
des centralen Afrika der bedeutsamste. Sein Spiegel deckt eine Fläche
von circa 50000 Quadratkilometern, er ist also, außer dem Kaspisee, dem
Aralsee und der großen nordamerikanischen Seegruppe, das größte
Binnenwasser der Erde. Diese ganze das Königreich Bayern an Umfang
übertreffende Wassermasse, deren Tiefe in gutem Verhältnisse zu ihrer
Flächenausdehnung steht, denn das Senkblei erreicht stellenweise erst
bei 480 Metern den Grund, befindet sich in einer Höhe von 1350 Metern
über dem Meeresniveau, d. i. 200 Meter über dem Gipfel des Brocken, des
höchsten der Berge Mitteldeutschlands. Umrahmt aber wird dieser Hochsee
meist von Gebirgszügen, die sich noch 500-1500 Meter über seinen Spiegel
erheben, so daß das Klima seiner -- ausnahmslos gesunden, von Sümpfen
freien -- Uferlandschaften überall gemildert, stellenweise geradezu
arkadisch ist. Und dieser gewaltige, malerische, an vielen Stellen
hochromantische See ist das Quellenbassin des heiligen Nil, der, ihn am
äußersten Nordende über die Riponfälle verlassend, von hier aus dem 450
Meter tiefer gelegenen Albert Njanza zuströmt und von dort aus als
weißer Nil seinen Lauf fortsetzt.

Schon zwei Monate nachdem wir uns in Kawirondo und Uganda festgesetzt,
durchfurchte ein Schraubendampfer von 500 Tonnen die meeresgleichen
Wogen des Ukerewe und vor Schluß des nächsten Jahres bestand unsere
Seeflotille aus 5 Schiffen. Dieselben wurden überall an der Küste
freundlich aufgenommen und der von ihnen entfachte lebhafte Handel
erwies sich als eines der kräftigsten Beförderungsmittel rasch
zunehmender Civilisation. Die Fruchtbarkeit der Uferlandschaften dieses
herrlichen Sees ist geradezu grenzenlos; wenige hundert Quadratmeter gut
bewässerten Bodens genügen, um alle Bedürfnisse einer noch so
zahlreichen Familie zu decken, und als wir die Eingebornen erst einmal
mit brauchbaren Geräten der Bodenkultur bekannt und vertraut gemacht
hatten, war der überall erzeugte Überfluß der erlesensten Garten- und
Feldfrüchte beispiellos. Merkwürdigerweise blieb das Wachstum der
Bedürfnisse, insbesondere unter den am Westufer des Sees wohnenden
Volksstämmen, lange Zeit hinter der Verbesserung der Produktionsmittel
erheblich zurück. Diese einfachen Völkchen erzeugten beinahe ohne
Arbeitsaufwand, oft aus bloßer Neugierde nach der Wirksamkeit der zu
ihnen gebrachten verbesserten Werkzeuge, wesentlich mehr als sie
gebrauchten und da sie den Begriff des Grundeigentums nicht kannten, der
unverwendbare Überfluß also bei ihnen nicht wie sonst unfraglich
geschehen wäre, Massenelend erzeugen konnte, so wurde hier Jahre
hindurch das Märchen vom Schlaraffenlande zur Wahrheit. Der
Eigentumsbegriff verlor beinahe seinen ganzen Inhalt, Lebensmittel
wurden wertlos, jedermann konnte sich davon nehmen so viel er mochte;
durchreisende Fremde fanden überall gedeckten Tisch, kurzum, das goldene
Zeitalter schien seinen Einzug am Ukerewe halten zu wollen. Indessen
erwies sich diese gänzliche Bedürfnislosigkeit ebenso auch als Hindernis
vermehrten Fortschritts und wir gaben uns daher -- wenn auch nicht ganz
ohne Bedauern -- ernstliche Mühe, diesen paradiesischen Zustand insofern
zu stören, als wir den Leutchen Geschmack an vermehrten Bedürfnissen
beizubringen suchten, was langsam zwar, aber schließlich doch gelang.
Erst zugleich mit diesen schlugen dann höhere Gesittung und geistige
Kultur in jenem Erdenwinkel tiefere Wurzeln.



                              12. Kapitel.


Eine der Hauptaufgaben der freiländischen Verwaltung, zu deren
Durchführung in der Regel die Ministerien für Kunst und Wissenschaft und
für öffentliche Arbeiten einander die Hände reichten, war die gründliche
Erforschung unserer neuen Heimat und zwar zunächst des engeren
Keniagebietes, dann aber weiter ausgreifend auch aller benachbarten
Landschaften, mit denen wir successive in stets engere Berührung traten.
Das oro- und hydrographische System des ganzen Landes wurde
festgestellt, Bodenbeschaffenheit und Klima genau untersucht und dabei
sowohl der höhere wissenschaftliche, als der prosaische
Nützlichkeitsstandpunkt gleichmäßig vor Augen gehalten. Ersteren
anlangend kam zunächst eine genaue, wenn auch noch nicht alle Details
umfassende Terrainkarte des ganzen Massai- und Kikujalandes zu stande;
alle hervorragenden Berghöhen wurden genau vermessen und -- der
Keniagipfel nicht ausgenommen -- erstiegen.

Der Ausblick vom Kenia ist großartig über alle Maßen, bietet aber --
abgesehen vom Kenia und seinem Gletscher selber -- wenig Abwechslung.
Rings im Umkreise, so weit der Blick reichen mag, dehnt sich
fruchtbarstes, üppigstes Land, durchzogen von zahllosen Flußläufen, die
jedoch nirgend, mit Ausnahme einer etwa 5000 Quadratkilometer großen
Bodenmulde im Nordwesten, zur Versumpfung des Bodens führen. Der
hervorstechende Charakter des ganzen Gebietes ist der eines in
zahlreichen Terrassen abfallenden, von mäßigen Bergrücken durchbrochenen
Tafellandes. Erst von der obersten Terrasse ab beginnen die eigentlichen
Vorberge des Kenia, die rings um das aus einem Gusse steil und
unvermittelt aufsteigende eigentliche Keniamassiv einen Gebirgsgürtel
von verschiedener Breiten- und Höhenentwickelung schließen. Dieses
Massiv trägt in einer Höhe von 5000 bis 5500 Metern eine Reihe riesiger
Gletscherfelder, aus deren Mitte dann steil der Gipfel des Berges
emporsteigt, in einiger Entfernung flankiert von einem noch steileren,
kleinen Horne.

Durchaus verschiedenen Charakter zeigt die zweitwichtigste der zum
Gebiete von Freiland gehörigen Gebirgsbildungen, nämlich die 70
Kilometer westlich vom Kenia in einer Längenausdehnung von reichlich 100
Kilometern und in einer Breite von durchschnittlich 20 Kilometern von
Norden nach Süden streichende Aberdarebergkette. Die höchsten Gipfel
dieses Gebirgszuges erreichen 4500 Meter Seehöhe, und während der Kenia
überall das Gepräge des Großartigen zeigt, ist bestrickende Lieblichkeit
der hervorstechende Charakterzug der Aberdarelandschaften. Zwar fehlt es
auch hier nicht an Bergkolossen von überwältigendem Eindrucke, aber das
Charakteristische sind die in reizvollster Abwechslung sich
aneinanderschließenden romantischen, sanftgeschwungenen Berge und weiten
Thäler, teils von üppigen, aber durchschnittlich nicht allzu dichten
Wäldern, teils von smaragdenen, blumigen Wiesen bestanden, überall
bespült von zahllosen kristallklaren Bächen und Flüssen, Seen und
Teichen. Einem einzigen, herrlichen Parke gleicht dieses 2000
Quadratkilometer bedeckende Gebirgsland, von dessen Höhen aus gen Osten
überall das überwältigende Schneemeer des Kenia, gen Westen die Smaragd-
und Saphirflächen der großen Massaiseen -- Naiwascha, Elmeteita und
Nakuro -- sichtbar sind. Und diese wunderliebliche Landschaft, die in
sich alle Reize der Schweiz und Indiens vereinigt, birgt zugleich im
Schoße ihrer Berge überschwengliche mineralische Schätze. Hier und nicht
am Kenia, das hatten unsere Geologen bald festgestellt, war der
zukünftige Sitz der freiländischen Industrie, insbesondere der
metallurgischen. Kohlenlager, die an Mächtigkeit und Güte den besten
englischen mindestens ebenbürtig sind, Magneteisenstein mit einem
Eisengehalte von 50 bis 70 Prozent, Kupfer, Blei, Wismut, Antimon,
Schwefel in reichen Gängen, an der Westabdachung, gerade oberhalb des
Salzsees von Nakuro, ein großes Steinsalzlager, und noch eine Menge
anderer Schätze wurden in rascher Reihenfolge entdeckt und die
bestgelegenen sofort in Ausbeutung genommen. Insbesondere die
neueröffneten Kupferminen fanden unmittelbar bei Anlage des Telegraphen
an die Küste umfassende Verwendung, die jedoch an Ausdehnung von
derjenigen zu Zwecken elektrischer Kraftleitungen alsbald übertroffen
wurde.

Denn am Kenia hatte sich inzwischen mancherlei verändert. Die
Bevölkerung von Freiland war, da der Zuzug unaufhaltsam sich steigerte,
schon gegen Schluß des vierten Jahres auf 780000 Seelen gestiegen. Ein
großer Teil des Edenthals war zu einer einzigen, 102 Quadratkilometer
bedeckenden und 58000 Wohnhäuser zählenden Villenstadt geworden, deren
270000 Einwohner dem Gartenbau, industriellen Gewerben oder geistiger
Beschäftigung oblagen. Aber auch die auf 140000 Seelen angewachsene
Bevölkerung des Danaplateaus betrieb neben der Kultur des dort noch
verfügbaren Ackerlandes zum weitaus überwiegenden Teil gleichfalls
verschiedenartige Industrieen, während die Landwirtschaft der Hauptsache
nach hinabgerückt war in die jenseits der umgrenzenden Waldzone um 200
Meter tiefer gelegene Hochebene, die -- mit mannigfaltigen
Unterbrechungen allerdings -- rings um den ganzen Gebirgsstock sich
erstreckend, auf ihrem 8000 Quadratkilometer umfassenden fruchtbaren
Boden bis auf weiteres genügenden Raum zur Ausdehnung bot.

Hier wurden zunächst 96000 Hektaren (960 Quadratkilometer) unter den
Pflug genommen, nachdem sie zuvor -- gleich allem Kulturboden in ganz
Freiland -- durch einen tüchtigen Balkenzaun gegen die Besuche lästigen
Wildes geschützt worden waren. Kleineres Wild, welches durch Einhegung
von den Saaten nicht fernzuhalten war, hielten die Hunde in Respekt,
die, in großer Menge gezüchtet, darauf dressiert waren, diese
Feldeinzäunungen und ebenso die Hürden des Viehs fleißig zu umkreisen.
Dieser Schutz erwies sich gegen alles den Saaten nachstellende Getier
als vollkommen ausreichend, die Affen etwa ausgenommen, unter die
zeitweise geschossen werden mußte, wenn sie sich auf ihren nächtlichen
Raubzügen durch noch so wütendes Gekläffe der vierbeinigen Wächter nicht
vollständig verscheuchen ließen.

Zum Betriebe der in dieser Landwirtschaft in Gebrauch stehenden
Maschinen wurde zwar vorläufig noch Dampfkraft verwendet; es war aber
die Herstellung einer großartigen elektrischen Kraftanlage im Werke, die
künftighin die Dampfmotoren überflüssig machen sollte. Die Triebkraft
für die elektrischen Dynamos lieferte der Danafluß, der, verstärkt durch
zwei mächtige Gebirgsbäche, die sich unterhalb des großen Wasserfalls
mit ihm vereinen, am unteren Ende des Tafellandes, welches wir seiner
Bestimmung entsprechend, Kornland genannt hatten, in einer Reihe
gewaltiger Stromschnellen und Katarakte dem Tieflande zueilt. Und zwar
wurde zu Zwecken der Betriebe von Kornland nicht etwa der große
Wasserfall von 90 Meter Fallhöhe am Ausgange des Danaplateaus benutzt,
sondern eben jene Stromschnellen und kleineren, aber zahlreichen
Katarakte, von denen soeben die Rede gewesen. Diese ergeben insgesamt
eine Fallhöhe von 265 Metern, und da der Fluß hier bereits gewaltige
Wassermassen führt, so war durch entsprechende Kombination von Turbinen
und elektrischen Kraftmaschinen ein Gesamteffekt von 5 bis 600000
Pferdekräften zu erzielen, weit mehr, als zur Bewirtschaftung des
gesamten Bodens von Kornland selbst bei intensivster Kultur erforderlich
sein konnte. Die für das nächste Jahr veranschlagten Kraftanlagen waren
auf 40,000 indizierte Pferdekräfte berechnet. Gut isolierte, starke
Kupferstränge sollten die von 20 riesigen Turbinen auf 200
Dynamomaschinen erzeugten elektrischen Ströme in die Wirtschaftsgebäude
und über den zu bewirtschaftenden Boden leiten, wo die in diesen Strömen
abgelagerte Kraft alle landwirtschaftlichen Arbeiten -- vom Pflügen
angefangen bis zum Dreschen, Reinigen und Transportieren des Getreides
-- zu vollbringen hatte. Denn auch ein Netz elektrischer Bahnen gehörte
mit zum Systeme dieser landwirtschaftlichen Anlage.

Der große Danakatarakt aber mit seiner, auf 124000 indizierte
Pferdekräfte berechneten Wasserkraft diente zunächst elektrischen
Beleuchtungszwecken in Edenthal und in den am Danaplateau gelegenen
Städten. Einstweilen genügten zu öffentlichen Beleuchtungszwecken 5000,
auf 35 Meter hohen Masten angebrachte Kontaktlampen von je 2000 Kerzen
Lichtstärke, die insgesamt 12000 Pferdekräfte erforderten; zur
Beleuchtung der Wohnhäuser und einzelner, auch bei Nacht in Betrieb
stehender Fabriketablissements standen 420000 Glühlampen in Verwendung,
die 40000 Pferdekräfte beanspruchten, so daß insgesamt 52000
Pferdekräfte von den elektrischen Kraftmaschinen am großen Katarakte
erzeugt werden mußten, die jedoch tagsüber auch zum Betriebe eines
Eisenbahnnetzes von insgesamt 340 Kilometer Ausdehnung Verwendung
fanden, welches die Hauptverkehrsadern und belebteren Straßenzüge im
Danaplateau und in Edenthal durchzog. Bloß abends und nachts, wenn die
Beleuchtung funktionierte, mußte der Eisenbahnbetrieb aus besonderen,
einige tausend Pferdekraft abgebenden Dynamos gespeist werden. Im ganzen
waren solcherart nahezu zwei Fünfteile der verfügbaren Gesamtkraft bis
zum Schlusse des fünften Jahres von Freiland zur Ausnutzung gelangt; die
noch erübrigenden drei Fünfteile blieben vorläufig noch unverwendet und
bildeten die Reserve für zukünftige Verwendungsarten der gleichen
Kraftquelle.

Ebenfalls in das vierte und fünfte Jahr Freilands fiel der Ausbau eines
Kanalnetzes und mehrerer Wasserleitungen, für Edenthal sowohl als für
das Danaplateau. Ersteres diente bloß zur Abfuhr der Meteorwässer in den
Dana, während das Spülwasser und der Unrat durch ein System
pneumatischer Aufsaugung vermittelst mächtiger Saugwerke in gußeisernen
Röhren abgeleitet, dann desinfiziert und als Dünger verwertet wurden.
Die Wasserleitungen wurden unter Benutzung der besten Hochgebirgsquellen
mit einer Leistungsfähigkeit von vorläufig 1 Million Hektoliter täglich
angelegt und sowohl zur Speisung zahlreicher öffentlicher Brunnen, als
auch zur Einleitung in sämtliche Privathäuser benutzt. Durch
Einbeziehung neuer Quellen war die Ergiebigkeit dieser Leitung in kurzer
Frist zu verdoppeln und zu verdreifachen. Gleichzeitig waren alle
Straßen makadamisiert worden, so daß nach jeder Richtung für die
Reinlichkeit und Gesundheit der jungen Städte bestens vorgesorgt war.

Die Unterrichtsverwaltung hatte inzwischen nicht minder gewaltige
Anstrengungen gemacht. Es hatte sich eine dahingehende öffentliche
Meinung entwickelt, daß die Jugend von Freiland ohne Unterschied des
Geschlechts und späteren Berufs einen Unterricht zu genießen habe, der
mit Ausnahme der lateinischen und griechischen Sprachstudien demjenigen
ungefähr entsprechen solle, der beispielsweise in den sechs ersten
Gymnasialklassen Deutschlands erteilt wird. Zu diesem Behufe sollten
Knaben wie Mädchen vom 6. bis 16. Jahre die Schule besuchen, wo sie nach
Erledigung der Elementarkenntnisse in Sprachlehre, Litteraturgeschichte,
Geschichte, Kulturgeschichte, Physik, Naturgeschichte, Geometrie und
Algebra unterwiesen wurden.

Nicht minderes Gewicht als auf die geistige und moralische wurde auf die
körperliche Ausbildung gelegt, ja es war Grundsatz in Freiland, daß
letztere vorauszugehen habe, indem ein gesunder harmonisch entwickelter
Körper die Voraussetzung eines gesunden, harmonisch entwickelten Geistes
sei. Und auch bei der geistigen Ausbildung wurde weniger auf die
Ansammlung von Kenntnissen, als auf die Anregung des jungen Geistes zu
selbständigem Denken gesehen, daher nichts ängstlicher und sorgfältiger
gemieden ward, als Überbürdung mit geistiger Arbeit. Kein Kind sollte --
die häuslichen Repetitionen mit eingerechnet -- länger als höchstens 6
Stunden täglich geistig beschäftigt sein; die Unterrichtsstunden für
alle geistigen Lehrfächer waren daher auf 3 Stunden täglich beschränkt,
während 2 andere Schulstunden täglich körperlichen Übungen -- dem
Turnen, Laufen, Tanzen, Schwimmen, Reiten, bei Knaben außerdem dem
Fechten, Ringen und Schießen -- gewidmet wurden. Ein fernerer Grundsatz
des freiländischen Unterrichtswesens war, daß auch die Kinder so wenig
wie die Erwachsenen zur Thätigkeit gezwungen werden sollten; einer
zielbewußten, konsequenten und in ihren Mitteln nicht beschränkten
Pädagogik -- so meinten wir -- könne es unmöglich schwer fallen, das
lenkbare Kindergemüt zu freiwilliger und freudiger Erfüllung vernünftig
bemessener Pflichten zu bringen. Und auch darin gab uns die Erfahrung
Recht. Unsere Unterrichtsleitung mußte es sich zwar in hohem Grade
angelegen sein lassen, den Unterricht anregend zu gestalten; nachdem ihr
dies aber einmal gelungen war, lernten unsere Jungen und Mädchen in der
halben Zeit doppelt so viel und gründlich, als ihre physisch und geistig
mißhandelten europäischen Altersgenossen. Der Unterricht wurde --
abermals aus Rücksichten der Gesundheit -- so weit nur immer möglich im
Freien erteilt. Die Schulhäuser waren daher sämtlich entweder
inmitten großer Gärten oder am Waldessaum errichtet, und die
naturwissenschaftlichen Disziplinen wurden regelmäßig, andere häufig,
mit Ausflügen in die Umgebung in Verbindung gebracht. Dafür bot aber
auch unsere Schuljugend ein anderes Bild, als wir es in der alten Heimat
und insbesondere in deren Großstädten zu sehen gewohnt waren. Rosige,
von Gesundheit, Kraft und Lebensfreude strotzende Gesichter und
Gestalten, Selbstvertrauen und sichere Intelligenz aus jeder Miene, aus
jeder Geberde hervorleuchtend -- so traten unsere Kinder in den Ernst
des Lebens ein.

Natürlich erforderte eine derartige Organisation des Unterrichts ein
sehr zahlreiches und tüchtiges Lehrpersonal. In der That kam in Freiland
durchschnittlich schon auf je 15 Schulkinder je eine Lehrkraft, und um
die Auswahl unter den besten Intelligenzen des Landes zu haben, mußten
hohe Gehalte gezahlt werden. Für die vier ersten Klassen -- in denen
überwiegend Mädchen oder junge Witwen unterrichteten -- betrug der
Jahresgehalt zwischen 1400 bis 1800, für die sechs anderen Klassen -- in
denen hinwieder die männlichen Lehrkräfte überwogen -- 1800 bis 2400
Stundenäquivalente; im fünften Jahre der Gründung waren das, in Geld
umgerechnet, Gehalte zwischen 350 und 600 Pfd. Sterling.

Aber auch mit seinem sehr umfangreichen Bedarfe an höheren Intelligenzen
wollte Freiland auf eigenen Füßen stehen. Es wurde daher schon im
dritten Jahre eine Hochschule errichtet, an welcher sämtliche
Wissenszweige, die in Europa an Universitäten, Akademien und technischen
Lehranstalten gelehrt werden, gesammelt vertreten waren. Alle Lehrfächer
waren mit einer Freigebigkeit ausgestattet, von welcher man außerhalb
Freilands kaum eine Vorstellung besitzt. Unsere Sternwarte, unsere
Laboratorien und Sammlungen verfügten über geradezu unbegrenzte Mittel
und kein Gehalt war zu hoch, um eine glänzende Lehrkraft heranzuziehen
und festzuhalten. Das nämliche gilt von den technischen und nicht minder
von den landwirtschaftlichen und merkantilistischen Lehrkanzeln und
Lehrmitteln unserer Hochschule. Der Unterricht an dieser war in allen
Fächern durchaus frei und, gleich demjenigen in den unteren Schulen,
unentgeltlich. Im fünften Jahre der Gründung Freilands besuchten 7500
Hörer die Hochschule; die Zahl ihrer Lehrkanzeln war 215, ihr
Jahresbudget hatte die Höhe von 2½ Millionen Pfd. Sterling erreicht und
war andauernd in rapidem Wachstum begriffen.

Die Mittel zu all diesen gewaltigen Ausgaben lieferte überreichlich die
vom Gesamteinkommen aller Produzenten erhobene prozentuelle Abgabe, denn
dieses Gesamteinkommen wuchs unter dem verdoppelten Einflusse der
Bevölkerungszunahme und der steigenden Arbeitsergiebigkeit in riesigem
Maße. Als die Eisenbahn zur Küste fertig war und ihre Wirkung sich
fühlbar zu machen begann, stieg der Wert des durchschnittlichen Ertrags
einer Arbeitsstunde rasch auf 6 Sh., und da um diese Zeit -- zu Ende des
fünften Jahres von Freiland -- 280000 Arbeiter im Tagesdurchschnitt
während 6 Stunden, d. i. 1800 Stunden im Jahre produktiv beschäftigt
waren, so bezifferte sich in jenem Jahre der Gesamtwert des
Arbeitsertrages von Freiland auf 280000 × 1800 × 6 Sh., d. i. auf rund
150 Millionen Pfd. Sterling. Davon reservierte sich nun das Gemeinwesen
eine Abgabe in der Höhe von 35 Prozent, d. i. in runder Summe 52½
Millionen Pfd. Sterling und dieses war die Quelle, aus welcher nach
Abzug der zur Deckung der Versorgungsansprüche erforderlichen,
allerdings die größere Hälfte beanspruchenden Beträge, die als
wünschenswert erkannten Ausgaben bestritten wurden.

Ja, das Wachstum der Einnahmen war ein so gesichertes und hatte so
bedeutenden Umfang erreicht, daß die Verwaltung von Freiland sich am
Ende dieses fünften Jahres entschloß, den Vertretungskörpern, die zu
diesem Behufe zu einer gemeinsamen Sitzung einberufen wurden, zwei
Maßregeln von entscheidender Bedeutung vorzuschlagen: erstlich, die den
Associationen einzuräumenden Kredite hinfort von der Zustimmung der
Zentralbehörde unabhängig zu machen; und zum zweiten die sämtlichen, bis
dahin von neueintretenden Mitgliedern freiwillig gezahlten Beiträge
zurückzuerstatten und künftighin derlei Beiträge nicht mehr
entgegenzunehmen.

Aus den im 8. Kapitel dargelegten Gründen waren bisher Umfang und
Reihenfolge der Produktivkredite von der Entscheidung der
Zentralverwaltung abhängig gewesen; jetzt, da die Ausrüstung mit
kapitalistischen Arbeitsbehelfen und damit die Leistungsfähigkeit des
Gemeinwesens eine genügend hohe Stufe erreicht hatte, wurde auch diese
Schranke des freien Selbstbestimmungsrechtes für unnötig erachtet; die
Associationen mochten fordern, was ihnen nützlich dünkte, die
Kapitalkraft des Landes schien auch den umfangreichsten, irgend zu
erwartenden Kreditansprüchen gewachsen. Und in der That erwies sich
diese Zuversicht als wohlbegründet. In den diesem Beschlusse unmittelbar
folgenden Jahren ereignete es sich zwar zu zwei verschiedenen Malen, daß
infolge unvermittelt eintretender großartiger Kapitalbedürfnisse der zur
Deckung derselben bestimmte Teil der öffentlichen Abgaben um einige
Prozente über das normale Maß gesteigert werden mußte; das wurde jedoch
angesichts des stetigen Wachstums aller Produktionserträge ohne die
geringste Beschwerde ertragen und späterhin genügten die vom Gemeinwesen
angelegten Reserven, um selbst dieses Element der Schwankung aus dem
Verhältnisse zwischen Kapitalbedarf und öffentlichem Einkommen zu
beseitigen.

Dagegen gab dieser Beschluß den Anstoß zu einem ganz merkwürdigen
Versuche, die damit eingeräumte vollkommene Freiheit der Kreditgewährung
zu einer großartigen gegen das Gemeinwesen gerichteten Schwindelei zu
mißbrauchen. In Amerika hatte sich ein Konsortium unternehmender
»Geschäftsleute« gebildet, eigens zu dem Zwecke, die Vertrauensseligkeit
von uns »dummen Freiländern« gehörig auszubeuten, und zwar in der Weise,
daß unserer Zentralbank unter der Maske einer zu solchem Behufe zu
gründenden beliebigen Association, eine möglichst große Summe entlockt
werden sollte. 46 der geriebensten und skrupellosesten Yankees
vereinigten sich zu diesem Feldzuge gegen unsere Taschen; wie sie es
anstellten und was sie dabei erreichten, entnehmen wir am einfachsten
der nachträglich zum Besten gegebenen Erzählung ihres damaligen
Anführers, gegenwärtig ehrsamen Werkmeisters in der großen Salzsiederei
am Nakuro-See:

»Wir waren also in Edenthal angelangt und beschlossen fürs erste, das
Terrain genau zu sondieren, ehe wir an die Ausführung unseres Geschäftes
schritten. Dabei bemerkten wir sofort zu unserer großen Genugthuung, daß
Mißtrauen der Freiländer uns wenig zu schaffen machen werde. Das
Gasthaus, in welchem wir abgestiegen, gab Alles auf Kredit, ohne daß man
uns auch nur fragte, wer wir seien. Als ich dem Wirt gegenüber in
väterlichem Tone bemerkte, solch unterschiedsloser Pump für jeden
Hergelaufenen sei doch großer Leichtsinn, lachte mir der Wirt, will
sagen der Direktor der Edenthaler Hotel-Association, ins Gesicht und
meinte zuversichtlich, hier brenne Niemand durch, wer da sei, denke
nicht daran, Freiland wieder zu verlassen. »Schon gut«, dachte ich mir;
fragte aber weiter, was die Hotel-Gesellschaft mache, wenn ein Gast
nicht zahlen _könne_? »Unsinn«, sagte der Direktor, »hier kann jeder
zahlen, sowie er zu arbeiten anfängt«. »Und wenn er nicht arbeiten
kann?« »Dann erhält er Unterstützung vom Gemeinwesen.« »Und wenn er
nicht arbeiten will?« Da klopfte mir der Mann lächelnd auf die Schulter
und meinte: »Nichtwollen hält bei uns nicht lange vor, verlaßt Euch
darauf. Übrigens, wenn Einer durchaus mit gesunden Gliedern faullenzen
will -- Bett und gedeckten Tisch findet er bei uns trotzdem allezeit.
Macht Euch also wegen Berichtigung der Zeche in keinem Fall Sorge; Ihr
werdet zahlen wann Ihr könnt und wollt.«

»Machte auf uns einen ganz curiosen Eindruck, dieser Direktor; wir
sagten aber nichts, sondern beschlossen, den Freiländern weiter auf den
Zahn zu fühlen. Wir kamen in die große Warenhalle und versuchten
Kleider, Wäsche u. dgl. auf Borg zu nehmen. Es ging vortrefflich. Die
Verkäufer -- es waren, wie sich herausstellte, Kommis der Anstalt --
verlangten zwar eine Zahlungsanweisung an die Centralbank, als wir
jedoch entgegneten, daß wir dort noch kein Konto besäßen, meinten sie,
das thäte auch nichts; sie begnügten sich einstweilen mit schriftlicher
Bestätigung der Kaufsumme, welche die Bank ihnen seinerzeit, wenn wir
unser Konto hätten, schon gutschreiben werde. So ging's überall. Mackay
oder Gould kann in New-York nicht bereitwilliger Kredit finden, als wir
in Edenthal fanden.

»Nach einigen Tagen schon schritten wir an unsere »Gründung«. Mißtrauen
war, wie gesagt, fürs erste nicht zu besorgen, unangenehm blieb aber
trotzdem, daß die freiländischen Einrichtungen die Öffentlichkeit aller
auf Geschäfte bezüglichen Akte, Daten und Umstände verlangen. Wir wußten
zwar, daß von Polizei oder Gerichten nichts zu befürchten sei; was aber
wollten wir thun, wenn das freiländische Publikum der vorgeschützten
Gründung Geschmack abgewinnt und unserer Association beizutreten
wünscht? Wir konnten natürlich Kompagnons nicht brauchen, sondern mußten
hübsch unter uns bleiben, sonst war unser ganzer Plan ins Wasser
gefallen. Wir forschten überall, ob es kein Mittel gäbe, die Zahl der
Teilnehmer zu begrenzen, hatten über diesen Gegenstand eingehende
Besprechungen mit gutunterrichteten Freiländern, beklagten uns über das
himmelschreiende Unrecht, daß wir gezwungen sein sollten, den Nutzen der
ausgezeichneten »Idee«, die wir gefaßt, hier mit aller Welt zu teilen,
unsere Geschäftsgeheimnisse preiszugeben u. s. w.; es half aber alles
nichts. Die Freiländer blieben in diesem Punkte verstockt und meinten,
Niemand zwinge uns, unsere Geheimnisse preiszugeben, wenn wir selbe aus
eigenen Kräften fruktifizieren wollten; wenn wir aber hierzu
freiländischen Boden und freiländisches Kapital brauchten, so müsse
selbstverständlich ganz Freiland wissen, worum es sich handelt. »Und
wenn unser Geschäft nur eine kleine Anzahl von Arbeitern brauchen kann,
wenn z. B. die Ware, die wir fabrizieren wollen, zwar großen Gewinn
abwirft, aber doch nur beschränkten Absatz hat, müssen wir auch dann
alle Welt beitreten lassen? »In diesem Fall« -- so war die Antwort --
werden freiländische Arbeiter nicht so dumm sein, sich Euch massenhaft
aufzudrängen.« »Schön!« rief ich mit verbissenem Zorn, »wenn aber doch
mehr beitreten, als wir gerade brauchen können?« Doch auch darauf wußten
die Leute eine Antwort; dann, so meinten sie, würden die zuviel
Beigetretenen eben nachträglich austreten, oder wenn sie partout dabei
blieben, so müßten wir alle die Arbeitszeit etwas einschränken, etwa
einen Turnus einführen, oder dergleichen; an Gelegenheit, unsere dadurch
frei werdende Zeit nützlich anderweitig zu verwerten, fehle es in
Freiland nirgend.

»Was ließ sich da machen? Wir mußten unser Plänchen so einkleiden, daß
den freiländischen Arbeitern ganz von selbst die Lust verginge, sich zu
beteiligen. Aber auch allzu plump durfte anderseits die Sache nicht
gemacht werden, sonst witterten die Leute am Ende doch Unrat, oder
beteiligten sich vielleicht gar aus purer Menschenliebe, um unserer
Thorheit mit gutem Rat zu Hilfe zu kommen. Schließlich einigten wir uns
dahin, eine Nähnadelfabrik zu errichten; eine solche war nach der ganzen
Geschäftslage offenbar unrentabel, der Plan klang aber doch nicht allzu
abenteuerlich, um uns Neugierige an den Hals zu ziehen. Wir
konstituierten uns also und hatten in der That die Genugthuung,
vorläufig außer zwei Dummköpfen, welche die Nähnadelfabrikation aus
irgend einem Grunde für ein gutes Geschäft halten mochten, und mit denen
fertig zu werden, nicht allzu schwer fallen konnte, keine Genossen zu
erhalten. Jetzt handelte es sich um die Festsetzung des
Gründungskapitals, will sagen um die Höhe des bei der Centralbank zu
fordernden Kredits. Natürlich hätten wir am liebsten gleich eine Million
Pfd. Sterling verlangt; das ging aber nicht, da wir, wie gesagt, angeben
mußten, wozu wir das Geld brauchten und eine Nähnadelfabrik für 48
Arbeiter doch unmöglich so viel verschlingen durfte, ohne uns sofort
eine ganze Legion von Untersuchungsrichtern in Gestalt beitretender
Arbeiter auf den Nacken zu setzen. Wir beschränkten uns also
notgedrungen auf 130000 Pfd. Sterling, was zwar auch einiges Aufsehen
erregte, von uns aber damit motiviert wurde, daß die neuartigen
Maschinen, die wir anzuwenden gedächten, sehr teuer wären.

»Jetzt kam aber die Hauptsorge; wie sollten diese 130000 Pfd. Sterling
oder doch der größte Teil derselben in unsere Taschen geleitet werden?
Mich hatten unsere Jungens zum Direktor der »ersten Edenthaler
Nähnadel-Fabriks-Association« gewählt und als solcher begab ich mich
anderntags zu der Bank, um uns dort unser Konto eröffnen zu lassen und
gleichzeitig alle erforderlichen Informationen einzuholen. Der Kassierer
versicherte mir zwar auf Befragen, daß alle von mir angewiesenen
Auszahlungen ohne weiteres durchgeführt werden sollten, als ich aber
daraufhin um ein »kleines Akonto« von einigen tausend Pfunden bat,
fragte er mich verwundert, was es damit solle. »Je nun, wir müssen doch
gewisse kleine Zahlungen leisten.« -- »Unnötig«, war die Antwort, »alle
Zahlungen werden hier bei der Bank ausgeglichen.« -- »Ja, aber wovon
soll denn ich mit meinen Leuten inzwischen, bis die Nähnadelfabrik zu
arbeiten anfängt, leben?« fragte ich gereizt. »Nun, von Ihrer Arbeit bei
anderen Unternehmungen, oder von Ihren Ersparnissen, wenn sie welche
haben. Auch an Kredit wird es Ihnen nirgend fehlen -- wir aber, die
Centralbank -- geben bloß Produktivkredite; was Sie verzehren, können
wir Ihnen nicht vorstrecken.«

»Da standen wir nun mit unserem Kredite von 130000 Pfd. Sterling und
fingen an zu begreifen, daß derselbe doch nicht so leicht davonzutragen
sei. Allerdings konnten wir bauen lassen und bestellen, so viel und was
wir wollten. Was hatten wir aber davon, Geld auf unnütze Dinge
auszugeben?

»Das ärgerlichste war, daß wir ehrlich zu arbeiten beginnen mußten,
wollten wir das allgemeine Mißtrauen nicht doch schließlich gegen uns
erwecken, und so traten wir denn verschiedenen Unternehmungen bei.
Überwunden aber wollten wir uns noch immer nicht geben und nach
reiflichem Nachdenken fiel mir folgendes als die allein mögliche Methode
des von uns geplanten Schwindels ein. Die Centralbank vermittelt zwar
alle Käufe und Verkäufe, hindert aber, wie ich bald herausbekam, den
Käufer oder Besteller nicht im geringsten in der Wahl der ihm passend
erscheinenden Güter. Wir hatten also das Recht, für unsere
Nähnadelfabrik Maschinen in Europa oder Amerika bei beliebigen
Fabrikanten zu bestellen, für welche dann die Centralbank Zahlung
leisten würde. Wir mußten also bloß mit einer geeigneten europäischen
oder amerikanischen Schwindelfirma in Verbindung treten und den zu
erzielenden Nutzen mit dieser teilen, um schließlich doch eine recht
ansehnliche Beute wegtragen zu können.

»Aber zugleich mit diesem Auskunftsmittel fiel mir auch ein, wie
grenzenlos dumm es wäre, von demselben Gebrauch zu machen. Sehr viel,
das leuchtete mir ein, war mit demselben nicht zu gewinnen; aber selbst
wenn es möglich gewesen wäre, für jeden Einzelnen von uns ein Vermögen
herauszuschwindeln, hatte ich doch die Lust verloren, Freiland wieder zu
verlassen. Die Rechnung stand für alle Fälle zu ungleich. Ich war in
ehrlicher Arbeit ein Neuling und sonderliche Anstrengungen sagten meinem
damaligen Geschmack nicht zu; trotzdem hatte ich es auf einen
Tagesverdienst von 12 Shillingen gebracht, das sind 180 Pfd. Sterling im
Jahr, mit denen sich hier mindestens so gut leben ließ, wie mit dem
Doppelten in Amerika oder England; selbst wenn ich in der bisherigen
Weise, gleichsam bloß, um mir die Langeweile zu kürzen, fortarbeitete,
mußte sich dieses Einkommen sehr bald steigern, ich konnte hier
schlimmstenfalls ein Leben führen, wie da draußen im Besitze einer
Jahresrente von 400-500 Pfd. Sterling; auch nur annähernd so viel zu
stehlen, war nun nicht die geringste Aussicht vorhanden. Doch wenn auch!
Ich wäre doch nicht weggegangen. Erstlich weil es mir hier zu gut
gefiel; der Umgang gleich und gleich mit anständigen Menschen hat etwas
Lockendes selbst für Spitzbuben, wie ich damals einer war. Und dann --
es kam mir damals komisch vor -- begann ich mich meines Gaunertums zu
schämen. Auch die Spitzbuben haben ihre Ehre. Da draußen, wo _Jeder_ dem
Nebenmanne das Fell über die Ohren zieht, wenn er nur kann, erachtete
ich mich im Wesen nicht schlechter, als die sog. ehrlichen Leute; ich
hielt mich nicht so genau an das Gesetz, als diese, das war aber auch
der ganze Unterschied. Auf der Jagd nach dem lieben Nebenmenschen
befinden sie sich da draußen Alle; daß ich ohne Jagdkarte zu jagen mir
erlaubte, beschwerte mir das Gewissen nicht sonderlich, umsoweniger, da
ich doch nur die Wahl hatte, zu jagen, oder gejagt zu werden. Hier aber
jagte Niemand dem Nebenmenschen das Seine ab, hier mußte sich jeder
Gauner selber gestehen, daß er schlechter sei, als die Anderen alle, und
zwar ein schlechter Kerl ohne Not, aus purer Freude am Schlechten. Und
wenn man dabei noch den Reiz der Gefahr gehabt hätte, der da draußen die
Jagd mit einer gewissen Poesie umgiebt! aber auch davon keine Spur!
Nicht einmal verfolgt hätten uns die Freiländer, wenn wir uns mit der
erschwindelten Beute aus dem Staube gemacht hätten; sie hätten uns
laufen lassen wie räudige Hunde. Nein, hier wollte und konnte ich kein
Spitzbube sein. Ich rief die Genossen zusammen, um ihnen anzuzeigen, daß
ich meine Würde als ihr Anführer niederlege, mich überhaupt von der
Kompagnie lossage und es hier mit anständiger Arbeit versuchen wolle.
Nicht einer war, der mir nicht zugestimmt hätte. Zwar mit der
Arbeitslust sah es bei einigen noch windig aus, aber hier bleiben
wollten sie Alle. Ein besonders zäher Kerl warf zwar die Frage auf, ob
es, da wir doch einmal so hübsch beisammen seien, wie später wohl nicht
wieder, nicht vielleicht doch ganz nett wäre, ein paar Tausend Pfund
herauszuschwindeln und dann erst ehrliche Leute zu werden; aber schon
bedurfte es des Hinweises auf die Haftpflicht der Associationsmitglieder
für die von ihnen kontrahierten Kredite nicht, um den Vorschlag dieses
Nachzüglers unserer ehemaligen Gaunerei zu beseitigen. Nicht bloß hier
bleiben, sondern ehrlich werden wollten sie, diese hartgesottenen
Schelme, die wenige Wochen früher ehrlich und dumm als gleichbedeutende
Worte zu gebrauchen pflegten. So kam's, daß das feine Plänchen, an
welchem die »smartesten fellows« von Neu-England ihren Witz erschöpft
hatten, klanglos fallen gelassen wurde und wenn ich gut berichtet bin,
so hat nachher keiner von uns 46 je zu ernstlicher Klage Anlaß gegeben.«

Der zweite, vor die Gesamtvertretung von Freiland gebrachte Antrag --
die Rückzahlung der bis dahin von den meisten Mitgliedern bei
Gelegenheit ihres Eintrittes in die Gesellschaft geleisteten größeren
oder geringeren Beiträge betreffend, bedeutete die Aufbringung einer
Gesamtsumme von nicht weniger als 43 Millionen Pfd. Sterling. Nun hatte
man allerdings den Mitgliedern jederzeit gesagt, daß die Beiträge nicht
rückzahlbar, sondern ein den gesellschaftlichen Zwecken gebrachtes Opfer
seien; nichtsdestoweniger erachtete es die Verwaltung von Freiland der
Billigkeit entsprechend, daß nunmehr, wo das neue Gemeinwesen eines
solchen Opfers nicht mehr bedurfte, auf dasselbe für die Zukunft sowohl
als für die Vergangenheit verzichtet werde. Die großmütigen Spender
hatten zwar niemals aus ihrer den ärmeren Mitgliedern so reichlich
geleisteten Hülfe irgendwelchen Rechtstitel auf besondere Anerkennung
oder höhere Ehre abgeleitet, ja die meisten hatten es sich sogar
verbeten, namentlich als Schenker angeführt zu werden; auch widersprach
diese Hülfeleistung keineswegs den Prinzipien, auf denen das neue
Gemeinwesen begründet war, ja im Sinne derselben durfte das Eintreten
der Bemittelten für die Hülflosen gerad zu als eine Forderung des
gesunden, vernünftigen Eigennutzes angesehen werden. Aber mit dem
Momente, wo gerade infolge dieses so ausgiebig bethätigten vernünftigen
Egoismus das Gemeinwesen kräftig genug wurde, um außergewöhnliche
Hülfeleistungen entbehren und die vordem dargebrachten zurückerstatten
zu können, erschien es uns wieder billig, daß dies auch sofort geschehe.

Auch dieser Antrag wurde debattelos einstimmig angenommen und sofort zur
Ausführung gebracht. Den sämtlichen Beitragleistenden wurden die
eingezahlten Beträge zurückerstattet, resp. in den Büchern der
Centralbank gutgeschrieben, wo sie nach Gefallen über dieselben verfügen
mochten.

Damit aber kann auch die zweite Epoche der Geschichte von Freiland als
abgeschlossen betrachtet werden. Die Gründung des Gemeinwesens -- die
erste Epoche ausfüllend -- vollzog sich gänzlich durch freiwillige Opfer
einzelner seiner Mitglieder; in der zweiten Periode war diese
Hülfeleistung, wenn auch nicht mehr durchaus notwendig, doch ein
nützliches und wirksames Beförderungsmittel des raschen Wachstums
gewesen; von jetzt ab wies die zu einem Riesen erstarkte freie
Gemeinschaft jeden wie immer gearteten, nicht aus ihren regelmäßigen
Hülfsquellen geschöpften Beistand ab, und die einst empfangene
Unterstützung tausendfach vergeltend, war nun sie es, auf deren stets
unerschöpflicher fließende Mittel Not und Elend, sie mochten sich in
welchem Teile der bewohnten Erde immer zeigen, mit Sicherheit zählen
durften.



                             Drittes Buch.



                              13. Kapitel.


Abermals sind zwanzig Jahre verflossen, fünfundzwanzig Jahre, seitdem
unsere Pfadfinder den Kenia erreichten. Die Prinzipien, nach denen sich
Freiland regiert und verwaltet, sind die gleichen geblieben und auch der
Erfolg hat nicht gewechselt, nur daß das Wachstum von geistiger und
materieller Kultur, von Einwohnerzahl und Reichtum sich in unablässig
steigender Progression bewegte. Die Einwanderung, vermittelt durch 54
der größten Ozeandampfer von zusammen 495000 Registertonnen, hatte im
letzten Jahre die Ziffer von 1152000 Köpfen erreicht. Um diesen, aus
allen Weltteilen anlangenden Zuzug an den afrikanischen Küsten
aufzunehmen und mit möglichster Beschleunigung in das Herz des
Kontinents zu befördern, war das Eisenbahnnetz von Freiland an vier
verschiedenen Punkten bis an den Ozean, resp. bis an die zum Ozean
führenden fremden Anschlußbahnen vorgedrungen. Der eine dieser
Schienenstränge ist der noch in der vorigen Epoche vollendete von
Edenthal nach Mombas; diesem folgte vier Jahre später, nachdem die
Pacifizierung der Gallasstämme gelungen war, die Eisenbahn im Danathale
an die Wituküste; nach neun ferneren Jahren war ein -- gleich allen
freiländischen Hauptbahnen zweigeleisiger -- Schienenstrang längs des
ganzen Nilthales, vom Ukerewe und Albert-Njanza über die ägyptischen
Äquatorialprovinzen, Dongola, den Sudan und Nubien bis zum Anschlusse an
das ägyptische Bahnnetz fertig und solcherart die Verbindung der
Mittelmeerküste mit Freiland bewerkstelligt; im Vorjahre endlich war der
letzte Spatenstich der großen äquatorialen »Transversalbahn« gemacht
worden, die von Uganda am Ukerewe ausgehend und den Nil bei dessen
Austritt aus dem Albert-Njanza überbrückend, von hier den Aruwhimi und
Kongo entlang den atlantischen Ozean erreichte. Wir besaßen also zwei
direkte Schienenverbindungen mit dem indischen und je eine mit dem
mittelländischen und atlantischen Meere. Die Mombaslinie war durch die
weitaus kürzere Danabahn selbstverständlich in den Hintergrund gedrängt;
die 580 Kilometer der letzteren durchflogen unsere Passagierzüge in 9
Stunden, während die Mombasstrecke, trotz ihrer inzwischen erfolgten
Abkürzung durch die Athizweigbahn, nahezu die doppelte Zeit erforderte.
Auf der Nilbahn waren von Alexandrien bis Edenthal 6452 Kilometer zu
durchmessen, deren Betrieb von Assuan -- der Grenze Oberägyptens -- ab
in unseren Händen war; die Reise beanspruchte hier -- wegen des
langsameren Betriebes auf der ägyptischen Linie -- 6½ Tage; trotzdem war
diese Route die meistbenutzte, da sie allen über das Mittelmeer gehenden
Einwanderern, also allen europäischen und den meisten amerikanischen,
die Reise nahezu um zwei Wochen verkürzte. Die im Einvernehmen mit dem
Kongostaate, jedoch beinahe ausschließlich auf unsere Kosten ausgebaute
und durchweg in freiländischem Betrieb stehende äquatoriale
Transversalbahn endlich hatte eine Länge von 4874 Kilometern und auf ihr
konnte man in nicht ganz 4 Tagen von der Kongomündung in Edenthal
anlangen.

Edenthal, wie überhaupt das Keniagebiet, hatten schon seit langer Zeit
aufgehört, den ganzen Zuzug der Einwanderer in sich aufzunehmen. Zwar
die dichteste Menge der freiländischen Bevölkerung war noch immer in den
Hochgebirgslandschaften zwischen dem Ukerewe und dem indischen Ozean zu
suchen, der Sitz der obersten Verwaltung war nach wie vor in Edenthal,
Freiland aber hatte seither seine Grenzen nach allen Seiten,
insbesondere nach Westen zu mächtig ausgedehnt. Über ganz Massailand,
Kawirondo und Uganda, rings um die Ufer des Ukerewe, Mwutan-Nzige und
Albert-Njanza hatten sich freiländische Ansiedler ausgebreitet, so weit
gesunde, hohe Lage und fruchtbarer Boden zu finden war. Im Südosten
bilden die paradiesischen Gebirgslandschaften von Teita, im Norden die
Höhenzüge zwischen dem Baringo und Ukerewe und den Gallaländern, im
Westen die äußersten Ausläufer der am Albertsee beginnenden Mondberge,
im Süden endlich die bis zum Tanganikasee streichenden Gebirgszüge die
vorläufigen Grenzen unserer Ausbreitung, ein Gesamtareal von 1½
Millionen Quadratkilometern umfassend, welches jedoch nicht überall von
kompakten Massen freiländischer Bevölkerung besiedelt ist, vielmehr
unsere Kolonisten an vielen Stellen zerstreut unter den Eingeborenen
sitzen, dieselben überall zu höherer, freier Kultur erziehend. Die
Gesamtbevölkerung des derzeit unter freiländischem Einflusse stehenden
Gebietes beträgt 42 Millionen Seelen, davon 26 Millionen Weiße und 16
Millionen schwarze oder braune Eingeborene. Von ersteren wohnen 12½
Millionen im Stammlande am Kenia und Aberdaregebirge; 1½ Millionen sind
im übrigen Massailand, am Nordabhange des Kilima-Ndscharo und in Teita
zerstreut; die Berge westlich und nördlich vom Baringosee haben eine
weiße Bevölkerung von 2 Millionen; rings um den Ukerewe sitzen 3½
Millionen, in den Bergen zwischen diesem und dem Mwutan-Nzige und
Albertsee 1½ Millionen, in den Mondgebirgen westlich vom Albert-Njanza 3
Millionen und endlich südlich von diesen beiden Seen bis zum Tanganika
zerstreut 2 Millionen.

Die freiländische Produktion hat sich auf nahezu alle Bedarfsartikel des
Kulturmenschen ausgedehnt, der hauptsächlichste Produktionszweig aber
ist die Maschinenindustrie geblieben. Sie erzeugt vornehmlich für den
inländischen Gebrauch, trotzdem ihre Leistungsfähigkeit schon seit
Jahren die aller Maschinenfabriken der ganzen übrigen Welt
zusammengenommen sehr wesentlich übertrifft; Freiland hat eben für mehr
Maschinen Verwendung, als die ganze übrige Welt zusammengenommen, denn
die Arbeit seiner Maschinen ersetzt ihm die Sklaven- oder Knechtesarbeit
der Anderen und da unser -- die civilisierten Neger gar nicht gerechnet
-- 26 Millionen »Arbeitgeber« sind, so brauchen wir sehr viel stählerne
und eiserne Knechte, um unseren mit jedem Fortschritte unserer
Kunstfertigkeit stetig Schritt haltenden Bedürfnissen zu genügen. Von
unseren Maschinen also geht -- mit Ausnahme einiger Specialitäten --
verhältnismäßig wenig über unsere Grenzen; dafür arbeitet die
Landwirtschaft überwiegend für den Export, ja es kann füglich behauptet
werden, daß die Gesamtproduktion des freiländischen Körnerbaues für den
Export verfügbar ist, da die zur Deckung des eigenen Bedarfs
erforderlichen Mengen im Durchschnitt kaum so groß sind, als die auf
unsere Märkte gelangenden Überschüsse der Negerproduktion. Im letzten
Jahre waren 9 Millionen Hektaren Ackerland bestellt gewesen, die in zwei
Ernten einen Ertrag von 2100 Millionen Zentner Körner- und sonstiger
Feldfrüchte im Werte von rund 600 Millionen Pfd. Sterling ergaben. Zu
diesem Getreidequantum kamen nun noch für 550 Millionen anderweitige
Ausfuhrgüter, so daß der Gesamtexport 1150 Millionen Pfd. Sterling
betrug. Unter den Importartikeln dagegen nimmt weitaus die erste Stelle
der Posten: »Bücher und andere Drucksachen« ein, diesen zunächst folgen
Kunst- und Luxusgegenstände. Von den, anderwärts als sogenannte
Massenartikel des Außenhandels anzutreffenden Waren, zeigen die
freiländischen Importlisten bloß Baumwollwaren, die im Lande selbst fast
gar nicht erzeugt, im Gesamtbetrage von 57 Millionen Pfd. Sterling zur
Einfuhr gelangten. Der Bücherimport -- Zeitungen eingeschlossen --
betrug im letzten Jahre 138 Millionen Pfd. Sterling -- nicht
unwesentlich mehr, als im gleichen Jahre die ganze übrige Welt für
Bücher ausgegeben hatte. Und dabei darf man nicht etwa glauben, daß
Freiland seinen Bücherbedarf gänzlich oder auch nur zum größeren Teile
vom Auslande her gedeckt hätte; mehr als zweimal so viel, als an
ausländische Verleger hatten im selben Jahre die freiländischen Leser an
ihre einheimischen zu bezahlen; sie lesen eben zur Zeit, bei welcher wir
angelangt sind, mehr als dreimal so viel, als das ganze Lesepublikum
außerhalb Freilands.

Diese Ziffern schon lassen auf die Höhe des Reichtums schließen, zu
welchem Freiland gediehen. In der That, der Gesamtwert der von 7½
Millionen Produzenten im letzten Jahre hervorgebrachten Erzeugnisse
hatte den Betrag von nahezu 7 Milliarden Pfd. Sterling erreicht, wovon
nach Abzug von 2½ Milliarden zur Deckung der Ausgaben des Gemeinwesens,
4½ Milliarden als Gewinn der Produzenten verblieben, aus welchem im
Durchschnitt 600 Pfd. Sterling auf den einzelnen Arbeiter entfielen. Und
dabei hatten wir im Mittel bloß 5 Stunden täglich oder 1500 Stunden im
Jahre zu arbeiten gebraucht, so daß der durchschnittliche Nettowert der
Arbeitsstunde 8 Schilling erreichte, kaum weniger, als in gar manchen
Teilen Europas der durchschnittliche Wochenlohn gewöhnlicher
Handarbeiter.

Die Preise fast aller Bedarfsartikel in ganz Freiland sind dabei immer
noch wesentlich billiger, als sonst in einem Teile der civilisierten
Welt. Ein Zentner Weizen kostet durchschnittlich 6 Schilling, ein
Kilogramm Rindfleisch nicht ganz ½ Schilling, ein Hektoliter Lagerbier
oder leichten Weines 10 Schilling, ein kompletter Anzug aus gutem
Schafwollstoff 20-30 Schilling, ein Pferd vorzüglicher arabischer
Vollblutzucht 15 Pfd. Sterling, eine gute Milchkuh 2 Pfd. Sterling u. s.
w. Teuer sind bloß einige vom Ausland bezogene Luxusartikel, z. B.
einige Weine und alle nur durch Handarbeit produzierbaren Dinge, deren
es aber äußerst wenig giebt. Letztere werden sämtlich aus dem Auslande
importiert, mit welchem in Handarbeit zu konkurrieren, einem Freiländer
natürlich nicht in den Sinn kommen kann. Denn obwohl die harmonisch
ausgebildeten, vollkräftigen und intelligenten Arbeiter unseres Landes
auch an Kraft und Geschicklichkeit ihrer Muskeln den entnervten,
ausgemergelten Knechten des Abendlandes sicherlich mindestens zwei- und
dreifach überlegen sind, so vermögen sie doch nicht zu konkurrieren mit
einer Arbeitskraft, die fünfzig- und hundertfach wohlfeiler ist, als die
ihrige. Ihre Überlegenheit beginnt erst, wo sie den ausländischen
Knechten aus Menschenfleisch und Bein ihre stählernen entgegenstellen
können; mit diesen arbeiten sie dann billiger noch, als jene, denn diese
von Dampf, Elektrizität und Wasser in Bewegung erhaltenen Sklaven sind
noch genügsamer, als die Lohnarbeiter des »freien« Europa. Verlangen
diese doch immerhin Kartoffeln zur Füllung ihres Magens und einige
Lumpen zur Verhüllung ihrer Blöße, während Kohle oder ein Wasserstrahl
den Hunger jener stillt und ein wenig Schmieröl hinreicht, um ihre
Glieder geschmeidig zu erhalten.

Im übrigen bestätigt diese Überlegenheit Freilands im Maschinenwesen und
die des Auslandes in Handarbeit bloß einen alten Erfahrungssatz, der
deshalb nicht minder richtig ist, weil er der Erkenntnis der sogenannten
»Kulturnationen« noch immer entgeht. Daß nur die verhältnismäßig reichen
Nationen, d. h. jene, deren Massen verhältnismäßig am besten gestellt
sind, zugleich eine unter starker Verwendung von Maschinenkraft
betriebene Produktion besitzen, konnte selbst dem blödesten Auge auf die
Dauer unmöglich entgehen, nur erklärte man sich dieses unleugbare
Phänomen umgekehrt; man glaubte, daß das englische oder amerikanische
Volk deshalb menschenwürdiger existiere, als z. B. das chinesische oder
russische, weil es reicher sei und daß aus dem gleichen Grunde, weil
nämlich die erforderlichen Kapitalien reichlicher vorhanden seien, dort
mit Maschinenkraft, hier mit menschlicher Muskelkraft gearbeitet werde.
Das läßt allerdings die Hauptfrage, nämlich woher denn eigentlich diese
Unterschiede des Reichtums rühren, unerledigt und schlägt anderseits den
Thatsachen ganz ungeniert ins Antlitz, denn dem Chinesen oder Russen
nützt alles ihm noch so freigebig und billig angebotene Kapital nichts;
die Maschinenarbeit bleibt bei ihm unrentabel, so lange sich seine
Lohnarbeiter mit einer Handvoll Reis oder mit halbverfaulten Kartoffeln
und etwas Schnaps begnügen -- aber es gehört einmal ins Kredo der
orthodoxen Nationalökonomie und wird deshalb unbesehen geglaubt. Wer
jedoch seine Augen nicht bloß dazu hat, um sie den Thatsachen gegenüber
zu verschließen, seinen Verstand nicht bloß dazu, um einmal angenommene
Vorurteile hartnäckig festzuhalten, der muß endlich begreifen, daß der
Reichtum der Nationen nichts anderes ist, als ihr Besitz an
Produktionsmitteln, daß dieser Reichtum groß oder gering ist, je nachdem
zahlreiche und mächtige, oder wenige und kleinliche Produktionsmittel
vorhanden sind und daß man viele oder geringfügige Produktionsmittel
braucht, nach Maßgabe des großen oder geringen Verbrauches jener Dinge,
die mittels dieser Produktionsmittel erzeugt werden sollen -- also
ausschließlich nach Maßgabe des großen oder geringen Konsums. Wo man
wenig gebraucht, kann man wenig erzeugen, kann also auch wenig
Instrumente der Erzeugung besitzen, _muß_ also arm bleiben.

Auch der Außenhandel vermag daran nichts zu ändern; denn für die Dinge,
die man ausführt, muß man doch irgend etwas -- sei es nun ein
Genußmittel, ein Arbeitsinstrument, bares Geld oder sonst ein Gut --
wieder einführen, und für dieses eingeführte Etwas muß man Verwendung
haben, was jedoch, wenn der Konsum fehlt, unmöglich ist, da in diesem
Falle auch importierte so wenig als im Inlande erzeugte Dinge Verwendung
finden können. Allenfalls könnte man noch jene Güter, die man erzeugt,
ohne weder sie selber noch etwas anderes an ihrer Statt gebrauchen zu
können, dem Auslande leihweise überlassen; aber das hängt wieder davon
ab, ob das Ausland Verwendung für solche im Inlande unverwendbare
Überschüsse hat, und da dies natürlich in der Regel ebenso wenig der
Fall ist, so bleibt es ein für allemal dabei: Jedes Volk vermag nur so
viel zu erzeugen, für wie viel es Verwendung hat und die Höhe seines
Reichtums ist daher bedingt durch die Höhe seiner Bedürfnisse.

Natürlich ist hier nur von jenen Völkern die Rede, deren Kultur so weit
vorgeschritten ist, daß der Verwendung hochentwickelter
Arbeitsinstrumente nicht ihre Unwissenheit, sondern lediglich ihre
socialpolitische Hülflosigkeit im Wege steht. Für diese aber gilt ihrem
vollen Umfange noch die Wahrheit, daß sie arm sind lediglich aus dem
Grunde, weil sie sich nicht satt essen _dürfen_ und daß die Zunahme
ihres Reichtums durch nichts anderes bedingt ist, als durch das Ausmaß
der Energie, mit welcher die arbeitenden Klassen sich gegen ihr Elend
aufbäumen. Die Engländer und Amerikaner _wollen_ Fleisch essen, sie
lassen ihren Arbeitslohn nicht so weit herabdrücken; das ist der einzige
Grund, warum England und Amerika mehr Maschinen verwenden, als China und
Rußland, wo sich das Volk mit Reis oder Kartoffeln begnügt; wir in
Freiland aber haben es zuwege gebracht, unseren arbeitenden Klassen den
Genuß des ganzen Ertrages ihrer Arbeit zu sichern, dieser Ertrag mag
noch so hoch wachsen -- was ist selbstverständlicher, als daß wir so
viel Maschinen verwenden, als unsere Techniker nur immer zu ersinnen
vermögen.

Nichts kann auf die Dauer der Wirksamkeit dieses obersten Gesetzes der
Volkswirtschaft widerstehen. Die Produktion ist einzig um des Konsums
Willen da und muß daher -- das hätte man sich längst sagen sollen -- in
ihrem Maße sowohl als in der Art ihres Betriebes vom Ausmaße des Konsums
abhängen. Und wenn morgen ein mutwilliger Kobold all unseren Reichtum,
all unsere Maschinen über Nacht nach irgend einem europäischen Lande
versetzte, dabei aber diesem Lande unsere socialen Institutionen nicht
mit als Angebinde brächte, so wäre dieses Land damit so gewiß nicht um
eines Hellers Wert reicher als zuvor, als es gewiß ist, daß China nicht
reicher würde, wenn man die Reichtümer Englands und Amerikas dahin
versetzte, ohne den chinesischen Arbeitern mehr als abgebrühten Reis zur
Nahrung und mehr als ein Lendentuch zur Kleidung zu gewähren. Gleichwie
in diesem Falle die englischen und amerikanischen Maschinen in China
sofort zu nutzlosem alten Eisen würden, ebenso erginge es in jenem Falle
unseren Maschinen in Europa oder Amerika. Und gleichwie umgekehrt die
Engländer und Amerikaner das ihnen durch Koboldstücke nach China
verzauberte Maschinenkapital -- beharrten ihre arbeitenden Klassen nur
bei ihren derzeitigen Lebensgewohnheiten -- sehr rasch wieder ersetzen
und damit die frühere Stufe ihres Reichtums wieder erklommen haben
würden, so könnte es auch uns nicht schwer fallen, zu wiederholen, was
wir einmal vollbracht, nämlich uns neuerlich in den Besitz all jener
Reichtümer zu setzen, die _unseren_ Lebensgewohnheiten entsprechen. Denn
diese letzteren, die socialen Einrichtungen Freilands, sind die wahre
und einzige Quelle unseres Reichtums: daß wir sie _gebrauchen_ können,
ist der Seinsgrund unserer ganzen Maschinenkraft.

Diese Kraft aber, wir fassen hier überall unter dem Sammelbegriff
Maschine alles zusammen, was einerseits kein freies Geschenk der Natur,
sondern Erzeugnis menschlichen Fleißes, und anderseits dazu bestimmt
ist, die Ergiebigkeit menschlicher Arbeit zu steigern -- diese Kraft ist
in Freiland zu kollosalen Dimensionen erwachsen. Unser Eisenbahnnetz --
die oben genannten Linien umfassen bloß die vier großen, dem Außenhandel
dienenden Bahnen -- hat eine Gesamtausdehnung von 575000 Kilometer
erreicht, wovon allerdings bloß 180000 Kilometer Hauptbahnen, während
nahezu 400000 Kilometer landwirtschaftliche und industrielle
Schienenanlagen sind. Unser Kanalsystem dient hauptsächlich Be- und
Entwässerungszwecken und die Ausdehnung seines in unzähligen tausenden
von Adern und Äderchen sich verzweigenden Netzes entzieht sich jeder
Berechnung; schiffbar aber sind diese Kanäle in einer Länge von 57000
Kilometern. Außer den bereits erwähnten Passagierschiffen schwimmen auf
allen Meeren nahezu 3000 unserer Frachtendampfer mit einem Laderaume von
15 Millionen Registertonnen; auf den Seen und Flüssen Afrikas besitzen
wir 17800 größere und kleinere Dampfer von insgesamt 5½ Millionen
Tonnen. Die motorische Kraft aber, die all diese Verkehrsmittel und die
zahllosen Maschinen unserer Landwirtschaft und unserer Fabriken, unserer
öffentlichen und privaten Anlagen, in Bewegung erhält, beträgt nicht
weniger als 245 Millionen indizierter Pferdekräfte, d. i. reichlich das
Doppelte der mechanischen Kraft, über welche derzeit die ganze übrige
Welt verfügt. Es kommen sohin in Freiland nahezu 9½ Pferdekraft
mechanischer Arbeitsenergie auf den Kopf der Bevölkerung, und da eine
indizierte Pferdekraft die Leistungsfähigkeit von 12 bis 13 Männern
entwickelt, so ist der Arbeitseffekt der nämliche, als ob jeder
Freiländer Kopf für Kopf ungefähr 120 Sklaven zu seiner Verfügung hätte.
Was Wunder, daß wir ein Herrendasein zu führen vermögen, trotzdem es in
Freiland keine menschlichen Knechte gibt.

Der Wert jener ungeheuren Investitionen aller Art läßt sich angesichts
der wunderbaren Durchsichtigkeit unseres ganzen wirtschaftlichen
Getriebes auf Heller und Pfennig berechnen. Das freiländische
Gemeinwesen als solches hat in den 25 Jahren seines Bestandes in runder
Summe 11 Milliarden zu Investitionszwecken ausgegeben; der Aufwand durch
Vermittlung der Associationen und einzelner Individuen (letztere
allerdings bloß mit relativ verschwindenden Ziffern vertreten) hatte 23
Milliarden -- alles Pfund Sterling -- betragen, so daß die
Gesamtinvestitionen einen Reichtum von 34 Milliarden repräsentieren,
durchweg vorzüglich rentierendes Kapital, trotzdem, oder richtiger
gerade weil es keinen bestimmten Herrn hat, denn eben diese
Herrenlosigkeit der gesamten Produktionskapitalien ist die Ursache, daß
jede Arbeitskraft sich jener Betriebsmittel bedienen kann, durch deren
Anwendung sie jeweilig die höchsten Erträge zu erzielen vermag. Jeder
Freiländer ist Mitbesitzer dieses ganzen ungeheueren Reichtums, von
welchem -- den unschätzbaren Wert des Kulturbodens gar nicht gerechnet
-- auf den Kopf der Gesamtbevölkerung rund 1300 Pfd. Sterl., auf die
Familie rund 6000 Pfd. Sterl. entfallen. Wir sind also in diesen 25
Jahren allesamt gewissermaßen ganz behäbige »Kapitalisten« geworden;
»Zinsen« trägt uns dieses Kapital allerdings nicht, dafür aber verdanken
wir ihm den Arbeitsertrag von 7 Milliarden, der, umgerechnet auf die 26
Millionen Seelen Freilands, rund 270 Pfd. Sterl. per Kopf ergibt.

Ehe wir jedoch einer Schilderung des auf Grundlage dieser Fülle von
Reichtum und Kraft sich entwickelnden Lebens Freilands Raum geben, wird
es notwendig sein, in kurzen Zügen einen Abriß der freiländischen
Geschichte während der letzten 20 Jahre zu bieten.

Wir sind im vorigen Abschnitte bis zur Eröffnung der ersten
Schienenverbindung mit dem indischen Ozean auf der einen Seite und bis
zu dem Feldzuge gegen Uganda und der damit beginnenden Besiedelung der
Uferlandschaften des Ukerewe anderseits gelangt. Die Aufmerksamkeit
unserer Forscher war von da ab zunächst auf das hochinteressante
Gebirgsland nördlich und nordwestlich vom Baringosee gerichtet, wo
insbesondere das Gebiet des nahezu 4300 Meter hohen, an der Grenze
Ugandas gelegenen Elgon ihren Eifer nach mehr als einer Richtung
herausforderte. Hier war ersichtlich ein großes, den Kenia- und
Aberdarebergen an Fruchtbarkeit, klimatischen Vorzügen und
landschaftlicher Schönheit ebenbürtiges Feld zukünftiger Besiedelung
vorhanden. Die Aussicht vom Gipfel des Elgon übertraf sogar, was
Mannigfaltigkeit der gebotenen Eindrücke anlangt, alles bisher Gesehene;
im Südosten reichte der Blick bis zu der meerartig sich in unabsehbarer
Ferne verlierenden Fläche des Ukerewe; im Norden ragten, 65 Kilometer
entfernt, die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des Lekakisera gen
Himmel; im Osten streifte das Auge über mächtige Waldgebirge, während im
Westen sich endlos das lachende Hügelland von Uganda erstreckte.

Doch unaufhaltsam weiter drangen unsere Pioniere; Platz war zwar noch im
Überfluß an den alten Wohnsitzen vorhanden; aber der Forschungstrieb in
Verbindung mit dem Zauber der Neuheit, der die ferner liegenden
Landschaften umgab, lockte stets neue Scharen tiefer und tiefer hinein
in den »dunklen Erdteil«. Nachdem die Ufer des Ukerewe nichts
Unbekanntes mehr boten, drangen unsere Pfadfinder in die Urwaldungen der
Zwischenseegebirge gegen den Muta-Nzige und Albertsee. Hier stießen wir
zum ersten Mal auf menschenfressende Stämme, deren Bändigung keine
geringe Arbeit bot und auch keineswegs ganz ohne Blutvergießen abging.
Am Albert-Njanza angelangt, dessen Ostufer meist kahl und unwirtlich
sind, erblickte man von jenseits verführerisch die Mondberge, deren
höchste, 4000 Meter überragende Gipfel in der kühlen Jahreszeit häufig
eine Schneedecke zeigen und von deren malerisch gegen den See
abfallenden Hängen zahlreiche Katarakte von ganz unglaublicher Fallhöhe
und gewaltigem Wasserreichtum zur Tiefe stürzen, angenehme Rückschlüsse
auf die Beschaffenheit ihrer Quellgebiete gestattend. Selbstverständlich
blieben sie nicht lange unbesucht und der Ruf der neuen Wunder
großartiger Naturpracht, die dort gefunden wurden, lenkte bald den
Schritt vieler Hunderttausende dahin. Auch dort gab es Kämpfe mit
anthropophagen Stämmen, die zum Teil heute noch ihren schlimmen
Gewohnheiten im Geheimen fröhnen. Von hier aus wandten sich die Pioniere
mehr südwärts, überall die Gebirgszüge als Heerstraße benutzend. Vor
sechs Jahren langten unsere ersten Vorposten am Tanganika an, wo sie mit
Vorliebe die sich im Westen erhebenden Höhenzüge wählten, welche
stellenweise den 900 Meter über dem Meere gelegenen Seespiegel um 1500
Meter überragen; jetzt sitzen schon Hunderttausende in den lieblichen
Uferlandschaften dieses wenn auch nur zweitgrößten, so doch weitaus
längsten der Äquatorialseen. Der Tanganika hat nicht ganz den halben
Flächeninhalt des Ukerewe, er ist nirgends so breit, daß ein gutes Auge
nicht die jenseitigen Uferberge zu sehen vermöchte; seine Länge aber
beträgt 580 Kilometer, also ziemlich genau drei Vierteile derjenigen des
adriatischen Meeres, und der schnellste von den 286 Dampfern, die ihn
derzeit für unsere Rechnung befahren, braucht nahezu 24 Stunden, um von
seinem Nordende zum Südende zu gelangen.

Jetzt war aber auch die Zeit gekommen, wo wir mehr und mehr mit
europäischen, resp. unter europäischem Einfluß stehenden Kolonien in
unmittelbare Berührung gerieten. Im Süden und Osten stießen wir auf
deutsche und englische Interessensphären, im Nordosten teils direkt,
teils indirekt auf französische und italienische, im Norden auf
ägyptische, im Westen an den mächtig aufstrebenden Kongostaat. Dabei
waren die sich ergebenden Wechselbeziehungen zwar überall von den
besten, entgegenkommendsten Absichten geleitet, es tauchte aber doch
eine Menge von Fragen auf, die nachgerade dringend einer endgültigen
Lösung bedurften. Für die benachbarten Kolonien stellte sich nämlich der
Übelstand heraus, daß sie nirgend die unmittelbare Nähe freiländischer
Ansiedelungen auf die Dauer zu ertragen vermochten; ihre Bevölkerung
wurde von uns angezogen, wie Eisenfeilstäbchen durch einen Magnet; wo
sich eine freiländische Association in der Nähe etablierte, blieb von
fremden Kolonien binnen kürzester Frist nichts übrig, als die verödeten
Wohnstätten, die verlassenen Plantagen; die Kolonisten waren zu uns
übersiedelt und Freiländer geworden. Dagegen konnten die fremden
Regierungen nichts thun, wollten es wohl auch nicht, da doch das
Interesse ihrer Unterthanen dabei wahrlich nicht schlecht fuhr; aber mit
Rücksicht auf die Machtstellung ihrer betreffenden Länder mußte ihnen
diese Unmöglichkeit, sich in unserer Nähe zu behaupten, unbequem werden
und sie zum Nachdenken anregen.

Doch auch wir mußten die Frage in Erwägung ziehen, was denn geschehen
werde, wenn freiländische Ansiedler irgendwo fremdes, einem
abendländischen Volke gehöriges Gebiet betreten sollten. Bisher hatten
wir dies absichtlich vermieden; auf die Dauer war es jedoch
unvermeidlich. Was würde dann geschehen? Sollten wir, im Besitze der
stärkeren Civilisationsform, vor der zurückgebliebenen zurückweichen?
Konnten wir es, selbst wenn wir wollten? Freiland ist kein Staat im
gemeingebräuchlichen Sinne des Wortes; sein Wesen liegt nicht in der
Herrschaft über ein bestimmtes Territorium, sondern in seinen socialen
Einrichtungen; diese sind an sich mit fremden Regierungsformen ganz gut
vereinbar, und wir mußten im Interesse friedlichen Zusammenlebens mit
unseren Nachbarn bestrebt sein, diesen Einrichtungen gesetzliche
Anerkennung -- zunächst in den benachbarten Kolonialgebieten -- zu
verschaffen.

Und nicht bloß auf dem afrikanischen Kontinente, sondern auch in den
anderen Weltteilen häuften sich die einer Erledigung dringend
bedürftigen »Fragen« zwischen uns und unterschiedlichen Regierungen. Wir
mengten uns zwar grundsätzlich nicht in die politischen Angelegenheiten
des Auslandes, aber für unser Recht und unsere Pflicht hielten wir es,
aus der Fülle unseres Reichtums und unserer Macht unseren notleidenden
Brüdern, in welchem Teile der bewohnten Erde immer, beizuspringen.
Freiländisches Geld war überall zur Hand, wo es galt, irgend welche Not
zu lindern, den Enterbten und Elenden in welchem Winkel der Erde immer
gegen Ausbeutung Hülfe zu bringen. Unsere Anmeldebureaux und Schiffe
standen jedermann zur unentgeltlichen Verfügung bereit, der sich aus dem
Jammer der alten Weltordnung zu uns herüberretten wollte, und wir ließen
es an Bemühungen nicht fehlen, die Segnungen unserer Einrichtungen
unseren leidenden Mitbrüdern in stets ausgedehnterem Maße zugänglich zu
machen. Das alles betrachteten wir, wie gesagt, als unsere Pflicht und
unser Recht zugleich; wir waren daher nicht gesonnen, uns in der
Ausübung dieser Mission durch den Einspruch ausländischer Machthaber
beirren zu lassen. Damit aber gerieten wir -- auf die Dauer ließ sich
das unmöglich verkennen -- mehr und mehr in Kollision mit den
Anschauungen einzelner europäischer und asiatischer Regierungen. Zwar im
demokratischen Westen Europas, in Amerika und Australien sprach die
öffentliche Meinung zu mächtig zu unseren Gunsten, als daß von dorther
irgendwelcher -- und sei es auch bloß passiver -- Widerstand unseren
Bestrebungen gegenüber zu besorgen gewesen wäre; anders aber verhielt es
sich in einzelnen Staaten des Ostens, und insbesondere seitdem unsere
Mittel und mit diesen unsere propagandistische Thätigkeit die kolossalen
Dimensionen der letzten Jahre erreicht hatten und eine stetige Zunahme
voraussehen ließen, begann man sich hie und da ganz ernstlich mit der
Frage zu beschäftigen, ob und durch Anwendung welcher Mittel es thunlich
wäre, freiländischem Gelde und freiländischem Einflusse die Wege zu
verlegen. Zwar scheuten einstweilen jene Regierungen noch den offenen
Bruch mit uns, teils aus Rücksicht auf die auch bei ihnen sich geltend
machende öffentliche Meinung, teils aus Respekt vor den gewaltigen
finanziellen Hülfsmitteln, über welche wir verfügten. Man wollte uns
nicht gerne zu erklärten Feinden haben, aber man wollte freiländische
Geldsendungen und deren Zwecke kontrollieren und die Auswanderung nach
Freiland einschränken.

Wir waren nun durchaus nicht gewillt, derartigen Bestrebungen mit
verschränkten Armen zuzusehen; das Recht, unseren geknechteten
Mitmenschen beizuspringen oder ihnen die Zuflucht nach Freiland offen zu
halten, waren wir fest entschlossen, zu verteidigen, so weit unsere
Kräfte reichten, und Niemand in Freiland zweifelte daran, daß wir stark
genug seien, um die Absperrungsgelüste der fremden Machthaber im
Notfalle gewaltsam niederzuschlagen. Nur war man in Freiland ebenso
einig darüber, daß zuvor jedes erdenkliche friedliche Mittel versucht
werden müsse, ehe man an die Waffen appellieren dürfe. Und die
Schwierigkeit einer unblutigen Einigung lag eben darin, daß ersichtlich
im Punkte der Anschauungen über die kriegerische Stärke Freilands ein
Gegensatz zwischen unserer freiländischen und der außerfreiländischen
öffentlichen Meinung bestand; während wir -- wie gesagt -- der
Überzeugung waren, jedem Militärstaate der Welt, ja selbst mehreren
zugleich durchaus gewachsen zu sein, hielten uns insbesondere jene
Regierungen, mit denen wir diesfalls zu thun hatten, für militärisch
durchaus ohnmächtig. Wir mußten also darauf gefaßt sein, daß eine
eventuell drohende Sprache unserer Bevollmächtigten gar nicht ernst
genommen werden dürfte und daß gerade deshalb jeder Versuch, unseren
Standpunkt energisch zu vertreten, nur durch einen thatsächlichen Krieg
den erforderlichen Nachdruck erlangen könnte. Und ein Krieg war es denn
auch, der unseren Standpunkt allenthalben im Auslande zur Geltung
bringen sollte, nur allerdings nicht ein Krieg mit einer europäischen
oder asiatischen, sondern ein solcher mit einer afrikanischen Großmacht,
ein Krieg zudem, der mit den soeben erörterten Fragen höchstens indirekt
etwas gemein hatte, trotzdem aber auch diese zur Entscheidung brachte.

Wie dies kam, darüber sollen die in den nachfolgenden Kapiteln
mitgeteilten Briefe Aufschluß geben. Dieselben haben den Prinzen Carlo
Falieri, einen jungen italienischen Diplomaten zum Verfasser, der
nachmals nach Freiland übersiedelte, in jener Zeit jedoch, von welcher
die Briefe handeln, im Auftrage seiner Regierung Edenthal aufsuchte.
Zugleich werden diese Korrespondenzen ein lebhaftes Bild der
freiländischen Zustände und der Lebensweise im fünfundzwanzigsten Jahre
der Gründung bieten.



                              14. Kapitel.


                                             Edenthal, den 12. Juli ..

Ich schreibe Dir diese Zeilen nach mehrmonatlichem Stillschweigen aus
der Hauptstadt von Freiland, die mich und meinen Vater seit einigen
Tagen beherbergt. Was uns ins Land der socialen Freiheit gebracht hat?
Du weißt, oder weißt vielleicht auch nicht, daß meine Chefs auf Monte
Citorio sich in letzter Zeit gegen den braunen Napoleon an der Ostküste
Afrikas, den Negus Johannes V. von Abyssinien, keinen Rat mehr wissen,
und da ihnen solcher von unseren guten Freunden in London und Paris, wo
man sich in gleichen Nöten befindet, auch nicht erteilt werden kann, so
einigten sich die drei westmächtlichen Kabinette schließlich dahin,
gegen die gemeinsame afrikanische Krankheit ein afrikanisches Heilmittel
zu suchen; diesem nachzuspüren sind wir nun hier, von seiten Englands
die Herren Lord Elgin und Sir Bartelet, von seiten Frankreichs Mrs.
Charles Delpart und Henri de Pons, von seiten unseres Italien Principe
Falieri und dessen Sohn, meine Wenigkeit nämlich. Beauftragt sind wir
insgesamt, den Freiländern nahezulegen, daß es in ihrem wie in unserem
gemeinsamen Besten gelegen wäre, wenn sie ihr Land zum Kriegsschauplatze
gegen Abyssinien hergeben wollten.

Der Negus nämlich, der uns Europäern, die wir Besitzungen an den
afrikanischen Küsten des Roten Meeres und südlich der Straße von
Bab-el-Mandeb unser eigen nennen, auch bisher schon viel zu schaffen
machte und gelegentlich des letzten Krieges die verbündeten
englisch-französisch-italienischen Armeen in Schach hielt, ja ohne die
Intervention unserer Flotten denselben um ein kleines das Schicksal
jenes ägyptischen Heeres bereitet hätte, welches nach biblischen
Berichten vor 3300 Jahren im Roten Meere ertränkt wurde, der Negus, sage
ich, hat den fünfjährigen, für uns nicht gerade rühmlichen Frieden --
offenbar mit Hülfe gewisser guter Freunde in Europa -- dazu benützt, um
seine auch vorher schon Achtung gebietende Armee vollkommen nach
abendländischem Muster zu organisieren. Er besitzt jetzt 300000 Mann,
durchweg mit Waffen bester, modernster Konstruktion versehen, eine
vorzügliche Kavallerie von mindestens 40000 Köpfen, und eine Artillerie
von 106 Batterien, die es, unseren Militärbevollmächtigten zufolge, mit
jeder europäischen an Tüchtigkeit aufnehmen soll. Die Absichten aber,
die Johannes mit diesen für das arme Abyssinien geradezu ungeheuerlichen
Rüstungen verfolgt, können -- insbesondere nach den Erfahrungen des
vergangenen Lustrums -- nicht zweifelhaft sein. Er will uns und den
Engländern die Küstenplätze am Roten Meere, den Franzosen ihr Gebiet
südlich von Bab-el-Mandeb abnehmen. Unsere Küstenfestungen und Flotten
werden dies auf die Dauer nicht verhindern, falls es uns nicht gelingt,
die Abyssinier in offener Feldschlacht zu schlagen. Wie aber Armeen, die
der reorganisierten abyssinischen gewachsen wären, an jenen unwirtlichen
Küsten erhalten, wie einen Feldzug mit dem Meere als einziger
Rückzugslinie gegen einen Feind wagen, dessen furchtbare Offensivkraft
wir auch bisher schon sattsam kennen gelernt haben? Und doch muß dem
Negus begegnet werden, koste es, was es wolle, da mit dem Preisgeben der
Küstenorte die Verbindung mit Ostasien und dem seit den letzten zwei
Dezennien in die erste Linie des Welthandels gerückten Ostafrika für
alle europäischen Mächte verloren wäre. Ist uns doch nur zu wohl
bekannt, daß Johannes V. sich diesbezüglich mit den weitestgehenden
Plänen trägt. Heute schon werben seine Agenten in Griechenland,
Dalmatien und selbst in Nordamerika Matrosen zu Tausenden, die offenbar
bestimmt sind, eine Kriegsflotte zu bemannen, sowie der Besitz der
Küstenpunkte es den Abyssiniern ermöglicht, eine solche zu halten. Ob er
diese Flotte im Auslande kaufen, oder selber bauen will, ist annoch ein
Rätsel. Wäre ersteres der Fall, so könnte es den Nachforschungen der von
dieser Zukunftsflotte bedrohten Mächte unmöglich entgehen; aber keine
der bekannten Schiffswerften der Welt hat derzeit Kriegsfahrzeuge
unbekannter Bestimmung in Bau. Soll die abyssinische Flotte aber am
Roten Meere gebaut werden, erst nachdem dessen Küsten in abyssinische
Gewalt geraten sind, wozu braucht der Negus jetzt schon die vielen
Matrosen? Keineswegs ist dieses Geheimnis geeignet, über die
Endabsichten Abyssiniens zu beruhigen -- kurzum, man hat in London,
Paris und Rom beschlossen, den Stier an den Hörnern zu fassen und gegen
den ostafrikanischen Eroberer offensiv vorzugehen. Die drei Kabinette
wollen gemeinsam ein Expeditionskorps von mindestens 300000 Mann
ausrüsten, und mit diesem sofort nach Ablauf des fünfjährigen Friedens
-- das wäre also Ende September dieses Jahres -- gegen Abyssinien
vorgehen. Als Operationsbasis aber sind diesmal nicht unsere eigenen
Küstenorte -- sondern Freiland ausersehen. Dieses würde den verbündeten
Armeen eine gesicherte Verpflegungs- und Rückzugslinie gewähren, und
Aufgabe von uns Diplomaten ist es nun, die freiländische Verwaltung für
dieses Projekt zu gewinnen. Wir verlangen nichts, als passive
Mitwirkung, d. h. freien Durchzug für unsere Truppen. Ob unsere
Instruktionen dahin gehen, diese passive Assistenz im Notfalle zu
erzwingen, weiß ich nicht, denn nicht ich, bloß mein Vater ist
eingeweiht in die letzten Hintergedanken der Leiter unserer auswärtigen
Politik, und wenn meine bekannte Schwärmerei für dies Land der
Socialisten unsere Regierung auch nicht hinderte, mich meinem Vater
beizugeben, so vermute ich doch, daß mir die intimeren Geheimnisse
unserer Diplomatie vorenthalten werden.

Du weißt also jetzt, Freund meiner Seele, _warum_ wir nach Freiland
reisten. Bist Du zu erfahren begierig, _wie_ wir die Reise
bewerkstelligten, so diene Dir, daß wir dazu von Brindisi bis
Alexandrien den »Uranus«, eines der Riesenschiffe benützten, die
Freiland zum Zwecke des Post- und Passagierdienstes auf allen Meeren
laufen läßt. Zugleich mit uns machten 2300 Einwanderer nach Freiland die
Seereise, und wenn diesen die neue Heimat nur einen Teil dessen hält,
was sie sich von ihr versprechen, so muß sie ein wahres Paradies sein.
Mein Vater, der anfangs einige Bedenken hegte, sich einem freiländischen
Dampfer anzuvertrauen, auf welchem keinerlei Überfahrtgebühr angenommen,
dafür aber auch, wie männiglich bekannt ist, keinerlei Unterschiede in
der Behandlung der Passagiere gemacht werden, gestand mir schon am
zweiten Tage der Fahrt, daß er nicht bereue, meinem Drängen nachgegeben
zu haben. Die Kabine, die wir erhielten, war nicht zu klein, komfortabel
und von peinlichster Sauberkeit, Küche und Verpflegung ließen nichts zu
wünschen übrig und -- was uns am meisten wunderte -- der Umgang mit den
buntzusammengewürfelten Auswanderern erwies sich als keineswegs
unangenehm. Zwar waren unter unseren 2300 Reisegenossen alle Stände und
Berufsklassen, vom Gelehrten bis zum Handarbeiter, vertreten; allein
auch die letzteren erwiesen sich von dem Bewußtsein, einer neuen Heimat
entgegenzueilen, in welcher unbedingte Gleichberechtigung aller Menschen
herrschen sollte, dermaßen gehoben, daß während der ganzen Fahrt
keinerlei Roheit oder gemeine Ausschreitung vorkam.

In Alexandrien benützten wir den nächsten nach dem Sudan abgehenden
Kurierzug, der jedoch bis Assuan, so lange nämlich ägyptische
Kondukteure und Maschinisten ihn führten, von einem solchen wenig mehr
als den Namen hatte. In Assuan nahm uns ein freiländischer Eisenbahnzug
auf, und nunmehr ging es mit einer Accuratesse und Raschheit vorwärts,
wie man sie sonst nur in England oder Amerika antrifft. Mit
raffiniertester Bequemlichkeit eingerichtete Schlaf-, Speise- und
Konversationswagen führten uns in rasendem Fluge den Nil aufwärts, den
Riesenstrom bis Dongola zweimal übersetzend. Charakteristisch ist, daß
von Assuan ab keinerlei Fahrtaxe berechnet wurde. Die im Speisewagen
oder auf den Stationen verzehrten Speisen und Getränke mußten zwar
bezahlt werden -- auf der Urania waren auch die Mahlzeiten unentgeltlich
gewesen -- die Beförderung aber besorgte das freiländische Gemeinwesen
unentgeltlich zu Land wie zu Wasser.

Die Schilderung von Land und Leuten in Ägypten und dessen Dependenzen
wirst Du mir erlassen; es hat sich zwar diesbezüglich im letzten
Decennium, und insbesondere seit Vollendung der freiländischen Nilbahn
einiges zum Besseren geändert; aber im großen Ganzen fand ich das Elend
der Fellachen noch sehr arg und nur dem Grade, nicht dem Wesen nach
verschieden von jenen Schilderungen, die den zahlreichen älteren
Reiseberichten über diese Gegenden zu entnehmen sind. Ein durchaus
anderes Bild bot sich dem Auge, sowie wir uns dem Albert-Njanza näherten
und freiländisches Gebiet erreichten. Ich traute meinen Sinnen kaum, als
ich am Morgen des fünften Tages der Eisenbahnreise erwachend, zum
Waggonfenster hinausblickte und statt der bisherigen Landschaft von
üppigen Gärten und lachenden Hainen anmutig unterbrochene endlose
Fruchtfelder erblickte, aus deren Mitte elegante Villen, teils
zerstreut, teils zu größeren Ortschaften vereinigt, hervorleuchteten.
Als der Zug bald darauf in einer Station -- sie hieß, ein freundliches
Omen für uns Italiener, Garibaldi -- hielt, sahen wir auch zum
erstenmale Freiländer in ihrer eigentümlichen und, wie ich auf den
ersten Blick erkannte, überaus zweckmäßig den Anforderungen des Klimas
angepaßten, ebenso einfachen als kleidsamen Tracht.

Diese ist der antik griechischen sehr ähnlich, selbst die Sandalen an
Stelle der Schuhe fehlten nicht, nur daß dieselben nicht auf bloßem
Fuße, sondern über Strümpfe getragen werden. Die Kleider der
Freiländerinnen sind zumeist farbenprächtiger, als jene der Männer, die
jedoch auch keineswegs jene düsteren monotonen Tinten zur Schau tragen,
wie die abendländische Männertracht. Insbesondere die freiländischen
Jünglinge lieben heitere, helle Farben, die jüngeren Damen bevorzugen
Weiß mit farbigen Ornamenten. Der Eindruck, den die Freiländer auf mich
machten, war ein geradezu blendender. Strotzend von Kraft und
Gesundheit, bewegten sie sich in heiterer Anmut unter den schattigen
Bäumen des Bahnhofgartens, mit einer vornehmen Sicherheit des Benehmens,
die mich anfangs glauben ließ, daß sich hier die Spitzen der
ortsansässigen Gesellschaft Stelldichein gegeben hätten. Diese Meinung
wurde noch verstärkt, als späterhin einige Freiländer den Zug bestiegen
und ich aus den Gesprächen während der Weiterfahrt entnahm, daß deren
Bildungsgrad durchaus dem äußeren Eindrucke entsprach; und doch waren es
gewöhnliche Landleute, Ackerbauer und Gärtner mit ihren Frauen, Söhnen
und Töchtern, mit denen wir es zu thun hatten.

Nicht minder überraschend war das Behagen der unter den Weißen zerstreut
auftretenden und mit diesen unbefangen verkehrenden Neger. Deren
Kleidung war zwar noch leichter und luftiger als die der Weißen -- meist
Baumwollzeuge an Stelle der von diesen ausschließlich benützten
Schafwolle; im übrigen aber machten diese Eingeborenen den Eindruck
durchaus civilisierter Menschen, und wie ich mich aus dem Gespräche mit
einem der den Zug gleichfalls zur Weiterfahrt benützenden Neger
überzeugen konnte, stand ihre Bildung auf einer ziemlich hohen Stufe,
jedenfalls auf einer weit höheren, als die der Landbevölkerung in den
meisten Gegenden Europas. Der Schwarze, mit dem ich mich unterhielt,
sprach ein fließendes, korrektes Englisch, hielt eine freiländische
Zeitung, in welcher er während der Fahrt eifrig las und erwies sich
nicht nur in den Angelegenheiten des eigenen Landes, sondern auch über
europäische Verhältnisse sehr gut unterrichtet.

Gegen Mittag erreichten wir mit der Station Baker den Albert-See, genau
an jener Stelle, wo ihm der weiße Nil entströmt. Hier erwartete mich
eine sehr angenehme Überraschung. Du wirst Dich noch David Neys, jenes
jungen freiländischen Bildhauers erinnern, mit welchem wir während des
letzten Herbstes in Rom zusammentrafen, und an welchen insbesondere ich
mich damals so innig anschloß, weil der herrliche Jüngling es mir durch
den Adel seiner äußeren Erscheinung sowohl, als seiner Gesinnung
angethan hatte. Was Du wahrscheinlich nicht weißt, ist, daß wir, nachdem
David nach Abschluß seiner Kunststudien Rom und Europa verlassen hatte,
wiederholt Briefe wechselten, so daß er von meiner bevorstehenden
Ankunft genau unterrichtet war. Mein Freund hatte nun die
dreißigstündige Reise von Edenthal, wo er bei seinen Eltern -- sein
Vater ist, wie Du weißt, einer der Regenten Freilands -- wohnt, an den
Albert-Njanza nicht gescheut, war mir bis Baker entgegen geeilt, und das
erste, was ich, in die Station eingefahren, bemerkte, war sein liebes,
mir freudig zulächelndes Antlitz. Er brachte meinem Vater und mir eine
Einladung der Seinen, während unseres Aufenthaltes in Edenthal ihre
Gäste zu sein. »Wenn Sie, Herr Herzog -- sagte er -- mit der Wohnung und
Bewirtung, die Ihnen ein Bürger von Freiland zu bieten vermag, zufrieden
sein wollen, würden Sie uns alle, insbesondere aber mich, dem damit das
Glück ungestörten Beisammenseins mit Ihrem Sohne zu teil würde, zu
höchstem Danke verpflichten. Den Glanz und die Pracht, an welche Sie
daheim gewöhnt sind, werden Sie allerdings in unserem Hause vermissen,
welches sich nur wenig von denen der einfachsten Arbeiter unseres Landes
unterscheidet; aber diese Entbehrung wäre Ihnen überall in Freiland
auferlegt, und ich glaube Ihnen versprechen zu können, daß Ihnen auch
bei uns keinerlei wirkliche Bequemlichkeit fehlen wird.« Zu meiner
großen Genugthuung acceptierte mein Vater nach kurzem Besinnen dieses
herzliche Anerbieten mit lebhaftem Danke.

Über das während der eineinhalbtägigen Fahrt vom Albert-See nach
Edenthal Gesehene will ich mich für heute kurz fassen, da ja noch
Gelegenheit sein wird, ausführlich darauf zurückzukommen, und schon
dieser erste meiner freiländischen Reisebriefe ohnehin zu ungebührlichem
Umfange anschwellen wird, wenn ich Dir über das mich zunächst
Interessierende, die Lebensweise der Freiländer nämlich, auch nur
oberflächlich Bericht abstatten will. Unser Kurierzug durchflog in
rasender Eile die von Saatfeldern und Plantagen bedeckten Ebenen Unjoros
und Hügellandschaften Ugandas, lief hierauf einige Stunden längs der
Ufer des mächtig brandenden Ukerewe durch liebliches, einem einzigen
Garten gleichendes Hügel- und Bergland; bei den Riponfällen den See
verlassend, wandten wir uns in das wildromantische Gebirgsland des Elgon
mit seinen zahllosen Herden und reichen Fabrikstädten, umkreisten den
gärtenumsäumten Baringo-See und drangen durch Leikipia in die
Alpenlandschaften des Kenia ein. Gegen 9 Uhr Abend des sechsten Tages
der Eisenbahnreise erreichten wir endlich Edenthal.

Es war eine herrliche Mondnacht, als wir, den Bahnhof verlassend, die
Stadt betraten; überdies glänzte diese im Scheine zahlloser mächtiger
elektrischer Bogenlampen, so daß dem neugierig forschenden Blicke nichts
entging. Selbst wenn ich es jetzt schon wollte, ich könnte Dir den
Eindruck, den diese erste freiländische Stadt, deren Inneres wir
betraten, auf mich machte, nicht im einzelnen schildern. Denke Dir einen
etwa hundert Quadratkilometer bedeckenden Feengarten, erfüllt von
zehntausenden reizender, geschmackvoller Häuschen und hunderten
märchenhaft prächtiger Paläste; dazu den berauschenden Duft aller
erdenklichen Blumenarten und den Gesang zahlloser Nachtigallen --
dieselben wurden in den ersten Jahren der Gründung des Gemeinwesens aus
Europa und Asien importiert, haben sich aber seither unglaublich
vermehrt -- und fasse all' das in den Rahmen einer Landschaft, wie sie
großartiger und pittoresker kein Teil der Erde aufweist -- so kannst Du
Dir, wenn Deine Phantasie lebendig ist, eine matte Vorstellung des
Entzückens machen, mit welchem mich diese Wunderstadt erfüllte, und je
länger ich sie kennen lerne, mehr und mehr erfüllt. Die Straßen und
Plätze, durch die wir kamen, waren ziemlich menschenleer, doch
versicherte uns David, daß rings um den Edensee allabendlich bis
Mitternacht reges Leben flute. Und auch in zahlreichen Häusern, an denen
wir vorbeifuhren, herrschte geräuschvolles, heiteres Treiben. Auf
breiten, luftigen Terrassen und in den Gärten rings um dieselben saßen
und lustwandelten die Bewohner, zu kleineren oder größeren
Gesellschaften vereint; Becherklang, Musik, silberhelles Lachen schlugen
an unser Ohr, kurzum, alles deutete darauf hin, daß hier die Abende
fröhlichster Geselligkeit geweiht seien.

Nach ungefähr halbstündiger rascher Fahrt langten wir bei der so
ziemlich im Centrum der Stadt, nicht weit vom Edensee gelegenen
Behausung unserer Gastfreunde an. Die Familie Ney empfing uns in der
herzlichsten, liebenswürdigsten Weise, trotzdem aber imponierte die
sichere Würde ihres Benehmens selbst meinem stolzen Vater aufs
Gründlichste. Insbesondere die Damen des Hauses glichen so sehr
verkleideten Prinzessinnen, daß mein Vater sich sofort in den galanten
Paladin von unerreichter Ritterlichkeit verwandelte, als welchen Du ihn
von den Hoffesten in Rom, London und Wien her kennst. Vater Ney verrät
auf den ersten Blick den tiefen, an ernste Arbeit gewöhnten Denker, dem
jedoch heitere Sicherheit des Benehmens keineswegs fehlt. Er dürfte,
nach seiner sechsundzwanzigjährigen Thätigkeit im Dienste des
freiländischen Gemeinwesens zu schließen, mindestens 50 Jahre zählen,
seinem Äußeren nach aber würdest Du ihm keine 40 geben. Der jüngere der
Söhne, Emanuel, Techniker von Beruf, ist Davids vollkommenes Ebenbild,
nur etwas dunkler und kräftiger noch als dieser, der, wie Du wissen
wirst, auch gerade kein Schwächling ist. Die Hausfrau, Ellen genannt,
eine geborene Amerikanerin, die mir, Dank offenbar den Berichten meines
David, sofort mit wahrhaft mütterlichem Wohlwollen begegnete, muß nach
dem Alter ihrer Kinder zu schließen, etwa 45 Jahre zählen, macht
indessen vermöge ihrer Jugendfrische mehr den Eindruck einer Schwester,
als einer Mutter ihrer Kinder. Sie ist von blendender Schönheit,
bezaubert aber insbesondere durch die Güte und Geisteshoheit, die ihren
Zügen aufgeprägt sind. Als ihre Töchter stellte sie uns drei junge Damen
im Alter zwischen 18 und 20 Jahren vor, von denen jedoch nur eine,
Bertha genannt, ihr und den Söhnen ähnlich ist. Diese, das verjüngte
Ebenbild ihrer Mutter, verwirrte mich geradezu durch den unsäglichen
Reiz ihrer Erscheinung, glich aber so wenig den beiden anderen, Leonore
und Klementine, daß ich mich einer Bemerkung hierüber vor David nicht
enthalten konnte. »Diese zwei sind auch nicht blutsverwandt mit uns,
sondern die Ziehtöchter meiner Mutter; was das zu bedeuten hat, erzähle
ich Dir später«, lautete die Antwort.

Da wir -- wie Du begreiflich finden wirst -- von der sechstägigen
Eisenbahnreise trotz allen Comforts freiländischer Waggons ziemlich
erschöpft waren, baten wir, nach kurzem Geplauder mit unseren herrlichen
Wirten, um die Erlaubnis, uns in die uns bestimmten Gemächer
zurückziehen zu dürfen. David machte unseren Führer. Nachdem wir von der
geräumigen Gartenterrasse aus, auf welcher wir bis dahin geweilt hatten,
einen mit einfachem, aber gediegenem Geschmack eingerichteten
Gesellschaftsraum und einen stattlichen Speisesaal durchschritten
hatten, an welchen sich, wie ich bemerkte, rechts ein großer als
Bibliothek dienender Saal und links zwei kleinere Gemächer anschlossen,
die, wie mir David auf Befragen mitteilte, seinen Eltern als
Arbeitsstuben dienten; betraten wir eine zierliche Vorhalle, von welcher
aus eine Treppe in das obere Stockwerk mit den Schlafräumen führte. Hier
wies uns unser Führer zwei Schlafzimmer mit gemeinsamem Empfangzimmer
an.

Dann ging es an eine kurze Erklärung der mannigfachen, zur
Bequemlichkeit der Bewohner dienenden Einrichtungen. »Ein Druck auf
diesen Knopf hier, rechter Hand neben dem Thürstock -- demonstrierte
David -- bringt den elekrischen Lustre zum Brennen, ein gleicher dort
neben dem Nachttischchen den Wandkandelaber oberhalb des Bettes. Hier
das Telephon No. 1 ist ausschließlich dem Verkehr im Hause selbst und
mit der benachbarten Wachtstube der »Association für persönliche
Dienstleistungen« bestimmt; bloßes Klingeln -- so, in diesem Rhythmus --
bedeutet, daß sich Jemand aus der Wachtstube herbemühen möge; alle diese
Knöpfe -- sie sind durch die eigentümliche Kerbung kenntlich -- hier und
dort an den Wänden, da am Schreibtische und dort neben den Betten,
stehen mit dieser Telephonklingel in Verbindung; Sie brauchen sich also
aus dem Lehnstuhl, den Sie jetzt inne haben, nachts oder morgens aus dem
Bette, in dem Sie ruhen, gar nicht zu erheben, wenn Sie ein Mitglied
dieser allezeit dienstbereiten Gesellschaft zu sich citieren wollen.
Jedes Telephon und jedes Läutewerk hat seine Nummer in der Wachtstube
sowohl, als an einer Tafel im Vestibul, das wir soeben verlassen haben;
längstens zwei Minuten, nachdem Sie geklingelt haben, steht der auf dem
Flügelrad herbeigeeilte Abgesandte der Gesellschaft zu Ihren Diensten.«

»Das ist eine wunderbare Einrichtung«, bemerkte ich, »die Euch die
Annehmlichkeit eines jeden Winkes gewärtigen Kammerdieners gewährt, ohne
daß Ihr den Ärger mit in den Kauf nehmen müßtet, den uns Abendländern
unsere Kammerdiener bereiten; nur dürfte dieser Luxus ziemlich
kostspielig und deshalb nicht allgemein üblich sein.«

»Die Kosten sind sehr bescheiden, gerade weil hier alle Welt Gebrauch
von diesen öffentlichen Dienstleistungen macht«, antwortete mein Freund.
»Für je 600 bis 800 Häuser ist je eine derartige Wachtstube mit je drei
Wachthabenden errichtet; es wird nun jede geforderte Dienstleistung nach
der Zeit bezahlt, richtiger gesagt, angerechnet, und zwar, wie dies nun
einmal bei uns üblich ist, nach Maßgabe des von unserer Centralbank am
Schlusse jedes Bilanzjahres veröffentlichten Durchschnittswertes der
Arbeitsstunde. Im abgelaufenen Jahre, wo der Stundenwert 8 Shilling
betrug, mußten wir für je 3 Minuten -- denn das ist die Einheit, nach
welcher diese Gesellschaft rechnet -- 40 Pfennige bezahlen; wer nun
häufig klingelt und die Association stark in Atem erhält, auf den
entfällt am Jahresschluß ein stärkerer, wer dies seltener thut, ein
geringerer Beitrag: für alle Fälle aber muß die Association auf ihre
Kosten, d. h. auf ihre Ausgaben kommen und auf den Verdienst für ihre 9
wachthabenden Mitglieder -- denn die drei Wächter wechseln morgens,
mittags und abends. Diese für je eine Wachtstube erforderliche Summe
berechnete sich im Vorjahre mit rund 6000 Pfd. Sterling, und da
beispielsweise die Zeitrechnungen der sämtlichen 720 Familien unseres
Rayons nicht ganz zwei Dritteile dieser Summe ergeben hatten, so wurden
die restlichen 2000 Pfd. Sterling nach Maßgabe des von jeder Familie
gemachten Gebrauches nachgetragen. Unsere Familie hat verhältnismäßig
geringen Bedarf nach den guten Diensten dieser Wachtstuben; wir zahlten
z. B. im Vorjahre alles in allem 6 Pfd. Sterling, nämlich 4 Pfd.
Sterling direkte Zeittaxen und 2 Pfd. Sterling nachträglichen Zuschlag,
denn wir hatten binnen Jahresfrist bloß zweihundertmal 3 Minuten der
fraglichen Dienste bedurft.«

»Warum« -- so fragte mein Vater -- »wird in Ihrem Hause verhältnismäßig
weniger geklingelt, als anderwärts?«

»Weil unser Haushalt beständig zwei oder drei junge Damen beherbergt,
die es sich zur angenehmen Pflicht machen, meinen Eltern all' jene
persönlichen Dienste zu leisten, die sich mit der Würde wohlerzogener,
gebildeter Frauenzimmer vertragen. Diese -- seit einem Jahre auch von
meiner Schwester unterstützten -- Mädchen sind junge Freiländerinnen,
wie man sie in jeder freiländischen Familie findet, wo die Hausfrau im
Rufe besonderer Intelligenz und feiner Sitte steht -- Sie entschuldigen,
daß ich meine Mutter so ohne weiteres zu diesen Auserwählten zähle.
Jedes junge Mädchen Freilands rechnet es sich zur besonderen Ehre und zu
großem Vorteile an, in einem solchen Hause mindestens für ein Jahr
Aufnahme zu erlangen, weil allgemein die Ansicht besteht, daß nichts den
Geist und die Sitte heranwachsender weiblicher Geschöpfe mehr veredle,
als möglichst intimer Umgang mit hervorragenden Frauen.
Selbstverständlich ist, daß derartige junge Damen durchaus wie Kinder
vom Hause angesehen und behandelt werden; aber sie leisten ihren
Adoptiveltern auch durchweg die nämlichen Dienste, wie aufmerksame,
liebevolle Töchter. Vater und Mutter können einen Wunsch kaum im
Gedanken fassen, so ist er schon erraten und erfüllt.«

»Ei, das ist ja ganz das Institut unserer königlichen Ehrenfräulein«,
meinte lächelnd mein Vater.

»Allerdings; und ich zweifle sehr, ob Ihr Königspaar so gut, und
insbesondere ob es so zärtlich betraut ist, wie mein Elternpaar
jederzeit von diesen Ziehtöchtern der Mutter, deren seit 18 Jahren --
denn so alt ist diese Einrichtung in Freiland -- nicht weniger als 24
durch unser Haus gegangen sind, die aber sämtlich heute noch in durchaus
kindlichem Verhältnisse zu meinen Eltern und in geschwisterlichem zu uns
stehen. Unsere gegenwärtigen Ziehschwestern Leonore und Klementine haben
Sie soeben kennen gelernt.«

»Sie sagten vorhin«, nahm wieder mein Vater das Wort, »daß Ihr gesamtes
Haus -- also vier Damen und drei Herren -- während eines ganzen Jahres
bloß zweihundertmal 3 Minuten hindurch die durch diese Klingel citierten
dienstbaren Geister in Anspruch genommen hätte; außerdem erwähnten Sie
die Dienste der reizenden Ehrenfräulein -- wer aber verrichtet jene
gröberen Hantierungen, welche binnen 600 Minuten oder zehn Stunden
jährlich kaum der Geist aus Aladins Lampe in einem Hause wie dieses hier
zu vollbringen vermöchte. Sie haben, wie mir scheint, etwa zehn bis
zwölf Wohnräume; das Estrich ist zwar aus Marmor -- aber sie müssen doch
gefegt werden. Ich sehe überall schwere Teppiche, wer reinigt diese? Mit
einem Worte, wer verrichtet die gröbere Arbeit in diesem, wie der
oberflächlichste Augenschein zeigt, mit peinlichster Sorgsamkeit instand
gehaltenen, komfortabel eingerichteten Hause?«

Die nämliche Association, mit deren Wachtstube ich Sie soeben bekannt
gemacht habe; nur brauchen wir nicht zu klingeln, um diese, zum
regelmäßigen Bedarfe gehörigen Verrichtungen besorgen zu lassen,
vielmehr geschieht dieses auf Grund eines vereinbarten Tarifs, ohne daß
man sich fernerhin darum zu kümmern hätte, mit einer Pünktlichkeit, die
nichts zu wünschen übrig läßt. Die Association besitzt Haus- und
Stubenschlüssel der mit ihr in Akkord stehenden Häuser. Zeitlich
morgens, wir schlafen meist noch alle, erscheinen geräuschlos ihre
Sendlinge, nehmen die zu reinigenden Kleider -- richtiger die zu
wechselnden, denn wir Freiländer tragen niemals ein Kleidungsstück an
zwei aufeinander folgenden Tagen -- von den Orten, wo sie des Abends
hinterlegt wurden, thun die gereinigten an die dazu bestimmte Stelle,
bereiten die Bäder -- denn in den meisten freiländischen Häusern hat
jedes Familienglied sein besonderes Bad, das täglich genommen wird, es
sei denn, daß man ein See- oder Flußbad vorzöge -- reinigen die Vorräume
und einen Teil der Stuben, entfernen die Teppiche und sind verschwunden,
ohne daß man zumeist auch nur eine Ahnung ihrer Anwesenheit besitzt. Und
zu all dem genügen wenige Minuten. Es wird nämlich fast durchweg mit
Maschinen gearbeitet. Sehen Sie jenen kleinen Apparat dort hinten im
Korridor? Das ist eine Wasserkraftmaschine, in Gang gebracht durch das
Öffnen jenes Hahnes dort, der sie mit der großen, von den Keniakaskaden
gespeisten Hochdruckleitung in Verbindung setzt. (In anderen Städten, wo
Wasserdruck bis zu 35 Atmosphären nicht so leicht zu beschaffen ist,
thun elektrische oder atmosphärische Kraftleitungen den nämlichen
Dienst.) Hier die stählerne Welle in der mit dem zierlichen Gitter
verdeckten Höhlung am Boden, und dort oben am Plafond die broncene, die
dem Gestänge zum Aufhängen der Spiegel und Bilder zum Verwechseln
ähnlich sieht -- es sind alles Transmissionen, welche die Bewegung der
Wassermaschine in jeden Raum des ganzen Hauses, von den Kellern
angefangen bis zu den Gelassen unter dem Dache, übertragen. Und dort in
jener Kammer findet sich eine Anzahl von Maschinen, deren Bedeutung ich
Ihnen schwer erklären kann, wenn Sie sie nicht in Funktion sehen. Eine
Reihe anderer Geräte führen die 3-4 Leute der Association bei ihren
Besuchen mit sich, und wenn diese Maschinen mit dem Gestänge da oben
oder da unten in Verbindung gebracht sind und der Hahn des Wassermotors
geöffnet wird, so ist solch ein Raum im Handumdrehen gefegt, gewaschen,
die schwerste Last an ihren Ort gebracht, kurz alles mit Zauberschnelle
geräuschlos verrichtet, was Menschenhände nur langsam und meist mit
unangenehmem Gepolter zuwege brächten.

»Einige Zeit später erscheinen die Arbeiter der Association neuerlich,
um die noch übrigen Stuben zu reinigen, die früher entfernten Teppiche
an ihren Ort zu geben, in Küche und Frühstückszimmer alles zum Frühstück
Erforderliche herzurichten. Und so kommen und gehen diese Leute tagsüber
mehrmals, so oft es eben vereinbart ist, um nach dem Rechten zu sehen.
Alles geschieht unaufgefordert, unhörbar, mit Blitzesschnelle. Unser
Haus gehört zu den größeren, unsere Einrichtung zu den besseren in
Edenthal; die Association hat also in wenigen Häusern mehr zu thun, als
bei uns; trotzdem rechnete sie uns für all' diese Dienste im Vorjahre
nicht mehr als 180 Stunden an, für welche wir nach dem bereits erwähnten
Tarife jenes Jahres 72 Pfd. Sterling zu zahlen hatten. Ich bezweifle,
daß irgend ein Haus gleich dem unsrigen in Europa oder Amerika um das
Doppelte und Dreifache dieses Betrages in gleich gutem Stande erhalten
werden könnte. Und dabei haben wir statt mit den leidigen »Domestiken«,
mit intelligenten, höflichen, diensteifrigen Geschäftsleuten zu thun,
die schon durch die Konkurrenz -- denn wir haben in Edenthal sechs
solche Associationen -- genötigt sind, ihr Äußerstes zur Befriedigung
der sie beschäftigenden Familien zu thun. Die Mitglieder dieser
Associationen sind Gentleman, mit denen man füglich an der gleichen
Tafel Platz nehmen kann, die sie soeben selber hergerichtet, und weder
unsere zwei »Ehrenfräulein«, noch meine Schwester, würden den geringsten
Anstand nehmen, bei Tische mit anderen Gästen auch Mitgliedern der
Association für persönliche Dienstleistungen aufzuwarten.

»Sie werden übrigens die Herren der Association heute noch kennen
lernen, denn die unser Haus versorgenden Mitglieder werden sofort
eintreffen, um sich mit peinlicher Genauigkeit über jeden Ihrer
speziellen Wünsche zu unterrichten. Sie dürfen nicht ungeduldig werden,
wenn _Sie_ dabei einem etwas umständlichen Verhöre unterzogen werden; es
geschieht zu Ihrem Besten und nur dies eine Mal. Haben Sie einmal den
keine Kleinigkeit übersehenden Fragen der Association Stand gehalten, so
wird es Ihnen, so lange Sie in Freiland sind, gewiß nicht widerfahren,
des morgens ein anderes als das gewünschte Kleid an der bezeichneten
Stelle, Ihr Bad um einige Grade zu kalt oder zu warm, Ihr Bett nicht in
der gewohnten Weise bereitet zu finden, oder was dergleichen kleine
Ungehörigkeiten mehr sind, aus deren Vermeidung zu nicht geringem Teile
das häusliche Behagen besteht.

»Mit der Association für persönliche Dienstleistungen wären wir fertig.
Ich kann also mit der Erklärung unserer häuslichen Einrichtungen
fortfahren. Hier dieses andere Telephon hat die auch in Europa
gebräuchliche Bestimmung, mit dem Unterschiede allerdings, daß
hierzulande Jedermann sein Telephon besitzt. Jene Schraube dort hat den
Zweck die Kaltluftleitung zu öffnen, welche künstlich gekühlte und
zugleich ein wenig ozonisierte Luft in jeden Raum leitet, falls die
Hitze unangenehm werden sollte; da dieses ausnahmsweise -- wenn nämlich
in den heißen Monaten ein nächtliches Gewitter am Horizonte heraufzieht
-- auch des Nachts vorzukommen pflegt, so ist die Schraube
vorsichtshalber in der Nähe des Bettes angebracht.«

Ich teile Dir all' diese Details mit, weil ich glaube, daß sie Dich als
Beweise dafür interessieren werden, wie wunderbar es diese Freiländer
verstanden haben, unsere abendländischen Haussklaven durch ihre
»eisernen Sklaven« zu ersetzen. Bemerken will ich nur noch, daß die
»Association für persönliche Dienstleistungen« selbst meines Vaters
weitgehenden Ansprüchen durchaus zu genügen vermochte; er versichert, im
Hotel Bristol zu Paris keine bessere Bedienung gefunden zu haben.

Um Dich nicht zu ermüden, erlasse ich Dir die Schilderung des ersten und
zweiten Frühstücks am nächsten Tage, und will Dir nur nach der
Hauptmahlzeit, die um 6 Uhr genommen wird, den Mund wässern machen.

David gestand mir auf Befragen, daß man uns zu Ehren den sonst
gebräuchlichen vier Gängen einen fünften zugelegt habe; aber nicht in
der Mannigfaltigkeit, sondern in der Vorzüglichkeit der Gerichte, wie
nicht minder in der Abwesenheit nicht zur Gesellschaft gehöriger und
deshalb störender Dienerschaft bestand der Reiz des Mahles. Ohne
Übertreibung kann ich versichern, selten so vorzügliche Bereitung,
niemals zuvor aber so erlesenes Material vereinigt gesehen zu haben. Das
Fleisch der auf den würzigen Hochalpen gemästeten jungen Ochsen und
zahmen Antilopen hat nirgend anderwärts seines Gleichen; die Gemüse
stellen die seltensten Schaustücke einer Pariser Ausstellung in den
Schatten; insbesondere aber ist die Pracht und Mannigfaltigkeit seiner
Frucht- und Obstsorten der Stolz Freilands. Und nun die mysteriöse Art
des Servierens! Ein in der Wand des Speisegemachs angebrachter Schrank
entwickelte aus seinem Innern eine scheinbar unerschöpfliche Reihe von
Eßwaren. Zunächst entnahm Fräulein Bertha diesem Schrank eine Terrine,
welche sie vorsichtig an den elfenbeinenen Henkeln anfassen mußte -- als
der Deckel gehoben wurde, präsentierte sich eine köstlich dampfende
Suppe. Dann gab ein anderes Fach des gleichen Schrankes einen Fisch
heraus -- derselbe war kalt, als ob er frisch vom Eise gekommen wäre.
Nun folgte -- wieder aus einem anderen Fache -- ein warmes Ragout,
diesem ein ditto Braten mit mannigfaltigen Gemüsen und Salat -- dann kam
Eis mit Backwerk, Obst, Käse. Den Schluß bildete ein schwarzer Kaffee,
der aber vor den Augen der Gäste bereitet wurde, nebst erlesenen
Cigarren -- alles gleich dem Biere und den Weinen freiländisches Gewächs
und Fabrikat. Dienerschaft war während der ganzen Mahlzeit nicht
sichtbar; die drei reizenden Mädchen holten alles aus dem
geheimnisvollen Schranke oder von einem in dessen Nachbarschaft
befindlichen Serviertische.

Frau Ney machte jetzt den Cicerone. »Dieser Wandschrank« -- erklärte sie
-- »ist zur einen Hälfte Eiskeller, d. h. von gekälteter Luft
durchströmt, zur anderen Hälfte Herd, d. h. mit elektrischen
Heizvorkehrungen ausgestattet; in der Mitte zwischen diesen beiden
Extremen befindet sich -- durch schlechtleitende Wände von beiden
getrennt -- eine neutrale Abteilung von gewöhnlicher Zimmertemperatur.
Außerdem hat dieser Schrank die Eigenheit, sich nach zwei Seiten zu
öffnen, hier herein in den Speisesaal, und hinaus in den Korridor.
Während wir nun tafelten, brachte die »Speiseassociation« in rascher
Reihenfolge die bei ihr bestellten Gerichte, teils vollkommen bereitet,
teils, wie z. B. den Braten und einige Gemüse, fertig adjustiert, aber
noch roh. Die fertigen Speisen wurden vom Korridor aus in die
verschiedenen Fächer des Schrankes eingeschoben; Braten und Gemüse
kochte ein Mitglied der Association in der rückwärts befindlichen Küche
mit gleichfalls elektrischem Herde gar. Das ist übrigens nicht die
gewöhnliche Ordnung; wenn wir allein sind, wird in der Regel auch das
Geschäft des Garkochens hier am Schranke besorgt und zwar von meinen
Töchtern; das nimmt bloß kurze Zeit in Anspruch und Küchendünste sind
dabei niemals zu spüren, denn dieser Speiseschrank, der Herd- und
Eiskeller zugleich ist, vereinigt damit auch noch die Eigenschaften
eines guten Ventilators. Das Reinigen der Geräte ist Sache der
Association, die übrigens, wenn es gewünscht wird, auch das Geschäft des
Servierens bei Tisch übernimmt.

Der Kaffee wurde im Freien auf einer der Terrassen genommen; dann sangen
die Damen zur Harfe und zum Klavier einige Lieder. Inzwischen machte uns
Herr Ney mit den Familienverhältnissen der beiden Ziehtöchter seiner
Frau bekannt. Die eine derselben -- Leonore -- ist eines Ackerbauers
Kind aus Leikipia, die andere -- Klementine -- die Tochter eines seiner
Departementschefs. Letzteres befremdete uns. »Warum« -- so fragte ich --
»verläßt diese zweite Dame das elterliche Haus, das doch auch ein
vornehmes, hochgebildetes sein muß?« Herr Ney erklärte nun, daß die
Ziehtöchter nicht sowohl das vornehme gebildete »Haus«, sondern
ausschließlich die gebildete, geistreiche _Frau_ des Hauses suchen. Der
Mann mag noch so berühmt und gelehrt sein, wenn die Hausfrau ein
gewöhnliches Geschöpf ist, betritt niemals eine Ziehtochter ihre
Schwelle. Diese Institution hat eben bloß den Zweck, den betreffenden
Jungfrauen den Vorteil eines höheren Beispiels, eines veredelnden
weiblichen Umganges, nicht aber den Glanz günstiger äußerer Verhältnisse
zu gewähren, was, nebenbei bemerkt, angesichts der hier herrschenden
Zustände auch keinen rechten Sinn hätte, da im großen Ganzen jede
freiländische Familie dem Wesen nach auf gleichem Fuße lebt. Die Mutter
Klementinens nun ist eine herzensgute brave Dame, aber schließlich doch
nur eine tüchtige Hausfrau; »deshalb bat sie meine Ellen, die«, so fügte
er leuchtenden Auges hinzu, »den edelsten Frauen unseres an herrlichen
Weibern so reichen Landes zugezählt wird, um die Gunst, sich ihrer
Klementine für zwei Jahre anzunehmen.«

Ich muß für heute schließen, denn Müdigkeit überwältigt mich, trotzdem
ich Dir noch vielerlei über meine Erfahrungen sowohl innerhalb als
außerhalb des Ney'schen Hauses zu erzählen hätte ....



                              15. Kapitel.


                                               Edenthal, den 18. Juli.

Erst heute komme ich dazu, den vor Wochenfrist unterbrochenen Bericht
über unsere hiesigen Erlebnisse wieder aufzunehmen. Begreiflich wirst Du
finden, daß wir beide, mein Vater und ich, vor Begierde brannten, die
Stadt zu besichtigen, welchen Wunsch erratend, uns Herr Ney schon am
Morgen des ersten Tages einlud, unter seiner und seines Sohnes Führung
eine Rundfahrt durch Edenthal zu unternehmen. Der Wagen warte schon.

Es war das ein leicht und elegant gebautes Gefährte auf stählernen,
denen eines Velocipeds ähnlichen Rädern, mit zwei bequemen, für je zwei
Personen ausreichenden Sitzen. Da wir beide Davids zum Einsteigen
auffordernde Handbewegung mit betretenen Mienen aufnahmen und keine
Anstalt machten, der Einladung Folge zu leisten, bemerkte dieser erst,
daß wir die -- Pferde vermißten. Er sah sich also bemüßigt, uns zu
erklären, daß man hierzulande aus mancherlei Gründen im Wagenverkehr,
insbesondere im städtischen, die animalische Zugkraft durch mechanische
ersetzt habe. Das sei sicherer, reinlicher und nebenbei auch billiger.
Der Lenker dieser Gefährte, einer Art Draisinen, dessen Platz rechts auf
dem vorderen Sitze ist und dessen Amt keinerlei Kraftaufwand oder
besondere Kunstfertigkeit erfordert, setzt durch einen leichten Druck
nach abwärts auf eine zur rechten Hand angebrachte kleine Hebelstange
den Wagen in Bewegung, und zwar in desto raschere, je stärker gedrückt
wird; ein Druck nach aufwärts verlangsamt den Gang oder bringt das
Gefährte zum Stillstand; das Ausweichen oder Umlenken nach rechts oder
links wird durch entsprechende Drehbewegungen desselben Hebels
hervorgebracht. Die Kraft, welche die Räder in Bewegung setzt, ist weder
Dampf noch Elektricität, sondern die Elasticität einer Spiralfeder, die
jedoch nicht fix mit dem Wagen verbunden, sondern nach Bedarf
einzuschalten oder zu entfernen ist.

»Die oberhalb der vorderen Achse angebrachte, etwa ½ Meter lange und 20
Centimeter tiefe cylindrische Kapsel hier«, so demonstrierte mein Freund
-- »ist zur Aufnahme der Spiralfeder bestimmt. Vor dem Gebrauche wird
die Feder »aufgezogen«, d. h. in Spannung gebracht und zwar in sehr
hochgradige, ein Geschäft, welches Dampfmaschinen in den Ateliers der
»Association für Transportwesen« besorgen, und solcherart einen
entsprechenden Teil ihrer in Form von Dampfspannung vorhandenen
Arbeitsenergie in die Form von Federnspannung umwandeln. Dieses in den
Spiralen niedergelegte Quantum lebendiger Kraft genügt, um -- durch
einen sehr einfachen Mechanismus auf die Achse des Rades übertragen --
ein solches Rad zehntausend Umdrehungen machen zu lassen, auch wenn der
Wagen ziemlich schwer beladen ist, und da der Radumfang 2 Meter beträgt,
so reicht der Kraftvorrat der Spirale zur Durchmessung eines Weges von
20 Kilometern hin. Die Schnelligkeit der Fortbewegung hängt einerseits
von der Belastung des Wagens, anderseits von der mehr oder minder
vollständigen Auslösung der Hemmvorrichtung -- reguliert durch den Druck
des oben erwähnten Hebels -- ab; das zu erreichende Maximum bei mäßiger
Belastung und gutem Wege beträgt bei diesen gewöhnlichen Draisinen 2½
Radumdrehungen, d. i. eine Fortbewegung um 5 Meter in der Sekunde oder
18 Kilometer in der Stunde: doch besitzen wir auch sogenannte Rennwagen,
mit denen nahezu die doppelte Geschwindigkeit erreicht werden kann. Die
Kraft der Spirale ist erschöpft, sowie das Rad seine 10000 Umdrehungen
gemacht hat, was auch bei langsamerem Fahren binnen 1¼-1½ Stunden
eintritt; es muß daher bei länger dauernden oder rascheren Fahrten für
angemessene Reserven gesorgt werden, was in mannigfaltiger Weise
geschieht. Zunächst kann man eine oder mehrere aufgezogene Spiralen --
denn wenn die Hemmung geschlossen bleibt, bewahren dieselben Monate und
Jahre lang ihre Spannung -- für welche hinten im Wagen eigene
Reservebehälter angebracht sind, auf die Fahrt mitnehmen. Da jedoch jede
Spirale mindestens 35 Kilogramm wiegt, so hat auch diese Art
Kraftverlängerung ihre Grenzen; außerdem ist das Auswechseln der
Spiralen immerhin keine angenehme Arbeit; man zieht daher in der Regel
die zweite Methode der Kraftverlängerung vor, die darin besteht, daß man
nach Verlauf einer gewissen Zeit bei einer der zahlreichen, auch anderen
Zwecken dienenden Stationshäuschen der Transportassociation, die sich
auf allen belebteren Straßen finden und durch weithin sichtbare Flaggen
kenntlich sind, Halt macht und die Spirale wechseln läßt. Jede Station
besitzt jederzeit einen genügenden Vorrat gespannter Spiralen und so
kann man jede beliebige Zeit hindurch umherkutschieren, ohne stecken zu
bleiben, zumal wenn man die Vorsicht gebraucht, für den Fall des
Übersehens einer notwendig gewordenen Auswechslung eine Reservespirale
mit sich zu führen. Solche Auswechslungsstationen aber giebt es nicht
bloß in und um Edenthal, sondern in und um alle Städte Freilands und
außerdem auf allen belebteren Landstraßen, und da die unterschiedlichen
Associationen des gleichen Geschäftszweiges im ganzen Lande so klug
waren, überall Spiralen von genau den gleichen Maßen einzuführen, so
kann man das ganze Land bereisen und mit einiger Bestimmtheit darauf
rechnen, überall entsprechende Relais zu finden. Will man jedoch völlig
sicher gehen, so kann man sich durch seine Association die
Relaisspiralen für eine vorher angegebene Route eigens bestellen, in
welch letzterem Falle auch nichts hindert, die großen Straßen zu
verlassen und minder frequentierte Nebenwege einzuschlagen, sofern
dieselben nur nicht allzuschlecht und steil sind, was aber angesichts
der hohen Vollendung des freiländischen Straßennetzes nur bei ganz
entlegenen Gebirgswegen zu besorgen ist. Unsere Familie hat solcherart
vor zwei Jahren das ganze Aberdare- und Baringo-Gebiet bereist, dabei
1700 Kilometer zurückgelegt und zu der ganzen Reise in aller
Bequemlichkeit bloß 14 Tage gebraucht.«

Wir entschlossen uns endlich kopfschüttelnd, den automatischen Wagen zu
besteigen. Mein Vater mit Herrn Ney nahm den ersten, ich mit David den
zweiten Sitz ein; ein Druck Ney's auf den Leithebel, und geräuschlos
setzte sich die Maschine in Bewegung, unserem ersten Ziele, dem Edensee
zu. Dessen Ufer sind mit Ausnahme der Nordwestseite, wo in einer
Ausdehnung von 5 Kilometern die Quais für den Waarenverkehr sich
erstrecken, sämtlich von vierfachen Palmenreihen umsäumt und bestehen
teils aus breiten, bis zum Wasserspiegel hinabreichenden Marmorstufen,
teils aus in den See vorspringenden Molen, bedeckt von säulengetragenen
Wandelbahnen. An letzteren landen die zahlreichen, den See nach allen
Richtungen durchfurchenden Passagierdampfer, die jedoch, um die
balsamische Luft nicht zu verderben, mit vollkommen funktionierenden
Rauchverzehrern versehen sein müssen. Auch das mißtönige Pfeifen der
Dampfventile ist in Edenthal verpönt. Denn der Edensee ist nur nebenbei
Verkehrsstraße; seine hauptsächliche Bestimmung ist die eines gewaltigen
Zier- und Lustteiches. Ein großer Teil der Ufer wird von den luxuriös
ausgestatteten Badeanstalten eingenommen, die weit in den See
hineinreichen und zu jeder Tageszeit von tausenden Badender benützt
werden. Neben diesen, zumeist von schattigen Lusthainen umgebenen Bädern
haben sich auch die sämtlichen Theater-, Opern- und Konzerthäuser
Edenthals, im Ganzen 16 an der Zahl, angesiedelt, die wir jedoch
einstweilen nur von außen in Augenschein nahmen. Unsere Gastfreunde
machten uns darauf aufmerksam, daß der Edensee seine Hauptreize erst bei
Monden- oder Elektrodenschein entfalte, und daher an einem der nächsten
Abende von uns aufgesucht werden solle.

Wir wendeten den Wagen und bogen in eine der Radialstraßen, die vom See
zu den halbkreisförmig das Edenthal umgrenzenden Höhen führen. Hier
leuchtete uns sofort, wenn auch noch reichlich 3 Kilometer entfernt, ein
Riesenbau entgegen, der selbst den dieses Anblicks Gewohnten stets aufs
neue mit staunender Bewunderung erfüllen muß, uns Fremden aber geradezu
die Sinne verwirrte. Er ist ebenso unerreicht an Größe, wie
unvergleichlich an Ebenmaß und harmonischer Vollendung all seiner
Bestandteile. Er macht gleichzeitig den Eindruck des überwältigend
Majestätischen und des märchenhaft Lieblichen. Dieses, vor 5 Jahren
vollendete Wunderwerk ist der Volkspalast von Freiland, der Sitz der
zwölf obersten Verwaltungsbehörden und der zwölf Vertretungskörper. Er
ist durchwegs aus weißem und gelbem Marmor gebaut, übertrifft an
Flächenausdehnung den Vatikan, seine luftigen Kuppeln sind höher als der
Petersdom; daß er mit einem Kostenaufwande von 9½ Millionen Pfd.
Sterling hergestellt werden konnte, erklärt sich bloß dadurch, daß alle
Baugewerke wie nicht minder die hervorragendsten Künstler des Landes
sich dazu drängten, bei dem Baue irgendwie verwendet zu werden. Und --
so belehrte mich David -- das geschah nicht etwa aus patriotischer,
sondern aus rein künstlerischer Begeisterung. Freiland ist reich genug,
um sein Volkshaus wie hoch immer zu bezahlen; um den Bau billiger zu
gestalten, hätte sich also Niemand in Aufregung versetzt; aber die aus
dem Entwurfe hervorleuchtende eigenartige, überwältigende Schönheit des
Werkes hatte es allen Künstlern angethan. Er erinnere sich noch der
fieberhaften Erregung, mit der schon die Mitglieder jener
Prüfungskommission, welche über die vorgelegten Bauentwürfe zu
entscheiden hatte, allenthalben erzählten, es sei ein Plan eingelaufen,
von einem bis dahin unbekannten jungen Architekten, der Unsagbares
biete; eine neue Ära der Baukunst sei angebrochen, ein neuer Baustil
erfunden, der an Adel der Form die besten griechischen, an Großartigkeit
die gewaltigsten ägyptischen Denkmale erreiche. Und diese Begeisterung
teilte sich allen mit, die den Entwurf sahen; die Konkurrenten -- es
waren deren nicht weniger als 84, denn in Edenthal wurde damals schon
viel und schön gebaut -- zogen ausnahmslos ihre Entwürfe zurück, und
huldigten freiwillig dem neuaufgegangenen Stern am Kunsthimmel.

Wir waren sobald nicht dazu zu bewegen, uns der Besichtigung anderer
Bauwerke zuzuwenden. Endlich, nachdem wir dreimal die Runde um den
Volkspalast gemacht, willigten wir ein, demselben den Rücken zu kehren.
Mit der Aufzählung der zahllosen Prachtbauten, an denen wir flüchtig
vorbeirollten, will ich Dich verschonen; nur soviel lasse Dir sagen, daß
die Mannigfaltigkeit und Großartigkeit der den unterschiedlichen
wissenschaftlichen und künstlerischen Zwecken dienenden öffentlichen
Anstalten auf mich durchaus verblüffend wirkte. Die Akademien, Museen,
Laboratorien, Versuchsanstalten u. dergl. wollten gar kein Ende nehmen
und allen sah man es auf den ersten Blick an, daß sie mit
verschwenderischer Munifizenz ausgestattet seien.

Nachdem wir schon an zahllosen öffentlichen Gebäuden vorbeigefahren
waren, deren Bestimmung mir zum Teil nur schwer begreiflich gemacht
werden konnte, da unser »civilisiertes« Europa nichts ihnen Ähnliches
besitzt -- ich nenne Dir beispielsweise bloß das Institut für
»animalische Zuchtversuche«, welches den Zweck hat, durch Experiment und
Beobachtung festzustellen, welchen Einfluß Erblichkeit, Lebensweise,
Nahrung auf die Entwickelung des menschlichen Organismus äußern -- fiel
es mir auf, daß wir noch an keinem Spital vorbeigekommen. Da ich nun
begierig war zu sehen, wie die weltberühmte freiländische Humanität, die
seit Jahren mindestens die Hälfte aller Spitäler der Welt mit reichen
Mitteln ausstattet, daheim im eigenen Lande sich der armen Kranken
annehme, bat ich David, uns doch in ein solches zu führen. »Ich kann Dir
ebensowenig ein Spital, als einen Kerker oder eine Kaserne in Edenthal
zeigen, aus dem sehr einfachen Grunde, weil wir deren in ganz Freiland
keines besitzen«, war dessen Antwort.

»»Den Mangel von Kerker und Kaserne lasse ich gelten; man weiß ja, daß
Ihr Freiländer Euch ohne Kriminal- und Militärwesen behelft; aber -- so
meinte ich -- Krankheiten muß es doch auch hier geben, diese haben doch
mit Euren socialen Einrichtungen nichts zu thun!««

»Letzteres kann ich zwar nicht so unbedingt zugeben«, mengte sich hier
Herr Ney ins Gespräch; »auch die Krankheiten haben unter dem Einflusse
unserer socialen Institutionen abgenommen; aber verschwunden sind sie
allerdings nicht; wir haben Kranke auch in Freiland -- aber keine
_armen_ Kranken, weil wir eben keine Armen haben, weder kranke, noch
gesunde. Wir besitzen daher auch nicht jene Sammelstellen des
Massensiechtums, die man da draußen mit dem Namen »Spital« bezeichnet.
Anstalten, in denen sich Kranke unter besonderer Aufsicht gegen gute
Bezahlung verpflegen lassen können, haben wir allerdings und sie werden
insbesondere in Fällen schwierigerer chirurgischer Operationen häufig
aufgesucht; aber das sind Privatanstalten und sie gleichen in ihrer
Einrichtung wie in ihrem Gebaren durchwegs Ihren feinsten Sanatorien für
»distinguierte Patienten«.«

Wir waren inzwischen des Fahrens müde geworden, was nach nahezu
vierstündiger Rundfahrt trotz des sanften Ganges und der bequemen
Einrichtung der Wagen erklärlich erscheint. Neys machten daher den
Vorschlag, den automatischen Wagen heimzuschicken und den Rückweg zu
Fuße anzutreten, was von uns gern angenommen wurde. Wir hielten vor
einem der Stationshäuschen der Transportassociation, ließen dort das
Gefährte zurück und durchschritten die schattigen Alleen, von denen jede
Edenthaler Straße eingesäumt ist. Jetzt hatten wir Muße, die zierlichen
Privathäuser näher zu betrachten, die zwar alle den eigentümlichen, halb
an den maurischen, halb an den griechischen erinnernden Edenthaler
Baustil zeigen, im übrigen aber weder an Größe noch an Ausstattung
gleich sind. Den vornehmsten Reiz dieser Villen bilden deren
wunderliebliche Gärten mit ihren erlesenen Bäumen, ihrer unglaublichen
Blumenpracht, den weißen Marmorstatuen, Fontänen und den mannigfaltigen
zahmen Tieren -- insbesondere Äffchen, Papageien, Prachtfinken und
allerlei Singvögeln -- die sich in ihnen neben jauchzenden Kindern
tummeln. Des weiteren überraschte uns die außerordentliche Reinlichkeit
der Straßen, als deren Hauptgrund uns angegeben wurde, daß seit
Erfindung der automatischen Wagen keinerlei Zugtiere in den Straßen
freiländischer Städte Staub aufwühlen und Unrat hinterlassen.

»Giebt es also keinerlei Pferde hier?« fragte ich, worauf mir die
Erklärung ward, daß deren allerdings und zwar in bedeutender Anzahl und
von edelster Zucht vorhanden seien; dieselben würden jedoch nur
außerhalb des eigentlichen Weichbildes der Stadt zu Promenaderitten
durch die benachbarten Wiesen, Haine und Wälder benützt. »Das muß aber
hierzulande ein sehr teurer Luxus sein«, meinte ich. »Das Pferd selber
und was es frißt, mag billig sein; aber da Menschenkraft in Freiland das
teuerste von allen Dingen ist, so kann ich nicht begreifen, wie ein
freiländischer Haushalt die Kosten eines Pferdewärters zu erschwingen
vermag. Oder erhält diese Klasse Bediensteter hierzulande ausnahmsweise
geringeren Lohn?«

»Letzteres wäre bei uns wohl kaum möglich«, -- antwortete lächelnd Herr
Ney -- »denn wer würde dann in Freiland Pferdewärter sein wollen? Wir
müssen auch dem Stallpersonal denselben Durchschnittsverdienst gewähren,
wie anderen Arbeitern, und wenn ich für die sieben Reitpferde, die ich
zum Gebrauche meiner Familie in den Ställen der Transport-Association
halte, ein Wartepersonal nach abendländischem Zuschnitt bezahlen wollte,
so würden die Kosten mein gesamtes Einkommen überschreiten. Aber das
Rätsel löst sich sehr einfach dadurch, daß auch die Arbeit im
Pferdestall mit Hülfe von Maschinen verrichtet wird, derart, daß
durchschnittlich ein Mann für je 50 Tiere vollkommen genügt. Sie
schütteln ungläubig den Kopf? Wenn Sie gesehen haben werden, binnen wie
wenigen Minuten unsere durch mechanische Kraft in Rotation versetzten
riesigen cylinderförmigen Bürsten ein Pferd spiegelblank putzen; binnen
welch kurzer Zeit unsere Kehrmaschinen und Wasserleitungen den größten
Stall von Mist und jeglicher Unreinlichkeit säubern; wie das Futter den
Tieren automatisch zugeteilt wird: so dürfte Ihnen nicht bloß das,
sondern ebenso die Thatsache einleuchten, daß in Freiland auch die
»Stallknechte« gebildete Gentlemen sind, Geschäftsleute so ehrenwert und
geachtet, wie alle anderen«.

Unter solchen Gesprächen waren wir daheim angelangt, wo ein ausgiebiger
Imbiß genommen ward und einige Geschäfte Erledigung fanden. Nach dem
bereits letzthin geschilderten Diner fuhren wir mit unseren Gastfreunden
abermals zum Edensee und besuchten zunächst die große Oper, wo an diesem
Tage das Werk eines freiländischen Kompositeurs gegeben wurde. Dasselbe
war uns nicht neu, da es eines jener zahlreichen freiländischen Tonwerke
ist, die auch im Auslande großen Anklang finden und häufig aufgeführt
werden. Dagegen überraschte uns die eigenartige -- allen freiländischen
Theatern gemeinsame -- Anordnung des Zuschauerraums. Die Sitzreihen
bauen sich amphitheatralisch bis zu bedeutender Höhe auf; das Dach ruht
auf Säulen, durch welche die äußere Luft frei hereinstreichen kann. Bis
zu 10000 Personen finden solcherart in den größeren dieser Theater
bequem Platz, ohne daß jemals Hitze oder verdorbene Luft sich in
denselben ansammeln könnte.

Die Darstellung war eine vorzügliche, die Ausstattung in jeder Beziehung
glänzend; trotzdem waren die Preise der -- durch keinerlei Rangordnung
unterschiedenen -- Plätze nach abendländischen Begriffen lächerlich
mäßig. Der Sitz kostete einen halben Schilling -- doch wohlverstanden
bloß hier, in der großen Oper; die anderen Theater sind alle noch
wesentlich wohlfeiler. Unternehmer sind überall die städtischen
Kommunen, als deren Angestellte die ausübenden Künstler sowohl als das
Regiepersonal fungieren; als ökonomischer Grundsatz gilt dabei
allgemein, daß die Kosten des Baues und Unterhalts der Gebäude vom
allgemeinen Kommunalbudget zu tragen seien, und daß die Eintrittspreise
bloß die Gehalte und Tantiemen des angestellten Personals und die
Ausstattung zu decken haben.

Von David erfuhr ich, daß Edenthal außer der großen Oper noch eine
Spieloper und vier Schauspielhäuser besitze, ferner drei Konzerthäuser,
in denen allabendlich Orchester-, Kammermusik und Chöre sich hören
ließen. Als freiländische Specialität aber nannte er mir fünf
verschiedene »Lehrtheater«, in denen astronomische, archäologische,
geologische, paläontologische, physikalische, geschichtliche,
geographische, naturgeschichtliche, kurz alle erdenklichen
wissenschaftlichen Vorträge mit dem umfassendsten Aufwande plastischer
Darstellungskunst den Hörern vorgeführt werden. Die Vorträge sind von
den geistreichsten Gelehrten verfaßt, von den gewandtesten Rednern
vorgetragen, von den tüchtigsten Ingenieuren und Dekorateuren in Scene
gesetzt. Diese Art Theater seien die besuchtesten; in der Regel genügen
die vorhandenen Plätze nicht, so daß die Kommune kürzlich zwei neue
derartige Darstellungshäuser bauen ließ, die binnen wenigen Monaten
eröffnet werden dürften. Die Großartigkeit dieser Vorführungen, die ich
an den nächsten Abenden kennen lernte, ist in der That staunenerregend
und wenn auch die Jugend bei den meisten derselben den größeren Teil des
Auditoriums stellt, so werden dieselben doch von Erwachsenen sehr
fleißig besucht.

Nach dem Theater mieteten Neys am Ufer eine der zahllosen dort von einer
Association bereit gehaltenen Gondeln mit mechanischer Triebkraft (von
elastischen Federn getriebene Propellerschrauben) und wir steuerten in
den See hinaus. Derselbe war von gewaltigen, rings am Ufer in
beträchtlicher Höhe angebrachten elektrischen Reflektoren taghell
erleuchtet und es stand uns heute ein ganz besonderer Genuß bevor, denn
Walter, der berühmteste Liederkomponist Freilands, ließ an diesem Abend
eine neue Kantate durch die Mitglieder des Edenthaler Choralvereins zur
ersten Aufführung bringen. Dieser Verein, welcher zu seinen
allwöchentlichen Vorträgen in der Regel den Edensee als Schauplatz
wählt, verfügt zu solchen Zwecken über mehrere der großartigsten
Prachtbarken, deren bisweilen geradezu märchenhafte Ausstattung durch
freiwillige Beiträge seiner zahlreichen Mitglieder und Verehrer gedeckt
wird.

War es die Wirkung der ganz eigenartigen Scenerie, war es die Schönheit
des Tonstückes an sich -- der Effekt, den die Kantate auf mich machte,
war ein überwältigender. Als wir uns auf den Heimweg machten, gestand
ich David, daß mir niemals zuvor die gleichsam transcendentale Gewalt
der Töne so deutlich geworden, wie während dieser Vorstellung am See;
ich hatte durchaus den Eindruck, als ob der Weltgeist in diesen Klängen
zu meiner Seele spräche und als ob diese auch ganz genau seine Sprache
verstünde und nur unvermögend sei, dieselbe in gewöhnliches Italienisch
oder Englisch zu übersetzen. Zugleich aber äußerte ich mein Erstaunen
darüber, daß ein so junges Gemeinwesen, wie das freiländische, in allen
Kunstarten Anerkennenswertes, in zweien aber, in Architektur und
Tonkunst, den besten Vorbildern aller Zeiten Ebenbürtiges leiste.

Frau Ney gab hierüber ihre Meinung dahin ab, daß dies die schlechthin
notwendige Konsequenz der Gesamtrichtung des freiländischen Geistes sei.
Wo fröhlicher Lebensgenuß mit ruhiger Muße sich paarten, dort müßten die
Künste gedeihen, die ja in Wahrheit nichts anderes seien, als Produkte
des Reichtums und edler Muße. Und daß gerade Architektur und Musik den
Anfang der Kunstblüte machten, lasse sich ganz ungezwungen erklären.
Erstere mußte durch die, dem neuartigen großartigen Gemeinwesen
entsprungenen Bedürfnisse in erster Reihe mächtig angeregt werden; auch
der Einfluß der gewaltigen und doch lieblichen Natur des Landes sei hier
unverkennbar. Die Musik dagegen sei die unmittelbarste aller
Kunstformen, diejenige, deren sich der Genius der Menschheit stets in
erster Reihe bediene, wenn eine neue Ära künstlerischen Schaffens durch
neue Arten des Fühlens und Denkens eingeleitet worden sei.

»Bei dem so überaus regen Sinne Ihres Volkes für das Schöne« -- so
wandte sich mein Vater an Frau Ney -- »nimmt es mich nur Wunder, daß zum
Schmucke der schönsten Zierde Freilands, seiner königlich gearteten
Frauen nämlich, so wenig aufgewendet wird. Zwar die Tracht ist kleidsam,
und nirgend bisher habe ich noch so erlesenen Geschmack in der Wahl der
geeignetsten Formen und Farben getroffen; aber eigentliches Geschmeide
sieht man nicht. Hie und da Goldreifen im Haar, da und dort goldene oder
silberne Spangen an den Kleidern, das ist alles; Edelsteine und Perlen
scheinen bei den hiesigen Damen verpönt zu sein. Woran liegt das?«

»Der Grund liegt darin« -- so antwortete Frau Ney -- »daß uns
Freiländern jene ausschließliche Triebfeder fehlt, die den anderen
Völkern die Geschmeide eigentlich begehrenswert macht. Eitelkeit ist
auch hierzulande heimisch, unter Männern sowohl als Frauen; aber sie
findet in der Schaustellung von sogenannten »Kostbarkeiten«, deren
alleiniger Vorzug vor ähnlichen Dingen lediglich darin besteht, daß sie
teuer sind, kein Genüge. Glauben Sie wirklich, daß es die _Schönheit_
der Diamanten ist, was gar manche unserer bedauernswerten Schwestern da
draußen Glück und Ehre in die Schanze schlagen läßt, um in den Besitz
solch glitzernder Steinchen zu gelangen? Warum stieße dann dasselbe
Weib, welches sich um echter Steine willen verkaufte, unechte, die es in
Wahrheit von jenen gar nicht zu unterscheiden vermag, achtlos beiseite?
Und zweifeln Sie daran, daß auch der echte Diamant sofort zum
unbeachteten Kiesel würde, den keine »Dame von Geschmack« fernerhin
eines Blickes würdigte, sowie dieser Stein aus irgend einem Grunde
seinen hohen Preis verlöre? Die Geschmeide gefallen also nicht, weil sie
schön, sondern weil sie kostbar sind. Sie schmeicheln der Eitelkeit
nicht durch ihren Glanz, sondern durch das Bewußtsein, welches sie in
ihrem Eigner erwecken, in diesen unscheinbaren Dingerchen den Extrakt so
und so vieler Menschenleben zu besitzen. »»Seht her, hier an meinem
Halse trage ich einen Talisman, um den Hunderte von Knechten Jahre lang
ihr bestes Mark vergeuden mußten und dessen Gewalt auch Euch, die Ihr
die netten Dingerchen ehrfurchtsvoll anstaunt, mir als Sklaven zu Füßen
legen, allen meinen Launen dienstbar machen könnte! Seht her, ich bin
mehr als Ihr, ich bin die Herrin, die auf nichtigen Tand vergeuden kann,
wonach Ihr vergeblich giert um Euren Hunger zu stillen!«« Das etwa
ist's, was das Diamantenkollier aller Welt verkündet, und _darum_ hat
seine Besitzerin vielleicht sich und andere verraten, elend gemacht, um
es als ihr Eigen um den Nacken schlingen zu können. Denn beachten Sie
wohl, das Geschmeide schmückt nur, wenn es Eigentum des Trägers ist;
entliehenes Geschmeide zu tragen ist ignobel, gilt als unanständig, und
mit Recht, denn entliehenes Geschmeide lügt, es ist eine Krone, die
ihrem Träger den Schein einer Macht verleihen soll, die er in Wahrheit
nicht besitzt.

»Die Macht nun, deren legitimen Anspruch das Geschmeide zur Schau tragen
soll, die Macht über fremdes Leben und fremde Leiber existiert in
Freiland nicht. Zwar wer einen Diamanten von beispielsweise 600 Pfund
Wert besäße, der hätte damit auch hierzulande das Verfügungsrecht über
einjährigen Ertrag menschlicher Arbeit; aber wer ihn deshalb erwürbe und
zur Schau trüge, würde sich damit -- angesichts unserer Institutionen --
doch nur lächerlich machen; denn _seine eigene Arbeit_ wäre es, deren
Ertrag er solcherart festlegte, gleich gegen gleich müßte er mit Jedem,
dessen Arbeit er sich um den Stein dienstbar machen wollte, tauschen und
statt ehrfurchtsvollen Staunens könnte er bloß bedauerndes Mitleid
erwecken, Mitleid darüber, daß er sich bessere Genüsse versagt, oder
nutzlose Anstrengungen auferlegt, um den albernen Kiesel zu erwerben. Es
wäre das gleichsam, als ob der Besitzer des Diamanten aller Welt
verkünden wollte; »»Seht her, während Ihr genosset oder ruhtet, habe ich
gedarbt und gearbeitet, um den Tand zu gewinnen««! Nicht der Mächtigere,
der Thörichtere wäre er in Jedermanns Augen -- der Stein, dessen
fascinierende Kraft an die Vorstellung geknüpft ist, daß sein Besitzer
zu den Herren der Erde gehöre, die über fremde Arbeit verfügen und
_deshalb_ sich den Scherz erlauben dürfen, das Produkt so großen
Schweißes in nutzlosen Sächelchen anzulegen -- der Stein kann für ihn
keinen Reiz mehr haben. Wer ihn in Freiland kauft, der gliche Jenem, der
sein Leben an den Besitz einer Krone setzt, die aufgehört hat, das
Symbol der Herrschaft zu sein.«

»Sie sprechen also dem Geschmeide alle wirklich schmückende Kraft ab?
Sie leugnen, daß Perlen oder Diamanten geeignet sind, die Reize eines
schönen Körpers noch wesentlich hervorzuheben?« entgegnete mein Vater.

»Das thue ich allerdings«, war die Antwort. »Nicht daß ich die
dekorative Wirkung an sich überall bestreiten wollte; nur leugne ich,
daß sich nicht genau der nämliche, ja in der Regel ein weit besserer
Effekt durch andere Mittel auch erreichen läßt. Im allgemeinen aber
schmückt der, seiner ganzen Beschaffenheit nach gar nicht zum
menschlichen Körper passende Tand durchaus nicht, entstellt vielmehr in
neunundneunzig unter hundert Fällen den stolzen Besitzer. Daß ein
diamantengeschmücktes Weib Euch Herren da draußen besser gefällt, als
ein blumengeschmücktes, hat genau den nämlichen Grund, aus welchem Euch
-- Ihr mögt noch so starre Republikaner sein -- eine Königin schöner
erscheinen wird, als ihre vor dem Richterstuhle unbefangener Ästhetik
vielleicht schöneren Rivalinnen. Ein gewisses Etwas, ein eigentümlicher
Zauber umschwebt sie -- der Zauber -- Sie entschuldigen das harte Wort
-- des Knechtsinnes; dieser, nicht Euer ästhetisches Urteil ist es, was
Euch weismacht, das Diadem verleihe höheren Reiz, als der Kranz von
Rosen; lasset die Rose zum Symbol der Herrschaft werden, dessen sich nur
Königinnen bedienen dürfen, und Ihr werdet jetzt ohne Zweifel finden,
daß die Rosen es sind, die wahre Majestät zur Geltung bringen.«

»Eitel sind wir Freiländerinnen deshalb doch. Wir wollen nicht bloß
schön sein, sondern auch schön erscheinen und die Männer bestärken uns
nach Kräften in diesem Bestreben; nur bitte ich wohl im Auge zu
behalten: wir wollen nicht prunken, sondern gefallen. Deshalb sind Kleid
und Zierat einer Freiländerin nie Selbstzweck, sondern Mittel zum
Zwecke. Eine richtige Modedame in Europa entstellt sich oft in der
greulichsten Weise, weil es ihr weniger auf den Effekt ihrer Person, als
auf den ihrer Kleider, ihres Putzes ankommt; sie wählt nicht das Gewand,
welches ihre persönlichen Reize am günstigsten hervorhebt, sondern das
kostbarste, welches ihre Mittel ihr gestatten. Wir halten es anders;
schon unsere eigenen ästhetischen Anschauungen bewahren uns vor der
Thorheit, einem Kleiderkünstler zu Liebe andere Gewänder anzulegen, als
jene, von welchen wir vermuten oder wissen, daß sie unsere Gestalt am
vorteilhaftesten zur Geltung bringen. Außerdem aber steht uns
diesbezüglich jederzeit der Rat künstlerisch gebildeter Männer zur
Seite. Kein hervorragender Maler verschmäht es, jungen Damen Aufschluß
über die passendste Wahl ihrer Toilette zu gewähren, ja es werden
besondere Vorträge über diesen wichtigen Punkt gehalten. Natürlich kann
es eine strenge Mode bei uns nicht geben, da Zusammenstellung,
Faltenwurf und Farbe der Kleidung durchweg der Individualität der
Trägerin angepaßt sind; daß Hagere und Wohlbeleibte, Große und Kleine,
Blonde und Brünette, Imposante und Niedliche, sich nach der gleichen
Schablone tragen sollten, gälte hier zu Lande als Gipfel der
Abgeschmacktheit. Ebenso lächerlich aber fände es eine Freiländerin, die
gefallen will, mutete man ihr zu, ein Kleid, eine Haartracht, die sie
als für sich passend einmal erprobt, zu wechseln, bloß aus dem Grunde,
weil man sie in dieser Tracht schon zu oft gesehen. Wir begreifen es
nicht, daß man, um zu gefallen, am besten thue, sich möglichst
mannigfaltig zu entstellen; insbesondere aber halten wir, darin abermals
unterstützt von unseren Männern, zähe fest an dem Glauben, daß die
menschliche Gestalt durch das Kleid zwar bedeckt und verhüllt, aber
nicht verzerrt werden dürfe.«

Wir erklärten galant, diese Toiletteprinzipien durchaus zu billigen. Die
Wahrheit ist, daß der an die Excentricitäten abendländischer Moden
gewohnte Fremde in Freiland angelangt, die nach künstlerischen
Grundsätzen zusammengestellte hiesige Frauentracht anfangs etwas zu
einfach, dann aber die Rückkehr zu den abendländischen Zerrbildern
schlechterdings unerträglich findet. Du wirst Dich erinnern, daß David
uns in Rom versicherte, die europäischen Moden machten ihm genau den
nämlichen Eindruck, wie die der afrikanischen Wilden; nach kaum
einwöchentlichem Aufenthalte hier beginne ich diese Auffassung zu
teilen.

Doch ich sehe, daß ich abermals schließen muß, ohne meinen Bericht
erschöpft zu haben. Mit dem Versprechen, das Versäumte nachzuholen

                                                            Dein .....
                                                                 .....



                              16. Kapitel.


                                               Edenthal, den 28. Juli.

Ich konnte mein Versprechen, Dir bald zu schreiben, nicht halten, weil
die vergangene Woche einer Reihe kürzerer oder längerer Ausflüge
gewidmet war, die ich mit David teils zu Pferde oder mittels
automatischer Draisinen in die unmittelbare Umgebung Edenthals und der
benachbarten Danastadt, teils mit der Eisenbahn bis an die Ufer des
Ukerewe unternahm. Ich lernte solcherart eine ziemliche Anzahl
freiländischer Städte und ebenso mehrere zerstreute Industrie- und
Ackerbaukolonien kennen. Ich sah die lieblichen, in schattigen Wäldern
eingebetteten Orte des Aberdaregebirges mit ihrer gewaltigen
Metallindustrie; Naiwaschacity, das Emporium der Lederindustrieen und
des Fleischexports, dessen Villenreihen den ganzen Naiwaschasee in einer
Längenausdehnung von 64 Kilometern umrahmen; die Ansiedelungen in den
Bergen nördlich vom Baringosee mit ihren zahllosen Herden edler Pferde,
Rinder, Schweine, Schafe, zahmer Elefanten, Büffel, Zebras, mit ihren
Gold- und Silberbergwerken, und Ripon, das Centrum der Mühlenindustrie
und des Ukerwehandels. In allen Städten fand ich dem Wesen nach die
nämlichen Einrichtungen wie in Edenthal; elektrische Eisenbahnen in den
Hauptstraßen, elektrische Beleuchtung und Beheizung, Bibliotheken,
Theater u. s. w. Was mich jedoch zumeist überraschte, war, daß auch die
ländlichen Ansiedelungen mit sehr geringen Ausnahmen eines
hochentwickelten städtischen Comforts nicht entbehrten. Elektrische
Bahnen zogen auch an ihnen vorüber und setzten sie mit den
Hauptverkehrslinien in Verbindung; wo nur 5-6 Villen -- denn der
Villenstil herrscht ausnahmslos durch ganz Freiland -- nebeneinander
standen, fanden sich elektrische Beleuchtung und Beheizung; Telegraph
und Telephon fehlten selbst dem entlegensten Gebirgsthale nicht, ebenso
keinem Hause das Bad; und wo einige hundert Villen in nicht gar zu
großer Entfernung zerstreut lagen, war sicherlich ein Theater für sie
gebaut, in welchem abwechselnd Schauspiele, Concerte, Vorträge
abgehalten wurden. An Schulen gab es allenthalben Überfluß, und wo
irgend ein Ansiedler sich allzu einsam angebaut hatte, als daß die
Kinder eine in der Nähe gelegene Schule hätten besuchen können, dort
waren diese bei befreundeten Familien untergebracht, denn der
Jugendunterricht darf in Freiland unter keinen Umständen leiden.

Daß ich die Gelegenheit nicht versäumte, mir das freiländische Volk an
seiner Arbeit -- auf dem Felde und in der Fabrik -- zu betrachten, ist
selbstverständlich. Hier wurde mir die Größe Freilands erst offenbar.
Ungeheuer, überwältigend war, was ich allenthalben sah. Von der
Großartigkeit der maschinellen Einrichtungen, von der unermeßlichen
Kraftfülle, welche die gebändigten Elemente hier dem Menschen zur
Verfügung stellen, kann sich der Abendländer ebensowenig eine
Vorstellung machen, als von dem raffinierten, ich möchte fast sagen
aristokratischen Komfort, mit welchem die Arbeit überall umgeben ist.
Keine schmutzige, aufreibende Handlangung verrichtet der Mensch; die
sinnreichsten Apparate entheben ihn jedes wirklich unangenehmen
Geschäftes; er hat der Hauptsache nach bloß seine unermüdlichen eisernen
Sklaven zu überwachen. Und nicht einmal durch ihr Klappern, Stöhnen und
Rasseln dürfen diese überall geschäftigen Diener das Ohr ihrer Herren
beleidigen. Ich bewegte mich in den Stampfwerken von Leikipia, die den
mineralischen Dünger für die dortige Bodenassociation bereiten, zwischen
Steinzermalmern von tausenden Centnern Stoßkraft, und kein lästiges
Geräusch war zu hören, kein Atom Staub zu sehen. Ich durchschritt
Eisenwerke, in denen Stahlhämmer bis zu 3000 Tonnen Fallgewicht
verwendet werden; die gleiche Ruhe herrschte in den lichten freundlichen
Fabriksälen, kein Ruß auf Händen oder Gesichtern der Arbeiter störte den
Eindruck, daß man es mit Gentlemen zu thun habe, die sich dazu
herbeilassen, die Schmiedearbeit der Elemente zu überwachen. Ich sah auf
den Feldern ackern und säen -- wieder dieselbe Erscheinung des Herrn der
Schöpfung, der durch den Druck eines Fingers die Riesen »Dampf« oder
»Elektricität« nach seinem Willen lenkt, wohin und wozu es ihm nützlich
dünkt. Ich war _unter_ der Erde in den Kohlengruben und in den
Eisenminen; auch dort fand ich es nicht anders: keinen Schmutz, keine
aufreibende Plage für den Menschen, der in vornehmer Ruhe zusieht, wie
seine gehorsamen Geschöpfe aus Stahl und Eisen für ihn schaffen ohne zu
ermüden und zu murren, von ihm nichts anderes verlangend, als daß er sie
lenke.

Während der nämlichen Ausflüge lernte ich auch eine Reihe besonderer in
Freiland üblicher Vergnügungen näher kennen; ich besuchte mit David die
mannigfaltigen entzückenden Aussichtspunkte des Kenia und der
Aberdareberge, auf denen es allsonntäglich Gesang und Tanz der jungen
Leute gibt, gewürzt in der Regel durch eine Überraschung, welche die
Vergnügungskomitees -- eine ständige Institution in jedem freiländischen
Orte -- zur Feier eines beliebigen Anlasses veranstalten. Mir waren die
Eisfeste auf dem großen Eislaufteiche am Keniagletscher das
Überraschendste. Dort hatten vor fünf Jahren die vereinigten
Vergnügungskomitees von Edenthal, Danastadt und Oberleikipia ein 2400
Hektaren messendes, 4250 Meter über dem Meeresspiegel gelegenes Plateau
in einen Teich verwandeln lassen, der von den Wässern der unmittelbar
daran grenzenden großen Eisfelder gespeist wird. Von Ende Mai bis Mitte
August gibt es nun in dieser Höhe stets sehr empfindliche Nachtfröste,
die das ohnehin dem Gefrierpunkte nahe Gletscherwasser des Teiches sehr
rasch in eine solide Eisbahn verwandeln. Nachdem hierauf dieser
großartige Eislaufplatz seinem ganzen Umfange nach mit luxuriösen
heizbaren Warte-, Toilette und Speise-Sälen umgeben, des ferneren
mittels einer leistungsfähigen Zahnradbahn mit dem Fuße des Berges in
Verbindung gebracht worden war, übergaben die vereinigten Komitees ihr
Werk der Öffentlichkeit zur unentgeltlichen Benutzung. Die, wie sich
denken läßt, sehr beträchtlichen Anlagekosten waren mit Leichtigkeit im
Wege freiwilliger Subskriptionen aufgebracht worden, und ebenso decken
sich die Erfordernisse der Instandhaltung überreichlich durch
freiwillige Beiträge der zahlreichen Besucher. Denn die ganze kühle
Jahreszeit hindurch ist die Riesenfläche des Eisteiches von
Schlittschuhläufern und insbesondere von Schlittschuhläuferinnen nicht
bloß aus der Umgebung des Kenia auf hundert Kilometer in der Runde,
sondern aus allen Teilen Freilands bedeckt. Selbst von den Gestaden des
indischen Ozeans und der großen Seen kommen Freunde und Freundinnen
dieses gesunden Sports hierher, um an den zeitweilig veranstalteten
glänzenden Eisfesten teilzunehmen. Gegenwärtig beschäftigt man sich mit
dem Plane, unmittelbar am Eislaufplatze ein großartiges Hotel zu
errichten, das besonders ausdauernden Verehrern dieser ebenso graziösen
als gesunden Leibesübung Gelegenheit geben soll, in 4200 Meter Seehöhe
zu übernachten. Des ferneren hat die große Beliebtheit des
Kenia-Eisteiches den Anlaß gegeben, auch am Kilima-Ndscharo, und zwar
dort in einer noch um 500 Meter höheren Lage ein ähnliches Unternehmen
ins Werk zu setzen, welches gegenwärtig seiner Vollendung nahe ist; ein
drittes, in den Mondbergen am Albertsee, hat einstweilen das
Versuchsstadium nicht überschritten, da dem dortigen Komitee die
Auffindung eines zu solchem Zwecke genügend hoch gelegenen und dabei
ausreichend großen Platzes bisher nicht recht gelungen sein soll.

Mehr als all' diese Vergnügungseinrichtungen aber erregte die
ungetrübte, im besten Sinne des Wortes kindliche Lust und Fröhlichkeit
meine Bewunderung, mit denen nicht bloß diese Veranstaltungen, sondern
das ganze Leben in Freiland genossen werden. Man gewinnt durchaus den
Eindruck, als ob die Sorge hierzulande unbekannt wäre. Jene unbefangene
Heiterkeit, die bei uns in Europa der beneidenswerte Vorzug bloß der
ersten Jugendjahre ist, thront hier auf jeder Stirne, strahlt aus
Jedermanns Auge. Durchwandere welches civilisierte Land der Welt immer,
Du wirst selten, ja ich möchte fast behaupten niemals, einen Erwachsenen
finden, auf dessen Antlitz behagliches Glück, ungetrübter Lebensgenuß zu
lesen wäre; mit sorgenschweren, meist sogar kummervollen Mienen hasten
oder schleichen bei uns daheim die Menschen aneinander vorüber, und
zeigt sich irgendwo wirkliche, nicht bloß erkünstelte Fröhlichkeit, so
ist es beinahe ausnahmslos die der Gedankenlosigkeit. Glücklich sind bei
uns höchstens die »Armen an Geist«; die Reflexion scheint uns nur
gegeben, um über des Lebens Not und Qual nachzudenken. Hier zum
erstenmale finde ich Menschengesichter, die den Stempel bewußten Denkens
und unbefangenen Glückes zugleich zur Schau tragen. Und dieses
Schauspiel allgemein glücklicher Zufriedenheit ist für mich erhebender
als alles, was wir hier zu sehen bekamen; freier und wohliger atmet die
Brust; es ist, als ob ich zum erstenmale aus der beängstigenden
Atmosphäre eines mit erstickenden Dünsten geschwängerten Kerkers
hinausgelangt wäre in die freie Natur, wo balsamische reine Lüfte mich
umfächeln. »Woher kommt Euch allen, allen dieser Abglanz sonniger
Heiterkeit?« fragte ich David.

»Sie ist das naturgemäße Ergebnis der heiteren Sorglosigkeit, in der wir
alle leben«, war seine Antwort. »Denn es scheint nicht bloß, es ist
wirklich an dem, daß die Sorge hierzulande unbekannt ist, zum mindesten
jene häßlichste, erniedrigendste aller Sorgen, die um das tägliche Brot.
Nicht daß wir reicher sind, und auch nicht, daß wir es alle sind, ist
diesbezüglich das Entscheidende, sondern daß wir, und zwar
wohlverstanden jeder Einzelne unter uns, die absolute Sicherheit
besitzen, es stets zu bleiben. Hier _kann_ niemand verarmen, denn
unveräußerlich ist ihm sein Anteil am unermeßlichen Vermögen der
Gesamtheit. Heiter und lachend liegt das »Morgen« vor uns; es kann uns
nichts Schlimmes bringen, denn Gewähr und Sicherheit für das Wohlergehen
auch des Letzten unter uns ist eine Macht, so stark und dauerhaft, wie
der Bestand unserer Rasse auf diesem Planeten, die Macht des
menschlichen Fortschritts. Wir gleichen in diesem Punkte wirklich den
Kindern, denen Schirm und Hort des elterlichen Hauses jede materielle
Sorge fernhält.«

»Und befürchtet Ihr nicht« -- so warf ich ein -- »daß diese
Sorglosigkeit schließlich gerade dem ein Ende bereiten wird, worauf sie
sich stützt, dem Fortschritte nämlich? Bisher zum mindesten waren noch
stets Not und Sorge die besten Triebfedern menschlicher Betriebsamkeit;
erlahmen diese beiden, hat die quälende Angst um das Morgen ihr Ende, so
wird auch der Fortschritt erlahmen, Stillstand, dann Rückschritt werden
ihm folgen und zugleich mit der dadurch notwendigerweise eintretenden
Verarmung werden auch Not und Sorge wieder ihren Einzug halten. Daß
bisher unter Euch nichts von alledem zu bemerken ist, muß ich zugeben;
aber es kann mich dies nicht beruhigen. Denn einstweilen genießt Ihr in
Freiland noch die Früchte des Fortschritts Anderer. Was unter Not und
Qual ungezählter Jahrtausende ersonnen und erfunden wurde, unter Not und
Qual ungezählter Millionen außerhalb der Grenzen Eures Landes auch heute
noch ersonnen und erfunden wird, das ist's, was Euer Glück einstweilen
ermöglicht. Wie aber dann, wenn dereinst -- was Ihr ja offenbar anstrebt
-- die _ganze_ Menschheit sich zu Euren Prinzipien bekehrt? Glaubt Ihr,
daß die Not gänzlich von der Erdoberfläche verschwinden kann, ohne den
Fortschritt mit sich zu nehmen?«

»Das glauben wir nicht bloß« -- war seine Antwort -- »wir wissen es, und
jedermann, der unbeirrt durch überkommene Vorurteile die Thatsachen
prüft, muß unsere Erkenntnis teilen. Kampf ums Dasein ist das
unerbittliche Gebot, an welches die Natur den Fortschritt, ja die
Existenz jeglichen lebenden Wesens geknüpft hat -- das begreifen wir
besser, als irgend jemand da draußen. Aber daß dieser Kampf gerade durch
den Hunger gestachelt werden muß, leugnen wir, und ebenso, daß er
notwendigerweise als ein gegenseitiger Kampf der Individuen der
nämlichen Art aufzufassen ist. Auch wir kämpfen den Kampf ums Dasein,
denn mühe- und arbeitslos fällt auch uns der Genuß nicht in den Schoß.
Aber nicht _gegeneinander_, sondern _miteinander_ stehen wir in unserem
Streben, und gerade deshalb ist uns der Erfolg desselben niemals
zweifelhaft. Wir könnten uns, wenn auf das Beispiel des in der Tierwelt
herrschenden Kampfes verwiesen wird, darauf berufen, daß der Mensch, dem
andere Kampfmittel zu Gebote stehen, als seinen niedriger stehenden
animalischen Vettern, den Entwickelungskampf auch in anderer Weise
auszutragen vermöchte, als diese; aber das wäre eine ebenso schlechte,
als überflüssige Ausflucht. Denn in Wahrheit verhält sich die Sache
umgekehrt; Not und materielle Sorge sind -- von höchst vereinzelten
Ausnahmen abgesehen -- keine natürlichen Kampfmittel im Mitbewerbe ums
Dasein; die weitaus überwiegende Mehrzahl aller Tiere leidet niemals
Mangel, sorgt niemals und in keinerlei wie immer gearteter Form um das
Morgen, und ist trotzdem von Uranfang aller Dinge dem großen
ausnahmslosen Gesetze des Fortschritts unterworfen gewesen. Am
allerwenigsten aber ist im Tierreiche gegenseitiger Kampf der
Angehörigen der nämlichen Art die Regel; die Individuen der gleichen Art
leben friedlich und der Hauptsache nach kampflos untereinander, ihre
Waffen sind nach außen gekehrt, gegen andersgeartete Feinde. Gegen den
Löwen und den Panther ficht die Gazelle den Daseinskampf durch
Wachsamkeit und Schnelligkeit, nicht gegen ihresgleichen; gegen die
Gazelle und den Büffel, Löwe und Panther den ihrigen durch List und
Stärke, nicht aber gegen Mit-Löwen und Mit-Panther. Der Kampf unter uns
und gegen uns selber war und ist unser, der menschlichen Rasse,
Privilegium gewesen. Entsprungen aber ist dies traurige Privilegium
allerdings einer Kulturnotwendigkeit; um uns zu dem zu entwickeln, was
wir geworden sind, mußten wir von der Natur mehr verlangen, als sie
freiwillig zu bieten in der Lage ist; um es zu erlangen, blieb lange
Jahrtausende hindurch kein anderer Ausweg, als das zur Befriedigung
unserer höheren Bedürfnisse Erforderliche uns gegenseitig abzujagen und
abzupressen. Und dadurch erst gestaltete sich die Not zu einem
Kampfmittel im menschlichen Daseinskampfe. Also wohlgemerkt, daß der
Mensch gegen den Menschen kämpfte, und daß in diesem Kampfe die
materielle Sorge den empfindlichsten Stachel bildete, war und ist nicht
die einfache Übertragung eines in der ganzen belebten Natur geltenden
Gesetzes auf die menschliche Gesellschaft, sondern eine ausnahmsweise
Verzerrung dieses großen Naturgesetzes unter dem Einflusse einer
menschlichen Entwickelungsphase. Wir litten Not, nicht weil die Natur es
durchaus so verlangt, sondern weil wir uns gegenseitig beraubten, und
wir beraubten uns gegenseitig, weil mit der beginnenden Kultur ein
Mißverhältnis unserer Bedürfnisse und unserer natürlichen Mittel zur
Befriedigung derselben entstand. Jetzt aber hat die bis zur Herrschaft
über die Naturkräfte gediehene Kultur dieses Mißverhältnis wieder
ausgeglichen; um Überfluß und Muße zu genießen, müssen wir uns fürderhin
nicht mehr gegenseitig ausbeuten, und wenn nunmehr der Kampf des
Menschen gegen den Menschen, und damit zugleich die materielle Not ihr
Ende finden, so bedeutet das nicht die Abwendung von den natürlichen
Formen des Daseinskampfes, sondern in Wahrheit Rückkehr zu denselben.
Nicht der Kampf ist damit zu Ende, sondern bloß die unnatürliche Form
desselben. In ihrem Ringen, sich über die rein tierische Natur zu
erheben, geriet die Menschheit in einen Jahrtausende währenden
Widerstreit mit der Natur selber, und dieser Widerstreit war die Quelle
all der unsäglichen Marter und Pein, der Verbrechen und
Scheußlichkeiten, deren ununterbrochene Kette die Geschichte unserer
ganzen Rasse ist, von den ersten Anfängen ihrer beginnenden Kultur bis
zur Gegenwart. Jetzt aber ist der schreckliche Widerstreit durch den
glorreichsten Sieg beendet, wir sind geworden, was wir Jahrtausende
hindurch erstrebten, ein Geschlecht, das der Natur Überfluß und Muße
für alle seine Angehörigen abzugewinnen vermag und gerade
durch diese wiedererlangte Harmonie unserer Bedürfnisse und
Bedürfnisbefriedigungsmittel haben wir den Einklang mit der Natur wieder
hergestellt. Unterworfen bleiben wir ihrem unwandelbaren Gesetze des
Kampfes ums Dasein, aber wir werden diesen Kampf hinfort in der
nämlichen Weise führen, wie alle anderen Naturwesen, nach außen, nicht
nach innen gegen die Genossen der eigenen Art, und entledigt des
Stachels materieller Not.«

»Was aber« -- so fragte ich -- »soll hinfort den Menschen zu ferneren
Kämpfen im Dienste des Fortschritts anspornen, wenn die Not ihren
Stachel verloren hat?«

»Sonderbare Frage! Sie zeigt so recht deutlich, wie schwer es ist, Dinge
zu sehen, die jenen Anschauungen widersprechen, die wir mit der
Muttermilch eingesogen haben und die wir als Grundpfeiler der Ordnung
und Gesittung anzusehen uns gewöhnt haben, auch wenn diese Anschauungen
den offenbarsten Thatsachen aufs augenscheinlichste widersprechen. Als
ob jemals Not die ausschließliche, oder auch nur die vornehmste
Triebfeder menschlichen Fortschrittes gewesen wäre! Der Widerstreit zur
Natur, in welchen das Mißverhältnis zwischen Kulturbedürfnissen und
Kulturkräften die Menschheit in den Jahrtausenden des Übergangs von
Barbarei zu wirklich menschenwürdiger Kultur brachte, hatte zwar zur
Folge, daß der Kampf ums Dasein neben seinen natürlichen auch
widernatürliche, der tiefinnersten Eigenart der meisten Naturwesen Hohn
sprechende Formen annahm; doch zur Alleinherrschaft gelangten diese
niemals, ja die Natur erwies sich in der Regel doch mächtiger, als die
ihr widerstrebenden Menschensatzungen, und alle Epochen der
Kulturgeschichte hindurch haben wir die besten Errungenschaften des
menschlichen Geistes nicht der Not, sondern jenen anderen Impulsen zu
verdanken, die unserer Rasse eigentümlich sind und bleiben werden, so
lange sie als herrschende die Erde bevölkert. Dreimal blind, wer dies
nicht sehen will! Die großen Denker, Erfinder und Entdecker aller Zeiten
und aller Nationen, sie wurden nicht durch Hunger angespornt, ja man
kann in der Mehrzahl der Fälle behaupten, daß sie sannen und dachten,
forschten und fanden, nicht _weil_, sondern _trotzdem_ sie hungerten.
»Doch« -- so könnte man einwenden -- »das waren eben die wenigen
Erlesenen unseres Geschlechts; die große Masse der Alltagsmenschen aber
kann nur durch gemeinen, prosaischen Hunger angespornt werden, nach
besten Kräften zu gebrauchen, was jene fanden und ersannen.« Wer so
urteilt, geht abermals von einem höchst merkwürdigen Übersehen aus.
Welche Voreingenommenheit gehört dazu, sich der Thatsache zu
verschließen, daß es gerade die Besitzenden sind, die Nichthungernden,
die am emsigsten vorwärts streben. Der Hunger ist zwar ein Stachel zur
Arbeit, aber ein entnervender, verderblicher, und wer triumphierend auf
jene Elenden weist, die thatsächlich nur durch bitterste Not zur
Thätigkeit angespornt werden können und sofort wieder in träge Apathie
versinken, sowie der nagendste Hunger gestillt ist, der vergißt, daß es
eben das Elend ist, was Schuld an dieser Entartung trägt. Der
Kulturmensch, der höhere Bedürfnisse einmal kennen gelernt, wird desto
emsiger deren Befriedigung anstreben, je weniger ihm entwürdigende Not
die Spannkraft des Geistes und Körpers gebrochen hat und je zweifelloser
der Erfolg seines Strebens ist. Denn nicht in der hoffnungslosen Not,
sondern im vernünftigen, auf ein sicheres Ziel fröhlich zusteuernden
Eigennutze muß jeder Unbefangene den wirksamsten Sporn der
Betriebsamkeit erkennen. Diesen Eigennutz aber hat _unsere_ sociale
Ordnung -- weit entfernt, ihn abzustumpfen -- in Wahrheit erst zu voller
Entfaltung gebracht. Du kannst also vollkommen beruhigt darüber sein:
was Du bisher bei uns wahrzunehmen Gelegenheit hattest, daß wir nämlich
an Erfindungskraft und geistiger Regsamkeit den anderen Nationen
voranschreiten, es ist kein zufälliges Ergebnis irgendwelcher
vorübergehender Einflüsse, sondern die notwendige Konsequenz unserer
Institutionen, und jedes Volk, welches diese letztere nachahmt, wird die
gleichen Konsequenzen verspüren. So wenig als wir der quälenden Not
bedürfen, um Erfindungen und Verbesserungen zu ersinnen, welche die
Menge und Mannigfaltigkeit unserer materiellen wie geistigen Genüsse zu
vermehren geeignet sind, ebensowenig wird bei irgend einem anderen Volke
der Fortschritt aus dem Grunde erlahmen, weil dieses Volk gleich uns in
die glückliche Lage gerät, die Früchte des Fortschritts zu genießen.«

Ich konnte mich nicht enthalten dem gleich einem begeisterten Seher
sprechenden Freunde um den Hals zu fallen. »Wenn ich es bei Lichte
betrachte« -- erklärte ich -- »so läuft die gegenteilige Auffassung
darauf hinaus, als ob der Fortschritt nur dort gedeihen könne, wo er der
Hauptsache nach nutzlos ist. Denn der fundamentale Unterschied zwischen
Euch Freiländern und uns anderen liegt doch darin, daß Ihr die Früchte
jeden Fortschritts genießet, während wir mit demselben eigentlich bloß
in das Danaidenfaß der Überproduktion schöpfen. Niemand bezweifelt, daß
Stuart Mill Recht hatte, als er beklagte, daß alle Entdeckungen und
Erfindungen bisher nicht vermochten, die Plage und Not auch nur _eines_
arbeitenden Menschen zu lindern; welch schrecklicher Wahnsinn jedoch, zu
glauben, daß gerade _das_ notwendig sei, damit fernerhin entdeckt und
erfunden werde!«

»Doch, um wieder auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen«, fuhr ich
fort, »so ist mir mit alledem die geradezu wunderbare, herzerquickende
Heiterkeit, die alles hier in diesem Lande der Glücklichen atmet, noch
immer nicht ganz erklärlich. Not und materielle Sorge sind hier
unbekannt, zugegeben. Aber es gibt ja auch außerhalb Freilands
Hunderttausende und Millionen, die jeder drückenden Sorge enthoben sind;
warum fehlt diesen die wirkliche Heiterkeit? Vergleiche doch einmal
unsere beiderseitigen Väter. Der meinige ist unstreitig der reichere,
und doch, welch' tiefe Furchen hat die Sorge in seine Stirn gegraben,
welch' herben Zug schmerzlicher Reflexion um seine Mundwinkel; und
welch' froher Glanz ewiger Jugend leuchtet aus jedem Zuge Deines Vaters.
Ich möchte beinahe vermuten, daß die Luft, die man in diesem Lande
atmet, sehr wesentlich mit im Spiele ist; denn die Falten und Furchen in
Vaters Zügen, von denen ich soeben sprach, haben sich schon in den zwei
Wochen unseres Aufenthaltes hier merklich geglättet, und ich selber
fühle mich heiterer, glücklicher als jemals zuvor.«

»Du hast«, entgegnete mir David, »das Wichtigste vergessen, den Einfluß
des Gesamtgefühls auf das Gefühl des Einzelnen. Der Mensch ist ein
geselliges Wesen, das seine Gedanken und Empfindungen nur zum Teile dem
eigenen Kopfe und dem eigenen Herzen entnimmt, während ein anderer,
nicht minder wichtiger Teil, ich möchte sagen die Grundstimmung, die den
individuellen Geistes- und Gemütsregungen Farbe und Inhalt verleiht, in
der jeweilig existierenden Gesamtgesellschaft ihren Ursprung hat. Jeder
Einzelne steht mit seinen Mitlebenden nicht bloß äußerlich, sondern
ebenso auch innerlich in unlöslicher Berührung; er glaubt zu denken, zu
fühlen und zu handeln, bloß wie seine Individualität es erheischt,
fühlt, denkt und handelt aber der Hauptsache nach unter dem
unentrinnbaren Banne einer alle Köpfe, Herzen und Handlungen
umschlingenden Zeitströmung. Der aufgeklärte, humane Freidenker der
Gegenwart hätte -- wäre er drei Jahrhunderte früher geboren worden,
um der kleinlichsten, ihm heute lächerlich erscheinenden
Glaubensdifferenzen willen Andersdenkende mit demselben grimmigen Hasse
verfolgt, wie dazumal alle anderen Lebenden auch; und hätte er noch um
einige Jahrhunderte früher, etwa unter den heidnischen Sachsen zur Zeit
Karls des Großen das Sonnenlicht gesehen, so wären ihm Menschenopfer so
wenig ein Greuel gewesen, als den andern Verehrern der Göttin Hertha.
Derselbe Mann aber, welcher als heidnischer Sachse in den Wäldern der
Weser und Elbe aufgewachsen, Ruhm und Preis darin gefunden hätte, das
Blut geschlachteter Gefangener vom Herthastein gen Himmel dampfen zu
lassen, wäre dazumal schon von unüberwindlichem Grauen vor solchem Thun
geschüttelt worden, wenn ihn -- begabt mit genau den nämlichen
individuellen Anlagen -- der Zufall im kaiserlichen Byzanz, statt unter
germanischen Barbaren hätte geboren werden lassen; hier dagegen hätte er
skrupellos Lug und Verrat geübt, während er -- im übrigen vom Wirbel bis
zur Zehe derselbe Mann -- umgeben von den trotzigen Germanenhelden,
solch weichlicher Laster ganz und gar unfähig geblieben wäre. Da dem
aber so ist, da die Tugenden und Laster, die Gedanken und Gefühle jener
unserer Zeitgenossen, in deren Mitte wir geboren und erzogen worden, die
Grundstimmung unseres eigenen Wesens bilden, so ist es schlechterdings
unmöglich, daß der Angehörige einer von wahnsinnigster Angst vor dem
Hunger bis ins innerste Mark gerüttelten Gesellschaft, jemals in
ungetrübter Sorglosigkeit seines Lebens sich freue. Wo die ungeheure
Mehrzahl der Zeitgenossen niemals weiß, was der morgige Tag bringen mag,
ob eine fernere Fristung des jammervollen Daseins oder den völligen
wirtschaftlichen Untergang, unter dem Obwalten einer socialen Ordnung,
die den eigenen Erfolg im Daseinskampfe davon abhängig macht, daß es uns
gelinge, dem gierig nach unserem Brote lechzenden, gleich uns von
fiebernder Angst gerüttelten Konkurrenten sein Brot aus den Zähnen zu
reißen; in einer Gesellschaft, wo jedermann jedermanns Feind ist, von
wirklich heiterem Lebensgenusse zu sprechen, ist der Gipfel des Unsinns.
Kein individueller Reichtum gewährt Schutz gegen den zermalmenden Jammer
der Gesamtheit aller Mitlebenden. Dem hundertfachen Millionär, der nicht
den hundertsten Teil der Zinsen seiner Zinsen in Wirklichkeit verzehren
kann, ihm greift das schreckliche Hungergespenst mit ebenso scharfen
Krallen ins Gemüt, wie dem elendesten der Elenden, der obdachlos,
frierend und hungernd durch die Straßen Eurer Großstädte irrt. Der
Unterschied zwischen beiden liegt nicht im Hirn und im Herzen, sondern
lediglich in den Magennerven; der zweite empfindet auch physisch, was
der erste bloß seelisch und geistig empfindet. Die seelischen und
geistigen Leiden aber sind die dauernden und deshalb wirksameren.
Betrachtet ihn doch, Eueren vom wahnwitzigen Hungerfieber besessenen
Krösus, wie er atemlos nach immer neuem und neuem Erwerbe hastet, wie er
sich und der Seinen Glück und Ehre, Genuß und Frieden dem Götzen
schlachtet, von welchem er sich Hilfe in der allgemeinen Not erwartet,
dem Götzen des Mammons. Denn nicht besitzt er seinen Reichtum, er ist
von ihm besessen. Besitz auf Besitz will er häufen, vermeinend, daß er
hoch oben auf dem schwindelnden Gipfel zahlloser Millionen Sicherheit
erlangen könnte gegen das Meer von Elend, das ihn grauenerregend rings
umbrandet; ja, so verblendet ist der Thor, daß er nicht einmal bemerkt,
wie nur dieser Ozean des allgemeinen Elends es ist, was ihm Grauen
einjagt, vielmehr des traurigen Wahnes lebt, seine Angst werde sich
mindern, wenn nur der Abgrund da unten noch tiefer und schauerlicher
sich abhebt von seinem schwindelnden Sitze da oben. Und man glaube nicht
etwa, daß unter dieser abergläubischen Angst vor dem Hunger bloß die
Thorheit Einzelner gemeint sei. Das ganze Zeitalter ist davon besessen,
und gerade die besten Naturen am meisten. Denn je empfänglicher Kopf und
Herz sind, zu desto schrankenloserer Vorherrschaft gelangt das
Gemeingefühl der allgemeinen Not dem vorübergehenden individuellen
Behagen gegenüber; bloß vollkommen kaltherzige Egoisten oder vollendete
Idioten machen hie und da eine Ausnahme; bloß sie können sich, unbeirrt
durch das Hungergespenst, welches die Millionen ihrer Brüder würgt, mit
wirklichem Behagen ihres Reichtums freuen.

»Das ist's, o mein Karlo, was Euch allen den hippokratischen Leidenszug
ins Antlitz prägt; Ihr könnt Euch unbefangenem Lebensgenusse nimmermehr
hingeben, so lange Ihr inmitten einer Atmosphäre des Elends, des Jammers
und der Angst atmet. Und das ist's auch, dieses Gemeingefühl, welches
jeden Menschen mit seiner Umgebung verbindet, was Euch hier, kaum
angelangt inmitten einer Gesellschaft, der dieses Elend, dieser Jammer,
diese Angst gänzlich unbekannt sind, zu jener Heiterkeit des Denkens und
Empfindens erwachen läßt, die jedem gesunden Naturwesen ureigentümlich
ist. Und vollends wir, die wir seit einem Menschenalter uns inmitten
dieser, des Elends sowohl als der Furcht vor dem Elend entledigten
Gesellschaft bewegen, wir haben die düstere Auffassung des
Menschenschicksals, von welcher auch wir befangen waren, solange die
alte Welt mit ihrem selbstauferlegten Martyrium uns umfing, beinahe
vollständig überwunden. Ich gebrauche das einschränkende »beinahe« für
diejenigen unter uns, die erst im Mannesalter Freiländer geworden sind.
Wir jüngeren, die wir hier im Lande geboren und aufgewachsen sind, ohne
das Elend jemals gesehen zu haben, unterscheiden uns in diesem Punkte
nicht unerheblich von den älteren, die in ihrer Jugend das Medusenhaupt
der Knechtschaft von Angesicht zu Angesicht geschaut. Fünfundzwanzig
Jahre sind es her, daß mein Vater und meine Mutter, die beide unter den
ersten hier am Kenia anlangten, der Stickluft des Massenelends, der
Entwürdigung des Menschen durch den Menschen entrückt sind; aber die
Erinnerung des Entsetzlichen, das sie vorher miterlebt, dessen
Teilnehmer sie gewesen, ohne es hindern zu können, sie wird bis zu ihrem
Ende nicht gänzlich aus ihrem Gemüte schwinden und nimmermehr kann jene
göttergleiche Ruhe und Heiterkeit völlig von ihrem Herzen Besitz
ergreifen, die das selbstverständliche Erbteil ihrer Kinder ist, an
deren Händen niemals Schweiß und Mark geknechteter Menschen haftete, die
um zu genießen, niemals die Früchte fremder Arbeit sich aneigneten,
niemals vor der grausamen Alternative standen, Hammer oder Ambos im
Daseinskampfe zu sein.«

Damit schloß David für diesmal seine Belehrungen und ich will es ihm
nachthun.



                              17. Kapitel.


                                                  Edenthal, 2. August.

Längst schon hatte mich die Frage der hiesigen Jugenderziehung in hohem
Maße interessiert; der vorgestrige Tag nun war dem Studium dieses
Gegenstandes gewidmet. Zunächst besuchte ich in Davids Gesellschaft
einen der zahlreichen Kindergärten, die in Edenthal ziemlich gleichmäßig
über die Stadt verteilt sind. In einer teils aus sonnigen Grasmatten,
teils aus schattigen Baumpflanzungen gebildeten Anlage tummelten sich
hier unter der Leitung zweier Mädchen im Alter von 18-20 Jahren und
einer jungen Witwe etwa 50 Bübchen und Mädchen im Alter zwischen 4 und 6
Jahren. Es wurde gesungen, getanzt, allerlei Possen getrieben,
dazwischen Bilderbücher besehen und erklärt, Märchen abwechselnd mit
belehrenden Geschichten erzählt, Spiele gespielt, die gleicherweise
teils bloßer Unterhaltung, teils der Belehrung dienten. Unter dem
kleinen Volke, das sich königlich amüsierte, war ein ziemlich starkes
Kommen und Gehen; die eine Mutter brachte ihre Sprößlinge herbei, eine
andere holte die ihrigen ab. Im allgemeinen ziehen es nämlich die
freiländischen Mütter vor, ihre Kinder um sich zu haben; nur wenn sie
das Haus verlassen, um einen Besuch zu machen oder etwas zu besorgen,
werden die Kleinen dem nächsten Kindergarten übergeben und bei der
Heimkehr wieder abgeholt -- es sei denn, daß das junge Volk selber darum
bettelt, dortgelassen resp. dahin gebracht zu werden, und die Mutter den
Bitten zu willfahren geneigt ist. Doch das sind wie gesagt
Ausnahmefälle; in der Regel tummeln sich die Kinder daheim unter den
Augen der Eltern, und die Leitung der ersten Erziehung ist insbesondere
Sache der Mutter. Belehrung darüber, wie diese am besten anzustellen
sei, braucht eine freiländische Frau selten; im Bedarfsfalle ist
übrigens der benachbarte Kindergarten, später das Pädagogium zur Hand,
wo guter Rat jederzeit geholt werden kann. Als Thatsache wurde mir
mitgeteilt, daß jedes in Freiland aufgewachsene sechsjährige Kind des
Lesens, Kopfrechnens und einer ganz artigen Summe nützlichen Wissens
kundig sei, ohne bis dahin ein anderes als ein Bilderbuch gesehen zu
haben.

Nach dem Kindergarten kam die Elementarschule an die Reihe. Auch diese
Schulen sind möglichst gleichförmig über Edenthal zerstreut und liegen
gleicherweise in größeren Gärten. Sie sind vierklassig, und der
Unterricht wird Mädchen und Knaben gemeinsam erteilt. Das Lehramt liegt
durchweg in Händen junger Mädchen und Frauen; nur Turnen und Schwimmen
der Knaben leiten männliche Lehrer. Die beiden letzteren Übungen
beanspruchen bei Knaben und Mädchen täglich je eine Stunde; mindestens
dreimal wöchentlich werden unter Leitung je einer Lehrerin von jeder
Klasse mehrstündige Ausflüge in die benachbarten Wälder und Berge
unternommen, bei denen allerlei Anschauungsunterricht getrieben wird.
Ich beobachtete die Zöglinge beim Buche und am Turnplatz, in der
Schwimmschule und auf den Bergen und hatte dabei Gelegenheit, mich zu
überzeugen, daß die Kinder mindestens so viel und so systematisches
Wissen besaßen, als europäische Altersgenossen, dabei sich aber auf Reck
und Barren, Kletterstange und Hängeseil bewegten wie die Eichhörnchen,
im Wasser schwammen wie die Fische, und nach dreistündigem Marsche über
Berg und Thal so munter umhersprangen wie die Rehe.

Hierauf besuchten wir die Mittelschulen, in denen Knaben und Mädchen
gesondert vom 10. bis 16. Jahre unterrichtet wurden, erstere durch
männliche, letztere teilweise durch weibliche Lehrkräfte. Hier war den
Leibesübungen mannigfaltigster Art noch weit größere Beachtung
geschenkt, und um den hierfür erforderlichen Raum zu gewinnen, befanden
sich diese Schulen im Umkreise der Stadt, in der Nachbarschaft der diese
umgebenden Wälder. Ich hatte Gelegenheit, die Ausdauer, Kraft und Grazie
der Knaben und Mädchen im Turnen, Laufen, Springen, Tanzen und Reiten zu
bewundern, die ersteren überdies bei ihren Ring-, Fecht- und
Schießübungen zu sehen. Einige Gänge auf Stoßdegen und Säbel mit
verschiedenen der jungen Leute belehrten mich zu meinem Erstaunen, daß
dieselben mir nicht bloß ebenbürtig, sondern in manchen Punkten
überlegen seien, obwohl Dir bekannt ist, daß ich zu den besseren
Fechtern unseres in dieser Kunst so vielgepriesenen Italien gehöre. Die
beim Ringen und Turnen hervortretende Muskulatur der halbwüchsigen
Recken erregte in nicht minderem Grade meine Bewunderung, als die
spielende Leichtigkeit, mit welcher dieselben ein Pferd im vollen Galopp
einholten und sich auf dessen Rücken schwangen. Besonders überrascht
aber war ich von der Sicherheit, mit welcher die Knaben ihre Schußwaffen
handhabten. Auf 500 Meter Distanz wurde die kaum tellergroße Scheibe
selten verfehlt, und nicht wenige der jungen Schützen sandten Kugel auf
Kugel ins Schwarze. Alles in allem machten insbesondere die obersten
Klassen dieser Mittelschulen dem Äußeren der Zöglinge nach zu urteilen
den Eindruck einer Schar erlesener junger Athleten; dabei erwiesen sich
jedoch diese Athleten auch in allen Wissenszweigen wohlbewandert, die an
den besten europäischen Mittelschulen getrieben werden.

Bis dahin ist, wie ich erfuhr, der Unterricht für alle Kinder Freilands
der gleiche, mit dem alleinigen Unterschiede, daß bei den Mädchen etwas
geringerer Nachdruck auf die Leibesübungen, dafür desto größerer auf
musikalische Ausbildung gelegt wird. Von da ab jedoch trennen sich die
Berufe. Die jungen Mädchen bleiben entweder im elterlichen Hause, um
sich dort in jenen Künsten und Wissenszweigen, zu denen sie bis dahin
den Grundstein gelegt, weiter auszubilden, oder sie ziehen als
Ziehtöchter zu gleichem Zwecke in das Haus irgend einer als hochgebildet
und geistreich bekannten Frau. Ein anderer Teil bezieht die
pädagogischen Lehranstalten, um sich für das Lehramt auszubilden, hört
einen Kursus über Krankenpflege oder über Ästhetik, Kunstgeschichte u.
dergl.

Die Knaben dagegen zerstreuen sich insgesamt in die verschiedenen
höheren Lehranstalten. Die Mehrzahl besucht die gewerblichen und
geschäftlichen Fachschulen, in denen ein oder zwei Jahre hindurch
wissenschaftliche und praktische Anleitung zu den verschiedenartigsten
Geschäfts- und Produktionsarten erteilt wird. Durch eine dieser
Fachschulen geht jeder freiländische Arbeiter, er mag späterhin als
Landbauer, als Spinner, als Bergmann oder in welcher Eigenschaft immer
seinen Verdienst suchen. Dabei wird ein doppelter Zweck verfolgt:
erstens der, jeden Arbeiter ohne Unterschied in den Zusammenhang des
ganzen Getriebes seiner Produktion einzuweihen und zweitens, ihn in den
Stand zu setzen, seinen Erwerb nach Wahl auch in mehreren
Produktionszweigen zu suchen. Der simple Spinner, der nichts anderes zu
thun hat, als den Gang seiner Spindeln zu überwachen, weiß hier zu Lande
auch über die Einrichtung und den Betrieb der ganzen Spinnerei, über
Bezugsquellen und Absatzgebiete einigen Bescheid, was zur Folge hat, daß
solch ein Arbeiter, wenn es gilt die Leiter seiner Association zu
wählen, seine Stimme mit einer Sachkenntnis abgiebt, die Mißgriffe bei
der Auslese der geeignetsten Persönlichkeiten nahezu unmöglich macht.
Zum zweiten aber ist dieser einfache Spinner in Freiland kein Automat,
dessen Wissen und Können mit den Handgriffen und Kenntnissen seines
engeren Faches erschöpft wäre; er ist jedenfalls noch in einem oder
einigen anderen Erwerbszweigen zu Hause und das hat wieder zur Folge,
daß unser Mann jede in diesem anderen Erwerbszweige sich zeigende
günstige Konjunktur sofort ausnutzen, die Spinnmaschine mit dem Pfluge,
mit dem Hammer oder mit der Drehbank, wohl auch mit dem Schreibpulte
oder der Rechentafel zu vertauschen in der Lage ist, wodurch eben jenes
wundervolle Gleichgewicht der verschiedenartigsten Einkommenszweige
ermöglicht wird, welches die Grundlage der socialen Ordnung des Landes
ist.

Junge Leute, die Beruf zu höherer geistiger Thätigkeit in sich
verspüren, wenden sich den eigentlichen Hochschulen zu, in denen
Freilands Professoren, höhere Verwaltungsbeamte, Ärzte, Techniker u. s.
w. ausgebildet werden, oder den mit großartigen Mitteln ausgestatteten
verschiedenartigen Kunstakademien, aus denen die Architekten, Bildhauer,
Maler, Musiker des Landes hervorgehen. Doch auch in allen diesen
Unterrichtsanstalten wird fortlaufend neben der geistigen auf die
körperliche Fortbildung der größte Nachdruck gelegt. Die gewerblichen
und kaufmännischen Fachschulen haben ihre Turn-, Ring- und Reitbahnen,
ihre Schieß- und Fechtplätze so gut wie die Hochschulen und Akademien,
und da die Jünglinge, welche hier ihre Fortbildung suchen, nicht so
unmittelbar unter dem Einflusse ihrer Lehrer stehen, wie die Knaben der
Mittelschulen, so ist durch das Institut der öffentlichen Gau- und
Landesübungen dafür gesorgt, ihren Eifer für körperliche Ausbildung
nicht erlahmen zu lassen. Alle Jünglinge zwischen dem vollendeten 16.
und 22. Jahre sind nämlich je nach ihrem Wohnsitze in Tausendschaften
geteilt, die unter selbstgewählten Führern allmonatlich Übungen halten,
bei denen sie ihre körperlichen Kräfte und Fähigkeiten erproben. Einmal
im Jahre findet in jedem der 48 Distrikte, in welche zu
Verwaltungs-Zwecken ganz Freiland geteilt ist, vor einem
Preisrichterkollegium, welches aus den Siegern früherer Jahre gebildet
wird, eine große Preisübung statt, bei welcher erstlich von jeder
Tausendschaft gestellte Champions -- es sind das natürlich die
tüchtigsten Recken, über die jede Tausendschaft verfügt -- als
Einzel-Fechter, -Schützen, -Reiter, -Ringer und -Läufer sich messen;
sodann kämpfen die Tausendschaften als solche, d. h. in Gesamtübungen um
verschiedene Preise. Die Sieger bei diesen Gauübungen bewerben sich dann
bei dem wenige Wochen später in einem zu solchen Zwecken besonders
eingerichteten Thale des Aberdaregebirges stattfindenden Landesfeste um
die Ehre der Meisterschaft für ganz Freiland und man versicherte mir,
daß kein griechischer Jüngling aus der Blütezeit von Hellas in heißerem
Bemühen um den Ölzweig bei den Isthmischen Spielen warb, als die
freiländischen Jünglinge um die Ehrenpreise bei diesen Aberdarespielen,
obwohl auch hier die Preise in nichts anderem, als in schlichten
Blätterkronen, daneben aber allerdings in dem vom Indischen Ocean bis zu
den Mondbergen und vom Tanganika bis zum Baringosee wiederhallenden
Ruhmesfanfaren und in dem begeisterten Jubel jenes Gaues und jener Stadt
bestehen, die so glücklich sind, die Sieger die Ihren zu nennen.
Hunderttausende strömen aus allen Landesteilen zu diesen Preisübungen
zusammen und die Mutterstadt der Sieger, insbesondere die der siegenden
Tausendschaft, empfängt ausnahmslos die heimkehrenden Jünglinge mit
einer Reihe der erlesensten Feste.

Ich konnte mich, als mir dies berichtet wurde, der Bemerkung nicht
enthalten, daß mir solcher Enthusiasmus aus Anlaß eines bloßen Spieles
denn doch übertrieben erscheine; insbesondere äußerte ich darüber mein
Erstaunen, daß Freiland, die Heimat der socialen Gerechtigkeit, sich für
Leistungen zu begeistern vermöge, die im kriegerischen Hellas von
besonderem Werte erscheinen mochten, hier aber, wo alles
unverbrüchlichen Frieden atmet, keine andere Bedeutung haben könnten,
als die einer harmlosen Leibesübung.

»Sehr richtig« -- bemerkte David -- »nur daß die Tüchtigkeit in diesen
harmlosen Leibesübungen es eben ist, was uns Freiländern die
Unverbrüchlichkeit des Friedens verbürgt, dessen wir uns zu erfreuen
haben. Wir besitzen keinerlei militärische Einrichtungen und wären, wenn
wir uns nicht auf unsere Überlegenheiten in allem, was körperliche Kraft
und Gewandtheit betrifft, verlassen könnten, die leichte Beute jedes
Militärstaates, dem es nach unseren Reichtümern gelüstete.«

»Du glaubst doch nicht etwa« -- rief ich nicht ohne ein sarkastisches
Lächeln -- »mit euern fechtenden und schießenden Knaben und mit den
Siegern eurer Isthmischen Spiele einer großen Militärmacht gewachsen zu
sein, die es wirklich auf Euch abgesehen haben sollte? Meines Erachtens
liegt Euer Schutz in der gegenseitigen Eifersucht der europäischen
Staaten, die eine solche Beute keinem einzelnen gönnt, und mehr noch in
der weiten Entfernung, dem Meere und den Bergen, die Euch so gefährliche
Besuche vom Leibe halten. Für alle Fälle aber glaube ich, daß einige
militärische Vorsorge, etwa die Aufstellung einer tüchtigen Miliz und
insbesondere eine starke Flotte, deren Kosten doch bei Eurem Reichtume
gar nicht in Betracht kämen, sehr heilsam wäre.«

»Wir sind anderer Ansicht« -- erklärte David. »Nicht unsere Kampfspiele,
wohl aber die überlegene körperliche Tüchtigkeit, die in ihnen zu Tage
tritt, sichern uns unseres Dafürhaltens vollkommen gegen jeden, selbst
den mächtigsten Feind, der gegen unsere harmonisch ausgebildeten, im
Gebrauche jeglicher Waffe bis zur höchsten Vollendung geübten Jünglinge
und Männer doch nichts anderes ins Feld stellen könnte, als verkommene,
ihre Waffen kaum notdürftig handhabende Proletarier. Wir glauben, daß es
im Kriege weniger auf die Anzahl der Schüsse, als auf die Anzahl der
Treffer, weniger auf die Masse, als auf die Leistungsfähigkeit der
Kämpfenden ankommt. Wenn Du gleich mir Zeuge gewesen wärest, in welcher
Weise bei dem vorjährigen Landesfeste die siegende Tausendschaft ihren
Preis herausschoß, so würdest Du vielleicht zugeben, daß eine Truppe,
die aus solchen, oder doch annähernd solchen Schützen gebildet wäre,
keine europäische Armee zu fürchten brauchte.«

»Wie wollt Ihr Euch aber gegen die Kanonen europäischer Armeen
verteidigen?« fragte ich.

»Ei, eben auch durch Kanonen«, entgegnete David. »Da wir nun einmal mit
diesen Einrichtungen den Doppelzweck verfolgen, den Eifer für
körperliche Ausbildung zu fördern und zugleich Sicherheit gegen
feindliche Angriffe zu erlangen, so nehmen unter unseren Schießübungen
auch solche mit Kanonen des verschiedensten Kalibers einen ausgedehnten
Platz ein. Und zwar geschieht auch das schon von der Schule aus. Von der
vierten Mittelklasse an werden jene Knaben, die sich auf den anderen
Gebieten hervorgethan haben, zu Geschützübungen herangezogen -- was
sich, nebenbei bemerkt, als ganz besonderer Ansporn des Fleißes bewährt
hat. Daß Du diese Geschütze nicht zu Gesicht bekamst, hat seinen Grund
darin, daß der Schießplatz für dieselben ziemlich weit außerhalb des
Bannkreises der Stadt liegt, was um so notwendiger ist, als sich unter
diesen Übungskanonen Ungetüme bis zu 200 Tonnen Gewicht befinden, deren
Donner nur schlecht zur idyllischen Ruhe unseres Edenthals passen würde.
Die Jünglinge aber werden mit diesem artigen Spielzeug so vertraut und
zahlreiche bringen es nach eingehenderen ballistischen Studien zu so
großer Vollendung in Handhabung desselben, daß sie sich meines Erachtens
auch auf diesem Gebiete europäischen Gegnern ebenso überlegen erweisen
würden, wie auf demjenigen des Schützenwesens. Genau dasselbe gilt von
unseren Reitern. Kurzum, wir haben keine Armee, aber unsere Jünglinge
und Männer handhaben alle Waffen, deren eine Armee bedarf, unendlich
vollkommener, als die Soldaten welcher Armee immer, und da überdies zu
Zwecken der großen Preisspiele auch eine Organisation geschaffen ist,
kraft deren aus der Mitte 2½ Millionen waffengeübter Jünglinge und
Männer, welche Freiland zur Stunde besitzt, die gewandtesten und
tüchtigsten 2-300000 jederzeit verfügbar sind, so meinen wir, daß es uns
ein Leichtes wäre, die größte Invasionsarmee abzuwehren -- eine Gefahr,
die wir jedoch im Ernste keineswegs besorgen, denn wir bezweifeln, daß
irgend ein europäisches Volk dazu zu haben wäre, uns anzugreifen. Gegen
uns gesammelte Gewehre und Kanonen dürften sich, auch ohne daß wir etwas
dazu thun, sehr rasch wider diejenigen kehren, die Feindseliges gegen
uns sinnen.«

Dem stimmte ich zu. Wir besprachen hierauf noch einige andere
Gegenstände der Jugenderziehung, bei welcher Gelegenheit die Rede auf
das freiländische Erbrecht kam.

»Dürfte ich Dich fragen, wie Ihr es mit dem Erbrecht im allgemeinen und
mit dem Erbrecht an liegendem Besitz im besonderen haltet. Denn hier, im
Eigentum an Häusern, scheint mir eine Klippe zu liegen, an welcher Eure
allgemeinen Prinzipien über Grundbesitz Schiffbruch leiden können. Eine
der Grundlagen Eurer Organisation ist doch, daß Grund und Boden niemand
eigentümlich gehören dürfe; Häuser aber stehen -- wenn ich recht
unterrichtet bin -- im Privateigentum. Wie vereinbart sich das?«

»Jedermann«, so antwortete David, »verfügt für den Todesfall wie im
Leben vollkommen frei über sein gesamtes Eigentum. Die Testierfreiheit
ist eine unbedingte, nur ist dabei zu beachten, daß unter den Ehegatten
vollständige Gütergemeinschaft besteht, woraus hervorgeht, daß nur der
überlebende Teil über das gemeinsame Vermögen letztwillig verfügen kann.
Das Eigentum am Hause jedoch kann nicht geteilt werden und ebensowenig
ist es gestattet, auf einem Haus- resp. Gartengrunde mehr als _ein_
Wohnhaus zu errichten. Schließlich darf das Wohnhaus nur vom Eigentümer
bewohnt, nicht aber vermietet werden. Geschieht von diesen drei Dingen
eines, wird überhaupt der Hausgrund zu irgend einem anderen Zwecke, als
zu Errichtung der Wohnstätte des Eigentümers verwendet, so trifft den
Zuwiderhandelnden zwar keinerlei besondere Strafe und es wird auch
keinerlei besonderer Zwang gegen ihn geübt, die unmittelbare Folge aber
ist der Verlust des ausschließlichen Nutzungsanspruchs am Hausgrunde.
Die Baufläche wird damit zu Boden gewöhnlicher Art, an welchem es kein
Sonderrecht giebt, an welches jedermann das gleiche ungeteilte Anrecht
hat. Denn nach unseren Anschauungen giebt es überhaupt kein Eigentum am
Boden, also auch nicht am Baugrund des Hauses, und das Recht, solchen
Boden abzusondern und für sich allein zu benutzen, ist lediglich ein zu
bestimmten Zwecken eingeräumtes Nutznießungsrecht. Gleichwie z. B. der
Eisenbahnreisende ein Anrecht auf den Platz hat, den er zuerst
occupierte, jedoch nur zu dem Zwecke, um darauf zu sitzen, nicht aber,
um dort seine Gepäckstücke abzuladen oder um ihn gegen Entgelt an Andere
zu überlassen; so habe ich das Recht, den Platz auf Erden, auf welchem
ich mein Heim gründen will, durch bloße Occupation für mich zu
reservieren, und Niemand darf sich auf meinem Baugrunde neben mir
ansiedeln, so wenig, als es ihm gestattet ist, auf der Eisenbahn neben
mir auf meinem Sitze Platz zu nehmen, auch wenn im Notfalle Raum für
zwei vorhanden wäre. Aber es liegt auch nicht in meinem Belieben, auf
meinem Polster guten Freunden ein Plätzchen neben mir einzuräumen, denn
die Mitreisenden brauchen sich die dadurch für sie erwachsenden
Unbequemlichkeiten nicht gefallen zu lassen; sie können dagegen
protestieren, daß die Beine und Ellbogen meines Sitzpartners ihnen zu
nahe kommen und daß der nur für eine bestimmte Personenzahl berechnete
Luftraum des Wagens durch meine Eigenmacht zahlreicheren Lungen
zugeteilt werde. Ebenso brauchen es sich meine Hausnachbarn nicht
gefallen zu lassen, daß ihnen meine Mauern und Dachfirste zu nahe an den
Leib rücken und daß ich eigenmächtig den Luftraum einer Stadt dichter
fülle, als dem allgemeinen Übereinkommen entspricht.

»Nun habe ich aber in Ausübung meines mir auf eine bestimmte
Bodenparzelle eingeräumten Nutzungsrechtes diese Parzelle untrennbar mit
einem Dinge verbunden, auf welches mir nicht bloß Nutzungs-, sondern
Eigentumsrecht zusteht, dem Hause nämlich. Daraus ziehen wir die
Konsequenz, daß mein Nutzungsrecht auf denjenigen übergeht, dem ich --
sei es entgeltlich oder unentgeltlich -- das Eigentumsrecht an meinem
Hause überlasse. Ich kann daher mein Haus verkaufen, vererben,
verschenken, ohne daß ich daran durch den Umstand gehindert würde, daß
mir am Baugrunde des Hauses kein Eigentum zusteht.«



                              18. Kapitel.


                                                  Edenthal, 6. August.

Gestern besichtigten wir in Begleitung der beiden englischen
Geschäftsträger die freiländische Centralbank, deren allumfassendes und
gerade wegen dieser seiner Allgemeinheit verhältnismäßig so überaus
einfaches Clearingsystem die höchste Bewunderung der sachverständigen
beiden Herren erntete. Die Erkenntnis, mit wie verschwindend geringen
Barbeträgen sich hier die Ausgleichung des gesamten riesigen Umsatzes
vollzog, regte Lord Elgin zu der Frage an, wozu Freiland überhaupt das
Gold als Wertmesser beibehalte; er sprach die Meinung aus, es wäre, da
man ohnehin die wichtigsten Leistungen nach dem Werte der Arbeitszeit
berechne, das Einfachste, diese Rechnungsmethode zu verallgemeinern, d.
h. die Arbeitsstunde als Wertmesser, als Geldeinheit zu gebrauchen. Dies
würde -- so glaube er -- auch der gesamten socialen Ordnung Freilands
weit besser entsprechen, in welcher doch die Arbeit Quelle und Grundlage
allen Wertes sei.

»Das ist«, entgegnete der Direktor des Instituts, Herr Clark, »eine von
Fremden wiederholt schon geteilte Anschauung, sie beruht aber lediglich
auf einer Verwechslung des _Wertmaßes_ mit der _Quelle_ des
_Einkommens_. Wir in Freiland haben der Arbeit das Recht auf den ganzen
mit ihrer Hülfe hervorgebrachten Ertrag gesichert; wir begründen dies
aber nicht durch die unwahre Behauptung, daß Arbeit die einzige Quelle
des Wertes dieser Erträge sei, sondern dadurch, daß wir behaupten, der
Arbeitende habe auch auf jene anderweitigen Faktoren, nämlich Kapital
und Naturstoffe oder -Kräfte, die zur Wertbildung erforderlich sind, den
gleichen Anspruch wie auf seine Arbeitskraft selber. Doch das nur
nebenbei. Selbst wenn Arbeit die einzige Wert_quelle_ und der einzige
Wert_bestandteil_ wäre, ist sie doch der denkbar schlechteste
Wert_maßstab_, denn sie ist unter allen Dingen, die überhaupt Wert
besitzen, jenes, dessen Wert den größten Veränderungen ausgesetzt ist.
Mit jedem Fortschritte menschlicher Kunstfertigkeit und Betriebsamkeit
wächst ihr Wert, d. h. ein Arbeitstag oder eine Arbeitsstunde setzt sich
fortlaufend in eine größere Menge aller erdenklichen anderen Werte um.
Daß der Wert des Arbeitsproduktes verschieden ist, je nachdem die
Arbeitskraft gut oder schlecht ausgerüstet, gut oder schlecht angewendet
wird, kann gar keinem Zweifel unterliegen und wurde auch niemals
ernstlich in Zweifel gezogen. Nun ist bei uns in Freiland allerdings
_alle_ Arbeitskraft möglichst gut ausgerüstet und verwendet, weil eben
die vollkommene und schrankenlose Freiheit, sich der jeweilig besten, d.
h. die höchsten Werte erzeugenden Arbeitsgelegenheit zuzuwenden, diese
wenn auch nicht absolute, so doch relative Gleichartigkeit zuwege
bringt; aber damit sie zuwege gebracht werde, ist eben ein fester und
verläßlicher Maßstab erst recht vonnöten, an welchem der Wert der durch
Arbeit erzeugten Dinge gemessen werden kann. Daß die auf Schuhwaren und
auf Gespinste, auf Getreide und auf Eisenwaren gewendete Arbeit bei uns
gleichwertig ist, zeigt sich ja erst dadurch, daß die in der gleichen
Zeit erzeugten Schuhe, Gespinste, Körnerfrüchte und Eisenwaren gleichen
Wert besitzen, welch letzteren Umstand aber nimmermehr die Vergleichung
mit der aufgewendeten Arbeitszeit, sondern bloß die mit einer an sich
wertbeständigen Sache anzeigen kann. Würden wir die in gleicher Zeit
erzeugten Dinge schon deshalb allein für gleichwertig halten, weil sie
eben in gleicher Zeit erzeugt sind, so würden wir sehr bald dahin
gelangen, Schuhe zu erzeugen, die Niemand braucht, dafür aber Mangel an
Gespinst zu leiden, und wir könnten unbekümmert um die Überfülle von
Eisenwaren deren Erzeugung steigern, während vielleicht alle verfügbaren
Hände erforderlich wären, um empfindlichem Getreidemangel abzuhelfen.
Mit dem Arbeitstage als Wertmaß vermöchte -- wenn er aus anderen Gründen
nicht unmöglich wäre -- nur der Kommunismus zu wirtschaften, der die
Herstellung des richtigen Wechselverhältnisses zwischen Angebot und
Nachfrage nicht dem freien Verkehre überläßt, sondern von
Obrigkeitswegen bewerkstelligt, dies aber selbstverständlich nur in der
Weise zu Wege bringt, daß er Niemand fragt, was er genießen und was er
arbeiten will, vielmehr Genuß und Arbeit Jedermann von Obrigkeitswegen
vorschreibt.

»Wir in Freiland dagegen, die wir das Gegenteil des Kommunismus, nämlich
absolute individuelle Freiheit, verwirklicht haben, wir brauchen
notwendiger als irgendwer ein möglichst genaues, verläßliches Wertmaß,
das ist ein solches, dessen Tauschkraft allen anderen Dingen gegenüber
möglichst geringen Abweichungen und Schwankungen ausgesetzt ist. Dieses
möglichst beste, möglichst wertkonstante Maß nun hat die Kulturwelt mit
Recht seit jeher im Golde erblickt. Diese Thatsache ist nicht etwa das
Ergebnis irgend einer geheimnisvollen Eigenschaft dieses Metalles,
sondern das seiner hochgradigen Dauerbarkeit, in deren Folge im Laufe
der Jahrhunderte und Jahrtausende Goldmengen aufgestapelt und der
Nachfrage zur Verfügung gehalten wurden, im Vergleiche zu welchen die
gewaltigsten Veränderungen der jeweiligen Produktion gar nicht in die
Wagschale fallen. Während eine gute oder schlechte Weizenernte von
ausschlaggebender Bedeutung für den jeweiligen Weizenwert ist, weil die
alten Weizenvorräte im Verhältnis zum Ergebnisse der neuen Ernte nur von
nebensächlicher Bedeutung sind, bleibt der Goldwert von noch so großen
Schwankungen selbst mehrerer Produktionsjahre verhältnismäßig unberührt,
weil die alten Goldvorräte für alle Fälle ganz außerordentlich größer
sind, als das Ergebnis selbst der reichsten Ausbeute eines einzelnen
Jahres. Alle Goldminen der Welt könnten mit einem Schlage vollständig
versiegen, ohne daß dies auf die Menge des verfügbaren Goldes sofort von
sonderlichem Einflusse wäre, während eine einzige allgemeine
Getreidemißernte fürchterlichsten Getreidemangel zur sofortigen und
unvermeidlichen Folge hätte. Dies also ist der Grund, warum Gold der
bestmögliche, wenn auch keineswegs ein absolut guter Wertmaßstab ist.
Die Arbeitszeit aber wäre unter allen denkbaren der schlechteste
Wertmaßstab, denn weder sind zwei gleiche Arbeitszeiten notwendig
wertgleich, noch behält die Arbeitszeit im allgemeinen unveränderten
Wert, vielmehr wächst ihre Tauschkraft allen anderen Dingen gegenüber
mit jedem zur Geltung gelangenden Fortschritte der Arbeitsmethoden.«

Wir waren alle überzeugt; nur konnte Lord Elgin die Bemerkung nicht
unterdrücken, daß die Freiländer denn doch eine Reihe von Leistungen
nach Arbeitsäquivalenten berechneten. Sofort erhielt er aber von meinem
Vater die treffende Antwort, daß dies nach allem bisher Gehörten nur
dort geschehe, wo eine mit der Steigerung des Wertes der Arbeit parallel
laufende Erhöhung einer Zahlung geradezu beabsichtigt sei. Gehalte und
Versorgungsansprüche _sollen_ steigen, wenn der Ertrag von Arbeit und
damit der allgemeine Verbrauch steige, und zwar genau im selben Maße,
wie diese, und nur weil dies beabsichtigt ist, kann man sie nach
Arbeitsäquivalenten bemessen.

Herr Clark machte uns jetzt darauf aufmerksam, welch' weitgehende, alles
durchdringende Offenheit und Übersichtlichkeit zufolge der durch die
Bank geübten Klarstellung aller Verkehrs- und Erwerbsverhältnisse in
allen pekuniären Angelegenheiten Freilands herrsche. Niemand kann weder
sich noch andere über seine Mittel täuschen und eine der in socialer
Beziehung wichtigsten Folgen davon ist, daß es Niemand beifällt, durch
ungehörigen Aufwand glänzen zu wollen. Die Verschwendung entspringt nur
zu häufig dem Bestreben, sich in den Augen der Welt als reicher
darzustellen, als man thatsächlich ist; ein solcher Versuch könnte hier
zu Lande nur Lächeln erwecken. Doch auch wer aus übertriebenem Hange zu
Luxus mehr ausgeben wollte, als er einnimmt, vermöchte dies nicht, da
die Bank zu solchen Zwecken natürlich keine Kredite gewährt, und ohne
diese der Verschwender geradezu auf die Mildthätigkeit seiner Mitbürger
angewiesen wäre, um seinem Hange zu fröhnen. Die Höhe aller Einnahmen
und Ausgaben liegt klar zu Tage, alle Welt weiß, was jedermann hat und
woher er es hat. Und da es zudem jedermann freisteht, jeden beliebigen
Erwerbszweig zu ergreifen, so können Unterschiede des Einkommens auch
Niemandes Neid erwecken.

Nun warf aber Lord Elgin die Frage auf, ob sich aus den bei Feststellung
von Honoraren unterschiedlicher Art, z. B. von Beamtengehalten,
unvermeidlichen Willkür keinerlei Widerspruch zu dem sonst geltenden
Prinzipe der unbeschränkten freien Berufswahl und dem gerade aus dieser
Freiheit hervorgehenden Gleichgewichte der verschiedenen Arbeitserträge
ergebe. »Wenn der Ertrag aus Wollenweberei aus irgendwelchem Grunde
höher ist, als der aus Getreidebau, so werden neue Arbeitskräfte
insolange zur Weberei übergehen, bis der beiderseitige Ertrag sich ins
Gleichgewicht gesetzt hat; sollte sich etwa ein dauernder Mehrertrag bei
einem dieser beiden Produktionszweige zeigen, so kann dies angesichts
Ihrer Institutionen offenbar nur daher rühren, daß die Arbeit in diesem
ertragreicheren die unangenehmere, anstrengendere, eventuell auch die
höhere, seltenere Kenntnisse oder Fähigkeiten erfordernde ist; Niemand
kann sich über die geringste Benachteiligung beklagen und insofern ist
die im Wege der Freiheit hergestellte Harmonie geradezu
bewunderungswürdig. Aber sowie es sich um Ernennungen und Gehalte
handelt, muß doch diese Gleichheit aufhören. Sie als Chef eines
Verwaltungszweiges verdienen 1400, Ihr Nachbar Handarbeiter bloß 600
Pfund; woher wissen Sie, daß letzterer sich darob nicht benachteiligt
fühlt?«

»Wenn Sie, Mylord«, -- meinte lächelnd Herr Clark -- »darunter
verstehen, woher ich wisse, ob sich mein Nachbar nicht dadurch _von der
Natur_ benachteiligt fühlt, daß er außer stande ist, gleich mir 1400
Pfund jährlich zu verdienen, so muß ich Ihnen antworten, daß ich darüber
thatsächlich bloß Vermutungen, aber keine sichere Wissenschaft besitze;
wenn Sie aber meinen, daß dieser mein Nachbar oder sonst jemand in
Freiland in diesem meinem höheren Gehalte einen mir durch behördliche
Willkür oder Gunst der Wähler zugewendeten, möglicherweise auch
überflüssigen Vorteil erblicken könnte, so kann ich dies entschieden
bestreiten. Denn mein Gehalt ist in letzter Auflösung gerade so das
Ergebnis der freien Konkurrenz, wie der Arbeitsertrag meines fraglichen
Nachbars. Ob ich der richtige Mann auf meinem Posten sei, darüber
entscheidet allerdings die freie, durch keinerlei automatisch wirkende
Einrichtung zu ersetzende oder zu kontrollierende Meinung jener
Körperschaften, von denen meine Wahl abhängt; mit welchem Gehalte jedoch
mein Amt bedacht werden muß, damit geeignete, oder sagen wir als
geeignet geltende Männer für dasselbe sich finden, das regelt sich genau
nach den nämlichen automatischen Gesetzen, wie der Arbeitsertrag eines
Webers oder Landbauers. Und zwar gilt dies vom Gehalte des jüngsten
Postbeamten angefangen bis hinauf zu uns Chefs der freiländischen
Verwaltungszweige. Die Ernennungen hängen überall vom freien Ermessen
der Vorgesetzten oder der Wahlkollegien ab; aber diese Vorgesetzten und
Wahlkollegien müssen die Gehalte so bestimmen, daß jederzeit eine
genügende Anzahl geeignet befundener Bewerber vorhanden sei. Natürlich
kann es dabei auf ein Pfund mehr oder weniger im Jahre nicht ankommen;
es gilt als Grundsatz, daß die Gehalte stets so bemessen sein müssen,
daß eher ein kleiner Überfluß als ein Mangel an Bewerbern sich
einstelle; aber wenn der Überfluß ein gewisses Maß übersteigt, so
reduziert man eben die Gehalte, während bei drohendem Mangel an
Bewerbern mit Gehalterhöhungen vorgegangen würde. Als selbstverständlich
will ich hier bloß einschalten, daß unter abgewiesenen Bewerbern in
Freiland nicht brotlose Aspiranten zu verstehen sind; Ernennung oder
Ablehnung sind niemals Existenz-, sondern bloß Neigungs-, allenfalls
auch Eitelkeitsfragen. Ebenso verläßt man ein Amt, wenn anderwärts
lohnendere oder angenehmere Beschäftigung winkt. Die Staatsämter werden
auch nicht in jedem Dienstzweige gleich hoch bezahlt; besonders
anstrengende, oder besondere Kenntnisse verlangende Arbeit setzt auch
hier höheren Ertrag voraus, gerade wie bei den unterschiedlichen
Gewerben. Und während der Arbeitsertrag gewöhnlicher Handarbeit das
Richtmaß der niederen Beamtengehalte ist, wirken die Honorare der
unterschiedlichen Associationsleiter bestimmend auf die Gehalte der
oberen Stellen zurück. Dabei hat sich die auch bei Ihnen gemachte
Erfahrung wiederholt, daß der Reiz mit öffentlicher Thätigkeit
verbundener Stellungen die Gehalte von Verwaltungsbeamten, Professoren
u. dergl. nicht unerheblich unter das Niveau jener Bezüge hinabdrückt,
welche in den leitenden Stellen der Associationen zu erlangen sind.
Im allgemeinen macht sich mit steigender Intelligenz ein
_verhältnismäßiges_ -- beileibe kein absolutes -- Sinken der obersten
Gehalte überall geltend. Aber während die Direktoren einzelner großer
Associationen noch immer bis zu 5000 Stundenwerte im Jahre beziehen,
erhalten die obersten Chefs der freiländischen Centralverwaltung derzeit
nur mehr 3600, und auch das nur, weil die Parlamente der von uns
unablässig beantragten Ermäßigung der oberen Gehalte ebenso unablässig
zähen Widerstand entgegensetzen und sich nur zögernd und widerwillig
dazu verstehen. Um gerecht zu sein, muß man übrigens hinzufügen, daß
sich bei den Associationen das nämliche Spiel wiederholt. Die Direktoren
würden sich mit weit geringeren Gehalten begnügen, und von oben
ausgehende Anträge auf Gehaltsreduktion sind, insbesondere in den
letzten zehn Jahren, seitdem der Wert der Stundenäquivalente so sehr
gestiegen ist, in den meisten Generalversammlungen geradezu stehende
Formeln geworden. Ich wiederhole, daß diese Reduktion immer nur
verhältnismäßig, d. h. mit Bezug auf den Ansatz in Stundenäquivalenten
zu verstehen ist; der Wert der Arbeitsstunde hat sich binnen 20 Jahren
vervierfacht; wer also, wie z. B. wir öffentlichen Verwaltungschefs, um
28 Procent weniger Stundenwerte erhält, als ursprünglich, dessen
Einkommen hat sich, in Geld berechnet, doch nahezu verdreifacht. Die
Associationen aber wollen in der Regel auch von einer so verstandenen
Gehaltermäßigung nichts wissen. Sie besorgen, daß trotz aller von ihren
Direktoren an den Tag gelegten Geneigtheit, sich mit geringeren Bezügen
zu begnügen, denn doch der eine oder andere sich von einer
konkurrierenden, höhere Bezüge zahlenden Gesellschaft ihnen werde
abspenstig machen lassen, und da thatsächlich angesichts der
Riesensummen, die solch eine große Association im Jahre umsetzt, einige
hundert Pfund auf oder ab gar nicht der Rede wert sind, so geht es bei
den Associationen mit der Gehaltsreduktion nur langsam vorwärts.
Trotzdem gleicht sich der Abstand zwischen höchstem und geringstem
Verdienste durchweg immer mehr aus, da wir in Folge der steigenden
allgemeinen Bildung dem Gleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage
auch in den höheren, besondere Fähigkeiten voraussetzenden Berufen stets
näher kommen. Sollte dies Gleichgewicht dereinst vollkommen erreicht
werden, was mit der Ausdehnung unserer Institutionen auf die gesamte
Menschheit und dem damit verknüpften gänzlichen Verschwinden
ungebildeter Massen unzweifelhaft stattfinden dürfte, so ist es unsere
Meinung, daß auch die Unterschiede der Gehalte gänzlich verschwinden,
oder doch auf ein Minimum sinken werden.«

Lord Elgin dankte für diese Aufklärung. Jetzt aber trat Sir Bartelet mit
einer weitaus wichtigeren Frage hervor. »Was mir bei Besichtigung des
bewältigenden Getriebes Ihrer Centralbank neuerlich und ganz besonders
aufgefallen ist«, meinte er, »und worüber ich mir noch immer keine volle
Rechenschaft zu geben vermag, das ist die Frage, wie es ohne Willkür und
kommunistische Einrichtungen möglich ist, Kapitalien und zwar so
ungeheure Kapitalien, wie sie bei Ihnen erforderlich sind, aufzubringen,
ohne daß Kapitalzins gezahlt oder berechnet wird. Daß der Zins die
notwendige und gerechte Belohnung des Kapitalisten für die
»Entbehrungen« sei, die er sich auferlegte, glaube ich zwar nicht; aber
ich hielt ihn für den Tribut, den man dem Sparer dafür zahlen müsse, daß
seine freiwillige Sparsamkeit die Gesellschaft der Notwendigkeit
ungerechten Sparzwanges enthebt, der sonst von Obrigkeitswegen ausgeübt
werden müßte. Was ich nun endlich wissen möchte, wäre eine genaue
Darlegung der Gründe, die Sie veranlaßten, den Kapitalzins zu verbieten.
Oder teilen Sie in Freiland die Ansicht, daß es Unrecht sei, dem Sparer
einen Anteil an den Früchten seiner Sparsamkeit zu gönnen?«

»Diese Ansicht teilen wir nicht«, war des Direktors Antwort. »Aber
zunächst muß ich konstatieren, daß Sie von einer ganz falschen
Voraussetzung ausgehen. Wir _verbieten_ den Kapitalzins ebenso wenig,
als wir den Gewinn des Arbeitgebers oder die Grundrente »verbieten«.
Diese drei Einkommenzweige existieren hier zu Lande bloß aus dem Grunde
nicht, weil Niemand in der Notlage ist, sie bezahlen zu müssen. Niemand
wird Sie hindern, wenn Sie hier eine Fabrik eröffnen und zu deren
Betrieb Lohnarbeiter anwerben wollen; nur allerdings müßten Sie diesen
erstlich mindestens so viel bieten, als durchschnittlich in Freiland die
Arbeit trägt, und zum zweiten würde es trotzdem fraglich sein, ob Sie
überhaupt Leute fänden, die sich Ihrem Kommando unterordnen. Ähnlich
verhält es sich mit der Grundrente. Bei uns ist der Boden -- sofern er
nicht zu Wohnstätten, sondern als Produktionsmittel dient -- gänzlich
herrenlos, frei gleich der Luft; er gehört weder Einzelnen, noch Vielen;
Jedermann, der Boden bebauen will, steht es frei, dies zu thun, wo ihm
beliebt, und seinen Anteil am Ertrage einzuheimsen. Damit entfällt
natürlich alle Grundrente, die nichts anderes ist, als der Herrenzins
für die Benutzung des Bodens; aber ein »Verbot« wird man hier vergeblich
suchen. Darin, daß ich kein Recht habe, anderen etwas zu verbieten,
liegt doch wahrlich kein Verbot; man kann nicht einmal sagen, daß mir
»verboten« ist, etwas zu verbieten; mag ich es doch immerhin thun,
Niemand wird mich hindern, nur auslachen wird mich alle Welt, genau so
auslachen, als ob ich den Leuten das Atmen verbieten wollte, behauptend,
die atmosphärische Luft sei mein Eigentum. Wo die Macht zur Durchsetzung
solcher Prätensionen fehlt, braucht Niemand dieselben zu verbieten; sie
dürfen nur nicht künstlich hervorgerufen und unterstützt werden, dann
unterbleiben sie ganz von selbst. Diese Macht aber besitzt in Freiland
Niemand, weil hier Niemand dazu gebraucht wird, den Boden mit Beschlag
zu belegen, damit er bebaut werden könne. Das Zaubermittel aber, welches
uns dazu verhalf, herrenlosen Boden zu kultivieren, ohne uns darob in
die Haare zu geraten, ist das nämliche, welches uns auch zur Produktion
ohne Arbeitgeber befähigte: die freie Association.

»Ebenso wenig aber verbieten wir den Kapitalzins. Niemand wird Sie in
Freiland hindern, so hohe Kapitalzinsen zu fordern, als Ihnen nur immer
beliebt; nur werden Sie allerdings Niemand finden, der sie Ihnen zahlt,
weil Jedermann zinsloses Kapital in Hülle zur Verfügung steht. Nun
fragen Sie aber, ob in dieser Verfügung über die Ersparnisse der
Gesamtheit zu Gunsten der Kapitalbedürftigen kein Unrecht liege? Ob das
nicht Kommunismus sei? Und zugeben will ich, daß hier die Sache nicht so
einfach liegt, wie bei Unternehmergewinn und Grundrente. Der Kapitalzins
wird nämlich für eine wirkliche greifbare Leistung entrichtet, die sich
von derjenigen des Arbeitgebers und Grundrentners sehr wesentlich
unterscheidet. Während nämlich die wirtschaftliche Leistung der beiden
Letzteren in nichts anderem, als in der Geltendmachung eines
Herrschaftsverhältnisses besteht, welches überflüssig wird in dem
Momente, wo sich die arbeitenden Massen aus erzwungen gehorchenden
Knechten in frei vergesellschaftete Männer verwandelt haben, bietet der
Kapitalist dem Arbeiter ein Instrument, welches unter allen Umständen
dessen Thätigkeit befruchtet. Und während ohne weiteres ersichtlich ist,
daß mit der Etablierung der wirtschaftlichen Freiheit Arbeitgeber und
Grundrentner nicht bloß überflüssig, sondern geradezu gegenstandlos
werden, könnte bezüglich des Kapitalisten, des Besitzers von
Ersparnissen, sogar behauptet werden, daß gerade die freie Gesellschaft
in unendlich höherem Maße auf ihn angewiesen sei, als die geknechtete,
weil sie viel mehr Kapital verwenden könne und müsse, als diese. Die zur
Aufbringung der Kapitalien dienenden Abgaben werden nun gleichmäßig auf
alle Produzenten verteilt; der Kapitalbedarf dagegen ist ein sehr
ungleicher; wie kamen wir nun dazu, aus den Abgaben von Leuten, die
vielleicht wenig Kapital brauchen, die Produktion anderer auszustatten,
die zufällig starken Kapitalbedarf haben? Welchen Vorteil boten wir
ersteren für die ihnen aufgenötigte Sparsamkeit?

»Und doch liegt die Antwort nahe genug. _In der ausbeuterischen
Gesellschaft hat allerdings der Gläubiger nicht den geringsten Vorteil
von der, kraft seiner Ersparnisse durch den Schuldner bewerkstelligten
Verbesserung der Produktion; in der auf socialer Freiheit und
Gerechtigkeit beruhenden dagegen genau den nämlichen wie dieser._ Wo --
wie bei uns -- jeder Produktionsvorteil sich gleichmäßig auf Alle
verteilen muß, erledigt sich die Frage nach dem Anteil des Sparers am
Nutzen seines Kapitals ganz von selbst. Der Maschinenschlosser oder
Weber, dessen Abgabe beispielsweise zur Anschaffung oder Vervollkommnung
landwirtschaftlicher Maschinen verwendet wird, hat davon -- bei uns --
genau den nämlichen Vorteil wie der betreffende Landwirt, denn Dank
unseren Institutionen überträgt sich die in welcher Produktion immer
erzielte Ertragssteigerung mittelbar auf alle Produktionsorte und
Produktionsarten.

»Sollte man aber fragen, mit welchem Rechte ein den Kommunismus
verwerfendes, auf freier Selbstbestimmung des Individuums gegründetes
Gemeinwesen seine Mitglieder überhaupt zur Sparsamkeit zwingen könne, so
ist die Antwort, daß solcher Zwang in Wahrheit gar nicht geübt wird. Die
Abgabe, aus welcher die Kapitalisation bestritten wird, zahlt doch
Jedermann nur nach Maßgabe seiner Arbeitsleistung. Zur Arbeit wird nun
Niemand gezwungen; so weit er aber thatsächlich arbeitet, nimmt er ja
die Kapitalien selbst in Anspruch; es wird von ihm nur verlangt und zwar
genau proportional verlangt, was er selber gebraucht; der Gerechtigkeit
sowohl als dem Selbstbestimmungsrechte geschieht also in jedem Punkte
volles Genüge.

»Sie sehen, es gilt vom Kapitalzinse genau das nämliche, was bezüglich
des Unternehmergewinnes und der Grundrente steht: die erlangte Fähigkeit
der Association enthebt den Arbeitenden der Notwendigkeit, unter welchem
Titel immer irgend einen Teil des Ertrages seiner Produktion an dritte
Personen abzutreten. Der Zins verschwindet ganz von selbst, wie Gewinn
und Rente, aus dem allein entscheidenden Grunde, weil der frei
vergesellschaftete Arbeiter sein eigener Kapitalist so gut, wie sein
eigener Arbeitgeber und Grundherr wird. Oder wenn man so will: _Zins,
Gewinn und Rente bleiben, sie verlieren nur ihr vom Arbeitslohne
losgelöstes Sonderdasein; sie verschmelzen mit diesem zum einigen und
unteilbaren Arbeitsertrage._«

Und damit gute Nacht für heute.



                              19. Kapitel.


                                             Edenthal, den 11. August.

Die Mitteilungen und Aufklärungen des Direktors der freiländischen
Centralbank beschäftigten meinen Vater und mich noch lange aufs
lebhafteste. Da dieser zu den Intimen des Ney'schen Hauses zählende hohe
Funktionär für den nächsten Tag dort speiste, so bewegte sich das
Tischgespräch um verwandte Themata. Zunächst wurde von meinem Vater die
Frage aufgeworfen, in welcher Weise das freiländische Gemeinwesen der
Gefahr von _Krisen_ begegnet, die seines Erachtens hier viel
verhängnisvoller sein müßten als irgend anderwärts.

»Krisen welcher Art immer -- war die Antwort -- müßten allerdings den
ganzen Komplex der freiländischen Institutionen geradezu in die Luft
sprengen; aber sie sind hierzulande eben unmöglich, die Quelle, aus
welcher sie anderwärts entspringen, ist verschüttet. Denn die Ursache
aller Krisen, sie mögen nun Produktions- oder Kapitalkrisen heißen,
liegt einzig in der Überproduktion, d. h. in dem Mißverhältnisse
zwischen Produktiv- und Konsumtionskraft und dieses Mißverhältnis
existiert bei uns nicht. Allerdings behaupteten auch in der alten,
ausbeuterischen Welt die Nationalökonomen, es gebe gar keine wirkliche
Überproduktion, d. h. keine allgemeine Unverwendbarkeit von Produkten,
denn, so führten sie aus, der Mensch arbeitet nur, sofern ihn irgend ein
Bedürfnis dazu antreibt und es ist daher der Natur der Sache nach
ausgeschlossen, daß jemals mehr Güter erzeugt, als gebraucht werden
könnten. Das ist auch, unter einer Voraussetzung, auf die ich sofort zu
sprechen kommen werde, vollkommen richtig. Jedermann will das, was er
erzeugt, zur Deckung irgend eines Bedarfs gebrauchen; er will sein
Produkt entweder selber verwenden oder gegen das Erzeugnis eines anderen
Produzenten austauschen; was dieses andere Erzeugnis sei, ist
gleichgültig, irgend ein Produkt ist es jedenfalls, und es sollte daher
niemals die Frage sein, ob überhaupt, sondern allemal nur, welche Art
von Produkten gerade gesucht wird. Nehmen wir an, die Weizenproduktion
habe eine Verbesserung erfahren, so ist es allerdings möglich, daß damit
der Weizenbedarf noch immer nicht, oder doch nicht gerade im
Verhältnisse der gebotenen Möglichkeit der Produktionssteigerung wachse,
denn daß die Weizenproduzenten ihren Mehrertrag gerade zu Mehrgebrauch
von Weizen benutzen werden, ist allerdings nicht notwendig; aber dann
sollte, so scheint es, die Nachfrage nach etwas anderem entsprechend
zunehmen, z. B. nach Kleidern oder nach Werkzeugen, und wenn man dies
nur allemal rechtzeitig vorher wüßte und die Produktion darauf
einrichten könnte, so sollte es niemals eine Störung des
Tauschverhältnisses der einzelnen Güterarten geben. Also nicht aus einem
Zuviel von Produkten im allgemeinen, nicht aus einem Mißverhältnisse
zwischen Produktivkraft und Verbrauch schlechthin, sondern aus
vorübergehenden Störungen des richtigen Verhältnisses zwischen den
einzelnen Produktionen erklärt die orthodoxe Doktrin die Krisen, indem
sie noch hinzufügt, daß angesichts des in der ganzen Welt herrschenden
Elends von mangelndem Bedarf zu reden, geradezu widersinnig sei.

»Bei dieser, im übrigen schlechthin unanfechtbaren Gedankenkette, ist
nur _Eines_ vergessen worden, nämlich die Grundeinrichtung der gesamten
ausbeuterischen Gesellschaft. Allerdings ist es ein grauenerregender
Widersinn, angesichts des grenzenlosen Elends von allgemein mangelndem
Bedarfe reden zu müssen; wo aber die ungeheure Majorität der Menschen
kein Anrecht auf die Früchte ihrer Arbeit besitzt, da erlangt dieser
Widersinn eine fürchterliche Bedeutung. Was nützt es dem darbenden
Arbeiter, daß er ganz vortreffliche und überaus dringende Verwendung für
jene Produkte wüßte, die er hervorgebracht, wenn diese nicht ihm
gehören? Bleiben wir bei dem Beispiel mit der durch verbesserte
Kulturmethoden gesteigerten Weizenproduktion. Wenn es die
landwirtschaftlichen Arbeiter wären, denen das Verfügungsrecht über das
mehr erzeugte Getreide zustünde, so würden sie allerdings mehr oder
feineres Brot essen, also einen Teil des Mehrprodukts selber verzehren;
mit einem anderen Teile würden sie verstärkte Nachfrage nach Kleidern,
mit einem dritten Teile ebenso verstärkte Nachfrage nach Werkzeugen
hervorrufen, die ja notwendig wären, um das Mehr an Getreide und
Kleidungsstoffen zu erzeugen. Hier würde es sich wirklich bloß darum
handeln, das richtige Verhältnis zwischen Weizen-, Kleider- und
Werkzeugproduktion, welches durch eine, lediglich bei Weizen eintretende
Vermehrung allerdings gestört wäre, wieder herzustellen, und vermehrte
Produktion, gesteigerter Wohlstand für Alle, wäre nach vorübergehenden
Schwankungen die unvermeidliche Folge. Da aber der Mehrertrag von
Weizenproduktion nicht den Arbeitern gehört, da diese für alle Fälle nur
das zur Fristung ihres Lebens Erforderliche erhalten, so können sie
infolge des auf ihrem Produktionsgebiete eingetretenen Fortschritts
weder mehr Getreide, noch mehr Kleidungsstücke verbrauchen, und da dies
nicht der Fall ist, so kann auch kein verstärkter Bedarf nach Werkzeugen
zur Erzeugung von Weizen und Geweben entstehen.«

»Aber -- so wendete ich ein -- damit, daß den Arbeitern der Mehrertrag
der Produktion vorenthalten bleibt, ist doch dieser Mehrertrag nicht
herrenlos; er gehört den Arbeitgebern und diese sind doch auch Menschen,
die ihren Gewinn zur Deckung irgend eines Bedürfnisses verwenden wollen;
die Arbeitgeber werden ihren Gebrauch steigern, und abermals -- so
sollte man meinen -- wird es unmöglich sein, daß ein allgemeines
Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage einträte. Nur werden es
allerdings andere Bedarfsartikel sein, auf welche sich die Produktion
werfen muß, um das gestörte Gleichgewicht der einzelnen Arbeitszweige
herzustellen. Gehörte der Mehrertrag den Arbeitern, so würde man mehr
Getreide, ordinäre Gewebe und Werkzeuge brauchen; da er den wenigen
Arbeitgebern gehört, so wird sich die Nachfrage bloß bei feinen
Leckerbissen, Spitzen, Equipagen und bei Werkzeugen steigern, die zur
Erzeugung dieser Luxuswaren erforderlich sind.«

»Vortrefflich!« mengte sich hier David in das Gespräch, »nur daß die
Arbeitgeber keineswegs gewillt sind, die Überschüsse, welche ihnen der
Mehrertrag ihrer Produktion liefert, in sonderlichem Maße zur Steigerung
ihres Luxuskonsums zu verwenden, sondern der Hauptsache nach
kapitalisieren, d. h. den Mehrertrag in Werkzeugen der Produktion
anlegen wollen. Ja, unter Umständen ist der »Arbeitgeber«, wie wir
gestern schon gehört, gar kein Mensch, der menschliche Bedürfnisse
besitzt, sondern ein Popanz, der nichts genießt und alles
kapitalisiert.«

»Desto besser!« meinte ich, »desto rascher kann der Reichtum zunehmen,
denn rasch wachsende Kapitalien bedeuten rasch wachsende Produktion und
diese ist an sich gleichbedeutend mit rasch wachsendem Reichtume.«

»Herrlich!« rief David. »Also weil die arbeitenden Massen ihren Konsum
nicht steigern können, die Arbeitgeber den ihrigen nicht entsprechend
steigern wollen, weil man demnach von keinerlei menschlichen
Bedarfsartikeln mehr gebrauchen kann, als zuvor, so benützt man die
überschüssige Produktivkraft zur Vermehrung der Produktionsmittel. D. h.
mit anderen Worten: Niemand braucht mehr Getreide -- folglich bauen wir
neue Pflüge; niemand braucht mehr Gewebe -- folglich errichten wir neue
Spinnereien und Webereien! Ermissest du noch nicht den Gipfel des
Unsinnes, zu welchem Eure Doktrin führt?«

Ich glaube, Luigi, Du wirst gleich mir zugeben, daß sich gegen dieses
ebenso einfache als überzeugende Raisonnement schlechterdings nichts
einwenden ließ. Eine Wirtschaftsordnung, die den Produkten des
menschlichen Fleißes und Erfindungsgeistes die einzige Verwendung, der
sie in letzter Linie alle dienen, nämlich die bessere Befriedigung
irgendwelcher menschlicher Bedürfnisse, abschneidet und sich dann
wundert, daß dieselben nicht verwendet werden können, ist thatsächlich
an der Grenze des Blödsinns angelangt. Und daß die Dinge bei uns in
Europa und Amerika wirklich so liegen, muß schließlich jedermann
einleuchten.

»Aber was geschieht -- um des Himmels willen -- mit der solcherart bei
uns unverwendbar gewordenen Produktivkraft?« fragte ich weiter. »Wir
sind der Hauptsache nach in Künsten, Wissenschaften und technischen
Fertigkeiten so vorgeschritten, als Ihr in Freiland; ich muß also
glauben, daß wir, besäßen wir nur Verwendung für alle Erträge unserer
Produktion, so reich, oder doch annähernd so reich sein könnten, wie
Ihr. Nun besitzen wir aber thatsächlich lange nicht den zehnten Teil
Eures Reichtums und trotzdem wird bei uns ungefähr doppelt so
angestrengt gearbeitet, als hier. Denn wenn auch bei Euch alles
arbeitet, während es bei uns einige Müssiggänger gibt, die lediglich von
fremder Arbeit leben, so fällt dies doch angesichts des Umstandes, daß
unsere arbeitenden Massen acht bis zehn Stunden und darüber ins Joch
gespannt sind, während hier durchschnittlich bloß fünf Stunden lang
gearbeitet wird, gar nicht ins Gewicht. Es gibt bei uns zahlreiche
Millionen feiernder Arbeiter, allerdings; aber auch das wird
überreichlich aufgewogen durch Weiber- und Kinderarbeit, die Ihr nicht
kennt; wo also -- ich wiederhole es -- liegt der unermeßliche
Unterschied in der Ausnutzung unserer und Eurer Produktivkräfte?«

»In der _Ausrüstung_ der Arbeitskräfte«, war die Antwort. »Wir
Freiländer arbeiten weniger angestrengt als Ihr, aber wir benutzen dazu
alle Behelfe der Wissenschaft und Technik in vollstem Umfange, während
Ihr dies nur ausnahmsweise und nirgends so vollkommen als wir, vermögt.
Alle Erfindungen und Entdeckungen der großen Geister der Menschheit sind
Euch so gut bekannt, als uns; in allgemeinem Gebrauche aber stehen sie
nur bei uns. Da Euch Eure herrlichen socialen Einrichtungen den Genuß
jener Dinge verwehren, zu deren erleichterter Erzeugung doch all jene
Erfindung einzig dienen -- nun so bedient Ihr Euch ihrer eben nicht,
oder doch nur entsprechend jenem geringen Maße, in welchem Eure
Einrichtungen Euch den Genuß zumessen.«

Selbst mein Vater war von dieser vernichtenden Beleuchtung eines
Systems, das als höchsten Ausfluß ewiger Weisheit zu verehren er von
jeher gewöhnt gewesen, aufs tiefste erschüttert. »Unglaublich!
Schrecklich!« murmelte er, nur mir verständlich.

Herr Clark aber fuhr fort: »Bei uns hingegen ist der Lehrsatz der sog.
klassischen Ökonomie, daß ein allgemeines Zuviel an Produkten unmöglich
sei, allerdings zur Wahrheit geworden, denn in Freiland decken sich
Konsum und Produktivität thatsächlich aufs vollkommenste. Hier könnte es
also wirklich bloß geschehen, daß vorübergehend zu viel von _einzelnen_
Dingen erzeugt, d. h. daß das Gleichgewicht der verschiedenen
Produktionsarten zeitweilig gestört würde. Doch auch diese, an sich
geringfügige Gefahr brauchen wir nicht zu fürchten. Der durch unsere
Einrichtungen bewerkstelligte innige Zusammenhang aller
Produktionsinteressen gewährleistet von vornherein das Gleichgewicht
aller Produktionserträge. Genauer besehen ist ganz Freiland eine einzige
große Produktionsgenossenschaft, deren einzelne Mitglieder unabhängig
von einander sind in allen Dingen, in einem Punkte jedoch
zusammenhängen, im Ertrage ihrer Arbeit nämlich. Gerade weil jedermann
arbeiten kann wo und was ihm beliebt, jedermanns Arbeit aber in dem
einen Zwecke der Erzielung möglichst hohen Nutzens zusammenläuft, so ist
es, von vorübergehenden nebensächlichen Irrungen abgesehen, anders gar
nicht möglich, als daß der bei gleicher Arbeit erzielbare Nutzen überall
der gleiche sei. Alle unsere Einrichtungen gipfeln in diesem _einen_
Punkte. Anfangs, so lange unser Gemeinwesen noch im Werden begriffen
war, kam es vor, daß ziemlich bedeutende Ungleichheiten erst
nachträglich ausgeglichen werden konnten; die Produzenten wußten oft
erst nach Abschluß der Jahresbilanzen, was sie und was andere verdient
hatten. Das ist ein längst überwundenes Stadium der Kindheit; heute weiß
jeder Freiländer bis auf geringfügige, durch unvorhergesehene kleinere
Zufälle herbeigeführte Abweichungen ganz genau, was er und alle anderen
nicht bloß verdient haben, sondern was sie aller Voraussicht nach in
nächster Zukunft verdienen werden; er wartet nicht erst, bis
Ungleichheiten eingetreten sind, um sie dann auszugleichen, sondern er
sorgt dafür, daß Ungleichheiten gar nicht eintreten. Da unsere Statistik
jederzeit mit untrüglicher Sicherheit angibt, was in jedem
Produktionszweige jeweilig erzeugt wird und der Bedarf sowohl, als
dessen Einfluß auf die Preise überall aus sorgfältiger Beobachtung
früherer Jahre genau bekannt ist, so läßt sich die Rentabilität nicht
bloß jedes Produktionszweiges, sondern jedes einzelnen Etablissements so
verläßlich vorherberechnen, daß namhaftere Irrtümer nur im Falle
elementarer Katastrophen möglich sind. Ereignen sich solche, nun dann
greift eben die wechselseitige Versicherung helfend ein; im übrigen
giebt es hierzulande nicht bloß keine Krisen, sondern nicht einmal
sonderliche Ertragsschwankungen der verschiedenen Produktionen.
Unser statistisches Amt veröffentlicht ununterbrochen genaue
Zusammenstellungen, aus denen jederzeit zu ersehen ist, wo in nächster
Zukunft Bedarf, wo Überfluß an Arbeitskraft herrschen wird; nach diesen
Ausweisen richtet sich unser Arbeiternachwuchs und das genügt, von
höchst seltenen Ausnahmen abgesehen, vollkommen zur Erhaltung des
Gleichgewichts der Erträge. Daß da oder dort ein neueingerichtetes
Etablissement verunglückt, kommt manchmal, insbesondere bei der
Minenindustrie vor. Aber dieses Verunglücken darf man sich nicht etwa
als Bankerott vorstellen -- wie sollen Unternehmer bankerottieren, die
weder Grundrente, noch Kapitalzins, noch Arbeitslohn zu bezahlen haben
und denen für alle Fälle ihre hochwertige Arbeitskraft bleibt -- sondern
schlimmstenfalls als getäuschte Erwartung. Und verliert in einem ganz
besonderen Falle das Gemeinwesen oder irgend eine Association durch den
vorzeitigen Tod eines Schuldners wirklich die dargeliehene Summe -- was
kann das angesichts der gefahrlos umgesetzten Riesensummen unseres
Verkehrs zu bedeuten haben? Sollte man zur Deckung solcher Verluste ein
Delcredere einheben, es würde kaum Tausendteile eines Prozents betragen
und wäre die seinetwegen verspritzte Tinte nicht wert.«

»Und stören auswärtige Katastrophen nicht zeitweilig den ruhigen
Gleichgang Ihrer freiländischen Produktion? Werden Ihre Märkte nicht
durch ausländische Überproduktion mit Waren überflutet, für die
entsprechende Verwendung fehlt?« fragte ich.

»Daß die durch die anarchische Gestaltung der ausbeuterischen
Produktionsverhältnisse so häufig eintretenden heftigen
Preisschwankungen der Welthandelsgüter nicht auch für uns mit
empfindlichen Unannehmlichkeiten verknüpft wären, kann allerdings nicht
behauptet werden. Wir sehen uns dadurch nur zu oft genötigt, einzelne
Produktionen einzuschränken und die damit frei werdenden Arbeitskräfte
anderen Erzeugungsarten zuzuwenden, ohne daß ein wirklicher Wechsel in
den Produktionskosten oder in den Bedarfsverhältnissen dies begründen
würde. Thatsächlich sind diese fremden, plötzlichen und unberechenbaren
Einflüsse bisweilen Schuld daran, daß zur Erhaltung des Gleichgewichts
der Erträge wirkliche Auswanderung von Arbeitskräften aus einer
Produktion in die andere notwendig wird, während zu Ausgleichung der aus
natürlichen Gründen eintretenden Verschiebungen des Angebots und der
Nachfrage fast immer die planmäßige Zu- oder Ableitung des
Arbeiternachwuchses genügt. Eine tiefergehende Erschütterung unserer
Erwerbsverhältnisse aber vermögen auch diese sprunghaften ausländischen
Ereignisse nicht herbeizuführen. Gleichwie es unmöglich ist, eine
Flüssigkeit, die jedem Drucke oder Stoße nachgibt und ausweicht, aus dem
Gleichgewichte zu bringen, so kann auch unsere Wirtschaft, gerade wegen
ihrer absoluten freien Beweglichkeit, nie ihr Gleichgewicht verlieren.
In unnütze, störende Bewegung mag sie gebracht werden, aber die
natürliche Schwerkraft stellt sofort das Gleichmaß aller Verhältnisse
wieder her.«

Nach beendeter Mahlzeit lud uns Herr Ney ein, ihn in den Volkspalast zu
begleiten, wo heute das Fachparlament für öffentliche Arbeiten eine
Nachtsitzung halten werde, um über ein von ihm vorgelegtes großes
Kanalprojekt sich schlüssig zu machen. Er glaube, daß der Gegenstand
auch uns interessieren werde. Wir nahmen mit Dank an.

Das Fachparlament für öffentliche Arbeiten besteht aus 120 Mitgliedern;
die meisten derselben sind, wie mir David, der mit von der Partie war,
erklärte, Direktoren großer Associationen, insbesondere der das
Baugewerbe betreibenden; doch sitzen auch Professoren technischer
Hochschulen und andere Fachmänner in demselben. Laien, die von
öffentlichen Arbeiten nichts verstehen, giebt es in dieser Körperschaft
nicht, und ohne weiteres kann behauptet werden, daß dieselbe die Blüte
und Quintessenz des technischen Wissens und Könnens von ganz Freiland in
sich schließt.

Das Projekt, welches gegenwärtig vorlag, war vor Jahresfrist seitens der
Direktoren der Wasser- und Hochbau-Associationen von Edenthal,
Nordbaringo, Ripon und Strahlstadt, in Verbindung mit zwei Professoren
der technischen Hochschule von Ripon angeregt worden. Es handelte sich
bei demselben um nichts geringeres, als um die Herstellung einer für
Schiffe bis zu 2000 Tonnen fahrbaren Wasserstraße vom Tanganika über den
Muta-Nzige und Albert-Njanza unter Benutzung des Nillaufes bis an das
Mittelländische Meer einerseits und von der Kongomündung den Kongo
aufwärts über den Aruwhimi in den Albertsee, von dort unter Benützung
einiger kleinerer Ströme über den Baringosee an den Unterlauf des Dana
und von hier an den indischen Ocean. Es waren das also zwei Wasserwege,
deren einer die großen centralafrikanischen Seen mit dem Mittelmeere,
der andere, quer durch den ganzen Weltteil, den atlantischen mit dem
indischen Ocean verbinden sollte. Da ein Teil der zu diesem Behufe
erforderlichen gewaltigen Arbeiten auf fremdem Gebiete -- dem des
Kongostaates und Ägyptens -- durchgeführt werden mußte, so waren
Verträge mit diesen Staaten abgeschlossen worden, die Freiland alle
notwendigen Rechte einräumten. Die Bereitwilligkeit der fremden
Regierungen, auf die Wünsche der Edenthaler Verwaltung einzugehen, wird
man begreiflich finden, wenn man erwägt, daß Freiland keinerlei Gebühr
für die Benutzung seiner Kanäle einzuheben, den Nachbarn also ein freies
Geschenk mit seinen kolossalen Arbeiten zu machen gedachte. Im
Zusammenhange mit diesem Projekte stand auch das auf Erwerbung des
Suez-Kanals, der zu doppelter Breite und Tiefe ausgebaggert und dem
Verkehre gleichfalls zu unentgeltlicher Benutzung übergeben werden
sollte. Die englische Regierung, welcher der größte Teil der Kanalaktien
gehörte, war den Freiländern mit weitgehender Liberalität
entgegengekommen; sie überließ ihnen ihre Aktien zu einem sehr mäßigen
Preise, so daß diese es nur mit den kleineren Aktionären zu thun hatten,
welche allerdings die Situation weidlich auszunützen verstanden. Die
britische Regierung verlangte Sicherheit für die unantastbare
Neutralität des Kanals und förderte im übrigen das Unternehmen nach
Kräften.

Die präliminierten Kosten waren die folgenden:

   Süd-Nordkanal (Gesamtlänge 6250 Kilometer)   385  Mill. Pfund,
   Ost-Westkanal (Gesamtlänge 5460 Kilometer)   412  Mill. Pfund,
   Suez-Kanal (für Ankauf und Erweiterung)      280  Mill. Pfund.
   Zusammen                                    1077  Mill. Pfund.

Die Bauzeit war mit 6 Jahren in Aussicht genommen, so daß im
Jahresdurchschnitt rund 180 Millionen erforderlich schienen. Nach den
bisherigen Erfahrungen glaubte die freiländische Verwaltung darauf
rechnen zu dürfen, daß die jährlichen Gesamteinkünfte des Landes sich im
Laufe der nächsten sechs Jahre von 7 Milliarden -- ihrem vorjährigen
Stande -- successive auf mindestens 10½ Milliarden steigern und 8½
Milliarden im Durchschnitte der sechs Jahre betragen würden; der
Bauaufwand beanspruchte also bloß 2-1/8 Prozent des zu erwartenden
Nationaleinkommens und konnte gedeckt werden, ohne daß eine Erhöhung der
auf dieses Einkommen gelegten öffentlichen Abgaben über ihr
normales Maß erforderlich gewesen wäre. Dem Kostenvoranschlage
waren die detaillierten Baupläne beigelegt, desgleichen eine
Rentabilitätsberechnung, nach welcher die Kanäle schon im ersten Jahre
ihrer Inbetriebsetzung eine voraussichtliche Transportkostenersparnis
von 32 Millionen Pfund im Gefolge haben, also schon dadurch allein und
unter Berücksichtigung der voraussichtlichen Frachtenzunahme in ungefähr
30 Jahren sich bezahlt machen würden; außerdem aber sollten diese
künstlichen Wasserstraßen teilweise auch als Be- und Entwässerungskanäle
dienen und der hieraus sich ergebende Nutzen war mit 45 Millionen Pfund
im Jahresdurchschnitte berechnet, so daß die Kosten der sämtlichen
Anlagen binnen längstens 14 Jahren getilgt sein mußten, wobei überall
bloß der auf Freiland entfallende, nicht aber der dem Auslande mit
eingeräumte Nutzen in Rechnung gestellt war.

Da die sämtlichen Vorlagen schon seit einigen Wochen in Händen des
Fachparlamentes und von diesem sorgfältig studiert worden waren, so ging
dasselbe unmittelbar in die Beratung derselben ein. Prinzipieller
Widerspruch wurde von keiner Seite erhoben; die Verhandlung bewegte sich
der Hauptsache nach bloß um zwei Fragen: erstlich, ob es nicht möglich
wäre, die Bauzeit zu verkürzen, zweitens, ob nicht eine gleichfalls
tracierte und mit allen Detailplänen vorgelegte Alternativlinie der von
der Verwaltung empfohlenen vorzuziehen wäre. In ersterer Beziehung
stellte sich heraus, daß durch ein von gewiegten Fachmännern
vorgeschlagenes, ganz neues System der Baggerung thatsächlich ein halbes
Jahr Bauzeit erspart werden könnte; es wurde also beschlossen, dem
entsprechend vorzugehen; bezüglich der zu wählenden Trace dagegen
entschied sich die Versammlung infolge der von Herrn Ney geltend
gemachten Gründe einstimmig für den Plan der Centralverwaltung. Die
ganze Debatte währte keine drei Stunden; nach Verlauf derselben hatte
die Verwaltung die Ermächtigung, 1077 Millionen Pfund Sterling, etwas
mehr als die Anlagekosten sämtlicher Kanäle der übrigen civilisierten
Welt betragen, binnen 5½ Jahren zu dem Zwecke auszugeben, damit
Oceandampfer den afrikanischen Kontinent von Ost nach West durchqueren,
aus dem Mittelmeere bis 10 Breitengrade südlich vom Äquator eindringen
und den Weg vom Mittelmeere ins rote Meer gebührenfrei und ohne jeden
Aufenthalt zurücklegen könnten.

Ich war von all dem geradezu konsterniert. »Wenn ich mir nicht
vorgenommen hätte, das Wort >unmöglich< hier aus meinem Wörtervorrate zu
streichen, so würde ich es jetzt anwenden«, meinte ich auf dem Heimwege
Herrn Ney gegenüber. Bemerken will ich noch, daß in den freiländischen
Parlamenten alle Vorlagen auch unter das anwesende Publikum verteilt
werden, so daß ich Gelegenheit gehabt hatte, die Details des soeben zur
Annahme gelangten Projektes oberflächlich einzusehen. Du weißt, daß ich
von derlei Dingen Einiges verstehe und so war ich denn in der Lage, den
Plänen zu entnehmen, daß die beiden Binnenschiffahrtkanäle mehrere
Wasserscheiden passieren. Eine dieser Wasserscheiden kenne ich nun
zufällig ziemlich genau, da wir sie teils auf unserer Reise, teils bei
unseren Ausflügen erst kürzlich passiert hatten; sie erhebt sich meiner
Schätzung nach mindestens 500 Meter über die Kanalsohle; ich fragte nun
Herrn Ney, ob er denn wirklich mit einem Wasserwege für
Zweitausendtonnen-Schiffe 500 Meter auf- und abwärts klimmen wolle; das
sei doch bau- und betriebstechnisch gleich unausführbar.

»Natürlich!« gab dieser lächelnd zu. »Wenn Sie jedoch die Detailpläne
genauer einsehen wollen, so werden Sie finden, daß wir solche
Wasserscheiden nicht vermittels zahlreicher Schleußen _übersteigen_,
sondern vermittels eines oder mehrerer Tunnels _unterfahren_.«

Jetzt blickte ich ihn aber erst recht ungläubig an und auch mein Vater
machte ein nicht minder erstauntes Gesicht.

»Was finden Sie daran gar so merkwürdiges, meine werten Gäste? Warum
soll bei Kanälen unpraktisch sein, was bei Eisenbahnen, die doch immer
noch viel leichter _über_ Berg und Thal zu führen wären, schon so lange
und in so ausgedehntem Maße geübt wird?« fragte Herr Ney. »Unsere
Kanaltunnels sind sehr teuer, das gebe ich Ihnen zu; da sie uns aber
beim Betriebe das kostbarste von allen Dingen, d. i. menschliche Arbeit,
ersparen, so sind sie für unsere Verhältnisse überaus praktisch. Zudem
hatten wir ja in zahlreichen Fällen keine andere Wahl, als die Kanäle
fallen zu lassen, oder Tunnels zu bauen. Die Wasserscheide, von der Sie
sprachen, ist gar nicht die bedeutendste von allen; unser größter
Durchbruch -- er verknüpft das Flußgebiet des Ukerewe mit dem des
Indischen Oceans -- geht in einer Länge von 17 Kilometern 1200 Meter
unter der Wasserscheide, und alles in allem haben wir in diesem neuen
Projekte nicht weniger als 132 Kilometer Tunnelbauten. Dieselben sind
übrigens durchaus nichts ganz neues; auch in Frankreich giebt es -- wie
Sie wissen -- einige, wenn auch sehr kurze Wassertunnels; wir besitzen
deren schon in unserem alten Kanalsysteme mehrere ganz respektable, nur
können sie sich allerdings weder an Längenentwicklung noch an
Mächtigkeit mit diesen neuen vergleichen, auf denen große Oceanfahrer --
mit zurückgelegten Masten natürlich -- durch die Eingeweide ganzer
Gebirgszüge hindurchdampfen werden. Das kostet Riesensummen, aber
bedenken Sie doch, daß jede Stunde Zeitgewinn eines freiländischen
Matrosen heute schon ihre 8 Schilling wert ist und von Jahr zu Jahr an
Wert gewinnt.«

»Unbegreiflich aber bleibt mir trotz alledem die Raschheit, ich möchte
fast sagen die Nonchalance, mit welcher diese Milliarde Ihnen votiert
wurde, als handle es sich um die nächstbeste Kleinigkeit«, meinte mein
Vater. »Ich will der Ehrenhaftigkeit sämtlicher Mitglieder Ihres
Fachparlamentes für öffentliche Bauten beileibe nicht nahe treten; aber
verschweigen kann ich nicht, daß mir die ganze Versammlung den Eindruck
machte, als verspräche sie sich den größten persönlichen Vorteil aus der
möglichst raschen und großartigen Durchführung des Werkes.«

»Dieser Eindruck war auch ganz der richtige«, gab Herr Ney zur Antwort.
»Doch bitte ich hinzuzufügen, daß jeder Bewohner Freilands genau den
nämlichen persönlichen Gewinn aus der Verwirklichung dieses
Kanalprojekts ziehen muß und wird. Nur weil dem so ist, weil bei uns
jene Solidarität der Interessen Wahrheit ist, von welcher man außerhalb
Freilands fälschlich spricht, nur deshalb können wir so ungeheure Summen
für jede Anlage ausgeben, von welcher nachzuweisen ist, daß ihr Nutzen
den Kostenaufwand überragt. Wird bei Ihnen ein Kanal gebaut, der die
Ertragsfähigkeit weiter Landstrecken erhöht, so dociert Ihre
Schulökonomie zwar auch, daß er den Wohlstand Aller befördere; richtig
ist dies aber nur für die Besitzer der betreffenden Grundstücke, während
den großen Massen der Bevölkerung solch ein Kanal nicht das geringste
nützt, den Besitzern anderer, konkurrierender Grundstücke vielleicht
geradezu schadet. Die Ermäßigung der Getreidepreise -- so behaupten Ihre
Staatswirte -- komme den nichtbesitzenden Massen zu statten; sie
vergessen dabei die Kleinigkeit, daß der >Arbeitslohn< sich auf die
Dauer nicht zu behaupten pflegt, wenn die Getreidepreise sinken. Dem
steht allerdings als Trost auf der andren Seite gegenüber, daß die
nichtbesitzenden Massen auch durch die Abgabenerhöhung, welche solche
öffentliche Bauten beanspruchen, nicht dauernd geschädigt werden können;
denn wer nicht mehr Lohn bezieht, als zur Lebensfristung notwendig ist,
dem kann auf die Dauer auch nicht viel entzogen werden; ihm auferlegte
Abgaben müssen also in letzter Linie auf den Arbeitgeber oder den
Consumenten abgewälzt werden. Der Streit um solche Anlagen ist daher bei
Ihnen zu Hause ein Interessenkonflikt, einzelner Grundeigentümer und
Arbeitgeber, von denen ein Teil gewinnt, während andere leer ausgehen
oder geradezu geschädigt werden. Bei uns dagegen ist jedermann
gleichmäßig nach Maßgabe seiner Arbeitsleistung am Nutzen
fruchtbringender Investitionen interessiert, und da ebenso jedermann
gleichmäßig nach Maßgabe seiner Arbeitsleistungen zur Kostendeckung
herangezogen wird, so ist hier ein Interessenkonflikt, oder auch nur
eine Unverhältnismäßigkeit des Vorteils schlechterdings ausgeschlossen.
7 Millionen Hektaren Landes werden durch die neuen Kanäle aus Sümpfen in
fruchtbaren Ackerboden verwandelt werden; wer wird den Vorteil davon
haben, wenn dieser jungfräuliche, dicht an so vortrefflicher
Wasserstraße gelegene Boden um etliche Pfd. Sterling pro Hektar jährlich
mehr trägt, als anderer? Nun offenbar jedermann in Freiland und zwar
jedermann gleichmäßig, er mag Landbauer, Industrieller, Professor oder
Beamter sein. Wer zieht Gewinn aus der Ermäßigung der Frachten? Etwa
bloß die Associationen und Arbeiter, welche die neuen Wasserstraßen zum
Transporte thatsächlich benutzen? Keineswegs; denn jeden Vorteil,
welchen sie solcherart erlangen, müssen sie, Dank der unbeschränkten
Beweglichkeit unserer Arbeitskräfte, mit jedermann in ganz Freiland
teilen. Wir überlassen daher mit der größten Seelenruhe die Entscheidung
über derlei Fragen jenen, die dabei am unmittelbarsten interessiert
sind. Diese wissen am besten, was ihnen nützt, und da ihr Nutzen sich
vollkommen mit jedermanns Nutzen deckt, so steht ihnen jedermanns, d. h.
des Gemeinwesens, Kasse so weit und frei geöffnet, wie nur immer ihre
eigene. Mögen sie nur hineingreifen -- je tiefer, desto besser! Wir
haben nicht zu untersuchen, _wem_ die Investition nützt, sondern bloß,
_ob_ sie überhaupt nützlich ist, d. h. Arbeitskraft erspart.«

»Wunderbar, aber wahr!« mußte mein Vater zugeben. »Da dem aber so ist,
da hierzulande wirklich die vollkommenste Interessensolidarität besteht,
so ist mir hinwieder unerklärlich, warum sie die Rückzahlung jener
Kapitalien verlangen, die das Gemeinwesen den einzelnen Associationen
vorstreckt.«

»Weil das Gegenteil der Kommunismus mit allen seinen unvermeidlichen
Konsequenzen wäre«, war die Antwort. »Der eventuelle Vorteil aus
derartiger unentgeltlicher Kapitalzuwendung käme zwar auch hier Allen
gleichmäßig zugute, wer aber könnte in diesem Falle dafür einstehen,
_ob_ solche Kapitalanlagen vorteilhaft oder schädlich wären. Denn
vorteilhaft ist eine Kapitalanlage doch nur in dem Falle, wenn mit deren
Hilfe mehr Arbeit erspart wird, als die Herstellung der Kapitalien
selber kostet. Eine Maschine, die mehr Arbeit fordert, als hereinbringt,
ist schädlich. Derzeit nun sind wir gegen solche Vergeudung, zum
mindesten gegen absichtliche Vergeudung von Kapitalien gesichert. Das
Gemeinwesen sowohl, als die Einzelnen können sich in ihren Berechnungen
täuschen, sie können eine Anlage für rentabel halten, die sich
nachträglich als unrentabel erweist, d. h. die auf ihre Herstellung
verwendete Arbeit nicht hereinbringt; die _Absicht_ bei allen Anlagen
jedoch kann immer nur auf Kraftersparnisse gerichtet sein, denn das
Gemeinwesen sowohl als die Einzelnen müssen ein jeder seine Anlagen
bezahlen. Wenn aber das Gemeinwesen auch für die Kapitalanlagen der
Einzelnen, respektive der Associationen, aufzukommen hätte, dann läge
für die einzelne Association kein Grund vor, nicht auch solche
Einrichtungen zu fordern, die weniger Kraft ersparen, als zu ihrer
Herstellung beanspruchen; die notwendige Ergänzung dieser Liberalität
des Gemeinwesens wäre daher, daß sich dieses ein Recht der Überwachung
und Bevormundung den Kapitalbedürftigen gegenüber herausnähme, welches
mit Freiheit und Fortschritt unvereinbar wäre. Alles Gefühl der
Selbstverantwortung ginge verloren, das Gemeinwesen müßte sich in
Verhältnisse mengen, denen es nicht gewachsen ist, und Verluste wären
trotz aller beengenden Willkür von Oben unvermeidlich.«

»Das ist wieder so einleuchtend und einfach, als nur immer möglich«,
meinte mein Vater. »Ich erbitte mir aber für einen ferneren Punkt nähere
Erklärung. Kraft der bei Ihnen herrschenden Interessensolidarität nimmt
jedermann an den Vorteilen aller wo immer eintretenden Verbesserungen
teil; dies geschieht in der Weise, daß jedermann das Recht hat, einen
minderergiebigen Produktionszweig oder Produktionsort mit einem sich
ergiebiger erweisenden zu vertauschen. Welches Interesse hat also der
_einzelne_ Produzent, respektive die _einzelne_ Association,
Verbesserungen einzuführen, da es doch viel einfacher, bequemer und
gefahrloser erscheinen muß, Andere vorangehen zu lassen und sich ihnen
erst anzuschließen, wenn der Erfolg gesichert ist? Nun sehe ich aber,
daß es ihren Associationen an Regsamkeit und Unternehmungsgeist
keineswegs fehlt; wie erklärt sich dies? was veranlaßt Ihre Produzenten,
sich Gefahren -- sie mögen noch so gering sein -- auszusetzen, wenn der
damit erreichte Gewinn so rasch mit aller Welt geteilt werden muß?«

»Sie übersehen erstlich«, entgegnete Herr Ney, »daß die Höhe des zu
erzielenden Gewinnes denn doch nicht der alleinige Beweggrund ist, von
welchem sich arbeitende Menschen, insbesondere aber unsere
freiländischen Arbeiter, leiten lassen. Der Ehrgeiz, das Etablissement,
an welchem man beteiligt ist, an der Spitze und nicht im Nachtrabe aller
anderen einherschreiten zu sehen, darf bei intelligenten, von starkem
Gemeingeiste beseelten Menschen nicht eben unterschätzt werden. Aber
abgesehen davon, bitte ich Sie zu bedenken, daß die an den Associationen
Beteiligten auch sehr lebhafte _materielle_ Interessen am Gedeihen
gerade ihrer speciellen Unternehmung haben. Freiländische Arbeiter
besitzen ausnahmslos recht behagliche, ja luxuriöse Heimstätten --
naturgemäß meist in der Nähe der von ihnen gewählten Arbeitsstätten; sie
sind in Gefahr, dieselben verlassen zu müssen, falls ihr Unternehmen
sich nicht auf gleicher Höhe mit anderen erhält. Zum zweiten genießen
die älteren, d. h. durch längere Zeit bei einem Unternehmen beteiligten
Arbeiter ein stetig wachsendes Präcipium; ihre Arbeitszeit wird ihnen um
einige Prozente höher angerechnet, als den Neueintretenden.
Die Mitglieder jeder Association müssen also trotz aller
Interessensolidarität sehr lebhaft darauf bedacht sein, daß ihr
Etablissement nicht überflügelt werde, und da das Risiko neuer
Verbesserungen ein verschwindend geringes ist, so regt sich der
Erfindungs- und Unternehmungsgeist nirgends in der Welt so kühn und
mächtig, wie bei uns. Die Associationen wetteifern aufs lebhafteste um
den Vorrang, nur daß dies allerdings ein friedlicher Wettbewerb, kein
ingrimmiger, auf gegenseitige Schädigung abzielender Konkurrenzkampf
ist.«

Es war inzwischen sehr spät geworden; mein Vater und ich hätten
allerdings gerne noch längere Zeit den hochinteressanten Aufklärungen
unseres freundlichen Wirtes gelauscht; doch wir durften die
Liebenswürdigkeit unserer Gastfreunde nicht mißbrauchen und so trennten
wir uns -- was mir denn auch Anlaß giebt, von Dir, mein Luigi, für heute
Abschied zu nehmen.



                              20. Kapitel.


                                             Edenthal, den 16. August.

Du äußerst in Deinem letzten Briefe einige Verwunderung darüber, daß
unser Gastfreund aus seinem bloß 1440 Pfund betragenden Gehalte als
Regent von Freiland einen Hausstand gleich dem Dir beschriebenen zu
führen, eine elegante Villa mit zwölf Wohnräumen zu bewohnen, feine
Küche zu führen, Wagen und Reitpferde zu halten, kurzum einen Luxus zu
treiben vermöge, den sich bei uns daheim nur die Reichsten gönnen
dürfen. Die Erklärung liegt darin, daß Dank der wunderbaren Organisation
von Arbeit und Verkehr hier eben alles fabelhaft billig ist, ja
zahlreiche Dinge, die in Europa und Amerika recht viel Geld
verschlingen, den freiländischen Haushalt überhaupt nicht belasten, da
sie vom Gemeinwesen unentgeltlich beigestellt werden und ihre Deckung
schon in den vom Reineinkommen vorweg abgezogenen Steuern finden. So
erscheinen z. B. bei den Reisekosten die Fahrpreise auf Eisenbahnen und
Dampfschiffen auch nicht mit einem Heller, da, wie Du schon aus meinen
früheren Briefen entnommen haben kannst, das freiländische Gemeinwesen
den Personentransport unentgeltlich besorgt. Das Gleiche gilt, wie ich
ebenfalls schon erwähnt zu haben glaube, bei allen Telegraphen,
Telephonanstalten, Briefpost, elektrischer Beleuchtung, mechanischer
Kraftabgabe u. dergl. Beim Frachtentransporte zu Lande und Wasser
dagegen läßt sich die freiländische Verwaltung die Selbstkosten
ersetzen. Bemerken will ich bei diesem Anlasse noch, daß beinahe jede
freiländische Familie durchschnittlich zwei Monate des Jahres auf Reisen
wendet, die meist den wundervollen und mannigfaltigen Naturschönheiten
des eigenen Landes gelten, teils auch -- dies jedoch seltener -- bis ins
entfernte Ausland sich erstrecken. Jeder Freiländer nimmt alljährlich
mindestens sechs, bisweilen aber auch zehn Wochen Urlaub von allen
Geschäften und sucht während dieser Zeit Erholung, Vergnügen und
Belehrung als Tourist. Insbesondere in den Hochlanden des
Kilima-Ndscharo, Kenia und Elgon, des Aberdare und Mondgebirges, sowie
an den Gestaden der sämtlichen großen Seen wimmelt es mit Ausnahme der
beiden Regenepochen jederzeit von fahrenden, reitenden, wandernden,
rudernden und segelnden Männern, Frauen und Kindern, die in vollen Zügen
jegliche Lust des Reisens genießen.

Überhaupt gehört sinnige, herzliche Freude an der Natur und ihren
Schönheiten zu den charakteristischen Eigenschaften der Freiländer. Sie
sind eben allesamt Eigentümer ihres gesamten Landes, und inniges Behagen
an diesem ihrem köstlichsten Eigentum tritt überall zu Tage. So halte
ich es z. B. für bezeichnend, daß nirgend in Freiland Bäche und Flüsse
durch Abfallwässer vergiftet, nirgend malerische Berghänge durch wahllos
angebrachte Steinbrüche verunstaltet werden, oder sonst ein Frevel gegen
die landschaftliche Schönheit zu rügen ist. Warum auch sollten diese
selbstherrlichen Arbeiter um geringer Ersparnisse willen -- die sie
zudem sehr bald mit aller Welt teilen müßten -- sich selber eines so
wesentlichen Genusses berauben, wie es eine möglichst gesunde und schöne
Landschaft ist? Natürlich kommt diese verständige Pflege aller
landschaftlichen Reize auch den Reisenden zu gute. Allenthalben sind
Straßen sowohl als Eisenbahnen von mehrfachen Alleen prächtiger Palmen
eingesäumt, deren schlanke astlose Stämme nirgend die Aussicht
behindern, während ihre dichten Kronen erquickenden Schatten gewähren.
Man hat infolge dieser ebenso einfachen als wirksamen Einrichtung beim
Reisen hier unter dem Äquator von Hitze und Staub weit weniger zu
leiden, als im »gemäßigten« Europa, wo während der Sommermonate eine
mehrstündige Eisenbahn- oder Wagenfahrt häufig zur Tortur wird. An allen
schön und romantisch gelegenen Punkten haben die zahlreichen, mit den
gewaltigsten Mitteln arbeitenden Hôtel- und Vergnügungsassociationen
sowohl riesige Gasthöfe als eine Menge kleiner Villen angelegt, in denen
die Touristen und Sommerfrischler je nach Laune und Geschmack für
Stunden, Tage, Wochen oder Monate gemeinsam zu Hunderten und Tausenden
oder allein in ländlicher Zurückgezogenheit Unterkunft und allen
erdenklichen Comfort finden.

Wunderst Du Dich schon über den Luxus im Neyschen Hause, was wirst Du
erst sagen, wenn ich Dir erzähle, daß hierzulande dem Wesen nach jeder
einfache Arbeiter so lebt, wie unsere Gastfreunde. Die Villen haben
einige Wohnräume weniger, die Möbel sind einfacher, statt eigene
Reitpferde in den Ställen der Transportassociation zu halten, werden
Mietpferde benützt, auf Kunstgegenstände, Bücher und zu wohlthätigen
Zwecken wird weniger ausgegeben, das ist aber auch der ganze
Unterschied. Da ist z. B. unser Nachbar Moro. Derselbe, ein gewöhnlicher
Werkführer der Edenthaler Farbwarenassociation, gehört samt seiner
reizenden Frau zu den Intimen des Neyschen Hauses, und wir haben schon
einigemale vortrefflich in seinem netten und komfortabel eingerichteten
7 Wohnräume enthaltenden Heim gespeist. Ja selbst die »Ziehtöchter«
fehlen -- nebenbei bemerkt -- in seinem Hause nicht, denn auch seine
Gattin genießt -- und, wie ich hinzufügen will, nicht mit Unrecht -- den
Ruf einer hervorragenden Geistes- und Herzensbildung, und die
Ziehtöchter suchen, wie Du weißt, nicht das große Haus, sondern die
bedeutende Frau auf. Und sollte Dir besonders auffallend erscheinen, daß
solch ein Phönix von Frau Gattin eines gewöhnlichen Fabrikarbeiters ist,
so bedenke, daß freiländische Arbeiter etwas anderes sind, als
europäische. Gediegene Mittelschulbildung genießt hier alle Welt, und
daß ein junger Mann Handwerker und nicht Lehrer, Arzt, Ingenieur oder
dergl. wird, hat darin seinen Grund, daß er eben keinerlei
_hervorragende_ geistige Fähigkeiten in sich entdeckt oder vermutet.
Denn hierzulande kann sich den geistigen Berufszweigen nur ein geistig
hervorragend Befähigter mit Aussicht auf Erfolg zuwenden, da der
Minderbefähigte angesichts der Konkurrenz _aller_ wirklich Befähigten
unmöglich aufzukommen vermag. Bei uns da draußen, wo nur eine
verschwindende Minderzahl die materiellen Mittel zum Studium hat,
gewährt diese Mittellosigkeit einer ungeheuern Mehrzahl auch den
Dummköpfen unter den Bemittelten ein Privilegium. Die Reichen können
eben nicht alle talentiert sein -- so wenig als die Armen alle es sind;
da wir aber trotzdem unseren Bedarf an geistigen Arbeitern -- von
Ausnahmen, die ja überall vorkommen, muß dabei natürlich abgesehen
werden -- bloß aus der kleinen Menge von Söhnen reicher Familien decken,
so kommen bei uns -- günstig gerechnet -- auf je einen fähigen
Studierenden zehn Unfähige, von welchen Zehnen aber, da wir mit dem
einen Fähigen natürlich nicht den ganzen Bedarf decken können, höchstens
die zwei oder drei Allerdümmsten Schiffbruch leiden. Hier dagegen, wo
Jedermann die Mittel zum Studium hat, giebt es selbstverständlich
unendlich mehr befähigte Studierende, folglich brauchen die Freiländer
bei Deckung ihres geistigen Bedarfes lange nicht so tief zu greifen, als
wir. Ihre Tüchtigsten sind nicht notwendig tüchtiger, als die unsrigen,
aber unsere Unfähigsten -- unter den Studierenden -- sind viel, viel
unfähiger, als ihre überhaupt noch möglichen Unfähigsten. Was bei uns
noch mittelgut wäre, ist hier schon lange aussichtslos. Freund Moro z.
B. hätte es in Europa oder Amerika vielleicht auch zu keiner »Leuchte
der Wissenschaft« oder »Zierde des Barreau« gebracht, doch ein ganz
annehmbarer Durchschnittslehrer, Advokat oder Beamter wäre er immerhin
geworden. Hier aber mußte er -- nach absolvierten Mittelschulen --
gewissenhafter mit seinen geistigen Fähigkeiten zu Rate zu gehen und
gelangte dabei zu dem Resultate, daß es ersprießlicher für ihn sei, ein
tüchtiger Fabrikwerkführer, als ein mittelmäßiger Lehrer oder Beamter zu
werden. Und er konnte diesem Ratschlage strenger -- vielleicht
allzustrenger -- Selbstprüfung Folge geben, ohne sich gesellschaftlich
zu degradieren, denn in Freiland schändet Handarbeit wirklich nicht, zum
Unterschiede von Europa und Amerika, wo dies zwar auch behauptet wird,
jedoch lediglich eine der vielen konventionellen Lügen ist, mit denen
wir uns selber hinters Licht zu führen versuchen. Arbeit ist bei uns --
trotz aller demokratischen Redensarten -- ganz im Allgemeinen eine
Schande, denn der Arbeitende ist ein höriger Mann, ein ausgebeuteter
Knecht, er hat einen Herrn über sich, der ihn kommandiert, für sich
ausnützt gleich dem arbeitenden Tiere -- keine Moraltheorie der Welt
wird die Ehre des Knechtes der des Herrn gleichsetzen. Hier aber ist das
anders. Um dies voll zu ermessen, brauchst Du bloß einmal gesellige
Vereinigungen in Freiland besucht zu haben. Zwar liegt es in der Natur
der Sache, daß Personen des gleichen Interessenkreises sich zunächst
aufsuchen und anziehen, doch darf dies beileibe nicht so aufgefaßt
werden, als ob damit auch nur im entferntesten eine Sonderung
verschiedener Gesellschaftsschichten nach Berufen verbunden wäre. Das
allgemeine Bildungsniveau ist ein so hohes, das Interesse an den
erhabensten Problemen der Menschheit auch unter den Handarbeitern so
verbreitet, daß Gelehrte, Künstler, hohe Beamte die mannigfaltigsten
geistigen und gemütlichen Berührungspunkte auch mit Fabrik- oder
Feldarbeitern finden.

Dies ist umsomehr der Fall, als eigentlich eine Scheidung von Kopf- und
Handarbeitern sich hierzulande gar nicht streng durchführen läßt. Der
Handarbeiter von heute kann morgen durch die Wahl seiner Genossen
Betriebsleiter, also Kopfarbeiter werden, und umgekehrt gibt es unter
den Handarbeitern ungezählte Tausende, die ursprünglich einen anderen
Beruf gewählt und die für diesen erforderlichen höheren Studien
absolviert hatten, dann aber -- sei es, weil ihre geistigen Fähigkeiten
sich als nicht vollkommen ausreichend erwiesen, sei es, weil ihre
Geschmacksrichtung wechselte -- die Feder mit dem Werkzeug vertauschten.
So hat z. B. ein anderer Hausfreund der Familie Ney sein mehrere Jahre
hindurch zu allgemeiner Zufriedenheit verwaltetes Amt als Arzt
niedergelegt und sich der Gärtnerei gewidmet, weil er fand, daß dieser
ruhige Beruf ihn weniger von seinem Lieblingsstudium, der Astronomie
abziehe, als die ärztliche Thätigkeit. Um sich als Astronom zu ernähren,
dazu reichten seine Kenntnisse und Fähigkeiten nicht aus, und da ihm
einigemal widerfahren war, von interessanten Beobachtungen zu plötzlich
des Nachts erkrankten Kindern abberufen zu werden, so zog er es vor,
seinen Haushalt durch den Ertrag von Gartenarbeit zu decken und des
Nachts ungestört seinen lieben Sternen nachzuspüren. Ein anderer Mann,
den ich hier kennen gelernt, vertauschte seine Carrière als Bankbeamter
mit der Maschinenschlosserei, lediglich weil ihm auf die Dauer die
sitzende Thätigkeit nicht behagte; er wäre wiederholt schon von den
Mitgliedern seiner Association in die Oberleitung gewählt worden, lehnte
aber stets ab, da seine Abneigung gegen Bureauarbeiten noch immer nicht
überwunden ist. Insbesondere aber ist die Zahl derjenigen sehr groß, die
irgendwelche Handarbeit mit Kopfarbeit verbinden. So allgemein
verbreitet ist in Freiland die Abneigung gegen _ausschließliche_
Kopfarbeit, daß sich die sämtlichen höheren Berufe, ja sogar die
öffentlichen Ämter darauf einrichten mußten, ihren Angehörigen
zeitweilig körperliche Berufsthätigkeit zu gestatten. Die Buchhalter und
Korrespondenten der Associationen sowohl als der Centralbank, die
Lehrer, Beamten und sonstigen Angestellten welcher Art immer, haben das
Recht, außer den der Erholung gegönnten zweimonatlichen Ferien auch noch
beliebigen Urlaub von längerer oder kürzerer Dauer zu verlangen und die
Zeit desselben durch anderweitige Erwerbsthätigkeit auszufüllen.
Natürlich wird diese außerordentliche Urlaubszeit vom Gehalte in Abzug
gebracht, was jedoch die weitaus größere Hälfte all' dieser
Bureauarbeiter nicht hindert, in Zwischenpausen von zwei bis drei Jahren
je einige Monate hindurch als Fabrikarbeiter, Bergleute, Landbauer,
Gärtner u. dgl. sich vom Einerlei ihrer gewohnten Berufsthätigkeit zu
erholen. Ein mir bekannter Bureauchef der Centralverwaltung arbeitet
jedes zweite Jahr acht Wochen lang in einer anderen Mine des Aberdare-
oder Baringo-Distrikts; er hat -- wie er mir erzählte -- bis jetzt den
Kohlen-, Eisen-, Zinn-, Kupfer- und Schwefelbau praktisch durchgenommen
und freut sich jetzt auf den bevorstehenden Kursus in den Salzwerken von
Elmeteita.

Angesichts dieser allgemeinen und durchgängigen wechselseitigen
Durchdringung von gewöhnlichster körperlicher und höchster geistiger
Thätigkeit kann selbstverständlich von irgendwelchen Standes- oder
Klassenunterschieden nirgend die Rede sein. Die hiesigen Ackerbauer sind
gerade so geachtete, selbstbewußte Gentlemen, wie die Gelehrten,
Künstler oder hohen Beamten, und nichts steht dem im Wege, sie im Salon
als gute Kameraden zu behandeln, sofern die Charaktere und die
Geistesrichtungen harmonieren.

Insbesondere aber sind die Frauen -- anderwärts die hauptsächlichen
Vertreterinnen aristokratischer Absonderung -- hierzulande Förderinnen
vollständiger Verschmelzung aller Bevölkerungsschichten. Die
freiländische Frau steht beinahe ausnahmslos auf einer sehr hohen Stufe
ethischer und geistiger Bildung. Losgelöst von jeglicher materiellen
Sorge und Arbeit, ist es ihr alleiniger Beruf, sich zu veredeln, ihr
Verständnis für alles Gute und Erhabene zu schärfen. Da sie sich der
entwürdigenden Notwendigkeit enthoben sieht, im Manne einen Ernährer zu
suchen, mit ihrem Werte auf sich selber gestellt und nicht von der
äußeren Lebensstellung des Mannes abhängig ist, so fehlt ihr jener
exklusive Hochmut, der überall dort sich einfindet, wo wirkliche Vorzüge
fehlen. Sind doch die Frauen der sog. besseren Stände bei uns daheim
meist nur deshalb so schroff abweisend ihren vom Glücke minder
begünstigten Schwestern gegenüber, weil sie des instinktiven Gefühls
nicht ledig werden, daß diese sehr gut ihren Platz ausfüllen und sie
selber mitunter in deren dienende Stelle passen würden, wenn sie die
Ehegatten vertauscht hätten. Und auch, wenn dem nicht so ist, wenn die
europäische »Dame« wirklich höheren ethischen und geistigen Wert
besitzt, so muß sie sich doch sagen, daß ihre Stellung im Urteile der
Welt weniger von diesen ihren eigenen Eigenschaften, als von Rang und
Stellung des Mannes abhänge, also vom Werte eines Dritten, der ebensogut
jede Andere auf den erborgten Thron hätte setzen können. Schopenhauer
hat nicht ganz Unrecht: die Frauen betreiben zumeist das gleiche
Gewerbe: die Männerjagd, und Konkurrenzneid ist es, was ihrem Hochmut zu
Grunde liegt. Nur vergißt er hinzuzufügen, oder vielmehr er weiß wohl
selber nicht, daß dieses den Frauen gemeinsame, von ihm mit so herbem
Spotte gegeißelte Gewerbe mit all seinen häßlichen Folgeübeln ihnen
durch ihre Rechtlosigkeit aufgenötigt und keineswegs mit ihrer Natur
untrennbar verknüpft ist.

Die hiesigen Frauen, die frei und gleichberechtigt sind in der
höchsten Bedeutung des Wortes, kennen diesen Hochmut auf äußere
Lebensverhältnisse nicht. Selbst wenn Beruf oder Reichtum des Gatten
hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründen könnten, sie
würden dieselben niemals anerkennen, sondern sich in ihrem Umgange
lediglich von persönlichen Eigenschaften bestimmen lassen. Die
geistreichste, liebenswürdigste Frau ist es, deren Freundschaft von
ihnen am eifrigsten gesucht wird, gleichviel, welche Stellung der Gatte
einnehmen mag. Du begreifst also, daß Frau Moro ihren Mann wählen
konnte, ohne sich in der hiesigen »Gesellschaft« das Geringste zu
vergeben.

Da wir gerade mit diesem Thema beschäftigt sind, laß mich die
Gelegenheit benützen, einige Worte über das Wesen der hiesigen
Geselligkeit nachzutragen. Dieselbe ist überaus lebhaft; die bekannten
Familien versammeln sich beinahe jeden Abend in zwanglosen Cirkeln, in
denen geplaudert, musiciert, vom jungen Volke wohl auch getanzt wird.
Soweit wäre dabei nichts besonderes; ihren ganz eigentümlichen, dem
Fremden anfangs schier unbegreiflichen Reiz aber erhält diese
Geselligkeit durch den sie durchwehenden Ton höchster Freiheit im
Vereine mit reinstem Adel und tadelloser Feinheit. Nachdem ich sie
einigemale gekostet, dürstete ich förmlich nach den Freuden dieser
Zusammenkünfte, ohne mir anfangs Rechenschaft geben zu können über die
Natur des Zaubers, den sie auf mich übten. Schließlich bin ich zu der
Überzeugung gelangt, daß es in erster Linie jene Atmosphäre wahrer
Menschenliebe sein müsse, die in Freiland alles umfängt, was hier den
geselligen Verkehr zu einem so genußreichen gestaltet.

Europäische Gesellschaften sind im Grunde doch nichts anderes, als
Maskeraden, bei denen alle Welt sich gegenseitig belügt; Zusammenkünfte
von Feinden, die das Böse, das sie sich gegenseitig wünschen, unter
höflichen Grimassen zu verbergen suchen, ohne jedoch dadurch irgendwen
ernstlich zu täuschen. Und dies ist in einer ausbeuterischen
Gesellschaft anders gar nicht möglich, denn in dieser ist
Interessengegensatz die Regel, wahre Interessensolidarität eine höchst
seltene und bloß zufällige Ausnahme; seinen Nebenmenschen wirklich zu
lieben, ist bei uns eine Tugend, zu deren Übung ein nicht gerade
alltägliches Maß von Selbstverleugnung gehört, und Jedermann weiß daher,
daß neun Zehnteile dieser verbindlich grinsenden Masken sofort in
bitterem Hasse über einander herfallen würden, wenn die angeborene und
anerzogene Dressur der wohlanständigen Sitte sie auch nur einen Moment
im Stiche ließe. Man hat also inmitten solcher Gesellschaften stets ein
Gefühl, welches etwa dem der unterschiedlichen Bestien gleichen mag,
welche in den Menagerien zum Ergötzen des schaulustigen Publikums in
einen gemeinsamen Käfig gesperrt, sich wohl oder übel miteinander
vertragen müssen. Der Unterschied liegt bloß darin, daß die Dressur von
uns zweibeinigen Tigern, Panthern, Luchsen, Wölfen, Bären und Hyänen
vollkommener ist, als die unserer vierbeinigen Ebenbilder; diese
umschleichen einander, ingrimmig knurrend, ihre Rauf- und Mordlust
sichtlich nur mühsam unter scheuen Seitenblicken auf die Peitsche des
Tierbändigers unterdrückend; während wir den im Herzen lauernden bösen
Willen höchstens dem aufmerksamen Beobachter durch ein tückisches
Blinzeln des Auges oder sonst eine kaum zu bemerkende Kleinigkeit
verraten. Ja, so mächtig ist die Dressur von uns zweibeinigen
Raubtieren, daß wir uns durch dieselbe zeitweilig selber täuschen
lassen; die Hyäne unter uns hat Momente, wo sie allen Ernstes glaubt,
ihr verbindliches Grinsen dem Tiger gegenüber sei ehrlich gemeint, und
wo der Tiger sich einbildet, hinter seinem leisen Knurren verberge sich
eitel Liebe und Freundschaft mit seinen Mitbestien. Aber das sind eben
nur vorübergehende Momente holden Selbstbetrugs, und im allgemeinen wird
man der Empfindung nicht ledig, sich unter natürlichen Feinden zu
befinden, die nur äußerer Zwang hindert, uns des lieben Futters halber
an die Kehle zu springen. Die Freiländer dagegen sehen sich unter
wahren, aufrichtigen Freunden, wenn sie unter Menschen sind. Sie haben
einander nichts zu verbergen, sie wollen einander weder übervorteilen,
noch gegenseitig ausnützen. Wetteifer findet allerdings auch unter ihnen
statt, aber dieser kann das Gefühl kameradschaftlichen Wohlwollens nicht
beeinträchtigen, da der Erfolg des Siegers allemal auch dem Besiegten
gute Früchte trägt. Harmlose Offenheit, ein geradezu kindliches
Sichgehenlassen ist daher allenthalben unter ihnen heimisch und das in
Verbindung mit der heiteren Lebensanschauung und geistigen
Vielseitigkeit ist es, was der hiesigen Geselligkeit so wunderbaren Reiz
verleiht.

Doch jetzt laß mich fortfahren in meinen Berichten über unsere hiesigen
Erlebnisse. Gestern sahen wir hier den ersten -- Betrunkenen. Wir -- d.
h. mein Vater und ich -- hatten in Begleitung Davids nach dem Diner eine
kleine Promenade am Edensee gemacht, an dessen Ufern bekanntlich die
meisten der Edenthaler Hotels gelegen sind; eben als wir wieder
heimkehren wollten, begegnete uns ein Trunkener, der wankend auf uns
zukam und lallend nach einem der Gasthöfe fragte. Es war sichtlich ein
erst kürzlich eingetroffener Einwanderer. David bat uns, die wenigen
Schritte nach Hause allein zurückzulegen, nahm den Betrunkenen unter den
Arm und führte ihn nach seinem Gasthofe; ich schloß mich diesem
Liebeswerke an, während mein Vater heimkehrte. Als auch wir anlangten,
fanden wir ihn im lebhaftesten Gespräche mit Frau Ney über dieses kleine
Abenteuer. »Denke nur,« rief er mir zu, »Madame behauptet, wir könnten
uns rühmen, einer der in diesem Lande seltensten Sehenswürdigkeiten
begegnet zu sein; sie ihrerseits habe während der 25 Jahre ihres
Aufenthalts in Freiland bloß drei Trunkene bemerkt, und sie sei
überzeugt, daß Edenthal zur Stunde sicherlich keinen zweiten Menschen in
seinen Mauern beherberge, der jemals bis zur Sinnlosigkeit tränke! Ihr
Freiländer« -- so wandte er sich nun an David -- »seid doch sicherlich
keine Temperenzler; Euer Bier und Palmwein ist vorzüglich, Euere Weine
lassen nichts zu wünschen übrig, und Ihr scheint mir nicht die Leute,
diese guten Dinge bloß zum Gebrauche etwaiger Gäste in Bereitschaft zu
halten; sollte es Euch also wirklich niemals widerfahren, daß Ihr ein
klein wenig über den Durst tränket?«

»Und doch ist dem so, wie meine Mutter sagt. Wir trinken gern einen
guten Tropfen und gönnen uns einen solchen nicht gerade selten; auch
will ich nicht leugnen, daß bei festlichen Gelegenheiten die
Begeisterung des Weines hie und da in ziemlich hellen Flammen
emporschlägt; ein sinnlos trunkener Freiländer gehört aber trotzdem zu
den allerseltensten Erscheinungen. Wenn Sie das gar so sehr Wunder
nimmt, so werfen Sie sich doch die Frage auf, ob denn in Europa und
Amerika gesittete und gebildete Menschen sich zu betrinken pflegen. Das
geschieht, wie ich weiß, auch bei Ihnen bloß in den seltensten Fällen,
obwohl dort die öffentliche Meinung in diesem Punkte minder streng ist,
als hierzulande. In Freiland aber gibt es keinen Pöbel, der im Rausche
Vergessenheit seines Elendes suchen müßte, und das Beispiel dieses
Pöbels kann daher auch nicht dazu dienen, an den Anblick dieses
erniedrigendsten aller Laster zu gewöhnen.«

»Daß ihr Freiländer gegen dieses Laster gefeit seid, nimmt uns auch
nicht gar so sehr Wunder,« entgegnete mein Vater. »Aber ihre verehrte
Mama erklärte uns, daß auch unter den Eingewanderten Trunkenbolde so rar
sind, wie weiße Raben. Nun ist mir nicht bekannt, daß an den Grenzen
Ihres Landes Mäßigkeitsapostel Wache halten; die Einwanderer gehören zum
Teil jedenfalls solchen Rassen und Klassen an, die in ihrer alten Heimat
dem Trunke -- und zwar dem Trunke in seiner häßlichsten Bedeutung --
keineswegs abgeneigt sind; was veranlaßt diese Leute hier, sich solcher
Enthaltsamkeit zu befleißigen?«

»Zunächst der Wegfall jener Gründe, die in Europa und Amerika zum Trunke
verleiten. Ich habe mich gelegentlich meiner europäischen Studienreise,
die nicht bloß der Kunst, sondern auch dem Leben Ihres Landes gewidmet
war, in den Höhlen der Armut umgesehen und dort Verhältnisse gefunden,
die es geradezu wunderbar erscheinen ließen, wenn die inmitten derselben
Lebenden nicht in der Schnapsflasche Vergessenheit ihrer Marter, ihrer
Schmach, ihrer Entwürdigung gesucht hätten. Ich sah Menschen, die zu
zwanzig und dreißig -- alle Altersklassen und Geschlechter bunt
durcheinander gewürfelt -- in _einem_ Gemache schliefen, welches gerade
nur soviel Raum bot, daß die Insassen dichtgedrängt auf der eklen, den
Boden bedeckenden Streu Unterkunft fanden; Menschen, die tagsüber kein
anderes Heim hatten, als den Fabriksaal -- oder die Schenke. Und das
waren nicht etwa brotlose, sondern in regelmäßiger Arbeit stehende
Leute, und nicht vereinzelte Ausnahmen, sondern Typen der Arbeiterschaft
großer Landstriche. Daß solche Menschen in viehischer Betäubung Rettung
suchen gegen die Erinnerungen ihrer Entbehrungen, der Schande ihrer
Weiber und Töchter, daß sie das Bewußtsein ihrer Menschenwürde
verlieren, das hat mich niemals in Erstaunen und noch weniger in
Entrüstung versetzt; diese beiden Gefühle kehrten sich bloß gegen den
Unverstand, der solchen Jammer ruhig gewähren läßt, als wäre er in
Wahrheit der Ausfluß eines unwandelbaren Naturgesetzes. Und eben so
natürlich finde ich, daß diese selben Menschen hier, wo sie ihre Würde
und ihr Recht zurückerlangt haben, wo ihnen sorglose, schöne
Lebensfreude allenthalben entgegenlacht, zugleich mit dem Elend auch das
Laster des Elends abstreifen. Diese neuen Ankömmlinge stürzen sich alle
mit wollüstiger Gier in den Umgang mit uns; sie können es meist gar
nicht erwarten, ganz und vollständig unseresgleichen zu werden; je
elender, entwürdigter sie zuvor gewesen, desto grenzenloser ist ihr
Entzücken, ihr Dankgefühl, sich hier von Jedermann als Seinesgleichen
betrachtet zu sehen; um keinen Preis würden sie der Achtung ihrer neuen
Genossen verlustig werden, und da diese den Trunk allgemein meiden, so
trinken sie eben auch nicht.«

»Du hast uns erklärt, warum Ihr keine Trunkenbolde hierzulande habet« --
nahm nunmehr ich das Wort. »Aber noch um vieles wunderbarer erscheint
mir, daß Euer Grundsatz, jedem Arbeitsunfähigen -- er mag es aus welchem
Grunde immer sein -- einen Versorgungsanspruch einzuräumen, Euch nicht
mit Krüppeln und Greisen sonder Zahl überflutet. Oder gibt es
irgendwelche, uns noch unbekannte Einrichtungen, welche Euch gegen
solche Gäste schützen? Und in welcher Weise erwehrt Ihr Euch, ohne
peinlich inquisitorische Kontrolle, jener Trägen, die das
Versorgungsrecht der wirklich Arbeitsunfähigen erschleichen wollen, um
dem Müssiggange fröhnen zu können? Werden hinsichtlich der
Versorgungsansprüche vielleicht Unterschiede zwischen Einheimischen und
Eingewanderten gemacht, und was ist zur Geltendmachung eines solchen
Anspruches vonnöten?«

»Hinsichtlich der Versorgungsansprüche wird keinerlei Unterschied
gemacht, und zu deren Geltendmachung genügt das Krankheitszeugnis eines
unserer Ärzte, oder der Ausweis des zurückgelegten 60. Jahres. Bei
Ausstellung der Krankheitsatteste wird prinzipiell mit der größten
Liberalität vorgegangen, ja es hat Jedermann das Recht, für den Fall,
daß ihm der eine Arzt das Zeugnis verweigern sollte, sich nach Belieben
einen anderen auszusuchen, da wir es grundsätzlich vorziehen, lieber
zehn träge Simulanten zu füttern, als einen wirklich Kranken abzuweisen.
Trotzdem gibt es bei uns ebensowenig fremde, als einheimische
Müssiggänger von Beruf. Auch hier erweist sich der Einfluß unserer
Institutionen als genügend mächtig, um alle derartigen Gelüste im Keime
zu ersticken. Beachte vor allem, daß der Neueingewanderte den obersten
Ehrgeiz hat, Unseresgleichen zu werden, sich uns anzuschließen; zu
diesem Behufe muß er, ist er anders gesund und kräftig, an unseren
Geschäften teilnehmen. Der kennt die menschliche Natur schlecht, der da
glaubt, Proletarier, die sich noch einen Rest von Menschenwürde
gerettet, würden, wenn sie Gelegenheit haben, als gleichberechtigte,
selbstherrliche Männer in blühende, mächtige Geschäfte einzutreten,
darauf verzichten und es vorziehen, sich von Gesamtheitswegen füttern zu
lassen. Die Ankömmlinge _wollen_ an allem teilnehmen, was hierzulande zu
erlangen und zu leisten ist; es bedarf in neunundneunzig unter hundert
Fällen keines anderen Anreizes zur Arbeit für sie. Jene Wenigen aber,
denen dieser Sporn nicht genügt, finden sich, ist erst einmal die erste
Zeit des Schauens und Hörens vorbei, sehr rasch durch Langeweile und
Vereinsamung genötigt, irgend eine fruchtbare Thätigkeit zu wählen. Wir
haben hier kein Wirtshausleben im abendländischen Sinne, keine
Geselligkeit gewohnheitsmäßiger Müssiggänger; man _muß_ hier eben
arbeiten, um sich behaglich zu fühlen, und so arbeitet denn Alles, was
arbeitsfähig ist. Die verstockteste Trägheit und Indolenz kann höchstens
durch einige Wochen dem Zauber des Gedankens Stand halten, daß man, um
den Ersten des Landes als Seinesgleichen die Hand schütteln zu dürfen,
keines anderen Ehren- und Machttitels bedürfe, als einiger ehrlicher
Arbeit. Kräftige, gesunde Müssiggänger sind also auch unter den
Eingewanderten geradezu verschwindende Ausnahmen, die wir resigniert als
eine Art geistiger Krankheitsfälle über uns ergehen lassen. Darben aber
dürfen bei uns auch diese Trägen nicht. Sie erhalten, ohne daß ihnen ein
besonderes Recht eingeräumt wird, alles, was sie brauchen und zwar nach
europäischen Begriffen überreichlich.

»Was nun die Frage anlangt, ob das Institut der Versorgungsrechte nicht
geradezu alles ins Land locke, was die übrige Welt an körperlich und
geistig Invaliden, an Krüppeln und Greisen besitze, so kann ich darauf
nur antworten, daß Freiland Jedermann unwiderstehlich anlockt, der
nähere Kunde von seinen Einrichtungen erhalten hat, und daß daher das
Verhältnis zwischen arbeitstüchtigen und arbeitsuntüchtigen Einwanderern
lediglich davon abhängt, ob solche Kunde leichter und rascher zu
ersteren oder zu letzteren gelangt. Wir weisen niemand zurück und
befördern den lahmen Krüppel ebenso unentgeltlich in unser Land, wie den
rüstigsten Arbeiter; aber es liegt in der Natur der Sache, daß die
Tüchtigsten, Regsamsten sich in stärkerer Zahl melden, als die Armen an
Geist und Körper.

»Auf der Forderung, daß jeder Einwanderer des Lesens und Schreibens
kundig sein müsse, um all' unserer Rechte teilhaftig zu werden, bestehen
wir seit Gründung des Gemeinwesens. Freiheit und Gleichberechtigung
setzen ein gewisses Ausmaß von Kenntnissen voraus, welche wir niemand
erlassen _können_. Freilich bliebe uns der Ausweg, die Unwissenden zu
bevormunden; aber damit wäre den Behörden ein Wirkungskreis eingeräumt,
den wir für unvereinbar mit wahrer Freiheit halten, und wir behandeln
daher Einwanderer, die Analphabeten sind, als Fremdlinge, oder wenn man
so will, als Gäste, die nach Möglichkeit zu fördern jedermanns
Menschenpflicht ist, die in materieller Beziehung, sofern sie sich
leistungsfähig erweisen, den Einheimischen gegenüber keineswegs verkürzt
werden, die jedoch keinerlei politisches Recht auszuüben vermögen.«

»Wie aber«, so fragte mein Vater, »konstatieren Sie diese geistige
Beschaffenheit Ihrer unwissenden Landesgenossen? Existiert zu diesem
Behufe eine besondere Behörde, und ergeben sich keine Unzukömmlichkeiten
bei solcher Inquisition?«

»Wir inquirieren nicht, und keine Behörde kümmert sich um das Wissen der
Leute. Anfänglich übten wir, um nicht von fremder Unwissenheit
überflutet zu werden, die Vorsicht, Analphabeten von der unentgeltlichen
Beförderung nach Freiland auszuschließen; wir haben vor 19 Jahren auch
das fallen gelassen. Jedermann, ohne jegliche Ausnahme, wird seither
unentgeltlich bis an jeden ihm beliebigen Punkt Freilands befördert;
niemand befragt ihn auch hier um den Stand seines Wissens; es steht ihm
frei, von allen unseren Einrichtungen vollen Gebrauch zu machen, alle
unsere Rechte auszuüben -- nur muß er dies in derselben Weise thun, wie
wir -- und das ist dem Analphabeten eben unmöglich. Wohin er sich wenden
mag, bei der Centralbank, bei allen Associationen, in allen Wahlbureaus,
muß er lesen, schreiben -- und zwar der Natur der Sache nach meist mit
Verstand schreiben -- sich in Gedrucktem und Geschriebenem
zurechtfinden, kurz, ein gewisses Maß von Bildung haben, welches wir ihm
nicht erlassen könnten, auch wenn wir wollten.«

»Dann ist aber«, meinte mein Vater, »Ihre berühmte Gleichberechtigung
doch nur für einigermaßen gebildete Leute vorhanden?«

»Selbstverständlich« -- erklärte nun Frau Ney. »Oder glauben Sie
wirklich, daß vollkommen Unwissende die Fähigkeit besitzen, sich selber
zu regieren? Jawohl, wirkliche Freiheit und Gleichberechtigung hat einen
gewissen Grad von Civilisation zur unerläßlichen Voraussetzung. Die
Freiheit und Gleichberechtigung der Armut und Barbarei, diese allerdings
lassen sich auch von unwissenden Horden ins Werk setzen; Reichtum und
Muße aber sind Produkte hoher Kunst und Kultur, sie können nur von
wirklichen Kulturmenschen genossen werden. Wer die Menschen frei und
reich machen will, der muß ihnen zuvor Wissen beibringen -- das liegt
nun einmal in der Natur der Sache, und nicht unsere, sondern Euere
Schuld ist es, daß so Viele Eurer Volksgenossen zur Freiheit erst noch
erzogen werden müssen.«

»Da haben Sie abermals Recht«, seufzte mein Vater. »Nun, und welche
Erfahrungen machen Sie mit diesen eingewanderten Analphabeten?«

»Die Erfahrung, daß diese Ausschließung von vollkommener
Gleichberechtigung, gerade weil sie mit keinerlei materieller
Benachteiligung verknüpft ist, als schlechthin unwiderstehlicher Antrieb
zu möglichst raschem Nachholen des in der alten Heimat Versäumten wirkt.
Wir haben zu Nutz und Frommen solcher Einwanderer besondere Schulen für
Erwachsene eingerichtet; auch Nachbarn und gute Freunde nehmen sich
ihrer an und die Leute lernen mit geradezu rührendem Eifer. Sie begnügen
sich keineswegs mit der mechanischen Aneignung jenes Ausmaßes von
Kenntnissen, dessen sie zu Ausübung aller freiländischen Rechte gerade
bedürfen, sondern sind redlich bemüht, sich möglichst vollständiges
Wissen zu erwerben, und es sind wenige Fälle bekannt, wo aus solchen
Einwanderern in kurzer Zeit nicht ganz gebildete Menschen geworden
wären.«

»Und was schließlich die hier wirklich als Invaliden anlangenden
Einwanderer betrifft«, nahm jetzt wieder David das Wort, »so üben wir
diesen gegenüber die Versorgungspflicht in der nämlichen Weise, als ob
sie in freiländischen Werkstätten alt und schwach geworden wären. Eine
merkliche Belastung unseres Budgets haben wir davon nicht verspürt.
Charakteristisch ist übrigens, daß die invaliden Eingewanderten meist
nur unvollständigen Gebrauch von dem ihnen eingeräumten
Versorgungsrechte machen; diese Bedauernswerten gewöhnen sich in der
Regel nur allmählich an das sich ihnen hier bietende Ausmaß höherer
Genüsse, und sie wissen daher anfangs keine Verwendung für den auf sie
einstürmenden Reichtum.«

»Jetzt bitte ich Sie, noch _ein_ Bedenken zu zerstreuen, wie mir
scheint, das wichtigste. -- Was ist's mit Verbrechern, gegen deren
Einwanderung Sie doch auch nicht geschützt sind? Erscheint mir schon
höchst merkwürdig, daß Sie ohne Polizei und Strafeinrichtungen mit den
Millionen Ihrer freiländischen Bevölkerung auskommen, so kann ich
vollends nicht begreifen, wie Sie mit jenen Strolchen und Verbrechern
fertig werden wollen, welche durch die ihnen hier winkende Milde, die
auch den Verbrecher nicht strafen, bloß bessern will, doch angelockt
werden sollten, wie Wespen vom Honig. Nun haben Sie uns allerdings
erzählt, daß die zur Entscheidung der Civilstreitfälle eingesetzten
Friedensrichter auch in Criminalsachen als erste Instanz zu fungieren
haben, und daß von diesen der Appell an höhere Richterkollegien zulässig
sei; Sie fügten jedoch hinzu, daß diese Richter allesamt so gut wie
nichts zu thun haben und nur in höchst seltenen Ausnahmefällen das
hierzulande übliche Besserungsverfahren zu verhängen in die Lage kommen.
Wirken thatsächlich Ihre Institutionen so besänftigend auch auf
verstockte Verbrechergemüter?«

»Allerdings«, antwortete Frau Ney. »Und wenn Sie ruhig erwägen, welches
die eigentliche und letzte Quelle aller Verbrechen ist, so werden Sie
das auch ganz begreiflich finden. Vergessen Sie doch nicht, daß Recht
und Gesetz in der ausbeuterischen Gesellschaft Anforderungen an das
Individuum stellen, die der menschlichen Natur geradezu entgegenlaufen.
Der Hungernde und Frierende soll vorübergehen an fremdem Überflusse,
ohne sich davon anzueignen, wessen er zur Befriedigung seines
unabweislichen Bedürfnisses bedarf, ja ohne Neid und Mißgunst gegen die
Glücklicheren zu empfinden, die reichlich besitzen, was er so grausam
entbehrt! Er soll seinen Nebenmenschen lieben, trotzdem dieser gerade
auf jenem Gebiete, wo Interessenkonflikte am unversöhnlichsten sind,
weil sie die Grundlagen der ganzen Existenz berühren, sein Nebenbuhler,
sein Zwingherr oder sein Sklave, für alle Fälle aber sein Feind ist, aus
dessen Nachteil er Vorteil zieht und aus dessen Vorteil ihm Nachteil
erwächst! Daß all' dies Jahrtausende hindurch unerbittliche
Notwendigkeiten waren, läßt sich freilich nicht leugnen; aber thöricht
wäre es, zu übersehen, daß derselbe grausame Zusammenhang, welcher die
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, also das Unrecht, zur
Voraussetzung des Kulturfortschrittes machte, auch das Verbrechen, d. h.
die Auflehnung des gemarterten Individuums gegen die zum Wohle der
Gesamtheit unerläßliche schreckliche Ordnung, erst ins Leben rief. Die
ausbeuterische Weltordnung verlangt vom Individuum, daß es thue, was ihm
schadet, weil das Wohl der Gesamtheit es so erfordert, und sie verlangt
dies nicht etwa als besonders anerkennenswerte, hervorragende Leistung,
die bloß einzelnen edlen Naturen zugemutet werden dürfe, in denen der
Gemeinsinn jegliche Regung des Egoismus unterdrückt hat, sondern als
etwas bei jedermann stets und überall Selbstverständliches, dessen Übung
nicht Tugend, sondern dessen Unterlassung Verbrechen genannt wird. Auch
der Held, der sein Leben dem Vaterlande, der Menschheit opfert,
unterordnet sein Einzelinteresse dem Wohle einer höheren Gesamtheit, und
niemals wird die Menschheit auf solche Opferthaten verzichten können,
immer wird sie von ihren Edelsten verlangen, daß die Liebe zur Gattung
den Sieg davon trage über die Liebe zum eigenen kleinen Ich, ja es darf
ohne weiteres als logisches Ergebnis fortschreitender Kultur bezeichnet
werden, daß diese Forderung stets gebieterischer im Busen des Menschen
sich geltend machen und dort stets freudigeren Gehorsam finden wird.
Aber der Name dieses Gehorsams ist »Heroismus«, sein Mangel noch kein
Verbrechen; er kann nicht erzwungen werden, sondern ist ein freiwilliger
Liebestribut groß angelegter Naturen. Auf wirtschaftlichem Gebiete aber
wird ähnlicher, ja schwerer zu übender Heldenmut dem Letzten und
Elendesten, ja diesem in erster Reihe zugemutet, muß ihm, so lange
Ausbeutung die Grundlage der Gesellschaft ist, zugemutet werden, und
»Verbrecher« heißen dann alle Jene, die sich minder groß erweisen, als
ein Leonidas, Curtius oder Winkelried auf dem Schlachtfelde, oder als
jene meist ungenannten Heroen der Menschenliebe, die ihr Leben im Kampfe
gegen feindliche Naturmächte zaglos zum Opfer brachten, wenn die heilige
Stimme in ihnen, die Stimme der Nächstenliebe, es forderte.

»Wir in Freiland aber verlangen von niemand zwangsweise solchen
Heldenmut. Auf wirtschaftlichem Gebiete muten wir dem Individuum nichts
zu, was seinem eigenen Interesse widerspricht, es ist daher nur
selbstverständlich, daß es sich niemals gegen unsere Rechtsordnung
empört. Bei uns ist Wahrheit, was unter der Herrschaft der alten Ordnung
bloß selbstgefällige Gedankenlosigkeit behaupten konnte, daß nämlich
wirtschaftliche Moral nichts anderes sei, als vernünftiger Egoismus. Sie
werden es also begreiflich finden, daß _vernünftige_ Menschen unsere
Rechtsordnung nicht verletzen können. Wir haben einige Dutzend
unverbesserlicher Übelthäter im Lande, dieselben sind aber ohne Ausnahme
-- unheilbare Idioten.«

Nachdem auch dieser Punkt erledigt war, erbat sich mein Vater eine
letzte Aufklärung. Er erklärte, nunmehr vollständig zu begreifen, daß
die freiländischen Institutionen, gerade weil sie nichts anderes seien,
als die konsequente Durchführung des Prinzipes der wirtschaftlichen
Gerechtigkeit, durchaus geeignet wären, jeglichem billigen und
vernünftigen Anspruche zu genügen. Nichtsdestoweniger drückte er seine
Verwunderung über die sichtlich herrschende allgemeine und ausnahmslose
Zufriedenheit mit denselben aus. Ob denn _unvernünftige_ Parteiungen
Freiland keinerlei Schwierigkeiten bereiteten? Insbesondere wollte er
wissen, ob Kommunismus und Nihilismus, die in Europa stets drohender ihr
Haupt erheben, hierzulande gar nicht zu schaffen machten. »In den Augen
eines echten Kommunisten«, so rief er, »seid Ihr hier doch nichts
weiter, als arge Aristokraten. Von absoluter Gleichheit keine Spur bei
Euch! Welchen Wert kann Euere vielberühmte Gleich_berechtigung_ in den
Augen von Leuten haben, die von dem Grundsatze ausgehen, daß jeder
Bissen Brot, den einer dem andern gegenüber voraus hat, Diebstahl sei,
und die daher, damit niemand mehr besitze, als der andere, alles
Eigentum aufheben? Und dabei keine Polizei, keine Soldaten, um diese
Tollhäusler im Zaume zu halten! Teilt doch auch uns das Recept mit, nach
welchem sich der nihilistische und kommunistische Fanatismus so
unschädlich machen läßt!«

»Nichts leichter als das« -- antwortete Frau Ney. »Machen Sie, daß
jedermann satt werde, und niemand wird dem anderen die Bissen vorzählen
wollen. Die absolute Gleichheit ist eine Hallucination des
Hungerfiebers, weiter nichts. Die Menschen sind einander _nicht_ gleich,
weder in ihren Fähigkeiten, noch in ihren Bedürfnissen; Ihr Appetit ist
stärker, als der meinige; Sie lieben vielleicht hübsche Kleider -- ich
gebe keinen Heller für dieselben; dafür bin ich vielleicht ein
Leckermaul, während Sie grobe Kost vorziehen, und so fort ohne Ende.
Welcher Menschenverstand soll nun darin liegen, unsere beiderseitigen
Bedürfnisse über denselben Leisten zu schlagen! Ich will gar nicht
untersuchen, ob es möglich ist, ob über den davon unzertrennlichen Zwang
nicht Freiheit und Fortschritt zu Grunde gehen müßten; der Zweck an sich
ist so unsinnig, daß absolut unbegreiflich wäre, wie zurechnungsfähige
Menschen auf derartige Gedanken geraten können, wenn nicht _eines_
dazwischen träte, nämlich, daß der eine von uns weder seinen starken,
noch seinen schwachen Appetit, seine Vorliebe weder für feine noch für
ordinäre Kleidung, weder für leckere noch für gewöhnliche Speisen
befriedigen kann, sondern grimmiges, brutales Elend leidet. Kommt dazu
noch der Irrtum, daß mein Überfluß an Ihren Entbehrungen die Schuld
trägt, so wird es begreiflich, daß Sie und diejenigen, die Mitleid mit
Ihren Leiden haben, nach Teilung, nach vollkommen gleichmäßiger Teilung
rufen. Mit einem Worte, der Kommunismus hat keine andere Quelle, als die
Erkenntnis des grenzenlosen Elends der überwiegenden Mehrzahl aller
Menschen, verknüpft mit der falschen Anschauung, daß es der thatsächlich
vorhandene Reichtum Einzelner sei, aus welchem allein die Linderung
dieses Elends geschöpft werden könne. Diese letztere Meinung ist nun
allerdings eine unbegreifliche Thorheit, denn man braucht nur die Augen
zu öffnen, um zu sehen, welch kümmerlicher Gebrauch von den so reichlich
vorhandenen Fähigkeiten, Reichtümer zu erzeugen, gemacht wird; aber
nicht die Kommunisten sind es, welche diese Thorheit ausheckten; Euere
orthodoxe Ökonomie hat die Lehre in Umlauf gebracht, daß gesteigerte
Ergiebigkeit der Arbeit die vorhandenen Werte nicht zu vermehren
vermöge, sie, nicht der Kommunismus war es, was die Menschheit blind
machte gegen den wahren Zusammenhang der wirtschaftlichen Vorgänge;
Kommunisten sind in Wirklichkeit nichts anderes, als gläubige Anhänger
der sogenannten »Grundwahrheiten« orthodoxer Ökonomie und der einzige
Unterschied zwischen der bei Euch herrschenden Partei und ihnen liegt
lediglich darin, daß sie hungrig sind, während jene satt ist. Mit der
Erkenntnis, daß es nur der vollkommenen Gleich_berechtigung_ bedürfe,
_um Überfluß für alle zu schaffen_, verfliegt der Kommunismus ganz von
selbst wie ein böser, beängstigender Traum. Man kann verlangen -- wenn
auch nicht durchführen -- daß alle Menschen auf gleiche Brotrationen
gesetzt werden, so lange man glaubt, daß der gemeinsame Reichtum, von
dem wir alle zehren müssen, eben nicht weiter als fürs liebe Brot
reiche; denn satt werden wollen wir doch alle. Zu verlangen, daß jedem
die gleiche Sorte und Menge Braten, Backwerk und Konfekt aufgezwungen
werde, nachdem sich herausgestellt hat, daß genug für alle auch von
diesen guten Dingen vorhanden sein könnte, wäre schlechthin läppisch. Es
gibt daher bei uns keine Kommunisten und kann keine geben.

»Aber auch der Nihilismus ist aus dem gleichen Grunde in Freiland
unmöglich, denn auch er ist nichts anderes, als eine durch die
Verzweiflung des Hungers hervorgerufene Hallucination, die nur auf dem
Boden der orthodoxen Weltanschauung gedeihen kann. Ist der Kommunismus
die Nutzanwendung, welche der Hunger aus dem Lehrsatze zieht, daß die
Arbeit der Menschheit nicht ausreiche, um Überfluß für Alle zu erzeugen,
so kann man den Nihilismus als die Schlußfolgerung der Verzweiflung aus
jener anderen Lehre ziehen, daß Kultur und Civilisation unvereinbar
seien mit wirtschaftlicher Gleichberechtigung. Die Orthodoxie ist's,
welche auch dieses Dogma in Umlauf gebracht hat; allerdings hält sie,
als die Wortführerin der Satten, auch hier keine andere Schlußfolgerung
für denkbar, als diejenige, daß die auf ewig enterbten Massen sich im
Interesse der Civilisation resigniert in ihr Schicksal fügen müßten; die
Partei der Hungrigen aber wendet sich in wütendem Grimme gegen diese
Civilisation, von welcher selbst ihre Anhänger behaupten, daß sie der
ungeheuern Mehrzahl der Menschen niemals helfen könne und die deshalb
für diese keinen anderen Effekt hat, als den einer Steigerung der
_Empfindung_ des Elends. _Wir_ haben den Beweis erbracht, daß
Civilisation nicht bloß vereinbar, sondern geradezu die Voraussetzung
der wirtschaftlichen Gleichberechtigung ist -- auch der Nihilismus muß
also hierzulande unbekannt sein.«

»Sie glauben also«, nahm ich das Wort, »daß die Gleichheit des
thatsächlichen Einkommens mit der Gleich_berechtigung_ nichts zu thun
habe? Ich meinerseits muß gestehen, daß mir jene nutzlose Anhäufung
überflüssiger Reichtümer, die wir in unserer abendländischen
Gesellschaft zu beobachten Gelegenheit haben, an und für sich
widerwärtig geworden ist, auch wenn ich mich überzeugt habe, daß das
Elend der Massen weder in diesem Überflusse einer kleinen Minderzahl
seinen letzten Grund habe, noch sich durch Verteilung dieses Überflusses
wesentlich lindern ließe. Eine gesellschaftliche Ordnung, welche diese
geilen Überschüsse nicht beseitigt, wird in meinen Augen immer
unvollkommen bleiben, mag sie im übrigen noch so ausreichend für den
Wohlstand Aller Sorge tragen.«

»Auch ich kann dieses Gefühles nicht ganz Herr werden«, meinte mein
Vater. »Aber ich bin der Ansicht, daß in dieser Auflehnung gegen die
Ungleichheit an sich, denn doch nichts anderes zu suchen sein dürfte,
als die sittliche Empörung, welche in jedem unbefangen denkenden
Menschen gegen die bisherigen _Ursachen_ der Ungleichheit Wurzel
geschlagen hat. Wir sehen bei uns zu Hause, daß große Vermögen fast
niemals in hervorragenden individuellen Anlagen, sondern regelmäßig bloß
in der Ausbeutung der Nebenmenschen ihren Entstehungsgrund haben, und
daß sie ebenso regelmäßig zu neuer Ausbeutung benutzt werden. Das ist's,
was uns dagegen einnimmt. Könnten noch so große Vermögen bloß durch
hervorragende persönliche Fähigkeiten entstehen und vermöchte man sie zu
nichts anderem zu gebrauchen, als zur Steigerung der individuellen
Genüsse, wie dies in Freiland alles zutrifft, so würde auch die nicht
hinwegzuleugnende Abneigung gegen dieselben rasch aufhören. Was ist
übrigens die Meinung unserer liebenswürdigen Wirtin über diesen Punkt?«

»Der Widerwille gegen übergroße Vermögen« -- erklärte diese -- »ist
meines Erachtens nicht bloß in der ungerechten Quelle und Verwendung
derselben zu suchen, sondern liegt tiefer, in der Erkenntnis nämlich,
daß von sehr vereinzelten Ausnahmen abgesehen, die Verschiedenheiten in
den Fähigkeiten der Menschen nicht so einschneidend sind, um so
gewaltige Differenzen des Reichtums genügend zu rechtfertigen. Der
Reichtum einer hochkultivierten Gesellschaft besteht zu derart
überwiegendem Teile aus den Hinterlassenschaften der Vergangenheit und
zu verhältnismäßig so geringem Teile aus den ureigenen Leistungen der
einzelnen Individuen, daß ein gewisser Grad der Gleichheit -- nicht bloß
der Rechte, sondern auch der thatsächlichen Genüsse -- allerdings im
Wesen der Sache begründet und ein Gebot der Gerechtigkeit ist. Jeder
Fortschritt der Kultur ist gleichbedeutend mit fortschreitender
Ausgleichung der Differenzen der Leistungsfähigkeit. Denken Sie sich
zurück in den Urzustand, wo das Individuum den Kampf ums Dasein der
Hauptsache nach mit den ihm angeborenen Hilfsmitteln zu Ende führen
mußte, so werden Sie finden, daß die Unterschiede sehr groß waren: bloß
der Kräftige, Gewandte, Schlaue vermochte sich zu erhalten; der minder
Begabte mußte untergehen. Als dann späterhin wachsende Kultur die
Hilfsmittel der Menschen vermehrte, dermaßen, daß auch dem minder
Fähigen möglich wurde, das zur Lebensfristung erforderliche zu erzeugen,
blieb doch der Unterschied der individuellen Leistungen anfangs sehr
groß. Der geschickte Jäger wird um ein Vielfaches reichlichere Beute
haben, als der minder geschickte; der kräftige, gewandte Ackerbauer wird
mit dem Spaten vielfach mehr richten, als der schwächliche,
schwerfällige. Schon mit Erfindung des Pfluges verringert sich diese
Verschiedenheit der Leistungen sehr wesentlich, und sie wird -- was
körperliche Fähigkeiten anlangt -- mit der Erfindung der Kraftmaschinen
beinahe auf Null reduciert. Mehr und mehr ersetzt die Maschine die
Energie der menschlichen Muskeln, mehr und mehr aber gleichzeitig auch
Witz und Erfahrung der Vorfahren die individuelle Findigkeit. Zwar so
vollständig wie auf körperlichem Gebiete treten auf geistigem die
individuellen Unterschiede nicht in den Hintergrund, aber auch sie
rechtfertigen mit nichten jene kolossalen Differenzen des Reichtums, an
welche man zu denken pflegt, wenn von »großen Vermögen« die Rede ist.
Der Arbeiter am Dampfpfluge leistet -- er mag ein Riese oder ein
Schwächling sein -- so ziemlich das nämliche; Klugheit und Umsicht der
Leitung des Produktionsprozesses kann den Ertrag noch immer
vervielfachen; eine Leistung aber, die hundertfach und tausendfach den
Wert gewöhnlicher Durchschnittsleistung überträfe, ist heutzutage nur
mehr -- dem Genie möglich, und diesem allein würde sie dem entsprechend
auch unser Billigkeitsgefühl zuerkennen.«

Damit schloß dieses Gespräch, welches mir aus dem Grunde ewig denkwürdig
bleiben wird, weil es meinen Entschluß, Freiländer zu werden, zur Reife
gebracht hat.



                              21. Kapitel.


                                             Edenthal, den 20. August.

Du schreibst in Deinem Letzten, es komme Dir nicht ganz geheuer vor, daß
in meinen Briefen so gar keine Rede mehr von den jungen Damen sei, mit
denen ich seit nunmehr sechs Wochen unter einem Dache weile. Wenn ein
junger Italiener -- so argumentiert Deine unerbittliche Logik -- von
schönen Mädchen, mit denen er verkehrt, darunter eines, dessen erster
Anblick ihn -- eigenem Geständnis zufolge -- »geradezu verwirrt« habe,
nichts zu erzählen wisse, so habe er sich entweder einen Korb von der
bewußten Einen geholt oder sei doch im Begriffe, es darauf ankommen zu
lassen. Die Logik hat Recht, Luigi; ich bin verliebt, d. h. ich war es
vom ersten Blicke an, und zwar in Bertha, meines David herrliches
Schwesterlein, und auch mit dem Korbe hätte es um ein Kleines seine
Richtigkeit gehabt. Nicht, daß die Geliebte meine Gefühle unerwidert
gelassen hätte; Bertha gestand mir mit jener unbefangenen Offenheit, die
ihr -- richtiger, die allen Freiländerinnen -- so entzückend steht, beim
ersten Anlasse, wo ich mir zu einem Geständnisse den Mut faßte, daß auch
sie mich sofort in ihr Herz geschlossen, daß sie noch am ersten Abend
unseres Beisammenseins gewußt, mir oder niemand werde sie als Gattin
angehören -- und trotzdem bekam ich auf meine Werbung zunächst ein
»Nein« zu hören, das an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig ließ.
Bertha vermochte sich nämlich nicht zu entschließen, italienische
Herzogin zu werden, und mein Vater, der -- höre und staune --
den Brautwerber für mich machte, hatte von ihr als etwas
selbstverständliches gefordert, sie solle mir nach Italien auf unsere
dortigen fürstlichen Besitzungen folgen, das Herzogsdiadem in ihre
Locken -- sie sind von einem entzückenden Blond -- flechten und im
Vereine mit mir die Fortpflanzung des erlauchten Geschlechts der Falieri
zu ihrer Lebensaufgabe zu machen. Meinen Wunsch, mich als Freiländer in
Freiland anzusiedeln, betrachtete mein Vater als überspannte Narrheit.
Du kennst seine Anschauungen, die ein seltsames Gemengsel von
aufrichtigem Freisinn und aristokratischem Stolze sind, richtiger waren;
hier in Freiland hatte die demokratische Seite seiner Anschauungen sich
allgemach gewaltig ins Breite und Tiefe entwickelt; er begann sogar aufs
feurigste für die freiländischen Institutionen zu schwärmen; wenn es
einen anderen Zweig der Falieri gäbe, dem man die Erhaltung der
fürstlichen Familientraditionen hätte anvertrauen können -- _per baccho_
-- mein Vater hätte mich sofort gewähren lassen. Aber um einer -- und
sei es auch noch so edlen -- Schwärmerei willen, die Axt an den
Stammbaum eines Hauses zu legen, dessen Ahnen unter den ersten
Kreuzfahrern gekämpft und späterhin als italienische Duodez-Fürsten die
Welt mit ihren (Schand-) Thaten erfüllt -- das war mehr, als er mir zu
gewähren vermochte. Gegen die Liebe zu Bertha aber hatte er nichts
einzuwenden; wirklich und wahrhaftig, lieber Freund, nicht das
geringste. Im Gegenteil, er war ordentlich stolz auf mich, als ich ihm
die Frage, ob ich denn der Gegenliebe des Mädchens sicher sei, mit einem
zuversichtlichen »Ja« beantworten konnte. »Blitzjunge« rief er, »dieses
Prachtgeschöpf so im Handumdrehen erobern! Das soll uns Falieris jemand
nachmachen!« Bertha hatte es meinem Vater geradeso angethan, wie mir,
und da dieser ganz im allgemeinen vor den freiländischen Frauen den
größten Respekt empfindet, so war ihm die »bürgerliche« Schwiegertochter
ganz recht. Aber nur unter der Bedingung, daß ich den »tollen« Gedanken
des Hierbleibens aufgebe. »Das Mädchen ist im kleinen Finger klüger als
Du«, rief er; »sie würde sich schön bedanken, wenn ihr der Bräutigam die
Herzogskrone zerbrochen vor die Füße würfe. Freiländerin sein ist recht
schön -- aber, glaube mir, Fürstin zu sein, ist noch schöner. Zudem kann
man ja diese beiden Vorteile recht wohl vereinigen. Den Winter und
Frühling verbringt Ihr in unseren Palästen in Rom und Venedig; Sommer
und Herbst hindurch könnt Ihr dann -- wenn es Euch recht ist, in meiner
Begleitung -- hier an Euren Seen und in Euren Bergen die Freiheit
genießen. Also es bleibt dabei; ich werbe für Dich um Bertha -- aber von
dauernder Ansiedelung hier kein Wort weiter!«

Mir gefiel die Sache nicht; den Vorsatz, Freiländer zu werden, hatte ich
-- Du darfst es mir glauben -- nicht der Geliebten halber gefaßt, aber
deren Lichtgestalt vermochte ich mir nun einmal weder mit dem
Fürstendiadem, noch in den Prunkgemächern unserer Schlösser zu denken.
Indessen mußte ich mich dem Willen des Vaters einstweilen fügen und so
brachte nun dieser seine Werbung an den Mann, indem er in meinem und
Berthas Beisein deren Eltern um die Hand ihrer Tochter für seinen Sohn,
den Prinzen Carlo Falieri bat, hinzufügend, daß er sofort nach
vollzogener Heirat die Güter in der Romagna, im Toskanischen und
Venetianischen, sowie die Paläste in Rom, Florenz, Mailand, Verona und
Venedig an mich übergeben und sich bloß unsere sicilianischen
Besitzungen -- als »Altenteil«, wie er scherzend meinte -- vorbehalten
werde. Die alten Neys nahmen diese grandiosen Zusagen mit einer nichts
Gutes verkündenden eisigen Zurückhaltung entgegen; nach minutenlangem
Schweigen und nachdem er auf Gattin und Tochter einen langen, prüfenden,
auf mich aber einen vorwurfsvollen Blick geworfen, erklärte Herr Ney:
»Wir Freiländer sind nicht die Tyrannen, bloß die Berater unserer
Töchter; in _diesem_ Falle aber bedarf unser Kind des Rates nicht; wenn
Bertha Ihnen als Fürstin Falieri nach Italien folgen will, wir werden es
ihr nicht verwehren.«

Hochaufgerichtet, einem erzürnten Cherub vergleichbar, wandte sich nun
Bertha an meinen Vater: »Niemals! Niemals!« rief sie mit zuckenden
Lippen. »Mehr als mein Leben liebe ich Ihren Sohn; ich werde sterben,
wenn er, um Ihnen zu gehorchen, mir entsagt; aber Freiland verlassen,
als _Fürstin_ verlassen? Niemals! Niemals! Lieber tausendmal den Tod!«

»Aber unseliges Kind,« entgegnete ganz entsetzt über diesen unerwarteten
Effekt seines Antrages mein Vater, »Sie sprechen ja das Wort >Fürstin<
aus, als wäre es für Sie der Inbegriff des Schrecklichen. Jawohl,
Fürstin sollen Sie werden, eine der reichsten, stolzesten Fürstinnen
Europas, d. h. Sie sollen fürderhin keinen Wunsch haben, den zu erfüllen
nicht Tausende wetteifern würden; Sie sollen Gelegenheit und Macht
erlangen, Tausende zu beglücken; Millionen werden Sie beneiden«

»und verfluchen und hassen« -- unterbrach ihn mit bebenden Lippen
Bertha. »Wie, sechs Wochen leben Sie unter uns und begreifen nicht, was
eine freie Tochter Freilands empfinden muß bei dem Ansinnen, diese
glücklichen Gefilde, die Heimstätte der Gerechtigkeit und der
Menschenliebe zu verlassen, um fern in Ihrem traurigen Vaterlande --
nicht etwa die Thränen Unterdrückter zu stillen, sondern zu erpressen,
nicht etwa die Scheußlichkeiten Ihrer Sklaverei zu bekämpfen, sondern
sie selber zu üben? Ich liebe Carlo so über alle Maßen, daß ich bereit
wäre, an seiner Seite dies Land des Glückes mit dem des Elends zu
vertauschen, wenn irgend eine unlösliche Pflicht ihn dahin riefe; aber
nur unter der Bedingung, daß seine und meine Hand frei bliebe von
fremdem Gute, daß wir in ehrlicher Arbeit selber verdienten, was wir zum
Leben brauchen; aber _Fürstin_ soll ich werden, _Fürstin_! Tausende von
Knechten sollen das Mark ihrer Knochen hergeben, damit ich im Überfluß
schwelge, tausende von Flüchen zu Tode gequälter Menschen sollen haften
an der Speise, die ich genieße, an der Kleidung, die meine Glieder
umhüllt! (Bei diesen Worten verbarg sie ihr Antlitz schaudernd in den
Händen; dann aber, sich gewaltsam aufraffend, fuhr sie fort): Bedenken
Sie doch, wenn Sie eine Tochter hätten und man würde von ihr verlangen,
unter die menschenfressenden Njam-Njam zu gehen, um dort Königin zu
werden, und der Vater des Bräutigams würde ihr versprechen, es sollten
ihr recht zahlreiche und fette Sklaven geschlachtet werden -- was würde
das arme Kind, das unüberwindliches Grauen vor Menschenfleisch mit der
Muttermilch eingesogen hat, dazu sagen? Nun, sehen Sie, wir in Freiland
empfinden Grauen vor Menschenfleisch, auch wenn das Schlachtopfer ohne
Blutvergießen, Zoll um Zoll und Glied um Glied langsam getötet wird, uns
flößt das allmähliche Aussaugen und Verzehren eines Nebenmenschen nicht
minderes Entsetzen ein, als Ihnen das buchstäbliche Auffressen
desselben, und so wenig Sie an den Mahlzeiten der Kannibalen Teil zu
nehmen im Stande sind, so unmöglich ist es uns, von der Ausbeutung
geknechteter Mitmenschen zu leben. Ich _kann_ nicht Fürstin werden, ich
kann nicht! O, trennen Sie mich nicht von Carlo, denn wir werden beide
darüber zu Grunde gehen, und -- das weiß ich nicht erst seit heute --
Sie lieben nicht nur ihn, sondern auch mich.«

Dieser Appell, verbunden mit den rührendsten Blicken und einem sanften
Erfassen seiner Hände, war mehr, als mein Vater -- aus solchem Munde --
ungerührt zu ertragen vermochte. »Mädchen, Du hast mir ja ordentlich
Entsetzen vor mir selber eingejagt! Also Menschenfresser sind wir, mit
dem Unterschiede bloß von Euern liebenswürdigen Njam-Njam, daß wir
unsere Schlachtopfer nicht mit _einem_ herzhaften Keulenschlage erlegen
und dann sofort verschlingen, sondern stückweise, Zoll um Zoll uns zu
Gemüte führen! Nun, Du magst so Unrecht nicht haben und keineswegs will
ich Dich zu den Freuden einer Fürstlichkeit zwingen, bezüglich deren Du
solche Anschauungen hegst. Auch mein entarteter Sohn scheint in diesem
Punkte mehr Deiner als meiner -- bisherigen Geschmacksrichtung zu
huldigen. Nehmt einander also und werdet glücklich nach Eurer Façon. Was
mich anlangt, so werde ich über Mittel und Wege nachsinnen, um mich in
den Augen meines neuen Töchterchens einigermaßen vom Geruche des
Kannibalismus zu befreien.«

Meine Bertha flog jetzt zuerst mir, dann meinem Vater, dann der Reihe
nach ihren Eltern und Geschwistern, dann aber wieder meinem Vater an den
Hals. Das Küssen und Umarmen des Schwiegerpapas geriet so begeistert und
stürmisch, daß ich um ein Haar eifersüchtig geworden wäre. Mein Vater
aber war nun derart Feuer und Flamme für unsere bevorstehende
Verbindung, daß er Neys aufforderte, sofort alle erforderlichen
Formalitäten dieses erfreulichen Aktes einzuleiten. Binnen Monatsfrist
ungefähr glaube er -- vorübergehend -- nach Europa zurückkehren zu
müssen, und es wäre ihm eine große Freude, uns bis dahin schon vereint
zu wissen. So wurde nun festgestellt, daß unsere Vermählung nach Ablauf
von 14 Tagen, d. i. am 3. September stattfinden solle.

                                               Ungama, den 24. August.

               »Zwischen Lipp' und Bechers Rand ........«

Als ich vor vier Tagen meinen Brief geschlossen hatte und zum Zwecke
eines Nachtrags, den Bertha hinzufügen wollte (sie erklärte sich
verpflichtet, »meinem besten Freunde« einige Worte der Entschuldigung ob
des Raubes zu sagen, den sie an ihm begangen), einstweilen noch
zurückbehielt -- da ahnte ich nicht, daß gewaltige Ereignisse sich
zwischen mich und die sofortige Erfüllung meiner glühenden Wünsche
drängen könnten. Der Krieg, dem wir entgegengehen, läßt zwar mein neues
Vaterland merkwürdig ruhig, und befände ich mich nicht in Ungama, so
würde nichts verraten, daß es den Kampf mit einem Gegner gilt, der
mehreren der mächtigsten kriegsgeübten Staaten Europas wiederholt schon
schwere Sorge bereitet; aber ich bin noch nicht lange genug Freiländer,
um die bittere Schmach und das schwere Unglück, von welchen mein
Geburtsland neuerlich betroffen wurde, nicht schmerzlich zu empfinden,
und für alle Fälle -- in meiner Eigenschaft sowohl als ehemaliger
Italiener, wie als gegenwärtiger Freiländer -- halte ich es für meine
Pflicht, den Kampf persönlich mitzumachen; bis dieser beendet ist, kann
ich an Hochzeit und Ehe natürlich nicht denken. Einstweilen hat mich das
Würfelspiel des Krieges von Edenthal weg, hierher, an die Küste des
indischen Oceans verschlagen. Doch laß mich ordnungsgemäß der Reihe nach
berichten.

Zunächst also wisse, daß -- es ist dies ja jetzt kein »diplomatisches
Geheimnis« mehr -- meines Vaters und seiner englischen wie französischen
Kollegen Bemühungen, für 300000 bis 350000 Mann anglo-franco-italischer
Truppen Durchzug durch Freiland zu erlangen, von vollständigstem
Mißerfolge begleitet waren. Freiland lebe mit Abyssinien in Frieden, so
erklärten die Edenthaler Regenten und habe vorerst kein Recht, sich in
dessen Händel mit den Westmächten zu mischen. Anders stünden allerdings
die Sachen, wenn letztere sich entschließen wollten, auf ihren
afrikanischen Territorien freiländisches Recht einzuführen, in welchem
Falle diese als freiländisches Gebiet angesehen und als solches dann
selbstverständlich von Freiland geschützt werden müßten. Aber dann wäre
die geforderte Militärkonvention erst recht überflüssig, denn in diesem
Falle würde Freiland jeden Angriff auf seine Verbündeten als _casus
belli_ für sich selber auffassen und Abyssinien aus eigenen Kräften zur
Ruhe bringen. Darüber nun flossen die Verhandlungen seit Wochen
resultatlos hin und wider. Sichtlich nahmen die Kabinette von London,
Paris und Rom letztere Zusage Freilands nicht recht ernst, trotzdem ihre
Gesandten, insbesondere mein Vater, redlich das ihre thaten, ihnen mehr
Vertrauen in die kriegerische Kraft Freilands einzuflößen; die
europäischen Mächte waren nicht abgeneigt, die von Freiland als
Bedingung eines Bündnisses geforderte Anerkennung des freiländischen
Rechts für die Kolonien am roten und indischen Meere zuzugestehen,
beharrten aber trotzdem auf der Forderung nach Abschluß einer
Militärkonvention, worauf jedoch Freiland nicht eingehen wollte. So
standen die Sachen bis in die letzten Tage.

Am Morgen nach meiner Verlobung saßen wir eben beim Frühstück, als für
meinen Vater eine chiffrierte Depesche aus Ungama -- dem großen
Hafenplatze Freilands am indischen Ocean -- eintraf, nach deren
Entzifferung derselbe, von seiner gewohnten diplomatischen Ruhe gänzlich
im Stiche gelassen, totenbleich aufsprang und Papa Ney bat, sofort eine
Sitzung der sämtlichen Regenten der freiländischen Centralverwaltung
einzuberufen, er habe eine Mitteilung von entscheidender Bedeutung zu
machen. Den teilnahmsvollen Schrecken unserer Freunde bemerkend,
erklärte mein Vater: »Geheimnis kann die Sache ohnehin nicht bleiben, so
erfahret denn aus meinem Munde die Unglücksbotschaft. Die mir von
Commodore Cialdini, dem Kapitän eines unserer in Massaua stationiert
gewesenen Panzerschiffe zugekommene Depesche lautet: »Ungama, den 21.
August 8 Uhr Morgens. Bin soeben mit Panzerfregatte Erebus und zwei
Avisodampfern -- einem eigenen und einem französischen --
schwerbeschädigt und flüchtig aus Massaua hier eingetroffen. Johannes
von Abyssinien hat vorgestern Nachts unter Bruch des bestehenden
Friedens Massaua verräterisch überfallen und fast ohne Schwertstreich
eingenommen. Unsere im Hafen liegenden und ebenso die englischen und
französischen Schiffe, 17 an der Zahl, wurden gleichfalls überrumpelt
und genommen, nur mir und den zwei Avisos gelang es zu entkommen. Die
kleineren Küstenfestungen, an denen wir vorbeikamen, sind auch sämtlich
in den Händen der Abyssinier. Da uns der Cours nach Aden durch mehrere
uns verfolgende feindliche Dampfer abgeschnitten wurde und der Erebus
kampfunfähig ist, suchten wir Zuflucht in Ungama, um unsere Havarien
auszubessern. Finden uns hier die Abyssinier, so sprenge ich unsere
Schiffe in die Luft.«

Das war in der That eine üble Botschaft, nicht bloß für die Verbündeten,
sondern auch für Freiland, denn sie bedeutete Krieg mit Abyssinien, den
man hier zu vermeiden gehofft hatte. Zwar war man -- wie gesagt -- von
Anbeginn gefaßt darauf gewesen, den europäischen Mächten als präsumtiven
Bundesbrüdern, Ruhe vor Abyssinien zu verschaffen, aber man hatte sich
-- im Vertrauen auf die hohe Achtung, welche Freiland bei allen
Nachbarvölkern genoß -- mit der Erwartung geschmeichelt, dem trotzigen
Halbbarbaren durch festes Auftreten imponieren und ihn in friedlichem
Wege zur Ruhe verhalten zu können. Der verräterische Überfall gerade zu
einer Zeit, wo die Unterhändler der Angegriffenen eben in Edenthal
weilten, zerstörte jedoch diese Hoffnung.

Im Volkspalaste fanden wir die freiländischen Verwaltungschefs schon
vollzählig versammelt, und bald nach uns trafen auch die englischen und
französischen Bevollmächtigten ein. Den Franzosen sahen wir es sofort an
den verstörten Mienen an, daß ihnen die Unglücksbotschaft schon
zugekommen war; die Engländer erhielten erst einige Stunden später
direkte Nachricht, als ihre Panzerkorvette »Nelson«, die unterwegs mit
zweien der in abyssinische Hände gefallenen Schiffe ein mörderisches
Gefecht bestanden und eines derselben in den Grund gebohrt hatte, als
halbes Wrack ebenfalls in Ungama anlangte. Inzwischen waren aber auch an
das freiländische auswärtige Amt aus verschiedenen Küstenorten nähere
und ausführliche Nachrichten eingetroffen, die das Unglück seinem ganzen
Umfange nach bestätigten. Der mit sehr überlegener Macht unternommene
und offenbar von Verrat begünstigte Überfall war den Abyssiniern
vollständig gelungen. Da der Frieden mit Abyssinien noch mehrere Wochen
zu gelten hatte, so waren die Garnisonen der meist ungesunden Küstenorte
weder sehr zahlreich, noch sonderlich wachsam gewesen; die Abyssinier
hatten zur nämlichen Stunde -- gegen 2 Uhr nach Mitternacht -- Massaua,
Arkiko und Obok, die Hauptfestungen der Italiener, Engländer und
Franzosen, und sämtliche acht Küstenforts derselben erstiegen, die im
Schlafe überraschten Garnisonen teils niedergemetzelt, teils gefangen
genommen und sich gleichzeitig auch der in den Häfen liegenden Schiffe
bis auf die schon erwähnten vier bemächtigt. Daß sie einige derselben
schon am nächsten Morgen segelfertig machen und mit ihnen in See stechen
konnten, erklärt sich aus den früher schon erwähnten Matrosenwerbungen
des Negus, welch letztere aber auch ein bezeichnendes Licht darauf
werfen, wie lange geplant und wohlvorbereitet der Überfall gewesen. So
vortrefflich funktionierte das Getriebe des Verrats, daß die vier
geretteten Schiffe wenige Minuten nachdem der Überfall auf die anderen
gelungen war, aus Schiffsgeschützen sehr wirksam und heftig beschossen
werden konnten. Die den Abyssiniern in den sämtlichen drei Häfen in die
Hände gefallenen Fahrzeuge waren 7 englische, 5 französische und 4
italienische Panzerschiffe, darunter mehrere erster Größe, und 11
englische, 8 französische und 4 italienische Kanonenbote und Avisos; die
in den Festungen und Schiffen gefangenen oder gefallenen Truppen
betrugen in runder Zahl 24000 Mann.

Die Bevollmächtigten aller drei Mächte hatten sofort, nachdem sie die
Hiobsbotschaften empfangen, an ihre Regierungen telegraphiert und um
Verhaltungsmaßregeln gebeten. Der freiländischen Verwaltung gegenüber
erklärten sie, daß nunmehr aller Wahrscheinlichkeit nach mit größter
Energie auf dem Abschluß der Militärkonvention bestanden werden dürfte.
Jetzt, da die Festungen gefallen, wäre es vollends unmöglich, an den
unwirtlichen Küsten des roten Meeres ein so großes Heer zu sammeln, wie
es gegen den Negus nun erst recht notwendig sei. In der That war das
auch die ziemlich kategorisch lautende, noch im Laufe des nämlichen
Tages einlangende Kollektivforderung der drei Mächte. Ebenso kategorisch
aber war die Ablehnung, begleitet von der Erklärung, daß man den, aller
Voraussicht nach für Freiland allerdings unvermeidlichen Krieg mit
Abyssinien allein auszufechten gedenke. Im übrigen, so gab man den
Alliierten zu bedenken, kämen doch ihre Armeen ohnehin viel zu spät.
Wäre der Suezkanal für ihre Truppensendungen auch praktikabel, so
könnten ihre 350000 Mann -- für so viel lautete die nun geforderte
Durchzugsbewilligung -- frühestens binnen 2 Monaten bei uns konzentriert
sein, und es hieße fürwahr dem Negus Johannes sehr wenig zutrauen,
wollte man sich darauf verlassen, daß er bis dahin nicht längst schon
versucht haben sollte, sich in den Besitz aller strategischen Positionen
Freilands zu setzen. Nunmehr vollends, wo die den Abyssiniern in die
Hände gefallenen Schiffe von diesen in erster Linie dazu benutzt werden
dürften, den Suezkanal zu sperren, kämen die Alliierten, selbst wenn man
sie rufen wollte, jedenfalls zu spät. Denn auch der Landweg über Ägypten
könne von den Abyssiniern so leicht verlegt werden, daß der zur
Operationsbasis zu wählen schlechthin unsinnig wäre. Bliebe also nur der
Weg ums Kap der guten Hoffnung, und wie lange es brauchen würde, bis von
dorther 350000 Mann Hülfstruppen bei uns einträfen, das möge man sich in
Paris, Rom und London doch selber beantworten. Unsere Freunde möchten im
übrigen vollkommen beruhigt sein; rascher als sie zu glauben schienen
und vollständiger sollte ihnen Genugthuung werden. Ehe man in England,
Frankreich und Italien auch nur mit der Ausrüstung eines so großen
Expeditionsheeres fertig sein könnte, würden wir mit dem Negus
abgerechnet haben. Inzwischen möchten die Alliierten ihre neuen, nach
den Küstenorten des roten und indischen Meeres bestimmten Garnisonen
segelfertig machen; sie könnten für dieselben ohne weiteres den
gewohnten Weg über den Suezkanal in Aussicht nehmen, denn bis ihre
Transportschiffe vor demselben angelangt sein dürften -- woran vor Ende
des nächsten Monats kaum zu denken sei -- würde Freiland den Abyssiniern
ihre gestohlene Flotte genommen oder vernichtet haben.

Insbesondere die letztere Zusage erregte in hohem Grade das Befremden
der verbündeten Regierungen und ihrer Gesandten, und ich muß gestehen,
daß auch ich nicht recht abzusehen vermochte, wie wir es, ohne auch nur
ein Kriegsfahrzeug zu besitzen, anstellen wollten, eine aus 16 der
besten Schlachtschiffe und 23 kleineren Fahrzeugen bestehende Flotte vom
Meere wegzublasen. Nicht ohne Bitterkeit meinten die Gesandten, statt so
großartige Pläne zu verfolgen, wäre es vielleicht praktischer, ihren im
Hafen von Ungama liegenden jämmerlich zugerichteten vier Schiffen dazu
zu verhelfen, daß sie ihre Schäden möglichst rasch ausbessern und dann
mit thunlichster Schnelligkeit das Weite suchen könnten. Beruhe doch die
Möglichkeit, sie vor der so unendlich überlegenen feindlichen Flotte zu
retten, angesichts der vollständigen Wehrlosigkeit Ungamas lediglich auf
der höchst unsicheren Hoffnung, daß der Feind nicht sofort auf den
Gedanken geraten werde, sie dort zu suchen.

»Für den Moment« -- so tröstete einer der Verwaltungschefs die
geängstigten Diplomaten -- »d. h. für wenige Stunden noch haben Sie
allerdings Recht. Wenn heute vor einbrechender Dunkelheit eine
abyssinische Übermacht vor Ungama erscheint und den Kampf mit Ihren
Schiffen sofort aufnimmt, sind diese allerdings menschlicher Voraussicht
nach verloren. Allein das gilt eben nur für heute. Zeigt sich morgen die
abyssinische Flotte, so haben wir einen Empfang vorbereitet, der sie
sicherlich nicht zur Wiederkehr einladen wird.«

»Wie das?« fragten jene wie aus einem Munde. »Was thaten Sie, was
konnten Sie thun zum Schutze der traurigen Überreste unserer kürzlich
noch so stolzen verbündeten Flotte?« Dabei hingen die Blicke dieser in
ihrem Patriotismus so tief verwundeten Männer mit ängstlicher Spannung
an den Zügen ihrer Gastfreunde, und trotz meiner jungen Zugehörigkeit
nach Freiland teilte ich nur zu sehr ihre Empfindungen. Du wirst
begreifen, daß es uns nicht um die paar Schiffe allein zu thun war; aber
endlich einen Punkt des Widerstandes gegen den frechen Barbaren gefunden
zu haben, die Unseren der fernern Notwendigkeit beschämender Flucht
enthoben zu wissen, das war es, was uns als süße Verheißung in den Ohren
klang. Man beeilte sich uns vollständige Aufklärung zu geben.

Wie ich Dir bereits erzählte, besitzt die freiländische
Unterrichtsverwaltung zum Gebrauche der Jugend eine stattliche Anzahl
von Geschützen verschiedensten Kalibers in allen Teilen des Landes. Die
größten derselben durchschlagen den stärksten der derzeit in Gebrauch
befindlichen Schiffspanzer wie ein Kartenblatt; 84 dieser
Riesengeschütze aus den zunächst der Seeküste gelegenen Distrikten hatte
man nun, sofort nachdem die ersten Nachrichten eingelaufen, nach Ungama
in Bewegung gesetzt. Da alle diese Ungetüme ohnehin auf Schienen laufen,
die mit dem freiländischen Eisenbahnnetze in Verbindung gesetzt sind, so
waren sie allesamt noch am gleichen Vormittage in Begleitung der mit
ihrer Behandlung vertrauten Jünglinge unterwegs nach ihrem
Bestimmungsorte und mußten dort successive am Abend und im Laufe der
Nacht eintreffen. Da ebenso in Ungama zu Zwecken des gewöhnlichen
Hafendienstes mehrere mit dem Eisenbahnnetze in Verbindung stehende
Schienenstränge längs der Seeküste hinlaufen, so können die anlangenden
Geschütze ohne weiteres sofort in die für sie bestimmten Stellungen
einfahren, die inzwischen -- gleichfalls noch im Laufe des nämlichen
Tages -- mit provisorischen Erdwerken versehen werden. Späterhin sollen
diese Werke auch Panzerdeckung erhalten; fürs erste aber, so rechnete
die Centralverwaltung, mußten 84 Geschütze erster Größe, denen die auf
ihnen eingeschossenen besten Kanoniere mitgegeben waren, auch ohne
sonderliche Deckung genügen, um von zusammengelaufenen Abenteurern
bemannte Panzerschiffe in respektvoller Entfernung zu halten.

Mich litt es nun nicht länger in Edenthal; nach kurzem Abschiede von
meinem Vater, nach etwas längerem von meiner Bertha, eilte ich nach
Ungama, und schon der zweitnächste Tag zeigte, daß die getroffenen
Schutzmaßregeln weder überflüssig noch ungenügend gewesen waren. Am 23.
August erschienen 5 abyssinische Panzerfregatten und 4 Kanonenboote vor
Ungama und versuchten, da sie den Ort für wehrlos hielten, ohne weiteres
in den Hafen einzulaufen, um die dort liegenden Wracks der Verbündeten
vollends zu zerstören. Ein auf sie aus 10000 Meter Entfernung
abgegebener scharfer Schuß des größten unserer Panzerbrecher, der einen
der Schornsteine der vordersten Panzerfregatte wegnahm, veranlaßte sie
zwar zu etwas größerer Vorsicht, hielt sie jedoch in ihrem Laufe nicht
auf. Jetzt ließen unsere jungen Kanoniere den einmal gewarnten Gegner
bis auf 7 Kilometer Distanz herandampfen, ohne ein Lebenszeichen von
sich zu geben; dann eröffneten sie aus 37 Geschützen zugleich das Feuer,
welches jedoch nur kurze Zeit währte. Schon die erste Salve brachte ein
Kanonenboot zum sofortigen Sinken und beschädigte die sämtlichen Schiffe
so stark, daß die ganze feindliche Schlachtlinie in sichtliche Unordnung
geriet. Einige Schiffe machten Miene, das Feuer der Unseren zu erwidern,
andere legten sofort eine sichtliche Neigung zum Stoppen und
Rückwärtsdampfen an den Tag. Zwei Minuten später fegte unsere zweite
Salve über die Wogen; deutlich konnte man verfolgen, daß diesmal keiner
der 37 Schüsse fehlgegangen war; alle feindlichen Schiffe zeigten
schwere Havarien und insgesamt hatten sie die Lust verloren, den
ungleichen Kampf weiterzuspinnen. Sie gaben Kontredampf und suchten mit
möglichster Beschleunigung das Weite. Eine dritte und vierte Salve wurde
ihnen nachgesandt, worauf ein zweites Kanonenboot und die größte der
Panzerfregatten sank; noch drei weitere Salven fügten dem fliehenden
Feinde zwar beträchtlichen ferneren Schaden zu, vermochten aber kein
Schiff mehr zu sofortigem Sinken zu bringen; nur erfuhren wir durch den
italienischen Aviso, der den abyssinischen Schiffen von weitem
nachfolgte, daß noch ein drittes Kanonenboot eine Stunde nach Abbruch
des Kampfes unterging, und daß eine der Panzerfregatten ins Schlepptau
genommen werden mußte, um den Kugeln unserer Strandbatterien zu
entgehen. Diese selbst hatten bloß zwei Mann verloren.

Mit dem Berichte dieser ersten freiländischen Waffenthat, an welcher ich
jedoch lediglich als staunender Zuschauer teilzunehmen vermochte,
schließe ich diesen Brief. Wann, wo -- und ob ich Dir einen nächsten
schreiben werde, weiß allein der Kriegsgott.



                              22. Kapitel.


                                               Massaua, 25. September.

Wenn ich mich recht entsinne, sind es genau ein Monat und ein Tag, daß
ich mein letztes Schreiben an Dich sandte; binnen dieser kurzen Frist
haben sich Ereignisse abgespielt, welche Euch drüben im alten Europa gar
mancherlei Überraschungen gebracht haben dürften und die -- täusche ich
mich über die Absichten meiner neuen Landsleute nicht -- in ihren
mittelbaren Konsequenzen für die ganze bewohnte Erde von entscheidender
Tragweite sein werden. Die Freiheit der Welt ist es -- so glaube ich --
die auf den Schlachtfeldern des Roten Meeres und der Gallaländer gesiegt
hat -- nicht bloß über den unseligen Johannes von Abyssinien, sondern
auch über gar mancherlei Tyrannei, die inmitten Euerer sogen.
civilisierten Welt geknechtete Völker darniederhält. Doch wozu sich in
Vermutungen ergehen über Dinge, welche die nächste Zukunft schon zur
Entscheidung bringen muß; mein heutiger Brief dient dem Zwecke, Dich
meines ungetrübten Wohlbefindens zu versichern und Dir den
freiländisch-abyssinischen Feldzug zu schildern, den ich vom ersten bis
zum letzten Kanonenschusse mitgemacht.

Am 25. August, also zwei Tage, nachdem der erste Kampf stattgefunden,
erhielt die Edenthaler Zentralbehörde das Ultimatum des Negus, in
welchem dieser erklärte, daß er gegen Freiland nichts Böses im Schilde
führe, sondern die Waffen nur deshalb ergriffen habe, um sich und --
Freiland gegen eine europäische Invasion zu schützen, die diesem, wie er
erfahren habe, aufgenötigt worden sei. Da wir nicht die Macht besäßen,
seine Feinde von unseren Grenzen fernzuhalten, so gebiete ihm die
Pflicht der Selbsterhaltung, von uns die Auslieferung einiger
strategisch wichtiger Punkte zu verlangen. Fügten wir uns diesem
Begehren, so wolle er unsere Freiheiten und Rechte im übrigen schonen,
auch den seinen Schiffen bei Ungama zugefügten Schaden verzeihen;
widersetzten wir uns, so werde er uns mit Krieg überziehen, und da er
dafür gesorgt, daß uns so rasch keine Hilfe aus Europa zu erreichen
vermöge, so könne der Ausgang wohl nicht zweifelhaft sein. Er habe sich
mit einem Occupationsheere von 300000 Mann bereits in Bewegung gegen
unsere Nordgrenze gesetzt und werde längstens binnen Wochenfrist an
derselben eintreffen; an uns sei es, ob wir ihn als Freund oder Feind
empfangen wollten.

Die Antwort an den Negus lautete dahin, daß er sich zwar in seiner
Voraussetzung, daß Freiland fremde Truppen aufzunehmen gedachte,
täusche, da dieses den Engländern, Franzosen und Italienern ebensowenig
als ihm zu kriegerischen Zwecken die Grenzen offen zu halten gesonnen
sei; in Frieden mit ihm könnten wir jedoch trotzdem nur dann leben, wenn
er sich entschließe, auch den genannten europäischen Mächten gegenüber
Frieden zu halten, und für das ihnen zugefügte Unrecht volle Sühne zu
leisten. Nicht verschweigen wolle man nämlich, daß Freiland im Begriffe
sei, mit dessen europäischen Staaten einen Freundschaftsvertrag zu
schließen, in dessen Sinne es sich dann verpflichtet halten würde, die
Feinde seiner Freunde auch als die seinigen anzusehen. Man warne ihn,
Freilands stets an den Tag gelegte Friedfertigkeit als Mutlosigkeit oder
Schwäche auszulegen. Eine Woche Frist solle ihm gelassen werden, um
seine drohende Haltung aufzugeben und Bürgschaften des Friedens und der
Sühne zu stellen. Sollten diese bis dahin nicht geboten worden sein, so
würde Freiland ihn angreifen, wo immer es ihn fände.

Selbstverständlich gab sich niemand über den Erfolg dieses Notenwechsels
einer Täuschung hin und mit aller Beschleunigung wurden die Rüstungen
zum Kriege betrieben.

Kaum daß Telegraph und Zeitungen die erste Kunde von dem abyssinischen
Überfalle durch Freiland getragen, trafen von allen Seiten Meldungen und
Anfragen bei der Zentralverwaltung ein, die Jedermann den vollgültigen
Beweis lieferten, daß die Bevölkerung des ganzen Landes nicht bloß
sofort begriffen hatte, ein Krieg sei bevorstehend, sondern daß sich
auch unmittelbar ohne jeden bevormundenden Eingriff von oben, alle jene
Faktoren des Widerstandes ganz von selbst in Aktion setzten, welche eine
auf den Krieg jederzeit gerüstete Militärverwaltung nur immer hätte
aufbieten können. Freiland mobilisierte sich selber und es erwies sich,
daß diese selbstdenkende Thätigkeit von Millionen intelligenter, dabei
aber an durchgreifendes Zusammenwirken gewohnter Köpfe, vollkommenere
Ergebnisse lieferte, als durch einen noch so weislich erwogenen und
vorbereiteten behördlichen Mobilisierungsplan auch nur entfernt möglich
gewesen wäre. Von allen Tausendschaften des Landes langten schon im
Laufe des ersten Tages Anfragen ein, ob die Zentralstelle ihre
Mitwirkung für wünschenswert hielte; die Tausendschaften erster Klasse
aus den zwölf Nord- und Nordostdistrikten, die Baringoländer und
Leikipia umfassend, zeigten zugleich an, daß sie schon am nächsten Tage
vollzählig -- bis auf die zufällig verreisten Mitglieder -- versammelt
sein würden, da sie von der Voraussetzung ausgingen, daß die Ausfechtung
des Kampfes mit Abyssinien zunächst ihre Sache sein werde. Man war
nämlich ziemlich allgemein in Freiland der Ansicht, daß zur Bekämpfung
der Abyssinier zwischen 40000 und 50000 Mann vollauf genügen würden, und
da die Norddistrikte bekanntermaßen 85 der aus den Distriktsübungen als
Sieger hervorgegangene Tausendschaften besaßen, so war von Anbeginn
Niemand in Zweifel darüber, daß diesen allein die Kriegsarbeit zufallen
würde. Zwar regte sich sicherlich in der Brust gar manchen Jünglings
auch in den anderen Landesteilen der Thatendrang, aber nirgend zeigte
sich das Gelüste, durch dessen Geltendmachung dem Lande mehr als nötig
Arbeitskräfte zu entziehen oder unter Störung des naturgemäßen
Mobilisierungsplanes entferntere Tausendschaften in den Vordergrund zu
schieben. Und eben so bereitwillig, als die anderen zurücktraten, als
ebenso selbstverständlich erachteten es die Norddistrikte, daß sie in
Aktion zu treten hätten. Nur jene Tausendschaften, die während der
letzten Jahre bei den großen Aberdarespielen Sieger gewesen waren,
äußerten, auch sofern sie nicht zu den mobilisierenden Distrikten
gehörten, den Wunsch, in die Mobilisierung mit einbezogen zu werden;
ebenso ersuchten alle Sieger in den Einzelübungen der letztjährigen
Distrikts- und Landesspiele um die Vergünstigung, in die mobilisierten
Tausendschaften eingeteilt zu werden. Beides wurde bewilligt und es
vermehrte sich solcherart das zur Verfügung gestellte Material um vier
Tausendschaften und 960 Einzelne. Damit wären insgesamt 90000 Mann
verfügbar gewesen, der im Lande herrschenden Ansicht zufolge ungefähr
doppelt so viel als erforderlich war. Doch auch darauf nahmen die
betreffenden Tausendschaften sofort aus eigener Initiative Bedacht,
indem sie sich durch Vermittlung der Zentralverwaltung schon am nächsten
Tage darüber einigten, bloß die vier letzten Jahrgänge zwischen 22 und
26 Jahren und in diesen bloß die Unverheirateten ins Feld zu stellen.
Dadurch reducierte sich der Mannschaftsstand auf 48000 Mann -- darunter
9500 Berittene -- und 180 Geschütze; letzteren wurden nachträglich noch
80 Stücke aus dem oberen Naiwaschadistrikt hinzugefügt.

Diese Truppe besaß von Haus aus schon ihre Anführer bis zum Range der
Tausendführer. Zwar waren zahlreiche dieser Offiziere verheiratet, doch
wurde übereinstimmend beschlossen, sie nichtsdestoweniger beizubehalten.
Die Wahlen der Oberoffiziere fanden, nachdem auch die Hundert- und
Tausendführer der vier auswärtigen Tausendschaften in dem zu diesem
Behufe bestimmten Vereinigungspunkte Nordleikipias eingetroffen waren,
am 23. August statt. Das Oberkommando trugen die versammelten
Offiziere keinem aus ihrer Mitte, sondern einem als Chef der
Ukerewebaugesellschaft in Ripon lebenden jungen Ingenieur Namens Arago
an, der selbstverständlich annahm, sich aber einen der Oberbeamten des
Verkehrsressorts der Centralverwaltung als Generalstabschef ausbat. An
diesen wandte ich mich, aus Ungama direkt nach Nordleikipia geeilt, mit
der Bitte um Aufnahme in den Generalstab, die mir, da ich mich über die
entsprechenden Kenntnisse auszuweisen vermochte, mit Rücksicht auf meine
erst kürzlich aufgegebene italienische Staatsbürgerschaft bereitwillig
zugestanden wurde. Gleichzeitig mit mir war auch David eingetroffen, der
mir die zärtlichsten Grüße und die freudige Zustimmung meiner Braut zu
meinem Entschlusse brachte, und zugleich erklärte, daß er während des
Feldzuges nicht von meiner Seite weichen werde.

Mit Waffen und Munition waren alle Tausendschaften ohnehin reichlich
versehen; ebensowenig fehlte es an gut eingerittenen und geschulten
Pferden.

Die Verpflegung des Heeres wurde den Approvisionierungsgesellschaften
von Edenthal und Danastadt übergeben. Den technischen Dienst --
Pionierwesen, Brückenbau, Feldtelegraphie u. dergl. -- übernahmen zwei
Associationen aus Central- und Ostbaringo, den Transportdienst endlich
besorgte die freiländische Centralstelle für diesen Verwaltungszweig.
Innerhalb der Grenzen Freilands konnte bei der hohen Vollendung des
Kommunikationsnetzes die Beförderung und Verpflegung einer so kleinen
Armee natürlich nicht die geringsten Schwierigkeiten machen. Da man
jedoch keineswegs gesonnen war, die Abyssinier zu erwarten, sondern den
Krieg in die Gallaländer und nach Habesch hinüberzuspielen gedachte, so
wurden 5000 Elefanten, 8000 Kamele, 20000 Pferde und 15000 Büffelochsen
für den Lastendienst aufgebracht. Zelte, Feldkochgeräte, Konserven u.
dergl. mußten herbeigeschafft, kurzum Vorsorge getroffen werden, daß die
Armee auch in den unwirtlichen Gegenden außerhalb Freilands an nichts
Mangel leide.

Alle diese Vorbereitungen waren am 29. August vollendet; schon zwei Tage
vorher hatte Arago 4000 Reiter mit 28 Geschützen über den Konsopaß ins
benachbarte Wakwafiland gesendet, mit dem Auftrage, sich fächerförmig
ausbreitend, Fühlung mit den Abyssiniern zu suchen, deren Anzug wir auf
dieser Seite erwarteten. Um für alle Eventualitäten gesichert zu sein,
sandte er kleinere Streifkorps von 1200 und 900 Mann mit je 8 und 4
Geschützen zur Bewachung der sich nordöstlich und nordwestlich von
dieser seiner Operationslinie erstreckenden Gebirgszüge von Endika und
Silali. Am Konsopaß hinterließ er des ferneren eine Reserve von 6000
Mann und 20 Geschützen und überschritt am 30. August mit 36000 Mann und
200 Geschützen die Gallagrenze. Um möglichst große Marschleistungen zu
erzielen und die Mannschaft trotzdem zu schonen, war das Handgepäck aufs
äußerste reduciert. Es bestand außer den Waffen -- Repetiergewehr,
Repetierpistole und kurzem, auch als Haubajonett zu gebrauchendem
Schwert -- nur aus 80 Patronen, einer Feldflasche und kleinem, zur
Aufnahme _einer_ Mahlzeit bestimmten Ranzen. Alle anderen Gepäckstücke
trugen Handpferde, die den Marschkolonnen unmittelbar folgten und deren
auf jede Hundertschaft 25 kamen. Dieser der Mannschaft jederzeit zur
Verfügung stehende sehr bewegliche Train führte wasserdichte Zelte,
komplette Anzüge und Schuhwerk zum wechseln, Regenmäntel, Konserven und
Getränke für einige Tage, und eine Patronenreserve für 200 Schuß per
Mann mit sich. Unsere jungen Leute waren solcherart mit allem Nötigen
versehen, ohne selber überlastet zu sein und sie legten daher an
einzelnen Tagen bis zu 40 Kilometer zurück, ohne daß es Marode gegeben
hätte.

Die freiländische Centralverwaltung hatte der Armee einen Kommissar
beigegeben, dessen Amt es war, etwaige Wünsche der Heeresleitung, soweit
deren Erfüllung Sache der Centralstelle sein sollte, entgegenzunehmen;
ferner für den Fall, als der Negus sich zu Friedensverhandlungen geneigt
zeigen sollte, dieselben zu führen; schließlich für Sicherheit und
Bequemlichkeit der fremden Militärbevollmächtigten und Zeitungsreporter
Sorge zu tragen, die unseren Kriegszug mitmachten. Ein Teil dieser
Herren begleitete uns zu Pferde, ein anderer Teil war auf Elefanten
bequem untergebracht; die meisten folgten dem Hauptquartier, welches
dieselben über alle Vorkommnisse auf dem Laufenden erhielt.

Am dritten Marschtage, dem zweiten September, verständigte uns unsere
vorausschwärmende Reiterei, daß sie auf den Feind gestoßen sei. Da
Arago, bevor er einen entscheidenden Kampf annahm, zuvor praktisch
erproben wollte, ob er und wir alle nicht etwa doch in einer
verhängnisvollen Täuschung bezüglich der vorausgesetzten Überlegenheit
unserer Mannschaften über die feindlichen befangen wären, gab er der
Vorhut Auftrag, eine forcierte Rekognoscierung vorzunehmen, d. h. den
Gegner zu möglichst vollständiger Entfaltung seiner Kräfte zu nötigen
und erst zurückzuweichen, wenn über die Marschrichtung der feindlichen
Hauptmacht Sicherheit erlangt sei.

Am 3. September bei grauendem Morgen griffen wir -- ich war nämlich auf
meinen Wunsch dieser Truppe beigegeben worden -- die abyssinische Vorhut
bei Ardeb im Flußthale des Dschub an. Diese, der unsrigen nicht stark an
Zahl überlegen, wurde im ersten Anlauf über den Haufen gerannt, ihr
sämtliches Geschütz -- 36 Stücke -- nebst 1800 Gefangenen abgenommen,
ohne daß die Unsrigen mehr als fünf Mann verloren. Die ganze Affaire
dauerte kaum 40 Minuten. Unsere Artillerie war der schon auf 6000 Meter
Distanz ein wirkungsloses Feuer gegen unsere sich entwickelnden Linien
eröffnenden abyssinischen ohne einen Schuß abzugeben bis auf 2500 Meter
entgegengefahren, hatte sie von hier aus mit wenigen Salven zum
Schweigen gebracht, 19 Stücke demontiert und die übrigen zum Rückzuge
genötigt. Sich hierauf gegen die tollkühn heransprengende feindliche
Kavallerie wendend, hatte sie diese durch einige wohlgezielte
Granatschüsse auseinander gesprengt, so daß unsere Eskadronen nurmehr
die in regelloser Flucht Davoneilenden zu verfolgen und die schwache,
von der eigenen flüchtenden Kavallerie ohnehin schon in heillose
Unordnung gebrachte Infanterie niederzureiten hatten. Der Rest war dann
Verfolgung und Einbringung der von panischem Schreck gejagten Gegner,
deren Verluste an Toten und Verwundeten, wenn auch die unserigen namhaft
überragend, im Ganzen verhältnismäßig doch nur gering waren.

Doch damit war bloß das Vorspiel des blutigen Dramas zu Ende. Unsere
Reiter hatten sich eben gesammelt, und die Gefangenen mitsamt den
erbeuteten Geschützen unter geringer Bedeckung dem Hauptquartiere
zugesandt, als sich in der Ferne dichte und immer dichtere Massen des
Feindes zeigten. Es war dies der gesamte, 65000 Mann mit 120 Kanonen
zählende, linke Flügel der Abyssinier. Zwanzig von unseren Kanonen waren
auf einer kleinen, die Marschlinie des Feindes dominierenden Höhe
aufgefahren und gaben von dort um 7 Uhr morgens den ersten Schuß auf den
Gegner ab. Alsbald sah man die feindlichen Infanteriemassen seitlich
abbiegen, während unserer Artillerie gegenüber successive 90 der
abyssinischen Geschütze auffuhren. Der sich nun entspinnende Kampf der
Kanonen währte eine Stunde, ohne unserer Artillerie sonderlichen Schaden
zuzufügen, denn die abyssinischen Artilleristen trafen auf so große
Distanz -- es waren gut 5000 Meter -- nur sehr schlecht, während die
Granaten der unserigen nach und nach 34 feindliche Stücke zum Schweigen
brachten. Zweimal versuchten es die Abyssinier, näher an unsere Position
heranzufahren, mußten aber beidemal schon nach wenigen Minuten wieder
zurückweichen, so mörderisch räumten unsere Geschosse bei dieser
Annäherung unter ihnen auf. Da es so nicht ging, versuchte der Feind
unsere Position zu stürmen. Seine Infanterie- und Kavalleriemassen
hatten sich längs unserer ganzen, sehr dünn gestreckten Front entwickelt
und kurze Zeit nach 8 Uhr setzte sich die gesamte kolossale Übermacht
gegen uns in Bewegung.

Was sich nunmehr abspielte, hätte ich nimmermehr für möglich gehalten,
trotzdem ich über die Waffengewandtheit der freiländischen
Elite-Tausendschaften schon so Manches vernommen und auch der spielend
erfochtene Sieg über die feindliche Vorhut zu hochgespannten Erwartungen
berechtigte. Ich gestehe, daß ich es für unverantwortlichen Leichtsinn
und für eine gänzliche Verkennung der ihm vom Oberkommando zugeteilten
Aufgabe hielt, daß Oberst Ruppert, der Führer unserer kleinen Schar, den
Kampf annahm und zwar nicht etwa in Form eines Rückzugsgefechtes,
sondern als regelrechte Schlacht, die, wenn verloren, unfehlbar mit der
Vernichtung seiner 4000 Mann enden mußte. Denn in einer fünf Kilometer
umfassenden, die feindlichen Linien sogar um ein Geringes überflügelnden
dünnen Aufstellung mit nur schwachen Reserven im Rücken, hatte er seine
Reiter -- sie waren sämtlich abgesessen und schossen mit ihren
vortrefflichen Karabinern -- entwickelt und erwartete die Abyssinier,
als ob diese als Tirailleure und nicht in kompakten Sturmkolonnen
heranrückten. Und diese Sturmkolonnen kannte ich sehr wohl, sie hatten
bei Erdeb und vor Obok die ihnen an Zahl gleichen indischen Veteranen
Englands, die bretonischen Grenadiere Frankreichs und die Bersaglieri
Italiens geworfen, ihre Waffen waren den Freiländischen gleichwertig,
ihre militärische Disziplin mußte ich der meiner gegenwärtigen
Kampfgenossen überlegen halten; wie sollte unsere dünne Linie dem
Ansturme dieser, uns an Zahl sechzehnfach überlegenen kampfgewohnten
Krieger widerstehen? Sie mußte -- das war meine felsenfeste Überzeugung
-- in der nächsten Viertelstunde zerreißen, wie ein Bindfaden, der einer
Lokomotive den Weg versperren will; und dann, das konnte jedes Kind
sehen, war nach einem Gemetzel von wenigen Minuten alles vorbei. Ich
nahm im Geiste Abschied von der fernen Geliebten, vom Vater -- und auch
Deiner, mein Luigi, gedachte ich in dieser Stunde, die für meine letzte
zu halten ich damals vollen Grund zu haben wähnte.

Und was mich am meisten Wunder nahm: die Freiländer schienen insgesamt
meine Empfindungen zu teilen; nichts von jener wilden Kampflust war in
ihren Mienen zu finden, die man doch bei denjenigen voraussetzen sollte,
die -- überflüssiger Weise -- Einer gegen sechzehn den Kampf aufnehmen.
Tiefen, düsteren Ernst, ja Widerwillen und Schrecken las ich in den
sonst so klaren, heiteren Augen dieser freiländischen Jünglinge und
Männer; es war als sähen sie allesamt gleich mir sicherem Tode entgegen.
Auch die Offiziere, ja selbst der kommandierende Oberst, teilten
sichtlich diese unerfreulichen Gefühle -- warum um des Himmelswillen
nahmen sie dann die Schlacht an? Wenn sie Übles vorher sahen, warum
zogen sie sich nicht rechtzeitig zurück? Wie sehr aber hatte ich diesen
Männern Unrecht gethan, wie gründlich Anlaß und Richtung ihrer
Besorgnisse verkannt! So unglaublich es klingen mag: meine
Kriegskameraden waren nicht für ihre, sondern für des Gegners Haut
besorgt, ihnen graute vor dem Gemetzel, das -- nicht ihnen, den Feinden
bevorstand. Der Gedanke, daß sie, die freien Männer, von armseligen
Knechten besiegt werden könnten, lag ihnen so fern, als etwa dem Jäger
der Gedanke, die Hasen könnten ihm gefährlich werden; aber sie sahen
sich vor der Notwendigkeit, Tausende dieser Bejammernswerten kaltblütig
niederschießen zu müssen und das erregte ihnen, denen der Mensch das
Heiligste und Höchste ist, unsäglichen Widerwillen. Hätte man mir das
_vor_ der Schlacht gesagt, ich hätte es nicht begriffen und jedenfalls
für Renommisterei gehalten; jetzt, nach dem was ich schaudernd mit
erlebt, finde ich es begreiflich. Denn, daß ich es nur gleich sage: eine
gegen freiländische Linien anstürmende und von deren Feuer zerrissene
Kolonne bietet einen Anblick, der selbst an Massenmord einigermaßen
gewöhnten Männern, wie mir, das Blut zu Eis gerinnen macht. Ich habe den
Würgengel des Schlachtfeldes einigemal an der Arbeit gesehen und durfte
mich daher gegen dessen Schrecken gefeit halten. Hier aber ...

Doch ich will ja nicht meine Gefühle, sondern die Ereignisse schildern.
Als die Abyssinier uns auf etwa 1½ Kilometer nahe gekommen waren,
sprengten ein letztesmal Rupperts Adjutanten die Front entlang und
riefen den Unseren die Losung zu: Schonung! keinen Schuß, sobald sie
weichen! Dann war es bei uns totenstill, während von jenseits stets
lauter der Klang der Trommeln und einer wilden Musik, unterbrochen
zeitweilig von dem gellenden Schlachtrufe der Abyssinier, herübertönte.
Als die Feinde bis auf 700 Meter etwa herangerückt waren, gab unsere
Schützenlinie eine einzige Salve ab; als ob ein Pesthauch in sie
gefahren wäre, so brach die Stirnlinie des Feindes zusammen, seine
Reihen wankten und mußten sich neu formieren. Kein Schuß wurde
inzwischen von den Freiländern abgefeuert; als aber die Abyssinier unter
wildem Schlachtgeschrei abermals, jetzt im Laufschritte vorrückten,
donnerte eine zweite und da die todeskühnen braunen Krieger diesmal über
ihr zerschmettertes erstes Glied hinweg den Ansturm fortsetzten, eine
dritte Salve über das Feld. Mit dieser aber hatten Jene einstweilen
genug; sie wandten sich zu wilder Flucht, und hielten erst, als sie sich
außerhalb unserer Schußweite wußten. Auch jetzt hörte unser Feuer
augenblicklich auf, sowie der Feind sich gewandt hatte, aber es war auch
hohe Zeit gewesen. Nicht als ob die geringste Gefahr für unsere
Stellungen aus einer Fortsetzung des Sturmes hätte entstehen können; die
Abyssinier hatten kaum 100 Meter gewonnen gehabt, waren also immer noch
gute 600 Meter entfernt gewesen und die Gewißheit, daß Keiner von ihnen
unsere Front erreicht hätte, erwies sich als augenscheinlich; aber
gerade diese eigene, jede eigentliche Kampfeserregung ausschließende
Unnahbarkeit ließ die Gräßlichkeit des unter den Gegnern wütenden
Gemetzels mit so elementarer Gewalt hervortreten, daß mehr als
menschliche Nerven dazu gehört hätten, dies Schauspiel längere Zeit zu
ertragen. Nahe an 1000 Abyssinier waren binnen wenigen Minuten tot oder
verwundet gefallen und zahlreiche der freiländischen Schützen erklärten
mir später, sie hätten beim Anblicke der reihenweise zusammenbrechenden
und am Boden zuckenden Feinde Ohnmachtsanfälle gehabt -- was ich
vollkommen begreife, da auch mir ernstlich übel dabei wurde.

Die freiländischen Ärzte und Sanitätstruppen waren eben an der Arbeit,
die verwundeten Gegner vom Schlachtfelde aufzulesen, als die
abyssinische Artillerie neuerlich den Kampf aufnahm und alsbald auch die
Infanterie ein rasendes Schnellfeuer eröffnete. Da Letztere sich jedoch
diesmal vorsichtig in der respektablen Entfernung von ungefähr 2000
Metern hielt, so war ihr Feuer anfangs ganz ungefährlich und wurde daher
von den Unseren nicht erwidert; nachgerade aber verirrte sich doch die
eine oder andere Kugel in unsere Reihen und Oberst Ruppert gab daher
Befehl, die Zehntführer möchten den Feinden deutlich sichtbar mehrere
Schritte aus der Front hervortreten und eine Salve abgeben. Dieser Wink
wurde drüben verstanden; das feindliche Infanteriefeuer hörte sofort
auf, da die Abyssinier aus der Wirkung dieser einen kleinen Salve
ersahen, daß die freiländischen Schützen auch auf so große Distanz allzu
unangenehm werden könnten, als daß es rätlich wäre, sie durch ohnehin
wirkungsloses Feuer zum Antworten herauszufordern. Die zähen Burschen,
die offenbar den Gedanken nicht zu ertragen vermochten, vor einer so
kleinen Minderzahl das Feld zu räumen, formierten nun neuerlich einige
Sturmkolonnen, diesmal mit schmaler Front und von beträchtlicher Tiefe.
Doch auch diesen ging es nicht besser als ihren Vorgängern, nur daß
gegen sie etwas rascheres Feuer abgegeben werden mußte; sie wurden mit
einem neuerlichen Verluste von 800 Mann nach wenigen Minuten zum Weichen
gebracht und waren nunmehr zu abermaligem Vorgehen nicht mehr zu
bewegen. Um die verwundeten Abyssinier, die in freiländischer
Verpflegung weitaus besser versorgt waren, als in der ihrer Landsleute,
zu bergen, ließ jetzt Ruppert einen Vorstoß bewerkstelligen, vor welchem
sich der Gegner eilfertig zurückzog, so daß wir unbestritten Herren des
Schlachtfeldes blieben. Unsere Verluste betrugen 8 Tote und 47
Verwundete; die Abyssinier hatten 360 Tote, 1480 Verwundete und 39
Kanonen zurückgelassen. Die erste Sorge der Unseren war, die Verwundeten
-- Freund und Feind mit gleich liebevoller Sorgfalt -- in den reichlich
vorhandenen und mit sinnreichstem Komfort ausgestatteten Sanitätswagen
unterzubringen und nach Freiland zu in Bewegung zu setzen. Dann wurden
die Geschütze und sonstigen erbeuteten Waffen geborgen, die Toten
begraben.

Letztere Arbeit war eben vollendet und der Rückzug aufs Hauptquartier
sollte angetreten werden, als von Westen starke abyssinische Heersäulen
auftauchten, während gleichzeitig auch der nach Norden abgezogene linke
Flügel des Feindes wieder sichtbar wurde. Ruppert ließ sich dadurch in
seiner Absicht nicht beirren. Feindliche Kavalleriemassen machten einen
stürmischen Versuch, uns zu verfolgen, wurden aber von unserer
Artillerie rasch zurückgeworfen, und fernerhin unbehelligt
bewerkstelligten wir unseren Rückzug auf das Hauptkorps.

Wir wußten nun aus Erfahrung, daß die von uns vorausgesetzte
Überlegenheit freiländischer Männer über Gegner welcher Art immer eine
Thatsache sei. Die Abyssinier hatten sich gegen uns so brav geschlagen,
als je zuvor gegen europäische Truppen; ihre Bewaffnung, Disziplin und
Schulung, das vieljährige Werk eines ausschließlich diesem Zwecke
gewidmeten rücksichtslosen Despotismus, ließ -- nach europäischen
Begriffen -- nichts zu wünschen übrig und thatsächlich hatten diese
braunen Soldaten sich gleichstarken abendländischen Heeren im offenen
Felde stets ebenbürtig gezeigt. Wir aber hatten eine sechzehnfache
Übermacht zum Weichen gebracht, ohne daß dabei das Zünglein der Wage
auch nur einen Moment geschwankt hätte. Daß der Kampf überhaupt so lange
währte und nicht viel früher schon mit vollständiger Niederlage der
Abyssinier endete, lag nur daran, daß der Führer der Vorhut sich an die
Ordre hielt: den Feind zur Entfaltung seiner Kräfte zu nötigen. Hätte er
sich statt dessen mit voller Wucht sofort auf den Gegner geworfen, ihm
_nicht_ Zeit zur Entwicklung gelassen, und jeden erlangten Vorteil
energisch ausgebeutet, so wären die 65000 Mann des linken Flügels der
Feinde längst zersprengt gewesen, bevor das Zentrum in die Aktion
eingreifen konnte. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß Oberst Ruppert
Unrecht that, den Kampf hinhaltend und mehr defensiv zu führen. Ganz
abgesehen davon, daß doch auch ihm erst im Laufe des Gefechtes der bis
dahin bloß vermutete hohe Grad freiländischer Überlegenheit zur
absoluten Gewißheit werden konnte, war es, je zweifelloser der
schließliche Sieg unserer Sache erschien, desto entschiedener die
Pflicht jedes gewissenhaften Führers, das Blut unserer freiländischen
Jünglinge nicht überflüssigerweise um eines Heldenstückleins willen zu
vergießen. Er mußte gleich uns allen annehmen, daß diese erste Lektion
vollkommen genügen werde, den Negus darüber aufzuklären, daß eine
Fortsetzung des Kampfes seinerseits Thorheit wäre.

Wir hatten aber unsere Rechnung ohne Rücksicht auf den Dünkel eines
barbarischen Despoten gemacht. Als der dem Hauptquartier folgende
Kommissär der Centralverwaltung am nächsten Tage Parlamentäre ins
abyssinische Hauptquartier sandte, um Johannes erklären zu lassen, daß
Freiland gegen Rückgabe der überrumpelten Festungen und Schiffe und
gegen Leistung zu vereinbarender Friedensbürgschaften noch immer bereit
sei, sich mit ihm zu vertragen, empfing dieser die Abgesandten hochmütig
mit der Frage, ob sie gekommen seien, Unterwerfung anzubieten. Weil
unsere Vorhut sich schließlich zurückgezogen, gab er die Affaire des
gestrigen Tages für einen abyssinischen Sieg aus. Die Offiziere der
zurückgeworfenen 5 Brigaden seines Heeres seien Feiglinge, meinte er,
wir sollten sehen, wie _er_ sich schlagen werde -- kurzum der
Verblendete wollte von Nachgiebigkeit nichts hören.

Am 8. September griffen wir die am Dschubflusse verschanzte abyssinische
Hauptarmee an. Nach zweistündigem Kampfe war der Feind geschlagen,
167000 Mann streckten die Waffen, der Rest eilte in wilder, regelloser
Flucht den abyssinischen Bergen zu. 10 Tage später lagen wir vor den
Mauern Massauas, in welche sich der Negus mit den Trümmern seines Heeres
geworfen.

Die Zentralverwaltung von Freiland hatte unmittelbar nachdem sie die
Nachricht von der Wegnahme der Küstenfestungen und der Schiffe erhalten,
den Bau einer Flotte beschlossen und keine Stunde mit der Verwirklichung
gezögert. Eine Panzerflotte herzustellen, dazu fehlte allerdings die
Zeit; sie hielt aber dafür, einer solchen nicht zu bedürfen. Was sie
plante, war die Konstruktion sehr schnellfahrender Fahrzeuge mit so weit
tragenden Geschützen, daß ihre Geschosse die fremden Panzerschiffe
zerstören könnten, ohne daß die Geschosse der Letzteren unsere Schiffe
zu erreichen vermöchten. Dabei rechnete sie allerdings nicht bloß auf
die größere Schnelligkeit der Fahrzeuge und die weitere Flugbahn der
Geschosse, sondern hauptsächlich auf die Überlegenheit unserer
Artilleristen. Wenn unsere Schiffsmaschinen den Feind immer nur auf die
uns passend erscheinende Distanz heranließen, so mußte -- das war der
Kalkül -- den Unseren gelingen, das stärkste feindliche Schiff zu
vernichten, ehe unsere Fahrzeuge auch nur getroffen werden könnten. Um
Schiffe von 2000 bis 3500 Tonnen -- so groß sollten unsere Kanonenbote
sein -- in beliebiger Zahl binnen wenigen Wochen vollkommen auszurüsten,
dazu genügten, wenn nur mit entsprechender Energie daran gegangen wurde
und alles gehörig ineinander griff, die freiländischen Rhedereien und
sonstigen Industrien vollkommen. Schon am 23. August wurde daher in
Ungama der Kiel zu 36 Schiffen gelegt; Schiffsmaschinen zwischen 2000
und 3000 Pferdekräften -- von denen die größeren Kriegsdampfer bis zu
vieren erhalten sollten -- waren genügend in den Maschinenwerkstätten
Ungamas vorrätig. Aus allen freiländischen Schießplätzen wurden die
vorzüglichsten und größten Geschütze herbeigezogen, 24 neue, alles
bisher Erreichte in den Schatten stellende Ungetüme in den
Gußstahlwerkstätten von Danastadt konstruiert und solchergestalt
ermöglicht, daß binnen 22 Tagen der letzte Hammerschlag und Feilenstrich
an der letzten der 36 schwimmenden Kriegsmaschinen gethan werden konnte.
Die Eleganz der Ausstattung ließ in einzelnen Punkten zu wünschen übrig;
die Vollkommenheit der technischen Ausführung aber war tadellos. Die
Fahrzeuge, ziemlich flachbordig um den feindlichen Kugeln ein möglichst
geringes Ziel zu bieten, waren in wasserdichte Kammern geteilt, um
selbst durch einige unter der Wasserlinie einschlagende Granaten nicht
zum Sinken gebracht zu werden; da jedes Schiff mindestens zwei
vollkommen unabhängig funktionierende Maschinen besaß, so war auch eine
Lähmung seiner Beweglichkeit nicht so leicht zu besorgen; gepanzert, und
zwar mit Platten der stärksten Art, waren bloß die Pulverkammern. Die
verwendeten, durchwegs frei beweglich an Deck angebrachten Geschütze
wogen zwischen 95 und 245 Tonnen, und waren den einzelnen Schiffen teils
einzeln, teils zu zweien und dreien zugeteilt; insgesamt besaßen die 36
Fahrzeuge deren 78. Das Maximum der Fahrgeschwindigkeit betrug bei den
verschiedenen Schiffen zwischen 23 und 27 Knoten in der Stunde.

Da wir den Westmächten versprochen hatten, die den Suezkanal sperrende
Flotte vor Eintreffen der europäischen Expeditionskorps unschädlich zu
machen, so mußte geeilt werden, dieses gegebene Wort einzulösen. Am 19.
September abends bekamen unsere Schiffe eine bei Bab-el-Mandeb kreuzende
abyssinische Eskadre von 5 Panzern in Sicht. Diese, die scharfgebauten
Schiffe für Passagierdampfer nehmend, machte sofort Jagd auf sie und
wunderte sich nicht wenig, daß die so harmlos aussehenden Fahrzeuge
ihren Kurs unbeirrt fortsetzten. Erst als die Abyssinier sich auf 14000
Meter Distanz genähert und nunmehr einige der gröbsten Brocken aus
unseren Feuerschlünden zu kosten bekamen, erkannten sie ihren Irrtum und
machten augenblicklich kehrt. Das Gros unserer Flotte hielt sich auch
mit ihrer Verfolgung nicht auf, sondern setzte die Fahrt ins Rote Meer
fort; bloß 6 unserer größten und zugleich als schnellste Fahrer
geltenden Kriegsdampfer eilten den Fliehenden nach, brachten deren zwei
durch eine Reihe wohlgezielter Schüsse, die von den Abyssiniern der
großen Distanz halber wirksam gar nicht erwidert werden konnten, zum
Sinken, und jagten die andern auf den Strand. Unsere Schaluppen nahmen
von den im Wasser treibenden Mannschaften auf, so viel sie nur immer
erreichen konnten und setzten dann -- die Affaire mit der
Bab-el-Mandeb-Eskadre hatte bloß 2½ Stunden beansprucht -- den Weg nach
Suez fort.

An Massaua dampfte das Gros unserer Flotte in der Nacht vom 19. und 20.
unbemerkt vorbei; die nachfolgenden 6 Schiffe aber wurden im
Morgengrauen von einem feindlichen Kreuzer gesehen und verfolgt. Da es
weder in der Absicht der Unseren lag, sich vor Massaua jetzt schon
aufzuhalten, noch die dort liegenden abyssinischen Schiffe durch eine,
ihrem Kreuzer im Vorbeifahren erteilte Lektion vorzeitig zu warnen, so
beantworteten sie dessen Schüsse nicht, trotzdem einige derselben
trafen, sondern suchten bloß so rasch als möglich an ihm vorbei zu
kommen, was auch ohne ernstlichen Schaden gelang. Wie wir später
erfuhren, wurden sie in Massaua gleichfalls für Postschiffe gehalten,
die unbegreiflicherweise den Suez bewachenden Kreuzern in die Hände
liefen. Alles, was der Negus that, war, daß er in den nächsten Nächten
vor Massaua fleißig kreuzen ließ, um die vermeintlichen 6 Postdampfer,
wenn sie vor Suez etwa rechtzeitig kehrt machen sollten, diesmal nicht
entschlüpfen zu lassen.

Am 22. nachmittags erschien unsere Flotte vor Suez, griff die den Kanal
bewachenden abyssinischen Schiffe unverzüglich an und bohrte drei
derselben nach kurzem Gefechte in den Grund. Die anderen, darunter drei
Panzerfregatten, liefen auf den Strand, wo die Bemannung von den
ägyptischen Truppen gefangen genommen wurde. Denselben Ägyptern lieferte
unser Admiral auch die aufgefischten abyssinischen Matrosen und
Seesoldaten provisorisch aus, wandte sich sofort wieder nach Süden und
langte am 24. September vor Massaua an.

Dort waren wir inzwischen unthätig geblieben; wir wußten, daß das
Eingreifen unserer Schiffe genügen werde, die Feste in kurzem Wege zu
Falle zu bringen. Als diese auf der Höhe von Massaua erschienen,
näherten sich ihnen einige kleinere abyssinische Kriegsfahrzeuge. Wenige
Schüsse jagten sie in die Flucht und nun erst begriff der Negus die
Situation. Zwar hoffte er noch immer, mit unseren Schiffen fertig zu
werden; die schreckliche Wirkung der ersten Lagen aus unseren
Riesengeschützen belehrte ihn und seine Admiralität eines Besseren. Vor
den herandampfenden schwerfälligen Panzerkolossen stetig zurückweichend
gaben unsere unerreichbaren Vernichtungsmaschinen ihre Geschosse ab und
zwei der Fregatten sanken in die Tiefe, bevor nur _eine_ abyssinische
Kugel ein freiländisches Schiff getroffen hätte. Nun wandten sich die
Abyssinier zum Rückzuge, aber die Unseren blieben ihnen -- stets in der
gleichen unnahbaren Distanz -- auf den Fersen und bevor die feindliche
Flotte den Hafen erreicht hatte, fuhr ein drittes Panzerschiff zu
Grunde. Doch im Hafen fanden sie so wenig Sicherheit, als auf offenem
Meere; die schrecklichen Panzerzerschmetterer sandten Kugel auf Kugel
hinein; ein viertes Schiff versank und ein fünftes; gleichzeitig
hämmerten unsere Riesengeschosse zermalmend an den Steinquadern der
Hafenbastionen -- wir erwarteten jeden Moment die weiße Fahne, das
Zeichen der Ergebung, in Massaua flattern zu sehen. Statt dessen machte
der Negus, die Unhaltbarkeit der Feste einsehend, von uns jedoch keine
Gnade erwartend, plötzlich einen verzweifelten Ausfall, um sich in die
Berge durchzuschlagen. Doch nur unsere äußerste Vorpostenkette gelang es
ihm zu durchbrechen; vor der ersten freiländischen Linie angelangt,
brachten einige Salven den Ansturm der Seinen zum Stehen, ihm aber den
Tod. Die Abyssinier warfen die Waffen weg, der Krieg war beendet.

                   *       *       *       *       *

Hiermit schließen die freiländischen Briefe unseres neuen Landsmannes
Carlo Falieri an seinen Freund, den Architekten Luigi Cavalotti. Die
beiden Freunde haben inzwischen den Aufenthalt getauscht; Cavalotti ist
zu uns nach Freiland übersiedelt, Falieri dagegen wurde, kaum daß er mit
seinem jungen Weibe einige Wochen seligster Zurückgezogenheit auf einer
der paradiesischen Ukerewe-Inseln genossen, uns zeitweilig wieder
entführt. Er folgte einem Rufe seines Geburtslandes, welches seiner zu
Durchführung jener Reformen zu bedürfen glaubte, die in Konsequenz der
soeben von ihm geschilderten und der diesen folgenden Ereignisse dort
wie fast überall in der bewohnten Welt ins Werk gesetzt werden sollen.
Seine Gattin begleitet ihn auf dieser Mission, zu deren Durchführung ihm
seitens unserer Centralverwaltung die unbegrenzten Hülfsquellen
Freilands zur Verfügung gestellt sind. Doch damit geraten wir schon in
den Bereich jener Begebenheiten, deren Darstellung das folgende Buch
gewidmet sein soll.



                             Viertes Buch.



                              23. Kapitel.


Die moralische Wirkung unseres abyssinischen Feldzuges war eine
ungeheure, soweit civilisierte und halbcivilisierte Völker die Kunde
davon empfingen. Wir selber hatten uns heilsame Folgen davon versprochen
insofern, als wir voraussahen, daß die vor aller Welt abgelegte
glänzende Kraftprobe unseren Widersachern Vorsicht und größere
Geneigtheit beibringen werde, auf unsere gerechten Wünsche einzugehen.
Doch der Erfolg übertraf unsere kühnsten Erwartungen weitaus. Nicht
eingeschüchtert, sondern bekehrt wurden die bisherigen Gegner der
wirtschaftlichen Gerechtigkeit, was indessen mehr uns Freiländer, als
unsere auswärtigen Freunde zu überraschen schien. Wir vermochten nicht
recht zu begreifen, warum Leute, die Jahrzehnte lang unsere socialen und
wirtschaftlichen Bestrebungen für thöricht oder verwerflich gehalten
hatten, aus der Thatsache, daß unsere jungen Leute sich als treffliche
Krieger erwiesen, urplötzlich die Schlußfolgerung zogen, es sei möglich
und nützlich, jedem Arbeitenden den vollen Ertrag seines Fleißes
zuzuwenden. Uns, die wir unter der Herrschaft der Vernunft und
Gerechtigkeit lebten, wollte der Zusammenhang zwischen Letzterem und der
Wirkung unserer Gewehre und Geschütze nicht einleuchten; außerhalb
Freilands jedoch, wo immer noch physische Gewalt die letzte Quelle allen
Rechtes war, hielt es ersichtlich Jedermann -- selbst der prinzipielle
Anhänger unserer Ideen -- für selbstverständlich, daß die blitzartig
zerschmetternden Schläge, unter deren elementarer Gewalt der Negus von
Abyssinien erlegen, das untrüglichste _Argumentum ad hominem_ für die
Vorzüglichkeit unserer gesamten Einrichtungen seien. Insbesondere das
urplötzliche siegreiche Auftreten unserer Flotte wirkte da draußen
gleichwie ein entscheidendes Beweismittel dafür, daß die wirtschaftliche
Gerechtigkeit keine wesenlose Utopie, sondern sehr reelle Wirklichkeit
sei -- kurzum, unsere kriegerischen Erfolge gestalteten sich zu einem
Triumphe unserer socialen Einrichtungen. Eine gewaltige fieberhafte
Bewegung ergriff alle Geister, und mit _einem_ Schlage wollte man nun
überall verwirklichen, was bis dahin bloß von verhältnismäßig Wenigen
schüchtern als dereinst zu erreichendes Ideal aufgestellt, von Vielen
mit Abneigung betrachtet, von den großen Massen aber zumeist gänzlich
ignoriert worden war.

Und dabei erwies sich -- was uns nun allerdings wieder _nicht_
überraschte -- daß die Ungeduld und das Revolutionsfieber desto heftiger
waren, je weniger man sich zuvor mit unseren Ideen beschäftigt hatte.
Die fortgeschrittensten freisinnigsten Völker, deren leitende
Staatsmänner auch zuvor schon mit uns sympathisiert und gutgemeinte,
wenn auch zusammenhanglose Versuche unternommen hatten, ihre arbeitenden
Massen zu wirtschaftlicher Freiheit heranzuziehen, schickten sich in
verhältnismäßiger Ruhe an, die große ökonomische und sociale Revolution
unter möglichster Wahrung aller bestehenden Interessen einzuleiten.
England, Frankreich und Italien, die schon vor Ausbruch des
abyssinischen Krieges bereit gewesen waren, unsere Einrichtungen -- wenn
auch vorläufig bloß in ihren ostafrikanischen Besitzungen -- zuzulassen,
beschlossen nunmehr, ohne daß dazu besondere politische Umwälzungen bei
ihnen notwendig gewesen wären, sich wegen Überführung ihrer bestehenden
Institutionen in den unsrigen ähnliche, mit Freiland ins Einvernehmen zu
setzen, und mehrere andere europäische Staaten, sowie ganz Amerika und
Australien schlossen sich ihnen unmittelbar an. Dieses Ereignis war in
den betreffenden Staaten allenthalben von stürmischen Ausbrüchen der
Volksbegeisterung begleitet; aber mit Ausnahme einiger Fensterscheiben
litt Niemand Schaden dabei. Gewaltthätiger schon ging es in den
»konservativen« Staaten Europas und in einzelnen Ländern Asiens her;
dort kam es zu heftigen Krawallen, ernstlichen Verfolgungen verhaßter
Staatsmänner, die vergebens beteuerten, daß nunmehr auch sie gegen die
wirtschaftliche Gleichberechtigung nichts einzuwenden hätten,
stellenweise zu Blutvergießen und Vermögenskonfiskationen. Die
arbeitenden Massen mißtrauten dort den besitzenden Ständen, waren aber
selber uneinig über den einzuschlagenden Weg, so daß drohender stets und
gehässiger die Parteien einander entgegentraten. Vollends schlimm aber
gestalteten sich die Ereignisse dort, wo die Regierungen früher wirklich
und bewußt volksfeindlich gehandelt, die Besitzenden gegen die Massen
ausgespielt und Letztere vorsätzlich in Unwissenheit und Verkommenheit
darniedergehalten hatten. Dort gab es keine intelligente Volksklasse,
die genügenden Einfluß besessen hätte, sich den Ausbrüchen wütenden und
unvernünftigen Hasses entgegenzuwerfen; dort wurden Grausamkeiten und
Scheußlichkeiten aller Art begangen, die einstigen Unterdrücker
massenhaft abgeschlachtet und es wäre kein Ende der sinn- und zwecklosen
Gräuel abzusehen gewesen, wenn nicht zum Glücke auch für diese Länder
unser Ansehen und unsere Autorität schließlich die wütenden Massen
beruhigt und die Bewegung in geregelte Bahnen geleitet hätte. Nachdem
eine der in diesen Gebieten sich ohne ersichtliches Ziel zerfleischenden
Parteien auf den Gedanken geraten war, unsere Intervention anzurufen,
fand dieses Beispiel allgemeine Nachahmung. Allenthalben aus dem Osten
Europas, aus Asien und aus einigen afrikanischen Staaten richteten die
der Anarchie Verfallenen die Bitte an uns, ihnen Kommissäre zu senden,
denen man unumschränkte Gewalt einräumen wolle. Wir willfahrteten dem
natürlich aufs bereitwilligste und diese freiländischen Kommissäre
begegneten thatsächlich allenthalben jenem ungeteilten Vertrauen, das
zur Herstellung der Ruhe erforderlich war.

Inzwischen hatten sich aber auch jene Staaten, die von Anbeginn besonnen
vorgegangen waren, freiländische Vertrauensmänner erbeten, die ihren
Regierungen bei Anbahnung der beabsichtigten Reformen mit Rat und That
behülflich sein sollten. Wir sagen nicht ohne Grund: mit Rat und _That_,
denn das freiländische Volk hatte, sowie es erkannt, daß man seine
Mitwirkung in Anspruch nehmen werde, den Beschluß gefaßt, seinen
Delegierten -- sie mochten nun als beratende Mitglieder einer fremden
Regierung oder als mit unumschränkter Gewalt ausgerüstete Kommissäre
auftreten, das Verfügungsrecht über die materiellen Hülfsquellen
Freilands zu Gunsten der sie berufenden Völker einzuräumen, denen diese
Summen übrigens nicht schenkungs-, sondern leihweise zufließen sollten.
Der Edenthaler Centralverwaltung wurde zwar formell das Recht
vorbehalten, von Fall zu Fall über die von diesen Delegierten
angemeldeten Geldforderungen zu entscheiden; da jedoch als Prinzip
aufgestellt war, daß jede notwendige Hülfe zu gewähren sei, über die
Notwendigkeit der Hülfeleistung aber zumeist doch nur die an Ort und
Stelle Befindlichen urteilen konnten, so lag thatsächlich in Händen
dieser Kommissäre und Vertrauensmänner das diskretionäre Verfügungsrecht
über die flüssig gemachten Kapitalien.

Daß wir aber in der Lage waren, einem solchen, binnen wenigen Monaten
nahe an 2 Milliarden Pfd. Sterling erreichenden Bedarfe sofort zu
entsprechen, erklärt sich daraus, daß unsere freiländische
Versicherungsabteilung ungefähr den fünften Teil ihrer derzeit 10
Milliarden überschreitenden Reserven in allezeit flüssiger Form zur
Disposition hatte. Die anderen vier Fünftel waren arbeitend angelegt, d.
h. den Associationen sowohl als dem Gemeinwesen zu mannigfaltigen
Investitionen leihweise überlassen; ein Fünftel aber wurde als für alle
Fälle bereiter Stock in den Magazinen der Bank zurückgelegt und konnte
jetzt dem plötzlich aufgetauchten Kapitalbedarfe dienen.
Selbstverständlich ist, daß diese Reserve nicht in Form von Gold oder
Silber hinterlegt war, da sie sich in diesem Falle als unbrauchbar in
der Stunde eines eventuellen Bedarfs erwiesen hätte. Nicht Gold oder
Silber, sondern ganz andere Dinge sind es, die in Zeiten der Not
gefordert werden; die Edelmetalle können bloß als geeignete Mittel
dienen, um diese eigentlich benötigten Dinge sich zu verschaffen; damit
Letzteres jedoch geschehen könne, wird vorausgesetzt, daß sie in
entsprechender Menge überhaupt irgendwo vorhanden seien, was bei einem
plötzlich auftretenden Bedarfe von außergewöhnlichem Umfange eben
_nicht_ angenommen werden darf. Wer plötzlich Waren im Gesamtwerte von
Milliarden braucht, der wird dieselben nirgend _kaufen_ können, weil sie
nirgend vorrätig sein werden; will er auch im Falle solchen Bedarfes vor
Not geschützt sein, so muß er nicht das Geld zum Einkaufe, sondern die
voraussichtlich erforderlichen Güter selber vorrätig halten. Was hätte
es z. B. den Russen, welche die Getreidespeicher ihrer Gutsherren, die
Warenmagazine ihrer Kaufleute, die Maschinen in ihren Fabriken verbrannt
und zerstört hatten, genützt, wenn wir ihnen die Milliarden Rubel, deren
sie zur Ersetzung sowohl als zur Vermehrung dieser vernichteten Dinge
bedurften, in Form von Geld zur Verfügung gestellt hätten? Nirgend gab
es entbehrliche Vorräte, die sie hätten kaufen können; wären sie mit
unserem Gelde auf den Märkten erschienen, so hätte dies zum
ausschließlichen Erfolge gehabt, daß alle Preise gestiegen und ihre Not
sich allen Nachbarvölkern mitgeteilt hätte. Und ebenso bedurften auch
alle andere Nationen, die wir in ihrem Bestreben unterstützen wollten,
möglichst rasch aus ihrem bisherigen Elend zu einem dem unsrigen
ähnlichen Reichtume zu gelangen, nicht vermehrter Geldmittel, sondern
vermehrter Nahrungsmittel, Rohstoffe, Werkzeuge. Und in Form solcher
Dinge hatten wir denn auch unsere Reserven angelegt. Ungefähr die Hälfte
derselben bestand stets aus Getreide, die andere Hälfte aus
verschiedenen Rohmaterialien, insbesondere Webestoffen und Metallen. Als
daher unser Kommissär in Rußland successive 285 Millionen Pfund
forderte, erhielt er von uns nicht einen Heller Geld, wohl aber 3040
Schiffsladungen Weizen, Wolle, Eisen, Kupfer, Hölzer u. dgl. zugesendet,
was zur Folge hatte, daß das verwüstete Land an nichts Mangel litt,
vielmehr schon wenige Monate nachher -- allerdings weniger infolge
dieser ihm dargeliehenen Schätze, als vielmehr der in freiländischem
Geiste durchgeführten Verwendung derselben -- sich eines Wohlstandes
erfreute, den man dort noch vor kurzem kaum im Traume für möglich
gehalten hätte. In ähnlicher Weise machten wir auch anderen Nationen der
Erde unsere Vorräte nutzbar und waren für den Fall, als diese nicht
genügen sollten, entschlossen, aus den Erträgen der kommenden Jahre das
Fehlende zu ersetzen.

Doch gedachten wir keineswegs diese uns zugefallene Rolle der
ökonomischen und socialen Vorsehung der Brudervölker länger als
unumgänglich notwendig zu bewahren. Nicht weil wir die Verantwortung
oder Last scheuten, sondern weil wir es in jeder Beziehung und im
allseitigen Interesse für das Beste hielten, wenn der soziale
Umgestaltungsprozeß, welchem nunmehr die gesamte Menschheit
entgegenging, von dieser auch mit gesammelten Kräften nach gemeinsam
wohl erwogenem Plane ins Werk gesetzt werde, beschlossen wir, ungesäumt
die Nationen der Erde zu einer Beratung nach Edenthal einzuladen, in
welcher erörtert werden solle, was nunmehr zu geschehen habe. Unsere
Meinung dabei war nicht, daß dieser Kongreß bindende Beschlüsse zu
fassen hätte; es möge, so beantragten wir, jedem Volke unbenommen
bleiben, aus den Beratungen des Kongresses die ihm beliebigen
Konsequenzen zu ziehen; nützlich aber, das war unsere Ansicht, würde es
für alle Fälle sein, zu wissen, wie die Gesamtheit über die im Zuge
befindliche Bewegung dächte.

Auf ernstlichen Widerstand stieß diese Anregung nirgend. Insbesondere
bei den zurückgebliebeneren Völkern des Ostens machte sich zwar eine
starke dahingehende Strömung geltend, man möge die Zeit nicht mit
nutzlosen Reden vertrödeln, sondern einfach thun, was wir Freiländer
vorschlagen würden; sie ihrerseits, so thaten uns die konstituierenden
Versammlungen mehrerer -- und nicht gerade der kleinsten -- Nationen zu
wissen, würden doch nur auf uns hören, der Kongreß möge sagen, was er
wolle. Doch bedurfte es bloß des Hinweises darauf, daß wir, um ihnen zu
raten, sie doch auch hören müßten und daß uns hierzu der Kongreß das
geeignetste Forum scheine, um sie zu dessen Beschickung zu veranlassen.
Auch konnten wir nicht verhindern, daß viele von den nach Edenthal
entsendeten Delegierten die bindende Instruktion auf den Weg erhielten,
bei allen Abstimmungen unbedingt mit uns Freiländern zu gehen, welche
Instruktion sich jedoch insofern gegenstandlos erwies, als der Kongreß
überhaupt nur über Formfragen abstimmte, sonst aber bloß beriet, es
Jedermann anheimgebend, sich die Diskussionsresultate selber zu bilden.

Dagegen hatte sich gerade inmitten der vorgeschrittensten Länder eine,
wenn auch der Zahl nach geringe, Opposition wiedereingestellt, die zwar
das Prinzip der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit
anerkannte, jedoch eine ganze Reihe angeblich »praktischer« Bedenken
gegen dessen durchgreifende Verwirklichung geltend machte. Diese
Opposition hätte, auf ihre eigenen Kräfte angewiesen, nirgend vermocht,
ein Mandat für den Welt-Kongreß zu erlangen; sie fand aber allerorten
kräftige Fürsprecher -- in den freiländischen Vertrauensmännern und
Kommissären, die, durchaus im Einklang mit der öffentlichen Meinung
Freilands, das Bestreben verfolgten, wo möglich jeder namhafteren
Parteirichtung eine Vertretung zu sichern, damit selbst die etwa
vorhandenen offenen Anhänger der überlebten, alten Wirtschaftsordnung
kein Recht hätten, darüber Klage zu führen, daß man sie nicht hätte zu
Worte kommen lassen. 68 Nationen waren zur Teilnahme am Kongresse
geladen worden; die Anzahl der zu entsendenden Delegierten blieb dem
Belieben der Geladenen überlassen, nur wurde gebeten, die Zahl von je
zehn Abgesandten nicht zu überschreiten; thatsächlich wählten die 68
Länder insgesamt 425 Delegierte, was mit den 12 am Kongresse gleichfalls
teilnehmenden Chefs der freiländischen Verwaltung eine Gesamtzahl von
437 Kongreßmitgliedern ergab.

Am 3. März des 26. Jahres nach der Gründung von Freiland versammelte
sich der Kongreß im großen Saale des Edenthaler Volkspalastes. Auf der
Rechten saßen die Zweifler an der allgemeinen Durchführbarkeit der im
Zuge befindlichen Reformen, im Centrum die Anhänger Freilands, auf der
Linken die Radikalen, denen die gewaltsamsten Mittel die besten
schienen. Den Vorsitz führte der Chef der freiländischen
Präsidialabteilung, welches Amt seit Gründung des Gemeinwesens
ununterbrochen Dr. Strahl verwaltet hatte. Wir lassen nunmehr den
Verlauf der fünftägigen Diskussion auszugsweise an der Hand der
Sitzungsprotokolle folgen.

                        Erster Verhandlungstag.

Der _Vorsitzende_ begrüßt namens des freiländischen Volkes die auf
dessen Einladung herbeigeeilten Abgesandten der sämtlichen
Brudernationen der Erde und fährt dann fort:

»Um einiges, wenn auch nicht gerade strenges und starres System in den
Gang der Beratungen zu bringen, schlage ich vor, daß wir von Anbeginn
eine gewisse Reihenfolge der zu behandelnden Fragen feststellen;
Abschweifungen von dieser Reihenfolge werden allerdings nicht immer zu
vermeiden sein; aber als nützlich dürfte es sich für alle Fälle
erweisen, wenn die Redner zum mindesten das Bestreben zeigen, möglichst
nur zu dem gerade in Verhandlung stehenden Gegenstande zu sprechen. Um
die Diskussion dieser Formfrage abzukürzen, hat die freiländische
Verwaltung sich erlaubt, eine Art Tagesordnung auszuarbeiten, die Sie
annehmen, amendieren oder auch verwerfen können; die in diese
Tagesordnung aufgenommenen Diskussionsstoffe sind jedoch, wie ich sofort
bemerken will, nicht unserer hierortigen Initiative entsprungen, sondern
wurden uns von den Führern der verschiedenen ausländischen Parteien als
näherer Aufklärung bedürftig bezeichnet; wir unserseits begnügten uns
damit, System in diese uns vorgelegten Fragen zu bringen. Wir schlagen
also folgende Reihenfolge der Verhandlungsgegenstände vor:

1. Wie erklärt sich die Thatsache, daß es im geschichtlichen Verlaufe
vor Gründung Freilands noch niemals gelungen ist, ein Gemeinwesen auf
den Prinzipien der wirtschaftlichen Gerechtigkeit und Freiheit
einzurichten?

2. Ist der Erfolg der freiländischen Institutionen nicht etwa bloß auf
das ausnahmsweise und daher vielleicht vorübergehende Zusammenwirken
besonders günstiger Verhältnisse zurückzuführen oder beruhen dieselben
auf überall vorhandenen, in der menschlichen Natur begründeten
Voraussetzungen?

3. Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und müßte nicht
Übervölkerung eintreten, wenn es vorübergehend gelänge, das Elend
allgemein zu beseitigen?

4. Ist es möglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
überall unter Schonung der erworbenen Rechte und überkommener Interessen
zur Durchführung zu bringen; und wenn dies möglich ist, welches sind die
geeigneten Mittel hierzu?

Hat jemand zu diesem unserem Vorschlage eine Bemerkung zu machen? Es ist
nicht der Fall. Ich setze also Punkt 1 auf die Tagesordnung und erteile
dem Abgeordneten Erasmus Kraft das Wort.

_Erasmus Kraft_ (Rechte). Wir schicken uns allenthalben, so weit
denkende Menschen den Erdball bewohnen, an, den Zustand der Knechtschaft
und des Elends, in welchem, so weit menschliche Erinnerung zurückreicht,
unsere Rasse gefangen war, mit einer glücklicheren Ordnung der Dinge zu
vertauschen. Das leuchtende Beispiel, welches wir hier in Freiland vor
Augen haben, scheint dafür zu sprechen, daß der Versuch gelingen werde,
gelingen müsse. Doch je deutlicher sich diese Perspektive uns darstellt,
desto dringender, unabweislicher wird die Frage, warum das, was sich
jetzt vollziehen soll, nicht schon längst geschehen, warum der Genius
der Menschlichkeit so lange geschlafen, ehe er sich zur Vollbringung
dieses segensreichen Werkes aufraffte. Wir sehen, daß es genügt,
Jedermann den vollen Genuß dessen, was er erzeugt, zu gönnen, um
Jedermann Überfluß zu verschaffen, und trotzdem hat man ungezählte
Jahrtausende hindurch grenzenloses Elend mit all seinem Gefolge von
Jammer und Verbrechen geduldig ertragen, als wären sie unabweisliche
Naturnotwendigkeiten. Woran liegt das? Sind wir klüger, weiser,
gerechter als alle unsere Vorfahren, oder befinden wir uns trotz all der
scheinbar untrüglichen Beweise, die für das Gelingen unseres Werkes
sprechen, nicht vielleicht doch im Irrtume? Die zum größten, wichtigsten
Teile allerdings in das Dunkel der Urzeit gehüllte Geschichte der
Menschheit ist so alt, daß schwerlich anzunehmen ist, eine so wichtige,
dem brennendsten Wunsche jeglicher Kreatur entsprechende Bestrebung, wie
diejenige nach materiellem Wohlbefinden aller, trete jetzt zum ersten
Male in die Erscheinung; sie muß nicht _einmal_, wiederholt schon
hervorgetreten sein, auch wenn keinerlei Überlieferung uns darüber
Verläßliches erzählt. Wo aber sind ihre Erfolge? Oder waren vielleicht
solche Erfolge vorhanden, auch wenn wir nichts davon wissen, ist die
Erzählung vom goldenen Zeitalter mehr als eine fromme Fabel und sind wir
etwa im Begriffe, neuerdings ein solches heraufzubeschwören? Dann aber
taucht wieder die Frage auf, von welcher Dauer dieses Zeitalter sein, ob
ihm nicht abermals das eherne und eiserne folgen werden -- vielleicht in
traurigerer schrecklicherer Gestalt als jenes gezeigt, von welchem
Abschied zu nehmen wir uns eben anschicken. Ich will es, dem Winke des
verehrten Vorsitzenden gehorchend, vermeiden, jetzt schon die möglichen
Ursachen eines solchen Rückfalls in verdoppeltes Elend zu untersuchen,
da dies das Thema des dritten Punktes der Tagesordnung sein wird; auch
glaube ich, daß, bevor wir an die Klarlegung aller denkbaren
Konsequenzen eines Gelingens unserer Bestrebungen schreiten, sehr
zweckentsprechend zunächst festgestellt werden sollte, _ob_ diese denn
auch wirklich und in vollem Umfange gelingen werden, zu welchem Behufe
hinwieder die Klarlegung der Frage ersprießlich ist, warum dieselbe
bisher niemals gelungen, ja vielleicht niemals versucht worden sind.

_Christian Castor_ (Centrum). Der Vorredner irrt, wenn er behauptet, im
geschichtlichen Verlaufe der letzten Jahrtausende sei es zu keinerlei
ernsthaftem Versuche einer Verwirklichung des Prinzips der
wirtschaftlichen Gerechtigkeit gekommen. Einer der großartigsten
Versuche dieser Art ist das Christentum. Wer die Evangelien kennt, muß
wissen, daß Christus und seine Apostel die Ausbeutung des Menschen durch
den Menschen verdammen; das Wort der Schrift: »Wehe dem, der sich mästet
vom Schweiße seines Bruders« enthält schon im Keime den ganzen Kodex des
freiländischen Rechts und alles, was wir nunmehr ins Werk zu setzen
bestrebt sind. Daß das offizielle Christentum späterhin seine sociale
Befreiungsarbeit fallen ließ, ist allerdings richtig, aber einzelne
Kirchenväter haben immer und immer wieder, gestützt auf die heiligen
Texte, die ursprünglichen Absichten Christi zu verwirklichen gestrebt.
Und daß es im ganzen Verlaufe des Mittelalters wie später in der Neuzeit
an zum Teil sehr energischen Versuchen zur Verwirklichung des
christlichen Ideals niemals gefehlt hat, ist gleichfalls bekannt. Das
wollte ich zunächst hervorheben. Die Beleuchtung der Frage, warum alle
diese Versuche Schiffbruch litten, überlasse ich anderen bewährteren
Kräften.

_Wladimir Ossip_ (Linke). Fern sei es von mir, den edlen Stifter des
Christentums mit dem, was später aus seiner Lehre gemacht wurde, zu
verwechseln; aber unser Freund aus der amerikanischen Union geht meines
Erachtens doch zu weit, wenn er ihn und seine Nachfolger als _unsere_
Vorgänger hinstellen will. Wir verkünden das Glück und die Freiheit,
Christus predigte Entsagung und Demut; wir wollen den Reichtum, er die
Armut Aller; wir beschäftigen uns mit den Dingen dieser Erde, er hat das
Jenseits vor Augen; wir sind -- um es kurz zu sagen -- Revolutionäre,
wenn auch friedliche, er ist ein Religionsstifter. Lassen wir die
Religion; ich glaube, es kann zu nichts führen, sich in Fragen des Mein
und Dein auf das Christentum zu berufen.

_Lionel Acosta_ (Centrum). Ich bin diesfalls durchaus anderer Meinung
als mein geehrter Herr Vorredner und schließe mich dem Kollegen aus
Nordamerika an. Die Lehre Christi ist die reinste, edelste, wenn auch
über Mittel und Ziele noch nicht klar bewußte Verkündigung der socialen
Freiheit, die bisher gehört worden ist, und diese Verkündigung der
socialen Befreiung, nicht religiöse Neuerungen, sind der Inhalt der
»guten Botschaft«; Christus für einen Religionsstifter statt für einen
socialen Reformator auszugeben, eine Lehre, die im Fluge die Herzen der
unterdrückten Massen gewonnen, weil sie ihnen Abhülfe ihrer Leiden
versprach, zu einem Einschläferungsmittel ihrer erwachenden Energie zu
gebrauchen, war das Meisterstück der Verknechtungskunst. Christus hat
sich mit Religion gar nicht beschäftigt, keine Zeile der Evangelien
enthält auch nur eine Spur davon, daß er an den alten religiösen
Satzungen seines Landes rüttelte; der frömmste, eifrigste Jude kann
seinen Kindern unbedenklich die Evangelien zu lesen geben, sie werden
nichts darin finden, was ihr religiöses Gefühl verletzt. (Eine Stimme:
Warum wurde aber dann Christus ans Kreuz geschlagen?) Man fragt mich,
warum Christus von den Juden gekreuzigt wurde, wenn er nichts gegen das
mosaische Gesetz unternommen hatte. Ja mordet man denn _bloß_ aus
religiösen Gründen? Christus wurde zum Tode geschleift, weil er ein
_socialer_, nicht weil er ein religiöser Neuerer war, und nicht die
Frommen, sondern die Mächtigen unter den Juden haben seinen Tod
gefordert. Darüber auch nur ein Wort zu verlieren ist in den Augen all
jener durchaus überflüssig, welche die weltbewegenden Begebenheiten
jener traurigsten und doch zugleich glorreichsten Tage Israels, in denen
der edelste seiner Söhne den freiwillig gesuchten Märtyrertod fand,
unbefangen betrachten. Zunächst ist es eine wohlbeglaubigte
geschichtliche Thatsache, daß im Judäa der damaligen Zeit für religiöse
Sektirerei ebenso wenig auf Tod erkannt wurde, wie etwa in Europa des
letzten Jahrhunderts. Zum zweiten spricht die Art der Hinrichtung, das
den Juden ganz unbekannte Kreuz, dafür, daß Christus nach römischem,
nicht nach jüdischem Recht gerichtet wurde; die Römer, dieses in
religiöser Beziehung toleranteste aller Völker, hätten aber erst recht
wegen religiöser Neuerungen Niemand zum Tode gebracht; sie hätten die
Hinrichtung keineswegs geduldet, geschweige denn selber das Urteil
gesprochen und in ihrer Art vollzogen; das Kreuz war bei ihnen die
Strafe _aufrührerischer Sklaven_ oder ihrer _Verführer_.

Ich sage das nicht, um die Verantwortung für Christi Tod von Juda
abzuwälzen; es ist jedes Volkes trauriges Privilegium, der Henker seiner
Edelsten zu sein, und gleichwie Niemand anders als die Athener Sokrates
tötete, so hat auch Niemand anders als die Juden Christus getötet; der
Römer war nur das Werkzeug des jüdischen Hasses, doch wohlverstanden des
Hasses der um ihre Besitztümer zitternden Reichen unter den damaligen
Juden, die den »Verführer des Volkes« dem Statthalter denunzierten. Ja,
es ist auch durchaus glaubhaft, daß dieser letztere sich nicht
bereitwillig zeigte, auf die Wünsche der geängstigten Denunzianten
einzugehen, denn er, der Römer, der im niemals erschütterten Glauben an
seine starre Eigentumsordnung Aufgewachsene, verstand die Bedeutung und
Tragweite der socialen Lehre Christi gar nicht. Er hielt ihn -- die
Evangelien lassen darüber kaum einen Zweifel und es wäre im Grunde
genommen anders auch schwer zu begreifen -- für einen harmlosen
Schwärmer, den man mit ein paar Rutenstreichen laufen lassen könnte.
Generationen mußten vergehen, bis die _römische_ Welt erkennen lernte,
was die Lehre Christi eigentlich zu bedeuten habe -- dann aber fiel sie
auch mit einer Wut sonder gleichen über ihre Anhänger her, kreuzigte
sie, warf sie den Bestien vor, kurz that alles, was Rom niemals gegen
abweichende Religionen, stets aber gegen die Feinde seiner Rechts- und
Eigentumsordnung that. Anders die _jüdische_ Aristokratie; diese begriff
Sinn und Tragweite der christlichen Propaganda sofort, denn im
Pentateuch wie in den Lehren der früheren Propheten hatte sie längst
schon die Keime dieser socialen Forderungen kennen gelernt. Das
Jubeljahr, welches neuerliche Grundverteilung nach je 49 Jahren
forderte, die Bestimmung, daß alle Knechte im siebenten Jahre
freizulassen seien, was waren sie anderes, als die Vorläufer der von
Christus verlangten allgemeinen Gleichheit. Ob all diese in den heiligen
Schriften des alten Juda niedergelegten socialen Gedanken jemals zu
praktischer Durchführung gelangt waren, ist mehr als zweifelhaft, aber
bekannt und geläufig waren sie längst jedem Juden, und als Christus
daher den Versuch machte, sie ins praktische Leben einzuführen, als er
in gewaltigen, hinreißenden Reden Wehe über den Reichen rief, der sich
vom Schweiße seines Bruders mäste, da erkannten die Mächtigen in
Jerusalem sofort die ihren Interessen drohende Gefahr, welche ihren
nicht jüdischen Standesgenossen erst viel später klar wurde. Es
unterliegt auch nicht dem geringsten Zweifel, daß sie dem römischen
Statthalter gegenüber aus der wahren Beschaffenheit ihrer Besorgnisse
kein Hehl machten, denn nicht als Sektierer, als Aufwiegler wurde
Christus hingerichtet.

Dem Volke aber konnte ebenso selbstverständlich nicht gesagt werden, daß
man den Tod Christi fordere, weil er die in den heiligen Büchern
niedergelegte und von den Propheten oft genug geforderte Gleichheit
praktisch verwirklichen wolle; diesem mußte das Märlein von den
religiösen Ketzereien des Nazareners aufgetischt werden, welches Märlein
indessen -- abgesehen von dem bei der Hinrichtung zusammengelaufenen
urteilslosen Pöbel -- lange Zeit nirgend Glauben fand. Als gut jüdisch
galten die ersten Christengemeinden allenthalben in Israel, als »judaei«
werden sie uns von allen römischen Schriftstellern genannt, in denen
ihrer Erwähnung geschieht. Was sie wirklich waren, wodurch allein sie
sich von den anderen Judengemeinden unterschieden, darüber ist -- trotz
aller anfangs aus leicht begreiflichen Gründen beobachteten Vorsicht und
trotz der später, aus ebenso begreiflichen Gründen geübten Fälschungen
-- in den Apostelgeschichten Genügendes auf uns gekommen. Socialisten,
ja zum Teil Kommunisten waren sie; absolute wirtschaftliche Gleichheit,
Gütergemeinschaft wurde in ihnen geübt. Später erst, als die christliche
Kirche unter Preisgebung ihres socialen Inhalts Frieden mit der
Staatsgewalt geschlossen, aus einer grausam verfolgten Märtyrerin der
Gleichheit, sich in ein Werkzeug der Herrschaft und zwar vielleicht
gerade wegen dieses Renegatentums, doppelt verfolgungssüchtiger
Herrschaft, umgewandelt hatte, erst von da ab suchte sie selber die
tückische Verleumdung ihrer einstigen Ankläger hervor, spielte sich
selber als neue Religion aus -- was sie seither in der That auch
geworden ist. Und daß es ihr gelang, durch länger als anderthalb
Jahrtausende diese ihre neue Rolle mit dem Namen Christi in Verbindung
zu erhalten, ist zum weitaus überwiegenden Teile allerdings die Schuld
des jüdischen Stammes, der durch die blutigen Verfolgungen, die unter
Berufung auf den milden Dulder von Golgata gegen ihn verübt wurden, sich
zu blindem, thörichtem Hasse gegen diesen seinen größten und edelsten
Sohn verleiten ließ.

Aber deshalb bleibt es nicht minder wahr, daß Christus für die Idee der
socialen Gerechtigkeit und nur für diese den Tod erlitten, ja daß diese
Idee schon vor ihm dem Judentume nicht unbekannt war. Und ebenso wahr
ist, daß trotz aller nachträglichen Verdunkelung und Fälschung dieser
welterlösenden Idee, die Propaganda der wirtschaftlichen Befreiung
niemals wieder völlig erstickt werden konnte. Vergebens untersagte die
Kirche der Laienwelt die Lektüre jener Bücher, welche angeblich nichts
anderes, als ihre, der Kirche, Lehren enthalten sollten; immer und immer
wieder holten sich die in tiefster Erniedrigung schmachtenden
europäischen Völker aus diesen verfehmten Schriften Mut und Begeisterung
zu Versuchen der Befreiung.

_Darja-Sing_ (Centrum). Ich möchte das soeben Gehörte dahin ergänzen,
daß auch noch ein anderes Volk und zwar 600 Jahre vor Christus, die Idee
der Freiheit und Gerechtigkeit aus sich gebar -- es ist das indische.
Der eigentliche Kern auch des Buddhismus ist die Lehre von der
Gleichheit aller Menschen und von der Sündhaftigkeit der Unterdrückung
und Ausbeutung. Ja, ich wage sogar die Vermutung zu äußern, daß die
bereits erwähnten socialen Freiheitsgedanken des Pentateuch wie der
Propheten und folglich mittelbar auch die Christi, auf indische Anregung
zurückzuführen sind. Das scheint auf den ersten Blick ein arger
Anachronismus zu sein, denn Buddha lebte wie gesagt 600 Jahre vor
Christus, während die jüdische Legende die Abfassung der fünf Bücher in
das 14. Jahrhundert v. Chr. verlegt. Allein es ist mir bekannt, daß
neuere Forschungen mit nahezu absoluter Sicherheit festgestellt haben,
daß diese angeblichen Bücher Mosis frühestens im sechsten Jahrhundert,
und jedenfalls erst nach der Rückkehr aus der sogenannten babylonischen
Gefangenschaft verfaßt wurden. Gerade zur Zeit aber, als die Elite des
damaligen Juda nach Babylon verpflanzt war, sandte Buddha seine Apostel
durch ganz Asien, und daß die »an den Wassern Babels Weinenden« gegen
solche Lehren damals besonders empfänglich gewesen sein mußten, liegt
auf der Hand.

Wenn also einige germanische Schriftsteller die Behauptung aufstellten,
das Christentum sei ein fremder Blutstropfen im Körper des arischen
Volkstums, so haben sie insofern allerdings Recht, als ihnen das
Christentum thatsächlich als Semitismus, nämlich dem Judentum
entsprossen, zukam; nichtsdestoweniger kann die arische Welt den
Grundgedanken des Christentums für sich reklamieren, da
höchstwahrscheinlich sie es war, welche die ersten Keime hierzu dem
Semitentume übergab. Ich sage das nicht, um das Verdienst des großen
semitischen Freiheitsmärtyrers zu schmälern. Ich kann leider nicht
leugnen, daß wir Arier mit dem unserem Schoße entsprossenen göttlichen
Gedanken aus eigener Kraft nichts anzufangen verstanden. Gleichwie es
wahrscheinlich ist, daß gerade die Scheußlichkeit des indischen
Kastenwesens, jener schändlichsten Blüte, die jemals dem blut- und
thränengedüngten Boden der Knechtschaft entsprossen, Ursache gewesen,
daß in Indien zuerst die geistige Reaktion gegen diese Geißel der
Menschheit sich zeigte, ebenso sicher ist es auf der anderen Seite, daß
das nämliche Kastenwesen die Spannkraft unseres indischen Volkes
allzusehr gebrochen, als daß dieses die empfangene Anregung selber hätte
fruchtbringend verarbeiten können. Der Buddhismus erlosch in Indien und
wurde außerhalb Indiens sehr bald seines socialen Inhalts gänzlich
entkleidet. Jene transcendenten Spekulationen, auf welche man auch im
Abendlande das Christentum zu beschränken _versuchte_, sie sind im Osten
Asiens thatsächlich der einzige Effekt des Buddhismus gewesen. Ja schon
im Geiste der Stifter gestaltet sich der Freiheitsgedanke anders bei
dem, trotz aller Erhabenheit doch den Stempel seines Volkstumes
tragenden »Avatar« Indiens und anders bei dem Messias in Juda, der
inmitten eines von nie gebändigtem Gleichheitsdrange durchglühten Volkes
das Licht der Welt erblickte. Buddha konnte sich die Freiheit wirklich
nur in Form jener hoffnungslosen Entsagung vorstellen, die dem
christlichen Freiheitsgedanken bloß fälschlich von Jenen untergeschoben
wurde, die durch fremde Ansprüche im eigenen Genusse nicht gestört zu
werden wünschten.

Ja ich bin überzeugt, daß auch unsere kräftigeren, nach dem Westen
ausgewanderten Verwandten den Freiheits- und Gleichheitsgedanken nicht
hätten verwerten können, wenn wir -- die indische Welt -- ihnen
denselben unverändert, wie wir ihn schufen, übergeben hätten. Denn auch
ihnen steckte, als sie nach Europa kamen und noch ein Jahrtausend
später, das Kastengefühl im Blute; daß alle Menschen gleich, wirklich
schon hier auf Erden gleich seien, wäre dem germanischen Edeling sowohl,
als dem germanischen Knechte ebenso unfaßbar geblieben, als es dem
indischen Paria oder Sudra und dem Brahmanen oder Ksatrija unfaßbar
geblieben ist. Dieser Gedanke mußte zuerst von dem streng demokratisch
gesinnten kleinen semitischen Volksstamme an den Ufern des Jordan in
feste, fürderhin nicht mehr zu verdunkelnde Formen gebracht und von der
freien nüchternen Forschung Roms und Griechenlands in grelle -- wenn
auch vorläufig ablehnende -- Untersuchung gezogen worden sein, ehe er,
zu rein arischen Volksstämmen verpflanzt, Früchte zu tragen vermochte.
Nahmen doch die bekehrten germanischen Könige das Christentum ganz
ersichtlich nur an, weil sie es für ein passendes Werkzeug der
Herrschaft hielten. Was die neue Lehre den Knechten etwa sagen mochte,
war ihnen vorerst gleichgiltig, denn der Knecht, der in scheuer
Ehrfurcht zu den »Abkömmlingen der Asen«, seinen Herren, emporsah,
erschien für alle Ewigkeit ungefährlich; gegen wen es sich zu wappnen
galt, das waren die Mitherren, die Großen und Edlen, die bisher nur der
faktischen Macht, nicht dem Wesen nach, von den Königen verschieden
waren. Das Herrenrecht kam -- nach arischer Anschauung -- von Gott, sehr
wohl; aber das des kleinsten Edeln in der nämlichen Weise, wie das des
Königs; sie alle stammten von den Göttern ab. In Christus nun fanden die
Könige den _einen_ obersten Herrn, der ihnen, ihnen allein, die Macht
verliehen hatte; abermals besaßen sie eine göttliche Quelle des
Herrenrechts, aber für sich allein und deshalb erzählt uns die
Geschichte überall, daß die Könige gegen den -- oft verzweifelten --
Widerstand der Großen das Christentum einführten, nirgends, daß die
Großen ohne, oder gar gegen den Willen der Könige sich bekehrt hätten.
Die Volksmassen, die Knechte -- wo werden diese jemals überhaupt
gefragt? Sie haben zu thun und zu glauben, was die Herren für gut finden
-- und sie thun es ausnahmslos, ohne den geringsten Widerstand, lassen
sich gleich den Schafen herdenweise zur Taufe ins Wasser treiben und
glauben nunmehr auf Befehl, daß alle Macht von _einem_ Gotte komme, der
sie _einem_ Herrn verliehen. Denn der arische Knecht ist eine willenlose
Sache, die zu eigenem Denken erst erzogen werden muß. Dieses
Erziehungswerk nun hat allerdings ziemlich lange gedauert, aber wie der
Vorredner richtig bemerkte, geschlafen hat der Gedanke der Freiheit
nicht.

_Erich Holm_ (Rechte). Ich glaube, es läßt sich gegen den Nachweis, daß
der Gedanke der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit
schon Jahrtausende alt ist und niemals vollständig entschlief, nichts
stichhaltiges sagen. Aber es fragt sich, ob denn dieser allgemeine
Gleichberechtigungs- und Freiheitsgedanke mit jenem speciellen, an
dessen Verwirklichung wir jetzt schreiten, viel des Gemeinsamen hat,
nicht vielleicht in manchen Stücken das Gegenteil desselben besagt; und
zum zweiten muß nun erst recht Bedenken erregen, daß dieser, wie wir
gehört haben, 2½ Jahrtausende alte Gedanke bisher noch nie und nirgend
verwirklicht werden konnte.

Ersteres anlangend muß ich zugeben, daß Christus -- im Gegensatze zu
Buddha -- die Gleichheit nicht transcendent und metaphysisch, sondern
sehr materiell und buchstäblich verstanden hat. Er pries zwar auch die
Armen an Geist selig, aber unter den Reichen, die ihm zufolge schwerer
ins Himmelreich eingehen sollen, als ein Schiffsseil aus Kamelhaaren
durch ein Nadelöhr, verstand er ganz gewiß nicht die Reichen im Geiste,
sondern die an irdischen Gütern Reichen. Auch ist es richtig, daß er
sagte, »mein Reich ist nicht von dieser Welt« und dem Kaiser geben hieß,
was des Kaisers sei; allein, wer diese Stellen nicht aus dem
Zusammenhange reißt, kann unmöglich übersehen, daß er damit lediglich
jede Einmischung in die politischen Angelegenheiten ablehnt, nicht um
politischer, sondern um transcendenter _Zwecke_, um der ewigen Seligkeit
willen, der socialen Gerechtigkeit zum Siege verhelfen will. Ob Rom oder
Israel herrscht, ist ihm gleichgiltig, wenn nur Gerechtigkeit geübt
wird; doch daß er diese nicht erst im Jenseits, sondern schon hinieden
geübt wissen will, kann nur fromme Beschränktheit leugnen. Aber ist das,
was Christus unter Gerechtigkeit versteht, wirklich dasselbe, was wir
darunter meinen? Zwar das von ihm gleich anderen jüdischen Lehrern
verkündete »Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst« wäre eine sinnlose
Phrase, wenn es nicht wirtschaftliche Gleichberechtigung zur
Voraussetzung hätte. Den Menschen, den man ausbeutet, liebt man wie sein
Haustier, nicht aber wie sich selbst; wahrhaft »christliche
Nächstenliebe« in einer ausbeuterischen Gesellschaft verlangen, wäre
einfach albern, und was dabei herauskommen kann, haben wir bisher
sattsam erfahren. Im übrigen nimmt uns ja der Apostel hierüber den
letzten Rest von Zweifel, denn er verdammt ausdrücklich, sich vom
Schweiße des Nächsten zu mästen, d. h. ihn auszubeuten. Insoweit also
wären wir mit Christus vollkommen eines Strebens. Aber er verdammt
ebenso ausdrücklich den Reichtum, preist die Armut, während wir den
Reichtum zum Gemeingute Aller machen, also alle unsere Mitmenschen in
einen Zustand versetzen wollen, in dem sie -- um mit Christus zu reden
-- schwerer als ein Schiffstau durchs Nadelöhr, ins Himmelreich eingehen
könnten. Hier ist ein Gegensatz, dessen Überbrückung mir schwer möglich
erscheint. Wir halten das Elend, Christus den Reichtum für die Quelle
des Lasters, der Sünde; unsere Gleichheit ist die des Reichtums, die
seinige die der Armut; das bitte ich fürs erste festzuhalten.

Zum zweiten aber hat ja Christus -- trotz des, wie man zugeben wird,
viel bescheidenen Zieles, welches er sich steckte, dasselbe _nicht_
erreicht. Ist sohin die Berufung auf diesen erhabensten aller Geister,
statt uns in Verfolgung unserer Ziele zu stärken, nicht vielmehr
geeignet, uns zu entmutigen?

_Emilio Lerma_ (Freiland). Die Verbindung, in welche der Vorredner die
von Christus gepriesene und geforderte Armut mit dem -- angeblichen --
Mißlingen seines Befreiungswerkes gebracht hat, ist eine verfehlte.
Nicht trotzdem, sondern _weil_ Christus die Gleichheit auf Grundlage der
Armut herstellen wollte, ist dies fürs erste mißlungen. Die Gleichheit
der Armut läßt sich nicht herstellen, denn sie wäre gleichbedeutend mit
Stillstand der Kultur; wohl aber ist es nicht bloß möglich, sondern
notwendig, die Gleichheit des Reichtums ins Werk zu setzen -- sowie die
Voraussetzungen dafür vorhanden sind -- weil dies mit Fortschritt der
Kultur gleichbedeutend ist. Allerdings -- so werden Sie sagen -- so
verhält es sich nach unserer Auffassung; nach derjenigen Christi aber
ist der Reichtum ein Übel. Sehr wahr. Nur kann uns bei unbefangenem
Eingehen in die Sache unmöglich entgehen, _daß Christus den Reichtum nur
verwarf, weil er seine Quelle in der Ausbeutung hatte_. Nichts im ganzen
Laufe des Lebens Jesu deutet darauf hin, daß er jener finstere Ascet
gewesen, der er hätte sein müssen, wenn er den Reichtum als solchen für
sündhaft gehalten hätte; zahllose Stellen der Evangelien legen
unzweideutiges Zeugnis für das Gegenteil ab. Christi Bedürfnisse waren
allerdings einfach; aber er genoß stets mit Behagen, was ihm etwaiger
Reichtum seiner Anhänger bot und sah nirgends ein Übles darin, vom Leben
soviel anzunehmen, als sich mit der Gerechtigkeit verträgt. Auch der
Haß, mit welchem ihn die Reichen Jerusalems verfolgen, änderte diese
seine Anschauung nicht, wie denn überhaupt das oft citierte
Verdammungsurteil gegen die Reichen etwas geradezu verletzendes, dem
Geiste der Evangelien zuwiderlaufendes hat, wenn wir es außer
Zusammenhang halten mit dem »Wehe, wer sich mästet vom Schweiße seines
Bruders«. Im Reichtum verdammt Christus bloß dessen Quelle; nur weil
Reichtum anders, als durch Ausnützung des Schweißes der Brüder nicht
erworben werden konnte, deshalb und nur deshalb allein war ihm das
Himmelreich verschlossen. Kein Zweifel, daß Christus gleich uns sich mit
dem Reichtume versöhnt hätte, wäre damals wie zu unserer Zeit Reichtum
auch ohne Ausbeutung, ja ohne diese erst recht möglich gewesen. Aus
welchen Gründen dies zu Christi Zeiten und noch viele Jahrhunderte
nachher unmöglich war, darüber werden wir uns noch ausführlich zu
verbreiten haben; vorläufig sei bloß konstatiert, _daß_ es unmöglich
war, daß die Wahl bloß zwischen Armut oder Reichtum durch Ausbeutung
stand.

Diese Alternative schärfer als je zuvor ein Anderer erkannt und sich mit
hinreißender Glut gegen die Ausbeutung gewendet zu haben, ist eben die
unsterbliche That Christi. Er mußte dafür am Kreuze sterben, denn im
Gegensatze von Gerechtigkeit und Kulturnotwendigkeit wird stets die
erstere unterliegen; er mußte sterben, weil er nahezu zwei Jahrtausende
zu früh das Banner wahrer Menschenliebe, Freiheit und Gleichheit, kurz
aller edelsten Gefühle des menschlichen Herzens entrollte -- zu früh,
wohlverstanden für ihn, nicht für uns, denn die träge Menschheit
bedurfte dieser zwei Jahrtausende, um voll zu begreifen, was ihr
Märtyrer gemeint, für _sie_ starb er keinen Tag zu früh. Es gibt also
keinen Gegensatz der christlichen Ideen mit unseren Bestrebungen; der
Unterschied beider liegt bloß darin, daß jene, die erste Verkündigung
des Gedankens der Gleichheit, in eine Zeit fallen, wo die materiellen
Voraussetzungen der Verwirklichung dieser göttlichen Idee noch nicht
vorhanden waren, während diese die »Fleischwerdung des Wortes« zu
bedeuten haben, die Frucht des damals in den Geist der Menschheit
niedergelegten Samenkorns. Auch von einem wirklichen »Mißlingen« des
christlichen Befreiungswerkes kann daher eigentlich nicht die Rede sein:
es liegen bloß zwei Jahrtausende zwischen dem Beginn und dem Abschluß
des von Christus unternommenen Werkes.

Hiermit schloß der vorgerückten Stunde halber der Präsident die Sitzung,
die Erledigung der auf der Tagesordnung stehenden Frage auf den morgigen
Tag verschiebend.



                              24. Kapitel.


                        Zweiter Verhandlungstag.
     (Fortsetzung der Verhandlungen über Punkt 1 der Tagesordnung.)

Das Wort erhält _Leopold Stockau_ (Centrum): Ich glaube, daß die
Vorfrage des ersten Punktes der Tagesordnung, nämlich ob unsere
gegenwärtigen Bemühungen im Interesse der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
wirklich ohne jedes wie immer geartete weltgeschichtliche Präcedens
dastehen, am gestrigen Tage erschöpfend, und zwar im verneinenden Sinne
erledigt worden ist. Zum mindesten bin ich von den gestrigen Wortführern
der Gegenpartei ermächtigt, zu erklären, daß sie vollkommen davon
überzeugt worden seien, die Lehre Christi unterscheide sich in keinem
wesentlichen Punkte von dem, was in Freiland verwirklicht ist und was
wir nunmehr zum Gemeingute des ganzen Erdkreises machen wollen. Wir
kommen jetzt zum Hauptgegenstande des ersten Fragepunktes, zu der
Erörterung nämlich, warum diese früheren Versuche, Gerechtigkeit und
Freiheit zur Grundlage der menschlichen Wirtschaft zu machen, erfolglos
bleiben mußten.

Die Antwort auf diese Frage ist durch den letzten Redner des gestrigen
Tages schon angedeutet worden. Die früheren Versuche mißlangen, weil sie
die Gleichheit der Armut etablieren wollten, der unsere wird gelingen,
weil er die Gleichheit des Reichtums bedeutet. Gleichheit der Armut wäre
Stillstand der Kultur gewesen. Kunst und Wissenschaft, diese beiden
Triebfedern des Fortschritts, haben Überfluß und Muße zur Voraussetzung;
sie können nicht bestehen, geschweige denn sich entwickeln, wenn es
Niemand giebt, der mehr besäße, als zur Stillung der tierischen Notdurft
hinreicht. In früheren Epochen menschlicher Kultur war es jedoch
unmöglich, Überfluß und Muße für Alle zu schaffen; es war unmöglich,
weil die Hilfsmittel der Produktion nicht hinreichten, Überfluß für Alle
zu erzeugen, selbst wenn Alle unausgesetzt unter Einsatz ihrer gesamten
physischen Kraft gearbeitet, geschweige denn, wenn sie sich zugleich
jene Muße gegönnt hätten, die zur Entfaltung der höheren geistigen
Kräfte ebenso notwendig ist, wie der Überfluß zur Zeitigung der höheren
geistigen Bedürfnisse. Und da es nicht möglich war, Allen ein vollkommen
menschenwürdiges Dasein zu gewähren, so blieb es eine traurige zwar,
aber darum nicht minder unerschütterliche Kulturnotwendigkeit, die
Mehrzahl der Menschen auch in dem Wenigen, das ihr Teil gewesen wäre, zu
verkürzen und mit dem, den Massen entzogenen Beutestücken eine
Minderzahl auszustatten, die solcherart zu Überfluß und Muße gelangen
konnte. Die Knechtschaft war eine Kulturnotwendigkeit, weil sie allein
zum mindesten in einzelnen Menschen Kulturbedürfnisse und
Kulturfähigkeiten zur Entfaltung zu bringen vermochte, während ohne sie
Barbarei das Los Aller gewesen wäre.

Falsch ist übrigens die Meinung, als ob die Knechtschaft so alt wäre,
als das Menschengeschlecht; sie ist nur so alt, als die menschliche
Kultur. Es gab einst eine Zeit, in der sie unbekannt war, in der es
keine Herren und Knechte gab und niemand die Arbeit seiner Nebenmenschen
auszubeuten vermochte; nur war das nicht das goldene, sondern das
barbarische Zeitalter unserer Rasse. So lange der Mensch die Kunst noch
nicht erlernt hatte, seine Bedürfnisse zu _erzeugen_, sondern sich damit
begnügen mußte, die freiwilligen Gaben der Natur zu sammeln, zu erjagen;
so lange daher jeder Mitkonkurrent als Feind angesehen wurde, der nach
demselben Gute trachtete, welches jeder Einzelne als die ihm bestimmte
Beute ansah; so lange richtete sich der Daseinskampf unter den Menschen
notwendigerweise auf gegenseitige _Vernichtung_, statt auf Unterjochung
und Ausbeutung. Es nützt dem Stärkeren, Schlaueren noch nichts, die
Schwächeren zu unterjochen; der Konkurrent im Daseinskampfe muß getötet
werden, und da der Kampf von Haß und Aberglauben begleitet ist, so
gelangt man bald dahin, den Getöteten auch zu fressen. Ausrottungskrieg
Aller gegen Alle, gefolgt in der Regel von Kannibalismus, war daher der
Urzustand unseres Geschlechts.

Überwunden aber wurde diese erste sociale Ordnung nicht durch moralische
oder philosophische Erwägungen, sondern durch einen Wandel im Wesen der
Arbeit. Der Mann, welcher zuerst auf den Gedanken geriet, ein Samenkorn
in die Erde zu legen, es zu pflegen und Früchte heranzuziehen, war der
Erlöser der Menschheit aus der niedrigsten, blutigsten Stufe der
Barbarei, denn er schuf die erste Produktion, die Kunst, Nahrungsmittel
nicht bloß zu sammeln, sondern zu erzeugen; und als diese Kunst sich in
dem Maße verbessert hatte, daß es möglich wurde, dem Arbeitenden einen
Teil seines Ertrages zu entziehen, ohne ihn geradezu dem Hungertode zu
überantworten, zeigte es sich allgemach, daß es nützlicher sei, den
Besiegten als Arbeitstier und nicht wie bisher, als Schlachttier zu
gebrauchen. Und da dem so war, da die Sklaverei zum erstenmal die
Möglichkeit bot, Überfluß und Muße zum mindesten für eine bevorzugte
Minderheit zu schaffen, so war sie die erste Anregerin höherer Kultur.
Kultur aber ist Macht und so kam es denn, daß Sklaverei oder
Knechtschaft in irgend welcher Form allgemach den Erdball eroberten.

Daraus folgt aber mit nichten, daß die Dauer ihrer Herrschaft eine ewige
sein muß oder auch nur sein kann. Gleichwie Menschenfresserei das
Ergebnis jenes geringsten Ausmaßes der Ergiebigkeit menschlicher Arbeit
gewesen, bei welchem die angestrengteste Thätigkeit eben nur zur
Fristung des nackten tierischen Lebens ausreichte, und der Knechtschaft
weichen mußte, sowie die erste Möglichkeit des Überflusses infolge
wachsender Arbeitsergiebigkeit sich zeigte, so ist auch diese nichts
anderes, als das sociale Ergebnis jenes mittleren Ausmaßes von
Ergiebigkeit, bei welchem die Arbeit zwar genügt, um Einzelnen, nicht
aber, um Allen Überfluß und Muße zugleich zu gewähren, und auch sie
_muß_ einer anderen, höheren socialen Ordnung weichen, sowie dieses
mittlere Maß der Ergiebigkeit überschritten ist, denn von da ab ist sie
aus einer Kulturnotwendigkeit ein Kulturhindernis geworden.

Das ist seit Generationen thatsächlich geschehen. Seitdem es dem
Menschen gelungen ist, die Naturkräfte seiner Produktion dienstbar zu
machen, seitdem er die Fähigkeit erlangt hat, an Stelle der Kraft seiner
Muskeln die unbegrenzten Elementarkräfte eintreten zu lassen, hindert
ihn nichts, Überfluß und Muße für Alle zu erzeugen -- nichts als jene
überlebte sociale Einrichtung, die Knechtschaft nämlich, welche den
Massen den Genuß dieser Güter vorenthält. Wir können nicht bloß, wir
müssen die soziale Gerechtigkeit verwirklichen, weil die neue Form der
Arbeit dies ebenso gebieterisch fordert, als die alten Formen der Arbeit
gebieterisch die Knechtschaft gefordert haben. Diese, einst das Werkzeug
des Kulturfortschrittes, ist zu einem Hindernisse der Kultur geworden,
denn sie vereitelt den vollen Gebrauch der uns zu Gebote stehenden
Kulturmittel. Dadurch, daß sie die Genüsse der großen Majorität unserer
Brüder auf ein äußerst geringes Maß reduziert, auf ein Maß, zu dessen
Erfüllung der Gebrauch der modernen Produktionsbehelfe keineswegs
erforderlich ist, zwingt sie uns, in unserer Arbeit weit hinter jenem
Umfange und hinter jener Vollkommenheit zurückzubleiben, die wir sofort
erreichen würden, sowie nur einmal Verwendung für die dann
unvermeidliche Fülle aller Reichtümer vorhanden wäre.

Ich resumiere also: die wirtschaftliche Gleichberechtigung konnte in
früheren Kulturepochen aus dem Grunde nicht verwirklicht werden, weil
menschliche Arbeit in jenen Epochen nicht hinreichend ergiebig war, um
Reichtum für Alle zu ermöglichen, die Gleichheit also Armut für Alle
bedeutet, diese aber gleichbedeutend mit Barbarei gewesen wäre; sie kann
nicht nur, sie _muß_ jetzt zur Wahrheit werden, weil Dank der erlangten
Kulturmittel unerschöpflicher Reichtum für alle produzierbar wäre, die
thatsächliche Produktion dieses dem Kulturfortschritte entsprechenden
Reichtums aber zudem an die Bedingung geknüpft ist, daß jedermann
genieße, was das Ergebnis seines Fleißes ist.

Der _Vorsitzende_ fragt hierauf, ob niemand fernerhin zu Punkt 1 der
Tagesordnung das Wort ergreifen wolle und erklärt, da dies nicht
geschieht, die Diskussion über dieses Thema für geschlossen.

Zur Debatte gelangt nun Punkt 2:

_Ist der Erfolg der freiländischen Institutionen nicht etwa bloß auf das
ausnahmsweise und daher vielleicht vorübergehende Zusammenwirken
besonders günstiger Verhältnisse zurückzuführen, oder beruhen dieselben
auf überall vorhandenen, in der menschlichen Natur begründeten
Voraussetzungen?_

Das Wort hat _George Dare_ (Rechte): Wir haben den großartigen Erfolg
eines ersten Versuches der Etablierung wirtschaftlicher Gerechtigkeit in
Freiland so handgreiflich vor uns, daß die Frage, ob ein solcher Versuch
gelingen _kann_, gegenstandlos geworden ist. Ein anderes ist jedoch die
Frage, ob er gelingen _muß_, überall gelingen muß, weil er in diesem
einen Falle gelungen ist. Denn die Verhältnisse Freilands sind
exceptionelle in mehr als einer Beziehung. Von den hervorragenden
Fähigkeiten, dem Feuereifer und Opfermute jener Männer ganz zu
schweigen, welche dieses glückliche Gemeinwesen gründeten und zum Teil
heute noch an dessen Spitze stehen, Männer, wie wir sie mit Sicherheit
nicht überall zur Hand haben werden, darf auch nicht übersehen werden,
daß dieses Land von der Natur so verschwenderisch ausgestattet ist, wie
wenige andere, und daß ein breiter Gürtel von Wüste und Wildnis es --
anfangs zum mindesten -- vor jedem störenden fremden Einflusse bewahrte.
Wenn geniale, von unbedingtem Vertrauen ihrer Mitbürger getragene
Männer, auf einem Boden, wo jedes Samenkorn hundertfältige Frucht trägt,
das Wunder vollbringen, unerschöpflichen Reichtum für Millionen aus dem
Nichts hervorzuzaubern, Elend und Laster auszurotten, den Fortschritt
der Künste und Wissenschaften auf die Spitze zu treiben, so beweist das
meines Erachtens noch immer nicht, daß gewöhnliche Menschen, die zudem
vielleicht miteinander hadern, einander mißtrauen werden, auf mageren
Boden und mitten im Gewühle des Konkurrenzkampfes der Welt, die gleichen
oder auch nur ähnliche Resultate erzielen werden. Und daß ich in diesem
Punkte einige Zweifel hege, wird um so erklärlicher erscheinen, wenn man
bedenkt, daß wir in Amerika Zeugen hunderter und aber hunderter von
socialen Experimenten waren, die jedoch alle entweder mehr oder minder
kläglich Fiasko litten, oder günstigen Falls die Bedeutung eines
gelungenen industriellen Einzelunternehmens zu erlangen vermochten. Es
ist wahr, einzelne dieser unserer Versuche zu socialer Revolutionierung
der modernen Gesellschaft haben ganz hübsche pekuniäre Erfolge gehabt;
das war aber auch alles; eine neue, ersprießliche Grundlage der socialen
Ordnung haben sie nicht geschaffen, nicht einmal im Keime. Das möchte
ich zu bedenken geben und bevor wir uns am Beispiele Freilands
berauschen, zu nüchterner Erwägung der Frage auffordern, ob alles, was
für Freiland Geltung hat, auch für die ganze übrige Welt Geltung haben
muß.

_Thomas Johnston_ (Freiland): Der Vorredner irrt, wenn er in
ausnahmsweise günstigen Verhältnissen den Grund des Gelingens des
freiländischen Unternehmens zu finden glaubt. Zwar daß unser Boden
fruchtbarer ist, als in den meisten Teilen der übrigen Welt, ist ein
dauernder Vorteil, der uns jedoch bloß mit dem Betrage der
Frachtdifferenz zugute kommt, denn wenn Sie diesen in Abrechnung
bringen, können Sie überall, wohin Eisenbahn und Dampfschiff reichen, am
Gewinne dieser Fruchtbarkeit vollständig teilnehmen. Die Getrenntheit
vom Weltmarkte durch weite Wüsten war anfangs ein Vorteil, wäre aber
jetzt ein Nachteil, wenn wir ihrer nicht Herr geworden wären, und was
schließlich die Fähigkeiten der freiländischen Verwaltung anlangt, so
muß ich -- nicht aus Bescheidenheit, sondern der Wahrheit entsprechend
-- die uns gemachten Komplimente ablehnen. Wir sind nicht klüger als
andere, die Sie zu Dutzenden in jedem civilisierten Lande finden werden.

Daß aber jene Versuche, von denen der geschätzte Vorredner sprach,
allesamt mißglückten, erklärt sich daraus, daß sie allesamt auf
verkehrter Grundlage unternommen wurden. Mit dem, was wir in Freiland
vollführten und was Sie jetzt nachahmen wollen, haben sie alle bloß ganz
im Allgemeinen das Bestreben gemein, Abhilfe gegen das Elend der
ausbeuterischen Welt zu finden; ein anderes aber ist die Abhilfe, die
wir, eins die, anderes die, welche jene suchten, und darin, nicht in
exceptionellen Vorteilen, die wir voraus gehabt hätten, liegt die
Ursache des Gelingens bei uns, des Mißlingens bei jenen.

Denn es war nicht die wirtschaftliche Gerechtigkeit, mit deren Hilfe
jene zum Ziele gelangen wollten; sie suchten Rettung aus dem Kerker der
Ausbeutung, sei es auf einem Wege, der gar nicht hinausführt, sei es auf
einem solchen, der zwar aus diesem hinaus, dafür aber in einen anderen,
noch abscheulicheren Kerker hineinführt. Bei keinem dieser
amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den Kolonien der
Quäker bis zu dem Ikarien Cabets wurde jemals der volle und
ungeschmälerte Arbeitsertrag dem Arbeitenden als solchem zugewiesen,
vielmehr gehörte der Ertrag entweder kleinen, sich am Unternehmen
zugleich als Arbeiter beteiligenden Arbeitgebern nach Maßgabe ihrer
Kapitaleinlage, oder der Gesamtheit, die als solche über die
Arbeitskraft sowohl als über den Arbeitsertrag jedes Einzelnen
despotisch zu disponieren hatte. Associierte kleine Kapitalisten oder
Kommunisten waren ohne Ausnahme alle diese Reformer. Sie mochten, wenn
sie besonderes Glück hatten, oder unter besonders fähiger Leitung
standen, vorübergehende Erfolge erzielen; an einen Umschwung der
geltenden Wirtschaftsordnung durch sie war nicht zu denken.

_Johann Storm_ (Rechte). Ich glaube, daß das Fehlen jeglicher Analogie
zwischen den wiederholt unternommenen kleinkapitalistischen oder
kommunistischen Gesellschaftsrettungsversuchen und den freiländischen
Institutionen keines ferneren Beweises bedarf. Auch darüber erachte ich
die Akten als geschlossen, daß die exceptionellen äußeren Vorteile, die
den Erfolg jener letzteren allenfalls begünstigt und erleichtert haben
mögen, nicht von der Art sind, daß zu besorgen wäre, unser nunmehr
beabsichtigtes Werk könnte wegen deren Mangel scheitern. Aber damit
wissen wir immer noch nicht, ob wirklich tief im Wesen der menschlichen
Natur gelegene, also mit Sicherheit überall zu erwartende
Voraussetzungen für das Gelingen der Socialreform Gewähr leisten. Wir
haben allerdings schon bei Gelegenheit der Diskussion des ersten Punktes
de Tagesordnung festgestellt, daß die Ausbeutung, Dank der über die
Naturkräfte erlangten Herrschaft, zu einer Kulturwidrigkeit, ihre
Beseitigung also zu einer Kulturnotwendigkeit geworden ist. Die strenge
Kritik kann sich jedoch damit noch nicht beruhigen. Ist denn alles, was
behufs Förderung des Kulturfortschrittes notwendig wäre, damit zugleich
auch möglich? Wie, wenn die wirtschaftliche Gerechtigkeit zwar ein ganz
außerordentliches Kulturvehikel, leider aber aus irgend einem Grunde
undurchführbar wäre? Wie, wenn jener wunderbare Aufschwung, den wir in
Freiland staunend wahrnehmen, doch nur eine vorübergehende Erscheinung
wäre, trotz aller, ja vielleicht gerade wegen seiner märchenhaften Größe
den Keim des Unterganges schon in sich trüge, mit einem Worte, wenn die
Menschheit als Ganzes und auf die Dauer jenes Fortschrittes _nicht_
teilhaftig werden könnte, dessen Voraussetzung allerdings die
wirtschaftliche Gerechtigkeit ist?

Der bisher vernommene Beweis des Gegenteils gipfelt in dem Satze, daß
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen bloß insolange notwendig war,
als der Ertrag menschlicher Arbeit nicht genügte, um Überfluß und Muße
für alle zu ermöglichen. Wie aber, wenn auch noch andere Motive die
Ausbeutung, die Knechtschaft zur Notwendigkeit machten, Motive, deren
zwingende Wirkung mit der gestiegenen Ergiebigkeit der Arbeit noch nicht
beseitigt wäre, vielleicht gar niemals beseitigt werden könnte? Als
gewaltigstes Hindernis dauernder Etablierung eines Zustandes
wirtschaftlicher Gerechtigkeit mit seinem Gefolge von Glück und Reichtum
bietet sich dem vorsorglich in die Zukunft blickenden Sinne die Gefahr
der Übervölkerung dar; doch da die Erörterung dieses Bedenkens einen
besonderen Punkt unserer Tagesordnung bildet, so will auch ich gleich
jenen meiner Gesinnungsgenossen, die vor mir das Wort ergriffen,
vorläufig die sich unter diesem Gesichtspunkte aufdrängenden Argumente
bei Seite lassen; es gibt deren aber noch einige andere, nicht minder
gewichtige. Kann auf die Dauer eine Gesellschaft bestehen und
fortschreiten, welcher die Triebfeder des Eigennutzes fehlt, vermögen
Gemeinsinn und vernünftige Erwägung letztere durchweg und mit gleicher
Wirksamkeit zu ersetzen? Gilt nicht dasselbe vom Eigentume? Eigennutz
und Eigentum aber sind meines Erachtens durch die freiländischen
Institutionen zwar nicht gänzlich bei Seite geschoben -- das will ich
gern zugeben -- aber doch sehr wesentlich eingeengt. Auch unter dem
Walten der wirtschaftlichen Gerechtigkeit ist das Individuum immerhin
für das geringere oder größere Maß seines Wohlergehens selber
verantwortlich, der Zusammenhang zwischen dem eigenen Thun und dem
eigenen Nutzen ist nicht vollständig aufgehoben; aber indem das
Gemeinwesen jedermann und für alle Fälle gegen Not, also gegen die
letzte Konsequenz eigener Fehler oder Unterlassungen unbedingt schützt,
ist doch der Stachel der Selbstverantwortlichkeit sehr wesentlich
abgestumpft. Ebenso sehen wir das Eigentum zwar nicht gänzlich, aber
doch in seinen wichtigsten Bestandteilen abgeschafft. Die ganze Erde mit
allen an ihr haftenden Kräften ist herrenlos erklärt; die
Produktionsmittel sind Gemeingut; wird das, kann das überall und
allezeit ohne schädliche Konsequenzen bleiben? Wird der Gemeinsinn auf
die Dauer jene liebevolle, alle Eventualitäten sinnreich abwägende
Vorsorge ersetzen, die der Eigentümer dem ihm allein überantworteten
Gute angedeihen läßt? Wird die heitere Sorglosigkeit, die bisher in
Freiland allerdings bloß ihre Lichtseiten hervorgekehrt hat, nicht
schließlich in Leichtsinn und Mißachtung dessen umschlagen, was
Niemandes spezieller Verantwortlichkeit übergeben ist? Die Thatsache,
daß es bisher nicht geschehen, erklärt sich vielleicht nur durch die
noch immer -- es ist ja noch kein Menschenalter über die Gründung dieses
Gemeinwesens dahingegangen -- vorwaltende Begeisterung des ersten
Anfanges. Neue Besen, sagt man, kehren gut. Der Freiländer sieht das
Auge einer ganzen Welt auf sich und sein Thun gerichtet; er fühlt sich
noch als Bahnbrecher der neuen Einrichtungen; er ist stolz auf dieselben
und der letzte Arbeiter hier mag sich solcherart noch verantwortlich
fühlen für die Art und Weise, wie er das ihm zugefallene Apostolat der
Weltfreiheit ausübt. Wird das auf die Dauer vorhalten, wird insbesondere
die gesamte Menschheit ähnlich fühlen und handeln? Ich bezweifle es, bin
zum mindesten nicht vollkommen von der Notwendigkeit überzeugt, daß es
geschehen werde. Und was dann, wenn es nicht geschieht, wenn sich zeigen
sollte, daß -- sagen wir nicht alle, aber doch zahlreiche -- Völker des
Stachels von Not getriebenen Eigennutzes, des Lockmittels vollen und
ganzen Eigentums nicht entbehren können, ohne in Stumpfsinn und Trägheit
zu verfallen? Das sind die Fragen, auf die wir zunächst Antwort
erbitten.

_Richard Held_ (Centrum). Der Vorredner findet, daß Eigennutz und
Eigentum so wichtige Beförderungsmittel der Betriebsamkeit sind, daß
ohne deren volle und uneingeschränkte Wirksamkeit menschlicher
Fortschritt auf die Dauer kaum denkbar und deren Ersatz durch den
Gemeinsinn höchst unverläßlich wäre. Ich gehe viel weiter. Ich behaupte,
daß ohne diese beiden Vehikel der Betriebsamkeit an materielles Gedeihen
irgend welchen Gemeinwesens gar nicht zu denken ist, zum mindesten
insolange nicht, bis die menschliche Natur sich nicht radikal geändert,
oder die Arbeit aufgehört hat, eine Plage zu sein. Jeder Versuch, auf
wirtschaftlichem Gebiete den Eigennutz durch Gemeinsinn oder
anderweitige ethische Triebfedern zu ersetzen, müßte schmählich Fiasko
leiden. Das eigens zu beweisen, halte ich für ganz überflüssig; aber
gerade weil dem so ist, gerade weil der Eigennutz und sein Korrelat, das
Eigentum, die besten, durch keinerlei Surrogat gleich wirksam zu
ersetzenden Triebfedern der Arbeit sind, gerade deshalb, so sollte ich
meinen, verdienen die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
auch in diesem Betracht ganz ausgesprochener Maßen den Vorzug vor denen
der ausbeuterischen Wirtschaftsordnung. Denn sie erst bringen Eigennutz
und Eigentum wirklich zur Geltung, während die ausbeuterische Ordnung
sich dieses Verdienst nur fälschlich anmaßt.

Die Knechtschaft ist doch in Wahrheit geradezu die Verneinung des
Eigennutzes. Dieser setzt voraus, daß der Arbeitende durch seine Mühe
dem »eigenen Nutzen« diene -- trifft dies unter dem Walten der
Ausbeutung zu, arbeitet der Knecht zu _eigenem_ Nutzen? Wollte man mit
Rücksicht auf die Frage des Eigennutzes einen Nachteil der
wirtschaftlichen Gerechtigkeit der Knechtschaft gegenüber ableiten, so
müßte man behaupten, die Arbeit gehe dann am fruchtbarsten und
erfolgreichsten von statten, wenn der Arbeitende _nicht_ zu eigenem,
sondern zu fremdem Nutzen produciere. Aber der Arbeitgeber produciert
doch zu eigenem Nutzen, wird man vielleicht einwenden. Richtig. Doch
abgesehen davon, daß auch das streng genommen mit der Wirkung des
Eigennutzes _der Arbeit_ gegenüber nichts zu thun hat, denn hier ist es
wieder nicht der Nutzen eigener, sondern fremder Arbeit, der in Frage
kommt; so ist es doch klar, daß ein System, welches bloß einer
Minderzahl Nutzen an der Arbeit einräumt, unendlich minder wirksam sein
muß, als jenes andere, von uns beabsichtigte, welches diesen Nutzen
_jedem_ Arbeitenden einräumt. In Wahrheit kennt die ausbeuterische Welt
-- von geringfügigen Ausnahmen abgesehen -- nur Menschen, welche ohne
eigenen Nutzen arbeiten und Menschen, welche ohne eigene Arbeit Nutzen
von der Arbeit haben; Arbeit zu eigenem Nutzen kommt in ihr höchstens
nebensächlich vor. Mit welchem Scheine von Recht darf sich also die
Ausbeutung damit brüsten, den _Eigen_nutz als Triebfeder der Arbeit zu
gebrauchen? _Fremd_nutzen ist der richtige Name des bei ihr ins Spiel
kommenden Arbeitmotivs, und daß dieser Fremdnutzen sich wirksamer
erweisen sollte, als der Eigennutz, den die wirtschaftliche
Gerechtigkeit erst als Neuerung in die moderne Welt einführen muß, wäre
denn doch einigermaßen schwer zu beweisen.

Nicht viel anders verhält es sich mit dem Eigentume. Welch grenzenlose
Voreingenommenheit gehört dazu, einem Systeme, welches neunundneunzig
Hundertteile der Menschheit aller und jeglicher Sicherheit des Eigentums
beraubt, ihnen außer der Luft, die sie atmen, nichts läßt, was sie ihr
eigen nennen dürften, nachzurühmen, daß es das Eigentum als
Beförderungsmittel menschlicher Betriebsamkeit gebrauche, und dies einem
anderen Systeme gegenüber, welches alle Menschen ohne Ausnahme zu
Eigentümern, und zwar zu unverkürzten unbedingten Eigentümern all dessen
macht, was sie nur immer hervorbringen mögen! Oder soll vielleicht der
Vorzug des ausbeuterischen »Eigentums« darin liegen, daß es sich auf
Dinge erstreckt, die der Eigentümer _nicht_ hervorgebracht hat? Keine
Frage, die Anhänger des Alten haben schlechthin keine klare Vorstellung
über den Begriff des Mein und Dein. Was gehört denn eigentlich _mir_?
»Alles, was Du Irgendwem wegnimmst«, wäre -- wenn sie aufrichtig sein
wollten -- ihre einzige Antwort. Weil diese Aneignung _fremden_
Eigentums im Laufe der Jahrtausende in gewisse feste, durch grausame
Notwendigkeit geheiligte Formen gebracht worden ist, kam ihnen der
unlöslich mit dem Wesen der Sache verknüpfte, natürliche Begriff des
Eigentums gänzlich abhanden. Es geht über ihr Begriffsvermögen, daß die
Gewalt zwar in Besitz und Genuß erhalten kann, wen ihr beliebt, daß aber
der freie ungehinderte Gebrauch der eigenen Kräfte Jedermanns
ureigenstes Eigentum ist, und daß folglich jede staatliche oder
gesellschaftliche Ordnung, welche sich über dieses Urrecht jedes
Menschen hinwegsetzt, nicht das Eigentum, sondern -- den Raub zur
Grundlage hat. Dieser Raub mag immerhin notwendig, ja nützlich sein --
wir haben gesehen, daß er es Jahrtausende hindurch thatsächlich gewesen
-- »Eigentum« wird er darum doch niemals, und wer ihn dafür hält, der
hat eben vergessen, was Eigentum ist.

Es erscheint mir nach dem Gesagten kaum noch nötig, viel Worte über
jenes Bedenken zu verlieren, daß mangels vollkommenen Eigentums
Leichtsinn oder liebloses Verfahren mit den Produktionsmitteln einreißen
könne. Ersteres anlangend, genügt es wohl zu fragen, ob denn
hoffnungsloses Elend sich als gar so vorzügliches Beförderungsmittel
wirtschaftlicher Voraussicht erwiesen habe, daß dessen Ersatz durch eine
dieses Stachels allerdings beraubte, im übrigen aber vollkommen
durchgeführte Selbstverantwortlichkeit sich als gefährlich erweisen
könnte. Und was das zweite Bedenken betrifft, so hätte dieses nur dann
Berechtigung, wenn in der bisherigen Ordnung die Arbeitenden Eigentümer
der Produktionsmittel gewesen wären. Sondereigentum an diesen wird ihnen
zwar auch die neue Ordnung nicht einräumen, dafür aber den
ungeschmälerten Fruchtgenuß derselben, und wessen Begeisterung für die
Schönheiten der bestehenden Ordnung nicht so weit geht, daß er den Stock
des Herrn für ein wirksameres Beförderungsmittel auch der liebevollen
Vorsorge hält, als den Nutzen der Arbeitenden, der mag beruhigt darüber
sein, daß es auch in dieser Beziehung nicht schlimmer, sondern nur
besser werden kann.

_Charles Prud_ (Rechte). Ich begreife durchaus nicht, wie der geehrte
Vorredner bestreiten kann, daß in der bisherigen Ordnung Eigennutz es
ist, was die Massen zur Arbeit nötigt. Wer wollte leugnen, daß sie einen
Teil des Nutzens ihrer Arbeit abgeben müssen; aber ein anderer Teil
verbleibt doch jedenfalls auch ihnen, sie arbeiten daher, zwar nicht
ausschließlich, wohl aber mit zu ihrem eigenen Nutzen. Und jedenfalls
_müssen_ sie arbeiten, wollen sie dem Hunger entgehen, und man sollte
meinen, daß dieser Sporn der wirksamste von allen ist. Soviel über die
Leugnung des Eigennutzes als Triebfeder der sogenannten ausgebeuteten
Arbeit. Was aber den Ausfall gegen den Eigentumsbegriff von uns
Verteidigern -- nicht etwa der bestehenden Übelstände, aber doch einer
besonnenen, maßhaltenden Reform derselben -- anlangt, so möchte ich mir
in aller Bescheidenheit die Bemerkung erlauben, daß unser Rechtsgefühl
sich dabei beruhigte, daß den Arbeitenden Niemand zwang, mit dem
Arbeitgeber zu teilen. Er schloß als freier Mann einen Vertrag mit
demselben ... (allgemeine Heiterkeit). Lachen Sie immerhin, es ist doch
so. In politisch freien Ländern hindert den Arbeiter nichts, ungeteilt
für eigene Rechnung zu arbeiten; den Anteil, den er dem Unternehmer
abtritt, Raub zu nennen, ist daher jedenfalls ungerecht.

_Béla Székely_ (Centrum). Mir will scheinen, daß es ein müßiger Streit
um Worte ist, den mein Vorredner zu entfesseln sich anschickt. Er nennt
den Arbeitslohn einen Teil des Nutzens der Produktion -- mag sein, daß
hie und da die Arbeiter wirklich einen Teil des Nutzens als Lohn oder
als Zugabe zu diesem empfangen; bei uns und, wenn ich recht unterrichtet
bin, auch im Lande des Redners war das im allgemeinen nicht üblich,
vielmehr zahlten wir den Arbeitern, ganz unbekümmert um den Nutzen ihrer
Arbeit, eine zur Fristung ihres Lebens dienende Summe; Nutzen --
eventuell auch Schaden -- der Produktion gehörte ausschließlich uns, den
Unternehmern. Mit ungefähr demselben Rechte könnte er behaupten, daß
seine Ochsen oder Pferde am »Nutzen« der Produktion teilhaben. Wenn ich
sage, mit »ungefähr« demselben Rechte, so meine ich damit, daß dies von
Ochsen und Pferden in der Regel mit etwas _besserem_ Rechte gesagt
werden könnte, denn während diese nützlichen Kreaturen zumeist besseres
und reichlicheres Futter erhielten, wenn ihre Arbeit den Herrn reich
gemacht hatte, geschah dies bei unseren zweibeinigen, vernunftbegabten
Arbeitskreaturen höchstens in sehr seltenen Ausnahmefällen.

Dann identificiert der Herr Vorredner vollends den Hunger mit dem
Eigennutze. Die Massen _müssen_ arbeiten, sonst verhungern sie.
Allerdings. Aber der Sklave muß auch arbeiten, sonst erhält er Prügel --
folglich, so sollten wir nach dieser seltsamen Logik sagen, wird auch
der Sklave durch Eigennutz zur Arbeit getrieben. Oder will man sich
vielleicht darauf steifen, daß Eigennutz sich nur auf die Erlangung
materieller Güter beziehe? Das wäre zwar falsch, denn Prügel vermeiden
ist schließlich nicht mehr und nicht minder eine Forderung des
Eigennutzes, als den Hunger stillen; aber ich will um solche
Kleinigkeiten nicht streiten; lassen wir also den Stock und die Peitsche
als Symbole vom Eigennutz beflügelter Betriebsamkeit fallen. Wie aber
steht es dann mit jenen Sklavenhaltern, die -- wahrscheinlich im
Interesse der >Freiheit der Arbeit< -- ihre faulen Sklaven nicht
prügelten, sondern hungern ließen? Unter deren Regime wurde -- dem
Vorredner nach -- offenbar der Eigennutz als Triebfeder der Arbeit auf
den Thron gesetzt? Daß der Hunger ein sehr wirksames _Zwangs_mittel ist,
ein wirksameres, als die Peitsche -- wer wollte das leugnen; er hat
daher letztere auch überall und sehr zum Vorteile der Arbeitgeber
verdrängt. Aber Eigennutz? Dazu gehört, das sagt schon der Klang des
Wortes, daß der Nutzen der Arbeit Eigen des Arbeitenden sei. Soviel über
den Eigennutz.

Und was nun vollends die Verwahrung gegen das Unrecht der Ausbeutung
anlangt, so verstehe ich dieselbe schon ganz und gar nicht. >Frei< waren
die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem Vorteil zu producieren?
Jawohl, nichts als die Kleinigkeit, der Hunger. Sie mochten es immerhin
bleiben lassen, wenn sie verhungern wollten! Wieder genau dieselbe
>Freiheit<, die auch der Sklave hat. Wenn ihn die Peitsche nicht
geniert, nötigt ihn nichts zur Arbeit für seinen Herrn. Die Fesseln, in
denen die >freien< Massen der ausbeuterischen Gesellschaft schmachten,
sind enger, peinigender, als die Ketten des Sklaven. Das Wort >Raub<
gefällt dem Vorredner nicht? Es ist in der That ein hartes, häßliches
Wort; aber der >Räuber< ist ja nicht der einzelne Ausbeuter, sondern die
ausbeuterische Gesellschaft und diese war einst, in der bitteren Not des
Daseinskampfes, zu diesem Raube genötigt. Ist das Töten im Kriege
deshalb weniger Todschlag, weil nicht der Einzelne, sondern der Staat,
und dieser häufig notgedrungen, die Veranlassung dazu giebt? Man wird
sagen, daß diese Art des Tötens durch das Strafgesetz nicht verboten, ja
von der Pflicht gegen das Vaterland geboten sei und daß >Todschlag< nur
verbotene Arten des Tötens genannt werden dürfen. Das ist _juristisch_
sehr richtig, und wenn sich jemand beifallen ließe, das Töten im Kriege
vor den Strafrichter zu ziehen, so würde man ihn mit Fug auslachen. Aber
ebenso verlachen müßte man Jenen, der, weil Töten im Kriege erlaubt ist,
bestreiten wollte, dasselbe sei Todschlag, wenn es sich nicht um die
juristische Strafbarkeit, sondern um die Begriffsbestimmung des
Totschlags als einer Handlungsweise handelte, bei welcher ein Mensch
gewaltsam vom Leben zum Tode gebracht wird. So ist auch die Ausbeutung
kein Raub im strafrechtlichen Sinne; wenn aber jede Aneignung fremden
Eigentums Raub genannt werden darf -- und nur darum handelt es sich im
vorliegenden Falle -- dann ist Raub und nichts anderes die Grundlage
jeder ausbeuterischen Gesellschaft, der modernen >freien< nicht minder,
als der auf Sklaverei oder Hörigkeit gestützten antiken oder
mittelalterlichen. (Lang andauernder Applaus, in welchen auch die Herren
Johann Storm und Charles Prud einstimmen).

                (Schluß des zweiten Verhandlungstages.)



                              25. Kapitel.


                        Dritter Verhandlungstag.
        (Fortsetzung der Debatte über Punkt 2 der Tagesordnung.)

_James Brown_ (Rechte). Unser Kollege aus Ungarn hat gestern die wahre
Beschaffenheit des Eigennutzes und des Eigentums in der ausbeuterischen
Gesellschaft mit so markigen Worten gekennzeichnet, daß davon fürderhin
wohl nicht mehr die Rede sein wird. Aber wenn es auch richtig ist, daß
erst die wirtschaftliche Gerechtigkeit diese beiden Triebfedern der
Arbeit in ihr Recht einzusetzen vermöchte, so muß immer noch gefragt
werden, ob der einzige Weg, der zu diesem Ziele führt, nämlich die
Organisation freier, selbstherrlicher, unausgebeuteter Arbeit sich
überall und ausnahmslos praktikabel erweisen wird. Mit der noch so
feierlichen Proklamierung des Grundsatzes, daß jeder Arbeitende sein
eigener Herr sei und mit noch so vollständiger Einräumung des
Verfügungsrechtes über die Produktionsmittel an alle Arbeitenden, wäre
wenig gewonnen, wenn letztere sich unfähig erweisen sollten, von diesen
Rechten den entsprechenden Gebrauch zu machen. Worauf es in letzter
Linie ankommt, das ist also die Frage, ob die Arbeiter der Zukunft
allezeit und überall jene Disciplin, jene Mäßigung und Weisheit an den
Tag legen werden, die zur Organisierung wahrhaft fruchtbringender,
fortschrittlicher Produktion erforderlich sind? Die ausbeuterische
Wirtschaft hat eine vieltausendjährige Routine hinter sich; wie es
anzustellen sei, um eine Schar zu stummem Gehorsam gezwungener Knechte
in Ordnung zu erhalten, das sagt dem Arbeitgeber nach altem Rechte die
gesammelte Erfahrung unzähliger Generationen. Trotzdem begeht auch er
häufig Mißgriffe und nur zu oft scheitern seine Pläne an der
Widersetzlichkeit der Untergebenen. Die Leiter der Arbeiterassociationen
der Zukunft haben so gut wie keinerlei Erfahrungen hinter sich, wenn es
sich um die Organisationsformen handelt, welche sie anzuwenden haben;
sie werden diejenigen zu Herren erhalten, denen sie befehlen sollen --
und trotzdem, so sagt man uns, kann ihnen der Erfolg nicht fehlen, ja er
darf nicht fehlen, soll die associierte freie Gesellschaft nicht in
ihren Grundfesten erschüttert werden. Denn während die ausbeuterische
Gesellschaft die Verantwortlichkeit für das Schicksal der einzelnen
Unternehmungen ausschließlich diesen Unternehmungen selber überläßt,
hängt vermöge der so oft hervorgehobenen Interessensolidarität der
freien Gesellschaft das Wohl und Wehe der Gesamtheit aufs unlöslichste
mit dem jeder einzelnen Unternehmung zusammen. Ich will mich gern eines
Besseren belehren lassen; aber insolange dies nicht geschehen ist, kann
ich nicht umhin, in dem soeben Gesagten Bedenken zu erblicken, welche
durch die bisherigen Erfahrungen Freilands mit nichten völlig zerstreut
sind. Die freiländischen Arbeiter haben es verstanden, sich zu
disciplinieren; folgt daraus, daß dies die Arbeiter überall verstehen
werden?

_Miguel Spada_ (Linke). Ich beschränke mich darauf, eine kurze Antwort
auf jene Frage zu erteilen, mit welcher der Vorredner geschlossen. Nein,
sicherlich, daraus, daß den Freiländern die Organisierung und
Disciplinierung der Arbeit ohne herrische Arbeitgeber gelungen ist und
daraus, daß sie ganz unfraglich noch zahlreichen anderen Völkern
gelingen wird, folgt mit nichten, daß sie _allen_ Völkern
notwendigerweise gelingen muß. Möglich, ja sagen wir immerhin
wahrscheinlich, daß einzelne Völker sich unfähig erweisen werden, von
dieser höchsten Art des Selbstbestimmungsrechtes Gebrauch zu machen; um
so schlimmer für diese. Aber daraus, das will ich hoffen, wird doch
Niemand die Folgerung ableiten, daß auch jene Völker, und befänden sie
sich selbst in der Minderzahl, denen diese Fähigkeit nicht abgeht, auf
die Anwendung derselben verzichten sollen. Diese Fähigeren werden dann
die Lehrmeister der Unfähigeren werden. Sollten sich aber diese nicht
nur unfähig, sondern auch als ungelehrig erweisen -- je nun, dann werden
sie eben so von dem Erdboden verschwinden, wie ungelehrige Kannibalen
verschwinden müssen, wo sie mit Kulturnationen in Berührung treten. Daß
die Nation, welcher der Fragesteller angehört, diesen unfähigen Nationen
_nicht_ beigezählt werden muß, darauf mag er sich getrost verlassen.

_Wladimir Tonof_ (Freiland). Das geehrte Mitglied aus England (Brown)
hat eine unrichtige Vorstellung sowohl von den Schwierigkeiten der hier
in Frage kommenden Organisation und Disciplin, als von der Bedeutung
eventueller Mißerfolge einzelner Unternehmungen in einem freien
Gemeinwesen. Erstere anlangend will ich darauf hinweisen, daß in der
Organisation associierter Kapitalien, die bekanntlich Jahrhunderte alt
ist, eine keineswegs zu verachtende Vorschule der Arbeitsassociation
gegeben ist, soweit es sich um die dabei zu wählenden Formen der Leitung
und Überwachung handelt. Zwar giebt es Verschiedenheiten
tiefeingreifender Art, die wohl beachtet sein wollen; es liegt aber im
Wesen der Sache, daß die Unterschiede alle zu Gunsten der
Arbeitsassociation sich geltend machen. Bei diesen sind nämlich die
Hauptgebrechen der Kapitalsassociation, das sind Unkenntnis und
Gleichgiltigkeit der Genossen den Aufgaben des Unternehmens gegenüber,
nicht zu besorgen und es ist daher hier auch jener peinliche, die
Aktionsfreiheit der Leitung lähmende und trotzdem nutzlose
Kontrollapparat, welcher den Statuten der Kapitalsvergesellschaftungen
als Ballast anhaftet, vollkommen entbehrlich. Der einzelne Aktionär
versteht in der Regel nichts von den Geschäften seiner Gesellschaft und
hat ebenso in der Regel gar nicht die Absicht, sich um den Geschäftsgang
anders, als durch Empfangnahme der Dividenden zu kümmern. Trotzdem ist
_er_ der Herr des Unternehmens, von seinem Votum hängt dessen Schicksal
in letzter Linie ab; welche Umsicht ist daher vonnöten,
um diesen Aktionär vor den möglichen Folgen der eigenen
Unkenntnis, Leichtgläubigkeit und Nachlässigkeit zu schützen! Die
vergesellschafteten Arbeiter dagegen sind mit dem Wesen ihres
Unternehmens sehr wohl vertraut, dessen Gedeihen ist ihr vornehmstes
materielles Interesse und wird von ihnen auch ausnahmslos als solches
erkannt. Das sind ausschlaggebende Vorteile. Oder will man darin eine
besondere Schwierigkeit sehen, daß die Arbeiter sich der Leitung von
Personen unterwerfen sollen, deren Stellung von ihrem, der zu Leitenden,
Votum abhängt? Dann könnte man mit demselben Rechte die Autorität aller
aus Wahl hervorgehenden politischen und sonstigen Behörden anzweifeln.
Den Leitern fehlt jegliches Mittel, Gehorsam zu _erzwingen_? Falsch; es
fehlt ihnen nur eines, das Recht, den Unbotmäßigen willkürlich zu
entlassen. Aber dieses Recht fehlte auch gar mancher anderen, auf
Disciplin und vernünftige Fügsamkeit der Mitglieder angewiesenen
Körperschaft, die nichtsdestoweniger, oder gerade deshalb weitaus
bessere Disciplin hielt, als jene Vereinigungen, deren Gehorsam durch
die weitestgehenden Zwangsmittel gewährleistet war. Zwar kann, wo der
äußere Zwang fehlt, die Disciplin schwerer in Tyrannei ausarten, aber
das ist doch wahrlich kein Übel. Zudem steht den Leitern freier
Arbeitervergesellschaftungen ein Zwangsmittel der Disciplin zur
Verfügung, dessen Gewalt schrankenloser und unbedingter ist, als die der
schonungslosesten Tyrannei: die alles umfassende gegenseitige Kontrolle
der Genossen, deren Einfluß selbst der Hartnäckigste auf die Dauer nicht
widerstehen kann. Allerdings ist zu all dem unerläßlich, daß die
Arbeitenden insgesamt, oder doch zu weitaus überwiegendem Teile
vernünftige Männer seien, deren Intelligenz zu nüchterner Abwägung des
eigenen Vorteils ausreicht. Allein das ist ja ganz im Allgemeinen die
erste und oberste Voraussetzung der Etablierung wirtschaftlicher
Gerechtigkeit. Daß diese -- das Endergebnis des bisherigen
Entwicklungsganges der Menschheit -- nur für Menschen paßt, die sich aus
dem untersten Stadium der Brutalität herausgearbeitet haben, unterliegt
in keinem Betracht einer Frage. Daraus folgt, daß Völker und Individuen,
welche diese Stufe der Entwicklung noch nicht erreicht haben, zu
derselben erzogen werden müssen, welches Erziehungswerk bei nur einigem
guten Willen durchaus nicht schwer ist. Daß es, ernstlich in Angriff
genommen, irgendwo gänzlich mißlingen könnte, bezweifeln wir.

Und nun besehen wir uns die zweite Seite der aufgeworfenen Frage. Ist es
richtig, daß vermöge der im freien Gemeinwesen waltenden
Interessensolidarität das Wohl und Wehe der Gesamtheit unlöslich mit dem
jeder einzelnen Unternehmung zusammenhänge? Versteht man darunter, daß
in einem solchen Gemeinwesen Jedermann an Jedermanns Wohl, also auch am
Gedeihen jeder Unternehmung interessirt ist, so entspricht dies
vollkommen dem Sachverhalte; soll aber -- und das war ersichtlich die
Meinung des geehrten Redners -- damit gesagt sein, daß das Wohl eines
solchen Gemeinwesens vom Gedeihen jedes einzelnen Unternehmens seiner
Angehörigen abhänge, so ist dies durchaus grundlos. Geht es einem
Unternehmen schlecht, so verlassen es seine Mitglieder und wenden sich
einem besser gedeihenden zu, das ist alles. Wohl aber schützt umgekehrt
diese mit der Interessensolidarität verknüpfte Beweglichkeit der
Arbeitskräfte das freie Gemeinwesen vor tiefergehenden Folgen etwa
wirklich begangener Mißgriffe. Kommt es irgendwo zu übelberatenen
Wahlen, so können die ungeschickten Geschäftsleiter verhältnismäßig
geringes Unheil stiften; sie sehen sich, d. h. das von ihnen geleitete
Unternehmen, sehr rasch von Arbeitern verlassen, die Verluste bleiben
bedeutungslos, weil auf einen kleinen Kreis beschränkt. Ja, diese
Beweglichkeit erweist sich in letzter Linie als wirksamstes Korrektiv
aller wie immer gearteten Fehler, als das Mittel, welches überall die
mangelhaften Organisationsformen und schwachen Intelligenzen verdrängt
und gleichsam automatisch durch tüchtigere ersetzt. Denn die aus welchem
Grunde immer schlecht gedeihenden Unternehmungen werden stets in
verhältnismäßig kurzer Zeit von den besseren aufgesogen, ohne daß dies,
wie in der ausbeuterischen Gesellschaft, zum Ruine der bei ersteren
Beteiligten führen könnte. Es ist daher auch nicht nötig, daß diese
freien Organisationen überall gleich im ersten Anlaufe das Beste
treffen, damit schließlich allenthalben Ordnung und Tüchtigkeit
herrsche; denn im friedlichen Wettbewerbe verschwindet das Mangelhafte
rasch vom Schauplatze, indem es in die als tüchtig erprobten
Unternehmungen aufgeht, die dann allein das Feld behaupten.

_Miguel-Diego_ (Rechte). Wir wissen nunmehr, daß die neue Ordnung alle
natürlichen Erfordernisse des Gelingens in sich vereinigt; daß ihre
Einführung ein Erfordernis des Kulturfortschrittes sei, wurde früher
schon nachgewiesen. Wie kommt es trotz alledem, daß dieselbe nicht als
das Ergebnis des Zusammenwirkens elementarer, gleichsam automatisch
eintretender geschichtlicher Vorgänge, sondern vielmehr als eine Art
Kunstprodukt, als planmäßig eingeleitetes Resultat der Bestrebungen
einzelner Männer ihren Einzug in die Welt hielt? Wie, wenn die
»Internationale freie Gesellschaft« sich nicht gebildet hätte, oder wenn
ihr Aufruf erfolglos geblieben, wenn ihr Werk gleich im Keime gewaltsam
erstickt worden, oder wenn es aus irgend einem anderen Grunde
fehlgeschlagen wäre? Man wird zugeben, daß dies immerhin denkbare
Eventualitäten sind. Wie stände es um die wirtschaftliche Gerechtigkeit,
wenn eine dieser Möglichkeiten Thatsache geworden wäre? Wenn die
Socialreform in Wahrheit eine unvermeidliche Notwendigkeit ist, dann
müßte sie sich schließlich auch gegen den Widerstand einer ganzen Welt
durchsetzen, dann müßte sich zeigen lassen, daß und kraft welcher
unlöslich mit ihr verknüpften Gewalten, sie den Sieg über Vorurteil,
bösen Willen und Mißgeschick davongetragen hätte. Erst damit wäre der
Beweis erbracht, daß das Werk, um welches wir uns bemühen, mehr ist, als
die ephemere Frucht unsicheren Menschenwitzes, daß vielmehr jene Männer,
die den ersten Anlaß dazu gaben und seine Entwickelung überwachten,
damit lediglich als Werkzeuge jenes Weltgeistes handelten, der -- hätten
_sie_ ihm versagt -- um andere Werkzeuge und Wege zu dem unvermeidlichen
Ziele nicht verlegen gewesen wäre.

_Henri Ney_ (Freiland). In der That, wenn die wirtschaftliche
Gerechtigkeit auf unser, der Gründer von Freiland, Eingreifen angewiesen
wäre, um Thatsache zu werden, dann stünde es schlecht nicht bloß um ihre
Notwendigkeit, sondern auch um ihre Sicherheit. Denn was einzelne
Menschen schaffen, können demnächst andere Menschen wieder rückgängig
machen. Zwar sind äußerlich betrachtet alle geschichtlichen Vorgänge
Menschenwerk; aber die großen geschichtlichen Notwendigkeiten
unterscheiden sich dadurch von den bloß zufälligen Ereignissen, daß sich
bei ihnen allemal erkennen läßt, ihre Akteure seien lediglich die
Werkzeuge des Schicksals, Werkzeuge, die der Genius der Menschheit
hervorbringt, wenn er ihrer bedarf. Wir wissen nicht, wer die Sprache,
das erste Werkzeug, die Schrift, erfunden hat; aber wer es auch sei, wir
wissen, daß er in dem Sinne ein bloßes Werkzeug des Fortschritts
gewesen, als wir mit der nämlichen Sicherheit, mit welcher wir irgend
ein anderes Naturgesetz aussprechen, die Behauptung wagen können,
Sprache, Werkzeug, Schrift wären erfunden worden, auch wenn ihre
zufälligen Erfinder niemals das Licht der Welt erblickt hätten. Das
nämliche nun gilt auch von der wirtschaftlichen Freiheit; sie wäre
gefunden worden, auch wenn keiner von uns, die wir sie thatsächlich
zuerst fanden, existiert hätte. Nur freilich wäre in diesem Falle die
Form ihres Eintritts in die Welt der geschichtlichen Thatsachen
wahrscheinlich eine andere geworden, vielleicht eine friedlichere,
erfreulichere noch, als jene, deren Zeugen wir sind, vielleicht aber
auch eine gewaltthätige und schreckliche.

Um das in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise zu zeigen, muß
zunächst erwiesen werden, daß der Fortbestand der modernen Gesellschaft,
so wie sie sich im Laufe des letzten Jahrhunderts entwickelt hat, ein
Ding innerer Unmöglichkeit ist. Zu diesem Behufe werden Sie mir
gestatten, etwas weiter auszuholen.

In der ursprünglichen barbarischen Gesellschaft, wo die Ergiebigkeit der
Arbeit so gering war, daß der Schwächere durch den Stärkeren nicht
ausgebeutet und das eigene Gedeihen nur durch Verdrängung und
Vernichtung der Mitkonkurrenten gefördert werden konnte, waren Blutgier,
Grausamkeit, Hinterlist, durchaus erforderlich nicht bloß zum Fortkommen
des Individuums, sondern sie dienten auch ersichtlich zum Vorteile jener
Gesellschaft, der das Individuum angehörte. Sie waren deshalb nicht bloß
allgemein verbreitet, sondern galten ganz offenbar als Tugenden. Der
erfolgreichste, erbarmungsloseste Menschenschlächter war der
geehrteste seiner Horde und wurde sicherlich in Wort und Lied als
nachahmenswürdiges Beispiel gepriesen.

Als dann die Ergiebigkeit der Arbeit wuchs, verloren diese »Tugenden«
zwar viel von ihrer ursprünglichen Bedeutung, in ihr Gegenteil aber
verkehrten sie sich erst, als die Sklaverei erfunden wurde und nunmehr
die Möglichkeit sich einstellte, statt des Fleisches die Arbeitskraft
des besiegten Konkurrenten sich und der eigenen Gemeinschaft nutzbar zu
machen. Nun erst wurde blutgierige Grausamkeit, die bis dahin immer noch
nützlich gewesen, schädlich, denn sie beraubte um eines vorübergehenden
Genusses -- des Menschenfleischgenusses -- willen das siegende
Individuum sowohl, als die Gesellschaft, welcher es angehörte, des
dauernden Vorteils vermehrten Wohlstandes und gewachsener Macht. Die
bestialische Blutgier mußte daher in der neuen Form des Daseinskampfes
allmählich schwinden, aus einer bewunderten und gehegten Tugend zu einer
mehr und mehr der allgemeinen Mißbilligung unterworfenen Eigenschaft, d.
i. also zu einem Laster werden. Sie _mußte_ dazu werden, weil nur jene
Horden, in denen dieser moralische Umwandlungsproceß Platz griff, der
Vorteile der neuen Formen der Arbeit und der neuen socialen Institution
-- der Sklaverei -- in vollem Maße teilhaft werden konnten, dadurch an
Kultur und Macht zunahmen und ihre gewachsene Macht dann dazu benützten,
die auf ihren alten kannibalischen Sitten beharrenden Stämme auszurotten
oder sich zu unterwerfen. Eine neue Moral setzte sich solcherart im
Laufe der Jahrtausende unter den Menschen fest, eine Moral, die in ihren
Grundzügen sich bis auf unsere Tage erhalten hat, die der Ausbeutung.

Eine der seltsamsten Täuschungen aber ist es, diese Ethik
»Menschenliebe« zu nennen. Zwar der wilde, blutdürstige Haß gegen den
Nebenmenschen war milderen Gefühlen gewichen, aber von diesen bis zu
wirklicher Menschenliebe, unter welcher wir die Wertschätzung des
Nebenmenschen als _Unseresgleichen_ verstehen, zum Unterschiede von
jenem kalten Wohlwollen, welches wir allenfalls auch dem Tiere
entgegenbringen, ist noch ein weiter Schritt. Wirkliche Menschenliebe
verträgt sich mit der Ausbeutung so wenig, als mit dem Kannibalismus.
Denn die neue Form des Daseinskampfes verdammt zwar das Töten des
Besiegten, macht aber an dessen Statt die Unterdrückung und
Vergewaltigung des Nebenmenschen zu einem gebieterischen Erfordernisse
des eigenen Gedeihens. Und man verstehe wohl: wahre, vollkommene
Menschenliebe kann bei jener Art des Daseinskampfes, wie ihn die
ausbeuterische Gesellschaft führt, nicht bloß nicht gefördert werden,
sie erweist sich als geradezu schädlich und vermag -- als allgemein
verbreiteter Gattungsinstinkt -- gar nicht zu bestehen. Einzelne
Individuen mögen immerhin den Nebenmenschen als Ihresgleichen lieben;
sie bleiben, solange die Ausbeutung in Kraft ist, seltene und von der
öffentlichen Meinung keineswegs geschätzte Sonderlinge. Nur Heuchelei
oder grobe Selbsttäuschung werden das in Zweifel ziehen. Allerdings
haben die sogenannten civilisierten Nationen des Abendlandes seit länger
als einem Jahrtausend das Wort: »Liebe Deinen Nächsten _wie dich
selbst_« auf ihre Fahnen geschrieben und ohne Scheu behauptet, sich an
dasselbe zu halten, oder doch zum mindesten bestrebt zu sein, diesem
Worte nachzuleben. In Wahrheit aber liebten sie den Nebenmenschen --
bestenfalls -- wie ein nützliches Haustier, zogen ohne den geringsten
Skrupel Vorteil aus seiner Plage, seiner Marter, und schreckten auch vor
dessen kaltblütiger Tötung nicht entfernt zurück, wenn ihr wirklicher
oder vermeintlicher Vorteil sie dazu antrieb. Und das waren nicht etwa
die Gesinnungen und Gefühle einzelner, besonders hartherziger
Individuen, sondern die der Gesellschaft als solcher; sie wurden von der
öffentlichen Meinung nicht mißbilligt, sondern gebieterisch gefordert,
unter allerlei wohlklingenden Namen als Tugenden gepriesen, und ihr
Widerspiel, die wirkliche Menschenliebe, galt, sowie statt leerer
Phrasen Thaten in Frage kamen, günstigenfalls als bemitleidenswerte
Thorheit, in der Regel aber als todeswürdiges Verbrechen. Er, der jenes
Wort gesprochen und zu dem sie in ihren Kirchen beteten, wäre von ihnen
allen abermals ans Kreuz geschlagen, verbrannt, gerädert, gehängt -- in
der jüngsten Vergangenheit vielleicht bloß eingekerkert worden, hätte er
es abermals, wie vor neunzehn Jahrhunderten, gewagt, auf offenem Markte
und in zündender, nicht mißzuverstehender, lebendiger Rede zu predigen,
was ihr blödes Auge und ihr durch Jahrtausende alten Selbstbetrug
verwirrter Sinn in den Schriften seiner Jünger wohl las, aber nicht
begriff.

Und das Entscheidende dabei ist, daß die Menschheit in der Epoche der
Ausbeutung anders gar nicht fühlen und denken, geschweige denn handeln
konnte. Sie _mußte_ auf der Ausbeutung beharren, solange diese eine
Kulturnotwendigkeit war, sie _konnte_ daher keine Menschenliebe
empfinden und üben, denn diese verträgt sich mit Ausbeutung so wenig,
als Widerwille vor dem Totschlag mit Kannibalismus. Gleichwie in der
ersten barbarischen Menschheitsepoche schon das, was die Ausbeutung
»Humanität« nennt, ein Nachteil im Daseinskampfe gewesen wäre, so hätte
späterhin das, was _wir_ Humanität nennen, die wahre Menschenliebe, jede
davon befallene Nation in Nachteil versetzt. Fressen oder gefressen
werden -- das war die Alternative in der Epoche des Kannibalismus;
unterdrücken oder unterdrückt werden, in der Epoche der Ausbeutung.

Nun hat sich ein neuerlicher Wandel in der Form und Ergiebigkeit der
Arbeit vollzogen; die socialen Einrichtungen sowohl, als die moralischen
Empfindungen der Menschheit können davon nicht unberührt bleiben. Aber
-- und damit bin ich zum letzten entscheidenden Punkte gekommen -- es
sind dabei allerdings mehrere Formen der Entwickelung denkbar. Die erste
ist diejenige, mit welcher wir uns bisher ausschließlich beschäftigt
haben: die socialen Einrichtungen unterziehen sich dem durch die neue
Arbeitsform bedingten Wandel, und entsprechend der damit bewirkten
Änderung des Daseinskampfes vollzieht sich auch der Umschwung in den
moralischen Gefühlen; friedlicher Wettbewerb, vollkommene
Interessensolidarität löst die wechselseitige Ausnutzung, vollkommene
Menschenliebe die Menschennutzung aus.

Wollen wir nun den letzten Zweifel über die bedingungslose Notwendigkeit
dieses Entwickelungsganges ein für allemal beseitigen, so setzen wir den
Fall, daß es anders käme: die Anpassung der socialen Einrichtungen an
die geänderte Arbeitsform vollziehe sich _nicht_. _Denken_ läßt sich
eine solche Möglichkeit immerhin, und ich halte es -- bis zu diesem
Punkte der Beweisführung gediehen -- auch für ganz überflüssig, die
Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit derselben abzuwägen; wir
nehmen einfach an, daß sie sich verwirkliche. Unsinnig und undenkbar
aber wäre in diesem Falle die fernere Annahme, daß dieses Beharren der
socialen Einrichtungen auf den alten Formen stattfinden könne, ohne daß
sehr wesentliche Rückwirkungen sowohl auf die Formen der Arbeit als die
moralischen Instinkte der Menschheit die notwendige Folge wären. Jene
überaus orthodoxen, aber nicht minder gedankenlosen Socialpolitiker, die
solches annehmen, halten es für möglich, daß eine Ursache von so
überwältigender Tragweite, wie es die bis zur Möglichkeit des
Überflusses und der Muße für alle Menschen gediehene Produktivität der
Arbeit ist, überhaupt ohne irgend welche, wie immer geartete Wirkung auf
den Entwickelungsgang der Menschheit bleiben könne. Sie übersehen, daß
der Daseinskampf innerhalb der menschlichen Gesellschaft sich unter dem
Einflusse dieses Faktors für alle Fälle ändern muß, gleichviel, ob die
socialen Einrichtungen sich einer entsprechenden Anpassung unterziehen
oder nicht, und daß demnach ebenso für alle Fälle untersucht werden muß,
welche Rückwirkung diese geänderte Form des Daseinskampfes auf die
Gesamtheit der menschlichen Institutionen äußern könne oder müsse.

Und worin besteht nun die Änderung des Daseinskampfes für den oben
gekennzeichneten Fall? _Ganz einfach in einem teilweisen Rückfalle in
die Kampfesformen der ersten, der kannibalischen Menschheitsepoche!_

Wir haben gesehen, daß die Ausbeutung den früher auf Vernichtung des
Konkurrenten abzielenden Kampf in einen auf Unterjochung desselben
gerichteten umgewandelt hat; nun denn, mit dem Momente, wo die
Produktivität der Arbeit so groß wird, daß der -- durch die Ausbeutung
darniedergehaltene -- Konsum ihr nicht mehr zu folgen vermag, wird
abermals die Verdrängung, die -- wenn auch nicht physische, so doch
wirtschaftliche -- Vernichtung des Konkurrenten zu einer Voraussetzung
des eigenen Gedeihens, der Daseinskampf muß die Formen der Unterjochung
und Vernichtung zugleich annehmen. Wenig nützt nunmehr auf
wirtschaftlichem Gebiete die noch so schonungslose Herrschaft über noch
so zahlreiche menschliche Ausbeutungsobjekte; sofern es dem Ausbeuter
nicht gelingt, den Mitausbeuter vom Markte zu verdrängen, muß er im
Daseinskampfe unterliegen. Und ebenso haben nunmehr die Ausgebeuteten
sich nicht bloß der Härten ihrer Zwingherren zu erwehren, sie müssen,
wollen sie dem Hunger entgehen, sich gegenseitig die unzureichend
gewordenen Stellen an den Futterkrippen des »Arbeitsmarktes« mit Zähnen
und Klauen streitig machen.

Ist es nun denkbar, daß eine so fürchterliche Änderung der Grundlagen
des Daseinskampfes ohne Wirkung auf die Moral der Menschheit bleibe? Die
gleiche Ursache _muß_ von der gleichen Wirkung begleitet sein, die Ethik
der kannibalischen Epoche _muß_ ihre siegreiche Wiederkehr feiern. Zwar
den veränderten Modalitäten des Vernichtungskampfes entsprechend werden
auch die einstigen grausamen, bösartigen Instinkte eine Modifikation
erleiden, aber die Grundstimmung, die schonungslose Feindseligkeit gegen
den Nebenmenschen, muß wiederkehren. In den Jahrtausenden, in denen der
Kampf nur der Ausnützung des Nächsten galt, war, insbesondere wenn der
Ausgenützte sich gewöhnt hatte, im Ausbeuter ein höheres Wesen zu
verehren, zwischen Herr und Knecht zum mindesten jener Grad der
Anhänglichkeit möglich, wie er zwischen Mensch und Haustier besteht.
Herren oder Knechte unter sich hatten vollends keinen notwendigen Anlaß
einander zu hassen. Wechselseitige Schonung, Großmut, Milde, Dankbarkeit
konnten als -- allerdings sehr kärgliche -- Surrogate der Menschenliebe
bei einem solchen Zustande gedeihen. Nunmehr jedoch, wo Ausbeutung und
Verdrängung zugleich die Losung des Kampfes sind, müssen sich die
obgenannten Tugenden mehr und mehr als verderbliche Hindernisse
erfolgreichen Daseinskampfes erweisen, sie müssen folglich verschwinden
und der Erbarmungslosigkeit, Hinterlist, Grausamkeit, Tücke Platz
machen. Und wohlverstanden, all diese schändlichen Eigenschaften müssen
nicht bloß allgemein verbreitet, sie müssen auch allgemein geschätzt,
aus dem Inbegriffe schmählichster Niedertracht zum Inbegriffe der
»Tugend« werden. Ebenso wenig, als ein »humaner« Menschenfresser oder
ein von wirklicher Menschenliebe erfüllter Ausbeuter denkbar sind,
ebenso wenig läßt sich ein großmütiger, im bisherigen Sinne tugendhafter
Ausbeuter unter dem Alpdrucke der Überproduktion auf die Dauer auch nur
denken; und ebenso sicher, als die kannibalische Gesellschaft tückische
Mordgier als preiswürdigste aller Tugenden anerkennen mußte, ebenso
sicher müßte die von Überproduktion heimgesuchte ausbeuterische
Gesellschaft dahin gelangen, den hinterlistigsten Betrüger als ihr
Tugendideal zu verehren.

Aber, so wird man einwenden, das widerspricht denn doch, trotz aller
logischen Unanfechtbarkeit, den Thatsachen allzusehr, als daß es richtig
sein könnte. Die Überproduktion, der Zwiespalt zwischen der
Produktivität der Arbeit und der durch die socialen Einrichtungen
bedingten Konsumtionsfähigkeit, bestehen thatsächlich seit Generationen
und trotzdem wäre es zum mindesten eine arge Übertreibung, wollte man
behaupten, daß die moralischen Empfindungen der civilisierten Menschheit
die im obigen gekennzeichnete schreckliche Verschlimmerung erfahren
hätten. Daß mancherlei Nichtswürdigkeit infolge des stets schonungsloser
sich gestaltenden wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes mehr und mehr an
Verbreitung gewinne, ja daß allgemach eine gewisse Verwirrung sich der
öffentlichen Meinung zu bemächtigen beginne, die den Unterschied
zwischen wahrem Verdienst und erfolgreicher Schurkerei nicht überall
mehr festzuhalten vermöge, sei allerdings wahr; ebenso wahr aber
umgekehrt, daß niemals zuvor Humanität in allen Formen so hoch geschätzt
und stark verbreitet gewesen, wie eben in der Gegenwart.

Diese unleugbaren Thatsachen aber besagen nicht, daß Überproduktion auf
die Dauer zu anderen, als den oben gekennzeichneten Ergebnissen führen
könnte -- sie zeigen nur, daß einerseits diese schreckliche
Krankheitserscheinung im wirtschaftlichen Getriebe der Menschheit noch
nicht lange genug wirksam ist, um ihre Früchte schon voll gezeitigt zu
haben, und daß anderseits der moralische Instinkt der Menschheit den
richtigen Ausweg aus dem ökonomischen Zwiespalte geahnt hat, lange bevor
die menschliche Erkenntnis ihn zu betreten vermochte. Bloß wenige
Generationen ist es her, daß das Mißverhältnis zwischen Produktivität
und Konsum äußerlich in die Erscheinung getreten; was aber sind einige
Generationen im Leben der Menschheit? Auch die Ethik der Ausbeutung
bedurfte sicherlich sehr vieler Jahrhunderte, ehe sie diejenige des
Kannibalismus überwand; warum sollte der Rückfall in die kannibalische
Ethik sich um so vieles rascher vollziehen? Die instinktive Ahnung aber,
daß wachsende Kultur nicht mit socialem Stillstande und moralischem
Rückschritte, sondern mit dem Fortschritte beider verknüpft sein werde,
diese der abendländischen Menschheit trotz aller Thorheiten und aller
Greuel, in denen sie sich zwischenzeitig erging, unausrottbar
eingeimpfte Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sie
ist eben jener »fremde Blutstropfen im Körper der europäischen
Völkerfamilie«, der semitisch-christliche Sauerteig, der sie, als die
Zeit der Knechtschaft um war, davor bewahrte, auch nur vorübergehend dem
Verwesungsprozeß von Knechtschaft und Barbarei zugleich zu verfallen.
Die Dinge werden eben die zuletzt gekennzeichnete Entwickelung _nicht_
nehmen, die Ausbeutung wird sich neben der gesteigerten Produktivität
_nicht_ erhalten, und das ist der Grund, warum auch die gekennzeichneten
moralischen Folgen nicht hervortraten. Wollte man aber materiellen
Fortschritt und Ausbeutung zugleich als das zukünftige Los der
Menschheit voraussetzen, so ließe sich dies logischer Weise anders, als
verknüpft mit vollständigem moralischen Rückfalle gar nicht denken.

Und noch eine dritte Entwickelungsform ließe sich als denkbar
hinstellen: in dem Zwiespalte, in welchen die Produktivität der Arbeit
mit dem geltenden socialen Rechte geraten, könnte erstere, die neue Form
der Arbeit, unterliegen; vor die Unmöglichkeit gestellt, von den
erlangten wirtschaftlichen Fähigkeiten den vollen Gebrauch zu machen,
könnte die Menschheit diese Fähigkeiten wieder verlieren. In diesem
Falle wäre der Einklang zwischen Produktivität und Konsum, Arbeit und
Recht, auf der alten Grundlage zurückgewonnen und dem entsprechend
könnte auch die Moral der Menschheit im alten Geleise verharren. Der
Fortschritt zu wahrer Menschenliebe müßte zwar unterbleiben, denn nach
wie vor würde der Kampf ums Dasein auf Unterdrückung des Nebenmenschen
beruhen, aber die Notwendigkeit des Vernichtungskampfes wäre vermieden.
Auch die Ahnung der Möglichkeit einer solchen Entwickelung war der
abendländischen Menschheit nicht fremd; es hat, insbesondere während der
jüngsten Generationen, an teils bewußten, teils unbewußten Versuchen
nicht gefehlt, sie in diese Richtung hinüberzuleiten. Von der würgenden
Umklammerung der Überproduktion geängstigt, dem Wahnsinne nahe gebracht,
rüttelten zeitweise ganze Nationen an den Grundpfeilern der
Produktivität, suchten die Quelle der Arbeitsergiebigkeit zu verschütten
und verfolgten mit verbissenem Hasse den Kulturfortschritt, dessen
Früchte zeitweise so bitter waren. Die Angriffe gegen die Volksbildung,
gegen die unterschiedlichen Arten der Arbeitsteilung, gegen das
Maschinenwesen, sind nicht anders zu verstehen, als eben durch dieses
zeitweilige Bestreben, den Zwiespalt, in welchen die Gütererzeugung zur
Güterverteilung geraten, durch Zurückschraubung ersterer zu überwinden.
Daß solcherart auch die Moral vor einer Ausartung bewahrt werden sollte,
deren eigentlich treibende Ursache diese Sorte von Reformatoren
allerdings nicht begriff, die aber als düstere Ahnung vor ihrem
geistigen Auge schwebte, läßt sich desgleichen nicht verkennen.

Und nun, nachdem wir alle drei überhaupt denkbaren Entwickelungsformen
der Reihe nach betrachtet: 1. die Anpassung des socialen Rechts an die
neue, höhere Arbeitsform und dem entsprechende Entwickelung einer neuen,
höheren Moral; 2. den dauernden Gegensatz zwischen Arbeitsform und Recht
und dem entsprechende Rückbildung der Moral; 3. die Anpassung der
Arbeitsform an das bisherige sociale Recht durch Preisgebung der höheren
Produktivität und dem entsprechenden Fortbestand der bisherigen Moral --
nunmehr fragen wir uns, ob im Kampfe dieser drei Richtungen eine andere
als die erste Siegerin sein kann. Denkbar sind sie, wie gesagt, alle
drei; ist aber auch denkbar, daß materieller oder moralischer Verfall
sich neben moralischem zugleich und materiellem Fortschritt behaupten,
oder vollends über diesen endgültig triumphieren würden? Möglich, sagen
wir sogar wahrscheinlich, daß ohne unser vor 25 Jahren erfolgreich
durchgeführtes Unternehmen die Menschheit zunächst noch längere Zeit
hindurch sich vorwiegend auf den Bahnen der sittlichen Verwilderung
einerseits, der Attentate gegen den Fortschritt anderseits fortbewegt
hätte; an Versuchen nach der Richtung der socialen Befreiung hin hätte
es deshalb doch niemals gänzlich gefehlt, und der schließliche Triumph
derselben konnte stets nur eine Zeitfrage sein. Nein, die Menschheit ist
uns nichts schuldig, was sie nicht auch ohne uns für alle Fälle erlangt
hätte; wenn wir ein Verdienst beanspruchen, so beschränkt es sich
darauf, das, was kommen mußte, rascher und wahrscheinlich unblutiger
herbeigeführt zu haben, als ohne uns geschehen wäre. (Stürmischer, lang
andauernder Applaus und jubelnde Zurufe von allen Bänken. Die Wortführer
der Opposition drücken der Reihe nach dem Redner die Hände und
versichern ihn ihrer Zustimmung.)

                (Schluß des dritten Verhandlungstages.)



                              26. Kapitel.


Da zahlreiche Congreßmitglieder den Wunsch geäußert hatten, sich
eingehender davon zu überzeugen, daß thatsächlich die anscheinend so
wunderbare harmonische Organisation des gesamten wirtschaftlichen
Getriebes in Freiland nichts anderes, als das selbstverständliche
Ergebnis wohlberatenen und wahrhaft freien Eigennutzes sei, wurden die
Sitzungen des Congresses für zwei Tage unterbrochen und diese dazu
benützt, um eine Reihe größerer Edenthaler und Danastädter
Etablissements zu besichtigen und bei diesem Anlasse im Wege des
Gedankenaustausches mit den sich zu diesem Behufe bereitwilligst zur
Verfügung der fremden Gäste stellenden Direktoren der fraglichen
Anstalten sowohl, als des Leiters der freiländischen Centralbank alle
etwa auftauchenden Zweifel gründlich zu erörtern.

Das erste Bedenken, welches geltend gemacht wurde, betraf die Frage,
woher denn all die zahllosen Arbeiter allesamt die erforderliche
Sachkenntnis und Intelligenz hernähmen, um jederzeit genau beurteilen zu
können, wo man ihrer gerade am nötigsten bedürfe. »Sie haben,« so meinte
einer der Besucher, »eine allumfassende, pünktliche Statistik, die jede
Regung Ihres wirtschaftlichen Lebens mit peinlichster Genauigkeit
verzeichnet -- sehr wohl; aber welch hohes Verständnis gehört dazu, um
sich in einer solchen Statistik zu orientieren!«

»Dazu gehört in Wahrheit ein überaus bescheidenes Maß von Verständnis,
kein höheres, als es bei jedem vernünftigen Menschen ohne weiteres
vorausgesetzt werden kann,« war die Antwort. »Denn kein Arbeiter braucht
sich um anderes zu kümmern, als lediglich um den auf die einzelne Stunde
seiner Arbeit entfallenden Ertrag. Hätten wir keinen freien Markt, auf
welchem Angebot und Nachfrage die Preise regeln, so wäre es allerdings
eine nicht bloß schwierige, sondern eine in Wahrheit ganz und gar
unlösliche Aufgabe, herauszufinden, nach welcherlei Produkten jeweilig
stärkerer oder geringerer Bedarf vorhanden und wo dementsprechend
vermehrte Zuwendung von Arbeitskraft wünschenswert sei. Da sich aber bei
uns jede Veränderung der Verhältnisse zwischen Angebot und Nachfrage, im
Preise der Produkte ausdrückt, so ist es ganz selbstverständlich, daß
der in Gemäßheit dieser Preise auf die einzelne Arbeitsstunde
entfallende Nettoertrag in untrüglichster Weise anzeigt, ob der
Produktionszweig oder das einzelne Etablissement, um welches es sich
handelt, im Vergleiche zu anderen Produktionszweigen oder Etablissements
einer Vermehrung oder Verminderung der Arbeitskraft bedarf. Daß z. B.
die Maschinenfabrik, in deren Räumen wir uns momentan befinden, ihren
Betrieb ausdehnen soll, ist in letzter Linie allerdings darauf
zurückzuführen, daß deren Erzeugnisse derzeit besonders gesucht sind,
eine Thatsache, die an und für sich zu konstatieren in der That höchst
kompliziert und schwierig wäre; da aber diese gesteigerte Nachfrage nach
hier erzeugten Maschinen insolange, als die Produktion ihr nicht
vollkommen nachgefolgt ist, notwendiger Weise das Erträgnis aller hier
beschäftigten Arbeiter entsprechend vermehrt, so genügt es vollkommen,
letzteren Umstand zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, damit das im
Interesse der Consumenten gelegene Ergebnis, nämlich der vermehrte
Zufluß von Arbeitern, sich ganz von selbst einstelle.«

»Aber ist nicht auch diese Ergründung des überall in jedem
gegebenen Momente vorhandenen Erträgnisses eine für gewöhnliche
Durchschnittsarbeiter allzu schwierige Aufgabe?« lautete die fernere
Frage.

»Durchaus nicht,« erklärte der Direktor der freiländischen Centralbank.
»Sich in dem von all den tausenden Associationen vorgelegten, von
unserer Centralstelle ergänzten und bearbeiteten Urmateriale
zurechtzufinden, ist allerdings nicht Jedermanns Sache. Aber solch
eingehender Untersuchung unterziehen sich auch nur Diejenigen, die sich
für statistische Studien um ihrer selbst willen interessieren. Der
gewöhnliche Arbeiter, der nichts anderes wissen will, als den Ort, wo er
die seinen Fähigkeiten entsprechende höchste Rente findet, begnügt sich
mit jenen übersichtlich geordneten Zusammenstellungen, welche die
statistische Centralstelle zu seinem Gebrauche bietet, und welche die
zahlreichen Fachzeitungen zudem mit Erläuterungen aller Art begleiten.
Die geistige Arbeit, die von ihm dabei verlangt wird, besteht in nichts
anderem, als in der Entscheidung der Frage z. B., ob er sich mit dem am
Orte seiner augenblicklichen Arbeit gebotenen Stundenertrage von 8
Schilling begnügen, oder wegen des bei einem anderen verwandten
Etablissement winkenden, um 15 Pfennige per Stunde höheren Ertrages sich
diesem, oder etwa zeitweilig einer jener Bodenassociationen zuwenden
soll, die vorübergehend -- während der Erntezeit nämlich -- bis zu 10
Schilling für die Arbeitsstunde zu bieten pflegen. Er muß mit sich
darüber ins Reine kommen, ob solche Gewinnsteigerung ihm genügenden
Ersatz gewährt für die mit dem Ortswechsel möglicherweise verknüpften
materiellen oder gemütlichen Nachteile, für die Beschwerden und
Unannehmlichkeiten des Umzuges, für die anstrengendere Arbeit u. dergl.;
im übrigen aber wird von ihm weder irgendwelches Verständnis
verwickelter wirtschaftlicher Vorgänge, noch irgendwelches Interesse für
anderes, als für den eigenen Vorteil gefordert.«

»Wie aber verhüten Sie,« so fragte ein anderer der Herren, »daß bei
einer irgendwo eintretenden stärkeren Steigerung der Erträge der Zuzug
der Arbeitskräfte allzu massenhaft ausfalle? Da keinerlei Behörde
ordnend eingreift und bestimmt, wer und wie viele herbeieilen sollen, so
ist doch immerhin möglich, daß statt der gewünschten Hunderte sich
Tausende einstellen.«

»Das könnte nur geschehen« -- so lautete die Erklärung -- »wenn
Telegraph und Druckerpresse bei uns unbekannt wären, oder wenn wir uns
ihrer nicht zu bedienen verstünden. Um welchen Teilbetrag die Rente
sinkt, wenn das Angebot von Arbeitskraft wächst, läßt sich natürlich
überall mit großer Genauigkeit berechnen, und da nun niemand so thöricht
ist, einer irgendwo auftauchenden höheren Gewinnziffer nachzulaufen,
ohne sich vorher zu vergewissern, daß er diese höhere Gewinnziffer, am
Orte seiner neuen Bestimmung angelangt, noch vorfinden werde, so ist es
bei uns selbstverständliche Übung, daß die Arbeiter ihre Absicht den
Leitungen der Associationen rechtzeitig anzeigen, daß diese Anmeldungen
fortlaufend publiziert werden und daß demnach Jedermann, noch bevor er
sich auf den Weg macht, vollkommen darüber beruhigt sein muß, an seinem
zukünftigen Arbeitsorte auch wirklich noch vonnöten zu sein.«

Einen zweiten Anlaß zu eingehenderen Erörterungen boten die in
zahlreichen der besichtigten Etablissements vorhandenen
Versuchsanstalten und wissenschaftlichen Laboratorien, die von den dort
beschäftigten Technikern und Chemikern dazu benutzt werden, um die
mannigfaltigsten Experimente behufs Erzielung von Verbesserungen des
Betriebs anzustellen. Der hohe praktische Wert dieser Einrichtung
leuchtete den Gästen natürlich sofort ein, weniger einleuchtend aber
erschien den meisten derselben der erläuternde Zusatz eines der
Direktoren -- es war das zufällig in der Danastädter Chemikalienfabrik
-- daß man die gewonnenen Erfahrungen »selbstverständlich« jederzeit
publiziere, auf besonders nützlich erscheinende die anderen
Associationen wohl auch ausdrücklich aufmerksam mache und dafür ebenso
selbstverständlich von diesen über alle in deren Versuchsanstalten
gemachten Funde pünktlichst auf dem Laufenden erhalten werde.

»Wenn das hierzulande selbstverständlich ist, dann müßt Ihr
freiländischen Industriellen uneigennützig wie die Engel sein,« meinte
einer der Besucher. Und sich direkt an den Direktor wendend, fügte er
hinzu: »Es scheint also doch, daß nicht alle Eure Einrichtungen sich
sofort zu uns Abendländern übertragen lassen, denn bei uns, dessen kann
ich Sie versichern, würde Niemand freiwillig von ihm ersonnene
Produktionsverbesserungen zur Kenntnis seiner Concurrenten bringen, und
am allerwenigsten könnte er sich darauf verlassen, daß diese ihm die
ihrigen preisgeben.«

»Sie haben ganz recht,« war die Antwort, »das würde Niemand bei Ihnen
thun, so lange Sie an Ihren bisherigen Einrichtungen festhalten; sowie
Sie jedoch die unserigen acceptieren, versteht sich all das, was Ihnen
so wunderbar uneigennützig vorkommt, ganz von selbst, als unabweisliches
Gebot gerade des Eigennutzes. Denn damit z. B. wir hier in Danastadt uns
des Vorteils einer von uns ersonnenen Verbesserung möglichst vollständig
erfreuen, ist durchaus notwendig, daß alle chemischen Fabriken des
ganzen Landes die gleiche Verbesserung thunlichst rasch auch bei sich
einführen. Wären wir so thöricht, unsere Entdeckungen geheim zu halten
-- ein Versuch, der nebenbei bemerkt angesichts der Öffentlichkeit all
unserer geschäftlichen Vorgänge an und für sich ziemlich aussichtslos
bliebe -- so wäre das einzig mögliche Ergebnis, daß aus allen
concurrierenden Associationen insolange Arbeitskräfte zu uns
einwanderten, bis der Ertrag unserer Arbeit -- umgerechnet auf die
einzelne Arbeitsstunde -- wieder auf das Niveau der anderwärts in
Freiland erzielbaren Erträge herabgedrückt würde, wir also von unserer
Entdeckung oder Erfindung so gut als keinen Vorteil behielten. Um das zu
vermeiden, bleibt uns schlechterdings kein anderes Auskunftsmittel, als
auch den Anderen Allen unsere Errungenschaft mitzuteilen; dadurch allein
erzielen wir, daß die Arbeit auch anderwärts ertragreicher wird und daß
also Niemand ein Interesse hat, sich behufs Mitgenusses unserer
Produktionsvorteile an uns heranzudrängen. Gerade so verhält es sich
natürlich mit den in anderen Associationen gemachten Verbesserungen; wir
können mit absoluter Sicherheit darauf rechnen, daß wir sofort von
denselben verständigt werden, da auch die Anderen Alle das gleiche
Interesse haben wie wir, nämlich unsere Produktionserträge zu steigern,
damit sie selber den Vorteil der ihrerseits erzielten Verbesserungen
möglichst vollständig genießen.«

Gegen dieses Raisonnement konnte nichts Stichhaltiges eingewendet
werden. Aber jetzt machte sich die Besorgnis geltend, ob es denn nicht
doch möglich sei, dieses Anrecht der Gesamtheit an den Ergebnissen jedes
irgend erzielten Produktionsvorteils auf Umwegen zu durchkreuzen.

»Was geschähe« -- so wurde einer der anwesenden Direktoren gefragt --
»wenn beispielsweise Sie als Leiter der Bodenassociation von
Nordleikipia, dazu aufgefordert durch -- selbstverständlich geheimen --
Beschluß der die Majorität bildenden alten Mitglieder, es versuchen
wollten, neue Zuwanderer vom Mitgenusse irgendwelcher besonderer
Produktionsvorteile im Wege schlechter unfreundlicher Behandlung
fernzuhalten; wer schützt in solchem Falle diese Neulinge gegen Ihre,
von der Majorität Ihrer Associationsmitglieder nicht bloß gebilligte,
sondern geradezu in deren Interesse geübte Willkür? Die Mißhandelten
haben die Freiheit, fortzuziehen; aber das ist es ja eben, was -- Sie
entschuldigen wohl die, bloß um der prinzipiellen Aufklärung willen
vorgebrachte Unterstellung -- erreicht werden will und was doch verhütet
werden muß, soll darüber nicht Ihre ganze Gleichberechtigung in die
Brüche gehen. Oder die Majorität kann sich zu gleichem Zwecke ein so
hohes Präcipuum votieren, daß das damit geübte Unrecht alle Zuwanderung
abhält. Wo liegt der Schutz gegen derartige Ausschreitungen des
Eigennutzes in einem Gemeinwesen, welches keinerlei Einengung des
individuellen Eigennutzes kennt und kennen will?«

»Abermals in der freien Concurrenz,« entgegnete lächelnd der Direktor.
»Derartige Ausschreitungen wären bei uns nur möglich, wenn sie im
geheimen geübt werden könnten, d. h. wohlverstanden, wenn nicht bloß die
darauf abzielenden Beschlüsse, sondern auch deren Ausführung der
Aufmerksamkeit des ganzen Landes vollständig entginge. Ich müßte nicht
bloß den geheimen Auftrag von meinen Associationsmitgliedern erhalten,
alle Zuwanderer hinauszuchikanieren, ich müßte auch das Kunststück
zuwege bringen, diesen Auftrag derart im Verborgenen zu vollstrecken,
daß Niemand, am allerwenigsten die Opfer desselben, das Geringste davon
merkten. Denn mit dem Momente, wo meine Praktiken ruchbar würden, wäre
ich -- darauf können Sie sich verlassen -- zum längsten Direktor, meine
Auftraggeber wären zum längsten Majorität der Bodenassociation von
Nordleikipia gewesen. Und genau ebenso verhielte es sich, sowie unser
Beschluß, den alten Mitgliedern ein ungebührliches Präcipuum zuzuwenden,
bekannt würde. Denn wie Sie leichtlich ermessen können, ist die
öffentliche Meinung Freilands in keinem Punkte wachsamer und
eifersüchtiger, als gerade in diesem, ihren Lebensnerv berührenden, das
individuelle Interesse Aller gleichmäßig bedrohenden; und da die
schrankenlose Freizügigkeit allen Arbeitern des ganzen Landes jederzeit
gestattet, welcher Association immer beizutreten, so gehört keine
sonderliche Phantasie dazu, um sich das mit unfehlbarer Sicherheit
Kommende genau auszumalen. Der erste Arbeiter, den meine planmäßigen
Chikanen zum Verlassen unserer Association zwängen, würde vielleicht
selber noch keine böse Absicht bemerken; der zweite vielleicht schon
Lärm, aber vorerst noch vergeblichen schlagen; beim dritten und vierten
dürfte bereits das öffentliche Mißtrauen rege werden, und ehe ich meine
Künste am zehnten Opfer zu üben vermöchte, wäre durch einen aus allen
Gauen herbeiströmenden Zufluß neuer Mitglieder die übelwollende
Majorität und ich natürlich mit ihr unschädlich gemacht.«

Diese Darlegung wirkte so schlagend, daß fernerhin kein Zweifel gegen
die im Wege wahrhaft freier Concurrenz bewirkte Harmonie der
wirtschaftlichen Interessen laut wurde. Die Congreßmitglieder hatten
zwar noch wiederholt Anlaß, über gar Manches, was sie sahen und hörten,
in Erstaunen zu geraten; daß jedoch Freiheit und Gleichberechtigung die
unfehlbaren Zauberformeln seien, auf deren Ruf die nämlichen Wunder
allüberall auch außerhalb Freilands in die Erscheinung treten müßten,
war ihnen zur Gewißheit geworden.

                   *       *       *       *       *

Nach Ablauf der zweitägigen Pause wurden die Beratungen des Congresses
wieder aufgenommen. Zur Discussion gelangte Punkt 3 der Tagesordnung:
_Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und müßte nicht
Übervölkerung eintreten, wenn es vorübergehend gelänge, das Elend
allgemein zu beseitigen?_ Als erster Redner war vorgemerkt

_Robert Murchison_ (Rechte): Ich muß zuvörderst Namens meiner bisher die
Durchführbarkeit des socialen Reformwerkes bezweifelnden
Gesinnungsgenossen die formelle Erklärung abgeben, daß wir nunmehr nicht
allein von der Durchführbarkeit, sondern von der naturgesetzlichen
Unvermeidlichkeit desselben durchaus überzeugt sind. Auch die fernere
Hoffnung hat das bisherige Ergebnis der Verhandlungen gezeitigt, daß es
der geehrten Gegenpartei gelingen werde, unsere noch vorhandenen
Bedenken eben so siegreich zu zerstreuen; einstweilen kann ich mich
derselben noch nicht entschlagen und fühle mich daher im Interesse
allseitiger Aufklärung verpflichtet, dieselben nach Kräften zu
begründen.

Das weitaus gewichtigste dieser Bedenken, welches unabhängig von allen
bisher erörterten Fragen noch ungebrochen aufrecht steht, ist das
nunmehr zur Diskussion gelangende. Es richtet sich nicht gegen die
Durchführbarkeit des allgemeinen Freiheits- und Wohlfahrtswerkes. Die
wirtschaftliche Gerechtigkeit muß und wird zur Wahrheit werden, das
wissen wir nun; wissen wir damit aber auch schon, daß sie sich wird
behaupten können? Die wirtschaftliche Gerechtigkeit wird Reichtum für
alle Lebenden zur Folge haben. Not und Elend mit ihrem Gefolge
zerstörender Laster werden vom Erdboden verschwinden. Mit diesen aber
werden zugleich jene Hemmnisse verschwunden sein, welche bisher der
schrankenlosen Vermehrung des Menschengeschlechts Grenzen zogen. Mehr
und mehr wird die Menge der Bevölkerung anwachsen, bis endlich -- der
Tag mag noch so ferne sein -- die Erde ihre Bewohner nicht mehr zu
ernähren im Stande sein wird.

Ich will Sie mit ausführlicher Wiederholung und Begründung des bekannten
Lehrsatzes meines berühmten Landsmannes Malthus nicht ermüden. Viel
wurde gegen denselben gesagt, Stichhaltiges, Überzeugendes bisher nicht.
Daß die Vermehrung der lebenden Individuen keine andere natürliche
Schranke als den Nahrungsmangel kennt, ist ein Naturgesetz, dem nicht
bloß der Mensch, sondern jedes lebende Wesen erbarmungslos unterworfen
bleiben muß. Gleichwie die Heringe, wenn sie sich frei vermehren
könnten, endlich im Weltmeere nicht mehr Raum hätten, so müßte auch der
Mensch, wenn die Zunahme seiner Zahl nicht auf das Hindernis des
Nahrungsmangels stieße, endlich keinen Raum mehr auf der Erdoberfläche
finden. Auch bestätigt die Erfahrung aller Zeiten und aller Völker diese
grausame Wahrheit; überall sehen wir, daß es der Nahrungsmangel, die Not
mit ihrem Gefolge ist, was die Menge der Lebenden innerhalb gewisser
Grenzen hält. Das wird auch in alle Zukunft so bleiben. Die
wirtschaftliche Gerechtigkeit kann diese traurige Grenze weit, sehr weit
hinausrücken, völlig beseitigen kann sie sie nicht. Zehnfach und
hundertfach größer kann unter ihrem Walten der Nahrungsspielraum werden,
ins Unendliche kann er sich nicht ausdehnen. Und ist einmal das
Unvermeidliche eingetreten, was dann? Mehr und mehr wird dann der
Reichtum den Entbehrungen und schließlich bitterster Not weichen und
zwar einer Not, die um so schrecklicher, hoffnungsloser sein wird, weil
es aus ihrem alle Kultur erdrückenden Bannkreise kein Entrinnen geben
wird, nicht einmal jenes teilweise, welches früher die Ausbeutung zum
mindesten einer Minderzahl geboten hatte. Wird dann die Menschheit,
nachdem sie den Kreislauf vom Kannibalismus zur Ausbeutung und von
dieser zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit vollendet, wieder umkehren zur
Ausbeutung, vielleicht gar zum Kannibalismus? Wer könnte es sagen? Klar
scheint nur, daß die wirtschaftliche Gerechtigkeit keine
Entwickelungsphase ist, deren sich unser Geschlecht längere Zeit
hindurch erfreuen könnte.

Zwar hat Malthus und haben Andere nach ihm vorbeugende Maßregeln zur
Verhütung der Übervölkerung vorgeschlagen, um dem rückwirkenden
Einflusse des Elends zuvorzukommen. Aber alle diese auf künstliche,
planmäßige Unterdrückung der Volksvermehrung abzielenden Mittel und
Mittelchen sind -- wenn sie sich überhaupt durchgreifend in Anwendung
bringen lassen, nur denkbar in einer armen, vor den äußersten
Konsequenzen des Elends zitternden Bevölkerung; wie in Überfluß und Muße
lebende, zudem vollkommenster Freiheit sich erfreuende Menschen dahin
gebracht werden sollten, sich geschlechtlichen Einschränkungen zu
unterwerfen, vermag ich nicht abzusehen. Diese Art Vorbeugung könnte
meines Erachtens in der freien Gesellschaft günstigsten Falles erst dann
Platz greifen, wenn die Not der Übervölkerung schon einen hohen Grad
erreicht, den einstigen Wohlstand und mit diesem vielleicht auch das
individuelle Freiheitsgefühl bedenklich vermindert hätte. Das sind, ganz
abgesehen von der ethischen Widerwärtigkeit all dieser gewaltsamen
Eingriffe in das -- gerade unter dem Walten der wirtschaftlichen
Gerechtigkeit so überaus zart sich gestaltende -- Verhältnis der
Geschlechter, sehr wenig erfreuliche Perspektiven. Sie zeigen uns im
Hintergrunde der Ereignisse ein Bild, welches gar traurig absticht von
der überschwenglichen Entfaltung des ersten Anfanges. Glauben die Männer
von Freiland ihre Schöpfung auch gegen diese Gefahren wappnen zu können?

_Franzisko Espero_ (Linke): Der Mensch unterscheidet sich dadurch von
den anderen lebenden Wesen, daß er sich seine Nahrungsmittel selber
bereitet, und zwar desto leichter bereitet, je dichter mit
fortschreitender Kultur die Bevölkerung wird. Das hat ein großer
amerikanischer Volkswirt (Carey) seinerzeit bewiesen und damit gezeigt,
daß das im übrigen unangefochten geltende Naturgesetz des notwendigen
Zurückbleibens des Nahrungsspielraums hinter der Vermehrung der Arten,
auf den Menschen keine Anwendung findet. Daß trotzdem Not und Elend
bisher stets als Hemmnisse der Volksvermehrung wirksam waren, hat nicht
in einem Naturgesetze, sondern in der Ausbeutung seinen Grund. Die Erde
hätte genug für Alle hervorgebracht, wenn man nur Allen gestattet hätte,
freien Gebrauch von ihren Kräften zu machen. Die Ausbeutung aber ist
eine Einrichtung der Menschen, nicht der Natur, wie wir gesehen haben.
Beseitiget sie, und Ihr habt für immer das Gespenst des Hungers verjagt.

_Stefan Való_ (Freiland): Ich halte es für nützlich, den freiländischen
Standpunkt in der bisher aufgetauchten Kontroverse sofort zu
konstatieren. Das geehrte Kongreßmitglied aus Brasilien (Espero) hat
recht, wenn es das thatsächliche Elend der Menschheit in der Epoche der
Ausbeutung statt mit dem Walten natürlicher Kräfte, mit menschlichen
Einrichtungen in Zusammenhang bringt. Die Massen litten Mangel, weil sie
in Knechtschaft darniedergehalten waren, nicht weil die Erde sie
reichlicher zu ernähren unvermögend gewesen wäre. Ich will übrigens
hinzufügen, daß dieses thatsächliche Elend die Massen niemals hinderte,
sich zu vermehren in dem Maße, als dies durch andere, auf die
Bevölkerungsbewegung entscheidend einwirkende Faktoren bedingt war, ja
daß sich in der Regel das Elend sogar als Ansporn zur Volksvermehrung
erwies. Im Unrecht aber befindet sich unser Freund aus Brasilien, wenn
er, gestützt auf die hohlen Redensarten Carey's, leugnet, daß die
Volksvermehrung, könnte sie ins Unbegrenzte fortschreiten, endlich zu
Nahrungsmangel führen müßte. Der erste der heutigen Redner hat ganz
richtig bemerkt, daß es in diesem Falle schließlich dahin käme, daß den
Menschen der Raum auf Erden mangelte. Man wird doch nicht annehmen, daß
ein Zustand denkbar ist, bei welchem unsere Rasse die Erdoberfläche
bedeckte gleich den Heuschrecken ein von ihnen heimgesuchtes Feld? Ja,
in letzter Linie müßte bei wirklich schrankenlos fortschreitender
Vermehrung der Menschenmenge nicht bloß die Oberfläche, sondern sogar
der stoffliche Inhalt unseres Planeten zu klein werden, um die Elemente
für die sich häufenden Menschenleiber herzugeben. Die Volkszunahme -- in
so weit hat Malthus mitsamt seinen Anhängern Recht, _muß_ also irgend
eine Grenze haben. Ob diese Grenze aber gerade im sog. Nahrungsspielraum
zu suchen sei, das ist denn doch eine andere Frage, eine Frage, die
vernünftiger Weise erst dann bejaht werden dürfte, wenn festgestellt,
oder auch nur plausibel gemacht werden könnte, daß nicht früher schon,
lange bevor Nahrungsmangel sich einstellt, andere Faktoren in Aktion
treten, deren Zusammenwirken dann zur Folge hätte, daß die Grenzen des
Nahrungsspielraums, von ganz außergewöhnlichen Fällen abgesehen, niemals
auch nur annähernd erreicht, geschweige denn überschritten werden
könnten.

_Arthur French_ (Rechte): Das soeben Gehörte erfüllt mich mit maßlosem
Erstaunen. Wie, das Mitglied der freiländischen Verwaltung gibt zu --
was allerdings vernünftiger Weise nicht geleugnet werden kann -- daß
unbegrenzte Vermehrung eine Unmöglichkeit sei, und bestreitet dennoch,
daß Nahrungsmangel eben die gesuchte Grenze der Vermehrung wäre? Daß
Malthus geirrt, als er dieses natürliche Hemmnis auch bisher schon als
in der menschlichen Gesellschaft wirksam hinstellte, kann ja ohne
weiteres zugegeben werden. Die Menschen litten bisher Hunger, weil ihnen
verwehrt war, sich zu sättigen, nicht weil die Erde unvermögend gewesen
wäre, sie allesamt reichlich, oder zum mindesten reichlicher, zu
ernähren; die Ausbeutung erwies sich also wirklich als ein schon vor
Erreichung des Nahrungsspielraums wirksam gewesenes Hemmnis der
Volksvermehrung, gleichsam als eine Hungerkur, die der Mensch sich
selber auferlegte, noch bevor die Natur ihn zu einer solchen verurteilt
hatte. Schon minder verständlich ist mir, was Redner darunter meint,
wenn er behauptet, das durch die Ausbeutung künstlich hervorgerufene
Elend habe sich mitunter nicht als Hindernis, vielmehr als
Beförderungsmittel der Volkszunahme erwiesen. Insbesondere aber möchte
ich näheres über jene anderen, entscheidenden Faktoren hören, welche
dies angeblich bewirkt haben sollen und von denen Redner offenbar auch
in Zukunft die Regulierung der Bevölkerungszahl erwartet. Diese anderen
Faktoren sollen des ferneren den wunderbaren Effekt haben, die
Bevölkerung gar niemals den Grenzen des Nahrungsspielraums auch nur nahe
kommen zu lassen. Künstliche, willkürlich zur Anwendung gelangende
Mittel können das nicht sein, sonst würde ein Mitglied der
freiländischen Verwaltung, dieses auf schrankenloser Freiheit
gegründeten Gemeinwesens, nicht so zuversichtlich von ihnen sprechen.
Doch abgesehen von all dem -- wie kann die Wirksamkeit eines so
elementaren Hemmnisses der Vermehrung, wie es der Nahrungsmangel ist,
gerade in der menschlichen Gesellschaft in Zweifel gezogen werden,
während dieselbe doch so ersichtlich in der ganzen organischen Natur
hervortritt? Ist etwa der Mensch allein unter allen lebenden Wesen
diesem Naturgesetze nicht unterworfen oder kennt man vielleicht in
Freiland sogar ein Mittel, welches z. B. die Heringe nötigen würde, bei
ihrem Fortpflanzungsgeschäfte den Grenzen ihres Nahrungsspielraums
niemals nahe zu kommen, sich vielmehr bei demselben auf jenes
vernünftige Maß zu beschränken, welches den Rücksichten auf das
gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entspräche?«

Mächtige Erregung herrschte nach dieser mit schneidiger Schärfe
vorgebrachten Rede im Saale. Gesteigert wurde das Gefühl
erwartungsvoller Spannung noch dadurch, daß mehrere Mitglieder der
freiländischen Verwaltung -- unter diesen auch der frühere Redner Stefan
Való -- zum Präsidenten eilten und demselben ersichtlich nahe legten,
sich zum Worte zu melden. Der ganzen Versammlung bemächtigte sich die
Empfindung, daß die Debatte -- nicht bloß die heutige, sondern die des
Kongresses überhaupt -- an ihren entscheidenden Wendepunkt gelangt sei.
Vermochten die Wortführer der wirtschaftlichen Gerechtigkeit auch
diesmal die Bedenken der Gegner siegreich zu widerlegen, als irrig und
gegenstandlos nachzuweisen, so war die große Geistesschlacht endgiltig
gewonnen; was dann noch folgen mochte, konnte fürderhin nicht mehr der
Frage gelten, _ob_, sondern bloß derjenigen, _wie_ die neue sociale
Ordnung gedeihlich und dauernd ins Werk zu setzen sei. Erlahmte aber an
diesem Punkte die Kraft der freiländischen Beweisführung, gelang es ihr
nicht abermals, das Gebäude der gegnerischen Argumentation umzublasen,
gleich einem Kartenhause, so waren alle bisherigen Erfolge vergebens.
Das Elend der Gegenwart zu beseitigen, um damit der Zukunft nur desto
hoffnungsloseres Elend zu bereiten, das war es nicht, wofür man sich
begeistert hatte; blieb auch nur ein Schatten dieser Gefahr bestehen, so
war der wirtschaftlichen Gerechtigkeit das Todesurteil gesprochen.

Unter atemloser Spannung ergriff endlich Dr. _Strahl_ das Wort, nachdem
er den Vorsitz an seinen Kollegen Ney aus der freiländischen Verwaltung
abgegeben hatte:

»Unser Freund von der Rechten«, so begann er seine Rede, »hat den an uns
gerichteten Appell mit der Frage geschlossen, ob wir in Freiland das
Mittel kennten, welches die Heringe nötigen würde, sich bei ihrem
Fortpflanzungsgeschäfte innerhalb jener Schranken zu halten, die den
Rücksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe
entsprächen. Meine Antwort darauf lautet kurz und bündig: Jawohl, wir
kennen dieses Mittel. (Bewegung.) Sie erstaunen? Mit Unrecht, lieben
Freunde, denn Sie kennen es in Wahrheit so gut wie wir, und nur jene
eigenartige geistige Kurzsichtigkeit, die den Menschen hindert, noch so
bekannte Dinge wahrzunehmen, sowie es sich um deren Nutzanwendung auf
einen Gegenstand handelt, bezüglich dessen die mit der Muttermilch
eingesogenen Vorurteile ihm verbieten, von seinen Sinnen und seinem
Urteilvermögen Gebrauch zu machen, nur diese ist es, die Sie glauben
macht, Sie kennten es nicht. Also, ich behaupte, daß Sie Alle das
fragliche Mittel so gut wüßten, wie wir. Aber damit will ich keineswegs
sagen, wie Sie anzunehmen scheinen, daß wir oder Sie imstande wären, den
Heringen diese vorsorgliche Rücksicht erst beizubringen, was in der That
ziemlich schwer durchführbar wäre; ich behaupte vielmehr, daß unsere
gemeinsame Kenntnis des Mittels nicht in unserer Erfindungs-, sondern in
unserer Beobachtungsgabe ihre Quelle hat, mit anderen Worten, daß die
Heringe von jeher üben, wozu sie nach der Meinung des Fragestellers erst
durch unseren Witz angeleitet werden müßten und daß wir daher, um zur
Kenntnis des fraglichen Vorganges zu gelangen, bloß nötig hatten:
erstlich, die Augen zu öffnen, um zu sehen, _was_ in der Natur vorgeht
und sodann unseren Verstand einigermaßen zu gebrauchen, um auch hinter
das _Wie_ dieses Naturvorganges zu gelangen.

Öffnen wir also zunächst unsere Augen, d. h. entfernen wir die Binde,
die ererbte ökonomische Vorurteile um dieselben gelegt haben. Um Ihnen
dieses zu erleichtern, meine Freunde, bitte ich Sie, ein beliebiges
Naturwesen, also beispielsweise den Hering ins Auge zu fassen, ohne
dabei an dessen mögliche Beziehungen zur Bevölkerungsfrage innerhalb der
menschlichen Gesellschaft zu denken, d. h. suchen Sie beim Hering keinen
Erklärungsgrund des menschlichen Elends, sondern betrachten Sie
denselben einfach als einen der vielen Kostgänger am Tische der Natur.
Unmöglich wird Ihnen dann entgehen, daß diese Tierspecies zwar in sehr
zahlreichen Exemplaren vertreten ist, daß aber noch unendlich
zahlreichere an besagtem Tische reichlich Platz fänden. Ja ich behaupte,
daß Sie sich -- immer vorausgesetzt, daß Sie dabei nur den Hering und
nicht zugleich im Hintergrunde das menschliche Elend im Auge haben --
selber verlachen würden, käme Ihnen auch nur entfernt der Gedanke, die
Heringe könnten, wenn ihrer etwas mehr wären, keine Nahrung im Weltmeere
finden, es seien ihrer gerade so viel vorhanden, als dort satt zu
werden vermöchten. Oder nehmen wir eine andere Tierart, deren
Ernährungsverhältnisse wir nicht wie bei den Heringen bloß durch
unbefangenes Nachdenken, sondern erforderlichen Falls leicht durch
wirklichen Augenschein zu erkennen vermögen, also z. B. den Elefanten,
den Malthus ja auch speziell namhaft gemacht und für den er gleichfalls
berechnet hat, in welcher Frist ein einzelnes Pärchen den ganzen
Erdkreis mit seinen Nachkommen erfüllen müßte, um daraus die
Schlußfolgerung zu ziehen, daß es der Nahrungsmangel sei, was dieser
schrankenlosen Vermehrung das Ziel setze. Lehrt Sie nicht der erste,
oberflächlichste Blick, daß nirgends auf Erden auch nur entfernt so viel
Elefanten sind, als reichlich und in Fülle Nahrung fänden? Würden Sie
nicht jeden für einen Faselanten halten, der Ihnen das Gegenteil weis
machen wollte?

Sie wissen also insgesamt -- das bitte ich zunächst festzuhalten -- daß
jede Tierart, sie mag nun selten oder zahlreich, mehr oder minder
fruchtbar sein, sich mit ihrer Vermehrung regelmäßig innerhalb solcher
Schranken hält, die von den Grenzen des sogenannten Nahrungsspielraums
weit, unendlich weit entfernt sind. Ich gehe weiter; Sie wissen nicht
bloß, daß es so ist, Sie wissen auch, daß und warum es so sein _muß_.
Die unbefangene Beobachtung der Naturvorgänge sagt Ihnen nämlich bei nur
einigem Nachdenken, daß eine Art, die sich wirklich regelmäßig bis an
die Grenzen des Nahrungsspielraums vermehrte, also regelmäßig dem Hunger
und den Entbehrungen ausgesetzt wäre, notwendiger Weise verkümmern
müßte.

Sie wissen also, daß jener unerschöpfliche Überfluß, der im Gegensatze
zum Elend der menschlichen Gesellschaft allenthalben in der Natur
herrscht und den dieses Gegensatzes halber die Denker und Dichter aller
Zeiten besprochen und besungen haben, kein Werk des Zufalls, sondern der
Notwendigkeit ist und es erübrigt nur mehr die Ergründung jenes
Naturprozesses, jenes causalen Zusammenhanges, kraft dessen sich diese
Notwendigkeit vollzieht. In diesem Punkte war man zur Zeit, als Malthus
schrieb, allerdings auf allgemeine Redensarten angewiesen. Das Dunkel,
welches die Entwickelungsgeschichte der organischen Welt verhüllt, war
damals noch nicht erhellt; man mußte sich also damit begnügen, alle
Vorgänge im Tier- und Pflanzenreiche aus dem Walten der Vorsehung oder
der sogenannten Lebenskraft zu erklären -- was natürlich auch damals
niemand hinderte, die Thatsache sowohl, als die Notwendigkeit dieses
einstweilen unerklärlichen Naturvorganges zu sehen und zu begreifen. Sie
aber -- im Jahrhundert nach Darwin lebend -- können auch über diesen
letzten Punkt keinen Augenblick im Zweifel sein. Sie wissen, daß es der
Kampf ums Dasein ist, in welchem sich die lebenden Wesen zu dem
entwickeln, was sie sind, daß Eigenschaften, die sich als nützlich und
notwendig zum Gedeihen einer Art erweisen, durch diesen Kampf
hervorgelockt, ausgebildet und festgehalten, Eigenschaften dagegen, die
sich als schädlich für das Gedeihen der Art erweisen, unterdrückt und
beseitigt werden. Da nun die Eigenschaft, sich niemals bis an die
Grenzen des Nahrungsspielraums zu vermehren, zum Gedeihen, ja zur
Existenz jeglicher Art nicht bloß nützlich, sondern durchaus notwendig
ist, so muß eben auch sie durch den Daseinskampf hervorgerufen,
ausgebildet und als bleibender Artcharakter festgehalten worden sein.

Das alles haben Sie gewußt, meine Freunde, bevor ich es Ihnen sagte; nur
war Ihnen dieses Ihr Wissen bloß in jenen Fällen auch bewußt, zum
Gebrauche beim Denkprozesse gegenwärtig, wo es sich um rein botanische
oder zoologische Fragen handelte; sowie in Ihrem Denkapparate die Saite
der socialen oder ökonomischen Probleme berührt wurde, senkte sich
augenblicklich ein dichter, undurchdringlicher Schleier über diese
soeben noch so klaren Erkenntnisse; die Welt stellte sich Ihnen jetzt
nicht mehr so dar, wie sie ist, sondern wie sie sich durch besagten
Schleier -- seine Fäden heißen anerzogene Vorurteile und
Wahnvorstellungen -- ansieht, und Ihr Urteilsvermögen funktionierte nun
nicht mehr nach jenen allgemeinen Gesetzen, die sonst unter dem Namen
>Logik< sich Ihrer Achtung erfreuen, sondern machte ganz eigenartige
Kapriolen, die -- läge besagter Schleier nicht auf Ihren Sinnen --
unmöglich ohne Wirkung auf Ihre Lachmuskeln bleiben könnten. Ja, so
gründlich haben Sie sich daran gewöhnt, die Bilder, die Ihnen dieser
Schleier zeigt, für die wirkliche Welt zu halten, daß Sie sich von
denselben nicht zu befreien vermögen, auch nachdem Sie sich dazu
aufgerafft, den Schleier selber zu zerreißen.

Die Wahnvorstellungen und Trugschlüsse der Malthus'schen Theorie sind
doch eigentlich nur dadurch entstanden, daß ihr Autor nach Gründen für
das Elend der Menschheit suchte, den wahren Grund aber nicht zu
entdecken vermochte. Warum hungert der irische Bauer und der ägyptische
Fellache, so fragte er sich; und da er -- gehindert durch den bewußten
Schleier -- nicht zu sehen vermochte, daß sie hungerten, weil ihnen der
Ertrag ihrer Arbeit weggenommen wird, ja weil man ihnen gar nicht
gestattet, zu arbeiten, dabei aber bemerkte, daß die Massen überall und
allezeit hungerten, örtlich und zeitlich etwas minder empfindlich als zu
anderen Zeiten und Orten, aber schließlich doch hungerten, hungerten,
hungerten, trotz aller Plage und allen Fleißes, soweit menschliche
Erinnerung zurückreicht -- so geriet er endlich auf den Ausweg, diesen
allgemeinen Hunger für die Folge eines Naturgesetzes zu halten. Jetzt
wußte er es; der Fellache hungert und der irische Bauer hungert und die
Völker aller Weltteile und aller Zeiten hungern, weil sie zu zahlreich
sind, und sie sind zu zahlreich, weil nur der Hunger sie hindert, noch
zahlreicher zu werden. Daß die vom Rätsel des Elends gepeinigte Welt
_das_ glaubte, ist schließlich zu begreifen, denn einen Grund muß das
Elend doch haben und Mangels der richtigen haben noch allezeit falsche
Erklärungsgründe herhalten müssen; Sie aber, meine Freunde, die Sie die
Ursache des Elends in der Ausbeutung und Knechtschaft erkannt haben, Sie
glauben merkwürdiger Weise noch immer an jenes seltsame Naturgesetz,
welches doch Malthus nur ersann, um obigen Notbehelf aus ihm zu
konstruieren; das macht: Sie haben den Schleier zwar zerrissen,
durchlöchert, aber seine Fetzen umhüllen Ihnen noch immer Haupt und
Sinne. Warum der Fellache und der irische Bauer _heute_ hungert, das zu
sehen, dazu haben Sie sich aufgerafft; aber für unsere Nachkommen
zittern Sie noch immer vor Übervölkerung, den Hering sehen Sie noch
immer von Nahrungssorgen verfolgt, und der Elefant durchstreift für Sie
immer noch mit knurrendem Magen die kahlgefressenen Waldungen Hindostans
oder Afrikas -- sowie Sie von Hering und Elefant weiter hinaus denken an
diese unsere armen, der Übervölkerung verfallenen Nachkommen.«

Jubelnder Applaus, untermengt mit Ausbrüchen lauter Heiterkeit
durchbrauste den Saal, nachdem Dr. Strahl geschlossen. Auf seinem Wege
von der Rednerbühne zum Präsidentensitze erwarteten ihn neben den
Freunden, die herbeigeeilt waren, ihm die Hand zu drücken, auch die
Wortführer der Opposition, die freudig und rückhaltlos den vollkommenen
Sieg anerkannten.

                (Schluß des vierten Verhandlungstages.)



                              27. Kapitel.


                        Fünfter Verhandlungstag.

Zur Diskussion gelangt der vierte und letzte Punkt der Tagesordnung:

_Ist es möglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
überall unter Schonung der erworbenen Rechte und überkommenen Interessen
zur Durchführung zu bringen; und wenn dies möglich ist, welches sind die
geeigneten Mittel hierzu?_

_Der Vorsitzende._ Ich glaube dem Wunsche der Versammlung zu
entsprechen, wenn ich den heute Morgen in Edenthal eingetroffenen
Spezialgesandten des amerikanischen Kongresses, _William Stuart_, bitte,
sich seines Auftrages zu entledigen und uns Bericht zu erstatten über
jene Vorschläge, welche das mit Ausarbeitung der Übergangsbestimmungen
in das Regime der wirtschaftlichen Gleichberechtigung betraute Komitee
dem Kongresse seines Landes unterbreitet hat.

_William Stuart._ Im Auftrage der Vertreter des amerikanischen Volkes
erbitte ich mir die Wohlmeinung dieser hochansehnlichen Versammlung über
eine Reihe von gesetzlichen Verfügungen, die bestimmt sein sollen, uns
mit jener Energie, die nun einmal unseren Gewohnheiten entspricht,
zugleich aber unter vollkommener Schonung aller bestehenden Rechte, aus
dem bisherigen wirtschaftlichen Zustande in denjenigen der
wirtschaftlichen Gleichberechtigung hinüberzuleiten. Meine Auftraggeber
sahen sich zu diesem Schritte durch den Umstand veranlaßt, daß unsere
Nation unter allen Nationen außerhalb Freilands die erste ist, welche --
unseres Wissens zum mindesten -- über das Stadium der Vorberatungen
hinaus gediehen, unmittelbar vor der zur Durchführung des Werkes
führenden Aktion steht. Die Institutionen der wirtschaftlichen
Gerechtigkeit selber sind nichts Neues mehr; wir konnten uns
diesbezüglich auf ein bewährtes Präcedenz, das Beispiel Freilands,
stützen, was denn auch -- mit einigen höchst unwesentlichen, der
Eigenart des amerikanischen Volkscharakters und Landes entsprechenden
Abweichungen -- durchweg geschehen wird. Dagegen fehlt es für die
Übergangsbestimmungen an jeglicher Erfahrung, und da wir, ungeachtet der
bekannten Raschheit unseres Handelns, guten Rat -- insbesondere in so
wichtiger Sache -- lieber vor als nach der That einholen, so bin ich
hergesandt, Ihre Meinung zu hören und dieselbe dann im amerikanischen
Kongresse zu vertreten, bevor die Vorschläge des Komitees Gesetzeskraft
erlangen.

Es ist beantragt, allen im Gebiete der Union gelegenen Boden für
herrenlos zu erklären, die bisherigen Besitzer aber mit dem vollen
Katasterwerte zu entschädigen. Um denjenigen, die sich dabei verkürzt
erachten sollten, die Möglichkeit der Abhilfe zu gewähren, sollen
besondere Sachverständigenkommissionen zur Prüfung allfälliger
Reklamationen niedergesetzt werden und die öffentliche Meinung der Union
geht dahin, daß diesen Kommissionen ein möglichst rücksichtsvolles
Verfahren zur Richtschnur empfohlen werden sollte. Der gleiche Vorgang
ist bei Gebäuden beantragt, mit der Maßgabe jedoch, daß zum eigenen
Gebrauche des Besitzers dienende Wohnhäuser auf dessen Wunsch von der
Ablösung ausgenommen werden können. Die solcherart erhobenen und
festgestellten Ablösungsbeträge sollen je nach Wunsch der Berechtigten
entweder sofort oder in Raten zur Auszahlung gelangen, mit der Maßgabe,
daß für jede Erstreckung der Raten um je ein Jahr eine Prämie von 1/5
Prozent gewährt wird, welche Prämie der Berechtigte in Form von
Zuschlagsraten nach erfolgter Abtragung des eigentlichen Kaufpreises
ausgezahlt erhält. Auf länger als fünfzig Jahre wird die Abzahlung nicht
erstreckt. Gesetzt also den Fall, eine Liegenschaft sei mit 10000
Dollars bewertet worden, so erhält der Besitzer, falls er sofortige
Auszahlung der ganzen Summe verlangt, seine 10000 Dollars, mit denen er
dann anfangen mag, was ihm beliebt; verlangt er beispielsweise zehn
Jahresrenten _à_ 1000 Dollars, so hat er das Anrecht auf zehn Prämien
von je 20 Dollars, die ihm gesammelt als elfte Jahresrate von 200
Dollars zugezählt werden. Verlangt er Abzahlung in fünfzig Raten _à_ 200
Dollars, so erwächst ihm ein Prämienanspruch von fünfzigmal 20, d. i.
also von 1000 Dollars, die er in Form fünf fernerer Jahressraten _à_ 200
Dollars einkassiert. Dieselben Rückzahlungsmodalitäten gelten für die
gesamte, sofort zu kündigende Nationalschuld.

Die bestehenden Kredit- und Schuldverhältnisse der Privaten
bleiben aufrecht; doch soll der Schuldner, gleichviel welche
Abzahlungsbedingungen ursprünglich vereinbart waren, das _Recht_
unmittelbarer Rückerstattung des entliehenen Kapitals haben. Die
Beistellung der zum Betriebe welcher Produktion immer erforderlichen
Kapitalien abseitens des Gemeinwesens wird die Privatschuldner in den
Stand setzen, von diesem ihrem Rechte Gebrauch zu machen; nur soll nach
dem Antrage der Kommission das Gemeinwesen bis auf weiteres die nämliche
Prämie, die es seinen Gläubigern gewährt, auch von seinen Schuldnern
verlangen. Der Zweck letzterer Maßregel liegt auf der Hand; sie soll
verhüten, daß -- Mangels jedes ihnen eingeräumten Vorteils -- die
Privatgläubiger ihre Kapitalien aus dem Verkehre ziehen und tot liegen
lassen. Bekämen die Kapitalbedürftigen anfangs ihren Bedarf gänzlich
kostenlos, lediglich gegen die Verpflichtung allmählicher Rückerstattung
des entliehenen Kapitals, so würden sie sich zu keinerlei Vergütung
ihren alten Gläubigern gegenüber verstehen, während sie, wird der
Vorschlag der Kommission angenommen, jene Prämie, die das Gemeinwesen
von ihnen verlangt, auch jenen zu bewilligen bereit sein werden.

Zu bemerken wäre noch, daß, dank dem schon bei Gelegenheit der
Wahlagitationen für den konstituierenden Kongreß allenthalben zum
Ausdrucke gebrachten Grundsatze, alle erworbenen Rechte peinlichst zu
achten, die produktive Thätigkeit in der Übergangszeit nicht allein
keinerlei Störung erlitten, sondern einen, vorher niemals noch erlebten
Aufschwung erfahren hat. Die in Bildung begriffenen freien Associationen
zwingen die alten Unternehmer, sich durch ausgiebige Lohnerhöhungen die
zum provisorischen Fortbetriebe erforderlichen Arbeitskräfte zu
erhalten, und da gerade diese Lohnerhöhungen den Bedarf nach allen
Produkten sprunghaft steigern, so wächst damit zugleich das Interesse
der Unternehmer, ihre Produktion vor jeder Stockung zu bewahren. Diese
beiden Strömungen steigern sich gegenseitig in solchem Maße, daß im
Momente der Minimallohn drei Dollars per Tag übersteigt, und daß
fieberhafter Unternehmungsgeist sich der gesamten Geschäftswelt
bemächtigt hat. Insbesondere die Maschinenindustrie entfaltet eine
Regsamkeit, die aller bisherigen Vorstellungen spottet. Die Furcht vor
Überproduktion ist zur Mythe geworden, und da die Unternehmer darauf
rechnen können, in den Associationen demnächst schon bereitwillige
Abnehmer für guteingerichtete Anlagen zu finden, so hält sie nichts ab,
den letzten Moment, der ihrer Privatthätigkeit noch gelassen ist,
thunlichst auszunützen. Auch die Landbesitzer finden dabei ihre
Rechnung, denn selbstverständlich ist der Bodenwert infolge der so rapid
gewachsenen Nachfrage nach Bodenprodukten aller Art sehr namhaft
gestiegen. Kurzum, alles berechtigt uns zu der Annahme, daß sich der
Übergang in die neue Ordnung der Dinge bei uns nicht bloß leicht und
glatt, sondern auch zu vollster Befriedigung _aller_ Teile unseres
Volkes vollziehen werde.

Der _Vorsitzende_ fragt die Versammlung, ob sie sofort in die Diskussion
der soeben gehörten Botschaft des amerikanischen Kongresses, respektive
in die Debatte über Punkt vier der Tagesordnung eingehen, oder zuvor
noch den Bericht entgegennehmen wolle, welchen der freiländische
Kommissär in Rußland durch einen soeben in Edenthal eingetroffenen
Abgesandten zu erstatten beabsichtige. Da sich der Kongreß für letzteres
entschied, nahm

_Demeter Nowikof_ (Abgesandter des freiländischen Kommissars für
Rußland) das Wort: Als wir, auf Wunsch des russischen Volkes von der
freiländischen Centralverwaltung delegierten Kommissäre, in Moskau
eingetroffen waren, fanden wir die Ruhe wenigstens äußerlich insoweit
hergestellt, als die einander bis dahin mit schonungsloser Wut
zerfleischenden Fraktionen auf die Nachricht unserer Ankunft vorderhand
Waffenstillstand geschlossen hatten. Nicht bloß die Kanonen und Gewehre,
auch die Guillotine und der Galgen feierten. Radoslajew, unser
bevollmächtigter Kommissär, berief sofort die sämtlichen Parteihäupter
zu sich, bewog sie, die Waffen vollends niederzulegen, die Gefangenen
freizugeben, die sieben verschiedenen, sich bis dahin sämtlich als
ausschließliche Vertreter des russischen Volkes geberdenden Parlamente
heimzusenden, und schrieb dann, nachdem er sich für die Zwischenzeit mit
einem Rate von Vertrauensmännern der verschiedenen Parteien umgeben, mit
thunlichster Beschleunigung allgemeine Neuwahlen für eine
konstituierende Versammlung aus.

Da Produktion und Verkehr beinahe gänzlich stille standen, so war das
Elend grenzenlos. Die Arbeitgeberschaft war von einigen der extremsten
Parteien als todeswürdiges Verbrechen verfolgt worden, niemand wagte es
daher, Arbeiter zu beschäftigen; sich selber zu organisieren, dazu waren
in den meisten Teilen des Reiches die unwissenden, in knechtischem
Gehorsam darniedergehalten gewesenen Massen gänzlich außer Stande, und
da zum Überfluß die radikalsten unter den Nihilisten auch die
Organisatoren freier Associationen als »maskierte Herren« zu
guillotinieren begonnen hatten, so schien es fast, als ob gegenseitiges
Todschlagen die einzige Thätigkeit sei, der man hinfort in Rußland
obliegen könne.

Die Proklamation, mit welcher Radoslajew die Wahlen ausschrieb,
beruhigte zwar die Gemüter, genügte aber nicht zu rascher Inaugurierung
ersprießlicher produktiver Thätigkeit. Als daher die neugewählte
konstituierende Versammlung zusammengetreten war, schlug ihr Radoslajew
als Übergangsstadium in das Regime der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
ein gemischtes System vor, in welchem neben den Keimen der
anzustrebenden freien Gesellschaft und neben allfälligen Resten alter
Einzelwirtschaft eine Art von Übergangs-Kommunismus Platz finden sollte.

Zunächst aber mußte Ordnung in die bestehenden Rechtsverhältnisse
gebracht werden. Während der unserer Ankunft vorhergehenden
Schreckensherrschaft war aller immobile Besitz zu Nationaleigentum
erklärt worden, ohne daß die früheren Eigentümer irgendwelche
Entschädigung erhalten hatten; alle bestehenden Schuldverhältnisse waren
einfach annulliert und es galt nun, nachträglich diese Gewaltakte
gutzumachen, soweit es irgend noch anging. Doch in diesem Punkte erwies
sich anfangs auch die neue Nationalversammlung untraitabel. Der Haß
gegen die alte Ordnung war ein so allgemein verbreiteter und tiefer, daß
selbst die Depossedierten es nicht wagten, auf unsere Absichten
einzugehen. Das aus der Epoche der Ausbeutung herrührende Privateigentum
galt schlechthin als Raub und Diebstahl, die Inanspruchnahme von
Entschädigungen als schimpflich derart, daß eine Deputation früherer
Großgrundbesitzer und Fabrikanten, an ihrer Spitze zwei ehemalige
Großfürsten, Radoslajew beschwor, von seiner Forderung abzustehen, damit
der kaum entschlafene nihilistische Fanatismus nicht neuerlich gereizt
werde. Nichtsdestoweniger beharrte dieser, nachdem er sich mit uns, den
ihm beigegebenen Freiländern, beraten, auf seiner Forderung. Er erklärte
der Nationalversammlung, daß es uns natürlich fern liege, dem russischen
Volke unsere Anschauungen aufzunötigen, daß anderseits aber auch Rußland
von uns nicht verlangen könne, uns an einem Werke zu beteiligen, dessen
Grundlage -- in unseren Augen -- Raub wäre; und diese Drohung mit
unserem Rücktritte wirkte endlich. Die Nationalversammlung machte noch
den Versuch, sich der Votierung einer ihr verhaßten Maßregel dadurch zu
entziehen, daß sie Radoslajew für die Zeit des Überganges die Diktatur
anbot; nachdem er jedoch auch dieses Ansinnen abgelehnt hatte, fügte sie
sich und ging widerwillig in die Beratung des Entschädigungsgesetzes
ein. Im Sinne des von Radoslajew vorgelegten Entwurfes sollte den
früheren Eigentümern der volle Wert in Raten bezahlt werden, ebenso
sollten die früheren Schuldverhältnisse voll reaktiviert und gleichfalls
in Raten abgetragen werden; die unveränderte Annahme dieses Gesetzes
konnte Radoslajew jedoch nicht durchsetzen. Die Nationalversammlung
votierte einstimmig eine Klausel, nach welcher kein einzelner
Entschädigungsanspruch die Höhe von 100000 Rubel überschreiten durfte;
hatte der Eigentümer Schulden, so wurde deren Betrag in Anrechnung
gebracht, doch durfte auch der Ersatzanspruch aus dem Titel von
Schuldforderungen keines einzelnen Gläubigers 100000 Rubel übersteigen.
Ebenso wurde für verwüstetes Eigentum eine auf das gleiche Maximum
beschränkte Entschädigung gewährt.

Inzwischen hatten wir alle Anstalten getroffen, um die Produktion auf
den neuen Grundlagen zu organisieren. Privatunternehmer wagten sich,
trotzdem ihnen das Feld freigegeben war, nicht hervor; dagegen begannen
sich insbesondere in den westlichen Gouvernements auf Grund unserer zum
Muster genommenen freiländischen Statuten, freie Arbeiterassociationen
zu bilden. Die große Masse der arbeitenden Bevölkerung erwies sich
jedoch hiezu noch unfähig, und notgedrungen mußte daher die
Regierungsgewalt organisierend eingreifen. Zwanzig verantwortliche
Komitees wurden für zwanzig verschiedene Produktionszweige geschaffen
und diese Komitees nahmen mit Hülfe der sich bereitwillig zur Verfügung
stellenden Intelligenz die Produktion in die Hand. Der Freiheit ist
insoweit Rechnung getragen, als niemand zwangsweise zur Arbeit verhalten
wird. Derzeit sind 83000 solcher Unternehmungen mit 12½ Millionen
Arbeitern im Betriebe. Bezüglich der Verteilung des Ertrages herrscht in
denselben ein aus freier Vergesellschaftung und Kommunismus gemischtes
System. Die Hälfte des erzielten Nettoertrages gelangt unter den
gesamten 12½ Millionen Arbeitern zur gleichmäßigen Verteilung; die
andere Hälfte verteilen die einzelnen Unternehmungen für sich unter die
ihnen angehörigen Arbeiter. Wir glauben solcher Art jede Unternehmung
einerseits gegen die äußersten Konsequenzen eines allfälligen
Mißerfolges ihrer Produktion sichergestellt, anderseits aber auch das
Interesse der Beteiligten am Gedeihen der einzelnen Produktion
wachgerufen zu haben. Die Leiter dieser Produktivkörperschaften erhalten
nach dem gleichen gemischten Systeme Zahlung.

Die Arbeitszeit ist auf 36 Stunden wöchentlich fixiert. Außerdem ist ein
zweistündiger täglicher Unterricht für Erwachsene eingerichtet, welchen
Unterricht gegenwärtig 65000 Wanderlehrer, deren Zahl jedoch stetig
vermehrt wird, zu besorgen haben. Desgleichen sind bisher 120000
Volksbibliotheken errichtet, zu deren Versorgung mit den notwendigsten
Büchern eine Anzahl großer Druckereien in Rußland selber gegründet,
außerdem aber die bedeutenderen Druckereien des Auslandes beschäftigt
sind; die freiländischen Druckereien allein haben bisher 28 Millionen
Bände geliefert. Da auch der Jugendunterricht mit aller erdenklichen
Energie gefördert wird -- 780 Lehrerseminare sind teils gegründet, teils
in Gründung begriffen, vom slawischen Auslande, insbesondere aus Böhmen,
sind massenhaft Lehrkräfte herangezogen worden, und dergleichen mehr --
so hoffen wir den Bildungsgrad der Massen sich binnen wenigen Jahren so
weit heben zu sehen, daß mit den Resten des Kommunismus wird aufgeräumt
werden können.

Inzwischen wird die provisorisch geübte Bevormundung den sich derselben
freiwillig unterwerfenden Massen gegenüber auch zur Hebung und Veredlung
ihrer Gewohnheiten und Bedürfnisse ausgenutzt. Geistige Getränke,
insbesondere Branntwein, werden nur in begrenzten Dosen ausgeschenkt,
die elenden Lehmhütten und Arbeiterhöhlen werden successive
niedergerissen und durch nette, mit kleinen Gärten versehene
Familienhäuser ersetzt; monatlich mindestens einmal werden
Volksfeste veranstaltet, bei denen leichte zwar, aber gute Musik,
Theatervorstellungen und populäre Vorträge den ästhetischen, eine
rationelle feinere Küche den materiellen Geschmack der Teilnehmer zu
heben bestimmt sind. Besondere Sorgfalt wird der Erziehung der Frauen
gewidmet. Nahe an 80000 Wanderlehrerinnen durchziehen heute schon das
Land, unterrichten die -- von jeder groben Arbeit befreiten -- Weiber in
den Elementen der Wissenschaft sowohl, als civilisierterer
Haushaltungskunst, suchen ihr Selbstgefühl und ihren Geschmack zu heben,
sie über ihre neuen Rechte und Pflichten aufzuklären und insbesondere
der bis dahin herrschend gewesenen häuslichen Brutalität zu steuern. Da
diese Apostel höherer Weiblichkeit -- wie überhaupt alle Lehrkräfte --
die volle Autorität der Behörden hinter sich haben und sich ihrem Berufe
mit hingebender Begeisterung widmen, so lassen sich derzeit schon nicht
unerhebliche Erfolge ihres Wirkens feststellen. Die Weiber der
arbeitenden Klassen, bis dahin schmutzige, mißhandelte, störrige
Lasttiere, beginnen allgemach für ihre Würde als Menschen sowohl wie als
Frauen Verständnis zu zeigen. Sie lassen sich von ihren Männern nicht
mehr prügeln, halten diese, sich selber, die Kinder und ihr Haus
reinlich und wetteifern untereinander in Erwerbung von allerlei
nützlichen Kenntnissen. Ein ganz unglaublicher Fortschritt, ja eine
Revolution hat -- Dank dem sofort eingeführten Versorgungsanspruche der
Frauen -- in den Sittlichkeitsverhältnissen stattgefunden. Während
früher, insbesondere unter dem städtischen Proletariate, geschlechtliche
Zügellosigkeit und Käuflichkeit allgemein verbreitet waren, sind jetzt
geschlechtliche Fehltritte eine unerhörte Seltenheit geworden. Dabei ist
es insbesondere interessant, den Unterschied zu beobachten, welchen die
Meinung des Volkes zwischen derlei Sünden aus früherer Zeit und zwischen
denen der Gegenwart macht. Während über jene ganz allgemein der Mantel
der Vergessenheit gebreitet wird, kennt die öffentliche Meinung für
diese keine Nachsicht. »Die sich früher verkaufte, war eine
Unglückliche, die es jetzt thäte, wäre eine Verworfene,« so spricht und
handelt in diesem Punkte das Volk. Die öffentliche Dirne von ehemals
trägt die Stirne hoch und frei, sofern sie jetzt nur tadellos ist, und
sieht mit stolzer Verachtung herab auf das Mädchen oder die Frau, die
sich nunmehr, »seitdem wir Weiber uns nicht mehr verkaufen müssen, um
Brot zu haben,« auch nur das Geringste zu Schulden kommen läßt.«

Es wird nunmehr in die Debatte über Punkt 4 der Tagesordnung
eingegangen.

_Ibrahim el Melek_ (Rechte). Die überaus lehrreichen Berichte aus
Amerika und Rußland liefern den drastischen Beweis dafür, daß der
Übergang zu dem Systeme der wirtschaftlichen Gerechtigkeit sich nicht
bloß im allgemeinen desto leichter, sondern insbesondere auch unter
desto annehmlicheren Formen für die besitzenden Klassen vollziehe, je
entwickelter und vorgeschrittener zuvor die arbeitenden Klassen gewesen.
Unter diesem Gesichtspunkte darf es also nicht Wunder nehmen, daß auch
wir in Ägypten den Systemwechsel voraussichtlich nicht ohne schwere
Erschütterungen werden durchmachen können. Die Nähe Freilands und das
rasche Eintreffen seiner von den aus Rand und Band geratenen Fellachim
mit nahezu göttlichen Ehren empfangenen Kommissäre hat uns zwar vor
ähnlichen Greuelscenen bewahrt, wie sie Rußland Wochen hindurch
zerfleischten; es sind keinerlei Mordthaten und nur geringe Zerstörungen
von Eigentum vorgekommen; aber die von den freiländischen Kommissären
einberufene ägyptische Nationalversammlung zeigt sich noch weit
abgeneigter als ihre russische Kollegin, die Entschädigungsansprüche der
früheren Besitzer anzuerkennen. Ich sehe darin eine Fügung des
Schicksals, gegen die sich nichts machen läßt und die man daher mit
Resignation hinnehmen muß. Von Verschulden aber möchte ich die so schwer
Betroffenen freisprechen. Ohne daß es ausdrücklich gesagt worden ist,
habe ich doch das deutliche Empfinden, daß die große Majorität dieser
Versammlung von dem Gedanken ausgeht, die ehemals herrschend gewesenen
Klassen erführen nunmehr überall das Los, welches sie sich selber
bereiteten; dem gegenüber möchte ich fragen, ob denn etwa die
amerikanischen, australischen und west-europäischen Grundherren,
Kapitalisten und Arbeitgeber früher die Vorteile ihrer Stellung minder
schonungslos ausbeuteten, als die russischen oder ägyptischen? Daß sie
ihren arbeitenden Klassen nicht so übel mitzuspielen vermochten, als die
letzteren, hat in der größeren Energie des Volkscharakters, in der
größeren Widerstandskraft der Massen, nicht aber in ihrer, der
Herrschenden, Gutmütigkeit seinen Grund. Ich vermag also keine
Gerechtigkeit darin zu sehen, wenn der russische Edelmann oder der
ägyptische Bey sein Vermögen verliert, während der amerikanische
Spekulant, der französische Kapitalist oder der englische Lord aus dem
Umschwunge vielleicht sogar mit Gewinn hervorgeht.

_Lionel Spencer_ (Centrum). Der Herr Vorredner dürfte mit seiner
Vermutung, daß auch die besitzenden Klassen Englands gleich denen
Amerikas ohne Verlust aus der im Zuge befindlichen Revolution
hervorgehen werden, voraussichtlich Recht behalten; daß den Besitzenden
nichts genommen werden dürfe, was ihnen nicht zum vollen Werte bezahlt
wird, kann bei uns in England so gut als z. B. in Frankreich und noch in
einigen anderen demokratisch verwaltet gewesenen Ländern nicht dem
geringsten Zweifel unterliegen. Ein Spiel des blinden Fatums aber vermag
ich darin nicht zu erblicken. Bemerken Sie, daß die Opfer der socialen
Revolution überall im umgekehrten Verhältnisse des bis dahin üblich
gewesenen Arbeitslohnes stehen, dessen Höhe in erster Reihe bestimmend
ist für das Durchschnittsniveau der geistigen Bildung des Volkes. Wo die
Massen in tierischem Elend schmachteten, dort darf man sich nicht
wundern, daß sie, als ihre Ketten brachen, sich auch mit tierischer Wut
auf ihre Zwingherrn stürzten. Die Höhe des Arbeitslohnes hinwieder ist
überall abhängig von dem Ausmaße politischer und socialer Freiheit,
welches die Besitzenden den Massen gönnen. Mag immerhin der russische
Edelmann oder der ägyptische Bey persönlich sogar gutmütiger sein, als
der amerikanische Spekulant oder der englische Landlord; der essentielle
Unterschied liegt darin, daß das Schicksal der Massen in Amerika und
England vom persönlichen Belieben der Reichen unabhängiger war als in
Rußland und Ägypten. Die Besitzenden waren dort -- wenn auch vielleicht
im Privatverkehr noch härter -- politisch klüger, maßvoller, als hier
und die Früchte dieser politischen Klugheit nun sind es, die sie ernten.
Mag auch sein, daß sie selbst zu dieser Klugheit sich bloß gezwungen
bekannt hatten -- sie _thaten_ es eben und nur die Thaten, nicht die
Gesinnungen richtet die Geschichte. Die herrschend gewesenen Klassen der
zurückgebliebenen Länder büßen jetzt für das Übermaß ihres
Herrenbewußtseins; sie zahlen gleichsam nachträglich jene Differenzen
des Arbeitslohnes, welche sie früher noch an dem, ohnehin kärglich genug
bemessenen, allgemeinen Durchschnitt der ausbeuterischen Ordnung
abgezwackt hatten.

_Tei-Fu_ (Rechte). Der Herr Vorredner übersieht, daß die Bestimmung des
Arbeitslohnes nicht vom Belieben der Arbeitgeber, sondern von Angebot
und Nachfrage abhängt. Daß Hungerlöhne zum Tiere herabdrücken, ist ja
leider richtig und die Blutbäder, mit denen die zur Verzweiflung
getriebenen Massen auch meines Vaterlandes allenthalben das
Befreiungswerk einleiteten, sind gleich den Ereignissen in Rußland
beredte Beweise dieser Wahrheit; aber wie hätte alle politische Klugheit
der Herrschenden dem vorbeugen können? Der Arbeitsmarkt in China war
eben überfüllt, das Händeangebot zu groß; keine Macht der Erde konnte
den Lohn erhöhen.

_Alexander Ming-Li_ (Freiland). Mein Bruder Tei-Fu glaubt, daß der
Arbeitslohn von Angebot und Nachfrage abhänge; es ist das kein in
unserem gemeinsamen Geburtslande erdachtes Axiom, sondern ein der
Nationalökonomie des Westens entlehnter Satz, der aber deshalb in
gewissem Sinne nicht minder richtig ist. Er gilt schließlich von jeder
Ware, also auch von menschlicher Arbeitskraft, so lange sie als Ware
feilgeboten werden muß. Aber daneben hängt der Preis auch noch von zwei
anderen Dingen ab, nämlich von den Produktionskosten und vom Nutzwerte
der Ware, ja diese beiden letztgenannten Faktoren sind es, die auf die
Dauer den Preis regulieren, während die Schwankungen von Angebot und
Nachfrage auch bloß Schwankungen innerhalb der von Produktionskosten und
Nutzwert gezogenen Grenzen herbeizuführen vermögen. Man muß auf die
Dauer für jedes Ding so viel bezahlen, als seine Herstellung kostet und
man kann auf die Dauer nicht mehr für dasselbe erhalten, als sein
Gebrauch wert ist. Das ist alles auch längst bekannt, nur hat man es
sonderbarer Weise niemals vollständig auf die Frage des Arbeitslohnes
angewendet. Was kostet die Herstellung der Arbeitskraft? Nun offenbar so
viel, als der Arbeiter an Mitteln des Unterhalts braucht, um bei Kräften
zu bleiben. Und was ist der Nutzwert der menschlichen Arbeit? Nun ebenso
offenbar der Wert des durch sie zu erzielenden Produkts. Was heißt das
also in seiner Anwendung auf den Arbeitsmarkt? Wie mir scheint, nichts
anderes, als daß die Höhe des Arbeitslohnes -- unbeschadet der
Fluktuationen durch Angebot und Nachfrage -- auf die Dauer bestimmt wird
durch die Lebensgewohnheiten der Arbeiter einerseits und durch die
Produktivität ihrer Arbeit anderseits. Ersteres Moment ist bestimmend
für die Forderungen der Arbeiter, letzteres für die Zugeständnisse der
Arbeitgeber.

Nun aber bitte ich meinen geehrten Landsmann wohl Acht zu geben. Die
Lebensgewohnheiten der Massen sind nichts unabänderlich gegebenes; jedes
menschliche Wesen hat das natürliche Bestreben, möglichst gut zu leben,
und wenn auch zugegeben werden muß, daß Sitte und Gewohnheit häufig
dieser natürlichen Expansionstendenz der Bedürfnisse einige Zeit
hindurch hemmend entgegentreten können, so darf ich doch mit gutem
Gewissen behaupten, daß unsere unglücklichen Brüder im blumigen Lande
der Mitte nicht aus unüberwindlicher Abneigung gegen ausreichende Kost
und Kleidung hungerten und halbnackt umherliefen, sondern sehr gern
bereit gewesen wären, sich höhere Gewohnheiten anzueignen, wenn nur die
vorsorgliche Weisheit aller chinesischen Regierungen dem nicht jederzeit
dadurch entgegengetreten wäre, daß sie alle Versuche der Arbeiter, sich
behufs wirksamer Geltendmachung ihrer Forderungen zu verabreden und zu
vereinigen, mit den härtesten Strafen verfolgte. Verbündete Arbeiter
wurden nicht anders behandelt, denn als Rebellen und die Besitzenden
Chinas -- das ist ihre Thorheit und ihre Schuld -- haben dieser
verbrecherischen Thorheit der chinesischen Regierung stets Beifall
gespendet.

Thorheit sowohl als Verbrechen nenne ich dies Beginnen, weil es nicht
bloß gegen die Gerechtigkeit und Menschlichkeit, sondern auch gegen den
eigenen Vorteil der also Handelnden und der ihnen Beifall Spendenden in
gröblichster Weise verstieß. Die Regierung anlangend sollte man meinen,
daß dieser das Aberwitzige und Selbstmörderische ihres Beginnens ganz
von selbst auch ohne tieferes Nachdenken längst hätte einleuchten
sollen. Mußte doch ein Blinder sehen, daß sie ihre finanzielle sowohl
als ihre militärische Kraft in dem Maße ruinierte, in welchem ihre
Maßregeln gegen die unteren Volksklassen von Erfolg begleitet waren. Der
Konsum der Massen ist wie allerorten so auch in China die hauptsächliche
Quelle der Staatseinnahmen, die physische Gesundheit der Bevölkerung die
Stütze der militärischen Kraft gewesen. Was sollten aber Chinas Zölle
und Accisen einbringen, wenn das Volk nichts verzehren konnte und wie
sollten seine aus dem elendesten Proletariate rekrutierten Soldaten Mut
und Kraft vor dem Feinde beweisen? Ebenso schädigte diese
Darniederhaltung der Massen auch die Interessen der Besitzenden. Weil
das chinesische Volk wenig konsumierte, vermochte es auch nicht zu höher
produktiver Arbeit überzugehen, d. h. seine Arbeitskraft hatte, gerade
weil ihre Herstellungskosten so jämmerlich wenig beanspruchten, auch
jämmerlich wenig Nutzwert.

Der chinesische Arbeitgeber konnte also wirklich nicht viel für die
Arbeit zahlen, aber nur aus dem Grunde, weil dem Arbeiter verwehrt war,
in wirksamer, d. h. nicht bloß den einzelnen Arbeitgeber, sondern den
Arbeitsmarkt beeinflussender Weise, viel zu verlangen. Der einzelne
Unternehmer hätte freilich den Forderungen seiner Arbeiter nur in
beschränktem Maße nachgeben können, da er als Einzelner das Mehr an Lohn
an seinem Gewinne eingebüßt hätte; wäre aber in ganz China der
Arbeitslohn gestiegen, so hätte dies den Bedarf in solchem Maße erhöht,
daß die gesamte chinesische Arbeit ergiebiger geworden wäre, d. h. mit
besseren Produktionsmitteln hätte ausgestattet werden können; nicht aus
ihrem Gewinne, sondern aus dem gesteigerten Ertrage hätten die
Arbeitgeber die Lohnaufbesserung gedeckt, ja ihr Gewinn wäre sogar
gewachsen, ihr Reichtum, dargestellt durch die in ihrem Besitze
befindlichen kapitalistischen Arbeitsmittel, hätte sich vermehrt. Das
schließt natürlich nicht aus, daß einzelne Produktionszweige unter
diesem Umschwunge gelitten hätten, denn die Zunahme des Konsums infolge
verbesserter Löhne erstreckt sich nicht gleichmäßig auf alle
Bedarfsartikel. Der Konsum kann sich im Durchschnitt verzehnfacht haben
und trotzdem die Nachfrage nach einem einzelnen Gute ziemlich stationär
bleiben, ja vielleicht sogar zurückgehen; dafür aber wird in diesem
Falle ganz gewiß die Nachfrage nach gewissen anderen Gütern sich mehr
als verzehnfachen, den Einbußen einzelner Arbeitgeber stehen sicherlich
desto größere Gewinne anderer Arbeitgeber gegenüber und als allgemeine
Regel kann überall gelten, daß der Reichtum der Besitzenden im geraden
Verhältnisse mit dem Arbeitslohne wächst, den sie bezahlen müssen. Es
ist dies ja anders auch gar nicht möglich, da dieser Reichtum der
besitzenden Klassen der Hauptsache nach in gar nichts anderem besteht,
als in den Produktionsmitteln, die zur Herstellung der Bedarfsgüter des
ganzen Volkes dienen.

Und sollte mein geehrter Landsmann vielleicht meinen, daß man sich mit
der Frage der Lohnerhöhung in einem Zirkel bewege, indem einerseits die
Ergiebigkeit der Arbeit, d. i. der Nutzwert der Arbeitskraft allerdings
nicht verbessert werden könne, so lange der Volksgebrauch, d. i. der
Selbstkostenbetrag der Arbeitskraft, sich nicht steigere, anderseits
aber auch letztere Steigerung undurchführbar sei, so lange erstere nicht
zur Thatsache geworden; so sage ich ihm, daß dies eben der
verhängnisvolle Aberglaube ist, den die besitzenden Klassen und die
Machthaber so manchen Landes nun so grausam zu büßen haben. Da der
Arbeits_lohn_ in der ausbeuterischen Welt immer nur einen Teil und dazu
in der Regel noch einen sehr geringen des Arbeits_ertrages_
beanspruchte, so waren -- von höchst vereinzelten Ausnahmen abgesehen --
die Arbeitgeber sehr wohl in der Lage, Lohnerhöhungen zu gewähren, noch
bevor die, allerdings erst als Folge _allgemeiner_ Lohnerhöhung zu
gewärtigende Steigerung der Erträge faktisch eingetreten war; ich sage
ihm, daß speciell in China durchschnittlich selbst der dreifache und
vierfache Lohn noch immer nicht den ganzen -- wohlverstanden nicht
einmal den alten, von der Erhöhung der Erträge noch unbeeinflußten --
Gewinn verschlungen hätte. Die Arbeitgeber _konnten_ also mehr zahlen,
sie _wollten_ bloß nicht. Letzteres war vom Standpunkte des Einzelnen
betrachtet auch ganz begreiflich; Jeder sorgt bloß für den eigenen
Vorteil, und dieser verlangt, daß man vom erzielten Nutzen so viel als
möglich für sich behalte, so wenig als möglich anderen abtrete. In
diesem Punkte waren die amerikanischen Spekulanten, die französischen
Kapitalisten und die englischen Landlords nicht um ein Gran besser als
unsere chinesischen Mandarinen. Anders aber handelten Jene und anders
Diese als Gesamtheit. Trotzdem der Unsinn, daß man den Arbeitslohn nicht
erhöhen _könne_, eigentlich im Westen erfunden und von allen Lehrkanzeln
verkündet worden ist, hat der richtigere Volksinstinkt der westlichen
Völker diese doch seit einigen Menschenaltern veranlaßt, in ihrer
Politik so zu handeln, als ob sie das Gegenteil erkannt hätten. In der
Theorie beharrten sie dabei, der Lohn könne nicht wachsen; in der Praxis
aber begünstigten sie mehr und mehr die Lohnforderungen ihrer
arbeitenden Massen, mit deren unleugbaren Erfolgen sich dann hinterher
die Theorie abfand, so gut oder so schlecht es eben ging. Ihr, meine
chinesischen Brüder dagegen, habt Euch in der Politik strikte an die
Lehren dieser Theorie gehalten; Ihr habt Euere arbeitenden Massen
zunächst durch die Erkenntnis, daß der Staat ihr Feind sei, in
Verzweiflung gebracht und jede Ausschreitung der Verzweifelten dann
sofort dazu benützt, »Ordnung« in Eurem Sinne zu machen. Euere Hand war
stets gegen die Schwächeren erhoben -- wundert Euch nicht, daß diese
einen fürwahr nur geringen Teil der ihnen zugefügten Leiden vergelten,
nachdem sie die Stärkeren geworden.

Das hindert natürlich nicht, daß wir in Freiland -- wie ja unsere Thaten
beweisen -- auch das den ehemaligen Unterdrückern zugefügte Unrecht
beklagen und so viel an uns liegt, gutzumachen bestrebt sind. Wir halten
dafür, daß auch das Volk von Rußland, Ägypten und China, kurzum, daß
alle Welt am besten thäte, das von der amerikanischen Union gegebene
Beispiel nachzuahmen; wir glauben dies schon aus dem Grunde, weil diese
weise Großmut sich nicht bloß für die Besitzenden, sondern auch für die
Arbeitenden als vorteilhaft erweisen wird. Es liegt jedoch leider nicht
in unserer Macht, dem russischen Muschik, dem ägyptischen Fellah oder
dem chinesischen Kuli sofort Anschauungen beizubringen, wie sie den
Arbeitern des vorgeschrittenen Westens natürlich sind. Die
Weltgeschichte ist das Weltgericht; in ihr wird schließlich Jedem
zugemessen, was er sich selber verdient hat.«

Da kein fernerer Redner vorgemerkt war, schloß der Präsident die Debatte
über diesen Punkt der Tagesordnung, und damit zugleich die Beratungen
des Kongresses.



                              Schlußwort.


Die Geschichte von »Freiland« ist zu Ende. Ich könnte zwar, den Faden
der Erzählung weiter spinnend, das Befreiungswerk der Menschheit, wie es
meinem geistigen Auge sich darstellt, in seinen Einzelheiten ausmalen;
aber wozu sollte dies dienen? Wer aus dem Bisherigen nicht die
Überzeugung geschöpft hat, daß wir an der Schwelle eines neuen,
glücklicheren Zeitalters stehen und daß es nur von unserer Einsicht und
unserem Willen abhängt, dieselbe sofort zu überschreiten, den werden
auch Dutzende folgender Bände nicht überführen.

Denn nicht die wesenlose Schöpfung einer ausschweifenden Phantasie ist
dieses Buch, sondern das Ergebnis ernsten, nüchternen Nachdenkens,
gründlicher, wissenschaftlicher Forschung. Alles, was ich als
thatsächlich geschehen erzähle, es _könnte_ geschehen, wenn sich
Menschen fänden, die erfüllt gleich mir von der Unhaltbarkeit der
bestehenden Zustände, sich zu dem Entschlusse aufrafften, zu handeln,
statt zu klagen. Gedankenlosigkeit und Trägheit sind in Wahrheit annoch
die einzigen Stützen der bestehenden wirtschaftlichen und socialen
Ordnung. Was einst notwendig und deshalb unvermeidlich gewesen, es ist
schädlich und überflüssig geworden; nichts zwingt uns fürderhin, das
Elend einer überlebten Weltordnung zu ertragen, nichts hindert uns,
jenes Glück und jenen Überfluß zu genießen, zu deren Bereitung uns die
vorhandenen Kulturmittel befähigen würden, nichts, als unsere eigene
Thorheit.

»So sprachen und schrieben seit des Thomas Morus Zeiten schon zahllose
Weltverbesserer, und stets hat sich als Utopie erwiesen, was sie der
Menschheit als Universalmittel gegen alle Leiden empfahlen« -- wird man
mir vielleicht entgegenhalten; und gestehen will ich, daß die Furcht,
mit der Legion von Verfassern utopischer Staatsromane vermengt zu
werden, mir anfangs nicht geringe Bedenken gegen die von mir gewählte
Form des Buches einflößte. Aber bei reiflichem Erwägen entschied ich
mich doch dafür, statt trockener Abstraktionen ein möglichst
lebensvolles Bild zu bieten, das in anschaulichen Vorstellungen deutlich
mache, was bloße Begriffe doch nur in schattenhaften Umrissen darstellen
können. Der Leser, der den Unterschied zwischen jenen Werken der
Phantasie und dem vorliegenden nicht selber herausfindet, ist für mich
ohnehin verloren; ihm bliebe ich der »unpraktische Schwärmer«, auch wenn
ich mich noch so trockener Systematik befleißigte, denn ihm genügt, daß
ich an eine Änderung des Bestehenden glaube, um mich dafür zu halten. In
welcher Gestalt ich meine Beweise vorbringe, ist für diese Art Leser
schon aus dem Grunde einerlei, weil sie -- gleich den Frommen in Sachen
der Religion -- schlechterdings außer stande sind, Beweise zu prüfen,
die ihre Spitze gegen das Bestehende kehren.

Den unbefangenen Leser dagegen wird die erzählende Form nicht hindern,
nüchternen Sinnes zu untersuchen, ob meine Ausführungen innerlich wahr
oder falsch sind. Sollte auch er finden, daß ich -- und sei es nur in
_einem_ wesentlichen Punkte -- von irrigen Voraussetzungen ausgegangen,
daß die von mir dargestellte Ordnung der Freiheit und Gerechtigkeit
irgendwie den natürlichen und allgemein anerkannten Triebfedern
menschlicher Handlungsweise widerspreche, ja sollte er, nachdem er mein
Buch gelesen, nicht zu der unumstößlichen Überzeugung gelangt sein, daß
die Durchführung dieser neuen Ordnung -- von nebensächlichen Details
natürlich abgesehen -- ganz und gar unvermeidlich sei -- dann allerdings
müßte ich mich damit bescheiden, mit Morus, Fourier, Cabet und wie sie
alle heißen mögen, die auf socialem Gebiete ihre Wünsche der nüchternen
Wirklichkeit unterschoben, in _einen_ Topf geworfen zu werden.

Ausdrücklich hervorheben will ich zum Schluß, daß sich die innere
Wahrhaftigkeit meines Buches nicht bloß auf die der Handlung zugrunde
gelegten wirtschaftlichen und ethischen Prinzipien und Motive, sondern
auch auf den äußeren Schauplatz derselben erstreckt. Die Hochlande im
äquatorialen Afrika entsprechen durchaus dem im Vorstehenden entworfenen
Bilde. Wer dies bezweifelt, der kontrolliere meine Erzählung durch die
Reiseberichte Speekes, Grants, Livingstones, Bakers, Stanleys, Emin
Paschas, Thomsons, Johnstons, Fischers, kurz all Derer, welche jene
paradiesischen Gegenden besucht haben. Um »Freiland«, so wie ich es
darstelle, zur Thatsache werden zu lassen, bedarf es also in jeder
Hinsicht bloß einer genügenden Anzahl thatkräftiger Menschen. Werden
sich solche finden? Wird diesen Blättern die Kraft innewohnen, mir die
Genossen und Helfer zuzuführen, die zur Durchführung des großen Werkes
erforderlich sind?

_Wien_ 1890.

                                                      Theodor Hertzka.


                Druck von Hallberg & Büchting, Leipzig.



Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Korrekturen (vorher/nachher):

   [S. 32]:
   ... Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse und Obstgarten
       aus. ...
   ... Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse und Obstarten
       aus. ...

   [S. 38]:
   ... uns von dem Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in
       verstärkter ...
   ... uns von den Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in
       verstärkter ...

   [S. 51]:
   ... teils den Anhängen der seitlich und gegenüber gelagerten
       Berge entspringen. ...
   ... teils den Abhängen der seitlich und gegenüber gelagerten
       Berge entspringen. ...

   [S. 56]:
   ... unter Benutzung von Wasserkraft zu bearbeiten begann und
       teils ...
   ... unter Benutzung von Wasserkraft zu arbeiten begann und teils ...

   [S. 72]:
   ... Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten,
       ihre Glashütten ...
   ... Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten,
       ihre Grashütten ...

   [S. 86]:
   ... solche, oder durch ihre gewählten Funktionäre, die ihr jedoch
       verantwortlich ...
   ... solche, oder durch ihre gewählten Funktionäre aus, die ihr
       jedoch verantwortlich ...

   [S. 91]:
   ... Erträge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzen. ...
   ... Erträge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzten. ...

   [S. 92]:
   ... der Edenthal-Association dagegen erhielt bloß 2 Schilling pro ...
   ... der Edenthal-Association dagegen erhielten bloß 2 Schilling
       pro ...

   [S. 95]:
   ... Nicht möglich viel und gut zu erzeugen, sondern für einen
       möglichst ...
   ... Nicht möglichst viel und gut zu erzeugen, sondern für einen
       möglichst ...

   [S. 209]:
   ... dazu antreibt und es ist daher die Natur der Sache nach
       ausgeschlossen, ...
   ... dazu antreibt und es ist daher der Natur der Sache nach
       ausgeschlossen, ...

   [S. 211]:
   ... »Herrlich!« rief David. »Also weil die arbeitenden Massen ihr ...
   ... »Herrlich!« rief David. »Also weil die arbeitenden Massen
       ihren ...

   [S. 221]:
   ... Schädigung abziehender Konkurrenzkampf ist.« ...
   ... Schädigung abzielender Konkurrenzkampf ist.« ...

   [S. 223]:
   ... sind eben allesamt Eigentümer ihres gesamten Landes, und
       inniges Betragen ...
   ... sind eben allesamt Eigentümer ihres gesamten Landes, und
       inniges Behagen ...

   [S. 227]:
   ... hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründen
       könnte, sie ...
   ... hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründen
       könnten, sie ...

   [S. 231]:
   ... wollen, um dem Müssiggange fröhnen zu können. Werden
       hinsichtlich ...
   ... wollen, um dem Müssiggange fröhnen zu können? Werden
       hinsichtlich ...

   [S. 244]:
   ... seit Wochen resultatlos hin und wieder. Sichtlich nahmen die
       Kabinette ...
   ... seit Wochen resultatlos hin und wider. Sichtlich nahmen die
       Kabinette ...

   [S. 285]:
   ... nur zur Fristung des nackten tierischen Leben ausreichte, und
       der Knechtschaft ...
   ... nur zur Fristung des nackten tierischen Lebens ausreichte,
       und der Knechtschaft ...

   [S. 287]:
   ... amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den
       Kolonien ...
   ... amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den
       Kolonien der ...

   [S. 293]:
   ... Frei >Frei< waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem
       Vorteil ...
   ... >Frei< waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem
       Vorteil ...

   [S. 306]:
   ... Preigebung der höheren Produktivität und dem entsprechenden
       Fortbestand ...
   ... Preisgebung der höheren Produktivität und dem entsprechenden
       Fortbestand ...

   [S. 331]:
   ... die Nachfrage nach einem einzelnem Gute ziemlich stationär
       bleiben, ja ...
   ... die Nachfrage nach einem einzelnen Gute ziemlich stationär
       bleiben, ja ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Freiland - Ein sociales Zukunftsbild" ***

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