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Title: Der letzte Sommer - Eine Erzählung in Briefen
Author: Huch, Ricarda
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der letzte Sommer - Eine Erzählung in Briefen" ***

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Note: Images of the original pages are available through
      Internet Archive. See
      https://archive.org/details/derletztesommere00huch



DER LETZTE SOMMER


      *      *      *      *      *      *

   Von Ricarda Huch erschienen früher im gleichen Verlage:


      Von den Königen und der Krone.
      Roman. 5. Auflage.

                                              Geh. M 4.--, geb. M 5.--


      Seifenblasen. Drei scherzhafte Erzählungen.
      3. Auflage.

                                              Geh. M 3.50, geb. M 4.50


      Die Verteidigung Roms. Roman.
      Der »Geschichten von Garibaldi«. I. Teil
      6. Tausend.

                                              Geh. M 5.--, geb. M 6.--


      Der Kampf um Rom. Roman.
      Der »Geschichten von Garibaldi«. II. Teil
      4. Auflage.

                                              Geh. M 5.--, geb. M 6.--

      *      *      *      *      *      *


DER LETZTE SOMMER

Eine Erzählung in Briefen

von

RICARDA HUCH

Vierte Auflage



Stuttgart und Leipzig
Deutsche Verlags-Anstalt
1910

Alle Rechte,
insbesondere das Recht der Uebersetzung in andere Sprachen,
vorbehalten
Nachdruck wird gerichtlich verfolgt

Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart
Papier von der Papierfabrik Salach in Salach, Württemberg



                           Lju an Konstantin


                                                Kremskoje, 5. Mai 19..

Lieber Konstantin! Ich habe mein Amt angetreten und will Dir berichten,
wie sich mir die Lage darstellt. Daß mir gelingen wird, was ich vorhabe,
bezweifle ich nicht, es scheint sogar, daß die Umstände günstiger sind,
als man voraussetzen konnte. Meine Persönlichkeit wirkt in der ganzen
Familie des Gouverneurs sympathisch, von Argwohn ist keine Rede; dies
ist im Grunde natürlich, nur wir Wissende konnten das Gegenteil
befürchten. Wenn der Gouverneur Erkundigungen über mich eingezogen hat,
so konnten diese mir nicht schaden; meine Zeugnisse von der Kinderschule
an bis zur Universität sind glänzend, und das einzige, was zu meinem
Nachteil sprechen könnte, daß ich mich mit meinem Vater überworfen habe,
wird dadurch entkräftet, daß sein herrschsüchtiger und verschrobener
Charakter allgemein bekannt ist. Ich glaube aber eher, daß er es nicht
getan hat; der Mann ist so ganz ohne Mißtrauen, daß es in seiner Lage an
Einfalt grenzen würde, wenn es nicht mehr mit seiner Furchtlosigkeit und
seiner unrichtigen Beurteilung der Menschen zusammenhinge. Außerdem
scheint meine Anstellung durchaus ein Werk seiner Frau zu sein, die, von
Natur ängstlich, seit sie den Drohbrief erhalten hat, nichts andres mehr
denkt, als wie sie das Leben ihres Mannes schützen kann. Mißtrauen liegt
auch in ihrer Natur nicht; während sie in jedem Winkel unmögliche
Gefahren wittert, könnte sie dem Mörder einen Löffel Suppe anbieten,
wenn es ihr so vorkäme, als ob der arme Mann nichts Warmes im Leibe
hätte.

Sie erzählte mir, daß eben der von Dir verfaßte Brief sie auf den
Gedanken gebracht hätte, einen jungen Mann zu suchen, der unter dem
Vorwande, ihres Mannes Sekretär zu sein, seine Person vor etwaigen
Anschlägen beschützte, ohne daß er selbst es bemerkte. Es sei ihr jedoch
nicht möglich gewesen, weder ihre Angst noch ihren Plan vor ihrem Manne
geheimzuhalten, und auf ihr inständiges Bitten und um Ruhe vor ihr zu
haben, sei er endlich darauf eingegangen, teils auch, weil er seit
kurzem eine Art Nervenschmerz am rechten Arm habe, der ihm das Schreiben
erschwere. Er habe aber die Bedingung gestellt, daß er wenigstens des
Nachts unter dem alleinigen Schutze seiner Frau bleiben dürfe. Sie
lachten beide, und er setzte hinzu, seine Frau verstehe sich so
ausgezeichnet auf die Befestigung der Schlafzimmer, daß er sich dreist
ihr anvertrauen dürfe; sie gehe nie zu Bett, ohne vorher alle Schränke
und besonders die Vorhänge untersucht zu haben, die sie für
Schlupfwinkel von Verbrechern hielte. Natürlich, sagte sie lebhaft,
vorsichtig müsse man doch sein, ängstlich sei sie durchaus nicht, sie
lasse sogar nachts die Fenster offen, weil sie eine Freundin der
frischen Luft sei, gehe allerdings mit dem Gedanken um, Gitter machen zu
lassen, die man davor setzen könne; denn da die Haustüre verschlossen
wäre, bliebe doch den Leuten, die Böses vorhätten, nichts andres übrig,
als durchs Fenster einzusteigen. Indessen, sagte sie, habe sie schon
jetzt das Gefühl, daß sie sich weniger Gedanken machen würde, nun ich da
wäre. Ihr Gesicht hatte etwas ungemein Gewinnendes bei diesen Worten.
Ich sagte: »Das hoffe ich. Ich würde jede Sorge, die Sie sich jetzt noch
machten, als einen Vorwurf gegen meine Berufstreue auffassen.« Während
dieses Gespräches war der Sohn ins Zimmer gekommen; er sah mich mit
einem besorgten Blick an und sagte: »Fangen Sie heute schon an?«,
worüber wir alle so lachen mußten, daß dadurch sofort ein vertraulicher
Ton hergestellt war. Dieser Sohn, er heißt Welja, ist ein hübscher und
sehr drolliger Junge, nicht viel jünger als ich, spielt aber noch wie
ein Kind von fünf Jahren, nur daß das Spielzeug nicht mehr ganz dasselbe
ist. Studieren tut er die Rechte, um einmal die diplomatische Laufbahn
einzuschlagen; man merkt aber nichts davon. Er ist klug und ein moderner
Mensch mit zahllosen unbeschnittenen Trieben und unbegrenzter
Empfänglichkeit; sein Charakter ist, keinen zu haben, und dies macht ihn
vollkommen belanglos. Er sieht von jeder Sache nur die Seite, an die
sich ein Bonmot anknüpfen läßt, dessen größter und unwiderstehlicher
Reiz in der verschlafenen Art besteht, wie er es vorbringt.

Außer dem Sohne sind zwei Töchter da, Jessika und Katja, zwischen
zwanzig und dreiundzwanzig Jahren, blond, niedlich, einander ähnlich wie
Zwillinge. Sie waren gegen mich eingenommen, weil sie die Furchtsamkeit
ihrer Mutter albern finden und weil sie fürchteten, in ihrer
sommerlichen Zurückgezogenheit gestört zu werden; da ihnen aber mein
Aeußeres hübsch und stilvoll vorkommt, und da Welja, der ihr Vorbild
ist, sich zu mir hingezogen fühlt, fangen sie an, sich mit meiner
Anwesenheit zu befreunden. Diese drei Kinder erinnern mich, ich weiß
nicht warum, an kleine Kanarienvögel, die dicht zusammengedrängt auf
einer Stange sitzen und zwitschern. Ueberhaupt hat die ganze Familie
etwas kindlich Harmloses, das mich und meine Aufgabe vor mir selbst
lächerlich machen könnte; aber ich kenne die menschliche Seele gut
genug, um zu wissen, daß diesem Wesen maßloser Hochmut zugrunde liegt.
Haß, ja selbst Uebelwollen setzt doch eine gewisse Nähe zu den Menschen
voraus; diese fühlen sich im Grunde allein in einer ihnen gehörenden
Welt. Alle andern haben nicht die Bedeutung der Wirklichkeit und greifen
nicht in ihren Frieden ein.

Die Dienerschaft besteht aus einem Kutscher, Iwan, der trinkt, und den
Welja Väterchen nennt, und drei Mädchen; alles sind Leute altrussischer
Art, fühlen noch als Leibeigene, beten ihre Herrschaft an und urteilen
doch mit unbewußter Ueberlegenheit über sie, weil sie dem Urquell noch
näher sind. Liebe Wesen, die mir, wie Tiere, eine gewisse Ehrfurcht
einflößen.

Dies sind meine ersten Eindrücke; Du hörst bald mehr von mir.

                                                                  Lju.



                             Welja an Peter


                                                    Kremskoje, 6. Mai.

Lieber Peter! Ich habe mich damit abgefunden, daß ich während der ganzen
Dauer von Papas Urlaub hier auf dem Lande bleiben muß. Blödsinnige
Sache, dieser Schluß der Universität. Ich hatte doch vollkommen recht,
als ich Ruhe empfahl; denn daß wir bei einem Kampfe den kürzeren ziehen
mußten, war vorauszusehen. Aber Du mußtest natürlich wie eine geheizte
Maschine ohne Bremse drauflos, und es ist reiner Zufall, daß Du nicht
von meinem eignen Vater an den Galgen gebracht wirst. Es ist durchaus
keine Schande, der Uebermacht nachzugeben, vielmehr Stumpfsinn und
Raserei, gegen sie anzugehen; ich leide an keinem von beiden. Wenn mir
die armen Kerls nicht leid täten, die mit ihrem heiligen Eifer so
rettungslos hereingefallen sind, würde ich mich mit der Geschichte ganz
aussöhnen; den Sommer genießt man hier schließlich am besten, und aus
der Affäre mit der Lisabeth, die ich ein bißchen unüberlegt angezettelt
hatte, hätte ich mich nicht so leicht loswickeln können, wenn ich in
Petersburg geblieben wäre. Wenn Papa und Mama auch etwas rückständig
sind, so haben sie doch Verstand und Geschmack und sind zum täglichen
Umgang viel angenehmer als die rabiaten Köpfe, mit denen Du Deine
antediluvianische Dickhaut zu umgeben liebst. Papa darf man zwar nicht
ernstlich widersprechen, wenn man seine Ruhe bei Tisch haben will, aber
Mama hört gelegentlich eine rebellische Ansicht recht gern und frondiert
mit einer gewissen Verve gegen Papa, was ihm auch in angemessenen
Grenzen gut an ihr gefällt; wenn er sich aber nachdrücklich räuspert
oder die Augenbrauen zusammenzieht, lenkt sie gleich ein, schon um uns
mit dem guten Beispiel der Unterordnung voranzugehen. Uebrigens ist ja
auch Katja hier, es ist also nicht nur erträglich, sondern positiv nett.

Der Schutzengel ist angekommen. Mama ist überzeugt, daß er das Talent
hat, alle Gifte, Waffen, Dynamitpatronen und sonstigen Unfälle von Papa
ab- und auf sich hinzulenken, und schätzt den begabten jungen Mann
unendlich. Wir dachten, es würde ein Mann mit breitem Vollbart, biederen
Fäusten und aufgeblasenen Redensarten ankommen; anstatt dessen ist er
schlank, glattrasiert, zurückhaltend, eher ein englischer Typus. Mir
sagte er, sein Vater habe verlangt, daß er sich zu einer Professur
melde, er hat nämlich Philosophie studiert, aber er wolle keinen Beruf
und habe besonders einen Widerwillen gegen die zünftigen Philosophen. Um
ihn zu zwingen, habe sein Vater ihm alle Geldmittel entzogen, und
deshalb habe er diese Stellung angenommen, zu der er im Grunde wohl
wenig befähigt sei. Er sagte: »Ich glaube, ich kann mich am ersten
dadurch nützlich machen, daß ich Ihre Frau Mutter ein wenig beruhige,
und das scheint mir gar nicht schwer zu sein. Sie hat die liebenswürdige
Eigenschaft, nicht zweifelsüchtig zu sein, und wird mich gern für einen
geborenen Blitzableiter halten, wenn ich mir einigermaßen Mühe gebe,
einen solchen vorzustellen.« Ich sagte: »Wenn Sie sich nur nicht dabei
langweilen.« Darüber lachte er und sagte: »Ich langweile mich nie. Der
Mensch befindet sich, wo er auch ist, im Mittelpunkt eines Mysteriums.
Aber auch abgesehen davon: ich liebe das Landleben und gute
Gesellschaft, für mich ist also gesorgt.« Er hat einen durchdringenden
Blick, und ich bin überzeugt, daß er uns alle schon ziemlich zutreffend
zerlegt und eingeteilt hat. Er selbst glaubt unergründlich zu sein; ich
halte ihn trotz seiner anscheinenden Kälte für verwegen, sehr
leidenschaftlich und ehrgeizig. Es wäre schade, wenn er doch noch einmal
Professor würde. Man hat das Gefühl, daß er mehr will und kann als andre
Menschen. Seine Ansichten werden wohl nicht weniger revolutionär sein
als unsre, aber er ist bis jetzt ganz unpersönlich im Gespräch. Diese
Objektivität imponiert mir eigentlich am meisten, besonders weil seine
Unterhaltung trotzdem anregend ist. Jessika und Katja sind dafür
natürlich sehr empfänglich, weswegen Du aber noch nicht eifersüchtig zu
werden brauchst, alter Saurier.

                                                           Dein Welja.



                           Jessika an Tatjana


                                                    Kremskoje, 7. Mai.

Liebe Tante! Da es tiefstes Geheimnis ist und bleiben soll, daß Mama
einen Sekretär für Papa angestellt hat, dessen eigentliche Bestimmung
ist, Papa vor den Bomben zu schützen, die ihm angedroht sind, kann ich
die Tatsache wohl als bekannt voraussetzen. Vielleicht ist es auch
besser, wenn sie in den weitesten Kreisen verbreitet wird, dann fangen
die Anarchisten gar nicht erst an zu werfen, wodurch unserm Schutzengel
seine Arbeit erleichtert wird. Du siehst, daß ich ihm wohl will, und er
verdient es schon deshalb, weil seine Anwesenheit so günstig auf Mamas
Stimmung einwirkt. Am ersten Mittag fragte Mama ihn, was er geträumt
habe; der erste Traum an einem neuen Aufenthalt sei bedeutungsvoll. Ich
glaube, er hatte gar nichts geträumt, aber er erzählte, ohne sich zu
besinnen, eine lange Geschichte, daß er sich im Innern eines herrlichen
Palastes befunden habe und langsam von einem Raume zum andern gegangen
sei, und beschrieb alle ganz ausführlich. Zuletzt sei er zu einem Gemach
gekommen, in dem es ganz dunkel gewesen sei und auf dessen Schwelle ihn
eine unerklärliche Bangigkeit befallen habe; er habe gezögert,
weiterzugehen, dann sich zusammengenommen, dann wieder innegehalten und
sei dann unter Herzklopfen aufgewacht. Mamas Augen wurden immer größer.
»Wie gut,« sagte sie, »daß Sie nicht hereingegangen sind, es wäre gewiß
etwas Schreckliches darin gewesen.« »Vielleicht eine Badewanne,« sagte
Welja ruhig. Wir mußten alle lachen, und da Katja erst anfing, als wir
andern schon fertig waren, dauerte es sehr lange. Ich sagte: »Bitte,
träumen Sie doch nächste Nacht weiter und nehmen Sie ein Bad, damit Mama
beruhigt ist; denn Baden kann doch nur Gutes bedeuten.« Nein, sagte
Mama, Wasser wäre zweideutig, nur Feuer wäre ein unbedingter
Glückstraum, und sie hätte eben diese Nacht einen gehabt. Dann erzählte
sie ihren Traum, er war zu niedlich; sie hatte nämlich mit Papa schlafen
gehen wollen, und da hatten ihre Betten in Flammen gestanden, schönen,
hellen Flammen ohne Rauch (das ist sehr wichtig!), und sie hatte immer
hineingeblasen in der Meinung zu löschen. Da hatte Papa gerufen:
»Lusinja, so blase doch nicht!« und hatte vor Lachen kaum sprechen
können, und darüber war sie auch ins Lachen gekommen und war lachend
aufgewacht. Diesen Traum bezog Mama auf Lju, dessen Ankunft für uns
glückbringend sei; Lju heißt unser Schutzengel. Daran anknüpfend
erklärte er, woher der Volksglaube an die Bedeutung der Träume stamme
und daß und warum Wasser und Feuer bei allen Völkern im selben Sinne
aufgefaßt würden und was Wahres daran sei; leider kann ich es Dir nicht
so hübsch auseinandersetzen, wie er es tat. Papa hörte auch sehr
interessiert zu, obgleich er von Träumen und dergleichen eigentlich gar
nichts versteht, und sagte zuletzt mit einem Seufzer: »Sie würden
ausgezeichnet zum Sekretär meiner Frau passen!«

Nun will ich Dir noch etwas Niedliches erzählen, das heute mittag
passierte. Ich fragte Welja, ob er noch Pudding wolle, und er sagte nach
seiner Gewohnheit: »Vater, wie du willst.« Lju sah ihn neugierig an, und
da erklärte Mama, das wäre Weljas Lieblingsredensart, die er immer im
Munde führte, um zu sagen, es ist mir gleichgültig; sie hoffe aber,
setzte sie nachdrücklich hinzu, er unterdrückte nun einmal diese üble
Angewohnheit, denn sie möge Profanationen des Heiligen durchaus nicht
leiden. »Profanationen des Heiligen?« sagte Welja erstaunt. »Was meinst
du damit?« »Aber Welja,« sagt Mama mit Entrüstung, »tu doch nicht, als
ob du nicht wüßtest, daß die Worte in der Bibel stehen!« »Nein,
wahrhaftig,« ruft Welja, »wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, daß solche
faule Redensarten in der Bibel stehen, hätte ich auch mal drin gelesen!«
Der gute Junge, das ehrlichste Staunen strahlte aus seinen
weitaufgerissenen Augen. Lju konnte gar nicht aufhören zu lachen, ich
glaube, er ist entzückt von Welja.

Mit Papas Nerven geht es ganz gut, er hat Iwan einmal angegrollt, als er
dachte, er wäre betrunken -- er war es zufällig gerade nicht -- und
einmal, weil ihm der Reis angebrannt vorkam, aber einen richtigen Krach
hat er noch nicht gemacht, obgleich wir schon vier Tage draußen sind.

Geliebteste Tante, ich lege alle Tage Sträuße von Thymian, Lavendel und
Rosmarin in unser Gastzimmer, nicht nur auf den Tisch, sondern auch in
Schränke und Kommoden, damit es durch und durch einen hübschen
Biedermeiergeruch bekommt. Belohne meine Aufmerksamkeit, indem Du
kommst.

                                                        Deine Jessika.



                             Katja an Peter


                                                    Kremskoje, 9. Mai.

Lieber Peter! Du bist ein Kalb, wenn Du mir wirklich übelgenommen hast,
daß ich nicht zu Hause war, als Du mir Adieu sagen wolltest. Konnte ich
wissen, daß Du kommen würdest? Und außerdem machte ich noch einen Besuch
bei der alten Generalin, was doch wahrhaftig kein Vergnügen ist.
Uebelnehmen ist kleinbürgerlich, hoffentlich hat Welja mich angelogen.
Wenn ich es nicht so unverschämt von Papa fände, daß er die Universität
geschlossen hat, würde ich froh sein, daß ich hier bin. Ich tue nichts
als essen, schlafen, lesen und radfahren. Der neue Sekretär ist sehr
elegant, obgleich er kein Geld hat, eine glänzende Erscheinung und
fabelhaft klug. Er radelt auch mit uns, aber er tut es nicht gern, er
sagt, es wäre schon veraltet, man müßte jetzt Automobil fahren. Ich
finde, er hat ganz recht, wir wollen Papa auch dahin bringen, daß er
eins anschafft, einstweilen halten wir eine Zeitung für Automobilwesen.
Gruß

                                                                Katja.



                           Lju an Konstantin


                                                   Kremskoje, 10. Mai.

Der Aufenthalt hier ist mir von großem psychologischem Interesse. Die
Familie hat alle Vorzüge und Fehler ihres Standes. Vielleicht kann man
von Fehlern nicht einmal reden; sie haben vorzüglich den einen, einer
Zeit anzugehören, die vergehen muß, und einer im Wege zu stehen, die
sich entwickelt. Wenn ein schöner alter Baum fallen muß, um einer
Eisenbahnlinie Platz zu machen, so schmerzt es einen; man steht bei ihm
wie bei einem alten Freunde und betrachtet ihn bewundernd und trauernd
bis zu seinem Sturze. Unleugbar ist es schade um den Gouverneur, der ein
vortreffliches Exemplar seiner Gattung ist; allerdings glaube ich, daß
er seinen Höhepunkt bereits überschritten hat. Wenn er die Einsicht
davon hätte und von seinem Amte zurückträte, oder wenn er es täte, um
sein Leben nicht auszusetzen, niemand würde es freudiger begrüßen als
ich; aber dazu ist er zu stolz. Er glaubt, nur wer arbeite und etwas
leiste, habe ein Recht zu leben, überhaupt kann er sich ein Leben ohne
Arbeit nicht vorstellen; darum will er arbeiten und glaubt, wenn er dies
und das tue, was die Aerzte ihm empfehlen, so würde er die frühere Kraft
allmählich wiedererhalten. Neulich schlief er ein, während er am
Schreibtische saß, und ich konnte ihn ungestört beobachten; wie das
schöne, dunkle und leidenschaftliche Auge sein Gesicht nicht belebte,
erschien es sehr schlaff und erschöpft, während er im allgemeinen noch
den Eindruck reifer Manneskraft hervorruft. Als er aufwachte, setzte er
sich sofort aufrecht hin, warf einen schnellen Blick auf mich und war
sichtlich dadurch beruhigt, daß ich nichts bemerkt zu haben schien. Es
ist charakteristisch für ihn, daß er nicht gern zugibt, wenn er ermüdet
oder schläfrig ist. So ist es ihm angenehm, daß ich ihm das bißchen
Arbeit, das er hier während des Urlaubs erledigt, abnehme oder
erleichtere, und er sagt es auch; aber er möchte nicht, daß man dächte,
er wäre zu abgespannt, um es allein zu tun, ja es würde ihn unglücklich
machen, es selbst zu denken.

Er ist, wie oft Menschen, die im Amte für streng und mitleidlos gelten,
gegen jeden einzelnen wohlwollend, ja sogar von unbegrenzter
Gutmütigkeit, wenn er liebevoller Nachgiebigkeit und Unterordnung
begegnet. Widersetzlichkeit macht ihn fassungslos, da er unmittelbar
nichts empfindet als seinen Willen und naiv genug ist, um
vorauszusetzen, daß er ebenso für alle andern maßgebend sein müßte. Er
kommt mir vor wie eine Sonne, die schön und treu, wenn auch etwas
rücksichtslos, ihre Welt zu unterhalten beflissen ist; er trägt, brennt
und leuchtet nach Kräften und zweifelt nicht, daß die Planeten ihr Ideal
darin finden, sich zeitlebens um ihn herumzudrehen. An die Existenz von
Kometen und Abnormitäten glaubt er im Grunde nicht, es sei denn, daß sie
in ihm selbst vorkämen; ich könnte mir denken, daß die ernstliche,
tatsächliche Abtrünnigkeit eines Trabanten ihn eher wahnsinnig als
zornig machte. Dabei tun seine Kinder im allgemeinen, was sie Lust
haben; aber in der Theorie tasten sie seine Herrschaft nicht an; dann
sind es seine eignen Kinder, und er ist ein Mann von starken Instinkten,
und schließlich ist er bequem, was sich mit Arbeitsamkeit wohl vereinen
läßt; zu Hause will er es behaglich haben.

Welja ist ein reizvoller Junge, obwohl er hier nicht an seinem Platze
ist. Er hat die Seele eines neapolitanischen Fischerknaben oder eines
fürstlichen Lieblings, der hübsche Kleider trägt, hübsche, kecke Dinge
sagt und keinen großen Unterschied zwischen Leben und Traum macht. Die
beiden Töchter sind nicht so zwillingshaft, wie es mir zuerst schien,
auch äußerlich nicht. Sie sind beide eher klein als groß und haben
Massen blonden Haares über zarten Gesichtern, übrigens sind sie so
verschieden voneinander wie eine Teerose von einer Moosrose. Wenn
Jessika geht, ist es, als ob ein weicher Wind ein losgerissenes
Blütenblatt durchs Zimmer wehte; Katja steht fest auf der Erde, und was
ihr nicht ausweicht, wird wo möglich mit Nachdruck beiseitegeworfen.
Jessika ist zart, hat oft Schmerzen, und ihre Verletzlichkeit gibt ihr
einen besonderen, raffinierten Zauber; man glaubt, man könne sie nicht
ans Herz drücken, ohne daß es ihr weh täte. Katja ist gesund, ehrlich,
durchaus nicht aufregend, ein kluges, temperamentvolles Kind, an dem man
seine Freude hat. Jessika hat zuweilen etwas Schmachtendes, dann wieder
überrascht sie durch anmutigen Witz, der niemals verletzend, sondern
eher wie eine auserwählte Liebkosung wirkt. Es hat einen Zauber, Einfluß
auf diese jungen Menschen zu gewinnen, und ich genieße ihn einstweilen:
das Schwere und Harte bleibt nicht aus.

                                                                  Lju.



                           Jessika an Tatjana


                                                   Kremskoje, 10. Mai.

Liebste Tante! Du beunruhigst Dich wegen unsers Beschützers, der eigens
zum Beruhigen da ist? Ich bin entzückt von ihm, und aus meinem Briefe
spricht eine verdächtige Fröhlichkeit? Mein Gott, natürlich finde ich
ihn angenehm, da seine Anwesenheit Mamas Besorgnisse zerstreut hat! Sei
ruhig, geliebteste Tante, wenn er sich verliebt, wird er sich in Katja
verlieben, und Katjas Herz hältst Du doch nicht für so zerbrechlich wie
meins. Oder fürchtest Du in dem Falle, daß Peter eifersüchtig wird?
Weißt Du, ich glaube, Katja verliebt sich überhaupt nicht ernstlich; sie
steckt mit Welja in den Johannisbeeren, und beide essen mit derselben
Geschwindigkeit und Unbedenklichkeit wie vor zehn Jahren, als bekämen
sie einen Orden dafür.

Mama ist jetzt wirklich so ruhig und vergnügt wie seit langer Zeit
nicht. Gott, wenn ich an die letzte Zeit in der Stadt denke, an die
Auftritte, wenn Papa eine halbe Stunde länger ausblieb, als sie
gerechnet hatte! Neulich fand sie ihn nicht in seinem Zimmer, im ganzen
Hause nicht und auch nicht im Garten. Sie fing schon an aufgeregt zu
werden, da sagte unsre Mariuschka, der Herr Gouverneur wäre mit dem
Herrn Sekretär spazieren gegangen. Sofort war ihre Stimmung wieder im
Gleichgewicht, sie forderte mich auf, ein Duett mit ihr zu singen,
behauptete, ich sänge entzückend, und schmetterte selbst wie eine
Nachtigall in Liebesromanen.

Heute nachmittag war Papa, als er zum Tee gerufen wurde, noch etwas
verschlafen. Mama nahm ihre Lorgnette zur Hand, betrachtete ihn
aufmerksam und fragte mit zärtlicher Betonung: »Warum bist du so blaß,
Jegor?« Papa sagte: »Endlich! Ich habe schon gedacht, du liebtest mich
nicht mehr, weil du mich seit acht Tagen nicht danach gefragt hast.«
Dies war natürlich Spaß; aber wenn Mamas Aengstlichkeit, über die er
sich immer lustig macht, wirklich mal ausbliebe, würde er sich
tatsächlich sehr vernachlässigt fühlen; so ist der Herr Gouverneur.

Da fällt mir ein, geliebteste Tante, daß ich noch nicht weiß, ob Deine
Erkältung ganz verschwunden ist. Ob der fatale, rätselhafte Schmerz an
Deinem kleinen Finger nachgelassen hat. Ob und wann Du kommst. Der
Flieder blüht, die Kastanien blühen, alles, was blühen kann, blüht!

                                                        Deine Jessika.



                             Welja an Peter


                                                   Kremskoje, 12. Mai.

Lieber Peter! Wenn Du Eifersucht merken läßt, machst Du Dich lächerlich
bei Katja. Wozu auch? Am ersten könntest Du noch auf mich eifersüchtig
sein, aber dazu bist Du zu grob organisiert. Lju macht Jessika den Hof,
das heißt er sieht sie an und regiert sie mit den Augen, denn sie fällt
natürlich darauf herein. Lju ist ein fabelhafter Mensch, man könnte
sagen seelenlos, wenn man ein Element, das ganz Kraft ist, so nennen
kann. Er würde sich wahrscheinlich kein Gewissen daraus machen, Jessika
oder sonst ein Mädchen unglücklich zu machen; wenn man den Mut hat, sich
ihm ganz hinzugeben, muß man auch den haben, sich zerstören zu lassen.
Und warum stürzen sich die Mädchen so gierig ins Licht? Es ist
jedenfalls ihre Bestimmung, wie die der Motten, sich die Flügel zu
verbrennen. Uebrigens würde Lju niemals ein Mädchen seiner Eitelkeit zum
Opfer bringen, wie doch schließlich die meisten von uns tun. Er zerstört
sie nur so beiläufig, wie zum Beispiel die Sonne tut; sie sollten ihm
einfach nicht zu nahe kommen, aber das können sie natürlich nicht
lassen. Katja ist gottlob anders, das gefällt mir so gut an ihr,
obgleich ich nicht möchte, daß alle so wären.

Katja und ich haben gestern im Dorfe einen türkischen Konfekthändler
entdeckt, der unerhört gute Sachen hat, rosa und klebrig und
durchsichtig und gummiartig. Er scheint ein echter Türke zu sein, denn
etwas so Süßes habe ich noch nie gegessen. Ich glaube, je mehr man nach
Südosten kommt, desto wundervoller werden die Süßigkeiten. Katja und ich
aßen immerzu, der Türke betrachtete uns ganz ausdruckslos mit seinen
großen Kuhaugen. Endlich konnten wir nicht mehr, und ich sagte: »Jetzt
müssen wir aufhören.« -- »Haben Sie kein Geld mehr?« fragte er; ich
glaube, er hielt uns für Kinder. Ich sagte: »Mir wird übel.« Sein gelbes
Gesicht veränderte sich nicht; ich glaube, wenn wir vor seinen Augen
geplatzt wären, er hätte nicht mit der Wimper gezuckt.

Wir trafen ein sehr niedliches Mädchen im Dorf, mit dem wir als Kinder
zuweilen gespielt haben. Damals fanden wir sie furchtbar häßlich, weil
sie rote Haare hat, und neckten sie damit; jetzt kam sie mir verteufelt
niedlich vor. Ich rief ihr zu: »Anetta, du bist ja gar nicht mehr
häßlich?« und sie antwortete gleich: »Welja, du bist ja gar nicht mehr
blind!« Weil Katja dabei war, konnte ich weiter nichts machen, aber ich
habe ihr zugenickt, und sie hat mich verstanden.

                                                                Welja.



                           Lusinja an Tatjana


                                                   Kremskoje, 13. Mai.

Liebe Tatjana! Nun sag, warum bildest Du Dir so fest ein, meine Töchter
müßten sich in Lju verlieben? Ich habe sie bisher für viel zu
unentwickelt zur Liebe gehalten, Katja ist ja wirklich noch ein Kind. Da
Du mich einmal darauf aufmerksam gemacht hast, sehe ich ein, daß Lju
gefährlich ist; männlich, mutig, klug, interessant, auffallend, alles,
was einem jungen Mädchen imponiert. Ich muß es aber rühmen, daß er eher
zurückhaltend gegen meine beiden Kleinen ist; möglicherweise ist er
schon gebunden. Daß Jessika ihn bewundert, habe ich wohl bemerkt; wenn
er spricht, hängen ihre Augen an ihm, sie ist selbst gesprächiger als
sonst und voll allerliebster Einfälle. Ich dachte mir nichts Arges
dabei, sondern freute mich an ihrer Freudigkeit. Tatjana, wenn Du sie
einladen willst und sie gern zu Dir kommen will, werde ich ihr nichts in
den Weg legen. Es mag sein, daß es besser ist. Meine arme kleine
Jessika, wenn ich mir denke, daß sie ihn liebte! Liebte er sie nicht,
müßte sie leiden, und vielleicht noch mehr, wenn er sie liebte. Nein,
der ist kein Mann für sie. Er versteht alles, aber er vergißt sich
niemals, er hat gar keinen Sinn für Kleinigkeiten und Torheiten, oder,
wenn er Sinn dafür hat, so ist es wie für Kräuter, die man in ein
Herbarium sammelt. Hingeben kann er sich nicht, er verzehrt nur. Ich
traue ihm sehr viel zu, zum Beispiel, daß er einmal ein sehr berühmter
Mann wird; jedenfalls braucht er dünne Höhenluft, in der mein kleines
Mädchen nicht atmen könnte.

Merkwürdig ist es an ihm, daß er sich offenbar für uns alle lebhaft
interessiert, daß er für unsre Vorzüge empfänglich scheint, daß er das
Vertrauen, das wir ihm entgegenbringen, als etwas Selbstverständliches
hinnimmt und doch von sich selbst eigentlich nichts hergibt. Nicht daß
er nicht offen wäre, er beantwortet jede Frage, die man zufällig einmal
an ihn richtet, freimütig und ausgiebig; man kann vielleicht nicht
einmal sagen, daß er verschlossen ist, wenigstens spricht er ziemlich
viel und stets von Dingen, die ihm wirklich wichtig sind. Trotzdem hat
man nicht das Gefühl, daß man sein Inneres kennt. Ich habe schon
gedacht, daß es Geheimnisse in seinem Leben geben könnte, die ihm
Zurückhaltung auferlegen; aber es beunruhigt mich nicht, weil ich sicher
bin, daß es nichts Gemeines ist.

Neulich war von Lügen die Rede. Da sagte Lju, Lügen wäre unter Umständen
eine Waffe im Kampfe des Lebens, nicht schlechter als eine andre, nur
sich selbst belügen wäre verächtlich. Welja sagte: »Sich selbst belügen?
Wie macht man das überhaupt? Ich würde mir doch niemals glauben.« Lju
lachte ganz beseligt, ich mußte auch lachen, hielt mich aber doch
verpflichtet, Welja zu sagen, es wäre ein schlechter Witz gewesen.
»Bessere können wir doch hier nicht machen,« sagte der Junge, »sonst
versteht Katja sie nicht.« Ja, eigentlich wollte ich Dir nur sagen, die
Ueberzeugung habe ich wirklich, daß Lju sich niemals selbst belügen
würde, und das ist mir das Wesentliche. Der Grundsatz mag gefährlich
sein, aber einem bedeutenden Menschen ist er angemessen.

Liebe Schwester meines geliebten Mannes, wenn ich nicht die großen
Kinder um mich hätte, könnte ich mir jetzt einbilden, wir wären auf der
Hochzeitsreise. Brauchten wir nur niemals in die Stadt zurück! Jegor hat
sein Klavierspiel wieder aufgenommen, da er nun einmal nicht
unbeschäftigt sein kann, und ich, die es sehr wohl kann, höre zu und
träume. Erinnerst Du Dich noch an die Zeit, wo ich ihn meinen
Unsterblichen nannte? Manchmal jetzt, wenn ich ihn ansehe, überläuft
mich das Gefühl, daß etwas anders geworden ist; es sind nicht die weißen
Haare, deren schon mehr als schwarze sind, nicht die tiefen Schatten,
die oft unter seinen Augen liegen, nicht die strengen Linien, die sein
Gesicht verdunkeln, es ist etwas Unnennbares, das sein ganzes Wesen
umgibt. Einmal mußte ich plötzlich aufspringen und fortlaufen, weil mir
die Tränen aus den Augen sprangen, und im Schlafzimmer habe ich ins
Kissen geschrien: »Mein Unsterblicher! ach, mein Unsterblicher!« Siehst
Du, das ist nicht merkwürdig, daß es Wahnsinnige gibt, aber daß auch die
Allervernünftigsten einmal einen Wahnsinnsanfall haben können, das ist
beklagenswert.

                                                        Deine Lusinja.



                           Lju an Konstantin


                                                   Kremskoje, 15. Mai.

Lieber Konstantin! Ich hätte mir das denken können; aber ich möchte, daß
ich mich täusche, wenn ich es künftig denke. Es macht den Eindruck, daß
ich mich zum Zweck psychologischer Studien hier befinde; Du findest, daß
ich sehr viel Sinn für das Familienleben entwickle; Du meinst, ich hätte
ebensogut meine Großtante in Odessa besuchen können, und sonst noch
mehreres. Was willst Du? Hattest Du erwartet, ich würde mich wie ein
hungriger Kannibale oder haßerfüllter Nebenbuhler oder betrogener
Ehemann auf sein Opfer stürzen? Wir waren uns darüber einig, daß wir es
nicht machen wollten wie die fanatischen Büffel, denen es bei ihren
Attentaten mehr darauf anzukommen scheint, daß sie ihr eignes Leben
wegwerfen, als das des Gegners. Wir wollten unser Ziel erreichen, ohne
unser Leben, unsre Freiheit, womöglich sogar unsern Ruf aufs Spiel zu
setzen; denn wir haben noch mehr zu erreichen, und wir wissen, daß wir
nicht leicht zu ersetzen sind. Wenn es eilte, würde ich anders gehandelt
haben; aber der Studentenprozeß beginnt erst Anfang August, bis dahin
dauert der Urlaub des Gouverneurs, und ich habe demnach noch drei Monate
Zeit, von denen erst ein halber verflossen ist. Ich sehe mich hier um,
ich lerne die Menschen, die Umgebung kennen und warte auf eine
Gelegenheit. Natürlich hätte ich den Gouverneur längst ermorden können,
wenn es mir nur darauf ankäme; ich bin oft mit ihm allein gewesen,
sowohl im Hause wie im Garten und im Walde. Aber dann hätte ich
unrichtig gehandelt. Jetzt, wo ich zwar geschätzt und fast geliebt
werde, aber immerhin noch ein Fremder bin, könnte sich ein Argwohn gegen
mich erheben; in ein paar Wochen werde ich wie ein Glied der Familie und
wird das nicht mehr möglich sein. Ich schrieb Dir neulich, glaube ich,
daß ich einige Minuten neben ihm gesessen habe, während er schlief. Ich
betrachtete den Teil seines Gesichtes, der mir zugewendet war; die
breiten schwarzen Brauen -- ein Zeichen starker Vitalität --, die
strenggebogene Nase, in jeder Linie liegt Feuer und Noblesse; durch
vornehmes Empfinden gemäßigte Leidenschaft scheint mir auch ein Grundzug
seines Charakters zu sein. Ein wundervolles Geschöpf! Indem ich ihn
betrachtete, dachte ich, wieviel lieber ich diesen Kopf meinen Gedanken,
meinen Absichten zugänglicher machen als ihn mit einer Kugel zerstören
möchte. Auch dies mußt Du bedenken, daß ich den Mord umgehen könnte,
wenn es mir glückte, ihn zu beherrschen, zu beeinflussen. Ich will aber
gleich hinzusetzen, daß ich die Möglichkeit für gering halte: in kleinen
Dingen ist er wie Wachs, in wichtigen wie Eisen. Wenn er etwas bestimmt
will, können weder Furcht noch Liebe ihn umstimmen; so scheint es mir
bis jetzt.

Der Kleine ist anders; er ist so indolent, daß er einem dankbar ist,
wenn man für ihn will, man muß es nur mit Verstand tun. Seine
Vorurteilslosigkeit setzt in Erstaunen. Er scheint gar nicht durch
Tradition beherrscht; er hat etwas, als ob er mit keinem Bande an
Vergangenheit, Familie, Vaterland angeknüpft wäre. Ich muß an ein altes
Märchen denken, in dem ein elternloses Kind als Kind der Sonne auftritt;
daran erinnert auch seine goldbraune Haut. Im Gespräch mit ihm spreche
ich fast so, wie ich denke; er ist so unbefangen, daß es ihm nicht
einmal auffällt, wie ich mit meinen Ideen eine Stellung bei seinem Vater
habe annehmen können. Er findet es offenbar selbstverständlich, daß ein
Mensch von Verstand so denkt, wie ich denke, und nebenbei jede Rolle
spielt, die nach seinem Geschmack und zu seinem Fortkommen nützlich ist.
Ich habe ihn lieb, und es freut mich, daß ich ihm nichts zuleide zu tun
brauche. Katja denkt wie ihr Bruder, zum Teil vielleicht aus Liebe zu
ihm. Sie ist für ein Mädchen sehr klug und einsichtsvoll; aber sie kann
so verständig reden, wie sie will, sie ist immer wie ein kleiner,
niedlicher Vogel, der auf einem Zweige sitzt und zwitschert, das ist das
Reizende an ihr.

Konstantin, mache mir nicht wieder Vorwürfe. Wenn mir solche zu machen
wären, würde ich es selbst tun; deshalb hat kein andrer das Recht dazu.

                                                                  Lju.



                           Jessika an Tatjana


                                                   Kremskoje, 15. Mai.

Tante, Du hast mich eingeladen, huldvolle Tante! Ich küsse dankbar Deine
schöne Hand. Vielleicht komme ich auch einmal, wenn Du gerade gar nicht
daran denkst. Aber Liebste, weißt Du denn gar nicht, daß ich Pflichten
habe? Ich kann doch nicht so ohne weiteres fort. Wir haben doch einen
Haushalt, und Du weißt, daß auch die besten Dienstleute von einem
höheren Wesen inspiriert werden müssen. Ich bedaure die Köchin, die bei
unsrer fünffachen Wunderlichkeit gar keinen Rückhalt hätte. Papa
schwärmt für gefüllte Tomaten, aber nicht für Tomaten an der Sauce, was
Mama besonders liebt, während Welja eine Leidenschaft für Tomaten in
Salat hat, Katja ißt sie nur roh. Katja ißt keinen süß zubereiteten
Reis, Papa keinen gepfefferten, ich keinen Milchreis. Niemand von uns
ißt Kohl, wir wollen aber täglich grünes Gemüse; so könnte ich noch
seitenlang fortfahren. Keine Köchin behält das alles, und lesen kann
unsre nicht. Wenn ich fort wäre, müßte Mama an das alles denken -- denn
Katja fiele das nicht ein --, und das täte mir so leid. Sie geht den
ganzen Tag herum und ist glücklich, ihren Mann einmal für sich und in
Sicherheit zu haben; man mag ihr keine dummen Alltäglichkeiten aufbürden
gerade jetzt.

Ihr denkt, ich wäre nur eine unbedeutende kleine Person! Aber sie würden
es schon bemerken, wenn nicht vor jedem die Tasse Tee oder Kaffee mit
gerade so viel Zucker und Milch oder Zitrone stände, wie er es haben
mag, oder wenn ihm die Orangenschnitten nicht so fein geschält und
entkernt auf den Teller flögen, wie er es gewohnt ist, oder wenn die
Bleistifte und Scheren und Schirme, die er verliert oder verlegt, nicht
gerade im richtigen Augenblick von mir wiedergefunden würden! Ja, so bin
ich! Komm Du nur einmal hierher und überzeuge Dich, wie unentbehrlich
ich bin.

Wenn Du nun findest, daß ich belohnt und entschädigt werden muß, Tante
Tatjana, so schicke mir doch lila Batist zu einer Bluse und dazu
passenden Zwischensatz und Spitzen. Ich habe nichts, was leicht genug
wäre bei der Hitze. Niemand hat so viel Geschmack wie Du, darum besorge
es, bitte, selbst, Holdseligste.

                                               Deine dankbare Jessika.



                             Welja an Peter


                                                   Kremskoje, 17. Mai.

Lieber Peter! Ich habe mich nicht getäuscht, Lju ist im Grunde ein
Revolutionär, nur daß noch etwas dabei ist, was seine Ansichten
himmelhoch über die durchschnittlichen erhebt. Wie soll ich Dir das
begreiflich machen, süßes Megatherium? Er denkt und steht zugleich über
dem, was er denkt. Er hält das, was er denkt und wünscht, nicht für das
Letzte, Absolute. Darum steht er auch abseits von den Parteien, weil er
über sie hinaussieht. Er sagt, der alten Generation gegenüber haben die
Neuen recht, obwohl sie an sich betrachtet fast noch weniger recht haben
als die Alten. Natürlich verstehst Du das nicht, weil Dir die
Selbstironie fehlt, sowohl der Begriff wie die Qualität. Ihr habt keine
Idee, wie komisch es ist, wenn ihr euch über die Verkommenheit der alten
Kultur erhitzt und nicht von ferne ahnt, was Kultur eigentlich bedeutet.
Macht nichts, brülle nicht, alter Saurier, ich bin ganz euer. Mein Vater
ist köstlich; er findet, daß Lju ein sehr angenehmer, kluger und
unterhaltender Mensch ist, weiter dringt sein Scharfblick nicht. Er
kommt nicht auf die Idee, daß ein Mensch in honetten Kleidern, der
höflich mit ihm umgeht und ihm nicht widerspricht, sich außerhalb seines
Systems bewegen könnte. Mama ist viel weniger, wie soll ich es nennen,
auf ihr Selbst beschränkt. Sie sieht wenigstens deutlich ein, daß sie
längst nicht Ljus ganzes Wesen erfaßt hat; sie fühlt etwas Fremdes, wenn
sie dessen auch nicht habhaft werden kann. Neulich sagte sie zu ihm,
seinen Talenten und Kenntnissen und seiner Leistungsfähigkeit sei
eigentlich das Amt, das er in unserm Hause bekleide, nicht angemessen,
ebensowenig das Entgelt, er hätte es gar nicht annehmen dürfen. Lju
sagte, er hätte gehofft, als Privatsekretär freie Zeit übrig zu haben,
die er gebrauche, um ein philosophisches Werk zu vollenden, das sei sein
nächstes Arbeitsziel. Darüber wurde Mama ordentlich rot und meinte, er
sei nun gewiß enttäuscht, da ja seine ganze Person bei uns dauernd in
Anspruch genommen werde. Ich glaube, Lju hatte schon ganz vergessen, daß
er hier ist, um Mörder und Bomben abzufangen, während Mama denkt, er
riebe sich bei dieser schwer zu definierenden Tätigkeit auf. Sie fordert
ihn seitdem öfters auf, sich in sein Zimmer zurückzuziehen und zu
arbeiten, und ist geneigt, es sehr anspruchsvoll von Papa zu finden,
wenn er ihm mal außer der Zeit einen Brief diktieren will; er könnte
sich eigentlich eine Schreibmaschine anschaffen, meinte sie. Man kann
nicht behaupten, daß Mama die Leute ausbeutet.

Wir sind augenblicklich damit beschäftigt, Papa ein Automobil kaufen zu
lassen; er ist auch schon nahe daran. Wir sprechen bei Tisch immer von
den letzten Automobilrennen und erörtern, ob es mit Benzin oder
Elektrizität billiger ist. Lju meinte, ob wir nicht lieber warten und
dann gleich ein lenkbares Luftfahrzeug anschaffen wollten. Von dem
Gedanken war Papa ordentlich hingerissen, und wie er die Kosten davon
berechnete, kam ihm das Auto hernach schon ganz alltäglich und
kleinbürgerlich vor.

Lju ist gar nicht musikalisch. Er sagt, Musik wäre eine primitive Kunst,
wenigstens die man bis jetzt kennte. Es könnte vielleicht auch anders
sein, wovon Richard Wagner gewisse Andeutungen gäbe. Das Musikalische in
unsrer Familie wäre primitiv. Ich glaube, daß das ganz richtig ist,
besonders bei Papa. Er spielt schön in dem Sinne, wie der Wald rauscht
oder der Wind saust, es ist etwas Dämonisches. Aber das Besessensein ist
kein Kulturfaktor. Lju hat aber viel übrig für das Primitive. Er findet,
Jessikas Stimme klänge so, wie wenn in der fahlen Dämmerung tief im
Osten die Morgenröte aufginge. Jessikas Stimme finde ich auch fein, auf
mich wirkt sie wie ein Harfenton; sonst habe ich mir nie viel aus Gesang
gemacht, bei der Sinfonie fängt doch die Musik eigentlich erst an. Bilde
Du Dir aber ja nicht ein, Du wärest ein Uebermensch, weil Du
unmusikalisch bist. Bei Dir ist es ein Vakuum.

                                                                Welja.



                            Katja an Tatjana


                                                   Kremskoje, 17. Mai.

Liebe Tante! Jessika hat vergessen, Dich zu bitten, daß Du uns die
Partitur von »Tristan und Isolde« besorgst oder besorgen läßt. Papa ist
dagegen, er meint, man könnte Noten auch leihen! Gibt es das überhaupt?
Ach, erkundige Dich nur gar nicht, Bücher aus Leihbibliotheken beziehen
ist unfein, und Noten sind auch Bücher, also. Im Grunde ärgert sich Papa
nur, daß wir uns mit Wagner beschäftigen wollen, er ist nun einmal
einseitig. Nicht mal kennen lernen will er ihn, sondern ist von
vornherein entschlossen, ihn gräßlich zu finden. Ja, hätte Wagner vor
ein paar hundert Jahren gelebt und Kirchenmusik gemacht wie Palestrina
-- ach so, das klingt dumm, aber ich habe es nun einmal geschrieben, und
Du verstehst mich auch schon. Natürlich sind Beethovens Lieder an seine
ferne Geliebte schön, die Papa immer singt, aber unsre Zeit und unser
Leben drückt das doch nicht aus. Jedenfalls, Tante Tatjana, Du schickst
uns »Tristan und Isolde«, nicht wahr? Bitte recht bald, Peter kann es ja
besorgen.

                                                          Deine Katja.



                           Lju an Konstantin


                                                   Kremskoje, 20. Mai.

Lieber Konstantin! Dein Brief hat mich zu einer Unvorsichtigkeit
veranlaßt; aber der wäre ein schlechter Feldherr, der nicht einen
falschen Zug wieder einbringen oder sogar verwerten könnte. Das Gerücht,
daß der Studentenprozeß sofort vorgenommen würde und der Gouverneur
infolgedessen sofort nach Petersburg zurückginge, muß unbegründet sein;
denn er selbst würde es doch am ersten wissen und gleichzeitig auch ich.
Trotzdem erwog ich gestern die Möglichkeit und bereitete mich darauf
vor, schnell oder plötzlich handeln zu müssen. Ich sagte mir, bei Tage
würde ich nicht leicht eine Gelegenheit finden, besonders keine für mich
günstige. Nachts könnte ich ihn und seine Frau, denn sie schlafen
zusammen, mit Aether betäuben, ihn durch einen Stich ins Herz töten und
mich ungesehen wieder zu Bett legen. Kein besonderes Verdachtsmoment
würde auf mich hinweisen; bei Tage hingegen könnte sich kaum jemand an
den Gouverneur herandrängen, ohne daß irgendwer, namentlich ohne daß ich
es bemerkte. Am Tage können unzählige unvorhergesehene Störungen
dazwischenkommen; nachts liegen bestimmte, übersichtliche Umstände vor.
Die Ausführbarkeit des Planes hängt wesentlich von dem mehr oder weniger
leisen Schlafe des Gouverneurs und seiner Frau ab; ich beschloß, mir
sofort Gewißheit über die Frage zu verschaffen. Ich warf einen Mantel
über und schlich mich nach ihrem Schlafzimmer, das durch ein
Ankleidezimmer mit angrenzendem Bade- und Garderoberaum von meinem
getrennt ist. Kaum hatte ich den Fuß über die Schwelle gesetzt, als ich
Frau von Rasimkara auf mich zustürzen sah. Ich will Dir gestehen, daß
ich in diesem Augenblick fast die Besinnung verloren hätte: die Frau so
merkwürdig, so schön, so anders als am Tage vor mir zu sehen, es raubte
mir den Atem. In ihrem Gesicht stand zugleich der Ausdruck des
Entsetzens und der unbedenklichsten Entschlossenheit, der sofort, da sie
mich erkannte, dem Gefühl der Erlösung, dem Erstaunen und ich möchte
sagen dem Gefühl für das Komische der Lage Platz machte. Ja, für die
Dauer eines Augenblicks dachte und empfand ich nichts, als wie
hinreißend sie war, sie zog mich rasch in das Ankleidezimmer zurück und
sagte flüsternd, ich hätte sie sehr erschreckt, sie hätte mich für einen
Mörder gehalten, was geschehen wäre? Ob mir etwas fehlte, ob ich
nachtwandelte? Ich sagte, sie möchte ganz ruhig sein, geschehen wäre
nichts, ich wäre aufgewacht, hätte geglaubt, ein Geräusch zu hören, und
hätte mich überzeugen wollen, ob bei ihnen alles ruhig und in Ordnung
wäre; ich hätte das schon öfters getan, weil ich es als zu der von mir
übernommenen Pflicht gehörig betrachtete, bisher hätte sie es aber nicht
bemerkt. Ich setzte noch hinzu, sie würde vielleicht gut tun, ihrem
Manne nichts von dem Vorfall zu sagen. Natürlich nicht, sagte sie, sie
wäre froh, daß er nicht erwacht wäre; dann drückte sie mir die Hand,
nickte mir zu und lächelte und ging in ihr Schlafzimmer zurück.

Dies war ein sehr gefährlicher Augenblick, und ich habe erst gegen
Morgen wieder einschlafen können. Als sie vor mir stand und mich
anlächelte, dachte ich, daß sie hinreißend sei und gleichzeitig, daß ich
sie würde töten müssen. Ich dachte es mit solcher Lebhaftigkeit, daß mir
war, es schreie aus meinen Augen heraus: ich bin dein Mörder, weil ich
sein Mörder bin. Du wirst immer an seiner Seite sein, dein Leib wird
sich vor seinen werfen, wenn die Stunde da ist, darum mußt du mit ihm
fallen. Das eigentümliche Lächeln, mit dem sie mich ansah, schien zu
sagen: ich verstehe dich, es ist mein Schicksal, ich nehme es auf mich.

In gewisser Weise habe ich bei meinem unglücklichen Versuch etwas
gewonnen. Ich weiß nun, daß der Gouverneur tief und fest schläft. Ihr
habe ich die Meinung eingeflößt, daß ich zum Schutze ihres Mannes
zuweilen ihr Schlafzimmer betrete. Sähe sie mich eintreten, mich über
sie beugen, sie würde bis zum letzten Augenblick keinen Verdacht
schöpfen, mich nur mit großen Augen erwartungsvoll ansehen. Anderseits
habe ich erfahren, daß mir diese Art der Ausführung widerstrebt. Ich
würde nur im äußersten Notfall dazu schreiten. Ein andrer Weg wird sich
finden lassen, der mir mehr zusagt. Sei Du jedenfalls ohne Sorge: es mag
sein, daß ich unüberlegt gehandelt habe, aber ich habe auch die etwaigen
schlimmen Folgen im Keim erstickt.

                                                                  Lju.



                             Welja an Peter


                                                   Kremskoje, 20. Mai.

Lieber Peter! Heute habe ich das Gefühl, in einem Irrenhaus zu sein.
Mama hat diese Nacht irgend etwas gehört, was nachher gar nichts war,
aber trotzdem sich alles als Einbildung entpuppt hat, sieht sie verweint
aus und fährt bei jedem Geräusch zusammen. Papa hat Furoranfälle, die
wir als Nervosität respektieren sollen. Vorhin klingelt er Mariuschka
her, weil sie in der Garderobe das elektrische Licht habe brennen
lassen. Er machte solchen Krakeel, daß ich es im Garten hörte, und
stellte sich ungefähr so an, als ob dies elektrische Flämmchen das
Verderben auf unsre ganze Familie herunterziehen müßte. Nachher stellte
sich heraus, daß er selbst es angezündet und auszumachen vergessen
hatte. Katja erhob nun ihrerseits ein Geschrei, es wäre empörend von
Papa, das ganze Haus schwämme in Tränen seinetwegen, die Dienstleute
könnten unmöglich Respekt vor ihm haben, wenn er sich so benähme, und
dazwischen rief sie mich an, ob ich es nicht auch fände. Ich sagte:
»Vater, wie du willst.« Da wendete sich plötzlich ihre Entrüstung gegen
mich, worüber wir dann glücklich alle ins Lachen kamen. Papa sagte, nun
müßte er sich wohl bei Mariuschka entschuldigen, weil er ihr unrecht
getan hätte, und begab sich zu diesem Zweck ins Leutezimmer. Wir wollten
gern mitgehen, um der Szene beizuwohnen, aber Mama verbot es als
unschicklich. Ich fand die Geschichte von vornherein nur komisch und
verstehe nicht, wie Katja sich ärgern kann.



                             Katja an Peter


Natürlich ärgere ich mich, Welja kann eben nichts ernst nehmen, weil er
zu faul ist. Es ist doch empörend, daß ein Mann wie Papa, der sich
selbst gar nicht beherrschen kann, die Universität schließt, weil die
Studenten ihre Rechte verteidigen. Es ist empörend, daß ein Mann solche
Macht hat, die Tatsache allein verdammt unsre Zustände. Sieh doch zu, ob
sich nicht Lehrer finden, uns und allen, die teilnehmen wollen,
Privatkurse zu halten. Es könnte ja bei Dir zu Hause sein, das kann man
doch nicht verbieten. Ich finde, daß man sich so etwas nicht gefallen
lassen soll. Mir ist es ganz gleichgültig, ob ich ein paar Jahre früher
oder später fertig werde, aber es soll doch wenigstens von mir abhängen.
Und wenn das nicht geht, möchte ich fort, ins Ausland. Es ist mir
unleidlich, in Rußland leben zu müssen. Von Welja habe ich gar nichts,
er ist zu dusselig, was ich auch sage und vorschlage, ihm ist alles
gleich. Natürlich, wenn man muß, muß man, aber erst versucht man doch,
ob es nicht anders geht.

                                                                Katja.



                           Lusinja an Tatjana


                                                              24. Mai.

Du Liebe! Die Kinder haben Dir geschrieben, daß wir wieder sehr nervös
sind? Wenn Du mich nicht verraten willst, will ich Dir sagen, wovon es
bei mir gekommen ist. Du weißt, ich bin ängstlich und schreckhaft, und
Du weißt auch, daß ich leider sehr ernsten Anlaß dazu habe. Ich gebe zu,
daß ich es auch ohne das wäre, das ändert aber nichts daran, daß der
Anlaß da ist. Nun also, neulich nachts wache ich auf und sehe einen Mann
auf der Schwelle unsers Schlafzimmers stehen. Natürlich denke ich, daß
er Jegor töten will, und stürze blindlings auf ihn zu, um Jegor zu
schützen -- wie, darüber nachzudenken hatte ich keine Zeit. Es war nur
ein Augenblick, dann erkannte ich Lju. Ja, es war Lju. Das plötzliche
Aufhören der Angst und des Schreckens wirkte so befreiend auf mich, daß
ich beinahe lachen mußte; ich hätte ihn umarmen können. Aber nachher,
als ich wieder im Bett lag, machten sich die Folgen der heftigen
Nervenerregung geltend, ich mußte nun weinen und konnte gar nicht mehr
aufhören. Es kam ein Unbehagen über mich, das viel peinlicher war als
die Furcht, die ich vorher gehabt hatte; es war mir nämlich so
unheimlich, daß Lju nachtwandelt. Anders kann ich mir das Vorgefallene
doch nicht erklären, als daß er somnambul ist. Er selbst hat mir eine
andre Erklärung gegeben; er betrachte es als zu seiner Pflicht gehörig,
sich zuweilen zu überzeugen, ob bei uns alles in Ordnung sei, und er sei
schon öfters in unserm Schlafzimmer gewesen, besonders wenn er ein
Geräusch zu hören geglaubt hätte. Das klingt ganz plausibel, und Du
wirst vielleicht sagen, es müßte etwas Beruhigendes für mich haben, zu
wissen, daß er so treu über uns wacht. Vorher würde ich das auch gedacht
haben; aber ich sehe nun, daß die Vorstellung von einer Tatsache ganz
etwas andres ist als die Tatsache selbst. Es ist mir nichts
Beruhigendes, sondern etwas im höchsten Grade Unheimliches, daß ein
Mensch plötzlich nachts in unserm Zimmer stehen kann, sei es nun, weil
er nachtwandelt oder aus andern Gründen. Ich kann nicht mehr schlafen,
weil ich immer denke, plötzlich steht er da und sieht mich aus diesen
seltsamen grauen Augen an, die alle Körper zu durchdringen scheinen.
Wenn ich eben eingeschlafen bin, schrecke ich entsetzt wieder auf. Der
Einfall ist mir gekommen, er könnte durch das offene Fenster
hereinsteigen; Du weißt doch, daß Nachtwandler überall, selbst auf der
Kante des Daches, gehen können. Und das zu denken, ist mir unheimlich,
ich kann nicht dagegen an. Ich möchte gern das Fenster schließen, aber
Jegor will es nicht; er sagt, es wäre Unsinn, und ich müßte solche
krankhafte Einbildungen unterdrücken. Schlangen könnten wohl an einer
glatten Hausmauer hinaufkriechen, Nachtwandler nicht. Was meinst Du? Ich
habe einmal gelesen, für Nachtwandler wäre das Gesetz der Schwere
aufgehoben; Gott weiß es.

Unglücklicherweise habe ich Jegor, der nicht aufgewacht war und nichts
gehört hatte, alles erzählt. Er ist gut, aber meine Furchtsamkeit macht
ihn ein wenig ungeduldig, weil er sie aus sich selbst nicht
nachempfinden kann. Und dann allerdings machen ihn auch die Verhältnisse
nervös, die eine gewisse Vorsicht vernünftigerweise doch nötig machen,
die er seinem Temperament nach so ungern beobachten möchte.

Die Kinder wissen von dem Vorfall nichts, denn ich möchte nicht, daß
darüber bei Tisch gesprochen wird. Es scheint mir auch rücksichtsvoller
gegen Lju zu sein, dem wir so viel verdanken; wenn sich das Gerücht
verbreitete, er wäre Nachtwandler, würde es ihm bei den Leuten schaden.
Und daß er nachts in unser Zimmer kommt, um uns zu bewachen, soll auch
nicht bekannt werden.

Katja, mein Goldkind, ist ein unverbesserlicher kleiner Teufel. Sie
schilt bei jeder Gelegenheit über die Schließung der Universität, obwohl
sie weiß, daß jetzt die politischen und geschäftlichen Dinge nicht
berührt werden sollen, weil es Jegor aufregt. Mich wundert, ob Dein
Peter einmal mit ihr fertig wird, es spricht für seinen Charakter, daß
er es sich zutraut. Von Dir, Liebste, hat er nichts; er schlägt ganz
Deinem Manne nach, und der hat ja sogar Dir zu imponieren verstanden,
nicht wahr? Ach, meine Kleine ist noch zu kindisch, als daß ihr irgend
etwas auf der Welt imponieren könnte. Ich wollte, es gelänge ihm, ihr
Herz zu gewinnen, wäre es nur, damit sie Dich zur Schwiegermutter
bekäme. Aber auch Dein Sohn würde ihr gut tun mit seiner Stämmigkeit und
Wurzelfestigkeit. Jessika blüht, die Landluft tut ihr gut, sie ist unsre
Hebe mit den Rosenwangen. Mich wird das kleine nächtliche Intermezzo
auch nicht lange stören, hoffe ich. Sei gegrüßt und geküßt von Deiner

                                                              Lusinja.



                           Jessika an Tatjana


                                                   Kremskoje, 25. Mai.

Liebste Tante! Es ist sehr gut, daß ich hiergeblieben bin. Mama hat
jetzt gerade eine Zeit, wo sie sich um nichts bekümmert als um ihren
Jegor, unsern Vater. Und ein Geist muß doch über dem Haushalt schweben.
In ein paar Tagen kommt unser Automobil, denke dir, Tante. Mama schlug
im letzten Augenblick vor, wir wollten lieber doch keins haben, weil es
gefährlich wäre, und das gab der Sache gerade den letzten kleinen Stoß,
den es noch brauchte, um Papa zum Entschluß zu bringen. Denn nun sagte
er, auf Mamas Aengstlichkeit dürfe keine Rücksicht genommen werden; sie
müßte endlich einmal erzogen werden, sonst würde sie schließlich zu alt
dazu. Einen Chauffeur will Papa nicht haben, das verteuerte die
Geschichte, und er möchte keine fremden Leute ins Haus nehmen; unser
Iwan soll sich dazu ausbilden. Welja sagte: »Väterchen fährt ja schon
mit der Kutsche in den Graben, wohin wird er erst mit dem Automobil
fallen!« Papa sagte, Welja sollte nicht übertreiben, Iwan wäre auch oft
ganz nüchtern. Mama sagte mit einem Seufzer, hoffentlich wäre er es
gerade dann, wenn wir ausfahren wollten. Ich schlug vor, wir wollten nur
selten fahren, dann träfen wir gewiß gerade mit den oftmaligen
Nüchternheiten Iwans zusammen. Das leuchtete Mama sehr ein, aber Katja
schmetterte los, dazu hätte man kein Automobil, sie wolle alle Tage
fahren und so weiter. Zum Glück sprang Lju ein und sagte, er wäre
Dilettant im Automobilfahren und wollte sich noch mehr ausbilden, dann
könnte er Iwan zuweilen ersetzen. Welja sagte nachher, als Papa nicht
dabei war: »Papa wird doch lieber mit Iwan fahren, weil er denkt, daß
die Betrunkenen in Gottes Hand sind.« Das ist doch ein Sprichwort, weißt
du.

Von unserm Iwan muß ich dir noch etwas erzählen. Welja sagte gestern
mittag, er hätte ihn gefragt, was er von Lju hielte, eigens weil er
gemerkt hätte, daß er ihn nicht leiden möchte. Iwan hätte Ausflüchte
gemacht und nicht mit der Sprache heraus wollen. Welja hätte gesagt, Lju
wäre doch freundlich, gerecht, hilfsbereit, gescheit, geschickt, was
Iwan alles zugegeben hätte. Endlich hätte Iwan dann gesagt: »Er ist mir
zu gebildet.« Darauf hätte Welja gesagt, Papa wäre doch auch gebildet;
da hätte Iwan ganz listige Augen gemacht und den Kopf geschüttelt und
gesagt: »Das stellt sich äußerlich wohl so vor, aber im Grunde ist er
nur ein guter Kerl wie unsereiner.« Wir haben alle sehr gelacht, Lju am
meisten, er war geradezu begeistert über die Bemerkung und sah allen
erdenklichen Tiefsinn darin. Ob jemand ihn leiden mag oder nicht, danach
fragt Lju gar nicht, das finde ich groß an ihm.

Liebe Tante, ich singe Tristan, Isolde, Brangäne, König Marke und noch
ein paar Heldenkräfte. Kannst Du Dir mich vorstellen? Papa hat nur einen
unwilligen Seitenblick auf die Partitur geworfen, und ich singe
natürlich nur, wenn er außer Hörweite ist.

                                                        Deine Jessika.



                           Lju an Konstantin


                                                   Kremskoje, 27. Mai.

Lieber Konstantin! Du meinst, daß ich vielleicht mittels des Automobils
zum Ziele kommen könnte. Ja, wenn es sich so einrichten ließe, daß der
Gouverneur das Genick bräche und ich das Handgelenk! Weißt Du, wie man
das macht? Durch den Kopf gegangen ist mir der Gedanke natürlich, sowie
von dem Automobil die Rede war, und ich habe im Hinblick darauf die
Anschaffung befürwortet, habe mich auch anerboten, zuweilen den
Chauffeur zu machen, was mit Beifall aufgenommen wurde. Es hat aber
außer der erwähnten Schwierigkeit das gegen sich, daß ich mit dem
Einüben viel Zeit verlieren müßte, wahrscheinlich ohne Erfolg und sicher
ganz ohne Vergnügen für mich. Ich bin kein Sportsmann. Zeit und
Aufmerksamkeit lasse ich mir solche Dinge nicht gern in hohem Maße
kosten. Für die Luftschiffahrt würde ich mich etwa interessieren; aber
das ist Arbeit und Tat, nicht Sport, und hat allerlei wissenschaftliche
Haupt- und Nebenzwecke. Ein wenig werde ich mich aber doch mit dem
Automobil befassen; es könnte auch der Fall eintreten, daß ich es zu
schleuniger Flucht benutzen müßte.

Ein andrer Einfall ist mir gekommen, von dem ich fühle, daß er ergiebig
sein wird. Ich möchte wo möglich bei dem Akt selbst nicht persönlich
beteiligt sein; es müßte also eine Maschine meine Rolle spielen. Nun
schwebt mir vor, daß dies eine Schreibmaschine sein könnte. Das Nähere
sage ich Dir, wenn der Plan etwas reifer in mir ist. Dann könnte es wohl
sein, daß ich Deiner verständnisvollen Mithilfe bedürfte, damit die
Maschine zweckentsprechend eingerichtet wird, ohne daß der Fabrikant
etwas davon erfährt.

Frau von Rasimkara ist seit jener Nacht verändert, blaß und beinahe
etwas scheu, beständig in der Nähe ihres Mannes. Es ließe sich so
erklären, daß mein Benehmen ihre Aengstlichkeit verdoppelt hat, weil sie
den Schluß daraus ziehen mußte, ich hielte ihren Mann für sehr
gefährdet. Vielleicht schläft sie seitdem nicht mehr gut. Vorher hatte
meine Sicherheit und Sorglosigkeit beruhigend auf sie eingewirkt. Eine
gewisse Zurückhaltung, die sie mir gegenüber weniger zeigt als wider
ihren Willen verrät, könnte darin begründet sein, daß die Erinnerung an
unser nächtliches Begegnen, das so seltsam, so flüchtig und doch so
eindrucksvoll war, und das niemand außer uns weiß, sie verlegen macht
oder wenigstens in irgendeiner Hinsicht bewegt. Verdacht gegen mich hat
sie nicht, dessen bin ich sicher; sie behandelt mich im Gegenteil mit
vermehrter Freundlichkeit und Rücksicht. Da sie jetzt fast immer um
ihren Mann ist, bin ich mehr in die Gesellschaft der Kinder gedrängt,
deren Vertrauter und teuerster Freund ich geworden bin.

Du darfst dich in der nächsten Zeit nicht von Petersburg entfernen, da
ich Deiner wegen der Schreibmaschine bedürfen könnte.

                                                                  Lju.



                             Welja an Peter


                                                   Kremskoje, 28. Mai.

Lieber Peter! Heute hätte es beinahe eine Familienkatastrophe gegeben,
bei der ich natürlich nicht aktiv war. Katja fing bei Tisch von den
Universitätsgeschichten an; ihr könne es ja gleichgültig sein, denn sie
braucht ihren Lebensunterhalt nicht zu verdienen, für die meisten wäre
es aber verhängnisvoll, daß sie ihr Studium auf unbestimmte Zeit
unterbrechen müßten. Papa sagte, noch verhältnismäßig ruhig und
beherrscht, allerdings wäre das ein Unglück für viele; um so härter
wären diejenigen zu verurteilen, die durch ihr aufrührerisches Tun
mutwillig das Unglück über ihre Kollegen gebracht hätten. Jetzt aber
sauste Katja los! Wie ein künstlicher Wasserfall, den man plötzlich
springen läßt! Das wäre die Art ungerechter Despoten, die Opfer noch zu
verleumden und die eigne Schuld auf sie abzuladen! Demodow und die
andern wären Märtyrer, hinrichten und nach Sibirien schicken könnte man
sie, nicht aber ihnen den Ruhm rauben, daß sie tapfer und selbstlos
gehandelt hätten. Uebrigens hätten fast alle ebenso wie sie gedacht, Du
zum Beispiel hättest auch die Absicht gehabt, den Kosaken Widerstand zu
leisten, Du wärest nur durch einen Zufall auf dem Wege zur Universität
aufgehalten, sonst könnte Papa Dich auch in die Bergwerke schicken. Mama
gelang es endlich, sie zu unterbrechen, indem sie sagte, das würde Papa
allerdings tun, wenn er es für seine Pflicht hielte; denn daran zweifele
sie doch wohl nicht, daß Papa sich von seiner Pflicht leiten ließe,
folglich dürfe sie auch seine Handlungen nicht kritisieren. Ich sagte:
»Mit deinem Spatzengehirn im Kopfe würde er natürlich anders handeln,«
worauf sie mir einen vernichtenden Blick zuwarf. Papa war ganz bleich
und seine Augenbrauen sahen wie ein zackiger schwarzer Blitz aus,
furchtbar stimmungsvoll; wenn es sich nicht um Katja gehandelt hätte,
wäre ein Unwetter losgebrochen, das den ganzen Tisch und alle Stühle
fortgeschwemmt hätte; so hielt er einigermaßen an sich. Und dann hebt
Ljus Gegenwart eigentlich jede Katastrophe auf; seine überlegene Ruhe
zerstreut gewissermaßen alle angesammelte Elektrizität, oder er hat so
viel Kraft, daß er sie in sich sammeln und unschädlich machen kann. Er
saß kühl wie Talleyrand dabei und bewies, daß jeder recht hätte, so daß
alle schweigen und zufrieden sein mußten. Er sagte, selbstverständlich
schließe die Maßregel der Universitätsschließung Ungerechtigkeiten ein,
deshalb könnte sie aber vollständig gerecht sein innerhalb des Systems,
zu dem sie gehöre. Er billige dies System nicht durchaus, er glaube, daß
es sich überlebt habe, aber so lange es herrsche, müsse man mit seinen
Gesetzen arbeiten. Papa sah Lju interessiert und etwas erstaunt an und
fragte, wie das zu verstehen sei, daß er das System nicht billige. Keine
Regierung sei fehlerlos, weil die menschliche Natur überhaupt fehlerhaft
sei. Seiner Meinung nach sei es besser, dahin zu wirken, daß jeder seine
Pflicht tue, anstatt die Irrtümer des Systems aufzudecken. Lju sagte,
ohne den Grundsatz, daß jeder einzelne seine Pflicht zu erfüllen habe,
könne kein gesellschaftliches System sich halten. Er glaube, das
herrschende System habe den Fehler, das Pflichtgefühl nicht auszubilden,
weil es lauter Gesetze und Vorschriften an dessen Stelle gesetzt habe.
Dies sei für eine primitive Kultur berechtigt, jetzt aber sei das Volk
keine Herde mehr, sondern bestehe aus Individuen. Kein Kunstverständiger
werde die byzantinische Malerei mit ihren starren Formen nicht
bewundern; man könne es vielleicht sogar beklagen, daß der
Individualismus sie durchbrochen habe; man könne vielleicht sogar
glauben und wünschen, daß man einmal auf irgendwelchen Umwegen dahin
zurückkehre; aber verständigerweise könne man doch nicht die Entwicklung
auf jene Stufe zurückdrehen wollen.

Er sprach so liebenswürdig, galant und beinahe herzlich gegen Papa, daß
der ganz angeregt wurde und lebhaft auf alles einging; ich glaube, er
hatte das Gefühl, vollkommen einer Meinung mit Lju zu sein.

Bei Tisch waren also die Fugen wieder eingerenkt; aber hernach ergoß
sich Katjas zurückgehaltener Zorn gegen Lju. Er hätte sich verächtlich
benommen, er hätte zu ihr halten müssen, denn er dächte ebenso wie sie.
Was er gesagt hätte, möchte ganz schön sein, sie hätte es nicht
verstanden, wolle es auch nicht verstehen, es wäre doch nur eine Brühe
gewesen, um seine wahren Ansichten zu verkleistern. Von mir erwartete
sie ja nichts andres, als daß ich falsch und feig wäre, aber ihn hätte
sie für stolzer gehalten. Sie war zu niedlich, wie ein kleiner Vogel,
der gereizt wird und sein Federschöpfchen sträubt, mit dem Schnabel um
sich pickt und in den höchsten Tönen lospiepst. Lju fand sie offenbar
auch niedlich, denn er ging sehr liebevoll auf ihren Kohl ein. Ich ging
mitten darin fort, weil meine Dorfschönheit auf mich wartete.

Ich habe Papa eine Auswahl von den feinsten Süßigkeiten mitgebracht, die
der Türke hat. Er fand sie ausgezeichnet und sagte, er hätte sich gleich
gedacht, daß ich einen bestimmten Grund hätte, immer ins Dorf zu radeln.
Er aß übrigens mehr davon als ich und wurde nicht einmal übel; er ist
eigentlich ein großartiger Mensch, ich bin dekadent gegen ihn. Mit Lju
kann er sich allerdings nicht vergleichen; er ist wie ein schöner Dolch
mit kunstvollem Griff und einer mit Edelsteinen buntgeschmückten
Scheide, wie sie zuweilen in Museen ausgestellt sind; Lju ist wie der
schlichte Bogen des Apollo, der nie fehlende Pfeile entsendet.
Schmucklos, schlank, elastisch, durch die vollendete Zweckmäßigkeit
schön, ein Bild göttlicher Kraft, Treffsicherheit und Gewissenlosigkeit.
Ach Gott, ich schreibe ja an ein silurisches Faultier und nicht an einen
feinwitternden Griechen. Quäle Dich nicht mit der Durchdringung meiner
poetischen Bilder und triumphiere nicht, wenn sie hinken sollten; ein
Achilles, der hinkt, kommt immer noch eher an als ein Brontosaurus, der
im Sande stecken bleibt.

                                                                Welja.



                             Katja an Peter


                                                   Kremskoje, 30. Mai.

Lieber Peter! Wir sind nicht verlobt, ich habe Dir sogar einmal gesagt,
ich würde Dich niemals heiraten; aber ich weiß ja, daß Du doch noch
daran denkst, darum will ich Dir etwas sagen. Ich habe jetzt den Mann
kennen gelernt, den ich heiraten werde, wenn ich überhaupt heirate. Den
einzigen, den ich lieben kann. Frage nicht, wer er ist, frage überhaupt
nicht weiter. Ich hätte Dir ja nichts davon zu sagen brauchen, ich tue
es nur, weil ich Dich gern habe und Dich als meinen Freund betrachte,
und weil Du mich seit unsrer Kindheit als Deine zukünftige Frau
angesehen hast. Dafür kann ich freilich nichts. Wissen darf dies niemand
außer Dir.

                                                                Katja.



                           Lusinja an Tatjana


                                                   Kremskoje, 2. Juni.

Meine liebe Tatjana! Auf unsern einzig schönen Sommer fällt von
irgendwoher ein kleiner Schatten. Vielleicht eben weil er so schön ist,
muß er das Abzeichen seiner Erdennatur tragen. Jetzt sorge ich mich
besonders um Jessika; ich kann es mir nicht mehr verhehlen, daß sie den
Lju liebt. Ohne daß sie es weiß, richtet sich ihr ganzes Wesen nach ihm:
ich könnte sagen, sie ist eine Art Sonnenuhr, von der man immer ablesen
kann, wo ihr Gestirn steht. Er hat auch etwas Sonnenhaftes; es ist, als
ob eine lebenzeugende Kraft von ihm ausginge, in der freilich auch Leben
verdorren kann. Auf Welja und Katja übt er einen heilsamen Einfluß aus;
er regt sie zum Denken, zu gesteigerter geistiger Tätigkeit an; für
meine kleine Jessika, fürchte ich, sind seine Strahlen zu heiß. Sie muß
Wärme haben, darf aber nicht mitten im Feuer stehen. So erscheint es mir
wenigstens. Zuweilen kommt es mir so vor, als ob nicht nur in ihr ein
Neigen zu ihm wäre, sondern als ob auch ihn ein leises Anziehen zu ihr
hinzöge. Ob er sie liebt? Ich kann nicht umhin, mit ihr in meiner Seele
aufzujubeln, wenn ich es zu bemerken glaube, denn eine Mutter fühlt
jeden Schmerz und jedes Glück mit ihrem Kinde. Wäre es aber überhaupt
wünschbar? Würde es ein Glück für sie sein? Ljus Ansichten und, was
wichtiger ist, seine ganze Auffassung des Lebens weicht sehr von Jegors
und meiner ab, das fühle ich. Auch den Kindern steht er nach Erziehung
und Lebensgewohnheiten ferner, als sie selbst es ahnen. Vielleicht ist
er uns gegenüber im Rechte; aber verbürgt das die Möglichkeit dauernden
Zusammenlebens? Und was würde Jegor sagen? Er hat nichts gegen Lju, er
ist frei von gewöhnlichen Vorurteilen; aber er möchte unsre Mädchen mit
Männern verheiraten, deren Lebensführung ihm vertraut ist, mit denen wir
alle zu einer Familie verwachsen können. Und dann, Liebste, daß er
nachtwandelt! Das ist beinahe das Schrecklichste für mich. Ach Gott, es
ist ja so töricht, aber manchmal wünsche ich, Lju wäre niemals zu uns
gekommen oder er verließe uns wieder.

                                                          Nachmittags.

Lju ist doch ein unheimlicher Mensch! Er hat Augen, die im Herzen lesen.
Ich hatte eben den Satz geschrieben, als er kam und mir sagte, er fühle
sich sehr wohl bei uns, er hätte auch das Gefühl, daß wir ihn gern
hätten, aber er käme sich überflüssig vor und fände, daß es richtiger
wäre, wenn er ginge; er möchte mit mir darüber sprechen. Er sprach so
vertrauensvoll, so einfach, beinahe kindlich. Ich war ganz betroffen und
sagte, meine Besorgnis um das Leben meines Mannes hätte sich allerdings
allmählich gelegt; aber er wäre doch auch als Sekretär tätig, selbst
schreiben könne mein Mann augenblicklich nicht -- er leidet doch am
Schreibkrampf -- und er würde sich nur ungern an einen andern Herrn
gewöhnen, auch sicher keinen von seiner, Ljus, Bildung und seinen
Kenntnissen finden. Er sagte, darüber hätte er schon nachgedacht, für
meinen Mann würde gewiß das zweckmäßigste sein, wenn er sich an eine
Schreibmaschine gewöhnte, dann wäre er von niemand abhängig, und er
hätte doch so manche Korrespondenzen, die womöglich geheimbleiben
sollten. Diesen Gedanken lobte ich sehr -- ich finde ihn wirklich höchst
vernünftig -- und sagte, eine Schreibmaschine könnte sich ja Jegor
anschaffen, es würde aber wohl eine gute Weile dauern, bis er damit
umzugehen verstände, wenn er es überhaupt wollte, und auch sonst würde
er dadurch doch nicht ganz ersetzt werden. Etwas andres wäre es
natürlich, wenn er aus irgendeinem Grunde seinetwegen fort wollte.
Darauf sagte er, wenn es im Leben auf Glücklichsein ankäme, würde er
sein ganzes Streben darauf richten, immer bei uns bleiben zu können. Er
hätte bei uns eine Art des Glückes kennen gelernt, an die er vorher
nicht geglaubt hätte; er hätte unauslöschliche Eindrücke empfangen. Aber
er hielte es für die Bestimmung des Menschen oder wenigstens für seine,
tätig zu sein, zu wirken, an großen Zielen zu bauen. Er wäre wie ein
Pferd, das, wenn es ihm noch so wohl vor seiner Krippe voll Hafer wäre,
der Trompete folgen müßte, die zur Schlacht riefe; er glaubte in der
Ferne den Ruf der Trompete gehört zu haben. Ich fragte: »Haben Sie etwas
Bestimmtes vor? Wollen Sie uns sofort verlassen?« Nein, sagte er, so
wäre es nicht gemeint. Er hätte nur von mir bestätigt hören wollen, daß
er überflüssig hier wäre, und ich wäre freimütig genug, ihm das
zuzugestehen. Er würde sich nun überlegen, wohin er gehen wollte.
Inzwischen könnte mein Mann sich eine Schreibmaschine kommen lassen und
versuchen, ob er Geschmack daran fände.

Ja, siehst Du, Tatjana, nun bin ich betrübt, daß es so gekommen ist.
Meine kleine Jessika! Weißt Du, was ich glaube? Es ist Jessikas wegen,
daß er fort will. Daß sie ihn liebt, muß er bemerkt haben; entweder er
erwidert das Gefühl nicht, oder er will im Bewußtsein seiner Armut und
seiner unselbständigen Lage nicht um sie anhalten und hält es für seine
Pflicht, sie zu meiden. Das ist edel gehandelt und besonders fein die
Art und Weise, wie er es ausführt. Er hat nichts angedeutet, nichts
erschwert, alles geebnet. Er ist mir nie so liebenswert erschienen, und
ich empfinde Schmerz für Jessika, trotzdem ist mir leichter zumute, nun
ich sehe, daß der Konflikt -- wenn einer vorhanden ist -- sich lösen
läßt. Was für ein Schreibebrief! Hast Du Geduld bis zu Ende gehabt?

                                                      Deine Schwägerin
                                                              Lusinja.



                           Jessika an Tatjana


                                                              7. Juni.

Geliebteste Tante! Du hast lange keine Nachricht von uns gehabt? Und ich
habe das Gefühl, Dir erst gestern geschrieben zu haben, auf so leichten
und schnellen Füßen laufen diese Sommertage. Und wenn man sogar noch ein
Automobil davorspannt! Lju hat uns einmal spazierengefahren, aber nicht
lange, weil er noch nicht sicher ist. Unser Iwan kann noch weniger als
er, obwohl er täglich ein paar Stunden damit herumturnt. Papa möchte
auch gern selbst lenken, Mama will es aber nicht, weil es die Nerven
angreife, sie wüßte aufs bestimmteste, daß zwei Drittel aller Chauffeure
durch Wahnsinn oder Selbstmord infolge von Nervenzerrüttung endeten.
Papa versuchte zwar das Argument anzugreifen, aber wir schrien im Chore,
er müßte sich für Staat und Familie erhalten, und einstweilen hat er
nachgegeben. Er hat ja nun auch einen andern Sport, nämlich die
Schreibmaschine. Gestern abend nach dem Essen saßen wir in der Veranda.
Es war so schön, wie es nirgends sonst als hier ist; über uns im Schwarz
des Himmels schimmerten die feuchten Sterne und um uns her im Dunkel der
Erde die bleichen Birken. Wir saßen still und jedes träumte seine eignen
Träume, bis Mama Lju fragte, weil er doch alles wisse, sollte er sagen,
was für Schlangen es in dieser Gegend gäbe. Er nannte augenblicklich
eine Reihe lateinischer Namen und sagte, es wären alles Ottern und
Vipern, harmlose, ungiftige Geschöpfe. Ich dachte bei mir, ob es diese
Namen wohl überhaupt gäbe, aber Mama hielt alles für Evangelium und war
sehr angenehm davon berührt. Papa hätte nämlich neulich gesagt, erzählte
sie, an der glatten Mauer eines Hauses könnte niemand hinaufkriechen
außer Schlangen, und seitdem könnte sie die Vorstellung nicht mehr los
werden, wie der feste, glatte, klebrige Schlangenleib sich am Hause
heraufzöge, und sie könnte oft nachts nicht davor einschlafen. Welja
sagte, er begriffe nicht, wie man sich vor Schlangen fürchten könnte, er
fände sie schön, anmutig, schillernd, geheimnisvoll, gefährlich, und er
würde sich in keine Frau verlieben können, die nicht etwas von einer
Schlange hätte. Katja sagte: »Du Kalb!« und Lju sagte, ich hätte etwas
von einer Schlange, nämlich das lautlos Gleitende und Mystische. Dann
erzählte er ein südrussisches Märchen von einer Schlange, das sehr
grausig war. Ein Zaubrer liebte eine Königstochter, die in einen hohen
Turm eingesperrt war. Um Mitternacht kroch er als Schlange am Turm
herauf durch das Fenster in ihr Gemach, dort nahm er wieder seine
Menschengestalt an, weckte sie und blieb in Liebe bei ihr bis zum
Morgen. Einmal aber schlief die Königstochter nicht und wartete auf ihn;
da sah sie plötzlich mitten im Fenster im weißen Mondschein den
schwarzen Kopf einer Schlange, flach und dreieckig auf steilem Halse,
die sie ansah. Darüber erschrak sie so sehr, daß sie ohne einen Laut ins
Bett zurückfiel und starb. Gerade in diesem Augenblick klingelte es
heftig an der Gartentür, wo ein alter, verrosteter Klingelzug ist, der
fast nie gebraucht wird und deswegen in Vergessenheit geraten ist. Wir
wunderten uns alle, daß Mama nicht auch umfiel und tot war. Papa stand
auf, um an die Gartentür zu gehen und zu sehen, was es gäbe, Mama sprang
auch auf und sah Lju flehend an, damit er zuerst dem Mörder die Stirn
böte, wenn einer da auf Papa wartete, und weil das Aufstehen und die
ersten Schritte bei Papa immer etwas mühsam sind und Lju sehr schnell
laufen kann, kam er zuerst an und empfing den Paketboten, der eine Kiste
trug. Er sagte, es würde eigentlich nichts mehr ausgetragen, aber der
Postmeister hätte gesagt, die Kiste sei aus Petersburg und enthalte
vielleicht etwas Wichtiges, und weil es der Herr Gouverneur sei, für den
der Postmeister eine besondere Verehrung habe, hätte er sie ihm doch
noch zustellen wollen. Na, der Bote bekam ein Trinkgeld, und in der
Kiste war die Schreibmaschine. Lju packte sie gleich aus und fing an zu
schreiben, Papa wollte auch, konnte aber nichts, wir probierten alle,
konnten es aber ebensowenig, nur ich -- ungelogen -- ein bißchen, und
dann sahen wir zu, wie Lju schrieb. Nach einer Weile probierte Papa noch
einmal, und wie Lju sagte, er hätte Talent, war er ganz zufrieden. Mama
war geradezu selig und sagte, sie hätte sogar die Schlange vergessen, so
hübsch wäre die Schreibmaschine. Welja sagte: »Was wollt ihr denn
eigentlich mit der Scharteke?« Und Katja sagte, wenn man doch schon
einmal die Finger gebrauchen müßte, könnte man gerade so gut schreiben,
sie sähe den Zweck davon nicht ein; sie wurde aber überstimmt.

Bist Du nun _au fait_, einzige Tante? Nun sage ich Dir nur noch, daß die
Rosen zu blühen anfangen, die Zentifolien und die gelben Kletterrosen,
die so merkwürdig riechen, und die wilden Rosen auch, und daß die
Erdbeeren reifen, ferner, daß Papa in der umgänglichsten Stimmung ist
und neulich sogar gefragt hat, ob denn diesen Sommer gar kein Besuch
käme!

                                                        Deine Jessika.



                           Lju an Konstantin


                                                   Kremskoje, 9. Juni.

Lieber Konstantin! Ja, Du bist mein Freund, das empfinde ich. Du ehrst
und schätzest dasjenige in mir, was wir für das Höhere halten, und
kennst und liebst doch auch das andre, den Urstrom des Ahnenblutes,
dessen unfaßbare Verzweigungen überall eingreifen und mich leiden
machen. Daß ich leide, will ich Dir nicht verhehlen, auch hast Du es
längst bemerkt. Vielleicht habe ich noch nie so gelitten, aber daß es
überwunden werden wird, weiß ich auch. Ich habe alle diese Menschen vom
ersten Augenblick an, da ich in ihre Mitte trat, zu beherrschen gesucht,
daraus folgt alles übrige; denn auch der Herrscher ist gebunden, nicht
nur der Beherrschte. Was mir gelungen ist, ist ebenso verhängnisvoll für
mich geworden wie das, woran ich scheiterte. Den Gouverneur kann ich
vielleicht täuschen, aber ich habe keinen Einfluß auf ihn. Es kränkt ein
wenig meine Eitelkeit, hauptsächlich beklage ich es aber wegen alles
dessen, was daraus folgt. Der Mann übt einen Zauber aus, für den ich
nicht unempfänglich bin, obwohl er von Kräften ausgeht, die ich nicht
für die höchsten halte. Man sieht die Merkmale eines Geschlechtes an
ihm, in welchem das Lebensfeuer stärker und schöner brannte als in den
gemeinen Menschen. Er ist etwas in sich Vollendetes, wenn auch durchaus
nicht vollendet überhaupt. Gerade seine Unzugänglichkeit gefällt mir;
ich glaube, er ist im Kampfe des Lebens gewachsen, fester und härter
geworden, aber er hat sich nicht erweitert, hat nichts Neues in sich
aufgenommen. Das ist beschränkt, aber es verleiht eine gewisse
Intensität. Verloren hat er auch nichts; er hat noch viel von der
Torheit, von dem Eigensinn und der Innigkeit der Kindheit an sich, was
der in der Regel nicht behält, der sich viel Neues und Fremdes aneignet.
Sein Ich ist ganz, so saftreich und gesammelt und stolz, daß es einen
schmerzt, daran zu tasten; und gerade weil es so ist, muß ich ihn
zerstören. Einmal faßte ich die Hoffnung, ich könnte ihn gewinnen,
könnte ihm andre Ansichten eröffnen. Ich schrieb Dir nichts davon, es
lag mir allzusehr am Herzen, und ich ahnte schon, daß es vergebens sein
würde. Mein Gott, dieser Mann, diese heiße, blinde Sonne! Ich rolle wie
ein Komet neben ihm her, und er ahnt nicht, daß der Augenblick, wo unsre
Bahnen zusammenstoßen, ihn in Stücke reißen wird! Von den Kindern laß
mich schweigen. Besser, viel besser wäre es gewesen, ich hätte auf den
Vater so gewirkt wie auf sie. Das klingt albern; es ist ja natürlich,
daß die Jugend leichter zu beeinflussen und zu beherrschen ist als das
Alter; aber hätte nicht einmal, durch Zufall oder Wunder, das Umgekehrte
stattfinden können? Da es nicht der Fall ist, versuche ich daran zu
denken, daß ich keine Wahl habe, daß ich tun muß, was ich für notwendig
erkannt habe, daß die Heilkraft der Jugend überschwenglich ist, daß es
diesen spielenden Kindern vielleicht nützlich ist, vom Schicksal
aufgerüttelt zu werden. Ach Gott, was heißt nützlich? Sie waren so
wundervoll in ihrem Traumleben! Freilich, einmal muß es doch enden.
Kinder mit Runzeln und gebeugten Rücken sind Zerrbilder, und beizeiten
muß die Umbildung beginnen. Vielleicht kann sogar ich selbst ihnen bei
der Veränderung hilfreich zur Seite stehen. Was ein Mensch wollen kann,
ist möglich; nur zum Wollen gehört Kühnheit.

So werde ich Dir nun nicht wieder schreiben. Auch rechne ich darauf, daß
Du mich nicht mißverstehst. Zweifel ist nicht in mir. Antworte mir auch
nicht auf alles dies! Trösten kann mich niemand, und daß Du mich
verstehst, weiß ich

                                                                  Lju.



                             Welja an Peter


                                                  Kremskoje, 11. Juni.

Lieber Peter! Sei morgen oder übermorgen zu Hause, wenn du einen
historischen Augenblick erleben willst. Unser treuer Iwan ist mit dem
Automobil in den Graben gefallen, was von ihm auf die Tücke des
Vehikels, von uns auf die des Branntweins geschoben wird. Da er nebst
Automobil mehrere Stunden im Graben gelegen hat, war er ziemlich
nüchtern, als er heimkam, und die Streitfrage ist nicht mehr zu
entscheiden. Das Automobil hat mehr gelitten als er, es sieht aus wie
eine Schildkröte ohne Schale; laufen kann es aber. Mama war ganz
zufrieden mit dem Ergebnis und fand, wir möchten es so lassen, bis Iwan
ganz erprobt wäre, damit er uns nicht auch noch in den Graben führe.
Papa hingegen sagte, in diesem Zustande könnte er das Automobil nicht
auf die Straße lassen, auch wenn niemand als Iwan darinsäße, das würde
seinem Ansehen schaden, es wäre geradeso, als ob seine Töchter mit
durchlöcherten Kleidern ausgingen. Hierdurch überzeugt, beschlossen wir,
daß das Automobil repariert werden müsse, und Lju hat sich erboten, das
Wrack in die Stadt zu fahren und das Nötige zu veranlassen. Jessika will
gern mitfahren, aber Lju will es nicht, weil es bei dem schadhaften
Zustande nicht sicher wäre. Seitdem geht sie mit einem wehleidigen
Gesicht herum; denn sie ist natürlich in Lju verliebt. »Natürlich« sage
ich, weil in einen Mann wie Lju, dessen Willenskraft jedes Atom seiner
Materie durchdringt, sich alle verlieben müssen. Mir ist eigentlich
alles einerlei, sogar wenn ich verliebt bin, ist es mir im allertiefsten
Grunde einerlei, ob ich sie habe oder nicht.

Auch das hat einen gewissen Reiz für manche Frauen; aber das wahrhaft
Unwiderstehliche ist der Wille. Niemand kann dagegen an, es ist die
Schwerkraft der Seele. Lju hat in bezug auf alles einen bestimmten
Willen. Ich hielte eine solche Lebensweise nicht ein Jahr lang aus, und
er treibt es schon achtundzwanzig Jahre so und wird wahrscheinlich sehr
alt werden. Ob er sich für einzelne Frauen auf die Dauer interessieren
kann, bezweifle ich; die Vielweiberei müßte für ihn eingeführt werden.
Er würde sich nicht viel um sie bekümmern, aber an einem Satz, den er
mal im Vorbeigehen fallen ließe, würden sie wochenlang saugen und damit
zufrieden sein. Also er wird Deiner Mutter einen Besuch machen, sieh Dir
ihn an!

                                                                Welja.



                           Lju an Konstantin


                                                  Kremskoje, 11. Juni.

Lieber Konstantin! Ich komme morgen oder übermorgen nach Petersburg und
rechne darauf, Dich zu treffen. Es handelt sich um die Einrichtung der
Schreibmaschine, worüber ich am liebsten mündlich mit Dir verhandeln
will; sie kann explosiv wirken oder mit einem Revolverschuß geladen
werden. Im letzteren Falle würden wir aber nicht sicher sein, ob die
Kugel ihr Ziel träfe. Ich werde sie demnächst unter dem Vorwande einer
Reparatur an die Fabrik schicken, wo sie gekauft worden ist. Sie muß
dorthingehen und von dort zurückexpediert werden, damit bei einer
späteren Untersuchung keine Spur zu mir führt. Deine Sorge muß es sein,
daß sie nicht abgeht, ohne zu unserm Gebrauch eingerichtet zu sein; also
wirst Du über einen Angestellten der Fabrik oder über einen Angestellten
der Bahn verfügen müssen. Es eilt nicht, Du kannst Deine Vorkehrungen
mit ruhiger Ueberlegung treffen.

                                                                  Lju.



                           Jessika an Tatjana


                                                  Kremskoje, 12. Juni.

Geliebteste Tante! Ich wollte Dich gern besuchen, aber ich soll nicht!
Ich wäre so gern mit dem zerfetzten Automobil bei Dir vorgefahren,
gerade weil es so schrecklich kaput ist. Denke Dir, ich hätte mich so
hübsch wie möglich gemacht und wäre aus dem zersplitterten Kasten
herausgestiegen wie eine Dryade aus einem hohlen Baumstamme. Und vor
allen Dingen, ich hätte Dich gesehen, ich hätte meinen Charakter an der
schweren Aufgabe gestählt, Deine blühenden Wangen, Deine mit dem Schmelz
ewiger Jugend gepuderte Haut neidlos zu bewundern. Meine Wangen sind,
fürchte ich, augenblicklich blaß und tränennaß, so enttäuscht bin ich,
daß ich nicht mitfahren kann.

Wir werden nun ohne Beschützer sein, Tante. Ich habe vorgeschlagen, wir
drei könnten Tag und Nacht Fangen ums Haus spielen, dann könnte sich
gewiß niemand ungesehen ins Haus einschleichen. Der gute Welja war auch
bereit dazu, aber Katja nicht; sie sagte, sie wäre doch kein Kind mehr!
Lju bringt Dir diesen Brief. Laß Du Dich unterdessen von ihm beschützen,
wenn Du es auch nicht nötig hast.

                                                        Deine Jessika.



                             Welja an Peter


                                                  Kremskoje, 14. Juni.

Wenn ich nicht sehr tätig bin, kommt es im Grunde daher, daß meine
Familie immer zur Betrachtung einlädt. Durch Anpassung an die bewegten
Verhältnisse hat sich mein beschauliches Temperament herausgebildet;
wenn ich auch noch mitagierte, würde es zu toll. Heute ist wieder der
Teufel los. Ich saß, noch erschöpft von gestern -- denn seit Lju fort
ist, muß ich immer bis Mitternacht auf der Lauer liegen, weil Mama
Gefahren wittert --, also ich saß in der Bibliothek und blätterte in
einem Buche, als Katja wie ein wirbelnder Federball herein und ans
Telephon gestürzt kam. Damit Dein Gehirn nicht ebenso erschüttert wird,
wie meins bei dieser Gelegenheit wurde, will ich Dir zur Erklärung
voranschicken, daß Katja soeben Jessika dabei betroffen hatte, daß sie
einen Brief an Lju schrieb, und daß Jessika, von Katja zur Rede
gestellt, damit herausgeplatzt war, sie liebte Lju und wäre so gut wie
verlobt mit ihm. Ich mußte dies schließen und erraten, was ich Deinem
Walfischschädel nicht zumuten will.

Also Katja verbindet sich mit Petersburg. Ich frage, mit wem sie reden
will. Mit Lju, obgleich mich das nichts anginge. Ich sage, du kannst
doch wohl so lange warten, bis er wieder hier ist, so wichtig wird es
nicht sein. Sie: »Kannst du das beurteilen? Hier werde ich überhaupt
nicht mehr mit ihm sprechen und bedaure, es jemals getan zu haben.« Ich:
»Alle Heiligen!« In dem Augenblicke klingelt das Telephon, Katja
ergreift es. »Sind Sie da? Quak, quak, quak ... Ich will Ihnen nur
sagen, daß ich Sie verachte! Quak, quak ... Sie sind ein Heuchler, eine
Qualle, ein Judas! Quak, quak, quak, quak. Bitte, leugnen Sie nicht! Sie
haben die Stirn, sich zu verteidigen? Sie haben mich genug belogen! Ich
werde Jessika aufklären. Für einen solchen Elenden ist sie trotz ihrer
Schwachheit zu gut. Quak, quak, quak, quak, quak ... Sie halten mich für
dümmer, als ich bin. Sie glauben, Sie allein wären klug und alle andern
wären schwachsinnig, aber vielleicht ist es umgekehrt!«

Dies alles trompetete Katja mit so gellender Stimme, daß Papa und Mama
es hörten, glaubten, es wäre etwas passiert, und herbeigelaufen kamen.
Beide hören erstaunt zu und fragen: »Was bedeutet das? Mit wem spricht
sie denn?« Ich: »Ach, mit Lju, sie hat sich ein bißchen über ihn
geärgert.« Katja am Telephon: »Ich du zu Ihnen sagen? Zu einem so
abgefeimten, zweizüngigen Charakter, wie Sie sind? Niemals!« Papa und
Mama: »Aber um Gottes willen, was hat er denn getan?« Ich: »Ach, sie hat
eine Karte von ihm bekommen mit der Adresse Katinka von Rasimkara, und
das betrachtet sie doch nun einmal als Beleidigung, wenn man ihren Namen
Katja von Katinka ableitet.« Papa und Mama entzückt: »Das ist ganz
Katja!« Beide wollen sich totlachen. Katja dreht sich um. Ich:
»Täubchen, ruh dich doch mal aus!« Katja mit einem vernichtenden Blick
auf mich: »Affe!« Dann ab.

Ich stürze ans Telephon, erwische Lju noch und gebe ihm das Versprechen,
beruhigend zu wirken. Er sagte mit einem durchs Telephon zu Herzen
gehenden Seufzer: »Du bist das Oel auf den Sturmwogen deiner Familie;
ohne dich würde man seekrank.« Das Gespräch schien ihn sehr mitgenommen
zu haben.

Ob er von euch aus gesprochen hat, weiß ich gar nicht; es wäre sehr
belustigend, wenn Du die andre Hälfte des Gespräches mit angehört
hättest. Das ist sicher, Katja ist fertig mit Lju, wenn auch ihre Wut
mit der Zeit nachlassen wird. Ob sie nun, nachdem sie mit der
Intelligenz gebrochen hat, wieder für Deinen Stumpfsinn schwärmen wird,
darüber läßt sich noch nichts sagen, rechne nicht zu bestimmt darauf.
Uebrigens gedeiht sie vortrefflich bei ihrer Enttäuschung; zu beklagen
ist nur die arme kleine Jessika. Sie kommt mir vor wie ein kleiner
Vogel, dem sein Nest zerstört ist, der Sturm und Regen ergeben über sich
ergehen läßt, erschrocken und behutsam piepst und zuweilen mit dem
zerzausten Köpfchen hervorlugt, ob es noch nicht besser wird. Ich
glaube, zuerst hat sie stundenlang geweint, ihr Gesicht zitterte noch
lange nachher. Sie hat etwas so Süßes wie eine überreife Feige und etwas
so Weiches wie eine Schneeflocke, die einem in der Hand zerschmelzen
will. Es wäre für sie sehr gut, wenn Du sie heiratetest; aber Dir ist
nun einmal zuerst Katja eingefallen, und nach dem Gesetz der Trägheit,
das Dich beherrscht, rollst Du damit durch dick und dünn und hältst es
für Charakter. Für Dich ist es ja ziemlich einerlei, wen Du betreust;
aber für Jessika wäre es gut, wenn sie durch die Dickhaut Deiner
saurischen Person vor der Welt geschützt wäre, während Katja eine solche
antediluvianische Mauer nicht nötig hat und sie vielleicht auf die Dauer
sogar nicht gut aushalten könnte. Ich will aber nicht so töricht sein,
jemand Vernunft zu predigen, der keine hat.

Katja hat Einsicht genug, um Papa und Mama den wahren Sachverhalt zu
verschweigen; aber wenn Papa sie mit Katinka anredet, um sie zu necken,
wirft sie mir zornige Blicke zu, was die andern erst recht ins Lachen
bringt. Lebe wohl!

                                                                Welja.



                           Lju an Konstantin


                                                  Kremskoje, 17. Juni.

Lieber Konstantin! Es war durchaus zweckmäßig, daß ich Frau Tatjana
bewogen habe, mit mir nach Kremskoje zu fahren; der Einfluß, den ich auf
sie ausübe, hat auf den Gouverneur und seine Familie Eindruck gemacht,
weil sie diese Verwandte sehr bewundern, die in der Gesellschaft eine
große Rolle spielt. Sie ist schön und hat Geist genug, um zu wissen,
wieviel davon eine Frau merken lassen darf. Ihr Verstand ist gut, wenn
auch nicht ausgebildet. Sie liebt die geistigen Genüsse, die man ohne
Anstrengung haben kann, deshalb bevorzugt sie zum Umgang kenntnisreiche
und denkende Menschen, die das Ergebnis ihrer Gedankenarbeit in
anregende Form zu kleiden wissen. Ihre Vorurteilslosigkeit würde man
noch mehr bewundern, wenn sie etwas dadurch riskierte; aber der ganz
unpolitischen Dame läßt man gern die Freiheit, das Gesellschaftseinerlei
durch naive Offenheiten zu kolorieren.

Ihr Sohn Peter, der seit seiner Kindheit Katja liebt und unbeeinflußt
durch die Tatsache, daß sie seine Neigung nicht erwidert, dabei
verharrt, hat, oberflächlich betrachtet, etwas von den gutmütigen Riesen
des Märchens. Aus einer Art von kindlicher Menschlichkeit und naivem
Gerechtigkeitssinn zählt er sich zur revolutionären Partei. Trotzdem er
eifersüchtig auf mich ist, da seine Cousine mich ihm vorzieht, kam er
mir, wenn auch nicht gerade herzlich, doch mit anständiger
Vorurteilslosigkeit entgegen. Er hat mit einigen andern Studenten, die,
wie er, über bedeutende Mittel verfügen, medizinische Privatkurse
eingerichtet, um sich und seinen Kollegen die Fortsetzung des Studiums
zu ermöglichen, zugleich natürlich, um gegen die Maßregel der Regierung
zu protestieren. An diesen Kursen, die nächstens beginnen werden, will
Katja teilnehmen. Der Gouverneur wußte bis jetzt nichts davon und ist
empfindlich betroffen, daß ein solches Unternehmen von seinem Neffen
ausgeht, und vollends, daß Katja sich daran beteiligen will. Da er gegen
Katja nicht gut streng sein kann, begann er damit, seiner Schwester
Tatjana Vorwürfe zu machen, daß sie ihren Sohn nicht von so ärgerlichen
Donquichotterien zurückhielte. Sie lächelte wie ein Kind und sagte, ihr
Sohn wäre ein erwachsener Mensch, sie könne ihn nicht am Gängelbande
führen, überhaupt sollte man sie mit politischen Dingen, von denen die
Frauen doch ausgeschlossen wären, in Ruhe lassen. Warum sollte sie sich
ein Urteil bilden, das sie doch nicht geltend machen könnte? In
Gesellschaft besonders sollten Gespräche über politische Dinge verboten
sein, bei denen auch der klügste Mann plötzlich ein beschränkter und
borstiger Esel würde. Uebrigens schiene es ihr eigentlich erlaubt zu
sein, daß, wenn der Staat ihm die Mittel dazu nähme, ein junger Mann
sich auf eigne Hand die zu seinem Berufe nötige Bildung zu verschaffen
suchte, denn eine Tätigkeit müsse ein Mann doch einmal haben.

Katja fiel ein, es wäre empörend, die Schulen zu schließen, was die
Regierung sich einbildete, die Universitäten wären unabhängige
Körperschaften, ob schließlich auch die Eltern den Zaren um Erlaubnis
fragen sollten, ehe sie die Kinder lesen und schreiben lehren dürften.

Der Gouverneur sagte, wenn die Universität sich damit begnügt hätte,
Wissenschaft zu lehren, würde die Regierung sie respektiert haben, aber
indem sie sich in die öffentlichen Angelegenheiten gemischt und Partei
ergriffen hätte, hätte sie sich ihres Rechtes auf Unantastbarkeit
begeben. Die Härte, welche die Maßregel mit sich brächte, würde dadurch
nicht ausgeglichen, daß einige, denen ihr Vermögen es erlaubte, sich den
Unterricht auf privatem Wege verschafften, dessen Wegfall für
Unbemittelte ohnehin viel schädlicher wäre. Da fuhr aber Katja los: »Du
kennst Peter schlecht! Der verschafft sich keine Vorteile vor den Armen!
Im Interesse der Unbemittelten hat er die Kurse hauptsächlich
eingerichtet! Es können alle daran teilnehmen, auch die nicht zahlen
können!« Der Gouverneur wurde dunkelrot und sagte, dann wäre die Sache
schlimmer, als er geahnt hätte. Er hätte geglaubt, es handelte sich
gewissermaßen um Privatstunden, dies wäre aber eine Gegenuniversität,
eine Herausforderung, ein revolutionärer Akt. Er hätte nie für möglich
gehalten, daß sein eignes Kind sich in die Reihen seiner Gegner stellte.

Ich habe ihn noch nie so zornig gesehen. Seine Stirn zog sich dicht
zusammen, seine Nase schien zu flammen wie ein frisch geschliffener
Dolch, es war eine unheimliche Atmosphäre um ihn, wie wenn ein
Hagelwetter im Anzuge ist. Katja fürchtete sich ein wenig, hielt aber
tapfer stand, Tatjana wunderte sich unbefangen und kindlich lächelnd
weiter, daß er die Sache so ernst auffaßte. Frau von Rasimkara sah
traurig aus; ich weiß nicht, was sie dachte, aber ich glaube, sie war
außer mir die einzige, die das Gefühl eines unabwendbaren Verhängnisses
hatte. Nicht aus einem bestimmten Grunde, nur weil sie liebt, und wer
liebt, fürchtet und ahnt.

In dem unangenehmsten Augenblick sagte ich zum Gouverneur, er möchte
doch Welja und Katja ins Ausland schicken; er hätte doch sowieso die
Absicht, sie eine Zeitlang an ausländischen Universitäten studieren zu
lassen, und sie bereiteten ihm dann hier keine Aergernisse mehr. Dieser
Vorschlag heiterte die Gewitterstimmung auf. Welja war bezaubert. »Ja,
Papa,« sagte er, »alle vornehmen jungen Leute werden ins Ausland
geschickt, wenn etwas aus uns werden soll, mußt du es auch tun. Ich bin
für Paris.« Frau Tatjana sagte: »Ich gebe euch Peter mit, damit ein
vernünftiger Mensch dabei ist. Und für Peter ist Paris notwendig, es
fehlt ihm an Grazie.« Der Gouverneur beschränkte seinen Widerspruch
darauf, daß er Berlin für angemessener als Paris erklärte; aber der
Vorschlag leuchtete ihm sichtlich ein, und ich bin überzeugt er wird zur
Ausführung kommen. Gemacht habe ich ihn, damit Katja und Welja abwesend
sind, wenn das Unglück geschieht; Jessika zu entfernen wird sich auch
noch ein Vorwand finden. Ich denke, die Sache wird nun schnell
fortschreiten.

                                                                  Lju.



                             Katja an Welja


                                                 Petersburg, 20. Juni.

Du bist ein Dussel, Welja! Du hast ja doch Peter die ganze Geschichte
mit Lju geschrieben! Ich konnte es mir ja denken, aber warum prahlst Du
denn, Du hättest keiner Menschenseele ein Wort davon mitgeteilt? Erstens
fragte ich Dich nicht danach, und zweitens glaubte ich Dir nicht einmal.
Peter denkt nun, er müßte mich trösten, und ich müßte ihn heiraten;
Logik hat er doch nicht. Uebrigens ist er entzückend, Gott, zu schade,
daß ich nicht in ihn verliebt bin! Nun muß ich diese Albernheit von
Peter ertragen und dazu noch anhören, wie Tante Tatjana für Lju
schwärmt: wie elegant er wäre, und wie anregend, und wie energisch, und
was für einen guten Einfluß er auf uns gehabt hätte! Paß Du nur
wenigstens auf Jessika auf. Es ist auch zu toll, daß sie solche Eltern
hat. Papa merkt nichts, Mama findet alles sympathisch, und Dir ist alles
einerlei. Besinn Dich mal darauf, daß Du ein Mann bist; Lju kann alles
mit Dir anstellen und Dir alles weismachen, gerade als ob Du in ihn
verliebt wärest, das ist unwürdig. Wenn Tante Tatjana nicht gerade von
Lju redet, ist sie reizend und sehr vernünftig. Die Kurse sind noch
nicht eröffnet. Wie steht es mit Paris? Hat Papa ja gesagt? Im Notfall
gehen wir natürlich auch nach Berlin, wenn wir erst fort sind, findet
sich das übrige. Adieu!

                                                                Katja.



                            Jessika an Katja


                                                  Kremskoje, 20. Juni.

Mein süßer kleiner Maikäfer! Ich möchte lieber weinen, als Dir
schreiben, aber davon hättest Du ja nichts. Ich kann das Gefühl nicht
loswerden, als wäre ich daran schuld, daß Du fortgegangen bist. An etwas
bin ich schuld, das fühle ich ganz sicher, und es fing damit an, daß ich
an Lju schrieb; daß Du darüber außer Dir warst, kannst Du doch nicht
leugnen. Erst dachte ich, Du liebtest Lju auch, aber er lachte und
sagte, das tätest Du ganz gewiß nicht, und als ich euch nachher zusammen
sah, kam es mir auch nicht mehr so vor. Und wenn Du ihn liebtest,
liebtest Du ihn doch nicht so wie ich; Du würdest nicht daran sterben,
wenn er Dich nicht wiederliebte. Aber das täte ich. Du bist doch
überhaupt nicht so, daß Du Dich ernstlich verliebst, mein
Klimperkleinchen, nicht? Welja sagt doch immer, Du wärest nicht so
sentimental wie ich. Schreib mir etwas Tröstliches! Alle sind jetzt
unzufrieden. Papa ist schrecklich nervös, seit ihr fort seid, Besuch
greift ihn ja immer etwas an, aber hauptsächlich ist es, glaube ich,
wegen Deiner Kurse. Es ist doch auch fatal für ihn, wenn seine Tochter
und sein Neffe bei etwas beteiligt sind, was gegen die Regierung
gerichtet ist. Gestern wurden ein paar Bibliotheksbücher entdeckt, die
Welja vor einem oder zwei Jahren entlehnt und vergessen hat
zurückzubringen. Das kostet nun natürlich verhältnismäßig viel, und Papa
wurde wütend und machte Krach. Er sagte, Welja wäre gedankenlos und
verschwenderisch und täte, als wenn er ein Millionär wäre, und würde uns
noch alle an den Bettelstab bringen. Mama, die dazukam, versuchte Welja
zu verteidigen, da wurde Papa erst recht böse. Mittags, als wir uns zu
Tisch setzten, waren alle ernst und still, und Papa starrte finster vor
sich hin. Mama nahm ihre Lorgnette, guckte ratlos von einem zum andern,
endlich betrachtete sie Papa eine Weile und fragte liebevoll: »Warum
bist Du so blaß, Jegor?« Wir fingen alle dermaßen zu lachen an, Papa
auch, daß die Stimmung wiederhergestellt war.

Welja war hauptsächlich deshalb niedergeschlagen, weil Papa unter anderm
auch sagte, er könnte ihn doch nicht auf weite Reisen schicken, weil er
zu leichtsinnig wäre. Aber das hat er nur so im Aerger gesagt, ich
glaube, er will euch doch gehen lassen.

Quält Peter Dich sehr? Meinetwegen mache Dir keine Sorge. Lju hat mir
von Anfang an gesagt, er könnte und wollte nicht um mich anhalten, bis
er eine entsprechende Stellung hätte, er wollte nur mein Freund sein; Du
siehst, wie ehrenhaft er ist. Welja würde niemals so sein. Mein
geliebtes Sonnenkäferchen, ich vermisse Dich stündlich. Du mich wohl
nicht?

                                                        Deine Jessika.



                            Lusinja an Katja


                                                  Kremskoje, 21. Juni.

Meine kleine Katja! Du hast nun Deinen Willen. Bist Du glücklich, daß Du
in der Stadt bist? Wirst Du dadurch klüger, besser, froher? Ich will Dir
nicht verschweigen, mein Liebling, daß es mich schmerzte, daß Du
fortgingest, obwohl Du sahest, was Du Deinem Papa damit zufügst. Ist das
so schwer zu begreifen? Denn wenn Du es recht begriffen hättest, hättest
Du es doch nicht tun können. Es ist ja nicht, daß Du anders denkst als
er, was ihn am meisten schmerzt, auch nicht, daß Du seinen Wünschen
zuwiderhandelst. Aber er liebt Dich zu sehr, um Dir das zu verbieten,
was er andern verbieten würde. Er liebt Dich, trotzdem Du etwas tust,
wodurch alle andern seine Teilnahme verscherzen würden. Das macht ihn
irre an sich, an seinem System, an allem. Warum fügst Du das Deinem
Vater zu, der Dich liebt, einem alternden Manne? Erreichst Du etwas
Bedeutendes für Dich oder für andre damit? Ach, ich glaube zuweilen,
unsre Kinder sind da, um eine Rache an uns zu nehmen, und doch könnte
ich nicht sagen für wen und für was. Kinder sind die einzigen Wesen,
denen gegenüber wir ganz selbstlos sind, darum sind sie die einzigen,
die uns wahrhaft vernichten können. In ein paar Jahren vielleicht wirst
Du selbst Mutter sein und mich verstehen, und auch wissen, daß ich
solche Betrachtungen anstellen kann, ohne daß meine Liebe zu Dir um den
allerkleinsten Grad vermindert wäre.

Ich denke, es wird dazu kommen, daß Papa Dich und Welja ins Ausland
schickt; er neigt schon sehr dazu, und es wird das beste für uns alle
sein. Lju ist uns eine Stütze in diesen Tagen. Ich bin ihm zu Danke
verpflichtet, und doch möchte ich am liebsten, daß wir nach eurer
Abreise ganz allein wären, Dein Papa und ich. Der Urlaub hat noch nicht
die guten Folgen für ihn gehabt, die ich erhoffte, vielleicht weil zu
viel Umtrieb und Unruhe bei uns herrschte. Furcht habe ich seinetwegen
augenblicklich nicht, weil ich zu sehr von Dingen erfüllt bin, die noch
schlimmer sind als körperliche Gefahren.

Sei rücksichtsvoll gegen Tante Tatjana, mein Liebling, und auch gegen
Peter. Ich will Dich nicht bereden, einen Mann zu heiraten, den Du nicht
liebst; aber die Freundschaft eines guten Mannes suche Dir zu erhalten.

                                                           Deine Mama.



                             Welja an Katja


                                                  Kremskoje, 23. Juni.

Dein Spatzengehirn hat, Gott weiß woher, einen vernünftigen Einfall
gehabt, indem Du fortgingest. Spatzen und Mäuse wittern auch ungünstige
Futterverhältnisse, das ist Instinkt, und den will ich Dir ja auch nicht
absprechen. Es ist in der Tat jetzt sehr ungemütlich hier. Gestern früh
hat Mama unter ihrem Kopfkissen wieder einen Drohbrief gefunden: wenn
Demodow und die übrigen Studenten nicht begnadigt würden, würde Papa
ihnen im Tode folgen oder vorangehen. Dies wäre die letzte Warnung, die
er erhielte. Durch die Post kam am selben Tage ein Brief der Mutter
Demodows, in dem sie Papa anflehte, das Leben ihres Sohnes zu schonen.
Ob der Drohbrief mit dem in Zusammenhang steht? Mama fand den Brief
nicht so schrecklich, wie daß sie ihn erst am Morgen fand und also die
ganze Nacht darauf gelegen hat; das ist ihr unheimlich. Merkwürdig ist
es ja, wie er dahin gekommen ist; unsern Leuten kann man so etwas nicht
zutrauen, es ist ausgeschlossen, und wer kann sonst in Papas und Mamas
Schlafzimmer kommen? Selbstverständlich ist es auf natürliche Art
zugegangen, aber dahinterkommen können wir nicht. Man meint, es müßte
spät abends jemand zum Fenster eingestiegen sein; es leuchtet mir nicht
ein, aber widerlegen kann ich es natürlich auch nicht. Lju ist peinlich
berührt, weil seine Bewachung sich so deutlich als ungenügend erwiesen
hat. Ich glaube, im Grunde hat er in der letzten Zeit gar nicht mehr
daran gedacht. Er ist sehr ernst, ordentlich düster. Heute hat er lange
mit mir über die Geschichte gesprochen; er hält es für ausgemacht, daß
die Verfasser des Drohbriefs von dem Briefe der Frau Demodow Kenntnis
hatten; daß er also aus dem Kreise seiner Freunde hervorgegangen sei.
Natürlich braucht Frau Demodow nichts davon zu wissen. Zunächst, meint
Lju, sollte der Drohbrief wahrscheinlich nur bewirken, daß Papa den
Brief der Frau Demodow in günstigem Sinne beantworte, gewissermaßen
seine Wirkung verstärken. Bei Papas Charakter würde er aber natürlich
seinen Zweck gänzlich verfehlen. Lju sagte, er achtete und liebte Papa,
der immer seinem Charakter und seiner Einsicht gemäß handle; aber
anderseits müßte man zugeben, daß die Revolution ihm gegenüber im Rechte
wäre. Die Regierung hätte einen allgemein verehrten Professor, einen der
wenigen, die noch den Mut freier Meinungsäußerung gehabt hätten,
verhaften und nach Sibirien schicken wollen; Demodow hätte ihn und die
Rechte der Universität verteidigen wollen. In späteren Jahren würde man
auf diese paar Studenten hindeuten als Beweis, daß es damals in
Petersburg noch junge Männer von Mut und Ehre gegeben hätte. In diesem
Falle wären im Grunde die Regierung Aufrührer und gesetzloser Barbar,
die sogenannten Revolutionäre Bewahrer des Rechtes. Sie handelten
anständig, indem sie Papa von ihrer Ansicht und von ihren Absichten
unterrichteten und ihm Zeit ließen, einen andern Weg einzuschlagen, der
sie befriedigen würde. Ich gab ihm natürlich recht, aber ich sagte, ich
könnte es doch Papa nachfühlen, daß er nun erst recht nicht nachgäbe.
Vielleicht, sagte Lju, wenn Papa sicher wüßte, daß die Drohungen ernst
gemeint wären und ausgeführt würden, täte er es doch aus Liebe zu seiner
Frau und seinen Kindern. Ich glaube es doch nicht; und jedenfalls würde
er eben davon nicht zu überzeugen sein. Papa ist der einzige, der ganz
unerschüttert ist, das gefällt mir von ihm. Es ist kein Schatten von
Furcht an ihm, wenn es früher noch möglich gewesen wäre, würde er jetzt
auf keinen Fall einlenken. Es ist natürlich auch Trotz und Eigensinn und
Rechthaberei dabei, aber fein ist es doch. Mama ist traurig; sie findet
es natürlich schrecklich, daß die Studenten hingerichtet werden sollen,
oder wenigstens Demodow, und daß Papa es ändern könnte und es nicht tut;
ich glaube aber, sie hat jetzt nicht wieder versucht auf ihn
einzuwirken, weil sie weiß, daß es doch umsonst wäre. Papa und Mama sind
beides außerordentlich geschmackvolle Menschen, ich hätte mir keine
andern Eltern ausgesucht, obgleich mir ihr Charakter und ihre Ansichten
oft komisch vorkommen.

Lju hat übrigens gesagt, nach seiner Meinung wäre Papas Leben zunächst
noch gar nicht gefährdet, erst wenn die Studenten wirklich verurteilt
wären, würde es vielleicht kritisch. Unsre Dienerschaft wäre ja aber
unbedingt treu, und deshalb wäre kaum für ihn zu fürchten. Ich fragte
ihn nämlich, weil er so ungewöhnlich ernst und gedankenvoll war. Er
sagte, er hätte eingesehen, daß er uns so bald wie möglich verlassen
müßte, und das stimmte ihn traurig. Er hätte es ja sowieso getan, nun
würde er es beschleunigen. Auch weil die Nichtübereinstimmung zwischen
seinen Ideen und Papas doch zu groß wäre, als daß er ein
Zusammenarbeiten für anständig halten könnte. Ich habe versucht, ihm das
auszureden.

Ich bleibe jedenfalls noch hier, um Papa und Mama ein bißchen zu
zerstreuen, sie tun mir leid. Jessika ist nur verliebt. Gottlob, daß ich
es nicht bin, es ist ein scheußlicher Zustand. Benimm Dich korrekt,
Spatz, damit Papa in dieser Zeit Unannehmlichkeiten erspart werden.

                                                                Welja.



                  Jegor von Rasimkara an Frau Demodow


                                                  Kremskoje, 23. Juni.

Gnädige Frau! Hätte Ihr Sohn mich persönlich beleidigt oder angegriffen,
so hätte es Ihrer Fürbitte nicht bedurft, damit ich seiner Jugend und
seinem ungestümen Charakter die Kränkung unbedingt vergeben hätte.
Unglücklicherweise ist es nicht die Privatperson, an die Sie sich
wenden, sondern der Vertreter der Regierung; als solcher kann ich nicht
großmütig sein, denn den Staat angehend handelt es sich nicht um
Gefühle, sondern um Nutzen und Notwendigkeit. Ich habe den jungen Mann,
dessen Gesinnung mir bekannt war, zeitig gewarnt, sowohl in seinem wie
im Interesse seiner unglücklichen Eltern; damit, daß er meine Warnung
unbeachtet ließ, erklärte er, die Folgen seiner Handlungsweise auf sich
nehmen zu wollen. Ich traue ihm zu, daß er selbst weder um Gnade bittet,
noch der Regierung aus ihrer Strenge einen Vorwurf machen wird.

Ihnen zu sagen, gnädige Frau, wie sehr ich mit Ihnen empfinde, hätte ich
vielleicht nur das Recht, wenn ich Ihre Bitte gewähren könnte. Erlauben
Sie mir jedoch, Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen dankbar wäre, wenn Sie mir
jemals Gelegenheit gäben, Ihnen mein aufrichtiges und schmerzliches
Mitgefühl durch die Tat zu beweisen.

                                                         Ihr ergebener
                                                  Jegor von Rasimkara.



                           Lju an Konstantin


                                                  Kremskoje, 24. Juni.

Lieber Konstantin! Frau von Rasimkara hat von dem Brief, den ich ihr
unter das Kopfkissen legte, einen starken Eindruck empfangen. Sie fand
ihn erst am Morgen, nachdem sie eine ganze Nacht darauf geschlafen
hatte. Dies und daß sie nicht begreifen kann, wie der Brief an seine
Stelle gekommen ist, findet sie am unheimlichsten. Uebrigens ist sie
gefaßt; sie ist überzeugt, daß ihr Mann verloren ist, daß niemand es
ändern kann, und erwartet das unvermeidliche Schicksal. Das ist aber
eine Stimmung, die durch andre Stimmungen wieder verscheucht werden
kann; oder es ist ein Grundbewußtsein, über das der Tag immer wieder
hinflutet. Der Gouverneur ist beinahe unempfindlich für den immerhin
aufregenden, auch ihm unerklärlichen Vorfall. Er hat die Bittschrift der
Frau Demodow ohne Zögern in abschlägigem Sinne beantwortet. Es ist
keinerlei Veränderung an ihm wahrzunehmen; allerdings litt er schon
einige Zeit unter dem Verhalten seiner Tochter Katja. Daß ihm eine
ernstliche Gefahr droht, scheint er nicht für möglich zu halten,
jedenfalls will er sie nicht für möglich halten.

Daß es so kommen würde, habe ich vorausgesehen. Ich hätte den
unerschrockenen und unerschütterlichen Menschen gern gerettet; ich habe
fast zu lange an die Möglichkeit geglaubt, daß ich es vermöchte. Wenn
ich an Selbstüberhebung gelitten habe, können die Erfahrungen, die ich
in diesem Hause gemacht habe, mich davon heilen. Ich sehe, einen
Menschen ändern kann nur Gott; oder nicht einmal Gott! Das könnte meinen
Stolz trösten. Man hat so wenig Macht über die Menschen wie über die
Sterne; man sieht sie nach ihren unbeugsamen Gesetzen auf- und
untergehen.

Es wird nun nicht mehr lange dauern, es gibt keinen Ausweg. Jetzt ist
mir selbst das liebste, wenn es bald vorüber ist.

                                                                  Lju.



                             Katja an Welja


                                                 Petersburg, 25. Juni.

Welja, ich glaube, Du bist noch nie ganz wach gewesen, seit Du lebst.
Wache doch endlich mal auf! Mir werden von allen Seiten Vorwürfe
gemacht, von andern kann es ja hingehen, aber von Dir? Unerhört! Was tu'
ich denn? Papa hat seine Ideen und ich meine; warum soll er mehr Recht
haben, seinen nachzuleben, als ich? Seine sind schädlicher als meine,
find' ich. Ich bringe doch niemand um. Vielleicht weil er älter ist als
ich? Schöner Grund; sein Alter spricht doch höchstens gegen ihn. Aber
lieb habe ich ihn gewiß ebenso wie Ihr, wahrscheinlich mehr als Du. Du
siehst nicht einmal ein, daß Lju nicht im Hause bleiben darf, wenn er
solche Ansichten hat, wie er Dir gesagt hat. Wenn wir finden, daß Papa
im Unrecht ist, und daß es der Gegenpartei schließlich nicht zu
verdenken ist, wenn sie ihn umbringt, so ist das etwas ganz andres, als
wenn ein Fremder es findet. Was wissen wir denn eigentlich von Lju? Ich
weiß, daß er vollkommen gewissenlos ist. Dir imponiert das natürlich,
mir hat es zuerst auch imponiert, es mag ja auch großartig sein,
vielleicht hast Du auch kein Gewissen, vielleicht möchte ich ebensowenig
haben wie er, aber das ist mir jetzt ganz einerlei, in unserm Hause darf
er nicht bleiben. Siehst Du denn nicht ein, daß er wirklich Papa ganz
ruhig umbringen lassen würde? Halte wenigstens die Augen offen und passe
auf. Es wurde mir geradezu unheimlich zumute, als ich Deinen Brief las.
Er heftet seine eisigen Augen auf Papa und denkt: eigentlich hätten sie
recht, wenn sie dich umbrächten. Wozu soll er überhaupt dasein? Daß er
kein Mann für Jessika ist, mußt du doch einsehen; übrigens will er sie
ja gar nicht einmal heiraten, er macht sie nur unglücklich. Die
Geschichte mit Jessika muß auch Mama einsehen, das andre darf sie
natürlich nicht wissen, damit sie sich keine Gedanken macht. Hörst Du,
Du darfst ihn nicht zurückhalten, sondern mußt ihm im Gegenteil sagen,
ja, geh sofort, Du hättest es schon längst tun sollen! Wenn Du ein Mann
wärest, hättest Du ihm längst gesagt, er müßte Jessikas wegen aus dem
Hause. Sei mal ein Mann! Papa sieht und hört ja leider Gottes nichts;
eigentlich wäre es besser, er spielte im Berufe die Rolle, die er bei
uns spielt, und umgekehrt, dann wären Volk und Familie zufrieden. Armer
Mann, er opfert sich einem Popanz von Pflichtgefühl -- und doch ist auch
etwas Schönes an dem Unsinn. Ich weiß nicht, was mir mehr gefällt, das
oder Ljus Gewissenlosigkeit. Ach, Papa ist nun einmal Papa, und darum
geht er vor. Wir müssen über ihn wachen, Du mußt mir für ihn bürgen,
hörst Du?

                                                                Katja.



                           Lusinja an Tatjana


                                                  Kremskoje, 26. Juni.

Liebe Tatjana! Es ist gerade, als ob Du die Sonne mit fortgenommen
hättest; seitdem haben wir häßliche Regentage. Der Tag, an dem Du so
überraschend ankamest, wie war der sorglos und heiter! So werden wir
gewiß lange keinen mehr erleben. Als wir hier herauszogen im Mai, dachte
ich nur an die Zeit, die vor mir lag, die ich mir unbeschreiblich
glücklich dachte, wo ich Jegor ganz für mich haben würde, fern von
Geschäften und Sorgen, und mein Gefühl war geradeso, als ob nachher
nichts mehr käme. Das hat man wohl immer so, wenn man ein Glück vor sich
hat; Glück scheint einem ewig zu sein -- obwohl es im Gegenteil nur
flüchtig sein kann. Nun merke ich, daß der Sommer vorübergehen wird,
daß, noch ehe er vorüber ist, die Zeit kommen wird, wo wir wieder in die
Stadt ziehen müssen, wo der Prozeß anfängt mit allen Schrecknissen für
andre und für uns. Jegor wird der Menge und Energie des aufgehäuften
Hasses nicht entrinnen. Wenn sie ihn kennten! Aber sie kennen nur seine
Taten. Und ist der Mensch nicht in seinen Taten? Ach Gott, ich habe mir
fest vorgenommen, ich will nicht urteilen: es ist so viel auf beiden
Seiten abzuwägen, daß ich irren könnte. Nur das weiß ich sicher, daß
Jegor niemals aus angeborener Grausamkeit oder aus persönlicher
Rachsucht handelte, er glaubte immer das Rechte zu tun, und es ist ihm
oft schwer geworden. Vielleicht hat er unrecht; aber daß er irren kann,
macht ihn mir nicht weniger teuer. Er wertet das Bestehende und die
legitime Macht am höchsten, mich hätte die Neigung eher in eine andre
Richtung gezogen, aber ich bin deshalb nicht besser als er. Das liegt im
Blute; seine Ahnen haben ihm andres Blut vererbt, als meine mir.

Ach, Tatjana, mein Herz ist schwer! Wohin ich sehe, ist alles dunkel, so
gleichmäßig dunkel, daß ich schon gedacht habe, es wären meine Augen,
die nicht mehr hell sehen könnten. Aber sage selbst, wo ist etwas Gutes,
Tröstendes? Wie soll der Konflikt mit den Kindern enden, die nur ihren
Neigungen nachrennen und stolz darauf sind, daß sie sich kaum nach uns
umsehen? Müssen alle Menschen dies erleben? Ja, vielleicht haben wir
unsre Eltern ähnliches erleben lassen; aber es ist darum nicht minder
bitter.

Furcht ist das Aergste; die Furcht, glaube ich, hat mich so entnervt,
daß ich an keiner Freude mehr teilnehmen kann, daß ich aus mir selbst
keine mehr hervorbringen kann. Ich fürchte ja immer, Tag und Nacht, auch
während ich schlafe. Das ist das Schlimmste. Du kannst Dir gewiß nicht
vorstellen, wie das ist, zu schlafen und zu träumen und währenddessen
fortwährend von Furcht gequält zu sein. Seit ich den Brief unter meinem
Kopfkissen gefunden habe, ist mir zumute wie einem, der zum Tode
verurteilt ist und nicht weiß, wann das Urteil vollstreckt wird. Siehst
Du, der Mörder muß durch das offene Fenster gekommen sein, am Hause
hinaufgekrochen wie eine Schlange, und hat an meinem Bett gestanden,
ganz dicht, und hat den Brief unter mein Kissen geschoben. Er muß
lautlos gekommen sein, wirklich wie eine Schlange, Du weißt doch, daß
ich damals sofort aufwachte, als Lju in unser Schlafzimmer kam, und daß
ich überhaupt einen leisen Schlaf habe. Er hatte ein Messer in der Hand
oder einen Strick und hätte Jegor auf der Stelle ermorden können; aber
er wollte ihm noch eine Frist geben, oder er hatte im Augenblick nicht
das Herz dazu, oder er wollte uns nur auf die Folter spannen. Jede
nächste Nacht kann die sein, wo er wiederkommt und es ausführt.

Und warum hörte Lju nichts? Ja, warum hätte er mehr hören sollen als
wir, in deren unmittelbarer Nähe sich alles abspielte? Vor diesem
Verhängnis ist auch seine Wachsamkeit unwirksam. Er scheint mir ganz
verändert seitdem, ernst und in sich gekehrt; aber mit diesen Worten ist
sein Wesen noch nicht treffend genug bezeichnet. Sicherlich leidet er
darunter, daß er das nicht leisten konnte, was er versprochen hatte und
was ich ihm zutraute. Vielleicht ist es ihm selbst unheimlich. Er sieht,
daß wir verloren sind. Er mag nicht dabei sein. Oder wenn nun das wäre,
daß er uns nicht schützen kann, nicht schützen darf? Nach seiner Meinung
natürlich. Ob er diejenigen gesehen und erkannt hat, die Jegor
nachstellen? Ob er Freunde unter ihnen erkannt hat? Oder irgendwelche
Menschen, die er für wertvoller hält als uns? Diese Vermutung -- nicht
Vermutung, dies Gedankengespinst wird Dir wahnsinnig erscheinen; ich
wäre auch nie daraufgekommen, wenn ich nicht sein seltsames Wesen vor
meinen Augen hätte. Irgend etwas Geheimnisvolles ist um ihn. Zuweilen,
wenn sein Blick auf Jegor und mir ruht, schaudert mich. Vorwerfen tue
ich ihm nichts, das Mitleid, das ich mit ihm habe, spricht deutlich für
ihn. Wenn es wahr ist, daß er uns schützen könnte und es doch nicht tun
zu dürfen glaubt, so glaubt er im Rechte zu sein. O Gott, alle Leute
haben recht, alle die, welche hassen und morden und verleumden -- o
Gott, was für eine Welt! Was für eine Verschlingung! Am Ende ist der
wohl daran, für den sie gelöst ist.

Ich gebe zu, daß meine Nerven sehr überreizt sind. Es ist zu
entschuldigen unter diesen Umständen, nicht wahr, Tatjana? Jegor ist
ganz ohne Furcht. Er gefällt mir so gut, ich glaube, ich habe ihn noch
nie so geliebt wie jetzt. Das ist auch ein Glück. Ich weiß ja wohl, daß
ich glücklich bin vor vielen, vielen Frauen; aber es ist ein schwarzer
Vorhang vor diesem Wissen. Ob noch einmal ein guter Wind kommt und ihn
fortreißt? Denke an mich, Liebe.

                                                        Deine Lusinja.



                             Welja an Katja


                                                  Kremskoje, 27. Juni.

Täubchen, Katinka, was für einen Unsinn schreibst Du mir da von meinem
Schlafen und Wachen? Und von Ljus Gewissenlosigkeit und Papas
Pflichtgefühl, die Dir abwechselnd imponieren? Vater, wie Du willst!
Wenn Du psychologischen Scharfblick hättest, würdest du bemerkt haben,
daß Lju ein Theoretiker ist, Handeln ist eigentlich seine Sache nicht.
Er findet, daß gewisse Leute ganz recht hätten, wenn sie Papa töteten.
Ist das neu? Natürlich hätten sie recht. Als sie voriges Jahr den Kaiser
in die Luft sprengen wollten, waren wir uns auch darüber einig, daß sie
recht hätten, und hätten es doch nicht getan. Dann könntest Du ja auch
von mir denken, ich brächte Papa um. So etwas tut man eben nicht, wenn
man es auch theoretisch tadellos findet oder sogar billigt; die Kultur
hindert einen daran. Du bist einfach noch eifersüchtig, ich hätte besser
von Dir gedacht. Die Liebe macht alle Frauenzimmer dumm und kleinlich.
Jessikas wegen wäre es ja besser, Lju ginge fort, das gebe ich zu; ich
mag nur selbst verliebt sein, von andern kann ich es nicht leiden, sie
werden lächerlich dadurch, für Jessika ist es geradezu ein Elend. Das
heißt, ich kann mir denken, daß andre Leute es entzückend finden, sie
kommt mir selbst oft so vor wie ein blühendes Pfirsichbäumchen, das in
Flammen steht. An sich eine hübsche Erscheinung -- aber wenn ich denke,
daß sie ein Mensch und meine Schwester ist, finde ich es albern. Ich
habe auch zu Lju gesagt, die Sache hätte sich überlebt, und es wäre
besser, daß sie nun ein Ende nähme. Er war ganz damit einverstanden und
sagte, er ginge ja schon längst mit dem Gedanken um, unser Haus zu
verlassen, er wollte nur sicher sein, ob Mama ihn auch gern gehen ließe.
Du siehst, wie unrecht Du hast. Vielleicht geht er mit uns ins Ausland;
natürlich geht das nur, wenn Du vernünftig bist. Er kann doch nicht
jedes Mädchen heiraten, das sich in ihn verliebt, kleines Kalb! Hätte
ich das getan? Was Dich anbetrifft, Du brauchst überhaupt nicht zu
heiraten. Du bist ein furchtbar niedlicher Spatz, als Eheweib und Mutter
wärest Du lächerlich.

                                                                Welja.



                           Lju an Konstantin


                                                  Kremskoje, 29. Juni.

Lieber Konstantin! Ich habe Frau von Rasimkara gebeten, daß sie mich
entlassen möchte. Ich sagte, der Vorfall mit dem Briefe hätte mich davon
überzeugt, daß meine Anwesenheit nutzlos wäre. Ich hätte Tag und Nacht
darüber nachgedacht, wie es hätte geschehen können, und wäre zu keinem
Ergebnis gekommen. Durch das Fenster könnte bei Nacht niemand gekommen
sein, dessen wäre ich sicher, ich würde es gehört haben. Die Dienstboten
könnte man meiner Ansicht nach nicht verdächtigen, ich hielte sie für
unbestechlich treu. Sie unterbrach mich und sagte lebhaft, in diesem
Punkte hätte sie keinen Zweifel. Ich sagte, die einzige Möglichkeit
wäre, daß ein Dienstbote es in der Hypnose getan hätte. Immerhin wäre es
nicht wahrscheinlich. So etwas interessiert sie sehr, und wir sprachen
eine Weile darüber. Uebrigens, sagte sie, wollte sie die Sache mit dem
Briefe ruhen lassen, es käme doch nichts dabei heraus. Eine eigentliche
Untersuchung wollte ihr Mann nicht anstellen, er pflegte Drohbriefe
immer zu ignorieren und mäße ihnen keine große Bedeutung bei. Bis jetzt
hätten die Erfahrungen ihm ja auch recht gegeben. Ich bestritt dies
weder, noch bestätigte ich es. Jedenfalls, sagte ich, wäre die Lage so,
daß sie meiner nicht mehr bedürfte, sei es nun, weil keine Gefahr
vorhanden sei oder weil ich nicht dafür einstehen könnte, daß ich sie
abzuwenden imstande wäre.

Sie fragte, wohin ich mich zu wenden und was ich zu tun gedächte. Ich
sagte, ich wollte mein Werk vollenden, das läge mir zumeist am Herzen.
Wenn ich mich mit meinem Vater aussöhnte, würde ich bis auf weiteres zu
Hause bleiben; er hätte mir kürzlich einen entgegenkommenden Brief
geschrieben. Sonst würde ich bei einem Freunde Zuflucht finden. Sie
sagte, daß sie und ihr Mann mir zu Dank verpflichtet wären und daß ich
ihnen gestatten müßte, daß sie mir zu Hilfe kämen, wenn ich Hilfe
gebrauchte; das würde keine Wohltat, sondern Erstatten einer Schuld
sein. Sie war ernst, liebenswürdig, von gewähltester Feinheit. Wenn es
mir paßte, sagte sie, wäre ich frei, sofort zu gehen, wenn ich aber über
meinen künftigen Aufenthalt noch nicht im klaren wäre, sollte ich
bleiben, solange ich möchte. Ich sagte, ich wollte versuchen, ein
Verständnis mit meinem Vater zu erzielen, und würde ihr dankbar sein,
wenn ich ihre Gastfreundschaft noch etwa vierzehn Tage in Anspruch
nehmen dürfte; bis dahin würde sich das entschieden haben. Ich wollte
ihre Hand küssen, die sehr schön ist; aber ich dachte plötzlich daran,
was ich ihr anzutun willens bin, und unterließ es.

Ich habe den Eindruck, daß meine Mitteilung sie froh gemacht hat,
wahrscheinlich Jessikas wegen. Ich glaube sogar, sie denkt, ich hielte
es Jessikas wegen für meine Pflicht, zu gehen, und hat deswegen ein
Gefühl der Dankbarkeit für mich. Lebe wohl!

                                                                  Lju.



                           Jessika an Tatjana


                                                  Kremskoje, 29. Juni.

Liebste, holdeste Tante! Ich glaube, ich komme bald zu Dir. Die paar
Tage, wo Du hier warest, waren so schön! Alle waren heiter und zufrieden
durch Deine Gegenwart. Jetzt ist es schrecklich. Lju wird fortgehen, er
sagt, er müsse fort, weil es sich gezeigt hätte, daß er überflüssig
wäre, und weil Mama ihn nicht mehr brauchte. Zuerst sagte Mama doch, sie
hätte noch niemals ein solches Sicherheitsgefühl gehabt wie jetzt, weil
Lju da wäre. Aber Papa hatte es niemals gern, und er wird zu Mama gesagt
haben, daß er es nun nicht länger möchte. Du weißt ja, daß Papa nicht
gern fremde Menschen um sich hat, sogar daß Du hier warest, hat seine
Nerven angegriffen. Mama ist gewiß im Grunde sehr unglücklich, daß Lju
fortgeht. Und wenn nun Welja und Katja auch noch fortgehen! Papa ist
schon beinahe überzeugt, daß es am besten ist, wenn sie in Berlin oder
Paris die Universität besuchen. Welja freut sich schrecklich und Katja
natürlich auch, ich gönne es ihnen, sie mögen ja so gern reisen. Aber
nimm mich dann zu Dir, Tante Tatjana, bis wir wieder in die Stadt
ziehen. Es ist mir hier zu traurig so allein, nachdem es im Mai so schön
war wie noch nie. Die Stimmung hier ist so erdrückend. Papa und Mama
werden ganz einverstanden sein, vielleicht tut es ihnen gut, einmal
allein zu sein. Dann kann Papa sich am besten ausruhen, und die Arbeit,
die für die beiden zu machen ist, können unsre Dienstboten ja bequem
ohne mich ausrichten. Lju weiß noch nicht, wohin er geht. Er sagte mir,
wenn er nach Petersburg ginge, würde er Dich besuchen, falls Du es
erlaubtest. Er schwärmt oft von Deiner Schönheit und Deinem Geist. Wer
täte das nicht? Am meisten

                                                 Deine kleine Jessika.



                             Welja an Katja


                                                   Kremskoje, 1. Juli.

Nun, mein süßer Spatz, Deine Schopffedern sind wohl noch zornig
gesträubt gegen Deinen Bruder, weil er Dir, wie es seine Pflicht ist,
die Wahrheit gesagt hat? Unterdessen arbeitet er für Dein und sein und
unser aller Wohl. Seit Papa sich überzeugt hat, daß wir die tiefere
Bildung nur erlangen können, wenn wir ein paar Semester im kultivierten
Westen studieren, ist seine Laune wieder sehr gestiegen. Er findet es
jetzt auch besser, daß wir mit dem mehr äußerlichen Paris beginnen, um
später zum gründlichen philosophischen Deutschland fortzuschreiten. Wir
sollen bald fort; denn Papa begreift auf einmal, daß alle unsre
Unzulänglichkeiten nur davon kommen, daß wir den Einfluß der alten
westlichen Kultur noch nicht durchgemacht haben. Du mußt also Dein
Studium sofort aufgeben und für unsre Ausrüstung sorgen, das heißt
dabeistehen, wenn Tante Tatjana es tut.

Lju geht fort, vielleicht schon vor uns. Ich denke mir, er wird auch
nach Paris kommen, wenn wir da sind, obgleich er sich nicht bestimmt
darüber ausspricht. Wir fahren oft Automobil zusammen. Ich habe Mama
mein Wort geben müssen, ihn möglichst selten mit Jessika allein zu
lassen -- ganz überflüssig, denn er hat selbst gar keine Lust dazu. Auf
Papa nehme ich auch viel Rücksicht, ich spiele nie mehr Wagner, weil ihn
das nervös macht. Uebrigens geht es ihm wirklich viel besser, außer
seiner Scharteke hat er jetzt noch unsre Reise, die ihn angenehm
beschäftigt, er gibt mir Anweisungen, welche Züge wir nehmen müssen, in
welchen Hotels wir absteigen sollen, und hat dabei fast das Gefühl, er
könnte selbst mit. Sei Deinem Bruder dankbar, anstatt zu schmollen, was
überhaupt kindisch ist.

                                                                Welja.



                             Welja an Peter


                                                   Kremskoje, 1. Juli.

Lieber Peter! Das beste wäre, Du gingest mit nach Paris. Meine Mutter
wünscht es, weil sie Dich für verständiger hält als uns, denn sie ist
auch einverstanden, und mir mußt Du nur versprechen, kein verliebtes
Gedusel mit Katja anzufangen. So bist Du ja aber auch nicht; was Du im
Innern fühlst, ist mir natürlich einerlei. Wenn Deine Kurse sich durch
Deine Abreise auflösen, ist es um so besser. Papa hat noch Schererei
genug, er kann einem wirklich leid tun. Mit der Gesinnungsmeierei kann
es ja dann wieder losgehen, wenn wir zurückkommen. Ich meinerseits mache
sehr gern mal eine Pause. In Paris wirst Du Dich auch noch politisch
entwickeln, ich sehe Dich schon als gereiften Robespierre ins heilige
Rußland einbrechen.

                                                        Unbedingt Dein
                                                                Welja.



                            Lusinja an Katja


                                                   Kremskoje, 2. Juli.

Mein Herzenskind! Es ist beschlossen, daß Ihr, Du und Welja, nach Paris
geht. Du freust Dich, nicht wahr? Ich denke, Ihr werdet vernünftig sein
und nicht gar zu viel Geld ausgeben, Ihr seid doch alt genug, um die
Verhältnisse zu begreifen und Euch in sie zu schicken. Ihr habt den
besten Vater, der sich niemals auf unrechtmäßige oder auch nur unfeine
Weise bereichert hat, wie so viele tun, und ich hoffe, ihr ehrt und
liebt ihn deswegen um so mehr und seid stolz auf die verhältnismäßige
Beschränktheit unsrer Mittel. Er hat trotzdem immer mit
verschwenderischer Güte für Euch gesorgt, mißbraucht es nicht. Das
Ueberschreiten eines gewissen Maßes würde ihm nicht nur Kummer, sondern
sehr ernste Widerwärtigkeiten bereiten. Innerhalb dieser Begrenzung,
mein Liebling, sollt Ihr eure Freiheit herzhaft genießen und die Euch
gebotenen Mittel, Euch zu ganzen Menschen zu bilden, benutzen.

Ich denke mir, daß Jessika, wenn Lju und Ihr fort sein werdet, zu Tante
Tatjana gehen wird. Ihr armes, zärtliches Herz muß noch viel
durchmachen, sie wird dort weniger leiden als hier, deshalb lege ich ihr
nichts in den Weg. Daß Lju fortgeht, ist ihretwegen notwendig. Seine
anregende Art zu sprechen, die naheliegenden mit entfernten und
interessanten Vorstellungen zu verbinden, werde ich vermissen. Er läßt
nie ein Wort, das man sagt, fallen, sondern fängt es auf und spinnt
daran weiter. Das lieb' ich sehr an ihm; am meisten aber, daß er eine
Persönlichkeit ist, ein Mensch mit einem intensiven Bewußtsein von allen
Dingen und mit einem klaren Willen. Anderseits erleichtert es mein
Gemüt, daß er fortgeht, und nicht nur Jessikas wegen. Er hat etwas
Fremdartiges und Unergründliches für mich, das mich zuzeiten sehr
aufgeregt hat. Er hat einen sonderbaren Blick; vielleicht hat er auch
damit solche Macht über Jessika gewonnen. Das Rätselhafte zieht an und
ängstigt zugleich. Er gehört nun einmal nicht zu uns, und all sein Sinn
für die verschiedenartigsten Menschen kann das nicht überbrücken. Und
dann nachtwandelt er; darüber kann ich nicht wegkommen.

Nach allen Erregungen dieses Sommers freue ich mich darauf, mit Papa
allein zu sein. Wirklich, ich freue mich darauf -- macht Euch also keine
Gedanken unsertwegen. Ihr werdet uns viele schöne Briefe schreiben, und
wir werden Euch im Geiste zur Mona Lisa und zur Place de la Concorde und
zu den Springbrunnen von Versailles begleiten. Dabei fällt mir ein, daß
wir dazu nicht einmal den Hut aufzusetzen brauchen, daß Ihr aber
Reisekleider und sonst noch allerlei haben müßt. Vieles werdet Ihr gewiß
geschmackvoller und billiger in Paris besorgen. Wäret Ihr nur
praktischer! Kann ich es Euch überlassen? Jedenfalls, eine gewisse
kleine Ausrüstung müßt Ihr doch von hier mitnehmen, damit beschäftige
Dich jetzt, Du hast ja Tante Tatjana, die beste Ratgeberin, zur Seite.
Lebe wohl, mein Herzenskind, schreibe Deinem Vater bald, daß Du Dich auf
Paris freust.

                                                           Deine Mama.



                             Katja an Jegor


                                                  Petersburg, 4. Juli.

Lieber Papa! Es ist fabelhaft anständig von Dir, daß Du uns nach Paris
gehen läßt. Du hast aber auch etwas Gutes davon, indem Du uns los wirst.
Peter will vielleicht auch mit, es ist mir ganz recht, denn er ist so
praktisch, daß man ihn eigentlich gar nicht entbehren kann. Zum Beispiel
ein Automobil heilmachen, weswegen Lju damals eigens in die Stadt fuhr,
das kann er selbst und wenn es noch so kompliziert ist. Er ersetzt einem
Dienstmann, Schlosser, Tapezierer, Schneider, Koch und sogar
Putzmacherin, nur ist sein Geschmack etwas veraltet. Er ist jetzt auch
sehr zurückhaltend gegen mich, es scheint mir beinahe, als wäre er nicht
mehr verliebt; das ist eigentlich schade, obgleich es mir manchmal
lästig war. Für die Reise ist es aber besser so, das sehe ich ein. Und
gefällig ist er auch doch noch ebenso wie früher, gestern hat er mir
erst ein Buch sehr schön eingebunden und einen Schlüssel gemacht für
einen, den ich verloren hatte, was Tante Tatjana nicht erfahren sollte.

Wenn Peter mitgeht, werden wir viel Geld sparen, auch weil er immer
aufpaßt. Soll ich noch einmal kommen und Euch Adieu sagen? Ich tue es
sehr gern, dann müßt Ihr aber Lju vorher wegschicken, ich kann ihn nicht
ausstehen, und seine Gegenwart würde mir alles verleiden.

                                            Deine allerkleinste Katja.



                           Lusinja an Tatjana


                                                   Kremskoje, 5. Juli.

Liebste Tatjana! Ich habe die melancholischen Anwandlungen ganz
überwunden, das muß ich Dir doch erzählen. Weil es einfach so nicht
weiterging, hat sich in mir ein Umschwung vollzogen. Man entdeckt oft
platte Wahrheiten, so ist es mir mit dem Sprichwort gegangen, daß Gott
dem Mutigen hilft. Zuerst kostete es mich Anstrengung, die
Furchtgedanken zu unterdrücken und zuversichtlich in die Zukunft zu
sehen, aber nachdem ich dies ein paarmal gemacht hatte, schien mich auf
einmal eine unbekannte Kraft zu tragen und von selbst überströmte mich
Heiterkeit. Zum Teil kommt es allerdings auch daher, daß Jegor wieder in
guter Stimmung ist, seit er den Entschluß gefaßt hat, die Kinder nach
Paris gehen zu lassen. Das ist mir der größte Schmerz, ihn so gedrückt
und ohnmächtig traurig zu sehen. Nun freue ich mich ordentlich auf die
Zeit, wo wir allein sein werden. Ich glaube, so ganz allein waren wir
noch niemals, seit die Kinder auf der Welt sind. Und auf dem Lande, ohne
etwas zu tun, in schöner Umgebung! Es muß jetzt alles schnell gehen,
sonst ist die Zeit des Urlaubs zu Ende, bevor sie alle fort sind. Jegor
freut sich auch darauf, er meint nur immer, ich könnte gar nicht mehr
für ihn und in ihm allein leben, weil ich gewohnt wäre, mich für viele
und vieles auszugeben, aber im Herzen weiß er genau, daß ich mit ihm
allein erst in meinem Elemente sein werde. Wann wird man wohl einmal
älter? Bis jetzt bin ich seit meinem zwanzigsten Jahre immer jünger
geworden -- ich! Meine Haare und meine Haut natürlich nicht.

Liebe Tatjana! Hilfst Du meiner kleinen Katja besorgen, was sie zur
Reise braucht? Du hast ja soviel Geschmack und Einsicht. Wenn Dein Peter
mitginge nach Paris, das wäre eine große Beruhigung für uns. Obwohl er
nur so wenig älter ist als Welja, wäre es mir doch, als wenn ein Mentor
mitginge. Ich dachte erst an Lju in diesem Sinne, aber Katjas Abneigung
ist ja nicht zu besiegen. Und wenn ich denke, wie sie zuerst für ihn
schwärmte! Er war ein Orakel für alle drei Kinder. Da nannte er sie
einmal Katinka statt Katja, und aus war es für immer. Ein bißchen
verrückt kommen mir meine Kinder zuweilen vor, Gott weiß, woher sie es
haben. Natürlich, Tatjana, glaube ich nicht, daß diese Namensirrung der
einzige Grund ist. Es wird wohl allerlei zwischen den Kindern
vorgefallen sein, Eifersucht und dergleichen. Im Charakter würden ja Lju
und Katja ganz gut zusammenpassen, wenigstens eher als Lju und Jessika;
aber es pflegen sich nun einmal die Gegensätze anzuziehen. Jedenfalls
ist mir die Abneigung, und wenn sie noch so ungerecht wäre, lieber als
das Gegenteil. Es ist mir auch viel lieber, wenn Peter mitgeht. Ich
weiß, daß Lju die Kinder liebt und versteht, er hat etwas Imponierendes,
etwas Gewandtes, und wäre insofern geeignet, ihr Führer zu sein. Aber
ich glaube, ich würde zuweilen davon träumen, daß er in somnambulem
Zustande in ihr Schlafzimmer ginge und an ihrem Bett stände und sie mit
dem rätselhaften Blick, der ihm eigen ist, betrachtete.

Ach, Tatjana, das muß ich Dir doch erzählen! Als ich damals den
Drohbrief unter meinem Kopfkissen gefunden hatte, sagte Lju, es könnte
auch jemand im Hause getan haben, den ein andrer daraufhin hypnotisiert
hätte, so etwas wäre möglich. Da dachte ich an seinen rätselhaften Blick
und sein nächtliches Wandern, und es kam mir in den Sinn, er selbst
könnte ja von einem fremden, dämonischen Willen besessen sein. Ich wäre
damals nicht imstande gewesen, mit jemand darüber zu sprechen oder Dir
davon zu schreiben, so grausig war mir die Vorstellung. Jetzt kann ich
es ganz ruhig und lache sogar dabei. Neulich erzählte ich es Jegor, der
amüsierte sich so darüber, daß ich jetzt immer lachen muß, wenn ich
daran denke. Er sagte, je aberwitziger eine Geschichte wäre, desto
bereitwilliger glaubte ich sie. Für ganz unmöglich halte ich so etwas
aber doch an sich nicht, sonst hätte auch Lju es nicht gesagt.

Du bist also einverstanden, liebe Tatjana, daß Jessika zu Dir kommt?
Wenn Peter fortgeht, wärest Du ja sonst allein, und Jessika ist so gern
bei Dir. Uns freut es, wenn sie Dir etwas sein kann.

                                                        Deine Lusinja.



                            Jessika an Katja


                                                   Kremskoje, 6. Juli.

Liebes Kleines! Werde nicht böse, aber es ist doch sehr häßlich von Dir,
daß Du nicht kommen willst, solange Lju hier ist, und ihn dadurch aus
dem Hause treibst. Das hat er doch nicht um uns verdient. Ich glaube, Du
denkst, er handelte schlecht gegen mich, und das ist doch gar nicht
richtig. Er liebt mich, aber er hat mir von Anfang an gesagt, daß er
nicht wüßte, ob er mich jemals heiraten könnte, weil er zu stolz ist,
und daß ich meinen Gefühlen den Charakter der Freundschaft geben müßte.
Das tue ich doch auch, und was ist denn dabei, daß er mein Freund ist?
Er ist doch auch Weljas Freund und war auch Deiner, bis Du Dich so
abstoßend gegen ihn benahmest. Er kann sich ja so einrichten, daß er den
ganzen Tag nicht zu Hause ist, wenn Du hier bist. Für Papa und Mama ist
die Geschichte doch auch peinlich, und da Du so viel Schönes vor Dir
hast, könntest Du recht gut in solchen Kleinigkeiten ein wenig Rücksicht
nehmen.

Bist Du böse, mein Brummerchen, daß ich Dir das sage? Ich predige Dir
doch selten Moral, das mußt Du mir zugestehen. Aber Du wirst ja doch
tun, was Du willst. Papa und Mama sind jetzt sehr wohl, es ist zu
niedlich, wie sie sich auf ihr Alleinsein freuen. Sie sehen manchmal aus
wie ein Brautpaar, das bald Hochzeit haben wird, jung und schön und
geheimnisvoll beseligt. Ich freue mich, daß gerade Rosenzeit ist; in ein
paar Wochen werden alle blühen, dann kann Mama alle Tage ihre Tafel mit
Rosen bedecken und sich Rosen ins Haar stecken und alle Vasen
vollfüllen.

                                                              Jessika.



                             Welja an Peter


                                                   Kremskoje, 8. Juli.

Lieber Peter! Gestern begegnete mir etwas Merkwürdiges. Ich wollte Lju
in seinem Zimmer aufsuchen, und da er nicht da war, wartete ich auf ihn.
Ich setzte mich an seinen Schreibtisch und blätterte gedankenlos in
seiner Schreibmappe, da sah ich einen Zettel, auf den mit einer
Handschrift etwas geschrieben war, was mir auffiel. Erst wußte ich gar
nicht warum -- dann fiel mir plötzlich ein, daß mit derselben oder einer
ganz ähnlichen Handschrift der Drohbrief geschrieben war, den Mama unter
ihrem Kopfkissen gefunden hat. Denke Dir, ich habe zum erstenmal in
meinem Leben einen wahnsinnigen Schrecken bekommen, es drehte sich alles
um mich. Und dabei weiß ich gar nicht bestimmt, was mich eigentlich so
entsetzte; aber meine Hände und meine Schläfen waren in einem Augenblick
mit Schweiß bedeckt. Wahrscheinlich machte mein Unbewußtes blitzschnell
eine Reihe von Schlüssen, deren Ergebnis der Schrecken war. Ich ging
rasch fort und versuchte meine Gedanken zu ordnen, ich schwöre Dir, ich
war so bestürzt, daß ich nicht klar denken konnte. Als Lju wieder da
war, richtete ich es so ein, daß wir uns in sein Zimmer setzten, ich
blätterte in seiner Mappe, spielte mit dem Zettel und sagte so
beiläufig, die Handschrift wäre ja der auf dem Drohbrief ganz ähnlich.
»Nicht wahr?« sagte Lju vergnügt, »ich glaube auch, daß man sie für
dieselbe halten kann. Ich habe versucht, sie aus dem Gedächtnis
nachzumachen, damit man eventuell damit auf die Spur des Schreibers
kommen könnte; aber dein Vater will ja nicht, daß die Sache verfolgt
wird.« Papa hat nämlich den Brief zerrissen, das machte er immer so mit
anonymen Zuschriften. Es ist ja unfaßlich, daß mir dies passieren
konnte! Ich wußte, daß Lju anfangs mit dem Plan umging, herauszukriegen,
wer den Brief geschrieben hat, und wußte auch, daß er sich viel mit
Graphologie beschäftigt! Allerdings, sowie ich seine Stimme hörte und
ihn sah, kam mir meine Aufregung schon gleich kindisch vor. Am liebsten
hätte ich hernach zu Lju gesagt, wie es gewesen ist, aber ich weiß nicht
warum, ich brachte es nicht über die Lippen. Er ist vollkommen
ahnungslos und freut sich über seinen Erfolg; es ist ja auch eine
kolossale Leistung, eine Schrift aus dem Gedächtnis so täuschend
nachzuahmen.

Ich erkläre mir meine Dummheit damit, daß die Geschichte mit dem
Drohbrief einen doch ein bißchen nervös gemacht hat. Wenn Papa anders
wäre, würde man sich, glaube ich, tatsächlich ängstigen; aber er hat
eine solche Sicherheit, daß man es für unmöglich hält, ihm könnte etwas
zustoßen. Schließlich erlebt man doch auch solche Schauergeschichten
nicht in Wirklichkeit, das ist höchstens Reiselektüre. Attentate sind ja
allerdings oft vorgekommen. Aber Papa sagt, er wäre im allgemeinen gar
nicht so verhaßt, und die Angehörigen der Studenten wären gebildete
Leute, unter denen keine Mörder zu suchen wären. Dieser letzte Drohbrief
sollte ihn doch nur einschüchtern, das wäre klar, und übrigens könnte
man auch plötzlich krank werden und sterben, dem Tode wäre man immer
ausgesetzt, man müßte dergleichen nicht beachten. Manchmal frage ich
mich, ob die Furchtlosigkeit ein Vorzug oder ein Mangel an Papa ist;
vielleicht hat er einfach gar keine Phantasie.

Er ist jetzt ganz besonders gut aufgelegt. Seine Scharteke ist
entzweigegangen und er klütert stundenlang mit Lju daran herum, um
herauszukriegen, woran es liegt. Lju betreibt die Sache auch mit Eifer
und Ernst, es ist mir nicht klar geworden, ob er es tut, um Papa ein
Vergnügen zu machen oder weil es ihn wirklich auch interessiert.

Herrgott, ich will froh sein, wenn wir erst in Paris sind; helfen oder
ändern kann ich hier doch nichts. Erzähle Katja nichts von meiner
Geschichte mit Lju. Papa sagt, in Deutschland könnte man sehr gut
zweiter Klasse fahren. Vater, wie du willst, wenn wir nur überhaupt
reisen.

                                                                Welja.



                            Jessika an Katja


                                                  Kremskoje, 10. Juli.

Katja, Du sollst auf gar keinen Fall kommen, hörst Du! Wenn Du nur noch
nicht fort bist! Denke Dir, gestern ist das Väterchen plötzlich
furchtbar krank geworden. Er hatte Krämpfe und wand sich und wurde blau
im Gesicht, es war einfach schrecklich. Zuerst sagte Welja, er wäre
betrunken, aber das merkte man bald, daß es etwas andres war, und die
Mädchen sagten, er hätte die Cholera, und stellten sich unbeschreiblich
an, keine wollte bei ihm bleiben. Lju nahm alles in die Hand, er sagte,
Cholera könnte es nicht sein, das hätte andre Symptome, es wäre
wahrscheinlich ein typhöses Fieber mit irgendwelchen Komplikationen. Er
verordnete allerlei und blieb bei Iwan, obgleich Papa und Mama es nicht
leiden wollten, weil sie meinten, es könnte ansteckend sein; aber er
sagte, erstens glaubte er das nicht und außerdem fürchtete er sich gar
nicht davor und wäre deshalb auch nicht empfänglich. Iwan starrte ihn
immer ganz erschrocken an, wenn er zu sich kam, ich glaube, er hatte ihn
ungern bei sich, aber er wagte es nicht zu sagen. Als der Arzt kam,
sagte er, alles, was Lju angeordnet hätte, wäre angemessen, er würde
auch nichts andres gemacht haben und er glaubte auch, daß es
Unterleibstyphus wäre. Papa und Mama wollen durchaus nicht, daß Du
kommst, wegen der Ansteckung. Wir wären nun einmal da, das wäre nicht zu
ändern, Du solltest Dich aber nicht mutwillig der Gefahr aussetzen. Ich
finde, sie haben ganz recht, helfen kannst Du doch nicht, und Mama würde
sich ängstigen, selbst wenn es mit der Ansteckung gar nicht so schlimm
ist. Zunächst kann Iwan noch nicht in die Stadt transportiert werden,
weil er zu krank ist. Das arme Väterchen! Welja sagt immer, es wäre zu
schade um ihn, der Wein schmeckte ihm so gut, ja, mit Branntwein war er
schon glücklich.

Ich sehe Dich nun gewiß auch nicht mehr vor der Reise, mein
Glühwürmchen! Aber ich komme nicht dazu, Dich zu vermissen, so viel ist
jetzt zu tun!

                                                        Deine Jessika.



                           Lju an Konstantin


                                                  Kremskoje, 10. Juli.

Lieber Konstantin! Ich habe die Schreibmaschine abgeschickt. Es bleibt
also dabei, daß die Explosion durch Druck auf den Buchstaben _J_ zur
Entladung kommt. Da wir uns auf einen Buchstaben einigen müssen, soll es
der sein, mit dem der Vorname des Gouverneurs beginnt; es ist
ausgeschlossen, daß er einen Brief schreibt, ohne ihn zu benutzen.
Zunächst liegt nun die Verantwortung auf Dir. Ich bin froh, auf kurze
Zeit davon frei zu sein, denn ich fühle mich krank. Es liegt mir ein
Fieber in den Knochen, am liebsten würde ich mich zu Bett legen, ich
glaube aber, daß ich das Entstehen einer Krankheit am ersten durch
Widerstand verhindern kann. Es ist mir schon einmal gelungen. Der
Kutscher Iwan hat den Unterleibstyphus in hohem Grade, er ist noch in
Lebensgefahr; und weil hier Schrecken und Ratlosigkeit herrschte, denn
die Dienstleute meinten, er hätte die Cholera, und ich einigermaßen
Bescheid mit solchen Sachen weiß, habe ich mich seiner angenommen. Der
Mann mag mich nicht leiden, er empfindet eine unklare Furcht oder
Abneigung gegen mich, ich denke mir, er spürt in der Art, wie Tiere das
können, die Gefahr, die seinem Herrn von mir droht. Ich habe eine
besondere Vorliebe für diese noch halb tierischen, im Unbewußten
lebenden Volksnaturen, es war mir eine ordentliche Freude, ihn zu
behandeln und zu beobachten. Vielleicht habe ich mich bei der Pflege
überanstrengt, da ich ohnehin angegriffen war.

Sollte die Krankheit stärker als ich sein und sollte ich nach Petersburg
ins Spital geschafft werden, das wäre sehr schlimm. Denn ich muß
durchaus die Maschine selbst in Empfang nehmen und aufstellen. Ich kann
aber mit Sicherheit darauf rechnen, daß Herr und Frau von Rasimkara mich
im Hause behalten und bei sich verpflegen würden, selbst wenn ich mich
sträubte. Vor allen Dingen rechne ich auf meine gesunde Natur und auf
die Kraft meines Willens. Mauern einreißen wie Simson kann man wohl
nicht mehr, aber seinen Körper aufrechthalten, wenn er einstürzen
möchte, wenigstens für eine Weile. Auf alle Fälle erwarte noch ein
Zeichen von mir, ehe Du handelst.

                                                                  Lju.



                           Lusinja an Tatjana


                                                  Kremskoje, 12. Juli.

Liebste Tatjana! Wie sehr schnell wandelt sich doch das Antlitz aller
irdischen Dinge, wirklich schneller als der bewölkte Himmel; das ist
auch so ein Gemeinplatz, der uns plötzlich wie eine Offenbarung
vorkommt, wenn wir seine Wahrheit erleben. Unserm guten alten Iwan
scheint es besser gehen zu wollen; wenigstens meint der Arzt, daß, wenn
die Krankheit zum Ende führte, schon eine erhebliche Verschlimmerung
eingetreten wäre. Du weißt, wie eng wir mit unsern Leuten verbunden
sind; andre zu haben, wäre für uns geradeso traurig, wie in ein andres
Haus zu ziehen. Einen Menschen in Lebensgefahr, gewissermaßen sterben zu
sehen, ist für mich überhaupt ein schreckliches Leiden; es wird mir dann
auf einmal klar, daß dies unser aller Los ist, daß die schwarze Kugel
ebensogut mich hätte treffen können und mich morgen vielleicht trifft
oder übermorgen vielleicht, daß sie eines Tages mich unabwendbar treffen
muß. Dann kann mich eine Angst erfassen, eine Angst, die tausendmal
schlimmer als der Tod ist. Ja, an Iwan scheint es diesmal
vorübergegangen zu sein. Aber gestern abend mußte sich Lju hinlegen. Er
hat doch Iwan so gut gepflegt und sich der Ansteckung ausgesetzt, als ob
es etwas Selbstverständliches wäre. Wir bewunderten ihn um so mehr, als
Iwan ihn niemals hat leiden mögen und kein Hehl daraus gemacht hat.
Vorgestern war er schon nicht wie sonst; aber wenn ich ihn fragte,
behauptete er, vollständig wohl zu sein. Gestern mittag sah er
fieberhaft aus. Jegor, der natürlich nichts merkte, sprach davon, daß er
seine Schreibmaschine vermißte, an die er sich so gewöhnt hätte, und daß
er hoffe, sie käme bald wieder. Da sagte Lju: »Ach, sagen Sie das nicht!
Mir wäre es lieber, wenn sie noch recht lange ausbliebe!« Ich habe mal
von einem berühmten Schauspieler gelesen, der sich zuweilen vor der
Aufführung berauschte und so haltlos war, daß man für unmöglich hielt,
er könnte spielen; wenn er aber auftreten mußte, nahm er sich mit
dämonischer Willenskraft zusammen und spielte hinreißend, nur selten
ließ diese Kraft etwas nach, so daß sein Zustand zum Durchbruch kam.
Weißt Du, daran erinnerte er mich in dem Augenblick; er war immer nahe
daran, zu phantasieren. Ich stellte ihm eindringlich vor, daß er Fieber
hätte und daß er sich hinlegen müßte, er gab es auch zu, behauptete
aber, Bewegung wäre für ihn in solchen Fällen das Beste, er wollte einen
Ausflug auf dem Rade machen. Es war ihm nicht auszureden, er fuhr fort
und kam nach drei Stunden ganz in Schweiß und vollständig erschöpft
zurück. Dann hat er sich zu Bett gelegt, ohne etwas zu sich zu nehmen.
Heute ist er vollständig ermattet liegen geblieben, aber das Fieber
scheint wirklich gebrochen zu sein. Der Arzt, der Iwans wegen kam,
sagte, solche Kuren könnten tatsächlich zuweilen glücken, aber er würde
sie niemand vorschreiben, es wäre nicht jedermanns Sache. Ein
außerordentlicher Mensch ist Lju, er fesselt einen immer wieder aufs
neue.

Liebe Tatjana, wenn wir nur erst allein sind! Ich pflege gern Kranke,
und es ist mir ordentlich lieb, daß ich etwas für Lju tun kann -- es ist
nur sehr wenig, eigentlich pflegen kann man ihn gar nicht, er ist ein
Mensch, der nur geben kann, zum Empfangen fehlt ihm das Organ -- ja,
aber ich hatte mich nun einmal auf das Alleinsein mit Jegor gefreut, und
alles Unerwartete, was jetzt geschieht, kommt mir wie ein tückisches
Hemmnis vor, das sich zwischen uns und die ersehnten Ferientage schiebt.
Welja und Jessika wären schon heute zu Dir gekommen, aber sie wollten
durchaus nicht abreisen, bevor sich entschieden hätte, ob Lju ernstlich
krank würde. Gott sei Dank, daß diese Gefahr vorübergegangen ist -- wie
würde das in Jessikas weichem Herzen die Liebe gesteigert haben! Iwan
wird, sowie er transportfähig ist, ins Spital geschafft werden, und bis
er hergestellt ist, wird ein verläßlicher Mann, den wir schon mehrmals
zur Aushilfe hatten, an seine Stelle treten. Ich dachte daran, mit Jegor
in die Stadt zu kommen, um die Kinder abreisen zu sehen; er sagt aber,
da er eigens Urlaub genommen hätte, um seiner Gesundheit wegen einen
Landaufenthalt zu nehmen, möchte er sich lieber nicht in Petersburg
sehen lassen, es könnte mißdeutet werden. Er meint auch, der Abschied
würde mir dort viel mehr zum Bewußtsein kommen, ich würde mich sehr
aufregen, weinen und so weiter. Ja, weinen werde ich wohl doch. Ein Jahr
werden sie sicher fortbleiben, wenn nicht noch länger, sonst hat es kaum
Zweck. Ein ganzes Jahr ohne die beiden Kinder! Wenn ich nicht Jegor
gerade jetzt so für mich hätte --! Und dann bin ich auch nicht mehr so
jung, daß ein Jahr mir lang schiene; es sind nur zwölfmaldreißig Tage,
ach, es ist eigentlich nur ein Atemzug! Wie froh bin ich, daß Peter
mitgeht; ich will den Kindern auftragen, daß sie ihm folgen.

                                                        Deine Lusinja.



                             Welja an Katja


                                                  Kremskoje, 12. Juli.

Mein kleiner Trompetenstoß, Du kannst losschmettern, denn morgen reise
ich. Solltest Du kontra schmettern, so schadet es nichts, weil ich es
nicht höre, es würde Dir also auch nichts helfen. Wir können Papa und
Mama jetzt keine größere Wohltat erweisen, als daß wir abreisen. Es hat
bereits eine Notiz in den Blättern gestanden über die »rote
Universität«. Etwas Schlimmes kann den Leuten nicht passieren, als
höchstens, daß die Kurse aufgehoben werden, aber Papa ist es natürlich
lieb, wenn wir nicht dabei sind. Väterchen lebt noch, er hat heute
bereits nach einem Tropfen Schnaps verlangt, also scheint er mir in der
Genesung begriffen zu sein. Da ich ihm nicht Ade sagen soll, der
Ansteckung wegen, habe ich ihm ein Abschiedsgedicht gemacht. Es fängt
an:

   Schon fünf Tage sind hinabgesunken,
   Seit sich Väterchen zuletzt betrunken.

Und endet:

   Soll ich Dir die treue Hand nicht reichen,
   Ohne Abschiedskuß ins Ausland weichen,
   Wünsch' ich unter Tränen Dir hienieden
   Gute Besserung oder ruh in Frieden.

Ich habe es Lju vorgelesen, der noch zu Bett liegt, er konnte gar nicht
aufhören zu lachen, obgleich er wirklich sehr schwach ist. Er sagte, er
wäre überzeugt, Iwan würde mich für den größten Dichter Rußlands und das
Gedicht für die Ausgeburt aller Poesie halten, und er beneidete die
Menschen, die noch durch den bloßen Rhythmus und den simpeln Reim in
einen seelischen Rausch geraten können. Lju möchte gern mit uns nach
Petersburg fahren, er fürchtet aber, er würde noch zu schwach sein, und
Mama wird ihn auch gar nicht gehen lassen. Du wirst ihn also nicht mehr
sehen. Jessika ist ein dummer kleiner Wurm mit ihrer Liebe, trotzdem
empfehle ich Dir, süßes Spätzchen, zart mit ihr umzugehen, nicht zu
zetern, nicht zu picken. Sie ist gerade wie ein Tautropfen, der in der
Sonne schön wie ein Edelstein funkelt und beweglich lebendig ist und,
wenn die Sonne fortgeht, glanzlos wird und versiegt. Dies schreibe ich,
damit Du siehst, daß ich mich auch echt dichterisch ausdrücken kann. Hör
mal, Peter soll für Zigarren und Zigaretten unterwegs sorgen, der hat
gern Aufgaben zu erfüllen.

                                                                Welja.



                           Lju an Konstantin


                                                  Kremskoje, 13. Juli.

Lieber Konstantin! Du hast mir nicht geschrieben, damit, wenn ich
todkrank oder tot wäre, der Brief nicht in unrechte Hände geriete. Jetzt
ist die Gefahr vorüber. Wenn Du keine weitere Nachricht von mir
erhältst, laß die Schreibmaschine am 16. abgehen; melde es mir
gleichzeitig. Die Krankheit ist endgültig gebrochen, aber ich bin noch
sehr erschöpft, so erschöpft, daß ich gern noch ein paar Tage lang im
Bett liegen würde, ohne zu denken, ohne andre Bilder in meinem Gehirn
als das der dunkeln Frau und des blonden Mädchens, die von Zeit zu Zeit
durch mein Zimmer gleiten, sich über mich beugen und mit sanfter Stimme
freundlich zu mir sprechen, oder das der Tannen und Birken, die ich
durch das offene Fenster sehen kann. Wird es einmal Menschen geben, die
ohne Qual, ohne den göttlich-fluchwürdigen Stachel der Seele im
Anschauen der Schönheit verharren können?

Welja und Jessika reisen morgen nach Petersburg, Jessika bleibt bei
ihrer Tante. Wenn ich sie wiedersehe, wird sie ein schwarzes Kleid
tragen. Diese Nacht, als ich den Mond, leuchtend bleich, von dunkelm
Gewölk umgeben sah, mußte ich an ihren blonden Kopf über dem schwarzen
Kleide denken. Ach, das ist das wenigste. Sie wird wieder rosige Wangen
bekommen und lächeln und weiße Kleider tragen. Daß alles verdammt ist zu
vergehen, indem es entsteht, das ist die einzige Tragik des Lebens; weil
es das Wesen des Lebens ist, weil dies so geartete Leben das einzige
ist, das jemals unser sein kann. Ich erwarte Deine Nachricht.

                                                                  Lju.



                            Lusinja an Katja


                                                             14. Juli.

Mein Jüngstes! Heute reisen Welja und Jessika ab. Sie haben noch einen
Tag auf Lju gewartet, ihm zuletzt aber selbst davon abgeredet, die
Anstrengung des Reisens heute schon auf sich zu nehmen. Er ist
aufgestanden, aber noch schwach. Etwa drei Tage wird er gewiß noch
hierbleiben, also wirst Du ihn auf keinen Fall mehr sehen, wenn Ihr
übermorgen fahrt. Jessika hat tapfer mit ihren Gefühlen gekämpft, ich
hätte ihr so viel Selbstüberwindung nicht zugetraut. Heute war sie schon
in aller Frühe im Garten und pflückte Körbe voll Rosen, mit denen sie
das ganze Haus geschmückt hat. »Ich finde, es ist wie ein
Hochzeitshaus,« sagte sie. Dann sagte sie: »Mama, wir müssen euch doch
eigentlich recht im Wege gewesen sein, als wir gleich so nacheinander
anrückten?« Ich sagte: »Ja, wenn wir nicht selbst schuld gewesen wären,
hätten wir uns vielleicht ein bißchen geärgert.« Dein Bruder Welja, der
dazukam, sagte: »Gott, was denkst du, sie hätten sich schrecklich
gelangweilt ohne uns.« Jessika entrüstet: »Anmaßender Junge! Du mit
deiner Faulheit hast vor dem zweiten Jahre nicht gesprochen und vor dem
zehnten keinen Witz gemacht.« Nun, Du kannst Dir denken, wie zierlich
sie einander ankläfften. Und dazu das kleine Gesicht, so still und blaß
unter dem alten Kinderlachen. Gebt ihr noch recht viel Liebe an dem
letzten Tage, hörst Du, Herzblatt? Und kränke sie nicht dadurch, daß Du
etwas gegen Lju sagst. Du bist ein viel zu junges und törichtes
Glühwürmchen, als daß Du ihn richtig beurteilen könntest. Er ist
jedenfalls ein bedeutender Mensch, und vor bedeutenden Menschen muß man
die Achtung haben, daß man zunächst das Beste von ihnen denkt und im
Zweifelsfalle mit seinem Urteil zurückhält.

Was den Chauffeur anbelangt, den Tante Tatjana anstatt des alten
Aushilfsdieners zu nehmen vorschlägt, so kann sich Papa nicht dazu
entschließen, obwohl er zugibt, daß es vielleicht angenehmer für uns
wäre. Er sagt, einen ganz fremden Menschen will er nicht ins Haus
nehmen. Es käme nicht selten vor, daß die revolutionäre Partei auf diese
Art ihre Leute in die Häuser einschmuggelte, um durch sie private
Verhältnisse auszukundschaften oder sich mit der Dienerschaft in
Verbindung zu setzen. Er möchte nicht gern ein zweideutiges Element
zwischen unsre so treuen und zuverlässigen Dienstboten bringen. Da Papa
von jeder Aengstlichkeit frei ist, wird diese Vorsicht wohl berechtigt
sein. Wir bleiben also bei dem alten Kyrill, mehr als Iwan trinkt er
auch nicht, und Papa sagt, Trunkenbolde hätten die treuesten Herzen.

Ich umarme Dich, Du geliebtes Kind! Habt Euch recht lieb, alle drei, und
zankt Euch nicht auf der Reise, Du und Welja. Nennt Euch auch nicht Kalb
oder Molch oder Spatzengehirn -- das letzte geht allenfalls noch --, aus
dem Scherz könnte einmal Ernst werden, und überhaupt ist es eine
häßliche Gewohnheit, die bei Menschen, die Euch nicht kennen, Anstoß
erregen kann. Gib auch acht auf Welja, als ob Du die Aeltere wärest,
aber ohne es ihn merken zu lassen; um ihn sorge ich mich mehr als um
Dich, Du, mein Liebling, wirst schon das Rechte tun und etwas Rechtes
werden.

Also bin ich nun eine kinderlose Frau! In meinem Herzen habe ich Euch
aber, ganz fest, da seid Ihr noch klein und habt es gern, in einem
winzigen Raum geschlossen dicht bei Eurer Mama zu sitzen.

                                                            Lebe wohl!



                        Welja und Katja an Jegor


                                                 Petersburg, 16. Juli.

Lieber Papa! Als Katja in Mamas Brief Deinen Ausspruch gelesen hatte,
Trunkenbolde hätten die treuesten Herzen, trompetete sie los: »Seht ihr,
Lju ist kein Trinker! Er trank Wein nur wegen der schönen Farbe und des
Aromas!« Es wird sich nun gewiß verbreiten, Du hättest Lju entlassen,
weil er sich niemals betrunken hätte, Du wirst ein Liebling des Volkes
werden, und eine Horde taumelnder Kosaken wird Dich als freiwillige
Schutzgarde beständig umgeben. Wir haben gestern abend Tante Tatjana
überzeugt, daß sie uns zum Abschiedsessen sehr feinen Wein vorsetzte,
und Peter, der gerade im Begriff war, in einen Abstinenzverein
einzutreten, hat das deshalb bis zu unsrer Rückkehr verschoben.

Lieber Papa! Welja schreibt doch nur Dummheiten. Es ist nicht möglich,
mit ihm zu leben, ohne zuweilen Kalb oder Molch zu sagen. Mama, Du
hättest ihn von vornherein besser erziehen sollen. Mit dem Trinken hast
Du ganz recht, Papa, es war eine abgeschmackte Idee von Peter, in einen
Abstinenzverein eintreten zu wollen. Warum soll man nicht trinken, wenn
es einem schmeckt? Zu dumm! Jessika sagt, um Euch brauchte man sich
keine Gedanken zu machen, Ihr sähet beide jung und glücklich aus. So
wollen wir Euch uns unterwegs vorstellen. Mit Jessika bin ich sehr nett,
aber ein Schaf ist sie doch. Da fährt unser Wagen vor! Morgen um diese
Zeit sind wir schon über die Grenze. Unterwegs schreibe ich Dir einen
richtigen langen Brief, süße Mama.

                                                                Katja.



                           Lju an Konstantin


                                                  Kremskoje, 17. Juli.

Lieber Konstantin! Ich fahre morgen in der Frühe ab. Ich nehme das
Automobil nach Petersburg. Von da fahre ich zu meinem Vater. Ich nehme
an, daß die Schreibmaschine heute abend kommt. Es wäre mir nicht lieb,
wenn sie früher käme, weil der Gouverneur dann wahrscheinlich sofort zu
schreiben verlangen würde. Die beiden Menschen freuen sich auf ihr
Alleinsein wie glückliche Kinder. Sie wissen selbst nicht, was sie
eigentlich erwarten -- ach, mein Gott, was erwartet man überhaupt, wenn
man einem Augenblick der Liebesaufwallung entgegensieht? Was findet man?

Daß jemand anders vor dem Gouverneur die Maschine benutzt, das einzige,
was meinen Plan zerstören könnte, halte ich für ausgeschlossen. Die
Dienstmädchen getrauen sich aus Angst vor dem Gouverneur nicht, sie
anzurühren, besonders seit sie einmal entzweigegangen ist. Er hat ihnen
einmal sogar verboten, sie abzustauben, er wolle das selbst tun. Auch
wird er sie sehr bald in Gebrauch nehmen, einige Briefe hat er immer zu
schreiben, auch wird er sie nach der Reparatur probieren wollen. Ein Tag
wird nicht darüber hingehen. Vermutlich wird er an die Kinder schreiben.
Sie -- seine Frau -- was wird aus ihr werden? Das beste wäre für sie,
wenn sie an seiner Seite wäre. Sie ist es ja fast immer. Wenn ich das
nächstemal nach Petersburg komme, möchte ich Dich sehen. Zunächst
brauche ich Ruhe.

                                                                  Lju.



                           Lusinja an Jessika


                                                  Kremskoje, 17. Juli.

Jessika, mein Blümchen, Deine schönen Rosen sind nun welk, noch ehe die
Freude des Alleinseins angefangen hat. Der Garten ist aber voll neuer.
Lju reist morgen in aller Frühe ab, er hat sich schon verabschiedet,
weil er früher fährt, als wir aufgestanden sein werden. Vorhin, als wir
von einem Spaziergang zurückkamen, stand ein Mann an der Gartentür. Ich
sah ihn erst, als wir ganz nahe bei ihm waren, und fuhr unwillkürlich
zusammen. Lju lachte und sagte: »Es ist gewiß wieder der Paketbote mit
der Schreibmaschine.« Und wirklich, er war es. Ich sah ihn ganz entsetzt
und bewundernd an, und da lachte er wieder und Papa auch; es war nämlich
ganz natürlich, daß er es erriet, weil sie eigentlich schon mit der
ersten Post erwartet wurde. Denke Dir, Papa fiel gar nicht über die
Kiste her, sondern ließ Lju auspacken und sitzt jetzt noch bei mir und
spielt so schön Klavier, wie sonst niemand auf der Welt spielt.
Vielleicht duftet zur selben Zeit die Lindenblüte Deiner Stimme an Tante
Tatjanas Flügel. Du weißt doch, daß Lju gesagt hat, Dein Gesang wäre so
zart, daß man nicht sagen könnte, er klänge; er duftete. Es ist mir
gerade, als hörte ich Dich, meine kleine Holdseligkeit.

Lju sah mich wieder mit einem unergründlichen Blick an, als er mir
Lebewohl sagte; ich freue mich, daß ich diesem Blick morgen nicht mehr
begegnen werde. Aber sei ganz ruhig, ich habe ihm ein allerliebstes
Futterkörbchen für die Reise zurechtgemacht und will ihm sehr wohl. Wenn
er nicht nachtwandelte, wäre ich seine unbedingte Freundin. Denke Dir,
Väterchen hat zuletzt noch die Anwandlung bekommen, außer sich zu sein,
daß Lju fortginge, bevor er wieder auf den Beinen wäre; er wäre jetzt
krank und hinfällig und zählte nicht, und ein Mann müßte doch im Hause
sein. Da hat Papa wütend gesagt: »Bin ich denn ein Klapperstorch?«
Darüber hat Iwan erst geweint, und dann hat er gesagt, er hätte Papa
noch nie für einen Klapperstorch gehalten, aber er sollte doch gerade
beschützt werden, und sich selber beschützen könnte man nicht, so wenig
wie man sich selbst den Rücken waschen könnte. Papa fragte Mariuschka,
die uns dies berichtete: »Wer wäscht ihm denn seinen? Du?« Was sie
entrüstet verneinte; also ist das im Dunkeln geblieben.

Gute Nacht, Liebling. Wann werde ich Dir einmal Dein Haar mit Rosen
schmücken? Wer weiß wie bald! Das Schöne kommt unverhofft über Nacht.

                                                           Deine Mama.



                        Jegor an Welja und Katja


                                                  Kremskoje, 18. Juli.

Nun ihr beiden kleinen Kinder, was für ein Unsinn ist das mit dem
Trinken? Was soll ich gesagt haben? Gebildete Menschen müssen Maß
halten, das ist selbstverständlich. Wenn ein russischer Bauer nicht
trinkt, kann man auf Theorien und Berechnung schließen, auf den Hang zu
irgendeiner Vervollkommnung, und wo der tierische Trieb einmal gebrochen
ist, da tritt zunächst nichts Gutes an die Stelle. So; ihr habt mäßig zu
sein, weil ihr für gebildete Menschen gelten wollt. Unser Schutzengel
ist abgereist, ich habe augenblicklich keinen andern als Eure Mutter,
unter deren Flügeln ich mich am wohlsten befinde. Eben tritt sie hinter
meinen Stuhl, legt den Arm um mich und tut die nicht mehr neue, aber
immer wieder gern gehörte Frage: »Warum bist du so blaß, J......«



      *      *      *      *      *      *



Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
(vorher/nachher):

   [S. 52]:
   ... Zum Glück sprang Lju ein und sagt er wäre ...
   ... Zum Glück sprang Lju ein und sagte, er wäre ...

   [S. 89]:
   ... wenigstens auf Jessika. Es ist auch zu toll, daß ...
   ... wenigstens auf Jessika auf. Es ist auch zu toll, daß ...

   [S. 144]:
   ... ihnen denkt und im Zweifelfalle mit seinem Urteil ...
   ... ihnen denkt und im Zweifelsfalle mit seinem Urteil ...

   [S. 145]:
   ... Ihr noch klein und habt es gern, in einen winzigen ...
   ... Ihr noch klein und habt es gern, in einem winzigen ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der letzte Sommer - Eine Erzählung in Briefen" ***

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