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Title: Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Author: Niemann, August
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal" ***

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  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
  |                                                                  |
  | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiqua-Schrift  |
  | als ~Antiqua~.                                                   |
  | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs.       |
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Pieter Maritz,
der Buernsohn von Transvaal.

[Illustration: Andries Buurman und sein Sohn Pieter Maritz.]



                            Pieter Maritz,
                     der Buernsohn von Transvaal.

                                  Von

                            August Niemann.

      Mit 16 Tonbildern, 1 Karte und zahlreichen Textabbildungen.

                            Achte Auflage.

                            [Illustration]

                        Bielefeld und Leipzig.
                   _Verlag von Velhagen & Klasing._
                                 1910.


Alle Rechte vorbehalten.


Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld



Inhaltsübersicht.


                                                                      Seite

  _Erstes Kapitel_: In der Mordhöhle von Makapanspoort                    1

  _Zweites Kapitel_: Die Gesandten des Zulukönigs                        14

  _Drittes Kapitel_: Auf der Reise                                       28

  _Viertes Kapitel_: Heimliche Flucht                                    43

  _Fünftes Kapitel_: Die Missionsstation Botschabelo                     58

  _Sechstes Kapitel_: Lord Adolphus Fitzherbert                          71

  _Siebentes Kapitel_: Titus Afrikaner                                   88

  _Achtes Kapitel_: Unter den Räubern                                   103

  _Neuntes Kapitel_: Morimo                                             118

  _Zehntes Kapitel_: Die Bekehrung                                      134

  _Elftes Kapitel_: Die Reise in das Zululand                           152

  _Zwölftes Kapitel_: Tschetschwajo, der Zulukönig                      170

  _Dreizehntes Kapitel_: Königliche Manöver und Jagden                  188

  _Vierzehntes Kapitel_: Mainze-kanze -- Laßt den Feind kommen!         206

  _Fünfzehntes Kapitel_: Der Regenmacher                                224

  _Sechzehntes Kapitel_: Der Abschied vom Zululand                      243

  _Siebzehntes Kapitel_: Utrecht                                        262

  _Achtzehntes Kapitel_: Die Schlacht von Isandula                      280

  _Neunzehntes Kapitel_: In Pretoria                                    299

  _Zwanzigstes Kapitel_: Die Anwerbung                                  317

  _Einundzwanzigstes Kapitel_: Daheim und in englischen Diensten        335

  _Zweiundzwanzigstes Kapitel_: Die Schlacht bei Gingilowo              352

  _Dreiundzwanzigstes Kapitel_: Prinz Ludwig Napoleon                   376

  _Vierundzwanzigstes Kapitel_: Die Schlacht von Ulundi                 392

  _Fünfundzwanzigstes Kapitel_: König Tschetschwajos Gefangennahme      409

  _Sechsundzwanzigstes Kapitel_: Von Pretoria nach Kimberley            424

  _Siebenundzwanzigstes Kapitel_: Von Kimberley nach Bloemfontein       442

  _Achtundzwanzigstes Kapitel_: Die Rekognoszierung                     461

  _Neunundzwanzigstes Kapitel_: Der Kampf bei Langes Nek                480

  _Dreißigstes Kapitel_: Der Kampf bei Schains Hoogte                   498

  _Einunddreißigstes Kapitel_: Im feindlichen Lager                     521

  _Zweiunddreißigstes Kapitel_: Die Erstürmung des Majuba               539

  _Schluß_                                                              555



[Illustration]



Erstes Kapitel

In der Mordhöhle von Makapanspoort


An einem Nachmittage des Monats Januar 1878 zog ein einzelner Reiter,
neben dessen Pferd ein Knabe von etwa vierzehn Jahren einherschritt,
durch das Thal des Nylflusses, welches die langgestreckten Höhenzüge der
Waterberge im Lande Transvaal in Südafrika durchbricht.

Die Strahlen der Sonne fielen in blendender Klarheit vom unbewölkten
Himmel herab und erzeugten in dem engen Thale eine brennende Glut. Nur
langsam bewegte der kleine Zug sich vorwärts, das Pferd ging einen müden
Schritt, der Reiter hatte sein bärtiges Haupt auf die Brust gesenkt, und
der Knabe, welcher mit einer Hand den Steigbügelriemen gefaßt hatte,
blickte oft voll Besorgnis zu dem Gesicht des Mannes empor.

Der Reiter war von gewaltigem Wuchse, breit von Brust und Schultern und
mit langen Beinen. Er hatte ein kriegerisches Aussehen, obwohl keine
Abzeichen militärischer Art seinen Anzug als den eines Soldaten
kenntlich machten. Sein Gesicht war von Wind und Wetter gebräunt, ein
Hut mit sehr breitem Rande bedeckte sein Haupt, über der dunkelgrauen
Bluse trug er einen Gurt von Büffelleder, an welchem ein Hirschfänger
herabhing; über die eine Schulter gehängt war ein breiter Lederriemen,
der der ganzen Länge nach mit metallenen Patronen besteckt war, und über
der anderen Schulter trug er eine Büchse. Seine Füße steckten in hohen,
bis zum Knie reichenden Stiefeln mit schweren Sporen.

Gleich dem Reiter war auch das Pferd seinem Aussehen nach an die
Beschwerden der Märsche, der Jagd und des Krieges gewöhnt. Es war ein
schönes starkes Tier von brauner Farbe, an dessen Brust und Hals einige
hellere Streifen im Haar die Narben empfangener Wunden, sei es von
Kugeln oder den Wurfspießen der Schwarzen kennzeichneten. Seine feinen,
nervigen Beine zeigten eine außerordentliche Muskelkraft an, sein
schlanker Hals war mit einer langen, leichten Mähne geziert, seine Augen
glänzten von Klugheit, sein Kopf war zierlich und gedrungen, sein langer
Schweif peitschte die Flanken. Kleine runde Narben über den
Sprunggelenken ließen erkennen, daß es die Krankheit der
südafrikanischen Wildnis überstanden hatte und nun allen Strapazen jenes
Landes gewachsen war. Es war ein gesalzenes Pferd, wie die europäischen
Kolonisten sich dort ausdrücken.

Welches aber der Grund davon war, daß das Tier so langsam ging und der
Reiter sowohl wie der ihn begleitende Knabe so traurig aussahen, das war
bei näherer Betrachtung leicht zu erkennen. Die linke Hand des Reiters
hing bewegungslos an seiner Seite herab, und die Zügel lagen in der
rechten. Dazu war diese gelähmte Hand mit einer Binde umwunden, welche
von Blut gefärbt war, wie aus einer frischen Wunde. Außerdem aber war
die Bluse auf der Brust mit dunkelroten Flecken reichlich bedeckt, und
es war zu erkennen, daß auch hier, so nahe dem Sitze des Lebens, die
Geschosse der Feinde bedrohlich gewirkt hatten. Auf diese Flecke und auf
das Antlitz des verwundeten Mannes richteten sich die Blicke des
besorgten Knaben an seiner Seite. Er hielt sich dicht am Pferde und war
bereit, dem Vater eine Stütze zu sein, falls dieser etwa, vom
Blutverlust geschwächt, nicht mehr imstande sein sollte, sich allein im
Sattel zu halten. Er war ein kräftiger Knabe, dem Vater ähnlich an
Gestalt. Unter seinem Hute hervor wallten blonde Locken bis auf den
Kragen seiner Bluse herab und umrahmten ein frisches Gesicht mit hellen
blauen Augen. Er war gleich dem Vater umgürtet und trug ein Waidmesser
an der Hüfte, doch weiter keine Waffen. Ebenso trug er die hohen
Stiefel, in welche die weiten Beinkleider hineingesteckt waren, doch
keine Sporen.

»Wir werden unsern Marsch nicht lange mehr fortsetzen können, ich fühle
mich zu schwach, mein Junge,« sagte in holländischer Sprache der Vater.
»Und wer weiß, ob diese schwarzen Teufel uns nicht doch überholen, wenn
sie die Richtung entdecken, in der wir ihnen entwischt sind. Aber ich
weiß ein Versteck hier in dieser Gegend, dort wollen wir uns verbergen.
Es ist mir um dich zu thun, Pieter Maritz, mein guter Sohn, denn was
mich betrifft, so fühle ich wohl, daß es mit mir zu Ende geht.«

Indem der Reiter diese Worte mit schwacher Stimme sprach, lenkte er sein
Pferd seitwärts nach dem Abhange des Berges zur Linken hin, in ein
Dickicht. Das von der Sommerhitze verbrannte, lange, braune Gras,
welches unter den Hufen des Pferdes und den Füßen des Knaben knisterte,
hörte hier auf, und der Boden war mit frischen grünen Gewächsen bedeckt.
Im Schatten hoher Agaven, deren gelbe Blumen hoch über dem Kopfe des
Reiters leuchteten, hatte sich die Erde von dem letzten Gewitterguß
feucht erhalten, und brennend rote Pelargonien, sowie die
schirmförmigen, himmelblauen Blütenrispen der Kaplilie schimmerten
zwischen dem Grün. Der Reiter richtete einen forschenden Blick auf die
Gestalt der Felsen, deren rotbraune Flächen zwischen den Büschen
hindurchschienen, und trieb das Pferd tiefer in das unwegsame Dickicht
hinein. Kaktusbüsche von mannigfaltiger Gestalt, mit furchtbaren
Stacheln bewaffnet, versperrten hier und dort den Weg und nötigten zu
Umwegen, Schlingpflanzen zogen sich von Busch zu Busch und erschwerten
das Vorwärtskommen. Endlich aber war die gesuchte Stelle erreicht. Eine
mit grünem Moose überzogene Felswand zeigte sich dem Blicke. Hierher
schien die Sonne nicht, denn sie richtete ihre Strahlen auf die andere
Seite des Gebirges, und die Felswand lag im Schatten. Ein erfrischender
Hauch ging von ihr aus, so daß das Pferd den Kopf erhob und mit den
heißen Nüstern durstig schnupperte. Silberhelles Wasser rann in
unzähligen Tropfen die Moosdecke hinab und bahnte sich einen Weg nach
dem Thale hin.

Der wunde Mann hielt das Pferd an und sah mit schwermütiger Miene rings
um sich. Es war hier ganz still, nur das leise Rieseln des Wassers war
vernehmbar, und aus der Ferne tönte von dem verlassenen Dickicht her der
Ruf eines Pavians, der auf Wachtposten vor seiner Herde stehen und die
Nähe des Menschen gewittert haben mochte.

»Lange Jahre ist es her, daß ich zuletzt hier war,« sagte der Verwundete
leise, »und ich hatte nicht gedacht, daß ich diesen Ort wiedersehen
sollte.«

Er ließ das Pferd wieder angehen und lenkte eine kurze Strecke weit
längs der Felswand hin, bis sich in dieser eine Kluft eröffnete. In
diese ritt er hinein, und der Knabe hielt sich dicht an seiner Seite.
Auf beiden Seiten stiegen die Felsen schroff empor, und ihre
Moosbekleidung ward von einem schräg und schmal hereinfallenden
Sonnenblick wie mit Gold übergossen. Jetzt zeigte sich in der Kluft ein
schmaler Einschnitt in der Wand zur Rechten, kaum breit genug, um Pferd
und Reiter hindurchzulassen. Hier hinein ging der Weg. In der Dämmerung,
die hier herrschte, ward es dem Knaben, der jetzt dem Pferde folgte,
nicht leicht, die Gegenstände ringsum zu erkennen, doch schritt er dicht
hinter dem Tiere weiter. Er bemerkte zur rechten Seite einen tiefen
Schlund, der schwarz und unabsehbar, wie ein Brunnen, nur mit weit
größerer Öffnung, sich hinabsenkte, zur linken Seite dagegen eröffnete
sich gleich darauf eine breite mächtige Halle. Auch hier herrschte ein
dämmerndes Licht, welches vom Himmel herab durch irgend welche Spalten
oder Löcher hereinfallen mußte, und nur undeutlich zeichneten sich an
der hohen Wölbung lange spitze Zacken von Tropfstein ab, welche wie
Zieraten herabhingen. Von der Halle aus ging es in eine schräg
abfallende Höhle, die mit Schutt und Geröll bedeckt war, und an deren
Ende führte ein schmaler Eingang in eine zweite hochgewölbte natürliche
Halle. Hier war der Boden mit Wasser bedeckt, welches dem Knaben
anfänglich bis über die Knöchel reichte. Das Wasser wurde tiefer, je
weiter die Flüchtigen in den Berg hinein vordrangen, und es ging dem
Pferde bis über die Kniee, als der Reiter zur Seite und aufwärts lenkte,
um eine neue Höhle zu erreichen, welche höher lag. Diese bildete einen
weiten Saal von etwa dreißig Fuß Höhe, und man blickte von hier aus in
eine lange Reihe von anderen ähnlichen Gewölben, deren Ende nicht
abzusehen war. Es schien dem Knaben, als befinde er sich in einem
unterirdischen Palaste, von dem er wohl die Großmutter in ihren Märchen
hatte erzählen hören, und voll Staunen blickte er in den dämmerigen
Räumen umher. Ein sonderbares Glitzern und Flimmern, wie von vielen
geschliffenen Glasflächen, erfüllte diese unter der Oberfläche des
Berges befindlichen Säle und war in der Ferne noch heller als an dem
Orte, wo sein Vater jetzt das Pferd anhielt. Doch nicht ohne Schaudern
gewahrte der Knabe eine Menge von Gegenständen, die den Boden
bedeckten. Es waren gebleichte Knochen in großer Zahl. Hier starrte der
Schädel eines Menschen mit leeren Augenhöhlen empor, und daneben lagen
lange weiße Arm- und Beinröhren, deren Fleisch, und Blut vor vielen
Jahren schon dahingeschwunden war. Dort lag ein ganzer Haufen von
Knochen wirr durcheinander. Auch Schädel von Ochsen, an deren Stirn die
langen, gewundenen spitzigen Hörner emporragten, lagen zwischen den
Gebeinen der Menschen umher. Neben den Gerippen aber waren es noch
andere Gegenstände, welche die Aufmerksamkeit des Knaben erregten. Da
lagen zerbrochene Wurfspieße und Streitäxte, Bogen und Pfeile, dazu
geflochtene Matten, Thonkrüge, Trinkflaschen der Kaffern, Tabaksdosen,
allerhand Schmuckstücke, wie Halsketten von Tigerzähnen und kupferne
Armringe, auch Mäntel von Fell und sonstige Gegenstände, welche von den
afrikanischen Stämmen getragen werden. Das lag alles in wüster Unordnung
durcheinander und machte auf den Knaben einen schauerlichen Eindruck.
Denn diese unterirdischen Höhlen erschienen ihm wie die Grabstätte eines
ganzen Volkes, und der Schimmer der Tropfsteingebilde an der Decke
machte den Greuel am Boden nur noch deutlicher.

Auch auf den Vater selbst wirkte dieser Ort mit der Gewalt von etwas
Unheimlichem, und als der Sohn ihm fragend ins Gesicht sah, schüttelte
er den Kopf und wies nach einer Ecke der Höhle hin, wo sich eine
kleinere Abteilung, einer Nische gleich, befand und wo dichtes Moos die
Erde bedeckte, aber keine jener schrecklichen Überbleibsel lagen.

Mühsam stieg er alsdann, von dem Knaben gestützt, vom Pferde und ging
wankenden Schrittes, auf dessen Schulter gelehnt, nach der bezeichneten
Nische, die wie mit grünem Teppich bekleidet war. Dort breitete Pieter
Maritz den Mantel, welchen er vom Rücken des Pferdes genommen hatte, auf
dem Boden aus, nahm dem Vater die Büchse und den Patronengurt ab und
half ihm sich niederzulegen. Stöhnend sank der gewaltige Mann hin und
flüsterte mit trockenen, fieberheißen Lippen: »Wasser.«

Pieter Maritz blickte sich um und sah, daß das Pferd, welches sich
selbst überlassen geblieben war, seinem Instinkt folgend, dem Geruche
frischen Wassers nachgegangen war und am andern Ende der Höhle mit
niedergebeugtem Kopfe trank. Er ergriff eine der am Boden liegenden
Trinkflaschen und ging eben dorthin, wo ein Quell aus dem Felsen
hervorrieselte und ein schmales Bächlein bildete, das abwärts nach
jener Höhle lief, durch welche sie gekommen waren. Hier spülte er die
Trinkflasche sorgfältig rein, füllte sie und brachte den Trank seinem
nach Labung lechzenden Vater. Dieser trank mit begierigen Zügen und sank
dann mit einem Seufzer der Erleichterung auf sein Lager zurück. Der
Knabe kniete neben ihm nieder und betrachtete traurig sein bleiches
Gesicht.

»Wir sind hier sicher vor Verfolgung,« hub der Verwundete nach einer
Weile an. »Kein Kaffer wird sich hierher wagen, denn sie fürchten sich
vor den Toten. Ein furchtbarer Kampf war hier vor mehr als zwanzig
Jahren. Ich war mit dabei. Hier in dieser Höhle hatten sich Tausende von
Schwarzen eingeschlossen, um sich gegen uns zu verteidigen, aber wir
häuften Strauchwerk vor den Eingängen auf und zündeten es an, so daß sie
alle im Rauche erstickten.«

»Wir haben dieses Land mühsam erobern müssen,« setzte er nach einer
Pause hinzu, als der Knabe ihn mit dem Ausdruck des Entsetzens
anblickte. »Entweder unser Blut mußte fließen oder das unserer Feinde.
Doch laß mich noch einmal trinken, ich fühle ein Brennen in meinem
Blute, und ich fürchte, der Pfeil, der meine Hand traf, ist vergiftet
gewesen.«

Der Knabe reichte ihm von neuem die Trinkflasche, er leerte sie
vollständig und schloß dann die Augen, um zu schlafen. Der Knabe aber
stand auf und ging zu dem Pferde. Er nahm ihm den Sattel ab und streifte
ihm den Zaum über den Kopf, legte beides zur Seite nieder und ließ dem
Tiere völlige Freiheit. Es rieb, ihm gleichsam dankend, seinen Kopf an
des Knaben Schulter, schüttelte sich und ging dann, nach Futter suchend,
zur Höhle hinaus.

Als der Knabe wieder zu seinem Vater zurückkehrte, fand er ihn noch mit
geschlossenen Augen daliegend, aber sein Atem war unregelmäßig und seine
Hände und Arme zuckten unruhig. Der Knabe sah diese Anzeichen des
Fiebers mit tiefer Besorgnis. Er preßte die Hände auf die Brust und
murmelte leise eine Bitte zu Gott, dem Vater in dieser Not beizustehen.
Der Mann mußte die Nähe seines Sohnes spüren, er öffnete die Augen, dann
bewegte er den Kopf, richtete sich auf und blickte den Sohn an.

»Es geht schnell zu Ende,« sagte er. »Grüße deine Mutter und
Geschwister, ich werde sie nicht wiedersehen. Bleibe ein frommer Junge
und behalte dein Vaterland lieb. Sei immer treu und wahrhaft und tapfer,
Pieter Maritz, und bedenke, daß deine Väter dieses Land mit ihrem Leben
erkauft haben.«

Er schwieg, da ihm die Kraft zum ferneren Sprechen ausging, und trank
noch einmal aus der Flasche, die Pieter Maritz von neuem mit Wasser
gefüllt hatte.

»Wir haben nur einen Feind,« sagte er dann, während in seinen Augen ein
zorniges Licht aufblitzte. »Dieser Feind ist England. Hätten die
treulosen Engländer nicht die elenden Kaffern ermutigt, so hätten diese
nie gewagt, sich gegen uns aufzulehnen. Es ist die Hand der Engländer,
die deinen Vater getötet hat, Pieter Maritz, das vergiß nicht.«

»Ich werde es nicht vergessen,« sagte der Sohn, dem Vater mit festem
Blick ins Gesicht sehend.

Der sterbende Mann heftete seine Augen lange auf des Knaben offenes und
ehrliches Gesicht, und der tröstliche Gedanke, daß er einen Sohn von
männlichem Sinne zurücklasse, goß Balsam in seine Seele. Er legte von
neuem den Kopf auf das Lager zurück und sprach mit flüsternden Lippen
ein Gebet.

Der Knabe, welcher neben ihm kniete, faltete die Hände, und ein Gefühl
des tiefsten Schmerzes durchdrang seine Brust. Er sah, daß das Ende des
geliebten Vaters schnell herannahte. Noch eine halbe Stunde wohl bewegte
die Brust des tödlich Verwundeten sich auf und nieder und verkündigte,
daß das Leben noch nicht entflohen war. Diese Zeit erschien dem Sohne
wie eine unermeßliche Reihe voll trauriger Bilder. Er sah sich noch als
Kind, umgeben von der Sorgfalt des nun Dahinscheidenden, er sah sich
heranwachsend und von dem Vater den Gebrauch des Gewehrs und der Zügel
lernend. Diese kraftvollen Hände sollten nun erlahmen, diese starke
Gestalt, zu der er sein Lebenlang voll Ehrfurcht aufgeblickt, sollte
dahinschwinden. Jetzt richtete sich der Blick des Vaters noch einmal
voll Liebe auf den Sohn, ein Schauer durchlief den Körper, ein Zucken
bewegte alle Glieder, und es war alles vorbei.

Pieter Maritz brach in ein stilles Weinen aus, welches seine Brust
krampfhaft erschütterte. Er drückte dem Vater die Augen zu und blieb
noch lange auf den Knieen neben ihm.

»O Vater, Vater!« rief er einmal über das andere. »O lieber Vater, bist
du dahingeschieden und hast mich zurückgelassen? Hätte mich doch die
Wunde getroffen! Hätte ich doch für dich sterben dürfen! Nun ist die
Mutter verlassen, nun sind wir Kinder verwaist!« Er warf sich über die
Brust des Toten, als könnte seine Umarmung das entflohene Leben
zurückrufen, er preßte seinen Mund auf die bleichen Lippen und
schluchzte voll Jammer.

Endlich, als der Körper des Toten erkaltete und als der Gedanke, daß der
geliebte Vater wirklich aus dem Leben geschieden sei, ihm völlig klar
geworden war, stand er auf und dachte an sein eigenes Schicksal. Doch
nur zögernd vermochte er sich von dem toten Körper loszureißen. Der
Gedanke, ihn zu verlassen, ihm kein christliches Begräbnis geben zu
können, war ihm furchtbar. Noch einmal warf er sich in inbrünstigem
Gebet neben der Leiche auf die Kniee, dann erhob er sich und ging mit
schwerem Herzen. Er beschloß, zu den Seinigen zurückzukehren. Aber wie
sollte er sie finden? Die Gemeinde der Buern, zu welcher er gehörte, war
von ihrem Standorte aufgebrochen, weil ein benachbarter Betschuanenstamm
sich in feindlicher Absicht in ihrer Nähe gezeigt hatte. Es war zu
Kämpfen gekommen, die sich in Angriff und Verfolgung über weite Strecken
Landes hingezogen hatten. Wo mochte jetzt die Gemeinde sein?

Der Knabe ging bis zum Ausgang der Höhle, und da er das Pferd nicht sah,
setzte er die Hand an den Mund und ließ einen gellenden Pfiff von
besonderer Art ertönen. Es währte nicht lange, da hörte er den Schritt
des treuen Tieres, welches sich gehorsam näherte. Er streichelte es,
umarmte seinen schlanken Hals und benetzte die seidenweiche Mähne mit
Thränen. Es war ihm, als umarme er einen Freund, der seine einzige
Stütze in großer Not sei. »Du und ich, alter Jager, wir sind jetzt
allein,« sagte er, ihm die Nüstern liebkosend. Dann legte er ihm den
Zaum an und schnallte ihm den Sattel auf den Rücken, verkürzte die
Steigbügelriemen, so daß sie für ihn passend wurden, hing die schwere
Büchse und den breiten Patronenriemen über die Schultern und stieg auf
das Tier. Er war breitschulterig und stark gebaut, nach der Art seines
Vaters, und wenn ihn auch dessen Ausrüstung belastete, so war ihm doch
der Druck nicht zu schwer. Er warf noch einen Blick zurück, einen Blick,
dessen Erinnerung sich für immer seinem Gemüte einprägte, und ritt dann
den Weg zurück, den er gekommen war.

Als er den letzten Ausgang der Höhle erreicht hatte und aus der Spalte
hervorkam, welche ein schmales Eingangsthor in dem moosüberkleideten
Felsen bildete, sah er, daß die Sonne schon tief am Horizonte stand und
daß der Einbruch der Nacht in etwa einer Stunde zu erwarten war. Es galt
also, die Zeit zu benutzen, um noch vor der Dunkelheit ein tüchtiges
Stück Weges zurückzulegen. Er lenkte sein Pferd nach rechts, um
denselben Pfad durch das Dickicht zurückzureiten, welcher ihn hierher
geführt hatte, aber das Tier widersetzte sich und zeigte eine
beharrliche Neigung, nach links zu gehen. Weder Zurufe noch Zügeldruck
wirkten, es stemmte zuerst seine Vorderfüße fest in den Boden und fing
dann an, auf den Hinterbeinen in die Höhe zu steigen.

»Nun gut,« sagte sich Pieter Maritz, »vielleicht weißt du besser als
ich, welches der richtige Weg ist.«

Er legte dem Tier die Zügel auf den Hals, und alsbald wandte es sich
links und ging in schnellem, munterem Schritt vorwärts. Ruhe, Wasser und
Futter hatten es neu gekräftigt. Zufrieden sah der Knabe, daß Jager mit
großem Geschick, als sei er in dieser Wildnis zu Hause, die stachlichten
Büsche der Kaktus und der Giraffen-Akazie umging und seinen Weg durch
die an manchen Stellen undurchdringliche Waldung fand. So ging es eine
Strecke weiter, und dann öffnete sich ein Felsenthal, wo im Grunde ein
halbvertrocknetes Bächlein rieselte und allerhand wunderlich gebildete
mächtige Steine den Weg von beiden Seiten einfaßten. In
Zickzack-Windungen ging es zwischen Büschen und Felsen immer weiter, oft
stiegen hohe spitze Felsen wie Türme düster empor, und das tiefe
Schweigen dieses Thales ward nur durch das Grunzen einzelner Paviane
unterbrochen, welche den Reiter in der Ferne begleiteten und mit großen
Sätzen von Stein zu Stein sprangen. Aber nach und nach wurden dieser
Tiere mehr, und als Jager unruhig schnob, fingen sie an zu schnattern,
die Zähne zu fletschen und laut zu rufen, so daß ihrer Hunderte von
allen Seiten zusammenliefen. Sie kamen oft nahe an Pieter Maritz heran,
grinsten ihn an, streckten ihre Mäuler vor, zogen die Stirnhaut empor
und schienen Lust zu einem Angriff zu haben. Pieter Maritz nahm die
Büchse von der Schulter und drohte ihnen, indem er ihnen die Mündung
zeigte. Es war ein ausgezeichnetes Gewehr, ein Martini-Henry, dessen
Magazin ihn in den Stand setzte, zwölf Schüsse hintereinander abzugeben,
ohne neu zu laden. Aber er hütete sich wohl zu schießen, da er die Natur
dieser Affen kannte. Hätte er einen von ihnen verwundet, so würden sie
ihn in Stücke gerissen haben, ehe er den zweiten Schuß hätte abfeuern
können. So begnügte er sich damit ihnen zu drohen, und sie schienen das
zu verstehen und griffen nicht an, obwohl einzelne so nahe kamen, daß
sie seinen Hut streiften, als er an einem überhängenden Felsen
vorüberritt, auf dem sie hockten.

Doch jetzt kam Befreiung aus dieser Not. Das enge Thal öffnete sich
plötzlich, eine weite Ebene dehnte sich dort aus, und die häßlichen
Affen scharten sich am Ausgange zu einer schnatternden lärmenden
Versammlung, als ob sie einen Rat hielten, was sie thun sollten. Pieter
Maritz hatte wohl Lust, dem größten unter ihnen, einem wild aussehenden
Burschen, der ihn zähnefletschend von einem Stein herab ansah, zum
Abschied eins auf den Pelz zu brennen, und zweimal war sein Zeigefinger
schon im Begriff, an den Drücker zu rühren, aber er sagte sich: Ich bin
davongekommen, ich will dankbar sein. Er zog den Kolben von der Backe
herunter, warf das Gewehr über den Rücken und ergriff die Zügel, als
Jager jetzt aus dem Thal ins Freie trat und alsbald in eine schnellere
Gangart fiel.

Auch dem Pferde war angst gewesen. Der Schweiß lief ihm vom Körper
herab, obwohl es der vielen Steine und verschlungenen Wurzeln wegen
hatte im Schritt gehen müssen. Sobald es jetzt auf die freie Ebene kam,
schnob es tief und kräftig, hob den Kopf und setzte sich in den
schnellsten Galopp. Pieter Maritz drückte den Hut fester auf den Kopf,
beugte sich vor und ließ Jager laufen, wie er laufen wollte. Das Tier
bewahrte die Schnelligkeit, durch die es berühmt war und die ihm den
Namen Jager verschafft hatte, da es auf der Jagd das Wild von fern
witterte, ehe noch der Reiter es erblicken konnte, und selbst die
Antilope und den Strauß überholte. Wie die Windsbraut fegte Jager mit
seiner leichten Last über die Ebene dahin.

Aber die Sonne neigte sich zum Untergange. Ihre schrägen Strahlen
übergossen das Land mit rotgoldenem Lichte und ließen das Heidekraut,
über welches die Hufe des Rosses dahineilten, weithin, soweit das Auge
blickte, wie einen roten Teppich erscheinen. Der Schatten von Roß und
Reiter war riesengroß angewachsen und begleitete den eiligen Ritt gleich
einer am Boden hinfliegenden sonderbar gestalteten Wolke. Jetzt sank die
Sonne unter den Horizont, und mit einem Schlage verbreitete sich völlige
Finsternis über Himmel und Erde. Pieter Maritz spähte sorgenvoll umher.
Was sollte er beginnen? Sollte er das Pferd anhalten und auf freier
Ebene die Nacht verbringen? Aber schon hörte er in der Ferne den Ruf der
Schakale und Hyänen, welche ihre Schlupfwinkel verließen, um ihrer Beute
nachzugehen. Sollte er versuchen, beim Schein der jetzt am Himmel hell
aufleuchtenden Sterne ein Gebüsch zu erreichen, wo er hoffen durfte, ein
Feuer anzünden zu können, um die Raubtiere während der Nacht fern zu
halten? Aber er fürchtete, durch den Schein des Feuers etwa
umherstreifende Kaffern herbeizulocken, die ihm, dem einzelnen Knaben,
gefährlich werden konnten. Er beschloß nichts zu thun, sondern im Sattel
zu bleiben und sich ganz der Führung des Pferdes zu überlassen. Jager
war mit Einbruch der Dunkelheit in Schritt verfallen und verschnaufte
von dem meilenweiten schnellen Lauf. Er ging vorsichtig weiter und
spitzte die Ohren. Der Knabe zog ein Stück getrocknetes Antilopenfleisch
aus der Tasche und aß. Er hatte seit dem Morgen nichts genossen, und nur
die Aufregung des ereignisreichen Tages hatte seinen Hunger betäubt.
Jetzt aß er mit gierigem Appetit das ganze Fleisch, welches er bei sich
trug, und trank dazu von dem Wasser, das er vorsichtigerweise in der
Trinkflasche aus der Höhle mitgenommen hatte.

Währenddessen erhellte sich die Nacht immer mehr, die Sterne funkelten
mit Brillantlicht, und die Mondsichel erschien in reiner silberner
Klarheit über der schwarzen runden Linie, die im Osten die Erde vom
Himmel abschnitt. Aber während das Licht dem Geiste des Knaben
Beruhigung einflößte, wurde er zugleich auch darauf aufmerksam, daß die
Wüste lebendiger wurde. Das entfernte Heulen und lachende Bellen der
Hyänen und Schakale, welches ein seinem Ohre wohlbekannter Ton war,
verstärkte sich und schien näher zu kommen. Auch Jager mußte diese
unheimlichen Laute vernommen und verstanden haben. Er schnob kräftiger,
und sein Gang ward unruhig. Er stutzte zu Zeiten und schnupperte, als
wollte er die Luft nach Anzeichen von Gefahr durchforschen, und setzte
sich dann mit hoch emporgehobenen Füßen wieder in Bewegung.

Mit einem Male erscholl ein neuer Ton über die Wildnis dahin, welcher
für kurze Zeit alle übrigen verstummen machte. Er klang aus weiter Ferne
und war nicht laut, aber es war eine erschütternde Kraft in der Art und
Weise seines Klanges. Es war wie ein Donner aus einer fernen Wolke, ein
langhin hallender tiefer Klang. Jager stemmte im Schrecken seine vier
Füße fest gegen den Boden und bog sich zusammen. Pieter Maritz fühlte,
wie des Pferdes Flanken zitterten. Es hatte die Stimme des Löwen
erkannt. Dann sprang es mit einem ungeheuren Satze vorwärts, so daß der
Knabe seiner ganzen Reitkunst bedurfte, um sich im Sattel zu erhalten,
und flog in erneutem Galopp über den Boden hin. Seine Müdigkeit schien
völlig verschwunden zu sein, die Angst gab ihm Flügel, und schneller
noch als vorhin jagten seine Hufe über das Heidekraut. Noch einmal und
ein drittes Mal erklang nach langen Pausen der fürchterliche Ton,
welcher die Stimmen der schwächeren Raubtiere zum Schweigen brachte,
und das Brüllen schien näher zu kommen. Kein Spornstreich hätte Jagers
Eile so beschleunigen können. Pieter Maritz ließ ihm die Zügel und
überließ sich völlig dem Instinkt des edlen Tieres. Er bemerkte, daß es
eine bestimmte Richtung festhielt und selbst in seiner Angst nicht von
ihr abirrte. Pfeilgerade lief es nach Südosten, wie der Knabe an dem
Stande der Sonne gemerkt hatte und jetzt an der Stellung der Sternbilder
sah. So wurde Meile nach Meile zurückgelegt, die Nachtluft pfiff durch
des Knaben Locken und ließ die weiche Mähne und den langen Schweif des
Rosses nach rückwärts flattern. Sollte es immerfort, ohne das Ziel zu
erreichen, so weitergehen, bis Erschöpfung dem Rennen ein Ende machte?

Da wurde der Knabe auf einen Schimmer aufmerksam, der gerade vor ihm mit
mattem, rötlichem Schein den Himmel färbte. Der Schimmer war nahe über
der Erde und verlor sich nach oben in einem weißlichen Streifen, gleich
einer leichten Wolke. Er ward immer deutlicher, je weiter der Ritt ging,
und frohe Hoffnung ließ des Knaben Herz lebhafter pochen. Er erkannte,
daß der rote Schein nur von einem großen Feuer ausgehen konnte, und wo
das Feuer war, da mußten auch Menschen sein. Seine Hoffnung täuschte ihn
nicht. Bald sah er deutlich die roten Flammen mehrerer Lagerfeuer und
den Qualm und Rauch brennender Rhenosterbüsche gen Himmel steigen.

Er jauchzte vor Freude, als er näher kam. Das treue kluge Tier hatte ihn
zu den Seinigen zurückgetragen. In einem großen Kreise standen wohl
zwanzig riesige Wagen mit hell schimmernden runden Verdecken, zahllose
langhörnige Ochsen waren teils an diesen Wagen festgebunden und teils in
einem von Stricken umzäunten Pferch versammelt. Mehrere Feuer inmitten
der Wagenburg loderten empor, und ihr rotes Licht, welches bald hell
flammte und bald einen düstern Schein aus erstickendem Rauch warf,
erhellte den ganzen Umkreis.

Pieter Maritz drängte sein Pferd zwischen dem Vieh hindurch in den Kreis
der Wagen und sah an dem größten der Feuer eine zahlreiche Versammlung
von Buern, Männer und Frauen, darunter auch seine eigene Familie lautlos
versammelt. Sie hörten der Abendandacht zu, welche ein stattlicher Mann
mit unbedecktem, weißem Haupte und langem, weißem Bart hielt. Pieter
Maritz kannte diesen Mann nicht, hörte aber an seiner Aussprache des
Holländischen, daß es ein Deutscher sein müsse. Als Kanzel diente dem
Prediger der Vorderkasten einer der großen Wagen, so daß er über der
schweigenden und andächtigen Gemeinde stand. Sein ehrwürdiges Antlitz
war vom Feuerschein hell beleuchtet. Er sprach über die Verwüstung, die
der letzte Kampf angerichtet habe, und tröstete seine Zuhörer über ihre
Verluste. Zuletzt stimmte er mit starker Stimme und dem Ausdruck
unerschütterlicher Zuversicht eine Hymne an und sang:

    Für eine Zeitlang wohl mag Satan siegen,
    Sein finstres Reich hält er für sicher dann,
    Gerechter Männer Bitten unterliegen,
    Des Himmels frohe Botschaft langt nicht an.
    Doch harr' im Glauben aus, bald wird ersprießen
    Das Samenkorn, das zu ersticken schien,
    Von Zions Höhen wird ein Regen fließen
    und fruchtbar durch das Land der Dürre ziehn.
    Dann lacht die Flur und wird mit Grün sich schmücken
    Jehovahs Preis das bange Herz beglücken.

[Illustration]



[Illustration]



Zweites Kapitel

Die Gesandten des Zulukönigs


Als sich nach der Beendigung des nächtlichen Gottesdienstes unter den
Familien der hier versammelten Buern die Nachricht verbreitete, daß
Pieter Maritz allein zurückgekehrt war und seinen Vater verloren hatte,
da erhob sich allgemeines Klagen. Es war ein schlimmer Tag gewesen.
Außer Andries Buurman, der in der Höhle von Makapanspoort sein Leben
ausgehaucht hatte, war noch ein anderer tapferer Mann im Kampfe tot
geblieben, und drei Buern lagen an ihren Wunden danieder. Klaas Buurman,
der Bruder des Andries und Oheim des Knaben Pieter Maritz, ließ sich von
seinem Neffen erzählen, was geschehen war, und führte ihn dann zu einem
der großen Wagen, wo die Familie des Verstorbenen wohnte. Hier lagen des
Knaben jüngere Geschwister, eine stattliche Schar von fünf Knaben und
drei Mädchen, in sanftem Schlummer unter der schirmenden, hochgewölbten
Decke, neben dem Wagen aber war eine Frau von starkem Wuchse eifrig
beschäftigt, für die Zugochsen zu sorgen. Zwei Schwarze in wollenen
Hemden mit nackten Armen und Beinen gingen ihr dabei gehorsam zur Hand,
schütteten den Tieren Heu vor, gaben ihnen Wasser und wuschen ihnen die
vom Joche wund gedrückten starken Nacken. So erfüllte die wackere
Gattin außer den Pflichten der Mutter auch die des Hausherrn.

Als sie ihren ältesten Sohn mit den Waffen und dem Pferde des Vaters in
Begleitung des Klaas langsam und mit bekümmerter Miene herankommen sah,
ging sie ihnen festen Schrittes entgegen, strich das lange goldblonde
Haar vom Gesichte zurück und blickte ihren Sohn fragend an. Sie hörte
die traurige Botschaft, und die Thränen rannen ihr langsam und schwer
über die Wangen herab. Währenddessen drängten sich die schwarzen
Dienstboten heran, indem sie die Ochsen und den Wagen verließen,
wechselten Blicke untereinander und murmelten: »Der Baas ist tot, der
Baas ist tot.«

»Elisabeth, dein Mann ist tot,« sagte Klaas Buurman, indem er der
bekümmerten Frau seine breite Hand auf die Schulter legte, »aber vergiß
nicht, daß ich sein Bruder bin. Ich will auch dein Bruder sein.«

Die Frau drückte ihm die Hand, und dann umarmte sie ihren Knaben und
weinte an seinem Halse. Endlich richtete sie sich auf, wischte die
Thränen ab und sagte: »Pieter Maritz, das Pferd ist müde.«

Der Knabe führte das Tier zur Seite und versorgte es, die Frau schickte
die Schwarzen an die Arbeit zurück und legte selbst mit Hand an, Klaas
aber wandte sich zu seinem eigenen Wagen.

Pieter Maritz hatte sich einen Haufen von Büschen neben dem Lager
zurecht gelegt, das er für Jager aus Stroh und Blättern bereitet hatte,
und streckte sich neben dem Pferde aus. Er sah noch eine kurze Weile die
Sterne über seinem Kopfe schimmern, dann aber schlief er ein und wachte
nicht eher auf, als bis der Himmel wieder hell geworden war. Er hörte
ein Gewirr von Stimmen und drohende Worte, und als er sich aufrichtete,
sah er, daß in einiger Entfernung schwarze Diener des Buernlagers zwei
andere Schwarze gleichsam als Gefangene mit sich führten. Er konnte
diese beiden Gefangenen leicht schon an ihrem Äußern als Fremde
erkennen. Denn die Diener der Buern gingen zwar mit nackten Beinen, aber
trugen blaue, rote oder schmutzig weiße Wollenhemden, die beiden Männer
in ihrer Mitte aber waren völlig nackt, bis auf einen schmalen
Lendengurt. Pieter Maritz sprang von seinem Lager auf und näherte sich
neugierig der Gruppe. Er sah nun noch deutlicher, daß die beiden
Gefangenen von einem fremden Stamme sein mußten. Sie waren dunkelfarbig,
von hohem, schlankem Wuchs und stolzem Aussehen. Ihr Haar war sehr
künstlich in krause Löckchen zusammengedreht und mit steifem Fett fest
gehalten, ihr Körper war weniger dick mit Öl und Butter eingerieben, als
er es sonst bei den Kaffern gesehen hatte, und ihr Benehmen war von
einer gewissen Würde, so daß der Knabe dachte, es müßten vornehme Leute
unter ihrem Volke sein. Er begleitete den lärmenden Haufen bis zum
Mittelpunkte des Lagers, welches jetzt mit dem Anbruch des Tages zu
erwachen anfing, und sah, daß sich mehrere ältere Buern versammelt
hatten und, auf ihre Büchsen gestützt, das Herankommen der Schwarzen
erwarteten.

Mit vielem Geschrei und offenbar im Gefühle der eigenen großen
Wichtigkeit berichteten die schwarzen Diener, daß sie diese beiden
Fremden in der Nähe des Wagens des Missionars entdeckt hätten und daß es
sicherlich Spione seien. Hierauf richtete der älteste unter den
anwesenden Buern einige Fragen an die Fremden, aber diese antworteten
nicht, verstanden augenscheinlich die holländische Sprache nicht und
zeigten nur mit den Händen nach dem Wagen des Missionars, wobei sie
durch Gebärden zu zeigen suchten, daß sie zu ihm gehörten.

Aber die Buern sahen dem mit finsterm Gesichte zu, und der älteste unter
ihnen, ein Mann mit langem, graugemischtem Barte, sprach nach einer
Pause in ruhigem Tone: »Diese beiden fremden Spitzbuben sind sicherlich
nicht in guter Absicht hierher gekommen, und da sie nicht sagen können,
wer sie sind, so ist es wohl das Einfachste, wenn wir sie tot schießen.«

Er blickte nach diesen Worten seine Genossen fragend an, und sie nickten
ihm zu, um ihm auszudrücken, daß er mit seiner Ansicht auf ihren
völligen Beifall rechnen könne.

Hiermit schien der Urteilsspruch besiegelt zu sein, und zwei von den
Buern warfen ihre Büchsen über den Rücken und gaben den Dienern einen
Wink, die Gefangenen hinaus aufs freie Feld zu führen. Die Diener aber
nahmen diesen Wink mit Freude auf, stießen ein Triumphgeheul aus und
begannen die Verurteilten hinwegzuzerren.

Pieter Maritz konnte dieser Scene nicht ohne das Gefühl des Mitleids für
die Fremden zusehen. Er beobachtete die stolze Haltung, welche die
schönen, schlanken und geschmeidigen Gestalten auszeichnete, und empfand
in seinem Herzen die Neigung, ihnen beizustehen. Doch wagte er nicht,
dem ehrwürdigen Ältesten der Gemeinde gegenüber den Mund aufzuthun, und
er sah nur traurig zu, wie diese Leute, welche sich nicht verständlich
machen konnten, von den Fäusten ihrer gemeineren Landsleute gepackt
wurden. Aber nun schien der ältere von den beiden Verurteilten, indem er
begriff, daß es sich um Leben und Tod handelte, einen neuen Entschluß
gefaßt zu haben. Er stieß die Männer, die ihn hielten, mit einer
kraftvollen Bewegung seiner nervigen Arme zurück und richtete dann an
den Graubart in englischer Sprache einige Worte, aus denen zu verstehen
war, daß er und sein Gefährte unter dem Schutze des Missionars ständen
und Gesandte des Zulukönigs seien. Er redete das Englische sehr
unvollkommen und mit einer schnalzenden Aussprache, doch war der Sinn
seiner Worte klar, und das Wort Zulu traf alle, die es hörten, wie ein
Schlag.

»Zulu!« riefen die Schwarzen voll Verwunderung und mit einer Art von
Schrecken. »Zulu!« sagte der Älteste der Buern mit düsterer Miene. »Es
sind Zulus, und sie sprechen die Sprache unserer Feinde,« setzte er dann
mit heftigem Tone hinzu, »wir wollen sie niederschießen, ehe sie
ferneres Unheil anrichten können. Haltet sie fest, Leute, daß sie euch
nicht entkommen, und führt sie vor das Lager hinaus.«

Die Diener griffen von neuem zu, Pieter Maritz aber, von einem
unüberwindlichen Mitleid getrieben, lief, so schnell er konnte, davon,
um den deutschen Missionar zu benachrichtigen; denn er dachte, daß
dieser vielleicht ein rettendes Wort für die armen Leute einlegen
könnte. Er war in wenig Augenblicken bei dem Wagen angelangt, schwang
sich hinauf, schlug das Verdeck vorn auseinander und sah den Greis in
tiefem Schlafe liegen. Er trat an ihn heran und legte die Hand auf
seinen Arm. Sofort schlug der Missionar die Augen auf, richtete sich
empor und wandte seinen milden Blick auf des Knaben erregtes Gesicht. In
kurzen Worten teilte ihm dieser den Vorfall mit, und der Missionar, der
die Nacht angekleidet verbracht hatte, stieg alsbald vom Wagen herab und
begab sich unter des Knaben Führung dorthin, wo die Gefangenen und ihre
Richter waren. Man hatte die beiden Zulus bereits aus dem Ringe der
Wagenburg hinausgeführt, und die Buern, ihre Büchsen im Arme, folgten
den vorangehenden Schwarzen. Jetzt machten alle Halt, die Diener traten
von den Gefangenen zurück, und diese kreuzten die Arme über der Brust
und sahen unbewegten Blickes auf die harten, strengen Gesichter der
weißen Männer, welche ihre Gewehre schußbereit machten. Sie waren nicht
gefesselt, aber sie machten keinen Versuch, zu entfliehen, da sie wohl
dachten, daß sie der verfolgenden Kugel doch nicht entgehen könnten,
oder auch wohl den trotzigen Sinn und die Todesverachtung ihres Stammes
den Weißen gegenüber bewähren wollten.

In diesem Augenblick war der Missionar bis auf kurze Entfernung
herangekommen, und nun streckte er seine Arme gegen die Buern aus und
rief laut: »Haltet ein, haltet ein, vergießt nicht das Blut dieser
unschuldigen Leute! Im Namen Gottes haltet ein!«

Der Anblick des ehrwürdigen Mannes, dessen unbedecktes weißes Haupt im
Glanz der Morgensonne zu leuchten schien, machte tiefen Eindruck auf
alle Versammelten, und der Ton seiner Stimme erschütterte ihre Herzen.
Die Buern setzten die Kolben ihrer Büchsen auf den Boden nieder, und die
Gefangenen sahen mit hellen, freudigen Augen auf ihren Beschützer. Baas
van der Goot aber, der Älteste, sagte mit unzufriedener Stimme zu dem
nun herantretenden Missionar: »Warum wollt Ihr uns hindern, diese
Taugenichtse aus der Welt zu schaffen? Die Schepsels« -- bei diesen
Worten zeigte er auf die schwarzen Diener -- »haben sie bei unseren
Wagen herumschleichend gefunden, und sicherlich führen sie nichts Gutes
im Schilde.«

»Ich beschwöre Euch, Baas, laßt diese Leute in Frieden,« entgegnete der
Missionar. »Sie sind Abgesandte Tschetschwajos, des mächtigen
Zulukönigs, und sie haben friedliche Absichten. Sie sind ausgesandt, um
sich nach dem Christentum zu erkundigen, und ich erkenne die Liebe Jesu
Christi darin, daß er das Herz des wilden Tschetschwajo gelenkt hat.«

Der Baas schüttelte den Kopf, nahm die kurze Thonpfeife aus dem Munde,
strich den grauen Bart und sagte mit grimmigem Lächeln: »Tschetschwajo
wird sich wenig um das Christentum bekümmern, alter Freund, es ist ihm
um Raub und Mord zu thun, und diese Leute sind seine Spione. Auch hat er
Missionare in seinem eigenen Lande, bei denen er genug über das
Christentum erfahren kann, wenn er sich wirklich um dergleichen
kümmerte. Aber es ist das alles ganz gleichgültig. Entweder sind diese
beiden Männer Spione, und dann müssen sie tot geschossen werden, oder
sie sind es nicht, und dann gebietet die Vorsicht, sie tot zu schießen,
ehe sie es werden können. Denn es ist besser, diese Pfefferköpfe
sterben, als daß Menschenblut vergossen wird.«

»O, ich bitte Euch, hört auf das Wort eines Mannes, der ein halbes
Jahrhundert lang in diesem Lande dem Evangelium diente,« sagte der
Missionar. »Sind denn die Schwarzen keine Menschen? Ihr seid nun in
böser Stimmung, weil Ihr mit den Schwarzen erst gestern habt kämpfen
müssen. Aber auch ich könnte in böser Stimmung sein, denn sie haben mir
das Haus niedergebrannt, darin ich zehn Jahre lang ein Lehrer der Liebe
war, und sie haben mir meine Gärten und Pflanzungen verwüstet. Doch wäre
ich nicht wert, ein Diener Christi zu sein, wenn Groll gegen die
Unwissenden und Ungläubigen in mein Herz eindringen könnte. So sollt
auch Ihr gedenken, daß Ihr Christi Diener seid, denn Ihr seid Christen
unter den Heiden und ein lebendiges Vorbild. Dazu sind diese Männer von
einem andern Stamme und haben Euer Blut nicht vergossen.«

»Wie könnt Ihr das sagen?« entgegnete der Baas. »Sie sind vom Volke der
Zulus, die beständig unsere Grenzen belästigen und mit denen unsere
Brüder im Osten beständig Krieg führen. Eben dieses Zuluvolk war es, das
uns vor zwei Jahren auf Anstiften der Engländer angriff und den
Engländern zu einem Siege verhalf, den sie allein sicherlich nicht
errungen hätten. Diese beiden sind nichts als Spione, die ausgesandt
sind, um zu erforschen, wo der beste Angriffspunkt für Tschetschwajos
wilde Horden ist. Dazu reden sie englisch, und das ist der deutlichste
Beweis, daß sie unsere Feinde sind. Laßt uns denn nicht mehr viel Worte
verschwenden, sondern ein Ende machen mit diesen Halunken. Zwei schwarze
Teufel weniger macht zwei Feinde weniger, wie die Zeitläufte nun einmal
sind.«

Die Buern machten von neuem ihre Gewehre fertig, denn das Ansehen und
die Meinung ihres Ältesten überwog den Eindruck der Worte des
Missionars. Dieser aber stellte sich den Mündungen entgegen und erhob
von neuem seine Stimme.

»Diese Leute reden englisch, weil sie mit englischen Handelsleuten
hierher gereist sind, und sie haben diese Sprache erst auf der Reise
gelernt. Sie haben Hunderte von Meilen durchwandert, um die Stationen
der Mission zu besuchen. Sie werden nach ihrer Rückkehr den gesegneten
Samen des göttlichen Wortes im Lande der Finsternis verbreiten. Ihr
begeht ein schweres Verbrechen, wenn Ihr der Lehre des Evangeliums
hindernd in den Weg tretet und das Blut von Männern vergießt, die der
Herr zu Trägern seines Wortes bestimmt hat.«

»Sind sie Christen geworden?« fragte Baas van der Goot.

»Nein,« sagte der Missionar, »sie sind noch keine Christen, aber ich
hoffe, daß sie es noch werden, wenn sie näher mit dem Evangelium bekannt
geworden sind.«

Von neuem erschien das grimmige Lächeln auf dem Gesichte des alten
Buern. »Mein Freund,« sagte er, »ich will nicht so weit gehen, zu
behaupten, daß Ihr uns betrügt, obwohl es klug wäre, in jetziger Zeit
sich vor jedermann zu hüten, der nicht von holländischem Blute ist. Ihr
seid zwar kein Engländer, doch Ihr seid ein Deutscher. Aber ich
behaupte, daß diese schlauen Halunken Euch betrügen. Sie sind
ausgeschickt, um die Menge der Büchsen zu zählen, die wir ins Feld
führen können.«

»Ihr sagt, ich wäre ein Deutscher,« rief der Missionar eifrig, »aber das
darf Euch kein Grund des Argwohns sein. Niemals mischen wir Missionare
uns in die Politik, wir halten uns fern von Händeln und vom Streit und
sind alle Brüder, mögen wir Holländer, Engländer oder Deutsche sein.
Dafür zum Beweise seht hier die heilige Schrift! Dies selbe Buch hat
Euerm großen Landsmann van der Kemp gehört, aus seinen Händen ging es in
die meines Lehrers, des Engländers Moffat, über, und nun lehre ich aus
ihm die heilige Predigt.«

Der Missionar hatte bei diesen Worten ein vergilbtes und durch langen
Gebrauch zerschabtes Buch aus der Tasche gezogen und zeigte es den
Buern. Er war wohlbekannt mit dem Ansehen, welches gedruckte Schriften
bei den in den unwirtlicheren Landstrichen Transvaals umherziehenden
Buern noch immer genossen, und rechnete dazu auf den Namen des berühmten
Missionars van der Kemp als auf eine Beglaubigung seiner Persönlichkeit.
Er hatte sich in seiner klugen Berechnung nicht geirrt. Die Buern
drängten sich neugierig zusammen und betrachteten ehrfurchtsvoll das
alte Buch, ein Neues Testament in holländischer Sprache. Baas van der
Goot griff in seine Tasche und zog ein großes ledernes Futteral hervor,
aus welchem er eine ungeheure Brille mit schwarzer Horneinfassung nahm.
Diese Brille setzte er auf die Nase und hielt das Buch auf Armslänge von
sich ab. Seine Augen waren, wenn sie über den Lauf der Büchse wegsahen,
so scharf wie die eines Falken, aber er hielt es der Würde der Sache für
angemessen, beim Lesen eine Brille zu gebrauchen.

»Doktor Johann Theodosius van der Kemp, 1799,« las er mit lauter Stimme
und dann den mit vergilbter Tinte von des Doktors Hand geschriebenen
Spruch: »Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Leuten. Der Herr ist
nahe.«

Der Spruch des Apostels und der Name des großen holländischen Missionars
lenkten den Sinn des Baas auf einen andern Weg. Er klappte das Buch
wieder zu, überreichte es ehrerbietig dem Eigentümer, räusperte sich und
steckte seine Brille wieder in die Tasche.

»Was gedenkt Ihr zu thun, wenn ich diese Zulus ziehen lasse?« fragte er
den Missionar. »Wohin werdet Ihr Euch wenden?«

Der Missionar rief die beiden Schwarzen zu sich heran, um sie durch
seine persönliche Nähe besser schützen zu können, und erwiderte: »Ihr
wißt, daß ich nur im Drange der Not gestern abend zu Euch stieß, denn
mein Beruf ist nicht, mit Kriegsleuten zu ziehen. Ich werde meine Reise
nach Südosten fortsetzen, um eine Station zu gründen an irgend einer
Stelle, die Gott mir in seiner Gnade als eine günstige bezeichnen wird.
Diese beiden Fremden werde ich mit mir nehmen als Gäste, so lange sie
bei mir bleiben wollen, oder aber sie in ihre Heimat zurückkehren
lassen, wenn sie das vorziehen.« Die Zulus sahen währenddessen den
Missionar voll Dankbarkeit an, und ihre Augen funkelten von tiefem,
unterdrücktem Gefühl.

»Es ist gut,« sagte der Älteste, »zieht in Frieden.«

»Auch mit Euch sei der Friede Gottes,« sagte der Missionar, indem er
segnend seine Hände erhob. Dann wandte er sich und schritt in Begleitung
der beiden von ihm geretteten schwarzen Männer dem Lager und seinem
Wagen zu.

»Pieter Maritz!« rief Baas van der Goot.

Der Knabe näherte sich dem Ältesten, und dieser ging einige Schritte mit
ihm auf die Seite, so daß er, ohne von den andern gehört zu werden, mit
ihm reden konnte.

»Pieter Maritz, du wirst jetzt ein großer Junge,« sagte der alte Buer,
ihn mit seinem strengen Auge messend. »Du wirst, wie ich denke, auch ein
verständiger Junge sein. Dein Vater, Gott habe ihn selig, war einer
unserer besten Männer, und deine Mutter ist eine fromme und tapfere
Frau. Du wirst nicht aus der Art geschlagen sein, wie ich hoffe.«

Der Knabe errötete bei diesen Worten des Alten und blickte ihm
erwartungsvoll fest ins Auge.

»Diese Zulus gefallen mir nicht,« fuhr der Baas fort. »Ich würde gern
jemand mitschicken, der den Wagen des Herrn Missionars und die fremden
Teufel begleitete. Denn ich möchte wohl sicher sein, daß sie auf guten
Wegen bleiben und sich nicht etwa nach unsern Städten im Süden oder auch
nach Osten, nach Lydenburg, hinschleichen und dort spionieren. Aber wir
können keinen Mann entbehren. Deshalb habe ich daran gedacht, du
solltest mitgehen. Ich werde mit deiner Mutter darüber reden. Du sollst
den Herrn Missionar und seine Freunde begleiten und achtgeben. Merkst
du, daß die Sache nicht richtig ist und daß die Zulus sich nach
Lydenburg hin wenden oder gar in der Richtung auf Pretoria oder daß sie
bei andern Gemeinden herumlauern, so schießt du sie nieder. Verstehst du
mich?«

»Jawohl, Baas,« antwortete Pieter Maritz, dem das Herz von Stolz
schwoll.

»Du wirst gut aufpassen, und du wirst zu Pferde sein,« fuhr der Älteste
fort. »Das ist ein wichtiger und schwieriger Auftrag für deine jungen
Jahre, also nimm dich zusammen. Wie und wann du zu uns wieder
zurückkehrst, das ist deine Sorge. Knöpfe deine Augen und Ohren also
hübsch auf, mein Junge. Warst ja soeben auch schnell bei der Hand, als
du den Herrn Missionar herbeiholtest.«

Als Baas van der Goot so gesprochen hatte, ging er mit dem Knaben in den
Lagerkreis zurück. Hier herrschte jetzt reges Leben, die Männer sahen
nach ihren Waffen und Pferden, Frauen und Mädchen beschäftigten sich mit
ihren Haushaltungen, saßen bei den Wagen, wuschen, nähten, melkten die
Kühe und bereiteten das Frühstück für die Familien vor, die schwarzen
Diener hockten um die Feuer und aßen Maisbrei aus dampfenden Töpfen.
Über das alles goß eine hellstrahlende Sonne ihren blendenden Schein
aus. Besondere Thätigkeit aber herrschte bei dem Wagen des Missionars.
Seine drei schwarzen Diener, Jan, Kobus und Christian, banden die Seile
los, mit denen die Hinterbeine der Ochsen zusammengebunden waren und
trieben unter lautem Rufen die langhörnigen Tiere in eine Reihe
zusammen. Sie hatten zolldicke Ochsenziemer von Rhinozeroshaut, die
schrecklichen Sjambocks, in ihren schwarzen Fäusten, und laut schallend
fielen die Hiebe, lange Streifen ziehend, auf das Fell der Ochsen.
Paarweise ordneten sie die Tiere und schrieen dabei ein jedes mit seinem
Namen an; denn alle vierundzwanzig Zugochsen, die zu diesem Wagen
gehörten, hatten ihren eigenen Namen, den sie gut kannten. Dann
schirrten sie sie paarweise an, indem sie sie an das lange, vorn an der
Deichsel befestigte Zugseil heranstellten, welches aus vielen Riemen
zusammengeflochten und mit den nötigen Jochhölzern versehen war, die
den Tieren auf den Nacken gelegt wurden. Jedes Paar hatte sein
bestimmtes Jochholz, einen schweren starken Ast, und wurde an demselben
befestigt, indem ein viereckiges Gestell den Hals umfaßte und zugleich
das Jochholz mit Stricken an den Hörnern festgebunden wurde.

Während dieser Zurüstungen stand der Missionar im Gespräch mit den
beiden Zulus in der Nähe des Wagens. Sie unterredeten sich in der
Bantusprache, welche sowohl die Schwarzen als der Missionar verstanden.
Dieser kannte, seit langen Jahren in seinem schweren Berufe thätig und
vielgewandert, viele Sprachen der schwarzen Völker. Bei dieser
Unterredung aber fielen einige Bemerkungen, welche zeigten, daß der
Argwohn des Baas van der Goot hinsichtlich der beiden Fremden nicht so
ganz unbegründet war.

»Die Buern lieben es nicht, den Ton der englischen Sprache zu hören,«
sagte der ältere von ihnen. »Die Engländer aber sind die Feinde der
Zulus. Warum wollen nun die Buern die Zulus töten? Haben sie nicht
dieselben Feinde wie wir?«

Der Missionar ward durch diese Worte unangenehm betroffen und sah dem
Schwarzen prüfend ins Gesicht. Diese Leute hatten, seitdem er mit ihnen
zusammen war, noch niemals über solche Dinge gesprochen, sondern nur
nach den Lehren der christlichen Religion gefragt. Es schien ihm so, als
habe die Aufregung der letzten Stunde und die drohende Todesgefahr ihren
Mund gegen ihren Willen aufgeschlossen.

»Die Buern sind Christen gleich den Engländern,« entgegnete er, »und
beide Völker sind nicht die Feinde der Zulus, sondern möchten sie
glücklich machen, indem sie ihnen die Wahrheit über den großen Gott
lehren, der alle Dinge erschaffen hat.«

Über das Antlitz des Zulu glitt ein Lächeln, und er verneigte sich
höflich. »Mein Vater redet gewiß die Wahrheit,« sagte er, »aber er hat
lange Zeit in einsamer Gegend gewohnt und weiß vielleicht nicht, was an
den Grenzen vorgeht. So wissen auch diese Buern es vielleicht nicht,
denn sonst würden sie ihre Schießgewehre nicht gegen die Gesandten
Tschetschwajos erhoben haben.«

»Ich bekümmere mich nicht um Krieg und Handel,« sagte der Missionar
ausweichend. »Ich bin ein Lehrer der frohen Botschaft, welche allen
Menschen Frieden verkündigt.«

Der jüngere der Zulus mischte sich jetzt in das Gespräch, um ihm eine
andere Wendung zu geben. »Tschetschwajo ist sehr stark,« sagte er. »Er
ist der mächtige Elefant, der König der Könige, der König des Himmels.
Er wird unserm Vater sehr dankbar sein, wenn er vernimmt, was er für uns
gethan hat. Wird unser Vater uns erlauben, ihn ferner zu begleiten?
Humbati und Molihabantschi können nicht sicher sein in diesen
Landstrichen. Haben sie heute ihr Leben gerettet, so werden sie es
morgen verlieren, denn die Buern streifen überall umher und werden sie
sicherlich töten.«

»Es wäre mir lieber, ihr ginget euern eigenen Weg,« erwiderte der
Missionar. »Seht zu, daß ihr so bald als möglich nach Hause kommt. Ihr
seht, wie gefährlich es für euch ist, mit den Buern zusammenzutreffen,
und ich bin nicht gewiß, euch immer beschützen zu können.«

Auf den Gesichtern der Zulus drückte sich Bestürzung aus. Sie sahen
einander an und schwiegen eine Weile. Dann wandte sich der ältere von
den beiden, Humbati, mit einer tiefen Verbeugung wieder an den Missionar
und sagte mit demütigem, aber zugleich hofmännischem Wesen: »Mein Vater
ist sehr mächtig und sehr gütig. Er wird seine Wohlthat nicht
unvollendet lassen wollen. Die Gesandten des großen Königs werden die
Güte des christlichen Lehrers zu preisen wissen, und sie werden des
Königs Ohr offen finden. Tschetschwajo wird es den Missionaren in seinem
Lande entgelten lassen, was unser Vater Gutes thut. Unser Vater möge uns
erlauben, unter seinem Schutze weiterzureisen. Wir werden uns in dem
rollenden Hause verborgen halten, wenn wir andern Weißen begegnen, oder
wir werden unsers Vaters Sklaven sein auf der Reise.«

Der Missionar war unschlüssig, was er antworten sollte, da er ebensowohl
wünschte, den Fremden seinen fernern Schutz zu gewähren, als auch
fürchtete, in politische Händel verwickelt zu werden. Da näherten sich
Baas van der Goot und Pieter Maritz. Der Knabe war mit Patronengurt und
Hirschfänger ausgerüstet, trug die Büchse auf dem Rücken und führte
Jager gesattelt neben sich her.

»Mein Freund,« sagte der Baas zu dem Missionar, »Ihr seid ein bejahrter
Mann, und die schwarzen Schlingel, die Ihr zu Eurer Bedienung und
Gesellschaft habt, werden Euch auf der Reise viel Sorge machen, da Ihr
allein seid. Ich gebe Euch deshalb diesen jungen Menschen zur Hilfe
mit. Er wird ein Auge auf die Schepsels haben und Euch zur Hand sein,
wenn Ihr seiner Hilfe bedürfen solltet.«

Der Missionar sah nachdenklich vor sich hin und betrachtete dann den
Knaben. Er fühlte die Bedeutung der Worte des Baas und merkte dessen
Mißtrauen. Das entschied ihn, die bedrohten Zulumänner in seiner
Begleitung zu behalten. Das Aussehen des Knaben gefiel ihm. Er hatte
sich darüber gefreut, daß dieser ihn geweckt und herbeigeholt hatte, und
war mit der Wahl dieser Begleitung zufrieden.

»Es ist gut,« sagte er, »ich danke Euch für Euere Sorglichkeit um mein
Wohl.«

Der Baas ging und der Missionar reichte dem Knaben die Hand. »Wir wollen
gute Freunde sein auf unserm Wege,« sagte er lächelnd. Der Knabe zog den
Hut und küßte dem ehrwürdigen Geistlichen, dessen freundliches Antlitz
ihm Ehrerbietung und Liebe einflößte, die braune, runzlige Hand. Dann
schwang er sich in den Sattel und richtete seinen Blick aufmerksam auf
die Vorbereitungen zur Abreise und besonders auf die beiden Zulus,
welche in vornehmer Ruhe unbeweglich neben dem Wagen standen.

Die Ochsen waren jetzt sämtlich vorgespannt und bildeten, da ihrer zwölf
Paare voreinander standen, eine sehr lange Reihe. Doch sah ihre
Anschirrung noch sehr unordentlich aus, denn das Zugseil, an welchem sie
alle ziehen sollten, lag manchen Tieren auf dem Rücken, bei manchen aber
lag es wiederum zwischen dem Gespann am Boden. Es gab keinen gemeinsamen
Zügel, sondern die farbigen Diener mußten neben den Tieren gehen und sie
mit Peitschen lenken, einer von ihnen saß auf der Vorderkiste des
Wagens, um die Hinterochsen anzutreiben. Diesen Platz hatte Kobus
eingenommen, und als er sah, daß alle Tiere am Jochholz fest waren,
schrie er mit gellender Stimme: »Treck!« Sämtliche Ochsen verstanden den
Ruf und legten sich mit den Stirnen ins Geschirr, das harte Seil
streifte über ihre Rücken fort, riß einen und den andern herum, der
nicht in der rechten Richtung anzog, und setzte die gewaltige Maschine
in Bewegung. Der Wagen war wohl vierzehn Fuß lang, vier Fuß breit,
schwer aus mächtigem Holze erbaut, mit riesigen, dicken,
eisenbeschlagenen Rädern, und glich mit seinem rund gespannten
Leinwandzelt in der That einem rollenden Hause, wie der Zulu ihn genannt
hatte.

Aber obwohl die Tiere angezogen hatten und nun gemessenen Schrittes vom
Lager hinwegwandelten, hörten doch der Lärm und das Geschrei der
Farbigen nicht auf. Jan und Christian rannten wie toll an ihnen auf und
nieder und riefen einen jeden Ochsen mit seinem Namen an. Kobus schwang
von seinem Sitze aus eine Peitsche, die einen zwölf Fuß langen
Bambusstiel hatte und im ganzen wohl dreißig Fuß lang war, so daß er die
vier hintersten Paare damit beherrschen konnte. Der Knall dieser
Peitsche klang wie das Aufschlagen eines Zündhütchens und das Auftreffen
ihrer Spitze riß einen blutigen Striemen in das Fell. Jan und Christian,
angefeuert durch das Knallen dieses furchtbaren Instruments, fuhren mit
den Sjambocks zwischen die vorderen Paare und ließen dicke, blutrünstige
Schwielen auf den Rücken und Flanken der Ochsen aufschwellen.

Inzwischen war der Missionar in den Sattel gestiegen und ritt am Zuge
hin. »Was schlagt ihr die Tiere so sehr?« rief er zürnend den Farbigen
zu.

»Mynheer!« entgegnete Jan ihm achselzuckend, »der Ochs muß seinen Schlag
haben, damit er gehorsam ist, und wenn der Ochs gehorsam ist, dann muß
er doch seinen Schlag haben.«

Die Tiere waren unter diesen Hieben in einen schnelleren Gang gefallen,
und so schwer der Wagen und so sandig der Boden war, zogen sie das
schwankende und ächzende Gefährt doch in schnellem Trabe dahin. Aber das
durfte nicht sein, denn sonst mußten die Tiere ihre Kräfte zu rasch
verbrauchen. Jan, der jetzt die beiden an der Stirn durch einen
Querriemen verbundenen Vorochsen führte, ließ den Riemen, an dem er sie
leitete, los, stürzte mit erstaunlicher Behendigkeit vor, bückte sich
und nahm einen faustgroßen Stein vom Boden auf. Diesen schleuderte er
mit großer Geschicklichkeit gerade zwischen die Hörner des rechts
gehenden Vorderochsen. Der Ochse stutzte und mit ihm hielt sein Nachbar
inne.

»Avanhou! Avanhou!« brüllten alle drei Diener. Dazu griffen sie neue
Steine von der Erde auf und warfen sie den Ochsen vor die Stirn. So
mäßigte sich allgemach der Lauf der Tiere, und nun war nach Kobus'
Ansicht die Gangart die richtige. Tief schnaufend, mit rollenden Augen
und schlagenden Weichen schritten die vierundzwanzig Tiere dahin. Hinter
ihnen rollte der Wagen, und seine Räder gruben sich in den Sand ein.

Der Missionar hatte sein Pferd hinter den Wagen gelenkt, und neben ihm
schritten die Gesandten des Zulukönigs, leichtfüßig mit weiten Schritten
einhergehend. Pieter Maritz schloß den Zug. Er war seiner Aufgabe
eingedenk und verließ die Fremden nicht mit einem Blicke.

[Illustration]

So wich das Lager der Buern hinter ihnen zurück, und das blaue
Rauchfähnchen über dem weiten Wagenkreise verschwamm allmählich den
Augen der Rückschauenden im klaren Äther. Vor ihnen öffnete sich im
Morgenglanz ein weites Land voll Schönheit, aber auch voll Gefahren.



[Illustration]



Drittes Kapitel

Auf der Reise


Das Land, welches die Reisenden durchmaßen, war sehr eben, und das Auge
erkannte bei der Durchsichtigkeit und Klarheit der Luft jener südlichen
Gegenden auch entfernte Gegenstände mit großer Deutlichkeit. Der Boden
ward immer mehr mit Gras und Kräutern bedeckt, je weiter sie zogen, und
die dürren Sandflächen des nördlichen Landstrichs, aus dem sie kamen,
verloren sich ganz. Oft sah Pieter Maritz in weiter Entfernung Herden
der Springböcke und Gnus erscheinen, die in der Ebene weideten und die
in langen Sprüngen verschwanden, wenn ihr feines Gehör den Lärm des
Wagenzugs vernahm. Zuweilen war das Gras so hoch, daß es über den
Hörnern der Ochsen zusammenschlug und nur die Reiter noch einen freien
Umblick hatten. Dann wühlten sich die Ochsen und der Wagen mühsam eine
Furche und ließen einen fest gestampften Weg hinter sich, der einem
Engpasse gleich dahinlief. Bald war das Gras niedrig und mit vielen
schön duftenden, bunten Blumen untermischt. Dann tauchten zahlreiche
Völker von Rebhühnern, Perlhühnern und Fasanen vor und neben dem Wagen
auf. Sie waren so wenig scheu, daß sie erst dicht vor den Hufen der
Ochsen emporflogen, und die Schwarzen fingen mehrere von ihnen mit den
Händen oder erlegten sie mit einem Schlage der langen Peitsche. Sie
warfen die erjagten Tiere in den Wagen, um sie beim Abendessen
zuzubereiten.

Oft ward Jager unruhig und blies seine Nüstern auf, wenn er das gehörnte
Wild, Antilopen kleiner und größerer Arten witterte, und Pieter Maritz
fühlte, wie er vorwärts strebte zur Jagd. Aber der Knabe gedachte seiner
Aufgabe, ein wachsames Auge auf die Zulus zu haben, und dämpfte den
Eifer seines Rosses.

Nach dreistündiger Fahrt wurde in der Nähe eines Teiches Halt gemacht.
Die Ochsen wurden ausgespannt und stürzten sich alsbald in das Wasser.
Es wurde Kaffee gekocht und gefrühstückt. Dann nach zweistündiger Rast
wurden die Ochsen wieder eingefangen, und die Fahrt fortgesetzt.

So ging die Reise bis Mittag weiter, als das Land hügelig zu werden
anfing. Kleine Höhenzüge wechselten mit sanften Thälern ab, und helle
Bäche liefen im Grunde der Thäler. Mühsam schleppten die Ochsen den
Wagen bergauf, und unter vielem Geschrei der Schwarzen und kräftigem
Gegenstemmen der Zugochsen ging es auf der andern Seite bergab. Dann
schlürften die Tiere, indem sie den Bach durchschritten, mit gierigen
Mäulern das erfrischende Naß. Die Diener aber gossen das Wasserfaß aus,
welches im Wagen mitgeführt wurde, und füllten es neu.

Nun gelangte der Wagen an ein größeres Flüßchen, welches zwischen tiefen
Uferrändern dahinfloß und nicht zu überschreiten war. Doch führte ein
Weg längs des Wassers hin, ein Weg, der durch tief eingedrückte
Räderspuren bezeichnet war und andeutete, daß hier ein häufiger Verkehr
sein mußte und vermutlich auch eine Furt zu finden war, welche es
gestatten würde, den Fluß zu durchmessen. Trauerweiden und ein dichtes
Gebüsch von Butterbäumen und Speckbäumen, deren Stämme so weich sind,
daß man sie mit einem Messer durchschneiden kann, säumten das Ufer ein,
und in diesem Dickicht ging die Fahrt längs des Flusses hin. Da ließ
sich in der Entfernung ein Lärm hören, der immer lauter wurde, je weiter
der Zug vorwärts kam. Peitschenknallen und Ochsengebrüll, dazu gellende
Rufe ertönten, dann ward es plötzlich still, und dann erhob sich der
Lärm mit erneuter Kraft. Mit einem Mal erscholl in der Nähe ein lautes
Platschen und Poltern und der Schreckensruf von verschiedenen Stimmen.

Pieter Maritz drängte sein Pferd an dem Wagen vorbei, um zu sehen, was
vorginge, und erreichte eine Öffnung in dem Gebüsch, welches die
Aussicht auf den Fluß versperrte. Da sah er nun die Ursache des Lärms
und des Schreckens. Hier war die Furt, und inmitten der seichten Stelle
im Wasser lag ein langer, ziegelrot angestrichener Wagen in jämmerlichem
Zustande. Er lag auf der Seite, zwei Räder sahen aus dem Wasser heraus,
und um die Räder herum schwammen Kisten und Tonnen, die aus dem Wagen
hervorgetaucht waren. Mehrere Männer standen bis an die Brust im Wasser,
schrieen laut und bemühten sich, die schwimmenden Gegenstände zu retten,
damit sie nicht vom Wasser fortgespült würden. Ein langer Zug von Ochsen
stand in großer Verwirrung vor dem umgestürzten Wagen. Die vordersten
Paare waren schon am Ufer und im Trockenen, während die im Wasser
stehenden sich hin und her wandten und bald anzogen, bald sich stemmten.

Pieter Maritz ritt alsbald ins Wasser hinein und rief seinen Begleitern
zu, sie möchten hilfreiche Hand anlegen. So kam auch der Missionar mit
seinen Dienern heran, und auch die Zulus sprangen alsbald ins Wasser und
halfen die schwimmenden Sachen ans Land bringen. Mit großer Mühe gelang
es dann endlich, auch den Wagen wieder aufzurichten und ihn von den
Ochsen auf das Ufer ziehen zu lassen. Hier war nun ein Zustand großer
Not. Der Besitzer des verunglückten Wagens, ein langer, hagerer Mann mit
gelbem Gesicht und langem, schwarzem Bart, wehklagte laut und lief hin
und her, um die Kisten und Kasten zu betrachten, die naß im Grase lagen.
Dann ließ er sie öffnen, und seine farbigen Leute zogen allerhand Bänder
und Tücher, Zeug und fertige Kleider, Leinwand und Wäsche heraus. Alles
tropfte von Wasser, und die Klagen des Eigentümers wurden immer lauter.

»Gott der gerechte!« rief er einmal über das andere, »ist mir verloren
die Hälfte des Wertes!«

»Wer seid Ihr, Freund?« fragte ihn der Missionar.

»Ich bin der Smaus Abraham ten Winkel,« sagte der schwarzbärtige Mann.
»Gott der gerechte, welch ein Verlust!«

Damit fiel er über einen Salzsack her, der im Grase lag, hob ihn in die
Höhe und sah mit großer Betrübnis, wie die Tropfen aus dem Sacke liefen.
»Ist mir das halbe Salz ausgelaufen!«

Dann ergriff er einen Kasten, der mit Nägeln gefüllt war, und rüttelte
ihn verzweiflungsvoll. »Werden mir alle verrosten!« rief er. »Und der
feine Rollenkanaster!« hub er von neuem an, indem er von dem Kasten zu
einer kleinen Tonne ging. »Hu, wie naß ist der Tabak! Wird ihn keiner
mehr rauchen wollen, ist das ganze Aroma pleite gegangen!«

Doch nun ergriff der Smaus wirksame Maßregeln, seinen Schaden möglichst
gering werden zu lassen. Er ließ alle seine durchnäßten Zeuge an dem
Gebüsch zum Trocknen aufhängen, und es gewährte einen wunderlichen
Anblick, das Ufer mit den bunten Stoffen und Blusen, Beinkleidern und
Frauenkleidern behängt zu sehen. Tabak und Salz legte er in die Sonne
und die Nägel trocknete er mit einem wollenen Tuche ab.

Bei alledem ließ er seine schwarzen Augen unaufhörlich hin und her
rollen, von einem zum andern, um zu sehen, ob ihm keiner der Fremden
etwas entwendete. Besonders hatte er die Schepsels in Obacht.

»Wartet nur, ihr sollt kriegen,« rief er. »Ihr habt mir geholfen, und
ich will es euch lohnen, aber wartet nur, Geduld müßt ihr haben.«

Aber die Schepsels waren listig. Kobus hatte mit scharfem Blicke ein
Fäßchen entdeckt, welches der Smaus vorsichtig mit dem Fuße
verstohlenerweise hinter einen Kaktusbusch gerollt hatte, und kam mit
dem Fäßchen angeschleppt, gleich als wollte er es retten. Während der
schwer geprüfte Jude sich eben die Schweißtropfen von der Stirne wischte
und seufzend dem Missionar erzählte, er habe schon seit vorgestern
mittag hier am Flusse gewartet, weil derselbe vom Regen so sehr
angeschwollen sei, daß er mit dem Wagen nicht durchgekonnt habe, machte
sich Kobus in sonderbarer Weise mit dem Fäßchen zu thun, und plötzlich
zeigte es sich, daß es nicht mehr dicht hielt. Kobus hielt ein
Blechgefäß darunter und fing alsbald an zu trinken. Kaum hatten dies die
andern Diener bemerkt, als sie alle Arbeit stehen und liegen ließen und
sich auf das Fäßchen stürzten.

»Zoopje, Zoopje!« schrieen sie und hielten die Hände unter, um den stark
duftenden Schnaps aufzufangen, der aus dem leck gewordenen Fasse lief.

Vergeblich rannte der bestürzte Jude auf sie zu und bat sie ihm den
Schnaps nicht auszutrinken, vergeblich schalt er. Auch der Missionar
erhob umsonst seine Stimme, um die Farbigen vom Trunke wegzuscheuchen.
Die Schepsels ließen ihn reden, aber tranken weiter. Nur die Gesandten
des Zulukönigs standen vornehm beiseite und blickten voll Verachtung auf
die Scene. Da ergriff der Jude den Sjambock und ließ ihn auf die Rücken
seiner Diener und der Diener des Missionars niedersausen. Die Schepsels
zuckten und wanden sich, aber sie hörten nicht auf zu trinken. Das
betäubende Getränk half ihnen über die Schmerzen der Rhinozerospeitsche
hinweg, und sie standen erst auf, als sie satt waren. Nun waren sie
überaus lustig, lachten laut und sangen, wandten sich mit tausend Bitten
um Verzeihung an ihre Herren, beteuerten mit lallenden Zungen, daß sie
nur hätten retten wollen, weil das Faß ja doch entzwei gewesen sei, und
tanzten mit ungeheuerlichen Sprüngen umher. Nach und nach aber wurden
sie müde, und einer nach dem andern sank im Grase nieder, um zu
schlafen.

Währenddessen war es spät am Nachmittage geworden. Die Hilfe, welche der
Zug des Missionars dem Handelsmann gebracht, hatte viel Zeit gekostet.
Es wäre unmöglich gewesen, die Furt zu passieren, bevor nicht der Wagen
des Smaus aus derselben entfernt worden wäre, und der gute Wille, dem
Nächsten in der Not zu helfen, ging hier mit der Notwendigkeit, den Weg
frei zu machen, Hand in Hand. Aber mehrere Stunden waren darüber
verflossen, und es war nun nicht mehr an Fortsetzung der Reise zu
denken, weil die Diener unfähig waren, ihren Dienst zu thun. Der
Missionar beschloß, sich den Umständen zu fügen, und auch dem Smaus
blieb nichts anderes übrig, als sich in das Schicksal zu finden. Die
Herren selbst mußten sich unter Beistand des Knaben und der beiden Zulus
dazu bequemen, die Ochsen auszuspannen und das Abendessen zu bereiten.

Der Platz war nicht ungeeignet, um dort die Nacht zu verbringen. Das
Wichtigste war, daß Wasser in unmittelbarer Nähe war, so daß das Vieh
saufen konnte. Dazu wuchs üppiges Gras, untermischt mit herrlichen
Kallas und anderen Blumen am Ufer, zum Futter für die Tiere, und das
ringsum laufende Dickicht bildete gleichsam einen Zaun, der die Ochsen
verhinderte, sich allzu weit zu entfernen. Nur zeigte es sich schwierig,
ein größeres Feuer anzuzünden. Hier in der Nähe des Flusses waren alle
Gewächse so voll von Saft, daß sie nicht brennen wollten, und die
Reisenden mußten sich mit dem kleinen Feuer begnügen, welches
ausreichte, um die Speisen zu kochen, durften aber nicht hoffen, während
der Nacht ein Lagerfeuer zur Abwehr der wilden Tiere unterhalten zu
können. Die Zulus suchten mehrere Arme voll Zweige und Büsche zusammen,
welche einigermaßen trocken waren und gingen dem Missionar unter
Beobachtung einer gewissen stolzen Würde an die Hand. Der Jude brachte
seinerseits Mais und Kaffee herbei, und so wurde eine Mahlzeit
hergestellt, welche nach den Mühen des Tages herrlich schmeckte. Dann
brach die Nacht herein, und sogleich begannen die hellen Sterne zu
schimmern. Die Reisenden saßen im Kreise zusammen um das erlöschende
Feuer. Pieter Maritz hatte seine Büchse neben sich liegen, ebenso der
Jude, die Zulus lagerten auf ihren Mänteln von Tigerfell, welche sie
sich aus dem Wagen herbeigeholt, und hatten ihre Assagaien, die
scharfspitzigen Wurfspieße mit leichtem Rohrschaft, zur Hand, nur der
Missionar, der unbewaffnet durch die Wildnis zog, auf Gott allein
vertrauend, hatte ein Werkzeug der Wissenschaft neben sich, einen
Sextanten, mit dem er die Höhe des Sternes Kanopus im Augenblick seines
Durchganges durch den Meridian berechnen wollte. Er führte eine kleine
Laterne mit Magnesiumdraht mit sich, welche er anzünden wollte, um die
Zahlen auf dem Nonius ablesen zu können.

Ehe er jedoch seine Berechnung anfing, war er in ein Gespräch mit Pieter
Maritz vertieft, der seine Verwunderung darüber aussprach, wie die
farbigen Diener so ganz der Pflicht und der Gefahr der Lage vergessen
und sich sinnloser Trunkenheit hätten hingeben können.

»Diese armen Leute sind wie die Kinder,« sagte der Missionar, »und die
größte Schuld an ihrem schlechten Benehmen tragen gewissenlose Weiße,
welche ihnen den Branntwein ins Land geführt haben.«

Der Smaus rückte auf seinem Lager und schien sich getroffen zu fühlen.
»Wollen die Schepsels trinken, so finden sie immer Zoopje,« sagte er.
»Bin ich's nicht, der ihn verkauft, so ist's ein anderer. Mache ich
nicht das Geschäft, macht's ein anderer.«

»Das ist wohl wahr,« entgegnete der Missionar, »aber es gab eine Zeit,
wo diese Leute den Branntwein überhaupt noch nicht kannten. Damals waren
sie ein großes Volk, das bis ans Meer hin das ganze Land dicht bewohnte.
Nun sind sie verstreut und sind die Knechte der Weißen. Wohl haben sie
den Segen der christlichen Predigt erfahren, aber der Teufel säte viel
Unkraut unter den Weizen, und die Gewinnsucht der Kolonisten verdarb,
was die Prediger Gutes schufen. Ich habe ein altes Buch in meinem Wagen,
Pieter Maritz, das will ich dir morgen zu lesen geben, so Gott will.
Darin findest du die älteste Geschichte dieses Landes. Es ist zu Anfang
des vorigen Jahrhunderts geschrieben, von einem meiner Landsleute, Peter
Kolb, der lange Jahre am Kap gelebt hat. Er war von dem preußischen
Geheimen Rat Baron von Krosigk im Jahre 1704 dorthin geschickt worden,
um wissenschaftliche Untersuchungen anzustellen. Kannst du denn lesen,
Pieter Maritz?«

»Jawohl,« erwiderte dieser stolz. »Ich habe schon von meinem zwölften
Jahre an, sobald ich ordentlich reiten und schießen gelernt hatte,
Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen gehabt, und ich kann
holländische und englische Bücher lesen.«

»Dann wirst du aber dieses Buch doch wohl nicht lesen können. Es ist
deutsch geschrieben. Aber ich werde dir daraus erzählen, wenn du etwas
von den ersten Thaten der Europäer in Südafrika wissen willst.«

»Es waren Holländer, die zuerst an das Kap kamen,« sagte Pieter Maritz.
»Mein Vater hat mir erzählt, daß von Rechts wegen alles Land hier den
Holländern gehörte, daß aber die Engländer es uns weggenommen hätten.«

»Zuerst war es ein portugiesischer Seemann, der die weite Fahrt nach der
Südspitze von Afrika machte,« erzählte der Missionar. »Er hieß
Bartholomeo Diaz und kam im Jahre 1486 mit drei Schiffen nach Sierra
Parda, einem Küstenplatz im Lande der Namaquas. Dort richtete er ein
Kreuz auf, aber zog bald wieder weiter, weil Stürme seine Schiffe
bedrohten und seine Mannschaft unzufrieden war. Dann kam elf Jahre
später ein anderer Portugiese, Vasco da Gama, und landete in Natal,
begrüßte die dunkelbraunen Eingeborenen, welche Hottentotten genannt
wurden, fuhr dann zur Mosselbai, wo er eine Säule mit dem
portugiesischen Wappen aufrichtete, blieb aber auch nicht lange, sondern
segelte nach Indien. Die Holländer kamen erst viel später, mehr als
hundert Jahre nach diesen beiden portugiesischen Seefahrern, aber sie
machten nicht einen flüchtigen Besuch, sondern gründeten am Kap der
guten Hoffnung eine Kolonie. Am 6. April 1652 ankerten vier holländische
Schiffe in der Bai am Tafelberge, und etwa hundert Kolonisten unter
Führung des unternehmenden Johann van Riebek, welcher vordem Schiffsarzt
gewesen war, stiegen ans Land und gründeten eine Handelskompanie, welche
mit der Ostindischen Kompanie in Verbindung stand. Die Holländer bauten
eine kleine Festung, legten einen großen, schönen Garten an und
handelten mit den Hottentotten um Elfenbein, Straußenfedern und andere
Landesprodukte. Als es ihnen gut ging, schickten ihnen die
Generalstaaten von Holland eine große Anzahl von Mädchen aus den Armen-
und Waisenhäusern nach, und so wurden Familien gegründet.

»Als nun die Kolonie zu Wohlstand kam und sich immer weiter
ausbreitete, indem sie den Hottentotten Land abkaufte, da kamen immer
mehr Menschen aus Holland herüber, und unter den guten auch schlechte
Leute, welche die Eingeborenen betrogen und mißhandelten. Herr Peter
Kolb erzählt, daß die Hottentotten gute, ehrliche, sanftmütige und
liebevolle Menschen gewesen sind, welche ihr Wort heilig hielten und die
Gerechtigkeit achteten. Sie nährten sich von Obst, Kräutern, Wurzeln und
Milch, und viele wurden über hundert Jahre, manche hundertunddreißig bis
hundertundfünfzig Jahre alt. Als sie aber die gekochten Speisen der
Europäer und deren gesalzene und gewürzte Gerichte, besonders aber den
Branntwein kennen lernten, da wurden sie lecker und trunksüchtig,
bekamen viele Krankheiten, wurden nicht mehr alt und verloren ihre
Tugenden. Dazu kamen sie in Streit und Krieg mit den Europäern, wurden
deren Sklaven und starben in der Knechtschaft schnell aus oder wurden
Räuber, welche Buschmänner genannt wurden, und fielen im Kampfe, so daß
sie jetzt nur noch zerstreut in den Ländern wohnen, welche ehedem von
ihnen dicht bevölkert waren.

»Der Europäer aber wurden immer mehr. In den Jahren 1685 bis 1688 kamen
französische Protestanten herüber, welche nach Aufhebung des Edikts von
Nantes ihre Heimat verließen, um ihren Glauben zu bewahren. Zuerst kamen
nur dreihundert, nach und nach aber wohl viertausend Franzosen. Doch
mußten sie sich den Holländern fügen, und in ihren Kirchen wurde
holländisch gepredigt. Auch Deutsche kamen in großer Zahl aus ihrem
Vaterlande herüber. Sie vermischten sich gleich den Franzosen mit den
Holländern, und alle zusammen nannten sich Buern, das heißt Bauern:
Leute, welche Ackerbau und Viehzucht treiben. Die Buern aber eroberten
ringsum Land und schickten vom Jahre 1774 an kleine Heere aus, welche
Kommandos genannt wurden und nach allen Seiten hin ihre Herrschaft
weithin bis zum Oranjefluß und Vaalfluß befestigten. Damals aber hatten
auch schon einige von Gott dem Herrn ausgesandte Männer angefangen, den
Heiden das Evangelium zu predigen, und mitten zwischen Blut und Mord und
gierigem Trachten nach Erwerb zogen Missionare umher, um den Frieden
Christi zu predigen.

»Aber noch andere Ankömmlinge lernte das Land kennen, ein mächtiges
Volk, das sich den Buern überlegen zeigte. Das stolze England, welches
an allen Punkten der Erde seine Schiffe, seine Handelsleute und seine
Krieger landen läßt, zeigte sich auch am Kap. Im Jahre 1806 mußten die
Kolonisten die Herrschaft der Briten im Kaplande über sich ergehen
lassen, und was der Fleiß, der Mut und auch die ungerechte Gewinnsucht
der Buern den Hottentotten abgenommen hatten, fiel nun dem stärkeren
Räuber zur Beute. Grollend zogen die Buern immer weiter nach Norden, um
nicht unter britischen Gesetzen, sondern unter ihren eigenen zu stehen,
und im Jahre 1837 setzten sie sich in den Ländern fest, die wir jetzt
Oranjefreistaat und Transvaal nennen. Im Jahre 1848 gründeten sie unter
Andreas Pretorius nach offenem Kampfe mit den Engländern auf dem rechten
Ufer des Vaalflusses den Staat Transvaal, in welchem wir uns jetzt
befinden, und 1854 erklärten sich auch die Buern auf dem linken
Vaalufer, zwischen Oranjefluß und Vaalfluß für unabhängig und nannten
ihr Land Oranjefreistaat, obwohl der englische Gouverneur der
Kapkolonie, Sir Henry George Smith, am 3. Februar 1848 die Königin von
England für die Oberherrin aller dieser Landstriche erklärt hatte.
Seitdem haben die Buern vieler Freiheit genossen, denn die Engländer
hatten nicht die Macht, ihre Herrschaft zur Geltung zu bringen; doch nun
hat sich die Lage verändert. Vor neun Monaten, am 12. April 1877, ist
Sir Theophilus Shepstone, der englische Kommissar für die
Angelegenheiten der Eingeborenen von Natal, mit einer Schar berittener
Polizeibeamten nach Pretoria, der Hauptstadt von Transvaal, gekommen,
hat dort die englische Fahne aufgezogen und das Land für englisch
erklärt. Das hat die Buern sehr erbittert, und wer weiß, welche Kämpfe
und schreckliche Dinge daraus entstehen werden.«

Pieter Maritz hatte dieser Erzählung aufmerksam zugehört, denn vieles
von dem, was der Missionar vortrug, war ihm unbekannt, und er liebte es,
zu lernen. Besonders aber hörte er gern alles, was die Geschichte seines
Vaterlandes anging. Als der Missionar aber schwieg, sah der Knabe ihn
mit blitzenden Augen an und sagte, indem seine Hand fest den Lauf der
Büchse umschloß; »Mein Vater hat gestern, als er starb, die Engländer
unsere Feinde genannt, und ich hoffe es bald zu sehen, daß wir ihnen
zeigen, auf welcher Seite das Recht ist.«

Der Missionar antwortete nicht, denn er begriff, was in der Seele des
Knaben vorging. Er nahm sein astronomisches Instrument zur Hand und
setzte alsdann den Magnesiumdraht in der Laterne in Glut. Als der
außerordentlich helle, blendende Schein aufflammte, gerieten die
Umhersitzenden in das höchste Erstaunen. Keiner von ihnen hatte je ein
solches Licht gesehen, und als der Missionar beim Schein desselben mit
dem Sextanten arbeitete und bald gen Himmel, bald auf die Zahlen des
Instruments blickte, rückten die Zulus voll Entsetzen zurück. Sie waren
überzeugt, daß hier die größte Zauberei vollführt werde, ein eiskalter
Schauder lief ihnen über den Rücken, und ihre Lippen wurden blaß vor
Furcht. Doch eingedenk ihrer Würde und der Gegenwart des Juden und des
Knaben, welche ruhig sitzen blieben, gaben sie ihrer Neigung,
schleunigst davonzulaufen, nicht nach, sondern zwangen sich, ihre Angst
zu verbergen. Während so die tiefste Stille herrschte, der Missionar
seine Notizen machte und ringsum alles finster war, bis auf den kleinen
überaus hellen Fleck, den die Laterne beschien, ging mit einem Male ein
ängstliches Schnauben durch die Herde des ruhenden Hornviehs, und
unmittelbar darauf ertönte ein furchtbares Gebrüll in nächster Nähe.
Ungeheurer Tumult erhob sich bei diesem Ton, welcher die Erde zu
erschüttern schien. Sämtliche Ochsen sprangen mit ängstlichem Brüllen
vom Boden auf und stürzten nach allen Richtungen hin auseinander, die an
den Wagen gebundenen Pferde stiegen in die Höhe, schlugen mit den
Vorderbeinen und zerrten so heftig an den Zäumen, daß die schweren Wagen
sich bewegten. Die Zulus waren aufgesprungen und hielten ihre Assagaien
kampfbereit in der Hand, der Jude lag, von einem Ochsen zu Boden
geworfen, laut schreiend da, Pieter Maritz hielt sein Gewehr schußbereit
in den Händen, und der Missionar hatte die Thür der Laterne weit
geöffnet und leuchtete im Kreise umher, um zu sehen, von wo die Gefahr
drohe.

Jetzt fiel das Licht der Laterne auf die Öffnung im Gebüsche, dem Fluß
gerade gegenüber, und in ihrem hellen Scheine waren zwei ungeheure Löwen
zu erblicken, welche kaum dreißig Schritte weit entfernt waren. Die
Tiere standen aufrecht und unbeweglich nebeneinander, ihre großen Köpfe
waren von langen gelben Mähnen umwallt, und ihre Gesichter blickten mit
feierlichem Ernst vor sich hin. Augenscheinlich waren sie geblendet von
der Flamme des Magnesiumdrahts und konnten nichts von dem erkennen, was
vor ihnen lag. Denn es war alles dunkel bis auf den Platz, auf welchem
sie selber standen, und sie waren so deutlich zu sehen, daß man die
starren schwarzen Spürhaare ihrer Oberlippe hätte zählen können.

Pieter Maritz hatte die Büchse an die Wange erhoben und stand so ruhig
wie ein Steinbild. Jetzt berührte er den Drücker, eine Flamme fuhr aus
der Mündung hervor, und, gerade ins rechte Auge getroffen, stürzte der
größte der beiden Löwen zusammen. Da duckte sich der andere Löwe und
sprang, ehe der Knabe zum zweiten Schuß recht zielen konnte, in
gewaltigem Satze voll Mut ins Ungewisse hinein vorwärts. Er kam dicht
vor dem Schützen zur Erde, hier blendete ihn der Lichtschein nicht, und
mit einem Schlage seiner gewaltigen Tatze mußte er jetzt den Knaben
erreichen. Aber in diesem Augenblicke der größten Gefahr kam Hilfe. Zu
derselben Sekunde, wo Pieter Maritz sein Gewehr senkte, um es auf den
Feind dicht vor sich zu richten, traten mit Blitzesschnelligkeit zwei
dunkle athletische Gestalten vor das Untier, und zwei Assagaien bohrten
ihre blinkenden scharfen Stahlspitzen in den Rachen und in das Herz des
Löwen. So zahlten Humbati und Molihabantschi den Zoll ihrer Dankbarkeit
gegen den Buernsohn.

[Illustration: Der Kampf mit dem Löwen.]

Beide Löwen wälzten sich zum Tode verwundet in den letzten Zuckungen und
schlugen mit den Krallen in die Erde, da kamen auch die farbigen Diener,
ihrer sieben an Zahl, herbei. Sie waren durch das Gebrüll aus ihrem
Schlafe erweckt, und der gewaltige Lärm des Viehs sowie der Schuß,
welchen der Knabe abgefeuert, hatten sie völlig munter gemacht. Auch
hatte Christian einen Tritt von einem der fliehenden Ochsen erhalten,
wodurch ihm ein gut Stück Haut vom Beine abgeschürft worden war. Aber
obwohl sie nun nahe an acht Stunden geschlafen hatten, war der Rausch
noch nicht völlig wieder aus ihren Köpfen gewichen, und es dauerte
einige Zeit, ehe sie ihre verstörten Mienen verloren. Sie standen zuerst
voll Staunen und Verwunderung stumm neben den Löwen, dann aber fingen
sie nach des Kobus Vorgang sämtlich an zu schwatzen und ruhmredige Worte
darüber zu führen, was sie gethan haben würden, wenn sie die Löwen
lebend erblickt hätten. Sie hätten keine Furcht vor Löwen, beteuerten
sie; sie hätten den Löwen zeigen wollen, was es heiße, nachts an die
Ochsen heranzuschleichen. Die Herren hätten ganz ruhig sein können;
solange sie, Kobus, Jan, Christian und die vier Diener des Smauses,
dagewesen wären, hätte es keine Gefahr gegeben.

Aber der Missionar brachte sie zum Schweigen. »Schämt ihr euch nicht,
ihr faulen Knechte?« rief er. »Wie, Kobus, hast du nicht erst im vorigen
Jahre die heiligen Sakramente empfangen und den Taufunterricht genossen,
so daß ich billig erwarten könnte, du erinnertest dich noch meiner
Ermahnungen und der Lehren der Kirche? Und nun bist du der erste, der
sich der Völlerei hingiebt und liegst betrunken am Boden, während die
Tiere der Wildnis dich und deine Genossen und deinen Lehrer und Herrn
bedrohen? Und dazu willst du noch prahlen und lügen und deine Schuld
zu verstecken suchen, anstatt sie zu bekennen und durch Reue wieder gut
zu machen?«

Von diesen Worten wurde Kobus tief getroffen, und sein Gewissen ward in
ihm rege. Er fing an laut zu weinen und zu schluchzen, seine Betrübnis
teilte sich den andern mit, und alle sieben heulten und bekannten, daß
sie leichtsinnig und schlecht gewesen wären, daß sie es aber nie wieder
sein wollten.

»Nun,« sagte der Missionar, »so macht euch jetzt gleich auf die Beine
und schafft Holz herbei, daß wir ein Feuer anzünden können. Sowie aber
die Sonne aufgeht, sucht nach den zerstreuten Ochsen, damit wir unsere
Reise fortsetzen können.«

Gehorsam machten sich die Schwarzen ans Werk. Beim schwachen Licht der
Sterne suchten sie im Dickicht nach trockenem Holze, wobei sie laut
sangen und schrieen, um die Hyänen fern zu halten, deren Geheul ringsum
von weitem ertönte. Sie brachten auch nach und nach genug herbei, um ein
tüchtiges Feuer entzünden und unterhalten zu können. Beim schützenden
Schein desselben schlief die Gesellschaft der Reisenden bis zum Morgen.

Nun aber ergab sich eine große Schwierigkeit. Die Zugtiere waren weder
zu sehen noch zu hören, und bevor sie nicht zurückgebracht worden waren,
konnte der Marsch nicht weitergehen. Noch ermüdet und elend von ihrer
Ausschweifung machten sich die farbigen Diener auf, um die Tiere zu
suchen. Während dieser Zeit beschlossen die Zulus, auf die Jagd zu
gehen, um für Wildbret zu sorgen. Pieter Maritz sah, daß sie sich
miteinander besprachen und dann, die Assagaien in der Hand, davongingen.
Er war seines Auftrages eingedenk, und obwohl er nicht glaubte, daß sie
sich entfernen wollten, fühlte er sich doch verpflichtet, ihnen zu
folgen. Rasch sattelte er Jager, warf die Büchse auf den Rücken und ritt
ihnen nach.

Sie gingen umschauend und nach allen Seiten spähend nebeneinander und
tauschten einen verständnisvollen Blick unter sich aus, als sie den
eiligen Schritt des Rosses hinter sich hörten und des Knaben ansichtig
wurden. Pieter Maritz sagte ihnen in englischer Sprache, daß er an der
Jagd, die sie wahrscheinlich vorhätten, teilnehmen wolle, und nun
setzten sie ihren Weg gemeinsam fort, der Knabe zu Pferde, die Zulus vor
ihm, Jagdhunden gleich spürend und durch das Buschwerk kriechend. Sie
hatten noch nicht lange umgeschaut, da stieß Humbati einen leisen Ruf
aus, und zu gleicher Zeit streckte das Pferd seinen Kopf vor und setzte
sich alsbald in Galopp. Pieter Maritz sah die Hörner zweier Antilopen
in der Ferne über das hohe Gras herblicken.

Aber auch die Antilopen wurden zu derselben Zeit aufmerksam; die dunklen
Streifen, welche des Knaben scharfes Auge oberhalb der wogenden
Grasfläche erblickt und an ihren dem Korkzieher ähnlichen Windungen als
Hörner der größten Antilopenart erkannt hatte, setzten sich in schnelle
Bewegung. Wären die Zulus allein auf der Jagd gewesen, so würden sie
sich wohl unbemerkt nahe genug an das Wild herangeschlichen haben, um es
mit dem Wurfspieß zu erlegen, aber die Gegenwart des Pferdes ward von
den feinen Sinnen der Antilopen in der Ferne schon wahrgenommen. Nun
galt es schnelle und ausdauernde Verfolgung. Zuerst gewannen die
Antilopen einen Vorsprung. Ihre schlanken, sehnigen Glieder durcheilten
die Ebene mit so weiten Sätzen, daß der Raum zwischen ihnen und den
Jägern sich vergrößerte. Aber Jager trug seinen jugendlichen Reiter mit
äußerster Kraftanstrengung vorwärts und streckte die Beine im
schnellsten Laufe. Pieter Maritz ließ dem Tiere die Zügel, da er dessen
Natur kannte und wohl wußte, wie groß seine Jagdleidenschaft und wie
scharf sein Auge war. Er hielt die Büchse mit beiden Händen vor sich,
und die Zügel lagen dem Pferde auf dem Halse.

Doch erstaunte der Knabe, als er wahrnahm, daß mit dem langgestreckten
Galopp seines edlen Pferdes die Zulus Schritt hielten. Er war es
gewohnt, die Schwarzen schnellfüßig zu sehen, denn auch die Kaffern und
Hottentotten, Betschuanen und Namaquas, welche er kannte, zeichneten
sich durch Behendigkeit im Laufen aus. Aber niemals hatte er Menschen
von solcher Schnelligkeit gesehen, wie diese erprobten Krieger des
kriegerischsten aller südafrikanischen Völker. Humbati hatte sich
rechts, Molihabantschi links gewandt, und sie strebten danach, das
verfolgte Wild auf kürzerer Linie einzuholen, falls es sich etwa im
Bogen seitwärts wenden sollte. Zwar dort, wo das Gras niedrig und der
Boden sehr eben war, kam Jager vor, und die Zulus blieben zurück; wo
aber das hohe Gras dem Pferde im Laufe hinderlich war oder wo Büsche im
Wege standen und wo es Hügel hinauf und Hügel hinunter ging, da gewannen
die Läufer ihren Raum zurück. Ihre nackten schlanken Gestalten, deren
glänzend schwarze Haut die feurigen Strahlen der Sonne zurückwarf wie
ein Spiegel, glitten so gewandt wie schimmernde Schlangen durch das
saftige Grün und die prächtig in allen Farben glühenden Blumen dieses
fruchtbaren Landstrichs, und ihre muskulösen Beine durchmaßen wie im
leichten Tanz die weite Entfernung. Die langen Federn des blauen
Kranichs, welche sie in ihrem dicht gelockten Haar trugen, wehten wie im
Sturmwind nach rückwärts, während sie so, die Assagaien in der Faust
hoch erhoben, dahinjagten.

Wohl zeigten sich Herden einer kleineren Antilopenart auf dem Wege, und
die Jagd auf diese Tiere würde leichter und ergiebiger gewesen sein;
wohl erhoben sich Ketten von Hühnern und Fasanen vom Boden; aber es
hatte sich nun der Eifer des Wettlaufs der Jäger bemächtigt, und sie
fühlten, daß es mehr der Ehre galt als dem Gewinn. Sie wollten alle den
Triumph feiern, die Ongiris, die stolzesten aller Antilopen, erjagt zu
haben, und wiederum zwischen den Zulus und dem Buernsohn war das Feuer
des Ehrgeizes im Wettkampf entbrannt. Ja selbst Jager schien zu fühlen,
was es galt, denn er blickte mit rollenden Augen bald vorwärts auf die
Beute, bald seitwärts nach den behenden schwarzen Gestalten, und er lief
mit nie an ihm gesehener Schnelligkeit.

Jetzt durchfegte er ein Dickicht stachlichter Büsche, und ein langer Riß
in der Haut ließ dem Tiere die Blutstropfen über den braunen Hals
herablaufen. Ein Dorn von Kaktus zerriß auch den Ärmel von Pieter
Maritz' Bluse. Aber die schlanken Gestalten der Zulus waren links und
rechts in gleicher Linie mit dem Pferde, und vorwärts ging es. Nun kamen
sie in ein sumpfiges Land, wo die herrlichsten schneeweißen Kelche der
Kalla, glänzende blaue Blüten von Lilien und die wunderlichen
farbenstrahlenden Gebilde der Orchideen dicht gedrängt gleich dem
schönsten Teppich sich ausbreiteten. Ein Wirbel von Schlamm erhob sich
unter den Hufen des Pferdes, und nur ächzend kam es an der andern Seite
wieder auf festen Boden. Aber auf beiden Seiten glitten die Zulukrieger
wie auf Flügeln über den morastigen Boden hin, indem sie gewandt auf
faulende Stämme sprangen, die im Schlamm lagen und von einem Holze sich
auf das andere schwangen. Nun ging es einen Hügel hinauf, auf der andern
Seite hinunter. Unten floß ein silberhelles Wasser, wohl zwanzig
Schritte breit. Ohne zu zaudern, warf Jager sich in die Flut und schwamm
hindurch. Aber als er auf dieser Seite hineinstürzte, stiegen die Zulus
schon auf der andern Seite heraus, und während Jager schnaubend mit den
Fluten kämpfte, flogen die Zulus schon den nächsten Hügel hinan, und die
Wassertropfen rollten von ihren schwarzen Leibern herab, in der Sonne
glitzernd und ohne eine Spur von Nässe auf der fettigen Haut
zurückzulassen.

Pieter Maritz biß die Zähne zusammen. Hier, wo Berg und Thal wechselten,
mußte er das Rennen verlieren. Er kam die Höhe hinauf, und hier
erblickte er die Zulus schon mehr als zweihundert Schritte im Vorteil.
Doch zugleich erblickte er jetzt deutlich die Antilopen. Sie waren zu
Anfang die schnelleren gewesen, aber nun war ihre Kraft erschöpft. Ihre
Sprünge waren nicht mehr weit, sie erlahmten in der Flucht. Aber
sicherlich mußten sie jetzt die Beute der Zulus werden. Die
Schnelligkeit dieser Jäger schien zuzunehmen, von zwei Seiten kamen sie
mit hoch geschwungenen Assagaien daher, und in wenigen Minuten konnten
sie den Sieg errungen haben.

Da zog Pieter Maritz, dessen Gesicht vor Eifer glühte, mit einem
plötzlichen Entschluß die Zügel an. Die Entfernung war weit, aber er
kannte die Tragweite seines Martini-Henry. Das Pferd schien zu
verstehen, es stand still, als wäre es von Erz gegossen. Pieter Maritz
zog das Gewehr an die Backe, ein Knall und noch ein Knall -- er jauchzte
laut: beide Antilopen flogen in hohem Satze empor und stürzten zu Boden.

[Illustration]



[Illustration]



Viertes Kapitel

Heimliche Flucht


»Mein junger Freund hat ein sicheres Auge und eine ruhige Hand,« sagte
Humbati, als die drei Jäger sich bei dem erlegten Wilde zusammenfanden.
Er lehnte sich auf seinen Wurfspieß, dessen stumpfes Ende er auf den
Boden gestemmt hatte, und betrachtete Pieter Maritz mit einem Blick, aus
welchem Bewunderung sprach, während ein höfliches Lächeln um seinen Mund
spielte.

Der Knabe blieb auf dem Pferde sitzen und beugte sich hinab, um die
Antilopen zu betrachten. Jager senkte den Kopf und beroch gleich einem
Jagdhund die Beute.

»Das Gewehr der weißen Männer trägt weiter als der Assagai und der
Pfeil,« fuhr Humbati fort. »Gewiß aber giebt es nicht viele Männer unter
den Buern, die so gut schießen wie mein junger Freund.«

»Ich bin nur ein Knabe,« entgegnete Pieter Maritz, »und ich hoffe, noch
schießen zu lernen, wie die Buern schießen.«

Humbati schwieg eine kleine Weile und fing dann von neuem an. »Es giebt
sehr viele Buern. Ihre Zahl ist groß, und viele wohnen in ihren Wagen
und Zelten, viele aber auch in großen Häusern, welche immer auf
derselben Stelle bleiben. Doch der englischen Krieger giebt es noch
mehr, und sie werden die Buern zu ihren Sklaven machen.«

Ein Zornblitz schoß aus des Knaben Augen hervor, und er erwiderte
heftig: »Das wird niemals geschehen, solange noch ein Buer lebt, der das
Gewehr tragen kann.«

»Mein junger Freund hat recht,« sagte Humbati. »Edle Männer sterben
lieber, als daß sie unter den Armen leben und am Festmahl der Vornehmen
keinen Anteil haben. Der große König Tschetschwajo liebt die Buern, denn
er weiß, daß sie Krieger sind. Wenn die Buern dem mächtigen König helfen
wollten gegen die Engländer, so würden sie ihm gegen ihren eigenen Feind
helfen. Humbati und Molihabantschi möchten dies den weisen Männern unter
den Buern sagen, aber die Buern wollten die Gesandten des Königs tot
schießen. Mein junger Freund ist sehr weise, obwohl er an Jahren noch
jung ist. Er kann Humbati und Molihabantschi einen guten Rat geben, wie
sie es machen sollen, um die Buern der Freundschaft Tschetschwajos zu
versichern.«

Mit überlegender Klugheit hatte der Zulu zu seiner Rede einen Augenblick
gewählt, wo der Knabe in stolzer, freudiger Erregung war. Und beinahe
wäre Pieter Maritz darauf eingegangen, dem Gesandten wirklich einen Rat
zu geben oder ihm behilflich zu sein. Aber noch zu rechter Zeit entsann
er sich der eigenen Unerfahrenheit und des Auftrags, den er von Baas van
der Goot erhalten hatte.

»Sind es die jungen Knaben unter den Zulus, welche den Führern Rat
erteilen?« fragte er lächelnd.

Humbati wandte sich zur Seite und wechselte einen Blick des
Verständnisses mit Molihabantschi. Er wunderte sich über die Antwort,
und sein Freund teilte dies Gefühl.

»Ich kann euch beiden nur einen Rat geben,« fuhr Pieter Maritz fort.
»Das ist, ruhig eure Straße zu ziehen, bis ihr an die Grenze eures
Landes kommt. Denn wir Buern trauen euch nicht, weil Tschetschwajo oft
in unser Land eingebrochen ist und durch seine Heere Vieh hat
forttreiben und die Dörfer verbrennen lassen.«

Die Zulus tauschten wieder einen Blick miteinander aus, aber sie
antworteten nichts weiter, sondern machten sich an die Arbeit, das Wild
zu zerlegen, wobei sie sich der scharfen Klingen ihrer Assagaispitzen
bedienten. Zuerst öffneten sie den Tieren den Leib, nahmen mit großer
Geschicklichkeit die Gedärme heraus und tranken nach ihrer wilden Art
das Blut, welches sich in der Bauchhöhle sammelte, während das Herz noch
in seinen letzten Pulsen schlug. Dann lösten sie den Rücken der Tiere
heraus, schnitten die Hinterschenkel ab und luden diese Stücke, wohl
eingewickelt in breite Blätter, um sie vor der Sonne zu schützen, auf
ihre Schultern. Das übrige ließen sie liegen. Dann traten alle drei den
Rückweg nach der Lagerstelle an.

Hier hatten die Diener inzwischen nach mehrstündiger Arbeit wieder
Ordnung geschaffen. Sie hatten die Zugochsen nach langem Suchen und
Jagen wieder zusammengetrieben, wobei ihnen der Instinkt der Tiere zu
Hilfe gekommen war. Denn diese hatten sich nicht allzu weit entfernt,
sondern waren, nachdem das Gebrüll der Löwen verstummt war, auf weichen
Grasplätzen innerhalb des Dickichts am Flusse geblieben. Doch fehlten
zwei der Ochsen, welche trotz aller Mühe nicht hatten aufgefunden werden
können, und es war allen wahrscheinlich, daß sie von den Hyänen
zerrissen worden seien. Beide Ochsen gehörten zum Zuge des Smauses
Abraham ten Winkel, und der unglückliche Mann, der schon so viel
Widerwärtigkeiten innerhalb der letzten Tage erlitten hatte, konnte sich
über diesen neuen Verlust nur schwer trösten.

Als die Jäger mit dem Wildbret erschienen, wurden Vorkehrungen zu einer
gemeinsamen Mahlzeit getroffen, welche Frühstück und Mittagessen in sich
vereinigen sollte. Denn die Sonne stand schon hoch am Himmel, die
gewöhnliche Einteilung der Zeit konnte heute nicht inne gehalten werden,
und der größere Teil der heutigen Weiterfahrt mußte auf den Nachmittag
und Abend verlegt werden. Nun wurden Kessel über Feuerlöchern angesetzt
und Kaffee und Mais gekocht, dazu eiserne Gabeln in den Boden gestoßen,
über denen Spieße mit Antilopenbraten sich drehten. Nur die Zulukrieger
verschmähten das über dem Feuer gebratene Fleisch und bereiteten es sich
in ihrer eigenen Weise zu. Sie legten einen Antilopenrücken ohne Salz
einfach in die Kohlen hinein und drehten ihn im Feuer mit einem Stabe
um, wenn er gar zu arg zu verbrennen drohte. Nach einer Weile zogen sie
dann den Rücken heraus, rissen das mürbe Gewordene mit den Fingern
ringsum ab, verschlangen es und warfen den noch rohen Teil von neuem in
die Kohlen. Das wiederholten sie mehreremale, bis sie alles bis auf den
Knochen abgenagt hatten.

Nach der Mahlzeit trennte sich die Gesellschaft. Der Jude zog gen
Norden, betrübt über die Verluste, die er an dieser Stelle erlitten
hatte, der Missionar mit seiner Begleitung wandte sich nach Südosten.
Der Wagen dieses letztern Zuges war um eine stattliche Beute bereichert
worden: die Felle der beiden gewaltigen Löwen, welche die Zulus mit
geübter Hand abgehäutet hatten. Um nicht dasselbe Schicksal zu erleiden,
das den roten Wagen des Juden betroffen hatte, ward die Furt genau
untersucht. Denn die Flut hatte sich nur wenig verringert, so daß das
Wasser nur wenige Handbreit niedriger stand als am vergangenen Tage. Die
Zulus gingen daher zuerst in den Fluß und erprobten dessen Tiefe und
Gangbarkeit. Sie fanden eine Stelle etwas oberhalb des Punktes, wo der
Wagen des Smauses umgestürzt war, weil ein Rad über einen allzu hohen
Stein wegging. Hier war der Boden eben, und das Wasser ging an den
tiefsten Punkten den Zulus nur bis an die Mitte der Brust. Der Zug der
Ochsen ward hierher geführt und quer hindurchgeleitet, und das
Überschreiten der Furt lief glücklich ab. Zwar kamen die Ochsen so tief
hinein, daß sie zuweilen schwimmen mußten und daß nur noch ihre Köpfe
mit den langen Hörnern und dem dicken Jochholz oberhalb des
Wasserspiegels zu sehen waren, aber der Zug war so lang, daß der größere
Teil der Tiere immer gehen konnte. Als die Hinterochsen noch schwammen,
wandelten die vordersten Paare schon jenseits auf dem Ufer, und so wurde
kein Paar seitwärts getrieben, obwohl der Fluß ziemlich reißend strömte.
Pieter Maritz schloß den Zug auf Jagers Rücken. Es machte ihm wenig aus,
daß seine Stiefel und ledernen Beinkleider naß wurden, denn sie waren
von der Jagd her noch nicht wieder ganz trocken. Aber bald sollten sie
trocknen. Das jenseitige Ufer war kahl und sandig, der Weg auf eine
unabsehbare Entfernung hin ohne Baum und Strauch und die Sonne von einer
ungewöhnlichen Glut. Sie stand zur rechten Hand des Zuges ganz hoch am
Himmel, und ihre Scheibe erschien durch die erhitzte Luft über der Erde
in einer eigentümlichen Weise verändert. Sie schwamm wie ein goldener
Teller im weißlich flimmernden Luftmeer. Nur unten, dicht über dem
Horizont waren leichte, duftige Wolken zu sehen, sonst glich die ganze
Himmelsdecke einer riesigen glühenden Kuppel von funkelndem Metall. Die
Erde war unter diesem Strahlenglanz in hohem Grade erhitzt und schien
dem Himmel gleich zu brennen. Die Ochsen hoben im Marsche ihre Beine
hoch auf und tauchten mit sichtbarem Widerstreben ihre Hufe in den
Sand. Links und rechts lagen an mehreren Stellen des Weges Gerippe,
welche seltsam vom Boden emporblickten, indem neben den starken,
gewölbten Rippen der weiße Schädel mit den gebogenen, langen, schwarzen
Hörnern emporragte.

Der Missionar hatte sich in den Wagen gesetzt, um unter dem Verdeck
geschützt zu sein, die farbigen Diener hatten breitrandige helle
Filzhüte auf dem Kopfe, nur die Zulus gingen schutzlos in der Sonne und
ließen das Licht ruhig auf ihre krausen Frisuren und die glänzenden
schwarzen Körper fallen. Nichts Lebendes ließ sich zu dieser Stunde
außer dem Zuge des Missionars auf der Ebene sehen, nur einmal rannte in
weiter Ferne ein Rudel Zebra dahin, deren schwarze und weiße Streifen
Pieter Maritz mit seinen scharfen Augen unterscheiden konnte.

Der Marsch hatte nun schon über drei Stunden gedauert, den Zugochsen
hing die dürstende Zunge aus dem Halse, und noch war kein Fleck zu
sehen, der sich zur Ruhe geeignet hätte. Der Missionar ließ halten und
kam aus dem Wagen hervor.

»Es geht so nicht weiter,« sagte er zu Pieter Maritz, »was sollen wir
machen? Die Tiere bedürfen des Wassers, aber wir finden hier kein Wasser
am Wege.«

»Ich sehe dort einen Hügel,« sagte der Knabe, zur linken Hand hin
weisend. »Ich will mit den Zulus dorthin, um zu sehen, ob wir an seinem
Fuße Wasser finden. Wir wollen Spaten mitnehmen, um ein Loch zu graben.«

»Gut,« sagte der Missionar, »aber die Tiere können es nicht lange mehr
aushalten, und wir müssen ihnen wohl aus dem Fasse geben.«

Er ließ die Ochsen ausspannen, damit sie sich erholen könnten, und man
sah sie alsbald nach allen Seiten hin schnuppern, ob sie etwa eine ferne
Quelle oder auch nur ein Wasserloch entdecken könnten. Aber sie senkten
mutlos die Köpfe und stellten sich dann so, daß ihre brennenden Hufe im
Schatten der eigenen Körper standen, wobei sie sich zusammendrängten und
immer die außerhalb Stehenden sich bemühten, in das Innere des Haufens
einzudringen. Der Missionar ließ indessen aus dem Fasse in Becher laufen
und erquickte seine Begleiter und sich selbst. Das Wasser war warm
geworden und zu einer andern Zeit würde es wohl von jedem verschmäht
worden sein, aber heute erschien es allen wie ein köstliches Getränk.
Als dann die Menschen getrunken hatten, ließ er einen Eimer füllen, und
mit großer Not inmitten der sich nun herandrängenden Tiere wurde jedem
der Ochsen ein kleiner Trunk verabreicht.

Währenddessen begaben sich Pieter Maritz und die Zulus, denen sich
zuletzt auch noch der Missionar selbst zu Pferde anschloß, nach dem
Hügel und spähten eifrig nach Fußspuren von Wild, welche angedeutet
haben würden, daß Wasser in der Nähe sei. Aber es waren keine Fährten zu
entdecken. Der Hügel war entlegener, als sie zuerst vermutet hatten, und
nahm beim Näherkommen eine andere Gestalt an, indem er sich als
Ausläufer einer Hügelkette zeigte. Er war sandig, mit Steinen bedeckt
und ohne jeden Pflanzenwuchs, aber als die Reisenden auf seinen Gipfel
kamen, sahen sie Buschwerk und einzelne Bäume auf der andern Seite. Die
Zulus entdeckten sogar, was die Weißen nicht zu erkennen vermochten: den
Rauch aus menschlichen Wohnungen in weiter Ferne sich aus waldiger
Umgebung emporkräuseln. Belebt durch die Aussicht auf das Buschwerk, da
dies die Hoffnung auf Wasser erweckte, stiegen sie den Hügel auf der
andern Seite hinab, waren aber erst einige hundert Schritte gegangen,
als sie plötzlich still standen, indem sie frische Spuren von Löwen am
Boden bemerkten, die vor ganz kurzer Zeit auf diesem Platze gewesen sein
mußten. Dann gingen sie, vorsichtig um sich blickend, weiter. Am Fuße
des Hügels erblickten sie gar bald ein rundes Loch in der Nähe einiger
Rhenosterbüsche, und dies Loch war mit Wasser gefüllt. Sie eilten dahin,
aber ein abschreckender Gestank kam ihnen entgegen. In dem Wasser von
trübem Aussehen schwamm eine Masse, welche nicht deutlich zu erkennen
war, und als die Zulus diese Masse mit dem Schafte ihrer Spieße bewegten
und emporhoben, zeigte sich, daß es eine tote Hyäne war. Dem Anschein
nach war dies Loch von Kaffern gegraben und das Wasser von ihnen
vergiftet, um die Raubtiere zu vertilgen. Es mußten Wohnungen von
Kaffern in dieser Gegend sein.

Mit Abscheu wandten sich die Reisenden von dem häßlichen Anblick des
vergifteten Tieres ab und gingen weiter, auf die Bäume zu, als sich
ihnen ein Schauspiel von herzbewegender Traurigkeit bot. Ganz einsam
unter einem der Bäume, Euphorbien, die ihre blattlosen Zweige von dem
glatten Stamm aus in gleichen Winkeln kandelaberförmig in die Höhe
streckten, saß ein altes, schwarzes Weib, nackt, ein lebendiges Gerippe,
und lehnte ihr weißhaariges Haupt auf die Kniee. Sie blickte empor, als
sie die Nähe der Fremden bemerkte, und blickte entsetzt auf die weißen
Gesichter. Dann versuchte sie aufzustehen, um zu fliehen, aber zitternd
vor Schwäche sank sie wieder zusammen.

Der Missionar stieg vom Pferde, redete sie mit sanftem Tone in der
Sprache des Volkes jenes Landes an und nannte sie mit einem Namen,
welcher unter jedem Himmelsstrich süß klingt, und selbst das Ohr des
Wilden sanft berührt. »Meine Mutter,« sagte er, »fürchte nichts. Wir
sind Freunde, wir wollen dir kein Leid thun. Wie kommst du in diese
Wildnis, und warum bist du so allein?«

Sie antwortete zuerst nicht, sondern sah nur erschrocken in des
Missionars Gesicht, bis er seine Frage wiederholte. Dann sagte sie mit
schwacher Stimme: »Ich bin eine alte Frau, ich sitze hier seit vier
Tagen; meine Kinder haben mich hier zurückgelassen, damit ich sterbe.«

»Deine Kinder?« fragte der Missionar.

»Ja,« sagte sie, die magere Hand auf ihre welke, runzlige Brust legend,
»meine eigenen Kinder, drei Söhne und zwei Töchter. Sie sind dorthin
gegangen, nach jenen blauen Bergen und haben mich hier zurückgelassen,
um zu sterben.«

»Und warum haben sie dich verlassen? Ich bitte dich, sage es mir!« rief
der Missionar voller Entsetzen, indem er seine Hände faltete.

»Ich bin alt,« sagte sie, »und ich bin nicht mehr kräftig genug, ihnen
zu dienen. Wenn sie auf die Jagd gehen, kann ich nicht mehr das Fleisch
nach Hause tragen, weil ich zu schwach bin. Ich kann kein Holz mehr
sammeln, um Feuer zu machen und ich kann auch ihre Kinder nicht mehr wie
früher auf meinem Rücken tragen.«

Als das alte Weib so sprach, blickte der Missionar gen Himmel und weinte
laut. »O Heidentum!« rief er, »o Heidentum! O du Heiland aller Menschen,
laß deine Liebe zu diesem armen, unseligen Volke kommen!«

Auch Pieter Maritz konnte seine Bewegung nicht verbergen, und obwohl ihm
die Zunge vor Hitze und Durst am Gaumen klebte, rann ein Strom von
Thränen über seine Wangen. Nur die Zulus blickten unbewegten Auges auf
die Scene und betrachteten die Thränen der Weißen mit verächtlicher
Verwunderung.

»Ich bin erstaunt, dich hier lebend zu sehen,« sagte der Missionar von
neuem zu der Alten. »Denn es gehen Löwen hier umher und müssen dich
längst bemerkt haben.«

Die alte Frau faßte die Haut ihres linken Armes mit den Fingerspitzen
und zog sie empor, als sei es lockeres, leichtes Gewand. »Ich habe die
Löwen gehört und gesehen,« sagte sie, »aber es ist nichts an mir, was
sie fressen möchten.«

Der Missionar griff in die Tasche und holte ein Stück Maiskuchen und
gedörrtes Fleisch hervor. »Nimm dies, meine Mutter,« sagte er, »und iß.
Wir wollen dich nicht sterben lassen, du sollst nicht hier bleiben. Wir
wollen dich mit uns nehmen und für dich sorgen.«

Die Alte nahm die Lebensmittel, aber als sie die Worte des Missionars
hörte, fing sie vor Angst zu zittern an. »Ich will nicht mit,« sagte sie
flehend, »laßt mich hier. Es ist so unsere Sitte, ich bin auch schon
beinahe tot, ich will nicht das Sterben noch einmal anfangen.«

Vergeblich redete der Missionar ihr zu und versprach ihr, sie zu
stützen, daß sie zu seinem Wagen gehen könne, und auch künftig für sie
zu sorgen. Sie ward von diesen Vorschlägen so erregt, daß sie in Krämpfe
zu verfallen drohte, und der Missionar mußte davon abstehen, sie mit
sich zu nehmen. Doch beschloß er, mit dem Wagen hierher zu kommen,
sobald sich Wasser gefunden hätte, weil er es nicht übers Herz bringen
konnte, die alte Frau zu verlassen. Er wollte seine Reise unterbrechen
und von der vorgesetzten Richtung abbiegen, um dies unglückliche Wesen
zu beschützen. So setzten die Reisenden vorläufig ihren Weg fort.

»Dieses sklavische Volk hat schlechte Sitten,« sagte Molihabantschi. »Es
ist nicht gut, die alten Leute verhungern zu lassen. Selbst die Löwen
haben bessere Sitten, denn wenn sie eine Beute teilen, fressen die alten
Tiere zuerst, und die jungen warten, bis jene satt sind. Ist aber ein
Löwe zu alt und schwach, um mit auf die Jagd zu gehen, so bringen ihm
seine Kinder das Futter.«

»Glaubst du, daß die Löwen dies mit Verstand und Überlegung thun?«
fragte der Missionar.

Molihabantschi sah ihn verwundert an. »Die Löwen sind sehr klug,«
erwiderte er. »Ich sah einen Löwen, welcher auf einem Felsen am Flußufer
lauerte, um Zebras zu fangen, welche zur Tränke gingen. Er wollte auf
das letzte Tier der Herde springen, aber versah sich und sprang zu kurz,
so daß die Zebras flohen und er keines davon bekam. Da beguckte er sich
die Stelle, von wo er gesprungen war, und machte den Satz mehreremale,
bis dieser weit genug war. Dann kamen noch zwei Löwen zu ihm und sie
gingen zusammen auf und ab, wobei er ihnen die Stelle zeigte, wo die
Zebras zu trinken pflegten. Sie sprachen dabei laut miteinander, doch
konnte ich kein Wort verstehen, obschon sie stark brüllten.«

Pieter Maritz und der Missionar wußten, daß die Kaffernvölker glauben,
die Tiere sprächen miteinander, und sie lachten nicht über die Erzählung
des Zulu. Sie schritten weiter im Thale hin und kamen zu ihrer Freude an
ein Gewässer. Zwar war es nur ein Teich, der nicht im Fließen war und
trübe aussah, aber sie waren glücklich. Der Missionar beschloß, hier
Rast zu halten.

»Ich habe die Absicht, mich nach Botschabelo, der Missionsstation, zu
begeben,« sagte er zu dem Knaben. »Ich dachte diesen Platz in zwei Tagen
zu erreichen, werde nun aber drei Tage auf den Weg verwenden müssen.
Denn ich bringe die Ochsen heute nicht mehr weiter, vor allem aber wüßte
ich nicht, wie ich die arme alte Frau fortbringen sollte, ohne daß der
Wagen hierher kommt. Wir wollen umkehren und den Wagen holen.«

Während dieser Worte ging der Missionar an das Wasser hinab, und er
sowohl wie seine Begleiter und die beiden Pferde labten sich an einem
Trunk. Pieter Maritz glaubte zu bemerken, daß die Zulus aufmerksam
geworden wären, als sie den Namen Botschabelo hörten, doch achtete er
nicht weiter darauf, weil sich ihm jetzt ein wunderlicher Anblick bot.
Ein großer Vogel erhob sich auf dem jenseitigen Ufer, der einen dunklen
Gegenstand in seinen Krallen trug. Er flog gerade empor und ließ dann
das Ding, welches er trug, zu Boden fallen, auf die Steine, welche dort
zerstreut lagen. Alsdann schoß er selbst herab, packte den Gegenstand
von neuem und wiederholte dasselbe Spiel, indem er ihn aus der Höhe
fallen ließ. Pieter Maritz ritt, da er sich dies nicht erklären konnte,
eilig um den Teich herum, und bei seinem Herannahen ward der Vogel scheu
und flog davon, ohne das Ding mitzunehmen, mit welchem er beschäftigt
war. Der Knabe erreichte die Steine und sah, daß es eine Schildkröte
war, welche der Raubvogel erbeutet hatte. Sie lag dort mit zerbrochenem
Schilde, und der Vogel hatte sie auf die Steine geworfen, um sich ihres
Fleisches bemächtigen zu können. Mehrere zerbrochene Schilder von
Schildkröten lagen außerdem umher. Der Knabe hob das Tier auf, welches
wohl fünfzehn Pfund wiegen mochte, und nahm es mit sich als einen
Beitrag zum Abendessen.

Dann kehrten die Reisenden zurück, um den Wagen zu holen. Sie kamen an
der Stelle vorüber, wo das alte Weib saß, und fanden es wieder mit dem
Kopfe auf den Knieen in seiner hockenden Lage. Sie gingen ruhig vorüber,
um es nicht von neuem zu ängstigen, und stiegen wieder über den Hügel,
welcher in die Ebene führte. Hier herrschte eine unendliche Glut, und
die freie Fläche dort unten glich einem riesigen Herde, von welchem
Hitze emporstrahlt. Sie blickten nach dem Wagen hin, der eine halbe
Wegstunde entfernt sein mußte, aber anstatt der dunklen Gruppe, die sie
vorhin beim Umschauen von dem Hügel aus gesehen, bot sich ihnen ein
anderes und wunderbares Bild.

Sie sahen einen See vor sich ausgebreitet, dessen heller Spiegel
erfrischend glänzte, und dessen Ufer in lieblichster Weise mit
schwankenden, vom Winde bewegten Bäumen eingefaßt waren. Schlanke
Palmen, Tamarisken und Agaven wiegten ihre graziösen Blattflächen und
hellen Blüten, und zwischen ihnen erhoben sich weiße Landhäuser und
phantastische, spitze Türme mit goldenen Kuppeln.

Staunend sahen sie diesen reizenden Anblick, welcher ein Paradies vor
ihre brennenden Augen hinzauberte, und langsam schritten sie den Hügel
hinab darauf zu. Da löste sich ein langer Zug von Menschen und Tieren
von dem Gestade des lockenden Sees los und kam ihnen entgegen. Reiter
und Fußgänger mit wallenden Mänteln und langen Speeren kamen daher, über
ihren Häuptern flatterten Fahnen und ihre Waffen blitzten. Aber nach und
nach, wie die Reisenden vorwärts kamen, wuchsen die vordersten Reiter
des ihnen entgegenkommenden Zuges zu Riesen an. Ihre Lanzenspitzen
reichten bis zum Himmel, und ihre Rosse wurden größer wie Giraffen und
Elefanten. Sie gingen noch weiter vor, in Staunen verloren, und nun
wurden die Gestalten und der See blässer und blässer, der wundersame
Schimmer, welcher das Land verklärte, ward zu einem gelblichen,
durchsichtigen Nebel, und endlich war alles verschwunden, und sie fanden
sich in der glühenden gelben Sandwüste, den Wagen mit den
verschmachtenden Ochsen gerade vor sich.

Es hatte sich ihnen, wie der Missionar erklärte, eine Luftspiegelung,
eine Fata Morgana gezeigt, welche zuweilen entsteht, wenn die Hitze der
Sonnenstrahlen von der flachen Erde zurückgeworfen wird.

Der letzte Rest aus dem Wasserfasse ward jetzt unter die Ochsen
verteilt, um ihnen neuen Mut zu geben, und obwohl ein jedes Tier nur
einen Zug thun durfte, war die Wirkung doch sehr belebend. Dann ging es
vom Wege seitwärts ab nach dem hügeligen Lande. Die Ochsen merkten, daß
es zur Rast ging, sie setzten ihre letzte Kraft daran und kamen stöhnend
über den Hügel in das Thal. Aber als sie den Platz erreichten, wo die
alte Frau sein mußte, da fanden sie ihren Körper zwar wieder, aber für
jede Hilfe war es zu spät, denn die Seele war entflohen. Die
Umschlingung ihrer Kniee mit den Armen hatte sich gelöst, ihr Kopf war
nach rückwärts gefallen, und kein Atem bewegte mehr die Brust und die
Lippen.

Da sprach der Missionar ein Gebet, und die schwarzen Diener schaufelten
eine Grube in den Sand und legten den mageren Leib hinein. Dann ging es
wieder vorwärts. Mühsam wühlten sich die Ochsen durch den tiefen Sand
des Thales nach den noch entfernt stehenden Bäumen und Büschen hin,
welche den Ort des Teiches erkennen ließen. Sie ließen die Köpfe hängen
und schnoben aus tiefster Brust.

Mit einem Male begann ein Wind dem Zuge entgegenzuwehen, der einen
seltsam frischen Hauch mit sich führte. Der Wind blies aus Nordost und
er hatte eine Art von Beigeschmack wie von frischem Grase. Die Ochsen
erhoben ihre Köpfe, sogen die Luft mit Begierde ein, und drangen
schneller vor. Sie schüttelten die Joche, als seien sie ungeduldig,
nicht ungehindert laufen zu können. Wenige Minuten später ward der Wind
stärker, und ein sonderbares Heulen begleitete seinen Gang über die
Hügel hin. Zugleich veränderte sich die Beleuchtung. Die Reisenden
blickten sich um, da es war, als rücke ein Schatten von hinten her über
den Himmel weg, und sie sahen, daß die kleinen zarten Wolken, welche um
Mittag dicht über dem Horizont gestanden hatten, nun heraufgezogen waren
und gleich Schneebergen, ganz weiß mit einem leichten, gelben Saume, dem
Winde entgegeneilten.

Nun entstand plötzlich eine Totenstille. Es war, als begegneten sich der
Wind und die Schneeberge zu einem Kampfe und rüsteten sich schweigend.
Die Ochsen standen still, kein Schlag brachte sie vorwärts, sie
zitterten und bohrten ihre Hufe in den Boden.

»Schirrt sie ab!« rief der Missionar. »Ein Gewitter kommt!«

Alsbald stürzten sich die Schwarzen auf das Gespann, lösten die
Jochhölzer ab und ließen das Zugseil fallen. Während sie so arbeiteten,
zeigte der Himmel eine auffallende Veränderung. Die großen, den
Schneebergen ähnlichen Wolken zogen mit scharf umrissenen Formen noch
immer in der Richtung nach Nordosten, aber ihnen gegenüber waren, ohne
daß man sagen konnte, woher sie kamen, andere Wolken entstanden, welche
den entgegengesetzten Weg zogen. Diese gingen tiefer über der Erde hin
und glichen losem Wasserdampf, der keine bestimmte Gestalt annimmt,
sondern schleierartig wallt. Beide Wolkenschichten zogen mit großer
Schnelligkeit gegeneinander und untereinander, und das Sonnenlicht
verschwand vollständig. Es ward dunkel und noch immer dauerte die
unheimliche Stille. Da, auf einen Schlag, brach ein gewaltiges Wetter
los. Es sah aus, als sprängen Blitze in mannigfacher Form, im Zickzack,
schräg hin und auch in Bogenlinien, von der Erde empor nach dem Himmel.
Dann sah es wieder aus, als fiele eine feurige Kette in Stücken von den
Wolken herab. Die Blitze fielen so häufig, daß oft zwanzig in einer
Minute zu zählen waren, und ein Donner erschütterte die Luft, der Schlag
auf Schlag mit solcher Kraft rollte, daß die Erde unter den Füßen der
Reisenden bebte. Dies dauerte mehrere Minuten lang und dann ergoß sich
eine Wasserflut vom Himmel herab, als stürze ein Ocean aus den Wolken
nieder. Es war ganz finster, nur die Blitze erhellten die Scene. Sie
sprangen nicht mehr zwischen Himmel und Erde auf und nieder, sondern
wälzten sich gleichsam am Boden hin wie feurige Schlangen, die in ganzen
Herden sich daherringelten. Ohne Aufhören brüllte dazu der Donner.

Pieter Maritz war vom Pferde gestiegen und hielt das zitternde Tier am
Zügel. Er blickte zum Wagen hin und sah keinen der Ochsen mehr. Als der
Sturm losbrach, die Blitze zuckten und der Donner grollte, waren sie
voller Entsetzen davongestürmt. Der heulende Wind trieb das losgerissene
Verdeck einem Segel gleich empor und ließ es wie eine riesige Fahne
flattern. Die farbigen Diener waren unter den Wagen gekrochen und
hockten dort in angstvoller Stellung. Neben dem Wagen stand der
Missionar. Er hielt gleich dem Knaben sein Pferd am Zügel und blickte in
einer andächtigen Stellung mit über der Brust gefalteten Händen zu dem
von Blitzen erleuchteten Himmel auf. Sein von weißem Haar und Bart
umgebenes Antlitz erschien dem Knaben unbeschreiblich ehrwürdig. Nur für
Augenblicke war dies Bild dem Knaben sichtbar, alsdann ward es wieder in
Finsternis getaucht. Denn die Wolken hingen so niedrig zur Erde herab
und gossen solche Regenschauer nieder, daß nur die Blitze Licht geben
konnten. Jetzt huschte etwas ungemein Schnelles heran, es glich einem
Trupp von Schweinen mit hoch gebogenen Rücken, doch wie es dicht neben
dem Knaben vorüberkam, sah er, daß es ein Rudel Hyänen war. Ihre
unheimlichen Gestalten verschwanden so schnell wie sie erschienen waren.
Die Tiere waren in Angst und dachten nur an Flucht vor dem Unwetter, wie
auch die Pferde vor dem Anblick der gefährlichen Bestien zu dieser
Stunde nicht scheuten, sondern unter dem stärkeren Eindruck der
entfesselten Elemente standen.

Die Wassergüsse hatten schon nach kurzer Zeit den Boden völlig
aufgeweicht. Sie spülten den losen Sand von den Hügeln herunter und
ließen die kleineren Steine mitrollen. Diese von den Höhen fließenden
Bäche sammelten sich in den Thälern, und bald rann ein Strom von
mehreren Fuß Tiefe durch die Niederungen, wo die Reisenden sich befanden
und spülte bis an die Achse des Wagens. Der Missionar und Pieter Maritz
mußten mit ihren Pferden seitwärts die Höhe hinansteigen, um außerhalb
der Fluten zu sein, und in Schreck und Furcht schlossen sich ihnen die
Diener an, welche das Wasser unter dem Wagen hervorgetrieben hatte.
Wären die Hügel höher und die Tiefen abschüssiger gewesen, so wäre der
Wagen fortgespült worden. Es war ein Glück, daß die unebene Bildung des
Bodens nur in geringem Maße vorhanden war. So war es auch ein Glück, daß
die Ochsen vom Wagen abgeschirrt waren, denn sie hätten gewiß beim
Leuchten der Blitze und dem furchtbaren Krachen der Donnerschläge in
wilder Flucht den Wagen mit sich gerissen und wären mit ihm zu Grunde
gegangen. So durften die Reisenden hoffen, die versprengten Tiere nach
dem Aufhören des Gewitters wiederzufinden.

Der heftige Zorn der drohenden Wolken hielt nicht lange an, bald hörten
Blitz und Donner auf, die schwarzen Wolken trennten sich und ließen die
Sonne wieder durchscheinen. Doch zogen die Wolken nicht völlig vorüber,
sondern nach kurzer Helligkeit gab es neue Güsse, und dieses Wetter
hielt an, bis die Sonne untergegangen und die Nacht hereingebrochen war.
Dann klärte sich der Himmel auf, der Mond und die Sterne gossen ihr
mildes, weißes Licht über das Land aus.

Die Reisenden hatten bis jetzt zusammengedrängt am Hügel gestanden, von
Nässe triefend, frierend und ohne imstande zu sein, irgend etwas zu
unternehmen. Doch verloren sich jetzt mit zauberhafter Schnelligkeit die
Wasserfluten. Der Erdboden schien sie plötzlich eingesogen zu haben,
sobald neuer Zufluß aufhörte. Nun machten sich der Missionar und seine
Begleiter sofort auf, um nach den Ochsen zu sehen. Sie schritten beim
Mondlicht vorwärts in dem Thale und erreichten die Stelle, wo sie am
Nachmittage den Teich gefunden hatten. Aber wie war die Scene verändert!
Ein großer See war an der Stelle jenes Teiches, seine Wellen schlugen
weit über die ehemaligen Ufer hinaus und bespülten die Bäume, welche
vorhin hoch emporgeragt hatten, bis zur halben Höhe des Stammes. Von den
Ochsen war nichts zu sehen. Sollten sie in diesen See geraten und
ertrunken sein?

Ein unheimliches Brüllen erhob sich jetzt in der Nachbarschaft und ließ
erkennen, daß die Löwen aus ihren Höhlen hervorgekommen waren und nach
Beute ausgingen. Es war wegen der Nacht und wegen der Raubtiere nicht
ratsam, auf eine fernere Suche nach den Ochsen auszugehen. Der Missionar
beschloß, nach dem Wagen zurückzukehren und in demselben zu übernachten.
Ein Feuer konnte nicht angezündet werden, da alle Gegenstände, alles
Holz, alle Büsche völlig naß waren.

Mit einem Male fiel es Pieter Maritz auf, daß Humbati und Molihabantschi
nicht zu sehen waren. Ein Schrecken fuhr durch seine Glieder.

»Wo sind die Zulus?« rief er.

Niemand konnte ihm Auskunft geben.

»Sie werden einen sichern Unterschlupf gefunden haben,« sagte der
Missionar. »Diese Leute sind mit der Natur vertrauter als wir.«

Der Knabe sagte nichts, aber er glaubte nicht, daß sie noch in der Nähe
wären. Große Sorge überfiel ihn. Er konnte nicht umherreiten, um sie zu
suchen. Wohin hätte er reiten sollen? -- Die farbigen Diener befestigten
das Zeltdach über dem Wagen, und der Missionar mit seinen Begleitern
krochen hinein.

»Ich werde Wache stehen,« sagte der Knabe, und getreulich hielt er, die
Büchse im Arme, Wache während der Nacht. Er spähte unaufhörlich umher,
ob er etwas hörte oder sähe, was ihn beruhigen könnte, denn ihn folterte
die Befürchtung, seinen Auftrag schlecht vollführt zu haben. Aber nur
die Stimmen der Nachttiere, das Heulen der Panther und Hyänen und das
Brüllen der Löwen, durchbrach die Stille. Nur einmal glaubte er
Molihabantschi vor sich zu sehen. Er erblickte plötzlich funkelnde Augen
in der Nähe, die ihm Ähnlichkeit mit dem Blick dieses Kriegers zu haben
schienen, und er hoffte für eine Sekunde, in der dunkeln Gestalt, die
dort auftauchte, den Zulu zu erkennen. Aber im nächsten Augenblick sah
er deutlicher. Die Augen gehörten einer großen Hyäne an, und noch
mehrere andere Paar blitzender Augen tauchten auf. Die Tiere hatten sich
heimlich und still herangeschlichen, ohne daß die übermüdeten Pferde,
die im Stehen, an den Wagen angebunden, schliefen, es bemerkt hatten.

Pieter Maritz nahm die große Hyäne aufs Korn, und als der Schuß krachte,
wälzte sie sich tödlich getroffen am Boden; die andern flohen, aber noch
zweimal fuhr die mörderische Kugel in das Rudel hinein und streckte noch
zwei der Tiere auf der Flucht nieder. Erschrocken fuhren die Schläfer
empor, aber legten sich bald wieder nieder, als der Knabe sie beruhigte.
Dann ward es still umher, der Knall der menschlichen Waffe hatte die
Wildnis beruhigt.

Doch des Knaben blaue Augen ruhten nicht. Sie blickten nach den
verschwundenen Gesandten des Zulukönigs aus.

[Illustration]



[Illustration]



Fünftes Kapitel

Die Missionsstation Botschabelo


»Du bist so traurig, mein Sohn, was hast du? Irgend eine Sorge drückt
dich nieder.« So sprach voll Teilnahme der Missionar am Morgen nach dem
Sturm zu Pieter Maritz.

Der Knabe stand schweigend auf die Büchse gelehnt neben seinem Pferde
und vermied das Auge des alten Mannes, indem er fernhin über das Land
blickte, welches nun im Glanze der Morgensonne strahlte, als hätte kein
finsterer Schrecken und kein Donnergetose sein heiteres Antlitz je
beschattet. Er war allein mit dem Missionar, die schwarzen Diener waren
unterwegs, um die Zugtiere zu suchen.

»Du antwortest nicht,« fuhr der fromme Mann fort. »Und doch würde es
dein Herz erleichtern, wenn du sprächest. Ich sehe es dir an, daß du
einen Kummer hast. Du bist nicht, wie du die früheren Tage warest.
Deine sonst so hellen blauen Augen sind trübe, und es ist wohl nicht die
schlaflose Nacht allein, die dich so müde macht.«

Der Knabe schüttelte die blonden Locken mit trotzigem Ausdruck und
erwiderte nichts.

»Du bist mir auf der Reise ein angenehmer Begleiter gewesen,« sagte der
Missionar von neuem, »und ich danke dem Baas van der Goot für seine
Fürsorge, mir eine so gut treffende Büchse zur Gesellschaft mitzugeben.
Aber ich fürchte, daß du dich grämst, so lange fortzubleiben von deiner
Familie. Kehr' wieder um. Du hast ein schnelles Pferd. Du kannst heute
abend bei den Deinen sein, wenn du willst.«

Pieter Maritz biß die Zähne auf die Unterlippe. »Ich kehre nicht
zurück,« sagte er.

»Wie? Du kehrst nicht zurück? Sehnst du dich denn nicht, deine Mutter
und deine Geschwister wiederzusehen?«

Der Knabe schwieg.

»Oder ist es dir bedenklich, allein zurückzureiten? Wenn das ist, so
will ich dich mitnehmen, bis uns Reisende begegnen, die nach Norden
ziehen. Aber ich glaube nicht, daß du zu furchtsam bist, um den Weg
allein zu machen.«

Pieter Maritz lächelte verächtlich und schüttelte von neuem den Kopf.

»Nun dann,« sagte der Missionar, »ich weiß es, was dich bedrückt. Nicht
aus Fürsorge für mich gab Baas van der Goot dir den Auftrag, mich zu
begleiten. Ist es nicht so? Es war das Mißtrauen der Buern, was dich zu
mir führte, und das Verschwinden der Zulus ist es, was dich beunruhigt.«

Pieter Maritz sah dem alten Manne jetzt in das Gesicht. Er erkannte
freundliche Teilnahme und einen milden Ernst in diesem Antlitz, und
seine Zurückhaltung schmolz unter dem Blicke dieses Dieners Gottes.

»Ja,« sagte er. »Ich sollte die Zulus überwachen, aber nun sind sie
fort, und ich kann nie wieder heimkehren.«

»Du kannst nie wieder heimkehren? Und warum nicht?«

»Weil ich mich zu sehr schämen würde. Ich kann keine Antwort geben, wenn
ich gefragt werde, wie ich meinen Auftrag vollführt habe.«

»Sag du, wie es in Wahrheit ist, daß die Zulus in einem schrecklichen
Sturm und Gewitter geflohen sind und daß du keine Schuld daran trägst,
weil du genug damit zu thun hattest, für dich selbst zu sorgen.«

Der Knabe zuckte die Achseln. »Ich würde es nicht sagen können,«
erwiderte er. »Die Zulus sind fort, und ich sollte sie doch überwachen.
Ich werde nie wieder heimkehren.«

Der Missionar bemühte sich, den Knaben auf andere Gedanken zu bringen.
Er sprach davon, daß Baas van der Goot nichts Unmögliches verlangt haben
könne, er versprach dem Knaben ein Schreiben mitzugeben, worin berichtet
würde, auf welche Weise die Zulus verschwunden seien, er ermahnte den
Knaben, lieber selbst eine Strafe auf sich zu nehmen als sich in
falscher Scham trotzig zu verbeißen. Aber es war alles umsonst. Pieter
Maritz hörte ruhig zu, aber schüttelte nur den Kopf und blieb bei seinem
Vorsatz.

»Behaltet mich bei Euch, Mynheer,« sagte er zuletzt. »Euch habe ich
gern, und bei Euch möchte ich bleiben. Vielleicht findet sich eine
Gelegenheit für mich, meinem Vaterlande einen Dienst zu erweisen, der
meinen Fehler wieder gut macht. Dann kann ich zurückkehren, sonst aber
will ich es nicht.«

Der Missionar gab es auf, weiter in ihn zu dringen. »Dieser Knabe hat
einen eisernen Kopf,« sagte er sich, »und je mehr Widerstand er findet,
desto mehr besteht er auf seinem Willen. Aber er wird sich besinnen,
wenn die erste Aufregung vorüber ist und sein Gemüt wieder ruhig wird.«

»Bedenke nur eins, Pieter Maritz,« sprach er zuletzt, »das Leid, welches
dem Menschen aus seinem eigenen trotzigen und doch verzagten Herzen
entsteht, ist größer als alles Leid, welches die göttlichen Fügungen
über ihn verhängen.«

Damit wandte sich der Missionar zu Christian, der jetzt mit den ersten
der wiedergefundenen Ochsen zurückkam, Pieter Maritz aber stieg in den
Sattel und ritt aus, um den Schwarzen zu helfen. Die Ochsen waren weit
verstreut, und es war ein schreckhaftes Wesen in sie gefahren. Sie waren
nicht wie sonst in einem Trupp vereint, um auf die Ankunft der Schwarzen
ruhig zu warten, sondern sie liefen unruhig zu zweien und dreien umher
und scheuten bei dem Herannahen der Menschen. Denn während der Nacht
waren wilde Tiere zwischen sie gefallen, und zwei von ihnen konnten
überhaupt nicht aufgefunden werden, von zwei andern aber lagen die
traurigen Überbleibsel, abgenagte Knochen und die Köpfe mit den Hörnern,
auf dem Sande.

Als der um vier Häupter verringerte Zug endlich angeschirrt war, ließ
der Missionar die Richtung vom vergangenen Tage wieder einschlagen, und
Pieter Maritz, der bis jetzt hinterher geritten war, nahm von nun an die
Spitze und führte. Nach einer Stunde Weges fing die Landschaft an,
belebter und schöner zu werden, Ansiedelungen von Menschen zeigten sich,
und zwischen Waldstücken und den von der Natur allein angelegten
Blumengärten tauchten bebaute Felder, auf denen Kaffee, Zucker,
Baumwolle, Reis, Mais und Weizen gezogen wurden, und hier und da
zerstreute Häuser auf. Man war im Kreise Lydenburg zwischen den Flüssen,
die sich in den Elefantenfluß ergießen, und Feldwege, welche auf
häufigern menschlichen Verkehr hindeuteten, erleichterten die Reise.

Gegen Abend näherte sich der Zug einem großen Gehöft, wo der Missionar
die Nacht über zu bleiben beschloß. Mehrere niedrige Häuser standen hier
inmitten einer weiten grünen Fläche, welche von vielen kleinen Bächen
durchrieselt wurde. Diese Bäche, welche Felder und Gärten bewässerten,
waren von Menschenhand angelegt, indem ein nahes Flüßchen durch einen
Querdamm angestaut und seitwärts in künstlich gegrabene Betten geleitet
worden war. Mauern aus übereinander getürmten Bruchsteinen umgaben die
Gärten, aus denen goldfarbige Orangen in glänzendem, lederartigem
Laubwerk schimmerten. Innerhalb von Zäunen weidete zahlreiches Vieh, und
die Gestalten schwarzer Knechte wandelten umher.

Pieter Maritz ritt dem Wagen voraus, gerade auf das Wohnhaus zu, welches
weiß getüncht mit dem schnörkelig verzierten Vordergiebel aus dem
Fruchtgarten hervorblickte und vornehm abstach von den länglichen
Lehmhütten der farbigen Dienstleute. Als sie näher kamen, öffnete sich
die Hausthür, und ein Mann trat heraus. Er war groß und breit, sein Bart
war grau, und im Munde hatte er eine kurze Thonpfeife. Er lehnte sich,
die Hände in den Taschen seiner derben Lederhosen, an den Pfosten seiner
Thür und musterte die Ankömmlinge.

»Guten Tag, Oheim!« rief der Knabe nach der Sitte des Landes.

»Guten Tag, Neffe,« antwortete der Buer, ohne sich zu regen.

»Wollt Ihr uns die Nacht beherbergen?« fragte Pieter Maritz.

»Wer seid ihr und wo wollt ihr hin?« fragte der Buer dagegen.

Jetzt kam der Missionar heran und gab dem Hausherrn Auskunft über Ziel
und Zweck der Reise.

Der Buer reichte dem Missionar die Hand und lud ihn ein,
hereinzukommen. Den Schwarzen wies er einen Platz an, wo sie ausspannen
könnten.

Der Missionar und Pieter Maritz traten in die Stube, deren Boden einer
Scheunentenne glich und aus Lehm und Kuhmist bestand, die zu einer
festen, glatten Masse vereinigt und festgestampft waren. Auf einem der
handfesten Holzstühle saß die Frau, welche von den Gästen höflich als
Tante begrüßt wurde. Sie war eine behäbige, runde Frau mit rot
glänzendem Gesicht und hatte in den Händen eine große silberne
Schnupftabaksdose, aus der sie von Zeit zu Zeit bedächtig eine Prise
nahm. Neben ihr saß eine erwachsene Tochter, blondlockig und blauäugig,
welche den Gruß der Gäste erwiderte, ohne von ihrem Schoß aufzusehen, wo
sie ein Paar lederne Beinkleider nähte. Ein Knabe von zehn Jahren saß zu
Füßen der Mutter und schnitzte einen Elefanten aus Holz.

Der Buer ging an einen Schrank, holte eine Flasche und ein Glas hervor
und schenkte den Ankömmlingen und sich selbst ein Zoopje zum Willkommen
ein. Dann spuckte er höchst kunstvoll durch die halbe Stube hin aus dem
Fenster und gab der Frau den Auftrag, für das Abendessen zu sorgen. Sie
ging hinaus, und bald darauf kam eine schwarze Dienerin mit einer Schale
Wasser und einem Tuche herein. Sie hockte vor dem Missionar nieder und
lud ihn ein, sich zu waschen. Nachdem er sich Gesicht, Hände und Füße
gewaschen hatte, erwies sie Pieter Maritz denselben Dienst.

Als dann auf dem großen schweren Tisch die mächtige Schüssel mit
Maisbrei dampfte und daneben Rinderbraten und Schaffleisch aufgestellt
waren, traten nach und nach sieben erwachsene Söhne herein, die vom
Felde kamen, allesamt mit langsamem, gewichtigem Schritte, sechs Fuß
hoch, breitschulterig und ungehobelt. Dazu erschienen fünf Töchter, die
aus der Küche und dem Garten kamen, tüchtige Mädchen mit roten
Gesichtern und breiten harten Händen. Sie traten alle an den Tisch heran
und falteten die Hände. Dazu kamen vier schwarze Dienerinnen in roten
wollenen Röcken herein und stellten sich bescheiden an die Thür.

Der Baas setzte sich an das eine Ende des Tisches und lud den Missionar
ein, sich neben ihn zu setzen. Auch die Tante setzte sich. Alle andern
aber standen. Nun nahm der Baas seinen Hut ab, schlug eine Bibel mit
Messingbeschlag auf, die vor ihm lag, und las einen Psalm. Es war noch
hell, die Sonne stand über dem Horizont und schien durch die Fenster
herein. Er las langsam und bedächtig, und alle hörten voll Andacht zu.
Dann klappte er das Buch zu, und das Essen ging an. Die Familie saß um
den Tisch herum, und die farbigen Mädchen bedienten. Ein jeder hatte
einen Teller, aber nur die Gäste außer dem Hausherrn und der Hausfrau
hatten Messer und Gabel. Die Söhne zogen ihr Taschenmesser hervor,
wetzten es an der Schuhsohle und zerschnitten damit ihr Fleisch.
Gewaltige Haufen des köstlichen Maisbreies vertilgten sie alle. Zum
Nachtisch boten die Dienerinnen herrliche Früchte an: Apfelsinen,
Pfirsiche, Feigen und Weintrauben. Zum Beschlusse ward den Männern
wieder ein Zoopje eingeschenkt und hierauf das Dankgebet gesprochen.

Herrlich schliefen in dieser Nacht die Reisenden in wirklichen Betten.

Ehe sie am folgenden Morgen weiter zogen, führte der gastfreie Baas sie
noch in seinen Besitzungen umher und zeigte ihnen mit besonderem Stolze
seine Straußenzucht. Er hatte an hundert dieser großen Vögel auf einem
weiten Platze eingezäumt. Die Tiere schritten mit ihren langen Beinen
und Hälsen gravitätisch einher und schauten neugierig nach dem Besuche
aus.

»Ehedem war es nötig, die Tiere zu jagen,« erzählte der Buer, »und die
Jagd war mühsam, weil die Vögel sehr scharf sehen und flink auf den
Beinen sind. Die Kaffern hatten eine hübsche Manier, sie zu jagen. Sie
strichen ihre Beine weiß an, nahmen einen Sattel auf die Schultern, der
mit Straußenfedern besteckt war, und hielten einen Stock über ihren
Kopf, an dem ein Straußenhals und Straußenkopf befestigt war. In der
andern Hand hielten sie Bogen und Pfeil. So schlichen sie an die Herde
heran, und wahrhaftig, sie machten es so listig, daß Sie selbst,
Mynheer, auf zwei-, dreihundert Schritte nicht gesehen hätten, ob ein
wirklicher Strauß oder ein Pfefferkopf herankam. Aber die Tiere wurden
allmählich selten, und Straußenjagd wurde ein schlechtes Geschäft. Nun
züchte ich sie, und wir ziehen ihnen die besten Federn aus. Freilich
haben sie es nicht gern, weil es weh thut, und zwei starke Schepsels
haben ihre Not, den Vogel zu halten, während der dritte ihm die Federn
ausreißt. Aber sie werden gut bezahlt. Ein Pfund von den guten weißen
Federn ist am Kap seine 35 bis 40 Pfund Sterling wert. Dazu gehören etwa
hundert Federn. Jedes von den männlichen Tieren trägt ein Kleid, das
seine 10 Pfund Sterling wert ist, die Weibchen sind freilich nur den
sechsten Teil davon wert.«

Nach einem reichlichen Frühstück von Kaffee, Maisbrei und Ziegenfleisch
machten sich die Reisenden von neuem auf den Weg und schieden von ihrem
Wirt mit freundlichem Wunsche einer guten Gesundheit, aber ohne zu
danken, nach der Sitte des gastfreien Landes. Kaatje, die jüngste
Tochter, brachte noch einen Binsenkorb mit Apfelsinen an den Wagen, dann
schrie Kobus: »Treck!« und die Ochsen zogen an.

Zwei Tage ging es weiter, und eine Nacht dazwischen hielten die
Reisenden wieder bei einem Buern Rast, dann erblickte Pieter Maritz am
Abend des zweiten Tages den Turm der hoch gelegenen Kirche von
Botschabelo. Langsam ging es den gewundenen Weg bergauf, und dann lag
die vom Missionar Merensky gegründete Station dicht vor des Knaben
Augen. Auf dem Gipfel des Berges war eine kleine Festung erbaut, welche
den Ansiedelungen Schutz gegen feindliche Angriffe gewähren sollte und
auch wirklich gegen die Häuptlinge Sekukuni und Mapoch gewährt hatte.
Die kleine Festung war zu Ehren des Königs von Preußen, nachmaligen
deutschen Kaisers, Fort Wilhelm genannt worden und schloß die
Missionsgebäude in sich. Rund herum zog sich draußen ein Kranz von
Kaffernhütten, und diese waren von Kaffernfamilien bewohnt, welche das
Evangelium angenommen hatten und einen Teil der um die Mission
versammelten Gemeinde bildeten. Weiter unten im Thale lagen zahlreichere
Hütten, und hier hatte sich der Hauptstamm der Gemeinde angesiedelt, ein
aus drei verschiedenen Kafferstämmen, den Basutos, Bakopas und Bapedis
zusammengesetzter Volkshaufe von mehr als 1000 Köpfen, Männern, Frauen
und Kindern. So sah Pieter Maritz denn auch sehr verschiedenartige
Gesichtsbildungen und Färbungen unter dem Volke, daß sich draußen um die
Hütten herumtrieb. Zum größten Teil waren es Kinder und alte Weiber,
während die Männer und jüngeren Weiber noch auf dem Felde beschäftigt
und abwesend waren. Viele Kinder mit gewaltig dicken Bäuchen krochen
nackt im Sande umher, und die Weiber, welche daheim geblieben waren,
beschäftigten sich mit den einfachen häuslichen Verrichtungen, in denen
dies arme Volk von seinen christlichen Lehrern unterwiesen worden war.

Im Versammlungshause auf dem Berge war Erstaunen und Freude unter den
Brüdern, als der greise Missionar erschien, und er mußte erzählen, wie
es ihm in den Jahren ergangen war, wo er fern im unwirtlichen Norden
gelebt hatte. Der Superintendent selber war gegenwärtig und außerdem
mehrere Missionare mit ihren Familien. Botschabelo war die größte unter
den deutschen Stationen in Südafrika und Sitz der Superintendentur. Es
war eine große Freude für den alten Mann, wieder einmal die Töne der
Muttersprache zu hören, mit Brüdern im Dienste Gottes zu verkehren und
die köstliche Häuslichkeit wiederzusehen, die von deutscher Frauenhand
geleitet wird. Auch auf Pieter Maritz machte dies Zusammenleben von
Männern, die ihr Leben der Arbeit im Weinberge des Herrn geweiht haben
und die alle Freuden der Welt zu opfern gewillt sind, um den Heiden das
Evangelium zu predigen, einen tiefen und erhebenden Eindruck. Als sich
diesen Abend die Brüder und die Gemeinde in der geräumigen
Missionskirche zum Abendgottesdienst versammelten und sich die Kniee so
vieler schwarzen Menschen, die dem Christentum gewonnen waren, vor Gott
in Andacht beugten, da fühlte der Knabe bei der Stimme des Predigers so
mächtig wie noch nie die Gewalt der Lehre, von welcher kein Wort
verloren gehen soll, wenn auch Himmel und Erde vergehen.

Beim Abendessen wurde gemeinsam besprochen, wohin der greise Missionar
sich nun wohl am besten wenden würde. Denn er war ein feuriger Geist und
liebte es mehr, hinaus an die fernsten Grenzen und in die schwierigsten
Verhältnisse zu ziehen, als sich dem bequemeren Dienste anzuschließen.
Ein jüngerer Bruder war kürzlich aus Natal eingetroffen und erzählte,
daß die politische Lage zwischen den Engländern, den Buern und den Zulus
sehr unsicher sei.

»England hat seine Herrschaft über die Transvaalbuern verkündigt und
gedenkt sie auch zu behaupten,« sagte er. »Aber die Engländer sehen wohl
ein, daß sie damit auch verpflichtet sind, die Buern vor den Angriffen
der Zulus zu schützen. Ich habe ein Vögelchen pfeifen hören, das sang:
Die Engländer rüsten einen Feldzug gegen den übermütigen Tschetschwajo.«

Pieter Maritz, der dabei saß, wurde ganz rot. Die Buern sind Manns
genug, sich selbst zu schützen, dachte er. Er konnte nur mit Mühe seine
Zunge im Zaum halten, doch sagte er sich, daß es ihm in Gegenwart so
ehrwürdiger und gelehrter Leute nicht zustehe, den Mund zu öffnen.

»Wir hier in Botschabelo werden davon wenig berührt werden,« sagte ein
anderer Bruder. »Wir liegen weit ab vom Kampfplatz. Wenn nur die
Matabeles und Bapedis nicht wieder aufrührerisch werden durch
Kriegsgerüchte! Zwar sind Sekukuni und Mapoch gedemütigt, doch ist
überall umher unruhiges Volk, denn ihre eiteln Herzen trachten immer
nach Neuem und sehnen sich nach Beute. So haben wir jetzt zwar im
Norden Ruhe, aber im Osten gefällt es mir nicht.«

»Was ist im Osten?« fragte der alte Missionar.

»In den Drakensbergen wohnt ein Paar gefährlicher Räuber mit großem
Anhang,« entgegnete der andere. »Solange sie dort blieben, waren sie uns
nicht gefährlich, denn sie waren wohl fünfzehn Meilen von uns entfernt.
Aber sie sind frech geworden und haben sich zuzeiten nach Norden hin bis
in das Gebiet von Neuschottland gewagt, um Vieh zu stehlen. Ja, sie
haben sich in den großen Wäldern zwei Meilen östlich von uns gezeigt.«

»Was sind es für Räuber, und von welchem Stamme sind sie?«

»Das ist eine ganze Geschichte,« erwiderte jener. »Es sind zwei Brüder,
welche ehedem Fürsten waren, und sie sind vom Stamme der Basuto. Welchen
Namen sie unter ihrem eigenen Volke hatten, weiß ich nicht, die Buern
aber haben den ältern Bruder Titus Afrikaner, den jüngeren Fledermaus
genannt, und unter diesen Namen sind sie der Schrecken der Kreise
Utrecht, Wakkerstroom und Lydenburg geworden. Sie lebten ehedem im
Oranjefreistaat, besaßen in ihrer Jugend ihre eigenen großen Herden,
schossen ihr eigenes Wild, tranken aus ihren eigenen Bächen und ließen
die Musik ihrer heidnischen Gesänge zu dem Winde erklingen, der über die
Kalambaberge weht, wie sie im Oranjefreistaat die südwestliche
Verlängerung der Drakensberge nennen. Als aber die holländischen
Ansiedler an Zahl immer mehr zunahmen und sich des Grundes und Bodens
bemächtigten, wo Titus Afrikaner und Fledermaus samt ihren Unterthanen
zu jagen und zu weiden gewohnt waren, da zogen die schwarzen Fürsten
zuerst weiter nach Norden, und endlich kamen sie in die Abhängigkeit der
Buern. Sie wurden Hirten eines reichen Grundbesitzers und weideten ihm
jahrelang treulich seine Herden. Aber der Buer war ein harter Herr und
verlangte in ungerechter Weise immer mehr von seinen Untergebenen. Er
und seine Söhne und Knechte peitschten die Anhänger der ehemaligen
Fürsten, schossen sie bei geringen Anlässen tot, ermordeten ihre Kinder,
mißhandelten die schwarzen Frauen und Mädchen. Als die Vorstellungen der
beiden Häuptlinge nichts nützten, sondern der Buer immer übermütiger
ward, da regte sich wilder Haß in ihrer Brust. Sie waren beide sehr
geschickt im Gebrauch der Feuerwaffen und gute Reiter, und sie thaten
ihrem Herrn gute Dienste, indem sie es vortrefflich verstanden, das von
Räubern gestohlene Vieh wiederzufinden und zurückzubringen. Aber als
sie nun ihre Bitten und Vorstellungen mißachtet sahen, weigerten sie
sich eines Tages, nach einer von Buschmännern gestohlenen Herde
auszureiten, und, wie man mir erzählt hat, wären sie auch nur die Opfer
eines Betruges geworden, wenn sie fortgeritten wären. Denn dem Raube lag
ein listiger Plan des Buern zu Grunde. Er fürchtete die Nähe der
Häuptlinge und beabsichtigte, sie für immer zu entfernen. Ich lebte
ehedem in jener Gegend, und daher kenne ich die ganze Geschichte so
genau.

»Als nun der Buer auf offenen Ungehorsam stieß, ward er zornig und
sandte den Beiden eines Abends den Befehl, vor seiner Thür zu
erscheinen. Sie kamen, aber da sie Gewaltthätigkeiten fürchteten, nahmen
sie ihre Büchsen mit und hielten sie hinter ihren Rücken. Der Buer
stürzte, als er sie kommen sah, wütend heraus, den Sjambock in der Hand,
und schlug sofort mit einem Hiebe über den Kopf den jüngern Bruder,
Fledermaus, zu Boden. Da ergriff Titus Afrikaner das Gewehr, und durch
die Stirn geschossen fiel der Buer vorwärts auf sein Gesicht. Dann
traten beide in das Haus. Die Frau des Buern kam ihnen voll Angst
entgegen, denn sie hatte die Ermordung ihres Mannes gesehen. Sie warf
sich ihnen weinend und um Gnade flehend zu Füßen. Sie versprachen ihr
Schonung, aber verlangten alle Gewehre und alle Patronen, die im Hause
wären. Als sie diese hatten, befahlen sie ihr, samt ihren Kindern die
Nacht über im Hause zu bleiben und die Thür nicht zu verlassen. Dann
gingen sie fort und verteilten die Waffen unter ihre Anhänger. Aber zwei
Kinder des Buern befolgten die Warnung nicht, sondern liefen zur
Hinterthür hinaus, um zu sehen, was die Schwarzen trieben. Sie wurden
beide ermordet. Hiernach verschwanden Titus Afrikaner und Fledermaus
nebst einem Haufen ihrer ehemaligen Unterthanen aus jener Gegend und
zogen über den Vaalfluß. Sie verbargen sich in Höhlen und Schluchten der
Drakensberge, und von dort aus machen sie Raubzüge. Sie sind der
Schrecken weiter Landstriche. Mehrfach sind Kommandos gegen sie
ausgesandt, die Regierung von Oranje wie die Regierung von Transvaal
haben Preise auf ihre Köpfe gesetzt, aber bis jetzt ist es nicht
gelungen, sie zu erwischen. Sie sind voll Mut und haben manches Gefecht
bestanden. Einmal hat Titus Afrikaner ganz allein stundenlang gegen
zwanzig Buern gefochten, indem er im Walde von Baum zu Baum und von Fels
zu Fels schlüpfte, und er ist erst geflohen, als ihm das Gewehr in den
Händen zerschossen wurde.«

Der greise Missionar hatte aufmerksam zugehört, und ein Gedanke bewegte
ihn.

»Diese Leute sind hart behandelt worden,« sagte er, »und ich erkenne in
dem, was sie gethan haben, Züge einer wilden, aber doch großartig
angelegten Seele. Wenn irgendwo, so muß in solchen Herzen das Evangelium
einen fruchtbaren Boden finden. Ich weiß jetzt, was ich zu thun habe.
Ich will meinen Stab von neuem zur Hand nehmen und den Weg zu Titus
Afrikaner und Fledermaus suchen.«

Diese Erklärung des alten Mannes rief große Bewegung unter den
Versammelten hervor, und alle drückten ihr Erstaunen aus. Sie stellten
ihm ihre Bedenken vor, zählten die Schwierigkeiten auf, welche sein
Vorhaben mit sich bringe, warnten ihn vor den Gefahren einer solchen
Unternehmung und bezweifelten deren Erfolg.

Aber der alte Mann blieb fest. Eine himmlische Ergebung und ein
bewunderungswürdiger Mut strahlten aus seinen Augen. »Ihr fürchtet für
mein Leben,« sagte er sanft, »aber seht ihr nicht, daß meine Jahre sich
zu Ende neigen? Welche Verwendung des kleinen Restes meiner Kraft wäre
kostbarer als diese Mission unter den wildesten der Heiden? Und ist
nicht überall unser Leben in Gottes Hand? Wer sollte auf den Höchsten
vertrauen, wenn nicht wir, die wir seine Diener sind unter den Heiden?
Ich fühle in meinem Innern, daß das Herz dieser Räuber verstockt ist
durch das Unrecht, welches die Christen ihnen thaten, daß es aber
schmelzen wird unter der Flamme christlicher Liebe. Es sind wilde und
grausame Männer, aber bedenkt, daß im Himmel mehr Freude ist über einen
Sünder, der Buße thut, denn über hundert Gerechte.«

»Ich denke, daß unser Bruder recht hat, wenn er meint, daß das göttliche
Licht in den Seelen dieser Räuber nicht ganz erloschen ist,« sprach
einer der Brüder. »Denn sie haben ja einst die Lehre gehört, und ein
Rest davon schlummert sicherlich in ihren Herzen. Dafür ist mir ein
Erlebnis, welches ich einst mit ihnen hatte, ein deutlicher Beweis. Zwar
ist es eine Geschichte, die im Grunde lächerlich klingt, aber ich möchte
sie doch als ein Beispiel dafür mitteilen, daß die Ehrfurcht vor dem
Unsichtbaren in diesen Räubern lebt. Wo sich diese findet, da ist auch
ein Anknüpfungspunkt für den Glauben an Christum gegeben.«

Er ward gebeten, zu erzählen, welche Begegnung er mit den berüchtigten
Räubern gehabt habe, und berichtete folgendermaßen: »Ich hatte eine
kleine Station drüben am Walde, etwa anderthalb Meilen von hier,
gegründet und war dort mehrere Jahre thätig. Ein Kirchlein und ein Haus,
dazu vier oder fünf Hütten, bildeten unsere Kolonie. Damals hatte ich
den Schmerz, meine geliebte Frau zu verlieren, sie ward neben der Kirche
bestattet, und noch einige andere Gräber gesellten sich im Laufe der
Zeit dazu, so daß ein kleiner Friedhof entstanden war. Als es unruhig im
Lande und unsere Kolonie gefährdet ward, zogen wir ab und kamen hierher.
Aber eines Tages, etwa ein Jahr, nachdem ich fort war, wandelte mich
Sehnsucht nach der Stätte an, wo ich glücklich gewesen war, und nach dem
Orte, wo der Leib meiner treuen Lebensgefährtin ruhte. Mit einem
christlichen Kaffer zusammen wandelte ich dorthin zurück. Als wir uns
aber der verlassenen Station näherten, kam es uns so vor, als wären wir
nicht allein in der Gegend, und wir versteckten uns in einem Dickicht,
etwa hundert Schritte von der Kirche, welche noch da stand. Da sahen wir
denn einen Haufen von bewaffneten Schwarzen herankommen, welche sich den
Gebäuden näherten, alsbald hineindrangen und zu plündern anfingen. Viel
konnten sie unmöglich finden, aber was da war, das schleppten sie
heraus. Und der Kaffer neben mir flüsterte mir zu, daß Fledermaus an der
Spitze der Schar sei. Da bemerkte ich, daß einige verwundert an dem
Friedhof standen und die Hügel betrachteten, welche mit Kreuzen
geschmückt waren. Und einer von ihnen ging über die Hügel weg. Da
ertönte, als seine Füße die eine Erhöhung überschritten, ein sanftes
Tönen, welches aus der Erde hervordrang. Er stand bewegungslos, blickte
über seine Schulter zurück und wußte offenbar vor Angst nicht, ob er
davonlaufen oder stehen bleiben sollte. Endlich ermannte er sich und
trat von neuem auf den Hügel. Wiederum erklangen aus der Erde sanfte
Noten einer dahinsterbenden Musik. Da ergriff er die Flucht, und mit ihm
liefen die andern fort, und sie holten ihren Häuptling herbei.
Fledermaus kam tapfer heran und schritt auf die Erhöhung. Als er aber
nun ebenfalls die Musik vernahm, da trat er ehrfurchtsvoll zur Seite,
versammelte alle seine Begleiter um sich und redete lange mit ihnen. Und
offenbar erinnerte er sich der Lehre früherer Zeiten, die er gehört, als
er noch unter den Buern lebte: daß nämlich die Seele unsterblich sei und
nicht mit dem Körper untergehe. Denn er redete in feierlicher Weise und
mochte wohl seinen Genossen auseinandersetzen, daß die Toten, die dort
lägen, es nicht billigten, daß ihre früheren Wohnungen beraubt würden.
Als er nämlich aufgehört hatte zu reden, trugen sie alle ihre Beute
wieder in das Haus zurück und entfernten sich schweigend und, wie mir
schien, voll Scheu über das, was sie erlebt hatten.«

»Und was war es mit der Musik?« fragte man.

»Die geheimnisvollen Töne rührten von meinem Pianoforte her,« sagte der
Missionar lächelnd. »Es war mir bei unserer Flucht unmöglich, das
schwere Instrument mitzuschleppen; da es aber der Lieblingsgegenstand
meiner seligen Frau gewesen und mir selbst sehr wert war, wollte ich es
nicht ohne weiteres im Stiche lassen. So begrub ich es denn und türmte
Erde gleich einem Grabhügel zum Schutze darüber. Der Boden ist dort so
trocken, daß es fast gar nicht von Schimmel und Fäulnis ergriffen war,
und seine Saiten ertönten unter den Füßen der Schwarzen auf ganz
natürliche Weise.«

Die Gespräche hatten Pieter Maritz nachdenklich gemacht, und als sich
alle zur Ruhe begaben, folgte er seinem väterlichen Freunde und sagte
mit bittendem Tone: »Nehmt mich mit Euch, Mynheer, wenn Ihr
weiterzieht!«

»O nein, mein Junge,« rief der Missionar erschreckt. »Das geht nicht an.
Hier müssen sich unsere Wege scheiden. Du kehrst zurück, und ich gehe
weiter.«

»Nehmt mich mit,« wiederholte Pieter Maritz. »Ich habe Euch lieb. Wer
soll Euch Wild schießen, wenn ich nicht da bin? Wer soll Euch schützen?«

»Der Herr hat nicht Gefallen an der Stärke des Rosses noch an jemandes
Beinen,« erwiderte der Missionar. »Mit dem Stecken in der Hand sollen
seine Diener ziehen, und ihre Waffenlosigkeit ist ihr stärkster Schutz
unter dem raub- und mordlustigen Volke.«

»Ich bitte Euch, nehmt mich mit,« flehte der Knabe, des alten Mannes
Hand ergreifend. »Es macht mir solche Freude, zu sehen, wie sich die
Herzen der Heiden unter Euerm Worte beugen.«

Der Missionar sah den Knaben voll innigen Anteils an und las in seinem
Gesichte edles Gefühl und den Drang zu hohen Thaten.

»Ich will es mir diese Nacht überlegen,« sagte er. »Überlege auch du es
dir. Morgen früh wird dein Blut ruhiger sein. Gute Nacht!«



[Illustration]



Sechstes Kapitel

Lord Adolphus Fitzherbert


Pieter Maritz harrte den ganzen folgenden Tag auf ein Wort des
Missionars, welches ihn ermuntern sollte, die fernere Reise ins
Ungewisse mitzumachen, aber der Missionar sprach nicht. So ging es auch
den zweiten und den dritten Tag. Der Missionar wollte sich in diesen
Tagen von den Anstrengungen der vorhergehenden Zeit erholen und zu den
bevorstehenden Mühen neu kräftigen. Darum blieb er ruhig bei den Brüdern
von Botschabelo, nahm an deren Gottesdienst teil, predigte an dem
Sonntage, der innerhalb der drei Ruhetage fiel, und erging sich in
erbaulichen Gesprächen mit den Männern und Frauen, die gleich ihm an der
schweren Arbeit beschäftigt waren, die unwissenden Köpfe und kindischen
Herzen eines auf tiefer Stufe stehenden Volkes zu einem guten Acker für
Gottes Wort umzupflügen.

Pieter Maritz wagte nicht, von sich selbst aus seinen Wunsch wieder in
Erinnerung zu bringen, aber er war keineswegs andern Sinnes geworden.
»Kehre ich zurück,« dachte er, »so bin ich ein thörichtes Kind in den
Augen der Knaben wie der Männer, denn ich habe meinen Auftrag nicht
vollführen können. Und selbst wenn ich keine Strafe bekomme -- zu Hause
bin ich immer nur ein Knabe, aber hier draußen gelte ich als Mann.«

Die Bilder eines ereignisreichen Lebens in der Ferne bewegten lebhaft
sein Herz. Er sah mit Sehnsucht nach den fernen blauen Bergen hinüber
und es war ihm wie dem Vogel, der seine Schwingen hebt, um in ferne
Länder zu ziehen. Seine Einbildungskraft spiegelte ihm vor, daß sich ihm
Gelegenheit bieten würde, ruhmreiche Dinge zu vollführen, so daß bei
seiner späteren Rückkehr die Gemeinde mit Bewunderung auf ihn blicken
und seine Altersgenossen ehrfurchtsvoll flüstern würden: »Das ist Pieter
Maritz, der für sein Vaterland große Dinge gethan hat.«

Der Missionar hatte seinen Aufbruch für den vierten Tag festgesetzt, und
Pieter Maritz hatte sich vorgenommen, falls der alte Mann nichts sage,
sich einfach dem Zuge anzuschließen und herzlich zu bitten. Die ganze
Versammlung der Brüder von Botschabelo nebst den Frauen und Mädchen saß
am Abend vor der geplanten Abreise beim Essen zusammen, und eben war das
Tischgebet gesprochen worden, als sich draußen ein großer Lärm erhob.
Schreien und Jauchzen vieler Stimmen drang in das große Gemach, und
alsbald kamen mehrere schwarze Diener hereingelaufen und meldeten in
höchster Aufregung, daß fremde Krieger den Berg heraufgezogen kämen.

Die Brüder erhoben sich bestürzt von ihren Sitzen und ließen das
Abendessen stehen, um vor die Thür zu treten; der erste aber, der
draußen war, um zu sehen, was es gebe, war Pieter Maritz. Da hatte er
einen Anblick, der sein Herz laut klopfen machte und ihn voll
Bewunderung regungslos auf die Stelle bannte.

Ein Zug von Reitern kam die Straße bergauf geritten, wie er deren noch
nie gesehen hatte. In den Strahlen der niedrig stehenden Sonne funkelten
Waffen, glänzendes Lederzeug und der metallene Beschlag von weiß
leuchtenden Helmen. Die Reiter waren in scharlachrote Röcke gekleidet,
trugen hohe blanke Stiefel, ritten auf sehr schönen, großen Pferden und
sahen so stolz und prächtig aus, wie Pieter Maritz niemals gedacht
hatte, daß Krieger aussehen könnten. Er zählte ihrer vierundzwanzig, die
zu dreien in einer Reihe ritten, ihnen voran kam ein blutjunger Mann,
der das Kommando führte, und hinterher ritt ein bärtiger Soldat, der
durch goldene Streifen auf dem Ärmel seines Rockes ausgezeichnet war.

Der Zug hatte den tiefsten Eindruck auf die ganze Gemeinde von
Botschabelo gemacht. Es war niemand daheim geblieben, sondern alt und
jung, Männer, Weiber und Kinder waren herbeigelaufen, schrieen vor
Entzücken und zugleich vor Furcht und drängten sich so auf dem Wege, daß
die Reiter nur in langsamem Schritte vorwärts kamen und sich in acht
nehmen mußten, die neugierigen, tanzenden und schreienden Schwarzen
nicht durch die Hufe ihrer Pferde zu Boden treten zu lassen.

Vor dem Versammlungshause angekommen, hielt der jugendliche Führer der
Reiterschar sein Roß an, und da Pieter Maritz gerade neben ihm stand,
wandte er sich an diesen und fragte, wer hier der Älteste sei und über
die Gemeinde zu befehlen habe. Er sprach englisch, und Pieter Maritz
verstand diese Sprache sehr gut, aber die Frage ward in so hochmütigem
Tone und in einer so besondern Sprechweise gestellt, daß Pieter Maritz
nur verwundert in das fragende Gesicht sah und nachdachte, warum dieser
junge Krieger wohl so sehr durch die Nase spräche.

»Kann der Bauernlümmel nicht antworten oder will er nicht?« rief der
Engländer.

Pieter Maritz wurde ganz rot vor Zorn und Scham und faßte unwillkürlich
nach der Seite, wo er den Hirschfänger zu tragen pflegte. Aber er war
ohne Waffen, wie er sich zu Tisch gesetzt hatte.

»Ob der Bursche nur wenigstens den Hut vom Kopfe thut!« rief der
Engländer von neuem. »Es ist sehr notwendig, diesem Volke Manieren
beizubringen.«

In diesem Augenblicke aber, ehe sich der Streit noch verschärfen konnte,
kam der Superintendent heran und sagte, daß er der Vertreter der
Missionsstation wie überhaupt der deutschen Kirchen in Transvaal sei.
Der Engländer grüßte hierauf sehr höflich, obwohl immer noch mit der
Miene der Herablassung, und sagte, er sei Lord Adolphus Fitzherbert,
Leutnant und Kommandant einer Patrouille von der Dragonergarde Ihrer
Majestät der Königin. Er beanspruche Quartier für eine Nacht in
Botschabelo.

Der Superintendent gab hierauf Anweisungen, den Dragonern Wohnung und
ihren Pferden Stallung zu geben, die Reiter stiegen ab, und der Leutnant
ging mit den Missionaren in das Speisezimmer, wo die Schüsseln noch
unangerührt standen. Er legte Helm, Pallasch und Revolver, auch das
goldglänzende Bandelier mit der silbernen Patrontasche ab, setzte sich
mit seinen Wirten zu Tisch und ließ es sich gut schmecken.

Pieter Maritz hatte tiefen Groll gegen den Fremden im Herzen und
betrachtete ihn vom Ende des Tisches aus mit schrägen Blicken aus den
Augenwinkeln. Der Engländer hatte den Ehrenplatz neben dem
Superintendenten und benahm sich so fein und vornehm, daß Pieter Maritz
nicht wußte, ob er mehr hassen oder mehr bewundern sollte. Dem Ansehen
nach war der Leutnant nur wenige Jahre älter als der Buernsohn. Er hatte
ein längliches, blasses Gesicht mit grauen Augen, zierlich geschwungene
Augenbrauen und einen kleinen, schwachen Anflug von Bart auf der
Oberlippe, und sein dunkles Haar war kurz geschnitten und zurückgekämmt.
Seine Hände waren schmal und schneeweiß, mit rötlich schimmernden
Nägeln, so daß Pieter Maritz in Verwirrung seine eigenen Hände
betrachtete, welche niemals in Schafleder oder Ziegenleder gehüllt
gewesen, braun von Farbe und hart wie Horn waren. An Wuchs war der
Engländer wohl einen Kopf höher als Pieter Maritz, aber dieser dachte,
wenn er sich mit dem übermütigen Jüngling einmal im Ringkampfe messen
dürfte, so wollte er ihn in der Mitte durchbrechen.

Als das Essen vorüber war, wurden dem Gast zu Ehren einige Flaschen Wein
auf den Tisch gesetzt, die Frauen entfernten sich, und die Männer fingen
an, von Politik zu sprechen, da die Brüder sehr gespannt waren, zu
erfahren, was die unerwartete und nie vorher hier erblickte Erscheinung
britischen Militärs zu bedeuten habe.

Lord Adolphus Fitzherbert lehnte sich behaglich auf seinem Stuhle
zurück, schlug die Beine übereinander, welche mit Stulpenstiefeln von
Glanzleder bekleidet waren, zog aus der Brusttasche seines
scharlachroten, goldgestickten Waffenrocks ein goldenes Etui hervor, auf
welchem ein Wappen graviert war, und nahm eine Zigarrette heraus, welche
er anzündete.

»Ja, meine Herren,« sagte er, den Dampf des türkischen Tabaks vor sich
hin blasend, »ich habe einen kleinen Streifzug durch diese Gegend
gemacht, weil es bei uns hieß, das Land sei nicht ganz sicher. Man
spricht von ein paar schwarzen Kerlen -- Titus Afrikaner und Fledermaus
heißen sie, wenn ich nicht irre --, die hier umhervagabondieren. Es
würde eine heilsame Lehre sein, wenn wir einmal den einen oder den
anderen der Niggers aufknüpften.«

Während er so sprach, hatte sich die Thüre geöffnet, und der Soldat mit
den goldenen Abzeichen auf dem Ärmel war hereingetreten. Er pflanzte
sich gerade vor dem Leutnant in strammer Haltung hin, legte die Hand an
den Helm und sagte: »Ich habe Eurer Herrlichkeit zu melden, daß die
Mannschaft und die Pferde untergebracht sind. Haben Eure Herrlichkeit
noch weitere Befehle?«

»Es ist gut, Wachtmeister,« antwortete der Leutnant, »ich danke Ihnen.«

Der Unteroffizier zauderte zu gehen.

»Es wäre wohl gut, einen Posten auszustellen,« sagte er dann. »Wenn Eure
Herrlichkeit befehlen, werde ich eine Vedette an den Rand des Thales
postieren.«

»Ach lassen Sie das,« erwiderte Lord Adolphus Fitzherbert. »Wozu sollen
wir die Leute müde machen? Was soll hier bei Niggern und Bauern
passieren?«

Der Wachtmeister machte kehrt und marschierte sporenklirrend ab. Pieter
Maritz wunderte sich, daß hier der alte erfahrene Kriegsmann von einem
unerfahrenen Jüngling Befehle erhalte, während bei den Buern der Ältere
das Kommando hatte. Er war unbekannt mit den Unterschieden von Rang und
Stand.

»Sind Sie schon lange in Afrika, Mylord?« fragte der Superintendent.

»Ich bin erst vor vierzehn Tagen aus England gekommen,« antwortete der
junge Offizier.

»Es sind ziemlich viel neue Truppen gelandet, soviel ich weiß.«

»Ja,« sagte der Leutnant, »die Transvaal-Buern machen uns mehr
Plackerei, als sie wert sind. Nun wir sie einmal beherrschen, müssen wir
sie auch beschützen. Sie möchten uns sonst von den Niggers aufgefressen
werden.«

Pieter Maritz konnte sich bei diesen Worten nicht mehr halten. Er sprang
auf und rief dem Engländer zu: »Wenn du die Transvaal-Buern kenntest, so
würdest du das nicht sagen. Weder von den Niggern noch auch von euch
Engländern werden sie gefressen werden.«

»Das ist wohl einer von ihnen, ein echter Bauernjunge!« sagte der Lord
höhnisch. »Mache, daß du hinauskommst, Schlingel.«

Wenn nicht in dieser Sekunde der alte Missionar den Knaben am Arm
ergriffen und festgehalten hätte, so würde es einen schlimmen Auftritt
gegeben haben. Denn Pieter Maritz war so sehr außer sich, daß er den
Offizier thätlich angreifen wollte. Aber der Missionar brachte ihn bald
zur Ruhe.

»Was willst du thun, Unbesonnener?« sagte er in holländischer Sprache.
»Willst du das Haus deiner Wirte in Gefahr bringen? Halte dich ruhig,
die Demut ist die erste Tugend des Christen.«

Pieter Maritz ließ sich widerstandslos von dem verehrten Manne
hinausführen, obgleich das Blut ihm in den Adern kochte. Draußen stand
er schwer atmend still und starrte dem Missionar ratlos in das Gesicht.
Das Gefühl der erlittenen Beleidigung stritt in ihm mit dem Wunsche,
gehorsam und gut zu sein.

»Du bist brav,« sprach der Missionar, der den Zwiespalt der Gefühle in
des Knaben Brust begriff. »Ich freue mich, daß du mir folgst, denn sich
selbst zu besiegen ist die größte Heldenthat. Wir müssen vorsichtig
sein, daß wir nicht den Bestand unserer Station gefährden. Dieser
unerfahrene und unbesonnene Fant, der die Dragoner befehligt, könnte
uns, wenn ihm Widriges begegnete, in ein schlechtes Licht bei der
britischen Regierung bringen, die doch einmal unsere Obrigkeit ist und
Gewalt über uns hat.«

»Es ist aber sehr schwer, sich so etwas gefallen zu lassen,« antwortete
Pieter Maritz. »Dergleichen ist mir noch niemals begegnet.«

Der Missionar zuckte die Achseln. »Du bist auch noch jung,« sagte er,
»und du kennst noch nicht den Übermut der Großen der Erde. Dieser junge
Mann ist ein Lord, das heißt, er ist aus einer sehr vornehmen englischen
Familie, und die vornehmen Engländer sind den Königen gleich, da sie die
Ersten sind in einem Staate, der über viele große und reiche Länder
gebietet. Aber freilich, du weißt ja auch nicht, was ein König ist.«

Der Missionar kehrte nach diesen Worten wieder um und ging, nachdem er
Pieter Maritz gebeten hatte, das Speisezimmer zu vermeiden, zu der
Gesellschaft zurück. Dieser aber wandte sich, durch einen lauten Lärm
angezogen, einem andern Teile des Gebäudes zu. Aus Mangel an Raum war
den Dragonern ein grüner Rasenplatz inmitten der Häuser als
Aufenthaltsort zum Speisen angewiesen worden, und hier saßen sie in
fröhlichem Lärm an mehreren gedeckten Tischen. Sie hatten ihre langen
schweren Pallasche und Karabiner in die Ecken gestellt und an den Wänden
aufgehangen, hatten die weißen Korkhelme, welche sie in den tropischen
Klimaten anstatt der gewöhnlichen Helme tragen, beiseite gelegt und
ließen sich den Antilopenbraten und das Schöpsenfleisch, welches ihnen
in reichen Massen aufgetragen wurde, vortrefflich schmecken. Dazu
tranken sie Branntwein und ein leichtes Bier, welches in Botschabelo
selbst gebraut war.

Pieter Maritz fand, daß nicht er allein da war, um sich die Fremden
anzusehen. Viel Volk aus dem Dorfe war heraufgekommen, und einige
hübsche junge Weiber hatten ihre Halsketten von Tigerzähnen, Glasperlen
und kleinen Schildkröten umgehängt, ihre besten Tücher und Röcke
umgethan und zeigten sich lachend von ferne, um ebensowohl gesehen zu
werden als selbst zu sehen. Es währte auch nicht lange, so wurden sie
von den Dragonern hereingerufen, und Pieter Maritz wunderte sich, zu
sehen, wie die Krieger mit den schwarzen Mädchen scherzten und Späße
trieben, ganz unähnlich dem ehrbaren Benehmen in den Familien und
Versammlungen der Buern. Und auch über das jugendliche Aussehen der
meisten Dragoner wunderte er sich. Der Wachtmeister zwar war ein starker
Mann in den höheren Jahren und glich wohl den Gestalten, die er unter
den Seinigen als Krieger kannte, aber viele von den Gemeinen waren junge
Leute, welche nicht sehr kräftig aussahen. Pieter Maritz zog sich bald
zurück. Er mochte es nicht mit ansehen, wie die fremden Soldaten hier
tranken und lachten und thaten, als ob sie die Herren wären. Er besuchte
noch den treuen Jager, um sich zu überzeugen, daß die Gesellschaft der
Dragonerpferde ihm nichts von seiner Bequemlichkeit raube, und ging dann
in seine Kammer in einem der Nebengebäude zwischen den Ställen, um zu
schlafen. Noch indem er die Augen schloß, sah er Lord Adolphus
Fitzherbert mit den weißen Händen und der hochmütigen Miene vor sich
stehen.

Schon früh am Morgen wachte Pieter Maritz auf und ging alsbald in den
Stall, um Jager zu füttern und zu putzen. Es hatte ihm gestern einen
kleinen Stich gegeben, daß die Pferde der Engländer blanker aussahen als
Jager; aber Jager hatte auch in der letzten Zeit viel durchmachen
müssen, Sturm, Regen und glühende Sonne hatten sein Fell sehr
mitgenommen. Nun hatte das Pferd sich in Botschabelo erholen können, es
sah sehr frisch und munter aus, und Pieter Maritz versuchte, ihm durch
eifriges Reiben mit Strohwischen einen schönen Glanz zu geben. Auch
Dragoner stellten sich bald darauf im Stalle ein und putzten ebenfalls.
Pieter Maritz bekümmerte sich nicht viel um sie, sattelte Jager und ritt
hinaus, um sich nach dem Wagen des Missionars umzusehen. Er fand Kobus,
Jan und Christian damit beschäftigt, die Zugochsen auf den Wiesen
zusammenzutreiben, und kehrte dann nach Fort Wilhelm zurück, fest
entschlossen, sich dem Zuge des Missionars zuzugesellen.

Als er in den Hof der kleinen Festung einritt, sah er, daß die Dragoner
sich zum Abmarsch ordneten. Der jugendliche Leutnant hielt zu Pferde vor
ihrer Front, und neben ihm standen mehrere der Brüder, welche sich mit
ihm unterhielten. Der Leutnant warf einen Blick auf Pieter Maritz und
rief plötzlich: »Da ist ja unser ungehobelter Bauernbursche von gestern.
Er kann sich heute nützlich machen. Wir haben noch keinen Führer. Gewiß
kennt er diese Gegend ganz genau. Komm einmal her, Bursche, du sollst
uns führen. Wir wollen auf dem besten Wege nach Pretoria.«

Pieter Maritz ritt näher, sah dem Engländer voll Trotz ins Auge und
sagte: »Wenn ich den Weg auch kennte, so würde ich Euch doch nicht
führen.«

»Oho!« rief der Leutnant. »Das klingt ja wie Widersetzlichkeit. Ich gebe
dir hiermit den Befehl, uns zu führen.«

»Und ich führe Euch nicht,« entgegnete Pieter Maritz. »Niemand hat mir
Befehle zu geben, ich bin ein freier Bürger von Transvaal, der
südafrikanischen Republik.«

»Sieh doch,« rief der Leutnant höhnisch lachend, »da kann man sagen: wie
die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Aber weißt du wohl, daß du
da Hochverrat verübst, mein Junge? Es giebt keine Republik Transvaal.
Ihre Majestät erwartet von jedem ihrer Unterthanen Gehorsam und
verlangt, daß ihren Truppen auf Verlangen jede Hilfe und jeder Vorschub
von seiten der Landeseinwohner geleistet wird.«

Der Wachtmeister drängte jetzt sein Pferd an das des Offiziers heran und
sprach leise zu ihm.

»Ach was,« entgegnete dieser laut, »wenn wir auch den Weg ohne den
Burschen finden können und ihn deshalb nicht unbedingt nötig haben -- er
soll lernen, wer hier Gebieter ist und wem er zu gehorchen hat. Wir thun
ein gutes Werk, wenn wir ihm das beizeiten einprägen, damit er es im
Gedächtnis hat, wenn er älter wird. Der Bauernsohn reitet mit uns.«

»Ich bitte, Mylord, die Sache nicht zu weit zu treiben,« sagte jetzt der
greise Missionar, welcher inzwischen herbeigekommen war. »Der Knabe ist
mein Reisebegleiter, ich stehe für seine gute Gesinnung ein. Wenn er
sich unehrerbietig geäußert hat, so liegt das in seiner Unkenntnis der
politischen Verhältnisse, aber kommt nicht aus bösem Willen.«

»Wir wollen ihm ja nichts zuleide thun,« entgegnete der Offizier. »Er
soll nur einsehen, daß er nicht, wie er sich nennt, ein freier Bürger
der Republik Transvaal, sondern ein Unterthan der Königin von England,
Gott beschütze sie, ist.«

»Und doch bitte ich, ihn nicht zu zwingen, Herr Leutnant,« sagte der
Missionar mit ernster Betonung. »Es ist nicht geraten den Bogen allzu
scharf anzuspannen.«

»Wirklich nicht?« fragte der Engländer spitzig. »Das muß ich am besten
wissen. Mein Streifzug hat auch die Bedeutung, einen Einblick in die
Gesinnung hier zu Lande zu gewinnen. Ich hoffe, daß ich nicht nötig
habe, bei meiner Rückkehr zu melden, daß ich die unter unserem Schutze
stehenden Deutschen für gute Freunde der Buern, aber nicht für gute
Freunde Englands halte.«

Auch der Superintendent mischte sich jetzt in das Gespräch und
versuchte, ihm eine weniger scharfe Wendung zu geben. Es war klar, daß
der blutjunge Offizier sich mit unkluger Anmaßung benahm, indem er sich
selbst wie dem Zwecke seines Kommandos eine übertriebene Wichtigkeit
beilegte. Immerhin mußte er rücksichtsvoll behandelt werden, damit jede
Gelegenheit vermieden würde, der Regierung der Kapländer ein Vorurteil
gegen die deutschen Missionen einzuflößen. Der Offizier aber blieb bei
seiner Ansicht, daß er über die Hilfsleistungen der Bürger von Transvaal
zu verfügen habe, wenn er sich im königlichen Dienste befinde.

Pieter Maritz hörte dem Gespräche zu und hatte seine eigenen Gedanken.
Gestern abend war er durch die hochmütige Behandlung des Engländers sehr
gekränkt worden, weil sie ihn als etwas ganz Unerwartetes überrascht und
in seinem Selbstgefühl gedemütigt hatte. Aber heute morgen, wo die Sonne
vom Himmel lachte und die Welt so schön aussah, wo er noch dazu im
Sattel saß und ein Gefühl der Sicherheit auf Jagers Rücken empfand,
heute morgen kam ihm die Sache ganz anders vor. Er hielt in der Nähe der
offenen Thür von Fort Wilhelm und sagte sich, daß niemand ihn zu irgend
etwas zwingen könne. Er brauchte nur sein Pferd zu wenden und
davonzujagen. Die ganze Welt stand ihm offen. In diesem Gedanken
streichelte er mit liebkosender Hand Jagers Hals und zupfte ihn
freundschaftlich an der Mähne. Jager drehte den Kopf, schnupperte an des
Knaben Stiefel und scharrte dann mit dem Huf auf der Erde, als ob er
sagen wollte, er sei zu allem bereit.

Aber Pieter Maritz wollte nicht fliehen. Er sah, daß er der
Missionsstation keinen Gefallen mit seinem Trotz gegen die Engländer
thue, und er hatte solche Ehrfurcht vor den frommen Männern, daß er
ihren Wünschen nicht zuwider handeln mochte. Dazu aber fiel ihm ein, daß
er vielleicht den Engländern als ihr Führer einen Possen spielen könne,
und er hatte große Lust, das zu thun. Er gab seinen Plan, den Missionar
zu begleiten, durchaus nicht auf; er hoffte auf eine Gelegenheit, den
Dragonern zu entwischen und den Ochsenwagen wieder einzuholen.

In dieser Absicht ritt er auf den Leutnant zu, zog höflich seinen Hut
und sagte: »Es ist nicht meine Absicht, Mynheer, einer so mächtigen
Frau, wie die Königin von England zu sein scheint, Widerstand zu
leisten. Denn ich bin ja nur ein armer Bauernsohn. Ich werde gern die
Führung Eurer schönen Soldaten übernehmen, denn ich kenne die Gegend
sehr gut. Nur bitte ich, daß Ihr mir mein Pferd nicht nehmt und daß Ihr
mir gestattet, zu Pferde zu bleiben, denn ich kann nicht weit zu Fuße
gehen in meinen schweren Stiefeln. Und ich bitte Euch auch, Mynheer,
reitet nicht zu schnell, denn mein Pferd ist nur ein Bauernpferd und es
hat in der letzten Zeit sehr weite Strecken zurücklegen müssen.«

Der Leutnant lachte. »Wenn du nur davor Angst gehabt hast, so beruhige
dich, mein Sohn,« sagte er. »Wir wollen dir dein Pferd nicht nehmen und
mitkommen wirst du auch schon. Übrigens scheint mir dein Gaul gar nicht
so übel zu sein,« fuhr er dann fort, indem er Jager mit prüfendem Blicke
musterte, »und ich glaube, wenn er anständig gesattelt und gezäumt würde
und einen ordentlichen Reiter bekäme, so müßte er eine hübsche Figur
machen. Es ist ein Pferd für die leichte Kavallerie. Aber nun vorwärts!«

Die Dragoner schwenkten auf das Kommando des Leutnants zu dreien rechts
ab, Pieter Maritz aber näherte sich rasch dem Missionar, drückte ihm die
Hand und wünschte ihm glückliche Reise, schwenkte dann seinen Hut gegen
die Brüder, welche ihn bewirtet hatten, und wünschte ihnen gute
Gesundheit. Alsdann ritt er, dem Winke des Leutnants folgend, auf dessen
linke Seite an die Spitze des Zuges. Es ging im Schritt den Berg hinab,
und die Dragoner lachten viel über das Gedränge der Schwarzen, welche
sich schaulustig wieder eingestellt hatten, warfen auch Zigarren und
Tabak vom Pferde herab in das Volk und belustigten sich an der Prügelei,
die dadurch entstand. Wohl eine halbe Stunde weit blieb eine Schar an
dem Zuge hangen, beständig tanzend und singend, ohne müde zu werden.
Dann erst, als Trab kommandiert wurde, blieben die Schwarzen zurück. Für
Pieter Maritz war es ein Vergnügen, an der Spitze der Dragoner zu
reiten. Der Weg war gut, denn es war die gebahnte Straße in
südwestlicher Richtung nach Pretoria. Der gleichmäßige Trab der Pferde,
das Klirren der Pallasche und der am Sattel hangenden Karabiner, das
Schnauben der Tiere, das Knirschen der Gebisse und des Lederzeugs, alles
dies machte einen kriegerischen Eindruck auf des Knaben Sinn und erregte
ihn. Er malte sich in Gedanken aus, wie schön es sein müßte, eine solche
Reiterschar zu kommandieren und sie zum Angriff gegen den Feind zu
führen. Nach längerem Trabe ließ der Leutnant wieder Schritt reiten. Die
Sonne brannte heiß. Der Weg führte über ein Hochland hin, welches frei
und offen lag. Zu beiden Seiten dehnten sich Grasflächen aus, und das
Gras war braun gebrannt von der Hitze. Nur Mimosengebüsche unterbrachen
die Einförmigkeit. Linker Hand zog sich in weiter Entfernung ein
bläulicher Streifen hin, der Saum großer Wälder im Osten.

Pieter Maritz betrachtete die Pferde der Dragoner. Sie waren jetzt etwa
eine Stunde auf dem Marsche, und der Knabe lächelte, als er sah, daß die
meisten ganz naß am Bauche waren und daß ihnen ein weißlicher Schaum
unter der Satteldecke stand, während Jager noch kein feuchtes Haar
hatte. Nur des Leutnants Pferd war ebenfalls trocken. Es war ein
wunderschönes Tier, ganz schwarz und glänzend wie poliertes Ebenholz,
wohl eine halbe Handbreit höher als Jager, mit langem Halse, langen,
dünnen Beinen und feinem Kopfe.

Der Leutnant redete den Knaben an. »Dein Pferd geht einen recht hübschen
Trab,« sagte er, »und du scheinst dich auch gut aufs Reiten zu
verstehen. Ist das Reiten bei euch Bauern allgemeine Sitte?«

»Ja, Mynheer,« antwortete Pieter Maritz, »wir reiten alle von Jugend
auf, aber so schön wie bei den Soldaten der Frau Königin ist's bei uns
freilich nicht.«

Er verglich mit einem bezeichnenden Blick die einfache Trense seines
Pferdes mit dem silberblinkenden Stangengebiß im Maule des Rappen und
seinen von Dornen zerkratzten, vom Kot vieler Wege und vom Wasser vieler
Flüsse und Bäche nahezu schwarz gewordenen Sattel mit dem hellgelben,
spiegelblanken Sattel des Leutnants.

»Nun,« sagte der Engländer, welcher diesen Blick aufgefangen hatte,
»Sattel und Zaum sind etwas Äußerliches, das Pferd ist immer die
Hauptsache. Haben denn viele Bauern gute Reitpferde?«

»Sie haben alle gute Reitpferde,« entgegnete der Knabe.

»Und wie viele Bauern giebt es denn wohl, die ins Feld rücken, wenn etwa
Krieg mit den Zulus oder den Betschuanen ausbricht?« fragte der
Leutnant, der die Gelegenheit benutzen wollte, Näheres über die
Verhältnisse der Buern zu erforschen.

»Das ist sehr verschieden,« sagte der Knabe. »Wenn die Zulus angreifen,
sammeln sich die Buern in den Gegenden nahe den Zulus; wenn die
Betschuanen Überfälle machen, werden in den dortigen Gegenden Kommandos
gesammelt.«

»Aber wenn alle bewaffneten Buern zusammenkämen, wie viele würden das
sein?«

»Das weiß ich nicht,« erwiderte Pieter Maritz, indem er ein einfältiges
Gesicht machte. »Es sind ihrer zu viele, als daß man sie zählen könnte.«

»Oho!« rief der Engländer. »Wenn es so viele wären, hätten sie es sich
wohl nicht gefallen lassen, von uns unterworfen zu werden.«

»Wahrscheinlich sind es der englischen Soldaten noch mehr,« erwiderte
der Knabe. »Wieviel Mann hat denn wohl die Frau Königin im Kaplande und
in Natal?«

Der Leutnant antwortete nicht, aber er maß den Knaben mit einem
argwöhnischen Blicke.

»Aus welcher Gegend bist du denn? Wo wohnen deine Eltern?« fragte er.

»Ich bin im Norden geboren,« erwiderte Pieter Maritz. »Die Gemeinde, zu
welcher ich gehöre, wohnt nicht in einem festen Dorfe, sondern gehört zu
den Trekbuern, das heißt, wir ziehen herum, was in unserer Sprache
trekken genannt wird. Wir bleiben, wo es uns gefällt, und ziehen weiter,
wenn das Vieh nicht mehr gute Weide hat oder die Jagd schlecht ist.«

»Ihr seid also eigentlich Vagabonden,« sagte der Engländer, indem er
verächtlich herabsah. »Es ist hohe Zeit, daß wir Ordnung in eine solche
Gesellschaft bringen.«

Die Landschaft war inzwischen eine andere geworden, der Charakter der
Ebene verlor sich mehr und mehr, und zur linken Hand zeigte sich
hügeliges Land, mit einzelnen Gebüschen und von Wasserläufen durchzogen.
Pieter Maritz ließ seine scharfen Augen über die Gegend hinschweifen und
überlegte.

»Wie weit werdet Ihr mich mitnehmen, Mynheer?« fragte er.

»Das wollen wir später sehen,« entgegnete der Engländer.

»Ich möchte nicht gern ganz bis nach Pretoria.«

»Du wirst thun, was dir befohlen wird,« sagte der Engländer.

»Ach, welch ein wunderschönes Pferd habt Ihr, Mynheer!« rief der Knabe
aus. »Das habt Ihr wohl von England mitgebracht?«

Der Leutnant blickte selbstgefällig an seinem Gaul hinunter.

»Das Pferd kann gewiß sehr schnell laufen,« sagte Pieter Maritz von
neuem, »das kann gewiß viel schneller laufen als unsere Bauernpferde.«

»Dies Tier ist allerdings sehr schnell,« erwiderte der Leutnant. Er
hatte dreihundert Pfund Sterling in London für das Pferd bezahlt und
konnte sich rühmen, keinen schlechten Handel gemacht zu haben.

»Kann das Pferd auch gut springen?« fragte Pieter Maritz mit seinem
unschuldigsten Gesicht.

»Natürlich,« versetzte der Engländer. »Nun halte aber deinen Mund. Du
hast zu warten, bis man dich fragt, und wenn du nicht gefragt wirst,
hast du zu schweigen. So etwas nennt man gute Manier.«

Pieter Maritz rückte die Büchse und den Patronengurt bequemer auf den
Schultern zurecht und drückte leise seine Unterschenkel an Jagers Leib,
so daß dieser den Kopf erhob und die Ohren spitzte.

»Auf die Weise würde mir der Weg wohl langweilig werden,« sagte er dann
mit freundlichem Lächeln zu dem Offizier. »Lebt wohl, ich wünsche Euch
glückliche Reise!«

Nach diesen Worten warf er plötzlich sein Pferd zur Seite und jagte in
gestrecktem Galopp nach links über das Feld hin.

»Verdammter Bursche!« rief der Engländer. »Haltet ihn, Leute! Hinter ihm
her!«

Pieter Maritz hörte in seinem Rücken ein gewaltiges Rasseln und Rufen
und das Stampfen und Schnauben vieler Pferde. Er blickte über die
Schulter zurück und sah die ganze Schar der Dragoner in aufgelöster
Ordnung daherkommen, um ihn zu verfolgen. Sie ritten in einer weiten
Kette hinter ihm her, und ihre Scharlachröcke leuchteten in der Sonne,
so daß es dem Knaben schien, als jagte ein hüpfendes Heer von
Feuerflammen über das Gras weg. Allen voran ritt der Leutnant, dessen
kohlschwarzes Pferd rasch einen Vorsprung vor den anderen Tieren
gewonnen hatte, und er rief den Dragonern zu, sie sollten nicht
schießen, er wolle den Burschen lebendig wieder haben.

Pieter Maritz beugte den Oberkörper auf Jagers Hals vor und schnalzte
ermunternd mit der Zunge. Wie ein Wirbelwind stob das treue Tier dahin.
Das Futter in Botschabelo und die Ruhe während der drei Tage, wo der
Knabe nur zu Spazierritten ausgewesen war, hatten das Pferd neu
gekräftigt, und seine Beine schnellten über das Gefilde hin mit einer
außergewöhnlichen Behendigkeit. Seitwärts des Weges, den sie geritten
waren, floß ein Wässerchen mit flachen Ufern, welches sich an manchen
Stellen seeartig erweiterte. Auf eine dieser Stellen, welche er schon
vom Wege aus entdeckt hatte, lenkte Pieter Maritz hin. Das Wasser war
hier wohl über hundert Schritte breit. Der Knabe jagte hinein und bald
verlor das Pferd den Boden unter den Füßen und mußte schwimmen. Mitten
im Wasser sah er zurück. Die Dragoner zauderten am Ufer, doch der
Unteroffizier und fünf Mann warfen sich ebenfalls in das Wasser, indem
sie dem Leutnant folgten. Pieter Maritz kam ans andere Ufer, als die
Verfolger noch mitten im Wasser waren. Dann trabte er gelassen weiter.
Er wählte sich das am meisten durchschnittene Terrain aus: dorthin, wo
die Gebüsche dicht auf unebenem Boden standen, wo Felsblöcke umherlagen
und von stachligen Kaktus umgeben waren und wo Bäche die Landschaft
durchschnitten -- dorthin lenkte er Jager. Jetzt stiegen die Verfolger,
deren prächtige Uniformen von Wasser trieften, ebenfalls ans Land, und
der Knabe setzte sein Pferd in langen Galopp. Vor ihm rannte eine Herde
Springböcke her, die gleich Gummibällen elastisch in weiten Sätzen
flohen, und ein Rudel Gnus mit Hörnern gleich den Büffeln und
Pferdeschweifen. Nach einem rasenden Ritt, der wohl eine halbe Meile
Landes durchmessen hatte, vernahm Pieter Maritz nur noch wenig von dem
Lärmen, der ihm zu Anfang im Rücken gewesen war. Er sah wieder zurück
und erblickte keinen von den Dragonern mehr auf der Verfolgung. Ganz
weit entfernt sah er die Truppe wieder zu einem dunklen Haufen
versammelt, und nur noch der Leutnant war hinter ihm. Das schöne
schwarze Pferd machte seiner edlen Abstammung Ehre, es kam jetzt eben
mit einem weiten Satze über einen tief eingeschnittenen Bach
dahergeflogen. Nur etwa zwanzig Schritte war es hinter Jager.

Pieter Maritz rief seinem Pferde zu, und wie ein Pfeil schoß es
vorwärts. Vor ihm lag ein Dickicht von Aloes und buschförmigen
Euphorbien, zwischen denen stachelige Mimosen standen, welche Dornen
trugen, die Fischangeln ähnlich gestaltet waren. Pieter Maritz erkannte
die eigentümliche Form dieser Mimose, der ~acacia detinens~, schon von
weitem. Das Gebüsch stand nicht so dicht, daß nicht ein landesgewohntes
Tier wie Jager hätte hindurchkommen können, und in der That wand sich
Jager, obwohl in vollem Laufe, einem Aale gleich hindurch, indem er die
stacheligen Büsche vermied. Aber dem Engländer ging es nicht so gut.
Pieter Maritz blickte sich wieder um und mußte lachen, als er einen
langen Riß in der Brust des prächtigen Waffenrocks klaffen und den einen
Schoß in Fetzen herabhängen sah. Von der Brust des schwarzen Pferdes und
an seinen Beinen lief das Blut herab, und der Schweiß rieselte an ihm
nieder. Der Engländer hatte die Lippen zusammengepreßt, seine Augen
funkelten vor Wut, und sein Gesicht war vor Hitze so rot wie sein Rock.

Jetzt brach Jager aus dem Dickicht hervor, und gleich hinter ihm kam das
schwarze Pferd. Der Boden war hier so eben wie eine Tenne, das Gras
kurz, und kein Hindernis auf wohl tausend Schritte Entfernung. Die
langen Beine des englischen Rassepferdes gewannen hier Vorteil, und so
schnell Jager lief -- der Engländer kam, von heftigen Sporenstößen
getrieben, jetzt vor, die Nase des Rappen schnob auf Jagers Kruppe, und
schon streckte der Offizier die Hand aus, um Pieter Maritz zu ergreifen.
Da bog der Knabe aus und lenkte seitwärts. Er fürchtete sich nicht, mit
dem Leutnant ins Handgemenge zu kommen; er vertraute darauf, ihn mit dem
Hirschfänger fern halten zu können, wenn er wollte, aber es galt die
Ehre des Reitens. Noch hatte Jager nicht seine beste Kraft eingesetzt.
Auch wollte der Engländer offenbar nicht von seinem Revolver Gebrauch
machen. Ritterlichkeit und Eitelkeit verboten dem vornehmen jungen Mann,
sich in diesem Wettrennen anderer Waffen als der Schnelligkeit seines
Pferdes und seiner bloßen Hand zu bedienen.

[Illustration: Pieter Maritz' Flucht.]

Einen lauten Ruf der Ermunterung stieß der Knabe aus, indem er dem
Griffe des Offiziers entschlüpfte, und dieser Ruf schien Jager Flügel zu
verleihen. Er lief auf dem ebenen Boden mit der Leichtigkeit der
Antilope hin und ließ den Rappen hinter sich. Nun war die freie Fläche
überschritten, und eine Schlucht, auf deren Grunde ein Bach rieselte,
versperrte den Weg. Es war ein schwer zu passierendes Hindernis, denn
steil ging es hinab und steil hinauf, und dazu lagen große Steine an
beiden Abhängen, welche der Bach wohl, im Gewitter hoch anschwellend,
vom Gebirge hergespült hatte. Für Jager, der an Ritte in diesem Lande
und an die Jagd querfeldein gewöhnt war, bot diese Schlucht gleichwohl
nur geringe Schwierigkeit. Pieter Maritz ließ ihm den Zügel, und das
kluge Tier kletterte in schräger Linie mit der Gewandtheit einer Katze
hinab, sprang über das Wasser und kletterte jenseits empor. Aber für den
Engländer war dies ein ganz ungewöhnliches Ding, und nur der maßlose
Ärger des jungen Mannes vermochte ihn, sein Pferd hier durchzutreiben.
Mit ängstlichem Schnauben stieg der Rappe vorsichtig hinab, und es
bedurfte wiederum der Sporen, um ihn durch diese tiefe Schlucht zu
bringen. Der Knabe hatte einen solchen Vorsprung gewonnen, daß er Jager
in ruhigem Schritt eine Minute lang verschnaufen lassen konnte. Ja, das
Leben seines Verfolgers war völlig in seiner Hand. Er hätte nur die
Büchse von der Schulter zu nehmen und es zu erwarten brauchen, daß der
Offizier über dem Rande der Schlucht wieder auftauchte. Aber er dachte
nicht daran; sein Zorn über die Beleidigungen des Lord war völlig
verraucht.

Jetzt war der Rappe wieder auf ebenem Boden und die Jagd begann von
neuem. Der Engländer setzte das Äußerste daran. Die Leidenschaft des
Wettrennens hatte sich seiner völlig bemächtigt und ließ ihn jeder
Vernunft vergessen. Er konnte den Gedanken nicht vertragen, von dem
Buernjungen verhöhnt zu werden und sein herrliches Schlachtpferd besiegt
zu sehen. So trieb er den Rappen zum stärksten Laufe an.

Aber immer unerreichbar blieb der Buernsohn vor ihm. Es war, als sei er
zusammengewachsen mit seinem Pferde. Das waren nicht zwei Gestalten, Roß
und Reiter, sondern es war nur eine Figur, und sie glitt mit einer
Leichtigkeit, mit einer zierlichen Behendigkeit dahin, deren Anblick den
Verfolger rasend machte. Wie zum Hohne schien ihm der Knabe so oft
rückwärts zu blicken, und die blonden flatternden Locken schienen den
jungen Mann zu äffen. Das Blut tobte ihm im Gehirn, seine Schläfen
pochten, und es war ihm zuweilen, als ritte er hinter einer Traumgestalt
her, wie sie wohl den Schläfer neckt, der sich vergeblich bemüht, das
ungreifbare, vor ihm entweichende Bild zu erfassen.

Jetzt näherte sich die Jagd dem Walde. Wie eine dunkle Wand, doch durch
die eigentümliche Beleuchtung des sonnigen Himmels in einen bläulichen
Schleier gehüllt, dehnte sich ein unabsehbarer Wald vor den Reitern aus.
Und dicht vor ihnen tauchte jetzt aus dem hohen Grase und den Büschen
ein Wall auf, den die Natur erschaffen hatte, der aber so gleichmäßig
geformt war wie eine Mauer. Jager verlangsamte seinen Lauf, als er
des Walles ansichtig wurde, dann sammelte er seinen Körper und sprang
mit einem schnellenden Satze, einem Panther ähnlich, oben hinauf und auf
der andern Seite mit einem zweiten Satze hinunter auf den weichen Boden.

Der Engländer folgte. Aber angesichts des Walles scheute der Rappe und
bog seitwärts aus. Der Leutnant führte das Tier im Bogen wieder vor, und
als es sich bäumte, stieß er ihm mit voller Gewalt die Sporen in die
Weichen. Der Rappe rannte in Angst und Schmerz vorwärts, hob sich zum
Sprunge, -- aber ungewohnt des Terrains und auch von seinem Reiter nicht
ganz richtig geführt, wollte er den Wall mit einem Satze nehmen, anstatt
oben hinaufzuspringen. Herrlich hob sich das schöne Tier und flog
vorwärts, aber seine Kraft langte zu einem so gewaltigen Sprunge nicht
mehr aus. Mit den Vorderbeinen kam es hinüber, aber die Hinterhufe
schlugen an den oberen Rand des Walles, und, sich überstürzend, rollte
der Rappe am Boden. Lord Adolphus Fitzherbert flog in hohem Bogen
während des Sturzes aus dem Sattel, schlug schwer zu Boden und blieb
regungslos liegen.

[Illustration]



[Illustration]



Siebentes Kapitel

Titus Afrikaner


Pieter Maritz war schon eine Strecke weit vorgekommen, während der
englische Offizier den Sprung über den Wall unternahm, aber er hörte das
Krachen des Sturzes und hielt bei diesem Tone sein Pferd an. Als er sah,
was geschehen war, ritt er alsbald zurück, sprang aus dem Sattel und
lief auf den gestürzten Verfolger zu. In diesem Augenblicke richtete
sich der Rappe, der eine kurze Zeit betäubt dagelegen hatte, empor,
sprang auf die Füße und blieb an allen Gliedern zitternd auf dem Flecke
stehen, wo er gefallen war. Lord Adolphus Fitzherbert dagegen blieb
liegen. Er lag auf dem Rücken, der Helm war ihm vom Kopfe gefallen, sein
Gesicht war jetzt ganz bleich, doch war die Stirn von Blut bedeckt, und
Blut rann in sein kurzes dunkles Haar. Mit der linken Hüfte lag er auf
dem Griff seines langen schweren Degens.

Voll Mitleid bog sich der Knabe über ihn, stützte des Verwundeten Kopf
und zog den Pallasch unter dem Körper hervor. Der Leutnant öffnete die
Augen nicht, er war bewußtlos.

Hätte ich doch Wasser, um ihm die Stirn zu waschen! dachte der Knabe. Es
fiel ihm ein, daß der vornehme junge Mann beim gestrigen Abendessen ein
weißes, beinahe durchsichtiges Tuch aus der Tasche gezogen und sich
damit die Oberlippe gewischt hatte. Der Nutzen eines solchen Tuches war
ihm unbegreiflich gewesen, aber jetzt dachte er, es könne nützlich sein.
Er zog das Schnupftuch aus einer der hinteren Taschen des befleckten und
zerrissenen Waffenrocks und trocknete damit das Blut von der Stirne. Da
sah er, daß ein langer Riß die Kopfhaut vom rechten Augenlid bis zum
Scheitel trennte. Er beschloß, den Verwundeten wieder in das Gras
niederzulegen und Wasser zu suchen.

In dem Augenblick aber, wo er den schweren Oberkörper sanft
niedergleiten ließ, ertönte ein wildes Geheul ganz in der Nähe, welches
ihm das Blut in den Adern erstarren machte. Es war ein wildes,
triumphierendes, langgezogenes Geschrei, welches ringsum von allen
Seiten erscholl, und in derselben Sekunde fühlte sich der Knabe von
starken Fäusten gepackt und sah eine Menge dunkler Gestalten mit großer
Schnelligkeit vor sich auftauchen. Sie mußten erstaunlich geräuschlos
herangeschlichen sein, denn nicht einmal das Rascheln welken Grases
hatte ihre Ankunft verkündigt, und nun erfüllten sie wie aus dem Boden
gewachsen den Raum umher.

Voll Bestürzung blickte Pieter Maritz sich nach allen Seiten um, während
er so festgehalten wurde, daß er sich nicht im geringsten bewegen
konnte. Wohl an vierzig Schwarze umringten ihn und den am Boden
liegenden Offizier. Einer hatte die Zügel des Rappen, ein anderer Jagers
Zaum ergriffen, und nun nahmen ihm flinke Hände die Büchse und den
Patronengurt ab und gürteten den Hirschfänger von seiner Hüfte ab. Die
Schwarzen waren von wildem Aussehen. Sie waren alle bewaffnet, die
meisten mit Bogen und Pfeilen, Streitäxten, Wurfspießen und länglichen
Schilden, einige aber auch mit Gewehren, und diese trugen nach Art der
Buern einen Patronengurt über der Schulter. Manche waren mit
Beinkleidern und Blusen oder auch mit Jacken oder wollenen Hemden
bekleidet, andere trugen ein Fell vom Panther oder Tiger über den
nackten Schultern, einige wenige waren unbekleidet bis auf den Karoß,
ein kurzes Fell, welches um die Hüften gebunden wird und einen kleinen
Schurz bildet. Alle aber trugen kriegerischen Kopfputz, indem aus ihren
gelockten und mit Fett befestigten Haaren Federbüsche vom Strauß, vom
Adler und von anderen Vögeln emporragten. In ihrer Mitte bewegte sich
ein älterer Mann von gebieterischem Wesen, der ein glänzendes Halsband
von großen weißen Zähnen, einen polierten Kupferring um den rechten
Oberarm und einen Mantel von Löwenfell um die Glieder geschlungen trug.

Dieser wendete sich an Pieter Maritz und fragte ihn in fließendem
Holländisch, woher er komme und was die Scene mit dem Jüngling in dem
roten Rocke zu bedeuten habe.

Pieter Maritz sagte sich, daß die Schwarzen schon von weitem das Rennen
beobachtet und verfolgt haben müßten, und er hielt es für das beste, die
volle Wahrheit zu erzählen. Er berichtete, daß er aus Botschabelo komme,
daß die englischen Reiter ihn gewaltsam hätten mit sich nehmen wollen
und daß er ihnen entflohen sei.

Der Befehlshaber der Schwarzen richtete hierauf einige Worte an seine
Leute, und diese machten sich alsbald daran, den noch immer bewußtlosen
Engländer wegzutragen. Einige hieben starke Äste ab, andere holten zähe
Ranken von Schlinggewächsen herbei, und dann stellten sie mit großer
Geschicklichkeit eine Tragbahre her. Wieder andere plünderten
währenddessen den Lord vollständig aus. Sie nahmen ihm seine Waffen ab,
schnitten die blanken Metallknöpfe von seinem Rocke, zogen ihm seine
Börse voll Guineen und Silberstücke sowie seine mit Edelsteinen besetzte
goldene Uhr aus der Tasche und bemächtigten sich des goldenen Etuis mit
den Cigaretten. Nur die Kleidung ließen sie ihm. Alsdann legten sie ihn
auf die Tragbahre, und zwei starkgebaute Kaffern mit schwellenden
Muskeln hoben die Bahre auf und gingen in schnellem Schritte mit ihm
davon. Einen traurigen Anblick gewährte der vordem so elegante Offizier.
Sein Gesicht war blutig, sein Haar klebte von geronnenem Blut zusammen,
sein Anzug war zerrissen und mit Wasser, Blut und Schlamm bedeckt, seine
hohen Stiefeln waren von Dornen zerkratzt und trugen so sehr die Spuren
des mühseligen Rittes, daß von ihrem früheren Glanz fast nichts mehr zu
entdecken war.

Hinter der Tragbahre ward Pieter Maritz weggeführt. Auf jeder Seite ging
einer der Kaffern, und sie vertrauten wohl darauf, daß er ihnen nicht
entlaufen könne, denn sie banden ihn nicht, sondern ließen ihn frei
gehen. Beide Pferde wurden am Zügel hinterhergeführt, und ihnen folgte
die ganze Schar der Leute, welche unter dem Befehle des Mannes mit dem
Löwenfell standen.

Pieter Maritz sah, daß der weite und schnelle Ritt bis in die
unmittelbare Nähe des großen Waldes geführt hatte, den er von der Höhe
von Botschabelo aus als einen fernen bläulichen Streifen entdeckt hatte,
und er konnte am Stande der Sonne erkennen, daß es in südöstlicher
Richtung weiterging. Bald trat der Zug in den Wald ein, und kühlender
Schatten umgab ihn und linderte die Pein des schnellen Fußmarsches in
der glühenden Hitze. Denn mit großer Schnelligkeit ging es vorwärts. Die
beiden starken Kaffern, welche den Offizier trugen, schienen von ihrer
Last gar keine Beschwerde zu haben. Sie schritten mit elastischem Gange
dahin, über Steine und unebenen Boden mit derselben Sicherheit wie auf
ebener Grasfläche. Auch im Walde verminderte sich die Eile des Marsches
nicht. Es gab hier gar kein Unterholz, keine Büsche und Sträucher
standen zwischen den Bäumen, sondern die gewaltigen Stämme der
Seidenwollenbäume, schattigen Tamarinden und Delebpalmen ragten wie
Säulen in einem riesigen Dome empor und wölbten gleich einem Dache in
großer Höhe ihre Wipfel.

So ging es wohl eine Stunde weiter, und Pieter Maritz sah voll Mitleid,
mehr für den verwundeten Engländer als für sich besorgt, auf die
Tragbahre, wo der elend zugerichtete Offizier noch immer bewußtlos lag.
Aber jetzt erreichte der Zug eine Stelle, wo sich runde Hütten,
zeltähnlich geformt, doch ohne Spitze, erhoben und wo der blaue Rauch
von einer Feuerstelle zu dem Laubdach der Bäume emporstieg. Der Zug
machte Halt, und Pieter Maritz sah eine Menge von Männern und Weibern
zusammenlaufen, um die Ankömmlinge zu betrachten. Die Tragbahre ward in
der Nähe einer der Hütten niedergesetzt, und der Mann mit dem Löwenfell
sprach mit einem weißhaarigen Schwarzen, der langsam aus der Hütte
hervorkam. Dieser Alte mußte wohl den Beruf eines Arztes unter seinem
Stamme ausüben, denn er fing alsbald an, den Verwundeten zu untersuchen.
Pieter Maritz blieb neben der Tragbahre und sah seinem Verfahren zu. Mit
geschickter Hand wusch der Kaffernarzt das Blut von der Stirn und holte
alsdann einen fein zugespitzten Knochen und sehr dünne Sehnen von irgend
einem Wild herbei. Damit nähte er den klaffenden Riß sorgfältig und
genau zusammen. Alsdann holte er eine Handvoll Kräuter aus der Hütte
hervor, zerkaute sie mit seinen gewaltigen vorspringenden Kinnladen zu
einem Brei, legte diesen auf den zugenähten Riß und band ein dünn
geschabtes Stück Leder darüber, so daß die Stirn wie von einem großen
Pflaster bedeckt war. Hierauf lagerte er den Verwundeten bequem im
Schatten auf weichem Moos und Blättern und setzte sich zusammengekauert
auf die eigenen Hacken daneben, die Arme um die dürren Beine
geschlungen, das Kinn auf den Knieen.

Währenddessen hatten sich die schwarzen Krieger um das Feuer versammelt,
wo mehrere große Töpfe brodelten und große Fleischstücke teils über den
Flammen brieten, teils in den Kohlen lagen und mit Stäben umgewandt
wurden. Der Mann mit dem Löwenfell lud auch ihn ein, an der Mahlzeit
teilzunehmen, und Pieter Maritz, welcher sehr hungrig geworden war,
setzte sich geduldig mit in den Kreis und nahm gleich den anderen ein
Stück Fleisch zur Hand und aß. Mit traurigem Blicke sah er zu Jager
hinüber, der nebst dem Rappen an einen Pfahl gebunden in der Ferne stand
und mit seinem ehemaligen Verfolger zusammen friedlich an demselben
Futter kaute. Würde er jemals wieder in Freiheit auf des treuen Tieres
Rücken sitzen? Was wollten diese Räuber beginnen? Der Anführer zeigte
keine Neigung, sich auf Erklärungen einzulassen.

Nachdem sie gespeist hatten, setzten sich die Schwarzen neben der
Feuerstelle wieder im Kreise zusammen, indem sie sämtlich auf den Fersen
hockten, und schwatzten sehr lebhaft. Dabei ließen sie die Beutestücke
unter Ausrufen des Entzückens von Hand zu Hand gehen, und der Knabe
konnte trotz seiner Niedergeschlagenheit das Lachen nicht unterdrücken,
als er sah, daß sie die Cigaretten aus dem Etui nahmen, hin und her
drehten und endlich in der Weise rauchten, daß sie in jedes Nasenloch
eine steckten. Der feine türkische Tabak schien ihnen außerordentlich zu
gefallen, denn sie patschten sich vor Vergnügen auf den Bauch. Den
Revolver des Engländers betrachteten sie mit großer Neugierde. Sie
schienen eine solche Waffe noch nicht zu kennen, gingen aber sehr
gewandt damit um und erklärten einander die Einrichtung, so daß es klar
war, sie seien mit Schußwaffen vertraut.

Pieter Maritz, der hin und wieder einen Blick nach dem Verwundeten und
dessen treulich neben ihm hockenden Arzte warf, bemerkte jetzt, daß der
Scharlachrock sich bewegte. Er lief alsbald dorthin und sah, daß der
Leutnant die Augen aufgeschlagen hatte und träumerisch umhersah.
Augenscheinlich war er noch ein wenig in seiner Ohnmacht befangen und
wußte nicht recht, ob er lebe oder nicht. Erst nach einer Weile wurde
sein Blick verständnisvoller und nahm einen zornigen Ausdruck an, als
er auf den Knaben fiel. Dann faßte der Verwundete aber auch den alten
Kaffern auf der andern Seite seines Lagers ins Auge und geriet in großes
Erstaunen. Er wollte sich aufrichten, war aber vor Schmerzen und
Steifigkeit dazu nicht imstande, sondern sank gleich wieder zurück.

»Was hat dies alles zu bedeuten?« fragte er.

Pieter Maritz redete ihm freundlich zu und erklärte ihm, was geschehen
sei. Der Leutnant hörte zuerst halb ungläubig, dann aber mit dem
äußersten Schmerze zu.

»Ich wollte lieber, ich hätte den Hals gebrochen!« murmelte er voll
Ingrimm und schloß dann finster und trotzig die Augen.

Der Kaffernarzt war inzwischen aufgestanden und braute nun in einem
Gefäße, welches aus einem Straußenei gearbeitet war, ein Getränk,
welches er für heilkräftig halten mochte. Er mischte den milchigen Saft
von Kräutern mit Wasser, drückte eine Apfelsine darüber aus und brachte
diesen Trank dem Verwundeten. Dieser sah das Gefäß und den Inhalt mit
höchst verächtlicher Miene an, mochte aber wohl sehr durstig sein, denn
er probierte und trank dann alles aus.

Eine dunkle Gestalt erschien jetzt neben seinem Lager, der Anführer der
Bande war herangeschritten. Er hatte seinen Mantel zurückgelassen und
stand fast nackt da, die geschmeidigen und muskelstarken Glieder in
ihrem schönen Ebenmaß zeigend. Die weißen Raubtierzähne um seinen Hals
leuchteten auf der glänzend schwarzen Haut, der breite Armring funkelte
gleich dunkelfarbigem Golde, und eine weiße Straußenfeder wallte von
seinem Haupte. Der Engländer betrachtete ihn voll Staunen über den
kriegerischen Stolz, der sich in seiner Haltung aussprach, und mochte
wohl verwundert sein über den Unterschied, den er zwischen diesem freien
Krieger und den sklavischen Schwarzen fand, die er bis jetzt während
seines kurzen Aufenthaltes in Afrika kennen gelernt hatte. Doch war Lord
Adolphus Fitzherbert keineswegs in Furcht, sondern zeigte den Stolz des
Briten und des vornehmen Mannes auch in der Gefangenschaft und
daniederliegend.

»Sprecht Ihr englisch, mein schwarzer Freund?« fragte er mit energischem
Tone.

Der Anführer schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er nicht verstanden
habe.

»Wenn Ihr diesem Manne etwas zu sagen habt, so will ich es ihm gern
übersetzen; er versteht holländisch,« sagte Pieter Maritz freundlich zu
dem Offizier.

Der Leutnant wandte sich zu dem Knaben und nickte dankend. »Ihr seid
sehr gütig,« sagte er, »und ich werde Euch verbunden sein, wenn Ihr
diesen Halunken mitteilen wollt, daß ich sie alle werde hängen lassen,
wenn sie mich und mein Pferd nicht dahin zurückbringen, von wo sie mich
geholt haben.«

Der Knabe schüttelte den Kopf. »Ihr handelt nicht klug, Mynheer,«
erwiderte er. »Ihr könnt niemand hängen lassen, wenn diese Kaffern Euch
umbringen, und wir sind doch beide in ihrer Gewalt.«

»Sie werden es nicht wagen, mich umzubringen,« entgegnete der Engländer.
»Sie wissen recht gut, daß der Gouverneur diesen ganzen Wald mit allen
schwarzen Spitzbuben, die darin stecken, ausräuchern würde, wenn man
einem seiner Offiziere ans Leben ginge.«

Nachdem der Leutnant so gesprochen hatte, mochte er aber wohl selbst die
Thorheit seiner Prahlerei einsehen, denn er setzte hinzu: »Ihr kennt
aber wahrscheinlich diese Art Leute besser als ich, und wenn Ihr es für
klüger haltet, so sagt ihnen, sie sollten eine große Summe Geldes haben,
wenn sie mich nach Pretoria brächten.«

Pieter Maritz nickte und teilte dies dem Anführer mit.

Dieser hatte dem Zwiegespräch aufmerksam zugehört und antwortete jetzt
auf die ihm übersetzte Mitteilung des Engländers, daß ein anderer
darüber zu entscheiden haben werde. »Für jetzt aber,« fügte er hinzu,
»macht euch fertig, denn ihr sollt weiterziehen.«

Auf seinen Wink kamen wieder zwei Männer heran, welche den Engländer auf
die Tragbahre legten, ein Dutzend andere, alle gut bewaffnet, umringten
die Bahre und den Knaben und lösten die Pferde los, und dann ging es in
derselben beschleunigten Gangart, mit welcher sie gekommen waren,
weiter. Mit einem Gefühl der Beruhigung sah Pieter Maritz, daß einer der
Kaffern seine ihm vom Vater vererbten Waffen trug. Die Hoffnung
flüsterte ihm zu, daß dies eine gute Bedeutung habe, daß er ebensowenig
seiner Waffen wie seines Pferdes für immer beraubt werden solle. Der
Anführer der Bande und deren größter Teil blieben bei den Hütten im
Walde zurück, nur eine Begleitung von vierzehn Schwarzen brachte die
Gefangenen und ihre Pferde weiter.

Mit immer gleicher Geschwindigkeit ging es in dem ungeheuren Walde
weiter, bis die Sonne sank. Dann wurde Halt gemacht und ein Feuer
angezündet. Die Schwarzen trafen keine Art von Vorsichtsmaßregeln, um
ihre Gefangenen an Flucht zu verhindern, da sie die Finsternis und den
Wald für genügende Sicherung halten mochten, sondern stellten nur eine
Wache aus, welche auch das Feuer unterhalten mußte, und legten sich
schlafen. Auch die Gefangenen schliefen, ohne sich durch das Gebrüll der
Panther stören zu lassen. Beide waren todmüde, der Engländer durch seine
Verletzungen, Pieter Maritz durch den langen und ihm ungewohnten Marsch.

Früh am Tage ward wieder aufgebrochen, nachdem ein jeder von dem
mitgenommenen Fleisch zu essen bekommen hatte. Lord Adolphus Fitzherbert
war wieder einigermaßen gekräftigt und sprach in freundschaftlicher
Weise mit dem Knaben, über dessen Gesellschaft er nun sehr froh war. Es
ging den ganzen Tag im Walde weiter, und nur einmal ward eine Rast von
einigen Stunden gemacht, um eine Mahlzeit aus einer Elenantilope zu
bereiten, die einer der Kaffern unterwegs geschossen hatte. Pieter
Maritz dachte oft über die Möglichkeit einer Flucht nach. Wenn es ihm
gelang, auf Jagers Rücken zu kommen, so wäre es vielleicht möglich
gewesen, davonzueilen, und oft sah er das Pferd trübselig an, und dann
schien es ihm, als blicke das Tier auch ihn mit Verwunderung und
Teilnahme an. Aber der Gedanke an das Schicksal des Engländers
verscheuchte wieder derartige Wünsche. Das Verhältnis zwischen ihm und
dem jungen Lord veränderte sich mehr und mehr und wurde ein
vertrauliches. Er hätte es wohl schon zu Anfang der gemeinsamen
Gefangenschaft nicht übers Herz gebracht, seinen Schicksalskameraden zu
verlassen; nun aber, wo sie freundliche Gespräche ausgetauscht hatten,
schien es Pieter Maritz ganz unmöglich zu sein, davonzugehen und den
andern allein zu lassen. Das Befinden des Engländers hatte sich übrigens
im Laufe der Nacht und des darauf folgenden Morgens so sehr gebessert,
daß er am Nachmittag schon eine kleine Strecke zu Fuße gehen konnte. Er
klagte jetzt mehr über seine linke Hüfte als über seinen Kopf, denn die
Hüfte war ihm durch den Sturz auf den Degengriff arg zerstoßen worden.

Am Abend dieses Tages kamen sie in gebirgiges Land. Höhen und Thäler
wechselten ab und alles war mit Wald bedeckt, der nun niedriger wurde
und viel Unterholz hatte. Die Berge wurden allmählich höher, und der
Wald hörte an manchen Stellen auf. Tief eingeschnittene Thäler
eröffneten sich, Wildbäche rauschten von den Höhen hernieder, und über
die niedrigeren Berge hinweg waren die Spitzen sehr hoher Gipfel im
Hintergrunde zu sehen.

Der Engländer stieg von seiner Tragbahre herab und ging eine Strecke zu
Fuß. Zwar wollten die Schwarzen in ihrer bisherigen raschen Gangart
bleiben, aber der Engländer, der nur langsam gehen konnte, fuhr sie
drohend an, und sie bequemten sich, obwohl sie nicht verstanden, was
jener sprach, seinen Gebärden zu gehorchen. Sie waren die Herren, und er
war ihr Gefangener, aber so groß war die ihnen eingeborene Ehrfurcht vor
der weißen Farbe, daß sie nicht wagten, seinem Willen entgegen zu
handeln.

Lord Adolphus Fitzherbert lehnte sich auf Pieter Maritz' Schulter und
ging in vertraulicher Weise mit dem Knaben. Sein Benehmen gegen ihn
hatte sich vollständig geändert. Mochte es nun der Respekt sein, den ihm
dessen Reiten eingeflößt hatte, oder das Gefühl, in ihm den einzigen
Genossen von gleichem Stamme zu haben, oder mochte auch das gute
ehrliche Gesicht des Knaben Eindruck auf ihn gemacht haben -- genug, er
behandelte Pieter Maritz in freundlicher Weise und fast wie
seinesgleichen.

»Wie schön ist diese Landschaft!« sprach er zu ihm. »Sehen Sie dort die
blauen Bergeswipfel über die dunklen Schluchten emporragen und die
rotglühenden Wolken sich an den Höhen festhängen! Sehen Sie dort den
glitzernden Gießbach über den schwarzen Hang sich herabstürzen! Wie das
schäumende Wasser zwischen den starren dunklen Felsen und Bäumen glänzt!
Wahrlich, dies Land ist so schön wie nur irgend ein von Fremden
gesuchtes Stück in den Alpen oder Pyrenäen in unserer Heimat, Europa.«

Pieter Maritz sah den Sprecher verwundert an, begriff nicht, was der
bleiche junge Mann mit seinem schwärmerischen Blicke dort in der Ferne
suchen könne, und erwiderte lachend: »Das Land ist nicht schön, Mynheer.
Es sind ja nichts als wüste Berge und unfruchtbare Bäume. Keine gute
Weide für das Rindvieh, kein Gras für das Wild und kein Boden für Mais
und Weizen!«

Der Lord lächelte. »Also nur Weideland und Äcker finden Sie schön?«
fragte er.

»Gewiß,« versetzte Pieter Maritz. »Welche Landschaft sollte denn sonst
schön sein? Drüben im Westen im Kreise Lydenburg und am Potschefstroom
um Pretoria, auch im Norden, wo wir leben, dort ist es schön, aber dies
ist ein wüstes und wildes Land.«

»So ist der Geschmack verschieden,« sagte der Lord. »Bei mir zu Hause
reisen die närrischen Leute aus dem flachen Lande fort in die Gebirge,
um etwas Schönes zu sehen. Aber sagen Sie mir doch, Pieter Maritz, was
werden die schwarzen Kerle mit uns machen? Sie kennen ja die
Lebensgewohnheiten dieses Volkes. Ist es hier wohl Sitte, die gefangenen
Feinde zu braten und aufzufressen?«

»O nein,« sagte der Knabe, »das ist hier nicht Sitte, aber ich weiß
wirklich nicht, was sie mit uns machen wollen.«

»Oder wollen sie ein Lösegeld aus uns herauspressen? In Europa giebt es
gewisse Völker -- man nennt sie Türken und Griechen -- welche gefangene
Fremde einsperren und dann von ihren Freunden und Verwandten viel Geld
für ihre Freilassung fordern. Ob diese Leute von jener schönen Sitte
gehört haben?«

»Das denke ich nicht,« sagte Pieter Maritz. »Ich glaube, wir sind in die
Hände der Leute von Titus Afrikaner und Fledermaus gefallen. Denn dies
ist die Gegend, von der man sagt, sie sei ihr Wohnsitz. Dies müssen die
Drakensberge sein, und dort hausen diese Räuber. Aber da sie uns nicht
gleich getötet haben, weiß ich nicht, was sie mit uns machen wollen.«

»Sie meinen also wirklich, wir wären auf dem Wege zu diesen
vielberufenen Räubern? Da habe ich ja gleich zu Anfang meiner
afrikanischen Laufbahn interessante Erfahrungen zu machen. Nun, mein
lieber Junge, es ist im Grunde alles eins. Dies ist wenigstens etwas
Neues, und sicherlich ist das Schlimmste, was uns widerfahren kann, das,
daß man uns umbringt, und damit sagen wir einer sehr langweiligen Welt
Valet!«

Pieter Maritz sah den Lord erstaunt an, denn er verstand durchaus nicht,
was er sagte.

»Aber was, meinen Sie,« fuhr der Engländer fort, »könnten wir thun?
Sollte es sich nicht empfehlen, einen Streit mit unserer Wache
anzufangen? Die Kerle haben so hübsche spitzige Spieße. Damit würden sie
uns schnell erstechen können und wir ersparten uns vielleicht vielen
Ärger, der uns bevorsteht. Wie wäre es, wenn wir stehen blieben, einem
der Nigger den Spieß wegrissen und ihn niederstießen? Dann wäre ein
hübscher, frischer Zank da.«

Pieter Maritz schüttelte den Kopf. »Mynheer, ich glaube, der Sturz vom
Pferde hat Euch etwas verrückt gemacht,« sagte er mit aufrichtigem Blick
und Ton. »Denkt nicht an solchen Unsinn. Es wird schon alles wieder gut
werden, wenn wir auf Gott vertrauen.«

Der Lord sah den Knaben mit einem eigentümlichen Blicke an, worin sich
eine Art von Rührung aussprach, und fing dann von anderen Dingen zu
sprechen an. Bald ward er auch wieder müde und legte sich von neuem auf
die Tragbahre.

Die Gegend, durch welche sie zogen, ward immer wilder und rauher, und es
ging beständig der Höhe zu. Oft freilich senkte sich der Weg ins Thal,
aber nur um jenseits eine noch größere Höhe hinaufzuklimmen. Seitdem der
Engländer sich wieder tragen ließ, ging es mit verdoppelter
Schnelligkeit vorwärts, und Pieter Maritz hatte Mühe mitzukommen. Die
schwarze Begleitung schien ein bestimmtes Ziel zu haben, welches sie
heute noch erreichen wollte. Pieter Maritz war nicht leicht zu ermüden,
sondern von großer Kraft und Ausdauer, dennoch ward es ihm sauer, mit
den Schwarzen gleichen Schritt zu halten. Er war mehr an Reiten als an
Fußmärsche gewöhnt, und seine schweren Stiefel hinderten ihn am Gehen,
während die Kaffern mit ihren nackten Beinen und Füßen so leicht wie
Gazellen über Berg und Thal liefen. Selbst die beiden Leute, welche den
Engländer trugen und von Zeit zu Zeit abgelöst wurden, liefen mit
größerer Leichtigkeit als der unbelastet einhergehende Buernsohn.

Die Schwarzen bemerkten die Schwierigkeit, welche der Knabe hatte, um
mitzukommen, und sie beschlossen endlich, dem abzuhelfen. Sie gaben ihm
Zeichen, daß er zu Pferde steigen möge. Mit der größten Freude näherte
sich Pieter Maritz dem treuen Jager und stieg mit einem wahren
Wonnegefühl auf dessen Rücken. Der Engländer rief ihm von seiner Bahre
aus einen Glückwunsch zu. Pieter Maritz fühlte sich wie neugeboren, als
er im Sattel saß, und nicht nur der Genuß der Erholung nach dem langen
raschen Marsche, sondern auch ein Gefühl der Sicherheit und der Kraft
belebten seinen Mut. An eine Flucht freilich war nicht zu denken, denn
nicht allein faßten zwei Kaffern Jagers Zügel von beiden Seiten, sondern
es ging auch ein Trupp hinter dem Pferde her, den schmalen Weg durch das
Gebirge hin rückwärts versperrend.

Jetzt ging die Sonne unter, und die Wälder nahmen, ihres Lichtes
beraubt, eine düstere Farbe an, welche daran erinnerte, daß die Stunden
herankamen, zu welchen die Raubtiere auf Beute auszugehen anfangen und
sich auch die Unthaten grausamer Menschen zu vollziehen pflegen. Dieser
Zeitpunkt war um so unheimlicher, als er inmitten des Gebirges eintrat,
wo die Gestaltung der umgebenden Landschaft wunderliche und drohende
Formen im Verbleichen des Himmels und beim Eintreten der nächtlichen
Schatten zeigte. Die Gefangenen erwarteten, daß Halt gemacht werden
würde, um die Nacht im Scheine eines Feuers zu verbringen, aber die
Schwarzen setzten ihren Weg trotz der Dunkelheit mit derselben
Schnelligkeit fort. Es war erstaunlich, daß sie ihn zu finden wußten,
denn kaum ließ das Sternenlicht hier die Biegung der Felsenwände, dort
den eigentümlich gerichteten Stamm eines Baumes erkennen, der als
Merkmal hätte dienen können. Auch war es kein gebahnter Weg, dem der Zug
folgte, sondern bergauf bergab führte nur ein untrüglicher Instinkt der
rechten Richtung durch waldiges wie offenes Terrain. So ging es
unaufhaltsam weiter, während das Gebrüll der nun umherstreifenden Löwen
gleich fernem Donner von Echo zu Echo im Gebirge hinrollte und die
Pferde ängstlich schnaufen machte.

Jetzt ging es durch eine Waldesschlucht über steiniges Geröll hin, in
tiefer Finsternis, die gleichzeitig durch die hohen Wände zu beiden
Seiten wie durch die von oben überhängenden Büsche verursacht wurde, und
als der Zug aus dieser Schlucht hervorkam, lag eine silberglänzende
Landschaft ausgebreitet da. Der Mond war hinter den fernen Bergen
emporgestiegen und erleuchtete mit beinahe voller Scheibe Berg und Thal.
Seine hellen Strahlen zitterten auf einem weiten stillen See, der einen
zauberischen Anblick gewährte. Der Zug ging gerade auf den See zu und
machte Halt. Nur wenig bewegt war das Gewässer, und wo sich sanfte
Wellen regten, indem sie langhin schwellende kleine Furchen bildeten, da
glänzte der gebrochene Spiegel der Oberfläche in weiß leuchtendem
Schein. Im Hintergrunde schlossen mächtige schwarze Höhen, aus weiter
Entfernung herüberragend, den hellen See ab, und die Schatten jener
Berge setzten sich im Wasser fort bis zu der Stelle, wo das strahlende
Bild des Planeten gleichsam in dem See schwimmend aus ihm hervorblickte.

Der Engländer stützte sich auf den Arm und sah mit entzücktem Auge auf
dies herrliche Bild. Sein mutiger Sinn, der die Gefahr ebenso verachtete
wie die Vorsicht, ließ sich durch die Gefangenschaft nicht beugen und er
genoß die Schönheit dieser erzwungenen Reise, als wäre er zu seinem
Vergnügen mit aller Behaglichkeit des Reichtums in den Hochlanden
Schottlands zur Jagd.

Die Schwarzen setzten ihre Last nieder, und dann stieß ihr Führer
dreimal den gellenden Ruf der schwarzen Gans aus, der seltsam über das
stille Wasser dahintönte. Zugleich hatte ein anderer der Begleitung
einen Feuerbrand entzündet und schwenkte ihn dreimal im Kreise umher.

Nach einer Weile erschien auf dem See ein dunkler Punkt, der das
silberne Licht durchschnitt und sich allmählich vergrößerte. Bald war
auch das Plätschern von Rudern vernehmbar. Ein großes Boot von spitzer
und gewaltig langer Form kam heran, von vier Schwarzen gerudert. Es
stieß ans Land, und der Führer des Zuges wechselte mit den Bootsleuten
einige Worte, worauf die Gefangenen in das schmale Schiff gebracht
wurden und auch die schwarze Begleitung einstieg. Die beiden Pferde
wurden ins Wasser geführt und mußten neben dem Boote schwimmen, wobei
sie dadurch unterstützt wurden, daß ihre Zügel dicht am Maul gefaßt und
die Köpfe emporgehalten wurden.

Nach einer Fahrt von etwa einer Viertelstunde war das jenseitige Ufer
erreicht, das Boot stieß an den Felsen, und alle stiegen aus. Die
Bootsleute banden ihr Fahrzeug neben mehreren anderen an, die am Ufer
lagen. Nur ein schmaler Platz, auf welchem Fuß gefaßt werden konnte,
fand sich hier am Gestade, denn überall stiegen die Felsen mit drohender
Steilheit empor. Doch fand sich jetzt nach einigen Schritten längs des
Ufers eine Öffnung in der Bergwand, gleich einer verborgenen Thür, und
nachdem eine kleine Strecke in den Berg hinein zurückgelegt worden war,
drehte sich der Weg nach rechts, und es eröffnete sich plötzlich vor den
überraschten Augen der Gefangenen eine weite hohe Höhle, welche hell
erleuchtet war. Das Licht ging von einem großen Feuer in der Mitte des
Raumes aus, und um das Feuer herum bewegten sich zahlreiche Gestalten.

Die schwarze Begleitung hielt am Eingange der Höhle still und bedeutete
auch die Gefangenen, hier zu bleiben und zu warten, der Führer aber ging
in das Innere der Höhle, welche sich, wie es schien, weit in den Berg
hinein erstreckte. Er wollte, wie es schien, dem Befehlshaber der hier
hausenden Horde Bericht erstatten und dessen Weisungen einholen.

Die Gefangenen sahen indessen dem Treiben um das Feuer zu.
Augenscheinlich war eine Schar von Schwarzen erst vor kurzem von einem
Raubzuge zurückgekehrt, denn es wurde ein Mahl zugerüstet, obwohl es
schon spät in der Nacht war. Wohl fünfzig bis sechzig schwarze Gestalten
waren um das Feuer und in dessen Nähe beschäftigt und glichen in dem
roten Schein einem Heer von Teufeln. Dieser wilde Eindruck ward noch
durch die Art ihrer Beschäftigung erhöht. Sie holten aus einer
Abteilung der großen Höhle, welche seitwärts im Dunkel lag, von vielen
dumpf brüllenden Ochsen ein fettes Tier heraus und führten es in die
Nähe des Feuers. Dann rissen sie das Tier zu Boden, wälzten es auf den
Rücken und banden ihm einen Strick an jeden Fuß. Diese Stricke zogen sie
an, so daß die Beine so weit als möglich auseinander gebogen wurden, und
pflöckten sie an kurzen Pfählen in den Boden, so daß der Ochse ganz
unbeweglich liegen mußte. Alsdann trat ein Schwarzer mit einem
blinkenden Messer heran und schnitt mit einem Zuge den Leib des Ochsen
in der Mitte auf, ohne daß mehr als nur einige Tropfen Blutes vergossen
wurden. Dann nahm er mit Hilfe eines andern Mannes die Gedärme heraus
und übergab sie mehreren Weibern, welche sie in einem großen Kessel
wuschen und alsbald ans Feuer setzten, damit sie gegessen würden,
während der Ochse noch lebte. Während dessen rührten die Männer mit
Stäben das in der Bauchhöhle zusammenfließende Blut um, so daß es nicht
gerann, und warteten ab, daß das Tier, dessen Herz und andern edlen
Teile noch lange in Bewegung blieben, völlig sterben würde. Die Kaffern
standen aufmerksam umher und verwandten kein Auge von den sich
bewegenden Organen.

»Das sind geschickte Metzger,« sagte der Engländer zu Pieter Maritz,
während er einen Blick des Abscheues auf die Scene richtete. »Unsere
Metzger in London könnten von ihnen lernen. Aber ich wünschte, daß
diesen schwarzen Teufeln selber der Leib aufgeschlitzt würde.«

Pieter Maritz erwiderte nichts. Er kannte die Manier der Kaffern schon
lange.

Während nun aber die Schwarzen anfingen, mit großen Löffeln das Blut aus
der Bauchhöhle herauszuschöpfen und in einen Kessel zu füllen, näherte
sich den Gefangenen ihr Führer wieder und forderte sie auf, ihm zu
folgen. Der Lord stützte sich auf des Knaben Schulter, um besser gehen
zu können, und beide gingen an dem von jubelnden und tanzenden Schwarzen
umgebenen Feuer vorbei in den Hintergrund der Höhle.

Hier war ein Kreis von Männern versammelt, die ernst und schweigend auf
ihren Fersen hockten und, wie es schien, einen bevorzugten Rang
einnahmen, indem sie sich nicht an dem gemeinsamen Fest am Feuer
beteiligten und auch besser gekleidet waren als die große Schar. Sie
waren von sehr verschiedener Hautfarbe und Gesichtsbildung, so daß sie
leicht als verschiedenen Stämmen angehörig zu erkennen waren. Einige
waren braunrötlich, andere tiefschwarz, und sowohl die gebogene Nase des
Kaffern wie die eingedrückte Nase des Hottentotten war hier vertreten.
Sie trugen sämtlich schöne Mäntel von Tiger- und Pantherfellen und waren
mit glänzenden Hals- und Armbändern geziert. Alle hielten Pfeifen in der
Hand, aus denen sie Tabak rauchten, und sie tranken dazu abwechselnd aus
einer großen Flasche, die in ihrer Mitte stand, ein Getränk, welches
Pieter Maritz am Geruche schon als Arrak erkannte.

Unter ihnen allen der Vornehmste war aber offenbar ein schon bejahrter
Mann, der auf einer Art von Ruhebank lag, die mit Löwenfellen bedeckt
war. Er war von sehr glänzender Hautfarbe, von einem Braun, welches dem
des gerösteten Kaffees glich, und seine Haare waren stark mit Grau
gemischt. Seine kohlschwarzen Augen waren unruhig und durchbohrend,
seine Nase war breit, doch nicht platt gedrückt, der Mund vorstehend,
mit aufgeworfenen Lippen, doch nicht so sehr, daß seinem Gesicht ein
tierischer Zug verliehen worden wäre. Im Gegenteil hatte es einen klugen
Ausdruck, denn Augen und Stirn beherrschten den unteren Teil. Dieser
Mann trug eine Art von Tunika oder kurzem Gewand von weißer Wolle mit
ganz kurzen Ärmeln, die nur eben die Achseln bedeckten, und an seinen
muskulösen Armen glänzten breite goldene Ringe. Um den Hals trug er eine
Kette von Löwenzähnen, die mit Golddraht zusammengehalten wurden, und
ein Mantel von Löwenfell hing über seinen Rücken hinab. Um den Leib trug
er einen Gurt von gesticktem Leder, an welchem ein Hirschfänger von
europäischer Arbeit und außerdem ein kleines Messer mit Perlmutterschale
steckten. Er stand auf und blieb vor seinem Sitze stehen, als die
Gefangenen ihm vorgeführt wurden; diese sahen mit Überraschung, daß der
Gebieter der großen wilden Schar nur von einer Statur unter Mittelgröße
war.

Mit drohendem Blicke musterte er den blassen Jüngling in dem zerrissenen
Scharlachrock und den Knaben mit den blonden Locken und schüttelte gegen
sie die erhobene rechte Faust, so daß die goldenen Armbänder klirrten.
Dann rief er in holländischer Sprache, die er vollkommen gut redete:
»Ihr seid in die Höhle des Löwen geraten, Söhne der treulosen und
grausamen weißen Menschen! Bereitet euch zum Tode, ihr seid in der Macht
des Titus Afrikaner!«



[Illustration]



Achtes Kapitel

Unter den Räubern


Als die beiden jugendlichen Gefangenen diese Drohung vernahmen und einen
Namen hörten, welcher viele Meilen ringsum gefürchtet war und nur mit
Schrecken genannt wurde, da zog wohl ein Gefühl des Todesbangens durch
ihre Brust, aber ihr Stolz ließ es nicht zu, daß der Räuberfürst etwas
von Furcht an ihnen bemerkte.

Pieter Maritz trug den Kopf so aufrecht wie vorher, der Engländer,
welcher aus Ton und Haltung den Sinn der Drohung verstanden hatte,
richtete sich aus seiner gebeugten Haltung höher auf, und beide sahen
mit unerschütterlicher Festigkeit dem zornigen Titus Afrikaner in die
kleinen, funkelnden Augen. Gegenüber diesem dunkelfarbigen Volke regte
sich das Blut des weißen Mannes in ihnen, und nichts hätte sie jetzt
dahin bringen können, Demut oder gar Furcht zu zeigen.

Titus Afrikaner beobachtete den Eindruck, den seine Worte gemacht
hatten, und als er in der stolzen Haltung und den festen Blicken seiner
Gefangenen deren unbeugsamen Trotz las, nahm seine Miene eine noch
finstere Gestaltung an.

»Seht da,« sagte er, sich zu seinen Offizieren wendend und in der
Betschuanensprache redend, die vom Oranjefluß im Süden bis zum
Limpopostrom im Norden verstanden wird, »seht da dies gefährliche Volk
der weißen Männer. Diese hier sind noch Knaben, und ihr seht sie trotzig
gleich erprobten Kriegern. Im Frieden treulos, habsüchtig und übermütig,
im Kampfe zäh, ausdauernd und grausam, so sind die Feinde beschaffen,
die Morimo in seinem Hasse gegen unser Volk zu uns übers Meer geführt
hat. Die Griqua, die Koranna, die Namaqua, die Stämme der Kaffern und
alle Stämme der ehemals mächtigen Betschuanen schmelzen vor den weißen
Männern hinweg, wie das Fett des Ochsen am Feuer schmilzt. In Höhlen und
auf den Bergen müssen die wenigen Tapferen sich verbergen, die nicht dem
Zugstier gleich das Joch der Weißen auf dem Nacken tragen wollen. Darum
keine Schonung! Ihr meint wohl, es sei gut, Tabak und Arrak, Gold und
Silber zu erlangen, und ihr wolltet den Jüngling mit dem roten Rocke
seinen Freunden zurückgeben, aber ich sage euch, einem wahren Krieger
ist das Blut seiner Feinde der süßeste Anblick, und weder den Buernsohn
noch den reichen Jüngling von den Truppen des englischen Gouverneurs
soll die Hoffnung auf Lösegeld vom Tode retten.«

Ein Gemurmel der Zustimmung kam aus dem Kreise der Offiziere hervor, und
niemand wagte der Ansicht des Häuptlings zu widersprechen. Doch entging
es seinem scharfen Auge nicht, daß mehrere seiner Untergebenen nur
widerwillig zustimmten, insgeheim aber begehrliche Blicke auf den
Engländer warfen, in denen zu lesen war, daß sie sich den Gewinn, der
aus einem solchen Gefangenen zu ziehen sei, wohl überlegten.

»Führt sie fort!« befahl Titus Afrikaner jetzt mit ruhiger Stimme, »und
bewacht sie gut! Morgen werde ich ihr Urteil sprechen.«

Ein Haufen von Schwarzen, welcher die Gefangenen umringte, führte sie
dieser Weisung gemäß fort nach einem andern Teile der großen Höhle und
gab ihnen zu verstehen, daß sie dort bleiben sollten. Hier war ein
kellerartiger Raum aus der Felsenwand herausgesprengt, den einst zu
Zeiten großer Erdbewegungen die geheimnisvollen Kräfte des Erdinnern
gleich der ganzen Höhle hervorgerufen haben mußten. Nur schwach war hier
das Licht, das von dem großen Feuer herüberdrang. Pieter Maritz und der
Engländer standen schweigend in diesem Raume und dachten über ihr
Schicksal mit traurigen Ahnungen nach. Doch erwiesen sich ihre Wächter
menschlicher, als sie erwarteten. Die natürliche Gutmütigkeit der
meisten jener Völker, welche die südafrikanischen Länder bewohnen,
zeigte sich auch hier unter diesen Leuten, die doch Räuber waren. Zwei
von ihnen trugen weiches Laub und Schaffelle herbei, auf denen die
Gefangenen bequem ruhen konnten, ein anderer holte einen brennenden Ast
herbei, der von einem harzigen Holze war und gleich einer Fackel
leuchtete. Diesen Ast steckte er in ein Loch in der Felsenwand, so daß
der Kerker erhellt ward. Und endlich schleppten andere Leute einen Topf
mit Brühe und gekochtem Fleisch, sowie große Stücke des frisch
gebratenen Ochsen herbei und gaben den Gefangenen reichlich davon ab,
während sie selber schmausten. So saßen Kerkermeister und Gefangene
zusammen und teilten ihr Mahl, als seien sie die besten Freunde. Sowohl
Pieter Maritz als der Engländer waren so erschöpft von der Reise und so
hungrig, daß die körperliche Natur über die traurigen Vorstellungen
ihres Geistes siegte und sie es sich gut schmecken ließen.

Ja, als er gegessen hatte, ließ Lord Adolphus Fitzherbert den
Hornlöffel, womit er in Gemeinschaft mit den Schwarzen aus demselben
Topfe hervorgelangt, mit lautem Lachen in den Topf zurückfallen.

»Dies ist eine Komödie ohnegleichen!« rief er. »Was würden meine Freunde
im Klub in London dafür bezahlen, wenn sie Eintritt erlangen könnten,
mich so zu Abend essen zu sehen!«

Pieter Maritz sah und hörte verwundert dies Lachen und diese Worte, und
da er weder von einer Komödie noch von einem Klub jemals gehört hatte,
wußte er nicht recht, was er denken sollte.

»So ist das Leben!« sagte der Lord dann ernsthaft. »Entweder langweilt
es uns zu Tode, oder es wirft uns wie einen Spielball umher, so daß wir
bald hoch oben in Lüften tanzen, bald unten im Kot liegen. Seien wir
froh, daß die Geschichte aus ist, mein junger Freund aus dem
holländischen Lager! Morgen sehen wir die Sonne nicht wieder
untergehen, und alle Langeweile und aller Ärger sowie alle trügerischen
Freuden haben ein Ende.«

»Ist es nicht Sünde, so zu sprechen?« fragte Pieter Maritz mit einem
treuherzigen Blick seiner blauen Augen.

»Weshalb sollte das Sünde sein?« fragte der Engländer.

»Der liebe Gott will, daß wir unsere Pflicht thun,« entgegnete der
Knabe. »Wir sollen unserm Vaterlande dienen und unsern Eltern Freude
machen. Das können wir doch nicht, wenn wir tot sind.«

»Sehr wahr,« sagte der Engländer lächelnd. »Nun, es hilft auch alles
Überlegen und Denken und Sprechen zu nichts. Alles kommt, wie es kommen
soll.«

»Wir wollen beten,« sagte der Knabe sanft und voll Andacht. »Wir wollen
Gott bitten, daß er uns hilft, dann wird er uns helfen, wie er Daniel in
der Löwengrube half -- und unsern Pferden möge er auch helfen!«

Nach diesen Worten kniete er nieder und sprach das Vaterunser. Er sprach
es mit solchem Ernst und solcher gläubigen Zuversicht, daß das Gebet
tiefen Eindruck auf den Lord machte, obgleich er die Worte nicht
verstand. Zu Anfang lächelte er, dann aber ward er ernst und betrachtete
den frommen Knaben mit Bewunderung. Pieter Maritz legte sich, nachdem er
gebetet hatte, nieder, und bald verrieten seine tiefen ruhigen Atemzüge,
daß er schlief. Lord Adolphus Fitzherbert wollte ihm nachahmen, aber
trotz aller Müdigkeit blieb er noch lange wach. Er dachte an die Heimat
und ein blondlockiges junges Mädchen mit Rehaugen. Niemals, so dachte
er, würde er das Mädchen wiedersehen. Endlich ward aber auch er von den
unaufhörlichen Klängen einer Musik eingewiegt, die von der fröhlichen
Versammlung der Schwarzen zu ihm herübertönte. Mit den bald wehmütigen,
bald kreischenden Klängen der Kalabaßviol mischte sich der Ton der
Mundharmonika, und die mit Ochsenfleisch vollgestopften Räuber tanzten
nach den einförmigen Melodien die ganze Nacht hindurch, als hätten sie
nicht den Tag vorher beim Viehraub gar manche Meile durch Berg und Thal
zurückgelegt.

Als die Gefangenen wieder erwachten, wußten sie nicht, ob es früh oder
spät am Tage sei, denn nur ein dämmerndes Licht herrschte an ihrem
Aufenthaltsorte, und sie hätten nicht sagen können, woher es kam.
Vielleicht fiel es durch Spalten in der obern Decke der großen Höhle
herein und verbreitete sich bis in ihren Winkel. Die Fackeln waren
erloschen, der rote Schein des großen Feuers leuchtete nicht mehr. Doch
lagen noch zwei der Schwarzen, welchen ihre Bewachung übergeben worden
war, quer in dem Eingange zu ihrem Gefängnis und schienen zu schlafen.
Sie lagen auf ihren Mänteln von Tierfell am Boden, den Assagai neben
sich und versperrten ihrer Länge nach den Eingang, eine lebendige
Schwelle, über welche die Gefangenen hätten hinwegschreiten müssen, wenn
sie hätten fortgehen wollen. Aber sie dachten nicht daran. Ihr
Aufenthalt war so beschaffen, daß sie an Flucht vorläufig nicht denken
konnten. Unbekannt mit dem Orte, wo sie sich befanden, wußten sie nur,
daß Hunderte von Männern in der Höhle lagerten und daß vor dieser Höhle
ein See sich erstreckte.

Während sie aber nach dem Erwachen ihre Gedanken miteinander
austauschten und, trüben Ahnungen hingegeben, nur leise miteinander
sprachen, entstand in der großen Höhle plötzlich Leben und Bewegung.
Viele Stimmen wurden laut und der Klang von Waffen scholl herüber. Die
am Boden liegenden Wächter richteten sich auf und lauschten. Mit den
Augen war nichts zu erkennen, da es nicht hell genug war, doch konnte
das Ohr wohl wahrnehmen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehen müsse. Es
währte auch nicht lange, so erschien eine Anzahl von bewaffneten Männern
im Dämmerlicht der Höhle und näherte sich den Gefangenen.

»Man will uns holen,« sagte der Engländer zu dem Knaben. »Dies möchte
wohl unsere letzte Stunde sein. Ich bin wirklich neugierig, zu sehen, in
welcher Weise diese Niggers Hinrichtungen zu vollziehen pflegen. Wären
wir fetter, so möchte ich doch wohl zu der Ansicht neigen, daß man uns
rösten und fressen will.«

Pieter Maritz schüttelte den Kopf. Tiefer Ernst lag auf seinem Gesicht,
aber seine Augen blitzten von so mutiger Entschlossenheit, daß der im
Galgenhumor scherzende vornehme junge Mann ihn von neuem mit hoher
Achtung ansah.

Inzwischen war der bewaffnete Trupp ganz nahe herangekommen, und die
Gefangenen erkannten, daß Titus Afrikaner selbst an ihrer Spitze war. An
seiner Seite stand ein Mann, den sie tags zuvor noch nicht gesehen
hatten. Dieser war eine so bemerkenswerte Erscheinung, daß sie ihn gewiß
nicht vergessen haben würden, wenn er am vergangenen Abend mit im Kreise
des Häuptlings gewesen wäre. Er hatte an Hautfarbe und Gesichtsschnitt
große Ähnlichkeit mit Titus Afrikaner, doch war er größer und stärker
gebaut. Er trug eine Mütze von dunkelgrauem Affenfell auf dem schwarzen
krausen Haar, und um seine Hüften schlang sich ein Mantel von demselben
Stoff. Er trug an seinem nackten rechten Arm, der frei aus dem Mantel
hervorsah und dessen Hand den Lauf einer Büchse umschloß, ähnliche
goldene Ringe wie der Häuptling selber. Etwas Vornehmes und
Gebieterisches in seiner Haltung wie die eigentümliche Farbe seines
Anzugs brachten Pieter Maritz auf die Vermutung, daß dies der Bruder des
Häuptlings, daß es Fledermaus sei.

Titus Afrikaner richtete das Wort an die Gefangenen. »Dies ist der Tag,
an welchem ihr sterben müßt,« sagte er. »Aber ihr sollt noch lange genug
leben, um zu sehen, wie die Basutofürsten im Kampfe ihre Feinde
schlagen. Die Weißen sind heimtückisch und treulos, sie töten die
Schwarzen, die mit ihnen ein Bündnis geschlossen haben, aber die Basuto
töten ihre Feinde im offenen Kampfe. Die Buern ziehen die Berge heran,
um ihr Vieh wiederzuholen. Sie sollen ihre eigenen Leiber in den Bergen
liegen lassen.«

[Illustration: Titus Afrikaner und seine Gefangenen.]

Pieter Maritz wußte im ersten Augenblicke nicht, wie er die Worte des
Räubers verstehen sollte. Hatte dieser wirklich gemeint, jetzt, zu
dieser Stunde, seien die Buern im Anzug, oder hatte er sich nur bildlich
und allgemein ausgesprochen? Sein Herz klopfte mächtig in der Brust. Der
Gedanke, möglicherweise könnten seine Landsleute in der Nähe sein,
erweckte die schlummernde Hoffnung von neuem. Es war ja sehr denkbar,
daß die Buern der Umgegend, denen am Tage vorher eine ganze Herde Ochsen
geraubt worden war, sich versammelt und auf den Marsch gemacht hätten,
um das Ihrige wiederzuholen und an den Räubern Rache zu nehmen. Er
selber hatte schon solche Kommandos begleitet, und bei einem solchen
Zuge war es gewesen, daß sein Vater die tödliche Wunde erhalten hatte.

Er betrachtete den Häuptling und sah, daß dessen Anzug geändert war.
Titus Afrikaner hatte die weiße Tunika abgelegt und sich dafür mit einem
Karoß, dem kleinen Fellschurz, umgürtet. Er trug eine Büchse in der Hand
und einen Patronengurt über der nackten, muskulösen Brust. Auch den
weiten faltigen Löwenfellmantel hatte er abgelegt und dafür ein leichtes
und engeres Gewand von Leopardenfell um die Schultern geworfen. Seine
nackten Beine waren unterhalb der Kniee mit einem Riemen umgürtet, von
welchem weiße Zipfel, aus dem Fell des kleinen gestreiften Maushundes
geschnitten, bis auf die Knöchel herabbaumelten. Es war zu erkennen, daß
er sich zum Kampfe gerüstet hatte.

Pieter Maritz teilte dem Lord den Inhalt der Rede des Häuptlings mit,
und alsbald traten mehrere der Schwarzen heran, banden den Gefangenen
die Hände mit Riemen auf den Rücken und nötigten sie, dem Zuge der
Krieger zu folgen, welche sich nach dem hinteren Teile der Höhle
begaben.

Es ging in einen engen Gang hinein, der vielfach gewunden war und
bergauf stieg, aber allmählich heller ward, indem die Felsen sich oben
auseinander thaten und dem blauen Himmel Einblick vergönnten. An
mehreren Stellen dieses schmalen, aber nun oben offenen Ganges waren
erweiterte Plätze, und hier lagen riesige Steinblöcke, mit denen der
Gang selber verschlossen werden konnte, wenn etwa Feinde diesen
Schlupfwinkel entdecken und angreifen sollten. Doch war die Gefahr eines
solchen Angriffs nur gering, das sahen die Gefangenen, als sie an das
Ende des schmalen Ganges gelangten.

Sie hatten eine weite Fernsicht, als sie an dessen Ausgang kamen und die
dichte Masse der vor ihnen herziehenden Schwarzen sich nun abwärts in
das vor ihnen liegende Thal hinab verlor. In unbegrenzter Weite dehnte
sich vor ihren Blicken der strahlende blaue Himmel aus, und unten lag
Berg an Berg, Thal an Thal, teils in blauem Dufte verschwimmend, teils
mit Grün überkleidet in der Nähe zu ihren Füßen. Es wäre wohl ein
herrlicher Anblick für sie gewesen, wenn nicht die Aufregung über das
eigene Geschick sie so sehr beschäftigt hätte, daß sie keine
Aufmerksamkeit auf die Schönheit der sie umgebenden Welt verwenden
konnten. Dennoch fühlte sich ihr betrübtes Gemüt durch die helle Sonne
und den Glanz der Landschaft nach dem Aufenthalt in der Höhle erfrischt
und gehoben.

Der schmale Gang mündete in der Nähe des Gipfels eines hohen Berges,
oberhalb eines steilen Abhanges, und der Berg, in welchem die Höhle lag,
zeigte sich von dieser Seite in einer ganz andern Gestalt als von der
Seite, auf welcher die Gefangenen am vergangenen Abend in die Höhle
hineingekommen waren. Sie waren allmählich zur Höhe hinangeklommen und
hatten nicht bemerkt, wie hoch und schroff der Berg war, der auf seiner
westlichen Seite von einem Gebirgssee bespült wurde, während er im Osten
seinen Hang jählings in eine große Tiefe neigte. Vor ihnen kletterte die
lange Reihe der Schwarzen auf einem sehr engen Wege im Zickzack in das
Thal, und sie sahen von oben in Hunderte von krausen Wollköpfen mit
Federschmuck und Hunderte von Speerspitzen hinab, hinter ihnen kam
wiederum eine lange Kette von Bewaffneten, deren letzte Glieder noch im
Berge versteckt waren, als die Gefangenen bereits einen guten Steinwurf
weit vom Ausgang der Höhle entfernt hinunterstiegen.

»Ein schlauer Fuchs ist dieser Niggerhäuptling,« sagte der Lord. »Er hat
mehrere Eingänge zu seinem Bau, und der Teufel selbst sollte nicht
ahnen, wie das Ding von hinten aussieht, wenn er es nur von vorn gesehen
hat. Doch finde ich es frech, daß er aus dem sicheren Versteck heraus
ans Tageslicht kommt, um sich draußen zu schlagen.«

»Er ist kühn,« entgegnete Pieter Maritz, »aber doch handelt er
vorsichtig, dem Feinde entgegenzugehen, denn er will ihn wohl fern von
seiner festen Burg halten und bewahrt sich diese für die letzte Not
auf.«

Der junge Lord sah im hellen Tageslicht höchst traurig aus, von seiner
glänzenden Erscheinung war nichts übrig geblieben. Mitleidig sah der
Knabe ihn an. Der Scharlachrock war völlig beschmutzt und hing, da ihm
die Knöpfe fehlten, formlos herab. Lehm und Wasser, der schwarze Boden
der Höhle und der fettige Schmutz der Lagerfelle hatten ihm seine schöne
Farbe nur an wenigen Stellen gelassen, und die Fetzen hingen herunter.
Der Kopf war bloß, nur mit dem großen Pflaster bedeckt, welches der
Kaffernarzt ihm aufgelegt hatte. Dies Pflaster war schwarzbraun und zog
sich bis zur Augenbraue hin. Das Gesicht war sehr bleich infolge der
Anstrengungen, der Aufregung und der Verwundung. Nur der Ausdruck seines
Gesichts war noch von dem alten Stolz durchdrungen. Auch Pieter Maritz
war in seiner äußeren Erscheinung nicht unberührt von den Ereignissen
der letzten Tage geblieben. Seine Bluse hatte mehrere Risse. Aber dieser
dunkle, ungemein derbe Anzug konnte mehr vertragen als die Uniform des
Engländers, und weder das lederne Beinkleid, noch der Rock, noch der
breitkrempige Hut hatten ernstlichen Schaden genommen.

Der Knabe sah die Sonnenstrahlen auf des jungen Mannes Kopf
niederscheinen und bemerkte, wie dieser mit den Augen blinzelte und wie
sein Gesicht sich nach und nach mit einer ungesunden Röte bedeckte.

»Nehmt meinen Hut, Mynheer,« sagte er, dem Lord seine eigene
Kopfbedeckung anbietend. Und mit diesen Worten gab er einem der
begleitenden Schwarzen den Auftrag, den breiten Hut auf des Engländers
Kopf zu setzen. Denn der Gefangenen Hände waren ja gefesselt.

»Ich kann es eher vertragen,« sagte er lächelnd, als der Lord das
Erbieten nicht annehmen wollte.

Der Lord ließ es sich gefallen und ging, vor der Sonne besser geschützt,
frischeren Mutes weiter. Eine Thräne dankbaren Gefühls drängte sich ihm
ins Auge.

Der Weg, auf welchem die lange dünne Kolonne marschierte, bog sich auf
der halben Höhe des Berges plötzlich zur Seite, und nun ging es in einer
Richtung weiter, welche der bisher verfolgten gerade entgegengesetzt
war. Nach einem halbstündigen Marsche durch ein sehr baumreiches Thal,
während dessen sich die langgezogene Reihe mehr zusammengeschlossen und
zu dicken Haufen geballt hatte, ging plötzlich ein Ruf durch die Masse
hin, und der Zug stockte. Die Gefangenen sahen, daß Titus Afrikaner, der
inmitten seiner Schar gegangen war, nach vorn eilte. Es schien eine
Störung in dem Plane, den er verfolgte, eingetreten zu sein.

Nicht lange darauf ward eine Änderung getroffen. Titus Afrikaner kehrte
zurück und versammelte um seine Person alle mit Gewehren bewaffneten
Männer, deren es nur etwa zwanzig gab, dazu einen gleich starken Haufen
von Speerträgern und bog mit dieser kleinen Schar nach rechts ab. Die
Gefangenen mußten ihm folgen. An die Spitze des größeren Haufens, der
über vierhundert Köpfe stark war, stellte sich der Häuptling mit dem
grauen Mantel, er allein mit einer Büchse bewaffnet, und führte diese
Hauptmasse der Streiter in der bisherigen Richtung weiter. Pieter Maritz
hatte von einem der begleitenden Kaffern erfahren, daß dieser Häuptling
in der That der Bruder des Anführers, der berühmte Fledermaus, sei.

Es ging unter der Leitung des Titus Afrikaner eine Höhe hinan, welche
mit Buschwerk und einzelnen niedrigen Bäumen bestanden war, die gleich
Kandelabern ihre Äste emporstreckten, und nach etwa viertelstündigem
Steigen war der Rücken des Berges erreicht. Die Sonne stand jetzt schon
hoch, und Pieter Maritz sah, daß es nicht weit von der Mittagsstunde
sein könnte. Da er noch nichts gegessen und getrunken hatte, fühlte er
sich sehr hungrig und durstig. Noch mehr als er aber litt der junge
Lord, der weniger als der Buernsohn an Entbehrungen gewöhnt war. Doch
hielt ihr Stolz beide davon ab, um Speise zu bitten.

Der Berg, auf welchem sie sich befanden, zog sich in langgestrecktem
Zuge hin, aber der Marsch ward nicht in derselben Richtung fortgesetzt,
sondern Titus Afrikaner wandte sich jetzt links, so daß er in derselben
Richtung vorging, in welcher sein Bruder unten im Thale marschierte. Es
ging noch eine Weile vorwärts, und nun sahen die Gefangenen blaues Licht
durch das Unterholz vor sich scheinen und erkannten, daß der Berg sich
dort schroff hinabsenkte. Ein Abhang von ziemlicher Steilheit lag vor
ihnen, und von dem Rande desselben konnten sie weit hinaus in tiefer
liegendes Hügelland sehen. Dieser Saum des Abhanges war noch mit Bäumen
und Büschen besetzt, und im Versteck derselben ließ Titus Afrikaner
seine Schar halten, trat hinter den Stamm einer der kandelaberförmigen
Euphorbiazeen und lugte ins Land hinaus.

Von Begierde getrieben, zu erfahren, was im Werke sei, näherten sich
auch die Gefangenen dem Saume des Abhangs und blickten hinaus, doch
hielten sie sich hinter einem Busch verborgen, um nicht den sie
bewachenden Männern Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Pieter Maritz
beobachtete den Führer und sah, daß dieser mit unverwandtem Blick seiner
schwarzen funkelnden Augensterne auf eine bestimmte Stelle in der
Entfernung blickte. Er folgte mit seinem Blicke und erkannte nun mit
tiefer Bewegung zwei dunkle Streifen, die sich gleich Würmern über ein
grünes Tuch nebeneinander hin bewegten. Sein scharfes, geübtes Auge
erkannte aus der Schnelligkeit, mit welcher diese Streifen herankamen,
und aus der Gestalt, welche sie hatten, die wahre Natur ihrer
Erscheinung.

»Seht dort, Mynheer,« flüsterte er dem Engländer zu, mit dem Kopfe
winkend, »dort kommen die Buern.«

Der Lord sah mit Anstrengung aller seiner Sehkraft hinüber. »Ich sehe
nichts,« sagte er.

»Seht doch,« sagte der Knabe. »Seht dort die schwarzen Streifen, so lang
wie ein Finger und eine Handbreit von einander entfernt. Der eine ist
mehr oben, am Rande des dunklen Waldes, der andere mehr unten auf der
grünen Fläche. Und seht doch nur! Jetzt könnt Ihr einzelne schwarze
Punkte erkennen, die vor den Streifen herziehen. Das sind einzelne
Reiter, die den Weg aufsuchen und nach Feinden spähen, die Streifen aber
sind zwei Haufen meiner Landsleute. Seht, wie sie wachsen, sie reiten
schnell, seht doch nur, sie kommen hierher.«

»Ich sehe wahrhaftig nichts,« entgegnete der Engländer. »Meine Augen
sind nicht scharf genug, wie mir scheint, und ich habe kein Fernrohr,
könnte es ja auch nicht gebrauchen, da ich keine Hand frei habe.«

Titus Afrikaner indessen hatte den herankommenden Feind so gut wie der
Buernsohn genau erkannt. Seine Faust umklammerte das Gewehr mit festem
Griff, so daß die Muskeln seines Armes emporschwollen, sein Kopf war
vorwärts geneigt, und sein Blick glich dem eines Raubtiers. Jetzt wandte
er sich zu den Gefangenen und zeigte mit dem Finger in die Ferne.

»Dort kommen sie,« sagte er mit grausamem Lächeln, »die weißen Männer,
eure Väter und Brüder, kommen. Ob sie euch wohl helfen werden? Sie
kommen, um den armen schwarzen Mann zu jagen. Sie sehen ihn für ein Wild
an, das man in den Bergen schießt. Aber Titus Afrikaner und Fledermaus
haben Krallen und Zähne. Das werdet ihr sehen. Sie sind Löwen und werden
den Jäger fressen.«

Dann wandte er sich zu seinen Kriegern, die ringsum im Grase lagen und
mit ihren glänzenden Augen seine Bewegungen verfolgten, und sprach zu
ihnen in einer Sprache, welche Pieter Maritz nicht verstand.

»Was hat der schwarze Kerl gesagt?« fragte der Lord. »Hat er uns ein
Frühstück angeboten? Ich muß gestehen, daß ich für eine Flasche gut
gekühlten Champagner und ein Antilopensteak gern die Hälfte des mir noch
zur Verfügung stehenden Lebens gäbe.«

Er ließ sich müde auf die Erde nieder und starrte vor sich hin.

Pieter Maritz hatte unverwandt hinabgesehen. »Seht doch nur,« rief er
jetzt, »sie sind so nahe gekommen, daß Ihr sie sicherlich sehen könnt.
Ich kann sie beinahe zählen, es müssen ihrer fünfzig bis sechzig Buern
sein.«

Der Lord wandte den Kopf. »Wahrhaftig, jetzt sehe ich sie auch,« sagte
er lebhaft. »Sie kommen hierher. Aber Ihr müßt Augen haben, mein
holländischer Freund! Ich wüßte doch auch jetzt noch kaum zu sagen, ob's
Krähen oder Menschen wären. Doch was nützt es uns? Sollten die Buern die
Niggers unterkriegen, so sticht uns dieser Titus Afrikaner aus Ärger
tot, kriegen aber die Niggers die Buern unter, so bringt er uns zum
Vergnügen um. Doch darum keine Sorge, lieber Freund. Alt-England für
immer -- und meinetwegen Alt-Holland auch! Wenn wir nur einmal darauf
trinken könnten!«

Nach diesen Worten sah er gleichgültig auf die Schar der schwarzen
Krieger, die ihm, wie sie so im grünen Grase lagen, mit ihren glänzenden
fettigen Körpern gleich riesigen Waldschnecken erschienen.

Pieter Maritz blieb stehen und verwandte den Blick nicht von den
heranreitenden Buern.

»Wenn ich ihnen nur ein Zeichen geben könnte, wo wir sind,« sagte er
leise. »Es wäre schrecklich, wenn sie in einen Hinterhalt fielen. Ich
weiß nicht, wo Fledermaus geblieben ist, aber ich denke mir, er ist dort
unten im Dickicht versteckt und soll die Reiter überfallen oder auf sich
ziehen und dann in solcher Richtung hinter sich her locken, daß Titus
Afrikaner sie von der Seite angreifen kann.«

»Sollten die Niggers wirklich so schlau sein?« fragte der Lord
ungläubig. »Das wäre ja eine Taktik, als hätten sie die Militärakademie
besucht.«

»Was ist das, eine Militärakademie?« fragte der Knabe.

»Das ist eine Schule bei mir zu Hause, wo die jungen Offiziere lernen,
wie man Krieg führt.«

»Kann man das in der Schule lernen?« fragte Pieter Maritz lachend. »Wir
lernen das im Kampfe von unsern Vätern.«

»Vielleicht habt ihr die bessere Manier,« sagte der Lord. »Aber bei mir
zu Hause herrscht die schöne Sitte des Umherziehens im Lande und des
Viehstehlens nicht, und da müssen wir es wohl in der Schule lernen;
wenigstens die Anfangsgründe. Denn später lernen wir es auch, indem wir
auf dem Felde Krieg spielen -- was wir Manöver nennen -- und dann in den
Kolonien im wirklichen Kampfe mit Niggern, Indern, Malaien und allen
möglichen bunten Völkerschaften der ganzen Erde. Denn unsere Truppen
sind überall, wir beherrschen den größten Teil der Welt.«

-- »Jetzt reiten sie langsamer, das ist klug,« sagte Pieter Maritz. »O
könnte ich ihnen doch ein Zeichen geben! Aber es ist zu weit, und sie
würden es nicht verstehen, wenn ich winkte. Wollte ich ihnen aber
entgegenlaufen, so würde mir von hinten gar bald ein Wurfspieß folgen.«

Der Lord erhob sich wieder, von Teilnahme an den bevorstehenden
Ereignissen trotz seiner Erschöpfung ergriffen, und spähte hinab. »Ja,
sie reiten langsamer,« sagte er. »Sie sind noch einen Kanonenschuß weit
entfernt. Aber ich begreife nicht, was sie zu Pferde wollen. Sie denken
doch nicht etwa daran, mit Niggern im Walde zu Pferde zu kämpfen?«

»O nein,« sagte der Knabe. »Sie werden schon wissen, was sie zu thun
haben.«

»Aber es sind ihrer so wenige. Was wollen fünfzig bis sechzig Leute?
Hier sind doch wohl zehnmal so viel.«

»Es sind Buern!« sagte der Knabe stolz. »Ein Buer gegen zehn Kaffern ist
schon eine starke Übermacht.«

»Ihr habt ein schönes Selbstvertrauen,« sagte der Lord kopfschüttelnd.

Titus Afrikaner lehnte ruhig an dem Stamm des Baumkandelabers und
beobachtete die Scene dort unten. Die Buern waren noch in zwei Haufen
geteilt, die einen Büchsenschuß weit voneinander entfernt ritten, und
drei Reiter waren jedem der Trupps voraus und durchsuchten das Terrain,
damit nicht ein unerwartetes Zusammentreffen mit den Räubern stattfände,
deren Anwesenheit in dieser Gegend ihnen bekannt war. Als sie das weite,
offene Thal durchmessen hatten und sich nun dem waldigen Teil des
höheren Gebirges näherten, verringerte sich die Eile, mit welcher sie
sich bis jetzt vorwärts bewegt hatten; sie ritten im Schritt an der Höhe
vorbei, auf welcher die Gefangenen waren, und auf einen Wink der
vorausgesandten Späher machten sie, noch außer Schußweite, Halt. Ein
Wald war vor ihnen, derselbe Wald, in welchem Fledermaus mit der
Hauptmasse vorgerückt war, und die kundigen Buern wagten sich nicht ohne
Vorsichtsmaßregeln weiter. Sie hielten weit genug vor dem
unübersichtlichen Thale still, und mehrere Männer stiegen ab, übergaben
ihre Pferde den Kameraden und gingen, die Büchse schußbereit in der
Hand, vorsichtig vor. Die Gefangenen konnten deutlich den Anzug und die
Waffen der Buern erkennen. Sie trugen alle den breitkrempigen Hut, der
so gut vor den Sonnenstrahlen schützt und ein bequemes, sicheres Zielen
begünstigt, und waren alle mit dem Patronengurt über der Bluse und dem
Hirschfänger ausgerüstet.

Titus Afrikaner machte eine Bewegung der Ungeduld und blickte nach dem
Walde hin, der das Thal linker Hand erfüllte und aus diesem hervor dort
unten in die Ebene vorsprang. Da, mit einem Male, mußten die Buern etwas
entdeckt haben. Die zu Fuße vorangehenden Leute blieben plötzlich stehen
und verschwanden dann im Buschwerk. Nun stieg ein weißes Rauchwölkchen
von der Stelle auf, wo sie verschwunden waren, ein schwacher Knall
scholl herauf, und alsbald saßen sämtliche Buern ab, vereinigten sich
aus beiden Trupps zu einer langen Linie mit weiten Zwischenräumen und
rückten mit Ausnahme einiger weniger, welche die Pferde hielten, gegen
das bewaldete Thal vor.

Atemlos sahen die Gefangenen zu -- da, plötzlich, erscholl ein wildes
Geheul unten im Thale, und aus dem Walde hervor stürzte eine lange
dichte Reihe schwarzer Krieger, die Speere schwingend und die Schilde
vor die Brust haltend. Allen voran lief eine Gestalt in fliegendem,
grauem Mantel, der Häuptling Fledermaus, der wirklich in seiner
Erscheinung, wie er so aus dem Walde hervorkam, dem unheimlichen Tiere
glich, dessen Namen er trug.

Die Schwarzen stürzten sich mit Kriegsgeschrei auf die Buern, so viele
gegen so wenige -- aber nun entstand dort unten ein eigentümliches Bild.
Die Buern waren nicht mehr zu sehen, es war, als hätte der Erdboden mit
seinem hohen Grase, seinen dichten Büschen und den Felsblöcken, die
zerstreut umherlagen, sie verschlungen. Aber hier und da, erst einzeln,
dann immer häufiger stiegen hinter den Felsblöcken, hinter den Büschen,
hinter den Stämmen der Bäume Rauchwölkchen auf, und der Knall vieler
Schüsse drang aus der Entfernung empor. Unter den Schwarzen aber
entstand alsbald Verwirrung. Es war, als hätte ein Taumel sie ergriffen.
So viel Rauchwölkchen aufstiegen, so viel schwarze Krieger stürzten zu
Boden, und die in der Nähe der Fallenden liefen seitwärts und stockten
im Angriff.

»Wie diese Buern schießen!« rief der Lord voll Bewunderung. Er war so
von dem Schauspiel in Anspruch genommen, daß er die eigene Ermüdung und
die Gefahr seiner Person vergessen hatte und mit weit geöffneten Augen,
vorn übergeneigt, nur noch den Kampf sah und nur noch an den Kampf
dachte. Pieter Maritz war in derselben Spannung, und unwillkürlich
zuckten seine Hände in den Banden.

Jetzt wandten sich die Schwarzen, um in den Wald zurückzukehren. Der
Angriff war mißlungen oder ward vielleicht mit Absicht so früh
aufgegeben, und während viele schwarze Gestalten draußen auf dem Boden
liegen blieben, tauchte die Masse wieder in das deckende Grün ein und
entschwand dem Blick.

Langsam und schrittweise rückten jetzt die Buern vor, indem sie einzeln
nach und nach aus ihren Verstecken hervorkamen.

In diesem Augenblick hörten die Gefangenen einen zischenden Ton, wie ihn
die ~cobra capella~, die gefürchtete Brillenschlange, ausstößt, wenn
sie, um auf den Feind zu stoßen, den Leib aufrichtet und mit
vorgestrecktem Kopfe den Hals aufbläht, und als sie nach Titus Afrikaner
blickten, von dessen Platze aus der Ton gekommen war, sahen sie den
Häuptling seine Büchse schwingen und seinen Gefährten winken. Er schien
gewachsen zu sein: seine kleine Figur dehnte sich, und die Kampflust
schwellte seine Sehnen. Er zeigte nach dem Hange hin und eilte alsbald
mit leichtem, weitem Schritte die Höhe hinab, gleichsam hingleitend
durch das Buschwerk, das den steilen Abfall des Berges bedeckte. Hinter
ihm folgten seine Krieger, und auch die Gefangenen wurden genötigt, zu
folgen, indem die letzten beiden Schwarzen sie in die Mitte nahmen. Die
Richtung, welche Titus Afrikaner einschlug, mußte den Trupp gerade
zwischen die Linie der Buern und den Haufen ihrer ledigen Pferde führen.

[Illustration]



[Illustration]



Neuntes Kapitel

Morimo


Der Abhang war so steil, daß die Gefangenen nur mit Mühe den eilig
voranschreitenden Kriegern folgen konnten. Denn da ihre Hände gefesselt
auf dem Rücken lagen, konnten sie weder zu ihrer Stütze die Zweige der
Büsche erfassen, noch auch nur durch die Bewegung der Arme das
Gleichgewicht des Körpers erhalten; dazu wurden sie durch ihre Stiefel
gehindert. Mehr als einmal waren sie dem Sturze nahe, während die
Schwarzen vor ihnen mit ihren nackten Beinen und Füßen so leicht wie
Springböcke hinabeilten. Der Zwischenraum, der die Gefangenen von der
Spitze des Trupps trennte, ward immer größer, und mehrmals mußten die
sie begleitenden Speerträger sie stützen oder vorwärts ziehen.

»Könnte ich doch nur ein Zeichen geben!« stöhnte Pieter Maritz
schmerzlich. »Titus Afrikaner führt seine Schützen den Buern in den
Rücken. Aber wenn ich auch mein Leben opfern und laut rufen wollte, so
würde es doch nichts nützen. Die Buern würden es nicht hören, denn sie
sind zu weit entfernt, und wenn wir erst nahe genug sein werden, dann
ist es zu spät, denn dann können die Räuber auch schon schießen.«

Aber während der Knabe noch so sprach, fühlte er, daß unter dem
beständigen, teils unabsichtlichen Zerren seiner Hände an den fesselnden
Bastseilen diese Fessel sich lockerte. Er that einen kräftigen Ruck, und
seine starken, harten Hände hatten den letzten Halt zerrissen und waren
frei. Ohne sich zu besinnen, ohne an die Gefahr für ihn selbst zu
denken, steckte er zwei Finger in den Mund und ließ mit voller Macht
seiner Lungen einen langhin gezogenen gellenden Pfiff erschallen. Der
Ton durchschnitt weithin die Luft, und es war, als läge eine warnende
Bedeutung in dem langsam ersterbenden Klange.

Augenblicklich erfaßten die Fäuste der Begleiter seine Schultern, er
fühlte sich niedergeworfen, und die Assagaispitzen blitzten toddrohend
über ihm in der Luft. Aber der junge Engländer ließ ihn in diesem
gefährlichen Augenblick nicht im Stich. Er that, was er thun konnte. Da
er sich einen Schritt zurück und auf einem höheren Standpunkte befand,
gab er dem einen der Schwarzen einen kräftigen Tritt mit seinem
Reiterstiefel in die Rippen. Er stürzte selbst dabei hin, aber im Fallen
riß er noch den andern Schwarzen mit sich, und für einige Sekunden
rollten alle vier zwischen den Büschen am Boden hin. Aber die Schwarzen
waren schnell wieder auf den Füßen und hätten nun sicherlich beiden
Gefangenen den Garaus gemacht, wenn nicht das Zischen der Cobra aufs
neue sich hätte hören lassen und gleich darauf die dunkle Gestalt des
Titus Afrikaner selbst erschienen wäre. Gleich dem Tiger kam der
Häuptling in weiten Sätzen herauf. Er winkte mit der Hand, und die
Schwarzen ließen von ihrem Angriff ab. Ein böses Lächeln lag auf dem
Gesicht des Häuptlings. »Der Tod soll euch nicht so schnell und leicht
kommen,« sagte er zu den Gefangenen, und dann wandte er sich zu den
beiden Schwarzen und gab ihnen einen Befehl in der eigenen Sprache.

Diese rissen alsbald von dem zerfetzten Rockschoße des Engländers zwei
tüchtige Streifen ab, rollten sie zusammen und stopften sie den
Gefangenen in den Mund. Dann banden sie Pieter Maritz von neuem, und der
für einige Minuten ins Stocken gekommene Zug ging weiter, nachdem der
Führer sich wieder in langen Sprüngen bergab an die Spitze gesetzt
hatte.

Es währte nicht mehr lange, so war das Thal erreicht, und nun ward der
Weg durch sehr unebenes Terrain in derselben Richtung, welche hinter die
Schützenlinie der Buern führen mußte, fortgesetzt. Ein kleiner Bach ward
überschritten, und die Gefangenen, welche sich so gern hinabgebeugt und
ihre brennenden Lippen erfrischt hätten, mußten sich mit der Kühlung
begnügen, die ihnen das um die Füße spülende Wasser gewährte. Sie
wechselten Blicke stummer Verzweiflung miteinander. Dann ging es durch
ein ziemlich dichtes niedriges Gehölz, in welchem viele große
Steinblöcke umherlagen, die vielleicht einmal bei einer Erderschütterung
von dem überragenden Berge abgebröckelt und herabgerollt waren. Das
Schießen war längst verstummt. Kein anderer Laut als das leise
Hinstreichen der Körper an den Büschen und der Schritt der Männer im
trockenen, knisternden Grase war zu vernehmen.

Titus Afrikaner war voran, sein Gang war langsamer geworden, er schritt
vorsichtig weiter, er spähte nach links und rechts. Er mußte seiner
Berechnung nach jetzt nahe an der Stelle sein, von wo er die Gewehre
seiner Krieger und das eigene Geschoß von der Seite und von hinten auf
die Feinde lenken konnte. Nun sprang er mit der Gelenkigkeit des
Raubtiers auf einen hohen Stein, um über die vorliegenden Büsche
hinwegblicken zu können, und streckte den Hals.

Aber in dem Augenblick, wo er mit vorgeneigtem Kopfe auslugte, ward ein
feines Pfeifen hörbar, eine der purpurn schimmernden Federn in dem
Haarputz des Häuptlings stob davon, und gleich darauf war das scharfe
Krachen eines Büchsenschusses zu vernehmen. Ein Wutgeheul brach aus des
Führers Munde hervor und klang unter seinen Kriegern wieder. Die Buern
hatten das Nahen des neuen Feindes gemerkt und eine andere Stellung
eingenommen, um ihm Widerstand leisten zu können.

Titus Afrikaner schwang seine Büchse hoch in die Luft, zeigte nach
vorwärts und stürzte sich in die Büsche. Hinter ihm liefen die andern
Schwarzen, und auch die Gefangenen wurden mitgeschleppt. Nur etwa
hundert Schritte aber ging es noch weiter. Denn jetzt lichtete sich das
Gehölz, eine für den Überblick fast freie, von kleinen Einsenkungen
durchzogene Ebene, in welcher auch Steinblöcke lagen und einzelne Büsche
standen, dehnte sich vor den Angreifern aus. Pieter Maritz, hinter einem
Baumstamm versteckt, konnte linker Hand in großer Entfernung den Saum
des Waldes erkennen, aus welchem Fledermaus bei seinem ersten Angriff
hervorgebrochen war, und schloß aus der Form, wie sich ihm das Land
jetzt zeigte, daß er in der Nähe des Weges sei, auf welchem die Buern
vorhin an dem Berge vorübergeritten waren. Doch war weder von den Buern
noch von ihren Pferden etwas zu sehen. Der Knabe lächelte zufrieden und
freute sich im Herzen. Er kannte die Fechtart seiner Landsleute, und die
Büchsenkugel, welche des Häuptlings Kopf gestreift, hatte ihn beruhigt.

Seine Erwartungen wurden bald bestätigt. Unmutig und ungeduldig, auf den
Feind zu stoßen, zauderte Titus Afrikaner nicht lange im Saume des
Gehölzes. Er schickte zehn seiner Speerträger aus dem schützenden
Dickicht hervor. In niedergeduckter Haltung, den Schild vor den Kopf
haltend und den Speer in der Rechten, rannten diese Leute heraus und in
die Ebene hinein. Aber sie kamen nicht weit. Alsbald tauchten kleine
Rauchwölkchen aus dem Grase, hinter den Steinblöcken und hinter den
Büschen auf, der Knall der Büchsen ertönte in der Nähe, vier von den
Schwarzen stürzten zu Boden, und die übrigen rannten, in Entsetzen vor
dem unsichtbaren Feinde, in das verbergende Gehölz zurück.

Den Gefangenen war es inzwischen gelungen, sich des Knebels in ihrem
Munde durch wiederholte angestrengte Bewegungen der Kinnbacken zu
entledigen, und ihre Wächter waren so sehr mit dem Betrachten des
Kampfes beschäftigt, daß sie nicht darauf achteten. So konnten sie sich
wenigstens unterhalten. Sie kauerten nebeneinander hinter den Stämmen
zwei nahestehender Aloebäume und duckten sich in das Gras nieder, um
nicht selbst irrtümlich eine Kugel zu bekommen.

»Wie sie tiraillieren können, diese Buern!« sagte der Lord, ganz in
Staunen verloren. »Man sieht sie gar nicht. Noch keinen Hut habe ich
erblicken können, und doch liegen sie keine dreihundert Schritte
entfernt.«

»So nahe!« erwiderte Pieter Maritz. »O wenn ich denke, daß die Befreiung
so nahe ist! Aber wenn wir aufsprängen und hinüberliefen, so möchten wir
wohl sehr bald ein Ziel für beide Parteien werden, denn die Buern würden
nicht gleich erkennen, wer wir wären, und die Räuber würden uns
verfolgen.«

Der Lord nickte. »Und doch wäre es vielleicht klug, davonzulaufen,«
sagte er, »denn dann wäre es rasch mit uns aus. So aber -- doch es ist
ein eigentümliches Gefühl, das mich zurückhält. Ich glaube, die Hoffnung
stirbt erst, wenn man uns selbst getötet hat.«

Das Gespräch zwischen den beiden Gefangenen hatte inzwischen ihre
Wächter aufmerksam gemacht, und diese mußten wohl auf denselben
Gedanken gekommen sein, der jene bewegte. Sie nahmen biegsame Zweige von
einer in der Nähe stehenden Weide und banden den Gefangenen die Füße
zusammen.

Titus Afrikaner, voll Wut, daß sein Plan eines Überfalls gescheitert
war, konnte jetzt seine Kampfbegierde nicht mehr mäßigen. Er winkte
seinen gleich ihm mit Gewehren bewaffneten Leuten und drang mit ihnen
vor. Aber nicht frei vorlaufend setzten sich diese auserwählten Krieger
dem feindlichen Feuer aus, sondern sie krochen im Grase vorwärts, fast
ganz flach liegend und dennoch stets schußbereit, mit den Knieen und
Ellbogen sich weiterschiebend, während sie den Kolben des Gewehres in
den Händen behielten. Die Buern auf der andern Seite mußten wohl die
anhaltende Stille verdächtig finden, und auch sie konnten offenbar
nichts mehr von ihrem Feinde sehen. Denn jetzt, während die Schwarzen im
Grase heranschlichen, tauchte drüben, bald hier und bald da, ein dunkler
Fleck auf, den Pieter Maritz als den Filzhut eines Buern erkannte und
dem Lord zeigte.

Nun ertönte aus der dunklen Linie der sich am Boden hinbewegenden
Krieger wiederum das Zischen der Schlange, und alsbald sprangen fünf bis
sechs schwarze Gestalten in die Höhe, standen eine Sekunde lang aufrecht
und lagen dann wieder auf dem Bauche. Wohl zehn Schüsse krachten, als
die Gestalten sichtbar wurden, aber die Erscheinung derselben war so
flüchtig, daß kein einziger Schuß traf. Die Schwarzen krochen weiter.

»Wenn Fledermaus auf der Militärakademie gewesen wäre,« sagte der Lord
zu dem Knaben, »so würde er jetzt die Gelegenheit zu einem neuen Angriff
benutzen. Er muß doch das Schießen hören und daraus merken, daß sein
Bruder im Begriff ist, anzupacken.«

Kaum hatte der junge Offizier, der sich mit dem ganzen Eifer des
Soldaten dem Schauspiel vor ihm hingab, diese Worte ausgesprochen, als
sich ein wildes Geheul aus weiter Ferne hören ließ. Fledermaus hatte die
Bedeutung des Augenblicks erkannt und brach mit seiner Schar von neuem
aus dem Thale hervor; zu sehen war nichts von ihm, aber die Gefangenen
erkannten das Geheul und vernahmen auch bald darauf Schüsse, welche
ihnen zeigten, daß die Buern auch dort drüben auf ihrer Hut waren. Sie
mußten sich geteilt haben und der eine Teil dem Ausgang des Thales
gegenüber geblieben sein, während der andere Teil sich dorthin gewandt
hatte, von wo das warnende Pfeifen erklungen war.

Der Ton des Kampfes, welcher sich dort drüben entspann, ward auch von
Titus Afrikaner und seinen Begleitern vernommen und schien diese wilden
Krieger zu berauschen. Es duldete sie nicht mehr in ihrer vorsichtigen,
langsamen Annäherung an den versteckten Feind, sondern sie sprangen auf
und liefen ebenfalls mit Kriegsgeschrei vorwärts. Ihr weithin tönender
Ruf antwortete dem der Brüder in der Ferne und mit weiten Sprüngen
eilten sie, an den Feind zu kommen, der ihnen gegenüber lag.

Aber jetzt wurden auch die Gestalten der Buern sichtbar. Sie erhoben
sich hinter ihren Deckungen, und die Geschosse ihrer sicher treffenden
Gewehre flogen den Angreifern entgegen. Einer nach dem andern ihrer
schwarzen Gegner stürzte nieder. Den einen traf die Kugel mitten im
Sprunge, die Büchse entsank seiner Hand, und schwer schlug er nieder;
den andern schlug das Geschoß in die Brust, als er eben schießen wollte,
so daß er gleich dem getroffenen Wilde hoch emporsprang und dann auf das
Gesicht niederfiel; einem dritten zerschlug das Blei den Schenkel, so
daß er stöhnend in die Kniee sank. Die Schwarzen hielten von neuem inne
und legten nun ihrerseits die Gewehre an.

In dieser Scene ward die Aufmerksamkeit der Gefangenen vor allem auf
Titus Afrikaner gelenkt, der der Vorderste im Trupp war und sich gerade
einem der halb sichtbaren Buern gegenüber befand. Deutlich sah der Knabe
den weißlich glänzenden Bart des Buern und den Umriß seiner breiten
Schultern und des großen Hutes. Er hatte das Gewehr an der Backe und
zielte auf den Häuptling. Die Gestalt des Titus Afrikaner, welche mit
der Gelenkigkeit des Panthers über den unebenen Boden dahin gesprungen
war, stand jetzt unbeweglich. Auch er hatte die Büchse zielend
emporgezogen, und für eine Sekunde glich seine Begegnung mit dem alten
Buer einem Zweikampf, der auf die gefährlichste aller Waffen, das weit
tragende gezogene Gewehr, ausgefochten wurde. Der Schuß des Weißen kam
zuerst, und in dem Augenblick, wo das Feuer aus der Mündung seiner Waffe
hervorbrach, schien die aufrechte Gestalt des Häuptlings in sich
zusammenzusinken. Er war wie in den Boden hineingedrückt. Aber die
Hoffnung der Gefangenen, daß er getroffen sei, erfüllte sich nicht.
Seine Büchse verließ ihre Haltung in seinen Armen nicht, und während der
Buer begierig der Wirkung seines Schusses nachsah, blitzte der
Feuerstrahl aus des Häuptlings Waffe auf. Ein Schreckenslaut entrang
sich des Knaben Munde. Der weißbärtige Buer öffnete die Arme, das
Gewehr entfiel ihm, und er stürzte vorwärts nieder. Gleich darauf waren
alle Gestalten, die drüben zu sehen gewesen waren, verschwunden, die
Ebene lag wieder im grünen Schein ihrer Bewachsung da, und kein Hut
tauchte mehr auf, kein Pulverdampf stieg mehr empor. Aber auch die
Schwarzen lagen jetzt still. Titus Afrikaner blickte unter seinen Leuten
umher. Ihrer sechs lagen am Boden, und er mochte wohl denken, daß ein
fernerer Sturmlauf unthunlich sei. Von neuem fing er an, vorsichtig im
Grase weiterzukriechen, und seine Begleiter ahmten ihm nach.

»Seht doch,« sagte Pieter Maritz plötzlich zu dem Lord, indem er nach
einem fernen Punkt in der Ebene deutete, »sind das nicht die Pferde?«

Der Engländer sah nach der bezeichneten Stelle hinüber und erkannte eine
dunkle Masse, welche in Bewegung war.

»Die Buern geben den Kampf auf,« sagte der Knabe mit schmerzlichem
Seufzer.

»Zum Henker!« rief der Lord, »das wäre eine verwünschte Geschichte! Aber
wie können sie den Kampf aufgeben? Werden ihnen die Niggers nicht auf
den Fersen bleiben?«

»Nein, nein, sie werden es schon zu machen wissen. Hört Ihr, Mynheer,
daß drüben der Lärm verstummt ist? Fledermaus ist wieder in den Wald
zurückgetrieben worden. Nur einige Schüsse sind noch zu hören. Die Buern
lassen einige Leute zurück, um auf die Schwarzen zu schießen, welche zu
nahe kommen, währenddessen steigt die Masse zu Pferde. Dann folgen auch
die letzten, und sie jagen alle davon.«

»Aber sie haben doch nur einen einzigen Mann verloren,« entgegnete der
Lord ungläubig. »Da werden sie doch nicht schon umkehren. Wenn sie den
Kampf auf diese Weise fortsetzen, müssen sie doch zuletzt alle Nigger
tot geschossen haben.«

»Ich fürchte, sie haben mehr als einen Mann verloren. Wir sahen nur den
einen ganz deutlich fallen, aber es schien mir so, als wären noch zwei
andere getroffen worden. Und vielleicht sind drüben auch Verluste
gewesen. Wenn die Buern ein paar Leute verlieren, so gehen sie zurück,
denn sie wollen sich nicht töten lassen, sondern ihr Vieh wiederholen
und die Räuber bestrafen.«

»Wenn die Buern so bald schon zurückgehen, können sie keine gefährlichen
Feinde sein,« sagte der Engländer nachdenklich.

»O, es könnte auch der Fall eintreten, daß sie bis auf den letzten Mann
kämpften,« erwiderte lebhaft der Knabe. »Es ist nicht Feigheit, daß sie
den Kampf aufgeben, sondern das Blut der Männer ist bei uns zu wertvoll,
um den Kaffern gegenüber vergossen zu werden. Kämpfen wir aber einmal
mit den Engländern, so wird das ganz anders sein.«

»Das ist eine sehr freundliche Versicherung,« sagte der Lord lächelnd.
»Aber wahrhaftig, Sie haben recht, mein junger holländischer Freund, die
Buern ziehen ab.«

Der dunkle Haufen war näher gekommen und nun deutlich als ein starker
Pferdetrupp zu erkennen. Doch hielt derselbe sich völlig außer
Schußweite. Bald waren auch kleine Haufen von Männern zu sehen, die sich
den Pferden näherten. Titus Afrikaner hatte diese Bewegung ebenfalls
bemerkt, und er drang eiliger vorwärts. Aber noch zweimal sank einer
seiner Begleiter, der sich unvorsichtig über dem Grase gezeigt hatte,
erschossen zu Boden, und die kleinen Pulverwölkchen stiegen noch einzeln
empor und zeigten an, daß die sich zurückziehenden Buern das Feld in
ihrem Rücken scharf beobachteten. Die Schüsse entfernten sich aber mehr
und mehr, nun sahen die Gefangenen den ganzen Reitertrupp in eiligem
Laufe davonsprengen, und vergebens sandten Titus Afrikaner und seine
Leute ihnen noch Kugeln nach.

Trüben Auges blickten die Gefangenen hinter dem Reitertrupp her, der in
derselben Richtung, in welcher er gekommen war, wieder entschwand und
immer kleiner und kleiner wurde. Der letzte Schimmer von Hoffnung drohte
in ihrem Gemüt zu erlöschen. Aber sie blieben ihren Betrachtungen nicht
lange überlassen. Die im Gehölz zurückgebliebenen Speerträger folgten
jetzt dem weit voraus auf der Ebene befindlichen Führer, sie banden den
Gefangenen die Füße los und nötigten sie mitzugehen.

Der Weg führte über die Stelle des Schützenkampfes, und mit tiefer
Bewegung sah Pieter Maritz die Leichen zweier Buern ausgeplündert hinter
den Deckungen liegen, von denen aus sie gefochten hatten. Dann ging es
weiter, dem Titus Afrikaner nach, der sich vor dem Eingange des waldigen
Thales mit seinem Bruder Fledermaus vereinigte. Siegesstolz blickten die
Räuberfürsten auf ihre Kriegerschar. Wohl hatten sie an fünfzig Leute
verloren gegen drei der Buern, aber der Feind, gegen den sie gekämpft
hatten, war so gefürchtet, und der Weiße stand bei ihnen in solchem
Ansehen, daß sie den eigenen Verlust für reichlich bezahlt mit dem des
Gegners hielten. Dazu hatten sie das Schlachtfeld behauptet, ihre Beute
behalten und fern von ihren Schlupfwinkeln den Sieg errungen. Ihre
Schar mußte sich leicht wieder an Zahl ergänzen, da heimatloses Volk
genug im Lande umherstreifte, von den Wohnsitzen seiner Väter vertrieben
und bald von den Weißen, bald von feindlichen Stämmen der eigenen Rasse
bekriegt.

Titus Afrikaner und Fledermaus versammelten ihre Krieger auf der mit
Gras bewachsenen Ebene vor dem waldigen Thale und sorgten für ihre
Verwundeten. Es gab deren nicht viele. Die meisten der Getroffenen
hatten die Kugel in den Kopf oder in das Herz bekommen; diejenigen,
welche Fleischwunden in Armen und Beinen hatten, liefen zum höchsten
Erstaunen des Engländers mit einem leichten Verband herum, und nur die
schwer Verwundeten wurden von einigen alten erfahrenen Kriegern
sorgfältig behandelt. Diese wuschen ihnen die Wunden, ohne sich um die
Kugel zu bekümmern, wenn sie tief saß, nähten das Loch zu und legten
zerkaute Kräuter darauf.

Dann ließen die Häuptlinge, nachdem die Gewehre und Patronen der
Gefallenen an die besten unter den Überlebenden verteilt worden waren,
ein Mahl zurüsten. Auf ihrem Marsche durch den Wald hatten die Leute des
Fledermaus Wild erlegt, und nun schleppten sie Holz zusammen, zündeten
ein Feuer an, brieten Antilopen und Quaggas und holten in ihren
Trinkflaschen Wasser herbei. Bald saß die ganze Schar fröhlich
schwatzend beisammen, vergaß der Toten und schmauste nach Herzenslust.
Auch die Gefangenen wurden hierbei nicht übergangen. Man band sie los,
und ihre Wächter brachten ihnen Fleischstücke und Wasser.

»Welch ein gutmütiges Volk!« sagte der Engländer voll Staunen zu Pieter
Maritz. »Sie sehen ihre Toten ringsum am Boden liegen und verschonen
uns. Dieser schwarze Kerl, der mir Essen und Trinken bringt, hat noch
den Eindruck meines Stiefelabsatzes auf der Brust, eine blutige Schramme
in der schwarzen Haut. Und doch macht er sich nichts daraus und versorgt
mich! Wäre die Sache umgekehrt, wären wir schwarz und von meinen
Landsleuten gefangen, so möchte es uns wohl nicht so gut ergehen, und
ich denke, die Buern springen auch anders mit ihren Gefangenen um.«

Der Knabe nickte. »Die Schepsels sind gut,« sagte er, »aber doch fürchte
ich, sie werden noch ein übles Spiel mit uns spielen. Ich traue dem
Titus Afrikaner nicht. Seht nur, Mynheer, wie oft er seine schlimmen
Blicke nach uns herüberschießt. O, hätten wir doch unsere Pferde hier
zur Hand!«

Die bösen Befürchtungen, welche er hegte, sollten nur zu bald in
Erfüllung gehen. Als Titus Afrikaner gegessen hatte, näherte er sich den
Gefangenen, neben ihm ging Fledermaus, und den Führern folgte ein
dichter Haufen.

»Ihr habt nun gesehen, ihr weißen Jünglinge, daß vor der Macht unserer
Waffen der Feind nicht standhält!« sagte Titus Afrikaner, indem er sich
in die Brust warf und stolz auf die am Boden sitzenden Gefangenen
hinabsah. »Verrat und Treulosigkeit können die Weißen üben, aber im
Kampfe unterliegen sie. So auch du, Knabe, wolltest Verrat an uns üben
und gabst den Buern ein Zeichen. Aber es half deinen Landsleuten nur
wenig. -- Meine tapferen Krieger,« rief er dann, sich umwendend, seiner
Schar zu, »welche Strafe wollen wir über diese beiden verhängen? Welche
Art, sie zu töten, wird euch das größte Vergnügen bereiten? Ich werde
diesen jungen Leuten einen Speerwurf weit Vorsprung geben, damit sie
versuchen können, davonzulaufen. Dann sollen die guten Schützen, welche
heute den Feind besiegten, mit ihren Gewehren nach ihnen schießen. Das
giebt eine lustige Jagd und wird das Herz der Helden erfreuen.«

Lautes jubelndes Geschrei antwortete der Rede des Häuptlings, Speere und
Schilde wurden geschwungen, und Hunderte von funkelnden Augen richteten
sich mordlustig auf die Gefangenen. Die mit Gewehren bewaffneten Leute
drängten sich hervor und stellten sich neben den Häuptling, und dieser
gab den Verurteilten einen Wink, sich zu erheben und davonzulaufen.

Der Engländer war totenbleich, aber sah den Häuptling mit verächtlichem
Lächeln an. »Diese schwarzen Spitzbuben können uns umbringen,« sagte er
zu dem Knaben, »aber sie sollen uns nicht laufen sehen. Ich gehe keinen
Schritt von der Stelle.«

Damit kreuzte er die Arme über der Brust, legte sich der Länge nach im
Grase nieder und schloß die Augen.

Pieter Maritz war aufgestanden und hatte die Hände über der Brust
gefaltet. Er sah nicht auf die Schwarzen, sondern blickte zum Himmel
empor. Seine Lippen bewegten sich, und leise sprach er ein Gebet, das
ihn seine Mutter gelehrt hatte.

»Lauft, ihr Weißen, lauft!« rief der Häuptling wütend. »Lauft, oder ich
werde euch mit Speerspitzen anstacheln lassen!«

Pieter Maritz bewegte sich nicht von der Stelle. Er betete weiter und
erwartete den Tod. Auch der Lord bewegte sich nicht. Er biß die Zähne
zusammen und hielt die Arme trotzig verschränkt. Die Gefangenen wollten
sich nicht zum Spiel der wilden Feinde machen, sondern, ihrer Todeswunde
entgegengehend, ihre Würde bis zuletzt behaupten. Und nun näherten sich
mehrere der Schwarzen, die Assagaien in der Faust.

Aber in diesem Augenblick legte Fledermaus seine Hand auf des Bruders
Arm und zeigte mit dem Finger zur Seite. Titus Afrikaner blickte in der
bezeichneten Richtung und stieß einen Ruf der Überraschung aus. Auch die
Schar um ihn her hielt in ihrem mörderischen Vorhaben inne und sah
dorthin, wo eine neue Erscheinung die Aufmerksamkeit der Führer auf sich
gezogen hatte. Die Bewegung unter den Schwarzen war so allgemein und gab
sich so laut zu erkennen, daß auch die Gefangenen davon ergriffen
wurden. Der Lord richtete sich in die Höhe, und Pieter Maritz wandte
seine Gedanken vom jenseitigen Leben ab, hielt in seinem Gebet inne und
blickte ebendorthin, wohin sich die Augen seiner Feinde richteten.

Was er nun sah, erfüllte ihn mit der höchsten Überraschung und zu
gleicher Zeit mit Freude und mit Schrecken. Am Saume des Waldes kam von
fern in gemütlicher Ruhe ein Wagen daher, der mit einer langen Reihe von
Ochsen bespannt war. Die Tiere gingen in dem gewöhnlichen ruhigen
Schritt mit vorgeneigten Stirnen im Joche, und drei schwarze Männer
begleiteten sie.

Jetzt klang der scharfe Knall der langen Peitsche herüber, und das runde
Zeltdach des Wagens schimmerte hell auf dem dunklen Hintergrunde des
Waldes. Vor dem langen Zuge aber ritt ein Mann, den Pieter Maritz schon
von weitem deutlich an seiner Haltung und an seinem weißen Barte
erkannte. Es war der alte Missionar. Er richtete seinen Weg gerade auf
die Kriegerschar der Räuberfürsten.

Das Erstaunen, welches das ruhige Herankommen des Ochsenwagens unter den
Schwarzen hervorrief, war so groß, daß sie unter Fragen und Rufen
unbeweglich dastanden und die Anwesenheit ihrer Gefangenen gänzlich
vergessen zu haben schienen. Die Gegend, in welcher sie sich befanden,
wurde niemals von Wagen besucht, denn sie war weit und breit als der
Tummelplatz der Räuber bekannt und gemieden. Ja noch weit über diesen
Teil der Drakensberge hinaus war der Schrecken des Titus Afrikaner
verbreitet, und kein Weißer lenkte seinen Schritt freiwillig in diesen
Landstrich. Nur die bewaffneten Kommandos der Buern drangen wohl, wie
auch heute geschehen war, in diese Thäler ein, um ihre Kraft mit der
der kühnen Viehräuber und Mordbrenner aus den Bergen zu messen.

Der Wagen kam näher und näher, das Knarren der schweren Räder und das
Schnaufen der Zugtiere war zu vernehmen, und noch immer blieb die
Räuberschar unbeweglich und erwartungsvoll versammelt auf ihrem Platze.
Jetzt stieg der alte Mann an der Spitze des Zuges vom Pferde, übergab
das Tier dem einen der schwarzen Diener, in welchem der Knabe den
Christian erkannte, und kam ruhigen Schrittes gerade auf Titus Afrikaner
und Fledermaus zu, welche vor ihrer Schar standen, auf die Büchsen
gelehnt und in erwartungsvollem Schweigen.

»O Mynheer, o lieber Freund,« sagte Pieter Maritz leise aus gepreßter
Brust zu dem Engländer, »Gott schickt uns Hilfe. Das ist der Herr
Missionar.«

Der alte Mann hatte die Gefangenen noch nicht erblickt, da sie durch den
Haufen der Schwarzen verdeckt wurden und da er sein Augenmerk auf die
beiden Männer richtete, welche er als Häuptlinge erkannte. Er blieb vor
diesen stehen, erhob feierlich seine Hände und sagte in holländischer
Sprache: »Der Segen Gottes sei mit euch, ihr fremden Leute! Ich bin
hierher gekommen, um im Namen des höchsten Schöpfers aller Dinge mit den
großen Kriegern zu reden, welche das Volk Titus Afrikaner und Fledermaus
nennt. Nach eurem Ansehen und eurer Würde seid ihr Fürsten in diesem
Gebirge und gebietet über die Menge der Krieger um euch. Seid gütig
gegen den Boten Gottes und zeigt ihm den Weg zu den berühmten Männern,
die ich euch genannt habe.«

»Ha!« rief Titus Afrikaner. »Der Weg zu ihnen ist nicht weit. Titus
Afrikaner und Fledermaus stehen vor dir. Was willst du von ihnen,
weißbärtiger Mann?«

»So seid ihr also diese Fürsten selbst,« antwortete der Missionar, »und
der Anblick eurer Waffen und eurer schönen goldenen Ringe hat mich nicht
betrogen. Ihr seid Herrscher in diesem Gebirge und gebietet über viele
Streiter. Ihr seid mächtig und verbreitet den Schrecken eures Namens
weithin im Lande, so daß die weißen Ansiedler sich fürchten, wenn sie
von euch reden. Ich aber komme zu euch im Namen des Fürsten, der im
Himmel thront und der alles erschaffen hat, was unsere Augen sehen: das
Gebirge und den Wald, die Tiere und die Menschen. Dieser hat mir
geboten, zu euch zu gehen und seinen Willen zu verkünden.«

Titus Afrikaner schwieg eine Weile, als der Missionar geendigt hatte,
und ein nachdenklicher Ausdruck zeigte sich auf seinem klugen Gesicht.
Dann wandte er sich zu seinem Bruder und seiner Kriegerschar und sagte
mit lachender Miene: »Hier seht ihr, meine Brüder und Freunde, einen der
Männer, welche die Weißen Missionare nennen, und erkennt die ganze
Arglist dieses treulosen Volkes. Solange der weißen Männer wenige sind
und sie nicht wagen, ihre Waffen mit denen der schwarzen Krieger zu
messen, so lange reden sie von einem Fürsten, der im Himmel thront und
von dem sie lügen, daß er unsichtbar sei. Wenn er aber unsichtbar ist,
woher wissen sie dann, daß er im Himmel ist? Können sie etwas sehen, was
unsichtbar ist? Aber ihr könnt gar bald erkennen, was ihr Märchen
bedeutet. Denn sie lügen, der unsichtbare Fürst wollte, daß die Menschen
im Frieden miteinander lebten und daß die schwarzen Männer die Fremden
nicht umbrächten. Sobald ihrer aber mehr geworden sind, sobald sie genug
Büchsen zusammen haben, um den schwarzen Mann von dem Jagdgebiet seiner
Väter zu vertreiben, alsdann reden sie nicht mehr von dem unsichtbaren
Fürsten, sondern sie fangen an, die schwarzen Männer zu erschießen, ihre
Frauen und Töchter zu rauben, ihre Kinder zu Sklaven zu machen, ihre
Dörfer zu verbrennen und ihr Vieh und Wild zu essen.«

Lautes Rufen des Beifalls und das Klirren der Waffen antwortete der Rede
des Häuptlings aus der Schar seiner Krieger. Inzwischen hatten der Lord
und Pieter Maritz sich dem Missionar genähert und der Knabe wandte sich
mit flehendem Blicke zu dem alten Mann, der ihn und den Engländer voll
Staunen betrachtete, und küßte seine Hand in erneutem Vertrauen und
erneuter Hoffnung.

»Seht da!« rief der Häuptling, auf diese Gruppe zeigend. »Ihr werdet
bald den Nutzen des unsichtbaren Fürsten kennen lernen. Dieser alte Mann
will uns dessen Willen verkünden. Ich weiß schon vorher, was dieser
Wille ist. Wir sollen unsere Gefangenen verschonen. Wir sollen keinem
Weißen ein Haar krümmen. Aber ich sage dir, weißbärtiger Lügner, du bist
zu keiner guten Stunde gekommen. Sieh dich um, die Leichen der schwarzen
Männer bedecken das Gras ringsum. Sie sind von den Kugeln deiner Brüder
gefallen, und wir wissen, was deine Lehre wert ist. Ich habe diese Lehre
kennen gelernt, du wirst dem Titus Afrikaner nichts Neues erzählen. Habt
ihr meine Krieger und Freunde getötet, so töte ich euch. Wir werden die
Jagd nicht allein auf diese unbärtigen Jünglinge, sondern auch auf dich
mit eröffnen. Ihr sollt alle drei von unsern Händen fallen, und deine
Ochsen werden wir schlachten und essen.«

Stürmischer Beifall erklang unter den Schwarzen, und die Aussicht auf
den Ochsenbraten machte sie vor Freude jauchzen. Aber von neuem erhob
der Missionar seine Stimme, und der Eindruck seiner ehrwürdigen Gestalt,
die Zuversicht, welche aus seinem Antlitz strahlte, die Scheu vor der
weißen Farbe und das Staunen über den Mut des Unbewaffneten waren so
groß, daß der Tumult schwieg und alle lauschten. Er redete jetzt nicht
wieder holländisch, sondern bediente sich der Sprache der Betschuanen,
weil er hoffte, daß ihn dann alle verstehen würden und daß er dann auf
die Gesamtheit einen Einfluß gewinnen könne, an den er dem Häuptling
gegenüber nicht mehr glauben durfte.

»Du sagst, daß wir Weißen treulos und lügnerisch wären,« begann er, »und
behauptest, daß wir von dem Unsichtbaren sprächen, um euch zu betrügen,
solange wir noch zu schwach wären, euch mit Gewalt zu unterdrücken. Wie
kommt es denn aber, daß ich zu euch in die Berge ziehe? Fehlt es mir an
Mais oder Fleisch? Konnte ich nicht bei meinen Brüdern im Lande bleiben,
wohin ihr nicht kommt? Konnte ich nicht meine Ochsen, die ihr schlachten
wollt, selber essen? Seht, es sind vierundzwanzig Tiere, ich hätte mein
Haus auf lange Zeit damit versorgen können, und jahrelang hätte mich ihr
Fleisch ernährt, wenn ich drunten bei den Meinigen geblieben wäre. Auch
habe ich Mais und Reis und Kaffee und Zucker und viele andere Dinge in
meinem Wagen, die ihr mir nehmen könnt, wenn ihr keine Scheu vor dem
Unsichtbaren im Himmel habt, der die Sonne und den Mond und die Sterne
in seiner Hand hält und die Blitze aus den Wolken schleudert. Ihr seht
also, daß ich nichts von euch will, nichts von euch verlange. Nicht um
etwas zu holen, suche ich euch auf, sondern um euch etwas zu bringen.
Was ich euch aber bringe, das ist sehr köstlich und schön, schöner als
alles, was ihr habt, schöner als Schmuck und Waffen und Vieh.«

Die Schwarzen horchten gespannt und ihre glänzenden Augen hingen
unverwandt am Munde des Weißen. Titus Afrikaner blickte düster und
betrachtete mit höhnischem Lächeln seiner Landsleute Mienen. Er machte
eine Bewegung, als wollte er dem Missionar das Wort abschneiden, aber er
besann sich und mochte wohl überlegen, daß es klüger sei, der
gespannten Erwartung und Neugierde seiner Anhänger nicht entgegen zu
sein. Vielleicht auch verfehlte auf sein eigenes Gemüt die Rede des
Missionars ihren Zauber nicht. Denn er war aus früherer Zeit mit der
christlichen Lehre vertraut und sein Gedächtnis hatte den Eindruck des
Geheimnisvollen bewahrt.

»Du sagst, wir könnten von dem Unsichtbaren nichts wissen, da unsere
Augen ihn nicht sehen,« fuhr der Missionar fort. »Ich sage euch aber,
daß ihr auch eure Gedanken nicht sehen könnt und doch davon wißt. Du
zeigst mir die Toten, die umher liegen. Warum gehen sie nicht mehr
umher? Sie haben noch ihre Beine und Arme. Warum laufen und schießen sie
nicht? Ich sage euch, es ist deshalb, weil das Unsichtbare in ihnen
entflohen ist. Denn in jedem Menschen lebt ein Unsichtbares, und dieses
geht zu dem Unsichtbaren, der im Himmel ist, den ihr Morimo nennt, das
Sichtbare aber bleibt auf der sichtbaren Erde, wird begraben und
verwandelt sich in Erde. Dieses unsichtbare Wesen in uns ist die Seele,
welche niemals stirbt, und ....«

»Höre auf!« rief Titus Afrikaner jetzt, den Missionar unterbrechend, »du
lügst ungeheuerliche Dinge! Wie?« rief er lachend seinen Kriegern zu,
»dieser Mann behauptet, es lebten Wesen in uns, die man nicht sehen
könnte -- hat man je so alberne Lügen gehört?«

Es erscholl lautes Lachen zur Antwort, aber Fledermaus neigte sich zu
seinem Bruder und flüsterte ihm etwas zu, wobei er ein ernstes Gesicht
zeigte. Titus Afrikaner hörte ihm zu, schüttelte dann aber heftig den
Kopf und wandte sich von neuem zu der Schar.

»Hört nicht auf diesen Lügenschmied und Verräter!« rief er voll Wut. »Er
will sich nach unsern Wohnungen umsehen und den Buern berichten, wo sie
uns angreifen sollen. Bald werdet ihr die Reiter mit den Büchsen
wiedersehen, wenn ihr diesen Mann lebend nach Hause zurückkehren laßt.
Folgt mir, Freunde! Stoßt die Weißen nieder und laßt uns die Ochsen
verzehren!«

Die folgsame Schar brüllte ihm zu, gedankenlos von einem Wunsche zum
andern gelenkt, und jetzt erhoben sich viele Assagaien, und das Leben
der Weißen schien verloren zu sein, als plötzlich Fledermaus einen
gellenden Ruf ausstieß und mit der Gebärde des höchsten Entsetzens auf
das Haupt des Missionars zeigte.

»Morimo!« schrie er warnend, »Morimo!«

Die ganze Schar der wütend erregten Männer stutzte und blickte dorthin,
wohin der Finger des Häuptlings wies. Die Büchsen und Speere entfielen
ihren Händen und in starrem Staunen standen viele wie versteinert da,
während viele zu Boden sanken und anbetend die Hände erhoben. Scheu und
ingrimmig stand Titus Afrikaner da.

»Morimo!« klang es aus vieler Munde. Verwundert sahen der Lord und
Pieter Maritz bald auf den Missionar, bald auf die Schwarzen. Da aber
entdeckte der Knabe die Ursache dieser allgemeinen Bewegung.

Auf dem weißen Haar des Missionars, der unbedeckten Hauptes
herangekommen war, saß ein Käfer von besonderer Art, etwa ein
Fingerglied lang, mit grünem, glänzendem Rücken, dazu weiß und rot
gefleckt, mit schimmernden durchsichtigen Flügeln und zwei kleinen
Hörnern auf dem Kopfe. Kopf und Flügel waren gelb, die Beine silbergrau,
ähnlich dem Haar des Greises. Pieter Maritz erkannte die Bedeutung
dieses seltenen Tierchens. Er sah, daß es der geheiligte Käfer war,
welchen die südafrikanischen Völker zum Teil als einen Boten der
Gottheit, zum Teil als die Gottheit selbst verehren. Die Stelle, auf
welche dieser Käfer sich setzt, ist ihnen geweiht, die Person, auf
welcher er sich niederläßt, wird für glückselig gehalten. Seine Ankunft
bedeutet großes Glück; wenn aber das Insekt oder die Person und selbst
das Tier, auf welchem er ruht, verletzt würde, bedeutete es das größte
Unglück.

»Wir sind gerettet,« rief der Knabe jauchzend und sank dankbar gegen
Gott auf die Kniee.



[Illustration]



Zehntes Kapitel

Die Bekehrung


Als der Missionar die Ursache der merkwürdigen Umwandlung wahrnahm,
welche in den Gemütern der Schwarzen vor sich ging, ward auch er von
Staunen ergriffen. Er sah mit ernstem, nachdenklichem Blicke auf das
kleine Tier, welches nun von seinem Haupte weggeflattert war und sich
vor ihm, mitten zwischen ihm und Titus Afrikaner, auf dem Grase
niedergelassen hatte. Wohl ward er von trüben Gedanken ergriffen, indem
er sich sagte, daß es Götzendienst sei, der die Seelen dieser armen
Unwissenden gefangen hielt; aber doch ward er von Dankbarkeit gegen den
allmächtigen Gott bewegt, der in seiner unerforschlichen Weisheit sich
dieses Mittels bedient hatte, um das Leben dessen zu schützen, der sein
Wort verkündigte.

»Sieh doch, mein Sohn, wie unbegreiflich die Wege des Höchsten sind,«
sagte er zu Pieter Maritz, der neben ihm stehend gleich ihm das
glänzende Insekt betrachtete. »Müßten wir nicht weinen, wenn wir
bedenken, daß dies arme kindische Volk seine Ohren verschlossen hält
gegen das Wort des Lebens und seine Augen nicht öffnen will, um den
Heiland zu sehen, während es seine Kniee beugt vor dieser Kreatur? Aber
so gütig ist die Gottheit, daß sie an diesem schwachen Funken der
Erkenntnis des Göttlichen, den sie in den armen Seelen glimmend erhält,
die Fackel entzünden möchte, von welcher das wahre Licht ausstrahlt.
Denn es ist doch die Ahnung einer überirdischen Lenkung des menschlichen
Geschicks, welche in den Augen der Schwarzen diesem armseligen Insekte
Wert verleiht, und in dem kläglichen Tiere verkörpert sich für diese
Armen das Bewußtsein der Gottheit.«

Währenddessen hatten sich die Schwarzen in einem weiten, dicht
gedrängten Kreise um den Käfer sowie um die Häuptlinge und die Weißen
versammelt, welche dem Tierchen zunächst standen. Der Jubel war
allgemein und stieg immer höher, indem das laute Rufen und
Händeklatschen die leicht beweglichen Gemüter gleichsam berauschte, so
daß immer stärker und anhaltender gejauchzt und geschrieen wurde. »Ho!
Ho! Ho! Ho!« riefen sie. »Sei gegrüßt! Sei willkommen! Mache, daß wir
vielen Honig erhalten! Mache, daß unser Vieh zu fressen finden möge und
viel Milch gebe! Mache, daß wir fette Ochsen stehlen können, und gieb
uns Fleisch und Fett in unsere Töpfe! Ho! Ho! Morimo, sei gegrüßt, sei
willkommen!«

So riefen sie und tanzten dazu, schwangen ihre Speere und Schilde,
schlugen die Waffen zusammen und wurden mit jedem Augenblicke lustiger,
erregter, erhitzter und gleichsam trunken vor Freude. Einige liefen auf
des Missionars Ochsenwagen zu, spannten die beiden vordersten Tiere aus,
zogen sie herbei und schlachteten sie mit ihren Assagaien, ohne daß der
Missionar es in dem allgemeinen Tumulte verhindern konnte. Sie wollten
die Tiere dem Morimo zum Opfer bringen und das Fleisch zu seiner Ehre
verspeisen. Andre brachten ein Kraut herbei, welches sie Buchu nannten,
zerrieben es zu Pulver und bestreuten damit den Käfer, welcher ruhig
sitzen blieb, warfen auch eine Handvoll davon über die Kleidung des
Missionars hin und endlich bestreuten sie sich selbst damit. Mit
demselben Pulver bestreuten sie auch die Eingeweide der Ochsen, ehe sie
sie verschlangen. Feuer wurden von neuem angezündet, und ein allgemeines
Fest ward gefeiert, an welchem auch die Diener des Missionars fröhlich
teilnahmen. Der Käfer hatte inzwischen seine Flügel ausgebreitet und war
davongeflogen. Niemand hinderte ihn daran, auch war kein Versuch
gemacht, ihn zu fangen. Er hatte ihnen seinen Segen gebracht, mochte er
nun thun, was er wollte. Es wäre verwegen gewesen, ihn zu berühren.

Titus Afrikaner allein hatte der ganzen Scene mit einer Miene zugesehen,
in welcher der Missionar Unbehagen lesen konnte. Er schien nur aus
Politik in den Jubel mit einzustimmen, und die verächtlichen Blicke
seiner kleinen, funkelnden Augen zeigten, daß er selber anders dachte
als sein Volk, daß er aber doch nicht wagte, dem allgemeinen Aberglauben
entgegenzutreten.

Während die Schwarzen sich um die Feuer versammelt hatten und von neuem
zu schmausen anfingen, war der Missionar mit dem Lord und Pieter Maritz
zur Seite gegangen, und diese erzählten ihm ihre Erlebnisse. Niemand
bewachte die Gefangenen mehr, und sie hätten jetzt vielleicht mit Erfolg
einen Fluchtversuch machen können. Aber sie waren ermüdet von dem langen
Marsche an dem heißen Tage, sie konnten nicht darauf rechnen, in dem
unbekannten Lande sich zurecht zu finden, und sie wären nicht imstande
gewesen, weit zu kommen, wenn etwa die schnellfüßigen Kaffern sich zu
ihrer Verfolgung hätten aufmachen wollen. Außerdem aber war durch die
Gegenwart des Missionars ein Gefühl der Sicherheit über sie gekommen,
und der Lord ebensowohl wie der Buernsohn gaben sich der festen Hoffnung
hin, daß sie aus ihrer jetzigen Lage auf eine bessere Art und Weise
würden herauskommen können, als bei einer unüberlegten Flucht für jetzt
möglich war.

So saßen alle drei im Schatten des Wagens beisammen, während die
ausgespannten Ochsen ringsum ihr Futter suchten, und sie besprachen ihr
Geschick und die Zukunft. Voll Verwunderung hörte der Lord die
Erklärungen an, welche der Missionar ihm über die schwarzen Völker gab,
in deren eigentümliches Wesen er nun selbst schon einen Einblick gethan
hatte, und begierig erkundigte er sich nach der Beschaffenheit jenes
Morimo, der ihm und den andern beiden Weißen heute das Leben gerettet
hatte.

»Es ist schwer, ein rechtes Verständnis für die religiösen Anschauungen
der südafrikanischen Völker zu gewinnen,« sagte der Missionar. »Denn was
man darüber wahrnimmt, ist voll von Widersprüchen. So haben manche
Missionare schon vermutet, daß überhaupt die Verehrung der Gottheit dem
Menschen nicht angeboren sei, weil sie so oft bei Kaffern und
Betschuanen, bei Griquas und Namaquas keine Spur von Religion entdecken
konnten. Und mein eigener Lehrer, der edle Moffat, sagte mir, daß nach
seiner Erfahrung der Anblick der Schöpfung nicht hinreiche, um in der
menschlichen Seele den Glauben an einen Schöpfer zu erzeugen. Er sagte
mir, die Erkenntnis göttlicher Dinge in einer jeden Nation, von den
verfeinerten Griechen herab bis zu den elenden Götzendienern der
schwarzen afrikanischen Stämme, beruhe immer auf Offenbarung, und
diejenigen, welche keine Offenbarung hätten, wären durchaus ohne
Kenntnis Gottes. In gewissem Sinne mag dies auch wohl wahr sein, aber
meine langjährige Erfahrung hat mich doch dahin gebracht, den Gegenstand
anders anzusehen. Ich muß gestehen, daß ich nicht den Mut haben würde,
zu unbekannten Völkerstämmen zu ziehen, um ihnen zu predigen, wenn ich
nicht der Überzeugung wäre, ich fände einen Punkt, an welchen ich die
christliche Lehre anknüpfen könnte. Dieser Punkt aber kann nichts
anderes sein als die angeborene Verehrung eines höheren Wesens, mag sie
nun stark oder schwach sein, mag sie sich an etwas Unsichtbares oder an
ein Götzenbild heften. Nur ist es schwer, zu entdecken, welcher Art jene
Verehrung Gottes ist. Gemeiniglich habe ich gefunden, daß die Heiden mir
in ihren Antworten auswichen, wenn ich sie nach ihrer Religion befragte.
Sie sagen wohl, die Weißen wären klug und listig, sie ihres Ortes aber
wären einfältig und unwissend, deshalb möge ich sie entschuldigen, wenn
sie keine Auskunft gäben. Wenn ich dann aber länger mit ihnen sprach und
sie auch wohl mit etwas Rauchtabak zutraulich machte, dann wurden sie
offenherziger. Doch sind ihre Auskünfte immer voll Unsicherheit. Oft
haben sie mir gesagt, sie glaubten, daß es ein mächtiges Wesen gebe,
welches hoch über dem Monde wohne und die Erde und das Meer und alles,
was darin lebe, geschaffen habe. Oder sie sagen auch wohl, sowie das
Haupt ihrer Nation über alle Häuptlinge der einzelnen Dörfer erhaben
sei, so sei auch der höchste Gott im Himmel erhaben über alle Häuptlinge
der Nationen. Meistens sagen sie dann auch, dieser höchste Gott regiere
die ganze Welt, und durch seine Allmacht hätten alle Menschen und Tiere
und Pflanzen Leben und Bewegung. Er habe unbegreifliche Vollkommenheiten
und Eigenschaften. Dennoch verehren selbst diejenigen, welche so
sprechen, ihre Gottheit nicht in der Weise, daß man sagen könnte, sie
hätten eine Religion. Sie beten nicht und opfern nicht, und wenn ich
ihnen sagte, es sei sonderbar, daß sie dem allmächtigen Herrn der ganzen
Welt keine Verehrung bezeugten, so antworteten sie wohl, es brauche ihn
niemand zu fürchten, denn er gebrauche seine Macht niemals zum Schaden
der Menschen, und er wohne hoch oben über der Sonne und dem Mond und
allen Sternen. Dann habe ich wohl gesagt, dieser Gott sei herabgekommen
auf die Erde, und man habe ihn gesehen, und er habe die Menschen
belehrt. Aber sie wollen das gemeiniglich nicht glauben, und ein
Häuptling der Betschuanen erwiderte mir einmal: »Wie kann es möglich
sein, daß der höchste Gott uns würdigen sollte, zu uns zu kommen, da ja
der Mond, der doch nur eine geringere Gottheit ist, sich niemals so weit
erniedrigt? Welche Absicht oder welchen Vorteil könnte das höchste Wesen
dabei haben, sich solchergestalt zu demütigen?« Dabei verwickeln sich
diese arme Heiden aber immer in Widersprüche, denn wenn ich sie fragte,
woher denn das Üble käme, das sie zu erdulden hätten, Krankheit, Armut,
Tod, Sklaverei und andere Leiden, so erzählten sie wohl, ihre ersten
Eltern hätten das höchste Wesen beleidigt und seitdem ständen sie unter
dem Fluche. Mache ich sie dann auf ihren eigenen Widerspruch aufmerksam,
da sie doch gesagt haben, das höchste Wesen thue niemand ein Leid, so
werden sie gewöhnlich trotzig, leugnen ihre eigenen Worte, sagen, sie
wollten überhaupt nicht mehr mit mir über Gott sprechen, und gehen weg.
Ich sehe in dem allen aber eine dunkle verworrene Kenntnis der Wahrheit,
welche ihren Seelen eingeboren ist, und ich lasse nicht nach, bis ich
die Finsternis durch das Licht der christlichen Lehre durchbrochen habe.
Bei manchem ist mir das auch durch die Gnade Jesu Christi gelungen,
wenngleich es immer schwer hält, die Bekehrten dahin zu bringen, daß sie
ihren Glauben nicht nur äußerlich zur Schau tragen, sondern durch ihr
Leben bezeugen. Sie fallen gar zu leicht wieder in niedrige Sinnenlust
zurück. So sehe ich denn dort auch jetzt meine drei christlichen Diener
fröhlich zu Ehren Morimos schmausen, und ich bin überzeugt, daß sie von
dem Segen des Käfers ebensoviel halten wie ihre heidnischen
Stammesgenossen. Nur die stärkeren Geister unter ihnen halten die Lehre
fest und bilden einen fruchtbaren Acker für das göttliche Wort. Darum
lege ich auch auf die Bekehrung des Titus Afrikaner einen hohen Wert.
Denn er ist zwar böser als Tausende seiner Brüder, aber er ist ein
stärkerer Charakter und klüger als sie, und wenn er sich zum Christentum
bekennt, so wird er ein starkes Werkzeug zur Verbreitung des Glaubens.«

»Ich glaube nicht, daß es Ihnen jemals gelingen wird, den Titus
Afrikaner zu bekehren,« sagte der Engländer. »Er ist ein böser Bursche,
und eher frißt er uns alle mit Haut und Haar, als daß er sich taufen
läßt.«

»O doch, es sind gerade die Bösesten, welche sich bekehren, wenn sie nur
kraftvoll und klug sind,« erwiderte der Missionar. »Wurde nicht Saulus
zum Paulus und der erste aller Apostel? Die armen Heiden! die armen
Heiden! Welch ein schrecklicher Gedanke, daß ihrer so viele sind, die
das Heil nicht kennen! Ist es wohl erträglich für einen Christen, ihren
Unglauben zu sehen und nicht alles, selbst das eigene Leben, daran zu
setzen, ihnen zu helfen und sie mit dem Heiland bekannt zu machen? Ich
sage mir immer, daß sie doch alle das Gute wollen und sich nach der
Glückseligkeit sehnen, daß aber die Augen ihres Geistes geblendet sind,
so daß sie den rechten Weg zur Seligkeit nicht finden können. So sucht
ja auch dieser wilde Häuptling das Gute, nur irrt er sich und glaubt,
daß die blutige Rache an den Weißen und der kriegerische Ruhm unter
seinen Landsleuten dasjenige seien, was ihn glücklich machte. Kennt er
aber erst einmal die christliche Liebe, so wird er aus seinem Irrtum
erwachen.«

Die Räuber blieben um ihre Feuer versammelt und tanzten und sangen, bis
die Sonne unterging und der rote Schein der Flammen allein noch die
Ebene erhellte. Droben erschienen die ewigen Lichter des Firmaments und
blickten in stiller Klarheit auf die wilde Scene herab, wo Hunderte von
schwarzen Gestalten in Bewegung waren und bald mit ihren glänzenden
Leibern vom Feuer rot beschienen wie Teufel anzusehen waren, bald in der
Finsternis verschwanden, während der wirre Jubel ihrer Kehlen weithin
erscholl.

Endlich gab Titus Afrikaner das Zeichen zum Aufbruch. Er kam auch zu dem
Wagen, wo die Weißen sich befanden, und gebot ihnen, zu folgen. Der
Missionar rief seine Diener herbei, die Ochsen wurden zusammengetrieben
und eingespannt, und dann setzte sich der Zug nach den Bergen hin in
Bewegung. Der Engländer hatte seine zerrissene Uniform mit einem braunen
Rocke vertauscht, den ihm der Missionar aus seinem Besitz gegeben, und
seinen Kopf mit einer Mütze mit breitem Schirm bedeckt, die jener ihm
ebenfalls geliehen hatte. So zog alles weiter, und ein Trupp von
Schwarzen folgte dem Ochsenwagen, um die heimliche Entfernung der Weißen
zu verhindern.

Nachdem der Zug sich etwa eine Stunde weit in das Gebirge hinein
vertieft hatte, trennte er sich. Titus Afrikaner zog mit einem Teil der
Krieger bergan und schien die Höhle wieder aufsuchen zu wollen, welche
ihm als Festung diente, Fledermaus aber mit dem andern Teil der Schar
bog in ein Thal zur linken Hand ein. Ihm mußten auch die Weißen mit dem
Wagen folgen. Die Häuptlinge schienen es nicht zu wünschen, daß der
Missionar die Höhle sähe, und sie erlaubten dem Engländer und dem
Buernsohn, bei dem Missionar zu bleiben. Diese verdankten die Erlaubnis
der Bitte und dem Ansehen des Missionars, welcher sich von seinen weißen
Freunden nicht trennen wollte.

Fledermaus führte seine Begleiter nun nach einer kleinen Hochebene, von
welcher aus sich mehrere Schluchten hinabsenkten, und hier entdeckten
die Weißen eine große Anzahl von Hütten, die, vom Monde beschienen,
gleich einer ungeordneten Menge schwarzer, oben spitz zulaufender
Erdhaufen dalagen. Ein Trupp von Weibern und Kindern kam ihnen entgegen
und begrüßte die Krieger mit lautem, freudigem Geschrei. Auf dieser
Hochebene pflegte Fledermaus zu wohnen, während Titus Afrikaner in der
Höhle hauste. Hier befand sich ein Dorf von mehreren hundert Hütten. Von
hier aus erspähte Fledermaus durch seine Kundschafter die Gelegenheit zu
Raubzügen und die Annäherung des Feindes nach der einen Seite hin,
während sein Bruder droben im Gebirge die andere Seite des umliegenden
Landes dem hoch wohnenden Adler gleich unter Augen hielt.

Alle Hütten waren von runder Form und aus rohem Holzwerk mit Lehm
hergestellt. Die Wände etwa zwei Meter hoch, und der innere Raum drei
bis vier Meter im Durchmesser groß. Rauchfang und Fenster gab es nicht.
Luft und Licht kamen allein durch die Thür, und diese Thür war ein
ovales Loch von weniger als Mannshöhe, welches bei Nacht mit einem
geflochtenen Deckel verschlossen ward. Ein Mittelpfeiler in jeder Hütte
trug die Spitze des Daches von Kegelform, das aus hölzernen Sparren
gebildet und mit Schilfgras gedeckt war. Dieses Dach reichte noch über
die Wände hinaus und ward draußen von Stützen getragen, die in den Boden
eingerammt waren, so daß ein oben bedeckter Gang um die Hütte
herumführte. Das Ganze war von einem Dornengehege eingefaßt, welches bis
zum Dache aufragte und so weit war, daß noch ein Hofraum vor der Hütte
gebildet wurde. Zuweilen lagen auch mehrere Hütten mit ihren Hofräumen
innerhalb eines und desselben Dornengeheges. Regelmäßige Straßen gab es
zwischen den Hütten nicht, sondern es ward ein wirres Durcheinander von
sehr engen Gäßchen gebildet.

Der Ochsenwagen war zu breit und das Gespann zu lang und breit, um in
das Dorf selbst einfahren zu können. Der Missionar blieb deshalb mit
seinen jungen Freunden draußen, und alle drei legten sich im Wagen
selbst zur Ruhe, den Ereignissen der kommenden Zeit entgegensehend. Der
vorsichtige Fledermaus stellte Posten ringsum aus, welche die Schluchten
überwachen mußten und zugleich die etwaigen Fluchtversuche der Weißen
verhindern konnten.

Ein Tag folgte nun auf den andern, und die Lage blieb immer dieselbe.
Der Missionar sah seinen Zweck erfüllt, indem er ungehindert unter den
Räubern wohnen und die Predigt des Evangeliums gleich einem guten Samen
ausstreuen konnte. Der Engländer aber und der Buernsohn wären wohl gern
davongegangen, der eine, um zu seinem Regimente zurückzukehren, der
andere, um seine Landsleute wieder aufzusuchen. Denn Pieter Maritz
sehnte sich jetzt nach Hause, und gern hätte er den Tadel oder die
Strafe dafür auf sich genommen, daß er die Gesandten des Zulukönigs
nicht besser bewacht hatte. Aber es gab für sie beide keine Aussicht,
sich entfernen zu dürfen. Die Schwarzen thaten ihnen nichts zuleide,
sondern ließen sie ruhig unter sich wohnen, aber sie litten auch nicht,
daß sie sich entfernten. Beständig unterhielt Fledermaus eine
Postenkette, welche die Ausgänge aus dem Dorfe und der Hochebene
überwachte, und es war nicht möglich, ohne seine Erlaubnis über diese
hinauszugehen. Er erteilte aber diese Erlaubnis nicht, und immer fühlten
sich die Weißen unter dem argwöhnischen Blick des Häuptlings und seiner
Krieger.

Es war dem Missionar und seinen jungen Freunden eine geräumige Hütte,
deren Besitzer im Kampfe gefallen war, als Wohnung eingeräumt worden,
hier herein hatten sie die Kisten und Decken aus dem Wagen schaffen
lassen und wohnten nun in halb europäischer, halb afrikanischer Weise.
Vor der Thür ihres kleinen Hauses war ein vertiefter Feuerplatz, auf
welchem die Diener des Missionars das Essen kochten, und das Innere der
Hütte war teils mit dem einfachen Hausgerät der Schwarzen, teils mit dem
beweglichen Besitz des Missionars ausgestattet. Ein hölzerner Mörser,
aus einem ausgehöhlten Baumstamm verfertigt und mit einer doppelten
Keule versehen, diente ihnen dazu, die halb weich gekochte Hirse oder
den Mais zu zerstampfen. Dazu hatten sie eine Handmühle, die aus einem
flachen gehöhlten Steine bestand, in welchem ein anderer walzenförmiger
Stein umhergerollt wurde. Hier wurden Hirse und Mais zermalmt und zu
einer Art von Grütze gemahlen, aus welcher Brei gekocht wurde. Schüsseln
aus Holz mit verziertem Rande und irdene Kochtöpfe mit Deckeln, große
urnenförmige Wasser- und Biergefäße, kleinere Kalabassen, die mit
spiralförmigen Linien verziert waren, und künstlich geschnitzte Löffel
aus Holz und Elfenbein, deren Stiel einen Elefanten oder eine Giraffe
oder einen Löwen darstellte, vervollständigten das Gerät, welches die
Hütte des Betschuanenkriegers enthielt. Als Sitze dienten erhöhte
Stellen des Fußbodens, aus Lehm gebildet, die mit Schaffellen überdeckt
waren, und kleine dreibeinige Schemel, wie die Betschuanen sie als
Luxusgegenstände besitzen. Dazu hatte der Missionar aus seinen Kisten
einen Tisch und ein Büchergestell aufgebaut.

Der Engländer unterhielt sich meistens damit, die Hütten der Schwarzen
zu besuchen und die verschiedenartigen Gestalten und Manieren der
Einwohner zu beobachten. Denn hier unter den Räubern hatte sich eine
verschiedenartige Menge heimatlosen und unzufriedenen Volkes
angesammelt, welche alle darauf bedacht waren, die Buern zu bekämpfen
und lustig vom Raube zu leben, anstatt mühsam das Feld zu bebauen und
Vieh zu hüten. Hier waren hauptsächlich Betschuanen von dunkelbrauner
Farbe, mit breiter Nase und nur wenig vortretendem Munde. Sie gingen zu
Hause meistens nackt, nur mit dem kleinen Schurz bekleidet, und mit Fett
und Butter über und über eingerieben. Die Frauen waren auf dem Kopfe
ringsum rasiert, nur oben trugen sie ihr Haar wie ein Polster, gleich
dem Kissen oder Kranz, worauf die Frauen in Italien und Spanien den
Wasserkrug zu tragen pflegen. Dieses Haarpolster war mit einer Pomade
eingerieben, Sibilo genannt, die aus Fett und Eisenglimmer bereitet war,
so daß es dicht und filzig aussah und dabei glänzte. Es war außerdem von
einer Schnur von Glasperlen umgeben. Im übrigen trugen sie zahlreiche
Schnüre von Glasperlen um den Hals und die Füße, so daß sie wie ein
kleiner Ringpanzer den Hals und oberen Teil der Brust und ebenso die
Beine von den Knöcheln bis zur Wade umgaben. Dazu waren sie mit
Amuletten zum Schutz gegen die bösen Einflüsse feindlicher Geister
versehen, welche sie an den Halsketten befestigten, und trugen das
spatelförmige Eisen am Gürtel, womit sie sich den Kopf rasierten. Ihre
kleinen Kinder trugen sie in einem Tragetuch auf dem Rücken. Die Männer
ließen ihr Haar wachsen, hielten es aber kurz. Sie bereiteten es
ebenfalls zu einem filzigen Polster zu oder flochten es in kurze
Strähne. Sie trugen Ringe von Elfenbein, Messing oder Kupfer an Armen
und Beinen und dazu ihre Waffen: Streitäxte, deren Eisen durch einen
keulenförmigen Griff getrieben war, den Kirri, eine mit
eingeschnittenen Figuren verzierte Keule aus hartem, schwerem Holze,
Messer und Lanzen. Ihr Schild war klein, mit Fell überzogen, quadratisch
geformt und mit Ausschnitten versehen.

Die Kaffern waren von höherem, schlankerem Wuchs als die Betschuanen und
von dunklerer Farbe. Sie waren schmaler in den Hüften und ihre Muskeln
an Unterarm und Wade schwächer. Die Nase an der Wurzel ziemlich breit,
oben abgerundet, die Nasenflügel etwas nach außen und nach oben gerückt,
was etwa die Gestalt eines gekrümmten Schnabels gab. Die aufgeworfenen
Lippen hatten einen fahlen, ins Graue spielenden Farbenton. Die Augen
waren nur bei den Kindern schön, da nur bei diesen ein reines Weiß die
tiefbraune Iris umgab. Bei älteren Kaffern war dies Weiß braunfleckig.
Das Haar war bei Männern und Frauen hart und bei den meisten ähnlich wie
bei den Frauen der Betschuanen geschoren. Sie trugen Mäntel von
Tierfell, schwere Ketten von Schakals- oder Tigerzähnen um den Hals,
Perlen in den Ohren, Ringe um Arme und Beine. Die Frauen waren ebenfalls
mit dem Ingubo, dem Mantel aus Tierfell, und dazu oft noch mit einem
ledernen Unterrock bekleidet. Die Kaffern zeigten sich hochmütiger als
die andern, liebten es, zu prahlen, waren aber dabei unverschämte
Bettler, die fast immer die Hütte der Weißen umlagerten, um Speise,
Tabak, Bier und andere Dinge zu erhaschen. Auch logen sie viel und
heuchelten.

Mancherlei wertvolle Dinge bargen die Hütten der Räuber, solche
Gegenstände, welche für gewöhnlich bei den Schwarzen nicht gefunden
werden, welche diese sich aber auf ihren Raubzügen verschafft hatten.
Dahin gehörten namentlich Kunstwerke der südafrikanischen Schmiedekunst,
wie die Betschuanen sie zu bereiten verstehen: eiserne Geräte, Schalen
von Kupfer, Ketten von Kupfer und sogar von Gold. Auch kunstvoll
gearbeitete Wurfspieße und Streitäxte und allerhand Hausgerät von
Elfenbein, dazu kostbare Zieraten von bunten Perlen, Messing- und
Golddraht.

Die Nahrung der Leute bestand zumeist aus Hirse, Kafferkorn, Kürbissen,
Milch, Wurzeln, Zwiebeln, Rüben und den Früchten des Gelbholzbaumes.
Milch war ihnen die liebste Speise. Sie hatten eine große Herde in
Besitz, die in der Nähe des Dorfes weidete, und in jeder Hütte hingen
lederne Säcke, in welchen die gemolkene Milch gesammelt wurde, um sauer
gegessen zu werden. Sie verzehrten sie vermittelst eines Pinsels oder
Quastes von Binsen, den sie hineintauchten und dann ableckten. Das für
den täglichen Gebrauch nur abgesottene und in kleinen Körben
aufgetragene Korn aßen sie mit der bloßen Hand oder einem Stückchen Holz
oder mit Eisen oder einer Muschel. Zweimal am Tage aßen sie, morgens um
zehn und abends um neun Uhr. Der Mann, als Herr über alles, teilte das
Essen aus, nur für die ganz kleinen Kinder, welche die Milch von einer
für sie bestimmten Kuh erhielten, sorgten die Mütter. Die Männer aßen
für sich unter freiem Himmel, die Frauen jede einzeln im Hause, die
Knaben saßen hinter den Männern, die Mädchen bei den Frauen, und die
Kinder mußten mit dem fürlieb nehmen, was die Alten ihnen reichten. Vor
und nach dem Essen spülten sie sich den Mund aus. Sonst aber waren sie
sehr unreinlich, wuschen sich die Hände weder vor noch nach dem Essen,
reinigten niemals die Schüsseln, fingen sich das Ungeziefer vom Leibe
und aßen es auf. Nur die Hunde, deren es in den meisten Hütten gab,
sorgten etwas für Reinlichkeit, indem sie die Schüsseln ableckten.

Der Missionar pflegte regelmäßig am Abend auf einem freien Platze in der
Nähe seiner Hütte einer größeren oder kleineren Versammlung, die sich um
ihn zusammenfand, Geschichten zu erzählen, in welche er eine Lehre
verwob. Er ging darauf aus, die Schwarzen an sich zu gewöhnen und sie zu
unterhalten, um dann nach und nach den ernsten und heiligen Zweck seiner
Anwesenheit unter ihnen mehr zu betonen. Sie kamen auch gern und hörten
ihm zu, aber sowohl er als seine jungen Freunde hatten bei Tag und bei
Nacht viel unter ihrer Zudringlichkeit und Unverschämtheit zu leiden.
Sie betrachteten zu Anfang Gesicht und Kleidung der Weißen, ihr
Benehmen, ihre Art und Weise, zu sitzen, zu stehen, zu gehen, zu
sprechen, zu essen und zu trinken, machten ihre Bemerkungen darüber und
witzelten und lachten. Sobald sie sich aber an das Fremdartige der
Erscheinung gewöhnt hatten, bemächtigte sich Gleichgültigkeit ihrer
Gemüter, und sie waren nur noch darauf versessen, zu betteln und zu
stehlen. Sie drängten sich zu Haufen in den Zaun und die Hütte ein,
saßen auf den Sitzen, den Schemeln und den Kisten umher, hockten um die
Feuerstelle und betrachteten alles mit begehrlichen Augen. Oft fehlte
auch dieser oder jener kleinere Gegenstand, ein Löffel oder eine Schale,
und es war nicht zweifelhaft, daß die Schwarzen ihn mitgenommen hatten.
Sie thaten oft ganz so, als wären sie bei dem Missionar zu Hause,
schliefen, schwatzten, rauchten in seiner Hütte und beschmutzten alles
mit ihren fettigen Leibern. Mehrmals mußte ein Kaffer von dem
Schreibtisch selbst heruntergeworfen werden, wo er sich, das Kinn
zwischen den Knieen und die Dachapfeife im Munde, hingehockt hatte.
Einmal hatten mehrere Kaffern einen gußeisernen Topf gestohlen, mit
dessen Beschaffenheit sie nicht vertraut waren, da sie nur geschmiedetes
Eisen kannten. Sie hatten ihn vom Feuer genommen, als Kobus, welcher das
Kochen besorgte, nicht Achtung gegeben hatte; da er aber sehr heiß war,
ließen sie ihn aus den Händen fallen, während sie ihn über die
Dornenhecke befördern wollten, und er zerbrach auf einem Stein. Nun
trugen sie die einzelnen Stücke zum Schmied, um sich Werkzeug daraus
machen zu lassen, machten ein Kohlenfeuer, und die Scherben wurden mit
Zangen in die Glut gehalten, um weich zu werden. Als sie aber glühend
unter den Hammer kamen und nun, anstatt sich zu biegen, in viele kleine
Stücke zersprangen, gleich als wären sie von Glas, da standen die
Kaffern ganz verwirrt dabei und glaubten, der Missionar hätte, um sie
für ihren Diebstahl zu bestrafen, den Topf verzaubert.

Unter all dem Ungemach, welches er von der Roheit und Unwissenheit der
Schwarzen zu erdulden hatte, tröstete den Missionar jedoch immer wieder
das Benehmen des Titus Afrikaner. Oft, wenn er im Kreise der Räuber auf
dem freien Platze neben dem Dorfe Geschichten erzählte und lehrte, gab
sich eine Bewegung unter seinen Zuhörern kund, und er bemerkte alsdann
die finster drohende Gestalt des Häuptlings, der vom Berge
niedergestiegen war, um an der Unterhaltung teilzunehmen. Zwar hätte ein
anderer Mann als dieser herzenskundige Lehrer des Evangeliums sich wohl
schwerlich über diesen Besuch gefreut. Denn Titus Afrikaner saß in
seiner Waffenrüstung und mit dem Löwenfell gleich einem unheilvollen
Feinde da, warf düstere Blicke auf den Missionar und die Schar der mit
kindlicher Aufmerksamkeit zuhörenden Räuber und lachte verächtlich auf,
wenn eine Lehre vorgetragen wurde, welche sich auf die Unsterblichkeit
der menschlichen Seele und die christliche Liebe bezog. Ja, wenn der
Missionar geendigt hatte, ergriff wohl der Häuptling das Wort,
verspottete ihn und stieß Beleidigungen gegen den Lehrer und seine Lehre
aus. Aber alles dies konnte die Geduld des alten Mannes nicht ermüden
und ihn in seiner Hoffnung nicht wankend machen. Sah er doch, daß der
Häuptling immer wiederkam, daß seine Besuche immer häufiger wurden und
daß er jedem Worte sorgsam lauschte. Fledermaus dagegen nahm keinen
Anteil an den Predigten des Missionars, sondern betrachtete mit kaltem
Auge alles, was die Weißen betraf. Er dachte an Beutezüge, aber
beschäftigte sich nicht mit geistiger Arbeit. Sicherlich hätte er schon
längst, so dachte der Missionar, die Weißen davongejagt, wenn nicht ein
anderer Einfluß, der Befehl seines Bruders, ihm vorgeschrieben hätte,
was er thun sollte.

[Illustration: Der Missionar unter den Kaffern.]

Eines Tages ereignete sich ein bemerkenswerter Vorfall, welcher eine
Veränderung in dem Benehmen des Häuptlings hervorrief. Als der Missionar
nachts in tiefem Schlafe lag, berührte eine Hand seinen Arm, und
erwachend hörte er Pieter Maritz' Stimme, welcher ihm zuflüsterte, er
möge aufstehen und auf seiner Hut sein, da es ihm schiene, als wollte
jemand in die Hütte einbrechen. Beide weckten nun den Lord, und
vereinigt gaben sie Achtung auf ein sonderbares Geräusch an der einen
Seite der Hüttenwand. Sie hielten sich ganz still, und Pieter Maritz
sowie der Engländer hatten zu ihrer Verteidigung ihre Messer, mit denen
sie zu essen pflegten, bereit, da diese ihre einzige Waffe waren. Sie
sahen nach wenigen Minuten zwei Gestalten durch die durchbrochene Wand
hereinkommen und eine von diesen sofort nach dem Platze eilen, wo der
Missionar zu schlafen pflegte, und einen furchtbaren Hieb mit der
Streitaxt nach dem Kopfende führen. Es war nicht hell genug, um die
Personen zu erkennen, aber es fiel doch genug Licht durch die Ritzen der
Hütte und die durchbrochene Wand herein, um die Bewegungen der Gestalten
zu sehen. Als nun die jungen Leute sich mit lautem Rufen auf die beiden
Schwarzen warfen, gerieten diese in Bestürzung und Schrecken, der eine
floh ohne weiteres durch das Loch zurück, der andere leistete noch kurze
Zeit Widerstand, erhielt dabei einen Messerstich von des Engländers Hand
in den Arm und entkam dann gleichfalls.

Über diesen Einbruch beklagte sich der Missionar am folgenden Morgen bei
Fledermaus, aber dieser machte nichts aus der Sache, sondern fertigte
den Kläger mit der kurzen Bemerkung ab, er möge zufrieden sein, daß man
ihm keinen Schaden zugefügt habe. Hierdurch wurden die beiden Einbrecher
so frech gemacht, daß sie sich nicht versteckten, sondern gerade heraus
sagten, sie seien es gewesen und würden ein anderes Mal wohl besseres
Glück haben. Aber am Abend dieses Tages kam Titus Afrikaner, und als er
von der Geschichte hörte, geriet er in großen Zorn. Er ließ die beiden
Leute, deren einer den Arm verbunden hatte, herbeikommen und fuhr sie
hart an.

»Wißt ihr nicht,« sagte er, »daß die Weißen unter dem Schutze eures
Häuptlings stehen? Wißt ihr nicht, daß der Weißbart dem Morimo geheiligt
ist? Habt ihr vergessen, daß Morimo selbst sich auf seinem Haupte
gezeigt hat? Wer die Mordwaffe gegen das Haupt erhebt, das von Morimo
geheiligt ist, der ist des Todes schuldig.«

Tief erschrocken flehten ihn die Übelthäter um Gnade an, aber der
Häuptling blieb unerbittlich und ordnete an, daß sie auf der Stelle
getötet würden. Schon wurden sie abgeführt, und die Speere, mit denen
sie niedergemacht werden sollten, blinkten schon in der Abendsonne, denn
der Respekt vor dem Häuptling war groß, und Menschenleben standen nicht
in hohem Preise unter dieser Schar -- da gebot der Missionar Halt und
wandte sich bittend an Titus Afrikaner.

»Laß diese Leute leben!« sagte er. »Woher sollen sie Zeit nehmen, ihre
Übelthat zu bereuen, wenn du sie tötest?«

Erstaunt und betroffen sah der Häuptling ihn an und schwieg eine lange
Weile, während in seinem Gesichte ein rascher Wechsel der Empfindungen
zu lesen war.

»Du bittest für Schurken, die dich haben ermorden wollen?« fragte er
endlich mit weicher Stimme.

»Es ist die Lehre Gottes, dem ich diene, daß der gute Mensch auch seine
Feinde liebt,« antwortete der Missionar.

»Und wie kann ein Mann seine Feinde lieben?« fragte jener.

»Er kann sie lieben, weil er einsieht, daß seine Feinde nur im Irrtum
sind, wenn sie ihn berauben und töten wollen. Denn sie glauben doch, daß
es ihnen nützen würde, wenn sie sich fremdes Besitztum aneigneten und
ihre Gegner umbrächten. In Wahrheit aber thun sie sich selbst damit den
größten Schaden, denn sie werden nichts antworten können, wenn sie
dereinst nach ihrem Tode von dem Gott, welcher ein Richter ist, gefragt
werden, ob sie im Leben gut und edel gewesen sind. Vorlügen können sie
ihm nichts, denn er weiß alles. Dann aber werden sie nicht in den Himmel
kommen, sondern in die Hölle. Wenn ich nun weiß, wie übel es denen
ergehen wird, die mir Schaden thun, muß ich da nicht Mitleid mit meinen
Feinden haben?«

»Gebt die Leute frei und tötet sie nicht!« rief der Häuptling. Am andern
Tage aber kam er schon früh, was gegen seine Gewohnheit war, zu dem
Missionar und führte ihn auf einen einsamen Platz unter einem schattigen
Baume.

»Mein Vater,« sagte er, »ich hatte diese Nacht einen bösen Traum.«

»Was träumte dir?« fragte der Missionar.

»Mir träumte, daß ich am Fuße eines steilen und felsigen Berges stünde,
über welchen ich hinübergehen mußte. Es gab nur einen einzigen Pfad,
welcher zum Gipfel führte, und dieser ging an einem tiefen Abgrunde hin.
Aus diesem Abgrunde drangen Rauch und Flammen empor, und Blitze zuckten
aus ihm hinauf. Der Anblick machte mich fürchten, ich wandte mich ab und
ging zur Seite. Da stand ich vor einer großen Finsternis, so daß ich
mich nicht zurecht finden konnte, und aus diesem dunklen Lande scholl
mir eine Donnerstimme entgegen und rief mir zu, es gebe keine Flucht für
mich, sondern ich müßte über den engen Pfad. Ich versuchte nun, ihn
hinanzuklimmen, aber die Hitze aus dem brennenden Abgrunde war
furchtbar, so daß ich in Todesschweiß niedersank. Aber als ich zu Boden
fiel, wandte sich mein Blick aufwärts zu dem Gipfel des Berges und sah
eine Gestalt auf einem grünen Hügel stehen. Diese Gestalt war sehr hell,
denn sie ward von der Sonne beschienen, und sie kam mir auf dem schmalen
Wege entgegen, streckte die Hand gegen mich aus und winkte mir. Da
raffte ich mich auf, hielt beide Hände von der Seite vor mein Gesicht,
um es vor der Glut des Abgrunds zu schützen, und kletterte empor durch
Rauch und Glut, obwohl ich es unerträglich für menschliche Gestalt fand.
Und endlich kam ich am Abgrunde vorbei und nahe dem grünen Hügel, auf
dem der Fremde gestanden hatte, und das Land war ringsum hell und schön,
aber als ich nun den Fremden, der vor mir hergeglitten war, anreden
wollte, da wachte ich auf.«

»Und was denkst du selbst über diesen Traum?« fragte der Missionar.
»Was, meinst du, könnte seine Bedeutung sein?«

»Dieser Traum sitzt in mir, wie ein vergifteter Pfeil im Fleisch sitzt,«
entgegnete der Häuptling. »Ich kann es nicht aushalten, darüber
nachzudenken, außer in einer einzigen Art.«

»Und welche Art ist dies?«

»Ich denke, der Pfad war der schmale Weg, von dem du gesprochen hast,
daß er zum Himmel führe. Die helle Gestalt aber ist der Heiland, von dem
du gesagt hast, daß er alle Menschen erlösen wolle. Das Feuer und der
Rauch aber sind die Mühsale, die ich zu überstehen habe, wenn ich ein
guter Mensch und ein Christ werden will. Denn ich bin ein Häuptling, und
meine Krieger werden mich verachten, die Buern aber werden mich töten,
wenn sie mich nicht mehr zu fürchten haben.«

Nachdem er dies gesagt hatte, stand der Häuptling auf, ging langsam von
dannen und ließ sich eine Woche lang nicht wieder sehen. Die Weißen aber
erhielten nach dieser Zeit die Nachricht, daß die Räuber eine
Ratsversammlung, einen Pitscho, wie die Betschuanen sagen, abhalten
wollten. Der Pitscho sollte auf der Khotla, dem freien Platze neben dem
Dorfe des Fledermaus, sein.

An dem bestimmten Tage sahen die Weißen eine Schar Krieger nach der
andern herankommen, denen die Anführer mit seltsamen Sprüngen und mit
hoch geschwungenen Waffen voranschritten. Alle die verschiedenen
Abteilungen der großen Räuberschar, welche ringsum im Gebirge verteilt
wohnten, kamen zusammen. Sie bildeten einen Kreis um einen großen Raum
in der Mitte, hockten alle am Boden nieder und stellten ihre Schilde vor
sich, so daß eine geschlossene Wand wie eine Barriere den inneren Kreis
bezeichnete, während dahinter dichte Scharen lagerten. Alsdann stimmten
sie einen gemeinsamen Gesang an, und Titus Afrikaner als der Vornehmste
unter ihnen führte einen Tanz auf, indem er mit feierlichen Schritten
und Sprüngen inmitten des freien Platzes die Musik begleitete. Hierauf
hockte auch er nieder, und nun stand einer der Führer auf und hielt eine
Rede, welche er mit dreimaligem Geheul einleitete. Diese Rede enthielt
eine scharfe Verurteilung der beiden Häuptlinge Titus Afrikaner und
Fledermaus und war mit sehr spitzigen Bemerkungen gewürzt. Er sagte, daß
die Häuptlinge in ihrer Sorge für das Wohl des Volkes nachgelassen
hätten. Besonders sei Titus Afrikaner zu tadeln. Anstatt sich bei den
Führern der Krieger Rats zu holen, sitze er mit den Weißen zusammen, und
sie schwatzten wie die Weiber. Darüber werde vergessen, Raubzüge in das
umliegende Land zu unternehmen und Vieh zusammenzutreiben. Man könne
sehen, daß die Häuptlinge fett würden, und das sei kein gutes Zeichen,
denn die Beleibtheit eines Häuptlings verrate, daß er sich wenig Sorge
um seine Untergebenen mache und den Gebrauch der Waffen vernachlässige.
Nachdem der Redner geendigt hatte, trat ein anderer auf, und nach diesem
ein dritter. Ein jeder brachte ähnliche Klagen vor. Das Vieh verringere
sich, das Ansehen der Schar nehme ab, die Krieger würden unter solchen
Verhältnissen unlustig. Und zum Schluß richtete ein vierter Redner unter
allgemeinem Beifall der Versammlung die Aufforderung an Titus Afrikaner,
alsbald den jungen Engländer für ein gutes Lösegeld seinen Landsleuten
zurückzugeben, den Buernsohn zu töten und den Missionar fortzuschicken,
dann aber sogleich einen großen Zug in das Buernland zu unternehmen, um
die Würde seines hohen Amtes wiederherzustellen.

Der Missionar, welcher nebst dem Lord und dem Buernsohn der Versammlung
außerhalb des Kreises beiwohnte, war nicht verwundert über diesen Gang
der Verhandlung, da ihm wohl bekannt war, mit welchem Freimut bei den
meisten südafrikanischen Völkern die Pitschos hinsichtlich der
Häuptlinge verfahren. Aber er war verwundert, als er, nachdem die
Ankläger still geworden waren, keine Entgegnung vernahm. Denn in der
Regel pflegt der getadelte Häuptling, wenn alle Unzufriedenen geredet
haben, sich zu verantworten. Er pflegt seine ganze Beredsamkeit bis zum
Ende der Verhandlungen aufzusparen, um dann die gehaltenen Reden zu
zergliedern und in wütender Sprache diejenigen zu geißeln, welche gewagt
haben, ihm ihre Füße auf den Nacken zu setzen. Aber hier geschah
dergleichen nicht. Titus Afrikaner blieb mit gesenktem Haupte sitzen,
als ginge die Sache ihn nichts an oder als wisse er nicht, was er sagen
solle. Alle blickten verwundert auf ihn, und sein Bruder Fledermaus
erhob sich und sah ihn vorwurfsvoll an.

»Redest du nichts?« fragte Fledermaus. »Weißt du nichts zu sagen, und
soll ich als Jüngerer für dich sprechen?«

Titus Afrikaner erhob sich langsam, stützte sich auf die Streitaxt, die
er in der rechten Hand trug, sah mit wehmütigem Blicke über die
Versammlung hin, und sein Gesicht zuckte von schmerzlichen Gefühlen.

»Meine Freunde,« begann er, »es war eine Zeit, wo ein Häuptling in den
fernen Thälern wohnte, dort, wo die Sonne um Mittag steht. Er wohnte mit
seinem Bruder und seinen Schwestern in den Gefilden, die seinen Vätern
gehört hatten, und ringsum waren die Wiesen bedeckt von seinem Vieh. Er
war glücklich und reich. Aber Morimo zürnte ihm und ließ die weißen
Männer in sein Land kommen. Er verlor durch die Buern alles, was er
hatte, sein Vieh, seine Familie, seine Wiesen und Äcker, es blieb ihm
nur sein treuer Bruder, und es blieben ihm seine Waffen und einige
Freunde. Er schwur, daß er den Weißen nie verzeihen werde, und zog in
das Gebirge; dort versammelte er viele hundert tapfere Männer um sich
und führte Krieg gegen die Buern. Wiederum ward er reich und stark, aber
glücklich ward er nicht. Denn in seinem Herzen peinigte ihn jenes
unsichtbare Wesen, von welchem die weißen Männer Kunde haben, und machte
ihn unruhig. Es flüsterte ihm zu, daß die erschlagenen Männer und die
verwaisten Kinder ihm zürnen und ihm keine Ruhe lassen würden, wenn sie
ihm dereinst nach dem Tode an jenem Orte über der Erde begegneten, wo
die Verstorbenen leben. Nun ist dieses unsichtbare Wesen so stark in ihm
geworden, daß es ihn betäubt und ihm den Anblick seiner Krieger und des
fetten Viehes verleidet. Er will nicht mehr mit den Waffen in die Ebene
ziehen und Mord und Brand unter den Weißen verbreiten. Darum fahrt wohl,
kriegerische Waffen und Schmuck des Häuptlings! Titus Afrikaner will
euch nicht mehr tragen, er will im Verborgenen leben und Gott bitten,
daß er seiner Seele gnädig sei.«

Mit diesen Worten legte der Häuptling die Streitaxt und die Büchse zu
Boden, streifte die goldenen Ringe von den Armen und nahm die
Kriegsfedern vom Haupte.

Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen in der bestürzten
Versammlung, dann aber erhob sich lautes Schreien und höhnisches Lachen,
mehrere der Führer aber zückten ihre Wurfspieße, als wollten sie den
Häuptling niederstoßen, der ein in ihren Augen so jämmerliches
Schauspiel bot.

Aber mit einem Male änderte sich die Haltung des Pitscho, und von neuem
trat Schweigen ein. Zwei dunkle geschmeidige Gestalten traten in den
Kreis ein, und Pieter Maritz erkannte in diesen die Gesandten des
Zulukönigs, Humbati und Molihabantschi.

[Illustration]



[Illustration]



Elftes Kapitel

Die Reise in das Zululand


In dem ehrfurchtsvollen Schweigen, welches die Erscheinung der Zulus
unter den Räubern hervorrief, erkannte der Missionar die Bedeutung der
beiden Männer, die er einst vom Tode durch die Gewehre der Buern
errettet hatte, und er fand darin zugleich die Bestätigung einer
Vermutung, welche er seit seinem Aufenthalte im Dorfe des Fledermaus
gehegt hatte. Es war ihm nämlich so vorgekommen, als ob die Macht des
Titus Afrikaner nicht allein auf dessen eigener Kraft beruhe. Die Menge
der Kaffern, welche sich unter der Schar befanden, die Art und Weise,
mit welcher er von dem Zulureiche Tschetschwajos hatte sprechen hören,
und die Nähe der Grenze jenes Reiches hatten ihn oft denken lassen, daß
die Räuber im Gebirge die Unterstützung des mächtigen Fürsten genössen,
der in ganz Südafrika gefürchtet war, und daß sie gleichsam einen
Vorposten der Zulumacht bildeten. In dieser Vermutung ward er jetzt
durch die Ereignisse bestärkt.

Humbati und Molihabantschi, welche offenbar den Häuptlingen bekannt
waren, benahmen sich im Pitscho, als seien sie die Gebieter, und während
sie von allen Seiten mit tiefen Verbeugungen begrüßt wurden, trafen sie
Anordnungen, welche sofort als gültig anerkannt wurden. Sie geboten, daß
die Scharen der Krieger bei gemeinsamer Mahlzeit in der Khotla bleiben,
daß aber sämtliche Häuptlinge sich zu einer geheimen Beratung
zurückziehen sollten. So geschah es. Die große Menge blieb zurück und
rüstete einen Schmaus zu, Humbati und Molihabantschi aber gingen mit den
Häuptlingen in den Hofraum, welcher die große Hütte des Fledermaus
umgab. Dort blieben sie lange Zeit in Beratung zusammen.

Die Weißen begaben sich währenddessen, nicht ohne Sorge wegen des
Verlaufs der Dinge, in ihre eigene Hütte und besprachen miteinander, was
geschehen war. Die Umwandlung in der Seele des Titus Afrikaner hatte sie
tief berührt, und während der Missionar sich im Dankgebet an Gott
wandte, der solche Wunder unter den Heiden wirkte, erkannten der junge
Lord sowohl wie Pieter Maritz so hell wie nie vorher die nie erlöschende
Macht der ewigen Wahrheit in den Herzen der Menschen.

Ihr Zusammensein wurde nach einigen Stunden durch die Erscheinung
Humbatis unterbrochen. Mit höflicher Verneigung und freundlichem Lächeln
trat der Gesandte herein und ließ sich nach Aufforderung des Missionars
auf einen Schemel nieder.

»Mein Vater,« sagte er mit demütigem Blick zu dem Missionar, »du warst
unser Beschützer. Wenn deine Hand uns nicht schirmte, wären Humbati und
Molihabantschi tote Männer. Wir sind deine Diener, wir gehören dir an.
Siehe dort drüben, in wenigen Tagereisen zu erreichen, wohnt der große
Tschetschwajo. Er wird meinem Vater zu danken wissen, was dieser uns
Gutes erwiesen hat. Denn er ist sehr reich und mächtig, wir aber sind
arm und schwach. Mein Vater möge die Güte haben, uns zu dem König zu
begleiten.«

Obgleich voll Mut und Gottvertrauen, hörte der Missionar diesen
Vorschlag doch nicht ohne Schrecken. Er hatte genug über den Zulukönig
vernommen, um zu wissen, daß es keinen Mann im ganzen Südafrika gab, der
mehr zu fürchten gewesen wäre. Tschetschwajo war als Tyrann ohnegleichen
berüchtigt, er war ein großer Menschenmörder, Blut strömte wie Wasser in
seinem Lande.

»Mein Freund,« erwiderte er nach kurzem Nachdenken, »ich erkenne die
Güte an, welche du mir erweisen willst, aber ich bin nicht gesonnen, so
weit zu reisen. Ich habe mir vorgenommen, die christliche Lehre hier
unter den Anhängern des Titus Afrikaner zu verbreiten, und da ich mit
dieser Aufgabe noch nicht fertig bin, will ich hier bleiben. Was sollte
ich bei deinem Könige? Ich bin nicht begierig nach Dank und Lohn. Wir
Christen thun das Gute nicht der Belohnung wegen, sondern weil unser
Gott es uns so befohlen hat.«

»Ich weiß,« entgegnete der Zulu. »Aber mein Vater möge überlegen, ob er
hier in Sicherheit noch länger wohnen kann. Gewiß hat er ein Beispiel
seiner großen Beredsamkeit gegeben, indem er das Herz des Titus
Afrikaner nach seinem Willen gebeugt hat, aber Titus Afrikaner wird ihn
nicht länger beschützen können, da er nicht mehr Häuptling ist. Sein
Bruder Fledermaus ist an seine Stelle getreten und wird im Gebirge die
Herrschaft führen. Die Krieger aber zürnen dem weißen Manne, weil er das
Herz des Häuptlings erweicht hat, und diese rohen und ungebildeten
Männer können leicht eine Frevelthat an dem ehrwürdigen Haupte meines
Vaters begehen, da sie dessen Heiligkeit nicht zu schätzen wissen. Mein
Vater möge mit uns gehen. Tschetschwajo wird sich freuen, denjenigen
ehren zu können, der seinen Knechten Wohlthaten erwies.«

»Es ist nicht möglich,« sagte der Missionar kopfschüttelnd. »Diese Reise
würde mich zu weit führen. Du als ein kluger Mann weißt selbst, daß ein
Mann den Kreis seiner Thätigkeit nicht zu weit ausdehnen sollte, weil er
sonst seine Kraft gebrochen sieht, wie der Bogen zerbricht, der zu
straff gespannt wird. Meine Wirksamkeit soll sich auf dieses Land
beschränken. Hier hoffe ich durch anhaltende Thätigkeit die Früchte an
den Bäumen reifen zu sehen, die ich pflanzte. Gehe ich in ein neues
Land, so möchte ich in dem alten nicht nur die Früchte, sondern auch die
Bäume verlieren.«

»Mein Vater ist sehr weise,« entgegnete der Zulu, »und sicherlich hat
Humbati nicht die beredte Zunge, um mit ihm streiten oder ihn belehren
zu können. Aber mein Vater möge Mitleid mit den Gesandten Tschetschwajos
haben. Der König wird erfahren, was geschehen ist. Er wird hören, daß
der weiße Mann hier ist, und er wird uns fragen, ob unser Betragen Anlaß
gegeben hat, daß er uns nicht hat begleiten wollen. Er wird zornig
werden, wenn wir allein kommen. Er wird es nicht glauben wollen, daß wir
den weißen Mann eingeladen haben, an seinen Hof zu kommen. Er liebt es,
kluge Männer bei sich zu sehen, und er hat hohe Achtung vor den Lehrern
der Weißen. Uns wird er die Schuld geben, wenn mein Vater nicht mit uns
kommt, und uns wird sein Zorn treffen. Ehe die Sonne untergeht an dem
Tage, wo wir vor sein Antlitz treten, werden unsere Köpfe fallen. Darum,
wenn mein Vater uns wirklich liebt, möge er uns begleiten.«

Der Zulu sprach so ernst und eindringlich, daß der Missionar
nachdenklich ward. War diese Einladung nicht vielleicht eine Fügung
Gottes und wies darauf hin, daß der blutige Tyrann für die christliche
Lehre empfänglich gemacht werden sollte?

»Was wird aus meinen Begleitern werden, aus diesem Bauernknaben und aus
dem englischen Krieger?« fragte er.

Der Zulu besann sich keinen Augenblick. »Diese beiden werden auf jeden
Fall mit uns gehen,« sagte er. »Ich habe Befehl gegeben, daß beiden ihre
Pferde und Waffen zurückgegeben werden, denn die Begleiter meines Vaters
dürfen nicht beraubt werden. Ich werde sie vor das Angesicht
Tschetschwajos führen, und der König selbst wird über ihr Schicksal
entscheiden.«

»Habt ihr verstanden?« sagte der Missionar, sich in englischer Sprache
an seine jungen Begleiter wendend. »Eure Lordschaft und du, Pieter
Maritz, sollt die Reise noch weithin fortsetzen. Dieser Gesandte des
Zulukönigs will euch zu Tschetschwajo bringen.«

»Meiner Treu,« sagte der Lord, »vorausgesetzt, daß ich nicht zu Fuße
gehen soll, bin ich bereit, bis ans Ende der Welt zu ziehen. Ich fühle
mich von einem Dämon erfaßt, der mit mir umspringt, als wäre ich ein
Federball. Ich habe allen eigenen Willen verloren und werde mich über
nichts mehr wundern. Ich habe hier in Afrika schon so viel erlebt, daß
ich nicht erstaunen würde, wenn ich etwa selbst noch schwarz würde und
mich mit Butter einriebe.«

»Und was mich betrifft,« fügte Pieter Maritz hinzu, »so vertraue ich auf
Gott, und so lange ich in Eurem Schutze bin, Mynheer, werde ich auch
Tschetschwajo nicht fürchten.«

»Aber wenn ich dich nun bäte, mir deine Dankbarkeit dadurch zu bezeugen,
daß du diese jungen Leute heimkehren ließest?« fragte der Missionar den
Zulu. »Sie sehnen sich nach ihrer Heimat. Laß sie ziehen, gieb ihnen die
Freiheit. Ich aber will mit dir gehen.«

»Es ist unmöglich,« antwortete Humbati. »Ich würde den Zorn des Königs
auf mich laden. Dies muß außer Frage bleiben. Die Jünglinge müssen mit
mir gehen.«

Er richtete seine glänzenden Augen auf die jungen Leute. »Wenn die
weißen Jünglinge mir ihr Wort geben wollen, nicht zu entfliehen,« sagte
er in seinem gebrochenen Englisch, »so werde ich ihnen ihre Pferde
lassen, damit sie reiten können. Und auch ihre Waffen werde ich ihnen
geben, denn es ist für einen Krieger schmerzlich, unbewaffnet zu gehen.«

Beide versprachen, nicht entfliehen zu wollen, und nun wandte sich
Humbati von neuem an den Missionar und bat ihn wieder mit flehendem
Tone, gleichfalls mitzuziehen und ihn nicht der Gefahr auszusetzen, den
Zorn des Königs ertragen zu müssen.

»Nun, wie Gott will!« rief der Missionar. »Ja, ich werde mit dir
ziehen.«

Hocherfreut stand der Zulu auf und ging hinaus, um die Vorkehrungen zum
Aufbruch zu treffen, und auch die Weißen packten ihre Habseligkeiten
zusammen und sahen nach dem Wagen und den Zugochsen.

Draußen hatte sich die Scene sehr verändert. Die Khotla war leer, die
Kriegerhaufen waren abgezogen, aber die Bewohner des Dorfes standen in
Gruppen beisammen und hatten viel miteinander zu reden. Es dauerte noch
einige Stunden, bis alles zur Abreise gerüstet war, bis Jan, Christian
und Kobus das Gepäck des Missionars auf den Wagen gebracht und die
Ochsen zusammengetrieben und eingespannt hatten und bis endlich die
Pferde und Waffen herbeigeschafft worden waren, wie Humbati versprochen
hatte. Der Lord und Pieter Maritz erwarteten diesen Augenblick in
fieberhafter Aufregung. Acht Wochen lang hatten sie in dem Dorfe einsam
unter Schwarzen gesessen, und diese Zeit war ihnen wie eine traurige
Gefangenschaft erschienen. Die Aussicht, ihre Pferde wiederzusehen, war
für sie ein Gefühl, als sollten ihnen Flügel wachsen, mit denen sie sich
aus dem Kerker emporschwingen und die Freiheit erreichen könnten. Der
Gedanke, wieder im Sattel sitzen und davonreiten zu können, war für sie
so süß, daß sie darüber selbst die Besorgnis vergaßen, welche ihnen die
erzwungene Reise ins Zululand einflößen mußte. Die Wunde des Lord war
inzwischen vollständig geheilt. Längst hatte er das Pflaster abgenommen,
und der Riß in der Haut zeigte sich vollständig geschlossen, nur noch
eine rötliche Narbe war zurückgeblieben. Ja, es zeigte sich zu seinem
Erstaunen nicht notwendig, den Faden, mit welchem der Riß zusammengenäht
worden war, herauszuziehen. Da dieser aus Tiersehnen bestanden hatte,
war er vom Fleisch vollständig aufgesogen worden und verschwunden. Als
nun die Tiere endlich erschienen, von zwei Kaffern am Zügel geführt,
Sattel und Zaumzeug in leidlicher Ordnung und die Tiere selbst, wenn
auch nicht eben blank geputzt, so doch gut gefüttert und gesund, da
brachen dem Buernsohn die Thränen aus den Augen hervor, und der Lord
wurde nur mühsam seiner Bewegung Meister. Pieter Maritz lief mit einem
Freudenschrei auf Jager zu, umarmte seinen Hals und Kopf, drückte die
Wangen an die Nüstern des Pferdes und ward nicht müde, es zu streicheln
und mit ihm zu sprechen. Auch Jager freute sich des Wiedersehens, rieb
den Kopf an des Knaben Schulter, wieherte und scharrte mit dem Fuß. Voll
Lust schwang sich der Knabe in den Sattel und ritt voll Wonne auf dem
freien Platze umher. Lord Fitzherbert betrachtete mit emporgezogenen
Lippen den Sattel auf seines Rappen Rücken. Die ehedem helle Lederfarbe
war schwarz geworden und das Leder war ganz von Fett durchtränkt, ein
Zeichen, daß gar manches Mal ein fettglänzender Räuber darauf gesessen
hatte. Aber er überwand den Ekel über den Zustand des Sattels in der
Freude über den wiedererlangten Besitz des schönen Pferdes. So stieg
auch er hinauf und probierte das Tier in allen Gangarten. Es war etwas
aus der Übung gekommen und hatte die schulmäßigen Gänge etwas verlernt,
aber es war gesund auf den Beinen, und der junge Offizier atmete
erleichtert auf. Dann wurden von den Räubern die Waffen gebracht. Pieter
Maritz ergriff das gute Gewehr, welches schon sein Vater geführt hatte,
und sah, daß die der Feuerwaffe kundigen Schwarzen es in gutem Stande
gehalten hatten. Es war rein und gut geölt, die Federn spielten richtig.
Auch den Gurt mit den Patronen und den Hirschfänger erhielt er zurück,
und bald war er wieder beritten und gerüstet wie damals, wo er vom
Buernlager ausritt, um die Zulus zu überwachen. Nur hatte sich die Sache
in ihr Gegenteil verkehrt: er war der Gefangene, und Humbati und
Molihabantschi überwachten ihn. Der Lord empfing seinen Pallasch, seine
Patrontasche mit goldgesticktem Bandelier und seinen Helm. Er machte
eine seltsame, jedoch nicht unkriegerische Figur in dem Rocke des
Missionars, über welchen er den Gurt des Degens schnallte und das
Bandelier hängte. Sogar seine Uhr und sein goldenes Etui erhielt er
zurück, und nur seine Börse mit Geld blieb ihm verloren. Er schrieb
einige Worte auf ein Blatt Papier, steckte dies in das Cigarrenetui,
ritt auf Fledermaus zu und überreichte es ihm.

»Nimm dies zum Andenken, du Niggerräuber,« sagte er englisch, -- was
Fledermaus nicht verstand. »Und wenn dich meine Landsleute einmal an
einem Baume aufknüpfen wollen zum wohlverdienten Lohne deiner Thaten, so
zeig' ihnen dies und berufe dich auf meine Empfehlung. Denn du hast
mich, wenn man eins ins andere rechnet, anständiger behandelt, als
irgend ein Räuberhauptmann in Europa mich behandelt haben würde.«

Fledermaus zog die Lippen auseinander, daß seine prachtvollen weißen
Zähne glänzten, und steckte das schöne Etui dankend in seinen Karoß.

Währenddessen traten zwölf Kaffernkrieger aus der Bande des Fledermaus
heran, den Speer in der Rechten, den Schild in der Linken, die Streitaxt
und das Messer im Gürtel. Sie bildeten die Begleitung, welche die
Gesandten sich zur Sicherung ihres Marsches bestellt hatten. Aber zum
höchsten Erstaunen der Weißen erschien auch Titus Afrikaner. Er war ohne
Waffen, trug keine Federn im Haar, sondern war einfach in seiner Tracht
wie einer der Diener des Missionars. Nur der kurze Mantel von
Leopardenfell bedeckte ihn, und er war mit dem Karoß umgürtet. Ihn
begleiteten in Waffenrüstung etwa zwanzig seiner treuesten Anhänger, die
den Häuptling nicht verlassen, sondern mit ihm Christen werden wollten.

»Behalte mich bei dir,« sagte er zum Missionar. »Ich habe dich noch
vieles zu fragen. Ich übergebe dir meine Seele, daß du sie errettest.«

Der Missionar war tief bewegt von der demütigen Erscheinung des sonst so
stolzen und wilden Kriegers. Er schloß ihn in seine Arme und rief laut:
»O Titus Afrikaner, du hast viel gethan! Du hast den schwersten Kampf
gefochten, und du hast gesiegt!«

Dann setzte sich der Zug in Bewegung und verließ die Hochebene, um in
südöstlicher Richtung weiterzuziehen. Voran schritten die Gesandten,
ihnen folgten der Missionar und Titus Afrikaner zu Fuße gehend und in
religiösem Gespräch, hinter ihnen gingen die Anhänger des ehemaligen
Räuberfürsten, von denen einer das Pferd des Missionars am Zügel führte.
Auf diese folgte der Ochsenwagen, hinter diesem ritten der Buernsohn und
der Lord, und den Beschluß machten die zwölf schwarzen Krieger, welche
die Eskorte der Gesandten bildeten.

Langsam stieg der lang gedehnte Zug vom Gebirge hinab zu der Ebene im
Südosten, welche von den Nebenflüssen des in den Indischen Ocean sich
ergießenden Umzuti bewässert wird und mit vielen Wäldern bedeckt ist.
Als es Abend ward, war noch nicht der Fuß des Gebirges erreicht, denn
erst am Nachmittage war der Aufbruch geschehen, und in einem schönen
grünen Thale ward Rast gemacht. Bei so zahlreicher und tapferer
Begleitung war an keine Gefahr zu denken, obwohl das Gebrüll des Königs
der Tiere in der Ferne zu hören war. Ein mächtiges Feuer ward
angezündet, und erlegte Tiere, welche den Assagaien der schnellen
Krieger während des Marsches zum Opfer gefallen, wurden gebraten. Am
andern Tage ging der Zug weiter und trat nach wenigen Stunden in die
Ebene ein. Weite Grasflächen, gleich Feldern von hohem, gelbem Weizen im
Hauche des Windes schwankend und wogend, bedeckten das Land, und
dazwischen standen hier und da dichte Haufen von Mimosen als kleine
Gehölze. Der Monat März endigte, der Herbst fing an, soweit von einem
Herbst die Rede sein kann in einem den Tropen nahen Lande, welches den
Winter nur als Regenzeit kennt. Zahlreiches Wild war zu sehen, und
genügender Vorrat für den Tag ward erlegt. Zuweilen wurden Bewohner
dieser Gegend angetroffen, armes Volk, das nur von Wurzeln und Jagdbeute
lebte und keine andern Wohnungen als Erdhöhlen hatte. Sie bettelten um
Tabak und starrten voll ehrfürchtiger Scheu auf die kriegerische
Gesellschaft, welche durch ihr Land zog. Sie waren die Genossen des
Löwen, der hier Gebieter war, und kannten seine Gewohnheiten genau. Als
am Abend Rast gemacht wurde und sie Holz herbeischleppten und sich
bettelnd herzudrängten, ging nicht weit von diesem Platze ein Löwe
vorbei und stieß von Zeit zu Zeit ein Brüllen aus, welches in der
Entfernung erstarb.

»Fürchtet ihr euch nicht?« fragten die schwarzen Krieger. »Denkt ihr
nicht, daß er kommen könnte, um euch zu fressen?«

»O nein,« sagten sie, nachdem sie auf den Ton des Brüllens gelauscht
hatten. »Es ist keine Gefahr, denn er hat gegessen und geht nun heim, um
zu schlafen.«

»Woher wißt ihr, daß er satt ist und schlafen will?«

»Wir leben mit den Löwen,« antworteten die armen Leute, »sie sind unsere
tägliche Gesellschaft. Da müssen wir wohl ihre Sprache verstehen.«

Am Tage darauf aber fand ein ernstliches Zusammentreffen mit einem der
starken wilden Tiere statt. Der Zug ging an einem dichten Gebüsch hin,
und er war lang auseinander gezogen. Die Gesandten und der Missionar
nebst Titus Afrikaner und dessen Leuten waren weit voraus, während der
schwere Ochsenwagen langsam nachkam. Als nun die Zugtiere schnaufend und
ächzend unter unaufhörlichem Rufen der Treiber und dem gellenden
Klatschen der langen Peitsche an einer besonders undurchsichtigen Stelle
des Dickichts vorüberkamen, sprang plötzlich, obwohl es mitten am Tage
und heller Sonnenschein war, ein gewaltiger Löwe aus dem Schatten hervor
und einem der stärksten Ochsen auf den Nacken. Mit einem einzigen
Schlage seiner Pranke hatte er das Tier getötet und bemühte sich nun, es
seitwärts in das Gebüsch zu schleppen, was ihm natürlich nicht gelang,
da der Ochse im Geschirr lag. Eine entsetzliche Verwirrung entstand.
Alle Ochsen brüllten und bemühten sich, nach verschiedenen Richtungen
davonzulaufen. Die Treiber schrieen voll Entsetzen und flüchteten.
Während nun die Kaffern mit ihren Speeren herbeiliefen, um das Untier
anzugreifen, das mit seinen Zähnen an dem getöteten Ochsen zerrte, hatte
Pieter Maritz seine Büchse von der Schulter genommen und schoß vom
Sattel aus. Aber seine Kugel streifte den Löwen nur an der Haut, indem
sie durch die Mähne fuhr, weil das Tier im Augenblick des Schusses eine
Bewegung gemacht hatte. Der Löwe ließ nun von dem Ochsen ab, stieß ein
furchtbares Gebrüll aus und kauerte sich nieder, um auf den Knaben zu
springen. Pieter Maritz wandte sein Pferd, ritt eilig eine Strecke
zurück, sprang ab und zielte von neuem. Der Löwe hatte sich aufgerichtet
und sah dem Knaben brüllend entgegen. Die Kugel traf diesmal gerade in
den weit geöffneten Rachen und zerschmetterte ihm mehrere Zähne, ohne
das Tier jedoch tödlich zu treffen. Außer sich vor Wut, stürzte der Löwe
vor, ohne sich um die Kaffern zu bekümmern, die ihn von der Seite her
angreifen wollten. Aber schon war Pieter Maritz wieder im Sattel und
jagte davon. Der Löwe, gewohnt, im Sprunge anzugreifen, folgte nur eine
kurze Strecke und kauerte sich dann von neuem nieder. Seine Brust war
mit Blut bedeckt, welches ihm aus dem Rachen floß. Pieter Maritz hielt
von neuem das Pferd an, sprang ab und feuerte zwei Schüsse
hintereinander ab. Diesmal folgte der Löwe nicht wieder. Eine Kugel
hatte ihm die rechte Pranke zerschmettert, die andere ihm die Brust
durchbohrt. Aber so zäh war das Leben in diesem starken Tiere, daß es
noch einer letzten Kugel bedurfte, die ihm aus der Nähe hinter der
Schulter eindrang, um es völlig tot niederzuwerfen. Es war ein ganz
alter Löwe, den langes Jagdglück so mutig gemacht hatte, daß er am Tage
anzugreifen wagte.

An den folgenden Tagen änderte sich die Landschaft, durch welche der Zug
ging. Sie ward hügelig, und die Höhen waren bis zum Gipfel mit Wald
bedeckt. Oft zeigten sich Affen und glänzende Vögel in den Bäumen. Die
Thäler waren mit immergrünen Pflanzen geschmückt und von hellen
Gewässern durchrieselt, welche alle nach mannigfachen Windungen ihren
Weg nach dem Indischen Ocean nahmen, der auf der einen Seite die
Ostküste Afrikas und die Insel Madagaskar, auf der andern Seite die
indische Küste und den Malaiischen Archipel bespült. Oft ward Lord
Fitzherbert beim Anblick der Landschaft an Schottlands Hügel und Thäler
erinnert, wie er sagte.

Traurig aber war es, inmitten dieses Reichtums der Natur auf zahlreiche
Spuren zu treffen, welche anzeigten, daß dies Land einst dicht bevölkert
gewesen war, während jetzt nur das Brüllen des Löwen ihm Leben gab. An
den Abhängen der Hügel lagen ganze Städte in Ruinen, wo einst Tausende
inmitten bebauter Felder und blühender Gärten gewohnt haben mußten.
Üppiges Gras wucherte über zerfallenen Wänden und Zäunen. Die
verwüstenden Einfälle der Mantatis, Matabeles und Zulus hatten den
Raubtieren dieses reiche Land zum Jagdgefilde gemacht. Die Löwen, an die
Schwelgerei in Menschenfleisch gewöhnt, umgaben mit immer größerer
Frechheit den Zug, als ob der menschliche Leib die ihnen gebührende
Nahrung sei, und allnächtlich hörte man ihr Gebrüll in der Nähe des
Lagers. Einmal ward auch ein Rhinozeros durch das Knallen der langen
Peitsche aus seinem Schlummer geweckt und erhob seine graue finster
drohende Masse aus dem hohen Grase, so daß die Zugochsen voll Angst und
Schrecken gleich Rennpferden davonzustürmen begannen und der Wagen
zerbrochen niederstürzte. Vergeblich schlugen Büchsenkugeln auf das
dicke Fell des gewaltigen Tieres, es zog in langsamem Trabe ab in den
Wald, wo die kleineren Bäume sich krachend beiseite bogen vor seiner
Last. Es kostete Mühe und Zeit, den Wagen wiederherzustellen. Oft mußte
der Zug in dem wegelosen Lande sehr große Umwege machen, um den Wagen
fortbringen zu können und tiefe Schluchten zu vermeiden. Mehrmals mußten
Schaufeln und Hacken gebraucht werden, um den Weg fahrbar zu machen.

Am sechsten Reisetage gelangte der Zug zu den ersten Außenposten der
Zulus, welche an der Grenze aufgestellt waren, um die Ankunft von
Feinden zu erspähen und die Flucht oder den Raub der Viehherden aus dem
Innern des Landes heraus zu verhindern. Ehrfurchtsvoll begrüßten die
Zulukrieger die herankommenden Gesandten. An eben dieser Stelle, in
einem Engpaß zwischen bewaldeten Höhen, bot sich ein Anblick, der selbst
den Missionar, obwohl er landeskundig war, überraschte. Ein
wunderschöner und riesiger Baum stand im Thale, eine Art von Feigenbaum,
der seine belaubten Äste und Zweige nach allen Seiten ausstreckte und
eine runde, gewölbte Form gleich einer Linde, nur größer, hatte. Aus dem
Grün aber blickten spitze Dächer wie von Hütten hervor, und schwarze
Gesichter erschienen zwischen den Zweigen. Mehrere Schwarze saßen auch
an den Wurzeln des Baumes. Es zeigte sich, daß der Baum bewohnt war und
daß siebzehn kleine Hütten in seinen Ästen zu zählen waren. Die Weißen
stiegen neugierig den mit vielen Knoten besetzten Stamm hinan und
besuchten die Einwohner, welche dem Stamme der Eingeborenen angehörten,
die ehemals das Land bevölkert hatten, nun aber fast ganz ausgerottet
waren. Die kleinen Hütten, in welchen ein Mann kaum aufrecht stehen
konnte, waren sehr elend ausgestattet. Getrocknetes Gras bedeckte den
Fußboden, und ein Speer, ein hölzerner Löffel und ein Topf voll
gedörrter Heuschrecken war der einzige Besitz in der Familie, welche sie
besuchten. Das Gebäude war so hergestellt, daß aus geraden Brettern eine
Plattform gebaut war, auf welcher sich eine spitze Hütte, ähnlich einem
Schilderhause, erhob. Doch nahm diese Hütte, welche kaum zwei Meter
Durchmesser hatte, nur die Hälfte der Plattform ein, die andere Hälfte
gab einen freien Platz vor der Thür. Ein Weib mit einem Kinde an der
Brust saß in der Thür, während der Mann und einige Knaben sich in der
Nähe auf den Zweigen wiegten. Der Missionar bat um etwas zu essen, und
bereitwillig bot ihm die Frau von den Heuschrecken an. Mehrere andere
Frauen kamen unterdessen herangeklettert und sprangen von den
Nachbarhütten her von Ast zu Ast, hockten in einiger Entfernung nieder
und guckten und schwatzten. Der Missionar kostete die Heuschrecken und
gab der Frau dann Maiskuchen und getrocknetes Fleisch aus seiner Tasche.
Der Lord teilte Tabak unter alle die Leute aus, welche in der Nähe zu
sehen waren. Furcht vor den Löwen war es, was diese armseligen Leute zu
solchem Wohnen getrieben hatte.

Als die Reise weiterging, erschien das Land immer dichter mit Ruinen von
Städten und Dörfern bedeckt. Einige dieser Ruinen waren von
erstaunlicher Ausdehnung. Dazu waren Hügel und Thäler sehr reich an
Boden und Wasser. Der Boden war an manchen Stellen ganz schwarz, eine
fette Erde, die, wohl drei bis sechs Meter tief, von den schnell
fließenden Gewässern angeschwemmt, den Granitgrund bedeckte. Noch waren
Spuren davon zu finden, daß ehedem Kafferkorn, Wassermelonen, Kürbisse,
Bohnen und Hirse hier gewachsen waren. Die Ruinen mancher Städte zeigten
Spuren großer Arbeitsamkeit und Ausdauer. Steinerne Einfriedigungen,
einige vier, einige bis zu sieben Fuß hoch, waren zu sehen, und diese
Mauern waren ohne Mörtel, ohne Richtscheit, ohne Werkzeug ausgeführt.
Ein jedes Ding war kreisrund: sowohl die inneren Umwallungen und Zäune,
welche jede einzelne Wohnung umgaben, als auch die äußeren Mauern,
welche das ganze Dorf oder die ganze Stadt umschlossen, waren im Zirkel
aufgebaut. Als der Missionar mit seinen jungen Freunden durch die
Trümmerfelder dieser Städte hindurchstrich, fanden sie die Überbleibsel
einiger Häuser, welche den Flammen entgangen waren. Diese waren groß und
in einer Bauart errichtet, die weit ausgebildeter war als irgend eine
andere, welche sie bis jetzt unter den Wohnorten der Eingeborenen
Südafrikas gefunden hatten. Die kreisrunden Wände waren gemeiniglich aus
einer harten Thonart mit geringer Beimischung von Kuhdünger gebildet und
so gut verstrichen und geglättet, indem die äußere Fläche aus feinerem
Thon mit Erzstaub vermischt war, daß das Innere der Häuser den Anschein
hatte, als wäre es gefirnißt. Mauern und Flure waren hübsch verziert und
mit Architraven und Simsen gegliedert. Die Stützen, welche das
vorspringende Dach trugen, hatten Säulenform und waren mit Bildwerken
verziert, welche Geschmack bezeugten. Doch war alles in einem
zerbrechlichen Material ausgeführt, nur das Fundament und die äußeren
Einfriedigungen waren von Stein. Alle Häuser trugen ein konisch
geformtes Dach, welches so weit vorsprang, daß um das Gebäude herum eine
schattige Veranda entstand. Der Bau der Einfriedigungen mußte unendliche
Mühe gemacht haben, denn alle Steine waren augenscheinlich auf den
Schultern von Menschen herbeigeschleppt, und die Orte, woher sie
gebracht worden waren, lagen weit entfernt. Auch die umgebenden Hügel,
welche die Spuren der Landwirtschaft zeigten, bewiesen Ausdauer und
Fleiß der Bewohner, denn die Instrumente, mit denen sie bearbeitet
worden waren und deren manche umherlagen, waren von einfachster,
rohester Beschaffenheit. Es waren die Wohnsitze der Bakonis, und Feuer
und Schwert hatten die Einwohner und ihre Städte zerstört.

Nachdenklich durchwanderte der Missionar diese Stätten der Verwüstung
und dachte zurück an die Zeit, wo diese Hügel und Thäler, die nun ein
Bild der Zerstörung und Verödung boten, von den Ausbrüchen heidnischer
Lust erfüllt gewesen waren. Nun war nichts übriggeblieben als
zertrümmerte, rauchgeschwärzte und von Gras überwucherte Mauern,
Steinhaufen und Schutt, vermischt mit den Knochen der Ermordeten, und
die weißen Schädel, welche zwischen den Ruinen hier und da vom Boden
emporblickten, schienen eine schaurige Geschichte erzählen zu wollen.
Raubvögel, Schakale und Löwen sowie giftige Schlangen waren jetzt die
einzigen Bewohner der einst lachenden Gefilde.

»Ist es nicht, als ob der Zulukönig sein Land mit einem Gürtel der
Verwüstung hätte umgeben wollen?« fragte der Lord den Missionar. »So
gingen einst die französischen Heere aus, um die deutschen
Nachbarstaaten in eine Einöde zu verwandeln, doch haben die Zulus ihre
Sache noch gründlicher verstanden, als die Generale Ludwigs des
Vierzehnten.«

Von Zeit zu Zeit traf der Zug auf Viehherden der Zulus, welche auf den
Trümmerfeldern weideten, und Leute, die dem vernichteten Volke
angehörten, dienten als Knechte bei deren Hirten. Aber wenn die Weißen
sich nach früheren Zeiten bei ihnen erkundigen wollten, wichen jene
scheu aus, denn sie fürchteten sich, die vornehmen Leute, welche den
Reisezug anführten, zu erzürnen. Sie zitterten vor den hochmütigen
Zulus, die das Land mit eiserner Rute beherrschten. Auch wurde es
offenbar, daß die Eroberer bestrebt waren, ein Dunkel über die
Ereignisse zu verbreiten, welche die ringsum sichtbare Verwüstung
herbeigeführt hatten, denn Humbati und Molihabantschi traten immer
herzu, wenn der Missionar sich mit den Leuten bei den Viehherden
unterhalten wollte. Doch war einer unter den Anhängern des Titus
Afrikaner, der aus dieser Gegend gebürtig war, ein athletischer, ernst
blickender Krieger, welcher mit trübem Blick über die öden Gefilde
hinsah. Er erzählte in der Betschuanensprache dem Missionar von der
Geschichte seines Vaterlandes. Er beschrieb die frühere Einwohnerschaft
desselben als so zahlreich wie die Heuschrecken, reich an Vieh, und als
Handelsleute, welche mit den Erzeugnissen ihrer Industrie und Viehzucht
selbst entfernt wohnende Völkerstämme versorgt hätten. Er war Zeuge der
Einfälle der Matabeles und Mantatis gewesen, welche Wohlstand und Glück
der Bewohner gleich einer Sturmflut hinweggeschwemmt hatten, aber nichts
-- so sagte er -- habe an Furchtbarkeit dem Eindringen der Heere Pandas
und seines Sohnes Tschetschwajo geglichen. Doch wagte er nur flüsternd
und heimlich über diese Dinge zu sprechen.

An einem Morgen, als die Ochsen zusammengetrieben wurden, um angespannt
zu werden, hatte der Missionar einen Hügel erstiegen, an dessen Fuße
während der Nacht geruht worden war. Er setzte sich eben unter einem
Feigenbaume nieder und blickte nach dem Horizont, als jener Begleiter
des Titus Afrikaner sich zu ihm stahl, um ihm Antwort auf einige Fragen
zu geben, die er gestern wegen der Nähe der Zulus nicht hatte
beantworten wollen. Er kauerte neben dem Missionar im Grase nieder, und
beide unterhielten sich, als der alte Mann nach einem Trümmerfelde
zeigte, welches sich rechter Hand in der Ebene zeigte, und seinen
Genossen fragte, was wohl aus den ehemaligen Bewohnern jener Stadt
geworden sein möchte. Der Bakoni warf einen Blick dorthin, und nach
einer Pause des Brütens sprang er im Übermaß seiner Gefühle in die Höhe,
streckte seine rechte Hand in der Richtung der Trümmerstätte aus und
rief: »Ich bin es, ich, der dort herrschte.« Er versank von neuem in
Nachdenken und fuhr dann fort:

»Dort lebte der große Häuptling vieler Menschen. Er herrschte unter
ihnen wie ein König. Er war der Häuptling des blaufarbigen Hornviehes.
Es war zahlreich wie der dichte Nebel auf dem Kamme des Gebirges, seine
Herden erfüllten die Ebene. Er dachte, die Menge seiner Krieger würde
seine Feinde in Schrecken halten. Sein Volk rühmte sich seiner Speere
und lachte über die Feigheit derer, welche aus ihren Städten geflohen
waren. Ich werde sie schlagen und ihre Schilde an meinem Hügel
aufhängen. Unser Stamm ist ein Stamm von Kriegern. Wer hat je unsere
Väter unterjocht? Sie waren mächtig in der Schlacht. Wer ist nicht im
Besitz der Beute alter Zeiten? Haben nicht unsere Hunde die Herzen der
Edelsten unter unseren Feinden gefressen? Die Geier haben die Leichen
unserer Feinde zerrissen. So sangen sie und so tanzten sie, bis sie auf
jenen Höhen dort drüben den Feind herankommen sahen. Da verschlang die
Nacht den Ton ihres Gesanges, da füllten sich ihre Herzen mit
Traurigkeit. Sie sahen Wolken aufsteigen von den Gefilden. Es war der
Rauch von brennenden Städten. Die Verwirrung eines Wirbelwinds erfaßte
das Herz des großen Häuptlings über das blaufarbige Hornvieh. Es erhob
sich ein Ruf: Es sind Freunde! Da verkündigten ihre Nähe die nackend
einhermarschierenden Zulus. Die Männer ergriffen ihre Waffen und liefen
hervor, als gelte es die Jagd auf schnellfüßige Antilopen. Ihr Angriff
war wie die Stimme des Blitzstrahls, und ihre Speere erklangen wie der
Herbststurm, der den Wald schüttelt. Aber die Zululöwen erhoben den
Todesruf und flogen gegen ihre Schlachtopfer. Ihr Ruf war der Ruf des
Sieges. Ihr zischender und heulender Schrei verkündigte ihren Fortgang
unter den Erschlagenen. Nach einigen Augenblicken nur lagen Hunderte am
Boden. Der Klang ihrer Schilde war das Zeichen ihres Triumphs. Unser
Volk floh mit seinem Vieh auf die Spitze jenes Berges. Die Zulus drangen
in die Stadt mit dem Gebrüll des Löwen, plünderten die Häuser und
steckten sie in Brand, durchbohrten die Mütter mit dem Speer und warfen
die Kinder in die Flammen. Die Sonne ging unter. Die Sieger kamen aus
der rauchenden Ebene hervor, sie verfolgten ihren Lauf und umringten den
Abhang jenes Berges. Sie schlachteten Vieh, sie tanzten und sangen, bis
die Sonne wieder aufging, dann stiegen sie bergan und töteten, bis ihre
Hände müde waren, den Speer zu schwingen.«

Der Bakoni schwieg, raffte eine Handvoll Staub vom Boden auf, blies ihn
von der Handfläche weg und sagte: »Das ist alles, was übrigblieb von dem
großen Häuptling des blaufarbigen Hornviehs.«

Die Richtung des Weges ward allmählich mehr südlich genommen, und große
Wälder wurden durchschritten, mehrere Flüsse mühsam übersetzt. Starke
Gewitterstürme überfielen tagelang den Zug und hinderten sein rasches
Fortschreiten. Die Regengüsse waren so schwer, daß eine Überschwemmung
durch die Ebene flutete. Der reiche schwarze Boden ward so mit Wasser
gesättigt, daß es zwei Tage lang unmöglich war, weiterzukommen. Weder
Menschen noch Tiere konnten sich darin bewegen. Die Räder des Wagens
wurden zu einer Masse von Thon und Lehm und Erde, und nichts konnte
diese zähe Masse entfernen. Die Hufe der Ochsen wurden zu riesigen
Klumpen, so daß die Tiere sie nicht mehr zu erheben und weiterzusetzen
vermochten. Doch die heiße Sonne trocknete alles wieder sehr schnell,
und endlich kam der Zug in die Nähe von Ulundi, der Hauptstadt
Tschetschwajos.

Zahlreiche Dörfer in der Nähe und vielfache Rauchsäulen in der Ferne,
welche eine dichte Bevölkerung anzeigten, bereiteten die Reisenden auf
den Anblick der Stadt des Zulukönigs vor. Humbati entfernte sich vom
Zuge und ging ihm mit sechs Kriegern voran, um dem König den Besuch
vorher anzumelden.

Der Wagen hatte einen Umweg zu machen, um die Furt durch einen kleinen
Fluß zu finden, der diesseits der königlichen Residenz floß, und
Molihabantschi machte den Vorschlag, die Weißen möchten mit ihm den
geraden Weg machen, damit nicht eine Verzögerung entstände, während
Titus Afrikaner mit seinen Leuten den Wagen begleiten und erst später
eintreffen solle. Er schien ängstlich zu sein, daß der König vergeblich
warten könnte. So stieg denn der Missionar am Tage nach der Entfernung
Humbatis zu Pferde, und, von den Kafferkriegern begleitet, zogen die
Weißen unter Führung Molihabantschis geradeaus, durchschwammen den Fluß
und nahmen den kürzesten Weg nach der Hauptstadt. Am Flusse waren wohl
hundert Leute versammelt, Einwohner benachbarter Ortschaften, und
badeten, als die Reiter herankamen. Sie gerieten sichtlich in Schrecken
bei dem Anblick der weißen Gesichter und Pferde und flohen in großer
Hast. Dies zeigte den Reisenden, daß fremder Besuch weißer Farbe und daß
Pferde hier eine seltene Erscheinung sein müßten.

Nach einigen Stunden, etwa um drei Uhr nachmittags, sahen sie das weite,
von Hügeln und Bergen eingefaßte Thal vor sich, in welchem Ulundi, die
Residenz des Königs, lag. An den grünen Hängen erblickten sie von weitem
mehrere nebeneinander liegende dunkle Kreise, welche gleich großen
Kränzen auf einer Wiese aussahen. Sie erfuhren, daß dies die
Militärkraale, Garnisonen der Armee des Königs, seien. »Jener Kreis dort
ist Umlambongwemja, der Kraal des verstorbenen Königs Panda, der
darauffolgende ist Quikazi, der dritte ist Undabakaombi und der vierte
ist Ulundi, wo der große Elefant wohnt,« sagte Molihabantschi erklärend.

Sie nahmen den Weg auf den letztgenannten Kraal, die Residenzstadt. Doch
kein hervorragendes Gebäude zeigte die Stadt an, sondern nur der
ausgedehnte Kreis von Rauchfähnchen, welche über konischen Dächern
wehten, und eine große Menge von niedrigen dunklen Hütten. Auch war viel
Volk am Wege zu sehen, welches durch das Gerücht von der Ankunft der
Fremden herbeigelockt war. Die Residenz zeigte sich ihrer Form nach als
eine Anzahl von Ringen, die ineinander steckten. Jeder Ring ward von
einer Reihe Hütten gebildet, und inmitten des Ganzen war ein gewaltig
großer freier Raum. Schon von fern war ein Blitzen und Funkeln in dem
freien Raume und an dessen Rande zu bemerken. Die Reisenden konnten dies
erkennen, da sie von der Höhe ihrer Pferde herab über die Zäune und
Einfriedigungen hinwegsahen. Als sie dann bis in den äußersten Ring der
Hütten gekommen waren, näherten sich ihnen einige Männer, welche vom
Hofe zu sein schienen. Ihre Frisuren waren seltsam künstlich. Der eine
hatte zwei hohe Spitzen von verklebtem Haar auf dem Kopfe, in welche
hinein über der Stirn ein rundes Stück Elfenbein, so groß wie ein
Fünfmarkstück, gelegt war. Der andere hatte unzählige kleine Wellen aus
seinem Haar gebildet. Bei jedem war der Kopfputz anders. Sie trugen
goldene Ringe sowie kostbare Mäntel von Affenfell und Kniebänder, von
denen vor dem Schienbein weiße Ochsenschwänze herabbaumelten. Sie
begrüßten Molihabantschi und die Weißen mit Verbeugungen und führten sie
auf dem ferneren Wege. In der Nähe des großen freien Platzes standen auf
jeder Seite wohl fünfhundert Krieger in vollem Waffenschmuck, welche
Spalier bildeten, zwischen welchem die Fremden dahinzogen. Diese Krieger
trugen sämtlich hohe, spitze Schilde, die ihnen vom Kinn bis zu den
Füßen reichten, so daß sie den ganzen Körper schützen konnten. Die
Schilde waren von Leder und verziert, und alle gleichmäßig rot bemalt.
Außerdem trugen sie mehrere leichte Assagaien und einen stärkeren Speer
mit blinkenden Eisenspitzen, dazu eine kurze Keule, den Kirri. Ihr Kopf
war mit roten Federn, und Hals, Brust, Arme und Beine waren mit Behängen
von Ochsenschweifen verziert. Sie standen unbeweglich in doppelter Reihe
hintereinander, genau gerichtet, und Schilde und Lanzen in derselben
Weise haltend. Nicht eine Feder rührte sich auf ihrem Kopfe, und nur die
dunklen Augen rollten, und prachtvolle weiße Zähne leuchteten hier und
da aus den schwarzen Gesichtern, welche im Gegensatze zu den andern
Völkern Südafrikas einen Bart um Kinn, Wangen und Lippen hatten. Alle
trugen die Haarkrone oben auf dem Haupte, während rundum über den Ohren
und am Hinterkopfe alles Haar wegrasiert war. Die Haarkrone war mit
Perlenketten umwunden. Es waren schöne, große Gestalten, alle von einer
Größe, stark von Muskeln und glänzend von Fett.

Als die Weißen diesen lebenden Heckengang passiert hatten, traten sie in
den weiten freien Platz ein, und sahen sich voll Überraschung um. Soweit
ihr Auge umherblickte, fiel es auf Schilde, Speerspitzen und
Kriegsfedern. Dichte Haufen von Kriegern umsäumten den Platz, Mann an
Mann stehend, mehrere Glieder tief, unbeweglich und schweigend. Wohl
zehntausend Mann mochten es nach der Schätzung des Engländers sein. Sie
schienen in Regimenter abgeteilt und diese Regimenter durch Farben
unterschieden zu sein. Denn hier war alles blau, Schilde und Federn,
dort ebenso weiß, dort rot, dort schwarz und dort gelb, dort wieder
gestreift, indem Rot und Weiß quer über den Schild gelegt waren. Überall
aber blitzten über der rechten Schulter die breiten Spitzen der Speere.

Inmitten des tiefen Schweigens, welches über dem Platze lag, als sei es
Mitternacht, ertönte jetzt ein Kommando hinter den Pferden, und das
Rasseln vieler Speere und Schilde war zu vernehmen. Die tausend Krieger
mit roten Schilden, welche Spalier gebildet hatten, zogen in vollkommen
geordneten Zügen hinter den Gästen in den großen Platz ein und schlossen
den Ausgang. Sie marschierten im Gleichschritt, machten Halt und
Wendungen, daß alles ein Tritt, ein Schlag und ein Klirren war.

»Goddam!« rief der Lord voll Erstaunen, »diese Niggers exerzieren besser
als die Garden der Königin!«

Jetzt wurde den Gästen bedeutet, sie möchten vom Pferde steigen. Sie
kamen dieser Anordnung der Herren vom Hofe nach und faßten die Tiere am
Zügel. Gleich darauf erhob sich gleichzeitig aus allen Teilen des weiten
Platzes der Kriegsgesang, und die Pferde schnaubten ängstlich, als nach
dem tiefen Schweigen plötzlich dieser mächtige Ton anhob. Es war eine
Art von Harmonie in dem Gesange, und sämtliche Krieger stampften den
Takt mit den Füßen, aber im ganzen rollte der Gesang wie Donner, der
langhin hallend über die Erde zieht, und er hatte einen hohlen,
erschütternden Klang, da die Krieger den Schildrand vor den Mund hielten
und mit voller Kraft ihrer Lungen in die Wölbung hineinbrüllten. Nur an
bestimmten Stellen ward dieser donnernde Klang von einer Musik
unterbrochen, welche aus der Hölle selbst hervorzukommen schien. Das
war, als wenn das Ächzen der Sterbenden auf dem Schlachtfelde nachgeahmt
würde und sich mit diesem Ächzen die gellenden und zischenden Jubelrufe
der Sieger vermischten.

Auf einmal aber hörte der Gesang auf, und wiederum trat eine Pause der
Totenstille ein.

Die Fremden sahen sich verwundert um und fragten sich mit Blicken, was
dies zu bedeuten habe, als nunmehr ihnen gegenüber die Reihen der
Krieger sich öffneten und der Monarch erschien.



[Illustration]



Zwölftes Kapitel

Tschetschwajo, der Zulukönig


Der König trat aus der Mitte seiner Krieger hervor, und hinter ihm
gingen eine Anzahl von Männern, welche Körbe und Schalen und Krüge
trugen. Er ging den Fremden bis in die Mitte des Platzes entgegen, und
diesen wurde ein Zeichen gegeben, zu ihm zu kommen. Der Missionar, der
Lord und der Buernsohn ließen nun ihre Pferde zurück und gingen auf den
König zu. Er war offenbar unterrichtet über die Art der Begrüßung bei
den Engländern, denn er streckte seine rechte Hand aus und schüttelte
den drei Weißen herzlich, aber so kräftig die Hand, daß sie glaubten,
von einem Schraubstock erfaßt zu sein, der ihnen den Arm hätte aus der
Schulter reißen wollen. Sie betrachteten den König voll Spannung. Er war
sehr groß, fast einen ganzen Kopf höher als der schlanke englische
Offizier, welcher der größte unter ihnen war. Aber er war auch sehr
breit und dick. Da er nackend war und nur einen kleinen Schurz von
Löwenfell trug, konnte seine Figur genau betrachtet werden. Sein Kopf
war gewaltig breit und dick, ein dünner Bart zog sich um Kinn und Mund.
Sein Nacken glich dem eines Stieres, seine Schultern bildeten wahre
Berge von Muskeln. Seine Arme waren die eines Herkules, seine Schenkel
schwollen von Kraft. Nur war der König um Bauch und Brust zu fett, um
wahrhaft schön von Gestalt zu sein, und sein etwas kurzer Atem deutete
an, daß er zu wohlgenährt war, als daß seine Lunge und sein Herz ganz
frei hätten thätig sein können. Er trug keine Waffen, sondern einen
langen Stab, eine Art von Scepter aus Elfenbein, mit goldenen Ringen
verziert. In dem kurzen krausen Haar steckten drei Straußenfedern und
ein goldener Pfeil. Um seinen Hals schlang sich vierfach eine Kette von
echten Perlen, die vorn am Kehlkopf sehr groß waren und auf der
schwarzen Haut herrlich schimmerten. Vier dünne Perlenstreifen, deren
Ende aus goldenen Nadeln bestand, hingen vom Halsband herab. Dann trug
er an Schmuck noch Perlenohrringe und zwei goldene Ringe an der linken
Hand.

Nachdem er jedem der Weißen die Hand gegeben hatte, faßte er den
Missionar in vertraulicher Weise am Arm, zeigte mit der andern Hand
ringsum, so daß sie einen Bogen beschrieb, und sagte in der Sprache der
Zulus, welche der Missionar ziemlich gut verstand: »Das Land liegt vor
dir. Du bist zu deinem Sohn gekommen. Schlafe, wo es dir gefällt.«

Alsdann lud er die Weißen mit einem Wink ein, sich auf das Gras zu
setzen, kauerte selbst nieder, indem er ihnen das Beispiel gab, und ließ
die Diener ihre Körbe, Schalen und Krüge auf fein geflochtene Matten vor
ihm und den Gästen niedersetzen.

Als er sich niederkauerte, brach ein ungeheures Getöse im Gefolge und in
den Reihen der Krieger los. Alle riefen: »Der große König setzt sich!
Der mächtige König des Himmels will speisen! Der starke Elefant hat die
Gnade, sich niederzulassen!«

Mehrere Minuten lang rollte dieser Ruf donnerartig durch die dichten
Reihen, dann wurde es wieder totenstill. Die Weißen sahen Humbati aus
dem Gefolge hervorkommen und sich zur Rechten des Monarchen
niederkauern. Sie erkannten jetzt deutlich die Stellung dieses Mannes.
Doch blickte er bescheiden zu Boden, grüßte die Bekannten nicht, sondern
erschien nur als des königlichen Winkes gewärtig. Ähnlich benahmen sich
Molihabantschi und die Hofleute, welche den Weißen entgegengegangen
waren.

Der König sprach kein Wort weiter, sondern aß und trank. In den zierlich
geflochtenen Körben waren Apfelsinen, Melonen, Granatäpfel und andere
Früchte, dazu allerhand Backwerk. In den Schalen war Milch und Honig,
und in den Krügen reines Wasser. Zum Erstaunen der Weißen waren auch
mehrere Champagnerflaschen auf die Matten gesetzt. Der Wein war nicht
gekühlt und schäumte infolge der Wärme sehr stark. Er wurde deshalb auch
nicht in Gläser gegossen, sondern in große Trinkbecher aus der Schale
des Straußeneies, welche auf goldenen Untersätzen standen. Nach dem
Könige griffen die Gäste zu und dann der Hofstaat, welcher heute nur aus
etwa zwölf Männern bestand: Indunas, wie bei den Zulus die Männer vom
Hofe, die hohen Räte und die Heerführer genannt wurden. Sie waren
einfacher in ihrem Schmuck als die Truppen, aber trugen doch mehr Putz
als der König. Alle trugen Schild und Speer, den starken Speer der
Zulus, welchen sie im Kampf nicht schleudern, sondern in der Faust
behalten, um im Handgemenge zu siegen oder zu sterben. Es war ein
durchaus kriegerischer Hofstaat und nichts von Weibern zu sehen.

Das Mahl dauerte nur etwa eine Viertelstunde und hatte mehr die
Bedeutung einer Ceremonie, mit welcher die Gäste willkommen geheißen
wurden, als daß es hätte zur Sättigung dienen sollen. Während desselben
ließ der König seinen Blick forschend auf den Gästen weilen, und ganz
besonders schienen ihn der Pallasch und die Patrontasche des Engländers
zu interessieren. Doch sagte er nichts. Stumm stand er wieder auf und
winkte den Gästen zum Zeichen, daß sie entlassen seien, mit der Hand.
Von neuem brach das Getöse los, indem Humbati laut rief: »Pezulu!
Pezulu! Der König steht auf! Der mächtige Elefant hat gespeist!« Worauf
alle Hofleute und hiernach alle Krieger den Ruf wiederholten. Unter dem
rollenden Donner dieses Rufes schritt der König davon, wobei seine
mächtige Gestalt sich in den Hüften wiegte, so daß er ähnlich dem
Seemann auf dem Schiffe dahinging. Ihm folgte der Hofstaat, und nur
Humbati blieb bei den Gästen zurück. Er gab ihnen Anweisung, ihm zu
folgen, und ging voran, um sie zu ihrer Wohnung zu führen.

Im innersten der Straßenringe, welche sich um den freien Platz hinzogen,
und nicht weit von diesem entfernt, führte er sie zu einem eingezäunten
Raum, worin fünf Hütten standen. Sie waren ähnlich den Hütten der
Betschuanen, doch hatten sie mehr die Form eines Bienenkorbes. In
diesen Hütten, welche ziemlich geräumig und mit Fellen, Schemeln und
anderm Hausgerät versehen waren, sollten die Gäste und die ihnen
zugeteilten Diener wohnen. Jeder der Weißen bekam eine Hütte für sich.
Auch die Diener fanden sich bereits vor, und zwei Hofbeamte standen
bereit, um die nötigen Einrichtungen zu treffen. Doch erfuhren die
Gäste, daß sie nur von Zulus umgeben sein würden, mit Ausnahme von Jan,
Christian und Kobus, daß aber die ganze Begleitung aus der Schar des
Titus Afrikaner fortgeschickt sei. Titus Afrikaner selbst, dessen
Benehmen das Mißfallen des Königs erregt hatte, war mit seiner
Anhängerschaft nach einer zehn Meilen weit entfernten Missionsstation
geschickt worden, wie Humbati erzählte. Nur die Rücksicht auf den
Missionar hatte den König abgehalten, ihn und seine Anhänger töten zu
lassen. Der Befehl, nach der Missionsstation zu ziehen, war dem
Häuptling entgegengesandt worden, so daß dieser Ulundi gar nicht zu
Gesicht bekam. Zulukrieger sollten den Wagen herbegleiten. Es that dem
Missionar leid, daß er nicht selbst fernerhin auf Titus Afrikaner durch
seine Lehre wirken könne, doch mußte er sich wohl oder übel dem Willen
des Königs fügen, und er vertraute darauf, daß seine Missionsbrüder das
gute Werk fortsetzen würden. Tschetschwajo hatte mehreren
Missionsgesellschaften den Aufenthalt in seinem Lande gestattet, duldete
jedoch deren Anwesenheit nicht in der eigenen Residenz und in den
wichtigsten Garnisonen seiner Armee, da er den verweichlichenden Einfluß
der Missionare fürchtete.

Im übrigen zeigte er sich sehr gnädig gegen die Gäste. Während sie am
Abend auf dem Hofe vor den Hütten saßen und sich über ihre Lage
unterhielten, näherte sich ein Zug von Dienern. Sie trugen Körbe mit
Früchten und Korn, Schalen mit Milch und Honig, gebratenes Fleisch von
Ochsen und Ziegen an Bratspießen, auch gekochtes Fleisch in Töpfen.
Voran gingen zwei Männer, welche eine Urne voll rauchenden Blutes
trugen. Die Urne faßte wohl einen Eimer, und das Blut war flüssig, als
wäre es eben erst aus den Adern des Ochsen gelaufen; denn durch eine
besondere Art des Kochens und der Beimischung bestimmter Gewürze
verstanden es die königlichen Köche, das Blut für lange Zeit flüssig zu
erhalten. Die Übersendung des Blutes war eine besondere Auszeichnung,
wie einer der ihnen zugeteilten Hofbeamten ihnen sagte. Aber der
Missionar bat, das Blut wieder fortzutragen, da er und die weißen Männer
überhaupt keine Bluttrinker wären. Die Hofbeamten waren sehr verwundert
und erwiderten, nichts, was der König sende, dürfe zurückgeschickt
werden. In dieser Verlegenheit halfen sich die Zulus aber, indem sie
sich selbst über die Urne hermachten und mit Händen, Löffeln und kleinen
Schalen binnen kurzem den Inhalt selbst vertilgten. Auch sechs schwarze
Mädchen von schlankem Wuchse befanden sich in der Schar der Diener und
wurden dem Missionar übergeben, damit er ihre Dienste benutzen solle.
Aber der Missionar wies auch dieses Geschenk zurück, indem er sagte, daß
er an männlicher Bedienung schon Überfluß habe, und die Hofbeamten
erklärten, daß sie die Vermittelung Humbatis anrufen würden, damit der
König es nicht übel nähme, wenn die Mädchen zurückgewiesen würden.

Am folgenden Tage erschien unangemeldet der König selbst. Er war von
Humbati und Molihabantschi sowie von zwei andern Indunas begleitet. Er
trat in des Missionars Hütte ein, wo dieser sich allein befand, und war
sehr freundlich. Er legte seine linke Hand auf des Missionars Schulter,
die rechte auf die eigene Brust und sagte: »Panda! Ich nenne dich Panda,
denn du bist mein Vater gewesen. Du hast mein Herz so weiß wie Milch
gemacht. Milch ist heute nicht weiß, mein Herz ist weiß. Ich kann nicht
aufhören, mich über die Liebe eines Fremden zu wundern. Du hattest mich
nie gesehen, und doch liebtest du mich! Du liebst mich mehr, als mein
Volk mich liebt. Du kleidetest mich, als ich nackend war, du speistest
mich, als ich hungrig war, du trugst mich an deinem Busen.«

Dann ergriff der König des Missionars rechten Arm und hob ihn die Höhe.

»Dieser Arm,« sagte er, »beschützte mich vor meinen Feinden.«

Der Missionar merkte wohl, daß Tschetschwajo auf den Schutz anspielte,
den er den Gesandten des Königs gewährt hatte, und er sah aus den
übertriebenen Ausdrücken des Monarchen, daß der feine Humbati, um sich
selbst eine hohe Wichtigkeit zu geben, den weißen Gast in ein glänzendes
Licht gestellt hatte.

»Ich weiß nicht, daß ich so etwas gethan hätte,« antwortete er. »Ich
erinnere mich nicht, dem Könige so große Dienste erwiesen zu haben.«

Der König zeigte auf Humbati und Molihabantschi, welche ihm zu Füßen auf
der Erde hockten.

»Dies sind große Männer,« sagte er, »Humbati ist meine rechte Hand. Als
ich diese beiden von meinem Angesicht wegsandte, um das Land der weißen
Männer zu sehen, da sandte ich meine Augen, meine Ohren, meinen Mund.
Was sie sahen, sah ich; was sie hörten, hörte ich; was sie sprachen, das
sprach Tschetschwajo. Du hast sie gespeist, als sie hungrig waren, du
hast sie gekleidet, als es regnete, und als sie getötet werden sollten,
da decktest du sie mit deinem Schilde. Das hast du mir gethan, du
thatest es Tschetschwajo, dem Sohne Pandas.«

Der Missionar sah Dankbarkeit, aber zugleich Stolz aus dem Gesichte des
Königs leuchten, und offenbar war es dem Herzen des Despoten
schmeichelhaft, zu denken, sein Name sei so mächtig und so weit
gefürchtet, daß der weiße Mann in weiter Entfernung und mitten zwischen
den Buern doch dem fernen Könige einen Dienst habe leisten wollen. Ein
leises Gemurmel kam von den Lippen der Hofherren, als der König geendigt
hatte. »Pezulu! Pezulu!« klang es leise, »der König des Himmels, der
König der Könige. Die Völker kennen seinen Namen, die Nationen fürchten
ihn.«

Dann fing Tschetschwajo von neuem an. »Bist du ein Induna?« fragte er.

»O nein,« rief der Missionar, »ich bin kein Induna. Ich bin der letzte
der Diener eines unsichtbaren Herrn.«

Tschetschwajo schüttelte den Kopf. »Ich bin ein König,« sagte er, »aber
du bist Panda, Tschetschwajos Vater.«

»Ich bin ein Lehrer,« versetzte der Missionar, »ich bin ausgesandt von
meinem himmlischen Gebieter, sein Wort zu verkündigen.«

»Du bist kein Engländer und kein Buer, woher bist du?« fragte der König.

»Ich bin ein Deutscher,« antwortete der Missionar. »Deutschland ist ein
Land, welches weithin nach Mitternacht neben England liegt.«

»Ist in dem Lande auch ein König?«

»Ja wohl, ein sehr mächtiger König. Er heißt Wilhelm.«

»Was hat er dir gesagt, als du von seinem Angesicht gingst? Hat er dir
aufgetragen, Tschetschwajo zu besuchen?«

»Ich habe ihn nie gesprochen.«

Der König geriet in das höchste Erstaunen. »Wie?« fragte er, »du kennst
deinen König nicht? Du hast ihn nie gesprochen? Hast du mir denn nicht
gesagt, dein himmlischer Gebieter habe dich ausgesandt?«

»Der himmlische Gebieter, von dem ich sprach, ist nicht der König
Wilhelm, sondern Gott selbst, der über alle Könige, auch über
Tschetschwajo, gebietet.«

Der König stieß einen Ruf der Verwunderung aus, doch fragte er nicht
mehr nach dem himmlischen Gebieter, sondern nahm mehr Anteil an dem
sichtbaren König in Deutschland.

»Sicherlich hast du deinen König gesehen,« sagte er.

»Auch gesehen habe ich ihn nicht. Ich bin seit vielen Jahren in diesem
Lande. Nur Bilder kenne ich von ihm.«

»Wie sieht er aus? Ist er so groß wie ich? Ist er schon alt?«

»Er sieht aus wie ein König, das heißt, wie ein Gebieter über das Volk.
Er ist fast so groß wie du, aber nicht so dick. Er trägt einen weißen
Bart und weißes Haar und ist noch einmal so alt wie du, denn er zählt
achtzig Jahre.«

»Und du hättest ihn nie gesprochen? Wer gab dir die Erlaubnis, das Land
zu verlassen?«

»Tschetschwajo ist ein großer König,« sagte der Missionar, »und er hat
viele Unterthanen, viele Krieger. Aber der König Wilhelm hat so viele
Unterthanen, daß er nicht mit jedem sprechen kann und nicht jedem, der
das Land verläßt, Erlaubnis geben kann. Seine Häuptlinge sorgen für
solche Dinge.«

»Hat der König Wilhelm viele Ochsen?«

Der Missionar lächelte. »Er hat viele Ochsen,« entgegnete er. »Genau
kann ich dir nicht sagen, wie viele es sind, aber ich kann dir
mitteilen, daß in seiner Hauptstadt allein jeden Tag wohl mehr als
tausend geschlachtet werden.«

Der König erschrak, und ein Ausdruck der Verwirrung zeigte sich auf
seinem Gesicht. Dieses Beispiel der Größe der königlichen Macht traf ihn
tief. Hastig sagte er: »Tschetschwajo liebt den Frieden, er wünscht
nicht, mit dem König Wilhelm Krieg zu führen. Sage ihm, wenn du
heimkehrst, Tschetschwajo sei sein Freund.«

Der Missionar erhob sich und ging an seine Bücherkiste. Es war ihm
eingefallen, daß er ein Buch besaß, welches eine Abbildung des Deutschen
Kaisers und viele andere Bilder enthielt, die den Zulukönig
interessieren mußten. Es war die Beschreibung des deutsch-französischen
Krieges von Hiltl, welche aus Leipzig ihren Weg nach Afrika gefunden und
ihm in der Ferne die Kunde von den großen Ereignissen in der Heimat
gebracht hatte. Dies Buch übergab er dem Könige und zeigte ihm die
Bilder. Tschetschwajo geriet in das höchste Entzücken. Zwar war dies
Entzücken zu Anfang mit Grauen gemischt. Beim ersten Anblick der Bilder
und der schwarzen unzähligen Buchstaben verfärbten sich seine Lippen,
und er packte den Arm des Missionars mit einem schreckensvollen Griff,
der sich tief in das Fleisch eindrückte. Der Gebieter über Leben und Tod
vieler Tausende fürchtete sich vor dem Buche.

»Hast du dem Dinge Medizin gegeben?« fragte er mit abergläubischem
Schauder.

»O nein,« sagte der Missionar, ihn beruhigend. »Es ist ganz ohne
Medizin. Alles ist mit Händen gemacht, das glatte Papier, die kleinen
schwarzen Zeichen und die Bilder.«

Nun verlor sich die Furcht des Königs, er blieb wohl eine Stunde lang
bei dem Missionar, ließ sich vieles erzählen und ging sehr befriedigt
von dannen, indem er sich das Buch nachtragen ließ. Bald darauf kam eine
Einladung zu einem Hoffeste, welches an demselben Abend stattfinden
sollte.

Das Fest begann bei Sonnenuntergang und ward beim Scheine von tausend
Fackeln gefeiert. Vor den ausgedehnten, doch niedrigen Palasträumen des
Königs, vier Gebäuden aus Fachwerk, an welche sich eine große Veranda
anschloß, war ein ebener großer Platz, ganz mit kurzem, weichem Grase
bewachsen. Diesen Platz säumten einige tausend Krieger ein, welche die
Fackeln in Händen hielten. Auf der einen Seite waren Herdfeuer, wo
Ochsen gebraten und gekocht und Kuchen gebacken wurden. In der Mitte
aber befand sich der König mit den königlichen Prinzen und Prinzessinnen
und mit seinem ganzen Hofstaate, wohl hundert bewaffneten Männern, und
hier nahmen auch die Weißen auf Rasensitzen Platz, die mit Tigerfellen
überkleidet waren. Der Hauptteil des Festes bestand in einem Tanze. Der
Harem des Königs war zur Stelle, mehrere hundert Frauen. Von diesen
waren sechzig der schönsten ausgesucht und in lange, weiße, faltige
Gewänder gekleidet. Diese schritten vorwärts und rückwärts, seitwärts
und in verschlungenen Figuren durcheinander. Sie umhüllten sich bald mit
den Gewändern und bewegten dieselben in verschiedenen Faltungen, bald
ließen sie ihre schwarzen, von Fett glänzenden Glieder sehen, daß sie
sich wie polierter schwarzer Marmor im Scheine der Fackeln von der
Gewandung abhoben. Sie tanzten nach dem Takte eines Gesanges, den sie
selbst und die übrigen, am Boden sitzenden Frauen erschallen ließen.
Auch in diesem Gesange gleichwie in dem Kriegsgesang am vergangenen Tage
war nicht nur Takt, sondern auch eine Art von Harmonie, nur ward er
ebenfalls durch schrille Töne in einer für das Gehör der Weißen
unangenehmen Art unterbrochen.

Tschetschwajo selbst leitete das Fest, indem er durch ein Nicken oder
durch eine Handbewegung der ganzen Versammlung ihre Bewegungen
vorschrieb. Jede seiner Anordnungen ward von Rufen der Bewunderung und
der Schmeichelei begleitet, und wenn er sich setzte oder aufstand, aß
oder trank, hallten Himmel und Erde von den donnernden Rufen Tausender
wieder. Dazu umschwärmte ihn beständig ein Haufen von Männern, welche
eine Art von Hofnarren zu sein schienen oder doch in der Mitte zwischen
ernsthaften Hofleuten und Narren standen. Sie waren sehr phantastisch
gekleidet, mit bunten Mänteln, hohen bunten Federbüschen und klirrendem
Putz. In den Händen trugen sie Stäbe von Elfenbein mit geschnitztem
Knauf. Sie gingen vor und hinter dem König, sprangen auf und nieder und
umtanzten ihn. Zuweilen warfen sie sich wie in Anbetung vor ihm nieder
und riefen mit großer Schnelligkeit der Zunge eine Flut von
Schmeicheleien, dann schwangen sie ihre Stäbe und verkündigten laut die
Siegesthaten des Despoten.

Als der Tanz der Frauen zu Ende war, setzte Tschetschwajo sich auf
seinen riesigen, mit Löwenfell überzogenen Schild, den er heute trug,
winkte den Missionar zu sich heran und fragte ihn, ob das nicht ein
schöner Anblick gewesen sei und ob am Hofe des Königs Wilhelm ebenso
schöne Schauspiele wären.

Der Missionar war einen Augenblick in Verlegenheit, was er antworten
sollte. Es war nicht seine Absicht, den Stolz des von allen Seiten
umschmeichelten Despoten zu kitzeln und seiner Eitelkeit Genüge zu thun.
Gleichwohl sah er, daß des Königs kriegerische Brust sich hob beim
Anblick so vieler Waffenträger und Weiber, die ihm gehorchten, und er
wünschte nicht einen so gefährlichen Mann zu erzürnen. Endlich hielt er
es nicht für klug, einzugestehen, daß auch in Europa zu Ehren der Großen
Bälle, Maskeraden und Balletts gegeben würden.

»Wenn ich die stolzen Schauspiele der mächtigen Könige auf Erden sehe,«
antwortete er, »so wendet sich mein Blick von ihnen hinauf zu den hellen
Sternen, die am Himmel glänzen. Denn so viel heller und klarer die
Sterne sind als rot brennende Fackeln, so viel größer ist die Macht des
Unsichtbaren über den Sternen als die Macht der sichtbaren Könige.«

»Mein Vater liebt es, von dem Unsichtbaren zu reden,« sagte der König
mit etwas unzufriedenem Tone. »Aber er kann von dem Unsichtbaren nichts
wissen.«

»O doch, ich weiß von ihm. Ich kenne seinen Willen, auch ohne ihn
gesehen zu haben.«

»Und was ist sein Wille?«

»Er will, daß alle Menschen einander lieben, weil sie alle Brüder sind.
Er will nicht, daß die Könige sich mit Feuer und Schwert überfallen, die
Länder verheeren und vieles Blut vergießen. Er lehrt: Du sollst Gott
über alle Dinge lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Dies nennt
man die christliche Lehre, und es sind Lehrer in deinem Lande, welche
dies verkündigen.«

»Es ist so,« sagte der König, »mein Vater redet die Wahrheit. Aber mein
Vater ist begleitet von einem jungen Häuptling der Engländer. Er kennt
die Engländer. Sind die Engländer nicht auch Christen?«

»Allerdings.«

»Aber die Engländer führen Krieg. Sie haben die Buern bekriegt und haben
die schwarzen Männer in den Nachbarstaaten unterworfen. Wenn sie ihren
Nächsten liebten wie sich selbst, so dürften sie ihn nicht mit dem
Feuergewehr tot schießen.«

Der Missionar antwortete auf diesen Einwurf nicht sogleich, sondern
überlegte eine passende Erklärung.

»Du erzähltest mir von deinem König in Deutschland und gabst mir ein
Buch, worin sein Bild und das Bild seiner Krieger ist. Aber ich sehe,
daß sie Helme und Waffen tragen und abgebildet sind, wie sie in den
Rauch der Feuergewehre und brennender Dörfer gehüllt sind. Wenn sie
Christen sind, wie kommt es, daß sie Krieg führen?«

Der Missionar sah betroffen vor sich nieder.

»Mein König zog in den Krieg, weil er sich gegen seine Feinde
verteidigen mußte,« entgegnete er. »Er hat nicht angegriffen, sondern er
liebt den Frieden.«

Tschetschwajo lächelte triumphierend. »Und so macht es auch
Tschetschwajo,« entgegnete er. »Auch Tschetschwajo liebt den Frieden,
aber er hat seine Feinde. Er muß in den Kampf ziehen, um sein Land zu
verteidigen.«

Er faßte nach diesen Worten vertraulich den Arm des Missionars und zog
ihn zur Seite. Beide wandelten von dem Festplatze seitwärts, und niemand
wagte, ihnen zu folgen.

»Mein Vater ist sehr klug,« sagte der König, »und er ist auch sehr gut.
Du sagst die Wahrheit und schmeichelst nicht, darum vertraue ich dir.
Wenn dir der Friede am Herzen liegt und du nicht willst, daß wieder Blut
vergossen wird, so wirst du Tschetschwajos Wünsche gern erfüllen. Ich
liebe den Frieden. Nie lebte ein König, der friedliebender gewesen wäre
als Tschetschwajo, Pandas Sohn. Sage mir, sind die Engländer alle
herübergekommen in das Kapland und Natal, oder sind ihrer noch in ihrem
eigenen Lande zurückgeblieben?«

Der Missionar verstand die Frage nicht sogleich, und seine Miene verriet
dies.

»Meine Boten sagen mir, daß viele Krieger in roten Röcken über das Meer
gekommen sind,« fuhr der König fort. »Ich möchte wissen, ob alle Krieger
der mächtigen Königin von England gekommen sind oder ob noch ein Heer zu
Hause geblieben ist.«

Jetzt verstand der Missionar. Tschetschwajo wollte erforschen, ob die
englischen Truppen noch Verstärkungen erhalten könnten, und hielt es in
seiner Unwissenheit für möglich, daß bereits alle Engländer in Afrika
wären. Hiernach wollte er offenbar seine Politik einrichten.

»O König,« sagte der Missionar, »die Macht der Engländer ist sehr groß.
Sie beherrschen nicht allein ihre eigene Insel, auf der ihre Heimat ist,
sondern sie haben überall auf der Erde viele Königreiche erobert, und
für jeden Unterthan, den du hast, haben sie tausend. Ihre Heere sind
sehr groß und sie haben noch nicht den zwanzigsten Teil ihrer Krieger
nach Afrika herübergeschifft. Das Kapland und Natal sind nur ein
Fußbreit ihrer Besitzungen.«

»Ha!« rief der König. Sein Gesicht war sehr finster, und Blitze schossen
aus seinen Augen. Er ging schweigsam neben dem Missionar.

»Redest du die Wahrheit?« fragte er plötzlich mit drohender Miene.

»Ich rede die volle Wahrheit,« sagte der alte Mann.

»Du hast noch nicht alle Krieger Tschetschwajos gesehen,« fuhr der König
fort. »Sie sind im Lande zerstreut, und du sahest noch nicht den vierten
Teil. Die Engländer sind viel schwächer an Zahl. Es sind ihrer nicht
mehr als drei meiner Regimenter. Darum halten sie auch Freundschaft mit
den Häuptlingen an den Grenzen meines Landes, denn allein können sie den
Kampf mit mir nicht aufnehmen. Habe ich nicht recht?«

»Was die Zahl betrifft, hast du recht,« sagte der Missionar. »Aber
bedenke, daß die Engländer Feuergewehre haben, deine Krieger aber nur
Schild und Speer. Dazu bedenke, daß die Engländer niemals eine
Niederlage erleiden, ohne neue Krieger nachkommen zu lassen. Sie dürfen
ihren vielen unterworfenen Königreichen nicht zeigen, daß sie geschlagen
werden können, deshalb lassen sie immer neue Krieger kommen, bis sie
siegen. Wenn du es deshalb möglich machen kannst, o König, mit den
Engländern in Frieden zu bleiben, so rate ich dir, es zu thun.«

Dies war eine kühne Rede gegenüber einem Mann, der sich einbildete, der
mächtigste Monarch und immer siegreich zu sein, gegenüber einem
Herrscher, der die Sorgfalt seines ganzen Lebens auf die Ausbildung
eines musterhaften Heeres verwandt hatte. Aber Tschetschwajo erzürnte
sich nicht, im Gegenteil schwebte ein Lächeln um seinen Mund, als der
Missionar davon sprach, daß die Zulus nur mit Schild und Speer bewaffnet
wären.

»Du sprichst die Wahrheit,« begann er von neuem. »Tschetschwajo denkt
ebenso wie du. Er wünscht mit den Engländern Frieden zu halten. Mein
Vater möge dem Könige dazu helfen. Er möge dem jungen englischen Induna
kluge Worte ins Ohr träufeln, damit dieser seinen Landsleuten des Königs
gute Absicht mitteilt. Ich werde ihn wie einen Induna ehren und ihn nach
seiner Heimat entlassen. Mein Vater möge ihm dies sagen und möge ihm
noch folgende Worte Tschetschwajos mitteilen: Wenn die Engländer Land
und Vieh erobern wollen, so sollen sie Krieg gegen die Buern führen. Die
Buern haben mehr Vieh als Tschetschwajo. Ich will ihnen dabei zu Hilfe
kommen. Wenn die englischen Truppen von Mittag her in das Land der Buern
einrücken, wird Tschetschwajo mit dreißig Regimentern, jedes tausend
Mann stark, vom Aufgang der Sonne her angreifen. Dann wollen beide das
Land der Buern teilen. Die Engländer mögen alles nehmen, was jenseits
der Drakensberge liegt, Tschetschwajo verlangt nur sehr wenig: er will
das Land diesseits der Drakensberge nehmen.«

»Ich werde den Wunsch des Königs erfüllen,« sagte der Missionar. »Aber
wird mir der König gestatten, meine Ansicht über dieses Unternehmen
auszusprechen?«

»Tschetschwajo hört.«

»Du meinst, daß die Engländer Land und Vieh erobern wollen, aber ich
denke, ihre Absicht ist eine andere. Die Engländer haben bereits das
ganze Land der Buern für das ihrige erklärt. Du kannst ihnen nicht
anbieten, was sie schon besitzen. Die Engländer haben eine andere Art,
ihre Herrschaft auszudehnen, als du glaubst. Sie wollen den Buern nicht
ihr Land und Vieh wegnehmen, sondern sie wollen nur, daß die Buern die
Oberherrschaft der Königin anerkennen. Sie wollen, daß das Land, in
welchem die Königin als Oberherrin gilt, glücklich und zufrieden ist.
Sie wollen nicht, daß die schwarzen Menschen von den Buern unterdrückt
werden, aber sie wollen auch nicht, daß der König Tschetschwajo Einfälle
in das Buernland macht, um Dörfer zu verbrennen und Vieh fortzutreiben.
Sie wollen den Oranjefreistaat und das Transvaalland beherrschen, aber
auch zu einem reichen Gebiet machen und zu einem Gebiete, wo das
Christentum gepredigt wird. Deshalb glaube ich nicht, daß der Gouverneur
der Königin deinen Vorschlag annehmen wird.«

Tschetschwajo hatte aufmerksam zugehört. Dann schüttelte er den Kopf und
sagte: »Du irrst. Mein Vater ist sehr weise, aber er kennt die Engländer
nicht genau. Haben sie nicht schon einmal, als Tschetschwajo noch jünger
war, mit seiner Hilfe gegen die Buern Krieg geführt? Die Engländer
wollen alles Land in Afrika für sich nehmen, und sie wollen die
schwarzen Männer zu ihren Knechten machen. Sie wollen ihnen ihre Waffen
nehmen und sie weibisch machen. Die Engländer sind Handelsleute. Sie
halten ihre Krieger, um ihre Handelsleute zu unterstützen. Denn solange
Frieden zwischen ihnen und Tschetschwajo ist, kommen die weißen Männer
mit Wagen und Ochsen über die Grenze und verkaufen den Zulus ein Gift,
welches sie Rum nennen. Wenn die Krieger Tschetschwajos den Rum im Leibe
haben, geht ihre Seele hinaus. Auch die Buern wissen wohl, daß die
Engländer etwas anderes im Sinne haben, als das Christentum zu lehren
und das Land glücklich zu machen. Denn sie sind erzürnt gegen die
Engländer, weil diese ihr Land für das ihrige erklärt haben.
Tschetschwajo kann nicht in Frieden leben mit den weißen Männern.
Entweder muß er sie töten, oder sie töten ihn. Haben nicht die weißen
Männer alles Land, welches sie besitzen, den Schwarzen weggenommen? Denn
ehe die weißen Männer kamen, so erzählen unsere weisen Leute, gehörte
alles den schwarzen Männern, alles Land bis an das Meer hin.«

Der König war stehen geblieben und blickte nachdenklich vor sich nieder.

»Nicht alle weißen Männer sind schlecht,« sagte er dann. »Du bist gut,
du liebst mich. Rede mit dem englischen Induna, wie ich dir gesagt habe,
und ich werde dir viele Ochsen und Weiber geben, wenn mein Wunsch in
Erfüllung geht. Du liebst mich, und ich werde dich sehr reich und groß
machen. Hat der König mit den Engländern vereinigt erst die Buern
besiegt, so wird er mit den Buern vereinigt die Engländer besiegen, und
dann soll das Vieh, welches meinem Vater gehören wird, nicht mehr zu
zählen sein.«

Nach diesen Worten gab er dem Missionar durch eine höfliche Verbeugung
zu verstehen, daß er das Gespräch für beendigt halte, und kehrte in den
Kreis des Hofstaats zurück, wo das Festmahl auf Matten bereit gestellt
wurde.

Der Missionar blickte ihm sinnend nach, wie seine mächtige Gestalt,
ehrfurchtsvoll begrüßt, in die Menge der Krieger und Weiber eintrat. Ein
phantastisches, zauberhaftes Bild bot sich dem Auge des alten Mannes und
fesselte ihn, obwohl er an wunderbare Anblicke in Afrika gewöhnt war.
Der Mond war aufgegangen und die Sterne funkelten. Der Himmel strahlte
mit einer Klarheit auf die Erde nieder, welche in Europa unbekannt ist.
In diesem silbernen Schein, der auf den großen Platz mit Tausenden von
Menschen fiel, und das Feuer der Fackeln überstrahlte, sahen die
Gestalten der bewaffneten Schwarzen und die vielen Frauen und Mädchen
wunderbar aus. Die schwarzen, glänzenden Glieder mit dem blinkenden
Schmuck der Waffen und der goldenen und elfenbeinernen Ringe und im
Gegensatz zu den roten, weißen und blauen Schilden, den Straußenfedern
und den Perlenketten, boten ein Gemälde, das so reich an Farben war und
die natürliche Kraft und Geschmeidigkeit der menschlichen Gestalt so
lebhaft darstellte, wie der Missionar Ähnliches nie gesehen hatte.

Er ging der mittelsten Gruppe näher, wo seine jungen Freunde, der Lord
und Pieter Maritz, in Gesellschaft Molihabantschis und einiger anderer
Hofmänner auf einer Rasenbank saßen. Gern hätte er dem jungen Offizier
die Nachricht, daß der König ihn entlassen wolle, sogleich mitgeteilt,
aber er hatte schon genug von dem überlegten und ceremoniösen Wesen des
Hofes kennen gelernt, um zu wissen, daß er klüger thäte, seine wichtige
Aufgabe nicht hier vor aller Ohren anzugreifen. Er wußte nicht, wie weit
die englische Sprache verstanden würde, und der Anblick so vieler, nicht
allein schön geformter, sondern auch intelligenter Gesichter unter dem
Hofstaat machte ihn vorsichtig. Er verschob seine Mitteilung auf die
Zeit, wo er mit dem Lord allein sein würde, und mischte sich unter die
Männer, welche ihn die vornehmsten zu sein deuchten. Er hätte gern noch
mehr Aufschlüsse über den Charakter des Königs erhalten, um deutlicher
in den Verhältnissen zu sehen. Hatte doch Tschetschwajo noch vor kurzer
Zeit Gesandte in das Buernland geschickt, um ein Bündnis mit den Buern
gegen England anzubahnen. Nun wollte er mit den Engländern gegen die
Buern ziehen?

So fing er denn ein Gespräch mit Humbati und einigen Männern an, welche
mit diesem zusammen waren. Er gewahrte aber bald, daß er nicht weit kam.
Sie antworteten ihm bereitwillig auf seine Fragen, aber in einer so
vorsichtigen Weise, so diplomatisch, daß er bald sah, er habe mit Leuten
von scharfem Verstande zu thun. Sie redeten in einem flüsternden Tone,
als scheuten sie sich, in der Nähe des Monarchen die Luft zu
erschüttern, und alle ihre Worte waren Ehrfurchtsbezeugungen für
Tschetschwajo.

»Er ist der König der Könige,« sagten sie, indem sie sich verneigten.
»Wer sollte nicht den Sohn Pandas fürchten, der mächtig ist in der
Schlacht? Wo sind die Mächtigen vor dem Angesicht unseres großen Königs?
Wo ist die Stärke des Waldes vor dem starken Elefanten? Sein Rüssel
zerbricht die Äste der Bäume. Der Klang der Schilde kündigt den Sieg von
Pandas Sohn.«

Der Missionar machte hier dieselbe Erfahrung, welche er bei den ihm
zugeteilten Hofbeamten gemacht hatte: der Despotismus Tschetschwajos,
obwohl gewiß von vielen seiner Großen hart empfunden, lag so schwer auf
dem ganzen Volke, daß niemand auch nur zu murmeln wagte. Der Missionar
begriff, daß die ihm zur Bedienung zugewiesenen Leute mehr seine Wächter
und Aufpasser waren und daß sie über seinen Verkehr mit Fremden zu
wachen und namentlich zu verhindern hatten, daß eine unerwünschte
Mitteilung über den König zu ihm dränge.

»Es ist merkwürdig, welch ein Gemisch von Unwissenheit und Schlauheit in
diesen Zulus steckt,« sagte der Missionar zu dem Lord, als er am Abend
nach dem Feste mit diesem allein war. »Tschetschwajo ist vollständig
unbekannt mit den Machtverhältnissen und Zuständen europäischer Mächte
und möchte seine barbarische Politik auf sein Verhältnis zu unsern
Landsleuten anwenden. Denken Sie, Mylord, er will Sie mit einem
Bündnisvorschlage an den Gouverneur des Kaplandes senden.«

Der Lord errötete vor Freude. »Wahrhaftig?« rief er. »O, das ist
herrlich! Ich werde mein Regiment wiedersehen!«

»Ja, aber unter der von mir soeben erwähnten Bedingung,« sagte der
Missionar und erzählte dem jungen Offizier die Unterredung, welche er
mit dem schwarzen Fürsten gehabt hatte. »Ich habe Tschetschwajo gleich
gesagt, daß seine Botschaft schwerlich Erfolg haben würde, denn in der
That kann ich nicht an deren Erfolg glauben, aber ich will doch mein
Versprechen halten, und ich stelle es Eurer Lordschaft anheim, ob Sie
die Sendung auf sich nehmen wollen.«

»O gewiß!« rief der Lord lachend, »ich übernehme jede Botschaft, um nur
die Freiheit wiederzuerlangen. Es ist ja auf die Entschließungen der
Regierung der Königin ganz ohne Einfluß, was ich vorschlage. Ich bin ein
unbedeutender Leutnant. Übrigens ist Tschetschwajos Vorschlag nicht so
ganz dumm. Jetzt freilich wird er zu spät kommen, er paßt nicht mehr in
die politischen Verhältnisse, aber sonst -- unter uns gesagt -- ist der
Vorschlag nicht dumm. Vor einigen Jahren noch war das Bündnis mit den
Zulus sehr angenehm und nützlich für uns, denn die Buern sind unsere
gefährlichsten Feinde in Afrika, und wir wären ihrer vor einigen Jahren
nicht Herr geworden, wenn uns die Zulus nicht beigestanden hätten. Auch
muß ich gestehen, daß der Anblick der Krieger Tschetschwajos mir Respekt
eingeflößt hat. Wären diese Truppen mit Gewehren bewaffnet, so möchten
sie leicht sowohl uns als die Buern unterkriegen. Wie die Kerls gut
einexerziert sind, wie sie in Ordnung stehen, wie sie schwenken, und wie
kräftig sie sind! Mit ihren Schilden und Speeren freilich können sie
gegen europäische Truppen nichts ausrichten.«

»Sie sind also bereit, Mylord, dem Gouverneur den Vorschlag
Tschetschwajos vorzutragen?«

»Gewiß, ich werde es thun. Welch ein himmlischer Gedanke, wieder nach
Hause zu kommen! Und werde ich Pieter Maritz mitnehmen dürfen? Ich thäte
dem armen Burschen so gern einen Gefallen, denn er hat sich gegen mich
vortrefflich benommen, und ich werde ihm zeitlebens dankbar sein.«

»Das wird nicht gehen,« antwortete der Missionar. »Der König hat davon
nichts gesagt, und er hat einen Groll gegen die Buern, weil diese seine
Gesandten haben erschießen wollen. Er spielt ein doppeltes Spiel, denn
wie Sie wissen, hat er Humbati und Molihabantschi zu den Buern gesandt,
um mit ihnen ein Bündnis gegen die Engländer abzuschließen. Mir ist es
nicht angenehm, in diese politischen Verhandlungen verwickelt zu sein,
denn ein Missionar sollte sich niemals um Politik, sondern nur um die
Erfüllung seines Lehramtes bekümmern. Ich hoffe zu Gott, daß sich aus
dem allen kein Krieg entwickelt, und vielleicht gewinne ich, so Gott
will, Macht über sein Gemüt und bringe ihn dahin, daß er aufhört,
Blutvergießen für Heldenthat und für den Zweck seines Lebens zu halten.«

»Mein hochverehrter Herr und Freund,« sagte der Lord, »ich habe mit
Bewunderung die Macht Ihrer Überredung bei Titus Afrikaner gesehen, aber
ich muß Ihnen doch gestehen, daß ich nicht glauben kann, Sie würden
jemals dahin gelangen, Tschetschwajo zu bekehren. Dieser König behauptet
seine Herrschaft nur durch blutige Gewalt. Er hat alle die kleinen
Könige, welche ehemals in seinem jetzigen Reiche herrschten, im Kriege
unterworfen, und er hält sie nur durch Furcht im Zaum. Wollte er
aufhören, sie zu bedrücken und jede Unzufriedenheit durch Hinrichtungen
zu ersticken, so würden sie sich empören. Denn sie würden einen
friedliebenden Herrscher verachten. Ich habe über diese Verhältnisse in
England Leute reden hören, die mit der afrikanischen Politik genau
vertraut sind. Und ich will Ihnen noch etwas sagen, indem ich für Ihr
Wohl besorgt bin: Bleiben Sie nicht zu lange hier, sondern wenden Sie
Ihren Einfluß beim Könige zu dem Zwecke auf, daß er Sie entläßt. Sie
sind hier nicht sicher. Die Regierung des Kaplandes ist entschlossen,
mit den Zulus aufzuräumen. Nachdem wir das Transvaalland für britischen
Besitz erklärt haben, fühlen wir uns verpflichtet, für dessen Sicherheit
zu sorgen. Es darf den Überfällen der wilden Zulus nicht länger
ausgesetzt bleiben. Die Buern sind nicht fähig, sich selbst zu
beschützen. Die Regierung Ihrer Majestät ist entschlossen, Tschetschwajo
zu vernichten. Schon sind zahlreiche Truppen gelandet, es werden noch
mehr nachfolgen, und Ende dieses Jahres oder spätestens zu Anfang des
nächsten, werden unsere Truppen von mehreren Seiten aus in dies Land
einmarschieren und mit der Zulumacht ein Ende machen. Dann aber sind die
Weißen gefährdet, welche hier leben. Der erbitterte König oder auch
seine Krieger werden sich für den Angriff an den Weißen rächen wollen,
welche in ihren Händen sind. Suchen Sie also bald von hier fortzukommen,
mein hochverehrter Freund!«

»Ich danke Ihnen für diese Mitteilung, Mylord,« sagte der Missionar.
»Aber ich rate Ihnen doch, bei Ihrer Rückkehr dem Gouverneur Aufschluß
über manches zu geben, was er nicht zu wissen scheint. Mich dünkt, die
Engländer unterschätzen die Macht Tschetschwajos und auch die Stärke der
Buern. Ich bin der Überzeugung, daß starke Truppenmassen nötig sind, um
die Zulus zu besiegen. Was aber die Buern betrifft, so kennen die
Engländer deren Macht gar nicht. Die Buern sind sehr wohl imstande, sich
der Zulus zu erwehren, und ich halte es nicht für recht, daß England das
Transvaalland annektiert hat.«

»Wenn ich nach der Tüchtigkeit dieses Buernknaben, des Pieter Maritz,
urteilen soll, so sind die Buern allerdings als Krieger sehr hoch zu
achten,« sagte der Lord. »Dieser Junge reitet und schießt wie ein junger
Gott und hat ein Herz von Gold. Aber die Buern werden wohl nicht alle so
sein. England hat eine große Mission in der Welt, und Transvaal sollte
sich glücklich schätzen, unter der Königin Schutze zu stehen.«

»Ich wünschte doch sehr, Mylord, Sie wendeten Ihren Einfluß für den
Frieden nach jeder Richtung hin auf,« erwiderte der Missionar. »Greifen
Sie die Zulus nicht an! Überlassen Sie es dem Christentum, diese wilde
Macht zu brechen!«

»Meiner Treu, was ich dazu thun kann, soll geschehen!« sagte der Lord.
»Aber wer bin ich? Der Gouverneur wird sich um meinen Rat nicht
bekümmern. Ich bin Soldat und habe nur zu gehorchen. Glauben Sie mir:
Tschetschwajo ist verloren.«

[Illustration]



[Illustration]



Dreizehntes Kapitel

Königliche Manöver und Jagden


König Tschetschwajo führte seine Absicht aus, den englischen Offizier
wie einen Häuptling zu ehren, und er verfolgte dabei hauptsächlich den
Plan, diesem seine Macht anschaulich zu machen. Er hatte schon zum
Empfange seiner Gäste mehr Truppen in der Hauptstadt zusammengezogen,
als für gewöhnlich dort zu sein pflegten, indem er die Regimenter aus
den zunächst liegenden Garnisonen hatte heranmarschieren lassen. Das
bemerkten die Weißen an der Überfüllung mit Kriegern, deren unmöglich so
viele für gewöhnlich in Ulundi versammelt sein konnten. Überall lagen
die schwarzen Speerträger in den Hofräumen umher und durchstreiften
haufenweise die Gassen. Nunmehr aber brach der König von Ulundi auf, um
seine Residenz weiter nach Norden zu verlegen, und er lud seine Gäste
ein, ihn zu begleiten, da er ein Manöver zu ihren Ehren abhalten
wollte.

Begleitet von den Kriegern seines Hofstaates, machte sich der König am
zweiten Tage nach dem Hoffeste auf, als seine Armee schon unterwegs war.
Die Weißen sattelten ihre Pferde und schlossen sich dem königlichen Zuge
an, sie allein beritten, während der König selbst gleich dem ganzen
Heere zu Fuße ging. Denn Pferde gab es sehr wenige im Zululande, und die
Armee bestand nur aus einer einzigen Waffengattung, der Infanterie. Nur
die obersten Indunas, welche über mehrere tausend Mann kommandierten,
waren beritten.

Die schwere Figur des Königs erlaubte ihm nicht, so weit und schnell zu
marschieren, wie seine Truppen zu marschieren pflegten, gleichwohl wurde
an diesem Tage gar manche Meile zurückgelegt. Gegen Abend kamen sie auf
einer weiten Ebene an, wo ihnen viele Feuer schon von weitem
verkündigten, hier sei der Sammelplatz der Armee. Dichte lange Reihen
von Kriegern waren aufgestellt, um den König zu empfangen, und eine
Anzahl bienenkorbförmiger Hütten war in aller Eile errichtet worden, um
ihn und sein Gefolge aufzunehmen. Auf zwanzig Eseln und auf den Köpfen
von hundert Trägern wurden Speise und Trank herbeigeschleppt.

Am folgenden Morgen bot sich den Weißen das Schauspiel einer Armee von
wohl zwanzigtausend Mann, welche regimenterweise aufmarschiert war, um
das Manöver auszuführen. Einige der Regimenter zählten nur vierhundert
oder fünfhundert Mann, andere waren bis zu zweitausend Mann stark. In
jedem Regiment waren die Krieger gleichen Alters, die jüngsten
Regimenter bestanden aus Leuten von fünfzehn und sechzehn Jahren, die
jedoch schon schlank und groß, obwohl nicht stark waren. Mit
ohrenbetäubendem Gesang empfingen sie den Monarchen, als er mit seinem
Hofstaat herankam, um sie zu besichtigen. Er zog unter diesem Gesange an
ihren langen Reihen vorbei und stellte sich dann auf einem Hügel auf,
von wo er den Bewegungen der Truppen zusehen wollte. Hierbei ließ er den
Lord neben sich stehen und bediente sich der Vermittelung des
Missionars, um sich mit ihm zu unterhalten. Er erklärte dem jungen
Engländer, während die schwarzen Regimenter sich ordneten, daß in seinem
Volke jeder kräftige Mann dienen müsse. Schon als Knaben würden die
männlichen Einwohner unter Offizieren vereinigt, um es zu lernen, zu
marschieren, zu laufen, den schweren Schild zu tragen und den Speer zu
führen. Dann würden sie je nach dem Alter zu Regimentern vereinigt.
Niemand dürfe heiraten ohne königliche Erlaubnis, und diese Erlaubnis
werde auch nicht den einzelnen Leuten, sondern gleich ganzen Regimentern
verliehen. Sie sei die Belohnung für ausgezeichnete Kriegsdienste, denn
nur solche Regimenter, welche bereits im Felde und in der Schlacht ihre
Tüchtigkeit bewährt hätten, erhielten Frauen zugewiesen. Aus diesen
erprobten Regimentern würden die Offiziere genommen welche die jungen
Regimenter befehligten, und deshalb sei die Bezeichnung »verheirateter
Mann« ein Ehrentitel in der Armee. Die Offiziere führten diese
Bezeichnung als Titel.

Das Manöver bestand aus regelrechten Bewegungen der Truppen. Sie waren
in zwei große Schlachthaufen formiert, deren jeder von einem Bruder des
Königs befehligt wurde. Der eine hieß Dabulamanzi, der andere Sirajo.
Diese beiden ritten auf Pferden und saßen nackend auf Tigerfellen, die
anstatt der Sättel dienten, ohne Steigbügel. Die Regimenter wurden in
dichte Kolonnen formiert, dann wieder zu langen Linien auseinander
gezogen, machten Schwenkungen und bildeten verschiedenartige
Schlachthaufen, welche auf ein bestimmtes Zeichen gegen einen und
denselben Angriffspunkt losstürmten. Der Lord war erstaunt über die
Genauigkeit, mit welcher alle diese Bewegungen ausgeführt wurden, vor
allem aber über die Schnelligkeit, mit welcher die Truppen sich
bewegten. Sie machten die meisten Evolutionen im Laufschritt, und dieser
Laufschritt war viel stärker, als ihn der Engländer je gesehen hatte.
Ermüdung schienen diese Truppen nicht zu kennen.

Des Königs Antlitz leuchtete vor Stolz, als der Lord ihm seine
Bewunderung über die Manöver durch den Missionar aussprechen ließ. Er
befahl einigen der Krieger näherzukommen und zeigte dem Engländer ihre
Bewaffnung. Der große Schild, den alle trugen, war fünf Fuß hoch, aus
dem stärksten Ochsenfell gemacht und wog so schwer, daß der Lord einsah,
er selber würde nicht imstande sein, ihn zehn Minuten lang zu tragen und
dabei zu laufen. Die Speere waren von zähem Holz mit breiten langen
Stahlspitzen. Die Assagaien hatten sehr leichte Rohrschäfte und
lanzettenförmige Spitzen, oft auch noch Widerhaken hinter der Spitze.
Der König erklärte, daß beim Angriff zuerst die Assagaien geschleudert
würden, dann aber der starke Speer gebraucht würde, welcher für das
Handgemenge bestimmt sei, und daß hierin die Überlegenheit seiner
Krieger über alle andern schwarzen Krieger begründet liege. Denn jene
schleuderten nur ihre leichten Speere und verließen sich allein auf den
Kampf aus der Ferne, weshalb sie auch leichte Schilde führten; aber die
Zulus griffen Mann gegen Mann an, und sie könnten keinen Kampf führen
ohne zu siegen oder fast alle zu fallen. Um die Schnelligkeit der
Truppen zu zeigen, ließ er ein halbes Regiment herankommen und bat den
Lord, seinen Rappen zu besteigen und die Schar zu begleiten, während sie
einigemal die Ebene auf und nieder liefe. Der Lord stieg auf, und auch
Pieter Maritz erhielt die Erlaubnis, mitreiten zu dürfen.

Die Zulus brachen in einem regelmäßig gebildeten Haufen von fünfzig
Gliedern zu je zehn Mann auf, und ein »verheirateter Mann« war an ihrer
Spitze. Ihre roten Schilde hingen ihnen am linken Arm, und in der linken
Hand trugen sie drei Assagaien, den Speer trugen sie auf der rechten
Schulter, und die roten Federn auf den Haarkronen nickten im Winde. Sie
gingen im Laufschritt ab, und der Lord und Pieter Maritz folgten ihnen
zu Pferde. Die Reiter mußten im kurzen Trabe reiten, um mit dem Fußvolk
Schritt halten zu können. Glühend brannte die Sonne, und die Waffen der
Krieger, ihre Perlenketten, elfenbeinernen und metallenen Ringe
blitzten, die weißen Ochsenschwänze auf der Brust und an den Beinen
glänzten hell. Zu Anfang ritten die Jünglinge hinter der Kolonne, da
ihnen aber der starke Geruch des reichlichen Fettes, womit die Zulus
eingerieben waren, gerade ins Gesicht wehte, bogen sie in schnellerer
Gangart ab und ritten neben der Truppe. Der Lauf der Krieger blieb immer
derselbe. Sie liefen so weit nach Westen, bis der Hügel, auf dem der
König stand, kaum noch zu erkennen war, dann wendeten sie nach Süden,
beschrieben einen großen Bogen und liefen nach Osten zurück. Die Pferde
schnoben stärker, sie fingen an warm zu werden, aber die Zulus blieben
in demselben Laufschritt, und kein Stöhnen oder Keuchen war zu hören.
Gleichmäßig tönte das Stampfen von tausend nackten Füßen, das Klirren
der Ringe und Ketten, und mit immer derselben Schnellkraft bewegten sich
die schlanken Beine. Wohl mochten sie auch warm geworden sein, aber es
war kein Schweiß auf den glänzenden, schwarzen Leibern und in den
Gesichtern zu erkennen, aus deren tiefer Nacht die herrlichen weißen
Zähne hervorleuchteten.

»Ob die Kerle wirklich nicht schwitzen?« fragte der Lord den Knaben.
»Vielleicht sehen wir nur den Schweiß nicht, weil das Fett die Poren
verklebt. Alles glänzt, man weiß nicht, ob es Öl oder Schweiß ist.«

»Ich glaube nicht, daß sie schwitzen,« antwortete Pieter Maritz. »Sehen
Sie, Mylord, ihr Atem geht ganz ruhig, und sie rollen die Augen vor
lauter Vergnügen über ihre befriedigte Eitelkeit. Sie sind stolz, daß
sie sich vor ihrem Könige zeigen dürfen.«

Der Lord sah auf seine Uhr. Der Lauf hatte bereits eine halbe Stunde
gedauert und schien eher schneller als langsamer zu werden. Es ging in
östlicher Richtung weiter, bis wiederum der König mit seinem Hofstaat
kaum noch zu erkennen war, dann bog der »verheiratete Mann« an der
Spitze nach Norden, machte einen großen Bogen und führte die Schar dem
Könige, nach Westen laufend, wieder vor. Eine volle Stunde war
vergangen, als die Kriegerschar wieder vor dem Hügel ankam, und in
derselben Ordnung, wie sie abgegangen war, ohne daß ein einziger Mann
gestürzt oder zurückgeblieben wäre, lief sie heran. Auf ein Wort hielt
sie an und brach in ein furchtbares Gebrüll aus, welches bezeugte, daß
sie alle gut bei Atem waren.

Der König lächelte, als der Lord ihm sein Erstaunen aussprach. »Meine
Truppen marschieren einen Tag und eine Nacht hindurch, ohne sich
auszuruhen,« sagte er stolz. Darauf ließ er einzelne Leute vortreten und
mit den Assagaien nach der Scheibe werfen. Ein Ziel von der Größe einer
Hand ward aufgestellt, und die Krieger warfen auf eine Entfernung von
hundert Schritten. Es mochten wohl die besten Schützen ausgewählt worden
sein, denn sie trafen mit nie irrender Sicherheit. Dann erwies der König
der Truppe, welche sich vor ihm hatte besonders zeigen dürfen, eine
Gnade. Er sandte Humbati den Hügel hinab und ließ ihr sagen, sie sollte
heiraten. Es war eine noch junge Truppe, und diese Erlaubnis war eine
hohe Gunst, da sie nicht nach der Schlacht, wie sonst üblich gegeben
wurde. Die Krieger gerieten in einen wahren Taumel des Entzückens. Sie
stimmten den Kriegsgesang an und sprangen mit so gellenden Rufen vom
Platze aus in die Höhe und dann wieder auf dieselbe Stelle nieder, daß
sie einen schreckenerregenden Anblick boten. Des Lords Rappe und Jager,
welche von einigen Zulus am Zaume gehalten wurden, bäumten sich voll
Entsetzen auf.

Doch hatte das Manöver einen unerwarteten Schluß, der die Herzen der
Weißen mit Grauen erfüllte. Nachdem gegessen worden war, bei welcher
Mahlzeit der König und sein Gefolge gebratenes Ochsenfleisch und ein
sehr dünnes Bier, die Truppen eine Art von Zwieback aus Kafferkorn und
kleine Stücke Kürbis erhielten, brach der König mit einem Teile des
Heeres noch weiter nach Norden hin auf. Der andere Teil des Heeres ward
entlassen und trennte sich, indem die einzelnen Regimenter für sich
abzogen und ihre Dörfer wieder aufsuchten. Der Marsch ging mehrere
Stunden weit, und die Weißen fragten sich untereinander, wohin es wohl
gehen möge. Gegen Abend sahen sie ein Dorf vor sich liegen, und nun
verteilte der König die Truppen so, daß sie das Dorf ringsum
einschlossen. Man konnte von weitem erkennen, daß die Bewohner
herausliefen und ängstlich hin und her rannten, aber sich nicht von den
Hütten entfernten. Mit einem Male stürzten die Krieger Tschetschwajos
sich von allen Seiten gegen das Dorf und schrieen dazu in furchtbarer
Weise. Wie ein Sturmwind packten sie den dunklen Haufen von Hütten an,
und bald verkündeten Angstrufe ein entsetzliches Ereignis. Flammen
schlugen aus dem Dorfe auf, und bei ihrem Scheine sah man, daß die
Einwohner getötet wurden. Männern und Weibern wurde der Speer durch die
Brust gestoßen oder der Schädel mit dem Knopf des Kirri eingeschlagen,
und die Kinder wurden in die Flammen geschleudert. Die Weißen schrieen
vor Mitleid und Abscheu laut auf, und der Missionar lief vor den König
und bat ihn um Schonung. Tschetschwajo war aber nur verwundert über
diese Bitte, rührte keine Hand, um dem Gemetzel Einhalt zu thun, und
erklärte, das Dorf habe seine Unzufriedenheit erregt, weil dort ein
Häuptling herrsche, der seinen Befehlen nicht mit der gehörigen Eile
nachkäme. Er vermute, daß meuterische Pläne in dem Dorfe geschmiedet
würden.

»O, das ist schrecklich, König, das ist schrecklich!« rief der Missionar
empört. »Deine eigenen Unterthanen läßt du eines Verdachts wegen
ermorden? Selbst die Weiber und Kinder werden nicht verschont?«

König Tschetschwajo war von einem zahlreichen Gefolge umgeben, welches
wie gewöhnlich jede seiner Handlungen mit lautem Beifallsgeschrei
begleitete, und dies Hofgesinde hatte soeben beim Anblick des brennenden
Dorfes laut gerufen, hier sei die Gerechtigkeit des großen Königs
bewundernswert. Als die Schmeichler die Worte des Missionars hörten und
seine aufrechte Gestalt vor dem Tyrannen, sein von Entrüstung belebtes
Antlitz sahen, befiel sie ein gewaltiger Schrecken. Es wurde stumm in
ihrem Kreise, und betroffen wichen sie von dem Manne zurück, den sie
sonst als einen Günstling des Herrschers mit der größten Aufmerksamkeit
und Demut zu behandeln gewohnt waren. Tschetschwajo selbst richtete
einen finstern Blick auf den alten Mann, und eine Sekunde lang bewegte
sich seine rechte Faust nach dem Elfenbeingriff des Streitkolbens hin,
als wolle er dem kühnen Redner den Kopf einschlagen. Aber er besann
sich.

»Mein Vater ist sehr weise,« sagte er, »aber dies sind die
Angelegenheiten des Königs, und davon versteht mein Vater nichts.«

Nach diesen Worten drehte er sich um und ging schnellen Schrittes davon,
indem er sich von dem Schauplatz des Strafgerichts entfernte. Sein Hof
folgte ihm. Im Weitergehen erteilte er einige Befehle, und mehrere
Offiziere liefen eiligst davon und begaben sich zu den Truppen. Der Ton
des Kommandos erscholl durch die Reihen hin, und die Weißen sahen, daß
die Truppen zusammengezogen wurden und dann das Feld verließen. Nur
zweihundertundfünfzig Mann vom Regiment der blauen Schilde folgten dem
Könige. Auch die Weißen, welche noch in Betrachtung des furchtbaren,
mörderischen Anblicks vertieft stehen geblieben waren, erhielten
Weisung, dem Könige zu folgen.

Tschetschwajo ging wohl eine Stunde weit, bis von dem Rauch und Brand
des Dorfes nichts mehr zu sehen war. Dann ließ er bei einem Gehölz Halt
machen und befahl, das Nachtlager aufzuschlagen. Er war augenscheinlich
übler Laune, und die Weißen merkten, daß er sich teilweise schämte,
ihnen ein Schauspiel geboten zu haben, von welchem er zu spät merkte,
daß es ihnen peinlich sei, daß er aber teilweise auch erzürnt war über
den Tadel des Missionars. Das Gefolge schlich stumm um den König herum,
indem ein jeder in Angst war, das Gewitter könne sich in einem
Blitzschlage auf sein Haupt entladen. Tschetschwajo legte sich, in
seinen Löwenmantel gehüllt, in das Gras unter einem Baume, das Gefolge,
etwa hundert Männer, ahmte ihm nach, indem es in weitem Kreise um ihn
her sich niederlegte, die Diener mit dem Küchengerät lagerten sich etwas
weiter entfernt, nachdem sie vorher einige Lagerfeuer angezündet hatten,
und die Blauschilde stellten ihre Speere zusammen, legten die Schilde
nieder und kauerten sich unter den Bäumen nackend ohne Mäntel oder
Decken nieder. Pieter Maritz suchte einen Platz zwischen mehreren hohen
Büschen aus und ließ dort von den Dienern die Mäntel zum Lager bereiten
und in der Nähe die Pferde anbinden, denn die Weißen hatten sich von
ihren Dienern begleiten lassen.

Leise unterhielten sich die Weißen. Sie waren in schmerzlicher
Aufregung.

»Da sehen Sie, mein Herr, wie sehr die englische Regierung recht hat,
mit diesen wilden Fürsten aufzuräumen,« sagte der Lord. »Ich muß
gestehen, daß mir selbst angesichts der königlichen Gastfreundschaft
Zweifel gekommen sind, ob ich nicht treulos handelte, indem ich eine
Botschaft an den Gouverneur übernähme, von deren Erfolglosigkeit ich
doch überzeugt bin. Als Sie mir den Auftrag des Königs überbrachten, da
fühlte ich etwas wie Gewissensbisse. Ganz Europa wirft uns vor, daß wir
treulos und grausam ein Volk von Wilden und Halbcivilisierten nach dem
andern zu Grunde richteten. Aber nun ich dies gesehen habe, mache ich
mir keine Sorge mehr um Tschetschwajos Schicksal. Ist er doch wie ein
wildes Tier! An mir bebt noch alles. Ich sehe die Gestalten der
verzweifelnden Frauen vor mir und sehe die Kinder verbrennen -- nie wird
sich dieser Anblick aus meinen Augen verwischen lassen.«

Erst spät schliefen die Weißen ein. Doch nach wenigen Stunden schon
wurden sie durch einen Lärm geweckt. Das furchtbare Brüllen des Löwen
erscholl, und ein gellender Schrei folgte unmittelbar darauf. Nun ward
das ganze Lager lebendig.

Als Pieter Maritz aufsprang und sich die Augen gerieben hatte, denn er
war noch schlaftrunken und konnte nicht gleich sehen, bemerkte er, daß
die Feuer erloschen waren, während der erste Tagesschimmer, ein rotes
Flammen am östlichen Horizont, über den Himmel hinzuckte. Offenbar
hatten die Diener, von Müdigkeit überwältigt, die Feuer vernachlässigt,
diese waren erloschen, und infolgedessen war ein Löwe so dreist
geworden, in das Lager einzubrechen. Nur das eine Brüllen und der eine
Schrei war zu vernehmen gewesen, jetzt war davon nichts mehr zu hören,
und dafür erscholl das Lager vom Klang der Schilde und Speere und von
vielen Rufen. Aber unter dem donnernden Ruf der Stimme Tschetschwajos
erstarb auch dieser Lärm. Der König war wütend. Schon übelgelaunt am
Abend vorher, war er durch den Überfall des Löwen, der ihn aus dem
Schlafe geweckt hatte, ganz um seine sonstige Fassung gekommen. Pieter
Maritz näherte sich ihm vorsichtig, indem er zwischen Büschen ungesehen
hinschlich, und sah den König seinem Gefolge drohen. Gleich darauf sah
er die schwarzen Krieger sich versammeln. Er erfuhr, daß ein Löwe
eingebrochen sei und einen der Diener erwürgt habe. Durch die zahlreiche
Mannschaft sei er sofort verscheucht worden, doch habe er den Getöteten
mit sich geschleppt.

Tschetschwajo, außer sich vor Wut, befahl seinen Kriegern, ihm den Löwen
lebendig zu bringen. Mit eigener Hand wolle er das Tier töten, das so
kühn gewesen sei, in das königliche Lager zu dringen. Und gehorsam legte
die Abteilung vom Regiment der blauen Schilde die Speere, Kirris und
Schilde ab, um mit bloßen Händen auf die Jagd zu gehen. Sie durften ja
das Tier nicht töten, und auch der Schilde entledigten sie sich, um
schneller laufen zu können und beide Hände frei zu haben. Dafür rissen
sie Weidenzweige ab und nahmen Stricke vom Küchengerät der Diener.

Als Pieter Maritz diese Vorbereitungen sah, lief er eilends zurück,
teilte dem Missionar und dem Lord die Sache mit und sattelte Jager.
Seine Freunde wollten nicht glauben, daß es wirklich so sei, aber Pieter
Maritz irrte sich nicht. Er warf die Büchse über die Schulter, um für
den Fall der Not bewehrt zu sein, und ritt aus, um die waffenlosen Jäger
zu begleiten. Der Lord verzichtete darauf, mitzureiten, weil er nur
seinen Degen hatte und weder sich noch sein Pferd einer möglicherweise
sehr großen Gefahr aussetzen wollte.

Als Pieter Maritz aus dem Gehölz hervorkam, wobei er eine Stelle wählte,
welche der König nicht überblicken konnte, fand er die Krieger bereits
auf dem Marsche. Sie waren in eine lange Kette auseinander gezogen und
suchten die Spuren des Löwen im Grase. Kein Murren, keine Weigerung und
auch keine Furcht zeigte sich bei ihnen, und da sie ganz unbeschwert von
Waffen waren, liefen sie wie Windhunde. Pieter Maritz mußte den
stärksten Trab reiten, um ihnen folgen zu können.

Es war Tag geworden, und die grüne Flur war mit rotem Licht übergossen.
Weithin schimmerte die Ebene, und nur hier und da standen kleine Gehölze
und Haufen von Gestrüpp inmitten der Landschaft. Offenbar steckte der
Löwe mit seiner Beute in einem der Dickichte. Sehr weit war er gewiß
nicht entflohen, denn er hatte ja den schweren Körper des getöteten
Dieners mit sich zu schleppen. Der Plan der Schwarzen war sehr einfach.
Nachdem sie die Spuren des Raubtiers gefunden hatten, liefen sie in
langer dünner Reihe in der gefundenen Richtung hin, umkreisten unterwegs
die Gebüsche und Gehölze und suchten sie ab. Sie gingen dabei mit
solcher Kühnheit zu Werke, daß der Knabe sich verwunderte. Er selbst
blieb vorsichtig in der Ferne halten, wenn man vor ein Dickicht kam.
Aber die Schwarzen hielten nur die Mitte ihrer langen Linie an, um den
Löwen nicht vorzeitig zu verscheuchen, schwenkten mit dem rechten und
linken Flügel herum, bis sie das Dickicht umklammert hatten und liefen
ohne Besinnen hinein, als suchten sie einen Springbock oder ein Gnu. Auf
diese Weise verfolgten sie ihren Weg und durchsuchten ein Gehölz nach
dem andern. Ihre elastischen schwarzen Glieder waren in beständiger
schneller Bewegung, und sie rannten und sprangen mit kaum begreiflicher
Kraft.

Diese Treibjagd stöberte gar manches Wild auf. Kleine Antilopen, welche
Taucher genannt werden, da sie plötzlich aus hohem Grase aufzuspringen
und dann ebenso schnell in einem Busch zu verschwinden pflegen, wurden
viel gesehen. Allerhand Vögel, Perlhühner, wilde Tauben, welche nur so
groß wie Lerchen waren und lange Schwänze hatten, Kiebitze, Finken und
Wachteln stiegen auf, während die zweihundertundfünfzig Krieger durch
das Gras und das Buschwerk hin suchten. Einmal ward sogar das gefleckte
Fell eines Leoparden im Gebüsch sichtbar, aber erschrocken vor dem
Anblick so vieler Männer zog er sich zurück, und er ward nicht gejagt,
da dies nicht befohlen war.

Nachdem schon sechsmal vergeblich ein undurchsichtiges Dickicht
abgesucht worden war, kam die Schar vor ein aus hohen Mimosen gebildetes
Versteck, in welchem Felsblöcke lagen, die teilweise aus den stacheligen
Zweigen mit rotbrauner Färbung hervorblickten. Ohne Zaudern warfen sich
die Zulus hinein, indem sie nur die scharfen Stacheln der Akazien
vorsichtig umgingen. Es dauerte nicht lange, so ertönte aus dem Innern
die tiefe, grollende Stimme des Königs der Tiere. Ein gellender Ruf aus
Hunderten von rauhen Kehlen antwortete ihm. Pieter Maritz hielt
außerhalb, auf halbe Schußweite vom Saume, und die Büchse lag ihm quer
über dem Sattel. Sein Herz klopfte, indem er sich vorstellte, was da
drinnen vorgehen möge. Denn jetzt mischten sich brüllende Töne zu
wiederholten Malen mit menschlichem Schrei. Plötzlich erschien der Löwe
für den Knaben sichtbar auf einem hervorragenden Felsstücke. Es kam dem
Knaben vor, als sei das Tier in Verwirrung, denn indem es nach unten
blickte, stieß es Schreie aus, die fast wie das Heulen eines Hundes
klangen. Aber nach wenigen Sekunden schon erschienen blaue Federn und
schwarze Haarkronen auf dem Felsen. Die Zulus kletterten am Felsen
empor. Der Löwe schien verwundert und in Furcht zu sein. Er kauerte
nieder und sprang mit einem ungeheuern Satze über mehrere Akazien weg,
die wohl zwanzig Fuß hoch waren, und kam nun außerhalb des Dickichts
zur Erde. Pieter Maritz konnte ihn genau sehen. Er war sehr groß, seine
gelbe Mähne war nahe dem Halse sehr dunkel, und schwarze Zotteln hingen
an den Beinen. Er peitschte die Erde mit dem Schweif und brüllte
wiederholt, indem er auf den verlassenen Schlupfwinkel zurückstarrte.
Jager zitterte an allen Gliedern, stieg in die Höhe, und nur mit Mühe
vermochte der Knabe ihn auf dem Flecke zu halten. Aber jetzt stürmten
die Zulus aus dem Dickicht hervor, voll Angst, daß die Bestie ihnen
entfliehen könnte. Sie fürchteten sich mehr vor ihrem Könige als vor den
Tatzen und Zähnen des Löwen. Wie Hunde auf den Eber, so warfen sie sich
ohne Besinnen auf das starke, wilde Tier.

Ein entsetzlicher Kampf hub an. Mit einem Schlage seiner Tatze hieb der
Löwe den vordersten der Angreifer zu Boden, indem er ihm Brust und Leib
zerschmetterte. Drei andere warf er in einer raschen Wendung mit Blut
bedeckt nieder, und einem fünften zerfleischten seine Zähne den Arm von
der Schulter bis zum Ellbogen. Aber die Zulus warfen sich über ihn, ohne
nachzulassen. Ihre schwarzen Fäuste packten seine Mähne, seine Tatzen,
seinen Schweif, seine Nase, ja sie packten in den Rachen und ergriffen
seine Zunge. Ihre Zähne mußten helfen, sie bissen sich wie Tiere in
seine Haut und in seine langen Haare ein und hielten ihn ebensowohl mit
ihren Gebissen wie mit den Händen fest. Ein schrecklicher Knäuel wälzte
sich am Boden. Die gelbe Form des Tieres war wie erdrückt unter
schwarzen Gliedern, doch steckte eine so unbändige Kraft in dem Löwen,
daß er noch zweimal in die Höhe kam und sich oberhalb der schwarzen
Leiber wälzte. Aber die Zulus ließen nicht los, und nach einem Ringen,
das mehrere Minuten dauerte, lag der Löwe, an allen vier Pranken fest
geschnürt, machtlos am Boden. Ein Strick verschloß auch seinen Rachen,
so daß nur noch ein dumpfes Stöhnen aus seiner Brust hervordringen
konnte. Aber außer drei Toten lagen noch sechs schwer verwundete Männer
neben dem Untier im Grase.

Die Zulus stießen ein Jubelgeheul aus. Sie liefen in das Dickicht zurück
und holten die Überreste des vom Löwen fortgeschleppten Dieners heraus,
zum Beweise dafür, daß sie ihrem Könige den richtigen Löwen brächten.
Dann legten sie die Verwundeten auf Tragbahren und trugen sie zum Lager
zurück, den Löwen aber schleiften sie an einem Stricke über das Gras
hin.

Tschetschwajo saß auf seinem Schilde inmitten seines Hofstaats, als der
Zug herankam. Demütig trat der Anführer vor ihn und meldete, man bringe
den Löwen. Tschetschwajo erhob sich und befahl, den Löwen auf die Füße
zu stellen und ihm die Fessel vom Rachen zu nehmen. Gehorsam führten die
Krieger den Befehl aus. Dem Löwen wurden die Bande so weit gelockert,
daß er stehen konnte, und als er den Rachen wieder öffnen konnte, stieß
er ein mehr klagendes als drohendes Gebrüll aus. Er war etwas betäubt
und schwankte auf den Füßen, auch hatte er unzählige kleine blutige
Flecken auf dem Fell, aber er hatte keine schwere Wunde.

Tschetschwajo sah den Löwen an, und seine Augen bekamen einen wilden
Ausdruck. Der Missionar beobachtete ihn und bemerkte, wie die kleinen
Adern im Weißen des Auges sich mit Blut füllten. Noch niemals war ihm so
deutlich wie in diesem Augenblick die Wildheit des Königs aufgefallen,
der, indem er dem Löwen gegenüberstand, sich selbst als löwenähnlich
zeigte. Denn er fühlte sich von dem Tiere beleidigt, er zürnte ihm, als
sei es seinesgleichen. Er trat dem Löwen nahe und schleuderte ihm
Verwünschungen zu, er drohte dem Tiere und bestrafte es mit Worten.
Endlich aber erhob er den schweren Elfenbeinstab und schlug dem Tiere
damit über den Kopf, daß es ingrimmig aufheulte, und auf des Königs Wink
stießen ihm einige Herren vom Hofe den Speer in die Rippen und töteten
ihn vollends.

Ein lautes Triumphgeschrei ertönte. »Der König hat gestraft! Der
mächtige Elefant hat sich gerächt! Stark ist die Hand des Königs der
Könige! Pezulu! Pezulu!« rief der Hofstaat und riefen die Blauschilde.

Dem Könige selbst schien die Bestrafung des Tieres das Herz erleichtert
zu haben. Sein Gesicht wurde freundlicher, er lud zum Essen ein und
unterhielt sich mit dem Missionar. Durch diesen ließ er dann dem Lord
mitteilen, er gedenke ihm zu Ehren eine Elefantenjagd abzuhalten. Nach
dem Frühstück sollte aufgebrochen werden.

Die ehemals so zahlreichen großen Dickhäuter hatten im südlichen
Afrika unter den beständigen Verfolgungen der Menschen so sehr
gelitten, daß weder der Lord noch auch Pieter Maritz jemals einen
Elefanten zu sehen bekommen hatten. So versetzte die Nachricht der
bevorstehenden Jagd beide in große und freudige Aufregung. Der
Missionar nahm an dieser Freude jedoch keinen Teil. Er erzählte, daß
er oft Elefanten gesehen habe und oft an der Jagd auf sie
teilgenommen habe zu früheren Zeiten, wo diese Tiere noch das Gebiet
des Transvaallandes und Oranje-Freistaates durchzogen. Aber immer habe
es ihm leid gethan, wenn er hätte sehen müssen, daß so gewaltige und
so kluge Tiere nur um ihrer Stoßzähne willen hätten sterben müssen, ja
oft sogar nur aus Grausamkeit von eifrigen Jägern erlegt worden seien.
»Wenn Raubtiere gejagt werden,« sagte der Missionar, »so finde ich es
recht und gut, und auch die Jagd auf eßbares Wild ist notwendig. Aber
Elefantenjagd hat mir immer Unbehagen verursacht.«

Der Lord und Pieter Maritz dachten anders und sahen der Jagd mit
Spannung entgegen. Nur darüber waren sie nicht erfreut, daß sie selbst
schwerlich anders wie als Zuschauer würden teilnehmen können. Der Lord
war ganz ohne Waffen, da sein Pallasch nicht gerechnet werden konnte,
Pieter Maritz aber durfte mit dem kleinen Kaliber seiner Büchse auch
nicht darauf zählen, die Haut des Elefanten wirksam zu durchbohren.
Beide waren sehr begierig, zu sehen, wie der König seine Jagd einrichten
werde.

Tschetschwajo, der sich durch Boten über die Anwesenheit von Elefanten
an den Ufern des Schwarzen Umvolosi hatte unterrichten lassen, brach
nach kurzer frugaler Mahlzeit auf, und seine gesamte Begleitung folgte
ihm. Es ging noch weiter nach Norden, und den ganzen Tag, bis zum Abend,
wurde marschiert. Das hügelige Land wurde immer gebirgiger, je weiter
der Marsch ging, schroffe Berge stiegen auf und dunkle Thäler wurden
durchschritten. Endlich, als die Sonne sank, wurde der Fluß erreicht. In
einem Thale wurde Halt gemacht und gespeist, während ein Induna vom
Hofe, der das Amt eines Hofjägermeisters versah, mit einer Jägerschar
weiterging, um die Elefanten zu suchen. Dann, als der Mond aufgegangen
war, brach der König wieder auf und folgte dem Hofjägermeister, welcher
inzwischen Nachricht über die gesuchten Tiere gebracht hatte.

Eine wunderbare Beleuchtung herrschte im Umvolosi-Thale, indem das
felsenreiche Ufer mit seinen schroffen Höhen von oft seltsamer Form den
Schein des Mondes hier hemmte, dort in voller Klarheit durchdringen
ließ. An einigen Stellen zogen sich Thäler, welche die Höhenzüge quer
durchbrachen, zum Flusse hin, und die niedrig stehende helle
Planetenscheibe leuchtete an solchen Stellen mit silbernem Glanze über
den Fluß hin und gab den stachligen Gewächsen, welche das Wasser
umsäumten, durch den Wechsel von Licht und Schatten oft höchst
sonderbare Formen. Nicht selten stockte der Zug, indem die
vorangehenden Jäger, durch die eigentümliche Gestaltung eines Busches
getäuscht, die dunkle Masse oder in dem vorgestreckten Ast einer
Euphorbiazee den Rüssel eines Elefanten zu sehen glaubten. Oft gelang es
nur mit Mühe, den Weg fortzusetzen, da Urwald bis an das Wasser
herantrat und nur der Pfad, den die Elefanten selbst hier gebahnt haben
mußten, hindurchführte. An manchen Punkten lagen starke verwitterte
Baumstämme halb im Wasser, halb am Ufer, und während zugleich dunkle
Körper sich im Flusse bewegten, welche als Alligatoren erkannt wurden,
entstand oft der Zweifel, ob der lang gestreckte Schatten am Wege ein
gestürzter Baum oder der schuppige Leib des gefährlichen Amphibiums sei.
Die Weißen ritten nebeneinander hinter der Schar der Blauschilde, und
das Herz der jungen Leute klopfte vor Erwartung. Der Missionar jedoch
ritt ruhig seines Weges, und der gedankenvolle Ausdruck seines Gesichts
zeigte, daß sein Geist mit andern und höheren Gegenständen beschäftigt
war.

Jetzt ging eine Bewegung durch den lang gestreckten Zug. Von der Spitze
aus pflanzte sich ein leises Flüstern und ein Winken fort, und alle
hielten an. Der König, welcher an seinem Stabe dahinschritt und der
Schar des Hofjägermeisters folgte, gab den Blauschilden Befehl,
seitwärts abzubiegen und in einem weiten Bogen wieder an den Fluß
heranzukommen. Als die Schwarzen sich nun geräuschlos seitwärts
geschlichen hatten, so daß der Weg frei geworden war, ritten die drei
Weißen vorwärts und gelangten an die Stelle, wo der König stand. Er wies
mit ausgestreckter Hand nach vorn, und die Weißen erblickten nun in der
Entfernung von etwa tausend Schritten mehrere dunkle Gestalten, die sich
am Saume des Wassers und im Wasser selbst bewegten. Deutlich sah man die
schwarzen Körper sich von der glänzenden Oberfläche des Flusses abheben,
und ihre Größe ließ keinen Zweifel darüber, daß es die Tiere seien,
welche Gegenstand der nächtlichen Jagd waren. Zu der Stelle hin, wo sie
badeten und tranken, führte ein Seitenthal, und offenbar war hier ihre
gewohnte Tränke. Der König hatte die Blauschilde abgeschickt, um aus
jenem Thal hervor gegen die Tiere vorzubrechen und ihnen dort den Weg zu
verlegen, falls sie etwa die Annäherung der Jäger bemerken und durch das
Seitenthal entfliehen sollten. Der König selbst ging mit seiner
Begleitung langsam weiter, um den Blauschilden Zeit zu lassen,
herumzukommen. Er trug jedoch selbst keine Waffe und hatte
augenscheinlich nicht die Absicht, sich selbst an der Jagd zu
beteiligen, sondern wollte nur zusehen, wie seine Jäger die Tiere
erlegten. Als man den Tieren so nahe gekommen war, daß man sie zählen
und ihre Rüssel und Stoßzähne erkennen konnte, ging der König nicht
weiter, sondern stieg seitwärts auf einen Felsen, von wo aus er das
Flußthal übersehen konnte. Dorthin ließ er sich vom Missionar und von
Lord Fitzherbert sowie einer kleinen Schar Indunas begleiten. Alle
stiegen hinauf und stellten sich auf einen Vorsprung, der wie eine
Tribüne gestaltet war. Hier konnten sie den Verlauf der Jagd in
Sicherheit verfolgen.

Pieter Maritz stieg vom Pferde, froh, daß er die Jäger begleiten konnte,
und übergab Jager einem der Diener, welche zurückblieben. Dann schloß er
sich dem Hofjägermeister an und schlich mit diesem im Schatten der
Uferbüsche vorwärts. Hinter einem Weidenstrauche niedergeduckt, sah er
die gewaltigen Tiere bald in geringer Entfernung vor sich. Es waren
ihrer zehn große, dazu noch drei kleine, welche ganz jung waren. Langsam
patschten die Elefanten mit ihren säulenartigen Beinen im flachen Wasser
herum, sogen ihre Rüssel voll und bespritzten sich ihr dunkles Fell,
wälzten sich im Schlamm und wedelten mit den kurzen Schweifen. Ein Tier
von ungeheurer Größe, welches bis an die Kniee im Flusse stand, schien
der Führer der Herde zu sein. Es erhob zuweilen den Kopf und lauschte,
es zeigte einige Unruhe und überließ sich nicht mit der Behaglichkeit
der andern dem Genusse der schönen Nacht. Seine langen, spitzen, nach
oben gekrümmten Stoßzähne glänzten wie Silber. Der Mondschein war so
rein und klar, daß Pieter Maritz jede Bewegung der Tiere genau verfolgen
konnte. Er sah die kleinen Augen, sah die riesigen Ohren, welche am
Kopfe herabhingen und von denen ein jedes einen Mantel für einen der
Zulus hätte abgeben können, sah die blinkenden Wassertropfen über die
dicke Haut hinlaufen.

Jetzt sah Pieter Maritz die schwarzen Gestalten der Jäger, in deren
Händen die Speerspitzen glänzten, neben sich vordringen und nahe an die
Elefantenherde heranschleichen. Er wußte nicht, wie diese Leute es
machen würden, um die Tiere zu erlegen, und er selbst getraute sich
nicht, sich in die Jagd einzumischen. Er hatte seine Büchse, aber er
wollte nicht schießen, weil er fürchtete, der Knall des Schusses möchte
die beabsichtigte Jagd stören und den Zorn des Königs erregen. Auch
glaubte er nicht, mit seiner Büchse Erfolg bei den dickhäutigen Kolossen
haben zu können, wenn er nicht etwa mit der Kugel ins Auge träfe. Er war
etwa zweihundert Schritte von dem nächsten Tiere entfernt, dort blieb
er und wühlte sich in die Schlinggewächse ein, welche den Boden
bedeckten. Vor ihm lag ein gebogener starker Ast, über welchen er
hinwegsah, sonst war er ganz im Grün und im Schatten vergraben, indem er
platt am Boden lag. Doch hatte er die Büchse vor sich und legte deren
Lauf auf den Ast, wobei er über das Visier und Korn hinguckte und
unwillkürlich auf das Auge des größten Elefanten zielte.

Mit einem Male machte sich inmitten des Plätscherns und Rauschens,
welches die Tiere im Wasser verursachten, eine Stille bemerklich. Der
Führer der Herde schnob und alle andern Tiere standen still. Dann ging
der Führer ans Land, erhob den Rüssel und zog die Luft ein, während er
zugleich die Ohren absperrte, um jeden Laut aufzufangen. Er mußte die
Annäherung der Jäger bemerkt haben, denn nun stieß er einen
trompetenartigen Warnungsruf aus, und die andern Tiere fingen an, sich
schwerfällig nach ihm hin zu bewegen. In diesem Augenblick sprangen wohl
vierzig Jäger unter Leitung des Hofjägermeisters aus dem Ufergebüsch auf
und rannten gegen die Tiere los. In größter Aufregung sah Pieter Maritz
zu.

Die Hälfte der Jäger griff den riesigen Führer der Herde an. Jetzt, wo
er am Ufer hinschritt, sah Pieter Maritz deutlich, wie gewaltig groß er
war. Wie ein Riese wandelte er, der von Zwergen angegriffen wird. Zwei
der Zulus stellten sich ihm in den Weg und liefen dann fort, um ihn zur
Verfolgung zu reizen, die übrigen lauerten seitwärts, um ihm, wie Pieter
Maritz vermutete, ihre Speere in die Rippen zu rennen. Aber der große
Elefant bekümmerte sich um nichts. Er stieß noch einmal, und jetzt viel
stärker, den trompetenartigen Ton aus, und als sich nun sämtliche Tiere
hinter ihm versammelt hatten, wobei sie die Jungen in die Mitte nahmen,
schwang er den Rüssel hoch durch die Luft und stürzte mit weit
abstehenden fliegenden Ohren geradeaus in das Querthal. Sämtliche andern
Elefanten rannten hinter ihm her. Sie brachen in das Ufergebüsch und das
Holz im Thale mit unaufhaltsamer Gewalt ein, und ein Geräusch von
krachenden Stämmen und Ästen, von niedergetretenen Sträuchern, ein
seltsames Rasseln und Dröhnen erhob sich, wie Pieter Maritz dergleichen
noch niemals vernommen hatte. Die Jäger blieben zur Seite stehen,
nachdem sie auseinander geflohen waren, und noch hatte kein Speer die
Tiere berührt. Aber nun erhob sich noch ein anderer Lärm im Thale, der
gellende Ruf der Blauschilde. Sie verlegten den Elefanten den Weg und
wollten sie zum Flusse zurückscheuchen. Ein entsetzliches Getöse scholl
aus dem Thale hervor in die milde und bezaubernde Tropennacht. Das
Trompeten der starken Tiere übertönte den Ruf der Krieger, und deutlich
war an manchem Angst- und Schmerzensruf zu erkennen, daß die
unerschrockenen Zulus, welche ihr Leben einsetzten, um ihren König und
dessen Gäste zu unterhalten, einen schweren Kampf zu bestehen hatten und
die Rüssel und Stoßzähne der Elefanten zu spüren bekamen. Dann brachen
mehrere der Kolosse wieder rückwärts aus dem Thale hervor, und ihre
Erscheinung bewies, daß wenigstens teilweise der Plan der Jagd in
Erfüllung gegangen war, wenn auch mehrere der Elefanten durchgebrochen
sein mochten.

Voran stürmte der große Elefant, welcher der Führer war. Aber Pieter
Maritz bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er nicht sowohl auf Flucht
bedacht zu sein schien, als darauf, seine Begleiter und die Jungen zu
beschützen. Vier Tiere, kleiner als er, aber doch gewaltig groß, waren
neben ihm, und alle drängten sich um die Jungen zusammen. So nahmen sie
ihren Weg gerade auf die Stelle zu, wo Pieter Maritz versteckt lag. Sie
schienen den Fluß entlang laufen zu wollen. Kaum war der große Führer
aber wieder erschienen, als der Hofjägermeister, eine athletische, ganz
nackte Gestalt sich ihm entgegenwarf und mit ihm seine Jägerschar. Es
galt, dem König ein würdiges Schauspiel zu bereiten. In großen Sätzen
bewegte sich der Hofjägermeister, den Speer in der Faust, vor dem
Elefanten her, während die Jäger nach den Hinterbeinen des Tieres
liefen, um es in die Sprunggelenke zu stechen und es zu lähmen. Aber
trotz seiner Gewandtheit und Elasticität kam der Hofjägermeister zu
schaden. Der Elefant ergriff ihn mitten in einem Seitensprunge mit dem
Rüssel an seiner künstlichen Frisur, schwang ihn hoch durch die Luft,
schmetterte ihn zu Boden und zertrat ihn im Augenblicke darauf zu einem
blutigen Brei. Doch gleich darauf kehrte der Elefant sich um. Er fühlte
die Spitzen mehrerer Speere in seine Hinterfüße eindringen. Wütend
packte er einen der Jäger, die ihn verwundet hatten, schleuderte ihn
nieder und bohrte ihm den Stoßzahn durch die Brust. Aber die behenden
Jäger waren schon wieder hinter ihm, und nun zerschnitten die breiten
Speerklingen ihm die Sehnen an beiden Füßen, und stöhnend sank das
mächtige Tier mit dem Hinterteil zu Boden, während ein Blutstrom die
Erde färbte.

[Illustration: Die Elefantenjagd.]

Nun sah Pieter Maritz eine Scene, welche ihn rührte und tief bewegte.
Die andern Tiere, obwohl ebenfalls von Jägern umschwärmt, drängten sich
an den Gefallenen heran und suchten ihn mit ihren Rüsseln aufzurichten,
wobei sie klagende Töne ausstießen, er aber schlang den Rüssel um ein
Junges, das ihm nahe war, als wollte er es vor den Waffen der Feinde
beschützen. Wie Teufel umsprangen die heulenden Zulus die Kolosse, die
einander hilfreich beistanden.

Bald ward die Gruppe gesprengt. Aus dem Thale hervor brachen die
Blauschilde, und dicht wie Fliegen schwärmten die nackten schwarzen
Gestalten umher. Sie griffen die Tiere von allen Seiten an, Hunderte von
Assagaien sausten durch die Luft und bohrten sich in die großen Leiber
ein, und obwohl gar mancher der tollkühnen Jäger das Leben lassen mußte,
indem er durchbohrt, zertreten und in die Luft geschleudert ward, so
wurden die Tiere doch voneinander getrennt und einzeln umringt. Jetzt
durchbrach ein Elefant, dem wohl zehn Assagaien im Rücken und in den
Flanken steckten, den Jägerkreis und lief mit hoch gehobenem Rüssel in
seiner Flucht auf den Platz zu, wo Pieter Maritz lag. Es war für den
Knaben keine Zeit mehr, aufzuspringen und davonzulaufen. Er blieb ruhig
liegen, denn wenn er sich erhoben hätte, würde ihn das Tier mit dem
Rüssel gepackt haben. Als aber der Elefant gerade über ihm erschien und
seine gewaltig stampfenden Füße unmittelbar neben dem Kopfe des Knaben
niedertraten, da schoß Pieter Maritz seine Büchse, ohne zu zielen, gegen
die riesige schwarze Gestalt ab und schrie dazu unwillkürlich mit voller
Kraft seiner Lungen. Das Tier mochte wohl über den Schuß und das
Geschrei, während es keinen Feind sah, verwundert sein, denn es stockte
im Laufe, trompetete laut und wandte sich seitwärts. Bald hatten die
Jäger es dann wieder eingeholt, da es infolge seiner Wunden nur noch
langsam laufen konnte, und auch dieser Elefant sank zu Boden.

Bald waren alle Tiere zu Falle gebracht und bluteten aus Hunderten von
Wunden. Aber es dauerte fast eine Stunde, bis sie tot waren, denn die
Wunden gingen sämtlich nicht tief, und nur langsamer Blutverlust ließ
die Tiere sterben. Mit vorwurfsvollem Blick ihrer klugen Augen sahen sie
bis zum letzten Augenblick ihre unerbittlichen Mörder an, von denen sie
beständig umschwärmt und beständig von neuem verwundet wurden, und
umschlangen, selbst sterbend, die toten Jungen zärtlich mit dem Rüssel.



[Illustration]



Vierzehntes Kapitel

Mainze-kanze = Laßt den Feind kommen!


Nachdem am folgenden Morgen der König mit der Jagdgesellschaft gespeist
hatte und nachdem den erlegten Elefanten die Stoßzähne ausgebrochen und
den Trägern aufgepackt worden waren, ließ Tschetschwajo den Marsch am
Flusse hin fortsetzen, und zwar in südöstlicher Richtung. Doch verließ
der Zug die unmittelbare Nähe des Wassers und wählte den gangbarsten Weg
über die Höhenzüge hin. Nach dreistündigem Marsche begegnete ihnen ein
anderer kriegerischer Zug, und dessen Führer verneigte sich tief vor dem
Könige, der ihn alsdann in seine Arme schloß. Die Weißen erkannten in
dem Führer den Bruder des Königs, den Prinzen Dabulamanzi.

Der Prinz kam an Höhe des Wuchses seinem Bruder gleich, und da er nicht
so fett war wie dieser, sondern alle seine Glieder kriegerische Übung
und Gelenkigkeit verrieten, so bot seine Gestalt einen schönen Anblick.
Er war dem Könige ähnlich, doch war er wohl zehn Jahre jünger, und sein
Gesicht war angenehm und sehr männlich. Sein Haar war weder in Locken
gedreht, noch aufgetürmt, noch über den Ohren abrasiert, sondern nur
kurz gehalten wie bei europäischen Offizieren, und es bedeckte den Kopf
wie ein kurzer krauser Pelz. Ein einfacher goldener Ring, etwa
daumensdick, saß einer Krone gleich auf dem Kopfe, ebenso umgab eine
goldene Kette, deren Ringe sehr dick waren und ganz nahe aneinander
geschoben waren, den Hals. Sonst trug der Prinz weder Schmuck noch
Kleidung. Nur der kleine Schurz von Löwenfell umgürtete seine Hüften.
Was aber den Weißen sehr auffiel, war die Art seiner Bewaffnung. Er trug
ein Gewehr, einen Hinterlader, in der Hand, und ein dünner Lederriemen,
der über die rechte Schulter gehängt war, hielt eine Patrontasche.
Ebenso war sein Gefolge nackt und mit Hinterladern bewaffnet.

Der König schien das Eintreffen des Prinzen erwartet zu haben und setzte
mit ihm seinen Weg fort. Nach kurzer Zeit erreichte man den Gipfel eines
kleinen Berges, von dem sich eine weite Aussicht bot, und nun hatten die
Weißen einen Anblick, der sie sehr überraschte. Sie übersahen ein
weites, grünes Thal, das von vielen kleinen Höhen unterbrochen war. In
diesem Thale konnten sie den Lauf zweier hell glänzender Flüsse, des
Schwarzen und des Weißen Umvolosi, verfolgen, welche sich zwischen
felsenreichen Ufern dahinwanden und in der Ferne ineinander strömten.
Zwischen beiden Flüssen, in dem Winkel, den sie bildeten, lagen mehrere
jener ihnen bekannten dunklen Kränze, der Kraale, welche aus einem Ringe
von Hütten um einen großen freien Platz gebildet sind. Vor diesen
Kraalen aber blitzte es von Waffen: eine ganze Armee war dort
aufgestellt.

Der König wandte sich mit triumphierendem Blicke zu dem Missionar. »Mein
Vater hat nur einen Teil der Krieger Tschetschwajos gesehen,« sagte er.
»Nun wird er einen andern Teil sehen. Dabulamanzi herrscht in
Mainze-kanze. Sage dem englischen Induna, Mainze-kanze bedeute: Laßt den
Feind kommen.«

Als der königliche Zug den Abhang des Berges hinabschritt und sich den
Kriegshaufen näherte, sahen die Weißen ein, warum die Kraale am
Vereinigungspunkte der Flüsse einen so stolzen Namen führten: wiederum
standen wohl zehntausend Krieger aufmarschiert, diese aber führten
sämtlich Gewehre. Dabulamanzis Armee war in zwei Reihen aufgestellt,
zwischen welchen der königliche Zug hinschritt, von donnerndem
Kriegsgesang empfangen und begleitet. Auch diese Truppen waren in
Regimenter abgeteilt, welche sich durch Farben voneinander
unterschieden, und es waren vier Regimenter Amatongas dabei, ein
Volksstamm nördlich von den Zulus wohnend, der die Oberherrschaft
Tschetschwajos anerkannte. Auffallend war bei ihnen besonders ihr
Kopfputz. Einige Regimenter trugen weiße oder gefleckte Stirnbänder von
Ochsenfell oder Tigerfell. Diese Bänder waren hinter dem Kopfe
zusammengebunden, und weiße Ochsenschwänze hingen daran herunter, so daß
das Haar gleich einer weißen Perücke seitwärts und hinten bis auf
Schultern und Nacken herabfiel. Über dem handbreiten Stirnband stand die
schwarze Haarkrone empor und war mit Federbüschen geziert. Es sah aus,
als trügen diese Krieger Helme oder hohe Mützen. Ein Regiment trug
wirklich Mützen. Aus schwarzem oder fleckigem Fell von Raubtieren waren
Kopfbedeckungen hergestellt, welche mit hohem Federschmuck verziert
waren und sehr kriegerisch aussahen. Die Brust dieser Krieger war ganz
mit weißen Haarbüscheln bedeckt, die vom Halsschmuck herabhingen. Dies
war das »Regiment des Königs«, wie Humbati den Weißen erklärte, eine
auserwählte Schar von fünfzehnhundert Mann, welche ein jüngerer Bruder
Humbatis befehligte. Sämtliche Krieger trugen in der linken Hand den
großen Schild, die Assagaien und auch noch den starken Speer, in der
rechten Hand aber den Hinterlader.

Der König mit seinem Gefolge durchschritt die langen Reihen und ging
dann in den nächstliegenden Kraal. Diesen wollte er den Weißen zeigen,
während die Armee sich zum Manöver ordnete. Er führte seine Gäste zu
mehreren größeren Gebäuden, welche unähnlich der Bauart der Zulus nach
europäischer Weise aufgeführt waren. Ja aus dem einen ragte ein hoher
Schornstein empor, aus welchem Rauch aufstieg. Zu ihrer Verwunderung
wurden die Gäste eines weißen Mannes gewahr, der den König in der Thür
des größten Gebäudes empfing. Es waren eine Pulverfabrik, eine
Patronenfabrik und ein Magazin voller Gewehre, was sie hier erblickten.
Schwarze Arbeiter stellten unter Leitung des Weißen die Munition für die
Gewehre her.

Die Gäste versuchten, mit dem europäischen Landsmann sich zu
unterhalten, aber dieser war, wie es schien, unangenehm berührt durch
den Anblick von Landsleuten und antwortete ihnen nur kurz und mürrisch.
Auch war nicht zu entdecken, welcher Nation er angehörte. Er sprach
englisch und holländisch mit gleicher Fertigkeit. Der Missionar
vermutete, er sei ein Verbrecher, der die Heimat oder eine Strafanstalt
in den Kolonien geflohen habe.

Nachdem der König voll Stolz seine Fabriken gezeigt hatte, wobei er oft
den Blick auf dem Lord ruhen ließ, als ob er ihn fragen wollte, welchen
Eindruck solche Hilfsmittel auf ihn machten, führte er die Gäste wieder
zu den Truppen und nahm mit ihnen eine erhöhte Aufstellung, von der aus
das Manöver zu übersehen war. Dabulamanzi ließ die Regimenter ihre
Bewegungen ausführen und ritt dabei seinen mit einem Tigerfell
gesattelten Fuchs.

Es war aber kein sehr glänzendes Manöver. Soweit die Regimenter freilich
Bewegungen ausführten, welche denen glichen, die schon von der Armee bei
Ulundi gemacht worden waren, so weit ging alles gut, und selbst die
unverhältnismäßig schwere Bewaffnung, indem zum Schilde und zu den
Speeren noch das Gewehr hinzukam, schien die Krieger nicht schwerfällig
zu machen. Sie rannten mit großer Schnelligkeit und Ausdauer, wobei sie
das Gewehr so trugen wie ehedem den starken Speer. Aber als nun die neue
Kampfweise gezeigt werden sollte, welche der Bewaffnung mit dem
Hinterlader angemessen war, da entstand Unordnung. Dabulamanzi ließ eine
Reihe von Scheiben in der Entfernung aufstellen. Diese Scheiben waren
offenbar unter Leitung des weißen Fabrikdirektors entstanden, denn sie
waren europäischen Scheiben ähnlich und stellten zum Teil Buern dar.
Dann mußte ein Regiment nach dem andern die Scheiben angreifen und aus
der Ferne danach schießen. Bei diesen Angriffen aber lockerten sich die
Glieder, weil keine Ordnung zwischen Schießen und Laufen herzustellen
war. Den Zulus war die alte Fechtweise so in Fleisch und Blut
übergegangen, daß sie sich in die neue nicht finden konnten. Wenn die
vorderen Glieder stehen blieben, um zu feuern, so wurden sie von den
hinteren Gliedern überrannt. Zuweilen feuerten auch die hinteren
Glieder, ohne zu bedenken, daß Leute vor ihnen waren, denn der Rauch und
Knall berauschte die Zulus. Und weil mit scharfen Patronen gefeuert
wurde, fielen mehrere Krieger, von hinten erschossen, nieder. Die
Regimenter lösten sich in wilde Haufen auf. Dazu waren die Schilde und
Speere beim Schießen hinderlich. Die Leute wußten sich dabei nicht zu
benehmen. Bald stützten sie die Mündung auf den Schild und schossen mit
der rechten Hand allein, als hätten sie eine Pistole, bald warfen sie
Schild und Speere zu Boden, zielten mit beiden Händen, aber hatten dann
Aufenthalt, um ihre andern Waffen wiederaufzunehmen. König Tschetschwajo
wurde sehr ernst, als er diese Unordnung sah, und ließ das Manöver sehr
bald aufhören. Dann entfernte er sich von seinem Gefolge und besprach
sich lange mit Dabulamanzi. Die Truppen ruhten während dessen und aßen
ihr gewöhnliches Mahl, Kafferkorn und Kürbis, und die Toten und
Verwundeten wurden weggetragen.

Pieter Maritz und der Lord gingen an die ruhenden Truppen hinan und
betrachteten deren Gewehre. Es waren lauter Hinterlader, aber sie waren
von verschiedenen Systemen, hier hatte eine Abteilung Zündnadelgewehre,
dort Chassepots, dort Enfieldbüchsen, und aus dieser Ungleichheit wie
aus dem schlechten Zustande der Gewehre war zu erkennen, daß es alte
Waffen waren, die von Händlern aufgekauft worden waren. Das Reich
Tschetschwajos erstreckte sich bis nahe an die Delagoabai im Norden, und
der König mochte wohl für Gold, Elfenbein, Straußenfedern und Vieh von
den Portugiesen die Gewehre gekauft haben. Doch war es auch möglich, daß
er sie aus andern Quellen bezog, denn sein Reich grenzte im Osten
überall an das Meer, und außerdem kamen die Smauser aus den englischen
Besitzungen und aus den Buernländern zu ihm. Humbati erklärte den jungen
Leuten auf ihr Befragen nach der Taktik der Zulus, daß es eine
schwierige und immer wieder erwogene Frage sei, ob die Krieger Schild
und Speer neben dem Gewehre führen sollten oder nicht. Der Prinz
Dabulamanzi sei der Ansicht, daß sie nur Gewehre und Patrontasche führen
sollten, aber der König sei der Ansicht, es sei gegen die Zulunatur,
ohne Schild und Speer zu kämpfen. Schild und Speer, sagte Humbati, seien
ebensowohl Ehrenzeichen wie Waffen, und ein Zulugemüt werde sich nur
schwer an den Gedanken gewöhnen, ohne diese beiden Stücke leben oder gar
fechten zu können.

Jetzt ließ Dabulamanzi, nachdem seine Unterredung mit dem König beendigt
war, das prächtige Regiment antreten, welches nach dem Könige genannt
wurde und dessen eigentliche Garde war. Es waren lauter ältere Männer,
von etwa vierzig Jahren, und viele von ihnen waren von wahrhaft
prachtvollem Wuchse, breitschulterig, hochgewachsen, mit schwellenden
Muskeln. Der Prinz ließ die Schilde und Speere reihenweise in das Gras
legen, und dann mußte der Induna, Humbatis jüngerer Bruder, das Regiment
zum Angriff gegen die Scheiben führen. In drei Haufen, ein jeder
fünfhundert Mann stark, lief die Garde vor. Zwischen den Kolonnen war
ein Raum von etwa fünfzig Schritten, und die Kolonnen selbst waren zehn
Mann breit und fünfzig Glieder tief. In gehöriger Entfernung sollten die
vorderen Glieder schießen.

Aber der Angriff fiel nicht gut aus. Die Zulus waren wie verstört, als
sie mit den Gewehren allein anstürmten, und während die vorderen Glieder
zu feuern anfingen, bemächtigte sich der Kolonne große Aufregung. Die
vorderen Glieder blieben nur zum Teil stehen, zum Teil feuerten sie im
Laufen, die hinteren Glieder lockerten sich, indem sie stutzten und sich
seitwärts wandten. Sie fürchteten, die vorn Stehenden von hinten
umzurennen, wußten aber nicht, was sie selbst machen sollten. Mehrere
Leute der vorderen Glieder wurden wieder von ihren Hintermännern
erschossen. Alle brüllten das Angriffsgeheul, und dieser Lärm, mit dem
Knall der Schüsse vereinigt, schien sie rasend zu machen. Nur wenige
Schüsse trafen die Scheiben, und bald waren die drei Kolonnen nur noch
drei wilde, regellose, brüllende Haufen. Der König machte ein finsteres
Gesicht, und Prinz Dabulamanzi ließ das Regiment halten.

Die Kolonnen wurden wieder geordnet und zurückgeführt, dann aber wurden
zwanzig Männer herausgesucht, welche einzeln nach der Scheibe schießen
sollten. Sie wurden zweihundert Schritte entfernt von einem Buer, der
aus Papier gemacht und bemalt war, aufgestellt und schossen der Reihe
nach. Der König, der Prinz und das Gefolge stellten sich dazu, und die
Weißen standen dicht hinter dem König. Die ausgewählten Leute gehörten
wahrscheinlich zu den besten Schützen, und sie schossen sehr gut. Der
Zulu, welcher die Treffer anzeigte, und der andere Mann, welcher die
Löcher verklebte, standen nur zehn Schritte von der Scheibe ohne jeden
deckenden Schutz; nach jedem Schuß ward auf Kopf oder Brust der Figur
gezeigt.

Der König sah sich jetzt nach den Weißen um, wie um ihren Beifall zu
hören, da bemerkte er das gespannte Interesse, mit welchem Pieter Maritz
nach der Scheibe sah, und daß der Knabe instinktmäßig beide Hände an
seiner Büchse hatte. Er lächelte und trug dem Missionar auf, Pieter
Maritz zu sagen, er möge versuchen, mit des Königs Garde um die Wette zu
schießen. Der Missionar führte den Auftrag aus, und errötend trat Pieter
Maritz vor. Die Augen des ganzen Gefolges und der Zuluschützen ruhten
auf ihm.

Er trat vor die Scheibe, wog einen Augenblick die Büchse in der Hand,
schoß, und der Zeiger wies mit der Speerspitze gerade in die Mitte des
Gesichts.

Der König nickte.

»Mynheer,« sagte Pieter Maritz zu dem Missionar, »bitte, sagt dem
Könige, ich würde jetzt das rechte Auge der Figur treffen.«

»Aber mein bester Junge, hüte dich, den König zu beleidigen, wenn du
besser schießest als seine Leute,« entgegnete der alte Mann.

»Was sagt der Knabe?« fragte Tschetschwajo.

»Er will auf das rechte Auge der Figur schießen,« entgegnete der
Missionar, nur ungern, aber aufrichtig.

»Mag er es thun!« rief der König. »Die Zulus sollen dasselbe thun.«

Pieter Maritz zielte, der Schuß krachte, und der Zeiger wies auf die
vorher bezeichnete Stelle.

»Nun unsere Leute!« sagte der König.

Die Zulus schossen, aber ihre Kugeln trafen wohl in den Kopf und den Hut
der Figur, aber unter neun Schüssen hatte noch keiner das Auge
getroffen. Da traf der zehnte, und der König nickte befriedigt. Aber
alle andern fehlten wieder das Ziel. Die Augen rollten fürchterlich in
den schwarzen Gesichtern, die weißen Zähne glänzten, und hohe Aufregung
verbreitete sich unter dem königlichen Gefolge wie unter den Gardisten.

Pieter Maritz aber war von Ehrgeiz gestachelt. Es hatte ihn geärgert,
daß die Zulus nach einer Scheibe schossen, welche einen Buer darstellte,
und er wollte ihnen zeigen, von welcher Art die Buern wären.

»Dies ist kein Ziel für einen Buer,« sagte er stolz. »Es ist viel zu
groß. Der König möge eine Kranichfeder auf eine Speerspitze stecken und
den Speer weiter entfernt aufstellen lassen.«

Diese Worte wurden dem König übersetzt, und er sandte einen Induna aus,
um das neue Ziel zu stecken. Auf dreihundert Schritte wurde ein Speer in
den Boden gestoßen, und eine kleine schwarze Feder auf dessen Spitze
gesteckt. Es war ein Ziel, welches für den Lord wie für den Missionar
gar nicht mehr zu sehen war, nur die scharfen Augen der Zulus und des
Buernknaben, durch Lesen nicht verdorben und an freier Luft auf der Jagd
und im Kriege geübt, sahen das schmale, von der Luft bewegte Ziel.

Der König ließ zuerst die Zulus schießen. Aber sie schossen alle vorbei,
bis auf den Mann, der vorhin das Auge getroffen hatte. Dieser traf zwar
nicht die Feder, aber seine Kugel zerschmetterte den Schaft des Speeres,
dicht unterhalb der Spitze.

»Gut! Sehr gut!« rief der König, und er ließ einem seiner Hofherren den
goldenen Armring abstreifen und dem glücklichen Schützen überreichen.

Aber ein neuer Speer ward aufgerichtet und die schwarze Feder darauf
gesteckt. Pieter Maritz trat an den Platz, den der Zulu verließ, setzte
den linken Fuß vor und hob langsam die Büchse. Eine Sekunde lang zielte
er, und in diesem Augenblicke konnte kein Felsen unbeweglicher stehen
als er. Nun blitzte der Schuß, und die kleine Feder war verschwunden,
der Speer aber stand noch, wie er gestanden hatte.

Der König rief Beifall, aber in seinen Augen loderte düstere Wut.
»Hier,« sagte er, sich bezwingend, und indem er einen der goldenen Ringe
vom Finger zog, »hier hast du eine Belohnung für dein Schießen. König
Tschetschwajo dankt dir für das Schauspiel, das du ihm gegeben hast.«

Dann aber wandte der König sich um und ging mit seinem Gefolge von
dannen. Pieter Maritz betrachtete den Ring. Derselbe war sehr dick und
schwer, und ein Rubin funkelte darin. Doch war der Ring viel zu weit für
des Knaben Finger, und er zog deshalb einen dünnen ledernen Riemen durch
und hing ihn um den Hals. Der Missionar stand mit besorgtem Blick dabei.
Er fürchtete des Königs Ungnade.

In der That war der König zornig. Das ganze Manöver hatte ihm mißfallen,
und das Schießen des Buernknaben hatte seinen Unmut auf die Spitze
getrieben. Doch ließ er seinen Zorn in einer andern Richtung aus, als
der Missionar befürchtet hatte. Er versammelte seinen Hofstaat und die
höchsten Indunas von der Armee Dabulamanzis um sich und ließ den
Kommandanten des Garderegiments, Humbatis Bruder, vor sich treten.

»Lege den Schild und den Speer ab!« rief er mit drohendem Tone dem
Induna zu.

Dieser Ruf erfüllte die Herzen aller Anwesenden mit Schrecken, denn sie
wußten, was er zu bedeuten hatte. Humbati, welcher neben dem Missionar
stand, verfärbte sich und streckte ängstlich teilnehmend den Kopf vor.
Voll Mitleid blickte der Missionar auf den Induna, der nun gehorsam die
Waffen zu Boden legte. Es war ein schöner schlanker Mann, mit klugem
Gesichte, das Haupt mit dem goldenen Ringe geziert. Nun kniete er vor
dem König nieder, und ein tiefes Schweigen herrschte in der Versammlung.

»Ich bin mit deinem Regimente nicht zufrieden,« sagte Tschetschwajo. »Es
ist das Regiment des Königs, und es soll andern Kriegern als ein Muster
vorleuchten. Es soll um die geheiligte Person des Königs selbst sein. Du
hast aber die Krieger geführt, als ob sie eine Herde Ochsen wären.«

Der Induna hielt seine glänzenden schwarzen Augen auf das Gesicht des
Königs geheftet, und obwohl er in demütig knieender Stellung war, prägte
sich Würde und Stolz in seiner Haltung aus. Kein Muskel zuckte weder in
den schlanken Gliedern noch in dem edel geschnittenen Antlitz.

»Du bist ein toter Mann,« fuhr der König fort. »Aber« -- er wandte sich
halb zu dem Missionar -- »ich will heute thun, was ich noch nie gethan
habe: ich will dein Leben schonen um meines Vaters und Freundes willen,
welcher es nicht liebt, Blut zu sehen. Ich weiß, daß sein Herz weint
beim Blutvergießen, und deshalb darfst du leben. Er ist aus einem fernen
Lande gekommen, um mich zu sehen, und er hat mein Herz weiß gemacht. Er
sagt mir, es sei ein schreckliches Ding, jemandes Leben zu nehmen, weil
es niemals wieder ungeschehen gemacht werden kann. Ich wünsche, daß er,
wenn er heimkehrt, um seinem Könige den Gruß Tschetschwajos zu bringen,
ein Herz hat, das so weiß ist wie meines. Seinetwegen schone ich dich,
denn ich liebe ihn. Aber du mußt für dein ganzes Leben erniedrigt
werden. Ich kann dich nicht an der Spitze meines Regimentes lassen. Du
sollst nicht mehr mit den Edlen des Landes umgehen, noch in die Städte
der Fürsten kommen dürfen, noch am Tanze bei den königlichen Festen
teilnehmen. Nimm den Speer und den Schild wieder auf und tritt in das
Regiment ein, welches fern am großen Wasser liegt.«

Der Induna senkte das Haupt, dann aber erhob er es wieder, kreuzte die
Arme über der Brust und erwiderte: »O, König, betrübe nicht mein Herz!
Ich habe deine Ungnade verdient, laß mich erschlagen wie einen
Häuptling. Ich kann nicht unter dem niedrigen Volke leben.« Dann legte
er die Hand an den goldenen Ring und fuhr fort: »Wie kann ich unter den
Hunden des Königs leben und dies Ehrenzeichen schänden, welches ich
unter den Mächtigen trug? Nein, ich kann nicht länger leben, laß mich
sterben, o Pezulu!«

»Gut,« sagte der König. »Dein Wunsch möge geschehen!«

Auf seinen Wink traten Krieger heran, welche dem Verurteilten die Hände
über dem Kopfe zusammenbanden, und dann ward er hinausgeführt, zwei
Männer auf jeder Seite. Humbati machte eine Bewegung, als wollte er dem
Bruder folgen, aber er besann sich und murmelte, so daß der König es
hören konnte: »Der König ist gerecht, er ist sehr weise, Humbati kennt
seinen Bruder nicht mehr.«

Doch der Lord flüsterte dem Missionar zu: »Wenn ich der König wäre und
hätte Humbatis Blick gesehen, so würde ich unruhige Nächte haben.«

Ein Herr vom Hofe ward dem Verurteilten nachgesandt, und Pieter Maritz
stahl sich seitwärts, um zu sehen, was mit dem unglücklichen
Befehlshaber der Garde geschehen würde. Es war nicht Lust an grausamen
Handlungen, was ihn zog, sondern innige Teilnahme, die ihn fast wider
Willen trieb. Er folgte dem kleinen Zuge zu einem Platze neben dem
Kraal, der auf der Höhe an der Vereinigung der beiden Flüsse lag. Dort
neigte sich ein Felsen senkrecht zum Wasser hinab. Hierher ließ der
Induna aus dem Hofstaat den Verurteilten führen. Pieter Maritz sah
hinunter. Breit und glänzend strömte unten das Wasser, und weithin
schweifte der Blick jenseits des Flusses über Berg und Thal. Er sah den
stolzen Krieger an, welcher zum Tode ging, und sah ihn gelassen
dahingehen. Ein träumerischer Ausdruck lag auf dem schönen schwarzen
Antlitz, und seine Lippen zuckten verächtlich, als trüge das Bewußtsein
seiner Würde den tapferen Anführer über die Schrecken des Todes hinweg.
Viele Krieger sahen aus der Entfernung zu, als der kleine Zug an den
Rand des Felsens hintrat, und tiefes Schweigen herrschte unter ihnen.

Jetzt, als die Begleiter Hand anlegen wollten, ihn vom Felsen
hinunterzustoßen, machte sich der Verurteilte mit einer Gebärde des
Unwillens aus ihrem Griff los, trat einen Schritt vor, bis an die
äußerste Spitze der Höhe, und stürzte sich in weitem Schwunge hinab. Der
schwarze Körper tauchte in die Flut ein, für einen Augenblick glänzte
noch der goldene Kopfring aus dem blauen Wasser empor, dann sah Pieter
Maritz die gräßlichen Rachen mehrerer Alligatoren dort unten erscheinen,
und von dem kühnen Manne war jede Spur verloren.

Als der Knabe mit erschüttertem Herzen zurückkehrte, sah er den König
inmitten seines Gefolges und der Heerführer unter schattigen Bäumen
lagern und speisen. Seine Köche knieten im Hintergrunde um die Feuer
herum, und der Geruch gebratenen Fleisches erfüllte die Luft. Die
Schmeichler umringten den König und riefen mit leiser Stimme, wie in
Verwunderung verloren: »Wo sind die Feinde Tschetschwajos? Sein Atem
schlägt in ihr Antlitz wie die Flamme in trockenes Gras! Seine Feinde
werden verzehrt von dem Atem des Königs der Könige. Der Vater des Feuers
beherrscht den blauen Himmel, er steigt hinauf und sendet seine Blitze
aus den Wolken, er läßt den Regen herniederträufeln. Ihr Berge, ihr
Wälder und ihr grasreichen Ebenen, hört auf die Stimme Tschetschwajos,
des Sohnes Pandas, des Königs des Himmels!«

Gegen seine Gewohnheit schloß sich Humbati diesen schmeichelnden
Hofleuten an und pries mit demütiger Gebärde die Größe des Königs. Auch
eine Anzahl der Weiber des Königs war aus Ulundi herbeigeführt worden,
und sie kauerten um ihn her und reichten ihm knieend die Körbe und
Schalen. Er winkte eine von ihnen herbei und erwies ihr die Gnade, seine
Füße in ihren Schoß zu stellen und sie als Fußschemel zu benutzen,
während er auf einer Rasenbank saß.

Pieter Maritz sah dieser Scene von der Seite zu und war so traurig und
so empört über das grausame Gemüt Tschetschwajos, daß er nicht essen
mochte und die Speise zurückwies, welche die königlichen Diener ihm
anboten. Da bemerkte er, daß ein erbärmlich aussehendes Paar sich dem
Kreise näherte. Der Mann hatte ein bekümmertes Gesicht, und sein magerer
Leib war elend gekleidet, ganz ohne Schmuck, die Hüften mit einem
abgeschabten Ziegenfell umgürtet. In der Hand trug er ein kleines
Päckchen, das mit Ziegenfell umwickelt war. Die Frau sah so kümmerlich
aus wie der Mann. Mit niedergeschlagenen Augen schlichen sie an das
Gefolge heran, als ob sie eine Bitte vortragen wollten. Die Umgebung des
Königs schien Erbarmen mit den Leuten zu haben, oder war so
eingeschüchtert, daß sie nicht wußte, was sie thun sollte, denn ohne sie
gerade heranzuführen, wichen die Hofleute auseinander und ließen das
armselige Paar gleichsam unabsichtlich vor den König kommen.

Der König war im Gespräch mit seinem Bruder, als er bemerkte, daß etwa
zehn Schritte von ihm die armen Leute niederknieten, doch warf er nur
einen flüchtigen Blick auf sie und setzte seine Unterhaltung fort. Da
legte der Mann sein Päckchen zu Boden, knüpfte es auf und breitete ein
paar elende geschnitzte Dinge, einige Kugeln von Horn, einen verzierten
hölzernen Löffel und ein paar messingene Ohrringe, auf dem Boden aus.
Dazu fing er an, mit kläglicher Gebärde zu erzählen, er sei vom Lande
und wohne im Gebiete der Amatongas, die Zulukrieger aber hätten auf dem
Durchmarsche seine beiden Söhne mitgenommen, einen Knaben von zehn und
einen Knaben von acht Jahren. Nun biete er dem König das Lösegeld, und
bitte, ihm und seiner Frau die Kinder wiederzugeben.

Der König runzelte die Brauen, aber beachtete den Bittsteller weiter
nicht, denn er erwog gerade die wichtige Frage des Tragens der Schilde
im Feuergefecht und blieb in der Unterhaltung mit Dabulamanzi.

Da zog der arme Mann trübselig noch ein altes abgeschabtes Messer aus
seinem Karoß und legte es zu den übrigen Dingen. »Dies ist alles, was
wir haben, o König,« sagte er kummervoll. »Wir sind zehn Tage lang
gelaufen, meine Frau und ich, um dem König unsere Bitte vorzutragen.«

Aber der König bemerkte ihn noch immer nicht, und das Gefolge fing an,
sich zwischen ihn und die Armen zu schieben, in der Besorgnis, etwas
Mißfälliges zu begünstigen. Ein schwerer Seufzer drang aus der Brust des
armen Mannes hervor, und über die Wangen seiner Frau liefen Thränen.
Beide stützten die Köpfe auf die Hände und blickten zu Boden,
niedergeschlagen, mutlos, ohne Kraft, ferner zu bitten, noch auch
wegzugehen. Sie hatten ihr ganzes bewegliches Besitztum geboten, um ihre
Kinder wiederzubekommen. Jetzt traten einige Diener heran, um die
Lästigen fortzujagen.

Da stand der Missionar auf und näherte sich ihnen. Er legte seine Hand
auf des Mannes Schulter, um dessen Aufmerksamkeit zu erregen, und sprach
ein paar freundliche Worte. Dieser starrte in die Höhe, aber beim
Anblick des weißen bärtigen Gesichtes stieß er einen Schreckensruf aus.
Die Frau sprang empor und schrie ebenfalls vor Angst. Nun ward der König
aufmerksam und fragte, was es gäbe.

»Hier sind die ärmsten von des Königs Unterthanen,« sagte der Missionar
mit fester Stimme. »Sie wissen, daß der König sein Auge über den
Geringsten wie über den Mächtigen wachen läßt, darum wagen sie es, mit
einer Bitte zu nahen.«

»Was wollen die Leute?« fragte Tschetschwajo mit finsterer Stirn.

»Sie haben zwei Söhne, die von des Königs Truppen geraubt sind. Sie
möchten ihre Söhne wiederhaben, denn ihr Herz hängt an den Knaben. Es
sind Knaben, die noch nicht die Waffen tragen können.«

»Mein Vater will des Königs Armee ihres jungen Nachwuchses berauben und
den König zum Frieden nötigen,« sagte Tschetschwajo mit einem
ärgerlichen Lachen. Dann aber sprach er einige Worte zu einem der
Heerführer und dieser entfernte sich, während der König sich wieder zu
seinem Bruder wandte. Der Missionar ließ die armen Leute beiseite
treten, und diese küßten ihm die Füße und die Hände, da sie aus dem
Verlauf der Scene schlossen, daß ihre Hoffnung in Erfüllung gehen würde.
Sie boten dem Missionar ihre ärmlichen Geschenke an, dieser aber wies
sie mit freundlichen Worten zurück und gab ihnen Speise. Die Hofleute
aber redeten unter sich und waren voll Verwunderung über den Einfluß des
weißen Mannes.

Nicht lange darauf kehrte der Induna zurück, und man sah einen Knaben an
seiner Seite gehen. Das Weib stieß einen Ruf aus und rannte so schnell
dem Knaben entgegen, daß es aussah, als müßte sie jeden Augenblick
stürzen. Sie umarmte das Kind und kam mit ihm herauf, indem sie vor
Freude laut weinte. Der Induna berichtete, der andere Knabe sei tot. Der
König aber befahl, den Eltern das überlebende Kind wiederzugeben und sie
durch einige Stück Vieh für das andere zu entschädigen.

»Ist mein Vater nun zufrieden?« fragte der König den Missionar. »Ist
sein Herz nun weiß? Wird er mein guter Vater bleiben?«

»Ja,« entgegnete der alte Mann, »aber unter der Bedingung allein, daß
Tschetschwajo mein guter Sohn bleiben wird.«

Das Gefolge erstarrte vor Entsetzen über diese kühne Antwort. Aber da
der König in ein herzliches Lachen ausbrach, stimmten alle in das Lachen
ein.

Währenddessen sah Pieter Maritz ein neues Schauspiel sich vorbereiten.
Er bemerkte, daß das Regiment des Königs sich zusammenzog und, seine
Unterbefehlshaber an der Spitze, in langer Linie heranmarschierte.
Einige hundert Schritte vom Könige kniete die ganze Masse nieder, und
vor der Linie knieten die Indunas. Dabulamanzi machte den König auf die
Truppen aufmerksam, und dieser schickte den Prinzen ab, um zu fragen,
was das Regiment wolle. Der Prinz kam mit der Nachricht zurück, das
Regiment sei traurig über die Ungnade des Königs und bitte um neue
Schilde.

Diese Bitte hieß nach der militärischen Sitte der Zulus nichts anderes,
als daß die Truppe wünschte, zu einem kriegerischen Zuge gegen einen
Nachbarstamm ausgesandt zu werden, um im feindlichen Blute seine Schande
abzuwaschen und neuen Ruhm zu erwerben.

Tschetschwajo wandte sich zu dem Missionar. »Du siehst, wie mein Volk
ist,« sagte er. »Ich wünsche nicht den Krieg, mein Volk wünscht ihn.
Niemals lebte ein König, der friedliebender gewesen wäre als
Tschetschwajo.«

Dann winkte er unwillig mit der Hand, und die Garde mußte sich
zerstreuen, ohne daß ihre Bitte erfüllt worden war.

Aber der Missionar merkte wohl, daß nur Politik den König bewog, so zu
sprechen und zu handeln, denn nun ließ Tschetschwajo den Lord
herbeikommen und setzte sich mit ihm zusammen nieder. Der Missionar
mußte den Dolmetscher spielen, und nur Dabulamanzi war außerdem noch
zugegen.

Er sei den Engländern sehr befreundet, sagte Tschetschwajo. Böswillige
Leute hätten wohl über ihn gelogen und gesagt, er liebe den Krieg und
mache Einfälle in das Buernland und in die englischen Besitzungen. Aber
in Wahrheit gingen solche Grenzverletzungen von unbotmäßigen Stämmen
aus, welche sich gegen seinen Willen vergingen, mit der Zeit aber völlig
zum Gehorsam gebracht werden würden. Das möge der englische Induna dem
Gouverneur von Natal sagen. Tschetschwajo sei Englands Freund, er habe
den Engländern schon früher gegen die Buern geholfen und werde es jetzt
wieder thun. Die Buern seien Englands schlimmster Feind; wenn sie
niedergeworfen seien, würde England das ganze Afrika beherrschen, mit
Ausnahme des Zululandes, dessen König der treueste Freund Englands sei.
Seine Armee sei groß und stark, und er werde dreißigtausend Mann der
besten Truppen zur Hilfe gegen die Buern bereit halten. Er habe genug
Gewehre, um die Hälfte der Regimenter damit zu bewaffnen. Zwar hätten
sich die Truppen heute ungeschickt gezeigt, aber das komme davon, daß
ihnen das Feuergewehr noch neu sei. Nach einiger Zeit werde das anders
sein. Der englische Häuptling möge dies alles dem Gouverneur sagen und
Tschetschwajos Bündnis anbieten.

Der Lord erwiderte, daß er dankbar sei für die königliche Aufnahme und
Bewirtung und den Auftrag pünktlich ausrichten werde. Doch wisse der
König wohl, daß er ein sehr junger Mann und keiner der großen Indunas
sei. Deshalb könne er weder eine erfolgreiche Botschaft versprechen noch
auch vorher sagen, welche Aufnahme der Gouverneur ihm bereiten werde.
Doch sei er überzeugt, daß der Gouverneur die große Macht Tschetschwajos
zu würdigen wisse und das Bündnis mit dem mächtigen König seiner
Bedeutung nach erkennen werde. Jedenfalls werde er, der Leutnant, den
Auftrag nach bestem Gewissen ausrichten.

Als der Lord so geantwortet hatte, bezeigte der König seine
Zufriedenheit. Er ließ durch einen seiner Hofbeamten eine Perlenkette
von hohem Wert herbeibringen und überreichte sie dem jungen Offizier.
»Die englischen Indunas tragen solchen Schmuck nicht selbst,« sagte er
dabei gnädig lächelnd, »aber du kannst die Kette deiner Lieblingsfrau
zum Andenken an Tschetschwajo umhängen. Reise, wann du willst, das Land
liegt vor dir.«

Lord Fitzherbert errötete, indem er an das Mädchen in der Heimat, das
Mädchen mit den Rehaugen im alten England dachte, und er lachte vor
Freude bei dem Gedanken, daß er sie nun doch wohl wiedersehen könne und
daß vielleicht einst das Geschenk des schwarzen Fürsten ihren schlanken
Hals zieren werde, wenn er so glücklich sei, sie seine Gattin nennen zu
dürfen. Er zog seine kostbare Uhr, die von Edelsteinen funkelte, hervor
und überreichte sie nebst der goldenen Kette dem König.

»Ich weiß, daß dies Geschenk des Königs nicht würdig ist,« sagte er,
»aber vielleicht giebst du das Spielzeug einer deiner Lieblingsfrauen
zum Andenken an den Engländer, der dir für seine Freiheit dankt.«

Tschetschwajo nahm das Geschenk sehr huldvoll auf und überreichte die
Uhr einem der Kammerherren. Die Audienz war damit beendigt, und mit
einer höflichen Verbeugung verabschiedete der König seinen Gast.

Strahlenden Gesichts blieb der junge Lord zurück und besprach sich mit
dem Missionar über den Zeitpunkt seiner Abreise. Der alte Mann riet ihm,
ruhig abzuwarten, was geschehen würde, da der König selbst ihm die Zeit
und die Art und Weise kundgeben werde. In der That näherte sich bald
nachher Humbati den Weißen und wandte sich an den Lord mit der
Mitteilung, daß er die Ehre haben werde, ihn auf der Reise zu begleiten.

»Der König hat befohlen, daß ich dich an die Grenze bringe,« sagte
Humbati, »und zu unserm Schutze wird uns eine Anzahl von Kriegern
folgen. Wir werden gerade nach dem Untergange der Sonne zu reisen und
können nach wenig Tagesmärschen die Grenze erreichen. Dort kommen wir an
den Buffalofluß, und du kannst bei Rorkes Drift hinübergehen in das
englische Land Natal. Ich aber soll am Flusse bleiben und die Antwort
erwarten, welche der Gouverneur von Natal an den König senden wird.«

Der Missionar beobachtete den Zulu aufmerksam, während dieser sprach,
denn ein eigentümlicher Klang war in dessen Stimme, und das sonst so
gefaßte Gesicht hatte einen besonderen und ungewöhnlichen Ausdruck. Es
schien, als werde der Mann von einem geheimen Gedanken bewegt. Seine
Augen funkelten mit düsterem Feuer, und die Ruhe seiner Haltung hatte
etwas Gezwungenes.

Der Missionar dachte nach, was wohl den Häuptling bewege. Trauer um den
Bruder konnte es wohl nicht allein sein, denn nicht milde Weichheit war
in den schwarzen Zügen zu lesen, sondern heimlicher Grimm. War Humbati
zornig auf die Weißen als die Ursache des Todes seines Bruders? Aber die
Weißen waren doch unschuldig daran, daß der König so grausam war, und im
Gegenteil hatte der König dem Häuptling das Leben schenken wollen, um
dem Missionar gefällig zu sein. Dennoch hatte der Missionar das Gefühl,
die Erregung Humbatis stehe in Verbindung mit der Reise des Lord.
Offenbar hatte Humbati selbst veranlaßt, daß er, ein so vornehmer Mann,
zur Reisebegleitung bestimmt worden war, denn dies Amt hätte auch wohl
einem Geringeren übertragen werden können.

Während der Missionar so dachte und die verschlossene düstere Miene des
Häuptlings mißtrauisch beobachtete, während der Lord seine Freude
darüber aussprach, von einem so angesehenen und ihm wohlbekannten Mann
begleitet zu werden, trat Pieter Maritz heran. Das Herz war ihm schwer
geworden, als er von der Abreise des Lord gehört hatte. Das Bild der
eigenen Heimat stieg lebhafter als je vorher in seiner Erinnerung auf
und ließ ihm den Aufenthalt bei den wilden grausamen Zulus unheimlich
und düster erscheinen. Es war ihm, als zöge die Abreise des Lord seine
Seele mit. Er wandte sich an Humbati und bat ihn, beim Könige die
Erlaubnis zu erwirken, daß auch er mitgehen dürfe.

Humbati zuckte die Achseln. »Wer bin ich,« antwortete er, »daß ich dem
großen Könige Rat erteilen sollte, ohne daß er meine Ansicht zu hören
verlangt hat? Der weiße Jüngling, der so gut schießt, möge selbst den
König bitten.«

Der Lord ergriff des Buernsohnes Hand. »Ich habe schon daran gedacht,
für Sie zu bitten, lieber Freund,« sagte er. »Aber die besondere Art
des Auftrags, den mir der König gegeben hat, läßt mich zweifeln, ob er
die Bitte gut aufnehmen würde. Ja, ich zweifle nicht nur, ich bin ganz
gewiß, daß er zornig werden würde, wenn ich ihm den Vorschlag machte,
Sie mitnehmen zu dürfen. Es ist klüger, Sie bitten nicht darum, sondern
verlassen sich ganz auf unsern alten Freund und Beschützer hier.«

Er wies bei diesen Worten auf den Missionar.

»Wir verdanken ihm unser Leben,« fuhr er dann fort, »ohne ihn hätten uns
längst die Geier und Hyänen gefressen. Er ist so gut, daß er selbst die
Wilden besänftigt, und so beredt, daß er sie mit seinen Worten
bezaubert. Er wird Sie sicherlich nach der Heimat zurückbringen.«

»Die Zukunft steht allein in Gottes Hand,« sagte der Missionar. »Aber
gewiß hat Seine Lordschaft damit recht, daß der König nimmermehr
erlauben würde, daß du abreisest. Du darfst gar nicht darum bitten, denn
der König würde zornig werden und würde selbst Seine Lordschaft mit
Mißtrauen ansehen.«

»Dann handelt es sich um einen Plan, der gegen die Buern gerichtet ist!«
rief Pieter Maritz erregt.

Der Missionar legte mit bedeutsamem Blick den Finger auf den Mund. »Wer
klug ist, der sieht und hört, aber redet nicht,« sagte er in
holländischer Sprache. »Glaubst du, daß wir uns zu Werkzeugen eines
Planes zwischen Heiden und Christen gegen ein christliches Volk hergeben
würden? Laß den König planen, was er will, und aus seiner Verblendung
Segen kommen. Sieht er ein, daß seine blutigen und räuberischen
Anschläge erfolglos bleiben, so wird er den Friedensworten ein offenes
Ohr leihen. Mit Gottes Hilfe werden wir beiden später noch zusammen in
deine Heimat zurückkehren.«

Pieter Maritz schwieg. Er war voll Vertrauen zu dem alten Mann. Aber
doch blutete sein Herz, als er am Nachmittage der Abreise des Engländers
zusah. Humbati hatte zwanzig Krieger mit Schild und Speer um sich
versammelt und außerdem zehn Diener, welche Körbe mit Lebensmitteln
trugen. Diese sollten die Reisebegleitung sein. Der Rappe scharrte mit
dem Hufe, als wüßte er, wohin er seinen Herrn tragen sollte, und wäre
darüber erfreut. Lord Fitzherbert drückte dem Missionar und dem
Buernsohn zum Abschied herzlich die Hand.

»Kommt ihr jemals in die Lage, auf englischem Gebiete meiner Hilfe zu
bedürfen, so rechnet auf mich,« sagte er.

Dann schwang er sich in den Sattel, winkte noch einmal mit der Hand
zurück und ritt davon. Neben ihm ging mit elastischem Schritte die
dunkle Gestalt Humbatis, und der Zug der Krieger und Träger folgte dem
Pferde. Die Sonne strahlte auf dem Pallasch des Engländers, auf dem
goldenen Kopfring des Häuptlings und den Speerspitzen der Krieger, nach
und nach ward der Zug in der Entfernung kleiner und verschwand dann
gänzlich hinter einem Hügel.

Seufzend kehrte Pieter Maritz zu seiner Hütte in Mainze-kanze zurück.

[Illustration]



[Illustration]



Fünfzehntes Kapitel

Der Regenmacher


Pieter Maritz war traurig. Er fühlte sich einsam, nachdem der Engländer
fort war. Wohl hatte er in dem Missionar nicht nur Gesellschaft, sondern
auch eine zuverlässige Stütze in seinem Leben unter dem fremden,
schwarzen und ihm unheimlichem Volke; aber dieser war doch ein alter
Mann und stand in seinen Ansichten und in seiner Lebensanschauung, in
seinen Interessen und Beschäftigungen dem Knaben zu fern. Mit dem Lord
hatte er sich so gut unterhalten, daß er die Verbannung von der Heimat
weniger gefühlt hatte. Er hatte von dem jungen vornehmen Manne viel
gelernt und dessen Erzählungen von England, von dem Leben der reichen
Leute, vom Kriege und von der Schiffahrt immer mit der größten Andacht
gelauscht. Da der Lord getrennt von seinesgleichen gewesen war, hatte er
das äußerliche Glänzen und alle störenden Eigenschaften abgestreift,
welche ein Hindernis im Umgange zwischen dem reichen, verwöhnten,
stolzen Jüngling und dem armen, einfachen, hart erzogenen Buernknaben
hätten sein können. Er war einfach und natürlich geworden und so hatte
sich zwischen beiden, die an Alter nicht so sehr verschieden waren, ein
wahres Freundschaftsverhältnis gebildet. Sie hatten zusammen im Schatten
der Bäume geplaudert, waren zusammen spazieren geritten, vereinigt auf
die Jagd gegangen. Pieter Maritz hatte englisch gelernt, so daß er es
nun sehr gut verstand und fertig sprechen konnte mit dem Accent eines
vornehmen Mannes, während er es vorher nur notdürftig hatte lesen und
nur wie ein Bauer sprechen können.

Nun war das alles vorbei: die schönen Geschichten von den Kriegen der
Engländer, von den stolzen Kriegsschiffen, von den Schlössern und Parks,
von dem Leben in London, hatten aufgehört und Pieter Maritz war betrübt.
Oft sah er sehnsüchtig den Weg entlang, der von Mainze-kanze nach Natal
führte, und er seufzte bei dem Gedanken, nun gleichsam auf einer wüsten
Insel zu leben. Oft dachte er, indem er Jagers glänzenden Hals
streichelte und dessen Schnelligkeit erwog, darüber nach, ob es nicht
möglich sei, auf dem Rücken des treuen Tieres zu fliehen. Aber er gab
die Gedanken an Flucht immer wieder auf, wenn er bedachte, daß der Weg
bis zur Grenze so weit sei und durch Landstriche führe, die von wilden
Tieren nicht nur, sondern von grausamen Menschen bewohnt seien, an den
Kraals der Zuluarmee vorbei und zuletzt nahe der Grenze durch die
Truppen des Prinzen Sirajo, die an dem Buffalofluß entlang auf der Wacht
standen. Am schwersten empfand der Knabe sein Los an seinem Geburtstage,
welcher in diese Zeit fiel. Er ward fünfzehn Jahr, und an dem Tage, wo
er dies Alter erreichte und nun seine Mutter und seine Geschwister in
weiter Ferne sich vorstellte, wo er der Zärtlichkeit gedachte, die ihn
sonst an diesem Feste umgeben hatte, war er sehr traurig.

Der Aufenthalt beim König Tschetschwajo sah einer Gefangenschaft sehr
ähnlich. Zwar wurden die Weißen mit großer Auszeichnung behandelt und
hörte der König den Reden des Missionars immer mit der größten Achtung
zu, aber die Freiheit, welcher sie sich erfreuten, war nur gering. Die
Hofbeamten und Diener, von denen sie umgeben waren, überwachten sie wie
Gefangenwärter. Zwar waren diese Leute voll Höflichkeit und sehr
gehorsam. Der Missionar brauchte nur den Finger zu erheben, um sie zum
Sprechen oder Schweigen zu bringen, und ein Wink genügte, um sie hierhin
oder dorthin zu schicken, aber selten ließen sie die Weißen allein. Sie
hatten immer Gründe, in der Nähe der Weißen zu sein, und seitdem der
Missionar sich der armen Leute angenommen hatte, welche ihrer geraubten
Söhne wegen gekommen waren, durfte kein Fremder mehr den Hütten der
Weißen sich nahen. Oft mußte der Missionar wehrend dazwischen treten,
wenn die Hofbeamten ganz einfach mit Steinen oder Stöcken nach den Zulus
warfen, die sich der Umzäunung näherten, welche die Hütten umschloß.
Denn ohne das geringste Bedenken hätten diese eifrigen Diener Köpfe und
Knochen zerschlagen, um ihrer Pflicht nachzukommen.

Die Regierung Tschetschwajos war ein Despotismus im höchsten Grade. Die
Personen seiner Unterthanen so gut wie ihre Besitztümer waren das
Eigentum des Tyrannen, der nach Gutdünken darüber verfügte. Sein Wort
war Gesetz, und er brauchte nur die Hand zu erheben und die Brauen zu
runzeln, um die vornehmsten Indunas zittern zu machen. Niemand hatte
eine eigene Ansicht oder Meinung, mit der einzigen Ausnahme des Prinzen
Dabulamanzi, welcher in allen kriegerischen Angelegenheiten gehört wurde
und in der That die Seele der königlichen Armee zu sein schien. Aber
keiner sonst wagte in Gegenwart des Königs einen eigenen Gedanken
auszusprechen. Wenn die Großen zur Beratung herbeigezogen wurden, so
krochen sie vor dem Tyrannen und begnügten sich, wenn sie gefragt
wurden, die großen Titel des Königs ehrfurchtsvoll vor sich hin zu
murmeln. Beständig kamen Boten aus allen Teilen des Reiches an, welche
Nachricht von den äußersten Grenzposten brachten und Meldungen über die
einzelnen Regimenter sowie über die Beschaffenheit der großen Viehherden
des Königs abstatteten. Diese Boten legten, wenn sie sich näherten, in
der Entfernung von hundert Schritten vom Könige Schild und Speer zu
Boden, kamen dann noch einige Schritte näher und knieten nieder. War es
dann das Belieben des Königs, sie anzuhören, so schickte er einen der
Indunas zu ihnen, die gerade den Dienst hatten, und durch den Mund des
Indunas vernahm er die Meldung. Zuweilen kam die Botschaft, daß Löwen in
eine der Herden des Königs eingebrochen seien, aber niemals wagte ein
Bote eine solche Meldung zu machen, ohne gleichzeitig den Kopf und die
Vordertatzen des Tieres mitzubringen, welches gewagt hatte, sich an
königlichem Eigentum zu vergreifen.

Daß der Missionar freimütig mit dem Könige sprach und daß dieser sich
darüber nicht erzürnte, war für den ganzen Hof ein Rätsel. Der Missionar
ward deshalb gleichsam wie ein überirdisches Wesen betrachtet, man hielt
ihn für einen Zauberer ersten Ranges, und nicht selten versuchten Leute,
welche ein Anliegen hatten, sich ihm durch Vermittelung seiner Umgebung
zu nähern. Der eine wollte von einer Krankheit befreit sein, der andere
wünschte sich Vieh, der dritte Regen, und so wurden Ansinnen an ihn
gestellt, die nur durch Wunder zu erfüllen gewesen wären. Niemals
begriffen die Leute, warum der Missionar sie zurückwies, sondern sie
hielten ihn für boshaft und verehrten ihn darum nur noch mehr. Der König
selbst konnte sich der Ansicht nicht erwehren, daß der Missionar zaubern
könne, und er fragte ihn einmal, da die Regenzeit zu kommen zögerte,
ganz ernsthaft, ob er Regen machen könne. Er hielt die Gespräche des
Missionars von der Größe und Güte des unsichtbaren Gottes für ein
Eingeständnis seiner Zauberkraft. Ebenso glaubte er nicht, es ginge mit
natürlichen Dingen zu, daß der Missionar sich so furchtlos ihm näherte
und nicht auf seinen eigenen Vorteil bedacht war. Denn der alte Mann
wies immer wieder ebensowohl Frauen wie Ochsen, die der König ihm
schenken wollte, zurück und begnügte sich mit den Lebensmitteln, die ihm
von der königlichen Tafel täglich zugesandt wurden und allerdings sehr
reichlich waren, indem nicht selten wohl an fünfzig Schüsseln kamen.

Unter dem Eindruck dieser abergläubischen Furcht zeigte sich der König
auch geneigt, den Unterhaltungen des alten Mannes über Religion oft ein
williges Ohr zu leihen. So kam er eines Tages ganz allein in die Hütte
des Missionars und setzte sich mit den Worten nieder: »Ich will zu
deinen Füßen sitzen und deine Belehrung hören. Warum liegt es dir am
Herzen, daß ich aufhören soll Krieg zu führen und Menschen zu töten?«

Der Missionar bemerkte, daß der König in ernsterer und nachdenklicherer
Stimmung war als gewöhnlich, und antwortete mit festem Tone: »Sieh die
Gebeine der Menschen an, die über dein Land hin und über die
Nachbarländer verstreut liegen. Sie sprechen eine schreckliche Sprache
und sagen mir, der ich diese Sprache verstehe: ‚Wer Menschenblut
vergießt, des Blut soll wiedervergossen werden.‛«

Der König verfärbte sich, seine Lippen wurden blaß. »Du hast mir einmal
gesagt, daß die Toten wieder aufstehen würden zu einem neuen Leben,«
entgegnete er; »meinst du, daß sie sich an Tschetschwajo rächen werden?«

»Sie werden sich nicht selber rächen,« antwortete der Missionar, »aber
sie werden vor dem Throne Gottes Klage führen über ihren Mörder, und
Gott wird das Leben des Mörders dem Schwert seiner Feinde ausliefern.«

»Ein König darf so etwas nicht hören,« sagte Tschetschwajo, indem er
finsteren Blickes aufstand. »Es ist eine Lehre für die Feiglinge. Warum
redest du nicht so zu der Königin von England? Ihre Krieger haben mehr
Gebeine über die Erde verstreut als die meinigen.«

»Ich weiß, daß Tschetschwajo sein Volk liebt,« sagte der Missionar. »Er
trägt seine Unterthanen an seinem Busen und will sie groß und reich und
froh machen. Giebt es kein besseres Mittel dazu als den Krieg? Warum
hält der König so viele unverheiratete Krieger? Er möge sie verheiraten,
damit das Land voll Volks werde. Dann möge er die Leute das Land bebauen
lassen, damit es viel Korn trägt. Im Korn liegt der Reichtum, und in der
Arbeit liegt das Glück. So verfahren die christlichen Könige, und sie
führen nur aus Not Krieg. Du aber lebst vom Kriege und vom Raube an den
Gütern der Nachbarn, deine Unterthanen arbeiten nur wenig, gehen mit
Schild und Speer einher, prahlen und singen und fechten und faulenzen
einen Tag wie den andern. Bedenke, wer dich zum Könige gemacht hat. Du
bist nicht selbst vom Himmel gekommen, sondern der unsichtbare Gott hat
dich zum Könige gemacht. Er wird die Seelen deines Volkes von deiner
Hand fordern und wird dich fragen, was du mit ihnen gemacht hast.«

»Laß uns von etwas anderm reden,« sagte der König. »Mein Vater ist sehr
weise in den unsichtbaren Dingen, aber er kennt das Amt eines Königs
nicht. Kannst du einen Löwen vor den Pflug spannen oder einen Elefanten
melken? Der König der Zulus ist der Herr, nur die Knechte arbeiten. Wenn
mein Vater so gut bekannt ist mit dem unsichtbaren Gott im Himmel, so
möge er ihn bitten, regnen zu lassen, denn der Acker verschmachtet, und
das Vieh stirbt. Über die Seelen aber wollen wir ein anderes Mal
sprechen.«

Der Missionar antwortete ihm, daß er Gott wohl bitten könne, Regen zu
senden, daß er aber nicht vorhersagen könne, ob Gott seine Bitte
erfüllen werde, und der König lenkte das Gespräch nun auf die Sendung
des Engländers. Schon vierzehn Tage waren verflossen, seitdem der Lord
abgereist war, und noch war keine Nachricht gekommen. Er fing an unruhig
zu werden und besprach mit dem Missionar die Möglichkeiten der Zukunft.

Außerdem aber erregte die anhaltende Dürre schwere Sorgen am Hofe und im
Volke. Der König kehrte nach Ulundi zurück und beschloß hier Maßregeln
zu treffen, um den Regen zu erzwingen. Die Regenmacher, welche in
Mainze-kanze und Ulundi wohnten, waren nicht kräftig genug, wie sie
selbst erklärten, und der König hatte zu den Swazi, nordwestlich von
seinem Reiche wohnend, geschickt und einen sehr berühmten Mann von dort
unter reichen Versprechungen nach seiner Hauptstadt bestellt.

Seltsam mischten sich Verstand und Aberglauben in Tschetschwajos Hirn,
denn er sagte dem Missionar, als er diesem von dem fremden Regenmacher
erzählte, daß er diesen nur deshalb kommen lasse, weil es sein Volk
beruhigen werde. »Was aus der Ferne kommt,« so sprach er, »das achten
sie höher, als was sie täglich sehen. So lassen die Swazi meine
Regenmacher kommen und ich die ihrigen.«

Der Missionar sah der Ankunft des Regenmachers mit einer gewissen
Neugierde entgegen. Er hatte immer gefunden, daß unter den
südafrikanischen Völkern die Anwesenheit von Regenmachern und Zauberern
-- denn beide Eigenschaften steckten in einer und derselben Person --
das größte Hindernis der Verbreitung des Christentums sei. Denn das Volk
glaubte, alles höhere Wissen finde sich in diesen Personen, und wenn der
Missionar etwas gelehrt hatte, so liefen die Leute zu ihnen und fragten,
ob es wahr sei. Jene aber sagten dann regelmäßig, es sei Unsinn, und
spotteten über die Lehren des Missionars. Dazu pflegten jene Zauberer
immer die klügsten und beredtesten Leute im Orte zu sein, welche das
Volk an der Nase führen und mit vielem Witze die Lehren des Missionars
überschütten konnten. Sie fürchteten den Einfluß der fremden Lehrer,
weil diese ihren eigenen Einfluß vernichten mußten, wie sie recht gut
einsahen, und waren die geborenen Feinde der Mission. Die Regenmacher
und Zauberer kannte der alte Mann als seine schlimmsten Gegner, denn sie
waren in den Augen des Volkes keine unbedeutenden Persönlichkeiten und
sogar insgeheim höher geachtet als die Häuptlinge und der König selbst.
Als Doktoren und Leiter des Begräbniswesens gingen sie zu allen Familien
und wußten sich durch tausend schlaue Vorspiegelungen das Ansehen zu
geben, als könnten sie nicht allein Krankheiten heilen, sondern auch die
Geister beherrschen. Denn obwohl die Schwarzen nicht eigentlich an die
Unsterblichkeit der Seele glaubten, so hatten sie doch eine Scheu vor
Dingen, die sie nicht sehen konnten, und machten sich unklare
Vorstellungen von Geistern. Deshalb glaubten sie auch, jene Zauberer
könnten den Himmel veranlassen, Wolken zu versammeln und Regen auf die
Erde zu ergießen. Doch waren nicht alle Doktoren und Totengräber auch
zugleich Regenmacher, sondern nur die berühmtesten und geschicktesten
unter ihnen unternahmen es, auch über die Kräfte des Himmels zu
gebieten.

Die Regenmacher in Ulundi und Mainze-kanze hatten wie nach Verabredung
zu jetziger Zeit die Erklärung abgegeben, die Dürre sei für sie zu
stark, der Himmel sei wie ein Stein, und sie könnten ihn mit ihren
Mitteln nicht erweichen, der König möge deshalb den berühmten
Regenmacher der Swazi kommen lassen. Sie hatten hierbei wohl die schlaue
Berechnung, daß Zeit darüber vergehen und der Regen von selbst kommen
würde. Dazu dachten sie auch wohl das Ansehen ihres Standes im
allgemeinen zu heben und rechneten auf Gegendienste von seiten der
Swaziregenmacher. Denn die Belohnung für die Dienste eines berühmten
Regenmachers war sehr groß. Die Gesandten Tschetschwajos versprachen dem
Fremden, er solle seine Hände in Milch waschen, seine Herden sollten
Berg und Thal bedecken, die Wälder von seinem Lobgesang widerhallen und
Weiber und Kinder ihm die Füße küssen.

Eines Nachmittags hörten der Missionar und Pieter Maritz, die sich vor
der heißen Sonne in den Schatten des Wagenverdecks zurückgezogen hatten,
ein lautes, weithinschallendes, langgezogenes Jubelgeschrei. Sie traten
vor ihren Zaun und sahen, daß ganz Ulundi in Aufregung war. Alles
strömte aus den Hütten und lief. Der Regenmacher kam heran. In den
höchsten Tönen des Entzückens kreischten Tausende von Stimmen. Dann nach
einer Weile sah man alles Volk in einer bestimmten Richtung laufen. Sie
zogen nach einem Flüßchen neben der Stadt. Der Regenmacher war außerhalb
Ulundis geblieben und hatte einen Boten geschickt, der dem Volke befahl,
sich vor seinem Einzug die Füße zu waschen. Nun rannte alles, die Edlen
und das Volk, nach dem Flusse, selbst die Dienerschaft der Weißen, sogar
die drei christlichen Diener, wurden von dem allgemeinen Taumel
ergriffen, und die Weißen blieben allein. Nur der König blieb mit seinem
Hofstaat und den Weibern zu Hause, doch hörten die Weißen später, daß
auch hier eine Fußwaschung vollzogen worden sei. Merkwürdig erschien es
nur den Weißen, welche über diesen Vorgang lachten, daß plötzlich,
während das Volk sich noch wusch, an dem klaren Himmel, der seit vielen
Wochen strahlend hell geblieben war, dunkle Wolken von mehreren Seiten
heraufzogen.

Der Missionar und Pieter Maritz gingen nach der Seite, wo der
Regenmacher war, und sie fanden sich bald in einem dichten Gedränge,
welches dem mächtigen Manne entgegenging. Alle wiesen nach dem Himmel
und zeigten einander die Wolken, welche jener herbeiziehe. Gerade als
der Regenmacher von dem Hügel herabstieg, auf welchem er gewartet hatte,
und nun der Stadt zuschritt, fingen die Blitze an zu zucken, furchtbarer
Donner rollte, und einzelne schwere Tropfen fielen. Das Volk der Zulus
geriet darüber in eine solche Freude und in solchen Jubel, daß durch ihr
Schreien der Donner übertönt wurde. Sie tanzten, sie sangen, sie bliesen
auf ihren Musikinstrumenten, schlugen Trommeln und spielten auf den
Geigen. Das Volk war wie vom Wahnsinn ergriffen.

Inmitten dieses Taumels schritt der Regenmacher mit stolz erhobenem
Haupte und unbewegter Miene einher. Er war ein stattlicher Mann, der
durch seinen Putz noch ansehnlicher wurde. Auf seinem Kopf erhob sich
ein Gebäude von mehr als einem Fuß Höhe, aus künstlich aufgetürmtem
Haar, Federn, Pelz, Perlenketten und Goldzierat gebildet. Von der Brust,
von den Armen und Beinen hingen ihm kostbare Ketten und höchst
wunderliche Zieraten aus Knochen und Elfenbein. Als ihn die Häuptlinge
begrüßten, dankte er herablassend und sagte, man möge achtsam sein, in
diesem Jahre die Gärten an den Hügeln anzulegen und das Vieh nicht in
den Thälern zu lassen, damit die Fluten des Himmels nicht alles
hinwegschwemmten. Während er so sprach und die Tropfen fielen, drängten
sich einige der Doktoren, welche den berühmten Regenmacher umringten und
sich in seinem Glanze spiegelten, da er doch aus ihrem Stande
hervorgegangen war und zu ihnen gehörte, an den Missionar heran und
verhöhnten ihn.

»Wo ist denn nun dein Gott?« fragte ihn der eine mit höhnischem Lachen.
»Hast du unsern Morimo gesehen?« fragte der andere. »Hast du wohl
bemerkt, wie aus seinen Armen feurige Speere aufflogen und den Himmel
spalteten? Hast du die Stimme in den Wolken gehört?« Und ein dritter
sagte mit verächtlichem Tone: »Du schwatzest von Jehovah und von Jesus.
Was können sie machen? Nichts können sie. Sie schaffen dir kein Fleisch
in deine Töpfe und bringen keinen Regen auf das Feld, aber unser Morimo
kann das, wie du mit deinen Augen siehst.«

Der Missionar antwortete nicht, nur murmelten seine Lippen, so daß
Pieter Maritz es hören konnte: »Sei stille in dem Herrn und wisse, daß
ich dein Gott bin. Ich werde verhöhnt werden unter den Heiden.«

Der Triumphzug des Regenmachers wandte sich nach dem Gehöft des
berühmtesten Doktors von Ulundi, und die Doktoren sowie viele Vornehme
traten in die Umzäunung ein, während das Volk ausgesperrt wurde. Doch
gelang es auch den Weißen, mit hineinzukommen, da die Doktoren ihre
Eitelkeit dadurch geschmeichelt fühlten, daß der weiße Zauberer, wie sie
den Missionar unter sich nannten, dem Empfange ihres großen Kollegen
beiwohnte. Ein großer, dicht gedrängter Kreis, in dessen Mitte der
fremde Regenmacher stand, versammelte sich vor der Hütte. Erfrischungen
wurden angeboten, und der Regenmacher antwortete auf die Fragen, welche
ihm vorgelegt, zum größten Teile von den Doktoren gestellt wurden und
zum Zweck hatten, die Weisheit des Fremden leuchten zu lassen. Doch
hatten sich inzwischen die Wolken bereits wieder verzogen, und die
wenigen Tropfen, die gefallen waren, hatten kaum den Boden obenhin
angefeuchtet.

»Die Kräfte des Himmels zu beherrschen ist nicht leicht,« sagte der
Regenmacher, während die Häuptlinge um ihn her und alle Doktoren atemlos
lauschten. »Es bedarf dazu großer Weisheit und genauer Einsicht in den
Zusammenhang aller Dinge. Denn alles steht unter sich in Beziehung. Vom
Himmel fällt der Regen auf die Erde nieder, die Sonne trocknet ihn weg,
so daß er wieder zum Himmel aufsteigt, und nur wenige Männer kennen die
Geheimnisse, welche das Wasser hierhin und dorthin lenken. Mich haben
meine Untersuchungen dahin gebracht, daß ich alles gut verstehe und die
Hebel kenne, welche angesetzt werden müssen, um das Wasser zu
beherrschen. Ich sage euch, ihr werdet euch wundern. Blickt über das
Land hin: alles ist gelb und trocken, alles verbrannt. Aber ihr sollt
binnen kurzer Zeit wieder über das Land hin blicken, und dann werdet ihr
sehen, wie der Wind die Ähren schaukelt. Soweit ihr blickt, ist alles
grün, weite fruchtbare Äcker dehnen sich aus, und es fehlt an Händen, um
das Korn heimzuschaffen. Seht die Wiesen an: die Ochsen und Kühe wandeln
durch das Gras hin, und man sieht nur die Hörner. Sie sind fett und
schwer und schreiten langsam, weil sie zu dick sind. Die Krüge sind voll
von Milch, man schüttet sie aus, weil man sie nicht zu trinken vermag:
es ist zu viel. Hört mich an! Im vorigen Jahre waren die Swazi beleidigt
von den Bapedis, und sie rüsteten ein Heer, um die Feinde zu züchtigen.
Aber die Indunas kamen zu mir und sagten: ‚Hilf uns, hier hast du
hundert Ochsen und vier goldene Ketten.‛ Ich erwiderte ihnen: ‚Zählt auf
mich, ich werde euch helfen.‛ Ich ging an die Grenze der Bapedis, ehe
das Swaziheer gerüstet war. Ich streckte meine Hand aus und sprach zu
den Beherrschern der Wolken. Da brach Feuer vom Himmel herab und fiel
auf die Kraale der Bapedis. Alle Hütten brannten, und der Rauch zog über
das Land hin. Die Bapedis wollten fliehen, da streckte ich noch einmal
diese Hand aus, welche ihr hier seht, und ein Regenstrom fiel herab, so
stark, daß alle Flüchtlinge ertranken. Hört mich weiter an: Ich war bei
den Betschuanen, denn sie waren in großer Not und hatten mir zweihundert
Ochsen, sechs Weiber und viel Elfenbein gegeben, damit ich auf ihr
trocknes Land regnen ließe. Aber als ich dort war, gerieten sie in große
Angst, weil der König der Hereró ihnen mit Krieg drohte. Er hatte ein
Heer von vielen tausend Kriegern versammelt und marschierte gegen die
Grenze. Aber die Betschuanen gaben mir noch zweihundert Ochsen und viele
Schätze. Da warf ich meinen Stab dem König der Hereró entgegen. Wo der
Stab lag, öffnete sich die Erde, und eine Wasserflut quoll hervor. Sie
ward immer größer und breiter und ergriff die Füße der Hereró. Sie stieg
ihnen bis zum Knie, bis zur Brust. Da half keine Flucht. Alle Hereró
mußten ertrinken, kein Mann kehrte heim in sein Land.«

Diese und andere ungeheuerliche Lügen trug der Regenmacher mit der
größten Ruhe vor und entfaltete dabei eine wunderbare Beredsamkeit.
Seine Stimme war bald sanft und einschmeichelnd, bald drohend und
donnernd. Sein kluger Blick durchforschte die Versammlung und
beobachtete sorgfältig die Wirkung seiner Worte. Seine Gebärden waren
majestätisch, und er redete mit solcher Sicherheit und überlegener Ruhe,
als könne gar kein Zweifel an der Wahrheit seiner Worte aufkommen. Und
wirklich ward kein Zweifel laut. Die Häuptlinge waren begeistert. Sie
sahen die geschilderten Felder und das fette Vieh bereits als ihr
Eigentum vor sich, und sie machten die guten Nachrichten unter dem Volke
bekannt, so daß sie sich wie Wildfeuer verbreiteten. Dem Regenmacher
ward eine schöne Wohnung angewiesen, und es wurden ihm Frauen und Vieh
reichlich gegeben. Ulundi war in einem Rausche des Entzückens.

Nur auf den Weißen hatte der Blick des Regenmachers mit Argwohn geweilt,
und er mußte sich später wohl nach der Stellung und Bedeutung des
Missionars erkundigt haben, denn zwei Tage später kam er ganz allein in
die Hütte des alten Mannes, um ihm einen Besuch zu machen. Er war von
biegsamem, liebenswürdigem Benehmen, zeigte Bekanntschaft mit feineren
Umgangsformen, lächelte und war äußerst höflich.

Der Missionar bot ihm eine Pfeife mit Tabak an, und der Regenmacher
sagte, indem er dieselbe dankend annahm: »Denke nicht, daß es nur
Neugierde ist, welche mich veranlaßt, dich zu besuchen. Ich habe von dir
als von einem sehr weisen Manne gehört, und ich möchte von dir lernen.«

Der Missionar betrachtete ihn prüfend. Der Mann hatte etwas
Ungewöhnliches und schien aus ganz anderm Stoffe gemacht zu sein als das
übrige Volk. Er hatte seinen Putz abgelegt und trug einen Mantel von
Tigerfell. Seine Augen waren sehr groß, vortretend und von schlauem
Aussehen, seine Stirn viel höher, breiter und ausgewölbter als die
anderer Schwarzer.

»Du willst von mir lernen?« entgegnete der Missionar. »Ich denke, ein
Mann, der die Kräfte des Himmels beherrscht, braucht nichts mehr zu
lernen.«

Der Regenmacher schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Erlaube mir,
dich zu fragen, warum du deine Heimat verlassen hast? Hast du einen
Häuptling beleidigt, daß du fliehen mußtest? Oder sind die Leute in
deinem Vaterlande geizig?«

»Keines von beiden ist der Fall,« entgegnete der Missionar. »Ich habe
ganz andere Gründe, hier bei euch zu leben.«

»Was für Gründe sind das? Macht der König Tschetschwajo dich nicht
reich? Wir beiden müssen offen miteinander reden. Wenn wir Freunde sind,
können wir beide reich werden, sind wir aber Feinde, so schaden wir uns
gegenseitig, und das dumme Volk spottet unser. Weise Männer sollten
Freunde sein, denn sie stehen allein gegenüber dem Volke wie die Hirten
in der Herde.«

»Glaubst du denn wirklich, daß ich auch weise wäre?« fragte der
Missionar. »Ich denke, du bist es allein.«

Der Regenmacher lächelte. »Du versteckst dich,« sagte er. »Nur weise
Männer können Zauberer sein, denn es ist große Weisheit nötig, so viele
Menschen zu betrügen.«

»Wenn ich nun dem Könige und dem Volke mitteilte, wie du sprichst?«
sagte der Missionar.

»Du kannst sagen, was du willst,« antwortete der Regenmacher, »kein
Mensch wird dir glauben. Ich aber sage dir im Vertrauen: wenn du klug
bist, so wirst du mein Freund und redest gut von mir. Ich werde dir
einen Teil meiner Belohnung geben. Willst du aber mein Feind sein, so
hüte dich!«

»Du irrst dich völlig in mir,« versetzte der Missionar. »Ich suche keine
Reichtümer. Ich will das Volk belehren. Ich will ihm sagen, daß es sein
Herz nicht an Vieh und Korn und Sinnenlust und Eitelkeit hängen darf,
sondern daß nur diejenigen Menschen glücklich sind, welche ein gutes
Leben führen, einander lieben und Gutes thun und an Gott glauben, der
sie nach dem Tode belohnen wird für ihre Tugend.«

Der Regenmacher hörte aufmerksam zu und nickte dann mit dem Kopfe. »Du
hast recht,« sagte er. »Ich stimme mit dir überein. Nur gute Menschen
sind glücklich. Denn es macht das Herz weiß, Gutes zu thun. Aber welchen
Nutzen hast du davon, dem Volke etwas zu sagen, was es nicht versteht?«

»Ich will keinen Nutzen davon haben, sondern ich lehre das Wahre um des
Wahren willen. Gott hat mir befohlen, zu lehren und keinen Lohn zu
verlangen. Er sagt: ‚Umsonst habt ihr die Wahrheit empfangen und umsonst
sollt ihr sie andern geben.‛«

Der Regenmacher sah vor sich nieder und überlegte. Dann blickte er den
Missionar mit seinen klugen Augen an und sagte, indem er aufstand: »Du
bist so weise, daß ich dich nicht verstehe. Ich verlasse dich.
Vielleicht kommt bald die Zeit, wo deine Ohren offen sein werden und wo
du meine Freundschaft besser würdigst als heute.«

Damit ging er. Aber die Unterhaltung mit dem Missionar mußte ihn wohl
gestachelt haben. Vielleicht war er in seinem Selbstgefühl gekränkt,
vielleicht war er wirklich begierig, Dinge zu hören, die ihm neu und
unbekannt waren, vielleicht wollte er in den Augen der andern Doktoren
das Ansehen des Weißen herabsetzen -- genug, er kam schon nach wenig
Tagen, als es noch immer nicht geregnet hatte, wieder. Diesmal war er in
Gesellschaft von mehreren Doktoren und Häuptlingen.

Der Missionar empfing den Besuch auf dem freien Platze vor seiner Hütte,
da die Hütte zu klein war, um alle Gäste aufnehmen zu können. Der
Regenmacher fing eine Unterhaltung an, welche er zu einem Wortkampf über
die Kunst der Zauberer zu machen strebte.

»Dieser Mann behauptet, daß es einen Gott gebe,« sagte er laut, indem er
auf den Missionar wies. »Was denkt er sich wohl unter einem Gott?«

»Ich will dich zunächst nach etwas anderm fragen,« entgegnete der
Missionar. »Was hältst du für das höchste Glück?«

»Das kann dir ein jeder sagen,« antwortete der Regenmacher ausweichend.
»Hier, frage diesen tapfern Häuptling.«

Er zeigte bei diesen Worten auf einen der Indunas, einen kräftigen
Krieger. Dieser dachte einen Augenblick nach und sagte: »Das größte
Glück ist, von dem König gelobt zu werden und einen goldenen Ring von
ihm zu erhalten.«

»Nun wollen wir einen von den Doktoren fragen,« sagte der Missionar.
»Sage du nur« -- er wandte sich an einen dicken Mann mit hohem Kopfputz
und Zauberstücken auf der Brust -- »was das größte Glück ist.«

»Das größte Glück,« sagte dieser, »ist ein Feld, das, soweit du sehen
kannst, mit Feuern bedeckt ist, wenn über jedem Feuer ein Topf mit
Fleisch kocht und alles Fleisch dir gehört.«

»Siehst du,« sagte der Missionar zu dem Regenmacher, »nicht jeder weiß,
was das Glück ist, denn ein jeder hält es für etwas anderes.«

»Der weiße Zauberer ist sehr schlau,« entgegnete der Regenmacher. »Er
gleicht der Antilope, welche Taucher genannt wird, denn er verschwindet,
wenn man ihn fassen will, und taucht an einer fernen Stelle wieder auf.
Sage mir doch, hast du nicht gelehrt, es gebe einen Gott, der alles
geschaffen habe, Erde, Himmel, Menschen, Vieh und alle Dinge?«

»Jawohl, das lehre ich,« entgegnete der Missionar. »Zu Anfang war alles
finster und leer, Gott aber setzte Sonne und Mond an den Himmel, daß es
hell wurde, und er schuf in sechs Tagen alles, was unsere Augen sehen
und unsere Ohren hören. Am letzten Tage aber schuf er den Menschen als
den Herrn der Erde und sagte ihm, daß er glücklich sein würde, wenn er
Gottes Gebote erfülle. Deshalb ist das höchste Glück des Menschen die
Erfüllung der Gebote Gottes. Ich aber bin nicht wie ein Taucher, sondern
hier stehe ich und lehre immer dasselbe.«

Der Regenmacher wandte sich an die Zuhörer. »Da seht ihr,« sagte er,
»wie dieser weise Mann euch Märchen erzählt. Sage mir doch,« sagte er
dann zu dem Missionar, »wie ist es möglich, daß ein Gott die Menschen
erschaffen hat, während die Menschen doch so verschieden sind, daß man
deutlich sieht, wie er sich bei der Arbeit verbessert haben müßte? Du
mußt zugestehen, daß er sein Werk immer besser gemacht hat. Zuerst hat
er sich an den Buschmännern versucht, aber sie gefielen ihm nicht, weil
sie so häßlich waren und Stimmen hatten wie die Frösche. Dann machte er
die Hottentotten, und diese fielen schon besser aus, aber machten ihm
auch noch keine Freude. Dann übte er seine Kunst an den Betschuanen, und
das war schon eine große Verbesserung. Dann machte er die Swazi und die
Zulu, und diese gefielen ihm als schöne, tapfere und kluge Männer.
Zuletzt aber,« -- hier lächelte der Regenmacher halb spöttisch, halb
verbindlich und machte dem Missionar eine Verbeugung -- »zuletzt machte
er wohl die Weißen. Diese sind so klug, daß sie alle Schwarzen an der
Nase führen. Denn du hast doch gelehrt, Gott sei vollkommen, also kann
er sich nicht in seiner Arbeit verbessert haben.«

Die Doktoren fingen laut an zu lachen, und die Häuptlinge stimmten mit
ein. Alle verhöhnten den Missionar und riefen dem Regenmacher Beifall
zu.

»So sage mir doch,« entgegnete der Missionar, als es wieder ruhig
geworden war, »woher kommen denn die Menschen nach deiner Meinung, und
wovon sind sie deiner Ansicht nach so verschieden?«

»Ich weiß es nicht,« sagte der Regenmacher. »Die Doktoren haben es noch
nicht ergründet. Aber es ist wahrscheinlich, daß die Menschen aus dem
Wasser gestiegen sind. Alles, was lebt, ist wahrscheinlich aus dem
Wasser gekommen, und weil die Gewässer sehr verschieden sind, müssen
auch wohl die Menschen verschieden sein. Deshalb ist auch die
Wissenschaft des Regenmachers die höchste. Sie beschäftigt sich mit dem
Wasser, aus welchem alles Lebendige kommt, nicht allein die Menschen,
sondern auch die Tiere.«

»Du weißt es also nicht,« versetzte der Missionar, »sondern du vermutest
es nur. Aber wie können die Menschen aus dem Wasser gekommen sein, da
sie doch im Wasser ertrinken?«

Der Regenmacher versuchte, seine Ansicht zu verteidigen, und die Gründe,
welche er vorbrachte, genügten zwar nicht, den Missionar zu überzeugen,
riefen aber den wiederholten Beifall der Doktoren hervor. Zuletzt, als
der Missionar ernstlich und eindringlich hervorhob, daß der Mensch eine
Seele habe und unsterblich sei, zeigte der Regenmacher auf seinen Hund,
der neben ihm am Boden lag, und sagte: »Welcher Unterschied besteht
zwischen mir und diesem Tiere? Du sagst, ich sei unsterblich. Warum ist
dann nicht mein Hund oder mein Ochse unsterblich? Sie sterben, wie wir
sterben. Siehst du unsere Seelen oder die Seelen der Tiere? Wenn du
aber unsere Seele ebensowenig sehen kannst, wie die Seele der Tiere, wie
kannst du denn darüber sprechen? Weißt du, was du nicht siehst? Welcher
Unterschied ist zwischen den Menschen und den Tieren? Keiner,
ausgenommen, daß der Mensch der größere Schuft von den beiden ist.«

Der Missionar gab es auf, angesichts der höhnisch lachenden Versammlung
seinen Wortkampf mit dem Regenmacher fortzusetzen, und hoffte darauf,
daß die Ereignisse mit der Zeit das Ansehen des schlauen und
redegewandten Mannes verringern würden. Und in der That gewann es im
Laufe der nächsten Zeit ganz den Anschein, als ob die Hoffnung des
Missionars in Erfüllung gehen sollte. Es kam kein Regen, der Himmel
strahlte fast immer in wolkenloser Klarheit, und die Fluren versengten.

Der Regenmacher stellte mannigfache Versuche an. Sobald sich irgendwo
eine kleine Wolke am Himmel zeigte, mußten Boten durch die Straßen von
Ulundi laufen, welche den Weibern untersagten, zu pflanzen oder zu säen,
damit die Wolken nicht verscheucht würden. Dann schickte er wieder
Hunderte von Leuten aus, um bestimmte Wurzeln und Kräuter zu sammeln.
Mit diesen wollte er ein Feuer anzünden, welches von den Zulus das
»Feuer des Geheimnisses« genannt wurde. Weiber und Männer schwärmten
dann in freudiger Hoffnung aus und durchstrichen tagelang Hügel und
Thäler, um die bezeichneten Gewächse zusammenzubringen. Mit frohen
Gesängen kehrten sie heim und legten ihren Fund vor des Regenmachers
Hütte nieder. Er aber ließ die Gewächse auf bestimmte Hügel bringen und
zu großen Haufen auftürmen, welche er anzündete. Er hätte gern viel Wind
durch seine Feuer erregt, da er wohl wußte, daß oft der Wind der
Vorläufer des Regens ist. Auch zündete er diese Feuer beim Mondwechsel
an, da er wußte, daß sich oft bei Neumond und Vollmond das Wetter
ändert.

Als aber alle seine Feuer vergeblich blieben, fing er an, von geheimen
Schurken zu sprechen, welche in der Zauberei wohlerfahren seien und
seine Künste vereitelten. Er merkte, daß der Missionar ihn beim Könige
nicht unterstützte, ja sogar dem König Mißtrauen gegen ihn einzuflößen
suchte, und er hätte gern den Weißen als die Ursache der langen Dürre
hingestellt.

Da ereignete es sich eines Tages, daß plötzlich ein starker Regenschauer
fiel, der jedoch nur eine halbe Stunde anhielt. Nun liefen mehrere
Doktoren und Häuptlinge in des Regenmachers Wohnung, um ihm Glück zu
wünschen; als sie aber eintraten, fanden sie ihn zu ihrer Verwunderung
schlafend, und als sie ihn weckten, da merkten sie, daß er gar nicht
wußte, daß es regnete.

»Hallo!« riefen sie, »wir dachten, du hättest den Regen gemacht!«

Aber der kluge Mann faßte sich rasch. Er deutete mit dem Finger auf eine
seiner Sklavinnen, welche auf dem Flur saß und einen Milchsack
schüttelte, einen jener ledernen Säcke, in welchen die Schwarzen ihre
Milch aufbewahren und welche sie schütteln, um Butter zu machen. »Seht
ihr denn nicht,« rief der Schlaue, »daß dort mein Weib sitzt und, so
stark sie kann, den Regen schürt?«

Die Antwort befriedigte sie vollständig und sie liefen fort, um der
ganzen Stadt zu erzählen, des Regenmachers Weib habe den Regen aus ihrem
Milchsack geschüttelt. Als aber der Regen so bald aufhörte, kamen sie
wieder und baten, das Weib möge noch länger schütteln. Da wies der
Regenmacher sie fort, indem er sagte: »Ihr habt mir nur Schafe und
Ziegen gegeben, dafür mache ich nur Ziegenregen; gebt mir fette
Schlachtochsen, dann sollt ihr Ochsenregen sehen.«

Aber die Verhältnisse gestalteten sich immer ungünstiger für den
Regenmacher. Zuweilen stiegen Gewitter auf und man sah schwere Regen
niedergehen, aber mehrere Meilen weit entfernt, was dann für die
Regenmacher der schlimmste Ärger war. Einmal verfinsterte sich der
Himmel über Ulundi, aber bei vielem Blitzen und Donnern fiel nicht ein
einziger Tropfen. Der Boden war völlig ausgedörrt, der Samen lag in den
bestellten Feldern, als sei er soeben erst aus der Hand geworfen, das
Vieh starb scharenweise auf den verbrannten Wiesen, die armen Leute
liefen mager wie Skelette herum, um die Zauberkräuter zu beschaffen,
welche der Regenmacher verlangte, und manche Menschen auf dem Lande
starben Hungers. Der Regenmacher geriet in die größte Verlegenheit und
zerbrach sich den Kopf, um Gründe zu finden, denen er seinen Mißerfolg
zuschreiben könnte.

Eines Nachts zog eine Wolke über Ulundi hin, und ein einziger
Donnerschlag ertönte. Der Blitz hatte in einen Baum am Rande des großen
freien Platzes geschlagen. Nun versammelte der Regenmacher am folgenden
Morgen viel Volk um den zerschmetterten Baum, von dem noch ein starker
Stumpf aufrecht stand, und ließ ihn mit verzauberten Kräutern einwickeln
und mit Wasser reichlich begießen. Hierauf ließ er ihn umhauen und zu
Asche verbrennen. Die Asche schüttete er in große Kübel voll Wasser und
ließ dann die Einwohnerschaft an sich vorüberziehen, wobei er alle Leute
mittels eines Zebraschweifes bespritzte.

Aber es half nichts.

Eines Tages versammelte er eine große Volksmenge und sprach über die
geheimnisvolle Natur der Paviane. »Wenn ich einen lebendigen Pavian
hätte, in dessen Fell kein Haar fehlte,« sagte er, »dann könnte ich
Regen mit ihm machen. Aber ohne einen solchen Pavian kann ich es nicht.«
Er mochte wohl darauf rechnen, daß man ihm keinen lebenden Pavian
bringen könnte, denn die klugen und behenden Tiere, welche in felsigen
Bergen unweit Ulundis lebten, lassen sich nicht leicht fangen. Aber er
kannte die Zulus schlecht, wenn er so rechnete. Augenblicklich machten
sich vierhundert Krieger auf und zogen in die Felsengebirge. Die
Paviane, welche gewohnt waren, von ihren hohen Sitzen behaglich
zuzusehen, wie die Zulus das Quagga und die Antilope jagten, waren sehr
erstaunt, als sie plötzlich selbst gejagt wurden, und als Hunderte von
ausgesuchten Schnellläufern hinter ihnen waren. Mit Geschnatter und
Geheul rannten sie davon, flüchteten in die steilsten Felsen und
sprangen von Baum zu Baum, von Stein zu Stein. Aber es half ihnen
nichts. Zwei Zulus stürzten sich zu Tode, drei brachen ein Bein, viele
quetschten sich und stießen sich blutig, aber am Abend zog die
Jägerschar triumphierend heim: sie brachten einen lebenden Pavian.

Der Regenmacher konnte sich einer Miene größter Bestürzung beim Anblick
des Tieres nicht enthalten. Erst schwieg er, dann aber fing er an, das
Fell des Pavians zu untersuchen. »O, o!« rief er, »mein Herz ist in
Stücken zerrissen, ich bin stumm vor Gram! Seht ihr denn nicht, daß der
Pavian hier gekratzt worden ist und mehrere Haare verloren hat? Sagte
ich euch denn nicht, daß ich nur mit einem solchen Pavian Regen machen
könnte, dem kein Haar fehlt?«

Nach dieser Scene ging der Missionar zum König und stellte ihm vor, wie
unsinnig es sei, einem offenbaren Betrüger noch länger zu erlauben, das
Volk zu täuschen und in Schaden zu bringen. Aber der König hörte ihn mit
einer geheimen Furcht vor dem Regenmacher an.

»Wir können das nicht beurteilen,« sagte er zögernd. »Es muß doch irgend
ein Grund dafür sein, daß der Himmel so hart bleibt. Nur kann der
Regenmacher den Grund noch nicht finden. Hat er ihn erst gefunden, so
wird er ihn schon zu entfernen wissen. Geh, das sind Dinge, welche nur
die Männer der Wissenschaft verstehen.«

Es kam dem Missionar so vor, als sei der König durch den Regenmacher
beeinflußt, denn dieser hatte mehrfach Andeutungen gemacht, es sei wohl
möglich, daß der weiße Mann durch Zauberei ihm entgegenwirke.

»Laß den Regenmacher zu dir kommen, und wir wollen vor Tschetschwajos
Angesicht darüber streiten,« sagte der Missionar. »Ich will vor dir
beweisen, daß seine Künste nur Betrug sind, denn ich bin auch ein Mann
der Wissenschaft.«

Der König stimmte zu, aber tags darauf schickte er zum Missionar und
ließ sagen, der Wortstreit solle nicht stattfinden, denn der Gegenstand
sei zu hoch für Krieger und könne nur von Regenmachern selbst erörtert
werden. Und in der Folge wurden noch viele Dinge versucht, den Regen
herbeizuziehen. Einmal verlangte der Regenmacher ein Löwenherz, und er
machte daraus ein Getränk, welches die Häuptlinge trinken mußten, dann
sagte er, die Begräbnisse wären falsch ausgeführt worden, ließ die Toten
der letzten Monate ausgraben und in anderer Weise neu bestatten, aber
schließlich, als alles nichts half und die Dürre anhielt, kam er mit
niedergeschlagener Miene einmal spät abends heimlich zu dem Missionar
und bat diesen um Rat. »Du bist Freund mit dem König,« sagte er, »und du
bist gut und weise. Sage ihm, daß er mich retten möge.«

»Wie?« fragte der Missionar, »bist du der Hilfe bedürftig?«

»Es sind die Weiber!« rief der Regenmacher verzweiflungsvoll. »Die
Weiber sind zu dumm, sie wiegeln ihre Männer gegen mich auf. Sage mir,
mischen sich die Weiber in deiner Heimat auch in die öffentlichen
Angelegenheiten?«

Der Missionar konnte nur mit Mühe das Lachen unterdrücken. »Bei mir zu
Hause,« sagte er, »sind die Weiber noch viel wichtiger als hier. Sie
werden viel höher geachtet, und das Christentum lehrt, daß die Weiber
den Männern gleich an Wert sind. Weißt du nicht, daß das große Reich der
Engländer von einem Weibe beherrscht wird? In einigen christlichen
Ländern sind die Weiber auch Doktoren.«

Der Regenmacher sprang auf. »Das ist ein schrecklicher Gedanke!« rief
er. »Möge das Christentum niemals zu uns kommen! Ich wünschte, alle
Weiber wären Männer, denn mit Männern kann ich verkehren, aber die
Weiber zu lenken, ist mir unmöglich.«

»Ja,« sagte der Missionar, »die Weiber führen den Haushalt und empfinden
es am meisten, wenn das Wasser fehlt. Warum hast du ihnen versprochen,
was du doch nicht halten kannst?«

»Sie werden mich umbringen,« rief der Regenmacher, »ich bin ein
verlorener Mann. Sage mir, was ich thun kann, um sie zu beruhigen!«

»Gestehe die Wahrheit!« riet ihm der Missionar. »Gestehe ein, daß du gar
nicht Regen machen kannst! Wenn du das thun willst, so werde ich den
König bitten, dich in seinen Schutz zu nehmen.«

»Das ist unmöglich, das kann ich nicht,« sagte der arme Regenmacher.
»Dann würden mich schon die andern Doktoren und Regenmacher umbringen.«

»Es ist besser, du redest die Wahrheit, als du lügst,« entgegnete der
Missionar. »Was daraus entstehen wird, mußt du Gott überlassen.«

Der Regenmacher ging, aber war nicht getröstet. Der Missionar überlegte
indessen, wie er dem Manne helfen könne, denn dieser that ihm leid, weil
er klüger war als das gewöhnliche Volk.



[Illustration]



Sechzehntes Kapitel

Der Abschied vom Zululand


Während der Missionar noch überlegte, unter welchem Vorwande er sich dem
König nähern könnte, um in erfolgreicher Weise für den Regenmacher ein
gutes Wort einzulegen, kam ein Adjutant vom König zu ihm und forderte
ihn auf, sogleich zu erscheinen. Es war am Tage nach dem abendlichen und
geheimen Besuch des geängstigten Zauberers. Der Missionar machte sich
auf und folgte dem Adjutanten. Die Hofleute, welche den Platz vor den
königlichen Gebäuden und die inneren Räume erfüllten, waren schweigsam
und unruhig. Sie flüsterten nur untereinander und grüßten den weißen
Mann mit ehrfurchtsvollen Verbeugungen, als er durch ihre Reihen
hindurchschritt. Der König war auf der Veranda seines Palastes allein
mit dem Prinzen Sirajo. Er saß auf einem Stuhle von Elfenbein im
Schatten des Daches, während Sirajo neben ihm stand. Auf einem Tischchen
vor dem Könige stand ein flaches Kästchen von Holz, dessen Deckel
aufgeschlagen war.

»Mein Vater möge näher treten,« sagte Tschetschwajo, als der Missionar
ihn begrüßte. »Ich bedarf der Wissenschaft meines Vaters. Die Engländer
lieben es nicht, durch den Mund der Indunas zu reden, sondern sie senden
ein Papier, welches dem Könige ihre Meinung ausdrücken soll.«

Seine Stirn war finster, als er so sprach, und seine Augen funkelten
düster. Der Missionar sah, daß die seit sechs Wochen erwartete Antwort
der Engländer auf den Vorschlag Tschetschwajos eingetroffen war, daß
aber schon die Art der Überbringung den König zum Zorn gereizt hatte.

»Ich stehe dem Könige zu Diensten,« antwortete er. »Hat Humbati diesen
Brief gebracht?«

»Humbati!« rief der König. »Wo ist Humbati? Wo ist der Vogel, der über
die Ebene hinflog? Humbati ist nicht wiedergekommen, und mit ihm ist die
Schar seiner Krieger verschwunden. Er ist ein Verräter, er, der das Ohr
des Königs besaß, er, der die Geheimnisse meiner Brust kannte, denn ich
trug ihn nahe meinem Herzen als meinen Freund und Bruder -- Humbati ist
zum Verräter an mir geworden.«

Der Missionar erinnerte sich des Blickes, mit dem Humbati der
Verurteilung seines Bruders zugesehen hatte, und er verstand.

»Weiß der König gewiß, daß Humbati ein Verräter ist?« fragte er.

»Wenn er es nicht wäre, so wäre er zurückgekehrt,« entgegnete der König.
»Die Engländer haben ihn nicht getötet, wenigstens nicht mit den Waffen,
obwohl sie vielleicht sein Herz mit ihrem Golde vergiftet haben. Doch
lies mir diesen Brief, den mein Bruder Sirajo mir gebracht hat.
Englische Reiter haben ihn im Krale Sirajos abgegeben.«

Er nahm ein großes Schreiben aus dem Kästchen und reichte das Papier dem
Missionar. Dieser las laut, indem er das Englische in die Zulusprache
übersetzte:

»Im Dienste Ihrer Majestät der Königin. Der Generalgouverneur des
Kaplandes und Oberkommissar für die Angelegenheiten der Eingeborenen,
Sir Bartle Frere, an den König Tschetschwajo. Die Regierung Ihrer
Majestät zeigt dem König Tschetschwajo den Empfang seiner Botschaft an,
welche er durch den Leutnant im Dienste Ihrer Majestät, Lord Adolphus
Fitzherbert, übersandt hat, und sie dankt dem König für die gute und
ehrenvolle Behandlung, welche er dem britischen Offizier hat zu teil
werden lassen.«

Die Stirn des Königs heiterte sich bei diesen Worten etwas auf, und er
tauschte einen Blick der Befriedigung mit seinem Bruder aus.

»Zugleich dankt Sir Bartle Frere für den Ausdruck der guten und
freundschaftlichen Gesinnung des Königs gegenüber den britischen
Besitzungen und spricht die Hoffnung aus, daß diese friedliche Gesinnung
sich auch in der That bewähren möge, damit immer ein gutes nachbarliches
Verhältnis zwischen dem Zululande und Natal bestehen könne. Dieser
Beweis durch die That ermangelt bisher noch, denn gerade in der letzten
Zeit sind mehrfache Grenzverletzungen von seiten der Unterthanen des
Königs vorgekommen.«

»Wie?« rief der König drohend. »Doch lies weiter!«

»Zweimal sind bewaffnete Haufen durch den unteren Tugela und durch den
Buffalo geschwommen und haben Vieh, welches diesseits weidete und den
unter britischem Schutze stehenden Farmern gehörte, weggetrieben.
Außerdem ist aber eine noch schwerere Grenzverletzung vorgekommen. Zwei
Frauen aus dem Krale Sirajos .....«

»Ha!« rief der König, den Missionar unterbrechend. »Doch lies weiter!«

»Zwei Frauen aus dem Krale Sirajos hatten sich geflüchtet und auf
britischem Boden Schutz gesucht. Darauf ist eine Kriegerschar in der
Nacht bis auf zehn Meilen weit in britisches Gebiet hereingebrochen, hat
sich der Frauen bemächtigt, sie zurückgeschleppt und vor dem Krale
Sirajos mit Steinen totgeworfen, worin sich nicht nur eine Mißachtung
der britischen Gesetze, sondern auch eine grausame und wilde Gesinnung
gezeigt hat.«

»Halt ein!« rief der König. »Wie ist die Sache mit den Frauen, Sirajo?«

»Es ist so, wie der Engländer schreibt,« entgegnete der Prinz. »Zwei
meiner Frauen zeigten sich widerspenstig, und als ich sie züchtigen
wollte, flohen sie heimlich. Ich erfuhr jedoch durch meine Spione, wo
sie waren, ließ sie wiederholen und tötete sie, wie sich das gehört.«

»Du hast recht,« sagte der König. »Der Engländer ist unverschämt, sich
darüber zu beklagen. Aber es wäre klüger gewesen, mein Bruder, du
hättest nicht in dieser Zeit der friedlichen Verhandlungen den stolzen
und übermütigen Engländern einen Vorwand zu Klagen gegeben. Das war eine
Thorheit von dir, und wenn du künftig nicht klüger handelst, so kann ich
dir den Oberbefehl an der Grenze nicht lassen.«

Der Prinz blickte betroffen vor sich nieder. »Lies weiter,« sagte der
König.

»Ebenso scheint es mir eine bedauernswerte Unkenntnis der englischen
Gesetze und der Verfassung in den englischen Besitzungen zu sein,« fuhr
der Missionar fort, »wenn der König voraussetzt, daß die Regierung der
Kapkolonie ein Bündnis zum Kriege gegen das Transvaalland mit ihm
abschließen würde. Die Buern in Transvaal sind gute und getreue
Unterthanen der Königin, und ihr Land wird von der britischen Regierung
beschützt, aber nicht geschädigt werden. Der König Tschetschwajo hat
schon seit längerer Zeit den Distrikt Utrecht für sich beansprucht, aber
es kann ihm nicht deutlich genug ausgesprochen werden, daß jenes Land
ihm nicht zukommt und daß er sich jeder Ansprüche darauf zu entschlagen
hat.«

»Ich bitte dich,« sagte der Missionar, indem er seine Lektüre
unterbrach, »bedenke, daß ich nur lese. Laß deinen Zorn nicht auf den
unschuldigen Mund fallen, der fremde Worte ausspricht, weil du es ihm
befohlen hast.«

Der Missionar hatte wohl Grund zu dieser Bitte, denn der König war so
wütend, daß er nur mühsam atmen konnte, und seine rechte Faust packte
das elfenbeinerne schwere Scepter, als wollte er den Überbringer der
Botschaft zu Boden schlagen.

»Lies!« rief der König.

»Der Generalgouverneur,« so fuhr der Missionar fort, »hat den Wunsch,
mit Tschetschwajo in Frieden zu leben, denn im Frieden gedeiht die
Wohlfahrt beider Reiche, des britischen Reiches und des Zulureiches.
Aber er möchte sichere Bürgschaft dafür haben, daß Tschetschwajo
wirklich den Frieden liebt. Warum hat Tschetschwajo ein so großes Heer
unter Waffen? Die britische Regierung fühlt sich dadurch beunruhigt,
denn eine bewaffnete Macht von mehr als vierzigtausend Mann so nahe
ihren Besitzungen ist für sie eine beständige Drohung. Sie macht dem
König folgende Vorschläge: Der König möge sein Heer vermindern in einer
Weise, welche mit dem Generalgouverneur verabredet werden soll. Der
König möge die festen Krale längs des Tugela und des Buffalo aufgeben
und seine Garnisonen weiter zurückziehen. Der König möge die Bai von
Santa Lucia an die Engländer abtreten. Denn er bezieht Gewehre und
Munition von fremden Schiffern durch diese Bai, und die britische
Regierung besorgt, daß diese Waffen zum Kriege gegen die britischen
Besitzungen dienen sollen. Der König möge endlich gestatten, daß ein
britischer Resident in Ulundi wohne und an allen wichtigen Beratungen
des Königs mit seinen Indunas teilnehme. Will der König auf diese
Bedingungen eingehen, so wird die britische Regierung mit Sicherheit auf
die friedlichen Absichten des Zulureiches rechnen können, und dann wird
Frieden und Freundschaft zwischen beiden herrschen, und es wird von
seiten des Generalgouverneurs alles geschehen, um den Wünschen
Tschetschwajos entgegenzukommen. Denn es ist der aufrichtige Wunsch der
britischen Regierung, Frieden zu halten und allen solchen Unternehmungen
Tschetschwajos, welche das Wohl seines Landes und seiner Unterthanen zum
Ziele haben, ihre Unterstützung zu leihen. Der König möge nicht
fürchten, daß die britische Regierung Krieg gegen ihn vorbereite. Sie
sichert sich nur aus Friedensliebe gegen die kriegerischen Gelüste der
Zulus. Der Generalgouverneur grüßt den König Tschetschwajo.«

Als der Missionar den Brief fertig gelesen hatte, blickte er den König
an und sah, daß er in eine Aufregung geraten war, welche ihm den Atem
beengte, so daß er kaum Worte hervorbringen konnte, als er nun seinem
Zorne Luft machen wollte. Zuerst brachen nur einzelne Silben aus seinen
Lippen hervor, während sein Gesicht von Blut anschwoll, die Adern auf
der Stirn dick aufliefen und die Augen eine rote Färbung annahmen.

»Ha!« rief er. »Ha! O! O! Sirajo! Laß meine ganze Armee sich versammeln!
Dabulamanzi soll heranmarschieren! O, Humbati! Das ist Humbatis Hand!
Der Verräter! Sirajo, hole mir den Verräter aus den Händen der Engländer
hervor, daß ich ihm mit meinen Zähnen das Herz aus der Brust reiße!«

Der König konnte nicht weitersprechen, die Erregung erstickte ihn, er
griff mit den Händen nach der Brust, griff in die Perlenkette an seinem
Halse und zerriß sie, als ob sie es sei, die ihm Beklemmungen
verursache, und sank dann schwer keuchend zur Seite. Er würde zu Boden
gestürzt sein, wenn nicht der Prinz zugesprungen wäre und ihn gehalten
hätte.

Der Missionar rief währenddessen Hilfe herbei, die Adjutanten und
Kammerherren kamen gelaufen, legten den bewußtlosen Herrscher auf ein
Lager von Tierfellen, welches sie eiligst in der Veranda bereiteten, und
liefen nach dem Leibarzt. Der Missionar ließ währenddessen Wasser
bringen und dem stöhnenden Manne Umschläge um den Kopf machen.

Der Leibarzt war in der Nähe und kam schnell herbei. Er war ein sehr
angesehener Doktor und zeichnete sich schon durch seinen Anzug als
solcher aus. Er trug einen sehr hohen Kopfputz von Pelzwerk, welcher mit
einem breiten Stirnband von Golddraht festgehalten wurde und einer
Grenadiermütze glich, dazu eine rote Hose, die einzige Hose vielleicht,
welche im ganzen Zululande zu finden war und ehedem wohl einem
französischen Soldaten gehört haben mochte. Er war reich behängt mit
Ketten und Tierzähnen sowie sonderbar geformten Zieraten und trug einen
ledernen Beutel in der Hand. Aus diesem Beutel nahm er ein Messer und
einen dünnen Riemen, mit welchem er den rechten Arm des Königs oberhalb
des Pulses einschnürte. Dann schlitzte er die Pulsader auf und ließ
reichlich Blut herauslaufen, schmierte, als nach seiner Meinung genug
Blut geflossen war, die Wunde mit frischem Schöpsenfett ein und verband
sie mit einem Brei aus Salbei und andern Kräutern. Der König hatte
inzwischen die Augen wieder geöffnet und atmete ruhiger.

Der Missionar entfernte sich während der Behandlung, da seine
Anwesenheit nicht ferner erforderlich zu sein schien, und dachte, er
könnte die Erkrankung des Königs vielleicht zum Vorteil des armen
Regenmachers benutzen. Er hatte in seiner Hütte eine Hausapotheke, mit
deren Inhalt er früher wohl kranken Leuten zu Hilfe gekommen war. Seit
mehreren Jahren hatte er jedoch schon aufgehört, Medikamente zu
verteilen, weil die Schwarzen ihn überlaufen und für einen Zauberer
gehalten hatten. Nun nahm er einige der Heilmittel aus der Kiste hervor
und bereitete aus Rhabarber und Sennesblättern einen Trank. Diesen Trank
trug er in einer kleinen Flasche zu dem Regenmacher und erzählte ihm,
daß der König aus Aufregung über eine unangenehme Nachricht krank
geworden sei.

»Ich habe hier aus europäischer Medizin ein Heilmittel gebraut,« fügte
er hinzu, indem er dem Regenmacher die kleine Flasche gab. »Gehe damit
zum Könige und kuriere ihn. Dann läßt er dich aus Dankbarkeit unter
seinem Schutze in deine Heimat zurückkehren. Du bist ja wohl mit dem
Leibarzt befreundet?«

Des Regenmachers Gesicht, welches sehr trübe gewesen war, hellte sich
auf, und er dankte dem Missionar.

»Du bist sehr gut,« sagte er, »und ich bin angenehm überrascht, einen
weisen Mann zu finden, der seine Tugendlehren selbst befolgt. Aber weißt
du gewiß, daß dieser Trank helfen wird? Oft helfen die Medizinen, aber
öfters noch schaden sie, weil der Arzt nicht weiß, wie es im Innern des
Kranken aussieht. Auch sind die Körper verschieden, und in derselben
Krankheit schadet dem einen, was dem andern nützt. Wenn der König
kränker würde, so wäre ich verloren.«

»Ich rechne bestimmt darauf, daß diese Medizin hilft,« sagte der
Missionar. »Der König denkt, am Herzen zu leiden, und ist kurzatmig,
aber wenn ich bedenke, wie gewaltig viel er zu essen pflegt, so sage ich
mir, daß eine Erleichterung seines Magens ihm jedenfalls wohl thun wird.
Du wirst mit deiner Schlauheit schon einen Weg finden, ihm den Trank so
beizubringen, daß er deine Kunst bewundern muß. Wenn du ihm täglich
dreimal einen kleinen Löffel voll giebst, wird es das Richtige sein.«

Der Missionar hatte richtig gerechnet. Nach einigen Tagen kam ihm zu
Ohren, daß der Regenmacher eine große Zauberkur vollbracht habe. Er sei
vom Leibarzt des Königs zugezogen worden, weil die Krankheit des Königs
für einen Doktor allein zu groß gewesen sei, und er habe mit Hilfe
seiner zauberischen Kunst das Leiden überwunden. Bald darauf kam der
Regenmacher auch selbst zu dem Missionar und dankte ihm mit Thränen in
den Augen. Ja er zwang sogar dem Retter in der Not eine goldene Kette
aus seinem eigenen Halsschmuck auf, und der Missionar konnte das
Geschenk nicht zurückweisen, ohne den dankbaren Mann zu beleidigen. Tags
darauf reiste der Regenmacher unter Bedeckung einer Abteilung der
königlichen Garde ab, und die Verwünschungen des Volkes schallten zwar
hinter ihm her, aber Steine konnten ihn nicht erreichen. Und als ob es
der Himmel darauf abgesehen hätte, menschlicher Kunst zu spotten, --
kaum war der Regenmacher aus dem Gesichtskreis Ulundis verschwunden, da
kam ein Landregen von Osten herauf und hüllte vierzehn Tage lang die
Erde in Nebel, Dampf und nasse Fluten, so daß niemand in den Straßen der
Residenz gehen konnte, ohne mit seinen Füßen bei jedem Schritte dicke
Ballen aufgeweichter Erde emporzuheben.

Tschetschwajo ließ indessen, sobald er genesen war, mit aller Kraft an
der Rüstung und Schulung seiner Armee arbeiten. Er sah, daß der Krieg
unvermeidlich oder die Selbständigkeit seiner Herrschaft verloren sei.
Pieter Maritz, der ein offenes Auge für die Begebenheiten hatte, sah,
daß nach und nach alle Regimenter mit Gewehren bewaffnet und fleißig im
Schießen geübt wurden. Auch gewahrte er, daß die unbehilfliche Art der
Bewegung der Truppen sich änderte. Die Regimenter von Ulundi übten sich
in der Ebene, einen Teil der Leute vorzuschicken, welche einzeln
fochten und als Schützen den dichten Haufen des Regimentes umgaben. Wenn
diese Leute feuerten, so warfen sie den Schild auf den Rücken, und es
waren Riemen am Schilde angebracht worden, woran sie ihn über der
Schulter tragen konnten, so daß sie die Hände frei hatten. Nur behielten
sie immer noch die Assagaien bei, wodurch sie beim Schießen
außerordentlich belästigt wurden. Sie richteten ihren Angriff so ein,
daß sie auf weite Entfernung mit ihren Gewehren zu schießen anfingen und
dann vorliefen, bis sie auf Wurfweite von den Scheiben waren. Alsdann
schleuderten sie auf Kommando zweimal den leichten Wurfspieß, nahmen
dann den Stoßassagai in die rechte Faust, Gewehr und Schild in die linke
Hand und gingen zum Handgemenge vor. Die geschlossenen Regimenter wurden
nicht mehr so tief wie früher aufgestellt, sondern zählten beim Angriff
nur noch acht Glieder hintereinander.

Dabulamanzi war der Urheber aller dieser Neuerungen, und er kam häufig
von Mainze-kanze herüber, um die Übungen der Armee von Ulundi zu
überwachen. Nachdem die Regenzeit vorüber war, ward auch ein großes
Manöver nördlich von Ulundi abgehalten, zu welchem die Armee von
Mainze-kanze herbeikam. Gegen dreißigtausend Mann blieben in der Ebene
am Schwarzen Umvolosi vier Wochen lang zusammen und führten große
taktische Bewegungen aus. Vorzüglich übten sie ein bestimmtes Manöver:
ein kleines Corps ward aufgestellt, und die übrige Armee griff dieses
an. Dann bildete die große Masse eine lange Linie, welche gegen den
Feind vormarschierte und allmählich in der Mitte anhielt, während die
beiden Flügel herumschwenkten, so daß der Feind in einen Halbkreis
eingeschlossen ward.

Der Missionar und Pieter Maritz durften freilich an diesem Manöver nicht
teilnehmen, denn ein gewisses Mißtrauen des Königs seit dem Verschwinden
Humbatis machte ihn selbst gegen den Missionar, den er doch immer noch
in Ehren hielt, argwöhnisch. So konnte Pieter Maritz nicht mit eigenen
Augen sehen. Aber die Zulus, mit denen die Weißen in Berührung kamen,
prahlten mit den kriegerischen Großthaten ihres Volkes, sagten, daß nun
das Mittel gefunden sei, die Weißen zu schlagen, und schilderten dabei
die große Kunst Dabulamanzis im Umklammern des Feindes.

Der Missionar war in großer Besorgnis gewesen, daß Tschetschwajo im
Zorne über die Forderungen des englischen Generalgouverneurs und über
die Abweisung seines Bündnisantrags einen Teil seiner Rache auf ihn
selbst und Pieter Maritz fallen lassen würde. Denn durch des Missionars
Vermittelung war doch der Lord für die Botschaft gewonnen worden, und
für einen Despoten wie Tschetschwajo lag die Vermutung nicht ferne, daß
die Weißen in ihrer Verachtung der Schwarzen die Botschaft des
Zulukönigs schlecht bestellt oder gar deren Vereitelung unter sich
ausgemacht hätten. Als nichts erfolgte, was eine solche Besorgnis als
begründet erscheinen ließ, ward der Missionar von hoher Achtung vor dem
Charakter des Königs erfüllt, der seinen Grimm nicht an einem
Unschuldigen ausließ, den er in seiner Macht hatte. Die Weißen wurden
nach wie vor in ihrer Wohnung beschützt und mit Lebensmitteln versorgt,
nur ward ihnen die Gelegenheit, mit den Zulus zu verkehren, beschränkt,
und so fand sich für den Missionar kein Mittel, seinem Berufe und dem
Ziele seines Lebens, nämlich der Lehre des Evangeliums, nachzugehen. So
ward auch er mißmutig und ersehnte gleich dem Buernknaben den Augenblick
der endlichen Abreise. Aber keine Aussicht zur Abreise zeigte sich, und
der Missionar wagte nicht, den König um seine Entlassung zu bitten, um
nicht in den Verdacht zu geraten, er wolle die Geheimnisse des
Zululandes und der Pläne des Monarchen den Engländern verraten. Lange
Monate saßen der alte Mann und der mehr und mehr heranwachsende Knabe in
Verlassenheit und trüber Stimmung auf ihrem Gehöft vor den Hütten,
verfolgten den Zug der Wolken und den Wandel der Gestirne und versuchten
in belehrenden Gesprächen ihrer traurigen Gedanken Herr zu werden.

Solche Gespräche verschafften dem nun zum Jüngling heranreifenden
Buernsohn einen kostbaren Schatz: die Erkenntnis vieler wichtiger Dinge,
die ihm daheim immer fern geblieben sein würden. Er ward vertraut mit
der Beschaffenheit des Himmels und der Erde, mit der Lage fremder Länder
und deren Gebirgen, Flüssen, Städten und Einwohnern. Er lernte die
Geschichte der europäischen Nationen kennen. Er hatte Unterricht in der
Mathematik und manchen andern Wissenschaften. So bildete sich sein
Geist, während sein Körper an Größe und Kraft zunahm.

Das Jahr 1878 neigte sich zu Ende, und der Missionar rüstete mit seinem
jungen Freunde gemeinsam ein grünes Bäumchen, eine kleine Euphorbiacee,
zu, um nach der Gewohnheit der Heimat ein christliches Weihnachtsfest zu
feiern, als unerwarteterweise ein Bote vom König kam und den Missionar
zu Hofe lud. Der Missionar dachte, es sei vielleicht wieder ein Brief
gekommen, den er übersetzen solle, doch zeigte sich diese Annahme als
irrig. Der König war allein und saß in nachdenklicher Haltung in einem
seiner Gemächer auf der mit Löwenfellen bedeckten hölzernen Ruhebank.

»Du warst mein Vater,« sagte er mit sanfter Stimme zu dem alten Manne,
der ihn mit einer Verneigung begrüßte. »Tschetschwajos Herz hat nicht
vergessen, was du ihm Gutes gethan. Ich sehe, daß dein Herz traurig ist
und sich zurücksehnt nach dem Lande des Königs Wilhelm. Geh, ich lasse
dir das Land offen, und wenn du in deine Heimat zurückgekehrt bist, so
sage deinem König, daß Tschetschwajo gütig gegen dich war.«

Der Missionar war freudig bewegt bei diesen Worten, die ihm das lang
ersehnte Ziel der Rückkehr nahe rückten, und fühlte sich von Dankbarkeit
durchdrungen. Dieser unumschränkte Herrscher über ein Volk, welchem
jeder seiner Winke Befehl war, dieser Tyrann, der nicht sparsam war mit
Menschenblut, hatte sich, durch eine unerklärliche Macht bewogen, gegen
ihn, den allein stehenden Fremden, stets gut und milde gezeigt. Er hatte
sich von dem fremden weißen Manne mehr verurteilende und vorwurfsvolle
Reden gefallen lassen, als er sonst wohl im Laufe seiner ganzen
Regierung zu hören bekommen hatte, und der Missionar wünschte, irgend
etwas thun zu können, was dem Könige wahren Nutzen thäte.

»Du schickst mich und meinen jungen Freund fort,« erwiderte er, »und ich
danke dir für deine Güte. Aber denke nicht, daß ich gern von dir gehe,
während ich mir doch sagen muß, daß ich dir keinen Vorteil gebracht und
deine Freundlichkeit mit nichts vergolten habe. Glaube mir, König
Tschetschwajo, ich würde glücklich sein, ferner an deinem Hofe weilen zu
können, wenn ich hoffen dürfte, dir dasjenige geben zu dürfen, was
meinen ganzen Reichtum ausmacht.«

»Wovon redet mein Vater?« fragte Tschetschwajo.

»Du weißt, daß das Gold sehr kostbar ist,« sagte der Missionar, »aber
Gold habe ich nicht zu geben. Du weißt, daß das Vieh kostbarer ist als
Gold, aber Tschetschwajo hat selbst unzählige Herden Vieh. Du weißt, daß
das Eisen kostbarer ist als Gold und Vieh, denn mit dem Eisen sind Gold
und Vieh zu erringen. Von alledem rede ich nicht, denn ich bin in diesen
Dingen arm, du aber bist ein reicher und mächtiger König. Aber ich rede
von etwas anderm, was noch kostbarer ist als das Eisen: es ist die
Weisheit. Sie lenkt das Eisen, und sie lenkt alle Dinge. Denn ohne
Weisheit schadet aller Reichtum und alle Macht, die Weisheit aber giebt
uns alles.«

»Du redest von dem Christentum,« sagte der König. »Du möchtest, daß ich
und mein Volk die Waffen ablegten und den unsichtbaren Gott verehrten?«

»Ich habe kaum noch den Mut, vom Christentum zu reden,« entgegnete der
Missionar. »Denn ich weiß ja, daß der König keine Zeit dazu hat, an
seine Seele zu denken. Aber ich möchte davon reden, daß du Krieg führen
willst, und hinsichtlich dieser Angelegenheit möchte ich dir einen Rat
geben.«

»Ich wollte Krieg führen?« rief Tschetschwajo. »Du irrst dich. Die
Engländer sind es, welche Krieg führen wollen. Sie haben mich mit Waffen
umstellt, wie die Jäger den Elefanten umringen. An allen Punkten meiner
Grenze haben sie feste Krale erbaut und große Schießgewehre
hineingestellt, welche sie auf Rädern fahren. Sie haben nach dem
Untergange der Sonne wie nach Mittag hin bewaffnete Krieger versammelt.
Sie haben die Buern, die in ihren Besitzungen wohnen, zu Pferde steigen
lassen, und viele Hüte zeigen sich zwischen den weißen Helmen. Sie haben
unter meinen Nachbarn, den Swazis, Regimenter gebildet. Ja, sie haben
mein eigenes Volk in Natal, das Volk, welches unter meinem Scepter
stehen müßte -- denn es sind Zulus --, das haben sie gegen mich
bewaffnet, und zehntausend Krieger von schwarzer Farbe stehen gegen mich
unter dem Gewehre. Sage deshalb nicht, daß ich Krieg führen will,
sondern sage, daß ich Krieg führen muß. Oder was soll ich thun?«

»Du weißt,« sagte der Missionar, »daß der König groß ist, welcher es
ertragen kann, daß seine Freunde ihm sagen, was er nicht gern hört. Denn
ein König ist sehr stark, und er kann, wenn er will, die Männer töten,
welche ihm etwas Unangenehmes sagen. Hört er sie deshalb ruhig an, so
zeigt er, daß seine Weisheit noch größer ist als seine Kraft.«

»Du hast recht,« sagte der König, »aber mein Vater hat schon erfahren,
daß Tschetschwajo es ertragen kann, daß die Füße weiser Männer seinen
Nacken treten.«

»Nun denn, so will ich frei reden. Deine Armee ist groß und stark und
tapfer, o König, aber ich sage dir, du kannst den Kampf mit den
Engländern nicht aufnehmen.«

»Oho!« rief der König und sprang von seinem Sitze auf.

»Die Engländer sind zu stark für dich,« fuhr der Missionar unerschrocken
fort. »Du kennst ihre Macht nicht. Sie umspannen die ganze Erde und alle
Meere mit ihren Kriegern und Schiffen. Bedenke nur, daß sie jetzt,
während sie gegen dich den Krieg rüsten, auch noch in einem andern
Lande, viele hundert Meilen von hier, Krieg führen. Man nennt jenes Land
Afghanistan, und die Menschen sind dort weder weiß noch schwarz, sondern
bräunlich. Der englische Induna hat mir davon erzählt. Vielleicht kannst
du sie zu Anfang besiegen, denn du bist ein mächtiger König, aber es
wird dir das nichts helfen, denn für jeden Engländer, den du tötest,
kommen zwei andere über das Meer. Du wirst zuletzt deine Herrschaft
verlieren.«

Der König blickte düster vor sich nieder. »Was soll ich thun nach deinem
Rat?« fragte er.

»Der Generalgouverneur hat dir geschrieben ....«

»Ha!« rief der König, »rede mir nicht von jenem Briefe! Wenn ich daran
denke, wird mein Herz rot wie Blut.«

»Die Engländer haben zu viel verlangt,« fuhr der Missionar fort. »Du
könntest ihnen die Hälfte von dem geben, was sie verlangen, und sie
wären zufrieden.«

»Was soll ich ihnen geben?«

»Wenn der König einen seiner Brüder zu den Engländern senden wollte und
mich in dessen Begleitung, damit ich die Reden mitteilte, so würde sich
vielleicht der Friede aufrecht erhalten lassen. Der König möge
versprechen, die Garnisonen von der Grenze zurückzuziehen und die Armee
zu vermindern, dann würden die Engländer beruhigt sein. Für das Land
aber wäre dies von Vorteil, denn das Waffentragen macht arm, der
Ackerbau aber reich.«

Der König lächelte bitter.

»Du hast mir einmal gesagt, der Mensch habe eine Seele in sich, welche
nach dem Tode weiterlebte,« sagte er. »Wenn ich nun tot bin und meine
Seele lebt und sie begegnet der Seele Pandas, meines Vaters, was soll
sie antworten, wenn Panda sie fragt, was aus dem Zulureiche geworden
ist? Nein, es gilt jetzt zu kämpfen! Ich werde mit meinen Kriegern den
Engländern entgegengehen, und dann will ich siegen und mächtig sein oder
untergehen wie ein König. Geh, verlasse mich, nimm deinen Freund, deine
Diener und deine Ochsen mit dir und ziehe heim, ehe die Waffen klirren.
Versuche nicht länger, das Herz des Königs zu schmelzen.«

»So lebe denn wohl, und der allmächtige Gott möge mit dir sein!« rief
der Missionar, indem er feierlich seine Hände erhob. Noch einen Blick
warf er auf die mächtige Gestalt des schwarzen Königs, den er im Geiste
als dem Verderben geweiht erkannte, dann wandte er sich und ging.

Als Pieter Maritz hörte, daß der König die Erlaubnis zur Abreise gegeben
hatte, war er vor Freude wie berauscht. Nun endlich sollte er die Heimat
und die Seinigen wiedersehen, welche nicht wußten, wo er war und ob er
noch lebte. Seit fast einem Jahre war er von ihnen getrennt. Wie mochte
es ihnen ergehen? Waren die Brüder und Schwestern wohl und gesund? Waren
sie gewachsen? Wie mochten sie aussehen? War die Mutter gesund? Wie
mochte es der Gemeinde gehen? Er malte sich im Geiste alles lebhaft so
aus, wie er wünschte, daß es sein möchte, und die weite Entfernung, die
Mühen der Reise, die Gefahren des Marsches erschienen ihm in dieser
Freude ganz unbedeutend.

Er holte das kleine Bäumchen herbei, welches am Abend brennen sollte,
besteckte es mit Kerzen, die er selbst aus Talg gemacht hatte, und
zündete diese an, obwohl es Vormittag war. Denn es galt keinen Verzug,
heute noch sollte aufgebrochen werden. Der Missionar hielt ein
Dankgebet, und dann gingen beide daran, den Wagen zu bepacken und die
Ochsen anschirren zu lassen.

Währenddessen erschien ein Adjutant Tschetschwajos und überbrachte den
Befehl des Königs, in nordwestlicher Richtung nach dem Transvaallande zu
reisen. Eine bewaffnete Abteilung sollte den Zug bis zur Grenze
begleiten. Der Missionar ließ durch den Adjutanten den König bitten,
auch die Missionsbrüder auf dem Lande und den bei jenen weilenden Titus
Afrikaner nebst dessen Gefolge mitnehmen zu dürfen, damit auch diese
Leute vor den Schrecken des drohenden Krieges bewahrt blieben. Der König
erlaubte es, und der Missionar beschloß, einen Umweg zu machen, um die
Missionsstation zu berühren.

Bald nachher traf eine Abteilung von zwölf Kriegern vor dem Gehöft des
Missionars ein, dieser entließ die Beamten und Diener vom Hofe, nachdem
er sie beschenkt hatte, und bald nach Mittag klatschte Kobus mit der
langen Peitsche, und der Wagen rollte ächzend und knarrend durch die
Straßen Ulundis, hinaus ins freie Feld. Jubelnd ritt Pieter Maritz auf
Jagers Rücken voraus.

Die Missionsstation, zu welcher Titus Afrikaner auf Tschetschwajos
Befehl geschickt worden war, lag vier deutsche Meilen westlich von
Ulundi und ward am ersten Weihnachtsfesttage von der Reisegesellschaft
erreicht. Drei Gebäude von Fachwerk, nach Art der Häuser in Transvaal
gebaut, standen im Thale an einem Flüßchen, von etwa fünfzig Hütten
umgeben, bestellte Felder und bebaute Gärten lagen rings um die Gebäude.
Zwei deutsche Familien bewohnten die in der Abgelegenheit, fern vom
Tumult der Militärkrale erbauten Häuser. Die Brüder waren einfache und
wenig bedeutende Naturen, obwohl ihrem Berufe in echter Frömmigkeit
ergeben, und sie hatten niemals Einfluß auf Tschetschwajo zu erringen
gewußt gleich dem durch die Gewalt seiner Persönlichkeit hervorragenden
alten Manne, der jetzt kam, um sie vor dem Kriegssturm zu retten. Sie
waren sehr erfreut über dessen Ankunft und Nachrichten. Denn das Gerücht
von nahe bevorstehenden Kämpfen war auch zu ihnen gedrungen, obwohl sie
nur undeutliche und schwankende Vorstellungen von der Art der Gefahr
hatten. Sie sagten, daß sie schon an Flucht gedacht hätten, daß aber die
Befürchtung, an der Grenze von den Außenposten der Zulus zurückgewiesen
zu werden, sie zurückgehalten hätte.

Auch Titus Afrikaner kam herbei, um seinen Bekehrer zu begrüßen. Er
hatte sich in seinem Äußern jetzt ebenso verändert wie in seinem Innern.
Sein Haar war mit weißen Streifen durchsetzt, sein Gesicht war faltig,
die schwellenden Muskeln seiner Glieder waren eingefallen. Er war sehr
gealtert, trotz der kurzen Zeit, denn die Entbehrung kriegerischer
Übung, die anhaltende Beschäftigung mit geistlichen Dingen und
vielleicht auch der Gram über den Verlust alles dessen, was er besessen,
hatten ihm den Stempel des Greisentums vor der Zeit aufgedrückt. Doch
war sein Blick ruhig und heiter, und es sprach aus seinem Gesicht das
Bewußtsein von etwas, was besser ist als kriegerischer Stolz, Ehre unter
den Stammesgenossen und reicher Besitz.

Von seinen zwanzig Anhängern war noch ein einziger bei ihm.

»Wo sind die andern neunzehn deiner Freunde?« fragte der alte Mann.

Titus Afrikaner zuckte die Achseln und lächelte schwermütig.

»Sie sind alle fortgelaufen, einer nach dem andern,« sagte der eine der
Missionsbrüder. »Sie konnten, wie sie sagten, das Beten nicht mehr
aushalten. Ach, es hält schwer, die Bekehrten im Glauben aufrecht zu
erhalten.«

»Danken wir Gott für diese beiden Seelen!« sagte der alte Mann.
»Vorzüglich aber für Titus Afrikaner, der ein Gewaltiger unter den
Heiden war. Ich wäre sehr traurig, wenn ihr auch ihn verloren hättet.«

»Wir können wahrhaftig nichts dazu, daß die andern fortgelaufen sind,«
entgegneten die Brüder. »Wir haben es an Ermahnungen und täglichen
Bitten nicht fehlen lassen.«

Mit Frauen und Kindern, mit Kisten und Kasten in einem zweiten
Ochsenwagen zogen am folgenden Tage die Missionare davon, der Grenze zu.
Titus Afrikaner ging neben seinem ehrwürdigen Freunde, und sein Antlitz
strahlte vor Glück, den Mann wieder reden zu hören, der so viel Gewalt
über seine Seele gewonnen hatte.

»O mein Lehrer,« sagte er, »wie freue ich mich deiner! Ich entsinne mich
der Sänger und Spielleute, die ehedem mein Ohr entzückten, wenn ich auf
Kriegsthaten sann, und ich weiß, daß meine Brust schwoll bei ihren
Melodien. Aber du bist ein viel mächtigerer Spielmann als jene. Denn
ohne Instrumente, nur mit der Gewalt deines Mundes, mit dem Klange
deiner Worte, erregst du mir das Herz viel mehr, als jene konnten, und
ich lausche begieriger auf deine Stimme, als ich je auf Musik gelauscht
habe. Ich sehne mich nach dem Himmel, um die Schönheit Gottes zu sehen,
von der du mir erzählst, und ich wünschte, mein irdischer Leib läge
schon begraben in der Erde, um die Seele hinauf zu lassen in den Glanz
des Paradieses.«

Der Zug gelangte nach acht Tagen, im Thale des Inlanganaflusses
hinaufziehend, an die Grenze des Zululandes und näherte sich einem der
äußersten Posten der Zulutruppe, welche die Transvaalgrenze überwachten.
Hier kehrte die bewaffnete Begleitung um, und die beiden Wagen fuhren
ohne Bedeckung weiter. Pieter Maritz ritt voran, die Büchse vor sich auf
dem Sattel, um bei einem Angriff eines wilden Tieres oder eines Räubers
an der unruhigen Grenze sofort bereit zu sein. Die Missionare wollten an
diesem Tage noch Potgieters Farm erreichen, um die Nacht möglichst in
Sicherheit zu verbringen.

Aber es wurde Abend, und noch zeigte sich die Farm nicht. Ringsum war
das Land unwirtlich und lud nicht zum Rasten ein; der Zug ging weiter,
da man hoffte, doch noch beim Sternenschein den ersehnten Punkt zu
erreichen. Jetzt ging es durch ein Thal mit sanft geneigten Hängen und
einzelnen Baumgruppen, deren Schatten bei der bleichen Beleuchtung des
Nachthimmels wie ungeheure schwarze Klumpen am Wege lagen. Die Wagen
rollten ziemlich bequem, da hier eine Straße durch das Land führte, die
durch viele Räder und Hufe fest geworden war.

Mit einem Male hielt Pieter Maritz, der dem Zuge etwa hundert Schritte
voranritt, sein Pferd an und spähte in die Nacht hinein. Er glaubte,
etwas wie Stimmen vernommen zu haben. Gespannt lauschte er, und in der
That hatte er sich nicht getäuscht: Stimmen und ein leises Klirren
klangen aus der Ferne von seitwärts herüber. Er wandte sein Pferd und
ritt zu den Wagen zurück, um sie halten zu lassen, aber schon während er
unterwegs war, erschien eine Anzahl von dunklen Gestalten seitwärts des
Weges, und Schüsse knallten. Gleich darauf liefen wohl ein Dutzend
schwarzer Krieger zu den Wagen, hielten die Ochsen an und fragten die
Reisenden, wer sie wären und wohin sie wollten. Die jüngeren Missionare
waren in großer Bestürzung, zumal da sie Frauen und Kinder bei sich
hatten, und nur der alte Mann, der schon so vielen Gefahren ins Auge
gesehen hatte, behielt seine Ruhe. Doch konnte auch er sich nicht auf
Auseinandersetzungen mit den Schwarzen einlassen, weil er ganz durch die
Sorge um Titus Afrikaner in Anspruch genommen war. Von den Kugeln, die
aufs Geratewohl abgefeuert und zum größten Teil über den Wagenzug
hingepfiffen waren, hatte eine getroffen: Titus Afrikaner, welcher an
der Seite des alten Missionars dahinschritt, war in die Brust geschossen
worden und lag in seinem Blute.

Die Schwarzen benutzten die Verwirrung, welche ihr unerwarteter Angriff
hervorgerufen hatte, und machten sich trotz des kläglichen Geschreis der
erschrockenen Kinder und des Hilferufens der Frauen und Missionare
daran, die Wagen zu plündern, obwohl Pieter Maritz sich bemühte, sie
zurückzuhalten, als plötzlich neue Gestalten auftauchten und eine Stimme
zu hören war, welche auf englisch in der gotteslästerlichsten Weise
fluchte. Trotz dieser Flüche, welche von einem Manne ausgestoßen wurden,
der große Übung in dem Gebrauche rollender und roher Ausdrücke zu haben
schien, kam die englische Sprache den Reisenden in ihrer Not wie eine
Erlösung vor, und sie bemerkten zu ihrer großen Freude einen
Scharlachrock unter den schwarzen Gestalten, die den Zug umringten. Es
war ein englischer Unteroffizier, der in der Negerschar auftauchte.

»Zehntausend Schock Millionen Granaten sollen euch in Grund und Boden
schlagen, ihr gottverdammten Spitzbuben von Niggers ehe ihr nur die
leiseste Ahnung vom Dienste eines Piketts bekommt!« rief der
Unteroffizier, indem er mit dem Kolben seiner Büchse völlig unbekümmert
um die Knochen seiner Untergebenen, zwischen die Menge der Schwarzen
stieß, um sich einen Weg zu bahnen. »Habe ich euch Halunken gesagt, daß
ihr schießen sollt? Steht ihr auf Vorposten, um zu stehlen?«

Dann wandte er sich an die Missionare und sagte: »Die Herren mögen
entschuldigen, aber diese Niggers sind wie das liebe Vieh. Eher wollte
ich ja eine Herde Rindvieh abrichten, ~God save the Queen~ zu singen,
als diese verfluchten Swazi zu anständigen und honetten Soldaten machen.
Die Kerls schössen wahrhaftig auf die Kutsche Ihrer Majestät der Königin
-- Gott erhalte sie! wenn es der gnädigsten Monarchin einfallen sollte,
hier spazieren zu fahren. Aber was ist das? Da liegt ja einer am Boden!
Na, Gottlob, 's ist nur ein Nigger.«

»Ja, es ist nur ein Schwarzer,« sagte der alte Missionar mit bewegtem
Tone. »Aber ich sage Euch, in diesem Manne stirbt ein besserer Christ,
als viele Tausende mit weißer Haut Christen sind. Titus Afrikaner, mein
Freund, mein Bruder, sieh mich an! Wie geht es dir?«

[Illustration: Titus Afrikaners Tod.]

Die eindrucksvolle Stimme des Missionars und der Anblick des tödlich
Verwundeten hatten Ruhe hervorgerufen, und ein weiter Kreis von
schwarzen und weißen Menschen bildete sich um den am Boden liegenden
Häuptling und den über ihn geneigten alten Mann.

Titus Afrikaner schlug die Augen auf und sah dem Missionar mit einem
glücklichen Lächeln ins Gesicht. »Du hast mich einen Christen genannt,
mein Vater,« sagte er. »Nun werde ich den Mann auf dem Berge sehen, der
mir seine Hand entgegenstreckte. Ich gehe der Erscheinung Jesu Christi
entgegen.«

»Ja, du wirst ihn sehen, den Heiland,« sagte der Missionar, »seine
erlösende Hand wird dich aus der Angst der Sünde befreien und wird dir
die Krone reichen, die dem bestimmt ist, der sich selbst besiegte. Aber
sprich, mein Freund, können wir nichts thun, dein Leben zu retten? Wir
wollen deine Wunde verbinden, und du wirst genesen.«

Titus Afrikaner schüttelte langsam den Kopf. »Hier sitzt der Tod,« sagte
er, auf seine Brust zeigend. »Laßt mich ruhig liegen. Ich sterbe gern in
deinem Arm, mein Vater. Du rettetest meine Seele vom Verderben. Ehe ich
dich kannte, war ich nur ein wildes Tier, du hast mich zu einem Christen
gemacht.«

Der Missionar sah, daß der Häuptling die Wahrheit sprach, als er seinen
Tod als nahe bezeichnete, denn die Wunde saß nahe der Herzgrube, und das
Blut quoll nur in einzelnen Tropfen hervor. Das Gesicht des Verwundeten
verlor nach und nach die Farbe des Lebens, und die Augen bekamen einen
überirdischen Ausdruck.

»Gott ist sehr gütig, daß er mich sterben läßt,« sagte der sterbende
Häuptling mit leiser Stimme. »Nun wird mich keiner der Krieger mehr
verspotten, und ich werde in ein Land kommen, wo nur Christen sind.«

Dann blickte er sich suchend um, und als er den einzigen seiner
Anhänger, der ihm treu geblieben war, im Kreise der Umgebenden stehen
sah, winkte er ihm mit den Augen, näher zu kommen. Der treue Basuto ging
auf ihn zu und benetzte seine Hand mit Thränen.

»Ich danke dir, mein Bruder, daß du bei mir geblieben bist,« sagte Titus
Afrikaner. »Lebe wohl und bleibe Christo so treu, wie du deinem
Häuptling geblieben bist. Dann werden wir uns im himmlischen Jerusalem
wiedersehen.«

Damit faltete er die Hände, die ehemals so tapfer und geschickt die
Büchse zu handhaben verstanden hatten, über der Brust und betete in
Gemeinschaft mit dem Missionar, bis sein Atem zu schwach wurde, um noch
Worte hervorzubringen. Nur die Lippen bewegten sich noch ein wenig, und
endlich ruhten auch diese, die Augen brachen, ein Zucken durchschauerte
den Körper, und mit einem Seufzer endete er sein Leben.

Der Missionar richtete sich auf, und seine Augen liefen von Thränen
über. »Seht hier das Ende eines Christen,« sagte er laut und
eindringlich, »und betet mit mir zu Gott für das Heil seiner Seele.«

Die Missionare mit ihren Frauen falteten die Hände, Pieter Maritz stieg
vom Pferde und zog den Hut, auch der englische Unteroffizier nahm den
Helm ab, und die Swazikrieger standen verdutzt, aber ehrfurchtsvoll
schweigend umher. Der Missionar betete das Vaterunser in deutscher
Sprache, und feierlich klangen die Worte in der stillen Nacht im
einsamen Thale an der kriegbedrohten Grenze.

»Und nun macht den Weg frei und laßt uns in Frieden weiterziehen,« sagte
der alte Missionar, nachdem er das Gebet beendigt hatte.

»Ich bedaure, das ist nicht möglich,« entgegnete der Unteroffizier. »Es
ist Befehl, alle Reisenden aus dem Zululande zum Kommandierenden zu
führen. Ihr müßt mir alle folgen.«

»Wohin?« fragte der Missionar.

»Zum Kommandanten La Trobe Lonsdale, in dessen Quartier zu Potgieters
Farm.«

[Illustration]



[Illustration]



Siebzehntes Kapitel

Utrecht


Als die Reisenden vernahmen, daß sie nach eben dem Orte gebracht werden
sollten, wohin sie schon selbst zu reisen beabsichtigten, wurde ihr
Gemüt ruhig, und sie bereiteten sich, dankbar für diese Wendung, welche
der Überfall nahm, zum Weitergehen. Die von den Swazis aus den Wagen
gerissenen Gepäckstücke wurden wieder aufgepackt, Frauen und Kinder
kletterten nach, und die Männer bestiegen ihre Pferde. Der Leichnam des
erschossenen Häuptlings wurde auf des alten Missionars Verlangen von
zwei Schwarzen aufgehoben und mitgenommen, denn es sollte dem christlich
Gestorbenen ein christliches, feierliches Begräbnis zu teil werden. Noch
eine halbe Stunde lang ging es beim Sternenlicht weiter, dann glänzte
der rote Schein von Lagerfeuern, und die Reisenden sahen sich an einer
großen Lagerstätte von schwarzen Kriegern angelangt. Mehr als tausend
Swazis schliefen in ihren Mänteln von Tierfell am Boden, und nach
europäischer Weise waren Posten ausgestellt, welche den Zug durchließen,
nachdem der englische Unteroffizier das Feldgeschrei gegeben hatte.
Durch die Posten und Schlafplätze hindurch rollten die Wagen vor das
Gehöft, wo der englische Kommandant sein Quartier aufgeschlagen hatte.

La Trobe Lonsdale lag schon im Schlafe, doch wurde er geweckt, um die
Ankömmlinge sprechen zu können, und die Missionare sowie Pieter Maritz
wurden in ein Zimmer geführt, wo der Offizier sie beim Scheine einer
Lampe empfing und nach dem Ziel ihrer Reise und dem Orte ihrer Herkunft
befragte. Er schien verwundert zu sein, als er hörte, daß der alte Mann
und Pieter Maritz aus der Hauptstadt Tschetschwajos kamen, da er wohl
nicht erwartet hatte, daß der Zulukönig unter den jetzigen
Zeitverhältnissen das Blut von Weißen verschonen würde, die in seiner
Macht waren. Doch war er erfreut, nun Leute vor sich zu sehen, die ihm
über die Zustände im Zululande Auskunft geben könnten. Aber sowohl der
alte Mann wie Pieter Maritz verweigerten jede Auskunft, und die beiden
jüngeren Missionare erklärten mit gutem Gewissen, daß sie nichts von den
Zuständen beim Heere Tschetschwajos wüßten.

»Wir haben seit fast einem Jahre Tschetschwajos Brot gegessen, und er
ist großmütig gegen uns gewesen,« sagte der alte Mann. »Deshalb wäre es
Verräterei, wenn wir etwas über sein Heer und seine Pläne sagen
wollten.«

Der englische Offizier war unzufrieden mit dieser Antwort, denn er hätte
sehr gewünscht, über den Feind Nachricht zu erhalten; doch konnte er
sich nicht der Einsicht verschließen, daß eine ehrenwerte Gesinnung die
Weigerung der ehemaligen Gäste Tschetschwajos hervorrief. Er sann einen
Augenblick nach und sagte dann, er wolle in Rücksicht auf das Alter und
den Beruf des Missionars der ferneren Reise der drei Missionare mit den
Familien kein Hindernis in den Weg legen. Der junge Mensch dagegen,
welcher ein Buer zu sein scheine, müsse in das Hauptquartier nach
Utrecht gebracht werden, um vor dem Obersten Wood zu erscheinen. »Ich
lasse Euch Pferd und Waffen,« sagte der Kommandant zu Pieter Maritz,
»weil ich darauf vertraue, daß Ihr keinen Fluchtversuch machen werdet.
Ihr werdet Euch darauf besinnen, was der Patriotismus jedem englischen
Unterthan vorschreibt.«

Damit entließ er die Reisenden, ordnete an, daß Pieter Maritz bewacht
und am folgenden Morgen unter Bedeckung nach Utrecht gebracht würde, und
kehrte in seinen Schlafraum zurück.

Die Reisenden schlugen ihr Nachtquartier in einem Gehöft von Potgieters
Farm auf, und der alte Missionar und Pieter Maritz unterhielten sich
über die neuen Ereignisse, welche sie betroffen hatten. Die Erlebnisse,
welche sie gemeinsam gehabt, ließen ihnen beiden das Jahr, welches sie
zusammen gewesen waren, als eine fast unabsehbar lange Zeit erscheinen.
Besonders für Pieter Maritz, dem die Zeit noch langsam verstrich, weil
er jung war, schien der Rückblick auf die Vergangenheit, auf die Reise
vom Buernlager im Norden Transvaals bis zu den Garnisonen der Zulus im
Südosten von Afrika fast wie eine Ewigkeit, und er konnte sich nicht an
den Gedanken gewöhnen, den alten Mann verlassen zu müssen. Dieser
erklärte, daß er es für seine Pflicht halte, bei den jüngeren
Missionaren zu bleiben und mit ihnen zusammen eine Station zu gründen,
entweder in Transvaal oder im Zululande, sobald der Krieg beendigt sei.
»Was dich anbetrifft, Pieter Maritz,« sagte er, »so hoffe ich, daß du
bald zu den Deinigen zurückgekehrt sein wirst. Der englische Kommandant
in Utrecht wird dich hoffentlich bald entlassen, und dann kannst du dich
nach deiner Gemeinde erkundigen und sie aufsuchen. Deine Furcht, wegen
der Entweichung der beiden Zulus bestraft zu werden, wird ja nun wohl
verschwunden sein. Du bist ein großer Mensch geworden, und ich werde
Gott bitten, daß du immer ein guter, ein christlicher Mensch bleibst. In
allen Fährlichkeiten, der Seele wie des Leibes, muß ja Gott unsere
Stütze sein, denn unsere eigene Kraft ist gar schwach gegenüber den
Anfechtungen der Welt.«

Pieter Maritz war in einer eigentümlichen Gemütsbewegung und vermochte
lange Stunden nicht einzuschlafen. Trauer und Freude mischten sich
seltsam. Er war betrübt, den alten Mann verlassen zu müssen, der sein
Freund und Berater war und an den er durch die engsten Bande, durch
gemeinsam überstandene Gefahr und durch Unterricht in den höchsten
Gegenständen des Wissens, gekettet war. Doch beherrschte ihn die Trauer
nicht völlig, da er vor seinem inneren Auge das Bild seiner Lieben
daheim erblickte und da ihn das freudige Gefühl belebte, auf der Reise
vom Zululande weg nach Hause zu sein. Schon das Bewußtsein, in Bewegung
zu sein, den treuen Jager zur Hand zu haben und von Ort zu Ort zu
kommen, hatte etwas Ermunterndes, Erfrischendes. Um sein Erscheinen vor
dem Kommandanten von Utrecht grämte er sich wenig. Er war entschlossen,
nichts über die Zulus zu verraten, und er glaubte, daß er dann die
Erlaubnis erhalten würde, sich nach Hause zu begeben.

In der Frühe des andern Morgens erklangen die Hörner, und die Swazis
erhoben sich vom Schlafe. Nach dem Vorbilde der Zuluregimenter waren aus
dem Stamme der Swazis, die den Zulus immer feindlich gegenüberstanden,
Regimenter gebildet worden, die unter dem Befehl La Trobe Lonsdales und
einiger jüngeren englischen Offiziere sowie mehrerer englischen
Unteroffiziere standen. Dieses schwarze Heer unter englischer Führung
streifte von der Grenze Natals bis nach Neuschottland hin dem Zululande
zunächst und bildete die äußersten Posten an der Grenze zwischen
Transvaal und dem Zululande. Weiter zurück, in Utrecht und an andern
Plätzen, formierten sich englische Angriffskolonnen unter Befehl des
Obersten Wood.

Pieter Maritz frühstückte mit seinem alten Freunde, während die Familien
der andern Missionare noch unter dem Zeltdache der Wagen schliefen. Doch
es schmeckte beiden nicht. Sie waren zu sehr betrübt über die
bevorstehende Trennung. Nun kam der englische Unteroffizier, der sie in
der vergangenen Nacht gefangen genommen hatte, und befahl Pieter Maritz,
sich fertig zu machen. Es mußte Abschied genommen werden. Mit nassen
Augen sattelte Pieter Maritz sein Pferd, band einen Mantelsack auf, den
ihm der Missionar geschenkt hatte und worin er Lebensmittel und einige
Bücher verwahrte, dann umarmte er den alten Mann und schwang sich in den
Sattel. Zwei mit Gewehren bewaffnete Swazis gingen mit ihm, und so zog
er weiter.

Der Marsch ging schnell vor sich, denn die schlanken nackten Swazis
hatten wenig Mühe, mit dem Pferde gleichen Schritt zu halten. Sie
schwatzten fröhlich, nahmen dankbar den Tabak an, den Pieter Maritz
ihnen gab, rauchten aus ihren kleinen Pfeifen und ließen sie sogar dann
nicht ausgehen, wenn es im Trabe ging. Meile nach Meile legten sie ohne
Ermüdung neben dem Pferde zurück. Pieter Maritz dachte einigemal daran,
sich seiner Begleiter zu entledigen. Er war überzeugt, daß sie ihn
laufen lassen würden, wenn er ihnen ein Geschenk machte. Aber er hielt
es nicht für recht, die Leute von ihrer Pflicht abwendig zu machen, und
der Gedanke, Gewalt zu gebrauchen und sich auf sein Pferd und sein
Gewehr zu verlassen, um die Freiheit zu erlangen, lag ihm ferne. Er
wollte dem Vertrauen des englischen Kommandanten, der ihm Pferd und
Waffen gelassen hatte, keine Schande machen.

Der Marsch ging weit schneller, als er in Begleitung der Wagen bis jetzt
gegangen war. Es kam Pieter Maritz so vor, als seien ihm Flügel
gewachsen. Munteren Schrittes bewegte sich Jager, der erfreut zu sein
schien, nicht mehr an den schweren Gang der Ochsen gebunden zu sein, und
leicht wie Antilopen liefen die beiden Schwarzen nebenher. Das Land
zeigte die Unruhe eines Grenzgebietes bei hereinbrechendem Kriege.
Pieter Maritz überholte mehrere Wagenzüge, die landeinwärts gingen, und
in denen sich Buernfamilien mit ihren Viehherden vor dem gefürchteten
Anmarsch der Zulus retteten. Wie freute er sich, Landsleute
wiederzusehen und die holländische Sprache zu vernehmen! Er aß bei einer
dieser Familien zu Mittag und erkundigte sich, ob sie etwas von seiner
Gemeinde wüßten. Aber die Leute wußten nichts davon, ein zu weiter Raum
trennte die Bewohner des Utrechter Distrikts von denen der Ebenen im
Norden.

Gegen Abend zeigten sich die dunklen Ketten des Belebasberges, und als
die Sonne sank, kam Pieter Maritz durch ein Thal, vor dessen Ausgange
die Stadt Utrecht lag. Jager war ermüdet, er ging langsam und senkte den
Kopf; auch die Swazis schritten jetzt langsam dahin, und ihr Geschwätz
war verstummt. Sie hatten zehn deutsche Meilen zurückgelegt.

Jetzt zeigten sich viele rote Feuerscheine, und dann blinkten Lichter
auf, welche weit verbreitet lagen und die einzeln liegenden Häuser von
Utrecht anzeigten. Dann tönten Hornsignale, und der Lärm eines Lagers
ließ sich vernehmen. Die Nacht war klar und rein. Vom tiefblauen Himmel
glänzten die Sterne herab, und ein warmer Wind zog aus der Ebene nach
dem Gebirge hin und blies Pieter Maritz entgegen. Ein Trupp von
bewaffneten Reitern erschien seitwärts des Weges und rief die
Ankömmlinge an. Pieter Maritz hielt, und die Reiter kamen näher. Es
waren Buern, die Büchsen über dem Rücken, den Patronengurt über der
Brust, das Gesicht vom Hutrand beschattet. Sie umringten den Landsmann
und die beiden Schwarzen, und einer von ihnen führte alle drei nach
Utrecht hinein. In den ausgedehnten Straßen, welche zwischen Feldern und
Gärten sowie vereinzelt stehenden Häusern sich hinzogen, trieb sich ein
sehr verschiedenartiges Volk herum. Englische Infanteristen in ihren
roten Röcken, dazwischen Buern aus Natal, die als Freiwillige im
englischen Heere dienten, auch schwarze Krieger waren zu sehen, und
viele Weiber, hauptsächlich Kaffernfrauen, liefen umher und trugen Körbe
mit Lebensmitteln oder Krüge auf dem Kopfe, um die Truppen zu versorgen.
Seitwärts der Straßen, außerhalb der Stadt, schimmerten lange Reihen
der spitzen weißen Zelte, in welchen die englischen Truppen lagerten.

Vor dem ansehnlichsten Hause von Utrecht, einem zweistöckigen Gebäude,
hielt der kleine Zug. Pieter Maritz sah das Haus voll Bewunderung an. Er
hatte in seinem Leben noch kein so schönes Haus gesehen. Es war glänzend
weiß, hatte sechs Fenster Front, alle Fenster waren von innen hell
erleuchtet und hatten Glasscheiben. Pieter Maritz war noch nie in einer
Stadt gewesen, welche aus Häusern europäischer Bauart bestanden hatte,
und glaubte sich in ein Zauberland versetzt. Vor der Hausthür ging ein
Soldat in rotem Rocke und mit weißem Helm auf und ab, und mehrere
Offiziere und Unteroffiziere standen auf dem Platze davor.

Der berittene Buer teilte einem dieser Offiziere mit, daß zwei Mann von
der Truppe des Kommandanten Lonsdale einen Gefangenen brächten, und nun
ließ der Offizier Pieter Maritz absteigen und führte ihn in das Haus.
Zugleich nahm er ein Schreiben mit, welches ihm einer der Swazis
überreichte, und worin Kommandant Lonsdale wohl dem Obersten Wood
Meldung über den Stand der Dinge an der Grenze abstatten mochte.

Als Pieter Maritz sich der offenstehenden Hausthür näherte, sah er den
Flur mit Männern angefüllt. Rote Röcke und die Blusen der Buern mischten
sich, und verwundert sah Pieter Maritz mehrere Zulus an der einen Seite
dicht an der Wand hocken. Er konnte sich über die besondere Art des
Kopfputzes und der Waffen dieser Leute nicht täuschen, es waren wirklich
Zulus. Sie hockten am Boden, das Kinn auf den Knieen, die Hände vor den
Schienbeinen verschlungen. Er mußte eine Zeitlang auf dem Flur warten
und ward sich hier, wo es hell war und wo die Blicke der Engländer und
Buern sich auf ihn richteten, eines Umstandes bewußt, der ihm bis jetzt
nicht zur Erinnerung gekommen war: es fiel ihm ein, wie sonderbar und
schlecht er gekleidet sei. Nun er die hübschen, glänzenden Anzüge der
Engländer und die sauberen ordentlichen Röcke, Beinkleider und Stiefel
seiner Landsleute sah, erschien ihm seine eigene Tracht, an welche er
lange gar nicht gedacht hatte, in einem neuen Lichte, und er fühlte sich
so beschämt, daß er nicht recht wußte, wohin er sich stellen sollte, um
möglichst verborgen zu sein. Im Zululande gab es keine Schneider, die
ihn mit Kleidungsstücken europäischer Mode hätten versorgen können, und
Schuster gab es dort gar nicht. Die Zulus gingen barfuß, und ihre
Gewänder waren zwar kunstvoll gearbeitet, aber nicht modern für die
Stadt Utrecht. Da Pieter Maritz sich nicht an die Mode von Ulundi, ein
schön gegerbtes Fell und einen perlenbesetzten Lendengurt, hatte
gewöhnen wollen, hatte er sich damit begnügen müssen, seinen alten Anzug
mit neuen Lappen zu flicken. Seine Stiefel hatten so viele neue Stücke
bekommen, daß von dem ursprünglichen Leder fast nichts mehr vorhanden
war. Sie waren nicht unbequem. Die Schäfte, mit Antilopenleder geflickt,
schlossen sich gut an und gingen bis über die Kniee. Es waren
vorzügliche Reitstiefel; aber sie waren ziemlich bunt. Ähnlich ging es
mit den übrigen Stücken seines Anzugs. Der Missionar, welcher für lange
Aufenthalte in wilden Gegenden vorbereitet war und in seinem Wagen
allerhand Nützliches mit sich führte, hatte ihm ausgeholfen, aber
buntscheckig genug waren Rock und Beinkleid und Hut.

Jetzt kam der Offizier, welcher den Brief des Kommandanten Lonsdale
fortgetragen hatte, wieder zum Vorschein und winkte Pieter Maritz, ihm
zu folgen. Es ging in ein großes Zimmer neben dem Flur, welches von
mehreren Lampen erleuchtet war, und hier bot sich ein Anblick, der die
Überraschung Pieter Maritz' vollständig machte. Sein Blick fiel zunächst
auf zwei bekannte Gestalten: der Prinz Sirajo und der Induna
Molihabantschi saßen auf Stühlen in der Mitte des Zimmers, in ihre
vornehmste Tracht gekleidet: goldene Ringe auf dem Kopfe, Hals und Brust
mit Ketten geziert, Mäntel von Tigerfell auf dem Rücken, in der Hand
lange Elfenbeinstäbe mit zierlich geschnitzten Knäufen.

Vor ihnen saß an einem langen Tische, der mit Karten und Schriften
bedeckt war, ein hoher Offizier, die Brust mit mehreren Orden geziert,
und neben ihm saßen fünf andere, jüngere Offiziere. Ein Zulu, dessen
schwarzes Gesicht sonderbar aus einem weißen Hemdskragen hervorsah und
der die Bluse und das Beinkleid des Buern trug, stand zwischen dem
Tische und den vornehmen Gesandten Tschetschwajos.

»Treten Sie näher!« rief der hohe Offizier Pieter Maritz zu. »Kommandant
Lonsdale schreibt mir, daß Sie aus Ulundi kommen. Verstehen Sie genug
von der Zulusprache und genug Englisch, um als Dolmetscher nützlich zu
sein?«

»O ja, ich glaube wohl,« entgegnete Pieter Maritz. »Ich habe fast ein
Jahr in Ulundi gelebt und habe die Zulusprache ziemlich gut gelernt.«

»Wenn Sie sie ebenso gut verstehen, wie die englische Sprache, so sind
Sie ein Meister,« sagte Oberst Wood. »Wer zum Henker ist Ihr englischer
Sprachlehrer gewesen?«

»Lord Adolphus Fitzherbert,« entgegnete Pieter Maritz.

»Sind Sie toll?« fragte der Oberst. »Aber freilich -- ich hörte davon,
daß der Lord gefangen bei den Zulus gewesen ist.«

Pieter Maritz erzählte von seinem langen Beisammensein mit dem Lord, und
daß er dadurch seine Kenntnis des Englischen verbessert habe.

»Es ist gut,« sagte der Oberst. »So werden Sie imstande sein, zwischen
mir und den Gesandten zu vermitteln, denn ich verstehe nicht genau, was
sie sagen, und glaube, daß unser schwarzer Dolmetscher nicht ganz
zuverlässig ist. Lassen Sie sich genau sagen, was diese Leute wollen,
und teilen Sie es mir mit. Wenn ich recht verstanden habe, ist einer von
ihnen ein Bruder Tschetschwajos.«

Pieter Maritz wandte sich zu den Zulus und begrüßte den Prinzen Sirajo
mit einer Verbeugung, welche dieser würdevoll mit Kopfnicken erwiderte.
Molihabantschi hatte schon den Auftrag des Obersten Wood vernommen, und
nachdem er sich mit dem Prinzen besprochen hatte, teilte er Pieter
Maritz in seinem gebrochenen Englisch und mit dazwischen gestreuten
Zuluworten die Botschaft Tschetschwajos mit.

Dann wandte sich Pieter Maritz an den englischen Obersten. »Diese Männer
sind der Prinz Sirajo, Bruder des Königs, und einer seiner vornehmsten
Räte, Namens Molihabantschi,« sagte er. »Ich kenne sie beide, da ich sie
oft gesehen habe. Sie sagen, daß König Tschetschwajo sehr bedauert, in
Streit mit der englischen Regierung gekommen zu sein. Er wünscht den
Frieden. Er ist unzufrieden damit, daß seine Unterthanen die Grenze
verletzt haben, und will diejenigen streng bestrafen, welche Vieh aus
Natal gestohlen und Flüchtlinge zurückgeholt haben. Auch verspricht er,
daß derartiges Unrecht nicht wieder geschehen solle. Zugleich aber
spricht er seine Verwunderung darüber aus, daß die englischen Truppen
sich an seiner Grenze in so großen Massen versammeln, und er bittet um
Auskunft, welchen Zweck diese Truppen haben. Besonders ist er
beunruhigt, daß die Festung Lüneburg errichtet worden ist, und erblickt
darin eine Bedrohung seines Landes und seiner Verbindungen mit dem
Norden. Er bittet um eine genügende Erklärung der kriegerischen
Vorbereitungen Englands, da er sich sonst genötigt sehen würde, auch
seinerseits auf Krieg bedacht zu sein.«

Oberst Wood zuckte ein wenig die Achseln und unterdrückte ein Lächeln,
welches um seinen Mund zuckte.

»So fragen Sie die Gesandten,« antwortete er, »ob Tschetschwajo nicht
die Forderungen des Generalgouverneurs kennt: Verminderung seiner Armee,
Zurückziehung der Garnisonen an der Grenze, Aufnahme eines britischen
Residenten in Ulundi und Abtretung der Bai von Santa Lucia?«

Pieter Maritz teilte die Gegenfrage des Obersten in der Zulusprache dem
Prinzen Sirajo mit. Dessen Augen blitzten zornig.

»Der König hat auf diese Forderungen nicht geantwortet,« sagte er, »weil
sie seiner königlichen Würde nicht angemessen sind.«

»Nun denn,« versetzte Oberst Wood, als Pieter Maritz dies übersetzt
hatte, »die Bedingungen des Generalgouverneurs sind klar und deutlich.
Wenn Tschetschwajo darauf nicht eingehen will, so werden die englischen
Truppen den Krieg eröffnen. Das mögen die Gesandten zu Hause bestellen.«

Pieter Maritz übersetzte diese Worte, und die Zulus standen mit stolzer
Gebärde von ihren Sitzen auf.

»So sei es denn Krieg!« rief Sirajo mit drohender Miene. Er wandte sich
um und schritt mit Molihabantschi hinaus. Die englischen Offiziere aber
sprachen miteinander und schienen durch das Auftreten und die Drohung
der Zulus mehr belustigt als erschreckt zu sein. Pieter Maritz hörte
ihrem Gespräch mit dem Gedanken zu, daß sie sich von der Kriegsmacht
Tschetschwajos keine deutliche Vorstellung machten. Da sich niemand um
ihn bekümmerte und auch der Zuludolmetscher in europäischer Tracht,
offenbar ein Einwohner von Natal, sich entfernt hatte, wollte auch er
fortgehen, als ihn Oberst Wood anrief.

»Nun, mein junger Freund,« sagte er, »setzen Sie sich einmal hierher an
den Tisch und erzählen Sie uns genau, was Sie von den Zulus wissen.
Wieviel Truppen hat denn Tschetschwajo? Wo stehen seine Banden? Wie sind
sie bewaffnet? Welche Fechtweise haben sie? Erzählen Sie uns das alles
recht deutlich und ausführlich.«

»Entschuldigen Sie mich, Mynheer,« antwortete Pieter Maritz. »Ich darf
Ihnen das nicht erzählen. Ich weiß es zwar ganz genau, aber ich habe es
als Gast des Königs erfahren, und es wäre Verräterei, wenn ich es sagen
wollte.«

»Was?« rief der Oberst. »Was ist das für eine Antwort? Hier werden keine
Scherze getrieben. Wir sind im Kriege.«

»Eben deshalb,« sagte Pieter Maritz. »Ich will nicht zum Danke für die
großmütige Behandlung Tschetschwajos seinen Feinden verraten, wie sie
ihn angreifen können.«

»Was fällt dem jungen Menschen ein?« rief der Oberst, indem er die
andern Offiziere ansah, als wollte er sie zu Zeugen einer unerhörten
Handlung anrufen. »Der Aufenthalt bei den Niggers hat ihm den Kopf
verdreht. Aber wir wollen ihn wieder zurechtsetzen. Besinnen Sie sich,
vor wem Sie stehen, Sie hartköpfiger Buer. Sie sind ein Unterthan der
Königin von England und stehen vor einem ihrer Vertreter.«

»Ich bin nicht der Unterthan der Königin,« entgegnete Pieter Maritz
trotzig, »und Sie haben mir nichts zu befehlen. Ich bin kein Einwohner
von Natal, sondern aus dem Gebiete der Südafrikanischen Republik
gebürtig.«

»Ein toller Bursche!« rief der Oberst. »O über diese Buern! Sie sind so
dickköpfig wie ihre Ochsen. Nun, wir wollen euch schon kriegen. Sie sind
mir sehr verdächtig, mein Freund. -- Mein lieber Thomson,« sagte er
dann, zu dem jüngsten der Offiziere gewandt, »seien Sie so gut, diesen
Burschen einstecken zu lassen. Er soll hinter Schloß und Riegel sitzen,
bis er weiß, wer sein Souverän ist.«

Pieter Maritz stand wie versteinert. So schlecht hatten ihn ja die Zulus
und die Räuber in den Drakensbergen nicht behandelt. Er sollte
eingesteckt werden? Einen langen vorwurfsvollen Blick heftete er auf den
Obersten, der sein Urteil gesprochen hatte, und lähmende Müdigkeit legte
sich auf ihn. Jetzt erst fühlte er, wie steif seine Beine und wie
zerschlagen sein ganzer Körper von dem langen Ritte waren. Aber der
Oberst bekümmerte sich ferner nicht um ihn, sondern sah auf die vor ihm
liegende Karte und besprach sich mit den andern Offizieren. Es schien
ihm gar nichts auszumachen, daß er einen freien Buernsohn zum Gefängnis
verurteilt hatte.

Währenddessen war der Offizier hinausgegangen, und gleich darauf trat er
wieder mit einem Unteroffizier herein. »Hier, dieser junge Mensch ist
es,« sagte er, auf Pieter Maritz deutend.

Der Unteroffizier faßte Pieter Maritz hart am Arm und griff nach der
Büchse, welche dieser auf dem Rücken trug. Diese Berührung erweckte
Pieter Maritz aus seinem starren Dastehen. Er wollte sich losmachen und
rief laut: »Laßt mich frei! das Gewehr ist mein!«

Der Oberst runzelte die Brauen. »Machen Sie, daß Sie den Burschen
hinausbringen,« sagte er zu dem Unteroffizier.

Dieser griff fester zu, und indem er den Knaben mit sich zog, verschob
sich der Lederriemen, an welchem der Ring Tschetschwajos hing, und das
glänzende Schmuckstück kam aus der Bluse hervor, unter welcher es
gesteckt hatte.

»Was ist denn das für ein sonderbares Ding?« fragte Leutnant Thomson,
der in der Nähe stand, indem er nach dem Ringe griff. Auch die andern
Offiziere wurden aufmerksam, und der Unteroffizier nahm dem Knaben den
Riemen ab und zeigte den Ring umher.

»Was bedeutet dieser seltsame Ring?« fragte Oberst Wood.

»Es ist ein Ring König Tschetschwajos,« sagte Pieter Maritz. »Er hat ihn
mir als Preis im Wettschießen gegeben. Er war freundlicher gegen mich,
als Ihr es seid.«

Die Offiziere ließen den Ring von Hand zu Hand gehen, während sie über
des Knaben Antwort lachten.

»Ein merkwürdiges Stück,« sagte Oberst Wood. »Hier, gebt ihn dem
jungen Menschen wieder. Übrigens ist dies ein Beweis für sein
freundschaftliches Verhältnis zu den Niggers, und ich wundere mich nicht
mehr, daß er keine Auskunft geben will. Gehen Sie mit, Leutnant Thomson,
und schärfen Sie dem Gefängniswärter Wachsamkeit ein. Hinter dem
Burschen steckt vielleicht mehr, als wir denken.«

»Und was soll aus meinem Pferde werden, wenn ich eingesperrt werde?«
rief Pieter Maritz.

»Genug der Widerworte!« rief der Oberst ungeduldig. »Fort mit dem
Burschen!«

Der Unteroffizier zog Pieter Maritz hinaus, und Leutnant Thomson folgte.
Der Leutnant schien Mitleid mit dem Knaben zu empfinden, denn er sagte
ihm draußen, er möge sich nicht ängstigen, weder seine Waffen noch sein
Pferd würden ihm genommen werden, und er selber würde wahrscheinlich die
Freiheit wiedererlangen, sobald er den Obersten um Entschuldigung bäte
und ordentliche Auskunft über seinen Aufenthalt im Zululande gäbe.

Pieter Maritz antwortete auf diese Worte nicht, denn er war so empört
und zugleich so niedergeschlagen, weil er ins Gefängnis sollte, daß er
alle seine Gedanken in die Brust verschloß. Er ging stumm neben dem
Unteroffizier her, der sich seiner Büchse bemächtigt hatte, und bemerkte
fast teilnahmslos, daß auf den Befehl des Leutnants ein Soldat Jagers
Zügel ergriffen hatte und das Pferd hinter ihm her führte.

Es ging eine Strecke weit durch die belebten Straßen hin, in welchen der
kleine Zug nur geringes Aufsehen erregte, und dann kamen sie vor ein
ziemlich großes Haus, vor dem eine rotröckige Schildwache auf und nieder
ging. Es war ein gewöhnliches Buernhaus, doch zweistöckig und mit
Gittern vor den Fenstern. Als der Leutnant an der Schelle zog, ward die
Hausthür geöffnet, und ein alter Buer kam heraus, der ein Schlüsselbund
in der Hand trug.

»Hier, Koopman,« sagte der Leutnant, »bringe ich einen neuen Gefangenen.
Haben Sie wohl acht auf ihn, denn er ist ein Staatsgefangener, ein
gefährlicher junger Mensch, obwohl er Ihr Landsmann ist. Behandeln Sie
ihn gut, aber lassen Sie ihn nicht entwischen. Sein Pferd stellen Sie in
Ihren Stall, und seine Waffen heben Sie auf.«

»Schon gut, schon gut,« sagte der alte Buer, indem er Pieter Maritz
prüfend betrachtete. Dann rief er einen Knecht herbei, welcher Jager
nach einem der Hintergebäude führte, nahm die Büchse in Empfang und ließ
Pieter Maritz in das Haus gehen.

»Ich werde morgen nachfragen, ob Ihr bessere Antwort geben wollt als
heute,« rief der Leutnant zum Abschiede, und dann schlug die Thür hinter
dem Gefangenen zu, und Pieter Maritz war mit dem alten Buer allein.

»Komm mal mit, mein Neffe,« sagte dieser zu ihm, indem er eine Laterne
ergriff und mit seinem Schlüsselbunde klappernd voran- und die Treppe
hinaufschritt. Pieter Maritz folgte gehorsam. Er war wie im Traume und
ließ alles ruhig mit sich geschehen. Der Gefangenwärter schloß eine Thür
im oberen Stock auf, ließ ihn eintreten, stellte dann seine Laterne auf
den Tisch, der das hauptsächlichste Möbel in dem kahlen Raume war,
setzte sich selbst auf einen Schemel, stützte die Arme in die Seiten und
fragte: »Nun sag mal, mein Neffe, wieso und woher kommst du denn?«

Pieter Maritz taute bei dem gutmütigen Klange dieser in seiner
Muttersprache gesprochenen Frage etwas auf und erzählte in der Kürze
seine Abenteuer der letzten Zeit, und daß der Kommandant ihn habe
einsperren lassen, weil er von der Südafrikanischen Republik gesprochen
habe.

Der alte Buer schüttelte den Kopf. »Ja, mein Junge,« sagte er, »da hast
du freilich dem Ochsen ins Auge geschlagen, und das war eine große
Dummheit.«

»Aber sagt doch, Oheim,« rief Pieter Maritz, »habe ich denn nicht recht?
Sind wir denn nicht freie Bürger der Südafrikanischen Republik?«

»Pst, pst!« sagte der alte Buer, »halt das Maul, mein Junge; es könnte
es jemand hören. Freilich hast du recht, aber es ist nicht immer klug,
die Wahrheit zu sagen.«

»Aber nun sagt mir doch, wie kommt Ihr denn dazu, Gefangenwärter bei den
Engländern zu sein?« fragte Pieter Maritz. »Seid Ihr denn nicht auch ein
freier Buer?«

Der Alte kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. »Ja, siehst du, mein
Junge,« sagte er, »bar Geld lacht. Meine Alte und ich, wir wohnen hier
allein in dem großen Hause, und die Jungens sind alle draußen und haben
ihre eigenen Farmen. Da habe ich mit den Engländern einen Kontrakt
abgeschlossen, daß ich ihnen mein Haus als Gefängnis leihe und die
Gefangenen verköstige und bewache. Sie zahlen mir ein schönes Stück Geld
dafür, und in jetzigen schweren Zeiten schlägt ein vorsichtiger Mann das
nicht aus. Aber gewiß bist du hungrig, mein Junge. Wart ein bißchen, ich
hole dir zu essen.«

Der Alte erhob sich und ging mit seiner Laterne hinaus, schloß auch die
Thür von außen zu. Pieter Maritz ging ans Fenster und blickte durch die
Vierecke zwischen den eisernen Stäben hinaus auf die Straße. Noch immer
zog dort, obwohl es schon spät am Abend war, eine große Menge Menschen
umher, die sich der kühleren Luft und des Geplauders beim Sternenschein
erfreuten. Pieter Maritz sah halb bewußtlos auf die bunt gemischte Menge
hinab; er war so sehr bedrückt durch das Bewußtsein seiner
Gefangenschaft, daß er an allen äußeren Dingen nur geringen Anteil nahm.
Er dachte nach Hause zurück. Wie schön hatte er sich das baldige
Wiedersehen ausgemalt! Nun sollte alles, alles anders werden, alles war
ins Ungewisse gerückt.

Jetzt rasselten die Schlüssel wieder, die Thür öffnete sich, und der
alte Buer kam mit einem Korbe. Er stellte Brot und Butter, gebratenes
Ochsenfleisch und einen Krug Bier auf den Tisch. Pieter Maritz besann
sich darauf, daß er seit Mittag nichts genossen hatte, und fing an zu
essen. Zu Anfang schmeckte es ihm in seinem Kummer nicht, aber nach und
nach bekam er Appetit und aß und trank, während der alte Buer ihm
gegenüber saß und in seiner langsamen Sprache über Politik redete und
einen langen Vortrag hielt. Er mochte froh sein, einen Gefangenen zu
haben, mit dem er vertraulich reden konnte, aber der Ton seiner Stimme
wirkte einschläfernd auf den Zuhörer. Pieter Maritz bemühte sich, die
Augen offen zu erhalten, aber es war endlich nicht mehr möglich. Als er
aufgehört hatte zu essen und dann noch einen tüchtigen Schluck Bier
genommen hatte, sank plötzlich sein Kopf auf die eine Schulter, und er
fing, noch auf dem Schemel sitzend, zu schnarchen an.

Da stützte ihn der alte Gefangenwärter, schob ihn nach der Ecke des
Zimmers, wo eine Matratze am Boden lag, ließ ihn sich niederlegen und
deckte ihn mit einer wollenen Decke zu. Dann ging er hinaus, wackelte
mit dem Kopfe und murmelte etwas von jungen Leuten und langen Ritten in
den Bart.

Als Pieter Maritz am andern Morgen erwachte, war es schon heller Tag. Er
hörte an die Thür pochen, dann den Schlüssel drehen, und dann sah er
einen Knecht des Buern eintreten, der ihm Maisbrei und Kaffee zum
Frühstück brachte. Er sprang von seinem Lager auf und verlangte Wasser
zum Waschen. Der Knecht führte ihn in den Hof und zeigte ihm einen
laufenden Brunnen, wo er sich waschen konnte. Der Hof war von einem
hohen Zaun eingefaßt und draußen war der Schritt der Schildwache zu
vernehmen. Nach der Wäsche ward Pieter Maritz wieder eingeschlossen, und
nun nahm er sein Frühstück ein. Er hatte sich ein wenig an den Gedanken
gewöhnt, Gefangener zu sein, war aber nicht darüber getröstet. Wenn es
ihm auch nicht mehr unerhört und neu erschien, hinter Schloß und Riegel
zu sitzen, so war es ihm doch heute noch schmerzlicher als gestern. Denn
er dachte heute klarer darüber nach und sah alles Unangenehme und
Schmerzliche seiner Lage in hellerer Beleuchtung als am Abend vorher, wo
die Überraschung ihn betäubt hatte. Die Erinnerung an seinen Vater, der
ihm sterbend gesagt hatte, die Engländer seien die einzigen und wahren
Feinde der Buern, stand lebhafter als je wieder vor ihm.

Nach einigen Stunden hörte er den alten Buern an den Schlössern rappeln
und wurde hinausgelassen, um im Hofe frische Luft zu schöpfen. Es war
die Stunde, wo auch die andern Gefangenen hinausgelassen wurden. Zehn
Gefangene, darunter sechs englische Soldaten und drei Männer in
Buerntracht, kamen auf den Hof, doch durften sie nicht miteinander
sprechen, sondern mußten schweigend nebeneinander hergehen. Die
Schildwache, welche außerhalb stand, wurde zur Überwachung in den Hof
selbst gestellt, solange die Gefangenen dort waren. Pieter Maritz
betrachtete die Gesichter seiner Genossen. Keines war sehr einladend zu
näherem Verkehr, sondern es waren rohe Züge, die sich ihm zeigten. Er
ging mit trüben Gedanken unter den Leuten umher und freute sich fast,
als die Zeit der Erholung vorüber war und er wieder eingeschlossen
wurde. Um Mittag erschien der Leutnant Thomson, der die Zimmer
inspizierte und ihn fragte, ob er nun wisse, wer sein Souverän sei, und
ob er nun Auskunft über die Zuluarmee geben wolle.

Aber Pieter Maritz kreuzte die Arme über der Brust und antwortete nur
mit einem Blick der Verachtung. Der Offizier ging, und Pieter Maritz war
wieder allein hinter den vergitterten Fenstern.

So ging es auch am folgenden Tage und fernerhin. Ein Tag reihte sich an
den andern, und Pieter Maritz saß noch immer im Gefängnis. Die übrigen
Gefangenen wechselten. Einige wurden entlassen, und andere kamen wieder
hinzu, die Gesellschaft auf dem Hofe bei der Promenade wechselte, und
nur Pieter Maritz blieb. Es kam ihm so vor, als ob hauptsächlich
Trunkenbolde unter den englischen Soldaten eingesperrt würden, denn oft
wurde gerade des Abends ein Mann mit vielem Gepolter und Geschrei von
Patrouillen gebracht, und Pieter Maritz wunderte sich, wie stark der
Geruch von Rum im Gefängnis war. Er war in einer stillen, grimmigen
Laune über die lange Dauer seiner Gefangenschaft, aber fest
entschlossen, nicht nachzugeben, wenn er auch für immer dort sitzen
sollte. Sein Trost war, daß es Jager gut ging. Der alte Buer, welcher
Mitleid mit ihm hatte und auch gern schwatzte, besuchte ihn fast jeden
Abend und erzählte ihm, was in der Welt vorging. Er sagte dem Knaben,
daß einer seiner Knechte das Pferd täglich an die Luft brächte, und er
hatte es so eingerichtet, daß dieser Knecht an des Knaben Fenstern
vorüberritt. Pieter Maritz nickte Jager von oben zu und fühlte sich
beruhigt, wenn er sah, daß das Tier munter dahinschritt.

Der alte Buer erzählte ihm, daß er täglich für jeden Gefangenen fünf
Schillinge Kostgeld bekäme, wenn aber einer entspränge, müsse er fünf
Pfund Strafe kontraktmäßig bezahlen, deshalb passe er sorgfältig auf,
daß keiner entwische, und noch habe er keine Strafe zu bezahlen gehabt.
Er erzählte auch von den kriegerischen Vorgängen. Von drei Seiten, so
sagte er, wollten die englischen Truppen in das Zululand einrücken. Der
Oberst Wood von Transvaal aus, der Oberst Glyn von Helpmakaar in Natal
aus und der Oberst Pearson von Greytown in Natal aus. Alle drei Kolonnen
wollten geradeswegs auf Ulundi marschieren. Am Ufer des Tugelaflusses
habe Sir Bartle Frere in Gegenwart britischer Behörden und vielen Volkes
ein Ultimatum verlesen lassen, eine Forderung an Tschetschwajo, die
gestellten Bedingungen anzunehmen oder aber britische Truppen als Feinde
in seinem Lande zu sehen. Dies Ultimatum sei dem Könige übersandt
worden, und da er es nicht angenommen habe, würde der Krieg beginnen.

Am 14. Januar erschien der alte Buer sehr eilfertg bei Pieter Maritz und
erzählte ihm, es habe ein Kampf stattgefunden. Britische Truppen wären
auf Flößen und Booten über den Buffalofluß gegangen und hätten vor zwei
Tagen Sirajos Kral erstürmt.

Zu dieser Zeit kam große Bewegung in die bei Utrecht lagernden Truppen,
wie Pieter Maritz von seinen Fenstern aus bemerken konnte. Viele Wagen
fuhren durch die Straße, Truppenabteilungen marschierten, und alles
machte den Eindruck, als ob etwas Wichtiges bevorstände. Die Soldaten,
welche noch im Gefängnis waren, wurden herausgeholt. Am 20. Januar, als
Pieter Maritz bereits über zwei Wochen gefangen gesessen hatte, ward er
in der Frühe des Morgens durch kriegerische Musik geweckt. Er eilte ans
Fenster und sah, daß die Truppen sich in Marsch gesetzt hatten. Der Zug
ging nach Osten hin und bewegte sich durch die Straße, in welcher das
Gefängnis lag.

Zuerst erschienen die Schwadronen der englischen ~Light Horse~, Reiter
mit langen, an der Spitze etwas gebogenen Schwertern und Karabinern
bewaffnet, dann stampften im Gleichschritt die Züge der englischen
Infanterie heran, in roten Röcken mit weißen Korkhelmen, die Beinkleider
in langschäftige Stiefel gesteckt, Tornister mit weißen Lederstreifen
auf dem Rücken, das Gewehr auf der Schulter, Patrontaschen vor dem
Leibe, Brotbeutel und Feldflasche an der Seite, das Bajonett am weißen
Ledergurt an der linken Hüfte. Sie trugen die Nummer 80 auf den
Achselklappen. Die Unteroffiziere hatten weiße Querstreifen auf dem
linken Oberarm, die Offiziere, deren ein großer Teil zu Pferde war,
trugen nur Säbel und Revolver. Auf das 80. Infanterieregiment folgte ein
Zug, wie Pieter Maritz ihn noch nie gesehen hatte, so daß bei dessen
Anblick ihm das Herz höher schlug. Schon von weitem war ein tiefes
Klirren und erschütterndes Rollen und Dröhnen zu vernehmen. Die
Artillerie kam heran. Je sechs Pferde zogen einen zweirädrigen Karren,
die Protze, auf welcher Artilleristen saßen, und an diese Protze war
das Geschütz gehängt. Der Anblick der dunklen glänzenden Kanonenrohre
erregte in des Knaben Gemüt einen großen Sturm, denn er hatte noch keine
Kanone erblickt. »O ihr armen Zulus,« dachte er, »wie wird es euch
ergehen?« Geschütz auf Geschütz rollte mit unheimlicher Schwere dahin,
und hinter den Geschützen gingen und ritten viele englische Krieger. Die
Offiziere hatten schwarze Sammetaufschläge und Sammetkragen auf den
Scharlachröcken, und diese Aufschläge und Kragen waren prachtvoll mit
goldener Stickerei eingefaßt und besetzt. Sie trugen breite schwarze
Bandeliere mit Patrontaschen, Säbel und Revolver, ihre weißen Helme
hatten vergoldete Spitzen und Beschlag und wurden mit vergoldeten
Schuppenketten unter dem Kinn befestigt. Sie ritten wunderschöne Pferde
mit reichem Geschirr.

Hinter den Geschützen zog eine Reihe schwarzer Wagen her, die mit
Munition beladen waren. Dann folgte wieder ein Zug Infanterie, zwei
Kompanien vom 80. Regiment. Hierauf kamen mehrere hundert Mounted
Volunteers, berittene Buern aus Natal, sowie englische Unterthanen aus
Natal, welche freiwillig am Kampfe teilnahmen. Sie trugen den weißen
Korkhelm und kreuzweise gehängtes weißes Lederzeug mit Büchse und
Patrontasche. Dann kam wieder ein langer Zug Infanterie, das 90.
Regiment, und hieran schloß sich wieder englische Kavallerie. Endlich
kam eine unendliche Reihe von Wagen, die von Buern und Kaffern gelenkt
und von reitenden Buern und englischer Infanterie begleitet wurden. Mehr
als zweihundert Wagen zählte der Zug, und es währte mehrere Stunden, bis
er vorüber war. Ein jeder Wagen war mit zehn oder zwölf Ochsen bespannt
und mit Kisten und Kasten, Paketen und Tonnen beladen. An die Zeltdächer
waren die Nummern der Truppenabteilungen mit schwarzer Farbe
geschrieben. Hier stand: ~Frontier Light Horse~, dort ~13th Regiment~,
dort ~Royal Artillery~, und so war überall bezeichnet, welcher Truppe
die mitgeschleppten Vorräte an Munition, Lebensmitteln, Uniformstücken
und sonstigem Gepäck gehörten.

Pieter Maritz sah im Geiste noch den Marsch der Zulutruppen vor sich,
und so erschien ihm das kleine englische Heer, welches kaum dreitausend
Mann stark war, ganz fremdartig. Wie schwer, breitschulterig, wuchtig
und stampfend waren diese Soldaten der Königin von England im Vergleich
mit den langen schmalen leichten Zulus, die gleichsam über den Boden
hinschwebten. Und welch ein Gepäck! Welche Masse von Fleisch, welche
Tonnen voll Branntwein! Welche Menge von Uniformstücken, von Mänteln
und Stiefeln! Die Zulus aßen im Manöver nur einmal in vierundzwanzig
Stunden oder auch wohl gar nicht und schnürten dafür ihren Gürtel etwas
fester. Für jeden Wagen der Engländer ein behender nackter Träger mit
einem Korbe auf dem Kopfe, und zehntausend Zulus waren für mehrere Tage
mit Kafferkorn versehen. Ihr Getränk aber lieferten die Bäche und
Flüsse.

Pieter Maritz hatte dem langen Zuge fast atemlos in höchster Spannung
zugeschaut, denn das kriegerische Schauspiel nahm seine Sinne ganz
gefangen. Als aber der letzte Wagen im gewaltigen Staube der Straße
verschwand, da seufzte er tief.

Sollte er nun allein zurückbleiben und für immer im Gefängnis sitzen? Er
besann sich darauf, daß er ja nichts mit dem Kriege der Engländer zu
schaffen habe, gleichwohl hatte er ein Gefühl, als sei sein halbes Herz
mit fortgenommen. Er hätte es natürlich gefunden, mitzureiten. Der
Anblick der vielen Buern bei der Kolonne des Obersten Wood bewegte ihm
das Gemüt. Zwar waren unter den Kämpfern keine von den Transvaalbuern,
sondern nur unter den Wagenführern, wie ihm der alte Gefangenwärter
erzählt hatte, aber die Buern aus Natal waren doch auch Landsleute,
wenigstens von verwandtem Blute, wenn auch nicht freie Bürger. Tief
betrübt und mit seltsam geteilter Empfindung saß Pieter Maritz auf
seiner Matratze.

Doch jetzt rasselte das Schlüsselbund. Der alte Gefangenwärter trat
herein.

»Du kommst los, Neffe,« sagte er. »Oberst Wood hat befohlen, daß du zum
Oberbefehlshaber, General Lord Chelmsford, gebracht werden sollst. Eine
Patrouille geht zum General nach Helpmakaar, um ihm zu melden, daß der
Oberst nach Lüneburg abmarschiert ist; und diese Patrouille soll dich
mitnehmen. Mach rasch, dein Pferd wird gesattelt, deine Büchse kannst du
auch mitnehmen. Hier hast du noch ein gut Stuck Brot und Fleisch für den
Weg.«

Pieter Maritz sprang voll Entzücken auf. War er auch seines Schicksals
nicht gewiß, so kam er doch wenigstens aus dem engen Gefängnis heraus.
Kräftig schüttelte er dem Alten die Hand.

»Ich danke auch, Oheim,« sagte er, »und ich wünsche Euch gute
Gesundheit.«



[Illustration]



Achtzehntes Kapitel

Die Schlacht von Isandula


Mit großer Wonne sah Pieter Maritz sein Pferd gesattelt vor der Thür
stehen und ergriff er die Büchse. Ein Unteroffizier von der englischen
leichten Kavallerie mit vier Mann erschien, und diese Leute nahmen ihn
in ihre Mitte. Einer von den Reitern trug eine Ledertasche umgehängt, in
welcher sich wohl Briefe und Meldungen aus dem Hauptquartier des
Obersten Wood für den Oberbefehlshaber und das Lager von Helpmakaar
befinden mochten.

»Das Gewehr wollen wir Ihnen doch lieber abnehmen, es möchte Ihnen bei
dem warmen Wetter auf der Schulter drücken,« sagte der Unteroffizier zu
Pieter Maritz, als er ihn in Empfang nahm. Er schien eine Neigung für
Scherz zu haben, und sein rotes Gesicht hatte viele Runzeln um die
Augen, welche aussahen, als kämen sie vom Lachen.

Pieter Maritz gab die Büchse ab, und einer der Kavalleristen hing sie
über die Schulter. Dann ging es fort nach Süden, auf der guten Straße,
die von Utrecht in das britische Gebiet von Natal führte. Es war für
Pieter Maritz ein vergnügter Ritt, denn obwohl er Arrestant war und sich
einige Sorgen machte, sobald er sich überlegte, daß der Oberbefehlshaber
ihn wohl auch wieder ausfragen und einstecken würde, so war es doch ein
seliges Gefühl, aus dem Gefängnis entlassen zu sein und unter dem blauen
Himmel dahinzureiten. Pieter Maritz dachte, daß es in der ganzen weiten
Welt nichts Schöneres geben könnte, als das Gefühl, einen Sattel
zwischen den Knieen zu haben. Einigemal überlegte er, daß er den
englischen Kavalleristen schon einmal einen Streich gespielt habe, und
daß es vielleicht nicht unmöglich sei, auch diesen Leuten, welche ihn
jetzt bewachten, zu entwischen. Er guckte nach rechts und nach links und
berechnete die Breite der Straßengräben und die Länge des Weges über die
Grasflächen hin. Unter den englischen Pferden neben Jager war keines,
das sich mit ihm messen konnte. Aber er gab den Gedanken an Flucht
wieder auf, denn heute lagen die Verhältnisse anders als damals, wo er
den Lord hinter sich her lockte. Zunächst hatte er seine Büchse nicht,
und ohne Waffe wollte er nicht fort. Dann war rechts ein breiter
schneller Fluß mit steilen Ufern, der Buffalo, und er würde schwerlich
haben hinüberkommen können. Der Buffalo floß in starken Krümmungen, bald
war er wohl eine Stunde weit entfernt, bald kam er der Straße näher,
jedenfalls wäre er ein Hindernis auf der rechten Seite geworden, wo die
Verfolger ihn vermutlich eingeholt hätten. Auf der linken Seite aber
wäre er hinter der Kolonne des Obersten Wood hergeritten. Dort lagen
Lüneburg und Potgieters Farm, und das Land ward von Reitern und
schwarzen Irregulären durchstreift. Aber selbst wenn er durchschlüpfte,
so sagte sich Pieter Maritz, würden die Engländer nach ihm suchen
lassen, und er würde sich nirgends, auch nicht in seiner Gemeinde,
blicken lassen dürfen. Er beschloß, ruhig seines Weges zu reiten und
abzuwarten, was die Zukunft ihm bringen würde.

Inzwischen knüpfte der Unteroffizier, dem die Zeit lang werden mochte,
ein Gespräch mit ihm an und fragte ihn, warum er Arrest habe. Pieter
Maritz erzählte, daß der Oberst Wood böse auf ihn geworden sei, weil er
nichts über die Zulus habe erzählen wollen und von der Südafrikanischen
Republik gesprochen habe. Der Unteroffizier lachte laut und bot ihm
seine Rumflasche an, die Pieter Maritz jedoch zurückwies. Der
Unteroffizier trank darauf selber und sagte: »Nun, junger Herr Buer, da
sind Sie ja ganz im Rechte. Ganz Afrika müßte der Südafrikanischen
Republik gehören, und die Königin müßte Herrn Krüger, den
Buernpräsidenten, heiraten. Dann könnte Tschetschwajo auf der Hochzeit
tanzen.«

Über diesen Witz lachte der Unteroffizier selber, aber er lachte auch
allein, denn Pieter Maritz war nicht geneigt, über die Südafrikanische
Republik zu scherzen und machte sein ernstestes Gesicht.

»Den Buern geht es zu gut, deshalb mucken sie auf,« sagte der
Unteroffizier nun, da es ihn verdroß, daß Pieter Maritz nichts
antwortete. »Da sollte ich einmal Gouverneur sein, nur vier Wochen lang
-- dann sollte das Ding anders aussehen. Aber wartet nur, laßt uns erst
den Niggerkönig eingefangen haben, dann geht's an die Buern.
Tschetschwajo werden wir in einen eisernen Käfig sperren und nach
England bringen, wo er zum Besten des Pensionsfonds der Armee für
Sixpence Eintrittsgeld gezeigt wird. Nachher spielen wir der
republikanischen Regierung in Pretoria ein Tänzchen auf.«

Pieter Maritz ritt schweigend seines Weges und achtete nicht auf solche
Reden, die ihn ärgern sollten. Er unterhielt sich mit Betrachtung des
Weges, der sehr belebt war. Viele Wagen und Reiter und Fußgänger
begegneten der Patrouille, einige wurden auch von ihr überholt. Fast
alle Leute zogen nordwärts. Denn dieser Weg war der Grenze des
Zululandes sehr nahe und führte durch das Gebiet, welches Tschetschwajo
schon mehrmals als ihm gehörig beansprucht hatte. Die Einwohner
fürchteten einen Einfall der raschen schwarzen Banden und suchten sich,
soweit sie sich von ihren Besitzungen zu trennen vermochten, in dem
rückwärts liegenden Gebiet in Sicherheit zu bringen.

Am Abend wurde ein Übergang über den Buffalo erreicht, und hier lag eine
Fähre, aber es war schon zu spät, um überzusetzen; etwa vier deutsche
Meilen waren zurückgelegt worden, und so bestimmte der Unteroffizier, es
sollte Halt gemacht werden. Die Patrouille übernachtete in einem der
Häuser, welche nahe der Fährstelle lagen, und brach am andern Morgen
wieder auf. Die Reiter führten ihre Pferde am Zügel auf das flache
Schiff, welches außerdem noch eine Anzahl Schlachtochsen aufnehmen
mußte, die für die Garnison von Helpmakaar bestimmt waren, und dann ging
es hinüber auf das rechte Ufer. Immer nach Süden ging es darauf in
flottem Gange weiter, mittags ward Fort Agnew erreicht und unter
englischen Soldaten, der Besatzung des kleinen Forts, gegessen, und dann
traf die Patrouille abends um sechs Uhr in Helpmakaar ein.

Aber der Oberbefehlshaber, General Lord Chelmsford, war nicht dort. Nur
eine kleine Besatzung war im Orte geblieben, die Kolonne des Obersten
Glyn aber, welche dort gelagert hatte, war nach Nordwesten aufgebrochen,
und Lord Chelmsford hatte sie begleitet. Dem Berichte der Garnison nach
war die Kolonne bei Rorkes Drift über den Buffalo gegangen und mußte
jetzt im Zululande sein. Der Kommandant von Helpmakaar befahl dem
Unteroffizier, die Nacht im Orte zu verbringen und am andern Morgen früh
mit der Patrouille und dem Arrestanten dem Oberbefehlshaber gemäß dem
Befehl des Obersten Wood zu folgen.

Pieter Maritz schlief neben seinem Pferde im Biwak bei dem Orte,
inmitten von schwarzen Truppen und berittenen Freiwilligen aus der
Buernschaft von Natal.

Der folgende Tag, der 22. Januar, war hell und warm, und als die
Patrouille früh um fünf Uhr fortritt, war die Sonne schon drückend. Der
Unteroffizier ließ Pieter Maritz seine Büchse wiedernehmen, da sie dem
Kavalleristen, der sie bis jetzt getragen hatte, lästig war und da
Pieter Maritz immerfort so gutwillig mitgeritten war, daß der
Patrouillenführer nicht befürchtete, er würde einen Fluchtversuch
machen.

Nach zweistündigem Ritt erreichten sie den Buffalofluß und gingen durch
die Furt, welche Rorkes Drift genannt wird. Am andern Ufer, auf der
Zuluseite, sahen sie, zehn Minuten zu gehen vom Flusse, zwei große,
niedrige Häuser, vor welchen mehrere Ochsenwagen standen. Ein englischer
Arzt war im Gespräche mit einem Manne in schwarzer Kleidung neben den
Wagen, und schwarze Leute luden unter Aufsicht von englischen
Lazarettgehilfen die Wagen ab. Auch englische Soldaten, welche die Wache
an der Furt haben mochten, waren zu sehen. Die Patrouille näherte sich
den Häusern, und der Unteroffizier erkundigte sich nach der Kolonne des
Obersten Glyn und nach dem Lord Chelmsford. Es hieß, die Kolonne sei
nicht weit, sie habe etwa drei englische Meilen weiter nach Nordwesten
ein Lager aufgeschlagen. Der Unteroffizier ließ absteigen, und es wurde
ein Frühstück eingenommen, wozu sich hier gute Gelegenheit bot. Hier war
ein Kommissariat und ein Lazarett, so daß sie viele Vorräte aller Art
fanden. Pieter Maritz hörte, daß der Herr in schwarzer Kleidung der
Reverend Witt sei, Vorstand der Missionsstation Oscarsburg. Die Hütten
seiner Gemeinde lagen auf der andern Seite des Flusses, auf der
Natalseite, hier lagen seine Kirche und sein Wohnhaus; beide Gebäude
waren von den Militärbehörden zu kriegerischen Zwecken hergerichtet.

Während Pieter nun ruhig neben seinem Pferde stand, ein Stück Pastete aß
und sich über die vorsichtige Verpflegungsart der Engländer freute,
welche eingemachte Pasteten in Blechbüchsen mit in den Krieg nahmen,
blieb ihm mit einem Male der Bissen im Halse stecken vor Überraschung.
Er sah in der Ferne zwischen zwei Kaktusbüschen einen schwarzen Kopf mit
einem Haarbusch auftauchen, der ihm bekannt vorkam. Das Ufer war
gebirgig, zerklüftet, voller Felsen und Felsschluchten. Leicht konnten
findige Späher sich hier verstecken und unbemerkt heranschleichen. Der
schwarze Kopf mit dem Haarbusch war gleich darauf wieder verschwunden,
aber Pieter Maritz hätte darauf schwören wollen, daß es ein Haarbusch
von einem der Regimenter des Prinzen Dabulamanzi gewesen sei. Der Busch
war hoch und schwarz, mit einem weißen Stirnbande umwunden, er mußte dem
Regiment der schwarzen Schilde angehören.

Pieter Maritz aß sein Frühstück schnell auf und sah nach den Gurten
seines Pferdes. Er sattelte nach, prüfte Jagers Hufe und untersuchte
seine Büchse.

»Es wird gut sein, sich ordentlich umzuschauen,« sagte er zu dem
Unteroffizier. »Die Zulus sind flink auf den Beinen, und wir sind jetzt
auf ihrem Boden.«

»Haha!« lachte der Unteroffizier. »Na,« sagte er dann, »ich bin noch da.
Nur nicht ängstlich!«

Die Patrouille saß wieder auf, und die sechs Reiter setzten ihren Weg in
der ihnen auf der Station bezeichneten Richtung fort. Sie ritten
gemütlich in einem Haufen, und die Engländer unterhielten sich, während
sie Cigarren rauchten, welche ihnen der Militärarzt gegeben hatte.

Nur Pieter Maritz hatte die Augen offen. Sorgfältig durchspähte er jeden
Schlupfwinkel, den das unebene, hügelige Land bot, und das Herz klopfte
ihm an die Rippen. Er war voll Spannung, denn er sagte sich, es sei sehr
möglich, daß Zulutruppen in der Nähe seien.

Etwa eine Viertelstunde waren sie in langsamem Schritt geritten, da zog
Pieter Maritz unwillkürlich die Zügel an. Er hatte drei Gestalten in der
Ferne auftauchen sehen. Sie waren einen Gang hinabgelaufen und schnell
verschwunden, aber deutlich hatte Pieter Maritz rote Federn auf den
Köpfen und rote Schilde gesehen: es waren Krieger aus einem zweiten
Regimente Dabulamanzis.

»Was haben Sie?« fragte der Unteroffizier, als Pieter Maritz sein Pferd
anhielt.

»Mynheer, ich sehe Zulus in unserer linken Flanke,« entgegnete er.

»Zulus?« fragte der Unteroffizier. »Sie sehen wohl Gespenster. Ich sehe
nichts. Die Zulus werden sich hüten, hier herumzulaufen. Aber Sie fangen
wohl an, das Kanonenfieber zu bekommen.«

Pieter Maritz antwortete nicht, obwohl er sich ärgerte, und ritt weiter.

Wieder war eine Viertelstunde verflossen, da entdeckten seine durch die
Jagd geübten und des afrikanischen Landes kundigen Augen eine neue Spur
der nahen Gefahr. Aus dem Grase, welches ein kleines Thal zur linken
Hand mit grünem Teppich überkleidete, sahen mehrere dunkle Punkte empor,
und Pieter Maritz erkannte die eigentümliche Form dieser Punkte. Es
waren die Mützen, welche vom Regiment des Königs getragen wurden. Dies
war nun schon das dritte Regiment, welches zur Armee Dabulamanzis
gehörte, und Pieter Maritz war von jetzt an überzeugt, daß eine große
Zulumacht in der Nähe sei. Doch sagte er nichts mehr, um nicht von neuem
verhöhnt zu werden.

»Gefunden!« rief jetzt der Unteroffizier. Er zeigte nach rechts hin, wo
sich in einiger Entfernung eine Menge von hellen Flecken sehen ließen.
Die weißen, spitzen Leinwandzelte der englischen Truppen hoben sich von
der grünen Fläche eines Thales ab und zeigten den Lagerplatz an. Ein
sehr hoher, einzelner, felsenartiger Berg stieg dunkel unweit des
englischen Lagers empor. Sein Hang war auf der einen Seite jählings
abfallend, und seine schroffe Gestalt mußte ihn auf viele Meilen in der
Runde kenntlich machen. Es sah von dem Punkte aus, wo die Patrouille
war, ganz so aus, als befinde sich das englische Lager am Fuße dieses
Berges, als sie aber nun die bisherige Richtung verließ und nach rechts,
nach Osten hin ritt, trennte sich nach und nach der Lagerplatz mit den
Zelten von dem Berge ab, und es ward ersichtlich, daß der Berg wohl eine
halbe deutsche Meile weit nördlich vom Lager seine hohe Spitze
emporstreckte.

Das Land war hügelig, und die Engländer hatten an der tiefsten Stelle
ihre Zelte aufgeschlagen, doch nicht etwa in einem engen Thalkessel,
sondern inmitten einer Menge von sanften Höhen, welche wohl zu übersehen
waren. Das Land glich einer Ebene, in welcher sich viele Bergwellen
erhoben. Beim Näherkommen erkannte Pieter Maritz neben den Zeltreihen
auch Wagenreihen. Es mochten mehr als hundert Wagen sein, welche in
langen Linien aufgestellt waren, während die Zugochsen dicht daneben
angebunden waren. Viele kleine Feuer brannten, und die Truppen schienen
zu kochen. Der Unteroffizier sah nach seiner Uhr, als die Patrouille das
Lager erreichte, und sagte: »Es ist um acht. Wer schon gefrühstückt hat,
kann nun annehmen, er käme zum Mittagessen.«

Dann ritt er auf eine Gruppe von Offizieren zu, welche inmitten des
Lagers zusammenstanden, und machte seine Meldung.

Pieter Maritz sah sich indessen um. Er bemerkte englische Truppen,
Buerntruppen und außerdem viele Schwarze. Diese waren zum Teil Zulus,
wie er an der dunklen Hautfarbe und der Haartracht sah. Sie mußten wohl
zu den Zulus von Natal gehören, welche unter englischer Herrschaft
standen. Sie waren nackt, aber mit Gewehren und Patronengürteln
ausgestattet. Die andern Afrikaner waren Basutos, kaffeebraun, und
trugen lange Reitstiefel und Blusen mit kreuzweise gehängtem Lederzeug,
dazu Hüte wie die Buern. Im ganzen waren nicht viel Truppen zur Stelle,
Pieter Maritz schätzte sie auf etwa sechzehnhundert Mann, von denen die
Hälfte Afrikaner waren. Mehrere hundert davon waren Reiter, und deren
Pferde waren an Kampierleinen seitwärts von den Zelten angebunden. Auch
zwei Geschütze sah Pieter Maritz und daneben zwei sonderbare Gestelle,
welche ihm fremd waren. Er fragte einen der Leute von der Patrouille,
was das für Dinger seien, und erfuhr, es seien Raketengeschütze, aus
denen brennende Cylinder abgefeuert würden; in den Cylindern von
Eisenblech sei Pulver und eine Kugel.

Jetzt kam der Unteroffizier zurück und befahl Pieter Maritz, zum
Kommandanten des Lagers, Oberstleutnant Pulleine, zu kommen. Pieter
Maritz stieg vom Pferde, gab Jager einem der Kavalleristen zu halten und
ging auf den Kreis der Offiziere zu. Neben zwei älteren Offizieren
standen mehrere jüngere, in verschiedenen Uniformen, von der Kavallerie,
Infanterie, der Artillerie und den Ingenieuren.

»Sie sollten zum General geführt werden,« sagte Oberstleutnant Pulleine
zu Pieter Maritz, als dieser vor ihn trat und seinen Hut abnahm, »aber
der General ist nicht hier. Sie sind wegen aufrührerischen Benehmens
verhaftet worden, wie mir der Patrouillenführer meldet.«

»Ich weiß nicht genau, was aufrührerisches Benehmen ist,« entgegnete
Pieter Maritz, »aber ich glaube nicht, etwas gethan zu haben, was Strafe
verdient.«

Die Offiziere sahen des Knaben offenes, freundliches Gesicht mit
Wohlwollen an und mochten wohl denken, daß die Meldung schlimmer laute,
als der Gegenstand der Meldung es verdiene. Sie konnten sich, nach ihrer
lächelnden Miene zu urteilen, nicht recht denken, daß dieser junge
Mensch mit den unschuldigen frommen Augen ein Aufrührer sein sollte.

»Über Ihre Schuld oder Unschuld wird der General entscheiden,« sagte
Oberstleutnant Pulleine, »aber der Unteroffizier meldete mir auch, daß
Sie lange in Ulundi bei Tschetschwajo gelebt hätten. Sagen Sie uns doch,
was Sie von der Zuluarmee wissen. Haben die Zulus sämtlich Gewehre? Sind
es gute Gewehre? Hinterlader? Gewehre, die in gutem, brauchbarem
Zustande sind?«

»Über die Zulus kann ich Ihnen nur das sagen, Herr Oberstleutnant,«
erwiderte Pieter Maritz, »daß sie sehr schnell marschieren und daß sie
hier ganz in der Nähe sind.«

Unter den Offizieren machte sich eine Bewegung bemerklich.

»Woher wissen Sie das, daß sie in der Nähe sind?« fragte der Kommandant
mit strengem Tone.

»Ich habe dort im Westen, als wir hierher ritten, dreimal Späher von der
Zuluarmee gesehen, und zwar von drei verschiedenen Regimentern der Armee
Dabulamanzis.«

»Wer ist Dabulamanzi?«

»Es ist der Bruder des Königs, und er befehligt die besten Truppen,
sämtlich mit Hinterladern bewaffnet.«

»Pah!« sagte der Kommandant. »Unsere Vedetten haben nichts gemeldet und
müßten doch die Zulus gesehen haben, wenn diese in der Nähe wären.«

Damit wandte er sich zu dem andern älteren Offizier, zeigte nach einigen
rotröckigen Reitern, die in der Ferne hielten, und besprach sich mit
ihm.

»Haben Sie wirklich Zulus gesehen?« fragte er den Knaben.

»Ganz gewiß.«

»Nun, lieber Durnford,« sagte Oberstleutnant Pulleine zu dem Kameraden
neben ihm, den seine Uniform ebenfalls als einen Offizier vom Range
eines Oberstleutnants kenntlich machte, »Sie könnten ja der Sicherheit
wegen einmal nach der Seite hin vorgehen, wo der junge Buer die Niggers
gesehen haben will. Und wenn wirklich dort welche umherlaufen, bringen
Sie ein paar von ihnen mit, daß wir sie ausfragen können. Ich kann mir
freilich kaum denken, daß Zulus dort sein sollten. Ist doch Lord
Chelmsford selbst mit Oberst Glyn voraus und hat er doch das ganze Land
absuchen lassen! Ist doch Lonsdale mit seinen Swaziniggern, der das Land
hier wie seine Tasche kennen muß, vorausgezogen. Es wäre ein schlechter
Spaß, wenn uns die Zulus hier überfielen, während der größere Teil
unserer Macht Stunden weit weg ist. Aber ich denke nicht, daß mehr als
ein paar vereinzelte Kerls sich dort umhertreiben. Nun, damit wir nichts
versäumen, reiten Sie einmal aus!«

Oberstleutnant Durnford ließ den Trompeter blasen, und die Basutos
gingen an ihre Pferde. Der Oberstleutnant selber stieg zu Pferde und zog
dann mit seiner schwarzen Schar, zweihundertfünfzig Reitern, nach
Westen.

»Also die Zulus marschieren sehr schnell?« fragte Oberstleutnant
Pulleine dann wieder.

»Sehr schnell,« sagte Pieter Maritz, und dann setzte er zögernd hinzu:
»Sie werden mich vielleicht unbescheiden nennen, Herr Oberstleutnant,
aber ich muß sagen, daß ich mich über Ihr Lager wundere.«

»Wie so?« fragte der Kommandant.

»Wenn wir Buern im Kriege mit den Kaffern sind, lagern wir anders,«
sagte Pieter Maritz.

»Wie denn?« fragte der Kommandant, während die andern Offiziere,
belustigt durch die Dreistigkeit des Knaben, näher traten.

»Wir bilden einen Kreis von den Wagen,« sagte Pieter Maritz, »und
schieben die Deichsel des einen Wagens zwischen die Räder des andern, so
daß sie dicht hintereinander stehen. Dann stopfen wir alle Lücken mit
Dornengestrüpp zu und bringen die Zugochsen in die Mitte des Lagers.
Kommen die Kaffern, so stehen wir wie in einer Festung und schießen von
den Wagen aus. Die Frauen und Knaben aber haben Äxte in der Hand und
schlagen die einzelnen Kaffern tot, welche etwa unter den Wagen
durchkriechen. Euch aber können die Wagen nichts nützen, denn sie stehen
seitwärts.«

Die Offiziere lachten.

»Die Buernmanier ist nicht schlecht,« sagte Oberstleutnant Pulleine,
»aber englische Soldaten haben es nicht nötig, sich hinter Wagen zu
verkriechen. Wir gehen dem Feinde entgegen.«

»Herr Oberstleutnant,« sagte Pieter Maritz treuherzig, »wenn Sie noch
Zeit dazu haben, so lassen Sie doch ja Ihre Wagen so zusammenfahren, wie
ich Ihnen beschrieben habe. Die Gegend ist nicht sicher, und Dabulamanzi
greift heftig an.«

Die Offiziere lachten wieder, und Pieter Maritz ward rot vor Scham. Er
ging zur Seite, näherte sich seinem Pferde und blickte dorthin, wo er
die Zulus gesehen hatte. Es war dort alles ruhig, kein Kopfputz war zu
entdecken, nur die Truppe des Oberstleutnants Durnford breitete sich
aus, und die Reiter bildeten eine lange Kette kleiner Figuren in der
Ferne.

Aber jetzt mit einem Male tönte ein schwacher Knall, und gleich darauf
waren noch mehrere Schüsse von weitem zu hören. Die Basutos mußten auf
den Feind gestoßen sein. Nun kam ein Reiter von drüben in vollem Galopp
zurück nach dem Lager. Es war ein englischer Unteroffizier, wie bald zu
erkennen war. Er jagte eiligst heran, ritt auf den Kommandanten zu und
meldete, Oberstleutnant Durnford habe feindliche Truppen bemerkt und
bäte, daß zwei Kompanien des 24. Regiments nachrückten, mit denen er die
Zulus vertreiben wolle.

Oberstleutnant Pulleine erwiderte dem Unteroffizier, er möge
zurückmelden, die zwei erbetenen Kompanien könnten nicht kommen. Er, der
Kommandant, habe Befehl, das Lager zu halten, und dürfe die Infanterie
nicht daraus entfernen.

Der Unteroffizier ritt davon, aber während er noch unterwegs war, um zu
Durnfords Reitern zurückzukehren, war deutlich zu erkennen, daß die
Basutos wichen. Sie feuerten ihre Gewehre vom Pferde herunter ab und
gingen Schritt vor Schritt zurück. Doch war noch nichts vom Feinde zu
sehen.

Die Soldaten im Lager saßen währenddessen noch ruhig um ihre Feuer herum
und verzehrten ihr Essen. Sie hatten blecherne Feldkessel mit
Fleischbrühe, aßen dazu ihr Brot und tranken aus ihren Feldflaschen Rum.
Manche machten sich auch in und bei den Zelten zu thun, putzten ihre
Gewehre und ihr Lederzeug, gaben den Pferden zu trinken und waren in
guter Ruhe. Nur Oberstleutnant Pulleine hatte sich jetzt, von seinem
Adjutanten, seinem Hornisten und einigen jüngeren Offizieren begleitet,
vor den Lagerplatz begeben, und blickte durch ein Fernrohr nach der
Stelle, wo die Schüsse knallten.

Währenddessen ließ Pieter Maritz seine hellen Augen ringsum schweifen
und es war ihm plötzlich so, als erblicke er schwarze Punkte auf einer
andern Stelle, im Norden des Lagers. Er konnte sich nicht getäuscht
haben: es tauchten Zulus dort hinter den Hügeln auf. Gleich nachdem der
Knabe sie gesehen hatte, mußten auch die Vedetten auf jener Seite sie
gesehen haben, denn ein Schuß fiel dort, und ein Reiter jagte zum Lager
zurück. Nun aber erschienen auch im Westen, den Basutos gegenüber,
Zulukrieger. Eine lange dünne Schützenkette ließ sich sehen und trieb
die braunen Reiter zurück.

Oberstleutnant Pulleine wandte sich um und ließ Alarm blasen. Die
Soldaten setzten ihre Kessel nieder, steckten ihr Brot in die Tasche,
sprangen auf und liefen an die Gewehre, die Reiter gingen zu ihren
Pferden, die Artilleristen zu ihren Geschützen.

Pieter Maritz schwang sich in den Sattel und hielt sich bereit, zu thun,
was der Verlauf der Ereignisse ihm vorschreiben würde. Mit der höchsten
Spannung verfolgte er die Erscheinung der Zulus und das Verfahren der
Engländer. Vom 24. Infanterieregiment waren das 1. Bataillon und zwei
Kompanien vom 2. Bataillon im Lager. Diese formierte Oberstleutnant
Pulleine zu einer Kolonne nordwestlich vom Lagerplatz und sandte einen
Zug Schützen vor, um die Zulus zurückzutreiben.

Aber der Zulus gegenüber wurden immer mehr, und sie kamen immer näher.
Es war, als wüchsen sie aus dem Boden hervor. Jetzt kamen sie auch aus
Osten, und nun umgab eine ganze Wolke von schwarzen Schützen das Lager
im Halbkreise. Die Vedetten waren zurückgetrieben, jetzt kehrte
Oberstleutnant Durnford in Eile zurück. Schon pfiffen einzelne Kugeln
über das Lager hin, obwohl die Zulus noch fern waren.

Niemand achtete mehr auf Pieter Maritz, aller Augen waren nach dem
Feinde gerichtet, und eine eigentümliche Spannung beherrschte das Lager.
Pieter Maritz hatte die Büchse vor sich auf dem Sattel, und es zog ihn
vorwärts. Sein Instinkt zum Kampfe trieb ihn, vorzureiten und mit den
englischen Schützen zusammen auf die Zulus zu schießen. Aber ein anderes
Gefühl hielt ihn zurück. Hatten die Zulus das um ihn verdient, daß er
sich ihren Feinden anschloß? Wohl war er ein Weißer, und gegenüber waren
Schwarze, aber sollte er, den die Engländer als Gefangenen behandelten,
auf die Truppen König Tschetschwajos schießen, der ihn bewirtet und
beschenkt und mit seinem eigenen Fingerringe ausgezeichnet hatte? Er
warf die Büchse wieder auf den Rücken.

Unser Feind ist England, hatte ihm sein sterbender Vater gesagt. Er
wollte sich nicht in den Kampf mischen, sondern der Schnelligkeit seines
Pferdes vertrauen, um der Gefangenschaft und dem Tode zu entrinnen. Aber
obwohl er jetzt die Gelegenheit hätte benutzen können, um davonzureiten,
bannte ihn doch die Begierde zu sehen an die Stelle. Er war ganz Auge,
er konnte sich von dem Schauspiel, das sich jetzt bot, nicht losreißen,
so gefährlich es auch war, noch länger in dem von drei Seiten bedrohten
Lager zu bleiben, und so klar er auch einsah, was die andern alle nicht
wußten, daß ein großes Heer unter Dabulamanzi zum Angriff heranrücke.

Aber bald wurde dies auch den Engländern klar, und lautlose
erwartungsvolle Stille lastete auf dem ganzen Lager. Denn nun erschienen
hinter den zerstreut kämpfenden Schützenschwärmen der Zulus lange
schwarze Reihen auf den gegenüberliegenden Höhen. Es war ein drohender
Anblick. Soweit sich der Halbkreis der Schützen erstreckt hatte, so weit
stand es jetzt gleich einer dunkeln Mauer von geschlossenen Abteilungen.
Nur war die Mauer in Bewegung. Regiment neben Regiment stieg die Höhen
herab nach dem Lager zu, und schon konnten die verschiedenen Farben
erkannt werden.

Pieter Maritz sah in der Mitte der Angriffslinie das Regiment des Königs
und unterschied die roten, die weißen und die schwarzen Schilde in der
langen Schlachtlinie. Jetzt erkannte er auch den Prinzen Dabulamanzi
selbst, der zu Pferde durch die Reihen jagte. Ein Sonnenstrahl ließ den
Goldreif auf seinem Kopfe leuchten.

Als nun die englischen Truppen sahen, wer ihnen gegenüberstand, und als
es keinem in der kleinen Schaar mehr verborgen bleiben konnte, welche
Übermacht herankam und in welcher kriegerischen Ordnung die Zulus
vorrückten, da ging es wie Todesahnung durch die Reihen. Viele Gesichter
wurden bleich, die Freunde und Kameraden sahen einander an, aber nur
noch enger schlossen sich die Kämpfer aneinander, und grimmige
Entschlossenheit sprach aus der Haltung wie aus den Mienen der Europäer.
Aber auch die schwarzen Truppen zeigten sich wacker. Wenn auch einige
der Zulus im Lager voll Schrecken den Rücken wandten und davonliefen,
so ließ sich doch die Hauptmasse von den englischen Offizieren in Reihe
und Glied stellen, und die berittenen Basutos schwärmten umher und
schossen auf die vordringenden Schützen der feindlichen Armee.

Die Zuluregimenter waren jetzt so nahe gekommen, daß die Geschütze
wirksam auf sie schießen konnten, und nun feuerten die englischen
Artilleristen, so rasch sie konnten, Shrapnels und Raketen. Der Donner
der Kanonen war für Pieter Maritz etwas Neues, und er sah gespannt auf
die Wirkung dieser Schüsse. Der erste Shrapnel zersprang über dem
Regiment des Königs, wie ein leichtes weißes Wölkchen über der dichten
schwarzen Masse anzeigte. Der zweite schlug in das vorderste Glied
desselben Regiments ein und riß eine Lücke durch die ganze Tiefe
hindurch. Aber der Vormarsch der Zulus stockte keinen Augenblick, die
Lücke schloß sich wieder. Shrapnels wie Raketen, die nun Schlag auf
Schlag in die völlig frei herankommenden Massen fuhren, waren nicht
imstande, deren Ordnung zu stören, und wenn auch zahlreiche schwarze
Flecke hinter den vordringenden Linien erschienen, die Leiber der Toten
und Verwundeten, so trat doch keine Stockung im Angriff ein.

Mit Bewunderung sah Pieter Maritz die Ausführung dieses Angriffs an. Er
hatte unwillkürlich sein Pferd vorgehen lassen und hielt dicht hinter
dem Oberstleutnant Pulleine, der nebst mehreren andern Offizieren zu
Pferde neben der Artillerie hielt. Auch die Engländer waren voll
Verwunderung über die Ordnung beim Feinde und sprachen sich, obwohl sie
ihren nahen Tod vor Augen sahen, wie Kenner bei einem gleichgültigen
Anblick aus.

Hinter den langen Linien der geschlossenen Regimenter, welche sich
anfänglich gezeigt hatten und nun im Feuer der Artillerie und der
Infanterie herankamen, zeigte sich jetzt eine andere dunkle Masse,
welche der vorderen Linie als Unterstützung zu dienen schien. Sie hielt
sich einen Büchsenschuß weit hinter der vorderen Linie in sehr tiefer
massenhafter Aufstellung und mochte eine Abteilung von fünftausend Mann
sein, während wohl fünfzehntausend Mann vorn in lang entfalteter Linie
waren. Diese führten nun in größter Ordnung das Manöver aus, von welchem
Pieter Maritz hatte berichten hören. Das Regiment des Königs, welches in
der Mitte war, marschierte im Schritt gerade auf die englische
Artillerie los, die beiden Flügel aber waren im Lauf, und so krümmte
sich der Bogen der schwarzen Armee immer mehr, um das englische Lager zu
umfassen.

Da die Zuluregimenter ganz ohne Deckung von den Höhen herab in das Thal
liefen und dicht geschlossen, acht Reihen hintereinander, formiert
waren, hatten sie sehr starke Verluste. Nicht allein traf jeder Shrapnel
und riß die Leute haufenweise nieder, sondern auch die englische
Infanterie richtete große Verheerungen unter dem Feinde an. Sie stand in
Linie, so daß jedes Gewehr feuern konnte, und die Leute schossen in
kaltem Ingrimm ausgezeichnet, so daß die Reihen der Angreifer immer
wieder sich erneuern und zusammenschließen mußten. Die vorgehaltenen
Schilde nützten nichts, die Kugeln der Gewehre schlugen hindurch, und
unzählige Zulus stürzten nieder.

Doch auch das kleine Heer der Engländer hatte Verluste. Nachdem schon
mehrere Leute von den Kugeln der feindlichen Schützen getroffen worden
waren, fingen auch die Salven der geschlossenen Regimenter zu wirken an.
Denn die Zulus feuerten stark und heftig während ihres Vormarsches. Die
Indunas ließen die Regimenter halten, die vorderen Glieder feuern und
dann die ganze Masse weiterstürmen. Die Kugeln flogen dicht, und mehr
als eine war schon nahe an Pieter Maritz' Ohren vorbeigepfiffen. Doch
war das Feuer der Zulus an Wirksamkeit nicht mit dem der Engländer zu
vergleichen, und das Blut der Weißen zeigte seine Überlegenheit im
Gefecht sehr deutlich. Pieter Maritz glaubte es dem Feinde anzusehen,
daß er sich sehnte, mit Schießen aufhören und zur Nationalwaffe, zum
Assagai, greifen zu können. Mehr als einmal zuckten seine Hände nach der
Büchse, aber das Gefühl, daß er weder die Pflicht noch das Recht habe,
am Kampfe teilzunehmen, hielt ihn zurück.

Der nahe Feind, dessen donnernder Schlachtgesang nun beinahe das
Knattern des Gewehrfeuers und selbst den Donner der Geschütze übertönte,
übte indessen jetzt durch seinen Anblick einen starken Druck auf die
schwarzen Truppen unter dem englischen Heere aus. Die Basutos hatten
sich zerstreut und waren nicht mehr zu erblicken, die Zulus konnten kaum
durch Säbelhiebe und Revolverschüsse der englischen Offiziere und
Unteroffiziere zusammengehalten werden, und ein Teil von ihnen war in
voller Flucht nach der einzigen Seite hin, welche noch offen war. Pieter
Maritz sagte sich, daß auch für ihn die Zeit gekommen sei, wo er an
seine Rettung denken müsse. Bald mußten die Zulus das Lager völlig
umklammert haben, und dann war er mit den anderen verloren. Der
Augenblick war nicht mehr ferne, wo die Zulus anfangen würden, ihre
Assagaien zu werfen, und wenn sie erst so nahe heran wären, sagte er
sich, dann würde es zu spät sein, noch zu fliehen. Indem Pieter Maritz
so überlegte und doch halb und halb Lust hatte, mit den Europäern zu
kämpfen und zu fallen, weil der Pulverdampf und das Getöse des Kampfes
seine Sinne mit der Trunkenheit der Kampflust zu umnebeln anfingen, sah
er neben sich eine Scene, die ihn entschied. Ein englischer Offizier,
dessen Gesicht und Uniform ihm bekannt waren und den er sich erinnerte,
bei La Trobe Lonsdales Truppe gesehen zu haben, hatte auf einem der
Wagen gelegen, weil er verwundet war. Sein linker Arm war verbunden.
Beim Beginn des Kampfes war er vom Wagen gestiegen, hatte das Gewehr
eines erschossenen Infanteristen ergriffen, sein Pferd am Zügel
genommen, und, das Pferd an seiner Seite, auf den Feind geschossen.
Jetzt aber legte er das Gewehr nieder, bestieg sein Pferd und ritt
eiligst davon. Als Pieter Maritz dies sah und zugleich erkannte, daß der
einzige Rückzugsweg, welcher noch offen war, mit jedem Augenblick
schmaler wurde, wandte er Jager, drückte die Kniee an den Sattel und
flog im schnellsten Galopp davon. Schrecklich dröhnte hinter ihm das
Feuer vieler tausend Gewehre, das Krachen der Kanonen und das wilde
Rufen der angreifenden Zulus.

Pieter Maritz ritt einige Minuten und blickte sich dann um. Er befand
sich auf einer Höhe, von wo aus er das Schlachtfeld übersehen konnte,
und war dem Kampfe so nahe, daß er deutlich die einzelnen Personen
unterschied. Unwiderstehlich zog der schreckliche Anblick ihn an, so daß
er halten blieb und unverwandten starren Auges zusah, obwohl die Gefahr
in so bedrohlicher Nähe war. Die Zulus waren jetzt auf hundert Schritte
von der unbeweglichen Linie der englischen Infanterie angekommen und
warfen zweimal ihre Assagaien. Dann ergriffen sie ihre Lieblingswaffe,
den Stoßassagai und rannten mit dämonisch wildem Rufe, mit jenen
entsetzlich gellenden Tönen, die Pieter Maritz von den Manövern her
kannte, zum Handgemenge mit den Weißen vor. Die Engländer wichen keinen
Schritt. Sicher, daß sie sterben mußten, wollten sie ihr Leben teuer
verkaufen. Bis zur letzten Sekunde setzten sie ihr schnelles, sicheres
Feuern fort, so daß die Zulus reihenweise stürzten, und dann hielten sie
dem wilden schwarzen Feinde das Bajonett vor. Aber die Zulus waren durch
nichts aufzuhalten. Wie die Teufel sprangen sie heran, ihre Federbüsche
flatterten im Pulverrauch, die grellen Farben ihrer Haut und ihrer
Waffenstücke schienen durch den Dampf hindurch, und ihre rauhen Kehlen
stießen die unheimlichsten Töne aus. Sie waren in solcher Kampfeswut,
daß sie die Gefallenen vom Boden in die Höhe rissen und als Schilde vor
sich hertrugen, ja daß sie die Körper der eigenen getöteten und
verwundeten Brüder aufhoben und in die Bajonette schleuderten, um sich
einen Weg zu bahnen.

Nun bildeten die schwarzen Leiber und die roten Röcke nur noch ein
wirres Durcheinander, und furchtbar arbeitete der Stoßassagai. Mann für
Mann fielen die Engländer auf der Stelle, wo sie standen, durchstochen
nieder. Jetzt schlug der Offizier, der die Artillerie kommandierte,
lange Nägel in die Zündlöcher der Kanonen, um sie unbrauchbar zu machen,
und in der Sekunde, wo er das zweite Geschütz vernagelte, stieß ihm ein
Induna, kenntlich am kostbaren Putz, den Speer durch die Brust. Jetzt
fiel der Unteroffizier, der so viel gelacht hatte, durchbohrt zu Boden,
jetzt sank Oberstleutnant Pulleine, samt seinem Pferde von vielen
scharfen Spitzen getroffen, nun stürzte Oberstleutnant Durnford, wütend
mit seinem Säbel um sich hauend, unter den Assagaien nieder. Jeder Mann
fiel wie ein Held. Die Offiziere schossen mit ihren Revolvern, bis sie
keinen Raum mehr zum Schießen hatten. Sie schwangen den Säbel in der
Rechten, während sie mit der Linken feuerten, und ein jeder verkaufte
sein Leben um den Preis mehrerer Feinde. Aber die Zulus sprangen mit
weiten Sätzen gleich Panthern daher und scheuten keine Gefahr, keinen
Schuß, keinen Hieb. Ihre nackten schwarzen Gestalten stürzten sich, den
Tod verachtend, im Siegestaumel auf die weißen Männer, und ihre Speere
verbreiteten überall den Tod. Die Pferde, selbst die Ochsen wurden
erstochen, und nur den äußersten Anstrengungen der Indunas gelang es,
einen Teil der Tiere als erwünschte Beute vor den tötenden Assagaien zu
retten. Dabulamanzis finstere Erscheinung auf dem schwarzen Pferde mit
der Tigerdecke war jetzt inmitten der Scharen, und seine ausgestreckte
Hand lenkte die mordtrunkenen Haufen und scheuchte sie von der Beute
zurück.

Schaudernd sah Pieter Maritz die Verwüstung. Es war ein Greuel zu sehen.
Gleich der Flut des empörten Flusses, den Gewitterregen geschwellt,
ergossen sich die schwarzen Scharen mit ihrem Mark und Bein
durchdringenden Siegesgeheul über die Stätte dahin, wo das kleine
englische Heer gestanden hatte. Nun war kein roter Rock mehr zwischen
den Schildern und schwarzen Leibern zu entdecken, das Ächzen, Stöhnen
und Schreien der Verwundeten war verstummt, alle lagen danieder. Die
Scharlachröcke und weißen Helme lagen am Boden, in einer Flut von Blut,
und die nackten Füße der wilden schwarzen Krieger stampften über die
Leichen dahin und traten alles, was lag, tote Körper von Menschen und
Tieren, Waffen, Helme, Vorräte an Munition, Kochgeschirr, Speisen, den
ganzen Inhalt des Lagers in eine wüste wirre Masse zusammen. Ja der
furchtbare Andrang der stürmenden Regimenter stürzte viele Wagen um, und
zerrissene Leinwanddächer, zertrümmerte Räder, umgeworfene und
zerschlagene Kisten, Fässer und Ballen bedeckten im Verein mit
zerfetzten Leichen die vordem grüne Erde.

Pieter Maritz blickte immer noch mit weit geöffneten entsetzten Augen
auf die schreckliche Scene, da bemerkte er, daß die Zulus, als sie
nichts Lebendes mehr vor ihren Speeren fanden, sich zur Verfolgung der
Flüchtigen wandten. Hunderte von schnellen Läufern kamen auf die Stelle
zu, wo er hielt.

Da wandte er das Pferd. »Heda, alter Freund,« rief er Jager zu, »jetzt
zeige, was du kannst!« Er ließ dem Gaul die Zügel, neigte sich vor, und
rasch wie ein Pfeil vom Bogen flog Jager davon.

Pieter Maritz gedachte, nach Rorkes Drift zurückzureiten, und er hatte
mit seinem Instinkt des jagdgewohnten Buern unter allen Schrecken der
letzten halben Stunde immer die Lage der umliegenden Höhen in der
Erinnerung behalten, um den Rückweg nicht zu verfehlen. Aber nun sah er,
daß starke Abteilungen vom rechten Flügel des Zuluheeres abgebogen
waren, in vollem Laufe in der Richtung auf Rorkes Drift waren und ihm
schon den Weg dorthin abgeschnitten hatten. Er mußte es aufgeben,
dorthin zu reiten, und geraden Wegs nach dem Buffalofluß eilen und auf
gutes Glück vertrauen, um hindurchzukommen. Vor sich sah er Reiter und
Fußgänger eben die Richtung verfolgen, welche er selbst zu nehmen
gezwungen war.

Er wußte nicht, wie lange sein Ritt dauerte, die Minuten dehnten sich zu
Stunden, während er die gellenden Rufe der schnellen Verfolger hinter
sich hörte. Doch überholte er viele Flüchtlinge, und wenn er über die
Schulter zurückblickte, sah er die geschwungenen Assagaien, wie sie in
die Brust der überholten und von Furcht gelähmten Fliehenden drangen.
Der Todesschrei der Getroffenen folgte den Hufschlägen seines Pferdes.
Jetzt zog das Gefilde sich bergan, das Land ward felsig und
durchklüftet: er hatte das Ufer des Buffalo erreicht. Nun war er auf
der Höhe in einem schmalen Paß und sah tief unter sich den Spiegel des
Flusses. Er erschien dunkel, und nur einzelne weiße Streifen zogen sich
hindurch, denn die hohen Felsen beschatteten das Wasser, und nur wo die
Wellen an Klippen schäumten, zeigten sich helle Stellen. Der Weg führte
steil hinab, und es war kein gebahnter Weg, sondern nur eine Senkung
inmitten unzugänglicher Abhänge. Vor sich sah Pieter Maritz wohl an
fünfzig schwarze Männer und einige wenige Reiter. Diese kletterten
mühsam den steilen Weg hinab, da die Pferde nur mit Schwierigkeit
gingen; die Fußgänger, in eine lange Reihe hintereinander verstreut,
kamen besser fort. Einige schwammen schon unten im Wasser, ihre
schwarzen Köpfe ragten aus der Flut. Auch den englischen
Kavallerieoffizier sah Pieter Maritz. Er war mitten im Flusse, den Helm
auf dem Kopfe, den Revolver am Kolbenringe mit den Zähnen haltend. Sein
Pferd streckte den reich gezäumten Kopf aus den Fluten empor und
arbeitete mühsam gegen den Strom.

Pieter Maritz ritt langsam hinab und hielt Jagers Kopf hoch, um das Tier
vor dem Straucheln zu bewahren. Schon sah er hinter sich, als er
halbwegs hinunter war, die roten Schilde der Verfolger leuchten. Es ging
nur Schritt für Schritt weiter und Pieter Maritz biß die Zähne zusammen.
Jetzt kam ein Assagai von hinten geflogen, sauste dicht an Jagers Kopfe
vorbei und schlug zerspringend an die Felswand an. Pieter Maritz sah
sich um und nahm die Büchse zur Hand. Er erblickte mehrere Zulus vom
roten Regiment in guter Schußweite. Doch er drohte ihnen nur mit der
Büchse und rief ihnen in der Zulusprache zu: »Hütet euch!«

Vielleicht erkannten sie ihn, denn sie hörten auf den Ruf und folgten
nur langsam. Glücklich erreichte Pieter Maritz das Ufer. Es fiel jäh ab,
so daß wohl zehn Fuß Höhe zu springen waren, aber hier galt kein
Besinnen. War der englische Offizier durchgekommen, so konnte auch der
Buernsohn hindurch. Er drückte Jager vor, gehorsam sprang das Tier, und
einen Augenblick schlug das Wasser Roß und Reiter über dem Kopfe
zusammen. Dann aber tauchten sie auf, und kraftvoll ruderte Jager durch
die reißende breite Flut. Um ihn her, vor ihm und hinter ihm schwammen
Flüchtlinge, und auch einzelne Verfolger warfen sich ins Wasser.

[Illustration: Auf der Flucht von Isandula.]

Aber Pieter Maritz kam durch, Jager ließ ihn nicht im Stiche. Jetzt war
das jenseitige Ufer nahe, und es war flach, so daß das Pferd heraus
konnte. Auch der englische Offizier war drüben gelandet. Pieter Maritz
hörte einen Hilferuf neben sich und sah einen schwarzen Kopf, dem
Versinken nahe. Er streckte seine Hand aus, die der Versinkende ergriff,
und zog ihn glücklich mit sich. Gleich darauf setzte Jager einen Huf auf
festen Boden. Triefend von Wasser, doch glücklich gerettet kam Pieter
Maritz auf dem rechten Ufer des Buffalo an.

[Illustration]



[Illustration]



Neunzehntes Kapitel

In Pretoria


Als Pieter Maritz sich in Sicherheit auf dem festen Boden der Natalseite
sah, schickte er ein Dankgebet gen Himmel für seine Errettung, und dann
lenkte er sein Pferd nach rechts, um am Buffalo aufwärts zu reiten.
Seine Gedanken standen nach seiner Heimat, er wollte nach dem Lande
Transvaal. Die heiße Sonne dieses Vormittags trocknete sehr bald seine
Kleidung, während er in schlankem Trabe dahineilte. Er fand einen
gebahnten Weg etwas abseits vom Ufer, der landeinwärts von der felsigen
Einfassung des Flusses mit diesem in gleicher Richtung führte. Nach
halbstündigem Ritte hörte er das entfernte Knattern von Gewehrfeuer und
erreichte bald darauf die Hütten der Kaffern von Oscarsburg neben Rorkes
Drift und sah hier den Missionar Witt, welcher von einem Hügel herabkam
und ihn anhielt.

»Um Gottes Willen, mein junger Freund,« sagte der Reverend, »sind Sie
der schrecklichen Schlacht entronnen? Ich habe dem furchtbaren Kampfe
von der Höhe jenes Berges zugesehen, und mein Herz blutet. Ich habe der
weiten Entfernung wegen nur undeutlich sehen können, doch habe ich so
viel gesehen, daß ich erstaunt bin, irgend jemand, der dort war, lebend
zu erblicken.«

Pieter Maritz erzählte in fliegenden Worten von dem Kampfe, und der tief
bewegte und erschütterte Mann hörte mit thränenden Augen zu.

»Ich war herübergekommen, um meine Gemeinde zu besuchen,« sagte er, »da
hörte ich den Donner des Geschützes vom Isandulaberge her, jenem steilen
Gipfel, unter dem Oberst Glyn lagerte. Da stieg ich auf jene Höhe und
blickte durch mein Fernrohr. O hätte ich niemals einen solchen Anblick
haben dürfen! Und nun sind die Zulus, wie ich bemerkt habe, auch über
meine Kirche und mein Wohnhaus hergefallen. Hören Sie nur die Schüsse
von drüben!«

In der That hörte Pieter Maritz jetzt deutlich den Lärm eines scharfen
Gefechtes aus der Richtung der Gebäude, wo er vor etwa zwei Stunden mit
der Patrouille gefrühstückt hatte. Die Haufen, welche er vom rechten
Flügel der Zulus hatte abbiegen und nach Rorkes Drift laufen sehen,
kämpften augenscheinlich um den Besitz jener Gebäude. Der Missionar
erzählte ihm, daß zwei Leutnants, Bromhead vom 24. Infanterieregiment
und Chard von den Ingenieuren, mit einer Truppenabteilung drüben bei den
Gebäuden seien und sie wahrscheinlich verteidigten.

Pieter Maritz hielt sich nicht lange auf, sondern setzte seinen Weg
fort. Er sehnte sich, so bald als möglich in die Heimat zu gelangen, und
hoffte, nun keinen Aufenthalt mehr unterwegs zu finden. Auch die
Engländer würden ihn, so hoffte er, nun nicht wieder gefangen nehmen, da
er doch auf englischem Gebiete war und gewiß niemand sich mehr seiner
Begegnung mit dem Obersten Wood erinnerte. Er nahm den ihm bekannten Weg
nach Utrecht und ritt so scharf, wie er glaubte, es Jagers Kräften
zutrauen zu können. Auf dem Wege begegnete er manchen Leuten und auch
englischen Militärs, aber er war nun schon so weit vom Schauplatz des
Kampfes entfernt, daß er niemand traf, der von der Niederlage gewußt
hätte, und er war so klug, niemand davon zu erzählen. Denn er sagte
sich, daß man ihn als Zuschauer eines so interessanten und schrecklichen
Ereignisses nur aufhalten und vielleicht gar verhören würde. So ritt er
den ganzen Tag eilig und schweigend. Er übernachtete in einer Farm bei
einer gastfreien Buernfamilie, einige Meilen vor Utrecht, und hier erst
erzählte er von der Schlacht bei Isandula. Der Buer wußte ihm großen
Dank für eine so wichtige Neuigkeit und machte kein Hehl daraus, daß es
ihm lieb sei, daß die Engländer eine Schlappe erlitten hätten, obwohl er
nun besorgt ward, daß die Zulus sich über den Utrechter Distrikt
ergießen könnten. Pieter Maritz schlief lange und fest, die Ereignisse
des Tages hatten ihn sehr ermüdet, doch rüstig setzte er am folgenden
Morgen seinen Ritt fort.

Als er Utrecht erreichte, fand er die Stadt in großer Aufregung, die
Nachricht von der Niederlage war von Helpmakaar aus schon dorthin
gelangt. Doch setzte er seine Reise nach kurzem Aufenthalte fort und
ließ sich nichts davon merken, daß er Augenzeuge gewesen war. Dann ritt
er über Wesselstroom und Heidelberg und erreichte am vierten Tage
Pretoria. Hier in der Hauptstadt gedachte er erfahren zu können, wo
seine Gemeinde sich aufhalte, und dann wollte er diese aufsuchen.

Er war immerfort auf der großen Straße geblieben, hatte viele kleinere
und größere Ortschaften durchzogen und freute sich, er, der Buernsohn
aus den dünn bevölkerten nördlichen Gegenden, über den Reichtum und die
Größe seines Vaterlandes, dessen schönsten Teil er nun zum erstenmal
sah.

Es war gegen Abend, als er sich Pretoria näherte, und indem er über die
Höhenzüge ritt, welche südlich das weite Thal umsäumen, sah er die weit
ausgedehnte Stadt vor sich zu seinen Füßen liegen. Die hellen Häuser
schimmerten weithin aus dunklem Grün hervor, sie lagen zum größten Teil
zerstreut zwischen Gärten, und nur in der Mitte schlossen sie sich zu
Straßen zusammen. Die niedrig stehende Sonne vergoldete viele hundert
Fenster, so daß sie hell blinkten. Seitwärts der Stadt zogen sich
regelmäßige Zeltreihen hin, und Pieter Maritz erkannte, daß hier ein
englisches Lager war. Je näher er der Stadt kam, desto belebter ward die
Straße. Viele schwarze Frauen begegneten ihm, die vom Markte kamen und
zu ihren Dörfern zurückkehrten. Sie trugen kurze weiße Mäntel über eine
Achsel geschlagen und um die Hüften gewunden, so daß Arme und Beine frei
blieben, oder auch nur weiße oder bunte Lendengürtel, dazu Ketten von
Glasperlen vielfach gewunden um den Hals und Ringe von Messingdraht um
die Arme. Ihre Köpfe waren bis auf eine kleine Haarkrone rasiert, und
darauf trugen sie Körbe oder Schalen, in welchen sie Früchte und Korn
nach der Stadt gebracht haben mochten. Auch schwarze Männer waren zu
sehen, doch mußte Pieter Maritz über viele von diesen lachen, weil sie
possierlich aussahen. Die Stadt hatte verfeinernd auf sie gewirkt, sie
gingen in Hemden, Beinkleidern und Blusen oder Röcken, hatten zerdrückte
alte Hüte auf dem Kopfe, und zwischen ihren Wulstlippen steckten
Cigarren. Mehrere trugen gewaltig große Krawatten aus roter oder gelber
dünner Seide, und da all das europäische Zeug schlotterig, schlecht
passend und alt war, sahen diese Kaffern, welche ihre nationale Sitte
verlassen hatten, wie rechte Lumpen aus. Mehrere Buern, zu Fuß und zu
Pferde, waren ebenfalls auf der Straße zu sehen, welche allein oder mit
ihren Familien den schönen Abend genossen.

Kurz bevor Pieter Maritz die ersten Häuser erreichte, ward er von einer
kleinen Reiterschar überholt, welche im Trabe ritt. Es waren Buern, nach
dem Schnitt ihres Anzugs zu schließen, doch waren sie unbewaffnet, und
ihre Kleidung kam Pieter Maritz sehr fein und vornehm vor. Im
Vorbeitraben warf der eine von ihnen, ein älterer Mann mit dunklem
Vollbart, einen forschenden Blick auf Pieter Maritz, hielt dann sein
Pferd an und fragte auf holländisch, wer er sei und woher er komme.

Pieter Maritz merkte, daß er mit einem angesehenen Manne zu thun habe,
er zog den Hut und sagte der Wahrheit gemäß seinen Namen und dann, daß
er von Isandula komme. Dies Wort verursachte Erregung unter dem kleinen
Trupp, die Reiter umringten ihn und sahen ihn voll Neugierde an. Auf ihr
Befragen erzählte er von seinen Erlebnissen des letzten Jahres und daß
er von einer Gemeinde der Treckbuern im Norden komme. Baas van der Goot
sei der Älteste seiner Gemeinde, und er wolle sich nun in Pretoria
erkundigen, wie er seine Gemeinde wiederfinden könne.

Jetzt mischte sich ein zweiter der Reiter in das Gespräch, ein grimmig
aussehender Mann mit funkelnden schwarzen Augen.

»Baas van der Goot,« sagte er, »der ist mir bekannt. Ein echter Buer,
ein frommer und respektabler Mann und ausgezeichneter Büchsenschütze.
Ich sah ihn vor zwei Jahren zuletzt, als ich ein Kommando an unserer
nördlichen Grenze führte. Er hatte damals seine Schußliste auf 2700
Kaffern gebracht, die er mit eigener Hand getötet hatte.«

»Wer ist dieser Herr?« fragte Pieter Maritz beiseite einen dritten der
Reiter.

Dieser lächelte. »Es ist der Feldkorporal Joubert,« erwiderte er.

Pieter Maritz sah nun den grimmigen Mann näher an. Das also war der
gefürchtete Joubert, von dem er so oft die Männer seiner Gemeinde beim
Lagerfeuer mit Bewunderung hatte reden hören.

»Sind Sie etwa der Sohn von Andries oder von Klaas Buurman?« fragte ihn
dieser.

»Ich bin der Sohn von Andries,« antwortete Pieter Maritz. »Mein Vater
fiel im Januar vorigen Jahres in einem Gefecht mit Betschuanen am
Nylflusse.«

»Also Andries tot!« sagte der Feldkorporal. »Der war auch ein wackerer
Mann, und sein Tod ist ein harter Verlust für die Republik. Ich hoffe,
sein Sohn füllt dereinst seine Stelle aus.«

Er betrachtete bei diesen Worten mit Wohlgefallen die schlanke und
kräftige Gestalt des jugendlichen Reiters.

Der Trupp war unter diesem Gespräch mit hinein in die Stadt gekommen,
und Pieter Maritz bemerkte, daß alle Leute auf der Straße, mit Ausnahme
der englischen Soldaten, die ihnen von Zeit zu Zeit begegneten, mit
großer Ehrfurcht grüßten. Die stämmigen trotzigen Buern am Wege zogen
ihre breiten Hüte tief ab, und Pieter Maritz erkannte die hohe Stellung,
welche seine Begleiter einnehmen mußten.

Der Herr, welcher ihn zuerst angeredet hatte, ließ sich immer mehr von
dem Kampfe der Engländer und vom Hofe Tschetschwajos erzählen, ward
nicht müde, nach vielen Einzelheiten zu fragen, und tauschte mehrmals
ein Lächeln oder ein kurzes Wort mit seinen Genossen aus. Die Geschichte
von der Niederlage bei Isandula schien allen ein heimliches Vergnügen zu
bereiten.

»Dieser junge Mensch hat interessante Erlebnisse gehabt,« sagte er
endlich, sein Pferd auf einem freien Platze vor einem schönen großen
Hause anhaltend. »Ich hoffe, Sie wiederzusehen, Mynheer Buurman.«

Pieter Maritz zog seinen Hut, da er merkte, daß er entlassen war, als
ein anderer der Herren ihn anredete.

»Sie haben gewiß noch viel zu erzählen,« sagte er, »und ich wünschte,
daß meine Freunde Ihre interessante Geschichte noch heute hörten. Wollen
Sie heute abend zu mir kommen? Ein kleiner Kreis von Freunden wird zum
Abendessen bei mir sein.«

Pieter Maritz errötete vor Vergnügen über die Ehre, welche ihm
widerfuhr, aber er blickte unwillkürlich an sich hinunter. Er hatte das
Gefühl, daß er unmöglich in seinem staubigen, fleckigen, buntscheckigen,
ärmlichen Anzuge zu einem solchen Herrn gehen könne.

»Sie sind sehr gütig, Mynheer,« sagt er offenherzig, »aber gewiß sind
Sie ein vornehmer Herr und haben ein Haus, das für mich zu schön ist.
Ich würde gern kommen, denn ich bin hungrig geworden, aber ich will
lieber versuchen, bei einem armen Manne Unterkunft zu finden.«

Die Herren lachten laut.

»Dieser junge Mensch hat einen guten Instinkt,« sagte der erste der
Reiter. »Scheint er doch mit feiner Nase den Schatzmeister gerochen zu
haben. Gewiß fehlt es Ihnen auch an barem Gelde, mein Freund.«

Er sprach so freundlich, daß Pieter Maritz sich nicht beleidigt fühlte,
sondern offen sagte, daß er allerdings keinen Penny besäße und überhaupt
noch kein Geld besessen hätte.

»Sie sind gerade an die richtige Quelle gekommen,« sagte der bärtige
Herr, immer mehr lachend. »Es ist Mynheer Swart, der Staatssekretär des
Schatzes, der Sie zum Abendessen geladen hat. Sagen Sie ihm nur, daß er
für Ihre Börse sorgt. Ich denke, die Republik ist diesem jungen Manne
verpflichtet und kann ihm eine Entschädigung für seine im Kriegsdienst
erlittene Not zahlen.«

»Gewiß, das wird sie,« sagte der Schatzsekretär, indem er in die
Brusttasche griff. »Sie wird auf der Stelle zahlen.«

»Hier, mein junger Freund,« fuhr er fort, »hier überreiche ich Ihnen
fünfzig Pfund Sterling. Kaufen Sie sich neue Kleider, und ich rechne
darauf, Sie heute abend um acht Uhr bei mir zu sehen.«

»Dieser junge Mensch weiß hier nicht Bescheid,« sagte der Feldkorporal,
während Pieter Maritz dankend die Banknoten in die Tasche steckte. »Er
wird auch kaum ein Quartier finden, denn die Stadt ist so voll wie ein
Ei. Die Engländer liegen überall umher, eine Menge von Abenteurern und
Spitzbuben, die immer im Gefolge der Engländer sind, füllen alle
Gasthäuser an. Aber warten Sie, Sohn von Andries Buurman, ich werde Sie
begleiten, und es müßte sonderbar zugehen, wenn ich nicht doch noch ein
Kämmerchen für Sie auftriebe.«

Die Gruppe der Reiter trennte sich, und Pieter Maritz ritt mit dem
Feldkorporal allein weiter. Noch schien die Sonne und erleuchtete
Pretoria. Es war dem Knaben, als wandle er in einem Traume. Seine
Tasche, in welcher er sonst wohl ein Stück getrocknetes Fleisch oder ein
Stück Bindfaden oder einen ledernen Riemen zu tragen pflegte, kam ihm so
schwer und dick vor, als trüge er dort einen Berg von Gold. Die paar
dünnen Papierfetzen, welche für ihn eine Summe Geldes von fabelhafter
Größe bedeuteten, schienen ihm von gewaltigem Gewicht zu sein. Er ritt
neben dem berühmten Joubert und durch eine Stadt, wie er sie so schön
und groß noch nie gesehen hatte. Was war Utrecht dagegen? Nur ein Dorf.
Die Straßen waren breit und lang, und stellenweise waren sie in einem
für Pieter Maritz sehr merkwürdigen Zustande, indem sie nämlich mit
Steinen gepflastert waren. Als er das Klappern der Hufe unter sich
hörte, zerbrach er sich den Kopf darüber, warum die Leute wohl den Weg
so hart gemacht hätten. Die Häuser waren schön und fest, zwar zumeist
nicht höher als ein Stockwerk, aber aus Stein erbaut und mit hellen
Glasfenstern. Mehrere Kirchen waren zu sehen, die außerordentlich
prächtig im Vergleich mit denen von Botschabelo waren. Durch die etwas
bergauf und bergab laufenden Straßen zogen sich kleine Bäche mit hellem
Wasser, auf denen Enten und Gänse schwammen. Schöne Gärten lagen neben
den Häusern, und manche kleine Gebäude hatten große Fenster, in welchen
allerhand schöne Dinge ausgestellt waren: Waffen und Reitzeug, Pfeifen
und Cigarrenspitzen, bunte Stoffe, Kleider und Stiefel und tausend
andere nützliche und angenehme Sachen.

An einem freien Platze, der mit Trauerweiden bepflanzt war, hielt der
Feldkorporal sein Pferd vor einem großen, zweistöckigen Gebäude an. Es
war ein Haus von besonderer Art, eine Veranda mit Leinendach sprang auf
der einen Seite vor, und hier saßen viele Männer und Frauen an kleinen
Tischen und tranken aus Gläsern und Tassen, die ihnen nicht nur von
Schwarzen, sondern auch von eleganten jungen Herren mit weißen Westen
und schwarzen, hinten spitz zulaufenden Röcken gebracht wurden.
Englische Offiziere waren unter der Gesellschaft, manche fremdartige
Gestalten und Anzüge, und die Frauen waren von einer für Pieter Maritz
neuen Art: sie trugen leichte, wunderbar schöne Kleider und nicht etwa
weiße Mützen wie die Bauernfrauen im Norden, sondern seltsame Deckel mit
Federn, Blumen oder ausgestopften Vögeln auf dem Kopfe.

Eine große Inschrift in goldenen Buchstaben und in einer für Pieter
Maritz fremden Sprache stand an dem Hause: ~Café de l'Europe~.

Der Feldkorporal winkte einen jener eleganten jungen Herren heran, die,
wie Pieter Maritz nun zu seinem Erstaunen bemerkte, Diener waren, und
fragte, ob noch ein Zimmer frei sei. Der junge Mann zuckte die
Schultern, verbeugte sich, drehte den Kopf und sagte endlich, es sei
kein einziges Zimmer frei.

»Zum Henker!« rief der Feldkorporal mit rauhem Tone, »es muß eins frei
sein! Schaffen Sie Platz für meinen jungen Freund hier. Ich erwarte
bestimmt, daß Sie ihm ein Zimmer schaffen.«

Der Kellner verbeugte sich sehr demütig von neuem und sagte, er wolle
zusehen, ob es möglich sei; er hoffe, den General zufrieden stellen zu
können.

»Nun,« sagte Herr Joubert, »Sie werden es einrichten, ich verlasse mich
darauf. Auf Wiedersehen, Pieter Maritz!«

Er ritt davon, und Pieter Maritz stieg ab. Der Kellner rief einen Knecht
herbei und trug diesem auf, das Pferd in den Stall zu führen, während er
den Buernsohn bat, ihm in das Haus zu folgen. Aber Pieter Maritz nahm
Jager am Zügel und sagte, er pflege das Pferd selbst abzusatteln. In
Wahrheit traute er dem schönen Hause nicht recht. Es ging hier so ganz
anders zu, als er es kannte, daß er nicht gewiß war, ob hier die Pferde
auch wohl einen richtigen Stall und richtigen Hafer bekämen. So sorgte
er denn selbst für Jager.

Außerordentlich schön kam ihm seine Kammer mit dem sauberen Bett, dem
Teppich, dem Schrank und der übrigen Einrichtung vor. Nur machte ihm
jetzt seine Neukleidung Sorge, und er wandte sich deshalb um Rat an den
Kellner.

Der Kellner gab ihm Auskunft und machte sich, als er die Unerfahrenheit
des jugendlichen Gastes bemerkte, selbst mit auf den Weg. Zunächst
führte er Pieter Maritz zu einem Friseur. Dieser beschnitt die langen
blonden Locken, so daß sie nur noch bis auf den Kragen fielen, denn
vorher waren sie bis auf die Schultern herabgewallt, und kämmte und
bürstete sie, so daß sie wie Gold glänzten. Auch wusch er das Haar mit
wohlriechendem Wasser so daß Pieter Maritz nicht wußte, ob er über
solche Späße lachen oder böse werden sollte. Hier wechselte er eine
seiner Banknoten, indem er bezahlte.

Dann führte ihn der Kellner zum Kleidermagazin und riet ihm, sich einen
Frack, schwarze Beinkleider, weiße Weste und weißes Halstuch zu kaufen.
Aber Pieter Maritz ließ sich, obwohl ihm die Klugheit des Kellners und
das städtische Wesen von Pretoria sehr imponierten, doch auf solche
Dinge nicht ein. Als echter Buernsohn konnte er sich von dem
althergebrachten Kostüm des Buern nicht befreien. Er wählte eine
dunkelblaue Bluse mit vielen Taschen, ein schwarzes seidenes Halstuch
und ein Beinkleid von Wildleder, welches in die Stiefeln zu stecken war.
Dazu kaufte er in einem Wäschegeschäft zwei starke leinene Hemden mit
breiten Umklappkragen und mehrere Paar Strümpfe. Hierauf ging es in ein
Schuhmagazin, und er suchte sich ein Paar Reiterstiefeln mit weichen
Schäften aus, die bis über die Kniee gingen. Endlich kaufte er in einem
Hutladen einen braunen Filzhut mit handbreiter Krempe. Alles Gekaufte
lud er selber auf den Arm und kehrte damit in das Hotel zurück. Dort
spülte er in einem warmen Bade den Staub der Reise ab und kleidete sich
dann neu. In seiner Kammer hing ein Spiegel, der wiederum ein für ihn
ganz neuer Gegenstand war, und als er sich nun, frisch gewaschen und
frisiert, mit dem reinen Hemdkragen im Spiegel sah, errötete er und war
verlegen über das Seltsame dieses Anblicks.

Mittlerweile war es gegen acht Uhr geworden, wie sein an den Anblick des
Himmels und die Beleuchtung der Erde gewöhnter Blick ihm sagte, er
gürtete den Hirschfänger und den Patronengurt um und ergriff die Büchse,
um zum Schatzsekretär zu gehen. Der freundliche Kellner, dem er zum
Lohne für seine Hilfe zwei Schilling geschenkt hatte, wollte ihn
hinführen.

Das Haus des Schatzsekretärs lag nur etwa zehn Minuten zu gehen vom
Hotel entfernt, und der Kellner kehrte an der Hausthür um. In demselben
Augenblick fuhr ein Wagen vor dem hell erleuchteten Hause vor, einer
jener Wagen, wie sie Pieter Maritz nur in diesem südlichen Teile
Transvaals in den Städten gesehen hatte: nicht von Ochsen gezogen,
sondern von zwei Pferden, nicht mit Leinenverdeck, sondern von
lackiertem Leder und mit Glasfenstern, ein zierliches schnelles Gefährt.
Aus diesem Wagen stieg, als ein prachtvoll in Braun und Silber
gekleideter Mann aus des Schatzsekretärs Hause den Schlag geöffnet
hatte, ein Herr, der so gekleidet war wie die Kellner in dem Hotel, und
hob ein junges Frauenzimmer heraus, welches ein langes blauseidenes
Schleppkleid trug, ein schwarzes Mäntelchen und Blumen in dem braunen
Haar.

Erschrocken flüchtete Pieter Maritz in das Haus und ward hier von zwei
andern in Braun und Silber gekleideten Männern empfangen, die ihn
höflich fragten, was er wünsche. Er sagte, daß er zum Abendessen geladen
sei, aber die schön gekleideten Männer sahen ihn zweifelhaft an,
schüttelten den Kopf, und einer von ihnen ging davon. Während Pieter
Maritz aber nun betroffen auf dem Flur stand und sich in dem glänzenden
Raum verlegen umsah, kam der ihm bekannte Herr aus einer Thür und
begrüßte ihn lachend.

»Meine Diener fürchten sich vor Ihren Waffen,« sagte er zu Pieter
Maritz. »Bitte, legen Sie ab und treten Sie näher.«

Die Diener nahmen ihm nun Büchse und Hirschfänger, sowie den schweren
Patronengurt ab, und der Herr führte ihn am Arme in das Zimmer. Pieter
Maritz ging stumm und starr neben seinem Führer. Das Zimmer war blendend
hell erleuchtet, und Spiegel von Mannshöhe warfen das Licht zurück. Aber
es ging noch weiter, durch das Zimmer hindurch in ein großes Gemach.
Pieter Maritz drängte sich hier beim Eintreten ängstlich an seinen
Führer an. Er sah vor sich eine Gesellschaft von wohl zwanzig Personen,
Männern und Frauen. Die Männer waren alle wie die Kellner im Hotel
gekleidet und hatten seltsame schwarze Scheiben in den Händen oder unter
dem Arm. Die Frauen aber sahen so aus, daß Pieter Maritz, der gewohnt
war, den Löwen und den Zulus unerschrocken ins Antlitz zu sehen, den
Boden unter seinen Füßen wanken fühlte. Sie waren in langen, hellen,
seidenen Gewändern gleich dem jungen Mädchen aus dem Wagen, und diese
Gewänder erschienen ihm wunderbar schön. Sie hatten funkelnde Steine und
Ketten gleich den vornehmsten Indunas in Ulundi um den Hals und um die
Arme und zum Teil auch Blumen in ihrem Haar, das fast so künstlich
frisiert wie bei den Zulus, aber an Farbe viel schöner war. Dazu hatten
sie, was Pieter Maritz' Verwirrung vollendete, nackte Schultern und
nackten Hals, und der Schimmer der weißen Haut war ihm, der nur
glänzende schwarze Haut zu sehen gewohnt war, höchst seltsam und
erschreckend. Hätte ihn sein Wirt nicht am Arme gehalten, so wäre er
jetzt sachte davongeschlichen.

Aber er war der Mittelpunkt aller Blicke und ward festgehalten.

»Meine Herrschaften,« sagte der Staatssekretär mit lauter Stimme, »ich
habe die Ehre, Ihnen hier einen der interessantesten Leute in Südafrika
vorzustellen, Herrn Pieter Maritz Buurman, aus unserm nördlichen Gebiet
stammend, der ein Jahr lang am Hofe des Zulukönigs gelebt hat und soeben
vom Schlachtfelde von Isandula kommt.«

Ein allgemeiner Ruf der Verwunderung ging durch das große schöne Gemach,
und Herren und Damen schritten mit freundlichen Grüßen und Worten auf
ihn zu. Pieter Maritz wünschte, daß die Erde sich unter ihm öffnen und
ihn verschlingen möge. Er biß die Zähne zusammen, ward blutrot und
starrte auf den bunten Teppich zu seinen Füßen. Seine Hände zuckten, und
er wußte nicht, wo er damit bleiben sollte, weil er die Büchse nicht
fühlte. Es fiel ihm ein, als er an aller Händen weiße oder hellfarbige
Handschuhe sah, daß seine Hände braun und rauh wie die eines Basuto
waren.

»Ein wunderhübscher Junge,« hörte er eine der Damen flüstern.

Jetzt traten auch der Herr und die junge Dame herein, welche er schon
vor der Hausthür gesehen hatte. Die junge Dame hatte ihr schwarzes
Mäntelchen abgelegt und glich nun im Anzuge völlig den andern. Sie hatte
Haar von der Farbe der Kastanien, und es ringelte sich bis zum Halse
herab, ein paar rote Rosenknospen steckten über dem linken Ohre, und
eine feine goldene Kette mit blauem Herzen schlang sich ihr um den
weißen Hals. Die Begrüßung dieser neuen Gäste zerstreute die Menge
etwas, und es gelang Pieter Maritz, hinter ein künstliches Gebüsch von
blühenden Oleandern zu schlüpfen, von wo aus er die Gesellschaft und das
Gemach betrachtete. Von der Mitte der Decke hing ein vergoldetes,
kunstvolles Gestell herab, an welchem viele Kerzen steckten, so daß es
taghell war. Die Stühle waren mit roter Seide überzogen, die Vorhänge
vor den Fenstern waren aus zartem Spitzengewebe.

Doch nicht lange sollte er Ruhe haben. Kaum eine halbe Minute lang blieb
er unentdeckt. Eine große Dame, die etwa so alt wie seine Mutter sein
konnte und die einen prachtvollen Schmuck von gelben und violetten
Steinen trug, kam in Begleitung eines älteren Herrn auf ihn zu, faßte
ihn an der Hand und zog ihn wieder vor. Sie schleppte ihn in die Mitte
der Gesellschaft unter den Kronleuchter und fragte ihn in einem Atem
nach wohl zwanzig Dingen. Vor allem sollte er erzählen, wie viele Frauen
der König Tschetschwajo habe.

Pieter Maritz sagte, es möchten alles in allem wohl sechshundert sein.

»Sechshundert Frauen!« rief die Dame laut. »Meine Herren, welch ein
Mann!«

Pieter Maritz mußte viel von Tschetschwajo erzählen. Der schwarze König
schien durch seinen Sieg über die Engländer eine gefeierte
Persönlichkeit in Pretoria geworden zu sein. Pieter Maritz überwand nach
und nach seine Schüchternheit, stand inmitten des ganzen Kreises, der
sich um ihn drängte und der durch die Ankunft neuer Gäste immer größer
wurde, und erzählte, wobei er ganz vergaß, daß er nicht mehr im Felde
und im Biwak, sondern in einer ihn ängstigenden Versammlung war. Er
hatte dankbare Zuhörer, sie nahmen ihm die Worte vom Munde und
unterbrachen ihn oft durch Ausrufe der Verwunderung. Besonderen Eindruck
machte Tschetschwajos Ring. Pieter Maritz trug ihn noch an dem Riemen um
den Hals, und nun nahm er ihn ab, und der Ring ging von Hand zu Hand.

»O welch ein Ring!« riefen die Damen. »Welche Finger muß der König
haben. Er ist also ein Riese!«

Jetzt kam eine neue Verlegenheit für Pieter Maritz. Ein Diener kündigte
an, daß das Abendessen aufgetragen sei, und öffnete die Flügelthüren zu
einem andern Gemach. Die Herren boten den Damen den Arm, um sie
hinüberzuführen, und Pieter Maritz fühlte plötzlich wieder die frühere
Angst. Wie sollte er sich jetzt benehmen?

»Bitte, führen Sie meine Nichte,« sagte ihm der Schatzsekretär, indem er
ihn sanft der jungen Dame mit den Rosenknospen zuschob.

Er sah die junge Dame verzweiflungsvoll an, aber diese lächelte
freundlich und war ihm behilflich bei seinem Ungeschick. Sie legte ihre
schmale Hand auf seinen Arm und führte ihn in das Eßzimmer. Dort setzte
er sich neben ihr an die lange glänzende Tafel. Er starrte hinauf und
hinunter. Die Tafel war schneeweiß gedeckt und funkelte von silbernem
Geschirr, Krystall und Porzellan. Helle geschliffene Karaffen mit
dunkelrotem und gelbem Wein standen neben den Tellern. Messer und Gabel
und Löffel, alles glänzte von Silber im Lichte vieler Lampen und Kerzen,
künstliche Aufbaue inmitten des Tisches trugen Früchte und Konfekt.

»O diese braunen Hände!« seufzte Pieter Maritz für sich, als er sah, wie
die Gesellschaft, unter der sich auch der grimmige Joubert und noch zwei
der ihm bekannten Reiter befanden, die Handschuhe auszog und die
Servietten auseinander faltete. Weiße Arme und zarte Hände bewegten sich
links und rechts und überall, und er wagte nicht, sein Brot zu brechen,
so hungrig er auch war.

Da fielen plötzlich seine Augen auf eine männliche Gestalt am Tische,
ihm schräg gegenüber zur Linken der Frau vom Hause, der Gattin des
Schatzsekretärs, und der Anblick dieser Gestalt, welche er im Gedränge
bis jetzt noch nicht bemerkt hatte, beruhigte ihn, während sie ihn
zugleich sehr interessierte. Es war ein Mann von kleiner zarter Figur,
mit gelblichem, blassem Gesicht und langem, schwarzem Haar und Bart.
Dieser hatte Hände, die ebenso braun waren wie die seinigen, und er war
ebensowenig im Gesellschaftsanzuge. Er trug eine Bluse mit vielen
Taschen, und diese Bluse war so schlecht wie die, welche Pieter Maritz
ausgezogen hatte. Sie war fleckig und abgeschabt, an den kahlen Nähten
mit Tinte überstrichen und an vielen Stellen geflickt.

»Wer ist der Mann?« fragte er seine jugendliche Nachbarin.

»Das ist der zweite Löwe, Sie sind der erste,« antwortete sie mit
schelmischem Lächeln.

Verwundert sah Pieter Maritz sie an.

Sie begriff, daß er sich über den Ausdruck wunderte, und setzte hinzu:
»Löwen nennen wir die interessanten Leute, welche Mittelpunkte der
Gesellschaft sind. Der Herr kommt aus dem Innern Afrikas, er hat den
ganzen Kontinent durchstreift, es ist der portugiesische Major Serpa
Pinto.«

Währenddessen wurden die Speisen angeboten, und Pieter Maritz wußte
nicht, was er aß. Obwohl an die königliche Tafel von Ulundi und an sehr
zahlreiche Schüsseln gewöhnt, war er überrascht, hier oft nicht erkennen
zu können, was die zierlichen Schalen und Näpfe enthielten. In Ulundi
brachte man die Gerichte in Massen und ohne Verkleidung: die Brust eines
Ochsen am Spieße, Ziegen und Antilopen in ganzer Gestalt, allerhand
Gebäcke, denen anzusehen war, woraus sie bestanden. Aber hier gab es
außer den erkennbaren Speisen so viele maskierte.

»Was sind das für Dinger?« fragte er seine Nachbarin, deren
Freundlichkeit ihm Zutrauen eingeflößt hatte.

»Hier können Sie alles lesen,« antwortete sie, ihm einen schmalen Zettel
reichend, der neben seinem Teller lag.

Der Zettel war mit Gold bedruckt und enthielt die Namen der Speisen.

»Das hier ist Gänseleberpastete,« sagte die junge Dame. »Vorher hatten
wir Lammfrikassee; der durchsichtige gelbe Turm dort ist ein Pudding.«

Pieter Maritz aß und überwand bald mit Hilfe seiner freundlichen
Nachbarin alle Scheu. Sie that nicht so, als ob seine Fragen den wilden
Bewohner des Dorfes verrieten, sondern war ganz natürlich und
mitteilsam. Nur machte es ihn noch verlegen, daß er alle Anwesenden
zierlich mit Messer und Gabel in beiden Händen essen sah, während er
selbst dieser Instrumente nicht Herr werden konnte. Er bemühte sich, den
anderen nachzuahmen, aber immer wieder fuhren seine Finger auf den
Teller und zweimal ließ er seine Gabel klirrend zu Boden fallen. Auch
mußte er mehr sprechen, als ihm bei seinem Hunger lieb war, und
mehreremal schluckte er einen Bissen hinab auf die Gefahr hin zu
ersticken, um nur antworten zu können.

In dieser Unterhaltung kam es heraus, daß der Oberst Wood ihn vierzehn
Tage lang in Utrecht hatte ins Gefängnis sperren lassen, und er mußte
dies Erlebnis ausführlich erzählen. Als er nun berichtete, er habe sich
einen Bürger der Südafrikanischen Republik genannt, riefen mehrere
Herren am Tische laut Beifall, der Herr mit dem Vollbart aber, der ihn
auf der Straße zuerst angeredet hatte, klopfte mit dem Messer an sein
Glas und hielt eine kleine Rede, welche er damit schloß, daß er auf das
Wohl der Südafrikanischen Republik trank. Da riefen alle Herren und
Damen, indem sie von ihren Sitzen aufstanden, mit lauter Stimme: Hoch!
und tranken ihre Gläser aus.

»Wer ist der Herr, der so schön redete?« fragte Pieter Maritz leise
seine Nachbarin.

»Das ist Herr Paul Krüger, der Präsident der Republik,« erwiderte sie,
wiederum lächelnd. Und dann setzte sie hinzu: »Sie kennen wohl alle
diese Leute nicht; ich will Ihnen einige nennen. Der dort am oberen Ende
der Tafel ist Herr Friedrich Jeppe, ein gelehrter Herr, der Astronomie
und Geographie und viele andere schwierige Dinge versteht. Der Herr dort
weiter nach der Seite hin, neben der Dame im lila Kleide, ist der Doktor
Risseck. Er wird in einigen Tagen einen Ball geben und Sie hoffentlich
auch einladen. Tanzen Sie denn gern, Herr Buurman?«

Pieter Maritz sah sie erstaunt an. »Tanzen weiße Menschen denn auch?«
fragte er.

Die junge Dame lachte jetzt laut und herzlich.

»Ich möchte dagegen fragen,« sagte sie, »wer denn außer den weißen
Menschen tanzt?«

»Ich habe König Tschetschwajos Frauen tanzen sehen,« entgegnete er, »und
auch die Krieger bei den Zulus tanzen einen Kriegstanz.«

»Hier ist das anders,« sagte sie. »Bei uns tanzen nicht die Frauen
allein und die Männer allein, sondern sie tanzen paarweise.«

Pieter Maritz schüttelte den Kopf. Das waren sonderbare Dinge, welche er
da erfuhr. Doch war er jetzt sehr mutig geworden. Er hatte zwei Gläser
von dem roten Wein -- seine Nachbarin sagte ihm, es sei Burgunder -- und
dann noch ein Glas Champagner getrunken. Der Wein lief ihm wie Feuer
durch die Adern, denn er war an Wasser gewöhnt und hatte außerdem nur
einigemal in seinem Leben etwas leichtes Bier genossen.

»Wenn wir eingeladen werden,« sagte er, »so wollen wir beide zusammen
tanzen.«

»Gut, das soll ein Wort sein,« sagte die junge Dame.

Das Abendessen war beendigt, als Pieter Maritz noch nicht halb satt war.
Er hatte einen tüchtigen Appetit von seinem viertägigen Reisemarsch
mitgebracht und war gar zu sehr beim Essen gestört worden, denn immer
wieder fragte man ihn von rechts und von links, und er hatte den Kampf
von Isandula wohl schon sechsmal erzählt.

Die Gesellschaft begab sich jetzt wieder in das große Gemach mit dem
Kronleuchter, wo alle Fenster offen standen und eine erfrischende Luft
vom Nachthimmel hereinwehte. Und jetzt stand Pieter Maritz eine neue
Überraschung bevor. Seine Tischnachbarin setzte sich vor einen großen
polierten Kasten, der auf drei Beinen ruhte, und machte Musik.

Er stand wie verzaubert. Wohl hatte er auf den Dörfern die Kalabaßviol
gehört, auch in seiner Gemeinde gab es einen jungen Menschen, der die
Mundharmonika gar lieblich zu blasen verstand, und in Ulundi hatte er
den Gesang des Harems und den Schlachtgesang der Krieger oft gehört,
aber diese Musik war etwas ganz anderes. Er glaubte, die Engel im
Himmel, von denen ihm seine Großmutter erzählt, auf ihren schönsten
Harfen und Geigen musizieren zu hören. Die Thränen kamen ihm in die
Augen, und er stand in wahrer Verzückung von ferne und sah dem Spiel der
zarten weißen Finger zu.

Es war ihm daher eine sehr unerfreuliche Störung, als sich plötzlich
eine schwere Hand auf seine Schulter legte, und er den Feldkorporal
Joubert neben sich stehen sah, der ihm sagte, er möge ihm in ein anderes
Zimmer folgen, da er ihm etwas zu sagen habe. Ungern ging er mit dem
gebieterischen Manne davon.

Sie gingen in ein kleineres Zimmer, wo ein großer Schreibtisch stand
und wohin der Klang des Flügels nur verschwommen drang. Hier setzte sich
der Feldkorporal auf das Sofa, ließ Pieter Maritz ebenfalls Platz nehmen
und sagte:

»Junger Mann, Sie verstehen, wie ich glaube, vollständig englisch?«

»Jawohl, Mynheer,« sagte Pieter Maritz.

»Nun denn,« sagte Joubert, »Sie können der Republik einen Dienst
erweisen. Sie wissen, daß die englische Regierung entgegen allem Recht
und allen Verträgen das Gebiet der Republik besetzt und für britischen
Kolonialbesitz erklärt hat, obwohl die Regierung von Transvaal energisch
dagegen protestierte. Unter diesen Umständen kann es möglicherweise mit
der Zeit einmal zu blutigen Zwistigkeiten zwischen uns und den
Engländern kommen. Dem patriotischen Sinne des Sohnes von Andries
Buurman ist dies doch einleuchtend?«

»Als mein Vater starb, sagte er mir, England sei unser einziger Feind,
dies möge ich nie vergessen; und ich werde es nie vergessen,« erwiderte
Pieter Maritz.

»Das war gesprochen, wie es sich für einen echten Buern geziemt,« sagte
der Feldkorporal. »Nun hören Sie weiter, junger Mann. Es liegt mir
daran, eine möglichst genaue Kenntnis der englischen Armee zu haben,
welche jetzt in Südafrika steht. Ich möchte wissen, wo die einzelnen
Abteilungen liegen, wie stark sie sind, wie viele Offiziere bei der
Truppe sind, wie viele Pferde die Kavallerie und Artillerie haben, und
noch viele andere Umstände möchte ich kennen, welche auf die
Kriegstüchtigkeit von Einfluß sind. So möchte ich auch wissen, wie alt
die englischen Mannschaften sind, ob sie stark oder schwach sind, wie
sie schießen, welche Fechtart sie haben und ob die Leute den Offizieren
gut gehorchen. Jetzt führen die Engländer Krieg gegen die Zulus, und da
müssen sie zeigen, was sie können. Nun denke ich, daß Sie die geeignete
Persönlichkeit sind, mir diese Nachrichten zu verschaffen. Machen Sie
den Feldzug im Zululande mit, aber hüten Sie sich, daß Sie nicht im
Kampfe getötet werden. Es kommt für Sie nicht aufs Fechten, sondern aufs
Sehen an. Auf Ihre Klugheit kommt es an, den passenden Weg dazu zu
finden. Schließen Sie sich den Freiwilligen aus Natal an, oder gehen Sie
mit einem englischen Regimente. Das muß Ihrer Findigkeit überlassen
bleiben. Geld und Empfehlungsbriefe für den Aufenthalt in Natal und bei
den Buern der englischen Armee kann ich Ihnen geben, die Schlauheit
müssen Sie selber hinzuthun. Über alles, was Sie sehen, erstatten Sie
mir ausführlichen Bericht, aber nicht schriftlich, denn das werden Sie
nicht können und wäre auch gefährlich, sondern mündlich. Wie ist es?
Wollen Sie diesen Auftrag übernehmen?«

Pieter Maritz besann sich nicht lange. Dieser Auftrag des ersten
Heerführers seines Volkes erschien ihm nur ehrenvoll.

»Ich werde es sehr gern thun,« sagte er, »und ich werde mich bemühen,
alles gut zu machen. Aber zunächst muß ich meine Gemeinde aufsuchen,
denn meine Mutter weiß nicht, ob ich noch lebe.«

»Gut,« sagte der Feldkorporal. »Suchen Sie Ihre Familie auf. Dazu ist
Zeit. Dann aber kommen Sie wieder hierher und empfangen meine ferneren
Weisungen. Es kommt mir darauf an, daß ... -- aber was ist das für ein
Lärm?« fragte er, sich unterbrechend.

Ein Schreien und Tosen drang von der Straße her, und beide erhoben sich,
um ans Fenster zu treten. Es war dunkel draußen, denn Pretoria hatte
keine nächtliche Beleuchtung außer der, die vom Himmel kam. Eilig liefen
Männer durch die Straße, jetzt kamen Reiter daher gesprengt, und viele
riefen und schrieen. Englische Soldaten ohne Gewehr rannten vorbei,
schwarze Männer und Frauen sprangen umher und schrieen, ein gewaltiger
Schrecken schien die Bevölkerung erfaßt zu haben.

»Was giebt es?« rief der Feldkorporal den Leuten zu. Niemand antwortete.

»Feuer kann es nicht sein,« sagte Pieter Maritz, »ich sehe keinen roten
Schein.«

Jetzt wurde es im Hause lebendig, das Spiel im Salon hörte auf, und die
Gesellschaft lief suchend umher. Joubert und Pieter Maritz kehrten zu
den andern zurück und fragten, was es gebe. Da kam einer der Diener
schreckensbleich herein und rief: »Die Zulus kommen!«

»Unsinn!« brüllte der Feldkorporal mit donnernder Stimme. »Bleiben Sie
ruhig, meine Damen, es ist unmöglich.«

Laute Schreie von weiblichen Stimmen antworteten, und die Männer sahen
sich einander betroffen an. Pieter Maritz eilte hinaus, ergriff seine
Büchse und kam wieder zurück. Er hielt es nicht für unmöglich, daß die
Zulus kämen, da er ihre Schnelligkeit kannte, obwohl er nicht glaubte,
daß sie wirklich so weit vorgedrungen wären. Er wollte nur für alle
Fälle gerüstet sein.

»Es ist ganz unmöglich, daß die Zulus hier sind,« versicherte Joubert.
»Meine Posten hätten es mir gemeldet. Beruhigen Sie sich, meine
Herrschaften, es ist ein blinder Lärm. Ich will mich erkundigen, was er
bedeutet.«

Die Festigkeit seines Wesens beruhigte die Gesellschaft in der That,
obgleich das Lärmen draußen fortdauerte. »Zulu! Zulu!« schrie es auf den
Straßen in vielerlei Ausdrucksweisen und aus dem Munde von Engländern,
Holländern, Franzosen, Portugiesen und Kaffern. Trommeln und Hörner
klangen aus dem englischen Lager herüber, und mehrere Schüsse krachten
in der Ferne.

Der Feldkorporal, der Major Serpa Pinto und Pieter Maritz gingen jetzt
hinaus und in der Richtung auf das englische Lager zu, während ihnen
viele Soldaten in roten Röcken entgegenkamen. Vergeblich waren alle
Fragen. Die Antwort lautete immer, die Zulus kämen. Endlich erschienen
englische Offiziere mit gezogenen Säbeln, welche schalten und fluchten
und die Soldaten nach dem Lager zurücktrieben, und es gewann mehr und
mehr den Anschein, daß es so war, wie die drei vermuteten: daß nämlich
nur ein panischer Schrecken über das Lager und die Stadt gekommen war.
Die Niederlage von Isandula spukte in den Köpfen.

Einen der englischen Offiziere zu Pferde glaubte Pieter Maritz trotz der
schwachen Beleuchtung zu erkennen. Das war die befehlshaberische Stimme,
welche einen so hochmütigen Ton annehmen konnte, das war die schlanke
Figur des Lord Adolphus Fitzherbert.

»Mylord Fitzherbert!« rief Pieter Maritz mit heller Stimme.

Der Offizier hielt sein Pferd an. »Hurra!« rief er, »das muß mein
holländischer Freund sein.«

Pieter Maritz trat an das Pferd. »Ja, ich bin's,« sagte er.

Der Lord sprang aus dem Sattel und schüttelte fröhlich lachend dem
Buernsohn die Hand. »Hurra! Altholland hoch!« rief er. »Das ist ja
herrlich. Also Sie sind hier, mein teurer Freund! Wir müssen uns noch
sehen, nur muß ich dies feige Volk erst heimtreiben helfen. Schon der
Name Zulu treibt die Kerls in die Flucht. Es ist keine Spur von Zulus zu
sehen.«

Noch einmal schüttelte er Pieter Maritz die Hand und dann schwang er
sich wieder aufs Pferd. Pieter Maritz aber kehrte mit den beiden Herren
zu der Gesellschaft zurück.



[Illustration]



Zwanzigstes Kapitel

Die Anwerbung


Pieter Maritz erwachte am Morgen nach der Gesellschaft beim
Schatzsekretär mit dem Gefühle, er habe einen schönen, wunderbaren Traum
geträumt, und mußte sich erst recht darauf besinnen, daß er in Wahrheit
mit den angesehensten Männern des Staates zu Nacht gegessen habe und nun
im Besitze einer ungeheuren Summe Geldes und eines neuen Anzuges sei.
Was war das für ein reizendes Gefühl, sich heute morgen im Bette zu
dehnen und dabei zu denken, wie gut es ihm ging und welche Freude er
seiner Mutter und seinen Geschwistern machen wollte. Er hatte gestern in
den Magazinen und Läden eine Menge von Dingen gesehen, die daheim unter
der Familie bei den Treckbuern großes Aufsehen erregen mußten, wenn er
sie mitbrachte. Und er war ja reich genug, um fünf bis sechs Pfund
springen zu lassen; den Rest freilich wollte er seiner Mutter in barem
Gelde geben. Er lachte mit dem ganzen Gesicht vor Vergnügen, indem er
sich ausmalte, wie die kleinen Geschwister sich wundern und wie sie
herumtanzen würden, wenn er mit den Geschenken ankäme.

Er stand auf, besuchte Jager im Stalle und ließ sich dann Frühstück
geben. Ein Mann von sonderbarer Erscheinung brachte ihm eine
silberplattierte Schüssel voll Maisbrei mit Butter. Pieter Maritz hatte
die verschiedenartigsten Hautfärbungen, von Gelbbraun durch die Farbe
des dunklen Kaffers hindurch bis zum Ebenholzschwarz gesehen, aber
dieser Mann erschien ihm doch wunderbar. Hier war die Haut bronzefarben,
und dazu das schwarze Haar lang und fein, nicht rauh und lockig wie bei
den Kaffern. Augen vom tiefsten Schwarz, groß und schwermütig, blickten
aus dem goldgelben Gesicht, und die Nase war fein, mit schmalem Rücken,
der Mund klein und fein, nicht mit wulstigen Lippen, wie dies bei den
Farbigen in Südafrika die Regel ist. Pieter Maritz fragte ihn, woher er
stamme, und er erwiderte, er sei ein Kuli aus Indien, der als Diener
eines Engländers herübergekommen sei und nun in der Küche des Gasthauses
helfe.

Nach dem Frühstück machte Pieter Maritz sich auf, um den Feldkorporal zu
besuchen und sich wegen der Reise nach dem Norden zu erkundigen. Er fand
Joubert in einem Gemache, dessen grüne Fenstergitter geöffnet waren, um
die frische Morgenluft hereinzulassen, mit Karten auf dem Tische vor
sich ausgebreitet. Der Feldkorporal trug eine leichte blauleinene Bluse
mit einem weit offenen Hemdkragen; Pieter Maritz sah heute noch
deutlicher wie am Tage vorher, welche Ähnlichkeit mit einem Löwen der
berühmte Krieger mit seiner breiten hohen Stirn, dem dicken sträubenden
Kopfhaar und dem wallenden Barte hatte.

»Sagen Sie mir doch, mein Junge,« sagte Joubert, sobald Pieter Maritz
eingetreten war, »können denn die Engländer schießen?«

»Nein, Mynheer, sie können nicht schießen,« antwortete er. »Besser als
die Zulus verstehen sie mit dem Gewehr umzugehen, aber richtig schießen
können sie nicht.«

»Das habe ich mir wohl gedacht,« sagte der Feldkorporal. »Beschreiben
Sie mir das Gefecht doch noch einmal recht deutlich. Wie kam es denn
nur, daß Oberstleutnant Pulleine die schwarzen Teufel nicht früher
bemerkte?«

Pieter Maritz gab eine genaue Darstellung alles dessen, was er am Tage
von Isandula gesehen und gehört hatte, und der Feldkorporal hörte mit
großer Aufmerksamkeit und sichtlichem Vergnügen zu. Er lachte auf und
strich sich den Bart, als Pieter Maritz berichtete, daß er die Zulus
schon lange vor ihrem Angriff hätte am Wege lauern sehen, während die
Engländer nichts gemerkt hätten, und als er berichtete, wie der
Kommandant des Lagers seinen Rat, die Wagen ineinander zu schieben,
mißachtet hätte. Endlich, nachdem er alles erzählt hatte, fragte Pieter
Maritz, wie er denn nun wohl seine Gemeinde fände? Er wollte so bald als
möglich seine Familie aufsuchen und dann nach seiner Rückkehr sich dem
englischen Heere anschließen.

»Ja, mein Junge, genau läßt sich das nicht sagen,« entgegnete der
Feldkorporal. »Die Treckbuern sind ja sehr beweglich. Doch habe ich
gehört, daß mehrere Gemeinden, unter denen auch die von Baas van der
Goot, sich neuerdings nach der Gegend von Lydenburg gewandt hätten. Sie
handeln dort mit Goldgräbern und Diamantwäschern und verdienen
wahrscheinlich mehr als jene. Also reiten Sie einmal dorthin. Übermorgen
geht eine Gesellschaft von hier nach Lydenburg ab, welcher Sie sich
anschließen können.«

Pieter Maritz entfernte sich, nachdem der Feldkorporal ihn verabschiedet
hatte, und ging nach dem Gasthause zurück, als er ein starkes Treiben
von Menschen, Pferden und Wagen in den Straßen bemerkte. Er fragte einen
Landsmann, was es zu bedeuten habe, daß so viele Leute nach einer und
derselben Richtung zögen, und erfuhr von diesem, daß ein neues
englisches Regiment in das Lager einrücken werde. Die Leute zögen dem
Regiment aus Neugierde entgegen.

Pieter Maritz ging weiter und sah aus dem Hofe eines hübschen
freundlichen Hauses zwei Herren und zwei Damen herausreiten. Sie bogen
in derselben Richtung um die Ecke, in welcher alle andern Leute zogen,
und wollten wohl auch das fremde Regiment sehen. Pieter Maritz glaubte
in dem einen der Herren den Vater der jungen Dame von gestern abend
wiedererkannt zu haben, und seine Vermutung ward zur Gewißheit, als er
jetzt die junge Dame selbst am Fenster des Hauses erscheinen und den
Fortreitenden nachblicken sah. Sie hatte kein so vergnügtes Gesicht wie
gestern abend. Pieter Maritz war jetzt vor dem Hause angelangt. Er zog
höflich seinen Hut und wünschte dem Fräulein einen guten Morgen.

»Sie sehen aber recht betrübt aus,« sagte er erschrocken.

Die junge Dame lächelte und nickte ihm zu.

»Ja, Herr Buurman, immer kann man nicht vergnügt sein,« sagte sie.
»Zuweilen hat man auch Ärger. Oder haben Sie das noch nicht erlebt?«

»O doch,« sagte Pieter Maritz treuherzig, »und wenn ich sehe, daß Sie
nicht vergnügt sind, da bin ich es auch nicht mehr.«

»Es ist sehr hübsch, daß Sie ein so mitleidiges Herz haben,« sagte die
junge Dame, indem sie ihn mit ihren braunen Augen so lebhaft ansah, daß
er errötete.

»Aber welchen Ärger haben Sie denn?« fragte er.

»Ja, sehen Sie, Herr Buurman, es ist gerade nichts Wichtiges, aber wenn
ich mich auf etwas gefreut habe und dann kommt es anders, so ärgere ich
mich auch bei Kleinigkeiten.«

»So geht es mir auch,« sagte Pieter Maritz.

»Ich wollte nämlich mit hinausreiten,« fuhr sie fort. »Aber mein Vater
hat mein Pferd aus Höflichkeit meiner Tante gegeben. Es ist sehr hübsch,
höflich zu sein, aber nun habe ich kein Pferd und sitze hier allein,
während alle Welt draußen ist.«

»Ja,« sagte Pieter Maritz, »das ist freilich ärgerlich. Aber haben Sie
denn noch einen Damensattel?«

»O, einen Sattel habe ich wohl, aber ich kann doch nicht auf dem Sattel
reiten, wenn ich kein Pferd habe.«

»Wenn Sie nur den Sattel haben,« sagte Pieter Maritz, »so bringe ich
Ihnen das Pferd dazu.«

Die junge Dame wurde rot vor Vergnügen. »O, Herr Buurman,« rief sie,
»das wäre ja herrlich. Sie sind sehr liebenswürdig.«

»Ich will das Pferd holen, ich komme gleich zurück,« sagte Pieter
Maritz.

»Und ich ziehe währenddessen mein Reitkleid an,« versetzte sie.

Pieter Maritz ging im eiligsten Schritt nach Hause, holte Jager aus dem
Stall hervor, bürstete und rieb geschwind noch an dem braunen glänzenden
Fell und führte das Tier am Zügel zu der Wohnung der jungen Dame. Sie
stand schon im Hofe, die Schleppe ihres Reitkleides über dem Arm und den
schwarzen Reithut auf dem Kopfe. Ihre Augen funkelten vor Freude, als
sie Jager erblickte.

»Das schöne Tier!« rief sie jubelnd. »Wie freundlich Sie sind, Herr
Buurman.«

Ein schwarzer Stallknecht brachte den Sattel, Pieter Maritz schnallte
selber die Gurten, und dann schwang sich die junge Dame mit großer
Gewandtheit auf Jagers Rücken.

»Ein wunderhübsches Pferd! Ich bin Ihnen sehr dankbar,« sagte sie, als
sie im Sattel saß. -- »Aber wie rücksichtslos ich bin!« fuhr sie fort.
»Nun können Sie wohl nicht hinausreiten?«

»Ich hatte gar nicht die Absicht,« entgegnete er.

»Nun dann -- schönsten Dank!« rief sie fröhlich nickend, und damit
sprengte sie davon.

Pieter Maritz stand in der Hofthür und blickte ihr nachdenklich nach.
Sein Gesicht war jetzt ebenso trübe, wie vorhin das ihrige. Er hatte
wirklich vorher nicht die Absicht gehabt, hinauszureiten, aber nun bekam
er doch große Lust, dabei zu sein. Er ging langsam nach dem Café de
l'Europe zurück, und es kam ihm der Gedanke, er könne vielleicht ein
anderes Pferd bekommen. Als er Jager geholt, hatte er freilich bemerkt,
daß die Ställe sich sehr geleert hatten, doch waren noch drei Pferde
dort gewesen. Er ging schneller und blickte, als er das Hotel erreicht
hatte, gleich in den Stall. Nun war nur noch ein Pferd darin.

»Ich möchte ein Pferd haben, um hinauszureiten,« sagte er zu dem
Stallknecht, der an der Thüre lehnte.

»Alles weg, Mynheer, nichts mehr da,« sagte der Mann.

»Ich sehe dort noch einen Gaul,« entgegnete Pieter Maritz.

Der Stallknecht, ein breitschulteriger Irländer, grinste. »Auf dem Vieh
mag keiner reiten,« sagte er.

»Warum denn nicht?«

»Ja, Mynheer, mancher Mensch ist froh, wenn er seine Knochen säuberlich
bei einander hat, und mag sich nicht auf eine Bestie setzen, wo er
nachher die Mühe hat, seine Knochen erst aus den Chausseegräben
zusammenzulesen.«

»Ei, ist der Gaul so schwierig?«

»Er ist gerade nicht so schwierig,« sagte der Stallknecht. »Sein Futter
frißt er regelmäßig auf, und mit dem Putzen geht's auch noch. Nur hat
er's nicht gern, wenn sich jemand auf seinen Rücken setzt. Sie glauben
gar nicht, wieviel Beine er dann auf einmal kriegt. Er ist noch nicht
zugeritten, will ich Ihnen sagen, und ich meinesteils wüßte auch
niemand, der sich damit abgeben möchte, ihn zuzureiten. Denn es giebt ja
gottlob hier zu Lande viele Gelegenheiten, sich den Hals zu brechen, und
es hat keiner nötig, sich extra auf solche verteufelte Bestie zu
setzen.«

Pieter Maritz ging in den Stand des Pferdes, streichelte ihm den Hals
und sah sich das Tier an. Es war dunkelbraun und von kräftiger Figur. Es
war noch jung und sah nicht bösartig aus, nur schien es viel Feuer zu
haben. Seine Augen rollten sehr, als ob es begierig wäre, alles zu
sehen.

»Na, hören Sie,« sagte er zu dem Stallknecht. »Ich will es mal
probieren. Ich sähe gern die Engländer einziehen.«

»Ja, Mynheer, wenn Sie's wünschen, da kann's mir ja auch recht sein,«
erwiderte jener, indem er bedächtig heranschlurfte. »Nur meine ich, Sie
dürfen sich unterwegs über nichts wundern. 's kann sein, daß er auf den
Beinen geht, 's kann aber auch sein, daß er auf dem Kopfe geht; und wenn
das ist, so werden Sie die Engländer vielleicht verkehrt sehen.«

Pieter Maritz holte seinen eigenen Sattel herbei und legte ihn dem Tiere
unter freundlichen Worten auf den Rücken. Es ließ sich das Satteln
gefallen.

»Und nun will ich Ihnen sagen,« bemerkte der Stallknecht, indem er das
Pferd im Stande aufzäumte, »nun wollen wir den Gaul rückwärts
rausschieben, damit er nicht gleich merkt, wohin es geht. Er hat seine
eigenen Ideen, wissen Sie.«

Er ließ das Pferd rückwärts bis in den Hof hinaustreten, und dann sprang
Pieter Maritz schnell hinauf, während der Stallknecht den Kopf losließ
und sich flüchtete. Er hatte klug daran gethan, sich aus dem Bereich der
Hufe zu bringen, denn kaum fühlte das Tier, welches bis jetzt nur mit
einer gewissen Spannung, langsam schnaufend, den Lauf der Dinge
beobachtet hatte, das Gewicht des Reiters, als es mit allen vier Füßen
zugleich in die Höhe sprang und dann, wieder auf dem Boden angelangt,
sich wie ein Kreisel drehte und aus allen Kräften hinten ausschlug.

Pieter Maritz merkte, daß es keine Kleinigkeit sein werde, das Tier
dahin zu bringen, wohin es sollte, oder auch nur im Sattel zu bleiben.
Aber er war ein zu tüchtiger Reiter, um an dieser Aufgabe zu
verzweifeln. Nachdem er dem Tier zunächst einige Freiheit gelassen
hatte, sich herumzuwerfen, wobei es einmal die Stallthür, einmal die
Küchenfenster des Hotels zu zertrümmern drohte, gab er ihm plötzlich,
als sein Kopf gerade nach der Hofthür stand, ganz unerwartet und kräftig
die Sporen. Mit einem ungeheuren Satze war das Tier auf der Straße. Dann
warf es den Kopf in die Höhe und ging, indem es alle vier Füße zugleich
niederstieß, mit prellenden Sätzen der Straße entlang. Es merkte, wen es
trug, und es blieb in der ungefähren Richtung zwischen den Häusern, nur
war die Richtung nicht sehr genau. Zweimal sprang es in den rasch
fließenden Bach, und nur mit genauer Not entging ein Kaffernweib, das
mit Körben voll Früchten am Wege saß, seinen Hufen. Pieter Maritz setzte
mit kühnem Sprunge über die Körbe hinweg, als er sie nicht zu umgehen
vermochte. Das Pferd kam hauptsächlich halb von der Seite, in langen
Sätzen, vorwärts, aber es kam doch vorwärts, und als Pieter Maritz es
erst einmal draußen im Freien hatte, ging es besser als in den Straßen.
Wenn das Pferd auch nicht genau den Weg einhielt, sondern zuweilen auf
dem Acker oder dem Felde nebenher ging, so folgte es doch ungefähr der
Richtung, welche Pieter Maritz einschlagen wollte, und er führte es so
geschickt und drückte es so kräftig mit den Schenkeln zusammen, daß es
aussah, als ob es sich wirklich an den Reiter gewöhnen und dem Zügel
gehorchen wollte. Nun sah Pieter Maritz auch von weitem einen großen
Staub aufsteigen, und er schloß daraus, daß er sich der Menge von
Reitern und Wagen aus der Stadt und dem einziehenden Regimente nähere.
Rasch kam er auf dem flüchtigen und ungebärdigen Tiere heran und
bemerkte bald eine gedrängte Masse von Menschen aus der Stadt, Buern zu
Pferde, Wagen mit zwei und vier Pferden bespannt, Herren und Damen,
welche sich gleich einer breiten Flutwelle auf und neben dem Wege ihm
entgegenbewegten. Doch konnte er von dem Regimente selbst in dem Staub
und Gewühl noch nichts wahrnehmen. Mit einem Male erhoben sich die
Klänge eines militärischen Marsches; helle durchdringende Töne kamen aus
der Staubsäule hervor. Dies Geräusch vollendete die Verwirrung des
wilden Pferdes, welches schon beim Anblick der gedrängten Menge die
Ohren bedenklich gespitzt und seine mühsam erlangte Fassung wieder
verloren hatte. Es begann eine Reihe von Sprüngen in die Höhe und zur
Seite, bäumte sich so mächtig und schlug so gewaltsam nach allen
Richtungen hin aus, daß Pieter Maritz nicht wünschte, hier zu bleiben.
Denn bald tanzte das Tier auf den Hinterbeinen und hieb mit den
Vorderhufen, bald stand es auf den Vorderbeinen und schmetterte seine
Hinterhufe von sich. Er durfte mit dem Tiere nicht unter die
Gesellschaft kommen. In der Ferne erblickte er das englische Lager. Die
weißen Zelte standen gleich einer zweiten Stadt neben der Stadt
Pretoria. Dorthin lenkte sich der Zug des Regiments und der bürgerlichen
Begleitung, dorthin wollte Pieter Maritz voranreiten, indem er hoffte,
das Pferd unterwegs und fern von der Musik wieder zu beruhigen und dann
doch noch etwas vom Einzuge zu sehen. Er warf das Tier in die Richtung
des Lagers, ließ ihm die Zügel und gab ihm die Sporen. Wie ein Sturmwind
fegte der Gaul, die Nase nach den Wolken gerichtet, davon, aber er
machte dabei solche Sätze und stieß so hart mit den Füßen auf, daß
Pieter Maritz merkte, er sei in seinem Leben noch nicht so
durchgerüttelt worden. Bei einem dieser langen, jähen und harten Sätze
flog sein Hut davon, der neue schöne Hut, der sich noch nicht so an die
Kopfform angeschmiegt hatte, wie der alte schäbige, der nun weggeworfen
war.

Mit Bedauern sah Pieter Maritz zurück nach der Stelle, wo der Hut im
Staube lag, aber anhalten konnte er nicht. Der Hut war verloren. Aber
was erblickte er jetzt? Er traute seinen Augen nicht, und im Sattel
umgewandt sah er rückwärts, während es im tollen Laufe vorwärts ging.
Die junge Dame kam auf Jagers Rücken hinter ihm her, mit wunderbarer
Gewandtheit beugte sich die Buerntochter in vollster Karriere bis zur
Erde nieder, hob den Hut auf und verfolgte dessen Eigentümer. So schnell
auch der wilde Renner dahinstob -- Jager holte ihn ein, kurz bevor das
englische Lager erreicht war, und mit lachendem Gesicht übergab das
Fräulein, neben Pieter Maritz einherjagend, den Hut. Dann winkte sie
grüßend, rief ein freundliches Wort und ritt zurück.

Pieter Maritz hatte jetzt mehr Augen für die Reiterin als für seine
sonstige Umgebung und sah hinter dem flatternden Schleier her, während
sein Gaul weiter tobte. Da entdeckte er aber plötzlich, daß er den
Zelten zu nahe gekommen war. Sein Pferd fand Widerstand, während es
ausschlug und zugleich hörte er lautes Fluchen hinter sich. Der
Dunkelbraune bearbeitete ein Zelt mit den Hufen, und dessen Insassen
retteten sich erschrocken ins Freie.

»~Sacré nom d'une pipe! Tonnerre de dieu! Que le diable vous emballe!~«
rief eine halb ärgerliche, halb lachende Stimme, und Pieter Maritz
bemerkte einen kleinen breitschulterigen Mann in der Uniform eines
Unterleutnants, mit grauem Schnurr- und Kinnbart und einer mächtigen
Narbe im Gesicht, der aus dem Zelt hervorgesprungen war und nun mit dem
Revolver drohte, während er sich zugleich vorsichtig außer dem Bereich
des wütend schlagenden Pferdes hielt. Das Zelt war halb zerstört, hing
an einer Seite schlaff herab, und der Braune schien es für eine
persönliche Beleidigung zu halten, daß das Zelt überhaupt noch stand,
denn er guckte es mit gespitzten Ohren von der Seite an und schlug
danach. Ein ganzer Haufe von Soldaten hatte sich versammelt und sah dem
Kampfe zu, den Pieter Maritz mit dem Tiere und das Tier mit dem Zelte
führten. Einige lachten und erregten das Pferd noch mehr durch Zurufe
und Pfeifen, andere fluchten, und der Leutnant rief Pieter Maritz zu, er
werde ihm mit Pistolenkugeln die Rippen kitzeln, wenn er nicht vom
Zelte fortritte. Alle aber bewunderten doch den jugendlichen Reiter,
der sich im Sattel hielt und so fest saß, als wäre er angewachsen,
während das Pferd in seiner Wildheit Sätze machte, bei denen ein jeder
fühlte, daß er selbst schwerlich den Sattel behauptet haben würde.

Diese Scene ward aber, ehe noch Pieter Maritz den Braunen durch
Sporenstöße vom Flecke bringen konnte, durch die Ankunft eines Trupps
von Kavallerieoffizieren unterbrochen, welche aus dem Innern des Lagers
kamen und dem einziehenden Regimente entgegenreiten wollten. Es waren
wohl ein Dutzend Reiter, zum überwiegenden Teile in der glänzenden
Dragoneruniform, goldschimmernde Helme auf dem Kopfe, welche herankamen,
und eine Stimme rief: »Seht doch Dubois in voller Wut! Was haben Sie,
Dubois? Ah, der tolle Gaul hat ihn aus dem Zelt geworfen!«

»Wahrhaftig, das ist mein holländischer Freund!« rief eine andere
Stimme, und Pieter Maritz erkannte Lord Adolphus Fitzherbert auf einem
wunderschönen Goldfuchs.

»Aber was zum Henker haben Sie da für einen Gaul?« fragte der Lord von
weitem. »Wo ist denn Jager?«

»Ich habe Jager verborgt,« erwiderte Pieter Maritz, »und nun habe ich
hier ein junges Pferd aus dem Café de l'Europe, das ein bißchen unruhig
ist.«

»Es scheint wirklich so, als ob das Pferd etwas unruhig wäre,« sagte
Lord Fitzherbert lachend. »Ich möchte nicht gern neben dem Tiere reiten.
Steigen Sie doch ab! Ich will Ihnen eines von meinen Pferden geben, und
dieses schicken wir nach Hause.«

»Sehr gern,« sagte Pieter Maritz, indem er sich zur Erde schwang.

Der Lord winkte einem der Soldaten und ließ den Braunen am Zügel
wegführen. Das Tier ging jetzt, nachdem es keinen Reiter mehr fühlte,
ziemlich ruhig. Lord Fitzherbert stieg dann selbst ab, rief seinen
Kameraden: »Auf Wiedersehen!« zu und kehrte, indem er sich sein Pferd
nachbringen ließ, Arm in Arm mit Pieter Maritz nach den Zelten seines
Regiments zurück.

»Sie müssen heute mittag bei mir essen, lieber Freund,« sagte er. »Ich
muß allen meinen Kameraden den guten Genossen zeigen, der mit mir bei
den Niggers Freundschaft hielt, nachdem er mich elend in den Sand
gestreckt hatte.«

Der Lord war sehr vergnügt und freute sich ungemein, Pieter Maritz
wiederzusehen, mit dem er so viel Not geteilt und den er schätzen und
lieben gelernt hatte. Und auch Pieter Maritz war hoch erfreut, den
vornehmen jungen Mann wiedergefunden zu haben, der ihn anfänglich so
hochmütig behandelt hatte, mit dem ihn nun aber die Erinnerung
gemeinsamer Schicksale verband. Der Lord zeigte ihm seine Pferde. Er
hatte deren drei und der Rappe war auch darunter. Pieter Maritz nahm,
als ihm Lord Fitzherbert die Wahl ließ, aus alter Anhänglichkeit den
schönen schwarzen Gaul, mit dem er einst um die Wette gejagt hatte. Das
Tier wurde mit der prächtigen Ausrüstung der Dragoonguards versehen, und
dann stiegen beide jungen Leute auf.

»Ein verfluchter Kerl sind Sie doch,« sagte der Lord, nachdem die ersten
Grüße und Erzählungen ausgetauscht waren. »Kaum sind Sie an unserem
Lager angekommen, so binden Sie mit dem allergefährlichsten Mann in der
ganzen Armee an, mit dem Leutnant Dubois. Mich wundert, daß er Sie nicht
erschossen oder aufgespießt hat.«

Er erzählte, daß der englische Unterleutnant, dessen Zelt Pieter Maritz
umgeritten hatte, ein Franzose sei, der seit dreißig Jahren alle
Feldzüge Frankreichs in Mexiko, in Algier, in Italien, in der Krim und
in China mitgemacht habe und zuletzt nach dem Kriege mit Deutschland aus
Verdruß über die französischen Niederlagen in englische Dienste getreten
sei.

»Wir wollen ihn zu versöhnen suchen,« sagte der Lord. »Ich will ihn auch
einladen, heute mittag mit mir zu essen. Dann stoßt ihr beiden mit den
Gläsern an und vertragt euch. Er ist ein amüsanter Kerl, steckt voll von
Geschichten aus aller Herren Ländern, spricht viele Sprachen und kann
fechten wie der Teufel.«

Auf ihren schnellen Pferden hatten die beiden jungen Leute bald die
übrigen Offiziere wieder eingeholt, und nun sahen sie auch das neu
hinzukommende Regiment nahe dem Lager. Die Gesellschaft aus Pretoria bog
hier von dem Regimente ab, da sie nicht in das Lager hineinziehen
wollte. Viele prächtige Pferde und hübsche schnelle Equipagen waren zu
sehen, und dieser ganze Zug der Bürgerschaft lenkte auf der Hauptstraße
in die Stadt zurück. Jetzt war auch die junge Dame wieder zu sehen, und
Lord Fitzherbert, der mehr nach den Familien aus Pretoria als nach dem
Regimente sah, entdeckte sie.

»Alle Wetter!« rief er, »ist denn das nicht Jager? dort, unter der
reizenden jungen Dame, die wie eine Amazone reitet?«

»Ja,« sagte Pieter Maritz errötend, »ich habe Jager der jungen Dame
geliehen, weil sie so betrübt war, nicht hinausreiten zu können. Ich
habe sie gestern abend kennen gelernt, und sie war sehr freundlich gegen
mich.«

Lord Fitzherbert sah ihn an und lachte so heftig, daß Pieter Maritz
blutrot wurde.

»Ein verfluchter Kerl!« sagte der Lord. »Kommen Sie doch, liebster
Freund, stellen Sie mich der Dame vor! Freilich wollen die Herren Buern
nichts von uns wissen, und wenn sie jetzt herausgekommen sind, so
brauchen wir uns nicht einzubilden, daß sie das zur Ehre unserer Truppen
gethan haben. Sie wollen ihre Pferde und Wagen zeigen, das ist der
Grund. Wahrhaftig, diese junge Dame ist ganz ~chic~, ein reizendes
Geschöpf.«

Pieter Maritz verstand die Ausdrücke des Lord wieder einmal nicht recht.
»Die junge Dame reitet prachtvoll,« sagte er mit seinem unschuldigen
Gesicht. »Sie hat sich vorhin in der Karriere vom Sattel niedergebogen
und etwas vom Boden aufgenommen, nämlich meinen Hut, der mir vom Kopfe
geflogen war.«

»Das wird ja immer interessanter. Ich gratuliere Ihnen, Pieter Maritz,«
sagte der Lord, seinen jüngeren Freund mit erstauntem Blicke messend.

Sie waren indessen der jungen Dame näher gekommen, grüßten sie, und
Pieter Maritz stellte den Lord vor, indem er ihn seinen Freund nannte
und als den jungen Offizier bezeichnete, von dem er schon erzählt habe.

Die junge Dame grüßte den englischen Offizier in einer Weise, über
welche Pieter Maritz sich wunderte. Denn sie machte gar nicht das
lächelnde Gesicht, welches er an ihr kannte, sondern war sehr kalt und
förmlich.

»Hat der Herr ~Dr.~ Risseck Sie schon zu seinem Balle eingeladen,
Fräulein?« fragte er.

»Nein, das hat er noch nicht gethan, aber er wird es noch thun. Der Ball
ist erst in etwa acht Tagen.«

»Mich hat er auch noch nicht eingeladen,« sagte Pieter Maritz, »aber ich
würde nicht kommen können, selbst wenn er mich einlüde, und ich bitte
Sie deshalb, mich entschuldigen zu wollen. Ich werde übermorgen
abreisen, um meine Mutter und meine Geschwister aufzusuchen, welche ich
seit einem Jahre nicht gesehen habe.«

»Das ist freilich ein triftiger Grund, und da muß ich mich wohl
entschließen, Sie zu entschuldigen,« entgegnete sie. »Leben Sie wohl,
Herr Buurman, ich werde Ihr Pferd nach Ihrem Hotel zurückschicken. Wie
ich sehe, haben Sie ja vollständigen Ersatz für Ihren Jager gefunden.«

Es kam Pieter Maritz so vor, als werfe die junge Dame einen feindseligen
Blick auf das schöne Hauptgestell und den Dragonersattel des Rappen und
als sei sie überhaupt nicht mehr so freundlich wie früher.

»Ich wünsche Ihnen glückliche Reise, und ich danke Ihnen recht sehr für
das schöne Pferd,« setzte sie hinzu; dann reichte sie Pieter Maritz die
Hand, grüßte den Lord sehr ceremoniös und ritt zu ihrer Begleitung,
ihrem Vater und den Damen, zurück.

»Da sehen Sie es, die Buern wollen nichts von uns wissen,« sagte der
Lord. »Wir haben in keiner guten Familie in Pretoria Zutritt. Das ist
die holländische Dickköpfigkeit.«

»Von dieser Dickköpfigkeit, lieber Adolphus, sollt ihr Herren Engländer
noch viel mehr zu sehen bekommen,« sagte Pieter Maritz, dem die
Unterhaltung mit dem Feldkorporal noch sehr frisch im Gedächtnis war.

»Oho!« rief Lord Fitzherbert. »Soll es so schlimm werden? Nun, wir
beiden wenigstens wollen immer gute Freunde bleiben.«

Die jungen Leute ritten in Gesellschaft der englischen Offiziere weiter
und sahen sich den Einzug der frischen Truppen an; dann kehrten sie in
das Lager zurück. Pieter Maritz sah, daß an einer Seite des Lagers ein
Fort gebaut worden war, mit Erdwällen, Gräben, vorspringenden Ecken und
unterirdischem Pulvermagazin. Hinter den Wällen standen Geschütze, und
als Pieter Maritz über das glänzende braune Rohr von zweien der Kanonen
hinwegsah, erblickte er vor dem Korn den Marktplatz von Pretoria. Mit
gutem Bedacht hatten die Engländer dieses Fort so angelegt, daß dessen
Geschütze nicht nur die Zugänge zum Lager, sondern auch die Hauptstadt
von Transvaal beherrschten.

Im Zelte des Lord Fitzherbert sah es sehr reich und bequem aus. Der
junge Offizier hatte eine eiserne Bettstelle, welche zwar auf der bloßen
Erde stand, aber mit prächtigen warmen Fellen bedeckt war, so daß er
auch in den kalten Nächten, welche häufig auf sehr warme Tage folgten,
hinreichenden Schutz fand. Seine Koffer waren groß und stark und
reichlich ausgestattet. Pieter Maritz betrachtete mit verwundertem
Lächeln einen ledernen Kasten, der voll von Krystallbüchsen mit goldenen
Deckeln war. In diesen Büchsen befanden sich Dinge, die für den
Buernsohn neu und fremd waren: wohlriechende Seifen, Puder, Parfüms,
Waschessig und allerhand Pomaden und Öle; daneben lagen mehrere Bürsten
mit Elfenbeingriffen, Kämme und allerhand kleine Instrumente für die
Nägel, lauter Dinge, über welche er gelacht haben würde, wenn er nicht
selbst am Tage vorher schon dergleichen bei dem Haarkünstler in Pretoria
gesehen hätte. Es hatte ihm, dessen Kamm und Bürste seine zehn Finger
waren und der sich am Bache zu waschen pflegte, doch sehr wohl gethan,
als der Friseur sein Haar so schön bearbeitet hatte.

Jetzt nahm Lord Fitzherbert von dem Mittelpfosten seines Zeltes, der mit
Waffen behangen war, ein langes Schwert von fremdartiger Arbeit. Der
Griff war ein Kreuz von grauem Stahl, mit goldenen Zieraten eingelegt,
die Scheide war von schwarzem Leder mit goldglänzendem Ortband und hing
an einem schwarzen Ledergurt. Er zog die Klinge heraus, eine
zweischneidige spitze Klinge, und sagte: »Dies ist ein dauerhafter,
feiner Stahl, eine alte Arbeit von einem Waffenschmied aus Toledo, und
ich glaube, man könnte einen Zuluschild leicht damit durchbohren. Wenn
Ihre eigentliche Waffe auch die Büchse ist, lieber Freund, so könnten
Sie doch solch ein Ding gut daneben gebrauchen. Kein Gefühl in der
ganzen Welt ist so schön wie das, mit einer guten Klinge in der Hand auf
einem edlen Pferd zu reiten. Nehmen Sie diesen alten spanischen Degen
als Gastgeschenk von mir an, Pieter Maritz!«

Pieter Maritz errötete vor Freude. Dann zog er seinen Ring hervor, den
er von Tschetschwajo erhalten hatte, und überreichte ihn dem Lord. »Ich
nehme den Degen mit Dank an,« sagte er, »und gebe Ihnen diesen Ring als
Gegengeschenk.«

»O nein,« sagte Lord Fitzherbert, »das hieße, einen schönen Vorteil von
Ihnen nehmen. Dieser Ring ist ein Schatz, und wenn Sie ihn in London
verkaufen wollten, könnten Sie sehr viele Degen dafür bekommen. Aber
damit Sie nicht denken, ich verschmähte ein Geschenk von Ihnen, so bitte
ich um Ihren Hirschfänger. Er wird mir immer ein wertes Andenken an den
treuen Kameraden unter den Zulus und den braven Räubern des alten
wackeren Titus Afrikaner sein.«

Pieter Maritz gürtete den Hirschfänger ab, überreichte ihn dem Lord und
nahm voll Entzücken den spanischen Degen. Dann gingen beide zusammen zu
dem Zelte, wo die Dragoneroffiziere speisten. Es war ein langes Zelt mit
gedieltem Fußboden, und die Leinenwände waren inwendig mit weißen und
roten Zeugstreifen gedoppelt, so daß der lange breite Raum ein sehr
freundliches Ansehen hatte. Eine lange Tafel für etwa vierzig Personen
war gedeckt und sah noch glänzender aus als die Abendtafel beim
Schatzsekretär in Pretoria. Sie war mit Silbergeschirr, feinem Porzellan
und Krystall überaus reich besetzt. Glänzend war auch die Gesellschaft,
lauter Offiziere in reichen Uniformen, teils von dem Dragonerregiment,
teils von andern Truppengattungen, da auch die Kameraden des Lord
Fitzherbert Gäste eingeladen hatten.

Lord Fitzherbert stellte den Buernsohn, der in seinem einfachen Anzuge
sehr gegen die mit Gold, Silber, Sammet und prächtigen Farben bedeckten
Uniformen abstach, den übrigen Offizieren vor, indem er sagte, dies sei
der Jüngling, von dem er ihnen so oft erzählt habe, ein
unvergleichlicher Reiter und das wackerste Herz. Sie schüttelten ihm
darauf alle die Hand, und es war Pieter Maritz ganz wunderbar zu Mute,
sich unter den strahlenden Offizieren, diesen vornehmen Leuten, so
freundlich empfangen zu sehen. Auch der Franzose, der Leutnant Dubois,
war zugegen. Er hatte die Einladung des Lord angenommen und schüttelte
ebenfalls Pieter Maritz freundschaftlich die Hand, indem er sagte, es
sei ein Glück, daß Lord Fitzherbert vorhin dazugekommen sei, denn er
würde in der nächsten Minute wirklich geschossen haben.

Dann setzten sich alle zu Tisch, und Pieter Maritz zur Rechten seines
Freundes. Eine bunte Gesellschaft von Dienern, teils Engländer, teils
Schwarze und teils Indier mit Turbanen auf dem Kopfe, trug ausgesuchte
Speisen auf, und es ward fröhlich getafelt. Allerhand Nachrichten über
die Zulus schwirrten hin und her. Einer der Offiziere erzählte, daß das
Zuluheer bei Isandula den fünften Teil seiner Mannschaften verloren habe
und daß Tschetschwajo im Schrecken über so große Verluste sich an den
Bischof Schröder von der norwegischen Mission gewandt habe, damit dieser
den Frieden vermittele. Er wolle die Bedingungen des Gouvernements
annehmen und habe bereits zum Zeichen seiner friedlichen Gesinnung
tausend Ochsen an die Grenze gesandt, welche er dem Lord Chelmsford als
Geschenk anbiete. Ein anderer Offizier sagte, man werde nach der
Niederlage von Isandula keinen Frieden schließen, sondern die ganze
Zulumacht zur Strafe in die Pfanne hauen. Lord Fitzherbert aber rief
laut: »Ich habe Tschetschwajo und seine Armee kennen gelernt. Ihr kennt
ihn schlecht, wenn ihr meint, er bäte um Frieden. Wie? Er hat uns jetzt
beinahe ganz im Sacke, und ihr denkt, er kröche zu Kreuz? Er hat den
dritten Teil von der Kolonne des Obersten Glyn aufgerieben; Oberst Wood
muß sich ganz still bei Lüneburg halten und denkt nicht daran, über die
Grenze zu gehen. Endlich die dritte Kolonne unter Oberst Pearson ist in
Ekowe völlig eingeschlossen, so daß nicht eine Ratte aus dem Fort heraus
kann, ohne von Assagaien aufgespießt zu werden. Wenn Tschetschwajo
wüßte, wie es bei uns steht, so ginge er mit seiner Armee über den
Buffalo, und er könnte durch ganz Natal marschieren, ohne daß wir ihn
daran verhindern könnten.«

»Lord Fitzherbert hat recht,« sagte ein älterer Offizier. »Bis die
Verstärkungen aus England kommen, müssen wir uns ganz still halten.«

Pieter Maritz hörte zu und ließ es sich gut schmecken. Aber er mußte
viel dazu trinken, die englischen Offiziere hatten eine eigentümliche
Sitte. Jeder der Anwesenden schickte der Reihe nach einen Diener an Lord
Fitzherbert und ließ um die Ehre bitten, mit ihm und seinen Gästen ein
Glas Wein zu trinken. Dann füllte Lord Fitzherbert dem Buernsohn, dem
Franzosen und sich selbst das Glas, sie erhoben die Gläser, nickten dem
Herrn zu, der geschickt hatte, und tranken mit jenem zusammen aus. Da
dies die Reihe um ging, so war Pieter Maritz schon beim dritten Gange
sehr vergnügt. Der Champagner, der ihm zu Anfang sehr stark vorgekommen
war, floß jetzt wie Wasser durch seine Kehle. Doch verlor er dabei seine
Überlegung nicht. Er dachte an die Aufgabe, welche ihm der Feldkorporal
gestellt hatte, und hörte aufmerksam einem Gespräche zu, welches Lord
Fitzherbert mit dem Franzosen führte. Dieser Franzose gefiel ihm gut.
Etwas Kriegerisches und Abenteuerlustiges sprach aus den schwarzen Augen
und dem runden braunen Gesicht. Die riesige Schmarre stand diesen Zügen
gut; denn wenn sie auch nicht deren Schönheit erhöhte, so lieferte sie
doch einen beständig sichtbaren Beleg für die Kriegserfahrung dieses
alten Soldaten. Dubois erzählte, daß er den Auftrag erhalten habe, eine
Abteilung leichter Reiter zu bilden. Im Kriege mit den Zulus zeige es
sich als eine große Schwäche der englischen Armee, daß sie nicht genug
Kavallerie habe.

»Ah, ihr Engländer!« rief der lebhafte Franzose, indem er mit den Händen
gestikulierte, »ihr seid ein sonderbares Volk. Ihr schlagt euch famos.
Alle Achtung! Aber ihr wißt nicht Krieg zu führen. Bei jedem neuen
Kriege fangt ihr von vorn an zu lernen. Ihr geht in den Krieg wie zu
einem Feste, und erst wenn der Feind eure ersten Truppen niedergemacht
hat, fangt ihr an, Ernst zu zeigen. Ihr kennt gar keinen
Sicherungsdienst, ihr legt euch in Feindesland ganz bequem ins Gras und
eßt euer Beefsteak.«

Er sagte, daß mehrere Abteilungen leichter Kavallerie für den
Vorpostendienst gebildet werden sollten, zu denen man Buern aus
Transvaal, aus dem Oranjefreistaat und Natal anzuwerben denke. Mehrere
Offiziere seien beauftragt worden, solche Truppen zu bilden, die dann
unter höheren Offizieren zu Schwadronen vereinigt werden sollten.

»Können Sie mich gebrauchen?« fragte Pieter Maritz.

Der Lord sah ihn erstaunt an, und der Franzose machte ein erfreutes
Gesicht.

»Ah, vortrefflich, vortrefflich!« sagte Leutnant Dubois, ihm die Hand
entgegenstreckend. »Ich nehme Sie an, und Sie sollen mir einen Zug
Reiter führen, vorausgesetzt, daß wir erst einen haben. Wie alt sind
Sie? Ich denke, Sie müssen achtzehn Jahre sein.«

»Ich bin so ungefähr sechzehn,« entgegnete Pieter Maritz. Der Gedanke,
einen Reiterzug zu führen, machte ihn schwindeln.

»Sechzehn!« sagte der Franzose. »Na, thut nichts. Es kommt auf die
Fähigkeiten, nicht auf die Jahre an.«

Lord Fitzherbert gratulierte dem Franzosen. »Da haben Sie einen
ausgezeichneten Fang gethan, Dubois,« sagte er. »Das ist ein
verwetterter Kerl. Aber ist denn das Ihr Ernst, Pieter Maritz? Wollen
Sie wirklich in den Krieg ziehen, oder haben Sie nur in fröhlicher
Weinlaune so gesprochen? Wenn das ist, so läßt Leutnant Dubois Sie
wieder frei.«

»Nein, nein,« sagte Pieter Maritz, »es ist mein Ernst. Ich möchte gern
unter einem so ausgezeichneten und kriegserfahrenen Offizier wie Herr
Leutnant Dubois den Krieg kennen lernen.«

»Meiner Treu,« rief der Franzose geschmeichelt, »Sie kennen ihn schon,
denn wer bei Isandula war, hat Pulver gerochen. Ich bin es, der sich
glücklich schätzt.«

Es ward nun verabredet, daß Pieter Maritz zunächst nach dem Norden gehen
solle, um seine Gemeinde zu besuchen, daß er aber so bald als möglich in
das Lager zurückkehren und dann unter das Kommando des Leutnants Dubois
treten solle. Lord Fitzherbert ließ eine frische Flasche bringen, und
alle drei stießen auf einen glücklichen Feldzug der leichten Reiter an.

Inzwischen ward es an der Tafel immer lebhafter und lustiger. Das
Musikcorps der Dragoner saß draußen vor dem großen Zelte und machte
Tafelmusik, das Zutrinken folgte sich immer häufiger, und die Köpfe
wurden rot. Pieter Maritz war in einer seltsamen Stimmung, wie nie
vorher. Er war unbeschreiblich froh und kam sich selbst so leicht vor,
als könnte er fliegen. Er sah sich im Geiste mit dem spanischen Schwerte
in der Hand vor einer Reiterschar zum Angriff jagen und dachte, er würde
die Zulus wie eine Herde Ziegen vor sich hertreiben können. Dubois
erzählte Geschichten aus der Krim und aus Mexiko und machte dazu ein so
köstliches Gesicht, ließ seine Augen so furchtbar blitzen und rollen,
daß Pieter Maritz vor Lachen fast vom Stuhle gefallen wäre.

Als das Essen beendigt war, wurde das weiße Tischtuch abgenommen, und
eine grüne Decke kam darunter zum Vorschein. Nun wurden frische Gläser
auf den Tisch gesetzt, und silberne Krüge voll Portwein gebracht.
Mehrere Offiziere ließen Würfel bringen und spielten um Haufen von
Goldstücken, die sie auf dem grünen Tuche ausstreuten. Aber Pieter
Maritz spielte nicht mit. Er wollte sein Geld seiner Mutter mitbringen
und war noch kaltblütig genug, um zu denken, daß das Würfeln ein
gefährliches Vergnügen sei. Er wurde jetzt nachdenklich und wünschte,
das Trinken möge aufhören. Der Wein schmeckte ihm nicht mehr. So war es
ihm sehr angenehm, daß Lord Fitzherbert und der Franzose, welche
ebenfalls nicht spielten, ihm den Vorschlag machten, spazieren zu
fahren. Er erhob sich und ging mit ihnen hinaus. Doch kam ihm die Welt
sehr sonderbar vor. Die Zelte ringsum schienen tanzen zu wollen, so daß
er von neuem lachen mußte. Sie gingen zusammen nach den Ställen des
Regiments, zu welchem der Franzose gehörte, und dieser ließ einen
kleinen leichten Wagen anspannen. Vier junge Pferde aus Transvaal,
kleine, aber kräftige Tiere wurden vorgespannt, und dann ergriff Dubois
selber die Zügel, während der Lord und Pieter Maritz sich auf die Bank
hinter dem Bocke setzten.

Daß auf dieser Fahrt kein Unglück geschah, war merkwürdig. Zwar verstand
der Franzose zu fahren, aber der Weg, den er wählte, machte auch seine
Fahrkunst sehr notwendig. Es ging im sausenden Galopp über Stock und
Stein, und oft lag der Wagen so auf der Seite, daß er nur auf zwei
Rädern rollte, während die auf der andern Seite in der Luft schwebten.
Sie besuchten den »Wunderboom«, fünf Kilometer von Pretoria entfernt,
einen höchst bemerkenswerten riesigen Baum, dessen Zweige zum Boden
zurückkehren und dort neu wurzeln, so daß dieser einzige Baum ein ganzes
Gehölz bildet. Auf der Rückkehr kamen sie über eine steile Höhe an einem
jähen Abgrunde vorbeigesaust, und Pieter Maritz blickte mit dem Gefühl
hinab, daß es sehr wahrscheinlich sei, Wagen und Pferde und Menschen
würden im nächsten Augenblick dort unten liegen. Aber dies war für heute
sein letzter Gedanke. Er wußte nichts mehr von dem, was nun noch
geschah, bis er, in seinem Bette liegend, aufwachte und vergnügt, obwohl
etwas erstaunt, die Morgensonne in das Café de l'Europe scheinen sah.

[Illustration]



[Illustration]



Einundzwanzigstes Kapitel

Daheim und in englischen Diensten


Pieter Maritz dachte darüber nach, wie er wohl nach Hause und in sein
Bett gekommen sein möge, konnte aber zu seiner Beschämung keine Spur von
Erinnerung in seinem Kopfe entdecken. Vermutlich hatte der Franzose ihn
nach dem Hotel gefahren und hatten ihn die beiden Offiziere ins Bett
gebracht. Wein trinken ist doch eine dumme Sache, sagte sich Pieter
Maritz. Man nimmt einen Feind in sich auf, der einem die Besinnung
raubt. Erst wird man vergnügt, und nachher weiß man nicht mehr, was man
thut. Wenn der alte gute Missionar hier wäre, so würde er mir wohl
sagen, es sei am sichersten, gar keinen Wein zu trinken; denn er meinte
immer, man dürfe dem Teufel nicht den kleinen Finger geben. Es ist doch
gut, daß er mich gestern abend nicht gesehen hat.

Er stand auf und fühlte sich etwas schwer im Kopfe und sehr durstig. Ein
sonderbares Getränk ist doch der Wein, dachte er. Es scheint so, als ob
er immer durstiger mache, je mehr man davon trinkt. Nun fiel ihm ein,
was er wohl bemerkt, aber nicht weiter beachtet hatte: daß der
Präsident, Herr Paul Krüger, in der Gesellschaft beim Schatzsekretär nur
Wasser getrunken und auch beim Ausbringen des Wohls der Republik ein
Glas Wasser in die Höhe gehoben hatte. Pieter Maritz ging in den Hof und
ließ sich an dem Brunnen vor dem Stalle das Wasser über Kopf und Hals
laufen. Dann ging er, sehr erfrischt, zu Jager und sattelte ihn.
Umgürtet mit seinem schönen neuen Degen, den er auf dem Tische in seinem
Zimmer gefunden hatte, ritt er hinaus ins Feld, und die Kühlung seiner
nassen Locken im Winde sowie die Bewegung ließen bald jedes Unbehagen
verschwinden. Dann ritt er fröhlich in das englische Lager und besuchte
Lord Fitzherbert.

Der junge Offizier sah blaß aus und trank Sodawasser mit Kognak in
seinem Zelte. Als er des Buernsohnes rote Backen und glänzende Augen
sah, seufzte er. »Pieter Maritz, ihr Buern seid ein verwettertes
Völkchen,« sagte er. »Wie können Sie sich unterstehen, heute morgen so
frisch wie eine blühende Rose auszusehen?«

Pieter Maritz lachte. »Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu sagen, Adolphus,«
sagte er. »Aber es thut mir leid, daß Sie krank sind.«

»Krank? Der Teufel ist krank!« sagte der Lord. »Ich habe nur etwas
Kopfschmerzen. Das kommt von der Musik; ich kann es nicht leiden, wenn
einem ins Essen hineingeblasen wird.«

»Ach, es war die Musik?« fragte Pieter Maritz ganz unschuldig. »Ich
dachte, Sie hätten zu viel Wein getrunken, so wie ich.«

»Ei, bewahre, ich trinke nie zu viel,« sagte der Lord. »Aber kommen Sie,
wir wollen etwas frühstücken.«

Er stand auf und vertauschte seinen leinenen Rock mit der Uniform, als
Leutnant Dubois vor dem offenen Zelte erschien. »Wißt ihr das neueste?«
fragte er. »Die Zulus kommen. Man hat die Meldung erhalten, daß sie,
zwanzigtausend Mann stark, nur noch fünfzig Kilometer weit entfernt von
Pretoria stehen.«

»Fünfzig Kilometer?« fragte der Lord. »Da können die Kerle vor heute
abend nicht hier sein, und wir haben Zeit, zu frühstücken.«

»Fünfzig Kilometer!« rief der Franzose, »da können sie auch morgen noch
nicht hier sein.«

»Sie kennen die Zulubeine nicht, mein lieber Dubois,« sagte der Lord.
»Diese Kerle haben vier Beine. Wenn sie auf zweien müde sind, laufen
sie auf den beiden andern. Doch laßt uns frühstücken, man lebt nur
einmal!«

»Das ist auch mein Gedanke,« entgegnete der Franzose lachend. »Kommt mit
zu mir.«

Alle drei gingen zu dem Zelte, wo das Regiment des Franzosen zu speisen
pflegte. Dort waren wohl ein Dutzend Offiziere beisammen, welche aßen
und sich über die Wahrscheinlichkeit des Angriffs der Zulus
unterhielten. Einige glaubten die Nachricht, andere zogen sie in
Zweifel. »Pah, die Niggers werden uns rein zum Schreckgespenst,« sagte
ein älterer Offizier. »Jeden Tag kommt man mit der Meldung, sie rückten
an. Ich glaube das nicht, bevor ich sie nicht sehe.«

Dubois bereitete eigenhändig ein Gericht, von welchem er behauptete, es
sei gesund nach einem Trinkgelage. Er ließ gebratene Hammelnieren
bringen, schnitt sie ganz klein und bestreute sie mit dem gelben Pulver
des Curry und mit Champignons. Dies Gericht ließ er in Bouillon schmoren
und empfahl es Pieter Maritz als sehr wohlthätig. Pieter Maritz
versuchte es, aber konnte es nicht essen. Ebensowenig mochte er trinken,
was die beiden Offiziere tranken: Kognak und Absinth gemischt, sowie ein
Getränk, welches sie »~brandy-pawnee~« nannten. Er hatte genug von den
verfeinerten Speisen Pretorias und des englischen Lagers und ließ sich
sein heimisches Gericht, eine Schüssel Maisbrei, bringen. Dazu trank er
ein Glas Ale. Dann sagte er den beiden Offizieren Lebewohl, versprach,
sobald als möglich zurückzukehren, und ritt davon. Er überlegte sich
seine neue Stellung in der Welt. Die gestrige Verabredung mit dem
Leutnant Dubois hatte er heute morgen erneuert, und nun würde er bald,
so sagte er sich, in englischem Solde gegen die Zulus zu Felde ziehen.
Die Engländer bezahlten vortrefflich. Er hatte im Lager erfahren, daß
die Buern für jeden zwölfspännigen Ochsenwagen bei der Armee monatlich
achtzig Pfund Sterling erhielten. Er selbst sollte monatlich dreißig
Pfund Gage haben. Da konnte er seiner Mutter, wenn Gott ihn lebendig aus
dem Kriege zurückkehren ließ, eine schöne Summe mit nach Hause bringen.
Dazu vollführte er, wenn er als leichter Reiter den Feldzug mitmachte,
in vortrefflicher Weise den Auftrag Jouberts, sich die englische Armee
genau anzusehen, und er würde nachher dem Feldkorporal die genauesten
Berichte über sie machen können.

Er ritt zu seinem Hotel zurück, brachte Jager in den Stall und ging aus,
um Geschenke für seine Mutter und seine Geschwister zu kaufen. Er
besuchte mehrere Magazine und sah so viele schöne Sachen, daß ihm die
Auswahl schwer wurde. Endlich entschloß er sich zu einem großen roten
Tuche für seine Mutter. Das Tuch war so groß, daß sie sich ganz darein
hüllen konnte und daß es ebensowohl geeignet war, vor der Kälte zu
schützen als die Bewunderung aller andern Buernfrauen der Gemeinde zu
erregen. Für seinen ältesten Bruder, der nun nahe an fünfzehn Jahre alt
sein mußte, kaufte er einen Matrosenrevolver, für den darauf folgenden,
der dreizehn Jahre zählte, ein starkes, breites Messer, das im Griff
feststehen konnte, und so wählte er für jedes der Geschwister einen
Gegenstand aus, der ihm Vergnügen machen mußte. Die Geschenke steckte er
in einen schönen neuen Mantelsack, der hinter Jagers Sattel gebunden
werden sollte, und das Herz hüpfte ihm vor Freude bei dem Gedanken an
die glücklichen Gesichter daheim, wenn er auspacken würde.

In der Frühe des Morgens am andern Tage brach die Gesellschaft auf,
welche sich nach dem Norden begeben wollte, und Pieter Maritz schloß
sich ihr an. Es waren etwa zwanzig Leute, lauter Männer und alle
beritten. Nur ein einziger Wagen war dabei, aber kein Ochsenwagen,
sondern ein zweiräderiger Karren, der mit zwei Pferden bespannt war. So
konnte die Reise rasch von statten gehen. Mehrere Buern waren dabei,
aber zumeist waren es Fremde, Abenteurer aus verschiedenen europäischen
Ländern, welche die Gesellschaft bildeten, und sie zogen aus, um im
Lande der Matebele Gold zu suchen. Wilde Gesichter und rauhe Hände,
viele Waffen und eine buntscheckige Bekleidung zeichneten die
Erscheinung dieser Leute aus, und sehr verschiedene Sprachen, spanisch,
deutsch, italienisch, englisch, französisch und holländisch, erklangen
aus ihrem Munde. Niemals hatte Pieter Maritz eine solche Menge
verschiedenartiger Flüche für möglich gehalten, wie sie an diesem Morgen
auf dem Marktplatze zu hören waren, wo die Gesellschaft sich
versammelte. Besonders thaten sich im Fluchen zwei Spanier hervor. Der
eine war ein großer vierschrötiger Bursche in einer mit vielen Knöpfen
besetzten Jacke, mit zwei Revolvern und einem Dolche in dem roten Shawl,
der ihn umgürtete, der andere eine zierliche dunkelfarbige Gestalt mit
unheimlich funkelnden schwarzen Augen und nach Buernsitte gekleidet und
bewaffnet. Unter den übrigen Erscheinungen fiel Pieter Maritz besonders
ein riesenmäßiger Deutscher mit rötlichem langem Haar und blauen Augen
auf, der von der Nordseeküste stammte. Er hatte ein kindlich
freundliches Lachen und bewegte ein Remingtongewehr so leicht in seinen
Händen, als ob es ein Spielzeug gewesen wäre.

Diese Leute hatten die Absicht, zunächst nach Lydenburg zu reisen und
sich dort mit Werkzeug für die Goldgräberei weiter im Norden zu
versehen. Es war keine Gesellschaft, die Pieter Maritz besonders
zugesagt und gut gefallen hätte, denn die Leute fluchten in einer
entsetzlichen und gottlosen Weise, so daß es ihm oft einen Stich ins
Herz gab, wenn er den Namen Gottes dem Gebote der Heiligen Schrift
zuwider unnütz und frevelhaft geführt hörte. Dazu hatten diese Leute
einen rohen und niedrigen Sinn, der sich auch in ihrem übrigen Benehmen
offenbarte. Sie dachten nur an Gewinn, nur an Gold, und mit Ausnahme des
riesigen Deutschen aus dem Friesenlande waren sie alle finster und
schienen übler Laune zu sein. Doch hatte Pieter Maritz wenigstens den
Vorteil von ihrer Begleitung, daß er sicher vor Räubern und wilden
Tieren seine Reise machen konnte. Die Gegenwart so vieler Büchsen hielt
beide fern, und ohne Unfall kam die ganze Gesellschaft in Lydenburg an.

In dieser Stadt, welche gleich den andern Städten des Transvaallandes
zerstreut, mit breiten langen Straßen und vielen Gärten lag, herrschte
ein reges Gewimmel abenteuerlicher Gestalten, die teils durch den Krieg,
teils durch die Goldgruben im Norden herbeigelockt worden waren. Die
Gesellschaft von Pretoria verteilte sich, und ein jeder ging seinen Weg,
der eine um Gerät, der andere um einen Ochsenwagen zu kaufen, und alle
suchten eine enge Genossenschaft von zweien oder dreien zu bilden, um
unter gegenseitiger Hilfsleistung in kleiner Gesellschaft das geliebte
Gold zu suchen und dabei möglichst vor Verrat, Raub und Mord von seiten
der Nachbarn und eigenen Genossen gesichert zu sein. Pieter Maritz aber
erkundigte sich nur nach seiner Gemeinde, und er erfuhr auch wirklich,
daß diese nur etwa vier Meilen weit entfernt im Norden weile.

Er machte sich an einem der ersten Februartage allein von Lydenburg auf
und ritt in der ihm bezeichneten Richtung nach Norden. Nun war er dem
Ziele seiner Sehnsucht nahe, und er konnte es in freudiger Ungeduld kaum
erwarten, es zu erreichen. Er hatte die Geschenke in seinem Mantelsacke
und über demselben, und immer wieder mußte er daran denken, welchen
Eindruck sie auf seine Mutter und seine Geschwister machen würden. Er
lachte mit dem ganzen Gesichte, wenn er sich vorstellte, wie die ganze
Reihe der Kinder dastehen und Mund und Augen aufsperren würde. Ob die
Geschwister wohl sehr gewachsen waren? Er selbst war in dem letzten
Jahre um einen halben Kopf gewachsen und so breit und stark geworden,
daß nur immer wiederholtes Flicken seinen alten Anzug hatte
zusammenhalten können, bis er ihn glücklich wegwerfen und das schöne
Kostüm kaufen konnte, das er jetzt trug. Er trug die Bügelriemen jetzt
fast so lang wie einst sein Vater, nur noch zwei Löcher fehlten. War er
doch nunmehr auch Reiter in englischem Dienst, ja mehr als gewöhnlicher
Reiter, ein Mann von der Stellung und Würde eines Unteroffiziers, da er
einen Zug führen sollte. Was würde man daheim in der Gemeinde zu solchen
Dingen sagen? Sicherlich würden alle staunen, besonders aber die
Altersgenossen, die er als Knabe verlassen hatte und als Jüngling, als
Mann wiedersehen sollte.

Jager mußte unter solchen Gedanken und Hoffnungen seines Reiters einen
flotten Schritt gehen, und so waren die vier Meilen in kurzer Zeit
zurückgelegt. Als die Sonne im Mittag stand, erblickte Pieter Maritz in
einem sanften grünen Thale vor sich den Rauch von mehreren Hütten und
Lagerfeuern aufsteigen, viele Wagen im Kreise stehen und die dunklen
Massen großer Herden. Jubelnd schwenkte er den Hut in der Luft und rief
laut seine Freude zum Himmel empor: das mußte seine Gemeinde sein. Er
hatte richtig gesehen. Noch ein Galopp von wenigen Minuten, und er
erblickte bekannte Gesichter. Ehrwürdige Männer mit grauen Bärten saßen
im Schatten eines Seidenwollbaumes am Feuer und ließen sich von
schwarzen Dienern Maisbrei und gekochtes Ziegenfleisch auftragen. Baas
van der Goot war in ihrer Mitte, und der Oheim Klaas saß neben ihm.

Pieter Maritz trieb sein Pferd nahe an den Kreis hinan, der verwundert
auf den Ankömmling blickte, sprang ab und trat auf die Männer zu, indem
er seinen Hut abzog und mit glückstrahlendem Gesicht ehrerbietig grüßte.
Im ersten Augenblick schienen sie ihn kaum zu erkennen, sein neuer Anzug
und sein entwickeltes Aussehen machten sie betroffen; aber alsbald
überzeugten sie sich, daß dies der für verloren gehaltene Pieter Maritz
und der treue Jager des im Kampfe gefallenen Andries sein müßten, und
sehr verwundert, aber auch sehr erfreut, schüttelten sie ihm die Hände.
Baas van der Goot erinnerte sich kaum noch der Angelegenheit mit den
beiden Zulus, die er der Hut des Knaben anvertraut hatte; und als er
vernahm, daß der berühmte Feldkorporal Joubert ihn grüßen lasse, fühlte
er sich so sehr geschmeichelt und wuchs in seinen eigenen Augen zu
solcher Höhe und Bedeutung an, daß er den Überbringer der guten
Botschaft mit den freundlichsten Augen ansah. Klaas Buurman berichtete,
daß es seiner Schwägerin und ihren Kindern wohl gehe und daß sie drüben
in der zweiten Hütte wohnten. Pieter Maritz ließ sich nun trotz der
zahlreichen Fragen, die an ihn gerichtet wurden, nicht länger im Kreise
der Ältesten festhalten, sondern schwang sich von neuem in den Sattel
und jagte die wenigen hundert Schritte hinüber zu der bezeichneten
Hütte, deren Dach über den Kreis der Wagen hinausragte.

Schon als er in diesen Kreis hineinritt, ward er mehrere seiner
Geschwister gewahr, die in der Nähe der Hütte spielten und miteinander
Ringkämpfe anstellten, wobei sie sich tüchtig in das dicke blonde Haar
packten und krebsrot vor Zorn im Gesicht wurden.

»Ihr Taugenichtse! Wollt ihr wohl!« rief Pieter Maritz lachend und
zugleich vor Freude weinend, indem er Jager dicht neben ihnen anhielt.

Die Knaben ließen sich los, starrten empor und waren ganz verdutzt und
verlegen. Pieter Maritz sprang ab, gab dem ältesten von ihnen, der acht
Jahre zählte, das Pferd zu halten und lief in die Hütte. Hier saß in dem
vordersten der beiden Räume, welche das nach Kaffernart errichtete
Gebäude enthielt, seine Mutter mit zwei Töchtern bei einer häuslichen
Arbeit. Sie blickte erstaunt empor, als sie den Schritt und den Ruf des
Eintretenden vernahm, und für einen Augenblick erbleichten ihre Wangen.
Aber in der nächsten Sekunde lag Pieter Maritz zu ihren Füßen und
umfaßte ihren Leib mit beiden Armen, ergriff ihre Hände und küßte sie --
und die Mutter neigte ihren Kopf auf den des lange vermißten Sohnes
hinab und weinte vor Freude mit ihm zusammen.

Sie hatte eine Zeit schwerer Arbeit und vielen Kummers hinter sich. Nach
dem Tode ihres Mannes hatte sie allein dem Haushalte vorstehen müssen,
und sie wäre der Sache wohl kaum Herr geworden, wenn sie nicht so stark
und gesund gewesen wäre und nicht in der Vollkraft ihrer Jahre gestanden
hätte. Sie hatte den Zug des Ochsenwagens geleitet und oft im Sattel
gesessen, um die Herde zu überwachen. Nun hatte sie hier ihre eigene
Hütte gegründet und führte Handel mit Vieh, wodurch sie ihrer Familie
ein ausreichendes Einkommen verschaffte. Die ganze Gemeinde trieb jetzt
lebhaften Handel mit Vieh, sowie mit Korn und Viehfutter nach den
nördlichen Distrikten hin, wo die Goldgräber waren, und sie hatte sich
dieses vorteilhaften Handels wegen hier angesiedelt.

Voll von Erstaunen und mütterlichem Stolze betrachtete Frau Buurman
ihren ältesten Sohn vom Kopf bis zu den Füßen und konnte nicht satt
werden, den schon für tot Gehaltenen und verloren Gegebenen zu küssen
und nach seinen Erlebnissen zu fragen. Als er nun aber aus der inneren
Tasche seines schönen blauen Rockes einen Beutel mit Goldstücken zog und
ihr schenkte, als er dazu aus dem Mantelsack den roten Shawl nahm und
ihr überreichte, da war sie sprachlos vor Freude und Glück.

Denselben Erfolg hatte Pieter Maritz mit seinen Geschenken bei den
Schwestern und Brüdern. Zwar waren die beiden ältesten Jungen mit den
Knechten draußen beim Vieh auf der Weide, und so konnte er den
Matrosenrevolver und das Stoßmesser noch nicht überreichen, aber auch
schon mit den kleineren Geschwistern gab es so viel Jubel und Entzücken,
daß das Herz kaum groß genug zu sein schien, alles Gute zu fassen. Die
Familie hatte schon zu Mittag gegessen, aber da Pieter Maritz noch nicht
gespeist hatte, wurde schnell von neuem gekocht, und sie aßen alle gern
noch einmal mit und tranken dazu eine gewaltige Kanne Kaffee. Gegen
Abend kamen auch die ältesten Brüder vom Felde und von der Weide herein,
und die Freude nahm einen neuen Anfang. Sie waren alle tüchtig
gewachsen, die Geschwister; und eine stattliche, schöne, gesunde und
starke Schar Blondköpfe und Blauaugen war es, die Mutter Buurmans Kniee
umschwärmte. Auch Jager hatte es heute gut. Sie rechneten ihn alle zur
Familie, küßten und streichelten ihn, gaben ihm die weichste Streu am
besten Platze neben dem Wagen und hätten ihn sicherlich krank gefüttert,
wenn er nicht als ein verständiges Tier seine ihm dienliche Futtermenge
genau zu berechnen gewußt hätte.

Am Abend widerfuhr Pieter Maritz die Ehre, daß Baas van der Goot in
Begleitung des Oheims Klaas persönlich in der Hütte der Frau Buurman
vorsprach, um ihn zu besuchen und zum gemeinsamen Trunk der Ältesten
einzuladen und abzuholen. Er ging mit ihnen und setzte sich in den Kreis
der Würdigen am Lagerfeuer, wo der Bierkrug herumging und die Pfeifen
dampften. Hier mußte Pieter Maritz der Reihe nach seine Erlebnisse
erzählen, und es kam ihm nun schon selbst so vor, als ob sich diese in
der Erinnerung nach so vielfältigem Bericht wunderbar schön zu runden,
zu glätten und zu völlig imposanten Thaten zu gestalten anfingen. Nur
die eine Thatsache, daß er jetzt als Reiter im englischen Solde stand,
wollte den alten Herren nicht recht gefallen.

»Ich denke, Neffe,« sagte Baas van der Goot, »daß allerdings die
Engländer Christen sind und daß sie ein gutes Werk unternehmen, indem
sie die Schepsels drüben vertilgen wollen; aber daß du ihnen dabei
hilfst, während wir Buern doch von ihnen mit Ungerechtigkeit bedrückt
werden, das will mir nicht als etwas Schickliches für den Sohn von
Andries Buurman einleuchten.«

»Oheim,« sagte Pieter Maritz nach einigem Überlegen, »ich habe über
diese Sache mit dem Feldkorporal Joubert gesprochen, und er hat es
gutgeheißen.«

Baas van der Goot that mehrere Züge bedächtig aus seiner Pfeife und
erwog den Sinn dieser Worte.

»Wenn Joubert es gutgeheißen hat,« sagte er dann, »so muß es allerdings
gut sein. Ich hoffe nur, daß du wieder bei uns sein wirst, wenn wir den
Transvaalschen Vierklör[*] aufpflanzen und die Engländer aus unserm
Lande hinauswerfen.«

  [*] Viercouleur, die vier Farben der Transvaalrepublik: rot, weiß,
      blau und grün.

»Dann werde ich wieder bei euch sein, so Gott will,« antwortete Pieter
Maritz, indem er angesichts des Sternenhimmels, über welchem der
Allmächtige thront, den Hut in frommer Betrachtung zukünftigen
Schicksals von den Locken nahm.

Pieter Maritz besichtigte am folgenden Tage die Herde und den ganzen
väterlichen Besitz, der nun auf die Familie gekommen war, und er fühlte
sich wohl und heimisch in den altgewohnten Beschäftigungen. Auch brachte
er Glück in das Lager der Treckbuern. Es war eine lange Dürre gewesen,
der Erdboden war wie Asche und das Gras gelb. Aber am Tage nach seiner
Ankunft kam ein herrlicher Regen herab, so daß es wunderbar war, zu
sehen, wie die Erde auflebte. Über Nacht ward der graue, staubige Boden
mit frischem Grün bekleidet, duftende Blumen, besonders eine rote
Lilienart, sproßten hervor, Millionen von Käfern, Würmern, Ameisen und
Fröschen krabbelten plötzlich an die Oberfläche, und viele Schlangen
kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor. Die Schafe und Ziegen standen mit
erhobenen Köpfen da und ließen sich auf die Nasenspitzen regnen,
Hornvieh und Pferde wälzten sich im nassen Grase, das Federvieh tanzte
mit ausgebreiteten Flügeln stundenlang gegen den Wind an, die Buern
badeten im anschwellenden Bache, und die Kaffern standen mit
abgezogenen Wollhemden unter den Traufen der Hütten und den triefenden
Wagenecken, ließen sich den warmen Strom über Kopf und Rücken rieseln
und grunzten vergnügt: ~Lekker, Baas, mooi lekker~.

Nachdem Pieter Maritz aber eine Woche lang daheim gewesen war,
stachelten ihn das Gefühl der Pflicht und die Gewohnheit bewegten Lebens
aus seiner behaglichen Ruhe auf, und er beschloß, das englische Lager
bei Pretoria wieder aufzusuchen und sich dem Leutnant Dubois zur
Verfügung zu stellen.

Die Mutter fügte sich seinem Wunsche in dem Gefühl, daß der nun groß
gewordene Sohn selbst seine Pflicht und seine Aufgaben kennen müsse, und
sie entließ ihn mit ihrem Segen. Auch packte sie ihm Wäsche und
gestricktes Unterzeug, von ihrer eigenen Hand verfertigt, in den
Mantelsack, gab ihm den Mantel ihres verstorbenen Mannes, ein schweres
altes Stück von unverwüstlichem Stoff, und schenkte ihm dazu noch ein
besonderes Andenken, das er um den Hals hängen sollte. Sie bewahrte in
ihrem Schranke eine uralte gelb gewordene Schrift auf, ein Traktätchen
in englischer Sprache mit dem Bilde Christi auf der ersten Seite. Sie
traute diesem Schriftchen eine besondere Heiligkeit um so mehr zu, als
sie es nicht lesen konnte, und sie war überzeugt, daß es ihrem Sohne in
der Gefahr gute Dienste leisten würde. So faltete sie es denn zusammen,
steckte es in einen leinenen Beutel, nähte ein Kreuz darauf und gab es
Pieter Maritz, um es als Amulett und Talisman beständig zu tragen. Dann
umarmte sie ihn, er küßte alle seine Geschwister, stieg auf Jagers
Rücken und wandte sich von neuem der Welt zu.

Nachdem er den Weg über Lydenburg und Pretoria, der ihm nun vollständig
bekannt war, glücklich zurückgelegt hatte, traf er am Nachmittage des
15. Februar wieder im Café de l'Europe ein, fand dort Unterkommen und
begab sich zum Feldkorporal Joubert. Er traf dort mehrere angesehene
Männer der Regierung, auch einen andern bedeutenden Heerführer der
Buern, Namens Smit, und er wollte sich bescheiden zurückziehen, um ein
anderes Mal wiederzukommen. Aber Joubert ließ ihn eintreten, begrüßte
ihn freundlich und übergab ihm die versprochenen Papiere,
Empfehlungsschreiben und dazu eine Summe von fünfzig Pfund Sterling.
Pieter Maritz gewahrte in den Mienen der anwesenden Männer großen Ernst
und den Ausdruck stolzer Entschlossenheit. Er vernahm, da sie in seiner
Gegenwart ihre Unterhaltung fortsetzten, daß die Regierung der
Kapländer die Buern um Hilfe gegen Tschetschwajo gebeten habe, daß die
Regierung von Transvaal aber jede Unterstützung entschieden verweigert
habe.

»Nur, wenn England unsere Unabhängigkeit anerkennen will und nicht mehr
den geringsten Anspruch auf Oberherrschaft über das Gebiet der Republik
erhebt, wollen wir ihm zu Hilfe kommen,« sagte Herr Smit. »Jetzt sind
sie klein, die stolzen Engländer, und wissen sich in ihrer Furcht vor
den Zulus nicht selbst zu helfen. Deshalb sind sie freundlich und machen
uns Versprechungen. Wollten wir aber so thöricht sein, ihnen zu helfen,
ohne sichere Bürgschaft zu haben, so würden wir nach dem Siege bald
einsehen, was dieser Sieg für uns zu bedeuten hätte. Nein, die
Unabhängigkeit unseres Landes muß unser höchstes Ziel sein, daran wollen
wir Gut und Blut setzen; aber es muß eine reine Sache sein zwischen uns
und England, und die Gerechtigkeit muß durch kluge Politik unterstützt
werden.«

Pieter Maritz ritt am andern Morgen nach dem Lager hinaus und fand den
Leutnant Dubois in voller Thätigkeit. Der lebhafte Franzose war ganz
Feuer und Flamme für seinen neuen Dienst und hatte gegen fünfzig Männer
verschiedenen Alters, viele jung, viele bereits graubärtig, sämtlich aus
dem Buernstamme, um sich versammelt. Alle trugen den breitkrempigen Hut
und die Ausrüstung der Buern, und sie ritten meistens kleine, aber
abgehärtete, starke und schnelle Pferde. Leutnant Dubois selbst, in
englischer Uniform, saß auf einem vortrefflichen Tiere afrikanischer
Zucht und redete mit großer Zungenfertigkeit in einer Sprache, welche
niemand verstand, da sie aus französisch, englisch, holländisch und den
verschiedenartigsten Ausdrücken anderer Sprachen zusammengeflickt war.
Er freute sich sehr, als er Pieter Maritz erblickte, und trug ihm sofort
auf, den Leuten zu erklären, um was es sich handle, da er selber es
ihnen nicht deutlich machen könne.

Pieter Maritz fragte ihn, was das sei, was er ihnen sagen solle, und der
Leutnant teilte ihm nun auf englisch mit, daß die Freiwilligen am
folgenden Tage von Pretoria aufbrechen und nach Durban marschieren
sollten, wo sie mit andern Freiwilligen zu einem größeren Corps formiert
werden würden. Diesen Befehl übersetzte Pieter Maritz seinen Landsleuten
und trat damit eine Art von Adjutantenstelle beim Leutnant Dubois an.
Denn dieser war sehr befriedigt von der Art und Weise, wie der Buernsohn
sich benahm und seiner Aufgabe erledigte, hatte auch vom Lord
Fitzherbert so viel Gutes über ihn gehört, daß er großes Vertrauen in
ihn setzte.

Lord Fitzherbert selbst, den Pieter Maritz aufsuchen wollte, nachdem er
seine dienstlichen Geschäfte erledigt hatte, war nicht mehr im Lager.
Die Dragoner waren abmarschiert, um zu der Hauptmacht unter Lord
Chelmsford zu stoßen. Überhaupt hatte sich das Lager sehr verkleinert.
Der eine Teil der Truppen war zum Obersten Evelyn Wood gestoßen, der
andere zum Lord Chelmsford marschiert. Zwei starke Kolonnen wurden
gebildet, die eine an der Grenze von Transvaal, die andere am
Tugelafluß. So war nur wenig Mannschaft als Besatzung des Forts von
Pretoria zurückgeblieben.

Am Tage darauf brach die kleine Schar der freiwilligen leichten Reiter
von Pretoria auf und trat den Marsch nach Süden an. Leutnant Dubois ritt
an der Spitze, neben ihm ritt Pieter Maritz, und des Leutnants
Vierspänner, mit einigem Gepäck beladen und von den Dienern geleitet,
folgte dem Reitertrupp. Der Marsch ging schnell, denn es war kein
Ochsenwagen beim Zuge, und die Transvaalpferde gingen einen wackeren
Schritt. Dennoch ward das Ziel des Marsches erst nach sehr langer Zeit
erreicht. Das lag daran, daß Leutnant Dubois den Auftrag hatte,
unterwegs so viel Freiwillige als möglich anzuwerben. Er machte daher in
allen bedeutenderen Plätzen auf der Route Halt, quartierte seine
Mannschaft ein und erließ eine Bekanntmachung, daß er Reiter für den
Feldzug ins Zululand suche. Jeder Mann sollte jeden Tag fünf Schilling
Lohn und außerdem freie Verpflegung für Reiter und Roß haben.

Es war jedoch nicht leicht, Mannschaft zusammenzubringen. Die seßhaften
Buern fanden sich nicht zum Kriegsdienst, denn es ging ihnen zu wohl und
sie haßten England. Nur Leute von zweifelhafter Stellung und ohne
Vermögen, unruhige Geister, abenteuerlustiges Volk stellte sich ein, und
dergleichen Leute gab es nicht viel in diesen Ländern, wo Raum genug für
lohnenden Ackerbau und Viehzucht und nur eine dünne Bevölkerung war.
Auch hatten die Engländer schon seit langen Monaten alles
Menschenmaterial, dessen sie habhaft werden konnten, zusammengesucht, um
ihre Regimenter und ihre Trains damit zu füllen. So stieg die Schar der
leichten Reiter nur langsam an. Pieter Maritz aber war bei diesen
Werbungen von großer Brauchbarkeit, da er Land und Leute kannte und
verstand, auch von freundlichem Wesen und gewandt im Umgange war. Er
hatte dabei einen offenen Blick für alle Begebenheiten in der englischen
Armee, indem er sich seiner patriotischen Aufgabe immer bewußt blieb.
Mit Erstaunen und oft mit Lächeln bemerkte er, welchen Respekt die
Engländer vor den Zulus bekommen hatten. Wo er auf englische
Truppenkörper stieß, welche lagerten, da waren sie immer verschanzt. Der
Zug der leichten Reiter ging längs der englischen Front hin, über
Helpmakaar, Greytown und Pietermaritzburg nach Durban, so daß Pieter
Maritz im lebhaftesten Gewühle der Kriegsrüstungen und inmitten der
Begebenheiten war. In der Stadt Pietermaritzburg sah er zum erstenmale
eine Eisenbahn, jene Bahnlinie, die von dort nach Port Natal führt.
Helpmakaar hatte sich gewaltig verändert, seitdem er es zuletzt gesehen
hatte. Damals, vor der Niederlage von Isandula, war es ein offener,
lustiger Platz gewesen, nun war es in eine Festung verwandelt worden,
und die Kolonne des Obersten Glyn, welche mehr als ein Drittel ihres
Bestandes eingebüßt hatte, lag darin. Diese Truppen hatten mit dem Lager
bei Isandula zugleich ihr ganzes Gepäck verloren und arbeiteten in den
Gräben und an den Wällen in oft wunderlichem Kostüm. Für ihre zum Teil
abgetragenen und noch nicht wieder ersetzten Uniformen hatten sie
Buernkleidung angeschafft und waren halb Soldaten, halb Buern; manche
hatten sogar von den Kaffern Kleidungsstücke genommen und trugen Decken
und Felle anstatt der Röcke und Mäntel. Man war in Helpmakaar jeden
Augenblick auf einen Angriff der Zulus gefaßt, denn es lag dem Feinde am
bequemsten und dem Schauplatz der Schlacht zunächst. Beständig guckten
die englischen Offiziere mit Fernrohren über die Brüstung der Schanzen
nach dem Feinde aus, und die Truppen wurden durch Dienst in den
Befestigungen ermüdet.

Erst nach fünf Wochen traf die Reiterabteilung unter Führung des
Leutnants Dubois, welche jetzt auf etwa hundertfünfzig Mann gestiegen
war, in Durban ein, der Stadt an dem berühmten Hafen von Natal. In Port
Natal war der Ausschiffungsplatz für die englischen Verstärkungen, und
hier herrschte ein gewaltiges Treiben. Mit Bewunderung und mit
hochschlagendem Herzen sah Pieter Maritz zum erstenmale das Meer, die
blauen Fluten des gewaltigen Indischen Oceans. Er stand auf einem Hügel
am Hafen und sah die gekrümmte, tief in das grüne Land einschneidende
Bucht blau-goldig erglänzen, von schneeweißem Saume eingefaßt, wo die
Wogen an hochragende, steil vom Wasser anstrebende Höhen schlugen. Auf
den gekräuselten Wellen wiegten sich viele Schiffe, und am
Landungsplatz legte jetzt ein schwarzer Koloß an. In riesigen weißen
Buchstaben stand an der schwarzen Schiffswand der Name Pretoria. Es war
ein englischer Transportdampfer, aus dem heraus sich bald darauf eine
Flut seltsam kostümierter Krieger ergoß. Pieter Maritz lief neugierig
dahin, wo die Truppen sich ordneten. Die Soldaten trugen karrierte bunte
Beinkleider, welche in lange Stiefel gesteckt waren, und die Offiziere
hatten karrierte bunte Shawls über die Brust gebunden, welche auf der
linken Achsel zusammengeheftet waren und von dort bis zum Knie
herabhingen. Sonst trugen sie den Scharlachrock und weißen Helm. Die
Musikbande jedoch, welche zum Regimente gehörte, war in Schuhen und
hellen Gamaschen mit breitem bunten Rande unterhalb des Kniees, mit
nackten Knieen, karrierten Frauenröcken und bunt beränderten Mützen, von
denen Schleifen in den Nacken hingen. Sie bliesen auf höchst
wunderlichen Instrumenten, Dudelsäcken, deren lange, mit karrierten
Bändern verzierte Röhren weit über die Schulter hinausragten. Es waren,
wie Pieter Maritz erfuhr, die Hochländer der Prinzessin Luise, ein
schottisches Regiment, welches die Nummer 91 führte. Pieter Maritz
merkte, daß der alte Missionar die Wahrheit gesagt hatte, als er
Tschetschwajo warnte. Die Engländer ließen für jeden Mann, den sie
verloren hatten, zwei andere über die See kommen. Ja mehr als zwei.
Pieter Maritz hatte vernommen, daß Schiff nach Schiff in Port Natal
einlief und daß zahlreiche Mannschaften, viel mehr Truppen, als bis
jetzt in Südafrika gestanden hatten, herankamen, um die Scharte von
Isandula auszuwetzen und die Ehre Englands wiederherzustellen. Doch
hatte er auch wohl gemerkt, daß so große Verstärkungen notwendig waren.
Auf dem Marsche von Pretoria bis Port Natal waren mehreremal Nachrichten
von neuen Niederlagen der Engländer gekommen. Die Zulus hatten einen
Teil des 80. Regiments unter Kapitän Moriarty, von der Kolonne des
Obersten Wood, überfallen und vernichtet, wobei sie tollkühn durch einen
Fluß hindurch angegriffen hatten, und noch andere kleine Überfälle
hatten sie glücklich vollbracht. Sie hielten die Engländer völlig in
Schach, und Lord Chelmsford hatte für jetzt nicht etwa einen Angriff im
Auge, sondern wollte die Truppen unter seinem Befehle samt allen
Verstärkungen nur dazu benutzen, den Obersten Pearson zu befreien. Denn
der Oberst Pearson mit seiner Kolonne war im Fort Ekowe eingeschlossen,
ward von den Zulus belagert und harrte sehnsüchtig seit länger als sechs
Wochen auf Entsatz.

Pieter Maritz erhielt, als er vom Hafen zurückkam, Befehl vom Leutnant
Dubois, sich zum Major Walker in Durban zu begeben und dessen fernere
Weisungen zu empfangen. Major Walker, von den bengalischen Ulanen,
sollte das Kommando über die Reiter des Leutnants Dubois und noch einige
andere Scharen Freiwilliger in seiner Hand vereinigen. Die Stadt Durban
bot Pieter Maritz, als er durch die Straßen hinwandelte, um das Quartier
des Majors zu suchen, die interessantesten Anblicke. Am belebten Hafen
gelegen, war es voll von verschiedenartigen Menschen, und schon die
Straßen selbst waren dem Buernsohn merkwürdig, weil sie Haus an Haus
erbaut waren, unähnlich den Städten von Transvaal. Besonders fielen ihm
die gelbfarbigen Malaien auf. Hier kamen Männer dieser Rasse auf
prächtigen Pferden geritten, einen bunten Shawl über die Brust gekreuzt,
einen bunten Turban oder einen leichten trichterförmigen Schilfhut auf
dem Kopfe. Dort gingen Frauen mit edlem Gesicht in weiten, luftigen
weißen Kleidern, die glänzenden, blauschwarzen Haare in einen großen
Knopf gewunden, durch den ein silberner Pfeil gesteckt war. Auch von den
Frauen trugen viele den bunten seidenen Turban, der zu dem dunklen Haar
und dem schönen Gesichtsschnitt sehr gut stand. Sechsspännige Wagen
fuhren im fliegenden Galopp dahin, englische Kavalleristen, Dragoner,
Ulanen und ~light horse~ (leichte Kavallerie) ritten durch das Gewühl
der Straßen, und viele Kaffern, an langen, schwankenden Bambusstäben
Milcheimer oder Körbe mit Seefischen tragend, boten mit eintönigem Rufe
ihre Ware feil. Es war ein so buntes Gewühl der verschiedensten
Erscheinungen, Gesichter und Trachten, wie Pieter Maritz es noch an
keinem andern Orte erblickt hatte.

Pieter Maritz fand nach einigem Suchen das Quartier des Majors Walker
und wurde von der Ordonnanz in dessen Zimmer geführt. Der Major bewohnte
drei Zimmer zu ebener Erde, die in einer Reihe lagen und durch geöffnete
Flügelthüren miteinander in Verbindung standen. Die Fenster waren durch
Jalousien und Markisen vor der Sonnenglut geschützt, und es war für
Pieter Maritz' Gefühl recht hübsch kühl in den Zimmern. Aber der Major
schien sehr von der Hitze zu leiden. Er war ein gewaltig großer Mann,
gut sechs Fuß hoch, wohlbeleibt, mit einem mächtigen roten Bart, der ein
rotbraunes Gesicht umrahmte, und mit einer vollen Baßstimme. Er hieß
Pieter Maritz sich an den Tisch im mittelsten Zimmer setzen, wo ein
Offizier und zwei Unteroffiziere schrieben, und fuhr dann in der
Beschäftigung fort, die Pieter Maritz einen Augenblick unterbrochen
hatte, nämlich in den drei Zimmern hin und her zu gehen und dabei zu
schelten. Seine Uniform war aufgeknöpft und er fächelte sich mit einem
riesigen ostindischen Seidentuche, während er zugleich eine gewaltig
große ostindische Cigarre rauchte. In dem Zimmer rechts stand eine
Flasche Sherry und in dem Zimmer links eine Flasche Portwein auf dem
Tische, und jedesmal wenn der Major auf seiner Wanderung bis zu einem
der Tische gekommen war, schenkte er sich ein Glas voll ein und trank es
aus. War er aber im Mittelzimmer, so klingelte er heftig mit einer
kleinen Handschelle und ließ seinen Diener, einen sammetäugigen Inder,
zur Abkühlung einen »~brandy-pawnee~« bringen. Der Major schalt auf die
Ingenieure. Was diese verbrochen hatten, um seinen Zorn zu erregen, war
aus seinen Äußerungen für Pieter Maritz nicht recht verständlich, aber
er sprach viel von Gelehrten und Tüftlern, von Leuten, die alle Sätze
aus dem Euklid am Finger herzählen, aber keine feldmäßige Schanze und
keine haltbare Pontonbrücke zu bauen verständen.

Mit einem Male blieb der Major betroffen stehen, und das Wort stockte
ihm im Munde. Er war gerade in dem Zimmer, wo der Portwein stand, und
hatte schon die Hand ausgestreckt, um sich ein Glas einzuschenken, als
er innehielt und auf den Teppich starrte, der unter dem Tische auf den
Dielen lag. Pieter Maritz blickte ebenfalls dorthin und sah, daß der
Teppich eine große Falte schlug und sich wellenförmig bewegte, gleich
als sei er lebendig geworden. Im nächsten Augenblick sprang der Major
voll Entsetzen zurück in das mittlere Zimmer, und die hier Sitzenden
fuhren von ihren Stühlen auf. »Eine Schlange!« schrie der Major, indem
er nach seinem Säbel griff, und gleich darauf zeigte sich, daß er das
Ding richtig erkannt hatte. Der Teppich hob sich in die Höhe, und eine
Schlange von etwa fünf Fuß Länge, von gelber Farbe, eine Cobra, kam
hervor. Sie erhob sich, blies die Nackenhaut auf, wiegte den Kopf hin
und her und zischte wie ein Gänserich, während sie mit der Zunge in
schnellster Bewegung vor- und zurückfuhr.

Es kostete Mühe und bedurfte großer Schnelligkeit und Gewandtheit, das
gefährliche Tier zu töten. Das ganze Haus geriet in Aufregung und
Unordnung.

Doch endlich erhielt Pieter Maritz seine Instruktionen für die fernere
Führung der freiwilligen Reiter und begab sich mit dem Papier, welches
diese enthielt, in das Lager bei Durban, zu den Zelten des Leutnants
Dubois und seiner Reiter. Es hieß, daß Lord Chelmsford in wenig Tagen
von seiner Stellung am unteren Tugela aufbrechen und mit sechstausend
Mann vorrücken wolle, um Oberst Pearson zu entsetzen.

Als Pieter Maritz nun durch das ausgedehnte Lager bei Durban
hinschlenderte und sich am Anblick der verschiedenartigen Uniformen und
Kleidungen der bunt zusammengesetzten englischen Armee ergötzte, kam er
zuletzt an einen abgesonderten Teil, wo keine Zelte mehr standen,
sondern die runden Formen der ihm wohlbekannten Kaffernhütten
auftauchten. Hier hörte der Geruch von Rum und andern Spirituosen, sowie
von Seefischen, die im Zeltlager reichlich gegessen wurden, auf, und es
war dem Buernsohn, als käme er in eine andere, doch ihm gleichfalls
wohlbekannte Welt. Die Klänge der Harmonika und der Kalabaßviol,
eintöniger, schwermütiger Gesang tönten ihm entgegen, und im roten Licht
der Abendsonne schimmerte die schwarze Haut vieler hundert
Kaffernkrieger. Die Zulus von Natal hatten ein starkes Kontingent zum
Kampfe gegen ihre Stammesgenossen unter Englands Fahne gestellt, und
Pieter Maritz erblickte die Ochsenschilde und Assagaien, den wilden
drohenden Haarputz und die glänzenden weißen Zähne des Volkes, welches
bekämpft werden sollte, hier in unmittelbarer Nähe der weißen Männer bei
Bundesgenossen.

Er ging langsam durch die Hüttenstraße, welche nach Kaffernart
ringförmig angeordnet war, da fiel ihm eine Gestalt auf, welche ihm
bekannt zu sein schien. Auf den Speer gelehnt, stand inmitten eines auf
ihn lauschenden Kreises ein schwarzer Mann von vornehmer stolzer
Haltung, den Kopf vorgeneigt und den linken Fuß vor den rechten gesetzt,
wie dies die Art Humbatis war, wenn er sich unterredete.

Pieter Maritz trat näher, und beim Geräusch seiner Schritte drehte sich
der Mann um. Es war Humbati. Sein Gesicht verfinsterte sich, als er den
Buernsohn erblickte, und er wandte sich ab, als wollte er sagen, die
Freundschaft gehöre vergangenen Zeiten an.



[Illustration]



Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die Schlacht bei Gingilowo


Lord Chelmsford marschierte gegen den Feind. Er hatte seine feste
Stellung am Tugela bei den Forts Tenedos, Pearson und Williamson
verlassen und zog nordwärts. Seine Regimenter und Wagenzüge bedeckten in
breiter Flut das Hügelland und wälzten sich langsam bergauf und bergab.
Die Engländer waren vorsichtig geworden. Sie verteilten jetzt ihre
Truppen und Wagen so, daß sie sich einander unterstützen konnten, daß
bei einem unerwarteten Angriff des schnellen schlauen Feindes rasch eine
Wagenburg hergestellt werden konnte. Deshalb marschierten sie in vielen
Kolonnen nebeneinander und hatten die Wagen an den äußeren Linien,
starke Infanterieabteilungen aber neben und zwischen den Fahrzeugen.
Auch hatten sie Vorhut und Nachhut, sowie Seitendeckungen gebildet, die
das Herankommen des Feindes frühzeitig entdecken konnten, damit der
Hauptmasse Zeit blieb, sich zum Kampfe zu ordnen.

Bei diesem Dienst waren die leichten Reiter vom größten Nutzen, und
besonders die freiwilligen Buern erwarben sich große Verdienste. Ihre
Augen waren weit besser an das Land und seine Besonderheiten gewöhnt,
auch schärfer als die der Engländer, und ihre abgehärteten Pferde
konnten viel mehr vertragen. Zehn bis fünfzehn deutsche Meilen legten
die Buernreiter an einem Tage zurück, immer im langen Schritt oder im
Jagdgalopp, und sie umschwärmten wachsamen Blickes die englischen
Heerhaufen von allen Seiten. Bei Nacht aber, wenn die englische Armee
sich zu einem dichten Klumpen zusammenschloß, ringsum Verschanzungen
anlegte und die Wagen dahinter reihenweise aneinander schob, dann zogen
draußen die Buernreiter eine lange Kette von Doppelposten, lauschten,
die Büchse vor sich auf dem Sattel und das Ohr gespannt, auf jedes
Rascheln in dem langen Grase und spähten mit gesenktem Kopfe unter dem
Hutrand hervor nach jedem Schatten, der über die Ebene zog oder aus dem
Busch hervorkam.

Pieter Maritz erwarb sich in diesem angestrengten Dienst die höchste
Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Leutnant Dubois mit hundert Reitern
war der Vorhut unter Oberst Law zugeteilt, und er war mit Pieter Maritz
immer voran. Zuweilen gesellte sich auch Major Walker auf seinem
riesigen Braunen zu ihnen, und dann tauschten die beiden Offiziere
Geschichten aus ihrer früheren Dienstzeit miteinander aus, die Pieter
Maritz höchlichst ergötzten. Beide waren in China gewesen und hatten an
den Plünderungszügen des Grafen von Palikao teilgenommen. Besonders
gefiel dem Buernsohn eine Geschichte, die der Major eines Nachts am
Wachtfeuer erzählte: die Schilderung seiner Gefangenschaft in China. Die
Chinesen hätten ihn einmal bei einer Rekognoszierung mit gewaltiger
Übermacht überfallen und vom Pferde gerissen, dann aber in einen Käfig
von Bambus gesteckt, von Stadt zu Stadt getragen und in den Tempeln als
Sehenswürdigkeit ausgestellt, so daß Mandarinen und Volk
zusammengelaufen wären, um den »großen rothaarigen Barbaren« zu sehen
und mit toten Ratten, faulen Eiern und Katzenköpfen zu bewerfen. Pieter
Maritz mußte laut lachen, als er sich vorstellte, welchen Anblick die
mächtige Gestalt in dem engen Käfig geboten haben mußte, und der Major
sparte nicht mit anschaulichen Bildern bei seiner Erzählung und rollte
dazu die Augen und fluchte.

Am 29. März machte das Heer beim Kral Inyoni Halt und übernachtete im
befestigten Lager, am 30. kam es bis zum Kral Amatikulo am
Amatikuloflusse und schlug dort die Zelte auf. Die Krale waren verlassen
und keine Spur von Bewohnern war mehr zu erblicken, doch zeigten sich
während des Marsches hier und dort einzelne bewaffnete Zulus, die, im
Grase versteckt, das feindliche Lager beobachteten, dann aber, wenn die
leichten Reiter sie fangen wollten, mit der Schnelligkeit von Antilopen
verschwanden.

Am 1. April ward von Amatikulo aufgebrochen, durch den Fluß marschiert
und der Weg nach Osten fortgesetzt. Es war ein heller, heißer Tag, doch
zeigten sich gegen Mittag Wolken am fernen Horizont, die für
Gewitterwolken gehalten wurden. Aber es waren Wolken anderer Art. Bald
kam es nahe heran, erfüllte die Luft mit unheimlichem Schwirren und
senkte sich gleich Schneeflocken herab. Es waren Heuschrecken, die von
leichtem Nordwinde gen Süden getrieben wurden. Ihre weißen, bläulich
durchscheinenden Flügel trugen sie sanft wie Fallschirme herunter auf
die Erde, und sie bedeckten bald alles, das Land, das Gras, die Büsche
und Bäume, die Wagen und Geschütze, die Tiere und Menschen mit einer
dicken Schicht. Die Räder gingen über die zerstampften Massen hinweg,
als ob sie in schlüpfrigem Schlamme führen. Dieser Regen dauerte fast
eine Stunde lang. Am Nachmittage ward unweit des Krals Gingilowo Halt
gemacht und ein festes Lager aufgeschlagen. Lord Chelmsford ritt zur
Vorhut, um nach dem Feinde auszuschauen. Die Vorhut war heute von der
Seebrigade gebildet worden und bestand aus der Mannschaft der
Kriegsschiffe Schah, Tenedos und Boadicea mit zwei Neunpfündern und drei
Gatlingmitrailleusen, sowie leichter Kavallerie.

Pieter Maritz begleitete mit fünfundzwanzig Reitern den Oberbefehlshaber
und dessen Stab, als diese hohen Offiziere über die Vorhut hinausritten,
und außerdem waren mehrere Zulus, unter denen der Buernsohn die düstere
Gestalt Humbatis bemerkte, im Gefolge des kommandierenden Generals.

Die Armee war dem Fort Ekowe bis auf fünf deutsche Meilen nahe gekommen,
und Lord Chelmsford wollte versuchen, sich durch Lichtsignale mit dem
Obersten Pearson in Verbindung zu setzen. Er suchte einen Hügel unweit
des Lagers auf, von dem aus Fort Ekowe durch das Fernrohr erblickt
werden konnte, und ließ auf der Höhe einen Heliographen aufstellen.
Pieter Maritz begab sich in die Nähe des Kreises der Offiziere, welche
um den General versammelt waren. Er sah Lord Chelmsford heute zum
erstenmale auf nur wenige Schritte Entfernung. Der General hatte ein
ziemlich schmales Gesicht, welches nicht sehr energisch aussah. Die
dunklen beschatteten Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck. Ein
Offizier vom Stabe stellte ein dreibeiniges Stativ auf, welches einen
beweglichen Spiegel trug, und nun wurden Sonnenblitze aufgefangen und
durch Neigungen des Spiegels in der Richtung nach Ekowe entsandt,
während ein anderer Offizier durch ein Fernrohr beobachtete.

Pieter Maritz erkannte das Fort Ekowe mit bloßen Augen als ein dunkles
Fleckchen am Horizont, und nach einiger Zeit schien es ihm so, als ob
auch drüben etwas Blitzendes wahrzunehmen sei. In der That war es
gelungen, die Aufmerksamkeit der belagerten Besatzung zu erregen und
sich mit ihr zu unterhalten. Einer der Adjutanten des Generals schrieb
die Anzahl der beobachteten Blitze von drüben und die Art ihrer
Reihenfolge und Dauer auf und übersetzte die Zeichensprache in
verständliches Englisch. Pieter Maritz beobachtete den ganzen Vorgang
mit hoher Achtung vor den Erfindungen der militärischen Wissenschaft,
die Zulus aber standen voll Entsetzen dabei, da sie Zauberei der
stärksten Art zu sehen wähnten, und selbst Humbatis Gesicht drückte das
Gefühl geheimen Schauders aus.

Als Lord Chelmsford die Botschaft aus Ekowe erfahren hatte, winkte er
Humbati und unterhielt sich längere Zeit mit ihm. Der stolze Induna
verleugnete auch in seinem Verkehr mit diesem mächtigen Gebieter nicht
die angeborene Würde und sprach in einer Weise und mit einer
hofmännischen und dabei vornehmen Haltung, die nicht nur Pieter Maritz,
sondern auch den englischen Offizieren auffiel.

»Sehen Sie diesen Kaffer an,« sagte einer der Adjutanten zum andern.
»Unsere Schauspieler in London sollten hierher kommen und diese nackten
Niggers studieren, ehe sie auf der Bühne als Könige auftreten.«

Als Lord Chelmsford seine Unterredung mit Humbati beendigt hatte, wandte
er sich zu dem ältesten der Offiziere in seiner Begleitung. Pieter
Maritz konnte verstehen, was er sagte. »Oberst Pearson ist der Meinung,«
sprach der Lord, »daß mindestens fünfunddreißigtausend Zulus in der Nähe
sind, und er rät mir, auf der Hut zu sein. Auch dieser Induna, welcher,
wie Sie wissen, in der höchsten Stellung bei Tschetschwajo war, glaubt,
daß diese Zahl nicht zu hoch gegriffen sei und daß die schwarze Armee im
ganzen trotz ihrer bisherigen Verluste noch mehr als vierzigtausend
Mann zählen werde.« Der Lord seufzte. »Eine schöne Suppe hat Sir Bartle
Frere uns eingebrockt,« fuhr er fort. »Mit dem zehnten Teil der Kosten
an Geld, die wir jetzt opfern müssen, hätten wir auf friedlichem Wege,
ohne Blut binnen wenigen Jahren weit mehr erreicht. Fünfzehn Millionen
Pfund Sterling kostet der Krieg, jeder besiegte Zulu kommt England auf
dreihundert Pfund zu stehen, und das Schlimmste ist, daß das
unglückliche Land, wenn wir unser Ziel wirklich erreichen, nach unserm
Siege schlimmer daran sein wird als vorher.«

Der andere Offizier zuckte die Achseln und antwortete in so leisem Tone,
daß Pieter Maritz nicht recht hören konnte, was er sagte. Lord
Chelmsford aber rief dann laut: »Zu Pferde, meine Herren! Wir müssen
einem Angriffe entgegensehen und uns zum Empfange der Zulus rüsten!«

Indem er einer Ordonnanz winkte, ihm sein Pferd zu bringen, und während
der zahlreiche Stab im Begriff war, sich in den Sattel zu schwingen, war
ein Reiter zu bemerken, der in vollstem Rosseslauf vom Lager herkam.
Alles stockte und sah ihm voll Erwartung entgegen. Er war an dem
Scharlachrocke und den Ärmelzeichen als ein Unteroffizier von den
Dragonern zu erkennen, und bald ritt er den Hügel heran und näherte sich
dem Oberbefehlshaber, der neben seinem Pferde stand. Er überreichte eine
Depesche und meldete dabei mündlich, daß sie vom Obersten Wood komme,
der nach Fort Tenedos telegraphiert habe.

Der General zerriß den Umschlag.

»Oberst Wood hat heftige Gefechte am 28. und 29. März gehabt, aber er
ist Sieger geblieben,« sagte er dann laut. »Doch hat er am ersten Tage
zwölf Offiziere und sechsundachtzig Mann allein an Toten verloren, am
zweiten noch viel mehr. Ah, diese Zulus!«

Pieter Maritz sah, als der General so sprach, Humbati in der Nähe stehen
und bemerkte, daß dessen schlanke Gestalt zu wachsen schien, während ein
unsäglicher Stolz aus dem dunklen Antlitz sprach. Er konnte den Blick
nicht abwenden von dem Induna, so sehr sprach dessen Miene zu seinem
Herzen. Denn es war zugleich mit hohem Stolze eine tiefe Trauer darin zu
lesen, und Pieter Maritz glaubte etwas von der Qual zu verstehen, die
das Herz des Verräters zerriß, der den Tod seines Bruders an dem
Tyrannen rächen wollte, doch das Vaterlandsgefühl nicht in sich ertöten
konnte.

Der General kehrte mit dem ganzen Gefolge zum Lager zurück, und es wurde
eifrig gearbeitet, um es in guten Verteidigungsstand zu setzen. Das
Lager bildete ein ungeheures Viereck, groß genug für die Truppen und die
Tausende von Ochsen, welche Wagen und Geschütze hierher gezogen hatten.
Die vier Seiten wurden aus Gräben und Wällen gebildet. An manchen
Stellen wurden auch Mauern anstatt des Walles errichtet, indem die
Soldaten Steine aus der Nähe zusammenschleppten und nach Art der
Cyklopenmauern übereinander schichteten. Dazu wurden die Wagen ringsum
in langer Linie aufgestellt, um innerhalb der Umwallung eine zweite
feste Stellung zu bilden, und Dornengestrüpp wurde herbeigebracht, um
alle Lücken damit auszufüllen und die Wälle zu bekleiden und ungangbar
zu machen. Nur für die Geschütze wurden Öffnungen gelassen. Nicht allein
Kanonen und Raketengeschütze, sondern auch die furchtbaren Mitrailleusen
wurden herangefahren und mit den Mündungen durch die Scharten gesteckt.
Diese Mitrailleusen, vom Gatlingsystem, hatten je fünfundzwanzig Läufe,
welche bündelförmig vereinigt waren.

Außerdem wurde auf der vom Feinde abgekehrten Seite eine Stelle
freigehalten, durch welche die Kavallerie vorbrechen konnte. Hier wurden
nicht Wall und Graben gezogen, sondern nur schwere Wagen aufgestellt.

In der Mitte des Vierecks war ein großer freier Platz, und hier wurden
die Zelte für den General und seinen Stab, für die Kavallerie und den
Teil der Infanterie und Artillerie aufgeschlagen, welche nicht die
Umwallung zu besetzen hatten. In der Front, nach Norden zu, hielt das
60. Regiment, Scharfschützen, die Verschanzung besetzt; in der rechten
Flanke stand die Seebrigade, Matrosen in blauen Jacken, weiten blauen
Beinkleidern, Leinwandschuhen und Strohhüten, denen die Namen ihrer
Schiffe, Schah und Tenedos, auf die Hutbänder und in die Kragen gestickt
waren. Es waren stämmige, wettererprobte, feste Männer. Das 57.
Infanterieregiment unter Oberst Clarke schloß sich an die Matrosen an
und stand ebenfalls in der rechten Flanke. Die Ecken waren mit
Neunpfündern und Gatlings besetzt. In der rückwärtigen Linie standen die
Hochländer hinter dem Walle, und die linke Flanke ward vom 3. Regiment,
Buffs genannt, und dem 99. Infanterieregiment besetzt gehalten. Auch
hier standen Feldgeschütze und Gatlings in den Winkeln der Verschanzung
und nahe dem Walle die Raketenbatterie unter Leutnant Cane vom
Kriegsschiff Schah. Zwei Bataillone Zulus, jedes achthundert Mann
stark, unter Humbatis Führung, verstärkten die europäischen Truppen, und
im ganzen waren 3400 Weiße und 2300 Schwarze unter Waffen im Lager von
Gingilowo. Pieter Maritz traf, indem er quer durch den inneren Raum des
großen Vierecks ritt, Lord Fitzherbert inmitten seiner Schwadron. Die
Dragoner banden ihre Pferde in gleichmäßigen Reihen mit Kampierleinen
an, und ein reges Treiben kriegerischer Art, das Klirren der Säbel und
Sporen, das Stampfen und Wiehern der Rosse, erfüllte die Linien des
stolzen Regimentes. Die Freunde hatten sich bis jetzt nur einigemal
flüchtig auf dem Marsche gesehen, da ein jeder vollauf mit seinem
Dienste beschäftigt gewesen war, und sie freuten sich, nun ein Stündchen
der Lagerruhe gemeinsam genießen zu können. Pieter Maritz stieg ab und
band Jager neben den Dragonerpferden an. Die Sonne ging unter, und in
der Dunkelheit der Nacht loderten nun die Wachtfeuer innerhalb der
Umwallung empor. Lord Fitzherbert mit mehreren andern Offizieren und
Pieter Maritz ließen sich neben einem der Feuer nieder und besprachen
sich über die Ereignisse des Feldzugs, während ihre Burschen ein
Abendessen bereiteten. Die Dragoner hatten eine Menge von Blechbüchsen
mit eingemachtem Fleisch aus England und Flaschen mit Getränken in ihren
Schwadronswagen mitgebracht, und bald zischten die Kessel und Töpfe, an
eisernen Gabeln und Ketten über der Flamme aufgehangen, und der Geruch
von Fleischbrühe, Pasteten und Punsch verbreitete sich, während
weißlicher Dampf zum afrikanischen Nachthimmel aufstieg. So lagen die
Kriegskameraden auf ihren Mänteln am Feuer, schwatzten, aßen, tranken
und rauchten und vergaßen im Genuß der flüchtigen Stunde die Mühen des
Marsches und des Krieges.

Als es aber spät wurde und die Mitternacht herankam, stand Pieter Maritz
auf. Er hatte Befehl, um Mitternacht mit vierundzwanzig Reitern
aufzubrechen und einen bestimmten Platz vor der Front des Lagers, nahe
dem Inyezanefluß, einzunehmen, der im weiten Bogen nördlich und östlich
das englische Heer umgab und zwei Meilen von hier sich in den Ocean
ergoß.

Die Buernreiter lagerten nahe den Dragonern und schliefen gleich diesen
bei ihren Pferden am Feuer. Pieter Maritz weckte die bestimmten Leute,
und bald war sein Trupp beritten, und die kleine Schar zog durch eine
offen gelassene Stelle aus der Befestigung hinaus in die stille Nacht
des Hügellandes. Nur Sternenglanz beleuchtete ihren Pfad. Sie begegneten
unweit des Lagers dem Leutnant Dubois, der mit einer kleinen Patrouille
die Kette seiner Vedetten abgeritten hatte und nun zurückkehrte. Er
teilte Pieter Maritz mit, daß sich bis jetzt nichts Verdächtiges sehen
lasse und daß die Posten am Flusse noch in der früheren Stellung wären.
Pieter Maritz zog weiter und erreichte nach einer Viertelstunde das
Ufer, löste eine lang ausgedehnte Reihe von Posten ab, schickte die
Leute zum Lager zurück und stellte je zwei seiner Reiter an den Plätzen
auf, wo jene gestanden hatten. Er selbst blieb bei einem der Posten
gerade in der Mitte der Reihe und vor der Front des Lagers, dessen
Wachtfeuer in der Ferne mit ihrem roten Schein ihm die Stellung des
Heeres bezeichneten.

Es war ganz still, nur der leise Ruf der Posten, die sich einander
benachrichtigten, indem sie hin und wider ritten und eine
zusammenhängende Kette bildeten, war zu vernehmen. Selbst der Schritt
der Pferde erstarb in dem hohen Grase. Fast lautlos spülten die Wellen
des Inyezane am Ufer hin; der Fluß war niedrig und schmal. Ein
blaugrauer Schimmer lag auf dem Wasser. Aber bald nach Mitternacht
verdunkelte sich der Himmel, und der Donner grollte in der Ferne. Mit
großer Schnelligkeit zogen gewaltige Wolken herauf und ein Sturmwind
peitschte das Land. Blitz auf Blitz fuhr herab und fast ohne
Unterbrechung krachten die Donnerschläge. Strömender Regen ergoß sich.
Es war unmöglich, in diesem heftigen Gewitter irgend etwas anderes zu
beobachten als das helle Licht der elektrischen Flammen, und die Posten
hatten genug damit zu thun, ihre Pferde zu beruhigen und sich
miteinander in Verbindung zu halten. Man konnte nicht zehn Schritte weit
sehen, wenn nicht gerade der Blitz die Landschaft und die Gestalten der
Nebenposten beleuchtete, und der heftige Regen machte Sehen und Hören
fast unmöglich, während er zugleich Mantel, Rock und Hemd durchdrang und
Roß und Reiter wie in einem Bade hielt. Dieses Unwetter hielt, bald
schwächer, bald stärker in seinem Wüten, gegen drei Stunden an, dann
zogen die schwarzen Wolken vorüber, und die Sterne blickten wieder vom
dunkelblauen Himmel herab. Aber die Landschaft hatte sich in ihrem
Aussehen verändert. Die Erde war durchnäßt, und das Gras lag danieder,
der Inyezane brauste und schäumte und hatte seine Strömung erweitert, so
daß er nicht mehr unten im sandigen Bette floß, sondern bis an den mit
Schilf bewachsenen obersten Rand hinanspülte und mit trüben Wellen
hinüberleckte in die Ebene, wo die Buern auf und nieder ritten.

Der Morgen war nahe, und Pieter Maritz spähte mit Auge und Ohr sorgsam
in die Ferne, ob nicht etwa der Feind, der die nächtlichen Angriffe
liebte, zu spüren sei. Aber alles war still. Währenddessen trieben neue,
leichte Wolken herauf und hüllten den Himmel in Schatten, nur im Osten
war jetzt dicht über dem Horizont eine Klarheit zu entdecken, und der
helle Streifen unterhalb des Wolkenschleiers warf sein Licht über die
Erde hin und beleuchtete den grau schimmernden Fluß. Der Morgenwind
blies über das triefende Gras hin und ließ Pieter Maritz in seiner
durchnäßten Kleidung frösteln.

Da schien es ihm plötzlich, während er vornüber gebeugt nach dem
jenseitigen Ufer blickte, als treibe ein dunkler Gegenstand im Wasser.
Doch spülte manches Stück losgerissenen Buschwerks im Flusse, so daß er
nicht sicher war, ob dies wirklich ein Zulukopf oder etwa nur irgend ein
Strunk, ein faules Holz, ein Klumpen Wurzelwerk sei. Er drückte Jager
vor und ließ ihn durch das harte Schilf und Riedgras bis an den Saum der
Wellen gehen, so daß das Wasser dem Pferde die Hufen bespülte.
Durchdringenden Blickes, mit gesenktem Kopfe, erforschte er die im
Zwielicht fast verschwimmenden Gegenstände. Plötzlich zuckte er
zusammen, seine Augen erweiterten sich, und er legte die Büchse auf den
linken Arm, der die Zügel hielt, während er die Mündung senkte und nach
unten zielte. Vor ihm lag, noch halb im Wasser, die Ellbogen auf das
flache Ufer gestützt, eine schwarze Gestalt, das krause Haar mit
schmalem Stirnband umwunden, einen weißen Busch über dem linken Ohre,
eine Kette von weißen Zähnen um den Hals, den Assagai in der Rechten,
den Schild in der Linken. Aus dem wilden Gesicht blickten Augen gleich
denen eines Raubtiers auf die Reiterfigur, die sich drohend vor ihnen
erhob. Der Zulukrieger schien überrascht zu sein, er hatte wohl nicht
erwartet, geradezu auf einen wachsamen Feind zu stoßen, und nun lag er
bewegungslos da und starrte die auf ihn gerichtete Büchse an, indem er
den tödlichen Schuß erwartete. Das Leben des Zulu lag in des Buernsohnes
Hand, der Finger war am Drücker, und das Korn auf die schwarze niedrige
Stirn gerichtet.

[Illustration: Auf Vorposten am Inyezane.]

Aber in diesem Augenblicke fühlte Pieter Maritz ein inneres
Widerstreben, zu schießen. Er hatte noch niemals Menschenblut vergossen,
und ihm schauderte bei dem Gedanken, den schwarzen Krieger gleich einem
Wild zu töten. Jager bog den Hals und streckte seinen Kopf dem Zulu
entgegen, schwellte die Nüstern auf und schnob, indem er den Geruch
des Fremden witterte. Noch eine Sekunde zauderte Pieter Maritz, indem
verschiedene Empfindungen ihm durchs Herz gingen, dann rief er leise in
der Zulusprache: »Geh zurück, Zulu!«

Ein freudiges Licht blitzte in den Augen des Kaffern auf, und
perlenweiße Zähne wurden zwischen den dicken Lippen sichtbar. Dann glitt
die geschmeidige Gestalt in die Flut zurück und schwamm einem Aale
gleich zum jenseitigen Ufer. Pieter Maritz aber wandte sein Pferd und
jagte die Reihe der Posten entlang. »Paßt auf,« rief er ihnen zu, »die
Zulus kommen!«

Die Reiter horchten auf, ritten nahe an den Fluß heran, und als jetzt
die Sonne über dem Horizont auftauchte und mit einem Schlage strahlende
Helligkeit über das Land ergoß, wurden die Gestalten vieler schwarzer
Männer sichtbar, die am Boden niedergeduckt jenseits des Flusses
heranschlichen oder schon im Wasser lagen, mit einer Hand rudernd, mit
der andern die Waffen emporhaltend. Jetzt begannen einzelne Schüsse zu
krachen, Pulverwölkchen stiegen diesseits und jenseits des Flusses auf,
und an mehreren Stellen färbte das Wasser sich rot, während der
Todesschrei der getroffenen Schwimmer die Morgenluft durchzitterte.

Pieter Maritz schickte eine der Vedetten nach dem Lager zurück, um zu
melden, der Feind rücke an, und ritt selber am Flusse hin, um zu
beobachten, an welchen Punkten und in welcher Menge die Armee der Zulus
herankommen werde. Es kam ihm so vor, als seien, weiter stromabwärts,
dort, wo die englischen Reiter sich an die Buernposten anschlossen, mehr
schwarze Gestalten zu sehen als hier, wo er war, und er eilte dorthin.
In der That erblickte er jetzt, indem er den Vedetten auf dem rechten
Flügel zujagte, in weiter Ferne dunkle Massen, die dem Flusse näher
kamen. Das Ufer war hier von felsigen Erhöhungen eingefaßt, und mehrere
Thalsenkungen zogen sich von jenseits herüber, auch im Wasser selbst
lagen große Felsen, und an einem Punkte ergoß sich der vom Gewitterregen
geschwellte Fluß in einem brausenden Wasserfall nach unten. Das Land war
nicht recht übersichtlich, Buschwerk und Bäume bekleideten die felsige
Einfassung und die Hügel drüben am Inyezane; aber Pieter Maritz täuschte
sich nicht: eine starke Heeresmasse wälzte sich heran und richtete ihre
Spitze gegen die rechte Seite des Lagervierecks. Noch war sie weit
entfernt, aber die Zulus marschierten schnell.

Inzwischen hatte sich das Feuern auf der Postenlinie verstärkt, mehrere
einzelne Schützen waren schon diesseits des Flusses und kauerten, aus
dem Versteck feuernd, in dem schilfigen Uferrand. Die Buern waren zum
größern Teil zurück nach dem Lager geritten, auch die englischen
Vedetten hatten sich zurückgezogen, und nur noch wenige Reiter hielten
stand und schossen sich mit den an Zahl immerfort zunehmenden Zulus
herum. Pieter Maritz harrte aus, der Anblick des Kampfes fesselte ihn,
und er hielt hinter einem Gebüsch verborgen unweit des Wasserfalles, um
so lange als möglich beobachten zu können.

Er sollte sich gar bald überzeugen, daß ein ernster Angriff beabsichtigt
war. Jetzt erschienen drüben in einem engen Thale geschlossene Reihen
zwischen den Felsen, kamen in schnellem Schritt heran und stürzten sich
ohne Besinnen ins Wasser, kaum fünfhundert Schritte unterhalb des
Wasserfalles. Ihre Front war nur zehn Mann breit, aber Reihe folgte auf
Reihe, so daß sie sich gleich einem Nebenflusse zwischen den Felsen
hervor in den Inyezane ergossen. Sie kamen Schulter an Schulter, Schild
an Schild gedrängt, und zwischen den Schilden blitzten die Speerspitzen
und Gewehrläufe in der Morgensonne. Pieter Maritz erkannte das Regiment;
es waren die Blauschilde, mit denen er einst auf die Jagd gezogen war,
und er erkannte auch den Induna, der vor ihnen herzog und sich allen
voran in den Fluß warf. Es war ein schöner, schlanker Mann, und sein
blauer Federschmuck war von einem goldenen Stirnreif umwunden. Mit eng
geschlossenen Gliedern, ein Damm, der sich durch die Strömung schob,
schwammen sie hindurch; die schwarzen Fäuste griffen in das weiß
schäumende, spritzende Wasser, die wilden Gesichter mit dem blauen
Haarschmuck blickten trotzig über die Flut hinweg. Wohl gingen einige
Leute verloren, die an der äußeren Ecke der Kolonne von der starken
Strömung fortgespült und hinuntergerissen wurden, so daß Pieter Maritz
mit Entsetzen das Verschwinden dieser tapferen Leute sah; aber stetig
ging die Masse vorwärts, und nun stieg schon der Kommandant mit dem
Goldring ans Land.

Pieter Maritz trieb sein Pferd an und ritt seitwärts, halb nach dem
Lager zurück, halb zum Flusse gewandt. Er konnte seinen Blick noch nicht
völlig von dem kühnen Übergange der Feinde abwenden. Denn er sah nun
oberhalb der Stelle, wo die Blauschilde kamen, ein anderes Regiment in
breiterer Front heraneilen. Sie trugen Streifen von Leopardenfell um den
schwarzen Federschmuck des Kopfes gewunden, und Pieter Maritz erkannte
eines der alten Regimenter von Mainze-kanze. Doch nun galt es für ihn
kein Säumen mehr, er war der letzte Reiter außerhalb des Lagers, und im
Galopp kehrte er zurück und schlüpfte durch die letzte Öffnung hinein,
welche noch nicht verbarrikadiert war.

Ernst und still war es im englischen Lager, alle wußten, daß es einen
heißen Kampf geben würde. Viele Offiziere, auch Lord Chelmsford selbst,
standen auf den höchsten Punkten der Umwallung und blickten durch
Fernrohre und Doppelgläser nach dem Feinde aus. Pieter Maritz stieg ab
und kletterte die Brüstung hinan, um Meldung über das zu machen, was er
gesehen hatte. Lord Chelmsford hörte ihm aufmerksam zu, als er
berichtete, daß der Kern der Zuluarmee im Anmarsch sei, und daß zum Teil
dieselben Truppen heranrückten, welche bei Isandula unter Dabulamanzi
gefochten hatten. Der General vernahm mit lebhaftem Interesse, was der
Buernsohn ihm über die Art des Angriffs in jener Schlacht erzählte, und
ein Strahl von Kampfeslust erleuchtete seine dunklen melancholischen
Augen. Doch nur kurze Zeit dauerte diese Unterhaltung, denn gar bald
erschien die Zuluarmee selbst, um durch den Augenschein zu zeigen,
welche Kampfart sie hatte. Wie ein großer Bogen spannte sich dort eine
schwarze Masse über dem vom Regen erfrischten, herrlich grünen und
bunten, wellenförmigen Lande aus und schien das Lager in der Front und
von zwei Seiten umspannen zu wollen. Lord Chelmsford zog seine Uhr.

»Vier und ein halb Uhr,« sagte er zu einem seiner Adjutanten. »Die
Entfernung beträgt jetzt etwa dreitausend Schritt. Lassen Sie mit
Shrapnels beginnen.«

Der Adjutant legte die Hand an den Helm, wandte sich zu dem Kommandanten
der Artillerie, welcher erwartungsvoll sein Auge auf den
Oberbefehlshaber gerichtet hielt, und winkte mit dem Taschentuch. Fünf
Sekunden, nachdem der General gesprochen hatte, erschütterte die
brüllende Stimme eines Neunpfünders die Luft, und unmittelbar darauf
erschien ein weißes Wölkchen über der Mitte der dunklen Heereslinie in
der Ferne. Schlag auf Schlag folgten sich jetzt die Donnerschläge aus
der Verschanzung, ein Geschoß nach dem andern sauste den Zulus entgegen,
und der blaue Rauch des Pulvers erfüllte das todsprühende Viereck. Es
war von der Brüstung aus deutlich zu sehen, daß die englische Artillerie
ihrem stolzen Ansehen in der Armee Ehre machte; Shrapnel nach Shrapnel
explodierte in und über den Reihen der nackten Krieger, und eine Lücke
nach der andern wurde in die dichten Haufen gerissen.

Aber immer wieder schlossen sich die Lücken, und ohne Aufenthalt, mit
erstaunlicher Schnelligkeit und Ordnung kam die Zuluarmee heran. Ihre
Massen bedeckten jetzt alle die Hügel diesseits des Flusses, und wie ein
schwarzer See wogte es von den Hängen herab. Jetzt war die Entfernung
bis auf zweitausend Schritte vermindert, und das knatternde Geräusch der
Mitrailleusen mischte sich in den Donner der Kanonen. Inmitten des
furchtbaren Feuers und ganz ohne Deckung frei einherlaufend, vollzogen
die Zulus jetzt eine Bewegung, welche von ihrer früheren Taktik abwich.
Sie mochten das Manöver des Umklammerns bei einem befestigten Lager für
unthunlich halten. Denn sie zogen sich nach links hin, so daß ihr
rechter Flügel der englischen Front gegenüberstand, und machten einen
Angriff allein gegen die Front, während sie den linken Flügel
zurückhielten.

Die englischen Soldaten hinter der Umwallung standen still und
erwartungsvoll. Es war ihnen anzusehen, daß ihnen das Herz an die Rippen
schlug. Sie hatten genug von den Zulus gehört, um zu wissen, daß es sich
um Tod und Leben für sie handelte. Lautlos lehnten sie gegen den Wall,
den Blick auf den Feind gerichtet, das Gewehr auf die Schanze gestützt
und die Fäuste fest am Schaft. Erst wenige Kugeln der Feinde hatten
getroffen, die Entfernung war noch weit, und die Schützen, welche den
stürmenden Heeresmassen vorausliefen, hatten kein günstiges Ziel. Ihre
Geschosse schlugen in den Wall oder in die Dächer der Wagen, und erst
drei oder vier der Verteidiger waren verwundet worden. Doch flogen die
feindlichen Kugeln mit jedem Augenblick dichter, Lord Chelmsford und
sein Stab verließen den freien Stand auf dem Walle und stiegen zu
Pferde, um vom inneren Raum des Vierecks aus mit ihren Feldstechern die
Bewegung der Zulus zu überwachen. Auch Pieter Maritz stieg wieder zu
Pferde und hielt neben dem Leutnant Dubois vor der Schar der Buern, die
neben den Pferden am Boden saßen. Er war ganz in der Nähe des
Oberbefehlshabers, der in der Mitte des Lagers hielt.

Jetzt kamen die Kugeln der Zulus häufiger und häufiger. Eine Bewegung
gab sich in der Front kund; Oberst Northey, der Kommandant des 60.
Regiments, welches diese Seite verteidigte, war schwer verwundet
niedergesunken. Er hatte über die Brüstung weg nach dem Feinde
ausgespäht, da riß ihm die Kugel eines gut zielenden Zulu das
Doppelglas aus der Hand und traf ihn am Kopfe, daß er zusammensank.

Die geschlossenen Regimenter des Feindes waren jetzt bis auf tausend
Schritt Entfernung herangekommen, und die Scharfschützen, deren Kommando
an Oberst Northeys Stelle der nächstälteste Offizier übernommen hatte,
begannen ein Schnellfeuer aus ihren Remingtons, welches mit
unaufhörlichem Knattern die Front entlanglief und nun die Grundmelodie
zu den Donnerschlägen der Neunpfünder und dem Rasseln der Gatlings
bildete. Ein Rauch entwickelte sich, der gleich dichtem Nebel den Saum
des Lagers einhüllte und nichts mehr vom Feinde erkennen ließ, doch
bemerkte man nun seine Nähe an einem furchtbaren Schlachtgesang, der mit
seinem mächtigen Schall und wildem Klang selbst das starke Feuer der
Engländer übertönte. Bei diesem Gesang ging ein Beben der Aufregung
durch das große Viereck, und Pieter Maritz sah, wie die dunklen Massen
der Zulubataillone hinter den roten Linien der abgesessenen Dragoner
gleichsam erzitterten, wie die Köpfe sich drehten und senkten und die
Schilde unruhig wurden. Nur Humbati stand gelassen vor seiner Schar, die
Arme über der Brust gekreuzt und stetig vor sich hin blickend.

Indem der Gesang näher kam, erhob sich plötzlich ein Wind von Nordwesten
her, der den Nebel nach dem Meere zu trieb, und die Reiter erblickten
von ihren Pferden aus wieder die Regimenter der Zulus. »Ah, seht doch,
seht doch!« rief Lord Chelmsford mit dem Tone der Bewunderung, indem er
den Arm nach der Front hinausstreckte. Pieter Maritz sah das Gesicht des
Generals erbleichen und seine Augen in kriegerischer Erregung funkeln.

»Seht doch!« rief Lord Chelmsford von neuem, »sie tanzen in die
Schlacht. Ah, die tapferen Leute!«

Pieter Maritz folgte mit dem Blick der Richtung, welche die Hand des
Generals bezeichnete, und sah den Angriff der Zulus mit derselben
staunenden Bewunderung, wie der englische Heerführer, der die russischen
Kolonnen bei Sebastopol, den Angriff der fanatischen Inder im
Sepoyaufstande und die wilden Scharen des Kaisers Theodor von Abessinien
gesehen hatte. Er erblickte eine Angriffsmasse der Zulus, die so breit
war, wie die englische Front. In der Mitte war das »Regiment des
Königs«, ihm zur Rechten das Regiment der weißen, links das Regiment der
roten Schilde. Wie eine Mauer kamen sie fest geschlossen heran, den
Schild vor der Brust, den Stoßassagai in der Rechten, die Federn des
Kopfputzes und die weißen Ochsenschwänze auf der Brust und vor den
Schienbeinen im Winde wehend, und deutlich waren die gefleckten und
farbigen Stirnbänder über den wilden Gesichtern zu erkennen. Das
Schießen hatte aufgehört, die vor den Regimentern einherlaufenden
Schützen waren verschwunden, und aus den geschlossenen Massen wurde kein
Schuß abgefeuert. Sie kamen im Laufschritt heran, ganz frei und ohne
Deckung, die vornehmsten Indunas mit den Goldringen voraus, und in der
That glich die Art ihres Laufens einem Tanzen, wie Lord Chelmsford es
bezeichnet hatte. Denn ihr schneller Schritt war hüpfend und springend,
wie wenn sie im stolzen, freudigen Bewußtsein ihrer früheren Siege zu
einem Feste eilten. Nichts vermochte sie aufzuhalten. Die Shrapnels
fuhren in ihre Reihen hinein, und krachend explodierten inmitten ihrer
dicht aufeinander folgenden Glieder die gefährlichen, mit Kugeln
gefüllten Hohlgeschosse. Sie sprangen über die Toten und Verwundeten
hinweg und schlossen sich wieder zusammen. Die Raketen sausten zischend
und flammend in die Massen hinein, aber vermochten nicht, sie zu
erschrecken. Die Stellen, auf welche die Gatlings gerichtet waren,
wurden wieder und wieder gelichtet und zerrissen unter dem stürmenden
Hagel der kleinen bleiernen Bolzen, aber unaufhörlich sprangen die
Hintermänner vor, um die gefallenen Vordermänner zu ersetzen. Schuß nach
Schuß aus den Remingtons durchbohrte Schild und Brust, Stirnband und
Stirn, aber das wütende Jauchzen und der schnelle Takt des
Kriegsgesanges hörten nicht auf. Jetzt waren sie nur noch zweihundert
Schritte entfernt, jetzt waren die weißen Zähne und die rollenden Augen
deutlich zu sehen, und in den nächsten Minuten füllte sich das Terrain
dicht vor Graben und Wall mit nackten, schwarzen Gestalten. Aber kein
Mann wich in der Front von der bedrohten Umwallung. Mit
zusammengebissenen Zähnen standen die Engländer hinter der Brüstung,
Büchse reihte sich an Büchse, und das hintere Glied steckte die
Mündungen durch die Lücken des vorderen. Was weder Shrapnels noch
Raketen noch die Kugeln der Gatlings vermocht hatten, das vollbrachte
jetzt das tödliche Feuer der Hinterlader. Kein Schuß ging fehl in dieser
Nähe, und das grüne Gras vor dem Graben färbte sich mit Blut und
verschwand unter Leichen. Wohl erschienen einige Köpfe mit drohend
nickendem Kopfputz über dem Rande des Walles, aber sie sanken wieder
zurück, und die Masse kam nicht herauf. Unter so furchtbaren Verlusten
wankten selbst die Zulukolonnen; das gellende Jauchzen, welches nahe
dem Lager an Stelle des donnernden Gesanges getreten war, verstummte,
rückwärts flutete die schwarze Menge, und erleichtert atmete die Brust
der tapferen Verteidiger auf.

»Hurra für Altengland!« hörte Pieter Maritz eine Stimme halblaut sagen.
Er blickte nach Lord Chelmsford und sah, wie der General das Glas von
den Augen nahm und mit unwillkürlicher Handbewegung den Hals seines
Pferdes streichelte. »Hurra für Altengland!« tönte es im Stabe wieder,
und »Hurra für Altengland!« rollte es im Triumphschrei durch das Lager.

Da bemerkte Pieter Maritz hinter den zurückfliehenden Trümmern des
Königsregiments eine Reiterfigur auftauchen. Dabulamanzi flog heran, den
Speer in der Rechten schwingend, und suchte den Lauf der Flüchtigen zu
hemmen. Er ritt einen Fuchs, und Pieter Maritz erkannte das
Leopardenfell auf dem Rücken des Pferdes. Ohne Sattel und Bügel saß der
Bruder des Königs auf dem feurigen Tier und ließ es sich bäumen inmitten
des flüchtigen Haufens, während er mit dem Speer in die Menge hieb.
Hinter ihm aber wälzten sich neue Haufen heran, die Reserve, welche der
kriegskundige Prinz zurückgehalten hatte und nun heranführte, um die
weichende Schlachtlinie aufzunehmen und neu zu stärken. Drei frische
Regimenter stürmten heran, hemmten die zurückstürmende Flut und
schwemmten sie im eigenen Anlauf wieder vorwärts. Kaum war noch der
Jubelruf im Lager verhallt, da nahte mit derselben Wucht und
Schnelligkeit des ersten Angriffs der zweite.

Ein warnendes Kommando lief durch die Reihen der Engländer hin, aus den
Munitionswagen des 60. Regiments wurden neue Patronen in den Gliedern
verteilt und mit gesammelter Kraft, in düsterm Schweigen erwarteten die
Weißen den erneuerten Sturm ihrer schwarzen Feinde.

Er kam heran wie eine Gewitterwolke, düster, drohend und mit dem alten
erschütternden Gesange. Doch flogen jetzt auch zugleich die Kugeln von
Feindesseite. Dabulamanzi ließ die zerstreuten Haufen der geschlagenen
Regimenter vor und neben seiner zweiten Schlachtlinie herlaufen und mit
kluger Berechnung von den Seiten her das Lager mit Schüssen beunruhigen.
Dies Feuer blieb nicht ohne Wirkung, manche Kugel fand ihren Weg durch
die Geschützscharten hindurch und über den Wall und die Wagen weg in das
Innere. Oberst Crealock, vom Stabe des Oberbefehlshabers und neben ihm
haltend, ward verwundet, Major Barrow vom 10. Husarenregiment und
Leutnant Johnson vom 99. Regiment sanken getroffen zu Boden.

»Major Walker!« rief Lord Chelmsford, »lassen Sie die Buern zur
Verstärkung des 60. Regiments vorrücken.«

Der riesige Major drehte seinen Gaul und ritt näher an die Reiter heran,
welche neben ihren Pferden standen, und befahl ihnen, die Tiere
zurückzulassen und sich zur Front zu begeben. Nur ein kleiner Teil blieb
zurück, um nach Buernsitte die Pferde zu halten, die Hauptmasse ging
vorwärts und kletterte auf die Verschanzung. Auch Pieter Maritz stieg ab
und gesellte sich, die Büchse auf der Schulter, zu seinen Landsleuten.
Die Buern mischten sich zwischen die Rotröcke, und neben den weißen
Helmen blickten jetzt Hunderte von dunklen Hüten über die Brüstung
hinweg, und Hunderte von Repetiergewehren verstärkten die Linie der
Remingtons. Kopf stand an Kopf gedrängt, und Mündung neben Mündung
starrte den Zulus entgegen, die im vollen Feuer der Geschütze mit der
alten Tapferkeit unerschütterlich herankamen.

Nun waren sie so nahe, daß das Infanteriefeuer wirken konnte, und die
Buern zugleich mit den Schützen des 60. Regiments eröffneten ein
mörderisches Feuer. Mann nach Mann stürzten in den Reihen der Zulus,
Assagaien und Schilde entsanken den Händen der Getroffenen, der
Todesschrei vieler Krieger mischte sich in den Schlachtgesang, und der
Weg, den die stürmenden Massen zurücklegten, ward durch Haufen von
schwarzen Gestalten bezeichnet, die sich am Boden wälzten.

Pieter Maritz bemerkte den Unterschied, der sich zwischen dem Feuer der
englischen Scharfschützen und dem der Buern zeigte. Während er selber
feuerte, streifte sein Blick die Linie der Männer neben ihm, und er sah,
daß die Engländer ihre Gewehre nur auf die Masse richteten und
unaufhörlich feuerten und luden, daß die Buern aber bedächtig zielten
und nach Art geübter Jäger immer einen bestimmten Feind aufs Korn
nahmen. Auch ersparte ihnen das Magazin ihrer Büchsen das häufige Laden,
und sie vereinigten bei ihrem Schießen die Genauigkeit mit der
Schnelligkeit. Sie setzten die Waffe nur selten von der Backe ab, eine
Kugel folgte der andern mit tödlicher Sicherheit.

Der Wind trieb noch immer den Rauch nach rechts und ließ die Kolonnen
der Zulus, indem er das Schußfeld frei erhielt, deutlich erkennen.
Pieter Maritz hatte im gemeinsamen Kampf und in der Notwendigkeit der
Gegenwehr die frühere Scheu vor dem Töten verloren, und während die
Kampfeswut, die alle Herzen entflammte, auch sein Gemüt immer mehr
berauschte, schickte er manche treffsichere Kugel in die schwarzen
Reihen. Es galt jetzt zu siegen oder unterzugehen. Wenn nur an einer
einzigen Stelle die verzweiflungsvoll anstürmenden nackten Krieger die
Verschanzung überstiegen oder durchbrachen, so lebte nach einer halben
Stunde kein Mann mehr im weiten Umkreise des Lagers. Keiner von allen
Verteidigern erblickte das Licht eines neuen Tages, wenn ihre Linie sich
auch nur in einem einzigen Punkte schwach erwies. Das wußten sie alle,
die auf dem Walle standen, und regelmäßig wie Maschinen, doch mit
flammenden Augen, Gesicht und Hände vom Pulver geschwärzt, glühend von
Hitze und ganz in Schweiß, arbeiteten sie an dem Werke des vielfältigen
Todes.

Da schien es Pieter Maritz, obwohl die Zulus dicht vor ihm seine
Aufmerksamkeit gleich der aller andern Männer in der Front in Anspruch
nahmen, als ob sich hinter dem wallenden Rauch, der nach rechts wehte,
eine Bewegung vollziehe. Das Terrain war nur schwer übersichtlich, da
nicht allein der Pulverdampf aus den Gewehren, sondern namentlich die
dichten Wolken der auf den Ecken stehenden Gatlings und Neunpfünder es
immer von neuem verhüllten; aber der Buernsohn glaubte doch ein Blitzen
von Speeren dahinter bemerkt zu haben, und er erinnerte sich jetzt des
eigentümlichen Manövers, welches die Zulus zu Anfang der Schlacht
ausgeführt hatten. Während sie sonst den Feind zu umklammern suchten und
eine Schlachtlinie ähnlich dem Stierhaupt mit gebogenen Hörnern
bildeten, hatten sie ihren linken Flügel heute zurückgehalten. Sollten
sie auf den Rauch und Wind gerechnet und einen überraschenden Angriff
gegen die rechte Flanke des Lagers geplant haben? Pieter Maritz sah sich
um und blickte nach Lord Chelmsford, indem er sich zugleich duckte, um
den Kopf nicht preiszugeben. Der General hielt auf seinem Platze in der
Mitte und überwachte den Kampf in der Front, aber jetzt nahm Pieter
Maritz die Gestalt Humbatis wahr, der mit einem leichten
pantherähnlichen Satze von einem Wagen der rechten Lagerflanke
heruntersprang und sich dem Oberbefehlshaber näherte. Lord Chelmsford
neigte sich zu ihm vom Pferde hinunter, um seine Stimme im Lärm des
Kampfes vernehmen zu können, und richtete dann sein Glas auf jenen Punkt
in der rechten Flanke, den auch Pieter Maritz bemerkt hatte. Dann
schickte er einen der Adjutanten zu den Matrosen und dem 57. Regiment.
Dieser ritt die Linie entlang und benachrichtigte die Offiziere, die
Augen der Verteidiger auf dieser Seite wandten sich einer neuen Gefahr
entgegen.

Und nicht lange währte es, da zeigte sie sich in naher Gestalt. Während
noch die Front bestürmt wurde und die Zulus trotz ihrer schrecklichen
Verluste nicht abließen, immer von neuem heranzulaufen, ertönte der
dröhnende Schlachtgesang auch von rechts her, und aus dem dichten
Pulverrauch tauchten die frischen Regimenter des linken Flügels auf. Sie
kamen, ohne zu feuern, im schnellen Laufe heran und umgaben mit weiter
Schwenkung nicht allein die rechte Flanke, sondern auch die rückwärtige
Linie, welche von den Schotten besetzt war. Ihr Angriffsschrei belebte
den wankenden Mut des rechten Flügels, und nun stürmten dichte schwarze
Haufen von drei Seiten auf das Lager ein. Es glich einem Krater, der
Feuer speit, und das Getöse so vieler Feuerwaffen und rufender Männer
war betäubend. Auf allen vier Ecken waren jetzt die Kanonen und
Mitrailleusen in Thätigkeit, die Raketenbatterie feuerte unaufhörlich,
und Tausende von Gewehren mischten ihre Stimme in das Krachen der
Geschütze. Dazu umtobte wie ein Gesang aus der Hölle das Brüllen und
gellende Jauchzen der Zulus die kugelspeienden Wälle, und gleich dem
Meere, das an dunkle Felsen brandet, schlugen Menschenwellen gegen den
festen Wall an.

Mehreremal schienen die Zulus ihr Ziel zu erreichen. Über die Leiber der
Gefallenen hinweg, die den Graben füllten, stiegen sie reihenweise bis
zur Brüstung empor und blickten mit ihren Tigeraugen in das Innere des
englischen Lagers. Mehrfach krochen sie unter den Geschützen weg und
neben den Lafetten zu den Artilleristen heran. Aber keiner kam lebend
davon. Die Matrosen hatten die Hirschfänger auf ihre Martini-Henrys
gesteckt und stachen Mann für Mann nieder, wie sie über den Wall
guckten. Die stämmigen Hochländer schlugen mit den Kolben auf die
schwarzen Köpfe; als sich aber die Schädel zu hart und der Haarputz zu
zähe erwies für eine gute Wirkung des Schlages, da stachen sie gleich
den übrigen. Die Artilleristen schossen mit Karabinern und die Offiziere
mit Revolvern die einzelnen Leute nieder, welche durch die
Geschützscharten kamen. Es war ein wildes Gemetzel.

Endlich ließ der Ansturm nach, und das gellende Jauchzen verstummte. Das
Schnellfeuer der Europäer hinter den Wällen war zu mörderisch für den
Feind, die Taktik der Weißen war dem schwarzen Manne zu mächtig. Die
Zuluregimenter, kläglich zusammengeschmolzen, schwankten und wankten,
strömten rückwärts und lösten sich auf.

Da winkte Lord Chelmsford. Die Wagen auf der Ausfallsseite wurden
beiseite geschoben, und Humbati mit seinen schwarzen Bataillonen stürzte
aus der Lücke hervor. Dann erschollen die Trompeten, und die Dragoner
schwangen sich in den Sattel. Major Walker zog sein Schwert und
befehligte die Buern zu ihren Pferden. Es galt den weichenden Feind
völlig zu verjagen. Nach rechts hin, auf den linken Flügel der Zulus,
warfen sich Humbatis wilde Krieger, nach links hin trabten die Dragoner.
Ihnen folgten die Buern.

Pieter Maritz ritt neben dem Leutnant Dubois vor den Reihen der Buern,
und Major Walkers mächtige Reiterfigur wies ihnen den Weg. Er wandte
sein rotes Gesicht, sich im Sattel drehend, den Reitern zu, schwang den
Pallasch und rief, indem er nach den Dragonern zeigte, die etwas voraus
waren: »Vorwärts, ihr braven holländischen Dickköpfe! In eine Linie mit
den Dragonern! Ihr sollt mir eine Frikassee aus den Niggern machen!«

Aber den Buern gefiel der Reiterangriff nicht. Sie trabten zwar eine
Strecke weit vor, als sie aber merkten, daß die Zulus sich wieder
setzten und dicke Haufen bildeten, als Kugeln ihnen entgegenflogen, da
siegte bei ihnen die alte Gewohnheit. Sie hielten an, ohne auf den
drohenden Ruf des Majors und des Leutnants Dubois zu achten, stiegen von
den Pferden, warfen sich in das Gras und begannen zu feuern. Pieter
Maritz allein blieb bei den Offizieren, und indem er Jager vorwärts
trieb, sah er sich in wenigen Minuten neben der vordersten Schwadron der
Dragoner, an deren Flügel Lord Fitzherbert ritt. Gleich darauf schloß
sich Leutnant Dubois an, und dann erschien fluchend und tobend Major
Walker auf seinem großen Schlachtroß.

Die Zulus waren auf der Flucht, aber ein Teil von ihnen hatte sich doch
in Klumpen zusammengeballt und wandte dem verfolgenden Feinde das
Gesicht zu. Ihre Kriegskunst war nur auf den Angriff berechnet und sie
verstanden wenig von der Verteidigung. Der Mut mußte bei ihnen die Kunst
ersetzen. Doch hatte Dabulamanzi mit dem glücklichen Blick des
geschickten Heerführers während des Rückzuges einen Platz ausersehen,
der durch Busch und Schilf nahe dem Flusse einen Vorteil für die
Gegenwehr bot, und dorthin einige Tausende aus den besten Regimentern
geleitet.

Pieter Maritz sah, als er mit den Dragonern gegen die dunkle Masse
dieses letzten geschlossenen Restes der Zuluarmee anritt, des Prinzen
Gestalt zu Pferde über das Fußvolk hinwegragen und zeigte sie seinem
englischen Freunde. Ein wildes, jubelndes Gefühl der Kriegslust erfüllte
seine Brust, als er den Feind vor sich sah und das Stampfen der Rosse,
das Klirren der Waffen um sich her vernahm. Er warf die Büchse auf den
Rücken und riß laut jauchzend die spanische Klinge aus der Scheide.
»Adolphus!« rief er dem Lord zu, »dort Dabulamanzis goldener Stirnreif!
Um die Wette, wer ihn erobert!«

»Drauf los, es gilt!« antwortete der Engländer.

Er ritt heute den prächtigen Rappen, mit dem er einst den Wettritt mit
dem Buernsohn gemacht hatte, und wieder lief Jager mit dem schönen Tiere
um den Preis des Sieges.

Die Zulus steckten in Schilf und Gebüsch und zeigten eine drohende
Miene. Sie glichen dem Raubtier, das in die Enge getrieben ist und die
Zähne zeigt. Sie waren still und ingrimmig, sie schlossen sich um ihre
Indunas und des Königs Bruder zusammen, sie bildeten einen Zaun aus
ihren Schilden und streckten die Stoßassagaien als Dornhecke vor. Dazu
schossen sie aus den Gewehren, und manche Kugel flog in die
Dragonerschwadronen, so daß hier und da Mann und Pferd rasselnd
zusammenstürzten.

Doch in voller Karriere stürmten die Reiter heran, die Pallasche hoch
geschwungen, und jetzt waren sie so nahe am Feinde, daß sie deren
düstere Gesichter erkennen konnten. Ein Schauer von Assagaien sauste
ihnen entgegen, und er war gut gezielt. Major Walker ward von einer
scharfen Spitze in den Hals getroffen, die ihm für immer den Geschmack
an schweren Getränken verdarb. Wie ein gefällter Baum stürzte er
krachend zu Boden. Viele Pferde bäumten sich auf und sanken in die
Kniee. Im nächsten Augenblick aber waren die Reiter im Dickicht und
zwischen den nackten Gestalten; ein wildes Handgemenge entbrannte.

Den Zulus war der Kampf mit Kavallerie ungewohnt, und da sie nur ihre
vornehmsten Indunas zu Pferde kannten, hatten die Tiere etwas
Schreckenerregendes für sie. Doch fanden sie sich in ihrem
verzweiflungsvollen Mut sehr bald in die neue Lage. Während die Dragoner
in vollem Rosseslauf auf sie einsprengten und mit ihren schweren
Pallaschen von oben herab hieben, versuchten die Zulus teils mit
vorgehaltenen Speeren die Attacke aufzuhalten, teils an die Zügel zu
springen und mit ihren Kirris die Reiter herunterzuschlagen. Als die
Dragoner inmitten des hohen Schilfes und der Büsche, inmitten der
schwarzen Haufen von Männern waren, kam es auf die Kraft und
Geschicklichkeit der einzelnen an, und während die berittenen Soldaten
der Königin ihre Pferde ringsum tummelten und hieben und stachen,
entspann sich mancher Zweikampf zwischen einem Rotrock und einem nackten
Schwarzen. Die Zulus glitten gleich Schlangen zwischen die Reiter,
nestelten sich, geschmeidig dem Schwert und den Hufen ausweichend, an
Sattelzeug und Zügel an, und stachen mit den Assagaien oder hieben mit
dem Kirri. Mancher Ochsenschild ward von den englischen Klingen
durchhauen und mancher künstliche Kopfputz von scharfen Hieben
durchschnitten.

Pieter Maritz ritt mitten im Getümmel, und links von ihm war Lord
Fitzherbert, rechts der Leutnant Dubois, der sich die Ehre des Einhauens
in der ersten Linie nicht wollte nehmen lassen, obwohl seine Buernreiter
weit dort hinten waren und, klug im Grase vorwärts gehend, Schuß auf
Schuß hinter den Fliehenden hersandten. Alle drei strebten um die Wette
vorwärts und hatten den Mittelpunkt der starken Zuluschar, den Prinzen
Dabulamanzi, ins Auge gefaßt. Wilder Taumel hatte sich der Empfindungen
des Buernsohnes bemächtigt, und er dachte mitten im Blutvergießen nur
noch an Kampf. Dennoch leitete kühle Besonnenheit seine Handlungen,
soweit sie sich auf sein Ziel bezogen, und gleichsam ein neuer Sinn, die
Geistesgegenwart im Handgemenge, lenkte ihm Auge und Arm. Wie in einem
instinktmäßigen Ahnen, ohne darüber nachzudenken, vermied er die
Assagaien und parierte die Schläge der Kirris. Ein riesiger Zulu sprang
ihm entgegen und streckte seine Hand nach Jagers Zügel aus. Aber Pieter
Maritz warf das Pferd zur Seite und hieb blitzschnell zu, so daß die
gute Klinge, Lord Fitzherberts Gastgeschenk, den Streifen von
Leopardenfell und die schwarzen Federn auf des Zulu Stirn durchschnitt
und der nackte Krieger in die Kniee fiel, während Schild und Speer
seiner Faust entsanken. Ein Induna vom »Regiment des Königs« zielte auf
ihn mit dem Wurfassagai, aber indem der leichte Speer heranflog, duckte
sich der Buernsohn, und die scharfe Spitze streifte nur den Hutrand.
Vorwärts trieb er Jager in das dickste Getümmel hinein, denn neben ihm
brachen sich auch der Lord und der Franzose mit schweren Hieben eine
Bahn, und trotzig hielt noch immer inmitten einer auserwählten Truppe
Prinz Dabulamanzi im Hintergrunde.

Das Schilf ward von Rosseshufen und den Füßen vieler Männer
niedergetreten und schwarze Gestalten lagen zwischen den harten scharfen
Halmen neben den Körpern von Dragonern und Pferden. Rücksichtslos traten
die Hufe der nachdringenden Reiter auf die Leiber der Toten und
Verwundeten. Allen voran kamen die drei um die Wette kämpfenden
Streiter. Jetzt war Leutnant Dubois am weitesten vor. Der zähe,
kriegsgewohnte Mann hatte sich einen blutigen Pfad gebahnt. In der
Linken hielt er den Revolver, in der Rechten einen langen Stoßdegen, den
er schon in manchem Kampfe geführt hatte, und den Zügel hielt er mit den
Zähnen. Aber zu seiner Verwunderung erblickte er den Buernsohn ganz in
seiner Nähe im Gewühl. Zwanzig Schritte weiter links hieb Lord
Fitzherbert, weit ausholend, nach beiden Seiten von seinem großen Rappen
herunter.

Nun war die letzte Reihe der Zulus durchbrochen, und die Reiter sahen
Dabulamanzi selbst, von wenigen Kriegern umgeben vor sich. Als Pieter
Maritz gegen ihn ansprengte, begegnete sein Blick dem kriegerischen Auge
des schwarzen Prinzen, und ein Blitz des Wiedererkennens flog zu ihm
herüber. In stolzer Haltung hielt Dabulamanzi den Speer empor, und mit
vornehmer Anmut saß die schlanke, glänzend schwarze Gestalt auf dem bunt
gefleckten Fell, welches den Rücken des Fuchses bedeckte. Trotzig
standen die treuen Begleiter um ihn her, und während die Trauer über
ihre Niederlage und die Ahnung vom Untergange des Zulureiches sich in
ihren düsteren Gesichtern malte, zeigte ihre Stellung an, daß sie
zugleich mit dem Siege auch ihr Leben aufgaben.

Ein Assagai, von einem der Fußgänger geschleudert, sauste dem Buernsohne
entgegen und fuhr ihm zwischen Brust und linkem Arm hindurch. Pieter
Maritz fühlte einen schneidenden Schmerz an der Innenseite des Arms,
doch ließ er die Zügel nicht los. Jetzt kamen Lord Fitzherbert und der
Franzose zu beiden Seiten an ihn heran und griffen alsbald neben ihm die
finstere Gruppe der letzten Verteidiger des Schlachtfeldes an. Pieter
Maritz rief Jager eine Ermunterung zu und schwang sein Schwert, ohne auf
die Streiter zu Fuß zu achten, allein gegen Dabulamanzi.

[Illustration: Der Sieg von Gingilowo.]

Der Prinz holte zum Stoße aus und schwang den Speer gerade gegen die
Brust des Buernsohnes. Aber Pieter Maritz traf den Assagai mit einem
schnellen Hiebe hinter der Spitze, und die vortreffliche Klinge
zerschnitt den starken Rohrschaft, so daß das spitzige Eisen zu Boden
fiel. Nun war Jager mit einem Satze neben dem Fuchs, und in demselben
Augenblick traf des Buernsohnes Degenstoß den schwarzen Heerführer in
die nackte Brust. Dabulamanzi breitete die Arme aus und sank rückwärts,
ein Wehgeheul drang von den Lippen der umgebenden Zulus empor. Pieter
Maritz aber griff mit starker schneller Hand, während er den Degen mit
den Zähnen hielt, nach dem Goldreif auf dem sinkenden Haupte, riß ihn ab
und schwang ihn triumphierend in die Höhe.

[Illustration]



[Illustration]



Dreiundzwanzigstes Kapitel

Prinz Ludwig Napoleon


Der Anblick des Schlachtfeldes hatte sich verändert. Nicht mehr der
wilde Angriff der todesmutigen Zulus, nicht mehr der donnernde Gesang
und das gellende Rufen der schwarzen Krieger erfüllten das
wellenförmige Land, und aus den drohenden Wällen des englischen Lagers
sprühte nicht mehr der bleierne Tod. Als die Dragoner den letzten
Widerstand des weichenden Heeres niedergeworfen hatten, da waren nur
noch flüchtige Scharen, traurige Überreste der stolzen Regimenter
Tschetschwajos zu sehen. Sie flüchteten dem Flusse zu, viele waren
schon hindurchgeschwommen, andere waren im Wasser, die letzten eilten,
sich in die Wogen zu stürzen. Hinter ihnen ritten die Dragoner, und
mancher Schwerthieb, von oben auf nackte Schultern und schön geputzte
Köpfe niedersausend, warf noch Flüchtige nieder. Hinter ihnen ritten
und liefen die Buern und sandten aus sicherer Ferne ihre
unfehlbaren Schüsse. Am schrecklichsten aber hinter den fliehenden
Massen waren Humbatis schwarze Bataillone. Sie streiften die Walstatt
ab, soweit sie mit den Körpern der Gefallenen bedeckt war, und stießen
allen, in denen noch Leben war, den Assagai durchs Herz. Kein
Verwundeter kam davon. Engländer und Buern kannten die Schonung, und
wo sie einen Mann am Boden sahen, da eilten sie vorbei und strebten,
die noch Rüstigen zu erreichen; aber das schwarze Volk in seinem
Blutdurste kannte nicht Mitleid, nicht Edelmut. Alle, alle wurden
ermordet, die, von Kugeln getroffen, sich noch winden konnten, und den
Toten wurden Waffen und Schmuck, die zierlichen Ketten und Ringe,
schöne Federn und Amulette vom Leibe gerissen. So zeigten sich die
eigenen Brüder grausamer gegen die Unterlegenen als der weiße
europäische Feind.

Pieter Maritz ritt mit den Dragonern zurück, trug Dabulamanzis Kopfring
in der rechten Hand und blickte von Zeit zu Zeit nach dem Blut, das ihm
in seinem zerrissenen linken Ärmel herunterlief. Der schöne neue Rock
dauerte den Buernsohn. Es war ihm fast wie in einem Traume. Der
betäubende Wirbel des Kampfes hatte aufgehört und seine Erlebnisse zogen
ihm schattenhaft durch die Erinnerung. Neben ihm ritten außer Lord
Fitzherbert und dem Franzosen noch mehrere andere Offiziere und
beglückwünschten ihn zu seinem Erfolge. So kamen sie bis nahe dem Lager
zurück, wo Lord Chelmsford inmitten seines Stabes hielt und die Truppen
aus dem Lager aufmarschierten.

Der Kommandant der Dragoner führte Pieter Maritz gerade auf den
Oberbefehlshaber zu und stellte ihn vor, indem er Meldung über die
ausgeführte Verfolgung machte.

»Ich empfehle Eurer Excellenz Beachtung insbesondere diesen jungen
Mann,« sagte er, »der sich in hervorragender Weise tapfer und geschickt
gezeigt hat. Durch seine Hand fiel der feindliche Heerführer, und der
Ring hier ward von ihm im Handgemenge von des schwarzen Prinzen Kopf
genommen.«

Lord Chelmsford heftete seinen Blick auf das errötende Gesicht des
Buernsohnes und erkannte ihn wieder.

»Ist das nicht der junge Mensch, der Zeuge des Kampfes von Isandula
war?« fragte er.

Pieter Maritz zog seinen Hut und verneigte sich.

»Aber Sie sind verwundet, ich sehe Ihren Rock voll Blut,« sagte der
Lord.

Dann wandte er sich um. »Doktor Johnson,« rief er, »haben Sie die Güte,
diesen jungen Mann zu verbinden.«

Ein Herr in der Uniform der englischen Stabsärzte kam herangeritten.

»Vorläufig will ich selbst ein Pflaster auf die Wunde legen,« sagte Lord
Chelmsford dann. Mit diesen Worten nahm er von seiner mit Orden
bedeckten Brust das Viktoriakreuz ab und heftete es auf Pieter Maritz'
Bluse.

»Im Namen Ihrer Majestät der Königin,« sagte er, »überreiche ich Ihnen
hier dieses Ehrenzeichen für militärische Auszeichnung. Den goldenen
Ring bitte ich Sie, mir auszuliefern, damit ich ihn den Trophäen
hinzufügen kann. Das dreifache Gewicht des Ringes soll Ihnen in Gold
ausgezahlt werden.«

Pieter Maritz murmelte einige Worte des Dankes und war fast bewußtlos
unter der Last der Ehre und Freude, die sich auf sein Haupt häufte. Alle
Offiziere drängten sich um ihn, wünschten ihm Glück und schüttelten ihm
die Hand. Dabulamanzis Ring ward von einem zum andern gereicht und
neugierig betrachtet.

»Danken wir Gott,« sagte Lord Chelmsford, »daß der Mann, der ihn trug,
am Boden liegt. Er war ein ausgezeichneter Feldherr, und niemals sah ich
einen kühneren Krieger.«

Dann ritt er vorwärts und gab Befehle für die ferneren Maßregeln des
Heeres. Die Zulus sollten die Leichen der Feinde in einiger Entfernung
vom Lager zusammentragen und begraben. Die Armee sollte auf der Stelle
bleiben, wo sie stand, und nach dem heißen Kampfe der Ruhe pflegen. Lord
Chelmsford sah nach seiner Uhr, sie zeigte auf acht. Die Schlacht hatte
drei Stunden gedauert. Der Morgen des 2. April war blutig gewesen im
Zululande.

Pieter Maritz ließ seinen Arm von dem Arzt untersuchen. Es zeigte sich
eine starke Fleischwunde im Oberarm, doch als sie ausgewaschen und
verbunden worden war, folgte der abgehärtete Buernsohn dem Zahlmeister
der Armee auf dessen Einladung zu dem Wagen im Lager, wo die Kriegskasse
aufbewahrt wurde. Dort legte der Zahlmeister Dabulamanzis Ring auf eine
Schale einer Goldwage und häufte Sovereigns in der andern Schale an. Der
Ring war massiv und wog schwer, hundertundsechzig Sovereigns mußten
übereinander gelegt werden, um sein Gewicht zu erreichen. Dann zahlte
der Beamte dem glücklichen Knaben vierhundertundachtzig Pfund Sterling
aus, und schwer mit Gold beladen ging Pieter Maritz davon. Er that den
Beutel in den Mantelsack, und dann setzte er sich mit gutem Appetit bei
den Dragonern zum Frühstück nieder und verzehrte gemeinsam mit Lord
Fitzherbert eine Wildpastete, die in London eingemacht war, und ein
großes Stück Schiffszwieback, das in Kapwein getunkt wurde. Hierauf
schlief er im Schatten eines Zeltes ein und that einen festen Schlaf bis
zum Anbruch des folgenden Morgens.

Die Trompeten weckten ihn, die Dragoner sattelten, Lord Chelmsford ließ
eine fliegende Kolonne aufmarschieren, die Ekowe aufsuchen sollte.

Pieter Maritz fühlte sich frisch und stark, er ließ sich neu verbinden,
zog den vom Assagai gerade an der rechten Stelle ausgeschnittenen Ärmel
über den Verband und stieg zu Pferde.

Hundert Buern unter Befehl des Leutnants Dubois sollten die Kolonne
begleiten, die aus den Hochländern, dem 60. und dem 57. Regiment und dem
größten Teil der Kavallerie nebst vier Geschützen bestand. Die
Seebrigade, das 99. Regiment und die Zulubataillone blieben mit der
Hauptmasse der Artillerie zurück, um das feste Lager besetzt zu halten.
Nach der Berechnung des Lord Chelmsford war der Angriff am vergangenen
Tage nicht von der ganzen Macht der Zulus, sondern nur von zwölftausend
Mann ausgeführt worden. Da Oberst Pearson die Nähe eines viel größeren
Heeres signalisiert hatte, war es nicht unwahrscheinlich, daß noch
fernere Kämpfe in der Nähe von Ekowe zu bestehen sein würden.

Aber diese Erwartung erfüllte sich nicht. Ohne Störung ging der Marsch
vor sich. Der Inyezane ward in einer Furt durchschritten, und der
Übergang machte keine Schwierigkeit, da der Fluß, nachdem die
Gewitterflut sich verlaufen hatte, wieder niedrig in seinem Bette floß,
und die durch Wagen nicht gehemmte Kolonne kam am Nachmittage vor dem
Fort an, ohne mehr als vereinzelte Zulutrupps gesehen zu haben. Der
Schrecken der Niederlage und des Falles ihres Führers hatte die Zulus
verscheucht, sie mochten sich nach Norden zurückgezogen haben, und nur
die Spuren ihres Lagers rings um Ekowe waren noch zu bemerken.

Oberst Pearson kam mit einer kleinen Schar dem Lord Chelmsford entgegen,
als dieser nahe dem Fort war. Die Freude unter den Belagerten war groß.
Seit dem 22. Januar waren sie, ringsum von Feinden umgeben, in dem
festen Platze eingeschlossen gewesen und nun waren sie beinahe
verhungert. An jenem 22. Januar, der die Niederlage von Isandula
gebracht hatte, war ein starkes Zuluheer auch auf Oberst Pearson
gefallen, hatte heftig mit ihm gekämpft, seine Truppen völlig in das
Fort zurückgeworfen und ihn dann bis heute belagert. Schrecklicher
Jammer hatte in Ekowe geherrscht. Fleisch und Brot waren zu Ende
gegangen, die elendesten Nahrungsmittel waren nur in geringen Mengen
noch zu haben gewesen, und nur noch der Sieg bei Gingilowo rettete die
ganze Kolonne des Obersten Pearson vom Tode. Etwa zwölfhundert Mann
waren in dem hochgelegenen, mit festen Wällen umgebenen Platze. Die
Engländer, an reichliche Kost gewöhnt, glichen wandelnden Leichen und
waren zum großen Teil so krank, daß sie kaum noch gehen konnten. Blaß
und hohläugig lagen sie umher. Nur die Schwarzen waren noch einigermaßen
munter. Sie hatten gegessen, was die Europäer weder beißen noch verdauen
konnten, hatten zuletzt die großen Reiterstiefel ihrer weißen
Befehlshaber in Öl gesotten und verzehrt und dazu ihren Gürtel enger
geschnallt. So waren sie ziemlich frisch geblieben und tanzten vor Lust,
als die Mannschaften des Lord Chelmsford ihre Brotbeutel öffneten und
ihre Flaschen umherreichten.

Fort Ekowe, ehedem Missionsstation mit einer Kirche und mehreren
Häusern, lag auf einem hochragenden Hügel, und von hier aus konnte das
Land weithin überblickt werden. So war es dem Obersten Pearson auch
möglich geworden, sich auf die Entfernung von fünf deutschen Meilen hin,
bis zu den festen Plätzen am Tugela durch den Heliographen mit dem
Oberbefehlshaber in Verbindung zu setzen. Ringsum war hier die
Landschaft von wildem Charakter, stark durchschnitten, voller Hügel und
Thäler und dicht bewachsen.

Pieter Maritz sah den Oberbefehlshaber mit dem Oberst Pearson und
mehreren andern hohen Offizieren auf dem Walle stehen und bemerkte, daß
Lord Chelmsford lange Zeit schweigend durch sein Fernrohr blickte und
dann sich mit den andern Offizieren beriet. Der General erblickte den
Buernsohn, winkte ihm und gab ihm den Auftrag, Leutnant Dubois
herbeizuholen.

»Ich gewahrte dort im Norden einen starken Rauch,« sagte Lord Chelmsford
zu dem Franzosen, als dieser, von Pieter Maritz begleitet, herangekommen
war. »Reiten Sie doch mit einer starken Patrouille aus, um zu sehen, was
dieser Rauch bedeutet. Die Buern sind mir von dem größten Nutzen,« fügte
er, zu Oberst Pearson gewandt, hinzu, »und ich wüßte nicht, was ich ohne
sie anfangen sollte. Weder Roß und Reiter sind jemals müde, sie thun
den Vorpostendienst fast allein.«

Leutnant Dubois entfernte sich, um den Befehl auszuführen, und mit ihm
stiegen Pieter Maritz und fünfzig Buern zu Pferde. Sie ritten gerade
nach Norden.

»Ich weiß wohl, was der Rauch bedeutet,« sagte Pieter Maritz zu dem
Leutnant, als sie sich von dem Fort entfernten. »Sehen Sie, wie trocken
das Gras ist. Die Zulus stecken es an, um uns den Vormarsch zu
erschweren. Ich kenne ihre Manier. Sie brennen das Land ringsum ab, so
daß die Pferde und Ochsen des Feindes kein Futter finden.«

Leutnant Dubois ritt weiter, um sich zu überzeugen, und sie fanden den
Rauch, je mehr sie nach Norden kamen, dichter und dichter. Der Wind
trieb ihnen den Geruch und feine Asche verbrannter Gräser und Sträucher
entgegen. Sie kamen an einen Kral, der verlassen war und in Flammen
stand, und endlich kehrte die Patrouille um.

Lord Chelmsford stand, als sie zurückkehrten, wieder auf dem Walle,
umgeben von Offizieren. Es war Nacht geworden, und ein Flammenmeer
breitete sich in der Ferne aus.

»Ich dachte es mir,« sagte der General, als Leutnant Dubois seine
Meldung abgestattet hatte. »Ah, diese Zulus! Wir können Ekowe
nicht halten, es ist ein verlorener Posten. Wir können nicht
weitermarschieren, denn wir sind zu schwach, um auf Ulundi
vorzurücken. Ich bedarf noch großer Verstärkungen, ehe ich den Krieg
zu Ende führen kann. Ich muß fünfundzwanzigtausend Mann haben. Im
Lager von Gingilowo habe ich nur noch für eine Woche Lebensmittel, wie
kann ich dort bleiben? Dies ist ein schrecklicher Krieg! Wir haben
schon mehr als hundert Offiziere verloren. Um mit einer Armee
vorzugehen, die den Zulus im freien Felde überlegen ist, bedarf ich
eines ungeheuren Trains, und wie komme ich mit einem solchen Train
durch dies Land? Oberst Pearson,« schloß der General, »lassen Sie alle
Vorkehrungen treffen, um morgen früh abmarschieren zu können. Die
Ingenieure sollen die Wälle sprengen. Wir gehen morgen auf Gingilowo
zurück.«

Der Marsch ging zum Lager auf dem siegreich behaupteten Schlachtfelde
zurück, dort wurde zwei Tage gerastet, um der früheren Besatzung von
Ekowe Ruhe zu gönnen, und dann ging es weiter zurück in die festen
Stellungen am Tugela, aus denen Lord Chelmsford aufgebrochen war, um
Oberst Pearson zu entsetzen. Woche nach Woche verging, und keine neue
Unternehmung ward gewagt. Doch auch die Zulus hielten sich still, kein
Angriff erfolgte, nichts war von ihnen zu sehen.

In dieser Zeit der Ruhe, während Lord Chelmsford sich nach dem andern
Flügel begab und den Oberst Wood besuchte, der sein Hauptquartier wieder
nach Utrecht verlegt hatte, kamen immer neue Truppen von Port Natal und
brachten viele Pferde und noch mehr Maultiere mit, die aus den fernsten
Ecken der Erde zusammengeholt und auf Dampfern übers Meer gebracht
worden waren. Pieter Maritz sah mit Erstaunen die großen Vorbereitungen
des reichen Englands. Wunderschöne Regimenter kamen an und blieben teils
in dem Lager am unteren Tugela, teils zogen sie nach dem linken Flügel
in Transvaal. Ein prächtiges Regiment, die 17. Ulanen, erregte Pieter
Maritz' Interesse. Sie trugen lange Lanzen, unter deren Spitzen kleine
Fähnchen im Winde flatterten. Mit den Dragonern zusammen marschierten
sie nach dem Norden, nach Transvaal, und es hieß, daß die Buern sich
schwierig zeigten, so daß die englische Regierung es für gut halte,
zahlreiche Kavallerie in deren Lande zu lassen. Mehrere Batterien
Artillerie und zahlreiches Fußvolk verstärkten die Heeresabteilungen an
den Grenzen des Zululandes. Oberst Wood wurde inzwischen zum
Brigadiergeneral ernannt, seine an Kavallerie sehr starke Kolonne ward
auf mehr als dreitausend Mann gebracht und eine fliegende Kolonne
genannt, da sie zu weiten schnellen Unternehmungen bestimmt war. Eine
andere Kolonne, unter Befehl des Generals Newdigate, deren Hauptquartier
in Doornfontein war und welche die stark zusammengeschmolzene Abteilung
des Obersten Glyn in sich aufnahm, erreichte eine Stärke von über
zehntausend Mann, und die Kolonne am unteren Tugela, bei welcher Pieter
Maritz sich befand und welche vom General Crealock befehligt wurde,
zählte über neuntausend Mann. Lord Chelmsford weilte im Transvaallande,
und es hieß, er wolle von dort aus in das Zululand einzudringen
versuchen.

Doch verbreitete sich Mitte Mai im Lager am Tugela die Nachricht, die
Königin sei unzufrieden mit der Regierung des Generalgouverneurs Sir
Bartle Frere und der Kriegsführung des Lord Chelmsford, da er noch immer
den König Tschetschwajo nicht zur Unterwerfung gebracht habe, und sie
habe den glücklichsten General ihrer Armee, Sir Garnet Wolseley,
abgesandt, um an höchster Stelle sowohl die Civilregierung als auch den
Krieg in Südafrika zu leiten.

Zu dieser Zeit erhielten auch die Buernreiter Befehl, aufzubrechen und
der Grenze von Natal entlang nach Transvaal zu marschieren. Sie waren in
unablässigem Vorpostendienst gewesen, indem sie der Front entlang auf
Meilen weit Patrouillen ausgeschickt und vor den festen Plätzen Fort
Tenedos, Fort Pearson, Fort Williamson und Fort Chelmsford auf Posten
gestanden hatten. Manchen Tag und manche Nacht hatte Pieter Maritz im
Sattel gesessen und seine Wunde war inzwischen vollständig geheilt. Sein
vieles Geld hatte er bei einem der Buern in Durban niedergelegt, an
welche ihn Joubert empfohlen hatte. Die englische Armee war in
beständiger Sorge eines Angriffs der Zulus und in Verwunderung darüber,
daß der schnelle Feind, den kein Gepäck, kein Train in seinen Märschen
hinderte, nicht längst schon auf irgend einem Punkte der langen Grenze
in englisches oder Buerngebiet hereingebrochen sei.

Am 20. Mai traf die Reiterschar des Leutnants Dubois bei Rorkes Drift
ein, wo das Land dem Buernsohn von früheren Ritten her wohlbekannt war,
und hier vereinigten sich die Buern mit einer starken Abteilung, die
unter dem Befehl des Generals Marshall eine Rekognoszierung in das
Zululand hinein machen sollte. Hauptsächlich Kavallerie und reitende
Artillerie bildeten diese Abteilung, und die Geschütze waren mit Pferden
bespannt, um behende bewegt werden zu können. Es war das
Dragonerregiment, die Hälfte des 17. Ulanenregiments, die reitenden
Buern und dazu vier Kompanien vom 24. Regiment, welches bei Isandula so
schwer gelitten hatte. General Marshall sollte erkunden, was die
Zuluabteilungen im Schilde führten, welche sich in der Gegend gezeigt
hatten, wo die schreckliche Niederlage am 22. Januar stattgefunden.

Als Pieter Maritz am Morgen des 21. Mai an der Seite des Leutnants
Dubois vor der Buernschar ritt, während links die Fähnchen der Ulanen
glänzten und hinten die rote Masse der Dragoner folgte, sah er den
General, welcher von rückwärts herangesprengt kam, von mehreren
Offizieren begleitet und bemerkte neben ihm eine Reitergestalt, welche
seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war ein junger Mann in der prächtigen
Uniform der englischen Artillerie, auf einem Fuchs von der edelsten
Rasse. Sein Gesicht war zart und blaß, und ein kleiner dunkler
Schnurrbart beschattete die Oberlippe. Er trug den weißen Korkhelm mit
einem weißen Schleier umwunden, wie die englischen Offiziere wohl zu
thun pflegten, um die Glut der Sonnenstrahlen zu mildern.

Zugleich mit dem Buernsohn hatte auch Leutnant Dubois diesen Reiter
erblickt, und in dem wettergebräunten Gesicht des alten Soldaten zeigte
sich tiefe Bewegung. Als General Marshall mit seinem jugendlichen
Begleiter an der Buernschar vorübertrabte, warf der Franzose sein Pferd
zur Seite, um Front gegen die Vorbeikommenden zu machen, und nahm nach
Art der Franzosen und entgegen der englischen Sitte zum Gruße den Helm
vom Kopfe.

Ein freundliches Lächeln erschien auf dem Gesicht des jungen Mannes,
welcher fröhlich mit dem General plauderte, und er tauschte einige Worte
mit seinem Begleiter aus. General Marshall benahm sich gegen den
jugendlichen Artillerieoffizier mit ehrerbietiger Höflichkeit. Dann kam
der Fremde auf Leutnant Dubois zugeritten.

»Ein Landsmann, wie ich höre,« sagte er mit vornehmer Liebenswürdigkeit
zu dem Leutnant. »Ich habe es mir gedacht, als ich Sie sah, daß dies
Gesicht aus unserm alten lieben Frankreich stamme.«

Leutnant Dubois verneigte sich bis auf den Hals des Pferdes.

»Ein alter Soldat, Kaiserliche Hoheit,« entgegnete er. »Ich diente
fünfunddreißig Jahre lang unter der dreifarbigen Fahne.«

Der junge Mann streckte seine rechte Hand aus, welche der Leutnant
ehrfurchtsvoll ergriff, und sagte mit bewegtem Tone: »Ich bin sehr
erfreut, einen Landsmann getroffen zu haben. So begegnen sich
Frankreichs Söhne während des Unglücks ihres Vaterlandes auf fremder
Erde. Ich bin im Lager Englands, um den Krieg kennen zu lernen. Wie
glücklich würde ich sein, wenn Gott in seiner Gnade es fügen wollte, daß
treue verdiente französische Offiziere wieder unter dem einzigen Namen
vereinigt wären, der ihnen die wahre Anerkennung verschaffen kann.«

Er grüßte mit einer leichten, höflichen Handbewegung und kehrte zu dem
General zurück, während Leutnant Dubois mit strahlendem Gesicht, leise
Flüche vor sich hinmurmelnd, hinter ihm hersah. Pieter Maritz getraute
sich nicht, den Leutnant zu stören, obwohl er gern gefragt hätte, wer
jener Fremde sei. Aber während er schweigend neben dem Franzosen hinritt
und beide die Buernschar, hinter welcher sie etwas zurückgeblieben
waren, wieder einzuholen trachteten, brach jener das Schweigen von
selbst, entlastete sein Herz zuerst durch einige schwere Verwünschungen
und sagte dann: »Es ist der kaiserliche Prinz von Frankreich, der Sohn
Napoleons ~III.~ So tief ist Frankreich gefallen, daß der Erbe seines
Thrones nach Afrika gehen muß, um den kriegerischen Ruhm seines Namens
aufrecht zu erhalten.«

Der Marsch führte nach kurzer Zeit zu einer Stelle, welche Pieter Maritz
lebhaft jenen Morgen ins Gedächtnis zurückrief, wo er als Gefangener von
dem Unteroffizier, der so gern lachte, geführt worden war. Die
auffallende, hochragende Gestalt des Isandulaberges lag vor seinen
Blicken, und dort unten war der Platz, wo das Lager gestanden hatte.
Alles war grün, von der mächtigen Pflanzenwelt Südafrikas überkleidet,
doch beim Näherkommen sah Pieter Maritz die Spuren jenes Kampfes, dem er
zugeschaut hatte. Er zeigte dem Leutnant Dubois die Stellungen, welche
die englischen Truppen gehabt, und indem dieser es dem General
mitteilte, wandte sich die Aufmerksamkeit der Engländer auf den Platz.

Kein Fuß eines Europäers hatte seit jenem blutigen Tage das Schlachtfeld
betreten, und auch die Kaffern hatten in ihrer Scheu vor den Toten die
Stelle gemieden. Hier lagen tote Körper, Engländer, fast ganz
entkleidet, von Raubtieren und Insekten des Fleisches beraubt, in den
Stellungen, welche sie sterbend eingenommen hatten. Reihenweise lagen
die Gerippe, hier die Knochenhand zur Faust geballt und emporgestreckt,
dort noch die Waffe umschließend. So lagen auch die Überreste der
Pferde, Maultiere und Ochsen umher, wie sie unter den Kugeln und Speeren
der Zulus gefallen waren. Sonderbar sah es bei den zertrümmerten Wagen
aus. Das Getreide war aus den Säcken und Kisten herausgefallen und hatte
Wurzel geschlagen. Kleine Saatfelder mit schwankenden Halmen, die Ähren
im Winde schaukelnd, lagen unter und neben den Wagen, und zwischen dem
grünen Mais und Weizen blickten kahle Schädel mit leeren Augenlöchern
hervor. Waffen wurden nur wenig gefunden. Alle Gewehre waren samt der
Munition von den Zulus mitgenommen und bei ihren späteren Angriffen
verwendet worden.

General Marshall ordnete an, daß die Leichen beerdigt würden, und
nachdem dies traurige Geschäft beendigt worden war, wurde der Marsch
noch über eine Meile weit fortgesetzt, bis dahin, wo Oberst Glyns
Kolonne unter Lord Chelmsfords Führung gewesen war, während das Lager in
ihrem Rücken von den Zulus überrascht wurde. Kein Feind war zu sehen,
alles war still, und die Rekognoszierungsabteilung kehrte zurück.

Aber die Zeit des allgemeinen Vormarsches gegen Ulundi, die feindliche
Hauptstadt, ward nun bestimmt, Generalleutnant Sir Garnet Wolseley war
am 24. Mai in Port Natal angekommen, große Vorräte an Getreide, Mehl,
Schlachtvieh und andern Lebensmitteln, sowie an Getränken, waren herbei
geschleppt worden, und an einem der ersten Tage des Monats Juni sollte
der Zug beginnen. Pieter Maritz hielt am Morgen des 1. Juni mit einigen
Buern im Felde. Er gehörte zu einem Pikett, das vom Lager des Generals
Wood aus vorgeschoben war, nicht weit von dem Krale Itelesi an der
Grenze zwischen Transvaal und dem Zululande. Er konnte eine weite
Landschaft übersehen, die wellenförmig gestaltet und in der Ferne von
Hügeln umgeben war. Auch erblickte er mehrere weiß schimmernde Vierecke,
die eine halbe Meile weit entfernt waren: das Lager des Generals
Newdigate, in welchem die verschiedenen Regimenter ihre Zelte als hohle
Vierecke geordnet und mit Befestigungen umgeben hatten. Einzelne dunkle
Flecke lagen in dem Grün und Braun der Landschaft: kleine Krale der
Zulus, die von den Bewohnern verlassen waren, und von denen kein Rauch
mehr aufstieg. Die Morgensonne überstrahlte die weite Fläche, und das
hügelreiche Land mit den Zelten der englischen Truppen bot einen
lieblichen Anblick. Pieter Maritz sah einen kleinen Reitertrupp vom
Lager des Generals Newdigate herankommen und in einiger Entfernung
vorbeiziehen. Er konnte die Personen deutlich unterscheiden. Voran ritt
eine Gestalt, welche er wiedererkannte, es war der Prinz Ludwig
Napoleon. Dicht hinter dem Prinzen und ihm zur Seite ritt ein englischer
Offizier, und darauf folgten sechs Kavalleristen und ein Zulu, der
ebenfalls zu Pferde saß und wohl der Führer war. Der Prinz hielt auf
einem Hügel an, betrachtete die Gegend durch sein Fernrohr und schrieb
oder zeichnete dann auf ein weißes Blatt, das er vor sich auf dem Sattel
hielt. Dann ritt der kleine Zug wieder weiter und verschwand nach und
nach in dem tiefer liegenden Lande.

Pieter Maritz blieb auf seinem Posten, und es vergingen einige Stunden,
als sich andere Reiter, vom Lager des Generals Newdigate herkommend,
zeigten. Diese Reiter waren General Wood und Oberst Buller mit drei Mann
von Bullers Kavallerie. General Wood hielt sein Pferd vor dem
Buernposten an und blickte Pieter Maritz scharf ins Gesicht, gleich als
erinnerte er sich seiner. Der Buernsohn trug das Viktoriakreuz auf der
linken Brust, und der General betrachtete es einen Augenblick, war aber
mit etwas anderm so lebhaft beschäftigt, daß er sich nicht auf Fragen
hinsichtlich der Persönlichkeit des jungen Buern einließ.

»Haben Sie den Kaiserlichen Prinzen gesehen?« fragte er.

»Jawohl,« entgegnete Pieter Maritz. »Der Prinz ritt mit seiner
Begleitung hier vorbei, in der Richtung nach dem Feinde zu.«

»Wie lange ist das her?«

»Es mögen jetzt etwa drei Stunden sein.«

»Drei Stunden!« rief der General. Dann wandte er sich zu Oberst Buller
und sagte: »Ich mache mir Sorge wegen des Prinzen. Man sollte den
löblichen Eifer des jungen Herrn mehr in Schranken halten. Er kennt das
Land nicht und kennt nicht den Feind. Wie leicht kann in diesem Terrain
eine Überraschung vorfallen! Sehen Sie die tief eingeschnittenen Bäche,
das Buschwerk, das hohe Gras. Die schwarzen Kerle gleiten wie die
Eidechsen durch das Gras hin, und wenn dem Prinzen etwas passierte, so
wäre es eine unauslöschliche Schande für die britische Fahne.«

»Ich werde eine Abteilung meiner Reiter aussenden, um den Prinzen suchen
zu lassen,« entgegnete Oberst Buller. »Doch ist ja Leutnant Carey, ein
zuverlässiger Offizier, bei ihm. Es ist schwer, auf den Prinzen zu
achten. Ich weiß nicht, ist er dem Stabe des Lord Chelmsford oder dem
Stabe des Generals Newdigate zugeteilt. Seiner Begierde, sich
auszuzeichnen, kommt eine große Freiheit zu Hilfe.«

General Wood hob sein Doppelglas an die Augen und spähte hinaus. »Sehen
Sie doch,« sagte er nach einigen Augenblicken, »kommt dort nicht ein
Reiter?«

Oberst Buller blickte ebenfalls durch seinen Feldstecher und bestätigte
die Wahrnehmung des Generals.

»Das ist der Offizier, welcher neben dem Prinzen ritt, ich erkenne ihn
an den Bewegungen seines Pferdes,« sagte Pieter Maritz.

»Wie? Leutnant Carey allein?« fragte der General mit dem Tone der
Besorgnis.

Jetzt kam der Reiter näher. Er war in vollem Galopp, und hinter ihm
erschienen in weiten Zwischenräumen vier andere Reiter.

»Es ist Leutnant Carey, bei Gott!« rief Oberst Buller.

Der Leutnant kam heran, gerade auf die Stelle zu, wo die Offiziere und
der Buernposten hielten. Er war in Hast und Verwirrung, sein Gesicht
glühte, das Pferd triefte von Schweiß. Er hielt es vor General Wood an
und konnte zuerst vor Aufregung nicht sprechen. Die Flanken des Pferdes
schlugen von der großen Anstrengung eines weiten eiligen Rittes.

»Der Prinz! Um Gottes willen, wo ist der Prinz?« rief General Wood.

Der Leutnant legte die Hand an den Helm. »Der Prinz ist nicht da,«
entgegnete er.

»Das sehe ich. Aber wo ist der Prinz?« fragte der General.

»Wir haben ihn verloren.«

»Verloren? Was soll das heißen? Was ist mit dem Prinzen geschehen?«

Während dessen kamen, einer nach dem andern, vier Kavalleristen heran
und hielten mit bestürzten Mienen hinter dem Leutnant.

»Was ist aus dem Prinzen geworden?« fragte General Wood. »Warum haben
Sie ihn verlassen? Was ist mit dem Prinzen geschehen?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete Leutnant Carey. »Wir ritten zusammen
dort hinunter« -- er zeigte mit der Hand nach der Richtung, woher er kam
-- »und der Prinz machte topographische Skizzen. Dann kamen wir in die
Nähe eines Krales, der verlassen war, und der Prinz besichtigte die
Kaffernhütten. Sie waren alle leer. Dann setzten wir uns nieder, um zu
frühstücken ....«

»Wie? In dem Krale selbst?« fragte der General.

»Jawohl, der Prinz wünschte es. Wir sattelten ab und ....«

»Sie sattelten ab? Im Krale? In der Nähe des Feindes?«

»Jawohl, wir sattelten ab, da der Prinz seinem Pferde bei der großen
Hitze eine Erleichterung verschaffen wollte, und wir frühstückten neben
einer Mauer unweit der Pferde, welche von zwei Leuten gehalten wurden.
Plötzlich sah ich ein schwarzes Gesicht zwischen den Dornenhecken bei
den Hütten hervorblicken und zeigte es dem Prinzen. ‚Ich sehe es auch,‛
antwortete er, und dann liefen wir sofort zu unsern Pferden. Ich schwang
mich in den Sattel, den ich so schnell als möglich aufgelegt hatte, und
während wir sattelten, fielen mehrere Schüsse und zwei von den Leuten
stürzten. Die Zulus waren mit dem Assagai in der Hand so dicht hinter
uns her und liefen so schnell, daß ich nur durch den schärfsten Galopp
mich retten konnte. Ich kam an einen Bach in einer Schlucht, und hier
sah ich mich um, erblickte aber nur diese vier Leute hier hinter mir.
Vom Prinzen sah ich nichts und weiß nicht, was aus ihm geworden ist.«

Während dieses Berichtes zeigte sich in den Mienen der hohen Offiziere
die größte Bestürzung.

»Was ist zu thun?« rief General Wood. »Der Prinz ist gefangen oder tot!
Was sollen wir machen? O schrecklich, schrecklich!«

»Reiten wir dorthin, wo Leutnant Carey den Prinzen verlor!« sagte Oberst
Buller.

»Wie können wir das?« sagte General Wood. »Die Zulus sind vielleicht in
großen Massen dort. Wir können nur mit einer starken Abteilung dorthin
marschieren. Außerdem ist nun alles zu spät. Sie, Leutnant Carey, hätten
besser achtgeben, Ihrer Pflicht besser nachkommen sollen! Sie sind
Arrestant, man wird Sie vor ein Kriegsgericht stellen. Geben Sie Ihren
Säbel ab!«

Leutnant Carey senkte den Kopf, überreichte seine Waffe dem Oberst
Buller, der sie einem der Kavalleristen gab, und dann kehrten die
Engländer zum Lager des Generals Newdigate zurück.

Erst am folgenden Morgen rückte eine Abteilung aus, um den Prinzen zu
suchen. Sechs Schwadronen Ulanen und Dragoner marschierten um vier Uhr
in der Frühe unter Kommando des Generals Marshall aus, und Leutnant
Dubois mit einer Abteilung der Buernreiter ritt voran. Als der Franzose
von Pieter Maritz den Bericht des Leutnants Carey vernommen hatte,
geriet er in eine stille Wut, eine lautlose Aufregung, welche schlimmer
war als all' sein sonstiger geräuschvoller Zorn. Mit zusammengebissenen
Zähnen und grimmig gefurchter Stirn ritt er diesen Morgen vor seinen
Reitern her und war immer mehrere hundert Schritte voraus. Pieter Maritz
blieb neben ihm und führte den Weg, den er gestern den Leutnant Carey
hatte nehmen sehen.

Sie sahen den Kral in der Entfernung auftauchen, wo nach Careys
Beschreibung Halt gemacht worden war, und näherten sich ihm, als von der
Seite her ein reiterloses Pferd herangetrabt kam, das im Kaffernkorn
geweidet hatte. Wiehernd näherte es sich den andern Pferden.

»Das ist der Fuchs des Prinzen!« rief Pieter Maritz, indem er es am
Zügel ergriff. Leutnant Dubois betrachtete das Pferd. Es war gesattelt,
in den Pistolenhalftern steckten ein Revolver, Karten und Papier, sowie
ein Schreibzeug. Die Bügel hingen herunter, doch bemerkte Dubois, daß
ein lederner Riemen, mit welchem der Mantelsack am hinteren Ende des
Sattels befestigt wurde, zerrissen war und der Mantelsack fehlte. Das
zerrissene Ende hing vom Sattelringe herab.

Dubois zeigte auf dies Ende. »Sieht es nicht aus,« fragte er, »als ob
der Prinz beim Aufsteigen sich an dem Riemen gehalten hätte und als ob
der Riemen dabei gerissen wäre?«

Sie ritten weiter und Pieter Maritz führte das Pferd am Zügel.

Nun kamen sie an eine Schlucht, in welcher ein wenig Wasser floß, und
ein trauriger Anblick zeigte sich ihren Blicken. Ganz nackt lag ein
weißer Leichnam in der Schlucht, und obwohl er von Blut bedeckt und auch
das Gesicht schwer verletzt war, indem anstatt des rechten Auges nur
eine fürchterliche Wunde sich zeigte, erkannten beide die blassen Züge
des Kaiserlichen Prinzen. Er war von achtzehn Assagaiwunden
durchlöchert. Zwei Stöße waren ihm von der Brust bis zum Rücken durch
und durch gegangen, zwei Stöße hatten die Rippen von einer Seite bis zur
andern durchbohrt. Alle Kleidung sowie das Schuhwerk war ihm genommen
worden, nur ein schmales goldenes Kettchen hing ihm um den Hals, woran
ein Medaillon und ein Skapulier mit dem Bildnis der Jungfrau Maria
hingen. Die Zulus mußten vor diesen Gegenständen als vor Amuletten Scheu
empfunden haben. Leutnant Dubois öffnete das Medaillon und fand darin
die Bildnisse des Kaisers Napoleon ~III.~ und der Kaiserin Eugenie,
sowie eine Locke von dem grauen Haar des Kaisers.

»O jammervolles Ende eines berühmten Geschlechts!« rief der Franzose in
tiefster Bewegung, während Thränen, die seine Augen nie gekannt, über
das kriegerische Gesicht hinliefen. »O du Hoffnung Frankreichs, mußtest
du so kläglich sterben? In einem Winkel ermordet, von schwarzen Wilden
mit Speeren abgeschlachtet, du Erbe des stolzesten Thrones der Welt! In
deinen Adern floß das Blut des größten Siegers, dein Ahn erschütterte
die Erde mit dem Nicken seines Hauptes, und du, armer Prinz, liegst hier
nackt und bloß auf afrikanischer Erde, im Busche gefallen, in einem
ruhmlosen Kriege!«

Während er in seinem Schmerze so rief und jammernd die Hände rang,
erschienen die Lanzenspitzen der englischen Kavallerie über dem Rande
der Schlucht, und General Marshall mit einigen Offizieren ritt heran.

»Durch eure Schuld ist er gefallen,« rief der Franzose den Engländern
entgegen. »Konntet ihr ihn nicht besser beschützen? Er erwies euern
Waffen eine Ehre, indem er sich zu ihnen gesellte, und ihr hättet wissen
sollen, wie ihr einen Napoleoniden beschützen mußtet, der seine Jugend
eurer Führung anvertraute. Uns trifft das Unglück, aber euch trifft der
Tadel!«

Die englischen Offiziere stiegen von den Pferden und kamen betroffen zu
der Stelle herab, wo die Leiche lag. Sie antworteten nichts auf die
Anklage des französischen Kriegers und verziehen seinem Schmerze. Stumm
und traurig, in tiefer Beschämung standen sie neben dem blutigen Körper.

Leutnant Dubois kniete nieder und küßte die Hand des toten Jünglings.

»Wie wird deine Mutter um dich klagen, unglücklicher Prinz!« rief er.
»Nun hat sie alles verloren, was die Erde ihr noch Gutes bot. Der Kaiser
ist dahin, mit ihm die Herrschaft und der Thron. Der Ruhm Frankreichs
ist verloren! Du allein, armer Prinz, warest ihr und unser Trost, du
schlossest in deiner Brust die Hoffnung und das Glück des kaiserlichen
Frankreich, allen Stolz der Mutter ein. O welch ein klägliches Ende,
welch ein Leid!«

Die englischen Offiziere nahmen einen Schild von einem der Zulus, welche
die Kavallerie begleitet hatten, und legten die Leiche hinein. Dann
deckten sie sie mit einem Mantel zu und trugen sie aus der Schlucht
empor. Darauf ließen sie eiligst Botschaft nach dem Lager zurückgelangen
und einen Ambulanzwagen kommen. Sie umhüllten die Leiche mit weißen
Tüchern, legten sie auf dem Schilde in den Wagen und fuhren sie zurück.
Die Nachricht vom Tode des Kaiserlichen Prinzen hatte große Bestürzung
verbreitet, und alle hohen Offiziere kamen dem Zuge entgegen. Als der
Wagen sich dem Lager bei Landmans Drift näherte, traten die Truppen
unters Gewehr, und zwischen langen Reihen von Säbeln und Bajonetten
bewegte sich der Trauerzug unter militärischen Ehren durch die
Zeltstraßen. Inmitten des Lagers hielt der Wagen, und der Schild ward
herabgehoben. Generale trugen ihn, und Leutnant Dubois nahm seinen Platz
zwischen ihnen ein. Das Pferd des Prinzen ward am Zügel hinter dem
Schilde hergeführt. So ging es nach des Prinzen Zelte.

Stille und das Gefühl der Beschämung lasteten auf dem englischen Heere.
Der Fall des Prinzen Ludwig Napoleon fügte den schon erlittenen
Niederlagen und Verlusten den herbsten Schlag hinzu, denn er verband
sich mit dem Bewußtsein, daß alle Völker der Erde ihren Blick auf den
Tod des Prinzen richten und die Kriegsführung Englands mit Erstaunen
betrachten würden.



[Illustration]



Vierundzwanzigstes Kapitel

Die Schlacht von Ulundi


Lord Chelmsford rückte vor. Er wollte einen Sieg erringen, ehe noch
Wolseley die Armee erreicht hätte. Nach halbjähriger Kriegsdauer, nach
langen Vorbereitungen, nachdem eine ungeheure Menge von Lebensmitteln in
Hunderten von schweren Ochsenwagen aufgestapelt worden war, nachdem noch
mehrfach kleine Gefechte mit angreifenden Zulus stattgefunden hatten,
wagte er es, die Armee mitten in das Land der Feinde, gerade auf Ulundi
zu führen. Von Transvaal aus brachen General Newdigate und General Wood
auf, zahlreiche Reitermassen vor der Front, und von Natal, von der
Mündung des Tugela aus marschierte General Crealock auf Ulundi. Die
starken Kolonnen trafen sich im Zululande, und die ganze Armee wälzte
sich mit ihrem gewaltigen Train gleich einem breiten Strome durch das
Hügelland. Doch bald veranlaßte vorsichtige Überlegung den englischen
Oberbefehlshaber, eine neue Teilung einzuführen. Da er über den
Aufenthalt der Zuluarmee im ungewissen war, und auch ihre große
Beweglichkeit kannte, ließ er General Crealock zurück, um die Verbindung
nach rückwärts zu sichern und einem etwaigen Einbruch der Zulus in Natal
zu begegnen. Er selbst ging mit den Divisionen Newdigate und Wood
südlich vom Weißen Umvolosi vorwärts.

Pieter Maritz war immer unter den vordersten Reitern der Vorhut, die
behenden Buern suchten das Land ab, bevor die schweren schönen
Regimenter der englischen Kavallerie und Infanterie es durchfurchten.
Mehreremal sah Pieter Maritz die düstere Gestalt Humbatis in seiner Nähe
auftauchen. An der Spitze mehrerer tausend Zulus von Natal that er
Späher- und Vorpostendienste, und eine schwarze Wolke von Zulukriegern
umgab schützend den festen Kern des Heeres, welches zum
Entscheidungskampfe heranrückte.

Auf beiden Seiten wütete das Feuer. Die weichenden Zulus zündeten
überall, wo die Dürre es gestattete, das Gras an und flüchteten mit
ihren Rinderherden. Die Engländer aber schossen mit Raketen und
Shrapnels in jeden Kral, den sie am Wege trafen. Flammen und Rauchsäulen
bezeichneten den Weg nach Ulundi.

Eines Tages sah Pieter Maritz, als er über einen Hügel ritt, von fern
einen Zug von schwarzen Männern dem Heere entgegenkommen. Schon wollte
er Meldung zurückschicken, daß der Feind nahe, als er wahrnahm, daß
mehrere der herankommenden Zulus in lange weiße Gewänder gehüllt waren,
gleich als wollten sie ihren friedlichen Sinn und eine Botschaft
ankündigen. Er ritt zurück und meldete dem Führer der Vorhut, daß eine
Gesandtschaft komme.

Die Zulus kamen langsam näher und wurden, von Ulanen auf beiden Seiten
umgeben, zu der Hauptmacht des Heeres geführt, bei der Lord Chelmsford
sich befand. Pieter Maritz blieb auf Befehl des Kommandanten der Vorhut
bei ihnen, um mit einer Übersetzung ihrer Reden aushelfen zu können.
Voran schritten Prinz Sirajo und der Induna Molihabantschi, in wallende
weiße Gewänder gehüllt, goldene Ringe auf dem Kopfe, ohne Waffen,
Elfenbeinstäbe mit verzierten Knäufen in der Hand. Ihnen folgten zwei
andere Indunas vom Hofe Tschetschwajos in Mänteln von Leopardenfell,
ebenfalls ohne Waffen und mit Elfenbeinstäben. Hinter diesen ging eine
Reihe von geringeren Männern, die nackt waren und auf ihren Schultern
riesige Elefantenzähne und flache Körbe mit goldenen und anderen
Kostbarkeiten des Zululandes trugen. Alle gingen schweigend und ernst,
auf ihren Gesichtern war zu lesen, daß sie von traurigen Gefühlen
erfüllt waren. Doch gingen sie mit dem vornehmen Anstande, den Pieter
Maritz an den Zulus kannte und den die Europäer so oft bei den nackten
schwarzen Männern bewunderten. Königen gleich schritten Sirajo und
Molihabantschi an der Spitze des Zuges, blickten nicht rechts und nicht
links, zeigten weder Furcht noch Trotz. Als sie inmitten der prächtigen
Ulanen daherkamen, die zu Pferde und mit ihren langen bewimpelten Lanzen
hoch über sie hinwegragten, da glichen sie doch nicht etwa einer Schar
armer Schächer, sondern vornehmen Fremdlingen, die ehrenhalber von
Kavallerie begleitet wurden.

Es war am Nachmittage, und die englischen Truppen hatten ihre Zelte
aufgeschlagen. Das Heer hatte seit Beginn des Krieges schon Tausende von
Kranken zurücklassen müssen, und keiner der Engländer wagte im Freien zu
übernachten. Der Wechsel von Hitze und Kälte, von Trockenheit und
Gewitterregen war den Bewohnern der fernen britischen Inseln gefährlich,
ihre reichlich genährten und mit Spirituosen erhitzten Körper waren
nicht hart genug. So ging der Angriff auf Ulundi nur sehr langsam
vorwärts, und immer entstand eine Stadt von Zelten, wenn der tägliche
Marsch vollbracht war.

Lord Chelmsford kam, von mehreren hohen Offizieren begleitet, auf den
Alarmplatz seines Lagers und empfing die Gesandtschaft inmitten eines
weiten, von Waffen starrenden Kreises. Ihm gegenüber stellten sich die
Zulus auf, und würdevoll begann Sirajo seine Rede:

»Der König Tschetschwajo grüßt den englischen Induna, und er spricht
durch den Mund seines Bruders folgende Worte: Warum krönst du mich am
Morgen und tötest mich am Abend? Du warst mein Freund und stütztest
meine Herrschaft, als ich jung war und das Zululand zu regieren anfing.
Du liebtest mich, als ich dir gegen deine Feinde half. Warum willst du
mich jetzt töten? Ich habe den Krieg nicht begonnen; ich sandte dir eine
Friedensbotschaft über die andere. Nicht ich kam in das Land der Königin
von England, sondern die englischen Krieger kamen in mein Land, und so
begann der Krieg. Das Blut vieler Männer netzt das Gras, von dem die
Rinder sich nähren sollten, und der Frieden hat seine helle Farbe im
roten Schein der Feuer und des Blutes verloren. Aber die englischen
Krieger vergossen das erste Blut, steckten die Dörfer meiner
Unterthanen in Brand und trieben meine Ochsen zu ihren Feuern. Als meine
Regimenter zum Kampfe gegen die Deinen anstürmten, da lagen schon viele
schwarze Männer am Boden. Aber ich will nicht klagen über die mächtige
Königin, denn sie ist stark, und ich bin schwach. Sie ist sehr groß, und
ihr Schatten hüllt das Zululand in Nacht. Ich will ihren Induna um
Frieden bitten. Eine englische Botschaft kam zu mir, welche verlangte,
daß ich mein Heer verringerte, die Bai von Santa Lucia abträte und einen
Gesandten der Königin in meiner Hauptstadt wohnen ließe. Ich wies es
zurück, weil ich nicht wußte, wie stark das englische Heer ist. Aber
jetzt will ich diese Bedingungen annehmen, und ich bitte, daß man mir
Gehör gebe. Tschetschwajo will ein guter Sohn seines weißen Vaters in
Natal sein. Er schickt Geschenke, um das Herz des englischen Indunas zu
bewegen und legt sie zu seinen Füßen nieder als ein Zeichen seiner
Friedensliebe und seiner Unterwerfung.«

Sirajo winkte, und sein Gefolge näherte sich dem Lord Chelmsford und
legte die langen Stoßzähne der Elefanten und den Schmuck vor ihm auf den
Boden nieder. Dann erwarteten die Zulus schweigend die Antwort des
weißen Heerführers.

Pieter Maritz hatte die Worte Sirajos übersetzt und blickte dem Lord
gespannt ins Gesicht. Er hatte schon genug vom Lauf der Welt und von der
Politik Englands kennen gelernt, um vorher zu wissen, daß Tschetschwajo
vergeblich bitte. Zu viel Blut war geflossen und zu viel Anstrengungen
hatte England gemacht, als daß ein halber Erfolg und schneller Friede
seinen Plänen hätte genügen können. Die Ehre Englands stand auf dem
Spiele, englische Truppen waren besiegt worden, der kaiserliche Prinz
war gefallen. Nur eine völlige Niederlage Tschetschwajos konnte in den
Augen Europas und der ganzen Erde diese Scharten auswetzen.

»Nehmt die Geschenke wieder,« entgegnete Lord Chelmsford, »und tragt sie
eurem Könige zurück. Tschetschwajo bittet zu spät um Frieden, und
England traut ihm nicht. Er sieht die feindlichen Waffen nahe vor seiner
Hauptstadt, darum nimmt er die Maske der Friedensliebe vor. Aber wenn
das Heer sich zurückzöge, so würden die Zulus mit dem früheren Stolze
und in alter Kriegslust sich erheben. Die Königin will bessere
Sicherheit haben als das Wort Tschetschwajos, und folgendes ist meine
Bedingung: Tschetschwajo soll sich als mein Gefangener stellen. Er soll
sich allen Maßregeln unterwerfen, die ich treffe. Ich will in seinem
Lande gebieten, als wäre ich dessen König. Ohne Bedingungen soll sich
Tschetschwajo mir völlig unterwerfen. Will er das thun, so werde ich
Frieden halten. Als Zeichen, daß Tschetschwajo gesonnen ist, sich zu
unterwerfen, soll er zunächst die Geschütze und Gewehre, welche seine
Armee erbeutet hat, ausliefern. Er soll eines seiner Regimenter
schicken, welches diese Waffen bringt, und selbst die eigenen Waffen vor
mir niederlegen. Ich werde bis zum 3. Juli darauf warten und nicht vor
diesem Tage Ulundi angreifen, auch den Umvolosi nicht überschreiten. Ist
dieser Tag aber vorübergegangen, ohne daß ich meine Waffen wieder habe,
so gehe ich über den Fluß und erzwinge mit Gewalt, was ich hier mit
Worten fordere.«

Sirajo streckte wie abwehrend die Hand aus und sagte: »Der König der
Zulus wird nicht dein Knecht werden. Willst du nicht den Frieden nehmen,
wie Tschetschwajo ihn bietet, so hast du den Krieg.«

Stolz wandte er sich ab und schritt davon, sein Gefolge raffte die
verschmähten Geschenke wieder auf, und dann ging die schwarze
Gesandtschaft mit derselben Würde von dannen, mit der sie gekommen war.

Pieter Maritz blieb nachdenklich auf der Stelle stehen, wo er der
Verhandlung als Dolmetscher gedient hatte. Er zweifelte nicht daran, daß
das englische Heer auch in dem verzweiflungsvollen Kampfe, der nun noch
bevorstand, siegen werde. An Zahl den Zulus beinahe gleich, mußten die
englischen Krieger mit ihrer überlegenen Kriegskunst und Bewaffnung über
ihre Feinde siegen. Sie hatten Infanterie, Kavallerie und die
schreckliche Artillerie, sie hatten dazu Ingenieure, um die Wege zu
bahnen, Brücken über die Flüsse zu schlagen und Verschanzungen
anzulegen. Was wollten die nackten Schwarzen gegen sie ausrichten? Sie
hatten nur Fußvolk, und ihr Mut und ihre Schnelligkeit, ihre Ausdauer
und Bedürfnislosigkeit mußten ihnen alle Kunst ersetzen. Pieter Maritz
sah im Geiste die Zulus unterworfen und Englands Macht über ganz
Südafrika neugestärkt. Er hatte jetzt lange unter den Engländern gelebt
und kannte ihre Art zu denken und zu handeln. Sie betrachteten Afrika
als ihr Eigentum und blickten mit Verachtung auf die andern Völker. Sie
wollten in den eisernen Ring ihrer Herrschaft alle Länder zwingen,
welche in Südafrika lagen. Zum Kapland und Natal fügten sie den
Oranjefreistaat, Transvaal und nun das Zululand, und mit ihrem Golde
machten sie sich die Einwohner gefügig, so daß diese ihnen einer gegen
den andern halfen. So hatten sie jetzt viele Buern mit ihren Pferden,
Waffen und Ochsenwagen in ihrem Solde, aber sie hatten zugleich ihre
Truppen im Transvaalland liegen, und nach Beendigung des Zulukrieges
würden sie gebieterischer als je gegen die Buern auftreten. Würde es je
gelingen, die Südafrikanische Republik aus dem Ringe zu befreien, den
England um alle südafrikanischen Länder gemeinsam schlang?

Der Marsch ging weiter. Die Buernreiter, dazu La Trobe Lonsdales
Swazitruppen, Cooks leichte Kavallerie, die berittenen Basutos und
Humbatis Zulutruppen waren immer voraus. Eine bunt zusammengesetzte
Armee war es, die gegen Ulundi vorrückte. Die Swazis, Basutos und Zulus
waren in ihrem Stolz auf die europäische Kameradschaft zum Teil in
europäischem Kostüm. Viele marschierten in abgelegten Uniformen von
Ulanen, Dragonern, Husaren und Infanteristen, aber mit nackten Beinen
und Füßen, da Beinkleider und Schuhwerk sie zu sehr belästigten. Auf den
schwarzen Köpfen saßen Helme, Tschakos und Feldmützen, auch wohl
Bauernhüte oder schwarze Cylinderhüte mit Schleiern. Schilde und Speere
zeigten sich neben Gewehren und Patrontaschen. Das Gebrüll vieler
tausend Ochsen, das Klatschen der langen Peitschen mischten sich in den
melancholischen Gesang der Hochländer und der schottischen
Gardefüsiliere, deren Uniformen seltsam zu der afrikanischen Landschaft
paßten. Maultiere aus Südamerika und Pferde aus Deutschland, Ungarn und
Rußland weideten unter Palmen und Euphorbien. Der Lärm der Kolonnen
scheuchte Löwen, Leoparden und Hyänen gleich den Antilopen aus der Nähe
des Lagers hinweg.

Pieter Maritz war immer unter den vordersten Reitern, er erblickte
Ulundi und die Krale in der Nähe der Hauptstadt zuerst. Es war am 2.
Juli. Er kam einen Fußpfad daher geritten, zwei Buern hinter sich und
ein Dutzend Zulus zu beiden Seiten, welche den dichten Wald
durchspähten. Sie vermuteten die Nähe von Truppen Tschetschwajos.
Vorsichtig untersuchten sie den Boden nach Fußspuren, und oft legten sie
sich nieder und horchten, das Ohr ins Gras gedrückt, auf
Erschütterungen, die sich etwa in der Ferne hören ließen. Es war Abend,
und der Wald bot einen phantastischen Anblick. Die mächtigen Wurzeln der
Bäume, hoch über die Erde emporragend, wirrten sich zu wunderlichen
Gebilden ineinander, die afrikanische Eiche, der Seidenwollenbaum und
~lignum vitae~ bildeten ein schattiges Dach und eine nur schwer zu
durchdringende Wildnis. Jetzt stieg Jager bergab, und ein helles Wasser
schimmerte im Thale. Es fiel über Felsen herab und plätscherte, während
weißer Schaum erquickend glänzte. Mit Wonne stürzten sich die schwarzen
Krieger in das Wasser, und auch Pieter Maritz empfand die Kälte des
Flüßchens mit Vergnügen, als er hindurchritt. Dann stieg der Pfad wieder
an, und nach kurzer Zeit lichtete sich der Wald. Pieter Maritz hielt auf
der Höhe sein Pferd an und blieb zwischen den Bäumen verborgen, gleich
ihm blieben die begleitenden Zulus im Schatten zurück. Sie spähten in
die Ebene hinaus.

Pieter Maritz sah die Landschaft wieder, welche er vor einem Jahre in
Begleitung des Missionars gesehen hatte, die weite, von Höhen eingefaßte
Thalsenkung, in der die schwarzen Ringe der Militärkrale und der
Hauptstadt Ulundi gleich Kränzen auf grünem Teppich lagen. Nur bot sich
ihm der Anblick heute etwas anders, da er auf einer andern Stelle, nahe
dem Umvolosi, herangekommen war. Und auch in anderer Weise hatte sich
das Bild verändert. Heute waren am Flusse hin und weiter zurück in der
Ebene eine Menge von Zuluposten aufgestellt, und sie erschienen, von
hier oben gesehen, wie kleine schwarze Flecken und in der Größe von
Ameisen. Es wurde Pieter Maritz klar, daß der Zulukönig dicht vor seiner
Hauptstadt und vor den Kralen, welche seine Vorfahren bewohnt hatten,
eine entscheidende Schlacht schlagen wollte.

Nachdem er sich das Bild deutlich eingeprägt hatte, wandte er Jager und
ritt zur Vorhut zurück, um zu melden, was er gesehen hatte, und von der
Vorhut ging die Meldung an das rückwärtige Hauptcorps.

Die Engländer schlugen ihr Lager auf, um erst am folgenden Morgen bis an
den Höhenzug diesseits des Umvolosi vorzurücken und dort zu erwarten, ob
etwa, dem Verlangen des Lord Chelmsford gemäß, die vom Feinde erbeuteten
Geschütze und Gewehre als Zeichen der Unterwerfung abgeliefert werden
würden.

Als die Armee in der Frühe des 3. Juli heranmarschierte, zeigte sich
schon diesseits des Flusses, daß die Zulus schwerlich an Unterwerfung
dachten. In den Wäldern und Schluchten steckten zahlreiche kleine
Abteilungen, und den ganzen Morgen hindurch knatterten die Gewehrschüsse
um die Vorhut herum, indem die Buern, die reitenden Basutos und die
Leute Humbatis sich mit einzelnen kecken Zuluschützen herumschossen.
Gegen Mittag erreichte die Vorhut den letzten Höhenrücken vor dem Flusse
und konnte den Fluß und die jenseitige Ebene übersehen. Starke Haufen
standen jenseits auf den Höhen und feuerten aus ihren Büchsen herüber.
Lord Chelmsford selbst war an der Spitze der Vorhut, ließ sie außer
Schußweite halten und ein Lager aufschlagen, befahl aber dem Oberst
Buller, mit seinen Reitern vorzugehen. Zugleich ließ er eine Batterie
auf günstigem Platze auffahren und die Höhen, auf denen sich Feinde
zeigten, mit Shrapnels beschießen.

Oberst Buller ging mit seiner starken Reiterabteilung, bei der sich auch
außer den Engländern zweihundert Buern, und unter diesen Pieter Maritz,
befanden, vorwärts, wandte sich nach der linken Seite, wo eine Furt im
Flusse erkundet worden war, und ging durch den Umvolosi, während das
Artilleriefeuer die Reiter schützte. Dann gingen die Reiter, rechts
Dragoner, links Buern, von der Seite gegen die Höhen vor, auf denen die
Zulus sich noch hielten. Die Zulus schossen, einige Leute stürzten von
den Pferden, auch die Buern schossen, indem sie absprangen und dann
wieder in den Sattel stiegen, und bald waren die Zulus verschwunden.

Oberst Buller folgte. Es war zu sehen, daß die Zulus in einen nahen Kral
geflohen waren und von den Hütten und Dornenhecken aus feuerten. Oberst
Buller ließ die Hälfte der Buern zurück, um den Übergang des Flusses zu
sichern, und schwenkte mit seiner übrigen Kavallerie links, um den Kral
anzugreifen. Hier bewährte sich die Fechtart der Buern. Sie warfen sich
in das Gras, während ihre Pferde zurückblieben, und ihre sicheren
wohlgezielten Schüsse machten den feindlichen Zulus den Aufenthalt in
dem Kral und das Feuergefecht bald unleidlich. Sie verließen die Hütten
und flüchteten von neuem, während nun die Dragoner hinter ihnen her
jagten. Pieter Maritz, der unter den Schützen war, schwang sich
gleichfalls in den Sattel und folgte neben dem Leutnant Dubois den
Dragonern.

Schon glaubte Oberst Buller einen leichten Sieg erfochten zu haben, denn
Ulundi selbst tauchte vor seinen Blicken auf, als die verfolgende
Kavallerie vor eine lange tiefe Schlucht kam und plötzlich wohl
zweitausend Zulus, die darin versteckt gelegen hatten, zum Angriff
hervorbrachen. Die kleine Abteilung, welche geflohen war, zeigte sich
nun als eine schwache Vorhut, welche die Bestimmung gehabt hatte, die
Kavallerie in eine Falle zu locken. Aber das heiße Blut und die
Gewohnheit des Angriffs ließen die Zulus den eigenen Plan nicht recht
durchführen, und sie vereitelten selbst den Erfolg ihrer Kriegslist.
Anstatt in der Schlucht liegen zu bleiben und zu feuern, warfen sie die
Büchsen auf den Rücken und griffen mit Schild und Assagai an. Ein
heftiges Handgemenge entspann sich. Assagaien flogen dicht wie Hagel
durch die Luft und Speer und Säbel klirrten aneinander.

Pieter Maritz war mitten zwischen den Dragonern. Er hatte die Büchse
über die Schulter gehängt und focht mit dem zweischneidigen Schwerte.
Mit kluger Besonnenheit hielt er die offenen Augen ringsum auf der Wacht
und vermied die fliegenden leichten Speere. Jetzt ward er von zwei
Kriegern zugleich angegriffen. Der eine sprang nach dem Zügel, der
andere kam mit dem Stoßassagai von der Seite. Aber Jager bäumte sich
hoch empor, so daß der Griff des Zulu den Zügel verfehlte, und Pieter
Maritz, zur Seite gewandt, hieb aus voller Kraft nach dem Manne, der ihn
durchbohren wollte. Der Zulu hielt den Schild empor, aber die gute
Klinge des alten Waffenschmiedes von Toledo schnitt tief in den Rand
ein, spaltete die Ochsenhaut und fuhr mit der Spitze dem Zulu in die
Stirn, so daß er niederstürzte. Dann warf sich der gewandte Buernsohn
mit einem schnellen Sprunge seines Pferdes gegen den andern Mann, und
Jagers Hufe warfen den Feind zu Boden.

Ein kühner Offizier fand sich an Pieter Maritz' Seite und rief ihm in
diesem Augenblicke Beifall zu. Es war Lord William Beresford, der mit
seinem Säbel Bahn brach in dem schwarzen Haufen. Ein Zulu stand ihm
gegenüber, ein riesiger Schwarzer mit weißem Schilde, der dem Angriff
des Engländers trotzen wollte. Lord Beresford stieß ihm den Säbel mitten
durch den Schild, so daß die Brust des Mannes mit durchbohrt wurde.
Jetzt sah Pieter Maritz seinen Freund Lord Adolphus Fitzherbert in
großer Bedrängnis. Er war von vier Zulus umringt, und er schien sich
ihrer kaum erwehren zu können. Blut lief dem Rappen vom Halse herab, und
der Helm war dem Reiter vom Kopfe gefallen. Pieter Maritz vergaß des
eigenen Heils und sprengte dem Freunde zu Hilfe. Er ritt einen der
Schwarzen um, der gerade nach dem Zügel griff und hieb mit schnellen
Schlägen unter die geschmeidigen behenden Feinde, so daß er dem jungen
Offizier Luft verschaffte.

»Ich danke, mein Freund!« rief Lord Fitzherbert, »ich sehe, ich habe die
alte Klinge dem rechten Mann gegeben.«

Aber die Zulus wurden zu mächtig, die Kavallerie mußte weichen. Jetzt
sah Pieter Maritz auch von der Seite her dichte Massen heranlaufen, eine
ganze Armee, welche gleichsam aus der Erde aufgetaucht zu sein schien
und den englischen Reitern den Rückzug abschneiden wollte. Auch Oberst
Buller hatte die neue Gefahr entdeckt, und die Trompeten mahnten zum
Rückzug. Fast hätte nun aber Pieter Maritz vergessen, daß es Zeit war zu
fliehen, denn er erblickte an der Spitze der von fern her kommenden
schwarzen Massen eine Reitergestalt, die ihm wie eine Erscheinung aus
einer andern Welt vorkam. Er konnte sich nicht täuschen. Das war die
gebieterische Haltung, das war die winkende Armbewegung Dabulamanzis.
War denn der tapfere Heerführer nicht von seiner Hand bei Gingilowo
gefallen? Pieter Maritz zog die Zügel an und starrte wie versteinert auf
den goldenen Ring auf dem Haupte des schwarzen Reiters. Doch die
Trompeten mahnten und die Reiter flohen. Auch Pieter Maritz warf Jager
herum und floh im schnellsten Galopp. Es galt die größte Eile, denn fast
so schnell wie die Pferde kamen die Zulus hinter ihnen her, und
Dabulamanzi führte einen starken Haufen quer über das Feld, um früher
als die Kavallerie an den Fluß zu kommen. Es war ein Glück für die
Fliehenden, daß die Buern in großer Anzahl zurückgeblieben waren. Sie
lagen jetzt seitwärts in guten Deckungen, und ihre unfehlbaren Büchsen
verbreiteten den Tod in den Reihen der Verfolger und hemmten deren Eile.
Auch Lord Chelmsford hatte die Not des Obersten Buller bemerkt, und die
Geschosse seiner Batterien auf der jenseitigen Höhe krachten in rascher
Folge in den Massen der Zulus auseinander und sprühten Eisensplitter und
Kartätschenkugeln ringsum. Unter dem Schutze dieses Feuers kamen die
Reiter glücklich über die Furt zurück. Lord William Beresford trug einen
verwundeten Sergeanten auf dem Sattel mit sich hinüber. Doch blieb
mancher Mann drüben auf dem Felde liegen, und zwischen den schwarzen
Leibern lagen Rotröcke in dem langen Grase.

Dies war der Tag, an welchem Lord Chelmsford noch auf Tschetschwajos
Unterwerfung hatte warten wollen. Der König der Zulus hatte durch die
That bewiesen, daß er kein Knecht sein wollte. Lord Chelmsford befahl
den allgemeinen Vormarsch für den folgenden Morgen.

In der Frühe des 4. Juli fuhren englische Geschütze an zwei Punkten am
hohen Ufer des Weißen Umvolosi auf, um den Flußübergang durch ihr Feuer
zu sichern, und das englische Heer brach zum Angriff auf. Als die
Kolonnen heranmarschierten und zum seichten Wasser der Furt
hinabstiegen, zeigte sich aber zur Verwunderung der Europäer kein Feind,
der den Übergang hätte stören wollen. Zuerst gingen die Buern hinüber
und setzten sich zu beiden Seiten jenseits, unterhalb der Artillerie, im
Ufergebüsch fest, um mit ihren Büchsen zur Hand zu sein, wenn etwa ein
unerwarteter Ansturm erfolgen sollte. Doch zeigte sich kein Zulu. Dann
kamen die langen Züge der Infanterie, dann folgte Artillerie und nahm
jenseits Stellung, dann wieder Infanterie, dann Kavallerie und nach und
nach das ganze bunte und in Waffen blitzende Heer.

Drüben formierte Lord Chelmsford die gesamte Masse in einer
besonderen Art. Er hatte ohne Verschanzungen im freien Felde zu
kämpfen und vorzurücken, er wußte, daß ein Angriff kommen mußte, und
er wollte vorsichtig sein. Nicht in Kolonnen wollte er vorrücken,
sondern im Viereck, um jeden Augenblick gerüstet zu sein. Das
80. Infanterieregiment und eine Batterie Gatlinggeschütze bildeten die
Front, das 90. und ein Teil des 93. Infanterieregiments die linke
Flanke, das 13. und das 58. Infanterieregiment die rechte Flanke,
das 21., Teile des 24. und der Rest des 94. bildeten die Rückseite.
In jedem Winkel des großen, hohlen Parallelogramms fuhren Geschütze
auf, wie sich das bei Gingilowo nützlich und gut gezeigt hatte. Die
Infanterie stand vier Glieder tief. Im Innern des Karrees waren die
schwarzen Bataillone, die Kavallerie ward vorläufig draußen
gelassen. Vom Train wurden nur die Munitionswagen mitgenommen und
ebenfalls im Karree eingeschlossen, die Hauptmasse blieb im Lager
auf dem andern Ufer unter starker Bedeckung zurück. Nur etwa
sechstausend Mann brachte Lord Chelmsford zur Entscheidungsschlacht.

Die Bewegung des gewaltigen Vierecks war schwierig, und der
Oberbefehlshaber wählte deshalb den ebensten Boden, das offenste
Terrain. In der Front und auf der Rückseite marschierte die Infanterie
in Linie, in den Flanken aber in einer Kolonne von schmaler Front. Die
Artillerie paßte ihre Bewegung dem Marschschritt der Infanterie an. Um
nicht unversehens auf eine Schlucht, einen Bach oder sonst ein Hindernis
zu stoßen, welches den Marsch hätte aufhalten und Unordnung hervorrufen
können, ließ Lord Chelmsford das Terrain auf eine weite Strecke hin von
der Kavallerie untersuchen. Wiederum schwärmten die Buern vorauf.

Pieter Maritz wunderte sich, daß nichts vom Feinde zu sehen war. Wo
steckten die Zuluregimenter? Wo war der Prinz Dabulamanzi geblieben? Er
brannte vor Begierde, zu erfahren, ob der tapfere Heerführer, den er
doch mit dem Degen getroffen hatte und der vom Pferde gesunken war,
wirklich wieder an der Spitze der Armee sei oder ob nur eine Ähnlichkeit
seine Augen getäuscht habe. Bekannt mit der Umgegend von Ulundi, wagte
er sich weit vor und streifte ganz allein wohl tausend Schritte weiter
als die andern Buern an Ulundi hinan. Als er so durch die Ebene
hinjagte, schien es ihm, als ob er eine Bewegung in der Ferne bemerke,
nahe dem Krale Lickasi, wo, wie er wußte, ein Hügel sich erhob, der eine
weite Umsicht gestattete. Der kleine Kral Lickasi war ein Lieblingsplatz
Tschetschwajos, und dorthin zog sich der König wohl bei großer Hitze
zurück, um die frischere Luft der Höhen zu genießen.

Pieter Maritz sah sich um. Das englische Viereck war nicht mehr zu
sehen, die Reiter hinter ihm waren ganz kleine Figuren. Sollte er noch
weiter gehen? Er vertraute auf Jager und sprengte vor. Da sah er nach
wenigen Minuten, was er vermutet hatte: er sah den König Tschetschwajo.
Eine Masse von Zulus, wohl zweitausend Mann, war am Fuße des Hügels von
Lickasi aufgestellt, und er erkannte den Schmuck und die Waffen der
Garde. Die Männer standen unbeweglich, den Schild am Arme, in einer
langen Reihe, mehrere Glieder tief, als Wache da, oben auf dem Hügel
aber war ein dichter Haufe versammelt, der am Glanz der Ringe als der
königliche Hofstaat zu erkennen war. Eine einzelne Gestalt stand vorn,
auf einen hellen Stab gestützt, und Pieter Maritz erkannte die mächtige
Figur des Königs.

Aber kaum hatte der Buernsohn diesen Anblick gewonnen, so pfiffen auch
schon Kugeln ihm um den Kopf, und er sah eine kleine Abteilung der Garde
schnellfüßig heranlaufen. Eilig wandte er sein Pferd und jagte davon.

Als er nun zurückkam und den Platz erreichte, wo er die Seinigen
verlassen hatte, da hatte sich das Bild der Landschaft verändert. Er
hielt Jager an und blickte sich voll Spannung nach allen Seiten um. Die
Leute, welche ihn verfolgt hatten, waren nicht mehr zu sehen, und auch
der Lickasikral war völlig verschwunden. Die Kavallerie des englischen
Heeres zog sich auf das Karree zurück. Das Karree selbst kam langsam
heran. Eine sonderbare Erscheinung aber fesselte vor allem seinen Blick:
parallel mit dem englischen Heere, in einer Entfernung von kaum
zweitausend Schritten, marschierte ein Zuluheer auf der rechten Flanke
des Karrees. Es war in einem dichten viereckigen Haufen und glich fast
dem Schatten der englischen Armee. Still und finster zog es daher, mit
derselben Langsamkeit wie diese.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, es war zwischen acht und
neun Uhr morgens. Das afrikanische Land lag in der vollen Pracht seiner
Farben da. Der Himmel war strahlend blau, die Erde grün, und die Ferne
war mit duftigem Violett umzogen. Die klare Luft ließ alles sehr
deutlich erkennen. Pieter Maritz sah die roten Linien und blitzenden
Waffen der englischen Infanterie, die prächtigen, mit vielem Weiß
besetzten Uniformen der Ulanen, sah die buntgestickten, seidenen Fahnen
der verschiedenen Regimenter über den Helmen flattern und hörte den
Klang des »~Rule Britannia~« aus dem Karree herüberschallen. Lord
Chelmsford ließ zur Ermutigung seiner Truppen die Musikcorps spielen.
Dagegen zogen neben den Engländern die Zulus schweigend und drohend
einher, auf den Augenblick wartend, wo sie sich mit Vorteil auf den
Feind stürzen könnten.

Da erblickte Pieter Maritz, indem er sich umsah, ein zweites Zuluheer.
Es kam plötzlich hinter einem lang gestreckten niedrigen Gehölz hervor
und marschierte neben der linken Flanke der Engländer, doch in weiter
Entfernung. Und nun endlich erschien ein dritter schwarzer
Schlachthaufen von Ulundi her, der gegen die englische Front
heranrückte. So war das heranmarschierende Viereck von drei Seiten
umgeben, König Tschetschwajo aber sah aus der Ferne der Schlacht zu,
welche über das Schicksal seines Reiches entscheiden sollte, und mochte
wohl hoffen, daß die Engländer im offenen Felde dem Ansturm seiner
Regimenter nicht würden standhalten können.

Pieter Maritz setzte jetzt sein Pferd in Galopp und folgte den übrigen
Reitern, die noch in der Ebene verteilt gewesen waren, in das hohle
Viereck hinein. Die Zulus kamen näher und näher heran und konnten, wie
Pieter Maritz bemerkte, ihre drei Heerhaufen zu ihrer alten
Angriffsfront, der Linie mit vorgebogenen Flügeln, vereinigen, sobald es
ihnen günstig erschien. Sie bewegten sich mit erstaunlichem Geschick,
und da sie mit zwei Heerhaufen schon zu beiden Seiten des Feindes waren,
hatten sie dessen Umklammerung schon vollzogen, ehe sie noch eine
zusammenhängende Linie gebildet hatten. Pieter Maritz bemerkte, daß Lord
Chelmsford und sein Stab voll Bewunderung des kunstvollen Manövers der
Zulus waren. Der Oberbefehlshaber ließ einigemal halten, um den
gelockerten Zusammenhang seiner Truppen wieder zu festigen, dann ließ er
wieder vorwärts gehen. Er erriet den Plan der Zulus, das Viereck im
Marsche immer zu bedrohen und sich darauf zu stürzen, sobald es sich
etwa irgendwo öffnete. Endlich aber beschloß Lord Chelmsford, Halt zu
machen und den Angriff der Zulus auf sich zu ziehen. Die Signale
ertönten, die Front hielt, die Flanken und die Rückseite schlossen an,
und die Artilleristen richteten ihre Geschütze auf den Feind. Lord
Chelmsford hatte einen vorteilhaften Platz ausgewählt. Die Armee befand
sich gerade auf einem sanft abfallenden Höhenrücken, so daß der Anlauf
der Zulus bergan gehen mußte, was für den Speerangriff nachteilig war.

Kaum war der erste Kanonenschuß gefallen und das erste Hohlgeschoß über
der Zulumasse vor der rechten Flanke zersprungen, so stürmten die Feinde
heran. Zunächst nur der starke Haufen, der zuerst sichtbar geworden war.
Er entfaltete sich zu einer langen Linie und lief vor.

Die beiden vorderen Glieder der Engländer knieten nieder, die beiden
hinteren Glieder streckten die Gewehre über die Köpfe der knieenden vor,
und ein furchtbares Schnellfeuer begann. Ohne Wall, auf freiem Felde
mußte heute gefochten werden und Standhaftigkeit die fehlende Brustwehr
ersetzen. Trotz des Hagels aus den Gewehren und trotz der
Artilleriegeschosse kamen die Zulus mit der alten Tapferkeit heran,
leichtfüßig springend, in ihrem hüpfenden Sturmschritt laufend. Aber
nicht wie sonst ertönte ihr Schlachtgesang, sie kamen in finsterem
Schweigen heran, ganz lautlos, und da auch ihre Schritte und das Klirren
ihrer Waffen im Lärm des englischen Feuers nicht zu vernehmen waren,
glichen sie einem Heere stürmender schwarzer Schatten. Manchem unter den
Europäern, der schon mit den Zulus gefochten hatte, erschien diese
Stille schrecklicher als der donnernde Kampfruf. Sie verkündete die
Verzweiflung der tapferen Männer, welche zum letzten Kampfe unter den
Augen ihres Königs vorgingen. Bis auf siebzig Schritte vom Karree kamen
die schwarzen Linien heran, dann machten sie Halt und fingen an zu
feuern, indem sie sich niederwarfen. Deutlich erkannte Pieter Maritz
jetzt, wie sehr die alten Regimenter zusammengeschmolzen waren. Die
Regimenter der roten, der blauen und der schwarzen Schilde besonders
hatten gelitten und bildeten nur noch kleine Haufen von vierhundert oder
fünfhundert Mann. Viele ganz junge Leute waren zwischen den älteren
Männern. Deutlich erkannte er auch in dieser Nähe den Prinzen
Dabulamanzi, der inmitten des Kugelhagels auf einem schwarzen Pferde
hinter seiner Schlachtreihe emporragte. Er allein war aufrecht, und er
kümmerte sich nicht um die Shrapnels und Büchsenkugeln, die unter seinen
Leuten aufräumten und ihn selber umpfiffen. Er winkte nach rückwärts und
ließ seine Reserve heranlaufen, um das vordere Treffen zum neuen Angriff
vorwärts zu tragen.

Zu gleicher Zeit brachen jetzt die feindliche Mitte und der feindliche
rechte Flügel, der von Sirajo geführt wurde, zum Angriff vor, und das
Feuer ward allgemein, indem die beiden äußersten Enden der Flügel
zusammenschlossen und auch die rückwärtige Front angriffen. Manche Kugel
schlug in das Viereck ein, und mancher Mann stürzte zusammen.

Pieter Maritz hielt seinen Blick hauptsächlich auf Dabulamanzi
gerichtet, der ihm der Beachtung am meisten würdig erschien. Er sprengte
mit hoch geschwungenem Speere die Linie entlang und trieb seinen Flügel
und die Mitte zum Angriff. Und die Zulus gehorchten. Sie verachteten den
tödlichen Bleihagel, der Mann nach Mann in ihren Reihen niederriß, und
stürmten vor. Bis auf dreißig Schritte kamen viele an das todsprühende
Viereck heran. Die englischen Soldaten sahen die drohenden schwarzen
Gesichter mit dem hochragenden Kopfputz deutlich vor sich. Aber nur
wenige, nur die glücklichsten unter den Tapferen, kamen näher. Das Feuer
war noch stärker als bei Gingilowo, denn die Artillerie war zahlreicher,
auch schossen heute vier Glieder zugleich mit Martini-Henry-Gewehren,
und unablässig versorgten Soldaten, die zwischen den feuernden Gliedern
und den Munitionswagen hin und her liefen, die Patrontaschen und
Magazine mit neuen Patronen. Keine Tapferkeit konnte den nackt und ohne
Schutz bergan laufenden Zulus helfen, sie stürzten in Massen zu Boden.
Nur Dabulamanzi, obwohl beständig dem Feuer ausgesetzt, blieb wie durch
ein Wunder am Leben. Er war überall zu sehen, wo die Gefahr am größten
war, während Sirajo sich mehr zurückhielt. Er rief den Weichenden zu, er
führte wieder und wieder zusammengeraffte Haufen vorwärts, und rund um
ihn her fielen die Männer. Aber er blieb auf seinem Pferde.

Mehr als einmal griff Pieter Maritz nach seiner Büchse, und er traute es
sich wohl zu, den Prinzen herabzuschießen. Die Engländer zielten wenig,
sie schossen in die Masse hinein, kein Buer stand in der äußeren Linie.
Aber ein Gefühl der Scheu hielt den Buernsohn zurück. Er mochte den
tapferen Mann nicht fällen. War er dem Degenstoß bei Gingilowo nicht
erlegen, so wollte ihn eine höhere Bestimmung wohl nicht durch die Hand
fallen lassen, die damals das Schwert gegen ihn führte. Pieter Maritz
getraute sich nicht, auf Dabulamanzi zu schießen.

Jetzt trat unter den ungeheuren Verlusten, welche die Zulus erlitten,
ein Stocken in ihrem Angriff ein, ein Schwanken ward in ihren
Schlachthaufen bemerklich, die Regimenter schienen sich aufzulösen.
Sirajos Flügel strömte bald darauf rückwärts, das Centrum wich langsam
unter den unaufhörlich einschlagenden Shrapnels und Gatlinggeschossen.
Ein lautes Hurra ertönte in den von Pulverdampf umwallten Gliedern der
Engländer.

Da ritt Lord Chelmsford vor die Reihen der Ulanen und zeigte mit der
Hand auf Dabulamanzis Flügel, der noch immer standhielt. Hatten in der
letzten Schlacht die Dragoner Lorbeeren errungen, so sollten heute die
Ulanen den Sieg vollenden. Das Viereck öffnete sich, das stolze Regiment
trabte hinaus, das Feuer verstummte auf der rechten Flanke, und die
Schwadronen ritten zu staffelförmiger Attacke auf. Dann legte die
vorderste Schwadron die Lanzen ein und jagte, die blinkenden Spitzen mit
den flatternden Fähnchen gesenkt, gerade auf die Zulus los.

Aber die Zulus hatten von ihren Feinden gelernt, und Dabulamanzi war in
ihrer Mitte. Sie schlossen sich eng zu einem Knäuel zusammen, streckten
die Schilde vor und feuerten. Viele der Reiter mußten den Sattel räumen.
Eine zweite Schwadron stürmte heran und griff über den Flügel der ersten
hinaus mit der Lanze an, die dritte und vierte folgten, immer die
vorderen überflügelnd, und ritten in die Feinde ein. Die Zulus erlagen
unter dem wilden Ansturm. Vergeblich waren ihre Speere und Schilde, die
langen Lanzen der Engländer, mit der Wucht von Roß und Mann vorwärts
getrieben, durchbohrten Schild und Brust, und einer der tapferen
Verteidiger nach dem andern sank zu Boden. Verzweiflungsvoll flüchtete
Dabulamanzi mit einer kleinen Schar. Doch nahe an hundert Mann ließ das
Ulanenregiment auf dem Platze zurück.

Jetzt brachen auch die Buern auf des Oberbefehlshabers Wink aus dem
Karree hervor, und Humbatis Truppen wurden auf die Fliehenden
losgelassen. Weithin bedeckte sich die Ebene mit flüchtigen Scharen,
hinter denen die Kavallerie herjagte, und Schwerthieb und Lanzenstich
räumten unter den Zulus und den Amatongas auf, welche heute das Zuluheer
verstärkt hatten. Langsam rückte das schwere Viereck vor, das Hurrarufen
der Sieger donnerte über das Schlachtfeld hin, und die Klänge des »~Rule
Britannia~« spielten dazwischen.

Pieter Maritz ritt an der Spitze der Buern einher, das Schwert in der
Rechten, doch brauchte er es nicht mehr, denn die Feinde leisteten
keinen Widerstand. Er lenkte nach dem Lickasikrale hin, aber der Hügel
war leer, der König war verschwunden. Er ritt nach Ulundi zu und sah,
daß die englischen Reiter schon in der Hauptstadt waren. Er kam an die
äußersten Hütten hinan, sie waren leer. Als er aber bis zur Wohnung des
Königs kam, da sah er den schönen Rasenplatz, auf dem einst die Frauen
getanzt hatten, von den Ulanen angefüllt, und aus der Veranda leckten
die Flammen empor.

Er ritt langsam zurück, Traurigkeit beschlich sein Herz beim Anblick der
Verwüstung und des Todes auf den Stätten, wo er einst ein fröhliches
Volk gesehen hatte.

Noch einmal blickte er sich um: Ulundi brannte an allen Ecken und Enden,
die leichten Hütten flackerten wie Fackeln auf, düsterer schwarzer Rauch
stieg zum Himmel empor. Tschetschwajos Macht war gebrochen, und zum
Falle seines Reiches, zum Brande seiner Hauptstadt spielte die englische
Musik das »~Rule Britannia~«.

[Illustration]



[Illustration]



Fünfundzwanzigstes Kapitel

König Tschetschwajos Gefangennahme


Rauch und Hitze machten den Aufenthalt in Ulundi bald unerträglich, und
die Truppen versammelten sich wieder in der freien Ebene, wo Lord
Chelmsford den entscheidenden Sieg erfochten hatte. Pieter Maritz sah,
wie die Flammen sich ringsum in Ulundi verbreiteten, bis der ganze weite
Ring von Hütten, der den großen Platz einschloß, einem riesigen
brennenden Pechkranz glich. Der Himmel verfinsterte sich durch den
ungeheuren Qualm, der von so vielen leicht brennbaren Hütten emporstieg.
Währenddessen richtete die Artillerie ihre Geschosse auf die
benachbarten Krale, welche ehedem Residenzen der Zulukönige und Zeugen
manches Triumphes der siegreichen Eroberer über schwächere Nachbarn
gewesen waren. Diese Krale konnten noch Feinde bergen, und die Engländer
hielten es für sicherer, sie zu zerstören, oder gaben vielleicht auch
nur dem Triebe der Vernichtung nach, der im Kriege in den Herzen der
Menschen riesengroß anwächst. Raketen und Shrapnels sausten in die
Hüttenringe hinein, und bald schlugen aus allen ringsum sichtbaren
Kralen die Rauchwolken und Flammen ebenso wie aus Ulundi empor. Der
ganze nördliche und östliche Horizont hüllte sich in schwarzen Dunst, so
daß die vorher hell schimmernden fernen Höhenzüge und der klare
durchsichtige Äther gleichsam in Trauer gekleidet erschienen.

Lord Chelmsford führte seine Armee in das befestigte Lager zurück, aus
welchem er heute morgen aufgebrochen war, und gab Befehl, daß nur eine
geringe Macht, hauptsächlich Kavallerie und Artillerie, die Verfolgung
der geschlagenen Feinde fortsetzen solle. Die Masse des Heeres sollte
zurückmarschieren. Schon im Laufe des Tages der Schlacht, mehr aber noch
an den folgenden Tagen zeigte sich die große Bedeutung des englischen
Sieges in dem Erscheinen von Zulufürsten, welche ihre Unterwerfung
ankündigten. Alle jene Vornehmen, welche nur durch Waffengewalt zum
Gehorsam gezwungen worden waren, dazu die Ehrgeizigen, welche hofften,
nach der Besiegung Tschetschwajos selbständige Herrscher in ihrem
Gebiete zu werden, kamen mit ihren Anhängern in das Lager des mächtigen
Siegers und huldigten ihm. Tschetschwajos Macht bröckelte auseinander.
Die Indunas berichteten, der König habe nur noch sechstausend Mann um
sich, und mit diesen habe er sich nach Nordosten gewandt, um in die
fernsten, wildesten Gegenden seines Reiches zu fliehen.

Lord Chelmsford nahm alle Indunas freundlich auf, lobte sie wegen ihrer
Gefügigkeit und versprach ihnen die Unterstützung der englischen Macht
bei ihren Plänen auf Selbständigkeit. Seine Truppen folgten indessen den
Spuren des Königs. Die Ulanen und Dragoner, die Scharfschützen des 60.
Regiments, vor allem aber die Buern und Humbatis schwarze Truppen, waren
mit der Artillerie vereint im schnellen Marsche hinter der letzten
kleinen Armee der Zulus. Es ging zunächst auf Mainze-kanze, wo der König
Halt gemacht hatte, wie seine verräterischen Indunas aussagten.

Noch auf dem Wege dorthin, und mehrere Meilen südlich vom Zusammenflusse
des Schwarzen und des Weißen Umvolosi, ritt Pieter Maritz eines Abends
mit dem Leutnant Dubois zusammen an der Spitze einer Buernschar durch
das gebirgige Land, als er Humbati bemerkte, der in Eile vorwärts
drängte und einen der englischen Befehlshaber, den Obersten Barrow,
führte. Humbati war, nachdem der Sieg bei Ulundi erfochten worden war
und während so viele Indunas sich einem neuen Glücke zuwandten, eine
sehr angesehene und geachtete Persönlichkeit unter seinen Landsleuten
geworden, und viele Indunas bewarben sich wie ehedem, als er noch des
Königs Günstling war, um seine Freundschaft. Sie erblickten in ihm einen
der zukünftigen Herrscher im Zululande. Er aber behielt das finstere
Wesen, das Pieter Maritz schon im Lager am Tugela bei ihm bemerkt hatte,
und es schien dem Buernsohn, als sei er mehr von dem Durst nach Rache
als von Ehrgeiz getrieben.

Der Abend war vom Glanze des Mondes erhellt, und es war fast so hell wie
am Tage, nur gab das silberweiße Licht allen Gegenständen ein
geheimnisvolles Aussehen, und die Felsen und Bäume in diesen
zerklüfteten Landschaften der Flußufer nahmen oft wunderbare
Gestaltungen durch die tiefen Schatten ihrer vom Monde abgewandten
Flächen an. Oberst Barrow hatte einen Zug Dragoner hinter sich, und er
winkte dem Leutnant Dubois, ihm mit den Buern ebenfalls zu folgen.
Humbati schritt leichtfüßig voran, und die Offiziere und Mannschaften
folgten ihm in ein Seitenthal. Der Weg wurde schwierig und schwieriger,
nur mit Mühe folgten die Reiter dem eilig vorangehenden Zulu. Das Thal
war eng und düster, nur oberhalb der Baumwipfel zeigte sich der Streif
des hellen Nachthimmels, und die Sterne funkelten hell, indem sie aus
dem Dunkel heraus gesehen wurden. Endlich endete das Thal, und ein
offener Platz, ringsum von sanften Höhenrücken begrenzt, zeigte sich.
Hier standen nur einzelne kleinere Bäume, eine Palmenart, und viele
gewaltig große Felsblöcke lagen umher, die zum Teil von Gras und
Schlinggewächsen überwuchert waren. Es war ein Platz, der ungemein
einsam und versteckt aussah.

Humbati machte Halt und sprach einige leise Worte mit dem Obersten,
worauf dieser mehrere Soldaten absteigen ließ. Mit diesen näherte sich
Humbati einem der Haufen von Felsblöcken und fing an, die Steine
wegzuräumen. Pieter Maritz sah nun, daß alsbald unter den von der Natur
ohne Ordnung zusammengewürfelten Steinen ein regelrecht geformter
Felsenbau, ähnlich einem ungeheuer großen Kasten, erschien. Die Steine
waren lang und platt, schichtenweise gelagert. Humbati schob nun an
einem dieser langen Steine, der auf der Kante stand, und brachte ihn mit
Hilfe der Soldaten in eine Drehung und zum Falle. Polternd stürzte er
von seiner Unterlage herab in das Gras, und nun zeigte sich hinter ihm
ein hohler Raum, den er wie eine Thür verschlossen gehalten hatte. Die
Offiziere und auch Pieter Maritz näherten sich dem Gewölbe und sahen,
daß es mit glänzenden Gegenständen angefüllt war. Goldene Ringe und
metallene Gefäße, zusammengeschnürte Ballen, in denen Stoffe und
Straußenfedern sein mochten, sowie alle solche Dinge, welche Pieter
Maritz wohl als Kostbarkeiten an Tschetschwajos Hofe gesehen hatte,
waren in diesem Steingewölbe angehäuft. Humbati hatte den Weißen die
Schatzkammer des Königs verraten.

Aber in diesem Augenblicke, als aller Augen sich voller Neugierde auf
die dunkle Höhlung richteten und Humbati einen der glänzenden
Gegenstände hervorholte, auf welchem nun das Mondlicht spielte, war ein
wilder, gellender Schrei zu vernehmen, und in der nächsten Sekunde
erschien eine hohe schwarze Gestalt jenseits des Felsenbaues und stürzte
zum Angriff heran. Gleich darauf war ein Schar Zulus zu erblicken,
welche den gegenüberliegenden Hang herabgelaufen kam.

Es war ein Augenblick der höchsten Gefahr, das fühlte Pieter Maritz. Er
sprang alsbald vom Pferde herab und nahm die Büchse zur Hand. Gleich ihm
waren die übrigen Buern schnell im Grase und kampfbereit, und die
Engländer folgten dem Beispiel und gaben ihre Kampfweise zu Pferde auf,
um es den landeskundigen Buern nachzumachen. Schüsse krachten durch die
Nacht, und der geheimnisvolle stille Platz, wo König Tschetschwajo seine
Schätze verborgen hatte, verwandelte sich in einen lärmerfüllten
Kampfplatz.

Pieter Maritz konnte, so sehr er mit der Sorge für sich selbst und für
Jager beschäftigt war, den Blick nicht abwenden von der zuerst
erschienenen Gestalt. Er hatte Dabulamanzi erkannt, der mit Büchse,
Schild und Speer herangestürmt war. Pieter Maritz sah, daß des Königs
Bruder keinen andern Feind zu kennen schien, als allein den Verräter,
Humbati. Er sprang gerade auf diesen los, und ein wilder Zweikampf
entspann sich, denn Humbati dachte nicht an Flucht. Keinen Fußbreit wich
er zurück, sondern, wo er gestanden hatte, vor dem Eingang der
Schatzkammer, da blieb er stehen und erwartete seinen Feind. Er hatte
eine Büchse auf der Schulter, wie auch Dabulamanzi eine Büchse trug,
aber in diesem Kampfe, der den persönlichen Haß der beiden Indunas
gegeneinander zum Austrag bringen sollte, verschmähten sie beide die
fremde Feuerwaffe, warfen die Büchsen hin und griffen zum Assagai. In
gewaltigem Satze, dem Löwen gleich, sprang der tapfere Prinz mit hoch
geschwungenem Speere auf seinen Feind los, und Humbati duckte sich, wie
der schwarze Panther sich zusammenbiegt, wenn er seine Zähne und Tatzen
gebrauchen will.

Pieter Maritz vergaß zu schießen, indem der Anblick dieser beiden
nackten, herrlich gebildeten schlanken Gestalten, dieser geübten und
vornehmen Krieger ihn gänzlich fesselte. In Dabulamanzis Blick und
Gebärde las er den Stolz und den Zorn des Herrschers und des Besiegten,
die unbezähmbare Kampflust eines wilden Sinnes, den brennenden Wunsch,
das erlittene Leid zu rächen und die Wut über die Niederlage des
Zulureiches an diesem einen Manne auszulassen, der als Verräter dem
königlichen Hause verhaßter war als die siegreichen Engländer. Nun hatte
der Prinz ihn auf der That ertappt, sah mit eigenen Augen, wie die
königlichen Schätze dem Feinde überliefert wurden, und wollte ihn mit
eigener Hand strafen. In Humbatis trotzigem Antlitz dagegen glaubte
Pieter Maritz den finsteren Blick wiederzuerkennen, den er damals auf
den König gerichtet hatte, als dieser ihm den jüngeren Bruder raubte und
zum Tode sandte. Mit schmeichelnden Worten hatte der schlaue Induna den
Racheplan überkleidet, den er damals im Herzen trug, aber er hatte
niemals die Beleidigung und den Schmerz vergessen, die ihm, dem
verdienten Freunde des Königs, dadurch zugefügt wurden, daß sein
Lieblingsbruder vor den Augen des ganzen Hofes seiner Ehren und Würden
beraubt ward wegen eines Fehlers, der ebensowohl Dabulamanzis Schuld als
die seinige war. An dem Bruder des Königs selbst hätte jetzt Humbati
gern seine Rache vollzogen und Blut gegen Blut genommen. Dabulamanzi
stieß mit dem Assagai zu und richtete die Wucht seines Sprunges und
Stoßes gegen des Feindes Brust. Aber schnell und geschmeidig wandte sich
Humbati im entscheidenden Augenblick und schlug mit der Hand die
Speerspitze zur Seite, so daß sie an seinem linken Oberarm vorbeifuhr.
Dann stieß er selber zu, indem er blitzschnell vorwärts sprang.
Dabulamanzi trug den Schild am linken Arme, während Humbatis Linke
unbewehrt war. Er parierte den Stoß mit dem Schilde, aber die Spitze
fuhr in schräger Richtung durch das Ochsenfell hindurch und streifte die
Haut. Beide Kämpfer waren so nahe aneinander, daß sie die Speere nicht
mehr gebrauchen konnten. Dabulamanzi ließ den Schild fallen, in welchem
die Assagaispitze feststeckte, warf den Speer aus der Rechten und griff
seinen Gegner mit den Händen an. Humbatis Speer sank mit dem Schilde zu
Boden, und auch er warf sich unbewaffnet dem Feinde entgegen. Die beiden
nackten nervigen Gestalten umschlangen sich mit den Armen und rangen
Brust an Brust. Sie waren fast gleich an Wuchs, Dabulamanzi überragte
seinen Gegner nur um zwei Fingerbreiten. Beiden schwollen in der
gewaltigen Anstrengung die Muskeln der Arme und der Schenkel, indem sie
sich ringend umschnürten und mit den Füßen in den Boden stemmten. Die
schwarze Haut der starken Ringer glänzte im silbernen Lichte des Mondes.
Jetzt schien Dabulamanzis eiserner Griff die Oberhand zu gewinnen, und
die Sehnen Humbatis schienen sich zu erweichen. Ein kräftiger Ruck des
Prinzen, und Humbati stürzte zu Boden, Dabulamanzi über ihn her. Aber
indem sie das Gras berührten, kam eine neue Bewegung in die aalglatten
geschmeidigen Glieder, der Ringkampf ward am Boden fortgesetzt, denn
Humbati hatte sich im Fallen zur Seite geworfen. Für eine Zeitlang
schien es jetzt, als ob ineinander verwickelte Schlangen in dem hohen
Grase kämpften. Die schwarzen schimmernden Glieder waren so ineinander
verflochten und in solchem Wirbel schneller Windungen, daß Pieter Maritz
nicht mehr zu unterscheiden vermochte, ob er des Prinzen oder Humbatis
Arme und Beine aus dem Grase hervorblicken sehe. Sie rollten von der
Seite fort, indem ein jeder sich bestrebte, den andern nach unten zu
drücken, und zwischen den Felsblöcken hin bewegte sich das kämpfende
Paar wie ein einziges seltsames Tier in verwirrender Eile. Nur für
Sekunden war ein Gesicht zu erkennen, dann tauchte es wieder unter, und
die Gestalten schwebten so schnell und in so unbestimmten Umrissen
vorüber, daß der Buernsohn sie nicht voneinander zu unterscheiden
vermochte. Nun glaubte er Dabulamanzis kurzes Haar und stolze Augen zu
sehen, aber schon war dies Gesicht verschwunden, und der düstere Blick
Humbatis funkelte gleich dem des gereizten Tigers, und seine weißen
Zähne, in der Kampfwut zusammengebissen, glänzten aus dem schwarzen
wilden Gesicht hervor. So entfernte sich der Zweikampf von der Stelle,
wo er begonnen hatte, und die Ringenden wälzten sich nahe an die Steine
heran, die von der Schatzkammer hinweggeräumt worden waren. Mit einem
Male sah Pieter Maritz eine Veränderung in der Scene. Eine Gestalt löste
sich von der andern los, Dabulamanzi sprang empor, und Humbati blieb
liegen. Er mußte mit dem Kopfe, wie es Pieter Maritz vorkam, an eine
scharfe Ecke eines Steines geschlagen sein und das Bewußtsein verloren
haben. In den nächsten Sekunden schon hatte Dabulamanzi den Speer vom
Boden aufgerafft, den er vorhin von sich geworfen, nun kehrte er mit
einem langen Satze zu der Stelle zurück, wo Humbati lag, und mit einem
gellenden Triumphruf bohrte er den Assagai dem Besiegten durch die
Brust.

Der Kampf hatte kaum eine Minute gedauert, und zwischen den Weißen und
Dabulamanzis Schar waren währenddessen Kugeln gewechselt worden. Die
Zulus blickten auf ihren Führer und warteten den Ausgang seines
Einzelkampfes ab, bevor sie sich mit dem Assagai auf die Engländer
stürzten. Aber Dabulamanzi mochte ihre Anzahl für ungenügend halten, um
den Angriff fortzusetzen. Als er Humbati tot zu seinen Füßen sah, rief
und winkte er seiner Schar und verschwand mit ihr so schnell, wie er
gekommen war, ohne nur einen Versuch zu machen, den Schatz des Königs zu
hüten. Kugeln pfiffen hinter den Zulus her, aber ohne Erfolg, denn die
schwarzen Krieger duckten sich in das Gras und tauchten sehr bald wieder
hinter dem deckenden Höhenrücken unter.

Oberst Barrow aber fürchtete, daß sie in größerer Zahl wiederkehren
möchten, und da er nur etwa fünfzig Mann bei sich hatte, wünschte er ein
Gefecht in dieser abgelegenen Gegend zu vermeiden. Er ließ in Eile die
wertvollsten Gegenstände aus der Felsenhöhle zusammenraffen und dann
wieder die Pferde besteigen. Auf demselben Wege, den sie gekommen waren,
zogen die Weißen zurück und erreichten glücklich wieder die Straße, auf
welcher die Hauptmasse der Truppen marschierte.

Am Tage darauf bekamen sie Mainze-kanze zu Gesicht und betraten das hoch
gelegene Ufer, von dem aus sie die hellen Ströme sich vereinigen sahen.
Mainze-kanze war besetzt, die Offiziere erkannten durch ihre Gläser das
Blitzen der Waffen in Dabulamanzis festen Plätzen. Schon fuhr die
Artillerie auf, um die Krale zu beschießen, da zeigte sich eine weiße
Fahne auf dem hohen Schornstein der Fabrik inmitten des größten
Hüttenringes. Die Engländer warteten mit der Beschießung, und nach
einiger Zeit kam ein Zug von Männern von unten herauf, an deren Spitze
ein Induna in weißem Mantel schritt. Dabulamanzi selbst kam in
Friedenstracht, um seine Unterwerfung anzuzeigen. Der ehrgeizige Mann
setzte keine Hoffnung mehr auf das Glück seines königlichen Bruders und
hoffte, wenn er Frieden schlösse, in seiner Herrschaft über Mainze-kanze
und das umliegende Land anerkannt zu werden.

Der englische Befehlshaber, Lord Gifford, nahm die Unterwerfung an, und
nun ergab sich der letzte Rest der Zuluarmee auf Gnade und Ungnade. In
langen Zügen marschierten die Regimenter heran und legten die bei
Isandula erbeuteten Gewehre, soweit sie noch vorhanden waren, vor den
Zelten der Engländer nieder, fuhren auch mit vorgespannten Ochsen die
Geschütze heran, welche sie damals erobert hatten und deren Gebrauch
ihnen fremd geblieben war. Auch der Degen des kaiserlichen Prinzen kam
jetzt zum Vorschein und wurde mit großer Freude von den Engländern in
Empfang genommen. Er sollte nach England gesandt werden, wohin die
Leiche des Prinzen schon zur feierlichen Bestattung unterwegs war.

Lord Gifford sandte Meldung von seinem Erfolge nach Ulundi zurück, wo
inzwischen Sir Garnet Wolseley eingetroffen war, und erhielt den Befehl,
mit einer geringen Macht die Verfolgung Tschetschwajos fortzusetzen, die
übrigen Truppen unter Oberst Barrow aber zurückzusenden. Das englische
Heer war wieder im Rückmarsch nach Port Natal und sollte zu Schiffe in
die Heimat befördert werden. Nur mit sechshundert Mann Truppen:
Dragonern, reitenden Schützen und Buern, dazu noch einigen hundert
Schwarzen, setzte Lord Gifford den Marsch nach Nordosten fort. Es war
gegen Ende des Monats Juli.

Aber noch gab es manchen heißen und schwierigen Marsch. Das Land wurde
immer wilder und gebirgiger, je weiter die Truppen vordrangen. Die Krale
lagen hier sehr vereinzelt, die Bevölkerung war sehr dünn, und wilde
Tiere fanden sich hier noch in großer Menge. Nicht allein gegen
Überraschungen von seiten der Zulus, sondern auch zum Schutze gegen
Löwen und Leoparden mußten allnächtlich Wachen ausgestellt und
Wachtfeuer unterhalten werden. Wochenlang streiften die Reiter im
Gebirge hin und her, bald hierhin, bald dorthin durch wechselnde
Nachrichten über den Aufenthalt des Königs gelockt. Vielfach kamen Zulus
zu den Weißen, welche, um ihre Hütten und Herden zu retten, ihnen
mitteilten, wo der gefürchtete Tyrann sich verborgen halte, aber wenn
die Verfolger den bezeichneten Punkt erreichten, zeigte sich, daß
Tschetschwajo schon wieder fort war. Das einsame, wüste, zerklüftete
Land kam seiner Flucht sehr zu statten.

Pieter Maritz ritt oft mit Lord Fitzherbert zusammen, und sie erneuerten
in dieser Zeit ihre alte Freundschaft. Manche Nacht lagen sie zusammen
unter dem Sternenhimmel am Feuer, manche Jagd führten sie zusammen aus.
Denn die Jagd vereinigte sich mit dem Kriege auf dieser langen Suche
nach dem flüchtigen schwarzen Fürsten. Mehreremal fielen Löwen trotz
aller Wachsamkeit in das Lager ein und raubten Pferde und
Schlachtochsen. Major Marter allein, der die Dragoner kommandierte,
verlor drei Pferde nacheinander durch Löwen, teils im Lager, teils auf
der Jagd. Auf diesem Marsche bekamen Pieter Maritz und Lord Fitzherbert
auch zum erstenmal in ihrem Leben Giraffen zu sehen.

Sie waren an einen Fluß gekommen, den die Zulus Umlanluwe nannten und
der an der Stelle, wo sie ihn erreichten, breit und glänzend in einem
weiten Thale strömte. Es war früh am Morgen, nur vier Dragoner und vier
Buern befanden sich bei der Patrouille, welche bei Sonnenaufgang vom
Lager ausgesandt worden war. Als die Reiter aus dem Walde herauskamen,
sah Pieter Maritz in weiter Entfernung am jenseitigen Ufer eine Herde
von zwölf der riesenhohen Tiere, zum Teil im Wasser stehend, zum Teil am
sonnigen Ufer. Er zeigte sie dem Lord, und beide berieten, voll
Jagdbegierde, wie sie an die scheuen Tiere herankommen könnten. Der Wind
blies den Reitern entgegen, und dies war günstig, da er die Witterung
des Menschen den Tieren nicht zutragen konnte. Sie ließen ihre Reiter
zurück in das Versteck des Waldes treten und versuchten, den Fluß zu
überschreiten. Der Engländer trug gleich dem Buernsohn eine
Martini-Henry-Büchse. Glücklich fanden sie eine Stelle, wo das Wasser
seicht war, so daß die Pferde hindurchgehen konnten, und sie gelangten
an das jenseitige Ufer, ohne daß sie von den Giraffen bemerkt wurden.
Dann ritten sie durch hohes Mimosengebüsch langsam und vorsichtig der
Herde näher. Der Wind hatte sich ganz gelegt. So kamen sie bis auf etwa
zweihundert Schritte an die Herde heran, hier aber mußten sie halten,
denn das Gebüsch hörte auf, und die stachligen Sträucher, an denen die
Giraffen weideten, standen nur noch vereinzelt. Sie sahen die Tiere
deutlich vor sich. Einige grasten, andere rupften mit ihren harten
Lippen und schwarzen Zungen an den Mimosen. Sie wedelten mit den
Schweifen nach den Sirutfliegen, die sie belästigten, und verschiedene
Vögel flatterten um ihre Köpfe, setzten sich sogar auf die kurzen Hörner
oder auf die Nase der Tiere, um die Insekten wegzufangen, die den
riesigen bunten Gestalten in die Nüstern stechen wollten. Es war ein
prächtiges Schauspiel. Das orangefarbene, schwarzgefleckte Fell der
Tiere glänzte im Sonnenschein und schillerte bei jeder Bewegung, bald
glich es dem Atlas, bald der Goldbronze. Die großen schwarzen Augen
waren von wunderbarer Schönheit, sanft wie die Augen der Antilopen, aber
noch viel tiefer und glänzender, wie sie auch viel größer waren.

»Ich habe nie gewußt, was Giraffen sind,« flüsterte der Lord seinem
Freunde zu. »Ich habe sie in den zoologischen Gärten in Paris und London
gesehen, aber sie haben dort in dem kalten Klima und in der
Gefangenschaft gar keine Ähnlichkeit mit diesen wunderschönen Tieren.«

Pieter Maritz nickte ihm zu. Sein Herz klopfte.

»Ich schieße nicht,« sagte er. »Die Tiere sind zu schön, und sie thun
niemand etwas zuleide.«

»Ich schieße,« entgegnete der Lord, »ich kann es nicht lassen.«

In diesem Augenblicke und als der Engländer seine Büchse erhob, regte
sich ein Lüftchen in den Zweigen, und dieser Lufthauch wehte von den
Reitern nach den Giraffen hin. Sofort standen sie still, hörten zu
weiden auf und richteten ihre wundervollen Augen nach der Stelle hin, wo
die Jäger waren, während sie ihre Köpfe hoch in die Luft streckten. Lord
Fitzherbert ward unruhig und schoß sehr schnell, weil er fürchtete, die
Tiere möchten ihm entfliehen. Sein Schuß mochte wohl getroffen haben,
denn eines der Tiere zuckte zusammen. Dann setzte sich die ganze Herde
vom Ufer weg in Trab.

»Hinter ihnen her!« rief der Engländer voll Eifer.

Beide trieben ihre Pferde an, und im Reiten schoß der Lord noch zweimal.
Aber er hatte ohne Erfolg geschossen, die Tiere liefen weiter. Sie
liefen im Trabe, mit großer Gemächlichkeit, wie es schien; aber die
Entfernung, welche sie von ihren Verfolgern schied, wurde doch immer
größer. Die Jäger ritten den stärksten Galopp, aber sie kamen den
Giraffen nicht näher, denn jeder Schritt der langtrabenden hohen Tiere
war mindestens zwölf Fuß weit, und es war klar, daß die Pferde mit
solchen Beinen nicht wettlaufen konnten. Die Reiter erinnerten sich
ihrer militärischen Aufgabe und kehrten um, nachdem sie eine halbe Meile
weit in das Land hineingeritten waren. War die Jagd auch erfolglos
gewesen, so sollten sie doch auf dem Heimwege Glück haben. Pieter Maritz
erblickte mehrere Zulus, die sich in heimlicher Weise durch das
Buschwerk schlichen, und es kam ihm so vor, als ob ihm einer davon
bekannt sei. Zwar hatte er ihn nur eine Sekunde lang zu Gesicht
bekommen, als der Mann quer über einen Pfad sprang, den das Wild gebahnt
hatte, aber die hohe und absonderliche Frisur, besonders aber die
auffallende Beinbekleidung ließen keinen Zweifel, wer dieser Zulu sei.
Nur der Leibarzt König Tschetschwajos trug eine rote Hose. Pieter Maritz
sprengte alsbald hinter den Zulus her, und Lord Fitzherbert folgte ihm
durch das Gestrüpp. Die Zulus schienen es nicht sehr eilig mit der
Flucht zu haben, denn sonst hätten sie wohl in dem dichten Busch den
Reitern entgehen können. Aber sie machten es, wie jetzt im Unglück
Tschetschwajos die meisten Zulus es machten: sie fügten sich dem Sieger,
um nicht ihr Besitztum oder gar das Leben zu verlieren. Kaum hatte
Pieter Maritz die Flüchtigen angerufen und ihnen gedroht, er werde
schießen, wenn sie nicht stehen blieben, als auch schon der Mann mit der
roten Hose still stand und seine Begleiter aufforderte, es ihm
nachzumachen. Pieter Maritz und der Lord erkannten mehrere Leute vom
Hofstaat Tschetschwajos, die den Leibarzt begleiteten, und sie nötigten
sie, als Gefangene mit zum Lord Gifford zu gehen.

Schon unterwegs erzählte der Leibarzt, daß Tschetschwajo in der letzten
Zeit häufige Anfälle von Schwermut zugleich mit Atemnot gehabt habe, so
daß ihm die Flucht sehr schwer und lästig falle, und als ihm dann im
Lager Lord Gifford eine Belohnung zusicherte, verriet er, daß der König
sich im Negowewalde, im Krale Molihabantschis, befinde. Molihabantschi
habe seine Besitzung im Norden verlassen, um als Minister des Königs an
dessen Hofe zu leben; nun aber habe er den König, in dessen Begleitung
von Vornehmen nur noch Prinz Sirajo sei, in den versteckt liegenden Kral
seiner Heimat geführt.

Lord Gifford versprach dem Leibarzt eine Herde Ochsen, wenn er den König
seinen Händen überliefere, und dieser erklärte sich bereit dazu. Dann
befahl Lord Gifford dem Oberst Clarke, sich mit dreihundert Mann und
einer Schar Zulus aufzumachen, um unter Führung des Leibarztes
Molihabantschis Kral aufzusuchen und den König lebend zu fangen. Oberst
Clarke brach mit Untergang der Sonne auf und teilte seine Schar in vier
kleine Abteilungen, die den Kral von allen Seiten umringen sollten. Die
stärkste dieser Abteilungen, welche von Süden kommen sollte, ward von
Major Marter kommandiert, und bei dieser, welche aus sechzig Dragonern,
vierzig Buern und etwa fünfzig Zulus bestand, waren auch Pieter Maritz
und Lord Adolphus Fitzherbert.

Die ganze Nacht hindurch ward marschiert, und das Land ward immer
schwieriger zu durchschreiten. Berg und Thal wechselten beständig,
tiefe Schluchten, dichtes stachliges Gebüsch und kleine Wasserläufe
machten den Ritt sehr beschwerlich. Das Gebrüll der wilden Tiere und das
Schreien der Paviane begleitete den Zug unaufhörlich. Bei Tagesanbruch
endlich, als sie an den Saum eines Waldes kamen, gab der verräterische
Leibarzt ein Zeichen, zu halten, damit die blitzenden Waffen beim
Heraustreten aus dem Schatten der Bäume nicht gesehen würden. Major
Marter stieg ab und schritt mit dem Leibarzt vor. Nur Pieter Maritz war
dabei, um als Dolmetscher zu dienen.

Die Sonne schien hell und beleuchtete eine wildgebirgige Landschaft.
Eine einzelne kahle Höhe lag inmitten eines Bergkessels und war ringsum
von tiefen Schluchten umgeben. Hohe Bergketten schlossen von allen
Seiten in engeren und weiteren Linien den Thalkessel ein, und schwarze
Schatten wechselten mit den von der Sonne beschienenen, violett und grün
glänzenden Bergseiten ab. Jene Höhe, welche vom Standort der Verfolger
etwa eine halbe Meile entfernt sein mochte, ward wie von einem Kranze
durch kreisförmig gebaute Hütten gekrönt, den Kral Molihabantschis, wie
der Leibarzt sagte. Die Hütten lagen schwarz auf dem gelbgrünen Gipfel
des Hügels.

Major Marter beschloß, da ein Hinankommen auf geradem Wege unthunlich
erschien, die Höhe zu umgehen. Nach halbstündigem Marsche traten sie
wieder an den Waldsaum vor und spähten nach dem Krale. Der Hügel zeigte
sich jetzt in etwas anderer Form, und es war zu sehen, daß nördlich von
dem Krale ein Waldstreifen bis auf wenig hundert Schritte an die Hütten
heranreichte. Es war zu fürchten, daß Tschetschwajo, wenn er etwa den
Feind bemerkte, sich in diesen Waldstreifen retten und dann ferner
fliehen könnte. Das Terrain war äußerst günstig zu versteckter Flucht
und fast gänzlich unzugänglich für Reiter. Auf die Zulus aber, welche am
besten dem Flüchtling hätten folgen können, wollte sich Major Marter
nicht verlassen. Sie hätten sich vielleicht einschüchtern lassen oder
hätten den König wohl auch ermordet. Major Marter wollte den König
lebend gefangen nehmen und wollte ihn mit eigener Hand und mit Hilfe
zuverlässiger Leute greifen.

So ward denn beschlossen, diesen Tag überhaupt keinen Versuch zu machen,
dem Krale näher zu kommen, sondern, wenn nicht etwa die andern
Abteilungen anlangten, die Nacht zu erwarten und im Schleier der
Dunkelheit den König zu überraschen. Posten wurden im Waldsaum
aufgestellt und das ganze Land ward von verschiedenen Punkten aus
beobachtet. Aber Major Marter ward ungeduldig. Er konnte es nicht
ertragen, den ganzen Tag unthätig zu liegen. Nach einigen Stunden
Wartens ließ er von neuem aufbrechen und weiter nach Nordosten
marschieren, um wo möglich den Waldstreifen hinter Molihabantschis Kral
zu erreichen. Auf diesem Marsche näherte sich der Trupp allmählich dem
Hügel, so daß Pieter Maritz nun vom Walde aus die Hütten deutlich
unterscheiden konnte. Endlich aber mußte die Abteilung eine Strecke weit
über offenes Land ziehen, und nun bemerkte Pieter Maritz, daß sie vom
Krale aus gesehen worden seien. Mehrere schwarze Gestalten zeigten sich,
und er glaubte sogar den König selbst an der großen starken Figur zu
erkennen. Eilig zogen die Truppen weiter und erreichten den unteren Teil
des Waldstreifens, der sich die Höhe hinaufzog.

Major Marter ließ halten. Durch offenen Angriff und Schnelligkeit den
König zu überrumpeln, war nicht gut möglich, da die Reiter bergan und
über den sehr durchschnittenen Boden hin von keiner Seite schnell genug
vorwärts kommen konnten. Es war nur möglich, wie es schien, durch
Heimlichkeit und Stille den geplanten Angriff auszuführen. Major Marter
ließ die Sättel abschnallen und die Säbel abgürten, damit nicht das
Klirren der Bügel und eisernen Scheiden gehört würde. Die Reiter mußten
auf nackten Pferden und allein mit der Klinge in der Hand weiter
vordringen. Zulus eilten vorauf. So stieg der Zug von Nordosten her den
Hügel hinan. Unter den ersten von den Reitern, welche aus dem
Waldstreifen hervorbrachen und nun auf den nahen Kral zuritten, war
Pieter Maritz. Er erblickte den König, der vor den Hütten stand und von
einer kleinen Schar seiner Getreuen umgeben war.

Die Zulus, welche den Weißen vorauf waren, sprangen auf den König los
und schrieen laut: »Der weiße Mann kommt! du bist gefangen!«

Tschetschwajo beachtete diese Leute so wenig, als ob sie eine Koppel
Hunde gewesen wären, die ihn angekläfft hätten. Er blieb unbeweglich
stehen, und mit ihm standen Sirajo und Molihabantschi, wie die andern
Begleiter ruhig und schweigend da. Dann, als die Weißen näher kamen,
drehte Tschetschwajo sich um und ging mit dem Gefolge in den Kreis der
Hütten, wo er dem Blicke Pieter Maritz' entschwand.

Aber die Zulus folgten ihm, und als jetzt die Schar der Reiter
versammelt und Major Marter selbst zugegen war, ging es in den Kral
hinein. Die Zulus zeigten auf die größte der Hütten und bedeuteten die
Verfolger, daß der König darin sei.

Major Marter stieg ab, mit ihm sprangen mehrere Dragoner vom Pferde, und
dann trat der Major vor die Hütte und rief dem König zu, er möge
herauskommen und sich ergeben. Pieter Maritz übersetzte diese
Aufforderung in die Zulusprache.

Da ertönte aus dem Innern der Ruf des Königs: »Nein! kommt ihr herein!«

Aber Major Marter bestand auf seinem Verlangen, und nach mehrmaliger
Weigerung entschloß sich endlich Tschetschwajo, Gehorsam zu leisten. Er
kam hervor.

Als er aus der niedrigen Thür kam, mußte er auf Händen und Füßen
kriechen, dann aber richtete er sich auf und stand in würdiger, stolzer
Haltung und mit ruhiger Fassung da. Er trug einen roten Mantel, ein
einfach viereckiges Stück Zeug, welches auf der linken Schulter mit
einer Spange zusammengehalten wurde und der römischen Toga ähnlich den
riesigen Körper umgab. Sein Blick weilte ruhig auf den Gestalten der
englischen Krieger.

[Illustration: König Tschetschwajos Ergebung.]

Einer der Dragoner trat auf ihn zu und wollte ihn am Arme fassen, aber
der König warf den Kopf empor, maß den Mann mit verachtungsvollem Blick,
machte mit der linken Hand eine abwehrende Bewegung und sagte: »Weißer
Krieger, rühre mich nicht an!«

Alsdann wandte er sich zu Pieter Maritz und sagte mit völlig ruhigem
Tone: »Sage den Kriegern der Königin von England, sie möchten mich
erschießen.«

Pieter Maritz übersetzte dies dem Major Marter, und dieser ließ dem
König antworten, daß die Engländer nicht daran dächten, ihm ein Leid zu
thun, vielmehr nur verlangten, daß der König ihnen folge.

»Ist dieser Mann ein Induna? Welchen Rang hat der Befehlshaber dieser
Truppen?« fragte der König.

Pieter Maritz gab ihm Auskunft.

Währenddessen waren nicht nur Major Marters Leute, sondern auch die
andern englischen Abteilungen herangekommen, und Lord Gifford selbst
erschien. Der Kral und der Hügel füllten sich mit Pferden und Soldaten.
Der König ward aufgefordert, den Kral zu verlassen und sich in das
englische Lager zu begeben. Sein Benehmen war so stolz, daß die
Offiziere voll Verwunderung waren und daß sich gleichsam von selbst
Ehrenbezeugungen für ihn bildeten. Als er mit seinem kleinen Gefolge von
Indunas und Weibern den Kral verließ, standen die reitenden Schützen
und Dragoner zu beiden Seiten in Linie aufmarschiert, und er ging mit
sehr langsamem Schritte, den Kopf hoch, durch ihre Reihen hindurch, mit
hartem, forschendem Blick die englischen Soldaten betrachtend, als ob er
seine eigenen Krieger mustere. Er ragte mit seinem nackten, ganz
schmucklosen Kopfe über alle hinweg und schritt an seinem elfenbeinernen
Stabe mit der gelassenen Vornehmheit eines Herrschers dahin, dem von
seinen Unterthanen die schuldigen Ehren erwiesen werden.

Seine ruhige Würde behielt er auf dem ganzen Wege. Er wurde nach Lord
Giffords Lager geführt und von dort nach Ulundi. Am 31. August ward die
ehemalige Hauptstadt des schwarzen Königs erreicht. Pieter Maritz war in
der Begleitung, um als Dolmetscher zu dienen. Vor Ulundi war ein großes
englisches Lager, und dort erblickte Pieter Maritz das kluge Gesicht des
Oberbefehlshabers Sir Garnet Wolseley. Lord Chelmsford war nach England
zurückgekehrt. General Wolseley war begleitet von seinem Stabschef, Sir
George Pomeroy Colley, und ordnete mit diesem die Angelegenheiten des
Zululandes. Er nahm die Huldigungen der Indunas entgegen und ließ alle
Waffen europäischer Art im Lager abliefern. Er ging damit um, das Land
in mehrere kleine Fürstentümer zu teilen.

Auf General Wolseleys Befehl ward Tschetschwajo in Begleitung eines
Dutzends seiner Lieblingsfrauen und einiger Diener nach Port Durnford in
Natal geschafft, um von dort zur See nach der Kapstadt gebracht zu
werden. Die Indunas seiner Umgebung, auch Sirajo und Molihabantschi,
blieben im Lande zurück.

Ein Wagen mit acht Maultieren ward zur Verfügung des Königs gestellt,
dem lange Märsche zu Fuß zu beschwerlich waren und der auch nicht zu
reiten liebte. Eine Eskorte von Dragonern begleitete diesen und zwei
andere Wagen, auf welchen die Frauen und Diener fuhren. Pieter Maritz
auf Jagers Rücken blieb bei dem Reisezuge bis Port Durnford. Dort, als
die schwarze Figur des Königs das schwankende Brett betrat, welches vom
Ufer in das Boot führte, sah er den einst so mächtigen Tyrannen zum
letztenmal.



[Illustration]



Sechsundzwanzigstes Kapitel

Von Pretoria nach Kimberley


Ein kleiner Reitertrupp zog den Weg entlang, der unweit der Stadt
Pretoria nordwärts über die Höhenzüge führt. Die Männer waren als Buern
zu erkennen, sie trugen den breitkrempigen Hut, die Bluse, die hohen
Reiterstiefel und die Büchse nebst Patronengurt. Pieter Maritz befand
sich unter ihnen, nun als schlanker, kräftiger Jüngling, denn seit der
Beendigung des Zulukrieges waren ein Jahr und zwei Monate vergangen, und
der Buernsohn stand in seinem achtzehnten Lebensjahre.

Es war ein afrikanischer Dezembermorgen, die Luft klar und warm. Als die
Reiter die Höhe erreichten, hielt der vorderste von ihnen sein braunes
Pferd an und blickte sich nach allen Seiten um, während auch seine
Begleiter Halt machten. Hinter ihnen lag die Stadt mit ihren hellen
Gebäuden inmitten tiefdunkler Baumschatten, daneben dehnten sich
unübersehbare grüne Weiden aus, welche mit großen Herden bedeckt waren.
Im klaren Sonnenschein erschien das Bild ungemein lebhaft und farbreich
und es war ein Bild tiefen Friedens. Gemächlich lag das schwere Vieh auf
dem saftig grünen Teppich, freundlich sah die Stadt aus, und im
herrlichsten Blau spannte sich die weite Himmelsdecke über die Erde aus.

Der Reiter, welcher zuerst sein Pferd angehalten hatte, betrachtete
schweigend und gedankenvoll die Landschaft und wies dann mit der Hand
seitwärts nach einem länglichen Viereck von Zelten, die weiß schimmernd
dalagen, sowie nach einem regelmäßig geschnittenen dunklen Stern, der
neben dem Zeltlager zu sehen war. Diese Sternfigur, aus deren Mitte eine
Fahne an hoher Stange wehte, die in solcher Entfernung nicht größer als
eine Briefmarke zu sein schien, zeigte nebst den Zelten die Gegenwart
von etwas Fremdem an, das mit dem friedlichen Anblick des schönen Landes
nicht in Einklang stand.

»Seht dort,« sagte der Reiter mit finsterem Gesicht, »seht das Fort und
die Zelte! Ist nicht ihre Gegenwart eine fortdauernde Beleidigung und
Drohung für die Republik? Sie mißachten unsere Vorstellungen, sie
verhöhnen unsere gerechten Ansprüche. Laßt uns nicht uns selbst
täuschen: der Bitte wird das harte englische Herz sich stets
verschließen. Wir müssen Gewalt der Gewalt entgegensetzen, erst dann
wird man Achtung vor der Gerechtigkeit unserer Sache bekommen.«

Beifallsgemurmel war zu vernehmen, und dann antwortete ein anderer der
Reiter: »Alle Bürger stimmen Ihnen zu, Herr Krüger, und wir sehen alle
ein, daß die Zeit der Verhandlungen vorüber und die Zeit der Thaten
gekommen ist. Die Engländer werden mit jedem Tage übermütiger, und
seitdem sie die Zulus besiegt haben, betrachten sie ganz Südafrika als
ihr Kolonialgebiet. Der Augenblick ist da, wo wir ihnen zeigen müssen,
daß wir freie Männer sind. Jetzt haben sie nur eine kleine Truppenzahl
im Lande, und wenn sie sich nun unseren Forderungen nicht fügen wollen,
so treiben wir sie hinaus.«

Der Reitertrupp setzte seinen Weg fort und traf nach einstündigem Ritte
auf zwei Männer, die zu Pferde in einem Engpasse hielten. Sie ritten
Pferde von kleiner kräftiger Figur und waren in voller kriegerischer
Ausrüstung, hatten die Büchse vor sich auf dem Sattel und überwachten,
wie es schien, das Land, welches sich vor ihnen ausdehnte. Sie begrüßten
ehrfurchtsvoll den kleinen Reitertrupp, der sich ihnen näherte,
tauschten einige Worte mit dem Präsidenten Krüger aus und blieben dann
auf ihrem Posten, während dieser mit seiner Begleitung weiterritt.

Nicht lange nachher öffnete sich ein Thal vor den Blicken der Reiter,
und der Schauplatz eines bewegten kriegerischen Treibens lag vor ihnen.
Vor allem zeigten sich die hellen Zeltdächer der Buernwagen auf dem
grünen Untergrunde der Thalsohle, doch waren die Wagen nicht im Kreise
zusammengeschoben, sondern standen reihenweise an verschiedenen Punkten.
Zwischen ihnen brannten Feuer, und blauer Rauch kräuselte sich empor,
während schwarze Männer und Weiber, mit Zubereitung von Speisen
beschäftigt, mit Töpfen und Tiegeln um die Feuer herum hantierten. Viele
Pferde waren weidend und mit Leinen an Pflöcke gefesselt zu sehen, und
überall gingen oder saßen die Gestalten von Buern umher.

Die Erscheinung des Präsidenten Krüger und seiner Begleiter brachte
Bewegung in die Ruhe des Lagers, und viele Männer gingen den
Ankömmlingen entgegen. Händedruck und grüßende Worte wurden
ausgetauscht, und nach und nach versammelten sich alle Buern in einem
weiten Kreise um den Präsidenten, der zu Pferde über aller Köpfe
hinwegragte. Gegen sechshundert Männer mochten es sein, die im Lager
waren. Sie waren von sehr verschiedenem Alter und Aussehen. Viele waren
braun oder blond und zeigten im Schnitt ihres Gesichts den Charakter der
germanischen Rasse, andere waren dunkelfarbig von Haut und von schwarzen
blitzenden Augen. Viele waren schon graubärtig und trugen Haar und
Vollbart ungebändigt durch Schere und Kamm, manche aber waren jung und
schlank und hatten offenbar Sorgfalt auf die Pflege ihres Äußern
verwandt. Alle aber waren von sehr hohem, stattlichem Wuchse,
breitschulterig und mit langen starken Gliedern, standen und gingen mit
der der Kraft eigentümlichen nachlässigen Ruhe und drückten in ihrer
männlichen Erscheinung Selbstvertrauen und Festigkeit aus. Prachtvolle
Gestalten gab es unter ihnen, Männer von herkulischem Bau mit stolzen,
tapferen Gesichtern, während wenige überhaupt unter sechs Fuß hoch
waren; und im ganzen war es eine Schar, wie sie wohl in keinem andern
Lande so eigenartig durch kraftvolles, trotzig-kühnes Wesen gesehen
werden konnte. Der Anzug war sehr gleichförmig, obwohl immerhin kleinere
Verschiedenheiten zu bemerken waren. Alle trugen den breitkrempigen Hut,
doch war er hier von anderer Form als dort und zuweilen mit einem
Federstutz verziert, auch von verschiedener Güte und Neuheit des
Stoffes. Der eine hatte die Krempe niederhangend über einem düsteren
Antlitz, der andere hatte sie keck auf der Seite oder vorn aufgeschlagen
und auch wohl mit einer Spange befestigt, um das mit zierlich
gestutztem Bart geschmückte, scharf geschnittene Gesicht frei zu zeigen.
Eine dunkle Bluse oder auch wohl ein ledernes Koller oder eine derbe
Tuchjacke, aus welcher der Hemdkragen und ein Halstuch hervorblickten,
umschloß die breite Brust, ein lederner Gürtel die Hüften, und die
langen starken Beine steckten ausnahmslos in ledernen Hosen und langen
Reiterstiefeln, deren Schäfte zuweilen mit Riemen und Schnallen, den
Gamaschen gleich, versehen waren.

In dem Kreise der Buern war auch der alte Baas van der Goot zu erkennen,
und neben ihm standen mehrere andere Männer aus der nördlichen Gemeinde,
zu der Pieter Maritz gehörte. Sie hatten ihre Familien, Herden und
Häuser verlassen, um dem Rufe des Präsidenten Folge zu leisten.

Dieser winkte jetzt mit der Hand, zum Zeichen, daß er reden wollte, und
sprach, als Stille entstanden war, mit tiefer voller Stimme: »Meine
Freunde, aus euerm Erscheinen ersehe ich eure Bereitwilligkeit, die
Politik zu unterstützen, welche mir durch die Lage der Republik geboten
erscheint, und ich danke euch im Namen des Staates für euern Eifer. Ich
weiß, welche Opfer ihr bringt, indem ihr friedliche lohnende
Beschäftigungen verlassen habt, um zu den Waffen zu greifen, aber ich
vertraue darauf, daß mit Hilfe des allmächtigen Gottes dies Opfer zu
einem Gewinne führen wird, der reichlich für alles entschädigt. Nicht
als glaubte ich, daß der Krieg durchaus unvermeidlich wäre. Der Krieg
ist ein schreckliches Ding, und namentlich ist der Krieg gegen andere
Christen nicht wohlgefällig vor den Augen des Höchsten, wenn er nicht
durchaus notwendig ist. Deshalb wird von seiten der Regierung bis zum
letzten Augenblicke alles geschehen, um den Frieden zu erhalten. Die
Erhaltung des Friedens ist der heißeste Wunsch in meiner und unser aller
Brust; sollte aber die Regierung der Königin bis zuletzt für unsere
gerechten Forderungen kein Verständnis zeigen, so wollen wir den Krieg
mit jener Energie führen, welche die beste Bürgschaft des Erfolgs ist,
und wollen dem Feinde zeigen, daß die alte Tapferkeit der Buern, die
sich in so manchem Kampfe bewährt und unter der glorreichen Führung des
großen Andreas Pretorius zur Errichtung der Südafrikanischen Republik
geführt hat, in unseren Herzen nicht erloschen ist.«

Der Präsident blickte im Kreise umher, und ein tiefes dröhnendes
Beifallsrufen aus den Reihen der starken Männer zeigte ihm, daß er den
empfindlichen Nerv der Zuhörerschaft getroffen hatte.

»Ihr wißt, meine Freunde,« fuhr er fort, »daß nichts unversucht
geblieben ist, die Räte der Königin über die wahre Lage der Dinge
aufzuklären und ihnen unsern guten Willen und unsere Friedensliebe zu
zeigen. Ich selbst war vor drei Jahren zum erstenmal mit unserem
gelehrten und tapferen Freunde und Mitbürger Doktor Jorissen in London
und legte persönlich dem Kolonialsekretär Lord Carnarvon unsere Petition
vor, in welcher wir gegen den eigenmächtigen und ungesetzlichen Schritt
des Sir Theophilus Shepstone protestierten. Aber der Lord erklärte uns,
das Ansehen der britischen Krone gestatte nicht, daß die Annexion
widerrufen werde. Auch die Adressen und Petitionen aus unseren
Mutterländern in Europa, zumal dem Königreich der Niederlande, auch aus
dem Oranjefreistaat und der Kapkolonie, hatten keinen Erfolg bei dem
stolzen Minister der Königin. Wir kehrten heim und fanden, daß in den
treuen edlen Herzen der Bürger von Transvaal wohl der Schmerz über den
Mißerfolg unserer Sendung, aber auch der kühne Entschluß zu Thaten
lebendig war. Im Jahre 1878 sah sich die britische Regierung in den
Kapländern genötigt, strenge Maßregeln gegen die Kundgebungen unseres
gerechten Unwillens anzuordnen, und sie legte Garnisonen britischer
Truppen in unser freies Land. Noch einmal machten wir uns auf nach
England. Im Juli 1878 hatte ich, begleitet von dem ehrenwerten Herrn
Jakobus Petrus Joubert, eine Unterredung mit Sir Michael Hicks-Beach,
welcher dem Lord Carnarvon im Amte gefolgt war. Wir überreichten einen
Protest gegen die Annexion, der von 6591 Unterschriften bedeckt war,
Namen von ehrenhaften, wackeren, frommen Männern, die ihr Vaterland
liebten und den Frieden zu erhalten wünschten.«

Wiederum erscholl der Beifallsruf aus den rauhen Buernkehlen.

»Was antwortete der Kolonialsekretär?« fuhr der Präsident fort. »Sir
Michael Hicks-Beach erging sich in den leeren Ausflüchten und
hochmütigen Phrasen, welche immer dem Unterdrücker zu Gebote stehen, der
die hell leuchtende gerechte Sache dessen, den er für schwach hält,
nicht sehen mag. Ihr wißt alle, meine Freunde, welcher Schmerz jedes
treue Bürgerherz ergriff, als uns diese höhnische Abfertigung wurde.
Schon damals griffen die Fäuste tapferer Männer zu den Waffen, und leise
scholl der Ruf durch das Land: Laßt uns die frechen Eindringlinge
hinauswerfen! Aber die Klugheit und der recht verstandene Patriotismus
geboten Geduld. Denn gerade zu jener Zeit war Schiff nach Schiff auf
dem Meere, um englische Truppen zum Kriege gegen Tschetschwajo
herüberzubringen, und die Übermacht der Söldner hätte vielleicht den
Heldenmut der für ihr Vaterland kämpfenden Patrioten im Blute erstickt.
Aber jetzt ist jene Truppenmacht wieder heimgekehrt, und nur eine
geringe militärische Macht steht dem Befehlshaber in Natal und dem
Gouverneur Lanyon bei Pretoria zu Gebote. Jetzt ist es Zeit, unsere
Ansprüche zu erneuern. Vielleicht ist jetzt die englische Regierung
bereit, der Gerechtigkeit Gehör zu geben, und dann wird unter Gottes
Gnade Frieden bleiben; aber wenn wir wiederum zurückgewiesen werden,
müssen die Waffen entscheiden. Euch, meine Freunde, habe ich hierher
berufen, um für den Fall der Not zur Hand zu sein. Es wäre nicht klug,
den Engländern zu drohen, ohne sofort der Drohung den Schlag folgen
lassen zu können. Ihr sollt in der Nähe von Pretoria im geheimen bereit
stehen und sofort mit starker Hand auf die englische Garnison bei
unserer Hauptstadt schlagen, wenn unser letzter Vorschlag zurückgewiesen
werden sollte. Tausende unserer Mitbürger werden euch folgen, sobald der
Krieg entbrannt sein wird.«

Die Buern riefen laut und schwenkten ihre Hüte in der Luft.

»Mit eurer Zustimmung, meine teueren Mitbürger,« fuhr der Präsident von
neuem fort, »ist eine Regierung ins Leben getreten, welche in dieser
schwierigen Lage des Vaterlandes energisch handeln soll. Sie besteht,
außer mir als Präsidenten, aus den Herren Pretorius und Joubert. Diese
Regierung wird am morgigen Tage offen als Regierung der Südafrikanischen
Republik hervortreten und an die englische Regierung die Forderung
richten, die Konvention von 1852, welche mit England abgeschlossen
wurde, wiederherzustellen. Transvaal soll ein freies Land sein, welches
sich selbst regiert, und kein Fremder soll sich in seine
Angelegenheiten, namentlich nicht in das Verhältnis zwischen Buern und
Kaffern, hineinmischen. Die große Friedensliebe jedoch, welche uns alle
beseelt, veranlaßt uns, der englischen Regierung die Annahme unserer
Bedingungen dadurch zu erleichtern, daß wir alle während der Annexion
vorgenommenen öffentlichen Akte gutheißen und einem britischen Konsul
die Residenz in unserem Lande gestatten. Wir wollen keinen Bruch mit
England, wir wünschen vielmehr ein Bündnis mit diesem christlichen
mächtigen Staate. Nur nicht Englands Sklaven wollen wir sein; eher bis
zum letzten Manne kämpfen!«

Der Präsident rief diese letzten Worte mit lauterer Stimme und hoch
erhobener Hand, und brausender Beifallsruf folgte dem Schluß seiner
Rede. Die Buern umdrängten ihn und seine Begleiter, und die
Versicherungen ihres vollen Vertrauens in seine Leitung der
Angelegenheiten mischten sich mit den Beteuerungen, im Kampfe ausharren
zu wollen, bis das von allen ersehnte Ziel der Befreiung des Vaterlandes
erreicht worden sei.

Nachdem diese Scene stürmischer Begeisterung vorüber war, trat der
Präsident mit den angesehensten Führern in eine Beratung der etwa
notwendig werdenden kriegerischen Maßregeln ein und rief alsdann Pieter
Maritz zu sich, der unter den Ältesten seiner Gemeinde stand.

»Pieter Maritz,« sagte er zu dem jungen Mann, der alsbald vor ihn trat,
»Sie haben der Republik gute Dienste geleistet, und ich spreche Ihnen
für den Eifer und die Geschicklichkeit, die Sie bewiesen haben, meine
volle Anerkennung aus. Ich höre von verschiedenen Seiten Ihren Namen
lobend erwähnen, und es ist Ihren Bemühungen mit zu verdanken, daß
überall im Lande die Politik der Regierung bekannt ist und alle Bürger
der Republik sich rüsten, beim ersten Aufbruch bewaffnet herbeizueilen.
Monatelang haben Sie das Gebiet des Transvaallandes durchritten und die
Gemeinden auf den entscheidenden Schritt vorbereitet, den wir thun
wollen. Aber noch ist das Werk nicht vollendet, und ich muß Ihre
Thätigkeit in derselben Weise wie bisher in Anspruch nehmen. Es ist, wie
Sie wissen, wichtig für Transvaal, daß auch die Landsleute in den andern
Gebieten Südafrikas, namentlich im Oranjefreistaat, Partei nehmen.
Unsere Bemühungen, den Präsidenten Brand zu einem Bündnis zu bewegen,
sind freilich gescheitert, denn der Oranjefreistaat ist nicht gleich uns
dem Drucke unterworfen, und der Präsident mag hoffen, auch in Zukunft
seine Selbständigkeit behaupten zu können. Sicherlich sind die
Sympathien der Buern im Oranjefreistaat für uns. Dies müssen wir
benutzen. Wir müssen versuchen, die Bürger zu thätiger Teilnahme am
Kriege zu bewegen. Schon sind mehrere Abgesandte von uns auf der Reise,
um die Buern südlich des Vaalflusses über die Bedeutung des
bevorstehenden Krieges zu belehren, und Sie, Pieter Maritz, sollen
dieselbe Aufgabe vollführen. Der Weg, den Sie zu nehmen und die
Gemeinden und Ortschaften, welche Sie zu besuchen haben, soll Ihnen
schriftlich vorgezeichnet werden, und Sie werden eine Anzahl von
Druckschriften erhalten, welche Sie verteilen sollen. Dieselben
enthalten eine Darlegung der politischen Lage und der Ziele der Buern.
Außerdem aber muß Ihre persönliche Überredung wirken. Sagen Sie den
Buern im Oranjefreistaat, daß die Buern in Transvaal ihre Brüder sind
und für die Freiheit des ganzen Stammes kämpfen. Sagen Sie ihnen, daß
bei uns schon die bewaffneten Corps völlig bereit stehen, um
zuzuschlagen. Sagen Sie ihnen, daß jeder Mann, der seine Büchse
ergreift, um an unserer Seite zu stehen, für die Zukunft des eigenen
Herdes kämpft. Denn die Engländer unterdrücken nach und nach jedes Volk,
und sie kennen selbst nicht die Dankbarkeit gegen Bundesgenossen. So
haben sie jetzt ihre Truppen im Basutolande liegen und führen einen
schändlichen, ungerechten Krieg gegen die Basutos, welche ihnen im
Zulukriege geholfen haben. Machen Sie unsere Landsleute drüben auf
diesen Punkt besonders aufmerksam. Wo aber die Leute Bedenken haben und
Ihnen etwa entgegnen, daß wir viel zu schwach wären, um gegen England
Krieg zu führen, da seien Sie klug, mein junger Freund. Antworten Sie,
daß England freilich ungeheuer mächtig ist, daß ihm der Preis des Sieges
aber zu hoch ist, um ihn dafür zu erkaufen, und daß wir in unseren
Bedingungen den Engländern schon die goldene Brücke des Rückzugs gebaut
haben. Sollte aber diese Klugheit vergeblich sein -- nun, so wisse der
Buer für die Freiheit zu sterben!«

Pieter Maritz übernahm gehorsam den Auftrag, den ihm der Präsident
gegeben, und tags darauf ritt er von Pretoria aus nach Süden, um in das
Gebiet des Oranjefreistaats zu gelangen. Er ritt auf dem ihm
wohlbekannten Wege nach Heidelberg, und er war voll Stolz auf das
Vertrauen, welches die besten Männer seines Vaterlandes auf ihn setzten,
und voll freudiger Hoffnung für die Zukunft seines Volkes.

Er war noch etwa eine Meile von Heidelberg entfernt, als er auf der
Straße vor sich das Glänzen von Waffen bemerkte und bald darauf die
Uniform der Dragoner erkannte. Einen Augenblick dachte er, es sei
ratsam, der Patrouille nicht zu begegnen, sondern seitwärts die Flucht
zu ergreifen. Denn er war sich bewußt, mit einer Sendung betraut zu
sein, die den Engländern feindlich war. Aber dann sagte er sich, daß
noch Frieden herrsche und daß er keinen Grund habe, seine Reise durch
einen Umweg zu verzögern, auch wohl nicht klug handle, durch Flucht sich
verdächtig zu machen und etwa eine Verfolgung hinter sich her zu locken.
So ritt er denn ruhig weiter und ward, als er nahe an die Dragonerschar
herankam, angenehm überrascht, indem er seinen Freund, Lord Adolphus
Fitzherbert, erkannte, den er seit einem Jahre nicht gesehen hatte.

Aber der englische Offizier machte kein erfreutes Gesicht, als er Pieter
Maritz sah und auf seinen Wink ritt sogleich ein Sergeant an Jagers
Seite und ergriff die Zügel des Pferdes.

»Sie sind mein Gefangener!« rief der Lord. »Sergeant, lassen Sie sich
die Waffen des Gefangenen geben!«

Pieter Maritz ward durch diese unerwartete Begrüßung sehr bestürzt, und
im ersten Augenblick zog er unwillkürlich den Zügel an, um Jager
herumzuwerfen, und wollte die Schenkel andrücken, um davonzujagen. Aber
er sah, daß es schon zu spät war und wandte sich, während er Büchse und
Schwert dem Unteroffizier überreichte, mit stolzer Gebärde an den
englischen Offizier und fragte ihn, was dieser Überfall zu bedeuten
habe.

»Wollen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, keinen Fluchtversuch zu machen?«
fragte der Lord. »Ich sage Ihnen vorher, daß ich Ihnen Ihr Pferd nehmen
lassen muß, wenn Sie es verweigern.«

»Ich werde keinen Fluchtversuch machen, so lange ich bei Ihnen bin,«
entgegnete Pieter Maritz, der eine besondere Bewegung in den Zügen
seines Freundes las.

»Nun denn,« sagte dieser, »Sergeant, lassen Sie den Zügel los!«

Der Unteroffizier gehorchte, und Pieter Maritz ritt waffenlos neben dem
Lord dem Dragonertrupp voran, welcher kehrt gemacht hatte, um nach
Heidelberg zurückzukehren.

»Ach, Pieter Maritz, mein lieber Freund,« sagte der Lord jetzt, als er
mit dem Buernsohne voraus war, so daß die Dragoner ihr Gespräch nicht
hören konnten, »ach, wie unglücklich fügt es sich, daß ich dir begegnen
mußte!«

Pieter Maritz war so betroffen durch die Plötzlichkeit des Ereignisses,
daß er seinen Freund nur fragend ansehen konnte. Seine Gefangennahme und
Entwaffnung hatten sich so schnell vollzogen und waren ihm so
überraschend, der Umsturz aller Verhältnisse vom Guten in das Böse waren
so jäh, daß ihm alles wie ein Traum vorkam.

»Hätte ich nur gewußt, daß du dieses Weges kommen würdest,« fuhr der
Lord in seinen Klagen fort, »so hätte ich eine andere Richtung genommen.
Aber du rittest mir geradeswegs entgegen, so daß gar keine Möglichkeit
war, diese Sache zu umgehen. Ach, Pieter Maritz, so lange sind wir
Freunde gewesen, Seite an Seite haben wir manchen Tag geritten und
gekämpft, und nun muß ich das Werkzeug deines Unglücks werden!«

»Aber warum,« fragte Pieter Maritz, »warum mußtest du mich gefangen
nehmen? Sind wir nicht im Frieden? Ist die Straße nicht frei für
jedermann?«

Lord Adolphus schüttelte den Kopf. »Unglückselige Ereignisse sind im
Werke,« sagte er, »und du weißt das so gut wie ich. Die englische
Regierung hat Nachricht erhalten, daß die Buern einen Aufstand
vorbereiten, und ...«

»Einen Aufstand!« rief Pieter Maritz. »Wie kann man von einem Aufstande
bei einem freien Volke sprechen!«

»Nenne es, wie du willst, genug, wir wissen, daß die Transvaalbuern im
Begriff sind, sich gegen unsere Herrschaft zu erheben. Wir haben gewisse
Kenntnis davon erhalten, daß das Land nach allen Richtungen hin von
Boten durchstreift wird, welche die Bevölkerung zu den Waffen rufen.
Seit gestern haben wir Befehl, überall nach diesen Leuten zu suchen, um
sie aufzugreifen. Mehrere Namen sind uns mitgeteilt worden, und unter
diesen ist der deinige, Pieter Maritz, einer der ersten.«

Pieter Maritz biß die Zähne zusammen und blickte finster vor sich hin.

»Nun will ich nur hoffen, daß du nicht aufrührerische Schriften bei dir
hast,« sagte der Offizier. »Denn sonst kann es dir an Kopf und Kragen
gehen.«

»Ich weiß nicht, was die Engländer aufrührerische Schriften nennen,«
entgegnete Pieter Maritz. »Ich habe eine Anzahl von gedruckten
Proklamationen bei mir, welche das Volk über die gerechten Forderungen
der Südafrikanischen Republik aufklären. Hat unsere Regierung nicht das
Recht, den Buern solche Aufklärungen zu geben? Wir verlangen nichts als
die Anerkennung unseres mit England vor dreißig Jahren abgeschlossenen
Vertrages.«

»Liefere du mir diese Schriften aus,« sagte der Offizier. »Es ist
besser, du giebst sie mir, als daß du im Hauptquartier untersucht
wirst.«

Pieter Maritz öffnete den Mantelsack und übergab dem Lord das Paket der
Druckschriften, die er im Oranjefreistaat hatte verteilen sollen. Der
Lord nahm es mit einem Seufzer in Empfang und sah den Freund mit
traurigem, mitleidigem Blicke an.

»Ach, warum mußtest du so etwas thun?« sagte er vorwurfsvoll. »Hast du
nicht unter britischer Fahne gefochten und das Viktoriakreuz erhalten?
Und ein so kühner Kämpfer ließ sich auf eine Bauernrevolte ein! O, daß
der Dienst mich zwingt, meinen Freund ins Unglück zu stürzen!«

»Ich kenne den Dienst und weiß, daß du gezwungen bist, mich gefangen zu
nehmen,« entgegnete Pieter Maritz. »Aber ich bin stolz darauf, für die
Sache meines Vaterlandes zu leiden. Ich bin darauf viel stolzer als auf
das Viktoriakreuz. Denn das sollst du nur wissen, Adolphus, ich kämpfte
in den Reihen der Engländer nicht für England, das uns unterdrückt,
sondern nur, um den Krieg kennen zu lernen und zu sehen, wie englische
Soldaten fechten. Was ich bei euch gelernt habe, das will ich im Dienste
meines Vaterlandes anwenden. Als mein Vater in meinen Armen starb, da
sagte er mir, daß England unser einziger Feind sei, und er hinterließ
mir als sein Vermächtnis den Haß auf unsere Unterdrücker. Wir wollen ein
freies Volk sein und bleiben, und wir wollen das englische Joch
abschütteln. Du nennst das eine Bauernrevolte, aber du sollst sehen,
Adolphus, daß es etwas ganz anderes ist, und ich beklage nur das eine,
daß ich als Gefangener nicht teilnehmen kann an dem Kampfe, den wir
gegen euch führen werden.«

»Welch eine Verblendung!« rief der Offizier. »Arme Buern, wie könnt ihr
gegen uns kämpfen? Es thut mir leid um dich, Pieter Maritz, und es thut
mir leid um das Buernland. Aber hat man denn in Pretoria nur gar kein
Verständnis für die wahre Sachlage? Denkt ihr, weil jetzt nur wenige
kleine Garnisonen im Lande liegen, unsere Macht wäre erschöpft, wenn ihr
diese vielleicht besiegen solltet? Ich sage dir, Pieter Maritz, dies
Unternehmen ist ein reiner Wahnsinn.«

»Du hast eine geringe Meinung von den Buern,« entgegnete Pieter Maritz.

»Ich bin jetzt fast drei Jahre in Südafrika,« sagte der Offizier, »und
glaube manches gelernt zu haben. Als wir uns zuerst trafen, Pieter
Maritz, da wußte ich noch nichts vom Lande und hatte wirklich eine sehr
geringe Meinung von den Buern. Jetzt habe ich gesehen, was es für Leute
sind, und ich müßte sehr wenig Nutzen aus der Freundschaft mit dir
gezogen haben, wenn ich noch nicht wüßte, welche ausgezeichnete Reiter
und Schützen sie sind. Habe ich doch im Feldzuge gegen die Zulus
gesehen, welche vortreffliche Soldaten als Vorposten und in allem
Sicherungsdienst die Buernreiter sind. Aber um Krieg gegen uns zu
führen, dazu gehört denn doch noch mehr. Mache dir keine falschen
Hoffnungen, mein bester Freund! Die Buern haben ja nicht einmal
Artillerie. Ihr werdet anfangen, unsere Garnisonen zu belagern, aber
könnt nicht einmal ein einziges Fort erobern. Währenddessen kommt
General Colley heran und zieht mit seiner kleinen Armee quer durch euer
Land, wo er nur will, und je tapferer ihr euch schlagt, desto größer
sind eure Verluste. Aber selbst wenn ihr euch gegen ihn verteidigen
könntet -- was wollt ihr machen, wenn Verstärkungen von England kommen?
Es ist ja ganz unmöglich, daß ein kleines Land mit vereinzelt wohnenden
Farmern gegen England mit Erfolg Krieg führen könnte. Ich kann gar nicht
beschreiben, wie leid mir das thut, daß es so hat kommen müssen, und daß
ich dir, lieber Freund, die Waffen habe abfordern und dich gefangen
nehmen müssen!«

Pieter Maritz reichte dem Engländer die Hand, welche dieser ergriff und
herzlich drückte.

»Ich danke dir für deine freundliche Gesinnung, lieber Adolphus,« sagte
er. Ȇber das Schicksal des Krieges wird Gott entscheiden. Und ich bitte
dich nun noch um eine Gefälligkeit.«

»Jeden Dienst, den die Pflicht mir nicht verbietet, werde ich dir
erweisen,« sagte der Lord.

»Wenn ich als Gefangener behandelt werde,« bat Pieter Maritz, »so
schicke mein Pferd, meine Büchse und den Degen, den du mir einst
geschenkt hast, nach Pretoria an die Adresse, welche ich dir
aufschreiben werde.«

Der Lord versprach es, und dann ritten die beiden Freunde lange
schweigend nebeneinander her, denn sie waren ein jeder mit seinen
eigenen Gedanken beschäftigt, und die Ereignisse hatten eine Scheidewand
zwischen ihnen aufgerichtet, welche den früheren unbefangenen Ton nicht
wieder in der Unterhaltung aufkommen ließ.

Als sie Heidelberg erreichten, wo eine Schwadron Dragoner und eine
Kompanie nebst zwei Geschützen das Fort besetzt hielten, ward Pieter
Maritz alsbald vor den ältesten Offizier geführt, und Lord Adolphus
Fitzherbert stattete seine Meldung ab. Pieter Maritz hatte es der
Fürsprache seines Freundes zu verdanken, daß er gut behandelt wurde,
aber die Schriften, welche er bei sich geführt hatte, und die
Nachrichten, welche bei den englischen Behörden über seine Thätigkeit
eingelaufen waren, hatten doch zur Folge, daß er als Gefangener
festgehalten wurde. Er sollte am Tage darauf mit noch einem andern
Buern, der von einer Patrouille aufgegriffen worden war, nach
Potschefstroom gebracht werden, wo Oberst Winslow befehligte. Traurig
empfahl er nun Jager und seine Waffen dem Freunde und nahm Abschied von
ihm. Dann wurde er in einem steinernen Hause, vor dem eine Schildwache
stand, mit dem Landsmann eingeschlossen.

Für Pieter Maritz war es ein großer Trost, in seinen traurigen
Betrachtungen jetzt nicht allein zu sein, sondern seine Gedanken mit
einem Genossen seines Schicksals austauschen zu können. Wie sehr hatte
die frohe Begeisterung, welche er im Gedanken an einen Befreiungskrieg
geknüpft hatte, einer niederdrückenden Stimmung Platz gemacht! Er hatte
sich schon im Geiste inmitten des Heeres seiner Landsleute den
Engländern siegreich gegenüber gesehen, und nun war er Gefangener in
einem englischen Gefängnis, und welche Aussicht bot die Zukunft! Auch
machte er sich Vorwürfe über seine eigene Unvorsichtigkeit. Hätte er
doch gleich beim ersten Anblick der Dragoner die Flucht ergriffen! Er
sprach über alle diese Dinge mit seinem Schicksalsgefährten, einem
älteren Manne, der sein Los mit trotziger Ruhe ertrug. Dieser Buer hatte
Weib und Kind, Haus und Herde verlassen, um dem Vaterlande zu dienen,
und in seinem markigen Antlitz und der Haltung seines mächtigen Körpers
lag der Entschluß ausgeprägt, Glück oder Unglück mit derselben Fassung
zu ertragen. Er saß, mit der Pfeife im Munde, am Tische, den Kopf auf
die Hand gestützt, und antwortete nur mit spärlichen Worten oder einem
Kopfnicken auf die Klagen seines lebhafteren jüngeren Genossen.

Am folgenden Morgen fuhr ein kleiner offener, mit vier Pferden
bespannter Wagen vor dem Hause vor, und die Gefangenen wurden
aufgefordert, sich hineinzusetzen. Zwei Polizeileute, mit Seitengewehr
und Revolver bewaffnet, setzten sich zu ihnen und fesselten den
Gefangenen die Handgelenke mit Handschellen. Dann stieg ein Buer von
englischer Abstammung auf den Bock und trieb die Pferde an. Mit großer
Schnelligkeit ging die Fahrt nach Westen, auf der Landstraße nach
Potschefstroom.

Die Polizeileute hielten strenge Aufsicht über ihre Gefangenen. Sie
zeigten ihnen die Revolver und erklärten ihnen, daß sie beim ersten
Fluchtversuch Gebrauch davon machen würden. Wenn unterwegs an
Wirtshäusern Halt gemacht wurde, um den Pferden Ruhe zu gönnen und sie
zu füttern und zu tränken, so wurden den Gefangenen zwar die Fesseln
abgenommen, damit sie essen und trinken konnten, aber dann blieb doch
immer ein Polizeimann, den Revolver in der Hand, bei ihnen. Pieter
Maritz dachte an seine Reise mit dem lachlustigen Unteroffizier zu
Anfang des Zulukrieges zurück, wo er ebenfalls Gefangener gewesen war.
Wie schlimm unterschied sich diese Reise von der früheren! Wieviel
hübscher war es damals gewesen, auf Jagers Rücken, wie lustig im
Vergleich zu heute! Er fühlte sich schrecklich gedemütigt durch die
Fesseln, und die ganze Welt erschien ihm schwarz.

Drei Tage lang waren sie unterwegs, und bergauf, bergab rollte der Wagen
durch das hügelreiche Land im Süden des Transvaalstaates. Sehnsüchtig
schweifte der Blick der Gefangenen umher, ob nicht etwa eine Hilfe
komme. Sie wußten, daß die Buern vielerorts im Lande sich versammelten,
um in bewaffneten Haufen nach der Hauptstadt und der südöstlichen Grenze
zu ziehen. Wenn doch nur eine dieser Scharen ihnen hätte begegnen und
sie befreien wollen! Aber es war nichts von Waffen zu sehen, das Land
schien ganz friedlich zu sein, und die Buern, welche sie auf dem Wege
trafen, fuhren ruhig mit ihren Ochsenwagen und achteten wenig auf den
Gefangenentransport. Die Polizeileute hielten abends in kleinen
Ortschaften an, wo sie bekannt waren, und übernachteten bei Farmern,
welche es mit der englischen Herrschaft hielten. Denn manche Buern,
namentlich im Süden, waren von englischem Blute und standen den Wünschen
und Bestrebungen der Masse des Volkes gleichgültig oder feindlich
gegenüber, so daß die Engländer eine Partei für sich hatten und eine
Kette von Verbindungen an den wichtigsten Straßen besaßen. Beständig
dachte Pieter Maritz an Flucht, aber keine Gelegenheit dazu wollte sich
zeigen.

Potschefstroom, die frühere Hauptstadt von Transvaal, hatte ebenfalls
ein Fort und eine kleine militärische Besatzung, und die Gefangenen
wurden sogleich nach ihrer Ankunft vor den Kommandierenden, Oberst
Winslow, geführt. Es machte Pieter Maritz den Eindruck, als ob die
englischen Militärs in Potschefstroom sich in großer Aufregung befänden.
Im Fort war ein eifriges Kommen und Gehen von Boten und Patrouillen, und
ernste, besorgte Mienen zeigten sich. Die Erhebung der Buern übte ihren
Druck auf die auf einsamen Posten in dem ausgedehnten Lande stehenden
Truppen aus, obwohl noch immer Friede war und nur von Ansammlungen der
Buern gesprochen wurde. So wenigstens ergab es sich aus dem Verhör,
welches von Oberst Winslow im Beisein anderer Offiziere mit den
Gefangenen angestellt wurde. Der Oberst war sehr heftig und fuhr sie
hart an.

»Wißt ihr nicht, daß ihr Aufrührer seid?« rief er. »Was wollt ihr Buern?
Gesteht die Pläne ein, die ihr verfolgt, legt ein offenes Geständnis ab,
oder ich lasse euch morgen erschießen.«

Der ältere Buer schwieg und stand in seiner trotzigen Haltung
unbeweglich da, Pieter Maritz aber verteidigte sich voller Empörung.

»Wir haben nichts gethan, was unsere Gefangennahme verdiente,« rief er.
»Wir haben mitten im Frieden eine friedliche Proklamation des
Präsidenten ...«

»Des Präsidenten!« rief der Oberst, ihn unterbrechend. »Es giebt keinen
Präsidenten von Transvaal, und schon die Nennung dieses Namens ist
Empörung. Es giebt einen Gouverneur von Transvaal, und das ist Sir
Robert Lanyon in Pretoria. Über ihm steht der Generalgouverneur der
Kapländer, der in der Kapstadt residiert, als Vertreter Ihrer Majestät
der Königin. Aber wer von einem Präsidenten von Transvaal spricht, der
ist ein Aufrührer. Ich wiederhole euch: es giebt für euch nur ein
einziges Mittel, Verzeihung zu erlangen und euer Leben zu behalten, das
ist ein offenes Geständnis. Gebt offen an, welche Pläne die sogenannte
Regierung der Republik verfolgt, gesteht ein, ob sie Truppen versammelt
hat und wo sich diese befinden, dann soll euch verziehen werden. Sonst
lasse ich euch erschießen. Und bedenkt, daß ihr eurem Vaterlande selbst
den größten Dienst damit erweist, daß ihr gesteht. Denn wenn diese
Empörung im Keime erstickt werden kann, so wird viel Unglück verhütet.«

»Sie können uns erschießen lassen, Herr Oberst, aber dann wird es ein
Mord sein,« entgegnete Pieter Maritz. »Die Regierung von Transvaal
besteht zu Recht, denn sie ist von den Bürgern des Landes erwählt und
einer Verfassung gemäß, die von England selbst vor dreißig Jahren
anerkannt wurde. England hat die Verträge gebrochen, die es mit der
Republik abgeschlossen hat, und die militärische Besetzung und Annexion
des Gebietes der Südafrikanischen Republik ist ein Akt der Gewalt. Wir
fürchten nicht, erschossen zu werden, unser Blut wird von unsern
Landsleuten gerächt werden.«

Diese kühne Entgegnung verfehlte ihren Eindruck auf die englischen
Offiziere nicht, die Furchtlosigkeit, mit welcher beide Buern auftraten,
imponierte ihnen. Sie wußten recht wohl, daß sie mit ihrer schwachen
Mannschaft für den Augenblick einem allgemeinen Aufstande der Buern
gegenüber machtlos und inmitten der Buernbevölkerung von Potschefstroom
so gut wie gefangen waren. Die Drohung des Obersten, seine Gefangenen
erschießen zu lassen, war nur darauf berechnet gewesen, sie
einzuschüchtern, denn eine solche Handlung hätte leicht das Zeichen zur
Erhebung des Volkes geben können.

Der Oberst besprach sich leise mit den übrigen Offizieren und dann
erklärte er den Gefangenen, sie sollten zum Generalgouverneur selbst
nach der Kapstadt gebracht werden. Hierauf wurden beide abgeführt und in
einem der Gebäude, die der Garnison des Forts gehörten, eingeschlossen
und bewacht. In der Frühe des folgenden Morgens, ehe noch die Sonne
aufgegangen war, wurden sie von neuem in den Wagen gebracht und von den
Polizeileuten weggeführt. Der Weg ging längs der Grenze des
Oranjefreistaats auf dem Gebiete von Transvaal nach Südwesten.

Acht Tage lang waren sie unterwegs, dann überschritten sie die Grenze
und kamen nach Griqualand-West. Sie erreichten die Stadt Kimberley. Die
Stadt erschien Pieter Maritz unähnlich allen übrigen Städten, die er
bisher gesehen hatte. Sie war sehr viel größer als Potschefstroom und
Pretoria und machte einen eigentümlich düsteren Eindruck, da fast
sämtliche Häuser aus galvanisiertem Eisenblech erbaut waren. Nur sehr
wenig steinerne Häuser standen dazwischen. Nichts als Sand und
Eisenblech, wohin das Auge auch sah. Der Wagen rollte durch viele
Straßen hin, und einige derselben waren sehr eng und krumm, andere
dagegen ungeheuer breit. Die Häuser waren meistens nur ein Stockwerk
hoch und sahen alle sehr traurig aus, da sie nicht angestrichen waren,
sondern überall das bloße Eisenblech zu sehen war. Doch gab es sehr
viele Läden und Magazine, und diese waren aufgestapelt voll von
Vorräten, namentlich von Spirituosen. Viel Volk trieb sich umher, weiße
Arbeiter und noch viel mehr Kaffern; alle sahen elend, schleichend,
widerwärtig aus.

Mit einem Male ward Pieter Maritz durch einen sonderbaren Anblick
überrascht. Der Wagen kam auf einen freien Platz, wandte links zur Seite
an den Häusern hin, und nun zeigte sich rechts, inmitten der Stadt, ein
ungeheurer Abgrund. Pieter Maritz sah einen Schlund, der wohl
sechshundert Meter im Umfang hatte und so tief war, daß die Menschen,
die er dort unten erblickte, kaum so groß wie die kleinsten Ameisen
erschienen. Von den Rändern der Grube führten viele Eisendrähte nach
unten, wurden auf halbem Wege von hohen Strebepfeilern gestützt und
liefen dann weiter bis auf die Sohle des Abgrunds. Sie sahen einem
schräg liegenden Spinngewebe ähnlich. Viele eiserne Kasten liefen auf
Rädern die Drähte hinab und hinauf und kreischten und rasselten. Sie
trugen Erde und Steine von unten empor und fuhren dann leer wieder
hinab: dies Loch war eine der Minen von Kimberley, eine Diamantengrube.

»Ich habe hier früher gewohnt,« sagte jetzt der schweigsame Buer, der
neben Pieter Maritz saß. »Als aber die Engländer kamen und ihre Polizei
einführten, da bin ich getreckt. Sie nahmen uns alles weg, denn wo es
etwas zu verdienen giebt, da sind sofort die Engländer da. Es hat sich
sehr verändert, seit ich hier wohnte.«

»Wie lange ist das her?« fragte Pieter Maritz.

»Die Engländer annektierten das Land im Jahre 1868,« erzählte der Buer,
»und 1869 zog ich weg. Damals wurde hier ein Wort üblich, das viele
wegtrieb. Das Wort hieß ‚Eidibi‛, von den Anfangsbuchstaben des
‚~Illicit diamond buying~‛, das heißt: ‚Unerlaubter Diamantenkauf.‛
Eidibi klang vielen schrecklich in den Ohren, denn die Engländer
verurteilten die Leute, bei denen Diamanten gefunden wurden, die nicht
in den Regierungsbüchern standen, zu fünf bis zehn Jahren Zwangsarbeit
oder Zuchthaus. Was mich betrifft, so hatte ich damit freilich nichts zu
thun, denn ich bewirtschaftete meine Farm und treckte nur deshalb, weil
ich das Polizeiwesen nicht vertragen konnte und weil das Land doch
freies Buernland gewesen war.«

»Wie konnten denn aber alle Diamanten in den Regierungsbüchern stehen?«
fragte Pieter Maritz.

»Das ist so: Die Regierung teilte das Land, wo es ‚blauen Grund‛ gab, --
und Diamanten giebt es nur im blauen Grunde, -- in kleine Claims, das
waren Grundstücke von dreißig Fuß im Geviert, und der Besitzer hatte nun
mit Schaufel und Picke da hineinzuarbeiten. Es ist eine böse Arbeit. Der
blaue Grund muß herausgegraben und dann so oft gewaschen und gesiebt
werden, bis nur der tausendste Teil davon noch übrig ist. In diesem
kleinen Rest sind die Diamanten, und der Besitzer muß sie alle der
Behörde zeigen, wo sie notiert und genau beschrieben werden. So bekommt
jeder Diamant seinen Stammbaum. Aber die Kaffern, die in den Claims
arbeiten, stehlen wie die Raben. Sie werden zwar, wenn sie aus den
Gruben kommen, nackt ausgezogen, und ihre Kleider, ihr Haar, ihre Ohren
und ihre Mäuler werden genau untersucht, aber die Spitzbuben schlucken
manchen Stein hinunter. Auf diese gestohlenen Steine sind nun viele
Leute sehr erpicht, denn sie sind billiger zu haben als die, welche mit
einem Stammbaum in den Handel kommen, und mancher denkt, er könnte
durchschlüpfen und reich werden. Da war einer, der war schon mit sieben
Pfund Diamanten an Bord des Schiffes in der Kapstadt, als ihn die
Polizei noch abfaßte. Deshalb war Eidibi ein Schreckenswort in
Kimberley. Die Engländer konnten die Diebe selten fassen, und sie
bestraften den unerlaubten Diamantenkauf.«

Währenddessen war der Wagen vor einem zweistöckigen Backsteinhause mit
vergitterten Fenstern angekommen und die Polizeibeamten ließen halten.
Die Gefangenen mußten aussteigen. Sie waren vor einem richtigen
Gefängnis angelangt, das nach englischer Art eingerichtet und verwahrt
war. Denn Kimberley verlangte mit seiner Menge von geldgierigen,
verbrecherischen Leuten, von Dieben und Hehlern und allerhand Gaunern
ein ordentliches Gefängnis und eine starke Polizei.

Trüben Sinnes trat Pieter Maritz in das große steinerne Gebäude ein und
hörte die schwere eisenbeschlagene Thür hinter sich zuschlagen.

[Illustration]



[Illustration]



Siebenundzwanzigstes Kapitel

Von Kimberley nach Bloemfontein


Pieter Maritz wurde mit seinem Schicksalsgenossen zusammen in ein und
dasselbe Zimmer gesperrt, sie erhielten zu essen und wurden
eingeschlossen. Die Einrichtung dieses Gemaches und Hauses machte einen
trüben Eindruck auf den an die Freiheit und die lebendige Natur
gewöhnten Buernsohn. Alles trug den Stempel wirklicher Gefangenschaft.
Denn vorher schon war er freilich gefangen gewesen, und er hatte schon
einmal den Druck englischer Behandlung in Utrecht verspürt, aber bis
jetzt war er doch immer in Häusern gewesen, die Ähnlichkeit mit den
Farmhäusern seiner Heimat hatten, und die Luft der Wiesen und Berge
hatte ihn umweht. Aber hier war alles Stein und Eisen. Der Fußboden
bestand aus Tafeln von Eisenblech, die schuppenförmig übereinander
genagelt waren, ebenso war die Decke beschaffen, die Wände aber waren
von Ziegelsteinen und mit Kalk beworfen. Starke Eisengitter waren vor
dem Fenster, und draußen schallte der Schritt einer hin und her gehenden
Schildwache. Das Mobiliar bestand aus einem Tische, zwei Bänken, die an
der Wand befestigt und zum Niederklappen eingerichtet waren, und zwei
Schemeln. Ein Trost lag für die Gefangenen noch darin, daß sie zusammen
waren und sich unterhalten konnten; aber auch dieser Trost sollte ihnen
genommen werden. Gegen Abend kam ein Gefängniswärter herein, der eine
Matratze trug. Er klappte die eine Bank herunter, legte die Matratze
darauf, um in dieser Weise ein Nachtlager herzustellen, und befahl dem
älteren Buer, ihm zu folgen. Auf dessen Bitte, ihn dort zu lassen,
entgegnete der Mann, daß ein Raum frei geworden sei und daß nur
ausnahmsweise zwei Gefangene bei einander gelassen würden; übrigens
würden sie sich am folgenden Tage wiedersehen, denn dann sollten sie
weitergeschafft werden.

Pieter Maritz blieb allein, stützte traurig den Kopf auf die Fensterbank
und sah zum Himmel hinauf. Wohin war es mit seinen Hoffnungen und seinem
Streben gekommen? Nun sollte er nach der Kapstadt geschleppt werden, und
was würde ihm wohl dort begegnen? Er war gut bekannt mit den Plänen der
Regierung von Transvaal. Zu dieser Stunde waren gewiß die Buernheere
schon losgebrochen. Denn sicherlich hatten die Engländer die Bedingungen
Transvaals nicht angenommen. Die stolzen, übermütigen Engländer wollten
ganz Südafrika zu einem gemeinsamen riesigen Kolonialgebiet
zusammenschmieden, in welchem nur noch englische Gesetze gelten sollten.
Sie hatten sich um die Forderungen des Buernstaates sicherlich nicht
gekümmert. Hatten sie die Zulumacht gebrochen, weil sie überhaupt
niemand in Südafrika eigene Bedeutung zuerkennen wollten, so würden sie
auch den Transvaalstaat brechen wollen. Wenn aber die Buern
losgeschlagen hatten, so war also der Krieg da, und dann würde es den
Sendboten, die zum Aufstande gerufen hatten, übel ergehen. Oberst
Winslow hatte nicht gewagt, sie erschießen zu lassen, weil er inmitten
von Buern war, aber das Kriegsgericht in der Kapstadt würde sie wohl zum
Tode verurteilen. Das war ein schrecklicher Gedanke für Pieter Maritz,
dessen sonst so frohe Stimmung durch die lange Gefangenschaft getrübt
worden war. Auf dem Schlachtfelde fallen, mitten im Kampfe, umweht von
Pulverrauch, für das Vaterland kämpfend niedersinken, das war gewiß
schön, aber so -- --? Sein Blick wurde trüber und trüber, und fast ganz
mutlos sah er zu dem grauen, von Nebel verschleierten Himmel empor, der
noch der einzige helle Fleck ringsum war. Er dachte daran, daß heute
Weihnachtsabend sei, und am heiligen Abend im Gefängnis zu sein, war ihm
sehr traurig.

In diesem Sinnen und schwermütigen Nachdenken ward Pieter Maritz endlich
auf ein eigentümliches Geräusch aufmerksam, welches er bereits seit
geraumer Zeit gehört, aber noch nicht beachtet hatte. Es klang bald wie
ein Kreischen verrosteten Eisens, bald wie ein dumpfes Pochen und ward
immer vernehmlicher. Pieter Maritz stand auf, ging vom Fenster weg und
lauschte. Das Geräusch kam von oben, von der Decke her. Was konnte das
sein?

Das Zimmer, in welchem er war, lag im oberen Stockwerk, und er hatte
gesehen, daß das Gefängnis nur zwei Stockwerke hoch war. Allerdings war
ein Dach darüber, und dies Dach mochte wohl ausgebaut sein und noch
Gefangenenräume bergen. Die leise, behutsame Art des Pochens und
Scharrens da oben brachte ihn auf die Vermutung, daß ein Gefangener über
ihm wohne, der durchzubrechen versuche. Pieter Maritz selbst hatte,
solange er gefangen war, beständig über die Möglichkeit der Flucht
nachgedacht und diese häufig insgeheim mit seinem Landsmann besprochen,
aber die schnelle Reise von Ort zu Ort und die Wachsamkeit der
Polizeibeamten hatten bis jetzt keine günstige Gelegenheit entstehen
lassen. Nun nahm das Geräusch seine Gedanken lebhaft in Anspruch, und er
hielt sich ganz still, um denjenigen, der dort oben arbeiten mochte,
nicht zu stören. Mit einem Male klirrte es, und ein eiserner Nagel
rollte auf dem Boden hin. Kein Zweifel, daß jemand dort oben die
Eisenbleche, welche die Decke bildeten, wegnahm. Doch Pieter Maritz
bewegte sich nicht, um den Arbeiter nicht etwa zu erschrecken und zu
verscheuchen.

Inzwischen ward es Nacht, und nur ein schwacher Schein fiel durch das
Fenster herein, der von den Sternen und der schmalen Mondsichel her
leuchtete. Zuzeiten war es ganz finster, denn der Nebel hatte sich zu
Wolken zusammengeballt, die am Himmel hinzogen und Mond und Sterne
minutenlang ganz verhüllten. Pieter Maritz lauschte gespannt und nahm
wahr, daß das Geräusch verstummte. Eine Zeitlang war es ganz still, dann
aber machte sich ein anderer Ton bemerklich, der sehr nahe zu sein
schien und dem Schieben eines schweren Körpers auf der Erde ähnlich war.
Gleich darauf erschien eine Gestalt im Zimmer, die gleichsam vom Himmel
herabschwebte, denn sie baumelte mit den Füßen in der Luft und hielt
sich an der Decke fest, sprang dann aber leicht und elastisch auf den
Boden. Zu seinem Erstaunen erkannte Pieter Maritz, indem es in diesem
Augenblick wieder etwas heller im Zimmer wurde, eine nackte schwarze
Figur und das schlaue Gesicht des Swazi-Regenmachers. Der Mann trug
eine Art von Meißel mit den Zähnen und hatte ein Bündel über einer
Schulter baumeln.

Auch der Regenmacher mußte ihn erkannt haben, denn seine zu Anfang
betroffene Miene veränderte sich zu einem Lächeln, und er stieß einen
leisen Ruf der Verwunderung aus. Dann nahm er den Meißel aus dem Munde
und schnürte sein Bündel auf. Es enthielt seine Kleidungsstücke: ein
wollenes Hemd und eine Hose und war von einem Strick umwickelt gewesen,
der aus zusammengeknoteten leinenen Streifen bestand. Er kleidete sich
an und sagte, er habe dort oben lange Zeit gefangen gesessen und wolle
durch das Fenster entfliehen.

Die Erinnerung an frühere Zeiten, an den alten Missionar, an den
Aufenthalt am Hofe Tschetschwajos stieg lebhaft wieder vor Pieter Maritz
auf, und die Erscheinung dieser wohlbekannten Gestalt regte die fast
erstorbene Hoffnung wieder zu neuem Leben in ihm an. Wenn der
Regenmacher durch die Decke gebrochen war, so sollte dies Gefängnis ihn
selbst doch wohl auch irgendwo durchlassen. Er ging sofort mit dem
Regenmacher an das Fenster, und sie prüften die Eisenstangen. Sie waren
stark, und man hatte sie sehr fest in die steinerne Umfassung
eingelassen, aber mit dem Instrument des Regenmachers wären sie doch
wohl loszubrechen gewesen. Nur zeigte sich ein schlimmes Hindernis:
drunten ging die Schildwache.

Der Regenmacher war sehr niedergeschlagen. Er kauerte sich am Boden
nieder und seufzte.

»Wie kommst du hierher? Machst du nicht mehr Regen?« fragte Pieter
Maritz ihn in der Zulusprache.

»Wegen Eidibi bin ich gefangen,« antwortete er in gebrochenem Englisch.
»Ich habe viele Diamanten, und wenn du mir helfen willst, davonzukommen,
so will ich dich reich belohnen.«

»Es wäre mir die beste Belohnung, selbst frei zu werden,« sagte Pieter
Maritz, »aber ich weiß nicht, wie wir es machen sollen, um
hinauszukommen. Wie hast du denn durch die Decke durchbrechen können?«

Der Regenmacher zeigte sein eisernes Instrument. Dieses war ursprünglich
wohl ein Riegel gewesen, aber es war nun an einem Ende spitz und scharf
geschliffen. Der Regenmacher sagte, er habe das Ding an der steinernen
Fensterbank spitz gemacht. Er habe damit die Tafeln von Eisenblech
losgebrochen, den Sand darunter weggeräumt und endlich auch die Tafeln
losgemacht, welche die Decke von Pieter Maritz' Zimmer bildeten. Er habe
gehofft, aus diesem Zimmer am Strick hinunter in die Straße gleiten zu
können. Den Strick habe er aus dem Überzuge seiner Matratze gemacht,
indem er ihn in Streifen geschnitten und die Streifen aneinander
gebunden habe.

Pieter Maritz sann nach. »Können wir von deinem Zimmer nicht irgendwohin
gelangen?« fragte er. »Wenn wir hier hinausklettern, kommen wir auf die
Schildwache, und sie wird auf uns schießen oder doch Lärm machen.«

»Wir können von meinem Zimmer aus nur auf das Dach kommen,« sagte der
Regenmacher, »und das Dach ist zu hoch, um hinunterzuklettern. Der
Strick ist nicht lang genug.«

»Laß uns sehen, wie es oben ist!« sagte Pieter Maritz.

Er schob den Tisch unter die Öffnung in der Decke, stieg hinauf und
konnte nun mit den Händen den Rand des Loches erreichen. Er zog sich
hinauf, und der Regenmacher folgte ihm nach. Der obere Raum war viel
kleiner als der untere, nur ein Dachkämmerchen, und in dem schrägen
Dache war ein vergittertes Fensterchen, das jedoch groß genug war, um
hindurchzuschlüpfen. Pieter Maritz ergriff das eiserne Instrument und
ließ sich von dem Regenmacher auf die Schultern heben, um oben arbeiten
zu können. Mobiliar gab es hier oben gar nicht, nur der Inhalt der
zerschnittenen Matratze lag auf dem Boden. Mit starker Hand hob Pieter
Maritz das ganze Gitter, welches aus einem zusammenhängenden Drahtgewebe
bestand, aus seiner Einfassung heraus. Dann schwang er sich empor und
setzte sich auf den Rand des Fensters, mit dem Oberkörper über das Dach
hinausragend.

Er blickte um sich. Das Dach war nicht sehr steil, aber glatt, und der
Nebel hatte es mit einer glänzenden nassen Schicht überzogen. Es war aus
Platten von Eisenblech gebildet, gleich den Fußböden, und hatte
verschiedene Fenster, die wohl gleichfalls zu Gefangenenräumen führten.
Einige der Fenster lagen in der Dachfläche selbst, andere befanden sich
in vorspringenden kleinen Erkern. Pieter Maritz sah überall auf Dächer,
welche niedriger lagen, aber kein einziges stieß nahe genug an das
Gefängnis heran, um darauf springen zu können, sondern überall umgab ein
freier Raum das einzeln stehende große Backsteingebäude. Der Himmel war
abwechselnd hell und dunkel, je nachdem die Wolken zogen. Höchst
merkwürdig aber sah von hier oben das große Loch aus, welches Pieter
Maritz im Vorbeifahren gesehen hatte. Denn unten darin und an den Hängen
brannten Hunderte von Lampen oder Fackeln, und der schwarze Schlund sah
wunderbar aus, indem die gewaltige Weite und Tiefe des Abgrundes durch
diese Lichter recht deutlich wurden und die Bewegung der vielen hellen
Punkte ihm etwas Unirdisches gaben. Pieter Maritz mußte unwillkürlich an
die Hölle denken und konnte trotz der Gefahr, worin er schwebte, und
trotz seines Eifers, einen Fluchtweg zu entdecken, seine Augen mehrere
Minuten lang nicht von diesem Einblick in die Eingeweide der Erde
abwenden. Dann beugte er sich nieder und flüsterte dem Regenmacher zu,
er möge heraufkommen, damit sie sich beide überlegen könnten, was zu
thun sei. Zugleich lie