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Title: Semmering 1912
Author: Altenberg, Peter
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Semmering 1912" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



produced from images generously made available by The
Internet Archive)



                     Anmerkungen zur Transkription

    Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert;
    fremdsprachliche Zitate wurden nicht verändert. Gesperrter Text
    wurde mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet. Die Erzählung ‚Plauderei‘
    wurde zwei Mal abgedruckt (siehe S. 31 und S. 170).

    Die nachfolgende Widmung wurde zum Andenken an die Bearbeiterin in
    dieses Buch aufgenommen.



                              In memoriam

                              „Mama Beth“

            in immerwährender Freundschaft und Dankbarkeit.


                         Das schönste Denkmal,
                     das ein Mensch bekommen kann,
                steht in den Herzen seiner Mitmenschen.

                      The most beautiful monument
                           a person can have
                is one that is in the hearts of others.

                          (Albert Schweitzer)



                      _Werke von Peter Altenberg_

                            Wie ich es sehe
      _Fünfzehnte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.

                        Was der Tag mir zuträgt
         _Achte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.

                               Prodromos
        _Fünfte Auflage._ Geh. 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark 50 Pf.

                           Märchen des Lebens
        _Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M. 50 Pf., geb. 8 M.

                              Neues Altes
       _Dritte Auflage._ Geheftet 5 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf.

                            „Semmering 1912“
        _Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M., geb. 7 M. 50 Pf.

                                Fechsung
       _Sechste Auflage._ Geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 8 Mark

                              Nachfechsung
       _Fünfte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark

                               Vita ipsa
       _Zehnte Auflage._ Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf.

                            Mein Lebensabend
        _Achte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark

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[Illustration: SoFeV mark]



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[Illustration: Peter Altenberg (Signatur)]

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                          „__Semmering 1912__“

                                 _von_

                          __Peter Altenberg__

[Illustration: logo]

                     __S. Fischer, Verlag, Berlin__
                                __1919__



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                _Fünfte und sechste vermehrte Auflage._

        Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.
               Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.



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                                 INHALT

       Bergeswelt                                              15

       Bozen                                                   16

       Gartengedanken                                          17

       Moderner Dichter                                        21

       Die Tänzerin                                            22

       Zwei Skizzen                                            27

       Erziehung                                               29

       Plauderei                                               31

       Lied ohne Reime                                         32

       Forellenfang                                            33

       So wurde ich                                            35

       Loca Minoris resistentiae                               37

       Dolomiten                                               39

       Mama                                                    41

       Moderne Annonce                                         43

       Semmering                                               44

       Winter auf dem Semmering                                45

       Vollkommenheit                                          46

       Nachwinter                                              47

       Heimliche Liebe                                         49

       Das Kino                                                51

       Lebensbild                                              52

       So sind wir                                             53

       Mein grauer Hut                                         55

       Die Kostüme auf dem Semmering in der Silvesternacht     57

       Fortschritt                                             58

       Abschied                                                60

       Besuch                                                  61

       Buchbesprechung                                         63

       Ein Brief                                               65

       Das Hotel-Stubenmädchen                                 67

       Gespräch                                                68

       Bobby                                                   69

       Psychologie                                             71

       Vorfrühling                                             73

       Das Glück                                               75

       Das Duell                                               76

       Stammgäste                                              77

       Sanatorium für Nervenkranke                             78

       Die Romantikerin I.                                     83

       Erbleichet! Errötet!                                    85

       Ostermontag auf dem Semmering                           86

       Berghotel-Front                                         88

       Landpartie                                              89

       Psychologie                                             91

       Vor-Vorfrühling                                         93

       Gedenkblatt                                             95

       Oberflächlicher Verkehr                                 97

       Beauté                                                  99

       Die Spielereien der reichen Leute                      100

       Richtige, aber eben deshalb wertlose Betrachtungen     101

       Die Probe                                              102

       Ereignis                                               103

       Ende                                                   104

       Nach abwärts                                           105

       Abschied                                               106

       Kranken-Toilette                                       107

       Kusine                                                 109

       Lied                                                   110

       Echt                                                   111

       Gespräch                                               112

       Bilanz                                                 113

       Sehr geehrtes Fräulein!                                115

       Herbstlied                                             116

       Ewige Erinnerung                                       117

       Gesang                                                 118

       Souper                                                 119

       Die Wagenfahrt                                         120

       Wagenpartie                                            121

       Abschiedsbrief des englischen Offiziers                124

       Wie ist es?!                                           125

       Vom Rendezvous                                         126

       Examen                                                 127

       Les Larmes                                             128

       Testament                                              129

       Aconitum Napellus                                      130

       Manövers                                               131

       Gift                                                   132

       Luftveränderung                                        133

       Ein Nachtrag                                           135

       Buchbesprechung                                        137

       An ——                                                  138

       Nekrolog (Fritz Strauß)                                139

       Erster Schnee                                          140

       Der Maler                                              141

       Betrachtungen                                          143

       Ur-Seele                                               144

       Frage                                                  145

       Letzte Unterredung                                     146

       Die Niere                                              147

       Krankheit                                              148

       Güte                                                   149

       Annonce                                                150

       Plauderei                                              153

       Richtig                                                154

       Reminiszenzen                                          155

       Werte                                                  157

       Schlafmittel                                           159

       Fahrt                                                  160

       Lied                                                   163

       Abschied                                               164

       Gespräch mit einer Baronin, Exzellenz-Frau, über       165
         ihren herrlichen zwölfjährigen Sohn

       Entzweit                                               166

       Gespräch mit der sechsjährigen Sonja Dungyersky        167

       Gleich beim Hotel                                      168

       Gespräch mit einer wunderschönen Dame von 30 Jahren    169

       Plauderei                                              170

       Gegen                                                  171

       Rompe!                                                 172

       Waschungen                                             173

       Respekt                                                174

       Falzarego-Paß-Höhe                                     175

       Enterbte des Schicksals                                176

       Frühling                                               177

       Erlebnis                                               178

       Die Tänzerin                                           179

       Meine Ehrungen                                         180

       Klara                                                  181

       Berghotel-Terrasse, Semmering                          182

       Erkenntnis                                             183

       Klara                                                  184

       Ein Komtessen-Brief                                    185

       Märchen des Lebens                                     186

       Worüber man noch immer weint, und ewig weinen wird!    187

       Besuch                                                 188

       Liebesgedicht                                          189

       Das größte Kompliment                                  190

       Le monde                                               191

       Ein Regentag                                           192

       In 24 Stunden                                          193

       Hotel-Stubenmädchen                                    194

       Moderner Dichter                                       195

       Natur                                                  196

       Noch nicht einmal Splitter von Gedanken                197

       Zyklus: „Venedig“                                      215



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                  Dieses Buch ist gewidmet den Damen:

                            _Lilly Steiner_
                           _Gretl Engländer_
                           _Kamilla von Nagy_
                              _Ilci Honus_
                         _Cäcilia Brandstätter_
                             _Frieda Frank_
                         _Lioschka Maliniéwich_
                             _Mitzi Thumb_
                             _Frau Machlup_

                                   ✫



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                               BERGESWELT


Bergesregionen, dort wo „nichts mehr gedeiht“ als Krummholz,
sturmgebogen, ist seit jeher meine „Märchenwelt“! Nach 40 Jahren fand
ich das wieder auf dem „Falzarego-Passe“, „Tre Croce“, „Pordoijoch-Paß“.
Weißgraue Felstrümmer, schwarze triefende Erde, Zirbelkieferwälder bis
an die Hotels herankriechend. Von Felsen träufelt, rieselt es,
Nebelfetzen überall. Nichts will gedeihen als die _Edel-Einsamkeit_. Vor
dem Pordoijoch-Hotel grauschwarze Wälder von dichtem Erlengebüsch, dem
der Bergsturm nichts antut. Es braust nur und erschauert. Daß hier
nichts mehr gedeiht, ist die _Düster-Romantik_ der Bergeswelt. Keine
Farbe einer Blume, kein Schrei eines Vogels, kein Schmetterling, kein
Käfer. Diese _tönende Eintönigkeit_! Eine schrieb ins Fremdenbuch ein:
„Ohne Jemanden nicht leben können und wollen, selbst wenn man es vorher
bestimmt geglaubt hatte, es sei unmöglich, — — — _hier vergißt man
darauf_!“



                                 BOZEN


Auf dem Hauptplatze in Bozen steht das Walther von der
Vogelweide-Denkmal aus Sandstein. Er hat die Stellung des Wolfram von
Eschenbach, bevor er das Lied singt an die selbstlos Geliebte. Das ist
sehr gut. Denn auch Vogelweide war so Einer. Er besaß die Kraft, zu
singen und zu weinen! Nun setzten sich gerade auf seine Kappe zwei
Tauben, und pflogen emsig der Liebe! Vogelweide hielt ganz still dabei,
in seine Träumereien versunken von Liebesleid, gönnte den Tauben ihr
billiges, leicht erreichbares Vergnügen.



                             GARTENGEDANKEN


Ich habe nichts hinzugelernt durch das ausgezeichnete Buch
„Gartengestaltung der Neuzeit“, und dennoch habe ich das Höchste
profitiert — die Festigung meiner Intuitionen! Gärten wirkten seit jeher
auf mich wie die Natur selbst; so eine eingefangene und dennoch
freigelassene Natur, ein Extrakt derselben! Unser Wiener Rathauspark ist
mir ein Muster, nur fehlt ihm die romantische Verwendung von Wasser in
Form von unregelmäßigen Bassins und Wiesenbächlein samt Wasser- und
Sumpfpflanzen! Ich schrieb schon vor 15 Jahren eine Skizze: „Der
Farbengarten“. Zum Beispiel Graufichte, Picea pungens glauca, graue
Bodenbedeckungspflanzen, grauer Steinbrunnen und Rosen, Rosen, Rosen.
Irgendwo an einem Baumast ein silberner großer Käfig mit einem grauen
Papagei, Lori! Zwei-Farben-Gärten! Nun einige Anregungen: weite
Rasenflächen sind still-aristokratisch, werden aber durch alte,
knorrige, spärlich unregelmäßig hingesetzte Obstbäume sofort
bewegt-romantisch! Es dürfte nie heißen: ein Garten, sondern immer nur:
sein Garten. Goethe hat einen andern Garten als Victor Hugo.

Wasserpflanzen und Steinpflanzen erfordern Bassins und Mauern. Diese
können aber nicht diskret bescheiden genug sein. Der Kurpark in Baden
bei Wien entspringt gleichsam einer dunklen, echten Waldquelle, die die
Wiesenabhänge herabstürzt, sich zerteilend und winzige Tümpel bildend.
Hier ist die Natur am allerdiskretesten organisiert! Ein enragierter
Feind jedoch bin ich seit jeher der Teppichbeete, die mir wie als
Smyrnateppiche mißbrauchte Blumenpracht erscheinen. Man überlasse diese
stilisierten Farbensymphonien den Webern und Knüpfern. Ich bin gegen die
Riesenlineale, Riesenzirkel, gespannten Stricke der Gartenkunst!
Rhabarber erscheint im Gemüsegarten als Nutzpflanze, an Teichen jedoch
als Wildstaude, pittoresk. Jeder Platz eine andere Welt!

Waldrebe, Klematis, ist, an alten Bäumen, unsre „Liane des Urwalds“. Der
Boden ist so reich, daß er auch noch die Schmarotzer in Üppigkeit
erhalten kann. Immergrün als Bodenbedeckung ist ein natürlicher Rasen.
Rasen braucht doch Schneiden, Spritzen, Walzen und Düngen. Rasen will
„gepflegt, gehegt“ werden. Immergrün ist einfach immer grün. Es läßt den
Wurzeln aller andern Pflanzen das Regenwasser, das Gießwasser, das
Tauwasser, das Schneewasser, während der Rasen sich vollsauft und andre
verdursten läßt! Selbst im Winter gibt Sedum spurium noch einen
lebendigen bräunlichgrünen Bodenüberzug, während unser Rasen dann nur
„Winterlieder zum Cello“ in der Seele hervorbringt. Sedum spurium wirkt
körperlicher, plastischer, naturgemäßer, dichter, verworrener als Rasen,
der mir stets den Eindruck von geschnittenem Samt und Plüsch hinterläßt.

Ich bin sehr für Trockenmauerwerk mit schmiedeeisernen Geländern und
dicht bepflanzt mit Kapuzinerkresse. Wie wenn die überstarke Natur auch
da noch Stein und Eisen schmücken möchte mit Grün und Dunkelgelb. Zur
Schlingpflanze gehört ihre _Stütze_. Man _soll_ sie sehen, sie ist ein
naturgemäßer Schmuck. Ihr Holzgitterwerk kann daher sogar aus Edelholz
sein, oder in diskreten Ölfarben, Ocker, Ruß, steingrau. Ich weiß nicht,
weshalb man nicht an niederen Ästen von exotischen Bäumen, Tulpenbaum,
Trompetenbaum, herrliche Käfige mit exotischen Vögeln aufhängt, so als
Urwaldstaffage?! Brombeere, Himbeere, Kletterrose sind mir ein
sympathisches Dickicht, so Dornröschenwald, undurchdringlich einsam.
Weshalb sind Villen nicht dicht bedeckt mit Bauerngärtengeranke?! Ein
Überfluß der Reichen und der Armen.

Steinplattenwege im Garten, in deren Fugen Blumen sprießen, sind
romantisch. Das Haus ströme gleichsam in den Garten aus, erweitere sich,
erhöhe sich zum Garten, verliere seine Bedachungen, an deren Stelle der
blaue Himmel, die graue Wolke tritt. Ich sah an einem Lindenpark ein
dickes rotes Backsteinportal mit eichener Holztür. Da können keine
Talmimenschen wohnen, sondern nur gediegene. Grellrote Holzpforte
zwischen Granitmauern. Gelbe Eschenholzpforte zwischen weiß-schwarzen
Betonmauern.

Weiße Rankrosen geben Märchenstimmung. Gartenlaube am Wasser,
Nachmittagstraumplatz. Buchenjungwald, wunderbar im Vorfrühling und im
Spätherbst. Ein Teppich von raschelnden braunen Blättern darunter.
„Warte nur, balde ruhest du auch!“

Weshalb bepflanzt man die Bergwiesen in Berggärten (Semmering) nicht
dicht mit Wacholder, Rhododendron, Zirbelkiefer, das, was Rax und
Schneeberg von selbst leisten in ihrem künstlerischen Naturgeschmack?!
Stauden vor Gebüsch, ein ideales Ausklingen! Birken, Schlehen, Eriken,
und schon ahnst du den Sandboden der „Mark“. Mit gewissen Pflanzen
kannst du ferne Gegenden herzaubern! Meine Lieblingsbäume: Lärche,
Graufichte, Knieholz, Blutbirke, Rotbuche, Weide! Wasser, Wasser,
fließend oder stehend, du bist der Dichter in dieser Realität:
Landschaft! Du bringst die Romantik, die Musik der Landschaft!

 Des Teiches Stille singt des Lebens Schwermut.
 Des Baches Murmeln klingt wie Wiegenkindes Plaudern aus dem Traum.
 Der Wasserfall singt dir von einer Welt, deren Getöse auch _nicht mehr_
    enthält!
 Springbrunnen’s Melodie bei Tag und Nacht,
 die sanften Herzen melancholisch macht.
 Der Sommerregen trommelt auf hunderttausend Blätter,
 dürstenden Blumen zärtlicher Erretter!
 Über dem Gartensumpf schwirrt die Libelle,
 Vom Froschsprung klagt ans Ufer eine Welle!
 _Gießkannen_ rieseln sanft auf schwarze Erde,
 damit die Pracht des Sommers baldigst werde!
 Hörst du dem Brünnlein lange, lange zu,
 kommt über dich unmerklich Fried’ und Ruh’!
 Oh Mensch, worauf willst du denn ewig warten?!
 Such’ deine _kleine große_ Welt in deinem Garten!



                            MODERNER DICHTER


         In unserm Leben gibt’s so viel Nuancen — — —
         Die eine sagt: „Arzt meiner kranken Seele!“
         Die andre sagt: „Wie schrecklich er nur aussieht!“
         Die eine lauscht begierig der Persönlichkeit,
         die andre sieht pikiert den Gegensatz zu den andern!
         Die eine schreibt: „Darf ich zu Ihnen kommen?!“
         Die andre hält’s bereits für zynisch, wenn er im Gespräch
         sanft-zärtlich ihre Hand berührt.
         Die eine sagt: „Ein Romantiker ohne Herz!“
         Die andre sagt: „Ein Herzlicher ohne Romantik!“
         Und eine jede sieht ein „für“ und „wider“ — — —
         und keine spürt, daß „für“ und „wider“ _eins_ ist
         in einem, in dem „für“ und „wider“ _zugleich_ sind!



                              DIE TÄNZERIN


Das Kind, allein in der Garderobe der Tänzerin, ordnet liebevollst alles
— —.

Sie setzt sich dann in eine Ecke auf ein niedriges Stockerl, kauernd in
sich versunken.

Die Tänzerin kommt, erhitzt, erregt vom Tanzen.

Sie setzt sich an den Toilettetisch.

Sie wendet sich um, erblickt das kauernde Kind.

„Immer, Marie, kauerst du da in der Ecke in meiner Garderobe,
stundenlang. Wird dir denn das nicht langweilig?!?“

„Nie, Fräulein! Nur Menschen, die ich nicht lieb habe, langweilen mich.
Menschen, die ich lieb habe, langweilen mich nie! Wodurch sollten sie
es?!? Alles an ihnen ist mir wert und teuer. Ich könnte ihnen zuschauen
von früh bis abends.“

Die Garderobiere blickt herein:

„Was ist das, Mizerl, schon wieder da?! Das Fräulein wird sich bedanken.
Entschuldigen Sie, Fräulein, der Fratz ist gar so romantisch veranlagt.
Der Vater sagt immer: ‚Wie du zu uns ehrsamen Bürgersleuten kommst
— — —.‘ Gestern hat sie beim Nachtmahl gesagt: ‚Jetzt verbrenn’ ich alle
meine dummen Märchenbücher — — — ich habe eine lebendige Fee gefunden!‘
So ein Fratz, was?! Man sollt’s nicht für möglich halten. Aber bitt’
Sie, 10 Jahre!? Sie wird’s schon billiger geben mit den ‚lebendigen
Feen‘! Die Männer tun uns beizeiten die Märchen austreiben — — —.“ Ab.

Das Kind: „Meine Mutter blamiert mich vor Ihnen. Sie versteht gar nichts
von meiner Andacht. Ich habe eine Andacht für Sie, obwohl Sie nur eine
Tänzerin sind!“

Es klopft.

„Blumen abzugeben von einem Herrn von Willigsdorf — — —.“

Türe zu.

Es klopft.

„Ah, Max — — —.“

„Ich bin entzückter von dir als je. Du hast dich, gestatte mir die
konventionelle Phrase, selbst übertroffen. Aber das empfinde ich! Gott,
daß diese kalten Kerls das mitgenießen dürfen!? Aber Gott sei Dank, sie
könnens nicht! Nur ich kann es, nur ich kann es, nur, nur ich! Wenn du
mir das wenigstens glauben könntest, Hélèn, nur das wenigstens. Es wäre
fast alles! Mehr brauchte man ja eigentlich gar nicht!“

„Ich glaube es dir, Max, sonst könntest du es unbedingt nicht so
leidenschaftlich überhaupt vorbringen!“

„Diese schönen Blumen! Irgend jemand versucht es mit 50 Kronen mein
Lebensglück zu zerstören!“

„Jawohl, Max, alle versuchen das, andere wollen es sogar noch billiger
unternehmen und geschickter. Aber alles hängt bei uns Frauen von unserem
guten Willen ab; und den habe ich nur für dich! Es ist vielleicht ein
Zufall, aber es ist so, Max!“

Er führt ihre Hand tief gerührt zum Munde. Das Kind steht auf, küßt ihm
ehrerbietigst die Hand.

„Wer ist dieses Kind?!?“

„Es ist das Töchterchen unserer Garderobiere! Sie kauert immer in der
Ecke meiner Garderobe, hält alle meine Sachen in bester peinlichster
Ordnung — — —.“

„Hast du die Tänzerin auch so lieb wie ich — —.“

„Das kann ich nicht wisse — — —.“

„Möchtest du ihr alles, alles verzeihen, sogar wenn sie dir ganz ohne
Grund eine schreckliche Ohrfeige gäbe?!?“

„Ja, ich möchte es ihr ganz gewiß verzeihen, wegen ihres Tanzens, das
ich gesehen habe. Ich möchte mir nur denken: Weshalb tust du das einem
Menschen an, der dich so lieb hat?! Wenn du eine Ohrfeige austeilen
willst, gib sie doch lieber einem, dem du gleichgiltig bist! Der spürt
es doch weniger schmerzlich — — —.“

„Ich glaube, du bist eine gefährlichere Konkurrentin für mich als die
Herren, die Blumen schicken — — —.“

Ab.

Es klopft.

Der Theatermeister.

„Herr Theatermeister, Sie haben wieder zu spät hell gemacht, wenn die
Sonne bei meinem Tanze endlich sieghaft durchdringen sollte. Es ist
schrecklich. Ich glaube, Sie machen es absichtlich — —.“

„Fräulein, so etwas lasse ich mir von niemandem sagen. Das ist eine
Gemeinheit, Sie verzeihen schon — — —.“

Die Tänzerin legt ihren Kopf auf den Toilettetisch, beginnt bitterlich
zu weinen. Das Kind erhebt sich langsam, macht einen Schritt gegen den
Theatermeister, streckt sich, hebt den Arm, sagt: „Hinaus, Sie roher
Mensch!“

Der Theatermeister geht langsam ab.

Das Kind kauert wieder in seiner Ecke. Die Tänzerin weint wie ein Kind.
Dann trocknet sie ihre Tränen.

Sie wendet sich nach dem Kinde um.

„Niemand hat mich so lieb wie du, niemand — — —.“

Das Kind erhebt sich, steht kerzengerade: „Ich möchte alle töten, die
Ihnen etwas Böses antun, Fräulein — — —!“

Ein Diener bringt eine Karte.

„Bitte — — —.“

Ein älterer Herr tritt ein.

„Mein Sohn hat sich gestern erschossen, Ihretwegen — — —. Konnten Sie
ihm wirklich nicht helfen, daß er diese seelische Krankheit besiege?!?“

„Nein, ich konnte es nicht, obzwar ich ihm dezidiert sagte, daß er mir
völlig unsympathisch sei!“

„Vielleicht hätten Sie es ihm eben nicht so dezidiert sagen sollen
— — —.“

„Pardon, mein Herr, ich mußte es! Ich bin eine arme Tänzerin, ausgesetzt
ununterbrochen allen Gefahren, die es überhaupt für eine Frau gibt!
Überlassen Sie mir das heilige Recht, gegen Eindringlinge, gegen
‚Buschklepper der Seele‘, ‚Rowdys der Seele‘, mich zu wehren!“

„Ich bitte Sie um Verzeihung, Fräulein. Ich bin aber der unglückselige
Vater — — —.“

Ab.

Das Kind stürzt zu den Füßen der Tänzerin hin: „Was haben Sie da
angestellt, Fräulein?!?“

„Kind, das verstehst du nicht, das verstehst du nicht — — —. Das Leben
stellt so viel Schreckliches mit uns an, und wir, wir können es nicht
hindern — —.“

Das Kind kauert weinend in seiner Ecke.

Der Theatermeister erscheint:

„Fräulein, es kommt gleich Ihr Tanz in der Krinoline — — —.“

„So, ich danke Ihnen. Bringen Sie aber die Beleuchtung richtig diesmal.“

„Gewiß Fräulein — — —.“

„Und du, Kind, warte auf mich hier. Ich kann dich nicht mehr entbehren
— — —.“

Vorhang.



                              ZWEI SKIZZEN

                           _Das kleine Leben_


Ich sah Arbeiter an einer Telegraphenstange arbeiten, die im Hochwald
der Nachtsturm zerbrochen hatte, von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends.
Es frappierte mich, wie sorgenlos sie waren, keine Spur eines
Gedankens darüber, ob es denn dafürstehe, auf die Welt gekommen zu
sein, um abgebrochene Telegraphenstangen im Hochwald, der dem Fürsten
gehört, wieder praktikabel zu machen. Im Gegenteil, sie schienen es
für das Wichtigste von der Welt zu halten, daß die Telegraphenstange
sobald als nur irgend möglich wieder hergestellt werde. Es waren
Telegraphenstangenärzte. Um sie herum waren Gimpel und Eichkätzchen
auf Altfichten, Regen kam, Nebel und wieder Sonne; aber immer war
alles konzentriert auf die Errichtung der Telegraphenstange. Ihr
gehörte ihre ganze Sorge, sie war ein Teil des Weltgetriebes. Es gab
Genies unter diesen Arbeitern, die alles mit einem Schlag erfaßten,
was zu tun war; dann waren Bedächtige, Vorsichtige; und dann waren
Tagarbeiter nach vorgeschriebener Pflicht. Die ganze Menschheit also
war eigentlich um diese Telegraphenstange im fürstlichen Hochwald
versammelt. Ich ging vorüber und verteilte Trabukos, a la Kaiser
Josef, nur billiger. Weshalb nicht?! Das Prager Tagblatt hatte mir
doch gerade für Nachdruckhonorare 9 Kr. geschickt. Nachdrucken ist
doch schon Ehre genug. Das Geld setzte ich teilweise in Mäzenatentum
und in Menschheitsbeglückung um. Die Arbeiter waren ganz verblüfft.
Einer sagte: „Auf der Liechtensteinstraße hat der Sturm einen halben
Meter dicke Bäume abgeschlagen!“ Diese Mitteilung war eine Art von
Revanche für meine Liebenswürdigkeit. „Ist es möglich?!“ sagte ich
freundlich erstaunt, und ging befriedigt von dannen.

_Liebesgedicht_

Niemand beachtete dich, edle, verschwiegene Goldrote, in dienender
Stellung.....

Ich zog dich hervor aus deinem Versteck und segnete dich.

Da wurden die anderen aufmerksam, schickten Blumen und Briefe....

Da zog ich mich zurück.

„Sind Sie eifersüchtig?!“ sagte sie.

„Nein, aber ich hasse die _elende Dummheit_ der Männer, die erst einen
alten kranken glatzköpfigen Bettler brauchen.... Wer, wer sagte mir, daß
man um Sie sich grämen dürfe...?!?“

„Aber um Gotteswillen, irgend jemand muß einen doch entdecken, wozu sind
denn die Dichter da?!?“



                               ERZIEHUNG


Ich habe einen scharfen Blick für Mütter, die die „Persönlichkeit“ ihres
geliebten Kindchens achten und berücksichtigen. Es sind das sogenannte
_Künstlernaturen des Lebens selbst_! Sie betrachten ihr Kindchen als ein
von ihnen geschaffenes „lebendiges Kunstwerk“, apart und vor allem den
meisten unverständlich, die mit dem Ausspruche: „ein ganz nettes Kind,
nichts weiter“, ihre künstlerische Unfähigkeit klar erweisen.
Merkwürdigerweise funktionieren so brutal-verallgemeinernd _fast alle
Väter_, die immer nur den Herrn Hofrat wittern, der einst, in der Ferne,
erscheinen soll und zu dem Kindchen sagen soll: „Du bist mein alles!“
Daß das gar kein Kompliment sein wird für das Töchterchen, spüren sie
nicht! Du bist _mein_ alles, ja, aber _wessen_ alles, darauf kommt es
an! Viele Mütter hingegen haben eine künstlerische melancholische
Zärtlichkeit. Sie teilen das Leben ihres Kindchens in „interessante,
spannende, merkwürdige Lebenskapitel“ ein, sind selbst äußerst gespannt,
wie der Roman enden werde, während die Väter ein biblisches Dogma
aufstellen, über das das Leben jedoch nur ein flüchtiges Lächeln hat.
Mütter wissen, wie ihr Kindchen geht, steht, sitzt, wann es verlegen ist
oder düster, Väter wissen höchstens, ob es „Stuhl“ gehabt habe, und das
wissen sie nicht einmal. Ein schreckliches Wort leitet sie durchs ganze
Leben ihres Kindes, das Wort „_gediegen_“. Alles soll „gediegen“ sein,
die Lehrer, die Gouvernanten, der „Zukünftige“, der „Charakter“. Das
ganze kommt mir vor, wie das Wort „gediegenes Gold“, das auszusprechen
schon eine Art Berauschungsmittel ist! Ich glaube nicht, daß Eleonora
Duse, Sarah Bernhardt, Yvette Guilbert, Fanny Elsler, Adelina Patti,
Bird Millman, Barbarina Campanini sehr „gediegen“ waren, jedesfalls war
es eine _höchst nebensächliche_ Eigenschaft dieser Damen, deren Väter
jedesfalls auch nur sich „Gediegenheit“ erwünscht hatten für ihre
Töchterchen! Mütter „_beobachten_“ das Leben ihrer Kinder, Väter
_schreiben_ es _ihnen vor_! Sie sind selbst durch Beruf, Sorge,
Eitelkeit, Ehrgeiz, Konkurrenz, Rücksichten Geknechtete des Daseins,
erwünschen dasselbe daher ihren Sprößlingen. Künstlerisch empfindsame
Mütter hingegen _trauern_ um ihr eigenes _Lebensgefängnis_, möchten
ihren geliebten Töchterchen den weißen Flug gönnen ins „romantische
Land“!



                               PLAUDEREI


Ausspruch eines fünfjährigen Mädels:

„Wenn man alleweil brav ist, wissen die Leut’ dann gar nicht, ob man
noch auf der Welt ist!“

Die Eltern tragen mir ununterbrochen Anekdoten über ihre vergötterten
Kindchen zu. Sie sind tief überzeugt davon, daß es gerade mich
interessiere! Ich interessiere mich auch wirklich _dafür_, daß sie alle
_so tief überzeugt davon sind_, daß ich mich dafür _interessiere_! Denn
diesen schönen Schein zu erwecken, heißt eben ein Dichter sein! Und als
das möchte man doch gerne gelten, wenn man schon weder Beruf noch Geld
hat, nicht?!?

„Mein Knabe sagte mir gestern“, „mein Mäderl sagte mir vorgestern“, höre
ich alle Tage zehnmal. Ob eines dieser kleinen Mistviecherl einmal zu
der reichen Mama den genialen Ausspruch täte:

„Mama, wenn du mich wirklich lieb hast, dann gibst du diesem
entzückenden alten kranken Dichter eine Monatsrate von fünfzig Kronen
— — —!“

Ausspruch eines sechsjährigen Mäderls beim Abschied vom Semmering: „Ach,
wie werde ich _fürder_ ohne meinen geliebten Pinkenkogel und
Sonnwendstein existieren können?!“

Ich hätte gerne geantwortet: „Sehr gut wirst du _fürder_ existieren
können, indem ich dir _fürder_ für jeden affektierten, verlogenen,
manierierten Ausspruch deinen Hintern aushauen werde — — —!“



                            LIED OHNE REIME


    Ihr Reichen,
    hab’ ihr das Nachtmahl nicht bezahlen können im kleinen lieben
       Gasthaus — — —;
    hab’ mein Mädel verlieren müssen — — —;
    hab’ ihr ein Kleid für den Sonntagausgang nicht schenken können
       — — —;
    hab’ ihrem Bruder nicht ewig Zigarren kaufen können — — —;
    hab’ ihrer Schwester die Krankheit nicht bezahlen können — — —;
    hab’ ihrem Vater seinen Vierteljahrszins nicht geben können;
    hab’ mein Mädel nicht in den „Zirkus Schumann“ führen können — — —;
    und sie schwärmt doch so für edle Pferde — — —;
    da hat einer zu ihr gesagt: „Ich gebe dreihundert Kronen monatlich
       und die Kostüme“ — — —;
    Ihr _Reichen_!
    Hab’ _mein Mädel_ verlieren müssen — — —;
    kann nur mehr Kleinigkeiten schenken,
    zum Namenstag, zum Geburtstag und zu Weihnachten — — —.



                              FORELLENFANG


75 Kilometer lang ist das gesamte Gebirgswasser in Naßwald. Es ist
flaschengrün, weiß und graugrün; es steht mäuschenstill in winzigen
Felsbuchten, es schäumt bösartig weiß, es zieht gemächlich graugrün über
flachen Kiesboden. Hinter _jedem_ Stein eine Forelle! Kein Stein ohne
Forelle dahinter, es wäre denn, daß sie gerade weggeangelt wurde. Hinter
jedem Stein also lauert der heimtückische Insektenmörder. Plötzlich wird
er von der Angelrute herausgeschnellt im Bogen. Man sieht etwas
herrliches Silbernes und schon liegt es auf der Wiese. Man schlägt es an
dem Fußabsatz ab, wenn es ein Regenwurmfang war, setzt es in den
Bottich, wenn es ein Kunstfliegenfang war. Es gibt berühmte
Kunstfliegenangler. Ihre Kunst besteht darin, die Kunstfliege so auf das
Wasser hinzuwerfen, daß es wie eine echte aussieht. Das ist ja im Leben
überhaupt oft so. So wird man berühmt. Man wirft den Köder aus, und — —
die Forelle nimmt es für eine echte, und man hat sie! Forellenangeln und
Naturfreund sein, ist eines! Denn man muß wandern, wandern von Stein zu
Stein. Hinter jedem hockt eben eine. Und diese Wanderung befriedigt nur,
wenn man die umgebende Natur herzlich lieb hat. Der Hecht verlangt keine
Naturfreude vom Angler. Er steht irgendwo und man hat zu warten. Man
wartet, wartet, bis das Ereignis eintritt. Dann beginnt die
_Geschicklichkeit_. Aber mit der Natur hat es nichts zu tun. Es ist nur
aufregend.

Der Forellenfänger liebt das Gebirgswasser leidenschaftlich, er vergißt
darüber Weib und Kind, oft sogar das Essen. Er versenkt sich in die
_Details_ der Umgebung, ein _einziges_ Zeichen _wirklichen_ Genießens!
Denn „in Bausch und Bogen“ ist es brutal und wertlos! Er zieht dahin,
von Stein zu Stein, er sieht alles, alles. Und wenn er ermüdet heimkehrt
mit seiner reichen Beute, glaubt er etwas geleistet zu haben. Ja, denn
er hat sich sogar einen urgesunden tiefen Schlaf verschafft!



                              SO WURDE ICH


Ich saß im 34. Jahre meines gottlosen Lebens, Details kann eine
Tageszeitung unmöglich bringen, ich saß im Café Central, Wien,
Herrengasse, in einem Raume mit gepreßten englischen Goldtapeten. Vor
mir hatte ich das „Extrablatt“ mit der Photographie eines auf dem Wege
zur Klavierstunde für immer entschwundenen fünfzehnjährigen Mädchens.
Sie hieß Johanna W. Ich schrieb auf Quartpapier infolgedessen,
tieferschüttert, meine Skizze „Lokale Chronik“. Da traten Arthur
Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann,
Hermann Bahr ein. Arthur Schnitzler sagte zu mir: „Ich habe gar nicht
gewußt, daß Sie dichten!? Sie schreiben da auf Quartpapier, vor sich ein
Porträt, das ist verdächtig!“ Und er nahm meine Skizze „Lokale Chronik“
an sich. Richard Beer-Hofmann veranstaltete nächsten Sonntag ein
„literarisches Souper“ und las zum Dessert diese Skizze vor. Drei Tage
später schrieb mir Hermann Bahr: „Habe bei Herrn Richard Beer-Hofmann
Ihre Skizze vorlesen gehört über ein verschwundenes fünfzehnjähriges
Mädchen. Ersuche Sie daher dringend um Beiträge für meine neugegründete
Wochenschrift ‚Die Zeit‘“ Später sandte Karl Kraus, auch der
Fackel-Kraus genannt, weil er in die verderbte Welt die Fackel seines
genial-lustigen Zornes schleudert, um sie zu verbrennen oder wenigstens
„im Feuer zu läutern“, an meinen jetzigen Verleger S. Fischer, Berlin
W., Bülowstraße 90, einen Pack meiner „Skizzen“, mit der Empfehlung, ich
sei ein Original, ein Genie, Einer, der anders sei, nebbich. S. Fischer
druckte mich, und so wurde ich! Wenn man bedenkt, von welchen
Zufälligkeiten das Lebensschicksal eines Menschen abhängt! Nicht?! Hätte
ich damals, im Café Central, gerade eine Rechnung geschrieben, über die
seit Monaten nicht bezahlten Kaffees, so hätte Arthur Schnitzler sich
nicht für mich erwärmt, Beer-Hofmann hätte keine literarische Soiree
gegeben, Hermann Bahr hätte mir nicht geschrieben. Karl Kraus freilich
hätte meinen Pack Skizzen unter allen Umständen an S. Fischer
abgeschickt, denn er ist ein „Eigener“, ein „Unbeeinflußbarer“. Alle
zusammen jedoch haben mich „gemacht“. Und was bin ich geworden?! Ein
Schnorrer!



                       LOCA MINORIS RESISTENTIAE


Jeder Organismus hat seine sogenannte „Achillesferse“, das heißt eine
Stelle, an der er besonders leicht und empfindlich verwundbar ist! Ich
zum Beispiel habe meine Achillesferse im Gehirn, aber nicht, wie meine
boshaften und heimtückischen Freunde (Feinde sind viel milder gestimmt,
indem sie einen in Bausch und Bogen ein für allemal verurteilen) glauben
werden, in meinen Denkpartien, sondern in jener mysteriösen Partie des
Gehirns, wo die _Eifersucht_ ihren Höllensitz aufgeschlagen hat, und
zwar die Eifersucht in bezug auf Männer, die mehr Haare, mehr Geld und
weniger Intelligenz als ich besitzen, also drei den Frauen besonders
wertvoll erscheinende Eigenschaften! Sobald ich nur ein solches Ungetüm
irgendwo erblicke, das mehr Haare, mehr Geld und weniger Intelligenz
besitzt als ich, bekomme ich sofort, wie der technische Ausdruck lautet,
einen sogenannten „roten Kopf“, und ich denke nur mehr an
Browningpistolen, Arsenik oder die Hundspeitsche, natürlich für den
anderen! Ich betrachte meine mich bisher fanatisch vergötternde Geliebte
als bereits endgültig verloren, und treffe Anstalten, sie grundlos
durchzuprügeln! Das sind also meine „loca minorum resistentium“, das
heißt zu deutsch, jene Partien unseres komplizierten Organismus, die auf
Reizungen besonders empfindlich reagieren, und zwar sofort! Solche
Partien haben viele Menschen Kellnern gegenüber oder Raseuren, die sie
schlecht bedienen; obzwar in solchen weniger gefährlichen Fällen ein
erhöhtes Trinkgeld meistens gute Dienste leistet.

Die „loca minorum resistentium“ haben in neuester Zeit einen besonderen
Wert gewonnen für die Herren Ärzte; denn jede Partie des Körpers, über
die ein Patient sich heutzutage beklagt, wird vom Arzt sogleich ernst
und verständnisvoll als: „Aha, das sind Ihre loca minorum resistentium,
mein Lieber — — —!“ bezeichnet, worauf der Patient sich, zwar nicht
geheilt, aber um ein Bedeutendes, vor allem um das ärztliche Honorar
erleichtert, entfernt. Viele Damen haben solche loca minorum
resistentium in ihrem Organismus, im Augenblick, wo sie an einer Dame
einen kostbarern Pelz bemerken, als sie selbst besitzen. Aber hier fange
ich bereits an banal zu werden, und deshalb schließe ich hiermit rasch
diese immerhin interessante Plauderei.



                               DOLOMITEN


Ich hatte mein ganzes Leben lang von den _Dolomiten_ gehört, einem
„Märchen der Natur“. Nun kam ich, per Auto, halb 8 Uhr abends, 11.
August, in Toblach an. Eine riesige ungepflegte, ja verwahrloste
Bergwiese, die ein feenhafter Berggarten leicht hätte sein können. Ich
ging ein paar Schritte die Fahrstraße entlang, die ins Gebirge, Monte
Cristallo, führt. Ich sah in die weiße Waldstraße hinein, und war ganz
ergriffen. Jahrelang im „Café Central“, Ecke Herrengasse—Strauchgasse,
und nun am Eingang in die „Dolomiten“! Ich sah Wälder im Abendschatten
und in der Ferne einen leuchtenden riesigen Felsen. Ich kehrte zurück
und dachte mir die riesige schrecklich ungepflegte Bergwiese vor dem
Riesenhotel, bewachsen mit Zirbelkiefer, Rhododendron, Speik, so ein
botanischer Berggarten, mit Murmeltieren und Schneehasen. Aber Toblach
begnügt sich, ein „Eingang“ zu sein, und selbst die Geschäftsläden
erinnern an „Praterbuden“. Nur irgendwo sah ich in einer
Ansichtskartenbude eine 14jährige Verkäuferin. Ich blickte sie an: „Du,
du allein paßt in diesen Dolomiten-Märchen-Eingang!“ Da ich den schönen
grauen Gems-Kaiser-Lodenhut auf hatte und sehr gebräunt war, blickte sie
mich freudig-erstaunt an. Ich wollte etwas sagen, das heißt, ich wollte
eben gar nichts sagen, aber als die Ansichtskartengeschäfte abgewickelt
waren, blickte ich sie noch immer gerührt an. Sie sagte auch nichts,
aber sie spürte ihre Wirkung auf mich. Es war nicht sehr lange, und doch
vielleicht oder wahrscheinlich eine besondere Welt, die nie nie mehr
wiedererstehen wird. Es ging nicht an, sie länger anzublicken. Und
infolgedessen ging ich. Ich lüftete nicht den Hut, damit sie nicht sehe,
daß ich kahlköpfig sei; denn ich mußte auf ihre Träumereien Rücksicht
nehmen, daß ein verhältnismäßig apart aussehender Herr sie beim
Ansichtskartenverkaufe liebevollst angeblickt hatte — — —. So wie wenn
er ihr Glück wünschte zu ihrem künftigen Schicksale und sie getreulich
segnete mit seinen Augen. Sie hat gewiß niemand davon erzählt, was gäb’
es auch darüber zu erzählen?! Und doch blieb es in ihr. Und doch wird
sie, unmittelbar vor einem ersten Kuß der Jugendsinne fühlen: „Nein! Ich
sehe nicht auf Deinem Antlitz, Mann, den Zug von Rührung, den der fremde
Herr mit dem grauen Gemsjagd-Kaiser-Lodenhute damals hatte — — —.“ Am
nächsten Morgen ging es nach Cortina. Rotgraue Bergwelt, sei bedankt,
gesegnet! Es türmt sich auf, lichtgrau und rosig, es wächst ins
Himmelblau hinein und überall ist Friede — — —.



                                  MAMA


Meine Mama wollte „ein großes Haus“ führen, um ihre wunderschönen
Töchter reich zu verheiraten. Das nahm ich ihr übel. Denn, wenn es
gelingt, ist es wie ein Haupttreffer auf eine in der Tabaktrafik
gekaufte Promesse. Ich bin gegen das „Spiel“ im Leben. Man riskiert zu
viel. Das ist es. Also, wie gesagt, ich war sehr dagegen. Aber in meiner
Kindheit hatte ich einen vollkommen krankhaften Fanatismus für sie, und
meine Liebe zu ihr war keine ruhig-selbstverständliche eines guten
anhänglichen Kindes, sondern zehrte an mir, wie wenn ich ein unglücklich
Liebender wäre, der an „inneren Zärtlichkeitsgefühlen“ zugrunde geht,
während doch Mama mich sehr, sehr, sehr lieb hatte und meinen
„kindlichen begeisterten Blick“ zu würdigen verstand. Oft sagte sie: „Du
dummer Kerl, was willst du denn, ich hab’ dich ja so wie so riesig gern
und außerdem bin ich mit dir sehr zufrieden, der Hofmeister, die
Gouvernante, der Violinlehrer und Mr. Palotta, alle, alle loben und
lieben dich — — —.“ Aber meine Zärtlichkeit für Mama _zehrte_ an mir.
Vor ihr niederknien und den Saum ihres Kleides mit den Lippen berühren,
daran dachte ich nicht. Ich sah sie an und war voll übertriebener
Zärtlichkeit, als ob ich noch überhaupt bewußtlos in ihrem Schoße läge,
von ihren Kräften innerlichst behütet, genährt, gepflegt, so vorzeitig
herausgestellt in eine Welt, in die ich _noch nicht_ hineingehörte!
Mama! Mama! Als ich mit zehn Jahren, gerade der Primus im Gymnasium, an
einer Fußbeinhautentzündung schwer erkrankte, hatte sie ein Jahr lang
ihr Bett neben dem meinen und nahm nächtelang meine Seufzer in ihr Herz
auf. Nachmittags sang sie im Nebenzimmer Schubertlieder. „Ihre Stimme
klingt etwas ermüdet!“ sagte der liebevolle junge Gesangsmeister. „Mein
Sohn hat heute Nacht wieder sehr gestöhnt“ erwiderte sie. Eines Tages
sagte Professor Dittel: „Es muß geschnitten werden, der Fuß ist ganz in
Eiterung.“ Da saß sie nachmittags an meinem Bette und zupfte aus
Leinwandfetzen Charpiewolle. „Was machst du da, Mama?!“ — „Daß die Zeit
vergeht“ erwiderte sie. Am nächsten Tage sagte Professor Billroth: „Ich
pflege in einem solchen Falle noch nicht zu schneiden, es wird sich
aufsaugen!“ Da kniete meine Mama vor meinem Bette nieder, aber nur für
einen Augenblick. Dann ging sie ins Nebenzimmer und spielte und sang am
Klavier die „Forelle“ von Schubert. Der Gesangsmeister sagte: „Heute
klingt Ihre Stimme frischer, Sie dürften gestern eine ruhigere Nacht
gehabt haben!“ — „Nein,“ sagte sie, „aber ich werde sie heute nacht
haben!“



                            MODERNE ANNONCE


Semmering, 1000 Meter Höhe.

Page 69: „C’est à Saint-Gervais que je devais faire ce que les Allemands
appellent: „Die _Nach_kur“, et à laquelle ils attachent, _non sans
raison_, une grande importance.“

Die _Nach_kur ist wichtiger als die Kur!

Eine meiner Thesen, auf die ich mir mehr einbilde als auf alle meine
Dichtungen zusammen, obzwar alle Ärzte sie seit lange, die These
nämlich, kennen.

Die Kur ist der melancholische und mühselige Versuch, eine gebrochene
Maschinerie zu reparieren. Höchstens bringt man sie da mit Müh’ und Not
wieder auf gleich, kleistert sie zusammen. Aber die _Nach_kur ist
bereits eine freudige _künstlerische_ Angelegenheit: man ist daran,
einer wiederhergerichteten Maschine höchste Energien, Spannkraft,
Bewegung, Elastizität, Lebendigkeiten zu verleihen! Aus einem Invaliden
einen neuen feurigen Kämpfer zu machen!

Die Kur ist eine ernste Notwendigkeit, die _Nach_kur ist ein _heiteres
Fest_! Gerade der erst _kürzlich_ gesundete Körper bedarf bei seinen
zarten Vernarbungen allerzärtlichster Rücksicht. Geld und Zeit für die
_Nach_kur sind wichtiger als für die Kur. Keine Kur ohne _Nach_kur! Die
Nachkur ist erst die Kur! Semmering, 1000 Meter Höhe.



                               SEMMERING


Es wurde wieder Winter, November 1912. Überflüssig, die
Berglandschaft zu schildern. Das können Russen, Schweden, Dänen
viel, viel besser. Sie kennen das Gepräge jedes Baumes, und wie der
Schnee sich ansetzt, je nachdem. Sie kennen die Eintönigkeit und
ihre Poesien, sie kennen die Melodie der Stille, und der Krähen
Mißton wird ein schaurig-melancholisches Leitmotiv: _Winter!_ Ich
liebte den Sommer, weil ich gesund war, und seinen Symphonien von
Farben, Düften lauschen konnte, unbeirrt durch etwas, was mich
drückt und niederzwingt. Nun ist es Winter. Ich sehe alles nur so,
wie wenn ein gütiges Schicksal den Abschied mir nicht schwer machen
wollte. Eine einzige Begeisterung ist geblieben und ringt sich
durch, wie wenn mein Bestes mir erhalten bleiben sollte. Ich sah
meine kleine Heilige im roten Wintersportkostüm. Der Wintertag
leuchtete auf ihrem geliebten Antlitz. Ich sah sie rodeln, ich hörte
ihr geliebtes jauchzendes Gekicher, sie flog davon, den scharfen
Kurven nach im weißen Fichtenwalde. Ich hatte sie gesehen! Ich ging
zurück ins Zimmer und versank in düsteres Sinnen ... Und es ward
Winter 1912!



                        WINTER AUF DEM SEMMERING


Ich habe zu meinen zahlreichen unglücklichen Lieben noch eine neue
hinzubekommen — — — den _Schnee_! Er erfüllt mich mit Enthusiasmus, mit
Melancholie. Ich will ihn zu nichts Praktischem benützen, wie
Scheerngleiten, Rodeln, Bobfahren; ich will ihn betrachten, betrachten,
betrachten, ihn mit meinen Augen stundenlang in meine Seele
hineintrinken, mich durch ihn und vermittelst seiner aus der dummen,
realen Welt hinwegflüchten in das sogenannte „weiße und
enttäuschungslose Zauberreich“! Jeder Baum, jeder Strauch wird durch ihn
zu einer selbständigen Persönlichkeit, während im Sommer ein allgemeines
Grün entsteht, das die Persönlichkeiten der Bäume und Sträucher
verwischt. Ich liebe den Schnee auf den Spitzen der hölzernen
Gartenzäune, auf den eisernen Straßengeländern, auf den Rauchfängen,
kurz überall da am meisten, wo er für die Menschen unbrauchbar und
gleichgültig ist. Ich liebe ihn, wenn die Bäume ihn abschütteln wie eine
unerträglich gewordene Last, ich liebe ihn, wenn der graue Sturm ihn mir
ins Gesicht nadelt und staubt und spritzt. Ich liebe ihn, wenn er in
sonnigen Waldlachen zerrinnt, ich liebe ihn, wenn er pulverig wird vor
Kälte wie Streuzucker. Er befriedigt mich nicht, ich will ihn nicht
benützen zu Zwecken der süßen Ermüdung und Erlösung, ich will nicht
kreischen und jauchzen durch ihn, ich will ihn anstarren in ewiger
Liebe, in Melancholie und Begeisterung. Er ist also eine neue letzte
„unglückliche Liebe“ meiner Seele!



                             VOLLKOMMENHEIT


Vollkommenheit ist ein heutzutage ganz mißverstandenes Wort. Man sagt:
Gustav Klimt, der vollkommene moderne Maler; Frau Bahr-Mildenburg, die
vollkommene Wagner-Darstellerin; Oberbaurat Otto Wagner, der vollkommene
Architekt; Peter Altenberg, der vollkommene Skizzenschreiber, Karl
Kraus, der vollkommene „Angreifer, Verhöhner, Vernichter“! Aber
vollkommen kann ein jeder sein, in jeglicher Sache! Ein Orangenverkäufer
kann vollkommen sein, wenn er den Geschmack, den Saftgehalt, den
Zuckergehalt jeder Orange oder Mandarine schon von außen, gleichsam
durch die Schale hindurch, erkennt mit unfehlbarer Sicherheit! Ein
Kastanienbrater kann vollkommen sein, wenn er das Gefühl dafür hat, wann
und unter welchen Umständen seine Kastanien schön gleichmäßig goldgelb
gebraten sind, ohne bräunliche schwarze harte Stellen zu bekommen. Ein
Bar-Mixer kann vollkommen sein, eine liebende Frau, ein stichelhaariger
Foxterrier, eine Hemdenputzerin, ein Kommis, in seiner Art zu bedienen,
ein Koch, eine Stenographin, kurz: alle, alle, alle, insofern sie in
ihrer Sache das Vollkommenste leisten! Pereant die protokollierten
Firmen des allgemeinen succès; es leben hoch die Unbekannten, die
göttlich singen beim Waschen und Anziehen, ohne an der Hofoper engagiert
zu sein! Es leben die exzeptionellen Weber und Tuchfabrikanten, es lebe
die kroatische, bosnische, ungarische, schottische, irländische,
dänische, schwedische Hausindustrie! Was vollkommen ist, ist vollkommen,
worin immer es sich auch betätige!



                               NACHWINTER


9. März. Mein 53. Geburtstag. Es ist schon wieder Schnee gefallen die
ganze Nacht, Hochwinter im März. Man kann noch nicht „rodeln“, denn der
Schnee ist noch flaumig wie flaumige Eiderdaunen. Aber das Auge weiß
davon nichts. Nur die Fußspuren sind braungrau. Es hat null Grad im
Schatten. Es ist ein Winterbild, an das man nicht recht glaubt. So
Nachzügler einer Armee „Winter“! Meine Schneeschuhe, ein Geschenk des
berühmten Architekten Adolf Loos, vor fünf Jahren, sind mir gestern
abhanden gekommen. Der anständige Dieb hat wahrscheinlich nicht mit
diesem Winter-_Rückfall_ gerechnet, der mich nun in Verlegenheiten
bringt! Sie waren mir teuer, obzwar sie mich nichts gekostet haben. Ich
hatte fünf Jahre lang den Ehrgeiz, sie mir weder vertauschen, noch
stehlen zu lassen. Der Kellner sagte mir oft: „Lassen Sie Ihre
Schneeschuhe ruhig irgendwo stehen, es geschieht ihnen nichts!“ Nun, es
ist ihnen wirklich nichts geschehen, sie haben nur ihren Besitzer
gewechselt. Möge er sie ebenso zärtlich rücksichtsvoll behandeln wie
ich, und möge ich eine neue _Schneeschuh-Wurzen_ baldigst finden! Einer
machte schon eine _leise Anspielung_, aber es stellte sich heraus, daß
er mir nur mitteilen wollte, dieser Nachwinter könne ja ohnedies nicht
mehr von langer Dauer sein, und da genügten dann gewöhnliche Galoschen.
Als ich bemerkte, daß ich auch solche nicht besitze, erklärte er,
Galoschen seien ungesund und verhinderten die Hautausdünstung. Also, in
dieser Winterpracht feiere ich meinen 53. Geburtstag. Es wird kein Geld
regnen, da ich keine Danae bin. Aber in die schlechte Bilanz des Jahres
1912 muß ich doch den Plus-Kontoposten meines Lebens einrechnen:
„Nachwinter im März auf dem Semmering, und eine romantische
‚_Petrarca-Liebe_!‘“

Hier ist es friedvoll, vertauschte Haselnußbergstöcke, vertauschte
Schneeschuhe, vertauschte Frauen sind das einzige bemerkenswerte
Ereignis. Aber man findet sich in alles. Eine Dame sagte mir: „Sehen
Sie, dieser von Ihnen gestern so gepriesene Herr ist doch kein
Gentleman. Er trägt abends zu Lackpantoffeln, pumps, _Wollsocken_!“ —
„Pardon,“ erwiderte ich, „ich habe das im Drang meiner Begeisterung
übersehen!“ — „Ein so scharfer Beobachter wie gerade Sie, Herr
Altenberg?!“ — „Ja, auch wir sind eben nur irrende Menschenkinder!“



                            HEIMLICHE LIEBE


Wir müssen von den Gefühlen _unserer eigenen Seele_ leben können! Das
ist die „_neue Religion_“ für unsere, sonst zum Leiden verurteilten
impressionablen Nerven. Man kann uns alles _wegnehmen_, alles _rauben_,
alles _verhindern_, alles _verbieten_ — — nur nicht _unsere_ Gefühle,
die wir für geliebte Menschen haben! Hier beginnt unsere _unbesiegbare
Macht_ unserer Seele! Man wünscht es, unsere Tränen nicht zu sehen,
nicht zu spüren, nichts darüber in alle Ewigkeit zu vernehmen — — — und
sie rinnen dennoch auf den Kopfpolster, zum _Preise der Entfernten_!
Könnt Ihr uns verbieten, in dem Bergkirchlein für ihr Heil zu beten?!
Könnt Ihr uns es verbieten, im Schnee des „Hochwegs“ ihre Fußspuren zu
ahnen?! Vielleicht sind es fremde, gleichgültige. Aber wir, wir träumen
sie uns als die _ihrigen_, vermittels der _Kraft unserer_ unzähmbaren,
unbesiegbaren Seele! Kann sie zu uns sprechen: „Knie vor meinen
Fußspuren nicht in den Schnee hin!?!“ Nein, das kann, das darf niemand
zu uns sprechen. In diesen „Gefilden der entrückten Seele“ verliert die
_verbietende_ Menschenstimme ihre Macht und Gott sagt: „_Du darfst_!“

Ich habe Dein Glas in mein Zimmer mitgenommen, aus dem Du getrunken
hast. Ich habe dem Kellner gesagt: „Ich habe ein Glas zufällig
zerbrochen, da haben Sie zwei Kronen dafür!“ Er sagte: „Auf ein Glas
mehr oder weniger kommt es, bitte, bei uns nicht an — — —.“ Also besaß
ich das „geheiligte Glas“ umsonst. Ich ließ ihm ein Postamentchen machen
aus Zirbelholz, ließ eingravieren: „Deine Lippen berührten es.“ Kann mir
das irgend jemand _verbieten_?! Niemand kann mir meine _Leiden
verbieten_, er kann sie nur steigern, und das ist _gut für meine Seele_
— — —. Wen, wen wollt Ihr schützen vor meinen Tränen, die _niemand_,
_niemand_ sieht?!



                                DAS KINO


Ich schleudere hiermit meinen Bannfluch gegen _alle jene_, die, in
„bestgemeinter Absicht“ oder aus Geschäftsinteresse, sich in neuerer
Zeit gegen die _Kinotheater_ wenden! Es ist die beste, einfachste, vom
öden _Ich_ ablenkendste Erziehung, besser jedenfalls, tausendmal besser
als die bereits als „freche Gaunerei“ entlarvte „Kunstdarbietung“,
ausgeheckt in ehrgeizigen, verdrehten Gehirnen und präpariert für den
„seelischen Poker-Bluff“; infame Düpierung _einfach-gerader_
Menschenseelen! Im Kino _erlebe ich die Welt_; und selbst die erfundenen
Sketches sind schon, der Natur der Sache nach, auf _edel-primitive_
Wirkung hin gearbeitet, Seelenkonflikte a la „_3 und 2 macht 5_“, nicht
aber absichtlich 6 oder 7! Das Volk _soll sich erheben für die
Kinotheater_ und sich nicht neuerdings in kleinsten und belanglosesten
Angelegenheiten _beschwatzen_ und _betören_ lassen von den
„_psychologischen Clowns_“ der Literatur! Meine zarte 15jährige Freundin
und ich, 52jähriger, haben bei dem Natursketch: „_Unter dem
Sternenhimmel_“, in dem ein armer französischer Schiffzieher seine tote
Braut flußaufwärts zieht, schwer und langsam, durch blühende Gelände,
heiß geweint! Wehe euch, deren „_trockenen Geist_“ wir „_trockenen
Herzens_“ angeblich begeistert _genießen_ müssen! Wir _müssen_ und
_wollen nicht_!

Ein „berühmter Schriftsteller“ sagte zu mir: „Wir sind jetzt unter uns,
was finden Sie eigentlich Besonderes an den Kinovorstellungen?!?“

„Nein,“ sagte ich, „_wir_ sind _nicht_ unter uns, sondern _Sie_ sind
_unter mir_!“



                               LEBENSBILD


Wesen der Engländerin:

„O, mein geliebter Freund, was nützte mir denn deine ganze tiefe Liebe,
wenn du mir bei der Tür nicht den Vortritt ließest?!?“

Wesen der Amerikanerin:

„_Natürlich_ zu sein, so wie man eben einfach von Natur aus ist!“

Dies schrieb ich einer jungen, edlen Amerikanerin ins Stammbuch.

„O,“ sagte sie, „sehr, sehr schön; und vor allem sehr, sehr wahr! Aber,
bitte, was würden Sie denn einer jungen Engländerin in ihr Stammbuch
hineinschreiben?!?“

„Ich? Natürlich _gerade das Umgekehrte_!“



                              SO SIND WIR


Wir wollen aufrichtig sein, vor allem diesmal ich, Sophie B.; vielleicht
für alle meine Mitschwestern. Nichts ist rätselhafter für uns, als es zu
sehen, wie jemand uns gar nicht mehr lieb hat! Gar nicht mehr ein
bißchen. Wir machen da sozusagen _nachträglich_ alle seine Qualen mit,
und alle unsere _vollkommen unnötig gewesenen_ Grausamkeiten,
Ungezogenheiten, Rücksichtslosigkeiten usw. usw. Wie ein schreckliches
Bild zieht es an uns vorüber, nebelhaft, und dennoch schreckhaft
_deutlich_! Ja, wir waren Königinnen, wie Chinas mysteriöse
Beherrscherin einst, und nun sind wir entthront! Man bittet uns nicht
mehr um Gottes willen um eine Haarlocke, man versucht es nicht mehr,
unser Knie unter dem Tisch sanft zu berühren! Wir sind entthront,
_entwertet_ und verstoßen! Wir haben uns „Herzen“ entfremdet; und Gott
will das nicht. Das heißt, Er hat nichts dagegen, falls es sein muß,
aber es soll _in Seiner Milde, in göttlicher Milde_ vor sich gehen, so
zart behutsam, daß wir alle Tränen trocknen, die seit Monaten um uns
geflossen sind! Mit Kranken schreit man nicht herum! Wir haben nie seine
Briefe verstanden, in denen er uns doch _ganz verständlich_ mitteilte,
er habe _unseretwegen_ die ganze Nacht geweint. _Jetzt_ verstehen wir
diese Briefe, die wir bereits zerrissen haben!

Also, da sitzt er nun vor uns, der einst ein Narr in unseren Augen war,
und unsere ausgespuckten Traubenschalen liebevollst in seinen Mund nahm!

Da sitzt er nun vor uns. Wir sind ihm nichts. Er schaut, und ist selbst
verständnislos geworden!

Oh — — — oh — — —! Wie schade!

Unser Atem ist ihm nicht mehr süß — — — vielleicht ekelt er ihn sogar
— — —!



                            MEIN GRAUER HUT


Der Märzwind klagt durch die winter-erfrorenen rostroten Gebüsche. Über
die grauen Wiesen bürstet er grauen Märzstaub auf, zieht in die Wälder
hinauf, um rotes starres Laub zum Rascheln zu bringen, zum
Vorfrühling-Tanze!

Neben mir liegt mein geliebter grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hütchen.
Er erinnert mich an alles, was ich verloren habe, an _Alles_! Ich habe
ihn in Mürzzuschlag gekauft, nach langem Suchen, er ist mein Ideal-Hut.
Nun blicke ich ihn an, in tiefster Zärtlichkeit, als ob er noch die
hellen scharfen Lüfte und Düfte vom Semmering-Paradiese in seinem
Filzgewebe berge. Ja, _für mich_ birgt er sie, alle die Schätze, die
mein Auge dort droben in der lichten scharfen Luft in sich
hineingetrunken hat, auf der Beton-Terrasse, 6 Uhr morgens, mit sonnigem
Wiesennebel und dem Mürz-Nebel-Strom ins Haidbachtal, weiß und
leuchtend, ein Märchen-Strom! Und abends die goldenen Wolken im Mürztal;
und immer, immer war es _noch_ schöner als am Vortage, und meine Seele
war reich durch Begeisterung. Nichts entging mir von Gottes Pracht.

Nun denke ich an das Holdeste, Klara und Franziska Panhans, Magda
Simon, Eva Leopold, Frau Machlup, ebenfalls Gebilde der
gütigen edel-gestaltenden Natur! Für alle hatte ich den Blick
fanatisch-zärtlicher Begeisterung! Nun aber bleibt mir nur mein kleiner
grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hut; er liegt vor mir, unscheinbar,
nichtssagend. Mir aber scheint die untergegangene Sonnenwelt „Semmering“
daraus entgegen, und sagt mir „adieu“, adieu für immer — — —. Weshalb
dieses Schicksal?! Ich weiß es nicht — — —.

8. März 1913. Vortag meines 54. Geburtstages. Für Frau Lilly St.



          DIE KOSTÜME AUF DEM SEMMERING IN DER SILVESTERNACHT


Ich sah ein ockergelbes Musselinkleid-Hemd mit breitem lila Samtband
geputzt. An der Brust eine große lila-weiße Kamee. Dann sah ich an dem
herrlichen Fräulein Schw... eine weiße seidene Wolke, am Rande bestickt
mit grellem Silberschimmer aus großen viereckigen Silberplättchen. Dann
sah ich an der braunen Frau S. eine schwarze Tüllrobe, mit schwarzem
Hut, mit einer schwarzen samtenen Tulpe an der Brust. Kardinalfarbene
Seidenrobe, bestickt mit kardinalfarbigen Glasperlen. Eine staubgraue,
nebelgraue Tüllrobe, mit breiten ockergelben Samtbändern. Eine
erbsengrüne Tüllrobe, mit hechtgrauen Glasperlen bestickt; braungelbe
Orchideen an der Brust. Frauenschuh. Dann sah ich eine — — — da wußte
ich gar nicht, was sie anhatte; denn ich sah nur ihr Antlitz, ihr süßes,
süßes Antlitz, mit den klaren schimmernden Madonnenaugen — — —. Da sagte
eine ältere Dame zu mir: „Nicht wahr, das bemerke ich sofort, die
Toilette dieser jungen Dame ist ganz nach Ihrem etwas aparten und
übertriebenen Geschmack — — —!?!“ — „Jawohl“, erwiderte ich, „obzwar ich
gar nicht sah, was sie anhatte — — —.“ — „Ja, Sie urteilen eben auch nur
nach dem Äußeren, mein Lieber, sehen Sie wohl?!?“ — „Ja, leider“,
erwiderte ich und starrte die Madonnenaugen an — —. Sie hieß Kl. P. und
dennoch kann niemand ahnen, wer es ist — — —.



                              FORTSCHRITT


Es gibt Leute, die heutzutage nicht mehr auf den Boden eines
Kaffeehauses spucken können, und solche die es _noch ganz gut_ können.
Diese Zweiteilung ist ein Zeichen eines wenn auch geringen allgemeinen
Fortschrittes. Es gibt Leute, die selbst bei einer automatisch von
selbst schließenden Tür ängstlich hinter sich blicken, ob die
Maschinerie auch wirklich funktioniere. Das sind bereits „Gentlemen der
Entwicklung“. Beim „Sport“ darf man keiner Dame helfen, irgendwie
behilflich sein in einer schwierigen Situation. Dadurch gewöhnt man sich
allmählich auch das sklavische „Pakettragen“ oder „Schirmaufheben“ oder
„Zigarettenanzünden“ ab. Wieder ein kleiner Fortschritt! Jetzt fehlt
noch der _hohe englische Fußschemel_ beim Friseur, und die Ventilatoren
in _jeder_ Fensterscheibe, wobei niemand rufen darf: „Es zieht!“ Preise
an Schriftsteller-Millionäre zu vergeben, ist noch rückschrittlich. Mit
Geld kann man nur Künstler ehren, die keines haben! Turbot samt seiner
dunklen schuppigen _Haut_ essen und noch dabei behaupten, das gebe dem
edlen Fische erst den Geschmack, ist eine mittelalterliche
Zurückgebliebenheit, die man eventuell einem eisengepanzerten Recken
oder Drachentöter nachsehen könnte! Eine übertrieben deutliche Schrift
haben, ist einer der wenigen zu begrüßenden Snobismen. Man schreibt für
_den_, der es _lesen_ soll! Eine Frau in der Weise bewundern, daß es dem
zugute kommt, dem sie _angehört_, und nicht _dem_, der sie _bewundert_,
ist „höchste Kultur“! Mehr als zweimal im Tag mitteilen, man habe im
rechten Knie beim Drücken einen Schmerz, ist nicht „fortschrittlich“.
„Tamar Indien Grillon“ anpreisen, ist höchste Kultur. Aber auch hierin
gibt es zarte Grenzen. Ich hörte einmal an einem herrlichen Herbstmorgen
einen jungen Griechen eine junge Serbin fragen: „Oh bonjour,
mademoiselle, combien de pilules „Purgén“ est-ce-qu’on ose prendre à la
fois?!“ „36“ erwiderte die junge Dame schlagfertig, worauf man den
Griechen acht Tage lang nicht mehr erblickte. Leute ins Gespräch ziehen,
um ihnen Ansichten herauszulocken, zum Zwecke, sie ihnen _widerlegen_ zu
wollen, ist _unkultivirt_. Um „Proselyten“ zu machen, gehört mindestens
die Entschuldigung eines „heiligen Fanatismus“. Zwischen Tee und
„kleiner Bäckerei“ hat solches _nicht stattzufinden_! „Anonyme Briefe“
sind eine Gemeinheit. „Nicht anonyme Briefe“ sind eine noch größere
Gemeinheit. Man hat zu schreiben: „_Ich verehre Sie!_“ Im allgemeinen
aber zeigt sich doch in der „vie quotidienne“ ein beträchtlicher
Fortschritt. „In der Nase bohren“ findet man sogar bei Kindern
verhältnismäßig nur mehr selten, obzwar es noch vor 20 Jahren zu den
sogenannten „billigen Freuden des Daseins“ gehörte! Häufiger kommt es
vor, daß Liebesleute vor Fremden sich gegenseitig zu blamieren, zu
_desavouieren_ suchen, kurz den Anschein eines Täubchenverhältnisses zu
bewahren, für Augenblicke außer acht lassen. Den „Dritten“ dabei als
Richter anzurufen, ist aber eine der allergrößten Infamien, besonders
falls er auf die Frau ein oder mehrere Augen bereits geworfen hat. Es
gibt also noch immer eine Anzahl von verbesserungsbedürftigen Dingen
— — —!



                                ABSCHIED


„Herr Altenberg, ich danke Ihnen noch zuletzt für alles, für alles!“

„Wofür, das verstehe ich nicht — — —.“

„Das kann man nicht so sagen, wofür man Ihnen in einem wochenlangen
Verkehr zu danken hat! Man ist gleichsam von sich selbst erst zu sich
selbst gekommen, erblickt das Leben einfacher, selbstverständlicher und
klarer als bisher. Deshalb muß man zu Ihnen sagen: ‚Ich danke Ihnen für
alles, für alles — obzwar man durchaus nicht weiß, worin es besteht!‘“

Es war der tiefste Abschied, eigentlich aber ein ewiges Zusammenbleiben!



                                 BESUCH


Mein Freund, der Doctor philosophiae aus Heidelberg, schrieb mir, er sei
in tief deprimierter Stimmung, wolle in den „Frieden der Berge
flüchten“, höchst moderne Ausdrucksweise, und vor allem beim Dichter
eine Art von „seelisch-geistigem“ Reinigungsbad nehmen. Als er ankam,
begann ich daher von Rax und Schneeberg, Pinkenkogel und Sonnwendstein
zu schwärmen. Er erwiderte: „Lasse gefälligst diese Marlittiaden einer
überwundenen Epoche und zeige mir lieber eine Dame, mit der man
stundenlang über Ibsen, Hofmannsthal, Stephan George und ähnliche
Geschöpfe seine endgültigen Ansichten los werden kann.“ Er war
glücklich, als ich ihm mitteilte, daß ich zufälligerweise gerade jetzt
drei solcher Damen auf Lager habe, leider aber eine jede in einem
anderen Berghotel. Er meinte, er wolle gern den Wagen bezahlen, und wir
sollten von einer zur anderen fahren. Auf dem Wege könne man ohne
weitere Schwierigkeiten die Schönheit, den Frieden der Bergwelt, aber
ohne Exaltationen über jeden einzelnen Baum, sondern in Bausch und Bogen
genießen. Dieser annehmbare Plan wurde zu allgemeiner Zufriedenheit
ausgeführt. Eine vierte Dame, die sich anschloß, konnte wegen
Zeitmangels nicht ins Gespräch gezogen werden über die Philosophie in
der Musik des Debussy. Der Doktor sagte zu mir: „Ist es also wirklich
wahr, daß man nur bis 11 Uhr abends hier Getränke bekommt?!“ — „Nein,“
erwiderte ich, „das ist eine Verleumdung, man erhält bis Mitternacht
Limonade und Soda-Himbeer!“ — „Esel,“ sagte er, „ich meine schweren
Burgunder!“ Er schlug nun vor, schon um 7 Uhr abends anzufangen, damit
man bis zur Schank-Sperrstunde das Nötige absolviert haben könne. Ich
erklärte ihm, daß ich seit anderthalb Jahren Antialkoholiker sei und
daher vor halb 8 Uhr abends nicht anfangen könne! Er sagte, er sei
einverstanden, da er mich von meinen schwer errungenen Grundsätzen nicht
abbringen wolle. Im Laufe des Abends gesellten sich einige Herren zu
uns, die er in liebenswürdigster Weise anstänkerte, indem er sie fragte,
ob sie sich ernstlich von der Bergluft und der Enthaltsamkeit eine
Heilung ihrer anscheinend doch unheilbaren Leiden erwarteten?!? Bald
waren wir allein, und später erklomm er mit meiner Bergführerhilfe die
Treppe. Er sagte noch: Rax, Schnee—berg, Sonn—wend—stein, Pin—ken—ko—gel
..., dann verschwand er hinter der gepolsterten Tür.



                            BUCHBESPRECHUNG


Ich lese jetzt Tolstois „Chadschi Murat“, aus dem Nachlaß. Es ist
immer dieselbe Art, plastisch-historisch, lebendig gewordene
Wachsfigurenkabinette, psychologische Wachsfiguren, z. B. der
großartig geschilderte wachsbleiche fette Kaiser mit dem
nichtssagenden streng-starrenden Antlitz, der weiß, daß er nichts
weiß, und dennoch die Geschicklichkeit besitzt, sich immer, in jeder
Situation, es einzureden, daß er „zum Heile und zur Ordnung der Welt“
_unentbehrlich_ sei. Aber auf Seite 161 fand ich ein besonderes und
bisher, vor allem mir, unbekanntes Sprichwort: „_Der Hund bewirtet den
Maulesel mit Fleisch und der Maulesel den Hund mit Heu — infolgedessen
bleiben beide hungrig!_“ Ich finde das wunderbar; es ist ein Bild
unseres ganzen tragischen Lebens, besonders dessen _zwischen Mann und
Frau_! Ein jeder bewirtet uns mit einer Kost, die für ihn die _beste_,
für den Bewirteten meistens jedoch die _allerschlechteste_ ist!

Einer meiner sogenannten „Freunde“, andere als „_sogenannte_“ gibt es
nämlich hienieden nicht, würde natürlich sagen, daß dieses Sprichwort
einen natürlich ganz anderen Sinn habe als den ihm von mir _willkürlich_
unterlegten, ferner, daß es längst allgemeinst, vor allem ihm selbst,
bekannt sei; daß es schon im „Sanskrit“ erwähnt werde und _nichts
anderes_ bedeuten könne als die „Güte des Schöpfers allen seinen
Kreaturen gegenüber“! Du Esel! Trotzdem halte ich das erwähnte
Sprichwort für überaus wertvoll und sinnvoll und glaube nicht, daß ich
bis Seite 203, Ende, etwas annähernd ebenso Tiefes finden werde.

Wenn man einmal so weit ist, die Menschen des übrigens alltäglichen
Lebens ebenso scharf aufs Korn zu nehmen, wie Tolstoi es tut in seinen
Romangebilden, oder wie Charles Dickens und Thackeray in milderer Form,
so verringert sich naturgemäß die Distanz zwischen Künstler und Leser.
Der Leser weiß einfach ganz dasselbe, ohne sich _die lächerliche Mühe zu
nehmen_, es niederzuschreiben!



                               EIN BRIEF


                       Sehr geehrte gnädige Frau!

Sie wollen „glücklich“ sein? Das ist schrecklich! Beethoven, Schiller,
Hugo Wolf, Novalis, Lenau waren nicht glücklich. Mit welchem Rechte
wollen _Sie_ also glücklich sein? Mit dem Rechte der „Inferiorität?“
Aber darauf haben Sie keinen legitimen Anspruch, da Sie es doch nicht
sind! Sie erzählen mir, daß irgend jemand um Sie bange war, um Sie
geweint hat? Erzählen Sie mir doch lieber, daß _Sie_ um irgend jemand
besorgt waren, geweint haben! Sie sagen mir, was man von Ihnen halte?
Sagen Sie mir doch lieber, was Sie von den andern halten! Sagen Sie mir,
von wem _Sie_ schwärmen, und sagen Sie mir nicht, wer von Ihnen
schwärmt! Ihre eigene Welt ist gerade so wie sie ist, aber die Welt der
andern, der „Nicht-Sie-Seienden“, die ist eine Bereicherung _Ihres_
Denkens, _Ihres_ Fühlens! Zeugnisse mit ausgezeichneten Referenzen sich
von Nichtverstehern ausstellen lassen, ist eine allzu billige
Befriedigung! Sind Sie die Duse, die Yvette Guilbert, die Else Lehmann!
Nun also! Sagen Sie stets: „Ich verehre!“ sagen Sie niemals: „Ich werde
verehrt!“ Ein „labiles Selbstbewußtsein“ ist an und für sich
„unkünstlerisch“! Sei, der du _bist_! Nicht mehr, nicht weniger! Wenn
Sie vom „Russischen Ballett“ schwärmen, von Nidjinsky, von der
Karsawina, von der Niedermetzelung der Haremswächter, von den russischen
Volksmelodien, von den Damen in den Logen und den Silberreifen um ihre
süßen Lockenköpfe, von Samthemden in Violett und Grasgrün, die alles
verbergen wie edel-verschwiegene schwere Portieren — dann, dann sind Sie
Sie selbst! Eine Aufsaugerin der Schönheiten der Welt, eine
_Bereicherte_! Aber wenn Sie von sich selbst sprechen, werden Sie
armselig! Eine, die erzählt, man habe ihr ein Almosen gegeben; eine
Bettlerin an der Brücke, die hinüberführt ins „Versorgungshaus des
Lebens“!



                        DAS HOTEL-STUBENMÄDCHEN


Sie saß nachts, ganz zerpatscht von Stiegensteigen, Sorgsamsein für
fremde Menschen, Aufmerken auf fremde Wünsche, in der Portiersloge,
zählte einen Haufen Trinkgelder in ihre Schürze. Ich wußte, daß sie ein
entzückendes dreijähriges Mäderl habe, und der Gatte war verschollen.

Ich sagte: „Woher sind Sie, Marie?!“

„Aus Kärnten.“

„Sie müssen ja die Dorfschönheit gewesen sein — — —.“

„Das war ich!“

„Und alle Jünglinge müssen sich um Sie beworben haben — — —.“

„Das haben sie getan.“

„Und da haben Sie sich _den_ gerade aussuchen müssen?!“

„_Er mich!_“

„Und Sie sind so ruhig, so gesichert — — —.“

„Da kann man nicht aufbegehren. Es ist das Schicksal!“

„Nein, die Dummheit war es, die Borniertheit — — —.“

„_Das ist ja unser Schicksal!_“

Später sagte sie: „Rühren Sie mich nicht an, es passt mir nicht. Weshalb
streicheln Sie meine Haare?! An mir ist nichts mehr zum Streicheln
— — —.“

Ich schenkte ihr eine Krone.

„Wofür geben Sie mir das?!“

„Gewesene Dorfschönheit!“ erwiderte ich. Da begann sie zu weinen.



                                GESPRÄCH


„Sie, sagen Sie, mein lieber Peter Altenberg, wie lang sind Sie
eigentlich schon da, auf diesem Semmering?!?“

„Elf Wochen?!“

„So? No, und das können Sie so aushalten, so ganz ohne Weiber?!?“

„Nur _ohne_ Weiber! Mit Weibern könnt’ ich’s gar nicht aushalten!“

„Komischer Mensch, was Sie sind!“

„Weshalb komisch?!?“

„No, Sie sind doch der größte Troubadour für die Weiber, was wir haben
heutzutage?!?“

„No, könnt’ ich denn ihr größter Troubadour sein, wenn ich alleweil mit
ihnen beisammen wär’?!?“



                                 BOBBY


Ich habe sowieso nichts mehr zu verlieren, nichts mehr zu gewinnen, ich
stehe vor der „großen Abrechnung“ meines Lebens. Jetzt erkläre ich, daß
ich die weiße, hellbraungefleckte echtrassige Foxterrierhündin Bobby,
mit ihren acht rosigen Brust- und Bauchwarzen (selbst die edelsten Damen
haben nur deren zwei), für schöner, graziöser, liebenswürdiger,
herzlicher, menschenfreundlicher halte als die meisten Frauen. Sie
erregt nie in mir Eifersuchtsqualen und Verzweiflung, hat eine
unbeschreibliche Freude, wenn ich nett zu ihr bin, sagt nie bei einer
solchen feinfühligen Gelegenheit: „Zahl’ lieber an Kaviar und laß die
billigen Faxen — — —.“ Denn erstens frißt sie Gott sei Dank gar nicht
Kaviar, und zweitens „fliegt sie“ grad auf meine „billigen Faxen“, d. h.
meine seelische Verehrung, Anerkennung und Liebe!

Ich ziehe also Bobby allen Frauen vor, freilich sage ich das erst
öffentlich am Ende meiner sogenannten „Liebeslaufbahn“, mit einem Wort:
nach meiner Schlacht von Sedan. Bobby hat um mich geweint, gewinselt,
sich gekränkt, den Appetit verloren. Die übrigen Weibchen hatten gerade
in meiner Gesellschaft stets einen riesigen Appetit, während ich kaum
die Absicht hatte, ihnen ein „Kalbsgulasch“ zu bezahlen. Und dann, Bobby
hat noch einen großen Vorteil, sie gehört nämlich gar nicht einmal mir,
sondern einer reizenden bekannten Dame, der die Fürsorge für sie
obliegt. Ich selbst schmeichle mich nur bei Bobby ein, um ihre zärtliche
Freundschaft zu genießen. Ich will keine Spesen haben, und „äußerln“
führe ich auch nicht. Frauen haben immer irgendwelche Bedürfnisse! Aber
ich bin nicht in der Lage, sie zu befriedigen — — —. Das nimmt zu viel
Kräfte weg und Zeit! Liebe ohne alle Spesen ist meine letzte Erkenntnis
auf Erden.



                              PSYCHOLOGIE


Mich interessiert an einer Frau _meine_ Beziehung zu ihr, nicht _ihre_
Beziehung zu mir!

                                   ✶

Daß _ich_ ihr eine exzeptionelle Achatbrosche schenken darf, macht mich
glücklich, nicht daß _sie_ es gerührt annimmt!

                                   ✶

_Ich_ küsse ihre Haarlocke in meinem Zimmer anbetend, aber ihre
braunroten Haarsträhne mögen im Winde flattern _für alle Welt_!

                                   ✶

Sie hat Migräne, und _ich_ renne nachts in die Apotheke. _Für mich_ hat
sie Kopfweh, da _ich_ besorgt bin, es ihr zu lindern!

                                   ✶

Wenn sie „Wintersport“ treibt, zittere _ich_ um ihre zarten geliebten
Gazellenglieder! Für _mich allein_ betreibt sie daher „Wintersport“!

                                   ✶

Ein Hut, der ihr _schlecht steht_, macht _mich_ unglücklich, ein Hut,
der ihr _zu fesch-kokett_ steht, macht _mich_ ebenfalls unglücklich!
_Für mich allein_ also trägt sie alle, alle ihre Hüte!

                                   ✶

Die Speise, die ihr nicht schmeckt, macht _mich_ unglücklich, die
Speise, die ihr schmeckt, macht _mich_ glücklich. _Für mich, für mich_
allein daher ißt sie!

                                   ✶

Der Blick, mit dem sie einen anderen liebenswürdig anschaut, macht
_mich, mich allein_ unglücklich! Daher gehört dieser Blick _mir, mir_,
und nicht ihm, dem eitlen Laffen!

                                   ✶

_Mir, mir_ allein gehört alles, was von ihr kommt, Böses und Gutes, denn
_ich, ich_ allein empfinde es!



                              VORFRÜHLING


Von den braunroten Dachschindeln rieseln grauglänzende Bäche. Man muß
diesen harten Winter wegschwemmen, auflösen. Die Blumen und Gräser
wollen auch schon heraus, nicht nur die genialen Schneerosen und Eriken,
die der Nachwinter nicht geniert. Aber es gibt diskretere Kräuter, die
erst auf den ernsten „Ruf des Frühlings“ Folge leisten und nicht gewillt
sind, mit Schnee und Kälte zu „paktieren“. Das Berg-Schneeglöckchen zum
Beispiel, das Leberblümchen und der Frühlings-Enzian. Die lassen mit
sich kein Geschäft machen; ein paar sonnige Tage können sie nicht
_verführen_, ihre Pracht zu entfalten. Sie wollen Numero Sicher gehen,
also eigentlich „Philister der Blumenwelt“. _Nicht vorzeitig verwelken
wollen_, ist immer eine Art von „philiströser Tätigkeit“! Franz
Schubert, Hugo Wolf usw. usw. hatten sie nicht. Leute, die „Eau de
Vichy“ trinken statt „Enzian-Schnaps“, sind zu _verwerfen_! Sie legen
zuviel Wichtigkeit ihrem _absolut unwichtigen_ Organismus bei. Ich bin
gewiß für Gesundheit. Aber sie muß auch _für andere_ wertvoll sein. Die
Gesundheit der _Wertlosen_ ist _wertlos_! Der „_Hypochonder_“ hat irrige
Ideen vom Werte seiner Erhaltung! _Wir verzichten gerne_ auf seine
Lebenskräfte, die uns _doch nichts bieten_ können! Ein „_reeller
Kranker_“ ist uns lieber als ein „_falscher Gesunder_“! Das merkt euch,
ihr „_Wucherer mit der Gesundheit_“! Früchte, die fallen wollen, soll
man abreißen! Aber statt dessen läßt man sie oben, und sie schreiben
fünfaktige Dramen, oder malen, oder bildhauern, jedenfalls treiben sie
irgendeinen schädlichen Unfug!



                               DAS GLÜCK


Ich erwartete das Glück vergeblich Jahre und Jahre lang. Endlich kam es
und setzte sich zutraulich an mein Bett. Es hatte gelbbraunen Teint wie
die Javanerinnen, schmale, lange Hände und Finger, Gazellenbeine und
bewegliche lange Zehen. Ich sagte: „O, bist du wirklich, wirklich
endlich das Glück, das lang ersehnte, tief entbehrte?!?“ — „Ich werde es
dir morgen schreiben, ob ich es wirklich bin oder nicht. Du wirst selbst
urteilen — — —.“

Am nächsten Morgen fand ich einen Zettel, auf dem geschrieben stand:
„Adieu, auf Nimmerwiedersehen — — —.“ Ja, es war also wirklich und
wahrhaftig „das Glück“ gewesen!



                               DAS DUELL


Ich, als „Outsider“ der Gesellschaft, die sich anmaßend und fälschlich
die „gute“ nennt, begreife überhaupt naturgemäß nur eine einzige Art,
zum Duell seine Zuflucht zu nehmen. Das ist, wenn man in bezug auf eine
Frau in seinem Lebensglücke so sehr geschädigt wurde, daß man unbedingt
zum Mörder und nachher zum Selbstmörder werden will! Da hat man im
„Duell“ die Chance, den Kerl umzubringen und nach „vollendeter Sühne“
sogar ganz fröhlich am Leben zu bleiben und zu sagen: „Sixst’ es,
Annerl, Mauserl, Herzerl, jetzt wirst net so bald wieder dich einlassen,
einer von die Herren Kavaliere is schon kalt geworden trotz deiner
heißen Liebe!“



                               STAMMGÄSTE


Die „Stammgäste“ eines Hotels haben eine eigentümliche Art von
Sicherheit, die ein wenig an „Größenwahn“ erinnert. Sie haben die
Ansicht, daß alles glücklich sei, daß sie wieder da sind, und daß bisher
in dem gesamten Hotelbetrieb eine Art von empfindlicher Stockung
eingetreten sei, die nun glücklicherweise schwinden werde! Sie haben
eine „falsche Liebenswürdigkeit“ mit dem Bedienungspersonal, erkundigen
sich nicht ungern nach Dingen, die sie nichts angehen. Auch ihre
eventuellen „Beschwerden“ gegen die Hotelusancen bringen sie in einem
gütig-väterlich-wohlwollenden Tone an, als wollten sie das ganze
Etablissement vor dem Ruine schützen! In J. war ein reicher Stammgast,
der jeden „Eingeborenen“ mit der Frage beglückte: „Nun, wie war der
Winter bei Euch heuer?!“ Obzwar ein jeder darauf mit Freuden geantwortet
hatte: „Schmecks!“, so sagten doch alle, mit Rücksicht auf Trinkgelder,
die niemals stattfanden: „Heuer besonders hart, gnä’ Herr —.“ Worauf der
Stammgast leutselig erwiderte, daß dafür der Sommer zur Erholung,
nämlich für ihn, diene!

Trotz aller dieser Eigenheiten möchte dennoch keine Gegend ihre
Stammgäste missen, denn sie gehören dazu und machen das Ganze sogar
heimlich, wie die Schwalben, die Störche und anderes stets
wiederkehrendes Getier!



                      SANATORIUM FÜR NERVENKRANKE


              (aber nicht die, in denen ich mich befand!)

    _Morgenvisite._

Der Doktor sitzt, wie ein Staatsanwalt ernst blickend und forschend, an
einem riesigen Schreibtische.

Der Delinquent (Patient) tritt ein.

„Bitte, nehmen Sie Platz — — —.“

Pause, in der der Staatsanwalt (Arzt) den Verbrecher mustert, ob
Paralyse oder Simulation vorhanden sei — — —.

„Also, mein lieber Peter Altenberg, ich kenne Sie nämlich schon seit
langem aus Ihren interessanten Büchern, und erlaube mir daher den
konventionellen Titel „Herr“ bei einem berühmten Manne wie Sie
wegzulassen. Ihre Verehrerinnen apropos sollen Sie ja direkt mit ‚P. A.‘
titulieren!? Diese _Ehrenabkürzung_ wage ich bisher noch nicht — — —.

Aber zur Sache! Also, mein lieber Peter Altenberg, was werden wir denn
zum Frühstück nehmen?!?“

„_Wir?!_ Das weiß ich nicht. Aber ich selbst nehme Kaffee, hellen
Milchkaffee — — —.“

„Kaffee?! So?! Also Kaffee, hellen Milchkaffee — — —?!? Also schön,
Kaffee — — —!“

„Ja, bitte, es ist mein gewöhnliches Getränk, an das ich seit dreißig
Jahren gewöhnt bin — — —.“

„Ganz gut. Aber Sie sind eigentlich hier, um sich von Ihrer bisherigen
Lebensweise, die Ihnen anscheinend bisher nicht besonders genützt hat,
zu _entwöhnen_, vielmehr die _nötige Energie_ zu akquirieren, solche
_Veränderungen_ Ihrer gewohnten, ja vielleicht _allzu gewohnten_
Lebensweise allmählich wenigstens vorzunehmen!?! Nun, bleiben wir also
vorläufig beim Milchkaffee. Aber weshalb diese dezidierte Aversion gegen
Tee?! Man kann auch Tee mit Milch verdünnt trinken — — —?!“

„Ja, aber ich pflege Milchkaffee zu trinken — —.“

„Haben Sie, Herr Altenberg, einen bestimmten Grund, den Genuß von Tee
des Morgens für Ihre Nerven für unzukömmlich zu halten?!?“

„Ja; weil er mir nicht schmeckt — — —.“

„Aha, das wollte ich eben nur wissen. Also, mein lieber Herr, was nehmen
Sie denn zu Ihrem so geliebten und _anscheinend unentbehrlichen_
Milchkaffee dazu?!?“

„Dazu?! Nichts!“

„Nun, irgend etwas _Konsistentes_ müssen Sie doch dazu nehmen! Ein
leerer Kaffee schmeckt einem ja gar nicht — — —.“

„Nein, ich nehme nichts dazu; mir schmeckt nur ein _leerer_ Milchkaffee
— — —.“

„Nun, mein sehr geehrter Herr, bei uns geht das eben nicht. Sie werden
mir freundlichst die _Konzession_ machen müssen von zwei Buttersemmeln
— — —.“

„Ich hasse Butter, ich hasse Semmeln, aber noch mehr hasse ich
Buttersemmeln!“

„Nun, diesen Haß werden wir schon noch _besiegen_! Ich habe schon
_schwierigere Kunststücke_ fertiggebracht, mein Lieber — — —. So, und
jetzt begeben Sie sich stillvergnügt zu Ihrem Frühstück in der Veranda.
Noch eins: Pflegen Sie nach dem Frühstück auszuruhen?!?“

„Je nachdem — — —.“

„Je nachdem gibt es nicht. Entweder Sie ruhen oder Sie machen Bewegung
— — —.“

„Also dann werde ich ruhen — — —.“

„Nein, dann werden Sie eine halbe Stunde lang gehen — — —!“

Der Delinquent verläßt wankend das Amtszimmer und begibt sich zum
_Strafantritte_ auf die Veranda zum Frühstücke, verschärft durch zwei
Buttersemmeln.

Einige Tage später. Der Staatsanwalt: „Nun, sehen Sie, mein lieber
berühmter Dichter, Ihr Gesichtsausdruck ist schon ein viel freierer, ich
möchte sagen, ein menschlicherer, nicht so präokkupiert von fixen Ideen
— — —. Haben Ihnen die zwei Buttersemmeln geschadet?! Na also!“

Nein, sie hatten ihm nicht geschadet, denn er hatte sie täglich im
Hühnerhofe verteilt — — —.

    _Nachmittagsvisite._

„Herr Peter Altenberg möchten sogleich zum Herrn Direktor komme — — —.“

„Setzen Sie sich, bitte.

Ich habe Ihnen den Alkoholgenuß strengstens untersagt — — —.“

„Jawohl, Herr Direktor — — —.“

„Kennen Sie diese ganze Batterie von leeren Sliwowitz-Flaschen?!?“

„Jawohl, es sind die meinen — — —.“

„Man hat sie heute unter Ihrem Bette aufgefunden — — —.“

„Ja, wo sollte man sie denn sonst auffinden?! Ich habe sie ja dort
deponiert — — —.“

„Wie haben Sie sich das Gift in meiner Anstalt verschafft?!“

„Ich bestach jemanden. Sein ehrliches Gewissen ließ es bei zwei Kronen
nicht zu. Da offerierte ich ihm drei Kronen.“

„Sie sind also unschuldig an der ganzen Sache, sondern der ungetreue
Diener ist der Schuldige! Ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen, obzwar
er bereits fünfundzwanzig Jahre im Hause ist und er sich, _soweit ich es
übersehen konnte_, stets einer tadellosen Konduite erfreut hat — — —.“

„Herr Direktor, Sie haben mir doch noch gestern gesagt, daß ich in Ihrer
Anstalt und durch das regelmäßige solide Leben hier mich um zwanzig
Jahre direkt verjüngt hätte und fast gar nicht mehr wiederzuerkennen
sei?!?“

„Das sagte ich _aus pädagogischen Gründen_, um Ihr Selbstbewußtsein zu
stärken — — —.“

„Herr Direktor, darf ich mir die leeren Sliwowitz-Flaschen bei Ihnen
später abholen lassen ?!? Ich bekomme nämlich für jede sechs Heller
retour — —.“

Direktor zu dem unredlichen Angestellten: „Sie Anton, wie konnten Sie
sich unterstehen, nach fünfundzwanzig tadellosen Dienstjahren, einem
Patienten, und sei es auch ein berühmter Dichter mit Eigenheiten, solche
Mengen Branntwein gegen Bestechung zu verschaffen?!?“

„Aber Herr Direktor, wenn ich das nicht schon seit Jahren bei hundert
Alkoholikern getan hätte, wäre uns ja ein jeder schon am dritten Tag
davongegangen, und wir hätten unsere Anstalt leer stehen gehabt!“

„Nun gut, Anton, aber sorgen Sie wenigstens dafür von nun an, daß die
leeren Flaschen nicht gefunden werden — — —.“

„Herr Direktor, das hat mir der Diener Franz angetan, aus Rache, weil
ich mir soviel nebenbei verdiene — — —.“

Direktor zum Diener Franz: „Sie, Franz, kümmern Sie sich um Ihre eigenen
Angelegenheiten! Sie verdienen genug, indem Sie unsere Alkoholiker mit
unseren Hysterikerinnen ein wenig ‚_anbandeln_‘ lassen — — —. Ein jeder
hat sein Ressort. In einer Anstalt muß Ordnung herrschen!“



                          DIE ROMANTIKERIN I.


Ich hielt diese Fünfzehnjährige wirklich für ein Ideal slawischer
Schönheit, Stumpfnase natürlich, aschblondes Haar, hechtgraue oder
taubengraue Augen. Alles an ihr gefiel mir, und nichts an ihr mißfiel
mir. Ihr Schweigen war düster-merkwürdig, ihre Interesselosigkeit an den
Dingen des Lebens erschien mir wie die versteckte Weisheit eines
vorausahnenden, gleichsam seherischen jungen Geschöpfes, an das doch
heutzutage, wie die Dinge einmal stehen und liegen, sich in jedem
Augenblick _irgendeine Niederträchtigkeit_ heranschleichen könnte! Aber
vorläufig war sie geborgen, beschützt, geborgen! Nun, trotz alledem war
ich nur ein kühler Beobachter, den das alles absolut gar nichts anging,
und der sich höchstens einmal zu einem Veilchensträußchen für 60 Heller
aufschwang. Ich sagte zwar, es habe eine Krone gekostet, aber mit gutem
Recht, da die Prozente, die mir die Blumenhändlerin als einem Dichter
gab, eine Privatangelegenheit bilden für sämtliche Beteiligte. Nun,
eines Tages bat mich die Süße, ob sie für ein Stündchen in meinem
Zimmerchen ausruhen dürfe, während ich auf dem Spaziergang befindlich
wäre. Ich erlaubte es ihr. Als ich abends mein Zimmer betrat, lagen,
nett angeordnet im Kreise, sieben Haarnadeln auf der weißen Marmorplatte
meines Nachtkästchens, als stiller Dank für die Beherbergung. Seitdem
bin ich ein anderer Mensch geworden. Diese kindlich-zarte,
spielerisch-nette Romantik hat mich gerührt. Diese sieben Haarnadeln
sind etwas Positives von ihr, sie befanden sich vordem in ihren
aschblonden seidenweichen Haaren. Ich empfand es als eine kolossale
Belohnung, ich bewahrte die Haarnadeln in Seidenpapier und schrieb das
Datum darauf. Ich nehme sie oft heraus und betrachte sie. Ich bin kein
objektiver Beurteiler mehr seitdem. Ich denke immer, wie nett sie diese
sieben Haarnadeln im Kreise angeordnet hatte, wie eine Zeichnung für
Anfänger, strahlender Stern. Ich werde mich schon wieder „zur
Objektivität“ durchringen, denn es ist das Einzige, was man hat, wenn
man gar nichts hat!



                          ERBLEICHET! ERRÖTET!


Ich kann es immer nur wiederholen und wiederholen: „Suchet _Zugluft_
auf!“ Es gibt eine ganz einfache Art für reiche Leute, 150 Jahre alt zu
werden, das ist, neben dem Chauffeur, bei jeglichem Wetter, mit freiem
Halse und ohne Hut durch die Welt zu fahren, und nur nachts in ruhigen
Zimmern, bei _weit geöffneten_ Fenstern, zu rasten. Zugluft ist das
Heilmittel! Alles daran zu setzen, sie _vertragen_ zu können, ist das
Wesen des modernen „Höchstkultivierten“! Angst vor Rheumatismus oder
Bronchialkatarrh ist das _absolut untrügliche_ Zeichen eines tief
rückständigen _unaristokratischen_ Organismus! Da helfen weder Ahnen,
noch sogenannte _künstlerische Qualitäten_! Der betreffende Organismus
ist in jeglicher Beziehung „geschnapst“. Ein Sänger, der seinen Kragen
hochstellt, ist kein Sänger. Seine Kunst kann ihn in jedem Augenblick im
Stiche lassen! Regen, Sturm müssen dem echten Sänger Labsal, ja
Erquickung sein! Er setze sich auf dem herrlichen Plateau der Rax
tagelang dem Gebrause aus! Was die Legföhre aushält und das
Rhododendron, gerade eben dasselbe muß _auch er aushalten_! Abgehärtete
Frauen sind bereits _dadurch allein_ schon in einer „höheren
Rangsklasse“! Verwöhnte sind Gänse, _in jeder Beziehung_! Ich kenne alle
Seelen und Gehirne der nicht absolut abgehärteten Menschen. _Es ist
Talmi und Pofel!_ _Schein_-Existenzen!



                     OSTERMONTAG AUF DEM SEMMERING


Die Lärchenbäume haben sich jedenfalls noch nicht verändert. Sie sind
gelb-grau geblieben wie im Winter. Sie lassen keine Hoffnung zu. Bis
alles geschehen sein wird, der _geordnete sichere_ Frühling, dann erst
werden sie ernstlich „ergrünen“. Sie sind „voraussichtige Genies“ unter
den Gewächsen, so Bismarcks, Moltkes der Pflanzenwelt. Andere sind allzu
hoffnungsvoll, stecken den Kopf heraus, glauben, es wird sich schon
machen, zum Teufel!, und, hast du nicht gesehen, sie verwelken! Aber die
Lärchenbäume sagen: „Wenn wir einmal anfangen, grün zu werden, dann,
dann gibt es _kein Zurück mehr_, verstanden?! Und dann bis in den
Spätherbst hinein, hurra!“ Der rote Vogelbeerbaum macht etwas Ähnliches,
erhält sich sogar mit weißen Schneehütchen seine grellroten Vogelbeeren,
die letzte Nahrungsstätte der gedrungenen farbigen Gimpel!

Ostermontag. Ein Arbeiter spielt auf der Harmonika, und eine Frau ruft:
„Zum Essen!“ Irgend etwas Besonderes gibt es heute, etwas, was die
„gewöhnlichen Ausgaben“ übersteigt! Romantik des Feiertagsessens! So
hatten wir in unserer Kindheit Sonntags stets „Juliennesuppe“, Poulard
mit Erdäpfelsalat, und Karamelpudding mit Himbeersaft. Der Himbeersaft
war nie gewässert, verdünnt, wie stets in anderen Bürgerhäusern; denn
meine Mama hatte die Absicht, eine jede Hausfrau zu demütigen, zu
blamieren, indem sie erklärte, in ihrem Hause werde der Himbeersaft,
direkt aus der Originalflasche, _unverdünnt_ serviert! Viele Damen
hielten sie infolgedessen für verschwenderisch, ja sogar in gewisser
Hinsicht für exzentrisch. Andere aber bewunderten sie als eine Art von
zwar unverständlichem, aber dennoch höherem Wesen; Himbeersaft direkt
aus der Originalflasche!?

Vor meinem Fenster ist ein Reh in einem Holzverschlage. Es ist so ein
Plakat für „Wildreichtum der umliegenden Waldungen“! Es schnuppert wie
eine Ziege, es denkt: „Die Freiheit habe ich eingebüßt, da will ich
wenigstens kulinarisch genießen!“

Im „Kino“ schießt ein kleiner Knabe alles aus einer von einem Onkel
geschenkten Büchse zusammen. Zuletzt schießt er den schweren Lüster vom
Plafond herunter. Da sagte ein dreijähriges Mäderl neben mir: „Ist der
Lüster jetzt gestorben?!“ „Nein,“ erwiderte ich, „er hat sich nur ein
bißchen weh getan!“

Es ist Ostermontag. Ein jeder glaubt es zu spüren direkt, weil er es
nach dem Kalender weiß! Morgen, 9. April, ist ihr zwölfjähriger
Geburtstag. Aber ich darf ihr nicht gratulieren; erstens, weil die
Herren Eltern es nicht erlauben, zweitens, weil ich weder ihren Namen
noch ihre Adresse weiß! Aber ich habe sie gehen gesehen, das genügt für
meinen _Turmfalkenblick_! Ich würde ihr schreiben: „Dante Alighieris
Beatrice, 1912“! Aber wozu?! Bin ich Dante?! Nach 500 Jahren soll man
sie mit mir in Beziehung bringen! Siehe, meine Seele hat _Zeit_, über
ihren eigenen Tod hinaus zu _warten_! —



                            BERGHOTEL-FRONT


Sechs Uhr morgens. Ein nebeliger Julimorgen. Alles duftet nach
feuchtigkeitsdurchsogenem Waldboden. Alle Fenster sind geschlossen, bis
auf die der jungen Schönheit, die vor den Toren der Lungentuberkulose
angelangt ist. An diesem Fenster hängt, vom gestrigen Abendprunke, ein
tiefblau seidenes Gewand, bewegt sich im Morgenwinde. Irgendwo singt
eine Kinderfrau ein Kindchen wieder in den unterbrochenen Morgenschlaf
ein. Ein Hund kriecht vorüber, als käme er von einer Sündennacht außer
Hause. Ich denke: „Klara, Franziska, Sonja — — —“, und belausche ihre
geliebten Kinderatemzüge, die ich nicht höre!



                               LANDPARTIE


Ich bin „radikal“ geworden. Ich mache mit einer mir sympathischen Dame
eine Eisenbahnfahrt von 25 Minuten nach M. Wenn sie nicht am Fenster
lehnt und in die Landschaft hinausstarrt, bin ich bereits enttäuscht,
nicht mehr ganz „à mon aise“. Sie erwartet also „anregende
Konversation“, pfui! Wenn sie sagt: „Es zieht, machen Sie, bitte, das
vis-a-vis-Fenster zu“, bin ich mit ihr fertig. Rheumatismus zieht nicht
bei mir, das ist schlechtrassig, so 1870, zur Krachzeit. Wenn ich ihr in
M. das herzige, brausende, dunkle Flüßchen zeige, muß sie entzückt sein,
ja sie muß, sie muß, sie muß! Wenn ich ihr den Frieden der langen
Dorfstraße zeige, muß sie selbst „friedevoll“ werden! Wenn ich ihr das
niedere, schneeweiße Haus zeige mit den schwarzen Eisengittern und den
vergoldeten Schleifen und sage: „Hier hatten die Generäle Napoleons des
Ersten Quartier!“, so muß es ihr wie heiliger Schauer über ihren rosigen
Rücken laufen! Billiger gebe ich es nicht. Es sind schlechte Zeiten
angebrochen für wirklich zarte Seelen, und daher muß man prüfen, ehe man
ewig Landpartien macht! Wenn sie in dem kleinen, traulichen
Dorf-Kaffeehaus ihren Tee selbst bezahlt, ist es gut. Wenn nicht, ist es
bedenklich. Wenn sie den Sonnenuntergang nicht beachtet, sondern lieber
von einem erzählt, der sie einst sehr, sehr geliebt hat, ist es
vollkommen verfehlt. Auch der Rauch der Lokomotiven sogar hat sie zu
interessieren. Wenn sie sagt: „Ich möchte nicht gar zu spät nach Hause
kommen“, so ist es falsch. Mit mir kommt man immer _zu früh_, und nie zu
spät nach Hause. Auf der Rückfahrt hat sie eine andere zu sein wie auf
der Hinfahrt! Wie sie das macht, ist _ihre_ Sache! In dem „langen
Tunnel“ hat _nichts_ zu geschehen! Aber sie hat es innerlich zu
bedauern, _daß_ es so war! Ich bin „radikal“ geworden. Eine Fahrt von 25
Minuten; Aufenthalt; retour — und ich weiß alles!



                              PSYCHOLOGIE


Ich beurteile schon seit längerer Zeit die Menschen nach den
_Gegenständen_, die sie tragen, lieb haben und für hübsch finden. Das
ist ein „biografical essay“ über ihr eigenes Wesen! Zum Beispiel sind
mir Männer höchst suspekt, die Stöcke tragen mit oxydierten
Silbergriffen, die irgend etwas vorstellen, wie Hundekopf, Schlange oder
gar ein reizendes Frauenköpfchen mit Lockengewirr. Freilich haben die
Kerls dann die Ausrede, sie hätten es von einem lieben Freund geschenkt
erhalten; aber erstens hat man keine solchen geschmacklosen Freunde eben
nicht zu haben (_zwei_ Verneinungen geben leider eine Bejaung), und
zweitens kann man das Geschenk einem guten Freund auch über den Schädel
hauen. Überhaupt bin ich unter _kultivierten Menschen_ nur für „_Bons_“
in einem bestimmten Geschäft! Suspekt ist mir auch rosa, hellblaue und
grellrote Seide, während Atlas, Samt oder Damast bereits zu den
„leichten Vergehen wider die Sittlichkeit“ zu zählen sind. Bedruckte,
nicht gewebte Krawatten, erregen ziemliches Bedenken, obzwar hier die
„Natur-Bauernmuster“ noch zu _pardonnieren_ sind. In „einer einzigen
Farbe“ gekleidet sein, vom Hut bis zu den Schuhen, ist „letzte
Aristokratie“ 1913! Schirme haben nur _Naturgriffe_ zu haben. Ein
_freier Hals ist edelrassig_. _Hohe_ Krägen sind ein _Nonsens_, außer
für Störche. In einem Kleidungsstücke nicht _sämtliche_ Bewegungen eines
erstklassigen Parterreakrobaten im „Apollotheater“ machen zu können, ist
_schlechtrassig_! Hosen können nie breit genug sein, und sind _immer_
noch viel zu eng! Letzte Knöpfe am Gilet _offen zu lassen_, ist eine
miserable Vergeßlichkeit. Jemandem, der sagt, er wolle nicht auffallen,
dem erwidere ich, daß auch Beethovens Adagios auffallend waren, nämlich
_auffallend schön_! „Die Herde ist _das_, wovon man sich _in allem_ zu
unterscheiden hat!“ „Man trägt jetzt — — —“ ist ein _hundsordinärer_
Blödsinn.

„Guten Morgen, mein Herr, wie steht Ihr wertes Befinden?!“ sagte ich zu
einem Fremden, der auf dem „Semmeringer Hochweg“ mit _Zylinder_
spazieren ging.

„O sehr gut, in dieser herrlichen Gebirgswelt; aber woher kennen Sie
mich denn?!“

„Ich kenne Sie seit Ihrer Geburt wie meine eigene Tasche, da ich sehe,
daß Sie hier einen Zylinder tragen — — —“

„Ich bin das meiner Stellung in der Welt schuldig, mein Herr — — —“

„Auch das habe ich sogleich bemerkt, daß Sie irgendjemandem irgend etwas
schuldig sind — — — !“



                            VOR-VORFRÜHLING


11. Februar. Semmering. Ich versuchte es, nach drei Wochen Krankheit
auszugehen. Alles schwamm in Nebel und Nässe. Die Rodelwege waren nicht
mehr vorhanden, ein grauer Schlamm mit ein wenig Glatteis waren an ihrer
Stelle. Alles war schmutzig, ungepflegt, bereitete sich vor für sonnige
Frühlingstage, die trocknen, fegen und beleben sollten, vor allem aber
mit der Winterwirtschaft ein Ende machen. Denn weshalb noch hinziehen,
was ohnedies vergehen soll?! Um jedes Gebüsch herum waren tiefe
Schneelöcher, die Dächer trieften vor glänzender Nässe, ebenso die
eisernen Straßengeländer. Schneerosenknospen wuchsen überall, man
stellte sie in Gefäße, aber sie erblühten nicht, aus irgendeinem
versteckten Grund. Man bedauerte die Vögel nicht mehr, Krähen und
Gimpel, obzwar sie jetzt ebensowenig zu fressen hatten wie im starren
Winter. Die, die das überstehen hatten können, würden auch das noch
überstehen. „Ein miserables Wetter“, sagen alle, obzwar es in seiner
Miserablität gerade _rührend schön_ ist. Die Menschen ziehen sich
zurück, wie vor einem Menschen, der nicht mehr „sein Bestes“ leistet. Es
ist nicht Fisch, nicht Fleisch, sagen sie einfach. Nein, aber es ist
_rührendes Patschwetter_. Ich finde es nicht, daß es weniger anziehend
ist als der starre Winter und der helle, klingende Frühling. Der
zerrinnende Schnee ergreift mich. Er war einst so herrschsüchtig, so
unerbittlich, so zäh-fest. Die „Champions“ liebten ihn, nun sind sie von
ihm abgefallen. Sie können ihre überschüssigen Lebenskräfte nicht mehr
an ihm erproben, schwächlich geworden, sucht er, gleichsam verlegen, in
Bächlein abzurinnen, zu verschwinden. Und man hatte ihn doch so sehr
geliebt, direkt verhätschelt, als er noch _brauchbar_ war. Jetzt könnte
man singen:

    „Schnee, du wirst grau und schmutzig — — —
    was ist mit dir?!
    Zu nichts mehr bist du nütze — — —.

Willst du vielleicht sogar meinem geliebten Kinde einen Schnupfen
bringen?!? Du Schnee, dann, dann mag ich dich auch nicht mehr,
verschwinde!“ Und im Gelände werden bald Primeln und Veilchen stehn, und
ich werde sie pflücken und sie dir nicht geben, das heißt _äußerlich_,
vor den Menschen. Aber _vor Gott_!



                              GEDENKBLATT


Es ist merkwürdig in meinem Leben. Immer dasselbe. Als ob ich nicht
älter, nicht reifer würde. Und ich bin doch schon uralt und todeskrank.
In meinem 35. Lebensjahr, an meinem heißgeliebten Gmundener See,
schlossen sich zwei Kinder, von 9 und 11 Jahren, mit ihren zarten Seelen
leidenschaftlich an mich an. Dadurch entstand meine überhaupt erste
Skizze, die ich je geschrieben habe, in der Nacht nach dem Abschied der
Kinder von mir, „9 _und_ 11“. Eines Abends erklärte die 9jährige unter
Tränen, indem sie das Nachtessen verweigerte, sie würde nichts mehr
essen, bis ich nicht zu ihnen ins Haus zöge. Daraufhin schrieb mir der
Vater, er verbitte sich von nun an jeglichen mündlichen und brieflichen
Verkehr, ja sogar den Gruß auf der Straße, da er meinetwegen doch nicht
auswandern wolle. Und so geschah es, strikte nach seinem Befehl. Acht
Jahre später erschien nach einer Burgtheaterpremiere der Vater mit
seinen, zu herrlichen Geschöpfen erblühten Töchtern an meinem Stammtisch
im „Löwenbräu“. „Ich komme zu Ihnen, denn mein Töchterchen A. hat sich
gerade so, von selbst, entwickelt, als ob Sie wirklich, ihrem heißen
Wunsch gemäß, damals zu uns gezogen wären; eine weltenferne Träumerin!“

Drei Tage später traf sie in der Kärntnerstraße, bei „Schwarz und
Steiner“, der Gehirnschlag. Sie hatte gerade vorher gesagt: „Da geht
mein Loge-Sänger „Schmedes“, mit seinem gazellenfüßigen, herrlichen
Töchterchen...!“ Sie wankte und war tot.

Ich fuhr mit den Eltern im Trauerwagen.

Da sagte der weinende Vater, der nun auch schon tot ist: „Wenn ich das
hätte ahnen können, hätten Sie vor acht Jahren unbedingt zu uns ziehen
müssen — — —!“

„Nein“, erwiderte ich, „auch wenn Sie das hätten ahnen können, wäre
Ihnen eine _tote Tochter_ lieber gewesen als eine, die den _Dichter
verehrt_!“



                        OBERFLÄCHLICHER VERKEHR


Ein Herr, den ich zehn Jahre lang nicht gesehen hatte, kam im Berghotel
per Automobil an und sagte zu mir: „Gut, daß ich gerade Sie hier
begrüßen kann. Sie kennen sich doch auf dem Semmering gewiß gut aus. Wo
ist hier der _Raseur_?!“ — „Gleich im Hause daneben“, erwiderte ich. —
„Ich wußte es ja,“ sagte er beglückt, „daß ich mich an die richtige
Adresse gewendet habe; adieu — — —.“

Ein Herr schreibt mir aus Prag: „Teurer verehrter Meister, in Ihrem
Buche „Prodromos“ ist ein englischer Reibhandschuh angepriesen. Kann ihn
in ganz Prag nicht finden. Bitte auch um genaue Angabe des Preises!“ Ich
schrieb zurück: „Bürsten sind nur in Eisenhandlungen zu finden, Preis 1
Krone und 10000, je nach der Qualität!“

Eine Dame, die mir ausnehmend gut gefiel, sagte mir: „Ich habe ein
diskretes Anliegen an Sie. Können Sie mich nicht mit Ihrem reizenden
Freunde bekannt machen?!“ — „_Nein!_“ erwiderte ich schlagfertig.

Ein Herr aus Berlin schrieb mir: „Wie lange wollen Sie noch uns Leser
mit Ihren Brocken von angeblicher Seelentiefe _anöden_?!“ Ich erwiderte,
ich sei zwar schon ziemlich abbröckelnd, aber den genauen Zeitpunkt des
_definitiven Endes_ könne ich nicht angeben, er möge sich noch ein wenig
gedulden — — —.

Jemand fragte mich, wo denn eigentlich meine Bücher zu haben seien?!
Worauf ich erwiderte: „Ich glaube, der Bäckermeister oder der Schuster
dürfte noch einige Exemplare auf Lager haben — — —.“

Jemand schrieb mir aus Klein-Höflein, wo ich nie gewesen war und auch
_niemanden_ kenne: „Falls Sie nicht innerhalb acht Tagen Ihre Schuld von
11 Kronen 60 Heller bezahlen, werde ich die Sache meinem Advokaten
übergeben!“ Infolgedessen bezahlte ich 11 Kronen 60 Heller nach
Klein-Höflein. Wenn ich nur wüßte, wo dieser Ort liegt?!

Jemand sagte zu mir: „Ah, Sie sind der berühmte Herr Paul Altenberger,
über den so viele gute Witze kursieren?!“ Ich sagte, ich hätte noch
andere Qualitäten, und entfernte mich hoheitsvoll-gelassen.

Eine junge Dame sagte zu mir: „Einmal und nicht wieder!“ Ich hatte sie
nämlich ihr Nachtmahl selbst bezahlen lassen. Freilich hatte ich die
vergebliche Hoffnung gehabt, sie würde auch meines gleich mitbezahlen
— — —.

Eine reiche Familie, der ich es mitteilte, daß heute, 9. März, mein
Geburtstag sei, sagte im Chore, daß man es mir wirklich gar nicht
ansehe, ich schaute aus wie ein guterhaltener Fünfziger. Mir wäre es
lieber gewesen, ich hätte den „Fünfziger“ gut erhalten!

Das sind lauter oberflächliche Bekanntschaften, nichts Solides dahinter,
kein Gemüt und kein Geld. Es ist sehr, sehr schwer, Menschen zu finden,
die sich wirklich und ernstlich an einen anschließen — — —.



                                 BEAUTÉ


_So wenig_ also hältst du von der Schönheit deines nackten weißen oder
braunen Edelleibes, daß du dich verpflichtet fühlest, ihn zu schmücken,
sagen wir „behängen“ und „belasten“ mit hundert Edelfellchen wertvoller
Tierchen?!

 Stolz nennst du die _Summe_, die es _gekostet_ hat — — —.
 Erhöht es deinen Wert, daß man _für dich bezahlte_?!
 Du weißt, die Besten gehen _in geflickten Kitteln_,
 ihr Pelz ist Demut und Bescheidenheit.
 Oder sie tragen das _heilig-einfache_ Gewand der Pflegeschwestern.
 Schwarz weiß und eine große Brosche in Email mit einem Kreuz
 zierten euch mehr!
 Von _innen_ strahlt der Wert nach außen aus,
 mit Mardermänteln bleibst du roh und _nichtig_!
 Ich _hasse_ jene Männer, die euch lieben,
 in eurem stinkenden Prunke!
 Nein, ich hass’ sie _nicht_,
 denn ihre _Liebe_ ist _derselbe_ Schein wie Eure Fetzen,
 sie lieben nicht — — — sie _hassen_ und _verachten_ Euch
 vielleicht _noch mehr_, berechtigter als ich!!! Jedoch, sie _müssen_!



                   DIE SPIELEREIEN DER REICHEN LEUTE


In einem ersten „Cercle“ der Residenz kam man auf die Idee, einen Preis
von 10 Flaschen Champagner auszuschreiben für die allerstupideste Frage.
Ein Graf gewann den Preis mit der Frage: „Comment un homme de tacte et
de goût doit-il se comporter, lorsqu’il rencontre la nuit dans une forêt
un _accent circonflexe_?!“



           RICHTIGE, ABER EBEN DESHALB WERTLOSE BETRACHTUNGEN


Es ist eigentlich ganz widersinnig, auf eine Frau eifersüchtig zu sein,
die einem noch gar keine Konzessionen gemacht hat. Denn _je mehr_
Konzessionen sie _den anderen_ macht, _desto größer_ ist die Chance, daß
sie einem dieselben mache, und _eventuell_ noch größere! Es ist die
falsche _ewige_ Hoffnung, sie für _sich allein_ erlangen zu können! Aber
das _kann man nicht_. Denn es hängt nicht von dem ab, was sie gewähren,
oder _nicht_ gewähren will, sondern von der ewigen Reizung ihres
Nervensystems, daß tausend Männer das und das _von ihr_ sich _ersehnen_!
_Das_ allein läßt sie nicht „zur Treue“ kommen. Es wäre denn, daß man
alle anderen überbiete! Aber solche „Coups“ gelingen selten auf der
_Lebensbörse_!



                               DIE PROBE


Es gibt eine sichere Probe für Sympathie. Ich denke mir alle schönen
Mädchen hier in dem Berghotel, die mir gefallen, der Reihe nach quer
über eine breite weiße Landstraße aufgestellt. Plötzlich rast von einer
scharfen Kurve her ein riesiges Automobil. Welche wirst du instinktiv
zurückreißen, erretten?!? Von allen nur Klara, Franziska und die blonde
13jährige süße Ungarin!



                                EREIGNIS


Am 24. Juli haben sie die Bergwiesen gemäht — — —

hingeschnitten die diskreten Farben eines alten Perserteppichs — — —

die Duft-Symphonien abgebrochen unserer „musikalischen Nasen“! Wie ein
Kapellmeister „abklopft“.

Frischer einfacher Heuduft wurde sogleich, und schon ahnte man feiste
Kühe mit den Stampfmühlen ihrer feuchten Mäuler für die rosigen Euter es
vorbereiten!

Wie _Urkraftrausch_ waret ihr, Bergwiesen, bis zum 24. Juli.

Es dröhnte von Hummeln; es schimmerte braunwolkig, distellila,
schafgarbenweiß , königskerzengelb, arnikagold; es roch wie „Menagerie“,
„Apotheke“; wie Bienenhonig schmeckt, so roch es im vorhinein.

Es betäubte süß und belebte.

Es vermittelte: sanft einschlummern, frisch erwachen!

Nun ist es nicht mehr.



                                  ENDE


Vom 17. September 1911 bis 19. Oktober 1912 war sie seine kleine
Heilige. Sie war geboren 9. April 1900.

Dann erzählte ihr eine Dame der sogenannten „guten Gesellschaft“, daß er
ein Säufer sei, und schon zwei Jahre im Irrenhaus interniert gewesen
sei.

Hatte er sie seitdem weniger lieb?! Das war ja unmöglich.

Aber sie schämte sich _seitdem_ seiner Verehrung — — —.

Die Liebe eines besoffenen Tollhäuslers?! Pfui Teufel!

Da wollte er ihr das ersparen, und mied sie von nun an.

Hie und da hörte er in den Korridoren des Hotels ihre geliebte
jauchzende Kinderstimme.

Da schloß er denn die beiden Türen seines Zimmers und warf sich, in
unmeßlichen körperlichen und seelischen Qualen, auf sein Sofa hin.

So endete eines seiner schönsten, seiner tiefsten _Lebensgedichte_, das
viel Leid, viel Begeisterung und viel, viel Liebe in sich ein Jahr lang
geborgen hatte!



                              NACH ABWÄRTS


Niemand beschrieb noch körperliche Qualen — —

weißt du, wie Brandwunden sind am zarten Fingerballen?! So brennt es dir
im ganzen Leibe,

und keine Linderung durch aufgelegtes Leinöl;

es brennt Tag und Nacht.

Wie eine mittelalterliche Folter, der du unterliegst; die Folterknechte
aber sind im Innern; und unsichtbar ereignet sich das Schreckliche.

Scheinbar friedlich sitzest du in deinem Zimmerchen,

und draußen ist der braune Bergwald.

Er kann dir nicht mehr helfen, er, der dir einst half zu den
Begeisterungen, dem besten Mittel, jung und stark zu sein!

Und nachmittags irr’ ich in den langen, schmalen, düsteren Korridoren,

das Antlitz meiner kleinen Heiligen zu sehn.

Wenn ich sie erschaue, ergreift mich der Gram.

„Wie geht es Ihnen heute?!“ sagt sie sanft, und blickt erstaunt auf
diese menschliche Ruine, die ihr fast täglich tiefe Hymnen singt — — —.



                                ABSCHIED


Mein geliebter Pinkenkogel, hart an meinem Fenster aufsteigend,

ich sage dir _Adieu_!

Ich muß nun wieder ins Exil hinter vier Mauern; die Menschen wollen
„langsam Sterbende“ nicht sehn. Und diese wieder nicht die Menschen!

Dazu sind diese „Institute“ da, daß nur der weite Park die Klagen höre.

Der „Pfleger“ sieht die Träne ungerührt. Wo käm’ er hin, wenn er sich
rühren ließe?!

Geliebter Pinkenkogel, lebewohl — — —.

Und sag’ auch ihr — — —

wie liebt sie deine Bäume und deine Pfade aufwärts zu der Alm — — —

und sag’ auch ihr — — —

nein, sag’ ihr nichts!

Sie weiß, daß unter allen Abschiedstränen

die qualvollste _für sie_ vergossen ist — — —.



                            KRANKEN-TOILETTE


Wenn die Anverwandten zu Besuch kommen, wird der Kranke
„herausstaffiert“. Das geschieht nicht etwa aus irgendeinem Versuche,
die Verwandten über den Zustand des Kranken irrezuführen, sondern aus
einem ganz einfachen Grunde: Man läßt den Kranken eben solange als
möglich in seinem ihm notwendigen, ja zuträglichen Zustande von Apathie.
Man zwingt ihn zu nichts, wartet es geduldig ab, bis er von selbst
wieder zum gewöhnlichen Leben erwache. Aber gerade den Anverwandten darf
man diesen Zustand von organischer und infolgedessen nützlicher Apathie
des Kranken nicht vor Augen führen. Denn hierin ersehen sie nur eine
traurige _Stagnation_ des Leidens, was ihnen in Anbetracht ihrer Sorge
und ihrer eventuellen Geldopfer, auch Zeit ist Geld, sagt der Engländer,
nicht erwünscht sein kann. Auch erhofft sich der Pfleger ein größeres
Trinkgeld, falls der Patient den Eindruck von „rücksichtsvollster
Pflege“ macht. Das ist doch ganz natürlich und selbstverständlich. Es
ihm zu verübeln, wäre albern. Infolgedessen wird der apathische Kranke
aus seiner wohltuenden Ruhe plötzlich aufgescheucht, gesäubert, rasiert
und nimmt sich in seinem frisch überzogenen Bette aus, wie ein krankes
Geburtstagskind. Alle Besucher sind einig darüber, daß er sich fabelhaft
erholt habe, und schauen voll Bewunderung und Rührung einmal auf den
bescheidenen Arzt, und einmal auf den stolzen Pfleger. Nach dem
Besuchstage _verfällt_ der Kranke wieder. Gesundheit, Lebensfähigkeit,
Energie hängen leider nicht von Besuchstagen ab der Anverwandten. Man
schleppt sich hin, eine zerbrochene Maschine, und eines Tages steht man
auf und ist gesund. Oder — — — man steht nicht mehr auf. Dann ist auch
wieder Besuchstag. Man ist gewaschen, rasiert, liegt in einem frisch
überzogenen Bette wie ein Geburtstagskind, aber wie ein totes. Nein, das
sind Utopien. Bei Nacht wird man insgeheim weggeführt, denn niemand in
der Anstalt soll wissen, daß „etwas sich ereignet“ hat, was keine
Hoffnung zuläßt — — —.



                                 KUSINE


Mit 52 Jahren stürzte meine Kusine ab vom Seekofel, beim Blumenpflücken.

Mit 16 erhielt sie ihr erstes Ballkleid von „Maison Marisson“.

„Sie muß die Schönste sein!“ sagte die Direktrice des Ateliers
zuversichtlich.

Zum ersten Male dichte Rüschen in gelbem Musselin. Bis dahin trug man
nur weiße Ballkleider.

Sie war die Schönste. Sie erregte Neid. Sie glaubte, ein Prinz werde
kommen oder etwas Ähnliches, z. B. ein Bankdirektor. Was hätte sie
anderes sich erträumen können, in gelben Musselin-Rüschen von der
„Marisson“, und entouriert von allen?!

Zum Souper meldeten sich 14 Herren.

„Ich hab’ nur eine rechte Seite und eine linke“, sagte sie
glückstrahlend.

Mit 52 Jahren stürzte sie vom Seekofel ab, beim Blumenpflücken.

Was sie erlebt, von 16 bis 52, ich weiß es nicht. Ich kenne nur ihren
ersten Triumph und ihren letzten Absturz — — —. _Dazwischen_ dürfte so
eine Melange gewesen sein von beiden!



                                  LIED


Was nützt des Herbstes braune Symphonie?!

Ich bin zu krank.

Sonst sah ich alles mit dem Blick der Liebe, dem Blicke einer namenlosen
Zärtlichkeit.

Ich wußte wie die Buche sich verfärbt im frühen Froste,

und wie ihre Röte allmählich erbräunt.

Die Amsel raschelte im dürren Laub, die schwarze Schnecke zog über die
Wege.

Du sagtest mir, holdestes Kind, du müßtest nun in ein Institut, für 2, 3
Jahre — — —.

Ja, es ist Herbst geworden, und ich bin zu krank.



                                  ECHT


Ich bin sehr _skeptisch_ in bezug auf _Empfindungen_. Festliche Stimmung
bei Geburtstagsjausen, bedenkliche Gesichter bei schweren
Krankheitsfällen können mir noch lange nicht imponieren. Ich kenne diese
„Rolle“ wohlerzogener Leute. Darüber mehr zu sagen, wäre eine Banalität,
obzwar auch dieses wenige schon eine beträchtliche ist. Aber _eine_
Empfindung gibt es, die _nicht_ unecht ist, das ist das klägliche
Aufheulen, ähnlich wie Hunde beim Klavierspielen, der allernächsten
Angehörigen, in _dem_ Augenblicke, da der Sarg aus dem Schlafzimmer
hinausgetragen wird. Da gibt es kein Schluchzen, kein adieu, kein
Lebewohl, kein _oh_ und kein _ach_. Da gibt es nur ein klägliches
erschreckendes Aufheulen, ein Winseln, wie wenn man den liebevollen Hund
aussperrt, ihm die Türe vor der Nase zuschlägt. Freilich „derfangt“ man
sich sogleich wieder, von den „nicht allernächsten“ Verwandten liebevoll
gestützt, und wankt zu Hut, Handschuhen und Schirm. Der Leichenwagen
wartet nämlich.

Aber dieser _eine_ kurze Augenblick ist _echt_, da der Tote sein
Schlafzimmer verläßt, getragen von vier fremden Männern. Da sagt man
nämlich wirklich Adieu und heult auf, und winselt und spürt es daß
eigentlich alles, alles auf der Welt nicht dafürsteht — — —.



                                GESPRÄCH


„Wie ist das also, Peter, mit dem ›Geben‹, wie Sie immer behaupten, das
seliger sein soll als das ›Nehmen‹?! Wie ist das?!“

„Das ist also so: wenn du an einem Bettler vorbeigehest, und du bist
nur erfüllt, gehoben, durchwärmt von dem Gefühle, eine exzeptionelle
Freude jemandem bereiten zu wollen, die in deiner Macht steht, sie zu
spenden, und du schenkst ihm da eine Krone, während er dich ansieht,
anstarrt, als hättest du dich nur in der Münzsorte vergriffen, du aber
gehest, ihm zunickend, hinweg — — — das ist: _Geben_ ist seliger denn
_nehmen_! Wenn du aber denkst: „Pfui, diese Belästigung! Dieser alte
zerfetzte, demütige Hund!“ Und du gibst ihm dennoch 20 Heller, so
hochnäsig-widerwillig, dann, dann ist: Geben _unseliger_ denn nehmen!“

„Peter, also da hast du — — — 20 Heller! Nein, ich habe nur Spaß
gemacht. Ich will dir eine Krone schenken, hole sie dir heute nacht von
meinem Nachtkästchen ab — — —.“



                                 BILANZ


Es gibt Dinge, die _unvergeßlich_ sind. Mit _diesen_ hat man seine Seele
zu beschäftigen und alle anderen Dinge zurücktreten, verblassen,
verschwinden, also allmählich _absterben_ zu lassen. Unvergeßlich ist
das Vöslauer laue Schwimmbassin mit Lindengeruch. Dann der „Lackaboden“,
Alm vor dem Schneeberg; die Bodenwiese mit den Kolröserln; Austern à
discrétion, also sechs Dutzend; die kleine „Veilchenfeld“, die kleine
Magda S., Evelyn H., Klara und Frantzi P. und Eva Leopold und Sonja
Dunjersky. Dann Richard Wagner, Beethoven, Mozart, Bach, Grieg, Hugo
Wolf, Richard Strauß, Johannes Brahms, Puccini, Massenet. Dann die
„Topfen-Pastete“ und „Filet de Sole à la Morny“ und „Poires bonne femme“
und „pommes concierge“. Dann „Hamsun“, „Strindberg“, „Maeterlinck“,
„Gerhart Hauptmann“. Dann „Van Dyck“ als „Des Grieux“ in „Manon“, „Maria
Renard“ als „Lotte“ in „Werther“, „Hermann Winkelmann“, in _allen_
seinen Rollen. Dann der „Semmering“, zu _allen_ Jahreszeiten. Man muß
„Buch führen“ über „reelle Werte“, im sonst leicht „passiv werdenden“
Dasein! Frauen haben eine perfide Geschicklichkeit, „unreelle Werte“,
wie Schmuck, Pelz, Kleider, in ihr „Plus-Konto“ des Lebens frech
einzutragen. Da müssen sie halt die ganze Bilanz plötzlich durch einen
„feschen Offizier“ wieder ins Gleichgewicht bringen! Auch „unglückliche
Spieler“ legen sich plötzlich eine „Geliebte“ zu, um sich es in ihrem
_falschen Buch-Konto_ zu verrechnen, daß sie „_an ihr_“ zugrunde
gegangen sind!

Eine richtige, anständige, ehrliche „Bilanz des Daseins“ führen nur die
Selbstmörder. Aber wie wenige, hélas, gibt es noch heutzutage?!



                        SEHR GEEHRTES FRÄULEIN!


Sie lieben also Albert!?

Sie suchen also eigentlich einen Mann, dem Sie „sein Alles“ sind; der
durch Sie es vergißt, daß die Welt _erfüllt_ ist von herrlichen,
merkwürdigen, anmutigen und originellen Geschöpfen!? Sie suchen also
einen _Idioten_! Einen, dem Sie _die Schmach_ antun, ihn in einen
Zustand zu versetzen, wie der Auerhahn auf der Morgenbalze. Einen, der
vor Gefühl _nichts anderes_ mehr sieht und hört um ihn herum! Um ihm
etwas _bieten_ zu können, rauben, stehlen Sie ihm seine Weltenseele, und
für eine Haarnadel aus Ihren Haaren gibt er das Glück von Tausenden
eventuell hin! Und diese Scheuklappenpolitik nennt Ihr dann „Liebe“! Ein
_verdoppelter_ Egoismus, dem zum „heiligen _Dreibund_“ nur noch der
miserable Köter „Putz“ fehlt, an den Ihr Euch gemeinsam attaschiert!



                               HERBSTLIED


Die Ahornblätter sind wieder goldgelb, man kann die einzelnen goldenen
Bäume zählen im dunklen Forste. _Also_ ist es Herbst.

Gerade vor einem Jahre sah ich sie, 25. September 1911.

Sie war 11 Jahre alt. 11! Was macht es?!?

Der Wald bot damals alles, was er heute bietet, und immer bieten wird
— — —.

Nur ich bin düsterer geworden, weil ich _zuviel_ an ihre Zukunft denke.

Als ich sie damals sah, da ging ich in den Wald, um mir es einfach
jauchzend mitzuteilen: „Du hast das Herrlichste erschaut!“

Jetzt aber, tieferfüllt von ihr, seh’ ich im düsteren Herbstwald dunkle
Schatten kommender Eroberer!

Oh, Gnade, Gnade, Ihr Herren, für mein geliebtes Kindchen!

Tut ihr nichts!

Die Ahornblätter sind wieder goldgelb geworden, man kann die goldenen
Bäume einzeln zählen im dunklen Forste. _Also_ ist es Herbst.



                            EWIGE ERINNERUNG


Von Kortina brachen wir auf, Automobil, 9 Uhr morgens, und schlängelten
uns hinauf, auf den Falzaregopaß, 2117 Meter. Hinter dem Hotel pflückte
ich „Speik“, diese weiße duftende Bergblume, Kindheitserinnerung. Der
Boden war schwarz, weich und feucht; und überall rieselte Schneewasser.
Und dann hinab ins Tal. Und von da aus sogleich wieder auf den
Pordoihjochpaß, Kristomanos-Schutzhaus, 2250 Meter. Da gab es gar keine
Blumen mehr, wie herrlich. Der starre Sturm verbat sich alles Blühen.
Er stöhnte und beherrschte! Wie wenn man als Kind eine große Seemuschel
ans Ohr dicht anlegt, so brauste es. Nur sagt man in jenem Falle,
das Tosen des Meeres sei in der Muschel eingefangen. Hier aber ist
nichts eingefangen; man sieht das Brausen über die kahlen gelb-braunen
Wiesen; ganz aus erster Hand vernimmt man den Sturm. Im wunderbar
warmen geschützten Speisezimmererker nahm ich ihr Bild heraus (Kl. P.),
betrachtete es lange. Ich dachte: „Mit dir hier zu sein!“ Aber es wird
nie, nie, nie, nie sein — — —. Wie schade.



                                 GESANG


In allem hatte sie treffsicheres Urteil.

In allem. Nur sein Gesang gefiel ihr,

obzwar die Töne wie laues Regenwasser seinem geziert ovalen Mund
enttropften.

Er sang mit ihr, sie spielte das Klavier, er sang _für sie_!

Und deshalb fand sie seine Stimme lieblich,

obzwar sie selbst das C-moll-Adagio Beethovens unaussprechlich zärtlich
spielen konnte,

und für alles _sonst_ aristokratisch-feine Ohren hatte.

Und einmal sagte sie zu mir:

„Ist es Ihr Ernst, daß Sie seine Stimme für tonlos halten, oder steckt
da etwas dahinter, Lieber?!“

„Es steckt etwas dahinter!“ sagte ich, „das Vorurteil des dummen
Weibchens!“



                                 SOUPER


Es war ein Nichts — — —.

Immer ist es ein _Nichts_, aus dem zuletzt ein _Etwas_ wird!

Törichte Frauen, die ihr mit dem Leben _tändelt_, mit _uns_ und mit
_euch selbst_!

Er sagte einen dummen Scherz,

so um den Bann zu brechen öder Stimmung.

Da gossest du aus deinem Glase ein wenig Wasser ihm auf sein Gewand
— — —.

„Zur Strafe!“ sagtest du lächelnd.

Koketter Kerkermeister!

Jede Intimität ist eine _perfide_ Brücke zu einer Seele oder zu
unedleren Teilen.

Er fühlte sich geehrt durch das Begießen,

und seine Augen sagten gleichsam: „Es kam von dir!“

Es war ein _Nichts_ — — —

immer ist es ein _Nichts_, wie Frauen nämlich denken, ein Nichts, das
uns tief _unglückselig_ macht!



                             DIE WAGENFAHRT


Alle sagten zu ihm sehr bald „Herr Peter“ oder „Peter“. Aber sie sagte
nach langer Bekanntschaft „Herr Altenberg“. Er schrieb ihr das. Sie
sagte weiter wie bisher: „Herr Altenberg“, obzwar er eine zärtliche
Freundschaft für sie hatte. Eines Tages fuhren sie im Wagen durch seine
geliebte Berggegend. Da erzählte sie von der Krankheit ihres Kindchens,
erzählte, weinte, erzählte, weinte, verstummte. Er sagte: „Ich liebe
hier jeden Strauch, ich kenne jeden Acker, jeden Wiesenzaun — — —.“ Beim
Abschied sagte sie: „Adieu, Peter — — —.“



                              WAGENPARTIE


Herr Dr. P. sagte vormittags zu mir: „Darf ich Sie für den Nachmittag zu
einer Wagenpartie einladen in Ihren geliebten Ort ‚Mürzzuschlag‘?!“

„Bitte sehr,“ erwiderte ich.

Nachmittags sagte der Hotelportier: „Soll ich Ihren Jagdhund in den
Wagen bringen, Herr Doktor?!?“

„Selbstverständlich, wegen dem Hund mach’ ich ja überhaupt nur den
Ausflug — — —.“

Ich hatte bisher gedacht, er mache den Ausflug „wegen dem anderen Hund“.
Im Wagen sagte ich: „Sie, Ihr fetter Hund nimmt mir zuviel Platz ein,“
worauf ich demselben mit der vernickelten Spitze meines Bergstockes
einen Stich in die Brust gab. Der Herr sagte: „Was tun Sie meinem armen
Hunde?! Es ist ein echter englischer Pointer!“ Ich erwiderte, daß er
zuviel Platz einnehme trotz alledem. Wir kamen an einem braunen Felde
vorbei, begrenzt von kahlen grauen Buchenbäumen. Hier grasten fünf
herrlich schillernde Fasanhähne. „Willy,“ sagte der Herr zu seiner
Jagdhündin, eine Abkürzung für Wilhelmine, „Willy, da schau hin,
Fasane!“ Willy schaute überall hin, nur nicht auf die vor ihm grasenden
Fasanhähne. Wahrscheinlich sagt man von diesen Viechern nicht „grasen“,
sondern irgend einen manirierten Jägerausdruck. „Dieser Willy ist ein so
feuriger Jagdhund,“ sagte sein Herr entschuldigend, „daß ihn alles
ablenkt. Sehen Sie dort in der Ferne die Krähe?! Die lenkt seine ganze
Aufmerksamkeit auf sich, weg von den Fasanen!“ Ich dachte: „Er zahlt den
Wagen, er zahlt den Wagen, er zahlt den Wagen — —.“

Wir fuhren an einsamen Schmiedewerken vorüber, in welchen geschmiedet
wurde, an Holzsägewerken, in denen Holz zersägt wurde, an Mühlen, in
denen gemühlt, pardon gemahlen wurde. Ich fühlte: „Hier sollte ein
_Landerziehungsheim_ erstehen für die _moderne reifere Jugend_,
Koedukation, wo man in der Natur selbst Anschauungsunterricht genießen
könnte während einer Spazierfahrt. Zum Beispiel eine feuchte Wiese mit
einem Graben lehrt uns das so wichtige „Drainage-System“ spielend leicht
kennen. Denn wenn die Feuchtigkeit der Wiese sich in dem Graben
ansammelt, so wird die Wiese selbst trocken. Eine Art von Wiesen-pot de
chambre.“

Ich sagte dem Herrn Doktor, daß er, auch ohne ein echter englischer
Pointer zu sein, im Wagen mir viel zu viel Platz einnehme, und ich ein
nächstes Mal eine Einladung zu einer Wagenfahrt nur annehmen könne,
falls er und sein Hund zuhause blieben. Er sagte, ich hätte reizende
Einfälle und ich sei ein großer Künstler und Menschenkenner. Dies
bestätigte ich. In Mürzzuschlag angelangt, fragte uns der alte Kutscher,
der schon 50 Jahre lang hier fuhr und die Gegend nicht kannte, oder sich
in Beantwortung nichtiger Fragen über Bergnamen usw. usw. nicht
einlassen wollte, ob er „den Rosserln“ eine Jause verabreichen dürfe.
Merkwürdigerweise figurierte die Jause dann bei der Verrechnung im „Café
Semmering“ als Kaffee mit drei Stück Gugelhupf. Abends bei der Rückfahrt
war es natürlich finsterer als bei der Hinfahrt nachmittags, was der
Landschaft einen „eigenen, neuartigen, undefinierbaren“ Reiz verlieh,
den zu schildern ich aber modernen Dichtern überlassen muß.

Indem alles im Nebel verschwamm, wurde es zusehends undeutlicher. Wir
sprachen nun über das Wesen der „Frauenseele“, und ich behauptete, daß
mir eine noch so sehr geliebte und verehrte Frau durch die Bezahlung
bereits eines Kalbsgullasch mit Reis momentan unsympathisch werde. Er
nannte mich infolgedessen „exzentrisch“, während ich es mehr auf
„Lebenskunst“ zurückführen möchte. Beim Anlangen in unserem heiligen
Berghotel sagte ich: „Also, es bleibt dabei, morgen einen Wagen ohne Sie
und Ihren echten englischen Pointer — — —.“

„Nein!“ erwiderte er kurz und bündig.



        ABSCHIEDSBRIEF DES ENGLISCHEN OFFIZIERS PAUL AUS LONDON:


„Ich kann es mir nicht vorstellen, daß Du, geliebteste Frau, irgendwo
anders glücklich werden könntest als in England und bei englischen
Freunden. Allein _Dein_ Wunsch ist für mich over all! Du bist eine
_Engländerin_. Deine Seele, Dein Denken, ja _Dein Glück_ ist _englischer
Natur_. Du begibst Dich in eine _strange world_. Man wird Dich gut
behandeln, and but you will bekome ill and newer knowing from what. Wenn
Du also einmal eine Stütze brauchst — — — nun, du weißt ja übrigens
alles.

                                                               Paul.“



                              WIE IST ES?!


Wie ist es?! Soll man ein besonderes schönes Mädel, in strenger, grauer
Härte halten!? „Immer zu früh noch wird man sie verwöhnen“, fühlen die
Eltern. Siehe, eines Tages strömt plötzlich das Licht herein der
Bewunderung, das ihre ungewohnten Augen blendet, schädigt! Wäre sie
gewohnt, seit ihrem zehnten Lebensjahr, an dieses Licht des Lebens,
ertrüge sie nun das gesteigerte blendende, in edler Fassung und dankbar
gerührt! So aber?!



                             VOM RENDEZVOUS


Sie ging den steilen Wiesenpfad hinab, zum Rendezvous.

Ich sah braune Stauden ihre Röcke streifen. Ich sah ihr nach.

Bald kam Himbeergebüsch, das sie begrub.

Um 1/4-1 sollte ich sie erwarten.

Sie kam zurück, von Küssen ganz bedeckt.

Wie wenn die rechte Hand geheiligt wäre,

reichte sie mir die linke,

die ich an die Lippen hielt,

solang bis Wehmut kam und übertropfte — — —.



                                 EXAMEN


              Ich unterwarf sie einer strengen Prüfung:
              Die Hände?!              Vollkommen
              Die Augen?!                  „
              Die Stirne?!                 „
              Die Schultern?!              „
              Die Füße?!                   „
              Die Zehen?!                  „
              Die Stimme?!                 „
              Die Bewegung?!               „
              Der Teint?!                  „
              Die Seele?!                  „
              Die Intelligenz?!            „
              Die Brüste?!              Nicht vorhanden.
                      Endresultat: Vollkommen!



                               LES LARMES


Also, nach vielen Jahren, habe ich wieder geweint.

Freilich war es bei dem Liede von Johannes Brahms: „Sapphische Ode“.

Aber ich hätte nicht geweint, wenn ich sie nicht kennen gelernt hätte
— — —.

Ich wäre entzückt gewesen, gerührt, ergriffen.

Aber geweint hätte ich nicht — — —.

Also weinte ich dennoch _ihretwegen_!



                               TESTAMENT


Er hatte in sein Testament (der Ertrag seiner neun Bücher nach seinem
Tode) die 12jährige Schönheit mit der jauchzenden, klingenden,
bezaubernden Stimme eingesetzt. Aber da sie Millionärstöchterlein war,
hatte er bestimmt, daß von dem Gelde sogenannte „Geschenke eines
Verstorbenen“ zu kaufen seien, _außergewöhnliche_ Dinge, z. B. eine
besondere Bergkristalldruse, oder ein besonderes holzgeschnitztes
Christuskreuz. Da erfuhr er, daß man eine Kollekte gemacht hatte im
intimen Kreise für einen Winterrock seines Bruders, eines modernen
Diogenes. Da stieß er das Testament um, bestimmte nur, daß der Bruder an
jedem 9. April, dem Geburtstage seiner kleinen Heiligen, derselben eine
exzeptionelle Sache als „Geschenk eines Verstorbenen“ zu senden habe!
Der Bruder dachte Tag und Nacht über solch ein Geschenk nach. Da schrieb
die Heilige: „Ich will Ihnen Ihre Mission erleichtern. Schenken Sie mir
nur das Manuskript des „Ein schweres Herz“. Er nahm es aus dem Schreine
von gelbem Eibenholz, küßte es innig, und schickte es fort. Er fühlte:
„Ich bin der Vermittler eines _letzten Willens_. Sie hat mir meine
Aufgabe _erleichtert_, indem sie sie erschwert hat! Nur _Opfer belohnen_
sich! Ich hatte schon eine herrliche Bergkristalldruse aus den Tauern
erstanden, mit Kristallen wie geschliffenes, gefrorenes Bergwasser. Aber
das ist nun also für den nächsten 9. April!“

Sie schrieb: „Nun habe ich das Herz Ihres Bruders!“

„Nein“, fühlte er, „ich habe es, indem ich es _weggegeben_ habe!“



                           ACONITUM NAPELLUS


In meiner letzten Verzweiflung körperlicher Qualen nahm ich _Aconitum
Napellus_. Ich hatte ihn vor acht Wochen blühen gesehen, auf dem Wege
von Schluderbach nach Misurinasee, von dort nach „Tre croce“, von
Kortina auf den Falzaregopaß. Überall hatte ich diese giftige Bergblüte
gesehen, oft in Mengen wie kleine Felder. Und eigentümlich haftete mein
Auge auf diesen Blüten, als ahnte ich, daß ich sie bald in meinem
Zimmerchen als winzige durchscheinende Kügelchen, als letzte Hoffnung
sterbender Nerven schlucken würde! Damals erlebte ich sie als Zeichen
der Bergflora, neben Rhododendron und Legföhre. Wie romantisch kam mir
die Blüte vor in ihrer mysteriösen Giftigkeit. Nun aber schlucke ich
zwei Pillen, viertelstündlich. Wird es nützen?! Ich gedenke der
herrlichen Tage, da ich die Blüte bewundern durfte, in Höhen, wo es karg
ist und der Nachtsturm braust — — —.



                                MANÖVERS


Die Herren „_Verehrer_“, die wie Toreros aussehen oder wie kühne Cowboys
oder wie französische Ritter aus dem 18. Jahrhundert, sei es von des
Buges ihrer Nase Gnaden oder von Schneiders; die treten
selbstsicher-nonchalant auf, sitzen oft mit dem Rücken gegen die Dame
und sagen sogar, daß dieser oder jener Spaziergang ihnen _nicht_
konveniere und sie es daher _vorzögen_, sich _nicht_ anzuschließen und
lieber in Ruhe ein gutes Buch zu lesen! Wenn man eine schöne Nase hat,
kann man das allerdings wagen. Aber die Mißgewachsenen müssen eine
andere Taktik einschlagen. Pakete tragen, Schirme aufheben und zu allem
„Amen“ sagen, ist ihre kleine, süße Aufgabe. Auch damit kann man nette
Erfolge einheimsen, und Opfer sind für „Opferfähige“ nicht allzu groß.
Im ganzen genommen sind die armen Damen von einer wohlberechneten
„Routine“ umgarnt, wie die italienischen Singvögel von den feinmaschigen
Netzen. Selten schlüpft eines der herzigen Vögelchen durch, durch die
engen Maschen, die ihrer Eitelkeit gelegt sind. In dieser Gesellschaft
von Eroberern sticht besonders hervor der immerhin seltenere
„_Salonplattenbruder_“, der „seelische“ Messerstecher. Er sticht gleich
in die _Ehre_, in den _Ruf_, in das _Glück_ hinein, macht sich nichts
aus drei Monaten Kerker, wollte sagen, aus Frauenverachtung. Diese
„Verachtung“ sind seine „Geschäftsspesen“. Dafür hat er sie „gehabt“!
Einer drang um 1 Uhr nachts in das Zimmer ein: „Ich sage in jedem Falle
morgen, Fräulein, daß Sie mich bestellt haben! Also ist es schon ganz
egal für Sie!“

Das leuchtete ihr ein — — —.



                                  GIFT


Es gibt ein Gift, das ewig wirkt,

ja sich vertausendfacht in seiner Wirkung

durch unablässiges Erinnern.

Das sind die deplaziert liebenswürdigen Worte der Geliebten zu fremden
Männern.

Es ist ja richtig, sie hat sich nichts Besonderes dabei gedacht.

Doch weshalb hat sie nicht an das Besondere gedacht, uns tief zu
quälen?!

Ihre gekränkte Miene bei unserm Vorwurf

kann uns nicht eines Besseren belehren,

so daß wir tief zerknirscht von hinnen schleichen.

Ein jeder Apotheker _ist verpflichtet_, das Gift zu kennen, das er uns
reicht!

Und so die Frau.

_Will_ sie uns vergiften?!

Vielleicht, für Augenblicke, um uns dann, in ihrer Gnade, Gegenmittel zu
verabreichen!

Erinnern ist ein Gift, das ewig wirkt,

und sich vertausendfacht in seiner Wirkung,

durch unablässige Erinnerung!



                            LUFTVERÄNDERUNG


Es ist merkwürdig, wie sich Familienangehörige in Kurorten begrüßen, die
vielleicht kaum acht Tage lang getrennt waren voneinander. Als ob sie
von einer _monatelangen_ Weltreise gekommen wären! Ein ganz neuer Ton
von zärtlicher Freude, von intensivstem Interesse wird angeschlagen.
„Findest du unser Püppchen besser aussehend, Papa?“ — „Na, ich bin noch
nicht so ganz zufrieden, sie ist halt ein ‚Zarterl‘, was, Minnerl?“ —
„Kinder, laßt euch in euren Gewohnheiten (von _acht_ Tagen) ja nicht
stören, ich werde mich allem akkommodieren (alter Jesuit!).“

„Baby will hier das zweite Ei zum Frühstück nicht essen, ich habe ihr
gedroht, ich würde es Papa melden (haste wichtige Meldung!), wenn er
kommt!“ — „Nun, das macht wahrscheinlich die Luftveränderung!“ In
besserer Luft kann man also kein zweites Ei essen? Auch die Bonne wird
netter, rücksichtsvoller behandelt als zu Hause. „Was, Marie, hier ist
es schön?“ — „Bitt’, gnä’ Herr, ja — — —.“ Eine ewige Sorge um Paletots,
Jacken, Schals, als ob alle plötzlich tuberkulös geworden wären. „Annie
häkelt hier (weshalb plötzlich hier?) schon so nett, sogar ohne
Aufforderung (sie scheint also hier zu verblöden!).“ — „Schlaft ihr hier
nach dem Speisen?“ Auf einmal weiß er nicht, ob seine Familienmitglieder
schlafen oder nicht. Die Luftveränderung scheint ihm nicht gut zu tun,
dem Erhalter und Ernährer.

Man verkehrt miteinander wie Fremde bei einer Jour-Jause. „Angenehme
Nachrichten?“ fragt man bei der Morgenpost. Der Kassier ist ihm
durchgegangen. „Alles in schönster Ordnung zu Hause, mein Täubchen!“ Der
Arzt hat nämlich gesagt: „Zwanzig Bäder kosten zweihundert Kronen. Aber
vor allem keinerlei Aufregung, darauf muß ich strengstens bestehen!“
Nämlich auf den zweihundert Kronen.



                              EIN NACHTRAG


Ich habe letztes Mal, wahrscheinlich vor einigen Jahren, etwas
geschrieben zur „Psychologie der bürgerlichen Liebe“. Es war ein
„Torso“. Wenn ich nur wüßte, was ein Torso ist. Aber viele
einsichtsvolle Menschen sagten es mir direkt ins Gesicht hinein, daß es
ein „Torso“, wenn auch ein sehr wertvoller, gewesen sei. Nun,
infolgedessen muß ich die Nachtragsbemerkung machen, daß „jemanden
wirklich zärtlich lieb haben“, unmöglich eine _fortdauernde_ Sache sein
könne, sondern eine durch _Haß_-, _Verachtungs_- und vor allem
_Gleichgültigkeits_-Stadien (Stadien ist gut!) unterbrochene, sagen wir,
sogar angenehm unterbrochene Angelegenheit der Seele und der übrigen
verfügbaren Sinne sein müsse! _Man kann niemanden auf die Dauer
gleichmäßig gern haben_! Das sollte in goldenen Lettern auf der Fassade
eines Venustempels prangen, in deutlicher Adolf-Loos-Schrift, so wie von
Vorzugsschülerinnen in Schreibheften! Die bürgerliche Gesellschaft will
etwas äußerlich, à tout prix (das ist französisch!) erzwingen, was es in
der Welt aber tatsächlich nicht gibt! Nämlich eine _anständige
Stetigkeit und Verläßlichkeit_ der _Gefühlswelt_, ja sogar der
Sinnenwelt, was eine _noch entsetzlichere Stupidität_ ist! Die
„Mehrheit“ will uns eben _blöde machen_! Strindberg ist tot, Ibsen,
Björnson, Tolstoi. Ja, da müssen _wir Flöhe_ uns halt aufraffen, und
stechen und Blut saugen, wo und wie wir nur es können! Wir können auch
_verwunden_, _ohne_ Genies zu sein! Wir haben den _gesunden_
_Menschenverstand_! Das ist auch eine Waffe, wenn auch eine zartere,
liebenswürdigere als die Maximkanonen der Genies, die meistens doch nur
Idioten waren! Und ich sage euch daher, ihr _Glücklichen_, ihr wart
niemals auch nur eine _Stunde lang_ wirklich glücklich! _Geschäfte_ habt
ihr gemacht und _Bilanzen_ berechnet! Ihr „_Aktiven_“ seid ewig
„_passiv_“ gewesen!



                            BUCHBESPRECHUNG


Ich habe mir das Buch schenken lassen vom Verlag J. J. Weber, Leipzig:
„_Rosen und Sommerblumen_“. Ich lese es, ich betrachte die 160
Photographien, wie ein Werk von Maeterlinck! Jede Rose erblüht mir, als
wandelte ich in einem Märchengarten. Alles wird Wirklichkeit. Ich sehe
die Kletterrosen über alle Mauern, Wände, Gitter sich hinaufschwingen,
blühend rosigweiße Pracht verbreitend über kahle, harte, notwendige
Dinge! Ich sehe das Kletterröschen: „Maidens blush, Mädchens Erröten“,
ich sehe die Immergrünrose: „Félicité et perpétuité“. Ich sehe „soleil
d’or“, goldgelb mit rosigen Rändern. Ich sehe „Memorialrose“, für
Grabdenkmäler, „Minnehaha“, die mich an Wedekinds herrliches Buch
erinnert, das von der Nackterziehung erlesener Geschöpfe handelt, ich
sehe die Rose „Katharina Zeimet“, mit _Wildrosencharakter_, wie manche
scheinbar zarte Frauen, die Rose „Konrad Ferdinand Meyer“, die „Beauty
of the Prairies“, die weiße Rose „Frau Karl Druschki“, die Bourbonrose
„Souvenir de la Malmaison“ (in der Todesstunde getauft der Kaiserin
Josefine). Ich sehe Rankrosen in düsterem Hohlweg glühen; Crimson
Ramblerrose in riesigen rostrot lasierten ausgebauchten Töpfen, Japan
vorzaubernd und seine Gärten; _vergeblich_ suche ich eine Rose
„Kronprinzessin Cecilie“! Rosenzüchter, _dichtet mir_ in der ganzen
weiten Welt eine Rose, die dieser _Herrlichsten_ wert wäre!
„Kronprinzessin Cecilie“, du müßtest einen Platz erhalten im Garten, daß
man schon von weitem deine deutsche und dennoch _internationale_ Pracht
verspürte!



                                  AN —


    Ich liebe dich — — —.
    ’s ist keine Frage mehr.
    Solange ich dich sah und sah und sah, und sah,
    _wußt_’ ich es nicht, _konnt_’ ich es nicht wissen!
    Nun, da ich dich den ganzen Vormittag nicht sah, zum _ersten Male_,
    und ich auch nicht weiß, ob ich des Abends dich _wiedersehen_ werde,
    _nun_ ist die Bangigkeit in mir!
    Mit wem bist du?! Wer nützt die Pause aus?!
    Kommst du vielleicht jetzt eben zur Besinnung, daß es noch heißere
       Leidenschaften gibt
    als die meiner Bewunderungsblicke?!
    Oh, wärst du hier, ich sänke dir zu Füßen,
    du würdest spüren, was ich bisher nicht wußte,
    und was doch war, vom ersten Tage an — — —!
    Und was du vielleicht wußtest, eh’ es war!
    Was liegt dir dran, vielleicht freut es dich doch!



                        NEKROLOG (FRITZ STRAUSS)


Siehe, es sind schon Leute gestorben, denen ich hätte nachtrauern
sollen, und ich tat es nicht. Andere wieder sind noch am Leben und ich
wünsche ihnen — — — nur nicht gleich fluchen! Aber um einen mir
verhältnismäßig ganz Fremden trauere ich jetzt. Erstens sehe ich gar
nicht ein, weshalb gerade ein 24jähriger Millionärssohn weggerafft
werden soll, der genug Kultur hatte, Geld in _wirkliche_ Werte, ohne
Pflanz, umzuwandeln. Zweitens besaß er Humor, obzwar er wußte, daß es
mit ihm schief gehen könne bei einer zweiten Operation. Er war ein
„_Gentleman-Musical-Clown_“, so benannte ich ihn sogleich. Jeden Abend
nach dem Souper erfreuten er und Herr H., der es auch „nicht nötig“
hatte, das elegante Publikum des Sanatoriums „Wolfsbergkogel“ mit
ihren unübertrefflichen Knock-about-Einfällen, bei Klavier und
Violine. Sie ersetzten eine ganze Varietévorstellung. Die reichen
Damen vergaßen ihrer Leiden, was ihnen umso leichter fiel, als sie gar
keine hatten; die kranken Herren vergaßen, den kranken Damen den Hof
zu machen. Das Lachen war da, das Lachen, in diesen heiligen, ernsten
Gesundheitsräumen, und die Langeweile der _Liegekuren_, dieser neuen
Art, sich noch mehr auf sein armes Ich zu konzentrieren, war
vergessen, gelöscht! Ich bat den jungen Mann, doch ja als
„Gentleman-Champion“ in großen Varietés, ohne Gage, aufzutreten, und
er sagte es mir lächelnd zu. Nun ist er tot. Um den trauere ich. 24
Jahre alt, unabhängig, mit Humor gesegnet, begnadet, gutmütig,
bescheiden. Der hätte _bleiben_ dürfen! Nur der!



                             ERSTER SCHNEE


12. September 1912. Es regnete und es schneite zugleich. Der
Sonnwendstein war bedeckt mit Schnee. Das war ein Lokalereignis.
Jedermann besprach es eifrig. Die herrliche 14jährige, wie eine
Venetianerin aus dem 18. Jahrhundert, stellte sich an die Fensterscheibe
und sah hinaus. Alles andere ward sogleich dagegen lächerlich und
gleichgültig. Für sie war Schnee gefallen auf dem Sonnwendstein, denn
sie interessierte sich dafür. Ich hätte ihr zwei Meter hohen Schnee
gewünscht, ganze weiße Hügel und Abgründe, damit sie sich besser
amüsiere bei dem Anblick! Sie sah hinaus, und ich beneidete die
Fensterscheibe um den Hauch ihres unbeschreiblich schön modellierten
Mundes. Überall zogen Nebelfetzen dahin, dorthin, zerfetzten,
verwischten die Landschaft, ertränkten sie in Grau. Das junge Mädchen
begann sich zu langweilen. Es wird ein öder Tag werden in diesem
Berg-Hotel. Mir erschien er licht und wertvoll! Sie setzte sich hin, um
mit einem Kinde ein Spiel mit gelben, grünen, lila Würfelchen zu
spielen. Sie ließ das Kind absichtlich gewinnen. Das Kind sagte: „Mit
dir spiele ich nicht mehr, du spielst zu schlecht, immer verlierst du,
du Ungeschickte!“



                               DER MALER


Die kleine 6jährige Tatarenkönigin Sonja D. sagte zu dem Dichter, der
sie anbetete: „Mein Bruder Bogdan und ich, wir schlafen immer mit einem
geöffneten Jagdmesser, einem Kindergewehre für Schrot und einer Pistole
mit echten Kapseln, unter dem Kopfpolster! Aber die Banditen wollen
nicht kommen, sich abschlachten zu lassen! Die Feiglinge!“ Der Dichter
nahm das vergötterte Königinchen in seine zärtlichen Arme — — —.

Der Maler kam. Da sagten die Damen:

„Was finden Sie denn so Besonderes an dieser 6jährigen Sonja Dungyersky,
die Sie jetzt malen für 500 Kronen? Sie ist doch viel unliebenswürdiger,
eigenwilliger, unsanfter als die meisten anderen reizenden Kindchen
hier?“

Der Maler: „Ich male sie von heute an _umsonst_, verstehen Sie mich,
_umsonst_! Für mich und für _die Welt_! Also ausnahmsweise diesmal
_nicht_ umsonst! Ich werde sie malen auf einem niedrigen,
schmiedeeisernen, schweren Throne, mit ihren braunen Gazellenbeinen und
ihren braungoldenen Locken! Umgeben von gebleichten Tatarenschädeln!
Einer muß an einer goldenen Kette herabbaumeln und in einer Ecke muß ein
Jüngling den grünen Giftbecher trinken und sie anblicken. Das Ganze
heißt: ‚Kleine winzige Tatarenkönigin, Wildkatze, Besiegerin!‘ Wie aus
einer entschwundenen Zeit von Kraft, Trotz, Schönheit, Unbesiegbarkeit
stammt sie, und dennoch könnte man über ihre Anmut, über ihre Stimme, ja
über ihre zarten Handbewegungen allein schon tagelang weinen und sich
momentan hinopfern!“

So sprach der Maler; und die Mütter der wohlerzogenen, folgsamen Kinder
erbleichten und schlichen fast krank von dannen!

Am nächsten Tage schrieben sie: „Wollen Sie unser Kindchen für 2000
Kronen malen?“

Und er schrieb zurück: „Nein!“

Aber am dritten Tage schrieb er zurück: „Ja!“

Und er malte die Kindchen und alle Tanten und Kusinen, und die
Großeltern waren entzückt!: „Ja, ja, so ist unser Schätzchen, unser
liebes, goldiges Geschöpfchen! Die Sanftmut schaut ihr aus den Augen
heraus — — —!“

Ja, es waren _sanfte Kälber von dummen Kühen_, richtig porträtiert! Und
ein jedes Kälbchen kostete 2000 Kronen, billigst berechnet!

Aber das Tataren—Königinchen Sonja Dungyersky, auf schmiedeeisernem
breitem kurzem Throne, hatte er „umsonst“ gemalt. Und die Damen sagten:
„Il s’est moqué de vous, Madame Dungyersky!“ Aber die Großmama stand
lange lange vor dem Bilde. Nie sprach sie ein Urteil aus. Aber oft stand
sie vor dem Bilde und starrte es an, an, an. Und eines Tages sagte sie:
„Pour les étrennes, donnez moi l’image! Ce n’est rien pour vous. Vous
êtes trop jeunes et trop vieux! Il faut pouvoir songer tout à la fois
dans le passé et dans l’avenir!“



                             BETRACHTUNGEN


Der Schlitten war leicht wie eine Nußschale, aus braunem Stroh; die
Landschaft prangte weiß in weiß, die roten Ebereschen und die bunten
Gimpel, die schwarzen Krähen bemalten sie diskret und vornehm, fast nach
japanischem Geschmacke. Ich sprach mit der edlen Dame über zarte Dinge
des Lebens. Die edlen rehbraunen gedrungenen Pferde gaben die bekannten
Verdauungsgeräusche von sich, schienen also nicht nach „Prodromos“ sich
zu ernähren, sondern viel Unnötiges, Beschwerliches zu sich genommen zu
haben, wie Hafer samt den Spelzen, fi donc!

Wir überhörten gleichsam diese Geräusche, und dennoch kam es wie
„_allgemeine Unzulänglichkeit_“ der Lebewesen über uns, eventuell sogar
fanatisch geliebter Damen. Ich liebte einst ein wunderbar schönes
13jähriges Schlossergesellentöchterchen, die mir einst sagte:
„Behalten’s Ihre Briefe, es steht ja eh immer nur dasselbe drin, ich
weiß schon, Sie haben wieder wegen mir die ganze Nacht geweint! Hab’ i
Ihnen was angetan?! Na also, nur g’scheit sein! Kaufens mir lieber 1/2
Kilo Ringlotten, wann’s mich schon so gern haben!“ Bei einer solchen
Gelegenheit ließ sie dann in der herzlichsten Weise kleine kurze fast
piepsende Geräusche hören, infolge des Ringlottengenusses. Ich sagte:
„No, no, was sind denn das für Liebeserklärungen?!“ Sie erwiderte: „Ah
da schau’ her, wär’s Ihnen lieber, i sollt’s in mein Baucherl behalten,
daß’s mich druckt?! A schöne Lieb’ is das!“



                                UR-SEELE


„Herr Peter“, sagte die herrliche 5jährige zu mir, „weshalb beschenken
Sie Stella immer?! Stella gehört mir, ich bin eifersüchtig.“

„Auf wen?!“

„Auf überhaupt — — —.“

„Du solltest dich doch darüber freuen, wenn Stella beschenkt wird?!“
sagte ich.

„Ja, ich sollte. Aber ich freue mich eben nicht, sondern ich bin nur
eifersüchtig!“

„Würdest du Stella dieselben Geschenke nicht geben, wenn du Geld
hättest?!“

„Nein, Stella soll mich von selbst lieb haben. Ich habe sie auch von
selbst lieb, sie braucht mir gar nichts zu schenken!“

„Aber Kind“, sagte die Großmutter, „du bist sehr herzlos und ungezogen!“

„Aber was braucht der Herr Peter meine Stella zu beschenken?! Meine
Stella gehört mir, sie braucht nichts geschenkt, ich habe sie lieb!“

„Du solltest dich freuen, wenn — — —.“

„Ich sollte mich freuen, ich sollte mich freuen, aber ich kränke mich!“

Sie weint. Worüber?! Niemand weint umsonst — — —.



                                 FRAGE


Was ist ein Dichter?!

Einer, der _schon w_einen kann,

wenn _noch_ die andern trockenen Herzens sind — — —.

Einer, der die sechsjährige Prinzessin Sonja Dungyersky

so zärtlich lieb hat wie die eigene Großmama sie lieb hat!

Einer, der abends im Gebirge den eingefangenen Oleanderschwärmer

auf das einzige Oleanderbäumchen setzt im Garten,

das ihn aus ferner Ebene hierherverlockt hat!

Einer, der die braune Nacktschnecke behutsam

vom Waldweg ins Gebüsch trägt — — —.

Einer, der Rosen schenkt und sie bezahlt mit seinem Nachtmahlgelde
— — —.

Einer, der die geliebte Hand berührt und dabei Hochzeitnächte spürt von
Seligkeiten!

Einer, der leidet, leidet — — —

und alle sagen: „Was fehlt ihm denn zu seinem Glücke?!“

Einer, der die Schale kauft, aus der sie Kakao getrunken hat.

Einer, der ein „innerer Bombenwerfer“ ist,

und dabei doch so sanft, so mild _verständnisvoll_ für alles!

Einer, den alle _verlachen_,

und um den sie trauern, wenn er _nicht mehr_ ist!



                           LETZTE UNTERREDUNG


„Peter, was ist Ihnen?! Sie schauen so verzweifelt aus, und vor allem so
bleich — — —.“

Er schweigt.

„Peter, ist es wegen des jungen Architekten?!“

Er schweigt.

„Peter, Sie lieben mich seit meinem 12. Lebensjahre. Von Eltern, von
Gouvernanten, vernahm ich nur: ‚Du mußt, du sollst!‘

In _Ihren_ Augen lag von jeher eine unermeßliche Zärtlichkeit. Das darf
ich Ihnen nicht vergessen, Peter. Es war der Lichtblick meiner düsteren
Kindheit. Und oft wenn ich dachte: Wozu bist du?! da dachte ich
sogleich: Er hat mich lieb! Von Ihrem Blicke lebte ich, das sag’ ich
Ihnen nun.“

Er senkt das Haupt — — —.

„Peter, ich kann erst ganz glücklich sein, bis Sie mich wieder anschaun,
lichten, liebevollen Antlitzes, wie eh und je — — —.“

Da schaute er sie an, an, an, lichten, liebevollsten Antlitzes, wie eh
und je, so wie sie es brauchte und verlangte — — —. Ihr, Ihr zuliebe,
damit sie wieder schimmere, leuchte, in ihren schlimmen Koketterien!



                               DIE NIERE


Zu den wahrhaftigsten und mich aufrichtig rührenden Opfern, die ein Mann
einem geliebten Weibe bringt, rechne ich es immer, wenn er beim
Nierenbraten die Niere _ihr_ überläßt, vorausgesetzt natürlich, daß er
sie selbst gern ißt. Aber wer äße die Niere nicht gern?! Diese Niere ist
überhaupt so ein sicherer Thermometer in Liebessachen. Zum Beispiel:
„Otto, weshalb ißt du denn die Niere nicht?!“ — „Ich esse sie, und noch
dazu am liebsten, deshalb lasse ich sie mir für zuletzt!“ — „Ach so,“
erwidert Hermine enttäuscht. Oder: „Max, du ißt ja die Niere doch
nicht!“, und hat sie schon in ihr Mündchen gesteckt, während Max nichts
im Halse stecken bleibt als das Wörtchen: „O doch!“ Oder: „A schöne
Lieb’, frißt die Niere selber auf, da schau’ der an da!“ Diejenigen
Herren jedoch, die „das Opfer der Niere“ bringen, tun es auch meist
ziemlich _geschmacklos_, indem sie innerlich sich anstellen, als hätten
sie jetzt Anspruch auf Dankbarkeit und Treue ihr ganzes Leben lang!
Nein, dem ist _nicht_ so. Die Damen nehmen gern die Leckerbissen an, die
man ihnen spendet, aber sie haben die richtige Idee, daß solche
Selbstlosigkeiten sich durch das Gefühl eines höheren Wertes, das man
von sich selbst bekommt, reichlich belohnen! Wozu also die Sache
überzahlen?!



                               KRANKHEIT


Wenn man körperlich sehr, sehr leidend ist, so zerquetscht,

dann wird man erst wie der „_Normalmensch_“!

Man wird reduziert auf das „_allgemeine Maß_“!

Da sieht man erst, wie schrecklich dieses ist! Pfui Teufel!

Man könnte keiner ideal schönen Frau mehr, selbstlos exaltiert, zu Füßen
sinken — — —.

Man erwünscht sich eine „Gefährtin“, „Pflegerin“, „Teilnehmerin“.

Für „_Seelen-Luxus_“ ist keine Kraft vorhanden — — —.

Die Wiesen sind schneefrei und sogenannte „Palmkatzerln“, wie graue
Seidenflocken, blühen an den noch blätterlosen Weidenbäumen.

Das alles übt keinen Reiz mehr aus.

Man sagt: „No, schon wieder ein Frühling; die 30 Lichtbäder im
Sanatorium haben mir einen Schmarrn geholfen.“

Jetzt kommt der Frühling daher, und er geniert mich direkt — — —.

Früher hab ich ihn angedichtet, mit der Kraft meiner unendlichen Seele
— — —;

jetzt kann ich nicht einmal mehr „heurige Radieschen“ vertragen.

Was geht mich da der Frühling an?!?



                                  GÜTE


Jeder Mensch, der irgend etwas begeht, und weiß es selbst nicht, daß er
es falsch getan hat — — — siehe, an ihm geht es _dennoch_ schlimm aus!
Er kann sich nicht entschuldigen mit seinem „_guten Willen_“, denn Gott
berücksichtigt diesen _nicht_, sondern nur die „_edle Weisheit_“ einer
jeglichen Betätigung! Der sogenannte „gute Wille“ ist eine schmachvolle
_feige_ Entschuldigung, die in dem „Buche Gottes“ in das Minus-Konto
eingetragen wird!

„_Ich habe es gut gemeint_“, ist ein Zeugnis für „Selbstverurteilung“.
_Meine es schlecht_, mein Lieber, aber _denke_ das _Richtige_!

„_Güte_ ist Stupidität; es gibt nur eine einzige wahrhaftige Güte:
_Weisheit_! Rate mir nicht, helfe mir nicht aus _Güte_; da kann ich
leicht _dein Opfer_ werden. Rate, hilf mir aus eiskalter kristallklarer,
unerbittlicher, adeliger _Weisheit_!

Alle Menschen, die angeblich „zusammengehören“, machen es sich
gegenseitig leicht, indem sie „gut“ sind. „Weise sein“, in bezug auf
einen geliebten Menschen, das fällt ihnen zu schwer, das können, ja, das
_wollen sie nicht_. Da könnten sie „in Konflikte kommen“,
„mißverstanden“ werden; aber die dumme alberne leichtfaßliche Güte, die
versteht ein jeder, erkennt sogar ein jeder Gleichgültige an. _Güte_ ist
ein feiges _Seelenmanöver_, um _Idioten zu bluffen_! Die Idylle des
Familienlebens, das Ehelebens, des Lebens zwischen Geliebten, besteht zu
70 Prozent daraus.

„_Bin ich nicht gut zu dir, du Undankbarer?!?_“ ist die Phrase der
„geschickten Kühe“, die damit die „ungeschickten Ochsen“ an sich
fesseln! Mögen es auch noch so sehr in anderer Beziehung „Stiere“ sein
— — —.



                                ANNONCE


Ich lese im „N. W. T.“ eine Annonce, die mit dick gesperrten Lettern
beginnt: „_Bei Behandlung von Herzkrankheiten_ — — — — —“, und dann
folgt die Anpreisung des berühmten „_Franz Josef-Bitterwasser_“, vor dem
Frühstück (1/8 Liter) in _kleinen Schlucken_, _ganz langsam_,
_absatzweise_, zu trinken! Nun meinen natürlich alle Leser, daß diese zu
Anfang gesperrt gedruckten 4 Worte nur dazu dienen, den Leser
„einzufangen“ und zu „verlocken“. Jawohl — — — nämlich zu seinem eigenen
Heile! Denn die _vitale Nervenkraft des Herzens_ hängt von der
minütiösen Sorgfalt, die man dem gesamten Verdauungsapparate angedeihen
läßt, ab! Überhaupt, die Verachtung der „Annonce“ in einem großen
Tageblatte, bloß weil der Fabrikant dabei verdienen will, ist kindisch!
Man nehme nur diese täglichen Annoncen:

    Menthol-Franzbranntwein,
    Salz-Cakes,
    Sanatogen,
    Biocithin,
    Vegetabilische Nährsalze,
    Eau de Cologne 4711,
    Chocolat Suchard,
    Califig,
    Pears soap.

Ewiges Mißtrauen ist schädlicher als ewige Gläubigkeit. Es muß erst ein
Arzt in schwarzem Gehrock und funkelnder Brille dir ernst und gemessen
sagen: „Nun, versuchen wir es einmal mit Sanatogen und Tamarinde,“ damit
du, Ochs, Vertrauen schöpfest zu Dingen, die dir doch täglich morgens
mit lauter Druckerschwärze gepredigt werden! Nur der, der _nicht_
annonciert, kann mir nicht nützen, denn ich weiß von ihm nichts!



                               PLAUDEREI


Es kommt der Augenblick träge herangeschlichen, da man nichts mehr wird
schreiben können. Man hatte doch etwas zu sagen, was dem anderen nützte.
Und wäre es nur: „Schlafet bei weit geöffneten Fenstern!“ Man hatte
unbedingt eine Mission, eine winzige, eine nichtige Mission, aber eine
Mission! Das hält einen in Zusammenhang mit allen Menschen, die man
nicht kennt. Den Bekannten gegenüber hat man ja keine Mission. Für die
ist man ein Narr oder ein Schwindler. Manche sagen sogar: „Nein, diese
Ehre tun wir ihm ja doch nicht an!“ Wofür also halten sie uns?! Ich
könnte meine Sachen widerrufen, aber Tausende würden sie als Wahrheiten
in sich aufnehmen. Ich könnte es verkünden: „Nein, die Frauenseele ist
doch nicht so, _wie ich sie sehe_!“ Aber Tausende würden jammern: „O,
bitte, wir sind _doch_ so!“ Mein Talent war klein, aber mein Fühlen war
groß. Die meisten haben kein Talent und kein Gefühl, nämlich für
allgemeine Dinge, obzwar sie im besonderen, in ihrem trauten Nestchen,
beträchtliche Gefühle aufbringen, die irgend jemandem mit Vor- und
Zunamen recht sehr zugute kommen. Jemand schwärmte mir immer und immer
von seinem Garten vor, schilderte ihn mit wirklicher Liebe und
Begeisterung. „Ja,“ sagte ich, „aber auf der Strecke so und so der Bahn
so und so habe ich einen noch viel schöneren Garten geseh’n.“ — „Und was
haben S’ davon?!“ — „Nichts“, erwiderte ich. Es gibt Menschen, die
schöne Gärten lieben, und es gibt solche, die _ihre_ schönen Gärten
lieben! Das ist der ganze Unterschied. Na, und was haben s’ davon?!
Nichts!



                                RICHTIG


Ich verkehrte mit einer sehr intelligenten, gebildeten Dame, die viel
mit Aristokraten beisammen war. Da sagte mir eine andere Dame, mit der
die Aristokraten _nicht_ verkehrten: „Peter, wenn Sie nicht der _Peter_
wären, würde die Dame auch _Sie_ nicht so oft in ihrer wunderbaren
Equipage abholen!“ Ich erzählte das meiner Freundin. Sie erwiderte:
„Sicherlich; weshalb sollte ich nicht lieber mit einem feinfühligen
Dichter als mit einem Kommis beisammen sein wollen? Der Kommis kann
gewiß ebenso intelligent und wertvoll sein, aber ich lerne ihn nur
kennen als den, der mir Seide anpreist. Den Dichter kenne ich im voraus
aus seinen Werken. Beide könnten mich im Nahverkehre _gleichmäßig_
enttäuschen. Aber von dem einen habe ich dann wenigstens seine _Werte_
noch in meinem Bücherschranke und kann bei der Lektüre vergessen, daß er
ein gemeiner Kerl ist!“



                             REMINISZENZEN


Eine angenehme Abwechslung während des Lernens war das Anzünden der
Öllampe am Winternachmittage. Draußen sah man undeutlich graue Häuser
wie fremde Welten. Da kam das Stubenmädchen und zündete die Öllampe an.
Vorsichtig nahm sie die Milchglaskugel ab, den glänzenden Zylinder aus
Glas. Sie drehte den bereits vormittags richtig abgeschnittenen Docht
hoch mit der Messingschraube, legte zwei fadendünne harz-imprägnierte
Hölzchen (eine ganz neue Erfindung der Technik) im Kreuz über den gelben
Docht und zündete jene an den Enden an. Oft brannte der Docht, oft
brannte er nicht. Endlich brannte er. Da stülpte das Stubenmädchen
vorsichtig den Glaszylinder auf und dann die Milchglaskugel. Nun wurde
noch ein wenig an der Messingschraube, auf welcher der Name „Ditmar“ und
zwei Merkurflügel waren, hin und her gedreht, damit die Lampe nicht
rauche. Endlich brannte sie mit einem dottergelben matten Schein. Da saß
man denn, und schrieb die Einleitung zu dem Aufsatze: „Charakter des
Wallenstein“: „Wenn wir die großen Helden vergangener Zeiten an unserem
geistigen Auge vorüberziehen lassen — — —“

„Sie, Marie, der Docht raucht auf der linken Seite — — —“

„Aber junger Herr, das ist eine Sekkatur. Ich habe ihn heute vormittags
ganz gerade abgeschnitten.“

Charakter des Wallenstein: „Auf der Höhe seiner Macht angelangt,
überfiel ihn wie die meisten Sterblichen die Sehnsucht nach noch
Höherem, Unerreichbarem — — —“

Die Lampe brannte mit dottergelbem, mattem Schein, und richtig, links
rauchte sie ein wenig und schwärzte sogar den Glaszylinder an.



                                 WERTE


Ich finde, daß die Dichter so „ästhetisch-sentimentale“ und übertrieben
eingebildete, und von ihrer sogenannten Aufgabe, rekte „idée fixe“,
besessene „Erzieher der Menschheit“ sind, die doch bis heute durch sie
nicht um ein Stückchen _vorwärtsgekommen_, das heißt, _von irgendeinem
Leid befreit_ worden ist! Die wirklichen großen Wohltaten jedoch
übersieht man, hält sie für nichts und ist vor allem nicht dankbar. Als
mein geliebter Vater 69 Jahre alt geworden war, gaben ihn sämtliche
Professoren infolge von unheilbaren Alterserscheinungen für verloren,
und meine Mama, die seit zehn Jahren tot ist, weinte sich die Augen aus.
Da sandte ich meinem Vater zwei Schachteln „Tamar Indien Grillon“, mit
der Aufforderung, _jeden Morgen_ vor dem Frühstück _unbedingt_ eine
Pastille zu nehmen.

Seitdem ist er ein _Jüngling_ geworden, ist 83 Jahre alt, hat nicht eine
einzige Beschwerde des Alters. Verdauung jünglingshaft, ewiger Appetit,
rosige Laune, Schlaf zehn Stunden ohne Unterbrechung. Er fühlt nicht,
daß er alt ist. Sein einziger Kummer ist, daß er nicht mittags und
abends, aus ökonomischen Gründen, besondere Leckerbissen haben kann, wie
Rebhühner, Rehrücken kalt, kalte Poularden, Straßburger
Gänseleberpastete, Kaviar, Krebse usw. usw. Er liest von morgens bis
abends französische Romane (deutsche versteht er nicht, sie sind ihm zu
„vertrackt“), ohne Augenglas, geht _nie_ aus seinem Zimmer, und bedarf
_absolut keiner Bewegung_. Schmerzen, Melancholie, Schwächegefühle und
Langeweile kennt er nicht. Jetzt schrieb er mir kurz: „Du, ich nehme
noch immer pünktlich Dein berühmtes „Tamar“. Es ist besser als Deine
Dichtungen; die sind für mich ganz unverdaulich. Du hättest doch
vielleicht Mediziner werden sollen!“



                              SCHLAFMITTEL


                Paraldehyd,
                _Dir_ gilt mein Lied!
                Der Tag ist lang,
                mir ist so bang
                vor’m _nächsten_!
                Paraldehyd,
                _Dir_ gilt mein Lied!
                Ich glaubte stets,
                mein letztes Lied
                sollt’ einem Frauennamen gelten — — —
                versunken sind nun diese Welten!
                Mit _Medinal_
                hätt’ ich die Wahl — — —
                indessen
                Paraldehyd bringt _tieferes_ Glück — — —
                ein längeres _Vergessen_!



                                 FAHRT


Ich bin nicht gereist, ich weiß bis heute es nicht, wie ein Schlafwagen
ausschaut, verstehe nichts davon, daß man nachts in seinem Bett, auf
einem Kopfpolster, unter einer Decke und mit anderen nützlichen und
bequemen Utensilien, durch die Welt getragen wird und morgens, ganz
ausgeruht, irgendwo sich befindet, wo man, mit Respekt zu melden, noch
niemals auch nur annähernd gewesen ist. Nun brachte man mich an einem
frischen Julimorgen, per Automobil, 70 Kilometer die Stunde, nach
_Wiener-Neustadt_. Alle Wiesen begossen uns fortwährend mit ihren
Parfüms. Wind und Duft, das allein spürte man. Lioschka sagte nur
einmal: „Wenn etwas geschieht, gehen die Splitter der Autobrille vorerst
in die Augen und zerreißen sie!“ Dann nahm sie langsam die Autobrille
ab. Dann sagte sie: „Ihre geliebten weißen Kartoffelblütenfelder! Früher
habe ich mich nicht getraut, sie schön zu finden! Es hätte sich auch
nicht für mich geschickt!“ Dann sagte sie: „Haben Sie auch den roten
Mohn in den Wiesen gern, obzwar es ein Unkraut ist und schädlich für die
armen Kühe?!“

Ich berührte leise ihre Hand in den hellbraunen Rehlederhandschuhen. In
Wiener-Neustadt setzte man mich ab. Gerade fiel einer von einem Gerüste,
brach sich das Genick. Ich kaufte mir Bergblumenansichtskarten und
fünffarbige Hülsen für Bleistifte. Ich ließ mir ein Zimmer aufsperren im
Hotel neben dem Bahnhof, um zu schlafen. Alle Bediensteten waren wie
besorgte Kindermädchen, obzwar ich nicht nach „reichlichem Trinkgeld“
aussah. Aber der Schein trügt. Das ist vielleicht die letzte Philosophie
dieser dienenden Menschen.

Er ist vielleicht doch ein reicher Narr! Das letztere stimmte. Man
brachte mir alles, das heißt zehn Flaschen Pilsner Bier. Das _ist_ doch
alles! Ja und einen Roßhaarpolster. Wenn ich nur wüßte, weshalb man noch
nicht auf polierten Granitsteinen schläft?! Diese Eiderdaunen aus
zusammengedrückter Watte sind doch nur für die „Prinzessinnen in den
Kindermärchen“! Wir Erwachsenen wollen hart schlafen, wie die Kaiser in
ihren einfachen Feldbetten im Kriege. Amen.

Ich erwachte und fuhr sogleich auf den Semmering zurück. Aus dem Dunst
ins Gebirge. In _Pottschach_ stieg eine ein, in einem braungrün
schillernden seidenen Bauernkostüme. Die hatte ein Gesicht wie eine
14jährige Eleonora Duse. Aber in Payerbach stieg sie wieder aus. Sie sah
meinen Blick nicht voll Trauer und Verzweiflung. Besser für sie und
mich. Vielleicht hätte sie gedacht: „Alter Hund!“ Die Lokomotive
„pustete“, wie man zu sagen pflegt, in die Bergweltkurven hinauf. Man
glaubt immer, daß sie es nicht überwältigen wird. Aber das ist ein
laienhafter Irrtum. Sie ist dazu geschaffen, konstruiert und
ausprobiert. Gerade so ist es wie mit der „unglücklichen Liebe“. Unser
Herz ist dazu konstruiert. Manchmal zerbricht es. Das sind
„unvorhergesehene Fälle“, die auch der genialste Maschinentechniker
nicht vorausberechnen kann. Die Luft wurde immer frischer, und ich
gedachte des genialen Erbauers dieser Bahn, Ritter von Ghega, der sie in
die Felsen mit Gewalt hineinbohrte, damit der Naturfreund alles genieße,
Abgründe, Urwälder, Ausblicke, kurz die Dekoration der Bergeswelten! Auf
dem Semmering dachte ich: „In Pottschach ist eine eingestiegen, in einem
braungrün schillernden seidenen Bauernkostüme. Weshalb hat sie meinen
Blick nicht gesehen von namenloser Begeisterung?! Vielleicht hätte er
sie geschützt vor dem Herrn so und so, dem sie jetzt unbefangen die Hand
reichen wird zum „ewigen Bunde“?! Unsere Blicke sind nicht da, um zu
„zünden“, sondern um zu „schützen“, vor Blicken, die „seelisch stargrau“
sind! Wir sind nicht da, um zu „erobern“, sondern um zu „schützen“! Ein
jeder hat _seine_ Aufgabe im Leben! Er erfülle sie!



                                  LIED


Die 15jährige Anna war sein Ideal. Strohgelbe leuchtende Weizenwogen
ihre Haare!

Franziska hieß die jüngere Schwester.

Annas Lachen war wie tausend jubilierende Herzen — — —.

Franziska hieß die jüngere Schwester.

Immer war Anna vorhanden, in seiner Seele, _noch_ mehr, wenn sie
_abwesend_ war — — —.

Franziska hieß die jüngere Schwester.

Anna bekam den „Scharlach“. Er wurde _bleich_.

Franziska bekam auch den Scharlach.

Anna genas — — —.

Doch er blieb bleich.



                                ABSCHIED


Nun bist du fort — — —.

Nun _wirst_, nun _kannst_ du mich nicht mehr _quälen_.

Ich sehe deinen Blick nicht mehr, der ins Leere starrt,

das heißt, auf _alle_ Männer, die _sich gerade finden_!

Ich sehe nicht mehr, daß du frech „schachern“ willst,

mit dem immerhin geringen Kapitale, das dir mitgegeben!

Und daß du „Wucherzinsen“ begehrst für einen annehmbaren Leib!

Ich bin _erlöst_, weil ich dich nicht mehr _sehe_.

Was du _mir_ bist, kannst du _niemandem_ sein!

Das aber kannst du erst verstehen,

bis du _allen_, _allen nichts mehr_ sein wirst!

’s ist eine Frage nur der Zeit, der Monate, der Stunden — — —.

Und ich kann warten.

Ich habe die _Tränenkraft_, zu warten.

Und wenn du _weinend_ zu mir flüchten wirst,

werde ich, trocknen Auges, deine zerstörte Seele schützen, schirmen!

Denn irgend etwas bleibt stets unzerstört — — —.



   GESPRÄCH MIT EINER BARONIN, EXZELLENZ-FRAU, ÜBER IHREN HERRLICHEN
                           ZWÖLFJÄHRIGEN SOHN


„Je crains déjà maintenant nuit et jour les femmes qui viendront _plus
tard_ — — —!“

„Eh, madame, craignez donc les hommes qui viendront _plutôt_!“



                                ENTZWEIT


Oft sagte ich ihr, was mir an ihr nicht recht war — — —

ganz verzweifelt starrte sie mich mit bösem Blicke an.

Ein Abgrund öffnete sich, meine Liebe und ihre Freundschaft aufzunehmen.

Dunkel ward’s und kalt.

Hilflos ist die Frau in solchen Augenblicken, glaubt stets sich etwas zu
vergeben, falls sie milde wird, ergeben,

fällt der bangen Stunde hilflos stumm anheim.

Ich sagte: „Hörst du die Holzfäller, den Schwarzspecht, riechst du der
feuchten Wurzelstämme braunen Moder, siehst du die Bläue des letzten
Enzians, fühlst du meinen Schmerz?“

Sie sagte: „Mit solchen Reden wollen Sie mich versöhnen?!“

„Mit solchen Reden nicht, doch überhaupt. Und irgendetwas muß gesprochen
werden, sei’s dies, sei’s jenes. Vielleicht findet sich ein Wort — — —.
Es _muß_ ein Wort einfach _gefunden_ werden, das sich wie eine Notbrücke
von meiner Seele zu der deinen spannt!“

Und sie: „Siehst du, du bereust — — —.“

„Ja, ich _bereue, daß meine Liebe_ größer als meine Sehnsucht, dich zu
_bessern_, ist!“



            GESPRÄCH MIT DER SECHSJÄHRIGEN SONJA DUNGYERSKY


„Das ist ein Pastellstift zum Malen. Oh, ich weiß alles, sehen Sie!?“

„Alles, alles weißt du, angebetetes Kindchen, aber wie sehr ich dich
lieb habe, das, das weißt du doch nicht — — —!“

„Und gerade das weiß ich. Sie haben mich sogar lieber als meine Großmama
mich lieb hat — — —.“



                           GLEICH BEIM HOTEL


Gleich beim Hotel, links von der weißen Straße

ist eine abschüssige Wiese, die niemand betritt.

Im Urzustande ist das vielfarbige Fleckchen.

Auf roten Disteln wiegte sich der Distelfink,

und graue Brennesseln bargen gelbe Schnecken.

Es war ein Gewirr von braun und grau und weiß,

mannshoch und dicht. Im Mondlicht lag es düster.

Hier erschaute ich der holden Jahreszeiten holden Wechsel.

Oberhalb wurde gebaut mit hunderttausend weißen Betonwürfeln,

und unten war das Bahngeleise nach Triest.

Hier aber, auf dem abschüssigen unzugänglichen Wiesenfleckchen, gab ein
Monat dem anderen die Tür.

Ein jeder kam in _seinem_ Prachtgewande.

Und jeden grüßte ich dankbaren Blicks.

Es war mein Kalender. Ich erkannte jeden Monat, jede Woche, ja jeden Tag
an den Veränderungen.

Als alles blühen _wollte_, sah ich es voraus;

ich sah voraus, als alles sterben _mußte_!

Wer wird dich nun betrachten, da ich fort bin?!

Es _ist_, und ist dennoch _nicht mehr_ — — —.

L’âme, c’est la nature, devenue _consciente_ de soi-même!

Et puis: La nature _n’existe_ que lorsqu’on l’aime!



          GESPRÄCH MIT EINER WUNDERSCHÖNEN DAME VON 30 JAHREN


„Nach kaum 14 Tagen wollen Sie schon wieder vom heiligen Semmering
abreisen, Sie mit Ihren empfindlichen Nerven?“

„Ja, ich spüre es, daß der Semmering mir nicht hilft — — —.“

„Ein berühmter Homöopath hat gesagt: „O, Mensch, die Heilprozesse deiner
Krankheit dauern _immer gerade so lange_, als du Zeit gebraucht hast,
sie _durch deine Sünden zu akquirieren_ — — —!“

„Mein lieber Herr Altenberg, 16 Jahre lang kann ich nicht auf dem
Semmering bleiben!“



                               PLAUDEREI


Ausspruch eines fünfjährigen Mäderls:

„Wenn man alleweil brav ist, wissen die Leut’ dann gar nicht mehr, ob
man noch auf der Welt ist!“

Die Eltern tragen mir ununterbrochen Anekdoten über ihre vergötterten
Kindchen zu. Sie sind tief überzeugt davon, daß es gerade mich
interessiere! Ich interessiere mich auch wirklich _dafür_, daß sie alle
_so tief überzeugt davon sind_, daß ich mich dafür _interessiere_! Denn
diesen schönen Schein zu erwecken, heißt eben ein Dichter sein! Und als
das möchte man doch gerne gelten, wenn man schon weder Beruf noch Geld
hat, nicht?!?

„Mein Knabe sagte mir gestern“, „mein Mäderl sagte mir vorgestern“, höre
ich alle Tage zehnmal. Ob eines dieser kleinen Mistviecherl einmal zu
der reichen Mama den genialen Ausspruch täte: „Mama, wenn du mich
wirklich lieb hast, dann gibst du diesem entzückenden alten kranken
Dichter eine Monatsrate von fünfzig Kronen — — —!“

Ausspruch eines sechsjährigen Mäderls beim Abschied vom Semmering: „Ach,
wie werde ich _fürder_ ohne meinen geliebten Pinkenkogel und
Sonnwendstein existieren können?!“

Ich hätte gerne geantwortet: „Sehr gut wirst du _fürder_ existieren
können, indem ich dir _fürder_ für jeden affektierten, verlogenen,
manierierten Ausspruch deinen Hintern aushauen werde — — —!“



                                 GEGEN


Es ist eine der _infamsten Lügen_ der „Modernen“, daß es „ewigen
Fortschritt“ gäbe! Wenn _ich_ das schon sage, will es etwas heißen! Die
Kremoneser Geigen, die Amati, Guarneri, sind _nicht_ zu übertreffen, ja
nicht einmal ihr „Spiegel-Lack“ und ihre „Schnecke“. Der Seiltänzer
Blondin, der vor 40 Jahren über den Niagara tanzte und mitten über dem
Katarakte auf einem zusammenlegbaren Sparherde sich eine Eierspeise
kochte und aß, auf einem Klappsessel sitzend, ist _nicht_ zu
übertreffen. Ebenso _nicht_ die Koloratur der Adelina Patti, die
Lackarbeiten, Seidenstickereien der Japaner und Goethes Gedichte. Aber
diese Herren, nomina sunt bekannt, wollen in Malerei, Musik und
Dichtkunst „ewige Fortschritte“ uns einreden? Und gerade ausgerechnet
sie? Bei dem nicht zu übertreffenden „Vollkommenen“ demütig haltmachen
können, ist _Fort_schritt! Nach Mozart hat man _keine Quartette mehr zu
schreiben_!



                                 ROMPE!


Bevor nicht jeder deiner einstigen Kavaliere von dir sagt:

      „Was ist an ihr? Sie ist gewöhnlich, dumm und ohne Anmut, ohne
         Reiz“,
      glaub’ ich dir deine absolute innere Treue _nicht_!

      Zu deinen _Feinden_ mußt du sie erst machen _wollen_,
      um mir zu zeigen, daß du _mir_ gehörst!
      Solange sie _siegreich Besiegte_ sind,
      die Waffe senkend schwärmerischen Blickes,
      bin ich _besiegter Sieger_!
      Treibe sie zum Hasse, zur Verachtung!
      _Dann_ erst — — — liebst du mich!
      Und so geschah’s.

Nur einer von den Rittern sagte zu mir, nach langem Schweigen, eines
Abends:

  „Und wissen Sie, was ihre größte Tugend ist? Daß sie Sie liebgewonnen
  hat, und uns den Laufpaß gab!“

  Ich sagt’ ihr das.

  Und sie erwiderte: „Der Arme, Gute. Ich hab’

  ihn vorgemerkt. Nach Ihnen kommt er dran!“



                               WASCHUNGEN


„Ich wasche mich täglich unmittelbar nach dem Aufstehen vom Kopfe bis zu
den Zehen, zuerst lau und dann kalt,“ sagte das wertvolle moderne
Mädchen zu mir.

„Sehr gut,“ erwiderte ich, „aber ich glaube nicht, daß Jeanne d’Arc dazu
immer Zeit hatte, als sie in die Schlacht mußte, um Frankreich zu
erretten!“

Als ich sehr krank lag, nahm es mich immer „Wunder“, daß meine Geliebte,
nach einer durchwachten und durchsorgten Nacht, noch immer die Energie
fand, sich morgens vom Kopf bis zu den Zehen einzuseifen und abzuspülen.

Sie sagte zwar: „Das tue ich, um mich _für dich_ frisch zu erhalten!“

Aber, siehe, ich glaubte ihr das nicht.

Es war das „gottlose Weibchen“ in ihr, das trotz allem und _unter allen
Umständen_, sich appetitlich erhalten wollte! Für wen?! Nun — — — _für
alle_!



                                RESPEKT


Er war immer, immer gerührt, ergriffen durch ihre „Persönlichkeit“, die
auch die lange Krankheit nicht in ihr vernichten konnte. Er hatte immer
die Idee, sie würde mit dem letzten Atemzuge noch einen überaus herzigen
und aparten Clowntrick machen, und z. B. sagen: „O, Peter, ich werde
also, wenn ich hinkomme morgen, den Petrus bitten, er soll, wenn du
ankommst, dir deine vielen Sünden verzeihen, schon weil du sein
Namensvetter bist!“

Infolgedessen konnte er sich nicht enthalten, sie im Gespräche hie und
da zärtlichst bei der Hand, am Arme, am Haupte, anzurühren. Wie ein
süßes Kindchen.

Da sagte sie eines Tages: „Frau Lilly rührst du _nie_ an, obzwar du sie
_auch_ sehr gern hast! Du hast aber mehr _Respekt_ vor ihr! Siehst du?“

Seitdem habe ich die süße kindliche Frau nie mehr angerührt.

Einmal sagte sie zu mir: „Hast du mich also nicht mehr so gern wie
früher, Peter?“

„O ja, aber ich habe Respekt vor dir bekommen!“

„Du dummer Mensch!“ sagte sie und lächelte —



                          FALZAREGO-PASS-HÖHE


2250 Meter. Also zum erstenmal seit meiner jauchzenden Kindheit wieder
auf steinbesäter Bergalm mit dunklen Latschenkiefern, weißem Speik und
Geruch von Ziegen.

Irgendein Wässerlein tropfte, sickerte von ausgelaugten Felsenplatten.
Meine Hand berührte zärtlich die polierten Nadeln des Zirbelholzes. Ich
lauschte dem Rauschen im Legföhrenwalde. Das Knieholz schwankt nicht im
Bergföhnstöhnen. Die Stämme sind wie Kautschuk. Der schwarze Weg ist
feucht und klebrig.

Ich gedachte des „Ochsenbodens“ auf dem Schneeberg, Märchen meiner
Kindheit. Wie liebte ich diese fahlen blumenlosen Matten mit Geruch von
weidenden Tieren!

Wie wenn der Kreis sich schlösse meines Daseins. Auf Bergmatten begann
es mit unbewußtem Jauchzen, auf Bergmatten endet es mit ernster Wehmut.
Falzarego!



                        ENTERBTE DES SCHICKSALS


Sie hatte eine kleine reizende Blumenhandlung im Berghotel. Das heißt,
sie hatte sie nicht, sondern sie war nur Verkäuferin. Die Besitzer waren
in Wien, reiche Leute.

Sie liebte die Blumen, die man ihr von den ungangbaren Felsgraten
brachte, sie liebte die Blumen, die man ihr aus Ziergärten schickte in
Watte und Holzbaumwolle. Alles, alles mußte sie aber doch verkaufen.
Ihre besten Kunden waren die „Hotel-Don Juans“ und die „Neuvermählten“.
Und sogenannte notwendige Abschiedsbuketts, von denen man dachte: „Ich
will _nicht_, aber ich _muß_!“ Diese verkaufte sie am liebsten, schlug,
so weit es ging, mit dem Preise auf, unerbittlich. _Abschied ohne
Abschiedstränen_ muß teuer bezahlt werden! Einmal kam ein Dichter,
bestellte für die sechsjährige Sonja Dungyersky einen Strauß von
hellrosigen „Rosa Crimson Rambler“. Diesen ließ sie sich nicht bezahlen.
„Weshalb denn nicht?!“ fragte der Dichter. „Wir wollen doch auch um
Gottes willen einmal eine Freude haben! Etwas miterleben!“ erwiderte die
Verkäuferin.



                                FRÜHLING


Also jetzt weiß ich alles — — — zuerst kommen die Kätzchen der
Haselstaude, dann kommt primula acaulis, dann gentiana brachyphylla,
dann kommt ein grüner Schimmer über die Birken, dann kommt Leontodon
taraxacum, dann kommt ein weißer Schimmer über die Birnbäume, dann
erwachen die Kastanienbäume, und zuletzt die Lärchen. Jetzt weiß ich
alles, so _wird_ es! Hotels werden gebaut aus weißen Betonziegeln, und
man projektiert ein Tontaubenschießen. Gleichsam ein lebendiger Protest
gegen das Massakrieren von lebenden Tauben. Freilich der Turmfalke, der
Sperber, der Wanderfalke, die Eule?!? Aber die tun es aus Instinkt, den
wir Gott sei Dank verloren haben. So viele Leute jedoch ersehnen sich
ihn wieder. Sie haben aber leider noch genug davon!



                                ERLEBNIS


Ich kaufte mir für eine Krone eine Porzellankaffeeschale mit gemalter
Ansicht: „Semmering, Hotel Panhans“, steckte eine große Rolle Papier
hinein, auf dem geschrieben stand: „_Das_ sind die „Andenken“, die die
reichen Damen ihren unglücklichen Dienstboten vom Semmering mitzubringen
pflegen!“

Und das Dienstmädchen sagt gerührt: „Aber gnä’ Frau, nein so was — — —!“

Aber sie meint: „Nein, so was Billiges, Scheußliches!“

Kaum hatte ich die Sache auf meinem Tische aufgestellt, besuchte mich
ein reicher Gutsbesitzer. „Großartig,“ sagte er, „wir fahren heute weg.
Meine Frau hat drei solcher Kaffeeschalen für unsere Dienstboten
gekauft! Und ich sag’ Ihnen doch, mein lieber Altenberg, solche Leut’
freut das am meisten!“ „Ja, Schnecken!“ wollte ich sagen, aber ich
sagte: „Selbstverständlich, sicherlich.“ Dann sagte er: „Zeigen Sie’s
jedesfalls meiner Frau, vielleicht gift’ sie sich.“



                              DIE TÄNZERIN


Ja, gut, ich war von meinem achten Jahre an bis zu meinem siebzehnten
eine englische Tänzerin in Varietés.

Aber ich darf es nur denen sagen, die es als meine Ehre betrachten, daß
ich schön tanzte und mir mein Geld verdiente und meiner Mutter davon
gab, nämlich Geschenke. Sonst nahm sie nichts.

        Aber den Damen darf man es nicht sagen,
        die kalt und bös im dummen Leben stehn!
        Sie wissen nichts von unserer hohen Ehre,
        daß wir der Kunst _gedient_ und dennoch stets
        _Herrinnen_ geblieben sind über uns selbst!
        Sie glauben, man müsse im Kampfe unterliegen,
        denn siehe, sie unterlägen im ersten _Vorpostengefecht_!



                             MEINE EHRUNGEN


Die Frau eines berühmten Operettenkomponisten sagte zu mir: „Herr
Altenberg, Sie wissen doch alles von den wichtigen Sachen im Leben, ich
bitte, soll man Rhabarber in einem Garten anpflanzen?“

„Nein, unter keiner Bedingung! Rhabarber verbraucht alle Bodenkraft
ringsumher, er ist, gleich dem Rasen, der Egoist in der Pflanzenwelt!“

Die Frau eines berühmten Schriftstellers sagte zu mir: „Ich bitte sehr,
soll man den Reis schon die Nacht vorher einweichen in einem
Wasserwandel?“

„Jedenfalls! Reis bedarf der Vorbereitung, wie jede zarte Sache!“

Eine dritte Dame sagte: „Alles was in Ihren Büchern ist, ist _längst
vorher_ in unseren Herzen! Aber wir sind _feig_, behalten es bei uns. Es
ist gut, daß jemand den Mut habe! Und dann: Uns glaubt man nicht. Den
Dichtern zwar auch nicht. Man sagt: _Ein Dichter_! Uns aber sagt man:
Gans!“



                                 KLARA


Es gibt Mädchen, deren _ewige Verehrer_ wir bereits sind durch die Art
wie sie ihre Haare zurückstreichen an den Schläfen. Eine unermeßliche
Anmut ist es, eine kindlich-lässige, _nichts_ bedeutend und für uns ein
_Schicksal_!

Hätte ich nicht gesehen, wie sie ihre Haare zurückstreicht — — — aber
ich _habe_ es gesehn und bin _verloren_!

Von nun an für sie beten und weinen — — —.

Wie hob sie die Arme, wie hielt sie die Schultern, wie waren ihre Hände,
ihre Finger, wie stand sie da, und wie besiegte sie alle Nixenreigen im
Mondlichte am Waldsee der Märchen?!

Sie strich die aschblonden Haare zurecht, eine Bewegung, die so
natürlich, selbstverständlich ist wie Atmen, Gehen, Sprechen. Ich aber
beugte mein Knie vor Gottes _Weltenanmut_, die er mich Armseligen in
seiner unerschöpflichen Gnade, an einem Julivormittag erschauen ließ!



                     BERGHOTEL-TERRASSE, SEMMERING


Daß ich da bin, ist mir ein ewiges Rätsel — — —.

Ich war schon in der Gruft, durch Schuld der Ärzte!

Heimtückische Mörder ihr, nein, schrecklicher, _Idioten_!

Nun hab’ ich den Bergwald vor meinem Fenster,

und die Stimme der K. P. jauchzt und singt und spricht Gesänge; bloß
wenn sie nur sagt, was alle Menschen sagen; Gewöhnlichstes wird zum
_ewigen Ereignis_. Wie man es sagt, ist alles, _was_, ist nichts!

Und die Komtesse schreitet, fliegt, schwebt, schlängelt sich über die
Terrasse — — —.

Das süße Kindchen Sonja Dungyersky steht da in braunen Locken und ihre
Beine sind dünn und braun wie von Gazellen — — —.

Daß ich noch bin, ist mir ein ewiges Rätsel. Gott, schütze mir die,
deren Schönheit mich berauscht! An denen ich krank werde und gesund
zugleich!

Berghotelterrasse aus Beton, mit deinen grellroten Tischen, Sesseln, ich
war dein erster Morgengast, und ich begrüßte dich zärtlichst, du feuchte
noch vom Morgentau! Im äußersten Ecke saß ich, oberhalb der Baumwipfel,
und starrte in den weißen Mürztalnebel! Ich sah dich erstehen aus grauen
nassen weichen Betonhaufen; ich wartete 21 Tage auf deine Marmorhärte;
ich war dein erster Gast!



                               ERKENNTNIS


Alle Frauen rächen sich am Manne für irgendeine Unzulänglichkeit, die
sie besitzen! Häßliche Fingernägel machen sie bereits boshaft und
gereizt. Von einem „unidealen Busen“ gar nicht zu sprechen! Da begehren
sie Tag und Nacht auf mit dem grausamen Schicksal, verzehren sich in
Leid, und _lassen sich’s nicht merken_! Deshalb muß eigentlich jeder
Mann _milde_ sein, _gerührt_, gestimmt zum _Verzeihen_! Wenn eine die
Genialität hätte, es zu sagen: „Ich bin unglücklich _über mich selbst_!“
Aber das wagen sie nicht, es sich selbst einzugestehen. Sie verlassen
sich auf die Güte des Mannes, der sich „sekkieren, quälen, ungerecht
behandeln“ läßt! Sie haben aber recht, denn _seine_ Liebe ist von Gott
eingegeben, und _ihr_ Schicksal ist irdisch und ein bißchen vom Teufel!
Er hat die _göttliche Kraft_ zu _leiden_ mitbekommen, sie die _irdische
Schwäche_, _glücklich_ sein zu wollen!



                                 KLARA


13. Juli, vormittag. Sie ging, in weißem Kleide, langsam den Wiesenweg
hinauf. Ich sah sie; und sah sie wieder nicht. Sie grüßte, und ein
Gebüsch verdeckte sie. Dann sah ich sie wieder. Langsam sah ich ihr
weißes Kleid und ihre blonden Haare dem Wald zuschweben. Ich stand
gebannt und grüßte nicht. Sie wußte, wie mir zumut war. Sie grüßte noch
einmal. Wie wenn man sagte: „Du bist der erste, der gebannt steht und es
vergißt, zu grüßen — — —!“

Sie wußte dennoch nichts von ihrer heiligen, schrecklich-süßen Macht.
Ich aber warf mich aufs Bett und weinte — — —. Dann kam sie zurück. Ich
sah ihr weißes Kleid und ihre blonden Haare. Gebüsch verbarg sie, mochte
sie entschwinden. Dann sah ich sie wieder. Ich verneigte mich. Sie ging
vorüber; und wie eine Regenwolke kam es über die lichte Landschaft
— — —.



                          EIN KOMTESSEN-BRIEF


Lieber Peter Altenberg,

weshalb sagen Sie mir das über die „göttliche Vollkommenheit meines
Leibes“, den _Sie_ unbedingt unter allen Hüllen _nackt_ sehen?! Ich habe
doch schon _alle Untugenden_, die unser Stand, unsere Sorgenlosigkeit,
unsere Verwöhnung von früh bis abends, mit sich bringen ohne unser
Hinzutun!? Jetzt kommt noch die Begeisterung eines Dichters hinzu, also
eines Menschen, der nichts will als begeistert, berauscht, gerührt
sein?! So ein Beschenker! Sie werden mich nicht eitel machen, Edler, ich
werde nur denken: „Vielleicht verhilft es ihm zu einem Gedichte, das
wieder anderen hilft, wenn sie es lesen!?“ Und dennoch habe ich mich
abends in dem Stehspiegel angeschaut und gedacht: „Dichter wissen doch
alles!“



                           MÄRCHEN DES LEBENS


Der größte Beweis von _Kultur_ und _Takt_ einer Frau ist es, sich die
ihr immerhin ganz angenehme Verehrung eines ungeliebten Mannes gefallen
zu lassen, ohne ihn je zu kränken! Eine Dame ließ sich durch sechs
Wochen meine schwärmerische Begeisterung sanft lächelnd gefallen. Beim
Abschied bat ich sie, doch den Rehlederhandschuh abzustreifen, damit ich
zum ersten- und zum letztenmal ihre geliebte Hand küssen könne — — —.

„Schau’ns, Peter, was haben’s davon, nix. Das hat gar keinen Zweck. Hab’
ich recht?!“

„Vollkommen“, erwiderte ich.

„Leicht sind Sie getröstet, mein Herr!“ erwiderte sie.

„Im Gegenteil, ich bin _untröstlich_ darüber, daß Sie in Ihrer Kindheit
zu wenig französische und englische Gouvernanten gehabt haben!“



          WORÜBER MAN NOCH IMMER WEINT, UND EWIG WEINEN WIRD!


Die Frau verließ den Mann — — —.

Hundert Millionäre lagen ihr zu Füßen.

Da bekam ihr Kindchen Scharlach.

Ihr Mann schrieb ihr: „Marie schreit auf aus tiefem Schlaf, ruft Deinen
Namen!“

Da kam sie.

Und blieb!



                                 BESUCH


Nun gut, ich bin ewig begeistert, trotz meiner 53 Jahre und meiner
Krankheit, die doch schließlich unmerklich die Kräfte wegfrißt wie ein
irrsinniger Jaguar, der nie genug hat und im Blute wühlt und trinkt ganz
ohne Durst! Mir gegenüber, auf Zimmer 142, 143, wohnt seit gestern ein
kleines Mädchen, Ungarin, Bulgarin oder Serbin; im Nationalkostüm mit
ganz nackten, herrlichsten Beinen geht sie. Als ich sie heute auf der
Stiege traf, lächelte ihre Mama über mein begeistertes Gesicht. Ich
stand und schaute. Weshalb reisen, wenn die fremden Länder in ihrer
Märchenpracht sich zu uns bemühen?! Das Hotelstubenmädchen ließ mich in
das unaufgeräumte Zimmer. Ich kniete an dem Bett des Kindes nieder,
küßte das Linnen, auf dem ihr heiliger Leib geruht! Das Stubenmädchen
sagte: „Wann sollen denn die Menschen schön sein als so lang sie klein
sind?! Später „wachsen sie sich aus“, da wird eine wie die andere — —.“

Ich schenkte ihr zwei Kronen, denn sie war meine Mitarbeiterin geworden
an dieser Skizze, die zwar noch nicht angenommen und bezahlt ist. Aber
man muß etwas riskieren — — —.



                             LIEBESGEDICHT


Ich wußte es, sie hatte mich betrogen — — —.

Betrogen? Nein. Sie hatte nur vergessen, es mir zu sagen, es mir
mitzuteilen — — —.

Denn ich hätte es ihr gestattet; wie einem Kindchen
Kugler-Gerbeaud-Bonbons, von denen man nicht wissen kann, wie zart sie
schmecken — — —.

Das Stubenmädchen brachte mir ihren, meinen armseligen Ring, zehn
Kronen, den sie auf Zimmer 109, im Bett gefunden hatte.

Dann ging ich in die Bergwiesen, in den Wald, zu unserem heiligen
Ruheplätzchen.

Hochgelbe Arnika wuchs, weißer Klee, braune Schuppenwurz, lila
Orchideen, ein Liebesteppich.

Sie hatte mich betrogen. Nein.

Dort, siehe, war es ein weißes Bett gewesen wie tausend Betten — — —.
Ein weißes, weißes, nichtssagendes Bett.

Hier aber war Bergwiesen-Liebesteppich, in Gottes bunter Pracht! Hier
blieb sie mir treu!



                         DAS GRÖSSTE KOMPLIMENT


(Der Komtesse T. W. geweiht.)

Einige Herren saßen beim Frühstück auf der herrlichen Bergterrasse,
sprachen über die junge Gräfin.

Der erste: „Sie ist so liebreizend, daß man krank und gesund zugleich
wird bei ihrem Anblick!“

Der Zweite: „Ich habe ein Gedicht gemacht, es ist das erste in meinem
Leben. Puccini will es mir in Musik setzen.“

Der Dritte: „Ich schrieb an meine geliebte alte Mutter nur über sie,
acht Quartseiten — — —.“

Der Vierte: „Sie ist da, und selbst der Bergwald ist seitdem schöner,
melancholischer, düster-verhängnisvoll geworden!“

Der Fünfte: „Wenn sie abends 8 Uhr, beim Konzerte, in den Speisesaal
treten würde, _splitternackt_, sich hinsetzen, essen, trinken, sprechen
würde, so würde der ganze Saal es für natürlich, selbstverständlich
finden, als ob man längst darauf gewartet hätte! Man spürte es direkt
als etwas Unschickliches, daß sie früher angekleidet gekommen war!“



                                LE MONDE


Die Schaukel war weitausgebaucht und braunrot.

Im Winter sah sie nach nichts aus, im Sommer wurde sie mir eine lichte
Welt! Klara, Franziska schaukelten darin, vormittags, nachmittags bis
zum Abend, in weißen Batistgewändern, mit blondgoldenen, wehenden
Seidenhaaren.

Im Winter sah die braunrote Schaukel nach nichts aus, im Sommer wurde
sie mir eine lichte Welt — —.

Dann kam der Herbst und dann der erste Schnee. Da blickte ich denn oft
dankbar hinaus zur Schaukel, tief dankbar für das einst Gebotene.



                              EIN REGENTAG


Es regnet. 9. Juli 1912, nachmittag 5 Uhr. Ganz dichte graue Schleier
ziehen über den Bergwald vor meinen Fenstern. Alles trieft, ist
untergetaucht in Nebel. Die Blumen haben ihre Farbe verloren, die
Blechdächer glänzen, sind von Staub gereinigt, naß-poliert. Die
Schaukel, die Schaukel. Vormittags schaukelte noch die sonnigste Frau,
die blondgelichtete, die _musiksprechende_, in der Sonne! Ich sah sie
schweben und weinte. Mir ist nichts anderes gegeben als zu weinen. Ich
kann keine Lieder komponieren zum Preise, wie Brahms, Hugo Wolf, Grieg.
Ich kann nur eine Melodie — — — weinen. Klara, Klara. Es regnet. Graue
Schleier ziehen über den Bergwald vor meinem Fenster. Es duftet nach
nassem Wald natürlich. Alles ist wie ertränkt. Klara, Klara, du sitzest
in deinem Zimmer, lernst wichtige Dinge, fürs nächste Jahr, für die
Prüfung, für das Leben. Deine blonden Lockenwolken streifen das weiße
Papier, auf dem du schreibst — — —. Du sagst: „An einem solchen faden
Nachmittag ist’s noch am besten zu lernen — — —!“



                             IN 24 STUNDEN


„Ich bitte, nehmen Sie mich um Gotteswillen heute nacht in Ihr Zimmer!“

„Was interessiert Sie an meinem Zimmer?! Sie haben es doch schon oft bei
Tag besichtigt?!“

„Bei Nacht muß es viel schöner sein!“

„Mein Mann wird Sie erschießen!“

„Das macht nichts!“

„Mein Mann wird mich erschießen!“

Infolgedessen sah er nie ihr Zimmer bei Nacht.

Nun werdet ihr mich fragen: „Und bei Tage?!“

Frauen sind so kindlich, das Tageslicht als _neutralisierend_ zu
betrachten; die Sonne kann mit ihrem lichten Strahl die dunklen Sünden
bleichen! Sie läßt sich erzählen und beichten! Und verzeiht!

Nur die Finsternis ist heimtückisch, macht zur Verbrecherin und verrät!
„Kommen Sie, mein Herr, bei Tageslicht!“



                          HOTEL-STUBENMÄDCHEN


Ich sagte zu meinem Hotel-Stubenmädchen: „Johanna, Sie werden von Tag zu
Tag unaufmerksamer gegen mich. Gestern waren sogar keine Zündhölzer
vorhanden.“ Sie sagte: „Jetzt wird es schon wieder besser werden. Ich
habe nämlich meine Schwester, 27 Jahre alt, verloren, man hat ihr zum
Schluß das ganze linke Bein abgenommen. Sie hat gesagt: „Ich möchte auch
mit _einem_ Bein leben!“ Aber es ist doch nicht gegangen.“ Sie brachte
mir zehn Pakete Zündhölzchen. Sie sagte: „Wenn man nur wüßte, wofür man
so schwer bestraft wird!? Die Dame auf Nr. 32 hat sicherlich mehr
gesündigt als wir, und wie fein lebt sie?!“

Ich sagte: „Johanna, wenn es auf Erden richtig zuginge, brauchten wir ja
nicht die Hoffnung aufs Himmelreich — — —“

Sie sagte: „Entschuldigen Sie vielmals die zahlreichen Versäumnisse der
letzten Tage. Meine arme Schwester hat ausgerungen. Jetzt kann ich
wieder meine Pflicht erfüllen!“



                            MODERNER DICHTER


          In unserm Leben gibt’s so viel Nuancen — — —
          Die eine sagt: „Arzt meiner kranken Seele!“
          Die andre sagt: „Wie schrecklich er nur aussieht!“
          Die eine lauscht begierig der Persönlichkeit,
          die andre sieht pikiert den Gegensatz zu den andern!
          Die eine schreibt: „Darf ich zu Ihnen kommen?!“
          Die andre hält’s für zynisch, wenn er im Gespräch
          sanft-zärtlich ihre Hand berührt.
          Die eine sagt: „Ein Romantiker _ohne_ Herz!“
          Die andre sagt: „Ein Herzlicher _ohne_ Romantik!“
          Und eine jede sieht ein „für“ und „wider“ — — —
          und keine spürt, daß „für“ und „wider“ _eins_ ist
          in einem, in dem „für“ und „wider“ _zugleich_ sind!



                                 NATUR


Naturempfinden ist wie die _Mutterliebe_ eine ewige rastlose Emotion.
Man kann nicht sagen: Hier ist es schön! Man muß erfüllt sein, krank,
von allem anderen losgelöst, begeistert, gerührt, dankbar und erstaunt!
Man muß sich sagen: Wie komme ich dazu, das zu erleben, zu erschauen?!
Es muß ein „Nervenrausch“ sein, sonst ist es nichts, nichts! Es darf
keinerlei Zweck haben für die werte Gesundheit, es muß von selbst wirken
und beglücken, wie das Antlitz der jungen Mutter, die sich über die
Wiege des soeben erwachten Kindchens beugt. Ein Glücksschimmer ist da
über seinem Antlitz, weshalb, das weiß niemand. So muß die Natur wirken!
Sie ist kein hygienisches Heilmittel, pfui, sie ist ein _Mysterium_.
Nimm gewisse Vögel aus dem Wald, und sie sterben vor Gram. Gib sie
zurück, und sie zwitschern Dankgebete. So ist das Naturempfinden. Eine
heiße, süße, zehrende Leidenschaft der Seele! _Sport_ und _Hygiene_ sind
Börsenmanöver, die die modernen Menschen mit dieser Kirche „Natur“
effektuieren!



                NOCH NICHT EINMAL SPLITTER VON GEDANKEN


_Dialog_

„Sie haben erklärt, ich hätte die feinstmodellierten Nasenlöcher, die es
gäbe?! Das ist nicht sehr viel — — —.“

„Nein, es ist _nur_ Edelrassigkeit!“

_Extrakt eines Königinnenlebens_:

„Die Königin fühlte sich am wohlsten, wenn sie bei einer edlen
Zigarette, mit Gräfin P. A. über ihr Lieblingsthema, die Krankenpflege,
_plaudern_ konnte.“

_Die Philosophie_:

Sie war die Lieblingsschülerin des berühmten alten Professors E. in Pr.
Und _dennoch_ sagte sie: „Zu braunem Musselinkleide gehören eben
unbedingt braune Strümpfe, braune Schuhe, brauner Schirm!“ _Dennoch?!_
Nein, _deshalb_!

_Leben des Alternden_

Immer bissiger und innerlich immer voller Tränen!

_Leben des reichen Mädchens_

„Ohne Beschäftigung könnte ich es nicht aushalten. Man muß es sich doch
beweisen, daß man _auch_ ein Mensch ist!“

Es gibt Frauen, die von der Natur so _luxuriös_ ausgestattet wurden, daß
sie sich den _Luxus_ der _Luxuslosigkeit_ erlauben dürfen! (Komtesse
T...... W. E.).

Aus dem „Englischen“:

„Man sieht, wie wenig Gott von Geld hält, an den Leuten, die er damit
ausstattet!“

Aus dem „Wienerischen“:

„Sö haben gar ka Idee, wie unangenehm i werd’n kann, wann i will!“

„Versuchen Sie es einmal, es _nicht_ zu wollen!“

Aus dem „Französischen“:

Um ganz Pariserisch zu sprechen, braucht man es nur _ununterbrochen_
ganz einfach innezuhaben, daß es _vier_ e gibt, das e muet, das e grave,
das e égu, das e circonflexe, und sich danach zu richten! Aber das kann
nur der geborene Pariser!

                                   ✶

Als ich dem jungen Offizier mitteilte, ich hielte ihn für den Typus des
„Eroberers“ und beneidete ihn um sein Glück bei Frauen, erwiderte er:
„Schau’ns Peter, schau’ns, Glück gibt’s nicht! Die, bei denen man Glück
hat, da ist es doch kein Glück. Die hat man von selbst. Dort erst wäre
es erst ein Glück, wo man _kein_ Glück hat. Und _grad’ da_ hat man kein
Glück!“

Das Geständnis auf dem Sterbebett.

28./8. 1912.

Aus Nyiregyhaza wird gemeldet: Das Mitglied des Munizipalrates und
Direktor der Volksbank Anton F. wurde verhaftet. Seine Frau hat auf
ihrem Sterbebette gestanden, daß er vor vier Jahren ein Haus in Brand
gesteckt habe, um die Versicherungssumme zu erhalten für ihren
Sommeraufenthalt!

Konklusion: Weihe deine Frau in nichts ein, sie könnte aus _Rache_ oder
_religiösem Bedenken_ oder aus allgemeiner Stupidität dich verraten!

                                   ✶

Moderne Gemäldegalerie der Armen: Farbiger Kunstdruck der „Jugend“,
50-25 Zentimeter, Emil Hoess: _Rehe_. Text von P. A.: „Es gibt Menschen,
die sich an der _Anmut_ dieser edlen Tiere _berauschen_! Es gibt
Menschen, die der _Leidenschaft der Jagd_ ergeben sind! Es gibt
Menschen, die, _ohne_ Rausch und Leidenschaft, gern Rehrücken mit Sauce
Cumberland _fressen_! Es gibt _Dichter_, _Don Juans_ und _normale
Männer_!“

                                   ✶

Nur mit dir, Geliebte, hat das Leben für mich noch einen Reiz, aber
_ohne dich_ hat es noch mehr Reiz!

                                   ✶

Sie bewunderten sich gegenseitig — — — da war es ein Mißton! Sie
bewunderten gemeinsam einen Schildkröt-Schirmgriff — — — da war es ein
Akkord!

                                   ✶

„Haben Sie mich noch gern?!“ fragt sie immer innerlich nach der ersten
Umarmung. Weshalb fragt der _herrliche Idiot_ nie: „Haben _Sie mich_
noch gern?!“

                                   ✶

_Schamgefühl_ ist „_ein Schutz für Unzulänglichkeiten_“. Man verbirgt,
was _zu verbergen_ ist! Treue ist auch ein Schutz. Wenn ich nur wüßte,
wogegen?! Ah, ja, gegen die _Gefahren_ der Treulosigkeit!

                                   ✶

_Essen_, um das Vergnügen zu haben, zu _essen_! _Hungern_, um das
Vergnügen zu haben, zu _essen_! _Hungern_, um das Vergnügen zu haben, zu
_hungern_!

_Philister_, _Lebenskünstler_, _Dichter_!

                                   ✶

Es gibt kein laues Bad von 27 Grad und keine gute Kernseife, die nicht
jede Sünde der Frau hinwegwüschen!

                                   ✶

Eine Frau, der _ich_ ihr _Alles_ bin — — — pfui Teufel!

                                   ✶

Sie sagte: „Nie, nie, nie, werde ich Ihnen genug dankbar sein können!“

„Oh ja, Fräulein, wenn Sie mich Ihre Achselhöhlen küssen lassen!“

                                   ✶

Das Schrecklichste ist, irgendeinen pathologischen Zustand, wie Rausch
oder Eifersucht, nicht „_ausschlafen_“ zu können! Denn dazu ist ja der
Schlaf da, daß man wieder „zur Besinnung“ komme, daß man „ein Vieh war“!

                                   ✶

_Schlaf_ ist der Verzeiher aller Sünden, die man dem armen Körper antut!
Man darf daher nicht _mehr_ Sünden begehen als man Schlaf hat! Einige
Sünden jedoch lassen sich nicht „ausschlafen“, z. B. zähes Fleisch mit
Kohl. Auch die „Sünde der Faulheit“ läßt sich schwer ausschlafen. Je
mehr man begeht, desto schläfriger wird man!

                                   ✶

Es gibt zwei Sorten moderner Musiker — — — die _Ehrlichen_, das sind
die, die den Richard Wagner _bestehlen_! Und die _Unehrlichen_, das sind
die, die _originell_ sind!

                                   ✶

Es gibt Dinge, die man nicht „modernisieren“ kann, z. B. den Kuckuckruf.
Oh ja, man macht ein Rabengekrächze und nennt es „Kuckuckruf“!

                                   ✶

„Der gute alte Richard Wagner“, sagen schon manche Vorge-trottelten!

                                   ✶

Mit 82 Jahren ist man mit dem Tode schon so _befreundet_, daß er einem
die unangenehmsten Wahrheiten ungeniert ins Gesicht sagt!

                                   ✶

Ein Gymnasialdirektor sagte zu jedem Abiturienten beim Abschiede:
„Werden Sie General!“ Er meinte, in jedem Berufe könne man es zum
General bringen!

                                   ✶

Es war direkt interessant, wie völlig uninteressant die Dame war!

                                   ✶

Es gibt keinen größeren Idealismus als den einer zärtlich liebevollen
Mama. Selbst eine unangenehme Erkenntnis hat bei ihr noch die Gloriole
von roten Herzbluttropfen!

                                   ✶

Millionäre trösten uns immer damit, man könne sich auch an Austern
„überessen“. Aber in _diesen Zustand_ eben einmal zu gelangen, ist ja
das Glück!

                                   ✶

Ich fahre lieber in einem gefährlichen Automobil als in einem
ungefährlichen Omnibus.

                                   ✶

Man ist häufig genötigt, in der guten Gesellschaft das Wort „entzückend“
auszusprechen. Ich habe daher im Tonfall dabei bereits so viele Nuancen
mir zurechtgelegt, daß eine Dame mir einmal, als ich etwas „entzückend“
fand, sagte: „Sie grober unverschämter Kerl! So ekelhaft ist es ja doch
nicht, wie Sie es finden!“

                                   ✶

Als der Kutscher uns liebenswürdig die Gegend erklärte, notierte ich bei
jedem Bergnamen zehn Heller Trinkgeld. Als er die „Hohe Veitsch“ nannte,
waren es bereits theoretisch 3 Kronen 70. Wir rundeten es auf 1 Krone 50
ab!

                                   ✶

Die Art deines Gehens, o Fraue, wenn du eine Hoteltreppe langsam
hinauf-, langsam heruntersteigst, ist bereits dein „Biografical essay“,
eine Offenbarung deiner wirklichen untrüglichen Werte!

                                   ✶

Ich sah sie im Speisesaal eine Zigarette rauchen und war entzückt. Ich
wußte noch gar nicht, was und wie sie sprechen würde. Sie hätte ewig
schweigen dürfen, sitzen, rauchen, blicken — — —.

                                   ✶

Das, was die Menschen uns nicht vortäuschen _können_, nicht vortäuschen
_wollen_, _das_ sind sie! Ich habe Kinder gesehen, bei denen das
„_Nießen_“ sogar entzückend war!

                                   ✶

Man kann auch elegant zanken, elegant verzweifelt sein, man kann elegant
langweilig sein, und sogar elegant ungezogen! Aber das ist das
schwerste!

                                   ✶

_Sie_ bezahlte Champagner und _beleidigte_ mich durch die Art, wie sie
es tat!

_Ich_ zahlte Champagner, und sie _versöhnte_ mich durch die Art, wie sie
es annahm!

                                   ✶

Eine Dame sagte: „Ich bitte, Herr Peter, welches ist das idealste
Mundwasser?!“

„Ein idealer Zahnarzt! Denn dann braucht man _gar kein_ Mundwasser, ja
_nicht einmal_ eine Zahnbürste!“

                                   ✶

Der Luxus der Frauen steht theoretisch _im umgekehrten Verhältnis_ zur
_Vollkommenheit_ ihres Leibes! Dem _Leinenkleide_ für 25 Kronen
entspricht der Leib der _Pauline Bonaparte_! Eine Dame sagte zu mir:
„Diese blöden teuren Fetzen! Mich müssen’s nackert sehen! Dö Sachen
verschandeln einen ja nur!“

                                   ✶

Wenn ein Blumenmädchen in einem Vergnügungslokale an deinen Tisch tritt,
dir für deine Dame eine Rose anzubieten, so muß die Dame _sofort_
erklären, daß sie keine wünsche. Sonst macht sie sich _ebenfalls_ einer
Erpressung schuldig!

                                   ✶

Wenn in einem Geschäfte eine Kundschaft nach einer Ware sich erkundigt,
die nicht vorhanden ist, so haben die Verkäufer nicht _stolz-abweisend_
zu erklären: „Nein, das führen wir nicht — — —!“, sondern
_zerknirscht-reuevoll_.

                                   ✶

Weshalb erhält man bei uns hölzerne _Fußschemel_ nur in den
_Spielereihandlungen_, während die Geschäfte für _Kücheneinrichtungen_
sich beharrlich sträuben, dieselben zu führen?! Fußschemel sind keine
Spielerei, und in der Küche braucht man Schemel — — —. Das sind
unergründliche Geheimnisse der Geschäftswelt!

                                   ✶

In Berlin kann man von März bis Oktober die riesigen
Spiegelscheibenfenster in die Keller hinablassen, und man sitzt im Lokal
gleichsam im Freien in guter Luft. Bei uns kann man das nicht. Wundert
Sie das?! Mich nicht!

                                   ✶

Unsere Auslage-Arrangeure wollen immer so viel als möglich vom Lager
hinauszwängen, während gerade _ein einzelnes, besonderes Stück_ die
_ganze Führung_ des Geschäftes, seinen _Geist_ bereits dokumentierte!

                                   ✶

Die Klosettfrauen sollten gezwungen werden, lose, einzelne Seifenblätter
zu verkaufen. Die _gemeinsame_ Seife erinnert fast an ein „gemeinsames
Zahnbürstchen“!

                                   ✶

Alle Menschen leben „über ihre Verhältnisse“, über ihre ökonomischen,
sexuellen und vor allem über die ihres Verdauungsapparates! Daher ihre
ewige Reizbarkeit und Unduldsamkeit. Irgend etwas bedrückt sie!

                                   ✶

Ich sagte einst einem befreundeten jungen Restaurateur in G.: „Vor allem
nimm jede nicht konvenierende Speise _zurück_, selbst im Falle einer
krassen Ungerechtigkeit. Du machst immer noch das _bessere_ Geschäft,
wenn du dieses eine Mal bei dem Hundskerl draufzahlst. Sonst redet er
dir noch Hunderte ab!“

                                   ✶

In den gutgehenden Geschäften sind die Bedienenden nervös, weil _zu
viel_ zu tun ist, und in den schlechtgehenden, weil _zu wenig_ zu tun
ist!

                                   ✶

Wenn ein Zyniker in der Gesellschaft von Damen zynisch ist, so ist er es
_nur_, weil alle diese Damen ihm _keinerlei Hochachtung_ einflößen. Ich
kann mir einen jeden Zyniker denken, der vor einer „innerlichen Kaiserin
des Daseins“ _verstummte_! Tut er es aber auch in diesem Falle nicht,
dann ist er ein Zyniker!

                                   ✶

„Ich verehre Euch, Meister Altenberg, seit Jahren. Aber wozu die Worte?!
Ich möchte Euer letztes Werk erstehen. Was kostet es?!“

„Fünf Kronen.“

„Für drei Kronen würde ich es nehmen — — —. Aber eine schöne
„persönliche Widmung“ erbitte ich mir natürlich!“

Ich schrieb eine persönliche Widmung: „_Sie_ haben mir zwei Kronen
abgehandelt, _ich_ habe es mir abhandeln lassen; jetzt wissen Sie, was
an _Ihnen_ und an _mir_ ist!“

                                   ✶

3jähriger Wahrheitsfanatiker, aus dem noch was werden kann:

„Wen hast du denn besonders lieb, Bubi?! Die Mama?!“

„Nicht besonders — — —.“

„Dein Schwesterchen?!“

„Nicht besonders — — —.“

„Wen also hast du besonders lieb?!“

„Die Schokolade!“

                                   ✶

Liebesbrief:

„Oh, ich habe ein so grenzenloses Vertrauen zu Ihnen, daß ich es auch
dann nicht verlieren könnte, wenn Sie es mißbrauchen würden!“

                                   ✶

Höchstes Lob (Frau Dr. Eugenie Schw.):

„Mein lieber Peter Altenberg, mit keinem der sogenannten „Modernen“
könnten Sie sich vertragen! Mit _Gottfried Keller_ hätten Sie sich
_vertragen_, obzwar Ihr von früh bis abend _erbittert gestritten_
hättet!“

Ausspruch:

„Wissen’s, bei uns in der Hofoper, ich mein’ beim Ballet, teilen wir die
Künstlerinnen, Sängerinnen, natürlich nicht ein nach dem, was sie
können, das is uns Tänzerinnen doch ganz egal, sondern nach dem, ob sie
„_betamt_“ (liebenswürdig-menschenfreundlich) oder „_unbetamt_“ sind!
Die Jüdinnen also sind alle _unbetamt_ natürlich, aber es gibt sogar
unbetamte _Christinnen_ bei uns! Und die sind noch ärger!“

                                   ✶

Für 500 Kronen Honorar erklären dir die Ärzte, du habest „eine leichte
Blutzirkulationsstörung“. Es sei nichts von Bedeutung. Für drei Kronen
erklären sie dir, es sei ein leichter Schlaganfall. Die Hauptsache wäre,
er solle sich ja nicht wiederholen!

                                   ✶

Ein genialer Arzt verlor seine Stelle und erschoß sich, weil er sich
jungen Patientinnen gegenüber schamlos benommen hatte. Sie fragen mich,
was ich über den Fall dächte?! Ich rechne mir es aus: 57 Patientinnen in
ihrer „Ehre“ gekränkt, 57 Tausend durch den Verlust des genialen Arztes
_effektiv_ geschädigt!

                                   ✶

„O, Herr von Altenberg, wie geht es Ihnen?! Noch immer nicht
verheiratet?! Woran arbeiten Sie jetzt momentan?! Schwärmen Sie noch
immer für schöne schlanke 15-Jährige?! Und überhaupt, was gibt es Neues
in Ihrem reichbewegten Leben?!“

„_Genehmigt!_“ erwiderte ich gelassen und entfernte mich.

                                   ✶

Jemand sagte zu mir (jeden Tag ist es ein anderer): „Sie sind der
glücklichste Mensch! Sie haben keine Bedürfnisse!“

„Nein, ich habe keinerlei Bedürfnis, Bedürfnisse zu haben, die ich ja
doch nicht befriedigen kann!“

                                   ✶

Die Forelle, der Hecht sind gefährliche, ewig auf der _Raublauer_
liegende Tiere. Aber man fängt sie geschickt mit irgendeinem Köder. Bei
Frauen macht man es aber ungeschickt. Meistens reißen sie sich los und
verspeisen nur den Köder!

                                   ✶

Die Prinzessin sagte: „Man macht dem Sudermann immer den Vorwurf, daß er
theatralisch sei. Das finde ich ungerecht. Wenn man das meinem Cousin,
dem Louis Liechtenstein, nachsagen dürfte, so wäre es gerecht. Denn der
hat’s nicht nötig. Aber der arme Sudermann, der ist doch dazu da,
theatralisch zu sein!“

                                   ✶

Ich sandte dem herrlichen 11jährigen Kinde Margit Kr. einen
selbstgebundenen Strauß von hellblauen Skabiosen und gelben Teerosen.
Die Mama sandte den Strauß zurück mit dem Bemerken, ihr Töchterchen sei
noch _minderjährig_. Ich schrieb: „Gnädige Frau, wann erfolgt die
Volljährigkeitserklärung für _Schönheit und Anmut_?! Gott, Jesus
Christus und die Dichter verstehen nichts von Kalenderberechnung!“

                                   ✶

Das mystisch schöne Kind hatte eine unschöne Mama. Alle Damen sagten zu
mir: „Sie wird der Mutter nachgeraten!“ Endlich kam der wunderbare Vater
an, wie ein Sieger-Torero. „Für einen Mann ist er viel, viel zu schön!“
sagten alle Damen. „Nun und das Kind?!“ sagte ich. „Weshalb soll es
gerade ihm nachgeraten?! Weil Sie es sich erwünschen?!?“ Bestien!

                                   ✶

Je lustiger, je übermütiger die Geliebte, desto verstimmter der
Geliebte. Alles geht auf seine Kosten, Unkosten. Aber manche Männer
nehmen regen Anteil — — — an diesem Diebstahl vor ihren Augen! Amüsement
ist „Ablenkung des Herzens!“ _Gutmütigkeit_ des _Mannes_ — — —
_verbrecherischer Idiotismus_!

                                   ✶

Was nützt es dir, o Jüngling, daß du mit Sorgfalt und Geschmack ein
Bukett zusammenstellest aus herrlichen Bergblumen und Gartenrosen?! Die
Dame fühlt: „Die Bergblumen kosten nichts, und die sieben Rosen je eine
Krone!“

                                   ✶

Nur Juden haben die Ungezogenheit, mich zu fragen, weshalb ich stets an
dickem, grünem, seidenem Kordon zwei herrliche Automobilpfeifen,
Sirenen, trage!? Christen fragen das nie. Sie denken gleich: „Weil er
ein Narr ist!“ Die Juden lassen sich durch die Frage noch wenigstens die
Hoffnung offen!

                                   ✶

Mein Gehirn hat Wichtigeres zu leisten als darüber nachzudenken, was
Bernard Shaw mir zu _verbergen_ wünscht, indem er mir es _mitteilt_!

                                   ✶

Die modernen Damen verlängern sich die Fingernägel statt des Gehirnes.
Das erstere scheint leichter zu sein!

                                   ✶

Die Männer suchen ihre Damen von 8 Uhr morgens bis 11 Uhr nachts bei
guter Laune zu erhalten! Wahrscheinlich wegen der übrigen Stunden!

                                   ✶

Körperliche Vollkommenheit verpflichtet zu jeder anderen,
geistig-seelischen Vollkommenheit! Aber glücklich die, die zu dieser
Verpflichtung _verpflichtet_ sind!

                                   ✶

Ein runder Rücken ist nicht nur ein _runder Rücken_. Es bedeutet auch
einen _flachen_ Brustkasten!

                                   ✶

Weshalb dieses unintelligente Sträuben gegen Nährmittelpräparate wie
„Sanatogen“?! Jedenfalls wird es euch mehr nützen als Rostbratl mit
Erdäpfelsalat! Ihr fürchtet euch vor zu viel Kräften?! Na ja, ihr müßt
es ja wissen, wofür ihr sie dann doch nur verwendet!

                                   ✶

Nährmittel haben zur Voraussetzung „eine ganze verfeinerte Kultur“.
Sonst bleibe man bei dem a la Hunnen auf dem Sattel weichgerittenen
Roastbeef!

                                   ✶

Ich habe gelesen: Den Engländern fehlen leider zwei Sachen: Sinn für
„feine zarte Küche“ und Sinn für „feine zarte Musik“. Jetzt weiß ich,
weshalb sie die Welt unterjocht, viel Geld und viel Ehre gemacht haben!

                                   ✶

„Ich habe meinen Gatten lieb, weil er mich reich ausstattet! Ich habe
meinen Geliebten lieb, _obwohl_ er mich nicht reich ausstattet! Wie lieb
hätte ich erst einen Geliebten, der mich reich ausstattet! Aber das gibt
es ja gar nicht; der hat das doch nicht nötig, das wäre ja ein
idiotischer Verschwender, den man unter Kuratel setzen müßte!“

                                   ✶

„Ich denk’ über so viele Sachen nach, Gustav, und da werd’ ich ganz
blöd. Wann ich einmal gar nicht nachdenk’, und was ganz Blödes sag’,
dann sagen die Leut’, daß es riesig g’scheit is. Aber unbewußt sagen
sie. Das heißt also, daß es doch blöd is, nicht, Gustav?!“ „Dummerl!“
sagte Gustav, das heißt: „Gscheidterl!“

                                   ✶

Die 5jährige Edith sagte abends beim Abschiede zu mir: „Also wann, wann,
wann — — —?!“

Da ergänzte die Mutter: „werden Sie morgen wiederkommen?!“

„Aber geh’, Mutti, das weiß er ja, was ich gemeint hab’!“

                                   ✶

Je tiefer die _seelische_ Liebe der Frau, desto _geringer_ ihre
„physiologische“ Erregbarkeit. Das scheint schauerlich paradox zu sein!
Die „Liebe“ verteilt ihre Erregung auf den _Gesamtorganismus_, während
minderwertige Gefühle nicht diese Kraft haben, sondern sich
_lokalisieren_!

                                   ✶

In jeder schönen Frau, in jeder wohlgestalteten, steckt die „Hure“. Sie
kann nicht anders als Tag und Nacht von dem Gefühle gereizt, gekitzelt,
erregt zu werden als dem: „Ich könnte _jeden_ Mann selig machen, ihn in
die letzten Räusche bringen!“ Eine Frau von diesem _Weltenempfinden_ weg
auf _sich_ konzentrieren wollen und können, ist das Wesen der
_glücklichen Liebe_! Ich bezweifle, daß es bei einer wirklich
_vollkommen schönen_ Frau gelinge! Aber wie viel solcher gibt es?! Also
gibt es doch viele „glückliche Liebende“. Und dann: die Frau rechnet mit
ihrem allmählichen „schäbig-werden“. Das vermehrt die Chancen der — — —
Idioten! Übrigens gibt es noch die sogenannte „gute Erziehung“. Ja, die
Idioten haben Chancen!

                                   ✶

„Ich bin _gewitzigt_“, heißt: „Ich bin gewitzigt über die Dinge, über
die ich _gewitzigt_ bin. Aber über die Dinge, über die ich _noch nicht_
gewitzigt bin, über die bin ich noch nicht gewitzigt!“

                                   ✶

Kinder rupfen zarten Insekten ihre überzarten Flügel aus. So machen es
_Erwachsene_ den _Dichtern_!

                                   ✶

„Sie reizen uns _unnötig_ auf mit Ihren anarchistischen Theorien!“ sagte
eine junge Dame zu mir.

Wie würde ich es erst tun, wenn ich es _für nötig_ hielte!

                                   ✶

„Woher nehmen Sie ununterbrochen Ihre Begeisterung für Frauen, Kinder,
die Natur?!“ sagte jemand zu mir.

„Von Abführmitteln! Tamar Indien Grillon! Von meiner ‚_inneren
Unbeschwertheit_‘!“

„Sie scherzen!“

„Gewiß. Denn Sie würden davon nur _Diarrhöen_ kriegen!“

                                   ✶

„Wir sind eben noch keine „chemischen Retorten!“ Schauen Sie doch die
„Roßknödel“ an auf der Straße, woraus das Pferd seine ganze riesige
Kraft gezogen hat!?“

„Ja, es ist eine wahre _Roßnatur_!“

                                   ✶

„Was verstehen Sie eigentlich unter „Kunst“?!“ sagte ein Herr um
Mitternacht, bei Champagner, zu mir.

„Da müssen Sie noch ein bisserl was _bar_ draufzahlen, wenn ich Ihnen
die Frag’ jetzt beantworten soll!“

                                   ✶

Wenn jemand magenkrank ist, so muß ein moderner Arzt ihn sogar fragen:
„Haben Sie mit Ihrer Wäscherin nie so „leichte Konflikte“, oder
verkehren Sie nicht mit _ärmeren_ Leuten als _Sie_ sind, oder schläft
Ihre Geliebte nicht gern bei anderen?!“ _Solche_ Kleinigkeiten schon
können einen überempfindlichen Organismus aus dem sogenannten
physiologischen Gleichgewichte bringen.

                                   ✶

               Was _du_ nicht willst, daß _man_ dir tut,
               das _tu’_ geschwind den _andern_ an,
               denn _sie_ tun dir’s _jedenfalls_ an!

                                   ✶

Jeder „Sport“ macht aus der _romantischen_ Natur eine Zirkusmanege!

                                   ✶

Musik ist: wie wenn die Seele plötzlich in einer _fremden Sprache_ ihre
_eigene_ spräche!

                                   ✶



                           ZYKLUS: „VENEDIG“



                               EINDRÜCKE


In Triest hatte ich im _Hotel Excelsior_ ganz hoch oben ein Kabinett,
das eine kleine eiserne Balustrade hatte, von der aus man das Meer sah
und rechts die braungrünen Hügel. So sah ich also zum erstenmal das
Meer, in meinem 55. Lebensjahr. Abends trat ich an die eiserne
Balustrade und betrachtete die weite graue Fläche Wasser. Ich durfte
also auch noch ein Meer sehen, und morgen sogar ein Schiff mit
Frühstückszimmer, Speisesaal, Kajüten und Deck zum Spazierengehen. Das
gütige strenge Schicksal hatte mir das alles aufgespart, gleichsam als
_Schlußbelohnung_ eines ereignislosen Daseins. Diese schwebende Stiege
an der schneeweißen Wand des Schiffes! Man frühstückt: Teeschale Kaffee,
licht, gut passiert, mit Schlagsahne, und fährt zugleich mit Turbine auf
dem Adriatischen Meer. Dabei liest man in Intervallen Zeitung und
schreibt Ansichtskarten an Annie W. Man zeigt mir freundschaftlich die
„italienische Küste“ im fernen weißen Nebel, und ich selbst erblicke
braune Segel von Fischerbarken. Das alles ist wundervoll. Meine
englische Freundin sagt: „Ich habe es gewußt, daß es Ihnen viel Spaß
machen wird!“ Aber es macht mir viel Ernst! Venedig ... also das ist
dieses Venedig, mit einem Palazzo Vendramin, in dem mein Gott, Richard
Wagner, den letzten Seufzer aushauchte. Hier also ist der große weite,
palastumrankte Platz, auf dem sechs reizende Kaffeehäuser sind, mit 1000
Tischen und Stühlen, und wo abends in der Mitte auf eisernem, elektrisch
beleuchtetem Gerüste die _Banda Municipale_ spielt. Und gegenüber der
Lido, wo die Menschen in Licht, Salzluft und Wasser sich verjüngen und
die schönen Frauen wenigstens ihre herrlichen zarten weißen Füße, Zehen,
Beine, Knie zeigen. Wenn man dann abends auf dem Markusplatz so eine
viertelnackte Nymphe en grande toilette sieht, denkt man: „Bitte sehr,
die Schneiderinnen wollen auch leben!“ Bei „Salviati“ sah ich Gläser von
der Farbenpracht von exotischen Schmetterlingen, Vögeln und Orchideen.
Andere wieder waren düster wie der Himmel vor dem Gewitter und die Seele
eines Eifersüchtigen. Viele schienen herausgewachsen zu sein, wie aus
Erdreich und Sonnenlicht und Tau und Regen. Aber dazu muß man in den
Kanal Grande fahren, in die Ausstellung, da ist die „Glas-Aristokratie“,
während sonst überall die schreiende Marktware ist. Parmesan und
Paradeis sind die Lieblingsdinge. Man ißt fast alles mit diesen beiden
Dingen. Fast zu allem offeriert man dir eine Glasbüchse mit
Silberdeckel, in der geriebener Parmesan sich befindet. Die neue Oper
von Wolf-Ferrari: „Die neugierigen Frauen“ von Goldoni, Lustspiel, wurde
im Goldoni-Theater, hellblau und gold, unübertrefflich dargestellt;
Kapellmeister, Orchester, Stimmen, Spiel einfach _vollkommen_.
Wolf-Ferrari ist ein feiner, nobler, geschickter, diskreter — — — jetzt
weiß man _alles_! _Gott_, daß ihm _nichts_ einfällt, das macht er
_absichtlich_, er ist zu nobel, zu kompliziert dazu, er _will nicht_
melodiös sein, wie alle Modernen, die es nicht _können_! Was die Mode
betrifft, bin ich leider nur für die englisch-amerikanische, während die
französische überladen und unnötig ist. „Ich habe Geld, ich habe Geld,
es zu bezahlen!“ schreien alle diese Modelle von Hüten und Kleidern,
während die englischen und amerikanischen flüstern: „Wir haben so viel
Geld, daß wir gar nicht brauchen, es erst zu zeigen!“ Der Meeressand ist
wundervoll, ihn durch die Finger gleiten lassen ist eine „ästhetische
Wollust“. Rührend ist die ärmliche Vegetation der Küste: Grasbüschel,
Akazien, Birken. Bilder habe ich noch keine gesehen. Die Historie
versucht es wie ein altes, Opfer heischendes Ungeheuer, hier überall uns
von der einfachen Natur abzulenken. Aber bei mir gelingt es ihr nicht,
ich bin der „heilige Georg“, obzwar ich Richard heiße, pardon, Peter.
Ich weiß, daß man Giotto „Dschotto“ auszusprechen hat, und damit habe
ich mich losgekauft. Deckengemälde interessieren mich nicht, man bekommt
einen steifen Hals davon. Von Berühmtheiten der modernen Zeiten waren
hier außer mir: Heinrich Mann, Jakob Wassermann, Max Oppenheimer, Tilla
Durieux, Adolf Loos, Eduard Stucken. „No, und ich bin nix?!“ sagte die
Neunzehnjährige, die sich von mir die Hotelrechnung bezahlen ließ.
„Welche kann das noch von sich behaupten, daß ein solcher Schmutzian wie
du für sie hat bezahlen müssen?!“



                                VENEDIG


Und plötzlich _fiel es ihm ein_, ein trauriges Erschrecken — — — ja, sie
wollte _nicht_ mit ihm verkehren!

Es wurde ihm _sogleich_ zur Gewißheit!

Mit untrüglicher Klarheit war es in seinem armen Gehirn, in seinem armen
Herzen, plötzlich, lähmend, vernichtend, untergrabend! ja, er hatte es
sogar _gewußt_, gewußt, das heißt geahnt, schon nach den ersten Stunden
des Beisammenseins. Sie wollte ihn gleichsam sogleich beschützen vor
seiner Erkrankung an ihr, vor seiner Torheit, vor seinen kommenden
Kränkungen, vor seiner Sehnsucht am lauten Tage und in stiller Nacht,
ja, vor seiner Sehnsucht wollte sie ihn beschützen, kurz vor allem und
allem und allem, und zwar _sogleich_, prompt, radikal, hilfreich,
unerbittlich, wie ein Arzt, wie eine Mama, wie eine Schwester, wie eine
Heilige. Eine _schöne Idee_, eine _Aufgabe_, eine _Mission_!

Gestern war er um 7 morgens in ihrer Kabane, hatte ihr schwarz-weißes
noch feuchtes Schwimmkleid geküßt, das an einem Haken hing. Und ihre
Bastpantoffeln und den Rand ihres Trinkglases. Das Meer war schön, ja,
das Meer war schön. Er hatte ihr dann, um 11, von seinem Morgengruß
erzählt. Aber _heute_ morgens war der Vorhang irgendwie verschlossen.
Auch fragte sie ihn um 1 nicht, weshalb er keinen Kabanenbesuch gemacht
habe, weshalb er nicht gebadet habe, ob er nicht wohl sei, oder sonst
irgend etwas Menschenfreundliches. Sie fragte nach _nichts_. Wißt ihr
was das heißt?! Nein, das wißt ihr nicht, Gott sei Dank! Todesurteile
für die wehrlose Seele!

Was war los?!

Ihr Gatte?!

Ihr Liebhaber?!

Komplikationen?!

War sie unglücklich verliebt in irgendwen, absorbiert, betäubt,
angenagelt?!

War sie krank, körperlich, Magen, Darm oder noch heiklicher?!

War sie müde?!

Hatte sie vielleicht überhaupt _genug_ oder _zuviel_?!

Wollte sie sich freihalten für Konvenierenderes?!

War er nicht nach ihrer Fasson?!

War er zu unheimlich ungestüm mit seiner Seele?!

Wollte sie ihn wirklich schützen vor sich selbst?!

Aber das wäre ja schrecklich.

Denn er hatte die feste unerschütterliche Absicht gehabt, _an ihr_, _an
ihr_ zugrunde zu gehen! Aber vielleicht war es besser _so_! Am nächsten
Morgen sagte sie: „O, Sie haben schon genug von mir, ich bitte,
antworten Sie nichts, so etwas fühlt man ganz genau, schade — — —.“

Er stand da, und lauschte den Worten, die bereits verklungen waren.

Das Meer war schön, schön, wie niemand es schildern könnte — — —.



                             VERSCHIEDENES


Neurasthenie ist so lange eine Krankheit, bis es ein Stadium einer
_neuen Gesundheit_ wird!

                                   ✶

Warte, bis man von deinem geliebten Kindchen _dir_ Anekdoten und
Aussprüche zuträgt. Deine eigenen enthalten keine Pointe, sondern nur
Mutterliebe!

                                   ✶

Frauen haben eine kolossale _Überschätzung_ ihrer Macht. Man ist nur zu
wohlerzogen und mitleidsvoll, es ihnen jedesmal zu beweisen!

                                   ✶

So lange ich ihr schrieb, was ich durch sie leide, verstand sie es
nicht. Als ich es nicht mehr schrieb, sagte sie: „So gefallen Sie mir
viel besser!“

                                   ✶

Am besten dran sind die _ganz vollkommen_ gebauten Badenden und die
_ganz Unvollkommenen_. Beide sind schicksalergeben. Am schlechtesten
dran sind die _Halb_zulänglichen. Die möchten es immer durch irgendetwas
_ausgleichen_, und bringen es _nicht_ zustande!

                                   ✶

Es gibt Frauen, die schlecht schwimmen, und man fühlt: „Ungeschickte
Gans!“ Bei der anderen fühlt man nur zartestes Mitleid!

                                   ✶

Es gibt „physiologische Matadore“; das sind die Frauen, die _Trikot_
tragen im Meeresbade. Die anderen haben allerlei Ausreden, vor allem das
herzige Wörtchen „_indezent_“!

                                   ✶

Für die meisten ist das Wasser ein „fremdes Element“. Ihre Tempi
erinnern an „Schwimmlehrer“ und „1 ... 2, 3!“

                                   ✶

Sie sind ein „gefährlicher Beobachter“, sagte eine Dame schelmisch zu
mir.

„Wieso?!“ erwiderte ich, „ich bin doch weder reich noch in angesehener
Stellung!?“

                                   ✶

„Womit habe ich Sie gekränkt, Peter?! Ich tue doch mein Möglichstes!“

„Tun Sie einmal ihr _Unmöglichstes_!“

                                   ✶

Eine junge Frau sagte zu mir: „O, wenn ich so _gebildet_ wäre wie die
Frau Sch., dann wäre ich _noch gebildeter_ als sie!“

                                   ✶

Die meisten Menschen verstehen die _ganz tiefen Dinge nicht_! Sie suchen
sie _ganz unten_, und sie sind _ganz oben_! Aber sie _dort_ zu finden,
dazu muß man _ganz tief_ sein!

                                   ✶

Das größte Kompliment:

Frau Vallière, Schauspielerin in Hamburg: „Peter, im Mittelalter wären
Sie _heilig_ gesprochen worden! Heute hält man Sie für einen perversen
Narren!“

„Ich bin _zu spät_ auf die Welt gekommen!“

„Nein, _zu früh_!“

                                   ✶

Märchen des Lebens! In meiner Kindheit las ich von den großen, dicken,
glasartigen, weißen, durchscheinenden Quallen mit lila durchscheinenden
Füßen, die im Meere schwimmen und leuchten! Nun spülte mir das
Adriatische Meer eine an den Sandstrand. Ich untergrub sie mit einer
hölzernen Sandschaufel, warf sie ins Meer zurück, um sie zu retten. Aber
die Brandung brachte sie wieder. Ein Kind sagte: „Kann man sie essen?!“

„Nein, sie leuchtet nur, nachts, im Meere!“

„Weshalb also willst du sie retten?!“

„Eben _deshalb_, weil sie zu nichts anderem zu _gebrauchen_ ist, als
nachts im Meere zu _leuchten_!“

                                   ✶

Ein Tintenfisch wurde vormittags an den Strand geworfen. Allen grauste
vor dieser unkenntlichen Masse. Zu Mittag stand er auf der Speisekarte.
Eine Dame ließ sich ihn servieren, fand ihn recht schmackhaft und
eigentümlich.

„Wie können Sie das gut finden?!“ sagten alle empört-überrascht.

„Ich habe ihn, Gott sei Dank, nie gesehen, wie er _wirklich_ im Leben
aussieht!“ sagte die Dame.

                                   ✶

„Sie sammeln schöne Muscheln?!“

„Ja, es ist das unmodernste und das _modernste_ Kunstgewerbe der Natur!“

                                   ✶

„Was finden Sie an mir Besonderes, mein Herr?!“

„Ich liebe Ihren Geist und den Duft Ihrer Achselhöhlen, Ihres Atems,
Ihres Schwimmkleides!“

„Und wenn ich _nur_ den _Geist_ hätte?!“

„Dann wären Sie eine tragische und lächerliche Persönlichkeit!“

                                   ✶

„Sie _durch_schauen uns, mein Herr!“

„Ja, aber auf der anderen Seite ist es _doch wieder dasselbe_ anziehende
Mysterium!“



                                 DIALOG


„Peter, Sie hören _das Gras wachsen_, Sie _ersticken_ alles im _Keime_,
_zerstören_ die Frucht im Mutterleibe, seelisch!“

„Ich kenne die Gefahr, ehe sie _Gefahr_ ist! _Später_ ist _zu spät_!“

„Wenn ich ihn mir aber wünsche, diesen ungesäten Keim einer Gefahr?!
Wenn ich gerade das mir erwünschte?!“

Er schweigt, wendet den Kopf ab.

„Peter, ich wünsche es mir nicht, nein, bei Gott, ich wünsche es mir
nicht!“

„Lassen Sie Gott aus dem Spiele, Teufeline!“

„Peter, ich wünsche mir nichts, nichts als Ihre Freundschaft, Ihre milde
Stimmung zu mir nicht zu verlieren!“

„Sie irren sich! Sie haben gewählt, entschieden, und gerichtet!“

„O, Peter — — —.“



                            FAUNA UND FLORA


An dem adriatischen Meeresufer findest du morgens um sieben viele kleine
Bündel von angeschwemmtem zähen Grase vom Meeresgrund, und kleine
Muscheln in ganz modernen Farbennuancen, von grau in schwarz, von braun
in lila, von gelb in braun. Die Japaner scheinen von da ihre diskreten,
fast mysteriösen Farbentöne her zu haben. Die großen teuren Muscheln
stammen aus dem Indischen Ozean und sind wertvolle _wertlose_
Prunkstücke. Aber die kleinen Muscheln, hier umsonst, sind kleine
moderne erlesene Kunstwerkchen der Natur! Eine Dame sagte zu mir: „Eine
ist doch so wie die andere!“ — „Für _mich_ nicht!“ erwiderte ich. Die
kleinen, nach seitwärts gehenden Krabben sind entzückend. Sie suchen
herzig und ungeschickt das Weite, aber wenn sie es nicht mehr können, so
zwicken sie sanft mit ihren Miniaturscheren. Am Meeresufer ist ein
bewegtes Leben und Treiben; aber die Büschel von geheimnisvollen
dunkelgrünen zähen Gräsern, die herrlichen Muscheln und die Krabben sind
wie von tausend Jahren her, wo Menschen noch nicht das _Strandbad_
kannten. Auch du wirst einst nicht mehr sein, die du mich nun in
_jugendlich-lächerlichem_ Stolz abweisend mit den Blicken mißt, und
deine Brüste werden die Spannkraft eingebüßt haben, so oder so; und ewig
wird das Meer noch Grasbüschel auswerfen, Muscheln und Krabben. Und mein
_Leid_ wird vielleicht _leben_, denn sterblich ist das _Jauchzen_, es
verhallt; der _Seufzer_ aber ist unsterblich. Er dringt zu Gottes feinem
Ohr. Der schenkt ihn wieder der Welle, die ans Ufer klagend fällt. Gott
liebt das Leid; wieso es kommt, ich weiß es nicht; es muß wohl
„göttlich“ sein. Gott liebt das Leid, es _reinigt_! Die satte Freude
liebt er _nicht_!



                              QUO VADIS?!


  Du hältst mich für anspruchsvoll und ungezogen — — —
  ich bin es nicht.
  Du _hörst_ einfach das Ächzen meiner Seele nicht — — —
  Das ist es. Du bist taub!
  Wieviel Rücksicht hingegen nimmst du für die alte
  Frau, die einen reichen Mann hat, wohlgeratene Kinder,
  und der du _nichts_ bist, nichts, in alle Ewigkeit!
  Wieviel Rücksicht für Herrn v. G., Frau Z., und den Professor!?!
  Und, siehe, alle sind _frei_ von dir.
  Das heißt, sie schlürfen deine Gnade,
  wie ein Spaziergänger den Duft der Linden und des Jasmins!
  Es _ist_, und ist _nicht mehr_.
  Mir aber ist der Duft deiner Bluse, deiner Haare, deines Atems,
  _ewiges Verhängnis_!
  Noch bin ich tapfer, kann in mich hineinweinen.
  _Noch!_
  Bringe nicht grausam um _dein Kind_, das du _in mir_ erzeugt hast,
      meine _Liebe_!
  Oder bring’ es um und wandle in Frieden die
  Pfade der Gewöhnlichkeiten!
  Man wird dich _haben_ wollen, oder nicht!
  Jedoch das Mittelding ist nur des _Dichters_!
  _Er will_ dich haben, und vom _Nichthaben_ lebt er!
  Lass’ ihn _neben dich_ setzen im Kaffeehaus, im Restaurant,
  und geh’ _an seiner Seite_!
  Im Dampfschiff lass’ ihm Platz, und überall,
  ganz neben dir!
  _Lass’ ihm_ seine ewigen Hochzeitstage,
  die _dich_ kaum sehr genieren!
  _Du_ gibst so wenig,
  und er nimmt _so viel_!
  _Das_ soll dich freuen, Frau!
  Ich sag’ es nicht zu meinem Besten,
  sondern zu dem _deinen_!
  Ein besseres _Himmelsgeschäft_ auf _Erden_ kannst du nicht
      machen als _mit mir_!
  Einer spendet dir den Reichtum seiner Seele
  für einen Blick auf deine Kinderschultern,
  die noch dazu von einem Stoff bedeckt sind!
  Du gibst ein _Nichts_, und spendest _eine Welt_!
  Ich rede dir zum letzten Male zu — — —
  verschütte nicht die Schätze, die du schenkst!
  Bald bist du arm, du weißt es nicht — — —
  Dein müdes erstaunt-verlegenes Lächeln trifft dann meine tote Seele,
  um deren Feuergeist du dir nie Mühe gabst!
  Adieu — — —.



                                DREISSIG


Weißt du, daß du einmal alt wirst?!

Und daß die Männer sich nicht mehr es vorstellen werden können, daß du
gefallen hast, ja, _begehrenswert_ warst?!

Diese fatale _Umwandlung_ deiner Person, die doch eigentlich _dieselbe_
geblieben ist!?

Das wirst du alles erleben _müssen_, geliebteste Frau, und in Ruhe und
in Würde, und in _scheinbarer_ Selbstverständlichkeit!

Und siehe, noch ist einer da,

der dein Kopfkissen beneidet um dein Haupt,

und alle Düfte dieser schönen Erde

hergibt für den Duft deiner braunblonden Haare!

_Noch_ ist einer da, der die Weintraubenbeere _beneidet_, in deinem Mund
zu sein!

Und alles, alles, alles ist ihm _heilig_, was mit dir _irgendwie_
zusammenhängt!

Auch dieser Zauber wird gebrochen werden, so oder so!

Was brauchst du, eigenwillig, eigensinnig, es zu beschleunigen?!

Lass’ es der Zeit! Sie hilft dir sowieso!



                           LA ROCHE FOUCAULD


Ich habe in _La-Roche-Foucauld_ einen Satz gefunden: „Man sollte nur
_jenen_ Frauen die _Ehre_ erweisen, _eifersüchtig zu sein_, die uns die
Gnade erweisen, uns _nie_ eifersüchtig zu _machen_!“



                         VERSÄUMTES RENDEZVOUS


Ein dunstiger schwüler Tag — — —

Ich schlief bis 7 Uhr abends,

Verschlief das Rendezvous.

Und dennoch war es mir,

als ob _sie_ es nicht eingehalten hätte!

Wie hat sie mein Versäumnis ausgenützt?!

Hat sie gekränkt _gewartet_, nein!?

Sie absolvierte ihr Programm,

Was ging sie’s an, daß ich verschlief?!

Sie führte ihr Söhnchen zur Taubenfütterung nach Venedig.

Dann „Cavaletto“ und „Café Lawena“.

Es war _meine_ Schuld, daß ich nicht kam — — —.

Und _meine_ Schuld war es, daß ich mich kränkte.

Was konnte sie dafür?!

Und doch!

Was _immer_ in uns vorgeht in bezug auf die geliebte Frau, _an Leid und
Bangen_ — — —

sie trägt zum Teil die _Schuld_!

Weshalb, wieso, das kann ich euch nicht sagen! Doch es ist! Wie du es
anstellst, Frau, daß wir _nicht_ gekränkt sind,

das sei die _Genialität_ deiner zarten Seele!



                                JALOUSIE


Eifersucht?!

Fraue, du steckst mir meine _Grenzen_?! Bis _dahin_ und nicht weiter?!
_Kindische_ Törin!

Bin ich nicht eifersüchtig auf die Luft, die du in deinen geliebten
warmen, feuchten Mund einatmest?!

Wie darf sie, ganz gefühllos, die weichen Innenwände deines Mundes
spüren?!

Bin ich nicht eifersüchtig auf den Bissen, den du mit dem geliebten
Speichel sanft umnässest?!

Von da zum Blick von Sympathie und Freude, zu einem lebendigen Mann, ist
noch eine Welt!

Du _wunderst_ dich, daß ich _verzweifelt_ bin,

da ich dem _Löffel_ doch schon deine Zunge _nicht_ gönne!

Ich trauere um alle Schätze, die du so vergeudest; dem Bette deine
Ausdünstung, dem Glase deine Lippen!

Aber beim „lebendigen Mann“ ergreift mich der Irrsinn.

Weshalb stirbt er nicht momentan vor Glück, der feige Hund?!

An seiner Leiche würde ich weinen, ihn beneidend um seinen schönen Tod.

Jedoch, er geht _lebend_ hinweg, und denkt: „Die könnt’ ich haben!“

Fluch ihm, nein, _dir_!



                                 KLAGE


Du nennst mich einen _Komödianten_!?

Weil du die _Fassungskraft_ nicht hast für _mein Gefühl_;

oder weil du dir selbst _zu nichtig_ vorkommst — — —.

Oder weil Frauen, die eifersüchtig sind auf meine Anbetung für dich, dir
sagen, ich sei ein Komödiant!

Oder Männer, die es nicht wünschen, daß du meinem Fanatismus
_menschenfreundlich zart_ begegnest!

Oder weil _dir selbst_ nichts daran liegt,

daß ich dich _lieb habe_!

_Ja, das ist es!_

Denn _gläubig_ seid ihr _dort_, stupiden Ohres lauschend,

wo ihr es _hören wollt_!

_Dort_ wird euch der _Trug_ als _tiefste Wahrheit_ klingen!

Uns aber laßt ihr _sterben_,

denn wir sind nicht wichtig für euren _schamlosen Egoismus_!

Ihr wißt, _wer_ euch von Wichtigkeit hienieden!

_Vertrödelt_ keine Zeit mit _an euch kranken_ Seelen!

Die Gesunden _tun mehr_ für euch!

Glaubt, o glaubt denen, die euch für eine Stunde nur besitzen wollen!

Sie meinen’s ernst und gut mit euch!

Sie ahnen, daß ihr vielleicht zu anderem _nicht taugt_!

Ihr fürchtet euch, uns zu _enttäuschen_, die wir _Ideale_ träumen!

Wie recht habt ihr, euch da nicht einzulassen!

Schon bei den _Fingernägeln_ fängt die _Tragödie_ an!



                               VERHÄNGNIS


Dein Atem, wenn du sprichst — — — ich saug’ ihn ein in mich.

wie durstige Kindchen Milch aus Mutterbrüsten!

Er duftet auch wie Milch; und im Theater duftete deine seidene weiße
Bluse wie süße Milch!

Willst du der dunklen, düsteren Pinie sagen, was sie dir ist?!
Vergeblich!

Der weißen Magnolie, dem Jasmin, der Agave, der Hortensie?!

Und so die Frau!

Sie glaubt dir nicht — — —.

Weil es ihr _gleichgültig_, _deshalb_ glaubt sie nicht!

Sie würde jedem Leeren, _Unwerten_ glauben,

glauben, glauben, glauben,

wenn’s ihr _darum zu tun wäre_, ihm zu glauben!

Das _blödeste_ Wort erhielte seinen Klang und seine Süße! Und Macht und
Wert!

Sie läßt sich nur betören,

wo sie bereits betört ist, _ehe_ er betörte!

Und dennoch sag’ ich dir, dein Atem, wenn du mit mir sprichst,

er duftet mir wie süße Milch,

wie Milch aus Mutterbrüsten dürstendem Kindchen!

Du wirst mir sagen, ich sei ein Narr — — —.

Gerade _diese_ Narrheit aber nähmest du ernst,

bei _dem_, wo es dir _paßt_, sie _ernst_ zu nehmen!

Ich bin ein Narr, das _nicht_ zu wissen!

Ich _weiß_ es! Und dennoch ändert’s nichts. Ich bin also ein
tausendfacher Narr!

Der eine sagt: „Wie geht es, gnädige Frau?!“

Sie fühlt: „Wie lieb, wie zart besorgt er ist!“

Der andere kann vor Rührung gar nicht sprechen,

da sagt sie: „Heute sind Sie nicht sehr amüsant!“

Ein Kindchen aus der Schwarzwald-Schule schrieb in ihr Heft:

„Wieso kommt es, daß _immer_ einen gerade die am wenigsten mögen,

die man am meisten lieb hat?!“



                              DIE BROSCHE


Sie ließ durch eine Freundin nachforschen, wieviel die Amethystbrosche
gekostet habe, die ich ihr geschenkt hatte.

„15 Lire!“ sagte sie dann zu mir. „Ich weiß, was das _bei Ihnen_
bedeutet!“

„Es bedeutet ‚_Liebe_‘!“

„Hätten Sie es auch noch für mich gekauft, wenn es 25 gekostet hätte?!“

„Auch!“

„Und bei 40?!“

„Nicht!“

„Weshalb?!“

„Weil es meine Verhältnisse überstiegen hätte!“

„Aber da fängt gerade die echte Liebe erst an!“

„Bei mir nicht! Bei mir hört sie da auf!“



                               VERSÖHNUNG


Und _etwas_ bleibt zurück — — —.

’s ist _nicht_ wie nach dem Ungewitter der Natur,

wo alles wirklich reiner wird und blinkender — —.

_So_ ist es _nicht_!

Man hat Konzessionen gemacht, beiderseits, um der Sache willen des
dummen Lebens,

die wichtiger erschien zuletzt als klare Wahrheit!

Und dennoch ist die klare Wahrheit das _Wichtigste_!

Man kann ihr nicht entrinnen!

Sie sickert durch, sie gräbt sich durch, und sie bestimmt den Lauf des
Lebensstromes!

Sie hatten sich versöhnt — — —.

Das _gibt_ es _nicht_.

Versöhnt muß man sein, eh’ man sich trifft!

_Geboren_ einer für den anderen!

Versöhnung heißt: „Ich will _ein_ Aug’ zudrücken!“

Wie machst du es, wenn _beide_ offen sehn?!?



                           AUSEINANDERSETZUNG


Sie sah ihn wieder.

„Wen verehren Sie jetzt, wen beglücken Sie jetzt mit Ihrer exaltierten
Anbetung?!“

„Mitzi Thumb!“

„Diese?! Nun, und erwidert sie Ihre Zuneigung?!“

„Ja; sie sagt, daß sie meine Schwärmerei _verstehe_!“

„Das ist alles?!?“

„Ja, das ist _alles_! Unsere Begeisterung gerührt, erstaunt, milde,
sanftmütig, ein wenig dankbar, annehmen können! Das ist _viel_. Das ist
_alles_! Sie verstanden das nicht!“

„Nein, aufrichtig gesagt, ich verstand es damals nicht. _Jetzt_ verstehe
ich es — — —.“

„Nein, jetzt _ebensowenig_! Dichterseelen verstehen — — — dazu muß man
etwas von dieser zarten Seele selbst besitzen!“



                                LEGENDE


Man spricht so viel von Gottes schöner Welt — — —

und doch ist es um diese schlecht bestellt!

Gott und die Künstler erträumen sich die Frau vollkommen, vom Haupt bis
zu den Zehen.

Doch keine ist es.

Da kam ein Dichter traurig zu Gott und klagte: „Herr, wir widmen unser
Herz der Frauenschönheit, und keine ist wirklich vollkommen! Zeige uns
doch einmal eine, wie du dir’s gedacht hast!“

Da hatte Gott Mitleid mit dem enttäuschten Dichter, und schuf _Mitzi
Thumb_!



                               DER ANFANG


Der Anfang, der Anfang ist immer das Interessanteste, Wahrhaftigste,
wirklich Merkwürdigste und eigentlich noch niemals Dagewesene, trotz
hunderttausend Beispielen derselben Art. Später haspelt sich alles ab,
wie es muß, und das Ende ist immer, immer verlogen und komödiantenhaft.
Aber der Anfang, der Anfang, da ist noch keinerlei Routine, und da ist
der schöne merkwürdige Zufall, daß man überhaupt in diesem Ozean des
Lebens sich kennen lernte!

Man sagte mir immer: „Gehe doch hin zu ihr ins Sekretariat, sie fragt
immer nach dir — — —.“ Endlich ging ich hin. Sie saß bei der
elektrischen Lampe und las „Pasqual“. Ich dachte: „Da du es nicht wissen
konntest, daß ich kommen würde, ist es eine bedeutsame Lektüre für eine
Siebzehnjährige.“ Da ich aber nur den Namen des Autors kannte, sprach
ich wie immer über Verdauungshygiene. Plötzlich entstand Kurzschluß und
es wurde im ganzen kleinen Palais finster. Ich sprach weiter und
erklärte, daß der „obstipierte“ Mensch unmöglich irgendwelche besondere
geistige und seelische Qualitäten besitzen könne und daß Pasqual, der da
aufgeschlagen vor ihr läge, jedenfalls und unbedingt, seinen Geist,
falls er einen besonderen und hervorragenden gehabt habe, nur durch
„Tamar Indien Grillon“ sich habe erwerben können, es wäre denn, daß ein
gütiges Schicksal ihm von Natur aus unter die Arme gegriffen hätte! Der
Kurzschluß wurde repariert; es wurde wieder licht, und die junge Dame
sagte:

„Ich habe schon längst bemerkt gehabt, daß Sie tadellose Frauenhände
besäßen, so verklärte. Gestatten Sie, daß ich dieselben berühre?!“

„Bitte sehr — — —“ erwiderte ich.

Das war der Anfang.



                      SANATORIUM FÜR NERVENKRANKE


Daß die „Nervenärzte“ nichts verstehen, wäre eine _natürliche
menschliche Eigenschaft_ der meisten _Berufsmenschen_, wenige Genies
ausgenommen. Aber daß sie ihre _schändliche Ignoranz_ ausnützen auf
„suggestivem Wege“, indem sie die selbstverständlich viel mehr „über
ihre eigenen Zustände“ verstehenden Kranken durch ihren schmählichen
Doktortitel, zu ihren „folgsamen kuschenden Hundesklaven“ machen wollen,
das ist eine _bodenlose feige Gemeinheit_! Eine Dame z. B. liebt ihre
Schwester fanatisch, und ihr sich für sie aufopfernder Gatte kann gerade
diese Schwester und den _Fanatismus seiner Frau_ für dieselbe nicht
ausstehen! Wenn _sie_ ins Zimmer tritt, geht er aus dem Zimmer. Das
erzeugt naturgemäß allmählich _Nervenzerstörung_. Der liebevolle Gatte
schickt sie in ein „erstes“, d. h. teuerstes Sanatorium. Dort sagt man
nicht dem Esel von Gatten (gibt es überhaupt andere Tiersorten dieser
Gattung?!): „Sie müssen mit der Schwester Ihrer Frau liebenswürdiger
umgehen!“ Sondern man verordnet „Lichtbäder“ mit nachfolgenden kalten
Duschen!

Die arme junge Frau klagt dem Arzte: „Mein Mann behandelt meine
zärtlichst und fanatisch geliebte Schwester roh, verständnislos, lieblos
vor allem gegen mich, die angeblich Geliebteste, Verehrteste!?! Ist das
seine Opferfähigkeit?!?“

Der Arzt erwidert: „Nach zwanzig Lichtbädern mit nachfolgenden kalten
Duschen wird sich das alles, alles geben! Sie werden dann die Dinge mit
ganz anderen Augen anschauen — — —!“

„Aber Herr Doktor, die Liebe zu meiner Schwester — — —!“

„Auch das sind nur _vorübergehende Exaltationszustände_! Glauben Sie es
mir, meine Gnädige, Ihr Fall ist ›_typisch_‹. Sechs Wochen bei uns, und
Ihre Schwester wird Ihnen gleichgültig werden!“



                                LE LIDO


    As-tu vu le sable brun de la mer?!
    Non, je n’ai _rien_ vu — — —
    j’ai vu _Maria_!
    As-tu vu l’eau sans fins et les écumes blanches?!
    Non, je n’ai rien vu — — —
    j’ai vu _Maria_!
    As-tu entendu le bruit de la mer?!
    Non, je n’ai rien entendu — — —
    j’ai entendu la voix de Maria!
    N’as-tu pas senti venir la _santé_ du corps, par le soleil?!
    Non, j’ai senti venir la _maladie_ de l’âme, par Maria!

                                   ✶

Erfüllte Bitte um ein Autogramm, an Herrn Platon de Naxel, Venise:

„Il y a un _mystère_, qui nous fait _vivre_ — — — la femme!

Il y a une _réalité_, qui nous fait _mourir_ — — — la femme!“

                                   ✶

„Ich habe kein Herz für Kleider,“ sagte sie.

„Weil Sie ein Herz haben!“ erwiderte er.

„Nein, weil ich keine Kleider habe!“

                                   ✶

„Eine Frau kann gar nicht genug Canaille sein!“ sagte die Schöne.

„Das halte ich für übertrieben,“ erwiderte er.

„Nein, er kommt ja doch _jedesfalls_ einmal darauf, daß wir seiner Liebe
_unwürdig_ sind!“

„Und wenn er nicht darauf kommt?!“

„Dann müssen wir ihn für diese _Stupidität_ bestrafen!“



Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

                  *       *       *       *       *





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Semmering 1912" ***

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