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Title: Ein Sommer im Orient
Author: Warsberg, freiherr von, Alexander, Georgia
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Ein Sommer im Orient" ***

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Anmerkungen zur Transkription

      In der gedruckten Fassung wurde eine Reihe von Zeichen
      verwendet, die mit der zur Verfügung stehenden Schrift nicht
      darstellen lassen. Diese können folgendermaßen beschrieben
      werden:

         [Symbol 1]: Großes Lambda, großes S mit verbindendem
         Breve über beiden.

         [Symbol 2]: Auf dem Kopf stehendes großes Pi - Epsilon - auf
         dem   Kopf stehendes großes Tau - sigma - zwei übereinander
         stehende kleine Kreise

         [Symbol 3]: Verdrehtes großes L - zwei kleine öffnende
         Klammern übereinander - langer Strich - schließende
         Klammer

         [Symbol 4]: Zwei gegeneinander übereinander gelegte,
         verdrehte Quadrate

      Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Wie in vielen
      Frakturschriften üblich, werden auch hier Umlaute in
      Großbuchstaben (Ä, Ö und Ü) durch ihre Umschreibungen (Ae,
      Oe und Ue) dargestellt; außerdem wird für 'I' und 'J'
      dasselbe Zeichen verwendet. Im Zweifelsfall wurde vom
      Bearbeiter eine sinnvolle Entscheidung getroffen.

      Die von der Standardschrift abweichenden Schriftschnitte
      wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden
      Sonderzeichen gekennzeichnet:

         fett:       =Gleichheitszeichen=
         gesperrt:   +Pluszeichen+
         Antiqua:    ~Tilden~



EIN SOMMER IM ORIENT.


      *      *      *      *      *      *

  Verlag von Carl Gerold’s Sohn in Wien:


  Erinnerungen aus Aegypten und Klein-Asien.
  Von
  =A. Prokesch= Ritter v. =Osten=.

  3 Bände. gr. 12. brosch. Preis 7 fl. 90 kr Ö. W.


  Geschichte
  des
  Abfalls der Griechen vom türkischen Reiche im Jahre 1821
  und
  die Gründung des hellenischen Königreiches.

  Aus diplomatischem Standpunkte.
  Von
  =A.= Freiherr von =Prokesch-Osten=.

  5 Bände. gr. 8. brosch. Preis 15 fl. Ö. W.


  Aus dem Hofleben Maria Theresia’s.
  Nach den Memoiren des Fürsten =Jos. Khevenhüller=.
  Von =A. Wolf=.

  2. Aufl. gr. 8. brosch. Preis 3 fl. 80 kr. Ö. W.


  Maria Christine, Erzherzogin von Oesterreich.
  Von =A. Wolf=.

  2 Bände. 8 mit 2 Kupferstichen brosch. Preis 6 fl. Ö. W.


  Oesterreich unter Maria Theresia.
  Von =A. Wolf=.

  gr. 8 brosch. Preis 6 fl. Ö. W.


  Leopold II. und Marie Christine.
  Ihr Briefwechsel (1781-1792).
  Von =A. Wolf=.

  gr. 8. brosch. Preis 4 fl. Ö. W.

      *      *      *      *      *      *


EIN SOMMER IM ORIENT.

von

ALEXANDER FREIHERRN VON WARSBERG.


[Illustration]



Wien.
Druck und Verlag von Carl Gerold’s Sohn.
1869.



Warnungstafel.


Dieses Buch ist nur für Jene geschrieben, die das Land, das es
schildert, gesehen haben und es lieben.

=Wien=, den 30. September 1868.

                                            =Der Verfasser.=



Inhalt.


    I. Hinreise.

    Nabresina, Erinnerung an Venedig, Triest, sein Freihandel,
      Seite 1-7.

    Einschiffung, Pirano, Pola, der „Stadium“ und seine Passagiere,
      S. 7-11.

    Lissa und der heil. Hieronymus, S. 11-14.

    Die akrokeraunischen Berge, der Hades, das jonische Meer, Corfu,
      seine Geschichte, Landung, die Stadt, Spazierfahrt, der alte
      Hafen, die Villa der Kaiserin, die Bucht von Butrinto und das
      Wunder des Pan, neue Passagiere aus dem „Stadium“, Regen, Busen
      von Arta und Schlacht von Aktium, Leukadia, Cephalonia und Ithaka,
      S. 14-31.

    Der Taygetus, Navarin und Modon, Sapienza und Cabrera, Venetico,
      Cerigo, Cap Malea und sein Einsiedler, Gewitter, türkische Frauen
      und Kinder, S. 31-35.

    Syra, Verkäufer, Sturm, S. 35-38.

    Tenedos, Troja, Gräberbetrachtung, die Dardanellen, Sestos und
      Abydos und die Brücke des Xerxes, die Leandersage, das
      Marmora-Meer und die Insel, S. 38-47.

    Im goldenen Horne, Enttäuschung, S. 48.


    II. Erste Eindrücke.

    Constantinopel, Landung, Top-Hane, der Hamal, die Gassen, der erste
      Ausblick auf die Stadt, Kahnfahrt nach Fener Bagdsche, das Kaïk,
      Delphine im Bosporus, das Abbild eines Benjamin, das Vorgebirge
      und der Tempel der Aphrodite, Ruhe und Aussicht von dort,
      türkische Musik und Freitagsfeier, Rückfahrt, Erinnerung an
      Chalcedon und den Kaiser Mauricius, das heutige Kadi-Köi, Riza
      Pascha, Versuch einer Aenderung der türkischen Thronfolge-Ordnung,
      die Ebene von Haider Pascha, Cap Heraeon und die Caserne Selim’s,
      der Leanderthurm, S. 49-60.

    Der At-Meidan und Hippodrom, die Schlangensäule und die beiden
      Obelisken, S. 61-68.

    ~La grande rue de Pera~, Mahnung an Venedig, Gassenleben, Arabats,
      Feuerwehr, Saka’s, Surugi’s, Soldaten, Kaffeehaus über Dolma
      Bagdsche, Phantasien des Baccio, der Cypressenfriedhof des großen
      Campo, S. 68-77.

    Armenische Hochzeit, Ballfest, die Gäste, Moustier, Bulwer, die
      Fürstin von Samos, Mondnacht, S. 77-84.

    Das goldene Horn, sein Name und seine Gestalt, Verkehr darin, Kaïk,
      Fahrt nach Ejub, Hinfälligkeit der türkischen Häuser, polizeiliche
      Gleichgiltigkeit, Gräberstraße in Ejub, Friedhof und Blick auf das
      goldene Horn, S. 84-90.


    III. Brussa und der Olymp.

    Abreise, der Dampfer, Fahrt durch das Marmora-Meer, Kalolimni,
      Mudania und sein Golf, Alttürke auf dem Schiffe, Unordnung beim
      Landen, herrliche Mittagsruhe, Ritt über den Meeresstrand, über
      die Hügel, der Nilufer, Rast an seinem Ufer, Maulbeerbaumfelder,
      Störche, Karavanen und das Kameel, Brunnen vor Brussa, Schönheit
      der Landschaft, Ankunft im Hôtel d’Olympe, andere Gäste dort,
      S. 91-104.

    Besteigung des Olymp’s, S. 104-110.

    Moschee und Bäder von Tschekirdsche, Unterredung mit einem
      Erzvater, ein Aquarell des Malers Pretiozi, ein Lorbeerbaum auf
      dem Grabe eines Türken, die Hunde und Kampf mit einem, S. 110-116.

    Geschichte der Stadt, Hannibal und sein Castell, Lage der Stadt,
      ihre Burg, die Gräber der beiden ersten Sultane, Sträflinge an
      der Arbeit, die Ulu Djami, Ungezogenheit eines Griechen, Jeschil
      Djami und ihre Restauration durch Achmed Vessik Effendi, die
      Moschee Bajasid I., die Murad II. und ihr Gräbergarten, Kritik der
      mohammedanischen Baukunst, Abendruhe zu Burnabaschi, S. 117-131.

    Türkisches Bad und Reinlichkeit der Orientalen, die Wirksamkeit des
      kaiserl. Commissärs Achmed Vessik Effendi, Bevölkerung von Brussa,
      die Stellung der mohammedanischen Frau, S. 131-140.

    Wirthschaftliche Thätigkeit der Bewohner von Brussa, sein Bazar,
      die Waaren und ihre Preise, Besuch der Seidenfabriken, die Mühle
      und Weberei, die Arbeit durch türkische Weiber, die türkische
      Seidenzucht, Irrthümer der unserigen, Menge der Production und
      Ausfuhr, Zukunft der türkischen Seiden-Industrie, S. 140-159.

    Das Himmelsthal, Frühstück bei Armeniern, Erinnerung an das
      Erdbeben von 1855, das armenische Haus, die Grotten und Keller
      des Burgfelsens, badensischer Kellermeister, Weinproduction
      Brussa’s und der Türkei, S. 159-165.

    Die Moschee Emir Sultans und Geschichte eines Bettlers,
      S. 165-170.

    Abreise und Rückblick auf Brussa und den Olymp, Rast in einem
      Karavanenlager und bei einem Chan, türkische Post, S. 170-174.

    Gemleck und die Baumwollcultur der Türkei, die Pflanze, heutige
      Arbeitsform, Geschichte der Baumwollproduction, hiesige Reform und
      Erfolge derselben, die Nationalökonomik der Türkei überhaupt,
      S. 174-194.

    Abreise von Gemleck und „die Nacht auf einem türkischen Dampfer“,
      S. 194-195.

    Einfahrt in den Bosporus, Procession in Pera, S. 195-197.


    IV. Constantinopel.

    Um- und Ueberblick, Bevölkerung der Stadt, Genuesen und Venetianer
      in Pera und Galata, die Mauern und Thürme von Galata, Skutari,
      Umfahrt um die Stadt, Erinnerung an die Seeschlacht der Venetianer
      und Genuesen in der Nacht des 14. Februar 1352, das Schloß der
      sieben Thürme, die goldene Pforte und der Triumphzug des Kaisers
      in byzantinischer Zeit, heutige Besatzung des Schlosses, Ritt um
      die Mauern der Landseite, Friedhöfe dort, die Wallfahrtskirche
      von Balikli, ihr Wunder und ihre Weißfische, Charakterbild des
      griechischen Christenthums, S. 198-213.

    Die Aja Sophia, das Unkirchliche des ersten Eindrucks,
      gespenstisches Mosaikbild in der Apsis, Typus der griechischen
      Götterbilder überhaupt, die Umgebung der Moschee, Sultansgräber,
      der alte Vorhof, geographische Lage des Baues, künstlerische
      Schilderungen desselben, S. 213-220.

    Die anderen großen Moscheen: Achmedjie, die Bajasid’s, die
      Schah-Sadeh Djami, die Mohammed II., die Suleiman des Großen,
      das Grab der Roxelane, die Nuri-Osmanjie, die Moschee Mahmud
      Pascha’s, Kütschük Aja Sophia, die Moschee Ebul Wefa’s, das
      Grab des letzten Constantin, Kilisse Djami und die Gräber der
      Komnenen, Porphyr-Sarkophag dort und hohes Alter dieser Grabform,
      Kahrjie Djami und Ruinen anderer ehemals griechischer Kirchen, die
      Rosen-Moschee, S. 220-237.

    Das Alter der Stadtmauern, Imrachor Djami, die Basilika und das
      ehemalige Kloster des Studius, S. 237-243.

    Die heulenden Derwische, S. 244-248.

    Gassenscenen, tscherkessisches Kaffeehaus und Dirnenquartier in
      Galata, Hafenbrücke, Hof und Markt der Jeni Djami, die Bazare,
      S. 249-264.

    Die tanzenden Derwische, S. 264-268.

    Der Fürst Cousa, S. 268-270.

    Gassen- und Friedhofsbilder, S. 270-272.

    Mondnacht und Meerfahrt, S. 272-274.

    Schreibweise und Formengefühl der Orientalen, S. 274-277.

    Gang +auf+ den Stadtmauern der Landseite, S. 277-281.

    Die Cisternen des alten Constantinopel, S. 282-288.

    Handelsverkehr im goldenen Horne, S. 288-289.

    Eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes,
      S. 289-300.

    Die heutigen Sultanspaläste, das Geburtsfest Abdul Aziz’,
      diplomatischer Empfang in Dolma Bagdsche, das Schloß, die Garden
      des Sultans, Beleuchtung der Stadt und des Bosporus, Ball bei Ali
      Pascha in Bebek, Heimfahrt vom Balle auf einem Dampfer,
      S. 300-311.

    Die Reste der Denkmale des alten Constantinopel, S. 311-317.

    Vogelschau von dem Seraiskeriatsthurme, die Lage und die Grenzen
      des alten Byzanz, seine Zerstörung durch Septimus Severus, Dio
      Cassius darüber, die neue Stadt- und Palastanlage des Constantin,
      S. 318-329.


    V. Die Prinzen-Inseln.

    Kahnfahrt nach Prinkipo, S. 330.

    Die Insel Chalki, S. 331-333.

    Das Georgskloster auf Prinkipo und der wahnsinnige Schiffscapitän,
      S. 333-335.

    Geschichtliche Erinnerungen dieser Inseln, das Grab der Kaiserin
      Irene, stürmische Seefahrt um Prinkipo, das Kloster und die Mönche
      des h. Nikolaus, S. 335-341.


    VI. Der Bosporus.

    Bujuk-Dere, das Thal, die Bucht, der Ort und seine Gärten,
      S. 342-345.

    Besteigung des Bulgurlu, S. 345-348.

    Der Riesenberg, das fabelhafte Grab auf seiner Spitze, das Genueser
      Schloß, Alter seiner Anlage, älteste Tempel und Stadtbauten hier,
      neuentdeckte Inschrift, Lorbeerbüsche und Fabel dieses Strauches,
      S. 348-356.

    Spaziergang zum schwarzen Meere, S. 356.

    Kiredsch-Burun und der Schlüssel des Pontus, S. 357-359.

    Der Kabatasch Dag und seine Aussicht, S. 359-361.

    Kastanjesu und sein Thal, S. 361-363.

    Rumili Kawak, verlassener Wachtthurm, Hochebene auf den
      europäischen Uferbergen und weiter Blick auf das schwarze Meer,
      Scene mit türkischen Marinesoldaten, S. 363-368.

    Die Gartenanlagen des Bosporus, in Jeni Köi bei dem Logotheten
      Aristarchi und in Kandlische bei Fuad Pascha, Sonntagsfeier in
      Tschibukly, S. 368-371.

    Geologische Bildung des Bosporus, die Cyaneen, Fahrt dorthin und
      Besteigung derselben, S. 371-376.

    Das Paradies, lorbeerbekränzter Esel, S. 376.

    Unter der Platane Gottfried’s von Bouillon, S. 377-380.

    Chunkjar Iskelessi, seine Platanen und seine Wiese, Spaziergang
      nach Tokat, ein Feiertagsabend am Bosporus, S. 381-383.

    Das Lager zu Maslak, unterirdische Gänge dort entdeckt, S. 383-385.

    Monastir Deressi, S. 385.

    Die armen Seelen des Bosporus, S. 386.

    Die Jasonsage, ein neuer Versuch ihrer Erklärung, S. 388.

    Therapia, S. 393.

    Die süßen Wasser von Asien, S. 394.

    Ein Abend auf dem ~Quai de Bujuk-Dere~, S. 395.

    Wallfahrt nach Belgrad zu den Erinnerungen an Lady Montague, S. 396.

    Eine neue Gefahr der orientalischen Frage, S. 399.


    VII. Athen. Rückfahrt und Rückblicke.

    Abschied von Constantinopel und Schiffbruch im Hafen, S. 402.

    Fahrt durch das Marmora-Meer, S. 403.

    Im Archipel, Euböa, Cap Sunium und seine Tempelruine, Aegina,
      das attische Festland, poetische Abendfeier, neugriechische
      Unwissenheit altgriechischer Heldenthaten, S. 405.

    Athen, unpraktische Anlage der neuen Stadt, baierisches Uebersehen
      der nationalen Eigenthümlichkeiten, Sonnenaufgang auf der
      Akropolis, der Zeustempel, das Dyonisische Theater, die Straße der
      Dreifüße, der Theseustempel, neuentdeckter antiker Friedhof, die
      Hügel zu Füßen des Burgfelsen, S. 409-418.

    Stürme im äginetischen und adriatischen Golfe, Heimweh nach dem
      Orient und Vision seiner geschauten Herrlichkeiten, S. 419.



I. Hinreise.


    Triest, Hôtel de la Ville, den 13. Mai 1864.

Briefe und die letzten Vorbereitungen füllten den gestrigen Tag.
Müde und abgespannt, eigentlich krank und fiebernd stieg ich in Graz
Abends 6 Uhr in den Eisenbahnwagen; erst da ich heute Morgens das Meer
wieder sah und dem alten Lieblinge das freudige Θάλαττα! Θάλαττα!
entgegenrufen konnte, ward mir wieder wohl in Leib und Seele.

Die Nacht war kalt gewesen, wie wenn dem Kalender zum Trotze der Winter
noch fortdauere. Oder wollte sich die Heimath nur eindringlich dem
Scheidenden in’s Gedächtniß heften? Umsonst die Angst, daß ich sie
vergesse! es liegt ja die Nothwendigkeit der Rückkehr vor mir. Lange
konnte ich den Schlaf nicht finden; dafür fand ich in der Ungestörtheit
des Alleinseins mich selbst wieder, der sich in den Sorgen und Mühen
der letzten Monate verloren hatte. Es ist das ein Vortheil des
Reisens, daß es uns mit der Unabhängigkeit auch die unabweisliche
Selbständigkeit gibt; herausgerissen aus der Bequemlichkeit der
gewöhnlichen Verhältnisse, zwingt es uns die Gedanken und die Hilfe,
die wir sonst rechts und links neben uns schon hergerichtet fanden,
nunmehr in uns selbst zu suchen. Menschen, die sich bisher noch gar
nicht kannten, haben sich oft am ersten Reisetage erst erkennen lernen.
Ein Gang in die weite Welt ist die beste Schule für das Leben, und
gerade für uns Kinder der Civilisation eine um so unentbehrlichere,
als wir in stubenhockerischen Gewohnheiten den Contact mit der Natur
verloren haben. Diese und sich selbst findet der verzogene Mensch
dort wieder und so auch die Freiheit, die nur dort ist, wo der Mensch
allein, oder wo er fremd unter Hunderten seines Gleichen steht.

Nach 6 Uhr erwache ich. Ich sehe den Karst, auf dessen Höhe wir
fahren; die Sonne ist vom Regen versteckt, der die Steinfelder dieser
Berge noch unwirthlicher als sonst erscheinen läßt. In Nabresina hält
der Zug; die Bahn nach Italien trennt sich hier von der, welche den
Karst hinab nach Triest führt. Der Bahnhof ist groß und zweckmäßig
eingerichtet. Schon singt Alles das Italienische. Erfreut durch die
bekannten Klänge beobachte ich das zu- und abströmende Gedränge.
Ein Conducteur war mir darin aufgefallen, weil seine Blicke mich
unablässig verfolgten. War der Mann ein Vertrauter der Polizei und
hielt er mich für einen Flüchtling? Jetzt drängte er sich zu an die
offene Wagenthüre, umfaßte meine Knie, er hatte mich erkannt! Es war
Venerando, der Gondolier, der mich in Venedig immer geführt hatte. Wie
aber auch hätte ich ihn, den zierlichen, schlanken Burschen, der mich
so oft in der ärgsten Sommerhitze, nichts als ein Hemd und die leichte
Hose an, nach dem Lido, nach den Inseln, nach Torcello oder nach San
Francesco del Deserto gerudert hatte, in der steifen, zugeknöpften
Eisenbahnuniform erkennen sollen? Früh Morgens schon klopfte er damals
an meine Thüre. Ich wollte die Leute schonen und so verneinte ich
die Absicht einer Fahrt. Er aber kannte die stille Neigung meiner
Wünsche und aufopfernd wußte er mich bald zu überreden, mich ihm und
seinem Genossen hinzugeben. Landeten wir dann nach stundenlanger
Fahrt an einsam abgelegener Küste und hatte ich die Früchte, die ich
mitgenommen, mit ihnen getheilt, so geleitete er mich in das Innere des
Landes, dem Fremdlinge die herrlichen Reste einer abgestorbenen Kunst
mit all’ dem Schönheitssinn und all’ der Liebe zu seinem Vaterlande
zu erklären, die dem Südländer, und dem Italiener insbesondere,
eigen sind. War ich müde geworden, so ruhten wir neben einander auf
dem Strande aus, dem das Meer mit leicht aufschlagenden Wellen, die
immer näher unsern Füßen kamen, vertraute Grüße aus entlegenen
Fernen zubrachte. Sein fortwährendes Gelispel machte die Rede meines
Venerando noch geschwätziger. Von Venedig erzählte er mir, das vor uns
lag im Dufte gluthvoller Mittagssonne, von den Lagunen und von den
Geheimnissen, die sich nächtlich darauf begeben; zuweilen auch, wenn
ich ihm besonders geneigt schien, von sich und seinen Freunden und
daß er schon einmal das Messer gezückt, weil man seinem Weibe zu nahe
treten wollte. Ich hörte ihm immer mit regem Interesse zu; seine Worte
waren gut gewählt und seine Stimme klang melodisch. Erst Abends, wenn
die Sonne schon auf den schneeigen Gipfeln der Alpen ruhte, ruderte
er mich zurück durch das purpurfarbene Meer nach der goldbethürmten,
kuppelbedeckten Stadt. Mit mir trug ich kostbare Erinnerungen, die
ich unvergeßlich festhalte und ihm treulich danke. Sein Gefährte hieß
Beppo, aber er war vergleichsweise unbedeutend.

„Venerando“, rief ich auch heute meinem Freunde wieder, „wie ist es
möglich, Du, der schönste, der schnellste Gondolier des ganzen Venedig,
hier in diesem Kleide Conducteur einer Eisenbahn?“ -- „Konnt’ ich
anders, Signore? Ich bin verheirathet, habe Kinder, und meine Frau
meinte, ich solle von meinem mächtigen Dienstherrn das Fürwort zu einer
Staatsanstellung erbitten. Das sei ein bleibender Verdienst, sichere
mir das Alter, ihr und den Kindern sogar für den Fall meines Todes das
Leben. Und ich liebe mein Weib über Alles, wie hätte ich ihr diesen
Wunsch nicht erfüllen sollen?“ -- Ich begriff und schwieg, denn selbst
ein Wort des Mitleidens wäre Kränkung gewesen. Der Mann fühlte ohnedem
seine ganze Herabwürdigung tief genug, das zeigte seine Haltung und
der niedergeschlagene Blick seiner Augen. Aber so sind die Weiber!
das Höchste wie das Niedrigste können nur sie aus den Männern machen.
Und doch gibt’s noch Eingebildete, die sich die Herren der Schöpfung
träumen!

Ueber andere Dinge wechselten wir noch einige Worte, der Anklang an
die frühere Zeit erheiterte sie; dann trennte uns die Pfeife und das
Weitergehen des Zuges. Wir haben es uns nicht gestanden, aber er muß
die Freude des Wiedersehens aus meinen Blicken wie ich aus den seinigen
gelesen haben. Wozu auch reden, wenn die Augen aufrichtiger als alle
Worte sprechen!

Gleich hinter Nabresina öffnen sich zwei Felsen, zwischen denen durch
und über die vorliegenden Steinmassen hinab man sonst den ersten Blick
aus das Meer (Miramar) hat. Heute erschienen dort nur undurchsichtige,
regenhaltige Nebel. Aber wenige Windungen weiter, wie sie die Bahn
so vielfältig über diesen Gebirgsrücken schlingt, jetzt eine die
entschieden gegen Süden wendet, und übermächtig, durch keinen Nebel
und durch keine Wolken, nicht durch Regen und auch durch die Nacht
nicht mehr verbergbar liegt das Meer weit ausgebreitet, rechts unten
an den Felsenhängen, Alles beherrschend, die Natur und unser Denken.
Dunkle Farben kleiden es, aber auch so ist es groß, bezwingend in
seinem Eindrucke; und wenn es noch düsterer, noch unfreundlicher
wäre, von dieser Stelle gesehen, wird es mir immer nur entzückende
Freude gewähren. Es haftet an diesem Puncte einer der beglücktesten
Augenblicke meines Lebens. Ich hatte die See sonst nur im Norden
gesehen, wo sie grau und kalt ist, und mir doch lieber als das Grün
der Wiesen und der Schnee der Alpen geworden war, so lieb, daß ich
nicht glauben wollte, daß sie irgendwo noch schöner erscheinen könne.
Da zeigte mir ein warmer Julitag, es war Abends und die Sonne eben im
Scheiden, von dieser Stelle das erste Mal das adriatische Meer. Ein
Schrei des Entzückens und dann verlor ich im Schauen jede Besinnung. In
Thränen löste sich die Freude auf, daß Gott so Herrliches geschaffen
und daß er mir gegeben es zu sehen. Wie in dem Halbkreise eines
Theaters ruhte das Meer in seinen Felsenmauern; tiefes Rothblau auf
seiner Fläche, nur rechts hinüber, wo Venedig liegt, und in seiner
Mitte, wo die Sonne in zerrissenen Wolken untertauchte, flüssiges Gold
darauf. Von seinem Horizonte schossen breite, feurige Strahlen in
die Kuppel empor, daß Himmel und Wasser wie in einem Brande glühten.
Schiffe waren weithin zerstreut mit weißen und rothen Segeln, die mit
lautlosem Leben die geweihte Stille des Bildes durchzogen. Von kleinen
Wellen getrieben segelten sie und verrinnende Kreise schlugen hinter
ihnen an die grünen Abhänge des Ufers. Links erschienen die ersten
Lichter von Triest und das Leuchten seines Leuchtthurms.

Wer einmal ein solches Bild lebhaft in sich aufgenommen, dem wird
es auch die geringste Mahnung ganz wieder lebendig machen. Das ist
eben das Gottgesegnete solcher begeisterten Augenblicke, daß sie
unvergeßliche werden. Der erste Eindruck kehrt an derselben Stelle
immer wieder, verschönert und vergrößert, weil die Erinnerung ihn
genährt hat. Und dabei sind die angenehmen Erinnerungen weit zäher in
ihrer Lebensdauer als die unangenehmen. Es ist das auch eine der vielen
Gottesgaben, die der Mensch unbewußt und gewöhnlich undankbar genießt.
Er nimmt sie wie die Luft, die er athmet, und das Licht, das er sieht,
als ein ihm Gebührendes, als etwas Alltägliches. Heute kam zu diesem
Vergnügen noch die sichere Hoffnung hinzu, dieses befreundete Element,
das Meer, nun durch Monate besitzen und es zu jeder beliebigen Minute
schauen zu dürfen.

Um halb 9 Uhr stiegen wir im Bahnhofe aus; immer noch dieselbe dürftige
Bretterbude. Nun, da ich in der Stube des Gasthofes sitze, hat der
Regen aufgehört. Warmer Sonnenschein schlüpft durch die Fenster herein,
den Süden und seinen Frühling kündend. Ich eile ein um das andere Mal
vom Schreibtische weg auf den Balkon hinaus, die Luft, die ich in
diesem Jahre noch nicht gekostet, in vollen Zügen zu athmen. Unten auf
dem Quai ist dasselbe Gedränge und Geschrei wie ehemals und sogar die
Blumenmädchen vom Jahre 1860 glaube ich zu erkennen. Die See weiter
draußen, wo ich sie zwischen und über den Masten der vorliegenden
Schiffe weg erspähe, ist dunkelblau geworden und an dem Himmel ziehen
die Nebel in mächtigen Wolkenballen davon. Ein großer englischer
Schraubendampfer gleitet eben am Molo di San Carlo vorüber nach der
Darsena. Der Hafen erscheint mir leerer als sonst.

Abends fuhr ich auf der Straße nach Servola. Das Meer auf der einen
Seite im rothen Abendlichte, auf der andern Seite links die Hügel mit
Gärten und Villen bepflanzt, ist das einer der schönsten Spazierwege
der Welt. Ich habe schon manche inhaltsvolle Stunde stiller Melancholie
dort zugebracht; gewöhnlich waren es die letzten vor der Abreise.

Neben der Werkstätte des Lloyd sehe ich die des Rheders Tonello und
auf seiner Werfte das Gerippe zu dem großen Dampfer „Rudolf von
Habsburg“, ein Zeichen strebsamer Handelsthätigkeit. Man wirft der
Stadt und den Triestinern Rücksichtslosigkeit für die österreichische
Production vor und droht ihnen jetzt mit der Aufhebung des Freihafens.
Ich finde den Vorwurf ungerecht und die Strafe widersprechend allem
dem, was man sonst zu Gunsten der Freiheit begehrt. Das Hinterland
hat selten die Aufträge der Triestiner Kaufleute so erfüllt, daß die
ausländischen Consumenten dauernd zufrieden gestellt werden konnten.
Und dann, wenn es nur in der Schuld der Triestiner Vermittler liegt,
daß der österreichischen Industrie eine vermehrte Seeausfuhr fehlt,
warum ahmen die österreichischen Producenten nicht die Schweizer nach,
die sich selbst um fremdländische Käufer bemühen? Warum schicken sie
nicht ihre Söhne und ihre Neffen nach Aegypten, Syrien, Constantinopel,
nach Marokko, Ostindien, China und Japan, nach Brasilien, Peru und
Mexiko, die dortigen Bedürfnisse kennen zu lernen und auf den fremden
Märkten die österreichischen Waaren auszubieten? Ich habe aus derselben
Schwarzwälder Strohhutfabrik denselben Unternehmer jährlich nach
London, Paris, Newyork, Hamburg und Wien reisen sehen, um die Muster
dieser Hauptstädte für die nächste Saison zu holen. Und Schweizer aus
den besten und reichsten Häusern findet man nach den entlegensten
Winkeln der Welt verschlagen. Aber freilich, das Pflaster des Wiener
Grabens ist ein bequemeres als das von Pera und Alexandrien. Und doch
ist die Handelsweise, wie sie die Schweiz betreibt, für ein Land, das
noch wie Oesterreich in den Anfängen der industriellen Production
liegt, die einzige praktische und fördersame. Was aber die Aufhebung
des Freihafens betrifft, so brauchen sich deswegen die Triestiner
nicht zu ängstigen. Der Trieb der Zeit geht auf anderen Wegen und
wird binnen Kurzem, statt Triest in ein Gefängniß, das ganze Reich
in einen Freihafen des Freihandels verwandeln. Es gibt Ideen, die,
einmal geboren, von selbst weiter wachsen; sie arbeiten nicht und sie
spinnen nicht und unser himmlischer Vater nähret sie doch. Wie eine
solche Feldlilie der heiligen Schrift ist der Freihandel. Es wird die
nächste Zukunft weniger mit der Abschaffung der Freihäfen als mit
der Wiederherstellung der ursprünglichen Naturzustände beschäftigt
sein; die waren freie und die Freihäfen sind ihre letzten aufrecht
gebliebenen Reste. Auch hat England die seinigen erst aufgehoben,
als es seine Bekehrung zum Freihandel vollendet hatte. Will man von
Privilegien und Ausnahmen reden, so kann das nur von jenen Gesetzen
gelten, welche die natürliche Freiheit aus den Grenzen eines großen
Reiches verbannt und sie auf den Bezirk jener kleinen Meerwinkel
beschränkt haben.

Jetzt, da es Mitternacht ist, kehre ich vom Molo di San Carlo zurück.
In der lauen, ruhigen Luft kühlte ich den Drang meiner Erwartungen.
Der Mond, ein prophetisches Zeichen meiner Fahrt, steht als wachsende
Sichel, das Wappen von Byzanz und später das des türkischen Reiches,
am wolkigen Himmel. Junge Leute kehrten von einer späten Meerfahrt
heim. Mit Spielen und Gesängen kürzten sie die Zeit, die ihnen nach der
lebensfrohen Art des Südländers noch zu frühe dünkte. Der Lloyddampfer
„Stadium“ liegt am Molo, gespenstig und unheimlich, wie das Mondeslicht
jedes Schiff erscheinen läßt. Morgen um diese Stunde ruhe ich darauf
und die Wellen der Adria wiegen mir das Schlaflied.


    An Bord des Lloyddampfers „Stadium“, den 14. Mai.

Da ich Morgens im Hôtel de la Ville auf den Balcon trat, wechselten
noch Licht und Dunkel auf dem bewegten Spiegel des Meeres, der
Widerschein drohender Wolkenmassen. Um 1 Uhr, als wir uns einschifften,
war die See ruhig und der Himmel sonnig geworden, und so tragen und
leuchten uns jetzt die zwei verschwisterten Elemente.

Das Verdeck des Dampfers fand ich mit Menschen überfüllt;
glücklicherweise nur die wenigsten Passagiere, die meisten Freunde,
die einem Scheidenden das Geleite geben wollten, oder Müßiggänger,
die die Neugierde nach den abgehenden Dampfern weiterer Fahrt treibt.
Das Zeichen, daß die kaiserliche Post an Bord gelangt sei, scheuchte
die Ueberflüssigen nach dem Lande zurück. Es währte noch eine Weile,
bis sich das Boot in Bewegung setzte, dann aber ging es schnell von
dem Damme weg, an den umliegenden Schiffen, dem Leuchtthurme, der
links den Hafen schließt, vorüber in’s freie Meer hinaus. Kaum Minuten
blieben, um den Freunden, die auf dem Molo standen, die letzten Grüße
zuzuwinken. So schwindet Alles im Leben, das der Gegenwart nur kurze
Dauer, die meiste Zeit der Vergangenheit und Zukunft läßt. Es ist ein
fortwährendes Abschiednehmen. Kaum gekommen heißt es schon wieder
weitergehen. Und doch, so schmerzlich dieses immerwährende Losreißen
ist, es erleichtert und bereitet uns den letzten Abschied vor, den vom
Leben selbst.

Die Augen heften sich an das Land, das zurück bleibt. Dort steigen die
Alpen hinter dem Karste auf, schneebedeckt und immer höher wachsend,
je näher wir der Küste und der Stadt kommen. Es ist derselbe Proceß
wie mit den Erinnerungen: die entlegenen treten mächtiger in dem
Gedächtnisse hervor als die nahen; das Heute vergißt was das Gestern
gethan, aber das Alter hält die Jugend warm im Herzen.

Links bleiben wir der istrischen Küste so nahe, daß ich mit dem Glase
die einzelnen Bäume, in Pirano das Haus unterscheiden kann, in dem ich
einmal eingekehrt, als ein grimmiger Wintersturm unsern Dampfer in den
Hafen dieses Städtchens verschlagen hatte. Zwei Tage und zwei Nächte
hielt ihn die Bora dort fest. Man ließ uns die Zeit auf dem Lande
zubringen. Das Nachtquartier und das Essen waren schlecht genug, und
doch denke ich mit Vergnügen an den Aufenthalt zurück. Ich besah den
Ort und seine Umgebung soweit es Sturm und Regen zuließen. Das war mir
eine neue und bald eine poetische Welt; die Gassen sind von Canälen
durchzogen, so daß die See den Einwohnern ihre Schiffe bis vor die
Hausthüren trägt. Fenster und Thüren sind in Spitzbogen geschnitten
und die Säulen, die sie stützen, wie die Balcone, die davor liegen,
aus festem grauen Stein gemeißelt. Und wie die Gassen und die Häuser,
so sind auch die Menschen denen drüben in Venedig ähnlich, alle noch
immer lebendige Zeugen von der ehemaligen Herrschaft der seegebornen
Dogenstadt. Der Fischer von Pirano wie der von Chioggia trägt die
rothe Mütze auf dem Kopfe, die ihre venetianischen Vorfahren einmal
aus dem Oriente heimgebracht, wo sie Paris vielleicht für sein schönes
Lockenhaupt erfunden hatte, und den einen wie den andern hat die
Adria mit demselben Wettersturme und derselben Sonnenglut gebräunt
und gestählt. Nur ist in Pirano alles kleiner, enger, niedriger; die
Canäle sind keine Canalazzi, die Häuser keine Paläste der Pesaro
und Foscari, und die Bürger keine Dandolo’s und Bragadino’s, keine
Tiziane und Sansovino’s. Aber die Luft, die sie athmen, ist hier wie
drüben dieselbe und die Geschichte, die sie erzählen, ist beiden eine
gemeinsame. Es liegt in diesen istrischen Küstenstädten etwas mit von
der Schönheit und der stolzen Größe begraben, die das einstige Venedig
vor allen andern Städten ausgezeichnet hat. Daher denn auch auf beiden
Ufern derselbe Hauch der Poesie und des Mitleidens, der ihre Ruinen
umweht und der keine gefühlvolle Seele unbewegt lassen wird. Wer von
Malern und von Dichtern in Venedig müde bei der Arbeit werden will,
weil er seinen Gegenstand so oft wiederholen mußte, dem rathe ich
hierher auf die gegenüberliegende Küste zu gehen. Er wird z. B. gerade
in Pirano öffentliche Plätze finden, die so klein und zierlich, mit so
romantischen Häusern besetzt und auch noch durch ein Segel, das davor
vor Anker liegt, verziert sind, daß sie wie eigens für den Pinsel
geschaffen erscheinen, und oben auf dem Vorgebirge, das weit in das
Meer vorspringt, Trümmer, die vom Epheu umwunden den Dichter in seine
Welt, in die der Vergangenheit und ihre wehmuthsvolle Betrachtung
versetzen.


    Abends.

Um 5 Uhr essen wir. Bei der Rückkehr auf das Verdeck finden wir die
Alpen, diese letzten Zeugen der deutschen Heimat, dem Karste, den das
Auge schon früher verloren hatte, nachgefolgt. Wo sie aufragten, ein
abschließender Wall, liegt jetzt ebene glatte See, die wie so manches
Andere des Lebens endlos erscheint, weil die Grenzen außerhalb der Enge
unseres Gesichtskreises sind. Raum und Zeit üben durch die Entfernung
dieselbe Macht der Vergessenheit. Nur zur Linken sehen wir noch Land,
fortwährend das istrische. Rovigno ist deutlich zu erkennen als
ansehnliche Stadt mit malerischen Bauten und säulenähnlichen Cypressen.
Ihr trauerndes Schwarz hebt sie scharf von jedem Hintergrunde ab.
Inseln liegen zerstreut umher, die unbewohnt und unbebaut scheinen.
Pola ist entfernt und schon zu sehr im Dunkel, als daß man etwas
anderes denn große Mauermassen unterscheiden könnte. Von Promontore,
der letzten Spitze dieses Landes, sehen wir nur das Licht des
Leuchtthurmes. In der Cajüte sitzend lese ich die ersten Gesänge der
Odyssee. Ich will dem berühmten Dulder bekannt und vertraut in seinen
Meeren begegnen. Die meisten Passagiere ziehen sich schon zum Schlafen
in ihre Cabinen zurück und so unterstützt völlige Ruhe meine Versetzung
in eine poetische Stimmung. Es sind wenig einladende Gesichter unter
den Reisegefährten; Keiner spricht das Deutsche, daß man wenigstens
frei von der Besorgniß, verstanden zu werden, ist. Einige sind
Mailänder, die nach Persien reisen, gesunden Seidenwürmersamen zu
holen; sie treiben Lärm als seien sie die Herren des Schiffes; andere
sind Griechen, die nach Athen und Smyrna zurückkehren; drei Engländer,
ein Vater mit seiner Tochter, die nach Corfu gehören, und ein junger
Mann, der zur Vervollständigung seiner Erziehung die große Tour macht.
Er ist der einzige, der außer mir liest, schreibt, die Karte studirt
und überhaupt bei der Fahrt andere als materielle Interessen hat.

Der „Stadium“ ist kein großes, aber ein bequem eingerichtetes und
reinlich gehaltenes Schiff. Der Lloyd ließ es mit vier ähnlichen in
England bauen; „Pluto“, „Neptun“ und „Vulkan“ dienen davon noch immer
mit dem „Stadium“ zu den Eilfahrten nach Constantinopel; das andere,
den „Jupiter“, kaufte die Regierung im Jahre 1859, um es gegen die
französische Flotte, die noch gar nicht sichtbar war, in den Canal von
Malamocco zu versenken. Ich war einer der ersten im Winter 1860, die
das Verdeck des gehobenen Schiffes betraten. In dem obern Glaspavillon
fanden wir das Gold und die Farben noch vollständig erhalten. Solche
runde Salons sind auf all’ diesen Dampfern über dem Treppeneingange.
Bei schlechtem Wetter liegen die Passagiere darin auf den Divanen und
bei schönem kleben sie sich außen herum an die Wände zur Deckung gegen
den Windanfall und die Sonnenstrahlen. Die Stiege mündet unten in
einen Vorsaal; aus diesem führen Thüren in den Damensalon, den großen
Speisesaal, die Cabine des Capitäns, Büffet und andere unentbehrliche
Nebenlocalitäten. Die Cabinen für die Passagiere sind rechts und
links, für die Männer neben dem Speisesaal, für die Frauen neben dem
Damensalon; Thüren und Portièren sperren sie ab, wie denn überhaupt die
ganze Einrichtung ebenso bequem als glänzend ist. Die Küche bedient uns
vortrefflich. Die Enge meiner Cajüte, die mich zuerst erschreckte, ist
mir jetzt, da ich alles darin geordnet habe, schon heimlich geworden.
Wie wenig der Mensch eigentlich braucht, merkt er erst, wenn ihm die
Noth das Ueberflüssige genommen hat.

Jetzt, da ich wieder schreiben will, beginnt das Schiff in allen Rippen
zu zittern und zu stöhnen. Wir sind im Quarnero, der selbst bei diesem
windstillen Wetter seine übelwollende Natur geltend zu machen sucht.
Noch ein Spaziergang mit dem Arzt auf dem Verdecke und ich werde mit
einer frühen Nacht mir einen frühen Morgen zu bereiten trachten.


    An Bord des „Stadium“, 15. Mai.

Pfingsten, das Fest der Freude, nicht im Walde, auf grüner Haide, auf
dem baum- und blüthelosen Meere feiere ich es. Aber den Frühling hat
es mir doch gebracht und wärmer und erquicklicher als er daheim in
den steierischen Bergen sein wird. Laue südliche Luft umfängt mich
schon um 6 Uhr Morgens, da ich auf das Verdeck komme. Unmerklicher
als mit jedem andern Bewegungsmittel legt man mit dem Schiffe große
Entfernungen zurück. Um das Boot und auf demselben findet sich an jedem
Morgen nur wenig verändert, um so überraschender dann solche plötzliche
Verpflanzungen wie die heutige von der Winterkälte des Nordens in die
Sommerwärme des Südens. Den Himmel finde ich zuerst umwölkt, aber die
Sonne überwindet ihre Feinde. Die dalmatinischen Berge, runde, gewellte
Linien, sind nur undeutlich in den Nebeln des Morgens sichtbar. Eine
niedere Kette liegt vor der höheren. Vielleicht Inseln?

Um 10 Uhr fahren wir zwischen Lissa und Busi durch, beide steinig
und kümmerlich bewachsen. Pomo liegt hinter uns in schönen felsigen
Formen. Einer Plänklerkette ähnlich sind diese Inseln vor das Festland
gestellt; alle scheinen unbewohnt und selbst unbebaut. Ob das jemals
anders gewesen weiß ich nicht. Bekannt ist mir nur, daß fromme
Gefährten des heiligen Hieronymus sich hierher flüchteten, weil ihnen
zuerst Rom und dann auch noch Aquileja und ihre anderen illirischen
Heimathstädte zu zerstreuend und zu voll von Versuchungen waren. Es
war ein eigenthümliches Leben, das diese Männer führten, wechsel- und
widerspruchsvoll wie das ganze Werden des 4. Jahrhunderts. Niemals,
so weit die Geschichte zurückerzählt, waren die Contraste greller
nebeneinander gestanden. Das Heidenthum, das seine Macht noch nicht
ganz verloren hatte, und das Christenthum, das noch um das Scepter
seiner Alleinherrschaft kämpfte, eine abgestorbene und eine jung
auflebende Welt nebeneinander. Dabei war im Grunde wenig Kampf, mehr
Verträglichkeit als heute zwischen den Parteien. Der römische Senat
hatte immer noch den Altar der Victoria in seinem Saale, während am
Bosporus der Kaiser schon in der Kirche der heiligen Weisheit dem
dreieinigen Gotte seine Gebete darbrachte. Und wie im Staatsleben so
auch im Familienleben; dieselbe Milde, derselbe Friede, dieselbe
Duldung. Auf dem aventinischen Hügel im Palaste der Marcella fanden
die Zusammenkünfte statt, wo die adeligsten Matronen um den heil.
Hieronymus geschaart die Lehren des Christenthums annahmen, indeß ihre
Männer und ihre Kinder den Vergnügungen des Circus nachgingen. Von
jenen Conventikeln aus pilgerte die heil. Paula, durch mütterliche und
väterliche Abstammung zugleich eine Tochter der Scipionen und Atreiden,
nach dem heiligen Lande, um zu Bethlehem neben der Geburtsstätte
unseres Erlösers zu sterben und ihr Grab zu finden, während ihr
Sohn Toxotius in Rom als Heide, aber mit einer christlichen Gattin
zurückblieb, und sein Söhnchen, der Enkel der heil. Paula also, doch
wieder dem mütterlichen Großvater, einem heidnischen Oberpriester,
das christliche Halleluja! entgegenlallte. Ob sie wollten oder nicht,
Alle mußten durch die Schule dieses bunt zusammengewürfelten Lebens;
die Ecken standen einander noch zu nahe, als daß man ihnen hätte
ausweichen können. Und wie ein Extrem das andere weckt, so mußten dann
aus den Uebersättigungen des Heidenthums die strengen Kasteiungen des
Christenthums hervorgehen. Nur so gebildete Männer konnten das Leben
auf diesen ausgedörrten, von einem ewigen Wellenschlag ausgewaschenen
Inseln ertragen. Wer weiß, wie lange es dauert, bis wieder Einsiedler
hierher flüchten, denen die Welt zu eitel und die sich selbst
zu schwach zum Widerstande sind. Es ist eine Eigenthümlichkeit
aller sinkenden Zeiten, daß starke und schwache Seelen, die einen
wenn sie die Erfolglosigkeit begriffen, die andern wenn sie die
Unwiderstehlichkeit der Sünde erkannten, sich in die Einsamkeit
zurückziehen. Wenn wir sie alle zählen könnten die Menschen, denen heut
zu Tage der Muth und die Kraft zur That und zum Widerstande erstorben
sind, ob nicht der Inseln zu wenige wären sie alle aufzunehmen? Aber
nein, unsere Zeit ist ja noch keine des Verfalles, wenigstens in ihrer
Einbildung nicht.

Gegen Mittag verschwand alles Land; es blieb auf allen Seiten nur
unbegrenztes Meer, mir das liebste, weil man sich doch immer den
Beherrscher seines Gesichtskreises wähnt. Der Tag, der heiß und
klar war, schied mit einer Sonne, die purpurhältig aus wolkenlosem
Himmel in die See sank, und die Nacht, die milde und hell ist, kam
mit einer Sichel, die züchtig ihr bescheidenes Licht über die leicht
aufrauschende Fluth ausgießt. Im Westen glänzt noch ein rother Strahl;
„so stirbt ein Held!“ und das ist der Erinnerungsschimmer, den er
zurückläßt.

Vorn auf dem Schnabel des Schiffes liegt ein Perser schlafend
ausgestreckt; den ganzen Tag über sah ich ihn lesend dort sitzen,
unveränderlich in seiner Ruhe und in seinem Gleichmuthe. Nur manchmal
hob er sich über die Brüstung hinaus, auf die See zu sehen. Auch da
war sein Blick kein Schauen, nur ein suchendes Denken. Wie vieles mag
in diesem Kopfe sein, wovon die Schulweisheit deutscher Gelehrten nie
geträumt hat! Ich halte ihn für einen Pilger, der von einer Wallfahrt
heimkehrt. Vielleicht gilt er seinem Volke als Wissender, wie den
Deutschen nur irgend einer ihrer Heidelberger und Berliner Professoren.


    An Bord des „Stadium“, 16. Mai.

Welche Veränderung, da ich Morgens vom Verdecke den ersten Blick um
mich werfe! Links vom Schiffe, wo gestern Abend noch das Auge weit
hinaus und den Osten nur von Meer und Himmel begrenzt sah, prallt es
jetzt zurück an finsteren Wänden, und muß an ihnen hinaufklimmen den
Himmel auf sie gelehnt zu finden. Das können nur die akrokeraunischen
Berge sein, welche den Alten die obere Welt von der rückkehrungslosen
unteren schieden. Und wahrlich, wer diese Berge sieht wie ich sie sehe,
grau im unheimlichen Zwielichte des Morgens, indessen weit draußen im
Westen ein erster Sonnenstrahl über ihre Kuppen weg auf das zitternde
Meer fällt, der begreift, daß sie der Phantasie eines dichterischen
Volkes als Mauern erscheinen konnten, die trennend zwischen zwei
unvereinbare Reiche, den Tod und das Leben, gestellt waren. Was hinter
ihnen ist, ihr Inneres, mag auch wirklich manches Thal bergen, das,
sonnenlos, der homerischen Schattenwelt ähnlich genug sein mag. Und
ähnlich diesen Sagen liegen, da ich die Gebirge zuerst erblicke,
geheimnißvolle Wolken auf ihren Gipfeln. Erst da das volle Tageslicht
kommt, zerstreut es diese.

Heute nennen sie es das Tschika-Gebirge. Schnee deckt die obersten
Kuppen und zieht sich in weißen Streifen tief hinab. In Silberbächen
fallen die schmelzenden Wasser durch die alten Furchen in das Meer
hinunter, denn ohne jede Abstufung, ohne vorliegende Hügelkette, ohne
vermittelnden Rand, von oben beinahe senkrecht hinab sinken diese
Berge in’s Meer; ein Schiff könnte an ihnen anlegen wie an den Wänden
eines Molo’s, so glaubt man wenigstens. Unten hat der Wogendrang
der Jahrtausende die Hänge abgewaschen, oben aber wurzeln grüne
Laubwälder fest darin. Das sind Standbilder der Vergangenheit; aus dem
Boden, welchen die Zeit aufgeschichtet hat, schöpfen sie ihre zähe
Lebenskraft. Die Gestalt und auch die Höhe dieser Berge, die höher
erscheint als sie wirklich ist, weil das Gebirge unmittelbar aus dem
Meeresspiegel aufsteigt, läßt sie mich unsern Alpen ähnlich finden.
Dahinter ist das türkische Albanien. Rohe, wilde Völker wohnen dort,
ohne jede Spur jener Gesittung, die wir Civilisation nennen. Schon
Homer schildert sie so; die Füße wuschen sie sich damals nicht und
schliefen auf dem Erdboden. Und ein Jahrtausend später fand Strabo bei
den Barbaren um das heilige Dodona noch immer denselben Culturzustand.
So bleibt der Mensch wie auch die Pflanze auf demselben Erdenflecke
im Grunde immer derselbe; er wie alles Uebrige unterliegt den localen
Naturgesetzen. Ich achte übrigens wegen dieser Rohheit diese Völker
nicht geringer; was wir Rohheit nennen, ist gar oft der bessere Theil
der Natur, den die Erziehung auslöschen will. Was die Albanesen damit
zu leisten vermögen, das zeigten sie gegen Ali Pascha von Janina.

Cap Linguetta ist inzwischen weit hinter uns zurückgeblieben; mit
dem von Otranto, gegenüber an der italienischen Küste, sperrt es
das adriatische Meer. Ein anderes Meer thut sich vor uns auf, das
jonische, mit anderen Inseln und anderer Geschichte. Wäre das Wasser
nur etwas beständiger, diese Fläche müßte uns Furchen zeigen, die
der Kiel des Jasonischen Schiffes, die Odysseus, die Cäsar und sein
Glück, Augustus, die die Byzantiner und Normannen, die Venetianer und
Kreuzfahrer darein gezogen haben. Später, als dann die Welt größer
ward, wurden die Ereignisse, die hier geschahen, kleiner und seltener.
Die Weltgeschichte ist mit der Zeit extensiver aber nicht intensiver
in ihrem Wirken geworden. Indessen den alten Ruhm, den glänzenden
Schimmer der untergegangenen Zeit konnte diesem Meere nichts von dem
spätern rauben; die Dichter haben ihn mit unsterblichen Namen ringsum
an das Festland und an die Inseln, an die Berge und an die Klippen
geschrieben. Was sie die donnergetroffenen Berge, die akrokeraunischen,
genannt, das wurde durch sie das Land der nächtlichen Cimmerier; dort
ließen sie den Hades und den Tempel der Eumeniden erstehen. Fanno, das
vor mir mit malerisch, scharf gebrochenen Linien, so wie man Capri
auf Bildern dargestellt sieht, aus der Fluth auftaucht, war ihnen die
Zauberinsel der Calypso, das verführerische Ogygia, und Corfu, das ich
bis jetzt nur noch mehr ahne als sehe, das Scheria der seeliebenden
Phäaken mit dem königlichen Hofe des Alkinoos und der reinen Liebe der
Nausika. Und wer in der That kann diese Ufer mit andern als mit von der
Dichtung begeisterten Augen sehen?

Die Küste zur Linken ist uns mit den gewaltigen Berglehnen immer gleich
nahe. Rechts treten die Erikusa und die ganz nackten, zersplitterten
Felsenriffe der Salmotraken in den Gesichtskreis; zuletzt schließt sich
Corfu an mit Bergen weit höher als ich sie erwartet hatte. Silbergrau
sind sie von oben bis unten mit Olivenwäldern überzogen, aus denen
einzelne Cypressen würdevoll aufragen. Unten herum, dem Strande näher,
sind Landhäuser darin zerstreut, kleine feste Würfel aus rothem Stein
mit niederen Dächern. Das Meer liegt spiegelglatt davor, daß, als wir
zwischen die Insel und das Festland eingefahren sind und die Berge sich
hinter uns zusammenschließen, die Täuschung beinahe unwiderstehlich
wird, man treibe auf einem friedlichen Landsee. Ein Inselchen,
Peganosa, worauf die Engländer eine Laterne setzten, mehrt noch den
Betrug. Es ist wie einer der schweizer oder italienischen Seen, nur
größer, weiter, und Cypressen, Feigen-, Orangen- und Oelbäume auf den
Uferwänden, und Meer und Land in den Farben, in dem Dufte und in der
Wärme des Südens.

Alle, auch die bisher theilnahmslosesten Passagiere, haben sich auf
dem Verdecke gesammelt. In der Mitte des Oberdecks vor dem runden
Glaspavillon stehen sie schauend und entzückt; ich aber vorne auf der
Spitze des Schiffes, weil meine Neugierde allen vorandrängt. Gegen 2
Uhr sehe ich Corfu in einer weiten aber wenig eingebogenen Bucht auf
steilem Ufer mit weißen Häusern; vor ihm und zu seinem Schutze Fort
Vido; zur Rechten, die Stadt und die ganze Insel beherrschend und wie
ihr Rückgrat durch sie hingezogen, Monte San Salvatore; zur Linken
die Doppelgipfel der Festung, die mit felsigen Kanten zum Wasser
hinabsteigen, das hinüber zum Festlande führt, wo schneebedeckt die
albanesischen Berge aufragen. Zwischen ihnen und Corfu durch zwängt
sich das Meer wie in einem Strome zur Fortsetzung unserer Fahrt.

Fort Vido haben die Engländer erbaut und jetzt vor ihrem Abzuge
zerstört. Zwischen den gestürzten Mauern stehen einige dürftige
Platanen. Unser Schiff macht einen weiten Bogen um das Inselchen, dann
erst übersehe ich die ganze Stadt und die Rhede, denn das ist der Hafen
eigentlich nur. Kriegsschiffe und Dampfer und die Flagge auf den hohen
Thürmen der Doppelburg kündigen noch immer die Engländer; sie haben die
Uebergabe der Regierungsgewalt an den König von Griechenland bis zum
Juni verschoben.

Wir werfen den Anker; die Maschine und die Räder stehen stille, das
Schiff treibt mit der Kraft, die ihm eigenthümlich geworden war, noch
eine Weile weiter; erst die angespannten Ankerketten halten es. Eine
Meute von Booten, die uns schon entgegengekommen war und in immer
engerem Kreise eingeschlossen hatte, legt sich an seine Wände. Diese
Boote sind breit und plump, so sehr jedem Schönheitsgefühle zuwider,
daß ich sie nur durch das Bedürfniß entschuldigen kann, das sie so
zu anderen Zeiten für die vielleicht bösartige Natur dieser Buchten
brauchen mag. Die Bootsleute sind frische und sogar schöne Bursche und
das Geschrei, womit sie sich die günstigsten Plätze bestreiten, die
Passagiere schon von unten herauf zu gewinnen suchen, gibt mir, ehe ich
noch diesen Boden betreten habe, einen Begriff von der Lebhaftigkeit,
von der Geschwätzigkeit des griechischen Volkes. Das lauteste, was ich
in Italien gehört habe, schwindet daneben zu melodischem Mezza voce
herab. Ihre und unsere Ungeduld mußte warten, bis der „Stadium“ Pratica
erhalten hatte. So nennen sie in der Levante alle mit dem Ausladen
verbundenen gesetzlichen Förmlichkeiten.

+Corfu+, oder Scheria wie es die Fabel, Korkyra wie es das
Alterthum, Korypho wie es das Mittelalter nannte, ist berühmter durch
den Ruf seiner Schönheit als durch den seiner Geschichte. Mitgespielt
hat es gar oft, aber entschieden nur einmal die Schicksale der
Welt; das war, als es im Streite mit der Mutterstadt die Athener
gegen Korinth zu Hilfe rief und dadurch den peloponnesischen Krieg
anstiftete, der so lange und so verderblich die Griechenstämme
entzweite. Vorher mag die Zeit gewesen sein, welche Strabo „vor
Alters“ und „eine hochbeglückte“ nennt, weil es eine große Seemacht
besaß. Korinth hatte es durch eine Colonie in Besitz genommen. Bald
aber zeigte es sich der Mutter feindselig, egoistisch, den Interessen
Griechenlands abgewendet und im Innern zu Parteikämpfen geneigt. Schon
vor den Perserkriegen war es gänzlich unabhängig und so stark, daß es
nächst Athen die größte Flotte und den bedeutendsten Handel hatte und
mit Korinth in der Herrschaft über das jonische Meer wetteifern konnte.
Seine Regierungsform war eine aristokratische und seine Diplomatie eine
überaus geschickte, die es immer außerhalb fremder Händel zu halten
und ihm für die eigenen doch Bundesgenossen zu verschaffen wußte. Die
materielle Lage der Insel war eine glänzende, der Reichthum groß, aber
die geistige Bildung ihrer Bewohner hat nie jene Stufe erreicht, auf
der im übrigen Griechenlande Werke unsterblichen Ruhmes geschaffen
wurden. Roher und mordlustiger als irgend welche andere Griechen,
füllten die Korkyraer die Zeit des auswärtigen Friedens, die man an
anderen Orten zu Tempelbauten und zur Dichtkunst verwendete, mit
inneren Parteikämpfen aus, die so grimmig waren, daß einmal in einem
Streite die obsiegende Partei 1500 der gefangenen Gegner hinschlachten
ließ. Es waren die demokratischen und aristokratischen Ideen, die
hier früher als in einem andern Staate Griechenlands auf einander
stießen. Diese inneren Zerwürfnisse boten fremden Feinden immer willige
Handhaben zu ihren Einmischungen. So kam es, daß Athener, Spartaner und
Macedonier sich in dem Besitze der Insel folgten. Zuletzt ging er denn
auch mit der Erbschaft Alexander des Großen an die Römer über. Corfu,
in seiner Oberherrschaft geknechtet, scheint sich durch kleinliche
Freiheitsbestrebungen lächerlich gemacht zu haben. Wenigstens
bespöttelt sie ein damals viel gebrauchtes römisches Sprüchwort: „Nun
+frei+ Korkyra,.... wohin du willst.“ Im August des Jahres 31 v.
Chr. besetzte es Octavius Augustus, als er den Westen des römischen
Reiches gegen den Osten in den Kampf führte, der sich schon damals von
jenem trennen wollte. Der Posten, der den Eingang in das adriatische
Meer und die damals so viel befahrene Verbindungsstraße zwischen dem
italienischen Brundisium und dem illirischen Dyrrhachium bewacht, war
für den Römer, der das Hauptquartier seiner Macht in Rom hatte, von
der höchsten Bedeutung. Im Falle einer Niederlage bot er ihm einen
Sammlungspunkt, oder deckte doch seinen Rückzug nach den calabrischen
Häfen und Heerstraßen. Mit Anderem muß auch das Antonius vergessen
haben, als er that- und entschlußlos im korinthischen Busen mit
verliebten Tändeleien die Zeit der Vorbereitung verlor und den Gegner
den Sieg schon gewinnen ließ, noch ehe die Schlacht begonnen hatte.

Eben diesen Stationspunkt wählen dann auch die späteren Eroberer,
die sich zu ihren italienischen Fürstenthümern das griechische
Kaiserreich rauben wollen. So 551 n. Chr. Totila mit seinen Gothen;
so 1081 Robert Guiscard, 1107 Bohemund, 1146 Roger und 1185 Tankred
mit ihren Normannen. Hier sammelten sie ihre Flotten, nordwärts gegen
das oft belagerte Dyrrhachium, das heutige Durazzo, und südwärts
gegen die preisgegebenen Küsten Morea’s und Attika’s zu ziehen. Und
flüchtig, wenn der immer noch starke Arm des sinkenden Kaiserthums sie
gezüchtigt hatte, ist es wiederum hier, wo sie einlaufen und Kräfte zu
neuen Ueberfällen suchen. Wenn die Corfioten zu solchen Expeditionen
die Fremden nicht geradezu aufforderten, wie es 1146 geschah, als
sie sich gegen die byzantinischen Steuergesetze empörten, so waren
ihnen die Feinde des oströmischen Reiches doch immer willkommen; den
Reichthum und die Macht hatten sie nicht mehr, aber den Egoismus
und die Theilnahmlosigkeit für die Geschicke der Stammesbrüder noch
immer so wie damals, als Athen vergebens ihre Hilfe gegen die Perser
begehrte. An Byzanz band sie nur das lose Band von 1500 Goldpfunden,
die sie jährlich dahin ablieferten; die fanden sie nicht genügend
bezahlt durch den schwachen Schutz, den ihnen der entfernte Kaiser nur
bieten konnte. Sich selbst zu schützen waren sie noch unfähiger, und
so wurde es allerdings das vortheilhafteste, sich dem jeweiligen Herrn
des adriatischen Meeres willenlos hinzugeben. Zuerst den normännischen
Königen von Neapel und Sicilien; dann, als sie diesen der griechische
Kaiser wieder entrissen hatte, Constantinopel aber durch Henrico
Dandolo erobert worden war, der Republik Venedig 1205; später wieder
einmal an das Königreich Sicilien und 1386 sogar an den Fürsten von
Padua. Einem Nachbarn aber konnte Venedig nicht diese Pförtnerstellung
des adriatischen Meeres überlassen, und so zog noch im selben Jahre
der Admiral Giovanni Miani aus, die Insel auf Grund der früheren
Besitzestitel und für alle Zeiten in das Eigenthum der Republik
aufzunehmen. Die Einwohner glaubten seinen Verlockungen, daß Corfu
nur zufrieden gewesen und nur glücklich sein werde unter dem Banner
des heiligen Markus, und zwangen mit ihm die paduanische Besatzung
zur Uebergabe der Burg am 9. Juni 1386. So ward Venedig Herr dieser
Insel und blieb es bis zu seinem eigenen Falle. Was man auch dagegen
gesagt und geschrieben, es hat sie besser verwaltet und vertheidigt als
sie es jemals früher oder später war. Eine Aristokratie, ähnlich der
von Venedig selbst, besorgte die politische Administration. Dadurch
entstand ein Adelskörper, der, wenn man dessen Existenz und seine noch
immer geltenden Ansprüche nicht übersieht, manches von den letzten
Ereignissen Griechenlands erklärt. Die militärische Gewalt behielt
Venedig hier wie in allen seinen Colonien ganz in der eigenen Hand.
Und ruhmvoll hat es sie gegen den einzigen Feind, den es in diesen
Meeren zu fürchten hatte, gegen den Türken gebraucht. Einmal, 1537,
als Suleiman seine Truppen auf die Insel ausschiffen ließ, und ein
anderes Mal, 1716, als der deutsche Graf Schulenburg mit nur 5000
Venetianern die Stadt und zuletzt das Schloß durch 42 Tage gegen 22
türkische Linienschiffe, 30.000 Soldaten und 3000 Pferde so tapfer
vertheidigte, daß der Feind mit einem Verluste von 15.000 Mann die
Belagerung aufheben und in nächtlicher Heimlichkeit abziehen mußte.
Das Denkmal des Generals stand lange auf dem Schauplatze seines
Verdienstes. Erst als die Republik gefallen war, erreichte die Pforte
das Ziel ihres Strebens, aber auch dann nur für kurze Zeit, denn schon
1809 mußte sie die Souveränität über die Insel an Frankreich abtreten.
Schon der Friede von Campo Formio hatte diese Verfügung enthalten,
Frankreich aber nicht die Kraft gehabt, sie der russisch-türkischen
Flotte abzunöthigen. Der erste Pariser Friede übergab dieses Recht der
Oberherrschaft an England, der zweite beschränkte es durch den Vertrag
vom 5. November 1815 zwischen Rußland und England auf ein Protectorat,
das eben jetzt England auch an den König von Griechenland abtritt.
Daß damals den jonischen Inseln so viele Selbständigkeit gelassen
ward, soll ihnen ihr Landsmann, der Corfiote Graf Johann Capo d’Istria
erwirkt haben, und daß sie heute ganz in die griechische Herrschaft
übergeben werden, sollen sie wieder zumeist dem Einflusse einer
Persönlichkeit, den Berichten des Lord Obercommissärs Sir Henry Storks
zu danken haben. Corfu wird jetzt zu beweisen haben, daß es treuer und
opferbereiter als in alten Zeiten zum gemeinsamen Vaterlande stehe;
die Zukunft liegt in seiner Hand. Was ihm England übergibt, ist ein
sorgsam gepflegter und verbesserter Boden.

Das in großen allgemeinen Zügen die Geschichte der Insel; ihre
körperliche Gestalt finden die Griechen einer Sichel ähnlich, den
innern Ausschnitt gegen das Festland gekehrt. Ich möchte sie eher einer
Keule vergleichen, deren Griff im Süden und deren knorriger dicker
Kolben im Norden liegt. Dieser nördliche Theil ist der gebirgigere.
Alle anderen übertrifft der Monte San Salvatore durch seine Höhe
(3000 Fuß), aber auch durch die Schönheit seiner Umrisse. Vom Hafen
aus gesehen zeigt er zu oberst eine lange, gerade, nackte, felsige
Schneide, die nur an ihren beiden Enden mit kleinen Hörnern aufragt.
Weil ich überall Aehnlichkeiten sehe, so vergleiche ich ihn mit der
hohen Schrott auf dem Wege von Ischl nach Ebensee. Das Wachsthum auf
seinen Hängen ist ein üppiges, meistens silbergraue Olivenwälder. Die
Berge, die um ihn stehen, steigen unmittelbar aus dem Meere auf, so daß
die ganze Gruppe wie ein eben erst aus den Fluthen aufgetauchtes Wunder
erscheint.

Von diesen Höhen ostwärts dacht sich die Insel ab. Dort liegen wie in
einem Sattel die Stadt Corfu, ihre schönsten Villen und Gärten. An
seinem anderen Ende, vor dem Abbruche in die See, hebt er sich wieder
zu dem doppeltgehörnten, dem grauen, steilen Vorgebirge, auf dem die
Festung steht, die Fortezza vecchia auf dem einen, die Flagstaff
Batterie auf dem anderen Horne. Zu allen Zeiten muß dieser Felsen die
Akropolis getragen haben, wie heute die der Engländer, so ehemals
die des Königs Alkinoos. Das Festland gegenüber buchtet sich gerade
an dieser Stelle tief ein, so daß die Meerstraße von Corfu hier am
breitesten ist. Die Stadt liegt unter dem Schutze der Festung und der
Insel Vido beinahe uneinnehmbar; Haus über Haus steht sie vom untersten
Saume der nordwärts geöffneten Bucht das felsige Ufer hinauf. Sie sieht
gedrängt, eng und klein, aber reinlich aus, weil die Gebäude alle
frisch und weiß angestrichen sind. Die Stadt soll an 20.000 Einwohner,
die Insel 73.473 haben.

Indeß war der Menge, die den Dampfer umlagerte, die Erlaubniß geworden,
das Verdeck zu besteigen. Bald waren wir, jeder Passagier besonders,
von Diensteifrigen umstellt, der eine um uns sein Boot, der andere um
uns seinen Wagen, seine Führerschaft, seinen Gasthof und jeder um uns
mit vertraulich zugeflüsterten Betheuerungen seine Dienste als die
besten anzubieten. Obst und Gemüse, Orangen, Erdbeeren, eine fremde
Gattung Aprikosen wurden in großen Körben um uns aufgeschichtet;
Artischocken von dieser Größe hatte ich nicht für möglich gehalten. Ich
drängte durch Alles durch zur Lloydbarke, die uns an einer abgelegenen
Stelle landete. Durch Höfe und einen Thorweg betraten wir erst die
Gassen der Stadt. Eine englische Wache hielt das Thor besetzt, schöne
große Leute und von so anständiger Haltung, daß jeder einem Gentleman
glich. Sie waren ganz in weiße Leinwand gekleidet, auf dem Kopfe die
hohe weiß überzogene Korkmütze mit dem rückwärtigen Schirme, der weit
hinab den Nacken deckt, wie sie sich die englische Armee gegen die
indische Sonne erfunden hat. Und so sommerlich angethan kommen uns
alle Leute, die meisten sogar noch durch weiße Sonnenschirme gedeckt,
entgegen. Glückliches Land, wo die Sonne das ganze Jahr über ihre
Schuldigkeit thut und man nie vergessen kann, warum sie scheint!

Die Gassen, die ich aufwärts ging, steigen die Höhe zum Plateau
hinauf, aber nicht so steil, als ich nach dem äußern Aussehen der
Stadt erwartet hatte. Sie sind schmal, und so ist der Verkehr in ihnen
zusammengedrängt und lebendiger als in mancher unserer breitspurigen
Residenzstädte. Auch den Schatten haben sie dadurch gewonnen.
Verschwendet ist dafür der Raum oben auf der Höhe, um den Platz
zwischen der Stadt und der Festung auf das ansehnlichste auszubreiten.
Seine eine Seite begrenzt die Stadt mit einer langen Zeile anständiger
Häuser; dort, aus einer Seitengasse heraus, betrat ich ihn. Vor dem
ebenerdigen Geschoße ziehen sich Arcaden her, so daß man einen weiten
Weg gegen Regen und Sonne geschützt hat. Kaufleute haben darunter ihre
Waaren ausgestellt. Unter dem vielen Primitiven fiel mir die große
Anzahl der Möbelhandlungen auf. Links, wo diese Häuserreihe endigt,
aber ihr schon gegenüber, steht der Palast des Lord Obercommissärs; aus
gelblichem Malteserstein ist er in so schönen Formen gebaut, daß er des
griechischen Himmels würdig erscheint. Zwischen ihm und den Häusern der
Stadt bleibt ein enger Durchblick auf den Hafen und die albanesische
Küste; vor ihm hebt sich eine Palme und um sie blühen Rosen- und
Oleanderbüsche. Unter schattigen Alleen, die das ganze Oval des Platzes
umsäumen und durchschneiden, ging ich weiter, durch tiefe Gräben von
den hohen Mauern der Festung geschieden. An den Brücken, welche darüber
herabgelassen waren, hatten wieder englische Soldaten die Wache. Da
plötzlich, wo die Mauern und der Felsen abbrechen und die Aussicht zu
meiner Linken auf das Meer wieder frei wird, blieb ich wie gefesselt
stehen. Ein Bild, schöner noch als alle früheren, überraschte mich, ein
Bild, das mich immer bei jeder Rückkehr auf die Insel zuerst anziehen
wird.

Es ist der zweite größere Busen der Insel, der sich hier ostwärts
gegen das Festland zu öffnet; von dem andern, nördlichen, trennt ihn
das Vorgebirge der Festung, er ist weit und noch weniger eingebuchtet
als dieser in einem kaum zu überschauenden Bogen bis zu seinem neuen
Vorlande hingezogen. Das Ufer hart vor mir fällt steil und hoch
in ausgewaschene Klippen hinab. Erst eine Strecke weiter auf dem
Ausschnitte des Bogens senkt es sich zu ebenem Strande, auf dem eine
weiße Straße hinläuft. Villen und Gärten liegen daran und ziehen sich
so tief in’s Land hinein, daß es aussieht, als wolle sich die Stadt
in’s Unübersehbare fortsetzen. Das Meer, das in dieser Bucht liegt,
war blau und ruhig; nicht einmal die Riffe unter mir konnten ihm ein
Gemurmel ablocken. Darüber hinaus ist das Festland mit anderen Buchten,
mit den Bergen Albaniens, mit dem noch höhern Pindosgebirge, das dunkel
vom Laube dichter Wälder die Geheimnisse des dodonischen Orakels
bewahrt.

Ich stieg in einen Wagen, um weiter in das Innere der Insel zu dringen.
Einzelne Palmen grüßen aus Gärten heraus; Cactus- und Aloehecken zäunen
die Felder ein, dann nimmt uns ein Orangenhain auf, die Bäume voller
Früchte, die mit ihrem Golde das Grün des Laubes entfärben; die freie
Natur aber kömmt erst mit einem Olivenwalde. Uralte Stämme von so
willkürlicher und mannigfaltiger Gestaltung, daß mir jeder besonderer
Besichtigung würdig erscheint. Wer jemals eine Abneigung gegen diesen
Baum gefaßt, vielleicht wegen seines grauen, eintönigen Laubes, der
gehe hierher um sich von diesem Vorurtheile zu heilen. Der Zeichner
und der Dichter kann für seine Landschaften keine malerischeren und
stimmungsvolleren Baumgruppen finden. Es sind Bäume, wie sie Claude
Lorrain geahnt. Der Boden ist zerhackt, wie zerbrochen, überall guckt
das Erdreich hervor; einzelne Büsche von Gras und Blumen sitzen auf
den zerstreuten Haufen herum; Schafe weiden dazwischen. Mir fallen
alle Fabeln der antiken Dichtung ein, am deutlichsten aber sehe
ich den Oedipus auf Kolonos illustrirt. So war der Hain, der den
schwergeprüften Greis beherbergt und zuletzt verschlungen hat.

Wo wir wieder aus den Wäldern heraus an bewohntere Stätten kommen,
springen Kinder herbei, den Wagen mit Rosen und Orangenblüthen zu
bewerfen. An einer solchen Stelle steige ich aus; wenig Schritte
seitab, die man mich führt, und ich habe eine dritte Bucht, den Hafen
der Phäaken vor mir. Tiefer als eine der beiden andern zieht sie sich
in’s Land hinein und vorn ist sie so geschlossen, daß ihr die Corfioten
wie einem getrennten Landsee einen besondern Namen geben konnten.
Den See von Calichiopoli nennt man sie; daß sie heute zu seicht zum
Einlasse unserer Schiffe ist, war kein Grund gegen ihre frühere
Benutzung. Dadurch eben bot sie in jener Zeit, als ein Paar starke
Fäuste genügten, die geschnäbelten Schiffe auf das Ufer zu ziehen, die
sicherste Unterkunft. Damit aber ja kein Zweifel über die ehemalige
Verwendung dieser Bucht bleibe, hat Poseidon das gleitende Meerschiff
phäakischer Männer, das den Odysseus nach Ithaka zurückgebracht und
wieder auf der eignen Heimkehr begriffen war, versteinert vor den
Eingang des Hafens hingestellt. Festgewurzelt in die Wellen steht der
Felsen, ein Kapellchen, ein Paar Oelbäume und Cypressen darauf, wie ein
Denkmal, das die Natur dem Dichter und dem Helden seines Liedes gesetzt
hat. Ποντιχονῆσι, Ratteninsel, nennen sie es heute.

Der Hafen liegt tief unter mir. Weit um ihn herum ist bebuschtes Land
gebreitet. Mir gegenüber, auf seinem jenseitigen Ufer, steigen die
Berge von Casturi zum Thale hinab. Oelwaldungen bedecken ihre Hänge,
und Landhäuser und kleine Ortschaften schimmern daraus weiß hervor.
Ich saß lange und schaute und konnte des Eindruckes nicht satt werden.
Wer wird auch das Paradies nicht genießen, wo es einem auf Erden schon
geboten wird?

Das Letzte, was ich besuchte, war die Villa, welche die Kaiserin
von Oesterreich einen Winter lang bewohnt hat, der gewöhnliche
Sommeraufenthalt des Lord Obercommissärs. Sie steht auf dem entlegenen
Vorgebirge der zweiten ostwärts geöffneten Bucht. Der Garten war
voll üppiger Blumen; die meisten in der Blüthe, einzelne sogar schon
verwelkt. Aber das bewundernswertheste ist der Ausblick von der
Terrasse vor dem Gartensaale; Meer und Land umfassend reicht er vom
Süden über den Osten bis zum Norden; die Nähe unmittelbar vor mir
wild und schwindelnd mit hohem Felsabsturze bis zur See hinab, die
Ferne mild und ausgeglichen in ebenem Linienschwunge und stille im
heißen Mittagsschlafe des sommerlichen Frühlingstages. Uralte ernste
Cypressen, höher als bei uns irgend ein Baum wird, nisten in den
Felsen, die den Abhang hinab zum Meere auf einem steil verwegenen
Steige führen. Auf regungsloser Fluth lag dort ein Kahn an die Klippen
angekettet. Links hin in weiter Ferne, von Bäumen halb verdeckt,
erscheint die Stadt, der doppelzackige Felsen des Festungsvorgebirges
und darüber, wie seine vergrößerte Copie, der mächtige alles
beherrschende Monte San Salvatore. Gegenüber auf dem Festlande sperren
die Berge von Albanien die Aussicht. Schwarze Gewitterwolken ballen
sich auf ihrem Schnee zusammen, drohend, als wolle uns der Prospero
dieses Zauber-Eilandes die Absicht der Flucht verhindern; denn nur
dieser dichterischen Schöpfung kann ich diese Insel vergleichen. In
ihrem Rosenglanze und Orangendufte war mir oft, als höre ich aus den
Lüften herab das verlockende Lied Ariels und aus den Büschen das
keusche Liebesgeplauder Miranda’s und Ferdinands. Die Königin von
England gibt dieses Kleinod ihrer Krone umsonst her, mir wäre es um die
Schätze aller ihrer Indien nicht feil. Aber freilich droben in ihren
Nebeln kannte die arme Frau nicht einmal was sie besaß.

Wir dampfen in der Straße von Corfu, rechts an dem Vorgebirge
der Festung, an der Villa des Lord Obercommissärs, links an dem
chäronäischen Gebirge, an dem chimärischen Vorlande vorüber. Hinter
uns sind die vereinigten Berge der Insel und des Festlandes, vor uns,
wo das Meer wieder weiter und freier wird, Paxos und Antipaxos, zwei
felsige Eilande, Corfu nahe und von ihm getrennt, wie wenn sie einmal
eins mit ihm gewesen wären. Hier war es, wo der römische Steuermann
Thamus die wunderbare Weisung hörte, an der Bucht von Butrinto, also
Corfu gegenüber, laut auszurufen, daß der große Gott Pan gestorben
sei. Und als plötzliche Windstille dem Unfolgsamen den Ruf abgenöthigt
hatte, da erscholl weit umher klagendes Wehegeschrei. Es war der
Jammer um den Tod der alten Götter und um die Auferstehung eines neuen
Glaubens. Alle Versuche dieses Wunder durch irgend etwas Natürliches
zu deuten sind bisher gescheitert. Ich glaube, daß sich dergleichen
Erscheinungen überhaupt nicht erklären lassen. Ihre Veranlassung liegt
nicht sowohl in der uns umgebenden Natur, als in den Gemüthern und in
der Zeit, welche von den Ahnungen der Geister bewegt ist. So sind oft
ganze Generationen von dem Wunderglauben erfüllt. Es ist das besonders
in den Epochen der Wiedergeburt, der Um- und Einkehr der Menschheit
in sich selbst, in den glücklichen Tagen eines neuen Lebens der Fall,
wenn der Mensch wieder zu glauben beginnt. „Das Wunder ist des Glaubens
liebstes Kind!“ Auf ruhiger offener Fläche des Meeres, wo nichts den
Sinn zerstreut und das Auge nur durch die gegenstandslose Ferne
gefesselt wird, bilden sich dann solche Erscheinungen von selbst, und
ungesprochen und ungehört glaubt und sieht sie das Ohr und das Auge.

Während ich in Corfu auf dem Lande war, hat das Verdeck unseres
Schiffes ein anderes Aussehen bekommen. Albanesen, Türken, Griechen,
Montenegriner lagern darauf in solcher Menge, daß ihnen auch ein
Theil des ersten Platzes eingeräumt werden mußte. Es ist die
Levante, die uns auch hier umgibt mit malerischen Trachten und
charakteristischen Physiognomien. Die Meisten tragen weiße, grellroth
verbrämte Flanelljacken, Mäntel, enganliegende Hosen und Gamaschen aus
demselben Stoffe, mit den gleichen Verzierungen, das sind Albanesen
und Montenegriner. Einige aber, offenbar wohlhabendere, haben diese
Kleidungsstücke aus blauem und rothem Tuche, über und über mit Gold
gestickt. Andere, denen Hunger und Sorge die scharfen Gesichtszüge
noch mehr ausgefeilt haben, sind bis auf ein zerrissenes Hemd und
die nothdürftigsten Lumpen unbekleidet. Was von Griechen aus dem
eigentlichen Griechenlande darunter ist, zeigt mit einem gewissen
Stolze das bekannte Griechenkleid, die Fustanella, die Jacke, Gamaschen
und das rothe Fez. Möglichst abseits von diesem Volke, das laut
und beweglich ist, halten sich ruhig und still die Türken. Es sind
Soldaten, die nach Konstantinopel zurück müssen, während die übrigen
der Hunger, die Gewinnsucht und die anderen Triebe der Hoffnung dahin
treiben. Alle haben ihr Mobiliar und ihr ganzes bewegliches Eigenthum
bei sich in großen Ballen zusammengeschnürt. Da es Abend wird,
knüpfen sie die Schnüre auf und rollen, die Reicheren dünne Matrazen
und gesteppte Decken, die Aermeren nichts als langhaarige Kotzen zu
ihren Nachtlagern auseinander; darauf ausgestreckt, verzehren sie das
sparsame Mahl, das sie mitgebracht, Knoblauch, Zwiebeln, rabenschwarzes
Brod, und nur die, denen es besser zu gehen scheint, essen Käse dazu.
So genügsam ist dieses Volk und darum nicht schlechter daran als das
nordländische, das sich mit Bedürfnissen übersättigt.

In all’ dem Lärm und Gedränge, den diese Einwanderung veranlaßt
hat, sitzt mein Perser unberührt und unverändert wie früher, das
großbuchstabige Buch auf den Knieen, vorne auf demselben Flecke.
Staunend über so viel Insichgezogenheit stand ich lange bei ihm und
dachte wie naturwidrig doch das Bestreben unserer Civilisation sei,
Menschen so verschiedenartig, wie ich sie hier auf dem engen Raume
eines Schiffes versammelt sah, unter dieselben Gesetze zwingen, zu
demselben Culturzustande erziehen zu wollen. Zerstreut durch solcherlei
Gedanken und dann auch weil es schon dunkelte, stolperte ich über einen
der schlafenden Albanesen. Der Mann erwachte nicht, aber im Schlummer
griff er nach seinem Dolche. Gab’s eine aufrichtigere Sprache, aber
auch eine die mir verständlicher die Lebensart des ganzen Volkes
geschildert hätte? Und sie ist die richtige, die von Gott gegebene.
Streich für Streich, Faust gegen Faust. Die Civilisation sieht freilich
mit Verachtung auf unser Mittelalter herab, weil es das so gemacht;
aber wenn man den heutigen Sitten die Tugendkapuze abstreift, was
bleibt dann anderes als das Faustrecht, der Kampf des Einen gegen Alle,
das ~ôte toi que je m’y mette~? Daß es von unseren großstädtischen
Börsen statt von den vereinsamten Burgen aus geübt wird, ändert an dem
Werthe der Sache nichts.


    9 Uhr Abends.

Der Regen, der uns eingeholt, strömt in Güssen nieder. Wir fahren am
Meerbusen von Arta vorbei, aber Nebel decken die Stätte von Actium.
Tausend Schiffe standen sich hier in den Nachmittagsstunden des 2.
September 31 Jahre v. Chr. gegenüber. Antonius und Augustus, die
beiden ehemaligen Freunde, rangen um die Weltherrschaft. Als die Sonne
schied und das Meer, das schon blutgetränkt war, mit feuriger Röthe
übergoß, schwammen nur noch brennende Wracks, Ertrinkende, Leichname
darauf herum, ein allgewaltiger Sieger, und Antonius, der in dem
purpursegeligen Schiffe der Cleopatra entfloh. Drei Tage saß er stumm
und allein vorne auf dem Schnabel des Bootes; erst am tänarischen
Cap, dem heutigen Cap Matapan, wo sie landeten, sprach er wieder. Die
Geliebte hatte zuerst das Zeichen zur Flucht gegeben und er war ihr
gefolgt, noch ehe die Schlacht verloren war. So sehr hatte dieser Held
im Schooße seiner Dalila alle Kraft verloren. Augustus baute später
auf dem Vorgebirge, das links den Meerbusen schließt, zur Feier des
Sieges die Stadt Nikopolis, und das erzene Bild des Esels, der ihm
am Vorabende die glückliche Entscheidung prophezeit hatte, war auf
ihrem Marktplatze aufgestellt. Später wurde es nach Constantinopel
übertragen, um die Spina des Hippodroms zu schmücken; die Stadt ging
in das Eigenthum der Familie der hl. Paula über. Wir treiben schon in
voller Nacht, unberührt von jeder Erscheinung der Vergangenheit, über
die ereignißvolle Stätte. So spurlos heilt die Zeit die ärgsten Wunden.


    1 Uhr nach Mitternacht.

Ich stieg wieder auf’s Verdeck und hielt bis jetzt aus. Meine Gefährten
bei dem regnerischen Spaziergange waren zwei Engländer, der junge Mann,
der die große Tour macht, und der erste Maschinist des Dampfers. Sie
ganz mit Reminiscenzen an Lord Byron und den 2. Gesang des „Childe
Harold“ erfüllt, ich nur mit Homer und dem 13. Gesange der Odyssee
beschäftigt. Abwechselnd mußte der eine von dem andern die Schicksale
der Sappho und die glückliche Heimkehr des Odysseus vordeclamirt hören.
Das leukadische Vorgebirge lag schwarz, wie ein Sarg gestaltet, der
alle Lieb und Treu begraben hält, hinter uns; Ithaka zur Rechten, hoch
und mächtig; Cephalonia zur Linken mehr in flachen gestreckten Linien.
Ueberall nur Umrisse, die gleich dunkel ausgefüllt waren, denn der Mond
war verborgen und die Nacht zu dicht, um von den Einzelnheiten irgend
etwas erkennen zu können. Der Regen rieselte, aber ich harrte aus; was
war meine Geduld gegen die des großen Dulders Odysseus! Wach wollte ich
ihm und seiner Heimath einen Tribut dankbarer Erinnerung zollen. Um
Mitternacht begegneten wir dem Dampfer, der aus Constantinopel kommt.
Mit Raketen begrüßten sich die beiden Schiffe. Und hier, kurz darauf,
kämpfte sich der Mond durch die Wolken durch. Geisterhaft in seinem
bleichen Lichte wie ein wirklich gewordenes Sagenbild stand Ithaka
da; Cephalonia blieb in Schatten gehüllt; die Erscheinung kam und
ging, schnell wie die eines Traumes, die sich der Geist mit lebhaften
Wünschen erzwungen hat.


    An Bord des „Stadium“, 17. Mai.

Auf dem Verdecke begrüßt mich frische und doch warme Luft, herrliche
blaue See, geklärte Fernsicht, im Osten die Kette der messenischen
Berge mit sanften grünen Hängen, die zum flachen Ufer abfallen, das
schneegesalbte Haupt des Taygelus über allen; im Westen das freie
Meer, wo eine Menge großer Schiffe mit geschwellten Segeln nordwärts
streben. Wir sind im Golfe von Arkadien, heilige Namen und heiliges
Land überall. Der Morgen voll Salbung, die alle Lebensgeister anregt
und das Dasein wieder einmal recht des Lebens werth erscheinen läßt.
Der Insel Prodano fahren wir vorüber, später der Klippe Sphakteria,
hinter der geborgen der Busen und die Ortschaft Navarin liegen. Auch
hier wieder sind es Homer und Byron, die unserem Gedenken begegnen. Die
sandige Pylos des Nestor, wo Telemach von Mentor geführt Hilfe und Rath
suchte, lag einst auf dem Abhange dieser Berge, und Sphakteria, das
lange Seeräuber beherbergte, ist als Schauplatz des Corsaren gedacht.
Modon taucht auf. Nach 10 Uhr sind wir ihm so nahe, daß jedes einzelne
Gebäude deutlich zu erkennen, Thürme, Mauern, runde Thorbogen aus
der Venetianer-Zeit auf einer schmalen weit gegen Süden auslaufenden
Halbinsel zu unterscheiden sind. Todt und leer wie eine Gräberstadt
sieht es aus, als habe das viele Blut, das hier in alter und neuer
Zeit geflossen, alle Lebensfähigkeit weggespült. Es gibt Gegenden,
die wie einzelne Geschlechter verurtheilt zu sein scheinen, ewig die
schlimmsten Gräuelthaten der Menschheit zu tragen. Diese kleine Spanne
der messenischen Küste hat solch’ ein Schicksal. Jedes Jahrhundert
spielte hier seinen Verrath, seine Blutthat, vom Siege der Athener über
Sparta 425 Jahre v. Chr. bis zum ~untoward event~ am 20. October
1827 n. Chr. Und wie seine Geschichte so ist auch der Ort: verfallen,
den Ruinen eines Stammschlosses ähnlich. Nur ab und zu wirft ein
vereinsamter Baum, eine trauernde Cypresse oder eine graue Olive lang
gezogene Schatten auf den dürren Boden; der strafende Gott scheint Salz
in ihn gestreut zu haben, damit das Wachsthum dort ersterbe, wo der
Mensch den Tod gesäet hat.

Ganz nahe zu unserer Rechten haben wir die wüsten Felseninseln
Sapienza, dann Cabrera. Auch das sind Leichenhügel, von der
voraussichtigen Natur dem künftigen Menschenschicksale aufgeworfen.
Zwei der blutigsten Seeschlachten wurden in diesen Gewässern
geschlagen, zwischen Venetianern und Genuesen, am 3. November 1354, als
Doria den berühmten Pisani gefangen nahm, und am 6. October 1403, da
der abenteuerliche Carlo Zeno den Genuesen diese Niederlage vergalt. So
unstät sind Glück und Wellen.

In der engen Straße zwischen dieser Insel und dem Festlande begegnete
uns der Lloyddampfer, der aus Alexandrien kommt; eine gute Weile hinter
ihm der der italienischen Gesellschaft, der doch zwei Stunden vor dem
Lloydschiffe abgefahren war.

Der Tag wird wärmer. Um 12 Uhr passiren wir das wilde felsige Eiland
Venetico. Scharf gekantet und prächtig roth gefärbt, so wie sich
unsere Phantasie südländische Klippen vorstellt, erscheint es uns.
Dahinter liegt, nur durch schmales Wasser von ihm geschieden, das Cap
Gallo, Akritas nannten es die Alten und die Insel davor Teganussa.
Der messenische Golf, heute der von Koron, thut sich auf, breit und
tief in’s Land geschnitten. Aber dem Taygetus und den Bergen, die sich
gerade vor uns trennend zwischen dem messenischen und lakonischen
Busen aufstellen, verhüllen dichte Wolken die Kuppen. Ich sehe diese
berühmten Formen nicht. Was sie drohen, die Gewitter, verwirklicht
sich bei dem Cap Matapan; es gießt, aber die See bleibt gefügig. Um 3
Uhr umschiffen wir das Vorgebirge, die südlichste Spitze von Europa,
die mittlere von den dreien, in welche die Halbinsel Morea ausläuft.
Zwei Golfe ruhen zwischen ihren Wällen; dem von Koron, d. i. dem
messenischen, sind wir schon vorüber, der von Lakonien oder Marathonisi
öffnet sich eben zu unserer Linken, aber unter Nebel und Regengüssen
verborgen. Das dritte Vorgebirge, das maleische, Cap Malea, das einzige
unter den dreien, das sich auch im heutigen Volksmunde noch den alten
Namen erhalten hat, passiren wir um 6 Uhr und mit ihm die Grenze vom
mittelländischen Meere in den Archipel. Man zieht diese von hier
aus nach Cap Spada auf Kandia, so daß Cerigo, die letzte der sieben
jonischen Inseln, noch außerhalb des Archipel im mittelländischen Meere
liegt. Sie ist eben zu unserer Rechten mit steinigem Vorlande, das
nach den gleichartigen Abstürzen der Festlandsküste hinübergreift. Wer
sie nur von dieser Seite sieht, glaubt ihr nicht, daß 13.000 Menschen
behaglich auf ihr leben und in ihrem Süden eine ordentliche Stadt
besteht. Noch weniger begreift er, warum sie mit dem Schönsten, was
die Welt je besessen, mit der Geburtsstätte Aphroditens geschmückt
ward. Aus diesen Wellen stieg die Schaumgeborne und Cythere war ihr
Lieblingssitz. Wenn es Sonne und Farbe so wie heute Morgens Venetico
vergolden, mag dieser Einfall der Phantasie erklärlicher erscheinen. So
wie es jetzt ist, wo Alles grau und nebelig einem Regentage in Ischl
gleicht, kann die Tradition das Auge nicht überzeugen.

Malea war das gefürchtetste Cap der Alten; Jeder sollte sein Testament
machen, ehe er es umschiffte. Wir fahren sicher und so nahe daran
vorbei, daß ich jeden Stein auf den kahlen Wänden und seine gänzliche
Vegetationslosigkeit erkenne. Eine rothe Fahne sehe ich und den
Fußsteig, den sich der allen Seefahrern des mittelländischen Meeres
wohlbekannte Eremit zurecht gemacht hat. Seitdem ihm ein Lloyddampfer
den Gruß mit einem überaus artigen Kanonenschusse erwidert hat, wagt er
nicht mehr sich selbst zu zeigen. Braucht er Lebensmittel, so begehrt
er sie von den Vorübersegelnden, die beilegen und sie ihm in einem
Boote senden gegen seinen Segen, den er hoch von der Felsenklippe herab
mit dem Kreuzeszeichen dem Schiffe und der Mannschaft gibt. Mich zieht
es zu dem Manne hin, der die angeborene Bedürftigkeit unserer Natur
durch die noch größere Sehnsucht nach Ruhe überwunden haben muß.

Wir fahren auf aussichtslosem Meere; der Regen, der immer dichter wird,
nöthigt mich in die Kajüte hinab.

Eben 11 Uhr Nachts scheitert der Versuch eines Spazierganges. Ein
jämmerlicher Anblick das Verdeck mit den hunderten obdachloser
Menschen. Man hat drei große Segel als niedere Zelte darüber
ausgespannt; darunter bergen sie sich, Albanesen, Montenegriner,
Griechen, Türken, Neger, auf dem Mittel- Und Vorderdeck so dicht
zusammengedrängt, daß dort jeder Durchgang versperrt ist. Schon den
Tag über rührte mich die Sorgfalt der türkischen Männer für ihre
Frauen und Kinder, und das unterschiedslos, ob es Sclavinnen oder die
Herrin war, so daß mir erst später die einzelnen Standesunterschiede
kenntlich wurden. Allen gemeinsam breiteten sie um den Glaspavillon,
der wenigstens einigen Schirm bot, Teppiche und Kissen zu Lagerstätten
aus, deckten die Weiber zu, kamen wieder, sprachen ihnen Muth und
Trost ein, straften die Kinder, wenn diese mit ihren muntern Spielen
die Passagiere des ersten Platzes zu geniren drohten. Die Kinder sind
meine Freude, besonders ein Mädchen und ein Bube, der beim Laufen
immer die weiten groß geblümten Cattunhosen verliert. Als der Guß gar
zu arg wurde und sich auch die Kinder unter die Decken verkriechen
mußten, sehen wir, wie sie ihre zarten feinen Gesichtchen fest an
die Glasscheiben der Verdeckstrommel drücken, um hinab zu uns in
den Damensalon zu schauen. Die Ordnung des Schiffes verbot es, sie
herunter zu holen, so blieb unserer Theilnahme nichts, als ihnen Obst
und Zuckerwerk hinauf zu senden. Mit Kußhänden, die sie uns zuwarfen,
dankten sie, und dann statt zu essen boten sie die Geschenke zuerst
den Frauen, den älteren Schwestern, den Müttern und Sclavinnen an.
Diese haben den Tag über, so lang’ es ihnen das Wetter erlaubte, an
dem Zusammenflicken alter Lumpen gearbeitet, Fetzen, die auch die
sparsamste deutsche Hausfrau weggeworfen haben würde. Eine Negerin
insbesondere war unerschöpflich in der Geduld um die Ausbesserung eines
alten Schleiers zu Stande zu bringen. Alle hatten das Gesicht verhüllt.
Schön scheint nur ein Mädchen von 14 bis 16 Jahren. Die Männer sind
Officiere und gemeine Soldaten, aber auch diese unterschiedslos
durcheinander gemischt. Das Alles dementirt in gar Manchem die
Vorstellungen von türkischer Art, die ich mitbringe.


    An Bord des „Stadium“, 18. Mai.

Um 5 Uhr weckte mich das Herablassen des Ankers. Er fiel in den Hafen
von Syra. Durch die Luke neben meinem Bette sah ich Meer und Himmel
noch immer grau und auf dem Verdecke hörte ich den Regen wie gestern
trommeln. So schlief ich noch eine Stunde länger und fand später auf
dem Verdecke dasselbe Wetter wieder. Schmutz und Lärm halfen ihm den
Aufenthalt dort oben recht unbehaglich zu machen. Man lud Kohlen ein;
dazwischen drängten sich die Verkäufer der Südfrüchte, um unsere
Deckpassagiere zu verköstigen. Zu beiden Seiten des Dampfers lagen
große Boote mit offenen Säcken voll von Nüssen, Mispeln, Kirschen,
Citronen, gedörrten Feigen, Mandeln, Paradiesäpfeln und Artischocken;
andere die mit Zwiebeln, Knoblauch, Salat und wieder andere die mit
Fischen, frischen und geräucherten, beladen waren. Käufer und Verkäufer
suchten sich um den größern Vortheil durch das lauteste Geschrei zu
betrügen, die Meisten verstanden sich nur durch Geberden. Ich habe
nirgends das Auge schneller fassen sehen was das Ohr nicht begreift,
als bei diesen Griechen. Indeß die Männer handelten, lamentirten die
Frauen, rangen sie das Wasser aus den getränkten Decken, um sie endlich
doch wieder gegen den noch immer strömenden Regen auszuspannen. Nur die
Kinder waren sorglos und gleichgiltig für das geschäftige Treiben um
sie.

Syra, eine ansehnliche Stadt, liegt auf den Abhängen der Felsenberge,
die den Hafen ziemlich enge einschließen; die Häuser steil über
einander und oben in eine Spitze zusammenlaufend, daß die ganze Stadt
einem großen riesigen Thurme ähnlich sieht. Der Verkehr des Hafens ist
ein reger; französische, griechische, russische und österreichische
Dampfer bemerke ich darin, und zwei Lloydschiffe sind eben aus Smyrna
und Athen angekommen, zwei andere rüsten sich zur Abreise dorthin. Das
unserige nimmt eine Menge Passagiere auf; das ist aber auch Alles, was
mir in den fünf Stunden unserer Rast auffällt. Im freien Meere sieht
man sonst die schönen Formen berühmter Inseln, heute ist jede Aussicht
durch den Regen verschlossen.

Erst um 10 Uhr fährt das Schiff und wenige Minuten vor dem unserigen
das, welches rechts hinüber, wo wir herkamen, nach dem Piräus steuert.
Kaum ist jenes außer dem Hafen, so verrathen seine Schwankungen das,
was auch unseren Passagieren bevorsteht. Ein starker Wind, der sich
inzwischen erhoben, erregt die bis zum Morgen so ruhige See. Wir fahren
nach dem Canale, der zwischen Tynos und Mykone aus dem Inselmeere des
Archipel in das freiere ägäische führt, aber Regen und Nebel dunkeln
so die Luft, daß wir selbst von diesen doch so nahen Küsten nichts
sehen. Das Wetter wird gleich nach der Ausfahrt das schlechteste. Die
See geht hoch, der Wind bläst stark und schon um 4 Uhr mißhandelt uns
ein förmlicher Sturm. Beim Essen erscheinen außer dem Capitän und Arzte
nur ich und ein junger Grieche, die Anderen liegen krank und in sich
gezogen in ihren Cabinen, oder die, welche Linderung von der frischen
Luft erwarten, oben auf dem Verdeck in Plaids und Mäntel gewickelt.
Der Regen läßt nach, aber das Wüthen des Windes und der Wellen wächst
von Stunde zu Stunde. Zuerst waren es regelmäßige, gleichgemessene
Schwingungen, die das Schiff von hinten nach vorne emporhoben, als
wolle es zu den Mastspitzen hinauf und dann von solcher Höhe wieder
hinab sich auf den Meeresgrund versenken. Man konnte den Wellen
entgegenkommen und ihnen mit der Erwartung gewissermaßen ausweichen.
Jetzt aber ist auch dieser letzte Rest gezähmter Lebensart verloren
gegangen und sinnlos wirft der Sturm das Schiff nach allen Seiten, bald
rechts und schleudert uns in dieser schiefen Lage vorwärts, oder links
und wir fliegen zurück in ein tiefes Wellenthal. Zerschellt die Gewalt
des Wassers an dem Körper des Schiffes, dann schlägt es die Wände
hinauf und kehrt mit salzigem Sturzbade das Verdeck ab; der Vordertheil
desselben steht fortwährend unter Wasser. Seekrank, gepeinigt von der
Angst und doch Alle lautlos liegen dort die hunderte von Männern,
Frauen, Kindern aneinander und an den Boden geklammert. Es ist als
ob die Größe des Elementes ihnen Schweigen aufzwänge. Und so wie
gebannt ist das ganze Schiff. Eine einzige, schwankende Lampe brennt
unheimlich unten in der großen Kajüte; alles Uebrige ist leer, still,
wie ausgestorben, als treibe das Schiff schon eine jener gespenstigen
Geistererscheinungen auf der tobenden See, womit die Phantasie der
Seeleute ihr grausiges Element bevölkert hat. Lange stand ich hinten
neben dem Steuerruder. In dem Auf- und Abtauchen in die Wogen, in dem
Heulen des Windes, in dem Herumfliegen der Schaumballen schrumpfte mir
der Dampfer, der mir gestern noch so stattlich erschienen war, zu einer
Nußschale zusammen; klein, wie wenn ich ihn mit ein paar Schritten
durchmessen könnte, däuchte er mir in dem Unmäßigen, das um ihn ist.

Schon um 7 Uhr ist es vollkommen Nacht. Ich harre aus auf dem Verdecke.
Das Unmögliche wird möglich, das Unwetter steigert sich noch, und
scheint selbst da seine Grenzen noch nicht gefunden zu haben. Mir ist
auch das nicht unangenehm. Etwas wie stolzes Selbstbewußtsein erhebt
mich, daß der Mensch das Alles ertragen, daß der Geist, das Göttliche
in ihm, diese Elemente bemeistern kann. Im Sturme, im wilden Drange
der Gefahr, erkennt erst der Mensch seine Kräfte; die Windstille
erschlafft, und der Soldat wie der Seemann handelt erst, wenn der Tod
ihm vor den Augen steht. Und wie der Mensch, so die ganze Natur; ihre
größten Thaten, die Alpen und die Wüsten, hat sie durch Revolutionen
erzeugt; Gletscher und Helden wollen riesige Geburtswehen haben, zu
Grunde geht dabei nur, was schon angefressen von der Fäulniß ist. Daher
dann die sonderbare Erscheinung, daß oft körperlich starke und gesunde
Menschen unter dem ersten Angriffe zusammenbrechen, während scheinbar
gebrechliche und was man nervöse Naturen nennt, widerstehen und siegen.
Die Einen haben in der Gewohnheit der Unthätigkeit den Willen und die
Fähigkeit verloren, während die Anderen in der Aufregung ihres inneren
Lebens den Geist, der endlich doch das Entscheidende ist, nicht blos
erhalten sondern sogar gestärkt haben.

Ein Element aber, das man liebt, wie ich das Meer liebe, kann einem
nichts zu Leide thun. Die Natur ist nicht wie die Menschen, die unsere
edelsten Gefühle mit Undank vergelten.


    An Bord des „Stadium“, 19. Mai.

Trotz des höllischen Lärmens, denn die Balken und das Getäfel krachten
um und über meinem Bette auf das jämmerlichste, muß ich gestern Abend
bald und fest eingeschlafen sein, denn was die Nacht über geschehen,
mußte ich mir heute Morgens auf dem Verdecke erzählen lassen. Erst um 9
Uhr war ich erwacht, und das nur, weil ich plötzlich das Stillestehen
der Maschine fühlte. Ich vermuthete uns vor den Dardanellenschlössern,
wo irgend eine gesetzliche Förmlichkeit den Capitän zum Beilegen
zwinge; doch rief ich dem Diener und frug nach der Ursache. Es sei
nichts, man sehe nach der Maschine. Oben aber fand ich, statt der
nachbarlichen Küsten der Dardanellen, links unbegrenztes Meer, rechts,
und das auch dort nur in weiter Ferne, niederes Festland und tief
drinnen einen hohen, dunklen, einsam aufragenden Gebirgszug; vor uns
eine Insel; die Luft kalt und farblos. Wo fuhren wir? War das schon die
Propontis, dieses Eiland die steinerne Marmora? Man lachte meine Frage
aus; die Fahrt eines ganzen Tages liege noch zwischen uns und jenen
Zielen; das rechts sei allerdings Asien, aber die Stätte von Troja,
und die Insel vor uns Tenedos. So haben uns der Sturm und die Wellen,
die gegen uns waren, aufgehalten. Ihre Gewalt war gewachsen über das
Widerwärtigste hinaus, was sie sonst nur im Winter vermögen, bis sie
dem Dampfer das rechte Schaufelrad zertrümmerten. Die Maschine mühte
sich danach vergebens ab. Sie mußte stille und das Schiff mit Hilfe
der Segel so gestellt werden, daß das Rad nothdürftig ausgebessert
werden konnte. Das Schiff lag auf seiner linken Seite und soll von den
empfindlichsten Stößen gepeitscht worden sein. Alle waren wach, auf und
quälten sich und die Officiere der Bemannung mit ihren Besorgnissen.
Nur ich schlief. Auch jetzt noch kommen wir nur langsam vorwärts, die
See ist noch immer gegen uns.

Nach 10 Uhr sind wir bei Tenedos, links zeigt es sich mit nackten,
niederen Bergen; Imbros daneben höher und mit Umrissen, wie ich sie dem
Auge wohlgefälliger noch nicht gesehen, das Mächtige ist dem Zierlichen
gepaart. Ob das dahinterliegende Samothrace ihnen beigemischt ist,
kann ich nicht unterscheiden und von der unwissenden Umgebung auf dem
Dampfer nicht erfahren. Auf der anderen Seite, also rechts wo das
Festland, breitet sich die Ebene von Troja aus. So zeigt sich mir
Asien gleich zuerst mit einem der denkwürdigsten seiner Felder. Grüne
Grabhügel kennzeichnen unverkennbar die geweihte Stelle. Auch hier also
Gräber, die die Wärter der Erinnerung sind. Alles um sie herum scheint
verlassen, ausgestorben, keine andere Spur von Priamos’ Stadt, der
ragenden Ilion und dem Kampfe der Götter und Menschen.

Es ist diese Sprache der Gräber vielleicht noch niemals ganz verstanden
worden. Das ganze Leben über sehen wir den Menschen mit der Wahl
seiner Grabstätte beschäftigt, und nach seinem Tode wird es der erste
Gedanke des Trostes für seine Hinterbliebenen, ihm ein schönes Denkmal
zu errichten. Die anderen Geschöpfe kennen diesen Wunsch nicht;
die Menschheit aber durchzieht er so weit sie lebt und bis in ihr
höchstes Alterthum zurück. Ueberall findet sich, bei dem einen Volke
nur deutlicher als bei dem anderen, der Glaube ausgesprochen, daß die
Ruhe der Todten und der Genuß der Unsterblichkeit an die Erhaltung
eines Grabes gebunden sei. Man hat diesen Wahn durch das Motiv der
Eitelkeit erklären wollen, die sich über den Tod hinaus zu verewigen
trachte; aber hat diese Erklärung die Menschheit nicht vielleicht zu
strenge gerichtet, und widerspruchsvoll einen häßlichen Trieb einer
Handlung unterschoben, die doch an und für sich nur schön und edel ist?
Kann dieser Todtencultus nicht vielmehr ein instinctives Verstehen,
das Ahnen einer Wahrheit sein, die noch verschlossen und vielfach
bezweifelt doch die Grundlage unseres ganzen Wesens ausmacht? Solch’
ein Hügel, eine Säule, ein einfacher Stein, eine Inschrift wahren dem
Menschen über Jahrtausende hinaus das Andenken bei seinen Nachfolgern;
in ihrer Erinnerung lebt er wieder auf, lebt er geläutert fort. Immer
reiner, immer makelloser werden dabei seine Züge, alle Schlacken
fallen ab, daß zuletzt nur noch ein ideales Bild von ihm bleibt. Warum
aber soll diese Unsterblichkeit, die ihm auf Erden wird, nicht auch
in einer andern Welt möglich sein; warum für den geistigern Theil
unseres Wesens, für die Seele, nicht das gelten, was unserem irdischen
Andenken zu Theil wird; warum nicht vielleicht gerade dieses immer
sich vervollkommnende Bild der Erinnerung der gleichzeitige Abdruck
des inzwischen erlösten und verklärten Geistes sein? -- Jedenfalls muß
es überraschen, daß je weiter man reist, man überall diesem selben
Gräberglauben begegnet, und daß gerade die feinst gebildeten Völker des
Alterthums, die Aegyptier und die Griechen, die Ruhe des Todten durch
sein Begräbniß bedingt sein ließen. Auch daß die Kunst zu allen Zeiten
neben der Gottesverehrung zuerst dem Todtencultus gedient hat, ist kein
geringes Zeichen für dessen geistige Bedeutung. Diese Hügel waren dabei
ihre erste entwickeltere Form. Das Muster dazu hatte die Natur gegeben.
Ob lästig oder bewundert, mächtig werden die Berge der Phantasie des
Menschen immer erschienen sein, und sie nachzuahmen, Hügel hinzustellen
wo keine waren, immer als ein Werk gegolten haben, das groß und
rühmlich war. Die Pyramiden, diese alten Räthsel, sind für mich nichts
als mit anderem Materiale und mit größerer Kunstfertigkeit ausgeführt
die Kinder dieses selben Gedankens. Mit den asiatischen Grabhügeln
haben sie vielleicht ihre Heimath in dem ältern Indien gemein, und die
Obelisken wieder sind nur ihre schwindsüchtigen Abkömmlinge.

So sehr bin ich von der Allgemeinherrschaft dieser Kegelform überzeugt,
daß ich geradezu die ganze Baukunst der Alten über sie construirt
erklären möchte. Die beiden oben zusammenlaufenden Linien sind dem
Auge das Wohlgefälligste, und, da das Nachahmen in der Natur des
Menschen liegt, so wiederholte er diese Bildung mit mehr oder weniger
Variationen, wo sie ihm nur immer möglich war. Die ägyptischen
Tempelwände stehen nach Innen geneigt, die Kanten der Thüren und
Fenster wachsen gegen oben zusammen und das Löwenthor zu Mykenä wie das
am Schatzhause des Atreus sind oben enger als unten geöffnet. Aber mehr
noch, auch die Säulen des Parthenon und des Theseustempels stehen nicht
senkrecht auf ihren Basen, sondern leicht nach dem Centrum des Gebäudes
zu geneigt. Der Grieche hatte im Auslande die Vorzüge eines eigentlich
durch die Natur schon angedeuteten Gesetzes erkannt und wußte es in
der Bauweise seiner eigenen Kunst zu verwerthen. Unsere Zeit freilich,
die sich indessen auf dem Klimax aller Bildung glaubt, konnte den
Entdeckern dieser Eigenthümlichkeit sogar ihr Vorhandensein bestreiten,
weil sie nicht das Auge hat, die Gründe dafür zu begreifen.

Kein Blick auf eine andere Stätte der Welt hat mich mehr bewegt, als
der auf dieses Feld von Troja. Es ist nicht Gefallen an der Landschaft,
denn die Luft ist kalt und farblos; es ist auch nicht jenes unbedachte
Entzücken, das sich in Selbstvergessenheit verliert, denn mir bleiben
hundert betrachtungsvolle Gedanken; es ist vielmehr etwas wie Staunen
und Grauen, daß die Fabeln wahr gewesen und daß Meer und Land die
Schicksale der Helden überdauert haben. Welche Thaten spielten auf
diesem Boden! So ungeheuer und herrlich, daß die spätere Anwesenheit
eines Xerxes, Alexander und Cäsar, die hier alle der ältern Erinnerung
gehuldigt, gebetet und geopfert haben, vergessen werden kann. Es war
die orientalische Frage, die auf diesem Flecke Europa und Asien zum
ersten Male einander gegenüber stellte, und die dann jene späteren
Eroberer fortgesetzt haben. Kein anderes Wort war prophetischer als das
des Homer:

    Drüber sodann ein großes, bewunderungswürdiges Grabmal
    Häuften wir heiliges Heer der Danaer, fertig im Speerwurf,
    Am vorlaufenden Strande des breiten Hellespontos;
    Daß es fern sichtbar aus der Meerfluth wäre den Männern
    Allen, die jetzt mitleben und die sein werden in Zukunft.

    +Odyssee+ XXIV, 80.

Und es bemerke wer hier vorüberfährt, wie richtig das Wort auch die
Gegend zeichnet. Der +vorlaufende+ Strand des Hellespontos ist das
sigäische Cap, und die Hügel sind fernhin +sichtbare+ auf die Meerfluth
hinaus. Und so wie sie aufragen über Myrthen und Tamariskenholz, das
um sie wuchert, prägen sie sich meinem Gedächtnisse ein. Daß sie die
Natur nicht erschaffen, daß sie Menschenhände aufgeworfen haben, das
muß auch das ungläubigste Auge begreifen. Zuerst, wenn man das troische
Cap umschifft und beinahe auf seiner Höhe selbst, erscheint der des
Peneleus; weiter im Lande drinnen der älteste und höchste, der des
Aisyetes; der des Antilochus wieder näher dem Meere, und zwischen ihm
und jenem mag ein kaum mehr merkbarer Erdaufwurf der des Hector sein.
Die Hügel des Achilleus und des Patroklus sieht man, wenn das sigäische
Cap umschifft ist, und dort innerhalb der Dardanellen auf dem Strande
der Bucht, die sich gleich neben dem Cap einbeugt, auch den höheren des
Ajax. Bei diesem und bei dem des Achilleus fand noch Strabo Tempel, in
welchen die Ilier den Helden Todtenopfer darbrachten. Aus dem Tempel
des Ajax soll erst Antonius das Standbild genommen haben, um der
Cleopatra damit ein Geschenk zu machen, wenn nicht Schmeichelei auf
Kosten des todten Feindes dieses Lob des regierenden Kaisers erfunden
hat, denn derselbe Bericht erzählt, daß Augustus sich beeilt habe, nach
der Gefangennehmung der Aegyptierin dieses Bild von Alexandrien nach
seinem ursprünglichen Tempel zurückzusenden.

Hinter diesen Gräbern und der Ebene, sie und das Meer beherrschend,
erhebt sich der Ida. Langgestreckt von der Küste des ägäischen bis zu
dem Meere von Marmora reichen seine Arme, und quellenströmend, wie
ihn Homer genannt, rieseln ihm Bäche von allen Seiten hinab. Auch
„vielgewunden“ finde ich ihn; wie über Stufen steigen seine Höhen zu
der höchsten, dem Gargarus, hinauf. Dort haben Schnee und Eis ihr
winterliches Nest aufgeschlagen und finstere Wolken kriechen empor, als
wolle sich der Vater Zeus wieder einmal droben zu liebender Kurzweil
verbergen, vielleicht aber auch um neue Blitze und neues Unwetter gegen
uns zu schmieden. Den Geistern der Erschlagenen ähnlich, die den Kampf
der Lebenden wiederholen, ringen die Spiegelungen der Wolken unten auf
der weiten Ebene.

Die Küste theilen drei Vorgebirge ab. Auf dem ersten, dem troischen
Cap, stand einstens Antigonia Troas; später, als der große Macedonier
nach dem Siege am Granikus hierher gekommen war, und das Dorf durch
Weihegeschenke geehrt und zur Stadt erhoben hatte, Alexandria Troas;
jetzt stehen nur mehr wenige elende Holzhütten darauf, die sich
aber wieder mit stolzem Namen Eski Stambul, Alt-Constantinopel,
ausgezeichnet haben. Vielleicht ist es dasselbe Gefühl, das auch
gestürzte Familien mit dem Schein den Glanz der verlorenen Größe zu
retten treibt, das diesen Selbstbetrug veranlaßt hat. Seit dem Sturze
der ersten Stadt war dieser Boden, wie auch jener andere in Kleinasien,
wo die Geburtsstätte unserer Religion ist, verurtheilt, nur Ruinen
und Erinnerungen zu tragen. Es scheint, daß mit dem einen Werke der
eine an die Kunst, der andere an den Glauben alle seine Zeugungskraft
hingegeben hat.

Das zweite Vorgebirge ist das achäische. Hinter ihm, aber tief im
Lande, am Skamander, stand Ilion und die Burg des Priamus. Es deckt die
Beschika Bay, wo die englischen und französischen Flotten den Befehl
zu der neuen Argofahrt, dem letzten Krimkriege, erwarteten. So reichen
sich über Jahrtausende weg die Ereignisse die Hände.

Hoch und weit ins Meer vorspringend ist nur das dritte Vorgebirge,
das sigäische. Seine Ufer fallen steil und weißkreidig ab. Aus dem
ägäischen Meere treibt der Südwind und aus dem Hellespont der Nordwind
die Wellen mit vollen Breitseiten dagegen. Der Tempel der Athene
und die Stadt, welche einmal darauf lagen, waren schon zu Strabo’s
Zeit zerstört. Auch eine Colonie der Athener, vielleicht eine der
Pisistratiden, und der Dienst der Hekate müssen hier einmal heimisch
gewesen sein. Eine Münze, die man jetzt eben hier gefunden, zeigt den
Kopf der Hekate und auf der Rückseite den Halbmond dieser Göttin neben
der Eule von Athen, und die Umschrift σιγε. Ich sehe heute auf
dem Giebel des Caps eine türkische Ortschaft halb in Büschen verborgen,
und neun Windmühlen, die der Nordwind in arbeitsamer Bewegung erhält.

Gegenüber dem asiatischen Lande greift das europäische nicht weniger
entschieden in die See hinaus. Es ist die Spitze des thracischen
Chersones, das Cap Mastusia der Alten, Elles Cap der Heutigen. Mit
dem sigäischen Vorgebirge sperrt es den Zugang zu neuen Meeren und
zu anderen Reichen. Hier ist die Grenze, welche die europäischen
Mächte selbst ihren Kriegsschiffen gesetzt haben. Von den weißen,
abgewaschenen Uferwänden herab vertheidigen sie die neuen
Dardanellenschlösser mit festen Mauern, Kanonen und türkischen Soldaten
gerade den Einfahrenden entgegen.

Unter diesem und dem sigäischen Cap bis zur Beschika Bay zurück hatte
eine ganze Flotte von Handelsschiffen Schutz gesucht. Wir zählten
ihrer neunzig. Die Segel waren eingezogen, so daß, als wir zwischen
ihnen durchdampften, die Fahrt der in einem gefüllten Hafen glich. Der
Nordwind wehrte ihnen immer noch das Einlaufen in die Dardanellen. Eben
da uns dieses gelang, rannte an uns vorbei ein Schraubendampfer des
Lloyd. Er ging schneller als unser Boot, der Wind, der mit ihm war,
blähte ihm die Segel. Es war das Wochenschiff nach Smyrna.

Gleich nach dem Eintritte in die Dardanellen verschließt das sigäische
Cap den Rückblick auf das freie Meer; der Hellespont biegt tief nach
Asien ein; das Feld von Troja bleibt sichtbar und zwar von dieser
Seite aus mit seinem malerischsten Anblick. Der Ida zeigt sich in
seiner Profilstellung weit entwickelt, wie um das ganze Bild zu
umfassen; der Mittelgrund ist durch Hügelzüge, die vom Vorgebirge
aus ins Flachland zurücklaufen, belebt, die Küste durch Gebäude und
Bäume, die um die Mündung des Skamander stehen. Die Grabhügel sind
erkennbar, der des Aisyetes insbesondere auch dann noch, wenn alle
übrigen verschwunden sind und das Auge nur mehr den Ida unterscheidet.
So bleibt dem Bilde immer noch sein Heiligenschein.

Auf dem europäischen Ufer, dem sich unser Schiff näher hielt, folgen
fünf Pfeiler einer Wasserleitung, Cypressen und Pinien darum; dann
in einsamer Lage ein Bethaus und neben ihm das erste Minaret, das
ich sehe. Aber umsonst ist ihr Bestreben, mir den Süden zu heucheln;
die Kälte enttäuscht Alles und auch die Farben sind solche, daß die
Landschaften mehr denen des Nordens als den geträumten des Südens
gleichen.

Obwohl sich das Auge in den letzten Tagen an größere Entfernungen
gewöhnt hat, erscheinen ihm die Ufer des Hellespont noch immer
weit genug auseinander. Breite Wellen treiben zwischen ihnen uns
gerade entgegen; nach den gestrigen aber bleiben sie unempfunden.
So dauert der ganze Tag fort, licht-, sonnen- und eigentlich auch
poesielos. Keine anderen Eindrücke als Enttäuschungen; nur die alten
Dardanellenschlösser überraschen. Sie sind romantisch schon durch ihre
Formen. Das asiatische, das meiner Besichtigung näher kam, besteht aus
alten grauen Thürmen, die Mohamed der Eroberer gebaut. Eine große,
gelb angestrichene Caserne haben sie daneben gestellt, Batterien davor
und in der Bucht, die sich tief einschneidet, ankerten zur besseren
Vertheidigung türkische Kriegsschiffe, zwei Dampfer darunter. Das
Land springt an keiner andern Stelle mehr als hier in den Hellespont
vor, zuerst flach und eben von grünen Wiesen überzogen, wo es aber
in die Fluth abfällt zu einem plötzlichen Hügel aufgewachsen. Ohne
Zusammenhang mit den Bergketten des inneren Festlandes macht dieser
Höcker den Eindruck, als sei er für sich allein aus dem Wasser
aufgestiegen; und es hat ihn wohl auch erst eine spätere Eruption
geschaffen, vielleicht im Zusammenhange mit den Goldlagern, welche
einmal nahebei von den Abydenern betrieben worden sind. So hätte doch
die Sage ein Theilchen der Wahrheit getroffen, wenn sie erzählt, daß
dieser sonderbare Hügel von Menschenhänden aufgeworfen sei, um Schätze
zu verbergen, und ihn deshalb Mal tepe, das Grab der Schätze, nennt.

Unbegreiflich ist es mir übrigens, wie man diesen Hügel vor Augen, den
Herodot und den Strabo in Händen, über die Lage der Brücke des Xerxes
streiten kann. Wollte heute wieder ein Eroberer über den Hellespont
von Asien nach Europa hinüber, er könnte zur Ueberschau des Heeres
nur den Mal tepe und zur Auslegung des Brückenkopfes in Asien nur die
Spitze dieses Vorgebirges, dort, wo es sich schon dem Marmora-Meere
zuwendet, wählen. Abydos lag neben daran in der Bucht, die gegen den
Propontos hinsieht, und Sestos ihm gegenüber, also östlich neben dem
Brückenkopfe in Europa, dort, wo jetzt grüne Wälder das Ufer decken.
Von dem Thurme, den die Leandersage verherrlicht und den Reisende dort
gefunden haben wollen, sah ich aus dieser Entfernung nichts; aber
Grillparzer’s gedachte ich mit dankbarem Herzen. Es gleicht die Fahrt
auf dieser Stelle des Hellespont der auf den lieblichen Fluthen des
Rheines, wo Sänger und Sagen sich verbunden haben, die Ufer mit ewig
blühenden Kränzen zu schmücken. Auf der einen Seite die Liebesklage der
Hero um den Geliebten, auf der andern Seite die des Xerxes über die
Vergänglichkeit und die Nichtigkeit des menschlichen Lebens. Denn dort
auf dem Mal tepe muß der Altan gewesen sein, den ihm die Baumeister
aus weißen Steinen errichtet hatten, und von dort herab muß er das
Land und das Meer voller Menschen und Schiffe gesehen, sich gefreut
und dann geweint haben. Ich konnte nie, schon als Knabe nicht, da mir
mein griechischer Meister den Herodot übersetzte, das darauf folgende
Gespräch des Königs mit dem Artabanus ohne die tiefste Rührung lesen;
heute, den Schauplatz vor Augen, erschüttert es mich bis zu Thränen. Es
ist etwas wie von den Klagen, die hier ausgesprochen wurden, in der
Luft geblieben, und das athmet mit ein, wer heute nach tausend Jahren
hier Athem holt.

Alexander der Große, die Hunnen, die Türken zweimal, unter Soleimann
und unter Murad, gingen dem Xerxes nach auf derselben Straße
über den Hellespont. Was auf Troja begann, wenigstens für unsere
Geschichtskenntniß, die orientalische Frage ward an dieser Stelle
fortgesetzt. Und wer darf sagen, daß es heute schon für diesen Boden
sein Ende erreicht habe? Die Bestimmung einzelner Erdenflecke ist wie
die der großen Männer, uns Heldenthaten zu liefern.

Ein paar Stunden später passiren wir Gallipoli, die erste türkische
Stadt, die ich sehe. Es sind niedrige Holzhäuser unter Bäumen versteckt
und Minarete, die daraus hervorragen.

Um halb 5 Uhr trat das Schiff in den Propontos hinaus. Glatt und ruhig,
aber schwarzblau von dem Widerschein drohender Wolkenmassen lag er vor
uns. Ein französischer Dampfer kam uns aus der Dämmerung, die im Osten
schon nächtig war, entgegen; die Sonne ging hinter den thracischen
Bergen in Farben unter, wie sie bei uns nur kalten Wintertagen
eigenthümlich sind. Um halb 9 Uhr fuhren wir der Marmora-Insel
vorbei. Ein großer gewaltiger Klotz zu unserer Rechten ist sie von
regenhältigen Nebeln entstellt. Ankommen sollen wir erst morgen früh.


    An Bord des „Stadium“, 20. Mai, Morgens.

Ich hatte den Auftrag gegeben, daß man mich bei Zeiten vor der Einfahrt
in den Hafen wecke. Ueberflüssige Sorgfalt! Schlaflos, so wie uns in
der Erwartung des fünften Actes eines Trauerspieles der Athem ausgeht,
war mir die Nacht geworden; Stunde um Stunde erwachte ich. Lange sah
ich nur schwarze Finsterniß, dann das matte Licht der Dämmerung,
endlich die grauen Farben eines nebeligen Morgens. Das gleichmäßige
Arbeiten der Maschine und Räder währte immer noch fort. Als man mich
rief, hielten wir schon im Hafen. Aber welche Ueberraschung! Ein
Sturz von bergehoher Hoffnung in bodenlose Enttäuschung, ein Fall,
wie man ihn manchmal im Traume thut. Nicht im Bosporus, in der Themse
mußte ich mich glauben. So dicht engten uns die Nebel ein, daß ich
nicht einmal von den beiden Ufern des goldenen Hornes, zwischen denen
ich uns nach der Karte wußte, viel weniger von dem asiatischen etwas
sah. Und jetzt, wo sie sich endlich theilen und verziehen und auf den
Hügeln zur Rechten Theile von Pera und Galata, auf denen zur Linken
die Seraispitze und Stambul, vor uns die erste Hafenbrücke und hinter
uns in weiterer Entfernung das asiatische Skutari sichtbar wird, ist
Alles so sonnen- und glanzlos, so ganz ohne Licht und Farbe, daß das
Gefühl der Unbefriedigung mit jeder schwindenden Wolke, mit jeder
neuen Stunde wächst. Verstimmt sitze ich auf dem Verdecke und lasse
die anderen Passagiere sich ausschiffen. Erstaunlich erscheint mir nur
die große Zahl von Schiffen, welche im Hafen liegen und der lebendige
Verkehr von Dampfern, der sich um uns regt. Zwei große sind zugleich
mit uns angekommen, ein dritter ist in Bewegung nach dem schwarzen
Meere abzugehen, und hundert andere ruhen an ihren Ankern. Dazwischen
schieben sich eine Menge kleiner Hafendampfer durch, die nach und von
allen Seiten, dem Marmora-Meere, Skutari, dem Bosporus etc. gehen und
kommen; die, welche nahe genug an dem unserigen vorbeidampfen, sehe
ich mit Menschen überfüllt. Sich und den Ruderbooten geben sie mit
fortwährendem Pfeifen Warnungszeichen, um einen Zusammenstoß und das
Ueberfahren zu verhüten. Das ist mir neu, denn so großartig habe ich
den Verkehr in keinem andern Hafen gefunden.

Das Geschrei der sich Ausschiffenden und die Aufdringlichkeit jüdischer
Agenten, die mir ihre Führerschaft anboten, trieben mich in die Kajüte
hinab. Nicht ohne Bedauern nehme ich Abschied von den vier engen
Holzwänden. Wie genügsam unser Leben sein kann, begreift der Mensch
erst, wenn ihn die Gewohnheit des Wenigen von dem Ueberflüssigen des
Mehreren überzeugt hat.



II. Erste Eindrücke.


    Constantinopel, den 20. Mai, Nachts.

Geleitet von theuren Freunden betrat ich den türkischen Boden zum
ersten Male bei Top-Hane, der Kanonengießerei. Ein großer Quai voll
von alten und neuen Kanonen, dahinter die reizende, wie aus Zucker
und Gold gebaute Moschee Mahmud’s, ein zierlicher Köschk des Sultans
daneben, der hohe Uhrthurm in Rococoformen hart am Meere davor, auf
der andern Seite des großen Platzes das niedrige gelb angestrichene
Gebäude der Gießerei und neben ihr die schöne altersgraue Moschee des
Pascha Kilidsch Ali sind das erste was mich umgibt. Durch das goldene
Gitter an den präsentirenden Wachen vorüber treten wir dann in die sehr
belebte Gasse von Top-Hane. Gleich zur Linken fällt mir ein Brunnen
auf; viereckig, aus weißem Marmor, reich mit Vergoldungen, bunter
Schrift und Porzellanziegeln geschmückt, gleicht er einem chinesischen
Lusthause, wie wir sie von den bemalten Lackkästchen her kennen. Selbst
das breit vorstehende Dach fehlt ihm nicht. Obsthändler, Pferdeknechte
mit ihren Thieren sind darum versammelt und versuchen mit Geschrei
und Scherzen uns ihre Waaren aufzunöthigen. Das Nächste, was meine
Aufmerksamkeit fesselt, ist ein Hamal. So heißt hier zu Land der
Packträger. Durch Amt und Stand unserem neugeschaffenen Dienstmanne
ähnlich, gleicht er ihm aber nicht durch das Maß seiner Leistung; das
ist mehr als bei uns ihrer drei vermögen. Zwei große Eisenbahnkoffer,
darauf noch Nachtsäcke und Hutschachteln trug der, welchen ich zuerst
bemerkte, über einen Lederpolster gebunden auf seinem Rücken die
steilen Gassen vom Landungsplatze der Kaiks vor uns nach Pera hinauf.
Das ist nicht so träge, als man in Europa dieses Volk schildert.

Es scheint herkömmlich, daß die Fremden bei dem Uebergange von dem
Aeußern in das Innere der Stadt Enttäuschungen und Vorwürfe äußern
über den Schmutz und Verfall, der die Gassen füllt. Meine Freunde
wenigstens suchten mich auf diesen Wechsel vorzubereiten und waren
dann nicht wenig erstaunt, als sie mich dadurch nicht nur nicht
verletzt, sondern eher erfreut sahen. Das Pflaster ist allerdings,
wo es nicht durch den Erdboden ersetzt wird, eingesunken, die Lücken
sind durch allerlei Unrath ausgefüllt; die Häuser zu beiden Seiten
sind nur aus Holz gebaut, schmal und niedrig, aber die Balken sind
bunt mit grauen, braunen, rothen und gelben Farben angestrichen; das
untere Stockwerk steht ganz offen, daß man frei in die Kaffeestuben,
Garküchen und Bäckereien den Leuten bei ihrem Handwerke zuschaut;
das obere ragt breit in die Gasse vor, und dazwischen sind von einem
Hause zum andern alte Teppiche, zerrissene Tücher gespannt, oder
Rosen- und Traubengewinde gezogen, den Schatten und die Kühle darunter
festzuhalten. Ab und zu bricht ein Sonnenstrahl durch diese Decke, der
leuchtet dann im sonstigen Dunkel doppelt helle und spielt auf den
buntfarbigen Kleidern der Weiber, Tscherkessen und Soldaten grelle
Lichter. Schwer beladene Esel, Reiter auf schönen und auf geschundenen
Pferden drängen sich zwischen den Fußgängern, manchmal in solchen
Mengen, daß wir, trotz den Platz machenden Kawassen, gezwungen stehen
bleiben mußten. Die wilden Hunde allein liegen regungslos und beinahe
unberührt von dem Gedränge mitten darinnen; Jeder weicht ihnen aus,
sucht sie zu schonen. Nur wenn der zufällige Huf eines Pferdes oder der
böswillige Schlag einer Peitsche sie trifft, laufen sie heulend mit
eingekniffenem Schwanze auf die Seite.

Das ist anders lebendig, als es die Bilder unserer Gassen sind.
Nichts von polizeilicher Ordnung, aber auch nichts von polizeilicher
Langweiligkeit. Zum ersten Male wieder, seitdem mir Eisenbahnen das
Reisen verleidet haben, gestehe ich zu, daß es außer unsern Bergen und
Alpenthälern noch andere Dinge gebe, die seine Mühen verdienen. Die
Welt ist weiter und schöner, als wir sie in unserer heimischen Enge
glauben, und vielerlei Menschen wohnen unter ihrem Himmel.

Oben in Pera und im Hause angelangt, stellte man mich vor das offene
Fenster der Stube, in der ich nun für einige Wochen leben soll.
Die Sonne war inzwischen aus den Wolken getreten, der Himmel rein
geworden und so mußte mich, was ich sah, gerade ob der Enttäuschung
des frühen Morgens, mit gesteigertem Entzücken erfüllen. Ein weites,
glänzendes Bild liegt vor mir, und ist mein in jedem Augenblicke, da
ich danach begehre. Unmittelbar vor mir und rechts und links hinab
bedecken die bunten Häuser Pera’s und Galata’s die Hügel; Baumkronen
rauschen ab und zu wie aufschäumender Wogenschwall daraus empor.
Unten, wo sich im Wasser die Häuser baden, mündet das goldene Horn
in den Bosporus. Dampfer und Segelschiffe liegen dort in großen
Flotten. Auf dem andern Ufer des Busens, mir gerade gegenüber, steht
die eigentliche Türkenstadt, Stambul, mit Kuppeln und Thürmen, auch
wieder Hügel hinauf, die äußerste Spitze mit den Köschken und Gärten
des Serai’s geschmückt. Groß wie eine Stadt ist dieses Sultansschloß
und wirklich auch von seinen eigenen Mauern und Thürmen umzäunt. Bäume
und Blumen sind ihm über den Kopf gewachsen, als sei ihnen von einem
Zauber geboten worden, den geheimnißvollen Ort zu verstecken und zu
bewahren. An seinen Ufern vorbei braust der Bosporus ins Marmora-Meer.
Der Seraispitze gegenüber, zu meiner Linken also, auf anderer Küste
liegt Asien und eine dritte Stadt, das alttürkische Scutari. Dort
stehen bei den bethürmten Mauern einer großen Caserne ein paar Pinien
so wirkungsvoll im Bilde, als habe sie eine künstlerische Hand
absichtlich dahin gestellt. Ihre überhängenden Kronen winken mir Grüße
zu; ich verstehe, sie locken nach dem heiligen Welttheile. Zwischen
Scutari und der Seraispitze durch erscheinen in der weiten Ferne
des ruhigen Meeres die malerischen Felsen der Prinzen-Inseln, hinter
ihnen die ebenen Linien der nikomedischen und bithinischen Berge und
sie alle überragend die schneeige Kuppe des asiatischen Olympes. Das
fortwährende Pfeifen der Dampfschiffe, das Schreien der Verkäufer und
Bellen der Hunde dringt bis herauf zu meinem einsam hohen Fenster, mich
überzeugend, daß das Geschaute wirklich und nicht traumhaft sei, wie
ich mir wohl einen Augenblick lang die Herrlichkeit erklären wollte.

Man berieth indeß mich noch reichlicher für die Enttäuschung der
Einfahrt zu entschädigen. Ein schneller Entschluß entschied, sie mich
noch einmal sehen zu machen. Bei Top-Hane setzten wir uns zu je zweien
in die leichtgebauten und schnellrudrigen Kaicks. Zwischen den Dampfern
durch trugen sie uns aus dem ruhigen Wasser des Hafens in die bei der
Seraispitze immer bewegte Strömung des Bosporus. Auf und nieder über
die breiten Rücken der runden Wellen glitt ich und sah die andern
Boote gleiten, so hurtig und so leicht, als schwebe der Kiel eben nur
über dem Wasser. Keine angenehmere Fahrt als die im Kaick auf bewegter
See. Weil das Boot so leicht und seine Wände so dünn sind, glaubt
man sich unmittelbar im Wasser selbst, seine Kühle zu fühlen, ohne
doch die Mühe des Schwimmens zu haben. Und weil die Schnelligkeit des
Schiffes über den Widerstand des Elementes täuscht, gefällt man sich
in der Einbildung, seine Unzuverlässigkeit zu beherrschen. Uebrigens
prägt die Lage der Fahrenden dieses Gefühl aus. Man sitzt nicht im
Kaick, man ruht ausgestreckt auf Teppichen und niederen Kissen darin;
die Fährleute sitzen, den Rücken nach der Richtung der Fahrt gekehrt,
ein, zwei, drei und auch mehr hinter einander, je nach dem Range und
Vermögen des Eigenthümers. In jeder Hand halten sie eines der fein und
glatt geschnitzten Ruder. Schon ist es so warm, daß sie nichts als ein
leichtes auf der Brust offenes Hemd aus Brussastoff und weite Pumphosen
aus weißer Leinwand tragen; die Beine bis zum Knie und die Arme nackt.
Wir mußten uns gegen die Sonnenstrahlen mit weißen Schirmen decken. Zu
beiden Seiten des Bootes trieben Delphine ihr munteres Spiel; kleine
und große schlugen so gewaltige Purzelbäume, daß sie für Augenblicke
ganz außer Wasser sich am hellen Sonnenscheine wärmten. Wenn wir sie
dann überholten, fielen sie in die Kühle ihres angestammten Elementes
zurück, um nach einer Weile wieder weit vor uns aufzutauchen, als
wollten sie das Standesgefühl unserer Kaickgis zum Wettkampfe
herausfordern. Niemand stellt im Bosporus diesen Thieren nach, und so
leben sie hier wie vor tausend Jahren in unzählbaren Schaaren.

Eine halbe Stunde mochte die Fahrt gewährt haben, als wir an seichtem
Ufer anlegten. Es war asiatischer Boden; aber ich vergaß es in der
Bewunderung über den Burschen, der dienstfertig mit einem Widerhaken
das Boot an der Landungsstelle festhielt. Das Bild eines Benjamin, wie
ihn sich keine Phantasie theilnahmswerther vorstellen kann. Helle blaue
Augen voll Treue und Gutherzigkeit; ein edles Oval um Farben von zartem
Weiß und Wangen von gesunder Röthe gezogen; auf der Lippe und dem Kinn
der blonde weiche Flaum des Jünglings, der eben aufgehört Knabe zu
sein; den Kopf in einen weißen Turban, den Oberleib in eine bunte Jacke
und die Schenkel in weite faltige Hosen aus blauem Zwillich gehüllt;
Waden und Füße nackt, so war dieser Jüngling. Alles an ihm, bis auf den
persischen Shawl, den er breit und dick um die Hüften gewunden trug,
ärmlich und abgenutzt, aber in seiner Haltung und in seinem Ausdrucke
ein Anstand und ein Edelmuth, wie in einem zum Könige geborenen
Fürstenkinde. Gemein mag beschränkter Geld- oder Wissenshochmuth
einen solchen Menschen schelten, weil ihn das Herkommen an niedrigen
Beschäftigungen festhält; der unbefangene Forscher wird dort, wo
die Natur so sichtbare Auszeichnungen ausgestreut hat, auch eine
ausgezeichnete Seele finden. Und wenn das Sclavenkleid den Fürsten, den
das Unglück vom Throne gestoßen hat, nicht entadeln kann, warum soll
es das über einen andern Unglücklichen vermögen, dessen Leib zwar im
Elende und in Lumpen schon geboren, dessen Seele aber von Gott noch vor
der Geburtsstunde gekrönt worden ist? Daß man den also verborgenen Keim
nicht hervorheben, nicht erheben und retten kann, das ist mit eine der
betrübenden Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, an deren Unabänderlichkeit
so oft unsere wohlwollendsten Wünsche scheitern. Und doch, vielleicht
hat auch das der Schöpfer zum Besten gemeint und eingerichtet. In der
Beschränkung seiner gemeinen Arbeit und seines kargen Erwerbes sind dem
Armen die Grenzen der Zufriedenheit gesichert, und der Geist bleibt ihm
edel auch ohne den Aufputz des Reichthums und der Gelehrsamkeit.

Unter hochragenden Cypressen und breiten Platanen führte man mich dem
Ufer entlang. Die Fluth hatte weiße Muscheln darauf gespült. Auf der
äußersten Spitze der Landzunge ließen wir uns nieder; die Stelle ist
darnach, Hütten darauf zu bauen. Blau und glatt lag das Meer vor und um
uns, nur wo eine leichte Brise seine Fläche streichelte, zogen silberne
Streifen darüber. Links begrenzen es die Küsten des nikomedischen
Golfes, rechts die Gärten des Serai’s und die Hügel von Stambul. Aus
seinem Schooße vor uns tauchen die Prinzen-Inseln auf, kleine weit
auseinandergestreute kahle Felsen und größere näher zusammengeschobene
Berge; das Grün von Oliven- und Pinienwäldern und die blinkenden Mauern
kleiner Ortschaften bedecken diese. Alle in den schönsten Formen, die
Felsen wild und zerbrochen, die Berge zart und ebenmäßig geschnitten
und Farben darauf vom sonnigsten Roth bis zum schattigsten Blau. Friede
und Heiterkeit waren auf der See, so fühlbar wie sie nur die Luft des
Südens ausathmet. Jede Stimmung der Natur theilt sich dem ihr so innig
verbundenen Geiste mit. Mir wurde ruhig und zufrieden, wie ich mich
lange nicht mehr gefühlt hatte. Ausgeglichen waren alle Wünsche und die
Leidenschaften ebbten; dem Gemüthe blieb nichts als das Genießen eines
seligen Augenblicks. Wenn die Anmuth, der Frohsinn und die Heiterkeit
wirklich einmal als die besonderen Reize der Aphrodite geglaubt wurden,
dann mußten dieser Göttin die dankbaren Menschen diesen Ort, den sie
so vorzüglich mit ihren Gaben geschmückt hat, zu besonderer Verehrung
weihen. Und in der That auf Akritos, wie die Alten dieses Vorgebirge
nannten, stand ein Tempel und ein Altar der Aphrodite, vielleicht auf
derselben Stelle, wo heute die Ruinen des türkischen Bethauses stehen.
Ich sehe ihn noch, wenn ich das Gedächtniß nur etwas anstrenge, den
kleinen mäßigen Bau mit der gastlichen Vorhalle, durch Säulen zugleich
geöffnet und geschlossen und drinnen in der Cella ein liebliches
Marmorbild der holdlächelnden Cypris, das Haar über der niederen Stirn
gewellt und am Genicke in einen Knoten geflochten, und Priesterinnen,
die in weißen Gewändern den heiligen Dienst verrichten und im heiligen
Haine auf und nieder wandeln. Nirgends hat der Mensch durch Namen oder
Denkmäler eine Gegend passender gekennzeichnet, als da er hierher der
meergebornen Göttin ein Haus stellte. Die spätere Zeit zerstörte es,
aber die Schönheit und die Weihe blieben dem Orte. Fener Bagdsche
(Garten des Leuchtthurms) heißt er heute, und immer noch brennt eine
heilige Flamme dort.

Ein Türke brachte uns Orangen und in kleinen Schalen schwarzen Kaffee.
Andere lagerten in der Nähe gleich uns auf dem grünen Boden unter den
alten Bäumen, den kühlen Schatten über, das sonnige Meer vor sich.
An ihnen und an uns vorbei zog ein Trupp sonderbarer Musikanten.
Sie bliesen aus kurzen Flöten einen scharfen Pfiff und strichen
kleine Geigen, die sie senkrecht vor die Brust hielten. Melodie und
Zusammenhang war keiner in den Tönen, aber sie klangen sonderbar und
stimmten in den Frieden des Ortes. Das übten sie zu ihrem eigenen
Vergnügen, zur Feier ihres Sonntages, der den Türken auf den Leidenstag
unseres Kalenders, den Freitag, fällt. Für die Musik eine Belohnung
anzubieten, würde als eine Beleidigung zurückgewiesen worden sein. Die
Menschen und ihre Belustigungen erschienen so harmlos gegen das scharfe
Gewürz unserer sonntäglichen Vergnügungen, daß mich das mehr als alles
Uebrige in eine andere Welt versetzte.

Ich ließ mir dann die Namen der Berge und Ufer, die um uns waren,
nennen, und theilte ihnen ihre früheren Bezeichnungen und Sagen zu.
Das ist in jeder mir neuen Gegend mein Erstes. Es ist wie mit den
Menschen, die wir uns erst bekannt glauben, wenn wir ihre Namen
und Geschichten gehört haben. Mit dem Opernglase suchte ich das
Entferntere zu finden, so auch die Grenzen der türkischen Hauptstadt.
Erstaunt folgte ich ihren Mauern, die in sichelförmiger Ausbuchtung
um das Marmora-Meer gebaut sind bis in eine Weite, daß sie im Dunste
der Sonne verschwanden. „Ist das noch immer Constantinopel, und das
bei jener Kuppel, bei jenem Thurme auch noch? Aber wo ist denn sein
Ende?“ Erst als die Sonne tiefer gesunken und die Luft durchsichtiger
geworden war, fand ich es bei dem Schlosse der sieben Thürme, aber so
undeutlich, daß ich mehr nur von der Beschreibung meiner Freunde als
von dem selbst Gesehenen berichten kann. Noch weiter auf dem Halbmonde
der europäischen Küste bezeichnet ein hoher Schornstein die Lage von
Barut-Hane, der Pulverstampfe, und ein Leuchtthurm die von St. Stefano,
einem betriebsamen Fabriksorte mit Landhäusern der Griechen und
Armenier.

Stunde um Stunde war so im Schauen und Genießen vergangen; der Abend
drängte zur Rückkehr. Näher dem asiatischen Ufer hielt sich dieses Mal
die Fahrt; dort öffnet sich zuerst der Busen von Moda, ziemlich enge,
aber tief ins Land geschnitten. Fener Burun und Moda Burun schließen
ihn; Burun bedeutet so viel als Nase, Vorgebirge. In alten Tagen
war darin der Hafen des Eutropius, und auf Moda Burun, wo heute das
ländliche Kadi-Köi (Richterdorf) steht, das glänzende Chalcedon, die
Stadt der Blinden, wie das Orakel ihre Gründer schalt, weil sie nicht
die Vortheile der Lage des gegenüber liegenden goldenen Hornes gesehen
hatten. Die Mauern von Chalcedon sind verschwunden, um den Namen aber
hat die Geschichte das Immergrün großer Kriegs- und Leidensthaten
geschlungen. Eine der rührendsten, ein wahres Denkmal des Unglücks und
der Grausamkeit, das Ende des Kaisers Mauricius durch den Usurpator
Phokas, hat dort in dem Hafen gespielt. Sie ist wenig gekannt, und
verdient es mehr als manche, die der Volksmund verewigt. Am 14. August
582 war Kaiser Mauricius seinem Schwiegervater, dem wohlwollenden
Kaiser Tiberius II., in der Herrschaft über das römische Reich gefolgt.
Mauricius war der dritte Regent seit dem Tode des berühmten Justinian.
Er war edel denkend, besorgt die Lasten seines Volkes zu erleichtern
und das Ueberkommene durch Reformen zu bessern, sparsam in seinem
Haushalte, liebevoll für seine Kinder, als Herrscher und als Mensch der
Ludwig XVI. der byzantinischen Geschichte; aber leider auch wie dieser
zu schwach und wankelmüthig, und sein Volk und seine Zeit verdorben
und verkommen wie das französische und das achtzehnte Jahrhundert.
Sein Robespierre, der Empörer Phokas, rückte im Jahre 602 gegen
Constantinopel; der unzufriedene Pöbel der ungeheuren Stadt öffnete
dem gemeinen Soldaten die Thore und half ihm sich auf-, den Mauricius
vom Throne abzusetzen. Es waren nicht wie sonst in der byzantinischen
Geschichte die aristokratischen Parteien der Rennbahn die das thaten,
es war der Demos, das rothe Gespenst, das auch damals schon die
sogenannten Gutgesinnten wohl erschrecken, aber nicht zu thatvoller
Abwehr ermuthigen konnte. Mauricius, von Allen verlassen, floh aus
seinem Palaste in einem Kahne nach einem Kloster auf der asiatischen
Küste. Er hätte weiter fliehen können, die Zeit fehlte ihm nicht, aber
Krankheit hielt ihn und der Wahn, durch seine Abdankung alle Parteien
und auch den neuen Herrscher versöhnt zu haben. Der aber ließ ihn vom
heiligen Asyle, aus der Kirche und vom Altare wegreißen und seine fünf
Söhne vor ihm, ihn zuletzt hinrichten. Der unglückliche Vater hatte
nur Anerkennung für die Weisheit der göttlichen Gerechtigkeit und bei
dem letzten Streiche, als die Amme dem Henker ihr eigenes Kind statt
des jüngsten Prinzen unterschieben wollte, die Selbstverleugnung, den
Betrug zu entdecken; für seine Schuld sollte kein unschuldiges Blut
fließen. Seine Frau, die Kaiserin Constantia, mußte ihn mit ihren drei
Töchtern überleben, um später mit diesen auf derselben Stelle, den
Marmorstufen des eutropischen Hafens, hingerichtet zu werden. Früher
noch war der älteste Sohn, der Prinz Theodosius, der zu den Persern
wollte, in Nicäa erwischt und enthauptet worden. Nur die Schwester des
Kaisers blieb am Leben, um der unglücklichen Familie das Grab in dem
Kloster des heil. Mamas, das im Hintergrunde des goldenen Hornes auf
dem immer heiligen Boden des heutigen Ejub stand, zu errichten.

Kadi-Köi war immer ein Ort der Unglücklichen und Verbannten. Heute
lebt in Abgeschiedenheit und freiwilliger Aermlichkeit der ehemalige
Kriegsminister Riza Pascha dort, der bei dem Tode des letzten Sultans
nichts Geringeres als die Thronfolge zu ändern und sich selbst zum
Nachfolger des allgewaltigen Reschid Pascha einzusetzen beabsichtigte.
Mit den Franzosen, die überall die Freunde solcher abenteuerlichen
Pläne sind und in diesem Falle vielleicht auch hofften, durch den ihnen
ganz ergebenen Mann an die Stelle des überaus mächtigen englischen
Einflusses zu kommen, hatte er noch vor dem Tode des letzten Sultans
verabredet, den ältesten Sohn desselben statt des Bruders, wie es
die gesetzliche Thronfolgeordnung will, auf den Thron zu erheben.
Das Heer war in seinen Händen und alles zur Ausführung des Planes
vorbereitet, aber die Energie und Entschlossenheit des Großveziers und
Aali Pascha’s gegen ihn. Kaum war Abdul Medschid todt und die Augen
ihm geschlossen, so kehrte sich Aali Pascha, der den Verräther unter
den Ministern wußte, zu ihnen mit dem Rufe: „Nun gehen wir dem neuen
Sultan zu huldigen!“ Und durch die Gärten von Dolma Bagdsche führte er
sie zu dem Hause Abdul Azis’. Die Thüre war verschlossen, so daß sie
heftig daran pochen mußten. Statt ihrer öffnete sich oben ein Fenster,
an dem die Mutter des Thronfolgers erschien. Auch sie wußte von der
Gefahr. „Keinen von Euch lasse ich ein,“ rief die muthvolle Frau,
„so lange ich den Verräther unter Euch sehe!“ Erst als Aali Pascha
neuerdings im Namen des neuen Sultans den Einlaß begehrte, ließ man
sie vor diesen. Schon mit allen Kleidern der neuen Würde angethan,
fanden sie ihn, und auf der Stelle leisteten sie alle ihm den Eid der
Treue und des Gehorsams, der Großvezier voraus und der Kriegsminister
mit den Anderen. Riza hatte gesehen, daß der große Platz zwischen
dem ersten Thore von Dolma Bagdsche und dem neuen Privattheater des
Sultans, wo seine Soldaten stehen sollten, frei und menschenleer war,
und hatte gehört, wie der Kapudan Pascha dem Großvezier sagte, daß die
Linienschiffe, welche auf dem Bosporus hart an dem Ufer lagen, den
Befehl hätten, ihre Breitseiten loszufeuern auf den ersten Soldaten,
der sich auf jenem Platze zeigen würde. Den Ministern voran ging dann
Abdul Azis über eben jenen Platz nach dem Schlosse von Dolma Bagdsche
und von dort in der großen Staatsbarke hinüber nach dem Serai und der
Pforte, wo seine Installation stattfand. Aengstlich und vorsorglich
folgte ihm die Mutter, unerkannt in einem kleinen bescheidenen Kaik
und dann in einer Tragbahre. Er und seine Minister zeigten so viel
Wille und so viel Kraft des Handelns, daß den Verschwörern nach dem
Fehlschlagen ihrer ersten Bemühungen der Muth zu neuen verloren ging.
Riza Pascha wurde verhaftet, und ein großer Theil des Harems, der mit
in den Plan verwickelt war, zur Nachtzeit aus dem Serai nach einem
der kaiserlichen Paläste tief im Busen des goldenen Horns in sicheren
Gewahrsam gebracht. Der Proceß, welcher dem ehemaligen Kriegsminister
gemacht wurde, war in vollem Gange, als die vielen gravirenden
Scandale, welche er zu Tage förderte, den französischen Botschafter
zu dem demüthigenden Schritte bestimmten, den Sultan im Namen des
Kaisers Napoleon um dessen Niederschlagung und um die Begnadigung des
Schuldigen zu bitten. Mit ächt orientalischer Großmuth gewährte Abdul
Azis beides, auch Vergessenheit für die großen Geldsummen, welche der
französische Drogmann angenommen hatte. Riza Pascha wanderte zuerst
in’s Exil nach einer der Inseln des Archipels, dann ward er begnadigt
auf Kadi-Köi im fortwährenden Anblicke Constantinopels, das er hatte
beherrschen wollen, zu leben. Das thut er in schlechten Kleidern und in
einem elenden Hause, weil ihm ein Gefühl, das gewiß das richtige ist,
eine andere Lebensweise unverträglich mit seinem gedemüthigten Zustande
erscheinen läßt.

Kadi-Köi zeigt von all’ diesen traurigen Erinnerungen nichts in seinem
äußeren Anblicke; es ist freundlich mit Gärten und Landhäusern und
stattlichen Gasthöfen geschmückt. Gleich bei dem Orte biegt sich eine
neue Bucht ein. Ihren Hintergrund füllt die weite Ebene von Haider
Pascha und der ungeheure Cypressen-Friedhof von Skutari. Ihr anderes
Ende springt hoch und zerklüftet wieder in das Meer heraus. Einige
Bäume stehen darauf, der Obelisk, welcher den in der Krim verwundeten
und in Constantinopel gestorbenen Soldaten der Engländer und Franzosen
errichtet worden ist, dahinter die großen Mauern der Caserne Selims und
in ihrem Hofe die Pinien, die so freundlich zu meinem Fenster winken.
Die alten Megarenser weihten das Vorgebirge mit einem Tempel der Hera
und nannten es Heraeon. Erhaben wie das Diadem auf dem Junoischen
Haupte muß der Bau von seiner hohen Stelle in das weite Meer gesehen
haben. Es beweist zugleich die Liebe zu dem feuchten Elemente und das
Gefühl für die Schönheit der Natur, daß die Griechen nahe der See
alle diese weitausblickenden Punkte mit Heiligthümern auszeichneten.
Justinian setzte statt dessen einen Sommerpalast dahin.

Mit senkrechten Wänden verlängert sich die Küste bis zu einem dritten
Vorgebirge, das, wo die in eine Kuh verwandelte Io auf der Flucht vor
der eifersüchtigen Juno gelandet haben soll; daher der Name Bosporus,
Ochsenfurt. Ein weißer Thurm steht weit im Meere auf einer Klippe
davor. Die Franken knüpfen irriger Weise die Leandersage daran; aber
auch das Märchen, welches die Türken dort spielen lassen, hat die
Liebe zu seiner Seele. Der Ort ist romantisch und malerisch genug, daß
ihm die Phantasie nichts Anderes anheften kann; Möven und fortwährend
empörte Wellen umschwärmen und hüten ihn. Der kleinen Bosporus-Dampfer
wurden nun so viele, daß wir für sie allein die Augen aufhalten mußten,
um eine unberufene Taufe zu verhindern. In den Abendstunden ist der
Verkehr am regsten. Von der Stadt und von den Geschäften will dann
Alles nach Hause und aufs Land.

Das war der erste Tag in Constantinopel und Abends hörte ich den ersten
Ruf des Muezzin. Nun, da die Nacht da ist, soll ich schlafen, aber was
träumen, da ja schon der ganze Tag ein Traum aus Tausend und einer
Nacht war?


    Constantinopel, den 21. Mai.

Die Neugierde wie die Liebe folgen regellosen Trieben. Ohne Grund
und Ursache heften sie ihre Neigungen an irgend einen Gegenstand,
und bleiben ihm treu bis zum Augenblicke des Besitzes. So werden
die meisten Menschen in ihrer Kindheit das Gelüste nach irgend
einer Merkwürdigkeit empfunden haben, die sie unersättlich durch
alles Uebrige das ganze Leben hindurch zu sehen begehren. Es ist
das nicht immer das Größte, Schönste und Bedeutendste, oft nur eine
kleine Statue, ein bescheidenes Bild oder ein einziges Haus, aber
das Verlangen danach führt uns zu dem Größeren und Bedeutenderen,
nach einem neuen Lande, zu einer glänzenden Stadt. So ist es mir mit
dem Hippodrom des alten Constantinopel gewesen und mit der Reise
nach dem Oriente geworden. Ich weiß nicht, warum ich gerade nach dem
constantinopolitanischen Circus so sehr begehrte. In der Geschichte,
wie sie gewöhnlich deutschen Kindern tradirt wird, spielen die
Byzantiner nur eine geringe Rolle, und ein Aufsatz im Raumer’schen
Taschenbuche des Jahres 1830, den ich als Knabe gelesen, schildert die
Parteikämpfe der Rennbahn nicht mit solcher Lebhaftigkeit, daß er mir
diese Begierde geweckt haben könnte.

Ich erbat mir, daß die erste unserer Wanderungen nach dem At-Meidan
gehe, „Pferdeplatz“ zu deutsch, so heißt heute noch die Stätte. Die
Fluthen einer Völkerwanderung konnten das Andenken an die Ereignisse,
die darauf gespielt, nicht davon wegspülen. Man wählte einen Umweg,
um mir vor dem Ziele noch einen Theil Pera’s und Stambuls zu zeigen.
Durch den Garten der französischen Botschaft, an dem großartigen
Palaste der englischen und der bescheidenen Behausung des preußischen
Gesandten vorüber, ritten wir nach dem sogenannten kleinen Campo;
das ist ein Friedhof, welchen die darum sich ansammelnde Bevölkerung
allmälig mitten in die Stadt gestellt hat. Daß er einmal davor gelegen,
beweisen die Mauern Galata’s, welche aus alter Genueser Zeit erhalten
an seiner linken Seite zum Meere hinablaufen. Kassim-Pascha, die Stadt
auf der andern, der rechten Seite, ist dann erst später, nachdem das
dazwischen liegende Feld schon lange dem ehrwürdigen Zwecke gedient
hatte, daran gebaut worden; denn daß die Byzantiner hier schon ihre
Todten begruben, sieht man bei jedem Grabe, das jetzt einem Türken hier
gegraben wird. Gemauerte Grüfte, Gerippe und Münzen werden da gefunden
und auf letzteren die Bildnisse byzantinischer Kaiser, die wenigstens
annäherungsweise den Zeitpunkt des Begräbnisses feststellen.

Ueberrascht von dem Bilde, das sich oben an dem Saume dieses
Friedhofes, da man aus den Häusern Pera’s heraustritt, darbietet,
hielt ich das Pferd eine Weile an. Gerade nach der zwängenden Enge der
Gassen genießt man die Weite, die sich dort ausbreitet, mit doppeltem
Vergnügen. Der Friedhof ist durch die Landessitte, die das Leben aus
den Gräbern zieht, ein großer Cypressenwald; hohe, dicke, runzelige
Stämme von so ehrwürdigem Aussehen, als seien sie schon den ältesten
Gräbern zu Denkmälern gesetzt worden, stehen die Berglehne bis zum
Arsenale hinab. Das ist auf dieses Ufer des goldenen Hornes gebaut.
Der Golf liegt unten und große Linienschiffe schwammen darauf. Auf
dem jenseitigen Ufer steigen wieder Höhen empor; gedrängt wie die
Köpfe einer Volksmenge die Holzhäuser Stambuls darauf. Kuppeln und
Minarete dazwischen, die größeren der drei kaiserlichen Moscheen
Selims, Mohammeds und Suleimans wie herrschende Kronen und Scepter zu
oberst. Weil Thäler die einzelnen Hügel trennen, sind die Bogen einer
Wasserleitung über das ganze Stambul gespannt, als solle eine Brücke
Anfang und Ende der ungeheuren Stadt verbinden. Der blaue Himmel blickt
vom Marmora-Meere her durch die kühnen Schwingungen dieses luftigen
Baues. Der Kaiser Hadrian hat ihn begonnen. Er kann dem alltäglichen
Bedürfnisse damit nicht nützlicher gewesen sein, als der Verschönerung
der Gegend. Man sieht vom kleinen Campo aus übrigens nur den mittleren
Theil von Stambul; die Seraispitze und die Grenze gegen das innere Land
zu findet das Auge nicht.

Steile, schlecht gebahnte Wege führen zur zweiten Hafenbrücke
hinab. Der ganze Verkehr bewegt sich durch den Friedhof hinauf und
hinunter. Andere Reiter, Soldaten und ganze Karavanen von Lastpferden
kamen uns entgegen. Die Brücke ist wie auch die erste aus Pontons
zusammengefahren. Sie scheint gesünder, als das Brücken bei uns
gewöhnlich sind, oder die hiesige Polizei weniger hofmeisternd als die
unserige zu sein. Wir ritten und Kanonen fuhren im Trabe darüber.

So eigenthümlich mir in Pera und Galata schon Alles erschienen war, in
Stambul fand ich noch mehr zu staunen. Die Stein- und Ziegelhäuser,
wie die fränkisch gekleideten Menschen verschwinden dort gänzlich.
Die Häuser sind ausnahmslos hölzerne, meistens malerisch nach irgend
einer Seite geneigt. Polizeiliche Regeln scheinen sie bei diesen
Neigungen nicht zu befolgen, eher etwas anarchisch ihrem eigenen
Willen nachzuhängen. So viel Freiheit in dem Vaterlande der Sclaverei
muß überraschen. Die Hauptgassen sind auch hier lebendig durch die
offenen Werkstätten, aber nicht so menschengefüllt wie drüben in Pera.
In den engen Seitengassen sind Thüren und Fenster fest geschlossen.
Wir passirten einige, in denen man fragen konnte, ob in den Häusern
wirklich alles Leben ausgestorben sei und sie leer und besitzerlos das
Ende ihres schon begonnenen Verfalles erwarten.

Mehrere Stunden waren wir so geritten, Hügel auf und ab, auch unter
dem malerisch von Schlingpflanzen und vom durchsickernden Wasser
triefenden Bogen der hadrianischen Wasserleitung hindurch, als die
Länge der Zeit die Vermuthung weckte, der Kawaß, der uns führte, könne
den Weg, den er vielleicht nie gewußt, verloren haben. Und so erwies
es sich denn auch nach einigem Streite. Nun wurde ein Fragen an allen
Ecken, bei jedem Caffegi und Tabakverkäufer nothwendig, und doch führte
uns erst die Entdeckung, daß das Marmora-Meer nahe zu unserer Rechten
hinter einer Reihe von Häusern sei, auf die rechte Spur. Wir waren
im Viertel Condoscale auf einem verwilderten Platze. Regellos stehen
breite Platanen darauf und Säulenschäfte ragen aus dem Boden auf,
die Zeugen einer unterirdischen Welt. Kadriga-Liman, „Galeerenhafen“,
nennt ihn der Türke, und bewahrt auch hier mit dem Namen ein Stück der
Vergangenheit seiner Vorgänger. Unter dem Schutte, der stellenweise zu
kleinen Hügeln angeschwellt ist, birgt sich der Hafen, den die Kaiserin
Sophia, die Gemahlin Justin II., im Jahre 571 gegründet und nach
sich benannt hatte. Noch im 16. Jahrhundert sah man dort stehendes
Wasser und das Volk glaubte darin die Masten versunkener Galeeren zu
erkennen. Seitdem hat die Erde die Schiffe immer tiefer begraben, daß
sie heute sogar dem Märchenerzähler verschwunden sind. Die Wurzeln
hundertjähriger Bäume ranken sich vielleicht um die Masten, welche
sonst nur Segel und Taue zu tragen gewohnt waren.

Von Kadriga-Liman steigen ostwärts steile Gassen hinan. Wir hatten
bald hohe Quadermauern vor uns. Anfangs zweifelhaft über ihren Zweck,
ist es mir jetzt gewiß, daß sie der Rennbahn die zu kurze Oberfläche
des Hügels verlängern und ausgleichen mußten. Wenige Schritte unserer
Pferde neben diesen Mauern aufwärts brachten uns auf den At-Meidan. Das
Gedächtniß gefüllt mit all’ den prachtvollen Bildern von Marmorstufen,
von Palästen und Statuen, den herrlichsten, welche die griechischen
und römischen Künstler producirt und die byzantinischen Räuber
hier aufgestellt hatten; gefüllt mit den Erzählungen der Groß- und
Blutthaten, der Siegeszüge und Niederlagen, welche hier das Schicksal
der Welt entschieden hatten, muß Jeden das, was er jetzt auf dieser
Stätte findet, verstimmen und betrüben. Wie stolz wird sonst das Auge
von den Laubgängen, die hoch oben um die lange Rundung liefen, zugleich
weit hinaus auf die Stadt, das Marmora-Meer und die grünen Berge des
Bosporus, und vor sich hinab auf die menschengefüllten Sitzesreihen,
auf die Obelisken, Säulen und Standbilder, auf die Tribünen des Kaisers
und auf den ehrgeizigen Kampf der Pferde- und Wagenlenker geblickt
haben! Und heute?! Ich sah nur alte morsche Holzhäuser, Trümmer,
welche die Verwüstung in gestaltloses Gerölle zerstoßen hat, und als
letzte Zeugen der gewesenen Pracht die drei Denksäulen, die zwar auch
verstümmelt, aber doch aufrecht geblieben sind. Der Platz war öde
und leer, nur Kinder drängten sich zu, für ein Almosen die Pferde zu
halten. Auch die Luft kündete mit warmem mittäglichem Schweigen den
Verfall und die Abgestorbenheit. Selten hat sich mir eine historische
Stelle gleich mit dem ersten Eindrucke so ähnlich ihrer Geschichte
vorgestellt als diese; Ehrgeiz und Eitelkeit, Verrath und Mord, die
hier mehr als auf jeder anderen gerungen und gestritten, verdienen
den Schutt, den die Zeit so hoch darauf gehäuft, um sicher vor jeder
Auferstehung begraben zu bleiben.

Zunächst der Seite, wo wir auf den Platz gestiegen waren, und das war
ehemals die der kaiserlichen Loge entgegengesetzte, steht der Obelisk
aus Mauersteinen. Heute das verkommenste der drei übrig gebliebenen
Denkmäler, hieß er doch einmal der goldene. Bronzetafeln verkleideten
ihm den steinernen Leib; seitdem sie herabgerissen sind, bröckelt
ein Glied um das andere aus seinem Körper heraus und neigt er sich
drohend zum Sturze. Um ihn allein ist die Erde nicht weggegraben,
daß man wie auf einen Hügel zu ihm emporklettert. Näher gegen die
Mitte des Platzes ist die gewundene Schlangensäule aus grünem Erze.
Griechen stifteten sie im 5. Jahrhunderte nach Delphi in den Tempel
des Apollo für Siege, die sie über die Meder erfochten hatten. Ist
es nicht verhängnißvoll, daß dieses alte Zeichen der früheren Kämpfe
zwischen dem Morgen- und dem Abendlande hierher nach dem heutigen
Knotenpunkte der orientalischen Frage versetzt worden, mit ihr vom
griechischen Strande nach dem des Bosporus übersiedelt ist? Denn die
orientalische Frage hat die Neigung, entgegen dem sonstigen Gange
der Geschichte, vom Westen nach dem Osten zurückzuwandern. Und als
hätte er eine Ahnung von der ursprünglichen Bedeutung dieses Denkmals
gehabt, schlug ihm einer der Sultane eines der drei aufbäumenden
Schlangenhäupter ab, rächend die Niederlage, die Europa seinen
asiatischen Vorfahren zugefügt hatte. So merkt sich an einem todten
Denkmale derselbe Gedanke Jahrtausende und Millionen von Menschen
überlebend an. Daß auf den drei Köpfen ein Dreifuß gestanden, ist
wahrscheinlich. Auch des Lysikrates Denkmal zu Athen beweist, daß es
bei den alten Griechen Sitte gewesen, den opferbringenden Dreifuß
möglichst hoch und erhaben aufzustellen; vielleicht aus demselben
Grunde, aus welchem wir unsere Wallfahrtscapellen auf die obersten
Berggipfel bauen, damit die Opfergabe dem empfangenden Gotte näher
stehe. Daß aber dieser Dreifuß der der Pythia gewesen sei, ist eine
Unmöglichkeit, obwohl es Herr +v. Hammer+ drucken ließ. Die
Fabel ward wohl wie so manche ihrer Schwestern von gewinnsüchtigen
Fremdenführern erfunden, um unaufmerksame Reisende theilnahmsvoller zu
stimmen. Von den drei Schlangenköpfen, welche fehlen, bewahrt man einen
Unterkiefer in dem Museum, welches in der Irenenkirche eingerichtet
ist. Auch Gypsabgüsse sah ich davon; danach muß der Rachen weit
aufgerissen gewesen sein. Gerade in der Mitte des At-Meidan, wie auch
ehemals des Hippodroms, steht der granitene Obelisk, das besterhaltene
der Denkmäler. Er ist weit und viel gewandert. Seine erste Heimath
und Geburtsstätte war Aegypten; bei Syena wurde er gegraben, dann
war er in Athen. In Constantinopel stellte ihn Theodosius der Große
sechzig Jahre nach Einweihung der Stadt, also im Jahre 390, auf das
Postament, das ihn noch heute trägt. Die Spitze scheint ihm bei seinen
Uebersiedelungsreisen beschädigt worden zu sein; sie ist stumpfer
zugeschliffen. Seine Seitenflächen sind mit Hieroglyphen beschrieben,
die des Fußgestelles mit erhabenen Bildern verziert, von so roher
Arbeit, daß auch nicht einmal mehr die edlere Abstammung der Kunst zu
erkennen ist. Es sind Werke eines schon vollzogenen Verfalles.

Der Lärm und die Mühe um eines der Pferde, das sich seinem kleinen
Hüter losgerissen hatte und in freien Sprüngen über den Platz setzte,
weckte mich aus meinen alterthümlichen Betrachtungen. Was die spätere
Zeit auf die Trümmer gebaut hat, das fing ich erst jetzt an zu sehen.
Drei Seiten des Platzes sind von unscheinbaren Gebäuden umsäumt, die
vierte aber, die Ostseite, schlossen die Türken mit einem Prachtbaue,
der Moschee Achmed I. Hinter einer niederen Marmormauer liegt
sie, getrennt von dem gemeinen Lärm der Gasse, in der vornehmen
Abgeschiedenheit eines heiligen Haines. So hoch hat das Alter die
Platanen, Terebinthen und Cypressen gezogen, daß ihre Kronen und Wipfel
die Kuppeln und Minarete zu überragen drohen; dabei sind die Bäume
nicht greisenhaft abgelebt, sondern gesund in voller Manneskraft. Späht
man genauer durch die vergoldeten Gitter, welche in die Umfassungsmauer
eingesetzt sind, so findet man nur ahnungsvolle Stille und frommen
Frieden unter dem kühlen Schatten, wie er Gott und dem Orte gebührt. Wo
der Türke schmücken will, da genügt ihm nicht die Kunst des Menschen,
er nimmt das freie Schaffen der Natur zu Hilfe. Um seine Gräber
schlingt er Rosen und seine Tempel verbirgt er unter Bäumen. Wir thun
das wohl auch an unseren Festtagen, wenn fromme Beter und andächtige
Weihrauchwolken durch die Gassen wallen und grüne Zweige an den Häusern
lehnen; der Türke aber hält jeden Tag solch’ festlichen Schmuckes
würdig.

Das nördliche Ende des At-Meidan verunstaltet dermalen der
geschmacklose Holzbau der türkischen Industrie-Ausstellung. Auf der
Westseite des Platzes hatte man mir ein bescheidenes einstöckiges Haus
mit dem unverdienten Titel: Palast des Finanzministeriums, Defter-Hane,
genauer übersetzt Oberrechnungshof, gewiesen; jetzt zeigte man mir in
der Seitengasse, in welche wir einbogen, zu unserer Rechten ein noch
verfalleneres Gebäude als den Palast des Handelsministeriums. Das
große Hofthor daran ist dienstesunfähig; die Thüren der Kanzleistuben
münden unmittelbar auf die Bogengänge, welche den Hof umfassen; von
orientalischer Pracht, wie sie unsere Vorurtheile erwarten, keine Spur.
Die hohe Pforte, zu der wir durch steile Gassen hinabkommen, entspricht
unseren Erwartungen und ihrem erhabenen Beiworte nicht viel mehr. Es
ist eine lange, einförmige, gelb angestrichene Fronte, einen Stock
hoch, mit vorspringender Säulenhalle und krönendem Giebelfelde, in dem
abscheulichen Style englischer und amerikanischer Antike. Schön ist nur
die Aussicht von der breiten Terrasse, die dem ganzen Baue vorliegt.
Die Hügel von Pera und von Galata, die Berge von Asien und zwischen
ihnen weit hinauf den Strom und die Ufer des Bosporus sah ich von dort
aus in ganz neuer Ansicht und in den Gluthen der untergehenden Sonne.

Ueber die erste Hafenbrücke kehrten wir nach dem andern Ufer zurück.
Das Leben, das sich auf der Brücke und auf den beiden Plätzen ihrer
Mündungen, und weiter dann in der Galatagasse entfaltet, verwirrte und
beschäftigte mich dergestalt, daß mich nur die Aufmerksamkeit meiner
Führer vor unangenehmen Zusammenstößen bewahrte. Ich wußte nicht,
wie ich Alles auf einmal oder was ich zuerst sehen sollte, die neuen
Menschen oder die Dampfer, die pfeifend und schnaubend zu beiden Seiten
der Brücke anlegten, gewiß immer ein Dutzend, das eben in Bewegung war.
Auf dieser Brücke zu stehen verdient allein schon eine weite Reise; es
ist als ließe man die Völker einer ganzen Welt die Revue passiren.


    Pera, den 22. Mai.

Was bei uns eine Reise vorstellt, ist hier erst ein Spazierritt hinüber
nach Stambul. Vom gestrigen, der den ganzen Tag gedauert hatte, waren
wir so ermüdet, daß uns heute Ruhe nothwendig schien. Ich wollte
sie mir am Schreibtische gewähren, um Briefe für die morgige Post
vorzubereiten. Aber wie sollen sich die Gedanken sammeln, wie die Feder
arbeiten, wenn rechts und links vom Schreibtische durch zwei offene
Fenster der blaue Himmel und die helle Sonne hinaus nach dem Meere und
nach den Hügeln dieses schönen Landes locken. Da half kein Widerstreben
der entschlossensten Vorsätze. Ich schlich mich fort voll Vertrauen
in meinen oft erprobten Ortssinn, mich allein in dem Häusergewirre zu
versuchen. Das gibt den Reiz eines Wagnisses.

Durch enge steile Gassen und über Treppen stieg ich noch höher den
Hügel hinauf. Nicht breiter als in den Calles Venedigs stehen die
Häuser auseinander und so wie dort bleiben auch hier die Gassen keine
zehn Schritte in derselben Richtung; rechts oder links, nach einer
Seite biegen sie aus, daß sie ein fortwährendes Zickzack bilden.
Ueberhaupt, wo ich hinsehe, finde ich den Anknüpfungspunkt wieder zu
dem Faden, welchen der Handel im Mittelalter zwischen Constantinopel
und der Lagunenstadt gesponnen hatte. Daß noch so viel davon
fortbesteht, trotz des Wechsels der Zeit und der Menschen, beweist,
wie angemessen dem angebornen Charakter beider Städte diese Verbindung
war. Pera und Galata sind zwar nicht mehr eigenberechtigte Städte der
Venetianer und Genuesen, aber immer noch beinahe ausschließlich von
Italienern, Maltesern, Dalmatinern, Croaten, Franzosen, überhaupt
von dem, was man mit dem Gesammtnamen „Franken“ zu bezeichnen
pflegt, bewohnt. Die buntfarbigen Häusergruppen der Türken liegen
nur wie einsame Inseln dazwischen. Auf den Stufen der Gassen saßen
Bettlerinnen; sie hoben die Augen und die Hände auf und declamirten
ihre Noth und ihre Gebete mit denselben dunklen Blicken und demselben
Pathos, wie die struppigen Weiber auf den Brücken der Calle lunga und
der Riva degli Schiavoni: „~Grazia Signore, una povera vecchia!~“

Alle die Treppen und Gäßchen münden in die große Perastraße, die vom
kleinen bis zum großen Campo, den zwei Friedhöfen dieser Stadttheile,
in einer ziemlich geraden Linie über den Kämmen der Hügel liegt.
~La grande rue de Pera~, wie man hier alle Augenblicke in der
Conversation hört, denn sie ist den Peroten, was den Wienern ihr
„Graben“ und den Berlinern ihre „Linden“ sind, -- hatte ich mir, ich
gestehe es, etwas großartiger vorgestellt. Groß kann sie überhaupt
wohl nur wegen ihrer Länge genannt werden, denn ihre Breite ist schmal
wie die der andern Gassen, daß sich eben zwei Wagen darin ausweichen
können, und Reiter und Fußgänger in ein fortwährend sich mißhandelndes
Gedränge zusammengequetscht sind. Die Höhe der Häuser vermehrt noch
diesen Eindruck der Enge. Die ersten Gasthöfe: Hôtel d’Angleterre,
Hôtel de Byzance etc. stehen darinnen. Die Kaufläden waren offen und
geschlossen, je nachdem der Glaube dem Eigenthümer die Heiligung
unseres Sonntages freigibt oder gebietet; Polizeiverordnung verfügt
hierüber nichts. Die Auslagen sind sehr primitiv, Spiegelscheiben nur
an einigen Modehandlungen, sonst kleine Aushängekästchen, wie wir
sie nur in unserer Kinderzeit oder heute noch in unseren Landstädten
sahen. Ein Friseur verkauft auch Halsbinden und Handschuhe, ein
Schuster Strohhüte, und beinahe alle Zuckerbäcker Kinderspielwaaren.
Das repräsentirt eine Nationalökonomie, wie sie bei uns nur noch die
Dörfer und böhmischen Badeorte betreiben. Indessen sie befriedigt ein
Bedürfniß und die Verhältnisse sind andere, und so mag ich sie, blos
darum weil sie anders als das Gewohnte ist, nicht tadeln.

Das Pflaster wäre eine Wohlthat, wenn es gar nicht wäre; so wie es ist,
scheint es nur zu sein, um das Fahren zu hindern; in Berücksichtigung
der Enge der Gassen und des Menschengedränges allerdings eine
wohlthätige Vorsorge. Trotzdem begegneten mir einige Wagen. Es waren
modische Broughams, Ein- und Zweispänner, die Pferde lose eingespannt,
die Kutscher im albanesischen Kleide oder doch wie die meisten
Einheimischen, wenn sie auch sonst ganz fränkisch gekleidet sind,
durch das Fezz unterschieden. Mehr aber überraschte mich ein anderes
Fuhrwerk, dem seinem Aussehen gemäß in allen Sprachen der türkische
Name Arabat, was eigentlich nur Wagen sagen will, gelassen wird. Der
Kasten ist mit Blumen bemalt und übermäßig vergoldet, ringsum möglichst
offen mit Glasfenstern, oben mit einem gewölbten Dache geschlossen.
In hohe Federn gehängt wackelt er nach allen Seiten, herüber und
hinüber, vor- und rückwärts zugleich; das Ganze wie ein Ueberbleibsel
des vorigen Jahrhunderts, aber von einem Dorf-Wagnermeister statt von
einem Hoflieferanten Ludwig XV. gefertigt. Meistens ist nur ein
Pferd davor gespannt; der Kutscher, Türke auch durch sein Kleid, geht
oder läuft daneben, wenn ein kleiner Trab draußen im Freien möglich
wird, denn in der Stadt kann jedes Fuhrwerk nur im Schritte fahren. In
dem ersten Arabat, den ich sah, saßen Türkinnen; ich hielt das daher
für ein speciell türkisches Beförderungsmittel, bis mich in einem
späteren vier barmherzige Schwestern überraschten. Ich fand dann auf
einem Platze solche Arabats in Menge dem Publicum wie unsere Fiaker
aufgestellt. Uebrigens werden in der Stadt Wagen nur selten benutzt, in
Stambul beinahe gar nicht. Die weiten Entfernungen und die schlechten
Straßen zu überwinden lassen sich die Frauen tragen und reiten die
Männer; darum die vielen Pferde mitten im Gedränge der Fußgänger.
An den Straßenecken, bei den zierlichen Brunnenhäusern werden sie
dem Bedürfnisse bereit gehalten; man setzt sich darauf, läßt den
Pferdeknecht, Surugi, hintennach laufen, und zahlt ihn und sein Thier
nach dem Ritte für die Stunde, wie in Berlin den Droschkenkutscher.
10 Piaster, ungefähr 1 Gulden, werden, wenn der pfiffige Surugi nicht
den unwissenden Fremden herausgewittert hat, als die standesgemäße
Bezahlung von einer Anstandsperson dankbar angenommen.

So guckte ich eines um das andere dem Straßenleben ab. Bild schob sich
an Bild, und meine Gedanken, die thätig wie die Augen waren, suchten zu
erklären, was die Blicke nicht gleich verstanden. Da drang ein neuer
Laut, ein neues Bild in meine Betrachtungen. ~Jangin war! Jangin
war!~ (Feuer ist!) riefen kreischende Stimmen aus weiter Entfernung.
Aber kaum gehört, sah ich auch schon die Rufer. Alle nackt bis auf die
Lenden, um die sie weiße Tücher geschlungen hatten, liefen sie vorüber,
lauter schöne kräftige Bursche, die zur Feuerwehr gehören. Mitten
im Laufe, ohne daß der auch nur einen Augenblick hielt oder in der
gleichmäßigen Bewegung schwankte, wechselten sie mit ihren Kameraden
im Tragen der wassergefüllten Spritzen. Was ihnen im Wege blieb, wurde
rücksichtslos niedergeworfen und übersprungen. Schon gestern Abend,
als eine große Feuerröthe über Stambul flammte, hatte man mich auf
diese wilde Jagd vorbereitet. Ich war daher gleich bei dem ersten Rufe
in eine Ladenthüre getreten und beobachtete aus diesem Schilderhause,
wie sich die Menge gelassen, ohne auch nur die Miene dem sonderbaren
Zuge zuzukehren, vor ihm theilte und hinter ihm wieder im alten Strome
zusammenschloß. Diese stürmende Erscheinung ist ihr so alltäglich, daß
die Gewohnheit dafür keine Aufmerksamkeit mehr hat. Ich aber brauchte
eine Weile, um wieder im früheren Gleichgewichte weiter schreiten zu
können.

Wo die Perastraße breiter wird und sich theilt, um einen Zweig nach
dem großen Campo und einen anderen in’s Freie über die kahlen Hügel zu
senden, steht ein verfallener aber immer noch mit Marmor bekleideter
Brunnen. Platanen, Terebinthen, eine geborstene Cypresse, die hinter
ihm wachsen, beschatteten einige Sakas, Wasserverkäufer, die vor ihm
ihre Tische und ihre Krüge aufgestellt hatten. Bretter hatten sie
von einem Fuße zum andern ihrer wackeligen Waarengerüste nageln und
binden müssen, um ihnen Halt zu geben. So abgenützt und zerbrochen
diese Trümmer waren, der Schönheitssinn des Südländers hatte sie immer
noch einer Ausschmückung werth gefunden. Lilien und Nelken hatte er
in hohen Büscheln an die Tischecken gebunden und in breiten Kränzen
um die blechernen Schöpfeimer gewunden. Einer der Verkäufer war ein
Neger. Seine kurze Hose, sein zerrissenes Hemd, der Mangel anderer
Kleidungsstücke und sein confiscirtes Spitzbubengesicht bewiesen, daß
die Gewerbe, welche er sonst betrieben haben mag, vielleicht weniger
unschuldig, aber gewiß nicht einbringlicher als sein heutiges gewesen
waren. Er war noch thätiger als seine Genossen im Rühmen seiner
Waare. Endlos wuschen sie die Gläser, hielten sie den Vorübergehenden
zur Prüfung der Reinlichkeit entgegen, priesen die Sauberkeit des
Glases und die Frische des Wassers, und gossen wie zur Lockung mit
hochgeschwungenem Arme aus den Schöpfkrügen einen langen Strahl in die
Gläser, die sie dann mit der linken Hand präsentirten, ihr „Sacka!“ so
lange und so aufdringlich schreiend, bis einer der Spaziergänger nach
dem Glase langte und seinen Para dafür auf den Tisch warf.

Gegenüber ist ein Standplatz für Miethpferde. Es sind kleine aber
zierliche und, wenn nur etwas geschont, schöne Pferde. Ohne wenigstens
einen Tropfen edlen Blutes scheint kein türkisches Pferd zu sein.
Die plumpe Rohheit der unserigen, die nicht einmal immer stark ist,
fehlt hier den Thieren wie den Menschen. Diese Reitknechte, die mich
gleich umringten, mir -- jeder durch einen andern Kniff -- ihre
Pferde aufzuschwätzen, wie ausdrucksvoll sprechen ihre Gesichter, und
wie anstandsvoll sind ihre Bewegungen! Und welche Mannigfaltigkeit
der Physiognomien! Da war ein Blasser mit dunklem Haar und kleinem
Schnurrbarte, die Lüderlichkeit hatte ihn offenbar so romantisch
zugerichtet, der klopfte gelassen den neuen Sattel seines jungen
Schimmels und lockte nur mit den Augen. Ein Anderer, dem aller Verstand
im pfiffigen Schlusse der Lippen saß, führte seinen Braunen langsam
vorüber und rühmte mir dessen Vorzüge mit italienischen, sogar mit
einigen französischen Brocken an. Und ein Dritter, dem die Schönheit
auf der Stirne thronte, warf sich auf seinen Fuchsen und jagte davon,
mir dessen Schnelligkeit zu beweisen, aber gleich wieder zurückkehrend,
damit den Kameraden nicht die Zeit bliebe mich ihm abzugewinnen. Und
so ein Dutzend mehr, und jedem hätte man seine besondere Geschichte
erfinden können. Dazu die maßvoll gebildete Gestalt; nicht zu klein
und engbrüstig, um verächtlich und kränklich, und nicht zu groß und
breitschulterig, um bedrohlich und roh zu erscheinen. Wenn sie gingen
oder sich in den Sattel schwangen voll gelenkiger Beweglichkeit, und
wenn sie sich an das Roß anlehnten oder rauchend auf dem Boden lagen
voll ausgeglichener Ruhe. Ihre Kleidung war ärmlich aber wohlanständig,
weil sich jeder darin zu Hause fühlte. Eine weite Hose bis zum Knie,
eine Jacke, über dem Bauche durch den Shawl zusammengehalten, ein
kleiner Turban um die Mütze geschlungen, Arme und Füße nackt, das ist
der ganze Reichthum, den diese Nomaden der Gassen Constantinopels auf
dem Leibe tragen. Ihre Herren, was bei uns also Stallmeister wären,
oder die Reitknechte, welche in den festen Diensten reicher Privatleute
stehen, sind kostbarer angezogen. Sie tragen das montenegrinische
oder albanesische Kleid, kirschroth oder dunkelblau, über und über
mit verschlungener Goldstickerei geziert. Auch solche trieben sich da
herum. Nahebei erwarteten Arabats ihre Kunden. Ein Kaffeehaus, das
auf einer Terrasse errichtet ist, hatte die seinigen schon in Menge
gefunden. Der Menschenstrom aber wälzte sich weiter, jetzt in’s Freie
hinaus, sichtlich immer vergnügter, je mehr die Enge der Stadt und
des Handwerks hinter ihm zurückblieb, daß mir hier in der Türkei, „wo
die Völker auf einander schlagen,“ der Ostersonntag in Göthe’s „Faust“
einfiel.

Rechts von der Straße ist eine große Artilleriecaserne und links
ihr Exercirplatz; Recruten übten sich dort. Nur wenige der Leute
trugen noch die häßlichen Uniformen nach europäischen Mustern, die
meisten waren in der Nationaltracht, welche der neue Sultan seinem
Heere zurückgegeben hat. Die weiten Hosen und offenen Jacken kleiden
sie weit besser, weil ihre Glieder, die in solcher Zwanglosigkeit
aufgewachsen sind, darin das Selbstgefühl einer alten Gewohnheit
wiederfinden. Wie sehr diese Tracht übrigens den Werth einer schönen
Gestalt erhöht, sah ich an einem Manne der Hundert-Garden des Sultans,
der mir entgegen kam. Er war ein Araber in hohen glänzenden Stiefeln,
feuerrothen Pumphosen, rother Jacke und rothem Burnus, der in breiten
Falten über seinem Rücken bis zu den Fersen hinabfiel. Ich habe nie
etwas Schöneres gesehen als diesen Burschen. Kaum daß ihm ein Flaum
auf der Lippe keimte und sein ganzes Wesen drückte doch schon die Ruhe
und die Hoheit des Alters aus. Dabei war sein Auge jugendfrisch und
lebenslustig und voll Theilnahme für das Treiben der Menge. Wenn ich
Verachtung in seinem Blicke, der mich traf, zu erkennen glaubte, so
war das wohl nur, weil ich mich solcher Hoheit gegenüber verächtlich
fühlte; dem Jünglinge waren Körper und Geist viel zu gesund, um
ein so krankhaftes Gefühl hegen zu können. Wie ein Gott der alten
Griechen, der Mensch geworden um mit seinen Mitmenschen zu leben und zu
genießen, zu sündigen und zu büßen, so schritt er einher mit mächtig
ausgreifenden Schritten. Und so staunte ich ihn an. Nicht anders mögen
die Indianer die ersten Weißen bewundert haben. Wie ärmlich erscheint
mir danach das, was unsere Salons einen schönen Mann nennen, und wie
erbarmungswerth solche Genügsamkeit!

Tiefer in’s Land, wohin die Straße führt, wollte ich nicht. Ich
suchte das Meer. Ein blauer Streifen rechts über den Hügeln verrieth
es mir. Ich bog von dem Wege ab in die staubigen Felder ein. Diese
liegen hier alle unbebaut, wüste, ein trostloser Anblick; aber nur
wenige beharrliche Schritte durch den gelben Sand weiter, und ich
sah Europa und Asien, den Bosporus und Propontos wieder in all’ der
Farbenpracht, die mein Auge seit den letzten Tagen so sehr verwöhnt
hat. Unten auf dem Hügel, auf dessen Kuppe ich stand, und seine
Hänge hinauf und ihnen entlängst sind von Top-Hane in den Bosporus
hinein Stadt an Stadt gereiht: Fündykly, Dolma-Bagdsche mit dem neuen
Palaste des Sultans, dessen Höfe und Gärten gerade unter mir waren,
Beschicktasch, Tschirraghan etc., eine an der anderen, Haus an Haus,
Name an Namen. Gegenüber auf dem asiatischen Ufer Skutari, ausgedehnter
und volkreicher als es sich nach irgend einer anderen Seite hin zeigt.
Bis tief in den Bosporus, um dessen Buchten und Vorgebirge sind seine
Häuser gebaut und hoch die Höhen hinauf seine Villen und Gärten
gepflanzt, daß die Stadt Meer und Berge zugleich zu umfassen scheint.
Die Seraispitze, einige der ihr zunächst liegenden Moscheen Stambuls
und die schiffebeladene Mündung des Goldenen Hornes, die der Strom des
Bosporus von Asien scheidet, schließen auf der rechten Seite das Bild.
Darüber und grenzenlos weit liegt der Horizont des Marmora-Meeres. Das
sind die Umrisse, die mir die Farben fest in dem Gedächtnisse halten
müssen. Wie sollte auch die schwarze Tinte das Blau des Meeres, das
Grün der Gärten, das Roth der Hügel, den Glanz des Himmels und den Duft
der Ferne malen können!? Das kann nur der Dichter, der in der Brust
jedes Menschen wohnt und dem Künstler wie dem Leser, dem einen beim
Schaffen, dem andern beim Genießen, helfen muß, damit die Bilder wieder
werden, wie sie wirklich und greifbar nur die allmächtige Kunst der
Natur erschaffen kann.

Ich war ermüdet auf einen Stein am Wege gesunken. Soldaten, türkische
Weiber mit ihren Kindern, Griechen im übertriebensten Sonntagsputze
der letzten Pariser Mode, Armenier in den langen Pelzröcken ihrer
alten Nationaltracht, Menschen aller Nationen und Religionen, die an
mir vorüber die Straße von Dolma-Bagdsche hinauf oder hinab stiegen,
belebten das Land, das um mich war, und Schiffe, die vom Dampfe, dem
Segel oder den Rudern in den Bosporus hinein oder heraus getrieben
wurden, belebten das Meer, das wellend im warmen Mittagswinde zu meinen
Füßen lag. Drei Fregatten und zwei prächtige Dampfjachten des Sultans
ruhten an ihren Anker vor den Fenstern seines Palastes. Gegen Pera zu,
nicht allzuweit von meiner Rechten, war der Wald des großen Campo’s;
seine Cypressen mahnten wie düstere Ahnungen in den heiteren Frohsinn
des sonst so hellen Bildes. Da klang ein anderer, auch ein bekannter
Ton in meine Stimmung: der Baccio, ein Walzer, den die Artôt und der
sie berühmt gemacht. Eine Musikbande spielte ihn lärmend und tactlos
in einem nahen Kaffeehausgarten. Auch in dieser verstümmelten Gestalt
hörte ich ihn gerne, weil er angenehme Stunden zurückbrachte. Da kam
eine Nacht wieder, die mir in Dresden auf der Brühl’schen Terrasse
liebe Freunde vergnügt hatten; ein Abend im Conversationshause zu
Baden-Baden, den schöne Frauen, ein Nachmittag im Mathissongraben des
Heidelberger Schlosses, welchen die Einsamkeit beglückt hatte. Denn
glücklich, wie die heutige Gegenwart, war jene Vergangenheit gewesen,
und dieselbe Melodie knüpfte verwandte Eindrücke an die früheren. So
hängt zuletzt eine ganze Kette an dem einzigen Tone, und angeschlagen
zittert er Glied um Glied erweckend zurück bis in die entlegenste
Jugend. Oft schon, wenn ich diese Macht der Musik so erinnerungskräftig
erfahren habe, frag ich, ob sie so nicht auch über das Grab hinaus
wirken werde?

Wie sie hier unten aber auch quälen kann, das erfuhr ich gleich darauf,
als eine türkische Musikbande in der großen Caserne links von mir über
dem Palaste von Dolma-Bagdsche ihre Uebungen begann, denn das sollten
diese Dissonanzen vorstellen, die dort geblasen wurden. Und so wenig
Musiksinn scheint der Orientale zu haben, daß sich gleich eine Menge
Volkes unter den offenen Fenstern sammelte. Damit die Katzenmusik
vollstimmig werde, fing nun auch zu meiner Rechten im Kaffeegarten
das Orchester wieder an diesmal die schwindsüchtige Sterbearie der
Traviata zu spielen. Eines allein hätte ich vielleicht um des längeren
Anblickes der schönen Gegend willen erduldet, beides zusammen war für
Ohren und Nerven zu viel. So interessant es mir gewesen wäre, einen
Trupp Soldaten zu beobachten, die eben nach ihrer Caserne zurück
marschirten, ich flüchtete mich. Durch Seitengassen Pera’s suchte ich
den Rückweg, langsam und mit vielen Verirrungen, aber doch so, daß
ich ihn allein fand. Der Plan Dufour’s erwies sich mir dabei als ganz
fabelhaft und nutzlos.


    Den 22. Mai, Nachts.

Gleich nach dem Essen, um 9 Uhr Abends, zu einer armenischen Hochzeit.
Durch ein Labyrinth von Gassen, die Hügel hinauf und hinab, führte man
mich zu einer Kirche, von der man mir sagte, daß sie in der Nähe des
Feuerthurmes von Galata sei. Auf dem kleinen Platze vor der Kirche war
ein lärmendes Durcheinander von Dienern, Fackel- und Sesselträgern, die
ihren Herrschaften den Vorrang erkämpfen wollten. Das Innere der Kirche
ist häßlich, ein Viereck durch eine Kuppel gedeckt und durch drei
gerade Mauern, auf der vierten Seite durch einen Halbkreis geschlossen,
in dem zwischen vier plumpen Säulen der Altartisch steht. Zahlreiche
Armleuchter hingen von der Decke und an den Wänden herab. Auf den Boden
waren dichte Teppiche gebreitet und Stühle in Reihen neben und hinter
einander gestellt. In dieser Anordnung und Beleuchtung glich das eher
einem Concertsaale, und so auch sah das Publicum aus. Links die Frauen,
rechts die Männer waren alle festlich, die Weiber über und über mit
Edelsteinen geschmückt; dem diplomatischen Corps hatte man vorne auf
beiden Seiten besondere Plätze vorbehalten. Ich sah von dort aus Alles
auf’s beste.

Es war eine Doppelheirat, die eingesegnet wurde. Auf jeder Seite
standen Bruder und Schwester. Die Brautleute, die Eltern und die
nächsten Anverwandten füllten den Halbkreis vor uns. Die Geistlichen
ordneten sie und reihten sich dann dienend um den Altar. Es waren ihrer
achte, Alle in hellgrünen, reich mit Silber gestickten Talaren, die in
breiten langen Falten, durch keinen Gürtel unterbrochen, vom Halse auf
den Boden fielen; ein goldenes Band, eine Art Stola, hing jedem auf der
rechten Schulter, und eine gefältete Krause, die beim Halsausschnitte
hervorstand, rahmte die dunkeln Köpfe aufs wirkungsvollste ein. In
diesem Kleide glich einer der Priester so sehr einem der schönsten
Porträte Paolo Veronese’s, daß mich die Aehnlichkeit während der ganzen
Feier mehr als alles übrige beschäftigte. Wie er da sorgend herumging,
bald artig die Brautleute belehrte, wie sie sich bei den Ceremonien
zu benehmen hätten, bald herrisch den Dienern winkte, die silbernen
Teller mit den Kränzen zu bringen, war es, als sei aus dem großen
Bilde: „Christus im Hause des Levi,“ welches die Akademie der schönen
Künste zu Venedig bewahrt, der stolze Venetianer mit dem schwarzen
Barte im grünen Wamse, der aus dem Vordergrunde seine Befehle in die
hohe Säulenhalle zurückruft, herausgetreten, um das Amt, worin ihn der
Künstler so glücklich abgebildet, wiederum auszuüben.

Die Ceremonien dauerten lange und blieben mir zum Theile unerklärt.
Auffallend war der sonderbare Schmuck der Bräute. Zu beiden Seiten des
Gesichts fielen statt der Schleier, worin man sie bei uns verhüllt
hätte, lange Locken der Einen aus rauschendem Gold-, der Anderen
aus Silberpapier herab, und das so lange, daß sie beinahe den Boden
berührten, und so dicht, daß sie die Mädchen fortwährend aus dem
Gesichte streichen mußten. Der Blassen stand dieser goldene Lockenwuchs
sehr gut; sie sah verzaubert wie die Prinzessin in einem Kindermärchen
aus. Die beiden Männer schienen jünger als ihre künftigen Frauen zu
sein, nicht älter als 20 Jahre. Sie trugen lange schwarze Gehröcke
mit aufstehenden Kragen und das Fezz auf dem Kopfe. Das ist für alle
Unterthanen des Sultans, für Griechen, Armenier, auch für jene Türken,
die sich fränkisch tragen, das Hofkleid statt unseres Frackes und
Cylinders. Besondere Eitelkeit scheint für die Füße sorgsam zu sein.
Sie sind aber auch meist klein und wohlgebildet und eines gutgemachten
Schuhes würdig.

Als wichtig in dem Acte der Vermählung bezeichnete man mir das Wechseln
der Kränze, denn auch dem Bräutigam wurden Myrthen und Orangen auf’s
Haupt gelegt. Nachdem er sie eine Weile getragen, vertauschte sie der
Oberpriester mit denen der Braut. So gekrönt blieben beide bis zum Ende
der Ceremonie. Diese Kränze sollen sorgsam als Talisman des ehelichen
Glückes aufgehoben werden.

Auf der linken Seite des Presbyteriums hatten sich bald nach Beginn
des kirchlichen Aktes in denselben kostbaren Gewändern, wie sie die
Priester trugen, Chorknaben aufgestellt, um die ganze Feier mit einem
Gesange zu begleiten, der werthvoll wie die Blechmusik des Morgens war.
Ein Junge aber, der darunter war, ersetzte mit seinen kunstbegeisterten
Gesichtern den Augen, was die Ohren leiden mußten. Je höher der Ton
stieg, desto mehr neigte er den Kopf auf die linke Schulter und desto
krampfhafter schüttelte er den ganzen Körper; die Augen schloß er
dabei immer fester, den Mund öffnete er immer weiter, und doch ließ
er keinen Ton auf einem andern Wege als auf dem Umwege durch die Nase
hinaus. Es gab ein Geheul und das mit so viel Aufwand von Pathos, daß
es einem Liebhaber des Sonderbaren zuletzt als etwas Unübertreffliches
bewundernswerth werden mußte.

Nachdem in der Kirche die Festlichkeit vorüber war, geleitete man uns
nach dem nahen Hause der einen Familie, wo ein Ball sie fortsetzen
sollte. Schon an der Hausthüre erwarteten uns die beiden neuen
Ehemänner; der eine nahm meinen Arm und führte mich die Treppe in das
zweite Stockwerk hinauf; die Musikanten, die im Stiegenhause versteckt
aufgestellt waren, empfingen uns mit einem Marsche und die Hausleute,
obwohl ich ihnen fremd und uneingeladen kam, mit den zuvorkommensten
Bemühungen, mir die Gesellschaft bald bekannt zu machen. Sie war
zahlreich, so daß die Räume zu klein wurden. Diese sind, sowie ich das
aus den italienischen Häusern her kenne, durch die Sala, die mitten
durch das Haus geht, in zwei Hälften getheilt; die zur Linken schien
hier den Männern, die zur Rechten den Frauen zu gehören. Ich fand
wenigstens in den Zimmern der letzteren meistens nur Frauen, die nach
der Landessitte mit hinaufgezogenen Füßen auf den breiten Divanen
lagen. Es waren schön geschnittene Gesichter darunter, mehr aber noch
fielen sie mir durch den Ausdruck ihrer Augen auf, die sind schwarz wie
die Kohle und die Blicke leuchten wie der Funke, der vor dem Verglimmen
noch einmal in seiner allerhellsten Kraft auflodert, nur daß keiner
dieser Blicke der letzte und daß jeder wie der erste ist. Selbst
Weiber, die beinahe häßlich sind, werden durch das Feuer dieser Sprache
fesselnd.

Die Gäste benahmen sich frei und ungezwungen, die Männer gegen die
Frauen sogar vertraulicher als das bei uns erlaubt ist; aber alle in
den Formen des schicklichsten Anstandes, weil das dem Gefühle eines
jeden angeboren ist. Der größere Theil der Männer trug das Fezz auf dem
Kopfe, das waren Eingeborene des Landes, die vielen Anderen, welche
den Hut in der Hand hielten, Herren des diplomatischen Corps. Dem
französischen Botschafter, Marquis du Moustier, wurde ich gleich beim
Eintritte vorgestellt. Er ist ein großer, schöner und durch Haltung
und Formen noch jugendlicher Mann und danach sind auch seine Ansprüche
an das Leben bemessen. Der englische Botschafter, Sir Henry Bulwer,
kam erst nach Mitternacht. Ich lernte ihn in einem kleinen Nebenzimmer
kennen, wo die Stille den Raum zu einem längeren Gespräche gab.

Sir Henry Bulwer folgte dem Lord Stratford Redcliffe, der auf diesem
Posten alt und berühmt geworden war. Das Amt, das für England immer
eines der wichtigsten ist, war nach der Bedeutung, die es durch die
Persönlichkeit des Lord Redcliffe erlangt hatte, ein noch schwerer
zu besetzendes geworden; daß unter solchen Umständen Sir Henry
Bulwer dafür gewählt wurde, beweist, welche Meinung die vorsichtigen
Staatsmänner seiner Heimath von seinen Fähigkeiten haben. Seine äußere
Erscheinung zeigt alle Sonderbarkeiten, aber auch die ganze Vornehmheit
des englischen Aristokraten. Wo man ihm auch begegnen mag, nirgends
wird man ihn übersehen können. Seine Gestalt ist nicht groß, hager und
in der Brust so eingefallen, daß die leise, oft beinahe nur gehauchte
Stimme nicht überrascht. Er trägt einen Vollbart, der sonderbar in
zwei Zwickel getheilt ist. Hände und Füße sind beinahe unnatürlich
klein; den einen Fuß sah ich ihn, wie das hier Sitte ist, auf den
Divan heraufziehen. Das Französische, die übliche Sprache der hiesigen
Salons, spricht er fließend, wenn schon mit dem englischen Accente,
der die Worte dehnt. Er liebt es, seine Reden mit kleinen Witzworten
und Sentenzen zu spicken, und erinnert dadurch an die Schreibweise
seines Bruders, des Romandichters, die um solcher Aperçüs willen
philosophisch genannt worden ist. Ein Gespräch weiß er, da sein Geist
thätig und gewandt ist, leicht ohne das verlegene Angeln nach einem
Gegenstande flüssig zu machen. Mit einer zuvorkommenden Frage setzt
er den Fremden auf dessen Steckenpferd und weil doch jeder lieber
sich als den Andern reiten sieht, in Entzücken über die Klugheit und
Artigkeit dieses großen Herrn. Von mir verlangte er meine ersten Ideen
über den Orient zu hören. Sichtlich erfreut durch die Antwort, weil
auch ihm dieses Land gefällt, meinte er, ich werde es nächstens nicht
blos mehr mit Vergnügen, sondern auch mit nutzbarer Anwendung auf die
Zustände meiner Heimath sehen. Das brachte uns auf Oesterreich. Er ließ
mich länger darüber sprechen, nur ab und zu einfallend, um Einzelnes
noch mehr ausgeführt zu erhalten, und als ich zur ungarischen Frage
sagte, daß mir jeder gemeine Hußar eine genügende Widerlegung der
Germanisirungshoffnungen sei, zu bemerken: gerade rücksichtlich dieser
Streitfrage werde mir hier klar werden, daß es auch andere Wege, als
die der europäischen Gewohnheit gebe, die Völker zu ihrem Wohlsein zu
führen.

Vergleiche ich nun seine gescheidten Bemerkungen mit den albernen
Schilderungen, die unsere Zeitungen von diesem Manne brachten, so
bestätigt mir das von Neuem die Erfahrung, die ich zumeist nach dem
Jahre 1859 in Italien gesammelt, daß, um richtig zu urtheilen, man vor
allem den Zeitungen mißtrauen und die Dinge mit eigenen Augen gesehen
haben müsse, an dem so gebildeten Urtheile aber mit der Arroganz des
unverschämtesten Selbstvertrauens festhalten dürfe.

Die Fürstin von Samos hatte dieses Gespräch, das wohl eine Stunde
gedauert, unterbrochen. Sie wollte mir an dem offenen Fenster die
Mondnacht zeigen. Die Fürstin hat mich übrigens neben Sir Henry Bulwer
auf diesem Balle am meisten beschäftigt. Sie ist noch jung und muß
einmal sehr schön gewesen sein. Sorgen haben den Jahren vorgegriffen.
Sie ist bleich, aber das Auge noch jugendlich feurig. Mit dem ersten
Eindrucke erschien sie mir nicht bedeutend. Ihr Wesen ist und gibt sich
so einfach, daß ich begreife, daß man sie lange übersehen kann; wer
dann aber einmal ihren ganzen Reiz empfunden, den hält sie unlösbar
gefangen. Es ist mit ihr, wie mit manchen Blumen, die ihren feinen
Duft nur an auserwählte Günstlinge geben. Und wie ihre äußere Art, so
ist auch ihr Verstand. Manche unserer Frauen könnten ihn ungebildet
schelten, denn ihr Wissen ist lückenhaft; aber eben darum ist er
unbefangener und natürlicher, urtheilsfähiger und ergiebiger, und von
einer Kraft, daß er die Eitelkeit, von der doch sonst alles Menschliche
bemeistert wird, so sehr bezwingen konnte, daß sie, der sich hier Jeder
zu empfehlen sucht, immer bestrebt ist, jede Bedeutung, auch die einer
~femme politique~ -- sonst das höchste Ziel weiblichen Ehrgeizes
-- abzuleugnen. Sie mußte wissen, daß mir ihre einflußreiche Stellung
auf dem hiesigen Platze bekannt sei, und übte doch auch gegen mich
dieselbe Bescheidenheit. Was sie ist, gilt ihr nur insoferne es als
Vortheil, nicht als es Glanz bringt; eine Klugheit, die bei uns zu
Hause keine weitverbreitete ist.

Sie rief mich an das Fenster, weil ich ihr früher mein Gefallen an
Constantinopel ausgesprochen hatte. Wir setzten uns in zwei Sessel,
deren hohe Lehnen uns von dem übrigen Zimmer isolirten. „~Voyez et
respirez!~“ sagte sie mir. Der Mond stand voll in einem wolkenlosen
Himmel, und sein Spiegelbild ruhte vergrößert auf der regungslosen
Fluth des goldenen Horns; das lag tief unter unseren Fenstern, kleine
Terrassen und flache Dächer hinab; Stambul, wie eine hohe schwarze
Mauer uns gegenüber, und links hinaus in weiter Ferne sogar noch ein
silbernes Glimmern des Bosporus. Die liebenswürdige Frau neben mir,
dieses Bild vor mir, die verhallende Musik des Tanzsaales hinter mir
und die Luft, die ich athmete, das waren Genüsse, wie ich sie schon
lange nicht mehr genossen habe. Lichter und Menschen sind mir, wie oft
ich mir selbst das auch abzuleugnen versuche, im Grunde unentbehrlich;
mischt sich aber wie hier und in Venedig dem Salon noch die Poesie bei,
dann bin ich sein doppelt williger Gast.

Während ich stumm schaute und nur mit einzelnen Ausrufen mein
Entzücken ausdrückte, schilderte mir die Fürstin beredt und lebendig
die Reize ihres Heimathlandes, das sie glühend liebt. Sie nannte mir
Orte dieser Stadt, die ob ihrer landschaftlichen Schönheit besonders
sehenswerth seien; sie sprach von den Sommerabenden auf dem Bosporus,
von den Mondscheinnächten auf dem Quai von Bujuk-dere, von den
Sonnenuntergängen auf den Prinzen-Inseln und von ihrem Landhause auf
Prinkipo, wo ich sie besuchen müsse. „Ja, Sie haben,“ so schloß sie
ihre Rede, „Sie haben den rechten Zeitpunkt getroffen; Constantinopel
und den Bosporus muß man im Sommer sehen, wenn seine Gärten blühen und
seine Hügel grünen, wenn seine Fluthen eben und mit den leichten Booten
seiner Bewohner gefüllt sind, die im Abendsonnenscheine von Europa
nach den noch schöneren Ufern Asiens hinüber rudern. Ich halte es
überhaupt für einen Irrthum, in den die Bequemlichkeit den Nordländer
verführt, die Länder des Südens, Italien und den Orient, in den kalten
Jahreszeiten zu besuchen; da erstirbt hier so gut als im Norden das
Leben, wenn auch nicht in gleichem Grade, so doch verhältnißmäßig. Was
der Fremde sieht, ist todt, soweit die Sonne des Südens das Sterben
überhaupt zuläßt. Es ist ein Unrecht, das dann mit dem Frühling des
Nordens zu vergleichen und zu richten, als sei es das letzte Wort,
welches diese Landschaften aussprechen können. Neapel gefiel mir erst,
als ich es im Sommer sah, wenn es Alle fliehen; wer den Preis haben
will, darf den Schweiß nicht scheuen und muß etwas Hitze aushalten
können.“

Es war 2 Uhr nach Mitternacht, als ich nach Hause kam und jetzt, da
ich die Feder weglegen will, regt sich der Morgen. Sehen kann ich ihn
nicht, denn die Sonne geht hinter dem Hause auf, aber Vögel und die
anderen ersten Laute einer großen Stadt künden ihn. Das Fenster neben
meinem Schreibtische stand die ganze Zeit über offen; glückliches Land,
wo das beste Gut, die frische Luft, immer frei zu uns ein darf.


    Pera, den 23. Mai.

Der Morgen verging in Vorbereitungen zur Abreise nach Brussa. Ich soll
nach Asien ehe die Sommerhitze einfällt. Nachmittags setzten wir uns
bei Top-Hane in’s Kaik, um durch das Goldene Horn nach Ejub, einer
Vorstadt und Begräbnißstätte Stambuls, zu fahren. -- Das Goldene Horn!
Wie schön der Name klingt, und wenn man diese Bucht mit werthvollen
Schiffen gefüllt und von volkreichen Städten umschlossen sieht,
erkennt man ihn auch als berechtigt und durch die Natur der Dinge
gegeben. Ueber seinen Ursprung und sein Alter finde ich nirgends eine
Nachricht aufgezeichnet; über seine Bedeutung schon bei den alten
Schriftstellern die mannigfaltigsten Auslegungen. Dem Einen hieß die
Bucht Chrysokeras, weil sie wie ein Füllhorn des Ueberflusses sei; dem
Anderen, wie dem Strabo zum Beispiel, weil sie einem Hirschgeweihe
gleiche. Dem Füllhorn ist sie, mit einiger Phantasie gesehen, auch
heute noch ähnlich; dem Hirschgeweihe nicht mehr, weil die kleinen
Buchten, die Aeste, in die sie sich sonst getheilt haben soll und die
unter den Kaisern zu den vielen kleinen Hafenanlagen gedient haben
mögen, von denen in den byzantinischen Geschichtschreibern die Rede
ist, ihr heute fehlen. Die verschiedenen Eroberungen und Zerstörungen
der Stadt werden diese Zweige verschüttet und dem Ufer gleich gemacht
haben. Ich habe übrigens zu den Vermuthungen und Auslegungen über
die Entstehung und die Bedeutung des Chrysokeras meine eigenen selbst
erfundenen hinzuzufügen. Seit den ältesten Fabelzeiten war an diesen
Küsten der Dienst der Hekate der besonders gefeierte. Das Zeichen
dieser Göttin, der Halbmond mit den Sternen, wurde das Wappenbild
der Stadt, die Byzaz hier gegründet, und mit ihr das der Römer und
der Türken. Liegt es nicht nahe, daß dieser Halbmond, der den Alten
so gut als uns Neuen Κέρας, Horn, hieß, nicht auch der ihm
so ähnlich geformten Bucht den Namen gegeben und sich wie das Wappen
von diesem uralten allen gemeinsamen Ursprunge her durch die ganze
Folge der Landeigenthümer bis auf den heutigen vererbt habe? Dieser
Vermuthung über die Entstehung des Κέρας steht nun freilich
meine sprachliche Auslegung des Wortes entgegen. Indeß da mich nichts
zu einer Wahl zwingt, so mögen immerhin beide Deutungen neben einander
stehen. Ich finde nämlich, daß das Wort Κέρας den Griechen
nicht blos Horn oder Geweih, sondern jede Krümmung überhaupt und so
auch ganz einfach den Arm eines Flusses bedeutet habe; dann hätten sie
mit Κρυσοκέρας nichts sagen wollen, als der goldene Arm des
flußähnlichen Bosporus. Und so ist dieses Stück See und seine Bucht
wirklich gestaltet. Wer zu seinen Füßen sich das schwarze Meer denkt
und den rechten Arm ausstreckt, der stellt mit seinem Körper ungefähr
den Bosporus und das goldene Horn vor. Denn keine der andern Buchten
des Bosporus tritt im Vergleiche zu der des goldenen Horns merklich
tief aus der Hauptrichtung des Bettes in die Ufer hinein, und das
goldene Horn ist im Verhältniß zum Bosporus ziemlich gleich schmal
und lang, wie der Arm zum Körper. Auf eine Länge von 4000 Klafter
oder 2 Stunden kömmt eine Breite von nur 500 Klafter oder ¼ Stunde,
die an einzelnen Stellen noch mehr zusammenschrumpft. Das bildet eine
sonderbare Gestaltung, die auch auf der Landkarte gleich als solche
auffällt. Ich weiß ihr in allen fünf Welttheilen kein Gegenstück
zu finden. Aber nicht blos um seiner Sonderbarkeit, auch um seiner
Schönheit und Bequemlichkeit willen ist dieser Golf ohne seines
Gleichen in der Welt. Größer und zugleich sicherer ist kein anderer
Hafen. Die tiefstgehenden Kriegsschiffe können an den Häusermauern
ihre Anker werfen, und der Strom, der aus dem schwarzen Meere kömmt,
fegt ihn, indem er seine Ufer im Bogen umkreist, rein von all’ dem
unvermeidlichen Unrathe einer großen Stadt. Nie war eine Säuberung,
eine Ausbaggerung nothwendig; die Natur und die Menschen helfen
zusammen, das Horn zu einem wahrhaft goldenen zu machen.

Die zwei Schiffbrücken, die heute darüber liegen, haben es in drei
Häfen abgetheilt. Der erste, eigentlich die Mündung des goldenen Hornes
in den Bosporus, ist beinahe ausschließlich mit Dampfbooten gefüllt;
der zweite, zwischen den beiden Brücken, gehört den Segelschiffen des
Handels, die an beiden Ufern in Reihen vor einander ankern, und der
dritte, bis nach Ejub und den süßen Wässern, ist der kaiserlichen
Kriegsmarine vorbehalten. Nach dem Gedränge in den beiden andern
erscheint er stille und leer, denn größere Schiffe liegen nur vor dem
Arsenale auf der Seite von Pera. In jedem besorgen besondere Dampfer
den Verkehr die Ufer entlang und von einem zum andern hinüber. Nur dem
zweiten und dritten Hafen dienen einzelne Dampfer gemeinschaftlich;
die legen dann unter der zweiten Hafenbrücke den Rauchfang um. Das
Abstoßen, Landen und das Fahren selbst geht weit schneller und
behender, als das auf unseren Flüssen und Landseen gewagt wird. Und
doch wird dabei so große Vorsicht beobachtet, daß ich Dampfschiffe den
kleinen Kaiks ausweichen, plötzlich stille stehen, den Lauf verdoppeln
sah, um sie vorüber zu lassen oder zu überholen. Es war, als habe
das dampfende Ungethüm nur einer gelenkigen Hand und nicht einer
umständlichen Maschine zu folgen. Der Verkehr ist ein ungeheurer und
stellt den Volksreichthum dieser großen Stadt recht eindringlich vor
die Augen. An den Durchlaß-Oeffnungen der Brücken drängt er sich am
auffälligsten zusammen. Jede Brücke hat deren zwei, die eine näher dem
Ufer Stambuls für die Fahrt in das goldene Horn, die andere näher dem
Ufer Pera’s für die Fahrt aus demselben.

Die Sonne war warm, die Wasserfläche glänzend wie Silber und mein
Sinn heiter wie der blaue Himmel. Im leichten Kahn zwischen zwei
lachenden Ufern auf glattem Wasser dahin zu fliegen, wahrlich es ist
ein Bild der Sorgenlosigkeit und gibt sie zuletzt selbst dem Gemüthe.
Ich ließ mir wieder die Namen der größeren Moscheen nennen. Es sind
die ihrer Erbauer, wie bei unseren Kirchen gewöhnlich die ihrer
Schutzpatrone; das waren die Sultane von den großen, die wie Hügel
auf den sieben Hügeln Stambuls sich erheben. So haben Mohammed der
Eroberer, Bajasid II., Selim I., Soleiman der Große und Achmed I.
sich die Unsterblichkeit auch durch die Steine festzuhalten gesucht.
Diese größern, die von Kuppeln gedeckt, von Minareten bewacht und von
wohlthätigen Anstalten umrungen sind, nennen die Türken ~Djami~, d.
i. Versammlungsort; die kleinen, die häufig sogar von Holz, aber nie
ohne wenigstens ein Minaret sind, ~Medjid~, Bethaus. Aus dem letzteren
mag sich der Europäer das sonst ganz unerklärliche und dem Türken
unverständliche Wort Moschee gebildet haben. Indeß was liegt an dem
Laute, wenn er nur den Gedanken verdolmetscht.

Auf dem Ufer von Stambul, hart am Saume des Wassers, erregte ein Haus
mein Erstaunen, das, aus Holz gebaut, mit Latten verschlagen, vier
Fenster breit, sich vor den andern ohnedem nicht überaus lothrechten,
durch eine solche Neigung nach links auszeichnet, daß seine Querlinien
beinahe in die ursprünglich senkrechten gerückt sind. Nicht eine
Stunde würde unsere Bauordnung diese Uebertretung ihrer Vorschriften
ungestraft und das Haus bewohnt lassen. Hier leben und, wie die
Vorhänge verriethen, ganz wohlhabende Leute darinnen, und leben, was
das allerärgste ist, seit 25 Jahren unbehelligt und vielleicht sicherer
als in einem bauordnungsmäßig construirten Hause. Es erfüllt seinen
Zweck und erscheint darum dem Eigenthümer und der Polizei vorwurfsfrei.
Bei uns verliert man den gerne in der Sorge um das Nebensächliche, und
insbesondere sind es unsere Gesetze, die, um den Beamten Futter zu
geben, ganz ähnlich der Martha des Evangeliums, sich viele Sorge und
Mühe um das Ueberflüssige machen, und darüber das Eine, was uns Noth
that, vergessen. Im Staatswesen könnte eben auch die heil. Schrift
öfter zu Rathe gezogen werden, als das der Unglaube unserer Zeit
erlaubt.

Der Landungsplatz von Ejub war menschenleer, und leer und stille war
die eigenthümliche Straße, die sich vor uns aufthat. Der Boden ist mit
saubern Steinen gepflastert, und zu beiden Seiten stehen hohe Mauern
aus weißem Marmor, die durch Halbsäulen und Rundbogen architektonisch
gegliedert, und an den Enden, und ab und zu in der Fronte durch
vorspringende Mausoleen unterbrochen sind. In die Rundbogen, die
alle offen sind, und in die Fenster der Mausoleen sind vergoldete
Gitter eingesetzt; dahinter liegt dichtes, beinahe undurchdringlich
verwachsenes Rosengebüsch und darüber das Gewölbe uralter Platanen,
Ahorne und Maulbeerbäume. Das ist eine Stadt der Todten, aber ohne
jeden Schrecken des Todes, ein Zaubergarten des Schlafes, der in
Ruhe und Vergessenheit die Müden beherbergt, bis die Posaunen der
Auferstehung sie zu einem neuen aber besseren und endlosen Leben
erwecken. In den Grabkapellen, die im Türkischen ~Türbe~ heißen,
sah ich hohe Sarggerüste aufgebahrt, kostbare Shawls darüber gehängt,
den Boden mit persischen Teppichen belegt und zu Häupten des Gerüstes
einen Turban so um einen Pflock geschlungen, wie ihn der Begrabene zu
Lebzeiten getragen. Der Leichnam ist in die Erde versenkt, darüber aus
Stein oder Ziegelplatten eine Art Sargdeckel gemauert und erst darauf
das hohe Holzgerüste gestellt. Um und neben ihm liegen unter kleineren
Sarkophagen seine Frau und Kinder. Aber nur die Mächtigsten und
Reichsten können sich solche Türbes bauen; die Anderen, und auch unter
diesen sind hier Viele, die in der Geschichte dieses Volkes genannt
werden, liegen im Freien unter Marmorplatten und Rosensträuchern,
manche auch noch durch vergoldete Gitter von ihren Nachbarn getrennt;
dann haben sich die Rosen und Blumen daran noch höher geschlungen und
die Todten darunter noch tiefer begraben. Wie wenn ich selbst schon in
eine andere Welt entrückt wäre, so abgekehrt von allem Gewöhnlichen
wurden meine Gedanken, als ich durch diese sonderbare, stille,
geheimnißvolle Gasse schritt. Der Duft der Blüthen hatte mich betäubt
und ihr blasser Farbenschmelz mich entzückt. Schöner und duftiger als
hier habe ich die Rosen nirgends gefunden; der Name Rosenthal, der so
oft mißbraucht wird, sollte dem Thale von Ejub ausschließlich gehören.

Wir stiegen nun den Berg und dann von rückwärts seine Höhe hinauf. Dort
sind dem Laubholze auch Cypressen beigemischt. Wildes Schlinggewächse
hat sie unterschiedlos Ast an Ast, Baum an Baum gebunden, und Gräber
schlafen auch da unter ihren Schatten. Der Nachmittag war uns heiß
geworden, und der Weg steil und beschwerlich. Aber jedes Unbehagen
schwand, als das spähende Auge den ersten Ausblick zwischen den
Cypressenstämmen über die Gräber hin auf die große Ferne fand. Wie
vom Blitze getroffen stand ich da, denn großartiger und freundlicher
zugleich hatte ich die Welt nirgends gesehen. Vor mir lag das goldene
Horn in seiner ganzen Länge bis zum Bosporus mit Schiffen, mit
dem reichen Verkehre dieser Weltstadt bedeckt; auf seinen beiden
Seiten die Höhenzüge von Stambul und Pera weit wie zu einer Umarmung
hinausgestreckt, und Farben auf Land und Meer so lebensvoll, wie
das Roth auf den Wangen rosiger Jugend. Es war das glänzendste, das
prächtigste Bild des Lebens voll Luft und Rührigkeit, und um mich,
damit ich es ungestört betrachte, die Lautlosigkeit der Gräber. Es ist
ein friedebringendes Gefühl, überall Leben zu sehen und keines mehr zu
hören; das läßt uns dieser Welt und löst uns doch los von dem Gewichte
ihrer Ketten. Wir stehen in aber über ihr, und Zufriedenheit zieht in
die Seele ein, wie sie sie sonst nur von dem versprochenen Jenseits
hofft. Ob so nicht auch von dort herab der Blick auf unsere Erde fällt?
Das wäre ein Mitleben der theuern Abgeschiedenen, ohne ein Mitleiden zu
sein.

Ich warf mich um zu ruhen auf den grünen Boden nieder. Im Thale unter
mir, zurückgezogen in eine Einbuchtung der Hügel, stand die Moschee von
Ejub. Nur ihre Kuppel und ihre Minarete langten aus den Baumwipfeln
nach dem Lichte und dem Lärmen des Tages hervor. Sie verstecken das
Grab eines Heiligen. Denn Ejub, der bei der dritten Belagerung
Constantinopels durch die Araber die Fahne des Propheten vertheidigend
fiel, soll dort eingescharrt worden sein. Als dann bei der zehnten
und letzten Belagerung der Stadt durch die Mohammedaner der Muth
der Angreifer eben nachlassen wollte, stärkte sie die rechtzeitige
Wiederauffindung seiner Gebeine, und die Erinnerung an den Helden half
mit die Stadt erobern. Dem Wunder und dem Helfer zum Gedächtnisse
baute Mohammed II. die Moschee dahin. In ihr beginnt jeder
Sultan mit der Umgürtung des Schwertes seine Regierung; denn nicht
der Schein der Macht, Krone und Scepter, das Schwert, das wirklich
trifft und tödtet, ist das Herrscherzeichen der heutigen Kaiser des
Ostens. Ringsherum ist Berg und Thal dem Osmanen geweihter Grund,
darin zu ruhen der sehnsüchtige Wunsch seines Lebens. Wer die Mittel
zusammenbringt, baut sich selbst in Ejub sein Grab. Besonders sind es
viele Gelehrte, Gesetzgeber, Männer von der Feder, die das erreicht
haben. Von Kriegsleuten, die auch Europa kennt und gefürchtet hat,
liegen Sokolli Mohammed Pascha, der Eroberer von Szigeth, und Kara
Mustapha, der Eroberer von Cypern, hier. Uebrigens setzen auch in
Ejub die Mohammedaner nur eine Tradition fort, die lange vor ihnen
begonnen hatte. Immer war sein Boden ein heiliger; unter den Christen
dem heiligen Mamas, der Kirche, Kloster, Palast und Rennspiele darauf
hatte, und unter den Heiden dem Vater Zeus. Und immer wird er es
bleiben, weil das Thal eine jener gottgezeichneten Gegenden ist, die
sich der Schöpfer selbst zu seiner Wohnstätte geschaffen zu haben
scheint.

Zurück gingen wir durch den Ort; lauter niedere Holzhäuser, nicht
anders als unsere schlechtesten Dorfhütten; sie sind unten offen,
rührige Menschen bei ausdauernder Arbeit darin. Kein träges
Zusammenlegen der Hände und neugieriges Aufschauen der Augen, um die
Fremden anzustaunen. Wirklich, so hörte ich später, zeichnet sich diese
Vorstadt durch besonders fleißige Bürger aus. Auch um ihrer Hunde
willen könnte sie berühmt sein; es gibt dieser Wildlinge dort noch
mehr, als in andern Theilen Constantinopels.



III. Brussa und der Olymp.


Reise nach Brussa.


    Pera, den 24. Mai, 6 Uhr Morgens.

Ich stehe früh auf, das Erwachen des Tages zu sehen und die letzten
Vorbereitungen zur Abreise zu vollenden. Nebel deckten grau und
trübe die Aussicht, als sie sich aber verzogen, erschien der Morgen
hell und glänzend, wie ihn der gestrige Abend versprochen. Es thut
wohl so sichere Erwartung hegen, dem Himmel vertrauen zu dürfen, daß
der nächste Tag sonnig und heiter wie der vorige sein werde. Bei
uns verzehrt sich das halbe Leben in Zweifeln und Fragen nach dem
Wetter und, da die andere Hälfte von der Sorge für unsere Bedürfnisse
gefressen wird, bleiben zum Lebensgenusse nur die sparsamen Augenblicke
zufälligen Sonnenscheines übrig. Hier, wo das anders, wo unsere
Ausnahme die Regel ist, wo die Sonne nur dann nicht scheint, wenn
sie untergegangen, hat das Leben schon darum mehr Raum zu seiner
Ausbreitung.


    Mudania, Nachmittags 2 Uhr.

Vor 7 Uhr ritten wir durch die große Galata-Gasse zu der ersten
Hafenbrücke hinab. Dort lag der Dampfer für Brussa. Ueber die Verdecke
einiger anderer Schiffe, die zwischen ihm und der Brückentreppe
ankerten, stiegen wir auf das des unserigen. Der Kawaß und die Diener,
die mit uns reisen, schnallten inzwischen den Pferden unsere Sättel und
Gepäckstaschen ab und schleppten sie uns nach durch die zudrängende und
schreiende Menge. Ein zweiter Dampfer, der ebenfalls nach Bithinien
will, fuhr eben ab. Trotzdem fanden wir auf dem unserigen das Verdeck
und die Kajüten so mit Passagieren überfüllt, daß wir verlegen waren,
Platz für uns selbst und für unser Gepäck zu finden. Das Schiff ist
nicht groß und durch zwei Rauchfänge noch mehr beengt. Zwischen diesen
liegt die Maschine und darüber von einem Radkasten zum andern eine
Brücke, um den Raum für die Reisenden zu vermehren. Auf dieses zweite
Stockwerk wies uns ein Cameriere des Schiffes, dem der freigebige
Ausdruck unserer Mienen wohl die Hoffnung auf ein Paar leicht zu
verdienende Piaster gab. Um diesen Preis verschaffte uns sein Mitleiden
sogar einige Strohschemel, denn nicht höher sind die Stühle, welche
hier jeder, dem Kissen oder bloße Teppiche zu nieder sind, benützt; da
ihnen auch jede Lehne fehlt, verliert das Sitzen darauf gar bald den
Charakter einer Erholung. So lange wir noch im Hafen lagen, war unser
erhabener Posten ganz angenehm, denn die Sonne brannte trotz der noch
frühen Stunde so warm, daß der Luftzug wohl that; draußen aber auf
dem freien Meere wurde seiner Kühle dort oben zu viel. Ich mußte die
Uebersiedlung auf das untere Verdeck beantragen. Die See war silberblau
und der Himmel, der sie doch erst an der Grenze des Horizonts umarmte,
ihr so ähnlich, daß die unzähligen Schiffe mit ihren geschwellten
Segeln in der Luft zu schweben schienen. Die Prinzen-Inseln stiegen
links vor den nikomedischen Bergen in rothen Farben mehr und mehr
aus der Fluth in Formen, die die Hand eines erfahrenen Künstlers
eigens für dieses Bild gezogen zu haben scheint. Alles strahlte von
morgendlicher Frische und sonniger Heiterkeit, wie das Leben selbst so
lange es jung ist und nur Hoffnungen verspricht. Wir steuerten von den
Küsten weg mehr ins freie Meer hinaus; der Golf von Ismid, wo das alte
Nikomedien stand, blieb weit neben und dann hinter uns. Gegen Mittag
erst that sich vor uns der Golf von Mudania auf, zur Rechten die
malerischen scharfgeschnittenen Felsen der Insel Kalolimni, zur Linken
die arganthonischen Berge aus dem Busen des Golfes in sanften Biegungen
zum Vorgebirge von Bos-burun abfallend und doch hinter sich schroff
und mächtig den Olymp und andere Riesen aufthürmend. Die Insel rechts
lag in rosigen Düften wie in ein Wunderreich entrückt, während links
die Küste des Festlandes immer näher kam und unterscheidbarer wurde.
Dunkles Grün deckt die Hänge, nur unten hat das Wasser den rothen
Stein und das rothe Erdreich nackt gewaschen. Das ist eine grelle aber
glückliche Nebeneinanderstellung der Farben.

Kalolimni war die Insel Besbikus und Bos-burun das Cap Posidium der
Alten. Jason hat dort gelandet und sein schöner Gefährte Hylas sich
in jenen Bergen und in den Armen reizender Nymphen verloren. Heute
noch hat man ihn nicht wiedergefunden, obwohl ihn jährlich viele
Jahrhunderte lang ein alter Cultus mit bedeutungsvollen Spielen suchte.
Dem Gebirge lasse ich den früheren Namen: Arganthonius, weil der
türkische, den meine Karte Samanly Dag angibt, weniger gekannt und mir
gar nicht im Gedächtnisse haften will. Der ganze Golf war der Sinus
Cianus; Gemleck, wohin der Dampfer weiter steuert, das Cius, welches
ein Anderer der Argonauten auf der Rückkehr gegründet und nach sich
benannt hat, und welches dann später derselbe König von Bithinien,
der den Hannibal bei sich aufnahm, auf seinen Namen Prusias umtaufte.
Mudania, oder doch Ruinen nahe bei, waren das Myrlea, welches dieser
Prusias nach seiner Gattin, Apamea, nannte. Heute bilden nur wenige
elende Hütten den Ort, und doch soll er, seit der Handel hier aus- und
einzuladen beginnt, schon volkreicher und wohlhabender geworden sein.
Er liegt auf der rechtseitigen Küste ziemlich halb Wegs der ganzen
Tiefe des Golfes. Bis zu dem Endpunkte der Bucht, nach Gemleck, braucht
der Dampfer noch zwei weitere Stunden.

Es scheint gewöhnlich, schon hier für Brussa und andere Gegenden des
Innern Asiens den Landweg zu nehmen, denn die meisten Passagiere
rüsteten sich mit uns das Boot zu verlassen. Die Teppiche, die Decken
und Kissen, auf denen sie geruht hatten, wurden zusammengerollt und
gebunden, und die gewaltigen Bündel an dem Borde des Verdecks zu Hügeln
übereinandergehäuft. Ein Türke, der mich schon während der Fahrt vor
den Anderen beschäftigt hatte, fesselte auch bei diesem Aufbruche meine
besondere Aufmerksamkeit. Regungslos hatte er auf einer rosenfarbenen
Kattundecke mit untergeschlagenen Beinen gesessen, sein Diener ihm
in derselben Position gegenüber und beide hatten Auge und Theilnahme
nur für das Meer gehabt. Jetzt erst sprachen sie die ersten Worte,
der Herr zum Diener offenbar Befehle, denn dieser reichte ihm darauf
verschiedene Kleidungsstücke, sieben Kaftane, die der Herr alle
anzog, einen über den anderen; es waren kostbare seidene und schön
gestickte, aber auch abscheulich großgeblümte aus englischem Kattun
darunter. Ueber alle nahm er zuletzt noch einen Pelz, und das bei
einer Temperatur, die wir bei uns auch im Juli eine ungewöhnlich heiße
nennen würden. Der Rest seines Gepäcks war nur klein; die Sorge dafür
überließ er seinem Diener bis auf einen ganz europäisch gestickten und
construirten Nachtsack, den er fest in seiner eigenen Hand behielt.
Auf dem Kopfe hatte er einen blendend weißen Turban. Es war eine
prächtige Gestalt, hoch und würdevoll, aber ohne jede Beimischung
jenes übermüthigen Stolzes, dessen roher Ausdruck schon durch den
bloßen Anblick beleidigt, weil Milde und Wohlwollen aus seinen blauen
Augen und von seinen rothen Lippen lächelten. Ein kurz geschnittener
blonder Bart umfaßte das Gesicht, das frisch und jugendlich war, wie
es der ganze Mann zu sein schien; mehr als dreißig Jahre konnte er
nicht zählen. Gutmüthig duldete er meine unbescheidene Beobachtung, die
ihm nicht entging. Man sagte mir, das sei ein vornehmer, ein größerer
Gutsherr aus dem Innern von Asien. Das war die Gestalt, die Kleidung,
wie sich unsere Phantasie den Türken vorstellt; nichts Europäisches,
keine Entstellung an ihm. Nur so hellblond und blauäugig, wie ich schon
so viele gesehen, hatte ich die Türken nicht geglaubt, und gerade diese
sind die schönsten.

Was uns beim Landen empfing, und was uns nun hier umgibt, ist
-- da doch Stambul die Ueberraschung vorbereitet hat -- so
plötzlich eine andere, als die gewohnte Welt geworden, daß man an
zauberhafte Versetzung glauben könnte. Asien ist es mit allen seinen
Eigenthümlichkeiten so vollständig, daß, wenn wir auch noch uns selbst
vergessen könnten, jede Mahnung an den Erdtheil, den wir dort drüben
jenseits dieses Meeres gelassen haben, vergessen und verloren wäre. Auf
der Landungsbrücke kämpfte ein Gedränge zerlumpter Gestalten um den
vordersten Platz zunächst dem Dampfer. Noch ehe die Maschine stand und
er fest angelegt hatte, sprangen sie wie Tigerkatzen auf den Radkasten,
auf das Verdeck herab; diejenigen, die es nicht erreichten, klammerten
sich an die Brüstung und krochen daran hinauf. Junge aber auch ebenso
alte Leute waren darunter, Jeder wagte sein Leben und das für wenige
Paras, die er für das Tragen der Teppichbündel begehren darf. Zweimal
in der Woche nur, wenn das Boot von Constantinopel kömmt, bietet sich
ihm die Hoffnung auf diesen kargen Verdienst, der doch die acht Tage
zumeist erhalten muß, darum der Hunger und der Wettstreit ihn zu
erwerben. Ich war auf die Teppichbündel gestiegen und beobachtete von
dort die Scene bis der Uebergang auf der Brücke freier und weniger
lebensgefährlich geworden war. Wir mußten zunächst in ein Zollhaus. Die
Zöllner saßen im alttürkischen Kleide mit unterschlagenen Beinen auf
einer Gattung Tribüne, das türkische Schreibzeug auf niederen Pulten
vor sich. Schnell und ebenso artig wurden wir von ihnen abgefertigt.

Bis die Pferde zur Weiterreise bereitet sind, sollen wir in diesem
Gasthofe ruhen, der neu gebaut und für europäische Reisende
eingerichtet, in seinen drei Fremdenzimmern zwar nur geweißelte Wände,
aber doch Bettstellen bietet. In der Wirthsstube spielt ein türkisches
Orchester auf der Tarabuca, einem tamburinartigen Instrumente, auf
einigen kleinen Pfeifen und schwach besaiteten Violinen Melodien,
die mich durch ihre Ruhelosigkeit, durch das Hinüberziehen des einen
Tones in den andern gar sehr an den ungarischen Csardas erinnern.
Die Musik ist betäubend. Mir, dem das Plötzliche aller dieser neuen
Eindrücke schon den Schwindel gegeben, droht sie die Sinne völlig zu
verwirren. Ich flüchte auf die Terrasse, die vor dem Hause in das
Meer hinaus gebaut ist; hier finde ich Einsamkeit und athme mit der
salzig gewürzten Luft auch die Ruhe, die auf dem Meere den warmen
Mittagsschlummer schläft. So fest ist der, daß selbst die Brandung,
die doch sonst immer unbekümmert um Windesstille ihre eigenmächtige
Sprache fortlispelt, in regungsloses Schweigen versunken, und die
Fluth zu meinen Füßen geglättet wie draußen auf der hohen See ist.
Dort liegen einige Fischerboote; mit ihren Steuerleuten rasten auch
ihre Segel, die schlaff und halb gesenkt an den Masten hängen, von der
gethanen Arbeit. So ist Ruhe und Erholung überall, in den Menschen und
in den Dingen, lebendig und bewegt nur noch das Licht. Grüne und blaue
Farben gleiten wechselnd über das Wasser, und silberne Streifen wellen
leuchtend dazwischen. Mir gegenüber, auf der andern Seite des Golfes,
glühen die runden Berge in rothen Lichtern, indessen tiefer drinnen, wo
die Ufer sich treffen, und man das Land nur noch sieht, weil es bis in
die Höhen des ewigen Schnees emporsteigt, versöhnliche Schatten um die
schrofferen Formen gehüllt sind, damit sie passender in den heiteren
Ton des ganzen Bildes stimmen. Dort ragt höher als alle anderen, wie er
auch alle durch Schönheit übertrifft, der Katerlü Dag empor.

Der Schlaf einer ganzen Nacht hätte mir nicht mehr Erquickung und
Sammlung geben können als das ungestörte Schauen dieser einen
Stunde. Wie eine Wechselwirkung spannt sich der Verkehr zwischen
uns und der Natur aus. Ich fühle den Frieden, der in ihr ruht, und
sie scheint -- so wenigstens meinem Auge, das alles glaubt, was in
seinen Vorstellungen gegenwärtig ist -- von Gedanken erregt, wie sie
aufwühlend mein Inneres durchziehen. Wer das so erfahren, wird den
Orientalen nicht mehr tadeln, wenn er ihn tagelang in stummem Sehen
vor solchen Bildern sitzend findet. Müßig mag man dabei seine Hände
und Füße schelten, aber nicht seinen Geist; der kann solcher Schönheit
gegenüber nicht anders als nach ihrem Schöpfer fragen und ihm danken,
daß er sie geschaffen und daß er ihn sie schauen läßt. Derselbe Gedanke
wird zugleich Erkenntniß, Anbetung und Opfer, und dieselbe Betrachtung:
Offenbarung und Glauben werden. So ist der Orient eben dadurch, daß
er die Heimath aller Schönheit, der in der Natur wie in der Kunst
gebornen, ist, auch die Geburtsstätte aller edelsten Religionen
geworden. An den Ufern des Ganges, wie an denen des Nils und an dem
großen griechischen Weltmeere, wie an dem kleinen galiläischen See
Tiberias hat die hellere Sonne selbst dem Menschen geholfen, sich den
Gott und den Glauben zu finden, der den Völkern und den Jahrtausenden
erst ihre Richtung und ihre Würde gab. Solche Entdeckung wieder zu
verlieren und zu läugnen, das war nur dem Norden möglich, wo sich Nebel
zwischen die Augen und die Gotteswerke legen und Kälte die Gedanken
einer warmen Empfindung in jammervolle Hungergestalten erstarrt. Der
Atheismus ist keine Pflanze des Südens, sein Boden treibt schönere und
nahrhaftere Früchte.


    Brussa, Hôtel d’Olympe, 24. Mai Mitternacht.

Um 2 Uhr stiegen wir in Mudania auf die Pferde; es waren ihrer achte.
Die beiden Kawassen voraus und die Packpferde hinten nach zogen wir
aus, Einer hinter dem Andern, im sonderbarsten Aufputze, wie ihn sich
Jeder als Schutzmittel gegen den Sonnenstich zusammengestellt hatte.
Der Jaschmack, ein weißer Schleier, der in dichten Falten um den Kopf
des Hutes gewunden wird und dessen Zipfel über den Nacken bis auf den
Rücken hängen, fehlte keiner Toilette. Ich verstärkte diese Abwehr noch
durch einen weißen Sonnenschirm.

Eine Weile geht der Weg über den Strand des Meeres. Eine leichte
Brise hatte sich erhoben und trieb die Wellen bis unter die Füße
unserer Pferde. Wo sie aufschlugen und zerrannen, da brachen die
zurückbleibenden Tropfen in alle Farben des Regenbogens auseinander.
Wie ich das und unseren Zug sah, fiel mir ein Gemälde und der Wunsch
ein, der mir davor gekommen war; Peter +Heß+ hat es gemalt und
König Ludwig es in der neuen Pinakothek zu München ausgestellt:
„Griechische Landleute ziehen auf dem Strande des Meeres dahin.“ Das
ist so, wie heute unser Ritt war; das Meer so blau, der Strand so
bunt und die Luft so klar, wie das Wasser neben, der Boden unter und
der Himmel über uns. Und wie ich mir damals gewünscht hatte, heiß,
und jedesmal wenn ich das Bild wieder sah begehrlicher, daß ich das
auch einmal erlebe, so war es mir nun geworden. Es ist das nicht das
erste Mal, daß mir scheinbar Unmögliches, das ich übermüthig begehrt
hatte, gewährt worden ist; dem Wunsche, wenn er nur fest und unablässig
bleibt, wird selten die Erfüllung fehlen. Eine eigenthümliche Kraft,
etwas wie ein elektrisches Fluidum ist in ihm wirksam, das instinktiv
unsere ganze Thätigkeit nach dem einen Ziele richtet. Wird dieses dann
so wie heute erreicht, dann scheint es mir die Pflicht eines schuldigen
Dankes, der glücklichen Stunde und der Veranlassung zu gedenken, die
zuerst die Sehnsucht und das Verlangen geboren hat.

Vom Ufer weg biegt der Weg rechts in Felder und in Thäler hinein und
steigt dann die Berge hinauf. Oliven- und Feigenbäume, Reb- und andere
Schlingpflanzen des Südens wachsen im üppigsten Reichthum, die Blätter
goldig grün und noch frisch von der ersten Kraft ihrer Jugend. Eine
Aloestaude stand hart neben der Straße, saftiger Epheu hat sich um sie
geschlungen, aber vorsichtiger als die Liebe, die sich hingebend um das
fremde Herz legt und für ihre Umarmung nur Stiche erntet, so gewandt,
daß keines der großen Blätter durch die Stacheln verletzt war. Das
waren mir lauter neue Bilder, nie hatte ich die Landschaft so gesehen;
jedes überraschte mich, und doch war mir auch, als erkenne ich da etwas
wieder. Aber wo hatte unsere Bekanntschaft begonnen? Umsonst tastete
ich in der Erinnerung herum, in ihrem Zwielichte wollte sich keine
Spur finden lassen. Da kam uns eine Gestalt entgegen, die von oben bis
unten in ein großes weißes Tuch gegen die Sonnenstrahlen vermummt
war. Die war wie eine Erscheinung aus der Bibel. Nun hatte ich es;
so wie dieses Land hatte meine Kinderphantasie schon die Erzählungen
des neuen Testamentes illustrirt gesehen. So willkürlich verzweigt
und in den Weg gebogen hatte ich mir den Feigenbaum vorgestellt, so
dichtbuschig und melancholisch den Oelbaum, so wild und weitrankig
die wilde Rebe, so hoch und knorrig den Cactus, so stachlig und
emporgeschossen die Aloe, so gewellt die Hügel, so schollig den Boden,
so wie diese Straße den Weg von Nazareth über Sichem gegen Jerusalem.
Der Drang meiner Gefährten wurde mir zu ungeduldig, jeder Schritt
meines Pferdes zu schnell, überall wollte ich halten, weil mir jeder
Busch, jeder Baum, hier der Einblick in ein Thal, dort der Ausblick von
einem Berge hundert neue Erinnerungen der schönsten Zeit, der unbewußt
glücklichen Kindheit weckte. So greift die ferne Vergangenheit über
breite Zwischenräume weg in die Gegenwart herein, und wirkt belebend
und wird zugleich belebt. Da erfährt man, wie werthvoll solch’ ein
thatenreicher Boden ist, und wie von den Ländern dasselbe was von den
Menschen gilt: interessant und ergiebig sind nur jene, die schwer an
Erinnerungen tragen. Ich weiß nicht, ob alle Kinderphantasien sich
Asien so vorstellen wie es die meinige gethan; wenn es wäre, dann würde
es meine Behauptung bestätigen, daß die freie Einfalt des Kindes das
Wahre meistens errathe.

Zweimal blickt das Auge zurück auf den Golf. Jedesmal, je höher wir
gestiegen waren, ist das Bild größer und schöner. Dann fällt der Weg
über zwei Berge in’s Thal von Brussa. Um halb 5 Uhr passirten wir den
Nilufer, einen schmalen aber tiefen Fluß, der gegen Westen strömt. Sein
sonderbarer Name, der so viel als Lotosblume bedeutet, ist ihm gewiß
von jener griechischen Prinzessin geblieben, die Osman, der Gründer des
heutigen Sultansgeschlechtes, von ihrem griechischen Hochzeitfeste weg
seinem erst vierzehnjährigen Sohne Orchan raubte. Von der Blume selbst,
die in ihm wachsen soll, fand ich keine, aber große gelbe Lilien, die
aus dem Schilfe aufragen. Das Wasser war schmutzig von lehmiger Erde,
welche die Strömung mitgerissen hatte.

Auf dem anderen Ufer rasteten wir; es war unseren Pferden nothwendig
wie uns selbst. Die Hütte eines Wachtcorps war der Stationsplatz. Vier
Pflöcke, ein Dach darauf und eine Wand gegen die Wetterseite genügen
der Anspruchslosigkeit dieser Leute und der Milde des Klima’s, um sie
gegen seine Unbilden zu schützen. Mehr als mit Bequemlichkeiten waren
sie mit Waffen versehen. Die vier Soldaten hatten ein ganzes Bataillon
von Pistolen und Säbeln in ihren Gürteln stecken. Uns zeigten sie nur
die freundlichen Seiten ihres Amtes und ihres Charakters; Strohschemel,
Kaffeeschalen, Nargilehs und Kirschen brachten sie uns so viel sie
hatten. Nur Zucker und Brod fehlten ihrem Haushalte und unserem Mahle.
Dafür war das Wasser um so köstlicher und der Hunger, welchen wir
den ganzen Tag über gesammelt hatten, um so begieriger. Genährt und
gestärkt stiegen wir wieder auf die Pferde zu dem Ritte, der immer noch
zwei Stunden dauerte.

Die Landschaft wechselt das Aussehen. Oben auf den Bergen hatte ich
beinahe nur Arbutus, den Erdbeerstrauch, gefunden und den nur an
einzelnen Stellen zur Höhe von Bäumen aufgeschossen, aber überall so
dicht, daß seitab vom Wege nicht durchzudringen war. Unten im Thale
stehen Pappeln, Platanen, zahme Kastanien, Terebinthen und Ahorn
in feste Gruppen gesammelt und einzeln über die Wiesen zerstreut.
Wo das Gras fehlt, da decken beinahe noch grüner und saftiger die
Maulbeerbaumfelder den Boden. Diese Felder sind auf’s sorgsamste
gepflegt, die Stöcke gleichmäßig weit von einander gepflanzt,
dazwischen alle Unkräuter ausgejätet, damit den Bäumchen nichts von
der Kraft des Bodens absorbirt werde. Da man sie sehr nieder und alle
gleich hoch hält, fließen ihre Säfte in die Blätter, und sehen die
Felder von oben und aus der Entfernung betrachtet wie gesunde, von der
Sonne beglänzte Wiesenmatten aus. Wo ein Bauernhaus stand, da saß auch
der Friede mit einigen Storchennestern auf dem Dache; ich zählte auf
einem einzigen nicht weniger als eilf Nester mit siebzehn Störchen.
Keiner kümmerte sich um uns, und so auch jene nicht, die auf den Wiesen
und Feldern herumstolzirten. Sie müssen sich bei dem hiesigen Volke
heilig wie die Katzen bei den alten Egyptiern wissen. Es kann dort
solcher Vierbeiner kaum mehr als hier dieser Einbeiner gegeben haben.

Zwei Karavanen überholten wir, jede wohl von 50-70 Kameelen. Mit
leichten Ketten und starken Stricken ist eines an das andere gebunden,
ab und zu ein Esel dazwischen, weil sie ihm williger folgen. Ein
paar Führer leiten und bewachen den langen schwer beladenen Zug.
Gravitätisch und mit großen Schritten, die an den Gang der Störche
erinnern, und im gleichgemessenen Heben und Senken des Rückens ziehen
diese sonderbaren Thiere ihre Straße dahin, gleichgiltig für jedes
Rechts und Links, nur immer geradeaus blickend. Dabei ist ihr Auge
nicht todt, nicht glanzlos, es ist mehr, als sei ihnen Alles, was sie
umgibt, verächtlich, als wüßten sie das einzig Berücksichtigungswürdige
in sich selbst.

Es verräth eine Episode aus der Geschichte der türkischen
Volkswirthschaft, daß das erste Geldmaß seinen Namen von der Kameellast
entlehnte. ~Juk~, die Last, hieß die Summe, mit welcher anfänglich
gerechnet ward. So gibt das, was einem Volke in seiner Beschäftigung
das Wichtigste ist, auch dem Tauschgeschäfte den ersten Namen.
~Pecus~, das Rindvieh, der ~pecunia~ der römischen Hirten.

Immer fand ich, daß sich zwischen dem Menschen und seinen zumeist
gebrauchten Hausthieren eine gewisse Aehnlichkeit bilde, nie aber
sah ich die auffallender, als hier zwischen den Kameelen und seinem
Landsmanne ausgeprägt. Beide haben dieselbe Ruhe der äußeren
Erscheinung und dieselbe Erregbarkeit der inneren Empfindung; beide
sind unterwürfig ihrem Schicksale und folgsam den Sclavendiensten,
wenn sie ihnen ihre Bestimmung auferlegt hat; daher denn auch das
Verständniß und die treue Anhänglichkeit, die sie einander zeigen.
Der Mensch und das Thier sind nicht so scharf geschieden, als dies
die wissenschaftliche Definition beweisen will. Ja den ersten Zeiten
unserer Culturentwicklung, da unser Hochmuth noch weniger eingebildet
und unser Instinkt noch freier ist, tritt das klar zu Tage, und hält
es Niemand für nothwendig, Zweifel daran zu legen, um die menschliche
Würde zu erhöhen.

Es waren dieses die ersten Kameele gewesen, die ich anders sah, als
man sie bei uns gewöhnlich der Merkwürdigkeit halber zeigt. Wer sich
erinnert, wie oft ihm irgend eine Kleinigkeit, die er aber sonst
nur aus der Ferne und so gewissermaßen respectvoll gegen Entrée
hatte anstaunen können, in dem Augenblicke, wenn sie als alltägliche
Gewöhnlichkeit an ihn herangetreten ist, auch alle die Phantasien
lebendig gemacht hat, die er früher daran geknüpft hatte, der wird
es begreifen, daß ich mich nun vollends in die Wirklichkeit jener
Dichtungen versetzt fühlte, die ich über den Orient gelesen und
gedacht habe. Lange noch blickte ich vom Pferde nach dem gleichförmig
schleichenden Zuge zurück, der sich wie eine Schlange über die Hügel
wand. Erst ein neues Bild vor mir lenkte meine Aufmerksamkeit davon
ab. Unter ungeheuren Platanen waren um einen schönen Brunnen bunte
Gestalten bei heiteren Spielen versammelt. Griechische Jünglinge übten
einen Tanz; Armenierinnen wiegten sich in Schaukeln, die sie von einem
Baume zum anderen gespannt hatten; türkische Frauen saßen auf ihren
Teppichen zuschauend dabei, ihre Kinder balgten sich; ein Caffeegi bot
seine kleinen Schalen und großen Pfeifen aus; Zuckerbäcker hatten ihre
tragbaren dreifüßigen Tische aufgestellt; reichgeschirrte Pferde wurden
herumgeführt und vergoldete Arabats harrten, um ihre Herrschaften
wieder nach der Stadt zurück zu fahren.

Wir waren Brussa nahe gekommen. Die Vegetation wurde noch reicher,
und die Bäume noch höher und dichter; oben schließen sich ihre Kronen
zu festen Gewölben, und unten verengen ihre Zweige den Durchlaß;
darum und dazwischen sind wilde Reben, Nachtschatten und andere mir
unbekannte Schlingpflanzen in wuchernder Fülle geschlungen, und
Brennessel drohen daraus mit mehr als mannshohen Stauden hervor,
daß jede Abweichung vom Pfade in die Felder hinein unmöglich oder
doch gefährlich ist. Ueber diese natürlichen Hecken strecken wieder
Feigenbäume ihre großblätterigen Aeste in die Straße, an denen die
Früchte schon Farben der Reife angesetzt haben, und Granatblüthen
leuchten mit glühendem Roth in all’ das Wirrniß und Dunkel herein. So
dicht und schattig ist das, daß man den Abend schon gekommen glauben
könnte, erschiene nicht auf den Hängen der Berge noch das Licht der
Sonne; die erheben sich vor uns langgezogen und himmelanstrebend, wie
nur irgend eine Kette der Alpen. Das ist der asiatische Olymp, nicht
ein Berg, ein Gebirge, das vom Marmora-Meere bis zum schwarzen Meere
reicht. Mit einer geraden Linie schließt es vor uns gegen Süden die
Ebene unmittelbar aus der Thalsohle aufwachsend, an seinem Fuße grün
und frisch wie das Thal selbst, auf seinem Haupte weiß wie das älteste
Alter. In großen Feldern liegt dort noch der Schnee des Winters. Die
Stadt Brussa steht unten auf dem Fuße dieses Riesen wie bewacht, aber
auch wie bedroht, so im Laube verborgen, daß man ihr sehr nahe kommen
muß, um mehr als einige Kuppeln und Minarete von ihr zu erspähen. Der
Ueberfluß, der unbändigbar aus diesem wunderkräftigen Boden sprießt,
scheint ihr über den Kopf gewachsen zu sein. Grüner als den Olymp und
das Thal von Brussa habe ich keine Gegend, auch das höchste Alpenthal
nicht gesehen; dabei ist es nicht jene einförmige Farbe, die in
unseren Ländern den Maler so oft in Verzweiflung bringt. Vom hellsten
Gold bis zum dunkelsten Schwarz steigt es in zarten Mischungen alle
Abstufungen hinauf; der Schnee der Alpen und die Sonne des Südens sind
zugleich Gevatter an seiner Wiege gestanden, und reicher und schöner
ist kein anderes Kind beschenkt worden. Nur wer Brussa gesehen, weiß
was die Erde leisten kann. Ein Regenbogen stand über dieses Paradies
ausgespannt, als wir darein einzogen, das würdige Thor zu solcher
Herrlichkeit. Immer glaubte ich das Beiwort „unbeschreiblich“ ein
Bequemlichkeitspolster der Faulheit; jetzt, da ich Brussa gesehen,
gestehe ich ihm seine Berechtigung zu. Die lebhaftesten Farben in die
schönsten Contouren gelegt, und das Bild, das sich die Phantasie
gemalt, wird doch arm neben der Wirklichkeit erscheinen, wie sie hier
ist.

Es war 7 Uhr, als wir vor dem Hôtel d’Olympe von unseren Pferden
stiegen. Der Gasthof ist gleich hinter der westlichen Vorstadt in einem
der ersten Häuser eingerichtet. Er steht auf dem Abhange des Berges,
der nur durch die schmale Straße unterbrochen von ihm wieder tiefer
in das Thal hinabfällt. Das liegt bis zur gegenüberstehenden Kette
des Katerlü-Gebirges überschaubar vor unseren Fenstern ausgebreitet.
Die Zimmer sind rein, sogar europäischer Verwöhnung genügsam; der
österreichische Consul, Herr Falkeisen, hat sie uns bestellt.

Beim Diner, das nach 8 Uhr genommen wurde, sahen wir, daß der Gasthof
noch andere Fremde beherberge. Eine französische Familie fiel mir auf,
weil sich Mann und Frau trotz zweier schon ziemlich erwachsener Kinder
noch immer Zeichen einer jugendfrischen Liebe erwiesen. Man nannte
mir den Namen des Vaters und erläuterte dazu, er sei ein Ingenieur
in dem Dienste und in der besonderen Gunst des Sultans, der hierher
zur Berathung des kaiserlichen Commissärs, Achmed Veffick Effendi,
gesandt worden. Von diesem allgewaltigen Beherrscher dieser Provinz war
zwischen den Tischgästen so viel die Rede, daß meine Neugierde bald
noch mehr zu hören begehrte.


Besteigung des Olymp.

    Brussa, den 24. Mai.

Es war noch völlige Nacht als wir aufstanden; die Pferde ließen warten.
In der Stadt regte sich kaum einiges Leben. Wir ritten durch sie über
einen Gießbach, der in einer tiefen Felsschlucht vom Olymp dem Thale
zufließt. Gleich hinter den letzten Häusern steigt der Weg steil an
und wird immer steiler. Der dichte Reichthum dieses üppigen Bodens,
Platanen, Eichen, Maulbeer-, Nuß- und Kastanienbäume beschatten ihn.
Männliche und weibliche Cypressen, oft beide einander nahe wie zu
ehelichem Bunde, bringen mit ihrer dunkleren Farbe Wechsel in das
hellere Grün des Laubes. Darunter sprießen in wundervoller Farbenpracht
Anemonen, Hyacinthen und Tulpen, und Quellen geben dem geblümten Boden
Frische und Kraft, wie das Blut sie dem menschlichen Körper gibt.
Wo sie aus der Erde herauswollen und nicht sollen, weil sie weiter
geleitet sind, da beweisen Steine, die schützend über die offene Stelle
gelegt sind, die Achtung des Türken für dieses Leben gebende Element.

Nach beinahe zweistündigem Ritte hatten wir das erste Plateau
erstiegen. Blumen fanden wir dort noch mehr und schönere als im
Thale unten. Die großen Bäume schrumpfen immer mehr in niedere
Sträuche zusammen; die Zwergeiche, früher nur vereinzelt, füllt
jetzt beinahe ausschließlich das Feld. Die Kastanie kömmt nur noch
in seltenen Büschen vor und auch an diesen sind die Blätter kleiner
und in der Entwicklung zurück. Allmälig geschieht diese Wandlung an
allem Laubholze, bis es ganz ausbleibt und Nadelholz an seine Stelle
tritt; selbst auf solcher Höhe zeigt sich an diesem der Einfluß der
wärmeren Sonne. Die Tanne und Fichte ist reicher bezweigt und jeder
Zweig reicher mit Nadeln besteckt, so daß die Bäume voller und weicher
als die des deutschen Waldes erscheinen. Inzwischen ist der Weg an
einzelnen Stellen sogar gefährlich geworden, weil sich zu seiner
Rechten ein steiler Abgrund in eine Schlucht senkt, die der Ebene
zustrebt mit demselben Goldgrün gefüllt, das auch uns umgab, und das
den Blick erfreut soweit er das Land überschauen kann. Getrennt durch
solche Schluchten stützen herausspringende kleinere Berge, wie die
Strebepfeiler an den gothischen Domen, den Hauptstock des Olymp’s, als
müßten sie den Koloß vom Ausweichen und Ausgleiten nach der Stadt, die
sich vertrauensvoll zu seinen Füßen gebettet, zurückhalten.

Mit der höheren Höhe war auch die Aussicht gewachsen. Schon sahen wir
ziemlich das Beste, was der Olymp überhaupt sehen läßt. Im Westen
die silberglänzende Fläche des Apollonia-See’s mit einer größern und
einer kleinern Insel darauf. Der Spiegel des See’s schließt nach
dieser Richtung den Horizont. Im Nordwesten über dem Katerlü-Gebirge
den Golf von Mudania, welchen im Osten die Arganthonischen Berge von
dem Busen von Ismid trennen, bis sie mit Bos-burun in die offene See
fallen, welche darüber hinaus in zarten Düften lag. Die Ferne war
überhaupt durch die Schleier, wie sie sich nach den ersten Stunden
des Sonnenaufgangs bilden, unkenntlich. So auch ahnte ich mehr den
nikomedischen Golf, als daß ich behaupten dürfte, ihn gesehen zu haben.
Brussa selbst, das während des Aufsteigens lange und oft mit seinen
malerischen Formen und Farben, wie die unterste der Berglilien, womit
wir die Höhen des Olymp geschmückt fanden, sichtbar ist, Brussa war und
blieb nunmehr dem Auge verborgen. Wir ritten in eine eigenthümliche
Welt, in ein wahres Schattenreich der abgestorbenen Natur ein. Lemuren
starrten uns von allen Seiten an und streckten uns die kahlen grauen
Aeste lebloser Stämme entgegen; Laub und Rinde waren ihnen abgefallen,
nur die knochigen Körper aufrecht geblieben. Ganze Wälder umgaben uns
in dieser skeletartigen Gestalt. Ein Brand, der vor einigen Jahren
durch drei Wochen den Olymp verheert hatte, hat sie so zugerichtet.
Abstechend und unvermittelt, so wie das Leben überall neben dem Tode
steht, blühten unter diesen saftlosen Gespenstern ganze Felder von
Stiefmütterchen, so weit verbreitet und so blau gefärbt, daß es wie
Wolkenschatten auf den Abhängen des Berges lag. Die Asche der Bäume
hatte die natürliche Zeugungskraft des Bodens noch gemehrt; die
Zerstörung des Einen war das Leben des Andern geworden. Es ist derselbe
Vertilgungskampf, der auch die Menschenwelt durchzieht. Alles wird und
ist nur durch den Tod des Gewesenen. Wie sollte da der Egoismus nicht
der vorlauteste Trieb unseres Willens sein?

Nach der dritten Stunde kamen wir auf eine ebene Wiese. Zwergtannen,
Zwergkiefern begannen den Boden zu überziehen, aber immer noch wuchsen
auch baumhohe Nadelhölzer dazwischen. Durch ihre Zweige schimmerte
von nahen Höhen der Schnee herab; Felsen stellen sich in den Weg,
der eben weiter geht. Da thut sich plötzlich eine Gruppe von
Bäumen, die uns aufgenommen hatte, auf, und eingerahmt von riesigen
Föhren, hinter einem kleinen Tümpel und einem großen Steinfelde,
zeigt sich überwältigend nahe die langgezogene, in Schnee erstarrte
Kette der obersten Gipfel des Olymp’s. Schöner als von diesem Punkte
aus sahen wir sie nicht wieder. Der Vordergrund, der vom Wasser,
von den Steinblöcken, von den Tannen und Büschen vielfältig belebt
ist, gestaltet im Contraste mit der ruhigen Einförmigkeit des
gewaltigen Hintergrundes das Bild zu einem der außerordentlichsten und
stimmungsvollsten.

Was Olymp heißt, ist nicht eine Bergspitze, sondern ein starker
Gebirgsstock, ein Nebeneinander von Bergen. Keiner hat steile spitze
Formen. Von diesem Plateau aus gesehen schwingen sie sich von rechts
nach links, d. i. von Nordwest gegen Südost in sechs Rundbogen; dann
steigt eine langsame aber beinahe gerade Linie zur obersten Höhe. Auf
der anderen Seite fällt sie in einen tief und scharf eingeschnittenen
Sattel, und wächst zu einer zweiten aber weniger hohen Kuppe empor.
Die Fortsetzung des Zuges verschwindet im Osten hinter niedrigeren
aber vorliegenden Höhen. Das der Umriß des Berges. Sein Körper fällt
von den beiden obersten Gipfeln in einen großen Kessel hinab, den nur
ein niederer Rücken von dem Thale trennt, in dem wir ritten. Schnee
lag schon auf jenem Rücken, füllte den Kessel ganz und bedeckte
weiter hinauf bis zu den Spitzen den Berg so dicht, daß der Wind, der
doch dort ungehemmt genug ist, das Erdreich nirgends hatte zu Tage
kehren können. Es ist dieselbe ungeheure weiße Wüste wie auf unseren
deutschen Alpen, und wie dort empfand ich auch hier dasselbe Gefühl
der Befremdung, des Losgelöstseins von allem irdischen Verbande. Ist
man so hoch, dem Himmel wirklich näher, oder ist es nur die freiere
Luft, die uns die Sorgen vergessen und in der Vergessenheit einen
Vorgeschmack des Jenseits kosten macht? Fremd scheinen sich hier oben
übrigens auch die Eingebornen des Landes zu fühlen. Keiner von denen,
die mit uns waren, wollte sich zu dem Wagniß hergeben, mich höher
hinauf zu führen. Der noch allzutiefe Schnee war der Grund ihrer
Weigerung; diesem ungewohnten Elemente gegenüber sind sie ängstlich
wie Kinder vor ungekannten Gespenstern. Mir, der an unsere Alpen
gewöhnt ist, imponirte dieses Hinderniß nicht und schien die weitere
Besteigung leicht möglich. Strebsamer als die Anderen, die auf einem
großen Felsblocke gelagert blieben, versuchte ich sie. Nur durch Felsen
und Zwergkiefern manchmal aufgehalten und zu Umgehungen genöthigt, im
Ganzen aber leichter als bei der Ersteigung unserer Berge ging ich
eine Stunde, die mich eine weite Strecke aufwärts förderte. Der letzte
Stock des Olymp’s mit den zwei Gipfeln stieg aus der letzten Thalsohle
vor mir auf. Ueber Schneefelder, die von buntfarbigen Blumen umkränzt
waren, drang ich zu ihm vorwärts, dann wieder hinauf, als mir der
Wind schwache Flintenschüsse zutrug, die die Besorgniß meiner Freunde
mir nachgesandt hatte. Auch Gewitterwolken, die aus dem Innern Asiens
kamen, mahnten zur Umkehr. So mußte ich denn auch das, wie so manches
Andere, vor dem letzten Schritte zum Erfolge aufgeben, resignirt zwar,
aber doch nicht ohne eine Wolke von Verstimmung. Der Schweiß lastet
schwer in der Erinnerung, wenn er an unfertige Arbeiten vergeudet
worden ist.

Wie hoch ich gewesen und wie hoch der Olymp sei? Ich wage keine Zahl
zu behaupten, weil ich auf den Karten und in den Handbüchern zu
verschiedene angegeben finde. Vergleiche ich ihn mit anderen Bergen
und lasse ich bei dieser Messung nicht außer Rechnung, daß das Thal
von Brussa dem Meere nahe und nicht viel über dessen Fläche liegt,
so werde ich 8000 Fuß rathen. Viel darüber oder darunter erhebt er
sich gewiß nicht. Daß ihm bei einer verhältnißmäßig so niederen Höhe
unter so warmer Sonne der Schnee fortwährend wie auf unseren kälteren
Alpen liegen bleibt, ist eine Naturerscheinung, die mich schon bei dem
Taygetus überrascht hat. Es müssen da Factoren unabhängig von jeder
Sonne bestimmend sein.

Um 2 Uhr traten wir den Rückweg an. Bevölkert wie das Thal von Brussa
mit Störchen und Nachtigallen ist, sind es seine Berge mit Adlern. In
Schaaren kreisten sie über unseren Häuptern und ließen sich nahebei auf
die Büsche und Bäume nieder. Den Zeus hat der Unglaube und die Weisheit
einer anderen Zeit von seinem olympischen Göttersitze herabgestürzt,
aber seinen Lieblingsvogel, den königlichen Adler, konnten sie nicht
von dieser heiligen Stätte vertreiben. Einen Versuch das zu thun,
strafte uns der Olympier mit drohender Donnerstimme. Es kam nicht mehr
zu einem zweiten Schusse. Aber so ist der Mensch, immer undankbar; dem
Gotte, der uns Sonne und Licht in solchem Ueberflusse gegeben hatte,
daß seine besondere Gunst nicht zu verkennen war, wollten wir eines
seiner Thiere rauben.

Die Lichter und Schatten des Abends schmückten die Gegend noch
schöner als sie es des Morgens gewesen war. In ihrem Anblicke wurde
das Gefährliche des Hinabsteigens vergessen. An den abschüssigsten
Stellen gingen wir aber doch zu Fuße und führten die Pferde. Vom
letzten Plateau geleitete man uns einen anderen Weg durch eine andere
Schlucht zur Stadt hinab. Wir kamen über eine große Wiese, wo sich
Kinder und Frauen, darunter viele Negerinnen, alle in den buntfarbigen,
faltenreichen Kleidern des Orients, in der Kühle frischer Quellen und
im Schatten mächtiger Platanen mit allerlei Scherzen ergötzten. Es
war ein Bild, in seinen Farben, Tönen und Gestalten wieder ganz jenen
Eindrücken der Bibel verwandt, und wir selbst, die wir in Schleier und
Mantel gehüllt, mit Blumen aufgeputzt den steilen Zickzack des Berges
hinabzogen, paßten ganz wohl hinein.

Die Stadt betraten wir an ihrem östlichsten Ende. Sie ist dort noch ein
weites Trümmerfeld, in das sie das Erdbeben vom Jahre 1855 verwandelt
hat. Achmed Veffick Effendi arbeitet seit einigen Monaten eifrig am
Wiederaufbaue. Die Straßen sollen breit und gerade und canalisirt
werden, wie nur irgendwo im civilisirten Europa. Um 8 Uhr kehrten wir
in unseren Gasthof zurück. Die Wanderung auf den Olymp ist nicht immer
so sicher und gefahrlos gewesen, wie sie es uns heute war. In den
Zeiten des Kaisers Augustus hausten organisirte Räuberbanden in seinen
Wäldern; es kam damals so weit, daß sie sich feste Plätze darin bauten
und als beherrschende Zwingherren über das niedere Land auftraten.
Kleon, einer dieser Räuberhauptleute, war, durch Geschenke gewonnen,
der Verbündete des Antonius, bis er das Glück sich von dem ehemaligen
Lieblinge der wankelmüthigen Göttin abwenden sah und im aktischen
Kriege den Augustus gegen den Antonius unterstützte. Das machte ihn
dann vom Räuber zum Fürsten avanciren, ein Sprung, den die Geschichte
so oft glücken gesehen, daß der trennende Graben nicht allzu breit
sein kann. Glaubt man unseren Journalen, so herrscht auch jetzt noch
im Olymp dieselbe Gewaltherrschaft, die die türkische Regierung dulde,
weil sie keine Mittel finde, ihr zu wehren. Das ist unwahr oder doch
übertrieben. Das Unrecht und die Gesetzlosigkeit wird sich ab und zu
in diesen weitläufigen Bergen festsetzen, wie es darin zu Römerzeiten
saß, als diese Länder doch übermäßig bevölkert und die Träger einer
ausgebildeten Cultur waren, und wie es mitten in unseren civilisirten
Städten am Herde der polizeilichen Oriflamme sitzt; aber unangefochten,
geduldet, den Verkehr der Geschäfts- oder Vergnügungsreisenden hemmend,
lassen es die Türken nicht.


    Brussa, den 26. Mai.

Kein Regen mehr, der die Nacht über gefallen war; aber immer noch
Wolken, die den Himmel trüben und die Sonne bergen. Ich blieb und
ging den ganzen Tag allein. Im Westen der Stadt, eine halbe Stunde
vor ihr, liegt der Ort Tschekirdsche inmitten uralter Platanen,
Cypressen und Feigenbäume, hoch von einer Stufe des Berges das ganze
Land überschauend. Heilkräftige Schwefelquellen entspringen dort in
Menge; Bad ist an Bad mit massiven steinernen Kuppeln darüber gebaut.
Bemerkenswerther aber ist die Moschee Murad I. Auch jetzt noch,
wo sie beinahe eine Ruine und -- schlimmer als das -- vom Ungeschmacke
der Menschen mit Tünche und Farbe entstellt ist, wirken ihre zierlichen
Spitzbogen und das Massive des Ganzen im dichten Grün der Platanen auf
das gefälligste. Von dem Minarete rief eben der Muezzin zum Gebete.
Auf der Terrasse, die davor ist, waren einige wilde Hunde in festen
Schlaf und einige Türken in stummes Schauen versunken. Von Ost nach
West hatten sie das ganze Thal vor sich ausgebreitet, die Kuppeln
kleiner Gräber im unmittelbaren Vordergrunde, einige davon geborsten,
alle aber zugleich vom Wetter altersgebräunt und vom Epheu jugendgrün
gefärbt. Mich zog’s noch weiter, auch in ungebahnte Wege, in Felder
hinein, die von Maulbeer- und Feigenbäumen umgrenzt und durchschnitten,
am prächtigsten aber durch Granatbäume geziert sind. Glühenderes Roth
in zarterem Grün läßt die Natur an keinem anderen Stamme blühen. Von
einem, der besonders reich damit gesegnet war, brach ich so viele
Zweige, bis der Kopf meines Strohhutes mit rothen Blumen umflochten
war. Scheu und mich umschauend, ob Niemand den Raub bemerkte, hatte
ich es gethan und dann mich unter dem Baume niedergeworfen um zu
ruhen, zu zeichnen, zu lesen und selbst zu schreiben. Halb in die
Arbeit, halb in unthätiges Schauen nach den Wolkenschatten, die hell
und dunkel wechselnd über die Fläche des Thales und die Felsenhänge
des gegenüberliegenden Katerlü-Gebirges zogen, versunken, fühlte ich
mich plötzlich berührt, geweckt. Erschrocken, wie man es durch jedes
Unerwartete ist, fuhr ich auf. Ein kleiner Türkenjunge stand vor mir.
Mit treuherzigen Augen bot er mir einen Strohschemel zu bequemerem
Ausruhen an. Nahebei, hinter den Bäumen und durch sie mir verborgen,
war ein Tschiflick, ein Bauernhof. Der Eigenthümer, ein rüstiger
Greis, groß und ziemlich wohlbeleibt, in einen gelbseidenen Kaftan
gekleidet, war herausgekommen und hatte mich bemerkt. Ich sah ihn in
den Büschen stehen, eine Gestalt, so würdig und einladend, wie der
alte Abraham, da er im Haine Mamre vor seiner Hütte die drei Männer
zu Gaste empfängt. Der Knabe hatte gefunden, daß mir noch ein zweiter
Sessel für meine Bücher und Schreibmaterialien nothwendig sei. Ich
belohnte seine Gefälligkeit mit einigem Zuckerwerke, das ich gegen
plötzlichen Hungerüberfall eingesteckt hatte. Erstaunt sah er mich und
dann den Großvater an -- denn das konnte der alte Mann von dem Kinde
nur sein -- und lief dann zu diesem, um ihm das Geschenk zu zeigen.
Jetzt erst rührte sich der Alte und trat mir näher um zu danken. Indeß
ich weiter schrieb, nahm er das Buch, worin ich gelesen hatte, zur
Hand und blätterte darin. Es war der dritte Band der Denkwürdigkeiten
und Erinnerungen aus dem Orient des Freiherrn von Prokesch. Nach einer
Weile, da ich eben wieder sinnend auf das Land blickte, frug er mich,
ob darinnen etwas von dem Kriege stehe, der in Europa geführt werde. So
hatte mich denn die unglückselige Schleswig-Holsteinische Frage auf dem
Olympe wieder eingeholt.

Ich habe seitdem gehört, daß Erkundigungen nach den politischen Dingen
die gewöhnlichen Gespräche der Eingeborenen mit den Franken sind. Sie
halten jeden Europäer für vorzüglich zur Politik berufen, vielleicht
daß sie von der Sündfluth unserer Zeitungen gehört haben. Mein Alter
wollte noch verschiedenes über den Krieg mit den Dänen wissen, zuletzt
auch, ob dieser Krieg nicht der Türkei Schaden bringen könne. „Wie wäre
das möglich, da ihr Türken doch gar nichts damit zu thun habt?“ „Nun,
weil es doch schon vorgekommen ist, daß ein Dritter ganz Unbetheiligter
die Zeche für zwei Streitende zahlen mußte.“ Wie klug von dem
unwissenden Manne und wie nahe vielleicht sogar in diesem Falle der
Wahrheit!

Nachmittags begegnete ich dem Aquarellmaler Pretiozi, der aus Pera
hier ist, um Studien zu einem Album von Kleinasien zu sammeln, wie
er die von Constantinopel und Kairo in Farbendruck publicirt hat.
Die Straße, in der wir uns trafen, ist durch das Grün, das zu beiden
Seiten dicht und hoch wie Mauern steht, ein wahrer Hohlweg; darüber
schließen sich mächtige Baumkronen zusammen. Uns entgegen auf einem
Esel kam eine Türkin, den Kopf in den weißen Jaschmack vermummt, daß
nur die schwarzen Augen sichtbar waren, den Körper in einen hellblauen
Mantel, den Feredje, gewickelt, vor sich auf dem Halse des Esels ein
gesundes aber zart gefärbtes Kind und zu beiden Seiten in zwei Körben
zwei kräftige Buben. Ihre Köpfe guckten neugierig aus den Nestern wie
junge Störche hervor, und das Mädchen, das die Frau an ihrer Brust
hielt, streckte uns ein Mohnblumenbouquet entgegen, so groß, daß es nur
beide Händchen halten konnten. Entzückt blieb der Künstler stehen, und
rief der Frau zu das Gleiche zu thun. Ohne Erstaunen, gleichmüthig und
gutwillig, wie Alles, Wort und Geberde, bei diesem Volke ist, that sie
es. In wenigen Minuten war das Bild fertig, eines der glücklichsten,
wie es der Meister selbst lobt, das ihm seit Wochen gelungen. „Die
Flucht nach Aegypten“ würde ich es nennen, wenn ich ihm für eine
Gemälde-Ausstellung den Namen finden sollte. Solche Begebnisse nenne
ich die guten Einfälle des Schicksals; sie geben uns mehr, als alles
mühsame Suchen.

Auf dem Rückwege hielt mich das Grab eines Türken lange auf. Es ist an
die Außenwand einer verfallenen Moschee gelehnt und ein Lorbeerbaum
wächst aus seinem Hügel empor, so hoch und mächtig, daß er die
geborstene Kuppel der Djami überragt und ihre stürzende Mauer auf die
Seite drängt. Ein Schwarm lustiger Singvögel nistet in seinen Zweigen,
und flog über meinem Kopfe zwitschernd ab und zu. Wie mich das packte,
gleich bei dem ersten Blicke, die ganze Bedeutung dieses Bildes, das
menschliche und natürliche Kräfte in vereintem Bemühen gestaltet haben;
die Ruhe, die da herum war und die leisen Stimmen der Vögel, die sie
noch merkbarer machten. Was erst nur blitzartig geweckte, nebelhafte
Empfindung war, festigte sich in der Betrachtung zu klaren Gedanken.
Ja, ich verstand es dieses Gedicht ohne Worte, das der größte aller
Meister, die unbefangen zeugende, die absichtslos waltende Natur hier
erschaffen. Verkörpert, wie auch die Sprache ihre besten Gedanken in
Bildern gibt, spricht es eines der ernstesten, der entschiedensten
Gesetze unseres Weltendaseins aus: daß aus der Verwesung sich das Leben
mäste, um selbst wieder die Speise neuer Existenzen zu werden; daß
Alles hinfällig und sterblich sei, und daß doch nichts zu sein aufhöre.
Es ist nur ein ewiges Auf und Nieder des Werdens, ein endloser Proceß
der Wiedererzeugung, in den die Dinge dieser Welt geordnet sind; es
ist nicht das Vernichtungs-, es ist nur das Zerstörungsprincip, das
sie regiert. Im Grunde lebt alles einmal Geborene ewig fort, und der
Gedanke wie die Blume, die vor tausend Jahren blühten, sind heute in
der einen oder anderen Form immer noch vorhanden. Der Vielen so schwer
faßbare und als übernatürlich verworfene Begriff der Auferstehung
spricht also nur ein einfaches und allgemein giltiges Naturgesetz aus.
Darum durfte denn auch dieser Lorbeer, das Zeichen der Unsterblichkeit,
in das, was wir den Tod nennen, seine Wurzeln heften. Beschattend und
beschützend, wie er seine Zweige über dieses Grab breitet, schwebt der
Glaube an ihn und seine Bedeutung über allem Ringen und Leiden der
Sterblichen. Da ihr Staub und sein Stamm fortdauert, kann das, was
belebend und beseelend, kann der Geist nicht endlich sein. Auch der
Türke scheint dieses reizende Spiel der Natur als ein bedeutungsvolles
Denkmal zu erkennen; ein vergoldetes Gitter ist um den Baum und das
Grab gezogen.


    Den 26. Nachts.

Wir unterbrachen Abends, als wir durch die Gassen der Stadt
heimkehrten, einen grimmigen Kampf. Schon heute Morgens hatte ich auf
meinen einsamen Spaziergängen erfahren, daß der hiesige wilde Hund
unfreundlicher und feindseliger, als der von Constantinopel ist. Mit so
energischen Anfällen hatten sie mir den Einlaß in Nebengassen verwehrt,
daß ich, nachdem sich mein weißer Sonnenschirm als zu schwache Waffe
erwiesen hatte, den Rückzug antreten mußte. Ich bezog damals diese
übelwollende Gesinnung auf meine fremdartige Kleidung, nun aber sah
ich Abends, daß sich diese Stimmung auch gegen Türkisches äußert. Ein
junger Türke war mit zwei Kameraden gegen die Mauer eines Thorweges
gelehnt gewesen. Ohne Veranlassung, so wenigstens erklärte er nachher,
sprang ihm einer dieser Hunde an die Brust. Nur weil er sich gleich
über den Hund auf den Boden warf, und die Zähne des Thieres sich in
den Stickereien der Jacke verbissen, entging er schweren Verwundungen.
So fanden wir die Scene, den Rest des Hundeschwarmes mit wüthendem
Bellen gegen die beiden anderen Burschen gestellt, daß sie ihrem
Genossen keine Hilfe bringen konnten. Das thaten erst mit schnellem
Erfolge die großen Peitschen meiner Freunde, die sie zu solchem Zwecke
mit sich führen; von den Pferden aus trafen sie rechts und links die
Meute, auch den böswilligsten, der sich mit dem jungen Menschen auf der
Erde wälzte, so kräftig, daß sie heulend die Flucht ergriffen und nur
aus gesicherter Ferne einen Stillstand und entrüstete Drohung wagten.
Der Bursche war bleich und zitternd; so kurz der Kampf, war er doch so
erbittert gewesen, daß er alle Kräfte des nicht schwächlich aussehenden
Mannes erschöpft hatte. Wir suchten ihn mit einigen Piastern zu trösten
und trugen seinen Freunden auf, das Uebrige zu thun.

Dieser wilde Hund ist eine ebenso eigenthümliche als häßliche und
widrige Beigabe der türkischen Länder. In den Städten kömmt er
besonders zahlreich vor, weil ihm die vielen Abfälle der Haushaltungen
bequemen Lebensunterhalt gewähren. Einer gleicht dem Andern an Gestalt,
wie an Charakter; alle sind mager, daß ihnen die Knochen hervorstehen,
haben struppiges blondgelbes Haar, die Augen scheu und kriechend,
ohne einen Blick jener Treuherzigkeit, der sonst die Anhänglichkeit
des Hundes sprichwörtlich gemacht, und jene faule langsame Gangart
mit geducktem Rücken und eingekniffenem Schwanze, welche Jean Paul’s
Feldprediger Schmelzle für ein gesetzlich festzustellendes Zeichen
der Wuth erklärt. Aus dem Wege gehen sie nur, wenn er ihnen auf
energische Weise gewiesen wird; sonst lassen sie Fußgänger und Reiter
über sich steigen, vergelten aber jeden unvorsichtigen Tritt mit
unwirrschem Knurren, auch wohl mit einem bösgemeinten Bisse. Um mit
ihren vielen Geschlechtsgenossen verträglich und in Frieden zu leben,
haben sie in den Städten, ganz ähnlich den civilisirten Menschen,
ihre angeborene Freiheit gewissen Beschränkungen unterworfen. Genau
begrenzte Viertel haben ihre eigenen Bürger, ihre Hunderechte und
Hundepflichten; dort kennt und duldet sich jeder Einheimische, aber
jeder Fremde wird dafür auch ~viribus unitis~ hinausgebissen.
Mag ihn nun Hunger oder Liebessehnsucht in das fremde Gebiet geführt
haben, rücksichtslos ruft das Bellen des Ersten, der den Uebertreter
bemerkt hat, die ganze Gemeindegenossenschaft zusammen und hat die
ihn einmal umstellt, dann gibt es nur eilige Flucht mit zerrissenem
Felle oder jämmerlichen Untergang auf einem blutigen und lärmenden
Schlachtfelde. Ich habe manche solcher Scenen gesehen, die wahrhaft
furchtbar waren. Daß solch ein Uebel ertragen werde, hat seine Ursache
in der Achtung des Türken für den Buchstaben seines Religionsbuches.
So hat jedes, auch das edelste Bestreben neben seinen guten seine
schlimmen Folgen. Der Koran lehrt die Gleichberechtigung des Thieres,
und befiehlt die Achtung seiner Rechte; das ist schön und gewiß auch
richtig im Principe, und in einigen Fällen, wie bei den Singvögeln,
die hier unbelästigt und genußbringend leben, wohlthätig selbst in
seiner buchstäblichen Erfüllung; in anderen aber, wie eben bei den
Hunden, zeigt sich, daß die Theorie, wenn sie sich in das Extrem
verliert, zum Uebel werden kann. Um ihm in Constantinopel abzuhelfen,
wo es die Klagen der anders gewöhnten Europäer am grellsten erscheinen
lassen, schlug man wiederholt vor, alle dortigen wilden Hunde auf
eine Insel zu deportiren, die man ihnen zu ausschließlichem Besitze
überlassen würde. Das würde freilich den Ausgewiesenen ein baldiges
Ende bereiten -- sie könnten sich nur selbst auffressen -- nicht aber
der Hundefrage von Constantinopel. Der Duft seines Gassenunrathes würde
bald wieder neue Bewohner in die entvölkerte Stadt aus der Umgebung
hereinlocken. Auch ist der Vorschlag nie ernstlich in Ausführung
genommen worden; vielleicht versucht dasselbe einmal ein anderer, mehr
civilisatorischer, auf das Wohlergehen der Hunde selbst gerichteter.
Die Cultur, die alle Welt beleckt, muß sich doch endlich auch auf die
türkischen Straßenhunde erstrecken.


    Brussa, den 27. Mai.

Ueber die Geschichte der Stadt finde ich nur Weniges aufgezeichnet. Ihr
Alter ist nicht so hoch als das der meisten anderen Städte auf diesem
ehrwürdigen Boden, den die Sage schon die Geburt der Menschheit sehen
läßt. Erst Hannibal hat sie gegründet, also 200 Jahre vor Chr.; so
erzählt Plinius, der sie später als römischer Statthalter verwaltete.
Wo heute die Ruinen der Burg die Stadt überschauend und beherrschend
stehen, baute sich der Punier vielleicht jenes Schloß, von dem uns
Cornelius Nepos schon in der ersten Lateinschule erzählt, daß es auf
allen Seiten Ausgänge gehabt, damit dem Verfolgten die weitere Flucht
offen bliebe, wenn das geschehe, was dann wirklich geschah. Den Römern
war sie nach dem Falle des Mithridatischen Reiches eine gehorsame
Provincialstadt. 259 Jahre nach Chr. wurde sie von den Gothen, die
vom schwarzen Meere und von der Donau gekommen waren, geplündert und
verwüstet, ein Loos, das ihr 941 die Perser wieder bereiteten. Größere
Bedeutung aber erhält sie erst durch ihre heutigen Besitzer, als sie
die erste Residenz des Osmanischen Reiches ward. Aus ihren Thoren
führten die sieben ersten Sultane jene Raubzüge nach dem erstaunten
Europa, welche die Christenheit wie Wetterstrahle trafen, und hieher
kehrten die Sieger lebendig oder todt zurück, bis der achte des
Geschlechtes, Mohammed II., sich und seinen Nachfolgern die
stolzeren Gräber auf den byzantinischen Kaiserhügeln bereitete.

Was diese Männer ihrem Glauben an Moscheen und die Nachkommen ihrem
Andenken an Grabmälern gebaut, das besuchten wir heute. Da die Stadt,
die zwar nicht breit, stundenlang um den Fuß des Berges gezogen ist,
und diese Bauten weit auseinander liegen, beschlossen wir, ihnen
ausschließlich den ganzen Tag zu widmen und den Umgang zu Pferde zu
machen.

Auf schroffen Felswänden erhebt, oder wahrer erhob sich -- denn
seit dem letzten Erdbeben stehen nur noch Ruinen dort, -- das feste
Schloß, die Akropolis von Brussa. Mauern und Felsen sind in der
jahrhundertalten Verbindung ein Körper geworden; der Epheu hat sie von
oben bis unten überzogen, und die Wunden der Zeit und der Gewalt mit
seinem heilenden Grün geschlossen. Wo ein Stein aus der senkrechten
Neigung vorspringt, da sind Gärten darauf angelegt, da blüht die Rose
und der Lorbeer und reifen Nüsse und Feigen. Vor dem Berge und fest um
ihn geschlungen sind die Häuser der Stadt, und hinter ihm setzt sich
der Olymp fort, aus dem er wie eine Altane zum bequemen Ueberblicke
des Thales vorgeschoben ist. Zu allen Zeiten, auch da die Gebäude dort
oben noch nicht so malerisch verfallen waren, muß dieser Schloßberg das
charakteristische Merkmal der Gegend gewesen sein. Bei der Ankunft und
bei jedem Ausgange hatte ich ihn besonders neugierig in’s Auge gefaßt,
und so ritten wir denn auch heute zuerst zu ihm hinauf. Oben ruhen die
beiden ersten Sultane, Osman und Orchan. Durch alte Thore und Mauern,
die aus den Resten einer älteren Zeit gebaut sind, kamen wir auf die
Stätte, die ihre Gebeine begraben hält. Bis zum Jahre 1855 stand eine
byzantinische Kirche darüber; das Erdbeben hat sie so vollständig
niedergeworfen, daß auch nicht eine Mauer, keine Säule mehr aufrecht
steht. Der Boden aber ist mit Bruchstücken von Porphyr, Verde antico,
Marmor in allen Farben, auch mit Mosaiken so übermäßig und unordentlich
bedeckt, daß man sich in der Wildniß eines Steinbruches glauben könnte.
Bei näherer Besichtigung fand ich an manchem Blocke den Schmuck
zierlicher Sculpturen und beinahe an allen Säulenknäufen das Kreuz in
die Zierathen geflochten. So hatten sie sogar hier, wo sie doch die
ersten und am höchsten verehrten Fürsten ihres Stammes begruben, das
Zeichen eines anderen Glaubens unberührt gelassen! Ich frage die Leute,
die in Europa über die Unduldsamkeit der Türken schreien, ob sie, wenn
es ihnen glückte, in Moscheen die Messe zu lesen und Predigten zu
declamiren, den Halbmond und die Tuhgra so unverletzt lassen würden?
Ich sage nicht, daß es der Respect sei, der das Kreuzeszeichen so lange
erhalten hat; aber daß der Türke nicht eine Verpflichtung seiner
Religion darin erkennt, es zu vernichten, scheint mir des Lobenswerthen
genug.

Zwischen den Trümmern fand ich eine Menge offener Gräber. Sie müssen
ehemals in dem Fußboden der Kirche gelegen haben. Alle sind türkische.
Die Construction, die ich genau untersuchte, ist einfach eine Gruft
ganz in der Gestalt und Größe unseres Sarges aus Ziegeln in die Erde
gemauert, in den Fugen sorgfältig verschmiert und mit einer Lage
Tünche ausgefüttert. Aus dem Boden ragt nur der Deckel hervor. Erst
über diesen unansehnlichen Bau ist das Holzgerüste gestellt, das
ähnlich unseren Katafalken auch mit der Macht und der Bedeutung des
Verstorbenen wächst. Solche Gerüste sind denn auch über den Gräbern
Osmans und Orchans aufgeschlagen, die einzigen der vielen, die man aus
dem Schutte wiederhergestellt hat. Ob man dabei wirklich die Rechten
gewählt, wird dem Zweifler freilich zweifelhaft erscheinen können; den
Gläubigen aber -- und für diesen sind solche Orte doch zumeist bestimmt
-- überzeugt das Gebotene und befriedigt diese Ueberzeugung. Die
Tempel, die man darüber an Stelle der kirchlichen Wölbungen errichtet
hat, sind ärmlich und geschmacklos. Aus Brettern und in antiken Formen
aufgeführt, beleidigen sie durch den Widerspruch des Materials und der
Gestalt. Reicher ist der Eindruck ihres Innern. Es ist rein gehalten
und mit den kostbarsten Teppichen belegt. An dem Turban Osmans, der
so wie er ihn zu Lebzeiten trug an dem Kopfende seines Katafalkes
geschlungen ist, hat der jetzige Sultan, als er kurze Zeit nach
seinem Regierungsantritte, im Frühjahre 1862, Brussa besuchte, den
Osmanije-Orden, welchen er eben erst gestiftet hatte, aufgehängt. Es
muß der plötzliche Einfall eines begeisterten Augenblicks gewesen sein,
denn er mußte den Orden, weil kein anderer zur Hand war, von der Brust
seines Großveziers, Fuad Pascha, entlehnen. Ich erinnere mich, daß
die europäische Journalistik, die für alles Türkische nur Verachtung
hat, diese That damals mit ihren Witzen begleitete. Und doch, was
war sie anderes, als was wir täglich thun, ein Zeichen der Treue und
Dankbarkeit und ein Beweis zugleich, daß die Vergangenheit unserem
Leben nicht weniger als die Gegenwart ist. Wo aber ist das Volk, --
denn in solchen Fragen zählt nur die Menge, nicht der Einzelne, -- das
entartet genug wäre, in solchem Cultus ein Zeichen geistiger Schwäche
zu sehen?

Auf dem engen Platze vor den Mauern, die diese Grabstätten umschließen,
arbeiteten Sträflinge an der Grabung von Canälen; lauter junge Bursche,
eifersüchtige Liebe soll die meisten zum Verbrechen verleitet haben.
Trotz der Ketten und Kugeln, die an ihren Füßen hängen, schienen
sie lebensmuthig und rührig. Sie drängten sich zu, uns die Pferde
zu halten, von denen wir abgestiegen waren, und diesen Dienst und
schlechte byzantinische Münzen, die sie ausgegraben hatten, mit einigen
Piastern vergelten zu lassen; die Aufseher, menschenfreundlicher als
ihre Pflicht, ließen das lächelnd zu. In den Kastellmauern, zwischen
denen wir weiter ritten, erkannte ich wohl eine Menge römischer
Reste, Säulenschäfte und Knäufe, auch Friese auf das unbarmherzigste
verwendet, aber nirgends römische Arbeit; Vieles ist sogar erst aus
türkischer Zeit, denn der saracenische Spitzbogen steht oft über dem
byzantinischen Rundbogen.

In die Stadt hinabgestiegen, besuchten wir die Ulu-Djami, d. i. die
große, wie sie vor allen anderen heißt. Drei Geschlechter, Murad I.,
Bajasid I. und Mohamed I., haben sie gebaut. Es war die erste Moschee,
deren Inneres ich sah, und mir, wie es überspannten Erwartungen
unvermeidlich ist, eine Enttäuschung. Warum? -- ich weiß es nicht; aber
meine Phantasie hatte sich Alles größer und prachtvoller vorgestellt
als unsere Kirchen sind. Statt dessen fand ich nichts, was nicht von
den Domen der romanischen, gothischen, toskanischen und lombardischen
Architektur übertroffen würde. Zwanzig Kuppeln in ein Quadrat
zusammengestellt ruhen auf dicken viereckigen Pfeilern. Was diese dem
Baue noch von Leichtigkeit lassen, nimmt die abscheuliche Malerei,
womit die Wände übertüncht sind. Wo sie nicht riesige Schriftzüge
hingezeichnet hat, die in dieser Größe und schwarz auf weißem Grunde
bedrohlich wie Schlangenwindungen aussehen, sind es Draperien im
Style der Fenstergardinen aus der sogenannten Kaiserzeit. Jede Thüre,
jeder Bogen, jedes Fenster hat so seine eigenen Vorhänge. Es ist das
Unübertrefflichste des Ungeschmackes, das auch den wohlgeformtesten Bau
entstellen müßte, und an diesem gefiel mir eigentlich nur der Einfall,
die Mittelkuppel, die zwanzigste, ohne Wölbung und offen zu lassen,
und darunter einen plätschernden Springbrunnen und ein Wasserbecken so
groß wie das ganze Quadrat anzulegen. Sogar Fische leben darinnen; das
bringt frische Luft in den Raum, der sonst moderig wie unsere Kirchen
wäre. Es ist der glückliche Natursinn des Orientalen, der das erfunden
hat. Er weiß, daß kein Kunstwerk so schön gebildet sein kann, daß es
nicht durch die Beimischung der natürlichen Gaben noch verbessert
würde. An der Form des Baues störte mich, daß sie gleichseitig und daß
ihm daher die Tiefe fehle. Diese ist der Moschee wie unserer Kirche
nothwendig, weil beide einen Punkt haben, dem sich die Aufmerksamkeit
besonders zuwenden soll und dorthin die Augen eher durch die Richtung
der Mauern als durch das Kennzeichen des Altars oder des Mihrab gelenkt
werden. Uebrigens ist es nicht blos dieser praktische Grund, auch nicht
die Anhänglichkeit an die Gewohnheit allein, die mich solche Forderung
stellen lassen. Von jedem Baue begehre ich, daß mir schon der Anblick
den Zweck und die Bedeutung verrathe. Beim Gotteshause sind diese das
Gebet und die Gottesverehrung, und wird sie die weitere Entfernung,
die ehrwürdig zwischen dem Eingange und dem Hochaltare, wie ja auch
zwischen uns und unseren höchsten Idealen liegt, am deutlichsten
ausprägen. Wo solche Verständlichkeit einem Gebäude fehlt, werde ich es
auch als ein verfehltes tadeln.

Wir Fremde hatten Ueberschuhe angezogen; ein einheimischer Grieche
aber, der mit uns ging, wies die Babuschen, welche ihm unsere
Kawassen, die ein ganzes Bündel solcher leichter Lederpantoffeln
eingekauft hatten, anboten, zurück und patschte in der Einbildung
seiner christlichen Ueberlegenheit mit seinen schmutzigen Stiefeln
auf die reinen Strohmatten und Teppiche, die der Mohammedaner nur
mit abgezogenen Schuhen betritt, weil er bei seinen Gebeten den Boden
mit dem Munde und mit der Stirne küßt. Mich juckte die Hand, dem
übermüthigen Kerle eine Ohrfeige ins Gesicht zu schlagen. Ist mir jede
Rohheit verhaßt, so ist mir doch diejenige die verhaßteste, welche sich
gegen den Glauben der Andersgläubigen kehrt. Ich trage über Gott und
die Welt meine ganz besonderen Ansichten in mir, habe aber nur Achtung
für die der Anderen, wie einfältig und kindisch sie mir auch erscheinen
mögen. Das Factum, daß sie sind und einem bekümmerten Gemüthe Trost
und Befriedigung gewähren, genügt, um sie als existenzberechtigt
meiner Duldung zu empfehlen. Ich habe die Bildung nie erreicht, welche
verächtlich auf den Fetischanbeter herabsieht, weil er Hilfe oder
Strafe von einem Holzklotze hofft oder fürchtet. Was bürgt uns denn,
daß über tausend Jahren die Zukunftstheologen nicht ebenso verächtlich
auf unsere Religionen herabblicken werden, wie die heutigen auf die
Götzendienste der Griechen und Römer? In Athen und in Rom glaubte sich
die damalige Menschheit dem Himmel gewiß nicht ferner, als in Berlin
und Paris sich die heutige hinaufgestiegen wähnt.

Christliche Ungezogenheiten gleich der, welche vor uns gespielt hatte,
kommen im Oriente täglich vor. Kann man sich danach wundern, wenn
dem Türken, wie sehr auch die Duldsamkeit seiner Natur und Religion
eingebürgert ist, doch manchmal der Faden reißt und er solch Ungezogene
zur Thüre hinauswirft, dem Fremden überhaupt aber sie versperrt? Würde
der deutsche Bürger es dem Lümmel anders thun, der ihm in seiner
Staatsstube die kothigen Stiefel auf das sammetne Canapee legte? Und
katholische oder protestantische Christen würden sie den Mohammedaner,
der in der Kirche das Fezz oder den Turban aufbehielte, bei ihrem
Gottesdienste dulden? Und doch hat die eine Sitte so viele Berechtigung
als die andere, ja das Niederwerfen und das Bodenküssen scheint mir
bedeutungsvoller, als das Hutabziehen vor dem lieben Herrgott. Hier
läßt der Mohammedaner den Europäer mit dem Hute auf dem Kopfe in seiner
Moschee herumgehen; er begehrt nicht, daß der Fremde niederfalle
und den Boden küsse, und einem fremden Glauben mit fremden Zeichen
lügenhafte Verehrung heuchle, er begehrt nur, daß ihm die Stelle, die
er mit seinen Lippen berühren muß, nicht verunreinigt werde. Ob wir dem
Muselmanne so viel zugestehen, und ob ihn nicht, wenn ihn die Nachsicht
des Küsters in die Kirche eingelassen hätte, das ungezogene Erstaunen
unseres Pöbels daraus verdrängen würde, ist eine Frage, die ich zur
Wahrung christlicher Ueberlegenheit lieber nicht auf die Probe gestellt
sehen möchte. Wenn im Oriente ganze Städte, auch ganze Provinzen, wo
Jahrzehnte lang Griechen, Armenier und alle übrigen Christen in Frieden
neben den Mohammedanern gearbeitet und geschlafen haben, mächtig und
reich geworden sind, plötzlich vom Christenhasse erregt werden, so ist
die erste Veranlassung nur selten beim Türken zu finden, gewöhnlich
irgend ein bübischer Streich jenes sonderbaren Geistes, der die
Religion, welche ursprünglich das eifrigste Bekenntniß der Liebe und
Demuth gewesen war, in eine Parteileidenschaft des Hochmuths verwandelt
hat. Es ist ein Zeichen der Verderbtheit, welche ich dem Menschen
angeboren glaube, daß er nichts berühren kann, ohne es nicht auch
zu beflecken; das ist der Fluch der Erbsünde, der an unseren Händen
haftet. So ist auch der Gedanke gut und rein nur in dem Augenblicke
seiner Empfängniß; da gehört er noch Gott an, dem er entstammt, kaum
aber für diese Welt geboren und in der Berührung mit neuen Generationen
gealtert, wird er seinem Ursprunge und seiner Absicht immer mehr
entfremdet.

Jeschil-Djami, d. i. die grüne, welche Mohammed I. ziemlich
außerhalb der Stadt und auf einem Hügel gebaut hat, war die nächste,
welche wir besuchten, und nach der Enttäuschung der Ulu-Djami eine
doppelte erfreuliche Ueberraschung. Von innen und außen bildet sie
ein köstliches Kleinod mohammedanischen Baustyls. Nicht groß, eher
klein, ist ihr Rauminhalt nicht viel mehr, als der einer Capelle.
Vor ihr stehen uralte verwitterte Platanen, und zwischen den Stämmen
durch sieht das Auge den östlichen Theil des Brussaer Thales. Das
Material des Baues ist größtentheils Marmor; die Einfassung, die
an jedem Fenster und an der Thüre verschieden ist, sind Arabesken
und Schriftzüge, wie in den Stein damascirt, so wenig erhaben und so
deutlich. Im Inneren sind drei Kuppeln in einer Linie nebeneinander
und, um die Richtung gegen Osten zu markiren, eine vierte vor die
mittlere gestellt, so daß man beim einzigen Eingange eintretend und
unter der Mittelkuppel stehen bleibend auf jeder Seite und auch vor
sich eine Capelle hat. Daß der Boden unter der mittleren Kuppel tiefer
als unter den umliegenden sei, ward erst vor wenigen Tagen entdeckt.
Aus dem Schutte, der ihn den anderen Abtheilungen gleich gemacht hatte,
kam ein Marmorbrunnen in den Formen der Renaissance heraus und so wohl
erhalten, daß er gleich wieder frisches Wasser gab.

Die Restauration des Baues, der vom Erdbeben stark gelitten hat,
ist von Achmed Veffick Effendi angeordnet. Nach und nach, so will
es wenigstens sein Plan, soll dasselbe an allen hiesigen Moscheen
geschehen, und wird dazu bei jeder derselbe Geschmack und dieselbe
Freigebigkeit verwendet werden, so wird Brussa um seiner Moscheen nicht
weniger sehenswerth, als um die Schönheit seiner Gegend willen sein.
Ich habe kaum irgendwo sonst eine Restaurirung glücklicher projectirt
und ausgeführt gesehen, das Ganze entsprechend dem Grundgedanken
und jedes Einzelne in Uebereinstimmung mit diesem Ganzen. Nach dem
Vielen, was ich von türkischer Unfähigkeit gehört, überraschte mich
das nicht wenig. Ich frug nach dem Baumeister. Man stellte mir einen
Italiener vor; der Mann erschien jung, aber reich begabt mit dem
besonderen Talente, welches seinem Volke für alle bildenden Künste
eigenthümlich ist. Er lobte mir die Arbeiter, sie seien genau und
folgsam. Allmälig kamen wir auch auf den Bauplan zu sprechen; den habe
nicht er eigentlich gemacht. Achmed Veffick Effendi habe namhaften
Gelehrten seine Ideen mitgetheilt, die hätten sie zusammengestellt,
er in die Pläne wieder hineincorrigirt und so sei das entstanden, was
wir nun vor uns sähen. Um jede Kleinigkeit kümmere sich Achmed Veffick
Effendi; Jeden, der ihm verständig erscheine, ziehe er darüber zu
Rathe, und seine Entscheidungen bewiesen dann eben so viel angebornes
Urtheil, als kluge Verwerthung des in Europa Gesehenen. So sei die
Idee, das einfallende Licht verschiedenartig zu färben, die so gut zu
dem Reichthume der orientalischen Bauformen paßt, ganz sein Eigenthum.
Es ist nämlich jede Abtheilung des inneren Raumes in anderen Farben
gehalten, unten gemalt und mit Porzellantafeln inkrustirt und oben
in der Kuppel durch bunte Scheiben erleuchtet; der Mittelbau weiß,
der rechtsseitige grün, der linke orange und der östliche, wo der
Mihrab und Minber stehen, roth. Dasselbe anmuthige Spiel wird mit
dem Lichte in den Logen des Sultans und seiner Frauen getrieben,
die über dem Eingange in der Höhe eines ersten Stockwerkes liegen.
Sie sind mit jenen prachtvollen Porzellanplatten austapezirt, deren
Fabricationsmethode erst kürzlich wieder entdeckt worden ist. Ebenso
geziert sind die zwei anderen, die unten zu beiden Seiten der Thüre,
ich möchte sie Parterrelogen nennen, einige Stufen höher, als der Boden
angebracht sind. Ein Türke, der zufällig darinnen saß, den Arm auf die
durchbrochene Porzellanbrüstung gelegt, fügte sich in das Bild, wie die
künstlerisch gewählte Staffage in die Composition eines Malers.

Hinter der Djami liegt das Grabmal Mohammed I., ein achteckiger
Tempel. Vom Erdbeben gewaltig zerstört und noch in der ersten
Restauration begriffen, zeigte uns das Aeußere nicht mehr als Ruinen
und das Innere Bretterwände, die schützend gegen den Staub und die
Arbeiter um die Särge des Sultans und seiner Familie geschlagen sind.

Noch weiter von der Stadt und noch schöner gelegen sind Moschee
und Grab Sultan Bajasid I. Das Erdbeben hat sie am ärgsten
getroffen. Wie bei allen Moscheen hat es die Minarete geknickt, daß
sie gleich geköpften Lilienstengeln aufragen, hier aber auch aus
den Wölbungen ganze Blöcke herabgeworfen, daß der blaue Himmel in
die verödeten Räume herabsieht. Die heilende Hand hat noch nichts
berührt; Herrliches kann wieder hergestellt werden. Die Moschee hat
einen Porticus aus weißem Marmor in sarazenischen Formen von solcher
Einfachheit, aber so großer Mächtigkeit, daß mein Geschmack sie
dessenwegen die schönste von Brussa nennt. Der innere Plan gleicht,
wenn erst alle späteren Zwischenwände durchgebrochen sein werden, in so
manchem der Jeschil-Djami, daß ich auch hier den ursprünglichen Boden
des Mittelbaues wie dort tiefer und einen Brunnen darinnen liegend
vermuthe.

Im Westen der Stadt, eigentlich in der Vorstadt, ist die Muradje,
d. i. die Djami Murad II. und die zehn Grabcapellen seiner
Familie. Die Moschee steht auf einer Terrasse erhöht über einem großen
Platze. Prachtvolle Cypressen, durch Alter, Größe und Verknorpelung
ihrer Stämme die schönsten, die ich gesehen habe, sind davor auf der
Terrasse. Die Vorhalle, die zu dem Haupteingange führt, ist aus fünf
luftigen Rundbogen und breiten Gewölben so machtvoll gebildet, daß von
dem hinteren Theile des Baues nur die Kuppel darüber emporragt. Dieser
Porticus mahnt mich an die Feldherrnhalle zu München; der Vergleich
enthüllt mir aber auch endlich die Fehler jenes Gärtnerischen Baues,
von denen ich immer gehört, die ich aber nie hatte begreifen wollen.
Jetzt erkenne ich ihn neben der harmonischen Vollendung des türkischen
Kunstwerkes schuldig der Anmaßung in der Absicht und kleinlich in
dem, was er geworden ist. Aber so steht in allen bildenden Künsten
die Neuzeit neben der Vergangenheit, nicht blos erfindungsarm, auch
unvermögend in der Nachahmung und selbst mit türkischer Vergangenheit
nicht zu vergleichen. Die Gräber sind neben der Moschee, von dem Platze
in einem Hofe abgeschlossen. Ein kuppelgedecktes Thor führt zwischen
den hohen Umfassungsmauern hinein; es ist ein Garten lauschig und
still, kühl und wohlriechend, wie sie der Koran denen verspricht „so
da glauben und das Gute thun“. Große Platanen, größer als die größten,
die ich bisher gesehen, beschatten die grünen Wiesen, und blasse Rosen
färben und umduften Alles, was ihren Ranken Wände und Stämme bietet;
Nachtigallen singen und wiegen sich in den Zweigen, und fromme Männer
mit ehrwürdigen Bärten, in langwallenden Kaftanen tragen andächtigen
Jünglingen die Lehren des Korans vor. Zwischen den Bäumen und Büschen
stehen die Mausoleen, ihre Thüren weit geöffnet, wie die Tempel
geheimnißvoller Grade bereit, die Geprüften und Müden zu den seligen
Freuden zu empfangen, die sie sich im Kampfe mit dem Leben verdient
haben. So gebettet, wenn das Grab selbst schon mit den Reizen der
anderen Welt geschmückt ist, wo bleiben denn dann die Schrecken des
Todes?

Gleich das erste nach dem Thore, wenn man von Mudania in Brussa
einzieht, ist dieser Platz der Muradje; die grünen Hänge und Schluchten
des Olymps steigen so nahe hinter ihr empor, daß man sie zu ihrem
Gräbergarten gehörig glauben könnte. Auf dem Platze vor ihr war das
zerlumpte Zelt eines Kaffeegi aufgeschlagen, eine malerische Staffage,
die in den Skizzen, welche meine Freunde versuchten, nicht wegbleiben
durfte. Sonst war er leer. Ab und zu sammelte sich in den Stunden, die
wir dort lagerten, eine gaffende aber niemals unfreundliche Menge um
uns. Selbst die Schuljugend war weniger muthwillig, als das sonst ihre
Art. Indeß die Anderen mit dem Bleistifte beschäftigt waren, machte
ich mir mit der näheren Besichtigung der Gebäude zu thun. Auch diese
Moschee ist durch die Folgen des Erdbebens dem kirchlichen Dienste
unbrauchbar geworden. Achmed Veffick Effendi ließ eben in der Vorhalle
die Gerüste zu den Restaurationsarbeiten aufschlagen. Eines der Gräber
ist schon hergestellt; Pracht der Farben, der Steine, des Porzellans
und schöner Schriftzüge ist daran auf das großartigste verwendet.
An den anderen sah ich, daß bei diesen Bauten nicht blos zu flicken
ist, was die Gewalt der Elemente zerstört hat, daß auch weggeräumt
werden muß, was der Ungeschmack des vorigen Jahrhunderts, das der
Türkei wie unseren Ländern den Zopf angehängt hatte, über das Werk
einer früheren Zeit geklext hat. In allen fand ich dieselbe Tünche
und dieselbe Malerei, wie sie die Ulu-Djami entstellt. Betrachte ich
die Bemühungen, die hier an diesem einzigen Orte in dieser Richtung
thätig sind, und erinnere ich mich an den Tadel, der bei uns von dem
Verfalle der türkischen Kunstdenkmale erzählt, so fühle ich mich
unwillkürlich verpflichtet nach dem zu fragen, was denn z. B. das
Kaiserthum Oesterreich für die Restaurirung seiner kirchlichen Bauten
gethan habe? Ich finde unter den vielen, denen sie nothwendig wäre, nur
den Stephansdom in Wien und die Marcuskirche zu Venedig, die von einer
helfenden Künstlerhand berührt worden sind. Das nur jenen Leuten zur
Entgegnung, welche die Türkei immer mit Vergleichen richten.

An den äußeren Mauern dieser Grabcapellen ist das Baumaterial nackt
gelassen. Es sind feste gelbe Kalksteine, abwechselnd mit größeren
schwarzen vulcanischen Blöcken zwischen die vorstehenden Kanten rother
Ziegel gemauert. Ab und zu unterbrechen diese Zeichnung sechs- und
achteckige Figuren durch Ziegel geformt, zwischen welche ein mit
Kiesel gemengter Kalk gelegt ist. Oben, unter den vorspringenden
Dächern, schließen bunte verglaste Ziegeltafeln friesartig die Mauern
ab. Der innere Aufbau gefiel mir besonders bei dem Thore, das in den
Gräbergarten führt. Es ist eine viereckige Halle, gekrönt durch einen
Tambour und eine hohe Kuppel; den Tambour tragen große Postamente,
die in die vier Ecken geschoben sind. Sie sind stalaktitartig wie
aus einer Menge kleiner Postamente gebildet. Im Friese sind neben
runden Arabesken dreieckige Körper zu Verzierungen gruppirt, die mir
vorzüglich wirkungsvoll erfunden und leicht für unsere moderne Bauweise
brauchbar erscheinen.

Ein alter Türke machte bei all’ dem meinen Führer. Nicht größer als ein
Bube gewachsen, war ihm auch noch die Haut bis auf die Magerkeit der
Knochen zusammengeschrumpft. Seine Pantomimik, mir alles deutlicher
zu erklären, war ebenso komisch als bereitwillig. Was in unserer
Zeichensprache ungefähr Rasiren bedeuten würde, das sollte bei ihm eine
Frau vorstellen, d. h. die Schleier, mit denen sie sich das Gesicht
unter den Augen verhüllt. So sind die Völker nicht nur durch die
Sprachen der Zungen, auch durch die der Hände und Mienen verschieden.
Die paar Piaster, womit ich ihn schließlich belohnte, nahm er mit so
großem Danke auf, wie mir in Europa nie ein Trinkgeld vergolten worden
ist. Die Genügsamkeit dieses Volkes hat ihr Rührendes und Angenehmes
zugleich.

Fasse ich mit zurück- und überschauendem Blicke das Resultat meiner
heutigen Wanderung durch die kaiserlichen Moscheen Brussa’s als ein
Ganzes zusammen, so finde ich, daß ich zugleich auch einen Cursus
durch die erste Periode der mohammedanischen Kunstgeschichte gemacht
habe. Die Reihenfolge der Entwicklung, die sie repräsentiren, ist
lückenlos und jede Moschee schon durch ihre eigene Eigenthümlichkeit,
auch ohne den zeitbestimmenden Namen ihrer Erbauer, auf eine besondere
Stufe gestellt. Ulu-Djami, die Große, knüpft beinahe unmittelbar an
die ersten Anfänge an, wie sie zu Mekka in dem mit kleinen Kuppeln
gedeckten Säulengange um die Kaaba gereiht stehen. Was dort freier
Hof geblieben, ist hier mit einem Nebeneinander von Kuppeln gedeckt;
ein Rest der ursprünglichen Anlage blieb in dem mittleren offenen
Quadrate erhalten. Die Erfindung dieses Planes kann -- da das erste,
der hallenumfaßte Hof, einmal erfunden war, -- keine große Mühe mehr
gekostet haben. Was dadurch geschaffen ward, ist übrigens auch --
wenigstens für meinen Geschmack -- arm genug geworden. Ich kann an
diesem einförmigen, sinnlosen Nebeneinander gleich großer und gleich
gestalteter Kuppeln keinen Gefallen finden. Daß es nicht unberechtigt
ist diese Verwandtschaft zu behaupten, beweist auch das Aeußere der
Moschee; es gleicht ganz dem jener Höfe. Hohe nackte Wände nach
allen Seiten und auf jeder, nur auf der gegen Osten gekehrten nicht,
eine Eingangsthüre; kein Porticus vor der Hauptfronte, nirgends
etwas Außerordentliches. Die zweite Stufe vertritt die Djami Bajasid
I. mit ausgebildet saracenischen Formen. So ist wenigstens
der Porticus gestaltet mit hohen schmalen Bogen, welche luftig und
aufstrebend wirken trotz der lastenden Schwere des festen Baumaterials,
das heller Marmor ist. Das Innere hat schon die byzantinische
Kuppel aufgenommen; das, was heute so recht eigentlich die Form des
mohammedanischen Kirchenthums ist, die breite und nieder gespannte
Kuppel, hat es vom Christenthume entlehnt. Freier und selbstständiger
ist dann dieses fremde Eigenthum in Jeschil-Djami verwendet worden.
Ein eigener Styl hat sich aus dem fremden herausgebildet. Kuppel ist
neben Kuppel gelegt, aber so, daß jede über einem auch in dem untern
Bau besonders gestalteten Raume liegt, und daher im Eindrucke des
Ganzen gleich ihre eigenthümliche Bedeutung erhält. Uebrigens wurde
hier wieder der prachtvollen Ornamentirung, wie sie der reiche Orient
seit je geliebt, freie Entfaltung gelassen. Auf der letzten Stufe,
schon nach Europa die Hand hinüberreichend, steht die Muradje. In
Venedig oder Florenz würde sie durch nichts Fremdartiges überraschen.
Daß diese Wirkung von dort hierher nach Asien gereicht haben sollte,
wie unsere Kunstgeschichte gewöhnlich annimmt, hat mir nichts
wahrscheinliches. Es müßte entgegen aller sonstigen Bildungsströmung
geschehen sein, die von Asien nach Europa ging.

Den späten Abend verbrachten wir in Burnabaschi -- Quellenhaupt --
einem der beliebtesten Vergnügungsorte des Brussaer Volkes. Er ist
zwischen die Stadt und die Abhänge des Olymp eingeklemmt. Die Quelle
ist so wasserreich, daß sie gleich beim Ursprunge das Bett eines
ansehnlichen Baches füllt. In die Felswände, die darum emporsteigen,
sind Bänke gehauen, die als auszeichnende Ehrenplätze zu gelten
scheinen, denn kaum bemerkt wurden sie uns mit artigen Verbeugungen
eingeräumt. Kaffee und Nargileh fehlten nicht lange und bald fühlten
wir uns auf den steinernen Sitzen, das Wasser unter den Füßen, ganz
heimlich. Nur die Kühle wurde in dem eingeengten Winkel, der auch den
Tag über im Schatten bleibt, allzu fühlbar; draußen, wo sonst die Sonne
waltet, sind grüne Wiesen und große Bäume darauf. Ein Kameel lagerte
dort und bunte Menschengruppen waren darum zerstreut. Ein paar ernste
Perser mit ihren hohen Pelzmützen und in der ganzen Besonderheit
ihrer Nationaltracht gehörten unter die auffälligsten und schönsten
Gestalten, die mir bisher im Oriente begegneten. Die Menschen sind es,
die Burnabaschi seinen Reiz verleihen, denn um der Landschaft willen
würde ich andere Puncte wählen. Gleich der Friedhof, über den wir
dahin ritten, bietet in seiner Umgebung und in seiner Aussicht weit
schöneres. Er liegt hinter der Stadt auf den Abhängen des Olymp’s.
Zwischen ihm und dem Walde ist keine Mauer, die das Leben von dem Tode
abzusperren versuchte; Gräber und Bäume umschlingen sich mit ihren
Wurzeln und oben auf der Decke hat die Wildniß, die unter den mächtigen
Cypressen den Boden überwuchert, an einzelnen Stellen den besondern
Zweck dieses Erdenfleckes schon wieder ausgelöscht. Dieses Zurückgeben
des Grabes in den freien Besitz der Natur ist wie das Zeugniß eines
instinctiven Verstehens des Bundes, der zwischen allem Menschlichen
und Natürlichen besteht. Schon das Begräbniß drückt ihn sichtbar aus,
wie er unsichtbar und gefühlt, wenn auch nur selten begriffen, die
ganze Lebenszeit über besteht. Was der Natur gehört, die Schlacken
unseres Geistes, den irdischen Körper überläßt ihr der Orientale zu
ungebundenem Walten. Danach ist die Ordnung seiner Friedhöfe bestellt,
die wir oft beinahe feindselig gegen jeden Einfluß der Natur richten.

Als wir durch diesen schönen Hain ritten, war er leer. Nur auf einem
Grabe saß ein Türke, ein Mann stark und in den besten Jahren, aber
das Auge müde und alt; er sah und hörte uns nicht. Sein Ohr war wohl
von Erinnerungen betäubt und sein Blick in die weite Ferne verloren.
Ueber die Stadt weg, die unter den Bäumen geborgen zu seinen Füßen
lag, und über das Thal, das schon die Schatten der Nacht deckten,
nach den rothglühenden Felsengipfeln des Katerlü-Gebirges schien er
hinzudringen. Ob er dort noch das letzte Leuchten der Sonne bemerkte,
ob seinem umdüsterten Leben noch so viel Hoffenskraft geblieben war?


    Brussa, den 28. Mai.

Ich beginne den Tag mit einem türkischen Bade, das ich in Kökürdli
nehme. Die Quellen dort sind außerordentlich heiß, so daß man Eier
darinnen siedet, und so schwefelhaltig, daß ich die Wände ihrer
künstlichen und natürlichen Flußbetten mit gelben Krystallen überzogen
und schon nach diesem einen Bade meine Haut und Wäsche schwefelig
riechend fand. Es ist etwas ganz anderes das türkische Bad, als ich es
nach den vielen überschwänglichen Beschreibungen erwartet hatte; System
und Wesen dem russischen Dampfbade sehr ähnlich, von Pracht keine
Spur, aber viel Bequemlichkeit und Reinlichkeit darinnen. Rein ist der
große Saal, wo man sich entkleidet und nach dem Bade auf Betten ruht;
rein sind die marmornen Badehallen und rein ist die Wäsche, die im
Ueberflusse und in köstlicher Feinheit gereicht wird.

Ueberhaupt enthält der Vorwurf der Unreinlichkeit, den man dem Süden
schon an der italienischen Grenze zu machen beginnt, ebenso viel
Uebertriebenes als Unbilliges. Ohne Berücksichtigung der angebornen
Eigenschaften dieser Himmelsstriche haben ihn nordländische
Theoretiker, welche die ganze Welt über den Leisten ihrer Studierstube
zu construiren versuchen, erfunden und so lange drucken lassen, bis
ihn das ganze allem Gedruckten gläubige Europa unter seine Dogmen
aufgenommen hat und nunmehr um so eifriger nachbetet, als der Schmutz,
den man vor der Thüre des fremden Hauses zusammenkehrt, das eigene nur
um so reiner erscheinen läßt. Daß eine Sonne, die in Feld und Wald
die Blüthen und die Früchte schneller reifen und des Menschen Geist
und Körper früher zeugungskräftig macht als die unserige, auf die
Thierwelt nicht weniger wirksam, und daß diese Wirkung nicht blos auf
Kameele, Pferde, Hunde, Krokodile, Schlangen beschränkt bleiben könne,
daß sie das ganze große Geschlecht der kleinen Insecten, Mücken, Flöhe
und leider auch Wanzen in ihrer Entwicklung und Vermehrung ebenso
begünstigen müsse, sind so leichtgreifliche Folgen einer offenkundigen
Ursache, daß sie gerade die europäische Gelehrsamkeit, die alles
zu wissen behauptet, nicht hätte übersehen und damit einigermaßen
erklären sollen, warum der Reisende in Italien und im Oriente mehr vom
Ungeziefer heimgesucht werde als im Norden. Bei uns freilich lassen ihn
Flöhe und Wanzen ungeschoren, weil das viel zu gescheidte Thiere sind,
um sich gleich den Menschen die kostbaren und zu ihrer Existenz so
nothwendigen Extremitäten erfrieren zu lassen; ehe es so schlimm wird,
verbeißen sie sich in einen Commis voyageur und lassen sich bequem
placirt über den Karst oder die Via mala nach dem Süden befördern. Wenn
nun bei dem Baue und bei der Einrichtung des Hauses auch noch wie hier
im Oriente viel Holz, Tapeten und Teppiche verwendet sind, so macht
das diesen Thieren die südliche Existenz noch heimlicher, wärmer und
furchtbarer. Bei solchen Umständen sie ganz ferne zu halten ist eine
völlige Unmöglichkeit, an der ich die Versuche der propersten deutschen
Hausfrauen scheitern sah. Darum aber zu behaupten, daß die Gewohnheiten
der hiesigen Völker unreinlicher seien als die der Nordländer, ist ein
Tadel, der ebenso unverdient trifft, als das Lob, welches die Tugend
einer Frau rühmen will, die nie in Versuchung geführt worden ist. Auf
dem Leibe glaube ich den Orientalen sogar reiner, und gerade der Mann
der unteren Stände wird bei diesem Vergleiche mit seinem nordischen
Genossen am meisten gewinnen. Von den Türken insbesondere kann ich
wie Herodot von den alten Aegyptiern berichten, „daß sie es für höher
achten rein zu sein als wohlanständig“, wenigstens als das, was unseren
Begriffen gewöhnlich als anständig gilt. Denn in Stambul sah ich, wie
an den öffentlichen Brunnen der Moscheen Hamale, Surugi’s und andere
arme Leute dieser Volksclasse ihre Kleider ablegen und sich vom Kopfe
bis zu den Füßen waschen. An dem Brunnen der prächtigen Suleimanije,
der zu beiden Seiten der Djami einige Stufen tief aus den Marmormauern
hervorquillt, fand ich so die sämmtlichen Pipen besetzt.

Bäder laden beinahe in jeder Gasse mit offenen Thüren ein und wo ich
eintrat, traf ich Gäste darinnen. Das Herkommen hat diesen Brauch,
wie auch bei uns so manchen, längst dem freien Willen entzogen;
er unterliegt einem Zwange so gut als ein in gesetzlicher Form
gebotener. Die öffentliche Badehalle aber dient Männern und Frauen
als Zusammenkunftsort, wo man sich sieht, politischen und andern
Tratsch betreibt, wie der Franzose im Salon, der Deutsche in seiner
Ressource und der Italiener im Opernhause. Der Eintrittspreis ist,
da die meisten wohlthätige Stiftungen sind, so wohlfeil, nicht mehr
als einige Para’s, daß sich Jeder dieses Vergnügen gewähren kann, und
das geschieht denn auch wenigstens ein bis zwei Mal in der Woche. In
Oesterreich kannte ich Dienstboten von solcher Wasserscheu, daß sie ein
ganzes Jahr und auch darüber ungebadet blieben.

Und so wie die Menschen habe ich im Durchschnitte auch die
orientalischen Häuser gefunden; Treppen, Vorsäle und Stuben, wenn sie
nur einigermaßen vermöglichen Leuten gehörten, rein und die weißen
Strohmatten, die doch so leicht Spuren festhalten, fleckenlos. Daß sie
darum auch frei von Wanzen, Flöhen und anderem Ungeziefer gewesen, soll
damit nicht behauptet werden; im Gegentheil, ich fand sie überall, weil
sie Unvermeidlichkeiten des Klima’s sind. Aber der äußere Anblick der
Räume, das, was die Bemühungen der Menschen herstellen können, erschien
mir tadellos. Es ist auch im Südländer zu viel Schönheitssinn lebendig,
als daß dieses anders sein könnte. Zum Sclaven der Reinlichkeit, wie
das der Holländer thut, wird er sich freilich nie degradiren; dazu ist
sein Sinn zu maßvoll und auch zu bedacht, daß das, was von Natur aus
Mittel ist, nicht durch das Uebermaß der Fürsorge Zweck des Lebens
werde. Im großen Ganzen fand ich den Süden sauberer und netter als den
Norden. Wollen dem andere Reisende ihre unangenehmen Erfahrungen, die
sie in Italien oder im Oriente erduldet haben, entgegen halten, so kann
auch meine Erinnerung mit einigen nördlichen Beispielen dienen, die
nicht weniger Schmutziges zu erzählen haben. So ist Prag, gewiß eine
nordische Stadt, in seinen Gassen und selbst in den Treppenhäusern
seiner Paläste das unsauberste, was ich auf meinen Reisen gesehen.

Der Gouverneur von Brussa sandte gestern einen seiner Beamten zu
unserer Begrüßung in den Gasthof. Wir erwiderten ihm heute die
Artigkeit durch unseren Besuch. Seit Achmed Veffick Effendi als
kaiserlicher Commissär hier eingezogen, will die Stellung des Pascha’s
nicht viel mehr als die eines ausführenden Bureauchefs bedeuten. Alle
organisatorischen und schaffenden Maßregeln werden von dem kaiserlichen
Commissär angeordnet, dessen Befugnisse noch über ihre nominellen
Grenzen geachtet werden, weil er als einer der beliebtesten Günstlinge
des Sultans bekannt ist. Er sollte wie die anderen Commissäre,
welche nach den Provinzen geschickt wurden, zusehen, in wiefern die
kaiserlichen Befehle vollzogen worden seien, und die Vollziehung der
dermaligen überwachen. Diesen Auftrag übt er im weitesten Maße. Was
seit dem Erdbeben vom Jahre 1855 darnieder lag, und allen kaiserlichen
Erlässen zum Trotze liegen blieb, hat er in wenigen Monaten wieder
aufgerichtet, oder doch so in Angriff genommen, daß dessen Herstellung
gesichert erscheint. Dabei ist sein Eifer dem Nützlichen wie dem
Schönen in gleicher Weise zugewendet. Was er für die Moscheen und
Gräber thut, habe ich gestern gesehen; heute sah ich, wie er die engen
Gassen Brussa’s erweitert, wie er ganze Stadttheile, die in Trümmer
gesunken waren, aufbaut, mit geraden Straßen, mit Canälen durchzieht
und wie er größere Plätze dazwischen legt, damit dem Verkehre und der
frischen Luft mehr Raum zu ihrer Ausbreitung sei. Nach Gemleck baut er
eine Straße, die so gerade, so praktisch und leider auch so häßlich
wird, als nur irgend eine unserer Chausseen. Bis auf eine kleine in
der Mitte liegende Strecke ist sie fertig. Von Brussa nach dem Hafen
von Gemleck wird man dann die Waaren nicht mehr auf Kameelen und
Pferden, sondern bequemer und rascher auf Wagen transportiren. Für die
Beförderung der Personen bildet sich ein eigener Omnibusdienst, den
auch Achmed Veffick Effendi unter seinen besondern Schutz genommen.
So ist er überall helfend und widerlegt das Vorurtheil, welches die
türkische Verwaltung zu jedem energischen und reformatorischen Handeln
unbedingt unfähig schildert. In Europa löst vielleicht nur der Präfect
von Paris, Herr Haußmann, seine Aufgaben noch schneller. Von ihm hat
sich Achmed Veffick Effendi gewiß manches angeeignet, vielleicht auch
zu viel von jener Rücksichtslosigkeit, welche, weil ihr ein Einfall
nutzbringend erscheint, ohne jede Schonung des Privateigenthums
dessen Ausführung betreibt. Achmed Veffick Effendi ist keiner jener
unverständigen Reformatoren, die in der Bewunderung für das Fremde die
eigenen Eigenthümlichkeiten vergessen und die fremden Schößlinge ohne
jede weitere Vorbereitung auf die heimischen Stämme pfropfen wollen;
dazu ist er zu strenger Mohammedaner. Er hält fest am Koran und findet
nur das zulässig, was mit den Vorschriften seines Glaubens verträglich
ist; worauf das Reich, das Volk, die Religion und der Sultan von
Alters her stehen, der Boden ihres Wachsthums, muß nach seiner Ansicht
vor allem Andern gesichert bleiben. Aber er hat im Auslande gelernt,
daß für die Türkei, seitdem sie in den Bund der europäischen Staaten
eingetreten, ein schnelleres Weiterschreiten unvermeidlich geworden
ist, weil alle Anderen um sie herum in Bewegung sind. Er hat aber
auch von den fremden Fortschritten genug gesehen, um sich zu sputen,
seinem Vaterlande, ehe es blinde Nachahmungssucht in die fremden Wege
lenket, die eigenen nach den selbstgewählten Zielpunkten zu bereiten.
Manches mag ihm dazu unbedingt übertragbar, anders nur in so ferne
beachtenswerth erschienen sein, als es lehrt, wie mannigfaltig die
Mittel sein können, um die Bedürfnisse der Völker zu befriedigen. Seine
Grundsätze und Pläne, welche er sich so gebildet hat, scheinen mir gut
gemeint, ihre Ausführung aber oft zu überstürzt, zu eigenwillig, zu
rücksichtslos zu sein. Wenn ihm jemand mit herkömmlicher Phrase sein
Haus zur Verfügung stellt und sagt: „Es ist Dein und des Padischah’s,
schalte und walte darinnen nach Belieben!“ -- so dankt er mit dem
Befehle, die Fronte des Hauses um einige Schuhe zu verkürzen und
zurückzuschieben, damit das nächste Eck nicht so scharf und die Gasse
breiter sei. Diese Fälle und ähnliche erzählt man hier viel. Das
streift an die Art unserer Bureaukratie, die auch nur die Rücksicht
ihres eigenen Willens kennt. In der Türkei, wo die persönliche Freiheit
mehr als eine bloße Phrase, wo sie eine Gewohnheit ist, erträgt sich
das schwerer als irgendwo anders. Daher mag es kommen, daß Achmed
Veffick Effendi mit den besten Intentionen hier so wenige Lobredner
seiner Thaten hat. Die Form, die Weise, in der er sie vollzieht, der
Ton, der die Musik macht, beeinträchtigen sie; vielleicht schleift
das Leben, die Erfahrung diese Schärfe an ihm stumpf. Er ist noch ein
junger Mann. Uebrigens hat er sich so auch in seinem Vorleben gezeigt
und viel geschadet. Napoleon, dem er als türkischer Botschafter
zugesandt worden war, vertrug ihn deshalb nicht und forderte seine
Abberufung, und als Minister, wozu ihn Abdul Aziz bald nach seiner
Thronbesteigung erhob, dauerte darum sein Amt nicht länger. Man schob
ihn aus dem Wege hierher nach Brussa; daß er wieder in das Ministerium
treten, sogar das Großvezierat übernehmen werde, ist eine Möglichkeit,
welche die europäischen Diplomaten voraussehen und sehr fürchten.
Für Europa könnte er Brände entzünden, insbesondere weil er sich zu
scharf gegen Rußland kehren, wie er überhaupt den Einfluß der fremden
Gesandtschaften zu beschränken trachten würde.

Nicht nur die Machtbefugniß, auch der Verwaltungsbezirk dieses
außerordentlichen Commissärs ist ein viel weiterer, als der des
Pascha’s, der auf das eine Vilayet von Khodawendkjar beschränkt ist.
Uebrigens ist auch dieses, das in acht Livas zerfällt, immer noch
größer, als manches Königreich der antiken Weltordnung, denn es umfaßt
zugleich das bithinische, misische und einen Theil des phrygischen
Landes.

Brussa, das einmal die Hauptstadt des ganzen türkischen Reiches war,
ist es von dieser Statthalterschaft geblieben. Betrachtet man die
Stadt von oben und schätzt sie nach dem Maßstabe, den sich das Auge an
dem Umfange unserer Städte gebildet, so wird man ihr eine Bevölkerung
von weit über 100,000 Menschen zusprechen; verläßliche Mittheilungen
geben mir nur 80,000 Einwohner an. Dieses eigenthümliche Verhältniß
stellt sich bei allen orientalischen Städten so, weil nicht wie bei uns
ein paar Dutzend Miethsleute zusammen in einem Hause wohnen, sondern
jeder der Bewohner seiner eigenen Mauern ist und dabei gewöhnlich
noch einen Fleck Gartenland besitzt. In den meisten Häusern leben
daher nicht mehr als zwei bis fünf Personen; denn der Glaube, daß
jeder Türke ein ganzes Balletcorps luftzufächelnder Sclavinnen um
sich versammelt halte, ist eine von den vielen Fabeln, die man dem
leichtgläubigen Europa aufgebunden hat. Um nur eine Sclavin im Hause
halten zu können, muß der Mann wohlhabend sein; den Meisten ist eben
wie bei uns ihr einziges Weib zugleich Gattin, Köchin, Dienerin und,
was nicht das seltenste ist, Herrin. Denn auch das ist eine Fabel,
was wir von der untergeordneten, leidenden Stellung der türkischen
Frau glauben. In der ist sie so wenig gebunden, als es die Frau der
antiken Welt war, und als dieses überhaupt bei irgend einer Frau
möglich ist. Wo ist das Glied des weiblichen Geschlechtes, das sich
auf die Dauer und in den Hauptsachen das Regiment im Hause aus der
Hand nehmen ließe? und nun gar erst ein ganzes Volk von Weibern, das
sich solcher Herrschaft unterwürfe! Der Gedanke ist so naturwidrig,
und jeder sieht ihn so oft in seiner nächsten Nähe widerlegt, daß man
wahrhaftig nicht erst hierher zu reisen braucht, um Zweifel gegen
jene trübgefärbten Schilderungen der türkischen Frauenschicksale zu
finden. Es sind da einige Capitel der gegenwärtigen wie der vergangenen
Geschichte gefälscht worden, weil man wie so oft Aeußerlichkeiten für
das Wesentliche, Symptome für die Sache selbst nahm. Weil die Frauen
nicht anders als verschleiert außer dem Hause erscheinen dürfen, weil
sie nicht Männer zum Besuche empfangen, nicht Diners, Soiréen, Bälle
mit jungen und alten Herren mitmachen, überhaupt nicht mehr mit dem
anderen als mit dem eigenen Geschlechte verkehren dürfen, hat man
sie geknechtet, ihrer Menschenrechte beraubt und das Land, wo solche
Sclaverei üblich, zumeist darum einen Schandflecken der Menschheit
genannt. Harems und Nonnenklöster werden als die verschwisterten
Feinde des Fortschrittes ausgerufen, und selbst der alten griechischen
Republik das Prädicat der Freiheit bestritten, weil sie ihre Frauen in
gleicher Knechtschaft abgesperrt hatte. So sehr ist die europäische
Mildherzigkeit bemüht, ihre alleinseligmachenden Begriffe in die
Weibergemächer aller Nationen zu übertragen! Daß das unerreichbar und,
wenn es je erreicht würde, nur zum Uebel wäre, wird nicht geglaubt,
weil sich der Eifer, der sich einmal tugendhaft proclamirt hat, auch
für unfehlbar hält.

So wie die Türkin ist, hat sie in der gesellschaftlichen Ordnung den
Platz inne, der für sie der richtige ist: mehr gebührt ihr nicht,
und mehr wird das Weib im Oriente nie werden, wie seine dortige
jahrtausendalte Geschichte beweist. Geknechtet, unglücklich ist sie
darum nicht, ja ihre Rechte gehen in manchem weiter als die der
europäischen Frau; jedenfalls thun das die Rücksichten, welche der
Mann ihr erweist. Zu fragen, wenn er sie nicht zu Hause findet, wo
sie hingegangen, oder in das Harem einzutreten, wenn er Schuhe vor
der Thüre sieht und also Gäste darinnen weiß, wäre eine Beleidigung
so außer aller Art, daß sie auch den Thäter entehren würde. Daß der
Schleier zwischen die Frau und die fremde Männerwelt gehängt, ihr
überhaupt der Verkehr mit dieser untersagt ist, das muß Jeder, der
in dem Lande selbst gelebt hat, als eine nothwendige Vorsicht gegen
die sinnlichere Entzündbarkeit des hiesigen Klima’s erkennen. Ohne
nöthigenden Grund würde auch ein für beide Geschlechter so lästiger
Zwang gewiß nicht durch Jahrtausende ertragen worden sein. Daß dieser
Grund nicht die tyrannische Willkür der Männer und nicht der unwissende
Sclavensinn der Frauen, auch nicht irgend eine Caprice der Religion,
sondern eben eine Bedingung des anderen Himmelsstriches sei, das hätten
selbst in ihren Studirstuben unsere Gelehrten entdecken können, wenn
sie in den alten Büchern verzeichnet fanden, wie schon die Königin
Vasthi die Trennung von ihrem Gatten, dem Könige Ahasveros, einer
Verletzung der strengen Haremssitte, welche er begehrt hatte, vorzog,
und wie dann Jahrtausende später im byzantinischen Constantinopel, wo
das Christenthum seine eitelsten Pfauenräder schlug, das Eunuchenwesen
dieselben Wächterdienste thun mußte, die es 500 Jahre vor Chr. am
Hofe des persischen Königs Cambyses gethan hatte. Besondere Klöster
bestanden in Aegypten, um gewerbsmäßig für die christliche Kaiserstadt
die Knaben zu diesem Dienste zu entstellen und zu erziehen. Von ihr
erst hat, als die Sultane griechische Prinzessinen heimführten, das
mohammedanische Türkenvolk diese christliche Hofmode unter seine
Gebräuche aufgenommen.

Was so zu verschiedenen Zeiten aber immer auf demselben Flecke gleich
gestaltet erscheint, das kann nicht blos in einem Irrthume, das muß in
einem berechtigteren Grunde seine Wurzeln haben. Und angemessen dieser
natürlichen Begründung ist heute wieder das türkische Haus constituirt,
wie es ehemals das babylonische und das persische und das griechische
war. Das ist nicht so, wie man es sich in Europa vorstellt; das ist
entsprechend den Verhältnissen und Bedürfnissen des so ganz anders
gearteten Landes und Volkes, von denen die richtige Vorstellung uns
erst an Ort und Stelle wird.

In Brussa übrigens fiel mir auf, daß die Frauen das Verhüllen vor
dem fremden Manne noch weit strenger als in der Hauptstadt nehmen.
Ich begegnete so häßlichen und alten Weibern, daß sich auch die
selbstgefälligste Einbildung nicht mehr verführerisch glauben konnte,
und doch setzten sie die Wasserkübel, die sie auf dem Kopfe trugen,
nieder, um sich vor dem Fremden, den sie in der Abgelegenheit ihrer
Gasse nicht erwartet hatten, mit einem Zipfel ihres Mantels, da
ihnen der Schleier fehlte, zu verhüllen oder den Kopf in eine Ecke
zu verstecken, weil sie zu schwach waren um davon zu laufen. Eine
jämmerliche Alte, deren Lumpen nicht so weit reichten, um ihr auch das
Antlitz zu verbergen, rührte mich in ihrer Verzweiflung, womit sie die
beiden Arme davor faltete, so daß ich Kehrtum meinen Weg zurück ihr
aus dem ihrigen ging. Ein Gebrauch, der sich so heftig ausspricht,
ist mehr als die Affectation einer Modethorheit. Was die Erziehung
angewöhnt hat, muß endlich ein Glaubenssatz des Gefühles geworden sein.
Unnatürlich kann ich dabei nur den Versuch finden, es zu verletzen oder
zu beleidigen.


    Brussa, den 29. Mai.

Die 80.000 Einwohner Brussa’s sind zum weitaus größten Theile Türken;
Griechen nur ungefähr 6000, Armenier 11.000 und Juden 3000. Die übrig
bleibende Zahl der 60.000 beweist, daß es doch auch arbeitswillige
und fähige Türken geben müsse, denn die große Menge der Güter,
welche Brussa jährlich producirt und die seinen Bezirk zu einem der
ergiebigsten des türkischen Reiches macht, kann nicht ganz ohne die
Mithilfe jener überwiegenden Volkszahl gewonnen werden. Mannigfach
sind die Producte, die es durch gewerbliche und landwirthschaftliche
Thätigkeit hervorbringt, und aus den Häfen von Gemleck und Mudania
ausführt. Auf dem Felde vor allem der Maulbeerbaum, um das Blatt und
die Frucht zu verwerthen, 17.374 Wiener Joche sollen so nutzbar gemacht
sein; die Rebe, die Olive, Kastanien; Nuß- und andere Obstbäume;
Gemüse und in neuester Zeit auch die Baumwolle. Im Hause beschäftigt
die Seidenproduction die meisten Hände, um die Raupen zu erziehen,
die Cocons abzuhaspeln, die Rohseide zu zwirnen und zu verweben. Doch
sind auch die Kräfte, welche in der Baumwollenproduction zur weiteren
Verarbeitung des Rohstoffes thätig sind, keine geringen. Im vorigen
Jahre führte es von all’ diesen Producten einen Werth von 108 Millionen
Piaster aus, dem nur ein Einfuhrswerth europäischer Waaren von 38 Mill.
Piaster gegenüber stand; also eine Handelsbilanz, die den herkömmlichen
Begriffen unserer Nationalökonomie als eine außerordentliche
Bereicherung des Landes erscheinen muß. Mir, dem auch ein Plus der
Einfuhr nicht schädlich erscheint, weil ich glaube, daß es dem Lande
nur Güter zuführe, die ihm -- weil gekauft -- nothwendiger sind als
jene, welche es dafür bezahlt, mir erhalten diese Zahlen erst Bedeutung
in einer Vergleichung mit denen der vorausgegangenen Jahre. Noch 1861
war die Ausfuhr nicht mehr als 49 Mill. Piaster und die Einfuhr 20
Mill. Piaster werth. In beiden Zweigen des Handels hat sich also der
Verkehr innerhalb zweier Jahre geradezu verdoppelt. Das beweist eine
Entwicklungsfähigkeit, die schneller und kräftiger als das Wachsthum
irgend einer andern Volkswirthschaft, beinahe so, als sei auch sie von
der wärmeren Sonne gezeitigt, fortschreitet.

Was Brussa’s Gewerbe produciren, besah ich heute Morgens in seinen
Bazaren, und wie es arbeitet Nachmittags in seinen Fabriken.
Der Besestan, denn so und nicht Bazar heißen eigentlich diese
Verkaufshallen, muß ehemals um seiner selbst willen sehenswerth gewesen
sein. Die wenigen Thorwege, die stehen geblieben sind, besonders
ein ungewöhnlich hoher und breiter Spitzbogen, erzählen von der
eingestürzten Herrlichkeit, denn auch hier hat das Erdbeben gewüthet.
Wölbungen und Kuppeln sind jetzt aus Holz ersetzt; das sieht ärmlich
und dunkel aus, weil durch die sparsamen Fenster nur dürftiges Licht
einfällt. Zu beiden Seiten der langen bedeckten Gassen sitzen die
Verkäufer mit untergeschlagenen Beinen auf niederen Ladentischen, ihre
Waaren auf Gestellen an den Wänden hinter sich. In den Vierecken,
welche durch die Kreuzungen der Gassen gebildet werden, sind Hane, d.
h. Höfe von festen steinernen Gebäuden umschlossen, in welchen die
Karavanen ihre Waaren ablagern, fremde Kaufleute wohnen und unten
in den Laubgängen die einheimischen ihre Schreib- und Wechselstuben
und ihre Magazine haben. Man führte mich in mehrere; in allen waren
Armenier die Herren, die hier den Handel beinahe ganz in Händen haben.
Man empfing uns artig, Kaffee und Sorbet wurden gleich gereicht, aber
jedes Geschäft machte sich auf das langwierigste. Der Fremde wird zu
übervortheilen gesucht; der Preis auf das ungebührlichste überfordert
und dann schließlich, wenn man weggegangen ohne auch nur ein Stück
zu kaufen, die Waare um die Hälfte und auch noch weniger in die
nächste Bude oder in den Gasthof nachgetragen. Es ist das noch eine
der primitivsten Handelsformen; für den Käufer ebenso lästig, als für
den Verkäufer gewiß in vielen Fällen, wo er sich im Eifer unter den
Preis des wahren Werthes hinabdrücken läßt, nachtheilig, und für beide
verschwenderisch durch den Zeitverlust.

Unter dem, was man uns zeigte, gefielen mir Gebetsteppiche aus
Kameelhaaren gewoben, mit Arabesken und Schriftzügen in Seide, Gold
und Silber bestickt. Als Vorhänge vor Thüren und Fenster und als
Divanüberwürfe müßten sie sich, wenn nur erst einmal eingeführt, in
der das Fremdartige so sehr liebenden eleganten Welt unserer Salons
schnell einen Markt gewinnen. Ich sah sie heute zum ersten Male;
der Orientale braucht sie für seine Reisen. Er breitet sie über den
nackten Boden um darauf zu den gebotenen Stunden, wo es auch sei, seine
Gebetsübungen zu verrichten, und Nachts, wenn ihm nichts besseres wird,
zu schlafen. Die Preise stiegen mit dem Werthe der Stickerei von 100
bis zu 500 Piastern. Halbseidenstoffe, schwere für Möbel-Ueberzüge und
Tapeten, leichte für Frauenkleider, darunter jene wunderbar feinen,
welche wohl die koischen Stoffe der Alten vorstellten und die heute
unter dem Namen Brussa-Gaze zu Frauenhemden verwendet werden, waren
nur in geringen Mengen vorhanden. Die Dessins sind beinahe bei allen
Gattungen Streife; bei den Möbelstoffen meistens rothe und weiße oder
rothe und perlgraue, auch braune, nicht schöner als man sie in Europa
fabricirt, wenn schon abgestumpfter in den Farben. Der Preis für den
Pick, der etwas über 2 Wiener Fuße hält, ist 12 bis 22 und 24 Piaster.
Die Kleiderstoffe gefielen mir besonders in blaßgelber Grundfarbe mit
leicht lilafarbigen schmalen Streifen, kleine Blumen darinnen, der Pick
15 bis 17 Piaster. Diese Stoffe sind weit geschmackvoller als irgend
etwas, das Lyoner Fabriken unseren Weibern auf den Leib hängen und
auch ihre Dauerhaftigkeit möchte ich höher schätzen. Ebenso sind die
gazeartigen Hemdstoffe von einer Feinheit, Weichheit, Durchsichtigkeit
bei aller Dichtigkeit, wie unsere Maschinen das nie produciren werden.
Ohne sie zu vergleichen weiß ich diesen letzteren an Originalität des
Aussehens nur die bekannten ~Crêpes de Chine~ an die Seite zu
setzen. Beide sind gewiß Gewebe von einer uralten vieltausendjährigen
Erfindung, die unverändert immer fortgetragen werden. Und dasselbe ist
bei den Baumwollstoffen der Fall, den eigenthümlichen wie behaarten
Handtüchern, Badetüchern und Bademänteln, mit denen sich die Haut so
schnell und so weich abtrocknen läßt. Selbst hierher an die Quelle
liefert England Nachahmungen davon. Auf den europäischen Markt hat es
damit diesen türkischen Geschmack eigentlich erst eingeführt; aber
die englischen Tücher werden steif und spröde schon nach der ersten
Wäsche, während die türkischen dadurch nur weicher und schmiegsamer
werden.

Zu den Fabriken machte Nachmittags ein Franzose, Monsieur Dufour,
meinen Führer. Ich möchte den Mann, der sich mir äußerst gefällig
erweist, den Mäcenas der Seidenwürmer nennen. Ohne jeden Zwang als
den seiner Liebhaberei, hat er diesen Thieren sein ganzes Leben
gewidmet. Jahre und jetzt noch immer jährlich einige Monate bringt er
hier zu, um in dem Versuchshofe, den er ihnen gebaut und eingerichtet
hat, ihre Charakter- und Geschmacks-Eigenthümlichkeiten zu studiren
und zu pflegen. Zweck und Vortheil sind ihm dabei nur die Vermehrung
seiner Kenntnisse, und in zweiter Instanz die Belehrung seiner
südfranzösischen Landsleute. Das letztere hat er durch mehrere
Brochüren, die gedruckt erschienen sind, versucht, und wirklich schon
so viel erreicht, daß in den Gegenden des südlichen Frankreichs,
wo die Seidenproduction zumeist betrieben wird, die Brussaer
Züchtungsweise des Maulbeerbaumes und der Seidenraupe Berücksichtigung
und Nachahmung auch in den untern Volksklassen gefunden hat. Die
gelehrten Gesellschaften und Akademien haben beinahe alle nach langen
Zweifeln und Discussionen seine Rathschläge acceptirt und ihn zu ihrem
Mitgliede ernannt. Die letzte seiner Schriften hat der Kaiser Napoleon
mit der goldenen Medaille ausgezeichnet; sie heißt: ~Appendice aux
observations pratiques faites en Orient sur la maladie actuelle des
vers à soie pendant les années 1857, 1858 et 1859 par Mr. B. Dufour,
Paris~, und verdiente sehr auch von unseren österreichischen
Seidenzüchtern gelesen zu werden.

Der Weg nach dem Stadttheile, wo die meisten Seidenfabriken stehen,
ist von unserem Gasthofe ziemlich derselbe, wie der auf das Schloß.
Hinter diesem, im Westen der Stadt, sind sie in einer Schlucht des
Olympes zusammengedrängt. Das Thal wie die Gebäude erinnerten mich
an einige Industrieorte des Schwarzwaldes, nur daß hier die Farben
lebhaft und bunt sind, während dort Alles einförmiges Dunkel ist. Aber
die Werkstätten hängen wie in Tryberg an den Thalwänden übereinander,
und sind drei, vier Stockwerke hoch aus bloßen Holz- und Riegelmauern
aufgeführt.

Wir besuchten zuerst die Seidenmühle des Herrn Marschall, eines der
größeren Etablissements. Der Eigenthümer, ein Franzose, erschien
alsbald, um auf die artigste Weise selbst den ganzen Proceß seines
Gewerbes zu erklären. Er haspelt die Seide von den Cocons ab und
richtet sie zu, um nach Marseille für die französische Weberei
ausgeführt zu werden. Dampf und Maschinen helfen ihm dabei wie nur
in irgend einer unserer Fabriken. Als Arbeiter beschäftigt er nur
Frauen und, was mich nicht wenig überraschte, meistens türkische.
Sie arbeiteten ohne Schleier, verhüllten sich aber hastig, als sie
uns Männer gewahr wurden. Ich ließ ihnen dazu einige Minuten, die
ich zögernd am Eingange verweilte; die armen Leute, denen es gewiß
schon Opfer genug ist, entgegen ihrer bisherigen Gewohnheit in
fremden Häusern zu dienen, sollten nicht zu einer weiteren Verletzung
ihres Gefühles gedrängt werden. Einige andere Herren mutheten dem
Eigenthümer zu, seine Befehlshabermacht und die Abhängigkeit der armen
Arbeiterinnen zu gebrauchen, um ihren lüsternen Augen den Anblick
der enthüllten Schönheiten zu verschaffen. Das war wohl, damit ich
die Art der europäischen Civilisation nicht vergesse. Herr Marschall
that, als habe er in dem Gespräche mit mir seine Ohren ganz an meine
Reden verloren. Er lobte mir den Fleiß und die Brauchbarkeit dieser
türkischen Arbeiterinnen sehr. Die meisten sind jung, doch auch solche
von 40 bis 50 Jahren sind dabei. Der erste Einfall, Türkinnen in den
Fabriken zu verwenden, kam ihm, als die Armenierinnen und Griechinnen
mit dem Entstehen neuer Filaturen ihre Lohnforderungen übertrieben.
Anfangs habe er damit viele Mühe gehabt. Es war, was er vorschlug,
ein solcher Einbruch in die alte Gewohnheit, welche die Frau in der
Gemeinschaft mit ihren Glaubensgenossen und in den Geschäften des
eigenen Hauswesens begrenzt, daß auch die emsigste Ueberredung nicht,
erst das Beispiel dem Vorschlage Proselyten gewinnen konnte; das lockte
denn auch mehr und mehrere, die ihre Nachbarinnen täglich Gelder
heimbringen sahen, wie sie ihnen nur für die ganze Woche zur Verfügung
standen. Waren die ersten langsam und spärlich gekommen, so bieten
sich heute mehr an als zu brauchen sind. Auch ihre Arbeit war anfangs
keine gute; sie stellten sich ungeschickt und selbst unwillig an.
Aber die Geduld der französischen Lehrmeisterinnen und Aufseherinnen
überwand dieses Widerstreben und jetzt, wo jede Anfängerin so viele
geübte Genossinnen findet, bringt sie wie anderwärts den Ehrgeiz mit,
es ihren Vorgängerinnen gleich zu thun. Die Arbeit ist fleißig und
ordentlich geworden, und ihr Product nennt Herr Marschall reinlich
und gleichmäßig, und so war wirklich die Seide, die er uns in seinen
Vorrathskammern zeigte. Auch die Arbeitslocale fand ich sauber und die
Luft darin bis auf den unvermeidlichen Leimgeruch gut. Der Tagelohn
steht heute, wie sie finden, nieder, 4 bis 5 Piaster, steigt aber
bis zu 10 Piaster. Des Vergleiches halber stelle ich daneben einige
Lohnsätze der Baseler Seidenfabriken, die in Europa als außerordentlich
niedrige gelten: Einer Weberin wird dort 2 Frcs. bis 2 Frcs. 30
Cents. für den Tag, einer Zettlerin 7 bis 8 Frcs. für die Woche,
untergeordnetern Arbeitern auch nur 4½ bis 5 Frcs. wöchentlich
gegeben.

Die allgemeinen Folgen dieser Verwendung türkischer Weiber im
Fabriksbetriebe schildern mir Herr Dufour und Herr Marschall als sehr
wohlthätige und weitreichende. Sie haben zugleich die wirthschaftliche
Lage und die sociale Stellung der Frau gehoben; das Weib, das sonst
nur durch seine Besorgung des Hauswesens galt, gilt jetzt der Familie
auch durch den selbständigen und eigenthümlichen Erwerb, den es von
außen in die gemeinschaftliche Casse beisteuert. Das erste Verdienst
konnte der Mann übersehen, weil der Egoismus der Gewohnheit überhaupt
geneigt ist, die Werthschätzung für die täglich wiederkehrenden Dienste
zu verlieren; das zweite aber kam ihm so unerwartet, so ganz außer der
pflichtigen Ordnung, und kommt ihm jeden Tag in so klingender Gestalt
wieder, daß er dafür dem Weibe eine erkenntlichere Dankbarkeit zollen
muß. Bis jetzt sind diese Vortheile ohne die Nachtheile geblieben,
welche wir sonst beinahe überall der Etablirung von Fabriken folgen
sehen, so daß man sich bei uns schon den Trost der Unvermeidlichkeit
dafür zurecht gelegt hat. Noch ist die türkische Arbeiterfamilie
nicht auseinander gerissen, nicht haus- und besitzlos und verloren
in den Interessen eines hungernden Proletarier-Haufens, und die
Frau kehrt noch nach den Arbeitsstunden in die Abgeschlossenheit
und Sittenstrenge des Harems statt in die Ausgelassenheit und
Lüderlichkeit des Branntweinhauses zurück. In einigen Gegenden der
Schweizer und Schwarzwälder Berge habe ich das Fabriksleben ähnlich
gestaltet gesehen. Erhält sich das, so haben Herr Marschall und seine
Gewerbsgenossen mehr für die Befestigung und Weiterbildung der Türkei
gethan, als alle europäischen Congresse und Journale, die endlich
doch nur einem noch ungewohnten Magen die überfeinerten Speisen
ihres Tisches zumutheten. Auf diesen Wegen, auf denen der Arbeit
und des Erwerbes, liegt die Umgestaltung des türkischen Volkes, wo
sie überhaupt nothwendig ist; und es ist falsch zu behaupten, wie
so Vieles, das sich Europa einbildet, daß der Koran diesen Zielen
entgegenstehe. Der Koran verbietet so wenig die Arbeit und auch die
industrielle nicht, daß er vielmehr vorschreibt, Jeder solle ein
Gewerbe treiben und Glied einer Zunft sein. Und haben endlich nicht
schon einmal die Araber durch den glänzendsten Betrieb der Gewerbe,
Künste und Wissenschaften bewiesen, daß der Mohammedanismus kein
Hinderniß zur Verwerthung der menschlichen Fähigkeiten sei? Was Europa
von der Grundlage seiner heutigen Bildung nicht den Griechen und Römern
zu danken hat, das schuldet es den Mohammedanern des Mittelalters. Da
also der Glaube keine Schranke und das Vermögen im Volke vorhanden ist,
warum soll ich zweifeln, daß die Türkei im Stande sein werde, auch
gesteigertere Bedürfnisse als ihre heutigen zu befriedigen. Ob sie
dann glücklicher, wenn sie ihr Leben an hundert neue Nothwendigkeiten
festgebunden haben wird, ist eine andere Frage. Leider aber sehe ich
ihr die Wahl nicht mehr frei, weil sie mit eingetreten ist in das
Regiment der Civilisationsstaaten. Ganz dieselben Uniformen braucht
sie nicht anzuziehen, aber die Ruhelosigkeit, das rücksichtslose
Weiterdrängen muß jetzt auch ihre Gangart werden. Es geht den Staaten
wie dem Einzelnen. Wer in eine jener modernen Gesellschaftsverbindungen
eintritt, sei’s durch freien Entschluß des Willens oder durch die
unvermeidliche Fügung der Geburt, kann diesen Zuwachs an Hilfe nur
durch Aufopferung eines Theiles seiner Selbständigkeit erkaufen. Darum
auch in unserer Zeit der Vereine so selten nur mehr originale und
sonderbar angelegte Menschen. Das sind die Triumphe der freiheitlichen
Gleichheit, die mit despotischem Riesenbügeleisen alle Falten nieder
und glatt legt. Duldung, die sonst so viele Eigenthümlichkeiten
aufwachsen ließ, gilt nur noch wie eines jener verlorenen Worte aus
der Sprache des Nibelungenliedes. Es weiß wohl Jeder, daß es zur
Geschichte gehört, aber verstanden wird es nur von den Wenigen, deren
Blick rückwärts gerichtet ist auf die Vergangenheit. In den Epochen
des Entstehens, des Werdens und Aufblühens ist das anders, da gilt
der Einzelne und die Verschiedenheiten vertragen sich. Die Zeit der
Civilisation, der Verbürgerlichung, ist die des Verfalles und ihr
würdiges Staatskleid die constitutionelle Regierungsform, dieser
Nothbehelf der Schwäche, wo die Quantität den Mangel der Qualität
ersetzen soll. Nicht der jetzige Sultan und nicht Abdul Medschid,
auch Mahmud nicht, der nur ein etwas voreiliges Werkzeug in der Hand
des hereingebrochenen Verhängnisses war, hat diese Wahl für das Reich
so entschieden; das geschah, als der Türkei die Kraft verloren ging,
dem gesammten Europa die Stirne zu bieten. „Gegen mich oder mit
mir!“ das ist die Losung der heutigen Civilisation, wie es die jeder
übermächtigen, der persischen und der römischen gewesen war. Ein „ohne
mich und außer mir!“ wird nicht geduldet. Und wirklich scheint es eines
der Gesetze zu sein, welche von Anfang an die Ordnung der Welt bestimmt
haben, daß Keiner, so lange er in der Gesellschaft steht, aus der Art
seiner Mitlebenden heraustreten dürfe; die Sonderlinge, welche ihrer
Zeit vorausgehen oder hinter ihr zurückbleiben wollten, wurden immer
gekreuzigt und verbannt. Daher dann auch in den Tagen des äußersten
Verfalles das Sehnen der Vielen, die sich edler, aber zu schwach zum
Kampfe fühlen, nach Ruhe und Einsamkeit. Der enge Gipfel einer Säule
wie die endlose Fläche einer Wüste können zum Paradiese werden, wenn
die übrige Welt in eine Hölle der Laster und Verkehrtheit verwandelt
ist.

Die nächste Seidenmühle, wohin man mich führte, war die des Herrn
Prote. Der Arbeitssaal ist noch größer und besser eingerichtet als
der der Marschall’schen Fabrik. Was irgendwie emancipirbar ist von
der menschlichen Hand, besorgt auch hier der Dampf, und von dem
übrigen ein gut Theil die Arbeit türkischer Frauen. Den Eigenthümer,
der in Geschäftsangelegenheiten in Frankreich abwesend ist, ersetzte
seine Gemahlin. Nachdem wir alle Räume der Fabrik besichtigt hatten,
nöthigte sie uns in ihr Wohnhaus einzutreten. Die Frau, die dann
für einige Minuten verschwand, um ihre Handwerkskleider gegen eine
schlichte aber gut gewählte Toilette umzutauschen, war vor ungefähr
16 Jahren, als sie Herr Dufour hierher verpflanzte, noch eine simple
Seidenspinnerin gewesen. Der Vortheil der Vorhand, denn sie und ihr
Gatte waren unter den ersten französischen Ansiedlern, ausdauernder
Fleiß, dankbare Anhänglichkeit an ihren Wohlthäter Herrn Dufour,
und der klare Verstand, an dem ich mich lernend ergötzte, haben ihr
und ihrem Manne das gegeben, was sie mir heute mit der behäbigen
Zufriedenheit des selbstverdienten Besitzes zeigen konnte: ein
großes einträgliches Unternehmen, ausgebreitete Handelsverbindungen,
Grundbesitz, einen kleinen Garten und ein wohleingerichtetes Haus, wo
sie uns in einem eleganten Salon mit frischem Obst, Cliquots und süßen
Weinen bewirthete. Stolz, wie mir die Frau ihr gegenwärtiges Glück
gezeigt hatte, sprach sie von ihrer ärmlichen Vergangenheit und daß
sie immer noch wie damals dem Herrn Dufour allein die Erziehung der
Seidenwürmer in seinem Versuchshofe besorge. Dorthin begleitete sie
uns denn auch, um gemeinschaftlich mit Herrn Dufour den ganzen Proceß
der Seidenraupenzucht, die Eigenthümlichkeiten der verschiedenen Racen
und die Unterschiede der Brussaer Züchtungsmethode von der in Europa
üblichen zu erklären.

Der erste Unterschied liegt beim Maulbeerbaume. In Europa benutzt man
nur den zahmen. Man pfropft den Baum, und erst wenn man sein Blut so
weit gebändigt hat, glaubt man seine Blätter diesen empfindlichen
Thierchen verdaulich. Hier vertraut man dem wilden Sprößling der Natur,
läßt ihn aber, wo er diesem Zwecke dienen soll, nicht zum Baume, nur
zum Strauche aufwachsen. Die Zweige werden ihm früher abgebrochen, und
das gerade, um sie den Seidenwürmern als Speise zu serviren. Diese Art
der Speisung macht den zweiten Unterschied, denn in Europa servirt man
den Seidenraupen nur die Blätter, die Stück für Stück von den Aesten
gebrochen werden. Diese mühsame Arbeit thut der türkische Bauer für
die Seidenraupen nur, so lange sie in ihrer zartesten Kindheit sind.
In ihrem ersten Alter tischt er ihnen die Blätter losgelöst und in
Bouquetten gebunden auf, in ihrem zweiten, stärkeren, schon an kleinen
Zweigen, und in ihrem dritten, entwickelten, an ganzen Aesten; die
legt er, je vier Stück in ein Quadrat geordnet, über einander und
immer neue darauf, je mehr die Thiere die unteren entlauben und in
die oberen hinaufsteigen. Zuletzt kann er die untersten, die nichts
mehr als blätterlose Ruthen sind, leicht und ohne die Ruhe der oberen
zu stören, unter dem Stoße wegnehmen. Das geschieht auf dem Boden der
Zuchtanstalten, die nichts Besseres als die Speicher der Bauernhäuser
sind, wie denn der Türke überhaupt eine Menge der Vorsichten, welche
wir für diese Thiere unentbehrlich glauben, nicht beobachtet.

Man hat längst von dieser Art in Europa gewußt, aber nicht der
Prüfung werth gehalten, ob sie nicht doch vielleicht eine andere
Ursache als die Faulheit der Türken und eine andere Folge als die
Verkümmerung der Thiere habe. Daß man die Blätter mühsam zusammenlese,
erschien um so viel fleißiger, daß unsere ohnedies zur Ueberzeugung
der Unübertrefflichkeit neigende Einbildung den besten Grund hatte,
ihre Art ohne Weiteres für die beste zu halten. Man verurtheilte die
Trägheit der türkischen Züchter und bedauerte die schlimme Lage der
türkischen Raupen, um mit der Verdammung und dem Mitleiden die Sache
auf die bequemste und selbstgefälligste Weise abzuthun. Auch Herr
Dufour hat das nachtrompetet und noch Jahre lang, nachdem er an Ort und
Stelle die Dinge anders gesehen. Ja er bemühte sich sogar, die Türken
zu seiner Fütterungsweise zu bekehren, bis er plötzlich in seinem
Versuchshofe die Seidenwürmer-Krankheit hatte, während sie um ihn herum
bei den Bauern nicht war. Das machte ihn zuerst zweifelhaft an der
Unfehlbarkeit seiner Züchtungsmethode. Er begann in seinem Versuchshofe
Thiere auch nach der landesüblichen Fütterungsweise zu erziehen, und
siehe da, er hatte die Beschämung, zu erfahren, daß von zwei Proben,
die er hart nebeneinander aufstellte, diejenige krank wurde, welcher
er die Blätter, und diejenige gesund blieb, welcher er die Zweige zum
Fressen gegeben hatte. Das gefunden, suchte er diese Entdeckung durch
die Proben einer Reihe von Jahren zu bewähren. Von den Seidenwürmern
aller Seidenländer der Welt legte er je zwei Nester an, das eine um
sie nach europäischer Weise ausschließlich durch Blätter, das andere
um sie nach türkischer Art zumeist durch die belaubten Zweige des
Maulbeerbaumes zu nähren. Heute noch sah ich das so eingerichtet,
und an den meisten konnte er mir die Bestätigung seiner Entdeckung
weisen. In dem einen krabbelten die Thiere beweglich und gesund in den
belaubten Zweigen herum, während sie in dem andern träge und beinahe
wie schon abgestorben auf den zweiglosen Blättern klebten.

Die Erklärung dafür ist ebenso leicht begriffen als gegeben. Der
natürliche Zustand dieses Thieres ist der, sich wie jede andere Raupe
an dem Baume selbst die Nahrung zu holen. Dazu muß es kriechen, muß
von einem Blatte zum anderen sich bemühen, muß Bewegung machen. Diese
Bemühung wird ihm erspart, wenn man ihm klein zugerichtet die Speise
in Unmasse auftischt; es fehlt ihm dann aber auch die Veranlassung das
Genossene zu verdauen und den Appetit zu neuem Genusse zu sammeln.
Gefräßig, wie alles Thierische, füllt es, wenn nicht anders gezwungen,
die Zeit nur mit dem Fressen aus und überfrißt sich. Der Schaden, den
die Menge anstiftet, wird noch schlimmer durch den Zustand der Speise,
der meistens ein verdorbener ist, weil die Blätter, die dicht auf
einander liegen, leicht in Gährung übergehen. Das veranlaßt dann, wie
es unter solchen Bedingungen auch dem Menschen nicht fehlen würde, eine
~indigestion de l’estomac~, die hinwiederum in der Beharrlichkeit,
in der sie erhalten wird, die Seidenwürmer-Krankheit erzeugt. So ist
denn diese nicht durch das Klima, nicht durch eine üble Einrichtung der
Zuchthäuser, nicht durch eine Erkrankung der Maulbeerbäume verschuldet,
weil nirgends nachgewiesen ist, daß die Bäume von einer Krankheit
befallen sind, sie ist -- wie gezeigt -- allmälig durch die Zähmung des
Maulbeerbaumes und durch die Fütterung mit den bloßen Blättern, durch
die Wahl und Art der Nahrung also verursacht und befestigt worden. Wo
sich der Stoff einmal festgesetzt, da ist die Krankheit, wie das so oft
bei zeugenden Organismen geschieht, eine erbliche geworden. Ansteckend
hat sie Herr Dufour jedoch nicht gefunden. Die Krankheiten, welche auch
in der Türkei während der Jahre 1857 und 1858 herrschten, hatten nach
seinen genauen Beobachtungen keine Aehnlichkeit mit den europäischen.

Der gesunde Sinn des Orientalen, der dem Natürlichen überhaupt näher
geblieben sei, habe -- so meint Herr Dufour -- den Türken in dieser
wichtigen Frage das Richtige treffen und dabei beharren lassen,
während es in Frankreich Jahre brauchte, um nur einen Zweifel an der
Vortrefflichkeit der dortigen Uebercultur glaubhaft zu machen. Er hofft
übrigens, daß auch in Italien und in Oesterreich seine Untersuchungen
nicht unbeachtet bleiben. In Oesterreich könnten sie sich ganz
besonders vortheilhaft erweisen, weil die türkische Züchtungsmethode
neben anderen Vorzügen auch den der Wohlfeilheit hat und die
österreichische Industrie an zu theueren Productionskosten krankt.
Schon die andere Pflege des Maulbeerbaumes begünstigt den Türken
mit einem Gewinne von 25 Procent, die ihm der wild und strauchartig
gehaltene Baum mehr an Blättern trägt. Weiters enthält das Blatt des
Wildlings 30 Procent Nährstoff, darunter 5 Procent Seidenstoff mehr.
Zwei Erziehungen derselben Gattung und Zahl von Würmern nebeneinander
gestellt, brauchten die mit den Blättern des zahmen Baumes gespeisten
30 Procent mehr als die vom wilden gefütterten. Auch zieht der Wurm
den Wildling vor. An Handarbeit werden hier überdies 70 Procent
erspart. Alle Vortheile zusammen und in Geld umgerechnet, gewinnt der
türkische Züchter durch seine Methode an der Unze Seidenwürmersamen
ein Plus von 126 Frcs. 20 Cents. Der Gewinnst steht den europäischen
Seidenproducenten zur Verfügung und dazu noch die Ersparniß der
kostspieligen und lebensgefährlichen Expeditionen nach Persien und
China, die doch resultatlos blieben, weil schon im nächsten Jahre
nach der Umpflanzung der neue Same wieder krank geworden war durch
dieselbe verkommene Frucht, die man der Raupe wieder zu fressen
gegeben hatte. Herr Dufour behauptet übrigens, und er züchtet hier
alle Raupengattungen nebeneinander, daß die von Brussa die beste sei,
wie ja auch die Brussaer Seide als die beste auf den französischen
Märkten gekauft werde. Er räth von hier sich Eier kommen zu lassen,
sie nach hiesiger Art zu erziehen, und verspricht, daß dann Europa
bald seiner Seidenwürmer-Krankheit ledig und wieder reich an Ernten
sein werde. Er machte mich aufmerksam auf die Eigenschaften, welche
Dalmatien zu dieser Production angeboren sind. Ganz andere Resultate
als die bis jetzt erreichten seien dort leicht mögliche. Diese
regsamer anzustreben könne vielleicht die Einführung einer neuen
Productionsmethode den Anstoß geben. Den gegeben zu haben, das wäre nun
allerdings eine Wohlthat, etwas empfindlicher, als sie bureaukratische
Erlässe gewöhnlich sind; denn in Dalmatien, das isolirt außer aller
Weltbewegung geblieben, wird jetzt noch die erste Ermunterung von der
Regierung ausgehen müssen. Das Land hat Arbeitskraft genug, und es hat
das Meer vor seiner Thüre, aber es fehlt ihm die Findigkeit und der
Eifer, die eine und das andere zu verwerthen. Kein geschickteres Mittel
dazu, als ein großartiger und emsiger Betrieb der Seidencultur, die der
Landwirthschaft und Industrie zu thun, der Gesundheit keinen Schaden
und dem Handel fortwährende Beschäftigung gibt, weil der Seidenmärkte
so viele und so reiche sind, daß die Nachfrage noch lange als eine
unerschöpfliche gelten kann.

In Brussa sind dermalen 56 Seidenfabriken thätig, im ganzen Bezirke
ihrer 90 mit 5400 Kesseln. (In Oesterreich 83 Filanden mit 4000
Kesseln, in Preußen 133 Anstalten für Mouliniren, Haspeln und
Zwirnen.) Es sind nicht mehr als 16 Jahre, daß dieses Gewerbe sich
hier fabriksmäßig constituirt und so entwickelt hat. Daneben thut
immer noch viel die Hausindustrie, wie sie denn allein die Weberei
besorgt. Darum aber auch für alle Gewebe Preise, die zur Ausfuhr
auf den europäischen Markt zu hohe sind; denn dort, wo die Mode
jeden Tag Anderes ordinirt, ist die Dauerhaftigkeit des Stoffes
eher ein Hinderniß des Absatzes und nur die Niedrigkeit des Preises
eine Empfehlung geworden. Und es ist ganz in der Ordnung und wäre
wirthschaftliche Verschwendung, wenn es der Producent anders machte,
daß dem veränderten Bedürfnisse veränderte Waare geboten werde. Das
Idealziel eines unbedingt besten Productes kennt das Streben des
heutigen Gewerbsmannes nicht; ihm ist jede Waare bedingt durch die
dermaligen Ansprüche seiner Kunden und diejenige die beste, welche
diese Ansprüche am vollständigsten befriedigt. Hier im Oriente, wo
sich wie in dem Mittelalter unserer Entwicklung die Prachtgewänder der
Eltern mit dem anderen festen Besitze in die Nutznießung der Kinder
vererben, sind diese Ansprüche an die Waaren andere, und darf darum
auch die Production eine anders eingerichtete sein. Durch dieselbe
für den europäischen Markt arbeiten zu wollen, wird ein unglückliches
Experiment sein, dem ich nur die wenigen Käufer verspreche, welche
die Raritätenpassion zur Nachfrage treibt. Auch zur Uebertragung der
europäischen Productionsmethoden in die hiesige Seidenweberei halte ich
den Augenblick hier noch nicht gekommen; es fehlt an dem Ueberflusse
von Arbeits- und Capitalkräften, der dazu nothwendig ist. Was davon
vorhanden und auch das Mehr, welches in den nächsten Jahren vielleicht
zufließt, wird vortheilhafter für den Einzelnen und für den Staat in
anderen mehr primitiven Productionszweigen angelegt. Ueberläßt man
diese Industrie ihrem natürlichen Selfgovernment, so werden türkische
Seidenstoffe noch lange, vielleicht ein ganzes Jahrhundert fort,
einen großen und ergiebigen Markt nur in ihrer Heimath haben, wo
ihnen die Besonderheit des Geschmackes gegen fremde Eindringlichkeit
einen gewissen Schutz verleiht. Diese Lage voreilig günstiger, die
Grenzen der Consumtion auch für türkische Gewebe weiter gestalten
zu wollen, wäre ein widernatürliches Bestreben, das sich zuletzt
in den volkswirthschaftlichen Dingen noch schädlicher als in allen
Lebensverhältnissen überhaupt bewährt.

Ich habe wohl einige Zahlen über die Brussaer und die gesammte
türkische Seidenproduction gesammelt, aber nicht auf sie eigentlich,
mehr auf die unmittelbare Anschauung des Lebendigen selbst meine
Urtheile gegründet. Denn entgegen der allgemeinen Meinung habe ich für
statistische Zahlen nur geringen Respect und für die Sache, die sich
nur durch sie beweisen läßt, gar keinen Glauben. Ich habe sie zu oft
doppelsinnig und dieselbe Zahl in zu vielen Parteilagern gefunden, und
muß überdies sogar, weil ich den Leichtsinn, der diese Zahlen sammelt
und zusammenstellt, persönlich kennen lernte, diese Vielseitigkeit
ihrer Natur gemäß finden. Bestätigen und ordnen das, was die Augen
im Leben selbst gesehen haben, das können sie; aber alleiniger und
verläßlicher Wegweiser werden sie mir nie sein, und waren sie mir auch
hier nicht.

Zu den Zahlen, die ich oben schon mittheilte und die mir so wie jene
dienten, verzeichne ich noch die folgenden: Brussa erzeugt jährlich an
Cocons 600.000 Okas, das sind 13.687 Ctr. Davon führt es 36.000 Okas,
das sind 821 Ctr., aus; den Rest verarbeitet es zu Rohseide im Gewichte
von 300.000 Okas, das sind 6843 Ctr. (Oesterreich producirte 1863 an
Rohseide und Abfällen 18.000 Ctr.) 161.700 Okas, das sind 3688 Ctr.,
von dieser Productionsmenge von Rohseide überläßt Brussa an fremde
Märkte. Seine gesammte Seidenausfuhr beträgt also:

    Cocons      36.000 Okas =  821 Ctr.,
    Rohseide   161.700   „  = 3688  „
    ------------------------------------
    Summa      197.700 Okas = 4509 Ctr.,

im Werthe von ungefähr 8 Mill. Frcs. Daneben stelle ich die Zahlen
der Ausfuhrwerthe einiger anderer Seidenländer, mehr um die
Bedeutung ersichtlich zu machen, welche dieser Productionszweig
in der Weltwirthschaft überhaupt hat, als um einen Maßstab für
die Werthbestimmung der türkischen Production zu geben. Denn ein
Vergleich, wo die Ausfuhren der einzelnen Länder beinahe mehr durch die
Waarengattungen als durch die Zifferngrößen von einander verschieden
sind, würde hier zu einer Sünde gegen die Wahrheit werden. Jede
Ausfuhr vertritt ein anderes Stadium der Seidenproduction, worin das
ausführende Land eben besonders stark ist. Danach geordnet steht allen
voran die Türkei mit einer Ausfuhr von größtentheils Cocons, Roh- und
Flockseide im Werthe von ungefähr 79 Mill. Frcs.; ihr beinahe gleich
durch die Waarengattung Oesterreich mit einer Seidenausfuhr von 15
Mill. fl.; zunächst England, das alles Rohmaterial einführen muß, um es
zumeist in Garne zu verarbeiten und in solcher Gestalt einen Werth von
60 Mill. Frcs. auszuführen; endlich auf der dritten Productionsstufe,
der der Weberei, der Zollverein mit einer Seidenausfuhr von 27 Mill.
Thlr.; die Schweiz mit einer Ausfuhr von 188 Mill. Frcs. und Frankreich
mit einer Seidenausfuhr von 494 Mill. Frcs. Werth.

Bestochen durch die ungeheueren Summen, welche auf dieser letzten
Stufe gewonnen werden, preist man sie gewöhnlich als die der
Arbeit lohnendste und das Land, welches sie erklommen hat, als das
glücklichste. Insbesondere sind es die Schutzzöllner, die mit solcher
Darstellung ihre Grundsätze und Wünsche zu motiviren suchen. Ich
halte das für einen Irrthum. Als Ganzes genommen erwirbt die Weberei
allerdings größere Summen, als irgend eine der voraus liegenden
Productionsstufen; die Arbeit selbst aber, das einzelne Maß ist auf
allen durchschnittlich gleich bezahlt. Denn abgesehen davon, daß
von den producirten Werthen der Weberei die Kosten abzuziehen sind,
welche sie dem Garn- und Rohseidelieferanten gezahlt hat, ist auch
in ihr ein größeres Quantum von Arbeit nöthig, als in den früheren
Productionsstadien. Das Mehr des Erworbenen gleichmäßig unter
dieses Mehr der Arbeitskräfte nach dem Verhältnisse der von ihnen
geopferten Zeit und Mühe vertheilt, wird sich schließlich jede einzelne
Arbeiterzahl ziemlich mit demselben Betrage wie in der Zwirnerei und
Coconszucht belohnt finden. An und für sich ist also die Weberei
nicht besonders vortheilhafter; sie wird es nur dort, wo ein größerer
Reichthum an Arbeitskräften Beschäftigung und Lohn sucht. Solchen
Ländern wird sie, aber das wie jede neue Erwerbsquelle überhaupt, eine
Speise für den Hunger sein. Daß sie im rechten Augenblicke das werden,
daß sie aufleben und sich ausbreiten könne, wenn die Volkszahl dem
Becher der Landesgrenzen überzufließen droht, daß ihr aber einstweilen
nur die Wurzel zu diesem künftigen Wachsthume bewahrt werde, das finde
ich die eigentliche Aufgabe einer schutzzöllnerischen Politik, wie ich
sie verstehe. Was die Schutzzöllner gewöhnlich wollen, die Weberei ohne
jede Rücksicht auf das Zeitgemäße, blos weil sie sie bei dem Nachbar
glänzend und einbringlich sehen, auch in ihres Volkes Wirthschaft
einzuzwängen, das kömmt mir wie die gewaltsame Heranbildung von
Wunderkindern vor; die vorzeitige Reife rächt sich durch frühzeitige
Verkümmerung.

Der größte Theil der türkischen Seidenausfuhr von 79 Mill. Frcs.
geht nach England und Frankreich. Nach England 213.400 Okas, das
sind 4868 Ctr., für 5 Mill. Frcs., und nach Frankreich 1,258.700
Okas, das sind 28.717 Ctr., für 51 Mill. Frcs. Die französische
Seidenspinnerei und -Weberei bezahlt für Rohmaterial überhaupt an das
Ausland 181 Mill. Frcs., der Türkei also allein den dritten Theil ihres
ganzen auswärtigen Bezuges. Dieses eine Verhältniß scheint mir zu
genügen, um die Bedeutung des türkischen Reiches für die französische
Volkswirthschaft festzustellen. Uebrigens reden nicht in diesem einen
Handelszweige allein so die Zahlen. Im vorigen Jahre hat Frankreich
aus der Türkei bei sich eingeführt einen Werth von 138 Mill. Frcs.
und nach ihr ausgeführt einen anderen von 114 Mill. Frcs., zusammen
also einen Verkehr von 252 Mill. Frcs. Werth mit der Türkei gehabt.
Das repräsentirt 5 Procent seines gesammten auswärtigen Handels.
Daß in diesem Tausche die Türkei zumeist Rohproducte, Frankreich
dafür Manufacte liefere, sagt die dermalige national-ökonomische Lage
der beiden Länder. Welches ergiebige Feld der Ernte also für die
französische Industrie dieses türkische Reich, das ihr näher als andere
überseeische Länder und offen ist, beinahe wie die heimischen Märkte
selbst, denn den türkischen Zoll von 8 Procent fühlt der Handel kaum.
Und einen solchen Kunden umzubringen sollte Frankreich, wie manche
Politiker vermuthen, ernstlich gewillt sein? Die Türken aus der Türkei
fortjagen, um Gott weiß wen an ihre Stelle zu setzen, der seine Thüre
vielleicht ganz verschließen, gewiß nicht so freihändlerisch offen
stehen lassen würde? Es wäre Mord, aber zugleich auch Selbstmord, und
den traue ich einer Nation und einer Regierung, die lebenslustig wie
die französische ist, nicht zu. Die Pläne der französischen Politik in
der Türkei wollen Anderes als die Vernichtung. Das beweisen die vielen
Fabriken, womit die Franzosen Kleinasien bevölkern; das die Schulen und
die Kirchen, die sie, wo nur der Schein eines Bedürfnisses auftritt,
den Christen und Juden zuvorkommend erbauen, mit Geldern und Lehrern
dotiren, um sie von Paris aus wie die Dependenzen irgend einer ihrer
Präfecturen zu verwalten. Das verpflichtet sie dann, schon scheinbar
um der Humanität willen, neue Rechte zum Schutze ihrer Angehörigen zu
beanspruchen, und erwirbt ihnen ohne zu erobern die Oberherrschaft
über ein Land, dessen Volkswirthschaft insbesondere sie sich wie die
einer Colonie unterthänig haben wollen. Dieses sind die Wünsche und
Ziele, die ich in den Plänen der orientalischen Politik Frankreichs
vermuthe; Glauben an den Zusammensturz der Türkei gebe ich ihr keinen
schuld. Den hat sie vielleicht manchmal geheuchelt, um beutegierigen
Concurrrenten den kranken Mann als keiner Bemühung mehr werth
erscheinen zu lassen, aber ernstlich und dauernd gehegt hat ihn die
französische Politik gewiß nicht. Einer der erfolgreichst Getäuschten
ist Oesterreich. Dort hat sich der Glaube schon beinahe in den Wunsch
nach dem Ableben des kranken Mannes verwandelt; natürlich weil man
von seinem wahrscheinlichen Erben, den griechischen Russen, schon so
viel Freundliches erfahren hat. Von dort aus regt sich denn auch keine
Thätigkeit, um den französischen Händlern Concurrenz zu machen; kein
Versuch z. B. mit Glas, mit Eisen, mit Baumwollwaaren in Brussa Seide
einzutauschen, wenn auch nicht für die eigene Weberei, weil diese
noch nicht entwickelt genug ist, so doch für den ansehnlichen Bedarf
(jährlich 34.000 Ctr.) der Züricher und Baseler Fabriken. Der Gewinn an
Frachtlöhnen bliebe unseren Schiffen, dem Lloyd, den Häfen von Triest
und Venedig und den südlichen Eisenbahnen. Allerdings hemmt gleich bei
diesen eine Lücke dermalen noch die Ausführung eines solchen Projectes.
Die Eisenbahn durch Tirol nach dem Bodensee ist durchaus nothwendig,
um der Schweiz einen Theil ihres Seidebedarfs auf österreichischen
Schiffen aus der Levante zuzuführen. Diese Bahn ist gerade mit
Rücksicht auf den für Oesterreich so sehr wichtigen Handel mit dem
Oriente eine der nothwendigsten.


    Brussa, den 30. Mai.

Gög-Dere -- Himmelsthal -- heißt die Schlucht, welche die Stadt in
zwei Theile scheidet, und Gög-Su das Wasser, das darinnen vom Olymp
herabkömmt. Oben auf dem Berge ist Gög-Dere wirklich ein Thal, breit
und mit reichlichem Grün ausgefüllt; unten im flachen Lande aber
stehen seine Wände einander so nahe, daß sie zu überspannen der
einzige Spitzbogen einer kühn geschwungenen Brücke genügt. Steil und
tief senken sie sich zu dem Wildbache hinab. Felsen springen aus den
Uferhängen hervor, scharf und kantig als seien eben erst Stücke davon
weggebrochen, und unten im Bette liegen andere glatt und rund vom
anprallenden Wasser zugeschliffen. Auf einem solchen Blocke haben wir
heute Morgens das Frühstück genommen, die Gäste einer armenischen
Familie, die eines der Häuser oben auf dem Ufersaume der Schlucht
besitzt. Von einer kleinen Blumenterrasse waren wir schmale Fußsteige
und eingehauene Stufen hinab und unten über eine künstliche Brücke
auf das Felseneiland geführt worden, wo Tisch und Stühle bereitet
waren. Dort sitzend tafelten wir eingeengt wie in eine der himmelhohen
Gassen unserer europäischen Hauptstädte, nur daß statt des unruhevollen
Menschengedränges das einsame Rauschen des Wassers und statt der
häßlichen Häusermauern lebendiges Erdreich uns umgab. Denn Blumen und
Schlingpflanzen und selbst ganze Stauden wachsen aus den Uferhängen
hervor und verkleiden sie, und wo sich auf einem vorspringenden Felsen
so viel Erde gesammelt hat, um einer Wurzel Halt und Kräftigung zu
geben, da haben sich sogar Bäume wie auf Postamenten aufgestellt; die
neigen sich über und schauen herab, als wollten sie sich im Wasser
bespiegeln. Hinter uns, dort wo der Bach mit hüpfenden Fällen herkömmt,
war die Aussicht durch eine undurchdringliche Wildniß von Büschen
und Schlinggewächsen verschlossen, und vor uns sahen wir unter dem
malerischen Bogen der sarazenischen Brücke hinweg in die Ebene, die
eingerahmt zwischen den Uferwänden in weiter Ferne wie der Ausblick
aus irgend einer Lebensenge auf breitere Hoffnungsfelder erschien.
Das ganze reiche Wachsthum der überfließenden Natur hier unten ist
das Werk weniger Wochen. Denn jährlich mit dem ersten Frühlinge, wenn
die Schneemassen des Olympes geschmolzen zu Thale fließen, nehmen sie
auch das Holz mit sich, welches das vorige Jahr in dieser immerkühlen
Höhlung geschaffen hatte. Das zeigt recht wie zeugungskräftig dieser
Boden ist.

Die Hausleute erfreuten sich sichtlich an dem Gefallen, welches ich an
dem Orte und an der ganzen Situation fand. Mit ihrer Freundlichkeit
entwickelte sich auch ihre Mittheilsamkeit. Weine, Liquere, Caffee,
frische Erdbeeren, eingesottene Früchte und Bäckereien wurden herum
gereicht, und dazu von dem erzählt, was hier noch immer die Phantasie
der Menschen füllt -- so schrecklich muß es gewesen sein -- dem
Erdbeben des Jahres 1855. Sie zeigten die Felsen, die es damals aus
den Ufern herabgestürzt hat, und die, zu mächtig selbst für die Gewalt
des Frühjahrsstromes, immer noch mitten im Flusse liegen, leicht
unterscheidbar von den anderen, die als Gerölle von den Bergen
herabgespült worden sind, durch ihre scharfen Kanten und Ecken. Von der
Brücke erzählten sie, daß sie ehemals bedeckt und von Buden eingefaßt
gewesen sei, daß diese aber auch das Erdbeben zu Falle gebracht
habe. Zweimal hatten sich die Stöße wiederholt, jedesmal mit solcher
Intensität, daß in wenigen Secunden ganze Stadttheile niedergelegt und
die festesten Bauten verletzt waren. Wer konnte, rettete sich hinab
in die Ebene, um wenigstens geborgen vor den vom Berge herabfallenden
Steinblöcken zu sein. Dort lebten Tausende wochenlang unter Teppichen
und Decken, die sie in Zelte zusammengeflickt hatten. Insbesondere
schien die Frau unseres Wirthes noch unter dem Eindrucke jenes
Ereignisses zu zittern. Ein einziger Felsblock hatte vor ihren Augen
ihr Haus zerdrückt; sie war dann nach Constantinopel geflüchtet, und
hatte ein ganzes Jahr lang nicht den Muth zur Rückkehr finden können.
Die schwächeren Erdstöße, die seitdem immer wieder verriethen, daß
die Kraft, welche diese Berge geformt, noch nicht zur Ruhe gekommen
ist, haben sie in eine fortwährende Aengstlichkeit versetzt, so daß
sie jedes Geräusch für das Zeichen eines neuen Erdstoßes hält. Das gab
Veranlassung zu manchem Scherze und quälender Neckerei.

Dann aber sprachen die Leute auch von dem Glücke ihrer Ehe, von Kindern
und Enkeln. Das brachte mich dahin das Begehren auszusprechen, das
unseren Besuch eigentlich veranlaßt hatte, das Innere ihres Hauses
zu sehen. Das wurde gerne gewährt. Eine breite Holztreppe führt nach
dem ersten Stockwerke. Sie läuft dort in die Sala aus, welche hier
aber nicht nur in der einen Richtung von vorne nach hinten das Haus
durchschneidet, wie in Italien, sondern auch von rechts nach links, so
daß in das Quadrat des ganzen Baues ein regelmäßiges gleichschenkliches
Kreuz gelegt ist; da an jedem Ende desselben Fenster sind, ist dadurch
noch mehr Durchzug und Kühle als in dem italienischen Hause gewonnen.
Die vier durch das Kreuz ausgeschnittenen Winkel des Hauses dienen zu
den besonderen Gemächern der Familie. In einem sind die Staatsstuben,
in dem anderen die Arbeitszimmer des Hausherrn, in dem dritten die
Schlafzimmer und in dem vierten die Wohnungen für den Schwiegersohn
und die Tochter angebracht. An den Wänden laufen niedere Divane her,
die mit einfachem Kattun überzogen sind, wie denn überhaupt die
ganze Einrichtung unserer Verwöhnung sehr einfach erscheint, und das
bei Leuten, die ihr Vermögen nach Hunderttausenden zählen. Nur der
sogenannte Salon macht einigen Anspruch auf größere Eleganz durch die
europäischen Canapees, Schaukelstühle und Standuhren, die darin zur
Schau gestellt sind. Auf der Treppe stand eine große Marmorvase aus so
dünnem Steine, daß er beinahe durchscheinend ist, mit folgender bisher
unentzifferter und auch meiner Unwissenheit nicht lesbaren Inschrift:

    ΕΛΕΥξΙΕCΤξΙΖΙΔ.

Die Vase ist in Kutahia, dem alten Cotiaium, einer phrygischen Stadt,
zwei Tagereisen von hier gefunden. Ihre Formen sind die rohen einer
verkommenen Bildung, welche aber doch noch die Spuren einer edleren
Abstammung festgehalten haben.

Was bei uns Hof wäre, ist hier als Garten hergerichtet. Die Wege
sind geradlinig und schmal, mit blendend weißem Sande bestreut;
die Beete klein, von Buchs umsäumt, mit außerordentlich bunten
Blumen in symmetrischer Anordnung bepflanzt. Der ganze Eindruck
mahnt mich lebhaft an das, was ich auf chinesischen Bildern gemalt
gesehen, und in chinesischen Romanen beschrieben gelesen. So auch
die Wirthschaftsgebäude, die alle klein und pavillonartig wie
das Wohnhaus selbst um den Garten gereiht sind. Der Baustyl der
türkischen Häuser überhaupt, wie ich sie hier und in Constantinopel
sehe, läßt mich diese Aehnlichkeit finden. Vielleicht, daß er so
Asien von einem Ende zum andern allen seinen Völkern mehr oder
weniger gemeinsam ist, weil er zu den Eigenthümlichkeiten des Klima’s
stimmt. Unter den Wirthschaftsgebäuden ist auch ein türkisches Bad,
im kleinen Raume dasselbe was die großen öffentlichen Bäder sind.
Auch hier reiner Marmor auf den Dielen und an den Wänden, und kleine
spinnwebverdüsterte Fenster in der Kuppel. Keinem nur einigermaßen
reichen Hause fehlt diese Anstalt eines unentbehrlichen Luxus!

Für den Nachmittag hatte uns unser Consul, Herr Falkeisen, zu
einem Feste geladen, das er in seinen Gärten und Kellern auf dem
Schloßberge gab. Diese sind natürliche Grotten, wie sie den ganzen
Olymp durchwühlen. Einige derselben hat das Erdbeben verschüttet und
die Fässer darinnen zertrümmert. Ein riesiger Felsblock, der aus der
Wölbung sich losgelöst, hält eine Höhle so fest verschlossen, daß
Herr Falkeisen dort heute noch nicht nach dem Schicksale seiner Weine
forschen konnte. Vielleicht öffnen erst spätere Jahrhunderte dieses
Grab, und finden statt eines wartenden Kyffhäuser diesen anderen auch
vergessenen aber saftvoll gebliebenen Geist. Der Schaden war für Herrn
Falkeisen ein bedeutender gewesen; zu dem Verluste des Weines kam
auch die Auslage, neue Keller graben, die verschütteten ausputzen,
vergrößern und stützen zu lassen. Das Ganze dieser Gänge bildet ein
kleines Labyrinth, in dem wenigstens Anfangs ein Zurechtfinden ohne
Führer unmöglich ist. Er hatte es uns zu Ehren beleuchten lassen, und
die tiefe Perspective der sich verlierenden Lichter gab gleich auf den
ersten Blick einen Begriff von der Größe dieser Keller, die die Natur
ihrem edelsten Bodenproducte selbst geformt hat.

Die Weine, welche uns zu kosten gegeben wurden, glichen bis zur
Möglichkeit der Verwechslung denen der Mosel- und Rheingegenden. Das
ist ein Erfolg der Weinbau- und Kellerzucht des Herrn Falkeisen. Als
ich bei einem, der mir dadurch besonders auffiel, mein Erstaunen laut
äußerte, rief eine Stimme aus dem Dunkel neben mir: „Ach, Herr Jeses,
Sie müssen ja ein Rheinländer sein; Sie reden gerade so!“ „Nun, Sie
können auch nicht weit weg von Freiburg sein?“ frug ich zurück. Und
so war es. Der Bursche, eine struppige und etwas verwilderte Gestalt,
ist von Herrn Falkeisen vor 14 Jahren aus dem Breisgau hierher als
Kellermeister verpflanzt worden. In der langen Zeit ist er nicht in
seine Heimath zurückgekommen, und auch von seinen Landsleuten hat
er hier nicht viel gesehen; seine Freude in mir einen zu finden,
war daher unbändig, so recht wie jedes Gefühl, das zehn Jahre lang
gehungert hat. In einiger Entfernung bleibt er mein steter Begleiter,
und hält, die Hände über dem Bauche zusammengefaltet, die Blicke halb
glückselig und halb melancholisch unverwandt nach mir gerichtet. Sein
lange nicht mehr gekämmtes Haar steht ihm dazu sonderbar zu Berge. Ich
erzählte ihm von der deutschen Heimath was ich weiß und auf der Höhe
seines Begriffsvermögens vermuthe, und hielt ihm dann die Predigt gegen
das Laster des Trunkes, welche Herr Falkeisen für ihn begehrt hatte.
Vergebene Mühe! Wie sollen auch Worte Leidenschaften zähmen, wenn
die nur eine Nacht alten Entschlüsse schon am nächsten Morgen wieder
derselben Versuchung unterliegen! Dann war auch seine Philosophie
nicht ohne Gründe, die er den meinigen entgegenstellte. Er suchte
Vergessenheit, Vergessenheit der Gegenwart und der Vergangenheit, die
ihm beide unerträglich sind, weil die eine besser als die andere war.
Die abendliche Wirthshauspfeife, das Bierglas, das Kartenspiel und die
anderen edlen Vergnügungen, die alle diesen uncivilisirten Ländern der
Türkei fehlen, hat ihm nichts ersetzt. Wer in der Gegenwart nichts hat,
von der Zukunft wenig hofft, dem gibt auch die Erinnerung meistens nur
Stiche. Da ist denn Vergessen seiner selbst allerdings der einzige
Trost.

Ohne Badenser oder Schweizer fand ich übrigens noch keinen Winkel der
Welt; das verräth die große Rührigkeit dieser zwei kleinen Völkchen.
Ihren Namen und ihr Geld tragen sie hin, wo nur irgend etwas zu
erwerben ist.

Die jährliche Weinproduction von Brussa soll ungefähr 140.000 Pfunde,
das sind etwas über 100.000 Flaschen, betragen. Zur weiteren Ausfuhr
verkäuflich ist davon nur das, was Herr Falkeisen producirt. Daß von
dem Reste, bei so außerordentlichen Begünstigungen wie sie das Klima
und der Boden hier bieten, so wenig ausgeführt wird, liegt zum Theile
in dem Verschulden der hiesigen Production, ebenso aber auch in der
Abneigung der auswärtigen Consumtion. Die türkische Weincultur ist
wenig sorgsam. Man läßt die Reben flach über den Boden wie Unkräuter
kriechen und keltert die verschiedensten Trauben in demselben Fasse
zusammen. Indeß auch wenn diese Zucht verbessert wird, glaube ich
nicht, daß türkische Weine, so lange unser Geschmack so bleibt wie er
heute ist, starken Absatz auf den europäischen Märkten finden werden.
Darum hätte ich auch kaum den Muth, der Regierung besondere Bemühungen
zur Hebung der Weinproduction anzurathen. Man könnte da die Staats-
und Privatcassen zu großen Ausgaben verführen, die schließlich nutzlos
verschwendet erschienen. Sicherer glaube ich die Hoffnung, wenn die
Capitalien zu dem Zwecke der Rosinenerzeugung angelegt sind, wie
das viel auf den Inseln des Archipel geschieht. Smyrna führte davon
Millionen aus.

Wein baut die Türkei den meisten auf Lemnos (1,260.000 Pfunde, das
sind 12.000 Eimer), auf Tenedos, der Küste von Smyrna, auf Candia und
den besten auf Cypern (21.000 Eimer). Weitere Ausfuhr hat nur dieser
letztere und der seit den letzten Jahren auch in sinkenden Quantitäten.
Dasselbe Hinderniß, das ich überhaupt der Ausfuhr türkischer Weine
entgegenstehend finde, der andere Geschmack des Auslandes, dem sie zu
süß sind, hemmt auch diesen.


    Brussa, den 31. Mai.

Schon an einem der ersten Tage nach meiner Ankunft besuchte ich die
Moschee Emir Sultans im Osten vor der Stadt, auch wie die Mohammed I.
und Bajasid Ilderim’s beherrschend auf einem Hügel gelegen, mit der
Aussicht in das fruchtbare Land und das Grab des Fürsten der Heiligen
bei ihr in dem weiten Vorhofe. Djami und Türbe sind schön übrigens nur
aus der Entfernung; in der Nähe, wo die täuschenden Schleier schwinden,
zeigen sie sich als morsche Holzbauten in den verschnörkelten Formen
des vorigen Jahrhunderts. Selim III. hat das verschuldet, nachdem ein
Brand das frühere Denkmal vernichtet hatte. Das Erdbeben und die Zeit
sind seitdem bemüht, bald wieder dasselbe zu erreichen. Emir Sultan
ist einer der gefeiertsten Heiligen des Islam und seine Grabstätte
einer der besuchtesten Wallfahrtsorte der Mohammedaner. Lebendig und
todt ist seine Geschichte mit Wundern durchflochten, wie nur die eines
unserer abenteuerlichsten Heiligen. Ein Perser und schlichter Derwisch,
proclamirte ihn eine geheimnißvolle Stimme aus der Kaaba als den ersten
aller Heiligen, und er wies aus seinem Grabe so wieder Sultan Selim I.
zur Eroberung von Aegypten an. Wie der Stern die heiligen drei Könige
nach Bethlehem, so führte diesen eine vorausschwebende Lampe nach
Brussa. Um aller dieser Wunder willen achtet das Volk diesen Heiligen
bis weit in die persischen Berge hinein und zeichneten ihn die Sultane
durch die zweimalige Erbauung dieser weitläufigen Djami aus.

Als ich aus ihrem Harem heraustrat, erregte ein Bettler meine
Aufmerksamkeit durch die Melodie, welche er auf einer kleinen
Querpfeife spielte. Sie klingt als wolle sie einen Marsch vorstellen,
aber so sonderbar, so durchaus originell, daß ich sie durch keinen
Vergleich mit denen in Europa gehörten begreiflich machen kann. Am
ersten erkläre ich sie noch, wenn ich sie wie die Begleitung zu dem
Gange des Kameeles, zu dem Schleichen der Karavanen schildere, ebenso
gleichförmig, ebenso melancholisch und doch auch so ganz das Gemüth
erschütternd. Das ist mir gewiß, Meyerbeer hätte um den einen Effect
dieser Melodie eine ganze Oper geschlungen, und wenige Wochen nach
der ersten Pariser Ausführung das Clavier den Marsch des Bettlers von
Brussa bis zu den amerikanischen Hinterwäldern getrommelt.

Der Mann saß auf seinen untergeschlagenen Beinen zusammengekauert unter
den niederen Zweigen eines blühenden Rosenbusches. In sich gekehrt
und der Welt abgewandt, hatte er keinen Blick und keinen Dank für das
Almosen, das ich in die blecherne Schüssel neben ihm warf. Ich glaubte
ihn blind. Nachdem ich eine Weile zugehört, griff ich, eine Rose zur
Erinnerung an den Spieler und seine Melodie zu bewahren, in den Busch,
der sich über und um ihn wölbte. Da erst rührte er sich und blickte mit
einem Auge, dunkelschwarz, von zündender Blitzeskraft in das meine,
daß ich unwillkürlich vor der Berührung zurückwich. Es war nur die
Wirkung und die Dauer eines Augenblickes, vielleicht das Aufleuchten
einer ehemals herrischen, nunmehr unterworfenen Leidenschaft. Schnell,
wie sie geglüht, erlosch ihre Flamme, und das Auge schaute wieder
ruhig und ernst, beinahe traurig wie der einsame Bergsee, der noch die
letzten Wolken eines überstandenen Gewitters widerspiegelt. So hatte
sich mir gleich der Eindruck des ganzen Mannes eingeprägt. Ich brach
die Rose dann unbefangen.

Seitdem traf ich ihn täglich wenigstens einmal wieder; an heiter
bevölkerten oder an still abgelegenen Orten, überall begegnete mir die
etwas gebeugte Gestalt im alten grünen Kaftan, einen bunten Turban um
den Kopf, und klingt mir das sonderbare Lied mit den nicht eigentlich
klagenden und doch so wehmuthsvoll stimmenden Tönen entgegen. Sie ist
wie die Erscheinung des grauen Bettlers in Raimund’s tiefsinnigem
Verschwender, die abmahnend den leichtfertigen Flottwell durch die
fünf Acte seines wechselvollen Lebens begleitet. Schon als Knabe, da
ich das Zauberspiel zum ersten Male sah, hatte mich diese verkörperte
Mahnung einer schützenden Geisterwelt mit ihrem immer wiederkehrenden
so einfachen, aber rührenden Liede ungewöhnlich erschüttert, und nun
führt mir hier die Wirklichkeit Aehnliches zu. So gleich sind sich
beide Eindrücke, der heutige und der von damals her bewahrte, daß ich
zuletzt die fortwährende Wiederkehr des türkischen Bettlers nicht mehr
ohne ein geheimes Grauen sehen konnte. Wollte auch er mich mahnen? Bin
auch ich der Warnung bedürftig? Das wirkliche Leben wiederholt so oft,
was die Phantasie vorahnend im Traume schon erlebt hat.

Heute Morgens, da ich vor der Abreise noch einmal meinen Lieblingsweg
nach den Granatblüthen von Tschekirdsche gehen wollte, fand ich
den Bettler neben einem Brunnen, der an der Straße unter einer
überhängenden Hecke sein kühles Wasser gibt und mit verblaßter
Goldschrift dem Wanderer Allah’s Segen für seinen Trunk und seine Wege
verspricht. Die schwachen Töne der Pfeife, die wieder dieselben waren,
berührten mich dieses Mal noch empfindlicher. Ich mußte wissen, was
ihre Bedeutung sei: Leichter, als ich besorgt, brachte ich den Mann
zum Reden, und bald auch dazu, seine Geschichte zu erzählen. Es ist
dieselbe alte, die hier wie bei uns ewig neu bleibt, und türkische wie
deutsche Herzen entzwei bricht.

Er war, so begann sie, der einzige Sohn ziemlich wohlhabender
Bauersleute. Ihr Tschiflik lag einige Stunden von Brussa in der
Richtung gegen den Apollonia-See zu. Auf den Feldern bei der Pflege
des Maulbeerbaumes und zu Hause bei der Wartung der Seidenwürmer war
seine Kindheit vergangen und seine Jugend gekommen. Nun wurde er jedes
Jahr ein paar Mal im Seidengeschäfte nach der Stadt geschickt; er
fand dort Freunde, lärmende Genossen, und in ihrer Gesellschaft auch
eine Dirne, die er bald für besser als ihr Gewerbe hielt. Liebe, die
sich in die bloße Sinnenlust gemischt hatte, betrog ihn. Wenn diese
Bauernburschen nach Brussa kommen, alle zusammen aus weiter Umgebung,
an Tagen, welche ein alter Gebrauch bestimmt hat, dann umlagert Nachts
Lärm und Streit, oft auch blutiger Angriff und Todtschlag die Häuser
dieser unglücklichen Mädchen. In den letzten Jahren, als der Unfug
immer schlimmer wurde, brauchte die Behörde die Vorsicht, für solche
Tage die Dirnen oben auf dem Schlosse einzusperren. Mein Jüngling hatte
die seinige diesem Leben abgewendet geglaubt. Da führten ihn seine
Freunde, die lange schon diesen Glauben durch Spötteleien zu entwerthen
suchten, in einer dunklen Nacht vor das Haus des Mädchens. Er glaubte
immer noch, auch da er mehrstimmiges Geräusch hörte, wo er die lautlose
Stille der Einsamkeit vermuthet hatte. An die Thüre gelehnt, erkannte
er es; das war die Stimme eines Mannes. Auf die Schwelle gebettet, wo
er sich niedergelegt hatte, starrte er, eine endlose Nacht, hinauf
in den wolkenschweren Himmel, der schwarz und sternenleer wie seine
Zukunft war. Die Anderen schleppten indeß Reisigbündel, Holz und was
sonst von Brennbarem zu Handen war, vor die zwei einzigen Fenster. Ohne
Lohe drang der Rauch durch die springenden Scheiben in die Stube; aber
erst die Flamme, als sie züngelnd die Zimmerdecke erfaßte, weckte die
Schuldigen. Vom Feuerschein verwirrt, vom Rauche wohl auch betäubt,
rettete er, der Unglückliche, sich allein zur Thüre. Er riß sie an
sich, stürmte hinaus, fiel aber über einen Körper, der regungslos davor
lag, und war im selben Augenblicke eine Leiche durch ein langes spitzes
Messer, das ihm von unten herauf in den Unterleib gestoßen worden
war. Nicht ein Schrei war erklungen, auch den Fall hatte man nicht
gehört, weil ein Lebendiger den Todten in seinen Armen aufgefangen
hatte und das Feuer eben lauter aufprasselte. Es füllte den Raum
schon wie einen glühenden Ofen; die Balken knisterten und neigten zum
Einsturz: da kam durch die Gluth das Weib gewankt. Sie hatte tastend
die Thür gefunden, die Schwelle erreicht, als sich eine junge kräftige
Gestalt -- sie muß die Züge in dem rothen Lichte erkannt haben --
vor ihr aufrichtete; die faßte sie und stieß sie mit erbarmungslosem
Blicke, mit unwiderstehlichem Stoße in das Zimmer zurück. Das gab den
einzigen Schrei, der in dieser schauerlichen Nacht gehört worden ist.
Der Rächer verschloß die Thüre. Er war der Einzige, den die Wache, als
Hilfe nach der abgelegenen Gasse kam, auf der Brandstätte fand. Das
hölzerne Häuschen war schon eine Ruine, aber der Schutt noch zu warm,
als daß man ihn vor dem nächsten Tage untersuchen konnte. Da grub man
daraus zwei Leichen hervor, die eine so verkohlt, daß man kaum mehr ihr
Geschlecht bestimmen konnte, und die andere die eines Mannes.

Mein Bursche gestand nichts und gegen ihn trat kein Zeuge auf; aber
das Urtheil schickte ihn doch für den dritten Theil seines Lebens auf
die Galeere. Seine Füße mußten Ketten und Kugeln ziehen und seine
Hände Arbeiten thun, wie ich neulich oben auf der Burg vor den Gräbern
Osman’s und Orchan’s die Sträflinge Canäle graben sah. Seine Eltern sah
er nicht wieder; sie starben kurze Zeit ehe ihm die Freiheit wurde.
Den Hof, der nun sein Eigenthum war, schenkte er dem alten Vater des
jungen Menschen, dem er in jener grausen Nacht den Messerstich versetzt
hatte. Der Bursche hatte oft für Lohn neben ihm in den Maulbeerfeldern
des Tschifliks gearbeitet und war sein Freund gewesen. Dem alten Manne
fehlte mit dem Sohne die Quelle, die ihn in den letzten Jahren genährt
hatte. Er hatte wieder arbeiten und zuletzt, da ihm das Alter auch
diese Kraft genommen, betteln gemußt.

Der entlassene Sträfling aber gesellte sich dem Derwische, der den
Anfangs starren und eigensinnigem bei Gott und der Welt die Ursache
seiner Schuld findenden Charakter zum Selbstbekenntnisse des Fehlers
gedemüthigt hatte. Mit ihm wanderte er die weite sandige Pilgerstraße
nach Mekka, und erst als sein Herz den letzten Groll getilgt und dem
Todten völlig verziehen hatte, folgte er seiner Sehnsucht zurück nach
den Bergen seiner Heimat. Seitdem lebt er hier von Almosen, mit sich
und der Welt so im Frieden, daß die unmittelbare Stätte seiner Leiden
und seiner Verbrechen keine Dornen mehr für ihn hat.

„Diese Welt ist, damit wir den Willen Gottes kennen lernen, die andere
wird ihn uns erst zu verstehen geben,“ schloß er, sich selbst über die
Härte des irdischen Geschicks tröstend, die Geschichte seines Lebens.
Das Volk, das sie nicht kennt, und dem er als ein Fremder zurückgekehrt
ist, verehrt ihn als einen jener Gottgesegneten, denen vorzeitig der
Geist genommen und in den Himmel versetzt worden ist, so daß hier
nur mehr ihr Körper herumwandelt. Es nennt sie Abdahls und hält so
alle Irren, Blöd- und Schwachsinnigen und die sich zurückziehen von
dem Verkehre mit der Welt, besonderer Rücksicht und Achtung werth.
Keine Gegend des türkischen Reiches ist mit solchen muselmännischen
Anachoreten bevölkerter als die waldige Umgebung Brussa’s und von
hier aus wandern sie, Apostel ihres Glaubens, bis in das ferne
Indien, an die Ufer des brahmanischen Ganges. Das mohammedanische
Klosterleben des asiatischen Olympes hält dem griechischen des beinahe
gegenüberliegenden europäischen Berges Athos das Gleichgewicht.


    Gemleck, den 31. Mai, Mitternacht.

Wer, dem das Reisen Gewohnheit ist, hat es nicht schon erfahren, daß
ihm eine Trennung von geliebten Menschen, die er lange wie etwas
Unerträgliches gefürchtet, im letzten Augenblicke beinahe ungefühlt
vorübergegangen ist, so daß er sich nachher herzlose Undankbarkeit
vorwerfen mußte? So ist es mir mit dem Abschiede von Brussa geworden;
im Augenblicke des Aufbruches war er leichter, als mir dieses jetzt
möglich erscheint. Die Geschichte des Bettlers, die all’ mein Denken
und Fühlen beschäftigte, endlich auch die Geschäfte der Abreise, die
ich zuerst hinausgeschoben, dann vergessen hatte, und die zuletzt doch
gethan werden mußten, hatten alle Wolken des Schmerzes zerstreut.
Das aber weiß ich heute schon: wo ich auch den bloßen Namen Brussa
hören werde, die Mahnung wird immer ein freundliches Lächeln in die
Erinnerung zurückrufen und die Möglichkeit einer Rückkehr mich überall
willig finden. Mir ist jetzt, wenn ich zurück denke an das Grün und die
Blüthenpracht, an die schneeigen Berge auf der einen und an die rothen
Felsen auf der anderen Seite, als biete das Thal von Brussa auch in der
schlechtesten seiner Hütten die Erfüllung aller irdischen Wünsche, als
sei dort das letzte und verdiente Ziel mühsamer Lebenspilgerschaft zu
finden, bis mir mein Bettler einfällt und mich mahnt, daß Schuld und
Sorge überall und daß Ruhe und Zufriedenheit nicht an den Wänden eines
Thales und eines Hauses, sondern tief im Gemüthe des Menschen haften.
Dem Glücklichen kann die Lüneburger Haide dasselbe Paradies sein, wie
mir das Thal von Brussa.

Erst nach 4 Uhr verließen wir das Hôtel d’Olympe. Gewitter drohten,
wichen und gaben uns endlich doch einigen Regen; dann aber blieben
nur Wolken mit kühlendem Schatten. Auch daß der Staub festgelegt war,
priesen wir als eine Wohlthat. Wir durchritten das Thal in seiner
ganzen Breite über zwei Stunden; die neue Straße durchschneidet es,
eine häßliche gerade Linie, die ich bedauerte, weil sie zuerst mir
wieder Europa und seine Civilisation in’s Gedächtniß brachte. Wir
lenkten bald von ihr ab auf kürzere Pfade zwischen die Berge hinein
und dann hinauf und über diese. Die Landschaft wird dort ausgestorben,
einsam, auch völlig unbebaut, beinahe wild in ihrer Leerheit. Sie
mahnt mich durch die Kahlheit ihrer Hügel und den gerundeten Fall
ihrer Linien an das, was ich von den griechischen Inseln gesehen. Eine
gewisse Poesie bleibt dem Wege immer eigenthümlich, und zurück hat man
lange den Blick frei auf Brussa und die mit der Entfernung immer mehr
aufsteigende Höhe des Olymps. Seine Abhänge erscheinen nach dieser
Seite viel wilder und seine Schneefelder, die sich gegen Osten zu
ziehen, viel größer als nach der Straße von Mudania zu. Den letzten
Blick gab er uns auf das kostbarste geschmückt. Ich hatte lange nicht
mehr zurückgeschaut, als ein plötzlicher Stillstand meines Pferdes das
zufällig veranlaßte. Ein Schrei der Ueberraschung hielt alle meine
Gefährten auf. Da lag unter uns in tiefem Schatten, so dunkel, daß dort
schon die Nacht sein mußte, das Thal von Brussa und über ihm goldig und
roth glühend das weiße Haupt des Olymps. So intensiv und farbenprächtig
habe ich das Alpenglühen früher nur einmal gesehen; das war in Tirol
auf der Höhe des Passes Thurn, und damals unter mir der sumpfige
Pinzgau und mir gegenüber der Hohe Tenn und das Wiesbachhorn in so
wunderbarem Violett, als sollte dort für andere Geister eine verklärte
Welt erstehen. Heute aber stand ich auf asiatischem Boden, und Lorbeer,
Arbutus, Clematis, Nachtschatten und Myrthen blühten und dufteten bis
zur Betäubung um mich, und weiche, warme Luft quoll wie stärkender
Balsam in die erschöpfte Lunge. Ich war wie verwandelt, zugleich
zurückgeführt in die Erinnerung und doch auch weit voraus durch Alles,
was die Eindrücke Neues brachten.

Den ersten Halt machten wir in dem Lager einer Caravane. Lange
hatten wir gestritten, was die vielen schwarzen Punkte vor uns auf
dem Bergrücken, über den wir mußten, sein könnten. Mitten unter
ihnen stehend erkannten wir sie als Kameele, die, wohl ein Hundert,
einzeln weit von einander zerstreut lagen, daß wir eine Viertelstunde
lang durch ihre Lagerstätte ritten. Alle hatten ihre Lasten auf den
Rücken behalten; nur einige reckten die langhalsigen Köpfe in die
Höhe, die Luft nach den Fremdlingen prüfend, die meisten blieben in
Schlaf und Ruhe versenkt. Nirgends war eine Vorkehrung, den Thieren
das Entweichen zu wehren; es scheint in ihrem eigenen Willen zu
liegen, das Zusammenhalten bei den Wandergenossen und Führern. Diese
waren Kurden, wilde, schwarzbärtige Kerle, Hosen und Jacken roh aus
abgenützten persischen Teppichen zusammengeflickt, den Schädel in einem
ungeheuern Shawl verborgen. Ihre Umgangsweise hatte aber nichts von
dem Bedrohlichen ihrer äußeren Erscheinung. Mit Sprüngen und Späßen
umringten sie uns und suchten sich mit kleinen Diensten Almosen zu
erwerben. Bis auf die Höhe des Berges klang ihr Jubelgeschrei und
leuchteten uns ihre Zeltfeuer nach.

Bei einem Chan dort oben, wo wir rasteten und aßen, fiel die Nacht
völlig ein und so dunkel, daß wir uns Einer hinter dem Anderen halten
mußten, um den Weg nicht zu verlieren; der fällt nun meistens bergab
der Seeküste zu. Einmal noch bei einer Wachthütte hielten wir; zwei
Leute, darunter ein Neger, bildeten ihre Besatzung. Ohne auch nur ein
Wort des Auftrages zu erwarten, übernahmen sie gleich die Besorgung
unserer Bedürfnisse. Es liegt in der Sitte dieser Länder, daß die
Gendarmen auch zugleich die Wirthe sind. Jeder weitere Augenblick auf
diesen Reisen bringt neue Eindrücke, und wem die Phantasie nicht ganz
erstorben ist, der stellt sich Bilder und ganze Gemäldesammlungen
daraus zusammen. Belebt werden sie durch die ausdrucksvollen Köpfe der
Menschen, und Farben gibt selbst die Nacht hier reichere, weil die
Augen glühender und die Kleider bunter als in unseren Ländern sind.
Unser Lager sah ich als ein solches Bild. Wir, müde auf dem Boden
ausgestreckt; der eine Soldat beschäftigt, uns den Caffee zu serviren
und die Pfeifen mit Kohlenstücken zu entzünden, der andere das Feuer
anzublasen, das schwarze Gesicht grell von der Flamme beschienen; die
Pferde an die Pfähle der Hütte und eines an das andere gebunden, und
Diener, Kawassen und Führer bemüht, das eine, das sich losgerissen
hatte, einzufangen. Die zwei Leute der reitenden Courierpost kamen
noch dazu gesprengt und lagerten sich zu uns. Der Eine, den wir den
Conducteur nennen würden, mit langem grauen Barte, in buntgestickter
blauer Jacke, einige Dutzend Ellen rothen Zeuges als Gürtel um den
Bauch gewunden und silberbeschlagene Pistolen darinnen, weite blaue
Pumphosen und gestickte Gamaschen an den Beinen, auf dem Kopfe einen
grünen Turban, also ein Abkömmling des Propheten, ganz eine jener
würdevollen anständigen Gestalten, die mir jetzt schon als die
schicklichen Vertreter des ganzen Volkes erscheinen.

Wir brachen erst später hinter den Eiligen auf. Vor einer halben Stunde
sind wir hier eingetroffen. Der Ritt hat also sieben Stunden gedauert.
Wieder fühle ich mich wach und ohne Müdigkeit; die Neuheit der
Lebensart und der Eindrücke hält Alles in mir rege. Der Körper erliegt
nur, wenn das geistige Fühlen und Denken erschlafft. Und das thun nicht
die Mühen der Arbeit, sondern die hundert kleinen Nadelstiche unserer
gewöhnlichen Verhältnisse; darum das Aufleben in der Fremde, in der
Freiheit, und nun gar erst, wenn sie getrennt und losgelöst von aller
europäischen Sclaverei wie hier in Asien ist.


    Gemleck, den 3. Juni.

Ich habe diese letzten Tage ausschließlich zu dem Studium der
Baumwollcultur verwendet, die in der Türkei jetzt vorwiegend die Hände
und Interessen beschäftigt. Im weiten Umkreise, bis nach Ismid hin,
durchzog ich das Land, um auf den Feldern selbst zu prüfen, wie die
Erfolge, von denen man mir erzählte, möglich geworden. Da überraschte
mich zuerst die Gestalt der Pflanze, weil, wie so oft, ein Mißbrauch
unserer Sprache eine irrthümliche Vorstellung in mir festgesetzt hatte.
Von Baum sollte nicht die Rede sein, denn das, was die vielbegehrte
Wolle spendet, ist eine Staude, nicht mehr und nichts Größeres.

Die nächste Ueberraschung war die Arbeit der Bauern, die ich eifrig
und sogar beim Gebrauche der Maschinen geschickt fand. Die Einführung
dieser Maschinen soll beinahe überall, wenigstens an den Seeküsten, wo
der Transport nicht zu kostspielig, leicht und schnell gegangen sein,
erzählen Missude Bey und die Engländer, junge Söhne von Liverpooler
Handlungshäusern, welche sich hier um die Baumwollcultur besonders
verdient gemacht haben. Nothwendig war nur, daß sie die Maschinen,
welche ihnen englische Dampfer gebracht hatten, auf ihren Zimmern
zusammensetzten und zuerst selbst bei dem Handwerke erprobten. Schon
am ersten Tage meldeten sich dann Bauern mit dem Antrage, ihnen die
neuen Werkzeuge gegen Abschlagszahlungen zu überlassen. Und auch der
große Haufe habe bald die Vortheile der Neuerung begriffen. Nicht in
England und nicht in Amerika würde diese Einsicht und diese Uebung so
schnell gekommen sein, behaupten diese Engländer, die in allen drei
Welttheilen gelebt und gearbeitet haben. Der türkische Bauer sei unter
den Factoren, welche bei der Einführung dieser Cultur behilflich sein
müssen, der bereitwilligste und anstelligste; zögernd nur vor dem
ersten Versuche, überrede ihn zu diesem am leichtesten das Beispiel;
einmal sein Glaube gewonnen, fehle auch sein Wille nicht lange. So
wollen es diese Geschäftsmänner eher mit dem hiesigen als mit dem Bauer
ihrer Heimath zu thun haben.

Die Geschichte der kleinasiatischen Baumwollcultur gleicht in sehr
vielem der des Landes selbst. Wie diese ist auch sie ein fortwährendes
Auf und Nieder von weltbeherrschender Blüthe zum Verfalle in beinahe
völlige Vergessenheit. Zwei-, dreimal im Laufe der Jahrtausende standen
die kleinasiatischen Staaten allen anderen voran, und ihre Schicksale
schienen die der Welt zu sein. Dazwischen liegen lange Perioden der
Verwüstung und Unbedeutendheit, wo kaum ihre Ruinen übrig blieben.
Und ähnlich so ist das, was heute der Baumwollpflanze hier wird, die
Wiederholung einer glänzenden Rolle, die sie schon einige Male nach
Zwischenfällen völliger Vernachlässigung auf diesen Feldern gespielt
hat.

Die Heimath der Baumwolle ist vielleicht für die Production der ganzen
Welt, jedenfalls aber für die kleinasiatische, Indien. Dort, so
erzählt zuerst Herodot, trugen schon zur Zeit, als Indier dem ersten
Darius Tribut brachten, also ungefähr um das Jahr 523 v. Chr., die
wilden Bäume als Frucht eine Wolle, die an Feinheit und Güte weit über
die Schafwolle kam; wie denn auch die Indier von diesen Bäumen ihre
Kleider hatten. Daß Herodot hiebei unterläßt, diese Neuigkeit durch
eine Hindeutung als auf etwas seinen Landsleuten auch schon Bekanntes
zu erläutern, beweist, daß auch später noch, da er schrieb, 450 Jahre
v. Chr., die Baumwollenstaude und das Gewebe daraus in Griechenland
und Kleinasien unbekannt gewesen sein müsse. Der Handel hat also den
Griechen die feinen indischen Stoffe, welche dann ebenso wie heute als
etwas Außerordentliches geschätzt wurden, erst in verhältnißmäßig neuer
Zeit zugeführt. Indische Schiffe brachten sie nach dem Hafen Moscha,
dem heutigen Maskat auf der arabischen Küste, und phönicische Kaufleute
weiter nach den kleinasiatischen, ägyptischen und europäischen Märkten.
Den Geweben wird, da sie erst einmal diese große Nachfrage gefunden
hatten, die Pflanze und die Productionsmethode bald nachgefolgt und so
die Baumwollencultur in Kleinasien heimisch geworden sein. Babylon, das
im Alterthume die größten und geschicktesten Webereien hatte, lieferte
der ganzen damaligen Welt Baumwollenstoffe und realisirte dabei
Gewinne, welche die Phönicier, die ursprünglich nur den Handel besorgt
hatten, auf den Gedanken brachten, in ihren syrischen Küstenstädten die
Production selbst nachzuahmen. Später, besonders in der Glanzzeit des
römischen Luxus, war die Insel Kos um ihrer feinen Baumwollengewebe
berühmt.

Im byzantinischen Constantinopel bestanden förmliche Baumwollenfabriken
und andere in den griechischen Küstenstädten des mittelländischen
und des schwarzen Meeres. Wo im Innern des Landes diese Production
den Kriegen erlegen war, da frischten sie die Araber wieder auf; die
bauten, spannen, woben und färbten die Baumwolle noch fleißiger als die
Griechen, und suchten ihren Anbau nach Spanien, Sicilien und Italien
zu verpflanzen. Aber auch diese Blüthe zerstörten wieder Kriege, die
blutigen, langen, welche Europa und Asien um den Glauben und die
Weltherrschaft kämpften. Doch muß im vorigen Jahrhundert noch so viel
davon übrig gewesen sein, daß der Orient außer seinem eigenen Bedarf,
den bedeutendsten Theil der damals freilich sehr kleinen Nachfrage der
europäischen Industrie mit seiner Baumwollenproduction decken konnte.
1784 wurde sogar aus Smyrna der Same zu der heute weltüberschwemmenden
Produktion nach Amerika gebracht.

Völlig ausgerottet, oder doch beinahe so gut als das, hat erst das
laufende Jahrhundert die Baumwollstaude aus dem hiesigen Boden. Nur
an wenigen Orten erhielt sich kümmerlich eine dürftige Production,
um der inländischen Manufactur den Rohstoff zu liefern, und auch
an diesen nur so lange, bis die englischen Garne erschienen, und
mit ihren wohlfeileren Preisen die türkischen Spinnereien zu Grunde
richteten. So z. B. in Syrien, wo vor zwanzig Jahren die Baumwollcultur
mehr als 2 Millionen Pfunde Rohstoff producirte und sie die jüngsten
Wiederbelebungsversuche von der englischen Einfuhr erdrückt, auf eine
Production von nicht 700.000 Pfunden herabgesunken fanden. In anderen
Theilen Kleinasiens überlebte nicht einmal so viel den Verfall, ja
kaum die Erinnerung an die Möglichkeit in diesem Boden die Pflanze
zu erziehen; daß einmal hier die Baumwolle geblüht und reiche Frucht
getragen, war aus dem Gedächtnisse der meisten Menschen entschwunden.
Unglauben und Zweifel antworteten daher den Vorschlägen, welche
beim Ausbruche der Baumwollkrisis auch auf Kleinasien als auf einen
möglichen Helfer wiesen.

Unter den rührigsten, welche so riethen, war Missude Bey, von Geburt
ein Belgier, durch dienstlichen und religiösen Verband aber ein
Türke. Schon zur Zeit der ersten Londoner Industrie-Ausstellung, der
er als türkischer Regierungscommissär beigewohnt, hatte er in einer
ausführlichen Rede den Liverpoolern die Wahrscheinlichkeit eines
Ausbleibens der amerikanischen Baumwolllieferungen und die Möglichkeit,
für diesen Fall einen Ersatz in den türkischen Ländern vorzubereiten,
vorgehalten; damals ohne jede Theilnahme. Ein ganzes Decennium später,
da er eben in Bagdad mit der Einführung der Dampfschifffahrt auf dem
Euphrat beschäftigt war, schickten ihm einige Engländer, die sich an
seine prophetischen Rathschläge erinnerten, das Anerbieten nach, dem
englischen Publicum dieselben noch einmal vorzutragen. Die türkische
Regierung bewilligte ihm den Urlaub, ernannte ihn sogar förmlich zu
ihrem Bevollmächtigten in dieser Sache. In Liverpool hatte Missude
Bey nichts zu thun, als seine frühere Rede vorzulesen, an seine
Prophezeiung zu erinnern und den Antrag zu wiederholen: es solle sich
eine eigene Gesellschaft bilden, um den Anbau der Baumwollstaude in
den türkischen Ländern anzuregen, und den Einkauf und die Ausfuhr
des türkischen Productes als kaufmännisches Geschäft im Großen zu
betreiben. Im Namen der türkischen Regierung konnte er deren eifrige
Unterstützung versprechen. Eine Stunde nach dem Schlusse seiner Rede
war eine solche Gesellschaft gebildet und das Unternehmen durch
die Subscriptionen verwirklicht. Jede Actie zahlt nur so viel von
ihrem Nominalwerthe ein, als der Betrieb des Geschäftes erfordert.
Das war bis jetzt so wenig und der Ertrag des Unternehmens ein so
reichlicher, daß die bisherigen Einzahlungen den Actionären bald durch
die Superdividenden zurück erstattet sein werden. Missude Bey wurde zu
einem der Bevollmächtigten der Gesellschaft ernannt; Andere wurden aus
England gesandt, meistens junge Leute, die sich früher in Amerika bei
demselben Geschäfte umgethan hatten.

Die türkische Regierung blieb dabei nicht gleichgiltig. Rasch und ohne
die erste Kraft des Entschlusses in dem Scheindienste büreaukratischer
Begutachtungen zu erschöpfen, mehr durch individuelle Initiative
ordnete sie ein ganzes System zusammengreifender Maßregeln an, die alle
Organe der Verwaltung in derselben Richtung thätig und alle Stadien der
Production begünstigt sein lassen.

Sie gewährte jenen Grundstücken, die früher brach gelegen und künftig
zum Baumwollbau verwendet werden, für die fünf ersten Jahre ihrer neuen
Cultur Freiheit von der Grundsteuer.

Sie überläßt den ihr eigenthümlichen Boden der unentgeltlichen
Benutzung zur Baumwollproduction.

Sie verwandelt bei dem zum Baumwollbau verwendeten Boden den Zehenten,
welchen er bisher vom Ertrage hatte abgeben müssen, in eine feste
Grundsteuer, welche dem räumlichen Umfange des Feldes nach seinem
Durchschnittserträgniß der letzten sechs Jahre zugemessen wird, und
verspricht diesem Zugeständnis eine zehnjährige Dauer.

Sie vertheilte 90.000 Okas, das sind 205.625 Pfunde Baumwollsamen
gratis unter das Landvolk.

Sie ließ in allen üblichen Landessprachen Broschüren schreiben, drucken
und unter das Volk ausstreuen, um Belehrung über die Baumwollcultur,
die Wahl des dazu tauglichen Bodens, die Bestellung der Felder, der
Aussaat, die Pflege der Pflanze, über die Ernte und den Gebrauch der
Maschinen zu verbreiten.

Sie selbst ließ Maschinen als Modelle für die Ackerbauer und die
Fabrikanten kommen, und die, welche die Privaten einführen, befreit sie
von jeder Zollpflichtigkeit.

Sie reducirt den Ausgangszoll der jetzt so sehr verfeinerten Baumwolle
auf den Werth der früher viel weniger guten und auch diese Gewährung
mit zehnjähriger Giltigkeit.

Sie hat endlich an allen Hauptproductionsorten Commissionen aus
Eingebornen und Fremden mit dem Auftrage eingesetzt, die wirksamsten
Mittel zur Förderung der Baumwollcultur zu finden und vorzuschlagen.

So haben sich staatliche und privatliche Bemühungen die Hände gereicht.
Ihren Erfolg erzählt das letzte Capitel der Geschichte kleinasiatischer
Baumwollcultur mit den Zahlen, die ich hier im Folgenden gebe:

1861, wo nach langem Winterschlafe die ersten Wiederbelebungsversuche
gemacht wurden, betrug die türkische Baumwollproduction nicht mehr
als 171.000 Ctr. im Werthe von ungefähr 1,300.000 Pfd. Sterling. 1863
brachte sie schon 890.000 Ctr., und in diesem Jahre 1864 erwartet
man wenigstens 2,000.000 Ctr. und blos für die Ausfuhr einen Werth
von 15 Mill. Pfd. Sterl. In diesen summarischen Zahlen steht unter
den einzelnen Posten die Ausfuhr von Smyrna als der überraschendste
Erfolg da; 1860 nicht mehr als 42.750 Ctr., war sie 1863 300.000 Ctr.
und wird sie in diesem Jahre 500.000 Ctr. im Werthe von 4 Mill.
Pfd. Sterl. sein. In Macedonien bestand 1861 keine Production; 1863
führte sein Hafen Salonik 125.468 Ctr. und der andere, Kawala, 13.784
Centner Baumwolle aus. Ebenso bedeutend ist die Entwickelung in Syrien.
Nur in Rhodus, dessen Erde die ersten Versuche der ~Cotton supply
association~ als sehr geeignet zur Baumwollproduction erwiesen
hatten, verfällt sie, weil Hände zu ihrer Bestellung fehlen.

Die Productionszahlen der Jahre 1861 und 1864 nebeneinander gestellt,
171.000 Ctr. Baumwolle neben 2 Millionen Ctr., zeigt das einen
Fortschritt, der in drei Jahren die Production verzwanzigfacht hat, und
der seines Gleichen nur bei der ägyptischen Baumwollproduction findet,
die 1860 für 2,770.000 Francs, 1863 für 234 Mill. Frcs. und in diesem
Jahre für wenigstens 400 Mill. Frcs. ausführt, denn selbst Amerika, das
Land der Sieben-Meilenstiefel, kann nichts Aehnliches daneben setzen.

Auch in Oesterreich nahm die Regierung die Einführung der
Baumwollproduction unter ihre Pläne auf. Bis heute sind aber im Banate
und in Dalmatien nur jene Stauden gepflanzt worden, durch welche
versuchsweise die Tauglichkeit des Bodens und des Klimas bewiesen
worden ist. Desto ansehnlicher sind die Resultate, welche durch diese
Proben für die Archive erreicht wurden; Handelskammern, Bezirksämter
und Statthaltereien haben ihnen und den Aktenwürmern mit „erleuchteten
Gutachten“ und „gefälligen Meinungsäußerungen“ ein reichliches Futter
geliefert. Ueber die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die Nützlichkeit
oder Schädlichkeit einer dalmatinischen Baumwollcultur sind alle
Zweifel gehört und entschieden worden. Daß dem armen Dalmatiner damit
eine neue Erwerbs-, dem Staate eine neue Steuerquelle flüssig gemacht
werden könne, gestanden die meisten Federn zu; aber gethan ist darum
nichts worden. Jedes Jahr schloß mit der Ausrede ab, daß es zu spät
war, um mit der Ausführung der Absichten zu beginnen. Das muß überall
so sein, wo statt der Willenskraft eines egoistischen Interesses die
Uneigennützigkeit einer Maschine eingestellt ist. In der Türkei ist
das Räderwerk nicht immer so gut geschmiert, auch nicht so künstlich
construirt wie bei uns und es bleibt mehr dem Willen und der Einsicht
des Leitenden überlassen, so daß, wenn dieser faul ist, allerdings
überhaupt nichts geschieht, aber auch das allgemeine Interesse nicht
durch das geistlose Weiterarbeiten rein mechanischer Kräfte geschädigt
wird; wenn aber der Machtbegabte geistig stark und willenskräftig ist,
dann werden auch die staatlichen Dinge mit jener ausschließlichen
Rücksichtnahme auf praktische Vortheile gethan, welche sonst nur den
Bestrebungen des Privatlebens eigen ist. Unsere Amtsleute halten indeß
immer die Theile in der Hand, lassen auch nicht ab sie zu kutschiren,
es fehlt ihnen leider nur oft das geistige Band.

Ich will übrigens nicht behaupten, daß der Verlust, der Oesterreich
durch diese Verzögerung wird, ein sehr schwerer sei, weil ich nicht
daran glaube, daß die Baumwolle in Oesterreich eine glückliche Heimath
finden werde. Ich wollte nur an einem Beispiele zeigen, wie unsere
officiellen Schreibstuben die Volkswirthschaft betreiben, und wie
nicht alles Türkische schlechter als das Europäische sei. Wer so wie
ich eben erst von dorten kömmt, die Mängel der Heimath immer erkannt
und auch noch frisch im Gedächtnisse hat, so daß er nicht den selbst
erfundenen Maßstab eingebildeter Vollkommenheit mitbringt, der wird
gewöhnlich dieses günstigere Urtheil für die fremden Dinge haben. Mir
will es scheinen, daß er damit nicht nur der Billigkeit, sondern auch
der Wahrheit näher stehe als diejenigen, welche bei ihrer Kritik die
längere Bekanntschaft der Dinge ihm voraus, aber vielleicht auch den
Nachtheil haben, die Uebelstände ihrer ehemaligen Heimath zu vergessen,
und alles was hinter ihnen liegt als rosige Felder des Blühens und
Gedeihens zu betrachten. Dazu neigt die Natur des Menschen. Mit der
Gegenwart immer unzufrieden und auch von der Hoffnung nur selten
völlig getröstet, weil selbst der Leichtsinnigste die Zweifel der
Ungewißheit nicht ganz überwindet, vergoldet er sich die Erinnerung um
so verschwenderischer, damit er wenigstens ein Feld habe, sich Blumen
für die steinige Wanderung des Lebens zu pflücken. Denn selbst das
Unangenehme, das ihm dort erzählt wird, klingt eben, weil es von dem
Siegerbewußtsein des Ueberstandenen begleitet ist, versöhnlich und
trostreich. Die Wehmuth, und sie ist ja dieses schmerzliche Fühlen der
Erinnerung, wird die blasse Rose in diesem Blumenstrauße, die weit
aufgeblüht und dem Entblättern nahe immer noch sticht aber auch durch
balsamisch lindernden Wohlgeruch heilt.

Ich mußte meine europäischen Landsleute, die hier in den Diensten
der Türkei leben, an die vielen Unerträglichkeiten ihrer früheren
Vaterländer erinnern, und wie sie ja gerade durch den Kampf mit
diesen in das Exil getrieben worden seien, um ihr Urtheil über die
türkische Regierung gerechter und ihre Klagen über das Traurige ihrer
Lage weniger unzufrieden zu machen. Es war das große Wort des großen
deutschen Dichters Franz Bacherl, den ich blos um dieses Einen willen
unter die Ersten unseres Stammes reihe, das ich ihnen zurief:

    Ja! So sind sie! So ist ihr Verlangen!
    Was sie wirklich schon haben, das wollen sie nicht;
    Was sie dünkelhaft wollen, das haben sie nicht!

Wie ein Donnerschlag hatte mich das einmal aus der heiteren Komik einer
Trauerspielsvorstellung des Münchener Schweiger-Theaters geweckt, als
Thusnelda mit hochtragischem Pathos diesen Vorwurf dem Häuptlinge
Narisko, dem Repräsentanten der Deutschen, entgegenschleuderte, und
seitdem klingt er mir aller Orten wieder, ähnlich den Sprüchen der
sieben Weltweisen, welche die Griechen ja auch überall hin mit sich
trugen. Dieselben Männer, welche sich in Europa nicht mit dem Zuviel
des Regierens vertragen hatten, klagen hier über das Zuwenig, über
den Mangel des Eingreifens und der Hilfe. Indessen scheint leider
wirklich das alte Lied, wo es auch hier über den kleinlichen Sinn,
den nationalökonomischen Unverstand der Bureaux jammert, nicht immer
ganz im Unrechte zu sein. So soll die Regierung z. B. nicht zu
bewegen sein, derjenigen Baumwolle, welche zur weiteren Ausfuhr durch
Dampfpreßmaschinen zusammengedrückt werden muß, weil die englischen
Dampfer der Raumersparniß wegen sie nur in diesem verminderten Volumen
aufnehmen, die zollfreie Ausschiffung im Hafen von Constantinopel, wo
diese Maschinen aufgestellt sind, zu gestatten.

In nationalökonomischen Dingen mehr als in allen anderen ist zu
wirklichen Erfolgen ein oberster, leitender Grundsatz Bedingung.
Um seinen Kern muß sich die ganze Politik krystallisiren, so daß
er allem Ursprung, daß seiner Rücksicht jede andere untergeordnet
werde. Es ist das keine zu herrische Forderung, weil zuletzt doch nur
auf der wohlbestellten Wirthschaft das Haus und die Familie sicher
steht. Die absolute Monarchie ist zumeist darum der Geduld der Völker
unerträglich und der Zukunft der Staaten unmöglich geworden, weil sie
es versäumt hat, ihre Wirthschaft durch ein solches Princip leiten,
Ordnung durch dasselbe in ihren Haushalt und Zweckmäßigkeit in ihre
Politik bringen zu lassen. An den nationalökonomischen Irrthümern geht
eine Staatsform nach der anderen unter, soweit wir in der Geschichte
zurückschauen können. Taucht die demokratische aus diesen Trümmern
immer am öftesten und mächtigsten wieder hervor, so ist das, weil in
ihr vermöge ihrer vielköpfigen Bildung ein Vergessen und Verläugnen
der volkswirthschaftlichen Interessen schwerer als in jeder anderen
ist. Die Nationalökonomie duldet eben wie der Magen kein Verkennen der
angeborenen Rechte; sie verlangt Nahrung und die richtige, damit der
Körper des Staates und des Volkes lebe.

Daß die türkische Regierung solche Forderungen nicht immer genügend
befriedige, haben Andere und hat sie selbst erkannt, und hat sie darum
auch einige der Rathschläge, welche ihr verschieden von Engländern und
Franzosen, als Leitsterne ihrer wirthschaftlichen Politik, gegeben
wurden, versucht, aber immer mit dem übelsten Erfolge. Natürlich, denn
nichts als fremder Eigennutz hatte sie gerathen. Das hat die Türken
mißtrauisch gemacht, und nicht zu ihrem Nachtheile. Der Europäer glaubt
den Türken sein geborenes Opfer. Bei sich selbst sollen die Türken
das Princip ihrer Politik suchen. Der Entschluß, der aus der eigenen
Erfahrung aufwächst, ist immer der nutzbringendste, und gerade die
letzten Erfahrungen bei der Baumwollcultur sind dazu geeignet, einem
solchen als Material zu dienen. Sowohl die überraschenden Erfolge,
als die Maßregeln, wodurch sie errungen worden, aber auch die Klagen,
welche die Producenten und die Handelsleute immer noch erheben,
weisen die Wege. Was erreicht, was angeordnet worden und was begehrt
wird, liegt alles in der Richtung der Rohproduction, und dort liegt
auch der Keim der Kräftigung und der nächsten Zukunft der Türkei.
Diesen Gedanken wird die türkische Regierung zum Principe aller ihrer
Handlungen erheben, ihm in der äußeren wie in der inneren Politik alle
anderen Absichten unterordnen müssen. Ist das einmal klar verstanden,
dann werden sich von selbst die Aenderungen anmelden, die in allen
Zweigen der Verwaltung nothwendig sind. Der türkische Volksgeist wird
sie bald verträglicher erkennen mit den Grundlagen seines Glaubens,
als dieses die Unformen Mahmud’s und seiner im Respecte vor allem
Europäischen erzogenen Nachfolger waren. Die Pflege des Ackerbaues, der
Viehzucht und des Handels, überhaupt der Production, liegt so sehr im
Willen des Korans, den ja ein Kaufmann gegeben hat, daß kaum von irgend
einer Maßregel, welche die Wirthschaft des Volkes zu unterstützen
beabsichtigt, Widerspruch gegen die Lehre der Religion zu befürchten
ist.

Einiges wird vielleicht im Schulwesen nothwendig sein, das meiste aber
im Steuer- und Zollwesen. Im Steuerwesen wird eine gleichmäßigere
Vertheilung der Lasten und die Einhebung des Zehnten in eigener Regie,
oder doch wenigstens bessere Wahl der Steuerpächter nothwendig sein. In
den Städten werden die Häuser mehr zur Steuerpflichtigkeit verhalten
werden müssen. Straßen und Wege sind nach Möglichkeit im Stande zu
halten und neu anzulegen. An vielen Küstenpunkten müssen die Häfen
sorgfältiger gereinigt und sicherer angelegt werden. Die Erwerbung
des Grundbesitzes muß möglichst erleichtert und, was ich für das
Nothwendigste halte, dem Fremden, d. i. dem Europäer, frei gestellt
werden. Das wird die meisten Capitalien in das Land hereinbringen,
und nicht blos wie im Handel zu flüchtigem, nur vorübergehendem
Arbeiten, sondern zu fester, bleibender Anlage. Das Capital zieht sich
dort am meisten hin, wo ihm Sicherheit in unzerstörbar körperlicher
Gestalt zugleich mit Gewinnen geboten wird, wie sie sonst nur die
precären Speculationen der Börse, der Industrie und des Handels geben.
Das bietet ihm dermalen noch die Landwirthschaft der Türkei. Es kann
ihr daher eine massenhafte Einwanderung europäischer Capitalien
aus dem übersättigten, an einzelnen Stellen oft nicht mehr drei
Procente tragenden europäischen Boden versprochen werden, wenn nur
erst der Einlaß geöffnet und der unbewegliche Besitz gesichert sein
wird. Daß dieses geschehe, liegt aber nicht blos in der Hand der
türkischen Regierung, auch in der Befugniß der übrigen Großmächte,
denn die sogenannten Capitulationen, die Verträge, durch welche
sich die europäischen Regierungen die Exemptionen ihrer Unterthanen
von allen türkischen Pflichtigkeiten zugestehen ließen, sind das
Hinderniß. Sie bilden einen Staat im Staate. Alle diese Franzosen,
Engländer, Oesterreicher, Russen u. s. w., und darunter sind Viele,
die zu den reichsten Leuten der Welt gehören, genießen neben anderen
außerordentlichen Vortheilen auch den der völligen Steuerfreiheit.
Ihrem betreffenden Vaterlande zahlen sie keinerlei Staats- oder
Gemeinde-Abgaben, weil sie nie dort leben und nichts dort besitzen,
und hier, wo sie leben, wo sie erwerben und besitzen, sind sie befreit
davon durch den Schutz einer Regierung, der sie keinen Dank, keinen
Zoll dafür leisten. Unter dem Deckmantel dieses Schutzes eigneten
sie sich nach und nach immer bedeutendere Besitzstände an, in den
Städten: Häuser, auf dem Lande: Felder, Waldungen, Bergwerke u. s.
w., bis der türkischen Regierung der Steuerentgang allzu fühlbar
wurde. Es war und ist ein Zustand ähnlich dem der Steuerexemption des
französischen Adels und Clerus vor der großen französischen Revolution.
Die türkische Regierung antwortete endlich der fremden Anmaßung,
die diese Rechte überdies nur durch eine willkürliche überspannte
Auslegung der Verträge behaupten kann, mit dem Gesetze, daß zum
Erwerbe jederlei festen Eigenthumes die türkische Unterthansschaft
nothwendig sei. Darüber erhob und erhebt man noch ein gewaltiges
Geschrei, beschuldigt die Regierung einer Unduldsamkeit, die den
Fremden nicht im Lande haben wolle. Und doch, was blieb ihr übrig
der Anmaßung der fremden Unterthanen und der Widerspänstigkeit der
fremden Regierungen gegenüber? Wo ist der Staat, der sich auf die
Dauer eine solche Schmälerung seiner Einkünfte, seiner Machtbefugnisse
über einen zahlreichen Theil seiner Bewohner gefallen ließe? Man hält
der türkischen Regierung immer Aegypten als Muster vor und daß dort
der Islam den Verkauf der festen Güter an Fremde nicht hindere. Als
ob nicht Millionen Griechen und Armenier und auch andere Christen
Grund und Boden unter dem Scepter des Sultans besäßen, und als ob die
türkische Regierung überhaupt ein Muster brauche das Wünschenswerthe
zu finden. In Aegypten ist der Fremde nicht steuerfrei; er leistet dem
Staate so gut wie jeder Eingeborene die Pflichtigkeit, welche an der
Scholle haftet. Von seinen fremden Staatsbürgerrechten geht ihm darum
keines verloren.

Wollen die europäischen Großmächte, welche immer schöne Reden für das
Wohlergehen des kranken Mannes im Munde führen, wirklich sein Bestes,
so sollen sie vor Allem von den Forderungen ablassen, die sie aus den
Capitulationen geltend machen. Türkische Justiz ist nicht mehr wie
früher, war vielleicht auch für ehrliche Leute, was eben nicht alle
fränkische Kaufleute sind, nie so wie man sie verläumdet hat, und steht
heute jedenfalls so sehr unter dem Machtbereiche der europäischen
Großmächte, daß ihr, so gut als den Gerichtshöfen anderer Staaten, die
Fremden überlassen werden können. Die türkische Regierung wird ihnen
dagegen den Eigenthumserwerb aller Gattungen von Gütern zugestehen;
ein Zugeständniß, das, wenn man es nach dem Lärm mißt, womit es
begehrt wird, auch in seinen Folgen für die Fremden als ein nicht
unvortheilhaftes geschätzt werden darf.

Das wäre eine der erfolgreichsten Maßregeln in jener Richtung, in
welcher ich die Wirthschaftspolitik der türkischen Regierung thätig zu
sehen wünsche. Ein anderer demselben obersten Grundsatze entspringender
Entschluß müßte das Zollwesen umgestalten. Das ist in der Türkei
beinahe ohne eigene Absichten, mehr zufällig durch die von außen
kommenden Forderungen der Handelsverträge gebildet worden. Das der
Türkei Eigenthümliche daran haben engherzige Vorurtheile veranlaßt,
welche die Zölle nur vom fiskalischen Standpunkte ansahen. Daß sie
diesen heute noch nicht überwunden habe, glaube ich in der Bemerkung
zu lesen, womit der Finanzminister bei der Vorlegung des Budgets für
1863-1864 dem Großvezier das Zurückbleiben der Zolleinnahmen hinter
dem Voranschlage durch das jährliche Herabsinken des Ausfuhrzollsatzes
erklärt und hierbei kein Wort dafür hat, einen Ersatz dieses Ausfalles
aus dem reichlicheren Ertrage der anderen Steuern zu versprechen, denn
die Production, der die Ausfuhr erleichtert wird, kann nicht müßig
auf dem früheren Flecke bleiben. Die Handelsverträge aber, welche
die Großmächte mit den Türken abgeschlossen haben, sind immer die
schamlosesten Ausbeutungen gewesen, wie sie sich nur Wucherer bei ihren
hilflosesten Gläubigern erlauben. Ganz einseitig, d. h. nachtheilig
für die Türkei, gestehen sie den europäischen Waaren an den türkischen
Grenzen beinahe völlige Zollfreiheit zu, lassen aber die türkischen
Waaren von den europäischen Märkten ausgeschlossen sein, in einigen
Ländern, wie bis vor kurzem in Frankreich, durch offen eingestandene
Prohibition, in anderen wie dermalen noch in Frankreich und Oesterreich
durch angebliche Finanzzölle. Die Türkei, die aber als der Wärwolf
aller Barbarei, aller Finsterniß und alles Zurückbleibens in der Cultur
geschildert wird, ist der einzige Staat der Welt, der an der Natur der
Dinge, am Freihandel festgehalten hat; wahrscheinlich unabsichtlich und
unbewußt ihrer Verdienstlichkeit, auch hier mehr als eine Folge des
dem Orientalen angeborenen Natursinnes, aber darum nicht weniger zum
Vortheile der Anderen.

Das türkische Zollsystem hat keine anderen als Finanzzölle, d. h.
die Zölle, welche die Türkei einhebt, beabsichtigen nichts, als eine
Einnahme für den Staatssäckel. Nach den Waaren, von denen sie erhoben
werden, sondern sie sich in Eingangs-, Ausgangs- und Durchfuhrszölle.

Als Eingangszoll erhebt die Regierung von dem Werthe jeder eingehenden
Waare acht Procente; sie gleichen die Steuer aus, welche die heimische
Production an den Staat zu leisten hat. Schutz wird der türkischen
Production damit keiner gegeben. Aber diese hat vor der fremden
Einfuhr den Vortheil des so sehr verschiedenen Geschmackes voraus, den
besonders bei den kostbareren Waarengattungen selbst die Bemühungen
der Belgier, Schweizer, und Engländer nicht ganz befriedigen können.
Dadurch erhält sie sich auf dem Standpunkte, der späteren Zeit, wenn
das Volk den Fortschritt zum Großbetriebe der Gewerbe machen kann
und will, die Findigkeit, die Arbeitstechnik, überhaupt das Vermögen
zu solcher Leistung zu überliefern. Denn für alle Zeiten soll die
Türkei nicht auf den Fleck gebannt bleiben, auf dem sie heute steht.
Es liegt kein Hinderniß vor, daß sie nicht einmal, so gut als ihre
Vorgänger auf diesem Boden, Europa mit Manufactur- und Kunstprodukten
versehe. Nur so lange sie ist, was sie heute ist, soll sie ihre Kräfte
nicht an solche Wagnisse verschwenden; Capitals- und Arbeitskräfte,
deren Ueberfluß einem Großbetriebe der Industrie ganz unentbehrlich
ist, fehlen ihr dazu viel zu sehr. Sie muß diesen Mangel durch die
angemessene Benutzung des anderen Ueberflusses, den sie einstweilen
noch hat, des freien Productionsfactors der Naturkraft ersetzen.
Ob dann in späterer Zeit, wenn das Volk diesen wirthschaftlichen
Fortschritt macht, nicht auch das türkische Zollsystem in dem Theile,
welcher diese achtprocentigen Eingangszölle normirt, eine Umwandlung
benöthigen wird, das zu beurtheilen, muß jener Zeit überlassen bleiben.
Jede hat so eigenthümliche Bedingungen und Bedürfnisse, und es arbeiten
so wechselnde Elemente an der Bildung ihrer Verhältnisse, daß es mir
immer als die allerunsinnigste Ueberhebung erschienen ist, allen
Zeiten voraus, indem man das sogenannte absolut Beste aufstellt, ihre
Gesetze und Formen dictiren zu wollen. Das, was im Augenblicke das
Brauchbarste und Mögliche ist, wird immer auch das Beste sein, denn
das Wünschenswerthe wird, bei der Unvollkommenheit aller irdischen
Zustände, immer vom Besten unterschieden werden müssen.

Den Ausgangszoll haben die Verträge der Jahre 1861-62 in der Weise
festgesetzt, daß die türkischen Zollämter von jeder ausgehenden
Waare ursprünglich acht Procente des Werthes, seitdem aber mit jedem
Jahre um eines weniger einheben, bis diese Minderung bei dem letzten
Procente angelangt sein wird, welches fortwährend als Beitrag zu den
zollämtlichen Kosten bestehen soll. In diesem Jahre ist die Scala
des türkischen Ausgangszolles schon auf fünf Procent herabgesunken.
Bei diesem Theile des türkischen Zollsystems beginne ich die Sünden
zu finden, um deren Willen ich oben seine Umgestaltung verlangte
zu Gunsten der türkischen Volkswirthschaft und ausgehend von jenem
Principe, welches ich oben ihrer Politik als oberstes und leitendes
angerathen habe. Ausgangszölle belasten mit einer besonderen Steuer
den Theil der Production, der sich das Verdienst erwerben will,
im Auslande Güter einzukaufen, welche dem heimischen Bedürfnisse
nothwendiger und werthvoller sind, als der unverwendbare Ueberfluß
der daheim erzeugten. Ist es nun schon an und für sich grundlos,
die Producte je nach dem Orte ihrer Bestimmung verschieden zu
besteuern, so erscheint diese Ungerechtigkeit noch unbilliger, wenn
man die ausgeführten Güter auf den fremden Märkten neben den dort
producirten ohnedies schon durch die weiteren Transportkosten und
die fremden Eingangszölle ungleich belastet sieht. Die Unklugheit,
welche aber auch darin liegt, die Ausfuhr, d. h. die Entwicklung der
eigenen Production zu schädigen, zeigt sich hier in der Türkei bei
den hiesigen Ausgangszöllen am allerauffälligsten. Denn sie treffen
meistens Waaren, welche beim Transporte nicht nur durch die Kosten
für die weitere Entfernung an und für sich, sondern auch durch das
schwerere Gewicht benachtheiligt werden, und welche dabei doch
ziemlich die einzigen sind, die dem türkischen Volke zur Verfügung
stehen, sich die Mittel einer verfeinerten Gesittung einzutauschen.
So vereinigen sich alle Rücksichten einer wohlmeinenden Politik, die
der Gleichheit, der Billigkeit, der Gerechtigkeit und Klugheit, um die
Abschaffung dieser Zölle zu befürworten. Dafür sind keine anderen,
als die des Staatssäckels anzuführen, und das sind irrthümliche, in
der Unwissenheit über jede Nationalökonomik aufgefundene. Denn was
dem Zolleinnehmer durch den Wegfall der Ausgangszölle entgeht, das
fließt schon nach einigen Uebergangsjahren dem Steuereinnehmer durch
höhere Zehnten und andere Steuer-Erträgnisse, endlich auch durch den
Eingangszoll verdoppelt zu. Die zum Zwecke der Ausfuhr gesteigerte
Production bringt sich selbst und auch dem Staate neue Gewinne, und
die größere Ausfuhr muß mit einer neuen Einfuhr bezahlt werden, die
statt dem einen Procent des Ausgangszolles die acht Procente des
Eingangszolles abliefert. Im Wirthschaftsleben producirt der Mensch nur
um zu kaufen; an der Production aber wie an dem Verkaufe hindern ihn
Ausgangszölle. Ihre Politik wirkt gerade wie das Erziehungsmittel eines
Schulmeisters, der den Fleiß statt der Faulheit bestrafen wollte.

Und dasselbe gilt gegen die Durchfuhrzölle, welche die Türkei auch
vermöge ihrer Verträge dermalen noch mit zwei Procent, vom Jahre 1869
nur mehr mit einem Procent vom Werthe jeder ihr Gebiet passirenden
Waare einhebt. Sie werden, wenn einmal aufgehoben, durch die Vortheile
des gesteigerten Verkehres bald ersetzt werden, besonders wenn die
Türkei einmal größere Eisenbahnen gebaut haben wird.

Am allerdrängendsten erhebe ich aber meine Einwendungen gegen die
Zwischenzölle, welche noch immer die einzelnen Provinzen der Türkei
trennt. Die schädigen die Production zum Nachtheile des ganzen
Staatswesens. Es ist mir immer ein Räthsel geblieben, wie es eine Zeit
geben konnte so blind für den offenkundigen Vortheil, daß alle Staaten
in einer Fesselung der Natur ihr Wohl zu fördern glaubten.

Zu einer solchen Umgestaltung ihres Zollsystemes wird die Türkei --
wenn sie sich nicht schon eigenmächtig hierzu berechtigt glaubt --
leicht die Zustimmung der Vertragsmächte erhalten, weil England,
Frankreich, Oesterreich und Italien nur Vortheile aus dem Wegfalle der
türkischen Ausgangs-, Durchfuhr- und Zwischenzölle zu erwarten haben
durch den billigeren Bezug der Rohproducte, die, wie die Baumwolle und
Seide, ihren Industrien unentbehrlich sind. Sollten einige indeß doch
widersprechen und die Türkei ihnen dazu aus den Verträgen wirklich
die Berechtigung einräumen, so könnte vielleicht im Jahre 1868, wo
das Recht zur Revision des Zolltarifes einfällt, das Zugeständniß zu
solcher Umgestaltung vor Ablauf der 28 Jahre, für welche lange Dauer
die Handelsverträge abgeschlossen sind, erlangt werden.

Sind aber jene Verträge abgelaufen, oder bricht sie vor ihrer Zeit
der eine oder andere Zufall, dann soll die Türkei ja keine neuen mehr
schließen. Dann regle sie frei und ungebunden, nur nach den Forderungen
ihres eigenen Bedarfes ihr Zollwesen, gleich für Alle, wenn sie es
nämlich sich noch immer angemessen glaubt, am Freihandelsprincipe
festzuhalten. Will die Türkei aber dann doch wieder, oder ist sie durch
Verhältnisse genöthigt, ihre Handelsbeziehungen mit den einzelnen
Staaten durch Verträge zu regeln, so thue sie dieses wenigstens nur
gegen das Zugeständniß der vollen Gegenseitigkeit. Wer ihr seine Glas-,
seine Eisen-, seine Calicot-Waaren zollfrei zuführen will, der lasse
auch unter denselben Bedingungen nicht nur türkische Rohproducte,
die ihm ohnedies unentbehrlich sind, sondern auch Smyrnaer Teppiche,
damasische Seiden-, Brussaer Gazestoffe und jene weichen Hand- und
Badetücher, die alle der Luxusgebrauch in Europa so sehr liebt, in
seine Grenzen. Und wer ihr das weigert, wer sie fort und fort mit
Zöllen von 20, 30 und 50 Procenten von sich weist, dem schließe sie
eben so zu Gunsten des gerechteren und billigeren Nachbars die Thüre.
Es wäre eine verdiente Beschämung für Europa, wenn auf diese Weise die
uncivilisirte Türkei der wirksamste Apostel des Freihandels würde. Die
Möglichkeit, daß sie das mit Repressaille-Maßregeln erlange, liegt
nahe, weil unseren überindustriellen Staaten die Ausfuhr nach dem
großen und reichen Becken des Orientes immer unentbehrlicher wird.
England und die Schweiz konnten ihre freihändlerische Duldsamkeit
nicht zu demselben Zwecke verwenden, weil beide daheim keine Käufer,
nur Concurrenten der anderen Industrien auf den auswärtigen Märkten
sind. Der Türkei aber gegenüber sind alle Industrien ausfuhrsfähige;
ihre Bedingungen haben daher einen gewissen Zwang.

Wie neulich in Brussa die Seidenproduction, habe ich auch hier die
Baumwollproduction mit besonderer Rücksicht auf Oesterreich betrachtet.
Oesterreich brauchte für seine Baumwollmanufactur

    1861 = 879.196 Ctr.,
    1862 = 386.105  „
    1863 = 305.442  „

Davon hat es in jedem Jahre den weit überwiegenden Theil auf dem
Landwege eingeführt, also meist durch den indirecten Bezug von
Zwischenhändlern aus Hamburg und Bremen, nämlich

    1861 = 662.051 Ctr., das sind ⅔ des ganzen Bedarfes,
    1862 = 285.009 Ctr., das ist nur mehr etwas über die Hälfte,
    1863 = 219.157 Ctr.

In Zahlen ausgedrückt stellt das ein Stück der letzten Geschichte
der Baumwollcultur dar. Die österreichische Einfuhr hängt mit der
Production des Orients zusammen. Je mehr jene den Seeweg wählt, desto
ergiebiger entwickelt sich diese. Dem österreichischen Consumo lieferte
1861

    die Türkei nur            9.533 Ctr.,
    Aegypten                 31.456  „
                            ------------
    der gesammte Orient also 40.989 Ctr. Baumwolle.

Das war nur der fünfte Theil der österreichischen Seeeinfuhr und der
einundzwanzigste der ganzen österreichischen Einfuhr.

    1862 lieferte:

    die Türkei      20.592 Ctr.,
    Aegypten        31.850  „
                   ------------
    der Orient also 52.442 Ctr. Baumwolle.

Das war mehr als die Hälfte der österreichischen Seeeinfuhr und der
siebente Theil der ganzen österreichischen Baumwolleinfuhr.

    1863 lieferte:

    die Türkei 20.598 Ctr.,
    Aegypten   55.847  „
              ------------
    der Orient 76.445 Ctr. Baumwolle.

Das war beinahe die ganze österreichische Seeeinfuhr und der vierte
Theil der gesammten österreichischen Baumwolleinfuhr.

Das sind erfreuliche Resultate, die auch nach dem Vergleiche mit
dem, was die anderen Hauptbaumwollen-Consumenten von der Türkei
bezogen haben, ansehnliche bleiben. Denn England hat 1862 nicht mehr
als 37.334 Centner und Frankreich 77.270 Ctr. türkische Baumwolle
gekauft, das läßt hoffen, daß der österreichische Handel sich endlich
wieder in seine natürlichen ihm nächstliegenden Wege finden und sie
fleißiger benutzen werde. Es kann nur mit dem besten Erfolge für die
österreichische Schifffahrt, die Kaufmannschaft und die Industrie
geschehen, denn endlich müssen solche Bezüge türkischer Rohproducte
durch österreichische Waaren bezahlt werden. Und so hat denn wirklich
auch Oesterreich den dritten Theil seiner ganzen Baumwollwaaren-Ausfuhr
der Türkei verkauft; an kein anderes Land auch nur annähernd so viel.
Diesen auswärtigen Absatz zu vermehren liegt ganz im freien Belieben
und Fleiße der österreichischen Producenten, der allerdings im Genusse
eines sicheren und einbringlichen inländischen Marktes kein allzu
williger und angestrengter ist. Aufmerksam muß ich auch machen, daß
Oesterreich ebensoviel Gelegenheit und Veranlassung habe wie seinem
eigenen Consumo, so dem Süddeutschlands und der Schweiz die Baumwolle
zu liefern. In diesem Zwischenverkehre könnten seine Rheder, seine
Handelsleute, und selbst seine Industriellen, denn auch diese Bezüge
könnten der Türkei mit österreichischen Producten bezahlt werden,
schöne Gewinne verdienen. Allerdings ist auch hierzu wieder die
direkte und kürzeste von Triest durch Tirol zum Bodensee hinführende
Eisenbahn Bedingung. Sie würde dort die fabriksreichsten Cantone:
Glarus, St. Gallen, Appenzell, Zürich und selbst Basel zu Hinterländern
des adriatischen Meeres machen. So lange diese Bahn nicht ist,
werden die Schweiz und Süddeutschland fortwährend Marseille als ihren
Einfuhrshafen halten. Ein neuer Grund, wie ich einen schon neulich bei
dem Seidenhandel gefunden, daß die österreichische Regierung ihrem
Handelsstande gegenüber diesen Gefälligkeitsdienst thue.


    An Bord des Dampfers „Brussa“, 4. Juni, Mitternacht.

Um 11 Uhr haben wir uns eingeschifft. Jetzt höre ich das Brodeln der
Kessel, das Zeichen, daß sich die Abfahrt vorbereite. Um mich herum
auf den Divans und in den Schlafstellen, und über mir auf dem Verdecke
ruht Alles. Eine Stunde war ich oben, aber auf einem Flecke stehend,
nicht auf und ab gehend, weil der Raum für meine Sohle der einzige
war, den ich frei fand. Was ich bisher von türkischer Ungenirtheit
gesehen, so in Constantinopel, wenn die Officiere und Beamten in
voller Uniform, wie sie aus den Bureaux zu den kleinen Localdampfern
kommen, selbst das Gemüse, den Salat und das Fleisch nach Hause
tragen, wird weit durch das überboten, wie man sich auf dem Verdecke
gebettet hat. Der Türke kennt nur eine Ordnung seiner Lebensweise,
die erlaubt ihm, sich jede +mögliche+ Bequemlichkeit auch zu
gewähren. Die hundert Rücksichten einer oft geradezu unschicklichen
Schicklichkeit, womit wir unser Leben binden, bestehen für ihn nicht,
und das ~qu’en dira-t-on~? hindert keine seiner Launen. Was ihm
genehm und von dem Gesetze erlaubt ist, das sind die einzigen Grenzen
seiner Lebensart. Nach diesem Grundsatze haben die Passagiere das
Verdeck des Dampfers umgestaltet. Da liegt einer neben dem anderen in
seinem besonderen Bette, entkleidet und in buntfarbige Nachtkleider
angethan. Das Bett ist verschieden, je nach dem Stande des Reisenden,
aus Decken und Polstern oder nur aus Teppichen, aber auch ganz
ordentlich aus Matratzen und allem Zugehör gebildet. Der Eine hält die
Decke fest bis an die Nase heraufgezogen, daß man, da sein Kopf unter
dem Turban verschwindet, zweifeln kann, ob etwas Lebendiges unter
diesem Kattunbündel sei; ein Anderer hat sich so dicht eingewickelt,
daß er wie ein Schlangenleib erscheint, und ein Dritter, offenbar in
der Erregtheit eines Traumes, denn er schnarcht, daß man ihn über die
Länge des ganzen Schiffes hört, die Hüllen vollständig abgeworfen,
unter denen zu oberst eine rosenfarbene Nachtjacke zum Vorscheine
kömmt. Diese freundliche Farbe scheint überhaupt für diese Gewänder die
beliebteste zu sein, denn die meisten Schläfer sind darein gekleidet.
Ein Theil des Hinterdeckes ist, wie das hier auf den meisten Dampfern
üblich, durch eine Bretterwand für die Frauen abgesondert; die schlafen
dort gerade so wie die Männer gebettet. Ueber das ganze Lager ist
zeltartig ein Segel gespannt, so nieder, daß ich nur gebückt darunter
durchkomme; beleuchtet ist es von dem matten Lichte einer Laterne, die
in halber Manneshöhe an dem hinteren Mastbaume festgebunden ist. Neben
der Lampe hängt ein Käfig; der Vogel, der darinnen, hat den Kopf unter
die Flügel gesteckt, und schläft fest, wie die übrigen Passagiere. Ich
habe selten eine originellere Scene gesehen. Ein Genremaler, der wie
der Niederländer Peter van Schedel auch die Lichteffecte sucht, fände
hier endlich einen anderen Gegenstand als die ewigen „nächtlichen
Marktscenen im Lichte einer Laterne“ und den effectvollen Namen: „die
Nacht auf einem türkischen Dampfer“ -- dazu.


    Constantinopel, den 5. Juni.

Bei nichts mehr als beim Schlafe ist die Qualität im Stande, die
Quantität zu ersetzen. Vier Stunden der heutigen Nacht gaben mir nach
ermüdenden Ritten die ganze Körper- und Geisteskraft wieder. Schon
um 5 Uhr verließ ich meine Cabine, die -- denn auch das muß ich zur
Rettung türkischer Reinlichkeit anmerken -- frei von Flöhen und Wanzen
war. Auf dem Verdecke war das Nachtlager im Aufbruche begriffen,
großer Lärm und gewaltthätiges Zusammenschnüren des Bettzeuges und der
Teppiche; an seiner Stelle ließen sich Kaffeetrinker und brodelnde
Nargilehsraucher nieder. Ich entwich dem allen nach vorne auf die
Prora des Schiffes, um den Morgen zu genießen, der voll Frische und
rosigen Lichtes war. Von dort aus sah ich auch unsere Einfahrt in den
Bosporus und in das goldene Horn. So beleuchtet ist es das herrlichste,
das farbenprächtigste Bild und der Augenblick, der es gibt, der
glückseligste. Wir schwammen in einem glatten silbernen Meere einem
Halbkreise in die Arme, der mit Gebäuden bedeckt so groß ist, daß er
zuletzt an seinen Endpunkten in der Undeutlichkeit der Entfernung
verschwindet. Daß links Europa und rechts Asien, kann das Auge nicht
unterscheiden, und sagt man es ihm, so wird es doch wieder ungläubig,
weil es nirgends die Spur einer Trennung findet. Zwei Welttheile
scheinen zusammengewachsen zu sein und zu dem Feste ihrer Vereinigung
den kostbarsten Schmuck angelegt zu haben. Erst wenn man schon zwischen
ihren Ufern, zu seiner Linken Stambul mit dem Cypressenwalde seiner
Minarete und dem Olympe seiner Kuppeln, der allgewaltig überragenden
Aja Sophia, die kleine Irenenkirche davor und ganz zu vorderst die
smaragdgrün geschmückte Seraispitze hat, zur Rechten Skutari mit seinem
dunkeln Gräberhaine und den einsiedlerischen Pinien vor der großen
Caserne Selims: erkennt man die Täuschung und auch vor sich noch die
dritte Küste, die Spitze von Top-Hane, die dort aus dem goldenen Horne
und aus dem Bosporus kommend ausläuft. Noch einige Ruderschläge der
Schaufelräder weiter, thut sich rechts zur Seite der Bosporus auf, von
Häusern und Gärten eingefaßt, als wolle die ungeheuere Stadt sich auch
dorthin endlos fortsetzen. Dann werfen wir inmitten all der Pracht,
der grünen Hügel, der vergoldeten Kuppeldächer, der buntangestrichenen
Häusermauern und des Lebens, das sich lärmend und drängend auf den
Schiffen und Ufern regt, den Anker in die Fluth, die auch hier rein und
blau wie der Himmel über ihr ist.

Es lagen so viele Dampfer an der ersten Hafenbrücke, daß es unmöglich
war, uns dort auszuschiffen. Da unser Dampfer ohne Seitentreppen ist,
wurde das auf freier See keine erquickliche Aufgabe. An Stricken ließ
man uns und unser Gepäck neben den Schiffswänden in die Boote hinab,
die sich unter unseren in der Luft schwebenden Füßen den Platz und die
Passagiere streitig machten. Das Geschrei und Gedränge unterhielt mich;
es ist hier alles trotz überschäumender Lebendigkeit ohne jene grobe
Rohheit des Nordens, die vom Menschen nur das Thierische fühlbar macht.

Mittags ging ich in die Peragasse, Einkäufe zu machen. Ich fand sie von
bunten Schleiern überspannt, mit Teppichen behängt und von türkischem
Militär, das Spalier bildete, besetzt. Dann kam die Procession, und
die Soldaten im türkischen Kleide, den grünen Turban auf dem Kopfe,
präsentirten die Waffen vor dem Allerheiligsten. Man wage mir jemals
wieder ein Wort über Unduldsamkeit des türkischen Volkes und Unbildung
seiner Regierung! Dieses eine Beispiel will ich dem gesammten Europa
entgegen halten, und sehen wo ein ehrlicher Christ ist, der nicht
beschämt an die Brust schlüge und ~mea culpa, mea maxima culpa!~
eingestünde.


IV. Constantinopel.


    Constantinopel, den 7. Juni.

Ehe ich in das Innere der Stadt eindringe, das ich nun systematisch
durchforschen will, begehrte ich einen Um- und Ueberblick darauf zu
thun. Gestern führte man mich auf den Thurm des Seraskeriates und heute
um die alten Stadtmauern. Ganz ist aber weder das eine noch das andere
zu erreichen. Die Weite der Entfernungen und auch Berge und Thäler,
die trennend dazwischen liegen, hindern den Ueberblick, und das Meer,
welches sich überall einbuchtet, den ununterbrochenen Umgang.

Die Stadt ist ungeheuer, weit größer als das schon durch die Menge
ihrer Einwohner bedungen ist. Die letzte Zählung ergab deren 1,075.000,
darunter 480.000 Mohammedaner, 250.000 Armenier (orthodoxe und 30.000
unirte), 220.000 Griechen, 55.000 Juden und 40.000 Angehörige aller
Nationen; über diese feste Bevölkerung hinaus noch eine wechselnde von
15.000 Soldaten. Die Tausende von Fremden, die aus allen Welttheilen
fortwährend zu- und abströmen, konnten in die Berechnung nicht mit
aufgenommen werden, weil sie zu keiner Meldung durch Paß oder sonstige
Legitimationspapiere verpflichtet sind.

Das heutige Constantinopel ist eigentlich ein geographischer Begriff
für eine Menge von Städten. Auf drei Landzungen liegen sie, in Gruppen
zusammengebaut, zum Theile Europa, zum andern Theile Asien angehörig.
Ehemals galt der Gesammtname nur für das, was heute Stambul heißt.
So richtete es Kaiser Constantin ein, als er im Jahre 330 n. Chr.
das frühere Byzanz zur Hauptstadt des römischen Weltreiches erhob; so
war es, als die Kreuzfahrer am 6. Mai 1204 hier den Grafen Balduin
von Flandern zum ersten lateinischen Kaiser wählten; und so fand es
Mohammed II., als er am 29. Mai 1453 die Stadt eroberte. Erst
später unter den Türken dehnte sich der Name auch auf die umliegenden
Städte aus.

Man erzählt mir, der eigentliche Kern der Stadt, dieses Stambul sei
auf sieben Hügeln gebaut, ähnlich ihrer italienischen Vorgängerin im
Imperium. Möglich, aber ich sehe nur einen, so sehr sind die Berge und
Thäler durch die vielen Bauten ausgeglichen. Nur wenn ich zwischen
diesen wandle, werde ich der Unebenheiten des Bodens gewahr.

Pera, welches Stambul gegenüber auf dem anderen europäischen Ufer
liegt, besteht aus den Vorstädten Sudlische, Piri Pascha, Haß-Köi,
Kaßim Pascha, Galata, Pera selbst, St. Dimitri, Top-Hane, Fündykly
und Dolma-Bagdsche (Kürbisgarten). In den allerältesten Zeiten, als
aber Byzanz doch schon eine gealterte Stadt war, lag dieses Ufer
des goldenen Hornes unbewohnt. Man nannte die Gegend Sykae, bei dem
Feigenbaume. Erst als die gegenüberliegende Stadt des Constantin die
zuströmenden Menschen nicht mehr fassen konnte, scheinen einige hier
hinüber gezogen zu sein und dann im sechsten Jahrhundert dem großen
Kaiser Justinian zu Ehren die neue Ansiedlung Justiniana getauft zu
haben. So wenigstens nennt sie im fünften Capitel die 59. seiner
Novellen. Dort findet man auch, daß das goldene Horn den damaligen
Anschauungen weit breiter als den heutigen erschienen sein muß,
denn jene Novelle bezeichnet diese Gegenden als ~transmarini~,
überseeische; περαμασι ist das griechische Wort, welches
an jener Stelle gebraucht wird. Aus ihm hat sich durch Abkürzung
und Mißbrauch das jetzige Pera gebildet, welches sonach nichts als
überseeisch, jenseitig bedeutet.

Es ist irrthümlich, wie das gewöhnlich geschieht, Pera und Galata als
zwei, dann in der Folge scharf geschiedene Städte zu schildern; Pera
als die Stadt der Venetianer und Galata als die der Genuesen. Wenn
auch beide Namen besonders für die zwei wirklich getrennten Stadttheile
bestanden, so hat doch auch der von Pera immer zugleich für beide
zusammen gegolten. So liest man es heute noch in den Inschriften der
Mauern und Thürme von Galata. Alle reden nur von Prätoren der Stadt
Pera. Die Genueser und Venetianer, die man gesondert in diesen Städten
wohnen läßt, haben wohl abwechselnd nach- aber nie nebeneinander
darüber geherrscht. Zuerst die Venetianer schon im sechsten Jahrhundert
unter dem Kaiser Justinian. Sie zählten damals zu den Einheimischen
und genossen bedeutende Vorrechte zu Gunsten ihres Handels. Dieses
Verhältniß währte bis zur Einnahme Constantinopels durch die Lateiner
im Jahre 1204; diese machte sie zu den eigentlichen Herren auf den
beiden Ufern. 1261 mit der Rückkehr der Griechen verloren sie aber
mehr noch als sie damals gewonnen hatten, denn der Paleologe setzte
die Genuesen, welche ihm beigestanden waren, als Erben in den ganzen
Nachlaß der flüchtigen Venetianer ein. Von nun an herrschte Genua hier
und von hier aus weiter gegen Osten zu über die Meere und Küsten des
ehemals römischen Reiches. 1446 muß diese Herrschaft noch aufrecht
bestanden haben, denn eine Inschrift des Galata-Thurmes von jenem
Jahre nennt ausdrücklich „Galata von Byzanz und Pera an dem Bosporus“
berühmte Colonien der Genuesen. Und als solche übergaben sie sich
auch, abgesondert von der übrigen griechischen Stadt, an Mohammed den
Eroberer. Dieser verlieh ihnen zwar, als er am fünften Tage nach der
Einnahme der Stadt auch in Pera feierlich einzog, einen Schutzbrief,
aber ihre Rechte als unabhängige Colonie gingen nun doch verloren. Erst
von jener Zeit an wurde es den Venetianern möglich neben den Genuesen
hier zu leben; aber Herren des Ortes waren beide nicht mehr. Sie
wohnten eben nur wie heute die Unterthanen aller europäischen Staaten
auf türkischem Boden. Von ihren Nachkommen ist noch manches übrig, wie
ich denn überhaupt -- was ich schon einmal angemerkt zu haben glaube --
hier gar manche Aehnlichkeit mit den italienischen Stammländern finde.

Von dem äußerlichen Erscheinen des besonderen Charakters dieser Stadt
sind die schwarzen Ringmauern und Thürme die letzten Ueberbleibsel. 12
Thore und 24 Thürme schließen sie ein, die Hälfte der letzteren gegen
die Seeseite gekehrt. Sie sind nicht so alt als man sie gewöhnlich
glaubt. Zwar schon im Jahre 1296, nachdem die Venetianer am 29. Juli
Galata überfallen und verwüstet hatten, war den Genuesen vom Kaiser
Andronikus Paleologus erlaubt worden die Stadt zu befestigen, aber die
Mauern und Thürme, welche wir heute sehen, bauten sie erst im 14. und
15. Jahrhundert; das liest man auf den eingemauerten Gedenksteinen.
1344 scheint der Um- oder Neubau begonnen zu haben; 1387 setzte ihn
ein ungenannter Prätor von Pera fort; 1404 that dieses der sehr
ehrenwerthe Johannes Sauli, 1435 der oberste Beamte Stephan von
Marini, 1441 Antonio Spina, 1443 Borneia de Grimaldi, 1445 und 1446
der besonders thätige und darum auch auf allen Steinen vorzüglich
gelobte Balthasar Marufo, bis 1447 der Prätor Johann von Famo den Bau
vollendete; so wenigstens möchte ich die Anmaßung deuten, die er auf
einem Steine ausspricht: das ganze Werk allein gethan zu haben. Alle
diese Herren nennen sich Prätoren der Städte von Galata und Pera,
und diese, Colonien der Genuesen. Es scheint unter die freiwilligen
Verpflichtungen dieses Amtes gehört zu haben, bei der Errichtung der
Stadtmauern behilflich zu sein. Den großen Thurm von Galata, der jetzt
als Feuerwächter so nützliche Dienste thut und auf jeder Ansicht des
Ortes kennzeichnend hervortritt, hat Balthasar Marufo hergestellt. Er
hieß damals der Christusthurm und eine Inschrift versetzt den Marufo
ob dieses edlen Werkes unter die Götter. Die Restaurationen, welche
seitdem nach großen Feuersbrünsten Selim III. 1794 und Mohammed
II. 1824 daran vorgenommen, können nur wenig verändert haben.

Zwischen den beiden Ufern von Pera und Constantinopel fanden oftmals
blutige Kämpfe statt. Von Pera aus bekriegten im Jahre 559 die
Venetianer den Kaiser Justinian und später die Genuesen durch fünf
Jahre den Kaiser Cantakuzenos. Fünfmal erschien die venetianische
Flotte in dem goldenen Horne, ihre Waffen gegen das genuesische Pera
zu kehren und jedesmal im Bunde mit dem griechischen Constantinopel
(in den Jahren 1296, 1302, 1328, 1349 und 1351). So nahe kann man sich
benachbart sein und doch so feindselig in seinen Schicksalen.

Auch der dritte Stadttheil, Skutari, das auf dem asiatischen Vorgebirge
liegt, war lange in seiner Geschichte von den übrigen getrennt. Als es
Chrisopolis hieß, rastete Xenophon sieben Tage dort. Seine Soldaten
verkauften indeß die persische Beute; der Ort war wohl damals schon ein
günstiger Markt für die Waaren, welche die Karavanen aus dem Innern von
Asien brachten. 626 n. Chr. lagerten die Perser dort, Constantinopel
bedrohend, das auf der Landseite die Avaren umschlossen hatten;
669 begehrten von dort aus die aufständischen Truppen des Kaisers
Constantin IV., des Bärtigen, daß er zur Nachahmung der heiligen
Dreieinigkeit seine beiden Brüder neben sich auf den Thron setze und
1402 belagerten die Tataren des Tamerlan, der eben bei Angora das
junge türkische Reich niedergeworfen hatte, die asiatischen Ufer des
Bosporus. -- Skutari soll wie Constantinopel auf sieben Hügeln gebaut
sein. Das äußere Aussehen gibt auch dort keine Bestätigung dieser
Behauptung.

Zwischen den Ufern dieser drei Städte zu treiben auf glatter ruhiger
See, den Blick rechts und links hinüber frei und die Erinnerung mit
Bildern der Vergangenheit gefüllt, ist eine Fahrt, wie sie sich
nirgends schöner und eindrucksvoller bietet, denn Rom selbst ist
nicht denkwürdiger vom Schicksale gekennzeichnet. Sage und Geschichte
knüpfen seit den allerältesten Zeiten bis zu den neuesten die
Menschheit mit ihren entscheidendsten Erlebnissen an diese Stelle
fest. Erst die letzten Jahre zeigten wieder, daß in dem Knoten der
orientalischen Frage die Fäden aller Politik zusammenlaufen; die ganze
heutige Weltordnung ist durch den Krimkrieg gestaltet worden. Und
wie damals die Staaten des westlichen Europa mit Rußland, so haben
hier immer die jeweiligen Weltmächte um den Vorrang in der Herrschaft
gerungen; so die Griechen mit den Persern, die Athener zuerst mit den
Lacedämoniern, dann mit den Macedoniern, die Römer mit den Persern,
die Byzantiner mit den Franken, die Genuesen mit den Venetianern und
endlich die Mohammedaner mit den Christen. Unter den vielen war eine
der blutigsten Entscheidungen die der Nacht vom 13. auf den 14. Februar
des Jahres 1352. Sie ist nur wenig gekannt und auch mir wohl nur im
Gedächtnisse, weil ich die venetianische Geschichte eine Zeitlang
als Lieblingsstudium betrieben habe. Venetianer und Genuesen standen
sich gegenüber auf einer wildbewegten See. Vom Hafen bei Kadi-Köi
durch den ganzen Bosporus bis hinaus zum Schwarzen Meere zog sich
der Kampf; die Nacht war so finster und der Sturm so wüthend, daß an
eine festgegliederte Schlacht nicht zu denken war. Unterschiedslos
vernichteten sich Freunde und Feinde. Von 139 großen Galeeren fehlten
am nächsten Morgen 39; sie waren verbrannt oder versunken. Der
Venetianer Nicolo Pisani, der doch das Uebergewicht der Zahl -- 75
Schiffe -- für sich gehabt hatte, räumte am nächsten Tage dem Pagano
Doria das Marmora-Meer ein und mit ihm den Genuesen für eine lange Zeit
den ausschließlichen Handel nach den Küsten des Schwarzen Meeres. Es
war dieses derselbe Pisani, der dann einige Monate später, beinahe im
Angesichte von Genua, bei dem italienischen Vorgebirge Cagliari seine
Niederlage so furchtbar rächte, daß die genuesische Seemacht vernichtet
und die stolze Stadt gezwungen war, ihre Freiheit an den Tyrannen von
Mailand, den Erzbischof Giovanni Visconti, zu verkaufen. Aber schon
zwei Jahre darauf wurde Pisani gefangen in das neuerdings triumphirende
Genua eingebracht, nachdem ihm Doria am 2. November 1354 bei der Insel
Sapienza, derselben, an der ich vorübergefahren, den Sieg und die
Flotte abgewonnen hatte.

So fest mir diese Erinnerungen eingeprägt sind, es gab Augenblicke, wo
sie alle untertauchten in der Herrlichkeit des mich umgebenden Meeres
und Himmels. Rosenfingerig, so wie es die Göttin Homer’s ist, war der
Morgen, lächelnd als habe ihm Eos ihren ganzen Liebreiz auf die Lippen
gelegt und die Farbe ihrer Hände dem Meere und den Wolken beigemischt.
Es gibt Augenblicke, und das sind die auserwählten des Glückes, wo
nur ein Dichterwort den Eindruck des Geschauten und Empfundenen ganz
wiederzugeben vermag. Wer die Morgenluft nie so lau geathmet und das
Morgenroth nie so versöhnlich gesehen hat, wie ich heute Morgens, der
wird jene homerische Sprache nicht verstehen; wer das aber einmal
erlebt, dem wird das einzige gut getroffene Wort auch das ganze Bild
malen.

Um 5 Uhr war ich zum Kaik nach Top-Hane hinabgestiegen. Osman und
seine zwei Gefährten erwarteten uns. In weite Pumphosen und feine
Hemden schneeweiß gekleidet saßen sie vor uns, die nackten Füße
aufgestemmt und mit den Armen zu den Ruderschlägen weit ausholend. In
den intelligenten Gesichtern bemerkte ich freudige Theilnahme an meinem
Entzücken; der Südländer, und besonders der Mann der unteren Stände,
ist immer dankbar für die Bewunderung, die man seinem Lande zollt.

An großen Dreimastern vorbei, die vor der Seraispitze ankerten, den
Südwind erwartend, der sie in den Hafen treiben sollte, ruderten sie
uns. Alles war dort stille als walte noch die Nacht. Nur einige kleine
Remorquere dampften herum, geschäftig den fremden Schiffen ihre Dienste
anzubieten und wirklich auch einige in das goldene Horn zu schleppen.
Andere Segler strebten schon auf dem freien Meere den Dardanellen zu,
denn der Ausfahrt war der Wind günstig. Das Meer, die Prinzeninseln,
die Bithinischen Berge, den weißglitzernden Olymp zu oberst, hatten
wir zu unserer Linken; zur Rechten die altersgrauen Mauern der Stadt,
ausgewaschene Klippen davor, und hinter und über den Mauern die bunten
Häuser der Stadt, Thürme und Kuppeln und Bäume, die zwischen ihnen
stehen; vor uns das Schloß der sieben Thürme, dem wir näher gekommen
waren. Dunkle Schatten markirten die Unregelmäßigkeiten der Mauer. Oft
hielten wir an und ließen das Boot willenlos treiben, um die Stunde
und die Fahrt zu verlängern. Wie auf der Sehne eines Bogens, den hier
die Stadtmauern bilden, war unser Weg. Zuerst sieht man die Aja
Sophia, unmittelbar vor ihr die lange Linie des Universitätsgebäudes,
das im Jahre 1845 die Türkei auf Befehl des englischen Botschafters
Sir Stratford Canning bauen mußte. Alle Bildungsanstalten sollten
darin unter der Hofmeisterschaft des Staates vereinigt werden; einer
der unmöglichsten unter den vielen Rathschlägen, welche Europa der
Türkei gegeben hat. Zwang läßt sich der Türke bei der Erziehung seiner
Kinder weniger noch als bei irgend etwas anderem gefallen. Während
des Krimkrieges diente der kostbare Bau den Franzosen als Spital,
so daß das viele Geld doch nicht ganz vergebens ausgegeben worden
war. Das Nächste dann den vier Minareten der Sophien-Moschee sind
die Kuppeln und sechs Minarete der Achmedje, die Ruinen des ehemals
goldenen Obelisken und der verbrannten Säule, die Nuri-Osmanjie, die
Bajasid-Moschee und dahinter auf der Höhe des Hügels der Thurm des
Seraskeriates. In weiterer Fortsetzung die Schah-Sadeh Djami (die
Moschee der Prinzen), Daleli Djami (die Tulpen-Moschee) Murad Pascha
Djami und in hohen grünen Bäumen versteckt die Moscheen Daud Pascha’s
und Mustapha Pascha’s. Die sieben Thürme erst endigen die Reihe dieser
stattlichen öffentlichen Gebäude; die Holzhäuser aber ziehen sich
am Strande noch eine Strecke weiter als die Mauern. Es sind das die
Vorstädte der Fleischer, welche Mohamed II. angelegt hat.

Mitten unter den Fleischbänken stiegen wir aus dem Kaik und auf die
Pferde, welche wir uns dorthin bestellt hatten. Durch das Dorf und an
dem Friedhofe vorüber, der von hier an in beinahe ununterbrochener
Fortsetzung die Stadtmauern bis zum goldenen Horne begleitet, ritten
wir zu dem Schlosse der sieben Thürme. Durch das erste Thor mußten
wir in die Stadt hinein. Auf einem einsamen von Platanen beschatteten
Platze ließen wir die Pferde. Zu Fuß unter einem niederen Thorbogen
hindurch traten wir in den Hof des berühmten Schlosses; der zeigt
nichts von dem Schauerlichen, das die Sage von diesen Räumen
erzählt. Sein Boden ist grün bewachsen, Bäume stehen darauf, an
einzelnen Stellen ist er ungleich, beinahe hügelig, wohl von dem
zusammengestürzten Schutte früherer Gebäude. Ein einziges steht heute
noch wohlerhalten, ein Medschid (Bethaus) mit einem kleinen Minarete.
Eine ewige Lampe brennt davor. Warum sie angezündet worden gleicht
ganz dem Grunde, der das Lichtlein an der Markuskirche auf der Seite,
welche der Piazetta zugekehrt ist, unterhält; frommer Wahn, der einen
Justizmord sühnen will.

Wir stiegen auf die Höhe der Mauern und gingen dort von einem Thurme
zum andern. Alles ist dicht mit Sträuchern und blühenden Blumen
bewachsen; der See zu liegen unmittelbar vor dem Schlosse Gartenanlagen
und Weinpflanzungen, dann die alten Stadtmauern, vielfach vom Erdbeben
zerbrochen und in Trümmern. Es ist ein Irrthum, die Zerstörungen,
die heute an den Stadtmauern sichtbar sind, so ausschließlich den
feindlichen Angriffen Schuld zu geben; weitaus das Meiste hat die
Gewalt der Natur gethan. Gleich hinter diesen Resten ist das Meer.
Regungslos lag es in goldener Sonne, der Ausblick frei bis zu den
fernen Bergen. Es brauchte lange bis ich mich so weit gesammelt
hatte, um in dem Genusse der Gegenwart nicht die Erinnerung an die
Vergangenheit zu vergessen, einer Vergangenheit, welche so tragisch in
diesen Ruinen gewesen.

Das Schloß, wie es heute steht, ist ein Werk Mohamed II. Nur
Einzelnes in den Mauern weist noch auf die Zeit als es Cyklobion hieß,
und mit den beiden andern kaiserlichen Palästen auf der Seraispitze
und im Viertel der Blachernen die Winkel des Dreiecks sperrte, welches
Constantinopel bildet. Damals schon diente es nicht als Wohnstätte der
Herrscher, sondern eben nur als befestigte Pforte der Stadt; als solche
war sie aber unter allen übrigen die vornehmste, der Triumph zog von
hier aus nach der Sophien-Kirche und dem kaiserlichen Palaste. Wer die
Karte ansieht, der findet, daß heute noch sein Weg erhalten ist. Die
Gassen werden damals ziemlich dieselbe Richtung wie heute gehabt haben,
und auch ihr äußeres Aussehen kein wesentlich anderes gewesen sein.
Sie werden schmal und ungleich sich zwischen niederen verschlossenen
Häusern durchgewunden haben und, wenn auch auf langen Strecken von
Säulenhallen eingefaßt, im Ganzen doch nicht viel prächtiger erschienen
sein als das die heutigen türkischen. Es heißt den Begriffen eine
ungebührlich zurückwirkende Kraft geben, wenn man, weil wir das so zur
Verschönerung unserer Residenzen verlangen, sich die Städte der Alten
mit breiten endlos geraden Straßen vorstellt. Damals verstand man
seine Bedürfnisse besser, und so auch noch im Mittelalter. Das sehen
wir in Rom und in unseren alten deutschen Kaufmannsstädten, wo die
Häuser enge einander gegenüberstehen, daß im Sommer und bei festlichen
Gelegenheiten Teppiche dazwischen und über den freien Raum ausgespannt
werden konnten. Was in Deutschland gebaut wurde, hatte italienische
Muster, und das Alterthum, das den Italienern als Vorbild gedient, hat
sich am unverändertsten in der conservativen Luft des Orientes erhalten.

Wenn der Triumphzug der griechischen Kaiser von dem Marsfelde durch
die goldene Pforte in die Stadt eingetreten war, dann machte er den
ersten Halt bei dem Kloster des Studius, der heutigen Mir-Achor Djami.
Bis dorthin ging der Kaiser zu Fuße, weil das wunderthätige Bild der
wegweisenden Mutter Gottes unmittelbar vor ihm getragen wurde. War er
zu Pferde gestiegen, so ordnete sich der Zug neuerdings. Die Soldaten
mit den eroberten Trophäen und Gefangenen voran; dahinter der ganze
Hofstaat, die Eunuchen darunter, alle in goldenen Kleidern, große
Hellebarden in den Händen, der Kaiser in goldenem Waffenrocke, eine
dreifache Krone auf dem Haupte und das Scepter in der Hand auf einem
prächtigen Pferde, dessen Zaumzeug und Decke mit Juwelen geschmückt
waren. Die Glieder der kaiserlichen Familie und die Senatoren
schlossen die Procession. Durch die Bäder des Zeuxippus, die zwischen
dem Hippodrome und der Sophien-Kirche lagen, zog sie auf das Forum
Augusteum; dort in der Mitte desselben unter dem Thorbogen des goldenen
Meilenzeigers, wo heute ein Conglomerat schmutziger Häuser steht, stieg
das Gefolge des Kaisers von den Pferden, der Kaiser selbst erst an der
Seitenthüre der Aja Sophia, durch die er gewöhnlich den Dom betrat.
Auch in den ärmsten Zeiten fehlte dieses Ceremoniell und diese Pracht
dem Kaiser nicht. Der letzte, der seinen Einzug damit feierte, war der
Paleologe Michael, nachdem sein General in der Nacht vorher, vom 24.
auf den 25. Juli 1261, die Stadt durch einen kühnen Handstreich den
Lateinern abgenommen hatte.

Die goldene Pforte scheint ein außerordentlich hohes Thor, oben
durch eine Kuppel gedeckt, gewesen zu sein, wohl Babi-Humajun, dem
ersten Thore des Serai’s, ähnlich. Die Kuppel wird, wie so viele in
Constantinopel, mit goldener Glasmosaik ausgefüttert gewesen sein,
daher der glänzende Name. Daß die Pforte schon 989 zugemauert worden
sei, um den Lateinern den Einzug zu wehren, glaube ich nicht; es
marschirten noch nach diesem Jahre zu viele Triumphzüge hindurch. Jetzt
ist sie mit Trümmerresten von byzantinischen Kirchen geschlossen, und
mag in der Gestalt, wie sie dasteht, ziemlich das einzige Ueberbleibsel
des vormohammedanischen Baues sein.

Als wir wieder in den Hof hinabgestiegen waren, fanden wir unseren
Kavassen im Streite mit dem Wache habenden türkischen Officier, weil
er Fremde ohne Erlaubniß in dieses feste Schloß geführt habe. Daß wir
keine bösen Menschen seien, glaubte der Beamte erst, als er einiges
von österreichischer Gesandtschaft u. s. w. gehört hatte; dann aber
zeigte sich seine Gefälligkeit auch eben so eifrig als es seine
Wachsamkeit gewesen. In Winkel und zu Felswänden führte er uns, worin
verschiedene Gefangene ihre Namen hatten einmeiseln lassen. Ungarische
und venetianische fand ich darunter; die Geschichten, die uns der Türke
dazu zum Besten gab, hatten eben so viel Schauriges und Glaubwürdiges
als die anderer berühmter Schlösser. Warum die türkische Regierung
übrigens dieses durch eine feste Besatzung schützt, ist nicht wohl zu
begreifen; zu vertheidigen ist es nicht und zu bewachen ist nicht viel.

Wir kehrten auf die Straße außerhalb der Stadtmauern zurück. Der
Cypressenhain mit den Gräbern läuft unausgesetzt zur Linken
neben der Straße her; dem Thore von Silivri gegenüber bogen wir
in denselben ein. Es war Balikli, das griechische Kloster mit den
wunderbaren Weißfischen, das wir suchten. Wie sie heute in dem Bassin
herumschwimmen, so sollen sie bei der letzten Eroberung der Stadt
schon geröstet einem Mönche aus der Pfanne gesprungen sein. Und
warum nicht? Der Glaube ist das auf Erden allein entscheidende. Die
Griechen halten die Fische und den Ort in hoher Verehrung. An einzelnen
Festtagen pilgert alles Volk hierher, und selbst heute fand ich viele
Fromme, die ihre Wachskerzleins über dem Becken aufsteckten und dafür
von dem heiligen Wasser mit nach Hause nahmen. Die Stiege, die zu
einer unterirdischen Kapelle hinabführt, war so damit begossen, daß
man Gefahr lief, auf den Marmorstufen auszugleiten. Die große Kirche
nebenan hat der Sultan den griechischen Christen gebaut; ich höre, daß
er den katholischen einen Friedhof schenken will drüben in Asien bei
Skutari. Sind das vielleicht Zeugnisse der Christenverfolgung, von der
unsere Zeitungen seit den griechischen Freiheitskriegen so viel zu
erzählen wissen? -- Das Innere der Kirche ist in dem überladenen Style
einer verkommenen Renaissance ausgeschmückt, der gleich der steifen
Haltung ihrer Bilder den Griechen religiöser Typus geworden zu sein
scheint; nur daß die Pracht der früheren Mosaiken und Marmortäfelungen
nunmehr durch Oelanstrich und ärmliche Vergoldung vorgestellt werden
muß.

Mit vieler artiger Lebendigkeit machten zwei Geistliche unsere Führer.
Auch sie waren Ueberbleibsel einer längst vergangenen Zeit mit ihren
langen Bärten, wie man sie im alten Byzanz als elegante Mode getragen
hatte. So sehr scheint das ein Kennzeichen des Griechen gewesen zu
sein, daß sich die Venetianer einmal bei einer ihrer vielen Fehden
mit den Byzantinern das Kinn scheeren ließen, um ja den verhaßten
Gegnern in nichts zu gleichen. Es ist übrigens nicht blos dieses äußere
Merkmal, was sich an griechischen Geistlichen aus der Vergangenheit
erhalten hat. Ihr ganzes Wesen ist starr und unverändert wie der Typus
ihrer Heiligenbilder, und so ist es eigentlich das ganze Volk und auch
der Glaube, zu dem es sich bekennt. Mehr als von irgend einer Religion
gilt von der griechischen, daß sie die eine und dieselbe geblieben sei,
vor allem Volksreligion, erst in zweiter Instanz eine christliche.

Es war gleich nach den ersten Anfängen, daß sich die Griechen des
Christenthums bemächtigten; das läßt die Apostelgeschichte deutlich
erkennen. Die Philosophen nahmen es wie alles Neue, das sich ihrem
nicht mehr schaffenden, sondern nur noch sammelnden Eifer vorstellte,
unter ihre Studien auf, formten und dogmatisirten es und das Volk
warf sich ihm in die Arme wie einem Tröster in seiner Armuth und
Glaubenslosigkeit. Denn der feste Bund von Brüdern bot ihm Hilfe in
seinen wirklichen Leiden, und das mächtige Wort von dem einen und
unsichtbaren Gotte, dem einzigen, der sich ihm bisher noch nicht
gefühllos gezeigt hatte, versprach ihm Belohnung durch ein anderes
besseres Leben. So fest ist der Glaube in die Welt eingepflanzt, daß
er nie leichter als in der Zeit völliger Glaubenslosigkeit zu erwecken
ist. Immer, und das gilt von dem Einzelnen wie von den Völkern, geht
aus dem Zustande des völligsten geistigen Verfalles das wärmste
Gottesvertrauen hervor. Die Verfolgungen des Christenthumes, wo sich
das Volk daran betheiligte, waren bei den Lateinern viel blutiger als
bei den griechisch redenden Römern. Das gab dem Christenthume seine
erste Gestalt, und lange ehe es Constantin zur Staatsreligion erhob und
dann später das entscheidende Wort der Spaltung ausgesprochen ward, war
eine griechische Kirche. Sie war schon eins mit den Sitten geworden und
über den ganzen Orient verbreitet. Vielleicht war es das instinctive
Errathen dieser Lage, das Constantin, als er die Stärkung seines
Thrones im Christenthume suchte, bestimmte, den Sitz seiner Regierung
von den sieben Hügeln der Tiber auf die des Bosporus zu verlegen.
Rom war schwach und dort opferte man im Senate noch den Göttern; die
deutschen Völker standen drohend gegen das Römerthum gekehrt. Was
sollten ihm die Einen und die Anderen? Stärke, Reichthum und Blüthe
sah er nur im Oriente, und dort war das Christenthum glänzend und
herrschend durch den Einfluß des Griechenthums, dem es sich in die
Arme geworfen hatte, nicht ärmlich und verachtet wie in Rom, wo es
immer noch eine Religion der Dürftigen und Sclaven war. So lösen sich
vielleicht die vielen Fragen und das Erstaunen, das bis zur Stunde
immer noch diese ungeheure That erregt, die für Jahrhunderte den Lauf
der Geschichte rückwärts gewendet und die doch kein deutliches Wort der
Zeitgenossen erklärt hat.

Die Verlegung der kaiserlichen Residenz von Rom nach Byzanz mußte
die Sonderstellung und die Eigenmacht der griechischen Kirche sehr
fördern. Es lag das wohl nicht in den Absichten des Kaisers; aber wer
den Samen streut, der erntet auch die Frucht. Wie sollten sich die
Griechen, den Kaiser in ihrer Mitte, dem römischen Papste unterwerfen,
sie, die selbst in den Zeiten ihres tiefsten Falles, als Sulla Athen
geplündert hatte, auf die geistigen Arbeiten der Römer als auf
Barbarenwerke herabsahen, und die auch später wieder sich als die
Lehrer und Bildner des Christenthums rühmen durften? Denn es war in
griechischen Redner-Schulen und an der griechischen Literatur, daß
sich Hieronymus und Chrysostomus vorwiegend gebildet hatten. Nicht die
Dogmen und die Politik schieden die beiden Kirchen zuerst, die geistige
Bildung der Völker that es. Als dann die Spaltung entschieden war,
vereinigten sich die griechischen Geistlichen nur um so fester mit
ihren Pfarrkindern. Sie hatten nicht wie die Päpste über alle Völker
der Welt zu verfügen, sie hatten nur das einzige zugleich nationale,
welches ihnen zur Obsorge unterstand; von dem schied sie nichts,
auch die Sprache ihres Gottesdienstes nicht. Je mehr innere Noth und
äußere Feinde sie bedrängten, desto fester knüpfte sich das Band. Der
griechische Geistliche wurde der Helfer gegen den feindlichen Soldaten
wie gegen den einheimischen Fiskalbeamten, und als dann später ein
fremder Glaube und ein fremder Stamm im Lande herrschend wurden, ward
der Priester auch der Amtsträger der ehemals kaiserlichen Machtstellung
und Gewalt. Allmälig ging beiden die literarische Bildung verloren, die
sie einmal in so hohem Grade besessen hatten; aber da es gleichzeitig
bei dem Volke und bei seiner Geistlichkeit geschah, trennte sie auch
das nicht. Die griechische Kirche hat heute nichts Achtungswerthes und
Anziehendes, aber auch das griechische Volk nicht, wenigstens nicht
im Vergleiche mit den Mohammedanern, in dem ich sie hier beständig
sehe. Indessen glaube ich nicht, daß das die Folge eines fortwirkenden
Verfalles, einer stätigen Degenerirung sei; ich glaube, daß Volk und
Kirche gleich bei ihren Anfängen dasselbe waren, was sie heute sind,
und halte es für einen großen Irrthum, auf die entgegengesetzten
Anschauungen, wie das im Abendlande zuweilen geschieht, die Hoffnung
auf eine Wiedervereinigung zu gründen.

Vor den Mauern des Klosters ist ein armenischer Friedhof. Statt der
Cypressen, die auf den türkischen Friedhöfen sind, stehen Platanen
und Maulbeerbäume darauf. Die Grüfte sind durch große Steinplatten
geschlossen. Zwei Löcher in jeder derselben sammeln das Regenwasser
für die Vögel. Ein Caffegi hatte mitten unter den Gräbern seine
Wirthschaft aufgeschlagen; Schalen und Pfeifen fanden wir schon für
uns vorgerichtet. Nackte Kinder und wilde Hunde drängten sich zu, von
dem Zuckerwerke und dem Brode zu naschen, das wir den umstehenden
Händlern abkauften. Das Brod ist in großen kreisrunden Reifen gebacken,
als Zöpfe geflochten, reich mit Sesam bestreut. Ich fand es gut und
wohlfeil.

Der weitere Ritt um die Mauern ward immer schöner. Es kömmt eine
Stelle, wo man den Hügel hinauf muß und von oben herab eine Moschee
mit ihrer Kuppel und dem Minarete über die Mauern heraussieht, die ein
fertiges Bild für den Maler bietet. Die Mauern sind dreifache, jede
innere höher als die davorliegende; durch runde und eckige Thürme,
Bogengänge und Fensternischen, und jetzt auch durch die Breschen der
Zeit sind sie vielfältig unterbrochen. Nicht nur Schlingpflanzen,
Jahrhundert alte Bäume haben darin Wurzel gefaßt und stehen an
einzelnen Stellen so dicht, daß die Stadt und alles Mauerwerk dahinter
verborgen bleibt. Ziegen, Schafe und andere Hausthiere weiden friedlich
dazwischen und steigen die herabgestürzten Mauerblöcke hinauf, als
seien es grüne Hügel wie die draußen im freien Lande. Ab und zu lagern
ein paar Hirten, meistens kleine Buben, so daß alles zur Ländlichkeit
stimmt. Der Graben vor den Mauern, der nie sehr tief gewesen sein kann,
ist an einzelnen Stellen durch Gartenanlagen ausgefüllt. Der Gräberhain
zur Linken der Straße zeigte dunkle, schattige Tiefen. Jeder Schritt
wechselte die Bilder, und beinahe jedes verdiente die Hand eines
geübten Künstlers. Ich kenne wenige Wege, welche stimmungsvoller sind,
Stimmungen die traurig und düster waren, denn Gräber liegen ja rechts
und links von dem Wanderer. Darüber leuchtete die Sonne des Orients,
hell und warm wie sie das hier um die Mittagszeit nicht anders kann.

Die Mauer dem Hafen entlang ist nur schwach und einfach, wie denn
dort auch die Stadt am öftesten erobert wurde. Ich bemerkte viele
Inschriften und häufig den byzantinischen Adler, dieses sonderbare
Wappen, das sich die Griechen ähnlich ihren Heiligenbildern durch
Entstellung der Natur geschaffen hatten. Erstaunlich ist mir, daß
bisher so Weniges von den Inschriften und Denkmälern dieser Stadt
gesammelt und veröffentlicht worden ist; für die Geschichte dürfte
Manches wichtig wie das zu Rom Gefundene sein. Im Augenblicke finde
ich Professor Dethier, Lehrer an der österreichischen Schule, und
Nordtmann, den Chronisten der Einnahme Constantinopels, mit dem Sammeln
beschäftigt.


    Constantinopel, den 8. Juni.

Erwartungsvoll, wie man jedem ersten Anblicke des Größten und
Schönsten, dem Meere und den Alpen, der Sixtina des Rafael und der
Venus von Milo gegenüber tritt, ritt ich heute hinüber nach der
Sophienmoschee. „Gott hat sie gegründet, und sie wird nicht erschüttert
werden; Gott wird ihr beistehen im Morgenroth!“ hat ihr Justinian
in die Ziegel brennen lassen, und die Sage bestätigt, daß statt
des Teufels, der sonst bei übermenschlichen Bauten geholfen, der
Christengott selbst gekommen sei und den Bauplan vorgezeichnet habe.
So ist von allem Anfange an eine Geschichte, ehrfurchtgebietender als
die jedes anderen Baues, an diese Mauern geheftet. Es ist überhaupt
bemerkenswerth wie viel von dem Leben eines Volkes in seinen Kirchen
spielt; so recht ein Zeugniß für die Allgiltigkeit des Gebetes.

Man hatte mir immer erzählt, daß die Marcus-Kirche zu Venedig nur
eine Wiederholung im Kleinen der großen Sophien-Kirche sei. Da ich
das nun nicht fand, warf diese Ueberraschung zuerst meine Sammlung
aus dem Sattel. Nichts hinderlicheres als Vorurtheile. Wäre ich
unbefangen gekommen, so würde ich schnell die Grundzüge des Planes
aufgenommen haben, so verlor ich damit viel Zeit. Vor der ganzen
Breite des Innenraumes liegen zwei Gänge, die Vorhallen, wie sie in
jenen Zeiten allen Kirchen zum Aufenthalte für die noch unwürdigen
Christen nothwendig waren; der erste ist schmucklos, der zweite mit
Marmor getäfelt. Aber auch dieser hat etwas Leeres und Langweiliges
und beinahe Unförmliches in seiner unverhältnißmäßigen Länge, welche
die Breite nicht zur Geltung kommen läßt. 16 Thüren sind die einzige
künstlerische Ausschmückung und Unterbrechung der einförmigen
Wände. Die Pforten mahnen durch ihre gegen oben verengte Oeffnung
an ägyptische und durch die einfache Cannelirung ihrer Thürstöcke
an griechische Bildung. Wirklich reicht das eine wie das andere aus
jener früheren Zeit herüber und ist in Constantinopel wieder typisch
feststehend geworden. An öffentlichen Gebäuden wenigstens scheinen
so die Pforten hier in byzantinischer Zeit immer gestaltet worden zu
sein. Wer unbefangen sieht, muß diese Form als die wohlgefälligste
anerkennen, wie sie auch die natürliche ist. In den Flügeln der neun
Thüren von der Vorhalle nach dem Inneren der Kirche sah ich noch
das gleichschenklige griechische Kreuz in dem Erze erhalten; durch
die mittlere trat ich ein. Was mich nun da am meisten überraschte,
war das Fehlen jedes kirchlichen Eindruckes, und es sind nicht die
Mohammedaner, die das verschulden. Außer einigen großen Schriftzügen,
die sie oben in der Kuppel angeheftet, haben sie nicht viel verändert.
Nein es liegt in der ursprünglichen Anlage des Baues. Bis auf die
bei solchen Dimensionen verschwindende Differenz von 25 Fuß, welche
die Länge mehr als die Breite mißt, ist er viereckig; der Eindruck
der weihevollen Tiefe fehlt. Auch die im Verhältnisse zum Ganzen nur
kleine Apsis kann den nicht geben. Sie zeigt eher wie wenig tauglich
ihrem Zwecke diese Bauform ist. Ein unentbehrliches Hilfsmittel des
Gottesdienstes ist sie, bei der Basilika entlehnt, ganz willkürlich der
einen Flachwand des vierseitigen Kuppelraumes zugeflickt.

Zugleich mit diesem Mißbehagen fühlte ich mich enttäuscht, das Innere
der Kirche nicht so groß wie den Eindruck des Aeußern zu finden. Man
muß erst auf den oberen Galerien stehen und von dort herab die Menschen
klein zu Pigmäen zusammenschrumpfen und über sich noch immer weit und
hoch die Wölbung gehoben sehen, um den ganzen Inhalt des Raumes zu
begreifen. Es ist nicht das Gefühl, das ihn findet, der Verstand muß
ihn erst messen. So ist es mit allem Unmäßigen und das die Strafe für
die Anmaßung; wer sich selbst erhöhet, wird erniedrigt werden! Die
kleinen griechischen Tempel erscheinen anders, größer als sie wirklich
sind. Und ist diese Verschiedenartigkeit der Wirkung nicht auch ein
Hinweis auf die Grenzen, welche dem menschlichen Können gesteckt sind?
Wo es sich bescheidet und bei dem ihm Zustehenden bleibt, da wird es
das Angestrebte übertreffen; wo es das Unbändige will, gar oft nur
das Mittelmäßige erreichen. Man soll wohl bei seinem Schaffen große
Vorbilder haben, aber es ist unklug sie durchscheinen zu lassen. Das
fordert zu nachtheiligen Vergleichungen heraus; so hier bei der Aja
Sophia, wo das Vorbild des Himmelsgewölbes unverkennbar ist. Die
Kuppel ist flach, sie steigt nur an ihrem Horizonte etwas auf; kein
Tambour trägt sie, und kein Mittelpunkt verliert sich in entfernteres
geheimnißvolles Dunkel; 40 Fenster sind in sie eingeschnitten. Vier
Rundbogen, von machtvollen Pfeilern gestützt, tragen sie. Auf den
Seiten sind diese Bogen ausgefüllt, nach vorne und nach hinten, dort wo
die Apsis und der Eingang liegen, offen. Je eine niedrigere Halbkuppel
und um diese gereiht je drei kleinere Vollkuppeln decken dort die
Räume, und vier andere schwächere Pfeiler tragen diese Decken. Säulen
von Verde antico, von Porphyr, Marmor und Granit helfen mit bei
diesem Geschäfte in einem Ueberfluß der Dienste, denn hundert sind im
unteren Raume, sechzig oben auf den Galerien vertheilt. Das Centrale
des Kuppelbaues tritt in allem hervor; unter den Kernpunkt des großen
Kreises ist das hauptsächliche Viereck und unter kleinere Kreise sind
die Details des Nebensächlichen gelegt. Diese flache, nieder gewölbte
Kuppel ist die wesentliche Erfindung der byzantinischen Kunst. Von ihr
übernahmen sie die Araber, durch Gewohnheit und durch den Koran darauf
vorbereitet. Ihr Wanderleben hatte keine andere Decke als das Firmament
gekannt, und der Prophet ihnen gesagt: „daß Gott ihnen zum Teppiche
die Erde und den Himmel zum Gewölbe ausgebreitet.“ Wo sie dann höher
und enger gebildet worden, wie in Aegypten bei den Mameluken und auch
in unseren sogenannten romanischen Domen, da geschah das durch eine
Ausartung des ursprünglichen Gedankens.

Die oberen Wände der Aja Sophia sind mit Mosaikbildern verkleidet. An
einzelnen Stellen leuchten sie unter der Tünche hervor, welche die
Türken darüber gestrichen. So am deutlichsten das Muttergottesbild mit
dem Kinde zwischen den Knieen auf dem Hintergrunde der Apsis. Wenn die
Sonnenstrahlen darüber zittern ist es, als träte eine übernatürliche
Erscheinung, so recht also das, was es vorstellen soll, aus Nebeln
heraus; in dem Wechsel des Schattens und Lichtes scheint das Bild
lebendig und bewegt. Die Rechte des Kindes ist aufgehoben, ich weiß
nicht ob zur Drohung oder um Zeugniß zu geben; die Gestalt weiß
bekleidet, die Gesichtszüge sind furchtbar ernst. Ich habe nie etwas
Wirkliches gesehen, das einem Traumbilde ähnlicher gewesen wäre. So
muß Christus dem Kaiser Constantin erschienen sein, nur milder, nicht
so gewaltthätig drohend, ein Heiland, was er ihm ja sein wollte und
ward. Mir war, als grolle er mit der erhobenen Hand und mit den großen
Augen zu den Türken hinab, die dort unter der Mittelkuppel der Moschee
im Kreise um einen Ausleger des Korans gereiht lagen. Nicht lauter als
ferner Wellenschlag drang das Wort des fremden Lehrers zu unseren
Ohren; aber es klang doch eben genug, um die Mahnung an den Wechsel der
Dinge nicht zu überhören. Wäre ich Sultan, dieses Rachegespenst dürfte
nicht so fortwährend vor meinen Augen bleiben.

Uebrigens muß die Wirkung dieses Bildes immer eine außerordentliche
gewesen sein. Sie liegt schon in der Concipirung der übermenschlichen
Gestalten. Die byzantinische Kunst hat ihre Heiligenbilder nach ganz
eigenthümlichen Gesetzen gezeichnet. Sie durften nicht mehr wie die
Götter der Griechen und Römer menschenähnlich sein, sie mußten eher wie
die der alten Aegyptier etwas Menschenfeindliches haben. Ich glaube
nicht, daß das, wie man gewöhnlich behauptet, nur Folge technischen
Unvermögens gewesen, ich glaube, daß es so vom Anfang an in der Absicht
gelegen. Lange hatte das Christenthum nichts als symbolische Zeichen
für seinen Gott gehabt; als man es endlich wagte, sich von ihm ein
körperliches Bild zu formen, suchte man es gleich von den lebenswahren
Darstellungen der Heiden zu unterscheiden. Daher denn diese unmöglichen
Gestalten, die eher wie Schemen zu einem erst zu erschaffenden
Menschen, als wie Abbilder des fleischgewordenen Christus und seiner
Mutter Maria erscheinen. Dem Volke aber stellte man sie gerade als
solche -- ~vera icon~ -- vor, um ihnen größere Achtung und längere
Verehrung zu sichern. Und wirklich, so wie er hier in der Aja Sophia
hingezeichnet ist, lebt der Erlöser in der Phantasie jedes Griechen
fort.

Es hat dieses unabänderliche Festhalten eines Götterbildes viel für
sich; wie bei den Dogmen schützt es vor manchen Verirrungen. Wir sehen
an den Werken einer späteren Kunstthätigkeit, daß in Griechenland und
Aegypten dasselbe zur Rettung der Religion versucht ward. Und die
Bestrebungen unserer Schule der Nazarener, Overbeck und Veit, wollen
sie Anderes? Das Abendland, das seine Kunst von diesem religiösen
Zwange emancipirt hat, müßte den ersten Bekennern des Christenthumes
weit heidnischer als das heutige Morgenland erscheinen. Das Wesentliche
dabei ist, daß das Heidenthum tief dem menschlichen Fleische
eingeboren ist, und daß alle Völker, die hochgebildeten Aegyptier
wie die wilden Indianer in Mexiko, mit dem Glauben an den einen Gott
begonnen und mit der Vielgötterei geendigt haben; eine Entwicklung,
der überall die religiösen Bilder behilflich waren. Das christliche
Constantinopel hatte einen Cultus der Vielgötterei so ausschweifend,
als ihn nur Rom in den Tagen seiner tiefsten Verkommenheit gehabt.
Nicht genug, daß eine wegweisende und eine stadtbeschützende Mutter
Gottes und jede mit ihrem besonderen Publicum und ihren eigenthümlichen
Wunderthaten da war, man verehrte auch Götterbilder aus der früheren
Zeit des Heidenthumes. Die Statue des Glückes der Stadt stand in
mannigfaltigen Abbildungen auf den öffentlichen Plätzen, bewahrt und
mißhandelt von dem Aberglauben der Bürger, je nachdem sie sich ihren
Schicksalen günstig oder ungünstig zeigte. So fest haftete die alte
Gewohnheit, daß noch im 15. Jahrhundert ein ausgezeichneter Bürger ~diis
divus~, göttlich unter den Göttern, genannt ward. Der Stein, der diese
Inschrift trägt, ist mit der Jahreszahl 1446 an einem Thore von Galata
eingemauert.

Kann man solchen Beispielen gegenüber das Verbot, welches der Koran
gegen die Bilder gesetzt hat, tadeln und es unverzeihlich finden, daß
die Türken die Mosaikbilder der Aja Sophia übertüncht haben? Gewiß,
diese Enthaltsamkeit ist ihnen kein geringeres Opfer, als es uns das
wäre, die vier Wände unserer Stuben nackt und bilderlos zu lassen.

Um das Aeußere der Moschee liegen auf drei Seiten Höfe; frei ist
sie nur auf der vierten, in welcher die Apsis steht, und die dem
Seraiplatze zugekehrt ist. Der Erdboden rings herum ist wenigstens um
zwei Klafter höher als der marmorne des Inneren. Das zeigt sichtbar
genug, wie hoch der Schutt über dem alten Constantinopel gehäuft liegt.
Wie vieles mag darin noch begraben sein, hoffentlich wie andere Todte
zu künftiger Auferstehung. Säulenschäfte und breite Capitäle ragen
daraus hervor, die heute den Obst- und Tespiehhändlern zu Tischen für
ihre Waaren dienen. So wachsen aus Trümmern die Berge wieder auf.

In dem Hofe zur Linken, dem nordöstlichen, steht ein Grabmal, das die
Gebeine Mustapha I. und des Sultans Ibrahim bewahrt; schönere
Grabcapellen stehen in dem rechtsseitigen Hofe, dem südwestlichen. Sie
sind aus Marmor gebaut und ihr Inneres reich mit bunten Porzellantafeln
und edlen Steinen verkleidet. Blasse Rosen in mattblauem Grunde ist
die Zeichnung, die am häufigsten vorkömmt. Kostbare Teppiche decken
den Boden und persische Shawls die Grabhügel. Alle Mausoleen standen
offen, und in den säulengetragenen Portiken saßen Beter, die zum Heile
der Todten in dem Koran lasen, denn der Mohammedaner glaubt wie wir
und übt diesen Glauben sogar in einem weit reichlicheren Maße, daß man
den Todten die ewige Seligkeit durch die Fürbitte des Gebetes erkaufen
oder vergolden könne. Große Maulbeerbäume stehen um die Capellen herum
und trennen mit schattiger Abgeschiedenheit den Ort von der Straße, die
sich draußen so nahe und so lärmend zudrängt. Selim II., Murad
III., Mohammed III. und neben ihm seine 17 Brüder, die er
selber hatte hinrichten lassen, sind es, die hier bestattet liegen.

Der eigentliche Vorhof, schon in griechischer Zeit das Proauleion,
der Harem der Mohammedaner, ist vor dem Haupteingange auf der
West-Nord-Westseite. Von alten Holzhäusern umgeben, voll Gerümpel,
verkümmerter Bäume und ärmlichen Gemüsepflanzungen, macht er den
Eindruck des Verfalles und der Vernachlässigung. Nichts als ein kleines
verstecktes Holzpförtchen führt zu ihm. Ich ließ mich auf einem alten
Marmorblocke nieder, mit den Karten und der Magnetnadel die Lage der
Aja Sophia zu bestimmen. Bald sah ich mich von einem schaulustigen
Publicum, Diener, die zur Moschee gehören, umrungen. Eine Weile
schauten sie mir schweigend zu; dann, als sie wohl das Verständniß der
Karten gelernt hatten, begehrten sie, daß ich ihnen die kaiserliche
Moscheen und Serais darauf zeige. Daß die Aja Sophia doch die schönste
unter Allen sei, war der Schluß jeder ihrer Reden; mir vergalten sie
die kleine Gefälligkeit mit schwarzem Caffee. So finde ich das Volk
überall dankbar und freundlich.

Die Lage der Aja Sophia glaube ich auf den Karten irrthümlich
gezeichnet; die Handbücher verlegen, selbst wenn ihre Verfasser das
Richtige wußten, der Kürze wegen den Haupteingang gegen Westen, die
Apsis gegen Osten, die beiden Flügelseiten gegen Süden und Norden.
Statt dessen durchschneidet die Magnetnadel als Diagonale das ganze
Quadrat, so daß der Haupteingang West-Nord-West, die Apsis Ost-Süd-Ost,
die linke Seite Nord-Ost-Nord und die rechte Seite Süd-West-Süd liegt.

Die beste künstlerische Schilderung des Baues hat Salzenberg
geliefert. Was Hammer darüber gibt, ist mit so vielen handgreiflichen
Unwahrheiten vermischt, daß mir auch das rein Geschichtliche verdächtig
geworden ist. Kugler bringt nicht mehr als klingende Phrasen, weil
ihm die eigene Anschauung fehlte; sehen ist aber zum Urtheile über
architektonische Kunstwerke nothwendig wie das Hören bei der Musik. Bei
beiden Künsten ist die Stimmung der vom Künstler beabsichtigte Erfolg;
die aber empfinden wir bei beiden nur dann, wenn Mauern und Säulen um
uns aufragen und die Töne uns im Ohre liegen.


    Constantinopel, den 9. Juni.

Ich setzte die Wanderung nach und durch die Moscheen fort. Die
Achmedjie hatte ich bisher nur von Außen gesehen. Weithin auf das
Marmora-Meer leuchten ihre Minarete, und die Bäume ihres Vorhofes
beschatten den Schutt auf dem ehemaligen Hippodrome. Einen kleineren
Hof vor dem Haupteingange umschließen hohe Säulenhallen. Ihre
breiten Spitzbogen sind nach der Mitte des Vierecks geöffnet, wo
unter säulengetragener Kuppel der schönste aller Moscheenbrunnen
steht. Die Säulen der umliegenden Hallen sind aus dunklem Steine,
die Capitäle aus weißem Marmor stalaktitartig gebildet. Solche
hallenumschlossene Vorhöfe haben alle größeren Moscheen; sie sind
eine edle Eigenthümlichkeit des orientalischen Kirchenthums. Ihre
stille Abgeschiedenheit trennt und vermittelt zugleich den Uebergang
von dem geschäftigen Lärm der Gasse zu der Insichgezogenheit des
Gebetes. Die Waschung, die der Gläubige darin vornimmt, ist nur ein
sinnliches Zeichen der Läuterung, die seine Seele reinigen soll.
In vervollkommneter Gestalt sind sie ein Ueberbleibsel aus jener
früheren Nomadenzeit, als der Tempel nur ein tragbares Zelt und Keinem
zugänglich war als dem dienstthuenden Priester. Alle Völker haben
dieses Entwicklungsstadium durchgemacht und so auch alle Religionen.
Der conservative Orient allein hat die Spuren davon festgehalten.

Im Inneren der Achmedjie sind das Auffälligste die vier kolossalen
Säulen, 36 Ellen im Umkreise, wohl die umfangreichsten der Welt. Wie
viel sie auch zu sein affectiren, sie +sind+ im Grunde doch nur
maskirte Pfeiler. „Setz’ deinen Fuß auf ellenhohe Socken, du bleibst
doch immer was du bist!“ Auch sie zeigen mir wieder, wie feindlich
jeder künstlerischen Wirkung das Unmäßige ist. Die schöne Form der
Säule ist in dieser Uebertreibung degradirt, und statt zu heben und
zu steigen, lastet und erniedrigt sie. Die Decke bildet eine Gruppe
von Kuppeln; in der Mitte eine größere, um sie vier Halbkuppeln und
in den freigebliebenen Ecken des Quadrates vier kleinere Vollkuppeln.
Auch an den Innenwänden laufen Bogengänge herum, nur die eine, dem
Haupteingange gegenüber, wo der Mihrab steht, ist frei davon geblieben.
In mehreren Reihen über einander sind dort Fenster in die kahle
Wand geschnitten, die geben dem Raume allzuviel Licht; den Kuppeln
fehlt dadurch der rechte Effect, den ihr oberirdisches Licht in das
unterirdische Dunkel bringen sollte. Auch tritt durch diese Erhellung
die gegenüberliegende Wand dem Eintretenden noch näher, als sie dieses
wirklich schon ist; das Quadrat des Baues dehnt sich in die Breite, und
jeder Eindruck der Tiefe fehlt.

Vom At-Meidan führt eine von Buden eingefaßte und von Menschen voll
gedrängte Gasse nach dem Eski-Serai, dem alten, d. i. dem ersten
Schlosse, welches sich die türkischen Herrscher hier gebaut haben. Aus
einem gelbangestrichenen Wachthause dieser Gasse ragt die verbraunte
Säule auf; von Feuersbrünsten verkohlt ist der Porphyr beinahe schwarz
geworden. Dort, wo die einzelnen Blöcke aufeinander aufliegen, sind
Lorbeerkränze um den Schaft gelegt, um die Fügungen zu verkleiden.
Einmal standen solcher Blöcke mehr als zu dem Doppelten der heutigen
Höhe übereinander, und doch ragt sie immer noch über alles Andere
hinaus, auf das Meer und in das Land weithin sichtbar.

Auch der große Platz vor dem Eski-Serai ist von Buden umsäumt und von
Handel treibendem Volke gefüllt. Da der Besestan (der Bazar) mit seinem
großartigen Verkehrsleben daran grenzt, ist die Bajasid-Moschee, welche
hier steht, die besuchteste unter allen. Der Sohn und ebenbürtige
Nachfolger des Eroberers hat sie gebaut; das Volk aber nennt sie
Taubenmoschee, weil in ihrem Vorhofe hunderte von diesen Thieren
durch eine fromme Stiftung erhalten werden. Hohe Thore erschließen
diesen Vorhof. Er ist nur klein; nicht mehr als drei säulengetragene
Bogen zäunen jede Seite ein, aber in dem engeren Raum erscheinen
sie nur um so kühner und höher gehoben, wie die Bäume, die um den
Brunnen herum stehen. Der einen Cypresse, vom Blitze getroffen, ist
nichts Lebendiges am verknorpelten Stumpfe geblieben als ein einziger
Zweig; der ist wieder so groß geworden, daß auch er über Mauern und
Kuppeln hinaussieht. Mehr Schatten als das Laub dieser Bäume geben die
Strohdecken und Leinwandfetzen, welche die Verkäufer von Tespiehs,
Büchern und anderen frommen Waaren gegen die Tauben ausgespannt haben.
Ueber Stricke und Latten sind sie von einem Aste zum anderen gelegt;
durch die Löcher brechen Lichter durch, warm und farbig, die das Bild
für den Maler noch tauglicher machen. Staffagen sind die Käufer und
Verkäufer, Männer und Weiber, die meisten im alttürkischen Kleide, die
dort handeln und sich eilig durchdrängen, oder auch stumm zuschauend
mit untergeschlagenen Füßen auf den Stufen der hohen Säulenhallen
sitzen.

Auch im Innern beschäftigte ich mich hier mehr mit dem Publikum als mit
der Betrachtung des Baues. Die Moschee war mit Andächtigen gefüllt. In
kleinen Kreisen lagen sie um die Ausleger des Korans herum. Die saßen
auf atlassenen Pfühlen, Pergamentblätter des heiligen Buches auf
niederen, kostbar mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegten Schemeln
vor sich. Ihr Vortrag war frei und so laut, daß mir Einer den Andern
unverständlich zu machen schien, und das Geschrei Aller betäubend von
den Wölbungen bis in die zurückgezogensten Winkel wiederklang. Weniger
gebildete Gläubige, gemeine Soldaten und andere Leute der untersten
Stände, traten dazwischen um ihre Gebete zu verrichten. Sie blieben
wie der Zöllner im Evangelium am Eingange stehen, kreuzten die Arme
über der Brust, breiteten sie dem Himmel entgegen und warfen sich auf
den Boden nieder seinen Staub zu küssen. Nur in den Seitengängen, die
sich rechts und links weit in die Nebenräume ausdehnen, war es einsam
und stiller. Der Mittelbau ist durch eine Voll- und zwei Halbkuppeln
der Länge nach gedeckt. Dadurch erscheint er tiefer als die anderen
Moscheen. Was mich besonders erfreute, war die große Reinlichkeit trotz
der Menge der Besucher.

In den nächsten Gassen traf ich reges Treiben der offenen Kaufläden
und breitkronige Bäume, die über die Garten- und Friedhofsmauern
heraushängen; die sonderbarst verzweigte Platane vor der Schah-Sadeh
Djami. Aus niederem Klotze streben wie Arme, die im Ellenbogen gebogen
sind, zwei mächtige Stämme auseinander. Ein Zaun, der darum gelegt ist,
beweist, daß auch Andere den Baum bewundern. Der Baumeister Sinan,
der geschickteste, den die Türken hatten, baute diese Moschee. Zwei
Söhne begrub der gewaltige Sultan Suleiman in dem Garten hinter der
Moschee; daher ihr Name, die Moschee der Prinzen. Im Innern liegen um
die Hauptkuppel vier Halbkuppeln, aus welchen wieder ein System von
je drei kleineren Halbkuppeln herauswächst, deren mittlere indessen
nur über dem Haupteingange ausgeführt ist, über den drei anderen
Seiten in flachen Wänden abbricht. In den vier Ecken wie gewöhnlich
vier kleinere Vollkuppeln. Vier Hauptpfeiler stützen dieses Gewölbe,
in den Ecken auch noch Säulen. Die Moschee ist dunkler als andere;
das schien sie mir auszuzeichnen. Aber auch bei dieser ist es das
Aeußere, das mir am besten gefällt. Dort sind die Seitenwände nicht
wie an den anderen gewöhnlich durch zweistöckige Galerien, sondern
durch Bogen, die hoch und schlank vom Boden bis zum Dache reichen,
verkleidet. So stehen ihrer neun auf jeder Seite, oben spitz zulaufend,
auf zierlichen Säulen. Je zwei sind durch Mauerfelder von der nächsten
Gruppe geschieden, und der mittelste ist erhöht, daß die Stufen unter
ihm hinaufsteigen können und der Eingang gleich erkennbar sei. Diese
Ordnung gibt dem Baue etwas Aufstrebendes, während die zweistöckige
Bogenstellung bei aller Zierlichkeit in die Breite zieht und erniedrigt.

Aus dem Thale, in dem Schah-Sadeh Djami geborgen liegt, ritten wir
durch geradlinige Gassen über die Rücken der Hügel der Wasserleitung
entlang. Rechts in den Seitengassen sahen wir ihre tropfenden Bogen,
hinter uns aber das Meer und die Inseln, denn zu solchem Ueberblicke
steigt die Straße auf bis zur Moschee Mohammed II. des Eroberers, die
herrschend über der Stadt thront, wie das Geschlecht ihres Erbauers
über den Völkern des alten Griechenreiches. Schon die Lage des Ortes
verräth, daß hier immer bedeutungsvolle Denkmäler gestanden haben
müssen, und die Geschichte erzählt, daß hier schon Constantin den
zwölf Aposteln eine Kirche und sich das Grab gebaut hatte. Zweihundert
Jahre später erneuerte die Kaiserin Theodora, die lüderliche Gemahlin
des großen Justinian, den Bau. Auch ihr halfen dabei wie dem Kaiser
bei der Sophien-Kirche Traumbilder und himmlische Erscheinungen. Am
28. Juni 550 konnte die neue Apostelkirche eingeweiht werden. Lange
ruhten die griechischen Kaiser in ihren Grüften und neben Julian
Apostata der heilige Gregor von Nazian, bis sie die Lateiner, die
christlichen Kreuzfahrer, aufweckten. Sie erbrachen die Sarkophage und
streuten die geplünderten Gebeine in die Luft. Das Volk der Franken
war eben damals schon bemüht, in derselben Weise wie es heute Nanking
und Peking zerstörte, die Civilisation nach dem Osten zu tragen. Auf
der Stelle baute dann Mohammed seine Moschee, aber etwas nördlicher
als die Kirche. Ein Grieche, Christodulos, war sein Baumeister dabei,
und erhielt als Lohn das Eigenthum einer ganzen Gasse geschenkt.
Sonderbar, daß trotz solcher Gegenbeweise die Erzählungen von der
Unduldsamkeit dieses Eroberers entstehen und fortwährenden Glauben
finden konnten.

Im Vorhofe ist auf der Seite des Einganges zu dem Innern der Moschee
der Säulengang höher als vor den drei übrigen Wänden; das stört, wo die
Bogen in den Ecken zusammentreffen, die Harmonie des Baues. Das Innere
finde ich durch Tünche und Malerei entstellt, gerade so geschmacklos
in den Zeichnungen und eintönig in den Farben, wie ich es in Brussa an
der großen Moschee so sehr getadelt habe. Die Mittelkuppel ruht auf
vier Pfeilern; auf jeder der vier Seiten sind drei Halbkuppeln um sie
gelegt; die vier Ecken des Baues, welche dabei noch übrig bleiben, sind
durch besondere kleinere Vollkuppeln gedeckt. Von Außen gesehen steigt
dieses System kleiner und niederer Kuppeln zu größeren und höheren auf,
wie ein Gebirge von seinen vorliegenden Hügeln. Ein ungeheurer freier
Platz breitet sich darum aus; das ist die Ebene, die zu den Gebirgen
hinführt. Der Boden ist ihm durch mächtige Unterbauten gesichert,
Quaderfügungen, die vielleicht nach dem Muster der Fundamentirung
des Hippodroms gebaut worden sind. Alte Bäume wurzeln darin. Unter
ihrem Schatten hatten einige Verkäufer von türkischem Schreibzeug auf
verwahrlosten Säulenknäufen die Rohrfedern, Pergamentblätter und das
übrige Studirmaterial zum Ankaufe für die Studenten der umliegenden
gelehrten Stiftungen ausgebreitet. Solche Schulen, Armenküchen,
Spitäler, Brunnen und andere Stiftungsgebäude, alle gleichförmig und
mit bleiernen Kuppeln gedeckt, bilden eine weitere, die äußerste
Schutzwehr um die Moscheen. Auf der einen Seite schaut das Auge über
sie weg weit in die Tiefe und in die Ferne hinein; die Häuser der Stadt
und der Hafen liegen dort, und darüber hinaus der Bosporus und die
Berge des pontischen Asiens. Solch’ ein Bild stellt uns die würdigsten
Gedanken vor die Seele und ist die tauglichste Vorbereitung zu dem
Eintritte in das Gotteshaus, daß sich der Hochmuth niederwerfe vor der
göttlichen Herrlichkeit, die so viel erschaffen konnte.

Ebenso günstig hat auch Suleiman seine Moschee gestellt. Länger als
eine Stunde saß ich vor ihr auf dem niederen Mauersockel, der den Platz
an dem Abfalle des Hügels umzäunt, rücksichtslos für die Pracht des
Baues hinter mir, das Auge und die Gedanken nur auf das Leben in der
Stadt und im Hafen drunten und auf das wechselnde Spiel der Lichter
gerichtet. Es war schon Abend und der Verkehr darum im goldenen Horne
und im Bosporus am regsten. Ganze Gewölke von Dampf legten sich aus
den Rauchfängen der ab- und zugehenden Dampfer momentan über die
Landschaft; ein scheidender Sonnenstrahl färbte sie glühend purpurn
und dann im Verblassen dunkelblau, bis sie der Abendwind auseinander
jagte, noch ehe ihr angebornes Grau sichtbar werden konnte. Der Spiegel
des Wassers, der am längsten das Licht festhielt, erschien jedesmal
nach solcher Entschleierung nur um so strahlender. Kein Laut drang
herauf. Wer die Augen schloß oder im Denken das Sehen vergaß, konnte
mitten im Herzen der ungeheuren Stadt sich in die stille Einsamkeit
einer Wüste versetzt glauben, und wie auf den hohen Bergen kam auch
hier jene Vorahnung von der sorgenlosen Betrachtung aus einer anderen
Welt auf die hier unten über mich. Zuletzt fühlte ich mich wie die
Geister-Erscheinungen in den Raimund’schen Zauberspielen, die bequem
in ihren Wolkensitzen über die untergeordnete Erde wegschweben. Man
braucht eben nur einen Augenblick außerhalb der Welt zu stehen, sich
ganz in sich selbst zurückzuziehen, um mit der Gleichgiltigkeit auch
das Bewußtsein der Herrschaft über sie in sich erwachen zu fühlen;
ein deutliches Zeichen von der höheren Art des Geistes und von dem
Vorübergehen seiner irdischen Verbindungen. Der Erde gehört nur, was
der Tod ihr läßt: der Körper, diese wandelbare Hülle.

Zwischen dem Vorhofe und dem Friedhofe steht die Sulimanjie, frei auf
dem freien Platze, kein Haus und keine Bude, die ihr wie bei unseren
Kirchen den Zugang und das Licht verstellen. Diese Freiheit weiß der
Mohammedaner, seinen Gotteshäusern auch in den beengtesten Stadttheilen
zu bewahren. Das Thor zu dem Vorhofe steigt hoch und gewaltig
zwischen den festen Umfassungsmauern auf, als solle es eine Festung
vertheidigen. Eine Nische, stalaktitartig gebildet, wölbt sich über dem
Thorwege und feine Schriftzüge und Arabesken sind in die Stirnkrone
darüber damascirt. Drei Stockwerke hoch ist die Thormauer und neben der
Thüre setzt sie sich in dieser Höhe noch zwei Fenster breit fort. Dann
fällt sie ab und hat zur weiteren Umfassung des Vorhofes nur mehr die
Höhe von zwei Stockwerken. Die oberen Fenster sind blind, die unteren
allein offen, aber stark vergittert.

Die beiden Seitenfronten der Moschee gehören als Ganzes und durch
ihre Details zu dem Schönsten der mohammedanischen Baukunst. In
zwei Stockwerken stehen Spitzbogen übereinander, im oberen sechzehn
kleinere, alle gleichförmig, im unteren neun, von diesen jedoch zwei
viel niedriger und schmäler als die sieben übrigen, so daß die drei
mittleren von zwei Endgruppen gesondert sind. Auch die Farben der
Marmorsäulen helfen bei dieser Abtheilung. Hinter den Bogen laufen
breite offene Gänge her. Der Eindruck mahnte mich an das, was ich in
Venedig gesehen, geradezu der Dogenpalast fiel mir ein. Am hinteren
Ende des Gebäudes, wo sich der Friedhof anschließt, wechselt diese
zweistöckige Bogenstellung mit einer einfachen ab. Es sind drei große
Spitzbogen von zwei Säulen getragen, durchbrochene Marmorbalustraden
dazwischen, unter denen sieben Stufen zu Nebeneingängen in die Moschee
hinauf führen. Wie Bruchstücke aus den Seitenansichten der Schah-Sadeh
Djami entlehnt, so erscheinen diese reizenden Loggien. Und wirklich hat
derselbe Meister beide Moscheen gebaut. Sinan begann die Suleimanjie
zwei Jahre nach jener im Jahre 1550 und vollendete sie schon im Jahre
1555.

Von dem Inneren behauptet man, daß es, nach dem Muster der Aja Sophia
gebaut, die Absicht diese zu übertreffen erreicht habe. Ich sehe wohl
die Nachbildung, aber nicht, daß das Muster übertroffen worden. Vier
starke Pfeiler tragen wie in der Aja Sophia die Decke und zwischen
ihnen auf beiden Seiten je zwei Säulen die obere Galerie. Auch das
Gewölbe ist wie dort ein System von Halb- und Vollkuppeln um eine
größere Centralkuppel gelegt. Aber das Licht, das in der Aja Sophia so
wenig vorhanden ist und dessen Mangel den Bau so stimmungsvoll dunkel
macht, ist in der Sulimanjie verschwendet, und die byzantinischen
Rundbogen sind hier in spitzige emporgezogen. Eben das ist das
wesentlichste Merkmal der Unterscheidung. Das eine nach dem anderen
sieht sich an, wie sich die Uebersetzung eines dichterischen Werkes
liest; es sind wohl dieselben Gedanken, aber es ist doch nicht dasselbe
Gedicht.

Von der einen Porphyr-Säule unter den Galerien erzählt Gylles einen
offenbaren Irrthum. Sie soll mit der Statue des Kaisers Justinian auf
dem Platze zwischen der Aja Sophia und dem kaiserlichen Palaste, dem
Augusteon, gestanden haben. Nun saß aber Kaiser Justinian, wie man in
einem Werke der Seraibibliothek diese Statue abgebildet sieht, auf
einem Pferde. Gylles selbst fand noch Bruchstücke von diesem Thiere
vor; die Hufe allein waren ungeheuer. Wie könnte das auf dem schmalen
Durchschnitte einer Säule Platz gefunden haben? Ein Reiterstandbild
auf einer Säule aufzustellen ist überhaupt ein Gedanke, der wohl kaum
irgendwo verwirklicht worden sein dürfte.

Hinter der Moschee liegt wie gewöhnlich der Garten; so nennt der
Mohammedaner die Grabstätten seiner Todten. Was der Koran ihnen erst
für die andere Welt verspricht, sucht er ihnen schon auf dieser
zu bereiten, und wirklich blühen Rosen und Akazien um die Gräber
Suleiman’s und Roxelane’s, seiner blutdürstigen Geliebten. Schöner und
kostbarer noch als die der Muradje zu Brussa sind sie, mit Marmor- und
Porzellanplatten, im Innern sogar mit Edelsteinen verkleidet, und dabei
doch in ihrem Erscheinen bescheiden und ohne eitle Anmaßung, ernst und
feierlich, so wie es sich für Grabstätten geziemt. Die innere Wartung
war sorgsam und rein, als seien noch der erste Schmerz und junge Trauer
die Wächter und Pfleger des Ortes.

Den Rückweg nahmen wir durch das Seraiskeriat nach der Moschee Sultans
Osman III., Nuri-Osmanjie, die Lichte ob der Menge ihrer Fenster
genannt. Sie ist ein Werk der Rococozeit und zeigt ihren Styl. Schon
früher, als Achmed III. die Gärten an den süßen Wässern anlegte,
machte dieser die Rückwirkung Europa’s auch im Oriente geltend. Auch
diese Moschee, hart auf der Kante eines Hügels, über dem gedrängtesten
Quartiere der ganzen Stadt, dem Besestan, stehend, hat von einer festen
Quaderterrasse den Ausblick frei nach den Bergen und dem Bosporus.

Weiter kamen wir, weil ich es so nach der Karte wählte, an der Moschee
Mahmud Pascha’s vorüber, in enger steil absteigender Gasse ein
malerischer Bau. Halb verfallen decken ihn mächtige Bäume. Vorne vor
der Eingangsthüre liegt eine Loggia aus schön gewölbten Bogen.


    Constantinopel, den 10. Juni.

Schon um 6 Uhr Morgens ritten wir aus, hinüber nach Stambul und vom
At-Meidan die Hügel hinunter und unten den Seemauern entlang, durch
die das blaue Meer herein sieht, nach der kleinen Aja Sophia. An
die große mahnte sie mich eigentlich nicht, wohl aber an den Dom zu
Aachen. Unsere Schulbücher lehren zwar, daß der sein Muster in Ravenna
an San Vitale gehabt habe, ich aber glaube, seitdem ich Kütschük
Aja Sophia gesehen, daß er es hier gefunden. Bei den vielfältigen
Verbindungen Karls des Großen mit dieser Stadt und bei der Weltstellung
des damaligen Constantinopel hat es auch nichts Außerordentliches.
Justinian baute diese Kirche; sie stand also schon zweihundert Jahre,
als Karl der Große seinen Baumeistern den Auftrag gab, ihm eine Pfalz
und eine Domkirche in Aachen zu errichten. Das war lange genug, daß der
Ruf der byzantinischen Bauten auch auf den schwierigsten Verkehrswegen
bis an das andere Ende der damaligen Culturwelt gedrungen sein konnte.
Die Architekten mögen selbst in Constantinopel das Vorbild gesehen,
oder ihre Bildung von Lehrern erhalten haben, die dort gewesen. Für
die Malerei gibt man, weil anderen Behauptungen die Beweisstücke
entgegenstehen, diesen unmittelbaren Einfluß zu; bei der Architektur
glaubt man eine Zwischenstation machen zu müssen. Nun war aber
Italien damals ohne Geltung, die Städte im Verfalle, Rom beinahe
nur ein Dorf, das ganze Land eben nur eine Provinz des oströmischen
Kaiserthumes. Dorthin waren suchend alle Augen gerichtet, und von dort
kamen alle Künstler, Handwerker und Gelehrte. Byzanz war im achten
Jahrhundert unserer Zeitrechnung immer noch die tonangebende Macht und
bei dem gänzlichen Fehlen anderer Concurrenten in der damaligen Mode
vielleicht sogar herrschender als es heute Paris ist. Das können nur
jene Geschichtschreiber außer Acht lassen, welche sich die Berührungen
und Communicationen der früheren Zeiten weit seltener und mangelhafter
vorstellen als sie wirklich waren.

Neben der Kirche stand einmal das Haus, in welchem Justinian 45 Jahre
als Privatmann gelebt hatte. Nach seiner Thronbesteigung widmete
er den Palast des Hormisdas, so hieß es, den frommen Zwecken eines
Klosters. Die Kirche wurde als nothwendiges Zugehör dazu gebaut.
Die späteren Kaiser pilgerten dann immer am dritten Osterfeiertage
hierher in feierlicher Prozession, den ganzen Hofstaat hinter sich
vom Triklinium des Justinians aus über den Hippodrom. Die Kirche war
dem heiligen Sergius geweiht und wahrscheinlich auch dem heiligen
Bacchus; das lassen wenigstens die Trauben und die Rebenblätter in den
Verzierungen vermuthen. Die Inschrift, welche um den inneren Rundkreis
läuft, nennt zwar nur den heiligen Sergius, aber die byzantinischen
Geschichtschreiber sprechen mit Beharrlichkeit das Patronat auch dem
anderen Heiligen zu. Diese Inschrift ist voll von Lob für die Tugenden
der Kaiserin Theodora; wollte Justinian, der zugleich als Erbauer
genannt wird, seiner Frau, oder wollte man dem Kaiser durch solche
Lügen schmeicheln?

Jetzt steht in der Apsis der Mihrab. Wesentliches ist nichts an dem
Baue verändert. Sein Grundplan ist ein Viereck; seine Höhe ist in zwei
Stockwerke getheilt; acht Pfeiler tragen darüber die Mittelkuppel, aus
ihr kommen vier Halbkuppeln als Decke der vier Ecken. Zwischen diesen
liegen verbindend vier Tonnengewölbe. Unten und oben auf den Galerien
sind zwischen die Pfeiler je zwei mittragende Säulen aus rothem
und grünem Steine gestellt. Außer diesen Säulen ist alles Uebrige
übertüncht, doch scheint das Darunterliegende noch genug hervor,
daß man die Bildhauerarbeiten als rohe verurtheilen darf. Mosaik
entdeckte ich nirgends, vielfältig aber Marmor. Die Verhältnisse des
Baues sind von schöner Harmonie, daß es wohl that eine halbe Stunde
betrachtungsvoll in so edlen Räumen zu weilen. Dem Aeußeren drängen
sich die Bäume so zu, daß die Luft darum und darunter kühl und feucht
war. Ueberhaupt ist der ganze Ort versteckt abgelegen und still einsam.

Auch die Moschee des Ebul Wefa, eines Heerführers in der Armee des
Eroberers, wird als eine ehemalige Kirche gezeigt. Ein reicher Adeliger
soll sie im vierten Jahrhundert erbaut haben. Jener frühen Zeit können
höchstens die Seitenmauern des heutigen Baues entstammen; Vorhalle
und Kuppeln sind sicherlich Werke türkischer Hände. Auch jetzt wieder
bessern sie daran; Gerüste füllen den Bau bis in die Wölbungen hinauf.
Die Mauern zeigen fußbreite Sprünge. Der Bau hat nur Besonderheiten
aber nichts Schönes; mehr noch als die anderen ist er nämlich in die
Breite gezogen. Nebeneinander liegen drei große Kuppeln über ihm; sie
sind beachtenswerth durch ihre hoch aufstrebende Kühnheit. Unter jeder
ist der Grundplan in ein besonderes Viereck gegliedert, und in jedem
derselben tragen vier Rundbogen das Gewölbe. Die Ecken sind wie durch
eingeschobene und die Kuppel tragende Postamente abgeschnitten, nur in
den vier äußersten des ganzen Planes sind sie durch kleine Halbkugeln
ausgefüllt. Dem Eingange gegenüber liegt der mittleren Kuppel eine
kleine Halbkuppel für die Apsis vor. Schön ist die äußere Umgebung;
Bäume schließen die Moschee ein, und ein kleiner alter Friedhof ist
hoch darum gelegt, daß sie zwischen den Grabsteinen selbst wie in ein
Grab eingesunken erscheint.

Auf einem Platze nahebei, dem des Scheichs Ebul Wefa, saßen unter
weitschattigen Platanen vor einem kleinen Kaffeehause ein paar Türken
bei ihren Schalen und Wasserpfeifen. Sie mochten unser Handwerk an dem
neugierigen Sehen unserer Augen erkannt haben; unaufgefordert boten sie
sich an uns das Grab des letzten römischen Kaisers zu zeigen. Durch
elende Weberhütten führten sie uns in einen engen Hof zu der Stelle, wo
neben altem Kehricht, zerbrochenen Holzlatten und weggeworfenen Lappen
der tapfere Constantin ruhen soll. Kein Baum breitet sich darüber, der
doch sonst keinem orientalischen Grabe fehlt; auch die Lampe brannte
nicht, deren ewiges Licht Mohamed II. hieher gestiftet, und
durch welches eben, wie man deducirt, die Wahrheit der Stätte bezeugt
werden soll; nur ein alter zerbrochener türkischer Grabstein war als
Merkmal an die Wand gelehnt. So ärmlich das Ende, was so allmächtig an
der Tiber begonnen hatte.

Wir pilgerten weiter zu Gräbern, die ganze Geschlechter von Kaisern
beherbergt hatten. Kilisse Djami, die Kirchen-Moschee, steht klein und
versteckt aber kuppelbedeckt auf steilem Hügel, der am herrschendsten
über alle anderen constantinopolitanischen emporragt. Darum setzten
sich auch die Kreuzfahrer dort oben in dem Kloster des Allherrschers,
Pantokrator, wie die Kirche ehemals hieß, fest. In den Grüften
wurden die Kaiser begraben, seitdem die Apostelkirche nebenan auf
dem nächsten Hügel mit Leichnamen überfüllt war: So ruhten hier die
meisten der Komnenen und Paleologen. Von all’ dem ist nichts mehr
übrig als ein einziger Sarkophag aus Verde antico, der unverletzt
auf dem kleinen Platze vor der Moschee steht. Neben ihm schaut ein
Säulenstumpf aus dem Schutte auf, wie um anzuzeigen, daß einmal diese
Gräber durch Säulenhallen gedeckt waren. Aber selbst dieser Sarg dient
nicht mehr seinem ursprünglichen Zwecke; was den Tod bergen sollte,
ist eine Quelle lebendigen Wassers geworden; die Türken haben die
Asche und die Gebeine hinausgeworfen und die Hülle in einen Brunnen
verwandelt, eine Verwendungsart solcher Monumente, die im Oriente
häufig vorkömmt. Ich möchte behaupten, daß es verrathe, um wie viel
weniger schrecklich der Tod den Menschen hier erscheine. Andere ganz
gleiche Sarkophage, auch wie dieser mit einem giebelförmigen Deckel
geschlossen, der dem Dache des altgriechischen Tempels ähnlich ist,
nur aus Granit und Porphyr gebildet, werden in dem ersten Seraishofe
neben der Irenenkirche bewahrt. Man will die Beweise dafür haben, daß
nach dem neunten Jahrhundert kein Sarkophag mehr aus Verde antico,
dem thessalischen Marmor, und schon nach dem sechsten Jahrhundert
keiner mehr aus ägyptischem Porphyr gebildet worden ist. Es ließe sich
also allenfalls für den aus Porphyr gemeißelten im Vorhofe des Serais
befindlichen behaupten, daß er wirklich einmal die Gebeine des großen
Constantin oder doch die der Eudoxia umschlossen habe. Es ist diese
schwerlastende, giebelgekrönte, sonst alles Schmuckes kahle Form der
byzantinischen Sarkophage weitaus die würdigste für ein Grabmal, die
ich kenne. Für uns, die wir nicht weiter zurückschauen, steht das erste
Beispiel ihres Ursprunges in den ägyptischen Grabkammern, und von dort
aus scheint sie zugleich mit dem Serapiscultus nach Rom eingewandert
zu sein. Mir kam heute die Vermuthung, daß die Türken auch dieses
griechische Muster für ihre Bedürfnisse benutzt haben. Die Holzgerüste,
die sie über ihren Gräbern aufzimmern, gleichen wenigstens auffällig
diesen monumentalen Särgen.

Die Moschee hat von den 46 Kuppeln der früheren Kirche nur wenige
behalten. Trümmer liegen noch sichtbar weit herum, andere mögen
unter den späteren Neubauten begraben sein. Aufrecht stehen noch ein
doppelter Porticus und hinter ihm zwei je dreischiffige Basiliken,
die durch ein siebentes besonderes Schiff von einander getrennt
sind. Denn so erkläre ich mir die sonderbare Anlage dieses Baues.
Vielleicht deckten die heute fehlenden Kuppeln andere ganz gleich
geformte Kirchen, die im Anschlusse an diese in einem Vierecke um
einen Hof gestellt waren? Es hat dann wohl jede einem anderen Kaiser
als Grabcapelle gehört. Die eine Seite, die ich jünger als das andere
Mauerwerk finde, und die gewiß einmal offen zu weiterer Fortsetzung
war, bringt mich insbesondere auf diese Vermuthung. Neun Thüren führen
in den Porticus und ebenso viele von ihm in das Innere der Kirche. Sie
sind in denselben Formen und mit demselben rothen Marmor wie die der
Aja Sophia gebaut. Die kleinen Kuppeln, die den Porticus decken, sind
mit Mosaiken verkleidet; aber keine Menschenbilder, nur Laubgewinde und
Blumen sind darin dargestellt. Im Inneren ist nur türkisches Machwerk.

Als Erbauer der Kirche gibt die Geschichte den dritten Komnenen an.
Kaiser Johann war dann auch der Erste des Geschlechtes, der hier
begraben wurde. Das war jener milde und verzeihende, dabei doch
starke und kräftige Herrscher, der im Auslande das Gebiet des Reiches
vermehrte, und daheim schon im zwölften Jahrhundert das Ideal unserer
heutigen Menschenfreunde verwirklichte, indem er für die 25 Jahre
seiner Regierung die Todesstrafe abschaffte. Das Gegentheil all’ seiner
Tugenden war der letzte des Geschlechtes, der hier begraben wurde,
Andronikus I., der auch der letzte Komnene auf dem Throne von
Constantinopel war. Seine Lebensgeschichte ist eine so abenteuerliche,
daß wer sie heute in der Regelmäßigkeit unserer Zustände liest, kaum
mehr den Glauben für so bunt zusammengewürfelte Schicksale hat. Vor
seiner Thronbesteigung abwechselnd der Vertraute und der Verräther
seines Vetters, des damals regierenden Kaisers Manuel I., lebte
er bald im Glanze und Wohlleben des Hofes zu Constantinopel, bald
auf der Flucht durch Wälder und Steppen, bei Türken und Persern, bei
Polen und Russen, und auch bei diesen wieder je nach dem Werthe seiner
Handlungen als Fürst und Freund erhöht oder als Feind und Flüchtling in
den Kerker geworfen, bald Christ und Mohammedaner, alles was der Tag
und der Vortheil von ihm begehrte, treu nur in einem, in der Verführung
und in der Untreue gegen die Frauen. Ueberall, wo er gewesen, von
allen Nationen, bei denen er Gastfreundschaft genossen, hatte er
eine entführt und verlassen. Als er dann den Sohn des Manuel, den
zwölfjährigen Kaiser Alexius II., erdrosselt und sich dadurch
die Krone erworben hatte, kam er hieher an das Grab seines Vorgängers,
des Kaisers Manuel. Seine Begleiter wies er zurück, sie glaubten
weil er sich seiner Reue und Buße schäme. Er aber murmelte statt der
Gebete nur Verwünschungen, nur Flüche, Worte des Triumphes und der
Rache über den Sarkophag, denn selbst dem Todten verzieh er es nicht,
daß dieser der Einzige im Stande gewesen, seine Zügellosigkeit zu
bändigen. Da ihm die Macht allein überlassen war, mißbrauchte er sie zu
solchen Grausamkeiten, daß ihm zuletzt das empörte Volk Augen, Haare,
Zähne und Arme ausriß, und den immer noch lebenden Körper auf einem
räudigen Kameele durch die Stadt trieb, bis ihm zwischen zwei Pflöcken
aufgehängt ein paar barmherzige Schwerthiebe die Qual verkürzten.

So wild und kräftig, so maßlos in allen Eigenschaften waren die
Glieder dieses Geschlechtes. Von Italien leitete es seinen Ursprung
ab, von Asien, wohin es übergewandert, war es gekommen. Sechs Kaiser
setzte es auf den wankelmüthigen Thron von Byzanz, die meisten schön
und groß durch die äußere Bildung ihrer Gestalt und auch riesig durch
den Werth ihrer Thaten. Dann setzte das vertriebene Geschlecht seine
Herrschaft drüben in Trapezunt fort, bedeutungs- und wechselvoll wie
sie in Constantinopel gewesen, daß seine Fürsten mehr als andere zu
den abenteuerlichen Zwecken von Romanen und Dichtungen brauchbar
sind. Neben Kapiteln, so blutig und bewegt wie die der byzantinischen
Geschichte, verblassen selbst die Schicksale der rothen und der weißen
Rose. Den Mord der Brüder des thronbesteigenden Prinzen, den die Türken
bis zum letzten Sultan als dynastisches Hausgesetz ausgeübt, fanden sie
wie anderes, das sie nach der Eroberung unter ihre Sitten aufnahmen,
fertig und zur Regel geworden in Constantinopel vor. Die Willkür
überhaupt, welche so lange die türkische Thronfolge erschütterte, mögen
sie nach dem vorausgegangenen Beispiele gebildet haben.

Kahrjie Djami in der Nähe der Landmauern, zwischen dem Thore von
Adrianopel und dem ehemaligen Viertel der Blacherner, soll noch eine
der 24 Kirchen sein, welche Justinian in Constantinopel erbaute.
Die Mauern mögen so alt sein, die Ausschmückung muß längst erneuert
worden sein. In der Vorhalle wenigstens fand ich Mosaiken von so
trefflicher und freier Zeichnung, daß ich sie in eine jüngere Zeit
als die älteste der Marcus-Kirche versetze. Eine schreitende Figur
des Erlösers und in der Kuppel der linken Halle aufrechte Gestalten
unterschied ich deutlich. Die Kuppeln sind muschelförmig eingefalzt,
ihrer drei über der Vorhalle, die in drei Vierecke abgetheilt ist,
nebeneinander. Thür- und Fensterstöcke sind in denselben Formen wie
in der Aja Sophia gearbeitet. In dem Kreuzgange, der später angebaut
ward, sind Malereien so entwickelter Art, daß man bei dem Erlöser kaum
mehr die Spur des alten byzantinischen Typus findet. Die Kuppeln, die
ganze Vorhalle und auch das Innere sind nur klein; die byzantinischen
Kirchen scheinen sich überhaupt nicht durch Größe ausgezeichnet zu
haben, wenigstens macht unter den übrig gebliebenen nur die Aja Sophia
hiervon eine Ausnahme. Die Menge derselben muß den Rauminhalt der
Einzelnen ersetzt haben. Es kann ihrer nicht weniger, als heute in
Venedig sind, gegeben haben. Gleich auf dem Rückwege, den wir direct
zur Gül Djami suchten, auf dem wir uns aber verirrten, fanden wir in
der Nähe der Mohammedje, abseits gegen den Hafen zu hinab, Ruinen,
welche einmal einer altbyzantinischen Kirche angehört haben müssen. Ich
finde sie auf keiner Karte und in keinem Handbuche verzeichnet. Die
Kuppeln sind herabgestürzt und auch die Seitenmauern geborsten; die
abgefallene Tünche stellt es außer Zweifel, daß seitdem eine Moschee
hier gewesen. Die Verwüstung kann nicht alt sein, denn noch hat sich
nirgends das in diesem Klima so rasche Grün um die Ruinen gelegt, und
verursacht scheint sie durch eine Feuersbrunst zu sein, weil das ganze
Stadtviertel ringsherum aus noch unangestrichenen Latten neu aufgebaut
ist. Wie vor anderen stand auch vor dieser Kirche eine mit drei Kuppeln
gedeckte Vorhalle. Eine Hauptkuppel scheint die Kirche selbst, eine
zweite kleinere den Altarraum gedeckt zu haben; das unterscheidet man
heute noch. Wie lange wird diese Spur dauern? Schon schleppt man Steine
fort zu weltlichen Neubauten; so werden allmälig aber fortwährend auch
die Ruinen der Vergangenheit ausgejätet. Kann man sich, wenn zuletzt
alles Sichtbare fehlt, noch wundern, daß das Frühere der Nachwelt
unverständlich wird?

Gül Djami (Rosen-Moschee), die wir endlich, aber erst mit Hilfe der
Magnetnadel fanden, liegt so tief in einem Thale, daß wir an Gassen
kamen, die so steil abwärts führen, daß wir, um nicht zu fallen,
von den Pferden steigen mußten. Die Rosen-Moschee zeigt sich als
byzantinisches Bauwerk trotz späterer türkischer Veränderungen. Sie
scheint besonders fest zu sein und der Zeit zu trotzen. Von einem
unterirdischen Gewölbe, welches Hammer erwähnt, wollte keiner der
Moscheediener und der Umwohnenden, die in Menge herbeigekommen waren,
etwas wissen.

Nach Galata hinüber ritten wir über die zweite Hafenbrücke. Eine
eigenthümliche Beleuchtung wurde uns von dort aus durch das Abendlicht
geboten. Der ganze Hafen war so von Nebeln und von dem Rauche
der Dampfer bedeckt, daß er und die Stadt unsichtbar waren. Die
untergehende Sonne färbte diese Wolkenmassen roth und blau, nur das
Thürmchen der Seraispitze sah daraus hervor, aber scheinbar in die
Ferne gerückt, als lägen viele Meilen zwischen ihm und uns. Schon
Morgens hatte ich die Nebel beobachtet; sie zogen so dicht über die
See, daß außer der Seraispitze Alles in ihnen verschwand, selbst die
Körper der Schiffe. Zuweilen nur ragten die Masten und die geschwellten
Segel, welche die Schiffer dem Südwinde ausgespannt hatten, daraus
hervor, daß es aussah, als hätten die Wolken Segel vorgelegt, ihren
Flug noch mehr zu beschleunigen und mir die eilenden Wolken, die Segler
der Lüfte verwirklicht erschienen, welche die gefangene Maria Stuart
grüßend an ihr Heimathland sandte.


    Constantinopel, den 11. Juni.

Ich schreibe den ganzen Vormittag. Gewitter drohen und hindern eine
gemeinsame Fahrt im großen Boote nach Bujuk-Dere. Ich aber wage
mich Nachmittags allein im Kaïk um die Seraispitze in’s freie Meer
hinaus, die Mauern der Stadt auf dieser Seite genauer zu untersuchen.
Es ist herkömmlich, auch diesen Theil der Bollwerke als einen übrig
gebliebenen Vertheidiger des Christenthums gegen den Mohammedanismus
zu ehren. Ich brachte den Mauern dieselbe Glaubensstimmung entgegen
und die Inschriften auf der Seeseite unterstützten diesen Wahn. Hört
man nur sie, so baute schon Kaiser Theophilus, derselbe, welcher auch
den kaiserlichen Palast so reichlich verschönerte, also 830 oder
doch nahe daran diese Mauern. Erst als ich ihre Fügung, die Steine
und ihre Bearbeitung prüfte, begann dieser Glaube zu zweifeln. Das
Werk kann nicht das Product eines Jahrhunderts sein, das für Byzanz
die Blüthezeit aller Künste und Wissenschaften war. Und wäre es das
gewesen, so konnte es in dieser Gestaltung nicht dem Wogendrange
und dem Wettersturme eines ganzen Jahrtausends widerstehen. Die
schlecht gefügten Ziegellagen und der Mörtel zeugen gegen eine
solche Alterslast. Nur tief in dem unteren Theile, der noch unter
Wasser steht, sind es sorgfältiger gefügte Quadern; darüber liegen
Säulenschäfte geschichtet, dicht und hoch wie Klafter Holzes,
Gesimsstücke und andere Bautenreste dazwischen, Alles Zeugen der
Prachtliebe einer früheren und der Barbarei einer späteren Zeit. So
baut eine jede mit den Werkstücken wie mit den Ideen ihrer Vorfahren.
In Aegypten schon trieben sie es nicht anders und wir treiben es wie
es hier geschehen. Welch’ eine Stadt muß das gewesen sein, die der
Säulen so viele hatte, daß man einmal ihre Mauern daraus aufrichten
konnte! Dieses Später kann aber nicht schon die Zeit des Theophilus
gewesen sein. Es ist nicht anzunehmen, daß er, dem die Verschönerung
des Palastes und der Stadt so sehr im Sinne lag, so viel zerstört, und
selbst wenn er damit seinen Neubauten Platz schaffen wollte, daß er das
kostbare Material der früheren nicht entsprechender verwendet haben
sollte. Daß aber auch die anderen Byzantiner nach ihm diese Grausamkeit
nicht geübt haben, beweist mir eine andere Einwendung, die ich mir
gegen den griechischen Ursprung dieser Mauern in diesen Tagen gefunden
habe.

Hier hinaus gegen das Marmora-Meer zu öffnete die Stadt ehemals drei,
vielleicht sogar vier Häfen. Der erste zunächst der Seraispitze,
wahrscheinlich ziemlich unterhalb der Achmedjie, welcher der des
Palastes, auch der des Bukoleons hieß; von ihm westlich und westlich
neben der kleinen (Kütschük) Aja Sophia, dort wo der Platz heute
noch Kadriga-Liman d. h. der Galeeren-Hafen heißt, der zweite, der
julianische, und wenn man diesen nicht denselben mit dem nächsten
glaubt, was nach den byzantinischen Schriftstellern streitig erscheinen
kann, noch tiefer in den Halbmond der Küste hinein, dort wo heute noch
Steintrümmer eines Molo’s im Meere den Mauern vorliegen, vielleicht bei
Kum-Kapu, dem Sandthore, der dritte, der der Kaiserin Sophia, so daß
dann der theodosianische zunächst dem Schlosse der sieben Thürme der
vierte gewesen wäre.

1422, also nur 31 Jahre vor der Eroberung der Stadt durch die Türken,
besuchte sie ein Florentiner, Christof Bondelmonti, der von der Stadt
unter Anderem auch einen Plan geliefert hat. Auf dem ist z. B. der
erste Hafen noch deutlich eingezeichnet und vor ihm sind zwei weit
in die See vorspringende Molo’s markirt; er nennt ihn ~portus
palatii~. So ist noch Manches anders dargestellt als es heute auf
diesen Küsten aussieht. Nahe der Seraispitze stand eine Kirche der
wegweisenden Mutter Gottes (Hodegetria), dann eine des heiligen Georg,
von denen heute keine Spur mehr übrig ist. Kann das Alles in den 31
Jahren vor der Eroberung weggeräumt und umgewandelt worden sein, in
einer Zeit vollkommener Entkräftung und leichtsinniger Sorglosigkeit?
Das ist nicht nur unwahrscheinlich, das ist unmöglich. Uebrigens
beschreibt uns auch ein noch späterer Reisender, der sogar erst nach
der Eroberung durch die Türken Constantinopel besuchte, 1550, noch
immer manche dieser Uferstellen anders als sie heute sind. Es können
also, wenigstens auf der Seeseite der Stadt, nur die Türken die
heutigen Mauern errichtet haben.

Murad IV. 1635, vielleicht sogar erst Achmed III.
1721, werden als Wiederhersteller der Stadtmauern gerühmt. Die alten
Grundlagen mögen sie benutzt haben, daher unten im Wasser die stärkere
Quaderfügung, auch einzelne Thürme in den Neubau mit aufgenommen haben.
Daß frühere Inschrifttafeln in den Mauern haften, ist kein Beweis für
das Zeitgenössische ihres Werdens. Die Türken mauerten sie, so gut
als man das früher schon that, und als man es heute wieder thut, an
den Stellen ein, wo sie sie fanden. Die Reste alter Bauten legten sie
dazwischen und erst darüber ihre schlechten Ziegel. Man stelle sich nur
vor, wie viel fallen mußte, bis der Raum zu dem heutigen Serai frei
ward.

Unter den Resten, die sie so verwendet haben, sind auch drei Fenster
gleich neben dem ehemaligen Leuchtthurme eingemauert; ihre Formen
sind die ägyptisirenden wie an den Thüren der Aja Sophia, die allen
byzantinischen Bauten gemein waren. Seitab und höher oben erscheint
ähnlich befestigt eine kleine Häuserfronte, zwei Löwen zu ihren beiden
Seiten. Es kann das nicht der natürliche Platz dieses Baustückes sein;
auch dieses muß hierher erst übertragen worden sein; so wie es da steht
wäre es ganz sinnlos. Vielleicht daß es das oberste Stockwerk eines
kleinen Palastes gewesen und die Löwen frei daneben standen? Gylles
nennt es ein Ueberbleibsel vom Palaste des Leo Marcellus, nicht vom
Bukoleon, wie Hammer ohne weiteren Beweis behauptet. Dann wären auch
diese Trümmer eine Bestätigung für meine Vermuthung von der äußeren
Unscheinbarkeit der byzantinischen Bauten. Sie haben nichts Großes
und verrathen keinen großen Sinn; sie sind klein und manchmal auch
unförmlich, wie Vieles in Kütschük Aja Sophia, Kilisse Djami und
Kahrije Djami. Die große Aja Sophia ist die einzige und darum auch so
sehr gepriesene Ausnahme. Denn selbst von dem Kaiserpalaste glaube ich
nicht, daß er etwas unseren oder den römischen Bauten Aehnliches gehabt
habe; er wird wie noch die heutigen Paläste der Orientalen aus einer
Summe von Pavillons bestanden haben, über ein weites Gebiet die Hügel
hinab und durch Gärten zerstreut. Kein Theil war höher als einstöckig
und die Pracht daran nur im Innern.

Wilde Hunde lagen vor den Mauern auf Steinen, die dort den Anprall der
Wellen aufhalten. Ab und zu wechselten Kinder mit ihnen ab, die auf
jenem gefährlichen Punkte wohl nur im Genusse verbotener Frucht waren.
Vom freien Meere her und von den rothen Inseln drohten dunkle Wolken
mit neuem Regen und finsterer Verhüllung der Ferne, wie sie schon die
Sonne verbargen.

Bei Psamatia Kapu hieß ich das Kaïk landen. Ich ging von dort in das
Innere der Stadt nach der nahe dem Strande gelegenen Moschee des
Oberststallmeisters (Imrachor Djami). Der Bau ist ein Rest, und bei
näherer Prüfung ein überraschend wohlerhaltener, des einst so berühmten
Klosters des Studius. Es war das ein Patricier und Consul, der im
sechsten Jahre der Regierung Leo des Großen, auch des Fleischers
genannt, also im Jahre 463 den Nichtschläfern diese Kirche erbaute.
Die christlichen Lateiner verwüsteten sie, und erst Andronicus der
Jüngere schützte sie wieder mit einem Dache. Das Kloster spielte in
der byzantinischen Geschichte eine große Rolle; Leben und Sterben
vieler Kaiser sind daran geknüpft. Einige wurden dort erzogen, denn
die Mönche waren gelehrt und gebildet; Andere wurden dorthin in die
Einsamkeit und Büßung verwiesen, und wieder Andere unter dem Paviment
der Kirche begraben. Hier stationirten zum erstenmale die Züge, welche
der Stadt vom goldenen Thore aus zum kaiserlichen Palaste hin den
Sieg brachten. Alles was dieser Bau war, ist bei ihm leichter als
bei anderen aus den vorhandenen Resten herzustellen. Das Trümmerfeld
von Säulenstümpfen, welches Hammer rings herum gebreitet sah, ist
entweder seitdem weggeräumt, oder er hat es überhaupt nicht gesehen.
Es muß ihm so jedenfalls mit dem Mihrab dieser Moschee geschehen sein.
Denn hätte er diesen gerade so wie bei der Aja Sophia und bei allen
anderen Moscheen, welche ehemals Kirchen waren, schief in die Apsis
gestellt gesehen, so hätte er dadurch allein, wenn auch sonst durch
keine andere der markanten Eigenthümlichkeiten des Baues, auf die
Vermuthung kommen müssen, daß er es hier mit einer ehemaligen Kirche
zu thun habe, und nicht drucken lassen dürfen, daß diese Djami ein
Werk des großen Baumeisters Sinan sei. Die Stätte und die Mauern sind
heute noch dieselben, welche einmal den gottesdienstlichen Zwecken der
griechischen Christen dienten.

Ein kleiner Porticus, getragen von zwei alten Säulen, führt in den
Friedhof, der hier ausnahmsweise vor der Moschee liegt. Die Gräber
zu beiden Seiten liegen höher als der Weg. Frisches Grün sproßt
dazwischen, und Rosen ranken sich darüber. In dem Marmorpflaster des
Weges fand ich einen Stein, der das Monogramm trägt: [Symbol 1]; ich
lese es als den Namenszug des Stifters. Steine mit anderen Zeichnungen
sind mannigfaltig sichtbar.

Vor dem Baue der Basilika in ihrer ganzen Breite öffnet sich eine
freie Halle. Vier Säulen korinthischer Ordnung mit reichem aber
geschmacklosem Capitäl tragen ihre Decke. Gesimse mit Verzierungen
desselben Styles treten überall aus der Tünche hervor. Zwei Bogen
trennen die Vorhalle in drei Abtheilungen; heute ist nur noch die linke
offen, die rechte zugemauert. Aus jeder scheint ehemals eine Thüre in
das Innere geführt zu haben, also im Ganzen ihrer drei; auch davon ist
nur noch eine, die mittlere, übrig. Das Innere ist lang, breit und
hoch und durchaus im glücklichen Zusammenstimmen der einzelnen Theile.
Zu klein zum Ganzen ist nur die heutige Apsis. Steht sie auch genau
an der Stelle der früheren, so daß der Mihrab schief in sie gestellt
werden mußte, so halte ich sie doch für ein Flickwerk der Türken. Das
Mittelschiff wird auf beiden Seiten durch eine Säulenreihe von den
Seitengängen getrennt. Ueber diesen Gängen und auf den Säulen ruhend
liegen offene Galerien. Kleinere und enger zusammengeschobene Säulen
zäunen diese ein und stützen die flache Decke; die beiden Seitenschiffe
sind an ihrem Kopfende durch flache Wände, nicht durch Nischen, wie
das sonst wohl üblich, geschlossen. Die Thüren, die ehemals dort offen
waren, und die Karniese darüber sind heute zu- und eingemauert; ebenso
die fünf Bogenfenster, welche einmal durch jede der beiden Langwände
das Licht gaben. Unter ihnen treten neun Tragpfeiler aus der Wand
hervor, vermuthlich um das Gebälke oder doch um querüber verbindende
Balken zu tragen. Von den 14 Säulen, je sieben auf beiden Seiten des
Mittelschiffes, sind sechsen die prachtvollen Schäfte aus Verde antico
übrig geblieben; den anderen achten sind sie aus Mauerwerk, aus Tünche
und aus grüner und weißer Farbe nachgemacht worden. Und aus demselben
Stoffe hat man auch jenen sechsen wohlerhaltenen die prachtvollen
Capitäle mit einer Maske verkleistert, um sie dem rohen Kopfputze der
acht anderen Schwestern ähnlich zu machen. Es fehlte den Späteren das
Geschick und die Liebe der Kunst, sich zur Fertigkeit der Früheren zu
erheben, und so degradirten sie die Vergangenheit zu dem Ungeschmacke
der Neuzeit. Die Säulen der Galerien oben sind aus Holz und ganz jung.

Wie alle Moscheen ist auch diese rein gehalten. Hügel umgeben sie, wohl
Gräber des einstmals Gewesenen, und Saatfelder ziehen sich darüber.

Hinter der Kirche, dem Meere zu und wo der Blick darauf frei und
unbegrenzt ist, fand ich eine unterirdische Capelle und daneben eine
Cisterne. Zwei starke Säulen tragen das Gewölbe der Ersteren, drei
Nischen schließen sie; sie ist breiter als tief; ihr Mauerwerk einfach
und alt. In der Cisterne sind die Säulencapitäle in Blumenformen
gestaltet. Nicht weit von diesen unterirdischen Bauten ist ein
Ziehbrunnen in die Erde eingelassen. Ein Stein, den ich hinabwarf,
verrieth nur wenig Wasser darinnen, aber ansehnliche Tiefe. Zwei
starke Feigenbäume wachsen aus seiner Mündung hervor mit dichtem
Blätterschmucke und wilden Früchten. Alles um dieses Gemäuer haben
Bäume, Schlinggewächse und Blumen malerisch geziert, und weiter hinaus
über die Mauern weg schaut das Auge die blaue See, Schiffe, welche der
Einfahrt in den Bosporus harren, und links hin die Prinzeninseln.

Auf dem Rückwege nach Psamatia Kapu fand ich in der Straße, die eine
weite Strecke mit dem Ufer in gleicher Richtung läuft, nur durch die
Stadtmauer von ihm geschieden, Säulenschäfte und ein mächtiges Capitäl,
das byzantinische Kreuz darauf. Sie liegen herren- und dienstlos,
zeigen aber, was ehemals hier gestanden haben muß. Die Straßen waren
leer, wie ausgestorben, ein furchtsamer Hund das einzige Lebende,
welches ich begegnete. So förderte Alles die Stimmung schwermuthsvoller
Betrachtung.


    Constantinopel, den 12. Juni, Sonntag.

Gewöhnlich suchen die Fremden drüben in Skutari den Gottesdienst der
von ihnen sogenannten heulenden Derwische kennen zu lernen. Es ist dort
ein Tekke schon in Erwartung solcher Besuche hergerichtet, und man
befindet sich wie in einem europäischen Theater des bloßen Zuschauens
wegen. Ich begehrte heute nach einem anderen, von jeder Europäisirung
möglichst abgelegenen Bruderschaftshause geführt zu werden. So kamen
wir nach Kaßim Pascha, einer der ärmlichsten unter den vielen elenden
Vorstädten dieser kaiserlich schönen über zwei Erdtheile ausgespannten
Weltstadt. Neben Pera liegt Kaßim Pascha auf demselben Ufer des
goldenen Hornes. In dem ersten Tekke, wo wir Einlaß begehrten, waren
die Uebungen schon zu Ende. Es liegt in einem Garten anmuthig hinter
Rosenhecken versteckt, ein dürftiger kleiner Holzbau. Der einzige
Derwisch, der noch zu Hause war, saß in einer Laube, in einen weißen
Kaftan gehüllt und so in die Träumereien seiner gottesdienstlichen
Betrachtungen oder seines Nargileh’s versunken, daß es einer Weile
bedurfte, bis wir von ihm die Auskunft erhielten, wo allenfalls in der
Nachbarschaft seine Glaubensgenossen mit ihren religiösen Uebungen an
diesem heißen Nachmittage noch nicht zu Ende gekommen sein könnten.

Das Tekke, wo er uns hinwies, liegt nicht so poetisch, ist zwischen den
anderen Häusern eingeklemmt, selbst eine Hütte und in nichts von diesen
verschieden. Unten eine kleine Eintrittshalle; in sie einmündend die
Vorzimmer, wo wir Stöcke und Schuhe ablegten; aus ihr hinaufsteigend
eine schmale hölzerne Stiege und oben im ersten Stocke ein mäßig großer
Saal, bedeutend länger als breit, die eine Langseite von kleinen nach
dem Saale zu offenen Stuben eingefaßt, die eine Schmalseite durch
Fenster nach dem goldenen Horne zu geöffnet, die schöne Aussicht
hereinzulassen, die andere durch das Gitter der dahinter liegenden
Frauentribüne geschlossen. In der Ecke, die gegen Osten zu gekehrt ist,
ist aus Teppichen und Fahnen der Mihrab aufgebaut. Das ist die ganze
Herrlichkeit, und sie ist nur aus ungedielten rohen Brettern fabricirt.
Aber ausgezeichnet ist die Aermlichkeit durch außerordentliche
Reinlichkeit. Daß man sich auf die Vließe von Schafen niederläßt,
geschieht nur, weil es die Ordensregel so gebietet, denn der Zustand
des Bodens bedingt nicht diesen Schutz. Ein Diener breitet gleich jedem
Ankömmlinge das seinige aus. Man sitzt natürlich mit untergeschlagenen
Beinen darauf.

Die Zuschauer waren zahlreich und aus allen Ständen gemischt; mir
fielen die vielen Soldaten auf. Alle beobachteten jenen Anstand, der
dem Türken angeboren ist und ihn dem ersten Eindrucke als ein Wesen
höherer Ordnung erscheinen läßt. Uebrigens folgten auch ihre Mienen
andächtig dem Cultus. So sitzt ungefähr eine Menge bei uns in einem
Trauerspiele, nicht in einer Kirche, denn dort ist leider selten
so viel Aufmerksamkeit zu Hause. Nur den Kindern war es gestattet,
ungebunden und sich um nichts bekümmernd mitten durch die Reihen
der Sitzenden und auch durch den ehrfurchtsvoll der Ceremonie leer
gelassenen Mittelraum des Saales zu laufen. Diese Rücksichtnahme
der Türken auf die Natur der Jugend hat etwas Rührendes; sie steht
ihnen offenbar über jedem Menschengesetze. Es liegt etwas von dem
evangelischen „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das
Himmelreich“ darinnen.

Der Orden muß eigentlich der der Rifa’yjah-Derwische genannt werden, da
der neuerliche Gebrauch die Derwische nicht mehr wie früher nach ihren
Statuten und Glaubensregeln, sondern nach ihrem Stifter bezeichnet
und dieser Ahmed Rifa’y hieß. Er stammte, wie alle die wesentlichsten
Ordensgründer, aus Persien, der Provinz Ghilân, und starb 1182 in den
Buschwäldern zwischen Bagdad und Bassora. Im ganzen Orient gilt er als
ein besonders heiliger Heiliger, der sagen durfte, „sein Fuß stehe auf
den Nacken aller Heiligen Allah’s.“

Die Derwische, die sich zu den Uebungen versammelt hatten, standen an
der anderen Schmalseite des Saales, den Fenstern gegenüber, in einer
Linie nebeneinander gereiht. Die Meisten warfen im Verlaufe der
Ceremonie ihre Oberkleider weg und legten weiße Kaftans an, so wie ihn
Der getragen, den wir vor dem ersten Tekke in der Rosenlaube sitzend
gefunden hatten. Der Vorbeter allein, der vor ihnen stand, trug einen
Kaftan aus grünem Stoffe, die auszeichnende Farbe des Propheten und
der Mantel selbst ein Symbol dessen, den Mohammed getragen hatte. Sie
sprachen dem Scheich nach und sangen dann eine Weile selbständig fort.
Der Körper folgte in gleichmäßigen Schwingungen von rückwärts nach
vorwärts der Stimme, anfangs langsam, nachher aber mit dem Gesange so
an Schnelligkeit zunehmend, daß das Auge ihnen kaum mehr folgen konnte.
Dabei ward der Tact der Bewegung wie der des Gesanges keinen Augenblick
gestört. Sie glauben und wollen durch diese Beweglichkeit den Körper
so ermüden, daß sich die Seele von ihm loslösen und mit dem einzigen
fortwährend wiederholten Begriffe „Gott“ verschmelzen könne. Einige
behaupten, dieses Mittel begeisternder Absorbirung so erfolgreich
erprobt zu haben, daß sie in ihrem Herzen sogar die freilich nur
dem geistigen Auge sichtbaren Buchstaben des Wortes Allah durch die
vielmalige Wiederholung eingeprägt tragen.

Nicht lächerlich, aber doch wie eine Verirrung des menschlichen Geistes
erschien mir dieser Gottesdienst; daß er religiös und daß er wahrhaftig
gemeint sei, verkannte ich nicht. Darum, so sehr mich die Raserei,
denn das wurde er zuletzt, entsetzte, ich mußte doch immer dem Wahne
Achtung zollen. Das Geheul verlor den Ton der Menschlichkeit, und die
Bewegung der Kette beinahe den Grad des denkbar Möglichen. Einzelne
schwangen im Wahnsinne nicht mehr den Oberkörper, nur noch den Kopf,
so waren sie erschöpft; zwei fielen nieder, denen der Schaum auf den
Lippen stand; man trug sie ohnmächtig hinaus. Andere arbeiteten aber
gleich rüstig weiter, als habe die Uebung eben erst begonnen. Die
Turbans, die sie verloren, wurden von Vorbetern unter dem Schutze des
Mihrab’s aufgehäuft. Die Greise, welche betend dort standen, durch
grüne Kaftane ausgezeichnet, legten zum Zeichen heiliger Waschungen,
die das vorstellen soll, die Hände vor das Gesicht, banden sich dann
wechselseitig mit Gebetsprüchen rothe Schürzen um, und die, welche
sich so bedient hatten, reichten sich grüßend die Hände. Es war etwas
außerordentlich Würdevolles in der Ruhe dieser alten Männer, das durch
den Gegensatz des Lärmens und der Unruhe der Heuler noch erhöht wurde.

Ein Kopf unter den Heulern mit wegstehenden Haaren und roth gewordenem
Gesichte haftet unvergeßlich in meiner Erinnerung. Ein junger Matrose
ebenfalls; dieser war ganz Ruhe, trotz der Hast seiner Bewegungen,
jener sichtbar auch innerlich ein förmlich Rasender. Zuletzt übermannte
mich das Gefühl, daß das Alles über mich herstürzen und mich, den
einzig Ungläubigen der zugegen, erschlagen werde. Ich floh, wie von
einem Traumgespenste gejagt, und auch unten noch in der freien Luft
dauerte es eine Weile, bis ich meine Sinne wieder in das Gleichgewicht
gebracht hatte.

Unwillkürlich versuchte ich es auf dem Heimwege, mit den empfangenen
Eindrücken die Würdigkeit des Mohammedanismus zu messen. Ich wollte
ihn eben verurtheilen, als mir noch rechtzeitig die Springprocession
von Echternach bei Luxemburg am St. Veitstage einfiel, die von den
vorwärts gethanen Schritten immer wieder einige zurückspringt.
Mit dieser Erinnerung kamen mir eine Menge anderer in den Sinn an
die ascetischen Gebräuche meiner Religion. Ich ließ also von der
hochmüthigen Verurtheilung ab und suchte lieber die Gründe zu finden,
welche die Menschheit in solch’ wenig angenehme Sitten verführt haben
mögen. Da war wohl am mächtigsten jenes ewig uralte Naturgesetz von
dem Kampfe zwischen dem Geiste und der Materie, der Seele und dem
Fleische, das sich als ungelöstes Problem durch die ganze Geschichte
der Menschheit von ihrem adamitischen Anfange bis zu ihrem einmaligen
seligen Ende hinzieht. Warum sollten davon die Kirchen und ihre
Gebräuche unberührt bleiben? Alle haben die Spuren davon aufgenommen;
die orientalischen, weil die Phantasie dort am lebendigsten ist, sind
mit den erniedrigendsten Büßungen und den strengsten Kasteiungen
ausgerüstet.

Sonderbar ist es, wie die Religionen, obwohl sie sich oft mit ihren
Grundsätzen so feindlich entgegenstehen, ihre Gebräuche geliehen haben.
Solche Gebetsübungen, wie die der Rifa’yjah-Derwische, die sich nur
in der völligen körperlichen Erschöpfung genügen, finden sich bei
uns Katholiken wie bei den Mohammedanern, und auch das endlose ~La
ilâha illâ-llâh~ (es ist kein Gott außer Gott), welches diese Beter
heulen, ist unsere Gebetsform der Litanei. Der ganze mohammedanische
Kirchengesang hat diese Formen; es sind Exclamationen, welche zum Lobe
des Allerhöchsten in die Luft ausgestoßen werden:

    „O Fürsprecher! o Geliebter! o Seelenarzt! o Auserwählter! o
    Fürsprecher am Tage des Gerichtes, wo die Menschen rufen werden:
    O meine Seele! o meine Seele! und wo Du sagen wirst: O mein Volk!
    mein Volk!“

Der Koran selbst spricht ganze Seiten hindurch in dieser einsilbigen
Sprache. Es ist dieses offenbar eine alte Formel des Orients, und der
Katholicismus setzt nur eine Tradition fort, die vor Jahrtausenden
begonnen hat. Nicht anders ist es mit den Waschungen vor den Kirchen,
die bei den Mohammedanern sich noch erhalten, im kalten Abendlande aber
sich in das weniger erkältende Bespritzen mit dem Weihwasser modificirt
haben. Ich finde in diesem gleichmäßigen Benutzen derselben Gebräuche
durch so verschieden gedachte Religionen ein Zeugniß dafür, daß die
Welt ärmer an äußerlichen Zeichen denn an Gedanken ist, und in der That
selten gleichen sich zwei Menschen durch ihre geistigen Fähigkeiten,
aber alle arbeiten mit den Händen und Füßen.

Wir ritten zurück durch Gassen, durch die wir gekommen waren, gefüllt
mit solchem Schmutze, daß er selbst in Constantinopel überraschen
durfte. Die Pferde gingen in Mitte zweier ungefähr vier Fuß erhöhter
Trottoire in dem Kothe der Gasse, der an einzelnen Stellen flüssig, an
anderen zu festem Brei getrocknet war. Mich unterhielt es mehr, als daß
es mich verdroß; nur die allwärts gleiche Geschminktheit unserer Gassen
ist mir zuwider.


    Constantinopel, Montag, den 13. Juni.

Mehr aber als alles Uebrige interessirt mich immer wieder
das Straßenleben. Wenn man von Pera an der französischen und
österreichischen Gesandtschaft vorüber zur ersten Hafenbrücke
hinabsteigt, kommt man unten am Hügel, wo rechts die Ecke nach der
großen Galatagasse hinüberbiegt, an ein tscherkessisches Kaffeehaus.
Ein ebenerdiges Häuschen, die rauchige Stube nach der Gasse zu offen,
daneben ein kleiner Garten, die Umzäunungs-Mauer von Bäumen überragt:
das ist der Sammelpunkt all der Unglücklichen, welche russisches
Culturträgeramt aus der angestammten Heimath vertrieben hat. So oft
ich hier vorbeikomme, immer finde ich neue Gruppen dieser elenden
edlen Gestalten, Reiche und Arme, -- wenn bei Heimathslosen von
solchem Unterschiede die Rede sein kann -- Vornehme und Geringe,
unterschiedslos zusammengemischt. Es scheint, daß ein alter Brauch,
vielleicht durch eine Kunde begonnen, die den Ruf dieses Kaffeehauses
über das schwarze Meer in die kaukasischen Berge getragen, jeden neuen
Ankömmling dieses Stammes zunächst hierherführt, um durch den Rath
seiner Landsleute Leitung durch die verwirrende Fremdartigkeit dieser
großen Stadt zu gewinnen. Freunde und Verwandte, die sich in der
Heimath verloren hatten, mögen sich da wiederfinden; die Fremde und der
Zufall gibt oft wieder, was schon aufgegeben war. Es sind große stolze
Männer, die dort hinter ihren Wasserpfeifen auf den Strohschemeln
sitzen, ausgestreckt auf dem Boden liegen, oder mit gekreuzten Armen
an der Gartenmauer lehnen. So ruhig ihre Blicke, keiner ist geistlos;
Alle, der ärmlichst wie der reich Gekleidete, haben, wie sie schmächtig
und in die Höhe gezogen sind, auch etwas Aufrechtes und Gerades in
ihrer Haltung und in ihrem Gange, wie das bei uns nur den Männern
eigenthümlich ist, welche gewohnt sind, auf den Höhen des Lebens zu
stehen. Keinen sah ich, der den Kopf mit dem adelig langen Oval des
Gesichtes anders als hoch erhoben mit frei in die Welt hinausschauendem
Blicke auf dem länglichen Halse getragen hätte. Die Schultern fallen
stark abwärts, ganz das, was man in Frankreich ~une belle chute
d’epaule~ nennt. Stierköpfig und breitschulterig habe ich keinen
Tscherkessen gesehen. Es wird ihre Körperbildung überhaupt von einem
das Kolossale Liebenden getadelt werden. ~Svelte~ ist das einzige
Wort, das ihre Erscheinung und ihre Bewegung wiedergibt; ihre Knöchel
sind es und ihr Gang ist es. Es ist ein Volk, als ob es von Göttern
abstamme; vielleicht weil ihre Berge so hoch in den Himmel hinaufragen.
Bekleidet sind sie gewöhnlich auf dem Kopfe mit einer hohen spitzen
Pelzmütze, auf dem Leibe mit einem langen engen Rocke, von einem
Stoffe, den wir hären nennen würden, und der schmutziggrau aussieht.
In den beiden Brustseiten des Rockes sind fünf bis sechs Röhren für
die Patronen gesteppt, ähnlich den Cigarrentaschen, die man vor Kurzem
bei uns trug. Ein Gürtel hält den Rock zusammen, zwei Dolche stecken
darin; die weiten Hosen unter dem Rocke, die aber kaum sichtbar werden,
sind in die hohen Stiefel gesteckt. Der größere Reichthum macht wenig
Unterschied in dieser Kleidung, wenigstens erscheint er nicht. Ich
sah die ärmlichsten Fetzen mit solcher Hoheit getragen, daß das Kleid
geadelt war, und das Sprichwort im umgekehrten Sinne galt. Man versuche
einmal bei uns für diese Behauptung ein Beispiel zu finden.

Vor dem Kaffeehause ist ein kleiner Platz. Mehr als irgendwo sonst
liegen auf ihm wilde Hunde herum; gehe ich Nachts diesen Weg, so
stolpere ich gewiß immer hier über eine dieser unangenehmen Bestien.
Die Abfälle einiger Fleischerbuden mögen sie hierher locken. Der
Geruch, den diese Gewerbe jetzt in der Hitze verbreiten, ist
empfindlich und treibt mich über diesen Platz immer mit größerer Eile.
Zu Pferde gelingt mir das auch; bin ich aber zu Fuße, dann halten mich
die Surugis auf, die hier ihren Standpunkt haben und ihre Pferde an den
Mann bringen möchten.

Auf dem Ufer zwischen dem goldenen Horne und der langen Galatagasse,
der einzigen, welche eine so weite Strecke gerade fort läuft, steht
der Stadttheil, welcher alle ärgste Liederlichkeit und Verworfenheit
Constantinopels an sich gezogen hat. Auch wer an das Schlimmste
unserer europäischen Hauptstädte gewöhnt ist, wird hier noch überrascht
werden. Man hat mich gewarnt, dieses Stadtviertel zu betreten, und
zur Nachtzeit mag es allerdings ein Wagniß sein. Ich will auch diesen
Theil des hiesigen Lebens kennen lernen, und treibe mich dort öfters
beobachtend und betrachtend herum. Hart an dem Wasser, so nahe daran,
daß kein verbindender Kai davor herführt, stehen die Häuser der
verschiedenen Dampfschifffahrts-Compagnien. Der anständige Zugang zu
ihnen ist zu Wasser, zwischen den in dichten Reihen davor liegenden
Schiffen durch, der rückwärtige führt durch die Höfe, Thorwege,
Gäßchen und Winkel eben jenes verrufenen Viertels. Einen Wirrwarr
der Wege wie dort habe ich nirgends sonst gefunden, und ebenso nicht
anderswo einen ähnlichen Schmutz. Von den Kohlen der verschiedenen
Dampfschifffahrts-Depôts ist der Boden seit langem ein schwarz
gefärbter; darauf werden aus allen Häusern die Abfälle geworfen, und
die Gossen, die darüber zusammenrieseln, haben das Ganze in eine dunkle
nachgiebige Masse verwandelt. Die Häuser selbst zu beiden Seiten sehen
nicht viel appetitlicher aus. Ihre Wände sind auch geschwärzt vom
Kohlenstaube, hängen nach vorne oder auch der Seite über, Thüren und
Fenster sind zum Theile eingeschlagen, mit Papier verklebt, wenn nicht
gar ihre Fassung aus der Mauer theilweise herausgebrochen. Beinahe
bei allen sieht man offen und frei in das Innere des Hauses und dort
in rauchigen hölzernen Stuben die Inwohner mit den scheußlichsten
Lastern beschäftigt. Spiel, Trunksucht, alle Gattungen von schlechten
Ausartungen, auch Raub, Mord und Todtschlag sind hier die gewöhnlichen
und Allen sichtbaren Beschäftigungen. Schreitet die türkische Polizei
in diesem Sodoma nach irgend einem gar zu grellen Falle ein, so sind
gleich die europäischen Gesandtschaften zur Hand, sich vertheidigend
vor ihre verleumdeten Schützlinge zu stellen, und die gesammte
europäische Presse trommelt hinter ihnen den Sturm gegen türkische
Unduldsamkeit, gegen muhammedanischen Christenhaß und barbarische
Civilisations-Feindseligkeit. Der italienische und französische
Gesandte sind hierbei gewöhnlich die bereitwilligsten. Die meisten
der ständigen Bewohner dieses Quartieres sind Italiener, Griechen,
Malteser, die Fremden meistens englische und italienische Matrosen und
Flüchtlinge aller Nationen.

Ich beobachtete heute eine solche Scene, die mit ihrer Schilderung
andere vertreten mag. Aus einem Freudenhause führte ein jüngerer
Matrose seinen älteren Genossen. Beide waren Engländer, der ältere
mit beinahe weißem Haare so besoffen, daß er keinen Schritt ohne die
Unterstützung des jüngern vorwärts thun konnte. Der war ein hübscher
Bursche, nicht älter als 22 Jahre; das Haar stand ihm wirr zu Berge,
die Mütze hatte er vergessen. Sein Gesicht, stark geröthet, lachte
fortwährend, wenn er zurückblickte. Dort sahen aus jedem Fenster, eine
über die andere gelehnt, geschminkte Dirnen heraus; unten in die Thüre
trat eine, die hatte nichts an als ein blendend weißes mit Stickerei
eingesäumtes Hemd, falsche Rosen in dem schwarzen Haare und ebenso
falsches Roth krustendick auf den Backen. Ihr, als sie erschien, winkte
der junge Matrose zu, indeß er mit der rechten Hand, die er über
die Schulter des älteren gelegt hatte, hinter dessen Rücken diesem
drohend eine Faust ballte. Das schien als Scherz gemeint, der auch den
lohnenden Beifall des ganzen Mädchen-Chores erntete. Ich zweifle nicht,
daß auch bei den Türken das Laster in mannigfaltigen Arten heimisch
ist, aber in so schamloser und öffentlicher Gestalt sah ich es bei
ihnen nie auftreten.

Wohl zur Bewachung dieser Räuberhöhle ist in der Galata-Gasse
das Wachthaus so stark mit Polizeimannschaft besetzt. Die Seite
dieser Gasse, welche mit der Rückwand ihrer Häuser in dieses eben
beschriebene Stadtviertel sieht, ist beinahe durchgehends von offenen
Schreinerwerkstätten eingefaßt. Dort arbeiten sie jene Truhen, in
welchen der Türke seine Schätze in der Moschee hinterlegt oder auf
Reisen mitnimmt. Aus Cypressenholz gezimmert, duftet die ganze Gasse
danach. Dann werden sie gewöhnlich grün angestrichen und zuletzt
mit goldenen Nägelköpfen beschlagen. Die andere Seite der Gasse ist
in ihren unteren Geschossen ebenso beinahe ausschließlich von einem
Gewerbe besetzt; es sind Schusterbuden, nur daß sie ihr Handwerk nicht
so offen zu Jedermanns Schau ausstellen. Civilisirter als die Schreiner
haben sie Auslagekästen, und zeigen darin Producte, die wirklich den
Wettstreit mit den besten französischen, italienischen und wiener
Waaren nicht zu scheuen brauchen. Die Kaufläden weiter unten in der
Gasse, wo man der Brücke näher kömmt, und in denen weiße Sonnenschirme,
fertige Sommeranzüge, Handschuhe und andere Kleidungsstücke verkauft
werden, gleichen ganz unseren hölzernen Meßbuden, nur daß hier über der
offenen Auslage noch ein oder zwei Stockwerke eines Hauses stehen.

Ist das Gedränge schon weiter zurück in der Galata-Gasse dicht, so wird
es hier oft beinahe stockend und einige Schritte vorwärts, wo die Gasse
um ein scharfes Eck zu dem Brückenkopfe umbiegt, undurchdringlich.
Sieben Gassen münden dort in die eine schmale zusammen, alle aus
den belebtesten Stadttheilen herauskommend. Den Berg herab über
vielfältige Absätze und Stufen steigen zwei, darunter eine an dem
Feuerthurme von Galata vorüber, der Hauptverbindungsweg nach Pera
hinauf. Die bedeutendsten englischen Waarenmagazine liegen in oder
an derselben, wo man Alles und zuweilen, nach dem Eintreffen großer
Sendungen, Manches recht gut und sogar wohlfeiler als bei uns kauft.
Die anderen Gassen münden links aus dem liederlichen Stadtviertel
und rechts aus jenem Theile Galata’s ein, in welchem die größten
Waaren-Depots der europäischen Produktion und auch das ist, was hier
die Börse vorstellt. Das Aergste, was man von dem Gedränge unserer
europäischen Hauptstädte in der Erinnerung hat, verschwindet neben dem
Knäuel, der hier zusammenläuft. Dort sind es doch immer Wagen, welche
die Mitte der Straße besetzt und diese dadurch wenigstens scheinbar
frei halten; hier ist Alles, die Seitenwege an den Häusern wie die
Mitte der Gasse mit Menschen gefüllt. Ob Reiter oder Fußgänger, das
ist gleichgiltig und unterschiedslos zusammengemischt. Wagen kommen
selten, beinahe nie vor, dazwischen aber die um Platz schreienden
Hamale mit ihren ungeheuren Lasten, Pferde und Esel mit Thürmen von
Ziegeln oder mit Balken auf dem Rücken, deren eines Ende ihnen dort
aufliegt, das andere weit abstehend auf dem Boden nachschleppt.
Sie passiren die Menge wie Mauerbrecher oder Schneepflüge. Wer die
Vorstellungsgabe hat, der stelle sich das nun Alles zusammen; hat er
es jemals gesehen, so wird ihm durch das wieder erschienene Bild auch
das Geschrei und der Lärm lebendig werden, welche die Ohren betäuben,
und die Buntheit der Farben, welche die Augen verwirren. Wie oft ist es
mir nicht schon geschehen hier auf dieser Seite der Brücke oder drüben
auf dem Stambuler Brückenkopfe, daß, wenn ich zu Fuße war, mir eine
Pferdsnase plötzlich über die Schulter weg ins Ohr pustete, oder wenn
ich zu Pferde ritt, eine fremde Hand in die Zügel griff, um das Thier
gemächlich aufzuhalten, bis sich der Fußgänger daran vorüber gequetscht.

Auf der Brücke ist der Raum etwas freier; die Menge strömt nach den
beiden Seiten auf die Localdampfer ab. Links liegen die, welche
hinaus in den Bosporus, nach Scutari und den Prinzeninseln gehen,
rechts die, welche den Verkehr nach dem inneren Hafen besorgen.
Durch diese Raumerweiterung wirkt die Brücke wie eine Erholung,
ähnlich einer Mozart’schen Beruhigungssonate nach einem Wagner’schen
Dissonanzen-Gedränge. Es ist auch die Freiheit des Bildes, die sich
nach beiden Seiten auf die spiegelglatte Fläche des goldenen Hornes
und vor sich auf die kuppelgekrönten Hügel Stambuls aufthut, welche zu
dieser Stimmung beiträgt. Außer diesem Wohlgefühle lohnt die Brücke
auch noch durch andere Reize allein die Reise nach Constantinopel.
Wer nur sie und sonst nichts von dieser Großstadt gesehen, hat immer
noch mehr gesehen, als ihm das ganze übrige Europa zeigen kann. Ich
bin oft halbe Tage hier, auf und ab wandelnd, oder mich wie die
anderen Müßigen und die Bettler auf die erhöhten Balken der Trottoire
setzend. Da ziehen denn Türken und Griechen, Perser und modische
Franken, Kurden und Armenier, Tscherkessen und Neger, beinahe alle
Völker der Welt, Männer und Weiber, zu Fuß und zu Pferd und die
elegante Europäerin in der Portantine an mir vorüber, und das Alles
so bequem zu sehen, als sei es eigens wie die Wandeldecoration einer
Ausstattungsoper zu meinem Vergnügen hergerichtet. Auch ein Wagen
kam so an mir vorbei, ein ungedeckter Karren auf vier hohen plumpen
Rädern, in dem eine zahlreiche Tscherkessenfamilie saß, Weiber und
Kinder und all’ ihr flüchtiges Hausgeräth mit darinnen; die Männer
gingen treibend neben den Pferden. Eines der Mädchen, das weniger
dicht als die anderen Frauen in alte Schleier und Lumpen verhüllt
war, zeigte ein classisch-schönes Gesicht; Augen dunkel, wie ihr
rabenschwarzes Haar, aber Hunger und Kummer um die Lippen eingegraben
und die Gleichgiltigkeit des abgestumpften Elends in den Blicken. Eine
herrliche Gestalt lehnte neben mir, ein Araber in weiße Gewänder und in
einen Burnus weißlich gelb mit violetten Streifen gehüllt, um das edle
herrische Gesicht ein Bart schwarz wie Ebenholz. Besonders aufmerksam
sah er den Dampfschiffen zu und den Passagieren, die hinabstiegen.
Die meisten waren Soldaten, Officiere und Gemeine, die kommen aus
den Aemtern, um mit den Dampfern nach ihren entlegenen Wohnsitzen
zurückzukehren. Fällt mir irgend Jemand auf, das Fezz auf dem Kopfe
aber sonst in unsere Kleider gekleidet, weil sein Anzug besonders
gewählt, seine Hose besonders weit und seine Cravatte übertrieben bunt
ist, so ist das, wenn ich ihm dann von vorne ins Gesicht sehe, immer
ein Neger und gewöhnlich ein Eunuche. Die Neger und Eunuchen sind hier
die Dandys der Gassen, das was man in Wien die feschen Kerle nennt;
sie tragen Moden und Farben am auffallendsten. Alles ist sehr eilig,
und der herumlungernde Faulenzer, als welcher gewöhnlich der ganze
Orient geschildert wird, erscheint hier wenigstens nur in vereinsamter
Ausnahme. Was mich aber am meisten befremdet, ist die absolute
Gleichgiltigkeit dieser Leute für einander. Nicht der beturbante
Alttürke und nicht die modische Dame, nicht der zerlumpte Kurde und
nicht der stutzerhafte Eunuche sehen sich neugierig an. Es ist die
Stadt der schärfsten Gegensätze, aber zugleich die der vollkommensten
Ausgleichung und darum mehr als jede andere eine Groß- und eine
Weltstadt. Das sieht sich hier auf der Brücke aus dem Völkergedränge
als Ganzes und aus jedem einzelnen Gesichte im Besonderen heraus.

Drüben in Stambul, wo die Brücke aufliegt, ist der Platz weiter und
freier. Dort halten sich darum auch die meisten der Hausirer auf,
solche, die fest hinter ihren Körben stehen, in denen von Laubkränzen
umwundene Südfrüchte ausgeboten werden, und andere, die aufdringlicher
ihr Wasserglas mit dem gellenden Rufe „Saka! Saka!“ zum Munde des
Vorüberwandelnden hinhalten, oder den weißleinenen Sonnenschirm auf
den Sattelknopf des Reiters legen. Verstummen der Augen und des
Mundes ist das sicherste Mittel sich ihrer zu erwehren. Reite ich
ruhig weiter ohne Blick nach rechts und links, den Sonnenschirm
unberührt liegen lassend, dann ist der Kerl bald wieder da, um ihn
schweigend zurückzunehmen. Das ganze Geschäft macht sich, als ob es
nicht geschehen wäre. Ein Wort der Zurückweisung aber verschafft ihm
den Sieg; er antwortet, und je gröber man wird, immer humoristischer
und artiger, daß man zuletzt, blos um Ruhe zu haben, ihm seine
dreißig Piaster hinwirft. Die stumme Sprache ist diesen Leuten die
einzig imponirende; es liegt auch nur in ihr die wahrhaftige Würde.
Die meisten dieser Sonnenschirmverkäufer sind Armenier. Buben tragen
Zündhölzer, Cigarrettenpapier; einzelne alte Türken Pfeifenköpfe und
papierne Cigarrenspitzen; Griechen reichlich überzuckertes Backwerk.
Alle schreien, aber am lautesten die Wasserverkäufer.

Unmittelbar der Mündung der Brücke gegenüber ist ein großer Obst-
und Gemüseladen; nie kam ich ohne Aufenthalt an seiner appetitlichen
Auslage vorüber. Aus den absichtlich umgestürzten Körben strömen
Erdbeeren, groß wie unsere Pröbstlinge, hellrothe Kirschen, weiße
Maulbeeren, gelbe Mispeln, kleine weiße und große dunkle Feigen,
duftende Melonen, frühreife Trauben und Artischoken groß wie
Kinderköpfe, der weiche Blumenkohl und die Perle aller Gemüse, die
köstliche Melensane, heraus. Um die Oeffnung jedes Korbes ist ein
buschiger Lorbeerkranz gewunden, und Büsche frischen Laubes, die
Fliegen abzuhalten, sind um die ganze Bude gesteckt und werden von
dem immer geschäftigen Verkäufer, der dahinter steht, zu ihrer Abwehr
geschwungen. Der hat, wie alle Leute dieses Standes, möglichst wenig
an, eine Jacke über der Brust zusammengezogen, den Shawl um den Bauch,
kurze Pumphosen, Arme und Beine nackt, einen dünnen Turban auf dem
Kopfe. Aber der Mann ist artig und zuvorkommend; jedesmal hat er ein
anderes freundliches Wort für mich; gebildet möchte ich ihn nennen,
wie das bei uns die Menschen durch die Erziehung werden, wie sie es im
Süden durch die Natur sind.

Wenige Schritte links von diesem Laden in der Gasse, die parallel mit
dem Ufer des goldenen Hornes zu dem Serai führt, ist die Treppe hinauf
zu der Jeni Djami, der Moschee der Sultanin Valide, der Sultanin-Mutter
Achmed III., welche, zum Unterschied von einer in der Mitte der
Stadt auch von einer Valide erbauten Moschee, die neue (Jeni) genannt
wird. Die Treppe ist eine doppelarmige. Zwischen den beiden Aufgängen
liegt ein Brunnen; die Stiege ist nur schmal, und da über sie der
kürzeste Weg zu den Bazaren und dem heutigen Montags-Markte in den
Außenhöfen der Jeni Djami hinaufführt, ist sie immer menschengefüllt.

Auf dem Markte sind die Ersten, wenn man von dieser Seite kommt,
die Verkäufer der Jacken, welche die Hamale, Surugi’s, Saka’s, die
Kaïkgi’s, die Schiffer, Matrosen und andere Arbeitsleute der unteren
Stände tragen. Die meisten verschieden in der Farbe, je nach dem
Stande, dem sie bestimmt, dunkelbraun, grau, schwarz aus haarigem
Kotzentuche, aus einem Gewebe von Kameelhaaren, weiß aus grober
Leinwand, bei Allen die Nähte mit wollenen Borden, bei den weißen
mit schwarzen Litzen besetzt. Dazu die kurzen Pumphosen aus grobem
weißen und blauen Zwillich, die in ihrer freien Entfaltung, wenn sie
der Verkäufer mit ausgestreckten Armen dem Käufer zum verlockenden
Angebote entgegenhält, ein sonderbares, zu ihrer späteren Verwandlung
unbegreifliches Viereck bilden; die rothen Binden um den Leib, die
Shawls und die Fezz für den Kopf, die gestickten Westen und die feinen
mit Seiden-, Gold- und Silberstickereien verzierten Schnupftücher,
das liegt in Thürmen aufgeschichtet, hängt über Stricken und wird den
Vorübergehenden mit derselben Beflissenheit wie unten die Sonnenschirme
auf der Brücke aufgedrungen. Ein niederer Thorbogen, unter dem man bei
weiterer Wanderung durchgeht, ist ganz mit solchen Waaren austapezirt.

In den zweiten Theil des Hofes hängen aus dem abgeschlossenen Garten,
dem Friedhofe der Moschee, ein paar prächtige Bäume herüber; ein
Feigenbaum lehnt sich weit über die Mauer hinab.

Der dritte Theil des Hofes, der neben der anderen Langseite der
Moschee, hat seine eigenen Bäume; Platanen, alt, hoch und breit,
geben kühlen Schatten. Zwischen den zackigen Blättern zittern einige
Sonnenstrahlen hindurch; um auch sie abzuwehren, sind von einem
Stamme zum anderen Zelttücher gespannt. Hier ist das geschäftliche
Treiben am lebhaftesten; die Trödler haben noch weit werthloseren
Tand ausgebreitet, als man ihn auf den Tandelmärkten von Wien und
Graz sieht. Obst- und Gemüsehändler sind in großen Mengen vorhanden,
auch bewegliche Garküchen. Eine ganze Gasse von Zeltbuden verkauft
gefälschte Tabaksorten. Quacksalber tragen in offenen Kistchen ihre
Heilmittel herum; zu ganz unglaublich hohen Preisen finden sie willige
Käufer. Scheerenschleifer, aber auch Barbiere treiben offen unter
freiem Himmel ihr Geschäft; Rasirmesser und Seife sind die einzigen
Erfordernisse ihres Gewerbes. Als Sitz für seine Kunden benutzte der
eine, den ich heute beobachtete, die Wurzeln einer Platane. Er rasirte
einem sonnenverbrannten Perser das Kinn und den Schädel; der Perser
fuhr, als die Operation vollendet, wohlgefällig prüfend über die
Kopfhaut, dann setzte er die gestickte Mütze darauf und wickelte sie
sich mit einem weißen Turban fest. Der Mann sah mehr als ärmlich aus,
seine Kleider waren nur Lumpen, aber sein Körper erschien reinlich. Ich
beobachte ihn nun seit drei Montagen; jedesmal sitzt er auf demselben
Platze, hat dieselben Eisenreste, verbogene Nägel und zerbrochene
Messerklingen vor sich liegen, spricht aber mit keinem Nachbar ein
Wort, als gälte es Juwelen zu bewachen.

Zog ich mich dann aus dem Gedränge nach dem Harem, dem inneren Vorhofe
der Moschee zurück, so fand ich dort im erquicklichen Gegensatze
geachtete Ruhe, die abgelegenste Einsamkeit. Hohe Säulenhallen
umfassen ihn auf allen Seiten und in Mitte seines Viereckes den nie
fehlenden Brunnen. Eine Tscherkessenfamilie hatte in dem Winkel des
Säulenganges, wo sie zusammengedrängt saß, mehr als ich, nicht blos
die Ruhe und Erholung, geradezu die Unterkunft gesucht. Was ihr der
habgierige Czar genommen, verlangten sie von dem lieben Herrgott. Die
Männer allein gingen ab und zu, wieder Gestalten von jenem wunderbar
leichten elastischen Schritte, den Kopf mit dem schönen Profil, der
freien Stirne und den offenen Augen stolz tragend, und herabschauend
als hätten sie keine Sorge, keine Kümmerniß. Es ist ein eigenthümlicher
Typus, der mich an Menschen mahnt, wie sie sonst nur die Phantasie
sieht. Die Weiber dagegen erschienen gedrückt und getroffen von der
Schwere ihres Schicksals. Eine Alte saß da, den Kopf und den Körper
in ihre Schleier gehüllt, den Ellenbogen auf das Knie und das Kinn in
die hohle Hand gestützt und den Blick stumpf vom erlittenen Kummer wie
die Hekuba, die gleichgiltig ist für Troja’s Fall und den Mord der
Ihrigen, auf dem erschütternden Bilde des Cornelius, dieses einzigen
Riesen der Gegenwart, in den Marmorsälen der Münchener Glyptothek. Ich
habe unter den tscherkessischen Frauen, die russische Barbarei von
ihrem Herde vertrieben hat, noch nicht ein sorgloses Gesicht gesehen.
Alle scheinen karg an Worten aber erfüllt von trauernden Gedanken zu
sein. Wie sie da saßen, alt und jung, neben jener Aeltermutter an
die Mauer des prächtigen Säulenganges gelehnt, in elende abgeblaßte
Fetzen gehüllt, konnte ich nur an die Juden denken, die von den Ufern
des Euphrat Seufzer an die Heimath sandten. Zwei Kinder, ein Bube und
ein Mädchen, spielten dabei, heiter und zufrieden mit der Gegenwart,
durch die Vergangenheit nicht bedrückt und unbesorgt um die Zukunft.
Mit einem alten Fetzen verfolgten sie sich, schlugen sich, wenn das
Eine das Andere erreicht hatte, und unterhielten sich als sei es das
kostbarste Spielzeug. Daß ihnen dabei die weiten Pumphosen fortwährend
herabfielen, sie zum Stillestehen zwangen, machte mich lachen; den
Alten blieb es gleichgiltig, die Väter verwiesen sie wohl auch noch zur
Ruhe.

Als ich mich einigermaßen erholt hatte, trat ich wieder hinaus vor den
Harem. Eine Marmortreppe führt auf den Platz hinab. Auf ihren Stufen
stehend überschaute ich das ganze Bild. Neben mir, an die Mauer der
Moschee gelehnt, lag eine wilde, sonnenverbrannte Gestalt; sie war
beinahe nackt. Der Mann schlief. In den äußeren Arcaden der Djami saßen
Gelehrte, die studirten. Wie deutsche Professoren schienen sie in der
Gesellschaft ihrer Gedanken das Augenmerk für die Außenwelt verloren zu
haben. An den Brunnen, die aus dem Sockel der Moschee herausfließen,
wuschen sich Soldaten und andere Bursche der unteren Stände die Füße;
Scheerenschleifer drehten emsig die Räder, und auf den Wurzeln der
Platane wurde eben ein Derwisch barbiert.

Nur mit mühsamer Ueberwindung riß ich mich von dieser Beschau zu
weiterer Wanderung los. Sie ging durch die enge Gasse hinter der
Moschee hinauf zu den Hallen des Besestan. Dieser Hohlweg dient als
Gemüsemarkt. Es war heute dort vielleicht das undurchdringlichste
Gedränge von Constantinopel. Wie in einem Theaterparterre stand
ich Momente lang, ohne einen Schritt vor- oder rückwärts thun zu
können. Der Boden ist weich wie eine Matratze durch die aufgehäuften
Gemüseabfälle, auf welchen man geht. Der Besestan von Stambul ist
größer als der von Brussa; im Vergleich mit diesem auch schöner, aber
auch nur im Vergleiche, denn ich möchte damit keine Vorstellungen von
Tausend und Einer Nacht geweckt haben. Alle Gänge, die alten wie die
neuen, sind rauchig, winkelig, meistens niedrig, dunkel, ohne Schönheit
der Architektur und offenbar ohne die Absicht gefälliger Wirkung
nur für den praktischen Gebrauch gebaut. Amerika könnte sich nicht
realistischer erweisen, als das hier der oft als so überschwänglich
verschriene Orient gethan. Ueberhaupt, je mehr ich mich umsehe, die
Länder des Südens sind die des eigentlich praktischen Wirkens. Auch
die Staatsverfassungen sind hier gesünder, so lange man sie nicht
mit dem Gifte der europäischen Cultur zersetzt. Die Unnatur läßt
sich eben nur in nordischen Studirstuben aushecken. Wie einer dieser
Träume um den anderen schwindet und der Orient mir immer realistischer
erscheint, so würden mir wohl auch, wenn ich mich auf einmal in so
weite Vergangenheit zurückversetzen könnte, die Gassen des alten Rom
und Athen ähnlicher den heutigen orientalischen erscheinen, als sie
uns unsere Schulmeister vorzeichnen. Der Besestan ist gewiß nur ein
ausgearteter Abkömmling der berühmten Kaufhallen des byzantinischen
Constantinopel. Die Chroniken schildern sie als säulengetragen und
prächtig über allen Vergleich; aber ich finde allen Grund, wenn ich das
Uebriggebliebene mit ihren Schilderungen vergleiche, diesen Chronisten
zu mißtrauen und von ihrem Worte einiges abzustreichen. Schildern nicht
so auch die türkischen Geschichtschreiber ihre Bazare? Europa, das sich
so viel auf seine Fortschritte zu gute thut, wiederholt doch nur in den
glänzendsten Sammelpunkten seines Lebens, was der Orient schon lange
vor ihm besessen. Die Passagen und Markthallen in Paris sind nur etwas
kleiner als die Bazare und Besestane von Constantinopel.

Der hiesige Besestan füllt eigentlich ein ganzes Quartier der
Stadt. Von der Jeni Djami zieht er sich mit einem Arme nach rechts
neben dem goldenen Horne hin, mit einem anderen steigt er gleich
vom Marktplatze der Moschee die Hügel hinauf. Oben in dem Dreiecke
zwischen der Nuri-Osmanjieh, der Bajasid Moschee und dem Seraskeriate
liegt sein Hauptkörper. Vom Thurme des Seraskeriates gesehen ist
er ein ganz unerklärliches Durcheinander von kleinen Bleikuppeln
und langgestreckten Wölbungen; unten, wenn man in ihn eintritt,
ein Labyrinth von Gängen, in dem ich mich ohne Führer lange nicht
zurechtfand. Allmälig unterschied ich drei Theile; das Alter ihres
Bestandes scheint sie abgesondert zu haben. Der finsterste und wohl
auch der älteste ist der, wo die Waffenhändler ihre Magazine haben,
das gesuchte Ziel aller persische Dolche, Streitäxte, Morgensterne
und andere Raritäten liebender Fremden, der Engländer insbesondere.
Es ist das ein ziemlich regelmäßiges Viereck, die hohe Halle von
Pfeilern getragen, die Wände geschwärzt vom Zeitschmutze, der Boden
festgetretene Erde, die aber feucht ist von der eingesperrten
Moderluft. An den Wänden hoch hinauf stehen alte Schränke übereinander;
in ihnen hängen die Waaren. Auch durch die goldigste darunter kann
diese finstere Höhle nicht freundlicher werden. Mir erschien dieses
Schatzhaus persischer und türkischer Kostbarkeiten wie eines der
unterirdischen Verließe unserer Ritterburgen. Der Waffen-Besestan hat,
was die anderen Theile des Besestan nicht absondert, seine besonderen
Thore. Einer alten Sitte zufolge werden sie um die Mittagsstunde schon
gesperrt.

Der zweite, der jüngere Theil des Besestan, ist auch der größere; die
Gassen laufen neben einander her und kreuzen sich. Gedeckt sind sie mit
niedrigen Gewölben, die wenig Licht einlassen, und auf beiden Seiten
mit Arcaden eingefaßt. Dort sitzen die Verkäufer mit untergeschlagenen
Füßen auf ihren Auslagstischen, die Waaren hinter sich in den Gestellen
an der Wand, das Bessere aber in der kleinen Stube verschlossen, die
keinem Stande fehlt. Der vornehme Fremde wird dort hinein gezerrt, mit
Kaffee und Zuckerwerk tractirt und dann von redlichen Griechen und
Armeniern geprellt. Wer hier nicht bis auf die Hälfte herabhandeln
kann, mag das Bewußtsein nach Hause tragen, betrogen worden zu sein.
Die meisten Gewerbe sind in gesonderten Quartieren vereinigt. So gibt
es Quartiere der Schuster, der Buchhändler, der Juweliere u. s. w.,
jedes mit vielen Gassen. Das Princip der Arbeitstheilung ist also in
dieser Beziehung hier weiter ausgebildet als selbst England es zu
Stande brachte.

Mich ziehen die Buchhändler immer am meisten an. Gewöhnlich drängt sich
eine begierige Menge davor; sitzend oder stehend ist Jeder aufmerksam
in ein Buch oder Manuscript vertieft. Komme ich nach Stunden wieder, so
stehen immer noch dieselben Gestalten dort. Es zeigt das einen eifrigen
Willen zum Studium und auch eine andere Art des Buchhandels, als sie
bei uns üblich ist; sie erinnert an die, wie sie in Italien ehemals
gepflegt wurde und wie sie auch Goethe schildert. Statt sich die
Bücher zur Einsichtnahme zuschicken zu lassen, geht man hin und sucht
sie sich. Die Frucht wird nicht gleich in den offenen Mund gesteckt,
man muß sie sich erst pflücken; vielleicht genießt man sie dann auch
etwas bedächtiger. Der Orientale wenigstens liest sein Buch öfter, er
hat deren nur einige, aber die wandern durch sein ganzes Leben. Es
bleibt erst noch die Frage, welche Gattung von Studium nutzbringender
ist: europäische Vielleserei oder orientalische Sparsamkeit.

Was ich den dritten Theil des Bazars nenne, nach dem Alter seiner
Herstellung, sind größere, breitere Gassen, von gerader, in weite Ferne
sich verlierender Länge, auch höher und lichter. Hier passiren auch
Wagen und Pferde. Der Verkehr ist am lebendigsten in der so gestalteten
Verbindungshalle zwischen der Nuri-Osmanjieh und der Bajasid Moschee.
Das Gedränge schiebt und hält zugleich auf. Die Lastträger gehen hier
durch und die Hausirer schreien auch hier ihre Waaren aus. Vor einer
Bude stand ein Brougham, die Pferde ganz gemächlich ausgespannt,
weil die darin sitzenden türkischen Frauen seit ein paar Stunden
sich unterhielten, Stoffe und die Vorübergehenden anzusehen. So
polizeiwidrig unseren Begriffen ist hier der Verkehr geordnet. Ein
anderer Wagen, ein altmodisch vergoldeter, der wackelig in den Federn
hing, kam hinter mir her, langsam von den Pferden geschleppt; der
Kutscher ging daneben her und Weiber und Kinder sahen aus den Fenstern
heraus. Auf mich zu aus dem Dunkel der Entfernung, das nur stellenweise
durch die Lichtstrahlen der Kuppelöffnungen unterbrochen ist, kam auf
einem Esel ein silberbärtiger Greis.

Zurück nahm ich den Weg durch die lange gedeckte Gasse den steilen
Hügel hinab zu dem Besestan der Specereien, der Gewürze, der
Farbehölzer, der Rosenöle, der Ambra, der Tamarinde, des Sandel- und
Aloeholzes, der Henna und all’ des Duftenden, was sonst noch die
gesegneten Stammländer der heil. Drei Könige uns senden. Liegt auf dem
oberen Markte gar manches europäische Product zu Kauf, wie es bei der
Herrschaft, welche das Fremdländische sich über alles Einheimische
anzumaßen weiß, nicht anders möglich ist, so ist hier unten Alles
dem Heimathslande der ausgebotenen Waaren getreu. Die Verkäufer sind
ausländisch in Kleidung und Wesen. Ich bewunderte das Geschick, womit
sie den unförmlichsten Gegenstand zierlich aufstellen. Vor und in den
Buden steht Alles in großen Körben so appetitlich hergerichtet, daß
jeder Korb dem Gaumen eine Versuchung wird.

Eine solche Wanderung, die sieben Stunden dauerte, gibt deutlicher als
alle statistischen Zahlen einen Begriff von dem Handelsumfange dieser
Stadt. Lebhafter habe ich nirgends ein Bild des menschlichen Treibens
gesehen.


    Constantinopel, Dienstag, den 14. Juni.

Um die Eindrücke aneinander zu reihen, weil mir die der heulenden
Derwische noch frisch im Gedächtniß stehen, besuchte ich heute ein
Tekke der tanzenden. Der Stifter dieses Ordens war der große mystische
Dichter Mewlânâ Galâl addyn Rumy, der zu Balkh in Persien geboren,
1273 starb. Nach ihm wird der Orden auch heute von den Eingebornen
benannt. Die Mewlewijjeh-Derwische bewahrten sich der Richtung ihres
Gründers getreu, die sich scharf gegen die Glaubensenge des arabischen
Islamismus kehrte, einen rein türkischen Charakter. Auch haben die
Araber ihnen nirgends ein Tekke errichtet. Der Saal des Ordenshauses
neben dem kleinen Campo, in das ich trat, ist achteckig. Säulen tragen
eine breite Gallerie mit den Logen des Sultans und der Frauen; unter
ihnen ist der offene Gang für die männlichen Zuschauer. Das Material
ist Holz; der Anstrich grell in den Farben, neu, aber nicht ohne
Uebereinstimmung der Töne. Das Ganze mahnt mich wieder an den Eindruck
chinesischer Bilder.

Dem Eingange gegenüber, gerade gegen Südost, ist die Gallerie
unterbrochen für den Mihrab. Rechts und links sah durch die offenen
Fenster die blaue Fluth und das rothe Hügelland des Bosporus herein,
ein wundervoller Anblick und eine stimmungsvolle Decoration zu dem, was
sich im Saale begab.

Im Achtecke, das in der Mitte des Saales frei blieb, drehten sich auf
dem, eine Stufe tiefer liegenden, glatt gewichsten Boden sechzehn
Derwische; vierzehn gewöhnlich einen äußeren weiten Kreis bildend,
zwei, manchmal auch drei in seinem Centrum einschließend. Von den
Hüften hängt ihnen ein weites, langes, weißes Kleid, ähnlich einem
Weiberrocke; der Stoff ist Wolle. Unten ist etwas wie eine Schnur
eingenäht, das den Rock beim Stillestehen niederzieht, beim Tanze ihn
aber aufschwellen macht. Die Füße unter dem Rocke sind nackt, die
Beine in weiße Hosen gekleidet. Den Oberkörper tragen sie in einer
Jacke aus demselben Stoffe wie der Rock; den rechten Zipfel der Jacke
in den Gürtel gesteckt; unter der Jacke ein buntgestreiftes Hemd; auf
dem Kopfe die bekannte cylinderförmige Mütze aus Kameelhaaren, Kulah
genannt, die nach dem Muster der Vase geformt sein soll, welche die
Seele des Propheten vor ihrer irdischen Geburt in der Geisterwelt
enthielt. Denn der mit indischen Schwärmereien vermischte Glaube der
Mewlewijjeh-Derwische stellt sich die Seele als ein immer existirendes
Licht dar, das aber, weil es körperlos ist und das Auge nur die
Eigenschaften eines Spiegels hat, dem Menschen unsichtbar bleibt.
Als der Tanz begann, hoben die Derwische die Arme langsam von dem
Gürtel und breiteten sie wie Flügel aus. Die rechte Hand strecken
sie mit der Fläche nach aufwärts, die linke mit der Fläche abwärts.
Den Kopf lehnten einige hinüber zum rechten Arme, was ihrem Tanze
etwas besonders Zierliches gab, an Tänzer auf antiken Vasengemälden
erinnernd. Den Tanz selbst möchte ich die Ruhe in der Bewegung nennen.
Man sieht eigentlich nur das Umkreisen der eigenen Person und merkt
kaum das Bewegen nach vorwärts, und doch legen sie in kurzer Zeit den
Weg um den ganzen Saal zurück. Mit gleitenden Schritten geben sie
den rechten Fuß über den linken und schieben sich so weiter. Eine
eigenthümliche Musik, die unsichtbar über mir herabtönte, Flöten,
Tamburin und ein Triangel, gab den Tact dazu; nicht schnell und nicht
lärmend. Störend in dem beinahe märchenhaften Eindrucke, den das Ganze
auf mich machte, war nur der Gesang, der von Zeit zu Zeit einfiel. So
ganz individuell ist das Ohr der Völker gebaut. Sie fanden gewiß dieses
Gekneife nicht weniger bewundernswerth, als der selbstgefällige Held in
Hofmann’s Kater Murr seine Arien.

In gemessenen Pausen unterbrachen die Derwische ihren Tanz durch einen
gravitätischen Umgang, der mir den Chor in Schiller’s Kranichen des
Ibikus in die Erinnerung zurückbrachte. Vor dem Scheich verneigten sie
sich jedesmal. Es waren alle Altersstufen unter ihnen vertreten, auch
ein bildschöner Knabe von höchstens zwölf Jahren. Der älteste war der
Scheich. Er stand in dunkle Gewänder gehüllt, einen grünen Turban um
die Derwisch-Mütze geschlungen, innerhalb der Umzäunung des Mihrab;
ein würdiger kleiner Alter mit langem Silberbarte, der die Verehrung,
welche ihm die Jüngeren zollten, schon durch sein Aussehen zu verdienen
schien. Assistirt ward ihm von einem anderen, der zum Schlusse die
weitärmeligen Arme erhob und ein Gebet sprach. Die Tänzer fielen dabei
nieder und lauschten dem Gebete mit zur Erde geneigtem Haupte. Ein
Diener warf ihnen dunkle Kaftans um, offenbar um die sehr Erhitzten vor
einer Erkältung zu bewahren.

Früher als ich es erwartet hatte, war die Ceremonie zu Ende. Man
hat sie viel commentirt und durch die mannigfaltigsten Hypothesen
zu erklären gesucht. Ich wage keine Deutung und erinnere nur an die
vielen Gebräuche in beinahe allen Religionen, die ihren Ursprung
verloren haben, aber gewiß einmal wesentlich durch denselben waren und
es heute durch ihr Alter geworden sind. Wer sie abschaffen will, der
versteht eben nur sich und nicht den Geist des Volkes, der meistens
historischer denkt als die bloßen Rationalisten es begreifen können.
Und der Einzelne selbst, der Hochgebildete, der sich erhaben glaubt
über all’ solchen Albernheiten der Menge, wie viele solcher Gebräuche
schleppt er nicht widerstandslos durch sein Gesellschaftsleben? Man
übt sie eben, weil es nun einmal Sitte, und weil sich in der Sitte,
wenn auch undefinirt, doch ein wirkliches Gefühl ausspricht; der erste
Anfang mag sich verloren haben, aber der Gedanke, der ihn geweckt,
wirkt noch fort. Es ist wie mit jenen wunderbaren Seepflanzen, die aus
endloser Tiefe kommend auf dem Meere mit ihren Blättern und Blüthen
herumschwimmen und deren Wurzeln nicht zu finden sind. Mir hat der Tanz
der Derwische nur andächtige Eindrücke geweckt und ich sah nicht ein
Gesicht unter den Tanzenden, das von anderen als gottesdienstlichen
Gedanken bewegt sein mochte.

Man übersetzt das Tekke der Türken, wie hier diese Uebungshäuser der
Derwische heißen, in den europäischen Sprachen durch das Wort „Kloster“
und gibt damit zugleich auch einen irrigen Begriff von der ganzen Art
und von der Lebensweise der Derwische. Die Derwische gleichen weit mehr
unseren Bruderschaften, denn wie diese leben sie auch außer dem Hause,
jeder in anderen Lebenskreisen und seinen Berufspflichten nachgehend.
Der Scheich allein residirt in dem Tekke und überläßt die Sorge für
seinen Unterhalt der Vorsehung. Von den 200 Klöstern in Constantinopel
sind nur 50 genügend mit Unterhaltscapitalien versehen. Die Derwische
treten nur periodisch zur Uebung ihrer religiösen Gebräuche zusammen,
und was ihre Versammlungsorte betrifft, so finde ich diese unseren
Theatern ähnlicher als unseren Klöstern. Man sitzt dort ohne
unmittelbare Theilnahme nur als stummer Zuschauer und läßt den Eindruck
auf sich wirken. So war auch der Ursprung unseres Theaters und der
jedes Theaters überhaupt: eine religiöse Wirkung, die durch das bloße
Zuschauen und Zuhören erzielt werden sollte. Es war der sinnliche Theil
des Menschen, den man für die Religion auf diese Weise fassen wollte.

Im entfernteren Oriente lebt auch wirklich noch das Theater mit diesen
Absichten und Formen fort. In Persien ist es mit der Darstellung der
traurigen Schicksale der Aliiten in den Unglückstagen von Kerbella ein
wesentlicher Behelf des Cultus. Es ist eine Gattung Charwoche, die sich
dort auf der Bühne vor den erschütterten Zuschauern abspielt und das
ganze Volk lebt diese Charwoche wieder mit. Auch die äußeren Räume des
persischen Theaters geben die Anknüpfungspunkte, um die Aehnlichkeit
mit dem altgriechischen zu behaupten. Und diese Tänze der Derwische,
ich halte sie für nichts anderes als die Ueberbleibsel solcher
religiös-theatralischen Darstellungen.

Unbegreiflich ist es mir, wie ich jetzt Abends die ganze Ceremonie
wieder überdenke, daß sich unser Theater, das doch so lüstern nach den
Eigenthümlichkeiten fremder Völker ist, diese Effectscene noch nicht
angeeignet hat. In einem Ballette müßte solch’ ein Tanz der Derwische,
begleitet von der gehörigen Musik, einen ganz unwiderstehlichen
Eindruck machen.


    Pera, den 16. Juni.

Ich speiste gestern mit dem Fürsten Cousa; ein großes Diner von einigen
dreißig Personen in der österreichischen Internuntiatur. Nach dem Essen
war allgemeiner Empfang, zu dem viele Diplomaten erschienen: Moustier,
Bulwer, Brassier u. a. Fürst Cousa ist ein mittelgroßer, starker,
breitschulteriger Mann. Der Kopf, welcher ihm in den Schultern steckt,
ist nicht schön; die Nase unedel spitz geformt. Ein spitzer Knebelbart
entstellt ihn beinahe. Aber die Augen sind scharf; sie scheinen zu
lauern und zu lauschen, so lange er schweigt, bis sie plötzlich
zugleich mit einem kecken Worte in das Gespräch blitzen. Wie der Fürst
gerne den Charakter des Soldaten herauskehrt, so trägt er auch meist
die militärische Uniform; dann steckt er die Hände in die Seitentaschen
der weiten Beinkleider und stellt die Füße breitspurig auseinander.
Schon der Eindruck seiner äußeren Erscheinung läßt an dem Manne nichts
Geschliffenes, aber viel Derbheit, ein muthiges Nichtbeachten der
gewöhnlichen Formen erkennen. Und so ist auch seine Rede, sein ganzes
Wesen. Der Fürst wagt es, kräftige Gedanken, die sonst die Heuchelei
der guten Erziehung zu verschlucken zwingt, offen auszusprechen. Er
erstürmt mit einer Frage seinen Zielpunkt, zu welchen Andere mit
überflüssigen Winkelzügen herankriechen. Dadurch überrascht er und
wirft Menschen, die solch’ kurzes offenes Verfahren nicht gewohnt
sind, noch ehe er sie eigentlich angegriffen, aus dem Sattel. Es ist
dies ein Vortheil, den die meisten Eingebornen der hiesigen Länder uns
gegenüber voraus haben, vielleicht gerade, weil sie weniger „erzogen“
sind.

Fürst Cousa kam zumeist, um ein neues Wahl- und Verfassungsgesetz für
die Donaufürstenthümer zu erlangen. Das wird ihm, wie ich schon weiß.
Er brachte im Uebrigen nicht die übertriebenen Hoffnungen, mit denen
ihn die Wiener Blätter hierher reisen ließen. Er verlangte allerdings
zuerst mehr als er erlangt hat; aber was er erlangte, ist gewiß mehr
als er gehofft. Die Türken, viel zu klug, um nicht zu erkennen, daß
der Mann sie mehr brauche als sie ihn, und daß er eben dadurch ihr
Werkzeug werden könne, empfingen ihn auf das freundlichste. Die
Versuche Frankreichs und Italiens, den unterthänigen Fürsten feindlich
gegen seinen kaiserlichen Herrn zu stellen, scheiterten an der Klugheit
der beiden Orientalen. Alle bis zur Kriecherei gehenden Huldigungen
des französischen Botschafters, der im preußischen Gesandten einen
immer helfenden Genossen findet, vermochten nicht den Fürsten Cousa zu
verblenden, daß er die richtigen Mittel zu seinen Zwecken übersehe.
Noch kann der Fürst die Pforte nicht entbehren; ein Zwiespalt mit ihr
würde ihn schneller als der Zusammenbruch irgend einer seiner anderen
Stützen stürzen. Gewählt und erhoben aus unbekannter Unbedeutendheit --
er war einfacher Oberst -- hat ihn nicht die Neigung und Macht einer
Partei, sondern die Uneinigkeit und Eifersucht aller. Keine wollte
der andern zur Wahl ihres Führers helfen und keine war stark genug,
selbständig den ihrigen durchzusetzen. Cousa war also ohne Partei und
muß sich erst eine bilden. Unter den geborenen Großen des Landes, zu
denen er nicht gehört, wird er sie kaum finden. Jeder dieser Herren
glaubt, weil einmal seine Familie das Fürstenamt ausgeübt, immer
noch Rechte darauf zu besitzen. Auch sucht Cousa seinen Halt mehr in
den Mittelständen. Weil diese aber schwach sind dem eingewurzelten
ererbten Einflusse der Bojaren gegenüber, muß ihm jede von außen
kommende Unterstützung willkommen sein. Von Rußland kann er diese nicht
erwarten, weil der Czar als oberster Glaubensherr gegen ihn für die
confiscirten griechischen Klostergüter auftreten muß. Diese Lage, ist
sie nicht der Türkei günstig? und ist sie es nicht auch Oesterreich?
Ein neuer Fürst von willenskräftigem und muthigem Charakter, fähig,
die Pflichten seines Amtes zu üben, streckt hilfsbedürftig die Hände
zu seinen Nachbarn aus. Ist’s da klug, ihn ohne Weiteres abzuweisen,
und zur Abweisung auch noch, wie es die Wiener Presse thut, den Stachel
des Spottes zu fügen? Und das nur, weil er ein ~homo novus~, ein
Abenteurer ist, und weil er wünscht, die neu erworbene Würde für seine
Nachkommen erblich festzuhalten. Sind die Stirbey, die Ghika weniger
Abenteurer als der Oberst Cousa? und haben nicht auch sie schon nach
der souverainen Krone getrachtet? Mit hochmüthigen Witzeleien über
Nachäffung des 2. December u. s. w., wie sie z. B. die „Ostdeutsche
Post“ brachte, thut man den Mann nicht ab. Mir scheint es klüger, da
er einmal Fürst ist und ihn zu Gunsten einiger seiner Landsleute zu
stürzen kein österreichisches Interesse gebietet, zu prüfen, ob nicht
Umstände denkbar sind, wo uns seine Hilfe nützlich sein könnte und ihn
bis dahin durch zuvorkommende Gefälligkeit zu gewinnen und zu künftigem
Dienste zu verbinden. So auch hat wohl Baron Prokesch die Lage gefaßt
und ausgebeutet.


    Pera, Freitag, den 17. Juni.

Den Morgen sah ich Aquarelle bei dem Maler Pretiozi an, und Nachmittags
suchte ich ihre Originale in den Gassen. Unten in Galata führt eine dem
Hafen parallel nach Dolma-Bagdsche. Kaufläden säumen sie rechts und
links ein; dazwischen fällt ein und das andere Mal von einem freien
Platze der Blick auf das Meer. Unmittelbar vor dem großen, der vor
den hohen Thoren des sultanlichen Schlosses liegt, ist die Gasse noch
mehr eingeengt. Rechts ragen die zierlichen, wie aus Zucker gebauten
Minarete der Moschee Abdul Medschid’s empor, links hinter einer hohen
Mauer und über sie herabhängend Cypressen, Platanen und buschiges
Goldgrün mit rothen Granatblüthen darin. Die Minarete stehen im
lichten Sonnenglanze, die Bäume und Gebüsche im tiefen Schatten. In der
Gasse, die dunkel ist, kommt mir ein Engländer mit blauem Schleier auf
dem Hute zu Pferde entgegen, und hinter ihm auf langsamem Eselein ein
alter Türke; Matrosen dazwischen in ihrer sauberen Uniform, weiße Hosen
und weißes Hemd mit Roth eingesäumt und besetzt; Soldaten, Albanesen
und vermummte türkische Weiber: das Bild war fertig, wie ich es bei
Pretiozi gesehen hatte.

Auf dem großen Platze vor Dolma-Bagdsche saßen hunderte von türkischen
Weibern, erhöht auf einer Stufe, die sich dort über den ganzen freien
Raum hinzieht. Sie schauten auf’s Meer hinaus und feierten so ihren
Sonntag.

An dem Strande schiffte man eine Menagerie aus, die ein Dampfer aus
Aegypten dem Sultan als Geschenk des Vicekönigs gebracht hatte. Die
Giraffe war eben in’s Meer gefallen und stolzirte gar seltsamlich auf
ihren hohen Füßen durch die Felsen des Ufers hindurch. Der Löwe brüllte
noch auf dem Schiffe.

Ich stieg den Hügel hinauf durch den großen Friedhof. Von oben,
zwischen den Cypressen hindurch, ist der Blick beinahe schöner als
irgend ein anderer auf das Meer, den Bosporus und die Seraispitze.
Die See lag tiefblau. Auf den Hängen der asiatischen Küste hoben sich
beherrschend einige Pinien hervor.

Zwei Kinder saßen nahebei auf einem Grabe, die Füße in die Oeffnung
hinabhängen lassend, die das religiöse Sittengesetz jedem Mohammedaner
in der deckenden Steinplatte anzubringen befiehlt. Es war als seien
sie die Engel Nakyr und Monkar, die der altüberkommene Aberglaube
der Mohammedaner dort zu dem Verhöre der Todten ein- und aussteigen
läßt, damit sie, wenn der Todte ihrer inquisitorischen Frage mit dem
muselmännischen Glaubensbekenntnisse antwortet, ihm das Grab um 70
Ellen erweitern und ihn so bequemer gebettet ruhig bis zur Auferstehung
fortschlafen lassen, wenn er aber diesem Gerichte ausweicht, sie ihm
die Erde fester um den Leib schlagen, daß ihm die Rippen brechen und er
gepeinigt bis zum jüngsten Tage liege.

So ist überall hier neben dem blühendsten und prachtvollsten Leben
Mahnung an den Tod.


    Pera, Sonntag, den 19. Juni, 3 Uhr Nachts.

Ein schwüler Tag. Der Telegraph brachte erfreuliche Nachrichten aus
Europa; das und die Hitze hielten mich im Hause fest. Abends nahmen
wir den Thee im Garten und betrachteten durch das Teleskop die Sterne.
Dadurch ward schon meine Sehnsucht von der Erde weggewendet. Nach 11
Uhr stieg ich in Top-Hane in’s Kaïk und ließ mich um die Seraispitze
herum in’s mondbeglänzte Meer rudern. Eine Nacht, ruhig, friedsam,
selig wie das bewußtlose Gemüth eines Kindes. Mir wurde wohl und
heiter, wie ich die Ruhe und den Frieden auf dieser Erde nicht mehr
wieder zu finden erwartet hatte. Gegenwart und Vergangenheit mischten
sich im betrachtenden Geiste, in der fühlenden Seele und verloren ihre
Unterschiede; das ganze Leben ward ein Augenblick ohne Reue und ohne
voraussichtiges Hoffen. So vielleicht wird auch einmal das Dasein in
jener andern Welt, die das große Fragezeichen aller unserer irdischen
Bestrebungen ist. Der Maßstab der Zeit muß erst verloren sein, damit
das Leben ein ganz sorgenloses werde; die Erinnerung so gut als das
Hoffen ist zeitlich und in dieser Welt geboren. Wer also sie mit in
die andere nehmen will, der stellt sich diese als auch mit dem Staube
unserer Erde behaftet vor.

Die See war glatt, unbewegt, von mattem Silberglanze übergossen und
in der Entfernung wie in die Tiefe abfallend, als sei in meinem engen
Gesichtskreise schon der Einfluß der Kugelgestalt merkbar. Nur am
Horizonte lag stärkeres Licht. Zuweilen hob sich links neben dem
Boote, wo das freiere Meer war, ein Delphin, und dann glänzte in der
silbernen Fassung des Wassers sein Rücken goldig. Die Bäume rechts auf
dem Ufer standen regungslos wie die Steine und Mauern, die sie auch in
der Nacht noch gegen das Licht beschatteten. Auf den Hügeln wuchsen
die Aja Sophia und die Achmedjie empor, auf dem Ufersaume hart neben
mir der Leuchtthurm. Vor mir lagen hohe Segelschiffe, zwischen ihnen
schweigsame Fischerboote. Sie erwarteten den Morgen und die Sonne,
die einen um ihr Geschäft zu beginnen und in den Hafen einzufahren,
die anderen um es zu enden und mit der eroberten Beute heimzukehren.
So gibt jede Stunde Jedem anderes; dem Einen die Mühe und die Arbeit,
dem Anderen den Lohn und den Schlaf. Weit draußen, undeutlich und
doch erkennbar, lagen die Prinzen-Inseln. Dünste des warmen Tages
lagerten um sie; aber es war, als tauchten sie abwechselnd hervor und
verschwänden wieder in der Fluth.

Ich lag lange draußen auf der ruhigen See; die Ruder ruhten und das
Boot trieb wie es wollte. Es war nicht, als sei die Natur erstorben,
aber es war, als schlafe sie, und schlafe so fest, daß sie nicht einmal
träumen könne.

Die Rückfahrt ging noch näher der Seraispitze gegen die starke
Strömung. Mit ihr auf und nieder schaukelte sich der überhängende
Schatten einer Pinie, die dort hart am Meere steht. Unter ihrem Dome,
dem Cypressen wie Minarete der Moschee gesellt sind, bemerkte ich
eine weiße Gestalt, den Kopf turbangekrönt, die sich hob, die Arme
ausbreitete und dann wieder niederfiel um die Erde zu küssen. Es war
ein Muselmann, der den Ruf des Muesin gehört und ihm hier, zwischen
den Mauern und der See eingeklemmt, gehorchte, und mit dem Auge Mekka
suchte. Der Mond stand im Osten, so konnte es scheinen, als richte der
Beter seine Worte an ihn. Und was wäre es gewesen, wenn er es gethan?
Gottlosigkeit, weil er in seiner Einfalt der Gabe schon gegeben, was
erst dem Geber gebührt? Gott ist milder und verständiger; Er findet den
Glauben, wo er +ist+.

Soldaten schauten vom Ufer mich und die See an; sie hatten die Wache
dort bei den Batterien.

Im goldenen Horne zogen sie Handelsschiffe durch die geöffnete Brücke
in den Bosporus. Es war das erste Leben, das ich wieder hörte.
Gespensterhaft ragten die Schiffe auf und gespenstisch war ihre
Bewegung, leise und ohne die nothwendigen Segel. Und wie ich jetzt
ans Fenster trete, sehe ich das Alles wieder; nur der Mond steht
etwas tiefer und ein leichter Wind zieht über das Ganze hin. Es ist
der Morgen, der sich kündet. Und da gibt es Menschen, die im 19.
Jahrhundert die Poesie aus der Welt geschwunden glauben! Ueberall und
immer ist sie; über und um uns, nur nicht in uns, wenn wir sie nicht
sehen und nicht fühlen:

    „Das ganze Leben ein Gedicht!“


    Prinkipo, Montag, den 20. Juni.

Immer reizender erschienen sie mir, diese Inseln. Meine Neugierde wurde
zuletzt ganz unzähmbar. Was ich so oft gesehen hatte, das Land verklärt
im Sonnenglanze, oder wie heute Nacht entrückt in zweifelhaftes
Mondlicht, wollte ich auch einmal selbst betreten. Nachmittags stieg
ich an der Hafenbrücke mit einem Freunde auf ein türkisches Dampfboot,
das den Dienst hieher besorgt. Das Schiff war, wie die Localboote hier
gewöhnlich, menschenüberfüllt; die Meisten, Griechen, in europäischer
Kleidung, weil die Inseln beinahe ausschließlich von diesen bewohnt
sind. Einen einzigen Türken sah ich in seinem Nationalkleide. Schon
ehe das Schiff abstieß, hatte er seinen Platz eingenommen, den er
unbeweglich durch das Stoßen und Drängen der Kommenden festhielt. Er
schrieb; Tinte und Feder nahm er aus dem Gürtel, das Papier hielt er
auf der linken Hand ausgebreitet. Es war ein Brief, den er schließlich
in unserer gewöhnlichen Form zusammenlegte und in ein Couvert steckte.
Sorgsam und selbstgefällig, wie wenn es ihm Vergnügen mache seine Hand
schaffend zu beobachten, zog er die Buchstaben. Und so wie ihn, sah
ich alle Türken dieses Geschäft betreiben; malen wäre dafür vielleicht
rechtmäßiger gesagt als für Manches, was sich dafür ausgibt. Schnell
schreiben sah ich nie einen Türken; das Geruhigbleiben ist auch
hierbei sein oberstes Gesetz. Dieses Wohlgefallen an der Schrift und
an dem Schreiben selbst ist ein Theilstück seiner Natur, angeboren
nicht erworben; es entspringt dem Formgefühle des Orientalen. Und
daß sie doppelt wirke, die Schrift, zugleich durch den Gedanken den
sie ausspricht, und den Linienzug den sie zeigt, lag von Anfang an
in ihrer Absicht. Ich weiß, daß man das bestreitet, daß insbesondere
Kugler behauptet: die Schrift wolle ihrem wesentlichen Zwecke nach
nicht formal wirken. Der Mann hat schlecht gesehen. Schon die Stelle,
wohin man sie gewöhnlich malt, und die sorgsame Weise, womit man das
thut, sie in den Marmor meißelt, in Talismane gräbt, wie man sie zur
Auszierung der Waffen, der Kleider und Teppiche verwendet, zeigt diese
Absicht der formalen Wirkung. Und ist nicht auch bildlich, wie es die
Schriftzeichen sind, die Sprache gestaltet? „Gott hat ihr Herz und
ihr Ohr versiegelt!“ drückt sich der Koran aus, um die Ungläubigen zu
bezeichnen, die das Wort des Propheten hören, aber ihm nicht folgen.
Und so wie Schrift und Sprache, so ist der ganze Mensch des Orients;
der Gemeinste hat ein feines Gefühl für die Formen. In Haltung und
Kleidung tritt das immer hervor, dem Vornehmsten begegnet er mit der
Sicherheit des angeborenen Anstandes und ist darum nie verlegen.
Daher denn auch in dem Lande, das nach unseren Begriffen durch die
Sclaverei das der entwürdigten Menschheit ist, die äußerlich wenigstens
würdigsten Vertreter unseres Geschlechts. Der Beduine, den ich neulich
auf der Brücke so sehr bewunderte, und der den Kopf so aufrecht und den
Burnuß in so schönen Falten trug, war ein Mann der unteren Stände.

Ich will das übrigens nicht blos auf den Mohammedaner oder gar nur auf
den Türken beschränken, es gilt im weitesten Sinne von allen Völkern,
welche im Oriente entstanden und ihm noch mit einem Theilchen ihres
Wesens angehören. Sie Alle schreiben mit Zeichen, die wie bei den
Aegyptiern eine ursprüngliche Bilderschrift wahrscheinlich machen.
Um wie viel schöner erscheint z. B. die hebräische Schrift neben der
lateinischen? In China ist das Schönschreiben eine Kunst der höchsten
Gelehrsamkeit. Eigene Professoren bestehen dafür, und die chinesische
Sprache selbst nennt es malen, wie denn der Pinsel ihr Instrument dazu
ist. Ich erinnere mich eines Romanes -- aus dem Chinesischen übersetzt,
~les deux jeunes filles lettrées~ -- der schildert den Wettstreit
zweier junger Mädchen mit den berühmtesten Gelehrten des himmlischen
Reiches im Schönschreiben. Sie siegen, und der Kaiser selbst zeichnet
zuletzt ihren Sieg durch seinen Beifall aus.

Wie sehr übrigens dieses Formengefühl eine angeborene Eigenschaft der
Menschheit ist, das beweist jedes Kind; Schreiben und Malen sind ihm
Begriffe, die es lange nicht auseinander halten kann. Einen Brief malen
und einen Buben schreiben, so drückt es sich so lange aus, bis ihm erst
die Erziehung eine andere Sprache eingebläut hat.

Es ist eigentlich nur die Nacht, die wir hier zubrachten. Aber welche
Nacht! würdig, der gestrigen so nahe zu sein. Nicht Wochen des
ungetrübtesten Sonnenlichtes gebe ich für ihre Finsterniß. Gleich
nach dem Essen stiegen wir im Mondscheine die Berge hinauf. Unter
Pinien rasteten wir. Dann weiter in eine wilde Region von Felsen und
Strauchgewächsen; Alle athmeten Gerüche aus, daß die Luft, selbst in
dieser Nähe des salzigen Meeres, balsamisch gewürzt war. Gegen Osten,
wo wir hinschauten, fällt der Berg steil und zerklüftet ins Meer. Die
Kaninchen-Insel liegt vor; ein unbewohnter Felsen, gerade so groß wie
sich meine Kinder-Phantasie einmal die Inseln überhaupt vorgestellt
hatte. Tiefer hinein zieht sich die Bucht von Ismid. Mondlicht ruhte
darauf. Von Constantinopel herüber flackerte auf und erlosch wieder
das wechselnde Licht des Leuchtthurmes. Es war 11 Uhr, als wir auf der
Kuppe des Berges anlangten. Eine Stunde um die andere verstrich, und
immer noch hielt uns der Zauber fest, der vom Himmel herabgestiegen
war, der die Luft verwandelt hatte, der aus dem fernen Zittern des
Meeres sprach und sich sympathisch über unsere Seelen legte. Seit
dieser Nacht weiß ich, wie einem Verzauberten zu Muthe ist, und glaube
ich an solche Geisterbannungen, denn ich selbst fühlte mich so. Lange
sprachen wir von Heine, recitirten uns auch das eine und das andere
seiner Gedichte, das durch die Aehnlichkeit der Situation geweckt ward;
dann aber lehnten wir, auf einen Felsblock gebettet, lautlos. Das
eigene Denken war Jedem genug.

Um 3 Uhr erst kamen wir ungebahnte Wege und mannigfaltig verirrt nach
dem Städtchen Prinkipo hinab. Um nach unserem Gasthofe zu gelangen,
der außerhalb des Ortes auf einem anderen Theile der Küste liegt,
mietheten wir in einem Caffeehause, das in die See hinein gebaut ist,
und wo noch Menschen bei Limonade und Gefrorenem saßen, ein Boot. Es
ruderte uns weit in das Meer hinaus, das hier finster und nächtig durch
die Schatten der Inselberge war. Der Leuchtthurm von Constantinopel
leuchtete das einzige Licht, und von Chalki herüber klang ein einsames
Lied.


    Constantinopel, den 21. Juni.

Wo sich die Vorstadt Eyub an das heutige Constantinopel anschließt,
dort springt aus der geraden Richtung der theodosianischen Mauer die
Stadt mit einem Quartiere hervor, das in dem Ganzen des Stadtplanes
wie einer jener runden Thürme erscheint, die zur Vertheidigung in die
Mauern gestellt sind. Ohne Zweifel ward dieser Theil der Mauern erst
später gebaut, um in die Hauptstadt eine Vorstadt einzuschließen,
die sich allmälig dort gebildet hatte, ähnlich dem, wie sich heute
wieder Eyub vor den Thoren fortsetzt. Die theodosianische Mauer und
nun gar die constantinische machte ursprünglich diesen Umweg gewiß
nicht. Sie war, und erscheint auch noch heute so, von der Pflugschaar
des Stadtgründers und nicht von der regellosen Hand des Bedürfnisses
gezogen. Ein Palast der römischen Kaiser soll dort von allem Anfange an
gestanden haben. Die Sage geht, daß ihn Constantin erbaute, vielleicht
als Landhaus oder auch als Jagdschloß, ähnlich den mittelalterlichen
Schlössern, welche unsere Fürsten ursprünglich auch außerhalb der
Stadtmauern anlegten, und die heute von den Häuserfluthen unserer
Stadtmeere verschlungen sind. Und so wie bei diesen, mag auch jenem
byzantinischen Schlosse sich nach und nach eine feste Bevölkerung
darum gesammelt haben, die, zuerst angezogen durch den Aufenthalt und
die Prachtliebe des Fürsten, später ihre eigenen Interessen erhielt.
Um diese und den kaiserlichen Palast vor den Anfällen der Hunnen und
Avaren zu schützen, die in jenen Zeiten häufige und unerwartete waren,
umzog Kaiser Heraklius, der aus Afrika herüber gekommen war, das
Reich von dem Usurpator Phokas zu befreien, diese Vorstadt mit einer
Mauer und wies sie der Hauptstadt als ein besonderes Viertel, das der
Blachernen, zu. Das geschah 635.

Ueber die zweite Hafenbrücke und durch den Fener, ein Stadtviertel der
Griechen, ritten wir heute dorthin. An den Mauern der Hafenseite zeigte
man mir neben einem Thore ein Hautrelief, das ich noch nicht bemerkt
hatte. Wohl gearbeitet und gut erhalten stellt es eine wegschreitende
Frauengestalt in faltenreichem Gewande vor, die vielleicht als eine
Siegesgöttin dem Sieger entgegenkommend gedacht war. Wieder vor der
Stadt, dort, wo sich eben Eyub an sie anschließt, stiegen wir von
den Pferden, um den Mauern näher zu treten, denen meine besondere
Aufmerksamkeit heute gelten sollte. Durch einen Stall, dessen Boden
mit Säulendurchschnitten gepflastert ist, traten wir auf eine Wiese,
von der die Mauern und Thürme höher als an irgend einer anderen Stelle
aufragen. Ehemals standen Mühlen davor und an sie angelehnt; jetzt
hat sie das Feuer weggebrannt und dadurch den Raum so groß, frei und
günstig zur Besichtigung gestaltet. Trümmer aus alter und aus junger
Zeit liegen über dem grünen Boden zerstreut. Ich fand darunter Ziegel
mit Inschriften, die den Ruhm der Erbauer erhalten sollten. Einen,
der die Zeichen [Symbol 2] trägt, die offenbar nur durch die Schuld
des nicht darauf eingerichteten Stempels umgekehrt und eigentlich
Petronos zu lesen sind. Er war ein berühmter Architekt, welchen Kaiser
Theophilus zu seinen Bauten aus Kleinasien hatte kommen lassen. Ein
anderer zeigt das gleichschenklige Kreuz, und man behauptet, daß dieses
der erste, welcher mit solchen Zeichen gefunden worden.

In die Mauern sind Säulenschäfte und kostbare Steinblöcke verwendet;
einer aus Porphyr erregte mein besonderes Mitleiden. Auch Inschriften
sah ich darin eingelassen, andere herausgeschlagen. Dabei sind die
Steinlagen hier wie an anderen Orten durch bandförmig gelegte Ziegel
sauber abgetheilt, daß das Ganze trotz seiner Rauhheit noch etwas
Gefälliges erhält. Grün hat sich überall in den Lücken festgenistet
und Bäume und Büsche keimen darauf und hängen die Mauern herab. Am
schönsten aber schmückt eine Cypresse, die, auf die Mauer aufgepflanzt,
auch die Thürme noch mit ihrer Höhe überragt: ein Wache haltender
Riese, der zugleich die Vergangenheit bezeugt und die Gegenwart
abwehrt. Die Gewitter, welche die Nacht und auch den Morgen über
gedauert hatten, haben das Laub frisch abgewaschen, daß das Grün noch
wirkungsvoller erschien. Auf dem höchsten Thurme ragen in horizontaler
Lage aus dem senkrechten Gemäuer ein paar Säulenschäfte hervor.
Kinder hatten sich darauf gewagt, ritten und spielten darauf. Mir
schwindelte bei dem Gedanken an dieses unbemessene Gottvertrauen. Und
wie ganz anders mögen diese Säulen sonst gedient haben! So läßt die
Zeit die Dinge ihre Zwecke wechseln. Auch dieser Thurm war einstens
anderem Dienste bestimmt. Er hatte damals als eines der berüchtigtsten
Gefängnisse byzantinischer Gewaltherrschaft entthronte Kaiser und
Kronprätendenten abwechselnd beherbergt. Die ganze Gruppe dieser Ruinen
scheint einmal einen ähnlichen Abschluß gebildet zu haben, wie drüben
an der anderen Ecke der Landmauern das Schloß der sieben Thürme.

Nicht weit von ihnen ist ein heute vermauertes Thor, das sonst in die
Stadt hinein geführt haben muß; darüber sind drei Brustbilder, ~en
face~ gezeichnet, eingelassen. Nur an einem ist der Kopf erhalten,
den beiden anderen sind sie herausgeschlagen. Vielleicht ein Zeichen
des Sieges, der Verachtung und der nachträglichen Rache.

Wo die Mauer des Heraklius und die des Theodosius auf einander stoßen,
dort bildet sich, nach außen zu offen, ein rechter Winkel. In diesen
eingeschoben ist ein armenischer Friedhof. Auf die Mauern stützen sich
hier jene Reste eines Palastes, von denen die Griechen behaupten, daß
es der ehemalige des Constantin gewesen sei, um welchen sich eben
das Blachernen-Viertel angesammelt habe. Man ist eine bedeutende
Höhe hinan gestiegen und befindet sich nun auf einem Hochplateau,
das mit gräbergefüllten Cypressenhainen der Türken sich weit in das
Festland hineinzieht. Einmal diente auch das ganz anderen Zwecken.
Hier exercirte und manövrirte das Heer, und hier empfing der römische
Kaiser die Huldigungen seiner slavisch-germanischen Truppen. Es war das
Marsfeld des oströmischen Kaiserreiches. Der siebente Meilenzeiger und
die Marmortribüne standen hier, auf der sich der Kaiser den Soldaten
vorstellte. Eine der tragischsten Scenen der Geschichte spielte auf
diesem Boden. Das Heer des Gainas kehrte nach Constantinopel zurück,
und Rufin, ein Minister, ehrgeiziger und fähiger als irgend einer,
welcher einem Fürsten gedient, wollte sich am 29. November 395 auf
diesem Flecke von den rückkehrenden Soldaten als Mitkaiser des Arkadius
ausrufen lassen. Statt dessen bohrten sie ihm ihre kurzen Schwerter in
den Leib, daß der Nichtsahnende seinem Herrn und Kaiser entseelt in
den Schoß fiel. Die Standarten und Adler, die die kaiserliche Tribune
umwehten, sahen das gleichgiltig geschehen wie so vieles Blutige, das
unter ihren Fittigen geübt worden ist. So endete ein Schustergeselle,
dessen Leben in Gallien am Fuße der Pyrenäen begonnen und der unter
zwei Kaisern die Welt regiert hatte. Ein Schicksal, nicht weniger
erschütternd als das bekanntere des Corsen, der auf einer kleinen Insel
ärmlich geboren Europa beherrschte und dann wieder, im Meere vor Anker
gelegt, elend zu Grunde ging.

Von dem Palaste der Blachernen an bis zum goldenen Thore ist die Mauer
eine dreifache; bis dorthin, also die, welche der Kaiser Heraklius
gebaut haben soll, ist sie einfach und auch ohne vorliegenden Graben.
Die Abstände messen durchschnittlich 22 Fuß, und jede hintere ragt
über die vordere empor. Aber die Zwischenräume sind so mit Schutt,
mit herabgestürzten Thürmen gefüllt, daß man an den meisten Stellen
bequem von der Fläche weg über die vorderen auf die letzte Mauer
hinaufsteigen kann. Gleich neben dem armenischen Friedhofe thaten wir
es, und gingen nun auf ihr fort so weit sie es nur immer erlaubt. Aus
dem Gemäuer sprossen mächtige Bäume auf, die mit ihren Wurzeln ganze
Mauerblöcke eingeschlossen und emporgehoben haben; die Natur überwindet
auch hier das Menschenwerk. Andere Bäume ragen mit ihren Kronen aus
dem vorliegenden Graben und von der Stadtseite aus den Gärten der
Häuser herauf, die sich fest an die Mauer angelegt haben; Blumen und
Schlinggewächse wuchern dazwischen und in der Kühle der eingestürzten
Thürme schattige Feigenbäume. Ein Granatbaum, den ich so in einem
Verließe gefangen fand, trug feurige Blüthen; es sah aus, als sei hier
ein Rubinschatz verborgen gehalten worden. Keine Stelle dieser Mauer,
die todt ist. Und weiter hinaus die Cypressenhaine, welche mit ihren
Gräbern die Stadt einfassen, und frohe Menschen, die der gekühlte
Tag in’s Freie lockt. Nach der Stadt zu die bunte Menge der Häuser,
getrennt durch das überall ausgestreute Grün; die blaue Fluth und die
Schiffe des goldenen Hornes, des Bosporus und der freien See; die
letzte Ferne von den Inseln und den asiatischen Bergen begrenzt. Es war
ein Anblick, der mich nicht zur Besinnung kommen ließ. Wieder verging
mir im Schauen alle Reflexion. Es ist das der schönste Spaziergang der
Welt, und so scheinen ihn auch die Umwohner zu schätzen, denn aus den
Häusern und Dachluken heraus sind Brücken auf die Mauer gelegt, um zu
jeder Stunde des Tages diesen Ausblick genießen zu können. Besonders in
den Abendstunden soll dieses reichlich geschehen, und dann hier oben
ein förmlicher kleiner Corso abgehalten werden. Manches ergötzliche
Genrebild bot sich auch in den Häusern, in die man meistens hinein
sieht.

Die Pferde hatten wir vorausgeschickt, um dann im Innern der Stadt
möglichst wieder neben diesen Mauern nach Hause zurück zu reiten.
Auch auf diesem Wege eine Fülle wechselnder Bilder; die engen Gassen
im tiefen Schatten, nur wo eine kleine Moschee oder ein zerfallener
Brunnen den Platz erweitert, ein paar eindringende Sonnenstrahlen, die
die Gipfel der umstehenden Bäume goldig färben. Dort fehlt es auch
gewöhnlich nicht an ein paar Menschen, die dem Bilde Leben geben, denn
sonst sind diese Gassen leer und stille wie ein ausgegrabenes Pompeji.

Es war schon Nacht und die Lichter glitzerten auf dem etwas bewegten
Wasser des Hafens, als wir über die zweite Brücke wieder nach Pera
zurückkamen.


    Constantinopel, Mittwoch, den 22. Juni.

Man staunt die Katakomben Roms als unterirdische Weltwunder an.
Unbegreiflich ist mir, wie man bisher nicht mehr Lärm über etwas
Aehnliches, die Cisternen Constantinopels, machen konnte. Es sind das
Räume, groß genug zu einer zweiten Stadt, um ihre Häuser und auch
ihre Thürme aufzunehmen. Ich selbst besuchte deren schon sieben.
Die Stolpe’sche Karte gibt ihrer in jedem Stadtviertel einige an.
Wahrscheinlich aber sind derer noch weit mehr, die unentdeckt, manche
noch unbenutzt im Boden ruhen; dem Herkommen folgend, mögen die
Hausleute ihre Eimer in den Ziehbrunnen hinablassen, ohne zu wissen,
woher ihnen das Wasser kömmt. So verborgen vermuthe ich eine in den
mächtigen Quaderunterbauten des Hyppodroms, und eine andere +ist+
in den Fundamenten der Aja Sophia; die Stadt ist also nicht blos
meerumgeben, sie ruht auch eigentlich auf dem Wasser. Es sind hohe
säulengetragene Gewölbe, bis zu drei Stockwerke übereinander, die
das Wasser sammeln müssen, das vom Himmel herab und in den Leitungen
aus den kühlen Wäldern von Belgrad kommt. Dem übermüthigen Sinne der
Kaiser, der sich an den Außerordentlichkeiten Roms gebildet hatte,
erschien nichts unmöglich, und so auch nicht diese Riesenbauten,
die nicht der Eitelkeit, die dem praktischen Nutzen gewidmet waren.
Wir Kinder des 19. Jahrhunderts müssen sie darob ganz besonders
anstaunen. Mir übrigens geben sie deutlicher als alle Schilderungen des
purpurgeborenen Chronisten von der Pracht, die in den byzantinischen
Kaiserpalästen geherrscht haben soll, und die in der Aja Sophia noch
übrig ist, eine Vorstellung von dem, was auf der Erde gestanden haben
muß, wenn man in sie tausende von Säulen in Nacht und Finsterniß
begrub. Dabei sind die Säulen und die kleinen sich darüber wölbenden
Kuppeln sorgsam, die Capitäle sogar mit einem Versuche sie zu schmücken
gearbeitet. Man nennt diese byzantinische Welt eine verkommene; um
wie viel mehr enthielt sie aber noch von der römischen Größe als die
heutige, und wie bewundernswerth mußte sie erst dem damaligen übrigen
Europa erscheinen.

Neulich, bei einem wiederholten Besuche der Kilisse Djami, der
zerstörten Grabstätte der Komnenen, suchte ich eine Cisterne, die dort
in der Nähe liegt, und der Stolpe den Namen des ehemaligen Klosters
„zum Allherrscher“ (Pantokrator) vindicirt. Der Muesin der Djami erbot
sich zum Führer; aber auch mit seiner Hilfe hielt es schwer den Eingang
zu finden. Er liegt versteckt; kleine, enge Gassen, den Berg hinauf
und endlich in einem Garten, wo wir uns den Eintritt erbetteln mußten.
Es waren türkische Weiber, die uns aufsperrten und mein Trinkgeld in
Empfang nahmen. Der Garten steht auf einer Terrasse und steigt eine
zweite und dritte höher hinauf. Einzelne Rosenbüsche, ein paar Granat-
und Feigenbäume waren das einzig Gepflegte in einer sonst gräulichen
Verwilderung. Aber über das Unkraut, die Hecken und eingestürzten
Mauerzinnen weg hat man einen entzückenden Blick auf die Stadt und
den unten liegenden Hafen. Der Ort in seinem Verfalle und mit der
geheimnißvoll dahinter versteckten Cisterne wäre recht geeignet, ein
Märchen aus der romantischen Zeit Constantinopels dort spielen zu
lassen: vielleicht wie dort eine türkische Frau ihren griechischen
Liebling empfängt, und ihn dann in der Zeit der gegenseitigen
Verfolgung, als die Griechen auf den Inseln die Türken niedermetzelten,
und in Constantinopel der Patriarch an jenem blutigen Ostertage in
seinem Prachtgewande an seiner Kirchenthüre aufgehängt und dann von dem
jüdischen Pöbel durch die Gassen geschleift ward, vor der Eifersucht
des Gatten und der Glaubenswuth ihrer Stammgenossen in der Cisterne
verbirgt.

Die Mauern, welche den Garten gegen die aufsteigende Hügelseite zu
abschließen, sind mächtig als wären sie ehemalige Bastionen eines
Befestigungswerkes. Möglich, daß ihnen Reste beigemischt sind aus der
Zeit, als die Lateiner in dem Kloster Pantokrator ihren Sitz über
dem eroberten Constantinopel aufgeschlagen hatten. Ein Theil diente
unzweifelhaft dem Kloster als Unterbau, und in ihm wird auch schon
von allem Anfange an die Cisterne geborgen gewesen sein. Wir fanden
den Zugang in einem Mauerwinkel hinter einem Misthaufen. Ein paar
verfallene Stufen hinauf und dann durch einen kurzen Gang traten
wir vor die Wasserfläche. Fledermäuse flogen auf und störten das
schauerliche Dunkel; es brauchte eine Weile, bis sich das Auge daran
gewöhnte und auch nur die nächste Umgebung unterscheiden konnte. Ich
zählte nicht mehr als sechs Säulen, wenigstens reichte der Blick nicht
weiter. Uebrigens glaubte ich mir gegenüber eine abschließende Wand zu
erkennen; indessen will ich das nicht behaupten, es kann eine Täuschung
oder auch nur eine vorspringende Mauerecke gewesen sein.

Die Cisterne, welche gewöhnlich besucht wird, und von der die Opfer
der Lohndiener allein zu erzählen wissen, ist ~Bin bir direk~ --
Tausend und eine Säule -- in der Nähe des At-Meidan. Der türkische
Name kömmt ihr von der Menge ihrer Säulen. „Tausend und eins“ ist
ein Mehrheitsbegriff, welchen der Orientale braucht wie wir unser
leichtsinniges „zahllos“ und „unendlich“. Hammer erzählt, daß die
Cisterne im Auftrage des ersten Constantin von einem Senator Philoxenos
gebaut worden sei, der mit dem Kaiser von Rom hieher zur Stadtgründung
übersiedelt war. Mir fehlt die Zeit, seine Beweise zu prüfen.

„Tausend und eine Säule“ ist inzwischen ausgetrocknet; wie ein
ausgewundener Schwamm liegt es da. Seine Zellen füllt die Luft,
und Sonnenstrahlen fallen durch die zerbröckelnden Gewölbe in das
unterirdische Dunkel; das veranlaßt glückliche Lichteffecte, wenn durch
die Finsterniß solch ein Lichtstrahl herabzüngelt, hier eine Säule und
dort gar eine Menschengruppe streift, denn in dem weiten Raume ist eine
Seilerwerkstätte eingerichtet. Anfangs unterscheidet man gar nichts;
ich trat in die aufgespannten Fäden, stolperte gegen die Spinner, hörte
nur das betäubende und in solcher Umgebung wahrhaft spukhafte Geräusch
der Räder. Erst später, da ich lange darin blieb, wurde mir Alles
deutlich, und ich wanderte zuletzt zuversichtlich wie im Sonnenlichte
der Oberwelt herum.

Hammer behauptet, daß eben so viele Säulen, als heute frei seien, noch
in doppelter Ordnung unter der Erde stehen und glaubt, daß der Boden
nur festgewordener Schlamm des früheren Wassers sei. Mit den Lichtern,
welche ich anzünden ließ, untersuchten wir die Säulen. Wir fanden auf
den meisten das ~KN~ und daneben [Symbol 3] eingegraben; Monogramme,
die eben das erste als Constantin und das zweite als Philoxenos gelesen
werden. Auf anderen ist besonders oft ein Φ und ein Θ und auf einer,
links vom heutigen Eingange ziemlich in der Ecke, eine Erdkugel mit dem
Kreuze darauf. Es ist die vollständige Abbildung unseres Reichsapfels,
wie er bei der deutschen Kaiserkrönung gebraucht wurde. An dieses
Bild, und daß es hier gefunden worden, ließen sich manche Folgerungen
knüpfen. Vielleicht beweisen die Russen noch einmal, gestützt auf
dieses Denkmal, daß sie durch den Besitz von Constantinopel auch die
rechtmäßigen Erben des römischen Imperiums geworden seien. Es mag
diese Säule in späterer Zeit bei einer Restauration eingesetzt worden
sein, und der Werkmeister sie absichtlich im Gegensatze zu den übrigen
Zeichen mit diesem christlichen geschmückt haben. Die Herrschaft der
Welt spricht es in jedem Falle an. Daß auf vielen Säulen die Buchstaben
verkehrt stehen, erkläre ich damit, daß sie daheim in der Werkstätte
vom Arbeiter schon eingemeißelt wurden und der Schaft dann unten ohne
Rücksichtsnahme darauf eingesetzt ward. Ganz ohne Zeichen ist keine
Säule. Es verdiente wohl ein eigenes Werk, worin diese Monogramme
gesammelt und ihre Erklärung versucht würde. Professor Dethier thut
sich auch hier eifrig um; eine Arbeit darüber könnte zur Erklärung der
byzantinischen Hof- aber auch der Kunstgeschichte Manches beitragen.

Heute Morgen zog ich schon um 5 Uhr aus, um die umfangreichste aller
bisher entdeckten Cisternen aufzusuchen, die auch erwiesenermaßen noch
immer die ihr anfänglich aufgetragenen Dienste thut. ~Jeri batan
Serai~, „der versunkene Palast,“ nennt sie der poetisirende Türke,
und stellt damit vielleicht die Tradition her, welche Hammers Ansicht
bestätigen würde, daß darauf einmal das Haus des römischen Senates
gestanden. Beinahe erwiesen scheint mir, daß solche Wasserbehälter
vorzüglich in den Unterbauten großer öffentlicher Gebäude angelegt
wurden. Es verdient einmal versucht zu werden mit diesem Gedanken, auf
Grundlage der noch vorhandenen Cisternenreste einen Stadtplan des alten
Constantinopel anzufertigen.

Wir brauchten lange, bis wir den versunkenen Palast fanden, und
noch länger um uns in den Hof, der den Eingang birgt und zu diesem
selbst den Einlaß zu verschaffen. Man hob ein paar Platten auf, die
im Pflaster liegen, und durch das Loch hinab, jeder ein Licht in der
Hand, wurden wir an Stricken auf den lehmigen Grund eines schmalen
Ufers gelassen. Vor uns lag ein weiter See, der in der Täuschung
der Finsterniß endlos erschien. Säulenschäfte ragen daraus hervor,
die schwere Capitäle mit korinthisirenden Verzierungen und darüber
flach gespannte Kuppeln tragen. Ab und zu fällt durch die zerstreuten
Oeffnungen der Ziehbrunnen ein Sonnenblick herab, der dann den Strick
zeigt, an dem der Schöpfeimer hängt, und um uns glitzerten, durch die
feuchte Luft nur etwas matt geworden, unsere Kerzenlichter im Wasser.
Es ist ein gespensterhaftes Bild, das mich mit Schrecken und Grausen
erfüllte. Wie ohnmächtig fühlte ich mich, und erst am Tageslichte kam
mir der rechte freie Lebensathem wieder. So fest ist mir der Eindruck
geblieben, daß ich mich noch immer fragen muß, wie es möglich sei, daß
Menschen von einem Wasser trinken, das mir so schaurig erschien. Lethe
muß so ausgesehen haben, und das Ganze ist ein Bild der acherontischen
Fluth.

Ehemals, so erzählen mir meine Führer, soll ein Kahn auf dem Wasser
geschwommen sein, und man konnte eine Fahrt darauf thun. Seit einem
Unglücke, das dabei geschehen, ist er zerschlagen worden, und der
See liegt wieder geheimnißvoll, bis ein anderer Columbus die nächste
Entdeckungsfahrt darauf wagt. Seine Geschichte scheint überhaupt eine
traurige, denn schon aus dem neunten Jahrhundert kömmt eine Sage,
die erzählt, wie dieser See seine Opfer begehrt und sie grausam auch
genommen habe. Es war, als der Kaiser Leo V. regierte, ein
armenischer Soldat, dem der Phrygier Michael zum Throne verholfen
hatte. Was Michael gemacht hatte, das wollte er, als er würdenbedeckt
war, bald selbst werden: Kaiser. Seine Verschwörung ward entdeckt,
der Verschwörer eingesperrt. Man vermuthete Mitverschworene; Michael
weigerte sich sie anzugeben, ließ aber den Genossen seiner Absicht
sagen, daß er sie verrathen werde, wenn sie nicht die Mittel fänden
ihn zu befreien. Die meisten der Bedrohten hielten sich schon lange
seit der Verhaftung des Michael verborgen. Einer, der am schuldigsten
erscheinen mußte, weil er immer zwischen der Stadt und dem Lager die
aufrührerischen Botschaften des Michael hin- und hergetragen hatte, der
Officier Stephanos, ward von seiner Geliebten, einem Freudenmädchen,
in den Gewölben dieser Cisterne verborgen. Ihr Vater war der Hüter
derselben. Stephanos hatte Zoe in den Tagen seines Glückes kaum einen
Wunsch abgeschlagen, wenn er ihm nur irgendwie erfüllbar gewesen; jetzt
vergalt sie ihm seine Güte durch eine Treue, die sonst keine Bedingniß
ihres Gewerbes ist. Sie schifften sich in dem Kahne ein, womit der
Vater die Ueberwachung der Cisterne besorgte, und der Alte ließ
ihnen die tägliche Nahrung in dem Eimer eines Ziehbrunnens hinab. So
steuerten sie lange auf der Fluth herum, sicherer als irgendwo anders
vor der Entdeckung und insbesondere vor der Ergreifung. Am 25. December
820 sollte Michael in dem Feuerofen der kaiserlichen Bäder lebendigen
Leibes verbrannt werden. Nur auf Bitten der Kaiserin Theophana wurde
das schauerliche Urtheil über die Weihnachtsfeier hinaus vertagt. Da
ließ der Verzweifelnde noch einmal die Drohung des Verraths an seine
Mitschuldigen ergehen, und wirklich am Morgen des Weihnachtstages, in
aller Frühe, als um 3 Uhr die Thore der Schloßcapelle den harrenden
Geistlichen geöffnet wurden, stahlen sich die Verschworenen als Mönche
verkleidet hinein, und als der Kaiser den ersten Psalm anstimmte,
fielen sie mit Dolchen und Schwertern über ihn her. Ein wüthender
Kampf entbrannte; der Altar, wohin Leo sich geflüchtet hatte, war der
Hauptschauplatz. Auf seinen Stufen stand der Kaiser und vertheidigt
sich mit einem großen Crucifixe, das er von dem Tische des Herrn
genommen hatte. Ein Hieb zerschmetterte ihm zuletzt, nachdem er schon
eine Menge Wunden empfangen hatte, die rechte Schulter und auch einen
Arm des Kreuzes. Er fiel nieder und ein anderes Schwert spaltete ihm
den Schädel. Michael der Aufrührer stieg aus dem Feuerofen auf den
Thron; noch hingen die Fesseln an seinen Füßen, da er schon die Krone
auf dem Haupte trug. Die aufgehende Weihnachtssonne sah ihn als Michael
II., dem die Geschichte auch den Beinamen des Stammlers gegeben.
Als man Stephanos, den man nicht mehr die Zeit gehabt hatte, von dem
letzten Plane zu unterrichten, suchte, fand man in der Cisterne kein
Boot mehr. Der Eimer des Ziehbrunnens kam unberührt mit den Speisen,
wie sie hinab gelassen worden waren, wieder hinauf. Zoe und Stephanos
waren nicht mehr, und alles Rufen und Forschen des unglücklichen
Vaters blieb unbeantwortet. Tage lang, Wochen lang, zuletzt den ganzen
Rest seines Lebens saß der Alte an der Stelle, wo sonst der Kahn
gelandet war, starrte auf die schwarze regungslose Fluth, immer noch
hoffend, daß sie, die doch hoffnungslos ist, ihm das Verlorene wieder
zurückgeben werde. So harrend fand man ihn eines Tages todt auf dem
Ufer dieses acherontischen Sees, er selbst nun ein Pilger für diese
Schattenwelt seiner Lieben. Es scheint, daß das Boot mit Zoe und
Stephanos an einer der Säulen scheiterte. Vielleicht überließen sich
beide zugleich dem Schlafe, und der Kahn, so ohne Führung, stieß an
eine Säule, schlug um, füllte sich mit Wasser und mag so gesunken sein;
oder es stieg auch das Wasser durch rasche Zuflüsse plötzlich und die
zusammengepreßte Luft kann die Unglücklichen erstickt haben.


    Pera, den 23. Juni.

Ich rudere dem Lloyd-Dampfer „Neptun“, der aus Triest kommt, entgegen,
umkreise ihn und fahre dann mit ihm zurück in das goldene Horn ein.
Bei dieser Gelegenheit nehme ich das ganze ungeheure Bild des hiesigen
Hafenverkehres wieder in mein Auge auf. Größer aber noch als durch
diesen Anblick wird es durch eine Prüfung der Zahlen. Es zeigt sich
dann, daß sich z. B. Frankreich nur mit dem Gesammtverkehre aller
seiner Häfen mit dem hiesigen messen darf, und daß selbst England nur
mit sechs Millionen den Tonnengehalt der hier ein- und ausgelaufenen
Schiffe übertrifft. 48.938 Schiffe mit 7,432.362 Tonnen Gehalt liefen
im Jahre 1864 in Constantinopel ein. Ich habe diese Zahlen seitdem
für die damals eingestellten des Jahres 1863 aufgenommen. In allen
englischen Hafen 54.723 Schiffe mit 13,515.011 Tonnen Gehalt, in
den französischen 47.619 Schiffe mit 7,550.972 Tonnen Gehalt. In
dem Verkehre des goldenen Hornes ist Oesterreich mit 3220 aus- und
eingegangenen Schiffen von 1,131.850 Tonnen Gehalt betheiligt. 504
darunter waren Dampfer von 297.006 Tonnen Gehalt. Und auch als ein
fortwährend und rasch steigender Verkehr zeigt sich der des goldenen
Hornes. 1841 gingen hier nur 8251 Schiffe mit 1,093.466 Tonnen ein
und aus; 1846 schon 15.770 mit 2,637.994 Tonnen und 1861: 29.141
mit 6,101.401 Tonnen. Es sind diese Zahlen auch Illustrationen zur
orientalischen Frage und erklären, warum so begehrlich einerseits,
warum so eifersüchtig andererseits die Blicke der Großmächte hierher
gerichtet sind.


Eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.

    24. Juni.

Schon vor drei Wochen besuchte ich in dem Winkel Constantinopels,
der aus der ursprünglichen Richtung der theodosianischen Mauer
hinausgedrängt sich am meisten der innersten Bucht des goldenen Hornes
nähert, die Ruinen eines Palastes, der auf der Höhe gelegen von dem
Namen des Ortes auch den seinigen erhielt. In alter Zeit hieß dieser
Hügel Hebdomon; damals lag er vor der Stadt und die Mauer ging hinter
ihm den Berg zum Hafen hinab. Das Stadtviertel, das hier entstand,
anfangs wohl nur als Vorstadt, die später erst Kaiser Heraklius 635
durch seine erweiterte Mauer mit in die eigentliche Stadt einbezog,
hieß das der Blachernen und der kaiserliche Palast darinnen bald
der der Blachernen, bald einfacher nach dem Hügel: das Hebdomon. Die
Türken nennen ihn heute Tekfur Serai (das Schloß des Gouverneurs),
und die Griechen behaupten, daß er, so wie er da stehe, das Magnaurum
des Kaisers Constantin sei; den Fremdenführern, denen das Alles
nicht interessant genug ist, gilt er als das Haus des Belisars. Die
Erinnerung, die mir von dem ersten Besuche geblieben, war nur ein
fortwährender Stachel der Neugierde, die Ruinen noch einmal und dann
sorgfältiger zu besichtigen. Darum nahm ich einen gelehrten Freund mit,
der sollte mir das Alter, die Bedeutung, womöglich die ganze Geschichte
des Baues erzählen.

Groß war unser Erstaunen, als wir vom Hafen die steilen Gassen hinauf
die Höhe erklommen hatten, Alles ringsherum ein weites Trümmerfeld zu
finden. Wo wir noch durch enge Gassen geritten, da war nun rechts und
links hinüber die Aussicht frei; nichts als Schutthaufen, rauchende
Kohlenfelder und ab und zu ein Baumstamm, der wie Hilfe flehend seine
versenkten Arme in die Lüfte streckte. Eine Feuersbrunst hatte diesen
Stadttheil niedergelegt und wir davon nichts erfahren. Es gibt auch das
einen Begriff von der Größe dieser Stadt. Die Häuser hatten dem Feuer
nicht widerstanden, sie erliegen hier gewöhnlich völlig seiner Gluth;
nur die Bäume schienen mit ihrem eigenen Safte den Brand wenigstens
einigermaßen gelöscht und sich ihre Skelette gewahrt zu haben.
Zerlumpte Gestalten krochen über den Schutt, die Geier, die nach der
Schlacht nach dem Aase wühlen. Abgeschlossen wird das Bild in seinem
Hintergrunde durch die geschwärzten Mauern der Stadt und des Palastes.
Das Feuer hat darum und darinnen mit derselben Heftigkeit gewüthet.
Ausgebrannt ist die Stätte und wie ein Todtenschädel liegt sie da,
die ich neulich noch bewohnt von einer Menge Hütten, bevölkert wie
einen Ameisenhaufen gefunden hatte. Spanische Juden hatten sich darin
eingenistet mit Hintansetzung jedes Respectes für die Historie. Der
Hof und so auch die ebenerdige Palasthalle waren mit Häusern besetzt,
und zu dem oberen Stockwerke führte aus dem Hofe an der Frontmauer
eine Holzstiege hinauf, um auch ihn bewohnbar zu machen; das Ganze war
eine Colonie elender Hütten und ebenso elend waren die Bewohner, die
darin hausten. Ich machte damals den Versuch in sie einzutreten, um
die Construction des Baues zu studiren, aber die Fülle des Unrathes,
die mir entgegenstarrte, war eine solche, daß auch der eifrigste
Wille davor erlahmte. Alles das hat nun allerdings die Feuersbrunst
ausgefegt, aber die Gluth, die dabei entzündet worden, war eine solche,
daß auch der Bau darüber zu Grunde ging; der Mörtel wurde zu Pulver und
die nicht mehr verbundenen Ziegel stürzten herunter. Selbst der Granit
und der Marmor der Säulen, welche die Gewölbe tragen, konnte dem Feuer
nicht widerstehen; wir schälten sie wie Rinde, die man vom Baumstamme
löst, und die akantusgeschmückten Capitäle fielen tropfenweise vor
unseren Augen in Stücke. Ein einziger Sonnenstrahl drang durch die
ausgebrannte Leere der oberen Stockwerke in das rauchige Dunkel des
Erdgeschoßes. Er leuchtete uns zu unserer Arbeit, die trotz der
stürzenden Blöcke in den Trümmern nach Resten zierlicher Bildhauerei
suchte. Ich nahm einige Stücke mit, die fein geschlungene Arabesken
und massige Akantusblätter zeigen. Die Hitze des Bodens erschwerte
das Suchen; länger als einige Secunden konnten es die Sohlen auf
keiner Stelle aushalten. Den Zugang hat die Polizei zumauern lassen;
sie befürchtet den Einsturz des ganzen Baues und durch denselben die
Beschädigung allenfällig Anwesender. Wir mußten auf weiten Umwegen über
Balken, Gewölbe und Mauern uns einen Eingang zu dem Hofe suchen.

Der Palast ist zwischen und auf die Stadtmauern gebaut. Sie dienen auf
drei Seiten seinen beiden unteren Geschoßen als abschließende Wände
und seinen oberen als Lehne, von wo aus herab er die ganze Stadt, den
Hafen und das ehemalige Marsfeld vor den Mauern der Stadt überschaut.
Die Mauern stehen hier 55 Fuß auseinander, sonst nur 22. In dem Raume
zwischen den Mauern liegt auch der Hof, oder das, was ich eben so
benenne, und dorthin sieht auch die Hauptfronte des Gebäudes, die
seiner Langseite, welche allein eine durchgängige architektonische
Gliederung zeigt. Zu unterst steht eine nach dieser Seite zu offene
Halle, darüber ein Zwischengeschoß und erst in bedeutender Höhe der
eigentliche Saalbau. Ein Pfeiler, von unten bis zum zweiten Stockwerke
aufsteigend, theilt die Fronte. Ihm correspondirend, aber in die
Stadtmauern verbaut, steigen zu beiden Seiten zwei andere auf; zwischen
diese drei ist auf jeder Seite des mittleren Pfeilers je eine aber
nur bis zum Mittelgeschoße reichende Säule gestellt. Darüber, wie
auch über den Pfeilern, wölben sich Rundbogen, welche die Frontmauer
tragen, und in sie wieder sind die Fenster eingeschnitten, ebenfalls
runde Bogen, im ersten Stockwerk sechs und im zweiten darüberstehenden
sieben ziemlich gleichförmig gestaltete. Die Säulen wiederholen sich in
der Tiefe der unteren Halle, um die kleinen Gewölbe zu tragen. Das ist
eine reiche und schöne Anordnung und auch in den Einzelheiten findet
sich manches Geschmackvolle. Vorspringende Canellirungen, bandförmig
gereihte Ziegellagen und zwischen den Bogen der Fenster mosaikartig
zusammengefügte bunte Thon- und Glasstücklein geben dem Ganzen etwas
sorgsam Ausgedachtes, zierlich Gegliedertes und außerordentlich
Heiteres. Die Motive der Verzierung wiederholen sich nur selten und
stehen sich nirgends in sclavischer Regelmäßigkeit gegenüber. So
sind auch die Capitäle der Säulen nur in ihrer Grundform gleich: dem
byzantinischen Würfel, in ihrer sculpturlichen Ausschmückung vollkommen
verschieden.

Man hat aus der Verschiedenartigkeit der Capitäle folgern wollen, daß
diese aus früheren Bauten hierher übertragen und aus solchen Resten
dieser spätere Bau aufgeführt worden sei. Das kann möglich sein, und
in so ferne man die Capitäle nicht genau zu den Säulenschäften passend
gefunden haben will, auch begründet; aber die Gründe, welche auf die
bloße Verschiedenartigkeit basirt sind, verwerfe ich. Die byzantinische
Baukunst scheint überhaupt nicht ihr Ideal in einer alles Spiel der
Ideen ausschließenden Symmetrie gefunden zu haben; symmetrisch sind
kaum die großen Grund- und Umrißlinien der Bauten gezogen, alles übrige
dazwischen liegende, der Schmuck der Wände und der Säulen ist mit der
ideenvollsten Willkür erfunden und gemacht. Ich erkenne eben darin ein
Element, welches die Geburtsstätte des Orients beweist; hier sind die
Phantasien viel zu zügellos, viel zu angeregt und viel zu ergiebig,
um sich in beengende Regeln zwingen zu lassen. Es ist eben hier in
künstlerischer wie in religiöser, staatlicher und in jeder anderen
Beziehung die wahre Freiheit allein zu Hause, die Freiheit, welche
Jedem möglichst die Bethätigung seines Willens läßt, nicht jene der
tyrannisch herrschenden Phrase. So sind auch die Tragsteine an der
äußeren Fronte des Palastes, die, welche die Balcone und Erker tragen,
ganz ohne jeden Anspruch auf Regelmäßigkeit gestaltet: bald Widder,
bald Adler- und Löwenköpfe. Gerade an diesen Steinen wird mir auch
wieder offenbar, daß die wilde Zügellosigkeit, die Mannigfaltigkeit
der Gothik, welche man als ihr selbsterfundenes Eigenthum bewundern
will, ihren Anfang nicht in sich, sondern in den byzantinischen Mustern
genommen hat. Was man bei uns die Romanik nennt, diesen Stationspunkt
in Italien leugne ich. Italien war in jenen Zeiten viel zu verkommen,
um Lehrer zu geben; Fachschule der Kunst und der Mode war Byzanz, das
sein Erbrecht der römischen Weltherrschaft in allen Beziehungen geltend
machte.

Diese Fronten nach der Stadt und die letzte, die vierte, auf das
Marsfeld hinaus, sind ohne jeden Anspruch auf äußerliche Schönheit
gestaltet. Es ist das schon dadurch veranlaßt, daß bis zum dritten
Stockwerke hinauf die rohe kahle Wand der Stadtmauer reicht. Ein
viereckiger Thurm schneidet die eine Ecke ab, und Salzenberg meint in
seinem schönen Werke über die altchristlichen Bauten Constantinopels,
daß in demselben einmal eine Stiege und daß der Balcon, der darauf
gelegen, von einem zeltartigen Baldachin überdeckt gewesen sei. Solche
Stiegen, die in den Mauern versteckt waren, scheinen überhaupt eine
Liebhaberei der byzantinischen Häuslichkeit gewesen zu sein. Auch in
dem weitläufigen Kaiserpalaste an den Ufern des Marmora-Meeres gab es
deren eine Menge. Vom achtseitigen Thronsaale führten deren allein
zwei hinauf zu der Gallerie der Kuppel. Es wird damit zugleich auch
ein Theilstück der byzantinischen Geschichte verrathen, welche die
Heimlichkeit für ihre so oft schauerlichen Thaten brauchte. Venedig,
das in seinen Palästen gleichfalls diese Vorliebe für die ~escaliers
dérobés~ zeigt, hat vielleicht auch diesen Gebrauch wie so manches
andere seiner Gewohnheit von hier sich geholt. -- Zur Idee des
Baldachin überdeckten Balcons fügt mein Begleiter die Erklärung,
daß sich dort herab der neugewählte Kaiser das erste Mal dem in der
Stadt versammelten Volke zu zeigen pflegte, und dann von einer an der
anderen Palastecke gelegenen Altane auf das Marsfeld hinaus dem dort
aufmarschirten Heere. In diesem Stadttheile soll nämlich, wie heute
noch in dem nahen Ejub, der erste Theil der Kaiserkrönung vollzogen
worden sein.

Der Erker, der weiter in der Mitte der gegen die Stadt zu gekehrten
Langseite liegt, kann nur inneren, nicht nach Außen gerichteten Zwecken
gedient haben. Er wird wohl, wie der purpurgeborene Chronist die
Apsiden des goldenen Saales im „heiligen Palaste“ am Marmora-Meere
schildert, dem abgesonderten Bedürfnisse des Gebetes oder der Toilette
gedient haben. Durch eine Thüre oder einen Vorhang waren solche
Cabinette von dem größeren Raume geschieden. Ihren Anfang haben sie
gewiß in den Apsiden der Basiliken genommen, und wurden von dort als
ein bequemes Mittel der jeden Augenblick zur Verfügung stehenden
Abgeschiedenheit zuerst an die ebenerdigen Häuser und dann, als man
höher baute, an die darüber liegenden Stockwerke angeflickt. Ihre
weitere Fortsetzung haben sie dann in den Erkern der Gothik gefunden.
So ist auch dieses Mittel der häuslichen Bequemlichkeit, welches
man ganz speciell als ein durch die deutsche Sitte und das deutsche
Klima in Deutschland erfundenes bezeichnet, von Constantinopel zu uns
gewandert; nur daß wir den Zweck verändert, ihn unserer Liebhaberei
gemäß mehr in das Sehen nach Außen, als das Zurückziehen nach einem
noch intimeren Innern gelegt haben. Die Gedanken erlaubten sich eben
auch ohne die Telegraphen und die Eisenbahnen des 19. Jahrhunderts
ihre Reisen um die Welt zu machen. Noch vollkommen erhaltene
Beispiele solcher byzantinischer Erkerbauten, die also auch für deren
Verpflanzung von dort nach Deutschland zeugen, finden sich in der Burg
Carlstein bei Prag. Sie ist zweifellos von byzantinischen Künstlern
gebaut, wie sie denn auch mit byzantinischen Mosaiken und mit in die
Wand eingelassenen Gemälden der byzantinischen Malerschule geschmückt
ist. Ganz Böhmen zeigt in den Anfängen seiner Kunst die Abstammung von
der griechischen Mutter am Bosporus.

Die Giebel des Gebäudes sind auch heute noch nach dem Brande erhalten,
die Zwischengeschoße aber seitdem eingestürzt, oder stürzen doch
fortwährend ein. Der oberste Saal, der offenbar das Hauptstück des
Gebäudes war, erinnerte mich lebhaft an einen anderen nicht weniger
bedeutungsvollen, den im festen Schlosse zu Eger, welchen Barbarossa
gebaut, und die todtgeweihten Wallenstein’schen Generale zu ihrem
Henkersmahle benutzt haben. Auch jener Saal ist im selben Style des
Rundbogens gebaut und scheint mir überhaupt, so wie er mir in der
Erinnerung blieb, diesem hier in gar Vielem ähnlich. Solche Vergleiche
werden durch Gegenstände der entlegensten Länder geweckt. Ganz von
dem Menschen hervorgerufen können sie nicht sein; es muß den Dingen
etwas Gemeinsames zu Grunde liegen. Es ist als ob dieselbe Seele von
dem einen Orte zu dem anderen nur hinüber gewandert wäre und als
ob der ahnende Geist sie dort wieder erkenne. Luft, Geruch, Töne
und alle übrigen Reizungsmittel der Sinne tragen dazu bei, diese
Erkenntniß zu wecken. Es wäre zu bedenken, ob dieses häufige Finden von
Aehnlichkeiten nicht auch als ein Unterstützungsmittel für die Lehre
von der Seelenwanderung zu verwenden wäre.

Der Palast, wie er heute steht, ist offenbar nur ein Theilrest von dem
früheren, größeren Ganzen. Er wird durch Gänge, die vielleicht auf und
in den Stadtmauern fortliefen, mit den übrigen Pavillons verbunden
gewesen sein; denn entsprechend dem orientalischen Geschmacke war gewiß
auch diese Palastanlage keine massig zusammengeballte, sondern eine
über weite Räume mit zwischenliegenden Höfen und Gärten zerstreute.
Die Fenster und Thüren, welche man heute noch in der äußeren Ansicht
der Stadtmauer eingemauert sieht, mögen Reste aus jener Anlage sein.
Daß sie aber derjenige Palast sei, welchen Constantin ~fouri le
mure~ angelegt und den zu schützen Kaiser Heraklius 635 die erste
Stadtmauer um das Viertel der Blachernen gezogen habe, ist wenig
wahrscheinlich. Dann wäre wohl die Mauer etwas weiter +um+ den
Palast und jedenfalls nicht +unter+ ihn gebaut worden. Ich glaube
vielmehr, daß dieser Palast ein viel späteres Product ist, daß er nicht
die Restauration der Stadtmauern unter Leo dem Armenier (813-820)
gesehen, daß er frühestens seinen Ursprung dem neunten Jahrhundert
verdankt. Das ganze festungsartige Aussehen deutet darauf hin; auf
eine Zeit, welche sich auch gegen das Innere der Stadt zu schützen
hatte. Man irrt eben, wenn man annimmt, daß die spätere Kunst der
Byzantiner nicht mehr im Stande gewesen sei, ein Bauwerk wie das hier
stehende aufzustellen und herzurichten. Ich behaupte gerade dagegen,
daß sie noch im 12. und auch im 13. Jahrhundert die geschickteste und
auch die mustergiltigste gewesen; wie ich denn auch behaupte, daß das
Reich der byzantinischen Mode weit mehr in die neuere Zeit hinüber
gedauert habe, als man gewöhnlich annimmt, und daß sie den Verfall der
oströmischen Macht weitaus überlebt habe. Wir selbst leben heute noch
im byzantinischen Zeitalter, und eine spätere Zeit, die mit größeren
Zahlen rechnet, wird dieses anerkennen.

Das Wahrscheinlichste ist sogar, daß diese Reste eines byzantinischen
Kaiserpalastes, wie sie uns überliefert worden, von der Restauration
herrühren, welche der große Komnene Manuel (1143 bis 1180)
documentarisch erwiesen an dem Palaste auf dem Hebdomon vornehmen
ließ. Von da an ward dieser Palast auch die Hauptresidenz der
byzantinischen Kaiser, und all die grausen Schicksale der Komnenen wie
der Paläologen, die Einnahme der Stadt durch die Lateiner wie die durch
die Türken spielten hier ihre traurigen Epiloge ab. Die Räume, die ich
durchwanderte, sind so geweiht genug von dem Geiste der Geschichte.
Meinem Begleiter aber erschien dieses nicht so. Er suchte ihren
Stammbaum bis auf die Römer zurückzuführen, und erklärte mir: daß in
diesen Mauern der erste Constantin schon gehaust, und in jenem dach-
und bodenlosen Saale die Gesetzgebungscommission des Justinian getagt
habe.

Lange währte unser Streit über diesen Fragepunkt, und da wir
früher viele Zeit an die Besichtigung, nicht weniger lange an die
Abconterfeiung der Ruine gewendet hatten, so kam die Nacht mit
so später Stunde über unsere unvollendeten Arbeiten herein, daß
wir beschlossen, gar nicht nach Pera zurück zu kehren, sondern in
diesem Stadttheile den nächsten Tag zur Vollendung unserer Projecte
abzuwarten. Aus einem benachbarten Caffeehause ließen wir uns Kaffee
bringen, Brod und einige Früchte fanden sich ebenfalls, Plaids hatten
wir mitgebracht, und so genährt und versorgt bereiteten wir uns das
Lager in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.

Mir wurde die Nacht eine gräßliche. Lange konnte ich nicht schlafen;
die Hunde bellten, und meiner Phantasie klang es wie Schakal- und
Hyänengeheul. Der Mond ging auf und die Sterne verdüsterten sich; dann
als die Luft kühler wurde, zog sie mit leise bewegten Tönen durch die
leeren Hallen des Palastes. Seine Fenster ließen das Mondlicht, das nun
auch vom Winde getrieben wurde, flackernd in das regungslose Dunkel der
Schatten einfallen: es war als sei Alles darin lebendig geworden und
Geister wieder auferstanden, die in Blut und Mord zu Grunde gegangen.
Es muß in diesem Stadium gewesen sein daß ich einschlief. Ein Traum
befiel mich, -- denn anders kann ich es doch nicht glauben, was mir
heute Morgens in der Erinnerung ist, -- der wohl an die Gespräche
anknüpfte, die ich mit meinem Begleiter so lebhaft über den Werth oder
den Unwerth des justinianeischen Rechtes für die europäische Welt
geführt hatte. Ich leitete von dem römischen Rechte alles Unheil ab,
welches uns seitdem betroffen hat: die Dogmatisirung unseres Glaubens
und die Verbureaukratisirung unseres Staatswesens. Der römische
Geist war seit jeher ein mit Vorliebe in die spanischen Stiefel der
Rechtsgelehrsamkeit eingeschnürter; er zersplitterte und zerspaltete,
secirte und theilte jeden nur irgend möglichen Gedanken, daß zuletzt
von dem Ganzen, von dem natürlich Gegebenen, nur Worte übrig blieben,
die er dann in Paragraphe zusammenstellte und denen er einen beliebigen
Begriff beilegte. So ist das römische Recht oder so erscheint es mir
wenigstens. Von der Natur der Dinge, vom Rechte, das mit uns geboren
ist, ist nur gar selten ein Körnchen übrig geblieben, und seitdem
bei uns diese fremde Pflanze eingepflanzt worden ist, ist auch in
Deutschland der gesunde Menschenverstand und seine Berechtigung zu den
Todten gegangen. Durch das Studium grauser Fictionen wird er in den
jungen Köpfen erstickt, und wo er sich noch in einigen ungebildeten
Seelen erheben will, da wird er als revolutionär und ungesetzlich
niedergeschlagen. Unser ganzes irdisches Leben ist von diesem Geiste
der Wortspalterei und der Unnatur zu Grunde gerichtet. Das Gefühl
gilt nichts; damit aber das Wort Alles entscheide und ein solches
System der Bevormundung geübt werden könne, brauchten die Fürsten,
die durch das römische Recht erst Alleinherrscher wurden und es darum
herüber nahmen, ihre Helfershelfer, und diese sind die Beamten. So
haben wir diese Drachensaat erhalten, die zuerst Kaiser Maximilian in
den deutschen Boden säete. Wohl heißt er mit Recht der +letzte+
Ritter, aber er selbst war es, der das Ritterthum und alles das, was
die juristenfreundliche Welt der Neuzeit dem Geiste der heutigen Cultur
feindselig glaubt, zu Grabe getragen. Und nicht nur auf dieses Gebiet
beschränkt, auch auf dem religiösen zeigte das römische Recht seine
übeln Folgen. Sobald sein Geist die Köpfe unserer Religionslehrer
erfaßte, galt das formlos gegebene Wort Christi weniger seiner Meinung
als seinem Buchstaben nach. In den Schulen römischer und griechischer
Rhetoren wurden unsere Kirchenväter gebildet, und wenn sie ihr Glaube
auch rein von der Beimischung heidnischer Philosophemen bewahrte,
so konnte er es doch nicht vor der Ansteckung schönrednerischer
Dialektik. Die griechischen Kirchenlehrer insbesondere sind diesem
Geiste der Wortgiltigkeit völlig erlegen. Sonderbar, daß man im
Oriente selbst die eigentliche Sprache des Orientalen, welche eine
mehr durch Bilder und Zeichen als durch Begriffe redende ist, so
verkennen konnte, und daß gerade in Constantinopel das römische Recht,
diese Justiz der bloßen Förmlichkeit, seinen äußersten Triumph,
seine Alles beherrschende Constituirung feiern konnte. So abseits
von der ursprünglichen Heerstraße des Bildungsganges eines Volkes
gehen zuweilen seine Wege und so nahe stehen sich dann die Gegensätze
gegenüber. Erst der Mohammedanismus kam wieder auf die alte Sprache
zurück; darum aber auch seine so raschen und so weitgehenden Erfolge
in diesen Ländern des griechischen Christenthums. Er brachte, was
eigentlich in dem Sinne der Leute lag, die Freiheit des Denkens und
des Glaubens und die Ungebundenheit der Sprache. „Es ist nur ein
Gott und Mohammed sein Prophet,“ die einzige Grenze seines Gesetzes,
gestattet jede Philosophie und weitere Abartung. Die vielen Secten
des Mohammedanismus sind nur deshalb weniger auffällig als die des
Christenthums, weil sie geduldet und nicht mit Feuer und Schwert
verfolgt werden.

Den schwersten Trumpf, die Anklage ob der Verdrehung unserer Religion,
hatte ich zum Schlusse unserer Unterredung gegen das römische Recht
geschleudert. Vielleicht wollten sich dafür Justinian und Tribonian,
die Väter dieses Rechtes nach unseren Vorstellungen, an mir rächen und
erschienen darum in meinen Träumen. Ich sah die ganze Gesellschaft, die
17 Männer, Tribonian an ihrer Spitze, die vier gelehrten Professoren,
Theophilus und Cratinus von der Universität zu Constantinopel,
Dorotheus und Anatalius von der zu Berytus unter ihnen, mit ernsten,
bedächtigen Köpfen um einen großen Marmortisch sitzen; hörte wie Jeder
sein bestimmtes Quantum an Excerpten, die er aus dem Ueberflusse der
römischen Quellen ausgesogen hatte, näselnd vorlas; hörte dann wie
Tribonian verwarf oder approbirte, wie endlich Justinian mit mächtiger
Stentorstimme eine vertheidigende Lobrede gegen mich gewendet hielt,
die zuletzt in Drohungen ausartete, den Gegner bestrafen und züchtigen
zu wollen und sah, wie sie darauf Alle aufstanden, sich gegen mich
kehrten, die Fäuste ballten -- dann wie Alles in der Bewegung über
und unter ihnen zusammenfiel, die Mauern und die Säulen, daß mich das
Geräusch aufweckte und ich wenige Schritte vor mir einen gewaltigen
Quaderblock, der aus der obersten Giebelmauer herabkam, in den unten
schon gehäuften Schutt einschlagen sah. Grauer dämmernder Morgen war
um mich. Verscheucht durch die Träume und noch mehr durch das letzte
Ereigniß war jeder Schlaf unmöglich. Ich stieg auf die Stadtmauer
hinauf und von dort aus, die baumlosen Friedhöfe der Armenier und die
cypressenbewaldeten der Türken unter mir, sah ich den Tag kommen, der
rosig und sonnig hinter den bythinischen Hügeln des Bosporus aufstieg
und bald mit seiner Wärme alle Schrecken und alles Grauen der letzten
Nacht verscheuchte. -- So habe ich eine Nacht in den Ruinen des
byzantinischen Kaiserpalastes zugebracht.


    Constantinopel, den 25. Juni.

Schon mehrfach sind mir Aehnlichkeiten zwischen den heutigen türkischen
und den früheren byzantinischen Landessitten aufgefallen. Vielleicht
hat sie nur die natürliche Nachahmungssucht des weniger gebildeten
Nachfolgers, vielleicht aber auch der allgemein giltige Einfluß
des Klimas veranlaßt. Pflanzen und Thiere modeln sich nach den
Bedingungen ihres jeweiligen Bodens, warum sollte der Mensch allein
von diesem Gesetze ausgenommen sein? So ist die Menge der sultanlichen
Lustschlösser wie eine Erbschaft aus byzantinischer Zeit und daß sie
immer noch wie damals gebaut werden, wohl ein Beweis für jene allgemein
giltige Wirkungskraft des Klimas. Es sind keine großen, massigen
Palastanlagen mit himmelhohen Stockwerken und endlosen Fronten wie
unsere Herrschersitze, sondern kleine, niedere Pavillons, die in den
Gärten zerstreut liegen, nur ab und zu durch Gallerien verbunden;
selten sind oder waren sie höher als ein Stockwerk. Ihr Material ist
vielfältig Holz und war, wenn auch gerade nicht dieses vergängliche
der Türken, so doch gewiß nicht der unverwüstliche Stein, der in
Rom und Athen so viele Reste gelassen hat. Die Verwüstungen, welche
dort über den Boden gegangen sind, waren nicht weniger versengend als
hier, und doch ist in Constantinopel nichts übrig geblieben von all
den prächtigen Palastanlagen, die Constantin Porphyrogenetus in seinem
Lehrbuche der byzantinischen Hofceremonien schilderte, als die einzige
des Hebdomon, und auch diese sah ich gestern erst, berührt von einem
einzigen Gluthauche, vor meinen eigenen Augen „stürzen über Nacht“.
Ihre Mauern sind eben die lebendigen Zeugen für die lockere Bauweise
auch der Byzantiner; Ziegel und nur ab und zu Steine beigemischt, war
der hauptsächliche Stoff ihrer Gebäude. Und wie durch den Styl und die
Bauweise, so gleichen sich auch durch die Lage die heutigen und die
früheren Kaiserpaläste; Türken und Byzantiner beweisen dadurch wie
sehr ihr Auge empfänglich für die Schönheit der Natur ist. Denn die
meisten dieser Paläste zeichnen sich dadurch vor den Häusern anderer
Sterblicher aus, daß sie den weitschauendsten und den begünstigsten
Ausblick auf das Marmora-Meer, das goldene Horn, die süßen Wässer von
Europa und Asien, den Bosporus oder das schwarze Meer haben. Dieser
Ueberfluß an Wohnhäusern erscheint übrigens um so befremdlicher als
alle, oder doch die meisten derselben, zugleich dem Bedürfnisse des
Stadt- und des Landlebens genügen. So insbesondere Dolma-Bagdsche, das
dem Einfahrenden vom Marmora-Meere her gerade gegenüber auf der Küste
von Europa erscheint und dem der jetzige Sultan doch einen Rivalen auf
dem jenseitigen Ufer von Asien in dem insbesondere bunten Marmorpalaste
von Beylerbey erbauen läßt.

Die Paläste bei Ejub im Hintergrunde des goldenen Hornes, bei den süßen
Wässern von Europa, das Serai und auch die beiden reizenden Köschke
auf dem europäischen Ufer hinter Pera in einer Schlucht versteckt,
die sie den großen und kleinen Flamur nennen, habe ich schon früher
besehen; heute ward mir gelegentlich des Sultansfestes dasselbe mit
Dolma-Bagdsche zu Theil. Der Sultan feiert nämlich heute und mit ihm
das ganze Reich seinen Geburtstag. Zur Verherrlichung dieses einzigen
officiellen Festes der Türkei empfängt er in den Vormittagsstunden das
gesammte diplomatische Corps.

Die erste Ceremonie, die wir durchzumachen hatten, war an dem
äußersten Palastthore, die Begrüßung durch einen jungen Officier;
groß und schlank gewachsen, im türkischen Kleide, blau und roth,
reich mit Gold gestickt, stellte er sich ganz passend in die
Phantasiebilder von orientalischer Pracht, welche wohl Jeder mit
hieher in dieses Sultansschloß bringt. Auch die Wache hinter ihm ließ
sich in diese Erwartung einfügen, lauter schön gebildete und reich
gekleidete Bursche. Der Officier sprach vortrefflich Französisch. Mit
verbindlichen Geberden geleitete er uns durch die Gärten des Palastes
zu den Marmorstufen, welche in das Erdgeschoß hinaufführen. Chiamil
Bey, der Ceremonienmeister, eine kleine, lächerliche Figur, nahm uns
dort in Empfang. Ein großer Salon, rechts daneben ein kleiner und
endlich ein drittes größeres Zimmer waren die zur Versammlung des
diplomatischen Corps geöffneten Räume. Wir waren die ersten; die
Preußen, die Franzosen die nächsten; dann eine endlose Folge der
Vertreter der anderen Mächte, Bulwer mit den Engländern die letzten.

Der Blick von Dolma-Bagdsche aus dem Fenster des dritten Salons, an
dem ich mich aufgestellt hatte, dringt zwischen Asien und Europa durch
auf das Marmora-Meer, reicht bis zu den Prinzen-Inseln und dem Olympe,
schließt links Skutari, rechts die Seraispitze und die Mündung des
goldenen Hornes ein und hat unmittelbar vor sich den Strom des Bosporus
mit den Dampfjachtflottillen des Sultans, den Stationsdampfern der
fremden Gesandten und den Handelsschiffen aller Nationen. Er ist so
schön, daß man die Köschke des Serais beinahe ohne Bedauern verwaist
liegen sieht. Es war gewiß, wie auch die Uebertragung des russischen
Herrschersitzes vom Kreml nach dem Petersburger Winterpalaste, ein
Act der Reformationspolitik, welcher Mahmud die Schauerstätten
der Seraispitzen mit diesem noch unbefleckten Boden des Bosporus
vertauschen ließ. Das Serai in seiner Verlassenheit ist ein Stück der
abgespielten türkischen Geschichte, wie es für Frankreich Versailles
ist, und St. Cloud und Compiegne -- wer weiß wie bald schon -- sein
werden. Die Menschen prägen eben auch der Erde wie ihren Gesichtszügen
den Stempel ihrer Leidenschaften auf; mehr oder weniger deutlich trägt
Jeder, der Einzelne wie der Ort, das ~travaux forcés~ seiner
Schicksale in seinem Fleische eingebrannt.

Dolma-Bagdsche ist ein weitläufiges Gebäude; ein höherer Mittelbau
steht zwischen zwei Seitenflügeln, die durch ebenerdige Gallerien mit
ihm verbunden sind. Wohlgepflegte Gartenanlagen und blendend weiße
Kieswege umziehen das Ganze. Auf drei Seiten führen freistehende,
hohe Thore, prächtig als sollten sie Triumphpforten vorstellen, zu
ihm; auf der vierten, gegen Süden gekehrt, hat er das Meer, feste
Marmorquais und ein vergoldetes Gitter, das ihn dort abschließt, vor
sich. Nur der rechte Flügel dient dem Privatgebrauche des Sultans, der
linke gehört den Frauen und der Mittelbau den Zwecken der staatlichen
Repräsentation. Dieser erhebt sich zu der Höhe venetianischer Paläste.
An Venedig überhaupt mahnt der ganze Palast durch seine Lage, aber auch
durch seinen Baustyl, den eines geschmackvoll ausgebildeten Rococo.
Noch ähnlicher finde ich ihn dem Dresdner Zwinger und so insbesondere
seine drei Thore. Es scheint, daß dieser Styl, verbannt aus den
Geschmacksregistern des heutigen Europa’s, nunmehr der Liebling der
türkischen Sultane geworden ist. Die meisten ihrer neueren Bauten sind
darin gebaut. So jene beiden Flamure, der große und der kleine, welche
ich eben ob ihrer Zierlichkeit belobte; so der kaiserliche Köschk bei
den süßen Wässern von Asien; so der Köschk in Top-Hane, die Moschee
daneben, die Moschee Abdul Medschid’s neben Dolma-Bagdsche, und so
wird eben der prachtvollste aller neueren Paläste, der in Beylerbey,
gebaut. Und das ist wahr, besser als hierher paßt dieser wollüstige
Styl nirgends hin und ihm wieder dienen der hiesige Sonnenglanz,
die Farbenpracht der Blumen und das Meer, das spiegelnd vor seinen
Mauern ausgebreitet liegt. Es ist als habe der Orient in endlicher
Entwicklung seiner Kunst die ihm vom Anfange an bestimmte Form endlich
gefunden und Europa im vorigen Jahrhundert nur entlehnt, was eigentlich
hierher gehört.

Im Inneren des Palastes sind die prachtvollsten Theile das Bad, die
Treppe zu den Privatgemächern des Sultans und der große Ceremoniensaal,
welcher allein für sich den ganzen Mittelbau füllt. An der Treppe kamen
wir vorüber, als man uns zur Audienz nach jenem Saale führte. Weiße
Krystallgeländer fassen sie ein und rothes Glas deckt ihre Kuppel, so
daß die Stiege wie aus Rubinsteinen gehauen erscheint. Sie überrascht
wie der erste Anblick einer besonders schönen Balletdecoration. Es
ist der glückliche Gedanke, den man hier vorzüglich loben muß, denn
das Weitere in der Ausführung ist dann ziemlich einfach. Und am
glücklichsten ist dabei die Beschränkung, welche das Treppengeländer
und die Stufen weiß ließ; dadurch wechselt das Roth in ihm, je nachdem
das Sonnenlicht heller oder gedämpfter durch die gefärbte Kuppel
einfällt, scheint wie mit eigener Kraft aufzuflammen und jetzt wieder
auszulöschen. Das ist etwas von „Tausend und eine Nacht“, und ebenso
ist es auch der Thronsaal. Divansaal müßte man eigentlich sagen,
denn auf der Stufe, wo bei uns der Fürstenstuhl steht, ist hier ein
breiter Divan aufgestellt, mit rosenfarbener Seide überzogen und in
purem Golde gefaßt. Der Saal ist eigentlich viereckig, erscheint aber
länglich, weil auf den zwei Langseiten vorspringende Säulenstellungen
die Breite für das Auge vermindern. Auf allen vier Seiten sind Fenster;
durch die, welche sich auf den Breitseiten gegenüber liegen, schaut
man auf der einen Seite die blaue Fluth des Bosporus und die rothen
Hügel Asiens, auf der anderen Seite das Grün der sorgsam gepflegten
Gartenanlagen. Eine mächtige Kuppel deckt den Saal; vier Bogen, die aus
ihr herabfallen, tragen sie; absteigend niedriger gereiht schließen
sich Halbkuppeln und zuletzt Nischen daran, in welchen die 12 Fenster
angebracht sind. Auf den Langseiten sind je zwei Säulen tragend
zwischen die Fenster gestellt, auf den Breitseiten nur je eine. Von
der Kuppel hängt ein Krystall-Luster für 10.000 Kerzen herab, und in
den vier Ecken stehen auf bunten Marmorsockeln riesige Kandelaber,
die beinahe bis zur Höhe eines Stockwerkes aufwachsen. Vier andere
aus Silber mit Lilienkelchen, um das Licht zu bergen, stehen neben
dem Divan und ihm gegenüber am anderen Ende des Saales. Das ist
die einzige Möblirung. Der Kronleuchter ist derselbe, welchen ein
Windstoß auslöschte, als der Sultan hier in diesem Saale zur Feier des
Friedensschlusses nach dem Krimkriege den Vertretern der Großmächte
ein großes Bankett gab. Ein ominöses Zeichen, welches auch damals
unheilvoll gedeutet ward.

Heute standen im Kreis an den Wänden herum die hundert Garden:
Kurden, Tripolitaner, Araber, Albanesen, Griechen, Türken u. s. w.,
junge Leute aus den besten Familien, die in dem reichsten Schmucke
ihrer Trachten dem Sultan die Unterthänigkeit ihrer Heimathländer
repräsentiren sollen. Die meisten sind von edler Gesichts-, alle von
großer, starker Körperbildung. Durch Glanz der Gewänder, der Gaze-,
Sammt- und Seidenstoffe, der Juwelen und Goldstickereien gefielen mir
die Fürstensöhne von Tripolis am besten. Wer diese Garden nicht in
ihren Galakleidern gesehen hat, hat keinen Begriff, bis zu welchem
Klimax die Verschwendung der Toilette hinaufsteigen kann. Auch das kann
so nur einmal im Alterthume gewesen sein, und ist wohl aus jener Zeit
bei diesen weniger vergänglichen Völkern ein Ueberbleibsel der Mode.
In Byzanz muß dieser Luxus fortgedauert haben; bei uns gestattet die
Sitte heute auch der schönsten Frau eine solche Gold- und Farbenpracht
nicht, man würde sie geschmacklos schelten und doch verlangt das Auge
eigentlich Farben.

Die Kanonen der türkischen Flotte, der Landbatterien, der fremden
Stationsschiffe donnerten. Der Himmel, der bis dahin umwölkt gewesen,
klärte sich, voller Sonnenschein fiel hell und leuchtend in den
Saal. Der Sultan, so vom Himmel und der Erde zugleich begrüßt, trat
neben dem kaiserlichen Divan durch eine Seitenthüre ein, rasch, mit
festem Schritte. Klein, breitschulterig, von gedrungenem, starkem
Körperbaue, in dunklem, militärischem Ueberrocke, stach er auffallend
von dem Glanze ab, der um ihn gelagert war; ein Orientale würde sich
ausgedrückt haben: wie der Erdball, dem das Sonnenlicht huldigen muß.
Sein schwarzes Auge blickt heftig. Leidenschaftlicher als dieses ist
vielleicht nur noch der Schluß seiner Lippen. Die Mundbildung überhaupt
ist verrätherisch für die Geheimnisse des Charakters. „Ein angenehmer
Mund“ ist darum eine Bemerkung, womit ich Männer oft bezeichne, und
„ein gemeiner“ eine, die ich von mancher berühmten Schauspielerin
schon behauptet habe. Dem Sultan wagt sich in den Augenblicken seiner
Erregtheit nur seine Mutter in die Nähe. Ihr Einfluß ist ein großer
und hinwiederum der aller Frauen, welche Zutritt zu ihr haben. Man
muß alle diese Fäden kennen, um die Politik der türkischen Minister,
aber auch um die oft winkelziehende Diplomatik der fremden Gesandten
zu verstehen. Wer hieher kömmt mit unseren landläufigen Ideen vom
Nichtsgelten der türkischen Frauen, wird die feingesponnenen Fäden
nicht zerreißen, aber gar bald darin sich gefangen sehen.

Der Sultan, der die alte Etiquette wieder hergestellt, spricht mit den
Vertretern der fremden Mächte nur durch den Mund eines Dolmetsch. Ali
Pascha übersetzte ihm die Glückwünsche der Botschafter und Gesandten
und ihnen die Antworten des kaiserlichen Herrn; doch erkannte man an
dem beifälligen Lächeln, womit er schon in der französischen Auflage
die poetische Begrüßung des österreichischen Internuntius aufnahm,
daß er diese Sprache verstehe. Dieser Diplomat war auch der einzige,
mit dem er sich länger und aus den Formen der Etiquette heraustretend
unterhielt.

Es ist ein Irrthum den Sultan für geistig unbedeutend zu halten.
Abdul Aziz hat vielleicht gerade durch seine Liebhabereien dem
türkischen Volke mehr genützt als irgend ein heute regierender Fürst
dem seinigen. Er will die Umkehr zu dem Alten, wenigstens zu dessen
Ausgangs- und Zielpunkte: dem Koran und dem Glauben, ohne deswegen
zur Fahrbarmachung des zwischenliegenden Weges die neuen Mittel der
Civilisation zu verschmähen. In diesem Sinne hat er den türkischen
Soldaten ein Nationalkleid wiedergegeben; und hat er den Muth, ihnen
in dem Augenblicke der Gefahr auch den alttürkischen Glauben wieder
frei zu lassen, dann wird es mit der Eroberung Constantinopels durch
moskowitische Ränke doch etwas länger dauern, als die europäische
Journalistik prophezeit. In seinem Volke muß er den besten Theil
seiner Kraft suchen, und wird sie finden, wenn er dem Volke nur
wieder erlaubt das zu sein, wozu es erschaffen ist. Wer seine Anfänge
verleugnet, geht zu Grunde, denn jeder Baum lebt nur durch seine
eigenen Wurzeln; und wirklich glitten seine Vorgänger abwärts, seitdem
sie die Stütze der europäischen Großmächte annahmen. Darum finde ich es
ein hoffnunggebendes Zeichen, daß Abdul Aziz den fremden Botschaftern
unzugänglicher geworden ist als es Abdul Medschid war.

Den Schluß des Tages verherrlichte Ali Pascha mit einem Balle, den
er in seinem Landhause zu Bebek am Bosporus gab. Schon um 8 Uhr
führten Dampfer in seinem Dienste die Gäste von der Hafenbrücke aus
dorthin. Ich wollte auch die Fahrt in ihrem ganzen Werthe bei völlig
herabgesunkener Nacht genießen, langsam und ungestört; darum setzte
ich mich um 9 Uhr bei Top-Hane ins Kaïk und ließ mich gemächlich
aus dem goldenen Horne in den Bosporus rudern. Und so herrlich das
Fest, diese Fahrt war der schönere Theil der Nacht. Die Hügel von
Stambul, von Skutari, von Galata und Pera, und bis zum schwarzen
Meere hinaus die Ufer des Bosporus waren beleuchtet. Die Moscheen
trugen Lampenkränze; die Thürme waren von oben bis unten mit Lichtern
überzogen, am schönsten der Leanderthurm, weil er abgetrennt von allen
übrigen auf seiner Insel, wie feurig aus dem Meere geboren, vereinsamt
schwamm. Um die Quais von Top-Hane waren lichte Bogengänge gewunden, an
sie schlossen sich die Paläste an, welche hart am Meere stehen, alle
mit Lichtern in mannigfaltigen Formen bedeckt. Ueber ihnen standen
beherrschend die großen Linien der Kasernen. Auf dem Wasser schwammen
Flöße, von denen Feuerwerke in die Luft stiegen, in weiterer Entfernung
leuchteten elektrische Sonnen und das so hell, daß für Augenblicke die
entlegenste Ferne näher und deutlicher als selbst in dem Tageslichte
erschien. Musik klang von den Ufern aus den Harems der Paschas heraus;
über mich weg donnerten die Breitseiten eines Linienschiffes, an dem
ich eben vorbei fuhr; dann, als wieder Ruhe und Dunkel sich um mich
gelagert hatten, kamen mir die weichen Molltöne eines türkischen
Liedes begleitet von den rauhen Schlägen der Tarabuca entgegen. So war
Freude und Lust überall, ein Volksfest im wahren Sinne des Wortes, von
den unserigen aber merkwürdig dadurch unterschieden, daß sich eine
Million Menschen und diese sogar Türken, Griechen, Armenier, Juden,
alles untereinander, längs dem Gestade bewegte oder in tausenden von
Booten den Bosporus befuhr, ohne die leiseste Unordnung, ohne ein
unfreundliches Wort, ohne Haß, Zank und Streit. Kein Besoffener war
zu sehen, keine Frau, kein Mädchen hatte Unanständiges zu gewärtigen;
nirgends Soldatenrohheit, nirgends Polizei -- aber überall angeborene
Sitte, und darin liegt es.

In der Nähe des Landhauses wurde die Fahrt weniger bequem, durch die
vielen ab- und zugehenden Dampfer sogar gefährlich. Masten und Taue
trugen sie zwar mit Lichtern umwunden, aber das Licht selbst hinderte
durch die Blendung am Sehen. Wohl eine halbe Stunde brauchte es,
bis wir uns durch die Menge der vorliegenden Boote den Weg zu der
Landungsbrücke durchgebohrt hatten; zuletzt gelang es uns nur durch die
commandirende Beihilfe eines türkischen Officiers.

Das Haus und die dahinter liegenden Hügel glänzten mit tausenden von
Lichtern. Das Innere, Vorplätze, Treppen und Salons, klein und einfach
eingerichtet, war nur die Folie zu dem Eindrucke, welchen der Garten
machte, wenn man auf die Brücke trat, die vom ersten Stocke zu ihm
hinüber reicht. Ausgebreitet lag ein weites Parterre von Lampen, die
bunt in allen Farben zur Nachahmung von Blumen in Beeten gesammelt und
geordnet waren. Aus dieser Fläche stieg Terrasse über Terrasse die Höhe
hinauf, bis zum höchsten Punkte reichlich beleuchtet. Auf Gerüsten zu
architektonischen Verzierungen vereinigt, in den Cypressen und Pinien,
Lorbeer- und Granatbüschen vertheilt hingen die Lichter, Dunkel und
Helle auf das glücklichste wechselnd; dazwischen in Transparentschrift
der Namenszug des Sultans und das übliche: „Er lebe tausend Jahre!“
-- Auf der zweiten Terrasse empfing ein prächtiges Zelt die Gäste.
Zwölf Säulen, aus Gold gewunden, trugen die Decke aus blauem Atlas
mit Edelsteinen und Gold gestickt; in breiten Falten fiel sie auf
drei Seiten herab. Suleiman der Große soll schon vor Szigeth unter
diesem Juwelendache gehaust und getafelt haben. Ueber das Zelt herab
neigte sich von der oberen Terrasse eine Reihe machtvoller Pinien. Das
grelle Licht, das von unten hinauf in ihre Kuppeln stieg, ließ sie
wie in rosige Schleier gehüllt erscheinen. Diese Pinien zogen mich am
meisten an; bei ihnen war Ruhe und Einsamkeit und doch zugleich auch
der Anblick der ganzen Herrlichkeit. Von Asien herüber leuchteten
die Landhäuser, und rechts und links auf europäischem Boden die
beiden Arme der Bucht entlang bis nach Rumili Hißar und dem anderen
Vorgebirge, und in ihrem Becken selbst war Alles licht und glänzend.
Nur der Bosporus weiter draußen blieb dunkel und nächtig; seine Breite
bezwang kein Licht. Ab und zu trat aus dem Schatten der Laubgänge eine
der prachtvollen Gestalten der hundert Garden in weiße Brussa-Stoffe
oder rothe Sammt-Mäntel gehüllt; langsam, abgemessenen Schrittes und
ohne mich zu beachten, gingen sie vorüber. Einmal so auch der Sultan,
vermummt in die Kapuze seines Militär-Mantels mit einem einzigen
Begleiter. Man hatte mir früher gesagt, daß er so anwesend sei, um
das Fest seines Ministers mitzugenießen, weil ihm die Etiquette den
öffentlichen Besuch eines Hauses seiner Unterthanen verbietet. Ich
habe nie eine Situation erfahren, die mehr als diese gestimmt zu einem
Abenteuer gewesen wäre, und so sehr ging ich selbst in dieser Stimmung
auf, daß ich mit jeder schwindenden Minute nur um so fester an dessen
Kommen glaubte. Aber das, was dazu nothwendig ist, schöne Frauen, die
fehlten beinahe gänzlich. Es war von der Gesellschaft Pera’s nur ein
geringer Theil erschienen, die meisten waren Fremde und diese nicht
eben des jugendlichsten Alters. In jedem anderen Punkte übertraf
dieses Fest unendlich das, was Europa bei solchen Gelegenheiten bietet.
Manches Widerspruchsvolle lief freilich mit unter. So standen die
Diener, welche in dem gold- und juwelengestickten Zelte Suleiman des
Großen das Gefrorene servirten, ganz gemächlich in den Hemdärmeln, die
Aermel sogar hinaufgerollt, daß der bloße Arm zum Vorschein kam und
mit weißen vorgebundenen Schürzen da. Hier störte dieses Niemanden;
Jeder fand dieses Costüme wohl dem Geschäfte angemessen, mich aber --
ich will es nur gestehen -- verletzte es, und das Gefrorene wollte mir
nicht schmecken, welches von diesen entkleideten Lakaien dargeboten
wurde. So bringen wir es eben gerade in Kleinigkeiten nicht über unsere
Gewohnheiten hinaus.

Einen ähnlichen Gegensatz zu dem Gewohnten bot die Rückfahrt, die ich
auf einem Dampfer wählte, um schneller heimzukommen. Die Damen kamen
auf das Schiff, die Röcke hoch hinaufgehoben, einige die sie über die
Schultern gezogen hatten, andere sogar über den Kopf, weil sie in der
Garderobe ihre Mäntel und ihre Kapuzen nicht gefunden hatten; die
Herren saßen in den goldgestickten Uniformen, die Cigarren im Munde,
hart an sie angedrängt, ungenirt schlafend, den Kopf auf die Schulter
ihres Nachbarn gelehnt, bis ein unfreundlicher Stoß, oder der Fuß
des Caffegi, der sich, schwarzen Kaffee anbietend, durchdrängte, sie
aufweckte. Wer diesen ~retour d’un bal~ nicht mitgemacht, der
kann sich keinen Begriff von der Groteskheit, der Buntheit und der
Ungenirtheit dieser Bilder machen.

Im Harem Ali Pascha’s hatte Lady Bulwer vorgetanzt. Sie konnte mir
nicht genug die Grazie und den Anstand rühmen, womit die Frauen die
Lanciers tanzten. Der Eingang zum Harem war neben dem Rauchzimmer auf
dem Gange, nur durch ein paar spanische Wände und Eunuchen verstellt,
so daß die europäischen Damen immer frei ab- und zugehen konnten. Im
Herrenhause machte die Fürstin von Samos die Honneurs.

Ali Pascha ist ein kleiner, langsam und bescheiden sich vorbei
schiebender Mann, die unansehnlichste Figur seines ganzen Festes, in
Allem das gerade Gegentheil seines Collegen und Vorgesetzten im Amte,
Fuad Pascha’s. Der Großvezier ist eine hohe, breitschulterige, beinahe
athletische Gestalt, heftig im Gange und in der Bewegung, und so auch
im Worte, in seiner Denk- und Handlungsweise. Ali Pascha ist milde
und versöhnlich, ein verkörperter Gedanke des Korans; Beide ergänzen
sich und ihr Wirken. Der Orientale hat eine Selbstverläugnung der
Eitelkeit, deren ich kein europäisches Volk fähig glaube; ihm ist mehr
um das Wesen, als um den Schein zu thun. Man sehe sein Haus an, außen
verfallene, ungehobelte Dielen, drinnen -- wenigstens im Frauengemache,
das kein Fremder betritt -- kostbare Divane und Teppiche, und nun
vergleiche man das mit unseren anmaßungsvollen Bauten! Das Haus ist
der Mann, und so sich zu bescheiden in seinem Aeußern wie jenes weiß
der Türke. Der Sultan hatte unmittelbar nach seiner Thronbesteigung,
veranlaßt durch französische Umtriebe, Fuad Pascha entfernt. Nach
kurzer Zeit sah er die Nothwendigkeit ein, ihn wieder in das Amt zu
berufen. Fuad erklärte, daß der Sultan in den Augen seines Volkes
nicht Unrecht haben und es auch nicht eingestehen dürfe; er trat also
in das Ministerium ein unter einer Puppe von Großvezier, bis genug
Zeit seit dem letzten Ministerwechsel vergangen war, daß der Sultan
anständigerweise ihn auch wieder mit dem Range der obersten Würde
bekleiden durfte.


    Constantinopel, den 28. Juni.

Keine Stadt der Welt, Rom und Athen nicht ausgenommen, war reicher
an öffentlichen Denkmalen, als das alte Constantinopel; alle hatte
es bestohlen, um sich damit zu schmücken. Keine ist ärmer, als das
heutige; so wird erniedrigt, wer sich selbst erhöht. Außer den drei
Resten auf dem Hippodrome und dem Stumpfe der verbrannten Säule
in der Gasse von dem At-Meidan nach dem Platze der Sultan Bajasid
Moschee sind nur noch drei Säulenschäfte und der Sockel übrig, den
man für den Unterbau der Reiterstatue des Justinian hält. Man gibt
gewöhnlich diese Verwüstung dem Einfalle der Türken schuld; das aber
ist ein Irrthum. Das Constantinopel, welches sie eroberten, war schon
ein zerstörtes, halb niedergebranntes, seit der Plünderung durch die
Kreuzfahrer nie wieder ganz erholtes. Nicht als ob nach dem Jahre 1261
die Bewohner der Stadt nicht wieder an Reichthümern zugenommen hätten;
der Boden ist ein so günstig gelegener und so fruchtbarer, daß hier
schneller als an jeder anderen Stelle der Welt Vermögen, die verloren
waren, wieder gewonnen werden. Die Natur selbst hilft dazu; mit
unwiderstehlichen Strömungen zwingt sie von beiden Meeren die Schiffe
zum Einlaufen in den Hafen, so daß er mit gutem Grunde das goldene
Horn heißt. Aber der Kunstsinn, oder wenn man das zu schmeichelhaft
für die Byzantiner glaubt, wenigstens die Kunstliebe war nicht
wiedergekommen. Nichts trieb die Paläologen an, die umgestürzten Säulen
und Statuen wieder aufzurichten. Auch hatten die Lateiner das Meiste
so zerstört, das Metall eingeschmolzen, um Waffen daraus zu schmieden,
die Vergoldungen abgekratzt, den Stein zerschlagen und verbaut,
daß nicht einmal das Rohmaterial mehr übrig war. An tugendhaften
Vorwänden zu diesen Grausamkeiten fehlte es ihnen nicht; bald war es
ein Theodosius, den sie fällten, weil er einem Bellerophon ähnlich
an das Heidenthum mahnte, bald wieder die Schuld des griechischen
Glaubensbekenntnisses, die der Marmor oder das Erz verantworten sollte.
Nie ist eine Stadt furchtbarer verwüstet worden als Constantinopel
durch die christlichen Glaubensbrüder seiner Bewohner; vielleicht hat
erst unser Jahrhundert das Gegenstück dazu geliefert, die Franzosen in
Pecking. Was die Türken später thaten, war unbedeutend im Vergleiche
zu diesem Vorhergeschehenen. Sie richteten sich schon den Tag nach
der Eroberung häuslich ein, und da man in seinem Hause in Ordnung zu
leben wünscht, bestätigten sie den Fremden ihre Vorrechte und verliehen
den Griechen diejenigen, die sie bis heute als festgegliederte
Körperschaft in Religion und Nationalität ungeschmälert bestehen
ließen. Die Türken eroberten eben mit dem Gedanken und mit dem Willen
an dauernden Besitz; die Lateiner hatten im Grunde ihres Herzens
nie etwas Anderes gewünscht, als sich zu bereichern und mit dem
Raube, jeder Einzelne für sich, in die Heimath zurückzukehren. Darum
dieses unverständige Belasten des Volkes mit den Institutionen eines
Fremdlandes; sie zeigten sich als unfähige Colonisatoren, wie sie sich
auch später wieder in Amerika und Afrika bewährt haben. Wer gegen die
Unduldsamkeit der Türken schreit, soll nur diese beiden Eroberungen
derselben Stadt mit einander vergleichen und dann zusehen, auf welche
Seite hin die Gerechtigkeit den Stein des Vorwurfes schleudern muß. Der
einzige Fehler der Türken ist, daß sie von den ihnen übrig gelassenen
Denkmälern nichts erhalten, wenn es nicht ihrem Cultus dienstbar ist;
was verfällt, das lassen sie fallen. Aber wie lange ist es denn her,
daß wir es anders machen?!

Den Sockel zu der Reiterstatue des Kaisers Justinian zeigte man mir
zwischen dem At-Meidan und der Aja Sophia. Das entspricht der Lage,
welche die alten Schriftsteller diesem Denkmale anweisen. Noch Gilles,
der die Trümmer der Statue in der Gießerei sah, sagt: daß sie an der
Ecke der Sophienkirche gestanden habe, welche gegen Westen schaut.
Man steigt heute zu dem Würfel hinab, ungefähr gerade so tief, wie zu
dem Boden der Aja Sophia; ein Brunnen ist darin angebracht, Häuser
stehen darauf; ringsherum liegt die Erde in derselben Höhe wie auf
dem Hippodrom und um die Aja Sophia aufgeschichtet. Trotzdem habe ich
meine Zweifel, daß dieser Steinwürfel wirklich der gewesen sei, der die
Statue des Pandekten-Kaisers getragen.

Ein anderes dieser Denkmäler, das ich erst heute besah, ist bei der
Laleli Djami vorbei, die gerade Gasse weiter, einem großen Brunnen
vorbei, im Viertel Awret-Bazar, die sogenannte Säule des Arkadius.
Es sind dieses eigentlich nur mehr der Sockel und die untersten
Blumengewinde der Säulenbase, aber sie verrathen schon, wie ungeheuer
und weitbeherrschend dieses Denkmal gewesen sein müsse. Weit hinaus
übersahen wir von der Höhe Meer und Land; ein türkisches Linienschiff,
von der Schraube bewegt, dampfte eben in den Bosporus. Eine Weile
ließ mich der Ausblick alles Andere vergessen. Die Mauern und die
Treppe darinnen sind aus Marmorblöcken gefügt von überraschender
Größe; sie brechen auseinander. Der Stein ist geschwärzt und verkohlt,
wie die Säulen im Palaste der Blachernen; ein Zeichen, daß zuletzt
wenigstens das Feuer an der Zerstörung der Säule gearbeitet haben muß.
Kein Wunder, denn außen herum sind Holzhütten gebaut und im Innern
des Sockels hat ein Schmied seine Werkstätte eingerichtet. In dem
Plafond des Treppenabsatzes ist ein großes gleichschenkliches Kreuz
ausgehauen und in den vier Ecken, die seine Arme ausschneiden, ein
Alpha und Omega; so wenigstens übersetzt Professor Dethier die zwei
Zeichen Α und ω. Man hat das zweite früher als ein zufällig schief
gestelltes E gedeutet und dazu Arkadius und Eudoxia ergänzt, so daß
der Beweis fertig schien, daß dieses die Säule des Arkadius gewesen,
welche ihm für seine Siege über die Gothen aufgestellt worden war. Ein
ganzer Theil des byzantinischen Stadtplanes wurde um diese Entdeckung
aufgebaut; so leichtgläubig und behende sind die Archäologen. Ihre
Wissenschaft ist mir beinahe gerade so verdächtig, als die der
Statistiker. Um einen ausgegrabenen Stein mit wenigen sinnlosen
Buchstaben darauf bauen sie ein ganzes Gebäude, um das Gebäude eine
Stadt; das einmal Aufgestellte wird dann durch Jahrhunderte geglaubt,
verwirrt alle Vorstellungen und hindert die weiteren Forschungen.
Gerade hier in Constantinopel, je mehr ich mich umsehe, erkenne ich
die Nothwendigkeit, ~tabula rasa~ mit den Vorstellungen des bisher
Erforschten zu machen. Vielleicht würde sich dann auch der bisherige
Name dieser Säule als ein ungerechter beweisen. Ich glaube viel
eher, daß er der crenelirten mit dem reichen korinthischen Kapitäl
in den Gärten des Serais zukomme. Die dortige Inschrift macht es
wahrscheinlich: „dem Besieger der Gothen“; das war Arkadius vor
Anderen besonders. Die Angabe Pouqueville’s, die ihm Hammer als ein
Mißverstehen des Gilles rügt, dürfte mit meiner Vermuthung auf der
Wahrheit beruhen.

In dem ehemaligen Stadtviertel der Janitscharen suchte ich das
letzte der altconstantinopolitanischen Denkmäler, das mir noch zu
besichtigen übrig blieb, die Säule des Marcian. Die Türken nennen sie
Kistasch, Mädchenstein, und glauben, daß darauf einmal die Statue der
Venus gestanden, von der die Tradition wie die Chroniken erzählen,
daß sie die Jungfrauschaft der Vorübergehenden durch das sonderbare
Mittel geprüft habe, ihnen die Röcke auffliegen zu machen, wenn sie
eine nicht mehr ganz reine war. Ich möchte auch diese Tradition nicht
unberücksichtigt gelassen sehen, wenn wieder einmal die Herstellung
eines Stadtplanes des alten Constantinopels versucht wird. Trotz der
Inschrift, welche alle Zweifel zu verbannen scheint, wer weiß denn,
was früher und was später auf dieser Säule gestanden und ob das Wort
des Volksmundes nicht ein Körnchen davon festgehalten hat? Hammer hat
sie jedenfalls nicht richtig gesehen; der Schaft ist nicht von weißem
Marmor, wie er erzählt, sondern von Granit. Die Säule steht eingesperrt
in dem engen Hofe eines türkischen Hauses, ein kleines Gärtchen davor
und so hinter Mauern versteckt, daß, da wir schon von den Pferden
abgestiegen waren, ich ihrer noch immer nicht gewahr wurde. Es brauchte
viele Versprechungen, bis uns ein altes Weib das Gartenthor öffnete.
Durch einen Laubgang traten wir ein; Alles klein in dem Garten, aber
sorgsam gepflegt, voller Schlingrosen und Granatblüthen. Die Alte
zog sich schnell zurück und ließ uns als die Herren des Raumes;
ihr mußte schon der kurze Verkehr mit fremden Männern als sündhaft
erscheinen, und nur das reichliche Trinkgeld und ihre Armuth mochten
sie dazu bestimmt haben. Den Hof, der nur wenige Schritte groß, so
daß nirgends recht ein Standpunkt zur übersichtlichen Würdigung der
Säule zu finden ist, verengen auch noch Erd- und Misthaufen, doch ist
der Sockel soweit frei, daß man unterscheidet, hier, wie auch bei der
sogenannten arkadischen Säule, ausnahmsweise zugleich mit dem Denkmale
unmittelbar auf der Erdschichte des alten Constantinopel zu stehen.
Das zeigt nur, welche Masse von Verwüstungen die Gegend des Hippodroms
und der Aja Sophia heimgesucht und welche Menge von Stoff für die
Zerstörung dort gestanden haben muß. -- Bis auf die Statue ist die
Marcians-Säule in ihrer ursprünglichen Höhe erhalten. Sie ist niedrig
und überragt nicht wie die anderen Denkmäler des alten Constantinopel
die Bauten der Neuzeit. Auf der einen Seite hat auch sie das Feuer
verletzt; Sockel, Schaft und Kapitäl sind dort verkohlt. Vielleicht daß
das ein Rest der furchtbaren Feuersbrunst ist, welche gelegentlich der
Janitscharen-Vertilgung dieses Quartier niederlegte. Wahrscheinlich
standen damals die Holzhäuser noch näher darum. Die Arbeit an der
Säule ist zierlich, ohne edel zu sein; das Kapitäl, korinthisirend,
ist nicht geradlinig über den Sockel, sondern mit seinen vier Kanten
über die Ecken des Sockels gelegt. In dieser Weise [Symbol 4]. Ob das
der Einfall des ersten Erbauers oder erst später durch einen Zufall so
gestellt worden ist, ist nicht zu entscheiden. Dem Kapitäl liegt ein
Würfel auf, dessen Ecken von Adlern abgeschnitten sind. Im Sockel sind
auf drei Seiten Kränze um ein Kreuz ausgehauen, auf der vierten zwei
Genien neben der Inschrift. Marcian, dem sie geweiht, war der niedrig
gebotene Thracier, den die jungfräuliche Pulcheria nach dem Tode ihres
Bruders Theodosius II. zum Scheingemale erhob, damit das Reich
nicht ohne männlichen Kaiser sei. 6½ Jahr regierte er, von 450-457.

Diese Mode, sein Bild auf eine Säule hoch über andere Mitgeborene
hinauf in die Lüfte zu stellen, wie das hier in Constantinopel und in
dem Rom der Kaiserzeit üblich war, beweist mehr als alles Andere den
Hochmuth und den Ungeschmack der Zeit. Das Naturgemäße, das, was dem
Zwecke entspricht, ist, die Statue dem Beschauer gegenüber zu stellen,
damit er ihre Züge und das Detail der Arbeit erkenne. So hatten die
Griechen ihre Kunstwerke aufgestellt und zu solcher Beschauung die
griechischen Künstler sie gearbeitet. Kein Bau ist bei ihnen so hoch,
daß nicht das freie Auge daran die bildhauerische Ausschmückung
unterscheiden könnte. Erst als die Kunst verfiel, wuchs sie ins
Riesenmäßige aus; die Quantität sollte ersetzen, was die Qualität
nicht mehr gab, und als dann im selben Grade mit dieser geistigen
Verschwächung -- wie das nun immer geschieht -- die Einbildung der
Menschen stieg, da stellte die Kunst ihre schlechter verfertigten Werke
den Vögeln zur Nachbarschaft und Anschauung aus. Vielleicht glaubten
sich auch dort oben die Kaiser sicherer, als sie es unten gewesen
wären vor den Beleidigungen und Steinwürfen der Unglücklichen, die sie
mißhandelt hatten; denn die meisten errichteten ja sich selbst diese
Denkmale. Keines dieser Götzenbilder steht mehr auf seinem luftigen
Platze, ja keines lebt mehr. Die älteren, bescheideneren Statuen,
die sich auf der Erde hielten, zeugen wenigstens noch, aufgehoben in
irgend einem Museum, von der Kunstfertigkeit der Meister, die sie
geliefert haben. Stellten die Griechen einmal Denkmäler in die Lüfte
hinauf, wie die siegmeldenden Dreifüße in der Tripoden-Straße zu
Athen, um wie vieles geschmackvoller, mit welch’ richtigerem Sinne
für die Verhältnisse formten sie ihnen dann den Unterbau! Aus breiter
Basis wuchs eine reiche Blüthe empor, die sich oben nach allen Seiten
entfaltet. So das Denkmal des Lysikrates, wie es noch heute erhalten
ist. Ich kenne nichts widersinnigeres und mir in der Erscheinung
widerwärtigeres, als solch’ eine spindeldürre, hungerleiderische
Säule, die auf ihrer Endlosigkeit ein kleines Männlein trägt, von dem
unten geschrieben steht, daß es diesen oder jenen berühmten Helden
vorstelle. Wenn es sonst gesetzlich ist, daß der Zweck das Mittel
rechtfertige, so ist hier diese Lehre beinahe in umgekehrter Weise
angewendet, denn das Männchen scheint mehr der Säule wegen da als sie
seinetwegen. Der ernstliche Zweck einer Säule ist zu tragen, aber eine
Last zu tragen, nicht dieses quintchengroße Pünktchen. Und die geistige
Bedeutung des Mannes -- wie wohl auch behauptet werden könnte --
wenigstens symbolisch mit zu stützen, das kann doch unmöglich als die
ernstliche Aufgabe einer so durchaus körperlichen Erscheinung, wie es
eine Säule ist, gemeint sein. Von allen Mustern, die uns das Alterthum
hinterlassen hat, ist keines öfter als dieses geschmacklose nachgeahmt
worden, und Paris, die Hauptstadt der Civilisation, ging allen anderen
Sündern mit dem fleißigsten Beispiele voran.


    Constantinopel, den 29. Juni.

Wo man auch hier steht und wie fest man den Entschluß mitgenommen,
immer wieder vergißt man im blos genießenden Anschauen der Gegenwart
den lehrreichen Rückblick auf die Vergangenheit. Meine gestrige
Wanderung zu den Säulen des alten Constantinopel hatte mir den Gedanken
gegeben, einen übersichtlichen Plan der ehemaligen Stadt zu gewinnen.
Ich wollte dazu vor allem die Natur des Ortes reden und den Augenschein
entscheiden lassen. Der günstigste Standpunkt, wie eigens zu diesem
Zwecke geschaffen, ist der Thurm des Seraiskeriats. Mit seiner Höhe
überschaut er die ganze Gegend, läßt ihre natürlichen Bedingungen und
Vortheile erkennen, und mit seiner Lage -- beinahe mitten in der Stadt
-- gibt er dem Auge ziemlich weithin den Faden durch das Labyrinth
der Gassen und Gäßchen. Aber alle mitgebrachten Absichten waren
vergessen, als ich erst oben vor der ausgebreiteten Landschaft stand;
wie Nebelbilder, weggeblasen von einem einzigen Windstoße, löschte
sie der erste Blick aus. Der Himmel war wolkenlos und die Luft so
durchsichtig, daß das Auge auch noch unmögliche Entfernungen zu sehen
wähnte. Die Felsen der Prinzen-Inseln warfen der scheidenden Sonne
rothglühende Lichter zurück, so prachtvoll, daß es klar wurde, warum
der liebe Gott sie gerade dort aus der blauen Fluth der Propontis hatte
auftauchen lassen: Spiegel, das letzte Sonnenlicht aufzufangen und dem
Tage das Leben noch um einige Augenblicke zu verlängern. Segel deckten
das Meer so reichlich, daß es aussah, als habe der himmlische Sämann
den Samen weißer Lilien in diesen flüssigen Acker gestreut und gingen
jetzt seine Blüthen auf, die der Wind mit leiser Bewegung begrüßte.
Wo das Auge hinblickte, fand es Beweise der Herrlichkeit dieser Erde,
unvergleichliche, wie ich sie wenigstens herrlicher auf keinem anderen
Erdenflecke noch gesehen. Ungeheurer als jemals erschien mir der
Umfang und die Bedeutung der Stadt, besonders des gegen die Landseite
gelegenen Theiles. Im goldenen Sonnendunste verschwanden dort ihre
Grenzen. Es dauerte eine gute Stunde, bis ich mich so weit gesammelt
hatte, um auf die mitgebrachten Pläne zurückzukommen.

Gewöhnlich nimmt man an, daß der Raum, welchen das alte Byzanz
bedeckte, genau der des heutigen Serai gewesen sei, und daß dann später
auf dieser Stelle der Palast der römischen Kaiser gestanden habe. Das
sind für die Stadt, welche auf dem unausweichlichen Stationspunkte
einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der hauptsächlichsten
Handelsstraßen der damaligen Welt stand und welche beinahe tausend
Jahre alt war, als sie Constantin zu seiner Residenz erwählte, zu
enge Grenzen. Doch auch die weiteren, welche ihr Hammer zieht, halte
ich für irrige. Gleich zu Anfange seines Werkes „Constantinopel und
der Bosporus“, wo er den Umfang der Stadt bespricht, behauptet er:
daß diese vor der Zeit des Constantin durch eine Mauer von Tschatlady
Kapu (dem geborstenen Thore) auf der Seeseite quer über den Rücken der
Hügel hinauf, an der verbrannten Säule vorüber, nach der Hauptmauth
auf dem Ufer des goldenen Hornes hinab abgesperrt gewesen sei. So
heißt es Seite 60 und später wieder S. 166 des ersten Bandes; S. 155
verengt diese Grenze auf den Platz vor dem großen Serai-Thore, Baby
Humajum, und S. 174 und 180 vergrößert sie wieder und diesesmal sogar
bis zu dem Platze des Seraiskeriates. Das sind also in demselben Buche
für dieselbe Stadt drei Grenzen, und das nur, weil die Flüchtigkeit
der Arbeit weder den Ort zu sehen, noch die alten Schriftsteller
zu lesen verstand. S. 60 nennt den Platz der verbrannten Säule das
Forum Constantini; S. 127, wo die Plätze der Stadt aufgezählt werden,
trennt dieses Forum von dem des Augusteon bei der Aja Sophia; S. 150
läßt aber beide wieder eins sein. Dadurch kömmt z. B. der goldene
Meilenzeiger zugleich auf den Platz bei der Aja Sophia und auf den der
verbrannten Säule zu stehen; denn S. 154 erklärt, daß der Meilenzeiger
auf dem Augusteon (nach Hammers Ansicht dem Platze vor dem heutigen
Serai), S. 155 an der Stelle des ehemaligen Stadtthores gestanden
habe. Dieses aber stand nach S. 60 auf dem Forum Constantini an der
Stelle der heute verbrannten Säule. Mit solchen Widersprüchen, die
zugleich durch die noch heute sichtbare Natur der Dinge, aber auch
durch die eigenen Behauptungen des Verfassers widerlegt werden, ist
das Buch gefüllt. Wer hier die Dinge anschaut, oder auch nur das
Buch vergleichend liest, d. h. eine Seite zurückschauend auf die
andere, der muß sie mit Leichtigkeit finden. Unbegreiflich bleibt es
mir, wie man so lange dieses Buch leichtgläubig excerpiren und seine
Fehler abschreiben konnte. Hammer war ein fleißiger Forscher, aber
offenbar ein unordentlicher Haushalter. Die Excerpte seiner Forschung
scheint er gegenstandlos untereinander gemengt und ohne Rücksicht auf
einen Grundgedanken in den Text seines Werkes aufgenommen zu haben.
Es scheint ihm mehr um das Forschen, als um das Beweisen zu thun
gewesen zu sein. Dadurch allein ist erklärlich, wie er gegentheilige
Behauptungen in demselben Buche aussprechen konnte. Mir sind, ich
gestehe es aufrichtig, nach diesen Erfahrungen, die ich an dem einen
Werke gemacht, auch die zehn Bände seiner osmanischen Geschichte
verdächtig geworden. Noch schwächer denn als Historiker, erscheint er
als Topograph. Die wirklichen Dinge zu sehen scheint er sich gar nicht
bemüht zu haben. Den ägyptischen Obelisken auf dem At-Meidan läßt er an
der Stelle der Schlangensäule stehen, diese dort; die verbrannte Säule
läßt er dorischer Ordnung, die des Marcian aus weißem Marmor und die
Kyaneeischen Inseln nur eine Klafter hoch sein. Das läßt übrigens das
andere Verdienst dieses Mannes unangegriffen, uns den Orient überhaupt
erst erschlossen zu haben. Dieses „Sesam, öffne Dich“ hat ihn unter die
Heroen der Wissenschaft gestellt.

Vergleiche ich nun den Dio Cassius und die Schilderung, welche dieser
uns von der Stadt Byzanz gegeben, mit dem Blicke, den ich heute vom
Seraiskeriatsthurme herab auf Land und Meer geworfen habe, so möchte
ich die Stadt des Byzaz überhaupt nicht so sehr ~à cheval~ auf dem
Terrain der heutigen Seraispitze, als vielmehr von jenem Vorgebirge
aus tiefer in das goldene Horn hinein, vom Strande die Hänge der Hügel
hinauf gebaut denken, so wie Neapel, Genua und Triest auf ihren Bergen
um ihren Golf stehen. Die festen Quadermauern, welche Dio Cassius
so sehr bewunderte, werden dann auf den Kämmen der Hügel hinter der
Stadt fortlaufend, östlich neben der Aja Sophia, das Terrain des
heutigen Serais berührt haben, und dort zu dem Canale des Bosporus
hinabgestiegen sein. Dadurch war der Stadt der Rücken gegen die damals
in den Begriffen der Menschen noch unwirthliche See gedeckt und doch
hatte sie die günstige Lage an einem Meerbusen und auch die andere
vorschauende und beherrschende auf dem Vorgebirge, das eine Seestraße
sperrt. Die Stadt mag in dieser Stellung bis zu der heutigen zweiten
Hafenbrücke gereicht haben. In diesem Plane auch nur finde ich die
Möglichkeit, die beiden Häfen anzubringen, von deren Vorhandensein in
dem Ufer Dio Cassius berichtet. Das ganze Vorgebirge der Seraispitze,
worauf man sich gewöhnlich diese erste Stadtanlage denkt, bietet keinen
Punkt, der einmal zu einem Hafen tauglich gewesen wäre. Der Bosporus
schoß dort immer mit derselben Strömung wie heute vorüber, und seine
Wirkung ist es wohl, die diese Küste so gleichmäßig abgerundet hat.

Der Raum oben auf den Hügeln, der Platz vor dem Serai, der der Aja
Sophia, der At-Meidan und die Gasse der verbrannten Säule gehörten
schon zu dem Lande außerhalb der Thore, das Constantin dann zur Anlage
seiner Neustadt benutzen konnte. Ein Thor mag auf der Stelle des
heutigen Seraiskeriates, dem ~forum tauri~ der constantinischen
Zeit, gestanden haben. Erst die Erweiterung des späteren Bedürfnisses
drängte die Stadt auf der anderen Seite der Hügel zum Marmora-Meere
hinab. Uebrigens concentrirt sich heute noch auf den Uferwänden des
goldenen Hornes das meiste Leben. Nichts im Dio Cassius berechtigt
zu der Vermuthung, daß die Stadt schon zu seiner Zeit auch an der
Propontis gelegen habe. Er schildert nur, daß der Bosporus, aus dem
Pontus Euxinus kommend, sich an einem Vorgebirge breche, mit einem
Theile seiner Wasser in den Busen und die Häfen der Stadt einbiege,
mit dem größeren Theile aber an der Stadt vorüber in den Propontis
hinaus ströme. Also an ihr +vorüber+, aber nichts davon, daß
die Stadt auch von den Fluthen der Propontis benetzt werde; im
Gegentheile, die ganze Darstellung verweist sie mit ihren Häfen mehr
in den Busen des goldenen Hornes, was auch das Naturgemäße, das durch
die Forderungen der damaligen Schifffahrt mehr noch als durch die der
heutigen Gebotene war. So sehr bin ich von der Naturnothwendigkeit
dieser Lage überzeugt, daß ich nicht einmal das zugebe, daß der erste
Keim, der Anfang der Stadt auf der Seraispitze gelegen habe. Dort mag
zu Vertheidigungszwecken, wie bei allen Städten des Alterthums, auf der
Höhe die Akropolis angebracht gewesen sein und unten auf der Landspitze
nach griechischer Sitte der Tempel irgend einer Meerfahrt beschützenden
Gottheit. Aber die erste Anlage der Häuserstadt war gewiß unten auf
dem ebenen Felde bei der heutigen Hauptmauth, wo sie in einem kleinen
Seitenhörnchen des großen goldenen Hornes ruhiges Seewasser vor sich
und Windstille im Rücken hatte. Heute noch ist auf diesem Flecke die
größte Geschäftigkeit gesammelt, als solle ein fortlebender Zeuge
beweisen, daß dieses in der That die Altstadt, die City sei. Nach und
nach wird sie sich nach rechts und links hinüber ausgebreitet haben, so
daß die Stadt, welche Septimus Severus bekriegte, die ganze Seraispitze
mit demselben Gedränge enger Gassen erfüllte, welches den Städten
des Alterthums mehr noch als unseren Bürgerstädten des Mittelalters
eigenthümlich war.

Es ist eine irrige Meinung, welche behauptet, Septimus Severus habe
die Stadt, die er erobert, zerstört; er behandelte sie nur wie ein
Dorf, d. h. er nahm ihr die städtischen Rechte und Privilegien. Seine
Soldaten mögen bei der Plünderung manchen Bau und manches Denkmal
verwüstet, viele Bürger niedergemetzelt haben; aber daß sie oder ein
späterer Befehl des Kaisers die Stadt, wie das im Alterthume öfters
geschah, dem Erdboden gleich gemacht und die Einwohner gefangen
weggeführt hätten, um eine andere Stelle des Reiches zu bevölkern,
steht nirgends geschrieben. Im Gegentheile der Kaiser selbst stellte
die Stadt wieder her und muß dabei sogar die Absicht gehabt haben, sie
noch zu verschönern, denn vor ihren Mauern kaufte er ein freies Feld
und begann ihr dort eine Rennbahn zu bauen, groß und fest, wie sie nur
Rom besaß. So fand Constantin die Stadt und ihre Umgebung, als er den
Entschluß faßte, hierher seine Residenz zu verlegen. Aber auch wenn
Septimus Severus weniger großmüthig gehandelt hätte, so mußten doch die
129 Jahre, die vom Jahre 196 bis zum Jahre 325 nach Chr. vergingen, die
Wunden der Eroberung wieder geheilt haben. Auch ohne jedes besondere
menschliche Zuthun, die blos natürlichen Verhältnisse des Ortes,
die Gunst seiner Lage und die Fruchtbarkeit des Bodens mußten das
zustande bringen. Es gibt Erdenflecke, die nicht steril zu legen sind.
Constantin fand eine ansehnliche und volkreiche Stadt schon vorhanden
und -- mag nun die Anschauung recht haben, die sie auf den ersten
Hügel, den Umfang des heutigen Serais, beschränkt, oder die meinige,
die sie von diesem Vorgebirge weg dem goldenen Horne entlang nur auf
der einen Seite der Hügel gebaut denkt -- in jedem Falle auch von ihr
die Stätte des heutigen Serais besetzt. Dort stand die Akropolis und
um sie wahrscheinlich ein Stadttheil, der gedrängt und bevölkert,
alt und eben darum werth in der Erinnerung der Eingeborenen war. Daß
Constantin alle diese Gefühle, daß er alt angesiedelte Existenzen
wegrasirt haben sollte, um an ihre Stelle auf das Vorgebirge des
Serais seinen Palast zu bauen, wie Hammer behauptet, das ist bei aller
Rücksichtslosigkeit, welche den damaligen Machthabern zugeschrieben
wird, doch nicht anzunehmen. Er kam, um eine Stadt zu vergrößern,
nicht um eine zu zerstören. Der Eindruck des heute Bestehenden hat da
in einen Irrthum verführt, der durch nichts sonst zu rechtfertigen
ist; denn auch die späteren Pläne und Beschreibungen der Stadt zeigen
uns auf dieser Landspitze nichts, welches dem kaiserlichen Palaste
ähnlich befunden werden könnte. Es sind Bad- und Kirchenanlagen, und
immer wieder die Akropolis, welche dort erscheinen. Und mehr noch,
ich möchte sagen, die Gegenwart selbst zeugt gegen diese Vermuthung.
Was sollte die schöne korinthische Säule, welche in den Gärten des
Serais steht, in den Räumen des alten Palastes, dessen sonst doch so
eingehende Beschreibungen ihrer nicht erwähnen? Es scheint mir das
ein gewichtiger Grund, den Hammer übersah, und den auch La Barte zu
Gunsten seiner Behauptung, daß der Palast neben dem Hippodrom, dort, wo
heute die Achmedjie, den Hügel hinab bis zum Meere gelegen habe, nicht
verwerthete.

Den Hippodrom fand Constantin begonnen; der machtvolle Quaderunterbau,
der die Fläche der Hügel verlängert, war vollendet, ein Theil der
Sitzreihen und das nördliche Kopfende standen, er hatte nur den
südlichen Halbkreis abzuschließen, die Stufen fertig zu bauen und
die innere Einrichtung herzustellen. Was konnte ihm bequemer sein,
als neben das Theater, das damals schon wie ein Haupterforderniß
so auch der hauptsächlichste Schauplatz des römischen Lebens war,
sein Haus hinzubauen? So kam der neue Wohnsitz der römischen Kaiser
auf den Hügelabhang östlich vom At-Meidan mit der Aussicht auf den
Propontis zu stehen. Wenn jene Zeit Städte gründete, einen Palast und
ein Theater baute, dann baute sie auch eine Kirche, und besonders
Constantin mußte das, der ja des Glaubens wegen hierher übersiedelte.
Wie obdachlos wären die heutigen Gläubigen, wenn nicht die Vorfahren
unseren religiösen Bedürfnissen vorgesorgt hätten. Die Basilika der
h. Weisheit, ein Langbau mit dem üblichen hölzernen Dache, entstand
in der unmittelbaren Nähe des kaiserlichen Palastes und der Rennbahn.
Der Platz, der zwischen diesen Neubauten frei blieb, bildete sich
von selbst als Forum, das wie die zu Rom von Säulenhallen umfaßt
war. Man hat immer besondere Schwierigkeiten, sich diese ~fora~
vorzustellen, und doch existirt eines und ist heute noch in praktischem
Gebrauche, das sie in genauer Nachahmung fortsetzt. Der Marcusplatz
ist offenbar wie das Meiste des altvenetianischen Lebens nur eine
Copie des zu Constantinopel Gesehenen. Von den vielen ~foris~ und
von den Gassen, die mit Hallen eingefaßt, diese Plätze untereinander
verbunden haben, mögen die Säulen herrühren, die zu Scheiterhaufen
geschichtet in den Stadtmauern liegen. Die ganze Gebäudegruppe,
der Palast, der Hippodrom und die Basilika der h. Weisheit, womit
Constantin seine Stadtgründung begann, lag also unmittelbar vor den
Mauern der Altstadt, theilweise vielleicht sogar auf dem Grunde dieser
Mauern selbst, da sie gewiß niedergerissen worden waren. Es war das
die beste Lage, die gewählt werden konnte, denn sie gab zugleich den
Neubauten beliebigen Raum zu ihrer Ausbreitung und stellte sie doch in
den Mittelpunkt des Verkehrs, weil sofort die Neustadt sich ringsherum
fortpflanzte. Wer diese Lage des römischen Kaiserpalastes bezweifelt,
weil sie ihm weniger vortheilhaft und weniger schön als die des
heutigen Serais erscheint, dem antworte ich, daß sie immer noch schöner
und vortheilhafter, als die jedes anderen Fürstenschlosses ist. Er
steige nur auf einen der Minarete der Achmedjie, und sehe vor sich, und
rechts und links hinüber unten das Marmora-Meer, die Prinzen-Inseln,
die Küsten von Europa und Asien wie zur Umarmung ausgebreitet, und im
Hintergrunde die röthlichen Gebirge von Nikomedien und Bithinien, den
schneebedeckten Olymp zu oberst, aufsteigen: ein Bild, so prachtvoll,
daß er gewiß in der Betrachtung das Verlangen nach einem prächtigern
verliert. Ueberdies ist es mir wahrscheinlich, daß der Grund und Boden
des heutigen Serai, damals verstellt durch enge und schmutzige Gäßchen,
Niemanden die entzückende Aussicht ahnen ließ, die er heute bietet.

Anfangs stand der kaiserliche Palast gewiß ausschließlich oben auf der
Höhe, etwas tiefer zwar als der Hippodrom, denn eine Stiege führte von
jenem zu diesem hinauf, aber doch immer auf der obersten Stufe des
Hügels. Der Grund davor, bis zum Meere hinab, wird dem kaiserlichen
Eigenthume vorbehalten geblieben sein. Gärten werden sich den Hügel
hinab gezogen haben, und unten vielleicht damals schon der ~portus
palatii~ (Palasthafen) angelegt worden sein. Erst die späteren Kaiser
füllten diesen weiten Raum mit immer neuen Gebäuden. Der Palast
selbst zerfiel dann, als er einmal so angewachsen war, in drei
Hauptabtheilungen. Die beiden, welche Chalke und Daphne genannt wurden,
hatte schon Constantin erbauen und Justinian nach dem Brande beim
Aufstande der Nike wieder herstellen lassen. Die dritte Abtheilung, der
heilige Palast, das spätere eigentliche Wohnhaus der Kaiser, verdankt
sein Werden zumeist Justinian II., dem prachtliebenden Theophilus
und Basilius dem Macedonier. An diese Hauptkörper setzten sich eine
Menge Nebenbaulichkeiten an, Kirchen, Gallerien, Säulengänge, Arkaden,
auch eine Privat-Rennbahn. Zuletzt baute noch Kaiser Theodosius II.
unten auf den Strand einen vierten Palast, den sogenannten Bukoleon,
welchen Nicephorus Phocas im 10. Jahrhundert in eine befestigte Burg
verwandelte. Nicht als ein massiges zusammenhängendes Ganze muß man
sich diesen Wohnsitz der römischen Kaiser vorstellen. Er war kein
Louvre und keine Tuilerien, er war ein versteinertes Zeltlager, so
recht in jener Art des Orients gebaut, die der Boden und das Klima
hervorgebracht haben und die alle Völker unter diesem Himmelsstriche
wiederholen. Und wie der Grundriß, so war auch die Ausschmückung
des Baues getreu dem orientalischen Geschmacke, kostbares Gold,
Mosaikgebilde, Marmortäfelung und Metallbekleidung. Musivische Bilder
bedeckten die Kuppeln und die Wände bis zu wenigen Fußen über dem
Boden. Unsere Gobelins sind nur eine ärmliche Nachahmung dieser Mode.
Dem oströmischen Kaiserhofe galten Teppiche auch noch für den Boden
zu schlecht; in den kaiserlichen Gemächern wurde dieser mit Goldsand
bestreut, den ein regelmäßig eingeführter Schiffsdienst aus Afrika
brachte. Vielleicht ist dieser byzantinische Hof das einzige Beispiel,
welches all’ die Vorstellungen von orientalischer Pracht verwirklichte,
die unsere Kinderphantasie so sehr beschäftigen.

Verlassen ward der Palast und vertauscht gegen den Wohnsitz im
Stadtviertel der Blachernen erst im 12. Jahrhundert. Ich glaube, daß
dieses, wie auch die Uebersiedelung der Sultane von dem Serai nach
Dolma-Bagdsche mit einem Wechsel des Regierungssystemes zusammenhing.
Das oströmische Kaiserthum ging von einer constitutionellen, wenigstens
scheinbar noch immer durch den Senat gebundenen Form zu der einer
unbeschränkten Monarchie über; die heuchlerische Maske, nur der
erste Beamte des Senates zu sein, welche Augustus angenommen hatte
und die seine Nachfolger fortwährend festhielten, ward offen abgelegt
und der Kaiser zeigte sich nun auch aufrichtig in der Form als der
Alleinberechtigte, als der Alleinwillige und der Alleinentscheidende,
als der Allherrscher, wie er es in der That schon längst war. Es war
das Herüberwirken des Occidentes, das diesen Wechsel verursachte; nach
und nach war auch der Orient in feudale Formen gekleidet worden. Dazu
aber brauchte der Kaiser noch mehr persönliche Sicherheit als bisher
und die Vertheidigung mehr gegen die innere Stadt zu gekehrt als gegen
außen, weil er gegen den inneren Feind allein stand, gegen den äußeren
aber doch gewöhnlich die Hilfe seiner Mitbürger hatte. Aus diesem
Grunde mag schon Nicephorus den alten Palast befestigt und die Uferburg
des Bukoleon erbaut haben, und deshalb übersiedelte dann Manuel der
Komnene ganz in den festen Palast der Blachernen. Der constantinische
Palast war schon seines Umfangs wegen nicht zu vertheidigen, und
hatte er früher manchen Aufständen widerstanden, so waren jetzt die
Angriffswaffen andere geworden. Einmal verlassen, erlagen seine Mauern
schnell dem Einflusse der Zeit. Sie waren gewiß wie alles Byzantinische
zumeist Ziegel, der sich in Staub auflöst, und was daran Stein gewesen,
mag der Rohheit der späteren Zeit geradezu als Steinbrüche gedient
haben. Christof Bondelmonti, der 30 Jahre vor der Eroberung der Stadt
durch Mohammed II. hier gewesen, sah nicht einmal mehr Ruinen;
man kann also diese Zerstörung nicht den Türken Schuld geben.

La Barte (~le Palais imperial de Constantinople, Paris 1861~) hat
die vollständige Restauration dieses Palastes auf dem Papiere versucht.
Sein erster Gedanke trifft gewiß das Richtige, in der weiteren
Ausführung geht er, wie alle Entdecker, zu weit; er baut Einzelnes auf,
das jeder Architekt als unmöglich verwerfen wird und das in dieser
Regelmäßigkeit auch dem Geiste des Zeitalters und der Bauweise dieser
Himmelsstriche zuwider ist. Der Obelisk des Theodosius, der heute noch
auf dem At-Meidan steht, und von dem man weiß, daß er auf der Mitte
der Spina stand, ist der Ausgangspunkt seiner Arbeit. Zwischen dem
Kaiserpalaste und der Aja Sophia denkt er sich das Forum Augusteon. Auf
diesem stand unter anderen das große Reiterstandbild des Justinian,
und zwar, wie der Augenzeuge Gilles angibt, an der westlichen Ecke
der Sophienkirche. Ist der Brunnen, den man mir als den Sockel
dieser Statue zeigte, richtig, dann müßte die Lage dieses Platzes in
Uebereinstimmung mit diesen historischen Angaben als unwidersprechlich
bewiesen gelten. Daß Hammer, der das Augusteon zwischen die Aja Sophia
und die heutige Serai-Mauer, also östlich von der Kirche verlegt, auf
diesem Forum aber das Reiterstandbild des Justinian und diesen westlich
gelegenen Brunnen als den Sockel desselben behauptet, ist ein anderer
Beweis von seiner wenig sorgfältigen Darstellung.

Will man gegen die Lage der constantinischen Kaiserpaläste auf den
Hügelhängen neben dem Hippodrom die Frage einwenden, wie dann später
das Serai auf die Stätte des alten Byzanz gekommen sei, wenn ihm nicht
schon früher der römische Kaiserpalast dort den Platz vorbereitet
hätte? so antworte ich, daß die fürchterlichen Feuersbrünste, welche
unter den Lateinern beinahe wochenlang die Stadt durchwütheten, gerade
dort am ärgsten hausten; daß sie einen großen Theil jener ältesten
Stadt niederlegten; daß die Bevölkerung, die fortwährend abnahm,
diese Stellen nicht mehr sehr bebaut haben mag, jedenfalls nicht mit
Gebäuden, die ähnlichen Feuersbrünsten widerstehen konnten. Ganz
Constantinopel war, als es Mohammed eroberte, mit Ruinen durchzogen,
mit Ruinen, die aber weit älter als die Wunden dieser letzten
Belagerung waren. Wem das unwahrscheinlich klingt, der erinnere sich
an das Rom, wie es ihm nach den Kriegen des Belisar und noch später
in seinen mittelalterlichen Zuständen geschildert wird. Uebrigens, da
Mohammed nicht gleich auf die Seraispitze sein Haus baute, sondern sich
zuerst auf dem Forum tauri einrichtete, wo ehemals der prachtvolle
Triumphbogen des Theodosius II. stand und wo ich heute von
dem Feuerthurme des Eski Serai (des +alten+ Schlosses) meine
Vogelschau hielt, entfällt der Beweis, der sich darauf stützen will,
daß die directe Nachfolge des Serais für die frühere gleichartige
Benutzung des Bodens zeuge. Erst später, nachdem er sich schon in der
Constantins-Stadt eingelebt hatte, baute sich Mohammed eine Gattung von
Lusthaus auf die Seraispitze. Der eigentliche Sultanssitz aber blieb
bis zu des großen Soliman Zeiten das Eski Serai, das in der Mitte der
Stadt auf der Hügelhöhe gelegen. Es mag daher rühren, daß sich dort
nebenan der Besestan etablirte. Soliman war der erste Sultan, der mit
Weibern und Kindern vollständig in die Köschke der neuen Seraigärten
übersiedelte, sowie seine Nachfolger nun heute nach Dolma-Bagdsche
ausgewandert sind. Das Eski Serai wurde Witwensitz der sultanischen
Frauen. Heute stehen Kasernen hier und es bildet eine Art Castell, hat
übrigens nichts mehr von den Bauten Mohammed des Eroberers übrig.

Der Boden dieser Stadt ist wie gedüngt mit dem Staube fürstlicher
Paläste; an sechs Orten standen ihrer[A], und doch sind nur die
spärlichen Ruinen im Blachernen-Viertel und die verwilderten Gärten des
neuen Serais noch übrig.


[A] 1. Der heilige des Constantin neben dem Hippodrome; 2. das
Bukoleon unten am Meere; 3. der auf dem Hebdomon im Blachernen-Viertel;
4. Pantokrator bei Kilisse Djami, der Wohnsitz der lateinischen Kaiser;
5. Eski Serai; 6. Jeni Serai.



V. Die Prinzen-Inseln.


    Prinkipo, den 30. Juni.

Es zog mich neuerdings nach den Inseln. Die Fahrt machte ich diesesmal
in einem Boote, einem sechsruderigen Kaïk; der Reis steuerte quer
durch die zwischenliegende See auf Proti zu und dann Antigone, Pytys
und Chalki entlängs direct zur Landungsbrücke des Hôtel Giacomo auf
Prinkipo hin. Um 8 Uhr Abends stiegen wir dort aus, nicht mehr als
zwei Stunden auf der See. Weich und schwer wie Oel legte sie sich in
dicken, runden Wellen unter den Kiel und troff in langen Tropfen von
den Rudern; die Luft war warm und doch frisch, lau und lind, wie sie
die Dichter von diesen Küsten rühmen. Schiffe überall und Farben,
dunkelroth an den nahen, violett an den fernen Inseln, so Oxia und
Plati. Die Berge des Festlandes aber lagen in weichen blauen Schatten,
die sie gerundeter erscheinen ließen, als ihre Körper es an und für
sich schon sind; der Boden, die Luft und die Sonne dulden hier nichts
Scharfes, Eckiges, Alles soll ausgeglichen, versöhnt sein, nichts
verletzen. Der Blick fällt nicht, er gleitet die Berge herab, und auf
halber Höhe, wo sie sich wie zu einem Schooße abstufen, sind hell
schimmernde Ortschaften geborgen, die Ueberbleibsel kriegerischer
Zeiten, als der Bauer sich vor den landenden Arabern von dem Ufer die
Berge hinauf flüchten mußte. Für das Auge sind es Länder des Friedens,
des Segens; man genießt, ohne zu arbeiten. Solch’ ein müheloser Genuß
war diese ganze Kahnfahrt, belebender, erfrischender und poesievoller,
als ich jemals eine gemacht. Man empfindet den Orient und saugt die
Luft des Seelenfriedens ein, daß man sich zuletzt ein eingeborenes Kind
dieses Landes glaubt.


    Prinkipo, den 1. Juli.

Schon um fünf Uhr Morgens frühstücken wir im Freien auf der
Terrasse vor dem Gasthofe, eine Platane über uns, die See goldig im
frischen Frühkleide des Morgens vor uns. Alles noch klar, daß wir
Fener-Bagdsche, die Leuchtthürme, die Minarete und die Kuppeln der
kaiserlichen Stadt erkennen, gesammelt und gehäuft wie die Blüthen in
einem großen Blumenkorbe. Zur Rechten sind die Berge des Festlandes in
reinen Linien vom blauen Himmel abgehoben, unmittelbar vor uns Chalki,
dessen Felsen und Cypressen noch näher erscheinen als sie wirklich
sind. Zwischen dem Sattel, den seine Berge bilden, und links durch die
Straße, welche die beiden Inseln, die unsere und Chalki, trennt, schaut
das freie Meer mit Farben, frisch und geröthet wie die Wangen eines
Kindes, das eben erwacht ist, herein. Prinkipo ist mir die liebste
dieser Inseln, weil sie diesen Aussichtspunkt hat, und dieser Punkt mir
auf Prinkipo der liebste, weil er nahe dem Anspülen des Wassers, dem
ich so gerne lausche, zugleich die anderen Inseln, Asien und Europa,
die weite See und das geliebte Constantinopel sehen läßt. Europa, das
alte, gewohnte, erscheint nur noch wie eine entfernte Erinnerung, die
man liebt und hätschelt, weil das Herz eigentlich ohne Sorge doch
nicht sein kann, und das Uebelste, wenn es +gewesen+ ist, uns den
Stolz läßt, es überstanden zu haben. So hilft auch hier die Eitelkeit
zu guten Zwecken. Gegenwart, wie sie uns im gewöhnlichen Leben wird,
unangenehme und von kleinen Nadelstichen zerrissene, haben diese Inseln
keine, wenigstens für mich nicht. Man lebt wie auf einem Schiffe, das
sich ruhig auf hoher See vor Anker gelegt hat und dem nichts Irdisches
beikommen kann. Es ist ein Paradies, in das von der Erde nur die
Sehnsucht mit eingewandert ist.

Wie verabredet rudern wir um 7 Uhr nach Chalki hinüber. Durch den
Ort und dann rechts um den Berg stiegen wir nach dem Kloster St.
Nikolaus hinauf. Pinien wölben ihre Schatten über uns; Pytys und
Antigone, zwei andere Inseln, scheinen hart unter unseren Füßen zu
liegen. Links hinab thut sich eine reizende kleine Bucht auf, einsam,
still und friedlich wie ein Hafen, an dem Odysseus gestrandet, und
sich aus bekannter in eine fremde zauberische Welt versetzt fand.
Ich selbst glaubte mich so, da ich dort hinabstieg. Oliven und
Pinien, aus den Mastixsträuchern emporstrebend, decken die Hänge der
Thalschlucht; unten liegt weit hinein bunter Kiesel auf dem flachen
Ufer. Ein paar Fischerhütten künden dort das einzige Menschenleben,
und zwei vereinzelte Pinien, so nahe dem Meere, daß ihre Schatten die
Brandung kühlen, stehen wie Zeugen da, als stelle auch die Natur nach
durchdachten Schönheitsgesetzen ihre Werke auf. Wie um den Frieden
vor einem plötzlichen Ueberfalle zu schützen, streckt sich das Land
mit zwei felsigen Armen weit in das Meer hinaus. Mich hielt’s in
diesem Thale unwiderstehlich fest, länger als an irgend einem anderen
Orte. Geschieden und losgelöst von der übrigen Welt lagerten wir den
ganzen Tag unter einer Pinie, uns, einer mit dem andern abwechselnd,
Schopenhauer’s Farbenlehre vorlesend. Es ist sonderbar, daß man was er
und Göthe lehren so wenig glaublich findet. Nicht die Dinge sollen die
Farben haben, sondern erst dadurch, daß sie gesehen werden, sollen sie
ihnen kommen. Und ist es denn überhaupt mit irgend einer Sache in der
Welt anders bestellt? Jedes Object wird erst durch sein Subject, und
das Urtheil wieder wechselt mit jedem Standpunkte und jeder Minute. Das
Subjective ist das allein Entscheidende in der Welt.

Auf dem Rückwege, den wir erst Abends nahmen, hatten wir immer die See
zur Rechten unter den Felsen, auf denen wir weiter stiegen. Das Wasser
tief blau, die Felsen braunroth und die Cypressen dunkelgrün, die auf
dieser Seite der Insel in langen, himmelhohen Reihen stehen, mahnten
mich an Bilder, die ich von Poussin gesehen.

In später Nacht und da es stockfinster war, ging ich noch auf Prinkipo
spazieren. Eine Melodie, die eine einfache Harmonika spielte, grub
sich mir unauslöschlich in’s Gedächtniß ein und wird mir immer den
Tag und seine Glückseligkeit wieder lebendig machen. Es ist überhaupt
wunderbar, wie unvergeßlich uns Töne werden, die wir in einem
bedeutungsvollen Augenblicke gehört haben und wie ein Laut davon
angeschlagen uns die ganze Erinnerung aufweckt.


    Prinkipo, den 2. Juli.

Nachmittags zogen wir, eine heitere Gesellschaft, die Männer zu
Fuße und die Frauen auf Eseln, die Höhen hinauf, zuerst über kahles
Erdreich, dann unter Pinien hin, den Sonnenuntergang von einem
übersichtlichen Standpunkte aus zu genießen. Thüren und Fenster der
vielen Landhäuser, an denen man vorüberkömmt, stehen vertrauensvoll
offen; es gibt das einen erfreulichen Eindruck, als gehöre dies Alles
communistisch einer Gemeinde und halte hier doch Jeder das Eigenthum
des Andern wirklich heilig. Gewöhnlich liegt zu unterst und in der
Mitte des Hauses der Speisesaal. Kehrt man dann nach Sonnenuntergang
zurück, so sieht man durch die offene Thüre, wie dort der Tisch zu der
Hauptmahlzeit gedeckt ist und die Lampe eben darauf gestellt wird. Das
weckt eine hungerige Sehnsucht möglichst bald dieselbe Bequemlichkeit
zu genießen, besonders wenn man sich müde gegangen hat durch einen
stundenlangen Spaziergang und aus dem Naturgenusse -- dem Schauen in
die Landschaft und dem Athmen der frischen stärkenden Seeluft -- einen
fröhlichen Sinn mitbringt. Man kehrt nie lieber in die Stube zurück,
als wenn die Nerven gesund sind. Die Essensstunde der Orientalen
wechselt mit dem Tagesende; je nachdem die Sonne früher oder später
untergeht, speisen sie um 5 oder auch erst um 9 Uhr Abends. Sie fassen
das Essen in der That als den Lohn für die gethane Arbeit. Mir fiel
ein, wie sich Christus, als es Abend geworden war, mit den „Zwölfen“ zu
Tische setzte und wie uns der Ausdruck Abendmahl geblieben ist. Der
conservative Sinn des Orientalen hat sich auch diese Sitte erhalten.

Wir lagerten uns oben, seitab von dem Georgskloster, in einem
Pinienwäldchen. Sechs der neun Prinzen-Inseln, darunter Chalki mit der
Seite, die es uns zukehrte, im vollen Schatten, hatten wir unmittelbar
vor uns. Das Wasser zwischen den Inseln war goldig, sie selbst wie in
Purpur getaucht; der Türke nennt sie ihrer Natur getreuer „die rothen
Inseln“ (Kisil Adalar), denn es ist nicht blos das ihnen erst gegebene
Sonnenlicht, das sie so färbt, der röthliche Farbenschimmer geht von
ihnen selbst aus durch das viele Eisen, das ihrer Erde beigemischt ist.
Einmal wurden hier auf Prinkipo bedeutende Erzbergwerke betrieben, und
auf Chalki fand ich gestern förmliche Blöcke grünen Kupfers. Die ganze
Gruppe dieser Inseln ist im Zusammenhange mit dem Festlande das Product
einer vulkanischen Hebung. In feurigen Wolken versank die Sonne und wie
entzündet blieb der Himmel noch lange.

Während wir schauend dort ruhten, gesellte sich ein Fremder, ein
Grieche, der anständig gekleidet war und sich durch seine Reden bald
als einen Seemann kund gab, zu uns. Der Mann überraschte durch das
Verständige seiner Bemerkungen und durch die Poesie, womit er sie gab.
Auf einmal aber und ohne jeden Zusammenhang mit dem Vorausgegangenen
begann er zu behaupten, und dabei schnell hintereinander mit stierem
Blicke dieselben Worte wiederholend, es drohe uns ein Gewitter. Zuerst
lachten wir ihn aus; der Himmel über uns war klar, die Luft nicht
schwer und die Temperatur eher gekühlt; woher sollte uns diese Störung
kommen? Als wir aber merkten, daß der Mann ein Narr sei und dieses
seine fixe Idee, stimmten wir ihr bei. Er beruhigte sich, sobald er
uns überzeugt sah und seine Höflichkeit kehrte zurück; er empfahl sich
nach einer Weile und verschwand in dem Kloster. Später erfuhren wir,
daß er einer der zahmen Narren sei, die dort verpflegt werden und denen
das Ausgehen gestattet ist. Der Unglückliche sah in einem Sturme an
den kyaneeischen Inseln, draußen vor dem Eingange des Bosporus aus dem
Schwarzen Meere, sein Schiff scheitern und sein junges Weib mit dem
erst einige Monate alten Kinde vor seinen Augen ertrinken. Er selbst
klammerte sich an den Mastbaum und fristete so durch anderthalb Tage in
tobender See das Leben. Man fand ihn, da man ihn auffischte, körperlich
gesund und geistig sogar heiter, so daß zuerst die Erklärung und
Entschuldigung dafür fehlte. Erst nach und nach erkannte man, daß dem
Armen gleich in den ersten Augenblicken seines Unglücks der Verstand
verloren gegangen sein mußte; schon als ein Wahnsinniger scheint er
sich durch den bloßen lebenswilligen Instinkt das Dasein gerettet zu
haben. Dieser unschädliche Wahnsinn blieb ihm; sein Bestreben geht
sogar dahin, mit den kargen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen,
Gutes zu thun. Wo er einen Armen sieht, da gibt er ihm. Nur ab und zu
brechen seine fixen Ideen gewaltsam hervor, die dann immer von Sturm
und Gewitter phantasiren. Was uns heute wie mit Grauen erfüllte, war,
daß wir kaum getrennt von dem Narren auf halbem Heimwege von einem
furchtbaren Orkane überfallen wurden. Zuerst rabenschwarze Wolken,
die sich gerade über uns sammelten; ein tosender Wirbelwind, der sich
successive in einzelnen Riesentropfen, dann in strömenden Güßen und
in zuckenden Blitzen löste. So schnell folgten die Donnerschläge auf
die Blitzesstrahlen, daß wir oft nicht drei dazwischen zählen konnten,
ein Zeichen, wie nahe uns das Unwetter auf den Fersen saß. Die Frauen
mußten von den Eseln absteigen, weil die Thiere zu unsicher wurden
und die Kinder mußten getragen werden. Triefend und bis auf die Haut
naß kamen wir nach dem Gasthofe zurück. Bei dem Essen, das uns später
servirt wurde, gab es nun ein allgemeines Fragen, wer eben der Genarrte
gewesen sei? wir, die Ungläubigen, oder unser Prophet? Offenbar hatten
seine sensitiver gewordenen Nerven das Gewitter geahnt.


    Prinkipo, den 3. Juli.

Die ganze Nacht hindurch dauerte das Gewitter und heute den Vormittag
über löst eines das andere ab. Die See wechselt die Färbung mit
jeder Minute. Ihrem Grollen und Branden lauschte ich mit Wohlbehagen;
zuweilen in den ärgsten Güßen eilte ich auf die Terrasse und von
dort die Treppen zu dem Felsenufer hinab. Die übrige Zeit saß ich an
dem offenen Fenster, abwechselnd beschäftigt hinaus auf das wogende
Schauspiel zu sehen, mit der eigentlichen Absicht aber, in einem
Geschichtswerke, das ich mitgenommen habe, die Schicksale dieser Inseln
zu lesen. Sie gleichen außerordentlich denen, welche die Klippen
im Tyrener Meere gehabt haben. Auch jene liegen im Angesichte des
verlorenen Glückes und waren, wie die Prinzen-Inseln, Verbannungsorte
für die gestürzte Herrrschergröße: wahre tantalische Felsen, die die
Qual der Entbehrung um so unerträglicher machten, als die begehrte
Frucht schon einmal gekostet worden war. Unbegreiflich bleibt es,
wenn man einmal von diesen Inseln aus Constantinopel gesehen, wie
sich die byzantinischen Usurpatoren einbilden konnten, daß ihre
Opfer mit diesem Bilde vor Augen sich zur Ruhe geben würden; Eva im
Paradiese wurde durch den Apfel nicht mehr versucht. Und so brach
denn auch einer nach dem andern der vielen entthronten Fürsten, die
hierher verwiesen worden waren, aus seinem lieblichen Gefängnisse
wieder hervor, um sich die herrliche Stadt noch einmal zu erobern.
Dann kamen sie mit ausgestochenen Augen, mit abgeschnittener Zunge,
ohne Nase und Ohren, mit abgehackten Händen wieder zurück, oder sie
schickten, wenn sie glücklicher wurden, den, der sie zuerst vertrieben,
in solch’ verstümmeltem Zustande hierher, in einem der Klöster seine
Usurpation abzubüßen. Keine der Inseln außer Chalki, die selbst diesen
Wütherichen zu schön für solche Henkerdienste zu sein schien, blieb von
diesem traurigen Amte verschont. Es gab Epochen in der byzantinischen
Geschichte, wo ganze Reihen von Kaisern einer um den andern in dieser
unnatürlichen Weise den Thron quittirten. Alles Spätere, was die Türken
auf diesem Boden an Blutthaten in der Herrscherfamilie begingen, reicht
nicht hinauf zu dem, was ihre Vorgänger verbrochen. Das Verbrechen
war zur Gewohnheit geworden und hatte seine Scham und seine Schrecken
verloren. Keine andere Geschichte ist so mit Mord und Blut gefüllt als
die der oströmischen Kaiser, und wenn man bisher die der italienischen
Fürsten als unübertrefflich in dieser Beziehung citirte, so war das nur
ein Irrthum der Unwissenheit. Hätte Macchiavelli die Chronik des kurz
vor seiner Geburt erst verstorbenen byzantinischen Hofes so gekannt,
wie sie uns seitdem Gibbon und Lebeau beschrieben haben, das Urbild
seines Prinzen wäre gewiß ein noch gräßlicheres als das des Cäsar
Borgia geworden.

Eine der kraftvollsten Gestalten, aus dieser Reihe mörderischer
Regenten hervorragend durch Macht des Willens und durch Grausamkeit des
Herzens, war ein Weib, die Kaiserin Irene. Daß sie von der griechischen
Kirche als Heilige verehrt wird, blos weil sie den Bilderdienst
unterstützte, könnte den Glauben an alle Kirchensatzungen erschüttern.
Dieses furchtbare Weib ließ ihrem Sohne, Constantin VI., beide
Augen ausstechen, nur aus dem Grunde, weil er, ihrer Vormundschaft
müde, Versuche gemacht hatte, selbst die Leitung des Reiches in die
Hand zu nehmen. Der Sohn siechte vergessen und verachtet dahin; die
Mutter regierte noch eine Weile weiter, neben dem deutschen Kaiser
Karl und Harun al Raschid die größte Erscheinung des Jahrhunderts.
Die zeitgenössische Geschichte erzählt sogar von einem Plane,
der bestanden, den Osten und den Westen Europa’s wieder zu einem
Weltreiche durch die Heirath Irene’s und Karl des Großen zu verbinden.
Eben als die deutschen Gesandten in Constantinopel waren, brach
eine Palastrevolution aus, welche die Kaiserin Irene ihres Thrones
entsetzte. Vielleicht glückte sie gerade darum dem Großschatzmeister
Nicephorus, weil an dem Hofe Manche waren, die eine solche Vereinigung
mit dem Westen ihren persönlichen Interessen wenig günstig erachteten.
Dieser Plan ist mir immer als einer der großartigsten in der Geschichte
erschienen, von dessen Bedeutung weitaus nicht genug gesprochen wird.
Er zeigt, wie lebendig noch immer in den Leuten der Gedanke von der
Zusammengehörigkeit des Westens und des Ostens des römischen Reiches
war, wie sehr der Begriff dieses Reiches noch immer den Glauben
der Menschheit für sich hatte, und wie Karl der Große, trotz der
Salbung durch den Papst, sein Kaiserthum doch wenig begründet und der
Ergänzung durch den byzantinischen Kaiserreif bedürftig hielt. Es kann
sich eben Keiner von dem Ueberkommenen ganz loslösen, so daß auch
unwillkürlich schon von den Vätern über einen Theil der Zukunft ihrer
Kinder verfügt wird. ~Tabula rasa~ in den Begriffen hatte nicht einmal
die Völkerwanderung zu Stande gebracht, und in Amerika, wo zuerst die
Einwanderer sie herstellten, ist heute schon wieder Alles durch Burgen
und Erinnerungen gebunden.

Daß die Kaiserin Irene im Stande war einen solchen Gedanken zu fassen,
und bereit war ihm einen Theil ihrer Unabhängigkeit zu opfern, an die
sie doch den Mord des eigenen Kindes gewagt hatte, nöthigt uns einen
gewissen Grad von Achtung für dieses sonst so verächtliche Weib ab. Die
Größe besticht eben selbst im Gewande des Verbrechens.

Eben hierher nach Prinkipo wurde sie von dem neuen Kaiser in die
Verbannung geschickt. Nicephorus I. meinte, sie solle das Kloster
bevölkern helfen, das sie hier erbaut. Später verwies er sie von diesem
Elba auf ein entlegeneres St. Helena, die Insel Lesbos im ägäischen
Meere. Wahrscheinlich war ein Landungsversuch nach der früheren
Herrschaft die Veranlassung zu dieser Strafverschärfung. Glücklicher
als der Prometheus des 19. Jahrhunderts überlebte sie ihren Sturz nur
um ein Jahr; sie hatte sich das tägliche Brod während dessen durch
Spinnen verdienen müssen, so wenigstens will es die Sage; 803 starb
sie. Das Grab gönnte ihr Nicephorus auf Prinkipo, und ich war heute
Vormittags auf der Stelle, die man mit dieser Erinnerung geschmückt
hat. Auch diese Geschichte ist schon Fabel, so zerbröckelnd ist alles
Byzantinische.

Nachmittags hörte der Regen zwar auf, der Sturm aber tobte fort und
jagte graue, drohende Wolken über den Himmel. Am meisten begehrte
ich, seitdem wir hier sind, nach einer Umfahrung der Insel. Wir wagen
sie mit raschem Entschlusse. Die See ging hoch; die Wellen brandeten
weit hinauf an den gelben Uferwänden, sie leckten sich dort in die
ausgewaschenen Höhlen hinein, daß die Fluth erst nach einer Weile
wie mit Wasserfällen in die See zurückstürzte. Die Bootsleute konnten
nur mühsam einen bestimmten Cours und die nothwendige Entfernung von
den Felsen behaupten. Außerhalb der Straße, die zwischen Prinkipo und
Chalki liegt, wurde der Wogendrang noch ärger; die freie See stürmte
mit vollen Breitseiten auf uns ein. Ruhig und unbeängstigt blieb nur
der Steuermann; in seinem rothen Prachtkleide, mit Gold gestickt, einen
bunten Turban auf dem Haupte, saß er hinten beim Steuer auf einem
Teppiche, mit seinem befehlenden Auge gleichmüthig ernst, als sei kein
Unterschied zwischen der heutigen Sturm- und der neulichen ruhigen
Abendfahrt. Ich fand zuletzt ein außerordentliches Behagen selbst an
der Gefahr der Situation. Sie weckte aus der Trägheit, von der sich
sonst auch die sogenannten bewegten Augenblicke unseres gewöhnlichen
Lebens nicht ganz loswinden; Schläge sind nothwendig, der einen
oder der anderen Art, damit die Menschheit vorwärts komme; statt zu
erniedrigen heben sie vielmehr das menschliche Gefühl.

Erst da wir wieder in eine Straße, die zwischen Prinkipo und der Insel
Niandro, eingelaufen waren, wurde die Fahrt etwas ruhiger, und so blieb
sie es auch, als wir die Südspitze von Prinkipo umschifft hatten und
der Insel auf ihrer Ostseite entlang ruderten, wo diese nach dem Innern
des nikomedischen Meerbusens zugekehrt ist und ihr die Kaninchen-Insel
Antirobidus vorliegt, weil der Sturm aus Süden kam und wir nach dieser
Seite gedeckt waren. Gerade dort, wo uns die See am ärgsten angefallen
hatte, ist die Insel am felsigsten. Oben auf den Bergen, die beinahe
senkrecht zum Meere hinabfallen, steht das St. Georgskloster; unten
herum liegen weit in die See hinaus Klippen, die einmal wohl von
diesem höheren Stocke abgebrochen sein mögen. Der Stein ist gelb und
zerwaschen, kein Lebenszeichen der Menschen weit umher. An der anderen
Küste, die in den Busen hinein und der Kaninchen-Insel gegenüber, ist
sie wirthlicher, und auch Menschen leben dort. In einer Thalschlucht,
wo sie auf das Ufer mündet, liegt das Kloster des heil. Nikolaus. Wir
landeten in der Nähe, um selbst etwas zu ruhen und der Mannschaft
des Bootes Erholung zu gewähren. Die Mönche des Klosters nahmen uns
freundlich auf; ein Tisch ward schnell im Freien gedeckt, uns vor
Allem Cliquot servirt, und indeß man Fische und Salat bereitete -- es
war heute einer der vielen griechischen Fasttage -- wurden wir in die
Kirche geführt, ein häßlicher, außen nackter, innen überladener Bau.
Gräberplatten sind um ihn in die Erde eingelassen, und manchen Namen
zeigte man uns darauf, den man als einen berühmten der griechischen
Kirche rühmte, der sich aber hierher zurückgezogen, um Ruhe und Frieden
und zuletzt das Grab zu finden. Hohes, verwildertes Gras wächst darum,
und der Wind blies in die langen Halme, daß sie sich wie Wellen
darüber legten. Einmal stand hier ein großes Dorf; diese Gräber sind
die letzten Spuren davon. Das ganze Thal war finster; der Abend hatte
schon begonnen; die Sonne, die hier hinter den Bergen untergeht, kann
um diese Tageszeit hierher kein Licht mehr geben und war heute auch
noch umwölkt. Die dunkeln Hügelwände mit ihren Pinien und Oelbäumen
darauf machten die Landschaft noch düsterer; unsere Stimmung aber war
heiter; das Ueberstandene freute uns; der Appetit war groß und daß wir
tüchtig zugriffen, erfreute die Wirthe. Nur weil die Nacht schon kam,
schieden wir. Wir setzten die Fahrt um die Insel weiter fort, an dem
Orte Prinkipo vorüber und landeten gegen 10 Uhr an der Treppe des Hôtel
Giacomo. Das Klösterchen von San Nikolo steht mir in der Erinnerung wie
die fröhlichen, welche Walter Scott so anschaulich gezeichnet hat.

Die sämmtlichen Prinzen-Inseln werden nur von Griechen bewohnt und sind
von den Türken diesen wie zum ausschließlichen Eigenthume überlassen.
Es ist kein Gesetz, welches das so regelte, es ist die Gewohnheit, die
seit Alters her das so ließ.


    Bujuk-Dere, den 4. Juli.

Auf Prinkipo sah ich von meinem Bette die Sonne aufgehen. Wunderbare
Ruhe. Weiße Segel zogen durch die blaue Fluth. So müssen die
Gottesgedanken über die Welt hingleiten, und so auch sind unsere
Erinnerungen, leidenschaftlos und friedlich. Daß einstens Jammer und
Gram sie bewegten, merkt man ihnen so wenig an, als jenen Segeln, daß
dort Menschen arbeiten, mühsam und qualvoll vielleicht arbeiten, und
daß ein Herrenwort sie zu solchem Dienste befiehlt. Die Entfernung
ist die eigentliche Schöpferin des Trostes und der Poesie; in der
Nähe besehen sind die Dinge reiz- und poesielos und der Schmerz wird
unerträglich.

Die Inseln strahlten in allen Farben; roth, blau und goldig schillernd
wie Chamäleons. Die See war noch bewegt von dem gestrigen Sturme und
die Sonne hatte vom Himmel noch einige Wolken zu vertreiben. Um 8 Uhr
fuhren wir fort. Die Luft war frisch, beinahe kühl, der Wind gegen
uns; das Boot flog auf und ab. Wir hatten einen Band der Gedichte
Lermontoff’s bei uns, die wir uns abwechselnd vorlasen, so daß wir
gar bald in eine andere Welt entrückt waren. Die Fahrt bis Top-Hane
dauerte vier Stunden, den Bootsleuten viel zu lang, mir vergingen sie
wie ein Augenblick. So eingeschifft auf ruhig wogender See sollte das
ganze Leben vergehen. Es gibt eine Melodie, die in Weber’s Oberon, wenn
Hüon mit seiner Geliebten im Kahne liegend an der Wandeldecoration
vorüberziehen, die wie naturgeschaffen dazu erklingen müßte.

Den Nachmittag rasteten wir in Pera und des Abends setzten wir die
Fahrt hierher durch den Bosporus fort. Alles schien bewegt uns zu
erfreuen, während wir im Boote kaum der eigenen Bewegung gewahr wurden.
Die Bucht von Bujuk-Dere erinnert mich an die Schweizer Landseen, am
meisten an den von Zürich, nur daß hier die Farben etwas glühender und
doch nicht so scharf contrastirend sind. Die Luft ist köstlich frisch,
Abends 10 Uhr nach dem Essen im Gegensatze zu der perotischen Hitze so
angenehm kühl, daß ich einen Ueberrock umnehmen muß.



VI. Der Bosporus.


    Den 5. Juli, Dienstags.

+Bujuk+ = groß, +Dere+ = Thal, Großthal heißt das Dorf, dem
der Name von der Gegend her geworden ist. Er ist ein altgebräuchlicher
und von den Türken nur übersetzt worden, denn schon die Griechen
nannten Dorf und Thal ~megas agros~. Das Thal erstreckt sich
weit in das Land hinein, wie eine Fortsetzung der Bucht, die nur
emporgehoben aus dem Meere ist. Wiesen liegen darin, Felder hinter
diesen und Büsche zwischen sie gemischt. Ein Bach kömmt durch das
Thal zur See herab, und vorne, wo er mündet, beschattet ihn die große
Platane; die Wasserleitung des Sultans Mahmud sperrt den letzten
Hintergrund. Die hohen riesigen Bogen dienen der Wirkung des Bildes,
von wo aus man es auch sehen mag, auf das vortheilhafteste. Gestern
Abend, da ich sie zum ersten Male sah, verschwanden sie halb in dem
glühenden Golddunste der gerade dahinter untergehenden Sonne. Die
Bucht vor dem Thale ist nächst der des Goldenen Hornes die größte
des Bosporus. Da sie nahe seiner Mündung in das schwarze Meer ist,
dient sie immer einer Menge von Schiffen als Hafen, die hier vor
dem Auslaufen in die See die letzte Rast oder nach dem Einlaufen
die erste erquickliche Erholung suchen. Besonders Abends finde ich
sie voll gefüllt; gestern und heute zählte ich nicht weniger als 90
Segelschiffe, die hier vor unsern Fenstern die Anker geworfen hatten.
Da die See gleich am Strande eine bedeutende Tiefe erreicht, so
liegen die Schiffe bis nahe an das Land; das gibt besonders Nachts,
wenn die Körper sich gespenstig ausdehnen, die leeren Maste sich
hin- und herwiegen, ein schwerer Ruderschlag in’s Wasser fällt und
der Schiffshund dem abstoßenden Boote nachbellt, poetische Effecte.
Die größten Seedampfer können, wenn sie im weiten Bogen in die Bucht
eingefahren kommen, um die Posten der Gesandtschaften mitzunehmen,
hart vor den Botschaftspalästen anlegen. Das Dorf liegt nicht, wie man
es erwarten sollte, im Schooße dieser Bucht; es hat sich den engsten,
aber wenn man erst einen Tag hier gewesen begreift man das, trotzdem
den bequemsten Platz der Bucht ausgesucht. Vom schwarzen Meere fallen
fortwährende Nordwinde in den Bosporus herein; die hat das Dorf von
Bujuk-Dere in seinen Rücken genommen und diesen deckt ihm der Kabatasch
Dag, ein steiler Berg von 770 Fuß Höhe, der höchste auf den Ufern des
Bosporus. Gar oft sieht man von Bujuk-Dere aus die Wasser des Bosporus
in wilder Bewegung und wie die gegenüberliegenden Hügel vom Sturme
förmlich abgekehrt werden, während man bei sich daheim und in dem Meere
unmittelbar davor auch nicht einen Luftzug empfindet. Dabei entbehrt
man doch nicht der Kühle, die dadurch in die Luft gebracht wird. Heute
Abends z. B. mußte ich nach dem Essen, das war um 10 Uhr, den Ueberrock
umnehmen; in Pera auf der Terrasse würden wir nur nach Luft, mehr Luft
geschnappt haben. So hat das Dorf von Bujuk-Dere alle Vortheile des
Bosporus, ohne einen seiner Nachtheile zu haben. Nur eines fehlt ihm,
der Blick auf’s freie Meer, auf die Oeffnung in den Pontus Euxinus, der
Therapia und Kiredsch Burun so reizend macht.

Der Ort zerfällt in zwei Hälften, in das eigentliche Dorf, das wohl
auch der erste und älteste Theil desselben ist, und in die Häuserreihe
der Fremden und Reichen. Das Dorf steht näher dem Mittelpuncte der
Bucht, ist klein und winklicht, ärmlich und schmutzig, voller Hunde und
schreiender Verkäufer, die Gassen von offenen Verkaufsbuden eingefaßt,
von Leinwandfetzen überspannt; Reben, die sich wild emporschlingen,
und die ruhigeren Häuser, zwei und auch drei Stockwerke hoch, um die
Aussicht zu gewinnen, hinter diesem Gedränge schon den steilen Berg
hinauf. Nur wenige Villen der Vornehmen liegen in diesem Ortstheile,
und diese alle so, daß die Hausthüre unmittelbar auf die See hinaus
geht, darunter die, welche der österreichische Internuntius gewöhnlich
bewohnt. Die anderen Landhäuser der Reichen stehen in weiterer
Fortsetzung von dem Dorfe auf dem Quai, der sich der Bucht entlang bis
zu ihrem Vorgebirge hinzieht, wo sich Bujuk-Dere an Ssaryjeri, eine
andere Ortschaft des Bosporus, anschließt. Diese Landhäuser haben ein
freundliches, wenn auch für unsere Begriffe kein prächtiges Aussehen,
denn auch sie sind aus Holz gebaut, die meisten weiß angestrichen.
Das Schöne daran sind die Gärten; die ziehen sich hinter den Villen
mit Cypressen- und Pinien-Alleen, mit Lorbeer- und Rosenhecken, mit
Terrassen und Fontainen hoch den Kabatasch Dag hinauf. Eines der
schönsten Landhäuser gehört der russischen Regierung; außer ihr und
Oesterreich wohnt keine europäische Großmacht in Bujuk-Dere. England
und Frankreich sind in dem gegenüberliegenden Therapia angesiedelt und
Preußen wohnt dort zur Miethe in den wenigen Stuben eines Gasthofes.

Von dem Quai aus hat man die Aussicht auf den anderen Arm der Bucht,
wo die Hügel von Kiredsch Burun und das Vorgebirge von Therapia
sich erheben, auf das Ufer von Asien mit seinem Riesenberge und dem
Vorgebirge von Chunkiar Iskelessi, wo das verlassene Schloß einer
ägyptischen Prinzessin immer am längsten mit seinen Fensterscheiben
das rothglühende Licht der untergegangenen Sonne festhält, und auf den
Bosporus, der dazwischen liegt, an keiner Stelle breiter als hier, und
dessen Wasser an diesem Punkte selten anders als in wogender Bewegung
sind. Stündlich gehen und kommen Dampfer nach und von Constantinopel.
Abends, wenn die Leute ihre Geschäfte in der Stadt abgethan haben, ist
dieser Verkehr besonders lebhaft; dann kommt jede Viertelstunde ein
Dampfer und auch wohl auf einmal zwei und drei Schiffe, die letzten
tragen beleuchtete Lampen auf ihren Masten und gewöhnlich auch ein
paar Musikanten, das wirkt dann -- laue linde Luft, Licht und Musik um
uns -- südländisch poetisch.


    Den 6. Juli.

Um 7 Uhr Morgens landen wir in dem Hafen von Skutari, um von dort aus
den Bulgurlu-Berg zu besteigen. Meine Absicht geht dahin, wie ich das
sonst bei Städten von einem Thurme aus thue, bevor ich in Detailzügen
den Bosporus durchforsche, von einem überschauenden Standpunkte die
Geographie seines Laufes zu studiren. Wir ritten; der Weg, der außer
der Stadt eine breite, neu angelegte Straße ist, ward schattenlos. Die
Aussicht links hinunter ist immer frei nach der Enge des Bosporus,
und, wenn man sich umwendet, nach den weit ausgedehnten Feldern von
Constantinopel. Das Marmora-Meer und die Prinzen-Inseln sieht man
erst von Dschamlidscha aus, einem reizenden Oertchen, das schon nahe
dem Bergesgipfel unter hochsäuligen Pinien liegt, die ihm auch ihren
Namen (Pinienwäldchen) gegeben haben. Seitab von den Häusern entdeckte
ich den Punkt, wo man gerade unter dem kuppeligen Schatten einer der
größten Pinien den Blick frei hat zugleich auf die buntbelebten Ufer
und den Strom des Bosporus, auf dem eben mehrere große Dampfer hinter
einander dem schwarzen Meere zu steuerten; auf Pera, Galata, Skutari
und das dazwischen liegende, schiffegefüllte Goldene Horn; auf das
weite Feld der ehemaligen Goldstadt Skutari, wo am 10. September
323 der große Constantin dem mitregierenden, christenverfolgenden
Licinius die Alleinherrschaft über die römische Welt abgewann; auf
das blaue Meer in endloser Ferne sich verlierend, und auf die rothen
Inseln, die wie Juwelen daraus hervorleuchteten. Näher aber noch,
unmittelbar zu meinen Füßen, sah ich ein stilles grünes Thal zwischen
den abschließenden Höhen eingesargt; Pinien, Cypressen, Feigen-, auch
blühende Granatbäume ragen daraus empor, und auf den Feldern arbeiteten
die Bauersleute. So liegen der Norden, Westen und Süden entfaltet, nur
der Osten ist durch die höhere Kuppe des Bulgurlu-Berges verdeckt.
Von jener Höhe herab ist darum der Ausblick noch reicher; Asien wird
dort eigentlich erst recht gesehen. Aber es fehlt der Vordergrund, das
freundliche Thal und auch die Bäume, die sich unmittelbar über dem
Beschauer wölben. Der Ausblick vom Bulgurlu ist belehrender, aber der
aus dem Pinienwäldchen von Dschamlidscha malerischer. Daher bauten
sich denn auch nach dem letzteren die byzantinischen Kaiser ihre
Lustschlösser und Jagdhäuser. In der ganzen Zeit ihrer Herrschaft, so
lange dieser Boden der ihrige war, pflegten sie hier einen Palast zu
erhalten. Kaiser Arkadius übernachtete gewöhnlich in demselben, wenn er
seine Reise zum Sommeraufenthalte nach den Bergen von Ancyra machte.
Und die heutigen Herren der Gegend folgen diesem alten Beispiele. Die
ganze Umgebung, auch die Hohlwege weit in das Gebirge hinein sind mit
Landhäusern besetzt. Eines der sorgsamst gepflegten, das mir eben
dadurch auffiel, besitzt im Augenblicke Omer Pascha.

Wohl eine Stunde lagerten wir unter +meiner+ Pinie, +mein+, weil ich
ihre Verdienste entdeckt zu haben behauptete. Wie die Sonne ihren
Schatten wandern machte, wechselten auch wir den Platz, aber immer
blieben wir unter ihr. Das Bild wollte uns gar nicht mehr loslassen;
mit syrenischen Reizen hielt es uns, die uns nur um so besser gefielen,
je länger wir sie genossen; und was mich dabei am meisten entzückte,
ja wie gewöhnlich förmlich von der übrigen Welt entrückte, das war
der Eindruck der völligen Ruhe, die Lautlosigkeit alles menschlich
Geborenen -- nur das Leben der Natur, der Vögel, der ziehenden Wolken,
des Lichtes und der leise schwankenden Bäume. Und diese Stille trotz
des Blickes auf die ungeheure, beinahe grenzenlose Weite! Der Blick,
den ich hinabwarf, gab mir einen Begriff von der Anschauungsweise,
die Gott für unsere Welt haben muß. Klein und unbedeutend muß sie ihm
erscheinen, und nichtig und gleichgiltig das einzelne Menschenleben.
Der Mensch kann sich nur so lange für werthvoll und bedeutend halten,
als er mitten unter Seinesgleichen steht; erhoben über sie, muß er sich
gedemüthigt fühlen.

Schon Anfangs Juni, bei einem früheren Besuche des Bulgurlu, hatten wir
die Cistusrose (~cistus salvifolium~) in Blüthe gefunden; jetzt trafen
wir mit der bescheiden schönen Blume, deren blaßviolette Rose mit dem
gelben Staubbüschel darinnen, wenn einmal gebrochen, nur mehr Minuten
sich frisch und aufrecht erhält, den ganzen Boden, besonders die
Kuppe des Berges bedeckt. Dazwischen blühte der Sternklee (~trifolium
stellatum~), auch der einblumige (~trifolium uniflorum~) und in
höheren Sträuchern ragt die stachlige Steineiche (~quercus ilex~),
daß zu Fuße an einzelnen Stellen kaum durchzudringen war; tiefer, wo
einzelne Bäume stehen, ist es der wilde Oelbaum (~oleaster~), auch
Mandelbäume (~phyllirea~) und in den Hecken mancher Lorbeerbusch. Die
ganze Vegetation des Bulgurlu und seiner Umgebung ist eine vollkommen
südliche, und das mit der der Prinzen-Inseln in weit vorgeschrittnerem
Grade, als auf irgend einem anderen Puncte dieser Ufer. Ich möchte
die Gelehrten fragen, ob dieser Unterschied nicht auch neben der
Begünstigung der gedeckten Lage dem Gehalte des Bodens zuzuschreiben
sei?

Hinunter ritten wir gegen Kadi-Köi zu, bald durch eine Fülle von Gärten
und Landhäusern, dann in den Cypressenwald von Skutari hinein. Was sind
alle Wunder der Baukunst gegen diesen Waldfriedhof! Doch hat auch an
ihm die Kunst mitgearbeitet, denn die erste Anlage gab ihm die Hand
des Menschen, die Natur pflanzte dann später ihre Setzlinge dazu, wie
sie auf die Ebene Sand streut und daraus einen Hügel formt. Nur den
Pyramiden ist diese Grabstätte zu vergleichen, die eine wie die andere
ein Tempel der Ruhe und des Friedens, und die Ebene von Haider Pascha
darum ausgebreitet, nackt und sandig, wie in Aegypten die Wüste um jene
Fragezeichen der Geschichte.

Bei einer Quelle unter Bäumen in der Bucht von Kadi-Köi stiegen wir
von den Pferden und ruhten. In jener Gegend muß das prächtige Landhaus
des Rufin, des ersten Ministers des Arkadius, gestanden haben, das die
Vorstadt der Eiche von Chalcedon so einschloß, daß sie gemeinhin nur
Rufinopolis hieß. Mit porphyrnen Säulengängen und ihrem goldenen Dache
beherrschte sie weithinstrahlend die Meerenge, und galt bis zu dem
tragischen Tode ihres Besitzers, der drüben auf dem Marsfelde vor dem
Hebdomon fiel, als das Wunder des Jahrhunderts.

Gedanken an diese untergegangene Größe begleiteten mich auf der
Rückfahrt, die durch den Bosporus bis Bujuk-Dere ging. Wir hatten die
untergehende Sonne zu unserer Linken, Asien allein war noch von ihrem
freundlich vergoldendem Lichte erleuchtet. Dort glänzten die Fenster
wie Diamanten, hier regten sich schon einige Lichter, die man zur
Abendmahlzeit auf die Tafel stellte.


    Bujuk-Dere, den 7. Juli.

Schon vor 5 Uhr Morgens stieg ich in das Boot, heute vom Riesenberge
aus auch das nördliche Ende des Bosporus zu überblicken. Es ist ein
Irrthum, den Berg, wie das oft geschieht, ob seines Namens für den
höchsten unter seinen hiesigen Kameraden zu halten. Er ist nur 540 Fuß
hoch und der auf europäischem Lande ihm gegenüberliegende Kabatasch Dag
770 Fuß. Den Namen gab ihm eine andere Ursache, das Grab, welches oben
auf seinem Plateau erhalten wird. Dieses soll nach dem altgriechischen
und so auch wieder nach dem heutigen türkischen Volksglauben einen
Riesen beherbergen, wie Hammer behauptet den jüdischen Josua, der
auch damit den türkischen Namen des Berges, Juscha Dag, erklärt. Die
Griechen ließen in dem ungewöhnlich großen Grabe den Herakles begraben
sein. Das Wahrscheinliche ist, daß es mit der Geschichte des Berbycer
Königs Amycus zusammenhängt, der in dem benachbarten Bejkos ansässig
war und als ein riesiger Faustkämpfer der Urzeit von der Sage gefeiert
wurde.

Der Riesenberg springt mit einem weiten Vorsprunge aus dem asiatischen
Uferlande dem europäischen entgegen, so daß es aussieht, als wolle
er diesem die große Bucht von Bujuk-Dere ausfüllen. Auch bin ich
überzeugt, daß beide Ufer gerade an dieser Stelle ehemals vereinigt
und der heutige asiatische Juscha Dag damals nur ein Ausläufer des
europäischen Kabatasch Dag gewesen ist. Erst der spätere Ausbruch des
Pontus Euxinus mag sie, wie er denn auch die beiden Welttheile hier
schied, getrennt haben.

An dem Fuße des Riesenberges liegen jetzt schöne Kalksteinbrüche zu
Tage; da sie mit Eisenkrystallen durchzogen sind, so wirkt das Roth auf
dem Weiß, wenn nur ein irgendwie günstiger Sonnenschimmer darauf fällt,
auf das prächtigste; am schönsten im Abendlichte, wenn der Purpur mit
dem noch tieferen Blau des Bosporus contrastirt. In der Bucht neben dem
Riesenberge südwärts gegen Constantinopel zu leben die Bewohner des
kleinen Ortes Ümürjeri von dem Brennen dieser Kalksteine.

Ich landete an einsam abgelegener Stelle unter ein paar großen
Terebinthen, einen wenig gebrauchten Weg kerzengerade den Berg hinauf
zu steigen. Die Aussicht ist eigentlich bei diesem Aufsteigen schöner
als oben angelangt dort selbst. Man hat bei dem Hinaufsteigen eine
fortwährende Entwicklung der besonders hier recht deutlichen Windungen
des Bosporus, ohne dann von oben hinab, wie man es erwartet, das ganze
Bild zu sehen.

Das Grab des Josua maß ich 50 Fuße lang und 7 Fuße breit, also
jedenfalls ein Riese, wer auch darinnen ruhen mag. Es ist sorgsam
gepflegt, Buchsbaum, Cypressen und Rosen keimen aus seinem Hügel; eine
grün angestrichene Mauer faßt es ein; zu Füßen steht die Säule, am
Kopfende der Marmorstein mit der Inschrift, wie sie der Türke auf jedes
Grab setzt. Und so auch seinem Gebrauche getreu liegt davor eine kleine
Moschee. In den drei Häusern, die dabei stehen, leben die Derwische,
denen die Hut des Grabes anvertraut ist. Um den Hügel hingen an den
Staketen kleine Fetzchen abgerissener Kleiderstücke, die der Aberglaube
hierher gestiftet hat, um den Körper von einer Krankheit, von irgend
einem Uebel zu befreien; das sind die wächsernen Füße und die kranken
Herzen, die die fromme Einfalt nach Kevlaar am Rheine trägt, und die
Kerzleins, die früher das griechische und römische Heidenthum auch
hilfesuchend auf den Altären seiner Götter ansteckte.

Nun gehe ich vom Riesenberge auf gut Glück ungebahnte und ungekannte
Wege hinüber nach dem Genueser Schlosse. Wo ich oben auf der Höhe
bin, da erschließt sich der Blick immer freier und schöner; das
schwarze Meer tritt immer größer in den Gesichtskreis und einmal
auch, was man mir im Voraus abgestritten hatte, das Marmora-Meer,
Kadi-Köi, die Nikomedischen Berge, die Kuppen der Prinzen-Inseln und
von dort bis zu dem andern Endpunkte das blaue Band des Bosporus
zwischen den grünen und rothen Hügeln von Europa und Asien. Es war der
schönste Moment meiner heutigen Wanderung, weil er überraschend kam,
vielleicht auch, weil er etwas Schmeichlerisches hatte, wie der jeder
Entdeckung. Eine Wildniß von Blumen bedeckt den Boden, am auffälligsten
darunter die gelbe fünfblätterige Blüthe des Johanniskrautes
(~hypericum calycinum~). Ich pflückte die Blume, die mir gleich ganz
außerordentlich gefiel und trug sie in großen Büschen mit mir. Um und
unter ihren hochschossigen Sträuchern keimte und blühte eine große
Menge der Lavendel (~lavendula stoechas~), des Tausendguldenkraut
(~Erythraea centaurum~), und eine kleinblätterige Gattung der Narde
(~micropus erectus~). Bäume, meistens Granat- und Feigenbäume, und
größere Büsche, Arbutus insbesondere, fand ich nur in den Schluchten,
wo gewöhnlich ein kleines Bächlein abwärts rinnt. Dort aber hat sich
dann auch um dieses spärliche Wasser ein festes Dickicht urwäldlichen
Wachsthums zusammen gesponnen. Es ist dort kühl, sumpfig, oft beinahe
fieberig schattig, daß ich jeden Augenblick eine geheimnißvolle
Schlange oder sonst irgend ein giftiges Ungethüm aus den Büschen heraus
auf mich zuschießen zu sehen erwartete.

Stundenlang ging so meine Wanderung fort, verlängert durch
mannigfaltige Verirrungen. Dem Schlosse kam ich auf seiner Rückseite
zu über das Plateau, das sich dort sanft ansteigend in das Innere des
Landes hineinzieht. Sein verlassener Begräbnißplatz liegt unmittelbar
vor dem Thore, von Cypressen und Platanen beschattet, eine Wildniß,
die nur noch von der Natur gehütet wird. Ruinen überall; Gräber, die
den Menschen beherbergen, und Thürme, die ausgestorben sind, und
das hart und unvermittelt neben einander, nur die Natur, die sich
versöhnend und fortwährend verjüngt dazwischen und darüber hinschlingt:
Epheuranken auf den Mauerthürmen, die sie wie mit Pelzwerk gegen das
Unwetter überziehen, und Rosenbüsche auf den Gräbern. Der Wind glättete
die Epheublätter, daß sie sich alle wie Haare schmiegsam nach einer
Seite hin legten. Rechts und links neben dem Schlosse vorbei sieht
man auf die blaue Fluth des Bosporus hinab. Das Schloß steht auf dem
Rücken eines Vorgebirges und steigt mit ihm zur See hinab. Gegenüber
sind die finstern, beinahe schwarzen Felsen der europäischen Küste und
über diesen das Hochland, das sich dort viele Stunden weit wüste und
unbebaut hinzieht; das sind Küsten, wie sie dem einstmals ungastlichen
(Axinos) Pontus gebühren. Neben mir, gegen das schwarze Meer zu, wo
ich lagerte, geht es schauerlich steil in eine Bucht hinab. An den
Felsen, die unten zerstreut liegen, brandete die blaue Fluth heftig
an und warf weißen Schaum. Schiffe, von Remorqueurs gezogen, trieben
dort unter mir so nahe der Küste vorbei, daß ich den Blick auf ihr
Verdeck frei hatte, wie ihn sonst nur der Vogel sieht. Fil Burun, das
Elephanten-Vorgebirge, schließt für den Blick von hier aus wie diese
nächste Bucht, so auch den Bosporus. Europa mit seiner Küste thut
dieses -- für diesen Standpunkt wenigstens -- mit Karybsche Burun, denn
die bläulichen Cyaneen, diese fabelhaften Eilande, die kamen und dann
wieder gingen, und die ich auf meiner Wanderung mehrere Male erblickt
hatte, sah ich von hier aus nicht mehr. Die Mündung, die dazwischen
beinahe dunkelblau zum scharf contrastirenden goldenen Spiegel des
schwarzen Meeres hinausfließt, hieß den Alten die Heilige (Hieron). Das
wohl von den vielen Götterbildern, die den Schutz- und Hilfeflehenden
zur Darbringung der Bitt- und Dankopfer für glückliche Fahrt auf den
beiden Ufern aufgestellt waren. Aus der Rede des Cicero gegen den
Verres wissen wir, daß darunter eine der drei berühmtesten Statuen des
Jupiter Urios (des Gottes der Winde) war, und der Name, der dem nur
von den Franken so genannten Genueser Schlosse im hiesigen Volksmunde
geblieben ist, Jaros Kalessi, ist vielleicht ein Beweis, daß der Tempel
und das Bild dieses Gottes wirklich auf dieser Stelle gestanden haben.

Aus ältester Zeit hat man hier kürzlich ein Basrelief von edler und
entschieden griechischer Arbeit gefunden, das durch seine Inschrift von
diesem Götterdienste und dem Alter der Niederlassung Kunde gibt: „Die
Schiffer, die Jupiter Urios um eine glückliche Fahrt durch die steilen
Cyaneen und in die ägäische See bitten, die gefüllt ist mit einer
ausgestreuten Schaar von Riffen, werden sie haben, wenn sie vorher dem
Gotte, dessen Standbild Philo Antipater hier aufgestellt hat, damit es
den Schiffern Hilfe und gutes Vorzeichen gebe, ein Opfer darbrachten.“

Uebrigens ist selbst das Schloß, dessen Ruinen heute noch stehen, älter
als es sein Name glaublich macht. Es sind überhaupt viele Irrthümer,
die dieser Name großgezogen hat, der nur die letzten christlichen
Besitzer nennt. Das waren allerdings die Genuesen, aber durchaus nicht
von so alter Zeit her, als man gewöhnlich annimmt. Bis tief in das
vierzehnte Jahrhundert gehörte es, so gut wie das gegenüberliegende
europäische Schloß, den byzantinischen Griechen, die das eine wie das
andere auch gebaut hatten. Wenn es nichts bewiese, so zeugte dafür
das byzantinische Wappen, das Kreuz in dem Halbmonde, das groß auf
zwei Steinen dargestellt in beiden runden Thorthürmen eingemauert
ist. In den vier Ecken der beiden Steine sind je zwei Buchstaben
ausgemeißelt. Hätte ich mehr archäologisches Talent, so würde ich aus
diesen ~donnés~ eine vollständige Schloßgeschichte herauslesen.
Uebrigens auch das Gemäuer verräth unzweifelhaft byzantinische Zeit:
Quadersteine, die mit wohlgeschichteten Ziegellagen bandförmig
abwechseln. So auch die Thürpfosten und Thürbalken in byzantinisch
antikisirenden Formen, nur fehlt die Neigung der Pfosten nach Innen,
oben pyramidal. Ueber der Thüre sind zwei kleine Rundbogen zugemauert.
In dem Gemäuer saß eine Eule; ich hielt sie für todt, so regungslos
war sie, und griff nach ihr; das nahm sie übel; die Augen gingen
weit auf und schoßen zwei giftige Blicke auf mich, mit sträubendem
Gefieder verkroch sie sich tiefer in die Steine hinein. Es war dies
der einzige Bewohner dieser Stätten, den ich gewahr wurde. „Eulen nach
Athen tragen“ ist übrigens ein Sprichwort, das auch am Bosporus das
Ueberflüssige bezeichnen könnte; die ganze Gegend hier scheint voll von
diesen Vögeln. In Bujuk-Dere höre ich jeden Abend den krächzenden Ruf
eines derselben; mir der unangenehmste Laut, den die ganze Natur hat.

Durch ein Seitenthor ließ man mich in das Innere des Schlosses. Es ist
ein Unsinn, den ganzen ungeheuren Raum, der von den hohen Ringmauern
eingezäunt ist und von der Höhe des Vorgebirges terrassenförmig zum
Meere hinabfällt, so zu nennen. Schloß war nur das Oberste, das, was
mit den hohen Thorthürmen zum Theile noch erhalten steht; das Uebrige
war mit der Stadt angefüllt, die zuerst und darum wohl am dichtesten
sich unten auf dem Ufer angesiedelt haben mochte, und von dort aus,
als ihre Bevölkerung an diesem wichtigen Verkehrspunkte wuchs, die
Ufer hinauf gestiegen sein wird, wo sie von der Akropole gedeckt ward.
Deshalb dort die festen Pylone, vielleicht schon um Ueberfälle der
Gothen, später der Perser, der Saracenen und Türken abzuwehren. Unten
auf dem Ufer mag auch jener Tempel des Jupiter Urios gestanden haben,
wie denn heute die Ortschaft sich wieder hart am Meere angesiedelt
hat. Viele tausend Einwohner können in dem abgegrenzten, beschützten
Raume gewohnt haben und es war eine volkreiche Bergstadt, die lebhaften
Handel trieb, die die Durchfuhrzölle des Bosporus für die Griechen des
Alterthums, des Mittelalters und später für die eindringlichen Genuesen
in Empfang nahm; ein Ort in seiner Lage, Form und Bedeutung Syra
ähnlich, wie wir es heute im ägäischen Meere sehen. Heute lebt eine
Wildniß von Bäumen und Sträuchern auf der ausgestorbenen Stätte, viele
Feigenbäume und ab und zu auch eine Cypresse. Der Boden scheint sehr
fruchtbar zu sein; ich habe nie die Artischoke größer und prächtiger
violett blühen sehen als auf dem Schutt und Moder der alten und neuen
Griechen. Man findet mehrere Cisternen, Säulenschäfte, Kapitäle und
Basen vielfältig in die Mauern eingefügt, und wenn man nur weiter
suchen und graben dürfte und könnte, würde man gewiß noch Manches
entdecken, was unwiderleglich meine Behauptung von der Existenz einer
ehemaligen Stadt bewiese. Wie ich oben auf dem linken Thorthurme stand,
baute sich mir die ehemalige Stadt wie von selbst wieder auf. Man
sieht die Terrassen, die angelegt wurden, um die einzelnen Stadttheile
aufzunehmen. Wozu auch ein Schloß, eine Festung von diesem Umfange? Es
hätte der Vertheidigung nur Schwierigkeiten geboten. Ich möchte auch
behaupten, daß die Thore, welche an anderen Stellen aus diesen Mauern
führten, Beweise für die Stadt sind. So prächtig und hoch, so mit der
sichtbaren Absicht des Gefallens baute man kaum für eine Festung.
Ziemlich nahe dem Strande, auf einem der letzten Absätze des Berges,
gleich hinter der heutigen Ortschaft, wo man steil den Berg hinauf zu
steigen beginnt, hängt noch die Hälfte einer Thurmkuppel zwischen den
hohen Pfeilern; die andere Hälfte liegt gleich einem Felsblocke auf
dem Abhange; Bäume und Sträucher nisten in der gestürzten Muschel. So
fest ist der Stein mit dem Kalke verschmolzen, daß ich keinen davon
losschlagen konnte; daher hielt das Mauerstück auch so unverletzt
den hohen Fall aus. Die Kuppel war nur klein; die Pfeiler sind
unverhältnißmäßig hoch; das Ganze gleicht unverkennbar dem goldenen
Thore in dem Schlosse der sieben Thürme zu Constantinopel, das ich mir
nun nach diesem hier auch geöffnet deutlich vorstellen kann. Vielleicht
war auch bei diesem des Genueser Schlosses einmal die Innenfläche der
Kuppel vergoldet; ich wenigstens kann mir, sei es nun, daß mir das
Gesehene die Einbildung verstellt hat, oder daß es wirklich zur Natur
dieser Kunst gehört, keine byzantinische Kuppel mehr anders als mit
goldener Mosaik ausgeschmückt denken.

Nirgends sah ich den Lorbeer in größeren, in schöneren und in
duftenderen Büschen grünen als hier um diese Ruinen. Es ist als fühle
er sich der Aufgabe bewußt, die Erinnerung einer ganzen Stadt zu
bewahren. In dichten Hecken, in Laubgängen zieht er sich, daß man
gedeckt und beschattet von ihm weite Strecken des Berges hinauf
steigt; die Luft ist von dem balsamischen Wohlgeruche seines Blattes
erfüllt. Die dichterische Bedeutung dieses Strauches hält man hoch,
aber seine äußere Gestalt schätzt man nicht nach Gebühr. Mir ist er,
was die Pinie unter den Bäumen, der liebste unter den Sträuchern. Mit
seinen aufwärts gekehrten Zweigen, denen wiederum jedes einzelne Blatt
insbesondere nachstrebt, hat er etwas Hilfeflehendes, etwas Bittendes,
versinnbildlicht den Moment seiner Erschaffung und erinnert mich an das
Bild einer mythologischen Gallerie, das meiner Jugendzeit vorgelegen
hatte. Es war nur ein schlechtes Kupferwerk, und jeder einzelne Stich
entstellt durch Zeichenfehler und durch jene Geschmackslosigkeit der
Unwahrheit, welche zu Anfange dieses Jahrhunderts bei der Auffassung
der Antike üblich war. Aber die spröde Daphne, welche, ermüdet von der
langen Flucht, dem Himmel die Arme entgegenstreckt, flehend, daß er
sie erlöse von dem zudringlichen Liebhaber oder ihre schöne Gestalt
vernichte, und deren Finger Zweige wurden und Blätter zu treiben
begannen, indessen die Füße wurzelten in dem Boden neben dem Flusse,
aus dessen Wasser das Haupt des Vaters Penäus auftauchte: dieses
Bild hatte so vieles von dem unverwüstlichen Grundelemente der Sage
behalten, daß die Phantasie des Kindes dadurch für die ganze Lebenszeit
bestochen wurde. Das Bild steht wie in meinem zehnten Jahre vor mir,
und wie man mir nun auch künftig die Geschichte der Daphne erzählen
mag, für mich wird sie immer in der Weise geschehen sein, wie ich sie
in meiner Jugend gesehen, und der Lorbeer bekränzt mir, wie er es
soll, die Vergangenheit. Wunder nimmt es mich übrigens, daß nicht auch
der Meißel die Darstellung der Fabel versucht hat. Die hilfeflehende,
ganz nach Aufwärts gerichtete Daphne: Blick, Hände und Mund den Gott
suchend, wäre eine herrliche Aufgabe für den Bildhauer, und der Baum
selbst hat schon etwas Statuarisches, das die Wege hätte weisen können.

Durch Granatbäume, Feigen und Cypressen an einem Friedhofe vorüber,
durch ein äußerst malerisches Dickicht stieg ich nach Anatoli Kawak,
der heutigen Ortschaft, hinab. Im kühlen Schatten riesiger Platanen
sind Hütten und allerlei Verkäufer geborgen. Sie haben sich hier um und
zu dem Zwecke der Verköstigung der militärischen Besetzung gesammelt,
welche die Batterien und die Befestigungen zu bedienen hat. Die ganze
„heilige“ Mündung des Bosporus ist mit diesen Göttern des neunzehnten
Jahrhunderts besetzt. Ich habe kein Urtheil, um zu behaupten, ob sie
so, wie sie sind, im Stande sein werden, das Einlaufen ungebetenen
Gästen zu wehren.

Mit dem Boote, das ich mir hierher bestellt hatte, fuhr ich nach
Bujuk-Dere zurück.


    Bujuk-Dere, den 8. Juli, Freitag.

Von 5 Uhr bis 8 Uhr Abends ging ich auf den Felsen der europäischen
Küste neben dem Bosporus dem schwarzen Meere entgegen. Wo das Meer,
dort ist auch das Ziel meiner Sehnsucht. Ihm zu wandere ich leichter
und frischer, und das nicht nur, wenn es weite Reisen gilt, auch bei
jedem Spaziergange. Wolken umzogen den Himmel und trübten zugleich auch
den Spiegel der hier am engsten eingeengten See. Den Pfad deckten mir
schon die Schatten der Nacht; so war die Beleuchtung. Von unten herauf
scholl das gleichmäßige, mir so verständliche Sprechen des Meeres. So
wurde durch Licht und Töne meine Einbildungskraft mit Vorstellungen
der Schaurigkeit und Düsterniß gefüllt. Nur in weiter Ferne spiegelte
die Fluth einen Sonnenblick, und das war der einzige Lichtblick in
meinen Phantasien voll Mord und Gewaltthaten. Es lag übrigens nicht
blos in der Beleuchtung, der Ort an und für sich ist wie geschaffen zu
Gräuelthaten, und wenn ich jemals einen Roman schriebe, der in diesen
Gegenden spielte, auf diesem Küstenwege nach dem schwarzen Meere zu
müßte die blutige Katastrophe geschehen.

Ich kam an eine Stelle, weiter als die Ruinen des europäischen
Schlosses der Byzantiner, das hier von der Höhe herab mit den Resten
einer Mauer mündet, wo prächtige Cypressen stehen, eine darunter
eine weibliche. In der sonst völligen Nacktheit der Gegend keimen
sie wie Gottessegen einigen Gräbern zum Denkmale, die verfallen mit
umgestürzten Grabsteinen darunter liegen. Ein paar türkische Frauen
saßen darauf wort- und beinahe regungslos, auf ihre besondere Weise den
türkischen Sonntag zu feiern. Ich setzte mich etwas seitab, um auch von
hier aus meine gestrige Vermuthung an dem gegenüber liegenden Genueser
Schlosse zu prüfen. Es ist klar, daß dort eine Stadt zu Grunde gegangen
ist, und daß die weitgezogenen Mauern, die heute noch stehen, einmal
viele tausende von Bürgern einschlossen.

Auch in Ssaryjeri und Jeni Mahalla, den beiden nächsten Orten neben
Bujuk-Dere, feierten die Leute den Abend. Vor ihren Häusern, auf
den Gassen und Plätzen saßen sie rauchend und Kaffee trinkend, den
Blick auf den Bosporus gewendet. Die beiden Dörfer sind beinahe
ausschließlich von Armeniern bewohnt. Noch aus älterer Zeit der
Eroberung sondert sich hier alles nach Nationalitäten ab, recht im
Geiste des neuen Kampfprincipes der Gegenwart.


    Bujuk-Dere, 9. Juli.

Der liebste Punkt aber zum Blicke auf den Bosporus ist mir Kiredsch
Burun, das schwarze Vorgebirge, gegenüber von Bujuk-Dere. Es sperrt
die Bucht, und um seine Ecke herum beginnt das Gebiet von Therapia.
„Schlüssel des Pontus“ hieß ehemals diese Stelle, und dieser Name war
schicklicher als ihr heutiger, denn es ist ihr hervorragendster Vorzug,
daß, wer von Constantinopel gegen das schwarze Meer zu schifft, von
hier aus zum ersten Male die freie See erblickt. Immer, zu welcher
Tageszeit man auch komme, am meisten aber Abends, liegen Schiffe
in der Mündung; gewöhnlich auch der Rauch einiger Dampfer, der in
gewundenen Säulen aufwärts steigt. Rechts und links sperren die Felsen
des Bosporus den Strom; wie Coulissen treten sie einer hinter dem
andern vor. Rechts, auf der asiatischen Seite, zu vorderst und Kiredsch
Burun gerade gegenüber, der Riesenberg mit seinen lichthältigen
Kalksteinbrüchen; auf der europäischen Seite die grüne Wand des
Kabatasch Dag, Bujuk-Dere mit seinen Villen in einer langen Zeile an
dessen Fuße. Das Ganze gleicht einem Theater; die Bucht von Bujuk-Dere
stellt die Bühne dar; Riesenberg, Genueser Schloß, Bujuk-Dere selbst
und die übrigen Ausläufer der Ufer die Coulissen; das offene Meer
die hinterste Courtine und die eilenden Wolken die Souffiten. Für
den Beschauer von Kiredsch Burun aus scheint das asiatische Ufer
des Bosporus mit dem Vorgebirge des Genueser Schlosses zu endigen.
Was weiter draußen liegt von anderen Buchten und Vorgebirgen zieht
sich hinter dieses mehr vorgestreckte zurück; dem Bilde, von diesem
Standpunkte aus gesehen, erweist es damit einen Dienst. Es läßt sich
kein schönerer Abschluß des Bosporus denken, als dieses Cap von Anatoli
Kawak. Zu oberst das Schloß mit seinen zwei gewaltigen Thürmen, dann
fällt der Hügel in einen Sattel ab, hebt sich zu einem neuen nur
niedrigeren Höcker, und steigt von diesem gewellt, zuletzt steil hinab
zur See; die Felsen, die überall aus ihm hervorspringen, sehen wie
Ruinen aus und sind in dieser Entfernung von den wahrhaftigen nicht zu
unterscheiden.

Beinahe den ganzen Tag über erfreute ich mich an diesem Bilde. Links
von Kiredsch Burun, in der Bucht, ist ein geheiligter Quell; große,
riesige Bäume darüber, Platanen, Terebinthen und Ahorne. Ein Kaffeegi
hat seine Wirthschaft dabei aufgeschlagen; dort setzte ich mich nieder,
ein Werk Fallmerayer’s mit mir. Neben mir lagerte auf Teppichen und
Matrazen, die sie mitgebracht, eine Gesellschaft vornehmer Türken; das
Boot, welches sie hergeführt, lag unten auf den schaukelnden Wellen;
Rauchen, Kaffeetrinken und Schauen in die freie Natur hinaus war die
Vergnügung ihres ganzen Tages. So bereitet man sich hier, was wir einen
guten Tag nennen. Nur ab und zu störte die allgemeine Schweigsamkeit
ein Reiter, der zu Pferde oder Esel den Landweg von Therapia nach
Bujuk-Dere ritt.

Den Sonnenuntergang wollte ich von übersichtlicherem Standpunkte aus
schauen, und so stieg ich Abends die Höhe hinter diesen Bäumen auf
den Gipfel des „schwarzen Vorgebirges“ hinauf. Das Bild von dort aus
gesehen gewinnt noch an Werth. Die Bucht erscheint größer, wie mit
offenen Armen der Strömung des schwarzen Meeres aufgeschlossen; die
rothen Felsen sind wie Bänder um die blaue Fluth gewunden, und das
Meer, das noch die Sonne völlig festhielt, erschien wie ein Spiegel,
der all’ dieser Schönheit zum Selbstgefallen vorgehalten wird.
Geschwellte Segel, die der Nordwind schon draußen auf der offenen See
weiter trieb, fuhren darüber. Kein Meer hat eine malerischere Pforte;
wild und zerklüftet ist sie so recht ein Thor des Nordwindes, der hier
ewig hereinfällt. Es hat etwas Geheimnißvolles dieses Thor eines so
ungeheuren abgeschlossenen Meeres. Immer muß ich meine Phantasie ganz
besonders anstrengen, um mir begreiflich zu machen, daß dieser schmale
Einschnitt wirklich der Eingang dazu ist.

Kiredsch Burun und die Hügel rings herum sind wie abgekehrt vom
Nordwinde; nur langes Gras und vereinzelte Sträucher wachsen darauf.
Fuad Pascha versuchte den Punkt zu civilisiren. Er wollte ein Dorf dort
anlegen und ein paar Häuser sind noch übrig. Umsonst aber der Versuch;
Niemand hielt die Unbilden des Nordwindes aus, der an warmen Tagen
sehr angenehm, an aber nur etwas rauhen hier gleich den Charakter des
verzehrenden Sturmes annimmt.


    12. Juli.

Aus dem Thale von Bujuk-Dere stieg ich heute den Kabatasch Dag
hinauf. Er ist der höchste unter den Bergen, welche unmittelbar aus
dem Bosporus aufragen und der einzige, welcher einen vollkommenen
Ueberblick zugleich über die beiden Meere, das von Marmora und das
schwarze, gewährt. Die Höhenrücken von Constantinopel, die Kuppeln und
Minarete darauf, die weiße Linie der Caserne von Daud Pascha hinter den
Mauern treten sehr bezeichnend in das Bild. Daneben, gegen Osten, sind
sämmtliche Prinzeninseln, die ganze Kette der argantonischen Berge und
sogar der bithynische Olymp sichtbar. Das schwarze Meer läßt nur Luft
und Wasser sehen und die einförmige Horizontslinie, wo sich die beiden
Elemente vereinigen. Die Windungen des Bosporus sind übersichtlich
sichtbar; immer ein Vorgebirge, das in eine gegenüberliegende Bucht
einspringt, so daß man deutlich die Weise erkennt, wie sich das Wasser
den Weg durch das widerspänstige Element gebahnt hat.

Es ist ein stolzer Blick, so die beiden Meere verbunden zu sehen, wie
eine Illustration zu der Handelsgeschichte, die von der fortwährenden
und von der Jahrtausende alten Bedeutung dieser Meere für das Werden
und Gedeihen der Menschheit erzählt. Keine andere Stelle der Welt, wie
hoch und umschauend auch ihre Höhe sein mag, bietet einen herrlicheren
und erhebenderen Ausblick. Kiepert gibt auf seiner Karte des Bosporus
die Höhe des Kabatasch Dag mit 770 Pariser Fuß, was mit dem Maße von
250 Meter übereinstimmt, das ich an anderen Orten verzeichnet fand.

Der Stein, der zu Tage tritt, ist meistens ein weißer Kalkstein, an
einzelnen Stellen von Eisen roth gefärbt, ähnlich dem gegenüber an
den Steinbrüchen des Riesenberges, eine Höhe, die eben von dieser nur
durch den Durchbruch des Bosporus getrennt worden ist. Doch ist auch
Thonschiefer sichtbar, dunkelgrau wie der von Kiredsch Burun.

Die Vegetation ist außer an dem Saume, wo die Gärten von Bujuk-Dere
liegen, auf der Seite, wo ich heute hinaufstieg, meistens eine
dürftige, niedrige, oben sogar beinahe alles nackt lassende. Es
ist, als habe auch dort wie drüben in Kiredsch Burun der Wind alles
ausgerottet. Das größte, was ich auf dem Abhange fand, waren Sträuche
von Steineiche (~quercus ilex~); viel Arbutus; an Blumen auch hier
das Johanniskraut (~Hypercium calycinum~) in überreichlicher und
in prachtvoller Blüthe. Aus der Kuppe blühten nur ganz kleine Kräuter,
~Stachys lanala~, eine wollige Gattung Roßmünze, ~centaureum
calcitrapa~, Tausendguldenkraut und ~filago arvensis~. Alles
andere war kahler Fels. Heftiger Sturm wehte oben, so daß ich Mühe
hatte, mich aufrecht zu erhalten, und mich an einzelnen Stellen hinter
die Felsen drücken mußte, um nicht den Abhang hinabgeschleudert zu
werden. Nach beiden Seiten geht es steil in den Abgrund. Dieser heftige
und fortwährende Wind, der erkältet aus den Steppen Rußlands kömmt und
auf dem schwarzen Meere noch mehr abgekühlt wird, läßt es auch allein
zu, daß ich solche Promenaden wie die heutige in den Mittagsstunden
eines Julitages machen kann, und das unter dem Breitegrade von Rom. In
Deutschland wäre es mit bedeutendem Ungemache verbunden, und hier thue
ich es zu meinem Vergnügen. Die Luft ist hier niemals trocken heiß,
niemals lastend, immer, auch in ihren wärmsten Stunden, leicht bewegt,
wie angefächelt und selbst wieder kühlend. Zwischen Constantinopel und
hier ist immer ein Unterschied von einigen Graden Réaumur, um die das
Thermometer dort höher steht. Der Südwind, der die Athmung so sehr
belästigt, reicht in seiner Wirkung in den Bosporus nicht weiter als
bis Jeni-Köi; dort kann man oft das sonderbare Schauspiel beobachten,
nebeneinander nordwärts und südwärts geblähte Segel zu sehen, bis sie
sich auf einer Demarcationslinie begegnen, wo dann die Leinwand schlaff
zusammenfällt und von den Schiffern zu dem ursprünglich angestrebten
Ziele nicht mehr benutzt werden kann.


    13. Juli.

Die andere Seite des Kabatasch Dag, die Bujuk-Dere entgegengesetzte,
dem schwarzen Meere zu liegende, fällt in das Thal von Kastanjesu
(Kastanienquelle) ab. Durch die Gärten des russischen Palais und des
Baron Hübsch stieg ich von Bujuk-Dere die Höhe des Berges hinauf und
auf der anderen Seite von oben in das Thal hinab, so daß ich es zuerst
in seiner ganzen Ausdehnung übersah. Schlucht müßte man es nennen, wenn
man es mit Worten deutlich zeichnen wollte, so nahe stehen sich seine
Wände und so schmal ist sein Bett. Ein paar Bauern bestellten unten
das Feld. Die rothe Erde war von dem Lichte des Sonnenunterganges noch
blutiger gefärbt. Die einzelnen Aecker sind durch Hecken von Feigen-
und Granatbäumen geschieden. Was aber das charakteristische Zeichen
und wohl auch der Hauptreiz dieses Thales ist, das ist der Contrast
seiner Wände, die auf der einen Seite, wo der Kabatasch Dag sich
hinabsenkt, überaus bewachsen; auf der anderen so kahl und dürre sind,
daß dort nicht einmal Moos die Farbe der Steine verkleidet. Es sind das
die Kupferbergwerke von Ssaryjeri, die einstmals stark ausgebeutet,
heute kaum mehr benutzt werden. Die Hügel sind auch von außen von
dem Schwefel gelb, von dem Eisen roth, und von dem Kupfer jenes
wunderschönen Himmelblau’s gefärbt, das den Türkis so sehr auszeichnet.
Das Ganze gleicht einer jener sonderbaren Landschaften, die aus Email
geformt, in Schmuckcabineten gezeigt werden. Sonderbar wie die Farbe
ist auch die Formation des Bodens, es sind lauter Blasen, die neben
einander aufgestiegen sind, dazwischen fließt ein langer gelblicher
Streifen Erde hinab, die aus dem Bergwerke herausgeschafft wurde.

Dieser Wand gegenüber steht der Kabatasch Dag, grün und bewachsen, als
sei er einer der schönsten Gärten des Bosporus. Arbutus und Lorbeer
sind bis zu Bäumen emporgeschossen. Am üppigsten ist auch hier die
Fruchtbarkeit in den Gräben, die das Wasser von oben herab in die
Bergwände gezogen hat. An einzelnen Stellen ragen große Kalksteinblöcke
aus dem Erdreiche hervor, die das Wasser rein gewaschen hat; sie
gleichen jenen Burgenresten, die wie Vogelnester an den Bergen des
Rheins und des Neckars kleben. Das Grün hängt in dichten Schleiern
über sie und stürzt in breiten Fällen zu Thale. Durch diese Schluchten
stieg ich abwärts, die Burgen und die Wasserfälle neben und über mir.
Ziemlich unten im Thale ist der Quell, den sie das Kastanienwasser
heißen. Versteckt und geborgen durch allerlei dichte Bäume, ist
der schönste und der edelste darunter ein mächtiger Kirschlorbeer
(~prunus laurocerasus~). Das Blatt ist dick und fest wie Leder,
länglich, groß und von einem prächtigen Dunkelgrün, wie es kein anderer
Baum hat; der Zweige sind nur wenige, aber diese sind groß und hoch,
und auch wie die des gewöhnlichen Lorbeers hilfeflehend nach aufwärts
gestreckt. Das Wasser ist milde, so recht wie es der Orientale liebt,
aber für meinen rauhen Geschmack zu weich. Ein Türke reichte mir mit
artiger Sitte den Kaffee, und ein Gespräch, das sich darauf mit ihm
entspann, zeigte mir wieder, wie diesem Volke die Unwissenheit kein
Hinderniß zu verständigem Urtheilen ist.

Auf dem Rückwege passirte ich das Dorf Ssaryjeri; es ist das Thor in
dieses Thal. Ein Friedhof mit hohen Cypressen liegt schon dahinter und
in dem Thalbette. In den Gärten, durch die ich schritt, blüht eben
die Myrthe (~myrtus communis~) und ein wunderschöner Acazienbaum
(~acacia julibrissin~), was sie hier mit Festhaltung der Wortlaute
Gülbersüm übersetzen. Seine Blüthen sind rosenfarbene Staubbüschel,
die die Zweige über und über bedecken. Der Baum ist so schön, daß er
eigentlich nur dem Paradiesvogel zur Herberge dienen sollte.


    Den 14. Juli.

Um fünf Uhr Morgens im Kaïk nach Rumili Kawak. Es ist das Schloß der
Türken, welches sie im Anfange des 17. Jahrhunderts unten auf dem
europäischen Gestade, dem Schlosse von Asien gegenüber, bauten. Ein
Dorf, Casernen und Batterien haben sich seitdem darum gesammelt.
Prächtige Platanen keimen dazwischen, beschatten einen kleinen Platz,
einen kühlen Brunnen und die Schankstätte eines Kaffeegi. Ich ruhte
auf dem Rückwege eine Weile dort, erschöpft und ermüdet von dem weiten
Gange, und daß ich ein Glas um das andere von dem köstlichen Wasser
begehrte, ließ die Leute noch freundlicher als gewöhnlich sein. Die
Mauern und Thürme des Schlosses, obgleich verhältnißmäßig jung, sehen
altersgrau und gebleicht aus. Schlechte Bauart scheint das Meiste zu
diesem raschen Verfalle gethan zu haben.

Wie auch Ssaryjeri, steht dieser Ort auf der Mündung eines engen
Thales an dem Saume des Bosporus. Die übrige Küste ist hier so steil,
die Berge fallen so plötzlich in die See ab, daß sich nicht mehr, wie
weiter südwärts gegen Constantinopel zu, die Menschen in fortwährender
Reihenfolge darauf ansiedeln konnten.

Ich ging von Rumili Kawak in das Thal hinein, das, wie alle diese
Schluchten, ein kleines Bächlein zum Meere leitet. Auf seinem linken
Ufer schreitend, hatte ich es bald tief unter mir. Felder ziehen sich
die Abhänge hinauf; einzelne Bauern arbeiteten darauf. Dann aber
verlor ich den Weg; Arbutus und anderes Gestrüppe, darunter auch
dorniges, umgaben mich. Ich wollte auf der kürzesten Linie aufwärts,
vergebens; ich sah zwar mein Ziel vor mir, aber der Durchgang war
undurchdringlich. Es sind nicht die Riesen, die kleinen Geister
stellen sich uns meistens am hinderndsten in den Weg. Tannen hätten
mich durchgelassen, diese Zwerge zwangen mich, den ganzen Weg, den
ich gekommen, zwei Stunden lang, wieder zurück zu machen. Erst von
Rumili Kawak fand ich den richtigen, gleich rechts von dem Dorfe,
unmittelbar aufwärts zu dem älteren Schlosse der Byzantiner, welches
ich suchte. Duftige Hecken säumen den Steig ein; die Sonne brannte
glühend. Oben fand ich gestürzte Mauern und nur drei Gewölbebogen,
die der Sturm der Zeit aufrecht ließ. Die Mauern, meistens nur mehr
wenige Fuße hoch, sind schön gefügt und so sorgsam gebaut, daß die
herabgestürzten Blöcke fest zusammengehalten, nicht als seien sie mit
Mörtel von Menschenhand zusammengeleimt, sondern durch die Triebkraft
der Natur zusammengewachsen. Weithin über das ganze Plateau und den
Berg hinab sind die Ruinen zerstreut. Lorbeer wächst dazwischen und
darum in hohen versteckenden Büschen. Einer hat sich in die Wölbung
einer herabgestürzten Kuppel eingenistet. Er sitzt darin wie in einem
Blumentopfe: der Ruhm, der aus dem Moder der Vergangenheit sein Leben
nimmt. Sonderbar immerhin ist dieses wie bedachtsame Schaffen der
Natur, das um Ruinen und um Gräber den meisten Lorbeer wachsen läßt.
Ich fand keine andere Stelle dieser Küsten reicher mit diesem Strauche
gesegnet, als die der alten Byzantiner Schlösser drüben in Asien und
hier in Europa. Solche Erscheinungen machen es erklärlich, warum gerade
dieser Baum der Liebling des Dichtergottes Apollo ward. Gräber und
Ruinen waren es ja zu allen Zeiten, die die Dichter besonders liebten
und durch ihre Gesänge ehrten.

Die Akropole dieser Befestigung stand auch einmal, wie drüben in
Anatolien, hier oben auf der Höhe der Küste. Von ihr zog sich
die Ansiedlung zum Ufer hinab. Die Umfassungsmauer steht heute
noch fortlaufend bis zum untersten Rande in ihren emportauchenden
Fundamenten. In die Burg flüchteten sich dann die Bewohner der
Ortschaft, wenn Ueberfälle von der See aus sie bedrohten. In ähnlicher
Weise wird damals der ganze Bosporus bewohnt gewesen sein; freie
offene Dörfer, oder gar abgetrennte Villen wie heute können in
einer Zeit nicht möglich gewesen sein, als auch der stärkste Arm
nicht die Waffe hatte, rohen ungezähmten Völkern, wie sie die Ufer
des schwarzen Meeres beherbergten, den Einfall zu wehren. Denn die
Kette, die bereit gehalten wurde, von hier aus nach Asien hinüber
den Eingang zu sperren, konnte nicht immer so rasch gespannt werden,
als es die Ruderschiffe der scythischen Russen waren. Manches Synope
der byzantinischen Kräfte ist hier schon erlitten worden. Erst die
gewechselte Kriegskunst, die durch immer bereite, rasch abgefeuerte und
weittragende Geschosse die Städte und Länder vertheidigt, gestattete
auch hier eine freiere Lebens- und Bauweise. Die Batterien, die heute
unten auf dem Strande stehen, sprechen freilich noch immer dieselbe
Sprache der orientalischen Frage wie die Ruinen oben auf dem Berge, die
mir in dichterischen Lauten von einem Ueberfalle des noch unbekehrten
Ruriksohnes Igor lispelten, der mit 2000 Booten den purpurgebornen
Constantin aus seinen Studien weckte und ihm die Hauptstadt und die
Umgebung in Blut taufte.

Nahe dem Schlosse fand ich einen riesigen Quarzblock mit eingesprengtem
Eisen zu Tage liegen; das Eisen so geschmolzen, daß es wie Schlacken
einer Fabrik aussah. Das können nur Ueberbleibsel einer verhältnißmäßig
jungen vulkanischen Thätigkeit sein. Auch Jaspis, Schwefel, die ich
später fand, machen dieses Phänomen wahrscheinlich. Das Land ringsherum
ist öde und unbewachsen; es liegt 600 Fuße hoch über dem Meere,
eine nur leicht gewellte Ebene. Wege nach Kilia, nach Fanaraki (dem
Leuchtthurm von Europa) und ein näherer nach Karybsche Kalessi, einer
Batterie auf dem letzten Vorgebirge, ehe sich der Bosporus in das Meer
weitet, führen darüber.

Ich ging weiter zu einem Thurme, der schon drüben von Asien her meine
Neugierde erregt hatte, und der auch heute das eigentliche Ziel meines
Planes war. Hammer nennt ihn ~Turris Timaea~ und behauptet, daß
es derselbe sei, welchen Dionysius beschreibt. Die Byzantiner hätten
ihn als Leuchte benützt, und von dort aus mit Fackeln den Schiffern
Leitung und Warnung gegeben. Hammer muß auch ihn nicht in der Nähe
gesehen haben. Der Thurm ist rund, hat 87 Fuße im Umfange, ein
niederes Holzdach deckt ihn; sein Mauerwerk ist ein elendes, sogar
die Byzantiner können das nicht gebaut haben. Es muß später und wohl
türkisches Handwerk sein. Mehr als eine Warte, ein „Lug ins Meer“
wird der Thurm wohl auch nie gewesen sein. Der Stall einer Heerde ist
nebenbei; Hirte und Schafe waren nirgends zu sehen, alles herum leer
und verlassen.

Hundert Schritte weiter von dem Thurme sah ich die ganze Fläche des
schwarzen Meeres zu meinen Füßen ausgebreitet; ein riesiges Bild,
wie ich kein Meer je größer gesehen habe, und zugleich der weiteste
Blick in den Osten. Das Festland und die Berge ziehen sich gleich
Anfangs beim Austritte des Bosporus in die See auf beiden Seiten in
gerade Linien zurück, nicht busenförmig, wie sonst die Ufer dem Meere
geöffnet sind. Himmel und Meer sind daher gleich das Einzige, was das
Auge sieht, und seine Grenze der langgezogene Horizont, wo sich beide
vereinigen. Die Sonne hatte viel Dünste auf das Wasser gelagert, es
blendete, und der Ueberfluß an Licht löschte die Farben. Alles war
goldig und glänzend, seltener Weise nirgends ein Schiff, auch nicht
einmal ein Remorqueur, die allenfalls ankommenden zu erwarten. Neben
und hinter mir sah ich hinab auf die Windungen und Buchten des Bosporus
und über die Berge weg bis nach Stambul.

Ich habe an keiner Stelle mehr als an dieser das Nahen und Sichaufthun
einer neuen Welt empfunden, keine hat aber auch eine kleinere und
unmerklichere Pforte als diese des Bosporus, und eben darum ist
der Blick auf das große Feld des schwarzen Meeres so überraschend,
so eindrucksvoll. Man sieht auf den Karten den Pontus Euxinus
so eingerahmt, so umschlossen, daß man sich nun diese unbändige
Endlosigkeit gar nicht in seine Vorstellungen einpassen kann. Noch
immer kostet es mir Mühe, mir zu erklären, daß diese schmale Spalte,
die sich das Wasser zwischen Asien und Europa gegraben, wirklich den
Eingang zu einem anderen Meere bilde und daß dieses groß und mächtig
sei. So steht der Mensch verwirrt und betäubt vor neuen Wahrheiten,
so die ganze Menschheit ungläubig vor neuen Lehren, und so der
hinübergegangene Geist wohl auch einmal vor den Geheimnissen der
Ewigkeit. Es hat eben jede Vorstellung ihr Amerika, das erst entdeckt
sein will.

Auf dem Rückwege legte ich mich unter einem Feigenbaume nieder. Meine
Wanderung hatte Stunden, beinahe den ganzen Tag gedauert. Ich war müde
und schlief ein. Als ich erwachte, fand ich neben mir unter anderen
Büschen zwei Soldaten der türkischen Marine gelagert. Man hatte mich in
letzter Zeit gewarnt, meine Spaziergänge nicht allein, und wenn ich das
durchaus nicht anders wolle, wenigstens nicht unbewaffnet zu machen.
Gerade diese Burschen der Flotte hatte man mir als die gefährlichsten,
als die raub- und mordlustigsten geschildert. Natürlich fielen mir bei
dem Anblicke meiner Lagergenossen diese Warnungen ein; ich entdeckte
auch gleich in ihren Blicken und in ihren Gesten einiges Verdächtige,
das sich sichtlich mit mir beschäftigte. Mein Schicksal hielt ich für
entschieden; die wenigen Piaster in meiner Tasche, die Uhr und die
goldene Kette, vielleicht mein Leben selbst für verloren. Schon machte
ich mir Vorwürfe, daß ich nicht mehr an Geldeswerth zu mir gesteckt,
das Leben mir damit zu erkaufen, als der eine aufstand, in die Büsche
hinter mir ging und dort verschwand. Ha! dachte ich, der Plan ist
vorsichtig, ich soll in dem Rücken gefaßt und mir zugleich die Flucht
abgeschnitten werden. Den Widerstand hielt ich für nutzlos; einer gegen
zwei, und die einzige Waffe dieses Hilflosen, ein weißer Sonnenschirm,
mußten erliegen. Die Kerle hatten weiße Leinwandhosen an, die roth
eingefaßt waren, und eben solche Jacken; auf dem Kopfe trugen sie das
Fezz.

Da kam der eine der Mörder, der, welcher aufgestanden und in die
Büsche verschwunden war, von rechts herüber und auf mich zu. Er ging
vorsichtig und langsam, in den Händen trug er etwas, das er mir
darreichte; es war ein Lederbecher, gefüllt mit Wasser. Meinem Gesichte
hatten sie die Ermattung angesehen, und da sie von früheren Wanderungen
eine versteckte Quelle kannten, was im Oriente immer als der besondere
Schatz einer Gegend gilt, so dachten sie, damit mich aufzurichten. Das
war das einzige Attentat, das sie auf mich machten, und als ich das
Wasser getrunken und es mit einem Trinkgelde vergelten wollte, wiesen
sie die Münze mit dem Bedeuten zurück, daß man des Herrgottes freie
Gaben sich nicht bezahlen lassen dürfe. Um etwas Anderes baten sie: daß
ich ihnen erlaube, mein Skizzenbuch anzuschauen.

Und so sind alle Erfahrungen, die ich hier mache: eine um die andere
entgegen den Behauptungen, welche gewöhnlich erzählt werden.


    Bujuk-Dere, 17. Juli.

Ein Engländer, der die ganze Erde bereist hatte, nannte, da er
vom schwarzen Meere gegen Constantinopel kam, den Bosporus die
schönste Straße der Welt und siedelte, weil er behauptete, der
nähere Augenschein müsse diesen aus der Ferne geschöpften Eindruck
zerstören, von einem auf den andern Dampfer über, um auf- und abgehend
Constantinopel zu sehen.

Der Mann hatte Unrecht. Wer nur die Schönheit in etwas anderem
versteht, als in seinen vorgefaßten Meinungen, der wird auch hier
in der Nähe noch manches Reizende sehen. So ist neben der Natur,
die verschwenderisch ihre Gaben ausgeschüttet, auch die Kunst
nicht unthätig geblieben. In den Gartenanlagen hat sie Wunderwerke
geschaffen, die von keinen andern auf irgend einem Ufer übertroffen
werden. Beinahe ununterbrochen von Constantinopel bis zu den rauhen
Vorgebirgen des schwarzen Meeres ziehen sie sich zu beiden Seiten des
Bosporus. Landhäuser, Köschke sind dazwischen gepflanzt, zuweilen
einzeln, meistens aber in dichten Gruppen gesammelt, so daß sie ein
ganzes Dorf (Köi) bilden. Es ist, als ob sich die Stadt ins Endlose
fortsetze.

Diese Gärten sind nach zwei Arten angelegt; entweder unten am Saume
des Meeres nur als eine schmale Terrasse, oder in weiterer Ausdehnung
parkartig die Hügel hinauf; immer aber steht das Landhaus (Jalli) hart
am Wasser, die ganze Ausschau den Bosporus hinauf und hinunter und den
ersten Anprall der Kühle zu genießen. Der Werth solcher Besitzungen,
besonders der der letzteren Art, welche so viel Terrain einschließen,
steigt bis auf einige Millionen Piaster. Ali Pascha hat z. B. die
seinige bei Bebek, wo er kürzlich das prächtige Sultansfest gab, zu
diesem ungeheueren Preise angekauft.

Ich besuchte heute zwei Gärten, je einen nach diesen verschiedenen
Anlagearten; das Landhaus eines griechischen Großen, des Logotheten
Aristarchi in Jeni Köi, und das Jalli des türkischen Großveziers Fuad
Pascha in Kandlische. An beiden Orten wurde ich mit außerordentlicher
Artigkeit empfangen. Bei dem Griechen waren nur Frauen zu Hause; sie
geleiteten mich durch den Garten, der zu beiden Seiten des Hauses
mit blühenden Büschen, mit Blumen und seltenen Bäumen gefüllt ist.
Das Schönste darin sind riesige Magnolienbäume mit Blumen bedeckt.
Bei uns erhebt sich diese Pflanze, die Villa Carlotta am Comersee
ausgenommen, nicht über die Höhe eines Strauches, und blüht im
Frühjahre, wenn die Zweige noch kahl sind; hier schimmern jetzt schon
und von haushohen Stämmen die großen weißen Tulpen aus dem Dickicht der
großen lederartigen Blätter hervor, und ihre langen gelben Staubfäden
verbreiten einen Duft bis weit auf das Meer hinaus. Das ist das
Verdienstliche der Vegetation des Bosporus, daß sie immer noch das uns
Bekannte, aber vergrößert in’s Zwei- und Dreifache sehen läßt. Mit
Leitern mußten hier die Blumensträuße gebrochen werden, die mir die
Frauen zum Abschiede gaben.

Gegenüber, auf der Küste von Asien, liegt das Jalli des Großveziers.
Das hat eine der Gartenanlagen, die sich in weiter Ausdehnung den Berg,
der dahinter liegt, hinaufzieht. Das Haus ist prächtig eingerichtet
und geräumig. In dem Garten fiel mir das Bemühen auf, Pflanzen zu
erziehen, die im Grunde diesen Klimaten fremd sind; die Fichte ist
neben die Palme und die Tanne neben die Cypresse gestellt. Sie wollen
auch hier also wieder, was sie nicht haben und weiter schweifen in
die Ferne. Ueberhaupt hat die ganze Gartenanlage viel Europäisches.
Verschlungene Wege, Rasenplätze, die trotz allen Begießens nicht
gedeihen, versteckte Seen und andere Liebhabereien der englischen
Parkanlagen. Was sie Eigenthümliches hat und was jene englischen
Phantasien mit allem Nachahmen der Natur nicht erschaffen, das ist
dieser Blick in die reizendste Ferne der Welt. Wo man auch steht, auf
welcher Terrasse oder in welchem Dickicht, überall fällt das Auge,
gezogen durch den glitzernden Sonnenschein, auf den blauen Spiegel des
Bosporus, auf die bunten Berge und die breite Bucht von Bejkos.

In Tschibukly, einem lauschigen Dickicht der Ufer dieser Bucht, brachte
ich den Rest des Abends zu. Aus den grünen Wäldern des Alem Dag kömmt
dort ein süßes Wasser dem Bosporus zu. Wie gewöhnlich decken seine
Mündung große schattige Bäume, riesige Platanen darunter. Unter ihnen
sammelt sich das Wasser in einem viereckigen, in Steinen gefaßten
Becken. Griechen, Türken, Armenier saßen darum und, was dem Bilde am
meisten Farbe gab, eine Menge türkischer Frauen mit ihren Kindern;
die bunten Trachten leuchteten in dem Dunkel der Bäume gar auffällig.
Obst-Zuckerwerkverkäufer boten auf ihren dreifüßigen Tischen ihre
süßen Waaren aus; Andere trugen Wasser, Malebi, Gefrorenes herum; ein
Kaffeegi war auch dort, und eine armenische Musikbande im Dienste
eines Vornehmen erheiterte ihren Herrn und die Menge. Ganz anders
war die Art, wie diese ihr Vergnügen kund gab, still und zuhorchend,
nicht schreiend, lärmend und streitend, wie es bei uns geschieht, wenn
die Fiedel streicht. Die Instrumente waren zwei einsaitige Geigen,
eine Flöte, die Tarabuka und als wichtigste Klangwirkung ein ganz
eigenthümlich gestaltetes ziemlich großes Hackbret. Die Melodie, die
sie spielten, erinnerte mich wieder an die Weisen der Ungarn, und ich
behaupte, daß Musik und Poesie mehr als alles Andere den Zusammenhang
der Völker verrathen.

Unter die Kinder vertheilte ich Zuckerwerk. Zuerst erstaunt und
verlegen, holten sie sich erst die Erlaubniß ihrer Mütter, es
anzunehmen. Als diese mit zuwinkenden Blicken ihnen ward, drängten sie
sich zu, und die freundlichen, dicken, runden Gesichter waren nun die
Vertraulichkeit selbst. Es gibt nichts lieblicheres, als türkische
Kindergesichter; wie die Modelle der musicirenden Engelsknaben auf den
heiligen Conversationen des Bellini sehen alle aus.

Zwischen all’ dem fiel das Auge immer wieder auf die glitzernde Fläche
des Bosporus, wo ein Segel um das andere leise vorbeizog und große
und kleine Dampfer rauschend das Wasser aufwühlten. Zuletzt ging die
Sonne unter und ließ die weißen Felsen von Chunkiar Iskelessi und das
Schloß der ägyptischen Prinzessin, das dort steht, wie in einem Brande
auflodern.

So erquicklich und so friedlich vergeht hier ein Sonntag; nichts von
Berauschten, von Wein und Bier, und von Rohheit wie daheim in der
gebildeten Heimath.


    Bujuk-Dere, den 19. Juli.

Niemand wird auf dem Bosporus fahren, ohne zu fragen, wie dieser
Strom entstanden, was im Laufe der Zeit die Verbindung zwischen dem
schwarzen Meere, dem von Marmora und dem Mittelländischen hergestellt
habe. So sonderbar ist diese Bildung, daß diese Frage beinahe eine
unausweichliche genannt werden kann. Auch das Auge des ungeübtesten
Laien in der Geologie sieht, daß hier etwas Ungewöhnliches zu Tage
liegt, und begreift, daß es so nicht von allem Uranfange an gewesen
sein könne. Zu vergleichen ist es nur den Erscheinungen, die in den
Alpen vorkommen, wenn sich ein tüchtiges Bächlein oder ein schon
Fluß gewordenes Wasser in zwei, drei Thalniederungen plötzlich für
einige Zeit heimisch niederläßt; wie z. B. die Aar in dem Brienzer-
und Thunersee, die Traun in den drei Grundelseen, dem von Hallstadt
und später dem von Gmunden. Die drei Meere liegen hier ähnlich
nebeneinander und ähnlich wie dort durch Flußbetten verbunden. Und
wer heute die Bildung eines Flußbettes beobachtet, der wird im Werden
dieselben Formationen sehen, die hier gehärtet und gealtert in festen
Formen vor ihm stehen. Wenn an einem Meere mit weithin ausgestreckten
sandigen Ufern die Fluth schwillt und das Wasser von einer Sandgrube
zur andern strömt, oder wenn Kinder an einem Bächlein mit reißendem
Gefälle ein Loch in die Ufer bohren, um das Wasser in irgend eine
neben liegende Pfütze zu leiten, dann sehen wir es dahin nicht auf
gradem Wege, sondern im Zickzack mit den sonderbarsten Biegungen und
Willkürlichkeiten schweifen; wie in dem Thun des Menschen wird das
kleinste Hinderniß die Ursache für das Abweichen von dem erstgemeinten
Ziele. Eine solche Bahn der Willkür hat auch das schwarze Meer bei
seinem Ausbruche in die Tiefenthäler des weißen verfolgt. Die Erfahrung
hat auch ihm gelehrt, daß es besser sei, ausweichend an den Vorgebirgen
vorüber und in die ruhigen Buchten hinein zu gleiten, als auf den
geraden Wegen der Schulmeisterweisheit den Kopf an dem allzuharten
Gestein sich zu zerstoßen.

Unter allen Vermuthungen, die über die Bildung des Bosporus aufgestellt
worden sind, erscheint mir als die wahrscheinlichste diejenige,
welche ehemals das schwarze Meer an dieser Stelle durch einen Vulkan
geschlossen und diesen Vulkan durch eine Eruption zertrümmert, das
Meer dadurch geöffnet sein läßt. Noch zeigt das ganze Dreieck der
europäischen Küste, das Vorgebirge von Ssaryjeri bis nach Kilia hin die
Spuren feuriger Thätigkeit; die Erdoberfläche ist dürr und nackt, kaum
von niederem Gestrüpp und Grase überwachsen; meistens liegen Basalte,
Eisensteine und Schlacken von so junger Bildung offen zu Tage, daß man
an ehemalige Fabriken glauben könnte. Jung nenne ich diese Producte im
Verhältnisse zu dem großen Maßstabe der Natur, denn unser Alter ist ja
weniger als eine Secunde in dem Leben der Welt.

Will man diese Hypothese mit dem Allzuwenig der Spuren widerlegen,
die von jenem ehemaligen Thorschlusse des schwarzen Meeres nur noch
übrig sind, so verweise ich auf die außerordentliche Demolirungskunst
der Natur. Nicht nur das Erschaffen, auch das Zerstören ist ihre
berufsmäßige Aufgabe; aus dem Einen geht das Andere hervor, und so
nicht blos bei den Wesen die wir lebendige nennen, bei den Thieren
und bei den Menschen, auch bei den unbelebten Pflanzen und noch mehr
vielleicht, nur weniger beobachtet und verstanden, bei den Steinen
und Felsen, bei den Bergen und bei der ganzen morschen Erdkruste. Die
ganze Natur ist in einem fortwährenden Zerstörungsprocesse begriffen;
die Berge kommen zu Thale und die Ebene baut sich wieder zu Bergen
auf. Wer daran zweifelt, der soll sich im Thale von Chamouny davon
überzeugen; die Aiguilles, die Nadeln, die den Hauptreiz jener Gegend
ausmachen, sind nichts als zertrümmerte Montblancs. Ursprünglich waren
sie Dome, wie der des Gouté und der des Hauptstockes heute noch;
zuerst schmolz ihnen der Gletscher ab und dann zerbröckelte sie der
Zahn der Zeit, der Regen und das Unwetter. Aehnliche Gebilde, nur
nicht so himmelstürmerisch wie jene der Alpen, zeigen hier die Küsten
des Bosporus bei seinen Mündungen in die beiden größeren vorliegenden
Meere: die Prinzen-Inseln und die Cyaneen, die beiden Inselgruppen, die
wie durch bedachtes Schaffen der Natur symmetrisch vor die Eingänge
dieses Länder und Meere verbindenden Stromes gesetzt sind; die einen,
die Prinzen-Inseln, mehr zur Rechten vor das Vorgebirge von Asien, die
anderen, die Cyaneen, mehr links vor das Ufer von Europa geschoben.
Man kann die einzelnen Felsengipfel, wie sie dem Wanderer auf der
weiten Fläche des Meeres als Vorläufer des Festlandes erscheinen,
den Obelisken vergleichen, die die Aegyptier als stimmungsvoll
vorbereitende Herolde vor die Pylonen ihrer Tempel stellten.

Heute Nachmittags 4 Uhr schiffte ich hinaus in das schwarze Meer,
um auch die bläulichen Eilande der Fabel -- wie ich die rothen
der Propontis schon gesehen hatte -- in der Nähe zu besehen. Nach
1½stündiger Fahrt legte das Kaïk an ihren Felsen an; das
europäische Ufer, dem wir uns besonders nahe hielten, hat schon lange
vorher solche wilde basaltische Formen. Einzelne Felsen ragen daraus
hervor, spitz und thurmartig, als sollten sie Denksäulen vorstellen,
welche der Fahrt und den Sagen der Argonauten errichtet worden sind.
Die Steine liegen schichtenweise übereinander, sichtbar gehoben,
dunkelblauer Basalt und rothes Eisen wie in geschmolzenen Massen,
graugrüne Ockererde als verbindender Mörtel dazwischen. An einer
Stelle sieht es aus, als rinne die flüssige Lava eben erst aus dem
Felsen über den Strand in die Fluth. Allerlei Vögel, mit denen der
Bosporus reichlich bevölkert ist, nisten in den Höhlen. Es ist ein
absonderlicher, mit nichts zu vergleichender Anblick dieser Küsten, den
man so bald gewiß nicht vergessen wird.

Die Cyaneen sind weit höher als ich sie mir vorgestellt. Hammer
behauptet sie nur eine Klafter über dem Meere erhaben. Das zeigt, daß
er sie nicht einmal von den umliegenden Höhen gesehen, viel weniger an
Ort und Stelle gemessen haben kann. Sie sind wenigstens 150 Fuß hoch.

Ich sehe nur zwei, nicht fünf inselartige Felsen, wie sie Andere
beschreiben. Was sonst herumgestreut liegt, erscheint mir als nicht zu
zählender Abfall von den beiden Hauptstämmen, und diese wieder halte
ich nur für Ueberbleibsel der ehemaligen Küste. Einmal trat diese mit
einem Vorgebirge bis hierher und vielleicht auch noch weiter in den
Pontus vor. Seitdem hat dessen ewig stürmende Wellenmasse sich zwischen
ihnen und dem Festlande, und sodann auch wieder zwischen den einzelnen
Felsen selbst durchgewaschen. Man muß, selbst an ruhigen Tagen,
gesehen haben, welchen Sturm und Drang das Wasser hier fortwährend
übt, und welche Mühe es macht, an diesen Ufern zu landen, um an solche
Zerstörung glauben zu können.

Die beiden Felsen sind immer noch, wie sehr auch das Unwetter daran
genagt, ziemlich gleich hoch mit der Küste des Festlandes. Das Wasser
löst und bröckelt an den großen wie an den kleinen, die herumgestreut
liegen; das Erdreich kömmt ihm hierbei außerordentlich zu statten. Es
sind, wie ich schon vorher bei der Vorüberfahrt an der Küste bemerkt,
schwarzblaue Basalte von metallischem Glanze, zusammengeknetet durch
lehmige Erde; nirgends ein größerer Block von widerstandsfähiger Kraft.

Ich stieg auf den obersten Gipfel; die Hände müssen den Füßen helfen,
aber schwierig, wie sie in vielen Reisebeschreibungen geschildert,
finde ich die Besteigung doch nicht. Oben steht ein Altar aus
weißem Marmor; Kränze, die von Stierköpfen gehalten werden, sind
der Schmuck, der darum gemeißelt. Oben auf der Fläche sind vier
faustgroße Löcher eingehauen, offenbar um die Füße des metallenen
Opfergefäßes festzuhalten. Unter dem Altar ist der Boden ungleich,
so daß ich mit der Hand darunter durchgreifen kann. Ueberhaupt ist
er wenig mit dem Boden verwachsen; das gibt mir doch Zweifel an dem
Alter der Aufstellung, das behauptet wird. Der Fels ist mit rothgelbem
verbrannten Moose überzogen; einiges Schilf, ~Arundo donax~,
wurzelt in den Spalten.

Der Blick umfaßt weithin Meer und Land. Gerade gegenüber, auf der
europäischen Küste, steht der Leuchtthurm und eine ansehnliche
Ortschaft. Die asiatische Küste tritt gleich hinter ihrem Vorgebirge in
eine Bucht zurück; der Leuchtthurm dort, die Batterien und Häuser von
Poiras sind das letzte, was man sieht. Der Bosporus erscheint diesem
Standpunkte wie geschlossen. Wer seinen Eingang nicht kennt, kann
zweifeln, daß er überhaupt vorhanden, so schieben sich, wie sie ehemals
zusammengeheftet waren, das europäische und asiatische Ufer ineinander.

Bei dem Eintritte in dieses Meer, von seinen immer bewegten Wellen
lange hin- und hergeworfen, hielten die Argonauten diese Felsen für
die Bewegten, indeß sie selbst es waren. Für den nahe der Küste
Schiffenden, wie es die damalige Unerfahrenheit wohl mußte, scheinen
diese Klippen wie abwehrende Wächter entgegengestellt zu sein.
Oder sollte das ganze Märchen von den zusammenschlagenden Inseln
nur ein Restchen jener Tradition sein, welche von der vulcanischen
Veränderlichkeit jener Küsten erzählt, wie Deukalion von der großen
Fluth?

Auf der Rückfahrt ward der Himmel plötzlich ganz verändert; eben noch
blau und sonnenklar, lagerten sich hinter uns auf dem Pontus und vor
uns auf dem Bosporus dichte verdunkelnde Wolkenschleier; der Süd
hatte sie zusammengetrieben. Vor der Stunde ward der Tag nächtig, und
der Mond, der wie eine blaßrothe Scheibe in Blut getaucht hinter dem
Riesenberge heraufstieg, gab ein beinahe schon nothwendiges Licht. Groß
wie heute habe ich ihn nur in Venedig gesehen, und darum begrüßte ich
ihn auch wie einen lange entbehrten Freund.


    Bujuk-Dere, den 20. Juli.

Es gibt Orte, die wie aus einer Naturnothwendigkeit ihre Namen führen,
und die wie miterschaffen ihnen anhaften. Solch’ ein bezeichnungsvoll
genannter Winkel ist hier „das Paradies“, eine Thalschlucht, die hinter
Bujuk-Dere den Kabatasch Dag hinaufsteigt. Alles, was der Mohammedaner
sich von jenem seligen Aufenthaltsorte verspricht, erfüllt sie. Kühle
Wasser, die von der Höhe darin zum Meere fließen, schattiges Dunkel und
blumige Gärten; die Hänge sind mit zahmen Kastanien, mit Feigen, mit
Gülbersümen (~Acacia julibrissin~) bedeckt. Mächtige Lorbeerbüsche
streben dazwischen auf, blaue Hortensien bekränzen das Plateau vor der
dürftigen Holzhütte des Kaffeegi, und nur aus der Entfernung von einem
der benachbarten Hügel herüber mahnen Cypressen an den traurigen Ernst
des Lebens. Es hatte die ganze Nacht über geregnet. Ein Gewitter war
dem anderen gefolgt, und Morgens noch ließ ich, in jenem Paradiese
geborgen, eines der schlimmsten über mein Haupt und über die See, die
antwortlos für solche empörte Sprache ruhig in dem Busen des Festlandes
lag, dahinziehen. Es ist etwas unendlich Förderndes, sich solcher
beschaulicher Trägheit des Orientalen hinzugeben. Bei der Eile unserer
Länder ist sie vielleicht nur auf der Höhe unserer Berge möglich, wo
man entrückt dem civilisirten Leben ist. Angeregter und begabter als
bei uns nach tagelangen Studien stehe ich hier von solchen Stunden der
Faulheit auf. Von meiner heutigen Ruhe aus stieg ich den Berg hinauf,
die weitere Aussicht auf die beiden Meere, das schwarze und das von
Marmora, zu gewinnen. In einem Hohlwege begegnete mir ein Esel, und in
welchem Aufputze das verrufene Bild der Dummheit! Lorbeerzweige zu den
beiden Seiten seines Kopfes in das Saumzeug gesteckt, und der Führer
einen dritten in der Hand, womit er sich und dem Thiere barmherzig die
Fliegen abwehrte. So spielt der Zufall mit den Bedeutsamkeiten des
Lebens; es war der passendste Gegenstand für einen Genremaler, der die
Contraste nahe bei einander haben will.

Die Gewitter währten den ganzen Tag. Abends, nach dem Essen, da
wir auf die Terrasse heraustraten, sahen wir die See immer noch in
geisterhafter, beinahe beängstigender Ruhe liegen. Oben am Himmel
jagten schwere schwarze Wolken; erst der Mond scheuchte sie und gab der
See und den Schiffen, die zahlreich in der Bucht geborgen liegen, das
Licht wieder. Mondlandschaften gleichen den Bildern unserer Erinnerung;
beide mahnen mehr die Einbildungskraft zum Selbstschaffen, als daß sie
Erschaffenes geben.


    21. Juli.

In dem Thale von Bujuk-Dere, das sich als Fortsetzung der Bucht
zwischen den Hügeln bis zur darüber gespannten Wasserleitung des
Sultan Mahmud zurückzieht, stehen hart am Meere ein paar mächtige
Terebinthenbäume und etwas weiter zurück im Lande eine riesige Platane,
von der heute die Sage erzählt, daß Gottfried von Bouillon mit einem
Theile seines kreuzfahrenden Heeres unter ihrem Schatten geruht. Anna
Comnena, die verläßliche Chronistin, dementirt dies zwar und läßt hier
nur den weniger bekannten französischen Grafen Roul lagern, aber warum
dem Baume die poetische Weihe nehmen? Was gewinnt die Wahrheit dadurch
und wieviel verliert nicht das Gefühl?! Mir kömmt solche historische
Wahrheitsliebe wie das barbarische Abschlagen der Hände und Füße an
antiken Statuen vor, das auch Alterthumsfreunde und Forscher üben. Das
Werden der Sage ist auch ein gottgewordenes und gottgewolltes Werk, und
wie vor allen Werken göttlichen Ursprungs soll man auch vor diesem mit
einer gewissen Zurückhaltung der Achtung stehen.

Oftmals wandere ich zu diesen Bäumen und setzte mich mit einem Buche
Fallmerayer’s oder Finlay’s unter die Platane Gottfrieds von Bouillon:
die Schatten der Geschichte über mir und ihr Licht in meiner Seele.

Heute hatte ich Finlay’s Chronik des mittelalterlichen Griechenlands
mitgebracht. Es ist ein verzehrender Boden, dieses schöne, reiche Land
am Bosporus. Salz scheint darein gestreut, daß das Leben der Menschen
aussterbe; kürzer, als es anderswo bemessen ist, dauert es hier für die
beherrschenden Völker. Wüste und öde, sowie es die Umgebungen dieser
sonst so farbenprächtig umgebenen Stadt in das Festland hinein sind,
ist die Geschichte der Nationen, die hier ihren Sitz aufgeschlagen
haben; kein Gedeihen, immer nur rascher Untergang nach einem Leben,
das seine Blüthe schon anderswo gehabt hatte. Volk um Volk kömmt
mit frischen Kräften gezogen, unterwirft sich das Bestehende und
geht wie dieses nach kurzer Zeit zu Grunde. Es ist als sauge ihnen
der wollüstige Boden die Kraft aus. Die Menschen verlieren hier den
Sporn der Thätigkeit; nicht der Ueberfluß an Sonne wie im äußersten
Süden, der alles verdorrt, und nicht der Mangel an Wärme wie im
Norden, der die Reife hindert, zwingen sie, das Zuviel und Zuwenig
der Natur durch ein Einsetzen ihrer Kräfte auszugleichen. So recht in
der glücklichen Mitte gelegen gibt der Boden Alles von selbst, und
was ihm fehlt, führen die von allen Seiten hier zusammenlaufenden
Wasserstraßen auf das müheloseste und wohlfeilste zu. Frisch und rege
hat sich kein Volk lange auf diesen Küsten erhalten; wie Schichten
der Erdbildung liegen sie übereinander, die Griechen, die Römer, die
Gothen, Slaven, Bulgaren, Albanesen, die kreuzfahrenden Lateiner,
die Byzantiner und heute auch schon beinahe die Türken. Die Griechen
erhielten sich am längsten, eigentlich die Byzantiner, denn sie sind
anders als die alten Hellenen. Wie eingewurzelt und fertig in seiner
Weise der Culturzustand dieses Volkes war, sein Rechts-, Moral- und
Religionswesen, beweist am besten, daß es trotz seiner Verkommenheit
und Schwäche ihn gegen die Mischung der hereinströmenden Elemente
zu bewahren wußte. Nichts vom Feudalsystem der lateinischen Ritter
nahmen die Byzantiner an; fremd wie am ersten Tage konnte diese
Pflanze, auch nachdem sie zweihundert Jahre in dem eroberten Lande
gewuchert hatte, keine Wurzel greifen. Das Feudalsystem zeigt sich
überall als das am meisten exclusive. Es weiß sich nirgends Fremdes
zu assimiliren oder sich dem Fremden zu verbinden; es ist eine
vorzüglich französische Institution und schon als solche nicht zur
Colonisirung tauglich. Wie heute in Algier, so im 13. Jahrhundert in
Byzanz, Attika und dem Pelopones zeigen sich gerade die Franzosen,
welche die Anmaßung haben, die Culturträger der Welt zu sein, als
die am wenigsten zur Colonisationsarbeit Befähigten. Sie bilden sich
die anderen Völker nicht zu und bilden sich nicht nach ihnen. So
kömmt es, daß diese Länder, die sie eroberten, heute wieder sind,
was sie schon so oft waren, Uebungslager der Colonisation, die jedem
Abenteurer offen stehen, ihm Glück verheißen. Es kommt nur darauf an,
daß er die Seefahrt wage, Widerstand der Regierung findet er keinen
und der Einwohner nur geringen. Die Länder des ägeischen Meeres, der
Propontis waren der mittelalterlichen Welt, was der Neuzeit Ostindien,
Amerika und Australien sind; nur daß die Lockung damals noch größer
war, weil das oströmische Kaiserthum die Reste der alten Kunstwelt
und die Reichthümer eines schon lange bestehenden Handels besaß. Der
Vorwand ward, wie er es schon den alten Hellenen gewesen und heute
den Beutegierigen wieder ist, das Culturträgeramt von dem Westen
nach dem Osten hin. So wiederholen sich selbst in der Geschichte der
Einzelländer die Dinge, und das „Ist Alles schon da gewesen“ des Rabbi
Ben Akiba findet nicht blos in dem Weltgang, auch in dem engeren Kreise
der Specialgeschichte seine Bestätigung. Man begreift oft kaum, warum
der dazwischen liegende Tod und neue Geburten erfolgen mußten, so
ähnlich sieht eine Fortsetzung der anderen. Nur ein mikroskopisches
Auge erkennt die kleinen Unterschiede, welche wir dann selbstgefällig
Fortschritte nennen, und um deren Willen all’ der Brand und Untergang
erfolgt sein soll.

Solche fortschrittfeindliche Gedanken entstanden und begleiteten mich
auf meinem Spaziergange in das Innere des Thales. Glühende Sonnenhitze
trieb mich von dem offenen Wege in die Felder hinein, wo ein Wäldchen,
Kühlung versprechend, steht. Ich vermuthete Wasser als die Ursache des
dort vereinzelten und so reich blühenden Wachsthums, und hinter Bäumen
und Büschen fand ich in der That einen mäßig großen Teich versteckt. So
dicht steht das Grün, daß man kaum dem braunen Wasser zudringen kann,
und auch aus dessen Mitte ragen silbergraue Weiden auf, die Stämme
tief in das Wasser versenkt, die Aeste oben in die benachbarten Wipfel
verflochten, die wie eine Laube über den ganzen Tümpel gebreitet sind.
Lebendes und Abgestorbenes: Lianen, die dürr vom vorigen Winter sind,
und andere, die im Reichthume des heutigen Sommers prangen, Alles
steht und hängt wild und ungebunden, wie es die freie Hand der Natur
geordnet hat. Prächtige Kastanienbüsche mit ihrem frischen Goldgrün
drängen sich vor, überhängend in den Teich, dazwischen Feigenbäume mit
der humorvollen Krümmung ihrer Aeste, und Alles umschlungen, verbunden,
vermählt durch hochaufstrebende wilde Reben, durch blasse Nachtschatten
und anderes Schlinggewächs, das betäubend duftet und in allen Farben
blüht. Und damit kein Mensch die Einsamkeit entweihe, steht Schilf in
Manneshöhe abschließend an den Ufern. Schildkröten, klein wie eine Hand
und andere mäßig groß, schwammen im freien Wasserspiegel, die Füße aus
der Schale herausgestreckt und den Kopf luftschnappend in die Höhe
gereckt. Sobald sie mich gewahr wurden, tauchten sie unter, zuerst den
Kopf hinabsenkend und dann, wie mit einem Purzelbaume, den übrigen
Körper ihm nach. Es ist ein Winkel, so still, regungslos, lauschig und
kühl, als hätten ihn die Götter der altgriechischen Mythologie sich
eigens erschaffen, um dort eines ihrer verliebten Abenteuer zu feiern.


    Bujuk-Dere, den 22. Juli, Freitag.

Ich fuhr Nachmittags nach Asien hinüber, bei Chunkjar Iskelessi (der
Landungstreppe des Sultans) anlegend. Es ist dort jene Bucht, auf deren
einem Vorgebirge das Schloß der Aegyptierin steht, mit seinen weißen
und rothen Marmorwänden das Abendsonnenlicht haltend, und auf deren
anderem Vorsprunge jener Obelisk die Erinnerungen bewahrt an die Hilfe,
welche 1833 russische Truppen dem Sultan gegen einen Glaubensgenossen,
den aufständischen Vicekönig von Aegypten, geleistet haben. ~Timeo
Danaos dona ferentes~, so sollten die Türken diesen Warnungsfinger
lesen. Ich sehe ihn seinen Schatten auf die Uhr der Zukunft werfen.

Die große Bucht von Bejkos, berühmt als Lagerplatz der französischen
und englischen Flotten während des letzten Krimkrieges, liegt hart
neben der von Chunkjar Iskelessi. So nahe stehen in dieser sonderbaren
Welt des Wechsels die Contraste oft nebeneinander: hier die Russen als
Freunde, dort ihre Gegner den Türken verbündet.

Gleich beim Ufer empfangen prachtvolle Platanen-Alleen den auf Chunkjar
Iskelessi Landenden. Es sind herrliche, uralte Bäume, und unter ihnen
und weit bis zu den Bergen hingezogen grüne saftige Wiesen. Einen
der Bäume hat der Blitz getroffen; es steht nur noch der ausgehöhlte
Stumpf, kaum viel mehr als Manneshöhe, die Rinde hat sich oben
kegelförmig zusammengezogen, und aus ihr wie aus den weitverbreiteten
Wurzeln sproßt das immer noch rege Leben mit hundert neuen Zweigen und
grünen Trieben. In dieser befiederten Hütte hat ein Kaffeegi seine
Werkstätte aufgeschlagen, und vor ihr sitzend trank eine Gruppe Türken
den schwarzen Kaffee, rauchte und spielte Lange-Puff. Schon durch
seine Seltenheit wäre dieser in ein Zelt umgewandelte Baumstamm eine
wirkungsvolle Staffage für ein Bild.

Ein Bach schlängelt sich durch die Wiesen hart an dem Fuße des hier in
das Thal abfallenden Riesenberges her. Weiber saßen auf seinen Ufern,
bunt in ihren türkischen Kleidern und dicht gereiht, als seien es
Weiden, die das Wasser einfassen. Kinder tummelten sich auf den Wiesen
und ein paar Zuckerbäcker hatten ihre tragbaren Waarenlager auf den
hier üblichen Dreifüßen aufgestellt. Langsam und beschwerlich kamen mir
vergoldete Arabats entgegen, von Ochsen gezogen und mit verschleierten
Frauen überfüllt. Sie stiegen vom Riesenberge herab, wohin man mit
solchen Mitteln die Ausflüge zu machen pflegt. Gerade so müssen die
Wagen der Alten ausgesehen haben, die von Aegypten nach Babylon die
große Landstraße befuhren.

Ich ging immer dem Bache entlang, tiefer in das Thal hinein, auch an
Feldern und Meierhöfen, einer Tenne vorüber, wo das Getreide in antiker
Weise gedroschen ward und die Lehre Christi ihre Befolgung fand: denn
dem Viehe, welches darauf herumlief, war das Maul nicht verbunden.

Die Hügel zu beiden Seiten des Thales sind dicht und mannigfaltig
bewaldet. Der Wald hat in seinem äußeren Ansehen sogar etwas Feuchtes,
Undurchdringliches. Je weiter man kömmt, desto enger wird das Thal und
desto fruchtbarer sein Wachsthum. In Tokat, einem lieblichen Punkte,
sind riesige Bäume über ein Wasserbecken geneigt. Türken und auch ein
Neger ruhten in ihrem Schatten. Einer, da die Gebetstunde gekommen
war, breitete den Teppich aus und verrichtete sein Gebet, gegen Mekka
gewandt sich niederwerfend und den Boden küssend. So stille sind die
Vergnügungen dieses Volkes; wie dort am Bache die Frauen, so hier die
Männer: Sitzen, Schauen und Schweigen; nirgends ein Streitender und
nirgends ein Betrunkener. Es ließe sich nach diesem Eindrücke auch
„Ein Tag des Herrn“ dichten und sich zum Gegenstücke des Reinick’schen
„Sonntag Morgens am Rheine“ -- das Lied „Ein Feiertagsabend am
Bosporus“ nennen.

Da ich zurück ging in werdender Nacht, lag die Wiese von Chunkiar
Iskelessi schon ganz im Schatten der nachbarlichen Berge; nirgends
ein Lichtlein mehr und kein Lebendiges auf der weiten Flur, -- da
befiel auch mich ein „süßes Grau’n, geheimes Weh’n“, und anbetend das
Uhland’sche Sonntagslied murmelnd fuhr ich über den Bosporus.


    Bujuk-Dere, den 23. Juli, Samstags.

Seit mehreren Monaten hat der Sultan sieben- bis achttausend Mann
seiner Truppen ein Lager bei Maslak beziehen lassen. Es ist das ein
Meierhof ziemlich halbwegs auf der Landstraße von Constantinopel nach
Bujuk-Dere. Er selbst besucht es wöchentlich mehrere Male, gibt seinen
Soldaten dort Feste, und erst neulich sahen wir den Himmel von einem
Feuerwerke erleuchtet, das dort abgebrannt wurde, als der Sultan die
Nacht in seinem Zelte zubrachte. Er sieht es gerne, wenn Fremde das
Lager besuchen, und so fuhren wir heute auf dem Landwege dorthin. Die
Straße ist schlecht nach unseren Begriffen, gut nach den hiesigen. Von
der Wiese, wo der französische Graf Roul gerastet, steigt sie steil
aufwärts, läuft dann oben auf den Höhen der Hügel eben fort; rechts und
links eine gelbrothe Sandwüste, die sich scheinbar endlos in das Innere
des Landes fortzieht. Es ist wie die Campagna di Roma; das Tageslicht
leuchtet erfolglos darauf, aber die Farben des Sonnen-Auf- und
-Unterganges erglühen um so lebhafter auf dieser leblosen Unterlage.
Dabei ist der Boden nicht unfruchtbar; wo ihm etwas eingepflanzt ist,
trägt er Früchte und lohnt reichlich. Es fehlt nur die Hand, die
sich darum bemüht. Sonderbar, daß die großen Schicksalsstätten der
Geschichte, Rom, Jerusalem und Constantinopel, alle -- obwohl noch
immer fortlebend -- von solchen Friedhöfen der Natur umgeben sind. Will
der Mensch dort die Geschichte begraben sein lassen und sollen wir
diese Städte als ihre Denkmale achten, oder verliert er dort nur in dem
sonst so verzehrenden Leben den Trieb zur Arbeit?

Ab und zu, wenn eine der höchsten Höhen des wellig auf- und
niedersteigenden Weges erreicht ist, fällt der Blick zurück auf das
schwarze Meer und einmal auch zugleich vorwärts auf die Kuppeln und
Minarete von Constantinopel; noch öfters zur Seite hinab links auf eine
der Buchten des vielgewundenen Bosporus. Θάλαττα! Θάλαττα! ruft dann
das ausgetrocknete Auge, das vom Staube und Widerscheine der Sonne
ermüdet ist.

Auf einer dieser Höhen stiegen wir aus. Vor uns ausgebreitet in den
Thälern, die sich dort hinabziehen, liegt das Lager; grüne und weiße
Zelte, die weißen kleinen um die Gewehre zu bewahren. Je 10 Mann
schlafen in einem Zelte. Wir sahen uns das Ganze aus dem Zelte des
Sultans an; herbeigerufene Officiere machten artig die Erklärer. Das
Meiste der Mannschaft, Cavallerie, Artillerie und Infanterie, hatten
wir früher schon auf Uebungsmärschen begegnet und beobachtet. Die
Leute sahen gut aus. Bestaubt, beschmutzt und sonnenverbrannt schien
ihnen nichts zu fehlen, als der zündende Funke, das kriegerische Spiel
in Ernst zu verwandeln. Ich zweifle, daß ohne diesen Funken, der nur
der religiöse Fanatismus ist, die türkische Armee je wieder etwas
Weltbewegendes wird leisten können. Diesen Funken aber anzufachen
halte ich jeden Augenblick möglich, denn der Glaube ist hier reger,
als ihn das ungläubige Europa glaubt. Es gilt also, damit die Türkei
wieder werde was sie einstens war: eine erobernde und jedenfalls nicht
erbebende Macht, nur, daß ihre Machthaber den Muth haben, sich der
europäischen Strömung zu widersetzen. Seit Mahmud richten Reformationen
und die Beihilfe der Großmächte die Türkei zu Grunde. Es war ein im
Wesentlichen richtiger Gedanke, als Mahmud die Vorschläge des Wiener
Congresses zurückwies, in das Concert der europäischen Großmächte
einzutreten. Die Türkei ist nur groß und mächtig, wenn sie auf ihren
eigenen Füßen steht, aber rechts und links wich man von diesem
Grundsatze ab und folgte, ohne das Entgegengesetzte ganz zu ergreifen,
in den Details fremden Rathschlägen. Das sind die Abwege, auf die man
geräth, wenn man die Ursachen seines Anfanges verleugnet. Kein Staat
hat sich noch ungestraft von der ihm ursprünglich gesteckten Aufgabe
abgewendet, und nicht fraglicher als für die übrigen europäischen
Völkerfamilien erscheint es mir für die türkische, ob ihr von dieser
Verirrung eine Umkehr zu sich selbst möglich sei.

Der Anblick der vielen tausend Wohnstätten lebender Menschen in dieser
dürren, unfruchtbaren Gegend eigens aufgerichtet, mahnte mich an die
Zeit, wenn erobernde Schaaren in diesen Gegenden belagernd hausen
werden. Auch das wird kommen, wie ja Ilion sank und die ewige Roma.

Ehe wir wieder in den Wagen einstiegen, führte man uns zu
unterirdischen Gängen, die man eben jetzt bei den Lagerbauten entdeckt
hat. Es sind breite, hochgewölbte Corridore, die in größere Hallen
münden und sich dort mit anderen Gängen kreuzen. Es scheint ein ganzes
unterirdisches System geheimer Wege oder Canäle zu sein. Späteren
Forschern bleibt es vorbehalten, ausfindig zu machen, wozu sie
gedient und wohin sie geführt; die Hirten, die einstweilen darinnen
nisten, erzählen, bis nach Constantinopel, und sie mögen wohl das
richtige errathen. Ist es so, dann dürfen diese unterirdischen Wege
des byzantinischen Constantinopel als wirkungsvolles Lösungsmittel
in dem Romane nicht fehlen, der einmal den Glanz und den Untergang
des oströmischen Reiches schildern wird. Denn byzantinisch ist dieses
Gemäuer jedenfalls; es stellt dieselbe sorgsame Ziegelfügung dar, wie
an der hohen Pforte des Genueser Schlosses. Der aufgehäufte Unrath
der Heerden und die Stickluft, die unsere Fackeln löschte, hinderten
weiteres Eindringen. Der Sultan baut gerade darüber ein Landhaus, und
die Sage geht, daß dort in alten Zeiten schon ein fürstliches Schloß
gestanden habe. Ein paar hochstämmige Pinien, die um den viereckigen
Platz stehen, könnten vielleicht als Zeugen von verschwundener Pracht
citirt werden. Dann haben die Canäle auch von der kaiserlichen Villa
nach der Stadt geführt.


    Bujuk-Dere, den 24. Juli, Sonntag.

Nachmittags, da noch die Sonne warm am Himmel stand, fuhr ich im
Schatten der europäischen Küste hinaus nach dem schwarzen Meere.
Dort wendeten wir und ruderten zur roth beglänzten asiatischen Küste
hinüber. In einer kleinen Bucht legten wir an. Ein schmales Thal
mündet dort; Monastir Deressi heißt es von den Klosterruinen, die
versteckt darin hinter Büschen und Schlinggewächsen liegen. Ich hatte
sie schon öfters bei der Fahrt nach dem schwarzen Meere bemerkt und
mir einen Besuch hier vorgenommen. Es sind nur ärmliche Ruinen aus
spät byzantinischer Zeit; aber das Ganze ist durch die Umgebung,
durch das Grün, das darüber wuchert, und durch die Einsamkeit eine
Idylle geworden, wie sie poetischer und malerischer keine rheinische
Ritterburg und keine altdeutsche Sage darstellt. Wer mag in der Kirche
gebetet, wer in dem Kloster gelebt, gefühlt und vielleicht geliebt und
dann auch gelitten haben? Es brauchte nur eines kühnen Sinnes, der das
erfände, um diesen Ort zu einem Wallfahrtsort der Romantiker zu machen.

Was von dem Baue heute noch steht, wird wohl die Kirche mit einer
Kuppel und der Apsis gewesen sein; das Kloster lag dort, wo an der
linken Thalwand die Mauerreste aus dem Boden hervorquellen. Auch diese
Ruinen der Vergangenheit kränzt der Lorbeer. Vor dem Eingange der
Kirche wölbt sich ein Hügel von Schlinggewächsen; ich vermuthe einen
Haufen Mauertrümmer darunter, wie sie einzeln weitum zerstreut liegen.
Der Arbutus steht in hohen Sträuchen und bedeckt mit runden Früchten;
daneben blühende Erika in weit über Manneshöhe ragenden Stauden,
und Sparti, der seine gelben Sporen aus dem Grün herausstreckt. Das
Schlinggewächs ist an einigen Stellen undurchdringlich und wehrt mit
stacheligen Dornen ab, als lägen dort besondere Schätze begraben, die
ihm ein Zauber zu hüten aufgetragen.

In goldig wolkenlosem Abende rudern wir zurück, mein Sinnen vollgefüllt
mit Phantasiebildern der Vergangenheit.


    Dienstag, den 26. Juli.

Es ist ein altes Beiwort, das den Bosporus fischreich nennt. Ein
ähnliches sollte seinen Ufern von der Menge der Vögel geworden sein.
Wo ein schattiger Busch und ein kühler Quell, dort schlägt auch die
Nachtigall, und das Käuzchen wartet hier nicht einmal den Verfall und
die Einsamkeit ab, in die belebtesten Ortschaften wagt es sich und
stört die Nacht durch seinen prophetischen Ruf. Aber nicht blos das
Land, auch das Wasser des Bosporus ist in solcher Weise befiedert und
bevölkert. Ein sonderbarer Vogel, den ich nirgends sonst sah aber der
Schwalbe verwandt glaube, wenigstens gleicht er am meisten durch die
Flugart dieser, belebt den Tag über in großen und dichten Schaaren den
Strom. Nie sah ich ihn einzeln, nie auch bei Nacht, und gewöhnlich
so dicht über dem Wasser schwebend, daß es den Anschein hat, als
streife er es und tauche von Zeit zu Zeit darin ein. Sein Flug hat
etwas elektrisch zitterndes, die Flügel hastig auf- und abschlagendes,
bis er plötzlich wieder regungslos gespannt eine Strecke weit wie
ein abgeschossener Pfeil dahin gleitet; immer ist er so schnell, daß
kein menschliches Auge im Stande ist, dem Körper die Form und Farbe
abzumerken. Man sieht ihn nie auf den bewohnten Ufern des Bosporus
einkehren und es ist mir auch nur eine unerwiesene Sage, die die
Kaïkgi’s erzählen, daß er in den schwarzen, rauhen Felsen, an der
Mündung des Stromes in den Pontus Euxinus, niste. Endlos und ruhelos,
wie zur ewigen Bewegung auf dieser kurzen Straße verurtheilt, erscheint
sein Flug und seine Existenz, daß der Name, den man hier diesen Vögeln
gibt, gar wohl als ihnen angeboren gelten kann. ~Ames damnées~,
arme Seelen, nennt man sie und läßt damit vielleicht nur den uralten
Wahn wieder aufleben, der die Vögel als Bewahrer der Geister der
Verstorbenen verehrte. Die Aegyptier setzten jeder Mumie einen kleinen
thönernen Vogel auf die Brust, die sich heute noch so in ihren Särgen
wiederfinden, und die Mohammedaner, die es den heidnischen Arabern
zuerst wehren wollten, das Käuzchen für einen Todtenvogel zu halten,
der auf dem Grabe des Erschlagenen schreiend die Blutrache fordert,
lassen heute die Seelen frommer Moslims in den Kehlen grüner Vögel
aufbewahrt den Tag des jüngsten Gerichtes erwarten. Der Aberglaube
participirt eben auch an dem allgemeinen Gute der Unsterblichkeit, und
wie oft ihn die sogenannte Aufklärung ausgerottet zu haben behauptet,
es taucht immer derselbe wieder auf.


    Bujuk-Dere, den 27 Juli.

Der heutige Abend war noch schöner als sie hier alle sind. Ich ging,
um ihn völlig zu genießen, nach dem russischen Gesandtschaftsgarten.
Dort tritt man zuerst durch ein Blumenparterre ein, in dem der
Orangenduft betäubend die Luft versüßt, dann unter acht Pinien hin,
den hochstämmigsten und breitkuppligsten die ich je gesehen. Sie
stehen im Kreise, und fügen sich zusammen wie das Gewölbesystem
einer der sultanischen Moscheen auf den sieben Hügeln Stambuls. Auf
ihren Kronen leuchtete noch das Sonnenlicht; unter ihnen lagen schon
abendliche Schatten. Und so auch in den Eichen- und Kastaniengängen,
die ich jetzt hinaufstieg über moosige Marmorstufen und feuchtes
Erdreich zu der ~Allée des roses~, einer herrlichen Terrasse, die
schon den Bosporus überschaut. Ich aber drängte höher hinauf, um auch
nach dem schwarzen Meere den Blick frei zu haben. Ich kam durch eine
Pinien-Allee; der Boden ist von jenem eisenhältigen Erdreiche, das hier
so oft verrätherisch für die ursprüngliche Bildung dieser Gegenden
zu Tage tritt, und in den Wipfeln lag auch nicht mehr das Gold des
Sonnenglanzes, sondern das Roth des geschiedenen Tageslichtes. Es war
als sei Alles, Boden und Himmel, von jenem Purpur übergossen, dessen
Farbe die Alten so sehr rühmten und dessen Fabrication uns verloren
gegangen ist.

Eine feierliche Stimmung übermannte mich. Noch einige Schritte
aufwärts und bis zum schwarzen Meere hinaus lag der Strom des Bosporus
vor mir. Schiffe über Schiffe, die hinaus und herein wollten, der
Abendwind trieb sie und blähte ihre Segel; dazwischen mächtige Dampfer,
Schraubenschiffe, die weit ihre Rauchwolken nach sich zogen. Ein großer
russischer fuhr hart unter mir her.

Ich dachte, was Alles diese Straße gegangen und welche Schicksale noch
darüber hinwandeln würden. Meine Rückschau stieß auf Jason, den ersten,
der der Menschheit diesen Weg gebahnt hat. Ein sonderbarer Einfall kam
mir dabei, den ich meine Phantasie fortspinnen ließ, bis es tiefe Nacht
geworden war, daß ich dann mühsam und vielfältig verirrt zwischen
gespenstigen Lorbeerbüschen hindurch den Rückweg nach Hause suchen
mußte.

Jason ist das Kind eines Königsgeschlechtes der Minyer, die lange
über Thessalien herrschten; das ist die verbürgte Ueberlieferung der
ältesten Sage. Die Thessalier galten von allem Anfange an als eine
seegeübte, meerliebende Nation. Der Handel hatte sie reich gemacht und
darum nannte man sie „von Poseidon gesegnet“ und ihre Landschaft von
ihm besonders beschützt. Das benachbarte Lemnos hatten sie frühzeitig
besetzt und durch das ägäische Meer nach dem asiatischen Troja ihre
Fahrten ausgedehnt, wahrscheinlich aber auch in das mittelländische bis
zur phönicischen Küste und dem reichen Sidon sich gewagt.

In jener allerersten Zeit, als die Welt der griechischen Vorstellungen
noch gar klein war, muß ihnen schon das schwarze Meer als ein
außerordentlich lohnendes Gebiet ihrer Gewinnsucht, zugleich aber auch
ihrer Ungeübtheit durch seine Ungeberdigkeit als ein unfreundliches
Feld (~axenos~) ihrer Schifffahrt erschienen sein. Dorthin
zu dringen mag ein sehnsüchtiger Wunsch aller Abenteurer gewesen
sein, so wie im 15. Jahrhundert die längst geahnte, immer aber noch
nicht erreichte Fahrt um das Cap der guten Hoffnung und die noch
sehnsüchtiger begehrte Entdeckung der fabelhaften Insel Atlantis.
Ganze Jahrhunderte werden von solchen Wünschen bewegt und von den
Versuchen sie zu realisiren erfüllt. Das Vorahnen ihrer Erfüllung liegt
in der Luft, wie das Kommen des neuen Frühlings schon in einem warmen
Februartage. Man lasse diese Entdeckungen in einer uns ferner liegenden
Zeit geschehen und nicht gleichzeitig damit die alles feststellende
Buchdruckerkunst erfunden worden sein, und wir würden sie wohl heute in
Fabeln nicht weniger kraus und bunt als die des Phrixos und des Jason
verkleidet sehen.

Phrixos ist einer der vielen Abenteurer, die vor dem glücklichen Jason
diese Entdeckung gesucht, die Anknüpfung von Handelsverbindungen
zwischen dem Mutterlande und dem reichen Kolchis angestrebt haben. Da
er nicht zurückkam, mag sich die Phantasie, die sich nun einmal von
ihren Plänen nicht abbringen lassen wollte, über sein Schicksal mit
den Bildern von dem glücklichen Wohlleben getröstet haben, das er in
Kolchis fand. Vielleicht brachten auch wirklich Abkömmlinge von ihm die
Kunde von der behäbigen Existenz des Vaters nach der Heimath zurück.

Danach scheint der Wunsch, neue und regelmäßige Verbindungen nach jenen
Küsten anzuknüpfen, ein immer regerer, ein unwiderstehlicher geworden
zu sein; ganz Griechenland wurde davon erfaßt und betheiligte sich
an der Expedition, die das thessalische Königsgeschlecht ausrüstete.
Thessalien, das nach jenen Himmelsgegenden hin jedenfalls die geübteste
Schifffahrt hatte, behielt nur die Führung. Und daß diese Argofahrt
wirklich als ein weltumgestaltendes Ereigniß betrachtet ward, beweist
der Name, der ihrem Führer entweder vor- oder nachher beigelegt
ward: Jason, der nichts geringeres als unser Jesus, der „Helfer und
Erlöser“ bedeutet. Also erlöst vom bisherigen Zwange und eingeführt in
eine neue Welt hat er sein Volk und darum diese Auszeichnung und die
Glorification in der Sage.

Daß sein Wagniß wirklich bleibende Verbindungen anknüpfte, das schwarze
Meer für alle Zeiten erschloß, beweist der Euxinos, in welchen sich der
Axenos, der ungastliche Pontos mit seiner Fahrt verwandelte.

Die verschiedenen Landungen, die die Sage den Jason an den Küsten der
Propontis und des Bosporus vornehmen und wo sie ihn regelmäßig einen
seiner Gefährten verlieren läßt, mögen die Colonien bedeuten, die
dann in späterer Zeit durch diesen Handelszug auf diesen Küsten von
den gewinnsüchtigen, weltdurchstreifenden Griechen errichtet wurden.
Bekannt ist, daß dort nirgends ein Ort, wo nicht heute noch Spuren
ihres Seins zu finden wären. Erst kürzlich die Münze wieder, die, auf
dem Sigäischen Cap gefunden, unter dem eingeborenen ΣΙΓΕ
(~Sige~) die Eule von Athen und -- was die Verbindung nach der
anderen Seite hin notirt -- daneben den Halbmond, auf der Rückseite den
Kopf der kolchischen Artemis zeigt.

Das goldene Vließ, das Jason holte und heimbrachte, ist nur das
Sinnbild jenes Wollhandels, der für die damalige Industriewelt
dieselbe Bedeutung hatte, wie für die heutige der Baumwollhandel mit
Südamerika; das Palladium der Macht und der Stärke Griechenlands war
nur der angeborenen Natur des Volkes gemäß ein etwas poetischeres
Symbol als der Wollsack des englischen Lord Oberkanzlers, der auch das
bedeutet, was England war, ist und sein wird. Die Wolle hatte damals
schon wie heute noch ihre berühmtesten Züchter im Innern von Asien, in
seinen bergigen Theilen. Von dort ging sie ursprünglich auf der alten
Karavanenstraße über Babylon und Ninive nach dem industriereichen
Phönicien und Aegypten. Tyrus und Sidon hatten die berühmtesten Tuch-
und Teppichfabriken. Für die Griechen mußte es von unberechenbarem
Vortheile sein, diesen Landhandel abzuschneiden und zur See auf
kürzeren Wegen den Phöniciern ihr Rohmaterial wohlfeiler und rascher
zuzuführen. Im Zwischenhandel waren sie immer groß und wußten dabei
ihre besten Gewinne herauszuschlagen.

Daß Kolchis aber ein reiches Culturland gewesen, beweist schon die
Abstammung seiner Völker, welche die griechische Sage von den Assyriern
und Herodot gar von den Aegyptiern herrühren läßt, also von den
Völkern, welche der heutigen Wissenschaft, unzweifelbar Griechenland
alle seine Bildung und Erziehung gegeben haben. Kolchis lag, wie
Trapezus später und Trapezunt heute noch, geborgen in seinen dichten
Wäldern auf dem Endpunkte der Handelsstraße, die dort, vom Inneren
Asiens kommend, nordwärts ausläuft.

Es ist dieses Motiv, welches ich der Argofahrt unterschiebe, kein
Grund, daß nicht zugleich mit der Wolle von Kolchis aus auch jener
religiöse Cultus nach Griechenland gekommen sei, wegen dessen
Jason nach der bisher gewöhnlichen Anschauung allein das Wagniß
unternommen haben soll. Im Gegentheil, das gemeinsame Kommen der
beiden Culturelemente ist das Wahrscheinlichste; materielle und
geistige Früchte bringt der Handel gewöhnlich zugleich von seinen
Entdeckungsfahrten heim.

Kolchis war ein berühmter Sitz des Artemis-Cultus; dorthin war er wohl
mit den übrigen Culturelementen aus dem Inneren von Asien eingewandert.
Der Mond- wie der Sonnendienst stammt aus jenen alten Ursprungsstätten
der Menschheit, wo die Astrologie ihre eifrigsten Verehrer hat und
immer hatte. Dem Alterthume galt das Gebiet des Pontos als die
Heimath der jungfräulichen Artemis, der mondsüchtigen Hekate, der
~Diana phosphora~, und von dort soll ihr Dienst nach dem lichten
Griechenlande gekommen sein. Der ganze Bosporus, die Bahn dieser
Wanderung, war mit den Standbildern der geheimnißvollen Göttin besetzt.
Gleich das erste seiner asiatischen Vorgebirge, das noch in das
schwarze Meer hinaussieht, trug eines; ein anderes das „heilige“ Cap,
das zu Füßen des heutigen Genueser Schlosses liegt; ein drittes die
stille, bewaldete Bucht von Bebeck, und auf der Landzunge des goldenen
Hornes selbst stationirte dieser Cultus lange. Der mächtige Halbmond
auf der Aja Sophia ist heute noch ein Ueberbleibsel jener uralten
Vergangenheit; er wurde von der Stadt her das Wappen des Reiches und
die Türken haben nur den aufgehenden Morgenstern darein gesetzt.

Medea, die Gattin, das gelehrte, in geheimen Künsten vielerfahrene
Weib, das Jason mitbringt, vertritt in der Sage das wissenschaftliche
Element, wie die andere Frucht der Reise, der volkswirthschaftliche
Erfolg, in dem goldenen Vließe vertreten ist.

Ein späterer Theil der Sage greift durch das Kind der Medea mit dem
attischen Aegeus wieder nach dem Oriente zurück. Jener Knabe hieß Medes
und soll der Stammvater des medischen Königsgeschlechtes geworden sein,
sowie Perseus mit dem Perses seiner Andromeda das persische Fürstenhaus
gezeugt haben soll. Orient und Occident erscheinen so in fortwährender
Wechselbeziehung. Die Befreiung der Andromeda, kann sie nicht die
Erlösung irgend eines asiatischen Reiches aus einer großen Gefahr
gewesen sein?

Man wird mich steinigen, weil ich solch’ handelspolitische Auslegung
einem bisher so poetisch verehrten Mährchen zu geben wage. Aber
ich frage: ist die eine Deutung nicht die andere werth? Worin
liegt der Grund, daß die, welche Alles auf einen Naturdienst,
auf eine Personification der Naturkräfte zurückführen will,
mehr Wahrscheinlichkeit für sich habe, als diese, welche einen
Hauptcharakterzug der Griechen zu Hilfe nimmt, ihre Handelsliebe,
ihre Weitschweifigkeit, die zu allen Zeiten ihr materielles und ihr
geschichtliches Leben zumeist geregelt haben? Man hat überhaupt in der
bisherigen Weise des Vortrages der alten Geschichte den Handel nicht
hoch genug gewerthet. Daß er mit Allem was darum und daran hing nicht
verachtet war, beweist der Glaube der Phönicier, der sich den Herakles
als den Erfinder des Purpurs vorstellte. Ueberhaupt kein orientalisches
Volk wird den Handel und die übrigen Industriezweige geringe achten;
sie sind durch die Natur ihres Himmelsstriches viel zu sehr auf die
praktische Richtung des Lebens angewiesen. Ganz unpraktische Leute gibt
es nur im Norden.


    Bujuk-Dere, den 28. Juli.

Ich machte in Therapia einen Besuch. Ein Theil der europäischen
Gesandten wohnt dort. Es ist kühler, aber auch stürmischer gelegen
als Bujuk-Dere, weil es den vollen Windanprall aus der Mündung
des schwarzen Meeres erhält. Der schönste Garten dort ist der der
französischen Botschaft. Durch hohe Alleen im Style des ~le
Notre~ steigt man zu einer Terrasse empor, die pinienüberdeckt den
herrlichsten Aussichtspunkt des ganzen Bosporus gewährt. Zwischen den
vorgeschobenen Bergen der beiden Welttheile durch sieht man auf das
schwarze Meer hinaus; heute zogen finstere Wolken darüber und das Meer
selbst lag dunkel fast wie sein Name. Ich dachte wieder an Jason und
wie er vielleicht bei solchem Wetter die erste Ausfahrt hatte wagen
müssen. -- Unmittelbar vor mir peitschten die Wellen den weißen Schaum
in langen Zungen den Quai und die Häuser hinauf, und weiter draußen
im Bosporus erschütterten die Wogen sogar den Gang der Dampfer. Die
Heimfahrt im kleinen Kaïk wurde ein förmliches Wagestück.


    Bujuk-Dere, den 29. Juli, Freitag.

Die „süßen Wasser von Europa“ sind mir vor Wochen, da ich sie besuchte,
als eine vollständige Enttäuschung ihres Namens erschienen; dürr,
kahl zwischen sandigen Hügeln an einem dürftigen Wasser gelegen, fand
ich nichts sehenswerth als das Treiben der Menschen, das aber nicht
buntfarbiger erschien als hier an allen Orten. Um so gleichartiger
ihrem Namen fand ich die süßen Wasser von Asien, Göcksu, das
Himmelswasser. Es ist ein Thal, das hinter einer Bucht des Bosporus
gelegen diesen Namen führt; Constantinopel näher als Bujuk-Dere, muß
man, wenn man von dem letzteren kommt, an den beiden Schlössern des
Bosporus vorüber. Sie bleiben von Göcksu aus immer im Bilde. Anatoli
Hissar, das Schloß von Asien, krönt das rechtsseitige Vorgebirge,
Rumili Hissar das europäische. Die Bucht selbst wird auf dem einen
Arme durch Anatoli Hissar, auf dem anderen durch Kandili, ein großes
Dorf mit blühenden Landhäusern, begrenzt. In ihrem innersten Busen
rinnt Göcksu, das Himmelswasser, zum Thale und zur salzigen Meerfluth
herab, noch eine Menge Grün zeugend, ehe es diese gemeine Mengung
eingeht. Ein köstlicher Köschk des Sultans, wie aus Zucker gebaut,
ein Schlößchen, das sich in die Fabeln von Tausend und Einer Nacht
fügen läßt, steht an seiner Mündung. Wie eine Perle aus der Muschel
der Venus, die das leichtsinnige Meer dorthin geworfen, erscheint
es dem Vorüberschiffenden, und der Bewohner sieht -- ein prächtiges
Bild -- aus seinen Fenstern auf die gegenüberliegenden Hügelgärten
der Villa Ali Pascha’s zu Bebeck. Der letzte, der in diesem Hause
die Gastfreundschaft des Sultans genoß, war Fürst Cusa; einer seiner
Vorgänger der heutige König der Belgier.

Auf dem Ufersaume von Göcksu saß eine buntgekleidete Menge, die
vornehmsten Türkinnen darunter, zwei von außerordentlicher Schönheit
in wahrhaft verschwenderischen Luxus gekleidet. Schöner noch erschien
mir später eine Frau, die in einem mit Tigerfellen überdeckten Kaïk
an uns vorbeiruderte. Jede dieser Damen hatte ein zahlreiches
Gefolge dienender Weiber hinter sich; die breiteten, wo sich die
Herrin niederlassen wollte, Teppiche und Polster aus, saßen dann aber
ungeschieden mit ihr zusammen. Die Kinder spielten vor der Gruppe,
Eunuchen hielten die Wache, die Niemand bedroht, Bärentreiber,
Zuckerverkäufer, Obsthändler drängten sich zu, boten ihre Waaren an;
einige Geigen fiedelten, und das orientalische Jahrmarktsfest zu
Plundersweilern war fertig. Doch muß ich anmerken, daß ich hier zum
ersten Male etwas von der Coquetterie europäischer Festplätze sich
beimischen sah. Es war ersichtlich, derselbe Trieb zu gefallen waltete
hier wie dort.

Noch mehr Vergnügen als der Spaziergang in dem Thale von Göcksu bot
die Rückfahrt auf dem Bosporus. Die Sonne sank hinter den europäischen
Hügeln, die grau und düster waren; den asiatischen ließ sie Farben von
solcher Gluth, daß selbst hier, wo die Augen doch an Buntes gewöhnt
worden sind, Staunen sie erregen mußte. Wie in Flammen aufzulodern
schienen die Felsen, und von den Pinien troff es wie Blutstropfen.
Die Landhäuser leuchteten wie Edelsteine und überall thaten sich die
vergoldeten Gitter auf, daß man von der See aus den Einblick in die
reiche Häuslichkeit hatte; die niederen Tische wurden gedeckt und
Lichter hereingebracht; ruhend auf den Stufen, die zu dem Wasser
hinabführen, saßen rauchende Neger, die Diener der reichen Häuser. Und
über dem allen lag ein Gottessegen und ein Genießen, das durch jede
Pore des Körpers in die Seele drang.


    Bujuk-Dere, den 31. Juli.

Ich hatte den Abend im russischen Gesandtschafts-Palais zugebracht. Es
war Mitternacht längst vorüber als ich aus geistvoller Gesellschaft
allein auf den Quai trat. Die Nacht war noch wärmer als es der Tag
gewesen, wie mit körperlicher Schwere lastete die Luft auf den Sinnen.
Aus den Gärten drang der Orangenduft und kein Luftzug entführte ihn auf
die See hinaus; der Bosporus lag schwarz und unbeweglich. Eine Menge
Menschen drängte sich noch auf dem Quai und die ärmliche Musikbande
des Ortes spielte ihre italienischen Melodien. Die Frauen, die meisten
sehr elegant und viele ausdrucksvoll schön, trugen den Kopf frei oder
nur einen Schleier übergeworfen; sie betrachten den Quai als zu ihrem
Hause gehörig. Das Ganze in dichte Finsterniß gehüllt, die nur in
der nächsten Nähe zu sehen erlaubt oder wo die Papierlaternen eines
Limonade- und Gefrornes-Händlers einigen Lichtschein verbreiten. Da,
plötzlich flammte von der gegenüberliegenden Küste ein Feuerwerk auf;
in Therapia feierten sie das Namensfest irgend eines griechischen
Heiligen. Man hatte diesen Effect erwartet, und nun ging der Lärm der
Stimmen noch mehr los als er bisher schon gewesen.

Das ist der ~Quai de Bujuk-Dere~, der in der Schätzung der
Levantiner nicht weniger gilt als die ~Grande rue de Pera~, und
so sieht er aus beinahe jeden Abend, wenn Gott ihm einen wolkenlosen
Himmel oder gar einen vollen Mondenschein gibt. Diese Abende freilich
sind hier reizend, aber noch schöner sind sie, im einsamen Boote hinaus
in die See zu fahren.


    Bujuk-Dere, den 1. August, Montag.

Es war eine Wallfahrt der Ritt, den ich heute nach Belgrad machte.
Lady Montague schrieb dort zwei ihrer reizenden Briefe, und ich habe
die Frau, seitdem ich diese ~Letters written during her travels
in Europe, Asia and Afrika~ gelesen, auf den Parnaß meines
literarischen Glaubens erhoben. Es gibt wenige Bücher, die so wie das
ihrige mit zarter Frauenhand geschrieben, die Dinge wahrheitsgetreu
gesehen, unbefangen aufgenommen, muthvoll dem Vorurtheile der ganzen
übrigen Welt gegenüber bekannt und ausdrucksvoll geschildert haben.
Dabei gibt sich das Ganze als etwas Einfaches, in so bescheidener Form,
daß man nicht nur das Buch, daß man auch den schöpferischen Geist, der
dahinter steht, lieb gewinnt. Man muß sich erinnern, was die Türkei und
die Türken zu Anfange des vorigen Jahrhunderts in den Begriffen der
öffentlichen Meinung waren, wie sie noch weit mehr, als dies heute bei
Vielen noch immer der Fall ist, als Vertreter aller Barbarei, Rohheit
und Unduldsamkeit galten: um vorgeschrittene Briefe wie den 29. und 30.
der Sammlung nach ihrem ganzen Werthe zu schätzen. Dem landläufigen
Glauben entgegen schildert eine Frau hierin die Türken als andere
denn bloße Christenfresser und ihre Weiber nicht als jene freudelosen
Sklavinnen, als welche sie von dem ganzen weiberfreundlichen Europa
bedauert werden. Besonders wirkungsvoll in dieser Beziehung ist der
Brief vom 1. April aus Adrianopel, der in die Schilderung eines
türkischen Frauenbades die richtige Bemerkung eingeflochten hat,
„daß, wenn wir den ganzen Körper unbekleidet ließen, man das Gesicht
kaum mehr bemerken würde“. Das ist zierlich und anständig gesagt, in
reiner Sprache, daß ich diese Briefe blos als Stylmuster in unserer
stylverwilderten Zeit immer wieder lese. So sind auch noch von ganz
besonderer Vollendung der 36. und der 41. Brief, der letztere in Pera,
der erstere in Belgrad geschrieben, beide über die Sklavenfrage eine
Freundin in artiger Weise belehrend, daß nicht alle türkischen Griechen
Sklaven aber die meisten türkischen Sklaven im Durchschnitte besser
gestellt seien als europäische Dienstboten. Wie mundtodt die Wahrheit
sein kann, beweist der Umstand, daß dies heute noch dem „gebildeten
Europa“ als eine Neuigkeit erzählt werden muß.

Die Stätte, die man mir als Wohnort der Lady wies, zeigt heute kaum
mehr Trümmer; nur die Fundamente eines Hauses ragen noch stellenweise
aus der Erde hervor, das Meiste ist durch Feigengebüsche verborgen.
Ich nahm ein Blatt mit, es als Reliquie in das Buch der Engländerin zu
legen.

Belgrad ist ein kleines hölzernes Dorf, heute von ärmlichem Aussehen,
zwar grün und still gelegen, aber der Wunsch, getrennt vom Bosporus
zu leben, zu wissen, daß er so nahe vorüberfließt, ohne daß man ihn
sieht, wird mir immer unbegreiflich sein. So schön diese runden,
dichtbelaubten Hügel das Becken von Belgrad umschließen, schönere
Bergformen gibt es anderswo, und das Grün von Brussa z. B. ist ein
tausendfältig reicheres, den Bosporus aber hat die Welt nur einmal und
das Meer ist nirgends schöner als dort, wo es durch die Ufergelände
von Europa und Asien nach Kiredsch Burun hereinsieht. Erreichbar nahe
diesen Gestaden und doch davon geschieden zu sein, erscheint mir jeder
andere Aufenthalt wie ein Ort der Verbannung.

Streckenweise in starkem Regen war ich nach Belgrad hinausgeritten.
Die Mischung mit dem nassen Elemente hatte die rothe Erde noch röther
gefärbt; wo die Sonne sie durch das Dickicht der Bäume traf, glühte
sie wie Purpur. Das Laub war durch den Regen grün wie im Frühling
geworden und das der Kastanienbäume, leicht im Winde bewegt, leuchtete
dazwischen wie flüssiges Gold. Rechts von der Straße ab liegen die
Bends, große Wasserbehälter, welche die Cisternen von Constantinopel
speisen. Ich kann nicht die Bewunderung theilen, welche für diese
Schöpfungen der Sultane herkömmlich ist. Es sind Thäler vom Buschwerke
umspannt, aber in ihrer Höhlung davon gereinigt und beim Ausgange von
einer Mauer gesperrt, welche das Regenwasser sammeln und es theils
oberirdisch durch Viaducte, theils unterirdisch durch Röhrenleitungen
nach der Hauptstadt abführen. Ich kann sie nicht besser bezeichnen, als
wenn ich sie künstliche Seen nenne, und so gehörte denn auch nicht viel
Erfindungsgeist dazu, um diese Wasserspeisungsmittel zu erschaffen. Die
Mauern aber, sowohl die, welche die Thäler sperren, als die das Wasser
zur Stadt tragen, sind durch die Bauwerke unserer Eisenbahnen längst
übertroffen.

Den Rückweg nahm ich nicht über Baghtsche Köi, ein Dorf, das umringt
von diesen künstlichen Seen steht und woher ich gekommen, sondern
rechts auf den Höhen nach einem Punkte, der ~quattro stradi~
heißt, weil dort vier Pfade zusammenlaufen. Von diesem Kreuzungspunkte,
der ziemlich hoch gelegen, sieht man zugleich Constantinopel und das
schwarze Meer, eine der schönsten Aussichten, die ich hier wenig
gekannt und gewürdigt finde. Alle diese Höhen, die man dann passirt,
sind mit niederem Buschwerke überzogen, meistens Steineiche, Arbutus,
Kastanie, ab und zu auch ein hilfeflehender Lorbeerstrauch, wie denn
hier nirgends, selbst in dem jungfräulichen Walde von Belgrad nicht,
der mit den härtesten Strafen gegen Holzschläger geschützt ist, der
Baum sich hochstämmig auswächst.


    Dienstag, den 2. August.

Schon da ich neulich in der tausendsäuligen Cisterne des großen
Constantin das Bild des römischen Reichsapfels, das Kreuz auf der
weltbedeutenden Erdkugel, in einem Säulenschafte eingemeißelt fand,
signalisirte ich die Drohung, es könnten einmal aus dem hiesigen
Besitzstande die Russen auch Ansprüche auf das Imperium über die
anderen Theile des ehemals römischen Weltreiches ableiten. Heute fand
ich noch einen anderen Titel für diese neue Gefahr der orientalischen
Frage.

Wie beinahe alltäglich ließ ich mich Morgens über die Bucht von
Bujuk-Dere hinüberrudern, um unter den Platanen von Kiredsch Baron,
die ich zu meiner Studirstube ernannt, einen Beitrag zu der Geschichte
dieser Gegenden zu lesen. Ich nahm heute „Des Freiherrn von Wratislaw
merkwürdige Gesandtschaftreise von Wien nach Constantinopel“ mit mir,
ein wirklich bemerkenswerthes Buch, das von einer früheren Zeit der
Ottomanen die Sitten beinahe mit derselben Anschaulichkeit schildert,
wie die nur etwas graziösere Feder der Lady Montague die türkischen
des 18. Jahrhunderts. So wie diese Nachfolgerin und der noch spätere
Fallmerayer, ging auch dieser ältere Fragmentist die Donau hinab
nach Constantinopel. Seinem eigenen Berichte nach hatte er kaum
aufgehört Kind zu sein, und war, noch ein Knabe von 16 Jahren, dem
Herrn Friedrich Kregwitz als Page in das Gefolge gegeben, das dieser
als außerordentlicher Gesandter Kaiser Rudolf II. 1591 zu dem
türkischen Sultan Amurath III. führte.

Bei einem Dispute, welchen Wratislaw von dem Vorgänger im Amte des
Herrn Kregwitz mit dem Großvezier berichtet, läßt er diesen den Kaiser
einen Wiener König nennen und macht hierzu die folgende Bemerkung:
„Der Großvezier nannte nach dem Gebrauche aller Türken mit Bedacht
den römischen Kaiser einen Wiener König, weil die Türken darauf
beharren, daß nur blos ihrem Großsultan der Titel eines römischen
Kaisers wegen der Eroberung von Constantinopel, als wohin das römische
Kaiserthum übertragen worden wäre, gebühre.“ -- Also die Türken
hatten das ~imperium mundi~ bei der Eroberung der Hauptstadt
der constantinischen Weltordnung aufgegriffen und festgehalten; die
Tradition dieses Rechtes lebte Ende des 16. Jahrhunderts noch bei
ihnen; lebte nicht nur, sondern war im Gebrauche bei +allen+
Türken und wurde +mit Bedacht+ von den Ministern gegenüber den
fremden Diplomaten hervorgekehrt. Mir scheint das ein historisches
Factum der größten Bedeutung zu sein, welches ich bisher nirgends genug
hervorgehoben und gewürdigt fand. Wenn nun andere künftige Eroberer
auf diesem Schauplatze erscheinen, werden sie bescheidener in ihren
Ansprüchen sein und sich nicht auch mit diesen Rechtstiteln schmücken?
Liegt es in der Art derer, die wir fürchten, sich zu bescheiden, und
ist es nicht zu fürchten, daß, wenn sie einmal hier stehen, sie auch
die Mittel haben werden, sich die Unterlagen zu diesen Titeln zu
erkämpfen? Der Drang der Russen wie der der Deutschen geht fortwährend
gegen den syrenisch verlockenden Süden. Wie mit der Kraft eines jener
Naturgesetze, die den einmal in’s Fallen gekommenen Körper nicht
mehr zur Ruhe gelangen lassen und die Meteore zur Erde hinabzwingen,
treibt er sie südwärts, die beiden sonst in Allem so verschieden
gearteten Völker durch diesen einen Wunsch ähnlich erscheinen lassend;
und wenn sie dort auch zunächst getrennte Zielpunkte haben, die
Einen Rom und die Andern Constantinopel begehren, so bleibt doch ihr
letztes, äußerstes Ziel ein gemeinsames und darum, um die Herrschaft
der Welt wird endlich der unausweichliche Vernichtungskampf zwischen
Germanenthum und Slaventhum entbrennen. In Europa leidet heute schon
Oesterreich, das wie ein Keil zwischen diese beiden Elemente geschoben
und durch die Ungunst dieser Lage, wie durch den traditionellen
Fingerzeig seiner Geschichte nach den beiden Stationspunkten
dieser Ehrgeizigen, zugleich zum Besitze und zur Vertheidigung nach
Constantinopel und Rom gezogen und gewiesen ist, unter dem Fluche und
dem Verhängnisse dieses vorausbestimmten Geschickes; in Asien bereitet
sich der Streit um die Oberherrschaft über das reiche Indien mit den
Engländern als eine Episode dieses Weltkampfes vor, und Amerika, das
noch nicht den Bann der weiteren Zukunft ahnt, der auch es zu einem
Existenzkriege mit den Russen verurtheilt, rüstet sich, durch seine
Beihilfe seinem künftigen Gegner zum Siege zu verhelfen. So wird
überall, in großen wie in kleinen Dingen die Zukunft um vorübergehender
Vortheile willen an die Gegenwart verkauft, damit sich die Geschicke
erfüllen, so wie Gott ihnen von allem Anfange an die Würfel geworfen
hat.



VII. Athen. Rückfahrt und Rückblicke.


    Mittwoch, den 3. August, Abends 9 Uhr,
    an Bord des Dampfers „Sinai“ im Hafen des goldenen Hornes.

Das Verhängniß selbst scheint mich hier festhalten zu wollen,
ein Verbündeter meines der Abreise so sehr abgeneigten Willens.
Seit 5 Uhr bin ich an Bord des Schiffes, das der Gesellschaft der
Messageries Impériales gehört. Ich sah die Sonne untergehen und nahm
in meinem Wahne den letzten Abschied von dem Zauberbilde der drei
Städte Constantinopels. Noch einmal glänzte die gläserne Fronte der
Caserne Selims in Skutari, wie ich sie so oft gesehen, wenn ich von
einem Ritte heimkehrend oben in Pera an meinem Fenster stand und dem
Sonnenuntergange zusah. Die Pinien der Seraispitze warfen wie in
jener Zaubernacht, da ich geistig betrunken hinaus in das Marmorameer
ruderte, schwarze Schatten von dem Vorgebirge Stambuls herab auf den
vorüberfluthenden Bosporus, und auf den Höhen von Pera flammten die
Cypressen der Friedhöfe in einem rothen verklärenden Feuerscheine.
Es war ein wunderbares Abschiedsfest, das meine Phantasien feierten,
leuchtender als alle Beleuchtungen des Beiram.

Wir warteten die Post des französischen Botschafters ab. Als sie
endlich gekommen war und der große Dampfer rückwärts der Spitze
von Asien zu dampfte, um die Wendung zur Ausfahrt außerhalb des
Schiffsgedränges zu machen, brach das Steuer; die Anker, die uns
nun wieder festhalten sollten, erwiesen sich einer um den andern in
ihren Ketten zerrissen. Willenlos trieb der Koloß eine Weile auf
den Wellen, von der Strömung auf der Breitseite erfaßt und so in die
Quere gestellt, in das Marmorameer hinaus. Dort fuhr er ein Segelboot
nieder, das offenbar den Grund unserer sonderbaren Bewegungen nicht
errathend, sich auf die größere Manövrirbarkeit des Dampfschiffes
verlassen und den Cours nicht rechtzeitig aus unserem unberechenbaren
Wege genommen hatte. Die Mannschaft rettete sich an unseren Bord, das
Schiff sahen wir umgestürzt in der Nacht verschwinden. Ein Remorqueur,
welcher kam uns zurückzuschleppen, erwies sich als zu schwach; aber
wenigstens half er durch neue Ankerketten und auch durch Schmiede, die
er brachte und die nun mit großem Lärm an der Arbeit sind. Das ist die
französische Seetüchtigkeit, die schon im Hafen Schiffbruch leidet.
Was morgen mit uns geschehen wird, darüber weigert man die Antwort;
als das Wahrscheinlichste höre ich die Umladung auf ein anderes Schiff
besprechen.


    Donnerstag, den 4. August, an Bord des Dampfers „Sinai“.

Dazu kam es nicht; die ganze Nacht über arbeiteten sie an dem Steuer
mit solchem Lärm, daß Niemand schlafen konnte. Morgens ist es wieder
hergestellt und schon um 6 Uhr höre ich, daß wir auf dem Schiffe die
Reise fortsetzen werden. Um 7 Uhr ist Alles fertig, aber erst um 8 Uhr
setzen wir uns in Bewegung. Fortwährend haftet mein Auge an den Thürmen
der geliebten Stadt; der Abschied wird mir schwerer als irgend einer.
Als ich vom Frühstück auf das Deck hinauf komme, ist sie verschwunden.
Wir sind um halb 11 Uhr auf der Höhe von Bujuk-Tschekmedje. Um 11 Uhr
thut sich rechts in dem europäischen Festlande der Busen von Silivri
auf, und links sehe ich die schön und mäßig gezogenen Formen der Insel
Kalolimni, dahinter den Busen von Mudania und hinter uns die letzten
Mahnungen an Constantinopel, die Prinzen-Inseln. Vor uns allein freie,
weite See. Ich schaue nach Asien; die Bergformen sind dem Herzen
bekannt, denn Brussa lebt in seiner Erinnerung. Daß damals heute wäre!

Die europäischen Ufer sind flach und kahl; sandiges Gelb deckt sie, dem
nur ab und zu ein vorüberziehender Wolkenschatten Wechsel der Farbe
und scheinbar auch der Gestalt gibt. Um 2 Uhr sind wir auf der Höhe
der Halbinsel Cyzikus. Ueberraschend hoch und wild erhebt sich ihr
gewaltiger Kapu Dag, der Berg Artace der Alten.

Um 3 Uhr passiren wir die Insel Marmora, die lange wie hindernd vor
uns gelegen. Mächtige Felsmassen, leicht röthlich gefärbt wo der Stein
vortritt; Bäume fehlen gänzlich, selbst das Zwerggestrüpp ist selten;
Spuren von Menschenleben sehe ich nirgends. Links von der Insel Marmora
und zwischen ihr und Cyzikus gelegen erscheinen kleiner und niedriger
die Inseln Rabby und Liman Pache; rechts von der Marmora tritt später
ganz nahe an uns der zerklüftete Felsen Adaces heran, und zwischen ihm
und Marmora, aber weiter zurückgeschoben, mit langgezogenen Linien
das Eiland Katali. Eingefaßt hält dieses zerstreute Inselvolk die in
wundervoll ebenen Contouren abfallenden Berge der asiatischen Küste. In
einem weiten Bogen zieht sie sich hier in das Festland zurück.

Immer noch streben meine Blicke rückwärts, als könnten sie wenigstens
für einen Augenblick wieder das verlorene Constantinopel zurückbringen.
So muß dem Liebenden und so dem Verbannten zu Muthe sein, den das
Schicksal fort von dem Heimathsorte seines Glückes stößt. Trost wäre es
mir gewesen, die Stadt nicht blos scheinbar, sondern wirklich und für
ewig in den Wellen untergehen zu sehen, damit Keiner genieße, was ich
entbehren muß.

Um 4 Uhr sind wir auf der Höhe des Cap Karabua; seit 2 Uhr der
asiatischen Küste näher als der europäischen, an die sich zuerst das
Schiff gehalten. Jetzt aber tritt auch diese wieder zu uns heran und
plötzlich mit mächtigen hohen Gebirgsmassen, darunter Kuru Dag, der
Mons Sacer der Alten, und später wie sich diese Umtaufe bei geheiligten
Bergen gleichlautend so oft vollzog, der des heiligen Elias. Sollte
die ursprüngliche Bezeichnung nicht mit dem Grabmale der Helle
zusammenhängen, das ja, wie Herodot (7. Buch 58. Cap.) erzählt, hier
errichtet worden war? Wo der Gebirgszug die See berührt, sind auch die
oberen Linien wie zerhackt und steile Wände, vielfältig eingeschnitten,
fallen ab, als habe sie die eben durchgebrochene Fluth ausgewaschen.

Um 5 Uhr begegnete uns der Schnelldampfer des Lloyd. Ich glaubte den
„Neptun“ zu erkennen.

Die Sonne sinkt aus einem wolkenlosen Himmel hinter die Landenge des
thrakischen Chersoneß in ein anderes Meer, den saronischen Busen. Ihr
Licht und ihre Farben läßt sie uns noch lange.

Um 8 Uhr fahren wir beim Leuchtthurme von Gallipoli vorüber. Ihm
gegenüber, auf asiatischer Küste, leuchtet ein anderes schützendes und
warnendes Feuer, und eine Stunde später, in der Straße der Dardanellen,
ein vernichtendes, das weithin Meer und Land erhellt; ein Wald brennt
in Asien, und Hügel und Thäler wogen in Flammen. Wie zur Abschiedsfeier
mir eigens angezündet erscheint dieser Brand. So muß Rom ausgesehen
haben, das Nero in Flammen setzte, und so Moskau, als die Russen die
Brandfackel ihrer Freiheit hineingeworfen hatten.

Um 10 Uhr ankern wir bei den Dardanellenschlössern und um 11 Uhr fahren
wir weiter.


    Freitag, den 5. August, an Bord des „Sinai“.

Morgens 8 Uhr. Uns zur Linken liegt Chios, vor uns Ipsara, und
weit hinter uns, mehr zu ahnen als noch zu sehen, Mytilene, eine
langgestreckte niedere Linie. Aber Chios steigt hoch auf zu zackigen
Massen, Ipsara mehr klotzig in eine nur stumpf zulaufende Spitze. Der
Cours des Schiffes ist auf den Paß zwischen Andros und Euböa gerichtet;
der Himmel ist wolkenlos, die See tiefblau aber nicht ohne Bewegung;
die gestrige Ruhe fehlt ihr. Mir sind Luftstimmungen mächtige Wecker
der Erinnerung. Ein schöner duftquellender Frühlingstag ruft mir
Eindrücke meiner Studienzeit zurück, die eben dadurch ausgezeichnet
war; und ein kalter schneegedeckter Wintertag, an dem aber die
Sonne scheint, solche, die zu den traurigsten meines Lebens gehören.
Vielleicht wirkt diese selbe Macht der Wiederanklänge auch noch in
Perioden, die länger als unser Leben dauern, und besonders empfängliche
Gemüther werden dann von einem Tone der Erinnerung berührt, der ihnen
-- ohne daß sie die Ursache bemerken -- Bilder, Eindrücke, Stimmungen
weckt, die verwandt sind mit Ereignissen einer weit hinter ihnen
liegenden Vergangenheit. So erkläre ich mir, daß mir manche historische
Momente, die mir sonst unbegreifliche gewesen waren, an dem Orte
ihrer Geburt ganz greifbar gegenständlich geworden sind, und daß ich
heute fühle, als sei ich mit demselben jugendkräftigen Windzuge in
Gesellschaft der Homeriden schon einmal über dieses bewegte Meer unter
dem wolkenlos reinen tiefblauen Himmel einhergefahren.

Um 2 Uhr passiren wir Capo d’oro und treten in den Canal, den Euböa mit
Andros bildet; rechts und links die Küsten wüst und steinig, ohne Spur,
daß die Natur oder Menschen dort schaffen. Euböa lag schon seit 11 Uhr
mit ungeheuren Bergen vor uns, die obersten Gipfel hoch, scheinbar
wie die Alpen, zerklüftet und eingesägt. Der höchste gegen Nordost
ist wohl der Delphi-Berg. Der Nordwind hat die See höher erregt; die
Wellen treffen die rechte Seite des Schiffes und machen es gewaltig
rollen; allmälig steigen sie bis zum Verdecke hinauf, und jetzt kehrt
eine um die andere es ab. Zu dem Dampfe haben wir auch noch alle Segel
vorgespannt und so geht die Fahrt ungewöhnlich rasch.

Vor 3 Uhr umfahren wir die Insel Inglese (Myrtos der Alten); ein ganz
nackt gewaschener Felsen, der sich in zwei Spitzen hebt. Hinter ihm
steigt die Küste Euböa’s zum hohen Gipfel des Elias-Berges auf. Der
Hafen Karysto öffnet sich im schönen, leicht geschwungenen Bogen,
geschlossen durch das Cap Karysto. In weiter, unbestimmter Ferne liegt
Isola Macronisi und dahinter hoch und mächtig attisches Festland. Links
hinüber im weiten Halbkreise scheint Alles vor uns geschlossen. Zea
wohl unter dem Inselvolke.

Um 6 Uhr passiren wir Cap Sunium, unter den Tempelsäulen so nahe
herfahrend, wie nur auf dem Rheine unter den Burgruinen. Wie sonst die
Berühmtheit, geben sie heute dem Vorgebirge den Namen: Cap Colonne.
Gelblich weiß stehen zuvorderst neun nebeneinander, einige andere in
zweiter Linie, alle dorischer Ordnung und von jener wunderbaren Farbe
angehaucht, die Prokesch so treffend „Zeitgelb“ genannt hat. Sie
glänzen im Sonnenlichte und mir klingt’s wie Sprache aus einer andern
Welt, daß mich Rührung erfaßt, wie sie mich inniger vor keinem anderen
Denkmale der Vergangenheit befallen hat. Vielleicht aber auch steht
keines so einsam, so schön und so großartig zugleich wie diese Ruine
des Tempels der Athene Pronoia, den der Schiffer zuerst sah, wenn er
heimkehrte nach attischem Festlande. Unten sind die Felsen der Küste
nackt ausgewaschen, weißer Schaum peitscht weit hinauf. Schon ist die
See wundervoll rosig, die Berge, die kahl sind, flammen in rothem
Lichte, daß sie durch den Schnitt der Linien und die Färbung ein Bild
der höchsten Schönheit darstellen.

Um 7 Uhr fahren wir an Aegina vorüber. Auch dort ein Monte Elia, aus
breitem Fuße zu scharfer Spitze hoch aufsteigend über die sonst lang
und flach gestreckte Insel. Die Berge des Peloponnes, Korinth’s,
Megara’s, alle in den reinsten und schönsten Linien dahinter. Und
Farben auf Meer und Land, die die untergehende Sonne malt: glühendes
Gelbroth und dunkelndes Purpurblau. Aegina zur Linken, Salamis vor
mir, rechts den Hymettus und goldschimmernd die Akropolis, und was
ich sonst sehe, Namen und Bilder, die Jahrtausende vor mir gehört und
gesehen haben. Wer fühlte nicht sein Nichts vor solcher Vergangenheit!
Ich stehe auf dem äußersten Bug des Schiffes an ein Tau gelehnt, das
ich umschlungen halte; Matrosen kauern neben mir auf dem Verdecke und
singen französische Volkslieder, ein junger Tenor darunter mit zartem
Ton, der sich wie zugehörig der weichen Luft verschmilzt. Aller Wind
ist erstorben, die Segel hängen schlaff, die See liegt ruhig und der
Kiel muß sich beinahe mühsam wie durch dichtes Oel durcharbeiten; in
schweren Tropfen fällt das Wasser, das er aufgewühlt, in den glatten
Spiegel zurück; der Salzgehalt scheint vermehrt, man schmeckt ihn auf
den Lippen und fühlt ihn in den Haaren. Die Wärme des Südens ist in der
Luft, den Farben, der ganzen Stimmung der Natur, und die Poesie des
Augenblicks faßt mich wie mit Blitzesschlag. Verloren wie in dieser
Stunde, aber im Genusse verloren, habe ich mich noch nie gefühlt.

Ein Grieche trat zu mir, mit dem ich schon manches Wort während der
Fahrt gewechselt. Er gehört seinem ganzen Aussehen und Gebahren nach
der gebildeten Classe der Gesellschaft an. „~N’est-ce pas que la
soirée est belle?~“ redete er mich an. „~Vraiment,~“ antwortete
ich ihm, „~je n’en ai pas éprouvée une plus délicieuse; l’air est
balsamique et quand on pense que c’est là, où nous sommes, que l’Asie
et l’Europe se sont livrés leur plus grande bataille et qu’ici une des
premières scènes de cette longue question de l’Orient avait été décidé
par la défaite de l’Asie, alors aussi un sentiment de respect s’unit
à celui du délice et de la jouissance corporelle.~“ -- „~Mais
comment donc,~“ unterbrach er mich, „~ici l’Asie et l’Europe se
sont combattus? mais quand donc? racontez le moi.~“ -- Und ich mußte
dem Manne von Xerxes, von Themistokles und von der Schlacht bei Salamis
erzählen, und er hörte mir aufmerksam wie ein Schulbube zu. Dabei hatte
derselbe Mensch in früheren Stunden mir die griechische Geschichte des
Mittelalters, die ganze Liste der byzantinischen Kaiser in einer bis in
die verstecktesten Details dringenden Genauigkeit erzählt.

Damit gebe ich den europäischen Politikern den innersten Kern der
griechischen Frage und zugleich den Baiern, die von Hellas vertrieben
worden sind, den Grund der Abneigung, der ihnen überall zum Lohne
für ihre Aufopferung wurde. Der moderne Grieche versteht nicht
das Bestreben, das ihn wieder anknüpfen will an die Helden seines
grauen Alterthumes; für ihn gibt es nur ein Interesse, und das ist
die Wiederherstellung des byzantinischen Reiches, dort leben seine
Erinnerungen und dorthin streben seine Hoffnungen. Wer an die einen
nicht denkt und an die anderen nicht glaubt, der ist nicht sein Mann
und kann zurückgehen zu den Studirstuben deutscher Alterthumskunde.

Mit diesem Denkzettel an die neugriechische Frage fuhr ich ein in den
Piräus schon bei finsterer Nacht, Abends 9 Uhr. Mein neuer Schüler
in griechischer Alterthums-Wissenschaft machte den Cicerone bei den
Ausschiffungs-, Douane- und anderen Umständlichkeiten und enthob mich
jeder Last. Er führte mich auch in seinem eigenen Gefährte nach Athen
hinein, wo ich in dem Hôtel d’Angleterre absteige. Auf der staubigen
Landstraße, die von dem Piräus nach der Stadt führt, begegneten uns
mehrere Reitertrupps, die den Weg sicher vor den Räuberbanden halten
sollen. So sieht das +freie+ Griechenland aus.


Athen.

Wer Athen zum ersten Male im Tageslichte sieht und das Auge unbefangen
mitgebracht hat, der muß auf den ersten Blick erkennen, warum die
Baiern von hier fortgejagt worden sind. Die Straßen sind breit und lang
gezogen, daß der Staub sich darin nirgends vor dem Winde verkriechen
und der Schatten dem Sonnenlichte keinen Raum abgewinnen kann. Die
baierische Eitelkeit, welche sich aufbläht und München für das Ideal
der Welt hält, hat den Maßstab der Isarhauptstadt, der dort schon allzu
groß ist, in die hiesigen noch kleineren Verhältnisse übertragen. Gibt
es Augenblicke, da in München in der Ludwigsstraße streckenweise nur
ein Mensch sichtbar ist, so geht hier in der Aeolus- und Hermesstraße
oft stundenlange keiner vorüber; Wagen sieht man ganze Tage hindurch
nicht. Die 35.000 Bewohner Athens können eben doch nicht blos des
Schauspieles wegen den ganzen Tag über spazieren gehen, und so viele
gehören wenigstens dazu, um diese Gassen und weit gedehnten Plätze zu
füllen. Umsomehr thut dieses das Sonnenlicht; das liegt den ganzen Tag
breit und unaufhaltsam gebettet auf dem staubigen Pflaster. Kleine
Oleanderbäume, welche die vertriebene Königin zum künftigen Schutze
der Vorübergehenden angepflanzt, sind gleich, ehe sie ihre Aufgabe
beginnen konnten, von der Hitze und dem Staube verkrüppelt worden,
und dienen nur mehr als verrätherische Zeugen, daß man seinen Fehler
eingesehen, nur leider zu spät, da er schon unverbesserlich war. Das
Muster der orientalischen Städte nachzuahmen und das fortzusetzen,
was man schon vorfand, kleine, enge und gewundene Gäßchen, die dem
Winde und dem Sonnenlichte keinen Einlaß geben, es aber zulassen,
daß man von einem Hause zum anderen eine schützende Decke für die
Vorübergehenden spanne: das verbot der gebildete Hochmuth, den man aus
eingebildet fortgeschritteneren Verhältnissen mitgebracht hatte und
den so selbstvernichtend unter den Europäern insbesondere der Deutsche
mit auf seine Reisen nimmt. Und so wie die Gassen und öffentlichen
Plätze construirten sie das Innere der Häuser. Statt der breiten
Treppe und der luftigen Sala, die das Haus in zwei Theile theilt,
selbst einen kühlen Raum schafft und allen darein mündenden Gemächern
Kühlung zuführt, enge, gewundene Stiegen, kleine Vorzimmerchen,
winzige Speisesäle, Schlafkammern und Salons, aber Alles baierisch,
münchenerisch hergerichtet, und darum wohl nach den Begriffen der
Eingewanderten unübertrefflich, obwohl in auffälligem Widerspruche
mit den Anforderungen des atheniensischen Klimas und der griechischen
Bedürfnisse. Wer als Fremder sich diesen Anforderungen fügen will, der
wird selbst von den längst Eingewanderten als Sonderling betrachtet;
so wenig hat selbst die Zeit diesen Vorurtheilsvollen die Einsicht
in die Vortheile der eingeborenen Sitte oder auch nur die Frage
danach gegeben. Nein, der Horizont ihres Verstandeskämmerleins
ist derselbe enge geblieben, wie ihn sich der Hochmuth in Baiern
ausgebildet hatte, und nach demselben übertragenen Maßstabe wurde
dann in weiterer Fortsetzung das ganze öffentliche und private Leben
der Griechen umgebaut; aus sich heraus, aus der eigenen Wurzel, aus
dem vaterländischen Boden und der heimischen Sitte nichts erschaffen.
Zuletzt hatten diese Griechen in ihren Gassen, Plätzen, Häusern, in
ihren Schulen, Gesetzen und Militärvorschriften ein förmliches System
von Torturanstalten, in dem ihre Gewohnheiten bald breit und lang,
dann wieder schmal und kurz geschlossen wurden. Nun kann man wohl mit
der Folter den Willen des Einzelnen beugen, entweder stirbt er oder er
ergibt sich, aber der Wille eines Volkes ist durch solche Mittel nicht
besiegbar; für jeden Kopf, den man ihm abschlägt, wachsen wie bei der
Hydra zwei andere nach. Dieses baierische Mißverstehen der griechischen
Gewohnheiten, wovon ich die monumentalen Zeugen hier in Athen sehe,
und das Nichtererkennen der griechischen Wünsche, wovon mir die
byzantinische Geschichtskenntniß meines Bekannten auf dem französischen
Dampfer Zeugniß gab, halte ich für die vereinten Ursachen, welche das
Ende der baierischen Herrschaft auf hellenischem Boden herbeiführten.
Uebrigens muß ich gleich hier zur Entschuldigung der Baiern sagen,
daß ich nicht glaube, daß es irgend eine andere europäische Macht auf
hiesigem Boden zu einem bleibenden Erfolge gebracht hätte. Ich zweifle
überhaupt, daß diesen noch rohen und doch auch schon verkommenen
Völkerstämmen der illyrischen Halbinsel durch eine Mischung mit
unserer auch nicht mehr gesunden Cultur aufgeholfen werden wird. Sie
so wenig als die amerikanischen Ureinwohner sind erfrischungsfähig
durch europäische Einflüsse; sie leben entweder aus sich heraus und in
ihrer Weise, oder sie leben gar nicht mehr, d. h. sie gehen langsam
unter der Faust eines fremden Eroberers und in der Vermischung mit
seinen Knechten zu Grunde. Nachdem man sie dem zweiten Falle sich
hatte entwinden lassen und sie befreit von den Türken waren, hätte man
sie auch dem ersteren vollständig und mit allen seinen Consequenzen
überlassen sollen. Capodistria war für diesen Fall, wie ihn auch der
Fürst Metternich wollte, der schickliche Regent, und nicht zu leugnen
ist, daß unter seiner Verwaltung Griechenland verhältnißmäßig die
glücklichste Periode seiner selbstständigen Existenz durchgemacht hat.
Das was die Großmächte statt seiner anordneten war eine Halbheit und
gab den Griechen nur den Titel in die Hand, die Schuld ihrer Mißerfolge
den Fremden zuzuschieben. Gelingt es auch der zweiten Dynastie nicht,
sich einzuwurzeln, so wäre es immer noch an der Zeit, die Griechen sich
selbst zu überlassen. Und wenn sie sich auch unter einander auffressen,
so möchte ich fragen, welcher Verlust daraus für die Menschheit
entstehen sollte, daß solche Unruhestifter von der Welt vertilgt
werden? Theilnahme der anderen Mächte wäre überhaupt nur zulässig,
um jede einzelne von der Einmischung abzuhalten. Ein Cordon, der
wenigstens moralisch gedacht um das ganze Griechenland gezogen würde,
könnte diesen Zweck erfüllen. Uns kann das Zusehen nichts schaden und
den Griechen doch vielleicht einmal nützen.

Dieses aus dem politischen Theile meiner atheniensischen Betrachtungen.
Zu den Denkmälern machte ich meine erste Wanderung gleich an dem Morgen
nach meiner Ankunft schon um 5 Uhr. Der Tempel der Winde ward mir
eigentlich eine Enttäuschung; ich hatte mir seine Reliefs vorzüglicher
vorgestellt. Aber der weitere Weg zur Akropolis führte mich zurück in
die geweihte Stimmung. Aloe und andere Stauden des Südens säumen ihn
ein; zwischen zerfallenem Gemäuer und über Trümmer steigt man aufwärts,
daß mir Goethe’s Wanderer gegenwärtig ward. Noch lag der Morgen wie
in halbem Lichte, obwohl die Sonne schon auf war; die attische Ebene
und das fernere Meer erschienen in bleichen Farben. Zunächst unter
mir rechts hinab, nachdem ich das erste Thor passirt hatte, sah ich
das Theater des Herodes, das, weil nur der Musik geweiht, Odeon hieß.
Größer hatte ich mir dieses Theater vorgestellt, und daß dieses 8000
Menschen fassen konnte, will ich nicht recht begreifen. Ganz anders
ergeht es mir bei den Propyläen, sie übertreffen meine Vorstellungen.
Riesenmäßig erscheinen sie mir, und selbst der kleine Tempel der
~Nike apteros~ größer als seine Maße. Es liegt die Ursache wohl in
den richtigen Verhältnissen bei diesen Bauten. Wer nicht mehr will als
er kann, bringt nie sein Unvermögen zur Erkenntniß und erscheint schon
darum mächtiger als andere gestürzte Phaëtone.

Wie einer der Wallfahrer im panathenäischen Festzuge schritt ich
zwischen diesen Säulenhallen und über die Schwellen hin, welche in die
Marmorpflasterung des Bodens für die aufwärts glimmenden Opferthiere
eingehauen worden waren und die heute noch so erhalten wie damals
sind. Vor kurzem erst hat man sie aufgedeckt. Nirgends ist mir die
Vergangenheit gegenwärtiger geworden als hier durch diese Schwellen. Es
sind eben auch in der Weltgeschichte die gemeinen Detailzüge, die das
Bild oft mehr erläutern als alle großen Zeichen.

Die dorischen Säulen der Propyläen erschienen mir wie alte Bekannte,
und doch sah ich sie zum ersten Male; aber ich hatte das Vorgefühl von
ihrer Schönheit gehabt, und hier gilt auch, daß nur versteht wer fühlt.
Begreifbar ist Alles leicht bei diesen Gebäuden, weil jeder Dienst und
jede Last mit ihren Pflichten und mit ihren Rechten klar zu Tage tritt,
und weil die großen Linien des Ganzen nicht durch das Detail gestört
und zerstreut werden; die Schönheit aber muß empfunden werden. Darin
auch gleichen sie der Natur, daß sie zwar durchaus beschreiblich sind,
daß aber der rechte Genuß, wie bei der Rose durch den Geruch, nur durch
den Anblick gegeben werden kann.

Der Parthenon schien mir riesig und wie das Grab der Zeit; wie wenn
alle Vergangenheit unter diesem zerfallenden Denkmale begraben
liege. Er steht hoch über den andern Trümmern, die wie ein
verwüsteter Friedhof das Feld decken. Stachelige Kapern mit ihren
schmetterlingartigen Blüthen schaukeln sich über den Marmorblöcken, und
die Karyatiden des Erechtheion schauen wie trotzig empört über solche
Barbarei, die hier das Handwerk geübt, auf diese Trümmerstätte herab.
Es sind ihrer sechs, vier in der Fronte und zwei in zweiter Linie; drei
das linke und drei das rechte Knie herausgebogen, die Körperschwere
auf dem anderen Beine lastend. So dienen und tragen sie noch immer,
aber mit herrischem Stolze und mit jenem selbstbewußten Ausdrucke in
der Miene und der Körperhaltung, den ich auch in der Venus von Milo
wiederholt finde. Wie jenes Götterbild könnte ich auch die dritte, wenn
man davorstehend und die Gruppe anschauend von der Linken zur Rechten
zählt, anbeten und verehren, vor ihr niederfallen und sie heilig
halten. Wenn in einer zaubervollen Mondnacht alle diese Weiber lebendig
würden, sich der Gebälkslast enthöben und herabstiegen von ihren Basen
-- ich würde die meinige bei dem mir liebsten Namen auf Erden nennen,
sie mich erkennen und wir einen Jubelsturm durchleben, wie ihn nur die
Seligen im altgriechischen Himmel genossen.

Inzwischen war, da ich das erste Mal hier oben stand, der Tag mit
all’ seiner aufklärenden Allgewalt hereingebrochen und immer wieder
schweifte mein Blick von den Denkmälern hinaus auf die wundervolle
Landschaft, die heute noch so ist wie vor 2000 Jahren, und die die
einzige ist, würdig solche Kostbarkeiten zu umfassen. Der Parneß in
weiterer nördlicher Ferne, der Pentelikon und Hymettus im unmittelbaren
Osten, im Süden das Meer mit feinen Inseln und der peloponnesischen
Küste, und westlich der althistorische Oelwald, der durch die Ebene zum
Piräus hinabführt: das sind die Hauptzüge des Bildes, das den Beschauer
auf dieser zauberhaften Warte umgibt, wohl der schönstblickenden,
welche die Welt hat. Und es braucht gar nicht der Farben des Morgens
und des Abends, nicht der rosenfingerigen Eos und des feurig glühenden
Helios, um uns den Werth dieses Bildes darzustellen. Den ganzen
Tag über ist das Meer blau und glänzt die Ebene goldig, spielen
kaleidoskopisch die Lichter auf den Bergen und dunkeln violett aus den
Felsenklüften die Schatten. So sah ich es immer und so zu jeder Stunde.

Einer der angenehmsten Ruhepunkte in diesem weit gezogenen Rundbilde
ist, wenn das Auge aus der Ferne wieder in die Nähe zurückgekehrt,
unten am Fuße der Akropolis, zwischen ihr und dem Hymettus
eingeschlossen, auf dem rechten Ufer des Ilissos sich erhebend,
die Ruine des olympischen Zeustempels, eines der größten welchen
die griechische Mythologie besessen hat. Zu ihm stieg ich von der
Akropole herab, den Weg durch die Stadt nehmend und an den königlichen
Schloßgärten vorüber, aus denen Palmen sehnsüchtig mit ihren Kronen zum
Meere hinabblicken. Es gibt einen Punkt auf dem weiteren Wege, wo man
zugleich diese Bäume noch im Auge und die Säulen des Jupitertempels
schon vor sich zwischen ihnen durch den Blick auf das Meer hat, der zu
den schönsten Aussichtspunkten der Welt gehört. Ideal schön, beinahe
wie erträumt, erscheint er mir; Stunde um Stunde saß ich dort und
konnte mich nicht satt sehen an diesen Bäumen und an diesen Säulen,
die mit solch’ wetteifernder Schönheit aus dem Boden wachsen, die
einen lautlos und unbeweglich stumme Zeugen der Vergangenheit, die
anderen leise bewegt als hätten sie geheime Geschichten zu erzählen.
Es gibt keine schöneren Säulen als diese korinthischer Ordnung des
atheniensischen Zeustempels. Wie unter hochstämmigen Urwaldbäumen ging
ich zwischen ihnen herum, staunend die wirklich sehr große Höhe messend
und doch nichts Unmäßiges daran findend. Einstmals standen ihrer
120, heute sind nur noch 14 aufrecht, die fünfzehnte liegt gestürzt
am Boden in achtzehn Stücke zerfallen. Ich messe und betrachte sie
andächtig und nehme von ihr auch ein Erinnerungszeichen mit. Niemand
störte meine Andacht, ich war und blieb durch Stunden allein. Wohin der
übrige Reichthum an Säulen gekommen, ist kaum zu begreifen; verschüttet
können sie nicht sein, weil nirgends der Raum zu solchem Grabe, und
auch entführt scheint kaum glaublich, weil man eine solche Summe von
Riesen doch nicht leicht transportirt. Von dem mächtigen Unterbau des
Tempels, der heute noch am verständlichsten einen Begriff von der
einstmaligen Größe des Umfanges gibt, stieg ich zur Enneakrunos hinab,
einem Teiche, den der Ilissos nothdürftig speist. Von dortaus gesehen
erscheinen die Säulen in ihrem „Zeitgelb“ wie herausgeschnitten aus dem
tief dunkelblauen Hintergrunde des Himmels; die Stadt und die Akropolis
verschwinden beinahe für den Standpunkt des unten stehenden Beschauers.
Die Tempel-Terrasse wird von fein gefügten Quadern zusammengehalten,
in deren Fügungen heute noch das Moos keinen Boden gefunden. Ich
pflückte einen Strauß von Heliotropen, die mit Aloen und Cactusstauden
den Ilissos einsäumen. Sonst ist weit um den Tempel her sandige Wüste.
Er steht, so wie Rom, Constantinopel und Jerusalem gebettet sind, in
einem erstorbenen Acker.

Der kostbarere Stadttheil des alten Athens, der durch die werthvollsten
Denkmale ausgezeichnet war, lag auf der Südseite der Akropolis, also
ganz im Widerspruche mit dem Geschmacke der heutigen Erbauer, denn
dort stehen dermalen nur ärmliche Hütten und verlassene Ruinen. Der
wohlhabendere Stadttheil zieht sich nordwärts und die elegantesten
Häuser auf der Straße gegen Kephissia zu. Diese frühere Anordnung
der alten Athener zeigt von feinerem Natursinne, von der Vorliebe
für schöne Aussichtspunkte und von Sehnsucht nach dem Meere, denn
von dieser Südseite der Akropolis sieht man von jedem Punkte aus
die phalerische Bucht, die Küste bis zum alikäsischen Cap und die
inselbevölkerte See. Besonders sichtbar ist dieses Bild von den
Stufenreihen des dyonisischen Theaters, das dort an dem Fuße des
Burgfelsen und an ihm hinauf gebaut liegt. Vor wenig Jahren erst ist
es ausgegraben worden. Mit solcher Aussicht im Bunde ließen Aeschylos
und Sophokles ihre Stücke darstellen. Wer jemals hier gewesen, kann der
ohne Erinnerung an diese Decoration und nicht mit dadurch gemehrtem
Entzücken ihre Tragödien lesen?

Das Theater ist das vollständigst erhaltene, welches vom Alterthume
auf uns herabgekommen ist. Es zeigt noch bequem brauchbar alle
Sitzesreihen mit Quadern musivisch gepflastert, die Orchestra und
skulpturgeschmückt den Sockel, der das Proscenion trug. Nur das Podium
ist eingestürzt, aber die Canäle liegen klar zu Tage, in denen die
Coulissen und Decorationen bewegt und auf ihrer Rolle gedreht wurden.
Wer eine Vorstellung von dem altgriechischen Theater haben will und
von der Art, wie die Stücke des Aeschylos, des Sophokles und Euripides
lebendig wurden, muß hieher gehen und eine Stunde lang in diesen Ruinen
des bacchischen Schauspielhauses herumwandern. Ich hatte mir trotz
aller Kunstbücher, die ich darüber gelesen, ganz andere Vorstellungen
gemacht, irrige, der nun begriffenen Wirklichkeit widersprechende, und
so vermuthe ich, daß es auch anderen nicht besser belehrten Köpfen
ergehe. So hatte ich mir den Raum der Orchestra nicht so groß, das
ganze Theater nicht so klein vorgestellt; denn klein erscheint es auf
den ersten Blick und es bedarf erst einer eingehenden Untersuchung
bis man glaubt, daß auf diesen Stufenreihen wirklich 30.000 Zuschauer
Platz fanden. Es sind im Ganzen 20 Reihen durch 12 Treppen getheilt.
Den Halbkreis der Orchestra maß ich mit 62 Schritten, ihre Breite, also
auch die Scenenweite, mit 29 Schritten. Die vordersten Stufenreihen
waren besonders ausgezeichneten Zuschauern wie unsere Sperrsitze
reservirt. Sie sind mit hohen Rück- und fein skulptirten Armlehnen
versehen, und auf dem Sockel des Stuhles ist irgend ein Motiv aus der
Dyonisius-Mythe zu Reliefbildern verwendet. In der Höhlung des Sessels
ist ein kleines Loch angebracht zum Abflusse des Regenwassers; bei
Vorstellungen wurde dieses wohl durch ein darauf gelegtes Polster
verdeckt. Beinahe jedem dieser ausgezeichneten Stühle ist mit rohen
Schriftzeichen der Name des Eigenthümers eingegraben: „Dieses ist der
Sessel des Priesters des Dyonisios, oder des Aristides“ u. s. w. Wie
oben auf der Akropole die Schwellen im Aufgange der Propyläen versetzt
mich auch dieses kleine Detail am meisten in die Vergangenheit.
Trümmer sind weit um das Theater gestreut, darunter mancher schöne
skulpturliche Rest.

Ostwärts von dem Theater führte um den Felsen der Akropolis die
Straße der siegreichen Dichter; die erkämpften Dreifüße, monumental
aufgestellt, säumten sie ein. Das Lysikratesdenkmal ist noch ein
Ueberbleibsel davon und bezeichnet genau die Richtung des Weges.
Auf der entgegengesetzten Seite der Akropolis, im Westen, aber auch
in der Ebene wie der Zeustempel, steht der noch völlig erhaltene
Theseustempel, nach Anderen ein Gotteshaus des Ares; ein Muster
dorischer Ordnung aus alt-attischer Zeit. An der Landstraße, die dort
vorüber zum Pyräus hinab führt, grub man kürzlich einen Friedhof aus.
Ich stieg hinab zu diesen begraben gewesenen Gräbern und wanderte in
den Gassen herum mit demselben halb nur neugierigen, halb aber doch
auch theilnehmenden Gefühle, das mich auf allen meinen Reisen immer
die Friedhöfe der Ortschaften, wo ich stationire, besuchen läßt. Ich
fand ein Denkmal, das auffallend an unseren drachentödtenden heiligen
Georg erinnert.

Nahe dem Theseustempel erhebt sich der Hügel, worauf der Areopag tagte.
An den Felsen der Akropolis angeschlossen bildet er mit einer ganzen
Reihe anderer eigentlich eine Scheidewand, die in die attische Ebene
gestellt, vom Gebirge auslaufend mit der Halbinsel Munychia in die
See mündet. Am dichtesten gedrängt sind diese Hügel auf der Westseite
des Akropolisfelsen. Dort lag auch einmal ein Haupttheil des alten
Athen, das also auch wie Rom und Constantinopel auf Hügeln erbaut war,
und mit einigem Suchen ließen sich vielleicht die stereotypen sieben
herausfinden. Auf dem Pnyxhügel, der mehr dem Meere zugeschoben ist,
stand und steht auch heute noch so wie sie damals aus dem rothbraunen
Felsen herausgehauen worden ist, die Rednertribüne. Wo der Grund der
Terrasse, die das Volk sammelte, nicht eben genug war, sind ihm Felsen
weggesprengt oder riesige Mauern eingesetzt worden. Die cyklopischen
Fügungen dieser Unterbauten sind so dicht, daß ich heute noch zwischen
die ungeheuren Blöcke (einige mit 13 Fuß Durchmesser) nicht mit der
Schneide meines Federmessers eindringen konnte.

Der Nymphenhügel, unmittelbar neben der Pnyx, trägt heute die neue
Sternwarte; ein kleiner Bau, kuppelgedeckt, von allen Seiten sichtbar.
So schön er ist, stört er wie auch das Beste des Neuen neben diesen
Resten des Alterthums. Athen sollte nur durch seine Ruinen leben.
Sie nicht gesehen zu haben, erscheint mir, auch wenn man die ganze
übrige Welt kennt, wie wenn man nichts von dieser wisse. Unglücklich
und bedauernswerth wie der, welcher lebt ohne seine Mutter gekannt zu
haben, ist wer stirbt ohne daß er sah, was der Mensch einmal Bestes
gewollt und Schönstes geleistet, und was er sich zu seinem glänzendsten
Gedächtnisse aufgestellt hat. Athen ist das Denkmal der Menschheit,
die Akropole der Leichenhügel auf den edelsten Vermächtnissen der
Gelehrsamkeit und der Dichtkunst.



Rückkehr und Rückblicke.


Zweimal auf der Rückfahrt faßte mich die See mit rauhen Händen an.
Das erste Mal, da ich auf der „Persia“ eingeschifft noch im Golfe von
Aegina schwamm, gab es eine rollende Nacht, die erst der Morgen in
Syra, wo ich mich ausschiffte, zur Ruhe brachte; das andere Mal war
es im adriatischen Meere ein Sturm, den ich begehrt, aber so wild
begehrt hatte, daß er unser Boot, den „Vulkan“, zurück verschlage bis
in das goldene Horn. Leider, so lärmend er tobte und Alles auf dem
Schiffe durcheinander warf, konnte er es dem Dampfer nur um so viel
wett machen, daß wir verzögert um einige Stunden in dem Triester Hafen
anlangten. Es war ein Widerwilliger, der wieder den heimathlichen Boden
betrat, und jetzt, da ich am 20. September im oberösterreichischen
Gebirgslande vor dem Gmundener See dieses Buch schließe, will mich
fortwährende Sehnsucht zurück nach den Ufern des Bosporus und den
Hügeln des goldenen Hornes verzehren. Der Vollmond legt sie mir in’s
Herz, der mit Allgewalt die angesammelten Erinnerungen weckt. Lausche
ich ihnen nur einen Augenblick, so sehe ich die tief eingeschnittene
Bucht von Bujuk-Dere wieder, Schiffe darauf, die leise bewegt im
Mondeslicht geisterhaft schwanken, im Hintergrunde der Bucht einen
schwarzen Schattenriß, die riesige Platane Gottfrieds von Bouillon, in
Therapia krönende Pinien, und gegenüber auf Asiens Küste runde wellige
Hügel, und sehe mich selbst, einen Busch duftiger Blumen und Kräuter
in den Händen, die betäubend riechen und mit den fremden Gerüchen
auch fremde Eindrücke geben. Die Erinnerung waltet den Zauber ihres
ganzen schöpferischen Dichteramtes; was überflüssig dem Bilde hat
sie vergessen und nur das Wesentliche, das Schöne dem Gedächtnisse
behalten.



Beim Scheine einer antiken Lampe, die ich mitgebracht.


    Graz, den 31. December 1864.

      Die Lampe ward aus Gräbern mir gegeben,
    Das Oel goß die Erinnerung hinein,
    Mit ihrem Zauberlicht das hies’ge Leben
    Und meiner Kammer Dunkel zu zerstreu’n. --
    Und wirklich, vor mir schau’ ich hohe Säulen
    Von einem ew’gen Sonnenschein verklärt,
    Und dort, wo Süd und West sich grenzend theilen,
    Um Inseln, die ein alter Glaube ehrt,
    Das Meer in nächtig noch bedeckten Buchten;
    Im Osten, wie zur Abwehr gegen ihn,
    Durchfurcht von schattig blauen Schluchten,
    Gebirge, deren Kuppen feurig glüh’n
    Vom jungen Morgenstrahl entzündet,
    Der den jahrtausend alten Resten
    Das Werden neuer Tage kündet;
    Im Thale Palmen, die mit stummen Aesten
    Die Laute alter Sprachen wehen;
    Und mich und Alles, was ich um mich schau’,
    Bedeckt ein Himmel, wolkenlos und blau,
    Wie ich ihn so nur in Athen gesehen. --

      Dort ist die Heimath, die mein Streben
    Dem sehnsuchtsvollen Herzen fand,
    An die ich für das ganze Leben
    Verlangend meine Liebe band.
    Denn wenn die herrlichste der Städte,
    Byzanz, das meergeborne, mir erschien
    Mit Farben bunt und reich als hätte
    Der Schöpfer alle ihm allein verlieh’n;
    Und wenn der Bosporus mit seinen Hügeln,
    Die Asien und Europa köstlich schmückt
    Um wetteifernd im Meere sich zu spiegeln,
    Wenn all’ die Pracht die +Sinne+ mir entzückt:
    Hat doch die +Seele+ Feste erst gefeiert,
    Als ich nach gluthenvoll geschied’nem Tag
    Vorbei an Aegina gesteuert
    Und Salamis in Schleiern vor mir lag;
    Als ich am nächsten frühen Morgen
    Die alten Marmorschwellen aufwärts ging,
    Und hinter Mauern fest geborgen
    Der Parthenon mich Glücklichen umfing;
    Als ich im Gräberfeld dort oben
    Bewundernd vor den Karyatiden stand,
    Und in die alte Zeit erhoben
    Das Todte wieder lebend fand.
    Da fühlte ich für’s Leben mich geweihet,
    Und als ein Mensch von and’rer Art,
    Im Glauben und der Urtheilskraft erneuet,
    Bin ich zurückgekehrt von dieser Fahrt.



Berichtigung.


Seite 232 Zeile 3 von oben ist +römischen+ statt +türkischen Kaisers+
zu lesen.



Verlag von Carl Gerold’s Sohn in Wien:


  Eine Reise nach Mexiko.

  Von
  Gräfin =Paula Kossonitz=.
  2. Aufl. 8. in lithographirtem Umschlag. brosch. Preis 2 fl. =Ö. W.=


  Abraham a Sancta Clara.

  Biographie.
  Von =Th.= v. =Karajan=.
  Mit Porträt, gest. von Prof. +Louis Jacoby+. 8. br. Preis 4 fl. Ö. W.


  Maria Theresia und Josef II.

  Ihre Correspondenz
  sammt
  Briefen Josef’s an seinen Bruder Leopold.
  Von
  =A.= v. =Arneth=.
  3 Bände. gr. 8. brosch. Preis 12 fl. Ö. W.


  Reise der österreichischen Fregatte „Novara“
  um die Erde

  in den Jahren 1857, 1858, 1859
  unter den Befehlen des Commodore
  =B.= v. =Wüllerstorf-Arbair=.
  Beschreibender Theil von ~Dr.~ K. v. Scherzer.
  Mit vielen Karten, Beilagen und in den Text gedruckten Holzschnitten.
  Volksausgabe. 2 Bände. gr. 8. brosch. Preis 9 fl. Ö. W.


  Aus den Tauern.

  Berg- und Gletscherreisen in den österr. Hochalpen.

  Von
  ~Dr.~ =A.= v. =Ruthner=.
  Mit 6 Abbildungen in Farbendruck und einer Gebirgskarte.
  gr. 8. in illustr. Umschlag brosch. Preis 6 fl. Ö. W.



[Illustration: Druck von Carl Gerold’s Sohn.]



      *      *      *      *      *      *



Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1869 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert; ungewöhnliche und
altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht,
sofern die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht berührt wird.
Die Berichtigung am Ende des Buches wurde bereits in den Text
eingearbeitet.

Als Tausender-Trennzeichen diente im Originaltext sowohl der Punkt
als auch das Komma (z.B. 60.000 bzw. 60,000). Hier wurde keine
Vereinheitlichung vorgenommen, da keinerlei Verwechslungsgefahr mit
dem Dezimalkomma besteht.





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