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Title: Venus im Pelz
Author: Sacher-Masoch, Leopold von
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Venus im Pelz" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1920 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
    Fehler wurden stillschweigend korrigiert; ungewöhnliche
    Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
    Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, sofern die
    Verständlichkeit des Textes dadurch nicht berührt wird.

    Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; hiervon abweichende
    Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
    folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

      fett:       =Gleichheitszeichen=
      gesperrt:   +Pluszeichen+
      Antiqua:    ~Tilden~

  ####################################################################



               [Illustration: Leopold von Sacher-Masoch]



                             Venus im Pelz

                                Novelle
                                  von
                             Sacher-Masoch

                 Mit Illustrationen von Fritz Buchholz

                            [Illustration]

                                Leipzig
               Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung



                 Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.



Vorwort


Vorliegende Erzählung ist ein Teil eines großen, aber niemals von dem
Dichter vollendeten Novellenzyklus, „Das Vermächtnis Kains“, der nach
Sacher-Masochs eigenem Ausspruche „eine bilderreiche Naturgeschichte
des Menschen sein sollte“. Das Ganze sollte in sechs Unterabteilungen
zu je sechs Novellen zerfallen, für welche die Obertitel „Die Liebe“,
„Das Eigentum“, „Das Geld“, „Der Staat“, „Der Krieg“ und „Der Tod“
vorgesehen waren. Sacher-Masoch hatte sich somit ein sehr hohes
Ziel gesteckt, er wollte in diesen geplanten Erzählungen alles
Menschenleid und -schicksal in seinen verschiedensten Möglichkeiten und
Ausdrucksformen schildern und zugleich in der Schlußnovelle eines jeden
Teiles die Antwort auf die behandelte Frage und deren Lösung geben.

Von dem gesamten Werke liegen nur die beiden ersten Teile „Die Liebe“
und „Das Eigentum“ abgeschlossen vor. Von den andern existieren nur
Bruchstücke. Die „Venus im Pelz“ gehört als fünfte der Novellen zu dem
Zyklus „Die Liebe“.

Der Dichter schildert hierin die Erlebnisse eines Idealisten und
Phantasten zugleich, den sein Unstern in den Bannkreis eines herzlosen
und brutalen Weibes treibt.

Zur Zeit, als Sacher-Masoch diese seine berühmteste Novelle verfaßte,
stand er ganz im Banne eines Schopenhauerschen Pessimismus. Was seine
Lebensumstände anbetrifft, so ist zu bemerken, daß er damals als
Privatdozent an der Universität Graz habilitiert war.

Sofort beim Erscheinen der „Venus im Pelz“ spalteten sich die Leser in
zwei Parteien. Die einen verwarfen sie wegen der bis dahin unerhörten
Kühnheit der Schilderungen und fühlten sich zugleich durch das Motiv
abgestoßen. Die anderen dagegen, und gerade die besten Männer deutscher
Wissenschaft und Literatur, säumten nicht, anzuerkennen, hier liege
ein einzigartiges ~document humain~ vor, und es zeuge zudem von
ungewöhnlicher Genialität des Verfassers.

In rascher Folge entstanden weitere Schöpfungen, und eine wie die
andere waren vollwertiges Gold.

Um so peinlicher überrascht fühlten sich daher alle Freunde des
Dichters, als plötzlich höchst oberflächliche und zum Teil direkt
minderwertige Produkte seiner Feder auf dem Markt erschienen.
Verwundert und verstimmt fragte man sich, wie es möglich sei, daß ein
Poet, der die Klassizität gestreift, sein eigenes Renommee in solcher
Weise verderben könne. Nach Sacher-Masochs Tode ist dies Rätsel gelöst.
Die Not, die bitterste äußere Not zwang ihn dazu, dem Gott in sich
selbst Gewalt anzutun, um Brot für sich und die Seinen um jeden Preis
zu schaffen. In jener Zeit entstanden die vielberufenen „Messalinen
Wiens“, „Falscher Hermelin“ usw. Aber seltsam, gerade diese seichten
Arbeiten hatten bei dem Publikum ungeahnten Erfolg. Es brauchte dabei
nicht zu denken, wohl aber fühlte es sich seltsam erregt durch das
eigenartige, ihnen entströmende Gemisch von Stall- und Boudoirparfüm.

So wurde Sacher-Masoch in den Augen vieler zu einem oberflächlichen und
frivolen Skribenten erniedrigt, und es konnte leider nicht anders sein,
denn die Welt urteilt stets nach den Resultaten, aber nicht nach den
Motiven.

Selbst in der Spätzeit, als der Dichter sich wieder großen und
bedeutenden Aufgaben zuwandte, vermochte er die alten peinlichen
Erinnerungen nicht wieder zu verwischen. Und -- es ist traurig zu sagen
-- auch das große Publikum wollte nichts Gehaltvolles mehr von ihm,
sondern verlangte von ihm geradezu Mindergut.

Nur eine verhältnismäßig kleine Gemeinde wirklicher Verehrer blieb ihm
dauernd treu, jener, die das Unvergängliche, was er geschaffen, seinem
vollen Werte nach zu schätzen wußten und trotz seiner späteren Mängel
niemals an dem genialen Meister irre wurden.

Den Wünschen dieser zu entsprechen -- da die älteren Ausgaben
vollständig vergriffen sind --, entschlossen wir uns, einige seiner
besten Arbeiten in Neudrucken auf den Markt zu bringen. Darunter auch
die Novellen „Die Liebe des Plato“ und die „Venus im Pelz“.

Obwohl diese beiden Werke seit über 50 Jahren der Literatur angehören
und in allen Literaturgeschichten gewürdigt sind, ist es ihnen -- und
namentlich der „Venus im Pelz“ -- nicht erspart geblieben, neuerdings
seitens der Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften verschiedensten
Titels beanstandet zu werden.

Es sei allerdings gern anerkannt, daß Kenntnis der Literatur
und Phantasie von Polizeiorganen und solchen der öffentlichen
Anklagebehörde nicht erwartet werden darf. Beides gehört nicht zu ihrem
Ressort.

Die Folgen dieser Beanstandungen blieben nicht aus. In der Regel
wurden „Plato“ und die „Venus im Pelz“ seitens der Polizeibehörden
und der Staatsanwaltschaften ohne weiteres als nicht zu beanstandende
Dichtungen und Kunstwerke dem öffentlichen Verkehr zurückgegeben.
Gleichwohl kam es gelegentlich vor, daß die „Venus“ Gegenstand einer
Gerichtsverhandlung wurde. Von den Resultaten dieser ist zu sagen, daß
sie allemal mit einer Niederlage der Staatsanwaltschaft endeten.

Die Welt der deutschen Schriftsteller hatte das nicht anders erwartet.
Als es bekannt wurde, daß ein Einschreiten gegen die „Venus im
Pelz“ im Gange sei, erhob sich überall befremdetes Kopfschütteln.
In geschlossener Phalanx traten die Koryphäen deutschen Schrifttums
regelmäßig für Erhaltung des Werkes ein und mit ihnen zugleich die
Männer der Wissenschaft.

So erklärte z. B. anläßlich eines solchen Prozesses der Geheime
Medizinalrat Professor Dr. Albert Eulenberger in Berlin: Die „Venus im
Pelz“ besitze unschätzbaren Wert und sei ein Unikum in der deutschen
Literatur. So wenig sie in dieser zu vermissen sei, ebensowenig
vermöge die Wissenschaft ihrer zu entbehren.

Als der Geheime Hofrat Professor ~Dr.~ Koester in Leipzig gelegentlich
seitens der Dresdener Staatsanwaltschaften aufgefordert wurde, ein
Gutachten über die „Venus im Pelz“ abzugeben, kam er ebenfalls zu dem
Resultat, das Werk gehöre der Literatur an, und es sei nicht angängig,
es aus der Reihe der Lebenden zu streichen.

Wir glauben, daß die gemachten Mitteilungen mehr als einem Leser und in
mehr als einer Hinsicht interessant sein dürften.

    +Der Verlag+



Ich hatte liebenswürdige Gesellschaft.

Mir gegenüber an dem massiven Renaissancekamin saß Venus, aber nicht
etwa eine Dame der Halbwelt, die unter diesem Namen Krieg führte gegen
das feindliche Geschlecht, gleich Mademoiselle Cleopatra, sondern die
wahrhafte Liebesgöttin.

[Illustration]

Sie saß im Fauteuil und hatte ein prasselndes Feuer angefacht, dessen
Widerschein in roten Flammen ihr bleiches Antlitz mit den weißen Augen
leckte und von Zeit zu Zeit ihre Füße, wenn sie dieselben zu wärmen
suchte.

Ihr Kopf war wunderbar trotz der toten Steinaugen, aber das war auch
alles, was ich von ihr sah. Die Hehre hatte ihren Marmorleib in einen
großen Pelz gewickelt und sich zitternd wie eine Katze zusammengerollt.

„Ich begreife nicht, gnädige Frau,“ rief ich, „es ist doch wahrhaftig
nicht mehr kalt, wir haben seit zwei Wochen das herrlichste Frühjahr.
Sie sind offenbar nervös.“

„Ich danke für euer Frühjahr,“ sprach sie mit tiefer steinerner
Stimme und nieste gleich darnach himmlisch und zwar zweimal rasch
nacheinander; „da kann ich es wahrhaftig nicht aushalten, und ich fange
an zu verstehen --“

„Was, meine Gnädige?“

„Ich fange an das Unglaubliche zu glauben, das Unbegreifliche zu
begreifen. Ich verstehe auf einmal die germanische Frauentugend und
die deutsche Philosophie, und ich erstaune auch nicht mehr, daß ihr im
Norden nicht lieben könnt, ja nicht einmal eine Ahnung davon habt, was
Liebe ist.“

„Erlauben Sie, Madame,“ erwiderte ich aufbrausend, „ich habe Ihnen
wahrhaftig keine Ursache gegeben.“

„Nun, Sie --“ die Göttliche nieste zum dritten Male und zuckte mit
unnachahmlicher Grazie die Achseln, „dafür bin ich auch immer gnädig
gegen Sie gewesen und besuche Sie sogar von Zeit zu Zeit, obwohl ich
mich jedesmal trotz meines vielen Pelzwerks rasch erkälte. Erinnern
Sie sich noch, wie wir uns das erste Mal trafen?“

„Wie könnte ich es vergessen,“ sagte ich, „Sie hatten damals reiche
braune Locken und braune Augen und einen roten Mund, aber ich erkannte
Sie doch sogleich an dem Schnitt Ihres Gesichtes und an dieser
Marmorblässe -- Sie trugen stets eine veilchenblaue Samtjacke mit
Fehpelz besetzt.“

„Ja, Sie waren ganz verliebt in diese Toilette, und wie gelehrig Sie
waren.“

„Sie haben mich gelehrt, was Liebe ist, Ihr heiterer Gottesdienst ließ
mich zwei Jahrtausende vergessen.“

„Und wie beispiellos treu ich Ihnen war!“

„Nun, was die Treue betrifft --“

„Undankbarer!“

„Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. Sie sind zwar ein göttliches
Weib, aber doch ein Weib, und in der Liebe grausam wie jedes Weib.“

„Sie nennen grausam,“ entgegnete die Liebesgöttin lebhaft, „was eben
das Element der Sinnlichkeit, der heiteren Liebe, die Natur des Weibes
ist, sich hinzugeben, wo es liebt und alles zu lieben, was ihm gefällt.“

„Gibt es für den Liebenden etwa eine größere Grausamkeit als die
Treulosigkeit der Geliebten?“

„Ach!“ -- entgegnete sie -- „wir sind treu, solange wir lieben, ihr
aber verlangt vom Weibe Treue ohne Liebe, und Hingebung ohne Genuß,
wer ist da grausam, das Weib oder der Mann? -- Ihr nehmt im Norden die
Liebe überhaupt zu wichtig und zu ernst. Ihr sprecht von Pflichten, wo
nur vom Vergnügen die Rede sein sollte.“

„Ja, Madame, wir haben dafür auch sehr achtbare und tugendhafte Gefühle
und dauerhafte Verhältnisse.“

„Und doch diese ewig rege, ewig ungesättigte Sehnsucht nach dem nackten
Heidentum,“ fiel Madame ein, „aber jene Liebe, welche die höchste
Freude, die göttliche Heiterkeit selbst ist, taugt nicht für euch
Modernen, euch Kinder der Reflexion. Sie bringt euch Unheil. +Sobald
ihr natürlich sein wollt, werdet ihr gemein.+ Euch erscheint die
Natur als etwas Feindseliges, ihr habt aus uns lachenden Göttern
Griechenlands Dämonen, aus mir eine Teufelin gemacht. Ihr könnt mich
nur bannen und verfluchen oder euch selbst in bacchantischem Wahnsinn
vor meinem Altar als Opfer schlachten, und hat einmal einer von euch
den Mut gehabt, meinen roten Mund zu küssen, so pilgert er dafür
barfuß im Büßerhemd nach Rom und erwartet Blüten von dem dürren Stock,
während unter meinem Fuße zu jeder Stunde Rosen, Veilchen und Myrten
emporschießen, aber euch bekömmt ihr Duft nicht; bleibt nur in eurem
nordischen Nebel und christlichem Weihrauch; laßt uns Heiden unter
dem Schutt, unter der Lava ruhen, grabt uns nicht aus, für euch wurde
Pompeji, für euch wurden unsere Villen, unsere Bäder, unsere Tempel
nicht gebaut. Ihr braucht keine Götter! Uns friert in eurer Welt!“
Die schöne Marmordame hustete und zog die dunkeln Zobelfelle um ihre
Schultern noch fester zusammen.

„Wir danken für die klassische Lektion,“ erwiderte ich, „aber Sie
können doch nicht leugnen, daß Mann und Weib, in Ihrer heiteren
sonnigen Welt ebenso gut wie in unserer nebligen, von Natur Feinde
sind, daß die Liebe für die kurze Zeit zu einem einzigen Wesen vereint,
das nur eines Gedankens, einer Empfindung, eines Willens fähig ist, um
sie dann noch mehr zu entzweien, und -- nun Sie wissen es besser als
ich -- wer dann nicht zu unterjochen versteht, wird nur zu rasch den
Fuß des anderen auf seinem Nacken fühlen --“

„Und zwar in der Regel der Mann den Fuß des Weibes,“ rief Frau Venus
mit übermütigem Hohne, „was Sie wieder besser wissen als ich.“

„Gewiß, und eben deshalb mache ich mir keine Illusionen.“

„Das heißt, Sie sind jetzt mein Sklave ohne Illusionen, und ich werde
Sie dafür auch ohne Erbarmen treten.“

„Madame!“

„Kennen Sie mich noch nicht? Ja, ich bin +grausam+ -- weil Sie
denn schon an dem Worte so viel Vergnügen finden -- und habe ich nicht
recht, es zu sein? Der Mann ist der Begehrende, das Weib das Begehrte,
dies ist des Weibes ganzer, aber entscheidender Vorteil, die Natur hat
ihm den Mann durch seine Leidenschaft preisgegeben, und das Weib, das
aus ihm nicht seinen Untertan, seinen Sklaven, ja sein Spielzeug zu
machen und ihn zuletzt lachend zu verraten versteht, ist nicht klug.“

„Ihre Grundsätze, meine Gnädige,“ warf ich entrüstet ein.

„Beruhen auf tausendjähriger Erfahrung,“ entgegnete Madame spöttisch,
während ihre weißen Finger in dem dunkeln Pelz spielten, „je
hingebender das Weib sich zeigt, um so schneller wird der Mann nüchtern
und herrisch werden; je grausamer und treuloser es aber ist, je mehr es
ihn mißhandelt, je frevelhafter es mit ihm spielt, je weniger Erbarmen
es zeigt, um so mehr wird es die Wollust des Mannes erregen, von ihm
geliebt, angebetet werden. So war es zu allen Zeiten, seit Helena und
Delila, bis zur zweiten Katharina und Lola Montez herauf.“

„Ich kann es nicht leugnen,“ sagte ich, „es gibt für den Mann nichts,
das ihn mehr reizen könnte, als das Bild einer schönen, wollüstigen und
grausamen Despotin, welche ihre Günstlinge übermütig und rücksichtslos
nach Laune wechselt --“

„Und noch dazu einen Pelz trägt,“ rief die Göttin.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Ich kenne ja Ihre Vorliebe.“

„Aber wissen Sie,“ fiel ich ein, „daß Sie, seitdem wir uns nicht
gesehen haben, sehr kokett geworden sind.“

„Inwiefern, wenn ich bitten darf?“

„Insofern es keine herrlichere Folie für Ihren weißen Leib geben
könnte, als diese dunklen Felle und es Ihnen --“

Die Göttin lachte.

„Sie träumen,“ rief sie, „wachen Sie auf!“ und sie faßte mich mit
ihrer Marmorhand beim Arme, „wachen Sie doch auf!“ dröhnte ihre Stimme
nochmals im tiefsten Brustton. Ich schlug mühsam die Augen auf.

[Illustration]

Ich sah die Hand, die mich rüttelte, aber diese Hand war auf einmal
braun wie Bronze, und die Stimme war die schwere Schnapsstimme meines
Kosaken, der in seiner vollen Größe von nahe sechs Fuß vor mir stand.

„Stehen Sie doch auf,“ fuhr der Wackere fort, „es ist eine wahrhafte
Schande.“

„Und weshalb eine Schande?“

„Eine Schande in Kleidern einzuschlafen und noch dazu bei einem Buche,“
er putzte die heruntergebrannten Kerzen und hob den Band auf, der
meiner Hand entsunken war, „bei einem Buche von -- er schlug den Deckel
auf, von Hegel -- dabei ist es die höchste Zeit zu Herrn Severin zu
fahren, der uns zum Tee erwartet.“

                             *           *
                                   *

„Ein seltsamer Traum,“ sprach Severin, als ich zu Ende war, stützte die
Arme auf die Knie, das Gesicht in die feinen zartgeäderten Hände und
versank in Nachdenken.

Ich wußte, daß er sich nun lange Zeit nicht regen, ja kaum atmen würde,
und so war es in der Tat, für mich hatte indes sein Benehmen nichts
Auffallendes, denn ich verkehrte seit beinahe drei Jahren in guter
Freundschaft mit ihm und hatte mich an alle seine Sonderbarkeiten
gewöhnt. Denn sonderbar war er, das ließ sich nicht leugnen, wenn
auch lange nicht der gefährliche Narr, für den ihn nicht allein seine
Nachbarschaft, sondern der ganze Kreis von Kolomea hielt. Mir war sein
Wesen nicht bloß interessant, sondern -- und deshalb passierte ich auch
bei vielen als ein wenig vernarrt -- in hohem Grade sympathisch.

Er zeigte für einen galizischen Edelmann und Gutsbesitzer wie für sein
Alter -- er war kaum über dreißig -- eine auffallende Nüchternheit des
Wesens, einen gewissen Ernst, ja sogar Pedanterie. Er lebte nach einem
minutiös ausgeführten, halb philosophischen, halb praktischen Systeme,
gleichsam nach der Uhr, und nicht das allein, zu gleicher Zeit nach dem
Thermometer, Barometer, Aerometer, Hydrometer, Hippokrates, Hufeland,
Plato, Kant, Knigge und Lord Chesterfield; dabei bekam er aber zu
Zeiten heftige Anfälle von Leidenschaftlichkeit, wo er Miene machte,
mit dem Kopfe durch die Wand zu gehen, und ihm ein jeder gerne aus dem
Wege ging.

Während er also stumm blieb, sang dafür das Feuer im Kamin, sang der
große ehrwürdige Samowar, und der Ahnherrnstuhl, in dem ich, mich
schaukelnd, meine Zigarre rauchte, und das Heimchen im alten Gemäuer
sang auch, und ich ließ meinen Blick über das absonderliche Geräte, die
Tiergerippe, ausgestopften Vögel, Globen, Gypsabgüsse schweifen, welche
in seinem Zimmer angehäuft waren, bis er zufällig auf einem Bilde
haften blieb, das ich oft genug gesehen hatte, das mir aber gerade
heute im roten Widerschein des Kaminfeuers einen unbeschreiblichen
Eindruck machte.

Es war ein großes Ölgemälde in der kräftigen farbensatten Manier der
belgischen Schule gemalt, sein Gegenstand seltsam genug.

Ein schönes Weib, ein sonniges Lachen auf dem feinen Antlitz, mit
reichem, in einen antiken Knoten geschlungenem Haare, auf dem der
weiße Puder wie leichter Reif lag, ruhte, auf den linken Arm gestützt,
nackt in einem dunkeln Pelz auf einer Ottomane; ihre rechte Hand
spielte mit einer Peitsche, während ihr bloßer Fuß sich nachlässig auf
den Mann stützte, der vor ihr lag wie ein Sklave, wie ein Hund, und
dieser Mann, mit den scharfen, aber wohlgebildeten Zügen, auf denen
brütende Schwermut und hingebende Leidenschaft lag, welcher mit dem
schwärmerischen brennenden Auge eines Märtyrers zu ihr emporsah, dieser
Mann, der den Schemel ihrer Füße bildete, war Severin, aber ohne Bart,
wie es schien um zehn Jahre jünger.

„+Venus im Pelz!+“ rief ich, auf das Bild deutend, „so habe ich
sie im Traume gesehen.“ „Ich auch,“ sagte Severin, „nur habe ich meinen
Traum mit offenen Augen geträumt.“

„Wie?“

„Ach! das ist eine dumme Geschichte.“

„Dein Bild hat offenbar Anlaß zu meinem Traum gegeben,“ fuhr ich
fort, „aber sage mir endlich einmal, was damit ist, daß es eine Rolle
gespielt hat in deinem Leben, und vielleicht eine sehr entscheidende,
kann ich mir denken, aber das weitere erwarte ich von dir.“

„Sieh dir einmal das Gegenstück an,“ entgegnete mein seltsamer Freund,
ohne auf meine Frage einzugehen.

Das Gegenstück bildete eine treffliche Kopie der bekannten „Venus mit
dem Spiegel“ von Titian in der Dresdener Galerie.

„Nun, was willst du damit?“

Severin stand auf und wies mit dem Finger auf den Pelz, mit dem Titian
seine Liebesgöttin bekleidet hat.

„Auch hier ‚Venus im Pelz‘,“ sprach er fein lächelnd, „ich glaube
nicht, daß der alte Venetianer damit eine Absicht verbunden hat. Er hat
einfach das Portrait irgendeiner vornehmen Messaline gemacht und die
Artigkeit gehabt, ihr den Spiegel, in welchem sie ihre majestätischen
Reize mit kaltem Behagen prüft, durch Amor halten zu lassen, dem
die Arbeit sauer genug zu werden scheint. Das Bild ist eine gemalte
Schmeichelei. Später hat irgendein ‚Kenner‘ der Rokokozeit die Dame auf
den Namen Venus getauft, und der Pelz der Despotin, in den sich Titians
schönes Modell wohl mehr aus Furcht vor dem Schnupfen als Keuschheit
gehüllt hat, ist zu einem Symbol der Tyrannei und Grausamkeit geworden,
welche im Weibe und seiner Schönheit liegt.

Aber genug, so wie das Bild jetzt ist, erscheint es uns als die
pikanteste Satire auf unsere Liebe. Venus, die im abstrakten Norden, in
der eisigen christlichen Welt in einen großen schweren Pelz schlüpfen
muß, um sich nicht zu erkälten. --“

Severin lachte und zündete eine neue Zigarette an.

Eben ging die Türe auf und eine hübsche volle Blondine mit klugen
freundlichen Augen, in einer schwarzen Seidenrobe, kam herein und
brachte uns kaltes Fleisch und Eier zum Tee. Severin nahm eines der
letzteren und schlug es mit dem Messer auf. „Habe ich dir nicht gesagt,
daß ich sie weich gekocht haben will?“ rief er mit einer Heftigkeit,
welche die junge Frau zittern machte.

„Aber lieber Sewtschu --“ sprach sie ängstlich.

„Was Sewtschu,“ schrie er, „gehorchen sollst du, gehorchen, verstehst
du,“ und er riß den Kantschuk[1], welcher neben seinen Waffen hing, vom
Nagel.

Die hübsche Frau floh wie ein Reh rasch und furchtsam aus dem Gemache.

„Warte nur, ich erwische dich noch,“ rief er ihr nach.

„Aber Severin,“ sagte ich, meine Hand auf seinen Arm legend, „wie
kannst du die hübsche kleine Frau so traktieren!“

„Sieh dir das Weib nur an,“ erwiderte er, indem er humoristisch mit den
Augen zwinkerte, „hätte ich ihr geschmeichelt, so hätte sie mir die
Schlinge um den Hals geworfen, so aber, weil ich sie mit dem Kantschuk
erziehe, betet sie mich an.“

„Geh mir!“

„Geh du mir, so muß man die Weiber dressieren.“

„Leb’ meinetwegen wie ein Pascha in deinem Harem, aber stelle mir nicht
Theorien auf --“

„Warum nicht,“ rief er lebhaft, „nirgends paßt Goethes ‚Du mußt Hammer
oder Ambos sein‘ so vortrefflich hin wie auf das Verhältnis von Mann
und Weib, das hat dir beiläufig Frau Venus im Traume auch eingeräumt.
In der Leidenschaft des Mannes ruht die Macht des Weibes, und es
versteht sie zu benützen, wenn der Mann sich nicht vorsieht. Er hat
nur die Wahl, der Tyrann oder der Sklave des Weibes zu sein. Wie er
sich hingibt, hat er auch schon den Kopf im Joche und wird die Peitsche
fühlen.“

„Seltsame Maximen!“

„Keine Maximen, sondern Erfahrungen,“ entgegnete er mit dem Kopfe
nickend, „+ich bin im Ernste gepeitscht worden+, ich bin kuriert,
willst du lesen wie?“

Er erhob sich und holte aus seinem massiven Schreibtisch eine kleine
Handschrift, welche er vor mich auf den Tisch legte.

„Du hast früher nach jenem Bilde gefragt. Ich bin dir lange schon eine
Erklärung schuldig. Da -- lies!“

Severin setzte sich zum Kamin, den Rücken gegen mich, und schien mit
offenen Augen zu träumen. Wieder war es still geworden, und wieder sang
das Feuer im Kamin und der Samowar und das Heimchen im alten Gemäuer
und ich schlug die Handschrift auf und las:

„+Bekenntnisse eines Übersinnlichen+,“ an dem Rande des
Manuskriptes standen als Motto die bekannten Verse aus dem Faust
variiert:

    „Du übersinnlicher sinnlicher Freier,
    Ein Weib nasführet dich!“

    Mephistopheles.

Ich schlug das Titelblatt um und las: „Das Folgende habe ich aus meinem
damaligen Tagebuche zusammengestellt, weil man seine Vergangenheit nie
unbefangen darstellen kann, so aber hat alles seine frischen Farben,
die Farben der Gegenwart.“

                             *           *
                                   *

Gogol, der russische Molière, sagt -- ja wo? -- nun irgendwo -- „die
echte komische Muse ist jene, welcher unter der lachenden Larve die
Tränen herabrinnen.“

Ein wunderbarer Ausspruch!

So ist es mir recht seltsam zumute, während ich dies niederschreibe.
Die Luft scheint mir mit einem aufregenden Blumenduft gefüllt, der
mich betäubt und mir Kopfweh macht, der Rauch des Kamines kräuselt und
ballt sich mir zu Gestalten, kleinen graubärtigen Kobolden zusammen,
die spöttisch mit dem Finger auf mich deuten, pausbackige Amoretten
reiten auf den Lehnen meines Stuhles und auf meinen Knien, und ich
muß unwillkürlich lächeln, ja laut lachen, indem ich meine Abenteuer
niederschreibe, und doch schreibe ich nicht mit gewöhnlicher Tinte,
sondern mit dem roten Blute, das aus meinem Herzen träufelt, denn alle
seine längst vernarbten Wunden haben sich geöffnet und es zuckt und
schmerzt, und hie und da fällt eine Träne auf das Papier.

                             *           *
                                   *

Träge schleichen die Tage in dem kleinen Karpathenbade dahin. Man
sieht niemand und wird von niemand gesehen. Es ist langweilig zum
Idyllenschreiben. Ich hätte hier Muße, eine Galerie von Gemälden zu
liefern, ein Theater für eine ganze Saison mit neuen Stücken, ein
Dutzend Virtuosen mit Konzerten, Trios und Duos zu versorgen, aber
-- was spreche ich da -- ich tue am Ende doch nicht viel mehr, als
die Leinwand aufspannen, die Bogen zurecht glätten, die Notenblätter
liniieren, denn ich bin -- ach! nur keine falsche Scham, Freund
Severin, lüge andere an; aber es gelingt dir nicht mehr recht, dich
selbst anzulügen -- also ich bin nichts weiter, als ein Dilettant; ein
Dilettant in der Malerei, in der Poesie, der Musik und noch in einigen
anderen jener sogenannten brotlosen Künste, welche ihren Meistern
heutzutage das Einkommen eines Ministers, ja eines kleinen Potentaten
sichern, und vor allem bin ich ein Dilettant im Leben.

Ich habe bis jetzt gelebt, wie ich gemalt und gedichtet habe, das
heißt, ich bin nie weit über die Grundierung, den Plan, den ersten Akt,
die erste Strophe gekommen. Es gibt einmal solche Menschen, die alles
anfangen und doch nie mit etwas zu Ende kommen, und ein solcher Mensch
bin ich.

Aber was schwatze ich da.

Zur Sache.

Ich liege in meinem Fenster und finde das Nest, in dem ich verzweifle,
eigentlich unendlich poetisch, welcher Blick auf die blaue, von
goldenem Sonnenduft umwobene hohe Wand des Gebirges, durch welche
sich Sturzbäche wie Silberbänder schlingen, und wie klar und blau der
Himmel, in den die beschneiten Kuppen ragen, und wie grün und frisch
die waldigen Abhänge, die Wiesen, auf denen kleine Herden weiden, bis
zu den gelben Wogen des Getreides hinab, in denen die Schnitter stehen
und sich bücken und wieder emportauchen.

Das Haus, in dem ich wohne, steht in einer Art Park, oder Wald, oder
Wildnis, wie man es nennen will, und ist sehr einsam.

Es wohnt niemand darin als ich, eine Witwe aus Lwow[2], die Hausfrau
Madame Tartakowska, eine kleine alte Frau, die täglich älter und
kleiner wird, ein alter Hund, der auf einem Beine hinkt, und eine junge
Katze, welche stets mit einem Zwirnknäuel spielt, und der Zwirnknäuel
gehört, glaube ich, der schönen Witwe.

Sie soll wirklich schön sein, die Witwe, und noch sehr jung, höchstens
vierundzwanzig, und sehr reich. Sie wohnt im ersten Stock und ich wohne
ebener Erde. Sie hat immer die grünen Jalousien geschlossen und hat
einen Balkon, der ganz mit grünen Schlingpflanzen überwachsen ist; ich
aber habe dafür unten meine liebe, trauliche Gaisblattlaube, in der ich
lese und schreibe und male und singe, wie ein Vogel in den Zweigen. Ich
kann auf den Balkon hinaufsehen. Manchmal sehe ich auch wirklich hinauf
und dann schimmert von Zeit zu Zeit ein weißes Gewand zwischen dem
dichten, grünen Netz.

Eigentlich interessiert mich die schöne Frau dort oben sehr wenig, denn
ich bin in eine andere verliebt und zwar höchst unglücklich verliebt,
noch weit unglücklicher, als Ritter Toggenburg und der Chevalier in
Manon l’Escault, denn meine Geliebte ist von Stein.

Im Garten, in der kleinen Wildnis, befindet sich eine graziöse kleine
Wiese, auf der friedlich ein paar zahme Rehe weiden. Auf dieser Wiese
steht ein Venusbild von Stein, das Original, glaube ich, ist in
Florenz; diese Venus ist das schönste Weib, das ich in meinem Leben
gesehen habe.

[Illustration]

Das will freilich nicht viel sagen, denn ich habe wenig schöne
Frauen, ja überhaupt wenig Frauen gesehen und bin auch in der Liebe
nur ein Dilettant, der nie über die Grundierung, über den ersten Akt
hinausgekommen ist.

Wozu auch in Superlativen sprechen, als wenn etwas, was schön ist, noch
übertroffen werden könnte.

Genug, diese Venus ist schön und ich liebe sie, so leidenschaftlich, so
krankhaft innig, so wahnsinnig, wie man nur ein Weib lieben kann, das
unsere Liebe mit einem ewig gleichen, ewig ruhigen, steinernen Lächeln
erwidert. Ja, ich bete sie förmlich an.

Oft liege ich, wenn die Sonne im Gehölze brütet, unter dem Laubdach
einer jungen Buche und lese, oft besuche ich meine kalte, grausame
Geliebte auch bei Nacht und liege dann vor ihr auf den Knieen, das
Antlitz gegen die kalten Steine gepreßt, auf denen ihre Füße ruhen, und
bete zu ihr.

Es ist unbeschreiblich, wenn dann der Mond heraufsteigt -- er ist
eben im Zunehmen -- und zwischen den Bäumen schwimmt und die Wiese in
silbernen Glanz taucht, und die Göttin steht dann wie verklärt und
scheint sich in seinem weichen Lichte zu baden.

Einmal, wie ich von meiner Andacht zurückkehrte, durch eine der Alleen,
die zum Hause führen, sah ich plötzlich, nur durch die grüne Galerie
von mir getrennt, eine weibliche Gestalt, weiß wie Stein, vom Mondlicht
beglänzt; da war mir’s, als hätte sich das schöne Marmorweib meiner
erbarmt und sei lebendig geworden und mir gefolgt -- mich aber faßte
eine namenlose Angst, das Herz drohte mir zu springen, und statt --

Nun, ich bin ja ein Dilettant. Ich blieb, wie immer, beim zweiten Verse
stecken, nein, im Gegenteil, ich blieb nicht stecken, ich lief, so
rasch ich laufen konnte.

                             *           *
                                   *

Welcher Zufall! ein Jude, der mit Photographien handelt, spielt mir das
Bild meines Ideals in die Hände; es ist ein kleines Blatt, die „Venus
mit dem Spiegel“ von Titian, welch ein Weib! Ich will ein Gedicht
machen. Nein! Ich nehme das Blatt und schreibe darauf: „+Venus im
Pelz.+“

Du frierst, während du selbst Flammen erregst. Hülle dich nur in deinen
Despotenpelz, wem gebührt er, wenn nicht dir, grausame Göttin der
Schönheit und Liebe! --

Und nach einer Weile fügte ich einige Verse von Goethe hinzu, die ich
vor kurzem in seinen Paralipomena zum Faust gefunden hatte.


+An Amor!+

    „Erlogen ist das Flügelpaar,
    Die Pfeile, die sind Krallen,
    Die Hörnerchen verbirgt der Kranz,
    Er ist ohn’ allen Zweifel,
    Wie alle Götter Griechenlands,
    Auch ein verkappter Teufel.“

Dann stellte ich das Bild vor mich auf den Tisch, indem ich es mit
einem Buche stützte und betrachtete es.

Die kalte Koketterie, mit der das herrliche Weib seine Reize mit
den dunklen Zobelfellen drapiert, die Strenge, Härte, welche in dem
Marmorantlitz liegt, entzücken mich und flößen mir zugleich Grauen ein.

Ich nehme noch einmal die Feder; da steht es nun:

„Lieben, geliebt werden, welch ein Glück! und doch wie verblaßt der
Glanz desselben gegen die qualvolle Seligkeit, ein Weib anzubeten, das
uns zu seinem Spielzeug macht, der Sklave einer schönen Tyrannin zu
sein, die uns unbarmherzig mit Füßen tritt. Auch Simson, der Held, der
Riese, gab sich Delila, die ihn verraten hatte, noch einmal in die Hand
und sie verriet ihn noch einmal und die Philister banden ihn vor ihr
und stachen ihm die Augen aus, die er bis zum letzten Augenblicke von
Wut und Liebe trunken auf die schöne Verräterin heftete.“

                             *           *
                                   *

Ich nahm das Frühstück in meiner Gaisblattlaube und las im Buche Judith
und beneidete den grimmen Heiden Holofernes um das königliche Weib, das
ihm den Kopf herunter hieb, und um sein blutig schönes Ende.

„Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände gegeben.“

Der Satz frappierte mich.

Wie ungalant diese Juden sind, dachte ich, und ihr Gott, er könnte auch
anständigere Ausdrücke wählen, wenn er von dem schönen Geschlechte
spricht.

„+Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände
gegeben+“, wiederholte ich für mich. Nun, was soll ich etwa
anstellen, damit er mich straft?

Um Gottes willen! da kommt unsere Hausfrau, sie ist über Nacht wieder
etwas kleiner geworden. Und dort oben zwischen den grünen Ranken und
Ketten wieder das weiße Gewand. Ist es Venus oder die Witwe?

Diesmal ist es die Witwe, denn Madame Tartakowska knixt und ersucht
mich in ihrem Namen um Lektüre. Ich eile in mein Zimmer und raffe ein
paar Bände zusammen.

Zu spät erinnere ich mich, daß mein Venusbild in einem derselben liegt,
nun hat es die weiße Frau dort oben, samt meinen Ergüssen. Was wird sie
dazu sagen?

Ich höre sie lachen.

Lacht sie über mich?

                             *           *
                                   *

Vollmond! da blickt er schon über die Wipfel der niederen Tannen,
welche den Park einsäumen, und silberner Duft erfüllt die Terrasse,
die Baumgruppen, die ganze Landschaft, so weit das Auge reicht, in der
Ferne sanft verschwimmend, gleich zitternden Gewässern.

Ich kann nicht widerstehen, es mahnt und ruft mich so seltsam, ich
kleide mich wieder an und trete in den Garten.

Es zieht mich hin zur Wiese, zu ihr, meiner Göttin, meiner Geliebten.

Die Nacht ist kühl. Mich fröstelt. Die Luft ist schwer von Blumen- und
Waldgeruch, sie berauscht.

Welche Feier! Welche Musik ringsum. Eine Nachtigall schluchzt. Die
Sterne zucken nur leise in blaßblauem Schimmer. Die Wiese scheint
glatt, wie ein Spiegel, wie die Eisdecke eines Teiches.

Hehr und leuchtend ragt das Venusbild.

Doch -- was ist das?

Von den marmornen Schultern der Göttin fließt bis zu ihren Sohlen ein
großer dunkler Pelz herab -- ich stehe starr und staune sie an, und
wieder faßt mich jenes unbeschreibliche Bangen und ich ergreife die
Flucht.

Ich beschleunige meine Schritte; da sehe ich, daß ich die Allee
verfehlt habe, und wie ich seitwärts in einen der grünen Gänge
einbiegen will, sitzt Venus, das schöne, steinerne Weib, nein, die
wirkliche Liebesgöttin, mit warmem Blute und pochenden Pulsen, vor mir
auf einer steinernen Bank. Ja, sie ist mir lebendig geworden, wie jene
Statue, die für ihren Meister zu atmen begann; zwar ist das Wunder
erst halb vollbracht. Ihr weißes Haar scheint noch von Stein und ihr
weißes Gewand schimmert wie Mondlicht, oder ist es Atlas? und von ihren
Schultern fließt der dunkle Pelz -- aber ihre Lippen sind schon rot
und ihre Wangen färben sich, und aus ihren Augen treffen mich zwei
diabolische, grüne Strahlen, und jetzt lacht sie.

Ihr Lachen ist so seltsam, so -- ach! es ist unbeschreiblich, es
benimmt mir den Atem, ich flüchte weiter und muß immer wieder nach
wenigen Schritten Atem holen, und dieses spöttische Lachen verfolgt
mich durch die düsteren Laubgänge, über die hellen Rasenplätze, in
das Dickicht, durch das nur einzelne Mondstrahlen brechen; ich finde
den Weg nicht mehr, ich irre umher, kalte Tropfen perlen mir auf der
Stirne.

Endlich bleibe ich stehen und halte einen kurzen Monolog.

Er lautet -- nun -- man ist ja immer sich selbst gegenüber entweder
sehr artig oder sehr grob.

Ich sage also zu mir:

Esel!

Dieses Wort übt eine großartige Wirkung, gleich einer Zauberformel, die
mich erlöst und zu mir bringt.

Ich bin im Augenblicke ruhig.

Vergnügt wiederhole ich: Esel!

Ich sehe nun wieder alles klar und deutlich, da ist der Springbrunnen,
dort die Allee von Buchsbaum, dort das Haus, auf das ich jetzt langsam
zugehe.

Da -- plötzlich noch einmal -- hinter der grünen, vom Mondlicht
durchleuchteten, gleichsam in Silber gestickten Wand, die weiße
Gestalt, das schöne Weib von Stein, das ich anbete, das ich fürchte,
vor dem ich fliehe.

Mit ein paar Sätzen bin ich im Hause und hole Atem und denke nach.

Nun, was bin ich jetzt eigentlich, ein kleiner Dilettant oder ein
großer Esel?

[Illustration]

Ein schwüler Morgen, die Luft ist matt, stark gewürzt, aufregend. Ich
sitze wieder in meiner Gaisblattlaube und lese in der Odyssee von der
reizenden Hexe, die ihre Anbeter in Bestien verwandelt. Köstliches Bild
der antiken Liebe.

In den Zweigen und Halmen rauscht es leise und die Blätter meines
Buches rauschen und auf der Terrasse rauscht es auch.

Ein Frauengewand --

Da ist sie -- Venus -- aber ohne Pelz -- nein, diesmal ist es die Witwe
-- und doch -- Venus -- oh! welch ein Weib!

Wie sie dasteht im leichten, weißen Morgengewande und auf mich blickt,
wie poetisch und anmutig zugleich erscheint ihre feine Gestalt; sie ist
nicht groß, aber auch nicht klein, und der Kopf, mehr reizend, pikant
-- im Sinne der französischen Marquisenzeit -- als streng schön, aber
doch wie bezaubernd, welche Weichheit, welcher holde Mutwille umspielen
diesen vollen, nicht zu kleinen Mund -- die Haut ist so unendlich zart,
daß überall die blauen Adern durchschimmern, auch durch den Mousselin,
welcher Arm und Busen bedeckt, wie üppig ringelt sich das rote Haar --
ja, es ist rot -- nicht blond oder goldig -- wie dämonisch und doch
lieblich spielt es um ihren Nacken, und jetzt treffen mich ihre Augen
wie grüne Blitze -- ja, sie sind grün, diese Augen, deren sanfte Gewalt
unbeschreiblich ist -- grün, aber so wie es Edelsteine, wie es tiefe,
unergründliche Bergseen sind.

Sie bemerkt meine Verwirrung, die mich sogar unartig macht, denn ich
bin sitzen geblieben und habe noch meine Mütze auf dem Kopfe.

Sie lächelt schelmisch.

Ich erhebe mich endlich und grüße sie. Sie nähert sich und bricht
in ein lautes, beinahe kindliches Lachen aus. Ich stottere, wie nur
ein kleiner Dilettant oder großer Esel in einem solchen Augenblicke
stottern kann.

So machen wir unsere Bekanntschaft.

Die Göttin fragte um meinen Namen und nennt mir den ihren.

Sie heißt Wanda von Dunajew.

Und sie ist wirklich meine Venus.

„Aber Madame, wie kamen Sie auf den Einfall?“

„Durch das kleine Bild, das in einem Ihrer Bücher lag --“

„Ich habe es vergessen.“

„Die seltsamen Bemerkungen auf der Rückseite --“

„Warum seltsam?“

Sie sah mich an. „Ich habe immer den Wunsch gehabt, einmal einen
ordentlichen Phantasten kennen zu lernen -- der Abwechslung wegen --
nun, Sie scheinen mir nach allem einer der tollsten.“

„Meine Gnädige -- in der Tat --“ wieder das fatale, eselhafte Stottern
und noch dazu ein Erröten, wie es für einen jungen Menschen von
sechzehn Jahren wohl passen mag, aber für mich, der beinahe volle zehn
Jahre älter --

„Sie haben sich heute Nacht vor mir gefürchtet.“

„Eigentlich -- allerdings -- aber wollen Sie sich nicht setzen?“

Sie nahm Platz und weidete sich an meiner Angst -- denn ich fürchtete
mich jetzt, bei hellem Tageslichte, noch mehr vor ihr -- ein reizender
Hohn zuckte um ihre Oberlippe.

„Sie sehen die Liebe und vor allem das Weib,“ begann sie, „als etwas
Feindseliges an, etwas, wogegen Sie sich, wenn auch vergebens, wehren,
dessen Gewalt Sie aber als eine süße Qual, eine prickelnde Grausamkeit
fühlen; eine echt moderne Anschauung.“

„Sie teilen sie nicht.“

„Ich teile sie nicht,“ sprach sie rasch und entschieden und schüttelte
den Kopf, daß ihre Locken wie rote Flammen emporschlugen.

„Mir ist die heitere Sinnlichkeit der Hellenen -- Freude ohne Schmerz
-- ein Ideal, das ich in meinem Leben zu verwirklichen strebe. Denn an
jene Liebe, welche das Christentum, welche die Modernen, die Ritter vom
Geiste predigen, glaube ich nicht. Ja, sehen Sie mich nur an, ich bin
weit schlimmer als eine Ketzerin, ich bin eine Heidin.

    „Glaubst du, es habe sich lange die Göttin der Liebe besonnen,
    Als im Idäischen Hain einst ihr Anchises gefiel?“

Diese Verse aus Goethes römischer Elegie haben mich stets sehr entzückt.

In der Natur liegt nur jene Liebe der heroischen Zeit, „da Götter und
Göttinnen liebten“. Damals

    „folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier“.

Alles andere ist gemacht, affektiert, erlogen. Durch das Christentum --
dessen grausames Emblem -- das Kreuz -- etwas Entsetzliches für mich
hat -- wurde erst etwas Fremdes, Feindliches in die Natur und ihre
unschuldigen Triebe hineingetragen.

Der Kampf des Geistes mit der sinnlichen Welt ist das Evangelium der
Modernen. Ich will keinen Teil daran.“

„Ja, Ihr Platz wäre im Olymp, Madame,“ entgegnete ich, „aber wir
Modernen ertragen einmal die antike Heiterkeit nicht, am wenigsten
in der Liebe; die Idee, ein Weib, und wäre es auch eine Aspasia, mit
anderen zu teilen, empört uns, wir sind eifersüchtig wie unser Gott.
So ist der Name der herrlichen Phryne bei uns zu einem Schimpfworte
geworden.

Wir ziehen eine dürftige, blasse, Holbeinsche Jungfrau, welche uns
allein gehört, einer antiken Venus vor, wenn sie noch so göttlich schön
ist, aber heute den Anchises, morgen den Paris, übermorgen den Adonis
liebt, und wenn die Natur in uns triumphiert, wenn wir uns in glühender
Leidenschaft einem solchen Weibe hingeben, erscheint uns dessen heitere
Lebenslust als Dämonie, als Grausamkeit, und wir sehen in unserer
Seligkeit eine Sünde, die wir büßen müssen.“

„Also auch Sie schwärmen für die moderne Frau, für jene armen,
hysterischen Weiblein, welche im somnambulen Jagen nach einem
erträumten, männlichen Ideal den besten Mann nicht zu schätzen
verstehen und unter Tränen und Krämpfen täglich ihre christlichen
Pflichten verletzen, betrügend und betrogen, immer wieder suchen und
wählen und verwerfen, nie glücklich sind, nie glücklich machen und
das Schicksal anklagen, statt ruhig zu gestehen, ich will lieben und
leben, wie Helena und Aspasia gelebt haben. Die Natur kennt keine Dauer
in dem Verhältnis von Mann und Weib.“

„Gnädige Frau --“

„Lassen Sie mich ausreden. Es ist nur der Egoismus des Mannes, der das
Weib wie einen Schatz vergraben will. Alle Versuche, durch heilige
Zeremonien, Eide und Verträge Dauer in das Wandelbarste im wandelbaren
menschlichen Dasein, in die Liebe hineinzutragen, sind gescheitert.
Können Sie leugnen, daß unsere christliche Welt in Fäulnis übergegangen
ist?“

„Aber --“

„Aber der Einzelne, der sich gegen die Einrichtungen der Gesellschaft
empört, wird ausgestoßen, gebrandmarkt, gesteinigt, wollen Sie sagen.
Nun gut. Ich wage es, meine Grundsätze sind recht heidnisch, ich will
mein Dasein ausleben. Ich verzichte auf euren heuchlerischen Respekt,
ich ziehe es vor, glücklich zu sein. Die Erfinder der christlichen
Ehe haben gut daran getan, auch gleich dazu die Unsterblichkeit zu
erfinden. Ich denke jedoch nicht daran, ewig zu leben, und wenn mit
dem letzten Atemzuge hier für mich als Wanda von Dunajew alles zu Ende
ist, was habe ich davon, ob mein reiner Geist in den Chören der Engel
mitsingt oder ob mein Staub zu neuen Wesen zusammenquillt? Sobald
ich aber, so wie ich bin, nicht fortlebe, aus welcher Rücksicht soll
ich dann entsagen? Einem Manne angehören, den ich nicht liebe, bloß
deshalb, weil ich ihn einmal geliebt habe? Nein, ich entsage nicht,
ich liebe jeden, der mir gefällt, und mache jeden glücklich, der mich
liebt. Ist das häßlich? Nein, es ist mindestens weit schöner, als
wenn ich mich grausam der Qualen freue, die meine Reize erregen, und
mich tugendhaft von dem Armen abkehre, der um mich verschmachtet. Ich
bin jung, reich und schön, und so, wie ich bin, lebe ich heiter dem
Vergnügen, dem Genuß.“

Ich hatte, während sie sprach und ihre Augen schelmisch funkelten,
ihre Hände ergriffen, ohne recht zu wissen, was ich mit ihnen anfangen
wollte, aber als echter Dilettant ließ ich sie jetzt wieder eilig los.

„Ihre Ehrlichkeit,“ sagte ich, „entzückt mich, und nicht diese allein
--“

Wieder der verdammte Dilettantismus, der mir den Hals mit einem
Hemmseil zuschnürt.

„Was wollten Sie doch sagen...“

„Was ich sagen wollte -- ja, ich wollte -- vergeben Sie -- meine
Gnädige -- ich habe Sie unterbrochen.“

„Wie?“

Eine lange Pause. Sie hält gewiß einen Monolog, der, in meine Sprache
übersetzt, sich in das einzige Wort „Esel“ zusammenfassen läßt.

„Wenn Sie erlauben, gnädige Frau,“ begann ich endlich, „wie sind Sie zu
diesen -- zu diesen Ideen gekommen?“

„Sehr einfach, mein Vater war ein vernünftiger Mann. Ich war von der
Wiege an mit Abgüssen antiker Bildwerke umgeben, ich las mit zehn
Jahren den Gil Blas, mit zwölf die Pucelle. Wie andere in ihrer
Kindheit den Däumling, Blaubart, Aschenbrödel, nannte ich Venus und
Apollo, Herkules und Laokoon meine Freunde. Mein Gatte war eine
heitere, sonnige Natur; nicht einmal das unheilbare Leiden, das ihn
nicht lange nach unserer Vermählung ergriff, konnte seine Stirne jemals
für die Dauer umwölken. Noch die Nacht vor dem Tode nahm er mich in
sein Bett und während der vielen Monate, wo er sterbend in seinem
Rollsessel lag, sagte er öfter scherzend zu mir: „Nun, hast du schon
einen Anbeter?“ Ich wurde schamrot. „Betrüge mich nicht,“ fügte er
einmal hinzu, „das fände ich häßlich, aber suche dir einen hübschen
Mann aus, oder lieber gleich mehrere. Du bist ein braves Weib, aber
dabei noch ein halbes Kind, du brauchst Spielzeug.““

„Es ist wohl nicht nötig, Ihnen zu sagen, daß ich, so lange er lebte,
keinen Anbeter hatte, aber genug, er erzog mich zu dem, was ich bin, zu
einer Griechin.“

„Zu einer Göttin,“ fiel ich ein.

Sie lächelte. „Zu welcher etwa?“

„Zu einer Venus.“

Sie drohte mit dem Finger und zog die Brauen zusammen. „Am Ende gar zu
einer ‚+Venus im Pelz+‘, warten Sie nur -- ich habe einen großen,
großen Pelz, mit dem ich Sie ganz zudecken kann, ich will Sie darin
fangen, wie in einem Netz.“

„Glauben Sie auch,“ sagte ich rasch, denn mir kam etwas in den Sinn,
was ich -- so gewöhnlich und abgeschmackt es war -- für einen sehr
guten Gedanken hielt -- „glauben Sie, daß Ihre Ideen sich in unserer
Zeit durchführen lassen, daß Venus ungestraft in ihrer unverhüllten
Schönheit und Heiterkeit unter Eisenbahnen und Telegraphen wandeln
dürfte?“

„+Unverhüllt+ gewiß nicht, aber im Pelz,“ rief sie lachend,
„wollen Sie den meinen sehen?“

„Und dann --“

„Was dann?“

„Schöne, freie, heitere und glückliche Menschen, wie es die Griechen
waren, sind nur dann möglich, wenn sie +Sklaven+ haben, welche für
sie die unpoetischen Geschäfte des täglichen Lebens verrichten und vor
allem für sie arbeiten.“

„Gewiß,“ erwiderte sie mutwillig, „vor allem braucht aber eine
olympische Göttin, wie ich, ein ganzes Heer von Sklaven. Hüten Sie sich
also vor mir.“

„Warum?“

Ich erschrak selbst über die Kühnheit, mit der ich dieses „Warum“
herausgebracht hatte; sie indes erschrak durchaus nicht, sie zog die
Lippen etwas empor, so daß die kleinen, weißen Zähne sichtbar wurden,
und sprach dann leichthin, als handle es sich um etwas, was nicht der
Rede wert sei: „Wollen Sie mein Sklave sein?“

„In der Liebe gibt es kein Nebeneinander,“ erwiderte ich mit
feierlichem Ernst, „sobald ich aber die Wahl habe, zu herrschen oder
unterjocht zu werden, scheint es mir weit reizender, der Sklave
eines schönen Weibes zu sein. Aber wo finde ich das Weib, das nicht
mit kleinlicher Zanksucht Einfluß zu erringen, sondern ruhig und
selbstbewußt, ja streng zu herrschen versteht?“

„Nun, das wäre am Ende nicht so schwer.“

„Sie glauben --“

„Ich -- zum Beispiel -- --“ sie lachte und bog sich dabei weit zurück
-- „ich habe Talent zur Despotin -- die nötigen Pelze besitze ich auch
-- aber Sie haben sich heute nacht in allem Ernste vor mir gefürchtet!“

„In allem Ernste.“

„Und jetzt?“

„Jetzt -- jetzt fürchte ich mich erst recht vor Ihnen!“

                             *           *
                                   *

Wir sind täglich beisammen, ich und -- Venus; viel beisammen,
wir nehmen das Frühstück in meiner Gaisblattlaube und den Tee in
ihrem kleinen Salon, und ich habe Gelegenheit, alle meine kleinen,
sehr kleinen Talente zu entfalten. Wozu hätte ich mich in allen
Wissenschaften unterrichtet, in allen Künsten versucht, wenn ich nicht
imstande wäre, ein kleines hübsches Weib --

Aber dieses Weib ist durchaus nicht so klein und imponiert mir ganz
ungeheuer. Heute zeichnete ich sie und da fühlte ich erst so recht
deutlich, wie wenig unsere moderne Toilette für diesen Kameenkopf paßt.
Sie hat wenig Römisches, aber viel Griechisches in der Bildung ihrer
Züge.

Bald möchte ich sie als Psyche, bald als Astarte malen, je nachdem ihre
Augen den schwärmerisch seelischen, oder jenen halb verschmachtenden,
halb versengenden, müdwollüstigen Ausdruck haben, aber sie wünscht, daß
es ein Porträt werden soll.

Nun, ich werde ihr einen Pelz geben.

Ach! wie konnte ich nur zweifeln, für wen gehört ein fürstlicher Pelz,
wenn nicht für sie?

                             *           *
                                   *

Ich war gestern abend bei ihr und las ihr die römischen Elegien. Dann
legte ich das Buch weg und sprach einiges aus dem Kopfe. Sie schien
zufrieden, ja noch mehr, sie hing förmlich an meinen Lippen und ihr
Busen flog.

Oder habe ich mich getäuscht?

Der Regen pochte melancholisch an die Scheiben, das Feuer am Kamin
prasselte winterlich traulich, mir wurde so heimatlich bei ihr, ich
hatte einen Augenblick allen Respekt vor dem schönen Weibe verloren und
küßte ihre Hand und sie ließ es geschehen.

Dann saß ich zu ihren Füßen und las ihr ein kleines Gedicht, das ich
für sie gemacht habe.

          +Venus im Pelz.+

    „Setz’ den Fuß auf deinen Sklaven,
    Teuflisch holdes Mythenweib,
    Unter Myrten und Agaven
    Hingestreckt den Marmorleib.“

Ja -- nun weiter! Diesmal bin ich wirklich über die erste Strophe
hinausgekommen, aber ich habe ihr an jenem Abend das Gedicht auf ihren
Befehl gegeben und habe keine Abschrift, und heute, wo ich dies aus
meinem Tagebuche herausschreibe, fällt mir nur diese erste Strophe ein.

Es ist eine merkwürdige Empfindung, die ich habe. Ich glaube nicht,
daß ich in Wanda verliebt bin, wenigstens habe ich bei unserer ersten
Begegnung nichts von jenem blitzartigen Zünden der Leidenschaft
gefühlt. Aber ich empfinde, wie ihre außerordentliche, wahrhaft
göttliche Schönheit allmählich magische Schlingen um mich legt. Es
ist auch keine Neigung des Gemütes, die in mir entsteht, es ist eine
physische Unterwerfung, langsam, aber um so vollständiger.

Ich leide täglich mehr, und sie -- sie lächelt nur dazu.

                             *           *
                                   *

Heute sagte sie mir plötzlich, ohne jede Veranlassung: „Sie
interessieren mich. Die meisten Männer sind so gewöhnlich, ohne
Schwung, ohne Poesie; in Ihnen ist eine gewisse Tiefe und Begeisterung,
vor allem ein Ernst, der mir wohltut. Ich könnte Sie lieb gewinnen.“

                             *           *
                                   *

Nach einem kurzen, aber heftigen Gewitterregen besuchen wir zusammen
die Wiese und das Venusbild. Die Erde dampft ringsum, Nebel steigen wie
Opferdünste gegen den Himmel, ein zerstückter Regenbogen schwebt in der
Luft, noch tropfen die Bäume, aber Sperlinge und Finken springen schon
von Zweig zu Zweig und zwitschern lebhaft, wie wenn sie über etwas
hoch erfreut wären, und alles ist mit frischem Wohlgeruch erfüllt.
Wir können die Wiese nicht überschreiten, denn sie ist noch ganz naß
und erscheint von der Sonne beglänzt, wie ein kleiner Teich, aus
dessen bewegtem Spiegel die Liebesgöttin emporsteigt, um deren Haupt
ein Mückenschwarm tanzt, welcher, von der Sonne beschienen, wie eine
Aureole über ihr schwebt.

Wanda freute sich des lieblichen Anblicks, und da auf den Bänken in der
Allee noch das Wasser steht, stützt sie sich, um etwas auszuruhen, auf
meinen Arm, eine süße Müdigkeit liegt in ihrem ganzen Wesen, ihre Augen
sind halb geschlossen, ihr Atem streift meine Wange.

[Illustration]

Ich ergreife ihre Hand und -- wie es mir gelingt, weiß ich wahrhaftig
nicht -- ich frage sie:

„Könnten Sie mich lieben?“

„Warum nicht,“ erwidert sie und läßt ihren ruhigen, sonnigen Blick auf
mir ruhen, aber nicht lange.

Im nächsten Augenblicke knie ich vor ihr und presse mein flammendes
Antlitz in den duftigen Mousselin ihrer Robe.

„Aber Severin -- das ist ja unanständig!“ ruft sie.

Ich aber ergreife ihren kleinen Fuß und presse meine Lippen darauf.

„Sie werden immer unanständiger!“ ruft sie, macht sich los und flieht
in raschen Sätzen gegen das Haus, während ihr allerliebster Pantoffel
in meiner Hand zurückbleibt.

Soll das ein Omen sein?

                             *           *
                                   *

Ich wagte mich den ganzen Tag über nicht in ihre Nähe. Gegen Abend,
ich saß in meiner Laube, blickte plötzlich ihr pikantes rotes Köpfchen
durch die grünen Gewinde ihres Balkons. „Warum kommen Sie denn nicht?“
schrie sie ungeduldig herab.

Ich lief die Treppe empor, oben verlor ich wieder den Mut und klopfte
ganz leise an. Sie sagte nicht herein, sondern öffnete und trat auf die
Schwelle.

„Wo ist mein Pantoffel?“

„Er ist -- ich habe -- ich will,“ stotterte ich.

„Holen Sie ihn und dann nehmen wir den Tee zusammen und plaudern.“

Als ich zurückkehrte, war sie mit der Teemaschine beschäftigt. Ich
legte den Pantoffel feierlich auf den Tisch und stand im Winkel, wie
ein Kind, das seine Strafe erwartet.

Ich bemerkte, daß sie die Stirne etwas zusammengezogen hatte und um
ihren Mund etwas Strenges, Herrisches lag, das mich entzückte.

Auf einmal brach sie in Lachen aus.

„Also -- Sie sind wirklich verliebt -- in mich?“

„Ja, und ich leide dabei mehr, als Sie glauben.“

„Sie leiden?“ sie lachte wieder.

Ich war empört, beschämt, vernichtet, aber alles ganz unnötig.

„Wozu?“ fuhr sie fort, „ich bin Ihnen ja gut, von Herzen gut.“ Sie gab
mir die Hand und blickte mich überaus freundlich an.

„Und Sie wollen meine Frau werden?“

Wanda sah mich -- ja, wie sah sie mich an? -- ich glaube vor allem
erstaunt und dann ein wenig spöttisch.

„Woher haben Sie auf einmal so viel Mut?“ sagte sie.

„Mut?“

„Ja den Mut überhaupt, eine Frau zu nehmen, und insbesondere mich?“ Sie
hob den Pantoffel in die Höhe. „Haben Sie sich so schnell mit diesem da
befreundet? Aber Scherz beiseite. Wollen Sie mich wirklich heiraten?“

„Ja.“

„Nun, Severin, das ist eine ernste Geschichte. Ich glaube, daß Sie mich
lieb haben und auch ich habe Sie lieb, und was noch besser ist, wir
interessieren uns für einander, es ist keine Gefahr vorhanden, daß wir
uns so bald langweilen, aber Sie wissen, ich bin eine leichtsinnige
Frau, und eben deshalb nehme ich die Ehe sehr ernst, und wenn ich
Pflichten übernehme, so will ich sie auch erfüllen können. Ich fürchte
aber -- nein -- es muß Ihnen wehe tun.“

„Ich bitte Sie, seien Sie ehrlich gegen mich,“ entgegnete ich.

„Also ehrlich gesprochen. Ich glaube nicht, daß ich einen Mann länger
lieben kann -- als --“ sie neigte ihr Köpfchen anmutig zur Seite und
sann nach.

„Ein Jahr.“

„Wo denken Sie hin -- einen Monat vielleicht.“

„Auch mich nicht?“

„Nun Sie -- Sie vielleicht zwei.“

„Zwei Monate!“ schrie ich auf.

„Zwei Monate, das ist sehr lange.“

„Madame, das ist mehr als antik.“

„Sehen Sie, Sie ertragen die Wahrheit nicht.“

Wanda ging durch das Zimmer, lehnte sich dann gegen den Kamin zurück
und betrachtete mich, mit dem Arme auf dem Sims ruhend.

„Was soll ich also mit Ihnen anfangen?“ begann sie wieder.

„Was Sie wollen,“ antwortete ich resigniert, „was Ihnen Vergnügen
macht.“

„Wie inkonsequent!“ rief sie, „erst wollen Sie mich zur Frau und dann
geben Sie sich mir zum Spielzeug.“

„Wanda -- ich liebe Sie.“

„Da wären wir wieder dort, wo wir angefangen haben. Sie lieben mich und
wollen mich zur Frau, ich aber will keine neue Ehe schließen, weil ich
an der Dauer meiner und Ihrer Gefühle zweifle.“

„Wenn ich es aber mit Ihnen wagen will?“ erwiderte ich.

„Dann kommt es noch darauf an, ob ich es mit Ihnen wagen will,“ sprach
sie ruhig, „ich kann mir ganz gut denken, daß ich einem Mann für
das Leben gehöre, aber es müßte ein voller Mann sein, ein Mann, der
mir imponiert, der mich durch die Gewalt seines Wesens unterwirft,
verstehen Sie? und jeder Mann -- ich kenne das -- wird, sobald er
verliebt ist -- schwach, biegsam, lächerlich, wird sich in die Hand
des Weibes geben, vor ihr auf den Knien liegen, während ich nur jenen
dauernd lieben könnte, vor dem ich knien würde. Aber Sie sind mir so
lieb geworden, daß ich es mit Ihnen versuchen will.“

Ich stürze zu ihren Füßen.

„Mein Gott! da knien Sie schon,“ sprach sie spöttisch, „Sie fangen
gut an,“ und als ich mich wieder erhoben hatte, fuhr sie fort: „Ich
gebe Ihnen ein Jahr Zeit, mich zu gewinnen, mich zu überzeugen, daß
wir für einander passen, daß wir zusammen leben können. Gelingt Ihnen
dies, dann bin ich Ihre Frau und dann, Severin, eine Frau, welche ihre
Pflichten streng und gewissenhaft erfüllen wird. Während dieses Jahres
werden wir wie in einer Ehe leben --“

Mir stieg das Blut zu Kopfe.

Auch ihre Augen flammten plötzlich auf. -- „Wir werden zusammen
wohnen,“ fuhr sie fort, „alle unsere Gewohnheiten teilen, um zu sehen,
ob wir uns ineinander finden können. +Ich räume Ihnen alle Rechte
eines Gatten, eines Anbeters, eines Freundes ein+. Sind Sie damit
zufrieden?“

„Ich muß wohl.“

„Sie müssen nicht.“

„Also ich will --“

„Vortrefflich. So spricht ein Mann. Da haben Sie meine Hand.“

                             *           *
                                   *

Seit zehn Tagen war ich keine Stunde ohne sie, die Nächte ausgenommen.
Ich durfte immerfort in ihre Augen sehen, ihre Hände halten, ihren
Reden lauschen, sie überall hin begleiten.

Meine Liebe kommt mir wie ein tiefer, bodenloser Abgrund vor, in dem
ich immer mehr versinke, aus dem mich jetzt schon nichts mehr retten
kann.

Wir hatten uns heute nachmittag auf der Wiese zu den Füßen der
Venusstatue gelagert, ich pflückte Blumen und warf sie in ihren Schoß
und sie band sie zu Kränzen, mit denen wir unsere Göttin schmückten.

Plötzlich sah mich Wanda so eigentümlich, so sinnverwirrend an, daß
meine Leidenschaft gleich Flammen über mich zusammenschlug. Meiner
nicht mehr mächtig, schlang ich meine Arme um sie und hing an ihren
Lippen und sie -- sie preßte mich an ihre wogende Brust.

„Sind Sie böse?“ fragte ich dann.

„Ich werde nie über etwas böse, was natürlich ist --“ antwortete sie,
„ich fürchte nur, Sie leiden.“

„O, ich leide furchtbar.“

„Armer Freund,“ sie strich mir die wirren Haare aus der Stirne, „ich
hoffe aber, nicht durch meine Schuld.“

„Nein --“ antwortete ich -- „und doch, meine Liebe zu Ihnen ist zu
einer Art Wahnsinn geworden. Der Gedanke, daß ich Sie verlieren kann,
ja vielleicht in der Tat verlieren soll, quält mich Tag und Nacht.“

„Aber Sie besitzen mich ja noch gar nicht,“ sagte Wanda und sah mich
wieder an mit jenem vibrierenden, feuchten, verzehrenden Blicke, der
mich schon einmal hingerissen hatte, dann erhob sie sich und legte mit
ihren kleinen durchsichtigen Händen einen Kranz von blauen Anemonen auf
das weiße Lockenhaupt der Venus. Halb gegen meinen Willen schlang ich
den Arm um ihren Leib.

„Ich kann nicht mehr sein ohne dich, du schönes Weib,“ sprach ich,
„glaube mir, dies eine Mal nur glaube mir, es ist keine Phrase, keine
Phantasie, ich fühle tief im Innersten, wie mein Leben mit dem deinen
zusammenhängt; wenn du dich von mir trennst, werde ich vergehen,
zugrunde gehen.“

„Aber das wird ja gar nicht nötig sein, denn ich liebe dich, Mann,“ sie
nahm mich beim Kinn, „dummer Mann!“

„Aber du willst nur mein sein unter Bedingungen, während ich dir
bedingungslos gehöre --“

„Das ist nicht gut, Severin,“ erwiderte sie beinahe erschreckt; „kennen
Sie mich denn noch nicht, wollen Sie mich durchaus nicht kennen lernen?
Ich bin gut, wenn man mich ernst und vernünftig behandelt, aber wenn
man sich mir zu sehr hingibt, werde ich übermütig --“

„Sei’s denn, sei übermütig, sei despotisch,“ rief ich in voller
Exaltation, „nur sei mein, sei mein für immer.“ Ich lag zu ihren Füßen
und umfaßte ihre Knie.

„Das wird nicht gut enden, mein Freund,“ sprach sie ernst, ohne sich zu
regen.

„O! es soll eben nie ein Ende nehmen,“ rief ich erregt, ja heftig, „nur
der Tod soll uns trennen. Wenn du nicht mein sein kannst, ganz mein und
für immer, +so will ich dein Sklave sein+, dir dienen, alles von
dir dulden, nur stoß mich nicht von dir.“

„Fassen Sie sich doch,“ sagte sie, beugte sich zu mir und küßte mich
auf die Stirne. „Ich bin Ihnen ja von Herzen gut, aber das ist nicht
der Weg, mich zu erobern, mich festzuhalten.“

„Ich will ja alles, alles tun, was Sie wollen, nur Sie nie verlieren,“
rief ich, „nur das nicht, den Gedanken kann ich nicht mehr fassen.“

„Stehen Sie doch auf.“

Ich gehorchte.

„Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch,“ fuhr Wanda fort, „Sie wollen
mich also besitzen um jeden Preis?“

„Ja, um jeden Preis.“

„Aber welchen Wert hätte z. B. mein Besitz für Sie?“ -- Sie sann nach,
ihr Auge bekam etwas Lauerndes, Unheimliches -- „wenn ich Sie nicht
mehr lieben, wenn ich einem andern gehören würde?“ --

Es überlief mich. Ich sah sie an, sie stand so fest und selbstbewußt
vor mir, und ihr Auge zeigte einen kalten Glanz.

„Sehen Sie,“ fuhr sie fort, „Sie erschrecken bei dem Gedanken.“ Ein
liebenswürdiges Lächeln erhellte plötzlich ihr Antlitz.

„Ja, mich faßt ein Grauen, wenn ich mir lebhaft vorstelle, daß ein
Weib, das ich liebe, das meine Liebe erwidert hat, sich ohne Erbarmen
für mich einem anderen hingibt; aber habe ich dann noch eine Wahl? Wenn
ich dieses Weib liebe, wahnsinnig liebe, soll ich ihm stolz den Rücken
kehren und an meiner prahlerischen Kraft zugrunde gehen, soll ich mir
eine Kugel durch den Kopf jagen? Ich habe zwei Frauenideale. Kann
ich mein edles, sonniges, eine Frau, welche mir treu und gütig mein
Schicksal teilt, nicht finden, nun dann nur nichts Halbes oder Laues!
Dann will ich lieber einem Weibe ohne Tugend, ohne Treue, ohne Erbarmen
hingegeben sein. Ein solches Weib in seiner selbstsüchtigen Größe
ist auch ein Ideal. Kann ich nicht das Glück der Liebe voll und ganz
genießen, dann will ich ihre Schmerzen, ihre Qualen auskosten bis zur
Neige; dann will ich von dem Weibe, das ich liebe, mißhandelt, verraten
werden, und je grausamer, um so besser. Auch das ist ein Genuß!“

„Sind Sie bei Sinnen!“ rief Wanda.

„Ich liebe Sie so mit ganzer Seele,“ fuhr ich fort, „so mit allen
meinen Sinnen, daß Ihre Nähe, Ihre Atmosphäre mir unentbehrlich ist,
wenn ich noch weiter leben soll. Wählen Sie also zwischen meinen
Idealen. Machen Sie aus mir, was Sie wollen, Ihren Gatten oder Ihren
Sklaven.“

„Gut denn,“ sprach Wanda, die kleinen aber energisch geschwungenen
Brauen zusammenziehend, „ich denke mir das sehr amüsant, einen Mann,
der mich interessiert, der mich liebt, so ganz in meiner Hand zu haben;
es wird mir mindestens nicht an Zeitvertreib fehlen. Sie waren so
unvorsichtig, mir die Wahl zu lassen. Ich wähle also, ich will, daß Sie
mein Sklave sind, ich werde mein Spielzeug aus Ihnen machen!“

„O! tun Sie das,“ rief ich halb schauernd, halb entzückt, „wenn eine
Ehe nur auf Gleichheit, auf Übereinstimmung gegründet sein kann, so
entstehen dagegen die größten Leidenschaften durch Gegensätze. Wir sind
solche Gegensätze, die sich beinahe feindlich gegenüberstehen, daher
diese Liebe bei mir, die zum Teil Haß, zum Teil Furcht ist. In einem
solchen Verhältnisse aber kann nur eines Hammer, das andere Ambos sein.
Ich will Ambos sein. Ich kann nicht glücklich sein, wenn ich auf die
Geliebte herabsehe. Ich will ein Weib anbeten können, und das kann ich
nur dann, wenn es grausam gegen mich ist.“

„Aber, Severin,“ entgegnete Wanda beinahe zornig, „halten Sie mich denn
dessen für fähig, einen Mann, der mich so liebt wie Sie, den ich liebe,
zu mißhandeln?“

„Warum nicht, wenn ich Sie dafür um so mehr anbete? +Man kann nur
wahrhaft lieben, was über uns steht+, ein Weib, das uns durch
Schönheit, Temperament, Geist, Willenskraft unterwirft, das unsere
Despotin wird.“

„Also das, was andere abstößt, zieht Sie an?“

„So ist es. Es ist eben meine Seltsamkeit.“

„Nun, am Ende ist an allen Ihren Passionen nichts so Apartes oder
Seltsames, denn wem gefällt nicht ein schöner Pelz? und jeder weiß und
fühlt, wie nahe Wollust und Grausamkeit verwandt sind.“

„Bei mir ist dies alles aber auf das Höchste gesteigert,“ erwiderte ich.

„Das heißt, die Vernunft hat wenig Gewalt über Sie, und Sie sind eine
weiche hingebende sinnliche Natur.“

„Waren die Märtyrer auch weiche sinnliche Naturen?“

„Die Märtyrer?“

„Im Gegenteil, es waren +übersinnliche Menschen+, welche im Leiden
einen Genuß fanden, welche die furchtbarsten Qualen, ja den Tod suchten
wie andere die Freude, und so ein +Übersinnlicher+ bin ich,
Madame.“

„Geben Sie nur acht, daß Sie dabei nicht auch zum Märtyrer der Liebe,
zum +Märtyrer eines Weibes+ werden.“

                             *           *
                                   *

Wir sitzen auf Wandas kleinem Balkon in der lauen, duftigen
Sommernacht, ein zweifaches Dach über uns, zuerst den grünen
Plafond von Schlingpflanzen, dann die mit unzähligen Sternen besäte
Himmelsdecke. Aus dem Park tönt der leise, weinerlich verliebte Lockton
einer Katze, und ich sitze auf einem Schemel zu den Füßen meiner Göttin
und erzähle von meiner Kindheit.

„Und damals schon waren alle diese Seltsamkeiten bei Ihnen ausgeprägt?“
fragte Wanda.

„Gewiß, ich erinnere mich keiner Zeit, wo ich sie nicht hatte, ja
schon in der Wiege, so erzählte mir meine Mutter später, war ich
+übersinnlich+, verschmähte die gesunde Brust der Amme, und man
mußte mich mit Ziegenmilch nähren. Als kleiner Knabe zeigte ich eine
rätselhafte Scheu vor Frauen, in welcher sich eigentlich nur ein
unheimliches Interesse für dieselben ausdrückte. Das graue Gewölbe,
das Halbdunkel einer Kirche beängstigten mich, und vor den glitzernden
Altären und Heiligenbildern faßte mich eine förmliche Angst. Dagegen
schlich ich heimlich, wie zu einer verbotenen Freude, zu einer Venus
aus Gyps, welche in dem kleinen Bibliothekszimmer meines Vaters stand,
kniete nieder und sprach zu ihr die Gebete, die man mir eingelernt, das
Vaterunser, das Gegrüßt seist du Maria und das Credo.

Einmal verließ ich nachts mein Bett, um sie zu besuchen, die Mondsichel
leuchtete mir und ließ die Göttin in einem fahlblauen kalten Licht
erscheinen. Ich warf mich vor ihr nieder, küßte ihre kalten Füße, wie
ich es bei unsern Landleuten gesehen hatte, wenn sie die Füße des toten
Heilands küßten.

Eine unbezwingliche Sehnsucht ergriff mich.

Ich stieg empor und umschlang den schönen kalten Leib und küßte die
kalten Lippen, da sank ein tiefer Schauer auf mich herab und ich
entfloh, und im Traume war es mir, als stünde die Göttin vor meinem
Lager und drohe mir mit erhobenem Arm.

Man schickte mich frühzeitig in die Schule und so kam ich bald auf das
Gymnasium und ergriff alles mit Leidenschaft, was mir die antike Welt
zu erschließen versprach. Ich war bald mit den Göttern Griechenlands
vertrauter als mit der Religion Jesu, ich gab mit Paris Venus den
verhängnisvollen Apfel, ich sah Troja brennen und folgte Odysseus auf
seinen Irrfahrten. Die Urbilder alles Schönen senkten sich tief in
meine Seele, und so zeigte ich zu jener Zeit, wo andere Knaben sich
roh und unflätig gebärden, einen unüberwindlichen Abscheu gegen alles
Niedere, Gemeine, Unschöne.

Als etwas ganz besonders Niederes und Unschönes erschien jedoch dem
reifenden Jüngling die Liebe zum Weibe, so wie sie sich ihm zuerst in
ihrer vollen Gewöhnlichkeit zeigte. Ich mied jede Berührung mit dem
schönen Geschlechte, kurz, ich war übersinnlich bis zur Verrücktheit.

Meine Mutter bekam -- ich war damals etwa vierzehn Jahre alt -- ein
reizendes Stubenmädchen, jung, hübsch, mit schwellenden Formen. Eines
Morgens, ich studierte meinen Tacitus und begeisterte mich an den
Tugenden der alten Germanen, kehrte die Kleine bei mir aus; plötzlich
hielt sie inne, neigte sich, den Besen in der Hand, zu mir, und zwei
volle frische köstliche Lippen berührten die meinen. Der Kuß der
verliebten kleinen Katze durchschauerte mich, aber ich erhob meine
‚Germania‘ wie ein Schild gegen die Verführerin und verließ entrüstet
das Zimmer.“

Wanda brach in lautes Lachen aus. „Sie sind in der Tat ein Mann, der
seines Gleichen sucht, aber fahren Sie nur fort.“

„Eine andere Szene aus jener Zeit bleibt mir unvergeßlich,“ erzählte
ich weiter, „Gräfin Sobol, eine entfernte Tante von mir, kam zu meinen
Eltern auf Besuch, eine majestätische schöne Frau mit einem reizenden
Lächeln; ich aber haßte sie, denn sie galt in der Familie als eine
Messalina, und benahm mich so unartig, boshaft und täppisch, wie nur
möglich gegen sie.

Eines Tages fuhren meine Eltern in die Kreisstadt. Meine Tante
beschloß ihre Abwesenheit zu benützen und Gericht über mich zu halten.
Unerwartet trat sie in ihrer pelzgefütterten Kazabaika[3] herein,
gefolgt von der Köchin, Küchenmagd und der kleinen Katze, die ich
verschmäht hatte. Ohne viel zu fragen, ergriffen sie mich und banden
mich, trotz meiner heftigen Gegenwehr, an Händen und Füßen, dann
schürzte meine Tante mit einem bösen Lächeln den Ärmel empor und begann
mich mit einer großen Rute zu hauen, und sie hieb so tüchtig, daß Blut
floß und ich zuletzt, trotz meinem Heldenmut, schrie und weinte und um
Gnade bat. Sie ließ mich hierauf losbinden, aber ich mußte ihr kniend
für die Strafe danken und die Hand küssen.

Nun sehen Sie den übersinnlichen Toren! Unter der Rute der schönen
üppigen Frau, welche mir in ihrer Pelzjacke wie eine zürnende Monarchin
erschien, erwachte in mir zuerst der Sinn für das Weib und meine Tante
erschien mir fortan als die reizendste Frau auf Gottes Erdboden.

Meine katonische Strenge, meine Scheu vor dem Weibe war eben nichts,
als ein auf das Höchste getriebener Schönheitssinn; die Sinnlichkeit
wurde in meiner Phantasie jetzt zu einer Art Kultur, und ich schwur
mir, ihre heiligen Empfindungen ja nicht an ein gewöhnliches Wesen
zu verschwenden, sondern für eine ideale Frau, wo möglich für die
Liebesgöttin selbst aufzusparen.

Ich kam sehr jung auf die Universität und in die Hauptstadt, in
welcher meine Tante wohnte. Meine Stube glich damals jener des Doktor
Faust. Alles stand in derselben wirr und kraus, hohe Schränke mit
Büchern vollgepfropft, welche ich um Spottpreise bei einem jüdischen
Antiquar in der Servanica[4] erhandelte, Globen, Atlanten, Phiolen,
Himmelskarten, Tiergerippe, Totenköpfe, Büsten großer Geister. Hinter
dem großen grünen Ofen konnte jeden Augenblick Mephistopheles als
fahrender Scholast hervortreten.

Ich studierte alles durcheinander, ohne System, ohne Wahl,
Chemie, Alchimie, Geschichte, Astronomie, Philosophie, die
Rechtswissenschaften, Anatomie und Literatur; las Homer, Virgil,
Ossian, Schiller, Goethe, Shakespeare, Cervantes, Voltaire, Molière,
den Koran, den Kosmos, Casanovas Memoiren. Ich wurde jeden Tag wirrer,
phantastischer und übersinnlicher. Und immer hatte ich ein schönes
ideales Weib im Kopfe, das mir von Zeit zu Zeit gleich einer Vision
auf Rosen gebettet, von Amoretten umringt, zwischen meinen Lederbänden
und Totenbeinen erschien, bald in olympischer Toilette, mit dem
strengen weißen Antlitz der gipsernen Venus, bald mit den üppigen
braunen Flechten, den lachenden blauen Augen und in der rotsamtenen
hermelinbesetzten Kazabaika meiner schönen Tante.

Eines Morgens, nachdem sie mir wieder in vollem lachenden Liebreiz aus
dem goldenen Nebel meiner Phantasie aufgetaucht war, ging ich zu Gräfin
Sobol, welche mich freundlich, ja herzlich empfing und mir zum Willkomm
einen Kuß gab, der alle meine Sinne verwirrte. Sie war jetzt wohl nahe
an vierzig Jahre, aber wie die meisten jener unverwüstlichen Lebefrauen
noch immer begehrenswert, sie trug auch jetzt stets eine pelzbesetzte
Jacke, und zwar diesmal von grünem Samt mit braunem Edelmarder, aber
von jener Strenge, die mich damals an ihr entzückt hatte, war nichts zu
entdecken.

Im Gegenteil sie war so wenig grausam gegen mich, daß sie mir ohne viel
Umstände die Erlaubnis gab, sie anzubeten.

Sie hatte meine übersinnliche Torheit und Unschuld nur zu bald
entdeckt, und es machte ihr Vergnügen, mich glücklich zu machen. Und
ich -- ich war in der Tat selig wie ein junger Gott. Welcher Genuß
war es für mich, wenn ich, vor ihr auf den Knien liegend, ihre Hände
küssen durfte, mit denen sie mich damals gezüchtigt hatte. Ach! was für
wunderbare Hände! von so schöner Bildung, so fein und voll und weiß,
und mit welch allerliebsten Grübchen. Ich war eigentlich nur in diese
Hände verliebt. Ich trieb mein Spiel mit ihnen, ließ sie in dem dunklen
Pelz auf- und abtauchen, ich hielt sie gegen die Flamme und konnte mich
nicht sattsehen an ihnen.“

Wanda betrachtete unwillkürlich ihre Hände, ich bemerkte es und mußte
lächeln.

„Wie zu jeder Zeit das Übersinnliche bei mir überwog, sehen Sie daraus,
daß ich bei meiner Tante in die grausamen Rutenhiebe, welche ich von
ihr empfangen hatte, und bei einer jungen Schauspielerin, welcher ich
etwa zwei Jahre später den Hof machte, nur in ihre Rollen verliebt war.
Ich habe dann auch für eine sehr achtbare Frau geschwärmt, welche die
unnahbare Tugend spielte, um mich schließlich an einen reichen Juden
zu verraten. Sehen Sie, weil ich von einer Frau, welche die strengsten
Grundsätze, die idealsten Empfindungen heuchelte, betrogen, verkauft
wurde: deshalb hasse ich diese Sorte poetischer, sentimentaler Tugenden
so sehr; geben Sie mir ein Weib, das ehrlich genug ist, mir zu sagen:
ich bin eine Pompadour, eine Lucretia Borgia, und ich will sie anbeten.“

Wanda stand auf und öffnete das Fenster.

„Sie haben eine eigentümliche Manier, die Phantasie zu erhitzen, einem
alle Nerven aufzuregen, alle Pulse höher schlagen zu machen. Sie geben
dem Laster eine Aureole, wenn es nur ehrlich ist. Ihr Ideal ist eine
kühne geniale Courtisane; o! Sie sind mir der Mann, eine Frau von Grund
aus zu verderben!“

                             *           *
                                   *

Mitten in der Nacht klopfte es an mein Fenster, ich stand auf, öffnete
und schrak zusammen. Draußen stand Venus im Pelz, genau so wie sie mir
das erste Mal erschienen war.

„Sie haben mich mit Ihren Geschichten aufgeregt, ich wälze mich auf
meinem Lager und kann nicht schlafen,“ sprach sie, „kommen Sie jetzt
nur, mir Gesellschaft leisten.“

„Im Augenblicke.“

Als ich eintrat, kauerte Wanda vor dem Kamin, in dem sie ein kleines
Feuer angefacht hatte.

„Der Herbst meldet sich,“ begann sie, „die Nächte sind schon recht
kalt. Ich fürchte, Ihnen zu mißfallen, aber ich kann meinen Pelz nicht
abwerfen, ehe das Zimmer nicht warm genug ist.“

„Mißfallen -- Schalk! -- Sie wissen doch --“ ich schlang den Arm um sie
und küßte sie.

„Freilich weiß ich, aber woher haben Sie diese große Vorliebe für den
Pelz?“

„Sie ist mir angeboren,“ erwiderte ich, „ich zeigte sie schon als
Kind. Übrigens übt Pelzwerk auf alle nervösen Naturen eine aufregende
Wirkung, welche auf ebenso allgemeinen als natürlichen Gesetzen
beruht. Es ist ein physischer Reiz, welcher wenigstens ebenso
seltsam prickelnd ist, und dem sich niemand ganz entziehen kann. Die
Wissenschaft hat in neuester Zeit eine gewisse Verwandtschaft zwischen
Elektrizität und Wärme nachgewiesen, verwandt sind ja jedenfalls ihre
Wirkungen auf den menschlichen Organismus. Die heiße Zone erzeugt
leidenschaftlichere Menschen, eine warme Atmosphäre Aufregung. Genau
so die Elektrizität. Daher der hexenhaft wohltätige Einfluß, welchen
die Gesellschaft von +Katzen+ auf reizbare geistige Menschen übt
und diese langgeschwänzten Grazien der Tierwelt, diese niedlichen,
funkensprühenden, elektrischen Batterien zu den Lieblingen eines
Mahomed, Kardinal Richelieu, Crebillon, Rousseau, Wieland gemacht hat.“

„Eine Frau, die also einen Pelz trägt,“ rief Wanda, „ist also nichts
anderes als eine große Katze, eine verstärkte elektrische Batterie?“

„Gewiß,“ erwiderte ich, „und so erkläre ich mir auch die symbolische
Bedeutung, welche der Pelz als Attribut der Macht und Schönheit bekam.
In diesem Sinne nahmen ihn in früheren Zeiten Monarchen und ein
gebietender Adel durch Kleiderordnungen ausschließlich für sich in
Anspruch und große Maler für die Königinnen der Schönheit. So fand ein
Raphael für die göttlichen Formen der Fornarina, Titian für den rosigen
Leib seiner Geliebten keinen köstlicheren Rahmen als dunklen Pelz.“

„Ich danke für die gelehrt erotische Abhandlung,“ sprach Wanda, „aber
Sie haben mir nicht alles gesagt, Sie verbinden noch etwas ganz Apartes
mit dem Pelz.“

„Allerdings,“ rief ich, „ich habe Ihnen schon wiederholt gesagt, daß im
Leiden ein seltsamer Reiz für mich liegt, daß nichts so sehr im stande
ist, meine Leidenschaft anzufachen als die Tyrannei, die Grausamkeit,
und vor allem die Treulosigkeit eines schönen Weibes. Und dieses Weib,
dieses seltsame Ideal aus der Ästhetik des Häßlichen, die Seele eines
Nero im Leibe einer Phryne, kann ich mir nicht ohne Pelz denken.“

„Ich begreife,“ warf Wanda ein, „er gibt einer Frau etwas Herrisches,
Imponierendes.“

„Es ist nicht das allein,“ fuhr ich fort, „Sie wissen, daß ich ein
‚+Übersinnlicher+‘ bin, daß bei mir alles mehr in der Phantasie
wurzelt und von dort seine Nahrung empfängt. Ich war früh entwickelt
und überreizt, als ich mit zehn Jahren etwa die Legenden der Märtyrer
in die Hand bekam; ich erinnere mich, daß ich mit einem Grauen, das
eigentlich Entzücken war, las, wie sie im Kerker schmachteten, auf den
Rost gelegt, mit Pfeilen durchschossen, in Pech gesotten, wilden Tieren
vorgeworfen, an das Kreuz geschlagen wurden, und das Entsetzlichste mit
einer Art Freude litten. Leiden, grausame Qualen erdulden, erschien
mir fortan als ein Genuß, und ganz besonders durch ein schönes Weib,
da sich mir von jeher alle Poesie, wie alles Dämonische im Weibe
konzentrierte. Ich trieb mit demselben einen förmlichen Kultus.

Ich sah in der Sinnlichkeit etwas Heiliges, ja das einzig Heilige, in
dem Weibe und seiner Schönheit etwas Göttliches, indem die wichtigste
Aufgabe des Daseins: die Fortpflanzung der Gattung vor allem ihr Beruf
ist; ich sah im Weibe die Personifikation der Natur, die +Isis+,
und in dem Manne ihren Priester, ihren Sklaven und sah sie ihm
gegenüber grausam wie die Natur, welche, was ihr gedient hat, von sich
stößt, sobald sie seiner nicht mehr bedarf, während ihm noch ihre
Mißhandlungen, ja der Tod durch sie zur wollüstigen Seligkeit werden.

Ich beneidete König Gunther, den die gewaltige Brunhilde in der
Brautnacht band; den armen Troubadour, den seine launische Herrin in
Wolfsfelle nähen ließ, um ihn dann gleich einem Wild zu jagen; ich
beneidete den Ritter Ctirad, den die kühne Amazone Scharka durch List
im Walde bei Prag gefangen nahm, auf die Burg Divin schleppte, und
nachdem sie sich einige Zeit mit ihm die Zeit vertrieben hatte, auf das
Rad flechten ließ --“

„Abscheulich!“ rief Wanda, „ich würde Ihnen wünschen, daß Sie einem
Weibe dieser wilden Rasse in die Hände fielen, im Wolfsfell, unter
den Zähnen der Rüden oder auf dem Rade würde Ihnen schon die Poesie
vergehen.“

„Glauben Sie? ich glaube nicht.“

„Sie sind wirklich nicht ganz gescheit.“

„Möglich. Aber hören Sie weiter, ich las fortan mit einer wahren Gier
Geschichten, in denen die furchtbarsten Grausamkeiten geschildert, und
sah mit besonderer Lust Bilder, Stiche, auf denen sie zur Darstellung
kamen, und alle die blutigen Tyrannen, die je auf einem Throne saßen,
die Inquisitoren, welche die Ketzer foltern, braten, schlachten
ließen, alle jene Frauen, welche in den Blättern der Weltgeschichte
als wollüstig, schön und gewalttätig verzeichnet sind, wie Libussa,
Lucretia Borgia, Agnes von Ungarn, Königin Margot, Isabeau, die
Sultanin Roxolane, die russischen Zarinnen des vorigen Jahrhunderts,
alle sah ich in Pelzen oder hermelinverbrämten Roben.“

„Und so erweckt Ihnen jetzt der Pelz Ihre seltsamen Phantasien,“ rief
Wanda, und sie begann zu gleicher Zeit sich mit ihrem prächtigen
Pelzmantel kokett zu drapieren, so daß die dunklen glänzenden
Zobelfelle entzückend um ihre Büste, ihre Arme spielten. „Nun, wie ist
Ihnen jetzt zumute, fühlen Sie sich schon halb gerädert?“

Ihre grünen durchdringenden Augen ruhten mit einem seltsamen,
höhnischen Behagen auf mir, als ich mich von Leidenschaften übermannt
vor ihr niederwarf und die Arme um sie schlang.

„Ja -- Sie haben in mir meine Lieblingsphantasie erweckt,“ rief ich,
„die lange genug geschlummert.“

„Und diese wäre?“ sie legte die Hand auf meinen Nacken.

Mich ergriff unter dieser kleinen warmen Hand, unter ihrem Blick, der
zärtlich forschend durch die halbgeschlossenen Lider auf mich fiel,
eine süße Trunkenheit.

„+Der Sklave eines Weibes, eines schönen Weibes zu sein, das ich
liebe, das ich anbete!+“

„Und das Sie dafür mißhandelt!“ unterbrach mich Wanda lachend.

„Ja, das mich bindet und peitscht, das mir Fußtritte gibt, während es
einem andern gehört.“

„Und das, wenn Sie durch Eifersucht wahnsinnig gemacht, dem beglückten
Nebenbuhler entgegentreten, in seinem Übermute so weit geht, Sie an
denselben zu verschenken und seiner Roheit preiszugeben. Warum nicht?
Gefällt Ihnen das Schlußtableau weniger?“

Ich sah Wanda erschreckt an.

„Sie übertreffen meine Träume.“

„Ja, wir Frauen sind erfinderisch,“ sprach sie, „geben Sie acht, wenn
Sie Ihr Ideal finden, kann es leicht geschehen, daß es Sie grausamer
behandelt, als Ihnen lieb ist.“

„Ich fürchte, ich habe mein Ideal bereits gefunden!“ rief ich, und
preßte mein glühendes Antlitz in ihren Schoß.

„Doch nicht in mir?“ rief Wanda, warf den Pelz ab und sprang lachend
im Zimmer herum; sie lachte noch, als ich die Treppe hinabstieg, und
als ich nachdenkend im Hofe stand, hörte ich noch oben ihr mutwilliges
ausgelassenes Gelächter.

                             *           *
                                   *

„Soll ich Ihnen also Ihr Ideal verkörpern?“ sprach Wanda schelmisch,
als wir uns heute im Parke trafen.

Anfangs fand ich keine Antwort. In mir kämpften die widersprechendsten
Empfindungen. Sie ließ sich indes auf eine der steinernen Bänke nieder
und spielte mit einer Blume.

„Nun -- soll ich?“

Ich kniete nieder und faßte ihre Hände.

„Ich bitte Sie noch einmal, werden Sie meine Frau, mein treues,
ehrliches Weib; können Sie das nicht, dann seien Sie mein Ideal, aber
dann ganz, ohne Rückhalt, ohne Milderung.“

„Sie wissen, daß ich in einem Jahre Ihnen meine Hand reichen will,
wenn Sie der Mann sind, den ich suche,“ entgegnete Wanda sehr ernst,
„aber ich glaube, Sie würden mir dankbarer sein, wenn ich Ihnen Ihre
Phantasie verwirkliche. Nun, was ziehen Sie vor?“

„Ich glaube, daß alles das, was mir in meiner Einbildung vorschwebt, in
Ihrer Natur liegt.“

„Sie täuschen sich.“

„Ich glaube,“ fuhr ich fort, „daß es Ihnen Vergnügen macht, einen Mann
ganz in Ihrer Hand zu haben, zu quälen --“

„Nein, nein!“ rief sie lebhaft, „oder doch“ -- sie sann nach. „Ich
verstehe mich selbst nicht mehr,“ fuhr sie fort, „aber ich muß Ihnen
ein Geständnis machen. Sie haben meine Phantasie verdorben, mein
Blut erhitzt, ich fange an, an allem dem Gefallen zu finden, die
Begeisterung, mit der Sie von einer Pompadour, einer Katharina II. und
von all den anderen selbstsüchtigen, frivolen und grausamen Frauen
sprechen, reißt mich hin, senkt sich in meine Seele und treibt mich,
diesen Frauen ähnlich zu werden, welche trotz ihrer Schlechtigkeit, so
lange sie lebten, sklavisch angebetet wurden und noch im Grabe Wunder
wirken.

Am Ende machen Sie aus mir noch eine Miniaturdespotin, eine Pompadour
zum Hausgebrauche.“

„Nun denn,“ sprach ich erregt, „wenn dies in Ihnen liegt, dann geben
Sie sich dem Zuge Ihrer Natur hin, nur nichts Halbes; können Sie nicht
ein braves, treues Weib sein, so seien Sie ein Teufel.“

Ich war übernächtig, aufgeregt, die Nähe der schönen Frau ergriff mich
wie ein Fieber, ich weiß nicht mehr, was ich sprach, aber ich erinnere
mich, daß ich ihre Füße küßte und zuletzt ihren Fuß aufhob und auf
meinen Nacken setzte. Sie aber zog ihn rasch zurück und erhob sich
beinahe zornig.

„Wenn Sie mich lieben, Severin,“ sprach sie rasch, ihre Stimme klang
scharf und gebieterisch, „so sprechen Sie nicht mehr von diesen Dingen.
Verstehen Sie mich, nie mehr. Ich könnte am Ende wirklich --“ sie
lächelte und setzte sich wieder.

„Es ist mein voller Ernst,“ rief ich halb phantasierend, „ich bete Sie
so sehr an, daß ich alles von Ihnen dulden will um den Preis, mein
ganzes Leben in Ihrer Nähe sein zu dürfen.“

„Severin, ich warne Sie noch einmal.“

„Sie warnen mich vergebens. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, nur
stoßen Sie mich nicht ganz von sich.“

„Severin,“ entgegnete Wanda, „ich bin ein leichtsinniges, junges Weib,
es ist gefährlich für Sie, sich mir so ganz hinzugeben, Sie werden am
Ende in der Tat mein Spielzeug; wer schützt Sie dann, daß ich Ihren
Wahnsinn nicht mißbrauche?“

„Ihr edles Wesen.“

„Gewalt macht übermütig.“

„So sei übermütig,“ rief ich, „tritt mich mit Füßen.“

Wanda schlang ihre Arme um meinen Nacken, sah mir in die Augen und
schüttelte den Kopf.

„Ich fürchte, ich werde es nicht können, aber ich will es versuchen,
dir zu lieb, denn ich liebe dich, Severin, wie ich noch keinen Mann
geliebt habe.“

                             *           *
                                   *

Sie nahm heute plötzlich Hut und Shawl und ich mußte sie in den Bazar
begleiten. Dort ließ sie sich Peitschen zeigen, lange Peitschen an
kurzem Stiel, wie man sie für Hunde hat.

„Diese dürften genügen,“ sprach der Verkäufer.

„Nein, sie sind viel zu klein,“ erwiderte Wanda mit einem Seitenblick
auf mich, „ich brauche eine große --“

„Für eine Bulldogge wohl?“ meinte der Kaufmann.

„Ja,“ rief sie, „in der Art, wie man sie in Rußland hatte für
widerspenstige Sklaven.“

Sie suchte und wählte endlich eine Peitsche, bei deren Anblick es mich
etwas unheimlich beschlich.

„Nun adieu, Severin,“ sagte sie, „ich habe noch einige Einkäufe, bei
denen Sie mich nicht begleiten dürfen.“

Ich verabschiedete mich und machte einen Spaziergang, auf dem Rückwege
sah ich Wanda aus dem Gewölbe eines Kürschners heraustreten. Sie winkte
mir.

„Überlegen Sie sich’s noch,“ begann sie vergnügt, „ich habe Ihnen
nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß mich vorzüglich Ihr ernstes,
sinnendes Wesen gefesselt hat; es reizt mich nun freilich, den ernsten
Mann mir ganz hingegeben, ja geradezu verzückt zu meinen Füßen zu sehen
-- ob aber dieser Reiz auch anhalten wird? Das Weib liebt den Mann, den
Sklaven mißhandelt es und stößt ihn zuletzt noch mit dem Fuße weg.“

„Nun, so stoße mich mit dem Fuße fort, wenn du mich satt hast,“
entgegnete ich, „ich will dein Sklave sein.“

„Ich sehe, daß gefährliche Anlagen in mir schlummern,“ sagte Wanda,
nachdem wir wieder einige Schritte gegangen waren, „du weckst sie
und nicht zu deinem Besten, du verstehst es, die Genußsucht, die
Grausamkeit, den Übermut so verlockend zu schildern -- was wirst du
sagen, wenn ich mich darin versuche und wenn ich es zuerst an dir
versuche, wie Dionys, welcher den Erfinder des eisernen Ochsen zuerst
in demselben braten ließ, um sich zu überzeugen, ob sein Jammern, sein
Todesröcheln auch wirklich wie das Brüllen eines Ochsen klinge.“

„Vielleicht bin ich so ein weiblicher Dionys?“

„Sei es,“ rief ich, „dann ist meine Phantasie erfüllt. Ich gehöre dir
im Guten oder Bösen, wähle du selbst. Mich treibt das Schicksal, das in
meiner Brust ruht -- dämonisch -- übermächtig.“

                             *           *
                                   *

    „+Mein Geliebter!+

    Ich will dich heute und morgen nicht sehen und übermorgen erst am
    Abend, und dann +als meinen Sklaven+.

    Deine Herrin
    +Wanda+.“

„Als meinen Sklaven“ war unterstrichen. Ich las das Billett, das ich
früh am Morgen erhielt, noch einmal, ließ mir dann einen Esel, ein
echtes Gelehrtentier, satteln und ritt in das Gebirge, um meine
Leidenschaft, meine Sehnsucht in der großartigen Karpathennatur zu
betäuben.

                             *           *
                                   *

Da bin ich wieder, müde, hungrig, durstig und vor allem verliebt. Ich
kleide mich rasch um und klopfe wenige Augenblicke darnach an ihre Türe.

„Herein!“

Ich trete ein. Sie steht mitten im Zimmer, in einer weißen Atlasrobe,
welche wie Licht an ihr herunterfließt, und einer Kazabaika von
scharlachrotem Atlas mit reichem, üppigem Hermelinbesatz, in dem
gepuderten, schneeigen Haar ein kleines Diamantendiadem, die Arme auf
der Brust gekreuzt, die Brauen zusammengezogen.

„Wanda!“ Ich eile auf sie zu, will den Arm um sie schlingen, sie
küssen; sie tritt einen Schritt zurück und mißt mich von oben bis unten.

„Sklave!“

„Herrin!“ Ich knie nieder und küsse den Saum ihres Gewandes.

„So ist es recht.“

„O! wie schön du bist.“

„Gefall’ ich dir?“ Sie trat vor den Spiegel und betrachtete sich mit
stolzem Wohlgefallen.

„Ich werde noch wahnsinnig!“

Sie zuckte verächtlich mit der Unterlippe und sah mich mit
halbgeschlossenen Lidern spöttisch an.

„Gib mir die Peitsche.“

Ich blickte im Zimmer umher.

„Nein,“ rief sie, „bleib nur knien!“ Sie schritt zum Kamine, nahm die
Peitsche vom Sims und ließ sie, mich mit einem Lächeln betrachtend,
durch die Luft pfeifen, dann schürzte sie den Ärmel ihrer Pelzjacke
langsam auf.

„Wunderbares Weib!“ rief ich.

„Schweig, Sklave!“ sie blickte plötzlich finster, ja wild und hieb mich
mit der Peitsche; im nächsten Augenblicke schlang sie jedoch den Arm
zärtlich um meinen Nacken und bückte sich mitleidig zu mir. „Habe ich
dir weh getan?“ fragte sie halb verschämt, halb ängstlich.

„Nein!“ entgegnete ich, „und wenn es wäre, mir sind Schmerzen, die du
mir bereitest, ein Genuß. Peitsche mich nur, wenn es dir ein Vergnügen
macht.“

„Aber es macht mir kein Vergnügen.“

Wieder ergriff mich jene seltsame Trunkenheit.

„Peitsche mich,“ bat ich, „peitsche mich ohne Erbarmen.“

Wanda schwang die Peitsche und traf mich zweimal. „Hast du jetzt genug?“

„Nein.“

„Im Ernste, nein?“

„Peitsche mich, ich bitte dich, es ist mir ein Genuß.“

„Ja, weil du gut weißt, daß es nicht Ernst ist,“ erwiderte sie, „daß
ich nicht das Herz habe, dir weh zu tun. Mir widerstrebt das ganze rohe
Spiel. Wäre ich wirklich das Weib, das seinen Sklaven peitscht, du
würdest dich entsetzen.“

„Nein, Wanda,“ sprach ich, „ich liebe dich mehr als mich selbst, ich
bin dir hingegeben auf Tod und Leben, du kannst im Ernste mit mir
anfangen, was dir beliebt, ja, was dir nur dein Übermut eingibt.“

„Severin!“

„Tritt mich mit Füßen!“ rief ich und warf mich, das Antlitz zur Erde,
vor ihr nieder.

„Ich hasse alles, was Komödie ist,“ sprach Wanda ungeduldig.

„Nun, so mißhandle mich im Ernste.“

Eine unheimliche Pause.

„Severin, ich warne dich noch ein letztes Mal,“ begann Wanda.

„Wenn du mich liebst, so sei grausam gegen mich,“ flehte ich, das Auge
zu ihr erhoben.

„Wenn ich dich liebe?“ wiederholte Wanda. „Nun gut!“ sie trat zurück
und betrachtete mich mit einem finsteren Lächeln. „+So sei denn mein
Sklave und fühle, was es heißt, in die Hände eines Weibes gegeben zu
sein.+“ Und in demselben Augenblicke gab sie mir einen Fußtritt.

„Nun, wie behagt dir das, Sklave?“

Dann schwang sie die Peitsche.

„Richte dich auf!“

Ich wollte mich erheben. „Nicht so,“ gebot sie, „auf die Knie.“

Ich gehorchte und sie begann mich zu peitschen.

Die Hiebe fielen rasch und kräftig auf meinen Rücken, meine Arme, ein
jeder schnitt in mein Fleisch und brannte hier fort, aber die Schmerzen
entzückten mich, denn sie kamen ja von ihr, die ich anbetete, für die
ich jede Stunde bereit war, mein Leben zu lassen.

[Illustration]

Jetzt hielt sie inne. „Ich fange an, Vergnügen daran zu finden,“ sprach
sie, „für heute ist es genug, aber mich ergreift eine teuflische
Neugier, zu sehen, wie weit deine Kraft reicht, eine grausame
Lust, dich unter meiner Peitsche beben, sich krümmen zu sehen und
endlich dein Stöhnen, dein Jammern zu hören und so fort, bis du um
Gnade bittest und ich ohne Erbarmen fortpeitsche, bis dir die Sinne
schwinden. Du hast gefährliche Elemente in meiner Natur geweckt. Nun
aber steh’ auf.“

Ich ergriff ihre Hand, um sie an meine Lippen zu drücken.

„Welche Frechheit.“

Sie stieß mich mit dem Fuße von sich.

„Aus meinen Augen, Sklave!“

                             *           *
                                   *

Nachdem ich die Nacht wie im Fieber in wirren Träumen gelegen, bin ich
erwacht. Es dämmert kaum.

Was ist wahr von dem, was in meiner Erinnerung schwebt? was habe ich
erlebt und was nur geträumt? Gepeitscht bin ich worden, das ist gewiß,
ich fühle noch jeden einzelnen Hieb, ich kann die roten, brennenden
Streifen an meinem Leib zählen. Und sie hat mich gepeitscht. Ja, jetzt
weiß ich alles.

Meine Phantasie ist Wahrheit geworden. Wie ist mir? Hat mich die
Wirklichkeit meines Traumes enttäuscht?

Nein, ich bin nur etwas müde, aber ihre Grausamkeit erfüllt mich mit
Entzücken. Oh! wie ich sie liebe, sie anbete! Ach! dies alles drückt
nicht im entferntesten aus, was ich für sie empfinde, wie ich mich
ganz ihr hingegeben fühle. Welche Seligkeit, ihr Sklave zu sein.

                             *           *
                                   *

Sie ruft mich vom Balkon. Ich eile die Treppe hinauf. Da steht sie auf
der Schwelle und bietet mir freundlich die Hand. „Ich schäme mich,“
sagte sie, während ich sie umschlinge und sie den Kopf an meiner Brust
birgt.

„Wie?“

„Suchen Sie die häßliche Szene von gestern zu vergessen,“ sprach sie
mit bebender Stimme, „ich habe Ihnen Ihre tolle Phantasie erfüllt,
jetzt wollen wir vernünftig sein und glücklich und uns lieben, und in
einem Jahre bin ich Ihre Frau.“

„Meine Herrin,“ rief ich, „und ich Ihr Sklave!“

„Kein Wort mehr von Sklaverei, von Grausamkeit und Peitsche,“
unterbrach mich Wanda, „ich passiere Ihnen von dem allen nichts mehr,
als die Pelzjacke; kommen Sie und helfen Sie mir hinein.“

                             *           *
                                   *

Die kleine Bronzeuhr, auf welcher ein Amor steht, der eben seinen Pfeil
abgeschossen hat, schlug Mitternacht.

Ich stand auf, ich wollte fort.

Wanda sagte nichts, aber sie umschlang mich und zog mich auf die
Ottomane zurück und begann mich von neuem zu küssen, und diese stumme
Sprache hatte etwas so Verständliches, so Überzeugendes --

Und sie sagte noch mehr, als ich zu verstehen wagte, eine solche
schmachtende Hingebung lag in Wandas ganzem Wesen und welche wollüstige
Weichheit in ihren halbgeschlossenen, dämmernden Augen, in der unter
dem weißen Puder leicht schimmernden roten Flut ihres Haares, in dem
weißen und roten Atlas, welcher bei jeder Bewegung um sie knisterte,
dem schwellenden Hermelin der Kazabaika, in den sie sich nachlässig
schmiegte.

„Ich bitte dich,“ stammelte ich, „aber du wirst böse sein.“

„Mache mit mir, was du willst,“ flüsterte sie.

„Nun, so tritt mich, ich bitte dich, ich werde sonst verrückt.“

„Habe ich dir nicht verboten,“ sprach Wanda strenge, „aber du bist
unverbesserlich.“

„Ach! ich bin so entsetzlich verliebt.“ Ich war in die Knie gesunken
und preßte mein glühendes Gesicht in ihren Schoß.

„Ich glaube wahrhaftig,“ sagte Wanda, nachsinnend, „dein ganzer
Wahnsinn ist nur eine dämonische, ungesättigte Sinnlichkeit. +Unsere
Unnatur muß solche Krankheiten erzeugen.+ Wärst du weniger
tugendhaft, so wärst du vollkommen vernünftig.“

„Nun, so mach’ mich gescheit,“ murmelte ich. Meine Hände wühlten in
ihrem Haare und in dem schimmernden Pelz, welcher sich, wie eine vom
Mondlicht beglänzte Welle, alle Sinne verwirrend, auf ihrer wogenden
Brust hob und senkte.

Und ich küßte sie -- nein, sie küßte mich, so wild, so unbarmherzig,
als wenn sie mich mit ihren Küssen morden wollte. Ich war wie im
Delirium, meine Vernunft hatte ich längst verloren, aber ich hatte
endlich auch keinen Atem mehr. Ich suchte mich loszumachen.

„Was ist dir?“ fragte Wanda.

„Ich leide entsetzlich.“

„Du leidest?“ -- sie brach in ein lautes, mutwilliges Lachen aus.

„Du kannst lachen!“ stöhnte ich, „ahnst du denn nicht --“

Sie war auf einmal ernst, richtete meinen Kopf mit ihren Händen auf und
zog mich dann mit einer heftigen Bewegung an ihre Brust.

„Wanda!“ stammelte ich.

„Richtig, es macht dir ja Vergnügen, zu leiden,“ sprach sie und begann
von neuem zu lachen, „aber warte nur, ich will dich schon vernünftig
machen.“

„Nein, ich will nicht weiter fragen,“ rief ich, „ob du mir für immer
oder nur für einen seligen Augenblick gehören willst, ich will mein
Glück genießen; jetzt bist du mein und besser dich verlieren, als dich
nie besitzen.“

„So bist du vernünftig,“ sagte sie und küßte mich wieder mit ihren
mörderischen Lippen, und ich riß den Hermelin, die Spitzenhülle
auseinander und ihre bloße Brust wogte gegen die meine.

Dann vergingen mir die Sinne. --

Ich erinnere mich erst wieder auf den Augenblick, wo ich Blut von
meiner Hand tropfen sah und sie apathisch fragte: „Hast du mich
gekratzt?“

„Nein, ich glaube, ich habe dich gebissen.“

                             *           *
                                   *

Es ist doch merkwürdig, wie jedes Verhältnis des Lebens ein anderes
Gesicht bekommt, sobald eine neue Person hinzutritt.

Wir haben herrliche Tage zusammen verlebt, wir besuchten die Berge,
die Seen, wir lasen zusammen und ich vollendete Wandas Bild. Und wie
liebten wir uns, wie lächelnd war ihr reizendes Antlitz.

Da kommt eine Freundin, eine geschiedene Frau, etwas älter, etwas
erfahrener und etwas weniger gewissenhaft als Wanda, und schon macht
sich ihr Einfluß in jeder Richtung geltend.

Wanda runzelte die Stirne und zeigt mir gegenüber eine gewisse Ungeduld.

Liebt sie mich nicht mehr?

                             *           *
                                   *

Seit beinahe vierzehn Tagen dieser unerträgliche Zwang. Die Freundin
wohnt bei ihr, wir sind nie allein. Ein Kreis von Herren umgibt die
beiden jungen Frauen. Ich spiele als Liebender mit meinem Ernste,
meiner Schwermut eine alberne Rolle. Wanda behandelt mich wie einen
Fremden.

Heute, bei einem Spaziergange, blieb sie mit mir zurück. Ich sah, daß
es mit Absicht geschah und jubelte. Was sagte sie mir aber.

„Meine Freundin begreift nicht, wie ich Sie lieben kann, sie findet Sie
weder schön noch sonst besonders anziehend, und dazu unterhält sie mich
vom Morgen bis in die Nacht hinein mit dem glänzenden frivolen Leben
in der Hauptstadt, mit den Ansprüchen, welche ich machen könnte, den
großen Partien, welche ich finden, den vornehmen, schönen Anbetern,
welche ich fesseln müßte. Aber was hilft dies alles, ich liebe Sie
einmal.“

Mir verging einen Augenblick der Atem, dann sagte ich: „Ich wünsche
bei Gott nicht, Ihrem Glück im Wege zu sein, Wanda. Nehmen Sie auf
mich keine Rücksicht mehr.“ Dabei zog ich meinen Hut ab und ließ sie
vorangehen. Sie sah mich erstaunt an, erwiderte jedoch keine Silbe.

Als ich aber auf dem Rückwege wieder zufällig in ihre Nähe kam, drückte
sie mir verstohlen die Hand und ihr Blick traf mich so warm, so
glückverheißend, daß alle Qualen dieser Tage im Augenblick vergessen,
alle Wunden geheilt waren.

Jetzt weiß ich wieder so recht, wie ich sie liebe.

                             *           *
                                   *

„Meine Freundin hat sich über dich beklagt,“ sagte mir Wanda heute.

„Sie mag fühlen, daß ich sie verachte.“

„Weshalb verachtest du sie denn, kleiner Narr?“ rief Wanda und nahm
mich mit beiden Händen bei den Ohren.

„Weil sie heuchelt,“ sagte ich, „ich achte nur eine Frau, die
tugendhaft ist oder offen dem Genusse lebt.“

„So wie ich,“ entgegnete Wanda scherzend, „aber siehst du, mein Kind,
die Frau kann das nur in den seltensten Fällen. Sie kann weder so
heiter sinnlich, noch so geistig frei sein, wie der Mann, ihre Liebe
ist stets ein aus Sinnlichkeit und geistiger Neigung gemischter
Zustand. Ihr Herz verlangt darnach, den Mann dauernd zu fesseln,
während sie selbst dem Wechsel unterworfen ist; so kommt ein Zwiespalt,
kommt Lüge und Trug, meist gegen ihren Willen, in ihr Handeln, in ihr
Wesen und verdirbt ihren Charakter.“

„Gewiß ist es so,“ sagte ich, „der transszendentale Charakter, welchen
die Frau der Liebe aufdrücken will, führt sie zum Betrug.“

„Aber die Welt verlangt ihn auch,“ fiel mir Wanda in das Wort, „sieh
diese Frau an, sie hat in Lemberg ihren Mann und ihren Liebhaber und
hier hat sie einen neuen Anbeter gefunden, und sie betrügt sie alle und
ist doch von allen verehrt und von der Welt geachtet.“

„Meinetwegen,“ rief ich, „sie soll dich nur aus dem Spiele lassen, aber
sie behandelt dich ja wie eine Ware.“

„Warum nicht?“ unterbrach mich das schöne Weib lebhaft. „Jede Frau hat
den Instinkt, die Neigung, aus ihren Reizen Nutzen zu ziehen, und es
hat viel für sich, sich ohne Liebe, ohne Genuß hinzugeben, man bleibt
hübsch kaltblütig dabei und kann seinen Vorteil wahrnehmen.“

„Wanda, du sagst das?“

„Warum nicht,“ sprach sie, „merk’ dir überhaupt, was ich dir jetzt
sage: +fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst+, denn die
Natur des Weibes birgt mehr Gefahren, als du glaubst. Die Frauen
sind weder so +gut+, wie ihre Verehrer und Verteidiger, noch so
+schlecht+, wie ihre Feinde sie machen. +Der Charakter der Frau ist
die Charakterlosigkeit.+ Die beste Frau sinkt momentan in den Schmutz,
die schlechteste erhebt sich unerwartet zu großen, guten Handlungen
und beschämt ihre Verächter. Kein Weib ist so gut oder so böse, daß es
nicht jeden Augenblick sowohl der teuflischsten, als der göttlichsten,
der schmutzigsten, wie der reinsten Gedanken, Gefühle, Handlungen fähig
wäre. Das Weib ist eben, trotz allen Fortschritten der Zivilisation,
so geblieben, wie es aus der Hand der Natur hervorgegangen ist, es hat
den Charakter des +Wilden+, welcher sich treu und treulos, großmütig
und grausam zeigt, je nach der Regung, die ihn gerade beherrscht. Zu
allen Zeiten hat nur ernste, tiefe Bildung den sittlichen Charakter
geschaffen; so folgt der Mann, auch wenn er selbstsüchtig, wenn er
böswillig ist, stets +Prinzipien+, das Weib aber folgt immer nur
+Regungen+. Vergiß das nie und fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das
du liebst.“

                             *           *
                                   *

Die Freundin ist fort. Endlich ein Abend mit ihr allein. Es ist, als
hätte Wanda alle Liebe, welche sie mir entzogen hat, für diesen einen
seligen Abend aufgespart, so gütig, so innig, so voll der Gnaden ist
sie.

Welche Seligkeit, an ihren Lippen zu hängen, in ihren Armen
hinzusterben und dann, wie sie so ganz aufgelöst, so ganz mir
hingegeben an meiner Brust ruht und unsere Augen wonnetrunken
ineinander tauchen.

Ich kann es noch nicht glauben, nicht fassen, daß dieses Weib mein ist,
ganz mein.

„In einem Punkte hat sie doch recht,“ begann Wanda, ohne sich zu regen,
ohne nur die Augen zu öffnen, wie im Schlaf.

„Wer?“

Sie schwieg.

„Deine Freundin?“

Sie nickte. „Ja, sie hat recht, du bist kein Mann, du bist ein
Phantast, ein reizender Anbeter, und wärst gewiß ein unbezahlbarer
Sklave, aber als Gatten kann ich dich mir nicht denken.“

Ich erschrak.

„Was hast du? du zitterst?“

„Ich bebe bei dem Gedanken, wie leicht ich dich verlieren kann,“
erwiderte ich.

„Nun, bist du deshalb jetzt weniger glücklich?“ entgegnete sie, „raubt
es dir etwas von deinen Freuden, daß ich vor dir anderen gehört habe,
daß mich andere nach dir besitzen werden, und würdest du weniger
genießen, wenn ein anderer mit dir zugleich glücklich wäre?“

„Wanda!“

„Siehst du,“ fuhr sie fort, „das wäre ein Ausweg. Du willst mich nie
verlieren, mir bist du lieb und sagst mir geistig so zu, daß ich immer
mit dir leben möchte, wenn ich neben dir --“

„Welch ein Gedanke!“ schrie ich auf, „ich empfinde eine Art Grauen vor
dir.“

„Und liebst du mich weniger?“

„Im Gegenteil.“

Wanda hatte sich auf ihren linken Arm aufgerichtet. „Ich glaube,“
sprach sie, „daß man, um einen Mann für immer zu fesseln, ihm vor allem
nicht treu sein darf. Welche brave Frau ist je so angebetet worden, wie
eine Hetäre?“

„In der Tat liegt in der Treulosigkeit eines geliebten Weibes ein
schmerzhafter Reiz, die höchste Wollust.“

„Auch für dich?“ fragte Wanda rasch.

„Auch für mich.“

„Wenn ich dir also dies Vergnügen mache?“ rief Wanda spöttisch.

„So werde ich entsetzlich leiden, dich aber um so mehr anbeten,“
entgegnete ich, „nur dürftest du mich nie betrügen, sondern müßtest die
dämonische Größe haben, mir zu sagen: ich werde dich allein lieben,
aber jeden glücklich machen, der mir gefällt.“

Wanda schüttelte den Kopf. „Mir widerstrebt der Betrug, ich bin
ehrlich, aber welcher Mann erliegt nicht unter der Wucht der Wahrheit.
Wenn ich dir sagen würde: dies sinnlich heitere Leben, dies Heidentum
ist mein Ideal, würdest du die Kraft haben, es zu ertragen?“

„Gewiß. Ich will alles von dir ertragen, nur dich nicht verlieren. Ich
fühle ja, wie wenig ich dir eigentlich bin.“

„Aber Severin --“

„Es ist doch so,“ sprach ich, „und eben deshalb --“

„Deshalb möchtest du --“ sie lächelte schelmisch -- „hab’ ich es
erraten?“

„Dein Sklave sein!“ rief ich, „dein willenloses, unbeschränktes
Eigentum, mit dem du nach Belieben schalten kannst, und das dir daher
nie zur Last werden kann. Ich möchte, während du das Leben in vollen
Zügen schlürfst, in üppigem Luxus gebettet das heitere Glück, die Liebe
des Olymps genießest, dir dienen, dir die Schuhe an- und ausziehen.“

„Eigentlich hast du nicht so unrecht,“ erwiderte Wanda, „denn nur als
mein Sklave könntest du es ertragen, daß ich andere liebe, und dann,
die Freiheit des Genusses der antiken Welt ist nicht denkbar ohne
Sklaverei. O! es muß ein Gefühl von Gottähnlichkeit geben, wenn man
Menschen vor sich knien, zittern sieht. Ich will Sklaven haben, hörst
du, Severin?“

„Bin ich nicht dein Sklave?“

„Hör’ mich also,“ sprach Wanda aufgeregt, meine Hand fassend, „ich will
dein sein, so lange ich dich liebe.“

„Einen Monat?“

„Vielleicht auch zwei.“

„Und dann?“

„Dann bist du mein Sklave.“

„Und du?“

„Ich? was fragst du noch? ich bin eine Göttin und steige manchmal
leise, ganz leise und heimlich aus meinem Olymp zu dir herab.“

„Aber was ist dies alles,“ sprach Wanda, den Kopf in beide Hände
gestützt, den Blick in die Weite verloren, „eine goldene Phantasie,
welche nie wahr werden kann.“ Eine unheimliche, brütende Schwermut war
über ihr ganzes Wesen ausgegossen; so hatte ich sie noch nie gesehen.

„Und warum unausführbar?“ begann ich.

„Weil es bei uns keine Sklaverei gibt.“

„So gehen wir in ein Land, wo sie noch besteht, in den Orient, in die
Türkei,“ sagte ich lebhaft.

„Du wolltest -- Severin -- im Ernste,“ entgegnete Wanda. Ihre Augen
brannten.

„Ja, ich will im Ernste dein Sklave sein,“ fuhr ich fort, „ich will,
daß deine Gewalt über mich durch das Gesetz geheiligt, daß mein Leben
in deiner Hand ist, nichts auf dieser Welt mich vor dir schützen oder
retten kann. O! welche Wollust, wenn ich mich ganz nur von deiner
Willkür, deiner Laune, einem Winke deines Fingers abhängig fühle. Und
dann -- welche Seligkeit, -- wenn du einmal gnädig bist, wenn der
Sklave die Lippen küssen darf, an denen für ihn Tod und Leben hängt!“
Ich kniete nieder und lehnte meine heiße Stirne an ihre Knie.

„Du fieberst, Severin,“ sprach Wanda erregt, „und du liebst mich
wirklich so unendlich?“ Sie schloß mich an ihre Brust und bedeckte mich
mit Küssen.

„Willst du also?“ begann sie zögernd.

„Ich schwöre dir hier, bei Gott und meiner Ehre, ich bin dein Sklave,
wo und wann du willst, sobald du es befiehlst,“ rief ich, meiner kaum
mehr mächtig.

„Und wenn ich dich beim Worte nehme?“ rief Wanda.

„Tu es.“

„Es hat einen Reiz für mich,“ sprach sie hierauf, „der kaum
seinesgleichen hat, einen Mann, der mich anbetet und den ich von ganzer
Seele liebe, mir so ganz hingegeben, von meinem Willen, meiner Laune
abhängig zu wissen, diesen Mann als Sklaven zu besitzen, während ich --“

Sie sah mich seltsam an.

„Wenn ich recht frivol werde, so bist du schuld --“ fuhr sie fort --
„ich glaube beinahe, du fürchtest dich jetzt schon vor mir, aber ich
habe deinen Schwur.“

„Und ich werde ihn halten.“

„Dafür laß mich sorgen,“ entgegnete sie. „Jetzt finde ich Genuß darin,
jetzt soll es bei Gott nicht lange mehr beim Phantasieren bleiben.
Du wirst mein Sklave, und ich -- ich werde versuchen, ‚+Venus im
Pelz+‘ zu sein.“

                             *           *
                                   *

Ich dachte diese Frau endlich zu kennen, zu verstehen, und ich sehe
nun, daß ich wieder von vorne anfangen kann. Mit welchem Widerwillen
nahm sie noch vor kurzem meine Phantasien auf und mit welchem Ernste
betreibt sie jetzt die Ausführung derselben.

Sie hat einen Vertrag entworfen, durch den ich mich bei Ehrenwort und
Eid verbinde, ihr Sklave zu sein, so lange sie es will.

Den Arm um meinen Nacken geschlungen, liest sie mir das unerhörte,
unglaubliche Dokument vor, nach jedem Satze macht ein Kuß den
Schlußpunkt.

„Aber der Vertrag enthält nur Pflichten für mich,“ sprach ich, sie
neckend.

„Natürlich,“ entgegnete sie mit großem Ernste, „du hörst auf, mein
Geliebter zu sein, ich bin also aller Pflichten, aller Rücksichten
gegen dich entbunden. Meine Gunst hast du dann als eine Gnade
anzusehen, Recht hast du keines mehr und darfst daher auch keines
geltend machen. Meine Macht über dich darf keine Grenzen haben.
Bedenke, Mann, du bist ja dann nicht viel besser als ein Hund, ein
lebloses Ding; du bist meine Sache, mein Spielzeug, das ich zerbrechen
kann, sobald es mir eine Stunde Zeitvertreib verspricht. Du bist nichts
und ich bin alles. Verstehst du?“ Sie lachte und küßte mich wieder und
doch überlief mich eine Art Schauer.

„Erlaubst du mir nicht einige Bedingungen --“ begann ich.

„Bedingungen?“ sie runzelte die Stirne. „Ah! du hast bereits Furcht,
oder bereust gar, doch das kommt alles zu spät, ich habe deinen Eid,
dein Ehrenwort. Aber laß hören.“

„Zuerst möchte ich in unserem Vertrag aufgenommen wissen, daß du dich
nie ganz von mir trennst, und dann, daß du mich nie der Roheit eines
deiner Anbeter preisgibst --“

„Aber Severin,“ rief Wanda mit bewegter Stimme, Tränen in den Augen,
„du kannst glauben, daß ich dich, einen Mann, der mich so liebt, der
sich so ganz in meine Hand gibt --“ sie stockte.

„Nein! nein!“ sprach ich, ihre Hände mit Küssen bedeckend, „ich fürchte
nichts von dir, was mich entehren könnte, vergib mir den häßlichen
Augenblick.“

Wanda lächelte selig, legte ihre Wange an die meine und schien
nachzusinnen.

„Etwas hast du vergessen,“ flüsterte sie jetzt schelmisch, „das
Wichtigste.“

„Eine Bedingung?“

„Ja, daß ich immer im Pelz erscheinen muß,“ rief Wanda, „aber dies
verspreche ich dir so, ich werde ihn schon deshalb tragen, weil er mir
das Gefühl einer Despotin gibt, und ich will sehr grausam gegen dich
sein, verstehst du?“

„Soll ich den Vertrag unterzeichnen?“ fragte ich.

„Noch nicht,“ sprach Wanda, „ich werde vorher deine Bedingungen
hinzufügen, und überhaupt wirst du ihn erst an Ort und Stelle
unterzeichnen.“

„In Konstantinopel?“

„Nein. Ich habe es mir überlegt. Welchen Wert hat es für mich, dort
einen Sklaven zu haben, wo jeder Sklaven hat; ich will, hier in unserer
gebildeten, nüchternen, philisterhaften Welt, ich +allein einen
Sklaven haben+, und zwar einen Sklaven, den nicht das Gesetz, nicht
mein Recht oder rohe Gewalt, sondern ganz allein die Macht meiner
Schönheit und meines Wesens willenlos in meine Hand gibt. Das finde
ich pikant. Jedenfalls gehen wir in ein Land, wo man uns nicht kennt,
und wo du daher ohne Anstand vor der Welt als mein Diener auftreten
kannst. Vielleicht nach Italien, nach Rom oder Neapel.“

                             *           *
                                   *

Wir saßen auf Wandas Ottomane, sie in der Hermelinjacke, das offene
Haar wie eine Löwenmähne über den Rücken, und sie hing an meinen Lippen
und sog mir die Seele aus dem Leibe. Mir wirbelte der Kopf, das Blut
begann mir zu sieden, mein Herz pochte heftig gegen das ihre.

„Ich will ganz in deiner Hand sein, Wanda,“ rief ich plötzlich, von
jenem Taumel der Leidenschaft ergriffen, in dem ich kaum mehr klar
denken oder frei beschließen kann, „ohne jede Bedingung, ohne jede
Beschränkung deiner Gewalt über mich, ich will mich auf Gnade und
Ungnade deiner Willkür überliefern.“ Während ich dies sprach, war ich
von der Ottomane zu ihren Füßen herabgesunken und blickte trunken zu
ihr empor.

„Wie schön du jetzt bist,“ rief sie, „dein Auge wie in einer Verzückung
halb gebrochen, entzückt mich, reißt mich hin, dein Blick müßte
wunderbar sein, wenn du totgepeitscht würdest, im Verenden. Du hast das
Auge eines Märtyrers.“

                             *           *
                                   *

Manchmal wird mir doch etwas unheimlich, mich so ganz, so bedingungslos
in die Hand eines Weibes zu geben. Wenn sie meine Leidenschaft, ihre
Macht mißbraucht?

Nun dann erlebe ich, was seit Kindesbeinen meine Phantasie
beschäftigte, mich stets mit süßem Grauen erfüllte. Törichte Besorgnis!
Es ist ein mutwilliges Spiel, das sie mit mir treibt, mehr nicht.
Sie liebt mich ja, und sie ist so gut, eine noble Natur, jeder
Treulosigkeit unfähig; aber es liegt dann in ihrer Hand -- +sie kann,
wenn sie will+ -- welcher Reiz in diesem Zweifel, dieser Furcht.

                             *           *
                                   *

Jetzt verstehe ich die Manon l’Escault und den armen Chevalier, der sie
auch noch als die Maitresse eines anderen, ja auf dem Pranger anbetet.

Die Liebe kennt keine Tugend, kein Verdienst, sie liebt und vergibt und
duldet alles, weil sie muß; nicht unser Urteil leitet uns, nicht die
Vorzüge oder Fehler, welche wir entdecken, reizen uns zur Hingebung
oder schrecken uns zurück.

Es ist eine süße, wehmütige, geheimnisvolle Gewalt, die uns treibt, und
wir hören auf zu denken, zu empfinden, zu wollen, wir lassen uns von
ihr treiben und fragen nicht wohin?

                             *           *
                                   *

Auf der Promenade erschien heute zum erstenmal ein russischer Fürst,
welcher durch seine athletische Gestalt, seine schöne Gesichtsbildung,
den Luxus seines Auftretens allgemeines Aufsehen erregte. Die Damen
besonders staunten ihn wie ein wildes Tier an, er aber schritt finster,
niemand beachtend, von zwei Dienern, einem Neger ganz in roten
Atlas gekleidet und einem Tscherkessen in voller blitzender Rüstung
begleitet, durch die Alleen. Plötzlich sah er Wanda, heftete seinen
kalten durchdringenden Blick auf sie, ja wendete den Kopf nach ihr, und
als sie vorüber war, blieb er stehen und sah ihr nach.

Und sie -- sie verschlang ihn nur mit ihren funkelnden grünen Augen --
und bot alles auf, ihm wieder zu begegnen.

Die raffinierte Koketterie, mit der sie ging, sich bewegte, ihn ansah,
schnürte mir den Hals zusammen. Als wir nach Hause gingen, machte ich
eine Bemerkung darüber. Sie runzelte die Stirne.

„Was willst du denn,“ sprach sie, „der Fürst ist ein Mann, der mir
gefallen könnte, der mich sogar blendet, und ich bin frei, ich kann
tun, was ich will --“

„Liebst du mich denn nicht mehr --“ stammelte ich erschrocken.

„Ich liebe nur dich,“ entgegnete sie, „aber ich werde mir von dem
Fürsten den Hof machen lassen.“

„Wanda!“

„Bist du nicht mein Sklave?“ sagte sie ruhig. „Bin ich nicht Venus, die
grausame nordische Venus im Pelz?“

Ich schwieg; ich fühlte mich von ihren Worten förmlich zermalmt, ihr
kalter Blick drang mir wie ein Dolch in das Herz.

„Du wirst sofort den Namen, die Wohnung, alle Verhältnisse des Fürsten
erfragen, verstehst du?“ fuhr sie fort.

„Aber --“

„Keine Einwendung. Gehorche!“ rief Wanda mit einer Strenge, die ich bei
ihr nie für möglich gehalten hätte. „Komme mir nicht unter die Augen,
ehe du alle meine Fragen beantworten kannst.“

Erst Nachmittag konnte ich Wanda die gewünschten Auskünfte bringen.
Sie ließ mich wie einen Bedienten vor sich stehen, während sie mir im
Fauteuil zurückgelehnt lächelnd zuhörte. Dann nickte sie, sie schien
zufrieden.

„Gib mir den Fußschemel!“ befahl sie kurz.

Ich gehorchte und blieb, nachdem ich ihn vor sie gestellt und sie ihre
Füße darauf gesetzt hatte, vor ihr knien.

„Wie wird dies enden?“ fragte ich nach einer kurzen Pause traurig.

Sie brach in ein mutwilliges Gelächter aus. „Es hat ja noch gar nicht
angefangen.“

„Du bist herzloser, als ich dachte,“ erwiderte ich verletzt.

„Severin,“ begann Wanda ernst. „Ich habe noch nichts getan, nicht das
Geringste, und du nennst mich schon herzlos. Wie wird das werden, wenn
ich deine Phantasien erfülle, wenn ich ein lustiges, freies Leben
führe, einen Kreis von Anbetern um mich habe, und ganz dein Ideal, dir
Fußtritte und Peitschenhiebe gebe?“

„Du nimmst meine Phantasie zu ernst.“

„Zu ernst? Sobald ich sie ausführe, kann ich doch nicht beim Scherze
stehen bleiben,“ entgegnete sie, „du weißt, wie verhaßt mir jedes
Spiel, jede Komödie ist. Du hast es so gewollt. War es meine Idee oder
die deine? Habe ich dich dazu verführt oder hast du meine Einbildung
erhitzt? Nun ist es mir allerdings Ernst.“

„Wanda,“ erwiderte ich liebevoll, „höre mich ruhig an. Wir lieben uns
so unendlich, wir sind so glücklich, willst du unsere ganze Zukunft
einer Laune opfern?“

„Es ist keine Laune mehr!“ rief sie.

„Was denn?“ fragte ich erschrocken.

„Es lag wohl in mir,“ sprach sie ruhig, gleichsam nachsinnend,
„vielleicht wäre es nie an das Licht getreten, aber du hast es geweckt,
entwickelt, und jetzt, wo es zu einem mächtigen Trieb geworden ist, wo
es mich ganz erfüllt, wo ich einen Genuß darin finde, wo ich nicht mehr
anders kann und will, jetzt willst du zurück -- du -- bist du ein Mann?“

„Liebe, teure Wanda!“ ich begann sie zu streicheln, zu küssen.

„Laß mich -- du bist kein Mann --“

„Und du!“ brauste ich auf.

„Ich bin eigensinnig,“ sagte sie, „das weißt du. Ich bin nicht im
Phantasieren stark und im Ausführen schwach wie du; wenn ich mir etwas
vornehme, führe ich es aus, und um so gewisser, je mehr Widerstand ich
finde. Laß mich!“

Sie stieß mich von sich und stand auf.

„Wanda!“ Ich erhob mich gleichfalls und stand ihr Aug’ in Auge
gegenüber.

„Du kennst mich jetzt,“ fuhr sie fort, „ich warne dich noch einmal. Du
hast noch die Wahl. Ich zwinge dich nicht, mein Sklave zu werden.“

„Wanda,“ antwortete ich bewegt, mir traten Tränen in die Augen, „du
weißt nicht, wie ich dich liebe.“

Sie zuckte verächtlich die Lippen.

„Du irrst dich, du machst dich häßlicher, als du bist, deine Natur ist
viel zu gut, zu nobel --“

„Was weißt du von meiner Natur,“ unterbrach sie mich heftig, „du sollst
mich noch kennen lernen.“

„Wanda!“

„Entschließe dich, willst du dich fügen, unbedingt?“

„Und wenn ich nein sage.“

„Dann --“

Sie trat kalt und höhnisch auf mich zu, und wie sie jetzt vor mir
stand, die Arme auf der Brust verschränkt, mit dem bösen Lächeln um die
Lippen, war sie in der Tat das despotische Weib meiner Phantasie und
ihre Züge erschienen hart, und in ihrem Blicke lag nichts, was Güte
oder Erbarmen versprach. „Gut --“ sprach sie endlich.

„Du bist böse,“ sagte ich, „du wirst mich peitschen.“

„O nein!“ entgegnete sie, „ich werde dich gehen lassen. Du bist frei.
Ich halte dich nicht.“

„Wanda -- mich, der dich so liebt --“

„Ja, Sie, mein Herr, der Sie mich anbeten,“ rief sie verächtlich, „aber
ein Feigling, ein Lügner, ein Wortbrüchiger sind. Verlassen Sie mich
augenblicklich --“

„Wanda! --“

„Mensch!“

Mir stieg das Blut zum Herzen. Ich warf mich zu ihren Füßen und begann
zu weinen.

„Noch Tränen!“ sie begann zu lachen. O! Dieses Lachen war furchtbar.
„Gehen Sie -- ich will Sie nicht mehr sehen.“

„Mein Gott!“ rief ich außer mir. „Ich will ja alles tun, was du
befiehlst, dein Sklave sein, deine Sache, mit der du nach Willkür
schaltest -- nur stoße mich nicht von dir -- ich gehe zugrunde -- ich
kann nicht leben ohne dich,“ ich umfaßte ihre Knie und bedeckte ihre
Hand mit Küssen.

„Ja, du mußt Sklave sein, die Peitsche fühlen -- denn ein Mann bist du
nicht,“ sprach sie ruhig, und das war es, was mir so an das Herz griff,
daß sie nicht im Zorne, ja nicht einmal erregt, sondern mit voller
Überlegung zu mir sprach. „Ich kenne dich jetzt, deine Hundenatur, die
anbetet, wo sie mit Füßen getreten wird und um so mehr, je mehr sie
mißhandelt wird. Ich kenne dich jetzt, du aber sollst mich erst kennen
lernen.“

Sie ging mit großen Schritten auf und ab, während ich vernichtet auf
meinen Knien liegen blieb, das Haupt war mir herabgesunken, die Tränen
rannen mir herab.

„Komm zu mir,“ herrschte mir Wanda zu, sich auf der Ottomane
niederlassend. Ich folgte ihrem Wink und setzte mich zu ihr. Sie sah
mich finster an, dann wurde ihr Auge plötzlich, gleichsam von innen
heraus erhellt, sie zog mich lächelnd an ihre Brust und begann mir die
Tränen aus den Augen zu küssen.

                             *           *
                                   *

Das eben ist das Humoristische meiner Lage, daß ich, wie der Bär in
Lilis Park, fliehen kann und nicht will, daß ich alles dulde, sobald
sie droht, mir die Freiheit zu geben.

                             *           *
                                   *

Wenn sie nur einmal wieder die Peitsche in die Hand nehmen würde! Diese
Liebenswürdigkeit, mit der sie mich behandelt, hat etwas Unheimliches
für mich. Ich komme mir wie eine kleine, gefangene Maus vor, mit der
eine schöne Katze zierlich spielt, jeden Augenblick bereit, sie zu
zerreißen, und mein Mausherz droht mir zu zerspringen.

Was hat sie vor? Was wird sie mit mir anfangen?

                             *           *
                                   *

Sie scheint den Vertrag, scheint meine Sklaverei vollkommen vergessen
zu haben, oder war es wirklich nur Eigensinn, und sie hat den ganzen
Plan in demselben Augenblicke aufgegeben, wo ich ihr keinen Widerstand
mehr entgegensetzte, wo ich mich ihrer souveränen Laune beugte?

Wie gut sie jetzt gegen mich ist, wie zärtlich, wie liebevoll. Wir
verleben selige Tage.

                             *           *
                                   *

Heute ließ sie mich die Szene zwischen Faust und Mephistopheles lesen,
in welcher letzterer als fahrender Skolast erscheint; ihr Blick hing
mit seltsamer Befriedigung an mir.

„Ich verstehe nicht,“ sprach sie, als ich geendet hatte, „wie ein Mann
große und schöne Gedanken im Vortrage so wunderbar klar, so scharf,
so vernünftig auseinandersetzen und dabei ein solcher Phantast, ein
übersinnlicher Schlemihl sein kann.“

„Warst du zufrieden,“ sagte ich und küßte ihre Hand.

Sie strich mir freundlich über die Stirne. „Ich liebe dich, Severin,“
flüsterte sie, „ich glaube, ich könnte keinen anderen Mann mehr lieben.
Wir wollen vernünftig sein, willst du?“

Statt zu antworten, schloß ich sie in meine Arme; ein tief inniges,
wehmütiges Glück erfüllte meine Brust, meine Augen wurden naß, eine
Träne fiel auf ihre Hand herab.

„Wie kannst du weinen!“ rief sie, „du bist ein Kind.“

                             *           *
                                   *

Wir begegneten bei einer Spazierfahrt dem russischen Fürsten im Wagen.
Er war offenbar unangenehm überrascht, mich an Wandas Seite zu sehen
und schien sie mit seinen elektrischen, grauen Augen durchbohren zu
wollen, sie aber -- ich hätte in diesem Augenblicke vor ihr niederknien
und ihre Füße küssen mögen -- sie schien ihn nicht zu bemerken,
sie ließ ihren Blick gleichgültig über ihn gleiten, wie über einen
leblosen Gegenstand, einen Baum etwa, und wendete sich dann mit ihrem
liebreizenden Lächeln zu mir.

                             *           *
                                   *

Als ich ihr heute gute Nacht sagte, schien sie mir plötzlich ohne jeden
Anlaß zerstreut und verstimmt. Was sie wohl beschäftigen mochte?

„Mir ist leid, daß du gehst,“ sagte sie, als ich schon auf der Schwelle
stand.

„Es liegt ja nur bei dir, die schwere Zeit meiner Prüfung abzukürzen,
gib es auf, mich zu quälen --“ flehte ich.

„Du nimmst also nicht an, daß dieser Zwang auch für mich eine Qual
ist,“ warf Wanda ein.

„So ende sie,“ rief ich, sie umschlingend, „werde mein Weib.“

„+Nie, Severin+,“ sprach sie sanft, aber mit großer Festigkeit.

„Was ist das?“

Ich war bis an das Innerste meiner Seele erschrocken.

„+Du bist kein Mann für mich.+“

Ich sah sie an, zog meinen Arm, welcher noch immer um ihre Taille lag,
langsam zurück und verließ das Gemach, und sie -- sie rief mich nicht
zurück.

                             *           *
                                   *

Eine schlaflose Nacht, ich habe so und so viel Entschlüsse gefaßt und
wieder verworfen. Am Morgen schrieb ich einen Brief, worin ich unser
Verhältnis für gelöst erklärte. Mir zitterte die Hand dabei, und wie
ich ihn siegelte, verbrannte ich mir die Finger.

Als ich die Treppe emporstieg, um ihn dem Stubenmädchen zu übergeben,
drohten mir die Knie zu brechen.

Da öffnete sich die Türe und Wanda steckte den Kopf voll Papilloten
heraus.

„Ich bin noch nicht frisiert,“ sprach sie lächelnd. „Was haben Sie da?“

„Einen Brief --“

„An mich?“

Ich nickte.

„Ah! Sie wollen mit mir brechen,“ rief sie spöttisch.

„Haben Sie nicht gestern erklärt, daß ich kein Mann für Sie bin?“

„+Ich wiederhole es Ihnen+,“ sprach sie.

„Also,“ ich zitterte am ganzen Leibe, die Stimme versagte mir, ich
reichte ihr den Brief.

„Behalten Sie ihn,“ sagte sie, mich kalt betrachtend, „Sie vergessen,
daß ja gar nicht mehr davon die Rede ist, ob sie mir als +Mann+
genügen oder nicht, und zum +Sklaven+ sind Sie jedenfalls gut
genug.“

„Gnädige Frau!“ rief ich empört.

„Ja, so haben Sie mich in Zukunft zu nennen,“ erwiderte Wanda, den
Kopf mit unsäglicher Geringschätzung emporwerfend, „ordnen Sie Ihre
Angelegenheiten binnen vierundzwanzig Stunden, ich reise übermorgen
nach Italien, und Sie begleiten mich als mein Diener.“

„Wanda --“

„Ich verbitte mir jede Vertraulichkeit,“ sagte sie, mir scharf das Wort
abschneidend, „ebenso, daß Sie, ohne daß ich rufe oder klingle, bei
mir eintreten und zu mir sprechen, ohne von mir angeredet zu sein. Sie
heißen von nun an nicht mehr Severin, sondern +Gregor+.“

Ich bebte vor Wut und doch -- ich kann es leider nicht leugnen -- auch
vor Genuß und prickelnder Aufregung.

„Aber, Sie kennen doch meine Verhältnisse, gnädige Frau,“ begann ich
verwirrt, „ich bin noch von meinem Vater abhängig und zweifle, daß er
mir eine so große Summe als ich zu dieser Reise brauche --“

„Das heißt, du hast kein Geld, Gregor,“ bemerkte Wanda vergnügt, „um so
besser, dann bist du vollkommen von mir abhängig und in der Tat mein
Sklave.“

„Sie bedenken nicht,“ versuchte ich einzuwenden, „daß ich als Mann von
Ehre unmöglich --“

„Ich habe wohl bedacht,“ erwiderte sie fast im Tone des Befehls, „daß
Sie als Mann von Ehre vor allem Ihren Schwur, Ihr Wort einzulösen
haben, mir als Sklave zu folgen, wohin ich es gebiete, und mir in allem
zu gehorchen, was ich auch befehlen mag. Nun geh, Gregor!“

Ich wendete mich zur Türe.

„Noch nicht -- du darfst mir vorher die Hand küssen,“ damit reichte sie
mir dieselbe mit einer gewissen stolzen Nachlässigkeit zum Kusse, und
ich -- ich Dilettant -- ich Esel -- ich elender Sklave -- preßte sie
mit heftiger Zärtlichkeit an meine von Hitze und Erregung trockenen
Lippen.

Noch ein gnädiges Kopfnicken.

Dann war ich entlassen.

                             *           *
                                   *

Ich brannte noch spät am Abend Licht und Feuer im großen, grünen Ofen,
denn ich hatte noch manches an Briefen und Schriften zu ordnen, und
der Herbst war, wie es gewöhnlich bei uns der Fall ist, auf einmal mit
voller Gewalt hereingebrochen.

Plötzlich klopfte sie mit dem Stiel der Peitsche an mein Fenster.

Ich öffnete und sah sie draußen stehen in ihrer mit Hermelin besetzten
Jacke und einer hohen, runden Kosakenmütze von Hermelin, in der Art,
wie sie die große Katharina zu tragen liebte.

„Bist du bereit, Gregor?“ fragte sie finster.

„Noch nicht, Herrin,“ entgegnete ich.

„Das Wort gefällt mir,“ sagte sie hierauf, „du darfst mich immer
Herrin nennen, verstehst du? Morgen früh um 9 Uhr fahren wir hier
fort. Bis zur Kreisstadt bist du mein Begleiter, mein Freund, von dem
Augenblicke, wo wir in den Waggon steigen, -- mein Sklave, mein Diener.
Nun schließe das Fenster und öffne die Türe.“

Nachdem ich getan, wie sie geheißen, und sie hereingetreten war,
fragte sie, die Brauen spöttisch zusammenziehend, „nun, wie gefall’ ich
dir?“

„Du --“

„Wer hat dir das erlaubt,“ sie gab mir einen Hieb mit der Peitsche.

„Sie sind wunderbar schön, Herrin.“

Wanda lächelte und setzte sich in meinen Lehnstuhl. „Knie hier nieder
-- hier neben meinem Sessel.“

Ich gehorchte.

„Küss’ mir die Hand.“

Ich faßte ihre kleine kalte Hand und küßte sie.

„Und den Mund --“

Ich schlang meine Arme in leidenschaftlicher Aufwallung um die schöne,
grausame Frau und bedeckte ihr Antlitz, Mund und Büste mit glühenden
Küssen, und sie gab sie mir mit gleichem Feuer zurück -- die Lider wie
im Traum geschlossen -- bis nach Mitternacht.

                             *           *
                                   *

Pünktlich um 9 Uhr morgens, wie sie es befohlen hatte, war alles zur
Abreise bereit, und wir verließen in einer bequemen Kalesche das kleine
Karpathenbad, in dem sich das interessanteste Drama meines Lebens zu
einem Knoten geschürzt hatte, dessen Auflösung damals kaum von jemandem
geahnt werden konnte.

[Illustration]

Noch ging alles gut. Ich saß an Wandas Seite, und sie plauderte auf
das Liebenswürdigste und Geistreichste mit mir, wie mit einem guten
Freunde, über Italien, über Pisemskis neuen Roman und Wagnerische
Musik. Sie trug auf der Reise eine Art Amazone, ein Kleid von
schwarzem Tuche und eine kurze Jacke von gleichem Stoffe mit dunklem
Pelzbesatz, welche sich knapp an ihre schlanken Formen schlossen und
dieselben prächtig hoben, darüber einen dunklen Reisepelz. Das Haar,
in einen antiken Knoten geschlungen, ruhte unter einer kleinen dunklen
Pelzmütze, von welcher ein schwarzer Schleier ringsum herabfiel. Wanda
war sehr gut aufgelegt, steckte mir Bonbons in den Mund, frisierte
mich, löste mein Halstuch und schlang es in eine reizende, kleine
Masche, deckte ihren Pelz über meine Knie, um dann verstohlen die
Finger meiner Hand zusammenzupressen, und wenn unser jüdischer Kutscher
einige Zeit konsequent vor sich hinnickte, gab sie mir sogar einen Kuß
und ihre kalten Lippen hatten dabei jenen frischen, frostigen Duft
einer jungen Rose, welche im Herbste einsam zwischen kahlen Stauden
und gelben Blättern blüht, und deren Kelch der erste Reif mit kleinen,
eisigen Diamanten behangen hat.

                             *           *
                                   *

Das ist die Kreisstadt. Wir steigen vor dem Bahnhofe aus. Wanda wirft
ihren Pelz ab und mir mit einem reizenden Lächeln über den Arm, dann
geht sie die Karten lösen.

Wie sie zurückkehrt, ist sie vollkommen verändert.

„Hier ist dein Billett, Gregor,“ spricht sie in dem Tone, in welchem
hochmütige Damen zu ihren Lakaien sprechen.

„Ein Billett dritter Klasse,“ erwidere ich mit komischem Entsetzen.

„Natürlich,“ fährt sie fort, „nun gib aber acht, du steigst erst dann
ein, wenn ich im Coupé bin und deiner nicht mehr bedarf. Auf jeder
Station hast du zu meinem Waggon zu eilen und nach meinen Befehlen zu
fragen. Versäume dies ja nicht. Und nun gib mir meinen Pelz.“

Nachdem ich ihr demütig wie ein Sklave hineingeholfen, suchte sie,
von mir gefolgt, ein leeres Coupé erster Klasse auf, sprang auf meine
Schulter gestützt hinein und ließ sich von mir die Füße in Bärenfelle
einhüllen und auf die Wärmflasche setzen.

Dann nickte sie mir zu und entließ mich. Ich stieg langsam in einen
Waggon dritter Klasse, der mit dem niederträchtigsten Tabaksqualm, wie
die Vorhölle mit dem Nebel des Acheron gefüllt war, und hatte nun
Muße, über die Rätsel des menschlichen Daseins nachzudenken, und über
das größte dieser Rätsel -- +das Weib+.

                             *           *
                                   *

So oft der Zug hält, springe ich heraus, laufe zu ihrem Waggon und
erwarte mit abgezogener Mütze ihre Befehle. Sie wünscht bald einen
Kaffee, bald ein Glas Wasser, einmal ein kleines Souper, ein anderesmal
ein Becken mit warmem Wasser, um sich die Hände zu waschen, so geht
es fort, sie läßt sich von ein paar Kavalieren, die in ihr Coupé
gestiegen sind, den Hof machen; ich sterbe vor Eifersucht und muß
Sätze machen wie ein Springbock, um jedesmal das Verlangte rasch zur
Stelle zu schaffen und den Zug nicht zu versäumen. So bricht die Nacht
herein. Ich kann weder einen Bissen essen noch schlafen, atme dieselbe
verzwiebelte Luft mit polnischen Bauern, Handelsjuden und gemeinen
Soldaten, und sie liegt, wenn ich die Stufen ihres Coupé ersteige,
in ihrem behaglichen Pelz auf den Polstern ausgestreckt, mit den
Tierfellen bedeckt, eine orientalische Despotin, und die Herren sitzen
gleich indischen Göttern aufrecht an der Wand und wagen kaum zu atmen.

                             *           *
                                   *

In Wien, wo sie einen Tag bleibt, um Einkäufe zu machen, und vor allem
eine Reihe luxuriöser Toiletten anzuschaffen, fährt sie fort, mich als
ihren Bedienten zu behandeln. Ich gehe hinter ihr, respektvoll zehn
Schritte entfernt, sie reicht mir, ohne mich nur eines freundlichen
Blickes zu würdigen, die Pakete und läßt mich zuletzt wie einen Esel
beladen nachkeuchen.

Vor der Abfahrt nimmt sie alle meine Kleider, um sie an die Kellner
des Hotels zu verschenken, und befiehlt mir, ihre Livree anzuziehen,
ein Krakusenkostüm in ihren Farben, hellblau mit rotem Aufschlag und
viereckiger, roter Mütze, mit Pfauenfedern verziert, das mir gar nicht
übel steht.

Die silbernen Knöpfe tragen ihr Wappen. Ich habe das Gefühl, als wäre
ich verkauft oder hätte meine Seele dem Teufel verschrieben.

                             *           *
                                   *

Mein schöner Teufel führte mich in einer Tour von Wien bis Florenz,
statt der leinenen Masuren und fettlockigen Juden leisten mir
jetzt krausköpfige Contadini, ein prächtiger Sergeant des ersten
italienischen Grenadierregiments und ein armer deutscher Maler,
Gesellschaft. Der Tabakdampf riecht jetzt nicht mehr nach Zwiebel,
sondern nach Salami und Käse.

Es ist wieder Nacht geworden. Ich liege auf meinem hölzernen Ruhebette
auf der Folter, Arme und Beine sind mir wie zerbrochen. Aber poetisch
ist die Geschichte doch, die Sterne funkeln ringsum, der Sergeant hat
ein Gesicht wie Apollo von Belvedere, und der deutsche Maler singt ein
wunderbares deutsches Lied:

    „Nun alle Schatten dunkeln
    Und Stern auf Stern erwacht,
    Welch Hauch der heißen Sehnsucht
    Flutet durch die Nacht!“

    „Durch das Meer der Träume
    Steuert ohne Ruh’,
    Steuert meine Seele
    Deiner Seele zu.“

Und ich denke an die schöne Frau, die königlich ruhig in ihren weichen
Pelzen schläft.

                             *           *
                                   *

Florenz! Getümmel, Geschrei, zudringliche Fachini und Fiaker. Wanda
wählt einen Wagen und weist die Träger ab.

„Wozu hätte ich denn einen Diener,“ spricht sie, „Gregor -- hier ist
der Schein -- hole das Gepäck.“

Sie wickelt sich in ihren Pelz und sitzt ruhig im Wagen, während
ich die schweren Koffer, einen nach dem anderen herbeitrage. Unter
dem letzten breche ich einen Augenblick zusammen, ein freundlicher
Carabiniere mit intelligentem Gesicht steht mir bei. Sie lacht.

„Der muß schwer sein,“ sagte sie, „denn in dem sind alle meine Pelze.“

Ich steige auf den Bock und wische mir die hellen Tropfen von der
Stirne. Sie nennt das Hotel, der Fiaker treibt sein Pferd an. In
wenigen Minuten halten wir vor der glänzend erleuchteten Einfahrt.

„Sind Zimmer da?“ fragt sie den Portier.

„Ja, Madame.“

„Zwei für mich, eines für meinen Diener, alle mit Öfen.“

„Zwei elegante, Madame, beide mit Kaminen für Sie,“ entgegnete der
Garçon, der herbeigeeilt ist, „und eines ohne Heizung für den
Bedienten.“

„Zeigen Sie mir die Zimmer.“

Sie besichtigt sie, dann sagt sie kurzweg: „Gut. Ich bin zufrieden,
machen Sie nur rasch Feuer, der Diener kann im ungeheizten Zimmer
schlafen.“

Ich sehe sie nur an.

„Bringe die Koffer herauf, Gregor,“ befiehlt sie, ohne meine Blicke zu
beachten, „ich mache indes Toilette und gehe in den Speisesaal hinab.
Du kannst dann auch etwas zu Nacht essen.“

Während sie in das Nebenzimmer geht, schleppe ich die Koffer herauf,
helfe dem Garçon, der mich über meine „Herrschaft“ in schlechtem
Französisch auszufragen versucht, in ihrem Schlafzimmer Feuer machen
und sehe einen Augenblick mit stillem Neide den flackernden Kamin, das
duftige, weiße Himmelbett, die Teppiche, mit denen der Boden belegt
ist. Dann steige ich müde und hungrig eine Treppe hinab und verlange
etwas zu essen. Ein gutmütiger Kellner, der österreichischer Soldat
war und sich alle Mühe gibt, mich deutsch zu unterhalten, führt mich
in den Speisesaal und bedient mich. Eben habe ich nach sechsunddreißig
Stunden den ersten frischen Trunk getan, den ersten warmen Bissen auf
der Gabel, als sie hereintritt.

Ich erhebe mich.

[Illustration]

„Wie können Sie mich in ein Speisezimmer führen, in dem mein Bedienter
ißt,“ fährt sie den Garçon an, vor Zorn flammend, dreht sich um und
geht hinaus.

Ich danke indes dem Himmel, daß ich wenigstens ruhig weiteressen kann.
Hierauf steige ich vier Treppen zu meinem Zimmer empor, in dem bereits
mein kleiner Koffer steht und ein schmutziges Öllämpchen brennt, es
ist ein schmales Zimmer ohne Kamin, ohne Fenster, mit einem kleinen
Luftloch. Es würde mich -- wenn es nicht so hundekalt wäre -- an die
venetianischen Bleikammern erinnern. Ich muß unwillkürlich laut lachen,
so daß es widerhallt und ich über mein eigenes Gelächter erschrecke.

Plötzlich wird die Türe aufgerissen und der Garçon mit einer
theatralischen Geste, echt italienisch, ruft: „Sie sollen zu Madame
hinabkommen, augenblicklich!“ Ich nehme meine Mütze, stolpere einige
Stufen hinab, komme endlich glücklich im ersten Stockwerke vor ihrer
Türe an und klopfe.

„Herein!“

                             *           *
                                   *

Ich trete ein, schließe und bleibe an der Türe stehen.

Wanda hat es sich bequem gemacht, sie sitzt im Negligé von weißer
Mousseline und Spitzen auf einem kleinen, roten Samtdiwan, die Füße auf
einem Polster von gleichem Stoffe und hat ihren Pelzmantel umgeworfen,
denselben, in dem sie mir zuerst als Göttin der Liebe erschien.

Die gelben Lichter der Armleuchter, die auf dem Trumeau stehen, ihre
Reflexe in dem großen Spiegel und die roten Flammen des Kaminfeuers
spielen herrlich auf dem grünen Samt, dem dunkelbraunen Zobel des
Mantels, auf der weißen, glatt gespannten Haut und in dem roten,
flammenden Haare der schönen Frau, welche mir ihr helles, aber kaltes
Antlitz zukehrt und ihre kalten, grünen Augen auf mir ruhen läßt.

„Ich bin mit dir zufrieden, Gregor,“ begann sie.

Ich verneigte mich.

„Komm näher.“

Ich gehorchte.

„Noch näher,“ sie blickte hinab und strich mit der Hand über den
Zobel. „Venus im Pelz empfängt ihren Sklaven. Ich sehe, daß Sie doch
mehr sind als ein gewöhnlicher Phantast, Sie bleiben mindestens hinter
Ihren Träumen nicht zurück, Sie sind der Mann, was Sie sich auch
einbilden mögen, und wäre es das Tollste, auszuführen; ich gestehe,
das gefällt mir, das imponiert mir. Es liegt Stärke darin, und nur
die Stärke achtet man. Ich glaube sogar, Sie würden in ungewöhnlichen
Verhältnissen, in einer großen Zeit, das was Ihre Schwäche scheint,
als eine wunderbare Kraft offenbaren. Unter den ersten Kaisern wären
Sie ein Märtyrer, zur Zeit der Reformation ein Anabaptist, in der
französischen Revolution einer jener begeisterten Girondisten geworden,
die mit der Marseillaise auf den Lippen die Guillotine bestiegen. So
aber sind Sie mein Sklave, mein --“

Sie sprang plötzlich auf, so daß der Pelz herabsank, und schlang die
Arme mit sanfter Gewalt um meinen Hals.

„Mein geliebter Sklave, Severin, o! wie ich dich liebe, wie ich dich
anbete, wie schmuck du in dem Krakauerkostüme aussiehst, aber du wirst
heute Nacht frieren in dem elenden Zimmer da oben ohne Kamin, soll ich
dir meinen Pelz geben, mein Herzchen, den großen da --“

Sie hob ihn rasch auf, warf ihn mir auf die Schultern und hatte mich,
ehe ich mich versah, vollkommen darin eingewickelt.

„Ah! wie gut das Pelzwerk dir zu Gesichte steht, deine noblen Züge
treten erst recht hervor. Sobald du nicht mehr mein Sklave bist, wirst
du einen Samtrock tragen mit Zobel, verstehst du, sonst ziehe ich nie
mehr eine Pelzjacke an --“

Und wieder begann sie mich zu streicheln, zu küssen und zog mich
endlich auf den kleinen Samtdiwan nieder.

„Du gefällst dir, glaube ich, in dem Pelze,“ sagte sie, „gib ihn mir,
rasch, rasch, sonst verliere ich ganz das Gefühl meiner Würde.“

Ich legte den Pelz um sie, und Wanda schlüpfte mit dem rechten Arme in
den Ärmel.

„So ist es auf dem Bilde von Titian. Nun aber genug des Scherzes. Sieh
doch nicht immer so unglücklich drein, das macht mich traurig, du bist
ja vorläufig nur für die Welt mein Diener, mein Sklave bist du noch
nicht, du hast den Vertrag noch nicht unterzeichnet, du bist noch frei,
kannst mich jeden Augenblick verlassen; du hast deine Rolle herrlich
gespielt. Ich war entzückt, aber hast du es nicht schon satt, findest
du mich nicht abscheulich? Nun, so sprich doch -- ich befehle es dir.“

„Muß ich es dir gestehen, Wanda?“ begann ich.

„Ja, du mußt.“

„Und wenn du es dann auch mißbrauchst,“ fuhr ich fort, „ich bin
verliebter als je in dich, und ich werde dich immer mehr, immer
fanatischer verehren, anbeten, je mehr du mich mißhandelst, so wie du
jetzt gegen mich warst, entzündest du mein Blut, berauschest du alle
meine Sinne“ -- ich preßte sie an mich und hing einige Augenblicke
an ihren feuchten Lippen -- „du schönes Weib,“ rief ich dann, sie
betrachtend, und riß in meinem Enthusiasmus den Zobelpelz von ihren
Schultern und preßte meinen Mund auf ihren Nacken.

„Du liebst mich also, wenn ich grausam bin,“ sprach Wanda, „geh jetzt!
-- du langweilst mich -- hörst du nicht --“

Sie gab mir eine Ohrfeige, daß es mir in dem Auge blitzte und im Ohr
läutete.

„Hilf mir in meinen Pelz, Sklave.“

Ich half, so gut ich konnte.

„Wie ungeschickt,“ rief sie, und kaum hatte sie ihn an, schlug sie mich
wieder ins Gesicht. Ich fühlte es, wie ich mich entfärbte.

„Habe ich dir weh getan?“ fragte sie und legte die Hand sanft auf mich.

„Nein, nein,“ rief ich.

„Du darfst dich allerdings nicht beklagen, du willst es ja so; nun, gib
mir noch einen Kuß.“

Ich schlang die Arme um sie, und ihre Lippen sogen sich an den meinen
fest, und wie sie in dem großen, schweren Pelze an meiner Brust lag,
hatte ich ein seltsames, beklemmendes Gefühl, wie wenn mich ein wildes
Tier, eine Bärin umarmen würde, und mir war es, als müßte ich jetzt
ihre Krallen in meinem Fleische fühlen. Aber für diesmal entließ mich
die Bärin gnädig.

Die Brust von lachenden Hoffnungen erfüllt, stieg ich in mein elendes
Bedientenzimmer und warf mich auf mein hartes Bett.

„Das Leben ist doch eigentlich urkomisch,“ dachte ich mir, „vor kurzem
hat noch das schönste Weib, Venus selbst, an deiner Brust geruht, und
jetzt hast du Gelegenheit, die Hölle der Chinesen zu studieren, welche
die Verdammten nicht, gleich uns, in die Flammen werfen, sondern durch
die Teufel auf Eisfelder treiben lassen.

Wahrscheinlich haben ihre Religionsstifter auch in ungeheizten Zimmern
geschlafen.“

                             *           *
                                   *

Ich bin heute Nacht mit einem Schrei aus dem Schlafe aufgeschreckt,
ich habe von einem Eisfelde geträumt, auf dem ich mich verirrt hatte
und vergebens den Ausweg suchte. Plötzlich kam ein Eskimo in einem mit
Renntier bespannten Schlitten und hatte das Gesicht des Garçons, der
mir das ungeheizte Zimmer angewiesen.

„Was suchen Sie hier, Monsieur?“ rief er, „hier ist der Nordpol.“

Im nächsten Augenblicke war er verschwunden, und Wanda flog auf kleinen
Schlittschuhen über die Eisfläche heran, ihr weißer Atlasrock flatterte
und knisterte, der Hermelin ihrer Jacke und Mütze, vor allem aber ihr
Antlitz schimmerte weißer als der weiße Schnee, sie schoß auf mich zu,
schloß mich in ihre Arme und begann mich zu küssen, plötzlich fühlte
ich mein Blut warm an mir herabrieseln.

„Was tust du?“ fragte ich entsetzt.

Sie lachte, und wie ich sie jetzt ansah, war es nicht mehr Wanda,
sondern eine große, weiße Bärin, welche ihre Tatzen in meinen Leib
bohrte.

Ich schrie verzweifelt auf und hörte ihr teuflisches Gelächter noch,
als ich erwacht war und erstaunt im Zimmer herumsah.

                             *           *
                                   *

Früh am Morgen stand ich bereits an Wandas Türe, und als der Garçon den
Kaffee brachte, nahm ich ihm denselben und servierte ihn meiner schönen
Herrin. Sie hatte bereits Toilette gemacht und sah prächtig aus, frisch
und rosig, lächelte mir freundlich zu und rief mich zurück, als ich
mich respektvoll entfernen wollte.

„Nimm auch rasch dein Frühstück, Gregor,“ sprach sie, „wir gehen dann
sofort Wohnungen suchen, ich will so kurz als möglich im Hotel bleiben,
hier sind wir furchtbar geniert, und wenn ich etwas länger mit dir
plaudre, heißt es gleich: die Russin hat mit ihrem Bedienten ein
Liebesverhältnis, man sieht, die Rasse der Katharina stirbt nicht aus.“

Eine halbe Stunde später gingen wir aus, Wanda in ihrem Tuchkleide,
ihrer russischen Mütze, ich in meinem Krakauerkostüm. Wir erregten
Aufsehen. Ich ging etwa zehn Schritte entfernt hinter ihr und machte
ein finsteres Gesicht, während ich jede Sekunde in lautes Lachen
auszubrechen fürchtete. Es gab kaum eine Straße, in der nicht an
einem der hübschen Häuser eine kleine Tafel mit dem „~Camere
ammobiliate~“ prangte. Wanda sendete mich jedesmal die Treppe
hinauf, und nur wenn ich die Meldung machte, daß die Wohnung ihren
Absichten zu entsprechen scheine, stieg sie selbst empor. So war ich um
Mittag herum bereits so müde, wie ein Jagdhund nach einer Parforcejagd.

Wieder traten wir in ein Haus und wieder verließen wir es, ohne eine
passende Wohnung gefunden zu haben. Wanda war bereits etwas ärgerlich.
Plötzlich sagte sie zu mir: „Severin, der Ernst, mit dem du deine Rolle
spielst, ist reizend, und der Zwang, den wir uns auferlegt haben, regt
mich geradezu auf, ich halte es nicht mehr aus, du bist zu lieb, ich
muß dir einen Kuß geben. Komm in ein Haus hinein.“

„Aber gnädige Frau --“ wendete ich ein.

„Gregor!“ sie trat in die nächste offene Flur, ging einige Stufen der
dunklen Stiege hinauf, schlang dann mit heißer Zärtlichkeit die Arme um
mich und küßte mich.

[Illustration]

„Ach! Severin, du warst sehr klug, du bist als Sklave weit
gefährlicher, als ich dachte, ja, ich finde dich unwiderstehlich, ich
fürchte, ich werde mich noch einmal in dich verlieben.“

„Liebst du mich denn nicht mehr?“ fragte ich, von einem jähen Schrecken
ergriffen.

Sie schüttelte ernsthaft den Kopf, küßte mich aber wieder mit ihren
schwellenden, köstlichen Lippen.

Wir kehrten in das Hotel zurück. Wanda nahm das Gabelfrühstück und
gebot mir, ebenfalls rasch etwas zu essen.

Ich wurde aber selbstverständlich nicht so rasch bedient wie sie, und
so geschah es, daß ich eben den zweiten Bissen meines Beefsteaks zum
Munde führte, als der Garçon eintrat und mit seiner theatralischen
Geste rief: „Augenblicklich zu Madame.“

Ich nahm einen raschen und schmerzlichen Abschied von meinem Frühstück
und eilte müde und hungrig Wanda nach, welche bereits in der Straße
stand.

„Für so grausam habe ich Sie doch nicht gehalten, Herrin,“ sagte ich
vorwurfsvoll, „daß Sie mich nach allen diesen Fatiguen nicht einmal
ruhig essen lassen.“

Wanda lachte herzlich. „Ich dachte, du bist fertig,“ sprach sie, „aber
es ist auch so gut. Der Mensch ist zum Leiden geboren und du ganz
besonders. Die Märtyrer haben auch keine Beefsteaks gegessen.“

Ich folgte ihr grollend, in meinen Hunger verbissen.

„Ich habe die Idee, eine Wohnung in der Stadt zu nehmen, aufgegeben,“
fuhr Wanda fort, „man findet schwer ein ganzes Stockwerk, in dem man
abgeschlossen ist und tun kann, was man will. Bei einem so seltsamen,
phantastischen Verhältnisse, wie es das unsere ist, muß alles
zusammenstimmen. Ich werde eine ganze Villa mieten und -- nun, warte
nur, du wirst staunen. Ich erlaube dir jetzt, dich satt zu essen und
dich dann etwas in Florenz umzusehen. Vor dem Abend komme ich nicht
nach Hause. Wenn ich dich dann brauche, werde ich dich schon rufen
lassen.“

                             *           *
                                   *

Ich habe den Dom gesehen, den Palazzo vecchio, die Loggia di Lanzi und
bin dann lange am Arno gestanden. Immer wieder ließ ich meinen Blick
auf dem herrlichen, altertümlichen Florenz ruhen, dessen runde Kuppeln
und Türme sich weich in den blauen, wolkenlosen Himmel zeichneten, auf
den prächtigen Brücken, durch deren weite Bogen der schöne, gelbe Fluß
seine lebhaften Wellen trieb, auf den grünen Hügeln, welche, schlanke
Zypressen und weitläufige Gebäude, Paläste oder Klöster tragend, die
Stadt umgeben.

Es ist eine andere Welt, in der wir uns befinden, eine heitere,
sinnliche und lachende. Auch die Landschaft hat nichts von dem Ernst,
der Schwermut der unseren. Da ist weithin, bis zu den letzten weißen
Villen, die im hellgrünen Gebirge zerstreut sind, kein Fleckchen, das
die Sonne nicht in das hellste Licht setzen würde, und die Menschen
sind weniger ernst wie wir, und mögen weniger denken, sie sehen aber
alle aus, wie wenn sie glücklich wären.

Man behauptet auch, daß man im Süden leichter stirbt.

Mir ahnt jetzt, daß es eine Schönheit gibt ohne Stachel und eine
Sinnlichkeit ohne Qual.

Wanda hat eine allerliebste kleine Villa auf einem der reizenden Hügel
an dem linken Ufer des Arno, gegenüber der Cascine, entdeckt und für
den Winter gemietet. Dieselbe liegt in einem hübschen Garten mit
reizenden Laubgängen, Grasplätzen und einer herrlichen Camelienflur.
Sie hat nur ein Stockwerk und ist im italienischen Stile im Viereck
erbaut; die eine Front entlang läuft eine offene Galerie, eine Art
Loggia mit Gypsabgüssen antiker Statuen, von der steinerne Stufen in
den Garten hinabführen. Aus der Galerie gelangt man in ein Badezimmer
mit einem herrlichen Marmorbassin, aus dem eine Wendeltreppe in das
Schlafgemach der Herrin führt.

Wanda bewohnt das erste Stockwerk allein.

Mir wurde ein Zimmer ebener Erde angewiesen, es ist sehr hübsch und hat
sogar einen Kamin.

Ich habe den Garten durchstreift und auf einem runden Hügel einen
kleinen Tempel entdeckt, dessen Tor ich verschlossen fand; aber das Tor
hat eine Ritze, und wie ich das Auge an dieselbe lege, sehe ich auf
weißem Piedestal die Liebesgöttin stehen.

Mich ergreift ein leiser Schauer. Mir ist, als lächle sie mir zu: „Bist
du da? Ich habe dich erwartet.“

                             *           *
                                   *

Es ist Abend. Eine hübsche kleine Zofe bringt mir den Befehl, vor
der Herrin zu erscheinen. Ich steige die breite Marmortreppe empor,
gehe durch den Vorsaal, einen großen mit verschwenderischer Pracht
eingerichteten Salon und klopfe an die Türe des Schlafgemachs. Ich
klopfe sehr leise, denn der Luxus, den ich überall entfaltet sehe,
beängstigt mich, und so werde ich nicht gehört und stehe einige Zeit
vor der Türe. Mir ist zumute, als stände ich vor dem Schlafgemach
der großen Katharina und als müßte sie jeden Augenblick im grünen
Schlafpelz mit dem roten Ordensbande auf der bloßen Brust und mit ihren
kleinen, weißen, gepuderten Löckchen heraustreten.

Ich klopfe wieder. Wanda reißt ungeduldig den Flügel auf.

„Warum so spät?“ fragt sie.

„Ich stand vor der Türe, du hast mein Klopfen nicht gehört,“ entgegne
ich schüchtern. Sie schließt die Türe, hängt sich in mich ein und führt
mich zu der rotdamastenen Ottomane, auf der sie geruht hat. Die ganze
Einrichtung des Zimmers, Tapeten, Vorhänge, Portieren, Himmelbett,
alles ist von rotem Damast, und die Decke bildet ein herrliches
Gemälde, Simson und Delila.

Wanda empfängt mich in einem betörenden Deshabillee, das weiße
Atlasgewand fließt leicht und malerisch an ihrem schlanken Leib herab
und läßt Arme und Büste bloß, welche sich weich und nachlässig in die
dunklen Felle des großen grünsamtenen Zobelpelzes schmiegen. Ihr rotes
Haar fällt, halb offen, von Schnüren schwarzer Perlen gehalten, über
den Rücken bis zur Hüfte herab.

„Venus im Pelz,“ flüstre ich, während sie mich an ihre Brust zieht und
mit ihren Küssen zu ersticken droht. Dann spreche ich kein Wort mehr
und denke auch nicht mehr, alles geht unter in einem Meere niegeahnter
Seligkeit.

Wanda machte sich endlich sanft los und betrachtete sich, auf den einen
Arm gestützt. Ich war zu ihren Füßen herabgesunken, sie zog mich an
sich und spielte mit meinem Haare.

„Liebst du mich noch?“ fragte sie, ihr Auge verschwamm in süßer
Leidenschaft.

„Du fragst!“ rief ich.

„Erinnerst du dich noch deines Schwures,“ fuhr sie mit einem reizenden
Lächeln fort, „nun, da alles eingerichtet, alles bereit ist, frage ich
dich noch einmal: ist es wirklich dein Ernst, mein Sklave zu werden?“

„Bin ich es denn nicht bereits?“ fragte ich erstaunt.

„Du hast die Dokumente noch nicht unterschrieben.“

„Dokumente -- was für Dokumente?“

„Ah! ich sehe, du denkst nicht mehr daran,“ sagte sie, „also lassen wir
es bleiben.“

„Aber Wanda,“ sprach ich, „du weißt ja, daß ich keine größere Seligkeit
kenne, als dir zu dienen, dein Sklave zu sein, und daß ich alles um
das Gefühl geben würde, mich ganz in deiner Hand zu wissen, mein Leben
sogar --“

„Wie du schön bist,“ flüsterte sie, „wenn du so begeistert bist, wenn
du so leidenschaftlich sprichst. Ach! ich bin mehr als je in dich
verliebt und da soll ich herrisch sein gegen dich und strenge und
grausam, ich fürchte, ich werde es nicht können.“

„Mir ist nicht bange darum,“ entgegnete ich lächelnd, „wo hast du also
die Dokumente?“

„Hier,“ sie zog sie halb verschämt aus ihrem Busen hervor und reichte
sie mir.

„Damit du das Gefühl hast, ganz in meiner Hand zu sein, habe ich
noch ein zweites Dokument aufgesetzt, in welchem du erklärst, daß du
entschlossen bist, dir das Leben zu nehmen. Ich kann dich dann sogar
töten, wenn ich will.“

„Gib.“

Während ich die Dokumente entfaltete und zu lesen begann, holte Wanda
Tinte und Feder, dann setzte sie sich zu mir, legte den Arm um meinen
Nacken und blickte über meine Schultern in das Papier.

Das erste lautete:


    =Vertrag zwischen Frau Wanda von Dunajew und Herrn Severin von
    Kusiemski.=

    Herr Severin von Kusiemski hört mit dem heutigen Tage auf, der
    Bräutigam der Frau Wanda von Dunajew zu sein und verzichtet auf
    alle seine Rechte als Geliebter; er verpflichtet sich dagegen mit
    seinem Ehrenworte als Mann und Edelmann, fortan der +Sklave+
    derselben zu sein und zwar so lange sie ihm nicht selbst die
    Freiheit zurückgibt.

    Er hat als der Sklave der Frau von Dunajew den Namen Gregor zu
    führen, unbedingt jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, jedem ihrer
    Befehle zu gehorchen, seiner Herrin mit Unterwürfigkeit zu
    begegnen, jedes Zeichen ihrer Gunst als eine außerordentliche Gnade
    anzusehen.

    Frau von Dunajew darf ihren Sklaven nicht allein bei dem geringsten
    Versehen oder Vergehen nach Gutdünken strafen, sondern sie hat
    auch das Recht, ihn nach Laune oder nur zu ihrem Zeitvertreib zu
    mißhandeln, wie es ihr eben gefällt, ja sogar zu töten, wenn es ihr
    beliebt, kurz, er ist ihr unbeschränktes Eigentum.

    Sollte Frau von Dunajew ihrem Sklaven je die Freiheit schenken, so
    hat Herr Severin von Kusiemski alles, was er als Sklave erfahren
    oder erduldet, zu vergessen und +nie und niemals, unter keinen
    Umständen und in keiner Weise an Rache oder Wiedervergeltung zu
    denken+.

    Frau von Dunajew verspricht dagegen, als seine Herrin so oft als
    möglich im Pelz zu erscheinen, besonders wenn sie gegen ihren
    Sklaven grausam sein wird.“

Unter dem Vertrage stand das Datum des heutigen Tages.

Das zweite Dokument entielt nur wenige Worte.

„Seit Jahren des Daseins und seiner Täuschungen überdrüssig, habe ich
meinem wertlosen Leben freiwillig ein Ende gemacht.“

Mich faßte ein tiefes Grauen, als ich zu Ende war, noch war es Zeit,
noch konnte ich zurück, aber der Wahnsinn der Leidenschaft, der Anblick
des schönen Weibes, das aufgelöst an meiner Schulter lehnte, rissen
mich fort.

„Dieses hier mußt du zuerst abschreiben, Severin,“ sprach Wanda, auf
das zweite Dokument deutend, „es muß vollkommen in deinen Schriftzügen
abgefaßt sein, bei dem Vertrage ist das natürlich nicht nötig.“

Ich kopierte rasch die wenigen Zeilen, in denen ich mich als
Selbstmörder bezeichnete, und gab sie Wanda. Sie las und legte sie dann
lächelnd auf den Tisch.

„Nun, hast du den Mut, das zu unterzeichnen?“ fragte sie, den Kopf
neigend, mit einem feinen Lächeln.

Ich nahm die Feder.

„Laß mich zuerst,“ sprach Wanda, „dir zittert die Hand, fürchtest du
dich so sehr vor deinem Glück?“

Sie nahm den Vertrag und die Feder -- ich blickte im Kampfe mit
mir selbst einen Augenblick empor und jetzt erst fiel mir, wie auf
vielen Gemälden italienischer und holländischer Schule, der durchaus
unhistorische Charakter des Deckengemäldes auf, der demselben ein
seltsames, für mich geradezu unheimliches Gepräge gab. Delila, eine
üppige Dame mit flammendem roten Haare, liegt halb entkleidet in einem
dunklen Pelzmantel auf einer roten Ottomane und beugt sich lächelnd
zu Simson herab, den die Philister niedergeworfen und gebunden
haben. Ihr Lächeln ist in seiner spöttischen Koketterie von wahrhaft
infernalischer Grausamkeit, ihr Auge, halb geschlossen, begegnet jenem
Simsons, das noch im letzten Blicke mit wahnsinniger Liebe an dem ihren
hängt, denn schon kniet einer der Feinde auf seiner Brust, bereit, ihm
das glühende Eisen hineinzustoßen.

„So --“ rief Wanda, „du bist ja ganz verloren, was hast du nur, es
bleibt ja doch alles beim Alten, auch wenn du unterschrieben hast,
kennst du mich denn noch immer nicht, Herzchen?“

Ich blickte in den Vertrag. Da stand in großen kühnen Zügen ihr Name.
Noch einmal schaute ich in ihr zauberkräftiges Auge, dann nahm ich die
Feder und unterschrieb rasch den Vertrag.

„Du hast gezittert,“ sprach Wanda ruhig, „soll ich dir die Feder
führen?“

Sie faßte in demselben Augenblick sanft meine Hand, und da stand mein
Name auch auf dem zweiten Papier. Wanda sah beide Dokumente noch einmal
an und schloß sie dann in den Tisch, welcher zu Häupten der Ottomane
stand.

„So -- nun gib mir noch deinen Paß und dein Geld.“

Ich ziehe meine Brieftasche hervor und reiche sie ihr, sie blickt
hinein, nickt und legt sie zu dem Übrigen, während ich vor ihr knie und
mein Haupt in süßer Trunkenheit an ihrer Brust ruhen lasse.

Da stößt sie mich plötzlich mit dem Fuße von sich, springt auf und
zieht die Glocke, auf deren Ton drei junge, schlanke Negerinnen,
wie aus Ebenholz geschnitzt und ganz in roten Atlas gekleidet,
hereintreten, jede einen Strick in der Hand.

[Illustration]

Jetzt begreife ich auf einmal meine Lage und will mich erheben, aber
Wanda, welche, hoch aufgerichtet, ihr kaltes, schönes Antlitz mit
den finsteren Brauen, den höhnischen Augen mir zugewendet, als
Herrin gebietend vor mir steht, winkt mit der Hand, und ehe ich noch
recht weiß, was mit mir geschieht, haben mich die Negerinnen zu Boden
gerissen, mir Beine und Hände fest zusammengeschnürt und die Arme wie
einem, der hingerichtet werden soll, auf den Rücken gebunden, so daß
ich mich kaum bewegen kann.

„Gib mir die Peitsche, Haydée,“ befiehlt Wanda mit unheimlicher Ruhe.

Die Negerin reicht sie kniend der Gebieterin.

„Und nimm mir den schweren Pelz ab,“ fährt diese fort, „er hindert
mich.“

Die Negerin gehorchte.

„Die Jacke dort!“ befahl Wanda weiter.

Haydée brachte rasch die hermelinbesetzte Kazabaika, welche auf dem
Bette lag, und Wanda schlüpfte mit zwei unnachahmlich reizenden
Bewegungen hinein.

„Bindet ihn an die Säule hier.“

Die Negerinnen heben mich auf, schlingen ein dickes Seil um meinen Leib
und binden mich stehend an eine der massiven Säulen, welche den Himmel
des breiten italienischen Bettes tragen.

Dann sind sie auf einmal verschwunden, wie wenn die Erde sie
verschlungen hätte.

Wanda tritt rasch auf mich zu, das weiße Atlasgewand fließt ihr in
langer Schleppe wie Silber, wie Mondlicht nach, ihre Haare lodern
gleich Flammen auf dem weißen Pelz der Jacke; jetzt steht sie vor mir,
die linke Hand in die Seite gestemmt, in der Rechten die Peitsche, und
stößt ein kurzes Lachen aus.

„Jetzt hat das Spiel zwischen uns aufgehört,“ spricht sie mit herzloser
Kälte, „jetzt ist es Ernst, du Tor! den ich verlache und verachte, der
sich +mir+, dem übermütigen, launischen Weibe, in wahnsinniger
Verblendung als Spielzeug hingegeben. Du bist nicht mehr mein
Geliebter, sondern +mein Sklave+, auf Tod und Leben meiner Willkür
preisgegeben.

Du sollst mich kennen lernen!

Vor allem wirst du mir jetzt einmal im Ernste die Peitsche kosten, ohne
daß du etwas verschuldet hast, damit du begreifst, was dich erwartet,
wenn du dich ungeschickt, ungehorsam oder widerspenstig zeigst.“

Sie schürzte hierauf mit wilder Grazie den pelzbesetzten Ärmel auf und
hieb mich über den Rücken.

Ich zuckte zusammen, die Peitsche schnitt wie ein Messer in mein
Fleisch.

„Nun, wie gefällt dir das?“ rief sie.

Ich schwieg.

„Wart’ nur, du sollst mir noch wie ein Hund wimmern unter der
Peitsche,“ drohte sie und begann mich zugleich zu peitschen.

Die Hiebe fielen rasch und dicht, mit entsetzlicher Gewalt auf meinen
Rücken, meine Arme, meinen Nacken, ich biß die Zähne zusammen, um nicht
aufzuschreien. Jetzt traf sie mich ins Gesicht, das warme Blut rann mir
herab, sie aber lachte und peitschte fort.

„Jetzt erst versteh ich dich,“ rief sie dazwischen, „es ist wirklich
ein Genuß, einen Menschen so in seiner Gewalt zu haben und noch dazu
einen Mann, der mich liebt -- du liebst mich doch? -- Nicht -- Oh! ich
zerfleische dich noch, so wächst mir bei jedem Hiebe das Vergnügen;
nun krümme dich doch ein wenig, schreie, wimmere! Bei mir sollst du
kein Erbarmen finden.“

Endlich scheint sie müde.

Sie wirft die Peitsche weg, streckt sich auf der Ottomane aus und
klingelt.

Die Negerinnen treten ein.

„Bindet ihn los.“

[Illustration]

Wie sie mir das Seil lösen, schlage ich wie ein Stück Holz zu Boden.
Die schwarzen Weiber lachen und zeigen die weißen Zähne.

„Löst ihm die Stricke an den Füßen.“

Es geschieht. Ich kann mich erheben.

„Komm zu mir, Gregor.“

Ich nähere mich dem schönen Weibe, das mir noch nie so verführerisch
erschien wie heute in seiner Grausamkeit, in seinem Hohne.

„Noch einen Schritt,“ gebietet Wanda, „knie nieder und küsse mir den
Fuß.“

Sie streckt den Fuß unter dem weißen Atlassaum hervor und ich
übersinnlicher Tor presse meine Lippen darauf.

„Du wirst mich jetzt einen ganzen Monat nicht sehen, Gregor,“ spricht
sie ernst, „damit ich dir fremd werde, du dich leichter in deine neue
Stellung mir gegenüber findest; du wirst während dieser Zeit im Garten
arbeiten und meine Befehle erwarten. Und nun marsch, Sklave!“

                             *           *
                                   *

Ein Monat ist in monotoner Regelmäßigkeit, in schwerer Arbeit, in
schwermütiger Sehnsucht vergangen, in Sehnsucht nach ihr, die mir alle
diese Leiden bereitet. Ich bin dem Gärtner zugewiesen, helfe ihm die
Bäume, die Hecken stutzen, die Blumen umsetzen, die Beete umgraben, die
Kieswege kehren, teile seine grobe Kost und sein hartes Lager, bin mit
den Hühnern auf und gehe mit den Hühnern zur Ruhe, und höre von Zeit
zu Zeit, daß unsere Herrin sich amüsiert, daß sie von Anbetern umringt
ist, und einmal höre ich sogar ihr mutwilliges Lachen bis in den Garten
hinab.

Ich komme mir so dumm vor. Bin ich es bei diesem Leben geworden oder
war ich es schon vorher? Der Monat geht zu Ende, übermorgen -- was wird
sie nun mit mir beginnen, oder hat sie mich vergessen, und ich kann bis
zu meinem seligen Ende Hecken stutzen und Bukette binden?

                             *           *
                                   *

Ein schriftlicher Befehl.

„Der Sklave Gregor wird hiermit zu meinem persönlichen Dienst befohlen.

    Wanda Dunajew.“

                             *           *
                                   *

Mit klopfendem Herzen teile ich am nächsten Morgen die damastene
Gardine und trete in das Schlafgemach meiner Göttin, das noch von
holdem Halbdunkel erfüllt ist.

„Bist du es, Gregor?“ fragt sie, während ich vor dem Kamin knie und
Feuer mache. Ich erzitterte bei dem Tone der geliebten Stimme. Sie
selbst kann ich nicht sehen, sie ruht unnahbar hinter den Vorhängen des
Himmelbettes.

„Ja, gnädige Frau,“ antworte ich.

„Wie spät?“

„Neun Uhr vorbei.“

„Das Frühstück.“

Ich eile es zu holen und knie dann mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette
nieder.

„Hier ist das Frühstück, Herrin.“

Wanda schlägt die Vorhänge zurück und seltsam, wie ich sie in ihren
weißen Kissen mit dem aufgelösten flutenden Haare sehe, erscheint sie
mir im ersten Augenblick vollkommen fremd, ein schönes Weib; aber die
geliebten Züge sind es nicht, dieses Antlitz ist hart und hat einen
unheimlichen Ausdruck von Müdigkeit, von Übersättigung.

Oder habe ich für dies alles früher kein Auge gehabt?

Sie heftet die grünen Augen mehr neugierig als drohend oder etwa
mitleidig auf mich und zieht den dunklen Schlafpelz, in dem sie ruht,
träge über die entblößte Schulter herauf.

In diesem Augenblicke ist sie so reizend, so sinnverwirrend, daß ich
mein Blut zu Kopf und Herzen steigen fühle, und das Brett in meiner
Hand zu schwanken beginnt. Sie bemerkt es und greift nach der Peitsche,
die auf ihrem Nachttisch liegt.

„Du bist ungeschickt, Sklave,“ sagte sie, die Stirne runzelnd.

Ich senke den Blick zur Erde und halte das Brett, so fest ich nur kann,
und sie nimmt ihr Frühstück und gähnt und dehnt ihre üppigen Glieder in
dem herrlichen Pelz.

                             *           *
                                   *

Sie hat geklingelt. Ich trete ein.

„Diesen Brief an den Fürsten Corsini.“

Ich eile in die Stadt, übergebe den Brief dem Fürsten, einem jungen
schönen Mann mit glühenden schwarzen Augen und bringe ihr von
Eifersucht verzehrt die Antwort.

„Was ist dir?“ fragt sie hämisch lauernd, „du bist so entsetzlich
bleich.“

„Nichts, Herrin, ich bin nur etwas rasch gegangen.“

                             *           *
                                   *

Beim Dejeuner ist der Fürst an ihrer Seite, und ich bin verurteilt,
sie und ihn zu bedienen, während sie scherzen und ich für beide gar
nicht auf der Welt bin. Einen Augenblick wird es mir schwarz vor den
Augen, ich schenke eben Bordeaux in sein Glas und schütte ihn über das
Tischtuch, über ihre Robe.

„Wie ungeschickt,“ ruft Wanda und gibt mir eine Ohrfeige, der Fürst
lacht und sie lacht gleichfalls und mir schießt das Blut ins Gesicht.

                             *           *
                                   *

Nach dem Dejeuner fährt sie in die Cascine. Sie kutschiert selbst den
kleinen Wagen mit den hübschen englischen Braunen, ich sitze hinter ihr
und sehe wie sie kokettiert und lächelnd dankt, wenn sie von einem der
vornehmen Herren gegrüßt wird.

Wie ich ihr aus dem Wagen helfe, stützt sie sich leicht auf meinen
Arm, die Berührung durchzuckt mich elektrisch. Ach! das Weib ist doch
wunderbar und ich liebe sie mehr als je.

                             *           *
                                   *

Zum Diner um sechs abends ist eine kleine Gesellschaft von Damen und
Herren da. Ich serviere und diesmal schütte ich keinen Wein über das
Tischtuch.

Eine Ohrfeige ist doch eigentlich mehr als zehn Vorlesungen, man
begreift dabei so schnell, besonders wenn es eine kleine volle
Frauenhand ist, die uns belehrt.

                             *           *
                                   *

Nach dem Diner fährt sie in die Pergola; wie sie die Treppe hinabkommt
in ihrem schwarzen Samtkleide, mit dem großen Kragen von Hermelin, ein
Diadem aus weißen Rosen im Haare, sieht sie wahrhaft blendend aus.
Ich öffne den Schlag, helfe ihr in den Wagen. Vor dem Theater springe
ich vom Bock, sie stützt sich beim Aussteigen auf meinen Arm, welcher
unter der süßen Last erbebt. Ich öffne ihr die Türe der Loge und warte
dann im Gange. Vier Stunden dauert die Vorstellung, während welcher
sie die Besuche ihrer Kavaliere empfängt und ich die Zähne vor Wut
zusammenbeiße.

                             *           *
                                   *

Es ist weit über Mitternacht, als die Klingel der Herrin zum letzten
Male tönt.

„Feuer!“ befiehlt sie kurz, und wie es im Kamine prasselt, „Tee“.

Als ich mit dem Samowar zurückkehre, hat sie sich bereits entkleidet
und schlüpft eben mit Hilfe der Negerin in ihr weißes Negligée.

Haydée entfernt sich hierauf.

„Gib mir den Schlafpelz,“ sagt Wanda, ihre schönen Glieder schläfrig
dehnend. Ich hebe ihn vom Fauteuil und halte ihn, während sie langsam
träge in die Ärmel schlüpft. Dann wirft sie sich in die Polster der
Ottomane.

„Ziehe mir die Schuhe aus und dann die Samtpantoffel an.“

Ich knie nieder und ziehe an dem kleinen Schuh, welcher mir widersteht.
„Rasch! rasch!“ ruft Wanda, „du tust mir weh! warte nur -- ich werde
dich noch abrichten.“ Sie schlägt mich mit der Peitsche, schon ist es
gelungen!

„Und jetzt marsch!“ noch ein Fußtritt -- dann darf ich zur Ruhe gehen.

                             *           *
                                   *

Heute habe ich sie zu einer Soirée begleitet. Im Vorzimmer befahl sie
mir, ihr den Pelz abzunehmen, dann trat sie mit einem stolzen Lächeln,
ihres Sieges gewiß, in den glänzend erleuchteten Saal, und ich konnte
wieder Stunde auf Stunde in trüben einförmigen Gedanken verrinnen
sehen; von Zeit zu Zeit tönte Musik zu mir heraus, wenn die Türe einen
Augenblick geöffnet blieb. Ein paar Lakaien versuchten ein Gespräch
mit mir einzuleiten, da ich aber nur wenige Worte Italienisch spreche,
gaben sie es bald auf.

Ich schlafe endlich ein und träume, daß ich Wanda in einem wütenden
Anfall von Eifersucht morde und zum Tode verurteilt werde, ich sehe
mich an das Brett geschnallt, das Beil fällt, ich fühle es im Nacken,
aber ich lebe noch --

Da schlägt mich der Henker ins Gesicht --

Nein, es ist nicht der Henker, es ist Wanda, welche zornig vor mir
steht und ihren Pelz verlangt. Ich bin im Augenblick bei ihr und helfe
ihr hinein.

Es ist doch ein Genuß, einem schönen üppigen Weibe einen Pelz
umzugeben, zu sehen, zu fühlen, wie ihr Nacken, ihre herrlichen Glieder
sich in die köstlichen weichen Felle schmiegen, und die wogenden
Locken aufzuheben und über den Kragen zu legen, und dann wenn sie ihn
abwirft und die holde Wärme und ein leichter Duft ihres Leibes hängen
an den goldenen Haarspitzen des Zobels -- es ist um die Sinne zu
verlieren!

                             *           *
                                   *

Endlich ein Tag ohne Gäste, ohne Theater, ohne Gesellschaft. Ich atme
auf. Wanda sitzt in der Galerie und liest, für mich scheint sie keinen
Auftrag zu haben. Mit der Dämmerung, dem silbernen Abendnebel zieht sie
sich zurück. Ich bediene sie beim Diner, sie speist allein, aber sie
hat keinen Blick, keine Silbe für mich, nicht einmal -- eine Ohrfeige.

Ach! wie sehne ich mich nach einem Schlag von ihrer Hand.

Mir kommen die Tränen, ich fühle, wie tief sie mich erniedrigt hat, so
tief, daß sie es nicht einmal der Mühe wert findet, mich zu quälen, zu
mißhandeln.

Ehe sie zu Bette geht, ruft mich ihre Klingel.

„Du wirst heute nacht bei mir schlafen, ich habe die vorige Nacht
abscheuliche Träume gehabt und fürchte mich, allein zu sein. Nimm dir
ein Polster von der Ottomane und lege dich auf das Bärenfell zu meinen
Füßen.“

Hierauf verlöschte Wanda die Lichter, so daß nur eine kleine Ampel von
der Decke herab das Zimmer beleuchtete, und stieg in das Bett. „Rühre
dich nicht, damit du mich nicht weckst.“

Ich tat, wie sie befohlen hatte, aber ich konnte lange nicht
einschlafen; ich sah das schöne Weib, schön wie eine Göttin, in ihrem
dunklen Schlafpelz ruhen, auf dem Rücken liegend, die Arme unter dem
Nacken, von ihren roten Haaren überflutet; ich hörte, wie sich ihre
herrliche Brust in tiefem regelmäßigen Atemholen hob, und jedesmal,
wenn sie sich nur regte, war ich wach und lauschte, ob sie meiner
bedürfe.

Aber sie bedurfte meiner nicht.

Ich hatte keine andere Aufgabe zu erfüllen, keine höhere Bedeutung für
sie, als ein Nachtlicht oder ein Revolver, den man sich zum Bette legt.

                             *           *
                                   *

Bin ich toll oder ist sie es? Entspringt dies alles in einem
erfinderischen mutwilligen Frauengehirne, in der Absicht, meine
übersinnlichen Phantasien zu übertreffen, oder ist dies Weib wirklich
eine jener neronischen Naturen, welche einen teuflischen Genuß darin
finden, Menschen, welche denken und empfinden und einen Willen haben
wie sie selbst, gleich einem Wurme unter dem Fuße zu haben?

Was habe ich erlebt!

Als ich mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette niederkniete, legte Wanda
plötzlich die Hand auf meine Schulter und tauchte ihre Augen tief in
die meinen.

„Was du für schöne Augen hast,“ sprach sie leise, „und jetzt erst
recht, seitdem du leidest. Bist du recht unglücklich?“

Ich senkte den Kopf und schwieg.

„Severin! liebst du mich noch,“ rief sie plötzlich leidenschaftlich,
„kannst du mich noch lieben?“ und sie riß mich mit solcher Gewalt an
sich, daß das Brett umklappte, die Kannen und Tassen zu Boden fielen
und der Kaffee über den Teppich lief.

„Wanda -- meine Wanda,“ schrie ich auf und preßte sie heftig an mich
und bedeckte ihren Mund, ihr Antlitz, ihre Brust mit Küssen. „Das ist
ja mein Elend, daß ich dich immer mehr, immer wahnsinniger liebe, je
mehr du mich mißhandelst, je öfter du mich verratest! o! ich werde noch
sterben vor Schmerz und Liebe und Eifersucht.“

„Aber ich habe dich ja noch gar nicht verraten, Severin,“ erwiderte
Wanda lächelnd.

„Nicht? Wanda! Um Gotteswillen! scherze nicht so unbarmherzig mit mir,“
rief ich. „Habe ich nicht selbst den Brief zum Fürsten --“

„Allerdings, eine Einladung zum Dejeuner.“

„Du hast, seitdem wir in Florenz sind --“

„Dir die Treue vollkommen bewahrt,“ entgegnete Wanda, „ich schwöre es
dir bei allem, was mir heilig ist. Ich habe alles nur getan, um deine
Phantasie zu erfüllen, nur deinetwegen.

„Aber ich werde mir einen Anbeter nehmen, sonst ist die Sache nur halb,
und du machst mir am Ende noch Vorwürfe, daß ich nicht grausam genug
gegen dich war. Mein lieber, schöner Sklave! Heute aber sollst du
wieder einmal Severin, sollst du ganz nur mein Geliebter sein. Ich habe
deine Kleider nicht fortgegeben, du findest sie hier im Kasten, ziehe
dich so an, wie du damals warst in dem kleinen Karpathenbade, wo wir
uns so innig liebten; vergiß alles, was seitdem geschehen ist, o, du
wirst es leicht vergessen in meinen Armen, ich küsse dir allen Kummer
weg.“

Sie begann mich wie ein Kind zu zärteln, zu küssen, zu streicheln.
Endlich bat sie mit holdem Lächeln: „Zieh dich jetzt an, auch ich will
Toilette machen; soll ich meine Pelzjacke nehmen? Ja, ja, ich weiß
schon, geh nur!“

Als ich zurückkam, stand sie in ihrer weißen Atlasrobe, der roten mit
Hermelin besetzten Kazabaika, das Haar weiß gepudert, ein kleines
Diamantendiadem über der Stirne, in der Mitte des Zimmers. Einen
Augenblick erinnerte sie mich unheimlich an Katharina II., aber
sie ließ mir keine Zeit zu Erinnerungen, sie zog mich zu sich auf die
Ottomane und wir verbrachten zwei selige Stunden; sie war jetzt nicht
die strenge, launische Herrin, sie war ganz nur die feine Dame, die
zärtliche Geliebte. Sie zeigte mir Photographien, Bücher, welche eben
erschienen waren, und sprach mit mir über dieselben mit so viel Geist
und Klarheit und Geschmack, daß ich mehr als einmal entzückt ihre
Hand an die Lippen führte. Sie ließ mich dann ein paar Gedichte von
Lermontow vortragen, und als ich recht im Feuer war -- legte sie die
kleine Hand liebevoll auf die meine und fragte, während ein holdes
Vergnügen auf ihren weichen Zügen, in ihrem sanften Blicke lag, „bist
du glücklich?“

„Noch nicht.“

Sie legte sich hierauf in die Polster zurück und öffnete langsam ihre
Kazabaika.

Ich aber deckte den Hermelin rasch wieder über ihre halbentblößte
Brust. „Du machst mich wahnsinnig,“ stammelte ich.

„So komm.“

Schon lag ich in ihren Armen, schon küßte sie mich wie eine Schlange
mit der Zunge; da flüsterte sie noch einmal: „Bist du glücklich?“

„Unendlich!“ rief ich.

Sie lachte auf; es war ein böses, gellendes Gelächter, bei dem es mich
kalt überrieselte.

„Früher träumtest du, der Sklave, das Spielzeug eines schönen Weibes
zu sein, jetzt bildest du dir ein, ein freier Mensch, ein Mann, mein
Geliebter zu sein, du Thor! Ein Wink von mir, und du bist wieder
Sklave. -- Auf die Knie.“

Ich sank von der Ottomane herab zu ihren Füßen, mein Auge hing noch
zweifelnd an dem ihren.

„Du kannst es nicht glauben,“ sprach sie, mich mit auf der Brust
verschränkten Armen betrachtend, „ich langweile mich, und du bist eben
gut genug, mir ein paar Stunden die Zeit zu vertreiben. Sieh mich nicht
so an --“

Sie trat mich mit dem Fuße.

„Du bist eben, was ich will, ein Mensch, ein Ding, ein Tier --“

Sie klingelte. Die Negerinnen traten ein.

„Bindet ihm die Hände auf den Rücken.“

Ich blieb knien und ließ es ruhig geschehen. Dann führten sie mich in
den Garten hinab bis zu dem kleinen Weinberg, der ihn gegen den Süden
begrenzt. Zwischen den Traubengeländen war Mais angebaut gewesen, da
und dort ragten noch einzelne dürre Stauden. Seitwärts stand ein Pflug.

Die Negerinnen banden mich an einen Pflock und unterhielten sich damit,
mich mit ihren goldenen Haarnadeln zu stechen. Es dauerte jedoch nicht
lange, so kam Wanda, die Hermelinmütze auf dem Kopf, die Hände in den
Taschen ihrer Jacke, sie ließ mich losbinden, mir die Arme auf den
Rücken schnüren, mir ein Joch auf den Nacken setzen und mich in den
Pflug spannen.

Dann stießen mich ihre schwarzen Teufelinnen in den Acker, die eine
führte den Pflug, die andere lenkte mich mit dem Seil, die dritte trieb
mich mit der Peitsche an, und Venus im Pelz stand zur Seite und sah zu.

                             *           *
                                   *

Wie ich ihr am nächsten Tage das Diner serviere, sagt Wanda: „Bringe
noch ein Gedeck, ich will, daß du heute mit mir speisest,“ und als ich
ihr gegenüber Platz nehmen will: „Nein, zu mir, ganz nahe zu mir.“

[Illustration]

Sie ist in bester Laune, gibt mir Suppe mit ihrem Löffel, füttert
mich mit ihrer Gabel, legt dann den Kopf wie ein spielendes Kätzchen
auf den Tisch und kokettiert mit mir. Es will das Unglück, daß ich
Haydée, welche statt mir die Gerichte bringt, etwas länger ansehe, als
es vielleicht nötig ist; mir fällt erst jetzt ihre edle, beinahe
europäische Gesichtsbildung, die herrliche, statuenhafte Büste, wie aus
schwarzem Marmor gemeißelt, auf. Die schöne Teufelin bemerkt, daß sie
mir gefällt, und blökt lächelnd die Zähne -- kaum hat sie das Gemach
verlassen, so springt Wanda vor Zorn flammend auf.

„Was, du wagst es, vor mir ein anderes Weib so anzusehen! sie gefällt
dir am Ende besser wie ich, sie ist noch dämonischer.“

Ich erschrecke, so habe ich sie noch nie gesehen, sie ist plötzlich
bleich bis in die Lippen und zittert am ganzen Leibe -- Venus im
Pelz ist eifersüchtig auf ihren Sklaven -- sie reißt die Peitsche
vom Nagel herab und haut mich ins Gesicht, dann ruft sie die
schwarzen Dienerinnen, läßt mich durch sie binden und in den Keller
herabschleppen, wo sie mich in ein dunkles, feuchtes, unterirdisches
Gewölbe, einen förmlichen Kerker werfen.

Dann fällt die Türe in das Schloß, Riegel werden vorgeschoben, ein
Schlüssel singt im Schloß. Ich bin gefangen, begraben.

                             *           *
                                   *

Da liege ich nun, ich weiß nicht wie lange, gebunden wie ein Kalb,
das zur Schlachtbank geschleppt wird, auf einem Bund feuchten Strohs,
ohne Licht, ohne Speise, ohne Trank, ohne Schlaf -- sie ist imstande
und läßt mich verhungern, wenn ich nicht früher erfriere. Die Kälte
schüttelt mich. Oder ist es das Fieber. Ich glaube, ich fange an,
dieses Weib zu hassen.

                             *           *
                                   *

Ein roter Streifen, wie Blut, schwimmt über dem Boden, es ist Licht,
das durch die Türe fällt, jetzt wird sie geöffnet.

Wanda erscheint an der Schwelle, in ihren Zobelpelz gehüllt, und
leuchtet mit einer Fackel hinein.

[Illustration]

„Lebst du noch?“ fragt sie.

„Kommst du, mich zu töten?“ antworte ich mit matter, heiserer Stimme.

Mit zwei hastigen Schritten ist Wanda bei mir, kniet an meinem Lager
nieder und nimmt meinen Kopf in ihren Schoß. -- „Bist du krank -- wie
deine Augen glühen, liebst du mich? Ich will, daß du mich liebst.“

Sie zieht einen kurzen Dolch hervor, ich schrecke zusammen, wie seine
Klinge mir vor den Augen blitzt, ich glaube wirklich, daß sie mich
töten will. Sie aber lacht und durchschneidet die Stricke, die mich
fesseln.

                             *           *
                                   *

Sie läßt mich jetzt jeden Abend nach dem Diner kommen, läßt sich von
mir vorlesen und bespricht mit mir allerhand anziehende Fragen und
Gegenstände. Dabei scheint sie ganz verwandelt, es ist, als schäme
sie sich der Wildheit, die sie mir verraten, der Roheit, mit welcher
sie mich behandelt hat. Eine rührende Sanftmut verklärt ihr ganzes
Wesen, und wenn sie mir zum Abschied die Hand reicht, dann liegt in
ihrem Auge jene übermenschliche Gewalt der Güte und Liebe, welche uns
Tränen entlockt, bei der wir alle Leiden des Daseins vergessen und alle
Schrecken des Todes.

                             *           *
                                   *

Ich lese ihr die Manon l’Escault. Sie fühlt die Beziehung, sie spricht
zwar kein Wort, aber sie lächelt von Zeit zu Zeit, und endlich klappt
sie das kleine Buch zu.

„Wollen Sie nicht weiter lesen, gnädige Frau?“

„Heute nicht. Heute spielen wir selbst Manon l’Escault. Ich habe ein
Rendezvous in den Cascinen und Sie, mein lieber Chevalier, werden mich
zu demselben begleiten; ich weiß, Sie tun es, nicht?“

„Sie befehlen.“

„Ich befehle nicht, ich bitte Sie darum,“ spricht sie mit
unwiderstehlichem Liebreiz, dann steht sie auf, legt die Hände auf
meine Schultern und sieht mich an. „Diese Augen!“ ruft sie aus, „ich
liebe dich so, Severin, du weißt nicht, wie ich dich liebe.“

„Ja,“ entgegne ich bitter, „so sehr, daß Sie einem anderen ein
Rendezvous geben.“

„Das tue ich ja nur, um dich zu reizen,“ antwortet sie lebhaft, „ich
muß Anbeter haben, damit ich dich nicht verliere, ich will dich nie
verlieren, niemals, hörst du, denn ich liebe nur dich, dich allein.“

Sie hing leidenschaftlich an meinen Lippen.

„O! könnte ich dir, wie ich möchte, meine ganze Seele im Kusse hingeben
-- so -- nun aber komme.“

Sie schlüpfte in einen einfachen, schwarzen Samtpaletot und umhüllte
ihr Haupt mit einem dunklen Baschlik. Dann ging sie rasch durch die
Galerie und stieg in den Wagen.

„Gregor wird mich fahren,“ rief sie dem Kutscher zu, der sich befremdet
zurückzog.

Ich stieg auf den Bock und peitschte zornig in die Pferde.

In den Cascinen, dort, wo die Hauptallee zu einem dichten Laubgang
wird, stieg Wanda aus. Es war Nacht, nur einzelne Sterne blickten durch
die grauen Wolken, welche über den Himmel zogen. Am Arno stand ein
Mann in einem dunklen Mantel und einem Räuberhut und blickte in die
gelben Wellen. Wanda schritt rasch durch das Gebüsch zur Seite und
schlug ihn auf die Achsel. Ich sah noch, wie er sich zu ihr wendete,
ihre Hand faßte -- dann verschwanden sie hinter der grünen Wand.

Eine qualvolle Stunde. Endlich raschelt es seitwärts im Laube, sie
kehrten zurück.

Der Mann begleitet sie an den Wagen. Das Licht der Laterne fällt voll
und grell auf ein unendlich jugendliches, sanftes und schwärmerisches
Gesicht, das ich nie gesehen habe, und spielt in langen, blonden Locken.

Sie reicht ihm die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßt, dann winkt sie
mir und im Nu fliegt der Wagen längs der langen Laubwand, die wie eine
grüne Tapete gegen den Fluß zu steht, davon.

Man läutet an der Gartenpforte. Ein bekanntes Gesicht. Der Mann aus den
Cascinen.

„Wen darf ich melden?“ frage ich französisch. Der Angeredete schüttelt
beschämt den Kopf.

„Verstehen Sie vielleicht etwas deutsch?“ fragt er schüchtern.

„Jawohl. Ich bitte also um Ihren Namen.“

„Ah! ich habe leider noch keinen,“ antwortet er verlegen -- „sagen Sie
Ihrer Herrin nur, der deutsche Maler aus den Cascinen wäre da und bäte
-- doch da ist sie selbst.“

Wanda war auf den Balkon herausgetreten und nickte dem Fremden zu.

„Gregor, führe den Herrn zu mir,“ rief sie mir zu.

Ich wies dem Maler die Treppe.

„Ich bitte, ich finde jetzt schon; ich danke, danke sehr,“ damit sprang
er die Stufen empor. Ich blieb unten stehen und sah dem armen Deutschen
mit tiefem Mitleid nach.

Venus im Pelz hat seine Seele in ihren roten Haarschlingen gefangen. Er
wird sie malen und dabei verrückt werden.

                             *           *
                                   *

Ein sonniger Wintertag, auf den Blättern der Baumgruppen, auf dem
grünen Plan der Wiese zittert es wie Gold. Die Kamelien am Fuße der
Galerie prangen im reichsten Knospenschmuck. Wanda sitzt in der Loggia
und zeichnet, der deutsche Maler aber steht ihr gegenüber, die Hände
wie anbetend ineinander gelegt und sieht ihr zu, nein, er blickt in ihr
Antlitz und ist ganz versunken in ihren Anblick, wie entrückt.

Sie aber sieht es nicht, sie sieht auch mich nicht, wie ich mit dem
Spaten in der Hand die Blumenbeete umgrabe, nur um sie zu sehen, ihre
Nähe zu fühlen, die wie Musik, wie Poesie auf mich wirkt.

                             *           *
                                   *

Der Maler ist fort. Es ist ein Wagnis, aber ich wage es. Ich trete zur
Galerie hin, ganz nahe und frage Wanda: „Liebst du den Maler, Herrin?“

Sie sieht mich an, ohne mir zu zürnen, schüttelt den Kopf, und endlich
lächelt sie sogar.

„Ich habe Mitleid mit ihm,“ antwortet sie, „aber ich liebe ihn
nicht. Ich liebe niemand. +Dich habe ich geliebt, so innig, so
leidenschaftlich, so tief wie ich nur lieben konnte+, aber jetzt
liebe ich auch dich nicht mehr, mein Herz ist öde, tot, und das macht
mich wehmütig.“

„Wanda!“ rief ich schmerzlich ergriffen.

„Auch du wirst mich bald nicht mehr lieben,“ fuhr sie fort, „sag’
es mir, wenn es einmal so weit ist, ich will dir dann die Freiheit
zurückgeben.“

„Dann bleibe ich mein ganzes Leben dein Sklave, denn ich bete dich an
und werde dich immer anbeten,“ rief ich, von jenem Fanatismus der Liebe
ergriffen, der mir schon wiederholt so verderblich war.

Wanda betrachtete mich mit einem seltsamen Vergnügen. „Bedenke es
wohl,“ sprach sie, „ich habe dich unendlich geliebt und war despotisch
gegen dich, um deine Phantasie zu erfüllen, jetzt zittert noch etwas
von jenem süßen Gefühl als innige Teilnahme für dich in meiner Brust,
wenn auch dies verschwunden ist, wer weiß, ob ich dich dann frei
gebe, ob ich dann nicht wirklich grausam, unbarmherzig, ja roh gegen
dich werde, ob es mir nicht eine diabolische Freude macht, während
ich gleichgültig bin oder einen anderen liebe, den Mann, der mich
abgöttisch anbetet, zu quälen, zu foltern, und an seiner Liebe für mich
sterben zu sehen. Bedenke das wohl!“

„Ich habe alles längst bedacht,“ erwiderte ich, wie im Fieber glühend,
„ich kann nicht sein, nicht leben ohne dich; ich sterbe, wenn du mir
die Freiheit gibst, laß mich dein Sklave sein, töte mich, aber stoße
mich nicht von dir.“

„Nun, so sei mein Sklave,“ erwiderte sie, „aber vergiß nicht, daß ich
dich nicht mehr liebe, und daß deine Liebe daher keinen größeren Wert
für mich hat, wie die Ähnlichkeit eines Hundes, und Hunde tritt man.“

                             *           *
                                   *

Heute habe ich die mediceische Venus besucht.

Es war noch zeitig, der kleine achteckige Saal der Tribuna wie ein
Heiligtum mit Dämmerlicht gefüllt, und ich stand, die Hände gefaltet,
in tiefer Andacht vor dem stummen Götterbilde.

Aber ich stand nicht lange.

Es war noch kein Mensch in der Galerie, nicht einmal ein Engländer,
und da lag ich auf meinen Knien und blickte auf den holden, schlanken
Leib, die knospende Brust, in das jungfräulich wollüstige Angesicht mit
den halbgeschlossenen Augen, auf die duftigen Locken, welche zu beiden
Seiten kleine Hörner zu verbergen scheinen.

                             *           *
                                   *

Die Klingel der Gebieterin.

Es ist Mittag. Sie aber liegt noch im Bett, die Arme im Nacken
verschlungen.

„Ich werde baden,“ spricht sie, „und du wirst mich bedienen. Schließe
die Türe.“

Ich gehorchte.

„Nun geh hinab und versichere dich, daß auch unten gesperrt ist.“

Ich stieg die Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Schlafgemache in das
Badezimmer führte, die Füße brachen mir, ich mußte mich auf das eiserne
Geländer stützen. Nachdem ich die Türe, welche in die Loggia und den
Garten mündete, verschlossen fand, kehrte ich zurück. Wanda saß jetzt
mit offenem Haar, in ihrem grünen Sammetpelz auf dem Bett. Bei einer
raschen Bewegung, welche sie machte, sah ich, daß sie nur mit dem Pelze
bekleidet war und erschrak, ich weiß nicht warum, so furchtbar, wie ein
zum Tode Verurteilter, welcher weiß, daß er dem Schafott entgegen geht,
doch beim Anblick desselben zu zittern beginnt.

„Komm, Gregor, nimm mich auf die Arme.“

„Wie, Herrin?“

„Nun, du sollst mich tragen, verstehst du nicht?“

Ich hob sie auf, so daß sie auf meinen Armen saß, während die ihren
sich um meinen Nacken schlangen, und wie ich so mit ihr die Treppe
langsam, Stufe für Stufe, hinabstieg und ihr Haar von Zeit zu Zeit
an meine Wange schlug und ihr Fuß sich leicht auf mein Knie stemmte,
da erbebte ich unter der schönen Last und dachte, ich müßte jeden
Augenblick unter ihr zusammenbrechen.

Das Badezimmer bestand aus einer weiten und hohen Rotunde, welche ihr
weiches, ruhiges Licht von oben durch die rote Glaskuppel bekam. Zwei
Palmen breiteten ihre großen Blätter als grünes Dach über ein Ruhebett
aus roten, sammetnen Polstern, von dem mit türkischen Teppichen belegte
Stufen in das weite Marmorbassin hinabführten, welches die Mitte
einnahm.

„Oben auf meinem Nachttisch liegt ein grünes Band,“ sagte Wanda,
während ich sie auf dem Ruhebett niederließ, „bringe es mir und bringe
mir auch die Peitsche.“

Ich flog die Treppe hinauf und zurück und legte beides kniend in die
Hand der Gebieterin, welche sich hierauf das schwere elektrische Haar
von mir in einen großen Knoten binden und mit dem grünen Sammetband
befestigen ließ. Dann bereitete ich das Bad und zeigte mich recht
ungeschickt dabei, da mir Hände und Füße den Dienst versagten, und
jedesmal, wenn ich das schöne Weib, das auf den rotsammetnen Polstern
lag und dessen holder Leib von Zeit zu Zeit, da und dort, aus dem
dunklen Pelzwerk hervorleuchtete, betrachten mußte -- denn es war nicht
mein Wille, es zwang mich eine magnetische Gewalt -- empfand ich,
wie alle Wollust, alle Lüsternheit nur in dem Halbverhüllten, pikant
Entblößten liegt, und ich empfand es noch lebhafter, als endlich das
Bassin gefüllt war und Wanda mit einer einzigen Bewegung den Pelzmantel
abwarf, und wie die Göttin in der Tribuna vor mir stand.

In diesem Augenblicke erschien sie mir in ihrer unverhüllten Schönheit
so heilig, so keusch, daß ich vor ihr, wie damals vor der Göttin, in
die Knie sank und meine Lippen andächtig auf ihren Fuß preßte.

Meine Seele, welche vor kurzem noch so wilde Wogen geschlagen, floß auf
einmal ruhig, und Wanda hatte jetzt auch nichts Grausames mehr für mich.

Sie stieg langsam die Stufen hinab, und ich konnte mit einer stillen
Freude, der kein Atom von Qual oder Sehnsucht beigemischt war, sie
betrachten, wie sie in der krystallenen Flut auf und ab tauchte, und
wie die Wellen, welche sie selbst erregte, gleichsam verliebt um sie
spielten.

Unser nihilistischer Ästhetiker hat doch recht: ein wirklicher Apfel
ist schöner als ein gemalter, und ein lebendiges Weib ist schöner als
eine Venus aus Stein.

Und als sie dann aus dem Bade stieg, und die silbernen Tropfen und das
rosige Licht rieselten nur so an ihr herab -- eine stumme Verzückung
umfing mich. Ich schlug die Linnen um sie, ihren herrlichen Leib
trocknend, und jene ruhige Seligkeit blieb mir jetzt auch, als sie
wieder, den einen Fuß auf mich, wie auf einen Schemel setzend, in dem
großen Sammetmantel auf den Polstern ruhte, die elastischen Zobelfelle
sich begehrlich an ihren kalten Marmorleib schmiegten, und der linke
Arm, auf den sie sich stützte, wie ein schlafender Schwan, in dem
dunklen Pelz des Ärmels lag, während ihre Rechte nachlässig mit der
Peitsche spielte.

[Illustration]

Zufällig glitt mein Blick über den massiven Spiegel an der Wand
gegenüber, und ich schrie auf, denn ich sah uns in seinem goldenen
Rahmen wie im Bilde, und dieses Bild war so wunderbar schön, so
seltsam, so phantastisch, daß mich eine tiefe Trauer bei dem Gedanken
faßte, daß seine Linien, seine Farben zerrinnen sollen wie Nebel.

„Was hast du?“ fragte Wanda.

Ich deutete auf den Spiegel.

„Ah! es ist in der Tat schön,“ rief sie aus, „schade, daß man den
Augenblick nicht festhalten kann.“

„Und warum nicht?“ fragte ich, „wird nicht jeder Künstler, auch der
berühmteste, stolz darauf sein, wenn du ihm gestattet, dich durch
seinen Pinsel zu verewigen?“

„Der Gedanke, daß diese außerordentliche Schönheit,“ fuhr ich, sie mit
Begeisterung betrachtend, fort, „diese herrliche Bildung des Gesichtes,
dieses seltsame Auge mit seinem grünen Feuer, dieses dämonische Haar,
diese Pracht des Leibes für die Welt verloren gehen sollen, ist
entsetzlich und faßt mich mit allen Schauern des Todes, der Vernichtung
an; dich aber soll die Hand des Künstlers ihr entreißen, du darfst
nicht wie wir anderen ganz und für immer untergehen, ohne eine Spur
deines Daseins zurückzulassen, dein Bild muß leben, wenn du selbst
schon längst zu Staub zerfallen bist, deine Schönheit muß über den Tod
triumphieren!“

Wanda lächelte.

„Schade, daß das heutige Italien keinen Titian oder Raphael hat,“
sprach sie, „indes vielleicht ersetzt die Liebe das Genie, wer weiß,
unser kleiner Deutscher?“ Sie sann nach.

„Ja -- er soll mich malen -- und ich werde dafür sorgen, daß ihm Amor
die Farben mischt.“

                             *           *
                                   *

Der junge Maler hat in ihrer Villa sein Atelier aufgeschlagen, sie
hat ihn vollkommen im Netz. Er hat eben eine Madonna angefangen, eine
Madonna mit rotem Haare und grünen Augen! Aus diesem Rasseweibe ein
Bild der Jungfräulichkeit machen, das kann nur der Idealismus eines
Deutschen. Der arme Bursche ist wirklich beinahe noch ein größerer Esel
als ich. Das Unglück ist nur, daß unsere Titania unsere Eselohren +zu
früh+ entdeckt hat.

Nun lacht sie über uns, und wie sie lacht, ich höre ihr übermütiges,
melodisches Lachen in seinem Studio, unter dessen offenem Fenster ich
stehe und eifersüchtig lausche.

„Sind Sie toll, mich -- ah! es ist nicht zu glauben, mich als Mutter
Gottes!“ -- rief sie und lachte wieder, „warten Sie nur, ich will Ihnen
ein anderes Bild von mir zeigen, ein Bild, das ich selbst gemalt habe,
sie sollen es mir kopieren.“

Ihr Kopf, im Sonnenlichte flammend, erschien am Fenster.

„Gregor!“

Ich eilte die Stufen hinauf, durch die Galerie in das Atelier.

„Führe ihn in das Badezimmer,“ befahl Wanda, während sie selbst
davoneilte.

Wenige Augenblicke und Wanda kam, nur mit dem Zobelpelz bekleidet, die
Peitsche in der Hand, die Treppe herab und streckte sich wie damals
auf den Sammetpolstern aus; ich lag zu ihren Füßen und sie setzte den
Fuß auf mich, und ihre Rechte spielte mit der Peitsche. „Sieh mich an,“
sprach sie, „mit deinem tiefen, fanatischen Blick -- so -- so ist es
recht.“

Der Maler war entsetzlich bleich geworden, er verschlang die Szene mit
seinen schönen, schwärmerischen, blauen Augen, seine Lippen öffneten
sich, aber blieben stumm.

„Nun, wie gefällt Ihnen das Bild?“

„Ja -- so will ich Sie malen,“ sprach der Deutsche, aber es war
eigentlich keine Sprache, es war ein beredtes Stöhnen, das Weinen einer
kranken, sterbenskranken Seele.

                             *           *
                                   *

Die Zeichnung mit der Kohle ist fertig, die Köpfe, die Fleischpartien
sind grundiert, ihr diabolisches Antlitz tritt bereits in einigen
kecken Strichen hervor, in dem grünen Auge blitzt Leben.

Wanda steht, die Arme auf der Brust verschränkt, vor der Leinwand.

„Das Bild soll, wie viele der venetianischen Schule, zugleich ein
Porträt und eine Historie werden,“ erklärt der Maler, der wieder
totenbleich ist.

„Und wie wollen Sie es dann nennen?“ fragte sie; „aber was ist Ihnen,
sind Sie krank?“

„Ich fürchte --“ antwortete er, mit einem verzehrenden Blicke auf das
schöne Weib im Pelz, „aber sprechen wir von dem Bilde.“

„Ja, sprechen wir von dem Bilde.“

[Illustration]

„Ich denke mir die Liebesgöttin, welche zu einem sterblichen Manne aus
dem Olymp herabgestiegen ist und auf dieser modernen Erde frierend
ihren hehren Leib in einem großen, schweren Pelz, und ihre Füße in dem
Schoße des Geliebten zu wärmen sucht; ich denke mir den Günstling einer
schönen Despotin, welche den Sklaven peitscht, wenn sie müde ist, ihn
zu küssen, und von ihm um so wahnsinniger geliebt wird, je mehr sie
ihn mit Füßen tritt, und so werde ich das Bild ‚+Venus im Pelz+‘
nennen.“

                             *           *
                                   *

Der Maler malt langsam. Um so rascher wächst seine Leidenschaft. Ich
fürchte, er nimmt sich am Ende noch das Leben. Sie spielt mit ihm und
gibt ihm Rätsel auf, und er kann sie nicht lösen und fühlt sein Blut
rieseln -- sie aber unterhält sich dabei.

Während der Sitzung nascht sie Bonbons, dreht aus den Papierhülsen
kleine Kugeln und bewirft ihn damit.

„Es freut mich, daß Sie so gut aufgelegt sind, gnädige Frau,“ spricht
der Maler, „aber Ihr Gesicht hat ganz jenen Ausdruck verloren, den ich
zu meinem Bilde brauche.“

„Jenen Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen,“ erwiderte sie
lächelnd, „gedulden Sie sich nur einen Augenblick.“

Sie richtet sich auf und versetzt mir einen Hieb mit der Peitsche; der
Maler blickt sie starr an, in seinem Antlitz malt sich ein kindliches
Staunen, mischt sich Abscheu und Bewunderung.

Während sie mich peitscht, gewinnt Wandas Antlitz immer mehr jenen
grausamen, höhnischen Charakter, der mich so unheimlich entzückt.

„Ist das jetzt jener Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen?“ ruft
sie. Der Maler senkt verwirrt den Blick vor dem kalten Strahl ihres
Auges.

„Es ist der Ausdruck --“ stammelt er, „aber ich kann jetzt nicht malen
--“

„Wie?“ spricht Wanda spöttisch, „kann ich Ihnen vielleicht helfen?“

„Ja --“ schreit der Deutsche wie im Wahnsinn auf -- „peitschen Sie mich
auch.“

„O! mit Vergnügen,“ erwidert sie, die Achseln zuckend, „aber wenn ich
peitschen soll, so will ich im Ernste peitschen.“

„Peitschen Sie mich tot,“ ruft der Maler.

„Lassen Sie sich also von mir binden?“ frägt sie lächelnd.

„Ja“ -- stöhnt er --

Wanda verließ für einen Augenblick das Gemach und kehrte mit den
Stricken zurück.

„Also -- haben Sie noch den Mut, sich Venus im Pelz, der schönen
Despotin, auf Gnade und Ungnade in die Hände zu geben?“ begann sie
jetzt spöttisch.

„Binden Sie mich,“ antwortete der Maler dumpf. Wanda band ihm die Hände
auf den Rücken, zog ihm einen Strick durch die Arme und einen zweiten
um seinen Leib und fesselte ihn so an das Fensterkreuz, dann schlug sie
den Pelz zurück, ergriff die Peitsche und trat vor ihn hin.

Für mich hatte die Szene einen schauerlichen Reiz, den ich nicht
beschreiben kann, ich fühlte mein Herz schlagen, als sie lachend zum
ersten Hiebe ausholte und die Peitsche durch die Luft pfiff und er
unter ihr leicht zusammenzuckte, und dann, als sie mit halb geöffnetem
Munde, so daß ihre Zähne zwischen den roten Lippen blitzten, auf ihn
lospeitschte, und ehe er sie mit seinen rührenden, blauen Augen um
Gnade zu bitten schien -- es ist nicht zu beschreiben.

                             *           *
                                   *

Sie sitzt ihm jetzt allein. Er arbeitet an ihrem Kopfe.

Mich hat sie im Nebenzimmer hinter dem schweren Türvorhang postiert, wo
ich nicht gesehen werden kann und alles sehe.

Was sie nur hat.

Fürchtet sie sich vor ihm? wahnsinnig genug hat sie ihn gemacht, oder
soll es eine neue Folter für mich werden? Mir zittern die Knie.

Sie sprechen zusammen. Er dämpft seine Stimme so sehr, daß ich nichts
verstehen kann, und sie antwortet ebenso. Was soll das heißen? Besteht
ein Einverständnis zwischen ihnen?

Ich leide furchtbar, mir droht das Herz zu springen.

Jetzt kniet er vor ihr, er umschlingt sie und preßt seinen Kopf an ihre
Brust -- und sie -- die Grausame -- sie lacht -- und jetzt höre ich,
wie sie laut ausruft:

„Ah! Sie brauchen wieder die Peitsche.“

„Weib! Göttin! hast du denn kein Herz -- kannst du nicht lieben,“ ruft
der Deutsche, „weißt du nicht einmal, was das heißt, lieben, sich
in Sehnsucht, in Leidenschaft verzehren, kannst du dir nicht einmal
denken, was ich leide? Hast du denn kein Erbarmen für mich?“

„Nein!“ erwidert sie stolz und spöttisch, „aber die Peitsche.“

Sie zieht sie rasch aus der Tasche ihres Pelzes und schlägt ihn mit dem
Stiel ins Gesicht. Er richtet sich auf und weicht um ein paar Schritte
zurück.

„Können Sie jetzt wieder malen?“ frägt sie gleichgültig. Er antwortet
ihr nicht, sondern tritt wieder vor die Staffelei und ergreift Pinsel
und Palette.

Sie ist wunderbar gelungen, es ist ein Porträt, das an Ähnlichkeit
seinesgleichen sucht, und scheint zugleich ein Ideal, so glühend, so
übernatürlich, so teuflisch, möchte ich sagen, sind die Farben.

Der Maler hat eben alle seine Qualen, seine Anbetung und seinen Fluch
in das Bild hineingemalt.

                             *           *
                                   *

Jetzt malt er mich, wir sind täglich einige Stunden allein. Heute
wendet er sich plötzlich zu mir mit seiner vibrierenden Stimme und sagt:

„Sie lieben dieses Weib?“

„Ja.“

„Ich liebe sie auch.“ Seine Augen schwammen in Tränen. Er schwieg
einige Zeit und malte weiter.

„Bei uns in Deutschland ist ein Berg, in dem sie wohnt,“ murmelte er
dann vor sich hin, „sie ist eine Teufelin.“

                             *           *
                                   *

Das Bild ist fertig. Sie wollte ihm dafür zahlen, großmütig, wie
Königinnen zahlen.

„O! Sie haben mich bereits bezahlt,“ sprach er ablehnend mit einem
schmerzlichen Lächeln.

Ehe er ging, öffnete er geheimnisvoll seine Mappe und ließ mich
hineinblicken -- ich erschrak. Ihr Kopf sah mich gleichsam lebendig wie
aus einem Spiegel an.

„Den nehme ich mit,“ sprach er, „der ist mein, den kann sie mir nicht
entreißen, ich habe ihn mir sauer genug verdient.“

                             *           *
                                   *

„Mir ist eigentlich doch leid um den armen Maler,“ sagte sie heute zu
mir, „es ist albern, so tugendhaft zu sein, wie ich es bin. Meinst du
nicht auch?“

Ich wagte nicht, ihr eine Antwort zu geben.

„O, ich vergaß, daß ich mit einem Sklaven spreche, ich muß hinaus, ich
will mich zerstreuen, will vergessen.“

„Schnell, meinen Wagen!“

                             *           *
                                   *

Eine neue phantastische Toilette, russische Halbstiefel von
veilchenblauem Samt, mit Hermelin besetzt, eine Robe von gleichem
Stoff, durch schmale Streifen und Kokarden desselben Pelzwerkes
emporgehalten und geschürzt, ein entsprechender, anliegender kurzer
Paletot, gleichfalls reich mit Hermelin ausgeschlagen und gefüttert;
eine hohe Mütze von Hermelinpelz im Stile Katharinas II., mit
kleinem Reiherbusch, der von einer Brillanten-Agraffe gehalten wird,
das rote Haar aufgelöst über den Rücken. So steigt sie auf den Bock und
kutschiert selbst, ich nehme den Platz hinter ihr ein. Wie sie in die
Pferde peitscht. Das Gespann fliegt wie rasend dahin.

Sie will heute offenbar Aufsehen erregen, erobern, und das gelingt ihr
vollständig. Heute ist sie die Löwin der Cascine. Man grüßt sie aus den
Wagen; auf dem Pfade für die Fußgeher bilden sich Gruppen, welche von
ihr sprechen. Doch niemand wird von ihr beachtet, hie und da der Gruß
eines älteren Kavaliers mit einem leichten Kopfnicken erwidert.

Da sprengt ein junger Mann auf schlankem wilden Rappen heran; wie
er Wanda sieht, pariert er sein Pferd und läßt es im Schritte gehen
-- schon ist er ganz nahe -- er hält und läßt sie vorbei, und jetzt
erblickt auch sie ihn -- die Löwin den Löwen. Ihre Augen begegnen sich
-- und wie sie an ihm vorbeijagt, kann sie sich von der magischen
Gewalt der seinen nicht losreißen und wendet den Kopf nach ihm.

Mir steht das Herz still bei diesem halb staunenden, halb verzückten
Blick, mit dem sie ihn verschlingt, aber er verdient ihn.

Er ist bei Gott ein schöner Mann. Nein, mehr, er ist ein Mann, wie
ich noch nie einen lebendig gesehen habe. Im Belvedere steht er in
Marmor gehauen, mit derselben schlanken und doch eisernen Muskulatur,
demselben Antlitz, denselben wehenden Locken, und was ihn so
eigentümlich schön macht, ist, daß er keinen Bart trägt. Wenn er minder
feine Hüften hätte, könnte man ihn für ein verkleidetes Weib halten,
und der seltsame Zug um den Mund, die Löwenlippe, welche die Zähne
etwas sehen läßt und dem schönen Gesichte momentan etwas Grausames
verleiht --

Apollo, der den Marsyas schindet.

Er trägt hohe schwarze Stiefel, eng anliegende Beinkleider von weißem
Leder, einen kurzen Pelzrock, in der Art, wie ihn die italienischen
Reiteroffiziere tragen, von schwarzem Tuche mit Astrachanbesatz und
reicher Verschnürung, auf den schwarzen Locken ein rotes Fez.

Jetzt verstehe ich den männlichen Eros und bewundere den Sokrates, der
einem solchen Alcibiades gegenüber tugendhaft blieb.

                             *           *
                                   *

So aufgeregt habe ich meine Löwin noch nie gesehen. Ihre Wangen
loderten, als sie vor der Treppe ihrer Villa vom Wagen sprang, die
Stufen hinaufeilte und mich mit einem gebieterischen Wink ihr folgen
hieß.

Mit großen Schritten in ihrem Gemache auf und ab eilend, begann sie mit
einer Hast, die mich erschreckte.

[Illustration]

„Du wirst erfahren, wer der Mann in den Cascinen war, heute noch,
sofort. --

O welch ein Mann! Hast du ihn gesehen? Was sagst du? Sprich.“

„Der Mann ist schön,“ erwiderte ich dumpf.

„Er ist so schön --“ sie hielt inne und stützte sich auf die Lehne
eines Sessels -- „daß es mir den Atem benommen hat.“

„Ich begreife den Eindruck, den er dir gemacht hat,“ antworte ich;
meine Phantasie riß mich wieder im wilden Wirbel fort -- „ich selbst
war außer mir, und ich kann mir denken --“

„Du kannst dir denken,“ lachte sie auf, „daß dieser Mann mein Geliebter
ist, und daß er dich peitscht, und es dir ein Genuß ist, von ihm
gepeitscht zu werden.

Geh jetzt, geh.“

                             *           *
                                   *

Ehe es Abend war, hatte ich ihn ausgekundschaftet.

Wanda war noch in voller Toilette, als ich zurückkehrte, sie lag auf
der Ottomane, das Gesicht in den Händen vergraben, das Haar verwirrt,
gleich einer roten Löwenmähne.

„Wie nennt er sich?“ fragte sie mit unheimlicher Ruhe.

„Alexis Papadopolis.“

„Ein Grieche also.“

Ich nickte.

„Er ist sehr jung?“

„Kaum älter als du selbst. Man sagt, er sei in Paris gebildet und
nennt ihn einen Atheisten. Er hat auf Candia gegen die Türken gekämpft
und soll sich dort nicht weniger durch seinen Rassehaß und seine
Grausamkeit, wie durch seine Tapferkeit ausgezeichnet haben.“

„Also alles in allem, ein Mann,“ rief sie mit funkelnden Augen.

„Gegenwärtig lebt er in Florenz,“ fuhr ich fort, „er soll enorm reich
sein --“

„Um das habe ich nicht gefragt,“ fiel sie mir rasch und schneidend ins
Wort.

„Der Mann ist gefährlich. Fürchtest du dich nicht vor ihm? Ich fürchte
mich vor ihm. Hat er eine Frau?“

„Nein.“

„Eine Geliebte?“

„Auch nicht.“

„Welches Theater besucht er?“

„Heute abend ist er im Theater Nicolini, wo die geniale Virginia Marini
und Salvini, der erste lebende Künstler Italiens, vielleicht Europas,
spielen.“

„Sieh, daß du eine Loge bekommst -- rasch! rasch!“ befahl sie.

„Aber Herrin --“

„Willst du die Peitsche kosten?“

                             *           *
                                   *

„Du kannst im Parterre warten,“ sprach sie, als ich ihr Opernglas und
Affiche auf die Logenbrüstung gelegt hatte und eben den Schemel zurecht
schob.

Da stehe ich nun und muß mich an die Wand lehnen, um nicht umzusinken
vor Neid und Wut -- nein, Wut ist nicht das Wort dafür, vor Todesangst.

Ich sehe sie im blauen Moirékleide, mit dem großen Hermelinmantel um
die bloßen Schultern in ihrer Loge und ihn ihr gegenüber. Ich sehe,
wie sie sich gegenseitig mit den Augen verschlingen, wie für sie beide
heute die Bühne, Goldonis Pamela, Salvini, die Marini, das Publikum,
ja die Welt untergegangen ist -- und ich, was bin ich in diesem
Augenblicke? --

                             *           *
                                   *

Heute besucht sie den Ball bei dem griechischen Gesandten. Weiß sie,
daß sie ihn dort trifft?

Sie hat sich wenigstens darnach angezogen. Ein schweres meergrünes
Seidenkleid schließt sich plastisch an ihre göttlichen Formen und zeigt
Büste und Arme unverhüllt; in dem Haare, das einen einzigen flammenden
Knoten bildet, blüht eine weiße Seerose, von der grünes Schilf, mit
einzelnen losen Flechten vermischt, auf den Nacken herabfällt. Keine
Spur mehr von Erregung, von jener zitternden Fieberhaftigkeit in ihrem
Wesen, sie ist ruhig, so ruhig, daß mir das Blut dabei erstarrt, und
ich mein Herz unter ihrem Blicke kalt werden fühle. Langsam, mit müder
träger Majestät, steigt sie die Marmorstufen hinauf, läßt ihre kostbare
Umhüllung herabgleiten und tritt nachlässig in den Saal, den Rauch von
hundert Kerzen mit silbernem Nebel gefüllt hat.

Einige Augenblicke sehe ich ihr wie verloren nach, dann hebe ich ihren
Pelz auf, der, ohne daß ich es wußte, meinen Händen entsunken war. Er
ist noch warm von ihren Schultern.

Ich küsse die Stelle, und Tränen füllen meine Augen.

                             *           *
                                   *

Da ist er.

In seinem, mit dunklem Zobel verschwenderisch ausgeschlagenen schwarzen
Samtrock, ein schöner, übermütiger Despot, der mit Menschenleben und
Menschenseelen spielt. Er steht im Vorsaal, sieht stolz umher und läßt
seine Augen unheimlich lange auf mir ruhen.

Mich faßt unter seinem eisigen Blick wieder jene entsetzliche
Todesangst, die Ahnung, daß dieser Mann sie fesseln, sie berücken, sie
unterjochen kann, und ein Gefühl von Scham seiner wilden Männlichkeit
gegenüber, von Neid, von Eifersucht.

Wie ich mich so recht als den verschraubten schwächlichen
Geistesmenschen fühle! Und was das Schmachvollste ist: ich möchte ihn
hassen und kann es nicht. Und wie kommt es, daß auch er mich, gerade
mich unter dem Schwarm von Dienern herausgefunden hat.

Er winkt mich mit einer unnachahmlichen vornehmen Kopfbewegung zu sich,
und ich -- ich folge seinem Winke -- gegen meinen Willen.

„Nimm mir den Pelz ab,“ befiehlt er ruhig.

Ich zittere am ganzen Leibe vor Empörung, aber ich gehorche, demütig
wie ein Sklave.

                             *           *
                                   *

Ich harre die ganze Nacht im Vorsaal, wie im Fieber phantasierend.
Seltsame Bilder schweben meinem innern Auge vorbei, ich sehe, wie sie
sich begegnen -- den ersten langen Blick -- ich sehe sie in seinen
Armen durch den Saal schweben, trunken, mit halbgeschlossenen Lidern
an seiner Brust liegen -- ich sehe ihn im Heiligtum der Liebe, nicht
als Sklaven, als Herrn auf der Ottomane liegend und sie zu seinen
Füßen, ich sehe mich ihn kniend bedienen, das Teebrett in meiner Hand
schwanken und ihn nach der Peitsche greifen. Jetzt sprechen die Diener
von ihm.

Es ist ein Mann wie ein Weib, er weiß, daß er schön ist und benimmt
sich darnach; er wechselt vier bis fünfmal im Tage seine kokette
Toilette, gleich einer eitlen Kurtisane.

In Paris erschien er zuerst in Frauenkleidern, und die Herren
bestürmten ihn mit Liebesbriefen. Ein durch seine Kunst und
Leidenschaft gleich berühmter italienischer Sänger drang bis in seine
Wohnung und drohte, vor ihm auf den Knien, sich das Leben zu nehmen,
wenn er ihn nicht erhöre.

„Ich bedaure,“ erwiderte er lächelnd, „ich würde Sie mit Vergnügen
begnadigen, aber so bleibt nichts übrig, als Ihr Todesurteil zu
vollstrecken, denn ich bin -- ein Mann.“

                             *           *
                                   *

Der Saal hat sich schon bedeutend geleert -- sie aber denkt offenbar
noch gar nicht daran, aufzubrechen.

Schon dringt der Morgen durch die Jalousien.

Endlich rauscht ihr schweres Gewand, das ihr gleich grünen Wellen
nachfließt, sie kommt Schritt für Schritt im Gespräche mit ihm.

Ich bin für sie kaum mehr auf der Welt, sie nimmt sich nicht einmal
mehr die Mühe, mir einen Befehl zu erteilen.

„Den Mantel für Madame,“ befiehlt er, er denkt natürlich gar nicht
daran, sie zu bedienen.

Während ich ihr den Pelz umgebe, steht er mit gekreuzten Armen neben
ihr. Sie aber stützt, als ich ihr auf meinen Knien liegend die
Pelzschuhe anziehe, die Hand leicht auf seine Schulter und frägt:

„Wie war das mit der Löwin?“

„Wenn der Löwe, den sie gewählt, mit dem sie lebt, von einem anderen
angegriffen wird,“ erzählte der Grieche, „legt sich die Löwin ruhig
nieder und sieht dem Kampfe zu, und wenn ihr Gatte unterliegt, sie
hilft ihm nicht -- sie sieht ihn gleichgültig unter den Klauen des
Gegners in seinem Blute enden und folgt dem Sieger, dem Stärkeren, das
ist die Natur des Weibes.“

Meine Löwin sah mich in diesem Augenblicke rasch und seltsam an.

Mich schauerte es, ich weiß nicht warum, und das rote Frühlicht tauchte
mich und sie und ihn in Blut.

                             *           *
                                   *

Sie ging nicht zu Bette, sondern warf nur ihre Balltoilette ab und
löste ihr Haar, dann befahl sie mir, Feuer zu machen, und saß beim
Kamine und starrte in die Glut.

„Bedarfst du noch meiner, Herrin?“ fragte ich, die Stimme versagte mir
bei dem letzten Worte.

Wanda schüttelte den Kopf.

Ich verließ das Gemach, ging durch die Galerie und setzte mich auf die
Stufen nieder, welche von derselben in den Garten hinabführen. Vom Arno
her wehte ein leichter Nordwind frische feuchte Kühle, die grünen Hügel
standen weithin in rosigem Nebel, goldner Duft schwebte um die Stadt,
die runde Kuppel des Domes.

An dem blaßblauen Himmel zitterten noch einzelne Sterne.

Ich riß meinen Rock auf und preßte die glühende Stirne gegen den
Marmor. Alles, was bis jetzt gewesen, erschien mir als ein kindisches
Spiel; nun aber war es Ernst, furchtbarer Ernst.

Ich ahnte eine Katastrophe, ich sah sie vor mir, ich konnte sie mit
Händen greifen, aber mir fehlte der Mut, ihr zu begegnen, meine Kraft
war gebrochen. Und wenn ich ehrlich bin, nicht die Schmerzen, die
Leiden, die über mich hereinbrechen konnten, nicht die Mißhandlungen,
die mir vielleicht bevorstanden, schreckten mich.

Ich fühle nun eine Furcht, die Furcht, sie, die ich mit einer Art
Fanatismus liebte, zu verlieren, diese aber so gewaltig, so zermalmend,
daß ich plötzlich wie ein Kind zu schluchzen begann.

                             *           *
                                   *

Den Tag über blieb sie in ihrem Zimmer eingeschlossen und ließ sich von
der Negerin bedienen. Als der Abendstern in dem blauen Äther aufglühte,
sah ich sie durch den Garten gehen, und da ich ihr behutsam von weitem
folgte, in den Tempel der Venus treten. Ich schlich ihr nach und
blickte durch die Ritze der Türe.

Sie stand vor dem hehren Bilde der Göttin, wie betend die Hände
gefaltet, und das heilige Licht des Sternes der Liebe warf seine blauen
Strahlen über sie.

                             *           *
                                   *

Nachts auf meinem Lager faßte mich die Angst, sie zu verlieren, die
Verzweiflung mit einer Gewalt, welche mich zum Helden, zum Libertiner
machte. Ich entzündete die kleine, rote Öllampe, welche unter einem
Heiligenbilde im Korridor hängt, und trat, das Licht mit einer Hand
dämpfend, in ihr Schlafgemach.

Die Löwin war endlich matt gehetzt, zu Tode gejagt, in ihren Polstern
eingeschlafen, sie lag auf dem Rücken, die Fäuste geballt, und atmete
schwer. Ein Traum schien sie zu beängstigen. Langsam zog ich die Hand
zurück und ließ das volle, rote Licht auf ihr wunderbares Antlitz
fallen.

Doch sie erwachte nicht.

Ich stellte die Lampe sachte zu Boden, sank vor Wandas Bette nieder und
legte meinen Kopf auf ihren weichen, glühenden Arm.

Sie bewegte sich einen Augenblick, doch sie erwachte auch jetzt nicht.
Wie lange ich so lag, mitten in der Nacht, in entsetzlichen Qualen
versteinert, ich weiß es nicht.

Endlich faßte mich ein heftiges Zittern und ich konnte weinen -- meine
Tränen flossen über ihren Arm. Sie zuckte mehrmals zusammen, endlich
fuhr sie empor, strich mit der Hand über die Augen und blickte auf mich.

„Severin,“ rief sie, mehr erschreckt als zornig.

Ich fand keine Antwort.

„Severin,“ fuhr sie leise fort, „was ist dir? Bist du krank?“

Ihre Stimme klang so teilnehmend, so gut, so liebevoll, daß sie mir
wie mit glühenden Zangen in die Brust griff und ich laut zu schluchzen
begann.

„Severin!“ begann sie von neuem, „du armer unglücklicher Freund.“ Ihre
Hand strich sanft über meine Locken. „Mir ist leid, sehr leid um dich;
aber ich kann dir nicht helfen, ich weiß beim besten Willen keine
Arznei für dich.“

„O! Wanda, muß es denn sein?“ stöhnte ich in meinem Schmerze auf.

„Was, Severin? Wovon sprichst du?“

„Liebst du mich denn gar nicht mehr?“ fuhr ich fort, „fühlst du nicht
ein wenig Mitleid mit mir? Hat der fremde, schöne Mann dich schon ganz
an sich gerissen?“

[Illustration]

„Ich kann nicht lügen,“ entgegnete sie sanft nach einer kleinen Pause,
„er hat mir einen Eindruck gemacht, den ich nicht fassen kann, unter
dem ich selbst leide und zittere, einen Eindruck, wie ich ihn von
Dichtern geschildert gefunden habe, wie ich ihn auf der Bühne sah,
aber für ein Gebilde der Phantasie hielt. O! das ist ein Mann wie ein
Löwe, stark und schön und stolz und doch weich, nicht roh wie unsere
Männer im Norden. Mir tut es leid um dich, glaub’ mir, Severin; aber
ich muß ihn besitzen, was sage ich? ich muß mich ihm hingeben, wenn er
mich will.“

„Denk an deine Ehre, Wanda, die du bisher so makellos bewahrt hast,“
rief ich, „wenn ich dir schon nichts mehr bedeute.“

„Ich denke daran,“ erwiderte sie, „ich will stark sein, so lange ich
kann, ich will --“ sie barg ihr Gesicht verschämt in den Polstern --
„ich will sein Weib werden -- wenn er mich will.“

„Wanda!“ schrie ich, wieder von jener Todesangst erfaßt, die mir
jedesmal den Atem, die Besinnung raubte; „du willst sein Weib werden,
du willst ihm gehören für immer, o! stoße mich nicht von dir! Er liebt
dich nicht --“

„Wer sagt dir das!“ rief sie aufflammend.

„Er liebt dich nicht,“ fuhr ich leidenschaftlich fort, „ich aber liebe
dich, ich bete dich an, ich bin dein Sklave, ich will mich treten
lassen von dir, dich auf meinen Armen durch das Leben tragen.“

„Wer sagt dir, daß er mich nicht liebt!“ unterbrach sie mich heftig.

„O! sei mein,“ flehte ich, „sei mein! Ich kann ja nicht mehr sein,
nicht leben ohne dich. Hab doch Erbarmen, Wanda, Erbarmen!“

Sie sah mich an, und jetzt war es wieder jener kalte, herzlose Blick,
jenes böse Lächeln.

„Du sagst ja, daß er mich nicht liebt,“ sprach sie höhnisch; „nun gut,
tröste dich also damit.“ Zugleich wendete sie sich auf die andere Seite
und kehrte mir schnöd’ den Rücken.

„Mein Gott, bist du denn kein Weib aus Fleisch und Blut, hast du kein
Herz wie ich!“ rief ich, während sich meine Brust wie im Krampfe hob.

„Du weißt es ja,“ entgegnete sie boshaft, „ich bin ein Weib aus Stein,
‚+Venus im Pelz+‘, dein Ideal, knie nur und bete mich an.“

„Wanda!“ flehte ich, „Erbarmen!“

Sie begann zu lachen. Ich drückte mein Gesicht in ihre Polster und ließ
die Tränen, in denen sich mein Schmerz löste, herabströmen.

Lange Zeit war alles stille, dann richtete sich Wanda langsam auf.

„Du langweilst mich,“ begann sie.

„Wanda!“

„Ich bin schläfrig, laß mich schlafen.“

„Erbarmen,“ flehte ich, „stoß mich nicht von dir, es wird dich kein
Mann, es wird dich keiner so lieben, wie ich.“

„Laß mich schlafen,“ -- sie kehrte mir den Rücken.

Ich sprang auf, riß den Dolch, der neben ihrem Bette hing, aus der
Scheide und setzte ihn auf meine Brust.

„Ich töte mich hier vor deinen Augen,“ murmelte ich dumpf.

„Tu, was du willst,“ erwiderte Wanda mit vollkommener Gleichgültigkeit,
„aber laß mich schlafen.“

Dann gähnte sie laut. „Ich bin sehr schläfrig.“

Einen Augenblick stand ich versteinert, dann begann ich zu lachen und
wieder laut zu weinen, endlich steckte ich den Dolch in meinen Gürtel
und warf mich wieder vor ihr auf die Knie.

„Wanda -- höre mich doch nur an, nur noch wenige Augenblicke,“ bat ich.

„Ich will schlafen! hörst du nicht,“ schrie sie zornig, sprang von
ihrem Lager und stieß mich mit dem Fuße von sich, „vergißt du, daß
ich deine Herrin bin?“ und als ich mich nicht von der Stelle rührte,
ergriff sie die Peitsche und schlug mich. Ich erhob mich -- sie traf
mich noch einmal -- und diesmal ins Gesicht.

„Mensch, Sklave!“

Mit geballter Faust gegen den Himmel deutend, verließ ich, plötzlich
entschlossen, ihr Schlafgemach. Sie warf die Peitsche weg und brach in
ein helles Gelächter aus -- und ich kann mir auch denken, daß ich in
meiner theatralischen Attitude recht komisch war.

                             *           *
                                   *

Entschlossen, mich von dem herzlosen Weibe loszureißen, das mich so
grausam behandelt hat und nun im Begriffe ist, mich zum Lohne für meine
sklavische Anbetung, für alles, was ich von ihr geduldet, noch treulos
zu verraten, packe ich meine wenigen Habseligkeiten in ein Tuch, dann
schreibe ich an sie:

    „+Gnädige Frau+!“

    „Ich habe Sie geliebt wie ein Wahnsinniger, ich habe mich Ihnen
    hingegeben, wie noch nie ein Mann einem Weibe, Sie aber haben meine
    heiligsten Gefühle mißbraucht und mit mir ein freches, frivoles
    Spiel getrieben. Solange Sie jedoch nur grausam und unbarmherzig
    waren, konnte ich Sie noch lieben, jetzt aber sind Sie im Begriffe,
    +gemein+ zu werden. Ich bin nicht mehr der Sklave, der sich
    von Ihnen treten und peitschen läßt. Sie selbst haben mich frei
    gemacht, und ich verlasse eine Frau, die ich nur noch hassen und
    +verachten+ kann.

    +Severin Kusiemski+.“

Diese Zeilen übergebe ich der Mohrin und eile dann, so rasch ich nur
kann, davon. Atemlos erreiche ich den Bahnhof, da fühle ich einen
heftigen Stich im Herzen -- ich halte -- ich beginne zu weinen -- O!
es ist schmachvoll -- ich will fliehen und kann nicht. Ich kehre um --
wohin? -- zu ihr -- die ich verabscheue und anbete zu gleicher Zeit.

Wieder besinne ich mich. Ich kann nicht zurück. Ich darf nicht zurück.

Wie soll ich aber Florenz verlassen? Mir fällt ein, daß ich ja kein
Geld habe, keinen Groschen. Nun also zu Fuß, ehrlich betteln ist
besser, als das Brot einer Kurtisane essen.

Aber ich kann ja nicht fort.

Sie hat mein Wort, mein Ehrenwort. Ich muß zurück. Vielleicht entbindet
sie mich dessen.

Nach einigen raschen Schritten bleibe ich wieder stehen.

Sie hat mein Ehrenwort, meinen Schwur, daß ich ihr Sklave bin, solange
sie es will, solange sie mir nicht selbst die Freiheit schenkt; aber
ich kann mich ja töten.

Ich gehe durch die Cascine an den Arno hinab, ganz hinab, wo sein
gelbes Wasser eintönig plätschernd ein paar verlorene Weiden bespült
-- dort sitze ich und schließe meine Rechnung mit dem Dasein ab --
ich lasse mein ganzes Leben an mir vorüberziehen und finde es recht
erbärmlich, einzelne Freuden, unendlich viel Gleichgültiges und
Wertloses, dazwischen reich gesäte Schmerzen, Leiden, Beängstigungen,
Enttäuschungen, gescheiterte Hoffnungen, Gram, Sorge und Trauer.

Ich dachte an meine Mutter, die ich so sehr geliebt und an
entsetzlicher Krankheit dahinsiechen sah, an meinen Bruder, der voll
Ansprüche auf Genuß und Glück in der Blüte seiner Jugend starb,
ohne nur seine Lippen an den Becher des Lebens gesetzt zu haben --
ich dachte an meine tote Amme, die Spielgenossen meiner Kindheit,
die Freunde, welche mit mir gestrebt und gelernt, sie alle, welche
die kalte, tote, gleichgültige Erde deckt; ich dachte an meinen
Turteltäuber, der nicht selten mir, statt seinem Weibchen, gurrend
Verbeugungen machte -- alles Staub zum Staube zurückgekehrt.

Ich lachte laut auf und gleite in das Wasser -- im selben Augenblicke
aber halte ich mich an einer Weidenrute fest, die über den gelben
Wellen hängt -- und ich sehe das Weib, das mich elend gemacht hat, vor
mir, sie schwebt über dem Wasserspiegel, von der Sonne durchleuchtet,
als wäre sie durchsichtig, rote Flammen um Haupt und Nacken, und wendet
mir ihr Antlitz zu und lächelt.

[Illustration]

                             *           *
                                   *

Da bin ich wieder, triefend, durchnäßt, glühend vor Scham und Fieber.
Die Negerin hat meinen Brief übergeben, so bin ich gerichtet, verloren,
in der Hand eines herzlosen, beleidigten Weibes.

Nun, sie soll mich töten, ich, ich kann es nicht, und doch will ich
nicht länger leben.

Wie ich um das Haus herumgehe, steht sie in der Galerie, über die
Brüstung gelehnt, das Gesicht im vollen Lichte der Sonne, mit den
grünen Augen blinzelnd.

„Lebst du noch?“ fragt sie, ohne sich zu bewegen. Ich stehe stumm, das
Haupt auf die Brust gesenkt.

„Gib mir meinen Dolch zurück,“ fährt sie fort, „dir nützt er so nichts.
Du hast ja nicht einmal den Mut, dir das Leben zu nehmen.“

„Ich habe ihn nicht mehr,“ erwiderte ich, zitternd, vom Frost
geschüttelt.

Sie überfliegt mich mit einem stolzen, höhnischen Blick.

„Du hast ihn wohl im Arno verloren?“ Sie zuckte die Achseln.
„Meinetwegen. Nun und warum bist du nicht fort?“

Ich murmelte etwas, was weder sie noch ich selbst verstehen konnte.

„O! du hast kein Geld,“ rief sie, „da!“ und sie warf mir mit einer
unsäglich geringschätzenden Bewegung ihre Börse zu.

Ich hob sie nicht auf.

Wir schwiegen beide geraume Zeit.

„Du willst also nicht fort?“

„Ich kann nicht.“

                             *           *
                                   *

Wanda fährt ohne mich in die Cascine, sie ist im Theater ohne mich,
sie empfängt Gesellschaft, die Negerin bedient sie. Niemand fragt nach
mir. Ich irre unstät im Garten umher, wie ein Tier, das seinen Herrn
verloren hat.

Im Gebüsch liegend, sehe ich ein paar Sperlingen zu, die um ein
Samenkorn kämpfen.

Da rauscht ein Frauengewand.

Wanda nähert sich, in einem dunklen Seidenkleide, züchtig bis zum Halse
geschlossen, mit ihr der Grieche. Sie sind im lebhaften Gespräche, doch
kann ich kein Wort davon verstehen. Jetzt stampft er mit dem Fuße, daß
der Kies ringsum auseinanderstäubt, und haut mit der Reitpeitsche in
die Luft. Wanda schrickt zusammen.

Fürchtet sie, daß er sie schlägt?

Sind sie so weit?

                             *           *
                                   *

Er hat sie verlassen, sie ruft ihn, er hört sie nicht, er will sie
nicht hören.

Wanda nickt traurig mit dem Kopfe und setzt sich auf die nächste
Steinbank; sie sitzt lange in Gedanken versunken. Ich sehe ihr mit
einer Art boshafter Freude zu, endlich raffe ich mich gewaltsam auf und
trete höhnisch vor sie hin. Sie fährt empor und zittert am ganzen Leibe.

„Ich komme, Ihnen nur Glück zu wünschen,“ sage ich, mich verneigend,
„ich sehe, gnädige Frau, Sie haben Ihren Herrn gefunden.“

„Ja, Gott sei gedankt!“ ruft sie, „keinen neuen Sklaven, ich habe deren
genug gehabt: einen Herrn. Das Weib braucht einen Herrn und betet ihn
an.“

„Du betest ihn also an, Wanda!“ schrie ich auf, „diesen rohen Menschen
--“

„Ich liebe ihn so, wie ich noch niemand geliebt habe.“

„Wanda!“ -- ich ballte die Fäuste, aber schon kamen mir die Tränen und
der Taumel der Leidenschaft ergriff mich, ein süßer Wahnsinn. „Gut, so
wähle ihn, nimm ihn zum Gatten, er soll dein Herr sein, ich aber will
dein Sklave bleiben, solange ich lebe.“

„Du willst mein Sklave sein, auch dann?“ sprach sie, „das wäre pikant,
ich fürchte aber, er wird es nicht dulden.“

„Er?“

„Ja, er ist jetzt schon eifersüchtig auf dich,“ rief sie, „er auf dich!
er verlangte von mir, daß ich dich sofort entlasse, und als ich ihm
sagte, wer du bist --“

„Du hast ihm gesagt --“ wiederholte ich starr.

„Alles habe ich ihm gesagt,“ erwiderte sie, „unsere ganze Geschichte
erzählt, alle deine Seltsamkeiten, alles -- und er -- statt zu lachen
-- wurde zornig und stampfte mit dem Fuße.“

„Und drohte, dich zu schlagen?“

Wanda sah zu Boden und schwieg.

„Ja, ja,“ sprach ich mit höhnischer Bitterkeit, „du fürchtest dich vor
ihm, Wanda!“ -- ich warf mich ihr zu Füßen und umschlang erregt ihre
Knie -- „ich will ja nichts von dir, nichts, als immer in deiner Nähe
sein, dein Sklave! -- ich will dein Hund sein --“

„Weißt du, daß du mich langweilst?“ sprach Wanda apathisch.

Ich sprang auf. Alles kochte in mir.

„Jetzt bist du nicht mehr grausam, jetzt bist du gemein!“ sprach ich,
jedes Wort scharf und herb betonend.

„Das steht bereits in Ihrem Briefe,“ entgegnete Wanda mit einem stolzen
Achselzucken, „ein Mann von Geist soll sich nie wiederholen.“

„Wie handelst du an mir!“ brach ich los, „wie nennst du das?“

„Ich könnte dich züchtigen,“ entgegnete sie höhnisch, „aber ich ziehe
vor, dir diesmal statt mit Peitschenhieben mit Gründen zu antworten.
Du hast kein Recht, mich anzuklagen, war ich nicht jederzeit ehrlich
gegen dich? Habe ich dich nicht mehr als einmal gewarnt? Habe ich dich
nicht herzlich, ja leidenschaftlich geliebt und habe ich dir etwa
verheimlicht, daß es gefährlich ist, sich mir hinzugeben, sich vor mir
zu erniedrigen, daß ich beherrscht sein will? Du aber wolltest mein
Spielzeug sein, mein Sklave! Du fandest den höchsten Genuß darin, den
Fuß, die Peitsche eines übermütigen, grausamen Weibes zu fühlen. Was
willst du also jetzt?

In mir haben gefährliche Anlagen geschlummert, aber du erst hast sie
geweckt; wenn ich jetzt Vergnügen daran finde, dich zu quälen, zu
mißhandeln, bist nur du schuld, du hast aus mir gemacht, was ich jetzt
bin, und nun bist du noch unmännlich, schwach und elend genug, mich
anzuklagen.“

„Ja, ich bin schuldig,“ sprach ich, „aber habe ich nicht gelitten
dafür? Laß es jetzt genug sein, ende das grausame Spiel.“

„Das will ich auch,“ entgegnete sie mit einem seltsamen, falschen Blick!

„Wanda!“ rief ich heftig, „treibe mich nicht auf das Äußerste, du
siehst, daß ich wieder Mann bin.“

„Strohfeuer,“ erwiderte sie, „das einen Augenblick Lärm macht und
ebenso schnell verlöscht, wie es aufgeflammt ist. Du glaubst mich
einzuschüchtern und bist mir nur lächerlich. Wärst du der Mann gewesen,
für den ich dich anfangs hielt, ernst, gedankenvoll, streng, ich hätte
dich treu geliebt und wäre dein Weib geworden. Das Weib verlangt nach
einem Manne, zu dem es aufblicken kann, einen -- der so wie du --
freiwillig seinen Nacken darbietet, damit es seine Füße darauf setzen
kann, braucht es als willkommenes Spielzeug und wirft ihn weg, wenn es
seiner müde ist.“

„Versuch’ es nur, mich wegzuwerfen,“ sprach ich höhnisch, „es gibt
Spielzeug, das gefährlich ist.“

„Fordere mich nicht heraus,“ rief Wanda, ihre Augen begannen zu
funkeln, ihre Wangen röteten sich.

„Wenn ich dich nicht besitzen soll,“ fuhr ich mit von Wut erstickter
Stimme fort, „so soll dich auch kein anderer besitzen.“

„Aus welchem Theaterstück ist diese Stelle?“ höhnte sie, dann faßte sie
mich bei der Brust; sie war in diesem Augenblicke ganz bleich vor Zorn,
„fordere mich nicht heraus,“ fuhr sie fort, „ich bin nicht grausam,
aber ich weiß selbst nicht, wie weit ich noch kommen kann, und ob es
dann noch eine Grenze gibt.“

„Was kannst du mir Ärgeres tun, als ihn zu deinem Geliebten, deinem
Gatten machen?“ antwortete ich, immer mehr aufflammend.

„Ich kann dich zu seinem Sklaven machen,“ entgegnete sie rasch, „bist
du nicht in meiner Hand? habe ich nicht den Vertrag? Aber freilich, für
dich wird es nur ein Genuß sein, wenn ich dich binden lasse und zu ihm
sage:

„Machen Sie jetzt mit ihm, was Sie wollen.“

[Illustration]

„Weib, bist du toll!“ schrie ich auf.

„Ich bin sehr vernünftig,“ sagte sie ruhig, „ich warne dich zum letzten
Male. Leiste mir jetzt keinen Widerstand, jetzt, wo ich so weit
gegangen bin, kann ich leicht noch weiter gehen. Ich fühle eine Art Haß
auf dich, ich würde dich mit wahrer Lust von ihm totpeitschen sehen,
aber noch bezähme ich mich, noch --“

Meiner kaum mehr mächtig, faßte ich sie beim Handgelenke und riß sie zu
Boden, so daß sie vor mir auf den Knien lag.

„Severin!“ rief sie, auf ihrem Gesichte malten sich Wut und Schrecken.

„Ich töte dich, wenn du sein Weib wirst,“ drohte ich, die Töne kamen
heiser und dumpf aus meiner Brust, „du bist mein, ich lasse dich nicht,
ich habe dich zu lieb,“ dabei umklammerte ich sie und drückte sie an
mich und meine Rechte griff unwillkürlich nach dem Dolche, der noch in
meinem Gürtel stak.

Wanda heftete einen großen, ruhigen, unbegreiflichen Blick auf mich.

„So gefällst du mir,“ sprach sie gelassen, „jetzt bist du Mann, und ich
weiß in diesem Augenblicke, daß ich dich noch liebe.“

„Wanda“ -- mir kamen vor Entzücken die Tränen, ich beugte mich über sie
und bedeckte ihr reizendes Gesichtchen mit Küssen und sie -- plötzlich
in lautes, mutwilliges Lachen ausbrechend -- rief: „Hast du jetzt genug
von deinem Ideal, bist du mit mir zufrieden?“

„Wie?“ -- stammelte ich -- „es ist nicht dein Ernst.“

„Es ist mein Ernst,“ fuhr sie heiter fort, „daß ich dich lieb habe,
dich allein, und du -- du kleiner, guter Narr, hast nicht gemerkt, daß
alles nur Scherz und Spiel war -- und wie schwer es mir wurde, dir
oft einen Peitschenhieb zu geben, wo ich dich eben gerne beim Kopfe
genommen und abgeküßt hätte. Aber jetzt ist es genug, nicht wahr? Ich
habe meine grausame Rolle besser durchgeführt, als du erwartet hast,
nun wirst du wohl zufrieden sein, dein kleines, gutes, kluges und auch
ein wenig hübsches Weibchen zu haben -- nicht? -- Wir wollen recht
vernünftig leben und --“

„Du wirst mein Weib!“ rief ich in überströmender Seligkeit.

„Ja -- dein Weib -- du lieber, teurer Mann,“ flüsterte Wanda, indem sie
meine Hände küßte.

Ich zog sie an meine Brust empor.

„So, nun bist du nicht mehr Gregor, mein Sklave,“ sprach sie, „jetzt
bist du wieder mein lieber Severin, mein Mann --“

„Und er? -- du liebst ihn nicht?“ fragte ich erregt.

„Wie konntest du nur glauben, daß ich den rohen Menschen liebe -- aber
du warst ganz verblendet -- mir war bang um dich --“

„Ich hätte mir fast das Leben genommen um deinetwillen.“

„Wirklich?“ rief sie, „ach! ich zittere noch bei dem Gedanken, daß du
schon im Arno warst --“

„Du aber hast mich errettet,“ entgegnete ich zärtlich, „du schwebtest
über den Gewässern und lächeltest, und dein Lächeln rief mich zurück
ins Leben.“

                             *           *
                                   *

Es ist ein seltsames Gefühl, das ich habe, wie ich sie jetzt in
meinen Armen halte, und sie ruht stumm an meiner Brust und läßt
sich von mir küssen und lächelt; mir ist es, als wäre ich plötzlich
aus Fieberphantasien erwacht, oder ein Schiffbrüchiger, der tagelang
mit den Wogen gekämpft hat, die ihn jeden Augenblick zu verschlingen
drohten, und endlich an das Land geworfen wurde.

                             *           *
                                   *

„Ich hasse dieses Florenz, wo du so unglücklich warst,“ sprach sie, als
ich ihr gute Nacht sagte, „ich will sofort abreisen, morgen schon, du
wirst die Güte haben, einige Briefe für mich zu schreiben, und während
du damit beschäftigt bist, fahre ich in die Stadt und mache meine
Abschiedsbesuche. Ist’s dir so recht?“

„Gewiß, mein liebes, gutes, schönes Weib.“

                             *           *
                                   *

Sie klopfte früh am Morgen an meine Türe und fragte, wie ich
geschlafen. Ihre Liebenswürdigkeit ist wahrhaft entzückend, ich hätte
nie gedacht, daß ihr die Sanftmut so gut läßt.

                             *           *
                                   *

Nun ist sie mehr als vier Stunden fort, ich bin mit meinen Briefen
längst fertig und sitze in der Galerie und blicke auf die Straße
hinaus, ob ich nicht ihren Wagen in der Ferne entdecke. Mir wird ein
wenig bange um sie, und doch habe ich weiß Gott keinen Anlaß mehr zu
Zweifeln oder Befürchtungen; aber es liegt da auf meiner Brust und ich
werde es nicht los. Vielleicht sind es die Leiden vergangener Tage, die
noch ihren Schatten in meine Seele werfen.

                             *           *
                                   *

Da ist sie, strahlend von Glück, von Zufriedenheit.

„Nun, ist alles nach Wunsch gegangen?“ fragte ich sie, zärtlich ihre
Hand küssend.

„Ja, mein Herz,“ erwidert sie, „und wir reisen heute nacht, hilf mir
meine Koffer packen.“

                             *           *
                                   *

[Illustration]

Gegen Abend bittet sie mich, selbst auf die Post zu fahren und ihre
Briefe zu besorgen. Ich nehme ihren Wagen und bin in einer Stunde
zurück.

„Die Herrin hat nach Ihnen gefragt,“ spricht die Negerin lächelnd, als
ich die breite Marmortreppe hinaufsteige.

„War jemand da?“

„Niemand,“ erwiderte sie und kauert sich wie eine schwarze Katze auf
den Stufen nieder.

Ich gehe langsam durch den Saal und stehe jetzt vor der Türe ihres
Schlafgemaches.

Warum klopft mir das Herz? Ich bin doch so glücklich.

Leise öffnend, schlage ich die Portière zurück. Wanda liegt auf der
Ottomane, sie scheint mich nicht zu bemerken. Wie schön sie ist in dem
Kleide von silbergrauer Seide, das sich verräterisch an ihre herrlichen
Formen anschließt und ihre wunderbare Büste und ihre Arme unverhüllt
läßt. Ihr Haar ist mit einem schwarzen Sammetbande durchschlungen und
aufgebunden. Im Kamin lodert ein mächtiges Feuer, die Ampel wirft ihr
rotes Licht, das ganze Zimmer schwimmt im Blut.

„Wanda!“ sage ich endlich.

„O Severin!“ ruft sie freudig, „ich habe dich mit Ungeduld erwartet,“
sie springt auf und schließt mich in ihre Arme; dann setzt sie sich
wieder in die üppigen Polster und will mich zu sich ziehen, ich gleite
indes sanft zu ihren Füßen nieder und lege mein Haupt in ihren Schoß.

„Weißt du, daß ich heute sehr verliebt in dich bin?“ flüstert sie und
streicht mir ein paar lose Härchen aus der Stirne und küßt mich auf die
Augen.

„Wie schön deine Augen sind, sie haben mir immer am besten an dir
gefallen, heute aber machen sie mich förmlich trunken. Ich vergehe“ --
sie dehnte ihre herrlichen Glieder und blinzelte mich durch die roten
Wimpern zärtlich an.

„Und du -- du bist kalt -- du hältst mich wie ein Stück Holz; warte
nur, ich will dich noch verliebt machen!“ rief sie und hing wieder
schmeichelnd und kosend an meinen Lippen.

„Ich gefalle dir nicht mehr, ich muß wieder einmal grausam gegen dich
sein, ich bin heute offenbar zu gut gegen dich; weißt du was, Närrchen,
ich werde dich ein wenig peitschen --“

„Aber Kind --“

„Ich will es.“

„Wanda!“

„Komm, laß dich binden,“ fuhr sie fort und sprang mutwillig durch das
Zimmer, „ich will dich recht verliebt sehen, verstehst du? Da sind die
Stricke. Ob ich es noch kann?“

Sie begann damit, mir die Füße zu fesseln, dann band sie mir die Hände
fest auf den Rücken und endlich schnürte sie mir die Arme wie einem
Delinquenten zusammen.

„So,“ sprach sie in heiterem Eifer, „kannst du dich noch rühren?“

„Nein.“

„Gut --“

Sie machte hierauf aus einem starken Seile eine Schlinge, warf sie mir
über den Kopf und ließ sie bis zu den Hüften hinabgleiten, dann zog sie
sie fest zusammen und band mich an die Säule.

Mich faßte in diesem Augenblicke ein seltsamer Schauer.

„Ich habe das Gefühl, wie wenn ich hingerichtet würde,“ sagte ich leise.

„Du sollst auch heute einmal ordentlich gepeitscht werden!“ rief Wanda.

„Aber nimm die Pelzjacke dazu,“ sagte ich, „ich bitte dich.“

„Dies Vergnügen kann ich dir schon machen,“ antwortete sie, holte ihre
Kazabaika und zog sie lächelnd an, dann stand sie, die Arme auf der
Brust verschränkt, vor mir und betrachtete mich mit halbgeschlossenen
Augen.

„Kennst du die Geschichte vom Ochsen des Dionys?“ fragte sie.

„Ich erinnere mich nur dunkel, was ist damit?“

„Ein Höfling ersann für den Tyrannen von Syrakus ein neues
Marterwerkzeug, einen eisernen Ochsen, in welchen der zum Tode
Verurteilte gesperrt und in ein mächtiges Feuer gesetzt wurde.

Sobald nun der eiserne Ochse zu glühen begann, und der Verurteilte
in seinen Qualen aufschrie, klang sein Jammern wie das Gebrüll eines
Ochsen.

Dionys lächelte dem Erfinder gnädig zu und ließ, um auf der Stelle
einen Versuch mit seinem Werk zu machen, ihn selbst zuerst in den
eisernen Ochsen sperren.

Die Geschichte ist sehr lehrreich.

So warst du es, der mir die Selbstsucht, den Übermut, die Grausamkeit
eingeimpft hat, und +du sollst ihr erstes Opfer werden+. Ich finde
jetzt in der Tat Vergnügen daran, einen Menschen, der denkt und fühlt
und will, wie ich, einen Mann, der an Geist und Körper stärker ist,
wie ich, in meiner Gewalt zu haben, zu mißhandeln, und ganz besonders
einen Mann, der mich liebt.

Liebst du mich noch?“

„Bis zum Wahnsinn!“ rief ich.

„Um so besser,“ erwiderte sie, „um so mehr Genuß wirst du bei dem
haben, was ich jetzt mit dir anfangen will.“

„Was hast du nur?“ fragte ich, „ich verstehe dich nicht, in deinen
Augen blitzt es heute wirklich wie Grausamkeit und du bist so seltsam
schön -- so ganz ‚Venus im Pelz‘.“

Wanda legte, ohne mir zu antworten, die Arme um meinen Nacken und küßte
mich. Mich ergriff in diesem Augenblicke wieder der volle Fanatismus
meiner Leidenschaft.

„Nun, wo ist die Peitsche?“ fragte ich.

Wanda lachte und trat zwei Schritte zurück.

„Du willst also durchaus gepeitscht werden?“ rief sie, indem sie den
Kopf übermütig in den Nacken warf.

„Ja.“

Auf einmal war Wandas Gesicht vollkommen verändert, wie vom Zorne
entstellt, sie schien mir einen Moment sogar häßlich.

„Also peitschen Sie ihn!“ rief sie laut.

In demselben Augenblicke steckte der schöne Grieche seinen schwarzen
Lockenkopf durch die Gardinen ihres Himmelbettes. Ich war anfangs
sprachlos, starr. Die Situation war entsetzlich komisch, ich hätte
selbst laut aufgelacht, wenn sie nicht zugleich so verzweifelt traurig,
so schmachvoll für mich gewesen wäre.

Das übertraf meine Phantasie. Es lief mir kalt über den Rücken, als
mein Nebenbuhler heraustrat in seinen Reitstiefeln, seinem engen,
weißen Beinkleid, seinem knappen Samtrock, und mein Blick auf seine
athletischen Glieder fiel.

„Sie sind in der Tat grausam,“ sprach er, zu Wanda gekehrt.

„Nur genußsüchtig,“ entgegnete sie mit wildem Humor, „der Genuß macht
allein das Dasein wertvoll, wer genießt, der scheidet schwer vom
Leben, wer leidet oder darbt, grüßt den Tod wie einen Freund; wer
aber genießen will, muß das Leben heiter nehmen, im Sinne der Antike,
er muß sich nicht scheuen, auf Kosten anderer zu schwelgen, er darf
nie Erbarmen haben, er muß andere vor seinen Wagen, vor seinen Pflug
spannen, wie Tiere; Menschen, die fühlen, die genießen möchten, wie er,
zu seinen Sklaven machen, sie ausnützen in seinem Dienste, zu seinen
Freuden, ohne Reue; nicht fragen, ob ihnen auch wohl dabei geschieht,
ob sie zugrunde gehen. Er muß immer vor Augen haben: wenn sie mich
so in der Hand hätten, wie ich sie, täten sie mir dasselbe, und ich
müßte mit meinem Schweiße, meinem Blute, meiner Seele ihre Genüsse
bezahlen. So war die Welt der Alten, Genuß und Grausamkeit, Freiheit
und Sklaverei gingen von jeher Hand in Hand; Menschen, welche gleich
olympischen Göttern leben wollen, müssen Sklaven haben, welche sie
in ihre Fischteiche werfen, und Gladiatoren, die sie während ihres
üppigen Gastmahls kämpfen lassen und sich nichts daraus machen, wenn
dabei etwas Blut auf sie spritzt.“

Ihre Worte brachten mich vollends zu mir.

„Binde mich los!“ rief ich zornig.

„Sind Sie nicht mein Sklave, mein Eigentum?“ erwiderte Wanda, „soll ich
Ihnen den Vertrag zeigen?“

„Binde mich los!“ drohte ich laut, „sonst --“ ich riß an den Stricken.

„Kann er sich losreißen?“ fragte sie, „denn er hat gedroht, mich zu
töten.“

„Seien Sie ruhig,“ sprach der Grieche, meine Fesseln prüfend.

„Ich rufe um Hilfe,“ begann ich wieder.

„Es hört Sie niemand,“ entgegnete Wanda, „und niemand wird mich
hindern, Ihre heiligsten Gefühle wieder zu mißbrauchen und mit Ihnen
ein frivoles Spiel zu treiben,“ fuhr sie fort, mit satanischem Hohne
die Phrasen meines Briefes an sie wiederholend.

„Finden Sie mich in diesem Augenblicke bloß grausam und unbarmherzig,
oder bin ich im Begriffe, +gemein+ zu werden? Was? Lieben Sie mich
noch oder hassen und verachten Sie mich bereits? Hier ist die Peitsche“
-- sie reichte sie dem Griechen, der sich mir rasch näherte.

„Wagen Sie es nicht!“ rief ich, vor Entrüstung bebend, „von Ihnen dulde
ich nichts --“

„Das glauben Sie nur, weil ich keinen Pelz habe,“ erwiderte der
Grieche mit einem frivolen Lächeln, und nahm seinen kurzen Zobelpelz
vom Bette.

„Sie sind köstlich!“ rief Wanda, gab ihm einen Kuß und half ihm in den
Pelz hinein.

„Darf ich ihn wirklich peitschen?“ fragte er.

„Machen Sie mit ihm, was Sie wollen,“ entgegnete Wanda.

„Bestie!“ stieß ich empört hervor.

Der Grieche heftete seinen kalten Tigerblick auf mich und versuchte
die Peitsche, seine Muskeln schwollen, während er ausholte und sie
durch die Luft pfeifen ließ, und ich war gebunden wie Marsyas und mußte
sehen, wie sich Apollo anschickte, mich zu schinden.

Mein Blick irrte im Zimmer umher und blieb auf der Decke haften, wo
Simson zu Delilas Füßen von den Philistern geblendet wird. Das Bild
erschien mir in diesem Augenblicke wie ein Symbol, ein ewiges Gleichnis
der Leidenschaft, der Wollust, der Liebe des Mannes zum Weibe. „Ein
jeder von uns ist am Ende ein Simson,“ dachte ich, „und wird zuletzt
wohl oder übel von dem Weibe, das er liebt, verraten, sie mag ein
Tuchmieder tragen oder einen Zobelpelz.“

„Nun sehen Sie zu,“ rief der Grieche, „wie ich ihn dressieren werde.“
Er zeigte die Zähne und sein Gesicht bekam jenen blutgierigen Ausdruck,
der mich gleich das erste Mal an ihm erschreckt hatte.

[Illustration]

Und er begann mich zu peitschen -- so unbarmherzig, so furchtbar, daß
ich unter jedem Hiebe zusammenzuckte und vor Schmerz am ganzen Leibe
zu zittern begann, ja die Tränen liefen mir über die Wangen, während
Wanda in ihrer Pelzjacke auf der Ottomane lag, auf den Arm gestützt,
mit grausamer Neugier zusah und sich vor Lachen wälzte.

Das Gefühl, vor einem angebeteten Weibe von dem glücklichen Nebenbuhler
mißhandelt zu werden, ist nicht zu beschreiben, ich verging vor Scham
und Verzweiflung.

Und das Schmachvollste war, daß ich in meiner jämmerlichen Lage, unter
Apollos Peitsche und bei meiner Venus grausamem Lachen anfangs eine Art
phantastischen, übersinnlichen Reiz empfand, aber Apollo peitschte mir
die Poesie heraus, Hieb für Hieb, bis ich endlich in ohnmächtiger Wut
die Zähne zusammenbiß und mich, meine wollüstige Phantasie, Weib und
Liebe verfluchte.

Ich sah jetzt auf einmal mit entsetzlicher Klarheit, wohin die blinde
Leidenschaft, die Wollust, seit Holofernes und Agamemnon den Mann
geführt hat, in den Sack, in das Netz des verräterischen Weibes, in
Elend, Sklaverei und Tod.

Mir war es, wie das Erwachen aus einem Traum.

Schon floß mein Blut unter seiner Peitsche, ich krümmte mich wie ein
Wurm, den man zertritt, aber er peitschte fort ohne Erbarmen und sie
lachte fort ohne Erbarmen, während sie die gepackten Koffer schloß, in
ihren Reisepelz schlüpfte, und lachte noch, als sie an seinem Arme die
Treppe hinab, in den Wagen stieg.

Dann war es einen Augenblick stille.

Ich lauschte atemlos.

Jetzt fiel der Schlag zu, die Pferde zogen an -- noch einige Zeit das
Rollen des Wagens -- dann war alles vorbei.

                             *           *
                                   *

Einen Augenblick dachte ich daran, Rache zu nehmen, ihn zu töten, aber
ich war ja durch den elenden Vertrag gebunden, mir blieb also nichts
übrig, als mein Wort zu halten und meine Zähne zusammenzubeißen.

                             *           *
                                   *

Die erste Empfindung nach der grausamen Katastrophe meines Lebens war
die Sehnsucht nach Mühen, Gefahren und Entbehrungen. Ich wollte Soldat
werden und nach Asien gehen oder Algier, aber mein Vater, der alt und
krank war, verlangte nach mir.

So kehrte ich still in die Heimat zurück und half ihm zwei Jahre seine
Sorgen tragen und die Wirtschaft führen und lernte, was ich bisher
nicht gekannt, und mich jetzt gleich einem Trunk frischen Wassers
labte, +arbeiten+ und +Pflichten erfüllen+. Dann starb mein
Vater, und ich wurde Gutsherr, ohne daß sich dadurch etwas geändert
hätte. Ich habe mir selbst die spanischen Stiefel angelegt und lebe
hübsch vernünftig weiter, wie wenn der Alte hinter mir stünde und mit
seinen großen, klugen Augen über meine Schulter blicken würde.

Eines Tages kam eine Kiste an, von einem Briefe begleitet. Ich erkannte
Wandas Schrift.

Seltsam bewegt öffnete ich ihn und las.

    „+Mein Herr!+

    Jetzt, wo mehr als drei Jahre seit jener Nacht in Florenz
    verflossen sind, darf ich Ihnen noch einmal gestehen, daß ich Sie
    sehr geliebt habe, Sie selbst aber haben mein Gefühl erstickt durch
    Ihre phantastische Hingebung, durch Ihre wahnsinnige Leidenschaft.
    Von dem Augenblicke an, wo Sie mein Sklave waren, fühlte ich, daß
    Sie nicht mehr mein Mann werden konnten, aber ich fand es pikant,
    Ihnen Ihr Ideal zu verwirklichen und Sie vielleicht -- während ich
    mich köstlich amüsierte -- zu heilen.

    Ich habe den starken Mann gefunden, dessen ich bedurfte und mit dem
    ich so glücklich war, wie man es nur auf dieser komischen Lehmkugel
    sein kann.

    Aber mein Glück war, wie jedes menschliche, nur von kurzer Dauer.
    Er ist, vor einem Jahre etwa, im Duell gefallen und ich lebe
    seitdem in Paris, wie eine Aspasia.

    Und Sie? -- Ihrem Leben wird es gewiß nicht an Sonnenschein fehlen,
    wenn Ihre Phantasie die Herrschaft über Sie verloren hat und jene
    Eigenschaften bei Ihnen hervorgetreten sind, welche mich anfangs so
    sehr anzogen, die Klarheit des Gedankens, die Güte des Herzens und
    vor allem -- +der sittliche Ernst+.

    Ich hoffe, Sie sind unter meiner Peitsche gesund geworden, die Kur
    war grausam aber radikal. Zur Erinnerung an jene Zeit und eine
    Frau, welche Sie leidenschaftlich geliebt hat, sende ich Ihnen das
    Bild des armen Deutschen.

    +Venus im Pelz.+“

Ich mußte lächeln, und wie ich in Gedanken versank, stand plötzlich
das schöne Weib in der hermelinbesetzten Samtjacke, die Peitsche in
der Hand, vor mir und ich lächelte weiter über das Weib, das ich so
wahnsinnig geliebt, die Pelzjacke, die mich einst so sehr entzückt,
über die Peitsche, und lächelte endlich über meine Schmerzen und sagte
mir: die Kur war grausam, aber radikal, und die Hauptsache ist: ich bin
gesund geworden.

                             *           *
                                   *

„Nun, und die Moral von der Geschichte?“ sagte ich zu Severin, indem
ich das Manuskript auf den Tisch legte.

„Daß ich ein Esel war,“ rief er, ohne sich zu mir zu wenden, er schien
sich zu genieren. „Hätte ich sie nur gepeitscht!“

„Ein kurioses Mittel,“ erwiderte ich, „das mag bei deinen Bäuerinnen --“

„O! die sind daran gewöhnt,“ antwortete er lebhaft, „aber denke dir die
Wirkung bei unsern feinen, nervösen, hysterischen Damen --“

„Aber die Moral?“

„Daß das Weib, wie es die Natur geschaffen und wie es der Mann
gegenwärtig heranzieht, sein Feind ist und nur seine Sklavin oder seine
Despotin sein kann, +nie aber seine Gefährtin+. Dies wird sie erst
dann sein können, wenn sie ihm gleich steht an Rechten, wenn sie ihm
ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit.

Jetzt haben wir nur die Wahl, Hammer oder Ambos zu sein, und ich war
der Esel, aus mir den Sklaven eines Weibes zu machen, verstehst du?

Daher die Moral der Geschichte: Wer sich peitschen läßt, verdient,
gepeitscht zu werden.

Mir sind die Hiebe, wie du siehst, sehr gut bekommen, der rosige,
übersinnliche Nebel ist zerronnen und mir wird niemand mehr die
heiligen Affen von Benares[5] oder den Hahn des Plato[6] für ein
Ebenbild Gottes ausgeben.“

[Illustration]



Anmerkungen zu „Venus im Pelz“.


[1] Lange Peitsche am kurzen Stiel.

[2] Lemberg.

[3] Frauenjacke.

[4] Judengasse in Lemberg.

[5] So nennt Arthur Schopenhauer die Frauen.

[6] Diogenes warf einen gerupften Hahn in die Schule des Plato und
rief: „Da habt Ihr den Menschen des Plato“.



Druck: Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.



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Novellen von Leopold Ritter von Sacher-Masoch


Grausame Frauen

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Das Rätsel Weib

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A. Scheiner

Preis brosch. M. 7.-- gebunden M. 11.--


Dämonen und Sirenen

Mit farbigem Künstlerumschlag von

A. Scheiner

Preis brosch. M. 7.--, gebund. M. 11.--


In diesen fein pointierten kleinen Erzählungen zeigt sich des genialen
Erzählers Kunst im schönsten Lichte. Von jeher wurden sie von seinen
Verehrern ganz besonders geschätzt, und in den vorliegenden, besonders
sorgfältigen Ausgaben dürften sie noch mehr Freunde finden als zuvor.

Keiner, der Sacher-Masochs Werke sammelt, darf an diesen Bänden
vorübergehen, in denen sich manches aus der allerletzten Zeit des
Dichters befindet.



Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung in Leipzig


Die Starken

    Ein Ringkämpferroman
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    Dolorosa

    Mit farbigem Künstlerumschlag von =R. Kirchner=

    Preis brosch. M. 8.--, gebunden M. 12.--

Ein Hauch derb-frischer Männlichkeit weht durch dieses eigenartige
Buch, das uns in die Welt der Helden der Arena einführt. Dieser
modernen Gladiatoren, die die Bewunderung der Männer erregen, und denen
die Herzen der Frauen in ungestümer Leidenschaft entgegenschlagen.

Das überaus eigenartige Buch ist ein interessanter Beitrag zur
Sittengeschichte unserer Zeit.

[Illustration]


Unfruchtbarkeit

    Roman von
    Dolorosa

    Mit einem Titelbilde von =Fritz Buchholz= und
    mit farbigem Künstlerumschlag von
    =Raphael Kirchner=

    Preis brosch. M. 8.--, gebunden M. 12.--

Die Verfasserin rollt hier die Frage auf, ob Unfruchtbarkeit ein Segen
oder ein Fluch sei, und tut es mit einer Kühnheit, die fast beispiellos
genannt werden muß. Als das Buch erschien, machte es ungeheures
Aufsehen. Mehr als ein berufener Beurteiler nannte Dolorosa seinetwegen
einen weiblichen Zola und ihr Werk ein Gegenstück zu des großen
Franzosen „Fruchtbarkeit“.





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