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Title: Germaniens Götter
Author: Herzog, Rudolf
Language: German
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    Anmerkungen zur Transkription


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    Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.



    Germaniens
    Götter

    von

    Rudolf Herzog

    [Illustration]

    Verlag Quelle & Meyer · Leipzig



    Copyright 1919 by Quelle & Meyer, Leipzig

    Alle Rechte vorbehalten

    Schwarzweißzeichnungen von Professor Robert Engels
    Einbandzeichnung von Paul Hartmann
    Druck von Radelli & Hille, Leipzig



        Den
        Nachkommen
        Hermanns
        des
        Cheruskers



Zum Geleit.


Von den Göttern spricht dies Buch. Von Germaniens Göttern. Immerdar
sind eines Volkes Götter das Abbild seiner innersten Art gewesen,
seiner Tugenden, seiner Fehler, seiner verlangenden Sehnsucht. Wenn
unsere Väter zu den Göttern riefen, riefen sie an, was an Kraft und
Zuversicht bewußt oder unbewußt in ihnen selber lebte, sahen sie
Wunsch und Willen im Lichte eines überirdisch gesteigerten Mannes- und
Heldentums.

Ein Volk, das seiner Götter vergißt, vergißt seines Ursprungs, seiner
Ahnen, seiner selbst und seiner Wurzelkraft. Wer sich seiner Herkunft
und Vergangenheit schämt, baut seine Zukunft in den Wirbelwind. Aus den
rauhen Wäldern Germaniens stammen wir, stammen unsere Götter. Nicht
aus dem sonnentrunkenen Hellas und dem hochmuttrunkenen Rom. Lernt es
aufs neue, ihr Deutschen. Lernt es mit dem Stolz, der allein die Kraft
verleiht, ein _Volk_ zu sein und keine Sklavenherde von Mantelträgern
und kriechenden Liebedienern. Den Göttern Griechenlands, den Göttern
Roms unsern Gruß. Germaniens Götter grüßen euch mit _derselben_ Stimme
der Unsterblichkeit! Nie waren die Götter Deutschlands herrlicher und
gewaltiger, als in den Tagen, da sie um Untergang und Auferstehung
kämpften.

Was sind Jahrhunderte, was Jahrtausende, gemessen an der urewigen Zeit?
Germaniens Götter rufen heute wie ehedem. Und immer riefen sie am
stärksten, wenn der Sturm die Wolken über den deutschen Himmel jagte.

Beilzeit, Schwertzeit -- Windzeit, Wolfzeit!

Wiederum heute, wie zu der Urväter Zeit.

Um Untergang und Auferstehung kämpft Deutschlands Volk. Euren Göttern
nach, ihr Deutschen! Zur neuen Sonne! Zur neuen, geläuterten Zukunft.

        _Rudolf Herzog._

    Obere Burg zu Rheinbreitbach
    18. Oktober 1919.



Inhaltsverzeichnis


    Der Götter Erscheinen                 1

    Der Menschen Werden und Wachsen      12

    Das goldene Zeitalter                24

    Der Wanenkrieg                       36

    Die Götter auf schiefer Bahn         52

    In Schuld und Schicksalskampf        63

    Die Götter auf Kundschaft            80

    Im Zeichen des Hammers              102

    Wodans Wunschmädchen                130

    Unter den Einheriern                147

    Um Baldur                           177

    Der letzte Kampf                    198



Der Götter Erscheinen.


Regungslos lag die _Weltseele_ ...

Über der Leere lag sie, der ungeheueren, die nicht Wasser noch Erde
wies, nicht Feuer noch Luft. Nichts als die leblose Leere. Starr und
unendlich. Regungslos lag die Weltseele über der toten Leere. Bis daß
sie träumte ... Leben träumte sie ...

Und als der erste Traum durch die Weltseele rann, war es wie ein
erstes, wärmendes Leben, und aus der aufsteigenden Wärme sprang wie ein
Funke der _Gedanke_, der zur Flamme wurde und aufloderte in die Leere.

Das _Feuer_ war in die Welt gekommen und stand, eine Welt für sich,
hoch und heiß und sengend am Rande der Leere. _Muspelheim_ hieß
diese Welt, und Feuergeister waren, was aus der Weltenseele in sie
hinübergeglitten war.

Weiter sann die Weltseele. Und sie sann hinter dem feurigen Gedanken
her, der Muspelheim entzündet hatte und nun unaufhaltsam war. Nicht
Wärme, nicht Kälte hatte die ungeheure Leere gekannt. Nun aber, da
an ihrem Südrande Muspels Flammen lohten, ward sich der Nordrand der
Kälte bewußt, und die dunklen Nebel brauten, daß es eine Welt voll
Nebel war und _Niflheim_, Nebelheim geheißen. Die Nebel aber stiegen
auf und wurden _Luft_, und sie stiegen nieder und wurden _Wasser_.
Und die Wasser Niflheims strömten in die ungeheure Leere, die sie
zur Eisschicht erstarren ließ, und die Wasser strömten immerzu, und
Eisschicht lagerte sich über Eisschicht, bis die Leere ausgefüllt
war. Und die Stürme, die aus Niflheims Luft wuchsen, zermürbten die
Decke zu Schnee und Reif, und die Glut, die aus Muspelheims Flammen
hinüberlangte, mischte Glutasche hinein und schmolz das Wasser hinaus,
daß _Erde_ wurde und aus Erde, Wasser, Feuer und Luft die Wildnis der
_Erdenwelt_. So ward die Erdenwelt geboren und geschwängert von allen
Gedanken der Weltseele.

Die irdischen Gedanken aber lagen nahe der Oberfläche und drängten
nach Form und Gestalt, hastig und ungeschlacht, während die göttlichen
Gedanken noch in der Tiefe lagen und über Vollkommenheit sannen. Und
als der Funkenregen, der von Muspelheim herüberstob, kaum erst die
oberste Reifschicht durchbrochen und die vorgeschobenen, die irdischen
Gedanken der Weltseele mit seinem lebenheischenden Anruf getroffen
hatte, rissen die noch unvollkommenen sich los, griffen nach dem
rohen Stoff und gedachten wenig des göttlichen Geistes, und als Erstes
entstand ein Ungetüm, das alle Erde, die da wurde, in sich fraß, und
alle Wasser, die da rauschten, in sich schluckte, das alle Luft aufsog
und alle Feuerwärme für sich begehrte -- der _Riese Ymir_.

Der Riese Ymir wälzte seinen immer hungrigen und durstigen Leib im
dampfenden Reif, und wo er ausruhte, drohten seine massigen Gliedmaßen
das junge, lebenhegende Erdreich zu ersticken. Und als er sich
übernommen hatte an Speise und Trank und ächzend lag, rieb er im
Angstschweiß seine Hände, und es sprang ein neues Riesenpaar heraus,
das dem Vater beistand im Fressen und Schlucken, und er rieb seine Füße
aneinander, da zeugten auch diese ein Riesenpaar, das noch ungefüger
war, als das erste. Sie alle aber wußten nichts, als ihren Bauch zu
mästen und Kinder zu zeugen, die dasselbe taten, und die Luft mit ihrem
Brausen und Brüllen zu erfüllen.

Als der Riese Ymir, unreifer Gedanken voll, sich ins Leben gewälzt
hatte, drängte eine Schar unruhiger, flatternder Gedanken ihm nach,
fanden aber, bei Ymirs gewaltsamer Ausdehnung, nicht genug des
Rohstoffes mehr, um sich einen irdischen Körper zu schaffen, und fuhren
in Grimm und Unlust als wütende und boshafte _Gespenster_ durch die
Luft und das Land. Schrate und Trolle wurden sie und Maren, Truden und
schwarze Alben. Steckengeblieben waren sie in ihrem Werden zwischen
Irdischem und Göttlichem, überragten das rohe Riesengeschlecht an
Witz und Geist, reichten dennoch nicht heran an das Erhabene, das dem
Geist erst seine edle Führung gibt. Unstet und zerfahren, ohne Zucht
und Ordnung, vermehrten sie den Wirrwarr, den die riesischen Urnaturen
verübten, jagten mit ihnen gemeinsam und hockten ihnen auf, krochen
zwischen sie und hetzten sie gegeneinander durch Stoßen, Treten und
Zerren, und freuten sich aus sicherem Versteck, wenn die Ungeschlachten
übereinander herfielen und brüllend die eben erst gewordene Erde
zusammenstampften. So wetteiferte das ungezügelte Geisterheer mit den
rohen Naturgewalten der Riesen, die junge Erdenwelt nur als Tummelplatz
aller wilden Lüste zu nutzen und jede Entwicklung zu einer höheren Welt
im Keime zu ersticken.

Der göttliche Gedanke jedoch hatte nicht brach gelegen. Langsamer,
als die eilfertig und verwahrlost Schwärmenden, aber unaufhaltsam,
forschend, sich klärend, neuschöpfend, drang er aus der stillen Tiefe
empor zum Licht. Er nahm _nur_ die wenigen und die edlen Stoffe, die
dem stumpfen Blick der Riesen entgangen und der Gier der Gespenster
zu gering erschienen waren, und gab dem Geist die Vorherrschaft über
den Körper. Schlank und ebenmäßig formten sich die Glieder, ein jedes
untertan der Verrichtung, die es erfüllen sollte, und sinngemäß danach
erschaffen. Stark wölbte sich die Brust, straff spannten sich die
Muskeln, blau blitzten die Augen und goldfarben wehte das Haar. In der
Wärme des Tags stand _der erste Gott_. Und er nannte sich Buri.

Gewaltig in wilder Naturkraft stand der Riese Ymir. In Schönheit stand
Buri, der Gott, und sein Geist war höher als des Riesen Felsenhaupt.

Und als der erste Gott geruhsam erforscht hatte, was der Erdenwelt
not tue, schuf er sich lächelnd um in seinen Sohn Bur, der sonach
erdgeboren wurde aus göttlichem Geist und sich ein Weib aus der Riesen
Geschlecht wählte und sich aus ihr heraus, zum dritten Mal, neu erschuf
in drei Söhnen, _Wodan_, _Wili_, _We_. Damit die erhabenen Götter das
gerechte Empfinden behielten für irdische Dinge.

_Asen_ nannten sie sich, die »göttlichen«. Ihr Haupt und Held war
_Wodan_. --

Immer noch lag die Erdenwelt wie eine wüste Wildnis. Ymir, der Fresser
und Säufer, lastete mit seiner zahllosen Sippe zu schwer auf ihr,
als daß sie hätte atmen und gedeihen können. Über ihre ganze Länge
und Breite schob sich schon sein Leib. Sein Blick aber ging nicht
weiter als bis zu der tückischen Geisterschar, die ihn mit blödem
Blendwerk umgaukelte und ihn und seine Sippe billigen Zauber lehrte
statt fruchtbringende Arbeit. Dreimal hatten sich die erhabenen
Götter umgeschaffen, um immer vollkommener zu werden für die Größe
ihrer Sendung und ihrer Aufgabe. Das ungeschlachte Riesengeschlecht
hielt sich für vollkommen, wie es roh aus dem Reife stieg, und griff
mit tölpelhaften Händen nach den Erzeugungen der Erdenwelt, um sie
zu vertilgen, statt zu vermehren und zu veredeln. So verschwand die
Erdenwelt im unersättlichen Bauche Ymirs und seiner Sippe, und alles
Weiterwerden drohte zu vergehen.

Wodan, der junge, sah es, und er rief Wili und We, seine Brüder, und
sie gingen zu Ymir, als er auf dem Rücken lag und verdaute. Das war
sein einzig Tagewerk.

»Wozu bist du hier?« fragte ihn Wodan.

»Ich bin hier, um zu leben«, knurrte Ymir böse. »Die Erde sorgt, daß
ich wachse.«

»Nein,« sagte der Ase, »du lebst, damit die _Erde_ wachse. Kannst du
weiteres verstehn? Steh auf und schaffe.«

Da drehte sich der Riese wie ein Flegel auf den Bauch und wies die
Kehrseite, daß die Männer und Weiber seiner Sippe vor Vergnügen
brüllten und sich das Mißgunstvolk der Maren und Schrate, der Truden
und Alben meckernd in der Luft überschlug.

Wodan lachte über die Welt hin.

»Packt an,« gebot er den Brüdern. Und sie packten den ungefügen
Erdenkloß, den Erdaussauger, zu dritt, hoben ihn hoch und zertrümmerten
ihn an dem Felseneis.

Krachend schlug Ymirs Riesenleib über die Erde, daß sie fast
zerschmettert war und in kreischendem Getöse bebte und schütterte.
Brausend und alles mit sich reißend schoß aus dem zerplatzten
Riesenleib das Blut, und so gewaltig und ungeheuerlich waren die
Blutströme, daß sie die Erdenwelt überschwemmten, die gähnenden Klüfte
in schäumende Seen wandelten, bis zu den Gipfeln der Eisberge stiegen
und alles Lebende ersäuften. Das Riesengeschlecht watete durch die
Fluten. Das brüllende Lachen war ihm vergangen. Das Blutmeer stieg
ihm an den Hals. Männer hoben ihre Weiber, Weiber ihre Kinder auf
die Schulter, daß sie sich auf die Eisberge retteten. Mit entsetzten
Blicken hingen sie an den Höhen. Und eine heulende Blutwoge schlug
sie herunter und ertränkte und erstickte sie im Knäul der zappelnden
Riesenleiber. Als die Sintflut sich verlief, war Ymirs Geschlecht
vertilgt. Nur in ferner Ferne fuhr noch ein einziger Riese mit seinem
Weib auf einem Floß dahin, ließ sich von der verlaufenden Flut treiben
weithin bis ans Ende der Welt -- und entkam.

Auf dem höchsten Grat, hoch über der Sintflut, stand Wodan mit seinen
Brüdern.

»Sieghaft auferstehn soll der erhabene Geist über die rohen
Stoffgebilde. Beseelen soll er die wilden Naturgewalten, sie zur
Ordnung leiten und zu schöpferischer Arbeit. Nur das ist Leben.«

Über die Sintflut hinweg jagte das heulende Heer der Spukgestalten und
suchte sich in kreischender Angst vor dem Blick des gewaltigen Gottes
zu verbergen.

»Verruchtes Volk der Halbheit,« ergrimmte der Gott. »Von den Göttern
holtest du Wissen und wandeltest das Göttliche in gemeine Lüste und
billigen Zauberspuk, der die Irdischen gierig macht in die Tiefe und
ihre Augen für das Höchste verblödet. Ich fege euch weg!«

Und wie der Sturmwind fuhr Wodan hinaus und würgte zwischen den Händen,
was er erfassen konnte von den tausenden von Truggespenstern, und hing
die erdrosselten an seinen Gürtel. Und nur wenige waren, die ihm in
den Ritzen und Ranken entkamen.

Der wilde Jäger kehrte zurück. »Ich werd' dich noch jagen manche
Sturmnacht, lichtscheues Gesindel,« lachte er in den Bart, warf seine
Last ab und strich sich aufatmend über die Brauen. »An die Arbeit
jetzt!«

»Du bist Haupt und Held,« sprachen Wili und We, die Brüder, »_Allvater_
bist du, und ein Führer muß sein selbst unter Göttern. Wir ratschlagen
mit dir. Dein ist der Befehl!«

Da ratschlagten die Götter in ernstem Wägen, um eine Ordnung zu
schaffen, in der ein jedes seinen Platz erhielte und seine Bestimmung.
Und sie nahmen den Schädel Ymirs und richteten ihn auf ragenden Säulen
als Himmelskuppel auf, und das Gehirn ward zu Wolken, die das Wetter
bargen. Aus Ymirs Fleisch schufen sie das gesättigte Erdreich, aus
den beinernen Knochen Stein und Fels, aus dem wirren Haar Bäume und
Gesträuch, aus dem Blut das brausende Meer. Sie zogen dem Riesen
die scharfen Wimperhaare aus und bauten aus ihnen kreisrund um das
wirtlichste Land einen mächtigen Wall gegen das ungebärdige Meer und
die Tücken der zum Weltend entflohenen Riesen. Und sie nannten das
inmitten gelegene Land, das von einem neuen Geschlecht bevölkert
werden sollte, _Midgard_. Und den Himmel, den sie als Wohnung der Asen
bestimmten, nannten sie _Asgard_. Die Funken aus Muspelheim fingen
sie auf und hingen sie als Leuchten an den Himmel. Die außengelegene
Welt aber, in die sich die letzten Riesen und das irrlichtende Volk
der Alben und Trolle geflüchtet hatten, nannten sie _Utgard_, und tief
unter die Erde verwiesen sie Niflheim, die Nebelhölle, die Totenwelt.

Und Allvater sprach: »Der göttliche Gedanke hat sich noch nicht
erschöpft. Zusammen ruf ich seine ganze Kraft.« Und er hob die Hände an
den Mund und stieß einen Ruf aus, der in die Tiefen der Unendlichkeit
ging: »Herbei, was göttlich ist in aller Weltenseele seit Urbeginn!«

Da stieg aus der fruchtbar gewordenen Erde _Frigg_ hervor, die erste
Göttin, und lehnte sich an Wodans Schulter. Und es sammelte sich ein
Kreis lichter Gestalten um den obersten Gott, und sie alle suchten
ihren Platz und hörten Wodans Gebot. Eine Schar der Lichtgötter aber,
die sich _Wanen_, die Wissenden, nannten, jauchzten in die junge Welt
hinein, faßten sich an den Händen zum Reigen und schwangen sich, des
Jubels voll, hoch in die frühlingslauen Lüfte. Von der Stätte der
harten Arbeit verloren sie sich im Spiel, und sie beschlossen, singend
und klingend, ein milderes Reich im Reiche zu gründen unter der
Herrschaft der Schönheit und des Glücksgenusses.

Mit den erstgewordenen Göttern, den Göttern seit Urbeginn, stieg Wodan
auf gen Asgard, die Schöpfung zu vollenden, zu veredeln, zu leiten.

Die Erdenwelt war lebendig in der Natur. Allvater gedachte, ihr das
göttliche Leben zu geben in dem _Menschen_. --

Unter den Urgöttern aber stand an ragender Stelle der Schwertgott
Tuisko, _Teut_, der den Mannus zeugte, den Mann. Mannus gab drei
Söhnen das Leben, Ingo, Isk und Irmin. Sie wurden die Stammväter der
Ingävonen, der Iskävonen und der Erminonen, der drei Hauptstämme der
Teutmänner, _der Deutschen_.



Der Menschen Werden und Wachsen.


In Asgard saß Wodan, der Götter Haupt und Held. Eine Türschwelle hatte
er vor dem Götterheim zu einem Hochsitz geschichtet. Wohl erwählt war
der Platz, denn von dem Hochsitz aus überschaute Allvater die ganze
Welt und alles Werden und Vergehen. Und er sah mit durchdringendem
Auge, daß im Leibe der Erde ein seltsam Leben wimmelte.

Er berief den Götterrat, und sie erforschten, daß des Riesen Ymirs
träges Fleisch voller Maden gesteckt habe, die sich, mit der
Verwandlung von Ymirs Fleisch in fruchtbaren Erdboden, ebenso zu einer
höheren Stufe entwickelt hatten und als absonderliche _Zwerge_ und
_Wichte_ zwischen den Rippen der Erde wühlten. In guter Laune formten
und feilten die Götter an den drolligen Gestalten, ohne sie um vieles
schöner herausputzen zu können, schlossen sie deshalb vom Tageslicht
aus und bannten sie ins dunkle Erdinnere zurück, beschenkten sie aber
in göttlichem Mitleid mit Verstand und Rückerinnern.

Und Allvater sprach:

»Nur der vermag das Sonnenlicht auf Erden zu ertragen, der in der Sonne
geboren ist. Das Sonnenlicht hebt die Gedanken stolz und hoch zum
Himmel und schafft ihnen höhere Gleichnisse. Darum taugt es nicht, daß
die Unterirdischen die Macht auf Erden gewinnen, denn ihre Gedanken
steigen in die Dunkelheit und zum wimmelnden Gewürm.«

Und Wodan warf seinen Sturmmantel um und entbot _Hönir_, den Gott des
Waldes und der Heide, und _Loki_, den Heißen und Leuchtenden, dem das
Feuer untertan war, und fuhr mit den Ratgesellen zur Erde.

Sie wanderten dahin im Licht der Sonne, die aus Muspelheims Funken am
Himmel hing, und das Schweigen der Wälder umgab sie. Prüfend gingen
ihre Augen über alles, was war. Und sinnend schritten die drei Götter
dahin.

Da bot sich ihnen auf der Lichtung eines Hügels ein wunderbares Bild.
Kraftvoll war es und lieblich zugleich. Vom Schatten des Waldes
umkränzt, hob sich sonnenübergossen der blumige Hügel, und eine
mächtige Esche reckte sich daraus und eine breitausladende Ulme, und
beide streckten sie ihre Wipfel sehnsüchtig dem Himmel entgegen, und
sehnsüchtig vermählte sich ihr starkes Untergeäst, als wollte ein Baum
den anderen stützen und umschlingen, und ihre Wurzeln tranken tief aus
der Erde, während ihre Wipfel hoch nach dem Himmel verlangten.

In lächelnder Gewähr blickte Allvater Wodan auf das Bild, segnend stand
Hönir, der Wälder Gott, feurig und leidenschaftlich trat Loki heran.

Und Wodan nickte mit dem Haupt und strich mit leisen Händen über die
Rinde der Bäume. Und von seinen Händen ging eine Kraft aus, die drang
in das Mark der Esche und drang in das Mark der Ulme und erfüllte beide
mit der göttlichen Seele.

Da ging ein Raunen und Rauschen durch die Bäume von der Wurzel bis zur
Krone.

Und Hönir tat wie Wodan und streichelte liebkosend Stämme und
Blätterdach und flüsterte mit ihnen.

[Illustration: »Da standen Esche und Ulme horchend und wurden
sehend ...«]

Da standen Esche wie Ulme horchend und wurden sehend und regten ihre
Äste und standen, mit offenen Sinnen, in freier Bewegung in all der
Sonne.

Der feurige Loki aber sprang vor, riß sie an seine Brust, daß sie
taumelnd die Glut seines Herzens spürten, ließ einen Blutstropfen in
sie überspringen und gab die Menschgewordenen aus seiner brünstigen
Umarmung frei.

Auf der Erde standen _die ersten Menschen_. --

Und die ersten Menschen sahen die Götter und sahen dann sich selbst.
Und sie erblickten in ihren Augen die Sonne des Himmels und schritten
mit heißen Wangen aufeinander zu und faßten sich bei den Händen.

_Ask_ hieß die Esche. _Embla_ die Ulme. So hießen die ersten Menschen.
Und Embla lehnte ihr Haupt an die Schulter des Ask, wie Frigg getan
hatte, die erste Göttin, als sie Wodan erblickte.

Da winkte Wodan seinen Gefährten und fuhr mit ihnen gen Asgard zurück.

»Wir gaben ihnen viel,« sprach Wodan, »mehr noch müssen sie sich selber
geben.«

Die Gefährten suchten Allvaters sinnenden Blick.

»Die Erkenntnis,« sprach Wodan, »daß sie nur mit den Göttern
Edelmenschen und Herren der Erde sind; ohne die Götter -- Schlagholz im
Walde.«

Loki erwiderte: »Aus dem Schlagholz im Walde springt hell und lustig
die Flamme. Das deucht mich kein übles Los.«

»Wehe den Menschen,« sprach Wodan, »die göttliches Feuer mit irdischer
Flamme verwechseln. Die irdische Flamme ist die Zerstörung, die
göttliche führt zur Ewigkeit.«

Da schwieg Loki. --

Auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß Wodan und blickte
über die ganze Welt. Von den Tieren, die er erschaffen hatte, hatte
er zwei Raben ausgewählt, die hießen Hugin und Munin, Denkkraft
und Erinnerung, und hockten ihm zur Rechten und zur Linken auf der
Schulter. Täglich sandte er sie über die ganze Welt hinaus, und was sie
auf ihren Flügen erspäht hatten, flüsterten sie Wodan ins Ohr, wenn sie
auf seinen Schultern hockten. An seine Füße schmiegten sich zwei graue
Wölfe, Geri und Freki geheißen, des Gottes würgende Jagdhunde, wenn er
als wilder Jäger durch die Lüfte brauste oder über die Walstatt der
Kämpfer.

Von Asgard, der himmlischen Heimburg, blickte mit Wodan die Schar der
Götter hinunter nach Midgard, ins Land der Menschen. Und der göttliche
Teutsohn Mannus ersah mit Freuden ein kraftvolles Menschenkind mit
goldrotem Haar und blaublitzenden Augen, das der Umarmung des Ask und
der Embla entsprossen war, und er suchte sie auf in Midgard, und sie
verbanden sich in Liebe und Kraft. Da wurden ihre Söhne Ingo, Isk und
Irmin nach Ask, dem Urvater, die ersten Männer, die über das Erdreich
schritten, und waren die Stammväter der Deutschen.

Unter den Göttern war _Heimdall_, der lichte Ase, den Wodan zum Wächter
gesetzt hatte über alles Geschehen. Nie kam ihm der Schlaf. Vor der
Sonne schon beleuchtete er den Himmel- und Erdenkreis mit goldenem
Frührot und horchte aufmerksam auf die Atemzüge der Welt. Heimdall aber
sah, wie schnell sich das Menschengeschlecht vermehrte und wie es nicht
zum frohen Genusse des Lebens kam, weil ihr Schaffen ungeordnet war und
ein Jeder jede Arbeit tat, ohne sie recht zu verstehen. So mühten sie
sich ohne Erfolg und bald ohne Freude und brachten es zu nichts. Das
bekümmerte den guten Gott, und er beschloß Wandel.

In menschlicher Gestalt betrat er die Erde und spähte in alle Hütten.
Und er ersah ein Ehepaar, das war knochig und gedrungen und muskelhart
an Armen und Beinen. Es buk sein schwarzes Brot aus den Körnern, wie
sie vom Felde kamen, und trank die Milch warm, wie sie die Euter
der Kühe spendeten. Zu ihnen trat Heimdall als Gast, und als er mit
ihnen gegessen und getrunken hatte, weissagte er ihnen, daß aus der
anspruchslosen Kraft die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde, und er
schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frühlicht.

Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben von schwerem Körperbau,
und als er aufwuchs, rodete er Äcker, bestellte sie von morgens bis in
den Abend und umzäunte sie, bewässerte Wiesen und schuf Weideland für
Pferde und Kühe, Ziegen und Schafe und trieb die Schweine zur Mast in
den Eichenwald. Er arbeitete im Schweiße seines Angesichts und lehrte
wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem
Mühen, und wenn er durch die wogenden Saaten schritt und durch die
wachsenden Herden, sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk
meiner Hände, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all
meine Liebe schenkte.

So wurde der _Bauernstand_, und er war göttlich durch Heimdall, den
Wächter.

Und Heimdall spähte weiter in alle Hütten der Menschen, und er
erschaute ein Ehepaar, das war stattlich und von kluger Stirn, hinter
der die Gedanken arbeiteten. Der Mann hatte der Frau einen Spinnrocken
geschnitzt und sich selber einen Webestuhl, und sie spannen und webten
Linnen und Tuch und schmückten sich mit den schönen Gewändern, auf daß
sie eine immer größere Freude aneinander hätten trotz Wind und Wetter.
Bei ihnen trat Heimdall ein, und sie luden den Fremdling zu Gast, und
die Frau kochte auf dem Herdfeuer ein feines Gericht aus den Kräutern
des Gartens und zartem Fleisch. Und als der Gott sich gesättigt hatte,
weissagte er ihnen, daß aus der durchdachten Kunst ihrer Handfertigkeit
die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde, und er schlief bei ihnen in
der Kammer und schied im Frühlicht.

Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der war schlank und
gelenkig und von besonderem Verstande. Als er aufwuchs, zimmerte
er kunstvoll verzierte Häuser und weitgeschwungene Hallen, baute
Schmiedewerkstätten, in denen aus den Erzen der Erde köstlicher Schmuck
bereitet wurde und aus dem Eisen Schwerter und Pflugscharen, veredelte
Rocken und Webstuhl und mit ihnen Gespinnst und Tuch und tauschte seine
Erzeugnisse mit den Früchten des Bauern und dem Fleiß aller Welt. Sein
Tagewerk ging grübelnd und wirkend bis in die Nacht, und er lehrte es
wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem
Mühen, und wenn er durch Häuser und Hallen und Werkstätten schritt, und
sein Auge Gewebe und Schmuck jeder Art, Waren und Werkzeuge musterte,
sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Hauptes und
meiner Hände, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all
meine Liebe schenkte.

So wurde der _Gewerbestand_, und er war göttlich durch Heimdall, den
Wächter.

Und zum drittenmal spähte Heimdall in alle Hausungen der Menschen, und
er erblickte ein Ehepaar, das war schlank und muskelhart zugleich,
stark und furchtlos wie kein anderes, und wer Rat und Tat suchte,
klopfte an seine Tür. Der Mann kam staubbedeckt von der Jagd, warf
das Untier des Waldes, den erlegten Bären, vor die Feuerstelle und
spannte den Bogen neu und schärfte die Speerspitze nach, bevor er sich
erfrischte. Lachend schloß die schöngeschmückte Hausfrau den Wilden in
die Arme. Und er saß bei ihr, den Arm um ihren Nacken geschlungen, und
besprach mit ihr all sein tapferes Planen gegen das Raubzeug der Tiere,
der Menschen und der bösen Geister, und sie gab ihm Rat und rief das
Gesinde der Mägde und lehrte sie, das Wildpret zerlegen, zubereiten und
die Armen und Hungrigen damit sättigen. Und Heimdall trat zu dem edlen
Paar an den gastfreien Tisch, ließ sich den Bärenschinken munden und
den schäumenden Met aus dem Auerochsenhorn, freute sich der würzigen
Reden und weissagte den Starken zum Dank, daß aus ihrer Kraft und ihrem
hochgemuten Sinn die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde über das
Haus hinaus zum Besten aller, die um das Haus sich scharten. Und er
schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frührot.

Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der hatte die Kraft des
Bären, die Schnelligkeit des Hirschen, das Auge des Falken. Stärker
aber, rascher und schärfer noch war sein Geist. Und Geist und Körper
waren wie Blitz und Schlag. Als er der Wiege entsprang, rannte er in
den Wald, erkletterte er die Berge und ließ sein Jauchzen erschallen,
daß die Menschen, die ihn hörten, Kopf und Nacken streckten und das
Echo jubelten. Auf der Wiese griff er sich die Hengste und ritt mit
den Winden um die Wette, ohne zu ermüden. Sein Pfeil holte den Vogel
aus der Luft, sein Speer den Wolf auf der Flucht. In der Brandung der
See kämpfte er mit den geschmeidigen Robben, als stände er auf festem
Land. Und wo es Hilfe galt, war er der erste. Als er heranwuchs, baute
er eine feste Burg, und die Nachbarn siedelten sich an im Schutz
seiner Mauern und seines Schwertes. Im Kampf mit dem Feind war er
allen voran und zeigte den Seinen den Sieg! Im Gericht kannte er nur
die Gerechtigkeit, dann erst die Milde. Im Rat aber war er, daß alle
Nachbarn ihm ihre Sorgen brachten, und er nahm sie, als wären es
die seinen. Sein Leben war Kampf und Sieg, für die andern mehr denn
für sich, Tag und Nacht, ohne die Rast des Bauern, ohne die Ruhe des
Bürgers, und er lehrte es wiederum die eigenen Kinder so, denn sein
Gemüt war fröhlich bei allem Mühen, und wenn er durch die Schanzen
seiner Burg, durch die Reihen seiner todesmutigen Mannen, durch die
Gehöfte und Siedlungen der glücklichen Bauern und Bürger schritt,
sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Geistes, der
mich und die Scharen lenkt, und es ward, weil ich es verstehen lernte
und ihm all meine Liebe schenkte.

So wurde der Stand der _Krieger_ und _Heerkönige_, und er war göttlich
durch Heimdall, den Wächter.

Von Stund an tat jeder der Stände seine Pflicht in seinem Kreis, und es
herrschte in der Menschen Leben, ihrer Arbeit und ihrer Freude Ordnung
und Lohn. --

Lächelnd reichte Wodan Heimdall die Hand zur Heimkehr. Auf dem
Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß er und ließ eine Esche
wachsen, die ihre Wurzeln in alle Welten senkte und deren Krone bis
nach Asgard ragte. Drei Wurzeln senkte sie hinab. Die eine saugte
ihre Säfte aus einem Brunnen unter Midgard, der Menschenerde, an dem
die _Schicksalsfrauen_ wohnen, die Nornen Urd, Skuld und Werdandi,
die Künderinnen alles Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen im
Menschenleben. Die zweite Wurzel saugte ihre Säfte aus einem Brunnen
unter Niflheim, dem Geheimnis der Totenwelt, und der Drache _Nidhögg_
benagt sie, um sie zum Sterben zu bringen. Die dritte Wurzel aber
saugte ihre Kräfte aus einem Brunnen unter Utgard, der Welt der Riesen
und Trolle, und _Mimir_ birgt sich in ihm aus Ymirs Geschlecht, der
Wissen und Weisheit aus der Urzeit bewahrte, bevor die Götter waren.

_Yggdrasil_, Baum des Gerichts, hieß die Esche, die Allvater gepflanzt
hatte, um alle Welten fest ineinander zu wurzeln unter der Herrschaft
des Himmels. Einen Adler setzte er in die Krone mit einem Falken
zwischen den Augen, daß ihm nichts entgehe. Ein Eichhörnchen hüpft den
Stamm hinauf und hinunter und hinterbringt dem Adler und dem Drachen
alle Scheltworte, die der eine dem anderen gönnt. So bleiben sie alle
zornig wach.

Und Allvater lachte zufrieden. -- -- --



Das goldene Zeitalter.


Ein Frühling, der nie verging, blühte und duftete über Asgard, und die
Götter gingen einher mit seliglachenden Augen. Die wilden Naturkräfte
waren gebändigt, in ihre Schranken verwiesen und dem Wechsel der
Jahreszeiten dienstbar gemacht. Jenseits des breiten Meergürtels, den
die Asen um Midgard gelegt hatten, hausten die Riesen. Auf der Erde
wuchs zahlreich und kräftig das Menschengeschlecht empor und brachte an
heiligen Stätten den Göttern geweihte Opfer dar. Tief im Erdinnern aber
schafften die Zwerge, klopften die köstlichen Erze aus dem Gestein und
schmiedeten wunderbares Geschmeide, mit dem sich die Götter schmückten.

Das schwerste Tagewerk, die Erschaffung und Ordnung der Welt, war
geschehen. Es war die Zeit, in der die Götter an sich selber denken
durften und an frohe Feiertage.

Geschwisterlich vereint, einer dem anderen in Liebe zugetan, durchzogen
sie die Blumenwiesen Asgards und bauten sich himmlische Burgen auf mit
ragenden Hallen und zahllosen Fenstern zum Ausblick auf das Riesenland
und die Menschenerde. Viele Namen gaben die Menschen den Göttern je
nach der Sprache, in der sie sie verehrten, und die Nordmänner riefen
den allweisen Wodan _Odin_.

Gladsheim hieß Wodans goldglänzende Burg in Asgard, die »Welt der
Wonnen«, und der mächtigste Saal darin war _Walhall_. Ebenbürtig war
ihm in Gladsheim nur ein zweiter, _Wingolf_, die heitere Halle der
Göttinnen. Mit Frigg, seiner hohen Gemahlin, zeugte Wotan herrliche
Asensöhne. Der herrlichste und beste unter ihnen war _Baldur_, der
Lichte, den alle Götter mehr liebten als sich selbst, weil er das
Vollkommenste war an Leib und an Seele, was Asgard hervorgebracht hatte
und durch seine frühlingsfrohe Erscheinung, die kraftvolle Schönheit
seines Wuchses und die Reinheit seines Gemütes Freude hervorrief,
wo immer er ging. Breidablick hieß sein glänzender Saal, blank wie
die Sonne, und nichts Unreines durfte über die Schwelle. Vorbildlich
in allen Tugenden des Himmels und der Erde, hell und klar wie der
sonnige Tag stand Baldur vor Göttern und Menschen, und sein Sohn,
_Forsetti_, den ihm sein glückliches Gemahl _Nanna_ geschenkt hatte,
saß im Himmelssaale Glitnir als Gott der Gerechtigkeit und übte die
richterliche Obergewalt. _Hermodur_ aber, der schnelle Götterbote, war
Baldurs Bruder und hing ihm zärtlich an.

Neben seinem Vater Wodan ragte über alle Asen _Donar_ hinaus, den die
Nordmänner _Thor_ riefen. Nichts kam seiner Körperkraft und seinem
heldischen Mute gleich. Er liebte die Menschen und ihr fruchtbares
Ackerland, bekriegte die Unholde und Riesen, die die Erde bedrohten,
und brauste mit seinem Bockgespann durch die Wetterwolken, daß sie der
dürstenden Erde die heilbringenden Gewitterregen spenden mußten und
die erfrischende Luft. Tanngniost, der Zahnknisterer, und Tanngrisnir,
der Zahnknirscher, hießen die Böcke vor seinem Wetterwagen. Seine
Halle aber hieß Bilskirnir, der Blitz. Selten war er daheim, der
Vielbeschäftigte, und die Menschen, wo immer sie den nährenden Boden
bestellten, liebten ihn in ihren Herzen und Hirnen über alle die
anderen Asen und hingen ihm an in Not und Gefahr, denn sie fühlten
sich ihm nahe, weil _Jord_ seine Mutter gewesen war, die Erdgöttin.
Darum liebte auch er den Bauernstand. Seine Gemahlin war _Sif_, die so
schönhaarig war wie goldenwogendes Getreidefeld. Seine Tochter _Thrud_
wuchs auf in des Vaters gütiger Art, während seine Söhne, _Modi_, der
Zorn, und _Magni_, die Kraft, des Vaters Kämpferblut ererbt hatten.
Bedurften die Götter des stärksten aller Asen Hilfe, so riefen sie
nur seinen Namen, und wie der Blitz stand Asathor unter ihnen. Das
Volk der Menschen aber opferte dem Stärksten der Starken unter den
ragendsten Eichen.

Donar-Thor am nächsten an Heldenhaftigkeit und Sorge um Menschenvolk
und Menschenerde stand Tuisko, _Ziu_ genannt und von den Nordmännern
_Tyr_. Als Gott über den strahlenden Himmel gesetzt, beschenkte er
die Erde mit Wärme und Licht, bevor die Nacht kam, und steigerte ihre
Fruchtbarkeit. Feind war er darum allen zerstörenden Kräften und
hob das Schwert gegen die gierigen Kriegerscharen, die sengend und
mordend ins Land fielen. Als Schwertgott feierte ihn deshalb das Volk,
ritzte seine Runen in die Klingen und huldigte ihm in Schwertertänzen,
wenn es galt, die Jünglinge mutig und mannhaft zu machen; in
Menschenopfern, wenn es unter stürmischer Anrufung seines Namens die
Schlachtreihen des Feindes durchbrochen und niedergestreckt hatte. In
heiligen Hainen verehrte ihn das dankbare Volk, und es bezeugte dem
strahlenden Himmelssieger die Ehrfurcht des Menschenkindes, daß es
seinen Tempelhain nur in freiwillig gewählten Fesseln und tief zur Erde
gebeugt betrat. Weiße Rosse waren dem Schwertgott heilig, die mit den
Hufen salzige Quellen geöffnet hatten zur Kräftigung der kriegswunden
Glieder, und das Wiehern der Rosse galt als Weissagung.

Wie der frühlingsfrohe Baldur als Gott des Tages, so herrschte der
blinde _Hödur_ als Gott der Nacht. Einsam war er und schweigsam.
Nur wenn das Licht sich neigte, trat er in die Dämmerung, um in das
Dunkel zu wandern. Und da er blind geboren war, wußte er wenig von dem
fröhlichen Tun der Götter, die ihn still seine Wege gehen ließen.

Auch _Hönir_ wohnte in Asgard, der Fahrtgenosse Wodans, der dem ersten
Menschenpaare in Midgard die Seele geschenkt hatte und die Bewegung der
Glieder. Er machte wenig Worte und war ein Mann des Friedens und der
Ruhe.

Königlich anzusehen war _Uller_, der über den Winter gesetzt war und
auf gewaltigen Schneeschuhen über Schnee und Eis dahinstob, mit Pfeil
und Bogen das Wild zu jagen. Ihm jubelten die Jäger zu.

Am königlichsten neben Wodan-Odin erschien _Loki_, der Gott des Feuers
und der Hitze. Von verführerischer Anmut und blendender Geistesschärfe,
berufen, neben Allvater zu stehen, fehlte ihm Wodans Willenskraft und
Baldurs sittliche Größe, so daß er oft und gern seine hohen Gaben
verwandte, um durch übermütiges Trugwerk und geistreiche Listen das
Gelächter der Götter zu erregen und sich im billig erworbenen Ruhm zu
sonnen. Da es seiner Herrschsucht und Eitelkeit nicht gelungen war, der
Erste der Götter zu werden, so wünschte er ihnen seine überlegene List
und Klugheit ständig zu bezeigen, und was zuerst ein leichtfertig Spiel
erschien und lustiges Gelächter erregte, konnte leicht zu unheilvollem
Ernst werden, wenn die Götter ihm nicht die Grenzen seines Tuns
umschrieben. Als Wodans Fahrtgenosse bei der Erschaffung der Menschen
hatte er dem ersten Menschenpaare einen Tropfen seines Blutes vererbt:
die ungezügelte Leidenschaft. Die Menschen aber fürchteten sich vor
dem unbeständigen, bald schmeichlerischen, bald jähzornigen Gott und
hielten sich in ihren Anrufungen vor seinem Namen zurück.

Asgards Wächter, der treue _Heimdall_, saß als Markgraf in seiner Halle
an der Brücke _Bilfrost_, die sich wie ein Regenbogen vom Himmel zur
Erde spannte. Der Scharfäugigste war er und der Hellhörigste. Hunderte
von Tagereisen weit sah sein Auge durch Tag und Dunkel, und sein Ohr
hörte das Gras auf der Erde, die Blätter an den Bäumen, ja die Wolle
auf den Schafen wachsen. Er war der Früheste, denn er schlief nicht
ein, weil er aus der Dämmerung des Abends schon die Dämmerung des
Morgens ersah. Keinen besseren Mann konnten die Götter an die einzige
Brücke stellen, die gen Asgard führte. --

Ein Frühling, der unvergänglich schien, blühte und duftete über
Asgard, und die Götter gingen einher mit seliglachenden Augen.
Geschwisterlich vereint, einer dem andern in Liebe zugetan, durchzogen
sie die Blumenwiesen, trieben ritterliches Spiel, huldigten Frigg,
der erhabenen Himmelsmutter, und den jüngeren Göttinnen ihres Hofes,
_Saga_, der weisen, mit der Allvater den Trunk des Wissens aus goldenen
Schalen schöpfte, _Fulla_, der listigen Vertrauten der Himmelsmutter,
_Menglod_, der flammenden Morgenröte, _Idun_, der jugendschönen, der
ewig jungen, die die Zauberäpfel bewahrt, von denen die Götter essen,
um nimmer zu altern, _Gefjon_, der klugen, zu der die Mädchen beteten.
Manche gleich schöne, gleich kluge Götterjungfrau lächelte aus Friggs
Gefolge den Götterhelden zu, wenn sie auf blitzschnellen Rossen über
die Wiesen jagten, den Speer schossen oder die heißen Schwerter über
Schild und Brünnen fegen ließen. Oder wenn sie auf den Bänken der
Halle saßen, Lieder zur Harfe sangen und den Met sich zutranken, den
die Holden ihnen in den kostbaren Trinkgefäßen reichten, gefertigt
aus blinkendem Gold von dem reichen Volk der Zwerge. Dann legten
die Götter den frohen Frauen funkelnden Schmuck um Hals und Nacken,
Edelgestein, das die Zwerge erschürft hatten, glitzernde Halsbänder und
schimmernde Kronreifen, die Flut der Locken zu fassen, und schlangen
die Arme um die schlanken Hüften und wußten nur von Liebe und nichts
von Leid, weil sie einig waren und einer des anderen sicher im selben
Sippschaftsgefühl. Und weil sie schuldlos waren und gerecht.

So lebten die Götter ihr goldenes Zeitalter, und der ewige Frühling
blühte und duftete über Asgard und sandte seine Sonne in alle Welten. --

Heiteren Auges saß Wodan auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle
seines Saales, die den Ausblick bot nach Midgard, dem Land der
Menschen, und nach Utgard, dem Land der Riesen und Trolle. Seine
Jagdwölfe lagen ihm zu Füßen, und seine Weisheitsraben flogen von
seiner Schulter her und hin und kehrten geruhsamen Fluges zurück.
Denn nichts Böses gab es zu melden. Das Volk der Menschen gedieh in
den drei Ständen, in die der treue Hüter Heimdall Bauern, Bürger
und Krieger gegliedert hatte, zu Wohlstand, Glück und Ehre, und das
Riesengeschlecht lag schlemmend und zechend in den Grenzen, die ihm
gezogen waren, sang und brüllte beim Gelage, daß oft Meer und Erde
erbebte, und schielte nur zuweilen wie in erwachender Erinnerung
nach den Göttern in Asgard. Die _Thursen_, das ist die Starken,
nannten sie sich, die Asen aber nannten sie um ihrer Gefräßigkeit
willen die _Joten_, das ist die Fresser, und ihr Reich _Jotunheim_,
das Vielfraßland. Oft waren die Thursen von ebenso plumpem Wesen
wie Gliedern, und es bedurfte nur eines neckenden Wortes, daß sie
wie Schlagetote mit losgebrochenen Felsen und entwurzelten Bäumen
aufeinander loshieben. Wo aber etlichen unter ihnen Weisheit geschenkt
war, traten sie auf als Beherrscher der Elemente und lenkten Meerflut,
Sturm und Feuersbrunst. Als gewaltige Baumeister suchten sie
ihresgleichen, denn ein kleines war es für sie, Felsen auf Felsen zu
türmen und Burgen zu erbauen, die bis zum Himmel ragten. Oft waren ihre
Weiber scheußlich und verzerrt wie Strudel und Gischt, oft aber auch
über die Maßen schön wie lächelnd atmende Meeresstille.

Denn mächtige Wasserriesen gab es und furchtbare Sturmriesen, Berg-
und Waldriesen von ungeheuerlicher Stärke und hitzige Feuerriesen.
Ihre Jahreszeit hob an, wenn der Sommer geschwunden war. Der heulende
Herbst, der krachende Winter blieb ihre Freude, bis die frühlingsfrohen
Götter ihrem Gelärm Einhalt geboten.

Der gutmütigste unter ihnen war _Ägir_, der Herrscher der weiten, der
offenen Meere. Wenn die Götter ausfuhren in die Welt, kehrten sie
oft in seiner Meereshalle ein und taten gewaltige Züge Metes bei dem
fröhlichen Alten. Bösartiger Natur war _Ran_, sein Weib, die Räuberin.
Auf dem Grunde des Meeres kauerte sie und stellte grausam ihre Netze
nach den Schiffern, die über sie dahinfuhren. Neun Töchter zeugte das
Paar, die wie spielende Wellen verführerisch lockten und die in Liebe
entbrannten Söhne der Männererde in ihre Umarmung zogen und auf den
Meeresgrund, in den Todessaal ihrer Mutter Ran.

Über das Eismeer herrschte _Hymir_, der Frostriese, vor dessen eisigem
Blick Felsen zerbarsten wie Glas. Den größten Braukessel besaß er, tief
wie das Meer, aber er hielt ihn unter Schloß und Riegel als unwirscher
Gesell.

Scheusälig aber war _Grendel_ anzuschauen, der Nebelriese der
Sturmflut, mit drachenförmigem Haupt und Krallen wie Stahl, gezeugt
von einer wölfischen Mutter, die bei ihm hauste und ihm auf seinen
Unholdfahrten gierig folgte. Unheimliche Schlupfwinkel wählten sie zu
Wohnstätten, im fiebrigen Moor, in feurigen Gewässern. Und Mensch und
Tier erschauerte vor diesem fiebrigen Feueratem.

Jetzt aber gaben die Riesen Ruhe, denn der allweise Wodan hielt sie im
Bann seiner Gerechtigkeit. Nicht umsonst hatte er Yggdrasil geschaffen,
die Weltesche, die ihre Wurzeln unter Midgard, Utgard und Niflheim
senkte und ihm Wissen gab aus allen Welten. Wenn die Götter aus Asgard
hinabstiegen, um über das Menschenvolk zu richten, so stiegen sie zu
dem Brunnen der Nornen, aus dem eine Wurzel der Weltesche trank, zu
den Schicksalsmädchen Urd, Skuld und Werdandi, die die Geschicke jedes
Menschen wußten von seiner Geburtsstunde an bis zur Todesstunde. Oft
aber stieg Wodan ungeleitet zum Brunnen Mimirs, des Weisesten der
Weisen aus Ymirs Geschlecht, das Welt und Urzeit sah, bevor die Götter
waren. Und er bot ihm göttliche Freundschaft, wenn er ihm alles sagte
aus der tiefsten Tiefe.

»Wie soll ich deiner Freundschaft trauen?« sprach Mimir. »Du bist ein
Ase und ich ein Thurse.«

»Wähl dir ein Pfand,« sprach Wotan.

»Was hältst du am höchsten an dir?« fragte Mimir.

»Meine allsehenden Augen.«

»So gib mir das eine zum Pfand.«

Da gab der Gott das Auge zum Pfand und gewann Mimir zum Freunde. Und
Mimir schöpfte mit Wodans Auge die Tropfen aus der tiefsten Tiefe, und
sie saßen beieinander und raunten miteinander manche Nacht.

Einäugig kehrte Wodan gen Asgard zurück. Aus Liebe zu seiner Schöpfung,
aus Liebe zu den Göttern und Menschen hatte er sein Auge dargebracht.
Denn nun war der Allweise allwissend geworden.

[Illustration: »... und trank mit ihr aus einer Schale ...«]

Oft wandelte er in Asgard zum Wohnsitz der Saga, der ernstgerichteten
Göttin, und trank mit ihr aus einer Schale und besprach mit ihr
feierliche Dinge, die wie Gesang waren aus tiefen Brunnen. Und die Saga
ritzte sie in heilige Zauberrunen, während die Götter und Göttinnen
draußen über die blumigen Wiesen jagten und sich in Liebe fanden,
an festlichen Tafeln saßen und sich mit Kränzen schmückten und dem
funkelnden Goldgeschmeide.

Kinderselig hallte das Lachen über Asgards Wiesen, durch Asgards Hallen.

Wodans Ohr hörte es wohl. Sein Auge blickte sinnend.

Über Sagas Haar strich er und erhob sich.

»Sie sollen fröhlich sein. Lange, lange ... Denn so lange die Götter
schuldlos sind, sind sie unsterblich.«



Der Wanenkrieg.


Waffenruhe war auch auf Erden. Solange die Götter in Gerechtigkeit
ihres Amtes walteten, erhaben über Neid, Selbstsucht und Gier, und sie
zur Muße ihre heiteren Spiele trieben, eiferten die Menschen ihnen
nach und freuten sich ihres Lebens. Sie erfüllten ihr Tagewerk, und
je reicher und lohnender es war, desto fröhlicher gedachten sie der
himmlischen Spender, errichteten ihnen Heiligtümer und Altäre und
brachten ihnen in Begeisterung ihre Opfer dar.

Seltsames bewegte Wodan in dieser glücklichen Zeit. Übermütig macht
das Glück, Götter wie Menschen, und treibt sie über die Grenzen ihres
Wesens. Wenn er über der heiligen Türschwelle saß und alle Lande vor
ihm lagen, spähte er immer schärfer aus in das Leben aller Dinge,
sandte er immer häufiger seine Raben aus, werdende Geheimnisse zu
erforschen, und seine Jagdwölfe wedelten unruhig mit dem Schweif.
Ihm war, als seien Kräfte am Werk, das Glück zu erschleichen, das er
erschaffen hatte, und das Köstlichste, was den Asengöttern wurde, die
Opfer des Menschenvolkes, abzulenken. Und Wodan deutete die Vorzeichen.

Nicht überall strebte der Opferrauch gen Asgard, dem Asenhimmel. Wohl
wirbelten die Opferwolken im Saxland, das steil unter seinem Sitze
lag, mächtig wie immer zu ihm empor, doch nördlich der Sachsen, dort,
wo Dänen und Schweden saßen, trieben sie ab und suchten einen anderen
Himmel. Und Wodan erspähte, daß es der Himmel der Lichtgötter, der
_Wanen_ war, die sich beim Erscheinen der Götter in der Welt singend
und klingend von der Stätte harter Arbeit emporgeschwungen hatten, um
ein Reich der Schönheit und des Glücksgenusses zu begründen.

Da sprach Wodan zu sich selber:

»Glück ist göttlich. Glück ist der Besitz. Glücksgenuß ist irdisch.
Glücksgenuß ist die Verschwendung. Da die Masse der Menschen irdischer
ist als göttlich, wird sie nach dem Genusse greifen, statt nach dem
Glück. Und nur die Helden werden den kargeren Besitz des Glückes
wählen, der Arbeit ist und Aufopferung.«

Und Wodan hörte und erspähte alles, was er von den Wanen zu wissen
begehrte. Verschwenderisch streuten sie Fruchtbarkeit über Länder und
Seen allen, die sie anriefen, lehrten sie den Wert des Goldes, lehrten
sie, den Fleiß ihrer Hände in Gold umsetzen und das Gold in üppigen
Genuß, also, daß die Menschen nur noch zu arbeiten wünschten um des
_Goldes_ willen und um durch Gold alles zu beherrschen, Menschen und
Dinge, Länder, Völker und ihre Schätze, was immer ihnen auf Erden zum
mühelosen Genuß des Lebens verhelfen könne. Feiner und wählerischer
wurden die Anhänger der Wanen, klüger und wissender, und sie dünkten
sich bald in ihrer verfeinerten Lebensführung hoch erhaben über
die rohen Sachsen in Saxland und die anderen Völkerstämme, die auf
Wodan schwuren, den Sturmgott, auf Donar, den Gewitterbringer, und
auf Ziu, den Gott des blanken Schwertes. Über sie alle, die rauhen
und schlichten, denen die Arbeit Freude war, Kraftempfinden und
Lebenszweck, und der Feierabend das Bewußtsein ihrer hart erworbenen
und darum doppelt gesteigerten Fröhlichkeit. Und Wodan witterte die
Gefahr.

Einst, als er mit seinen Brüdern Wili und We den stumpfsinnig
verschlingenden Urriesen Ymir erschlagen hatte, hatte er die niedere
Geisterwelt gejagt, die von den Göttern das Wissen geholt aus der
gebärenden Weltseele und das Göttliche gewandelt hatte in gemeine
Lüste und billigen Zauberspuk. Tausende waren erwürgt an seinem
Gürtel geblieben, wenige nur entkommen. Aber einige waren zu den
leichtherzigeren Wanen entschlüpft, hatten sich zu wildquirlenden
Scharen vermehrt und aufs neue die gold- und zaubersüchtigen Menschen
aufgesucht, die die verschwenderisch spendenden Wanen opfernd
verehrten. So kam mit der steigenden Genußsucht der _Aberglaube_ in die
Welt, der Feind des Göttlichen. --

Aufstanden Wodans Jagdwölfe und streckten die Rute. Mit gesträubtem
Haar standen sie und warteten des Befehls des Meisters.

Nacht war es und Wodan sattelte sein Sturmroß.

In wehendem Mantel, den breitrandigen Wetterhut tief über die blutige
Augenhöhle gedrückt, damit das andere, das Einauge, um so schärfer
funkele, saß er horchend im Sattel. Aufkreischten seine Raben. Von
seinen Schultern schwangen sie sich auf und jagten voran. Hinter
ihnen drein mit heiserem Gebell jagten die Wölfe. Da gab Wodan seinem
Sturmroß das Maul frei, und der wilde Jäger stob mit Hussa und
Peitschengeknall in die Nacht. »Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe!
Stampf' sie, mein Sturmroß, in Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«

Hinter den Gespensterscharen, die heimlich aus Wanenland
herübergeschlichen waren, seine Menschen zu verführen, hetzte er
einher. Entsetzt fuhr das Gelichter der Schwarzalben und Truden, der
Maren und Schrate wie Nebel- und Wolkenfetzen durch die Wipfel der
Bäume und suchte heulend das Weite. Wodans Sturmroß holte sie ein.
Seine Peitsche fuhr knallend durch die Luft, und wen sie traf, den
traf der Tod. »Hussa! Hussa! Horrido!« Die Wolken jagten über den
Himmel, als wollten sie mit weitaufgerissenem Rachen den tanzenden Mond
verschlingen. Und im fahlen Licht der Sturmnacht hetzte Wodan ohne
Ermüden die unholden Geister, den Alb, der sich den Menschen auf die
Brust setzte und sie bedrückte, den Mar, der ihnen das Blut aussog,
den Schrat, der sie äffte und die Trud, die sie behexte. Sie alle, die
seine Menschen quälten und sich zu willen machten, bis die Erdgeborenen
glaubten, es seien die Götter selbst und nicht unholde Wesen, und sich
den Gespenstern ergaben.

»Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe! Stampf' sie, mein Sturmroß, in
Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«

»Da jagt der wilde Wode!« stammelten die Menschen, die im Geheul der
Sturmnacht von den Lagern auffuhren und angstvoll gen Himmel starrten.
»Der wilde Gespensterjäger fährt um.«

Und doch öffneten sie hastig Fenster und Türen, um den gejagten
Spukgestalten Unterschlupf zu gewähren, denn sie versprachen sich
goldenen Dank von den Wichten und gierten nach irdischen Schätzen,
statt nach der stolzen Höhe der Götter.

Nächte hindurch, Monde hindurch fegte Wodans Mantel durch die Lüfte,
knallte seine Peitsche wie krachendes Holz, schrieen seine Raben,
heulten seine Jagdwölfe. »Auf daß das Geschlecht sich nicht vermehre!«
lachte er grimmig in den Bart und setzte vor allem anderen Wild den
kreischenden Frauen und Fräulein der albischen Wesen nach, packte sie
am Gewand, griff sie beim Schleier, zog die Zappelnden hinauf auf sein
Roß und erstickte sie in seinen Umarmungen. »Frauenräuber!« schalten
die verblendeten Menschen hinter ihm drein, »Weiberjäger!« Denn sie
hielten für Liebesgier, was Wodan in göttlichem Zorne tat, und ließen
sich von den Wichten, die sie abergläubisch hüteten, leicht bereden.

Noch blieb viel Koboldvolk auf der Erde zurück, Hausgeister und
Waldfräulein, Korngeister und Wassernixen, und Nächte und Monde jagte
Wodan daher, den Spuk zu vernichten, die Menschen auf sich selbst
zu stellen. Oft auch stieg er zu Mimir hinab und raunte mit ihm am
Brunnen. Denn er hielt das luftige Gesindel der Alben nur für die
Plänkler und Wegemacher eines gefährlicheren Feindes, der Macht der
Wanen, und er wußte es in seiner Allwissenheit.

Einst kehrte er heim nach Asgard, sinnend und grübelnd, und fand die
Götter beim lärmenden Gelage wie in einer großen Trunkenheit. So hatte
er sie noch nie geschaut. Nur Baldur stand abseits. Ihn ekelte das
weibische Getue.

Einen strahlenden Blick warf Wodan auf seinen Lieblingssohn. Dann trat
er zürnend in den Kreis. Doch keiner hatte Augen für ihn.

Vor den Bänken der Götter und Göttinnen tanzte ein nacktes Mädchen von
niegesehener Schönheit. Farbenfunkelnde Geschmeide von auserlesenem
Feuer schmiegten sich an ihre Brüste, daß ihr Weiß heller leuchtete
als der Schnee auf den Hügeln, rotgoldene Spangen, zart wie Blattgold
und von meisterlicher Arbeit umschlossen die Fesseln ihrer Füße, daß
die Glieder aus den Goldblättern hervorwuchsen wie Lilienstengel,
umschlossen die Arme, daß sie sich dehnten und streckten wie
heimlich Geliebte, und Perlenschnüre träumten in ihrem Dufthaar wie
schmeichelnde Mondlichter in kosender Nacht.

»Tanze, tanze,« riefen die Götter mit funkelnden Augen, »so wunderbar
Schönes sahen wir nie, wie dich, du Mädchen!«

»Tanze, tanze,« riefen die Göttinnen mit heißen Blicken, »so wunderbar
Schönes sahen wir nie, wie dein Geschmeide!«

»Das Mädchen ist es!« beharrten die Götter erhitzt.

»Das Geschmeide ist es!« eiferten die Göttinnen. »So schön sind wir,
wie die Fremde, aber der Schmuck, mit dem ihr uns beschenkt, ist plump
wie Bauernschmuck und hängt sich schwerfällig an unsere Glieder, statt
ihre Reize zu heben. Schafft uns solch Geschmeide, und das Mädchen ist
vergessen! Schöner sind wir, schöner!«

»Wer bist du?« riefen die Asen, und es lag wie Rausch über ihren Augen.
»Wer gab dir den Schmuck? Wo finden wir ihn?«

»_Gullweig_ heiß ich,« sang die Tänzerin, »vom göttlichen Wanenstamm
bin ich. Wir leben in Schönheit und Freude! In Arbeit und kindlichen
Spielen ihr! Wißt ihr, was Freude ist? Verschwendung und lachendes
Leben! Seht her, so verschwende ich!«

Und sie wirbelte vor den heißen Blicken der Männer.

»Der Schmuck! Der Schmuck!« riefen die Göttinnen und waren erblaßt vor
Erregung.

»Schmuck will erworben sein,« sang die Tänzerin. »Einen Wert hat das
Gold, mehr als ihr wißt! Für rotes Gold und schimmernd Gestein kaufe
ich Länder und Völker, Weiber und Rosse, Leiber und Seelen. Es liegt
bei den Riesen, es liegt bei den Zwergen, es liegt bei den Menschen.
Hervorlocken muß man es durch Zauber oder Raub. Holt es euch, schmückt
euch, genießt! Nichts weiß euer Blut vom glühenden Leben!«

Aller Arme streckten sich nach der tanzenden Wanentochter aus.
Sehnsüchtige Arme. Neidvoll gereckte Hände. Da hob Wodan den Speer.

Dreimal durchbohrte er Gullweig, die Wanentochter, mit dem Speer.
Dreimal schleuderte er ihren weißen, schimmernden Leib in den
flammenden Holzstoß, der die Halle erwärmte und erleuchtete. Dreimal
verbrannte das Mädchen zu Staub. Dreimal erhob sie sich aus der Asche.
Da ersah Wodan, daß sie eine Zauberin der Wanen sei, und ließ die
Mißhandelte entfliehen.

»Melde den Deinen, was dir widerfuhr, was ihrer wartet!«

Loki aber, der Geschmeidige, sammelte hastig aus der Glut des Feuers
den seltenen Goldschmuck, Perlen und Geschmeide, und gab alles den
Göttinnen und setzte sich in Gunst. Finster gingen die Asen umher und
neideten dem Listigen den Vorzug.

Wodan berief sie alle zum Rat.

»Wer hat dem Wanenmädchen Einlaß gewährt zu Asgards Wiesen?«

Und Heimdall antwortete: »Ich tat's, auf Gebot der Götter, die sich
berieten, als du fern warst. Sie war ein Mädchen und ohne Waffen.«

»Ihr Törichten,« sprach Wodan, »habt ihre Waffen kennengelernt. Schwer
seid ihr von ihren Waffen verwundet. Schwerer als von Schwert und Ger.
Denn die Wunden, die sie euch schlug, heilen nicht und eitern fort in
der Gier nach Gold und Genuß. Vorbei ist es mit der heiteren Ruhe. Wir
müssen uns regen.«

Da stimmten die Götter beschämt ihm zu und gaben ihm Vollmacht, für
alle zu handeln. --

Einsam fuhr Wodan aus. Nur Gefjon nahm er mit sich, die Kluge, zu
der die Mädchen beteten. Von Saxland fuhr er gen Norden, denn es war
sein Plan, die Wanenanhänger durch eine augenfällige Tat zu sich
zurückzuführen und die Menschen, die im Norden noch nichts wußten
von Wodan und den Seinen, zum Asenopfer zu bekehren. So fuhr er gen
Dänemark, das den Wanen huldigte, und gedachte dem Volke über Nacht ein
reiches Neuland zu schenken, Ackerland für einen seßhaften Bauernstand,
der mit der Scholle die Arbeit liebte und nicht die Leichtfertigkeit
der Goldanbeter. Neuland auch für neue Heiligtümer der Asengötter.

Auf Fünen kehrte Wodan ein und lehrte Gefjon, die kluge, seine Pläne
und verlieh ihr zur Ausführung seine Zauberrunen. Da fuhr Gefjon, als
listige Gauklerin gekleidet, nach Schweden und vollführte vor dem
Beherrscher des Landes, dem König Gylfi, so lustige Dinge, daß der
König ihr einen Wunsch freigab. Und sie erbat sich so viel Land zur
freien Verfügung, wie sie mit vier Ochsen während eines Tages und einer
Nacht umzupflügen vermöchte. Das gestand ihr der König lachend zu.
Gefjon aber fuhr noch in selber Stunde nach dem Riesenland Jotunheim,
gebar in der nächsten Nacht einem Riesen vier Söhne, ließ sie kraft
ihrer Zauberrunen gleich bei der Geburt zu ihrer ganzen Größe und
Stärke aufwachsen, verwandelte sie durch den Runenzauber in vier
ungeheure Ochsen und kehrte in nächster Nacht mit ihnen zu König Gylfi
zurück. Und Gefjon, die Kluge, spannte die Riesenochsen vor den Pflug
und packte die Pflugschar. Da schnitt das Pflugeisen gewaltig tief
und breit in das Land und ackerte ein Stück Erde heraus, das nicht zu
überblicken war, und die Ochsen zogen noch einmal an und zogen das
herausgepflügte Land weiter und weiter gen Westen, stiegen ins Meer
und zogen es bis in den dänischen Sund. Dort entließ Gefjon die Ochsen
und nannte das neugewonnene Inselland der See _Seeland_. Das Loch
aber, das sie in König Gylfis Land gerissen hatte, füllte sich zu einem
Binnensee, der der _Mälarsee_ hieß, und in seine Buchten paßten bis ins
Kleinste die Landzungen und Vorgebirge Seelands.

Und Wodan dehnte die Macht der Asen aus auf die Insel und schuf
ein Heiligtum auf ihr, zu dem die beschenkten Dänen in Dankbarkeit
opferten. Aber auch König Gylfi in Schweden und viele andere Könige im
Norden, zu denen die Kunde kam, riefen erschreckt Wodan an, den sie
Odin nannten, und baten ihn in ihr Reich. --

Wodan war heimgekehrt nach Asgard, wo ihn die Asen sehnsüchtig
erwarteten. Viel Streit gab es zu schlichten, den der listige Loki
schadenfroh geschürt hatte, und die alte Einigkeit war gestört im Rat
und auf der Metbank wie beim ritterlichen Kampf- und Wettspiel, seitdem
das lockende Weib in Asgard erschienen war. Zu Mimirs Brunnen stieg
Wodan hinab und raunte lange mit dem Weisen.

Und es war ihm offenbar, daß die Wanen heranrückten, den Schimpf
an Gullweig zu rächen und die reichen Opfer der Menschen im Norden
zurückzugewinnen. Und Wodan wußte vieles und mehr und saß, in die
Zukunft grübelnd, auf seinem Hochsitz.

In hellen Haufen rückten die Wanen an. Die Luft wimmelte von ihnen,
wohin das Auge sah. Lichtgötter waren sie. Darum ritten sie durch die
Lüfte und brauchten nicht über die Brücke Bilfrost hinweg, die Heimdall
hütete. Was ihnen an Kraft den Asen gegenüber gebrach, ersetzten sie
dreimal durch wunderbare Waffen, zu denen ihnen ihr Reichtum, und durch
die Kriegskunst, zu der ihnen ihre verfeinerte Geistespflege verholfen
hatte. Jäh erschienen sie vor Asgard und zerbrachen in geeintem Angriff
den Burgwall der Asen.

Dröhnend rief Wodan die Männer Asgards zum Kampf. Ihnen allen
voran stand er und schleuderte als Heervater den Speer über die
anstürmenden Völker. Aber die Waffen der Asen waren wie Bauernwaffen
zu den erlesenen und erklügelten Waffen der Wanen, wie der Schmuck
ihrer Frauen und Jungfrauen ein plumper Bauernschmuck geschienen
war zu den berauschenden Köstlichkeiten der tanzenden Gullweig.
Donars malmende Keule zersplitterte auf stahlhartem Wanenhelm. Zius
blankes Breitschwert brach und sprang aus dem Griff, als er es gegen
eine goldene Wanenbrünne stieß, Ullers Pfeil und Bogen war wie ein
Kinderspiel vor den manneshohen Schilden der Wanen, und Baldurs
leuchtender Mut fand zwölf neue Gegner, wenn er einen gefällt hatte.
Loki stand als Schutz und Schirm bei den Göttinnen und stachelte
die kämpfenden Asen an, sich vor den Frauen zu zeigen und ihre Huld
zu gewinnen, denn er gedachte, übrig zu bleiben und höhere Macht
zu erringen. Und die Asen wurden uneins im Kampf, trennten sich
voneinander und suchten in heldischem Zweikampf mit den Wanenführern
die Augen der Frauen auf sich zu ziehen, während die Scharen der
Feinde immer tiefer eindrangen in Asgards geheiligte Fluren und die
Himmelsburgen in Schutt und Asche legten.

Da packte Donar die Felsen an und riß sie aus dem Grund und zermalmte
mit ihnen die Haufen. Und Ziu entwurzelte die ragendste Eiche und fegte
mit ihr die Stürmenden zu Hunderten. Die Himmel krachten, die Menschen
lagen betend auf ihrer Erde und die Riesen in Jotunheim erhoben drohend
ihre Häupter, um über die erschöpften Asen- und Wanengötter in Haß und
Rache herzufallen.

Wodan sah es. Er erkannte die größere Gefahr.

Wie Donner rollte seine Stimme über die Köpfe der Kämpfenden:

»Ihr habt euch in den Waffen gemessen, ihr Götter -- nun meßt euch im
Rat!«

Die Wanen wiederum aber hatten erkannt, daß sie nur einen
Augenblickssieg erringen konnten und vor dem kraftvollen Asengeschlecht
nicht bestehen würden, wenn es in der neugewordenen Zeit sich seines
schaffenden Geistes entsann. Sie waren zum Verhandeln bereit.

Im Rate saßen sie, Asen und Wanen, und stritten lange um den Vergleich.
Klug wie Kaufleute setzten die Wanen zuerst den Preis des Friedens
hoch, um ablassen zu können und als die Gebenden zu erscheinen. Sie
forderten für Gullweigs Mißhandlung Zins. Da lachten die Asen, daß
sie sich krümmten, und wollten von ihren Sitzen. Die Wanen beharrten
nur scheinbar auf ihrem Beschluß. Ihnen war um anderes zu tun. Sie
boten an, die Zinsforderung fallen zu lassen, wenn sie von Stund an
als gleichberechtigte Götter gälten, den Asen gleich an Ehrung im
Himmel und auf Erden, gleichberechtigt zum Empfang der Opfer und durch
auszutauschende Geiseln _eine_ große Götterfamilie.

Wodan, der allwissende, der in die Zukunft schaute, schlug ein. Und
die Asen bestimmten Hönir zur Geisel für die Wanen, den Fahrtgenossen
Wodans bei der Menschenerschaffung. Da er aber langsam denkend war, gab
Wodan ihm den Mimir bei, den Freund und Vertrauten am Brunnen, und die
Wanen hielten ihn für einen der Asen. Sie selber ließen den reichen
_Njord_ als Geisel, der seinen lichten Sohn _Freyer_ mit sich führte
und seine liebliche Tochter _Freya_. Und alle die Götter, die Asen und
Wanen, traten zur Bekräftigung ihres Vertrages an ein Gefäß und spien
hinein und mischten den Speichel mit Honig und schufen daraus gemeinsam
den weisesten Mann. Der hieß _Kwasir_.

So aber endete der erste Weltkrieg.



Die Götter auf schiefer Bahn.


In den Kreis der Asen war Njord ausgenommen mit seinem Sohne Freyer
und seiner Tochter Freya. Gewaltiger Reichtum kam mit ihnen nach
Asgard, aber auch viel böse Lust nach Reichtum und manche Sucht
nach räuberischem Erwerb. Mehr und mehr ging die Schlichtheit der
Lebensführung dahin. Die Gelage mehrten sich, die Abenteuerfahrten
dehnten sich aus, Liebeshändel kamen auf und nahmen zu im Himmel und
auf Erden, die Freude am Kriege erwachte und führte in ihrem Gefolge
Gewalttat, List und Betrug.

Wohl waren die Wanen, die von nun an zu den Asen gerechnet wurden,
vornehme Wesen, doch ihre ganze Art und Daseinsauffassung war freier,
üppiger und leichtherziger, und der Aufwand, den sie trieben und der
den Menschen reichere Opfer und prunkvollere Feiern auferlegte, brachte
die Asen von ihrem einfachen Götterwandel ab und näherte sie den
Begierden und Untugenden der Menschen.

_Njord_ liebte Jagd, Seefahrt, Fischfang und Handel. Er machte das
Meer fruchtbar und bevölkerte die Wälder mit Wild. Er beschenkte die
Menschen mit Reichtum, gab den Schiffen günstigen Wind und ruhige See,
den Jägern Beute über Beute. So riefen ihn alle an, die Seefahrt und
Jagd betrieben. Auch stammte die Göttin Nertha von ihm, die in heiligem
Hain am Meeresstrande wohnte und die Fluren segnete zu wogenden Saaten.

Schön war _Freyer_, sein Sohn. Schön fast wie Baldur. Licht und heiter
übte er sein Amt als Himmelsgott, tat es seinem Vater gleich in der
Spendung von Reichtum und Fruchtbarkeit und schätzte deshalb den
Frieden, damit seine Gaben zu gedeihen vermöchten und Freude brächten.
Doch war er aller ritterlicher Übungen nicht minder Herr, und er besaß
ein Roß, das wabernde Lohe durchstürmte, und ein Schwert, das sich von
selber schwang, galt es einen Feind.

Die schönste im Himmel und auf Erden war _Freya_, Freyers Schwester.
So reizvoll war sie an Wuchs, Antlitz und Gebärde, daß sie Götter und
Riesen, ja Menschen und Zwerge entzückte und berückte und keine Göttin
begehrter und verehrter war als sie. Als Göttin der Liebe wurde sie
angerufen, gefeiert und besungen; viele der Helden wünschten sich zu
ihr und die Frauen verlangten nach ihrem Saal, wenn der Tod ihnen
nahte. Folkwang hieß ihr Wohnsitz in Asgard, das ist »Sammelstätte
des Volkes«, und Seßrymnir ihr Saal, »der an Sitzen geräumige«. Die
Zauberkunde der Wanen, die den derben Asen fremd gewesen war bis
auf Wodans Runen, brachte sie nach Asgard und lehrte vor allem den
Liebeszauber Götter und Menschen. Fuhr sie sichtbar hinaus, so fuhr sie
auf einem schimmernden Wagen, den ein geschmeidiges Katzenpaar zog.
Fuhr sie heimlich hinaus, so legte sie ihr zaubrisches Falkenhemd an,
daß sie blitzschnellen Flugs wie ein Vogel durch die Lüfte glitt. Sie
war so heiter, daß sie ihre Sitten oft und gerne darüber vergaß, und wo
sie erschien, herrschte Jubel und Seligsein.

Die Besten ihres Geschlechtes hatten die Wanen hingegeben. Was sie
dagegen erlangt hatten, war kein guter Tausch und ließ sie bald
verkümmern. Wohl wußte Hönir, der ihnen von den Asen zugeteilt war,
immerdar klugen Rat, solange der weise Mimir bei ihm stand und ihm
Rede und Antwort einflüsterte. Geschah es aber, daß Mimir abwesend war
und die Wanen guten Rats bedurften, so wußte sich Hönir, den sie zum
Häuptling erkoren hatten, nicht zu helfen und stammelte schwerfällige
Worte, die nichts besagten. Stutzig geworden, forschten die Wanen dem
Rätsel nach. Und sie erforschten Mimirs Herkunft und den Betrug beim
Vergleich und ergrimmten dermaßen, daß sie Mimir das Haupt abschlugen,
das Haupt des Getöteten höhnisch heimsandten und den Asen vor die Füße
werfen ließen.

Wortlos hob Wodan das Haupt des erschlagenen Freundes auf. Er salbte es
ein und besprach es mit Runensprüchen, die das tote Hirn auferweckten
und der Zunge die Sprache wiedergaben. Zur Weltesche Yggdrasil
ging er in der Nacht und stieg durch die Welt hinab bis zu Mimirs
Weisheitsbrunnen. In dem blanken Brunnen barg er Mimirs Haupt, und
oft stieg er vom Himmel hinab zu dem tiefen Brunnen, wie die Sonne
hinabsteigt ins Meer, und holte sich neue Kraft und Weisheit zu allen
seinen schweren Werken.

Denn oft machten die Götter Allvater das Leben schwer durch wenig
vorbildliches Wesen, und die Menschen eiferten ihnen lieber in den
Untugenden als in den Tugenden nach, weil die Untugenden leichter zu
verrichten und meist um ein bedeutendes fröhlicher waren. Seit Freya
durch den Himmel schritt, gab es unter den Göttern und Göttinnen
viel Eifersucht, Neid und Streit. Die lose Liebesgöttin aber hatte
ihre heimliche Freude daran und suchte immer neuen Anlaß, sich zu
schmücken und die anderen zu reizen. So fand sie einst in einer Höhle
vier Zwerge bei der Arbeit, die ein goldenes Halsband von blendender
Schönheit und unermeßlichem Werte schmiedeten. Sofort beschloß sie,
es zu besitzen. Aber die Zwerge, von den nie erschauten Reizen Freyas
berauscht, lehnten jeden dargebotenen Preis ab und forderten endlich
auf der Liebesgöttin Drängen für einen jeden von sich eine Liebesnacht
mit der lachend gewährenden Göttin. Nach vier Nächten kehrte sie nach
Asgard zurück, und um Hals und Nacken trug sie das Wundergeschmeide
Brisingamen, dessen Name soviel heißt wie Zusammenflechter, denn wenn
sie erwachte und Brisingamen um Hals und Nacken legte, glitzerte es
über Himmel und Erde, und das Frühlicht stieg auf, das den jungen Tag
mit der schwindenden Nacht zusammenflicht.

Weit rissen die Götter die Augen auf, als Freya so goldenstrahlend
vorüberschritt. Und Loki, der listenreiche, sann auf einen ebenbürtigen
Schmuck, und er sah Sifs, der Gattin Donars, den sie auch Thor nannten,
goldwogendes Haar und schlich ihr heimlich nach und schnitt es ihr ab.
Tobend vor Grimm suchte Thor den Täter. Bald hatte er Loki erwischt,
und seine mächtigen Fäuste packten den Geschmeidigen, daß ihm die
Knochen im Leibe krachten. Wie ein Wurm wand sich Loki und schwur alle
Eide, der weinenden Sif neues Haar zu schaffen aus echtestem Gold und
so fein gesponnen wie Sonnenstrahlen. Da gewährte Thor ihm Zeit, denn
ihm lag daran, die Schönheit seines Weibes wiederhergestellt zu sehen
und den Spott zum Verstummen zu bringen. Und der geängstigte Loki fuhr
ab zu den Zwergen.

Zwei Zwergenbrüder waren _Brock_ und _Sindri_, die galten für die
größten Meister aller Unterirdischen. Freundlich sagten sie dem
geängstigten Gotte zu, sein Begehr zu erfüllen, und sie schmiedeten
das Gold und zogen es in Fäden so fein wie Sonnenstrahlen, und da
ihre Kunst eine lebenschaffende Kunst war, wie nur die echte Kunst,
so gewann das Goldhaar alle Eigenschaften des natürlichen Haares
und wuchs in goldenen Locken. Die freundlichen Zwerge aber wollten
Loki nicht reisen lassen, ohne ihm Weihegeschenke mitzugeben für die
heiligen Götter, und sie schmiedeten für Wodan den wunderbaren Speer
Gungnir, dessen Wurf, ja dessen bloßer Schwung den Tod bringt, und für
die anderen Asen das Wunderschiff Skidbladnir, das ohne Wind zu fahren
vermochte und durch den ärgsten Sturm, und das sich zusammenfalten und
in die Tasche stecken ließ.

Lüstern sah Loki den Künstlern zu, und seine arglistige Seele sann, wie
er den Zwergen noch andere Meisterwerke entlocken könne. Da nun der
Zwerg Brock den Hauptanteil an der Arbeit getan hatte, so gedachte
Loki, einen der Zwerge gegen den anderen auszuspielen, und er wettete
scheinbar harmlos und wie aus fröhlicher Laune heraus, daß Brocks
Bruder Sindri die drei Meisterwerke nicht durch seine Kunst überbieten
oder auch nur annähernd Gleichwertiges schaffen könne. Brock, der
seinen Bruder zärtlich liebte, nahm sofort Partei, und Loki reizte ihn
in eine Wette hinein, in der der listige Gott sein Haupt verwettete
gegen die drei Kleinodien, die nunmehr Sindri schaffen solle.

Ohne zu zögern, begann Sindri sein erstes Werk. Und als es so weit war,
daß es ins Schmiedefeuer mußte, um geglüht und gehärtet zu werden, zog
Brock den Blasebalg, ohne auch nur eine Pause zu machen.

»Weshalb setzest du nicht einmal aus?« forschte Loki wie in harmloser
Neugier.

»Zöge ich den Blasebalg nicht nach Gebühr und setzte ich nur eine
Sekunde aus,« erwiderte der Zwerg, »so würde das Werk einen Fehler
erleiden.«

Da verwandelte sich der ränkereiche Gott schnell in eine Stechfliege,
flog auf Brocks Hand, die den Blasebalg zog, und stach ihn in den
Finger. Aber Brock verbiß den Schmerz, um des Werkes seines Bruders
willen, und hielt aus, bis das Werk fertig aus der Esse kam. Da war es
ein Eber mit goldenen Borsten, der schneller als ein Himmelsroß durch
die Lüfte rannte und dessen goldene Borsten taghell die dunkelste Nacht
durchleuchteten.

Und Sindri begann sein zweites Werk, und als es im Schmiedefeuer lag
und Brock den Blasebalg zog, flog ihm Loki als Stechfliege in den
Nacken und stach erbärmlich zu. Aber Brock zuckte nicht mit der Wimper,
so wahnsinnig der Stich ihn schmerzte, bis das Werk fertig aus der
Esse kam. Da war es der Ring Draupnir, der Tröpfler, von dem in jeder
neunten Nacht acht neue kostbare Ringe abtropften, so daß sein Besitzer
immer der Reichste war.

Und Sindri begann sein drittes und letztes Werk und schob es in das
Schmiedefeuer, und Brock zog den Blasebalg in brüderlicher Treue. Da
setzte sich ihm Loki als Stechfliege mitten auf das Augenlid und stach
zu, daß ihm das Blut in die Augen floß. Brock zog und zog, bis er vor
rinnendem Blut nicht Esse noch Blasebalg mehr erkennen konnte. Eine
Sekunde nur ließ er los, schlug nach der Fliege und wischte hastig das
Blut aus den Augen. Aber er hatte ausgehalten bis gegen den Schluß, und
als Sindri das Werk aus der Esse nahm, war es ein Hammer, _Mjolnir_,
der Zermalmer, der nie zerbrechen konnte, nicht an Stahl und nicht
an Stein, und, wenn er geworfen wurde, immer in die Hand des Werfers
zurückkehrte. Nur der Hammerstiel war ein wenig zu kurz geraten. Das
war geschehen, als Brock das Blut aus den Augen wischte.

Voller Zorn über Lokis Arglist und Tücke verlangte Brock den Preis
der Wette, Lokis boshaftes Haupt. Loki aber lachte ihn aus und wies
auf den Hammer, der mißraten sei. Da machte sich Brock mit Loki auf
nach Asgard, den Göttern die Gaben zu bringen und ihren Schiedsspruch
anzurufen.

Wie staunten die Götter über die Wunderwerke, über Sifs goldenes Haar,
über Wodans Todesspeer und über das zaubertätige Götterschiff. Mehr
aber noch staunten sie über den Ring Draupnir, den Tröpfler, den der
Zwerg Allvater Wodan zur Gabe brachte, über den rennenden Goldeber,
den er dem Wohltäter Freyer verehrte, und am meisten über den Hammer
Mjolnir, den Zermalmer, denn es fehlte ihnen an gewaltigen Waffen,
denen der Feind nichts entgegenzusetzen wußte. Und Brock überantwortete
den Hammer dem freudig zugreifenden Thor.

Und Thor sprach:

»Es ist der Hammer und der Mann, der hinter ihm steht, auf den es
ankommt. Mag der Stiel nun lang oder kurz sein.«

Da fiel der Schiedsspruch der Götter zugunsten des Zwerges, und Loki
legte sich auf das Handeln und bot allerlei Lösegeld, aber der erzürnte
Zwerg beharrte auf seinem Preis.

»So hol dir den Kopf, du verkümmerter Gnom,« lachte Loki und entglitt
dem Verhöhnten auf seinen Zauberschuhen in die Lüfte.

Thors Biedersinn empörte sich über Lokis Betrug. Er schirrte seine
Böcke vor den Donnerwagen, den Zahnknisterer und den Zahnknirscher, und
brauste hinter dem Flüchtenden her. Er holte ihn ein, zwang ihn in den
Wagen und brachte ihn dem Zwerg.

»Halt,« rief Loki, als der Zwerg das Messer zog, um den erwetteten Kopf
herunterzuschneiden, »nur der Kopf ist dein; schneidest du mir in den
Hals, so gilt es dein Leben.«

Da lachten die Götter über Lokis gelungenen Scherz, daß die Halle
erbebte. Der Zwerg stand betroffen. Ohne den Hals zu verletzen,
vermochte er den Kopf nicht abzulösen. Aber er zitterte nach
Genugtuung. Und da der Kopf sein war, ergriff er wütend eine Ahle und
einen Riemen und nähte dem Lästerer Loki das böse Maul zu. Dann erst
trollte er sich befriedigt.

Lange ließen die Götter Loki mit vernähtem Lästermaule laufen. Dann
aber fehlte ihnen sein scharfer Witz wie sein kluger Rat, und sie zogen
den Riemen heraus. Denn sie wußten sich in einer schweren Sache, die
den Himmel bedrohte, nicht zu helfen.



In Schuld und Schicksalskampf.


Die Bekriegung der Gottheiten untereinander, der Kampf zwischen
Asen und Wanen, hatte alle Feinde der Himmelsordnung das Haupt
recken lassen in aufhorchendem Frohlocken. Die Macht der Götter war
nicht unangreifbar. Sie beruhte auf ihrer Einigkeit, dem festen
Zusammenschluß aller ihrer Glieder und Gaben. Uneinigkeit, ein
Zersplittern ihrer Machtfülle und Zugeständnisse an die anderen Welten
mußten sie bald verwundbar machen. So rechnete man in Utgard, dem Land
der Riesen und Trolle, wo alle Hasser saßen.

Noch lag in Asgard die Himmelsburg mit Türmen und Wällen zerstört.
Unmutig dachten die Götter an die gewaltige Arbeit des Wiederaufbaues.
Gerade jetzt, wo mit Njord und Freyer Reichtum und Wohlleben, wo mit
Freya, der Heischenden, Lust und Laune am Liebesspiel fröhlichen Einzug
gehalten hatten, waren sie der Arbeit entwöhnt, und sie ratschlagten
her und hin, wie die Veste neu und noch stärker als zuvor erbaut werden
könne, ohne daß einer der Götter Zeit und Mühe zu opfern brauche. Schon
war es zu Unstimmigkeiten und heftigem Hader gekommen, als unvermutet
Heimdall, der Wächter, einen Gast meldete.

Es war ein Mann von so ungeheueren Körpermaßen und Leibeskräften, wie
sie die Götter nie erschaut hatten. Er ritt auf einem Roß, das des
riesigen Reiters würdig war, und gab an, aus fremden Welten zu kommen
und der größte Baumeister aller Zeiten zu sein.

Da horchten die Götter auf. Das war der Mann, der ihnen fehlte.

Sie führten ihn rings um Asgard und ließen ihn das Werk, das sie ihm zu
übertragen gedachten, in Augenschein nehmen und begutachten. »Eile tut
not,« sprachen sie, »es muß in kürzester Frist errichtet sein.« Dies
stellten sie zur Bedingung.

Der gewaltige Baumeister ließ forschend seine Blicke über Götter und
Göttinnen schweifen.

»Ich will die Burg uneinnehmbar bauen,« antwortete er, »und noch
während dieses einen Winters. Doch müssen mir meine Bedingungen treu
erfüllt werden.«

Da rieben sich die Asen vergnügt die Hände. »Fordere was du willst.«

Und der Baumeister sprach:

»Wenn ich die Burg innerhalb der genannten Frist und ohne auch nur
einen Tag darüber hinaus zu gebrauchen, errichtet habe, so sollt ihr
mir als Lohn Freya, die Liebliche, zur Frau geben und zu ihrer
Bedienung die Sonnenjungfrau und die Mondjungfrau. Bedarf ich zu meiner
Arbeit auch nur eines Tages Länge mehr, so habt ihr das ganze Werk, das
ich geleistet habe, umsonst und ohne Entgelt, und ihr könnt mich von
hinnen jagen.«

Da wurden die Götter ernst und traten zum Rat zusammen. Sie fühlten
ihre Zusammengehörigkeit als ihr Heiligtum und wünschten den Verlust
der wärmespendenden Freya und der lichtspendenden Jungfrauen Sonne und
Mond nicht aufs Spiel zu setzen. Schon wollten sie das Ansinnen des
starken Baumeisters als eine Beleidigung zurückweisen, als Loki, der
Vielgewandte, das Wort ergriff. Er bewies den ernstgewordenen Asen, daß
es selbst für sie, die Götter, eine Unmöglichkeit wäre, Asgards Veste
in einem Winter zu erbauen, um wie viel mehr für diesen grobknochigen
Schwätzer, der sich großtuerisch vermesse, die ganze Arbeit allein zu
verrichten und nur mit Hilfe seines Pferdes. Jedenfalls aber würde der
Fremde in seinem Ehrgeiz ein hübsches Stück Arbeit zuwege bringen,
bevor er weggejagt würde, so daß den lachenden Göttern nur noch die
letzte Vollendung des Werkes übrig bliebe. Und Loki redete so lustig
und listig, daß er die Lacher auf seiner Seite hatte und sie ihm
zustimmten, ohne an seine Heimtücke zu denken. Loki selber aber dachte
sehr wohl an das Fehlschlagen seines Rates. Seine Eifersucht jedoch
erhoffte immer aufs neue ein Aufsteigen seiner persönlichen Macht,
sobald die Macht derjenigen Götter, die ihm an Kraft und Ansehen
überlegen waren, geschwächt wurde.

Der Baumeister wurde vor den Rat gerufen. Der Tag des Winterendes
wurde auf die Stunde bestimmt und dem Festungsbauer Freya als Gattin
zugesprochen und die Jungfrauen Sonne und Mond als Dienerinnen, wenn
der Vertrag pünktlich eingehalten und eingelöst werde.

Der Baumeister verlangte zur Bekräftigung den Eid der Götter.

Da beschwuren die Götter die Wahrhaftigkeit des Vertrages mit ihren
höchsten Eiden. Nur Donar, der donnernde Thor, schwur nicht mit. Denn
er war nicht anwesend und, wie immer vielbeschäftigt, ausgezogen, um
den im Schweiße ihres Angesichtes arbeitenden Bauern beizustehen gegen
die zerstörenden Gewalten aus Utland, dem Riesenheim.

[Illustration: »... umschlang mit seinen Armen die höchsten
Felsenberge ...«]

Der Baumeister begann, ohne zu zögern, mit der Arbeit. Er reckte seine
Glieder ins Ungeheuerliche, umschlang mit seinen Armen die höchsten
Felsenberge, hob sie aus dem Grund und spannte sein Roß Swadilfari vor,
das sie mit Windeseile zu dem Bauplatz zog, wo der ungetüme Meister sie
kunstgerecht schichtete. Tag und Nacht war Mann und Roß bei der Arbeit,
und die Burg wuchs und wuchs, und staunend standen die Götter. Aber in
ihr Staunen trat bald eine tiefe Beklommenheit, und die Beklommenheit
wandelte sich in blassen Schrecken, als nur noch acht, dann fünf und
jetzt nur noch drei Tage zwischen der letzten Vollendung der Burg und
der Auslieferung der geliebten Göttinnen lagen. Eifernd zog Freya
umher, traurig schlichen ihre Freundinnen Sonne und Mond ihr nach.

Da traten die Götter zum Rate zusammen, und sie schwuren Loki, dem
Verführer, furchtbare Rache auf ewige Zeit, wenn er den Vertrag, den
er ihnen aufgeschwätzt, in letzter Stunde nicht hinfällig mache. Denn
sie waren sich bewußt, daß ohne Freyas Wärme und ohne der Sonne und des
Mondes Licht Himmel und Erde vereisen und verkümmern müsse. Sie packten
Loki und schüttelten ihn im Zorn, daß ihm Feuer aus den Augen sprang
und er in Todesängsten alles versprach, die Götter zu befreien.

Wohl hatte er gesehen, daß der fremde Baumeister seine Arbeit nur mit
Hilfe seines Hengstes Swadilfari schaffen könne. Den Hengst mußte er
ablenken. Und er nahm die Gestalt einer schönen Stute an und lief dem
arbeitenden Hengst in den Weg. Der Hengst blieb stehen, schnob durch
die Nüstern und stieß ein liebestrunkenes Wiehern aus. Alsbald tänzelte
ihm die Stute vor der Nase herum, tat verliebt und vertraulich und stob
von dannen, wenn der Hengst sie zu fassen glaubte. Dem Hengst stieg das
Blut in die Augen. Das Liebesspiel brachte ihn um die Vernunft. Und als
die Stute ihm wieder schmeichlerisch nahe kam, ließ er Arbeit Arbeit
sein, warf das Geschirr ab und jagte hinter der gefallsüchtigen Schönen
drein. Da flogen die Funken von ihren Hufen, und ganz Asgard erdröhnte
von dem wilden Galopp. Drei Tage und drei Nächte ging die wilde Jagd,
bis sich die Stute dem Hengst ergab, und der Baumeister stand in der
Stunde, in der er die Burg übergeben sollte, vor dem unvollendeten Werk.

Zornbebend rief er die Götter herbei, schrie ihnen Lokis Verrat ins
Gesicht und forderte sie auf, ihre Eidschwüre zu halten, wie es die
Wahrhaftigkeit geböte.

Die Götter aber blieben kalt bei seinem Toben. Sie wiesen auf das
unvollendete Werk und schickten Freya und die Jungfrauen Sonne und
Mond in ihre Gemächer.

»Meineidige seid ihr!« brüllte der gewaltige Fremdling, griff seine
Werkzeuge auf und holte aus, um die Burg und mit ihr die Götter zu
zerschlagen.

In Todesnot riefen die Götter Thors, des Donnerers Namen. Und in selber
Sekunde stand der Donnerer mitten unter ihnen, denn er fuhr mit dem
Blitze. In der Hand wuchtete dem rotbärtigen Gotte der Hammer Mjolnir.
Beim ersten Blick erkannte sein Auge, daß der ungetüme Baumeister ein
Abgesandter des eisigen und dunklen Riesenreiches sei, das sich Freyas
Wärme und das Licht von Sonne und Mond dienstbar machen wollte, und
ohne auch nur ein Wort zu reden, lief er den Riesen an und schmetterte
ihm den Hammer in den Schädel, daß der fürchterliche Unhold wie ein
gefällter Baum tot zusammenbrach.

Der Donnerer wischte den Hammer ab und steckte ihn in den Gürtel. Er
strich seinen gesträubten roten Bart zurück und sah sich schweigend im
Kreise um.

Dann erst sprach er.

»Nicht Rat und Rat und wieder Rat erhält am Leben. Nicht bei Göttern
und nicht bei Menschen. Am Leben erhält nur die Tat!«

Sprach's, drehte sich um und ging seiner Wege.

Die Stute aber, in die Loki sich verwandelt hatte, warf von dem
Riesenhengste Swadilfari ein wolkengraues Fohlen, wie es schneller nie
gewesen war und niemals wieder wurde, denn es griff die Luft mit acht
Füßen und überholte den Sturmwind. Sleipnir hieß es und wurde Wodans,
des nordischen Odins, Roß. --

Schwer an Gedanken saß Wodan an Mimirs Brunnen. Das Riesenreich hatte
es gewagt, einen heimlichen Abgesandten nach Asgard zu entsenden, um
die Einigkeit der Götter zu zerstören und ihnen Wärme und Licht zu
rauben. Fast wäre den Riesen der Anschlag gelungen. Und Wodan wußte,
als er einsam in Mimirs Brunnen starrte, daß sie von jetzt ab Anschlag
auf Anschlag wiederholen würden, um die Götter zu verderben und über
den Gestürzten das Reich der rohen Kraft und Gewalt und die Herrschaft
der Zügellosigkeit aufzurichten. Und der einsam grübelnde Allvater
wußte mehr. Von der wachsenden Üppigkeit waren die Götter zur Habgier
und List, von der List zum Meineid fortgeschritten. Meineidig waren
die Götter. War das besser als rohe Kraft und Gewalt der Riesen? Den
Meineid strafte die wahrhaftige Weltseele.

Und Wodan, der Allwissende, sah die Strafe.

Noch war sie fern, noch konnte sie durch glühende Willenskraft
zurückgedrängt, durch neuerwachte, neu geschürte Begeisterung an der
Ordnung der Welt hintangehalten werden. Wegzuzaubern war sie nicht.
Denn über Götterrunen und Himmelskunst stand die Wahrhaftigkeit
der Weltseele, die sich selbst als oberstes Gebot -- auch für die
Herrschenden -- eingesetzt hatte.

Am Brunnen Mimirs blickte Wodan, der Einsame, in die Zukunft. Der
allmächtige Vater der Götter und Menschen erschauerte nicht. Allvater
erkannte Allvaters Pflicht. Ob sie schwer war, ob sie unerfüllbar war
-- es durfte ihn nicht kümmern. Läßt ein Vater seine Pflicht, wenn
tausendfältig anstürmender Feind seine Kinder zu zertreten droht? Der
Vater nimmt den Kampf auf, wirft sich dem Feind entgegen, lenkt ihn
ab, tut ihm Schaden und sucht, da er sie nicht zu retten vermag, die
Todesstunde seiner Kinder mit verdreifachten Kräften hinauszuschieben,
so weit er es nur vermag.

So auch dachte Wodan, der einsame Wanderer zur Quelle Mimirs, als er
sich vom Brunnenrand erhob und in tiefem Sinnen heimkehrte gen Asgard.

»Sie müssen den _Begeisterungstrunk_ haben,« murmelte er. »Der
Begeisterte verdoppelt Leben und Kraft, der Zagende bringt sich
um Willen und Frieden. Ich will ihnen den Begeisterungstrunk
herbeischaffen, daß sie das Fürchten verlernen. Herrscher können irren,
aber sie dürfen sich nicht fürchten.«

Es war gewesen, als Asen und Wanen sich geeinigt und sich gemischt
und dessen zum Zeichen aus ihrem vermischten Speichel den _Kwasir_
geschaffen hatten, der die Weisheit der Asen und die Lebensfrohheit der
Wanen wie einen feurigen Rausch im Blute trug und alle Welt mit seinen
Gaben entzückte. Im Berge hockten ein paar Neidlinge, Zwerge von kalter
und berechnender Klugheit, die Kwasirs hohe Gaben wohl einzuschätzen
verstanden, ohne daß es ihnen gelang, je aus einem ähnlichen feurigen
Götterrausch heraus zu schaffen wie Kwasir. Sie blieben Handwerker, wo
jener Künstler war. So gedachten sie, ihm das Künstlerblut zu rauben
und es sich zu eigen zu machen. Sie baten den göttlichen Kwasir, als er
über die Erde wandelte und die Menschen zu veredeln trachtete, zu einem
Gastmahl und stießen den Ahnungslosen, als er bei ihnen niedergesessen
war, mit ihren Messern zu Tode. Das aufspritzende Blut fingen sie
bis auf den letzten Tropfen in zwei Krügen auf und in einem Kessel,
der _Odrerir_ genannt wurde nach dem berauschenden Blute. Die Krüge
nannten sie Son und Bodn, das ist soviel wie Sühne und Anbietung.
Dem Blute setzten die kundigen Zwerge Honig zu, so daß ein Met, ein
Dichtermet daraus wurde, der jeden, der von ihm trank, mit Begeisterung
erfüllte und zum Dichter und heldischen Sänger machte. Zu den Asen aber
trugen die Zwerge die Kunde, der weise Kwasir sei eines Tages, da ihm
die Gedanken mehr denn je zuflogen, an seinem eigenen Witz erstickt.

Die beiden Zwerge hoben jetzt um so frecher das Haupt. Hatten sie dem
göttlichen Kwasir seine begeisterungweckenden künstlerischen Gaben
geneidet, so neideten sie dem reichen Riesen Gilling seine irdischen
Schätze. Sie luden den Riesen ehrerbietig zu einem Fischzug ein,
trieben das Boot zum Kentern in eine Brandung und schwammen tauchend
an Land, während der ungefüge Riese jämmerlich ertrinken mußte. Dem
jammernden Weibe Gillings aber ließen sie, als sie aus dem Hause trat,
um den Leichnam des Mannes zu bergen, vom Dache aus einen Mühlstein
auf den Kopf fallen, der sie zerschmetterte, und aus der unbewachten
Wohnung raubten sie, was sie tragen konnten.

Gillings Sohn jedoch, der Riese _Suttung_, verfolgte ihre Spuren,
entdeckte die verbrecherischen Gernegroße und band sie mit Stricken,
daß sie kaum noch atmen konnten. Er verurteilte die Gefesselten zum
qualvollen Hungertode auf einer Meeresklippe. Vergebens boten die
Schwächlinge Hab und Gut zur Rettung ihres Lebens. Als jedoch der
Riese davonrudern wollte, sprachen sie ihm von dem Köstlichsten auf
der Welt, von dem Rauschtrunk, dem Dichtermet, der da ewige Liebe,
ewige Jugendlust, ewigen Heldenruhm schaffe. Der Riese horchte auf. Das
dünkte dem Mann aus dem Geschlecht der Thursen und Joten, der Säufer
und Fresser, ein begehrenswertes Lösegeld. Er nahm die Wimmernden
mit sich, ließ sie die beiden Krüge mitsamt dem Kessel Odrerir
herausschaffen und schenkte ihnen das armselige Dasein. Von diesen
Beiden aber stammt die Sippe der Neidlinge allüberall.

Den Rauschtrunk der Begeisterung brachte Suttung ins Riesenland heim
und versteckte ihn in einen hohlen Berg, zu dem es keinen Zugang gab.
Seine schöne Tochter Gunnlod steckte er mit in den Berg, damit der
kostbare Met die kostbarste Wache habe.

Diesen Wundertrank Odrerir gedachte Wodan seinen Göttern gen Asgard zu
holen. --

In Menschengestalt zog er über die Erde und fuhr über das Meer, das
zwischen Midgard, dem Menschenheim, und Utland, dem Jotenheim,
brandet. Und er nannte sich Bolwerk, das heißt: Böseswoller. Zuerst
suchte er Baugi, des Riesen Suttung Bruder auf, denn er wußte, daß
Suttung mißtrauisch sei und unzugänglich für Fremde. Neun Riesenknechte
mähten die Felder vor Baugis Haus. Sie riefen den Fremdling an, in
welchen Geschäften er reise und was er hier herumlungere, und Wodan
erwiderte bescheiden, er heiße Bolwerk und sei seines Zeichens ein
Sensenschärfer. Sein Wetzstein vermöge die Sensen zu schärfen, daß
sie in Wiesen und Acker hineinschnitten wie in weiche Butter und kein
Knecht mehr einen Tropfen Schweiß verlöre.

Da drängten die Riesenknechte herbei und hielten ihm lüstern die
nackten Sensen hin, daß er sie wetze. Bolwerk aber zog einen gemeinen
Wetzstein hervor und warf ihn hoch über ihre Köpfe. »Fangt ihn!« rief
er. »Wer ihn fängt, kann ihn behalten!« Und so hastig und wild fuhren
die Riesenknechte nach dem sausenden Stein herum, daß die ungeschützten
Sensen durcheinander wirbelten und einer dem andern, im Drange, den
Stein zu erwischen, den Kopf vom Halse säbelte. Wodan aber entwich, bis
es Abend war.

Er fand den Riesen Baugi jammernd vor seinem Hause sitzen und befragte
ihn nach dem Grunde seiner Traurigkeit.

»Meine Knechte,« wetterte der Riese, »müssen sich während des Mähens
toll und voll gesoffen haben, denn sie haben jählings das Raufen
bekommen und sich allzumal umgebracht. Ich aber kriege für die
drängende Ernte keine Knechte mehr.«

Der fremde Wanderer, der sich Bolwerk nannte, tröstete den Riesen.

»Was ist dabei? Ich habe Kräfte für neun. Wohl schaffe ich dir die
Ernte ganz allein, wenn du mir dagegen ein Trünklein von dem Wundermet
deines Bruders Suttung verschaffst, von dem ich in fernen Landen so
viel Rühmendes hörte.«

Der Riese Baugi kratzte sich bedächtig den Kopf.

»Was den Met angeht, o Bolwerk, so ist mein Bruder Suttung in der
Spendung auch nur eines Schlückleins hartleibiger als ein Drache. Aber
eine Liebe ist die andere wert. Hilfst du mir, so helf ich dir.« Und
sie gaben sich den Handschlag darauf.

Einen Sommer lang mähete Wodan des Riesen Felder und brachte die Garben
bis auf die letzte unter Dach und Fach. Er, der einzige, allein. Und
Baugi gedachte seines ehrlichen Wortes und ging zur Winterszeit mit
seinem Knechte Bolwerk zu seinem Bruder Suttung, der sie beide vor die
Türe warf.

»Geht's nicht auf gradem, so muß es auf krummem Wege gehen,« sprach
Bolwerk zu Baugi. »Zeige du mir nur den Berg.«

Da wies ihm Baugi heimlich den Berg, den undurchdringbaren, und
freute sich hämisch, daß er nun seines Wortes ledig sei, ohne daß er
den Bruder dem Fremdling zuliebe verriete. Wodan jedoch trug einen
Zauberbohrer bei sich, mit dem er ein feines Löchlein in den Felsen
bohrte, bis der Bohrer in die Höhlung stieß, und er verwandelte sich in
ein blitzschnell gleitendes Schlänglein und glitt durch das Bohrloch in
den Berg, verwandelte sich in seine Göttergestalt zurück und stand in
bezwingender Allgewalt vor der heiß erglühenden Jungfrau Gunnlod.

»Nie sah ich einen Mann,« stammelte die Erregte, »so herrlich
anzuschaun wie du.«

»Wodan bin ich, der Herrscher aller Welten, und ich komme zu der
Schönsten, die da lebt. Reich mir den Willkommentrunk, mein Mädchen.«

Da reichte sie ihm den Krug Son, und er trank ihn leer in der ersten
Nacht, die sie in seinen Armen lag, und reichte ihm den Krug Bodn, und
er trank ihn leer in der zweiten Nacht, die sie in seinen Armen lag,
und reichte ihm alles vergessend den Kessel Odrerir, und er trank ihn
leer in der dritten Nacht, die sie in seinen Armen lag. Und in seliger
Begeisterung gebar sie ihm einen Sohn, der hieß _Bragi_.

Und als Wodan den letzten Tropfen des Begeisterungstrankes in sich
aufgenommen hatte, verließ er mit seinem Sohne den Berg, wandelte sich
in einen Adler und schwang sich mit Bragi, der als jauchzendes Lied auf
seinem Rücken ritt, in Himmelshöhen zum Flug gen Asgard.

Der Riese Suttung vernahm den jauchzenden Sang und den Flügelschlag.
Da wußte er jäh, was ihm geschehen war. Den Zauber der Riesen ließ er
spielen und stürmte als Adler dem Adler nach. Hin flog das stürmende
Lied in die göttliche Freiheit, und die riesische Unvernunft setzte
ihm nach, um es in ihren hohlen Berg zu sperren. Asgard nahe war
Wodans Adler, der den Trank Odrerir im Leibe trug. Fast hatte ihn
der Riesenadler erreicht. Die Götter eilten herbei. Schon flog die
Begeisterung zu ihnen hinüber. »Heil!« riefen sie Wodan zu. »Dreifach
Heil!« Und Becher und Schalen trugen sie herbei und hielten sie
Wodans Adler entgegen. Und der Adler ließ aus seinem Schnabel den
Begeisterungstrunk Odrerir, den er in sich trug, in die Becher und
Schalen brausen, den schalen Bodensatz aber, der im Bauche verblieben
war, in scharfem Strahl aus dem After fahren, also, daß er dem
Riesenadler in die Augen beizte und Suttung wie verblödet niederfuhr.

Von diesem stammt die Sippe der Afterdichter, die echter Begeisterung
bar sind.

In Walhall aber, in Wodans gewaltiger Halle, kreiste der Becher der
Begeisterung, erbrausten die Dichterlieder und schufen Heldenblut. Und
als Bragi heranwuchs, der Gott der Dichter und der Sänger, vermählten
ihn die Götter mit Idun, der Göttin der ewigen Jugend, die die Äpfel
des Jungseins hütete, die nimmern altern lassen.

Seit jener Zeit gehören göttliche Dichtkunst und ewige Jugend unlösbar
zusammen.



Die Götter auf Kundschaft.


Seit der Begeisterungstrunk in Walhall die Runde machte und Bragi, der
Dichtergott, seine Lieder sang von Heldentum und ewig jungem Ruhm,
gewannen die Götter ihre alte Festigkeit zurück, und ihr Mut loderte
auf wie eine heilige Flamme gegen jedes dunkle Schicksal, das an ihrer
Vernichtung arbeitete. Reicher denn je und freudiger denn je stiegen
die Opfer gen Himmel, welche die Menschen darbrachten, die wie die
Götter zu kämpfen hatten gegen dunkle Mächte und sichtbare Feinde
allüberall und darum _die_ Gottheiten am meisten liebten, die ein
kriegerisch Herz in der Brust trugen wie sie selber.

Das sah Loki, der neidische, mit starkem Unbehagen, und seine Arglist
suchte, wie er den im Opfer bevorzugten Göttern Schaden antun könne,
um sie niederzuhalten und sich selbst zu heben. Es war zu der Zeit,
da Donar, der donnernde Thor, seine Kampffahrten plante gegen die
unheilstiftenden Riesenmächte in Utgard, die seit des Riesenbaumeisters
Erschlagung in rastloser Unruhe blieben.

Loki war nicht wählerisch, wenn es sich um die Erreichung seiner
ehrgeizigen Ziele handelte. Er wünschte insgeheim die Aufrührer zu
stärken und ihnen einen Zuschuß von der Unbeugsamkeit der Götter zu
geben. Darum fuhr er gen Utland ins riesische Jotenreich und fand eine
Riesin, Angurboda, ein fürchterliches Weib, die ihm grinsend zu Willen
war und ihm Drillinge gebar von scheusäligem Aussehen. Den Fenriswolf,
die Schlange Jormungand und ein grausiges Weibsgeschöpf, die Hel.

Allvater erforschte die Drei, als er in einsamer Stunde den Runenzauber
befragte nach den Feinden Asgards und der Asen. Die Götter gingen zu
Rat und beschlossen, den Riesen die Kinder Lokis abzufordern, da sie
zum Wohnsitz des Vaters gehörten. Die Riesen willfahrten knirschend,
denn noch wagten sie nicht offene Auflehnung gegen ihre Beherrscher.

Die Götter prallten zurück, als man die Scheusale vor sie brachte.
Lokis Brut zu ermorden, widerstand ihnen an geheiligter Himmelsstätte.
Aber unschädlich sollte sie gemacht werden. Und Wodan packte die
Schlange und schleuderte sie in das Meer, das sich brausend um Midgard
schlingt, und die _Midgardschlange_ dehnte ihren eklen Leib, daß er
rund um die Erde reichte und das Meer erfüllte, und sie biß sich mit
scharfem Gebiß in den eigenen Schwanz, also, daß sie einen ungeheuren
Ring bildete. Das grausige Weib, die _Hel_, verbannte Wodan in die
tiefste Tiefe von Niflheim und setzte sie über die Totenwelt, in die
nur gelangte, der an schleichendem Alter und Krankheiten aller Art,
nicht aber an ehrlichen Schlachtenwunden gestorben war. Und Hel trat
die Herrschaft an und war eine unerbittliche Forderin des Todes.

Noch war der _Fenriswolf_ zurückgeblieben. Erst trieben die Götter
ihren Scherz mit dem Wilden. Aber das Ungetüm wuchs mit jeder Nacht und
drohte jeden zu verschlingen, der sich ihm näherte. Da hielten es die
Götter bald für rätlich, ihn in Fesseln zu legen.

Sie wanden eine Schlinge, fesselten sich selber damit und zerrissen sie
vor des Wolfes Augen.

»Nun, Fenris,« sprachen sie, »bist du auch so stark, so tue es nach.«
Der Wolf ließ sich binden und sprengte die Fessel mit einem Ruck.

Da wanden die Asen eine dreifach starke Schlinge und reizten den Wolf,
bis er sich wieder binden und schnüren ließ. Dreimal mußte der Wolf
anrücken. Dann sprang die Fessel in Stücke.

Zu den kunstreichen Zwergen sandte Wodan und befahl ihnen, eine
Fessel herzustellen, die nicht zu lockern sei. Und die Zwerge suchten
die seltensten Stoffe aus aller Welt zusammen, Barthaare eines
Weibes, Wurzelfasern eines Felsen, Sehnenfäden eines Bären, mischten
alles mit dem Speichel eines Vogels, dem Atem eines Fisches, der
Geräuschlosigkeit einer Katze und wanden eine schmiegsame Fessel
daraus, die sich umso stärker zusammenzog, je heftiger man gegen sie
anging. Und die Fessel hieß Gleipnir.

An einen weltfernen, einsamen Ort begaben sich die Götter und nahmen
den Fenriswolf wie zur Begleitung und Unterhaltung mit sich. Dort
wiesen sie ihm die Fessel und reizten ihn wie schon zu zweien Malen,
seine Kraft zu erproben. Aber der Wolf war mißtrauisch geworden und
wollte nicht.

»Welch einen Feigling führen wir in unserer Mitte,« höhnten die Götter
ihn aus.

Der Wolf wurde ärgerlich und wollte den Vorwurf nicht auf sich sitzen
lassen.

»Ich fürchte mich vor nichts,« grollte er, »aber ihr könntet mich bös
verzaubern, während ich beschäftigt bin, die Fesseln zu sprengen.
Lege mir also einer von euch die rechte Hand in den Rachen, damit das
Wagestück ordnungsmäßig vonstatten geht. Ich beiße sie ab, wenn ihr
Zaubereien treibt.«

Verblüfft sahen sich die Götter an. Die Schwerthand wünschte nicht
einer zu opfern. Da trat heißen Angesichtes der tapfere Ziu vor,
den die Nordmänner Tyr nannten und dem die jungen Krieger als ihrem
Schlachtengott in blanken Schwertertänzen huldigten; er schob dem
Untier wortlos die Rechte in den Rachen. Nun ließ der Fenriswolf
das Abenteuer geschehen. Aber als ihn die Fessel Gleipnir wie mit
Schlangenarmen umwand, daß ihm der ohnmächtige Schweiß aus allen
Poren brach und er spürte, daß seine Kraft überwältigt sei, als die
Götter die Fessel im Grunde der Erde verankerten, so daß er nimmer los
konnte, schnappte er zornwütig zu und biß Tyr, der nicht mit der Wimper
zuckte, die rechte Hand ab. So gab der Gott selber seine Buße. Dem
Wolf aber, der alles um sich her zu verschlingen drohte und mit seinem
durchdringenden Geheul Lebende und Tote erschreckte, stießen die Asen
ein Schwert zwischen die aufgerissenen Kiefern, daß das Geheul erstarb
und nur der Geifer des Wütenden in Strömen hervorschoß. Dann ließen sie
ihn in der Einsamkeit. --

Wieder saß in Asgard Wodan, der Odin der Nordmänner, und lange währte
sein Gespräch mit Donar, dem donnernden Thor, der nach ihm der
mächtigste war, der Mann der Tat. Ernst blickte Thor, und er nickte zu
allem, was Allvater sprach.

»Das Schicksal der Götter,« sprach Allvater, »liegt in der Götter
eigener Hand. Mut schreckt es zurück.«

»Es ist wie bei den Menschen,« sprach Thor. »Jeder ist Herr seines
Schicksals, solange er um sich schlägt.«

»Herrscher und Führer,« sprach Allvater, »sitzen auf weithin sichtbaren
Stühlen. All ihr Tun ist leicht zu übersehen, und es ist leicht darum,
sie anzugreifen.«

»So sollen sie,« sprach Thor, »nicht auf den Angriff warten, sondern
den Angriff vorantragen.«

»Du bist des Vaters echter Sohn,« schloß Allvater. »So gehe denn hin
und forsche den Feind in seinem Lager aus.«

Asathor schirrte seine Böcke in den Wagen. Er schnallte den
Stärkegürtel um, der seine Kraft verdreifachte, und legte die
Eisenhandschuhe an, mit denen er den Stiel seines Hammers Mjolnir
fassen konnte, wenn der Hammer mitsamt dem Stiel glühend geworden war
in der Hitze des Kampfes. Den Hammer selbst barg er am Busen. Dann lud
er Loki zum Fahrtgenossen.

»Es ist besser, ich habe dich bei mir, als daß du in Asgard Schabernack
treibst.« Und Loki, dem das Schicksal seiner Brut vor ängstlichen Augen
stand, sagte ihm gute Reisekameradschaft zu.

Gen Utgard ging die Fahrt, und am Abend des ersten Tages hatten sie
den Rand der bewohnten Erde am Meeresstrande erreicht und luden sich
bei einem Bauern zur Nacht ein. Schwer hatten die Felder des Bauern
mit den unwirtlichen Mächten aus dem jenseitigen Utgard zu kämpfen,
und um die Armut des Mannes zu schonen, schlachtete Thor seine Böcke
zur Abendmahlzeit, gebot aber jedem in der Familie, die Knochen fein
säuberlich zu behandeln und unversehrt auf die Bockfelle zu legen. So
sättigten sich alle und dankten dem gütigen Spender. Loki aber trieb
es schon wieder, dem starken Gott Verlegenheiten zu schaffen, und er
beschwatzte den Sohn des Bauern, ein Schenkelknöchlein zu öffnen und
das leckere Mark herauszusaugen.

In der Morgenfrühe stand der Donnerer zur Weiterfahrt bereit. Er
beschrieb mit dem Hammer sein Zeichen über Felle und Knochen, und
augenblicks standen die Böcke fahrtbereit im Geschirr. Der eine Bock
aber lahmte ein wenig und hinderte die schnelle Fahrt.

Thor griff nach seinem Hammer. Seine Augen blitzten vor Zorn und
sein Rotbart sträubte sich. Da erkannten ihn die Bauersleute als den
Gewaltigen, der ihre Äcker und ihr Leben schützte, und sie umfaßten
seine Knie und blickten ihn aus treuen Augen an.

»Asathor, es ist nicht unsere Schuld. Der, den du bei dir führst,
erlaubte unserem Sohne _Thjalfi_, den Knochen zu öffnen und das Mark zu
saugen. Nimm unseren Sohn Thjalfi zur Sühne als deinen Diener mit dir.
Keinen schnelleren im Lauf findest du unter den Menschen.«

Der Donnerer nahm die Sühne an und reichte die Hand freundlich zum
Abschied. Und zu Loki gewandt, meinte er lächelnd: »Ich sehe, daß du
lieber läufst, als fährst. Es wird ein beschwerlicher Marsch werden,
der Schweiß kostet und Blasen unter den Füßen, aber du hast es gewollt.
Auf, Thjalfi!«

Und er ließ das Bockgespann bei dem Bauern, daß er es bis zu seiner
Rückkehr gut verpflege und den Schaden heile.

Durch das Meer schwamm Thor mit Loki und Thjalfi, und er wanderte mit
ihnen durch die Wälderwildnis von Utgard, daß Loki oft erseufzte.
Und sie fanden nichts Lebendiges und keine Herberge. Erst in dunkler
Nacht stießen sie auf eine Behausung. Aber statt durch eine Tür
mußten sie durch eine Art großen Schuppens kriechen und zählten vier
langgestreckte Hallen mit einer fünften gekrümmten als Nebengelaß.
Todmüde sanken sie in Schlaf. Plötzlich fuhren sie wieder empor. Das
Haus schwankte unter einem greulichen Sturmgezeter wie ein Schiff, das
kieloben zu gehen droht, und sie retteten sich eilends ins Freie und
wachten den Morgen heran.

Am Morgen machte sich Thor auf Kundschaft. Er ging dem Sturmgezeter
nach und stieß bald auf einen Riesen, der den Wald mit seinem
Schnarchen füllte wie die Sturmtrompeten die Luft, und Thor nahm
seinen Hammer. Im selben Augenblicke sprang der Riese auf und war so
bergehoch, daß Thor kaum zu seinem Haupte hinaufzusehen vermochte
und den Hammerwurf unterließ. »Ich suche meinen Handschuh,« knurrte
der Riese, spähte umher und hob die Behausung auf mit den vier
langgestreckten Sälen und dem fünften als Nebengelaß. Thor machte runde
Augen. Im Handschuh des Riesen hatte er mit seinen Gesellen genächtigt.

Der Riese aber machte sich gutmütig mit den fremden Wanderern bekannt,
nannte sich selber _Skrymir_, das ist so viel wie Großmaul, und meinte,
auf den Donnerer weisend. »Dieser da ist unverkennbar. Es ist Asathor,
der den Hammer führt.« Und er erbot sich, ihnen den Weg zur Königsburg
in Utgard zu weisen.

»Ihr seid für den Marsch zu sehr mit euren Vorratssäcken belastet,«
meinte er bei der gemeinsamen Wanderung. »Gebt mir die Bündel. Einem
Kerl wie mir macht es nichts aus.« Und er öffnete den eigenen Rucksack,
packte die Bündel seiner Begleiter hinein, schnürte den Sack zu und
warf ihn wie eine Feder über die Schulter. Damit waren die drei
Wanderer wohl zufrieden. Weniger zufrieden aber waren sie, daß sie
mit den Riesenbeinen Schritt halten und einen ganzen Tag lang, bis
zum Einbruch der Nacht, Jagdhunden gleich hinter Skrymir durch nicht
endenwollende Waldwildnisse rennen und stolpern mußten, ohne essen
oder trinken zu können. Und als der Riese endlich Halt machte, weil es
pechdunkel im Walde geworden war, und die drei Gesellen atemlos bei
ihm anlangten, hatte sich Skrymir bereits in das Moos gebettet und
schnarchte, daß die Baumwipfel brausten und die Vögel aus den Nestern
stürzten.

Loki drehte sich vor Hunger auf einem Beine und verwünschte die
verunglückte Reise. Thjalfi, der Läufer, ließ die ausgetrocknete Zunge
bis zum Kinn hinunterhängen. Thor aber donnerte sie an: »Nie hilft
schimpfen zum Ziel oder schweigendes Ertragen! Regt die Hände! Packt
an!« Und sie packten zu dritt des Riesen Rucksack und wälzten ihn
herum und mühten und mühten sich vergebens, die Verschnürung zu öffnen.

Thor griff nach dem Hammer.

»Wach auf, du Schnarcher,« rief er, »wir verhungern!« Und er schlug ihm
den Hammer auf den Schädel, daß der Wald wie von einer Pauke erdröhnte.

Der Riese wischte schlaftrunken über seine Stirn. »Es ist mir ein Blatt
auf den Kopf gefallen,« murmelte er, und schon schnarchte er weiter.

Thor stutzte. Dann sammelte er eine Zeit lang weise seine Kräfte, hob
den Hammer und jagte ihn in Skrymirs Wirbel, daß von dem Gedröhne die
Berge hüpften.

Wieder fuhr sich der Riese schlaftrunken über den Kopf. »Diesmal
ist mir eine Eichel auf den Kopf gehüpft,« murmelte er, und schon
schnarchte er weiter.

Sprachlos starrte der Donnerer auf den ungeheuren Mann, bei dem selbst
sein Hammer versagte.

»Laß ab,« bat Loki in Ängsten, »hier findest du leicht deinen Meister.
Laß uns umkehren und nimmer wiederkommen.«

Mit einer Handbewegung tat Thor den Schwätzer ab. Bis es dämmerte,
ruhte er. Dann erhob er sich neu gestärkt, ließ so schnell den Hammer
kreisen, daß er Blitze schoß, und schmetterte ihn mit Donnergekrach
tief in des Riesen Schläfenbein.

Der aber wurde munter und sprang auf die Füße. Mit der Hand wischte er
sich den Kopf.

»Pfui! Pfui! Da hat ein Vogel mir 'was auf den Kopf klatschen lassen.
Ich mach mich davon.«

»Erst zeig den Weg zu Ende!« verlangte Thor.

Der Riese sah die von den Nachtwachen, von Hunger und Durst Ermüdeten
forschend an. »Wenn ihr auf eurer Reise besteht, so sei's. Aber ich
warne euch. Der König _Utgardloki_, zu dem ihr wollt, gebietet über
Riesenkerle, gegen die ich nur ein Kinderspaß bin. Seid also fein
bescheiden an seinem Hof, haltet die Zunge im Zaum und überhebt euch
nicht, damit ihr halbwegs gesund von dannen schlüpft. Ich an eurer
Stelle trollte mich schleunigst und setzte meinen guten Namen nicht
aufs Spiel.«

»Schweig, du Großmaul,« gebot Thor, »und weise den Weg.«

Da deutete Skrymir auf eine Waldlichtung, schulterte seinen Sack und
verschwand zwischen den Bäumen.

Ohne Zögern marschierte Thor auf die Waldlichtung zu, ob auch Loki
ihn anflehte, das Abenteuer auf günstigere Zeiten zu verschieben. Und
als sie die Waldlichtung erreicht hatten, sprang vor ihnen auf einem
Felsen Utgardlokis Burg bis in die Wolken, von einem Eisengitter dicht
verschlossen. Kein Wächter meldete sich, als sie riefen.

»Wir sind so klein wie die Ameisen vor diesem Riesenwall,« jammerte
Loki.

»Auch Kleinheit kann vom Flecke helfen,« entgegnete Thor. »Sieh her!«
Und er zwängte sich leicht durch die Gitterstäbe und half den Gefährten
nach. So kamen sie in den Burghof, auf den die Königshalle mündete, und
Thor führte die Gefährten hocherhobenen Hauptes in die Halle.

Auf erhabenem Throne, die Schar seiner Riesenmannen um sich, saß in
dunkler Pracht der König Utgardloki. Er zwinkerte mit den Augen, als
vermöge er nicht recht zu erkennen, was sich über den Boden zu seinen
Füßen auf ihn zu bewege.

»Ei, du putziger Kleiner,« rief er dem Donnerer zu, »was bist denn du
für ein Kerlchen?«

»Ich bin Donar, der Ase, den sie den Thor nennen. Ich komme, dich zu
besuchen.«

»Kleiner Scherzbold,« spottete der Riesenkönig, »Asathor willst du
sein? Den hatte ich mir als einen Mann gedacht, immerhin mir bis
zum Bauche. Doch vielleicht -- wer weiß es -- kannst du mit deinen
Gefährten da allerlei Taten, die euch ein Wettspiel mit meinen Mannen
suchen lassen.« Und er lachte, daß sein Bauch schütterte.

Der hungernde Loki sprang vor.

»Ich vermesse mich,« rief der Listige, »jeden zu schlagen, der es mit
mir im Essen aufnehmen will. Und sei sein Magen so lang, daß ich selbst
darin wohnen könnte.«

Die Wette machte dem König Spaß, und er winkte einem seiner Hofleute,
den er Logi rief, sich bereit zu machen. Da wurde zwischen die beiden
Kämpen ein Trog geschoben, bis zum Rande gehäuft mit Rindervierteln,
und Loki, der Ase, setzte sich an das eine Ende des Troges, und Logi,
der Riese, an das andere. Dann gab der König das Zeichen. Und sie
aßen und fraßen, daß ihnen die Augen aus den Höhlen quollen und den
Zuschauern die Haare zu Berge standen, und als sie in der Mitte des
Troges mit den Köpfen aneinanderprallten, war der Trog bis auf den
Boden leer, und sie leckten sich die Lippen.

Der König kam und sah in den Trog hinein. Da lagen in der Hälfte, die
Loki, der Ase, leergezehrt hatte, die Knochen abgenagt und ausgesogen
bis aufs Mark. Logi, der Riese, aber hatte die Knochen samt dem
Fleisch verschlungen und seinen halben Holztrog obendrein. Darum wurde
der Riese für den Sieger erklärt. Loki war es einerlei. Er war satt
geworden.

Und der König wandte sich an Thjalfi und fragte ihn, in welcher Kunst
er sich etwas zutraue.

»Ich bin ein Schnelläufer,« antwortete der Jüngling, »stellt mich auf
die Probe.«

Der König rief einen Diener, den er Hugi nannte, und alle gingen sie
auf ein weites Feld. Der Knabe rannte wie der Wind nach dem Ziel, aber
Hugi flog ihm voraus und kehrte zu ihm zurück, und Thjalfi mußte sich
geschlagen geben.

Nun wandte sich der König Utgardloki dem Donnerer zu.

»Die Reihe ist an dir. Beweise uns die überlegene Kunst der Asen und
wähle selber.«

Da wählte Asathor das Trinkhorn. Denn er war ein Zecher, der alles
Lebende unter die Bänke trank.

So saßen sie in der Halle auf der Metbank nieder, und Utgardloki hieß
das Horn bringen.

»Sieh dir meine Mannen an, Thor. Sie leeren dies Horn auf einen Zug,
wenn sie bei Laune sind. Sicherlich aber in zwei Zügen. Wer es aber mit
dreien nicht zu leeren vermag, der läßt das Trinken den Männern und
schleicht sich hinaus zu den zullenden Knaben.«

»Laß dein törichtes Reden,« sprach Asathor und hob dürstend das Horn,
daß der Inhalt in Strömen in ihn hineinlief und alle Mannen die Hälse
reckten. Aber als er tiefatmend das Horn absetzte und hineinblickte,
bemerkte er zu seiner Bestürzung, daß das Getränk nicht um eines
Fingers Breite abgenommen hatte.

»Du bist weise,« sagte Utgardloki. »Du hast zunächst nur eine Kostprobe
nehmen wollen.«

Zornig setzte Thor das Horn zum zweiten Male an. Aber nur der Innenrand
des Hornes war freigelegt.

»Nun hast du dir zur Genüge den Mund ausgespült,« heuchelte der
Riesenkönig. »Bist du nun endlich auf den Geschmack gekommen, so
trinke!«

Asathors Antlitz färbte sich so rot wie sein Bart. Er packte das
Trinkhorn, daß es knirschte. Und zum dritten Zuge hob er es an den
Mund und sog und sog, daß ihm die Adern wie Stricke über den Schläfen
schwollen, und stürzte und stürzte, daß es wie Meerflut in seinem
Halse rauschte, und setzte endlich ab. Da war der Trank im Horn weit
zurückgegangen, aber ausgetrunken war er nicht.

»Du bist heute nicht durstig,« meinte Utgardloki, der mit allen seinen
Mannen ein wenig blaß geworden war bei des Gottes wildempörtem Zuge.
»Vielleicht gefällt es dir, dich an ein Spiel zu machen, wie es unsere
Jungmannen zu ihrem Vergnügen treiben, nämlich meine große Katze vom
Boden zu heben. Es wird für deine Kraft eher passen.«

Der Donnerer spürte den Hohn. Aber er zügelte seinen Zorn. Er ergriff
die Riesenkatze, die sich auf den Fliesen sonnte, am Bauchfell und
glaubte sie zu heben, aber die Katze hatte nur einen Buckel gemacht. Er
biß die Zähne zusammen und rüttelte das Vieh, das sich steif auf den
Beinen sperrte, zusammen. Und dann glückte es ihm, ein Bein der Katze
hochzuheben und nicht mehr.

Der Riesenkönig lächelte wie in Mitleiden. »Es ist nicht recht von mir,
dich mit deinem schwachen Körper an Aufgaben zu stellen, die meine
Leute mit ihren Riesenkräften spielend lösen. In Asgard magst du der
stärkste sein. Hier kommst du, wie du selber siehst, nicht in Betracht.«

»Stelle mir einen Gegner,« brüllte Thor auf in schäumender Wut, »jeden
von euch, wer es auch sei. Ich will ihn im Ringkampf werfen, daß er das
Aufstehen auf immer vergißt.«

Die Riesen rührten sich nicht. Und erst nach einer Pause sprach
Utgardloki sanft:

»Die Bärenkraft meiner Männer scheint mir zu unsanft für dich. Versuche
es zuerst mit einem Weibe. Ruft mir einmal meine alte Amme Elli her.
Sie genügt für diesen Fall.«

[Illustration: »Da stellte ihm die Alte jählings ein Bein, über das er
stolperte ...«]

Die Alte kam grinsend auf den Asen zu, und Thor nahm den Ringkampf
auf. Mit geschlossenen Augen, wortlos vor Grimm, rang er, daß ihm die
Muskeln auf den Armen zu tanzenden Ballen wurden. Er bekam das Weib
nicht unter. Da stellte ihm die Alte jählings ein Bein, über das er
stolperte und auf ein Knie stürzte. Schon war er wieder auf den Füßen,
als Utgardloki die Kämpfer trennte und den schäumenden Asen für besiegt
erklärte.

»Nun aber wollen wir uns zum Mahle setzen und auch den Becher kreisen
lassen, denn ihr habt euch nach euren Kräften gut gehalten.«

Das gnädige Lob vermochte nichts über den Donnerer. Speise und Trank
mundeten ihm nicht, und er war froh, als alle zur Ruhe gingen. In der
Frühe wollte er mit seinen Gesellen fort.

Der König der Riesen und Trolle, Utgardloki, stand am Burgtor, als die
Wanderer am Morgen Abschied nahmen. »Nun werde ich euch wohl niemals
wiedersehen,« sagte er bedauernd.

»Nicht eher, als bis ich meiner Kräfte wieder Herr und Meister bin,«
entgegnete Thor finster.

Der König hob beschwörend die Hand.

»Stärkster der Asen, du hast gesehen, daß deine Kräfte bei uns nicht
für eine Katze und ein altes Weib ausreichen. Ich aber will dir mehr
sagen: dein Geist reichte noch um vieles weniger aus. Eitel Blendwerk
habe ich dir vorgemacht, und du bist ihm nicht auf die Spur gekommen.
Ich wußte von deinem Nahen. Als Riese Skrymir begegnete ich dir im
Walde und suchte dir deine Abenteuer zu verleiden, indem ich dich in
die Irre führte und dich hungern und dürsten ließ. Mein Bündel war mit
Eisenklammern verschlossen statt mit Stricken. Dreimal schlugst du
mir auf den Schädel, und jeder Schlag hätte mich zermalmt. Aber ich
hielt mir jedesmal einen Felsblock vor, und du merktest es nicht und
schlugst Löcher in den Stein so tief wie ein Brunnenloch. Nie sah ich
einen einzelnen Mann fressen, wie der verhungerte Loki fraß. Aber mein
Logi war kein Mann, sondern wildes Feuer, das den Fraß mitsamt dem
Trog verzehrte. Nie sah ich einen Menschen rennen, wie der Thjalfi
rannte. Aber mein Hugi war der hin und her jagende Gedanke. Dann hobst
du das Trinkhorn und merktest nicht, daß ich seine gewundene Spitze
tief in das Weltmeer versenkt hatte. Meiner Treu, du hast die Flut so
niedergetrunken, daß von heute ein Zustand im Meere eingetreten ist,
den man die Ebbe nennen wird. Als du die Katze beim Bauchfell packtest,
merktest du nicht, daß du die Midgardschlange gepackt hattest, die wie
ein Ring um die Erde liegt. Als du der Katze das Hinterbein hobst,
hattest du schon den Schwanz der Schlange aus dem Meere emporgerissen.
Die alte Amme Elli aber, du blinder Thor, war das Alter, das keiner
überwindet und dem keiner stand hält. Dir mußte sie erst ein Bein
stellen, und trotzdem --«

Thors Gestalt begann zu wachsen. Jedes Haar in seinem Rotbart richtete
sich steil empor. Seine Hand tastete nach dem Hammer.

Utgardloki, der König der Riesen und der zaubergewandten Trolle, ließ
kein Auge von ihm. Seine Stimme wurde kreischend. Der Triumph über
seinen Sieg raubte ihm die Vernunft.

»Hör mich zu Ende, schneller Gott. Wir haben dich und deine Asenkraft
jämmerlich betrogen und werden es wieder und wieder tun. Nimm dein
Erlebnis als Warnung! Kehre nie zu uns zurück! Wir machen deinem
Schädel neues Blendwerk vor, daß du wie ein brüllend Tier in der Irre
läufst und das Gelächter der Welt dich nach Hause hetzt. Schau her und
such die Burg von Utgard!«

Thor schwang den Hammer. Jäh hielt er ein, denn er hätte ihn ins
Wesenlose geschleudert. Die ragende Burg zerfloß vor seinen sehenden
Augen in Nebelstreifen. Und wo der König Utgardloki gestanden hatte,
zog ein dampfender Schwaden durch die Luft. -- --

Zornigen Mutes wanderte der Donnerer dem Meere zu. Seine Begleiter
folgten ihm scheu. Und der Zorn verwandelte sich in Nachdenklichkeit
und befreite sich in einem fröhlichen Götterlachen.

»Ich habe eine Lehre erhalten,« sprach der starke Ase, »und eine Lehre
ist so viel wie ein Sieg. Denn eine Lehre ist die Gebärmutter neuer
Taten.«

»Wie nennt sich die Lehre?« fragte Loki und schlich sich horchend
herbei.

»Wenn du zu Spitzbuben gehst, _schlag zu_, bevor sie dich prellen,«
antwortete Thor, schwamm, von seinen Begleitern gefolgt, durch das
Meer, fand bei den Bauern am Erdenrand seine geheilten Böcke wieder
und fuhr, durch die Wolken donnernd, heim gen Asgard.

Lange weilte er bei Wodan im Gespräch, und als er ihn hochgemut
verlassen hatte, begab sich Allvater zu der Göttin Saga kühlem Saal,
über den die Wogen rauschten, und trank mit ihr aus goldenen Gefäßen,
während er in Dichterworten sprach und Saga sang. -- --



Im Zeichen des Hammers.


Immer mehr häuften sich die Klagen über die Gewalttaten der
Riesenmächte. Seit sie die Asen in Schuld verstrickt wußten, seit sie
an den Himmlischen Schwächen und Fehler erkannt hatten, seit sie in dem
gefürchteten Donnerer, nach Thors Fahrt zu Utgardloki, nichts anderes
als einen Tölpel von Bauerngott zu erkennen glaubten und in dem Asen
Loki oft genug einen stillen Verbündeten, wuchs ihre freche Anmaßung
zur Unerträglichkeit, und besonders die Menschen hatten unter ihren
räuberischen Übergriffen schwer zu leiden.

Der Donnerer aber hatte die erhaltene Lehre nicht vergessen. Tag und
Nacht war er auf der Fahrt, und wohin ihn sein Bockgespann nicht
trug, dorthin wanderte er mit seinem Hammer zu Fuß. Reißende Ströme
durchwatete er, steile Felsenhäupter erklomm er, um der Räuber und
Mörder der Menschen habhaft zu werden. Wo immer er sie antraf, stellte
er sie wortlos zum Kampf und zerschmetterte ihnen mit seinem Hammer den
Schädel. Da die Säufer und Fresser aber, die Thursen und Joten, Scharen
von Kindern erzeugten, die in wenig Nächten stark und dick wie ihre
Väter waren, so hatte der Hammer Tag und Nacht zu tun, ohne daß er die
furchtbare Arbeit vollauf zu bewältigen vermochte. Und der Donnerer sah
die wachsende Gefahr, wie Allvater Wodan am Brunnen Mimirs, mit stiller
Sorge und schlug um so unerbittlicher drauflos, um Luft zu schaffen und
den Göttern Zeit.

Nach _Freya_ stand der gierige Sinn der Riesen. Ihre strahlende
Wärme brauchten sie für ihr kaltes Reich und ihre Lieblichkeit zur
Auffrischung ihres Wesens. Dessen waren die Götter sich wohl bewußt,
und sie hatten Ursache genug, offene und versteckte Angriffe zu
erwarten und abzuschlagen. Im übrigen aber schützte sie Thors Hammer.

Um so furchtbarer war darum die Bestürzung, als eines Morgens der
Hammer verschwunden war. Der Donnerer hatte ihn in einer Nacht, die
er daheim verbringen konnte, neben sich auf dem Lager gehabt. Als
er erwachte, griff er, wie stets zuerst, nach dem Stil. Er tastete
vergebens. Mit einem Satz war er auf den Beinen, suchte sein Haus ab
und donnerte die Götter aus dem Schlummer. »Wer hat mir den Schabernack
angetan? Das ist kein Scherzspiel, und ich will es nicht leiden!«

Die Götter jedoch waren unschuldig an dem Verschwinden und blickten
dem Erzürnten offen in die Augen, ohne sich Rats zu wissen. Nur
Loki grinste ein wenig in sich hinein. Als ihn aber der Donnerer mit
zornfunkelnden Augen anfuhr, und die Götter klagend den Untergang
Asgards weissagten, wenn der schützende Hammer nicht zur Stelle
geschafft würde, wurde Loki geschmeidig, trat in den Kreis und gab sich
ein großes Ansehen.

»Obwohl ihr es euch nicht zugestehen wollt, daß ich der Klügste bin,
um nicht das winzigste Steinlein aus eurer Krone zu verlieren, will
ich euch noch einmal den Beweis liefern und euch damit zur Anerkennung
zwingen. Jammert weiter. Ich fahre in die Welt und suche den Hammer bei
Riesen und bei Zwergen, im Schoße der Erde und auf dem Meeresgrund. Und
ich werde ihn finden.«

Dann bat er Thor, ihm zu Freya das Geleit zu geben, denn er wünschte
sich Freyas Falkenkleid zur Reise zu leihen, war aber bei Freya um
seiner tückischen Liebeswerbungen willen nicht wohl gelitten. Freya
willfahrte auf der Stelle und gab das Kleid. »Und wenn es von Gold und
Silber wäre, ich gäb es her für den Hammer, der mich vor dem Begehr der
scheußlichen Riesen schützt.«

Loki legte es an und fuhr brausend von dannen. Er fuhr nicht in den
Schoß der Erde und nicht auf den Meeresgrund. Stracks fuhr er ins
Riesenland nach Jotunheim und fand den Riesenfürsten _Thrym_ vergnügt
seine Rosse striegeln und schmücken.

»Nun?« rief er dem heranbrausenden Loki entgegen. »Was jagt dich so
sturmschnell nach Jotunheim? Geht es den Asen nicht gut, und suchst du
ein Mittel gegen ihren Kopfschmerz?«

»Höre mich, Thrym,« sagte Loki schmeichelnd, »ich muß den Hammer wieder
holen. Käme ich ohne ihn heim, so möchte es mir auf ewige Zeiten übel
ergehen.«

»Ach nein,« sprach Thrym vergnügt, »den Hammer willst du zurück? Ich
bin froh, daß ich ihn habe.«

»Du kannst ihn ja doch nicht verwenden,« redete Loki ihm zu. »Nur in
des Donnerers Hand zeigt er seine Kraft.«

»Wohl, wohl,« nickte Thrym. »Und wenn er sich nicht in des Donnerers
Hand befindet, ist er nicht gefährlicher als ein kurzgestieltes Stück
alten Eisens. Damit ist viel gewonnen, wenn es zum Kampfe kommt.«

»Zum Kampfe um Freya, Thrym?«

»Um Freya, die liebliche, die süße. Aber es braucht nicht einmal zum
Kampfe zu kommen. Die Asen können ihre heilen Köpfe und ich mein
fröhliches Blut bewahren, wenn sie mir im Tausch Freya ausliefern
gegen Thors Hammer. Im Arme der Lieblichen verzichte ich auf den Ruhm,
euch zu prügeln.«

»Ich werde es gerne bestellen,« lächelte Loki schadenfroh und brauste
gen Asgard zurück. Großtuerisch trat er in den Kreis der Götter. »Wo
ist der Hammer?« donnerte Thor.

»Auf daß ihr seht, daß ich der Klügste bin -- der Hammer ist gefunden.
Bei Thrym liegt er, dem Riesenfürsten, zehn Klafter tief in der Erde
versteckt, und das Versteck weiß nur Thrym.«

»Was frohlockst du denn, Prahlhans, der Hammer sei gefunden?« schnob
der Donnerer.

»Weil ich,« versetzte Loki mit Wichtigkeit, »den Riesen bewog,
freiwillig den Hammer herauszugeben. Er will es tun, so ihr ihm im
Austausch Freya zum Weibe gebt.«

»Niemals,« rief Freya, die liebliche, entsetzt, »niemals lasse ich
meinen schlanken Leib an die Dickwänste verschachern!« Und die Götter
standen in tiefer Verlegenheit und wachsender Sorge.

Nur der Donnerer hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden.

»Meine Lehre besagt,« sprach er grimmig, »wenn du zu Spitzbuben gehst,
schlag' zu, bevor sie dich prellen. Das gedenke ich auch diesmal zu
tun, und ich werde selber gehen.«

Da berieten die Götter heftig über die Ausführung der Reise, und
Heimdall, der treue Wächter, sprach: »Sie werden dir wieder ein
Blendwerk vorgaukeln, wenn du offen als Asathor zu ihnen kommst. Drum
rate ich dir, lege Freyas Brautkleid an und umhülle dein Gesicht mit
Freyas bräutlichem Schleier, daß dich niemand erkennt und dich der
liebesblinde Thrym mit offenen Armen in seinen Saal aufnimmt. Das
andere bleibe dann leicht dir überlassen.«

Wohl wehrte sich der stolze Donnergott gewaltig gegen die weibische
Verkleidung, aber zuletzt mußte er sich dem Bitten und Drängen der Asen
fügen, da auch er keinen besseren Rat wußte, und er ließ sich in die
Weiberröcke zwängen, hing den klirrenden Schlüsselbund an, schmückte
Hals und Nacken mit dem leuchtenden Schmuck Brisingamen und wickelte
den Schleier dicht um Haupt und Feuerbart. Dann winkte er Loki.

»Du begleitest mich als meine Magd. Du sollst auch deine Freude haben.«

Und Loki mußte, obwohl er lieber beiseite geblieben wäre, in die
Magdkleider hinein und mit auf die Fahrt. Funkenstiebend flog des
Donnerers Bockgespann mit den Beiden durch die Lüfte.

»Sie kommt, sie kommt,« jubelte Thrym. »Freya, die liebliche, kommt,
mein Lager zu wärmen! Auf, schmückt mir den Hochzeitssaal, rüstet das
Mahl, schleppt Met herbei! Diese Nacht noch ruh ich am Herzen der
lieblichsten Göttin!«

Sie saßen beim Hochzeitsmahle, und neben dem Freudetrunkenen saß
Asathor im Brautgewand, das Antlitz dicht vom Schleier umhüllt. Wortlos
saß er im Saal, den wohl hundert Riesen und Riesinnen füllten, um sich
durch seine rauhe Sprache nicht zu verraten, aber er klimperte zuweilen
mit dem Schlüsselbund und zupfte die Steine seines Geschmeides hervor,
daß sie berauschend schimmerten und blitzten. Als aber das leckere Mahl
mitsamt dem Met aufgetragen wurde, vergaß er die Vorsicht, aß einen
ganzen Ochsen und acht Lachse auf einem Sitz und vertilgte dazu drei
mächtige Fässer Met.

Der Riesenfürst riß vor Staunen Mund und Nüstern auf. »Wie gefräßig das
Täubchen ist!«

Da sprang Loki dem Donnerer bei, Loki in der Magdkleidung, und er
flüsterte dem Riesen zu:

»Acht Tage hat Freya aus Sehnsucht nach dem heutigen Tage keinen
Bissen über die Lippen gebracht.«

Das tat dem eitlen Thrym in der Seele wohl, und er umfing zärtlich
das Bräutchen und wollte es küssen. Thor gab nur den oberen Teil des
Schleiers frei, und mit einem Schreckensschrei taumelte Thrym zurück,
als ihn ein paar wildfunkelnde Augen trafen.

Wieder begütigte Loki, Loki in der Magdkleidung, und er flüsterte dem
Riesen zu:

»Habt Ihr Freyas Augen gesehen? Acht Tage ist kein Schlaf
hineingekommen aus Sehnsucht nach Euch! Nimmer noch brannten
Frauenaugen in solcher Liebesglut.«

»Holt den Hammer,« brüllte der Riese in trunkener Lust, »holt den
Hammer Mjolnir! Im Zeichen des Hammers soll unser Ehebund gesegnet
werden, wie es bei den Göttern Brauch! Freu dich, mein Mädchen!«

Der Hammer wurde gebracht und in den Schoß der Braut gelegt. Da
klingelte Asathor nicht mehr mit dem Schlüsselring. Seine Hand
umspannte den geliebten Hammerstiel.

Und plötzlich warf er den Schleier zurück und zeigte sein flammendes
Angesicht mit dem roten, aufwärts gesträubten Feuerbart. Ein einziger
Schrei durchgellte den Saal. Und der Hammer sauste zuerst in Thryms,
des Riesenfürsten, Schädel und zermalmte ihn zu Brei. Und der Hammer
sauste durch den ganzen Saal, bald hierin, bald dorthin, und wer da
flüchten wollte, den holte er ein. Mitten im Saale stand der Donnerer
und schlug mit seinem Hammer Mjolnir die ganze Hochzeitsgesellschaft,
mehr als Hundert Riesen und Riesinnen, zu Tode. Wie feierte er mit
seinem Hammer das Wiedersehen! --

So groß wie die Freude in Asgard, so groß war die Wut im Jotenreich.
Da sie dieses Mal Freya nicht haben konnten, beschlossen die Riesen,
die Götter durch das Alter kraftlos zu machen und sich zu diesem Zwecke
_Iduns_ zu bemächtigen, des Dichtergottes Bragi Ehegemahl, die die
Äpfel der ewigen Jugend hütete. Doch die Jugendgöttin ging nicht über
Asgards Wiesen hinaus, und es mußte schon ein Ase gefangen werden zum
Austausch.

Es begab sich aber, daß Wodan mit anderen Göttern eine Fahrt durch die
Welt machte, und auch Loki gehörte der Reisegesellschaft an. An einem
Abend trieb sie der Hunger, sich auf einer entlegenen Weide einen
Ochsen zu greifen, und sie brieten ihn unter einer ragenden Eiche.
Aber so lange sie ihn auch brieten, das Fleisch wurde nicht gar. Da
gewahrten sie im Wipfel des Baumes einen Adler, der vor Freude mit
den Flügeln schlug und ihnen zurief: »Ich leid's nicht, daß euch der
Braten gerät! Oder ihr gebt mir so viel von dem Ochsen, als ich mag.«
Verwundert über das seltsame Abenteuer, sagten die Götter zu; der Adler
rauschte vom Wipfel nieder, und das Fleisch wurde gar. Der Adler jedoch
begehrte hämisch das Beste für sich und schlug seine Krallen in die
festen Lenden und den saftigen Bug. Da stieß ihm der gefräßige Loki
eine Eisenstange in den Bauch.

Die Stange aber blieb haften, so sehr Loki auch zog und rüttelte.
Und der Adler erhob sich und schleifte Loki hinter sich drein, durch
Stoppelfelder und Morast, durch stachliche Sträucher und scharfe
Felstrümmer, also daß der Tückegott jämmerlich geschunden wurde und arg
um Gnade flehte. Die Götter, die zurückgeblieben waren, hielten sich
den Leib vor Lachen über des Listigen Mißgeschick und vernahmen nicht,
was die Beiden verhandelten.

»Hör mich an,« rief der Adler. »Ich bin _Thjazzi_, der Riesenfürst. Du
sollst die Freiheit haben, wenn du mir versprichst, mir heimlich Idun
mit den Äpfeln zu bringen. Schwöre deine heiligsten Schwüre.« Und Loki
schwur, was von ihm verlangt wurde.

Die Götter lachten noch immer, als er wieder zu ihnen stieß.

»Lieblich schaust du aus, vorwitziger Loki. Man könnte dich als
Spatzenschreck in die Felder stellen.«

»Wartet ab, ob ihr nicht auch bald den Vogelscheuchen gleicht,« knurrte
Loki tückisch und gedachte der Idun und ihrer Jugendäpfel.

Nach Asgard heimgekehrt, machte er sich an die Jugendspendende listig
heran und erzählte ihr Wunderdinge von Äpfeln, die er ganz nahe Asgard
in einem Wäldchen vorgefunden habe, tausendmal schöner, als Iduns
Zauberäpfel, und stachelte ihre Neugier, mit ihm hinzulaufen und die
Äpfel zu vergleichen. Als aber die Göttin mit ihren Äpfeln in den Wald
gerannt kam, packte sie der Riese Thjazzi und brauste, als Adler, mit
seiner kostbaren Beute davon.

Ein Kurzes, und die Götter wunderten sich, daß die holden Göttinnen
abmagerten wie die Heuschrecken und Hängefalten bekamen und eselgraues
Haar. Und sie wollten von ihren Liebkosungen nichts mehr wissen. Die
Göttinnen aber zeigten mit Fingern auf die Kahlköpfe und Schmerbäuche
der Götter und zählten ihnen die Zahnlücken auf. Da gewahrten sie mit
Schrecken, daß sie alterten, und sie riefen nach Idun, um an ihren
Äpfeln die Jugend zurückzugewinnen. Aber Idun war in ganz Asgard nicht
zu finden.

Heimdall, der treue Wächter, sprach: »Ich sah sie mit Loki in den
Grenzwald gehen.«

Da bedrohten sie Loki mit allen Martern, und der Donnerer schwang den
Hammer über ihn, bis Loki gestand. »Ich habe dem Riesen meinen Eid
gehalten. Jetzt schwöre ich euch einen neuen Eid, sie wiederzuholen.«
Und er entlieh Freyas Falkengewand und sauste, als wäre Thors Hammer
hinter ihm, durch die Lüfte gen Jotunheim, wo er die weinende Idun
einsam in Thjazzis Halle fand, denn der Riese war auf das Meer hinaus,
für die Untröstliche ein leckeres Fischgericht zu holen.

Blitzschnell verzauberte Loki die lachende Idun in eine Haselnuß, barg
sie in seinen Falkenfängen und sauste mit ihr durch die Lüfte gen
Asgard davon.

Aber der Riese hörte auf dem Meere das Flügelsausen, nahm die Gestalt
eines Seeadlers an und brauste hinterdrein. Schon war Loki mit Idun
in Asgard angelangt, als der blindwütende Seeadler die Grenzscheide
überstürmte. Einen Scheiterhaufen entzündeten die Götter, und Thjazzi
flog geblendet hinein und verbrannte elendiglich.

Die Götter aber und Göttinnen schmausten wie Ausgehungerte von Iduns
Äpfeln; ihre Haut wurde wieder straff, ihre Körper schlank und stark,
ihre Augen glänzend und ihre Lippen rot. Und es war an dem Abend eitel
Liebesgirren in allen Kammern Asgards. --

Nur des Donnerers Hammer ruhte nicht. Wo die Menschen auf Erden von
Riesengewalten bedroht wurden, riefen sie nach dem Gott mit seiner
malmenden Waffe, wie die Asen selbst es taten, und Thor erschien wie
der Gewitterblitz und reinigte Land und Luft von den Unholden. Nie war
er daheim zu treffen, immer stand er irgendwo im Kampf, und so machte
sich Allvater Wodan einst allein auf den Weg, um einen Blick auf die
Kräfte des Riesenreiches zu gewinnen.

Auf seinem achtfüßigen Hengst Sleipnir jagte er hinaus nach Jotunheim,
und als er mancherlei gesehen hatte, kam er an dem Reiche _Hrungnirs_,
des mächtigsten und stärksten der Steinriesen, vorübergeritten, der ihn
anrief.

»Was reitest du für ein Roß, du Mann im Goldhelm? Es scheint mir kein
schlechtes.«

»Glaub's dir,« rief Wodan zurück. »Kein Roß im Riesenreich kommt ihm
im Wettlauf ans Schwanzhaar.«

»Hoho,« prahlte der Riese, »mein Hengst Gullfaxi wird es dem deinen
zeigen. Gib acht, ich fange dich ein wie eine Fliege.«

Und er warf sich auf den Hengst und jagte hinter Wodan drein, der ihm
lachend entkam.

In Asgard sprang Wodan vom Rossesrücken, Hrungnir aber war so tollen
Rittes, daß er die Grenzmark übersah und wie Wodan in Asgard landete,
von den Göttern umringt.

»Fürchte dich nicht,« riefen sie ihm zu, »du sollst unser Gast sein und
dich gesättigt heimwärts trollen.«

»Seh ich wie das Fürchten aus?« höhnte Hrungnir und schritt
unverschämten Ganges zur Halle. »Bringt mir die größte Kanne Met, daß
ich in etwa meinen Groll ersäufe.«

Da wurden ihm die Trinkhörner zugereicht, die nur Asathor allein zu
leeren verstand, und der Riese stürzte den Met so hastig durch den
Hals, daß er trunken wurde und in der Trunkenheit alle Götter des
Himmels bedrohte. »Dieses Walhall nehm ich in die hohle Hand und trag
es nach Jotunheim. Das ganze Asgard schmeiß ich ins Meer. Das ganze
Göttergesindel prügle ich zu Tode. Nein -- doch nicht das ganze.
Diese da, die mir den Met einschenkt, die liebliche Freya, und diese
da, die die Farbe des reifen Kornfelds im Goldhaar trägt, die üppige
Sif, sie nehme ich beide zu Frauen. Beide miteinander. Wer wagt und
widerspricht?«

Die Götter wichen zurück vor dem Wilden. Nur Freya schenkte ihm
lächelnd weiter ein. Aber das trunkene Toben des Riesen wurde so
lästerlich und sein Drohen so handgreiflich, daß einer der Asen des
Donnerers Namen rief. »Wäre doch Thor hier und lehrte ihn Anstand!«

Im selben Augenblick fuhr der Donnerer, der seinen Namensruf bis ans
Ende der Welt zu hören vermochte, wie der Blitz in den Saal und stand
vor des staunenden Hrungnirs Füßen.

»Fort, Freya,« gebot er, »es war gut gemeint, aber für Scheusale bist
du kein Schenkenmädchen.« Er wandte sich an den staunenden Riesen. »Was
saugst du mit deinem ungewaschnen Maul an meinen Methörnern, trunkener
Schuft?« Und er schlug ihm die Trinkhörner mit gewaltigem Schlage aus
den Händen, daß der Riese vom Met ganz übergossen saß. Dann holte der
Donnerer mit dem Hammer aus. »Jetzt aber sollst du die Zeche bezahlen.«

In des Riesen Hirn wurde es licht. Er sprang vom Sitz und hob die Hände
hoch.

»Gastrecht genieß ich in Walhall. Wodan selber lud mich zu Gast! Willst
du Asgards heiliges Gastrecht schänden?«

»Ich lud dich nicht!« donnerte Thor. »Mach mir nicht lange Umstände!«

»Feigling!« schrie der Riese. »Du wagst dich an den waffenlosen Mann?
Vor allen Göttern fordere ich dich zum Zweikampf zu gegebener Frist,
wenn du Mut im Leibe hast!«

Da ließ Thor den Hammer sinken.

»Trolle dich schleunigst. Ich nehme die Herausforderung an. Auf der
Grenzscheide zwischen Asgard und Jotunheim treffe ich dich heute in
dreien Tagen.«

Pünktlich nach dreien Tagen war der Donnerer zur Stelle, und sein
Diener Thjalfi war als Zeuge bei ihm. Die Freunde Hrungnirs aber
hatten einen neun Meilen hohen Riesen aus Lehm aufgebaut, ihm das Herz
einer Stute eingesetzt und ihn mit fürchterlichen Waffen versehen, als
Beistand Hrungnirs.

Thjalfi lief dem Donnerer voraus.

»Wahre dich, Hrungnir,« schrie er. »Der Ase kommt unter der Erde her
und haut dir die Füße weg.«

Da warf der Riese schnell den Schild nieder und sprang mit den Füßen
drauf, um sich zu schützen. Aber der Donnerer kam durch die Luft und
schwang den Hammer, und der Riese warf ihm mit wilder Wucht einen
felsengroßen Wetzstein entgegen, der den sausenden Hammer traf. Doch
war der Hammer so unwiderstehlich geschleudert, daß der Wetzstein in
tausend Stücke splitterte und der Steinkopf Hrungnirs zermalmt durch
die Lüfte flog. Von einem Steinsplitter war auch Thor in der Stirn
getroffen, so daß er vornüber stürzte, und als Hrungnir sank, wälzte
sich ein Bein des Erschlagenen über des Donnerers Hals.

Der neun Meilen lange Lehmriese mit dem Stutenherz wollte Fersengeld
geben, aber der wackere Thjalfi, der Schnelläufer, holte ihn ein und
haute ihn in die Kniekehlen, daß er stürzte und zerbarst. Vergebens
jedoch mühte sich Thjalfi, das ungetüme Bein des erschlagenen Hrungnir
von seines Herrn Hals zu wälzen, und die Götter, die er zur Hilfe rief,
vermochten es nicht besser.

Es war aber zu der Zeit, daß dem Donnerer der Sohn _Magni_ geboren war.
Der kam herbeigelaufen, obwohl er erst drei Nächte zählte, und warf das
Riesenbein zornig von des Vaters Hals. »Schade, mein Vater, daß ich
nicht früher zur Stelle sein konnte. Ich hätte dir den Kerl mit der
nackten Faust erschlagen.«

Da erhob sich Thor und nahm seinen Sohn ungestüm in die Arme.

»Mein Blut wird im Himmel und auf Erden nicht untergehen. Immer wieder
werden Männer erstehen. Männer in der Not. Männer der Tat!« --

Des Donnerers Name ging wie Todesschauern durch das Riesenreich. Manche
der Thursenfürsten suchten sich freundlich zu den Asen zu stellen, und
_Ägir_, der Herrscher der offenen Meere, lud sie zu einem fröhlichen
Umtrunk in sein Reich. Als aber die Götter kamen, war nichts zum Feste
vorbereitet, und Ägir versuchte es mit einer Ausrede. Es sei kein
Braukessel vorhanden, der das nötige Maß hielte.

Thor aber hatte keine Lust, auf den Männertrunk zu verzichten, und der
Schwertgott Ziu, den die Nordmänner Tyr nannten, pflichtete ihm bei,
denn er wußte einen Kessel.

»_Hymir_«, so kündete er, »heißt der Beherrscher des Eismeeres. Der
Gedanke der Weltseele, der mich in der Urzeit gebar und mir die
schneidige Schärfe des Sonnenschwertes verlieh, diese göttliche
Mutter wurde von dem Eisriesen Hymir geraubt und zu seinem Weibe
gemacht, damit die schneidende Schärfe des Eises auch einen Abglanz
der Sonne erhalte. So schenkt die goldene Frau dem Eismeere Hymir die
Mitternachtsonne. Mir blieb sie mütterlich gewogen, und wenn wir Hymir,
der den gewaltigsten Braukessel besitzt und seine Verwendung der Welt
vorenthält, den Kessel abzufordern vermögen, so ist es nicht nur uns,
sondern der ganzen Welt zum Gewinn. Möge mich der Donnerer mit seinem
Hammer auf der Fahrt ins Eis begleiten.«

Da war der Donnerer wohl zufrieden. Mehr noch, als seinen Durst zu
stillen, freute es ihn, die Menschheit neuer Segnungen teilhaftig
werden zu lassen, und schleunigst umgürtete er sich mit dem
Stärkegürtel, steckte den Hammer handgerecht und brauste auf seinem
Bockgespann mit dem Fahrtgenossen davon.

In seiner unwirtlichen kristallenen Halle, die sich auf meterdicken
Eissäulen wölbte, war Hymir bei der Ankunft der Gäste nicht anwesend.
Gütig nahm die stille Göttin der Mitternachtsonne den Wunsch des
geliebten Sohnes aus der Urzeit entgegen, bewirtete ihn und Asathor
und verbarg sie einstweilen hinter einer mächtigen Eissäule, als
Hymir von der Walfischjagd zurückkehrte. Kaum jedoch hatte sie dem
Riesen den Wunsch der Asen nach dem Kessel überbracht, als Hymir den
Aufenthaltsort der Götter witterte und seinen schneidenden Frostblick
so scharf durch die meterdicke Eissäule sandte, daß die Säule zerbarst
und zersplitterte und die Asen sich dem Wüterich preisgegeben sahen.
Bevor aber Hymir zugreifen konnte, hatte der Donnerer seinen Hammer
wurfbereit. Da wurde der Riese zugänglicher und lud knurrend die
Gäste zu Tisch. Der fröhliche Donnerer aber verspeiste zwei Ochsen
auf einem Sitz, also daß dem geizigen Hymir graute und er den starken
Asen aufforderte, am Morgen mit ihm zur Auffüllung der Vorräte auf
den Fischfang zu fahren. Dort gedachte er sich des Widerwärtigen zu
entledigen.

Als der Donnerer am nächsten Morgen mit dem Eisriesen zu Schiff ging,
bat er Hymir um einen Köder für seine Angelschnur. »Such ihn dir
selber!« hauchte ihn der frostige Gastgeber an. Der Donnerer wandte
sich um, packte einen der Stiere Hymirs, riß ihm mit einem einzigen
Ruck das Haupt ab und steckte es als Köder an die Angelschnur. Dann
fuhr er mit dem fassungslos dreinschauenden Riesen ins Meer hinaus,
und sie warfen ihre Angelschnüre. Frohlockend zog der Riese ein
paar mächtige Wale ins Boot. Der Ase aber ruderte weiter hinaus ins
Meer, und obschon der Eisriese zornig widerriet, aus Furcht vor der
Midgardschlange in den offenen Gewässern, warf der Donnerer im Schwung
den Stierkopf in die Flut, und schon hatte die wütende Schlange den
Köder verschluckt und suchte an der Leine das Boot mitsamt seinen
Insassen zu sich hinunter zu ziehen.

Der starke Ase nahm seine ganze Kraft zusammen. Er hielt die Schnur
mit eisernen Fäusten und stemmte sich mit den Füßen so unwiderstehlich
gegen die Planken des Fahrzeuges, daß beide Beine durch den Boden
durchbrachen und er mit den Füßen auf den Meeresgrund geriet.

»Desto besser,« lachte Asathor, »hier steh ich nur umso fester.« Und
er holte die Schnur in gewaltigen Zügen an sich heran, bis sich der
scheusälige Kopf des Ungetüms über Wasser hob. Mit furchtbaren Augen
starrten sich die beiden Feinde an. Dann hob der Ase den Hammer, um der
Weltschlange den Schädel zu zerschmettern. Der Riese aber, der sein
Schiff verloren wähnte, durchschnitt in Todesangst die Angelschnur, und
die unheilvolle Feindin der Götter und Menschen verschwand spurlos in
der Tiefe.

Unwirsch wandte sich der Donnerer dem hilfeschreienden Riesen zu. Aber
als er ihn im Wasser sinken sah, gedachte er des Kessels und packte den
Riesen mitsamt dem Boot und der Walfischbeute, warf alles über die
Schulter und watete an Land zurück.

»Nun gib den Kessel,« gebot er in der Halle.

Noch einmal suchte der Riese den Asen zu überlisten. Er reichte ihm
seinen Trinkbecher dar zu einem Wettspiel. Könne der Ase den Kelch
zerschmettern, so sei der Kessel frei. Sonst aber bliebe der Kessel, wo
und wie er sich befände.

Der Donnerer ging lachend auf den Handel ein. Aber die Felsen
zerbarsten, gegen die er das Trinkgefäß schmetterte, der Kelch blieb
heil. Da raunte ihm die gütige Göttin der Mitternachtssonne zu. »Härter
als alles ist Hymirs Schädel«, und der Donnerer verstand und schlug den
Kelch gegen des Eisriesen Haupt, und der Kelch sprang in tausend Stücke.

»Der Kessel ist mein,« sprach der Ase, und während sich Hymir die
zerbeulte Stirn an einem der Eispfeiler kühlte, griff Ziu, den die
Nordmänner den Tyr nannten, den Kessel an, ohne ihn aufrichten zu
können. Der Donnerer aber packte ihn und stülpte ihn sich wie eine
Mütze über den Kopf.

Gen Asgard richtete sich der Lauf des Bockgespannes. Doch Hymir war
zu sich gekommen, brüllte über sein Gebiet hin, daß aus allen Löchern
und Ritzen Riesen und Trolle kletterten, und umzingelte mit seiner
Unholdschar den vorwärtsstürmenden Wagen.

Thor gab Tyr die Zügel. Er selber faßte den Hammer. »Achtung, er
beißt!« donnerte er in den Haufen hinein, und der Hammer Mjolnir
zermalmte Hymir und nach ihm seiner ganzen Schar die Schädel.

So brachten der Donnerer und sein Schwertgenosse den Kessel heim, und
als sie ihn in Ägirs Halle schafften, war er so groß, daß das freie
Meer sich weitete zugunsten aller Schiffahrt, und dem starren und
vernichtenden Eismeer sein tiefstes Becken genommen war.

       *       *       *       *       *

Und wieder und wieder zog der Donnerer aus, die drohenden Gefahren von
Göttern und Menschen zu scheuchen. Selbst für Loki, den Arglistigen,
stand er ein, weil er dennoch ein Ase war. Wohl hatte Loki aufs neue
Tücke geübt und der schlummernden Freya das lichtspendende Halsband
Brisingamen entwendet. Eben noch vermochte Heimdall, der treue Wächter,
dem Flüchtigen nachzusetzen und ihn mit seinem guten Schwerte zu
stellen. Loki aber entschlüpfte dem Schwertstreich als geschmeidige
Robbe und tauchte in See. Doch schon war auch Heimdall in Robbengestalt
in See getaucht, und die Robbe ergriff die andere beim Genick und biß
sie dermaßen zu schanden, daß Loki, als er sich schleunigst wieder
zurückverwandelte, im Gesicht und an den Gliedern zerschunden war, als
hätte er in einem Brennesselfeld genächtigt, und reumütig das Halsband
der Freya herausgab.

Der Donnerer wußte um diese Streiche und um manche andere. Aber im
Stich ließ er auch den Heimtücker und Schadenfrohen nicht, der zu den
Asen zählte. So ehrlich dachte Asathor.

Loki gedachte zur Abwechslung zu dem Glutriesen _Geirröd_ zu fahren,
wie der Donnerer zu dem Eisriesen Hymir gefahren war. Er entnahm Freya
das Falkengewand und flog hinaus, bis er Geirröds Dachstuhl fand und
neugierig durch die Esse schaute. »Fangt mir den seltenen Vogel«,
befahl Geirröd seinen Riesen, und die ungeschlachten Kerle kletterten
so täppisch an den Hauswänden hinauf, daß Loki seine helle Freude hatte
und, um sie zu ärgern, in Ruhe sitzen blieb. Als endlich einer der
riesigen Gesellen die Hand nach ihm strecken konnte, hob er voll Spott
die Flügel, um sich nachlässig zu verabschieden -- aber o Schreck, die
Beine klebten fest. Er war dem Riesen auf den Vogelleim gegangen. Vom
Dachstuhl heruntergeholt, weigerte sich der sonderbare Vogel, Namen und
Herkunft zu nennen, und Geirröd sperrte ihn drei Monate lang in einen
engen Käfig, bis er sich vor Hunger krümmte. Da wurde er mitteilsamer
und gab Auskunft.

»Ei,« schmunzelte der Glutriese, »ich wüßte schon einen Handel, der dir
die Freiheit schenken könnte. Wenn an deiner Statt der Donnerer, dieser
verhaßteste aller Asen, zu mir kommen würde, ohne seinen Hammer, ohne
seinen Stärkegürtel, so brauchtest du nicht zurückzukehren.«

Loki nahm Urlaub von dem Riesen und kehrte nach Asgard heim. Schweigend
hörte der Donnerer den Geängstigten an. Und er rüstete sich zum
Aufbruch.

»Du gehörst zu uns,« sagte er nur. »Trotz deiner sündhaften Fehler. Ich
will dir noch einmal zeigen, was wahre Kameradschaft ist.«

Am Abend kehrte der Ase waffenlos mit Loki bei der Erdriesin
_Grid_ ein. Die hatte vor Zeiten dem Wodan einen Sohn geboren, den
schweigsamen aber bärenstarken Widar, »den Asen mit dem Schuh«, wie ihn
die Götter nannten. Denn er trug einen Schuh aus aller Länder Leder,
der undurchdringlich war.

»Sei auf der Hut, du Starker,« warnte die Asenfreundin den furchtlosen
Gott. »Geirröd ist der Bösartigsten einer und sucht dich zu verderben.
Er wird keinen Zauber und keine Hinterlist scheuen, um dich, den
Schrecken des Riesenreiches, auf immer zu vernichten.«

»Wenn ich Loki frei bekommen soll von seinem Wort,« entgegnete der
Donnerer, »so muß ich ohne meinen Hammer, ohne meinen Stärkegürtel bei
Geirröd erscheinen. Es wird ein schwer Stück Arbeit werden.«

»So lautet der Vertrag,« sprach die Asenfreundin nachdenklich. »Aber
höre! Auch ich besitze einen Stärkegürtel, auch ich besitze feuerfeste
Handschuhe. Davon verlautet nichts im Vertrag. Einen Hammer kann
ich dir nicht schaffen, aber meinen Stab sollst du zu Gürtel und
Handschuhen nehmen. Das wird dir dienen.«

Der kluge Vorschlag leuchtete dem Donnerer ein, und er schloß die weise
Frau lachend in die Arme.

In der Frühe des Tages zog er mit Loki weiter und kam an den Grenzfluß
von Geirröds Reich. Auf Grids Stab gestützt, stieg er unbekümmert in
die tiefen Wasser, und Loki klammerte sich fest an seinen Gürtel. Aber
als sie die Mitte des Stromes erreicht hatten, stürzte plötzlich eine
wilde Wogenflut über sie her und suchte sie zu ersäufen. Der Donnerer
blickte nach oben. Und er gewahrte, wie stromauf eine der Riesentöchter
Geirröds breitbeinig über dem Flusse hockte und die Wasser anschwellen
ließ. »Pfui, du Freche!« schrie der Donnerer, warf und traf sie mit
einem Felsstück gegen die Schenkel, daß sie in die eigenen Wasser
purzelte. Ein Vogelbeerbaum reckte dem Donnergott hilfreich vom Ufer
seine Äste entgegen. Sie ergriff er und zog sich mit Loki ans Land. Von
jener Stunde an ist der Vogelbeerbaum dem Donnergott heilig.

In Geirröds Gehöft angelangt, wurde dem starken Asen zuerst ein Gemach
angewiesen und ein Stuhl zum Ausruhen. Kaum aber hatte er sich gesetzt,
so hob sich der Stuhl schnell in die Höhe, und des Gottes Schädel
wäre an der eisernen Decke des Gemachs zerquetscht worden, hätte der
Donnerer nicht Grids Stab gehabt. Den hob er hoch und stemmte ihn gegen
die Decke und drückte den Stuhl mit Gewalt auf den Boden zurück. Ein
Knacken und Krachen erfolgte wie von zermalmenden Knochen. Todesgeheul.
Und dann tiefe Stille.

Der Ase sprang vom Stuhl und forschte nach. Da hatten die beiden
Riesentöchter Geirröds unter dem Stuhle gehockt und den Gast zu
zerquetschen versucht. Nun aber lagen sie beide tot und mit gebrochenem
Rückgrat.

Ein Bote stand unter der Tür und forderte den Donnergott zu einem
Wettkampf mit Geirröd, dem ungezähmten Glutriesen, in die Halle. In
einer mächtigen Esse lag ein weißglühendes Eisenstück. Das griff
Geirröd mit einer Zange heraus und schleuderte es dem Donnerer gegen
den Kopf. Der Ase aber haschte es mit den feuerfesten Handschuhen
der Freundin Grid, wog es in der Hand und holte aus. Wohl flüchtete
sich Geirröd hinter die dickste Steinsäule der Halle -- dem Donnerer
war, als führte er seinen Hammer, und mit solcher Wucht warf er den
weißglühenden Eisenklotz, daß die zerschmetterte Säule mitsamt dem
Eisenklotz dem Riesen in den Leib fuhr und seinen Leichnam gleich einen
Klafter tief in der Erde begrub.

Ohne weiteres kehrte der Donnerer zu der Erdriesin Grid zurück, und der
befreite Loki trabte hinter ihm drein. Und als Thor der Asenfreundin
Stab, Gürtel und Handschuhe zurückerstattet und ihr eine Nacht lang
zärtlich wie ein Bär die Backen gestreichelt hatte, fuhr er mit Loki
gen Asgard, und Loki vergaß ihm den Dank zu sagen.

Was kümmerte das Asathor! Er holte sich nur seinen Hammer Mjolnir und
fuhr wieder hinaus zu neuen Kämpfen, um Göttern und Menschen Luft zu
schaffen vor dem drohenden Schicksal.



Wodans Wunschmädchen.


Mehr als alle die anderen Götter kämpfte Wodan um das Schicksal
Asgards und seiner Bewohner. Nicht allein mit dem todbringenden Speer
Gungnir, den er über die Heereswogen schleuderte, um seinen Anhängern
auf Erden den Sieg zu verleihen oder sich die Besten und Tapfersten
für Walhall zu erkiesen. Seine Gedanken holten weiter aus, suchten die
Wurzel der Dinge auf und begannen die Fäden der Schicksalsgöttinnen zu
dehnen und zu längen. Der König der Götter nahm sein Amt als Pflicht,
Verantwortung und Fürsorge.

Wodan wußte von keiner Erholung. Er wußte nur, daß an einem
Schicksalstag das Ende hereinbrechen würde und der Götter letzter
Kampf. Und gerade weil er es wußte, wurde ihm königlich zumut. Die
letzte Schlacht sollte ihn und die Götter gewappnet finden. Waren sie
dem Untergang geweiht, so sollte bis zum letzten Atemzug gekämpft,
mit den letzten furchtbaren Schwerthieben noch die Welt von den
Unholden der Dunkelmächte gereinigt werden. Das waren Wodans königliche
Heldengedanken.

Alles Wissen mußte er besitzen von Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft. Keine Mühe war ihm zu groß, es zu erwerben, um danach die
Fäden seiner Gedanken spinnen zu können. Am Fuße der Weltesche saß er
bei den Nornen, den Schicksalsmädchen Urd, Werdandi und Skuld, und
forschte, was sie über Leben und Sterben seiner Menschen beschlossen
hatten. Am Brunnen Mimirs raunte er mit dem Haupte des Urzeitweisen,
um aller Geschehnisse Ursprung zu erkunden und ihre verwundbaren
Stellen. Ja selbst die Toten rief er ins Leben zurück, damit sie ihm
das Zukünftige, das sie früher erschaut hatten als die Lebenden,
aussagten, und oft lagerte er sich auf den Richtplätzen, unter den
Galgen der Gehenkten, und beschwor sie so zauberkräftig, daß die armen
Seelen ihm anhingen und in allen Dingen zu willen waren. Wenn dann die
Herbststürme erbrausten, setzte er sich an ihre Spitze und raste mit
ihnen in wilden Jagdzügen durch die Luft, um sie bei kriegerischer
Laune und Wildheit zu erhalten. Für die Stunde des Kampfes.

Zum Wanderer war Wodan geworden, und er ging zu den Lebenden und
prüfte sie auf ihr Heldentum und merkte sich die Unerschrockenen und
Schwertkundigen. Den herabfallenden Hut tief in die Stirn gedrückt,
den verwitterten blauen Mantel um sich geschlagen, wanderte der
Einäugige durch die Welt und sah mit tausend Augen. Über Meere und
Ströme fuhr er mit dem Wunderboot Skidbladnir, einst dem Freyer
geschenkt von den Zwergen, das ohne Wind und gegen jeden Wind fuhr
und sich zusammenfalten und in der Manteltasche bergen ließ. Zu allen
Stämmen kam er, die den Göttern in Asgard opferten, und er nannte sie,
die kriegerischen Blutes und heldischen Mutes den Ger schwangen, den
Jagd- und Schlachtenspeer, die Ger-Mannen, die Germanen. Oft blieb er
in ihren Gehöften zur Nacht, veredelte ihr Blut und ihren Sinn und
zeugte neue Heldengeschlechter, würdig, einzureiten in Walhall. Für den
letzten Kampf.

»Kampf« hieß die letzte Schicksalslosung der Götter und der Menschen.
Wenn am letzten Tage aller Dinge Surt losbrach, der König der
Feuergeister in Muspelheim, wenn die Riesen aus Jotunheim anstürmten
mit den Trollen aus Utgard, wenn der wütende Fenriswolf seine Bande
zerriß, die giftgeifernde Midgardschlange sich heranwälzte und die
dunkle Hel mit aufgerissenem Schlund Leichen schlang, hieß die Losung:
Kampf dem Verhängnis! Daher liebte Wodan schon heute die Kämpfe auf
Erden und begünstigte sie als Vorbereitung für den letzten schwersten
Kampf.

Die Heerkönige der Germanen wünschte er in Walhall und ihre
Heldenscharen, ungezählte Tapfere, Tausende und Hunderttausende.
Zuvor sollten sie Bankgenossen sein beim Met, einst aber seine
Schwertgenossen. Alle die Ger-Mannen, die auf Erden rühmlichen
Waffentod erlitten hatten.

Hoch und herrlich war Walhall gebaut, seine Wände aus Speeren, seine
Dächer aus Schilden, und statt der weichlichen Polsterung schmückten
die Bänke im Saal schimmernde Brünnen. Wodans Zeichen, Wolf und Adler,
hingen über dem Eingang. Doch hatte der Saal noch fünfhundertundvierzig
Türen, eine jede für den Auszug von achthundert gewappneten Streitern
berechnet. Und am Abend blitzte das Licht spiegelblanker Schwerter
durch die Halle, als wäre sie von Fackeln erleuchtet.

Hierher kamen die Tapfern, die auf Erden ihren Kampfwunden erlegen
waren, hierher und in den Saal Wingolf, die Halle der Göttinnen. Und
sie wurden von den Göttern, die sie mit offenen Armen empfingen, die
»_Einherier_« genannt, die »göttlichen Streiter«.

Allvater selber wählte sie aus, die auf der Walstatt fielen. Walvater
hieß er darum, und Walsöhne, Wunschsöhne, die er nach Walhall berief.
Oft rief er sie selber, wenn er auf seinem Hengste Sleipnir, den
goldblitzenden Flügelhelm auf dem Haupt und den Todesspeer Gungnir
in der Faust, über die ringenden Heere brauste. Kein herrlicheres
Männerlos, als Wodans Ruf nach Walhall teilhaftig zu werden! Oft auch,
wenn andere und dringendere Verrichtungen ihn hinderten, sandte Wodan
seine Saaltöchter aus, seine Schildmädchen und Wunschmädchen, die
_Walküren_, Sieg und Tod zu verleihen und die Auserwählten nach Walhall
zu rufen.

Auf stürmenden Wolkenrossen jagen sie dahin, den jungfräulichen Leib
von schimmernder Brünne umpanzert, den leuchtenden Helm in das goldrot
flatternde Haar gedrückt, den Schild am Armgelenk, den flammenden Speer
wurfgerecht in der Faust. Überirdisch schön und die Sehnsucht der
Helden, die nach ihnen verlangen, das Wunschziel der irdischen Frauen,
die in Helm und Harnisch den Männern folgen in die Schlacht oder auf
wilde Wikingsfahrt.

In der heiligen Dreizahl stürmen die Walküren dahin, zu dritt oder
zu zweimal Drei, dreimal Drei oder zu Zwölf. Sie entscheiden die
Schlachten, ihr Speer bringt den Tod, aber neue Wonnen bringt er mit
dem Tod -- den Ruf nach Walhall. Wunschlos und nach des Schicksals
Vorschrift müssen die Walküren entscheiden. Jungfräulich müssen sie
sein und dürfen niemanden angehören als den Helden in Walhall, den
Einheriern. Wer sich von den Schildmädchen gegen Wodans Gebot vergeht,
wird in Schlaf versenkt oder verbannt. --

Mehr als bisher sah man in diesen Zeiten, da Wodan als Wanderer die
Welt durchzog und bei Königen und Kriegern nach Helden forschte, die
Walküren reiten. Denn mehr als bisher herrschte auf Erden der Krieg,
verlangten die Männer, die die höchsten Mannesehren ersehnten, nach
Walhall, horchten sie auf den Schrei der Walküren, auf den sausenden
Speer, der sie entbot. Dann machten sich die Geister der Gefallenen auf
den Weg, durchwateten einen reißenden Strom und pochten an die heilige
Totenpforte _Walgrind_, die Eingangspforte zu Walhall. Von Walküren
geleitet, traten sie in den Saal, vom jubelnden Zuruf der versammelten
Einherier umbraust, von den Göttern gerühmt und bewillkommnet.
Selig saßen sie nieder auf den Bänken und nahmen aus den Händen der
Schildmädchen den schäumenden Humpen Met, der aus dem Euter der Ziege
_Heidrun_ auf Walhalls gewölbtem Dache floß, ohne je zu versiegen, oder
den saftigen Braten vom Eber _Sanhrimnir_, der sich täglich erneuerte.
War Wodan in Asgard, so thronte er unter ihnen, doch aß er nicht und
gab das Fleisch seinen Jagdwölfen. Nur dem Wein sprach er zu, der
göttlichsten aller Gaben.

Frühmorgens ritten die Einherier hinaus auf die Wiesen zum Kampfspiel.
Da pfiffen die Klingen, da sausten die Speere, da wurde mancher Schild
zerbeult und aus manchem Helm Funken geschlagen. Purpurne Wunden gab es
und Heldentod, aber wenn der Abend nahte und das Göttermahl, sprangen
Tote und Verwundete heil und gesund wieder auf die Füße, schüttelten
sich strahlend die Hände und saßen Schulter an Schulter auf der
Zecherbank. Die Wunschmädchen reichten ihnen den Trunk, lehnten sich
an sie und horchten ihren brausenden Gesängen. Dann sang auch Bragi,
der Dichtergott, und er sang den Ruhm der Einherier, daß aller Augen
leuchteten und der Wunschmädchen Hände ihre Häupter liebkosten.

Eine Seligkeit war es, in Walhall zu hausen, und die Sehnsucht aller
Männer. Wodan aber sorgte wohl, daß sein Heerbann wuchs. Wodan, der
Walvater und Allvater. Er sorgte für den letzten Kampf.

Immer kriegerischer wurde der Sinn der Völker. Auf weiten Wikingfahrten
fuhren sie über die See, sie kämpften an Land, wo ein Schlachtfeld
sich bot. Schutzgeister schuf Wodan seinen Lieblingen, die ihnen
vor sehenden Augen erschienen, ihnen rieten und sie schirmten. Das
waren die _Fylgien_, die Seelenfrauen. Aber auch Wolfsgestalt und
Bärengestalt verlieh er oft den Kämpfern, daß sie wie wild und besessen
in die Feinde stürmten und alles niederrissen. _Werwölfe_ nannte man
die Wolfshäutigen und _Berserker_ die Bärenhäutigen, die aus- und
einfuhren in Tier- und Menschengestalt und dem Schlachtengott Scharen
von Einheriern zuführten. Wie Wodan sie liebte! -- -- --

Wieder und wieder mußten die Walküren reiten, wenn Wodan von den
Nornen oder von Mimirs Brunnen kam. Oft auch eilten sie frei und ohne
Geheiß hinaus, lagerten die Nacht vor der Schlacht in einer Hütte
auf der Walstatt und woben aus Schwertern und Speeren heimlich das
Schicksalsgewebe für Heerkönige und Krieger. Dann rauschte ihr dunkles
Lied wie suchender Sturm durch die Nacht:

»Mit Schwertern schlagen wir dies Siegesgewebe. Wir kamen zu weben mit
gezogenen Schwertern. Schaft wird zerkrachen, Schild wird zerbersten,
die Axt in die Rüstung dringen. Winden wir, winden wir das Gewebe des
Speeres! Folgen wir dem König, dem siegreichen Helden! Blutige Schilde
wird man sehen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres. Voran
wollen wir gehen und in die Schlachtreihe schreiten, wo unsere Freunde
die Waffen kreuzen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres, wo
die Fahnen kämpfender Männer wehen! Nicht lassen wir zu, daß ihr Leben
vergehe. Die Walküren haben des Kampfes Kür. Die Freunde sollen siegen
und die Feinde unterliegen. Das Gewebe ist gewoben, das Feld gerötet.
Schrecklich zu sehen, ziehen blutige Wolken am Himmel. So singen dem
König wir Siegeslieder und reiten auf schnaubenden Hengsten, die
Schwerter gezogen, fort von hier.«

Wie Blitz und Wetterleuchten über der tobenden Männerschlacht, so
jagten sie auf ihren Wolkenrossen, Flammen auf den Spitzen ihrer
Speere, über die Reihen der Kämpfer hin, hemmten den Anlauf der Feinde,
verwirrten seine Linien, fesselten die Gefangenen, befreiten die
Freunde und warfen den, dem sie das Schicksal gewoben, durchbohrt vom
Roß.

       *       *       *       *       *

Krieg war entbrannt zwischen den Königen _Hialmgunnar_ und _Agnar_. Der
alte König Hialmgunnar, ein fester Degen, bat Wodan um Gunst und Sieg
und versprach ihm ein blutig Schlachtfeld. Da lachte Wodan das Herz im
Leibe, und er sagte ihm Sieg und Leben zu. Seine Wunschmädchen rief er
herbei und hieß sie reiten für König Hialmgunnar, den Alten, und befahl
_Brynhild_, der Walküren Führerin, den Agnar zu fällen und sein Heer in
die Flucht zu jagen.

[Illustration: »Sie richtete die Lanze hoch auf und jagte an ihm
vorbei.«]

Jubelnd stürmten die kampffrohen Walküren von dannen und suchten die
Walstatt auf. Hart rang der jugendblonde Agnar gegen den wütigen
Greis. Schlachtrufe schreiend, warfen sich die Walküren auf des
jungen Königs Heer und jagten es in Verwirrung. Nun hatte Brynhild
ihr Opfer erreicht. Einsam kämpfte der Jüngling mit dem Mute der
Verzweiflung, von den Menschen verlassen, von den Göttern aufgegeben
und von nicht einer der Schildjungfrauen beschirmt. Schon hob
Brynhild den todbringenden Speer. Da gewahrte der junge König sie
mit hellseherischem Blick, mit dem man den nahenden Tod erschaut,
und des Jünglings Augen brannten mit der heißen Liebe am Leben in
den staunenden Augen der Jungfrau Wodans. Ein Ruck ging durch den
Mädchenkörper der Reiterin. Sie richtete die Lanze hoch auf und jagte
an ihm vorbei.

»Was tust du?« wirbelte es ihr durch das Hirn. »Du handelst wider
Wodans Gebot!«

Sie riß den Hengst herum und fällte den Speer zum zweiten Male. Aber
Agnar blickte sie an in heller Bewunderung und dachte nicht mehr an
sein bedrohtes Leben. Da jagte sie zum zweiten Male an ihm vorüber und
vergaß Wodans Gebot über den begeisterten Jünglingsaugen.

Zum dritten und letzten Male hetzte sie den Hengst zum Ansprung.

»Er ist so jung, so schön,« murmelten ihre Lippen, »und Hialmgunnar ist
alt und greis und hat das Leben gelebt. O Agnar, wie ich dein junges
Leben liebe.« --

Und plötzlich tat sie einen Schrei, der wild über die Walstatt gellte,
stürmte zwischen die kämpfenden Könige und stieß dem alten König
Hialmgunnar den Todesspeer mitten durch die Halsbrünne.

Die Königsleiche lag auf dem Feld. Als Sieger jagte Agnar die Feinde
von dannen. --

Staunend fuhr Wodan von seinem Hochsitz. Mit einem Blicke sah er, was
geschehen war. Er rief nach seinem Rosse Sleipnir und jagte wie der
Sturm zur Erde nieder. Dort fand er Brynhild traurig an den Speer
gelehnt.

»Leg dein Walkürenkleid ab, unbotmäßig Mädchen,« rief er ihr zornig zu
und sprang vom Rosse. »Was will dein töricht Mädchenherz dreinreden,
wenn es sich um Allvaters unerforschliche Wege handelt? Walküre bist
du gewesen für Zeit und Ewigkeit. Den Rausch des Schlachtenglücks,
die seligen Wonnen Walhalls nehme ich von dir und gebe dir dafür, was
du gewollt: das bißchen Menschenglück und das bißchen Liebeswonne.
Vermählen soll sich dein jungfräulicher Leib einem irdischen Mann! Ich
stoße dich aus!«

»Allvater!« bat Brynhild mit zuckenden Lippen.

»Du warst mein Lieblingsmädchen unter allen meinen Wunschtöchtern,«
sprach Wodan leise. »Dennoch -- ich kann dich nicht schirmen gegen mein
eigenes Wort. Beuge dich zu mir. Ich will in barmherzigen Schlaf dich
senken.«

»Allvater,« flehte Brynhild, »laß kein anderer mich als Gemahl berühren
denn ein furchtloser Held.«

Stumm nickte ihr Wodan Gewähr. Und sie beugte sich zu ihm, und er stach
sie mit seinem Schlafdorn in die Schläfe, daß sie schlummernd zu seinen
Füßen hinsank. Wodan aber gedachte seines Versprechens vom furchtlosen
Helden und zog eine wabernde Lohe rings um den Platz, auf dem Brynhild
schlummernd lag. Nur ein Held, der das Fürchten nicht kannte und das
Sterben verlachte, würde die Flamme durchreiten. Und sinnend und
forschend ritt Wodan heim nach Walhall. --

Wieder flogen Walküren aus, und sie kamen an eine Bucht und legten ihre
Schwanengewänder ab, um zu baden. Im Laube versteckt aber saß _Wölund_,
der kunstreiche Schmied, den sie auch _Wieland_ nannten, mit seinen
Brüdern, und sie nahmen den Jungfrauen heimlich die Gewänder weg und
zwangen sie so in ihren Dienst. Neun Jahre lehrten die Himmelsmädchen
die Brüder alle Geheimnisse, bis sie die verborgenen Gewänder
wiederfanden und sich im Schwanenkleid auf und gen Asgard schwangen.
Wieland aber wurde tiefsinnig aus Liebe nach dem entschwundenen
Himmelsglück, und die Gemeinschaft der Menschen war ihm unerträglich.
Als sein Feind, der König Nidung, ihn durch List gefangengenommen
und ihm die Sehnen an den Füßen durchschnitten hatte, damit er nicht
entfliehen könne und ihm Schwerter und Kostbarkeiten schmieden
müsse, soviel er begehre, fertigte Wieland nach dem Schwanengewand
seiner entschwundenen Liebe, dessen Geheimnisse er wieder und wieder
durchforscht hatte, in jahrelanger Arbeit ein Flügelkleid für sich
selbst, spannte es um seinen zermarterten Körper und flog mit glühendem
Geist gen Himmel. So gewaltig wirkte der Walküre Zauber auf den nach
dem Höchsten strebenden Mann. --

Wieder aber flogen Walküren aus und trafen auf einen jungen Königssohn,
den die Stiefmutter Knechtesdienste verrichten und bei Nacht die Herden
hüten ließ, damit er blöde würde und dem Thron ungefährlich. _Svanhvit_
war die Führerin, und als sie mit ihren Gefährtinnen auf das Feld kam,
sahen sie in der Ferne Unholde und Gespenster gegen den einsamen Knaben
reiten. Der aber weidete ruhig seine Herden. »Verberge dich,« rief sie
ihm zu, »die Nachtmare kommen über dich!«

Der Königsknabe hob lächelnd die Augen zu der eifrigen Warnerin.

»Soll ich mich etwa fürchten, wunderbare Jungfrau?«

»Ich bin's, die für dich fürchtet, du Lieber,« rief die Walküre,
gerührt von so viel Knabenreinheit, »und ich leihe dir mein eigenes
Schwert, damit du um dich schlagen kannst. Ich aber will dir zusehen
und mich an dir freuen.«

Strahlend nahm der Schäfer das Schwert und wog es in den Händen. Die
Blödigkeit des Hirten schwand aus seinen Mienen, das Königsblut schoß
ihm ins Gesicht. Mitten auf dem Weg, den die Unholde kamen, stand er
und schwang lachend das Schwert und schlug um sich die ganze Nacht,
bis beim Morgengrauen das letzte Nachtgespenst zur Strecke gebracht
war. Und er zog weiter und warf sich zum rechtmäßigen König auf, und
Svanhvit stand ihm zur Seite und weckte alle seine Heldenkräfte, bis er
den Thron gewann. Da legte die in Liebe entbrannte Walküre freiwillig
das Flügelkleid ab und blieb bei ihm als seine Königin.

Wodan saß auf seinem Hochsitz, und seine Raben hatten ihm alles
zugetragen. Er nickte nur vor sich hin. --

Und wieder flogen Walküren aus, stürmten auf schnaubenden Hengsten
zur Erde hinab, in den Männerkampf, brausten im Schwanengefieder zu
Häupten ihrer Helden. Schwerter sangen und Gere klangen allüberall.
Denn _Helgi_, der Haddingenheld, focht in vielen Schlachten wider König
_Hromund_.

_Kara_, die hellschimmernde Wunschmaid, führte die Schwestern. Aber als
sie den Haddingenheld zum ersten Male fechten gesehen hatte in seiner
Kühnheit und Wildheit, verlor sie ihr Herz an den stürmischen Mann und
schenkte sich ihm als Geliebte.

Anderen Tages tobte die Entscheidungsschlacht.

Glückseligen Gesichtes schwang Helgi, der Haddingenheld, sein Schwert,
und wo es in die Brünnen biß, da biß der Tod. Heißen Herzens schlug
Helgi in den Feind, denn er dachte an Kara, die ihn umhalsen würde nach
des Tages Blutarbeit. Wie sie ihn in der Nacht umhalst hatte.

Über seinem Haupte vernahm er ein Rauschen und ein wunderbares Singen
und Klingen. Über seinem Haupte flog die Walküre Kara und hielt vor
Helgi den Schild, daß kein Schwert ihn schneiden, kein Speer ihn
ritzen, keine Axt ihn zerspalten konnte. Und aus Karas Munde drang ein
Lied, ein wildes, seliges Zauberlied, daß den Feinden die Arme sanken,
und sie wie in Fesseln lauschen mußten. Über das feindliche Heer hin
brausten die Zauberweisen, und hinter ihnen drein stürmte Helgi, der
glückselige Mann, und schwang das Schwert und mähte die Gebannten
nieder.

Wodan saß auf seinem Hochsitz und lächelte. Jetzt streckte er die Hand.
Da hob Helgi das Schwert, um einem riesenhaften Feind das Haupt vor die
Füße zu werfen, und schwang das Schwert zu hoch. Ein Schwanenschrei
gellte durch die Luft. Das Zauberlied war verstummt.

Vor Helgis Füße sank im zerfetzten Fluggewand die Walküre. Im Jauchzen
des Kampfes hatte der Held der Schildmaid nicht acht gehabt und die
Geliebte ins Herz getroffen.

Tot war sein Liebesglück, zu Ende sein Schlachtenglück.

Noch immer lächelte Wodan sein seltsames Lächeln. Dann erhob er sich,
hieß den Helden nach Walhall entbieten und Kara seine Wegweiserin sein.

Im Goldhelm und blauen Königsmantel empfing er den gewaltigen Recken.

»Auf daß du auch in Walhall ein so fröhlicher Kämpe seist, wie auf der
Walstatt auf Erden, geb ich dir die Hellschimmernde zur Schenkin,«
sprach er und wies ihm seinen Platz unter den besten der Einherier.

Da lachte Helgi, der Haddingenheld, daß es durch alle Hausungen der
Götter schallte, und führte sein Mädchen stolz an die Tafel der Zecher,
die dem Paare donnernden Heilgruß entboten.

Wodan aber hatte eines Helden Seele an sich geschmiedet für alle
Ewigkeit.



Unter den Einheriern.


Männer, Männer! war Wodans einziger Gedanke geworden. Männer im Himmel
und auf Erden. Männer der Tat, die wiederum Heldengeschlechter zeugten,
Helden, die durch Tat und Todesverachtung auf Erden schon heranrückten
an die Götter und im Himmel Wodans Söhne wurden. Was sonst brauchte
die Welt, als Männer, wenn die Schicksalsstunde nahte, Männer, die
Mannesehre über alles stellten, bereit allzeit, ihr Leben in die
Schanze zu schlagen, um noch sterbend den feindlichen Mächten Abbruch
zu tun und den Ruhm zu retten.

Manche seiner Wunschmädchen gebaren den Irdischen Helden; er selber
zeugte auf seinen Wanderungen manches Heldengeschlecht und war anderen
ein väterlicher Freund. Ein Freund jedoch, der sich unerbittlich selbst
bezahlt machte und seine Schützlinge zu der Stunde, die ihm die rechte
schien, auf der Höhe ihrer Kraft oder nach einem schlachtenreichen
Leben, das Tausende nach Walhall gesandt hatte, einholte zu den
Einheriern. So unerbittlich wie das Schicksal, das die Götter bedrohte,
so unerbittlich war Wodan in der Wahl der Mittel, dem unabwendbaren
Schicksal den letzten Ruhm abzugewinnen und, wenn es ihn schon
untergehen hieß, nur als Sieger über die Unheilsmächte unterzugehen. Im
letzten großen Atemzuge noch Schöpfer einer neuen, kommenden Welt.

Darum war vom Tode gezeichnet, wer Wodans Freund auf der Erde hieß.
Aber auch vom Ruhme bekränzt und durch die Sänger aller Zeiten zur
Unsterblichkeit erhoben.

Wer aber ein Mann sich fühlte in germanischen Landen, der zögerte
keinen Herzschlag lang und wählte Wodan für sich und seine
Geschlechter. Lieber als ein königlich Volk mit seinen Göttern
untergehen, denn als namenloser Sklave fronen. Und es waren die
Besten Germaniens, die sich als Einherier in Walhall auf Wodans
Bänken sammelten und nach ihrem irdischen Tode noch ihre Namen
ehrfurchtgebietender und strahlender hielten, als alle die lebenden
Weichlinge und Feiglinge zusammen.

       *       *       *       *       *

Da saßen auf bevorzugten Platzen Helden und Heerkönige. Da saß
_Sigmund_ unter ihnen, der Rheinfranken König, der ein Sohn Wolsungs
war und von Wodans Blut. Denn Wodan selbst hatte den Wolsungenstamm
gezeugt in dem Wolsungen-Ahn Sigi, um den Tisch der Einherier zu
schmücken durch die Erziehung von Helden, Geschlechterreihen hindurch.

Jung war noch Sigmund, als sein Vater Wolsung die Tochter _Signy_ dem
ungeliebten König Siggeir von Gautland vermählte. In der Festhalle
Wolsungs saßen die Männer beisammen, und die Franken und die Gauten
erzählten von der Abkunft ihrer Geschlechter. Plötzlich verstummte
jedes Getön. Ein hochgewachsener Alter, einäugig, in breitrandigem Hut
und blauem Mantel, war unbemerkt von den Wachen in die Halle getreten
und auf den Eichbaum zugeschritten, der mitten in der Halle wuchs und
seinen Wipfel über das Dach breitete. Ein Schwert trug er unterm Arm,
und er nahm es und stieß die Klinge bis ans Heft in den eisenharten
Stamm.

»Kein besser Schwert als dies! Dem Besten nur gehör es an! Wer es
herauszuziehen vermag, der führe es!«

Der Einäugige sprach es, blickte sich im Kreise um und ging aus der
Halle, wie er gekommen war, unbemerkt.

»Wodan, der Wolsungen Stammvater, kam zum Hochzeitsfest,« raunten die
Rheinfranken. Und es herrschte langes Schweigen und seltsames Grübeln
im Saal. Dann aber traten die Männer an den Baum.

Wolsung packte den Schwertgriff und rüttelte daran. Umsonst. Seine
stärksten Helden nach ihm. Vergeblich. Sein Schwiegersohn, der
Gautenkönig Siggeir zog und riß in wilder Wut. Das Schwert rührte sich
nicht. Sigmund, der junge, trat heran. Mit leichtem Ruck riß er das
Schwert aus dem Stamm und schwang das Aufblitzende durch die Halle.

Ruhm brachte ihm Wodans Schwert und ein schweres Heldenleben. Siggeir
forderte den Stahl von dem jungen Schwager, der das Begehr lachend
abwehrte. Da lud Siggeir den König Wolsung und seine ganze Sippe
nach Gautland und erschlug sie alle trotz flehentlicher Bitten der
Wolsungentochter Signy, seines Gemahls, bis auf Sigmund, dem er das
Schwert Gram -- das ist »Zorn« -- entwendet hatte. Ihn ließ er im
finstern Wald in eine Erdhöhle werfen, wo er ohne Heldenehre schmählich
verkommen sollte. Signy aber liebte den strahlenden Bruder Sigmund so
heiß, daß sie sich nächtens heimlich zu ihm schlich und ihn tränkte
und pflegte und koste. Und sie schenkte ihm einen Knaben, der hieß
_Sinfiötli_, und Sigmund und Sinfiötli lebten im Walde wie die
Werwölfe, unbändig, furchtlos und riesenstark, bis Sigmund die Stunde
für gekommen erachtete, nach Germanengebot Blutrache zu nehmen an dem
Mörder seines Vaters Wolsung.

Der erste Anschlag mißglückte. Siggeirs spielender Knabe entdeckte die
wilden Männer hinter einer Mettonne, und der König ließ die Beiden
einmauern wie wilde Tiere, beider Gelaß durch einen Felsen voneinander
getrennt. Noch einmal kam Signy, Sigmunds Schwester, bei der Nacht.
Sie kam bis an die Grube ihres Sohnes Sinfiötli und ließ hastig einen
Strohbund hinuntergleiten. Als der riesenstarke Knabe ihn öffnete,
fand er darin Sigmunds Schwert Gram. Er packte es beim Knauf, setzte
die Spitze gegen die trennende Felswand und drückte, daß ihm die Adern
an den Schläfen zu platzen drohten. Da schnitt das Schwert durch den
Felsen, und der Sohn drückte, bis der Vater es in seiner Grube an
der Spitze zu fassen kriegte, und nun sägten Vater und Sohn mit des
Schwertes Schärfe den Felsen durch, bis sie zueinander kriechen und
Sigmund auf Sinfiötlis Schultern aus der Grube steigen konnte. Dann zog
Sigmund den Sohn am Schwerte hinaus.

Durch die Nacht schritten sie zur Halle König Siggeirs und legten Feuer
an. An der Tür des flammenumlohten Hauses hielten sie mit dem Schwerte
Wacht, daß nichts Lebendiges heraus konnte. Nur Signy, die Königin,
riefen sie. Aber die Königin wehrte der Rettung.

»Im Leben durfte ich Wolsungs Tochter sein und auf Blutrache für den
Vater bedacht. Im Tode gehör ich an meines Mannes, des Königs, Seite,
ob ich ihn liebe oder nicht.«

So entgegnete die königliche Frau und starb den Flammentod mit König
Siggeir und seiner ganzen Sippe.

Heim segelte Sigmund an der Spitze eines Heeres und gewann mit
Waffengewalt das Land der Wolsungen zurück. Mit der Königstochter
_Borghild von Bralund_ vermählte sich König Sigmund, und sie gebar ihm
einen Sohn, _Helgi_, als Sigmund, wie immer, auf Heldenfahrten war.
Und Wodan sandte seine Raben, dem Knaben der Wolsungen Kriegsglück zu
weissagen. Fünfzehn Lenze zählte Helgi, als er mit seinem Stiefbruder
Sinfiötli auszog gegen König Hunding, der Wolsungen Erbfeind und
Länderräuber, und ihn mit eigener Hand in der Schlacht erlegte. _Helgi
Hundingstöter_ riefen ihn seitdem die Helden, und die Sänger sangen
seinen Namen.

Die Hundingssöhne begehrten Buße von Helgi für den Vatermord.
»Gewärtigt wilde Wetter, graue Gere und Wodans Gram!« ließ der junge
Fürst ihnen vermelden und rückte mit einem Heere gegen die Stürmenden
an. Unbekümmert um den Hagel der Gere und Pfeile rückte er vor. Über
seinem Haupte war ein Rauschen wie von Schwanenflügeln. Neun Walküren
schwebten schirmend über ihm, von der Schildmaid _Sigrun_ geführt. Da
schüttelte Helgi seine Locken und jauchzte Sigrun zu und brach wie ein
Wolf in die Feinde, erschlug ihren Bannerträger und die meisten der
Hundingssöhne.

[Illustration: »Als Sieger schritt Helgi Hundingstöter über die
Walstatt.«]

Als Sieger schritt Helgi Hundingstöter über die Walstatt. Sein Arm lag
um Sigrun, die Schildmaid.

»Ich liebe dich,« sagte er, und sie antwortete ihm: »Auch ich liebe nur
dich. Doch bin ich dem König Hödbrod angelobt, der mich jenseit der See
erwartet. Hilf mir von ihm.«

Da sammelte Helgi Hundingstöter sein Heer zum anderen Male und stieß
die Drachenschiffe ins Meer und fuhr aus um sein Liebesglück. Das
sah des Seebeherrschers Ägir wildes Weib Ran, und sie sandte ihre
Wogentöchter aus, die die Schiffe auf den Rücken nahmen und das
Fürstenschiff hoch zu den Wolken werfen sollten, um es als Wrack
hinabzuziehen. Schon hatte die leichengierige Ran ihre Klauen in den
Schiffsrand geschlagen, um die Helden zu schlingen, da war ein Rauschen
über den Masten wie von Schwanenflügeln, und Helgi Hundingstöter
blickte empor und gewahrte die neun Walküren, von Sigrun stürmisch
geführt. Und die Schildmaid schlug der rasenden Ran das Schiff aus
der Hand und brachte den Helden mit seinem ganzen Heere glücklich an
Land. Eine furchtbare Schlacht entbrannte. Mit König Hödbrod und seinen
Brüdern ritt und stritt auch König Högni, der Vater der Schildmaid.
Aber Helgi Hundingstöter, von Sinfiötli geleitet, durchbrach den Keil
des feindlichen Heeres, erschlug König Hödbrod und seine Brüder,
erschlug auch König Högni und schonte nur Högnis Sohn Dag. Sinfiötli
aber würgte die anderen Häuptlinge, daß sie nimmer die Sonne sahen.

Auf der blutigen Walstatt traf Helgi Hundingstöter Sigrun. Ob ihr
auch über den Tod ihres Vaters die Tränen aus den Augen stürzten, sie
kränzte den Sieger und gab sich ihm, auf ihr Walkürenkleid für immer
verzichtend, als Weib. Nie war ein glücklicheres Paar in nordischen
Landen.

Dag aber, Sigruns Bruder, flehte Wodan an um Vaterrache. Und Wodan
gedachte der Wolsungen und gedachte seiner Einherier. Da lieh er Dag
seinen Todesspeer Gungnir, und Dag lauerte Helgi im Walde auf und
rannte ihm den Todesspeer durch den Rücken.

Unstillbar war Sigruns Schmerz um den Heißgeliebten. Sie richtete ein
Lager in der Grabkammer, breit genug für sich und ihren abgeschiedenen
Helden, und saß am Hügel und weinte blutige Tränen. Um Mitternacht
klirrte es von Waffen in der Luft. Aufgeweckt, sah sie Helgi
Hundingstöter mit großem Geleite durch die Lüfte niederreiten und sah
den Geliebten die Grabkammer betreten. Da warf sich Wodans einstige
Schildmaid dem Heimgekehrten ans Herz und küßte ihm Augen, Mund und
Hände. Und Helgi sprach: »Deine Tränen haben mich aus Wodans seligem
Saal zurückgerufen. Sie brennen mir wie Feuertropfen auf der Brust, daß
ich mit den Helden Walhalls nicht fröhlich werden kann. Warum weinst
du so sehr, da dein Geliebter der Ewigkeit Ruhm gewann?« Und Sigrun
schmiegte sich an sein Herz und sprach: »Nun will ich nie mehr klagen
und still bei dir liegen.«

Als fahl der erste Frühschein über den Himmel glitt, schied Helgi
Hundingstöter für immer und jagte frohgemut mit seinen Begleitern gen
Walhall zurück, von Wodan freudig empfangen. Sigrun aber legte sich
zum Sterben und lag in der Kammer angeschmiegt an den irdischen Leib
ihres toten Gemahls. --

Sinfiötli hatte inzwischen nicht gefeiert. Während Vater Sigmund zu
Ehren Wodans auf Wikingsfahrten war, hatte auch er Kämpfe auf Kämpfe
bestanden und, um Hand und Kronland einer Königin zu gewinnen, seiner
Stiefmutter Borghild von Barlunds Bruder im Zweikampf erschlagen. Rache
schwur ihm Sigmunds Weib, Buße an Leib und Leben. Doch Sigmund kehrte
heim und wehrte ihr und erklärte sich bereit, selber Buße zu zahlen,
auf daß Sinfiötli, den er brennend liebte, frei sei. Da mußte sich die
Königin zufrieden geben, aber beim Leichenmahl für den erstochenen
Bruder reichte sie Sinfiötli im Trinkhorn vergifteten Met. Dreimal
weigerte sich Sinfiötli zu trinken, und Sigmund, dem keinerlei Gift
Schaden tat, trank ihm zu. Da trank auch Sinfiötli und stürzte tot zu
Boden.

Aufheulte Sigmund vor Weh. Sein Weib verstieß er, und den Sohn, den
Gefährten aus wilden Wolfstagen, nahm er in die Arme und irrte durch
das Land, bis er zur Nachtzeit an einen breiten Strom kam. Dort fand
er einen Fergen warten, einen einäugigen Alten in blauem Mantel und
breitrandigem Hut. Der nahm die Heldenleiche in sein Schiff, aber dem
klagenden Vater wehrte er den Zutritt und führte das Schiff schnell
über den dunklen Strom.

Lange starrte Sigmund in die Dunkelheit. Er wußte, daß es Wodan war,
der Wolsungen Ahn, der den Helden Sinfiötli der grausamen Hel entführte
und ihn nach Walhall an die Tafel der Einherier brachte. Da wurde sein
Gemüt fröhlich. Und so alt er war, er ritt aufs neue und ritt in des
Königs Eylimi Land, dessen Tochter _Hiördis_ die schönste aller Frauen
war, und warb um ihre Hand. Mit ihm aber warb auch der König Lyngi, ein
Hundingssohn. Die schöne Hiördis wählte nicht lange, sie wählte den
Ruhmgekrönten trotz seines Alters und wurde König Sigmunds Eheweib.

Wutbebend sammelte Lyngi, der Hundingssohn, ein Heer und überfiel
Sigmund in seinen Landen. Der ließ schleunigst Weib und kostbarste
Habe in den Wald schaffen und drang an der Spitze seiner Mannen der
Übermacht entgegen. Silberweiß flog ihm das Haar im Wind. Aber sein
Arm schwang das Wodansschwert Gram, und wo der König Sigmund den
Seinen voranschritt, da bahnte er eine blutige Gasse, und immer weiter
watete der Wolsung, alles niederschmetternd, durch das Blut. Schon war
der Sieg sein, da trat ihm ein alter Kämpe entgegen, einäugig, in
breitrandigem Hut und blauem Mantel. Der fällte den Speer gegen ihn,
und König Sigmunds Schwert zersprang an dem Speer in Stücke. Mit allen
seinen Helden wurde Sigmund im Kampfe erschlagen. Wodan selbst hatte
ihn nach Walhall entboten.

Ein Kind Sigmunds trug Hiördis unter dem Herzen. Als es zur Welt kam,
war es ein goldblonder Knabe von schlankem Wuchs, und sie nannte ihn
_Sigurd_. Noch war Sigurd ein Knabe, als er ein Roß verlangte, das
er sich unter den Hengsten aus der Weide wählen durfte. Ein alter
Mann kam über die Weide, einäugig, in blauem Mantel und breitrandigem
Hut. Der trieb die Rosse in den vorüberrauschenden Strom, aber nur
ein junger Grauhengst schwamm quer hindurch, die anderen schwammen
das Ufer entlang. »Den nimm,« riet der Einäugige. »Er stammt von
Sleipnir, dem Hengste Wodans.« Da nahm ihn Sigurd und nannte ihn nach
seiner grauen Farbe Grani. Auch ein Schwert forderte er, und als sein
kräftiger Arm jede Klinge am Amboß zerschlug, gab ihm die Mutter die
Stücke des Wodanschwertes Gram, das Erbe seines Vaters Sigmund, und ein
kunstreicher Zwerg schmiedete ihm daraus aufs neue eine unbesiegbare
Waffe. Dann rüstete Sigurd Drachenschiffe und fuhr mit einer Schar
auserwählter Männer ins Reich der Hundingssöhne, als echter Wolsung
zuerst Blutrache zu nehmen für den erschlagenen Vater Sigmund.

Stürmisch war die See und gefahrvoll die Fahrt. Aber da war der alte
Einäugige wieder, der sprang in Sigurds Schiff und steuerte es sicher
durch den Wogenbraus und lehrte den feurigen Jüngling auf dem Wege
tiefe Geheimnisse der Kriegskunst. Kaum, daß Sigurd erwarten konnte, an
Land zu gelangen.

König Lyngi, der Hunding, zog dem Wolsung entgegen. Eine mörderische
Schlacht hob an, bis Sigurd, alles niedermähend, zum Banner König
Lyngis drang und im furchtbaren Zweikampf mit seinem Schwerte Gram den
Hunding vom Wirbel bis zum Sitz in zwei Teile spaltete.

Allein zog er weiter auf Abenteuer und erlegte auf ragendem Rheinfelsen
den Drachen Fafnir, den Hüter der Schätze, die einst die drei
wandernden Götter Wodan, Hönir und Loki einem Riesen als Buße für den
irrig erschlagenen Sohn geleistet hatten, und er aß das Drachenherz und
trank das Drachenblut und verstand mit einem Male die Stimme der Vögel,
die von der allerschönsten Maid sangen, von Brynhild, der Wunschmaid
in der wabernden Lohe. Wie lachte da Sigurds Jünglingsherz.

Auf seinem Hengste Grani, das gute Schwert Gram an der Seite, ritt er
durchs Land, bis er den Feuerschein gewahrte, und sprengte furchtlos
durch die Flammen, die über seinem Haupte zusammenschlugen, und
gelangte zu der schönen Schlafenden, die er erschauernd auf den Mund
küßte. »Sigurd bin ich, der Wolsung! Wach auf, Brynhild, und werde mein
Weib!«

Mit staunenden Augen richtete sich Brynhild empor.

»Ein Furchtloser ist gekommen, ein Furchtloser! Allvater sei Dank für
meine Erlösung!«

Und sie legte dem liebeglühenden Jüngling beide Arme um den Hals und
erzählte ihm von ihrer Herkunft und ihrem langen Harren, und sie
tauschten heiße Schwüre und verlobten sich einander.

Noch einmal wollte er vor der Hochzeit in die Welt, Heldenruhm
heimzubringen, und er kam auf seiner Fahrt zu König Gibich, der drei
Söhne besaß und eine Tochter. Die Königin aber wünschte sich den
herrlichen Helden zum Eidam, denn seine Kraft erschien ihr gefährlich
für das Reich und sein reiches Goldgut angenehm für des Hauses Schatz.
Einen Vergessenheitstrunk gab sie Sigurd zu trinken, also, daß er
Brynhild vergaß und die Gibichentochter zum Weibe nahm. Als dann der
alte König Gibich gestorben war, wünschte der junge König die schöne
und reiche Brynhild zu freien, und Sigurd, der nichts mehr wußte von
seinem einst beschworenen Verlöbnis, ließ sich bereden und tauschte mit
dem König die Gestalt und gewann ihm Brynhild. Das tat er zu seinem
Verderben.

Die stolze Wunschtochter Wodans, das Weib des Gibichensohns, kam hinter
den Betrug. Denn ihr Gatte war lässig, und Sigurd erfüllte die Lande
mit seinen Heldentaten. Ein Streit brach aus zwischen der Stolzen und
Sigurds Weib, und Brynhild, die verhöhnte, beschloß Sigurds Tod. Da
ging sie hin und warb einen Getreuen. Und der Getreue fragte nicht
viel und nahm einen Speer und stieß ihn Sigurd, der Brynhild vergessen
hatte, in den Rücken.

Die stolze Schildmaid aber hatte Sigurds nicht vergessen. Als der
Holzstoß lohte, der des Helden Leiche trug, warf sie sich zu Sigurd
in die Flammen, barg sein Haupt an ihrer Brust und starb, ihren
furchtlosen Erwecker in den Armen. --

Hochgefeiert saßen die Wolsungen, die Helden vom Rhein, saßen Wolsung
und König Sigmund, saßen Helgi, der Hundingstöter, Sinfiötli und
Sigurd Drachentöter unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die
Nordmänner Odin nannten.

       *       *       *       *       *

Da saß der Dänenkönig _Harald Hildetand_, das ist »Eberzahn«. Blutjung
war er mit seinen Drachenschiffen ausgefahren, um sich in Dänemark,
seines Vaters Landen, die Krone aufs Haupt setzen zu lassen, als ein
wütender Seesturm ihn überfiel und seine Krieger verzagten. Harald
Hildetand verlor den Mut nicht einen Pulsschlag lang. Laut rief er
Wodan an und weihte sich ihm und sein ganzes Heer, wenn Walvater einst
sein irdisch Werk für abgeschlossen erachte. Und als er aufblickte --
siehe da stand ein einäugiger Alter in Wetterhut und Wettermantel am
Steuer, und das Schiff flog wie ein Falke über das Meer und in den
dänischen Hafen.

Gekrönt war Harald, der Eberzahn, von den glücklichen Dänen. Hildetand,
Eberzahn, nannten sie ihn, weil ihm zwei schimmernde Schneidezähne
wie Eberzähne wuchsen. Aber die Schweden, die das Land widerrechtlich
in ihrem Besitz gehalten hatten, wollten es nicht leichten Kaufes
aufgeben, sondern zogen ein so übermächtiges Heer zusammen, daß der
Dänenschar graute. Wieder rief der junge König Wodan an und weihte ihm
sein Leben aufs neue. Und aus der Reihe der Krieger trat der Einäugige
im blauen Mantel und trat heimlich belehrend zu Harald Hildetand und
stellte das Kriegsvolk keilförmig auf in Gestalt eines Eberrüssels. Den
Schild warf der junge Held hinweg, packte in jede Hand ein Schwert,
sprang an die Spitze des Keiles und ließ die Hörner blasen. Und der
Keil drang in das Schwedenheer und dehnte sich und sprengte es in
Fetzen auseinander. Und vorn an der Spitze schritt Harald Hildetand
und schnitt mit seinen Schwertern wie mit Sensen nach links und rechts
die Garben und weihte die Haufen der Toten Wodan. Das war für Walvater
willkommene Beute.

Hundert Kriegszüge und Wikingsfahrten unternahm Harald Hildetand Wodan
zu Ehren, und fünfzig Jahre der Regierung schenkte ihm Allvater.
Dann aber wünschte er den Helden zu holen. Er nahm die Gestalt von
Harald Hildetands vertrautestem Manne an, dem Ratgeber Brugi, der mit
einer Geheimbotschaft zu Haralds Neffen Sigurd Ring gefahren und auf
der Reise ertrunken war. Harald Hildetand selbst hatte den tapferen
Neffen zum König über Schweden eingesetzt. Als Brugi kehrte Wodan nach
Dänemark zurück und säete Feindschaft zwischen Harald Hildetand und
Sigurd Ring, die nur das Schwert lösen konnte. Sieben Jahre rüsteten
Schweden und Dänen zum Entscheidungskampf, so groß war der Haß
geworden und der glühende Wille, den anderen für immer zu vernichten.
Und nach sieben Jahren trafen sich die Heere aus dem Brawallafeld in
schwedischen Südlanden.

Blind war König Harald Hildetand geworden von der Zahl der Jahre und
ein Greis. Kein Roß vermochte er mehr zu besteigen. Aber auf einen
Schlachtwagen ließ er sich heben und hob das Schwert. »Vorwärts, ihr
Dänen! Vorwärts mit Wodan!« Da rannten seine Dänen an.

»Ich höre ihr Jauchzen nicht mehr,« murmelte der blinde Greis nach
einer Weile. »Wie kämpft der Feind?«

Und Brugi, der neben ihm hielt, erwiderte lachend: »Er kämpft in der
Keilform des Eberrüssels!«

Harald Hildetand fuhr zusammen. Nur ihm und Wodan war dies Geheimnis
der Schlachtordnung bekannt. Der da zu ihm sprach, war nicht Brugi,
es war Wodan selber. Wodan rief ihn. Und er hob das blinde Haupt und
machte sich ruhig zum Sterben bereit.

Der Friese Ubbi jedoch, Harald Hildetands treuster und tapferster Held,
wollte nichts vom geruhigen Sterben wissen. Wie ein Berserker warf
er sich mit seiner mächtigen Streitaxt in den schwedischen Keil und
zerspaltete die Schädel und Rückenwirbel, als spalte er Eichenklötze.
Dreimal schlug er hin und zurück eine dampfende Bahn aus Blut, Gehirn
und Knochen und jauchzte Harald Hildetand »Heil!«, wenn er zurückkam.
Zu Dutzenden ließen die Schwedenhäuptlinge ihr Leben, schon wandten
sich Heeresteile zur Flucht. Da befahl Sigurd Ring seinen sämtlichen
Bogenschützen, nur auf den Friesen zu zielen, und von den Pfeilen
gefiedert wie ein Aar stürzte Ubbi, der getreueste Mann, zusammen und
hauchte seine Seele aus.

Harald Hildetand vernahm die Botschaft. Hochaufgerichtet gab er seinen
Wagenrossen die Zügel frei, daß sie ihn mitten in die Feinde führten.
Blinden Auges mähte er, wie als Jüngling in jeder Hand ein Schwert,
nach links und nach rechts in die Feindeshaufen. Da sprang Wodan in
Brugis Gestalt auf den Wagen und zerschmetterte mit einem Streitkolben
Harald Hildetands Haupt. Keine fremde Hand sollte die Silberlocken
seines Schützlings berühren. »Dank dir, Wodan,« lächelte sterbend der
König.

Hochgefeiert saß König Harald Hildetand, der Däne, unter den Einheriern
an der Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten.

       *       *       *       *       *

Da saß auch ein anderer Dänenkönig, _Hrolf Kraki_. Der hatte, als er
erst zwölf Jahre zählte, die Größe und Kraft eines erwachsenen Mannes
und wurde darum Kraki, die »Stange«, zubenannt. In heißer Jugendlust
schwur er mit zwölf seiner tapfersten Recken zu Wodan, daß sie jeden
Kampf gemeinsam bestehen und nur zusammen sterben wollten. Das hörte
Walvater gern, denn er gedachte seiner Einherier.

Da wurde Hrolf Krakis Name berühmt in allen Meeren, die er auf
Wikingsfahrten durchzog, und in allen Landen, die er eroberte und sich
zinspflichtig machte. Er war ein Held nach Wodans Sinn.

Einmal aber war's, daß er nach Upsala in Schweden zog, eine alte Buße
einzufordern für den Vater, den die Schweden dort einst erschlagen
hatten. Sein Heer litt Hunger und Durst, und nirgend war Herberge.
Plötzlich stand ein Gehöft vor ihnen, und ein Bauer, Hrani geheißen,
lud sie zu sich ein. Aber als die Hungernden und Durstenden sich
gelagert hatten, entzog ihnen der Bauer Speise, Trank und Herdfeuer
und beriet den König, nur die mit sich zu führen, die diese Probe ohne
Murren bestanden hätten. Da waren es nur die zwölf Eidgesellen, und
Hrolf Kraki ritt mit seinen Zwölfen weiter an des Schwedenkönigs Hof,
der sie in ihrer Herberge ohne Brot und Wasser einmauern ließ und
nach qualvollen Tagen Feuer an das Gebäude legen ließ. Hrolf Kraki und
seine zwölf Gesellen besannen sich nicht lang. Sie warfen sich mit der
Wucht ihrer Körper, als wäre es nur ein einziger Körper, gegen die
Wand, daß die Mauer zusammenbrach und sie ins Feuer, aber auch ins
Freie stürzten. Ein furchtbares Blutbad richteten die Wilden unter den
Schweden an und kehrten, mit Schätzen beladen, zum Gehöft des Bauern
Hrani zurück.

Hrani blickte sie strahlend an. Und er holte ein altes Gewaffe hervor,
ein Schwert, einen Schild und eine Brünne, und bot alles dem König
Hrolf Kraki als Gastgeschenk. Aber der Übermütige wies das uralte
Gewaffe lachend zurück.

»Unweise bist du,« zürnte der Bauer, »du wirst es zu spät erkennen,«
und er kündigte ihnen die Herberge auf.

Als König Hrolf mit seinen zwölf Gesellen nun durch die dunkle Nacht
ritt, erkannte sein Geist, daß der Bauer Hrani Wodan selbst gewesen
war, der ihm mit geweihten Waffen ein langes Leben verleihen wollte,
und er wandte sein Roß und sprengte zurück. Wie er aber auch suchte,
Gehöft und Bauer blieben verschwunden. Nun wollte Wodan sein Leben
früher als bisher.

In Dänemark saß Hrolf Kraki und regierte ohne Krieg. Da gedachte seiner
Schwester Mann, es sei an der Zeit, die Krone zu stehlen, und er kam
mit einem unabsehbaren Gefolge und lud sich bei ihm freundlich zu Gast.
In der Nacht aber ließ er alles Lebendige in der Burg niedermetzeln,
und nur den zwölf Eidgesellen gelang es, sich zur Schlafkammer ihres
Königs durchzuschlagen. Noch einmal tranken sie wie in Jugendtagen aus
demselben Horn sich zu und erneuerten den alten Schwur. Dann warfen sie
sich singend auf den Feind, erschlugen die Hälfte und sanken erst zu
Tode, als keine heile Stelle mehr an ihrem Körper war.

Trunken lehnte der Verräter auf König Hrolf Krakis Thron. »Ist noch ein
Mann übrig von meines Schwähers Gesindel?« Und die Tür öffnete sich,
und ein alter einäugiger Kämpe trat herein. Der sprach: »Hier ist noch
einer,« und stieß ihm das Schwert durch den Hals. --

Hochgefeiert saß der Dänenkönig Hrolf Kraki unter den Einheriern an der
Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. --

       *       *       *       *       *

Da saß auch ein Schwedenheld, König _Beowulf_. Abenteuerlustig und
furchtlos war er gewesen, wie kaum ein anderer. Dem Stamm der Wägmunde
gehörte er an, die ihren Stammbaum bis auf die Götter führten. Und eine
Tat, der Götter würdig, hatte er getan.

Von dem scheußlichen Meerriesen _Grendel_ ging zu jener Zeit erneut
Gerücht durch alle Lande. Der Dänenkönig Hrodgar hatte nahe dem Meere
eine herrliche Halle aufführen lassen für Helden und Sänger, und
Lachen und Lebensfreude scholl weit über die Wasser. Da tappte bei
Nacht aus den Nebeln der Meere lüstern der Meerriese Grendel hervor,
und das Ungeheuer würgte dreißig der sorglos schlafenden Helden und
schleppte die Leichen in sein Versteck. Nacht für Nacht schlich er auf
Nebelschuhen in den Saal, kein Stahl ritzte seine Haut, kein Männerherz
konnte ihm widerstehen. Verödet lag die herrliche Halle bald, und wer
sie betrat, der wurde bei Nacht erwürgt und ausgesogen. Laut jammerte
das dänische Volk und rief nach dem Retter.

Das hörte der starke Beowulf in Schweden, der nichts von Gruseln
kannte und nur das Zupacken, wie es der Donnerer liebte. Als halber
Knabe noch hatte er fünf Tage und Nächte ohne Unterbrechung schwimmend
im Meere zugebracht, um Abenteuer zu bestehen, auf dem Meeresgrunde
Wasserungetüme erlegt und von den nadelspitzen Klippen neun
Wassermänner heruntergestochen, bis ihn eine Woge glücklich wieder ans
Land geworfen hatte. Nun zog Beowulf in seiner stärksten Manneskraft
aus, den scheusäligen Unhold Grendel zu bekämpfen, und er nahm vierzehn
unerschrockene Männer mit sich.

Da des Meerriesen Haut kein Stahl durchdrang, so beschloß der kühne
Schwede, ihm waffenlos und nur mit den bloßen Fäusten zu begegnen.
Seine Gefährten schliefen in der Halle, die der Dänenkönig Hrodgar mit
allen seinen Helden und Höflingen am Abend verlassen hatte. Beowulf lag
zwischen den Seinen mit wachen Augen. Dunkle Nebel stiegen vom Moor
und Sumpf und schlichen wie Pesthauch ins Gemach. Das war Grendels
Atem. Jetzt tappte er selbst heran, zerbrach den Türriegel, schlürfte
in den Saal, ergriff den ersten der Schlafenden, riß ihn in Stücke
und sog das Blut aus. Jetzt griff er mit der Krallenhand nach dem
zweiten. Der zweite war Beowulf. Blitzschnell packte Beowulf zu und
packte so furchtbar stark, daß er dem Ungetüm alle Finger der Hand
zerbrach. Brüllend wollte der Meerriese fliehen, aber Beowulf hielt
fest. Aus dem Saale wollte Grendel, aber Beowulf stemmte den Fuß
gegen die Mauer und hielt des Riesen Handgelenk in seinen Fäusten
wie in einem Schraubstock. Da rissen des Riesen Achselsehnen von der
übergewaltigen Anstrengung, der Arm riß in der Wurzel aus und blieb mit
der Riesenfaust in Beowulfs Händen. Der nagelte die Faust unter dem
Jubel der erwachten Gefährten an die Saaldecke, während der Riese, der
sich hastig verbluten mußte, durch den Nebel taumelte und schwand.

Ein großes Gelage gaben die fröhlichen Dänen dem siegreichen Kämpen
und füllten ihm und seinen Gefährten die Schilde mit Gold. Die Nacht
über blieben alle und dachten nicht mehr an die Furcht, als sie sich
auf die Polster streckten. Aber da tappte im Nebel Grendels Mutter
einher, ein wölfisches Ungeheuer. Mit stickigem Atem kam sie, den Tod
des Sohnes zu rächen, und ergriff und zermalmte einen der dänischen
Edelinge. Vom wilden Waffenlärm erschreckt, entfloh die Mörderin in
ihren Unterschlupf.

Beowulf verfolgte ihre Spur. Immer unheimlicher wurde der Weg, immer
schauriger der Wald, immer sumpfiger der schwankende Boden, den das
Meer unterhöhlte. Feuerflammen tanzten auf den Fluten, ekelhaft Gewürm
spreizte sich auf den Klippen, Riesenkrebse und boshafte Nixe. Hier war
der Eingang zu Grendels Behausung, und Beowulf tauchte ohne Zögern
in die Schrecken der See. Sofort fiel ihn mit Scheeren und Zangen das
Wassergetier an, aber seine gute Brünne widerstand, und er tauchte
tiefer zu Grund. Jetzt packte ihn die Wölfin, Grendels Mutter, bei den
Beinen und schleifte ihn in eine wasserleere Grotte. Aufsprang der
Held und warf sich mit Macht auf das geifernde Wolfsweib. Aber seine
Kräfte ließen nach, und schon schien es, als müsse er der rasenden
Unholdin erliegen. Ein Riesenschwert erblickte er an der Wand. Er riß
es herunter und stach nach der Wölfin. Die scharfe Spitze ritzte nicht
ihre Haut. Da überkam ihn der Berserkerzorn, und er packte das Schwert
bei der Klinge und holte aus und zerschmetterte mit dem Knauf der
wölfischen Riesin das Rückgrat, daß sie winselnd verendete. Und nun
gewahrte er auch den Körper des toten Grendel und schnitt ihm den Kopf
ab und stieg nach mühseligem Suchen und Wandern vom Meeresgrund auf zu
den stürmisch jubelnden Gefährten.

Heimgekehrt nach Schweden, verübte er als hochsinniger König viele
Heldentaten bis in sein Alter, und die letzte war, daß er, der Greis,
einen menschenmordenden Drachen erlegte, den die Jünglinge und Männer
flohen. Den überreichen Hort schenkte er den Schweden als letzte
Königsgabe. Er selbst aber verschied an den Wunden des Kampfes und
wurde zu Hronesnäß auf dem Holzstoß verbrannt, während aller Augen
weinten. Über seiner Asche ward ein gewaltiger Hügel getürmt, und als
Beowulfs Burg blickte das Heldenmal über die See, allen Wikingen ein
ehrfürchtig Zeichen. --

Hochgefeiert saß der Schwedenkönig Beowulf unter den Einheriern an der
Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. --

       *       *       *       *       *

Da saßen auch die Norwegerkönige _Harald Harfagar_, das ist Harald
Schönhaar, und _Erik Blutaxt_ und _Hakon der Gute_, die Haraldssöhne.
In einem Meer von Blut hatte Harald Harfagar den Übermut der
norwegischen Großen erstickt und mit fester Faust ein norwegisches
Reich unter seinem Zepter errichtet. In einem Meer von Blut hatte des
Schönhaars Sohn, Erik Blutaxt, gewatet, bis er aus dem Lande weichen
mußte und auf wilder Wikingsfahrt in England ein neues Reich gewann. In
neuem Kampf gegen Englands König fiel er und nahm fünf Könige mit in
den Tod und tausende von Mannen. Wodan selbst befahl, ihn festlich zu
empfangen, Bragi, der Dichtergott, griff begeistert in die Saiten, und
König Sigmund vom Rhein erhob sich mit Sinfiötli, seinem Sohn, Erik
Blutaxt entgegenzugehen.

»Nur eins sage mir, Wodan,« bat König Sigmund, »weshalb nahmst du dem
blutigen Erik den Sieg, da er dich doch der kühnste der Könige dünkt?«

Da sprach Wodan und sah ihm fest in die Augen: »Weil es ungewiß ist,
wann der graue Wolf zum Sitze der Götter kommt.«

Und Sigmund wußte, daß Allvater vom heulenden Fenriswolf und vom
letzten Kampfe gesprochen hatte und schritt mit Sinfiötli zum Tor und
bewillkommnete jubelnd Erik Blutaxt und die fünf Könige, die ihm folgen
mußten, und den Heerbann der Helden.

Und wieder stand Wodan aufhorchend in Walhall und wies Bragi an, den
Dichtergott, und Hermod, den Götterboten, vors Tor zu schreiten und den
Haraldssohn Hakon festlich zu empfangen. Abgeirrt von den alten Göttern
war Hakon, als er an seines Bruders Erik Statt das Zepter von Norwegen
ergriff, aber heimgefunden hatte er vor der letzten Schlacht zu dem
Glauben an Wodan. Darum wollte ihn Allvater besonders ehren. Seine
Walküren sandte er auf die rauchende Walstatt, auf der König Hakon mit
den Erikssöhnen rang, die aus England heimgekehrt waren, und alles
Volk kämpfte für seinen König, den es um seiner Guttaten willen liebte.

König Hakon rief zu Wodan und hörte die Walküren rauschen. Und er hörte
ihr Jauchzen: »Nun wächst der Götter Glück, weil die Waltenden Hakon
mit einem großen Heere zu sich heim entboten.«

Siegreich blieb König Hakon in der Schlacht, aber von Wunden bedeckt,
lag er auf dem Schilde. Freunde und Feinde umdrängten den Sterbenden,
um noch einen Blick aus seinen Augen zu erhaschen, der der beste König
war in Norwegen, und kein besserer war nach ihm.

Blutbespritzt stand der König mit seinen Mannen an der Pforte Walhalls,
von Hermod geleitet, von Bragi mit Heldenliedern begrüßt.

»Helme und Brünnen wollen wir anbehalten und das Schwert nicht von uns
tun,« sprach der König zu Wodan. »Es ist gut, bereit zu sein.« Und
Wodan nickte, denn er kannte die Nähe der Stunde.

Hochgefeiert saßen Norwegens Könige, Harald Harfagar, Erik Blutaxt
und Hakon der Gute, unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die
Nordmänner Odin nannten. --

       *       *       *       *       *

Noch einer aber saß unter dem Hunderttausend. Der war aus Westfalenland
und hieß _Hermann, der Cherusker_. In Germanien war er aufgestanden,
als es keinen Mann gab, die deutschen Gaue von der alles erdrosselnden
Römerherrschaft zu befreien. Er, der Einzige, rief die hadernden
Stämme zusammen und rief den Mannesmut und den Heldenzorn an in den
erloschenen Gemütern. Er, der Einzige, zeigte den verzagten Deutschen,
was Schwerter wert sind in der Hand von Männern, denen die Ehre lieber
ist als das Leben. Und sie ballten sich zusammen und erschlugen im
Teutoburger Wald das römische Heer, mehr denn zwanzigtausend Mann. Der
Befreier des Vaterlandes wurde der Cheruskerfürst und ward zum Dank von
Neidlingen erdolcht. --

Auf dem Ehrenplatz an der Einheriertafel in Walhall saß Hermann, der
Cherusker, und keinen liebte Wodan wie ihn. -- --



Um Baldur.


»Gut ist's, bereit zu sein.«

Am Tische der Einherier war das Wort gefallen. Wodan wußte es lange.
Und er wußte die Vorzeichen, die das Nahen der Stunde kündigten. Wenn
das volle Licht getötet wird von der blinden Nacht, wenn der sonnenlose
Winter die Lichtzeiten Frühling und Sommer vernichtet haben wird.

Noch lebte der Gott des lachenden Frühlings und der Sommerhöhe, noch
lebte Baldur, der fleckenlose. Auf seiner himmlischen Burg Breidablick,
dem Breitglanz des Himmels, lebte er mit seinem süßen Weibe Nanna,
die da war wie eine Blume zwischen Blüte und Frucht, und das Glück
der Wärme ging von ihm aus. Alle liebten sie ihn, die Götter wie die
Menschen, und selbst die Riesen der Eisländer waren ihm zugetan, da
auch sie seines Lichtes und seiner Wärme bedurften. Lebensfröhlichkeit
war, wo Baldur erschien, selige Hoffnung, Liebe zur Arbeit, Glaube an
eine höhere Welt. Die Menschen hoben die Häupter, blickten lächelnd in
das Licht und ließen ihren Arbeitsgeist bestrahlen zu höheren Dingen.
Da wuchs aus dem Werktag der Feiertag und aus dem Feiertag wuchsen die
Künste, die wiederum den Werktag veredelten, und Baldur war es, der
allen Empfindungen des Geistes und der Seele zur höheren Weihe verhalf.

Solange Baldur lebte, wuchs die Welt und in der Welt die Gesittung.

Nun war es seit etlicher Zeit, daß Baldur am Tage schwermütig
dahinschritt und in der Nacht von beängstigenden Träumen zerquält
wurde. Schnell merkten es die Götter, denn das glückliche Lachen tönte
nicht mehr von Breidablick über Asgards Fluren hin, bald merkten es
auch die Menschen, denn der Frühling kam karg und der Sommer ohne
Freude, und selbst die Riesen spähten unruhig nach dem bißchen Licht
und Wärme ihres Himmels aus. Trübsinn zog in die Gemüter der Asen, und
sie erforschten den traurigen Baldur, bis er ihnen alle seine Träume
und Gedanken offenbarte.

Frigg, die stillsorgende Himmelsmutter und Mutter Baldurs, faßte sich
zuerst. Ihr Sohn war in Gefahr. Also galt es, nicht zu beratschlagen,
wie die Männer taten, sondern zu handeln. Und sie machte sich auf
und ging zu allem, was da lebte und webte, wuchs und beharrte, zu
Menschen und Riesen und Alben, zu Feuer und Wasser und Erde, zu Erzen
und Steinen, Pflanzen und Giften und zu sämtlichem Getier, und alles
nahm sie in feierlichen Eid, dem Leib und Leben Baldurs nimmermehr
zu schaden. Da war große Freude, als die stillsorgende Himmelsmutter
wiederkehrte und in Asgard Baldurs Unverletzlichkeit verkünden konnte.
Wie die Kinder wurden die Götter in ihrer Ausgelassenheit, und sie
trieben Spiele und Scherze mit Baldur, um den Zauber zu erproben. Nur
Loki stand mißgünstig zur Seite, wenn die Götter mit Geren und Pfeilen
auf Baldur schossen, mit Schwertern und Steinen nach ihm zielten, ohne
dem leuchtenden Gott auch nur das geringste Leid antun zu können. Denn
Loki empfand, daß seine neidische Seele nur noch tiefer in den Schatten
sinke vor Baldurs sonnenreiner Klarheit.

Allvater Wodan aber schritt sinnend aus dem Kreise der Fröhlichen und
sattelte seinen Hengst Sleipnir. Denn er vermochte nicht freier zu
atmen trotz der Eide, die Frigg, seine Gemahlin, genommen hatte, weil
er die Zukunft kannte und wußte, daß sich das Schicksal nicht betrügen
ließe. Nur eine Gegenprobe zu dem eigenen Wissen wollte er machen und
in die finstere Hel, das Reich der Todesgöttin, reiten.

»Wir reiten zur _Wolwa_, der Weissagerin, die jenseit der Hel im Grabe
ruht,« sprach er zu seinem Rosse, und Sleipnir schoß wie ein Vogel
hinab gen Niflheim. Geifernd bellte der blutige Hund der Hel, doch
Wodan achtete seiner nicht und ritt durch die dunklen Schrecknisse, bis
er am Rande des Totenreichs das Grab der Wolwa fand. Hier saß er ab und
sang der Hexe den Leichenzauber, bis sie sich widerwillig erhob.

»Tot war ich lange. Was willst du von mir?«

»Antwort will ich, für wen im Hause der Hel die Bänke mit glitzernden
Brünnen, und mit Gold die Dielen belegt sind!«

»Für Baldur geschah's. Auf ihn wartet das Methorn der Hel. Laß mich
schweigen.«

»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer es ist, der Baldurs Blut
vergießen wird.«

»Hödur heißt er. Nun begehr ich zu schweigen.«

»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer die Blutrache nimmt für
die ruchlose Tat.«

»Ried wird Wodan den Wali gebären. Eine Nacht nur alt, zieht er aus in
den Kampf. Das Haupt nicht kämmt er, die Hände nicht wäscht er, bis
Baldurs Mörder im Blute liegt. Nicht gerne sprach ich, begehr nun zu
schweigen.«

Erschauernd hatte die Wolwa Wodan erkannt, den alten Schöpfer der Welt.

»Kein anderer Mann soll wieder mich wecken, bis von den Fesseln Loki
sich löst und die Feinde kommen zum Sturze der Götter!« rief sie mit
letzter Kraft und sank in das Grab zurück. --

Wodan ritt heim. Er hatte die Probe auf sein Wissen gemacht, und sein
Wissen war Wahrheit.

Immer noch trieben die Götter auf Asgards Wiesen mit Baldur die
fröhlichen Kampfspiele. Immer noch ging Loki neidverzehrt umher. Eine
neue Arglist sann er aus, und er humpelte in Gestalt einer alten
Dienerin zu Frigg, der stillsorgenden Himmelsmutter, und plauderte mit
ihr.

»Welch ein Wunder ist es mit Baldur, unserm Liebling. Nichts und nichts
auf der Welt vermag ihm zu schaden.«

»Ich nahm alle Dinge in Eid, wie Mütter tun,« erwiderte freundlich
Frigg und zählte sie alle her, bei denen sie gewesen war.

»Vergaßest du auch nichts? Hast du auch nichts übersehen?«

»Nichts übersah ich. Nur die Mistel ließ ich aus, die in den Bäumen
wuchert. Kaum hat sie das eigene Leben.«

Loki aber begab sich alsbald in den Wald und fand die unscheinbare
Mistel, die nur im Winter blüht, und schnitt sie ab und fertigte aus
der Ranke einen dünnen, scharfen Ger. Und er kehrte zurück in den Kreis
der Götter, die lachend auf Baldur, den lichten Gott des Frühlings und
der Sommerhöhe, ihre Speere schossen, und traf auf den blinden Hödur,
den Gott der Nächte und des sonnenlosen Winters.

»Weshalb bleibst du dem Spiele fern?« fragte der Arglistige. »Auf,
versuch deine Kunst.«

»Ich bin blind,« klagte Hödur, »sehe das Ziel nicht und führe keine
Waffe.«

Da drückte ihm Loki den Ger aus Mistelzweig in die Hand und lenkte
seinen Arm. Mächtig warf der blinde Hödur, pfeifend durchschnitt der
dünne scharfe Ger die Luft, durchbohrte Baldurs Leib und Leben.

Entsetzen lähmte die Glieder der Götter. Kein Laut entrang sich ihrem
Munde. Tot war Baldur, und ein Mord war geschehen im Himmel. Und
plötzlich war ein wildes Weinen in ganz Asgard.

An der heiligen Freistätte durften die Götter die Übeltäter nicht
greifen. Hastig entwich Loki, und Hödur stand wie versteinert. Frigg
aber, die Schmerzensmutter, wischte zuerst die Tränen vom Angesicht.

»Zur bleichen Hel ist Baldur gefahren, mein liebster Sohn. Wer reitet
den Weg und bittet ihn los von der Hel gegen alles Lösegeld, das sie
verlangt? Wer fürchtet sich nicht und reitet um meiner Liebe willen?«

Da trat Hermod vor, Wodans schneller Sohn, und das schnellste Roß wurde
gebracht, Sleipnir, Wodans achtfüßiger Hengst. Und Hermod schwang sich
in den Sattel und trat den Helritt an.

Denn das verlangte die unerbittliche Gerechtigkeit, der auch die Götter
unterworfen waren, daß die Seele dessen, der in Asgard verschied,
zur Hel mußte. Wie wäre es sonst ein Sterben für die Asgardbewohner
gewesen, wenn sie in derselben Stunde des Todes in Walhall auferstanden
wären und wiederum unter Göttern und Helden gesessen hätten! Wer von
den Göttern fiel, schied aus. Er gehörte der Hel. So verlangte es die
ausgleichende Gerechtigkeit.

»Blutrache«, war der Götter erster Gedanke, als sie zur Besinnung
kamen. Bei Göttern und Menschen, soweit es Männer waren, gab es kein
heiliger Wort. Und sie blickten einander in die Augen, wer sie üben
solle.

»Mein ist die Rache,« sprach Allvater, »aus meinem Blute wird Baldur
gerächt werden. Euch aber brauch ich zu anderen Taten.« Und er ging hin
und fand die riesische Jungfrau _Ried_, die sich zu den Asen hielt, und
sie gebar ihm in selber Nacht einen Knaben, den Wodanssohn _Wali_.
In selbiger Nacht wuchs Wali zu seiner ganzen Manneskraft auf, und er
kämmte nicht sein Haar und wusch nicht seine Hände, bis er wichtigeres
vollbracht hatte, das Wichtigste, das dem Bruder ziemte. Hödur,
Baldurs Mörder, suchte er auf und traf den Unglücklichen am Rande der
Morgendämmerung und erwürgte ihn. --

Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel. Er stob dahin, daß
aus den acht Hufen Sleipnirs Funkengarben sprangen wie wirres
Wetterleuchten.

Die Asen aber trugen Baldurs Leiche ans Meer und betteten sie hoch oben
auf dem Holzstoß, den sie auf des toten Gottes Luftschiff Hringhorn
geschichtet hatten. Wodan kam mit seinen Raben und Wölfen, und Frigg
kam mit ihm und die Schar der Walküren. Mit seinem Bockgespann brauste
der Donnerer herbei, Freyer fuhr mit seinem goldborstigen Eber, dem
Geschenk der Zwerge, Heimdall, der getreue Himmelswächter, ritt seinen
schnellen Hengst, und die liebliche Freya lenkte ihr Katzengespann. Zu
Fuß, zu Roß und zu Wagen kamen die Götter und Göttinnen alle, und viel
trauerndes Volk der Riesen und Alben kam, das, obschon es im ständigen
Kampfe mit den Asen lag, den einzigen Baldur ausnahm aus aller
Feindschaft. Die Himmel weinten, die Erde erschauerte im Schmerz, und
ein wildes Klagen erschütterte die ganze Natur.

Nanna aber, Baldurs geliebtes Weib, die in des Gottes leuchtender und
wärmender Liebe wie eine Blume gewesen war zwischen Blüte und Frucht,
vermochte ihr Leid nicht mehr zu fassen. »Baldur!« schrie sie auf, daß
der Schrei des Namens wie aller Klagen Klage durch die Welten lief, und
in diesem einen Schrei brach ihr das Herz.

Da legten die Götter Nannas Blumenleiche auf den Holzstoß, und sie lag
zur Seite des Geliebten, dem Frühling und Sommer das Leben waren.

Auf runden Hölzern ruhte das Schiff, um schnell in das Meer gerollt zu
werden. Aber von allen Opfergaben war es so schwer, daß es sich nicht
von der Stelle bewegte, denn auch Baldurs Sonnenroß, aufgezäumt in
seinem blitzenden Geschirr, war auf den Scheiterhaufen geführt worden
und Schätze über Schätze aus allen Landen. So sehr ward Baldur geliebt.

Die Riesen rieten in der Not der Götter, die Stärkste der Starken, das
Riesenweib Hyrockin, holen zu lassen. Das Weib kam angesprengt auf
einem gewaltigen Wolf, dem sie statt eines Zaumes eine Natter durch
das Maul gezogen hatte, um den Göttern furchtbarer zu erscheinen. Und
um die Götter mit ihrer Kraft zu schrecken, stieß sie, während vier
Berserker ihren Wolf kaum auf dem Boden halten konnten, das Schiff mit
einem so unbändigen Ruck ins Wasser, daß die Holzrollen Feuer spien und
fast das ganze Schiff mit seiner heiligen Ladung vom unheiligen Feuer
verzehrt worden wäre.

Blut trat dem Donnerer in die Augen. Er hob den Hammer, um die
Unverschämte zu zerschmettern. Aber die Götter fielen ihm in den Arm,
und die Riesen baten für ihr Leben, da ihr freies Geleit zugesichert
sei. Da ließ er sie laufen.

Im Wasser schwamm das Schiff mit der teueren Last. Noch einmal nahm
Wodan Abschied von dem schönen Leib des Sohnes und legte ihm als letzte
Gabe den kostbaren Ring Draupnir auf den Holzstoß, den Tröpfler, das
Geschenk der Zwerge, dem jede neunte Nacht acht neue Ringe enttropften.
Dann trat der Donnerer an den Holzstoß und weihte die Götterleichen mit
dem Zeichen des Hammers.

Alsbald entzündeten die Asen die Scheiter mit dem heiligen Feuer aus
Asgard, und das Schiff fuhr wie eine Fackel hinaus auf das dunkle Meer,
immer weiter und weiter, bis es in Flammen verging.

Fröstelnd kehrten die Asen, fröstelnd kehrten die Riesen und Albe heim.
Wie in Todesfrost erschauerten die Menschen.

Immer aber und immer noch kreiste Nannas Schrei um Baldur durch die
Welt und wollte nimmer vergehen. --

Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel. Er stob dahin, daß
aus den acht Hufen Sleipnirs Funkengarben sprangen wie wirres
Wetterleuchten. Das war das einzige Licht, das ihm den Weg erleuchtete
durch die gräßliche Finsternis der Unterwelt.

Am Abend des neunten Tages gelangte er an den Totenstrom Gioll, der
das Reich der Hel von allen anderen Reichen trennt, und die goldene
Giollbrücke krachte in allen Fugen, als Sleipnirs Hufe über die
Planken donnerten. Eine Jungfrau erschien, Modgud mit Namen, das ist
»Seelenkampf«, die warf sich dem Reiter entgegen. »Wer bist du, und was
suchst du Lebender im Reich der Toten?«

»Ich bin Hermod, Wodans Sohn, und suche Baldur, meinen Bruder.«

»Ich dachte es mir, daß du kein Gewöhnlicher bist,« entgegnete Modgud
besänftigt. »Fünf Haufen Toter ritten gestern über die Brücke, aber
die Hufe aller ihrer Rosse donnerten nicht so auf der Brücke, als die
deines einzigen.«

»Sahst du auch Baldur reiten?« drängte der Ase sie.

»Wohl sah ich Baldur. Er ritt zur Ehrenhalle der Hel, wo sie selber
thront.« Und sie wies ihm den Weg.

Weiter sprengte Hermod den Helweg durch die Finsternis und gelangte an
ein haushohes Eisengitter, das die Wohnung der Hel umschloß. Siebenfach
verriegelt war die Pforte und sonst kein Eingang und Ausgang.

»Sleipnir, es gilt!« hauchte Hermod dem Hengste ins Ohr und nahm ihn
zum Sprunge zurück. Und Wodans Jagdpferd setzte an und setzte im
Steilsprung über das Gitter und hielt wie aus Stein vor Hels Halle.
Dankbar klopfte ihm Hermod den Hals. Dann trat er ein.

Den Asenmut nahm Hermod zusammen, als er das Bild, das dort sich ihm
bot, erblickte.

Zur Hälfte schwarz, zur Hälfte fleischfarben, saß die grausige Hel mit
hängendem Kopf und klaffenden Kiefern auf ihrem Thron. Unerbittlich war
ihr Gesicht. Und um die Erbarmungslose geschart, saßen mit tottraurigen
Augen Könige und Helden, die den Strohtod gestorben waren an Krankheit
oder Altersschwäche, und nicht den Jubeltod im Schlachtenwetter, in
dem die Walküren zu Walhall entbieten.

So still und traurig war es, daß man die Tropfen von den Steinwänden
fallen hörte in grauenhaft eintöniger Wiederkehr.

Auf hohem Ehrensitz, die Bank mit goldenen Brünnen, den Boden
mit goldenen Fliesen belegt, saß traumverloren Baldur, von Nanna
umschlungen. Vor ihm stand der Metkrug, wie vor den Königen und Helden,
aber unberührt hatte ihn der Träumer gelassen. Des Gottes Geist träumte
in die Zukunft.

Zu dem stillgewordenen Bruder trat Hermod und setzte sich zu ihm. Die
ganze Nacht sprach er zu ihm über das Weh der Welt und über die Wünsche
Friggs, den Sohn wiederkehren zu sehen zum Besten aller Wesen. Und
Baldur hörte ihm zu und spann seine Gedanken.

Als der Tag anbrach, ging Hermod zum Throne der Hel.

»Wisse,« sprach er zu ihr, »daß ich dir die Wünsche der mächtigen Asen
bringe, Baldur heimzusenden nach Asgard. Seit er schied, ist die Welt
von Schmerzen erschüttert und will nicht mehr leben. Was aber sind
die Götter, was bist auch du ohne die immer sich neugebärende Welt!
Verzichte auf dein Recht auf Baldur, und die Menschen werden dich
lieben, wie sie Baldur lieben.«

»Deine Worte klingen gut,« antwortete die finstere Hel, »aber der
Bittende hat tausend Gründe, wo das Recht nur einen hat. Trotzdem:
ich will deine Gründe erproben. Wenn alle Wesen und Dinge der Welt
um Baldur als den geliebtesten und unersetzlichen weinen, so soll er
heimkehren in das Licht. Weigert ein Einziges Liebe und Tränen, so muß
er bleiben. Geh hin und künd es den Göttern.«

Und Hermod ging und nahm fröhlichen Abschied von Baldur, und Baldur gab
ihm für Wodan den Ring Draupnir, den Tröpfler, zurück, da es im Reiche
der Hel kein Verwenden für ihn gäbe. Und Nanna gab von den reichen
Opfergaben, die ihren Holzstoß geschmückt hatten, Gewänder und Gewebe
für Frigg und Freya und die Göttinnen alle. Hochgemut ritt Hermod den
Helweg zurück, wußte er doch, daß alle Welt um Baldur weinte und weiter
weinen würde, um Baldur, den jeder lieben mußte.

Wieder griff Sleipnir aus und donnerte den Helweg entlang. Und
Hermod sah die Scharen der Müden und Stillen des Weges ziehn, die
sich freuten, im Reiche der Hel die Ruhe zu finden, aber er sah
auch die Scharen der Meineidigen und Mörder, und der Landesverräter,
die schlimmer als Mörder und Meineidige sind, und sie durften nicht
über die Brücke des Totenstromes Gioll hinüberwandern und mußten mit
nackten Füßen durch das Flußbett waten, das mit hunderttausend scharfen
Schwerterspitzen gespickt war. Brünstige Giftschlangen lauerten in Hels
Reich auf die, die um eigenen Vorteils willen das Leben der Völker
vergiftet hatten.

»Sleipnir, greif aus,« schmeichelte Hermod dem Hengst, und der Hengst
verstand und stob durch die Hel und das ganze, unendliche Niflheim
und gewann die Oberwelt und stürmte, die Wolkenrosse weit hinter sich
lassend, nach Asgard hinauf, wo die Götter harrten.

Da herrschte Freude in allen Hallen, als Hels hoffnungsvoll klingender
Spruch offenbar wurde, und alsobald eilten die Boten durch Himmel und
Erde und Jotunheim und forderten die Tränen von den Lebendigen und von
allen leblosen Dingen. Und die Menschen weinten mit den Göttern, und
die Riesen weinten mit den Alben, von den Bäumen und Blumen tropften
die Tränen, und selbst die Steine weinten, da Baldurs Sommer ihre
Winternässe nicht mehr hinwegnahm.

Loki saß in einer Höhle und fürchtete fiebernd für sein Neidlingswerk.
Er nahm die Gestalt eines Riesenweibes an und nannte sich Thock, als
die Boten der Asen bei ihm einkehrten, das ist: das Dunkel.

Und die Boten sprachen: »Du bist das letzte Wesen, das wir fanden und
noch nicht baten. So bitten wir auch dich: Weine, weine um Baldurs, des
Vielgeliebten, Tod und Wiederkehr.«

Die Riesin Thock wiegte kaum den Kopf.

»Ich heiße das Dunkel und dämmere im Dunkel dahin. Was schiert mich
der lichte Baldur! Sein Leben hat so wenig Nutzen für mich wie sein
Sterben, und mein Auge hat keine Tränen. Hel behalte ihr Eigentum.«

Sie verschwand in der Tiefe der Klüfte, und die Boten erkannten
entsetzt, daß es Loki gewesen war.

Gebrochen kehrten sie heim durch die Tränenbäche der Welt, die umsonst
geflossen waren, und kündeten den Göttern das Geschehnis. In tiefem
Schweigen vernahmen es die Asen. Sie blickten auf Wodan, den Vater. Der
saß wie aus Stein, nur sein Einauge blitzte. Endlich erhob er sich.

»Die als Götter gelebt haben, müssen auch als Götter zu sterben wissen.
Sprecht es weiter.«

Und er hüllte sich in Mantel und Hut, um Mimirs stillen Quell
aufzusuchen. --

Ein Gastmahl bot Ägir, der Beherrscher der Meere, den Asen an, um sie
seiner Freundschaft zu versichern. Und sie gingen alle hin, die Götter
und Göttinnen, auf ein paar Stunden anderen Sinnes zu werden. Denn
Ägirs kristallene Halle war eine Freistatt, und Frevel war, sie durch
Streit zu entweihen.

So saßen sie bei dem Meerbeherrscher und freuten sich des Mahles und
des Metes, und nur der Donnerer war abwesend. Plötzlich aber vernahmen
sie heftigen Wortwechsel und sahen Loki, der sich die unantastbare
Freistatt zu nutze machte und einzutreten begehrte. Als ihm der
Türhüter den Zutritt um des Friedens willen Diener wehrte, schlug ihn
der erboste Loki so hart, daß der treue entseelt zu Boden sank.

In wilderwachtem Grimm sprangen die Asen auf und griffen zu den Waffen,
den Bösewicht unschädlich zu machen. Der aber berief sich höhnend
auf die Heiligkeit der Freistätte und erzwang sich seinen Platz an
der Tafel. Und während er frech zugriff und den Metkrug leerte wie
ein gerngesehener Gast, überschüttete er Götter und Göttinnen mit
Schmähreden, warf dem einen Ungerechtigkeit, Treulosigkeit, dem anderen
Feigheit, Gier, Geilheit den Dritten vor und zieh die Göttinnen der
Schamlosigkeit, der Unzucht und aller Weiberuntugenden von tausenden
von Jahren. Seine Lästerzunge lief wie ein Rad. Er wußte, daß er
verfemt war, und wollte darum Gift und Galle seiner verdorbenen Seele
über die früheren Bank- und Fahrtgenossen ausspritzen, bevor er auf
immer verschwinden mußte. Er schonte selbst die Himmelsmutter nicht und
nicht die goldhaarige Sif, als Sifs Gatte, der Donnerer, eintrat und
der Lästerzunge Einhalt gebot.

»Du willst mir gebieten?« höhnte ihn Loki, »du, der sich im Däumling
eines Riesenhandschuhs verkroch?«

Schweigend griff der Donnerer nach dem Hammer Mjolnir. Die Sprache
verstand der Verräter.

»Zum letzten Male sitzt ihr bei Ägir zum Trunk! Das letzte Bier hat er
euch gebraut! Feuer soll bald diese Halle verzehren, wie euch Asen der
Wolf verschlingen wird und Muspels Feuer und meine Tochter, die Hel!«

Kreischend schrie er seine Verwünschungen, und bevor die Götter einen
Gedanken zu fassen vermochten, stürzte er sich in Gestalt eines Lachses
ins Wasser und war verschwunden.

Die Asen machten sich auf.

»Der Tod wäre zu große Wohltat für solchen Bösewicht,« und sie kamen
überein, ihn zu fangen und so zu fesseln, daß sein Weiterleben eine
einzige Kette von Qualen bilden solle.

Von seinem Hochsitz aus blickte Wodan forschend in die Welt. Und er
gewahrte Loki in einem Hause mitten in der Felsenwildnis sitzen, und
das Haus war über einen Sturzbach gebaut und trug Fenster in allen
vier Wänden. Beständig auf der Hut, lugte Loki rastlos nach allen
Himmelsrichtungen aus und flocht dabei ein Netz, um Fische ins Garn zu
locken.

Jäh sprang er auf. Er hatte das Nahen der Asen erspäht. Und mit einem
Satz war er als Lachs in dem Sturzbach verschwunden.

Da fanden die Asen das Netz und nahmen es und zogen es quer durch den
Sturzbach. Zweimal schnellte sich der Lachs über das Hindernis und
verschwand in der Tiefe. Beim dritten Male geriet er in das Netz und
hätte das Netz mit sich weggerissen, wenn nicht der Donnerer, der bis
zur Brust im Wasser stand, zugegriffen und den Lachs beim Schwanze
erwischt hätte. Da half kein Drehen und Winden, des starken Asen Faust
riß ihn aus dem Netz, das sich der Böse selber gefertigt hatte.

Loki, der Verderber des Himmels und der Erden, lag vor den Göttern.

Das Urteil war bald gefällt. In der Felsenwildnis, in die er sich
begeben hatte, schmiedete man ihn an, den nackten Rücken auf den
messerscharfen Felsenkanten, ihn, der vom Gott zum Unhold gesunken
war. Sein verzerrtes Antlitz richtete man nach oben, daß er es nicht
nach rechts, nicht nach links zu wenden vermochte, und befestigte
über seinem Gesicht eine ekele Schlange, die ihm unaufhörlich die
Gifttropfen ihres Schlundes wie brennendes Feuer ins Gesicht fallen
ließ. Verlassen und verloren sollte er liegen und Qualen leiden bis an
der Welt Ende.

Die rächenden Götter waren heimgekehrt. Schaurig lag die Felseneinöde,
durchgellt von den Schreien des Verdammten. --

Da tastete es auf nackten Sohlen durch die Felsenwildnis. Da
huschte es auf blutigen Füßen durch das messerscharfe Gestein,
und weitaufgerissene Frauenaugen suchten und suchten den Ort der
Verdammnis, bis sie ihn fanden. Weiter huschte die Frau, bis sie neben
dem Körper des Gefesselten niederglitt.

Das war _Signy_, des Bösen mißhandeltes Eheweib, dessen treues Werben
er immerdar verspottet und mit Untreue gelohnt hatte. Was wußte Signy
davon und von allen ihren Leiden? Sie sah nur den Mann, den sie geliebt
hatte in seiner Schönheit und in seinen Fehlern, und den sie heute in
seiner Qual mehr noch lieben mußte als je zuvor. Signy allein war zu
ihm gekommen.

An seinen Fesseln biß und zerrte sie, ohne sie um Haaresbreite zu
lockern. Ohnmächtig sank sie zuletzt in die Felsen. Aber das Brüllen
des Verurteilten jagte sie wieder auf. Die Gifttropfen der Schlange
zerbrannten und zerfraßen Loki das Gesicht. Und Signy ergriff einen
Scherben und hockte sich neben den Mann und fing in ihrem Scherben die
Gifttropfen auf, die niederfielen.

War die Schale gefüllt, so mußte sie sich einen Herzschlag lang wenden
und die Schale entleeren. Dann fielen die Tropfen aus der Giftschlange
Schlund aufs neue dem Elenden in die Augenhöhlen, daß er aufbrüllte vor
wahnsinnigem Schmerz und sich in den Fesseln bäumte, daß die Menschen
in allen Ländern erschrocken niederfielen und meinten, ein Erdbeben
erschüttere die Grundfesten der Welt.

Und wieder saß Signy, die Treue, neben dem ungetreuen Manne und hielt
ihm die Schale vor das Gesicht, wieder und wieder, in unermüdlicher
Geduld.



Der letzte Kampf.


Eiskalt ward es auf Erden. Baldur war tot, und Frühling und Sommer
starben hastig ihm nach. Jäh brach der Winter herein, ein Winter,
wie er nie erlebt wurde, seitdem die Welt erschaffen war. Die Bäume
platzten auf in dem scharfen Frost, und ihr Saft rann die Stämme hinab,
gefror und verstopfte die Poren. Die Pflanzen und Blumen traf's bis in
den Wurzelstock, und die Kälte preßte ihnen die letzten Tränen aus und
ließ sie vergehn wie zersplittertes Glas. Selbst die Steine schwitzten
ihr weißes Blut, dehnten sich in klingenden Seufzern und zersprangen zu
Staub.

Baldur war tot, und es war nicht Frühling und nicht Sommer mehr.

Frost lief durch die Welt, und er tötete die Äcker, die Wiesen, die
Wälder. Im Starrkrampf lag das Leben.

Und als müsse ein Leichentuch her, Tod und Sterben zu decken, setzte
ein Schneesturm ein, der unaufhörlich tobte, unaufhörlich seine weißen
Massen auf die Erde schleuderte. So dicht brausten und wirbelten die
Flocken, daß aller Raum zwischen Himmel und Erde ausgefüllt schien, daß
die Sonne vom Himmel verschwand und der Tag von der Nacht verschlungen
blieb in der immerwährenden Finsternis.

Drei Jahre lang dauerte der eine Winter, den kein Frühling milderte,
kein Sommer durchbrach. Drei Jahre, die nicht enden wollten, gingen
dahin in einem einzigen Winter.

Da türmte sich das Eis zu Gletschern und rückte vor, von den Eisriesen
gepeitscht, die nach dem Licht verlangten. Da begann das Feuer in
Muspelheim, das hinter Eisesmauern keinen Ausweg fand, zu kochen und zu
zischen, und seine eingeschlossenen Dämpfe suchten sich zu entladen.
Bis zu den Wolken sprang der Gischt des Meeres, das enger und enger
zusammengetrieben wurde in seinem Becken. --

Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah mehr.

Er sah die Menschen dem heraufziehenden Schicksal unterliegen. Baldur
war tot, und alle Gesittung starb ihm nach. Frost und Hunger und
Finsternis machten aus Menschen gierige Tiere, die da raubten und
mordeten und plünderten, nur um des eigenen Bauches willen. Alle Bande
des Blutes, alle Bande der Gesetze brachen. Brüder erlegten Brüder,
Ehen wurden gebrochen, Unzucht herrschte und Faustrecht. Ganze Stämme
zogen aus und warfen sich blutgierig auf friedliche Nachbarstämme, um
sie zu vertilgen. Schlachten wurden geschlagen aus roher Mordlust und
nicht um Heldenehren willen. Ehre der Väter war eine Sage, und Macht
ging vor Recht. Beilzeit war und Schwertzeit, Windzeit und Wolfzeit.
Nicht einer schonte des anderen mehr, und jedermanns Hand war wider
jedermanns Hand.

Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah mehr.

Er sah zwei Wölfe der Riesen am Himmel jagen, und der eine jagte
die Sonne, der andere den Mond. So stark waren sie geworden, weil
die Menschen ihre Toten unbeerdigt ließen und die Wölfe sich vom
Leichenfleische mästeten. Schon kamen sie den Fliehenden nahe
und packten sie in der Flanke, daß Sonnenfinsternis wurde und
Mondfinsternis und die Menschen der Erde aufheulten in irrsinniger
Wirrnis. Noch einmal rissen sich Sonne und Mond los von ihren
Bedrängern und stürmten weiter durch die mit ihnen jagenden Wolken, daß
ihre Lichter aufblitzten und verschwanden und ihre Schatten im Taumel
über die Erde tanzten.

Beilzeit, Schwertzeit -- Windzeit, Wolfzeit!

Dann warf sich Wodan wie in alten Tagen auf sein Sturmroß und jagte
hinaus an der Spitze seines Geisterheeres mit Hussa, Horridoh und
Peitschengeknall und säuberte die Lüfte vom tollsten Spuk, und die
Menschen hielten ihn und seine wilde Jagd für der Spuke größten. Hinter
ihm aber ballte es sich wieder zusammen und stürmte in Wut und Wirrnis,
und Allvater saß auf dem Hochsitz und sah und wußte alles.

Und er sah, wie die Feuer in Muspelheim sich zur Siedehitze
gesteigert hatten, und er erhob sich und sah, wie sie, zu aller Kraft
zusammengefaßt, sich donnernd entluden und die lastenden Gletscherberge
sprengten und in wildgewordener Freiheit ihre Flammen über die Erde
und gen Himmel schlugen. In allen Fugen erkrachte die Welt, das feste
Land hob und senkte sich wie tobende Meeresflut, Klüfte verschlangen
die entwurzelten Wälder, Berge türmten sich über Berge und stürzten in
die kochende See, und die See flutete über und ersäufte die Küsten, die
Midgardschlange stieg geifernd empor, suchte das Land und wälzte sich
vorwärts, und die Sterne fielen erloschen vom Himmel.

Und in die grausenden, brausenden Schrecknisse hinein, über sie hinweg
und sie alle übertönend, schrie wie ein Adlerschrei lang und gellend
ein Hornruf.

Heimdalls Horn!

Heimdalls Horn rief die Asen, rief die Einherier, rief alle
Asgardmänner auf zum letzten Kampf.

Da eilten die Götter, Wodans letztes Gebot zu empfangen, und umstanden,
tief atmend, den Vater der Schöpfung.

Und Allvater sprach:

»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen neu, wenn sie sich
würdig erwiesen. Würde ist nicht das bißchen Tugend des Tages. Würde
ist, für sein Leben und Schaffen sterben können. Das allein macht
_un_sterblich. Wohlauf denn, ihr Asen und ihr Helden alle, nun folgt
mir nach in die Unsterblichkeit.«

Da waffneten sich Götter und Helden mit ihren besten Waffen, in
unabsehbaren Scharen zogen die Einherier aus, und mit den Walküren
ritten die Göttinnen, den Ger in der Faust. --

Der rote Hahn des Riesenreiches krähte in den Morgen und rief die
Schläfer wach, wie der goldene Hahn krähte in Asgard und der nußbraune
Hahn in der Hel.

Ganz Riesenheim tobte in hellem Aufruhr. In Scharen krochen
Schwarzalben und Trolle aus Klüften und Schluchten und spornten
kreischend die Riesen an.

Die jauchzten auf, als der Wirbel der Flut, aus der die Midgardschlange
sich wälzte, das Schiff _Naglfar_ flottmachte, das Nagelschiff,
das aus den unbeschnittenen Nägeln der Toten erbaut wurde. Nie wäre
es fertig geworden, hätte Baldur gelebt. Denn die Gewissenspflicht
gebot den Menschen, ihren Toten vor der letzten Ausfahrt die Nägel zu
beschneiden, damit die finsteren Mächte sie ihnen nicht nehmen konnten
zum Bau von Naglfar. Wer aber von den Menschen fragte noch nach der
Pflege der Toten? Beilzeit war und Wolfzeit.

Der Reifriesenfürst _Hrymir_ bemannte das Schiff und steuerte die
Tausende gegen Asgard. --

Aufs neue stöhnt von der Entladung der Flammen, die Eis und Stein
durchbrechen, die Welt in allen Fugen. Ein Sterbeschauer durchbebt die
Weltesche Yggdrasil, und die Brunnen an ihren Wurzeln schäumen über.

Zum letzten Mal beugt sich Wodan über den Brunnen Mimirs und raunt mit
dem Haupte des Urweisen. Dann schreitet er einsam nach Asgard zurück,
bindet den Goldhelm unter dem Kinn und greift nach dem Speere Gungnir.
Er kennt sein Schicksal. Sein Einauge blickt groß und königlich. --

Ein neuer Donnerschlag erschüttert das Weltall. Die Flammen haben die
Gewalt. Schlag folgt auf Schlag, ein tosendes Erdbeben dem anderen,
daß kein Felsen auf dem andern bleibt. Ein Jubelgeheul macht die
Lüfte erdröhnen. _Loki_ ist losgekommen! Die Felswand ist geborsten,
die seine Fesseln hielt, die Fesseln sind zerplatzt! Hinstürmt er zur
Hel, seiner grausigen Tochter, und ruft die Mörder und Schufte, die
Meineidigen und die Hochverräter der Helleute auf zum Kampf gegen die
Götter. Entvölkert ist Hel, denn die guten Geister sind geflüchtet im
blutigen Wirrsal der Geschehnisse. Aber mit wüstem Totenvolk überladen,
steuert Loki das Schiff der Hel gegen Asgard.

Und _Fenris_ ist los, der wahnsinnige Wolf, wie Loki, sein Vater,
loskam. Blutigen Schaum an den Lefzen, jedes Haar gesträubt, kommt
er gerannt, und Loki schreit ihm zu und nimmt ihn an Bord des
Höllenschiffes.

Blitzend aber reitet der schwarze _Surtur_ heran, der Fürst der
zerstörenden Feuergewalten. Auf tausenden von Flammenrossen folgen ihm
die Seinen. Über die Brücke Bilfrost reiten sie gegen Asgard, und die
Himmelsbrücke birst unter den Hufen ihrer Pferde.

In Rauch und Flammen gehüllt, kreist die entsetzte Erde, und die Zwerge
hasten an den verschütteten Höhlen auf und nieder und suchen wimmernd
den Eingang.

Zum zweiten Male stößt Heimdall ins Horn, gellend und gebietend wie
Adlerruf. Da ordnen sich die Scharen der Asen und Einherier.

Und zum dritten und letzten Male stößt Heimdall ins Horn. »Vorwärts,
ihr Asengötter, vorwärts, ihr Einherierhelden, in die Unsterblichkeit!«

Aufsprangen die fünfhundertundvierzig Türen Walhalls. Und die
Wodansmänner zogen aus zu Fuß, zu Roß und zu Wagen, und Walvater Wodan
führte sie.

Auf dem Sturmroß Sleipnir ritt er in schimmernder Brünne, den Goldhelm
auf dem Haupt, den Todesspeer in der Hand. An seiner Seite schritt
wuchtenden Ganges der Donnerer, den Hammer Mjolnir in der Faust.
Unbeirrt ihnen nach alle die anderen, die Todesmutigen. --

Auf der Ebene Wigrid, dem Kampfreitplatz vor Walhall, treffen sie auf
den Feind, der wie nimmer sich erschöpfende Wasserfluten anschwillt und
vorwärtsdrängt. Hoch hebt sich Wodan in den Steigbügel. Sein Einauge
funkelt und blitzt. Und zischend fährt sein Todesspeer als erster
Kampfgruß über die Köpfe der Drängenden.

Schon sind die Massen im Kampf. Surturs Feuerreiter verbrennen Wiesen
und Weiden. Aber die Einherier fürchten nicht Flammen noch Rauch.
Nicht umsonst ist Sigurd durch die wabernde Lohe zu Brynhild, der
Walküre geritten, nicht umsonst kämpften die Helden alle in brennenden
Hallen. Mit dem Blute der Erschlagenen dämpfen sie die Glut des
Kampfplatzes und werfen die Brandreiter zurück.

Mit den Riesen vermengen sich die Leute der Hel und wüten wie Tiere.
Felsen schleudern die Riesen, die zermalmend niederschmettern, und
die Helleute geben den Verwundeten den Rest mit dem feigen Dolch. Der
Donnerer sieht es. Schon ist er mitten unter ihnen. Von den Riesen
kennt er die meisten. Nun lernen sie seinen Hammer kennen. Der krachte
in die Schädeldecken und fuhr im Schwung in des Gottes Faust zurück,
um sie im Schwunge wieder zu verlassen und Schädel zu zertrümmern,
Schädel, nichts als Schädel.

Wo die Gefahr am größten war, dorthin spornte Wodan sein Roß. Mit dem
Schwerte schlug er die Gefährten aus den blutigen Knäueln heraus,
sammelte die Aufatmenden um sich und führte sie aufs neue ins
Handgemenge. Mit der Peitsche holte er die Schwarzalben und tückischen
Trolle aus der Luft, daß sie wimmernd verschieden. Wo Wodan ritt,
häuften sich Leichen.

Und plötzlich erschauert die Welt, wie sie nie erschauert war.

Der _Fenriswolf_ rennt. Alle Grenzen hat seine losgelöste Wut
überschritten. Mit aufgerissenem Rachen rennt er, daß sein Unterkiefer
über die Erde fegt und sein Oberkiefer die Wolken durchstößt. Alles
schlingt er herunter, was zwischen Himmel und Erde ist.

Da packt selbst die Tapfersten lähmendes Grauen, und die Schar der
Asen, die Haufen der Einherier weichen zurück. Wodan sieht es. Er weiß,
das Werk der Götter ist noch nicht vollbracht. Kein neuer Himmel kann
sein, wenn die alten Unholde bleiben.

Ein Opfer muß her!

Wer bringt das Opfer, das ein Leben verlangt?

Der Führer bringt es, wer sonst?

Dem rasenden Wolfe entgegen wirft sich Wodan, der Eine allein. Er
schwingt sich vom Roß, und der wütende Wolf schlingt den ledigen
Hengst. Wodan greift an. Er hemmt des Untieres Lauf und bringt es aus
der Bahn. Asen und Einherier sammeln sich. Sie kommen zu sich und
sehen: es gibt keine Gefahr, die ein Mutiger nicht angehen kann. Das
aber hat Walvater gewollt. Dafür ist die Preisgabe des besten Lebens
nicht zu groß. Im Kampf mit dem Fenriswolf endet das seine. Wodans
Königsseele weicht ins All. --

Widar gewahrt es, der »Gott mit dem Schuh«, der Wodanssohn. Nun kommt
ihm der Schuh, der das Leder aller Länder als Opfergaben trägt, wohl
zu statten. Er tritt dem Wolf in den Rachen und stemmt ihm mit dem
zentnerschweren, undurchdringlichen Schuh den geifernden Unterkiefer
auf dem Erdboden fest. Mit der Linken packt er den Oberkiefer. Die
Rechte, die Schwerthand, hält die zweischneidige Klinge. Weit aus holt
Widar und stößt dem Untier das Schwert bis an den Knauf durch den
Rachen ins Herz. Blutrache! Blutrache für Allvater Wodan.

Da ward das Werk vollendet. Da brachen die Asen und Einherier wie
Wetter in den Feind, das Vorbild zu erreichen, im Sterben würdig zu
sein ihres Lebens, das ist: würdig der Unsterblichkeit.

Giftschnaubend wälzte sich die _Midgardschlange_ heran. Ihr Pesthauch
allein tötete. Aber schon stand der Donnerer vor ihr, der sie schon
einmal an der Angel fing, als er Hymirs Kessel holte. Aufbäumte sich
die Riesenschlange gegen den alten Todfeind. Diesmal entging sie
ihrem Schicksal nicht. Der Hammer Mjolnir stand funkelnd über ihrem
Haupt, und der Zermalmer durchschlug ihr den Schädel. In einer Wolke
von giftigem Odem verging die Midgardschlange. Neun Schritte tat der
Donnerer in der Giftwolke zurück. Dann verging ihm der Atem. Er, der
den Menschen mit Blitz und Donner die Lüfte gereinigt hatte, konnte
nicht leben im Dunst des Wurms. Die Freiheitsaugen brachen ihm. So
folgte er Wodan. --

Und Freyer, der Sonnengott, folgte, vom Schwerte Surturs, des unheilig
lodernden Feuers, getroffen. Und Ziu, der furchtlose Schwertgott, den
die Nordmänner Tyr anriefen und dem die Jünglinge ihre Schwertertänze
weihten, er, der dem Fenriswolf einstens die Rechte in den Rachen
gelegt hatte, traf auf den leichenzerreißenden Hund der Hel, und
während ihn der Hund zu Tode biß, erwürgte er ihn. Heimdall aber, der
treue Wächter, stieß auf Loki, den Verräter, den er schon einmal im
Kampf um Freyas Halsgeschmeide Brisingamen bestanden hatte, und so wild
gingen sie aufeinander an und so wenig wollten sie voneinander lassen,
daß sie beide von Wunden überdeckt zu Tode sanken. --

In dem Glutmeer, das Surtur entfachte, ist nicht mehr zu leben. Und
dennoch geht das Würgen weiter, weiter bis auf den letzten Mann.
Die Walküren sind gefallen, die gerbewaffneten Göttinnen mit ihnen.
Die Einherier, die Germanenhelden, haben sich den Göttern gleich
erwiesen und die Riesen und Unholde trotz ihrer Übermacht zu eklem
Brei gestampft. Fast mit den letzten Feinden fallen ihre Letzten. Die
riesischen Wölfe haben Sonne und Mond erreicht und sie verschlungen.
Aber die Sonne gebar in ihrer Not ein Kind, und es spielt abseits auf
einer Himmelswiese.

Durch die Welt lodert das Feuer, und das Eis der Gletscher schmilzt und
wirft sich in Wasserströmen über glühende Erde, bis endlich, endlich
die Glut erlischt.

Nacht bricht herein. In Nacht versinkt die sterbende Welt. --

       *       *       *       *       *

Und ein Tag bricht an, ein neuer Tag.

Das spielende Sonnenkind hebt sich am Himmelsrand und lacht in Unschuld
auf die Erde nieder. Es lockt und schmeichelt und tut schön mit seinen
hellen Augen und seinen warmen Händen, bis es unter dem Schutt sich
regt, den Feuer, Wasser und Erde hinterlassen haben, und ein paar
schüchterne Gräser hervorkeimen. Ah, wie ist die Luft so klar und rein,
das Leben so köstlich und lebenswert. Bald ist der Boden von Blumen
übersäet, die Sträucher schlagen aus, die Bäume treiben Knospen. Und
aus einem hohlen Baumstamm, der sich über und über mit Laub bedeckt,
tritt ein Menschenpaar, das sich vor Feuersbrunst und Wasserflut in
die rettende Höhlung geflüchtet, tastet sich furchtsam vor und steht
überrascht in der neuen Sonne, dem neuen Lenz der Erde, dem neuen
Menschenfrühling.

Und das überglückliche Menschenpaar hebt seine Augen und sucht seine
Götter. --

Über Asgards verwüstete Fluren schreitet ein Wanderer. Schlank ist er
und ewigjung, und goldrote Locken wehen ihm um die Schläfen. Er kommt
aus der Hel gewandert, die verlassen liegt. Und wo er geht, ist Licht
und Wärme, Werden und Schöpfermut.

_Baldur_ ist heimgekehrt. Nun muß alles Leben auferstehen.

An der Hand führt er Hödur, den blinden, der ihn einst mit der Mistel
niederwarf. Wie Brüder wandern sie Hand in Hand, und wenn der eine im
Schlaf neue Kräfte sammelt, wacht der andere. Bald Baldur, bald Hödur.
Tag und Nacht haben sich gefunden und sich verbunden zum Wohle der Welt
und ihrer Kräftigung. Tag und Nacht, Sommer und Winter.

Unter Baldurs Schritten wachen die Fluren Asgards auf. Es grünt und
blüht auf allen Gefilden, und kein Platz ist mehr für üble Gelüste und
unwürdig Tun. Die Luft ist geläutert. Frühling --!

Es ist das alte Asgard nicht mehr, ein neues blüht aus den
Kampfestrümmern und will neues Glück. _Idafeld_ nennt Baldur das alte
Asgardland, das »Feld der Auferstehung«.

Und wie er hinausblickt über alle Wege, sieht er zwei Wanderer
schreiten von rechts und zwei Wanderer von links. Und die Wanderer
von rechts erreichen ihn, und es sind die Wodanssöhne Widar und Wali.
Widar, der den Vater rächte, und Wali, der Blutrache nahm für den
Bruder Baldur. Darum gehen sie in den neuen Himmel der Germanen ein.
Und die Wanderer von links treten hinzu, und es sind die Donarsöhne
Modi und Magni, die den Hammer des Donnerers bringen, mit ihm des
Vaters Kraft und den Zorn seiner Gerechtigkeit.

Nach links und nach rechts streckt Baldur seine Hände, Glückslachen auf
den Lippen.

»Wodan und Donar, ihr konntet nicht sterben, ihr lebt fort im
Germanenvolk in verjüngter Gestalt, ewig und ewig, solange der
Donner kracht zur Sommerzeit, solange der Herbststurm braust und ein
Menschenaug in Wolken die wilde Jagd erblickt. Willkommen ihr alle zu
neuen Schöpfungswerken! Den Frieden wollen wir im Himmel und auf Erden.
Den Frieden der Freien. Keinen anderen Frieden für und für. Deß sei uns
des starken und gerechten Donars Hammer ein Zeichen.«

Sie legen die Hände ineinander zum Schwur und schaffen einen neuen
Hochsitz.

»Für den großen Gott, der uns führen wird.«

Und sie sprechen Allvaters Worte nach:

»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen neu, wenn sie sich
würdig erwiesen. Würde ist nicht das bißchen Tugend des Tages. Würde
ist, für sein Leben und Schaffen sterben können. Das allein macht
_un_sterblich.«

       *       *       *       *       *

Zu allen Zeiten lebte das Germanenvolk wie seine Götter. Der Götter
Tugenden waren die seinen und der Götter Fehler, der Götter Kraft und
der Götter Kriege, der Götter Niedergang und der Götter Auferstehung.
Du aber, mächtigster Germanenstamm, deutsches Volk, von der Maas bis an
die Memel, von der Etsch bis an den Belt, erkenn aus der Urväter Tagen,
daß deine Götter und Helden niemals dem Schicksal schwächlich in die
Augen sahen, daß sie es kühn erwarteten und sich bis aufs letzte Blut
mit ihm schlugen, wie Männer tun im deutschen Zeichen des Hammers. Vom
Blute Wodans lebt es in dir, vom Blute Donars, vom Blute Baldurs, und
-- so der große Gott, »der uns führen wird«, uns liebt, weil wir Männer
sind und keine Knechte -- immerdar vom Blute

        _Hermanns, des Cheruskers_.



Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig


RUDOLF HERZOG

Preußens Geschichte

31. bis 40. Tausend / 390 Seiten mit zahlreichen schwarzen Bildern von
Prof. A. Kampf / Buchschmuck von Prof. G. Belwe / Geb. M. 6.60.

»Alle wichtigen Epochen, alle hervorragenden Herrschergestalten sind
hier in der _fesselnden Erzählungsweise_ Herzogs, in seinem feinen Stil
geschildert. Man weiß nicht, ob man mehr die packenden, feingemeißelten
Porträts der großen Preußenkönige oder die dramatisch bewegten
Schilderungen der Schlachten von Fehrbellin, von Torgau, Leuthen,
Leipzig, Königgrätz oder Sedan bewundern soll. Wie einen Roman, dessen
Handlung wir mit Spannung folgen, lesen wir diese Schilderungen, die
uns doch Altbekanntes in ganz neuem Lichte und Zusammenhang zeigen.
_Herrliche Balladen_ unterbrechen zuweilen den Lauf der Darstellung.
Gedichte wie ›Rheinsberger Tage‹, ›Bei Torgau‹, ›Blücher zieht über
den Rhein‹, ›König Wilhelms Heldenschau‹ und andere mehr werden zu den
_Perlen patriotischer Dichtungen_ zählen. Ein feiner Buchschmuck paßt
sich der Stimmung des Ganzen trefflich an. Alles ist dazu angetan,
diese Geschichte Preußens zu _einem Volksbuch_ werden zu lassen.«

            Deutsche Revue.


Ritter, Tod und Teufel

Gedichte / 61. bis 70. Tausend / 156 S. u. Buchschmuck / Geb. M. 2.--.

»Es gibt wohl kaum eine Stimmung in dem unheimlichen Wirbel der
Kriegseindrücke, die den Dichter nicht zur Gestaltung gedrängt,
deren Ausdruck ihm nicht gelungen wäre. Heldenmut und Treue,
unerschütterliche, begeisterte, bis zur Selbstaufopferung hingebende
Liebe zu Vaterland und Kaiser sind die Grundtöne, die die Sammlung
durchklingen ... _Der Band ist eine köstliche Perle in dem reichen
Schatze unserer Kriegslyrik._«

            Literarisches Zentralblatt f. Deutschland.


Stürmen, Sterben, Auferstehn

Gedichte / 21. bis 30. Tausend / 127 S. u. Buchschmuck / Geb. M. 2.--.

»Die zweite Gedichtsammlung zeigt die gleiche _glühende
Vaterlandsliebe_ und die gleiche Kraft im Ausdruck und Kunst der
Stimmungsmalerei, denselben _hohen Persönlichkeitswert_ wie der erste
Band, und doch finden sich auch wieder neue Züge in Stoff und Form,
ja man ist versucht, eine noch _größere Tiefe_ der Empfindung, noch
schwereren Ernst in den Gedanken an Tod und Unsterblichkeit in ihr zu
spüren.«

            Literarisches Zentralblatt für Deutschland.



J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

Stuttgart und Berlin


RUDOLF HERZOG

                                     Geb.
    =Das goldene Zeitalter=       M.
    Roman. 13. u. 14. Aufl.          6.50

    =Der Adjutant=
    Roman. 15.--17. Aufl.            6.50

    =Der Graf von Gleichen=
    Ein Gegenwartsroman
    39.--41. Aufl.                   8.50

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    Roman. 86.--95. Aufl.            8.50

    =Das Lebenslied=
    Roman. 101.--110. Aufl.          8.50

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    Roman. 141.--150. Aufl.          8.50

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    Erzählungen.
    15. u. 16. Aufl.                 6.50

    =Der Abenteurer=
    Roman
    Mit Bildnis des Verfassers
    46.--50. Aufl.                   8.50

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    Roman. 101.--110. Aufl.          8.50

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    Novellen. 34.--36. Aufl.         7.--

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    Roman. 131.--140. Aufl.          8.50

    =Ausgewählte Novellen=
    Mit einer biogr. Einleit.
    von _J. G. Sprengel_.
    21.--25. Tausend                 2.20

    =Die Welt in Gold=
    Novelle. 16.--.20. Aufl.         2.50

    =Das große Heimweh=
    Roman. 101.--105. Aufl.          9.50

    =Die Stoltenkamps
    und ihre Frauen=
    Roman. 126.--135. Aufl.          9.50

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    Novellen. 51.--80. Aufl.         7.50

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    =Wir sterben nicht!=
    Lieder und Balladen
    2.--5. Auflage                   3.--

    =Die Condottieri=
    Schauspiel in vier Akten
    3. Auflage                       4.--

    =Auf Rissenskoog=
    Schauspiel in vier Akten
    2. Auflage                       4.--

    =Herrgottsmusikanten=
    Lustspiel in vier Akten
    2. u. 3. Auflage                 4.50

    =Stromübergang=
    Dramatisches Gedicht
    in einem Aufzug
    1.--10. Tausend                  1.--

    =Die Nibelungen=
    Des Heldenliedes beide
    Teile, neu erzählt. Mit Bildern
    von Professor _Franz
    Stassen_. (Verlag von
    Ullstein & Co., Berlin)          6.--



    Weitere Anmerkungen zur Transkription.


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
    Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die
    Antiqua-Auszeichnungen dienten nur der Dekoration und wurden
    entfernt.

    Die Abbildung wurden an die zugehörige Textstelle verschoben, deren
    Seitenreferenz wurde entfernt.

    Korrekturen:

    S. 4: die ersten beiden Zeilen → Anfang von S. 3:
      griffen nach
      {dem rohen Stoff und gedachten wenig des göttlichen
      Geistes, und als Erstes entstand ein Ungetüm, das alle}
      Erde, die da wurde,

    S. 6: Wil → Wili
      Wodan, der junge, sah es, und er rief {Wili} und We,

    S. 120: Das → Da
      {Da} war der Donnerer wohl zufrieden.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Germaniens Götter" ***

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