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Title: Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten
Author: Zell, Theodor
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an,
Umschließungen mit _ Text, der im Original in einer anderen Schriftart
dargestellt war, Umschließungen mit = fettgedruckten Text.

Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden
Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter
belassen. Eine Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des
Buchs.

Im Original beginnt jedes Kapitel mit einer Illustration, die die
Tierart des folgenden Kapitels darstellt. Diese sind für die reine
Textfassung entfernt worden.



                           Unsere  Haustiere

                      vom Standpunkte ihrer wilden
                               Verwandten

                      Für jung und alt geschildert

                                  von

                                Th. Zell

                             [Illustration]

                              Berlin 1921

                  Buchhandlung Vorwärts, Berlin SW. 68



                               *Gewidmet*
             dem Andenken meiner unvergeßlichen Schwester,
             meiner unermüdlichen Gehilfin bei allen meinen
                       Büchern und Aufsätzen, der
                   =Frau verw. *Elisabeth Raetzell*=
                             geb. *Bauke*,
             geboren am 30. April 1860 zu Ketschendorf bei
              Fürstenwalde, gestorben am 6. Dezember 1915
           zu Friedenau-Berlin, derenwegen ich den Decknamen
                        *Th. Zell* gewählt habe.


_Copyright 1921 by Vorwärts-Verlag Berlin_



Vorwort.


Eine bessere Kenntnis des Tierlebens ist gerade in unseren Zeiten
wünschenswert, weil der Zusammenbruch unseres Vaterlandes uns zwingt,
die Bearbeitung der heimischen Scholle mit allen Kräften zu fördern,
und hierbei eine Vertrautheit mit den Eigentümlichkeiten unserer
Haustiere von großer Wichtigkeit ist. Daher ist der Versuch gemacht
worden, die Tiere in ihrem Tun und Treiben dem Herzen des Volkes und
unserer Jugend dadurch näher zu bringen, daß gezeigt wird, wie manche
uns befremdenden Handlungen der Tiere ganz verständlich werden, wenn
man sich in ihre Lage hineinversetzt. Das Haustier hält unverbrüchlich
an den Gewohnheiten seiner wilden Verwandten fest und richtet sich
vielfach nach der Nase im Gegensatz zum Menschen, dessen wichtigster
Sinn das Auge ist, -- das ist der Schlüssel des Geheimnisses.
Absichtlich ist bei der Darstellung von allem nicht unbedingt
erforderlichen gelehrten Kram abgesehen worden.

Es wäre erfreulich, wenn namentlich die dem Tierleben so entfremdete
Großstadtjugend sich davon überzeugte, daß die Beobachtung der
Haustiere und anderer Tiere eine überreiche Quelle wahrer Freuden in
sich birgt, die einen hinreichenden Ersatz für die manchmal recht
zweifelhaften Genüsse der großen Städte bietet.

Die Begründung für die hier gegebenen Erklärungen findet sich in
meinen Büchern. Ebenso sind dort die Dinge nachzuschlagen, die hier
fortgelassen sind, weil sie nicht in den Rahmen des Buches passen,
beispielsweise, weshalb die Pferde sterben, wenn sie Bucheckern
fressen, die Katze Baldrian liebt, die Drohnen von den Bienen getötet
werden und dergleichen.

Für die Hilfe, die mir auf pädagogischem Gebiet zuteil wurde, spreche
ich dem unermüdlichen Vorkämpfer für Volksbildung, Herrn J. Tews, und
Frau _Dr._ Anna Hamburger auch an dieser Stelle meinen aufrichtigen
Dank aus.

                              *Berlin* W 57, September 1920.

                              Der Verfasser.



Der Hund


1. Warum bellt der Hund?

Durch das geöffnete Fenster schaue ich mit ein paar Knaben, die in
meinem Hause wohnen und gern Näheres von unseren Haustieren wissen
möchten, an einem schönen Frühlingsmorgen auf die Straße. In dem uns
gegenüberliegenden Plättkeller wird die Tür geöffnet, und mit lautem
Gebell stürzt sich der uns wohlbekannte Spitz »Peter« in das Freie.
In diesem Augenblicke kommt gerade ein Radfahrer vorübergesaust. Auf
drehende Räder scheint es Peter wie die meisten Hunde abgesehen zu
haben, denn mit wahrer Wonne verfolgt er laut blaffend den Radler.
Da dieser um die nächste Ecke biegt, so entschwindet auch Peter
unsern Augen. Erst nach langer Zeit erscheint er wieder in unserm
Gesichtskreis. Jetzt sehen wir ihn schnüffelnd überall am Boden
umhersuchen. In der Zwischenzeit hat ein Vorübergehender ein Stück
Unrat, anscheinend vollkommen verwestes Fleisch, auf die Straße
geworfen. Mit Staunen sehen wir, daß Peter ausgerechnet dieses
ekelhafte Zeug mit Wonne beriecht und dann zu fressen beginnt. Hunger
kann ihn dazu nicht veranlassen, denn wir wissen seit Jahren, daß die
beiden Schwestern, die im Plättkeller wohnen, große Tierfreundinnen
sind. Sie darben es sich geradezu vom Munde ab, um es ihrem Lieblinge
zuzuschanzen. Eigentlich hätten sie einen Hund zur Bewachung nicht mehr
nötig, seitdem sich die eine Schwester verheiratet hat. Als aber vor
zwei Jahren ihr damaliger Hund verunglückte, wurde freudig als Ersatz
der damals sechs Wochen alte Peter gewählt, der ihnen als Geschenk aus
ihrem Bekanntenkreise angeboten wurde.

Nach dem Fressen scheint Peter Durst zu bekommen, denn er läuft zum
Brunnen, um aus der unten angebrachten Vertiefung seinen Durst zu
löschen. Hierbei trinkt er nicht saugend wie ein Mensch, sondern lappt
das Wasser schnell hintereinander mit der Zunge. Das lange Rennen
scheint ihn ermüdet zu haben, denn er sucht sich in der Nähe des
Plättkellers eine Stelle zum Hinlegen. Und zwar wählt er eine solche,
wo die Sonne recht schön hinscheint. Während andere Hunde sich vor dem
Hinlegen erst einige Male im Kreise herumzudrehen pflegen, können wir
dieses Drehen bei Peter in diesem Falle nicht beobachten, denn er legt
sich ohne große Umstände in die warme Sonne.

Wir wollen hier zunächst eine Pause machen, ehe wir das Tagewerk
unseres Helden weiter schildern.

Alles das, was hier von dem Spitz erzählt worden ist, kann man
alltäglich an zahlreichen Hunden beobachten, und selbst der Großstädter
hat hierzu Gelegenheit, wenn er nur die Augen offen hält. So allbekannt
diese Vorgänge sind, so erscheinen sie jedoch in einem ganz anderen
Lichte, sobald wir uns die Frage vorlegen, weshalb der Hund so handelt.

Unser Peter hat zunächst gebellt. Warum bellt der Hund? Die Katze tut
es doch nicht, ebenso denken Pferde, Kühe und andere Haustiere nicht
daran.

Um das zu verstehen, müssen wir etwas ausholen.

Hunde, Katzen, Pferde, Kühe usw. sind ohne Frage Haustiere. Haustiere
nennen wir solche zahme Tiere, die in einem Lande des Nutzens oder des
Vergnügens halber gezüchtet werden.

Was waren nun die Haustiere früher, ehe sie der Mensch in seine
Gemeinschaft aufnahm? Von unseren Tauben wissen wir mit Bestimmtheit,
daß alle Taubenrassen von einer einzigen Wildtaube, der Felsentaube,
abstammen, die an den Küsten des Mittelländischen Meeres heimisch ist.
Ebenso haben alle Kaninchenrassen ihre Vorfahren in den Wildkaninchen,
die Ziegenrassen in der Bezoarziege usw.

Hiernach ist anzunehmen, daß der Hund früher als Wildhund lebte oder
aus einer Kreuzung von hundeartigen Verwandten, wahrscheinlich von
Wölfen und Schakalen, entstanden ist. Näheres soll hierüber am Schlusse
gesagt werden.

Jedenfalls war der Hund früher ebenfalls ein Raubtier, wie es heute
noch seine Verwandten, die Wölfe, Schakale und Füchse, sind.

Wie der Mensch nun das, was seine Vorfahren getrieben haben, gewöhnlich
beibehält, so tut das Tier das noch in weit stärkerem Maße. Wir essen
regelmäßig nur das, was bei uns üblich ist, mögen auch benachbarte
Völker andere Leckerbissen haben. So schwärmt der Italiener für kleine
Singvögel, der Franzose für Froschschenkel, während sich bei uns nur
wenige Liebhaber dafür finden. Das Tier hält sich noch viel strenger
an den Speisezettel seiner Vorfahren. Das kommt natürlich daher, weil
es durch seinen Körperbau dazu gezwungen ist. Wie häufig sind in den
Kriegsjahren die Hunde mit Kartoffeln gefüttert worden. Und doch
bleiben sie fast unverdaut, weil der Hund ein früheres Raubtier ist,
und Kartoffeln keine passende Nahrung für ein Raubtier sind.

Also der Hund war früher ein Raubtier ähnlich wie Wolf, Schakal und
Fuchs. Die Lebensweise dieser Verwandten müssen wir also kennen lernen,
um unsern Hund richtig zu verstehen.

Bellen nun Wölfe und Schakale? Sie denken nicht daran. Sie heulen sich
wohl, wenn die Dämmerung einbricht, zusammen, um gemeinschaftlich auf
Raub auszugehen. Denn sie sind Geschöpfe, die es umgekehrt machen
wie der Mensch. Sie ruhen am Tage und sind in der Nacht tätig.
Selbstverständlich gibt es auch bei uns in der Nacht tätige Personen,
wie Nachtwächter, Verbrecher, Bummler, aber diese kommen gegenüber der
großen Menge anderer Menschen nicht weiter in Betracht.

Wie Wölfe und Schakale ist der Hund ein Raubtier. Das will sagen, daß
er nicht wie die Pflanzenfresser von Gräsern, Blättern, Moos, Rinde
und andern Pflanzenstoffen lebt, sondern andere Tiere zu töten sucht,
um sie zu fressen. Daraus können wir ihm keinen Vorwurf machen; auch
der Mensch ist kein reiner Pflanzenfresser. Das trifft höchstens bei
einem kleinen Kreise von Menschen zu, während die große Menge Schweine,
Rinder, Gänse und andere wohlschmeckende Tiere mästet, um sie später
zu verzehren. Ueberhaupt dienen fast alle unsere Haustiere unseren
eigennützigen Zwecken.

Ein Raubtier, das ein anderes Geschöpf erbeuten will, muß natürlich
vorsichtig zu Werke gehen. Denn der Pflanzenfresser hat durchaus keine
Lust, sein Grab im Magen des Raubtiers zu finden, sondern sucht sich
auf jede Weise davor zu bewahren. Würden Wölfe, die gern einen Hasen,
einen Hirsch oder ein Reh fressen möchten, schon vor Beginn der Jagd
bellen, so würden sich die Pflanzenfresser vorher in Sicherheit zu
bringen suchen.

So ist es denn ganz selbstverständlich, daß wilde Hundearten, wie die
in Indien hausenden Kolsums, nicht bellen, ebensowenig die Wölfe und
Schakale. Man hat sich darüber gewundert, daß die Hunde, die Kolumbus
in Amerika zurückließ, das Bellen verlernt hatten. Als man sie nach
langer Zeit wiederfand, waren sie verwildert und stumm geworden. Das
ist doch ganz natürlich. Sie mußten auf eigene Faust, nachdem sie von
den Menschen verlassen worden waren, ihre Nahrung suchen. Bald merkten
sie, daß sie um so schwerer Beute machten, je mehr sie vorher bellten.
Deshalb ließen sie das Bellen sein, wie es ihre Vorfahren getan hatten.

Das Bellen ist also eine Eigenschaft des Hundes, die der Wildhund nicht
besitzt. Wohl aber hat er eine Anlage hierzu, wie schon aus seinem
Geheul hervorgeht. Genau so liegt es bei anderen Haustieren. Wildenten
und Wildgänse hüten sich, so viel zu schnattern wie unsere Hausenten
und Hausgänse. Wildenten und Wildgänse sind auf dem Lande fast immer
stumm, um sich ihren zahlreichen Feinden nicht zu verraten. Auch das
fortwährende Krähen hat sich der Hahn als Haustier erst angewöhnt.

Der Mensch fand bald heraus, daß das Bellen des Hundes für ihn vom
Vorteil war, weil es ihm den nahenden Feind oder einen Besuch anzeigte.
Deshalb bevorzugte er die Hunde, die am meisten zum Bellen geneigt
waren. Da solche Eigenschaften sich zu vererben pflegen, so hat der
Mensch fast allen Hunden das Bellen angezüchtet. Am meisten eignen sich
hierzu die kleinen Hunderassen, die den großsprecherischen Menschen
gleichen, die mit Worten Helden sind, während ihre Taten zu wünschen
übrig lassen. Sie haben zu dem Sprichwort Anlaß gegeben: Die Hunde, die
da bellen, beißen nicht.

Zu den bellustigsten Hunderassen gehört der Spitz, und demnach auch
unser Peter. Wegen seiner Kläffreudigkeit, die alles Verdächtige
anzeigt, hat man ihn gern da, wo man auf Wachsamkeit Wert legt.

Wir sehen, daß die Frage, warum der Hund bellt, gar nicht so leicht
zu beantworten ist. Nicht viel leichter sind seine anderen Taten zu
erklären.


2. Warum bellt der Hund sich drehende Räder an?

Peter hat wütend die Räder des vorüberfahrenden Radlers angekläfft. Was
veranlaßt den sonst ziemlich harmlosen Hund zu solchem Aerger?

Hierfür müssen wir zwei Gründe annehmen. Wir wissen, daß unsere Hunde,
wie die Wölfe, zu den Raubtieren gehören, die durch ihre Schnelligkeit
Hasen und andere Pflanzenfresser erbeuten. Das tun andere Raubtiere, z.
B. Katzen, nicht. Eine Katze rennt nicht hinter einem gesunden Hasen
her, um ihn zu fangen, obwohl sie Hasenbraten mindestens ebenso gern
frißt wie der Hund. Sie beschleicht den Hasen, was der Hund kaum jemals
tut, weil er viel zu ungeschickt dazu ist. Der Hund ist also von Hause
aus ein Hetzraubtier, die Katze dagegen ein Schleichraubtier.

Für jedes Hetzraubtier sind schnell vorüberrauschende Gegenstände
von größter Bedeutung. Kann es doch ein Pflanzenfresser sein, der
sich für den ewig hungrigen Magen erbeuten ließe. Darum muß sich der
Hund beeilen. Denn wenn ein schnellfüßiger Pflanzenfresser erst einen
gewissen Vorsprung hat, ist er schwer einzuholen. Die Katze dagegen
lassen schnell sich bewegende Räder ganz kalt, denn sie weiß, daß sie
schnell vorüberhuschende Gegenstände nicht einholen kann.

Es ist eine alte Erfahrung, daß ein Mensch, der vor einem fremden Hunde
anfängt davon zu laufen, viel eher gebissen wird, als wenn er stehen
bleibt. In dem Hunde werden eben durch die schnellen Bewegungen des
Menschen die uralten Raubtierinstinkte wachgerufen.

Außer der Lebensweise der wilden Verwandten muß noch ein zweiter Punkt
berücksichtigt werden, der den meisten Menschen vollkommen unbekannt
ist: Die Sinne des Hundes sind durchaus verschieden von denen des
Menschen.

Der Jäger weiß seit Urzeiten, daß der Hund viel besser mit seiner
Nase das Wild aufspürt, als er es je mit seiner Menschennase zu tun
vermöchte. Gerade deshalb hat er sich einen Hund angeschafft. Es
ist selbst den meisten Großstädtern bekannt, daß die Hundenase der
menschlichen überlegen ist. Aber die wenigsten wissen, daß das Auge
des Hundes bei Tageslicht wenig taugt. Dafür seien einige Beispiele
angeführt.

Ein Gutsbesitzer wunderte sich darüber, daß jedesmal, wenn er mit
seinem Wagen an den weidenden Kühen vorüberfuhr, die beiden Hirtenhunde
mit großem Geblaff die beiden vor dem Wagen gespannten Schecken, d.
h. weiß und dunkel gefärbten Pferde, verfolgten. Er sprach mit dem
Kuhhirten darüber, der ihm folgende Erklärung gab. Die Hunde halten die
beiden Schecken wegen ihrer ähnlichen Färbung ebenfalls für Kühe und
wollen verhindern, daß sie sich von der Herde entfernen. Deshalb laufen
sie mit Gebell hinterdrein.

Die Erklärung des Kuhhirten dürfte durchaus richtig sein, wie man
ja überhaupt unter solchen Leuten ausgezeichnete Tierbeobachter
antrifft. Wie wenig muß aber das Hundeauge fähig sein, Einzelheiten zu
unterscheiden, wenn es ein Pferd mit einer Kuh verwechseln kann.

Der Schweizer Bildhauer Urs Eggenschwyler schildert eine ähnliche
Verwechselung. Er hielt sich einen jungen Löwen von etwa sechs Monaten,
mit dem er spazieren ging. Ein Ziehhund hielt die mächtige Katze für
Seinesgleichen und wollte mit ihr raufen. Erst als er sie vorher beroch
und plötzlich merkte, wen er vor sich hatte, flüchtete er mit allen
Zeichen großer Angst.

Ein deutscher Forstbeamter in Rußland berichtete vor dem Weltkriege
folgendes Erlebnis. Sein Dachshund wurde von einem Wolf gepackt
und fortgeschleppt. Schnell schoß er nach dem Räuber, der zwar
nicht getroffen wurde, aber die Beute fallen ließ. Nachdem der Hund
wiederhergestellt war, flüchtete das sonst so mutige Tier vor jedem
grauen Geschöpf von Wolfsgröße, z. B. vor einem Schafe.

Von eigenen Erlebnissen möchte ich hier nur folgende anführen.

Wir hatten einmal einen Hund, der sich sehr zum Raufbold entwickelt
hatte, weshalb ich ihn an der Leine führte. Wie alle Hunde, suchte er
mit Vorliebe Hundebekanntschaften auf der Straße zu machen. In einer
ziemlich leeren Straße eines Vororts zerrte er plötzlich mächtig an der
Leine, was mich wunderte, da ich keinen anderen Hund erblicken konnte.
Dagegen hatte ein Arbeiter das Pflaster aufgerissen und arbeitete in
der Grube, wobei sein Rücken hervorschaute und sich hin und herbewegte.
Wie ich den Blick des Hundes verfolgte und die Leine nachließ, wollte
er wirklich auf diesen Mann zulaufen, dessen Rücken er für einen Hund
hielt.

Sehr oft habe ich erlebt, daß Hunde die auf Zäunen verkehrt
aufgestülpten Geschirre für Katzen hielten und anbellten.

Noch beweisender dürfte folgender Vorfall sein. Wir, d. h. ich und etwa
ein halbes Dutzend Herren, waren bei einem Freunde zu einer Hasenjagd
eingeladen. Jeder führte einen prächtigen Hund bei sich. Es war im
Januar und schönster Sonnenschein, aber sehr windig. Wie wir das Revier
betreten hatten, sahen wir mit einem Male, daß der Wind von der etwa
einige hundert Schritt entfernten Chaussee ein Stück braunes Packpapier
uns zutrieb. Ein menschliches Auge konnte mit Leichtigkeit bei dem
klaren Sonnenschein erkennen, was es war. Die Hunde dagegen hielten
das heranrollende Papier für einen Hasen, und als wir zum Zwecke einer
Prüfung sie losließen, stürzten sie alle darauf. Erst als sie kurz vor
dem Papiere in die Windrichtung gekommen waren, klärte sie ihre Nase
über den Irrtum auf.

Das Auge des Hundes kann also bei Tageslicht keine Einzelheiten
unterscheiden. Daher rühren die groben Verwechselungen.

Was man dagegen anführt ist nicht stichhaltig. So hört man oft
erwidern: Ein Hase, der ein paar hundert Schritt entfernt lief, wurde
von meinem Hunde gesehen. Folglich muß er gute Augen haben.

Der Schluß ist falsch. Der Hund hat nur gesehen, daß sich etwas
Braunes bewegte. Er hat vermutet, daß es ein Hase war, aber nicht
gewußt. Ebenso beweist es nichts, wenn er einen im Schaufenster
ausgestellten ausgestopften Fuchs wütend anbellt. Denn er würde ebenso
wütend bellen, wenn man diesen Fuchs mit einem rothaarigen Dachshund
vertauschte.

Dagegen sieht der Hund unzweifelhaft in der Dunkelheit besser als der
Mensch. Infolge der großen Pupillen, d. h. des Schwarzen im Auge,
fallen alle Lichtstrahlen in das Auge. So findet sich der Hund in
der Dunkelheit leicht zurecht, beispielsweise wenn wir mit ihm zur
Nachtzeit durch einen Wald wandern. Das ist auch gar nicht wunderbar,
denn wie Wölfe, Schakale und Füchse, ist auch der Hund ursprünglich ein
nächtliches Tier.

Gewöhnlich heißt es von der Katze, daß sie ausnahmsweise ein
nächtliches Leben führe. Das ist aber nicht zutreffend. Allerdings ist
die Katze noch mehr Nachttier als der Hund. Das kommt aber daher, weil
ihre Beutetiere, die Mäuse und Ratten, erst in der Dunkelheit aus ihren
Löchern kommen. Sie muß also aus diesem Grunde ihre Haupttätigkeit
in der Nacht ausüben, während der Hund sich mehr der Lebensweise des
Menschen angeschlossen hat und deshalb als Haustier mehr am Tage tätig
ist.

Sodann nimmt das Auge des Hundes infolge seines Baues Bewegungen
schneller wahr als das des Menschen. Das muß man daraus schließen,
weil alle Tiere mit schwachen Augen allgemein auf Bewegungen furchtbar
achten. Für den Jäger früherer Zeiten ist es oft eine Lebensfrage
gewesen, ein Stück Wild zu erbeuten, um seinen quälenden Hunger zu
befriedigen. Er hat daher stets zu den besten Tierbeobachtern gehört.
Nun ist es seit alter Zeit für den Jäger ein feststehender Grundsatz,
angesichts eines Tieres, das er erbeuten will, niemals eine Bewegung
zu machen. Ein Hirsch, ein Reh, ein Fuchs und andere feinnasige
Tiere flüchten gewöhnlich nicht, wenn man regungslos stehen bleibt,
namentlich wenn die Kleidung mit der Umgebung übereinstimmt. Deshalb
trägt ja auch der Jäger ein der Waldfarbe angepaßtes Kleid. Die
geringste Bewegung genügt jedoch, den Hirsch, das Reh oder den Fuchs zu
einer blitzschnellen Flucht zu veranlassen.

Das Anbellen der Räder durch Hunde erscheint daher erklärlich, weil
sie als frühere Hetzraubtiere gern alles, was sich schnell bewegt,
verfolgen, damit es ihnen nicht entkommt, und weil das Auge der Hunde
Bewegungen sehr gut sieht.


3. Das Fressen unappetitlicher Sachen.

Peter hat, wie wir zu unserm Staunen sahen, schauderhaften Unrat mit
Wonne verzehrt. Auch das kann man nur verstehen, wenn man weiß, daß der
Hund ein früheres Raubtier war.

Wir wissen, daß, wenn ein Mensch oder ein größeres Tier stirbt, für die
Beseitigung der Leichen gesorgt werden muß. Denn ohne eine derartige
Vorsorge könnten gefährliche Krankheiten ausbrechen. Namentlich in
heißen Ländern würde die Gefahr sehr groß sein. Es ist nun für die
Menschen in diesen Gegenden sehr bequem, daß es zahlreiche Tiere gibt,
die ihm diese gerade nicht sehr angenehme Arbeit abnehmen. Namentlich
Geier, Hyänen und Schakale finden sich bei jedem toten Tier ein, und in
kurzer Zeit ist alles aufgefressen.

In Europa sind besonders Wolf und Fuchs, außerdem aber auch das
Wildschwein neben den rabenartigen Vögeln als Aasfresser bekannt. Der
Hund ist seinen Verwandten in dieser Hinsicht sehr ähnlich und hat
ebenfalls eine besondere Vorliebe für verweste Dinge. Manche Hunde
pflegen sogar sich mit dem Rücken auf dem Unrat zu wälzen. Das ist für
den Herrn besonders unangenehm, denn das Tier verpestet später die
ganze Wohnung.

Reiche Leute sind oft entsetzt, wenn ihr Köter, der in ihrer Wohnung
nur die besten Sachen vorgesetzt erhält, auf der Straße allerlei Unrat
verzehrt. Sie eilen gewöhnlich dann mit dem Hunde zum Tierarzt, was
ganz überflüssig ist. Im allgemeinen weiß jedes Tier viel besser, was
ihm zuträglich ist, als der Mensch.

Ich bin oft gefragt worden, was man bei einem Hunde machen soll, der
ein sogenannter »Parfümeur« ist, d. h. sich den Rücken mit Unrat
einreibt. Manche Jäger haben schon ihren Hund erschossen, nachdem alles
Prügeln vergeblich war. Sie haben das schweren Herzens getan, weil
gewöhnlich Parfümeurs ausgezeichnete Hunde sind. Prügeln ist wertlos.
Der Hund versteht ja gar nicht, weshalb er Strafe bekommt. Jedem
Geschöpfe riecht das schön, was ihm bekömmlich ist. So riecht dem Hunde
der Unrat wunderbar schön, weshalb er sich von dem Duft etwas mitnehmen
möchte. Wie der Mensch sich ein Veilchen in das Knopfloch steckt, so
wälzt sich der Hund mit dem Rücken im Unrat. Ich habe immer gefunden,
daß die Leute es am besten machten, die ihren Hund bevor er die Wohnung
betrat, erst nach einem Teich oder Graben führten und ihn etwas daraus
apportieren ließen. Dann war er ohne große Umstände wieder gereinigt.

Jedenfalls darf ein Mensch, der auf Sauberkeit hält, niemals einen Hund
küssen. Weil der Hund als früherer Aasfresser jeden Dreck beschnuppert,
deshalb soll man namentlich Kindern aufs strengste verbieten, ein
Hundemaul ihrem Gesicht zu nahe kommen zu lassen. Es wird später
besprochen werden, daß hierbei noch andere Gefahren drohen.


4. Das Lappen des Wassers mit der Zunge.

Wenn wir einem Pferde oder Schafe beim Saufen zusehen, so bemerken
wir, daß es die Lippen in das Wasser steckt und saugend trinkt. Hunde
dagegen, wie die meisten Raubtiere, lecken das Wasser mit ihrer langen
Zunge. Sie sind dadurch imstande, einen Teller mit einer Flüssigkeit
ganz rein zu lecken, während der Mensch, wenn er das gleiche Ziel
erreichen wollte, zu diesem Zwecke den Teller hochkippen müßte.

Die Pflanzenfresser, die den Tag über ein- oder zweimal zum Wasser
laufen, um ihren Durst zu löschen, können sich eine Wasserstelle
aussuchen, die tief genug ist, um das Trinken durch Saugen zu
gestatten. Bei den Raubtieren aber liegt die Sache anders. Sie
kommen bei der Verfolgung oft in Gegenden, wo weit und breit
keine Trinkstellen anzutreffen sind, höchstens infolge eines
vorhergegangenen Regens ganz flache Wasserpfützen. Trotzdem können sie
mit ihrem Lappen den Durst stillen.

Unser Peter lappt also das Wasser unten am Brunnen, weil das große
Hundemaul zum Saugen schlecht paßt, und weil das Schnellen mit der
Zunge für Raubtiere vorteilhaft ist.

Uralter Aberglaube ist es, daß der Wolf, im Gegensatz zum Hunde, das
Wasser nicht lappt, sondern wie ein Schaf säuft. Ich habe mir daraufhin
im Zoologischen Garten sämtliche Wolfsarten beim Saufen angesehen
und konnte feststellen, was so auch ganz selbstverständlich ist, daß
sie genau wie unsere Hunde das Wasser mit der Zunge lappen. Da der
Aberglaube unausrottbar ist, so sei hier das bei dieser Gelegenheit
immer wieder aufgetischte Märchen erzählt.

Hiernach befänden sich unter den Jungen der Wölfe häufig solche,
die aus einer Paarung mit Haushunden herrührten. Diese sogenannten
Wolfshunde seien als ausgezeichnete Hunde von den Bewohnern besonders
geschätzt. Deshalb warteten diese, bis die Wölfin ihre Jungen zum
Wasser führte. Hierbei stellte sich nämlich der Unterschied zwischen
den echten Wölfen und den Wolfshunden heraus. Jene söffen als Wölfe wie
die Schafe, während die Wolfshunde, weil sie von Hunden stammten, wie
diese lappten. Die Wölfin wäre über diese ungeratene Brut empört und
stieße sie ins Wasser, damit sie ertränken. Die Landbewohner warteten
auf diese Verstoßung der eigenen Kinder und fingen die zappelnden
Wolfshunde auf, um sie großzuziehen.

Dieses Märchen ist ganz albern. Es ist nicht wahr, daß der Wolf anders
trinkt als der Hund. Bei seinem großen Rachen ist das Trinken, wie
das Schaf es tut, ausgeschlossen. Trotz seiner Albernheit wird dieses
Märchen von ernsten Männern weiter erzählt, als wenn sie selbst ein
Dutzend Wolfshunde in der geschilderten Weise aufgefangen hätten.


5. Der Platz in der Sonne und am warmen Ofen. Das Sich-herumdrehen vor
dem Hinlegen.

Es ist nicht weiter wunderbar, daß unser Peter sich in die Sonne gelegt
hat. Denn die Vorliebe des Hundes für einen warmen Platz ist sehr
bekannt. Der Landbewohner, der das ganze Jahr über beobachten kann,
mit welchem Wohlbehagen die Hunde in dem warmen Sonnenschein ihre
Glieder strecken, sagt zu seinen Kindern, wenn sie ebenfalls ruhen
und ihren Gliedern die bequemste Lage geben, sie sollen sich nicht
»rekeln«. Rekel oder Räkel ist nämlich der Hund, und der Sinn der Worte
ist natürlich der, sie sollen es nicht dem Hunde nachtun, der in der
Sonnenwärme ruht.

Noch bekannter ist die Vorliebe des Hundes für den warmen Ofen, woher
die Redensart stammt, »den Hund vom warmen Ofen fortlocken«. Allgemein
heißt es, daß es für den Hund sehr schädlich sei, sich am warmen Ofen
aufzuhalten, und daß es daher gut sei, ihn davon fortzujagen.

Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß ein Tier gewöhnlich weit
besser versteht, was ihm frommt, als der Mensch. Der Hund gehört wie
seine Vettern Wolf, Fuchs usw. eben zu den nächtlichen Tieren. Alle
nächtlichen Tiere haben das Bedürfnis, zur Erhöhung ihrer Körperwärme
warme Stellen aufzusuchen.

Es kommt einfach daher, daß die Katze, wenn sie sich sonnt, weit
weniger auffällt, weil sie das mit Vorliebe auf Dächern tut, wo sie
vom Menschen nicht gesehen wird. Füchse sind oft vom Jäger überrascht
worden, wenn sie sich am Tage von den warmen Sonnenstrahlen bestrahlen
ließen und hierbei die Annäherung des Jägers übersehen hatten. Die
Eulen, diese ausgesprochenen Nachttiere, gehen in der Gefangenschaft
zugrunde, wenn man ihnen nicht Gelegenheit gibt, sich von der warmen
Sonne bescheinen zu lassen.

Wenn also ein sonst abgehärteter Hund hin und wieder am Ofen liegt, so
braucht man sich darüber nicht aufzuregen. Denn im allgemeinen wird es
für seine Gesundheit vorteilhaft sein.

Vor dem Hinlegen pflegen die meisten Hunde sich einige Male
herumzudrehen. Der große Naturforscher Darwin erklärte diese
merkwürdige Bewegung damit, daß sich die Wildhunde in der Vorzeit erst
herumdrehen mußten, ehe sie in dem dichten Grase eine geeignete Stelle
zum Niederlegen hatten. Diese Ansicht dürfte aus folgenden Gründen
nicht richtig sein. Bei großer Hitze dreht sich der Hund überhaupt
nicht vorher herum, sondern streckt alle Viere möglichst weit von sich.
Auch drehen sich die Wildhunde dort, wo dichtes Gras steht, nicht vor
dem Hinlegen herum. Der Hund dreht sich vielmehr immer dann herum,
wenn er warm liegen und zu diesem Zwecke den Körper einen Kreis bilden
lassen will, damit möglichst wenig Außenfläche vorhanden ist. Um den
Kreis bei seinem ungelenken Rückgrat herauszubekommen, gibt sich der
Hund vorher mehrmals einen Schwung durch Herumdrehen.


6. Das Alter des Hundes.

Wir sprachen vorhin davon, daß Peter etwa zwei Jahre alt ist. Welchem
Alter des Menschen entspricht ein solches Hundealter?

Ein alter deutscher Ausspruch sagt, daß ein Menschenalter gleich
drei Pferdealtern sei, und ein Pferdealter wiederum drei Hundealtern
gleichkomme. Dieser Ausspruch ist recht ungenau. Setzt man ein
Menschenalter auf 70 Jahre, so kämen auf das Pferd fast 25 Jahre, was
etwas hoch ist. Auf den Hund kämen aber nur etwa acht Jahre, was viel
zu wenig ist.

Gewöhnlich setzt man das Alter des Hundes auf 10 bis 12 Jahre fest.
Manche nennen auch 15 Jahre, sogar 30 Jahre. Wie beim Menschen kommt es
natürlich sehr auf die Lebensweise an. Es gibt Menschen, die hundert
Jahre alt werden, während andere schon mit fünfzig Jahren verbraucht
sind. Aehnliches beobachten wir bei den Hunden. Unter günstigen
Verhältnissen erreichen sie ohne Frage ein Alter von etwa 18 Jahren.
Das ist mir von verschiedenen Hundebesitzern bestätigt worden, und ich
habe nach meinen eigenen Beobachtungen keinen Anlaß, daran zu zweifeln.
So fällt mir folgendes Erlebnis ein, das sich im tiefsten Frieden
vor etwa ein Dutzend Jahren ereignete. Ich war auf einer Wanderung
begriffen und kehrte in dem Gasthof eines Dorfes nicht weit von Berlin
ein. Die Besitzerin war eine reiche Bäuerin, die sehr viel Land und
Vieh besaß. Mir fiel der Hund auf, da er anscheinend sehr bejahrt war,
und ich erkundigte mich bei der Wirtin nach seinem Alter. Die Frau
erzählte mir, daß er gleichzeitig mit ihrer Tochter, die jetzt achtzehn
Jahre alt sei, Geburtstag feiere. Das wollte ich nicht glauben und
ich fragte bei einem zweiten Besuche die Tochter nach dem Alter des
Hundes. Diese machte die gleichen Angaben wie ihre Mutter und erzählte
mir noch mancherlei von dem Tiere. Namentlich ist mir noch folgendes
im Gedächtnis geblieben: Ihre Mutter könne sich von dem alten Tier
nicht gut trennen und sei deshalb vor einiger Zeit mit ihm zum Tierarzt
gegangen. Dieser habe sich den Hund angesehen und dann gesagt: »Frau
Krüger, haben Sie nicht eine Schrotflinte zu Hause?« Da sei ihre Mutter
furchtbar wütend geworden und mit dem Hunde fortgegangen. Seitdem wolle
sie von dem Tierarzt nichts mehr wissen.

Bei gesundem Leben auf dem Lande, wo der Hund sich unter natürlichen
Verhältnissen befindet, ist also ein Lebensalter von achtzehn Jahren
nicht unmöglich.

Wenn ein Geschöpf kaum zwei Jahrzehnte alt wird, so muß es natürlich
früher als der Mensch erwachsen sein. Das ist auch bei dem Hunde der
Fall. Mit sechs Wochen entwöhnt man ihn gewöhnlich von der Milch der
Hündin, und mit sechs Monaten pflegt er die volle Größe zu erreichen.
Aber richtig ausgewachsen ist er erst mit zwei Jahren.

Hier liegt ein großer Unterschied zwischen Mensch und Hund vor. Der
Hund erreicht seine volle Größe schon nach einem halben Jahre, während
der Mensch etwa achtzehn Jahre alt werden muß. Ist der Mensch aber mit
achtzehn Jahren zu seiner vollen Größe gelangt, so ist er sicherlich
mit 24 Jahren vollkommen ausgewachsen. Diese Verschiedenheit muß
natürlich ihren Grund haben und hat ihn auch. Die Aufklärung finden wir
wieder dadurch, daß wir an die Lebensweise der wilden Verwandten denken.

Die Wölfe paaren sich im Januar oder Februar. Nach 63 Tagen, also etwas
über zwei Monaten, gewöhnlich im April, wirft die Wölfin etwa drei bis
zwölf, gewöhnlich vier bis sechs Junge.

Die im Frühjahr geworfenen Welpen (Wolfsjunge) können sich in der
schönen Jahreszeit prächtig entwickeln. Kommt der Herbst heran, so
haben sie schon die Größe eines Wolfes und müssen sie haben. Denn
jetzt rudeln sich die Wölfe zusammen, um gemeinsam während der kalten
Jahreszeit auf alles Getier Jagd zu machen. Wären die jungen Wölfe
nicht schon so groß wie die alten, so würden sie nicht imstande sein,
gemeinsam langdauernde Hetzen zu machen. Auch würden sie, wenn endlich
der Elch oder der Hirsch erbeutet ist, bei den gemeinschaftlichen
Mahlzeiten weggebissen, wohl gar getötet werden.

Da Hund und Wolf die gleiche Tragezeit haben, so verstehen wir, weshalb
sich jeder Hundekenner einen im April oder Mai geworfenen Hund zur
Aufzucht wählen wird. Genau so liegt die Sache bei der Katze. Bei dem
Menschen ist es gleichgültig, ob er im Winter oder im Sommer geboren
ist. Denn er kann das Versäumte nachholen. Ein Hund dagegen oder
eine Katze, die im August geboren ist, kann niemals die mangelnde
Entwicklung nachholen. Denn wenn der nächste Sommer kommt, sind sechs
Monate schon vorüber, und die Entwicklung bereits abgeschlossen.

Die jungen Hunde können bei der Geburt weder sehen noch hören. Erst
nach neun bis zwölf Tagen öffnen sich ihre Augen.

Allgemein herrscht der Glaube, daß man das vortrefflichste Junge an
folgendem Merkmal erkennen kann. Man bringt die Jungen auf eine andere
Stelle, dann wird es zuerst von der Mutter zum Lager zurückgetragen
werden. Erfahrene Hundezüchter bestreiten jedoch, daß das richtig sei.

Warum hat nun der Mensch nur ein Kind, höchstens zwei bis vier, der
Hund dagegen manchmal 15 und 18 Junge? Auch das hat natürlich seinen
Grund, den wir ausfindig machen, wenn wir uns die Lebensweise der
wilden Verwandten näher ansehen.

Im Winter zwingt der Hunger die Wölfe, sich an große wehrhafte
Pflanzenfresser, also Wildrinder, Wildschweine, Elche usw. zu wagen.
Wenn auch gewöhnlich das Rudel Wölfe siegreich bleibt, so verkaufen
die Pflanzenfresser ihr Leben nicht billig. Ein paar Wölfe müssen
gewöhnlich daran glauben. So sagt schon ein altes Jägersprichwort: Wer
Eberköpfe haben will, muß Hundeköpfe daransetzen. Das heißt also, daß
die Ueberwindung eines starken Keilers, d. h. männlichen Wildschweins,
ein paar Hunde kostet, die von den Hauern des Borstentieres zuschanden
geschlagen werden. Bei den anderen Wildhunden liegt die Sache ähnlich.
Die Hyänenhunde in Afrika sollen den Löwen, die Kolsums in Asien
den Tiger angreifen, wobei natürlich ein Rudel sehr viel Mitglieder
verliert.

Der Hund muß also deshalb so viel Junge haben, weil er in jedem Jahre
bei seinen Angriffen zahlreiche Kameraden verliert. Diese Lücken müssen
notgedrungen ausgefüllt werden.

An mancherlei Eigentümlichkeiten ersieht man, daß der Hund, wenn er
auch mit sechs Monaten bereits die volle Größe erlangt hat, doch erst
mit zwei Jahren wirklich erwachsen ist. Die Jugend ist am meisten zum
Spielen aufgelegt, und so sind auch junge Hunde sehr spiellustig.

Die Einflößung des Spieltriebes bei jungen Menschen und jungen Tieren
dient natürlich gewissen Zwecken. Die Kinder und die Jungtiere sollen
sich nämlich für ihre künftigen Lebensaufgaben die Glieder stärken.

Jetzt verstehen wir, weshalb junge Hunde regelmäßig Haschen spielen,
junge Katzen aber nicht. Hunde sind Hetzraubtiere, schnelles Laufen ist
demnach bei ihnen die Hauptsache. Katzen erbeuten aber ihre Nahrung
nicht durch Hetzen.

Der junge Hund ist nicht nur spiellustig, sondern ihm fehlt auch noch
der feste Grundzug seines Wesens, der sogenannte Charakter. Sehr
oft wollen Leute ihren jungen Hund weggeben, weil er zu Fremden zu
zutraulich ist, keinen Mut zeigt und überhaupt zu waschlappig ist. Da
viele Hunde, die in der Jugend zu solchen Beanstandungen Anlaß gegeben
haben, sich mit zwei Jahren vollkommen verändert haben, so kann man
über den Grundzug eines Hundes vor Erreichung dieses Alters kein Urteil
abgeben.


7. Die Rassen (Unterarten) des Hundes.

Peter ist, wie schon erwähnt wurde, ein Spitz, und zwar ein sogenannter
Wolfsspitz von grauer Farbe. Die Hunde gehören zu den Säugetieren,
denn sie werden von ihren Müttern gesäugt. Mit den Vögeln, Fischen,
Reptilien, z. B. Schlangen, und Amphibien, z. B. Fröschen, gehören
die Säugetiere zu den Wirbeltieren d. h. den Rückgrattieren, deren
Körper eine Wirbelsäule durchzieht, im Gegensatz zu den andern Stämmen
des Tierreichs. Zu den letztgenannten gehören z. B. die Schnecken und
andere Weichtiere, die Insekten und andere Gliederfüßer, die Würmer und
andere mehr.

Die Säugetiere zerfallen in zahlreiche Ordnungen, so in die Affen,
die dem Menschen ähnlich sind, die Nager, z. B. die Ratten mit ihren
Nagezähnen, die Huftiere, z. B. die Pferde mit ihren harten Hufen,
die im Gegensatz zu denen der meisten anderen huftragenden Tieren
nicht gespalten sind, und in die Raubtiere. Ein Kennzeichen für das
Raubtier ist das Gebiß. Denn wenn ein Tier nicht von Pflanzen, sondern
von anderen Tieren leben will, so muß es sie vorher töten. Da Tiere
kein Handwerkszeug besitzen, so müssen sie hierzu geeignete Gliedmaßen
haben, also entweder bewehrte Füße wie die Katzen oder ein zum Töten
geeignetes Gebiß.

Hunde haben keine Wehrpfoten, ebenso auch die anderen hundeartigen
Geschöpfe nicht (die sogenannten Kaniden). Wehrpfoten nennt man auch
Pranken oder Branten. Es ist also falsch, wenn man von den Pranken des
Wolfes spricht, denn er besitzt keine. Wölfe, Schakale, Wildhunde,
Füchse usw. können mit ihren Pfoten nicht kämpfen. Sie können damit
nur rennen oder graben. So kann ein Hund sehr schnell ein Mäuseloch
aufbuddeln, was die Katze nicht nachmachen kann. Ebenso können sie
Ställe unterwühlen, um zu den Insassen zu gelangen. Hunde haben also
Renn- oder Grabpfoten.

Als Ersatz für die fehlenden Wehrpfoten, womit die Katzen außer ihrem
Gebiß ausgestattet sind, haben die Hunde ein mächtiges Gebiß. Ein
Dachshund kann einen Fuchs abwürgen, was die gleichgroße Katze mit
ihrem kleinen Maule nicht könnte.

Der Hund, der wie der Mensch zunächst ein Milchgebiß bekommt, hat
ausgewachsen 12 Schneidezähne 4 langhervorragende Eckzähne, oben 12 und
unten 14 Backenzähne. Er hat dünne Beine und vorn meist fünf, hinten
vier Zehen an den Füßen. Seine Krallen sind nicht zurückziehbar. Er
ist ein Zehengänger, d. h. er geht nicht wie der Mensch oder Bär auf
der Fußsohle, sondern auf den Zehen. Sein Knie befindet sich daher am
Bauche, nicht, wie man so häufig hört, in der Mitte des Beines. Wenn
wir recht schnell fortkommen wollen, laufen wir übrigens auch auf den
Zehen.

Von den Hunderassen sollen nur die in Deutschland bekanntesten
angeführt werden.

Auf den ersten Blick sieht man, daß die Spitze mit den Schäferhunden
große Aehnlichkeit haben. Am häufigsten dürfte jetzt der deutsche
Schäferhund zu sehen sein, während es früher der Colly oder schottische
Schäferhund war. Zwergform des Spitzes ist der sogenannte Zwergspitz.

Zu den Schäferhunden muß man auch die Pudel und Pinscher stellen. Den
Pudel kennt jedes Kind wegen seines auffallenden Haarwuchses. Von den
Pinschern sieht man jetzt sehr häufig den Dobermann-Pinscher, während
der früher sehr beliebte Schnauzer seltener ist. Auch hier gibt es
Zwergformen, nämlich die glatthaarigen Pinscher, z. B. Rehpinscher, und
die rauhhaarigen Pinscher, die sogenannten Affenpinscher.

Ein echter deutscher und sehr schöner großer Hund ist die deutsche
Dogge. Etwas kleiner ist der deutsche Boxer, der im Gegensatz zur
englischen Bulldogge auf geraden Beinen steht. Die Zwergform der
Doggen ist der Mops, den man jetzt selten zu Gesicht bekommt. Sehr
beliebt dagegen ist jetzt die französische Zwergbulldogge mit ihren
Fledermausohren. Andere hierher gehörige große Hunde sind der
Neufundländer und die Bernhardiner.

Von Jagdhunden dürfte dem Großstädter der kleine krummbeinige
Dachshund oder Dackel am bekanntesten sein, da er viel gehalten wird,
ferner der ewig unruhige, bellustige Terrier, der in seiner Färbung
an ein Meerschweinchen erinnert. Den Gegensatz zum Dachshund bildet
der Windhund, dem man schon äußerlich an seinen hohen Beinen seine
Schnelligkeit ansieht. Die Zwergform von ihm ist das Windspiel,
das sehr zierlich, aber gegen Kälte sehr empfindlich ist. Zu den
eigentlichen Jagdhunden gehört der Vorstehhund oder Hühnerhund, wobei
natürlich unter Hühner nicht die Haushühner, sondern die im freien
Felde hausenden Rebhühner gemeint sind. Hühnerhund ist also ein Hund,
der zur Jagd auf Rebhühner bestimmt ist, indem er nämlich dem Jäger
durch seine feine Nase die Stellen anzeigt, wo sich Rebhühner aufhalten.

Von ausländischen Hunden wäre allenfalls noch zu erwähnen der als
Polizeihund vielfach verwendete Airedaleterrier, der wie unser großer
Pinscher aussieht, aber einen schwarzen Rücken besitzt. Sehr auffallend
ist auch der Skye(ßkai)-Terrier, der an eine dicke Wurst, die stark
behaart ist, erinnert.


8. Der Zeitsinn der Tiere.

Kehren wir jetzt zu unserem kleinen Helden zurück. Der Mann seiner
Herrin, der jetzt auch sein Herr ist, geht zur Arbeit, und Peter
pflegt ihn bis zur Haltestelle der Straßenbahn zu begleiten. Es ist
merkwürdig, welchen Zeitsinn ein Tier besitzt, denn er hat sich
bereits erhoben und wartet unruhig auf das Erscheinen seines Herrn.
Lustig springt er an ihm hoch und apportiert zunächst ein auf den Damm
geworfenes Stück Holz. Das tut er jeden Morgen, denn er apportiert sehr
gern. Das weiß sein neuer Herr, und da er auch ein großer Tierfreund
ist, so tut er dem Hunde den Gefallen. Hat er Zeit, läßt er das Tier
mehrmals apportieren, denn Peter ist unermüdlich darin. Heute aber hat
er es eilig, und so muß sich der Hund mit dem einen Male begnügen.
Peter bringt seinem vorangeeilten Herrn das Stück Holz und läuft
dann ein Stück voraus. Die schöne Morgensonne hat auch ein anderes
Nachttier, eine große Katze, veranlaßt, sich vor dem Keller in ihren
Strahlen ordentlich zu erwärmen. Peter bellt sie zwar mächtig an, aber
er muß von seinem Herrn oder von ihr früher ordentliche Hiebe erhalten
haben, denn er ist sehr vorsichtig. Die Katze macht zwar einen Buckel,
aber sie denkt nicht daran, in den Keller zu flüchten. Ueberdies wird
der Ausbruch eines Streites durch die Dazwischenkunft seines Herrn
verhindert, der Peter abpfeift und ihm streng alle Angriffsgelüste
verbietet.

Peter verschwindet jetzt unseren Augen, aber wir brauchen nicht lange
zu warten, so taucht er wieder in unserem Gesichtskreise auf. Denn die
Haltestelle ist nur wenige Schritte von der Ecke entfernt, und die
Fahrgelegenheit im allgemeinen günstig. Peter bummelt jetzt heimwärts
und will dabei, wie es alle Hunde tun, mit jedem ihm begegnenden
Artgenossen Bekanntschaft schließen.

Höchst merkwürdig ist es nun für unsere Begriffe, daß sich zwei
Hunde, die sich kennen lernen wollen, nicht wie Menschen ins Gesicht,
besonders in die Augen sehen, sondern daß sie sich gegenseitig
beriechen und ausgerechnet auch noch an der Verlängerung des Rückens.
So tut es auch unser Peter mit einem ihm begegnenden Terrier. Die
Untersuchung muß nicht zur gegenseitigen Zufriedenheit ausgefallen
sein, denn beide Hunde nehmen die Stellung von Kampfhähnen an und
fletschen die Zähne. Weilten wir in der Nähe, so würden wir sicherlich
auch das Knurren der beiden Tiere hören. Doch auch hier kommt es
nicht zu einer Beißerei, da der Besitzer des Terriers seinen Hund am
Halsband packt und fortreißt. Befriedigt zieht Peter seines Weges,
doch sein Selbstbewußtsein erleidet plötzlich einen starken Stoß. Eine
große Dogge nähert sich ihm mit anscheinend sehr wenig freundlichen
Gefühlen. Peter klemmt den Schwanz zwischen die Beine und flüchtet
nach seinem Keller. Kaum ist er in seinem Bereiche angelangt, so dreht
er sich um und bietet seinem Feinde mutig die Spitze. Auch die Dogge
hat anscheinend vor dem fremden Eigentum Achtung, denn sie setzt ihre
Verfolgung nicht fort. Nachdem sie verschwunden ist, und Peter trotz
seines wiederholten Bellens nicht die Türe geöffnet wird, was sonst
stets der Fall ist, scheint unserem Spitz der Gedanke zu kommen, daß
seine eigentliche Herrin in der Zwischenzeit fortgegangen ist. Das ist
auch in der Tat der Fall gewesen, denn wir haben sie kurz nach dem
Weggange ihres Mannes den Keller verlassen sehen. Peter schnuppert
jetzt vor dem Keller sorgfältig umher und sucht anscheinend die Fährte
seiner Herrin. Nach mehrfachem Hin- und Herrennen folgt er schließlich
einer Spur, die, wie wir wissen, richtig ist. Doch ist es leicht
möglich, daß der Hund nur deshalb die richtige Spur hält, weil seine
Herrin in der Frühe regelmäßig diesen Weg zu machen pflegt.

Auch hier wollen wir zunächst eine Pause machen und die Handlungsweise
unseres Peter zu verstehen suchen.

Es ist seit alten Zeiten bekannt, daß Haustiere sich pünktlich zu ihren
Mahlzeiten melden. Wenn sich nun jemand darüber wunderte, wodurch
das Tier die Stunde der Mahlzeit wisse, da es doch keine Uhr kenne,
so wurde erwidert, daß die eigentliche Uhr sein Magen sei, der ihm
die rechte Zeit angebe. Auch könne beispielsweise ein Hund an den
Vorbereitungen, z. B. an dem Decken des Tisches leicht erkennen, daß
es bald etwas zu essen gäbe. Es ist nun gewiß richtig, daß man überall
mit den einfachsten Erklärungsversuchen einer Sache auf den Grund gehen
soll. Aber es gibt zu viele Fälle, die sich mit der Magenuhr beim
besten Willen nicht erklären lassen.

So wohnte ich bei einem Manne, dessen großer Neufundländer täglich
seinem Töchterchen um 12 Uhr entgegen lief, um ihr die Schulmappe zu
tragen, wenn sie aus der Schule kam. Woher wußte nun der Hund, daß es
kurz vor 12 war? Gegessen wurde erst um 1 Uhr.

Ein Kaufmann, der täglich um 5 Uhr sein Geschäft schloß, versicherte
mir, daß sein Hund, der sonst unter seinem Schreibtisch ruhig lag,
fast auf die Minute genau sich erhebe und seinen Herrn schwanzwedelnd
anblicke, ob es nicht nach Hause gehe. Auf seinen Wunsch habe ich mir
den Hund und sein Benehmen im Geschäft mit eigenen Augen angesehen.
Der Vorfall spielte sich in Friedenszeiten ab, so daß der Hunger als
Magenuhr nicht in Betracht kam. Ueberdies hat der Kaufmann seinen
Hund während der Geschäftszeit bis 5 Uhr reichlich gefüttert, damit
ihn nicht etwa die Erwartung auf das Essen in der Wohnung veranlasse,
seinen Herrn zum Aufbruch aufzufordern.

Bekannt ist es auch, daß gefangene Zugvögel in der Nacht, wo ihre
Artgenossen nach dem Süden gezogen sind, höchst unruhig im Käfig
umherflattern.

Bei der Jagd ist es eine allbekannte Erscheinung, daß z. B. ein Rehbock
auf die Minute aus dem Walde tritt, um sich auf das Feld zu begeben,
wo er fressen will. Ebenso zeigen sich die Schnepfen im März fast um
dieselbe Zeit, gewöhnlich dann, wenn die Glocken geläutet werden.

Ein aufmerksamer Tierbeobachter kann oft wahrnehmen, daß Hunde sich um
dieselbe Zeit treffen, um gemeinsam zu spielen oder zu jagen.


9. Der Ortssinn der Tiere.

Ebenso rätselhaft wie der Zeitsinn der Tiere ist ihr Ortssinn. Gerade
bei Hunden muß man oft über ihn staunen.

Wir kennen alle die Geschichte von dem Peter in der Fremde. Er hat es
endlich durchgesetzt, daß er auf Reisen gehen darf. Jetzt aber kommt er
an einen Kreuzweg, und niemand ist da, der ihn zurechtweist.

Man sollte meinen, daß die Tiere erst recht in Verlegenheit wären,
sobald sie an einen Kreuzweg gelangten. Wir Menschen können uns
wenigstens dadurch helfen, daß wir die Straßen benennen und den Häusern
Nummern geben. So können wir verhältnismäßig leicht nach Hause finden,
indem wir uns die Straße und die Nummer des Hauses merken, wo wir
wohnen.

Obwohl der Hund nicht lesen kann, auch wegen seines schwachen Gesichts
davon keinen Gebrauch machen könnte, findet er doch die Straße
regelmäßig wieder, in der sein Herr wohnt. Auch über das Haus ist er
sich gewöhnlich im klaren. Niemals sieht man ihn an einer Straßenecke
stehen und sich überlegen, wohin er eigentlich laufen soll, wie es doch
unser zweibeiniger Peter getan hat.

Besäßen die Tiere nicht einen hervorragenden Ortssinn, so wäre es ganz
ausgeschlossen, daß man das völlige Erblinden von Hunden und Pferden
manchmal erst durch einen Zufall merkt. Beim Menschen ist es unmöglich,
daß man nicht seine Blindheit merken sollte. Es hat noch niemand aus
Versehen einen Gehilfen in Stellung genommen, der, wie sich später
herausstellte, blind war. Aber sehr häufig werden Pferde gekauft, die
blind sind.

Bei einem unserer Hunde, der vollkommen blind war, habe ich immer
wieder darüber staunen müssen, wie leicht er sich in den gewohnten
Räumen zurechtfand. Da die Blindheit äußerlich kaum erkennbar war,
so merkte kein Besucher sein Leiden, zumal er sich mit großer
Geschwindigkeit bewegte.

Auch wir waren uns erst darüber klar geworden, daß er gänzlich blind
war, als er eines Tages mit großer Wucht gegen ein Spind, das von
seiner Stelle gerückt war, rannte. Da wir uns von dem Hunde nicht
trennen wollten, zumal er noch nicht sehr alt war, so haben wir ihn
noch etwa zwei Jahre in diesem Zustande behalten. Allerdings haben wir
während dieser Zeit die Möbel an ihrer Stelle stehen lassen müssen,
denn bei jeder Ortsveränderung rannte das Tier dagegen. Er wußte
es ganz genau, daß die Treppe acht Stufen hatte, denn er lief sie
fabelhaft rasch hinauf. Nur in der letzten Zeit seines Lebens hat er
sich geirrt und sprang häufig, wenn er bereits oben war, nochmals in
die Luft. Er glaubte also, es käme noch eine Stufe.

Es ist unzählige Male vorgekommen, daß neu gekaufte Hunde ausrücken und
zu ihrem alten Herrn laufen. So kaufte ein Bekannter von mir, der am
Melchiorplatz wohnte, von einem Freunde in Pankow einen jungen Dackel
und fuhr mit dem Tiere in einem Stadtbahnzuge nach Hause. Ich habe
den kleinen Burschen, der sehr ängstlich zu sein schien, mehrere Male
gesehen. Nach einiger Zeit schien sich der Dachshund mit seiner neuen
Herrschaft, sehr tierfreundlichen Personen, ausgesöhnt zu haben. Eines
Tages war er dem Mädchen, das ihn auf dem Platze an der Leine führte,
entwischt und konnte trotz allen Suchens nicht gefunden werden. Nach
stundenlangen ergebnislosen Nachforschungen kam mein Bekannter auf
den Gedanken, seinen Freund in Pankow von dem Verlust telephonisch
in Kenntnis zu setzen. Wie erstaunte er aber, als er hörte, sein
Freund wollte ihn soeben telephonisch benachrichtigen, daß der an ihn
verkaufte Hund soeben in Pankow eingetroffen sei.

Der Hund war in Pankow geboren und niemals von der Besitzung
fortgekommen. In Berlin war er nur an der Leine auf dem Platze
spazieren geführt worden. Der Weg von Pankow nach Berlin war im
Stadtbahnzuge zurückgelegt worden. Dieses junge, ängstliche Tier hatte
also den Mut gehabt, durch das Straßengewirr der Großstadt den Weg
nach der Heimat zu suchen. Was uns in Staunen versetzt, ist eben die
Fähigkeit, ohne Kompaß und ohne Karte den richtigen Weg zu finden.

Auf den Ortssinn der Tiere kommen wir noch an anderen Stellen zu
sprechen. Der Haß des Hundes gegen die Katze wird besser da erörtert
werden, wenn wir uns mit unserer Mieze beschäftigen.


10. Das Apportieren (Herbringen von Gegenständen) des Hundes.

Peter ist, wie wir sahen, ein Freund vom Apportieren. Es ist allgemein
bekannt, daß die meisten Hunde gern apportieren. Für den Jäger ist
diese Eigenschaft von der größten Wichtigkeit. Was nützte es ihm, daß
er eine Ente geschossen hat, die im Wasser umhertreibt, wenn sich nicht
sein Hektor freudig in die Fluten stürzte und sie herbeibrächte?

Auf das willige Apportieren des Hundes wird demnach von vielen
Hundebesitzern mit Recht ein bedeutender Wert gelegt. Häufig kann man
sie mit großem Selbstbewußtsein äußern hören: Meinem Hunde habe ich das
Apportieren gründlich beigebracht.

Diese Ansicht ist nicht ganz richtig. Der Mensch liebt es, seine
Leistungen zu überschätzen.

Hinge es ganz allein von uns ab, den Tieren das Apportieren
beizubringen, so müßte es uns auch bei den anderen Haustieren glücken.
In Wahrheit ist es schon sehr schwer, einer Katze das Apportieren
zu lehren, und apportierende Kühe und Ziegen hat wohl noch niemand
gesehen, obwohl Ziegen recht kluge Tiere sind.

Die Behauptung, die man allgemein hört, daß das Apportieren des Hundes
ein Werk des Menschen sei, dürfte also nicht zutreffend sein.

Ein scheinbarer Grund spricht für diese Ansicht, indem man darauf
hinweist, daß es widersinnig sei, wenn ein freilebendes Tier etwas
schleppe, was zum Genusse eines anderen Geschöpfes bestimmt sei.

In Wirklichkeit kommt dergleichen sehr oft vor, denn auch im Tierreiche
ist die Mutterliebe unendlich opferwillig. Alle Tiermütter und viele
Tierväter schleppen ihren Jungen, die ihnen zu folgen nicht imstande
sind, die Nahrung nach dem Lager oder Neste. Bei den Vögeln werden die
im Neste hockenden Jungen von früh bis spät von den Eltern gefüttert,
die den Kleinen unermüdlich passende Nahrung zutragen. Das hat gewiß
schon jeder einmal beobachten können. Im Gegensatz zu den Vögeln
sind es bei den Raubtieren gewöhnlich die Mütter allein, die das
Heranschleppen der Beute besorgen. Alle diese Tiere apportieren also
bereits in der Freiheit, da sie verzehrbare Gegenstände, die ihnen
selbst gut schmecken würden, für andere tragen.

Hunden und Katzen als früheren Raubtieren liegt das Apportieren schon
im Blute. Mancher junge Hund von drei Monaten nimmt bereits ein Stück
Holz ins Maul und rennt damit herum. Das täte eine Katze niemals. Gewiß
kann man unsere Mieze, wenn man sie sehr lobt, falls sie eine gefangene
Maus bringt, dazu veranlassen, daß sie von jetzt an jede Maus, die sie
erbeutet hat, ihrer Herrschaft erst zeigt, bevor sie diese verzehrt.
Aber das Apportieren ist bei den Katzen immer eine Ausnahme, während es
bei den Hunden die Regel ist.

Warum besteht eine solche Verschiedenheit? Um das zu verstehen, müssen
wir uns an das erinnern, was vorhin über die Beine von Hunden und
Katzen gesagt wurde. Der Hund hat Renn- und Grabpfoten, aber keine
Pranken, wie die Katze.

Der Hund ist also in bezug auf Waffen schlechter gestellt als die
Katze. Dafür hat er als Ausgleich ein mächtiges Gebiß, das viel größer
ist als das der Katze. Mit seinem großen Rachen kann er natürlich viel
leichter apportieren als die Katze.

Hierzu kommt noch die Verschiedenheit der Lebensweise zwischen
Wildhunden und Wildkatzen. Wenn der Wolf ein Schaf abgewürgt hat oder
der Fuchs eine Gans oder ein Huhn gestohlen hat, so dürfen sie es nicht
an Ort und Stelle verzehren, sondern müssen es fortschleppen. Sonst
würde ihnen der Hirte mit seinen Hunden, der Jäger mit seinem Gewehr
oder der Landmann mit seinem Knüttel auf den Pelz rücken.

Das Tragen im Maule, das doch ohne Frage die Grundlage des Apportierens
ist, kommt also bei den hundeartigen Geschöpfen, also Wölfen, Füchsen,
Wildhunden alltäglich vor.

Um so seltener ereignet es sich bei der Wildkatze, da sie ihr Opfer
unvermutet zu überfallen pflegt. Nur ausnahmsweise braucht sie es
fortzuschleppen. Gewöhnlich kann sie ihre Beute an der verborgenen
Stelle des Ueberfalls auch verzehren.

Weil den Hunden das Apportieren infolge ihres großen Rachens sehr
leicht fällt, so haben bereits manche Wildhunde eine Leidenschaft
dafür. In Nordamerika leben zwei Wolfsarten, nämlich der große Waldwolf
und der nur fuchsgroße Coyote. Von dem letztgenannten ist es allgemein
bekannt, daß er mit Vorliebe leblose Gegenstände im Maule trägt. Den
Rinderhirten in diesem Lande, den sogenannten Cowboys, ist diese
Erscheinung so bekannt, daß sie sich hierfür eine Erklärung nach ihrem
Geschmack zurechtgemacht haben. Sie behaupten, der Coyote trage deshalb
gern Sachen im Maule, weil er seine Kiefer stärken wolle.

Ja, die Apportierlust so mancher Wildhundarten kann den Reisenden
höchst lästig fallen. In Südamerika lebt eine Fuchsart, der Aguarachay.
Die Reisenden, die im Freien übernachten, verwünschen ihn in allen
Tonarten. Wenn sie am andern Morgen aufwachen, dann fehlt ihnen ein
Schnupftuch, oder ein Zaum, oder ein Steigbügel, oder ähnliche Dinge.
Von den Eingeborenen hören sie, daß der Dieb der genannte Fuchs sei.
Jeder Zweifel ist deswegen ausgeschlossen, weil zahlreiche bekannte
Forscher übereinstimmend das gleiche berichten. Auch ein guter
Bekannter von mir, der zehn Jahre in Südamerika gelebt hat, wurde oft
von diesem Fuchs bestohlen.

Um ein Haar wurde der berühmte Polarforscher Nansen durch die
Apportierlust der Eisfüchse in die größte Verlegenheit gebracht. Wie
er in seinem bekannten Werke: »In Nacht und Eis« schildert, wurde ihm
zur Nachtzeit von den Eisfüchsen ein Thermometer fortgetragen. Zum
Glück besaß er noch ein anderes, sonst hätte die Aufzeichnung der
Temperaturmessungen, die für den Polarforscher zu den wichtigsten
Dingen gehört, unterbleiben müssen.

Das Tragen von Gegenständen im Maule ist also für alle Hundearten etwas
seit Urzeiten Uebliches. Bei den Wildkatzenarten können wir dagegen
ähnliches nicht beobachten. Deshalb lernt der Hund das Apportieren
spielend leicht, die Katze dagegen schwer. Genau genommen lehrt der
Mensch den Hund nicht das Apportieren, sondern der Hund besitzt diesen
Trieb, und der Mensch nützt ihn für sich aus.

Damit der Jagdhund seinem Herrn eine Beute, die der Hund selbst gern
frißt, also einen Hasen oder ein Kaninchen, willig apportiert, muß er
natürlich gut gefüttert werden. Läßt man ihn hungern, so frißt er von
dem Nager oder er verscharrt ihn heimlich, um später davon fressen zu
können.

Peters Apportierlust ist also, wie wir aus der Lebensweise seiner
wilden Verwandten erkennen, nichts Ungewöhnliches. Bei dieser
Gelegenheit sei bemerkt, daß man es vermeiden soll, einen Hund Steine
apportieren zu lassen, wie es Kinder so gern tun. Zwar hat der Hund,
wie wir wissen, ein kräftiges Gebiß, um Knochen zu zermalmen, aber es
soll nicht dazu dienen, Steine zu packen. Auch können Steine leicht
verschluckt und dadurch das Leben des Tieres schwer gefährdet werden.
Wer also seinen Hund lieb hat, läßt ihn keine Steine apportieren.

Aus meiner Kinderzeit ist mir noch ein Bilderbogen in Erinnerung,
auf dem geschildert wurde, wie ein Mann sich vor einer schweren
Erkältung durch die Apportierlust seines Hundes rettet. Er hat ein
erfrischendes Bad genommen und seinen Hund zur Bewachung seiner Kleider
zurückgelassen. Als er fröstelnd aus dem Wasser steigt, will ihn
sein Hund nicht zu seinen Kleidern lassen, da er seinen Herrn nicht
erkennt. Alle Versuche, zu seinen Kleidern zu gelangen, scheitern, bis
schließlich dem frierenden Herrn der rettende Gedanke kommt, seinen
Hund apportieren zu lassen, was er, wie er weiß, leidenschaftlich gern
tut. Während der Hund im Wasser das Stück Holz sucht, kann sich sein
Herr anziehen. Kaum steckt er in seinen Kleidern, so erkennt auch der
Hund seinen Herrn wieder.

Dieser Fall scheint durchaus glaubhaft zu sein. Das Hundeauge war nicht
imstande, seinen Herrn am Gesicht zu erkennen. Aber auch die Nase
versagte, da der eigentümliche Geruch durch das Bad verflogen war. Erst
als der Herr durch das Anziehen der Kleider wieder seinen dem Hunde
bekannten Geruch hat, ist alles in schönster Ordnung.


11. Die Bedeutung des Geruchssinnes. Der Eigentumssinn der Hunde.

Die Behauptung, daß ein Hund seiner Nase mehr traut als seinen Augen,
wird am überzeugendsten dadurch bewiesen, daß sich zwei Hunde, die
sich begegnen, gegenseitig beriechen. So hat es auch Peter mit seinem
Artgenossen getan. Würde der Hund ein scharfes Auge besitzen, so wäre
dieses Beriechen ganz zwecklos. Der Mensch, der sich in erster Linie
nach den Augen richtet, also ein Augentier wie die Affen und die Vögel
ist, richtet sich erst dann nach dem Geruch, wenn seine Augen ihn im
Stich lassen. Weiß ich beispielsweise nicht, ob eine Flasche, die
mit einer hellen Flüssigkeit gefüllt ist, Essig oder Petroleum oder
Spiritus enthält, so rieche ich daran. Mit den Augen allein kann ich
das nicht entscheiden. So sehen wir, daß in der Apotheke der Provisor
alle Augenblicke an den Flaschen riecht, weil hier nur die Nase
Bescheid geben kann, woraus der Inhalt besteht. Auch für den Koch und
den Parfümhändler ist es sehr wichtig, eine gute Nase zu haben.

Wir sagen gewöhnlich, daß der Geruch zu den niederen Sinnen gehöre.
Ganz richtig dürfte das nicht sein. Wer seine Wohnung betritt, ohne
zu riechen, daß der Gashahn aus Versehen geöffnet geblieben ist, kann
leicht ums Leben kommen. Ebenso sitzt unsere Nase deshalb oberhalb des
Mundes, damit wir die Speisen, die wir zu uns nehmen, vorher durch
den Geruch prüfen. Viele Menschen sind schon deshalb erkrankt, weil
sie verdorbene Speisen genossen haben. Hätten sie vorher ihre Nase
gebraucht, so wären sie vor diesem Schaden bewahrt geblieben.

Naturvölker und Jäger werden ganz entschieden bestreiten, daß der
Geruch zu den niederen Sinnen gehöre. Sie erleben jeden Tag, welche
Bedeutung der Geruchsinn ihres Hundes für sie hat. Der Jäger will Enten
schießen. Ob welche im Schilfe des Sees stecken, können wir mit unsern
Augen nicht feststellen. Aber der Hund mit seiner Nase kann es sofort.
Ebenso zeigt er uns, ob ein Fuchs- oder Dachsbau bewohnt ist oder
nicht, wo die Hühner im Kartoffelkraut stecken, wohin der Hase, der
Hirsch, das Reh geflüchtet ist.

Hat sich der Hase mit seinem braunen Fell auf dem Acker in einer
Sasse, d. h. ausgehöhlten Stelle geduckt, was er mit Vorliebe tut,
so ist er für unsere Augen unsichtbar. Wir sagen dann, er sei durch
seine »Schutzfarbe« gerettet. Denn da die Färbung seines Leibes mit
seiner Umgebung verschwimmt, so ist er durch die Farbe geschützt. Für
den Hund gibt es keine Schutzfarbe. Mag der Hase noch so ähnlich wie
seine Umgebung aussehen, so hat er doch eine andere Ausdünstung. Und
diese Ausdünstung wird von der feinen Nase des Hundes wahrgenommen, und
Freund Hase ist entdeckt.

So würde ein Hund nie unsere Märchen verstehen, wonach Kinder im Walde
ausgesetzt werden und nicht wieder nach Hause finden. Wollte ihn
jemand aussetzen, so würde er einfach die Nase auf die Erde setzen und
denselben Weg zurücklaufen.

So ließe sich noch vieles anführen, woraus hervorgeht, daß der Geruch
ein ungeheuer wichtiger Sinn ist. Vorläufig wollen wir es genug sein
lassen. Wir werden nochmals darauf zurückkommen, wenn wir von den
Polizeihunden und ihren Leistungen sprechen.

Peter hat, wie wir sahen, bei dem Terrier, mit dem er sich beroch,
geknurrt und die Zähne gezeigt. Vor der großen Dogge dagegen ist er mit
eingeklemmtem Schwanz geflüchtet.

Es würden sich noch vielmehr Menschen Hunde halten, wenn nicht die
gegenseitige Beißerei üblich wäre. Und zwar kann man beobachten,
daß die gleichen Geschlechter am meisten zum Beißen geneigt sind.
Ein männlicher Hund oder Rüde wird gern mit einem andern Rüden
kämpfen, aber einer Hündin wird er nichts tun, vielmehr sich bei ihr
einzuschmeicheln suchen.

Wie bei den Menschen, so haben auch die Säugetiere verschiedene
Geschlechter. Peter ist ein Männchen, also ein Rüde. Der Terrier, den
er traf, war ebenfalls ein Rüde. Beide waren nicht abgeneigt, sich das
Fell gegenseitig zu zerzausen.

Der Grund der Kampflust liegt darin, daß bei den Wildhundarten der
stärkste Hund das Rudel als unbedingter Selbstherrscher leitet. Ein
Auflehnen gegen seine Herrschaft gibt es nicht.

Wer der stärkste im Rudel ist, kann sich immer erst durch eine Beißerei
feststellen lassen. Jeder Hund ist also bereit, dem andern zu zeigen,
daß er zum Herrn, sein Gegner zum Diener berufen ist.

Bei den halbwilden Eskimohunden ist noch heute die Alleinherrschaft
des stärksten Hundes im Rudel, der Baas genannt wird, üblich. Altert
der Baas, so verliert er die Leitung und ein jüngerer Hund, der der
kräftigste des Rudels ist, tritt an seine Stelle.

Da sich gewöhnlich nur Hunde von gleichem Geschlecht beißen, so haben
Gastwirte gewöhnlich Hündinnen. Denn die Gäste halten sich regelmäßig
Rüden, weil die Hündin viel Umstände verursacht, namentlich dann, wenn
sie Junge hat.

Ein Glück ist es, daß große Hunde gewöhnlich das Gekläff kleiner Köter
unbeachtet lassen. Aber es kommen auch Ausnahmen vor. So hat Peter
schon seit Wochen durch sein andauerndes Anbellen und Herausfordern den
Zorn der großen Dogge erregt. Vor ihr flüchtet er mit eingeklemmtem
Schwanze.

Dieses Sinkenlassen des Schwanzes dürfte eine Eigentümlichkeit aller
Hundearten sein. Von den Eskimohunden her wissen wir auch den Grund
dafür. Kein Hund des Rudels darf an dem Baas, dem Leiter, vorübergehen,
ohne den Schwanz sinken zu lassen. Tut er es nicht, so wird er durch
Bisse gestraft.

Das Sinken des Schwanzes bei Peter ist also ein deutliches Zeichen
seiner Furcht.

Trotzdem dreht er sich herum gegen seinen Feind, sobald er in dem
Bereiche des Kellers ist. Denn hier macht sich sein Eigentumssinn
geltend.

Von allen unseren Haustieren hat eigentlich nur der Hund wirklichen
Eigentumssinn. Ein Pferd läßt sich von einem fremden Menschen stehlen,
ohne sich im geringsten dagegen zu wehren.

Warum besitzt der Hund Eigentumssinn?

Wir müssen wieder bei den wilden Verwandten fragen.

Es ist klar, daß sich ein solcher Sinn bei Pflanzenfressern schwerlich
entwickeln wird. Denn ein Streiten um den einzelnen Bissen findet bei
ihnen nicht statt, weshalb manchmal verschiedene Tierarten friedlich
nebeneinander weiden. Am bekanntesten ist das Zusammenweiden von
Zebras, Gnus und Straußen in Afrika.

Wildhunde dagegen, die ein größeres Tier, einen Hirsch oder eine
Antilope, erbeutet haben, kämpfen um jeden Bissen. Hieraus erklärt sich
auch das für uns widerwärtige Fressen des Hundes von Erbrochenem.

Würde bei der gemeinsamen Mahlzeit ein Hund nicht schlingen, so bekäme
er so gut wie gar nichts. Um recht viel zu erhalten, preßt er so viel
in den Magen hinein, wie nur möglich ist. Nachher geht er abseits und
gibt das Gefressene von sich. Denn alle Hundeartigen haben ihren Magen
sehr in der Gewalt, weshalb es so schwer ist, Wölfe oder Füchse zu
vergiften.

Weil also Wildhunde gewöhnlich jeden erhaschten Bissen verteidigen
müssen, deshalb haben Hunde einen sehr ausgeprägten Eigentumssinn.

Hierzu kommt noch folgendes. Jedes Rudel bewohnt einen bestimmten
Bezirk und behandelt jeden Fremden, der ihn betritt, als Feind. Auch
heute noch halten die verwilderten Hunde in den türkischen Städten an
bestimmten Straßen und Gassen fest. Jedes Rudel überfällt einen nicht
zu ihnen gehörigen Hund und zerreißt ihn, wenn er nicht rechtzeitig
flüchtet.

Jagdhunde sind gewöhnlich wenig bissig. Wenn aber ein Fremder einen von
einem Jagdhunde erbeuteten Rehbock oder Hasen berühren will, dann kann
er etwas erleben. Denn selbst der gutmütigste Hund wird dann gefährlich.

Es entspricht also ganz dem ausgesprochenen Eigentumssinn des Hundes,
daß Peter kehrt macht gegen seinen Verfolger. Auch der Verfolger
achtet das fremde Eigentum in gewissem Sinne. In Dörfern kann man das
alltäglich erleben. Ein Bauer hat einen Hund, der auf der Straße jeden
andern Hund anrempelt; dasselbe Tier ist sehr gesittet, wenn es der
Bauer auf ein fremdes Gehöft mitnimmt. Es läßt sich auch dort von einem
kleinen Köter anblaffen, der solches niemals auf der Straße wagen würde.

Kommt es zu einer wirklichen Beißerei zwischen zwei großen Hunden,
so ist jedes Prügeln gewöhnlich aussichtslos und obendrein sehr
gefährlich. Die Hunde sind in ihrer Wut fast gefühllos und beißen
selbst ihren eigenen Herrn, wodurch schon mancher um einen Finger
gekommen ist.

Nur die Nase, das empfindlichste Organ des Nasentieres, bietet auch
hier Angriffspunkte. Alle Nasentiere, also Füchse, Dachse und andere,
können durch einen starken Hieb über die Nase getötet werden. Handelt
es sich nicht um einen Hund, dessen Nase sehr wertvoll ist, also einen
Jagdhund, so kann man die Empfindlichkeit der Hundenase als Mittel zum
Auseinanderbringen verbissener Hunde benutzen. In Fachzeitschriften ist
wiederholentlich davon berichtet worden, daß bei Hunden, die durchaus
unempfindlich schienen, das Bestreuen der Nase mit Schnupftabak oder
das Vorhalten einer brennenden Zigarre die sofortige Lösung der Tiere
zur Folge gehabt hat.


12. Soll man sich in der Großstadt einen Hund halten? Die
Stubenreinheit des Hundes.

Wir haben unsern Peter nur kurze Zeit beobachtet und dabei gesehen, daß
er in den wenigen Stunden empfindlichen Menschen recht lästig fallen
konnte. Nervösen Personen ist bereits das Hundegebell etwas, was ihnen
auf die Nerven fällt. Aber selbst gesunden Personen ist es durchaus
nicht angenehm, wenn sie beim Radfahren ein Hund verfolgt. Manche
steigen sogar ab, weil sie bei den unberechenbaren Bewegungen des
Tieres einen Sturz befürchten.

Das Gebissenwerden durch Hunde kommt wohl im großen ganzen nicht so
häufig vor, wie man annehmen sollte. In den Großstädten pflegt der
Maulkorbzwang diese Gefahr sehr herabzumindern. Uebrigens ist der
Maulkorb nur ein unvollkommenes Abwehrmittel. Man ersieht es daran, daß
er beißlustige Hunde nicht hindert, anderen Hunden Wunden beizubringen.

Andere, verhältnismäßig selten auftretende Gefahren, beispielsweise
durch Tollwut, sollen später noch besprochen werden.

Bisher ist noch unerwähnt geblieben, daß ein Tier, das Speise und
Trank zu sich nimmt, natürlich auch Ausscheidungen von sich geben muß.
Bei dem Hunde treten diese Entleerungen in besonders unangenehmer
Form auf. Er beschmutzt die Ecken von Häusern und überhaupt alle
Vorsprünge beim Nässen, während er seine festen Ausscheidungen, die
sogen. »Losung«, mit Vorliebe auf dem Bürgersteig absetzt. Es scheint
ihm keinen Augenblick Sorge zu machen, daß dabei die Stiefelsohlen der
Vorübergehenden mit seiner Losung Bekanntschaft machen können.

Ein Lichtblick hierbei ist es, daß der Hund wenigstens in der Wohnung
stubenrein ist oder, wie es allgemein heißt, stubenrein gemacht wird.
Darauf werden wir noch näher zu sprechen kommen.

Was veranlaßt nun den Hund zu dieser Handlungsweise, die anscheinend
jeder Sitte und Scham Hohn spricht?

Auch hier müssen wir wieder die Lebensweise der wilden Verwandten um
Rat fragen. Von den Wölfen und Füchsen wissen wir es mit Bestimmtheit,
daß sie wie unsere Hunde an den Ecken und an vorspringenden Punkten
nässen.

Versetzen wir uns in die Lage eines Nasentieres, so erkennen wir, daß
hierdurch die Natur in höchst einfacher Form einen Nachrichtendienst in
der Tierwelt, eine sogenannte »Post«, eingerichtet hat. Kommt ein Wolf
in ein fremdes Gebiet, so braucht er nur die vorspringenden Punkte und
Ecken zu beriechen und weiß dann sofort, ob hier Artgenossen hausen
oder nicht. Am bequemsten kann er das riechen, wenn in der Höhe seiner
Nase genäßt ist.

Damit sie stets die erforderliche Flüssigkeit haben, besitzen
die Hundeartigen nur sehr wenig Schweißdrüsen. Jeder hat wohl
schon beobachtet, daß die Hunde, wie der Volksmund sagt, an der
heraushängenden Zunge schwitzen, aber nicht am Körper. Der von der
Zunge herabfließende Speichel soll ohne Frage die lange Zunge und damit
mittelbar den ganzen Körper abkühlen.

Seine Losung verscharrt der Wolf regelmäßig. Denn bei den Raubtieren
hat sie einen so starken Geruch, daß alle Pflanzenfresser, Hirsche,
Rehe, Hasen usw. das Gebiet verlassen würden, wo sie die Anwesenheit
ihres Feindes durch diesen Umstand wahrgenommen hätten.

Auch unser Hund pflegt sich an dieses frühere Verscharren häufig zu
erinnern. Denn man sieht nicht selten, daß er nach der Beendigung
des Vorgangs mit den Hinterbeinen scharrt, obwohl das bei dem festen
Steinpflaster vollkommen wirkungslos ist. Manche Leute behaupten,
daß der Hund sich dadurch die Beine reinigen wolle. Das ist ganz
ausgeschlossen, denn im Sande vergräbt er seine Losung auch heute noch,
wie es ja auch die Katze tut.

Zu der Zeit, wo der Hund die Aufmerksamkeit einer Hündin erregen will,
liegen ihm Räubergedanken fern. Dann vergräbt er die Losung nicht,
sondern setzt sie ausgerechnet auf einen Stein oder sonst in einer
solchen Höhe, daß sie mit der Nase der Hündin in gleicher Linie ist.

Zum Glück können die Ausscheidungen der Hunde nicht Träger von
Krankheiten sein. Niemals hat man etwas davon gehört, daß dadurch
Seuchen entstanden sind. Vielmehr behandelte man die Losung im Altertum
als Arzneimittel. Auch heute spielt sie bei der Handschuhfabrikation
eine große Rolle.

Zuungunsten des Hundes spricht also sehr viel. Man kann es den
Hundefeinden nicht verargen, wenn sie darauf dringen, daß Hunde in der
Stadt überhaupt nicht gehalten werden dürfen.

Was läßt sich dagegen zugunsten des Hundes geltend machen?

Da gerade bei uns der Stimme des Auslandes eine übermäßige Bedeutung
beigemessen wird, so sollte es doch den Hundefeinden zu denken geben,
daß man in anderen Kulturstaaten von solcher übertriebenen Gegnerschaft
kaum etwas weiß.

Hiervon abgesehen sprechen für den Hund folgende Umstände:

1. Die Verhinderung von Einbrüchen, ja von schweren Verbrechen dürfte
alljährlich einen ziemlich hohen Geldbetrag ausmachen und manchem
Menschen die Gesundheit, ja das Leben bewahrt haben.

2. Die Rettung von Personen durch Hunde, z. B. von Kindern, die ins
Wasser gefallen waren, dürfte erheblich die Zahl der Menschenleben
übersteigen, die durch Hunde verloren gegangen sind.

3. Die Leistungen als Blindenführer -- von den Polizeihunden sei ganz
abgesehen -- zwingt uns zu einer solchen Hochachtung, daß man darüber
viele Unbequemlichkeiten, die ihre Haltung mit sich bringt, übersehen
muß.

4. Der Mensch lebt nicht bloß vom Brot allein. Die Kinder in der
Großstadt wachsen in einem steinernen Meer auf, ohne von den
Schönheiten der Natur, die das Landleben in sich birgt, etwas zu
erfahren. Sie kennen die Freude nicht, wenn die Störche zurückkehren,
die Schwalben eintreffen, der erste Kuckucksruf erschallt und tausend
andere Dinge, deren Aufzählung zu weit führen dürfte. Und gerade das
kindliche Herz hat an den Tieren die größte Freude, weil die Kinder
sich unbewußt mit ihnen nahestehend fühlen. Wie oft habe ich es
erlebt, daß Großstadtkinder, die sich sonst schrecklich langweilten,
stundenlang mit einem Hunde, den ein Verwandter mitgebracht hatte,
spielten, ja schließlich nicht in das Bett gehen wollten, weil sie sich
nicht von ihm trennen konnten. Nein, diese Freude den Großstadtkindern
zu rauben, brächte ich nicht übers Herz, selbst wenn der Hund noch
einige Fehler mehr besäße.

5. Selbst im Interesse der Wissenschaft müßte man die Verbannung der
Hunde aus der Stadt beklagen. Wer würde es von den Städtern noch
zugeben, daß der Hund ein Nasentier und nicht, wie der Mensch, ein
Augentier sei, wenn er nicht täglich sähe, wie der Hund sich mit andern
Hunden beröche und überall an der Erde und an den Ecken seine Nase
tätig sein ließe?

Trotzdem sich also mancherlei zugunsten der Haltung eines Hundes in der
Stadt sagen läßt, so wird doch jeder wirkliche Tierfreund nur unter
besonderen Umständen einen Hund in der Großstadt halten. Es sind nicht
bloß die Belästigungen der Mitmenschen, die er vermeiden will, sondern
er verzichtet darauf, einen Hund zu halten, weil er ihm nicht die
Behandlung bieten kann, die das Tier braucht.

Als Hetzraubtier ist der Hund an Bewegung gewöhnt, weshalb er vor
Freude hochspringt, wenn sein Herr mit ihm ausgehen will. In der
Großstadt soll man nur Hunde halten, die wenig Auslauf brauchen
wie unsern krummbeinigen Dachshund. Einen Windhund an der Leine
herumzuführen, wie man nicht selten sehen muß, kann fast als
Tierquälerei bezeichnet werden. Denn ein Geschöpf, das zu den
schnellsten Säugetieren gerechnet werden kann und das in der Freiheit
gewiß täglich ein paar deutsche Meilen zurücklegen würde, soll man
nicht auf ein paar Schritte beschränken.

Ueber die vorhin erwähnte Stubenreinheit der Hunde wäre noch folgendes
zu bemerken.

Ich entsinne mich noch aus meiner Kindheit, wie mein Vater uns zeigte,
auf welche Weise ein junger Hund stubenrein gemacht wird. Er wurde mit
der Nase in den von ihm gemachten Pfuhl ordentlich gestukt, bekam dann
auf die Rückseite ein paar Klapse und wurde mit einem »Schämst du dich
denn gar nicht« zur Türe hinausbefördert. Da ein solches Verfahren fast
immer den gewünschten Erfolg hatte, so zweifelte ich keinen Augenblick
daran, daß der Hund durch die Ermahnung und die Schläge ein gewisses
Verständnis für das Verwerfliche seines Treibens bekam und sich
besserte.

Später, als ich Affen genau studierte, sah ich zu meinem Erstaunen, daß
der Affe, trotz seiner Klugheit, für Stubenreinheit nicht das mindeste
Entgegenkommen zeigte. Ich habe unzählige zahme Affen kennengelernt,
aber keinen einzigen, der stubenrein ist. Weder Prügel noch Scheltworte
richten bei ihnen das geringste aus.

Hieraus geht klar hervor, daß der Mensch nicht den Hund stubenrein
macht, sondern, wie beim Apportieren, einen im Hunde liegenden Urtrieb
zur Entwicklung bringt.

So ist es auch in der Tat. Der Hund ist, wie seine Verwandten Wolf und
Fuchs, früher ein Höhlenbewohner gewesen. Die Hundehütte ist ja weiter
nichts als ein Ersatz für die frühere Höhle. Wir wissen nun vom Dachs,
Hamster und andern Höhlenbewohnern, daß sie für ihre Entleerungen ein
besonderes Abteil, eine Art Klosett, besitzen. Sie wissen aus Instinkt
-- was das ist, soll später erörtert werden --, daß sie ihre Höhle mit
ihrem Unrat verpesten würden, wenn sie diese Vorsicht nicht beachteten.

Der Hund hat also von Hause aus den Trieb, seine Höhle nicht zu
verunreinigen. Das sieht man am besten daraus, daß er sein Lager nicht
verunreinigt, wenn man ihn daran festbindet.

Der Affe, der auf Bäumen lebt, kann kein Lager verpesten, und deshalb
hat er für Stubenreinheit kein Verständnis.


13. Das Grasfressen der Hunde. Schämen sich manche Hunde?

Da sich die Lebensweise des Hundes besser auf dem Lande als in der
Großstadt beobachten läßt, so nehmen wir die Einladung eines Bekannten
an, der ein großer Tierfreund ist und mehrere Hunde auf seinem
Grundstück hält. Unterwegs fällt uns ein Hund auf, der mit Grasfressen
beschäftigt ist.

Dieses Grasfressen eines Fleischfressers hat seit alter Zeit die
Aufmerksamkeit der Menschen erregt und die verschiedenartigste Deutung
gefunden.

Wir beobachten jetzt an dem Hunde, daß er sich übergeben muß, wobei
etwas Schleim zu Tage tritt.

Da für den Landbewohner dieser Vorgang eine alltägliche Erscheinung
ist, so erklärt sich hieraus die Redensart: Es bekommt einem, wie dem
Hunde das Gras, nämlich übel.

Man glaubte also, daß der Hund als unvernünftiges Tier so wenig wisse,
was ihm eigentlich gut tue, daß er aus reiner Dummheit das Gras fresse.
Weil er vom Grase keine Speise oder Stärke erhält, da es wider seine
Natur ist, so ist die Folge eben die Uebelkeit.

Nur ein oberflächlicher Tierbeobachter kann diesen Standpunkt
einnehmen. Denn in Wirklichkeit ist es doch höchst wunderbar, daß die
Tiere ohne Belehrung wissen, was ihnen gut tut, und schädliche Dinge
meiden.

Das Grasfressen soll ferner folgende Gründe haben. Der Hund merkt, daß
er Würmer hat. Um diese zu töten, frißt er scharfkantige Gräser, damit
sie in seinem Leibe die Bösewichter zerschneiden.

Da viele Würmer durch Zerschneiden gar nicht getötet werden, so ist
diese Annahme grundfalsch, wobei noch davon abgesehen werden soll, daß
das verschlungene Gras gewiß zu dem erwähnten Zwecke ganz untauglich
wäre.

Manche halten das Grasfressen für eine bloße Spielerei. Dem kann ich
mich nicht anschließen, nachdem ich folgendes beobachtet habe.

Ein Hund hatte beim Apportieren von Korken ein kleines Bröckchen
verschluckt. So sehr er bei größeren Stücken seinen Magen in der
Gewalt hat, so suchte er vergeblich durch Erbrechen das Korkstückchen
wieder von sich zu geben. Da der Hund hinaus in den Garten wollte, so
kamen wir seinem Wunsche nach. Er fing sofort an Gras zu kauen und
nach kurzer Zeit trat die erwünschte Wirkung ein. Hiernach muß ich das
Grasfressen -- wenigstens in manchen Fällen -- für ein Brechmittel bei
Magenverstimmungen halten.

Daß die Hunde sich auf dem Lande so viel wohler befinden als in der
Stadt, führe ich zum Teil auf diesen Umstand zurück, daß der Hund in
ländlichen Verhältnissen bessere Gelegenheit hat, seine natürlichen
Heilmittel zu benutzen.

Wir begrüßen unseren Bekannten, Herrn Böhm, der mit seinem Pudel
bereits am Eingange steht, und werden natürlich von dem Hunde, dem wir
nicht bekannt sind, angeblafft.

Als Wachhunde sind Pudel gewöhnlich ebensowenig zu gebrauchen wie
Jagdhunde. Mit Recht hat man vom Pudel gesagt, daß jemand seinen Herrn
morden könne, ohne daß ihm der Pudel beistände. Auch der Jagdhund steht
seinem Herrn nicht immer bei.

Dieses Verhalten so kluger Tiere dürfte darauf zurückzuführen sein,
daß der Pudel ein zu großer Menschenfreund ist, um überhaupt Menschen
zu beißen. Dem Jagdhunde steckt sein Wild so im Kopfe, daß ihm andere
Menschen, wenn sie nicht auf Jagd gehen, gleichgültig sind.

Dagegen ist der Pudel ausgezeichnet zu allerlei Kunststücken geeignet,
und da solche Kunststücke beim Volke sehr beliebt sind, so ist auch der
Pudel ein sehr geschätzter Hund.

Mit der größten Bereitwilligkeit ist auch unser »Karo«, wie der Pudel
heißt, bereit, zu zeigen was er kann. Kaum haben wir seinem Herrn
gegenüber den Wunsch geäußert, einige Glanzleistungen von Karo zu
sehen, so erhalten wir eine richtige Vorstellung. Erst werden die
einfachen Sachen vorgeführt: Hinsetzen, Schönmachen, die Pfote geben,
auf den Hinterbeinen gehen. Dann kommen die schwierigeren Sachen: über
Stock und Stühle springen und tanzen. Dazwischen muß Karo zeigen, wie
der Hund spricht und beweisen, daß er rechts und links unterscheiden
kann. Nur einen Happen, den er von der rechten Hand seines Herrn
bekommt, nimmt er, sonst läßt er ihn ganz unberücksichtigt.

Um Karo als Schwimmer und Taucher zu bewundern, gehen wir nach dem
nahegelegenen See. Der Pudel schwimmt vortrefflich, fast wie eine
Ente, und apportiert mit unglaublicher Ausdauer. Wenn er aus dem
Wasser kommt, muß man sich natürlich vorsehen, daß man nicht beim
Ausschütteln des Felles naß wird. Dieses Schütteln der Haut können wir
ihm nicht nachmachen, da die unsrige nicht so beweglich ist. Wie groß
die Beweglichkeit der Hundehaut ist, ersehen wir deutlich, wenn wir
einen Hund am Nacken hochheben.

Karo ist ein Rüde und etwa 1½ Jahre alt. Wie Herr Böhm erzählt, hat
er ihn erst seit einigen Monaten. Er ist durch einen Zufall zu ihm
gekommen, da sein bisheriger Herr plötzlich verstorben war, und ihm
der Hund zu einem Spottpreis angeboten wurde. Die erste Zeit sei das
Tier allerdings sehr traurig gewesen und habe wenig Nahrung zu sich
genommen. Jetzt aber habe er sich in die neuen Verhältnisse eingewöhnt
und fühle sich augenscheinlich sehr wohl.

Es ist eigentlich recht wunderbar, daß fast alle Tiere ohne Unterricht
schwimmen können. Wie lange braucht der Mensch, um ordentlich schwimmen
zu können? Mancher lernt es überhaupt niemals.

Auch hier wollen wir uns bei den wilden Verwandten erkundigen, wie es
mit ihrer Schwimmkunst steht.

Die Wildhundarten als Raubtiere müssen natürlich schwimmen können, denn
sonst würden die Pflanzenfresser, die sie verfolgen, sich jedesmal
dadurch retten, daß sie in das Wasser flüchten. Wölfe schwimmen nicht
nur gut, sondern scheinen auch gern in das Wasser zu gehen. Der Fuchs
kann ebenfalls schwimmen, aber man wird nicht behaupten können, daß
er gern ins Wasser geht. In Jagdrevieren kann man beobachten, daß er
lieber einen Umweg macht und über einen Steg geht, als daß er den
Graben durchschwimmt.

Oft hat Herr Böhm gesagt, wenn der Pudel etwas falsch machte: »Aber
Karo, schämst du dich gar nicht?« Wir kommen darauf zu sprechen, ob der
Hund ein wirkliches Gefühl für »sich schämen« besitzt? Ich bezweifle es
sehr stark, denn ich nehme an, daß der Hund aus dem Tone der Sprache
heraushört, daß der Herr böse ist, und daß ihm etwas Aergerliches in
Aussicht steht. Ich glaube also, daß diese allgemein übliche Redensart
eine Vermenschlichung ist, die beim Tier nicht recht paßt. Zu einem
sonst braven Knaben, der eine Dummheit begangen hat, können wir mit
Recht sagen: Schämst du dich nicht? Wir rufen sein Ehrgefühl an und
verzichten deshalb auf eine Bestrafung. Beim Tiere aber, selbst wenn es
ein kluger Pudel wäre, ein solches Ehrgefühl anzunehmen, scheint mir
unbegründet zu sein. Bei jeder Erklärung muß man zunächst versuchen,
mit einer möglichst einfachen auszukommen.

Mein Bekannter macht hiergegen geltend, daß ein feinfühliger Hund
oft, wenn er gescholten sei, seinen Herrn links liegen lasse, also
gewissermaßen schneide. Diesen Einwand habe ich schon oft gehört.
Dieses Benehmen ist wohl aber mehr auf Eitelkeit als auf Ehrgefühl
zurückzuführen. Ein Knabe schämt sich bei der Ermahnung seines Lehrers,
weil er sich im stillen sagt: Wenn ich mich ordentlich angestrengt
hätte, würde ich das aufgegebene Gedicht fließend aufsagen können. Bei
einem Hunde kann man aber einen solchen Gedankengang nicht annehmen.


14. Das Laufen gegen den Wind. Warum ist die Hundenase kühl und
feucht? Warum gibt es bei den Hunden Steh-, Kipp- und Hängeohren? Die
Wichtigkeit des Gehörs.

Während unserer Unterhaltung hat Karo einen kleinen Privatbummel
gemacht. Wir sehen an dem Rauche der Zigarren, daß der Wind aus
Südwesten kommt und können feststellen, daß der Hund gegen die
Windrichtung gelaufen ist. Jeder Hund, der nicht besondere Ziele
verfolgt, wird bei freier Wahl die Richtung gegen den Wind bevorzugen.
Das liegt allen Raubtieren im Blut. Wie Hunde und Katzen ihre
Ausscheidungen verscharren, damit sie nicht von den Pflanzenfressern
gewittert werden, so laufen sie aus demselben Grunde gegen den
Wind. Denn ein Hirsch oder Reh mit ihren feinen Nasen würden einen
Wolf schon aus sehr weiter Entfernung wittern, wenn er nicht diese
Vorsichtsmaßregel gebrauchte. Der Wind trägt bekanntlich alle Düfte
sehr weit. Vor vielen Jahren wohnten wir fast zwei Kilometer weit von
einer chemischen Fabrik. Wehte der Wind von der Fabrik zu uns, so war
es nicht zum Aushalten, während man sonst nichts davon bemerkte.

Karo, der schwarze Pudel, hat auch eine kühle und feuchte Nase. Man
nimmt, und wohl mit Recht, an, daß das ein Zeichen von Gesundheit des
Hundes ist. Denn ein kranker Hund pflegt eine trockene und warme Nase
zu haben. Woher kommt das?

Auch in diesem Falle sieht man wiederum, daß der Hund ein Nasentier
ist. Einmal ist die Nase bei den Geschöpfen, bei denen sie die
Hauptrolle spielt, sehr empfindlich, wie bereits erwähnt wurde. Wenn
wir Menschen einen Schlag auf die Nase bekommen, dann blutet sie
wohl, aber wir empfinden keinen uns betäubenden Schmerz. Ganz anders
liegt die Sache bei einem Schlag ins Auge. Dann sehen wir ordentliche
Feuergarben aufblitzen. Denn bei uns ist das Auge das wichtigste Organ,
weshalb wir eine uns ans Herz gewachsene Sache wie einen »Augapfel«
hüten. Also die Nase ist der wichtigste Sinn des Hundes, und als solche
muß sie feucht sein aus folgenden Gründen.

Nehmen wir an, wir betreten nach einem Gewitterregen unseren Garten.
Dann empfinden selbst unsere stumpfen Nasen, daß alles doppelt so stark
riecht. Feuchtigkeit unterstützt das Riechvermögen, wie jeder Jäger
weiß. An heißen, trockenen Augusttagen finden die Jagdhunde manchmal
keine Hühner, obwohl solche vorhanden sind. Die trockene Wärme und die
trockene Kälte lassen die Hundenasen viel weniger leisten als sonst.

Damit die Hundenase gut wittert, muß sie also feucht sein. Um feucht zu
bleiben, muß sie kühl sein.

Da die schwarze Farbe alle Duftstoffe stark anzieht, weshalb viele
Aerzte gegen die schwarzen Kleider der Krankenschwestern eingenommen
sind, so ist wahrscheinlich aus diesem Grunde die Nase aller Nasentiere
schwarz. Selbst der Eisbär hat in seinem weißen Pelz eine schwarze
Nase, die schon von weitem auffällt. Man glaubt den Eskimos, daß er
beim Beschleichen der Seehunde mit einer seiner großen Pranken die Nase
bedecke, damit sie ihn nicht verrate.

Jetzt wissen wir also, weshalb die Nase des Hundes empfindlich, kühl,
feucht und schwarz ist.

Karo hat Hängeohren, während Schäferhunde gewöhnlich Steh- oder
Kippohren besitzen. Wie können wir diesen Unterschied erklären?

Das Gehör ist ein außerordentlich wichtiger Sinn. Nach meiner Ansicht
hören alle Säugetiere mindestens so gut wie der Mensch, gewöhnlich aber
schärfer.

Auch hier will ich mit größtem Nachdruck die ungeheure Wichtigkeit
des Gehörs hervorheben. Hoffentlich wird also die Bezeichnung Augen-
und Nasentiere nicht mißverstanden und daraus der ganz irrige Schluß
gezogen, daß Augen- und Nasentiere schlecht hören könnten.

Alle freilebenden Tiere müssen ihr Gehör fortwährend anstrengen. Daher
kommt es, daß wir unter den freilebenden Säugetieren nur Stehohren
antreffen.

Allerdings sieht man manchmal Hirsche, die in Parks gehalten werden,
mit einem Schlappohr. Da aber solche Hirsche Haustieren gleichen,
weil sie keine Nachstellungen von Feinden erleiden, so bestätigen sie
den Satz, daß ein Säugetier unter natürlichen Verhältnissen Stehohren
besitzt.

Bei unseren Hunderassen haben also diejenigen, die ihren Verwandten am
ähnlichsten leben, noch Stehohren, so die deutschen Schäferhunde. Bei
den schottischen Schäferhunden fangen bereits die Kippohren an, weil
sie bei uns keine Schafe mehr hüten. Die reinen Haushunde wie Pudel,
Möpse, ja selbst die Jagdhunde haben Schlappohren. Braucht die Katze
keine Mäuse mehr zu fangen, so bekommt sie, wie von der chinesischen
Katze berichtet wird, ebenfalls Schlappohren.

Ist das Abschneiden der Ohrlappen, das sogenannte Kupieren, zu
billigen? Gewöhnlich wird es als große Tierquälerei getadelt. So
einfach liegt die Sache jedoch nicht. Unter natürlichen Verhältnissen
steht, wie wir sahen, das Ohr aufrecht. Bei unseren Haushunden sind
dagegen Hängeohren die Regel. Durch den vorhängenden Ohrlappen wird
namentlich bei langhaarigen Hunden manchmal eine solche Hitze erzeugt,
daß die Hunde große Ohrenschmerzen leiden. Wenn man also durch das
Kupieren beabsichtigt, den Hund vor Schmerzen zu bewahren, so läßt sich
dagegen wenig einwenden.


15. Warum fürchtet sich der Hund vor dem leeren Wasserglase? Warum
bellt er den Mond an?

Wir kehren zu unserem Karo zurück und benutzen die Gelegenheit, um
über einige Streitfragen Aufklärung zu bekommen. Die meisten Hunde
fürchten sich vor einem leeren Wasserglas, und man findet die Erklärung
darin, daß die Hunde früher einmal mit Wasser begossen worden sind
und deshalb das Wasserglas scheuen. Bei der wasserscheuen Katze wäre
diese Erklärung einleuchtend, aber die Furcht des Hundes vor dem leeren
Wasserglase habe ich bei Katzen nicht feststellen können. Außerdem
müßte sich ein Hund dann erst recht vor einer Gießkanne fürchten, mit
der man ihn begossen hat. Das habe ich wiederholentlich getan, aber
niemals das Zurückweichen wie vor dem Wasserglase beobachten können.

Unser Bekannter hat inzwischen ein Wasserglas geholt und wir können
bei Karo genau das beobachten, was bei Hunden üblich ist. Bringt man
ihm das Glas in die Nähe des Kopfes, so ist ihm das anscheinend sehr
unangenehm, und er weicht zurück.

Da der Hund ein Nasentier ist, das sich in erster Linie nach der Nase
richtet, und das Glas wohl zu den wenigen Gegenständen gehört, die
wenig oder gar keine Ausdünstung haben, so befindet sich der Hund in
der üblen Lage, daß seine Augen etwas wahrnehmen, seine treue Nase aber
nichts. Das ist ihm unangenehm und er will sich fortwenden. Das sieht
man beispielsweise, wenn ein Hund von fern in einen Spiegel schaut,
wie es bei Umzügen vorkommt, wo ein großer Wandspiegel auf der Straße
steht. So sah ich, wie eine Dogge in einem solchen Falle die Haare
sträubte und auf den Spiegel zuging, weil sie glaubte, einen Gegner
anzutreffen. In der Nähe beroch sie den Spiegel und lief fort, da ihre
Nase ihr berichtet hatte, daß es sich um ein Gespenst gehandelt hatte.

Augentiere dagegen, wie der Affe, haben große Vorliebe für einen
Spiegel, wovon man sich in Zoologischen Gärten oft überzeugen kann.

Auch die alte Streitfrage, ob Hunde Bilder erkennen, verneint Herr Böhm
aufs entschiedenste. Sein Karo und sein Hektor, ein Jagdhund, den wir
gleich noch kennenlernen werden, beachten das große Bild von ihm gar
nicht, obwohl sie sehr anhänglich wären. Uebrigens hat schon der große
Naturforscher Alexander von Humboldt vor mehr als hundert Jahren genau
das gleiche beobachtet. Er weist darauf hin, daß die klügsten Hunde
ganz kalt bei Bildern bleiben, während seine zahmen Affen nach den
gemalten Gegenständen griffen.

Kürzlich, so erzählt uns unser Bekannter, ging er mit seinem Hektor
spazieren und kam dabei an einem großen Garten vorbei, in dem, wie es
so häufig vorkommt, ein aus einer Tonmasse hergestelltes Reh im Grase
ruhte. Da das Reh sehr natürlich wiedergegeben war, so erregte es die
Aufmerksamkeit des Hundes, der bei der Windrichtung keine Witterung von
dem Gegenstande bekommen konnte. Da der Garten einem lieben Freunde von
ihm gehörte, so öffnete Herr Böhm die Gartentür, um zu sehen, was der
Hund beginnen würde. Er benahm sich genau so wie die vorhin erwähnte
Dogge vor dem Wandspiegel. Nachdem er das Reh berochen hatte, ließ er
es links liegen.

Bei dieser Gelegenheit erwähnt Herr Böhm, daß er schon häufig in der
Nachtruhe durch das Gebell der Hunde bei klarem Vollmond gestört worden
sei. Diese Beobachtung ist sehr alt, denn sie hat zu der Redensart
Anlaß gegeben: Die Hunde bellen den Mond an, um damit auszudrücken, daß
der Mensch in diesem Falle ein Bild sinnlosen Tuns erblicken könne.
Diese allgemein herrschende Ansicht, wonach sich ein verächtliches
Geschöpf, wie der Hund, über einen erhabenen Himmelskörper ärgere und
ihn zu begeifern trachte, ist unzweifelhaft unrichtig. Darüber bin ich
mit meinen Bekannten einig. Was aber der wahre Grund der Erregung der
Hunde gegen den Mond ist, läßt sich nicht leicht sagen.

Die Araber erzählen von ihren Hunden, daß sie oft die weißen Wolken
am Himmel anbellen. Dann ließe sich das Unbehagen des Hundes in der
gleichen Weise erklären, wie bei dem leeren Wasserglase. Seine Augen
sehen etwas Glänzendes, Helles, nämlich den Mond, die Wolken, das Glas,
aber sein Hauptsinn meldet nichts von der Erscheinung. Dem Hunde geht
es genau so, als wenn wir Geisterstimmen hören, aber nichts entdecken
können. Oder wir merken, daß es brandig riecht, können aber die
Brandstelle nicht finden.

Es kann aber auch sein, daß der wahre Grund ein anderer ist. Viele
Jäger behaupten, daß der Vollmond auf alles Wild und Getier eine
auffallend erregende Wirkung ausübe. Dann belle also der Hund gar nicht
den Mond an, wie man vermute, sondern bei ihm als früherem Raubtier
werde durch den Vollmond die Erinnerung an die vergangenen Zeiten
aufgefrischt, wo er beim Vollmondschein besonders eifrig jagte.


16. Warum wedelt der Hund mit dem Schwanze?

Eine der auffallendsten Erscheinungen ist das Wedeln des Hundes mit
dem Schwanze. Sowohl Peter hat seinen Herrn bei seinem Erscheinen
durch Schwanzwedeln begrüßt, als auch Karo läßt in Gegenwart unseres
Bekannten seinen Schwanz kaum zur Ruhe gelangen. Die Erklärung dafür
ist aber recht verwickelt, so daß wir sie vorläufig zurückgestellt
hatten.

Auch hier können wir einen wirklichen Fingerzeig zum richtigen Wege nur
dadurch erhalten, daß wir uns in die Lebensweise der wilden Verwandten
unseres Hundes versetzen. Sowohl Wölfe wie Schakale wedeln mit dem
Schwanze, um ein Zeichen ihrer friedlichen Gesinnung zu geben. Das
Schwanzwedeln muß also in ihrer Lebensweise eine wichtige Rolle spielen.

Auffallend ist es, daß wir bei unseren anderen Haustieren eine solche
Kundgebung durch den Schwanz nicht kennen. Wenn die Katze ihren Schwanz
bewegt, so hat das einen ganz anderen Zweck. Pferde und Kühe bewegen
zwar auch ihren Schwanz, aber um damit Fliegen abzuwehren, nicht
jedoch, um uns zu zeigen, daß sie es gut mit uns meinen.

Wir erwähnten früher, daß noch heute die verwilderten Hunde in
Konstantinopel jeden fremden Hund zu zerreißen suchen. Nun kommen bei
Wildhunden häufig Fälle vor, wo ein Rudel durch Kämpfe so geschwächt
oder durch Nachwuchs so stark geworden ist, daß sich einige von
ihnen einem anderen Rudel anschließen wollen. Noch häufiger wird es
vorkommen, daß ein von einem Rudel versprengter Hund erst nach einigen
Tagen seine Artgenossen findet.

Wir wissen, daß alle Hunde nach Möglichkeit gegen den Wind laufen, um
durch ihre Nase zu erfahren, was sich vor ihnen befindet. Kommt nun
ein versprengter Wildhund zu seinem Rudel, so weiß er zwar durch seine
Nase, daß er vor seinem alten Rudel steht, aber die Kameraden wissen
nicht, daß es sich um einen Angehörigen von ihnen handelt. Denn der
Wind weht von dem Rudel zum Ankömmling, nicht aber vom Ankömmling zum
Rudel.

Bei Wildpferden und Wildrindern werden ebenfalls versprengte Mitglieder
manchmal zurückkehren. Auch die Wildpferde laufen gegen den Wind und
besitzen ebenfalls nur ein schwaches Auge wie der Hund. Trotzdem ist
das Leben des Ankömmlings nicht gefährdet. Er erhält vielleicht einen
unbedeutenden Stoß oder Huftritt, ehe die Seinen erkennen, daß es ein
alter Genosse ist.

Ganz anders liegt die Sache bei den Wildhundarten. Stürzen sie sich
infolge ihres schwachen Gesichts, und weil ihre Nase wegen der
ungünstigen Windrichtung nichts leisten kann, auf den vermeintlichen
Fremdling, so ist es um ihn geschehen. Er ist in kurzer Zeit abgewürgt.

Die ungeheure Gefahr, die einem versprengten Wildhund bei seiner
Rückkehr droht, ebenso allen Ankömmlingen, die sich in bester Absicht
dem Rudel nähern, machte für die Hundearten ein Signal, also ein
deutliches Zeichen für Freundschaft nötig. Das erhielten sie durch das
Wedeln mit dem Schwanze.

Da das Auge des Hundes, wie wir wissen, Bewegungen sehr gut sieht, so
kann das Signal kaum jemals übersehen werden. Der versprengte Hund
braucht bei seiner Rückkehr also nur mit dem Schwanze zu wedeln,
um dasselbe zu erreichen, was die Menschen, die sich als Krieger
gegenüberstehen, durch Hissen eines weißen Taschentuches bezwecken.

Allbekannt ist es, daß man einen fremden Hund dadurch in eine
freundliche Stimmung versetzen kann, daß man mit der Hand auf das
Knie klopft und dabei ruft: »Komm, gutes Hundchen, komm her!« Der
merkwürdige Erfolg dieser Bewegung erklärt sich einfach als eine
Nachahmung des Schweifwedelns. Die Bewegungen des Armes in Kniehöhe
erinnern an die Bewegungen des Schwanzes. Das Klopfen ist vollkommen
gleichgültig.


17. Warum gibt es kurzhaarige Hunde? Der Windhund.

Karo wird jetzt in das Haus gebracht, und uns an seiner Stelle Hektor
vorgeführt, ein sehr schöner, kurzhaariger Jagdhund. Beide Hunde
vertragen sich ganz gut, sind aber sehr eifersüchtig aufeinander.
Jeder Hundebesitzer weiß, daß der Neid unter den Hunden sehr groß ist.
Wenn ein Hund einmal nicht fressen wollte, was in Friedenszeiten nicht
selten vorkam, so brauchte man nur zu rufen: »Ich werde es dem Pussel,
nämlich dem Hunde des Nachbars, oder der Katze geben,« dann packte
der Neid den Hund derartig, daß er alles bis auf den letzten Bissen
hinunterschluckte.

Da der Wildhund, wie wir am Wolfe sehen, selbst im Sommer nicht
kurzhaarig wird, so muß der Mensch den Hunden künstlich die
Kurzhaarigkeit angezüchtet haben. Warum hat er das getan?

Der Jäger gebraucht den Hühnerhund, wie wir bereits wissen, besonders
bei der Jagd auf Rebhühner. Diese beginnt gewöhnlich im August, wo es
manchmal glühend heiß ist. Das andauernde Laufen in der brennenden
Sonnenglut kann ein Wildhund nicht vertragen. Denn als nächtliches Tier
ruht er zu dieser Zeit irgendwo in einem schattigen Gebüsch.

Ein kurzhaariger Jagdhund kann bei seiner geringen Behaarung der
Sonnenglut viel leichter standhalten. Trotzdem macht der Jäger an
heißen Augusttagen zur Mittagszeit eine Pause.

Aber nicht nur der Jäger hat von der Kurzhaarigkeit Vorteil. Jeder
Hundebesitzer weiß, wie schwierig die Haarpflege bei langhaarigen
Hunden ist. Auch kann man dem Ungeziefer schwer beikommen.

In der freien Natur vollzieht sich der Haarwechsel, der im Frühjahr
und im Herbst eintritt, sehr schnell. Wölfe und Füchse brauchen nicht
gekämmt zu werden, um die alten Winterhaare zu verlieren. Sie krauchen
fast alltäglich durch Gebüsch und Dornen, die das Kämmen besser als der
Mensch mit einem Kamm besorgen. So sehen freilebende Tiere immer glatt
aus.

Stubenhunde dagegen, die wenig Bewegung haben, haaren so ziemlich das
ganze Jahr und können dem Besitzer fortwährend Arbeit verursachen. Bei
langhaarigen Hunden ist das natürlich besonders schlimm.

Kurzhaarigen Hunden im Winter bei strengem Frost eine Decke auflegen,
ist also keine Verzärtlichung, wie man häufig hört. Denn wir Menschen
haben den Hunden das natürliche Haarkleid, das sie bei großer Kälte
brauchen, fortgezüchtet.

Wie schön wäre es doch für uns Menschen, wenn auch uns im Winter die
notwendige wärmere Bekleidung von der Natur geschenkt würde, wie es bei
den Tieren der Fall ist. Namentlich jetzt bei den so teuren Preisen!

Weil kurzhaarige Hunde im Winter leicht frieren, so hat man ein
Mittelglied zwischen ihnen und den langhaarigen Hunden gezüchtet,
nämlich stichelhaarige oder rauhhaarige.

Während die Kunststücke beim Pudel nur Unterhaltungswert besitzen, ist
die Abrichtung eines Jagdhundes für den Jäger von großem Wert. Er muß
stets an der linken Seite gehen, um seinem Herrn beim Schießen nicht
hinderlich zu sein, er muß auf den Zuruf »nieder« oder »down (daun)!«
sich fest auf die Erde legen. Dadurch erreicht man, daß man den Hund
ohne Leine fest in der Hand behält, wenn er beispielsweise bei einer
Hetze uns entschwinden will.

Herr Böhm zeigt uns, wie gut Hektor dressiert ist. Er apportiert mit
Freuden, selbst eine tote Krähe, was Hunde sonst nicht gern mögen.

Unser Bekannter räumt ein, daß man Jagdhunde nicht zu sehr wegen
ihrer Anhänglichkeit auf die Probe stellen darf. Wie groß die
Jagdleidenschaft ist, erkennt man daran, daß der gierigste Fresser oft
das Essen unbeachtet läßt, wenn es zur Jagd geht.

Ich habe selbst erlebt, daß in dem Jagdrevier eines Freundes, in dem
ich jagen durfte, die Jagdhunde ihren alten Wärter im Stich ließen und
sich mir, dem Fremden, anschlossen, nur weil ich mit dem Gewehr auf
Jagd ging.

Herr Böhm erzählt uns von seinen früheren Hunden. So hat er viele
Jahre einen Dachshund »Männe« gehabt. Wie alle Dachshunde war er sehr
selbständig und gehorchte seinem Herrn regelmäßig nur dann, wenn es ihm
paßte.

Der Unabhängigkeitssinn des Dachshundes im Verhältnis zu seinem Herrn,
den man bei anderen Hunden nicht antrifft, muß natürlich seinen
Grund haben und hat ihn auch. Der Dachshund wird von den Jägern dazu
gebraucht, um Dachse und Füchse, die in ihre Höhle geflüchtet sind, zu
stellen, möglicherweise auch zu würgen. Bei diesem unterirdischen Kampf
auf Leben und Tod hat der Mensch es sehr leicht zu sagen: »Faß, mein
Hundchen, faß!« Das Zufassen wäre in dem Zeitpunkte vielleicht gerade
ein großer Fehler, denn es darf nur in einem günstigen Augenblicke
geschehen. Der Dachshund hat sich also daran gewöhnt, das, was sein
Herr sagt, nicht sonderlich zu achten.

Ganz besonders liebte es »Männe«, Knochen für eine spätere Zeit sich
aufzuheben und zu diesem Zwecke zu verscharren. Der Dachshund ist zum
Wiederauffinden der verscharrten Knochen ganz besonders geeignet, da
seine Nase sehr fein ist und sich obendrein ganz nahe am Erdboden
befindet.

Auch einen Windhund »Roland« hat mein Bekannter längere Zeit besessen,
hat ihn aber wieder weggegeben, da er für ihn keine Verwendung hatte.
Der Windhund nimmt noch eine größere Ausnahmestellung unter den Hunden
ein als der Dachshund.

Gerade der Windhund ist ein untrüglicher Beweis dafür, daß Auge und
Nase in einer gewissen Abhängigkeit voneinander stehen. Von allen
Hunden sieht er am besten und muß auch am besten sehen, da er als
Hetzer vorher das Wild erblicken muß, das er einholen will. Dafür ist
auch sein Geruch, wie schon die kleine Nase andeutet, nicht entwickelt
genug, um, wie die andern Hunde, mit ihm eine Fährte dauernd zu halten.

Auf dieses geringere Geruchsvermögen des Windhundes führt man es
zurück, daß er an den Menschen so wenig anhänglich ist. Man hat nämlich
bei säugenden Hunden, die durch einen Unglücksfall ihre Riechfähigkeit
eingebüßt, festgestellt, eine wie ungeheure Rolle bei den Hunden die
Nase spielt. Sie konnten ihre Mutter nicht mehr finden und später die
verschiedenen Speisen nicht unterscheiden. Auch waren sie nicht im
geringsten anhänglich an ihren Herrn.

Dieser Mangel an Anhänglichkeit bei riechunfähigen Hunden kommt einfach
daher, weil sie kein Mittel haben, um ihren Herrn von anderen Menschen
zu unterscheiden. Sie gleichen jungen Affen, denen man die Augen
ausgestochen hat. Auch diese würden nicht anhänglich werden, weil sie
ihren Herrn von andern Personen nicht unterscheiden können.

Der Windhund dagegen ist deshalb weniger anhänglich, weil er von einer
Wildhundart abstammt, die, wie die Katze, gewöhnlich allein jagt. Der
Windhund mit seiner ungeheuren Geschwindigkeit braucht kaum einen
Mithelfer, um Beute zu erlangen. Deshalb heult er sich auch nicht mit
andern Wildhunden zusammen. Aus diesem Grunde neigt der Windhund sehr
wenig zum Bellen.


18. Der Schäferhund als Polizei- und Blindenhund.

Auch einen Schäferhund hat Herr Böhm besessen und will sich einen
solchen wieder anschaffen, da Pudel und Jagdhunde, wie wir wissen, als
Wächter für Grundstücke weniger passen.

Der Schäferhund hat nicht ganz das Auge des Windhundes, immerhin aber
ist es viel besser als bei den meisten andern Hunden. Das rührt von
seiner Tätigkeit beim Hüten der Schafe her.

Zum Polizeihund ausgerechnet den Schäferhund zu wählen, wird man kaum
gutheißen können. Bei der Jagd hat man eigentlich den Schäferhund
nur gebraucht, wenn man Wildschweine ausfindig machen wollte. Diese
aber haben eine so strenge Ausdünstung, daß man sie fast mit der
Menschennase finden kann.

Trotzdem hat man den deutschen Schäferhund zum Polizeihund gewählt. Das
kommt sicherlich daher, weil er der willigste und diensteifrigste Hund
ist. Jeder muß den Schäferhund schätzen, weil ohne seine unermüdliche
Tätigkeit der Hirte machtlos wäre.

Selbstverständlich ist es nicht der Mensch gewesen, der dem Hunde das
Umkreisen der Schafe beigebracht hat. Vielmehr handelt es sich um einen
uralten Trieb der Wildhunde, die ein Rudel Pflanzenfresser umkreisen,
um sie an Abhänge zu treiben, von denen sie abstürzen und den Feinden
zur Beute werden.

Wie sehr auch heute noch in den Schäferhunden das Raubtier schlummert,
beweist die Tatsache, daß manche bei großer Langeweile von der
»Schafsucht« gepackt werden, indem sie nach Art ihrer Vorfahren Schafe
zu würgen beginnen. --

Die Leistungen der Polizeihunde sind erst überschwenglich gelobt
worden. Später hat eine wissenschaftliche Kommission Untersuchungen
veranstaltet und ist zu dem Ergebnis gelangt, daß die Hunde nicht
die Fähigkeit besitzen, einzelne Personen durch ihren Geruch zu
unterscheiden.

Demgegenüber muß auf die uralte Tatsache hingewiesen werden, daß
erlegtes Wild durch Schreckmittel vor dem Verzehren durch Nasentiere
bewahrt werden muß. Hat der Jäger in Afrika eine Antilope erlegt,
die er nicht nach dem Lager schleppen kann, so muß er durch ein
Taschentuch oder andere Gegenstände Hyänen und Schakale abschrecken.
Diese Raubtiere sind nicht schnell genug, um eine Antilope zu fangen.
Sowie sie aber verwundet ist, dann folgen sie ihrer Fährte. Genau so
ist es in Deutschland mit dem Hirsch und Fuchs und war es früher mit
dem Bären. Ein Fuchs oder ein Bär kann keinen gesunden Hirsch einholen
oder einen gesunden Rehbock. Haben Hirsch oder Reh aber die Kugel vom
Jäger erhalten, so verfolgen die genannten Raubtiere die verwundeten
Pflanzenfresser. Ein Nasentier unterscheidet also an der Fährte ohne
Frage, ob das Geschöpf gesund oder krank ist. So sehen wir im Frühjahr
die männlichen Hasen (Rammler) mit gesenkter Nase in fliegender Fahrt
der Spur der Häsin folgen. Der Hase findet also durch die Nase nicht
nur die Spur, sondern erkennt auch durch den Geruch, ob es ein Männchen
oder Weibchen ist.

Hunde haben so häufig die Spur ihres Herrn unter zahlreichen anderen
herausgefunden, daß ein Zweifel daran ausgeschlossen ist. Ich habe es
oft erlebt, und es überhaupt nicht für möglich gehalten, daß man eine
solche Tatsache bestreiten kann.

Der Mensch kann unzweifelhaft mit seinen Augen seine Bekannten von
anderen Leuten unterscheiden. Aber in einer großen Versammlung,
in einem vollbesetzten Zirkus vermag er seinen Bekannten nicht
herauszufinden. So geht es dem Polizeihund auch in dem Gewirr der
Spuren in einer Großstadt. In großen Städten wird die Leistung eines
Polizeihundes kaum der Rede wert sein. Dagegen kann er auf dem Lande
sehr wohl zur Aufdeckung eines Verbrechens beitragen.

Völlige Klarheit in die Sachlage dürfte erst die Zukunft bringen.

In Jägerkreisen zweifelt kein Mensch an den hervorragenden Leistungen
der Hundenase, selbst wenn der Hund dicht an der gesuchten Beute
vorbeilaufen sollte. Man sagt sich mit Recht, daß der Mensch die
Nasentätigkeit eines Tieres zu schwer beurteilen kann.

Bei Hundeprüfungen, die häufig stattfinden, läßt man deshalb jedesmal
zwei Hunde arbeiten, um einen besseren Maßstab für die Beurteilung zu
haben.

Viel besser als zum Polizeihund eignet sich der deutsche Schäferhund
zum Blindenhund. Hier ist seine Dienstwilligkeit unbezahlbar, und hier
kommt ihm sein besseres Auge sehr zustatten. Mit tiefer Rührung habe
ich oft zugesehen, wie tadellos er seinen blinden Herrn geführt hat.
Allerdings wird nur der Blinde mit seinem Hunde gut auskommen, der
etwas Hundeverständnis besitzt.

Das Publikum aber sollte dem Blinden und dem Hunde nach Möglichkeit
behilflich sein. Das mindeste aber, was man verlangen kann, ist das,
daß man den eigenen Hund festhält, damit er den Hund des Blinden nicht
stört. Bekanntlich haben alle Hunde den unbezähmbaren Drang, sobald sie
einen Artgenossen wahrnehmen, seine Bekanntschaft zu machen.


19. Die Fütterung des Hundes.

In seiner langjährigen Praxis ist Herr Böhm zu dem Ergebnis gelangt,
daß eine einmalige gründliche Fütterung abends für erwachsene Hunde das
Zuträglichste ist.

Das stimmt ganz damit überein, daß die Wildhunde als Nachttiere mit
Einbruch der Dämmerung auf Raub ausgehen. Haben sie ein größeres Tier
erbeutet, so fressen sie sich gründlich satt, was bis zum nächsten
Abend vorhalten muß.

Alle Wildhundarten lieben auch pflanzliche Nahrung. Füchse sind
arg nach Weintrauben, Wölfe fressen gern Kürbisse, Gurken, Brot
und dergleichen. Hunde, die Früchte, ja Aepfel fraßen, habe ich
wiederholentlich kennen gelernt. Die reine Fleischfütterung ist also
bei dem Hunde unrichtig.

Gesalzene und gewürzte Speisen sind für den Hund nachteilig.
Hundebesitzer, die aus Gastwirtschaften das Futter beziehen, pflegen
wieder davon abzugehen, weil die Hunde wegen der stark gesalzenen und
gewürzten Speisen nicht gedeihen. Bei Schoßhündchen soll es anders
sein. Diesen sollen solche Sachen sehr gut bekommen. Aus eigener
Wissenschaft weiß ich hierüber nichts.

Ueber den Salzhunger der Pflanzenfresser und die Gefährlichkeit des
Salzes beim Raubtier soll noch beim Schwein näher gesprochen werden.

Röhrenknochen vom Geflügel vermeiden viele Hunde aus »Instinkt«
(vergleiche Kapitel 69). Durch Zerbeißen entstehen nämlich Knochenenden
mit langen scharfen Spitzen, die dem Tiere sehr gefährlich werden
können.

An dem Hunde eines Konditoreibesitzers konnte ich im Frieden
beobachten, daß andauernder Zuckergenuß Hunden sehr nachteilig ist.
Dieser bettelte allen Besuchern durch Schönmachen den Zucker ab und
starb nach kurzer Zeit.

Wie die Tiere in den Zoologischen Gärten, die meistens Nachttiere sind,
durch die Besucher Tagtiere geworden sind, so hat sich der Hund durch
den Verkehr mit dem Menschen daran gewöhnt, am Tage tätig zu sein. An
seine alte Tätigkeit erinnert noch folgendes:

Alle Hunde, namentlich Wachhunde, sind mit Einbruch der Dämmerung
besonders zu Angriffen geneigt.

Viele Hunde heulen noch heute gern, wenn es Abend wird.

Die meisten Hunde schlafen gern am Tage bei großer Hitze. Hierbei kann
man bei ihnen öfter beobachten, daß sie wie die Menschen träumen.

Ihr Schlaf ist sehr unruhig und sie erwachen bei dem kleinsten
Geräusch. Auch die Wildhundarten jagen ausnahmsweise auch am Tage, wenn
sich eine günstige Gelegenheit bietet. Bei der Katze ist es ebenso.

Schwerlich würde der Hund ein so guter Wächter in der Nacht sein, wenn
er nicht ursprünglich ein nächtliches Raubtier gewesen wäre.

Auf die feine Nase des Hundes wird von den Besitzern gewöhnlich viel
zu wenig Rücksicht genommen. Zigarrenhändler, Drogisten, ja Apotheker
halten in ihren Läden Hunde, obwohl hier schon den menschlichen Nasen
nicht wohl ist.

Wir haben schon darauf aufmerksam gemacht, daß Menschen und Tiere
nicht dieselben Gerüche lieben. Kölnisches Wasser duftet unserer Nase
angenehm, aber der Hund wendet sich mit Abscheu ab.

Ebenso kann ihm die schönste Havannazigarre nicht gefallen. Die
Scherze, die man mit Hunden macht, indem man ihnen brennende
Tabakspfeifen ins Maul steckt, sind also nicht ohne Nachteil für das
Tier.

Ist die Hütte voll Ungeziefer, so reinigen wir sie mit Karbol und
reiben den Hund mit Insektenpulver ein. Und wir bilden uns noch etwas
auf unsere Tierfreundlichkeit ein, wenn wir dem armen Hunde diese
Höllenqual bereitet haben.

Was machen denn Wolf und Fuchs, wenn das Ungeziefer und die Wärme in
der Höhle im Sommer zu toll wird? Sie schlafen einfach im Freien und
zwingen das Ungeziefer zum Auswandern, weil es in der leeren Höhle
nichts zu saugen gibt.

Gegen Petroleumfässer war ich früher eingenommen, weil wir einen Hund
besaßen, der große Abneigung gegen den Geruch von Petroleum zeigte.
Ich schloß auf einen allgemein herrschenden Widerwillen gegen diese
Flüssigkeit. Später habe ich mich davon überzeugt, daß unser Hund eine
Ausnahme bildete.

Es ist die Vermutung aufgestellt worden, daß das Petroleum tierischen
Ursprungs ist. Es soll von den großen Landtieren herstammen, die
in Vorzeiten die Erdkugel bewohnten. Diese Vermutung würde dadurch
unterstützt werden, daß unsere Hunde Petroleum gern haben, wie sie alle
Tierreste lieben.

Auffallend ist es, wie schnell Wunden bei Hunden heilen. Doch kommen
auch Ausnahmefälle vor. So zeigt uns unser Bekannter an seinem
Hektor eine oberhalb der Nase verlaufende Narbe, die sich erst nach
mehrwöchiger Bepinselung gebildet hat. Wie die meisten Praktiker, so
schwört auch Herr Böhm darauf, daß die Wunde sehr schnell geheilt wäre,
wenn sie der Hund hätte belecken können.

Tatsache ist es jedenfalls, daß die von der heutigen Heilwissenschaft
so sehr gepriesene Freiluftbehandlung der Wunden ohne Verband von
jeher bei den Tieren üblich war. Alle Hunde haben sich stets den von
Menschenhänden gemachten Verband abzureißen versucht. Der Bürgermeister
einer kleinen Stadt, in der ich damals wohnte, ließ, um seinen Hund an
dem Abreißen des Verbandes zu hindern, eine Blechhülle um den Verband
anbringen. Jetzt war der Hund machtlos, aber geheilt ist das verletzte
Bein niemals.


20. Die Feinde des Hundes. Hund und Wolf.

Jedes Geschöpf, das sich auf der Erde befindet, hat Feinde. Die
Pflanzenfresser haben ihre Feinde in den Raubtieren und die Raubtiere
wieder untereinander. Selbst die stärksten Raubtiere haben ihren
gefährlichsten Feind im Menschen, der sie an manchen Stellen bereits
ausgerottet hat, weshalb man den Menschen als das allerstärkste
Raubtier bezeichnet hat.

Die Hunde haben ihre Feinde zunächst in den großen Katzen, namentlich
in dem Leoparden und Jaguar, wovon noch näher gesprochen werden soll,
wenn wir bei der Katze von dem Haß des Hundes gegen sie sprechen.
Sodann stellen ihnen in den heißen Ländern die größten Schlangenarten
nach. Besonderen Appetit auf Hundebraten verspürt das Krokodil, weshalb
die dort lebenden Hunde nur unter den größten Vorsichtsmaßregeln zur
Tränke gehen. Die Bären schlagen wohl Hunde bei ihrer Verteidigung
nieder, aber zu fressen scheinen sie ihre Feinde nicht.

Im Gebirge wird den Hunden der Lämmergeier gefährlich, da er sie, wenn
sie in der Nähe von Abgründen weilen, hinabzustürzen sucht. Da Adler
sich nicht besinnen, einen Fuchs anzugreifen, ebenso auch der Uhu, so
werden diese Raubvögel unter Umständen auch jungen Hunden gefährlich,
wenn sie von der Mutter nicht verteidigt werden.

In unserem Vaterlande spielen alle diese Feinde keine Rolle. Das
einzige Tier, das ihm direkt tödlich werden könnte, ist die Kreuzotter.
Trotzdem namentlich Jagdhunde überall umherstöbern, kommt es doch sehr
selten vor, daß sie von Kreuzottern gebissen werden. Herr Böhm erzählt
uns, daß ihm bei seinen eigenen Hunden noch nichts vorgekommen sei,
obwohl die Kreuzotter in der Gegend nicht selten sei. Dagegen habe ihm
ein Jagdfreund von einem solchen Fall bei seinem Hunde erzählt. Dieser
Hund habe sich selbst geheilt, indem er zu einem Strom lief und die
gebissene Stelle ununterbrochen vierundzwanzig Stunden darin hielt.
Unmöglich wäre diese Handlungsweise nicht, da Tiere sich auch, wenn man
ihnen vergiftete Brocken hinlegt, durch Gegenmittel zu retten wissen
(vergl. Kapitel 69).

Der größte Feind der Hundearten ist aber die eigene Verwandtschaft, wie
es bei den Menschen auch so häufig der Fall ist. Wer die Fabeln von der
Freundschaft zwischen Haushund und Wolf, ebenso die zwischen Wolf und
Fuchs ausgeheckt hat, war kein wirklicher Tierkenner.

Ebenso hört man die unausrottbare Ansicht, daß ein verwilderter Hund
von den Wölfen zum Anführer gewählt wird. Der Gedankengang ist dabei
folgender. Der Hund hat von dem klugen Menschen so viel Klugheit
mitbekommen, daß die Wölfe willig seine geistige Herrschaft anerkennen
und auch von der Klugheit des Hundes Nutzen ziehen wollen.

In Wirklichkeit liegt die Sache so, daß die Haushunde im Kampfe mit
dem Wolfe in der lächerlichsten Weise übertölpelt werden. Schon im
Altertum schilderte man ganz zutreffend, wie leicht ein paar Wölfe ein
Schaf erbeuteten trotz der Anwesenheit von dem Hirten und seinem Hunde
oder seinen Hunden. Ein Wolf nähert sich der Herde und wird natürlich
von der wachsamen Schar der Hunde wahrgenommen und von ihr ingrimmig
verfolgt. Unterdessen hat sich unbemerkt der andere Wolf an die Herde
geschlichen und trägt in Gemütsruhe ein Opfer fort.

In wolfreichen Gegenden holen sich, wie mir erfahrene Jäger versichert
haben, in ähnlicher Weise die Wölfe den starken Haushund, wenn sie der
Hunger kühn gemacht hat. Ein Wolf nähert sich dem Tore des Gehöfts.
Der Hund ist sich seiner Pflicht bewußt und verfolgt den grauen Räuber
eine Strecke weit. Inzwischen hat ein anderer Wolf dem Hunde den
Rückzug abgeschnitten und eilt ihm nach. Der verfolgte Wolf dreht sich
plötzlich um, und beide stürzen sich auf den Hund, der in kurzer Zeit
sein Grab im Wolfsmagen findet.

Trotz der großen Aehnlichkeit zwischen dem Wolfe und manchen großen
Hunderassen ist der Wolf unzweifelhaft der an Kräften Ueberlegene.
Der Wolf, der am Waldesrande sitzt oder durch den Forst trabt, ist
nach Tschudi in Bau und Farbe dem Fleischerhunde so ähnlich, daß er
mit ihm verwechselt werden könnte und von gleicher Abstammung zu sein
scheint. Und doch hat man von jeher die Erfahrung gemacht, daß beide
Tiere einen entschiedenen Widerwillen gegeneinander haben. Der starke
Wolf vermeidet es gern, dem viel schwächeren Hunde zu begegnen. Dieser
zittert und sträubt die Haare, wenn er den Wolf wittert. In der Schweiz
wagen es nur jene starken und treuen Hunde, welche die Bergamasker
Schafherden in den Engadiner Alpen bewachen, einzeln auf den die Herde
umlauernden Räuber loszugehen und mit ihm in höchster Erbitterung auf
Leben und Tod zu kämpfen. Wird der Wolf Meister, so liebt er es, den
halbzerfleischten Hund aufzufressen, während der siegreiche Hund selbst
den erlegten Wolf noch verabscheut.

Ein Fall aus der Schweiz, in dem zwei Männer mit ihrem Gespann durch
einen Hund vor dem Ueberfall eines Wolfes bewahrt wurden, sei hier
angeführt. Es war klarer Mondenschein, aber auch eine bitterkalte
Winternacht, als ein Arzt mit dem abgesandten Eilboten sich auf den
offenen sogenannten Reitschlitten setzte und, von seinem mächtigen
Bergamasker Hunde Beloch, der ihm schon manche Probe von Klugheit,
Treue und Mut gegeben, begleitet, die Fahrt zu einem Kranken begann.
Rasch wurde mit dem guten Pferde auf frostharter Bahn ein Stück Weg
zurückgelegt. Als das Cotza-Tobel erreicht war, hielt plötzlich der
Hund, der mit dem Pferde bisher Schritt gehalten, an und sprang mit
einem großen Satz auf eine hochbuschige Hecke am Wege, hinter der
sich ein Tier bewegte, das von dem nächtlichen Reisenden für einen
Fuchs gehalten wurde. Langsam gelangte das Fuhrwerk auf die Höhe
von Quartins. Der Hund folgte längs des Buschwerks und näherte sich
hier seinem Herrn wieder, sich hoch neben demselben aufrichtend und
zähnefletschend, mit gesträubten Haaren, gegen einen großen Wolf
knurrend, dessen Augen durch die Hecke glänzten. Unwillkürlich hielt
das Pferd an. Wolf und Hund maßen sich, beide knurrend, mit wütendem
Blicke. Der Arzt und sein Begleiter erkannten entsetzt die Gefahr,
deren Opfer sie jeden Augenblick werden konnten, und da sie ganz
waffenlos waren, suchten sie ihre Rettung in der Flucht. Sie peitschten
das Pferd, und pfeilschnell schoß der leichte Schlitten dahin. Aber
ebenso schnell folgten Wolf und Hund diesseit und jenseit der Hecken
und Mauern, die sich des Weges entlang zogen. Mehrere Male versuchte
die heißhungrige Bestie über die Verzäunung zu springen, aber überall
fand der Wolf Beloch vor der Lücke, bereit, ihn mit seinem gewaltigen
Gebiß zu empfangen. So ging die Hatz eine halbe Stunde lang bis zur
Kirche von Lovin, wo erst der Wolf seine Beute aufgab und mit wütendem,
heulendem Gebrüll sich gegen das Gebirge zurückzog. Die geretteten
Männer weckten ihren Gastfreund im Dorfe, um sich eine Erfrischung und
Waffen zu erbitten. Nicht ohne Rührung bemerkten sie, wie nun Beloch
das ihm gereichte Stück Brot sofort aus der Stube trug und sich vor das
Pferd setzte, um das Brot zu verzehren, alle Augenblicke bereit, das
Pferd gegen den vielleicht zurückkehrenden Wolf zu verteidigen.

Der Gewährsmann des vorstehenden Erlebnisses ist der bekannte
Naturforscher Tschudi. Folglich ist der Bericht durchaus glaubwürdig.
Der zur Sommerzeit am Tage nach unseren Begriffen feige Wolf zeigt
sich als nächtliches Raubtier in der Mitternachtszeit bei starker
Winterkälte, wo ihn der Hunger plagt, als ein sehr gefährliches
Raubtier. Wahrscheinlich war es noch ein junges Tier und gehörte zu der
kleineren Wolfsart, da er zunächst für einen Fuchs gehalten wurde. Denn
auch die Wölfe sind in ihrer Größe sehr verschieden.

Es wurde schon erwähnt, daß in Nordamerika der große Waldwolf und der
fuchsgroße Coyote leben. Der Coyote wird natürlich wie unser Fuchs von
jedem stärkeren Hunde abgewürgt. Dagegen nimmt es nach Thompson der
Waldwolf mit mehreren Hunden auf. Er schildert Fälle, wo ein Dutzend
Hunde es nicht wagten, einen einzelnen Waldwolf anzugreifen.

Thompson hat bei den Viehzüchtern gelebt, deren größte Feinde die Wölfe
sind, und so kann man ihm Sachkunde nicht absprechen. Da die Wölfe von
den Herden der Züchter lebten, so richteten sie unermeßlichen Schaden
an, und alle Mittel wurden gegen sie versucht, um sie zu vernichten. Da
riet ein Ausländer den Viehzüchtern, gegen die Wölfe mit den stärksten
Hundearten vorzugehen.

Bald schaffte auch der Ausländer, um die Wahrheit seiner Worte zu
erweisen, zwei prachtvolle dänische Doggen herbei, eine weiße und eine
blaue mit schwarzen Flecken und einem eigentümlichen weißen Auge, das
ihr ein besonders wildes Aussehen gab. Fast jedes von diesen Geschöpfen
wog nahezu 200 Pfund. Muskeln hatten sie wie Tiger, und man glaubte
dem Ausländer gern, als er erklärte, diese beiden allein nähmen es mit
dem größten Wolf auf. Ihre Art zu jagen beschrieb er folgendermaßen:
»Sie haben nichts weiter zu tun, als ihnen eine Fährte zu zeigen, und
wenn sie auch schon einen Tag alt ist, folgen sie ihr unverzüglich
und lassen sich auf keine Weise davon abbringen. Bald werden sie den
Wolf finden, mag er auch noch so sehr die Spur zu verwirren und zu
verstecken suchen. Dann gehen sie ihm an den Leib; er will davonrennen,
aber der Blaue packt ihn in der Flanke und schleudert ihn so« -- der
Erzähler warf eine Brotkrume in die Luft -- »und ehe er wieder auf den
Boden kommt, hat ihn der Weiße am Kopf und der andere am Schwanz, und
sie reißen ihn auseinander -- sehen Sie, so!«

Das klang nicht schlecht, und alle brannten darauf, die Probe zu machen.

Leider fanden die Viehzüchter bei ihren Ausflügen keinen Wolf, auf den
sie die Doggen hätten hetzen können. Sie kamen daher auf den Gedanken,
den zahmen, einem Gastwirt gehörenden Wolf, der an der Kette lag, als
»Versuchskaninchen« zu gebrauchen. Sie kauften dem Wirt das Tier ab.
Die Hunde ließen sich mit Mühe zurückhalten, so kampflustig waren sie,
nachdem sie einmal den Wolf gewittert hatten. Aber ein paar starke
Männer hielten sie an den Riemen fest, und der Wolf wurde nicht ohne
Schwierigkeiten herausgebracht. Zuerst sah er erschreckt und verwirrt
aus. Als er sich frei fühlte und mit Geschrei und Hallo gescheucht
wurde, machte er sich in langsamem Trott davon nach Süden zu, wo
unebenes Terrain lockte. In diesem Augenblick ließ man die Hunde frei,
die mit wütendem Gebell dem jungen Wolfe nachsprangen. Die Männer
ritten mit lautem Hurra hinterdrein. Von vornherein schien für den Wolf
keine Möglichkeit des Entkommens zu bestehen, denn die Hunde waren weit
schneller als er, und der Weiße konnte rennen wie ein Windhund. Der
Ausländer war außer sich vor Begeisterung, wie sein schnellster Hund
über die Prärie flog und jede Sekunde dem Wolfe sichtlich näher kam.
Viele wollten auf die Hunde wetten, aber kein Mensch nahm die Wette
an. Jetzt griff der Wolf aus, so gut er konnte, aber nach tausend und
einigen Metern war der Hund gerade hinter ihm und fuhr auf ihn los.

Im Augenblick waren die Tiere aneinander. Beide fuhren zurück, aber
keiner flog, wie es der Ausländer vorausgesagt hatte, in die Luft, im
Gegenteil, der Weiße überschlug sich mit einer furchtbaren Wunde in der
Schulter und war kampfunfähig, wenn nicht tot.

Nach zehn Sekunden war der Blaue zur Stelle. Auch diesmal dauerte das
Duell nur kurze Zeit und verlief fast ebenso unbegreiflich wie das
erste. Kaum sah man, daß die Tiere sich berührten. Der Graue sprang
beiseite, während sein Kopf bei einer blitzschnellen Wendung einen
Augenblick unsichtbar blieb, und der Blaue taumelte und zeigte eine
blutende Flanke. Von den Männern angefeuert, griff er noch einmal
an, aber nur, um sich noch eine Wunde zu holen, die ihn nach keiner
weiteren Verlangen tragen ließ.

Ein einjähriger Wolf, der an der Kette gelegen hat, wird also spielend
mit zwei riesigen Doggen fertig. Das beweist die große Ueberlegenheit
des grauen Räubers. Allerdings hatte dieser junge Wolf bereits große
Erfahrung im Kampfe mit Hunden, denn man hatte zahllose Hunde auf ihn
gehetzt.

Der Wolf als freilebendes Tier ist ungeheuer viel schneller und
gewandter im Beißen, auch bringt er den Hunden, besonders kurzhaarigen,
furchtbare Wunden wegen des mangelnden Haarschutzes bei.


21. Rätselhaftes beim Hunde.

Von einigen Rätseln, die uns der Hund aufgibt, haben wir bereits
gesprochen, nämlich von seinem Zeitsinn und Ortssinn. Beide Sinne teilt
er mit den meisten anderen Tieren.

Seit dem Altertum glaubt man vom Hunde, daß er Gespenster und
Gottheiten wahrzunehmen vermöge. Dieser Glaube ist sehr verständlich.
Der Naturmensch beobachtete täglich, daß der Hund das Vorhandensein von
Dingen merkte, die ihm trotz aller Anstrengungen entgingen, man denke
z. B. an die Anwesenheit eines durch Schutzfärbung unsichtbaren Wildes.
Da der Naturmensch Gespenster und Gottheiten mit eigenen Augen nicht
erblicken konnte, so war es naheliegend, dem Hunde auch in diesem Falle
die Fähigkeiten beizulegen, die dem Menschen fehlten.

Die Ansicht, daß der Hund manchmal durch sein Geheul den bevorstehenden
Tod seines Herrn anzeigt, scheint kein Aberglaube zu sein. Ich habe
einen solchen Fall selbst in meiner Verwandtschaft erlebt. Die Frau
eines schwer Erkrankten schickte sofort zum behandelnden Arzte, weil
sie durch das plötzliche Geheul des Hundes und sein Verkriechen in
eine dunkle Ecke sehr beunruhigt war. Der Arzt untersuchte den Kranken
eingehend und tröstete die Frau durch den Hinweis, daß für die nächsten
24 Stunden nichts zu befürchten sei. Der Hund war jedoch der bessere
Prophet, denn nach drei Stunden war sein Herr tot.

Aehnliche Fälle sind folgende: Vielen Züchtern ist es bekannt, daß
die feine Nase des Hundes oft Krankheiten bei Tieren feststellt, von
denen der Besitzer nichts ahnt. So behandeln manche Hunde gewisse
Ferkel schlecht, denen jedoch äußerlich nichts anzusehen ist. Nach
dem Schlachten zeigt es sich, daß sie an schweren inneren Krankheiten
gelitten hatten. An sich ist also durchaus nicht wunderbar, daß
der Hund bereits die innere Zersetzung eines Sterbenden wahrnimmt,
wo wir mit unseren stumpfen Sinnen nichts feststellen können. In
Uebereinstimmung hiermit wurde in einer ernsten wissenschaftlichen
Zeitschrift vor einigen Jahren gemeldet, daß vor dem Tode eines
Menageriebesitzers die Hyänen, Schakale und Hunde ein grauenhaftes
Konzert anstimmten. Auch hier handelt es sich um lauter Nasentiere.

Es ist bereits erwähnt worden, daß Hunde gut schwimmen können. Wie
überlegen sie aber darin dem Menschen sind, konnte ich im vergangenen
Sommer recht deutlich erkennen. Die Netze führte sehr viel Wasser, und
der Strom war so stark, daß ein mir bekannter Meisterschwimmer, ein
auffallend kräftiger Mann, nicht einen Schritt dagegen vorwärtskommen
konnte. Dagegen schwamm der kleine Hund eines Schiffers, eine
sogenannte »Schiffertöle«, nicht nur mehrmals in einer Stunde gradlinig
über den Strom, sondern schwamm auch mit Leichtigkeit gegen die
Strömung. Selbst durch die Wirbel, die bei den Buhnen, d. h. den
Schutzbauten der Ufer, gebildet wurden, schwamm er, als wenn er durch
einen Teich schwämme, während der Meisterschwimmer durch den Wirbel
in die Tiefe gerissen wurde und sich nur ganz mühsam retten konnte.
Wenn ich diese Leistungen eines kleinen Hundes nicht mit eigenen Augen
gesehen hätte, würde ich sie nicht glauben. Eine Erklärung für sie habe
ich vorläufig nicht.

Noch eine seit Jahrtausenden bekannte Eigentümlichkeit des Hundes
sei erwähnt, weil sie von großer praktischer Bedeutung ist. Vorher
sei folgendes bemerkt: Der Hund soll unser Eigentum schützen und
ist natürlich, je wachsamer er ist, um so mehr dem Einbrecher ein
Dorn im Auge. Gegen das Vergiften des Wachhundes kann man sich
einigermaßen dadurch schützen, daß man ihn vorher leidlich füttert
und ihn lehrt, von fremden Personen nichts anzunehmen. Viel wirksamer
ist das Verfahren der Verbrecher, den Hund durch eine Hündin seine
Wächterpflichten vergessen zu lassen. Zigeuner, Hundefänger und
ähnliche Gesellen führen deshalb mit Vorliebe Hündinnen bei sich. Es
genügt, daß auf ihren Kleidern eine Hündin geschlafen hat, um einen
Rüden als Nasentier gänzlich umzustimmen. Deshalb sind Hündinnen viel
geeigneter zur Bewachung gegen durchtriebene Verbrecher als Rüden.

Im Notfalle hat der waffenlose Verbrecher selbst gegen den stärksten
Hund ein Mittel, das häufig Erfolg haben soll. Er läuft auf allen
Vieren und nimmt seine Mütze in den Mund. Der Hund hält dem Ankömmling
nicht stand, sondern flüchtet. Es ist schade, daß man einem solchen
Bericht nicht auf den Grund gehen kann, ob er auf Wahrheit beruht oder
nicht.

Würden wir Herrn Böhm bitten, diesen Versuch an seinem Karo und Hektor
machen zu lassen, so wäre dadurch noch nichts bewiesen, wenn er Erfolg
hätte. Denn wenn ein Pudel oder ein Jagdhund flüchtet, dann braucht es
nicht eine bissige Dogge zu tun.

Bereits der listenreiche Odysseus, dessen Irrfahrten Homer vor
dreitausend Jahren schilderte, setzt sich hin, um von den grimmigen
Wachhunden nicht zerrissen zu werden. Das gleiche Mittel empfiehlt der
Deutsche Schlatter vor etwa hundert Jahren, der viele Jahre bei den
Tataren gelebt hat. Er erzählt, daß die zahlreichen herrenlosen Hunde
eine große Gefahr für den Fremden bilden, und daß das beste Mittel
gegen sie das Sichhinsetzen sei.

Eine Bestätigung dieser Angaben kann man nicht selten bei
Hundeprüfungen beobachten. Wenn ein Hund den Rehbock gefunden hat
und es seinem Herrn durch Bellen meldet, dann soll das freudige
Ereignis durch eine Photographie verewigt werden. Kaum nähert sich der
Photograph in seinem schwarzen Gewande und mit seinem Kasten kriechend
dem Hunde, so rückt dieser aus, obwohl er sonst seine Beute in der
hartnäckigsten Weise verteidigt.

Herr Böhm hat ähnliche Fälle ebenfalls beobachtet, kann aber hierfür
keine Erklärung geben.

Wir müssen, um die Sache zu begreifen, auf frühere Zeiten
zurückgreifen. Jeder Elefantenwärter weiß, daß ein Elefant heftig
trompetet, sobald er einen Schimmel erblickt. Ich habe das selbst
mehrmals beobachtet. Es steht das ganz im Einklange mit den Berichten
der Jäger aus heißen Ländern, wonach der Elefant ständig zuerst den
Feind angreift, der auf einem hellen Pferde sitzt.

Was veranlaßt den Elefanten zu seiner Wut gegen den Schimmel? Wir
wissen es nicht, wir müssen aber vermuten, daß es in Vorzeiten ein
weißes, pferdeähnliches Geschöpf gab, mit dem der Elefant wütend
kämpfte.

So müssen wir auch vermuten, daß in Vorzeiten ein auf allen Vieren
gehender menschenähnlicher Feind der Hunde lebte, vor dem sie noch
heute große Angst haben.

Wir verabschieden uns jetzt von Herrn Böhm und seinen Hunden und werden
ihn gelegentlich wieder aufsuchen.


22. Allerlei Hundegeschichten. Richtige Behandlung des Hundes.

Die von Hundebesitzern erzählten Geschichten darf man nicht ohne
weitere Prüfung glauben. Dagegen wollen wir wirkliche Tierkenner zu
Wort kommen lassen, denn man kann aus ihren Berichten vieles lernen. So
schildert ein ostpreußischer Naturforscher seine Hündin »Gretel« in
folgender Weise. Zunächst leistet sie auf der Jagd Ausgezeichnetes.
Auch außerhalb des regelmäßigen Jagdbetriebes, heißt es weiter,
benutze ich »Gretel« zu allerhand Handlangerdiensten. Einige wenige
Beispiele mögen das beweisen. Im vorigen Jahre hatte ich auf meinem
Teiche junge März-, Pfeif- und Krickenten großgezogen, die nach und
nach halb verwilderten, so daß es unmöglich war, die Vögel, denen ich
die Flügel gestutzt hatte, im Spätherbste einzufangen. Ich wartete
daher, bis die erste dünne Eisdecke gefroren war, die sich gerade stark
genug zeigte, um »Gretel« zu tragen. Bei meiner Annäherung watschelten
die Enten natürlich auf die Mitte des Teiches hinaus und fühlten sich
dort in größter Sicherheit. Diesmal aber hatten sie ihre Rechnung ohne
meine Gretel gemacht. »Gretel, hol das Entchen!« Zunächst wurde etwas
zaghaft vorwärts geschritten, weil sich das dünne Eis noch bog, dann
aber ging's herzhaft weiter, und bald waren die Enten, die sich auf dem
glatten Eise nicht schnell vorwärtsbewegen konnten, eingeholt. Nun war
es höchst interessant, das Benehmen der Hündin zu beobachten. Sie weiß
genau, daß sie jeden Vogel lebendig bringen soll; wenn sie aber einen
kräftigen Märzerpel fassen wollte, so schlug dieser so heftig mit den
Flügeln und zappelte so sehr, daß er nur durch kräftiges Zufassen zu
halten gewesen wäre. Einige Federn stoben schon, und »Gretel« äugte
verlegen und unschlüssig nach mir hin, der ich zu weiterem Handeln
aufforderte. Da kam ihr der rettende Gedanke. Plötzlich erfaßte sie
energisch eine Flügelspitze und führte das sich sträubende Tier zu mir
heran, ein Verfahren, das sie übrigens schon öfter angewendet hatte,
und zwar bei angeschossenen wehrhaften Vögeln, z. B. großen Möwen. Auch
die Pfeifenten wurden noch herangeführt, aber die kleinen Krickentchen
ließen sich bequem im Maule herbeitragen. So hatte ich meine Entenschar
bald im Korbe versammelt.

Ein andermal wurden mir mehrere junge, lebende Tüpfelsumpfhühner
gebracht. Beim Einsetzen in das Vogelhäuschen huscht mir das eine über
den Kopf. Eben will ich anfangen mich zu ärgern und drehe mich um,
da kommt »Gretel«, die natürlich bei mir war, schon wieder mit dem
Ausreißer an, der nun seinen Genossen zugesellt werden konnte. Oder ich
bin mit meiner Frau auf dem Spaziergange. Wir haben uns etwas getrennt,
und meine Frau winkt oder ruft mir zu, daß sie von mir vielleicht das
Messer zum Blumenschneiden oder irgendeinen anderen Gegenstand haben
möchte. Sofort tritt »Gretel« ihre Botendienste mit größter Promptheit
an. Es ist selbstverständlich, daß sie dann jedesmal ein Blümchen oder
einen Zweig als Dank zu ihrer größten Freude zurückbringen darf. Solche
kleinen Liebesdienste verrichtete sie sehr gern, weil wir uns den Spaß
machen, sie dafür jedesmal maßlos zu loben und uns an dem drolligen
selbstgefälligen Wesen unseres Lieblings zu erfreuen. Wenn mir beim
Einwickeln von erlegten Vögeln der Sturm etwa das Papier fortweht
oder sonst den Hut vom Kopfe reißt, so brauche ich mich gar nicht zu
bemühen, brauche nicht einmal ein Wort zu sagen: das Entschwundene wird
mir von meiner Gretel prompt wieder zur Stelle gebracht. So könnte
ich noch manche Beispiele erzählen, und alles das haben wir unserem
Zögling nicht etwa mühsam beigebracht, sondern das hat er durch den
täglichen Umgang alles von selbst gelernt.

Als Hausgenossen könnte man sich keinen liebenswürdigeren,
freundlicheren und artigeren Hund wünschen wie unsere »Gretel«.
Ein Lästigwerden oder Aerger über Dummheiten, woran es bei einem
unerzogenen Hunde sonst nicht mangelt, gibt es nicht. Es mag das mit
darin seinen Grund haben, daß das »Paudelwesen« in der Erziehung der
»Gretel« eine große Rolle gespielt hat und noch spielt. Damit hat
es folgende Bewandtnis. Im Hausflur steht »Gretels« Hauptpaudel, d.
h. ein Korb mit Heu, in dem die Hündin während der Nacht schläft.
Ferner hat sie aber auch noch in jedem Zimmer eine sogenannte »Paudel«
angewiesen erhalten, das ist meist ein Fellteppich. So weiß sie stets
wo sie hingehört und braucht sich nicht planlos umherzutreiben, um
den Besuch etwa zu belästigen oder am Ofen, oder gar auf den Möbeln
herumzuliegen. Der Befehl »In die Paudel!« bedeutet für Gretel vom
Herrn weggehen, an den ihr angewiesenen Platz sich begeben und da sich
ruhig und artig verhalten, bis sie gewünscht wird. So habe ich's also
in der Hand, die Hündin nicht nur an mich heranzurufen, sondern stets
auch von mir wegzubringen, was mir schon oft zustatten gekommen ist.
Abgesehen davon, daß ich sie so von jedem Punkte des Dorfes nach Hause
schicken kann, habe ich auch im Reviere draußen manchen Vorteil davon.
Wenn ich dort aufs Gratewohl den Befehl »In die Paudel!« ergehen lasse,
dann läuft die Hündin mit eingeklemmter Rute ein Stück von mir fort,
macht dann auf Zuruf down (nieder) und verharrt daselbst, solange ich
es haben will. Liegt aber etwa mein Rucksack oder irgendein anderer
Gegenstand von mir in der Nähe, oder sind wir nicht weit von einem
Punkte, wo ich etwa öfter zu rasten pflege, so wird nach ergangenem
Befehle diese Stelle als willkommene »Paudel« aufgesucht. -- *Beim
Essen liegt »Gretel« ruhig an ihrem Platze, nie bekommt sie etwas
vom Tisch; ja, wenn nicht das Dienstmädchen trotz strengen Verbotes
ihr manchmal einen Bissen zusteckte, dann wüßte sie gar nicht, was
es zu bedeuten hat, wenn Menschen essen.* Ein zudringliches Betteln,
ja Herumhopsen um den Tisch, wie ich es von verwöhnten Stubenhunden
zu meinem Entsetzen schon gesehen habe, ist ganz ausgeschlossen. So
kann man auch draußen auf der Jagd beim Rasten in Ruhe sein Butterbrot
verzehren *und braucht nicht zu fürchten, daß einem die Hundenasen
daran herumschnüffeln, oder daß einem so ein sogenannter wohlerzogener
Jagdhund gegenübersitzt, einem die Bissen in den Mund zählt, während
die langen Geiferfäden aus den Mundwinkeln heraushängen, wie ich es
bei Hühnerjagden in den Frühstückspausen erlebt habe*. »Gretel« liegt
oder sitzt bei solcher Gelegenheit ruhig in ihrer »Paudel«, d. h.
ein Stück von dem Essenden entfernt, und erwartet gar nicht, daß sie
etwas bekommt. -- Es wäre sehr schön, wenn alle Menschen ihre Hunde
so erzögen, wie es hier geschildert worden ist. Dann würde es viel
weniger Hundefeinde geben. Aber um einen Hund zu erziehen, muß man
selbst erzogen sein. Und da hapert es eben. Nicht mit Unrecht gilt das
Sprichwort: Wie der Herr, so das Gescherr.

Ueber die Bestrafung des Hundes wäre folgendes zu sagen: Ein Hund darf,
wenn er wirklich Strafe verdient hat, nur auf frischer Tat und auf
eine solche Weise bestraft werden, daß er wirklich weiß, wofür er die
Strafe bekommt. Geschlagen darf er nur werden, wenn an eine Hilfe durch
andere Mittel nicht zu denken ist; die Hiebe muß er aufs Hinterteil
bekommen, während er im Genick, womöglich auf den Boden gedrückt,
festgehalten wird. Bei großen Hunden, die zum Beißen neigen, muß man
besondere Vorkehrungen treffen. Zausen oder treten darf man ihn nicht,
ebenso nicht mit der bloßen Hand schlagen, da er sonst handscheu wird.
Tückisch darf man nie zu Werke gehen. Um ihn zu gewöhnen, daß er auf
den Ruf jedesmal kommt, ist es ein gutes Mittel, daß man ihm recht
sowie er auf den Ruf kommt, einen Leckerbissen gibt. Auch kann man
ihn auf dem Rücken gegen den Strich der Haare mit den Fingern tüchtig
krabbeln, denn das liebt er sehr. Da Hunde beim Stehen leicht ermüden,
so ist es eine zweckmäßige Strafe, sie hoch anzubinden, so daß sie sich
nicht hinlegen können. Dagegen ist das Einsperren in eine dunkle Kammer
bei einem Nachttier wirkungslos.

Ueber Eingewöhnung fremder Hunde auf dem Lande werden folgende
Ratschläge erteilt:

Ist ein neugekaufter Hund angelangt, so vernichtet man ihm für zwei
bis drei Monate, jedenfalls bis er ganz eingewöhnt scheint, jede
Aussicht auf Entwischen, füttert und tränkt ihn wenig, damit er alles
Dargebotene dankbar annimmt, und läßt ihm durch alle Mitglieder der
Familie oftmals am Tage etwas darreichen; abends bekommt er womöglich
einige bei Nacht zum Zeitvertreib zu benagende Knochen. Hat er erst
in seiner neuen Behausung eine Knochensammlung, so gewinnt er die
Heimstätte lieb. Als Streu muß er tüchtige Bündel Stroh bekommen, das
aus den Betten der Hausbewohner entnommen ist. Auf diese Weise lernt er
den Hausgeruch kennen.

Kommen neue Dienstleute oder sonstige Leute für längere Zeit ins Haus,
wo sie bei Tag oder Nacht dem Haus- oder Hofhunde begegnen können, so
werden sie diesem erst vorgestellt, nachdem sie selber erst einige
Nächte in Betten geschlafen haben, die schon länger im Hause benutzt
sind.

Alle diese Vorsichtsmaßregeln, die schon über hundert Jahre alt sind,
werden nur begreiflich, wenn man weiß, daß der Hund ein Nasentier ist.


23. Sogenannte Unarten der Hunde und ihre Bekämpfung.

Wir Menschen reden von den Unarten der Haustiere als etwas ganz
Selbstverständlichem. Wir nennen eben einfach alles, was uns nicht
paßt oder Schaden zufügt, eine Unart oder Untugend, genau wie wir von
schädlichen oder nützlichen Tieren sprechen. Wenn der Hund verwestes
Fleisch frißt, so bezeichnen wir das als eine Unart, obwohl das
Tier nur seinem Triebe folgt und eine ihm vollständig zusagende und
bekömmliche Nahrung zu sich nimmt. Ob Tiere überhaupt Unarten an sich
haben, bedarf noch sehr der Aufklärung. Richtiger spricht man in
solchen Fällen von Unbequemlichkeiten. Diese müssen wir Menschen, die
wir von den Haustieren Nutzen ziehen, in den Kauf nehmen. Natürlich
werden wir sie nach Möglichkeit zu verringern suchen.

Selbst auf dem Lande hat man mit Hunden manchmal große
Unannehmlichkeiten. Der vorhin erwähnte Naturforscher, der so schön
über die richtige Bestrafung der Hunde zu reden weiß, erzählt von
seinen Hunden folgendes:

Als ich mir mein Haus in Thüringen gebaut hatte, hielt ich mir anfangs
einen sehr wachsamen und scharfen Hühnerhund nebst zwei ganz kleinen,
niedlichen Spitzchen. Der erstgenannte war den Tag über in einem
eigenen Stalle, die Spitzchen steckten auf dem Hofe in einem großen
Vogelbauer, worin sie, so oft ein Fremder kam, einen solchen Lärm
machten und vor Bosheit so grimmig in die daumendicken Holzstäbe des
Käfigs bissen, daß ich immerfort neue einziehen mußte, wenn die alten
zerbissen waren. Ueber Nacht waren alle drei auf dem Hofe los, und
machten, so oft sich jemand dem einsam zwischen Gärten liegenden Hause
nahte, einen ungeheuren Lärm. Die feinsten Sinne hatte der Hühnerhund.
Kam ich abends von der Stadt und ging um die Ecke eines 160 Schritte
von meinem Hofe entfernten Stalles, so wußte er in dieser Entfernung
genau meinen Tritt zu unterscheiden und winselte vor Freuden; kam
aber jemand anderes um besagte Ecke oder anderswoher auf 200 bis 300
Schritte Entfernung, so schlug er laut und drohend an. Verstellte ich
meinen Schritt absichtlich, so bellte er, wenn er im Oberwinde stand,
auch bei mir. Weil es um meine Wohnung her über Nacht von Hasen, Rehen
und Hirschen wimmeln, so durften die Hunde, weil sie sonst Hetzjagden
gehalten, dabei auch wohl Menschen angefallen haben würden, nicht vom
Hofe. Einstmals hatte ich vergessen, abends das Türchen zu schließen,
durch welches bei Tage die Hühner ins Freie gingen. Als ich frühmorgens
aufstand, fand sich's, daß es der große Hund mit seinen gewaltigen
Zähnen erweitert hatte und mit den zwei Zwergen ausgerückt war. Die
ganze Schar war verschwunden und mochte über Nacht eine tolle Hetze
gehalten haben. Ich erließ in der Zeitung eine Anzeige und durchsuchte
alle benachbarten Dörfer. Nach acht Tagen bekam ich die zwei Spitzchen
wieder; man hatte sie am zweiten Tage eine Stunde von hier ganz
ermattet angetroffen und in ein Haus gelockt. Den großen Hund, der sich
wohl durch seine Schnelligkeit und größere Hetzbegier von den Zwergen
verloren hatte, erhielt ich einige Tage später zurück. Er hatte sich
etwa am sechsten Tage nach seiner Abreise abgehungert und todmüde in
die Stadt Waltershausen begeben und anfangs jedem, der sich ihm nahte,
die Zähne gezeigt. Endlich wurde er mit Futter in ein Haus gelockt,
hatte dort aber gleich bei der Mahlzeit geknurrt und um sich gebissen,
so daß die Leute, um ihm gute Sitte beizubringen, ein schweres
Holzscheit ergriffen und es ihm auf Kreuz und Schenkel warfen. Er war
zusammengebrochen und 14 Tage völlig lahm, aber demütig geworden. Ich
erfuhr, wo er war, holte ihn zurück, er erholte sich, war aber von nun
an ganz umgewandelt.

An die Bewachung des Hauses, welches er zwei Jahre lang aufs Treuste
besorgt hatte, dachte er nicht im geringsten mehr, er sann nur aufs
Durchbrennen und Jagen. Gleich am ersten Abend, wo ich ihn wieder auf
den Hof ließ, begann er an dem Hühnertürchen zu arbeiten. Ich gab ihm
ein paar Hiebe, er setzte sich mürrisch in eine Ecke, lauerte, bis ich
beim Schlafengehen das Licht ausgemacht, begann nun die Arbeit von
neuem, wühlte sich unter dem Geländer ein großes Loch, ging hinaus ins
Freie und jagte nach Herzenslust. Den anderen Tag nahm ich ihn beim
Kragen, führte ihn an seine Grube, verwies ihm das Wühlen, gab ihm
einige Hiebe und brachte ihn dann wie gewöhnlich in seinen Stall. Die
nächste Nacht machte er ein neues Loch, da das alte fest verrammelt
war, und brach wieder durch. Er bekam Hiebe, und ich ließ nun rings
inwendig am ganzen Geländer hin 5 Zentimeter dicke und 50 Zentimeter
lange Pflöcke dicht nebeneinander in die Erde schlagen. Aber das half
nichts. Er wühlte einen Schuh tief, packte die Pflöcke dann mit den
Zähnen, zog sie heraus und wühlte dann weiter. Ich ließ eine doppelte
Reihe schlagen; auch das half nichts. So hatte er sich sechs Nächte
hintereinander mit gewaltiger Kraft durch den festen Tonboden und die
Pfähle durchgearbeitet und jeden Tag seine Hiebe entgegengenommen, und
ich sah wohl, daß die letzteren keine guten Früchte trugen. Daher ließ
ich das letzte Loch offen, nagelte daneben zwei wagerecht liegende
Bretter sehr fest, ließ zwischen ihnen über der Mitte der Grube 12
Zentimeter Raum und stellte unter diese Oeffnung eine starke eiserne
Marderfalle. Abends lasse ich den Hund los. Er geht wie gewöhnlich
mit unschuldiger Miene, ohne nach dem Loche zu gucken, auf dem Hofe
herum, verzehrt sein Abendbrot mit gutem Appetit, wartet ab, bis ich
das Licht lösche, eilt dann zum Loche, steckt die Tatze hinein und wup!
da schlägt's unten zu und er sitzt in einer abscheulichen, furchtbar
zwickenden Klemme. Unter lautem Jammergeschrei sucht er sich zu
befreien, zerrt nach oben, die Bretter leisten der Falle Widerstand;
er stemmt sich mit dem freien Fuß und zieht nach einer Gefangenschaft,
die zehn Minuten gedauert hat, die Pfote glücklich heraus. Am folgenden
Morgen hatte er ein sehr schwermütiges Gesicht und eine lahme,
geschwollene, geschundene Pfote. Ich ließ ihn ruhig in seinem Stalle
und dachte: »Da hast du nun genug daran!« Er hatte nun auch wirklich
die Lust zum Wühlen, jedoch nicht die zum Jagen verloren. Dies mußte
ich gleich in der ersten Nacht zu meinem eigenen Schaden gewahren, denn
er biß in das auf dem Hofe stehende Vogelhäuschen, das er zwei Jahre
lang nie angetastet hatte, ein großes Loch, ging hinein und würgte
zwölf Vögel. Am folgenden Tage gab's Hiebe zum Frühstück, das Häuschen
ward sogleich ausgebessert, zu den wenigen Vögeln, die er nicht hatte
erhaschen können, einige neue getan und rings ein Geländer gebaut. Das
tat für einige Tage gut, aber sobald seine Pfote gesund war, benutzte
er sie, wühlte sich unten hinein und mordete wie zuvor. Am folgenden
Morgen regnete es Hiebe, das Häuschen ward ausgebessert, neu bevölkert
und die Marderfalle hineingehängt. Die folgende Nacht war mondhell, und
es machte mir viel Spaß, da ich ihn, wer weiß wie lange, schüchtern
um das Vogelhäuschen herumgehen und nach der verhängnisvollen Falle
gucken und schnuppern sah. Die Vögel waren nun sicher, der Hund mußte
aber, sobald ich seine Stelle durch einen neuen ersetzt hatte, weg.

Auch in diesem Falle sehen wir wieder, wie unausrottbar dem Jagdhund
die Jagdleidenschaft im Blute steckt. Aber können wir uns über seine
»Unarten« wundern? Wir Menschen haben ja erst dieser Hunderasse die
Jagdleidenschaft künstlich angezüchtet.


24. Klugheit und Verstellungskunst einer deutschen Dogge.

Die deutsche Dogge gilt im allgemeinen für kein besonders kluges
Geschöpf. Wir schätzen wohl ihre Stärke, aber wenn wir einen klugen
Hund haben wollen, nehmen wir lieber einen Pudel oder eine andere
Hunderasse.

Um so mehr wird es uns in Erstaunen versetzen, was ein durchaus
wahrheitsliebender Mann von seiner Dogge erzählt. Unser Gewährsmann,
der als Rektor einer Schule in nicht recht geheuerer Lage vor dem
Tore einer großen Industriestadt Deutschlands lebte, hielt es für
nötig, sich zum Schutze der Familie und des Hauses einen tüchtigen
Hund anzuschaffen. Meine Wahl fiel, erzählt er, auf eine fünf
Monate alte schwarze deutsche Dogge, deren Eltern infolge ihrer
Größe, Intelligenz und Treue bei den Hundeliebhabern der ganzen
Umgegend in hohem Ansehen standen, zugleich aber auch wegen ihrer
Bösartigkeit gefürchtet waren. Als ich den Hund ins Haus brachte,
war man über sein täppisches Wesen und seinen bösen Blick nicht
sonderlich erbaut. Er hatte sein Leben bisher in einem einfachen
Hofe zugebracht, selten einen fremden Menschen gesehen, niemals ein
Zimmer betreten, war daher vollständig verblüfft, als ich ihn in die
Wohnstube führte, und nicht von der Stelle zu bewegen, nachdem er seine
Beine, um größeren Widerstand leisten zu können, wie ein Sägebock
auseinandergespreizt hatte. Nach Verlauf einiger Stunden legte er
sein unbeholfenes Wesen aber schon etwas ab und fühlte sich in seinen
neuen Verhältnissen ziemlich heimisch und erhielt den Namen »Tom«.
Trotz der armseligen Verhältnisse, in denen er aufgewachsen, hat sich
Tom niemals die geringste Unreinlichkeit zuschulden kommen lassen ...
Selbstverständlich wurde er mein beständiger Begleiter auf meinen
täglichen Ausflügen. Hier entwickelte er eine ungeahnte Lebhaftigkeit
und Regsamkeit seines Wesens. Da ich mich selbst mit ihm nur wenig
beschäftigte, verschaffte er sich auf eigene Art und Weise allerlei
Kurzweil, verfolgte vorzugsweise mit unausgesetzter Aufmerksamkeit
alles Tun und Treiben der Menschen und griff ohne weiteres in dasselbe
ein, sobald es ihm unstatthaft erschien. Zank und Streit waren ihm
z. B. höchst zuwider. Selbst wenn ziemlich weit entfernte Personen
in heftigen Wortwechsel miteinander gerieten, stürzte er auf sie zu,
stellte sich knurrend und zähnefletschend zwischen die Streitenden
und brachte sie bald auseinander.... Am meisten ärgerte er sich, wenn
Fuhrleute ihre Pferde mißhandelten. Zunächst nahm er in drohender
Haltung neben den gequälten Tieren Stellung; wagte ihr Peiniger
dann nur noch einen Schlag, so wurde er mit solcher Heftigkeit zu
Boden geworfen, daß ihm Hören und Sehen verging. Sah er dagegen, daß
jemand kaum imstande war, einen schwer beladenen Schubkarren von der
Stelle zu bringen, so eilte er hilfreich hinzu, erfaßte den Bock des
Fuhrwerkes mit den Zähnen und zog, mit rückwärts gerichtetem Körper,
aus Leibeskräften.

Seiner gewaltigen Größe entsprach auch seine Körperkraft. Spielend
trug er z. B. einen Henkelkorb von einem halben Zentner Gewicht weite
Strecken. Einen wütenden, drohend auf mich zuschreitenden Ochsen,
der mit einer Anzahl Kühe zur Weide getrieben wurde, hielt er so
nachdrücklich am Halse fest, daß das Tier vor Schmerz laut aufbrüllte
und entsetzt davonlief, als es von seinem Angreifer befreit wurde. Die
Wände einer starken, aus neuen Brettern hergestellten Transportkiste,
in welcher »Tom« einmal versandt werden sollte, und von welcher der
Schreiner meinte, dieselbe sei für einen Tiger fest genug gearbeitet,
zermalmte er schon auf der kurzen Strecke bis zum Bahnhofe zu Spänen.
War er im Begriffe, sich auf einen Gegenstand zu stürzen, der ihn
in Wut versetzte, vermochte ihn selbst der stärkste Mann nicht zu
bändigen; er wurde wie ein Kind umgerissen und fortgeschleift.

An allen Familienerlebnissen nahm er wie ein Mensch Anteil. Wurde z.
B. jemand bettlägerig, so saß er stundenlang an dem Lager des Kranken,
schaute unverwandt nach dessen Angesicht und legte seine Schnauze
oder Pfote leise auf die ihm entgegengestreckte Hand, um sein Mitleid
auszudrücken.... Traf eine Postsendung von einem in der Ferne weilenden
Kinde ein, so konnte er vor Freude kaum die Zeit erwarten, bis der
Inhalt ausgepackt wurde, ergriff dann den ersten besten zum Vorschein
gekommenen Gegenstand und eilte damit zu allen Familienangehörigen im
Hause, die beim Auspacken nicht zugegen waren, um sie auf diese Weise
von dem frohen Ereignis in Kenntnis zu setzen. Kehrte ein längere
Zeit abwesendes Familienmitglied von der Reise zurück, während ich
mich in der Schule befand, so eilte er sofort dahin, obgleich er es
sonst nicht wagte, mir dort einen Besuch zu machen, und suchte, indem
er mir Stock und Hut herbeitrug und sich vor Freude wie unsinnig
gebärdete, mich zum Fortgehen mit ihm zu bewegen. Gelang ihm dieses,
so stürzte er vor mir ins Haus und brachte mir irgendein Besitztum
des Angekommenen entgegen, um mir anzudeuten, weshalb er mich geholt.
Reiste dagegen ein ihm lieber Besuch wieder ab, so suchte er die
Abfahrt zu verhindern, schleppte das Reisegepäck wieder aus dem Abteil
und verfolgte den abfahrenden Zug eine weite Strecke mit Bellen und
Heulen. Bei schweren, Kraft beanspruchenden Verrichtungen im Hause
war er stets mit seiner Hilfe bereit; so trug er z. B. Kartoffeln
und Kohlen im Henkelkorb aus dem Keller, beförderte die Waschkörbe
nach der Bleiche und der Mangel usf.; besaß überhaupt das Bestreben,
jedem nach eigenem Wunsch und Gefallen zu leben. Kein Wunder daher,
daß er bald der Liebling der ganzen Familie, besonders der weiblichen
Mitglieder des Hauses, wurde, die ihn freilich leider auch mit der
Zeit verhätschelten und angenommene Unarten, die später viel Verdruß
und Aerger bereiteten, anfangs als interessante Eigenheiten belachten,
anstatt sie zu bestrafen. Fühlte er sich z. B. auf seinem harten
Lager, einer Strohmatratze, unbehaglich, so pflegte er während meiner
Abwesenheit auf meinem Sofa der Ruhe; vereitelten ihm absichtlich
darüber gebreitete harte Gegenstände sein Vorhaben, so nahm er auch
mit dem härteren Sofa in der Kinderstube vorlieb. Auf diesem hatte er
mit Erlaubnis die bekannte Kinderkrankheit, der die meisten jungen
Hunde unterworfen sind, in schwerer Weise überstanden, wurde aber
nach derselben ebenfalls nicht mehr darauf geduldet. Ueberrumpelte
man ihn dennoch ein oder das andere Mal auf der verbotenen Ruhestätte
und rief ihm dann zu: »Tom bist du krank?« so blieb er ruhig liegen,
schloß die Augen, stöhnte und ächzte laut, so daß jeder Fremde, der
seine Verstellungskünste nicht kannte, annehmen mußte, er liege im
Sterben. In der Regel gelang es ihm aber, sich, ehe die Tür geöffnet
wurde, mit einem Satze vom Sofa zu schnellen; in diesem Falle stellte
er sich mit der unschuldigsten Miene von der Welt daneben, suchte
seine Verlegenheit durch lautes Gähnen und Dehnen seines Körpers zu
vertuschen und war, wenn er nicht ausgescholten wurde, überzeugt,
seine List sei ihm geglückt. Natürlich nahm er dann sein Ruheplätzchen
von neuem ein, sobald er sich wieder allein im Zimmer befand. Gelang
es ihm nicht, ein Sofa zu erobern, so begnügte er sich mit einem
weichen Kopfkissen, indem er sich einen Puff von einem Sofa oder ein
Paar Strümpfe aus dem Strumpfkorbe im Nebenzimmer auf sein Lager
herbeiholte. Die wollene Decke, welche über das letztere gebreitet
war, glättete er mit Hilfe von Nase und Pfoten mehrmals täglich so
sorgfältig, daß sie nicht das geringste Fältchen zeigte; auch reinigte
er sie von Zeit zu Zeit von dem auf ihr haftenden Staube, indem er sie
mit den Zähnen faßte und heftig hin und her schüttelte.

Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm die Gelegenheit
darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit dem sie sich gerade
bei ihrer Handarbeit beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete
Strümpfe, einen großen Wollenknäuel usw., heimlich, wie er sich
einbildete, wegzustibitzen und in seinem großen Rachen verschwinden zu
lassen. Suchten meine Töchter dann den geraubten Gegenstand absichtlich
mit auffallender Emsigkeit, so hatte er seinen Zweck erreicht; er nahm
unter besonders gemessener Haltung eine möglichst einfältige Miene an,
um zu zeigen, daß er keine Ahnung von dem Grunde der stattfindenden
Aufregung habe, und gab das Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht
früher heraus, als bis man sich direkt an ihn mit der Frage gewandt
hatte: »Tom, weißt du denn nicht, wo ... hingekommen ist?« War ich
zufällig bei diesem Spiele zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn
gestellt, und er mit einem Blicke auf die Mädchen sich überzeugt,
daß er nicht beobachtet wurde, unaufgefordert zu mir, sperrte sein
Maul so weit auf, daß ich den gesuchten Gegenstand erblicken mußte,
warf mir einen verständnisinnigen, schelmischen Seitenblick zu, um
dann im Umdrehen das vorher gezeigte dumme Gesicht wieder anzunehmen
und auf seinen Platz zurückzukehren. Unglaublich war sein schnelles
Verständnis für unsere Wünsche und Befehle. Es sei mir gestattet, nur
einige Tatsachen als Beleg anzuführen. Einmal hatte er mit seinen
schmutzigen Füßen das frisch gescheuerte Wohnzimmer arg verunreinigt.
Er wurde auf sein Vergehen aufmerksam gemacht, ausgezankt, vor die
Tür gewiesen und belehrt, wie er sich auf der vor derselben liegenden
Strohdecke zu reinigen habe. Seitdem hat er sich nicht wieder erlaubt,
eher einzutreten, als bis er seine Füße selbst nach Möglichkeit vom
Schmutze befreit hatte. Fehlte zufällig der Abtreter, so bellte er
bittend so lange vor der Tür, bis jemand mit einem Lappen herauskam
und ihm die Füße, die er dann der Reihe nach aufhob und zum Reinigen
hinhielt, abrieb. Obgleich er die Schule aus eigenem Antriebe zu allen
Tageszeiten besuchte, um die aus den Papierkörben von dem Kastellan
gesammelten Brotreste in Empfang zu nehmen, wagte er es niemals, wie
bereits erwähnt, mir dort einen Besuch abzustatten. Rief man ihm
dagegen zu Hause zu: »Tom! lauf schnell nach der Schule und hole den
Papa!« so stürmte er zunächst nach meinem Zimmer im Schulgebäude; fand
er mich hier nicht, so ergriff er meinen Hut und brachte ihn nach dem
Zimmer, in welchem ich mich gerade aufhielt.

Leider besaß der Hund, wie bereits mitgeteilt, neben seinen glänzenden
Eigenschaften auch verschiedene üble Angewohnheiten, die schon in
seiner Jugendzeit das von ihm entworfene Bild wie vereinzelte dunkle
Punkte trübten, mit seinem fortschreitenden Alter zum Teil aber einen
solchen unheilvollen Charakter annahmen, daß sie das Zusammenleben
mit ihm immer mehr verleideten. Schon die Gier, mit welcher er trotz
seiner reichlichen Fleischkost dem Aas nachstellte, das sich häufig
unter dem Miste auf dem Felde befand, machte die Spaziergänge in
seiner Gesellschaft oft unerträglich ..... Während seiner Jugendzeit
durften die Mädchen sich unbedenklich den Scherz erlauben, in seiner
Gegenwart einem beliebigen Gegenstand in recht sichtbar zur Schau
getragenen Weise zu schmeicheln und ihn zu liebkosen; er knurrte und
bellte wohl diesen heftig an, zeigte jedoch durch sein komisches
Gebärdenspiel, daß der an den Tag gelegte Zorn nur ein erkünstelter
war; aber schon nach wenigen Jahren nahm sein Wesen bei diesem Spiele
einen solchen bedrohlichen Charakter an, namentlich wenn es Menschen
oder Tiere waren, die ihm bevorzugt wurden, daß man es aufgeben mußte,
um nicht ein Unglück heraufzubeschwören ... Zugleich nahm er ein immer
unfreundlicheres und mürrischeres Wesen gegen die Kinder an und zeigte
sich selbstbewußter in seinem Auftreten erwachsenen Personen gegenüber.
Während er früher z. B. den Schulkastellan durch Schmeicheleien zum
Oeffnen der die Leckereien enthaltenden Schublade zu bewegen suchte,
packte er ihn später, wenn er ihm nicht augenblicklich zu Willen war,
mit allen Zeichen wirklichen Zornes am Arme und zog ihn mit Gewalt nach
derselben. Hatte er sich in seinen ersten Lebensjahren außerordentlich
feinfühlig gezeigt, so daß ihn ein unfreundliches Wort bitter kränkte,
nahm er von den Meinigen jetzt Schelte und selbst Prügel mit völliger
Gleichgültigkeit hin und drohte zu beißen, wenn ihm die Behandlung
nicht paßte. Nur mir gehorchte er noch unbedingt und ertrug demütig
die ihm wegen seines widerspenstigen Wesens erteilten Züchtigungen.
Seine Anhänglichkeit und Sorge für mich schien sogar mit seinem Alter
zuzunehmen.

Er stand jetzt in seinem siebenten Lebensjahre. Was bewährte Kenner
der Hunderassen mir längst vorhergesagt hatten, traf ein: sein
ursprüngliches bösartiges Naturell, das Erbteil seiner gefürchteten
Eltern, scheinbar durch den stetigen, jahrelangen Verkehr mit Menschen
ertötet, kam wieder zum Durchbruch, sobald er gereizt wurde .... Da
veröffentlichten die Zeitungen in kurzer Zeit hintereinander zwei
Fälle, in welchen deutsche Doggen sich wie wilde Bestien gegen ihre
eigene Herrschaft benommen hatten ..... Wie ein drohendes Gespenst
verfolgte von jetzt ab mich Tag und Nacht der Gedanke, welche Schuld
ich auf mich laden würde, wenn durch Tom ein ähnliches Unglück
herbeigeführt werden sollte. Trotzdem er mir unentbehrlich geworden,
konnte ich mich der Ueberzeugung nicht verschließen, es sei unbedingt
notwendig, mich von ihm zu trennen. Ihn für schnödes Geld fremden
Händen zu überlassen und einer ungewissen Zukunft preiszugeben, würde
mir wie ein Verrat an meinem besten Freunde erschienen sein; ich
beschloß daher, ihn an eine befreundete Person, welche sichere Garantie
für eine liebevolle Behandlung bot, zu verschenken.

Vorstehendes berichtet ein Schulmann, der Anspruch auf Glaubwürdigkeit
hat. Trotzdem wollen mir zwei Angaben nicht in den Kopf, weil ich sie
in meinem langen Leben, während dessen ich unzählige Hunde beobachten
konnte, niemals von anderen Tieren gesehen, ja nicht einmal davon
gehört habe. Einmal hat sich die Dogge die Füße vor der Tür gereinigt.
Wie schön wäre es, wenn auch nur die klugen Hunde, wie Pudel,
Schäferhunde usw., das nachmachen würden. Ferner hat die Dogge Sinn für
Humor gehabt, indem sie gewissermaßen mit dem Verstecken des Knäuels
einen Witz machte. Humor ist mir unter den Säugetieren nur bei den
Affen bekannt, niemals bei den Hunden. Uebrigens wird auch hier das
Aasfressen für eine Unart gehalten, was es gar nicht ist.

Dagegen sind die von mancher Seite angezweifelten Angaben über die
Bereitwilligkeit zum Beistand und die Neigung zur Verstellung durchaus
glaubhaft. Es sollen dafür noch andere Beispiele angeführt werden.


25. Verstellung und Beistand bei Hunden.

Von den Fällen, wo Hunde sich verstellten, seien hier folgende
angeführt:

1. Ich besaß, schreibt ein Naturforscher, einen rauhhaarigen Hund,
Pintsch genannt, der in ausgezeichnetem Grade log. Pintsch vertrieb
sich die Zeit sehr gern mit »Bummeln«, wußte auch sehr wohl, daß
er das nicht durfte, und kam infolgedessen nicht offen von seinen
Spaziergängen nach Hause, sondern schlich sich heimlich ein. Dann
aber, wenn er im Hause war, ging er meist nicht auf geradem Wege zu
den Menschen, sondern machte folgendes Kunststück: er stieg, immer
noch heimlich, auf den Speicher oder an eine andere versteckte Stelle,
wartete, bis er unten im Hause jemand sprechen hörte und kam dann,
tapp, tapp, mit unschuldigster Miene die Treppe herab. Sein späterer
Besitzer bestätigte mir diese Beobachtung, ohne von mir darauf
aufmerksam gemacht worden zu sein; so auffallend war die List, womit
er seinem Herrn weiszumachen strebte, daß er den ganzen Tag im Hause
verschlafen habe.

2. Es waren in einem Gasthause verschiedene Hunde, die sich alle
Winterabende um das Kaminfeuer in dem Gastzimmer herumlagerten, doch
so, daß sie den Gästen nicht im Wege waren. Einer von diesen Hunden,
der sich gewöhnlich immer später als die anderen einfand, mußte mit
einem entfernten Platze vorlieb nehmen. Bisher hatte er immer Geduld
gehabt; an einem Abend aber, an welchem die Kälte ihm wahrscheinlich
zu unerträglich war, ersann er folgenden listigen Streich, der ihm
auch vollkommen gelang. Nachdem er sich einige Zeit zur Rechten und
zur Linken umgesehen hatte, um ein Plätzchen in der Nähe des Feuers
zu bekommen, aber seine Absicht nicht erreichen konnte, verläßt er
auf einmal das Zimmer, läuft nach der Haustür und fängt an, aus allen
Kräften zu bellen. Augenblicklich machen sich alle Hunde im Zimmer auf
die Beine, laufen und bellen, so gut ein jeder kann. Der Hund, der das
Zeichen gegeben hatte, ließ sie gehen, kam mit einer triumphierenden
Miene zurück und suchte sich die beste Stelle beim Feuer aus. Seit der
Zeit bediente er sich zur großen Belustigung der Gäste jedesmal, wenn
er es für nötig fand, dieses Kunstgriffes und verfehlte nie seinen
Endzweck.

3. Den gleichen Kunstgriff wandte ein kleiner gieriger Hund an, um
dem großen Hausgenossen das Futter zu stehlen. Nachdem er seine
Mahlzeit verschlungen hatte, lief er bellend zum Tore, gefolgt von
dem Bernhardiner. Heimlich ging er zurück und fraß das Futter des
Großen. Am vierten Tage kam der Bernhardiner hinter den Schlich des
Kleinen und hätte ihn zuschanden gebissen, wenn der Hausherr nicht
dazwischengetreten wäre.

Ueber Beistand, den die Hunde einander leisten, schreibt der vorhin
erwähnte Besitzer von Pintsch folgendes: Meiner Wohnung gegenüber
lag der Hund eines Bierwirts, ich will ihn Boxer nennen, häufig auf
der Straße und sonnte sich. Boxer war ein ungeschlacht aussehendes
Vieh, von dem ich nichts kannte als die Kraft seiner Zähne; die
Lastträger, welche bei seinem Herrn verkehrten, belustigten sich
öfter damit, ihn in einen vorgehaltenen Strick beißen zu lassen und
ihn dann an diesem herumzutragen, was er beliebig lange aushielt.
Eines Tages kam ein fremder kleiner schwarzer Hund durch das Stadttor
gelaufen, und wie das zu geschehen pflegt, wurde er sofort von den
kleinen Kötern, denen er in den Weg lief, angebellt. Bald stellten
sie ihn; gerade unter meinem Fenster blieb das schwarze Tierchen
ängstlich stehen, und um ihn bildete sich ein Kreis, bestehend aus
allen kleinen Hunden der Nachbarschaft, die ihn feindselig ankläfften
und berochen. Er war augenscheinlich in großer Not, und schon wollte
ich mit einem Wurfgeschoß zu seinen Gunsten einschreiten, da erhob
sich Boxer, der auf der anderen Seite der Straße lag, aus seiner faul
behaglichen Ruhe, schritt herzu, durchbrach den Kreis der Kläffer
und stellte sich breitbeinig mitten über den kleinen schwarzen Hund!
Boxer sagte nichts dazu, aber er warf einen Blick rings um sich,
solch einen Allgemeinblick, wie ihn kein ernster Schauspieler beredter
und verächtlicher loslassen kann! Die würdige Haltung stand zwar zu
seinem ziemlich gemeinen Gesichtsausdruck in einem außerordentlichen
Widerspruch, der zum Lachen reizte, aber sie wirkte unübertrefflich;
in wenigen Sekunden war die Meute der Angreifer nach allen Richtungen
zerstoben, und Boxer blieb mit seinem Schützling allein. Einige
Augenblicke ließ er diesen noch unter sich stehen, dann zog er
schwerfällig sein rechtes Vorderbein über dessen Rücken weg, wandte
sich und suchte, ohne umzuschauen, sein früheres Lager wieder auf. Der
kleine Schwarze aber lief fröhlich davon.

Aehnliche Fälle, wo Hunde dem Menschen oder anderen Hunden oder
Tieren Beistand geleistet haben, kann man nicht selten beobachten.
Beistand und Verstellung sind dem Hunde naturgemäß, weil sie beide
ihm in seiner früheren Lebensweise angeboren waren. Von jeher mußten
sich die einzelnen Glieder eines Rudels im Kampfe gegen wehrhafte
Pflanzenfresser beistehen. Aber auch die Verstellung ist ihm etwas
Natürliches. Noch heutigen Tages schleppen die Schakale eine Beute
ins Gebüsch und sehen erst mit der harmlosesten Miene nach, ob die
Luft rein ist. Es könnte ja sonst sein, daß ihnen ein Mensch oder ein
großes Raubtier die Beute entrisse. Da ferner der Leiter des Rudels als
unbeschränkter Herrscher diejenigen straft, die sich seinen Befehlen
nicht fügen, so hat sich der Hund von jeher daran gewöhnt, seinen
Gebieter durch Verstellung zu täuschen.


26. Leistungen der Hunde zum Nutzen der Menschen.

Ueber Polizei- und Blindenhunde ist schon an einer früheren Stelle
gesprochen worden. Allgemein dürfte bekannt sein, daß im Weltkriege
viele Soldaten durch Sanitätshunde gerettet worden sind.

Die Sanitätshunde haben ihre Vorläufer in den sogenannten
Bernhardinerhunden. Das Ueberschreiten des Bernhardpasses ist wegen der
Unbilden der Witterung sehr gefahrvoll. Deshalb besteht dort ein Hospiz
zur Pflege und Rettung der Reisenden. Jeden Tag gehen zwei Knechte mit
Hunden über die gefährlichen Stellen des Passes. Groß ist die Zahl der
durch diese klugen Hunde Geretteten. Der berühmteste Hund der Rasse
war Barry, das unermüdlich tätige und treue Tier, das in seinem Leben
mehr denn vierzig Menschen das Leben rettete. Er ist im Museum von Bern
ausgestellt.

Ueber die Leistungen der Jagdhunde soll im zweiten Bande gesprochen
werden, wo die heimische Tierwelt geschildert wird.

Für den Landbewohner sind außer den Wachhunden am wichtigsten die Hunde
zum Treiben des Viehs (Fleischerhunde) und die Hunde zum Bewachen des
Viehs, namentlich der Rinder und Schafe (Hirtenhunde). Ueber diese
Hunde wäre folgendes zu sagen:

Man hat den Fleischerhund am liebsten schwarz oder braun. Ein guter
Fleischerhund ist in seiner Pflicht unermüdlich, läuft unaufhörlich
hinter dem Vieh, das er vor sich hertreibt, hin und her; geht ein
Ochse durch und läßt sich nicht zurücktreiben, so springt er ihm an
die Schnauze und hängt sich mit den Zähnen daran fest. Schweine packt
er am Ohr, was er teils von selbst tut, teils bei einiger Anleitung an
kleineren Schweinen leicht lernt. Man richtet ihn auch ab, falls er
dies nicht von selbst tut, daß er, sobald er das Ohr fest gepackt hat,
über den Rücken des Schweines wegspringt, wodurch er auf die andere
Seite kommt, das Ohr mit hinüberzieht, dem Schweine den Kopf umdreht
und es auf solche Weise leicht zum Stehen bringt.

Der Hund des Kuhhirten muß immerfort seinen Herrn beobachten und
aufmerken, ob dieser ihm etwas befiehlt, was er dann augenblicklich
ausführt. Er muß volle Spitzzähne haben. Kühe, welche nicht sogleich
gehorchen, muß er wirklich beißen, sonst haben sie keine Achtung
vor ihm. Treibt er die Kuh vor sich her, so darf er nur nach den
Hinterfüßen beißen, und zwar, um nicht geschlagen zu werden, von der
Seite, nie nach dem Schwanze oder den Seiten, am allerwenigsten nach
dem Euter. Schlägt die Kuh nach ihm, so muß er sich gut in acht nehmen,
aber dennoch beißen. Will er die Kuh wenden, so muß er nach dem Kopfe
beißen. Widersetzt sich ihm eine Kuh oder ein Ochse geradezu mit den
Hörnern, so trägt er, wenn er seinem Amte ganz gewachsen ist, dennoch
den Sieg davon, indem er das Vieh ohne Umstände in die Schnauze beißt
und sich daran festhängt. Ist ein Ochse nur *einmal* von dem Hunde in
dieser Art gebissen worden, so hat er vor einem solchen Schnauzenbiß
entsetzliche Angst. So hatte vor vielen Jahren der Waltershäuser
Hirt einen trefflichen Hund von Größe und Farbe eines Fuchses. Der
Hauptbulle der großen Herde war zu jener Zeit ein lebensgefährliches
Tier, wagte aber, nachdem ihm der Hund einmal fest, schwer und lange an
der Nase gehangen, gegen diesen nicht die geringste Widersetzlichkeit.
Einstmals hatte sich der Hund in der Stadt mit Beitreiben von Kühen
verspätet, der Bulle glaubte sich sicher, achtete nicht auf den Hirten,
bis dieser laut nach dem Hunde pfiff; da sah sich der Bulle ängstlich
um und rannte, anscheinend vom bösen Gewissen getrieben, wie der Hund
gesaust kam, geradeaus auf einen hinter dem Burgberge gelegenen Teich
los, sprang ohne Zaudern in diesen hinein, eilte bis zu einer Stelle,
wo nur noch sein Kopf hervorragte, machte dort Halt, schwenkte und sah
den Hund und den Hirten erwartungsvoll und schweigend an. Der Hirt rief
den Hund ab, trieb die Herde, denn es war Abend, heimwärts und der
Bulle folgte von fern wie ein demütiger Sünder. Von dieser Zeit an war
das Betragen des Bullen immer tadellos.

Die außerordentliche Wirkung des Schnauzenbisses ist ganz einleuchtend.
Denn auch der Bulle ist ein Nasentier, dessen Nase ungeheuer
empfindlich ist. Deshalb zieht man ihm häufig zu seiner Bändigung einen
Ring durch die Nase.

Der Schäferhund muß ebenfalls nach den Hinterfüßen und beim Wenden nach
Kopf und Hals beißen. Ist ein Saat- oder Kleefeld in der Nähe, das er
schützen soll, so läuft er entweder rastlos an ihm auf und nieder oder
er legt sich lauernd hin und springt plötzlich zu, wenn ein Schaf zu
naschen wagt. Ueber die Klugheit mancher Schäferhunde beim Hüten der
Schafe soll noch später bei dem Schafe gesprochen werden.

Die Rattenplage und ihre Bekämpfung durch Hunde und Katzen soll bei der
Katze geschildert werden.

Die körperliche Leistungsfähigkeit der Hunde ist ganz erstaunlich. Was
ein Fleischerhund oder ein Schäferhund den Tag über zusammenläuft, läßt
sich schwer berechnen, aber es ist jedenfalls eine riesige Strecke.
Bei den schnellen und ausdauernden Hühnerhundrassen hat man berechnet,
daß sie in sechs bis sieben Stunden eine Strecke von mehr als 100
Kilometern im Galopp durchmessen. Von einem russischen Windhund wird
berichtet, daß er an einem Tage 140 Kilometer auf der Landstraße
zurücklegte, ohne wunde Ballen zu erhalten.


27. Gefahren durch Hunde.

Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Von den Schmutzereien,
durch welche die Hunde lästig fallen, ist schon früher die Rede
gewesen. Die Kellerbewohner suchen sich den unerwünschten Besuch von
Hunden durch Bestreuen mit einem scharfriechenden Pulver fernzuhalten.
Dieses Verfahren ist bei einem Nasentier ganz zweckmäßig.

Bei der ungeheuren Anzahl von Hunden, die in unserem Vaterlande
gehalten werden, sind erhebliche Verletzungen durch Bisse
verhältnismäßig selten. Immerhin kommen sie vor und mahnen daher zur
Vorsicht.

Das müssen selbst begeisterte Hundefreunde zugeben. So schreibt einer
zum Lobe der Hunde folgendes: Ich habe kluge Hunde gekannt, die fast
jedes Wort und jeden Wink ihres Herrn zu verstehen schienen, auf
seinen Befehl die Tür öffneten oder verschlossen, den Stuhl, den
Tisch oder die Bank herbeibrachten, ihm den Hut abnahmen oder holten,
ein verstecktes Schnupftuch u. dgl. aufsuchten und brachten, den Hut
eines ihnen bezeichneten Fremden unter anderen Hüten durch den Geruch
hervorsuchten usw. Es ist auch eine Lust zu sehen, wie entzückt ein
Hund ist, wenn er seinen Herrn ins Freie begleiten darf, wie jämmerlich
dagegen sein Gesicht, wenn er zu Hause bleiben muß.

Derselbe Hundefreund muß aber auch folgendes einräumen: Sehr große
Hunde sind, wenn sie in Wut geraten, selbst ihrem Herrn und ihren
Freunden gefährlich. Ich füge hier einige Fälle bei, die sich ganz in
meiner Nähe ereignet haben. Als Student wohnte ich nicht weit von dem
Hause eines Gerbers. Ueber Nacht kam in dessen Nähe Feuer aus; der
Mann sprang rasch in ungewöhnlicher Kleidung auf den Hof und wurde da
sogleich von seinen zwei Fleischerhunden angefallen und totgebissen.

Als ich einen in Oesterreich wohnenden Freund besuchte, hatte dieser
einen parkartigen Garten, der mit dem Hofe in Verbindung stand, mit
einer Mauer umgeben, aber so oft es etwas Gutes darin gab, kamen
bei Nacht Diebe über die Mauer. Er versuchte allerlei Gegenmittel
vergeblich und ließ dann aus Ungarn mit großen Kosten drei große
bösartige Wolfshunde samt einem Wärter kommen, der dann auch gleich
als Tagelöhner diente. Jede der drei Bestien lag an einer starken,
zugleich als Halsband dienenden eisernen Kette und war mit dieser auf
einem mit Stroh ausgepolsterten Wagen gefesselt. Dort machten die
Fesselträger von Zeit zu Zeit einen Höllenlärm, waren zuletzt, wie
sie abgeladen waren, seelenvergnügt, und jeder wurde an ein schönes,
bequemes Häuschen gelegt, vor welchem eine Empfangsmahlzeit bereit
stand. Nach einigen Monaten waren sie eingewohnt, der Ungar ließ sie
für die Nacht los, sie tobten vor Freude in allen Ecken und Enden,
taten mehr Schaden als früherhin die Diebe und leisteten dem Ungar, als
er sie am nächsten Morgen wieder anlegen wollte, solchen Widerstand,
daß sogleich der Beschluß reifte, sie für immer an der Kette zu lassen.
-- Dergleichen könnte ich aus meiner Erfahrung noch viel beifügen. Es
möge jedoch noch bemerkt sein, daß drei meiner Freunde, deren jeder
einen Neufundländer besaß, den er für ausgezeichnet fromm erklärte, von
diesen bei geringer und ganz verschiedener Gelegenheit erbosten Bestien
mordgierig überfallen, stark verwundet und nur durch schnelle Hilfe
gerettet worden sind. Ueber dem einen der Herren mußte der Hund, der
ihn niedergeworfen, rasch erschossen werden. -- Große Ziehhunde haben
schon oft Unheil angerichtet.

Die hier geschilderten Unglücksfälle hätten sich wohl zum Teil
vermeiden lassen, so z. B. wenn der Gerber seine Hunde vorher angerufen
hätte. Jeder erfahrene Tierkenner, der einen Stall oder Zwinger
betritt, ruft die Tiere zunächst an, damit sie merken, daß es ihr Herr
oder eine ihnen bekannte Persönlichkeit ist. Aufgeregte Nasentiere
haben keine Zeit, vorher den sich Nähernden zu beschnüffeln. Die Nase
ist insofern ein sehr viel langsamer arbeitendes Sinnesorgan als
das Auge. Es braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, daß
selbstverständlich auch das Auge bei Nasentieren wichtig ist. Denn
zwecklos verleiht die Natur keine Gaben.

Vor Ziehhunden soll man sich stets in acht nehmen, weil sie wegen ihrer
anstrengenden Tätigkeit gewöhnlich schlechter Stimmung sind. Ob man
Hunde überhaupt zum Ziehen verwenden soll, wird beim Esel besprochen
werden.

Es wurde schon erwähnt, daß man Hunde nicht küssen soll, da sie
als frühere Raubtiere Aas fressen. Es kommt aber noch ein anderer
Grund hinzu. Der Hund beherbergt mehrere Bandwürmer, von denen
der Hülsenbandwurm (_taenia echinococcus_) der für den Menschen
gefährlichste ist. Da der Hund Kot beschnüffelt, so kann er die Eier
dieses Bandwurms an die Schnauze bekommen und durch Belecken -- am
leichtesten durch Küssen -- auf den Menschen übertragen. Im Innern
des Menschen, der die Eier in den Mund bekommen hat, bilden sich
kohlkopfgroße Blasen, die tödlich werden können. Zur Beruhigung sei
mitgeteilt, daß seit Jahrzehnten nur zwei Personen daran erkrankt sind.

Häufiger tritt die berüchtigte Tollwut auf. In Deutschland wurden im
Jahre 1912 durch tolle oder tollwutverdächtige Tiere 240 Personen
gebissen. Hiervon wurden 232 Personen geimpft. Sehr zugunsten der
Schutzimpfung spricht, daß nur drei Personen starben, von denen
obendrein sich zwei zu spät hatten impfen lassen.

Der Volksglaube, daß man einen tollen Hund am eingeklemmten Schwanz und
an der Wasserscheu erkennt, ist irrig. Wohl aber zeichnet er sich durch
verändertes Benehmen, namentlich durch große Beißlust aus.

Die Tollwut endet immer tödlich. Eine bestimmte Räudekrankheit, die
Acarusräude, pflegt ebenfalls unheilbar zu sein. Sonst werden junge
Hunde namentlich im Alter von vier bis zu neun Monaten gewöhnlich
von der Staupe befallen, die in einer ansteckenden Entzündung der
Schleimhäute besteht. Die Gelehrten stehen dieser Seuche, die fast die
Hälfte aller Junghunde dahinrafft, ziemlich machtlos gegenüber. Auf dem
Lande hat man die seltsamsten Kuren dagegen und häufig mit Erfolg.

Ein Glück ist es, daß die Flöhe, die der Hund besitzt, nicht dauernd
auf den Menschen übergehen. Nach kurzer Zeit verlassen sie ihn wieder.
Der Ausspruch: Wer sich mit Hunden niederlegt, steht mit Flöhen auf,
ist also nicht ganz richtig.

Man könnte nun sagen, daß schon allein die Tollwut der Hunde Grund
genug wäre, alle Hunde abzuschaffen, da ein einziges Menschenleben
unendlich wertvoller als das zahlreicher Tiere ist. Dagegen muß man
darauf hinweisen, daß man überall im Leben Vorteile und Nachteile
abwägen und danach seinen Entschluß fassen soll. Heute las ich in den
Zeitungen, daß allein in Berlin fünf Personen durch unbeaufsichtigt
gelassene Gashähne getötet worden sind. Werden wir deshalb die
Gasbenutzung aufgeben? Nein, ebensowenig wie auf das Baden, Schwimmen,
Schlittschuhlaufen verzichtet wird, obwohl alljährlich eine Menge
blühende Menschenleben dieser von der Jugend so beliebten Betätigung
zum Opfer gebracht werden.

Dagegen wird man zweckmäßig handeln, wenn man sich die Gefahren
vergegenwärtigt, und doppelte Vorsicht anwendet.

Eigentümlichkeiten des Hundes, die bisher noch nicht erörtert worden
sind, werden an einer späteren Stelle besprochen werden (vgl. das
Sachregister).


28. Geschichtliches vom Hunde.

In welcher Weise der Haushund gezähmt worden ist, wissen wir nicht. Da
viele Hundeartige (Kaniden), beispielsweise die Schakale, den Löwen und
Tigern folgen, um an ihrer Beute teilzunehmen, so werden sie sich auch
dem Urmenschen angeschlossen haben, um etwas von den Abfällen seiner
Mahlzeiten zu ergattern. Der Mensch wird bald bemerkt haben, daß die
Nachbarschaft dieser Tiere für ihn von größtem Vorteil war. Sie machten
Lärm, sobald sich etwas Ungewöhnliches zeigte, und sie fanden durch
ihre feine Nase dort Wild, wo er achtlos vorübergegangen war. Wie heute
in der Türkei noch die Straßenhunde leben, die keinen eigentlichen
Herrn haben, also halbwild sind, so haben sich wahrscheinlich schon
in früheren Zeiten halbwilde Hunde dem Menschen angeschlossen. Wir
machen eine ähnliche Beobachtung bei andern Tieren. Der Hausstorch,
der Hausrotschwanz, die Hausschwalbe, der Haussperling, der Haus- oder
Steinmarder, die Hausmaus und andere Tiere haben sich ebenfalls mit
dem Menschen angefreundet und sehen jetzt ganz anders aus als ihre ganz
wilden Verwandten. Der Hausstorch sieht schwarz-weiß-rot aus, der im
Walde lebende Waldstorch ist dagegen fast schwarz. Der in der Scheune
lebende Hausmarder hat eine weiße, der im Walde lebende Edelmarder
eine gelbe Kehle usw. Halbwilde Hunde, ähnlich dem Straßenhunde in der
Türkei, sind wahrscheinlich die Vorfahren unserer Haushunde, die durch
Kreuzung mit Wölfen und Schakalen im Laufe der Zeiten entstanden sind.


29. Der Hund in Sprichwörtern und Redensarten.

Einige Sprichwörter und Redensarten, die sich mit dem Hunde
beschäftigen, sind bereits erklärt worden (über Bellen und Beißen der
Hunde, sich rekeln, Eberköpfe und Hundeköpfe, Grasfressen, Anbellen des
Mondes sowie über Hund und Ofen und Hund und Flöhe). Hier sollen noch
weitere angeführt werden.

Der Hund wurde einerseits wegen der bereits erwähnten Eigenschaften,
die uns Menschen widerwärtig sind, sehr verachtet, andererseits wegen
seines Nutzens für uns sehr geschätzt.

Für die Verachtung spricht die Strafe des Hundetragens, womit man
andeuten wollte, daß jemand wert sei, wie ein Hund erschlagen und
aufgehängt zu werden.

Hiermit bringt man die Redensart in Verbindung:

  *Auf den Hund kommen*, d. h. also in eine solche Lage kommen, wie
     einer, der Hunde tragen muß. Damit will man andeuten, daß jemand
     in verächtliche oder schlimme äußere Verhältnisse geraten ist,
     oder daß es mit seiner Gesundheit schlecht steht.

  *Jemanden auf den Hund bringen* heißt also, ihn in solche schlechte
     Verhältnisse bringen.

  *Ueber den Hund kommen* heißt hiernach, jene Strafe überstehen.
     Vervollständigt wird der Gedanke in der Redensart:

  *Komm ich über den Hund, komm ich auch über den Schwanz*, d. h. also,
     überstehe ich die Strafe, so werde ich auch die Nachklänge hieraus
     überstehen.

  *Einer ist so verachtet, daß nicht einmal die Hunde ein Stück Brot
     von ihm nehmen.* Es ist das natürlich eine Uebertreibung, um
     zu sagen, daß das verächtlichste und gierigste Tier von diesem
     Menschen nichts annehmen würde.

  *Etwas geht vor oder für die Hunde*, d. h. es geht dahin, wo sich die
     verächtlichsten Geschöpfe befinden, also es geht zugrunde.

  *Hunde und Flöhe gehören zusammen. Je magerer der Hund, desto größer
     die Flöhe.* Das bezieht sich auf die Menge Ungeziefer, das auf den
     meisten Hunden haust.

  *Er ist bekannt wie ein bunter Hund.* Diese Redensart würde heute
     nicht entstehen, denn bei uns gibt es jetzt eine Menge mehrfarbige
     Hunde, z. B. Terriers, Tigerdoggen usw. Früher muß es fast nur
     Hunde mit einfarbigem Fell gegeben haben.

Die enge Zusammengehörigkeit des Hundes mit dem Menschen geht daraus
hervor, daß man in Tirol sagt statt gar niemand:

  *Kein Hund und kein Seel.*

Auch bei uns heißt es deshalb:

  *Da kräht weder Hund noch Hahn danach*, denn zum Haushalte gehören
     Hund und Hahn.

  *Mit allen Hunden gehetzt sein.* Das sind manche Stücke Wild, z. B.
     manche Hasen, die durch Zurücklaufen auf ihrer Spur die Hunde in
     die Irre führen.

  *Viele Hunde sind des Hasen Tod.* Das soll im nächsten Bande, der die
     heimische Tierwelt enthält, erklärt werden.

  *Wenn die Hunde schlafen, hat der Wolf gut Schafe stehlen.*

Trotz des Nutzens, den der Hund dem Menschen bringt, hat er wenig Dank
dafür. Schlechte Behandlung und wenig Futter sind sein Lohn. Daher die
Redensarten:

  *Es haben wie ein Hund.* -- *Leben wie ein Hund.* -- *Arbeiten wie
     ein Hund.* -- *Müde sein wie ein Hund oder hundemüde sein.* --
     *Hunzen = schelten wie einen Hund.* -- Der Hund ist launischer
     Behandlung ausgesetzt, weshalb man sagt:

  *Wer einen Hund will werfen, findet bald einen Prügel.*

  *Der Knüttel liegt beim Hunde*, d. h. daß der Hund so handeln muß,
     wie der Herr will, weil der sonst allzeit bereite Knüttel zur
     Anwendung gelangt.

Wegen seiner Gefräßigkeit sagt man:

  *Er wird halten, wie der Hund die Fasten*, das heißt gar nicht.

Aus seiner Unverträglichkeit mit der Katze erklärt sich:

  *Wie Hund und Katze leben.*

Weil der Hund der geborene Wächter ist, so nennt man auch die
Schlösser, die den Dieb vom Stehlen des Schatzes abhalten Hunde. In
Bayern heißt der Schatz selbst so. Hieraus stammen die Redensarten:

  *Hunt hint haben*, d. h. einen heimlichen Schatz haben.

  *Den Hunt schmecken wissen*, d. h. wissen, wo Vermögen und etwas zu
     erhaschen ist.

  *Da liegt der Hund begraben.* Manche meinen, daß hier mit Hund der
     Schatz bezeichnet werde. Das paßt aber schlecht in vielen Fällen.

Wahrscheinlich stammt die Redensart aus dem alltäglichen Kampfe
zwischen Jäger und Landwirt. Der Bauer läßt seinen Hund wildern, und
der Förster greift zur Selbsthilfe. Wenn er annimmt, daß niemand es
sieht, erschießt er den Hund und vergräbt ihn. Manchmal hat aber
doch ein Knecht oder sonst ein Mensch die Tat gesehen, der nun weiß,
wo der Hund begraben liegt. Er ist froh darüber, denn entweder muß
ihm der Förster, der natürlich dem Bauern gegenüber alles bestreitet,
Schweigegeld geben oder der Bauer muß ihm das Geld geben, damit er ihm
zeigt, wo der Hund begraben liegt.

Sehr hoch schätzt die Treue des Hundes der Ausspruch:

  *An fremden Hunden und Kindern ist das Brot verloren*, d. h. die
     Hunde lassen sich dadurch nicht verleiten wegen ihrer Hundetreue.

Nur bei einem sehr hundefreundlichen Volke konnte der Vers entstehen:

        *Einen Mann hungerte manche Stund,
        Er ging und kaufte sich einen Hund.*

  *Hundehaare auflegen* kommt von dem Glauben, daß, wer Schaden zufügt,
     auch die Kraft zum Heilen besitzt. Auf eine von einem Hund
     verursachte Wunde soll man also Hundehaare legen. In übertragenem
     Sinne spricht man davon, wenn man die durch den Alkohol
     entstandene Magenverstimmung durch weiteren Alkohol beseitigen
     will.


[Illustration: Deutsche Dogge]

[Illustration: Wachtelhund]

[Illustration: Schäferhunde]

[Illustration: Schnauzer]

[Illustration: Drahthaariger Foxterrier]



Die Katze


30. Hund und Katze waren beide früher Raubtiere. Warum sehen sie
trotzdem so verschieden aus?

Peter hatte, wie wir sahen, ein kleines Geplänkel mit des Nachbars
Katze. Wir wollen uns diese einmal etwas näher betrachten.

Wie damals sitzt sie in dem Kellereingang und läßt sich die warme
Morgensonne auf den Pelz scheinen. Schlecht scheint es ihr wirklich
nicht zu gehen, denn sie ist kräftig und sieht ganz wohlgenährt aus.
Das ist auch nicht weiter wunderbar, denn in einem Kohlenkeller pflegt
es stets Mäuse zu geben. Der Kohlenhändler hält sie wohl auch deswegen.
Uebrigens ist uns die Katze schon seit längerer Zeit bekannt. Sie ist
etwa ebenso alt wie Peter und in Wirklichkeit ein Männchen, also ein
Kater, der »August« genannt wird.

Fassen wir das Tier ins Auge, so fällt uns namentlich folgendes
auf. Erstens: der kleine Kopf mit den Schnurrhaaren. Zweitens: die
zierliche, kräftige und runde Form des Rumpfes. Drittens: Füße und
Schwanz fügen sich übereinstimmend in dieses Bild. Die Füße sind
fast bedeckt und der Schwanz geht im Bogen nach vorn. Viertens:
bewundernswert ist bei der Gesamterscheinung die unerschütterliche
Ruhe, da am Körper sich nicht das geringste bewegt. Ein aus Erz
gegossenes Kunstwerk könnte sich kaum regungsloser verhalten.

Doch diese Leblosigkeit ist nur Schein, denn sie beruht auf einer
außerordentlichen Beherrschung aller Muskeln. Jetzt *kommt* Leben in
August, denn seine Herrin, deren Liebling er ist, kehrt von einem
Gange zurück. Das Schmeicheln der Katzen ist, wie wir jetzt sehen,
ganz anders wie das der Hunde. Ein Hund, der sich bei seinem Herrn
beliebt machen will, springt an ihm herauf und sucht beide Vorderpfoten
auf seine Beine zu legen. Der Kater dagegen läuft hin und her und
reibt sich dabei an den Kleidern seiner Herrin, wobei er den Schweif
hochgestellt hält. Ständen wir ganz dicht dabei, so würden wir August
auch schnurren hören.

Doch seine fleißige Herrin hat nicht lange Zeit, sich mit August weiter
zu beschäftigen. Sie hat aber ihrem Lieblinge einen Leckerbissen
mitgebracht, den der Kater jetzt frißt. Hierbei fällt uns der
merkwürdige Unterschied des Fressens beim Hund und der Katze auf. Einen
solchen Happen, anscheinend ein kleines Stück von einem größeren Fisch,
würde ein Hund im Nu verschlungen haben. Der Kater dagegen braucht eine
ganze Weile, ehe er den Happen bewältigt hat. Nach unseren Begriffen
ißt die Katze gesittet, während der Hund ein roher Schlinger ist. Wir
müssen an das Sprichwort denken: »Iß wie eine Katze und trink' wie ein
Hund.« Nach dem Essen putzt sich August, indem er sich gewissermaßen
»wäscht«. Nach dem Volksglauben bedeutet es bekanntlich, daß Besuch
eintrifft, wenn die Katze sich wäscht.

Dieses Waschen bewerkstelligt August in folgender Weise, wie wir
beobachten können. Er macht eine Pfote mit der Zunge feucht und benutzt
diese angefeuchtete Pfote als Schwamm, um seinen Kopf und andere
Körperteile, soweit er reicht, damit zu reinigen.

Nachdem August so sein Aeußeres wieder in Ordnung gebracht hat,
betrachtet er zunächst die Welt anscheinend mit der Ruhe eines
Weltweisen.

Da August ein kräftiges Tier ist, so hat er vor Durchschnittshunden
keine Furcht. Er hat seinen Nachbarn Peter längst durchschaut und weiß,
daß dieser wohl im Blaffen groß, aber kein furchtloser Draufgänger
ist. Für gewöhnlich macht er bei der Annäherung von Hunden kaum einen
Buckel. Dagegen zieht er sich vor einem ausnehmend scharfen Dachshunde,
der mit Schmarren bedeckt ist und um die Ecke wohnt, regelmäßig zurück.
Da August jetzt seiner Herrin in den Keller gefolgt ist, so wollen wir
zunächst uns das, was wir bei ihm erschaut haben, zu erklären suchen.

Hund und Katze sind beide Raubtiere, wie wir wissen. Aber sie wenden
ganz verschiedene Mittel an, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Der Hund
spürt mittels seiner feinen Nase einen Pflanzenfresser auf, wie noch
jetzt seine wilden Verwandten, die Wölfe und andere hundeartige Tiere,
und sucht ihn durch seine Schnelligkeit zu erbeuten. Er ist, wie wir
schon sagten, ein Hetzraubtier.

Ganz anders verfährt die Katze. Ueber ihre Abstammung soll später
gesprochen werden. Jedenfalls gleicht sie heute noch ihrer nahen
Verwandten, der europäischen Wildkatze, fast in allen Stücken.
Gleich dieser hat sie erstens keine feine Nase, um eine Hasenspur
zu verfolgen, wie ein Hund. Sähe sie aber wirklich im Felde einen
Lampe, wie man den Hasen nennt, so denkt sie nicht daran, wie ein Hund
hinterher zu laufen. Dazu ist sie nicht schnell genug. Sie kann zwar
sehr schnell einige Sprünge machen, aber ein Dauerläufer ist sie nicht.

Während also der Hund den Weg der offenen Gewalt einschlägt,
verabscheut die Katze diese Fangart und bekennt sich zur Anwendung der
List. Sie sagt sich: warum soll ich dem Hasen nachlaufen, den ich doch
nicht einhole? Viel einfacher ist es, wenn ich mir den Hasen kommen
lasse.

Und unsere Mieze hat mit ihrer Fangart außerordentlichen Erfolg. Das
weiß jeder Jäger, wie gefährlich gerade wildernde Katzen dem Wildstande
sind.

Man sollte meinen, daß Hasen, Rebhühner und anderes Wild nur die
Stellen zu meiden brauchten, wo eine Katze sitzt. Aber die Katze ist
eine solche Meisterin in ihrer Fangart, daß sie selten ohne Erfolg
bleibt.

Bricht die Dämmerung herein, so verspürt der Hase, der auch ein
nächtliches Tier ist, Hunger im Magen. Er will sich deshalb auf das
Feld begeben, um sich an dem saftigen Klee und anderen Gewächsen
zu laben. Zu diesem Zwecke läuft er gewisse Steige, sogenannte
Pässe, entlang, wie ja auch der Mensch mit Vorliebe Straßen benutzt.
Vorsichtig prüft er erst mit der Nase, ob er nicht irgendeinen Räuber
entdecken kann. Aber seine Nase kann nichts Feindliches feststellen.
Noch mehr verläßt sich der Hase auf sein feines Gehör. Nicht umsonst
hat er die langen Löffel (Ohren). Aber auch die Ohren können ihm keine
Gefahr melden. Nicht das geringste Geräusch ist zu vernehmen.

So hoppelt denn unser Lampe mit Seelenruhe seinen Paß entlang. Trotzdem
ist es sein letzter Weg. Denn hinter einer bewachsenen Erhöhung
überfällt ihn blitzschnell eine verwilderte Katze und trotz seines wie
Kindergeschrei klingenden Quäkens endet er bald sein Leben unter ihrem
Gebiß und ihren Prankenschlägen.

Vergegenwärtigen wir uns diese Räubertätigkeit der Katze als
vollendeter Schleicherin, so wird uns ihre Gestalt und ihr Verhalten
vollkommen klar.

Eine Schleicherin muß scharf sehen können, ob sich das Opfer nähert.
Die Katze ist daher ein Augentier, das ein scharfes Sehvermögen, aber
nur einen mäßigen Geruchssinn besitzt. Die Nase braucht daher nicht so
ausgebildet zu sein wie beim Hunde. Infolgedessen erscheint der Kopf
rund. Das ist für eine im Gebüsch harrende Schleicherin von Vorteil,
denn ein langer Kopf wäre schwerer zu verbergen.

Wer sich ferner nicht verraten will, der muß ganz geräuschlos auftreten
und darf kein Zappelphilipp sein. Die Katze versteht das. Ihr
Auftreten ist so geräuschlos, daß man selbst im Zimmer bei schärfster
Aufmerksamkeit das Gehen einer Katze nicht hört.

Jetzt verstehen wir ihren runden Rücken, der dem Erdboden ganz nahe
ist. Eine solche Körperform verschwimmt mit der Umgebung. Auch ihre
Ruhe ist uns jetzt ganz einleuchtend. Denn Nasentiere sind für
Bewegungen besonders empfindlich.

Eine im Gebüsch oder im Versteck lauernde Schleicherin muß sich mit
dem geringsten Raum begnügen. Folglich ist für ihren langen Schweif
kein Platz da. Demnach muß sie ihn, um ihn unterzubringen, nach vorn
krümmen. An dieses Krümmen des Schwanzes nach vorn ist die Katze seit
Urzeiten so gewöhnt, daß sie den Schweif auch dann so trägt, wenn sie
den weitesten Raum zur Verfügung hat.

Der Hund dagegen, der krumme Wege im allgemeinen nicht liebt und
deshalb auch nicht in engen Verstecken lauert, läßt seinen Schweif beim
Hinsetzen in gerader Linie liegen.

Von der Bedeutung des Schweifes in der Tierwelt werden wir noch
sprechen.

Der Hase war also der Schleicherin zum Opfer gefallen, weil seine
Schutzmittel ihn nicht retten konnten. Seine Schnelligkeit, sein
größter Vorzug, war wertlos wegen des plötzlichen Ueberfalls. Auch
seine feine Nase konnte ihm die Feindin nicht anzeigen, weil diese
sich wohlweislich hinter einer bewachsenen Erhöhung geduckt hatte.
So konnte der Hase sie nicht riechen. Der Hase ist wie der Hund ein
Nasentier. Auch das vielgerühmte Hasenohr konnte die geräuschlose und
unbewegliche Räuberin nicht wahrnehmen.

Trotz ihres Nagergebisses beißen die Hasen nur ausnahmsweise. Aber
selbst wenn sich der Hase gegen die Katze wehren wollte, so war er
gegen die auf dem Rücken festgekrallte und festgebissene Feindin
machtlos.


31. Welchen Zwecken dienen die Schnurrhaare der Katze?

August besitzt, wie uns aufgefallen war, auf der Oberlippe wagerecht
stehende Borsten, sogen. Schnurrhaare. Beim Hunde können wir nur einige
zerstreute Haare dieser Art an dem gleichen Orte entdecken. Es ist
anzunehmen, daß die Schnurrhaare für August bei seinem Räuberhandwerk
irgendeinen Zweck haben. Worin dürfte dieser Zweck bestehen?

Würden wir einer Katze die Schnurrhaare abschneiden, so könnten wir
die Beobachtung machen, daß sie von einer merkwürdigen Unsicherheit
befallen wird. Und das mit Recht. Denn sie, die Schleicherin, liebt es,
alle engen Gänge, alle Höhlungen zu untersuchen, ob nicht irgendwie
etwas Beute für sie abfällt. Das Durchkriechen enger Wege kann aber
leicht gefährlich werden; man kann manchmal weder vorwärts noch
rückwärts. So sind kleine Affen, die in Zoologischen Gärten ausbrechen
und zu diesem Zwecke sich durch enge Röhren durchzwängen wollten,
steckengeblieben und elendiglich verhungert. Das kann einer Katze wie
allen Tieren, die Schnurrhaare tragen, nicht gut passieren. Wird ihr
Weg so eng, daß die Gefahr des Festsitzens droht, so stößt sie mit den
Schnurrhaaren an. Sie fühlt das gleich und weiß: Bis hierhin und nicht
weiter!

Die Schnurrhaare sind also für das Leben der Katze von der größten
Wichtigkeit. Sowohl Männchen als auch Weibchen haben sie. Selbst junge
Katzen besitzen sie schon, denn auch sie könnten in ihrer Neugierde in
ein Loch hineinkriechen und darin steckenbleiben. Wir ersehen hieraus,
daß die Schnurrhaare, die manche als Schnurrbart bezeichnen, mit
unserem Schnurrbart nicht das mindeste zu tun haben. Unser Schnurrbart
ziert nur Männer, fehlt also den Frauen und allen Jugendlichen. Sodann
hat er nicht die elastische Eigentümlichkeit der Katzenschnurrhaare,
sofort in die alte Stellung zurückzukehren.

Manche nennen diese Schnurrhaare Tasthaare. Das ist keine Verbesserung.
Betrachtet man genau den Kopf einer Katze, so erblickt man oberhalb der
Augen einzelne lange Haare. Das sind reine Tasthaare. Wenn eine Katze
in eine dunkle Höhlung kriecht, so zeigen ihr diese Haare an, daß die
Höhle zu Ende ist. Ohne diese Tasthaare würde also die Katze Gefahr
laufen, mit ihrem Kopfe gegen den Hintergrund anzustoßen. Da der Kopf
aller Katzen sehr fest gebaut ist, so wäre das weiter kein Unglück.

Der Hund kriecht in keine Höhlen von Brettern, Bäumen und dergleichen,
sondern höchstens in Erdhöhlen. Hier kann ihm aber keine Lebensgefahr
drohen. Denn sollte er wirklich einmal festsitzen, so kann er mit Hilfe
seiner Grabpfoten sich leicht wieder befreien, indem er die Höhle
erweitert. Der Hund braucht also keine Schnurrhaare wie die Katze und
besitzt sie deshalb nicht.

Bereits bei Peter (Kapitel 7) wurde erzählt, daß der Hund Grab- und
Rennpfoten hat. Im Gegensatz hierzu hat August als Katze einziehbare
Krallen an seiner Pranke, d. h. seiner bewehrten Pfote. Das Einziehen
der Krallen hat zwar den Vorzug, den Tritt unhörbar zu machen, aber zum
Graben in einem harten Boden sind einziehbare Krallen nicht geeignet.

Obwohl also Hund und Katze beide früher Raubtiere waren, sehen sie
deshalb sehr verschieden aus, weil sie sich auf ganz verschiedene
Art ihren Nahrungserwerb suchen. Der Hund mit seiner offenen Gewalt
erinnert an einen mit dröhnenden Schritten auftretenden Kürassier,
während uns bei der formgefälligen Katze die Gestalt eines Tanzmeisters
einfällt. Auch bei Pferden und Rindern finden wir einen ähnlichen
Unterschied, obwohl beide Geschöpfe friedliche Pflanzenfresser sind und
oft zusammen weiden.


32. Das Schmeicheln der Katze. Ist die Katze falsch?

»Schmeichelkätzchen« ist eine sehr bekannte Bezeichnung für einen
Menschen, der sich wie eine schmeichelnde Katze bei einem anderen in
Gunst setzen will. Bei August haben wir dieses Schmeicheln als Reiben
an den Kleidern seiner Herrin beobachtet.

Ohne Zweifel ist das eine Art der Katzen, sich beliebt zu machen.
Im Zoologischen Garten können wir das gegenseitige Reiben zwischen
Löwe und Löwin oft wahrnehmen, wenn sie aneinander vorüberschreiten.
Da Raubtiere sich mit ihrem großen Rachen nicht küssen können, so
entspräche dieses gegenseitige Reiben einem Kusse. Das merkwürdig feine
Haar der Katzen scheint für solche Zärtlichkeiten besonders geeignet zu
sein.

Der Hund besitzt dagegen dieses feine Katzenhaar nicht. Er wählt daher
einen anderen Weg. Er springt an uns empor. Das ist, wenn der Hund
schmutzige Pfoten besitzt, und der Mensch eine saubere Hose angezogen
hat, was in der Stadt sehr häufig vorkommt, für uns nicht gerade sehr
angenehm. Was bezweckt der Hund mit dem Anspringen? Man geht wohl nicht
fehl, wenn man annimmt, daß der Hund uns noch näher kommen will. Der
eigentliche Mensch sitzt wohl nach seiner Auffassung im Kopfe, denn dem
nähert er sich mit Vorliebe und sucht uns zu belecken. Darin bestärkt
wird er wohl dadurch, daß gerade aus dem Kopfe unsere Stimme ertönt.

Bekannt ist es, daß eine Katze, die einem Menschen ihre Zuneigung durch
Schmeicheln bewiesen hat, wie es August vor unseren Augen getan hat,
nicht selten kurze Zeit darauf denselben Menschen kratzt, wenn dieser
sie neckt. Weil das ein alter Erfahrungssatz ist, so gilt die Katze
allgemein als falsch. Ist das richtig?

Allerdings kann man manchen Hund nach Belieben prügeln, und er wird
trotzdem seinem Herrn anhänglich und treu sein. Man spricht daher von
einer Hundedemut, weil es unseren sonstigen Erfahrungen widerspricht,
daß ein Geschöpf für tägliche Prügel sich noch unterwürfig und ergeben
zeigt. Wer ebenso mit einer Katze verfahren will, der kommt an die
unrichtige Stelle. Der Hund ist allerdings eine Sklavennatur, die
Katze dagegen eine Herrennatur. Sich von dem Menschen prügeln zu
lassen, weil dieser grade schlechter Stimmung ist, fällt der Katze
nicht ein. Sie wehrt sich dagegen und kratzt den Angreifer. Der ist
höchlichst erstaunt, weil er denkt: Was sich ein Hund gefallen läßt,
muß sich doch auch eine Katze bieten lassen. Da das nicht der Fall ist,
so schilt er die Katze als falsch.

Warum ist nun der Hund demütig wie ein Sklave, die Katze dagegen stolz
wie ein Herrenmensch?

Wir wissen schon, daß wir wieder bei den wilden Verwandten nachforschen
müssen, wenn wir Auskunft hierüber haben wollen. Schon früher (vgl.
Kap. 11) wurde davon erzählt, eine wie strenge Zucht der Leiter eines
Rudels bei den Eskimohunden hält. Dieser Leiter, der sogenannte Baas,
straft umgehend durch Bisse jeden, der sich irgendeine Unregelmäßigkeit
zuschulden kommen läßt. Von Wolfsrudeln hören wir genau das gleiche.
Als Beispiel sei folgendes angeführt. Wenn die Wölfe wandern, so
tritt jeder einzelne Wolf jedesmal in die Spuren des Vordermanns,
damit es den Eindruck erweckt, als sei nur ein einzelner Wolf den
Weg entlanggelaufen. Wehe dem Wolfe, der aus Sorglosigkeit oder
Unachtsamkeit daneben tritt. Er wird nach den übereinstimmenden
Berichten von dem Leiter des Rudels, dem stärksten Wolfe, zerrissen.

Der Hund hat also seit Urzeiten einen unbeschränkten Herrn über
sich gehabt, gegen den es keinen Richterspruch gab, und von dem er
widerstandslos alles erdulden mußte. Nur die Gewalt, die Stärke,
vermochte etwas gegen seinen Vorgesetzten anzurichten. So kennt der
Hund es nicht anders, als sich alles von dem Stärkeren gefallen zu
lassen.

Die Wildkatze dagegen lebt nicht in Rudeln, sondern allein. Auch unsere
Katze ist daher eine Einzelgängerin geblieben. Eine Unterordnung unter
einem Vorgesetzten hat sie niemals kennengelernt. Deshalb ist sie eine
Herrennatur geblieben.

Falsch kann also nur der die Katze nennen, der auf dem Standpunkt
steht, daß die Katze sich alles wie ein Hund gefallen lassen müsse.


33. Warum schlingt der Hund, während die Katze gesittet frißt?

Von Peter sahen wir, daß er ein Stück verwestes Fleisch im Nu
hinunterschlang, während August langsam wie ein gut erzogener Mensch
kaut. Für uns Menschen ist es ein naheliegender Gedanke, diese
Verschiedenheit darauf zurückzuführen, daß die Katze das gesittete
Essen dem Menschen abgesehen hat, während der Hund darin ein
unbelehrbarer Tropf geblieben ist.

Diese Ansicht ist schon aus dem Grunde nicht wahrscheinlich, weil die
Katze im Vergleich zu dem Hunde erst ein sehr junges Haustier ist. Auch
hier ist die Lebensweise der Verwandten ausschlaggebend gewesen.

Wer, wie die Wildkatze, einzeln lebt, braucht sich bei der Mahlzeit
nicht zu sputen. Es wird ihm deshalb kein Happen fortgenommen, und die
Beute schmeckt desto besser. Wer dagegen im Rudel schmaust, wie die
Wildhunde, der muß sich sputen. Sonst geht er leer aus.

Hierzu kommt noch die Verschiedenheit des Gebisses. Die Katze mit
ihrem kleinen Gebiß kann gar nicht so schnell schlingen, wie der
Hund mit seinem großen Rachen. Wenn wir nach dem Zoologischen Garten
gehen und uns die Fütterung der Raubvögel ansehen, so können wir bei
ihnen den gleichen Unterschied wahrnehmen. Die Geier mit ihren großen
Schnäbeln schlingen, weil sie in der Freiheit gemeinsam an demselben
toten Tiere sich zu sättigen suchen, dagegen fressen die Falken und
Adler gesittet, weil sie einzeln jagen, wie die Katze, auch nicht den
mächtigen Schnabel der Geier besitzen.

Das vorhin erwähnte Sprichwort: Iß wie eine Katze und trink' wie ein
Hund ist nicht ganz genau. Denn auch die Katze lappt das Wasser genau
wie der Hund. Jedenfalls ist sie keine Säuferin, so daß es einfacher
wäre zu sagen: Nimm dir beim Essen und Trinken die Katze zum Vorbild.


34. Die Katzenwäsche. Sind Katzenhaare giftig?

August hat sich nach dem Essen geputzt. Die Katze gilt als ein sehr
reinliches Tier. Mit dieser Reinlichkeit ist es allerdings schwer zu
vereinigen, daß das Waschen nur mit der beleckten Pfote geschieht. Von
einem Kinde, das sich aus Abneigung gegen das Wasser ganz oberflächlich
reinigt, sagen wir daher, daß es »Katzenwäsche« liebe.

Vergleichen wir damit das Benehmen unserer Sperlinge. Es hat vor
einiger Zeit geregnet, und es sind noch einige Pfützen auf der Straße.
An einer von Menschen nicht begangenen Stelle sehen wir die Sperlinge
sich zu einem Bade drängen. Sie tauchen ordentlich in das Wasser ein
und machen sich manchmal so gründlich naß, daß ihnen das Fliegen schwer
fällt.

Warum nimmt sich August die Sperlinge nicht als Vorbild oder geht wie
der Hund in das Wasser hinein, um ein erquickendes Bad zu nehmen?

Abneigung gegen die Reinlichkeit kann es nicht sein, denn das Putzen
ist bei der Katze so auffällig, daß man einen Menschen, der sehr viel
auf sein Aeußeres verwendet hat, als »geleckten Kater« bezeichnet.

Auch sonst ist die Katze nicht pimplig, was man im Winter, wenn Schnee
und Kälte herrschen, oft genug auf den Feldern beobachten kann.
Stundenlang kann sie trotz starken Frostes regungslos sitzen, so daß
sie gegen Kälte ziemlich unempfindlich sein muß.

Der Grund für das Waschen mit der feuchten Pfote muß also anderswo
liegen. Er dürfte in dem Bau ihrer Haare zu suchen sein. Diese sind so
fein, daß nicht einmal eine Fliege auf ihnen sitzen kann.

Den Landleuten ist es längst aufgefallen, daß Fliegen, die den Hund
furchtbar belästigen, der Katze fast aus dem Wege gehen. Natürlich
versucht auch eine Fliege, sich auf einer Katze niederzulassen. Aber
bald kommt sie dahinter, daß ihr das nicht gelingt, und sie fliegt
weiter.

Bei Landleuten hört man auf Grund dieser auffallenden Erscheinung
vielfach die Ansicht, daß Katzenhaare giftig seien. Das ist entschieden
ein Irrtum. Denn Hunde, die beim Raufen mit Katzen das ganze Maul
voll Katzenhaare bekommen, erleiden keinen Nachteil davon. Auch
werden Katzenfelle in Unmenge getragen, ohne daß man von einem
gesundheitlichen Schaden hört. Im Gegenteil: Katzenfelle gelten als
vortreffliches Mittel gegen allerlei Krankheiten.

Uebrigens sind die Fliegen auch ganz verschieden zudringlich zu zwei
anderen Haustieren, nämlich Kühen und Ziegen. Der Kuhstall wimmelt von
Fliegen, während sich im Ziegenstalle nur wenige aufhalten.

Wegen der Feinheit ihrer Haare scheint das Wasser sehr schnell auf
die Haut der Katzen zu gelangen. Der Hund dagegen, der sein Naturhaar
besitzt, kann stundenlang im Regen weilen, ohne im gleichen Grade
durchnäßt zu werden, da ihn die Unterwolle schützt.

Hiermit steht im Einklang, daß alle Katzen es vermeiden, bei
Regenwetter ins Freie zu gehen. Während ein abgehärteter Hund sich
nicht durch einen strömenden Regen abhalten läßt, seinen Herrn zu
begleiten, sucht die Katze ein schützendes Obdach. Auch unser August
ist wie alle Katzen kein Freund von Regen.

Die Katze kann wohl schwimmen, aber sie tut es nur im Notfalle, denn
sobald sie aus dem Wasser kommt, sieht sie wirklich wie eine »gebadete
Katze« aus.

Von den vielen Beobachtungen auf diesem Gebiete fällt mir gerade
folgende ein. Im Schilfe eines Sees zeterte und verfolgte sich ein
Vogelpärchen. Die Katze von einem benachbarten Besitzer hörte das und
dachte sich: Halt, hier kannst du dir wohl einen leckeren Braten holen.

Mieze kam also ganz leise angeschlichen und wartete, bis die Vögel
nahe genug geflogen waren. Dann sauste sie mit einem Sprunge durch die
Luft. Doch die Vögel hatten im letzten Augenblick die drohende Gefahr
erkannt und sich eiligst davongemacht. Mieze konnte mit ihren Pranken
keinen von ihnen fassen und fiel in den See, der ihre Jagdleidenschaft
etwas abkühlte. Der Anblick der zurückkehrenden Katze mit ihrem
betrübten Gesicht wegen des fehlgeschlagenen Unternehmens und mit dem
pitschenassen Felle ist mir heute noch gewärtig.

Einen untrüglichen Beweis, daß Dauerregen sehr nachteilig auf Katzen
wirkt, liefern uns Länder, die wie Paraguay andauernde Regenzeiten
haben. Es ist in diesen Ländern bekannt, daß verwilderte Katzen während
dieser Zeit sterben.

Uebrigens gibt es auch bei andern Völkern Haustiere, die sehr
empfindlich gegen Nässe sind, z. B. das Kamel. Ein Freund von mir, der
während des Weltkrieges im Orient tätig war, erzählte mir, daß man von
dieser Eigentümlichkeit der Kamele keine Ahnung gehabt hat und sie
deshalb in bester Absicht in die Schwemme getrieben habe. Die Wirkung
sei verheerend gewesen, denn etwa die Hälfte der Kamele sei daran
gestorben.

Das Kamel stammt aus Gegenden, wo es fast niemals regnet. Wasser am
Körper ist ihm deshalb sehr nachteilig.

Aehnlich liegt die Sache bei dem Esel, von dem wir noch später sprechen
werden. Pferde reitet man in die Schwemme, aber Esel nirgends.

Ein Knabe, der sich aus Pimpligkeit nicht waschen will, darf sich also
niemals auf die Katze berufen. Die Katze wäscht sich deshalb nur mit
der feuchten Pfote, weil Nässe ihrem Körper nachteilig ist.

Wenn man bedenkt, daß der Hund ein vortrefflicher Schwimmer ist, der
gern ins Wasser geht, so scheint die Katze mit ihren feinen Haaren als
Raubtier sehr benachteiligt zu sein. Warum hat die Katze nicht auch ein
so vortrefflich schützendes Fell wie der Hund?

Das hat zwei Gründe. Wir haben vorhin geschildert, wie die Katze am
Passe des Hasen auf ihr Opfer wartet und es erbeutet. Besäße die Katze
ein Hundefell, so würde sie wie ein Hund von Fliegen belästigt werden.
Sie könnte unmöglich regungslos bleiben, sondern würde, wie der Hund
es tut, von Zeit zu Zeit nach den Plagegeistern schnappen oder nach
Katzenart sie mit den Pranken zu verjagen suchen. Diese Bewegungen
würden jedoch Geräusche verursachen, die von dem feinohrigen Lampe
schon von weitem wahrgenommen werden würden. Selbst seinem schwachen
Gesicht würden übrigens diese Bewegungen auffallen, da alle Nasentiere,
wie wir wissen, für Bewegungen besonders empfänglich sind. Die lauernde
Katze würde also um ihre Beute kommen.

Der zweite Vorteil, den die Katze von ihrem feinen Haar hat, besteht
darin, daß sie in Dornendickichte eindringen kann, die dem Hund
unzugänglich sind. Die Dornen halten wohl den Hund fest, weil seine
Haare so widerstandsfähig sind, aber nicht die weichen Katzenhaare.

Wir sehen also, daß auch in diesem Falle, wie so häufig im Leben,
Nachteile durch Vorteile auf anderem Gebiete aufgewogen werden. Für die
Nässe sind die Katzenhaare ungeeignet, aber für andere Dinge passen sie
besser als Hundehaare.

Mit dem besonderen Bau der Katzenhaare dürfte es zusammenhängen, daß
sie sich gut zu Versuchen auf dem Gebiete der Elektrizität eignen. Es
dürfte aber übertrieben sein, daß man durch Reibung eines Katzenfells
elektrische Funken hervorrufen kann, wie es in manchen Büchern heißt.
Wenigstens habe ich solche Funkenerzeugung noch nicht beobachten können.


35. Warum hat die Katze eine rauhe Zunge?

Gewöhnlich heißt es, daß die Katze deshalb eine rauhe Zunge besitzt, um
als Raubtier besser das Fleisch zerkleinern zu können. Ob die Stacheln
auf der Zunge wirklich in einem solchen Falle von großem Nutzen sind,
erscheint doch sehr zweifelhaft zu sein.

Sieht man, mit welcher Sorgfalt die Katze ihr Fell leckt, so scheint
es doch wahrscheinlicher zu sein, daß die Katze, da sie Regen wie
überhaupt Wasser meidet, das Fell wenigstens zu kämmen sucht. Die
Stacheln würden hiernach als Ersatz für einen Kamm dienen. Gerade
die Katzen in kalten Ländern brauchen einen reichlichen Haarwuchs,
und dieser muß, wenn schon das Wasser von ihm ferngehalten wird, in
irgendeiner Weise in Ordnung gehalten werden.

Nach unseren Begriffen kann uns das Belecken der Pfote, um damit die
Haut zu bearbeiten, wie es August macht, sehr wenig gefallen. Aber wir
müssen natürlich die Tiere mit einem anderen Maßstab messen als den
Menschen. Wir tauchen unsere Hand in eine Schüssel Wasser und reinigen
die beschmutzte Stelle oder wir nehmen zu diesem Zwecke einen Schwamm.
Der Katze fehlen diese Dinge, und daher wählt sie ihre Zunge als Ersatz.

So halten auch Hundemütter und Katzenmütter ihre Jungen durch Belecken
sauber. Was würde es für Umstände machen, wenn ein Hund oder eine
Katze für jedes Junge -- es sollen nur sechs angenommen werden -- ein
besonderes Bad anrichtete?

Die Zunge hat also, wie wir sahen, bei den Tieren, namentlich bei
Hunden und Katzen eine ganz andere Bedeutung wie beim Menschen. Sie
ersetzt dem Tier häufig die Hand. Wenn ein Hund uns seinen Dank
ausdrücken will, so kann er uns nicht die Hand geben, weil er keine
hat, sondern sucht uns die Hand zu belecken.


36. Das Vorgefühl der Tiere für kommendes Wetter.

Da wir gesehen haben, wie sorgfältig August sein Fell in Ordnung
gebracht hat, so wollen wir bei dieser Gelegenheit etwas näher auf den
Volksglauben eingehen, wonach Besuch zu erwarten ist, wenn die Katze
sich putzt.

Es ist natürlich sehr bequem zu sagen: Das ist ja fürchterlicher
Unsinn. Wie kann ein aufgeklärter Mensch so etwas glauben?

So einfach liegt die Sache nicht. Ich will hier erzählen, was ich mit
eigenen Augen gesehen habe.

Auf einem Jagdrevier gab es eine Unmenge wildernder Katzen, die großen
Schaden anrichteten. Der Jagdaufseher, der ein hervorragender Schütze
war, gab sich alle Mühe, ihre Anzahl zu verringern.

Das ist aber nicht leicht auszuführen. Die Katze merkt sehr bald, daß
man ihr nachstellt, und als nächtliches Tier geht sie dann nur in der
Dunkelheit auf Raub aus. Was nützt dem vortrefflichsten Schützen seine
Kunst? Um zu treffen, muß man sehen können, und in der Dunkelheit ist
nichts zu sehen.

Diese Verhältnisse waren mir genau bekannt. Ich war daher aufs äußerste
erstaunt, als ich am hellen Nachmittage etwa gegen 4 Uhr erst eine und
dann später noch zwei andere Katzen aus dem Dorfe wandern sah, um ihrer
Jagdlust zu frönen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt.

Mir ging die Sache nicht aus dem Kopfe, und ich grübelte darüber
nach, was wohl die Katzen veranlaßt haben mochte, sich einer so
augenscheinlichen Gefahr auszusetzen. Es war ein wunderschöner Tag, und
kein Wölkchen am Himmel sichtbar. Gegen Abend änderte sich plötzlich
das Bild. Es zog ein schweres Gewitter auf, und in der Nacht regnete es
in Strömen.

Jetzt wurde mir das Verhalten der Katzen klar. Sie hatten den
Wetterumschlag bereits gefühlt und, da sie bei Regen nicht auf Jagd
ausgehen, sich entschlossen, sich lieber am hellen Tage der Gefahr
auszusetzen, als auf die Jagd zu verzichten. Aehnliche Fälle habe
ich noch mehrfach erlebt, so daß für mich kein Zweifel besteht, daß
manche Tiere ein Vorgefühl für einen Wetterumschlag besitzen, der dem
Durchschnittsmenschen abgeht.

Ein solches Vorgefühl treffen wir namentlich bei den Tieren an, denen
das bevorstehende Wetter gesundheitlichen oder sonstigen Schaden
bringen kann. So ist es bekannt, daß, wenn Kaninchen am Tage eifrig auf
Nahrungssuche ausgehen, baldiger Regen zu vermuten ist. Denn auch das
Kaninchen ist sonst ein nächtliches Tier. Ferner ist es wie die Katze
empfindlich gegen Regen.

Ein besonders feines Vorgefühl finden wir bei den Vögeln, namentlich
den Raubvögeln. Für den Raubvogel ist es eine Lebensfrage, rechtzeitig
den eintretenden Wetterumschlag zu kennen, denn mit Flügeln, die mit
Wasser beschwert sind, kann er nichts fangen, auch sind dann wenige
Friedvögel zu erblicken. Es ist daher kein Wunder, daß es im Altertum,
wo man die Tiere weit eifriger beobachtete als zu unseren Zeiten, eine
besondere Kaste der Vogelflugdeuter, die sogenannten Auguren, gab.

Die an sich ganz richtige Beobachtung, daß gewisse Tiere einen
Wetterumschlag im voraus fühlen, ist den Gebildeten dadurch
unglaubwürdig geworden, weil man durch ganz haltlose Zusätze den wahren
Kern verdunkelt hat. Nebenbei bemerkt wollen Leute, die an Migräne und
ähnlichen Krankheiten leiden, einen solchen Wetterumschlag ebenfalls im
voraus empfinden.

*Das Vorgefühl kann sich natürlich nur auf die nächsten vierundzwanzig
Stunden erstrecken.* Es ist daher geradezu albern, wenn man alljährlich
in vielen Zeitungen lesen kann: Da die Zugvögel uns sehr zeitig
verlassen, so steht uns ein strenger Winter bevor. Oder das Bevorstehen
von starkem Frost wird damit begründet, daß die Bienen ihre Wohnung
besonders stark gegen Kälte abschließen.

Noch größer aber war die Torheit, daß man bei vielen Völkern den Schluß
zog: Wenn das Tier weiß, wie das zukünftige Wetter ausschaut, so kann
es überhaupt in die Zukunft sehen. Ehe man etwas Wichtiges unternahm,
schaute man daher auf die Vögel, ob sie sich dem Unternehmen durch ihr
Benehmen günstig oder ungünstig erwiesen.

Diesen Schluß hat man auch für das Benehmen der Katze gezogen, was
natürlich Aberglauben ist. Wahr dagegen ist folgendes:

Die Katze fühlt voraus, daß für die nächsten vierundzwanzig Stunden
das Wetter schön bleibt oder wenigstens kein Regen eintritt. Sie
beabsichtigt daher, einen Ausflug zu machen und putzt sich daher vorher
zu diesem Zwecke. Tatsächlich bleibt das Wetter an diesem Tage schön,
und die in der Nähe wohnenden Lehmanns sagen daher: »Bei dem schönen
Wetter wollen wir heute Schulzes besuchen.« Diesen Schulzes gehört
die sich putzende Katze. Beim Eintritt der Familie Lehmann sagen sie:
»Wir wußten, daß heute Besuch kommt, denn unsere Mieze hat sich so
sorgfältig geputzt.« Richtig wäre es, wenn Schulzes sagten: »Unsere
Mieze hat sich heute sorgfältig geputzt und ist in die Felder gegangen.
Da Katzen aus Furcht vor Regen nur dann einen größeren Ausflug machen,
wenn das Wetter in den nächsten Stunden schön bleibt, so war das
also vorläufig anzunehmen. Bei schönem Wetter kommt leicht Besuch.
Daher wundern wir uns nicht, daß ihr uns heute besucht!« Ein Kern von
Berechtigung ist also in dem alten Glauben enthalten. Natürlich hätten
Schulzes auch auf das Benehmen anderer Tiere hinweisen können. Wenn
Bienen schwärmen oder Spinnen ihr Netz erneuern, kann man ebenfalls
annehmen, daß vorläufig das Wetter schön bleibt.

Bei dem feinen Gefühl der Katze ist es sehr wahrscheinlich, daß sie
die einem Erdbeben voraufgehenden schwächeren Stöße, die uns Menschen
entgehen, wahrnimmt und Todesangst bekundet. In Italien hat man ja
reichlich Erfahrungen mit Erdbeben. Dabei wird häufig erwähnt, daß
Katzen -- auch Hunde -- bereits vorher mit allen Zeichen der Angst die
Häuser verließen.


37. Der Haß des Hundes gegen die Katze. Warum macht die Katze einen
Buckel? Ist sie tapfer?

Wir hatten beobachtet, daß der Spitz Peter zu den Katzenfeinden gehört,
aber von August nicht für voll angesehen wurde. Sie machte kaum einen
Buckel. Wir fragen uns zunächst, woher der fast allgemeine Haß der
Hunde gegen die Katzen stammt.

In der Tierwelt sind Abneigungen und Zuneigungen verschiedener
Tierarten durchaus keine Seltenheit. Der Jäger benutzt den Uhu, unsere
größte Eule, dazu, um damit die Krähen anzulocken. Sie sind sehr
vorsichtig, aber in ihrem Haß gegen die Eule sind sie fast blind und
können leicht geschossen werden. Auch Rinder haben, wie wir später
sehen werden, eine ausgesprochene Abneigung gegen Hunde, ebenso
Schweine.

Die Wut der Krähen ist begreiflich, denn in der Nacht geht der Uhu
auf Raub aus und frißt mit Vorliebe Krähen. Merkwürdigerweise haben
aber die schwarzen Vögel auch großen Haß gegen kleine Eulen, die ihnen
selbst in der Nacht nicht das Geringste zuleide tun.

Hieraus erkennen wir deutlich, daß Tiere nicht nur ihre Feinde hassen,
sondern auch die Verwandten ihrer Feinde. Genau so schreibt bei vielen
Völkern die Blutrache vor, nicht nur den Feind, sondern auch seine
Verwandten zu töten. Schweine und auch Rinder hassen ebenfalls den Hund
nur seiner Verwandten wegen. Er selbst hat ihnen nichts getan, aber
sein Vetter Wolf ist ihr schlimmster Feind.

Hat nun die Katze Verwandte, die dem Hunde gefährlich werden? Gewiß,
Leopard und Jaguar sind die schlimmsten Hundefeinde. Kein Deutscher
kann in Afrika sich längere Zeit einen deutschen Hund halten, denn es
dauert nicht lange, und der Leopard raubt ihn.

In Deutschland war der jetzt ausgerottete Luchs, der wie eine große
Wildkatze aussieht, ein großer Hundefeind. Ein deutscher Forstbeamter
berichtete vor dem Kriege aus Rußland, daß sein prächtiger Jagdhund von
einem Luchs überfallen und jämmerlich zerrissen wurde.

Der Hund haßt also die Katze genau wie die Krähen die kleinen Eulen.
Die Katze hat ihm nichts getan, aber die großen Katzen sind seine
gefährlichsten Feinde, genau wie die kleinen Eulen die Krähen in Ruhe
lassen, dagegen der Uhu besonderes Verlangen nach Krähenfleisch besitzt.

Scheint einer Katze ein Hund bedenklich, so macht sie einen Buckel,
faucht und hebt eine Pranke hoch. Fauchen, ebenso Speien als Vorboten
der Abwehr sind verständlich, ebenso das Hochheben der Pranke, um
sofort bereit zu sein, dem Gegner eins auszuwischen. Aber wozu soll der
Buckel nützen?

Der große Naturforscher Darwin sieht den Zweck dieses Buckels darin,
daß die Katze ihrem Feinde dadurch größer und so auch gefährlicher
erscheinen soll. Da alle Hundeartigen (Kaniden) mit Vorliebe Tiere
angreifen, die viel größer sind als sie selbst -- z. B. Wölfe ein
Pferd, einen Hirsch usw. -- so kann der Buckel keinen Eindruck auf
den Gegner machen, zumal er von den schwachen Augen des Gegners kaum
wahrgenommen wird.

Vielmehr dürfte die Katze deshalb einen Buckel machen, um ihre
schwächste Stelle zu schützen. Ein Hund, der Erfahrungen im Würgen von
Katzen besitzt, packt die Katze stets am Nacken. Das weiß die Katze
sehr wohl, daß der Nacken ihr gefährdetster Körperteil ist, und deshalb
macht sie zu seinem Schutz einen Buckel. Deshalb flüchtet auch eine
Katze nur in den seltensten Fällen. Sie weiß, daß ihr Feind sie in
Kürze einholt und beim Nacken packt. Also kämpft sie lieber bis zum
äußersten gegen den größten Hund. Sind mehrere Hunde vorhanden, so
wirft sie sich auf den Rücken und kämpft mit allen vier Pranken.

Wir ersehen daraus, daß der Mut der Katze in Wirklichkeit nicht so
außerordentlich ist, wie es den Anschein hat. Sie hat gar keine andere
Wahl als mutig zu sein. Ferner fällt uns auf, daß die Katze im Kampfe
gegen den Hund sich auf ihre Pranken, fast niemals auf ihr Gebiß
verläßt. Blitzschnell schlägt sie mit den Pranken, namentlich nach der
Nase, die, wie wir wissen, höchst empfindlich ist. Mit ihrem kleinen
Gebiß könnte sie gegen den großen Rachen des Hundes wenig ausrichten.

Unter den Hunden gibt es Draufgänger, die durch Wunden nur noch
wütender werden. Solchen geht auch eine starke Katze aus dem Wege,
während sie weiß, daß die große Mehrzahl ihrer Feinde nur blafft, aber
sich ihren Prankenhieben nicht aussetzt.

Zu den Draufgängern unter den Hunden gehören Dachshunde, Terriers,
insbesondere Bullterriers, Bulldoggen und überhaupt manche Doggen,
sowie zahlreiche rasselose Dorfhunde. Den Hund ganz allgemein als feige
zu bezeichnen, dürfte irrig sein.

Die Kraft der Katze erkennt man daran, daß sie einen schweren Hasen
über einen Zaun schleppen kann.


38. Warum begleitet die Katze ihren Herrn nicht wie ein Hund? Warum
geht sie nicht mit ihm auf die Jagd?

Die Frage, warum August seine Herrin, die er so gern hat, nicht beim
Einholen begleitet hat, wie es doch alle Hunde so gern tun, will ich
dadurch beantworten, daß ich von meinem Erlebnis mit dem »Katzenmann«
erzähle.

Vor dem Kriege konnte man in Berlin in der Nähe der Potsdamer Brücke
häufig einen Herrn sehen, der mit einer Katze spazieren ging und
deshalb Katzenmann genannt wurde. Ich habe ihn oft getroffen, hatte
aber jedesmal wichtige Dinge eiligst zu erledigen, so daß ich seine
Bekanntschaft nicht machen konnte. Endlich traf ich ihn in einer
vegetarischen Speiseanstalt, wo er häufiger Mittagsgast war. Ich habe
mich mit ihm bekanntgemacht und mich nach seinen Katzen und seinen
Erfahrungen, die er mit ihnen gemacht hat, erkundigt.

Seine Augen glänzten, als er mir von seinen Lieblingen erzählte.
Selbstverständlich besaßen sie alle hervorragende Eigenschaften.

Ich freue mich sehr, wenn ich einen wirklichen Tierfreund kennen lerne.
Aber man darf doch nicht alles bei den Tieren nur in rosarotem Lichte
erblicken.

Ich habe den Katzenmann mehrfach heimlich beobachtet und wurde in
meiner Ansicht bestärkt, daß selbst der größte Katzenfreund es niemals
durchsetzen wird, mit einer Katze genau wie mit einem Hunde spazieren
zu gehen. Der Katzenmann hatte seine Katze an einer Strippe. Das war
natürlich nötig, weil ihm sonst die Katze einfach fortgeklettert wäre.
So suchte sie nun das Klettern im Bereiche der Strippe auszuüben. Die
Katze die Treppe hinunterzubringen, war ein wahres Kunststück, was
lange Zeit in Anspruch nahm. Auf der Straße verbarg sich das Tier
hinter jedem geeigneten Gegenstand, namentlich hinter jedem Kellerhals.
Mit großer Mühe konnte sie erst jedesmal von ihrem Herrn losgebracht
werden. So nahm die kleine Strecke von der Potsdamer Brücke bis zur
Matthäikirchstraße wohl eine halbe Stunde in Anspruch. Hinter der
Kirche steht auf der Rasenfläche ein Gebüsch. Hierhinein verkroch
sich die Katze und konnte trotz aller Anstrengungen ihres Herrn nicht
wieder herausgebracht werden. Ich habe sehr lange Zeit gewartet, mußte
aber schließlich gehen, um übernommene Verpflichtungen zu erfüllen.
Jedenfalls war ich mir klar darüber, daß das Spazierengehen mit Katzen
nur für solche Leute in Betracht kommt, die furchtbar viel Zeit übrig
haben. Denn es ist stets eine Reise mit Hindernissen.

Viel schlimmer aber ist es, daß der Katzenfreund glaubt, seinem
Lieblinge eine große Freude zu bereiten, während es in Wirklichkeit
schon an Tierquälerei grenzt.

Die Katze fühlt sich nur dort wohl, wo sie sich durch Klettern vor
den ihr drohenden Gefahren schützen kann. Wenn auch die meisten
Großstadthunde keinen ernstlichen Kampf mit einer starken Katze wagen,
so gibt es auch hier Ausnahmen. Die Katze, die der Katzenmann bei sich
führte, war nun noch ein junges, und eher schwächliches als kräftiges
Tier. Es war daher kein Wunder, daß sie sich auf der Straße vor Hunden
fürchtete. Jede Katze hat den natürlichen Wunsch, ihre schwache Seite,
den Nacken mit dem Rücken, zu schützen, und stellt sich ihrem Feinde
stets so, daß der Rücken gedeckt ist. Deshalb flüchtete sie hinter
jeden Kellerhals. Viel willkommener war ihr natürlich noch das hohe
Gebüsch. Hier hätte ihr kein Hund etwas anhaben können. Deshalb wollte
sie durchaus nicht davon fort. Vielleicht ließ sich auch noch dort ein
Vögelchen fangen. Es war da ein Grund mehr, sich von dem Gebüsch nicht
zu trennen.

»Warum hat aber die Katze Furcht? Ihr Herr steht ihr doch zur Seite?«
wird mancher fragen. Wer Katzen kennt, stellt diese Frage nicht. Ein
Tier, das seit Urzeiten selbständig handelt, kann sich gar nicht in die
Lage versetzen, auf Schutz und Beistand eines anderen zu rechnen. Das
tut wohl der Hund, aber nicht deswegen, weil er klüger ist, sondern
weil er den Schutz durch seine Artgenossen als ein in Rudeln lebendes
Geschöpf für selbstverständlich hält.

Will man eine Katze durchaus im Freien bei sich haben, so soll man sie
auf seine Schulter setzen, wo Katzen überhaupt furchtbar gern sitzen.
Freiwillig wird uns eine Katze nur begleiten, wo sie jederzeit eine
Zuflucht hat, also im Walde, an Zäunen, Gebüschen und anderen Deckungen
entlang.

Es gibt verwilderte Katzen, die so stark sind, daß sie sich vor keinem
Hunde fürchten. Diese denken aber nicht daran, den Menschen bei seinen
Ausflügen zu begleiten.

Hiervon abgesehen will die Katze das selbst dann nicht tun, wenn er auf
die Jagd geht, während Hunde dann vor Freude außer Rand und Band sind.
Wir sind der Katze zu laut, zu tolpatschig und reden zu viel. Bedenken
wir, wie lautlos die Katze auftritt, welche federnde Bewegungen sie
besitzt und wie schweigsam sie sich verhält, so können wir ihr nicht
Unrecht geben.


39. Warum fällt die Katze immer auf die Füße? Warum leuchten ihre Augen?

Wir wollen jetzt von August, dem Kater im Kohlenkeller, Abschied nehmen
und ein befreundetes Katzenfräulein aufsuchen, um die Eigenarten der
Katze weiter zu beobachten. Fräulein Bachmann -- das ist der Name des
Katzenfräuleins -- ist wie der »Katzenmann« eine große Tierfreundin und
namentlich eine Verehrerin von Katzen. Selbst jetzt in den schlechten
Zeiten hat sie sich von ihrem Kater Hans nicht trennen können.
Allerdings muß jetzt Hans ebenfalls arbeiten, was aber kein Nachteil
für ihn ist -- im Gegenteil, ihm außerordentlich gut bekommt. In der
Nachbarschaft ist nämlich ein Holz- und Kohlenplatz. Dort wird Hans
abends hingebracht, damit er während der Nachtzeit Mäuse fängt.

Fräulein Bachmann, der bei ihrer auffallenden Rüstigkeit niemand
ansieht, daß sie bald 60 Jahre alt wird, stellt uns das Wundertier Hans
vor, und wir müssen zunächst geduldig und in Ergebenheit alle seine
ans Märchenhafte grenzenden hervorragenden Eigenschaften mit anhören.
Natürlich ist er von vorbildlicher Reinlichkeit, und alles an ihm ist
schön.

Wir können auf Hans keinen abstoßenden Eindruck gemacht haben, denn
nach nicht langer Zeit beginnt er, während er bequem auf dem Schoße
seiner Herrin liegt, behaglich zu schnurren.

Dieses Schnurren entsteht nach den Angaben naturgeschichtlicher Werke
durch Falten im Kehlkopf.

Der Zweck des Schnurrens wäre nicht zu verstehen, wenn die Katzen
ständig allein lebten. Aber auch sie haben Zeiten, wo sie paarweise
hausen. Dann ist es wichtig, daß der andere Teil weiß, sein Genosse ist
in guter Stimmung. An den Mienen des regungslosen Gesichts kann er es
nicht ablesen. Noch wichtiger aber ist das Schnurren für die Katze als
Mutter. Sie deutet damit ihren Kindern an: Seid unbesorgt -- es droht
keine Gefahr! Da bei den größten Katzen von einer solchen Gefahr keine
Rede sein kann, so schnurren Löwe und Tiger wahrscheinlich aus diesem
Grunde nicht.

Besonders auffallend ist es, daß die Katze uns Fremde in keiner Weise
beschnuppert oder zu beschnuppern versucht hat, wie es doch die beiden
Hunde von Herrn Böhm, Karo und Hektor, getan haben. Hieraus sieht man
wieder, daß die Katze im Gegensatz zum Hunde ein Augentier ist. Wie
der Mensch es nicht nötig hat, einen Fremden erst zu beriechen, so
verzichtet auch die Katze darauf. Bei dem Hunde mit seinem schwachen
Gesicht ist es etwas anderes.

Sehen wir unsere eigene Katze im Freien, so brauchen wir ihr nicht zu
pfeifen, denn gewöhnlich hat sie uns bereits bemerkt. Dem Hunde dagegen
muß man pfeifen, weil er bei seinem schwachen Gesicht seinen Herrn aus
einiger Entfernung nicht erkennen kann. Auch ergibt sich das schlechte
Sehvermögen des Hundes daraus, daß er seinen verlorenen Herrn meistens
mit der Nase sucht. Das tut eine Katze niemals.

Unsere Bitte, den Kater einmal aus der Rückenlage fallen zu lassen, um
aus eigener Wahrnehmung die allbekannte Erscheinung festzustellen, daß
Katzen stets auf die Füße fallen, stößt zunächst bei Fräulein Bachmann
auf heftigen Widerstand. Sie hält das geradezu für eine Tierquälerei
und eine Versündigung an ihrem Liebling. Erst als ich es für ganz
selbstverständlich erkläre, daß der Versuch auf dem Sopha gemacht
werden soll, so daß Hans schlimmstenfalls ganz weich fällt, läßt der
Widerstand von Fräulein Bachmann nach. Um zum Ziele zu gelangen, lasse
ich durchblicken, daß wahrscheinlich der Versuch, wenn er geglückt ist,
photographiert werden soll. Der Gedanke, daß sie und ihr Liebling für
immer der Nachwelt in einer so wichtigen Angelegenheit erhalten bleiben
sollen, läßt schließlich jedes Bedenken schwinden.

Wie ich es an meinen eigenen Katzen oft erprobt habe, so geschieht es
auch hier. Die auf dem Rücken liegende Katze, die das Fräulein auf dem
Arm hält, wird plötzlich losgelassen. Mit der größten Seelenruhe sieht
man sie gleich darauf auf dem Sopha auf den Füßen stehen. Das alles
geschieht so schnell, daß man den Vorgang nicht in seinen Einzelheiten
mit den Augen verfolgen kann, selbst wenn man ihn mehrfach wiederholen
läßt. Belehrender sind daher die Momentaufnahmen. Auf ihnen sieht
man, wie die Katze es versteht, durch Einziehen des Kopfes und der
Vorderbeine und seitliche Krümmung des Rückgrates ihren Schwerpunkt
nach hinten zu verlegen und dann durch verschiedenartige Beugung der
Beine die Drehung nach der einen oder anderen Seite zuerst vorn, dann
hinten zu bewerkstelligen.

Die Beobachtung dieser Fähigkeit der Katze ist sehr alt, denn es gibt
das Sprichwort: Katzen und Herren fallen immer auf die Füße.

Ein Irrtum dürfte es sein, daß die Katze mit dieser Fähigkeit
ganz einzig in der Tierwelt dasteht. Noch niemals hat man einen
totgefallenen Affen, Marder, Eichhörnchen u. dgl. gefunden, so daß also
wahrscheinlich alle Baumkletterer bei einem Absturze, wie die Katze,
auf die Füße fallen. Aehnlich liegt die Sache mit der Schwindelfreiheit
der Gebirgstiere. Steinböcke, Wildziegen, Gemsen und andere Bewohner
des Gebirges können in die schrecklichsten Tiefen sehen, ohne daß sie
es rührt, während wir Menschen leicht vom Schwindel gepackt werden.

Jetzt soll Hans in einen dunklen Raum gebracht werden, damit wir
seine Augen leuchten sehen. Augenblicklich sind bei ziemlich heller
Beleuchtung seine Pupillen bis auf einen Spalt zusammengezogen, so
daß fast die ganze gelbe Iris oder Regenbogenhaut sichtbar ist. Das
Augenleuchten ist übrigens nicht nur eine Eigentümlichkeit der Katzen,
sondern auch anderer Tiere, der Hunde, Pferde, Kühe usw. Es beruht zum
Teil auf dem feineren Bau des Auges, zum Teil auf dem im Hintergrunde
des Auges befindlichen _tapetum lucidum_, d. h. Stellen, welche die
Fähigkeit besitzen, stark Licht zurückzuwerfen. Die Augen leuchten,
sobald sie in der Dunkelheit von einem Lichtstrahl getroffen werden.

Leider befindet sich in der Wohnung keine ganz dunkle Kammer. Wir
müssen uns damit begnügen, daß Hans von seiner Herrin in den dunklen
Korridor gebracht wird. Hier kann man sich deutlich davon überzeugen,
daß die Augen der Katzen im Dunkeln, wenn gewisse Voraussetzungen
fehlen, *nicht* leuchten. Es ist also ein Irrtum, wenn Eulen auf
Bildern mit leuchtenden Augen dargestellt sind. Das ist nur der Fall,
wenn ein Lichtstrahl in sie hineinfällt, wovon man sich im Zoologischen
Garten überzeugen kann.

Der Versuch mit dem Oeffnen der Tür, um durch einen Spalt Licht in
Hansens Augen fallen zu lassen, gelingt nur mäßig. Ueberhaupt ist für
unsere Zwecke der sehr helle Frühlingstag recht ungünstig. Nur in dem
Augenblicke, wo das Licht die Augen trifft, leuchten sie auf.

Das Augenleuchten der Tiere hat den Anlaß zu der höchst wichtigen
Entdeckung des Augenspiegels gegeben.


40. Wie fängt die Katze Mäuse? Die Katze als Vogelfeindin.

Ein Rotschwänzchen, das sich auf dem Balkon niedergelassen hat,
veranlaßt Hans zu einem sehnsüchtigen Blicke nach dem schmucken
Tierchen. Zwar besteht keine Gefahr für den zutraulichen Vogel, denn
die Tür ist fest geschlossen. Auch erhält er von seiner Herrin eine
ernste Verwarnung. Ob sie helfen wird, muß man allerdings bezweifeln.

Der Katze ist von der Natur die Nahrung von Vogel- und Nagerfleisch
bestimmt. Es ist uns natürlich sehr angenehm, daß sie Mäuse und Ratten
frißt. Im Gegenteil; sie kann uns auf diesem Gebiete gar nicht genug
leisten. Es will uns aber gar nicht gefallen, daß sie auch gern Hasen
und Kaninchen verzehrt. Am schlimmsten aber ist es, daß sie durch ihre
Vorliebe für die Singvögel zu ihrer Ausrottung beiträgt. Wie manche
brütende Nachtigall, deren Nest durch den Gesang des Männchens verraten
wurde, hat in dem Magen einer Katze ihr Ende gefunden!

Die Katze ist wie geschaffen, den auf dem Erdboden oder Baume weilenden
Vogel zu haschen. Ich beobachtete einmal auf dem Lande, wie eine Katze
einen ausgewachsenen Sperling fing. Und gerade unser Sperling pflegt
kein Dummkopf zu sein.

Alle Vögel kennen ihren grausamen Feind und machen oft den Menschen auf
eine Katze aufmerksam. Beispielsweise kann man mit Sicherheit darauf
rechnen, daß, wenn im Frühjahr das anhaltende Zetern der Amseln aus
einem Garten ertönt, sich eine Katze hereingeschlichen hat und die
Jungen gefährdet. Sie ist auch wie geschaffen zur Verzehrerin eines
Vogels, da sie mit ihren Pranken den Vogel meisterhaft rupft. Man
versteht, wenn man ihr zuschaut, weshalb ein Hund niemals so gierig auf
Vogelfleisch sein wird. Ihm fehlt das Werkzeug, um die Federn schnell
zu entfernen.

Um ihren Hans in ein besseres Licht zu rücken, erzählt uns Fräulein
Bachmann von seinen vortrefflichen Leistungen als Mäusefänger. Leider
können wir bei dieser Tätigkeit nicht zugegen sein, denn in der Wohnung
sind keine Mäuse. Er wird, wie schon erwähnt wurde, abends nach dem
Kohlenplatz gebracht. Nach den Angaben des Kohlenhändlers hat er sehr
unter den Mäusen aufgeräumt, was wir schon glauben können.

Auf Bildern werden mäusefangende Katzen nicht selten so dargestellt,
daß sie vor dem Mäuseloch sitzen und gewissermaßen hineinsehen. Das
dürfte nicht richtig sein. Ich stimme nach meinen Beobachtungen den
Schilderungen eines bekannten Naturforschers bei, von denen hier
folgende Stelle ihren Platz finden möge.

Ich habe sie, schreibt er, öfters beobachtet, wenn sie so auf der Lauer
sitzt, daß sie mehrere zusammenhängende Mauselöcher um sich hat. Sie
könnte sich gerade vor ein am Rande des Ganzen stehendes hinsetzen und
so alle leicht überschauen. Das tut sie aber nicht. Setzte sie sich vor
das Loch, so würde das Mäuschen sie leichter bemerken und entweder gar
nicht herausgehen oder doch schnell zurückzucken. Sie setzt sich also
mitten zwischen die Eingänge und wendet Auge und Ohr dem zu, in dessen
Nähe sich unter der Erde etwas rührt, wobei sie so sitzt, daß das
herauskommende Geschöpf ihr den Rücken zukehren muß und desto sicherer
gepackt wird. Sie sitzt so unbeweglich, daß selbst die sonst so regsame
Schwanzspitze sich nicht rührt; es könnten sonst durch ihre Bewegung
die Mäuschen, welche nach hinten heraus wollen, eingeschüchtert werden.
Kommt *vor* der Katze ein Mäuschen zutage, so ist es im Augenblick
gepackt; kommt eins hinter ihr heraus, wo sie es nicht sehen kann,
*so ist es ebenso schnell gepackt*. Sie hat nicht bloß gehört, daß es
heraus ist, sondern auch *so genau, als ob sie es sähe, wo es ist;
sie wirft sich blitzschnell herum und hat es, nie fehlend, unter den
Krallen*. Uebrigens vermag sie weit mehr zu leisten. Ich hatte mich
bei warmer, stiller Luft in meinem Hofe auf einer Bank im Schatten
der Bäume niedergelassen und wollte lesen. Da kam eins von meinen
Kätzchen schnurrend und schmeichelnd heran und kletterte mir nach
alter Gewohnheit auf Schulter und Kopf. Beim Lesen war das störend, ich
legte also ein zu solchem Zweck bestimmtes Kissen auf meinen Schoß, das
Kätzchen darauf, drückte es sanft nieder, und nach zehn Minuten schien
es fest zu schlafen, während ich ruhig las und um uns her Vögel sangen.
Das Kätzchen hatte den Kopf, also auch die Ohren, südwärts gerichtet.
Plötzlich sprang es mit ungeheurer Schnelligkeit rückwärts. Ich sah ihm
erstaunt nach; da lief nordwärts von uns ein Mäuschen von einem Busch
zum andern über ein glattes Steinpflaster, wo es natürlich gar kein
Geräusch machen konnte. Ich maß die Entfernung, in welcher das Kätzchen
die Maus hinter sich gehört hatte; sie betrug 13,5 Meter.

Das Gehör der Katze ist, wie wir aus eigener Beobachtung bestätigen
können, ungeheuer fein. Sie macht uns auf die Ankunft einer Person
aufmerksam, deren Schritte wir überhört hatten.

Auch der Hund hört sehr fein, wie schon früher aus der Schilderung des
Jagdhundes und der beiden Spitze hervorging (Kapitel 23). Man kann das
oft daran erkennen, daß er plötzlich anscheinend grundlos bellt. Trotz
angestrengten Horchens kann ein Mensch nicht das geringste Geräusch
hören. Endlich kommt man hinter den Grund seiner Erregung. Jeder Hund
hat regelmäßig einen Feind. Dieser nähert sich unserem Hause. Es ist
erstaunlich, aus welcher Entfernung der Hund die Annäherung seines
Feindes wahrnimmt. Der Mensch, der z. B. einen Vogelruf wahrnimmt, weiß
häufig nicht, wo der Vogel sitzt und sieht sich vergeblich nach dem
Tier um. Die Katze hört nicht nur, daß eine Maus kommt, sondern sie
weiß auch sofort, von welcher Stelle sie kommt.

Man hat sich häufig darüber gewundert, daß die Katzen und die meisten
Hunde von der Musik nichts wissen wollen. Für ihre feinen Ohren ist
eben unsere Musik viel zu grell.


41. Warum schüttelt die Katze beim Fressen den Kopf?

Um mich bei Hans und seiner Herrin beliebt zu machen, habe ich für ihn
ein paar Bücklingsköpfe mitgebracht. Sie werden dankbar in Empfang
genommen. Während des Fressens schüttelt Hans häufig den Kopf, was man
bei fressenden Katzen nicht selten sieht. Zu schütteln ist eigentlich
an dem toten Bücklingskopf nichts.

Ich erkläre mir das so. Wildkatzen fressen mit Vorliebe knochenloses
Fleisch. Es ist seit Jahrtausenden bekannt, daß der Löwe, also die
größte Katze, zunächst die Eingeweide frißt. Um zu den Eingeweiden zu
gelangen, muß die Katze den Kopf in den Leib ihrer Beute stecken. Da
ihr Fell, wie wir wissen, sehr empfindlich gegen Nässe ist, so muß sie
ihren Kopf gegen die Beschmutzung mit Blut und dergleichen zu schützen
suchen. Um das zu erreichen, schüttelt sie mit dem Kopfe.

Bücklinge, wie Fische überhaupt, frißt die Katze deshalb gern, weil
die Wildkatzen trotz ihrer Abneigung gegen das Wasser sehr geschickte
Fischfänger sind. Sie lauern regungslos am Wasser und wissen den
arglosen Fisch durch einen blitzschnellen Prankenschlag aufs Land zu
werfen. Hierbei machen sie sich so gut wie gar nicht naß.

Eine in der Großstadt geborene Katze zeigte mir einmal, wie
festgewurzelt das Fischefangen in ihrem Triebleben haftet. Ich hatte
einen Strumpf zum Baden benutzt, und, um die Seife auszuwässern, ihn
in eine Wanne gelegt. Bei meiner Arbeit am Schreibtische hatte ich das
schon längst vergessen, als ein Geräusch meine Aufmerksamkeit auf die
Wanne lenkte. Eine meiner Katzen saß mit gespanntester Aufmerksamkeit
am Rande der Wanne und suchte durch einen Prankenschlag den Strumpf
hinauszuschlagen. Der dunkle Strumpf im klaren Wasser hatte also
genügt, ihre von den Vorfahren ererbte Erinnerung an den Fischfang
wachzurufen.

Bei dieser Gelegenheit können wir zugleich das natürliche Futter der
Katze feststellen. Das vor dem Kriege in der Großstadt übliche Füttern
mit Pferdefleisch kann man nicht als naturgemäß bezeichnen. Ich habe
selbst erlebt, daß dauernd mit Pferdefleisch gefütterte Katzen sich
wie tollwütig benahmen. Wunderbar ist das auch nicht weiter, denn das
Fleisch der Mäuse und Vögel ist nicht annähernd so gehaltreich wie das
Pferdefleisch.

Weil Pferdefleisch die übliche Nahrung in den Zoologischen Gärten ist,
deshalb sterben auch alle Raubtiere sehr schnell, die in der Freiheit
keine Pferde oder ähnliche Tiere, wie Zebras, Esel und andere Einhufer
fressen. Obwohl Luchse in Deutschland heimisch waren, und die Wildkatze
es noch heute ist, können sie die Fütterung mit Pferdefleisch auf die
Dauer nicht vertragen. Ebenso sterben Habichte, Wanderfalken, Sperber
und andere Raubvögel sehr bald, wenn sie mit Pferdefleisch gefüttert
werden, obwohl diese Vögel unsere Heimat bewohnen.

Die praktischen Amerikaner sollen, wie ich gelesen habe, ihre Katzen
mit Eingeweiden füttern. Das wäre sehr klug, denn die Katze hat eine
ausgesprochene Vorliebe für die Eingeweide. Sollten wir also wieder
einmal eine solche Nahrungsfülle haben, wie es vor dem Kriege der Fall
war, dann wäre es zweckmäßig, einer Großstadtkatze, der man keine
Nager oder Vögel vorsetzen kann, Fische zu geben und vom Pferde die
Eingeweide.

Von den Naturforschern wird das scharfe Gebiß der Katzen sehr
gepriesen, weil die Zähne infolge ihres Baues eine furchtbare Wirkung
ausüben. In Wirklichkeit sieht die Sache ganz anders aus. Keine Katze
verteidigt sich gegen einen Hund mit dem Gebiß. Keine Katze kann, wie
schon erwähnt wurde, einen Fuchs abwürgen, was doch der nicht größere
Dachshund oft tut. Keine Katze befreit sich aus einer Holzkiste,
wenngleich ihre Wände dünn sind. Der Hund dagegen zerbeißt, wie wir
von der Dogge Tom hörten, Kisten, die für bedeutend stärkere Raubtiere
berechnet sind.

Bei den großen Katzenarten können wir genau das Gleiche beobachten.
Der Löwe überläßt doch nicht den Hyänen und Schakalen die Reste seiner
Beute, weil er großmütig ist, sondern weil er die starken Beinknochen
nicht zerbeißen kann.

Auch unsere Hauskatze denkt nicht daran, sich mit einer anderen Katze
wegen eines Knochens zu balgen, wie es doch der Hund gewohnheitsmäßig
tut. Das kommt eben daher, weil der Hund mit seinem starken Gebiß
spielend kräftige Knochen zerbeißt, während die Katze ihm das nicht
nachmachen kann.

Gerade dadurch ist die Katze so recht in den Ruf der Naschhaftigkeit
gekommen. Sie will keine Knochensammlung haben wie der Hund, sondern
bevorzugt reines Fleisch, insbesondere Eingeweide. So eine zarte
Rehleber ist ganz nach ihrem Geschmack. Natürlich sind wir wütend,
daß uns die Katze bestiehlt und obendrein noch das nimmt, was für den
Hausherrn bestimmt war.

Rehlebern sind nicht bloß für uns Menschen wohlschmeckend, sondern auch
ein naturgemäßes Futter der Wildkatze. Die Katze ist also eigentlich
nicht naschhaft, sondern ihre naturgemäße Nahrung umfaßt wegen ihres
kleinen Gebisses Dinge, die uns besonders gut schmecken.

Gegen Salz hat die Katze eine noch größere Abneigung als der Hund.

Mäusefleisch kann nicht sehr gehaltreich sein, denn sonst könnten nicht
Katzen und Eulen eine so ungeheure Anzahl davon verzehren.

Die Aehnlichkeit zwischen Katzen und Eulen besteht übrigens nicht nur
in ihrer Vorliebe für Nagerfleisch. Man hat mit Recht die Eule als
geflügelte Katze bezeichnet. Wie diese ist sie eine nächtliche Räuberin
und gleicht ihr auch vollkommen an Lautlosigkeit.

An Ratten wagt sich nicht jede Katze. Aber die Anwesenheit einer Katze
ist auch den Ratten nicht angenehm und veranlaßt sie manchmal, das
ungemütlich gewordene Heim zu verlassen.

Zeigen sie sich in einem Gehöft in großer Anzahl, so bekämpft man sie
erfolgreicher mit Rattenfängern, also schnellen, bissigen Hunden, wie
Pinschern und Terriern, als mit Katzen.

Es mag übertrieben sein, wenn man in England und in anderen Ländern in
den Katzen die größten Wohltäterinnen für die Menschheit, insbesondere
für die Landwirtschaft erblickt. Aber das läßt sich nicht leugnen,
daß unsere Ernten zum größten Teil von den Nagern aufgefressen werden
würden, wenn wir nicht in den Katzen erfolgreiche Bundesgenossen
besäßen.

Sonst macht sich die Katze noch dadurch nützlich, daß sie Schlangen
tötet und Maikäfer und andere Insekten frißt. Spitzmäuse frißt sie
nicht, tötet sie aber. Das muß ihr als Nachteil angerechnet werden,
denn die Spitzmaus ist als ein insektenfressendes Geschöpf ein nach
unseren Begriffen nützliches Tier. Wahrscheinlich frißt sie die
Spitzmaus wegen ihres Moschusduftes nicht. Umgekehrt fällt es auf, daß
sie Baldrian sehr liebt und sich wie berauscht auf ihm wälzt.

Wegen ihrer großen Nützlichkeit wird man ihr manche Unart oder,
genauer ausgedrückt, manche uns unangenehme Eigenschaft verzeihen,
so ihre angeborene Sucht, den Vögeln, insbesondere den Singvögeln,
nachzustellen.

Auch hier gilt das vom Hund Gesagte: Der Mensch lebt nicht von Brot
allein. Berühmte Männer haben erklärt, daß sie die Erinnerung an manche
Katze im Elternhause nicht um vieles hergeben möchten.


42. Die Rassen der Katze. Alter und sogenannte Erziehung.

Hans ist eine weiß und braunrötlich gefärbte Katze, wie man sie häufig
sieht. Auch die Katze gehört zu den Säugetieren. Ihr Raubtiergebiß
besteht aus zwölf kleinen Schneidezähnen, vier starken Eckzähnen und
oben acht, unten sechs Backzähnen. Die Katze ist ebenfalls wie der Hund
ein Zehengänger. Die Beine sind mäßig hoch und sind mit zurückziehbaren
Krallen versehen. An den Vorderfüßen bemerken wir fünf, an den
Hinterfüßen vier Zehen. Besonders auffallend ist der kugelrunde Kopf,
die schon besprochenen Schnurrhaare, der lange Schwanz und das biegsame
Rückgrat.

Von Rassen der Katze ist wenig zu sagen, da für uns in Deutschland
nur noch die Angorakatze zu erwähnen ist. Sie zeichnet sich durch ein
langes, seidenweiches Haar aus. Auch sind ihre Lippen und Fußsohlen
fleischfarben.

Es besteht Streit darüber, ob unsere Hauskatze von der ägyptischen
Falbkatze oder unserer heimischen Wildkatze abstammt. Jedenfalls ist
die Hauskatze, verglichen mit Pferden, Hunden und anderen Haustieren,
ein junges Haustier, da sie in Europa den alten Kulturvölkern, also den
Griechen und Römern, unbekannt war.

Der Hund erreicht mit einem halben Jahre seine volle Größe, ebenso die
Katze. Ueberhaupt dürften sie beide das gleiche Alter erleben.

Die Paarung der Katzen findet zweimal im Jahre statt, und zwar das
erstemal im Januar oder Februar. Die sonst so schweigsamen Tiere
stimmen jetzt ein Geschrei an, um sich gegenseitig zu finden. Für
unsere Ohren klingt dieses Geschrei abscheulich, weshalb wir von diesem
»Lied« der Katzen behaupten, daß es »Steine erweichen und Menschen
rasend machen kann«. Ueberhaupt nennen wir eine Musik, die unsere Ohren
zur Verzweiflung bringt, eine Katzenmusik.

Die Tragezeit der Katze ist um eine Woche kürzer als beim Hunde. Die
Anzahl der Kleinen beträgt etwa fünf bis sechs. Hieraus ersehen wir,
daß die Katze ziemlich viel Feinde haben muß. Das trifft auch zu, wie
in dem Abschnitt über die Feinde der Katze geschildert werden soll.
Auch die Katzenjungen können nicht gleich sehen, sondern erst in neun
Tagen.

Wie die Hündin, so ist auch die weibliche Katze eine ausgezeichnete
Mutter. Ihre Liebe zu ihren Kleinen ist so groß, daß sie unbedenklich
das größte Opfer bringt. Für die Mutterliebe der Hündin sei hier
folgender Fall angeführt. Eine Jagdhündin war von ihrem Herrn, einem
Rittergutsbesitzer an der Saale, in hochträchtigem Zustande mit auf
ein *zwei* Stunden entferntes, am anderen Ufer der Saale gelegenes Gut
genommen worden und warf hier acht Junge. Der Besitzer, der wußte, daß
sie bei seinem Freunde gut aufgehoben sei, fuhr ohne das Tier nach
Hause, war aber auf das Aeußerste erstaunt, als bereits anderen Morgens
vier Uhr die Hündin mit ihren acht Jungen sich bei ihm einstellte.
Der Hund mußte hiernach *fünfzehnmal* die Saale durchschwommen haben,
um seine Lieblinge nach Hause zu bringen -- abgesehen von dem dabei
zurückgelegten Landweg.

Solche Fälle wie der eben geschilderte sind sehr häufig vorgekommen.
Auch Katzenmütter haben Aehnliches geleistet.

Einen reizenden Anblick gewährt es, eine Katzenmutter inmitten des
Kreises der Ihrigen zu beobachten. Keine Menschenmutter, schreibt
ein bekannter Naturforscher, kann mit größerer Zärtlichkeit und
Hingebung der Pflege ihrer Kinderchen sich widmen als die Katze. In
jeder Bewegung, in jedem Laute der Stimme, in dem ganzen Gebaren gibt
sich Innigkeit, Sorgsamkeit, Liebe und Rücksichtnahme nicht allein
auf die Bedürfnisse, sondern auch auf die Wünsche der Kinderchen
kund. Solange diese klein und unbehilflich sind, beschäftigt sich die
Alte hauptsächlich nur mit ihrer Ernährung und Reinigung. Behutsam
nähert sie sich dem Lager, vorsichtig setzt sie ihre Füße zwischen
die krabbelnde Gesellschaft, leckend holt sie eines der Kätzchen nach
dem anderen herbei, um es an das Gesäuge zu bringen, ununterbrochen
bestrebt sie sich, jedes Härchen glatt zu legen, Augen und Ohren,
selbst den After reinzuhalten. Noch äußert sich ihre Liebe ohne Laute:
sie liegt stumm neben den Kleinen, spinnt höchstens dann und wann,
gleichsam um sich die Zeit, welche sie den Kinderchen widmen muß, zu
kürzen. Scheint es ihr nötig zu sein, das Lager zu wechseln, so faßt
sie eines der Kätzchen mit zartester Behutsamkeit an dem faltigen
Felle der Genickgegend, mehr mit den Lippen als mit den scharfen
Zähnen zugreifend, und trägt es, ohne daß ihm auch nur Unbehagen
erwächst, einem ihr sicherer dünkenden Orte zu, die Geschwister eilig
nachholend. Ist sie sich der Freundlichkeit ihres Herrn bewußt, so läßt
sie es gern geschehen, wenn dieser sie bei solcher Umlegung der Jungen
unterstützt, fügt sich seinem Ermessen oder geht, bittend miauend,
ihm voraus, um das ihr erwünschte Plätzchen zu zeigen. Die Jungen
wachsen heran, und die Mutter ändert im vollsten Einklange mit dem
fortschreitenden Wachstume allgemach ihr Benehmen gegen sie. Sobald
die Aeuglein der Kleinen sich geöffnet haben, beginnt der Unterricht.
Noch starren diese Aeuglein blöde ins Weite; bald aber richten sie sich
entschieden auf einen Gegenstand: die ernährende Mutter. Sie beginnt
jetzt, mit ihren Sprößlingen zu reden. Ihre sonst nicht eben angenehm
ins Ohr fallende Stimme gewinnt einen Wohlklang, welchen man ihr nie
zugetraut hätte; das »Miau« verwandelt sich in ein »Mie«, in welchem
alle Zärtlichkeit, alle Hingebung, alle Liebe einer Mutter liegt; aus
dem sonst Zufriedenheit und Wohlbehagen oder auch Bitte ausdrückenden
»Murr« wird ein Laut, so sanft, so sprechend, daß man ihn verstehen
muß als den Ausdruck der innigsten Herzensliebe zu der Kinderschar.
Bald auch lernt diese begreifen, was der sanfte Anruf sagen will: sie
lauscht, sie achtet auf denselben und kommt schwerfällig, mehr humpelnd
als gehend, herbeigekrochen, wenn die Mutter ihn vernehmen läßt. Die
ungefügen Glieder werden gelenker, Muskeln, Sehnen und Knochen fügen
sich allgemach dem erwachenden und rasch erstarkenden Willen: ein
dritter Abschnitt des Kinderlebens, die Spielzeit der Katze, beginnt.
Diese Spielseligkeit der Katze macht sich schon in frühester Jugend
bemerklich, und die Alte tut ihrerseits alles, sie zu unterstützen. Sie
wird zum Kinde mit den Kindern, aus Liebe zu ihnen, genau ebenso, wie
die Menschenmutter sich herbeiläßt, mit ihren Sprößlingen zu tändeln.
Mit scheinbarem Ernst sitzt sie mitten unter den Kätzchen, bewegt
aber bedeutsam den Schwanz. Die Kleinen verstehen zwar diese Sprache
ohne Worte noch nicht, werden aber gereizt durch die Bewegung. Ihre
Aeuglein gewinnen Ausdruck, ihre Ohren strecken sich. Plump täppisch
häkelt das eine und andere nach der sich bewegenden Schwanzspitze;
dieses kommt von vorn, jenes von hinten herbei, eines versucht über
den Rücken wegzuklettern und schlägt einen Purzelbaum, ein anderes hat
eine Bewegung der Ohren der Mutter erspäht und macht sich damit zu
schaffen, ein fünftes liegt noch unachtsam am Gesäuge. Die gefällige
Alte läßt, mit mancher Menschenmutter zu empfehlender Seelenruhe, alles
über sich ergehen. Kein Laut des Unwillens, höchstens gemütliches
Spinnen macht sich hörbar. Solange noch eines der Jungen saugt, wird
es verständnisvoll bevorzugt; sobald aber auch dieses sich genügt hat,
sucht sie selbst die kindischen Possen, zu denen bisher nur die sich
bewegende Schwanzspitze aufforderte, nach Kräften zu unterstützen.
Bald liegt sie auf dem Rücken und spielt mit Vorder- und Hinterfüßen,
die Jungen wie Fangbälle umherwerfend; bald sitzt sie mitten unter der
sich balgenden Gesellschaft, stürzt mit einem Tatzenschlage das eine
Junge um, häkelt das andere zu sich heran und lehrt durch unfehlbare
Griffe der trotz aller Unruhe achtsamen Kinderschar sachgemäßen
Gebrauch der krallenbewehrten Pranken; bald wieder erhebt sie sich,
rennt eiligen Laufes eine Strecke weit weg und lockt dadurch das
Völkchen nach sich, offenbar in der Absicht, ihm Gelenkigkeit und
Behendigkeit beizubringen. Nach wenigen Lehrstunden haben die Kätzchen
überraschende Fortschritte gemacht. Von ihren gespreizten Stellungen,
ihrem wankenden Gange, ihren täppischen Bewegungen ist wenig mehr
zu bemerken. Im Häkeln mit den Pfötchen, im Fangen sich bewegender
Gegenstände bekunden sie bereits merkliches Geschick. Nur das Klettern
verursacht noch Mühe, wird jedoch in fortgesetztem Spiele binnen kurzem
ebenfalls erlernt. Nunmehr scheint der Alten die Zeit gekommen zu
sein, auch das in den Kinderchen noch schlummernde Raubtier zu wecken.
Anstatt des Spielzeuges, zu welchem jeder leicht bewegliche Gegenstand
dienen muß, anstatt der Steinchen, Kugeln, Wollflecken, Papierfetzen
und dergleichen, bringt sie eine von ihr gefangene, noch lebende
und möglich wenig verletzte Maus oder ein erbeutetes, mit derselben
Vorsicht behandeltes Vögelchen, nötigenfalls eine Heuschrecke in das
Kinderzimmer. Allgemeines Erstaunen der kleinen Gesellschaft, doch nur
einen Augenblick. Bald regt sich die Spiellust mächtig, kurz darauf
auch die Raublust. Solcher Gegenstand ist denn doch zu verlockend für
das bereits wohlgeübte Raubzeug. Er bewegt sich nicht bloß, sondern
leistet auch Widerstand. Hier muß derb zugegriffen und festgehalten
werden; soviel ergibt sich schon bei den ersten Versuchen, denn die
Maus entschlüpfte dem jungen Kätzchen, das sie doch sicher gefaßt zu
haben vermeinte, überraschend schnell und konnte nur durch die achtsame
Mutter an ihrer Flucht gehindert werden. Der nächste Fangversuch
fällt schon besser aus, bringt aber einen empfindlichen Biß ein:
Miezchen schüttelt bedenklich das verletzte Pfötchen. Doch schon hat
Hänschen die Unbill gerächt und den Nager so fest gepackt, daß kein
Entrinnen mehr möglich ist. So bildet sich das Kätzchen allmählich zur
vollendeten Mäusefängerin heraus.

Zu der vorstehenden naturwahren Schilderung möchte ich bemerken, daß
es ganz irrig wäre, den Unterricht der Menschen und den der Tiere
gleichzustellen. Der Unterricht bei den Tieren hat immer Erfolg. Er
kann auch ganz fehlen und bezweckt demnach nur eine Beschleunigung des
Lernens. Von dem Unterricht der Menschen läßt sich nicht das gleiche
behaupten. Unser Unterricht steht vielmehr der Dressur der Tiere
gleich, die häufig genug erfolglos ist.


43. Die Feinde der Katze.

Wie uns Fräulein Bachmann erzählt, hat ihr Hans wiederholentlich Kämpfe
mit Hunden ausgefochten. Namentlich ist es zu Zusammenstößen gekommen,
wenn sie ihn nach dem Kohlenplatz brachte. Einmal habe sie rettend
eingreifen und ihren Liebling flink in einen Korb stecken müssen. Sonst
aber habe er sich seinen Gegnern überlegen gezeigt.

Außer den Hunden hat die Katze in allen Hundeartigen Feinde. Der Wolf
zerreißt sie sicherlich, denn der viel schwächere Fuchs macht Jagd auf
Katzen. Erfahrene Förster haben mir immer wieder versichert, daß man
eine Fuchsfalle mit keinem besseren Leckerbissen versehen könne als mit
einem Stück Katzenfleisch. Zwei Füchse überwältigen jede Katze, wenn
sie sich nicht schnell auf einen Baum rettet. Die einzelne Katze ist
vor dem Fuchs nur sicher, wenn sie sehr stark ist.

Noch schlimmere Feinde drohen der Katze in ihrer eigenen
Verwandtschaft. Wie der starke Wolf nicht der Freund des Fuchses ist,
sondern ihn verzehrt, wenn er ihn packen kann, so sind die größeren
Katzenarten die gefährlichsten Feinde der kleineren. Ein Naturforscher,
der einen gezähmten Luchs besaß, berichtet, daß er gegen nichts
größeren Haß besaß als gegen Hauskatzen. Alle auf seinem Besitztum
befindlichen Katzen wurden von ihm zerrissen, ebenso die Katzen in der
Nachbarschaft.

Jede Katze weiß auch, daß ihr Gefahr von einer größeren Katzenart
droht. Der Bildhauer Urs Eggenschwyler, von dem wir früher erzählten,
daß ein Ziehhund mit seinem zahmen Löwen raufen wollte, hat das oft
beobachtet. Während der Ziehhund infolge seines schwachen Gesichts den
jungen Löwen gar nicht als Löwen erkannte, flüchteten alle Katzen schon
von weitem, sobald sie den gefährlichen Verwandten zu Gesicht bekamen.

Auch hier kann man wiederum beobachten, daß die Katze ein
ausgezeichnetes Sehvermögen besitzt, ganz im Gegensatz zum Hunde.
Uebrigens ist dem Volk das längst aufgefallen, wie wir aus dem später
angeführten Sprichwort ersehen.

Die kleinen Raubtiere unserer Heimat, wie das Wiesel, tötet die
Hauskatze. Mit dem Marder gerät sie manchmal in Streit, der für eine
schwache Katze gefährlich wird.

Schlimme Feinde besitzt die Katze auch unter den großen Raubvögeln.
Wenn der Adler und der Uhu nicht fast gänzlich ausgerottet wären, so
würde es lange nicht so viele wildernde Katzen geben. Heute kommt unter
den Raubvögeln eigentlich nur noch der Habicht in Betracht. Ein starker
Habicht ist ein gefährlicher Gegner für eine schwache Katze. Junge
Katzen raubt er ohne weiteres.

Die starke Katze macht sich sofort kampfbereit, wenn sie einen Habicht
erblickt hat, während schwächere flüchten.


44. Die Katze als angebliche Nachahmerin unserer
Reinlichkeitsbestrebungen.

Bereits beim Hunde haben wir erwähnt, daß man alle Geschichten
von Hundebesitzern erst vorsichtig prüfen soll. Selbst durchaus
wahrheitsliebende Menschen ziehen aus ihren Beobachtungen ganz falsche
Schlüsse, weil sie immer vom menschlichen Standpunkte ausgehen.

Als Kind auf dem Lande hat man oft Gelegenheit zu sehen, daß Hunde
ihren Unrat vergraben. Fragte man einen Erwachsenen nach dem Grunde,
so bekam man die Antwort, daß der Hund das aus Reinlichkeitsgründen
besorge.

Zunächst hat man das geglaubt. Als man aber später sah, daß derselbe
Hund, der angeblich für Reinlichkeit schwärmt, sich mit Wonne auf Unrat
wälzt, da erkannte man, daß die herrschende Erklärung unmöglich richtig
sein könnte.

Ein vortreffliches Beispiel hierfür ist auch unser Hans von
Fräulein Bachmann. Die Dame ist eine vollständig wahrheitsliebende
Persönlichkeit. Nur läßt sie ihre Liebe zu den Tieren häufig falsche
Schlüsse ziehen.

So wollte ich mich durch meinen Besuch mit eigenen Augen davon
überzeugen, was an der Geschichte wahr sei, die mir als größte
Merkwürdigkeit von Hans mitgeteilt worden war. Er sollte von Hause
aus ein so reinliches Tier sein, daß er ohne jeden Unterricht seine
Bedürfnisse in dem Abguß der Wasserleitung erledige.

Wir konnten uns alle persönlich davon überzeugen, daß diese Angabe
durchaus auf Wahrheit beruht. Der Kater setzt tatsächlich an dieser
Stelle seinen Unrat ab.

Wie ich bereits vermutet hatte, ist die Lösung des Rätsels furchtbar
einfach. Die Katze hat wie der Hund den uralten Trieb, ihren Unrat zu
vergraben. Das tun sie nicht aus Sauberkeit, sondern weil sie wissen,
daß alle Pflanzenfresser die Gegend meiden, wo ihnen ihre feine Nase
mitteilt, daß gefährliche Feinde in der Nähe weilen. Gerade die Katze
hat zum Vergraben besondere Gründe, weil ihr Unrat besonders stark
riecht.

Auch der junge Hans wollte es wie die anderen Katzen machen, aber
es gab in der Wohnung seiner damaligen Herrin keinen Sand. Hat das
Raubtier keine Möglichkeit, den Abgang zu vergraben, so sucht es
wenigstens eine Höhlung für ihn auf.

Da in der Wohnung die einzige Höhlung, die für die Katze in Betracht
kam, der Ausguß der Wasserleitung war, so sprang sie in diesen hinein.

Hans hat nur den Gedanken der Beseitigung gehabt. Das konnte man ganz
unzweifelhaft daran erkennen, daß er nach der Beendigung mit den
Pranken zu scharren anfing, obwohl doch in dem eisernen Behälter seine
Hin- und Herbewegungen mit den Pfoten ebenso nutzlos waren wie das
Scharren der Hunde mit den Hinterfüßen auf dem steinharten Bürgersteig.

Wie wird nun von einfachen Leuten ein so vollständig einleuchtender
Vorgang ausgeschmückt.

Hiernach hat Hans folgenden Gedankengang gehabt. Wir müssen uns die
klugen Menschen zum Vorbilde nehmen. Diese wissen dadurch die größte
Reinlichkeit zu wahren, daß sie einen mit Wasserspülung versehenen
Trichter benutzen. Leider kann ich mit meiner Katzengestalt ihnen
das nicht nachmachen. Aber ich will den Menschen wenigstens darin
nacheifern, daß auch bei mir Wasserspülung für die größte Reinlichkeit
sorgt. Deshalb springe ich in den Abguß der Wasserleitung.

Dieser Gedankengang entspricht etwa den Anschauungen der meisten
Tierfreunde. Sie werden hierin durch folgende Erwägung bestärkt. Der
Großstädter ist klüger als die andere Bevölkerung. Die Tiere sehen dem
Menschen kluge Maßregeln ab. Warum soll nun nicht eine Großstadtkatze,
die in der Wohnung Klosetts mit Wasserspülung sieht, den Menschen
nachzuahmen suchen.

In Wirklichkeit ist das eine vermenschlichende Anschauung, die dem
Tiere vollkommen fernliegt. Der klügste Affe ist, wie ich schon
erwähnt habe, nicht zur Stubenreinheit zu bewegen. Reinlichkeit in
unserem Sinne kennt überhaupt das Tier nicht. Reinlichkeit ist eine
Vorbedingung für die Gesundheit. Wir halten uns Unrat, verweste Dinge,
tote Tiere und dergleichen fern, weil sie unserer Gesundheit schädlich
sind. Da sie der Gesundheit des Hundes nichts schaden, so kann der Hund
nicht denselben Reinlichkeitssinn besitzen wie wir.

Bei der Katze liegt die Sache ähnlich. Wie oft habe ich gesehen, daß
meine Katzen sich auf schmutziger Wäsche mit Wonne sielten. Wo sitzt
denn da die Reinlichkeit nach unseren Begriffen?

Zum Schlusse unseres Besuches zeigt uns Hans noch eine Glanzleistung.
Er ist in der Küche, wo wir uns befinden, auf ein Brett gesprungen, wo
zahlreiche kleine Gläser stehen. Man muß immer wieder die ungeheure
Geschicklichkeit einer Katze bewundern, wie sie ihre vier Füße zu
setzen weiß, ohne im geringsten anzustoßen. So wandert auch Hans durch
die Gläser, ohne den geringsten Schaden anzurichten.

Bei der Jagd kann man oft die gleiche Geschicklichkeit der Katze
beobachten. Wildernde Katzen wissen, daß der Jäger ihnen eifrig
nachstellt. Sie verbergen sich deshalb sofort in der Saat oder im
Klee oder einer anderen Deckung. Man sollte meinen, daß die Pflanzen
sich bewegen müßten, wenn eine Katze hindurchgeht. Aber wenn man oben
auf die Saat oder den Klee schaut, so kann man niemals eine Bewegung
feststellen. So rettet die Katze durch ihre Geschicklichkeit ihr Leben,
da der Jäger nicht weiß, wohin sie geflüchtet ist.

Eine andere Eigentümlichkeit der Katzen besteht darin, daß sie
darauf erpicht sind, in jede Höhlung zu kriechen. Es ist daher nicht
unbedingt notwendig, daß die Katzenfallen mit einem Köder versehen
sind. Die Katze kriecht auch in einen Kasten, wenn kein Leckerbissen
darin ist. Aus meiner Studentenzeit ist mir noch folgender Vorfall in
der Erinnerung geblieben, der den Beweis hierfür liefert. Ich wohnte
bei Leuten, die sehr große Tierfreunde waren und eine schwarze Katze
besaßen. Die Katze war mehr bei mir als bei ihnen. Eines Tages war es
sehr kalt und es sollte deshalb geheizt werden. Als Feuer angemacht
war, fiel es mir auf, daß ich die Katze nicht sah. Auch war es mir so
vorgekommen, als wenn ich ganz leise Laute aus dem Ofenloche vernommen
hätte. Meine Wirtin bestritt zwar, daß die Katze im Ofenloch sitzen
könne, sah aber doch nach und gewahrte zu ihrem Schrecken die Katze
hinter dem Feuer. Rasch entschlossen riß sie das Feuer aus dem Ofen
und zog die Katze heraus, die glücklicherweise nur einige versengte
Stellen am Pelze aufwies. In dem Ofen war nur Asche, und zwar nicht
einmal warme Asche, da ich in diesen Jahren nur ganz ausnahmsweise
heizen ließ. Nur die Höhlung hatte es der Katze angetan, hier sich
aufzuhalten. Wahrscheinlich tauchte vor dem Ofenloch die Erinnerung an
die Felsenhöhlen ihrer Vorfahren in ihr auf.


45. Geschichten von Katzen.

Der Naturforscher, der von der Jagdleidenschaft seiner Hunde so schön
plauderte, hat auch mit seinen Katzen mancherlei erlebt. Eine Katze,
die er sich angeschafft hatte, mit Namen Ripp, war ungeheuer scheu.
Erst im Laufe des Sommers, erzählte er, da ich mit meiner Familie sehr
viel vor dem Hause war, gelang es uns, Ripp so zutraulich und zahm zu
machen, daß sie immer am liebsten in unserer Gesellschaft verweilte,
sich streicheln und tragen ließ, uns weit weg begleitete, wenn wir
fortgingen, und uns weithin und voller Seligkeit entgegenkam, wenn
wir zurückkehrten. Ripp war kohlpechrabenschwarz mit einem prächtigen
weißen Stern auf ihrer treuen Brust, und da die Welt damals gerade
voller Mäuse war, so hatte ich auch noch einen einfarbig blaugrauen
Kater angeschafft, dem die Kinder den Namen Hänschen gaben. Nach Jahr
und Tag fand ich Gelegenheit, von einem Freunde ein schönes Kätzchen zu
beziehen, dessen Großvater ein schöner Angorakater war. Jetzt ward der
Entschluß, das liebe alte Pärchen wegzuschaffen, gefaßt. Zuerst ward
Hänschen im Käfig gefangen, und während er mit schwermütigem Blicke,
als ob er dem Wetter nicht recht traute, in ihm auf und ab ging, fuhr
ein kleiner Korbwagen vor, der Käfig ward hineingestellt, mit einem
Tuche gut bedeckt, dies rings dicht mit Stroh umbanst, und nun Glück
auf, da zog der neue Besitzer des schönen blaugrauen Katers wohlgemut
den Wagen, listig allerlei Umwege durch den Wald wählend, seiner Heimat
zu, die auf geradem Wege ein halbes Stündchen von uns entfernt ist.
Dort angelangt, wurde der Wagen ins Haus gezogen, die Türen wurden
hinten und vorn verriegelt, der Käfig behutsam herausgehoben, enthüllt,
-- aber, ach, der war ganz leer und keine Spur vom Kater zu sehen,
obgleich der Wagenlenker ihn doch mit eigenen Augen beim Einpacken im
Käfig gesehen hatte und sorgfältig verwahrt zu haben glaubte. Genaue
Prüfung des Tatbestandes ergab, daß man im Vertrauen auf die Decke die
Tür des Käfigs zuzubinden versäumt hatte und daß der reisende Kater
inmitten der Reise unbemerkt die Türe geöffnet und Reißaus genommen
haben mußte. Als der Wagen zurück und die Trauerbotschaft an mich kam,
da erschrak ich, hielt gleich Haussuchung und fand Hänschen auf dem
Heuboden, wo er ganz ruhig in seinem gewöhnlichen Bettchen lag, mir
freundlich grüßend entgegenkam und mit dem Ergebnis seiner Waldpartie
ganz zufrieden schien. Er ging auch gleich am folgenden Tage wieder
getrost in den Käfig, ward wieder eingesperrt, zu Wagen gebracht,
aufs Allersorgfältigste verpackt, gelangte auf neu ersonnenen Umwegen
richtig an den Ort seiner Bestimmung, begrüßte mich aber doch am
nächsten Morgen schon wieder ganz unbefangen in der lieben Heimat, weil
er von dem Dachboden, wohin man ihn gesperrt, durch ein Loch entwichen
war, das er selber entdeckt hatte und das der Hausbesitzer hinterdrein
auch noch bei dieser Gelegenheit zu sehen bekam. Das nächste Mal ward
Hänschen in entgegengesetzter Himmelsrichtung nach einem Orte, der eine
Stunde weit entfernt und durch Berg und Tal, Wiese, Wasser und Wald von
hier getrennt ist, zu befreundeten Seelen kutschiert, kehrte aber nach
Verlauf zweier auf Reisen zugebrachter Wochen heim ins Vaterhaus und
saß an einem schönen Morgen im Strahle der aufgehenden Sonne, reicher
an Welt- und Menschenkenntnis, aber ärmer an Fett, in Hungersnot sanft
quäksend und freundlich winkend unter meinem Fenster. -- Auch die gute
Ripp war während aller dieser merkwürdigen Ereignisse schon zweimal in
die Welt hinein kutschiert und beidemal erfahrungsreicher heimgegangen.
-- Nun aber wurde zum dritten- und letztenmal Anstalt zur Auswanderung
getroffen. Das liebe Pärchen mußte auf einem ganz neuen Wege eine gute
geographische Meile weit zu Leuten fahren, die den ernstlichen Willen
kundgegeben hatten, die zwei Auswanderer wenigstens zwei Wochen lang
hinter Schloß und Riegel gut zu verpflegen. Nach drei Wochen kam die
Nachricht, daß sich der Kater Hänschen zwar aus dem ihm angewiesenen
Hause weggeschlichen, aber bei einem Nachbar festes Quartier genommen,
daß Ripp dagegen geblieben, ganz einheimisch, zufrieden und sehr
beliebt sei.

Unser Gewährsmann schildert weiter, daß auch Ripp nach einiger Zeit
wieder zu ihm zurückgekehrt ist.

Der wunderbare Ortssinn der Tiere, von dem schon die Rede war (Kap. 9),
zeigt sich auch bei der Katze stark ausgebildet.


46. Redensarten und Sprichwörter von der Katze.

Geldkatze ist ein hohler Gurt, der als Geldbeutel dient und gewöhnlich
von Katzenfell hergestellt wird.

    *Katzenmusik*, *Katzenkonzert*,

    *Katzenwäsche*,

    *Katzenbuckel*,

    *Schmeichelkätzchen*,

    *Katzen und Herren fallen immer auf die Füße*,

               *Willst du lange leben gesund,
               Iß wie die Katze, trink' wie der Hund*

sind schon besprochen worden. Ein Beweis der im Volke herrschenden
Ansicht von der Falschheit der Katzen ist der Vers:

               *Hüte dich vor den Katzen,
               die vorn lecken und hinten kratzen.*

Die Katze sorgt vorsichtig, daß ihr keine Schmerzen zugefügt werden.
Daher die Redensart:

    *Drum herumgehen, wie die Katze um den heißen Brei.*

Richtiger heißt es wohl:

    *Gleichwie die Katzen um den Herd, tätens sich umherreiben.*

Die Katze als Nachttier wünscht am warmen Herd ihren Körper zu erwärmen.

               *Der Katze die Schellen umhängen.*

Nach einer Fabel wollten sich die Mäuse dadurch vor der Katze schützen,
daß sie ihr Schellen umhängten. Dieser Plan scheiterte jedoch daran,
daß sich niemand zu seiner Ausführung meldete.

               *Wenn die Katze aus dem Hause ist, springen die Mäuse
               über Stuhl und Bänke.*

Ist der gebietende Teil nicht anwesend, also z. B. Lehrer, Eltern, dann
erlauben sich Kinder manche Freiheiten.

               *Die Katze im Sack kaufen.*

Nach Grimm heißt es: Die Katze im Sacke kaufen statt eines Hasen.
Andere verstehen darunter: etwas unbesehen kaufen.

               *Bei Nacht sind alle Katzen grau.*

Die Dunkelheit verwischt die Unterschiede, so daß man dann auch eine
weniger gute Sache anziehen kann.

Die Katze erhält die Abfälle der Mahlzeiten. Daher sagt man für
Wertloses:

               *Das ist für die Katz!*

Nach anderen erklärt sich die Redensart damit, weil die Katze ein
verachtetes Geschöpf ist. Man gebraucht also die Redensart dann, wenn
man für eine Handlung auf Undank rechnen muß.

               *Katzenjammer*

soll die bekannte Magenverstimmung deshalb heißen, weil sie der
Stimmung beim Anhören eines Katzenkonzerts gleicht.

Uebrigens hat man schon in früheren Zeiten erkannt, daß die Katze im
Gegensatz zum Hunde ein ausgezeichnetes Sehvermögen besitzt. Das geht
aus dem Vers hervor:

    *Nimm die Augen in die Hand und die Katz aufs Knie,
    was du nicht siehst, das sieht sie.*

Der Glaube, daß Hexen sich in Katzen verwandeln, rührt von dem
nächtlichen Leben der Tiere her und ihren im Dunkeln leuchtenden Augen,
sowie ihrem lautlosen Schleichen.

[Illustration: Junge Katzen      Halbangora-Katze]

[Illustration: Silberfarbige Cypernkatze mit Jungen]


Das Pferd


47. Warum gibt es so viele braune Pferde?

In der Großstadt werden jetzt die Pferde vielfach durch andere Kräfte
ersetzt. Manche sind der Ansicht, daß in nicht zu ferner Zeit das
Pferd gänzlich von den Straßen verschwinden werde. Das ist wenig
wahrscheinlich, weil manche Genüsse, beispielsweise das Reiten, durch
keine Maschinentätigkeit ersetzt werden können.

Immerhin müssen wir jetzt schon, um uns ein paar Omnibuspferde
anzusehen, auf die Suche gehen, denn es wird nur noch eine Strecke mit
dem Pferdeomnibus befahren. Bequemer ist es daher, wenn wir bei einem
Droschkenpferde haltmachen und es uns etwas besehen, da der Kutscher
sich in dem benachbarten Lokal gerade stärkt. Er hat aber auch seinen
treuen Gehilfen nicht vergessen, sondern ihm vorher den gefüllten
Futterkübel umgehängt.

Aus meiner Jugendzeit fallen mir verschiedene schlechte Witze ein,
die damals über das Berliner Droschkenpferd üblich waren. Einer von
ihnen lautete: Was ist schneller als ein Gedanke? Die Antwort war: Das
Droschkenpferd, denn, wenn man denkt, es fällt, dann liegt es schon.

Wie so viele Pferde ist unser Droschkenpferd von brauner Farbe mit
schwarzer Mähne und schwarzem Schwanz. Auffallend ist die Beweglichkeit
seiner Ohren, die sich sofort nach der Seite öffnen, von der aus ein
Geräusch ertönt. Die Augen des Pferdes stehen nicht wie beim Menschen
vorn, sondern mehr auf der Seite. Die Fliegen müssen dem Tiere ziemlich
zusetzen, denn alle Augenblicke schlägt es mit dem Schwanze nach
ihnen. Von Zeit zu Zeit tritt es auch mit den Hufen stark auf, um sie
zu verscheuchen. In der Zwischenzeit zuckt es mit dem Felle, um die
Plagegeister zu vertreiben. Vielen Erfolg scheinen die Abwehrmittel
nicht zu haben, da die Fliegen wohl fortfliegen, aber ebenso sicher
auch zurückkehren.

Von seinen Hufen, die ungespalten sind, hat das Pferd den Namen
Einhufer erhalten. Wir staunen, daß ein so großer Körper so sicher auf
den kleinen Hufen steht.

Ebenso wundern wir uns über den außerordentlich langen und starken
Hals, wenn wir ihn mit dem Halse des Menschen vergleichen. Im
Verhältnis zur Länge des Halses ist wiederum der Kopf nur klein.
Während unser Kopf rund ist, hat das Pferd einen länglichen Kopf.

Inzwischen ist beim Fressen durch das Schnauben des Pferdes eine ganze
Menge Häcksel aus dem Kübel geflogen. Dieses Fortpusten des Häcksels
betrachten viele als ein Zeichen dafür, daß das Pferd ein sehr kluges
Tier ist. Der Häcksel, den ihm sein Herr vorsetzt, paßt ihm nicht, und
deshalb pustet es einfach eine Menge davon fort.

Mit der Zeit scheint das Futter sich seinem Ende zu nähern, denn das
Pferd schüttelt den Kübel hin und her, um sich ja nicht etwas von dem
Futter entgehen zu lassen. Hieraus dürfen wir wohl den Schluß ziehen,
daß es ihm nicht gerade schlecht schmecken kann.

Wir wissen, daß wir, um das Benehmen des Pferdes und sein Aussehen zu
verstehen, seine wilden Verwandten uns näher ansehen müssen. Früher
waren die Vorfahren unseres Hauspferdes unbekannt. Seit Anfang dieses
Jahrhunderts sind sie jedoch entdeckt, und von den gefangenen Fohlen
sind ein Männchen und ein Weibchen, also ein Hengst und eine Stute,
nach dem Zoologischen Garten von Berlin gekommen. Leider ist die Stute
vor einigen Jahren gestorben. Der Hengst aber lebt zurzeit noch,
wenngleich er schon einen recht alten Eindruck macht. Anscheinend ist
er auch schon erblindet, wenigstens auf einem Auge dürfte er ganz blind
sein.

Der Wildhengst ist kleiner als unser Droschkenpferd, da er nicht
größer als ein Zebra ist. Ueberhaupt sehen wir, daß alle Einhufer des
Zoologischen Gartens nach unseren Begriffen klein sind. Das kommt
daher, weil wir unsere Pferde absichtlich auf Größe gezüchtet haben, so
daß unser Auge an große Pferde gewöhnt ist.

Auch das Wildpferd ist braun mit schwarzer Mähne und schwarzem Schwanz.
Ueberdies läuft noch ein schwarzer Streifen auf dem Rücken entlang.
Auch bei unseren Hauspferden kommt er manchmal vor und wird als
Aalstrich bezeichnet.

Diese Zeichnung des Wildpferdes ist natürlich seinen Lebensgewohnheiten
angepaßt. Es lebt noch heute in Mittelasien. Und zwar ist das Wildpferd
ein Bewohner der Steppe, wo es in Rudeln angetroffen wird. Diese
Rudel werden von einem Hengste geleitet, der fortwährend achtgibt, ob
irgendwo Gefahr droht. Naht sich ein größeres Raubtier, so ergreift das
Rudel eiligst die Flucht. Gegen kleinere Raubtiere kämpft der Hengst
mutig, und zwar schlägt er mit seinen Vorderhufen und packt sie mit dem
Gebiß.

Jetzt verstehen wir, weshalb es heute noch bissige Pferde gibt. Das
Beißen ist eine ursprüngliche Waffe der Pferde. Wir haben absichtlich
alle Pferde, die sich durch Beißen auszeichneten, von der Zucht
ausgeschlossen, so daß unsere heutigen Pferde nur ausnahmsweise beißen.

Das Ausschlagen ist an sich ebenfalls eine natürliche Waffe des
Pferdes. Niemals soll man sich einem fremden Pferde von hinten nähern.
Das Pferd, das im allgemeinen ängstlich ist, hört ein Geräusch hinter
sich und schlägt naturgemäß nach hinten aus. Dadurch sind schon
unzählige Unglücksfälle verursacht worden.

Wie die braune Lerche sich von der Erde kaum abhebt und deshalb leicht
übersehen wird, ebenso der braune Hase, so verschwimmt auch das
Wildpferd mit seiner braunen Farbe in der endlosen braunen Steppe.
Wäre jedoch das Wildpferd nur braun, so würde ein so großer brauner
Fleck in der Natur auffallen. Deshalb ist durch die schwarze Mähne, den
Aalstrich und den schwarzen Schweif der braune Fleck geteilt und nicht
mehr so auffällig groß.


48. Warum hat das Pferd eine Mähne? Die Fabel von dem Kreisbilden der
Pferde.

Die Frage, weshalb das Pferd eine Mähne besitzt, scheint sehr leicht zu
beantworten zu sein. Einfach zu dem Zwecke, damit der Reiter sich daran
festhält, wenn er sich auf das Pferd schwingt.

Jetzt betrachten wir daraufhin das Wildpferd und sehen, daß es oben
auf dem Halse nur kurze Borsten wie ein Zebra hat. Die Mähne unserer
Hauspferde, die sehr bequem für den Reiter ist, hat also bei dem
Wildpferde gar nicht die Länge, um als geeigneter Handgriff zu dienen.

Die Mähne hat also bei dem Wildpferde andere Zwecke zu erfüllen. Der
große und starke Pferdehals sieht wie ein großes Viereck aus und muß
in der weiten Steppe sehr auffallen. Durch die schwarze Mähne oben
auf dem Halse wird dieses Viereck weniger auffallend. Die Hauptfeinde
der Wildpferde sind in Asien der Tiger und der Mensch. Beide sind
Augentiere, denen gegenüber die Schutzfärbung von großer Bedeutung ist.
Weniger kommt sie in Betracht bei den Wölfen, da diese sich wie die
Hunde in erster Linie nach ihrer Nase richten.

Immer wieder taucht die Fabel auf, daß die Pferde sich gegen die Wölfe
dadurch verteidigen, daß sie einen Kreis bilden mit den Köpfen nach
innen, während die nach außen gerichteten Hinterbeine den Angreifer
niederschmettern. In der Mitte des Kreises sollen sich die Fohlen
aufhalten.

Naturforscher und Reisende, die Gelegenheit hatten, die Angriffe der
Wölfe auf Pferdeherden zu beobachten, haben aber nicht das geringste
von diesem Kreisbilden wahrnehmen können. Der Wolf sucht sich vielmehr
an die Pferdeherden anzuschleichen, um ein Füllen zu packen, manchmal
auch ein einzelnes Pferd. Merken die Pferde den Wolf, so gehen sie auf
ihn los und bearbeiten ihn mit den Vorderhufen, die Hengste auch mit
den Zähnen.

Ein amerikanischer Reisender schildert folgenden Kampf zwischen
Wölfen und Pferden: Als ich mich am Spokanfluß aufhielt, ging ich
nach der Pferdeprärie, um die Manöver zu beobachten, welche die Wölfe
bei ihren vereinten Angriffen auf die Pferde anwenden. Ihre erste
Ankündigung bestand in einem gellenden, hundeähnlichen Gebell, das sie
von Zeit zu Zeit hören ließen, gleich dem Abfeuern der Gewehre der
verschiedenen Vorposten bei kleinen Gefechten. Dieses Gebell wurde von
der entgegengesetzten Seite durch ein ähnliches erwidert, bis sich
die Töne immer mehr näherten, und endlich aufhörten, als die Parteien
sich vereinigten. Wir setzten unsere Flinten in Stand und verbargen
uns hinter einem dicken Gebüsch. Indes scharrten die Pferde, welche
die Gefahr merkten, mit den Hufen auf dem Boden auf, schnaubten, hoben
die Köpfe in die Höhe, sahen wild um sich und gaben alle Zeichen von
Furcht. Ein paar Hengste erwarteten mit anscheinender Ruhe den Feind.
Endlich erschienen die Verbündeten in einem Halbkreis, dessen Enden sie
ausdehnten, um ihre Beute einzuschließen. Es waren zwischen 300 bis 400
an der Zahl. Die Pferde schienen ihre Absicht zu erraten, und da sie
sich fürchteten, einer solchen Anzahl entgegenzutreten, galoppierten
sie nach der entgegengesetzten Seite; die Wölfe stürzten nach, ohne
ihre Stellung im Halbkreis zu verlieren. Die Pferde, welche nicht im
besten Stande waren, wurden schnell eingeholt und fingen an, nach ihren
Verfolgern auszuschlagen, wovon manche heftige Schläge erhielten.
Doch würden sie bald über die Pferde Herr geworden sein, wären wir
nicht zur rechten Zeit aus unserm Hinterhalte hervorgetreten, und
hätten des Feindes Zentrum eine tüchtige Ladung Kugeln zugeschickt,
die mehrere davon töteten. Sogleich schwenkte sich das ganze Bataillon
und lief in der größten Eile und Unordnung den Bergen zu, während die
Pferde, sowie sie die Schüsse hörten, ihren Lauf änderten, und auf uns
zu galoppierten. Unser Erscheinen rettete einige aus den Zähnen der
Wölfe, und sie schienen durch ihr Wiehern ihre Freude und Dankbarkeit
ausdrücken zu wollen.

Auch in dem vorstehenden Falle ist von einem Kreisbilden der Pferde
keine Rede. Wohl aber haben ihre Feinde, die Wölfe, einen Halbkreis mit
verlängerten Enden um sie gebildet, damit kein Pferd entweichen konnte.


49. Warum kann das Pferd nur durch die Nase atmen?

An kalten Wintertagen, wo der Atem sichtbar wird, kann man deutlich
erkennen, daß das Pferd nur durch die Nase atmet. Aus den Nüstern
kommen fortwährend Wolken wie Dampf, aber aus dem Maule nicht.

Auch hier gibt die Lebensweise der Wildpferde Aufschluß über die
Eigentümlichkeit. In der Steppe herrschen in der Winterzeit furchtbare
Schneestürme. Diese würden für die Pferde besonders nachteilig
sein, da sie die Gewohnheit haben, stets gegen den Wind zu laufen.
Sie tun das natürlich nicht aus Vergnügen, sondern um ihre Feinde
rechtzeitig wahrzunehmen. Denn wie der Hund, so ist das Pferd ein
Nasentier, das eine sehr feine Nase, aber am Tage nur ein schwaches
Sehvermögen besitzt. Lauern nun vor ihnen irgendwo Feinde, so wird das
hervorragende Geruchsvermögen sie dem Pferde verraten.

Das Laufen gegen eisige Winterstürme würde aber der Gesundheit der
Pferde nachteilig sein, falls das Atmen durch das Maul erfolgte.
Deshalb kann das Pferd nur durch die Nase atmen, damit es stets
angewärmte Luft einatmet.

Die Furcht vor seinen Feinden spielt also beim Pferde die größte Rolle.
Immer sind deshalb die Ohren in Bewegung, damit es ja nicht etwas
Gefährliches überhört. Kipp- und Hängeohren wird man bei den Pferden
kaum jemals antreffen, obwohl sie bei Hunden und anderen Haustieren
häufig sind. Die Angst läßt die Ohren immer gespitzt halten.

Das Fortpusten des Häcksels aus dem Futterkübel geschieht also
nicht deshalb, weil das Pferd sehr klug ist, sondern wegen seiner
Nasenatmung. In der Freiheit fliegt dadurch kein Futter fort, weil die
Gräser festgewachsen sind.

Kinder spielen gern Pferd und ahmen ihrem Vorbild durch Schnauben und
Prusten nach. Auch dieses Prusten beruht nur auf der Nasenatmung,
weshalb beispielsweise Kühe und Schafe nicht Prusten.


50. Warum scheuen die Pferde und gehen durch?

Ein scheuendes Droschkenpferd wird man nicht häufig zu sehen bekommen.
Einmal hat sich ein Großstadtpferd mit der Zeit an die tollsten
Geräusche gewöhnt. Sodann wird ein Pferd um so ruhiger, je älter
es wird. Und die meisten Droschkenpferde haben eine ganze Anzahl
von Jahren auf dem Rücken. Immerhin habe ich erst im vorigen Jahre
ein durchgehendes Droschkenpferd beobachten können. Aus welchem
Grunde es gescheut hatte, konnte ich nicht ermitteln. Es raste die
Straßen entlang, und der alte Kutscher suchte nach Möglichkeit einen
Zusammenstoß zu vermeiden. Zum Glück war die Straße fast leer, und zum
weiteren Glück stürzte das Pferd zu Boden. Die Wucht, mit der es gerast
war, zeigte sich darin, daß das gestürzte Tier eine große Strecke auf
dem Asphaltpflaster dahingeschleudert wurde. Die menschliche Haut würde
eine solche Rutschpartie nicht aushalten, aber die Pferdehaut vertrug
sie ohne Schaden.

Durch den Sturz und das Gleiten auf dem Asphalt war das Pferd wieder
einigermaßen ruhig geworden und blieb stehen, als es aufgerichtet war.

Ein großer Verlust wäre es für den Droschkenkutscher gewesen, wenn das
Pferd sich ein Bein gebrochen hätte. Denn obwohl solche Brüche bei
anderen Haustieren, z. B. Schweinen, sehr gut heilen, kann ein Pferd
nach einem Bruch trotz aller ärztlichen Kunst nicht mehr zum Ziehen
oder Reiten, sondern nur zur Zucht verwendet werden.

Was veranlaßte nun das Droschkenpferd zu einer so sinnlosen Raserei?
Wahrscheinlich ein nach unseren Begriffen ganz harmloser Vorfall.
Beispielsweise schwenkt jemand plötzlich eine Fahne -- und schon ist
das Unglück geschehen.

Wir müssen bei der Beurteilung eines solchen Falles gerecht sein
und uns klar darüber werden, daß, wenn alle Wildpferde vorher eine
gründliche Untersuchung anstellen wollten, wie die Sache eigentlich
liegt, kein einziges mehr lebte. Vergegenwärtigen wir uns das Leben
eines Wildpferdrudels in der Steppe. Trotz der Schutzfärbung hat es ein
Tiger wahrgenommen. Unter Beobachtung der Windrichtung hat er sich nach
Katzenart ganz leise herangeschlichen. Stundenlang hat es gedauert,
bis er in Sprungweite war. Jetzt schnellt er wie ein Ball auf das ihm
zunächst stehende Tier.

Die einzige Rettung für das Pferd besteht jetzt darin, ohne jedes
Besinnen davonzujagen. Wie der Hund, so hat auch das Pferd ein Auge,
das Bewegungen sehr leicht wahrnimmt. Den anspringenden Tiger hat es
durch seine Bewegung erkannt, oder vielmehr erkannt, daß ein großer
bunter Ball urplötzlich hinter ihm flog.

Hätte das Pferd erst überlegt, was der bunte Ball eigentlich sei,
so war ihm der Tod durch die große Katze sicher. Es war sein Heil,
daß es noch im letzten Augenblick davonraste. Denn der Tiger sprang
infolgedessen zu kurz. Und ein flüchtiges Wildpferd kann er nicht
einholen.

Für das Scheuen des Pferdes bestehen also folgende Ursachen:

  1. Das schwache Sehvermögen des Pferdes vermag wirkliche und
     scheinbare Gefahren nicht zu unterscheiden.

  2. Unter natürlichen Verhältnissen läuft deshalb das Pferd gegen den
     Wind, um zu wissen, ob Gefahr besteht. Dieses Laufen gegen den
     Wind kann aber der Mensch bei der Benutzung der Pferde nicht immer
     durchführen. So kommt es, daß das Pferd vor ganz harmlosen Sachen
     scheut, einem Stück Papier, einem weißen Stein und dergleichen.

Das Durchgehen, das dem Scheuen häufig folgt, hat die Ursache, daß es
die natürliche Rettung des Pferdes in der Steppe ist.

In der Steppe gibt es keine Häuser oder Bäume, gegen die ein
Pferderudel stürzen kann. Deshalb kann das sinnlose Laufen in der
Steppe auch keinen Schaden anrichten.

Bei uns kann natürlich ein durchgehendes Pferd das größte Unheil
verursachen. Die Insassen des Wagens werden häufig herausgeschleudert,
fremde Personen überfahren usw. Auch das Pferd selbst geht oft
zugrunde, weil es gegen einen Baum oder anderen festen Gegenstand
gerannt ist. Durch Gewalt ist bei einem durchgehenden Pferde wenig
auszurichten, da die Kraft des Tieres in diesem Zustande ganz
außerordentlich ist.

Bei einem Ochsengespann wird ein Scheuen und Durchgehen der Tiere nur
selten vorkommen. Das rührt daher, weil das Rind im Gegensatz zum Pferd
eine Rettung nicht in der Flucht sucht, sondern mutig auf den Gegner
einstürmt. Das Pferd ist also, wie Hirsche, Rehe, Hasen ein sogenannter
fliehender Pflanzenfresser, während das Rind mit den Elchen, Büffeln,
den größten Affenarten zu den wehrhaften Pflanzenfressern gehört.
Die wehrhaften Pflanzenfresser flüchten nur ausnahmsweise vor einem
sehr starken Raubtiere, und zwar die Weibchen leichter als die viel
stärkeren Männchen.


51. Die Bodenscheu.

Ein Berliner Droschkenpferd wird selten zur Bodenscheu neigen. Das
kommt daher, weil es nicht aus Gegenden stammt, wo noch Wölfe heimisch
sind. Deshalb findet man unter den ungarischen und russischen Pferden
am häufigsten Bodenscheu.

Unter Bodenscheu versteht man die unbegründete Furcht eines Pferdes vor
dunklen Stellen auf dem Erdboden.

Bereits von dem berühmten Pferde Alexanders des Großen, das Bukephalus
hieß, wird uns erzählt, daß es sich vor seinem eigenen Schatten
gefürchtet habe. Das heißt mit anderen Worten, daß es bodenscheu war.
Man sieht daraus, daß ein hervorragend tüchtiges Pferd auch diese
Eigentümlichkeit besitzen kann.

Mit Klugheit oder Dummheit hat das gar nichts zu tun, während gerade
Kutscher mit Vorliebe auf die Bodenscheu hinweisen, als Beweis dafür,
daß das Pferd ein furchtbar dummes Geschöpf ist. Wie oft habe ich
Gespräche etwa folgenden Inhalts anhören müssen: »Wenn irgend jemand
daran zweifelt, daß das Pferd zu den dümmsten Tieren gehört, so soll
er sich meinen Gaul ansehen. Was ist mir erst heute wieder mit ihm
passiert? Hat da jemand auf dem Asphalt einen Eimer Wasser ausgegossen.
Denken Sie, ich bekomme das dumme Tier an dem nassen Fleck vorbei?
So hat man häufig seinen Aerger wegen der furchtbaren Dummheit des
Pferdes. Kann es etwas Dümmeres geben, als sich vor einer nassen Stelle
zu fürchten?«

So einfach liegt die Sache nicht, wie der Kutscher meint. Dummheit
liegt nicht vor, wenn die Schwäche eines Sinnes zu sonst üblichen
Leistungen unfähig macht. So ist der Knabe nicht dumm, der nicht
angeben kann, wieviel die Turmuhr zeigt, weil er kurzsichtig ist.

Umgekehrt ist das Pferd nicht klüger als der Mensch, weil es sich in
der Dunkelheit besser zurechtfindet, als wir es vermögen. Unzählige
Reiter oder Wageninsassen sind durch ihre Pferde gerettet worden. Die
Menschen konnten in der Dunkelheit nicht mehr die Hand vor den Augen
sehen. Trotzdem fanden sich die Pferde zurecht und brachten ihre Herren
glücklich nach Hause.

Wie würde es uns Menschen gefallen, wenn man uns diese Unfähigkeit, uns
in der Dunkelheit zurechtzufinden, als Dummheit anrechnen würde?

Das Auge des Pferdes kann bei Tageslicht nicht gut sehen. Deshalb kann
es nicht genau erkennen, was der dunkle Fleck eigentlich bedeutet. In
wolfreichen Gegenden haben die Pferde es oft erlebt, daß dieser an der
Erde befindliche Fleck ein sich auf den Boden drückender Wolf war, der
ihnen plötzlich an die Kehle sprang. So unbegründet ist also die Furcht
des Pferdes vor den dunklen Stellen am Boden durchaus nicht.

Weil in England seit Jahrhunderten im Grase lauernde Wölfe unbekannt
sind, ebenso auch bei uns in dem weitaus größten Teil unserer Heimat,
deshalb neigen englische und deutsche Pferde wenig zur Bodenscheu,
dagegen mehr die russischen und ungarischen Pferde.

Etwas anderes ist es natürlich, wenn ein Pferd in moorigen Gegenden
nasse oder dunkle Stellen meidet, weil es einzusinken fürchtet.


52. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Warum trägt ein
Pferd Hufeisen?

Da Droschkenpferde, wie schon erwähnt wurde, meistens bejahrte Tiere
sind, so werden wir uns hüten, den Droschkenkutscher zu bitten, uns das
Gebiß seiner »Liese« oder wie sie sonst heißt, zu zeigen. Er würde uns
in seiner Urwüchsigkeit mit einer Antwort dienen, die sich gewaschen
hat, und wegen der Seltsamkeit des Ansinnens gewiß glauben, daß wir aus
dem Irrenhause entsprungen sind.

So müssen wir uns ohne ihn behelfen. Die allbekannte Redensart »Einem
geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul« erklärt sich in folgender
Weise.

Was verschenkt der Mensch am liebsten?

Es ist traurig, aber wahr, daß er am liebsten wertlose Gegenstände
verschenkt. Man kann sogar behaupten, daß viele erst auf den Gedanken,
etwas zu verschenken, kommen, weil sie einen wertlosen Gegenstand los
sein wollen. Sie wissen, daß sie kaum etwas dafür erhalten, und sagen
sich, daß es doch einen guten Eindruck macht, wenn man etwas verschenkt.

Es ist also eine alte Erfahrung, daß verschenkte Pferde meistens alte
Pferde sind.

Nun gehört das Pferd zu den Tieren, dessen Alter man mit einer
leidlichen Genauigkeit an den Zähnen erkennen kann.

Es ist leicht verständlich, daß Zähne durch den Gebrauch abgenützt
werden. Da die Zähne des Pferdes Vertiefungen, sogenannte Kunden haben,
so ist klar, daß, je weniger die Kunden abgenützt sind, desto jünger
das Pferd, je mehr, desto älter es sein muß.

Man soll also einem geschenkten Gaul deshalb nicht in das Maul sehen,
weil man dann an den Zähnen erkennen würde, daß man ein recht bejahrtes
Tier von dem Schenker erhalten hat. --

Unser Droschkenpferd trägt Hufeisen, und zwar an jedem Hufe eins.
Wildpferde besitzen natürlich keine Hufeisen. Es fragt sich, weshalb
der Mensch dem Tiere diese Eisen aufgenagelt hat.

Im Altertum waren, wie wir wissen, die Pferde unbeschlagen. Auch bei
uns läßt man auf dem Lande, namentlich in sandigen Gegenden, die Pferde
häufig unbeschlagen.

Das läßt sich deshalb durchführen, weil die Abnutzung des Hufes auf
sandigem Boden nicht groß ist und durch Nachwachsen wieder ersetzt
wird. Anders liegt aber die Sache in den Städten mit Steinpflaster.
Pferde, die auf solchem Pflaster schwere Lasten zu ziehen haben, müssen
deshalb beschlagen werden, um die vorzeitige Abnutzung der Hufe zu
verhindern.

Das richtige Aufnageln der Hufe will natürlich verstanden sein. Deshalb
sind tüchtige Hufschmiede mit Recht auf ihre Fertigkeit stolz.

Bei Glätte und Eis können die Pferde mit ihren eisernen Schuhen
besonders leicht ausgleiten. Um das zu verhindern, gibt es allerlei
Vorkehrungen, beispielsweise das Einschrauben von Stollen.


53. Der Schweif des Pferdes verglichen mit dem Schwanz von Hund und
Katze.

Wir sahen, daß das Droschkenpferd durch Schlagen mit dem Schweif sich
die Fliegen abwehrt. Vergleichen wir den Schwanz unserer Hauspferde mit
dem der Wildpferde, so können wir feststellen, daß die Behaarung bei
unseren Pferden reichlicher geworden ist.

Diese Beobachtung können wir überall machen. So behaarte Geschöpfe wie
der Pudel und der Kolly, die Angorakatze, die Hausschafe, kommen in der
freien Natur nicht vor.

Immerhin muß uns folgendes auffallen. Das Pferd benutzt den Schwanz, um
Fliegen abzuwehren. Warum tun nicht Hund und Katze das gleiche? Beide
haben doch einen schönen langen Schwanz. Warum schlagen sie niemals
damit nach Fliegen? Wiederum schlägt die Kuh mit ihrem Schwanz nach
Fliegen. Warum hat sie einen so viel längeren Schwanz als das Pferd?

Wenn wir uns die Tierwelt daraufhin näher ansehen, welche Bedeutung
bei ihnen der Schwanz hat, so finden wir darunter zahlreiche, bei
denen er ein lebenswichtiges Organ ist. Ein Känguruh ohne Schwanz
ist kein Känguruh mehr, weil es den Schwanz als drittes Bein eines
Schusterschemels benutzt. Ebenso ist es bei den Klammeraffen.
Krokodile, Walfische, ferner alle Fische sind ohne Schwanz
Todeskandidaten.

Umgekehrt gibt es Tiere, bei denen der Schwanz gleichgültig ist, so bei
Hasen, Hirschen, Rehen, Ziegen u. dgl. Wird einem Hirsch sein kurzer
Schwanz, der »Wedel« genannt wird, abgeschossen, so stört ihn das nicht
weiter in seinem Befinden.

In der Mitte stehen die Tiere, bei denen der Schwanz auf ihre
Lebensweise von mehr oder minder wichtigem Einfluß ist. So sehen wir
beispielsweise im Zoologischen Garten, daß der Löwe vor einem Sprunge
seinen Schwanz schnell dreht. Sehr richtig sagt unser Dichter Schiller
in dem Gedicht: »Der Handschuh« von dem grollenden Tiger, den man auch
als Waldlöwen bezeichnen kann:

          schlägt mit dem Schweif
          einen furchtbaren Reif.

Wir können auch verstehen, weshalb der Löwe seinen Schweif so eilig
dreht. Er will einen ganz genauen Sprung machen, um sein Opfer zu
packen. Selbstverständlich will das bedrohte Geschöpf der Gefahr
entrinnen und sucht nach der einen oder anderen Seite zu entkommen.
Nach welcher es sich wenden wird, kann der Löwe vorher nicht wissen.
Das entscheidet sich erst im letzten Augenblick. Darum tut der Löwe am
klügsten, wenn er den Schweif im Kreise dreht. Mag das bedrohte Tier
springen, nach welcher Seite es auch will, stets wird der Löwe durch
die Kreisdrehung imstande sein, richtig zu steuern.

Weil es auf die richtige Steuerung beim Sprunge sehr ankommt, deshalb
haben alle Katzenarten einen langen Schwanz. Die alten Griechen
haben also sehr fein beobachtet, als sie die Katze »Ailurus«, d. h.
Drehschwanz, nannten. Ausnahmsweise haben einige Katzen nur einen
kurzen Schwanz, nämlich solche, die, wie z. B. der Luchs, hauptsächlich
auf Bäumen lauern, wo für das Drehen des Schwanzes kein Platz ist. Auf
der Insel Man lebt eine Katze, die hauptsächlich von Vögeln lebt und
deshalb auf Bäumen heimisch ist. Auch sie hat keinen Schwanz.

Die Hundearten brauchen zwar zum Springen keinen langen Schwanz, wohl
aber zum schnellen Umkehren. Der Hase sucht sich vor dem schnelleren
Hund durch Hakenschlagen zu retten, indem er ganz plötzlich die
Richtung ändert. Der Hund, der in rasender Eile dem Hasen folgt, ist
dermaßen in Schwung, daß er noch eine ganze Strecke fortschießt,
nachdem der Verfolgte seinen Haken geschlagen hat. Dadurch erhält der
Hase einen Vorsprung, bis der Hund ihm wieder bedenklich auf das Fell
rückt. Dann kann das Spiel von neuem beginnen.

Um seinen Körper plötzlich herumzuwerfen, bedarf der Hund wie alle
Hetzraubtiere, also Wölfe, Wildhunde u. dgl., eines langen Schwanzes.
Besonders wichtig ist er für den Windhund, da dieser der eifrigste
Hasenhetzer ist. Ein Windhund ohne Schwanz ist undenkbar. Vielmehr
zeichnet sich gerade diese Hunderasse durch einen langen Schwanz aus.

Für alle Katzenarten ist also ein langer Schwanz zum richtigen Steuern
und für alle Hundearten zum schnellen Herumwerfen ihres Körpers von
Wichtigkeit. Ebenso sehen wir bei Raubvögeln lange Schwänze, damit
sie bei der Verfolgung schnell die Richtung ändern können. Außerdem
erleichtert der ausgebreitete lange Schwanz ihnen das Tragen der Beute.

Hasen, Hirsche, Rehe, Elche usw. brauchen dagegen keine Schwänze, weil
sie keine anderen Tiere verfolgen. Das Hakenschlagen kann der Hase ohne
Schwanz sehr gut machen, da er ja vorher die Absicht hat, die Richtung
zu ändern. Würde auch der Hund vorher diese Absicht haben, so käme er
auch ohne Schwanz aus.

Gegen die Insektenplage helfen sich die Pflanzenfresser dadurch, daß
sie Oertlichkeiten aufsuchen, wo weniger Insekten vorhanden sind.

Nur den Pferden und den Rindern nützen die Wanderungen nicht viel. Das
Pferd ist auf seine Heimat, die Steppe, angewiesen. Viel schlimmer
ist das Rind daran. Es ist gerade in üppig bewachsenen Niederungen
heimisch, wo es sehr viel Insekten gibt. Deshalb hat auch das Rind den
längsten Schwanz zum Vertreiben der Fliegen, während das Pferd, weil es
in der Steppe nicht so schlimm ist, sich mit einem erheblich kürzeren
Schweif begnügen muß.

Der Schwanz dient also bei Pferd, Rind, Hund und Katze ganz
verschiedenen Zwecken. Bei den beiden erstgenannten ist er
Fliegenabwehrer, bei dem Hunde soll er den Körper herumwerfen helfen,
und bei der Katze soll er das richtige Steuern beim Sprunge besorgen.
Ein Hund ohne Schwanz kann keinen Hasen mehr einholen. Gegen Fliegen
braucht die Katze ihren Schwanz nicht als Abwehrmittel, da sie von
ihnen gemieden wird. Die Hundearten liegen am Tage in einem dichten
Gebüsch und ruhen. Hier ist von einer großen Belästigung durch Fliegen
nicht die Rede, weshalb der Hund nach ihnen nur mit dem Maule schnappt,
aber nicht mit dem Schwanze danach schlägt.


54. Sieht das Pferd alles größer?

Ein unausrottbarer Aberglaube ist es, daß das Pferd alles doppelt
sieht. Wie schön wäre es für unsern Droschkenkutscher, wenn das der
Fall sein würde. Er brauchte seiner Liese nur das halbe Futter zu
geben, und sie glaubte, das ganze zu erhalten.

Die Größe eines Gegenstandes bemessen wir nach dem Gesichtswinkel und
der Entfernung. Ist uns die Entfernung unbekannt, so schwanken wir in
den Angaben der Größe. So sagt mancher Landbewohner, der Mond sähe so
aus wie ein früherer Taler. Ein anderer sagt wiederum, er erscheine
ihm so groß wie ein Heuwagen. Sehen wir ganz in der Ferne einen Vogel
fliegen, so ist oft der beste Tierkenner im Zweifel, wie groß der Vogel
eigentlich ist. Bei unbekannten Entfernungen kann es also vorkommen,
daß man etwas für größer hält als es ist.

Das meint das Volk aber gar nicht, sondern es ist der Ueberzeugung, daß
das Pferd alle Gegenstände um sich, wo es sich also um ganz bekannte
Entfernungen handelt, doppelt so groß sieht. Namentlich soll der Mensch
in den Augen des Pferdes doppelt so groß, wie er ist, erscheinen.

Es ist klar, daß diese Vorstellung vollkommen unhaltbar ist. Sehe ich
alles doppelt so groß, so sehe ich mich selbst ebenfalls doppelt so
groß, und dann hat das Größersehen nicht den geringsten Erfolg.

Nichts deutet darauf hin, daß das Pferd, falls man die
Größenverhältnisse in Betracht zieht, anders sieht als der Mensch. Es
hält einen großen Hund nicht für ein Pferd, es verwechselt eine Hütte
nicht mit seinem Stall, es mißt die Weite eines Grabens und die Höhe
eines Hindernisses vortrefflich ab. Der Aberglaube, daß das Pferd
alles doppelt sieht, ist nur aus folgendem Gedankengange entstanden.
Der einfache Mann legt sich folgende Frage vor: Wie ist es möglich,
daß ein so großes und starkes Tier, wie es das Pferd ist, sich von
einem Schwächling, wie es der Mensch ist, beherrschen läßt? Um das zu
erklären, verfiel man auf den anscheinend klugen Gedanken: Es wird den
Menschen doppelt so groß sehen, wie er ist.

Hierbei haben die Leute aber ganz übersehen, daß in der Tierwelt häufig
ein David einen Riesen Goliath in Schrecken versetzt. Die großen und
starken Rinder flüchten, wenn die kleinen Rinderbremsen kommen (vgl.
Kap. 86), und andere große Tiere sowie auch Menschen ergreifen die
Flucht vor kleinen Giftschlangen oder gewissen Arten von Ameisen.

Alle Tage können wir erleben, daß sich große Pferde vor dem Gekläff
kleiner Hunde fürchten. Es ist daher nicht im mindesten auffallend, daß
es sich dem Menschen unterordnet.

Die seitliche Stellung der Augen hat für das Pferd große Vorteile.
Kürzlich sah ich ein Bild, auf dem der Künstler die Stellung seiner
Meinung nach verbessert hatte. Das Pferd hatte nämlich, fast wie ein
Mensch, die Augen vorn.

Wir wollen uns einmal vorstellen, daß sich ein Pferd gegen einen von
hinten anschleichenden Wolf verteidigen will. Das kann in seiner
Heimat alltäglich oder allnächtlich vorkommen. Bei der Stellung der
Menschenaugen könnte das Pferd den anschleichenden Räuber nicht sehen.
Es würde wahrscheinlich daneben hauen, und der unverletzte Wolf sich in
sein Opfer verbeißen.

Man erkennt daraus, daß die Natur doch etwas besser versteht, wie die
einzelnen Gaben beschaffen sein müssen, die sie den Tieren verliehen
hat.

Durch die Stellung der Augen hat das Pferd den Vorteil, die Peitsche
des Kutschers zu sehen oder wenigstens die Bewegungen, die er
macht, wenn er schlagen will. Denn auch das Pferdeauge kann wie das
Hundeauge Bewegungen sehr gut wahrnehmen. Weil nun manche Pferde aus
Furcht vor dem Schlage plötzlich schnell anzogen und dadurch eine
gleichmäßige Fahrt erschwerten, so war dies einer der Gründe, weshalb
man Scheuklappen anbrachte. Durch die Scheuklappen wurden die Pferde
verhindert, nach hinten zu sehen.

Ueber die Scheuklappen ist sehr viel geschrieben worden, weil sie den
Augen des Pferdes sehr nachteilig sein sollten. Man sieht sie auch
jetzt viel weniger als früher. Immerhin hat man sich um eine Sache mehr
aufgeregt, als sie wert war. Denn das Auge hat für das Pferd nicht die
Bedeutung wie für den Menschen.

Ganz unerklärlich ist es uns, daß ein durchgehendes Pferd nicht die
Häuser und Bäume, gegen die es gerannt ist, vorher gesehen hat. Aber
wir müssen uns in die Lage des Pferdes hineinversetzen, dann wird der
Zusammenstoß viel leichter verständlich. Das Pferd glaubt, daß von
hinten ein Feind droht, weshalb es davonstürmt. Hierbei schaut es stets
nach hinten, nicht nach vorn. In diesem Zustande kommt es leicht zu
einem Zusammenprall mit vor ihm befindlichen Gegenständen, weil der
Blick nach hinten gerichtet ist. Ueberhaupt kann das Pferd wegen der
Stellung seiner Augen nicht so bequem nach vorn sehen wie der Mensch.


55. Ist der Futterkübel praktisch?

In der Zwischenzeit hat sich der Droschkenkutscher gestärkt und will
sich wieder auf seinen Bock schwingen. Liese hat an dem gewichtigen
Schritt gehört, daß ihr Lenker naht, und macht sich reisefertig. Der
Futterkübel wird ihr abgenommen und verstaut, ferner das Gebiß in die
sogenannte Lade, d. h. den zahnlosen Raum zwischen Vorderzähnen und
Backzähnen gelegt. Eine Decke war nicht abzunehmen. Vielleicht hat der
Kutscher nur kurze Zeit fortbleiben wollen. Auch ist es warm, und das
Pferd hat anscheinend vorher keine größere Anstrengung leisten müssen.
Peitschenhiebe sind nicht nötig. Liese setzt sich in Bewegung, und wir
nehmen von ihr Abschied.

Ein dem Pferde angehängter Freßnapf hat natürlich seine Nachteile. Das
Wildpferd frißt regelmäßig vom Boden und nur ausnahmsweise von Bäumen.
Daher ist die Fütterung aus Futterkübeln immer noch naturgemäßer als
die aus Raufen, wie sie in den Ställen üblich sind. Das fortwährende
Hochheben des Kopfes wirkt auf die Pferde nachteilig ein und ist
besonders für Fohlen (junge Pferde) geradezu gesundheitsschädlich.

Durch das Atmen durch die Nase pustet das Pferd oft Futter aus dem
Kübel hinaus. Es ist daher vorteilhaft, Wasser zu dem Futter zuzugießen
Dann kann kein Häcksel fortfliegen. Aber für die Pferde hat diese
Naßfütterung Nachteile. Denn das Wildpferd frißt seine Nahrung trocken.
Erst wenn es sein Trockenfutter genossen hat, läuft es nach einer
Tränkstelle.

Sehr oft habe ich Ansprachen des Kutschers an sein Pferd gehört, die
geradezu komisch waren. Der Kutscher wollte sein Pferd füttern, aber
es sollte vorher trinken. Das Pferd weigerte sich aber hartnäckig zu
trinken. Immer wieder nahm es den Kopf fort. Der Kutscher glaubte,
diese Weigerung durch gute Lehren zu bekämpfen, und sagte etwa
folgendes: »Aber, du dummer Peter, willst du denn gar nicht trinken?
Weißt du denn gar nicht, wie schön das Essen schmeckt, wenn man vorher
getrunken hat?«

Es ist richtig, daß man ein Haustier vor manchem Schaden behüten muß.
Ein freilebendes Tier weiß sich allein zu helfen, aber ein Haustier hat
diese Fähigkeit verloren. So überfressen sich Hauspferde, wenn sie an
die Haferkiste gelangen. Da das Pferd im Verhältnis zu seiner Größe nur
einen kleinen Magen hat, der obendrein noch eine Klappe hat, so sind
schon viele Pferde am Ueberfressen gestorben.

Solche Dinge jedoch, ob ein Pferd vor dem Fressen trinken soll oder
nicht, weiß das Pferd besser als der Mensch. Der Deutsche schwärmt für
eine Flüssigkeit vor dem Essen. Deshalb wird bei uns das Essen mit
einer Suppe eingeleitet. Auch im Zoologischen Garten müssen Tiger und
Löwen vor dem Fraße Wasser trinken, obwohl alle naturgeschichtlichen
Werke darüber einig sind, daß sie erst nach ihrer Mahlzeit ihren Durst
löschen.

Erhitzten Tieren müssen wir, wenn sie stehen bleiben, eine Decke
auflegen, um gesundheitliche Schäden abzuwehren. Ein Wildpferd
braucht eine solche Decke nicht. Zunächst ist es abgehärteter als das
Hauspferd, das in der Nacht geschützt im Stalle steht. Sodann ist es
jederzeit in der Lage, durch Laufen die etwa erforderliche Wärme sich
zu beschaffen.


56. Die Rassen oder Stämme des Pferdes.

Kaum ist unser Droschkenkutscher entschwunden, so erhalten wir Ersatz.
Ein schwerbeladener Rollwagen kommt auf uns zu. Hu, was müssen die
Pferde ziehen und wie oft erhalten sie Peitschenhiebe. Ein Glück ist
es, daß sie jetzt am Ziele sind und sich ausruhen dürfen. Wir können
uns also in Ruhe die beiden Gäule ansehen.

Zunächst fällt uns die Größe und der Bau der Glieder auf. Das
Droschkenpferd Liese war fast klein und zart gegen diese beiden
ungeschlachten Riesen. Auch waren Lieses Hufe klein und hatten oberhalb
kaum oder wenig Haare, während die beiden Frachtpferde Riesenhufe mit
mächtigen Haarbüscheln besitzen.

Diese ganz verschiedenen Formen des Pferdes erklären sich
folgendermaßen. Als die schönsten Pferde werden von Kennern die
arabischen bezeichnet. Das arabische Pferd hat in seiner Heimat
einen trockenen und steinigen Boden, ferner sehr wenig Wasser. Diese
Unfruchtbarkeit hat auf das arabische Pferd großen Einfluß ausgeübt,
denn es ist sehr genügsam. Kein Lot Fleisch ist an ihm zuviel, die
Knochen sind hart, die Hufe klein und fest. Die orientalische oder
morgenländische Rasse, zu der das arabische Pferd in erster Linie
gehört, erinnert also sehr an den dürren, behenden und bedürfnislosen
Beduinen.

Im Vergleich hierzu ist das abendländische Pferd das gerade Gegenteil.
In den wasserreichen und fruchtbaren Gegenden Westeuropas bildete sich
eine Pferderasse, die etwa an einen übermäßig viel Bier trinkenden
Menschen erinnert. Riesig groß und umfangreich sowie mächtige Glieder,
aber wegen der Aufgedunsenheit weniger schön. Die Hufe wurden auf dem
nassen Boden weich und groß. Zum Schutze gegen die Schneemassen im
Winter bildete sich ein starker Haarschutz.

Die Rollwagenpferde sind richtige Abendländer, wie es die belgischen,
dänischen Pferde und die Percherons sind. Sie sind Riesen mit
gewaltiger Kraft. Sie gehören dem sogenannten kaltblütigen Schlage an,
weil sie gelassen und ruhig sind. Von der ewigen Unruhe des Arabers
haben sie keine Spur.

So fromme Tiere sind natürlich dem Landwirt und der Industrie viel
willkommener als die schwer zu behandelnden Orientalen. Die Riesen sind
so schwer und unbeholfen geworden, daß sie kaum noch durchgehen können,
selbst wenn sie es wollen.

Woher kommt es nun, daß wir in Deutschland nicht lauter abendländische
Pferde haben?

Die Antwort ist sehr einfach. Ein Reiter will schnell vorwärts kommen,
ebenso sollen Kutschpferde rasch eine Strecke zurücklegen, sonst könnte
man lieber selbst gehen. Man braucht also zu vielen Zwecken ein Pferd
mit raschen Bewegungen.

Nun haben die Engländer seit vielen Jahrhunderten ihre heimischen
Tiere mit arabischen gekreuzt. Hieraus ist allmählich das Vollblut
entstanden, das äußerst beweglich ist. Mit englischen Pferden haben wir
wiederum unsere heimischen Pferde gekreuzt, so daß wir ein Mittelding
zwischen morgenländischer und abendländischer Rasse besitzen, wie es z.
B. des Droschkenkutschers Liese war.

Ueber die Farben der Pferde wäre bei dieser Gelegenheit folgendes
zu sagen. Braune haben, wie wir bei der Liese sahen, eine schwarze
Mähne und schwarzen Schweif. Auch die Füße sind gewöhnlich schwarz.
Füchse sind braunrötlich, und zwar sind Mähne und Schweif ebenfalls
braunrötlich, wodurch sich eben der Fuchs vom Braunen unterscheidet.
Falbe haben gelbliche Färbung und zerfallen in eine Reihe von
Unterarten. Pferde mit kohlschwarzem Haar heißen Rappen. Im Gegensatz
hierzu heißen Pferde mit weißem Haar Schimmel. Doch werden Schimmel nur
ausnahmsweise gleich weiß geboren, wie auch die Rappen zunächst grau
sind. Schimmel mit schwarzen Punkten heißen Fliegenschimmel, solche mit
apfelgroßen dunklen Flecken Apfelschimmel. Pferde, die weiß und dunkel
gefärbt sind, heißen Schecken. Manche Schecken haben ein oder zwei
Glasaugen. Während sonst nämlich alle Pferde ein dunkelbraunes Auge
besitzen, sieht die Iris oder Regenbogenhaut bei den Glasaugen hell aus.

Es ist schwer festzustellen, wie die Sehkraft des Glasauges beschaffen
ist. Möglicherweise sieht ein Pferd mit dem Glasauge gar nichts. Da man
sich vorsehen muß, daß man nicht ein blindes Pferd kauft, so kann ein
Pferd zwei Glasaugen besitzen und trotzdem zur Arbeit verwendbar sein.
Auch beim Hunde ist, wie schon erwähnt wurde (Kap. 9), Blindheit nicht
leicht festzustellen.

Das Alter des Pferdes kann höchstens auf vierzig Jahre angegeben
werden. Gewöhnlich ist es schon viel früher verbraucht, bei Warmblut
mit 20, bei Kaltblut mit 15 Jahren. Die Tragezeit der Stute beträgt
11 Monate. Zwillinge sind bei Pferden selten und nicht erwünscht. Das
Fohlen läßt man gewöhnlich erst mit drei Jahren arbeiten.

Wie den Huftieren überhaupt, so fehlt auch den Pferden das
Schlüsselbein.

Das Gebiß des männlichen Pferdes besteht aus 40 Zähnen, das des
weiblichen aus 36 Zähnen. Den weiblichen fehlen gewöhnlich 4
Hakenzähne. Beide haben 12 Schneidezähne und 24 Backenzähne.

Die Größe der Pferderassen ist sehr verschieden. Das englische
Brauerpferd wird über 2 Meter groß, wobei die Höhe des Widerristes, der
höchsten Stelle des Rückens, gemessen wird. Der Shetlandpony dagegen
wird nur 60 Zentimeter hoch. Schwere Pferde wiegen bis zu 15 Zentnern,
mittlere 7 bis 9 Zentner.

Die Zugfähigkeit des Pferdes ist größer als seine Tragfähigkeit.
Die höchste Rennleistung eines Pferdes ist die Zurücklegung eines
Kilometers in einer Minute.

Ein Irrtum ist es, daß der Mensch den Pferden die Schnelligkeit
angezüchtet hat. Es ist richtig, daß die Zebras keine Dauerrenner sind.
Es fehlen in Afrika die Hetzraubtiere. Aber die asiatischen Wildpferde
werden von Wölfen gehetzt und sind deshalb von Hause aus Dauerrenner.


57. Warum fährt man lieber zweispännig als einspännig?

Ein Rollwagen, wie wir ihn vor uns haben, braucht natürlich zur
Beförderung seiner schweren Lasten zwei Pferde. Hiervon abgesehen, muß
es aber auffallen, daß zwei Pferde vor dem Wagen weit häufiger sind als
ein einzelnes. Woran liegt das?

Auch hier gibt uns wieder das Leben der Wildpferde Auskunft. Sie leben
in Rudeln und niemals einzeln. Ein einzelnes Pferd findet sich auch
heute nicht annähernd so wohl wie in Gesellschaft.

Den Reitern ist diese Eigentümlichkeit des Pferdes, lieber in
Gesellschaft anderer zu sein, manchmal sehr unerwünscht. Sie wollen
sich z. B. von ihren Bekannten, mit denen sie zusammen geritten sind,
trennen. Aber das Pferd will nicht. Es gefällt ihm in Gesellschaft der
anderen Pferde viel besser. Es »klebt«, wie man es nennt. Der Reiter
hat oft große Mühe, einen solchen Kleber zu seiner Ansicht zu zwingen.

Bei Rennen ist es schon vorgekommen, daß ein führendes Pferd eine
falsche Richtung einschlug, und die nachfolgenden Pferde aus
Geselligkeitstrieb ebenfalls nachfolgten. Selbstverständlich gingen
dadurch die auf die Pferde gesetzten Beträge verloren, wodurch
ärgerliche Auftritte entstanden.

Pferde, die nicht allein sein können, vermögen ihren Besitzer zur
Verzweiflung zu bringen. So hatte beispielsweise ein Forstwart ein
ausrangiertes Militärpferd gekauft. Dieses wollte durchaus nicht
im Stalle sein und schlug alles kurz und klein. Erst als sein Herr
ihm eine Ziege als Gesellschafterin gab, beruhigte es sich und war
zufrieden. Nach zwei Jahren wollte der Forstwart die Ziege verkaufen.
Er mußte jedoch darauf verzichten, da sein Pferd wiederum zu rasen
begann.

Die Javaner zeigen sich als gute Tierbeobachter dadurch, daß sie Affen
in Pferdeställen halten, damit die Pferde Gesellschaft haben.

Nebeneinanderstehende Pferde schaben sich gern. Hierauf werden wir beim
Putzen der Pferde zu sprechen kommen.


58. Warum schreien Pferde nicht? Das Wiehern der Pferde.

Wir haben gesehen, daß die beiden Pferde trotz der heftigsten
Peitschenhiebe nicht schrien. Dagegen heulen geprügelte Hunde manchmal
derartig, daß das ganze Haus zusammenläuft. Wie erklären sich diese
Unterschiede?

Es wäre für das Pferd sehr vorteilhaft, wenn es schrie, sobald es
Schmerz empfindet. Dann würden die zahllosen Tierquälereien, namentlich
die Pferdeschindereien bei Neubauten, nicht so häufig vorkommen. Der
Grundsatz: Schreien hilft, gilt nicht nur für die Menschen, sondern
auch für die Tiere.

Wir wissen von den Zebras und andern Wildpferden, daß sie nicht
aufschreien, wenn sie von der Kugel des Forschungsreisenden getroffen
sind. Das Schreien und Brüllen sowie Heulen finden wir überhaupt nur
bei den Tieren, die sich gegenseitig beistehen. Deshalb schreit die
Katze nicht, da sie allein lebt. Umgekehrt heult der Hund, damit ihm
die anderen Hunde beistehen. Man kann auch oft erleben, daß Hunde in
einem kleinen Orte sehr unruhig werden, falls ein Kamerad von ihnen
andauernd geprügelt wird.

Die Kuh brüllt, wenn ihr das Kalb genommen wird, denn wilde Rinder
stehen sich bei. Dagegen schreit die Stute nicht, falls ihr das Fohlen
geraubt wird. Denn Wildpferde flüchten, stehen sich aber nicht bei.

Nur ganz ausnahmsweise schreien Pferde. Aber es kommt so selten vor,
daß selbst große Pferdekenner es noch niemals gehört haben.

Seine Freude dagegen drückt das Pferd durch Wiehern aus. Ueberhaupt
deutet das Wiehern an, daß das Pferd einen Wunsch hat.

Das Pferd besitzt keine Schnurrhaare wie die Katze, da es niemals in
Löcher kriecht. Dagegen sehen wir am Kinn Tasthaare. Welchen Zwecken
mögen diese dienen?

Die Wildpferde sind wie die Wildhunde in der Nacht tätig. Im Gegensatz
zu den rein nächtlichen Tieren, wie den Katzenarten, sieht man Zebras
auch am Tage. Aber selbst wenn sie wollten, können sie in der Nacht
nicht schlafen. Zur Nachtzeit geht ihr gefährlichster Feind, der Löwe,
auf Raub aus.

Die Menschen können sich vor dem Löwen schützen, indem sie sich in
Höhlen zurückziehen und diese verschließen oder auf Bäume klettern, wie
die Affen es tun. Aber die Wildpferde können weder in Höhlen flüchten
noch auf Bäume klettern.

Wann schlafen denn die Wildpferde, wenn sie in der Nacht auf ihre
Feinde aufpassen müssen und am Tage tätig sind?

Ein Schlafen, wie es den Menschen eigentümlich ist, finden wir nicht
bei allen Tierarten. Jeder weiß, daß Pferde, die wenig zu arbeiten
haben, z. B. auf der Weide sind, sehr wenig schlafen. Kommt man zur
Nachtzeit in den Pferdestall, so wundert man sich, daß so viele Pferde
wach sind.

Die Zebras schlafen in Wirklichkeit nur in den Mittagsstunden, wo
sie regungslos unter den Bäumen stehen. Daraus erklärt sich auch die
Zeichnung ihrer Haut, die mit den Schatten der Baumäste übereinstimmt.

Wildpferde weiden viel in der Dunkelheit. Da das Pferd infolge der
Stellung der Augen das vor seinem Maule Befindliche nicht besonders gut
erkennen kann, so haben die Kinnhaare eine große praktische Bedeutung.
Wenn es den Kopf senkt, um zu weiden, so zeigen ihm die Kinnhaare an,
daß es auf Gräser gestoßen ist.

Kinnhaare soll man also bei Pferden nicht abschneiden.

Ebenso ist es nicht ratsam, einem abendländischen Pferde die
Kötenschöpfe abzuschneiden, damit die Leute denken sollen, es sei
ein morgenländisches. Unter Köte versteht man die hintere Seite der
Zehe, und die an den Köten befindlichen Haare werden als Kötenschöpfe
bezeichnet, wie wir sie an den Rollkutscherpferden sehen können,
wo sie sehr üppig wachsen. Jedenfalls soll man sie nicht im Winter
abschneiden, da sie gegen Schnee und Schneewasser einen vortrefflichen
Schutz bilden und dadurch die Mauke, die Entzündung der Köten,
verhindern.

Unterdessen ist die Sonne ziemlich hochgestiegen und scheint den Tieren
ordentlich auf den Leib. Ist es nun nicht eine Tierquälerei, die Pferde
in der prallen Sonne stehen zu lassen?

Selbstverständlich wird man sie bei glühender Sonnenhitze in den
Schatten bringen, wenn man eine schattige Stelle in der Nähe hat. Im
übrigen vertragen unsere Haustiere die Hitze ganz verschieden. Ein
Schwein kann schon daran sterben, wenn man es an einem glühend heißen
Sommertage auf den Wagen befördert.

Dagegen können Pferde furchtbar viel Hitze vertragen. Das kommt daher,
weil ihre Vorfahren seit Urzeiten den erbarmungslosen Strahlen der
Sonne in der Steppe standhalten müssen.

Niemals wird es daher vorkommen, daß Wettrennen deswegen abgesagt
werden, weil es an dem Tage zu heiß ist. Dabei müssen sich die Pferde
bei den Rennen aufs äußerste anstrengen. Würde ihnen die Hitze
nachteilig sein, so ließe kein Rennstallbesitzer seine Pferde laufen.
Denn er würde sich hüten, sich großen Verlusten auszusetzen.

Es war von den Tierschutzvereinen sehr gut gemeint, als sie vor etwa
zehn Jahren den Omnibuspferden Strohhüte aufsetzten. Aber sie waren,
wie wir sahen, ganz überflüssig und sind deshalb auch nach kurzer Zeit
verschwunden.

Uebrigens nennt man bei einem Zweigespann das vom Kutschersitz rechts
befindliche Pferd Handpferd, das linke dagegen Sattelpferd. Denn bei
ziehenden Pferden wird der Reiter stets links sitzen. Das linke Pferd
trägt also Sattel und Reiter, der mit der Hand das rechts befindliche
Pferd lenkt. So erklären sich die Bezeichnungen Sattelpferd und
Handpferd.


59. Andere Eigentümlichkeiten des Pferdes.

Die Rollwagenpferde werden jetzt getränkt, wobei wir sehen, daß etwas
Neid oder wenigstens Mißgunst der Seele des Pferdes nicht ganz fremd
ist. Das dem Brunnen zunächststehende Sattelpferd wird zuerst getränkt,
aber das Handpferd sucht fortwährend seinen Kopf ebenfalls in den
Tränkeimer zu stecken, wozu der Platz nicht ausreicht.

Es ist merkwürdig, welchen Wert Pferde auf gutes Wasser legen.

Das kommt daher, weil die Wildpferde täglich in der Steppe zur Quelle
laufen und dort sehr gutes und klares Wasser trinken.

Ein Gestüt, das kein gutes Wasser besitzt, wird niemals auf die Dauer
große Erfolge erzielen.

Der Hund als früheres Raubtier muß dagegen aus jeder Pfütze trinken
können und wird deshalb nicht krank, wie ein Pferd, wenn er dauernd
schlechtes Wasser bekommt.

Jeder Kutscher weiß übrigens, daß die Pferde gewisse Brunnen bevorzugen
und das Wasser von manchen Brunnen nicht saufen mögen.

Während wir noch stehen und zuschauen, kommt eine Kutsche vorbei, deren
Pferde Aufsatzzügel tragen. Durch den Aufsatzzügel wird den Pferden
die Möglichkeit genommen, den Kopf nach unten zu senken und wieder
nach oben zu bringen, wie es alle Pferde tun. Dieses »Tunken« mit dem
Kopfe finden manche Leute nicht schön. Sie bringen deshalb durch den
Aufsatzzügel den Kopf des Pferdes dauernd hoch. Das soll nach der
Ansicht dieser Pferdekenner einen vortrefflichen Eindruck machen.

Jeder Mensch, der sich eingehend mit dem Tierleben beschäftigt, wird
zu einem ganz anderen Ergebnis gelangen. Das Tunken mit dem Kopf beim
Pferde hat natürlich einen Zweck, und zwar einen sehr wichtigen. Wir
sprachen früher davon, daß wilde Pferde stets gegen den Wind laufen,
um vorher einen etwaigen Feind zu wittern. Dieses Mittel ist ohne
Frage ausgezeichnet. Denn das Riechvermögen des Pferdes ist so gut
wie das eines Hundes, obwohl es den wenigsten Menschen bekannt ist.
Trotzdem kann es vorkommen, daß ein auf dem Boden lauerndes Raubtier
nicht gerochen wird. Wie wir das nicht sehen können, was hinter unserem
Rücken ist, so kann das Pferd das nicht riechen, was am Boden sich
an Gerüchen entlangzieht. Weht also der Wind die Ausdünstung des am
Boden liegenden Wolfes der Pferdenase entgegen, so kann diese leicht
nichts davon merken, wenn sie stets in Kopfhöhe bleibt. Dann geht die
Raubtierausdünstung durch die Beine durch.

Um das zu verhindern, tunkt das Pferd. Es senkt den Kopf, um
rechtzeitig die Anwesenheit eines am Boden lauernden Feindes
wahrzunehmen.

Selbstverständlich ist es eine große Tierquälerei, einem Haustiere die
seit Urzeiten geübten Vorsichtsmaßregeln unmöglich zu machen. Es ist
kein Wunder, daß Pferde mit Aufsatzzügeln erst recht zum Scheuen neigen.

Was würden wir Menschen sagen, wenn wir durch einen Kopfhalter
gezwungen wären, stets geradeaus zu sehen, ohne uns nach rechts oder
links umschauen zu können, wie wir es doch von jeher gewöhnt sind!

Der Aufsatzzügel muß also als Tierquälerei bezeichnet werden. Hier
können Tierschutzvereine segensreich wirken, wenn sie für seine
Abschaffung eintreten.

Aus dem Leben der Wildpferde erklärt sich ferner der Satz: Hüte dich
vor den Vorderbeinen des Hengstes und vor den Hinterbeinen der Stute.

Der Hengst als Beschützer seines Rudels greift eben den Feind,
namentlich den Wolf, mit den Vorderbeinen an. Auch packt er ihn mit
den Zähnen, weshalb gerade Hengste bissig zu sein pflegen. Die Stute
dagegen verteidigt sich und ihr Fohlen durch Auskeilen nach hinten.

Es erklärt sich hieraus ferner, daß bösartige Pferde die Ohren
zurückziehen. Wollen nämlich zwei Pferde miteinander kämpfen, so suchen
sie zu verhindern, daß der Gegner sie mit den Zähnen an den Ohren
packt. Aus diesem Grunde ziehen sie die Ohren zurück.

Sieht man also, daß ein Pferd die Ohren zurücknimmt, so ist immer
Vorsicht am Platze. Das ist z. B. bei manchen Pferden der Fall, wenn
sie fressen. Alle Tiere sind bei ihrer Mahlzeit mehr oder weniger
angriffslustig. Katzen fauchen, wenn sie gerade einen besonders schönen
Bissen fressen, Hunde können ihren eigenen Herrn beißen, falls er ihnen
einen Knochen fortnehmen will, und selbst sonst fromme Pferde sind
nicht immer beim Fressen zuverlässig.


60. Kummet- und Sielengeschirr. Warum ist das Fahren älter als das
Reiten?

Die Rollwagenpferde haben, wie wir sahen, ein Kummetgeschirr, also ein
Geschirr, das um den Hals läuft. Die Kutschpferde dagegen, auch die
Droschkenkutschpferde, haben gewöhnlich ein solches Kummetgeschirr
nicht. Hier ziehen die Pferde nur mit der Brust, da sie ein
Sielengeschirr haben.

Es ist augenscheinlich, daß ein Pferd im Kummetgeschirr viel besser
ziehen kann als im Sielengeschirr. Wenn man trotzdem Kummetgeschirre
nur bei schweren Lastwagen sieht, so liegt das daran, daß ein
Kummetgeschirr nichts taugt, wenn es nicht gut paßt. Gerade damit
hapert es aber gewöhnlich.

Während wir uns die Rollwagenpferde ansehen, kommt ein Reiter vorbei,
und wir können uns so recht den Unterschied zwischen einem schweren
Pferde des abendländischen Schlages und einem leichten Pferde des
morgenländischen Schlages vergegenwärtigen. Die gewaltigen Formen der
Wagenpferde mit ihren plumpen dicken Beinen stehen im Gegensatz zu den
schlanken Beinen des geschmeidigen Reitpferdes.

Man sollte meinen, daß der Mensch, der zuerst das Pferd gezähmt hat,
es zunächst als Reittier und erst später als Zugtier verwendet hat.
So wird es auch vielfach geschildert, obwohl es mit den Tatsachen
nicht übereinstimmt. Wir haben eine genaue Kunde von den Wagenkämpfen
der alten Griechen, die vor etwa drei Jahrtausenden stattfanden. Aber
niemand reitet dort, obwohl die Kunst des Wettfahrens in hoher Blüte
stand.

Der Grund liegt darin, daß jeder Pflanzenfresser den Druck auf dem
Rücken sehr unangenehm empfindet. Denn er muß sofort an ein Raubtier
denken, das ihm auf den Rücken springt. Deshalb muß auch heute noch
ein Pferd erst zugeritten werden, obwohl es sich seit Jahrtausenden
als Haustier endlich daran gewöhnt haben müßte. Das Ziehen dagegen ist
dem Tiere viel weniger unangenehm, da es seit Urzeiten daran gewöhnt
ist, die vor seiner Brust befindlichen Hemmnisse fortzuschieben, also
Gebüsche u. dgl.

Alle Tiere lassen sich daher viel leichter zum Fahren abrichten als
zum Reiten, so Elche, Renntiere, Wildrinder usw. Deshalb ist auch das
Fahren viel älter als das Reiten.


61. Warum läuft das Pferd gerade und der Hund schräg?

Während wir dem Reiter nachschauen, fällt uns auf, daß sein Pferd ganz
anders die Beine setzt wie ein daneben laufender Hund. Wie alle Pferde,
die gesunde Beine haben, setzt es die Beine so, daß eine unter dem
Bauche der Länge nach befindliche gerade Linie von den Beinen nicht
berührt werden würde. Die rechts befindlichen Beine bleiben eben rechts
und die links befindlichen links. Bei dem Hunde aber könnten wir eine
solche gerade Linie nicht ziehen, ohne daß sie von den Zehen berührt
würde. Woher kommt diese Verschiedenheit im Laufen?

Wie das Pferd die Beine setzt, erscheint uns naturgemäß. Dagegen ist
das Durcheinanderwirbeln der Beine beim Hunde nach unsern Begriffen
höchst merkwürdig.

Nebenbei sei folgendes bemerkt. Hat man ein Pferd künstlich dazu
abgerichtet, die Beine derselben Seite gleichzeitig vorzusetzen -- im
natürlichen Zustande geschieht es abwechselnd -- so spricht man von
einem Paßgange. Diese Gangart ist manchen Tieren natürlich, z. B. der
Giraffe, was sich aus dem Bau ihres Körpers ergibt. Pferde mit Paßgang
nennt man Zelter. Sie werden wegen ihres gleichmäßigen Ganges sehr von
den Damen bevorzugt.

Das schräge Laufen des Hundes ist, wie wir uns schon denken können, ein
Erbteil aus der Zeit seines früheren Räuberlebens. Noch heute setzt der
Fuchs seine Spur in *eine* Linie. Der Jäger sagt recht treffend: der
Fuchs schnürt. Im Schnee sehen seine Fußstapfen wie eine Schnur aus.

Das Schnüren ist für das Raubtier eine Lebensfrage. Es will sich
seinem Opfer nähern, ohne vorher gesehen oder gewittert zu werden.
Zu diesem Zwecke sucht beispielsweise der Fuchs stets die tiefsten
Stellen auf. Er geht über einen Acker, indem er die Ackerfurchen
benutzt. Kommt er an einen Graben, so springt er hinein und läuft auf
der Sohle des Grabens weiter. Ja, auf Fahrwegen läuft er aus Vorsicht
regelmäßig die Wagenspuren entlang, weil diese die tiefsten Stellen der
Straße ausmachen. Der Hund ist früher ebenfalls in der gleichen Weise
gelaufen. Obwohl er jetzt nicht mehr auf Raub ausgeht, so läuft er doch
noch auf dem Bürgersteig schräg. Man ersieht daraus, wie unausrottbar
die dem Haustiere überkommenen Gewohnheiten haften.

Manche Hunde laufen noch heute mit Vorliebe in einer Wagenspur. Es
ist sogar anzunehmen, daß das sogenannte Hinken der Hunde hiermit
im Zusammenhang steht. Früher haben die Menschen die Tiere weit
aufmerksamer beobachtet. Es gibt sogar einen Vers, in dem es heißt,
daß sich niemand an das Hinken der Hunde kehren soll. Unsere Vorfahren
hielten also das Hinken der Hunde für eine Heuchelei. -- Heute kann
man zahlreiche Kulturmenschen fragen und wird hören müssen, daß ihnen
niemals das Schräglaufen der Hunde, noch weniger aber das Hinken -- und
zwar das grundlose Hinken -- aufgefallen ist.

Obwohl das Bein ganz gesund ist, hebt es der Hund beim Laufen hoch und
läuft auf drei Beinen weiter. Regelmäßig ist es ein Hinterbein.

Wir wissen, daß der Hund seiner alten Raubtiernatur gemäß gern in einer
geraden Linie, womöglich in einem Gleise, laufen möchte. Ist er nun
durch gute Pflege, wie es vor dem Weltkriege üblich war, gut im Stande,
so ist das Laufen in der geraden Linie für ihn nicht leicht. Um es
dennoch durchzuführen, hebt er einen Hinterfuß hoch.

Das Pferd als friedlicher und harmloser Pflanzenfresser hat sich an
keine Opfer anzuschleichen. Es hat auch auf der Steppe stets genügenden
Platz und braucht nicht wie ein Gebirgstier häufig auf einem schmalen
Pfade zu wandeln. Das Pferd hat also im Gegensatz zum Hunde seinen
natürlichen Gang beibehalten.


62. Die naturgemäße Fütterung der Pferde. Das Koppen.

Der Droschkenkutscher hatte sein Pferd mit Hafer und Häcksel gefüttert.
Warum füttert man das Pferd ausgerechnet mit Hafer und nicht mit Weizen
oder Gerste?

Selbst die reichsten Leute werden ihre wertvollsten Pferde,
beispielsweise erfolgreiche Rennpferde, nicht mit Gerste, geschweige
denn mit Weizen füttern. Zwar lese ich bei einem sehr angesehenen
Naturforscher, daß ein Bauer, dem der Hafer mißraten war, seine Pferde
mit Gerste gefüttert hätte. Ich will nicht bezweifeln, daß das für ein
Jahr ohne Nachteil abgelaufen ist. Im allgemeinen wird man aber auf die
Dauer keine Freude an dieser Futterart haben.

Der Grund hierfür ist folgender: Tiere, die aus einer armen Gegend
stammen, sind für die Gewächse dieser Gegend passend gebaut. Hierhin
gehören beispielsweise unser Pferd, das Schaf, das Kamel usw. Man
könnte sie als Magerfresser bezeichnen im Gegensatz zu dem in den
fruchtbaren Niederungen heimischen Schwein. Es ist bekannt, daß Kamele,
die man in fruchtbare Länder versetzt, dort nicht etwa Prachtkamele
werden, wie die Durchschnittsmenschen meinen, sondern sterben.

Das Pferd stammt aus der Steppe, also einer Hungerleidergegend.
An sich dürfte es nur mit Gräsern und nur im Herbste mit Körnern
gefüttert werden. Das ist aber deshalb ganz unmöglich, weil wir dem
Pferde künstlich eine Größe angezüchtet haben, die das Wildpferd nicht
besitzt. Diese Größe muß erhalten werden, und das kann nur durch
reichliches Futter geschehen.

Sodann lassen wir das Pferd viel und schwer arbeiten, während das
Wildpferd nach unseren Begriffen den Tag über bummelt. Auch dieses
schwere Arbeiten erfordert eine entsprechend bessere Fütterung.

Hafer ist das Gewächs eines kärglichen Bodens, und deshalb ist Hafer
das bekömmlichste Futter für Pferde.

Weil Pferde ursprünglich Gräserfresser waren, deshalb fehlt ihnen bei
ausgesprochenem Körnerfutter die zur Füllung des Magens erforderliche
Menge. Um dieses Unbehagen zu beseitigen, sind die Pferde auf ein ganz
merkwürdiges Auskunftsmittel verfallen. Sie pumpen sich Luft in den
Magen ein, was wir als »Koppen« bezeichnen. Hiergegen sind unzählige
Mittel angewendet worden, doch wird man nicht behaupten können, daß sie
großen Erfolg gehabt haben. Das Koppen ist einfach eine Folge der nicht
naturgemäßen Fütterung. Den Russen war es schon längst bekannt, daß
ihre an Gräser gewöhnten Steppenpferde zu koppen begannen, sowie sie
Körnerfutter erhielten.

Sehr häufig hört man Tierfreunde jammern, daß ein Pferd nicht in Ruhe
fressen kann, wenn ein Fahrgast in eine Droschke einsteigt, während
das Pferd noch nicht mit Fressen fertig ist. Diese Klage ist grundlos.
Das Pferd als Pflanzenfresser muß fortwährend auf der Hut sein, ob ein
Feind es nicht überfällt. Sein Leben zerfällt also in folgender Weise:
Etwas fressen, dann plötzlich laufen, wieder etwas fressen, dann wieder
laufen und so weiter.

Eine Störung beim Fressen schadet also einem Pflanzenfresser wenig,
ganz besonders wenig aber einem Pferde. Wir verstehen jetzt, daß das
Pferd einen auffallend kleinen Magen hat. Es ist ganz verfehlt, wenn
der Landwirt klagt: »Wie konnte der liebe Herrgott einem so großen
Tiere einen so kleinen Magen geben!« Hätte das Pferd ein schneller
Renner sein können, wenn es einen großen Magen besäße, der bis oben
heran voll gefüllt war? Gewiß nicht. Wir wissen ja, daß ein voller
Bauch nicht gern studiert. Würde der Mensch sich nach der Lebensweise
der Wildpferde richten, so würde er zwei Fliegen mit einer Klappe
schlagen, nämlich folgende zwei:

Erstens würde er durch möglichst häufiges Füttern -- wie es bereits die
gewitzigten Pferdehändler tun -- weniger Futter brauchen. Wie Versuche
an Militärpferden ergeben haben, leistet ein Pferd dieselben Dienste
wie früher bei weniger Futter, wenn es nur häufiger gefüttert wird.

Sodann würde die Kolik, dieser ewige Alp der Pferdebesitzer, ebenso
andere Krankheiten, die auf Ueberfütterung beruhen, ganz gewaltig
zurückgehen.

Im Gegensatz zu den Pflanzenfressern wollen alle Raubtiere ihre Beute
in Ruhe verzehren, da sie es so in der Natur gewöhnt sind. Sie sind
deshalb sehr empfindlich gegen Störung. Auch Wiederkäuer wollen beim
Wiederkäuen nicht gestört sein, da sie in diesem Zustande als wilde
Tiere irgendwo in einem Gebüsch oder an einer verborgenen Stelle
liegen.


63. Geht es auch ohne Peitsche?

Die Rollwagenpferde müssen jetzt wieder anziehen und erhalten einige
kräftige Hiebe mit der Peitsche. Wie wir schon aus der Ladung vermuten
konnten, geht die Fahrt nicht weit. Bereits nach einigen Häusern wird
halt gemacht. Die Pferde müssen hier das Abladen gewöhnt sein, denn sie
halten aus eigenem Antriebe an.

Da bei manchen tierfreundlichen Völkern des Morgenlandes Peitsche und
Sporen nicht zur Anwendung gelangen, so ist die Frage naheliegend, ob
wir nicht auch ohne diese Werkzeuge auskommen könnten.

Es wäre das in der Tat sehr schön, aber bei unseren deutschen Pferden
ist mit bloßen Worten nichts zu erreichen. Ich habe verschiedene
tierfreundliche Landwirte kennengelernt, die ohne Peitsche das Pferd
ziehen lassen wollten. Aber auf die Dauer geht es nicht. Das Pferd
bleibt plötzlich stehen und scheint zu sagen: »Ich habe heute genug!«
Auch wenn man keine Sporen am Stiefel hat, ist man machtlos.

Also Peitsche und Sporen sind tatsächlich bei unseren Pferden, soweit
man sich darüber ein Urteil erlauben darf, erforderlich. Damit ist aber
das grundlose rohe Peitschen nicht entschuldigt, ebenso ist damit nicht
gesagt, daß nicht allmählich auf diesem Gebiete eine Besserung möglich
wäre.

Das Anhalten der Pferde aus eigenem Antriebe an Stellen, wo ihr Herr
zu rasten pflegt, ist eine allbekannte Erscheinung. Merkwürdigerweise
legt man hierbei wiederum den Pferden Absichten unter, die ihnen
ganz fern liegen. So kann man mit ernster Miene erzählen hören, daß
ein Pferd seinen Reiter zur Wohltätigkeit zwang. Das kam nämlich
folgendermaßen. Es lieh sich jemand ein Pferd von einem Manne, der
wegen seiner Wohltätigkeit bekannt war. Der Reiter, der es sehr eilig
hatte, war sehr bestürzt darüber, daß das Pferd vor jedem Bettler, der
den Hut zog, stehen blieb und nicht eher weiterging, bis er dem Bettler
eine Kleinigkeit gegeben hatte. Richtig ist folgender Tatbestand. Das
Pferd bleibt vor einem den Hut ziehenden Menschen stehen und geht nicht
eher weiter, als bis sein Herr eine Münze gegeben oder wenigstens eine
Handbewegung gemacht hat, die hierauf schließen läßt. Mit Wohltätigkeit
hat das nicht das mindeste zu tun. Das Pferd will lediglich stehen
bleiben, und zwar möglichst lange stehen bleiben. Denn wenn es auch
seine Arbeit verrichtet, so ist ihm Ruhe noch lieber.

Das Pferd hält also nicht an, damit der Mensch ein Vergnügen hat, etwa
in das Wirtshaus geht oder seinen Freund besucht, sondern lediglich
seinetwegen, damit es eine Ruhepause hat. Das ist eigentlich auch ganz
selbstverständlich.

Wiederum ziehen die Rollpferde an und entschwinden unsern Augen, als
sie um die Ecke wenden. Etwas haben wir doch von ihnen gelernt.


64. Die Feinde des Pferdes.

Schon früher haben wir erwähnt, daß für die Wildpferde außer dem
Menschen der schlimmste Feind der Tiger ist. Ebenso ist bereits der
Angriff der Wölfe auf eine Pferdeherde geschildert worden. Auch der Bär
tritt in einzelnen Gegenden, z. B. am Ural als gefährlicher Feind der
Pferde auf.

Den großen Katzen gegenüber ist das Pferd regelmäßig verloren. Zebras
wagen gegen den Löwen, der sie überfallen hat, gar keinen Kampf. Nur
einmal habe ich davon gelesen, daß ein Zebra durch einen glücklichen
Hufschlag den König der Tiere getötet hatte. Da der Löwenschädel mit
dem eingeschlagenen Stirnbein gefunden wurde, ist an der Wahrheit des
Vorganges nicht zu zweifeln. Man kann daraus die ungeheure Kraft der
Hinterfüße der Einhufer erkennen. Denn der Löwenschädel ist besonders
hart.

Nach den Schilderungen mancher Reisenden sollen die Hengste gegen den
Bären aufgerichtet losgehen und ihn mit den Vorderhufen niedertrommeln.
Das werden jedenfalls nur Ausnahmefälle sein.

Der Durchschnittswolf wird ein Durchschnittspferd wohl überwältigen,
namentlich wenn es angespannt ist und sich nicht verteidigen kann.
Immerhin gibt es Pferde, die jeden Wolf in die Flucht schlagen. Ein
glaubwürdiger Bericht meldet sogar von einem Pferde, das gegen mehrere
Wölfe siegreich blieb. Er soll hier eine Stelle finden:

Wegen der Unsicherheit der Reisenden und der Fuhrleute während der
Zeit des ganz Deutschland verheerenden Dreißigjährigen Krieges
pflegten die Frachtfahrenden sich zahlreich zu vereinigen, um durch
gemeinschaftliche Wehr sich besser verteidigen zu können. Einer von
diesen Fuhrleuten hatte ein Pferd, das in allen Ställen Händel anfing,
um sich schlug und biß. Sein Herr selbst war nicht sicher dabei, und
hatte oft mit seinen Kameraden deshalb Ungelegenheit. Als einst dieser
vereinigt mit andern Fuhrleuten gegen Abend an einem Gebirge und hohlen
Wege von drei heißhungrigen Wölfen angefallen wurde, mit denen sie
lange zu streiten hatten, und die sich nicht ohne Beute abweisen lassen
wollten, wurden die Fuhrleute einig, dem erwähnten Fuhrmanne sein Pferd
zu bezahlen, um es den Wölfen preiszugeben. Dieser spannte es auch nach
dem Vergleich sofort aus. Die hungrigen Wölfe machten sich sogleich an
diese Beute, das Pferd aber schlug um sich, riß aus und ging waldein.
Die Fuhrleute eilten indes in Sicherheit und freuten sich, bei dieser
Gelegenheit ein unbändiges Roß aus ihrer Mitte entfernt zu sehen.

Abends, da sie in dem Wirtshaus zu Tische sitzen, klopft etwas an, und
da die Magd die Obertür aufmacht, reckt das Pferd den Kopf hinein. Die
Magd erschrickt, schreit überlaut und ruft die Fuhrleute herbei; diese
freuten sich sehr, den heldenmütigen Ueberwinder dreier Wölfe, zwar
sehr verletzt, aber doch seinem Herrn getreu zu erblicken. Sie vergaben
ihm von dieser Zeit an gern seine übrigen bisher verübten Unarten.

Die vorstehende Erzählung scheint deshalb glaubhaft zu sein, weil
gerade ein bissiges, unbändiges Pferd sich am besten gegen Raubtiere
verteidigen wird.

Als Feind der Pferde ist noch die Panik zu erwähnen, die angeblich
grundlos manche Herden halbwilder Pferde in Südamerika überfällt
und sie zu einer rasenden Flucht veranlaßt, wobei viele in Abgründe
stürzen. Wahrscheinlich ist diese Panik nur ein gemeinsames Durchgehen
der Herden und hat ihren Grund in Dingen, die unsern stumpfen Sinnen
entgehen.


65. Warum können Fohlen gleich auf den Beinen stehen?

Ein guter Bekannter hat uns die Erlaubnis erteilt, uns sein einige Tage
altes Fohlen anzusehen. Diese Gelegenheit wollen wir uns nicht entgehen
lassen.

Ein neugeborenes Fohlen ist, wie die meisten jungen Tiere, ein
allerliebstes Geschöpf. Es schaut noch so vertrauensvoll in die Welt
und ahnt noch nicht, was ihm alles droht. Es fällt uns besonders auf,
daß es schon laufen kann, sodann, daß es so lange Beine besitzt, und
schließlich sein wolliges Haar.

Warum liegen junge Hunde und Katzen wochenlang, ehe sie ordentlich
laufen können, während junge Pflanzenfresser, also Fohlen, Kälber,
Zicklein und Lämmer gleich auf den Beinen stehen können? Junge Hunde
und Katzen entwöhnt man gewöhnlich erst nach sechs Wochen.

Auch hier gibt uns wieder die Lebensweise der wilden Verwandten
Aufschluß.

Hunde und Katzen sind früher Raubtiere gewesen. Wer soll der
Wildhündin, die mit ihren Jungen in einer Höhle liegt, etwas Böses
antun? Aehnlich liegt die Sache bei der Wildkatze. Die Anzahl der
Feinde ist sehr klein, und die Gefahr, falls die Mutter anwesend ist,
sehr gering.

Ganz anders liegt die Sache bei den Pflanzenfressern. Zwar können
sich die meisten gegen schwache Feinde verteidigen, aber gegen große
Feinde sind sie machtlos. Gegen einen Löwen kann beispielsweise eine
Zebraherde nichts ausrichten.

Würden die Fohlen, Kälber und andere junge Pflanzenfresser ebenso
unbeholfen sein wie junge Hunde und Katzen, dann wären sie längst
ausgerottet.

Da die Pferde viel leichter flüchten als die wehrhaften Rinder, so
müssen die Fohlen bald nach der Geburt mit der Herde bereits wandern
können.

Jetzt verstehen wir die unverhältnismäßig langen Beine des Fohlens und
seine Fähigkeit, schon so jung laufen zu können.

Unser Bekannter, Herr Glänisch, erzählt uns noch allerlei von seinen
Pferden. So erfahren wir, daß die Stute 7 Jahre alt ist, wer der Vater
des Fohlens ist u. dgl.

Die Frage liegt nahe, weshalb bei den meisten Haustieren der Vater sich
nicht um die Aufzucht der Jungen kümmert.

Wir sehen in der Tierwelt, daß manche Väter sich aufopfern. So
schleppen manche Vogelmännchen von früh bis spät Futter für die
Jungen zu. Beispielsweise ist auch der Schwan ein guter Vater. Aber
Hahn, Erpel, Hund, Kater usw. denken wenig daran, sich um ihre
Nachkommenschaft zu kümmern.

Da bei den freilebenden Tieren, z. B. den so häßlichen Affen, die
Männchen außerordentlich gute Väter sind, so können wir nur folgendes
sagen: Die Natur arbeitet überall mit den einfachsten Mitteln. Wenn der
Vater nicht nötig ist, um die Jungen groß zu ziehen, so kümmert er sich
nicht um sie.

Bei uns Menschen ist die Hilfe des Vaters unbedingt erforderlich, um
die Kinder groß zu ziehen. Aber was bei den Menschen der Fall ist,
braucht noch nicht bei den Tieren zuzutreffen.

Herr Glänisch erzählt uns noch mancherlei von seinen Erlebnissen mit
Pferden. Er hält sie nicht für besonders klug. Beweisend ist für ihn
folgendes. Er war bei dem Brande eines Stalles zugegen und half, die
Pferde retten. Da geschah nun das Unglaubliche, daß die geretteten
Pferde in den Stall zurücklaufen wollten.

Wir wollen Herrn Glänisch nicht widersprechen, zumal wir uns
verabschieden müssen und keine Zeit zu einer Auseinandersetzung haben.
Aber die Sache liegt doch noch etwas anders. Wenn die klugen Menschen,
sobald ein Boot zu kippen beginnt, alle aufspringen und dadurch erst
das Boot zum Umschlagen bringen, dann fällt es niemand ein, den
Insassen wegen ihrer unbegreiflichen Dummheit Vorwürfe zu machen. Der
Mensch rettet sich bei Gefahr durch Aufspringen und Flüchten. Das ist
auf dem Lande richtig, aber grundverkehrt im Boote.

So begeht auch das Pferd genau dasselbe wie der Mensch. Es will sich
in Gefahr nicht trennen von seinen Kameraden, wie es das seit Urzeiten
getan hat. Das ist für uns sehr ärgerlich, aber vom Standpunkte des
Pferdes aus begreiflich.


66. Geschichten von Pferden.

Die Araber, die als die besten Pferdekenner gelten, haben eigentlich
nur Lobsprüche für das Pferd. Die Unterhaltung der Männer am
Lagerfeuer dreht sich fast ausschließlich um das Pferd, was nach
unsern Anschauungen etwas einseitig ist. Von den Lobeserhebungen der
Araber seien hier einige angeführt: »Sage mir nicht, daß dieses Tier
mein Pferd ist, sage, daß es mein Sohn ist. Es läuft schneller als der
Sturmwind, schneller noch als der Blick über die Ebene schweift. Es
versteht alles wie ein Sohn Adams, nur daß ihm die Sprache fehlt.«

Das sind natürlich unglaubliche Uebertreibungen, aber sie sind vom
Standpunkte eines Wüstenvolkes aus verständlich. Die arabische Wüste
wäre ohne das Pferd unbewohnbar. Ein arabisches Pferd kann ohne Wasser
zwei bis drei Tage laufen und begnügt sich erforderlichen Falls mit
Wüstengräsern.

Wie behandelt aber auch der Araber sein Pferd? Er schlägt es niemals
und bindet es niemals kurz an.

Alexander der Große ließ zu Ehren seines schon erwähnten Pferdes für
die ihm geleisteten treuen Dienste eine Stadt gründen. Er muß also sehr
hoch vom Pferde gedacht haben.

Bei uns nennt man einen dummen Menschen ein »Roß«. Vielfach hört man
die Ansicht: Das Pferd ist ein furchtbar dummes Geschöpf, nur hat es
ein vortreffliches Gedächtnis.

Es ist merkwürdig, daß ausgerechnet eine Dame, eine vortreffliche
Pferdekennerin, sehr vernünftige Ansichten über das Pferd geäußert
hat. Sie liebt die Pferde, aber sie beschönigt nicht, wie es andere
Pferdeliebhaber tun. Von ihren Schilderungen sei hier folgende
angeführt:

Eines meiner ersten Pferde war ein russischer Doppelpony, namens
Sascha, das ungezogenste Geschöpf, das man sich vorstellen kann. Da
er aber gleichzeitig bildschön und hervorragend klug war, konnte man
dem kleinen Kerl nicht böse sein. Im Stall hatte er so ziemlich alle
Untugenden, die bei Pferden vorkommen. Vorn biß er, hinten schlug
er aus; Anhängen war bei ihm ganz vergeblich, da er jedes Halfter
abstreifen konnte. Hatte man ihn in einem Laufstand untergebracht, so
war es für ihn ein Kinderspiel, die Türe zu öffnen. Ich beobachtete
ihn einmal, wie er den Riegel seiner Boxtür mit dem Maul zurückschob.
Darauf ging er zur Haferkiste. Diese öffnete er, indem er den Deckel
mit der Stirn hob und zurückwarf. Den Hafer ließ er sich dann recht gut
schmecken!

Beim Reiten versuchte Sascha so ziemlich alles, um seine eigenen Wege
gehen zu können. Sporenstiche wurden regelmäßig mit einem Biß in die
Füße beantwortet. Im Wagen war es seine Stärke umzudrehen, sobald er
genug hatte, und das war leider recht oft der Fall. Da er natürlich
bei solchen Gelegenheiten ordentliche Prügel bekam, so machte er diese
Versuche in der Folge immer an solchen Plätzen, wo man sich in einen
Kampf mit ihm nicht einlassen konnte. Mit wirklich teuflischer Bosheit
blieb er z. B. mitten im Trabe am Rande eines steilen Abhangs stehen
und war nicht mehr zu bewegen, einen Schritt vorwärts zu gehen. Er
stieg kerzengerade in die Höhe, bewegte sich nur mehr rückwärts und
brachte den Lenker damit in Gefahr, mitsamt dem Wagen in den Graben
zu stürzen. Einmal überschlug er sich nach rückwärts und fiel auf
mich in den Wagen. Sehr beliebt war auch das Stehenbleiben mitten am
Marktplatz oder sonst an einem belebten Ort, weil er wußte, daß man ihn
der Leute wegen nicht so streng bestrafen würde und er mich dadurch
besonders ärgern konnte. Es bedurfte eines Studiums, Sascha bei solchen
Gelegenheiten wieder in Bewegung zu setzen. Ich hatte mir mit der Zeit
seinen Tücken gegenüber eine solche Festigkeit angeeignet, daß Sascha
diese Witze nur mehr selten mit mir versuchte. Der Kutscher hingegen
brachte ihn oft nicht zwei Kilometer weit. Bei mir genügte es später,
daß ich ihm vor jeder Fahrt einen Stock zeigte, der mitgenommen wurde.
Dieser Stock mußte aber wirklich mit sein, sonst wurde er wieder frech.

Sascha war bei weitem das gescheiteste Pferd, das ich je gekannt. Nicht
nur, daß ich ihm Zirkuskunststücke, wie niederknieen, steigen, auf
den Hinterbeinen gehen im Handumdrehen beibringen konnte, er zeigte
auch seinen Verstand mehr als einmal in hinterlistigen, vollkommen
überlegten Handlungen. Zweimal versuchte Sascha sich durch Verstellung
vom Dienste zu befreien. Diese beiden Fälle sind durchaus wahr und
mehreren Zeugen bekannt.

Er sollte eines Tages für mich gesattelt werden; da kam der Reitknecht
und meldete, Sascha könne auf keinem Bein stehen, da er vollständig
lahm sei. Wir stürzten in den Stall und sahen den armen Sascha ganz
traurig und hilflos in seiner Box stehen, abwechselnd jedes Bein
schonend. Mit vieler Mühe zogen wir ihn heraus und brachten ihn in
die Reitbahn. Hier fiel er beinahe um. Wir schickten zum Tierarzt und
ließen den Pony, der sich anscheinend überhaupt nicht bewegen konnte,
allein in der Bahn zurück.

Nach einiger Zeit ging ich voll Sorge nach dem guten Sascha sehen.
Innerlich machte ich mir die bittersten Vorwürfe über die strenge
Behandlung, die ich ihm manchmal zuteil hatte werden lassen, und bat
ihm im stillen alles ab. Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als ich
mit wehmütigen Gefühlen die Bahntür öffnend, den todkranken Sascha ganz
fidel herumspringen sah! Nicht die leiseste Spur von einer Lahmheit
war mehr zu bemerken. Das Einfangen gestaltete sich zur wilden Jagd;
er schlug vorn und hinten aus und vier Personen arbeiteten im Schweiße
ihres Angesichts, um seiner habhaft zu werden. Die Absicht, sich durch
Vorschützen von Lahmheit dem Dienste zu entziehen, lag hier ganz klar
zutage. Ein späteres Vorkommnis bewies, daß wir uns in dieser Annahme
nicht getäuscht hatten.

Ich hatte mit meiner Gesellschafterin eine Schlittenfahrt unternommen.
Sascha schien übler Laune zu sein und nach etwa einer Stunde benützte
er die Gelegenheit, uns beim Passieren einer hohen Schneewehe
umzuwerfen. Nachdem ich mich aus den verschiedenen Decken, Kissen und
Fußsäcken herausgearbeitet hatte, sah ich den lieben Sascha im vollen
Galopp um die nächste Straßenecke verschwinden. Ich überließ die
wehklagende Gesellschafterin, der natürlich gerade so wenig zugestoßen
war wie mir, ihrem Schicksal und machte mich an die Verfolgung Saschas.

Es dauerte gar nicht lange, bis ich den Ausreißer wieder fand.
Bei einer scharfen Wegbiegung war Sascha offenbar gegen einen
Alleebaum angerannt und lag nun, alle Viere nach oben gestreckt, im
Straßengraben. Er rührte kein Glied, und ich befürchtete wirklich,
daß er tot sei. Als ich noch überlegte, was zu tun sei, kam Hilfe in
Gestalt eines Gendarmen, der zwei Handwerksburschen transportierte.
Freundlicher Weise stellte er sich und seine Gefangenen gleich zu
meiner Verfügung. Bei näherer Betrachtung Saschas meinte aber auch der
Gendarm, da sei nichts zu machen, denn das Tier habe sich das Genick
gebrochen. So ohne weiteres wollte ich das nach den bereits mit Sascha
gemachten Erfahrungen nicht glauben, und wir gingen daran, den Pony von
Geschirr und Schlitten zu befreien. Er rührte sich noch immer nicht,
hielt die Augen halb geschlossen; wenn man ihm ein Bein bewegte, fiel
es schlaff in die alte Lage zurück. Gendarm und »Schwerverbrecher«
ergingen sich in Mitleidsäußerungen über das »schöne tote Pferderl«.
Als ich die Vermutung aussprach, daß es sich um Verstellung handeln
könne, wurde das als gänzlich ausgeschlossen bezeichnet. Ich ließ mich
aber nicht irremachen, nahm Sascha beim Zügel, die beiden Gefangenen
-- die sich edler Weise während der ganzen Zeit eifrig am Rettungswerk
beteiligt hatten, statt, wie ich es an ihrer Stelle getan hätte, die
Gelegenheit zur Flucht zu benützen --, wurden angewiesen, den Pony am
Schwanz zu fassen. Der Gendarm zog an der Mähne und so mit vereinten
Kräften brachten wir den »Toten« wieder auf die Beine! Kaum zum Leben
erweckt, wollte Sascha sich schleunigst empfehlen. Dafür hatte ich
aber schon vorgesorgt und hielt den Zügel ordentlich fest. Es stellte
sich heraus, daß der Pony nicht die geringste Verletzung erlitten und
sich offenbar verstellt hatte. Er wollte, daß wir ihn von Geschirr und
Schlitten befreit liegen lassen sollten, worauf er dann den Heimweg,
auf eigene Faust angetreten hätte. Wie würde er sich über uns belustigt
haben!

Wer zuletzt lacht, lacht am besten, und das war in diesem Falle nicht
der schlaue Sascha. So gut es mit den beschädigten Sachen ging, spannte
ich wieder ein.

Die Gesellschafterin war inzwischen keuchend und jammernd eingetroffen.
Sie erklärte, sich dieser »lebensgefährlichen Bestie« nicht mehr
anvertrauen zu können, was mir weiter gar nicht viel Eindruck machte.
Ich stellte ihr anheim, entweder zwölf Kilometer im tiefen Schnee
zu Fuß zu gehen oder es noch einmal mit mir zu wagen. Sie wählte
schließlich das Zweite, und so fuhren wir heimwärts.

Der kleine Sascha war trotz seiner zahlreichen Untugenden zehn Jahre
lang mein besonderer Liebling. Auch der Umstand, daß er mich im Laufe
dieser Zeit elfmal biß, konnte ihm meine Zuneigung nicht rauben. Er
war ein so verständiges und kluges Tier und dabei äußerlich so hübsch,
daß ich ihm alles verzieh. Wer Sascha in seiner Box besuchte, ohne
seine Eigenart zu kennen, wurde rettungslos von ihm »apportiert«. Er
ließ solch einen ahnungslosen Besucher erst nahe kommen, dann stieg
er auf, schlug mit den Vorderhufen nach ihm und drängte ihn in eine
Ecke der Box. Hatte er ihn soweit, dann faßte er ihn mit den Zähnen
und schleppte ihn herum. Auch in der Schmiede war der kleine Kerl
gefürchtet, seit er eines Tages den Schmied beim Beschlagen hoch hob.

Sascha, der im allgemeinen durchaus kein scheues Pferd war, hatte
merkwürdiger Weise eine unüberwindliche Angst vor Schlittengeläute.
Als ich ihm das erstemal Schellen anlegte, gebärdete er sich ganz
verrückt. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, im Stall sowohl
wie im Freien, wendete ich keine weitere Gewalt an, weil ich das an und
für sich schon sehr reizbare Tier nicht noch verrückter machen wollte.
Da kam mein Bruder zu Besuch und meinte als Reiteroffizier, es sei
lächerlich, mit so einem kleinen Kerl nicht fertig zu werden, er würde
ihm die Schellen schon anziehen. Ich sagte ihm, er könne einen Versuch
machen, wenn er für den dabei entstehenden Schaden aufkommen wolle.

Sascha wurde mit verbundenen Augen an die Leine genommen und das
Geschirr mit den Glocken, denen man zuerst die Schwengel festgebunden
hatte, damit sie nicht läuten konnten, wurde ihm aufgelegt. Als das
getan war, befreite man Sascha von der Blende und ließ die Glocken
klingen. Wie wahnsinnig lief der Pony nun an der Leine im Kreise
herum. Wohl eine Stunde jagte er vollkommen toll dahin, bis man ihn
schaumbedeckt und atemlos endlich zum Stehen brachte. Nun dachte man,
er sei genügend erschöpft, um ihn an den Schlitten bringen zu können.
Sechs Mann spannten ihn ein, nachdem man vorsichtshalber das Geläute
abermals mit Tüchern umwickelt hatte, um den Schall zu dämpfen. Auf
jeder Seite hielten ihn zwei Mann, weitere zwei Mann waren zur etwaigen
Hilfeleistung bereit. Kaum hatte man das Geläute erklingen lassen,
schob Sascha mit unverminderter Vehemenz ab; es gab kein Halten. Der
Schlitten wurde total zertrümmert, vier Mann lagen am Boden und wurden
geschleift, und schließlich war man froh, als man durch schleuniges
Abnehmen des Geschirres der gefährlichen Geschichte ein Ende bereiten
konnte.

Sascha hat diese Scheu niemals überwunden, und dieses Ereignis blieb
unauslöschlich seinem Gedächtnis eingeprägt. In der Folge hatte er
nicht nur Angst vor Glockengeläute sondern auch jeder blaue Gegenstand
flößte ihm eine unbeschreibliche Furcht ein. Das Schlittengeläute war
nämlich mit zwei blauen Federbüschen verziert gewesen, und in Saschas
Gehirn waren offenbar die Begriffe der Gefährlichkeit von Glocken und
blauer Farbe jetzt vereinigt. Eine blaue Wagendecke durfte er nie zu
Gesicht bekommen, wollte man Unglücksfälle vermeiden; mit einem blauen
Kleid ließ er mich unter gar keinen Umständen in seine Box; noch viel
weniger konnte ich ihn mit einem Reitkleid dieser Farbe besteigen. Da
Schellengeläute im Winter polizeiliche Vorschrift ist, nahm ich stets
eine Glocke mit in den Schlitten und ließ sie nur, wenn durchaus nötig,
z. B. wenn ein Schutzmann in Sicht war, ertönen. Dies trieb Sascha dann
zwar zu sehr beschleunigten Gangarten, Unfälle konnten aber auf diese
Weise doch vermieden werden.

Ich glaube, daß Sascha, der einerseits ein außergewöhnlich gescheites
Tier war, doch in gewisser Hinsicht einen seelischen Mangel hatte. Es
war nicht alles Ungezogenheit bei ihm, manchmal schien er wirklich im
Gehirn nicht ganz in Ordnung zu sein. Besonders an sehr heißen Tagen
blieb er z. B. beim Reiten oder Fahren plötzlich stehen, schüttelte
mit dem Kopf und zeigte alle Zeichen von Dummkoller. Da er sich
gern verstellte, so war es schwer, eine etwaige Gehirnkrankheit von
einer Ungezogenheit zu unterscheiden. Mir war er gerade wegen dieser
Abweichung vom Standpunkte der Tierseelenkunde aus wertvoll. Ich
rechnete stets mit seiner Veranlagung und verzieh ihm aus diesem Grunde
viel.

Seine krankhafte Abneigung gegen blaue Farben und Glocken hat er in den
zehn Jahren seines Hierseins nie abgelegt, obwohl er sonst in seinen
alten Tagen braver und ruhiger geworden war. Auch meine Versuche,
ihn im Stall an diese Gegenstände zu gewöhnen, blieben erfolglos.
Er hungerte lieber drei Tage, als daß er an die Krippe, vor welcher
ein Geläute oder ein blaues Tuch befestigt war, heranging. Bei einem
Pferd, das weder Eisenbahn noch Dampfstraßenbahn, noch Militärmusik,
noch Schießen fürchtete, kann eine derartig unüberwindliche Angst
vor an sich harmlosen Scheugegenständen wohl nur auf ungewöhnlicher
Veranlagung beruhen.

Als Beispiel von Saschas Klugheit möchte ich noch erwähnen, daß er
entgegenkommenden Fuhrwerken immer von selbst richtig auswich, und
dies ist hier an der österreichischen Grenze keine Kleinigkeit. In
Oesterreich wird links, hier in Deutschland rechts ausgewichen; die
Salachbrücke bildet die Grenze. Sascha irrte sich nie und wechselte
regelmäßig in der Mitte der Brücke das Ausweichsystem. Ich konnte
ihm ganz ruhig die Zügel auf den Rücken legen, er hielt stets die
richtige Straßenseite ein. Die Salzburger Droschkenkutscher, die mit
Vorliebe in Bayern falsch ausweichen, hätten sich ein Beispiel an
Sascha nehmen können. Begegnete Sascha einem falsch ausweichenden
Wagen, so ließ er sich durchaus nicht irremachen, und wartete auf
der richtigen Straßenseite ruhig ab, bis ihm Platz gemacht war. Man
sollte glauben, daß gerade hier, wo ein Pferd sehr viel in Bayern, dann
wieder häufig in Oesterreich gefahren wird, es durch die verschiedenen
Ausweichsysteme verwirrt gemacht werden müßte. Bei Sascha war dies
nicht der Fall, und ich gewann von ungläubigen Bekannten mehrere Wetten
in dieser Angelegenheit. --

Die vorstehende Schilderung der vortrefflichen Pferdekennerin bestätigt
das früher Gesagte, daß männliche Pferde mit dem Gebiß und den
Vorderhufen kämpfen im Gegensatz zu den Stuten.

Höchst unwahrscheinlich klingt die Geschichte von dem richtigen
Ausweichen des Pferdes. In der Lebensgeschichte berühmter Gelehrter
lesen wir, daß sie als Freiwillige niemals rechts- und linksum
unterscheiden lernten. Hier wird von einem Pferde berichtet, daß es
in Deutschland und Oesterreich stets richtig auswich, obwohl das
Ausweichen in beiden Ländern verschieden ist. Ich kann mir kein Urteil
darüber erlauben, ob das wahr ist. Es ist hierbei selbstverständliche
Voraussetzung, daß stets über dieselbe Brücke gefahren wurde. Da die
Dame in ihrem Buche einen in jeder Hinsicht glaubwürdigen Eindruck
macht, so finde ich als einzigen Ausweg die Tatsache, daß die Tiere zum
Raume in einem ganz anderen Verhältnis stehen als der Mensch. Tiere
finden sich im Raume leichter zurecht als wir, wie ihr Ortssinn beweist.

Selbst diese vortreffliche Tierkennerin hält ein Pferd für
geisteskrank, weil es nicht mit Schellengeläut laufen will. Kann es
denn nicht begründete Ursache zu seinem Verhalten haben? Man nehme
einmal an, daß Sascha früher in Rußland bei einer Schlittenfahrt einen
Ueberfall durch eine Räuberbande oder durch Wölfe erlebte. Hierbei
wurde sein Herr oder der Kutscher oder ein Nebenpferd getötet, und er
selbst nur durch Zufall gerettet. Ist es nun nicht ganz natürlich, daß
ein Pferd bei seinem guten Gedächtnis ein solches Erlebnis nicht wieder
vergißt?

Schaffen wir Menschen nicht alle Gegenstände fort, die uns an höchst
unangenehme Vorkommnisse erinnern? Die meisten Menschen werden
überhaupt sofort verstimmt, sobald das Gespräch auf Dinge stößt, die
ihnen verdrießliche Sachen ins Gedächtnis zurückrufen.

Man hat dem Pferde mit Gewalt seine Abneigung gegen das Schellengeläute
austreiben wollen. Hierbei hat es stundenlang in seinem verzweifelten
Widerstand die blaue Farbe vor Augen gehabt. In der Folgezeit erinnerte
es die blaue Farbe an das Schellengeläute, und das Schellengeläute
wiederum an das furchtbare Ereignis. Auch das kann man nicht
unbegreiflich finden.

Sascha hat sich durch Verstellung und Widerstand von der Arbeit
gedrückt, wenn sie ihm nicht mehr paßte. Wir Menschen haben unsere
menschlichen Interessen wahrzunehmen gegenüber den Haustieren, die wir
füttern. Deshalb halten wir uns für berechtigt, ihren Widerstand zur
Arbeit durch uns zugängliche Mittel zu brechen, also durch Peitsche und
Sporen bei Pferden. Das ist alles ganz klar.

Eine ganz andere Frage ist es, ob ich ein Haustier, das sich der
Arbeit entziehen will, deshalb für dumm halten muß. Da ich noch keinen
Menschen angetroffen habe, der das Sichdrücken von der Arbeit für ein
Zeichen von Dummheit angesehen hat -- eher das Gegenteil --, so kann
ich also ein Tier nicht deshalb für töricht halten, weil sein Verhalten
uns Unannehmlichkeiten bereitet.

Aus dem Vorstehenden ist ersichtlich, daß gute Tierkenner sehr leicht
zu einem ganz verschiedenen Urteil gelangen. Die Dame, die sich ihr
Leben lang mit Pferden beschäftigt hat, hält ihren Liebling für
teilweise geisteskrank und gibt die Gründe hierfür an. Ich glaube, daß
meine Bücher gezeigt haben, daß ich auch eine Kleinigkeit von Tieren
verstehe. Ich muß gestehen, daß ich keine Spur von Geisteskrankheit
entdecken kann und Sascha für ein ungewöhnlich kluges Tier halte.


67. Ueber richtige Behandlung der Pferde.

Es ist betrübend, daß erst eine Dame kommen und uns Männern so
verständige Worte über die richtige Behandlung der Pferde sagen mußte.

Die im vorigen Kapitel erwähnte vortreffliche Pferdekennerin gehört zu
den wenigen, die den äußerst feinen Geruch der Pferde oft hervorheben.
Als große Tierfreundin hielt sie sich allerlei Getier, darunter auch
eine zahme Löwin. Hierbei konnte sie täglich beobachten, daß die Löwen
wie alle Katzen ausgezeichnet sehen, Pferde dagegen vortrefflich
riechen können.

Mit Vorliebe kaufte sie solche Pferde, die andere Menschen für
vollkommen unbrauchbar erklärten und deshalb los sein wollten. Sie
sagte sich mit Recht, daß die Pferde schon ihren Grund zu ihrem
Verhalten haben werden. Sobald sie diesen Grund herausgefunden hatte,
konnte sie das Tier wie jedes andere gebrauchen. Nur mußte sie auf die
bestimmte Eigenart Rücksicht nehmen.

Ihre Erfahrungen auf diesem Gebiete sind sehr lehrreich und so sollen
einige hier ihre Stelle finden:

Als ich eine neugekaufte Stute das erstemal ritt, machte sie,
neben anderen Unarten, auch ganz plötzlich kehrt in der Nähe eines
Wirtshauses. Da dort ein Planwagen stand, so glaubte ich, dieser sei
die Ursache ihrer Furcht gewesen. In der Folge bemerkte ich aber,
daß ihr derartige Wagen, die ihr auf der Straße begegneten, ganz
gleichgültig waren, während sie sich einzelnen Häusern, besonders
Gasthäusern, mit allen Anzeichen der Furcht näherte, auch wenn
keinerlei Gegenstände, vor denen Pferde scheuen, dort zu sehen waren.
Sie machte plötzlich Kehrt und warf sich mit solcher Schnelligkeit auf
den Hinterfüßen herum, daß ich mich sehr in acht nehmen mußte nicht
herunterzufliegen. Nur nach langem Kampf konnte man sie an einzelnen
Stellen vorbeibringen.

Es bedurfte einer längeren Untersuchung, um herauszufinden, was
die eigentliche Ursache ihrer Furcht und der damit verbundenen
Widersetzlichkeit war. Schließlich stellte ich fest, daß die Stute
eine wahnsinnige Angst vor Blutgeruch hatte. Auf dem Land wird in
den meisten Gasthäusern geschlachtet, und diesen näherte sich die
Stute stets mit allen Anzeichen der Furcht. Schon von weitem begann
sie zu schnauben und zu pusten und fing mit ihrer Widersetzlichkeit
an, um sich, wenn irgend möglich, das Vorbeigehen am Wirtshaus zu
ersparen. Als ich sie einmal in einem solchen einstellte, wollte mir
der Hausknecht beim Absatteln behilflich sein. Die Stute wurde ganz
toll vor Angst, als der Mann, der, wie er mir dann sagte, kurz vorher
beim Schlachten beschäftigt gewesen war, sich ihr näherte. Sie wäre mir
bei dieser Gelegenheit fast davongelaufen; ich hatte alle Mühe sie zu
halten.

Ich wollte nun feststellen, warum dieses Pferd eine derartig
außergewöhnliche Angst vor Schlachthäusern hatte, und schließlich
konnte ich den Grund herausfinden. Der Stute war seinerzeit bei
einem Metzger der Schwanz gekürzt worden, und die Erinnerung an die
Verstümmelung blieb für sie unauslöschlich mit Schlachthausgeruch
verbunden. Erinnerungsvermögen und Geruchssinn sind beim Pferde
hochentwickelt.

Der Widerstand dieser Stute beruhte also keineswegs auf Bosheit,
sondern lediglich auf Furcht. Menschen, die der Sache nicht auf den
Grund gegangen wären, hätten das arme Tier natürlich als vollkommen
störrisch betrachtet, wenn es ohne anscheinende Ursache sich weigerte,
an gewissen Stellen vorbeizugehen. Tiere tun selten etwas ohne Grund;
bemüht man sich ein wenig sie zu verstehen, ihnen zu folgen, so wird
man meist einen, von ihrem Standpunkte aus gesehen, triftigen Grund für
ihre Handlungsweise feststellen. Viele Menschen finden dies aber nicht
der Mühe wert, sie fertigen derartige Tiere nur mit den Worten ab: »Der
dumme Bock scheut vor allem.« Dumm braucht das Tier deshalb noch nicht
zu sein. Wenn es mit einem Gegenstand einmal schlechte Erfahrungen
gemacht hat, so ist es ganz natürlich, daß es sich auch in Zukunft
vor demselben fürchtet, denn die Fähigkeit, logisch zu denken, geht
ihnen ab. Sache des Menschen ist es, das Tier in solchen Fällen durch
geeignete Mittel von der Grundlosigkeit seiner Furcht zu überzeugen,
ihm Vertrauen und Mut einzuflößen.

Bei dieser Stute schien die Nase ganz besonders entwickelt gewesen zu
sein. Alle Ursache ihres Scheuens konnte man auf irgendwelche Witterung
zurückführen.

Einmal machte sie mir mitten auf der Landstraße ohne jeden Anlaß
kurz kehrt, und da ich genau wußte, daß in der ganzen Gegend kein
Gasthaus und keine Metzgerei vorhanden waren, mußte diese scheinbare
Ungezogenheit auf anderen Gründen beruhen. Weit und breit war nichts zu
sehen; ich zweifelte aber trotzdem nicht, daß meine Stute irgend etwas
bemerkt hatte, was menschlichen Sinnen eben nicht wahrnehmbar ist.
Ich zwang sie weiter zu gehen. Durch ein Nachgeben in solchen Fällen
würde das Pferd selbstverständlich verdorben werden. Es würde später
im Gefühle seiner Macht auch aus anderen Gründen als dem der Furcht
kehrtmachen. Das Tier muß sich also stets bewußt sein, daß es eine
Auflehnung gegen den Willen seines Herrn nicht gibt. Hat man in einem
solchen Kampf einmal den Kürzeren gezogen, so kann die Mühe von Wochen
umsonst sein, und die Dressur muß von neuem beginnen. Es gilt dies
nicht bloß vom Umgang mit Pferden, sondern von allen Tieren.

Ich war also etwa 300 Meter weiter geritten, als ich bei einer
Wegbiegung am Rande eines Waldes eine Zigeunergesellschaft mit Bären
und Kamelen lagern sah. Nun war das Benehmen meiner Stute schon erklärt.

Die Furcht vor Raubtieren ist dem Pferde gleich allen anderen
Geschöpfen eigen, und die Natur hat ihm die feine Nase und die
Schnelligkeit verliehen, um diese Gefahren zu wittern und ihnen zu
entfliehen. Es lag also auch in diesem Fall eine von seinem Standpunkt
aus ganz verständliche Handlungsweise vor.

Die Scheu vor Raubtieren konnte ich ja bei meinen Pferden am besten
beobachten. Ging ich in den Stall, nachdem ich kurz vorher meine
zahme Löwin gestreichelt hatte, so nahmen meine Pferde keinen Zucker
aus meiner Hand. Unter Schnauben und Pusten zogen sie sich in die
entfernteste Ecke ihrer Box zurück.

       *       *       *       *       *

Alles, was die Dame hier von der Behandlung der Pferde gesagt hat,
kann man nur unterschreiben. Zur Bestätigung ihrer Angaben von dem
feinen Geruch der Pferde und ihrer Furcht vor Blut und Raubtieren sei
folgendes angeführt.

In heißen Ländern sind Reiter oft durch ihr Pferd vor dem Tode des
Verdurstens gerettet worden. Es fand nämlich durch seinen feinen Geruch
verborgenes Wasser, das der stumpfen menschlichen Nase vollkommen
entgangen war.

Ein Bekannter von mir, ein vorzüglicher Reiter, kommt nach Hause
geritten und wird von dem sonst ruhigen Pferde um ein Haar aus dem
Sattel geschleudert, da es urplötzlich davonstürmt. Er geht der
Sache auf den Grund und stellt fest, daß in seiner Abwesenheit eine
Zigeunerbande mit einem Bären auf dem Gehöft geweilt hatte.

Etwas Aehnliches ereignete sich vor vielen Jahren auf einer Fähre. Ein
sonst frommes Pferd will plötzlich auf der Fähre mit dem Wagen und
seinen Insassen in den breiten Strom springen. Nur mit Mühe kann ein
gräßliches Unglück vermieden werden. Auch hier wird festgestellt, daß
eine Zigeunerbande mit Bären und Kamel vorher die Fähre benutzt hatte.

Man ersieht hieraus, wie notwendig es ist, daß die Fähre, wenn sie
Raubtiere übergesetzt hat, gereinigt oder doch mit Wasser übergossen
wird. Wenigstens muß es an den Stellen geschehen, wo die Tiere gelegen
haben.


68. Die geistigen Fähigkeiten der Tiere.

Wir haben jetzt eingesehen, wie außerordentlich schwierig es ist,
die geistigen Fähigkeiten der Tiere zu beurteilen. Die Tierliebhaber
erheben sie in den Himmel, während die Gegner die Tiere nur als
Maschinen betrachten. Als im Jahre 1904 der sogenannte »kluge Hans«
vorgeführt wurde, glaubten viele Berliner, die sich das Pferd des
Herrn von Osten angesehen hatten, daß ein Pferd sich durch geeigneten
Unterricht, wie ihn Herr von Osten erteilt hatte, die Kenntnisse eines
zwölfjährigen Knaben, namentlich aber Lesen und Rechnen, aneignen kann.

Nehmen wir einen Fall, wie er sich in Wirklichkeit unzählige Male
ereignet hat. Wir haben uns vollständig verirrt. Der Kutscher weiß
nicht mehr, wo der richtige Weg ist. Es wird dunkel, und wir fangen an
zu frieren. Niemand ist weit und breit, den wir nach dem Wege fragen
könnten. Da macht der Kutscher es, wie es so oft schon geschehen ist,
-- er überläßt dem Pferde die Führung. Und das Pferd schlägt ohne
Besinnen einen Weg ein, der uns in stockdunkler Nacht nach unserm Ziele
bringt.

Oder wir wollen an den vorher erwähnten Reiter denken, der, von Durst
gemartert, schon zu phantasieren beginnt und die Zügel nicht mehr
halten kann. Da fängt sein Pferd plötzlich an, im Sande zu scharren,
und nach kurzer Zeit ist eine unterirdische Quelle freigelegt.

Oder ein Jäger hat bei Eintritt der Dämmerung einen Rehbock geschossen.
Er hat keine Zeit, den nächsten Morgen abzuwarten. Deshalb holt er
seinen Hund und wartet zunächst die Zeit ab, die nach solchen Schüssen
üblich ist. Inzwischen ist es so dunkel geworden, daß man nicht mehr
die Hand vor Augen sehen kann. Der Jäger braucht also eine Laterne, um
überhaupt die Stelle wiederzufinden, wo der Rehbock gestanden hat. Auf
diese Anschußstelle führt er den Hund. Dieser läuft mit gesenkter Nase
der Fährte nach. Es dauert nicht lange, so hört der Jäger das Gebell
seines Hundes, das ihm anzeigt, daß er den Bock gefunden hat. Wo der
Mensch nichts sah, findet der Hund einen geschossenen Rehbock.

Kann man es im Ernste einfachen Leuten verdenken, daß sie, wenn sie
solche Sachen erlebt haben oder täglich erleben, von der Klugheit
der Tiere schwärmen? Die Gegner haben ja natürlich darin durchaus
recht, daß die Tiere diese Leistungen nicht auf Grund geistiger Gaben
verrichten. Der Hund findet den Rehbock in der dunklen Nacht, weil
seine Augen in der Dunkelheit viel besser sehen können als die des
Menschen, und weil sein Geruchssinn ganz unabhängig davon ist, ob
es hell oder dunkel ist. Das Pferd findet das unterirdische Wasser
ebenfalls durch die feine Nase und den Weg nach dem Ziele durch seinen
Ortssinn. Ebenso ist das Pferd nicht deshalb sehr klug, weil es sich
von einer Fata morgana, dem Spiegelbilde einer Oase, in der Wüste
nicht täuschen läßt, wie es den Menschen passiert. Das Pferd als
Nasentier traut seinen Augen überhaupt nicht, und für die Nase ist das
Spiegelbild gleichgültig.

Führen wir noch weitere Fälle an, die hierhin gehören:

Ich nehme ein junges Kätzchen und setze es auf eine Tischplatte. Ich
kann ganz unbesorgt sein -- das erst einige Wochen alte Tier fällt
nicht hinunter.

Oder ich nehme es an das offene Fenster. Es wird ebenfalls nicht
hinunterfallen, während man Kindern fortwährend zurufen muß: Nehmt euch
in acht, damit ihr nicht hinunterfallt!

Jetzt setze ich das Kätzchen auf eine Holzplatte und stelle die Platte
schräg. Sofort bringt es seine Krallen zum Vorschein und hält sich fest.

Wie oft fliegen Vögel, wenn sie ein böser Bube ausnehmen will,
sofort ohne jeden Unterricht aus dem Neste! Ich zog einmal einen
jungen Kuckuck groß, der in einem Bauer stak. Er hatte noch niemals
Flugversuche gemacht. Eines Tages flog er vom Tische in dem Garten, wo
ich ihn fütterte, tadellos nach dem nächsten Baum und setzte sich auf
einen Ast.

Wenn man sich die Schwierigkeit des Fliegens vorstellt, dann muß man
staunen, daß ein Tier ohne jede Anleitung sofort alles richtig macht.
Abfliegen, Fliegen, Anhalten, Sichsetzen auf den Ast. Niemand konnte
dem Kuckuck ansehen, daß er das alles zum ersten Male macht.

Solche äußerst zweckmäßigen Handlungen sehen wir bei den Tieren in
zahlloser Menge. Sie erkennen ihre Feinde, wissen die passende Nahrung,
vermeiden giftige Stoffe, suchen Heilpflanzen auf, wandern zur rechten
Zeit, wissen den Gefahren der Witterung zu entgehen usw. So nahmen
Krähen, die der Jäger durch Phosphorpillen vernichten wollte, als
Gegenmittel Ebereschenbeeren und wurden dadurch wieder gesund. Wo
der Mensch Unterricht und Belehrung braucht, Aerzte aufsuchen muß
und tausend andere Schwierigkeiten überwinden muß, um sein Leben
durchzuführen, können wir bei den Tieren nichts Derartiges beobachten.
Und trotzdem leben sie doch. Ja, die Tiere in der Freiheit leben sogar
viel gesünder als unsere Haustiere.

Wie sollen wir uns das, was sich alltäglich vor unseren Augen abspielt,
erklären?


69. Was verstehen wir unter »Instinkt« bei den Tieren?

Weil wir für die zuletzt genannten Handlungen keine Erklärung finden
können, so haben wir uns darüber geeinigt, daß wir als Grund für diese
unbewußt zweckmäßige Handlungsweise den »Instinkt« angeben.

Der große Naturforscher Darwin hat den Instinkt in folgender Weise zu
erklären versucht. Er behauptet, daß die zweckmäßige Handlungsweise
vor Urzeiten von einem Vorfahren zufälligerweise angewendet wurde. Da
sich die Handlungsweise als zweckmäßig erwies, so kam das Tier dadurch
in einen Vorteil vor seinen Artgenossen. Es vererbte seine zweckmäßige
Handlungsweise auf seine Nachkommen.

Diese Erklärung ist sehr gelehrt, ist aber mit den Tatsachen durchaus
unvereinbar. Elefantenherden überschreiten die Gebirge an den
günstigsten Stellen, so daß sie seit Urzeiten für die Menschen als
Lehrmeister im Wegebau dienen. Genau so ist der Eisbär in unwegsamen
Polarländern der Wegweiser für Polarreisende. Wir können uns keine
Vorstellung davon machen, woran ein Elefant bei einem riesigen Gebirge
den zum Ueberschreiten günstigsten Paß erkennt. Sein Auge ist obendrein
auffallend schwach, und sein feiner Geruch kann ihm am Fuße eines
Gebirgsstocks ebenfalls nichts nützen.

Elefanten bleiben stets in Herden. Es ist also ausgeschlossen, daß ein
einzelner Elefant durch Zufall die Uebergangsstelle gefunden hat.

Wäre der Instinkt eine vererbte Fähigkeit, so müßte sie versagen,
sobald neue, ungewohnte Verhältnisse vorliegen. Ist das der Fall?

In der Wirklichkeit ist davon nichts zu merken. Im achtzehnten
Jahrhundert hat ein Sonderling in der Nähe von Kassel eine Affenkolonie
gegründet. Diese Tiere bewegten sich vollkommen frei und gediehen trotz
unserer kalten Winter prächtig.

Wir müssen unsere Kinder immer wieder warnen, daß sie keine unbekannten
Früchte oder Beeren essen. Trotzdem kommen alljährlich Vergiftungsfälle
vor. Woher wußten nun die Affen, welche Beeren und Früchte für sie
bekömmlich waren oder nicht? Sie stammten aus Afrika, und ihr vererbtes
Wissen konnte ihnen in Deutschland doch nichts nützen.

Früher gab es kein Saccharin und keine Kunstwaben. Wenn der Instinkt
auf Vererbung beruht, so müßten die Bienen dem Saccharin und den
Kunstwaben ratlos gegenüberstehen. Das Gegenteil ist eingetreten, wie
die Bienenzüchter übereinstimmend bekunden. Alle Bienen haben das
Saccharin abgelehnt, und alle haben die Kunstwaben benützt. Die Sache
mit dem Saccharin können wir uns zur Not erklären. Der Süßstoff hat
den feinriechenden Bienen übel gerochen. Aber weshalb alle Bienen die
Kunstwaben angenommen haben, bleibt ein vollkommenes Rätsel.

Wir müssen uns also bescheiden und offen zugeben, daß wir vorläufig für
den Instinkt keine zufriedenstellende Erklärung geben können.

Auch bei uns Menschen spielt der Instinkt eine weit größere Rolle,
als man gewöhnlich annimmt. Insbesondere lassen sich Frauen von ihren
Instinkten in vielen Fällen leiten. Es kommt oft vor, daß eine Frau
erklärt, wenn ihr Mann einen Bekannten einführt: »Schaffe mir diesen
Menschen aus den Augen -- ich kann ihn nicht leiden!« Einen Grund für
diese Abneigung kann sie nicht angeben, aber sie verläßt sich auf ihren
Instinkt.

Vielleicht ist unser Erstaunen über die durch den Instinkt veranlaßten
zweckmäßigen Handlungen ganz unbegründet. Denn das Leben wäre kein
Leben, wenn ein freilebendes Tier nicht seine Feinde und seine Nahrung
kennen würde, schwimmen könnte usw. Diese Fähigkeiten gehören also zum
Begriffe des Lebens. Sie verschwinden da, wo sie zum Leben nicht mehr
erforderlich sind, beispielsweise bei den Haustieren und Menschen. Der
Mensch kann durch sein Gehirn die meisten Instinkte ersetzen.

Hiernach müßten wir uns nicht über die Instinkte der Tiere wundern,
sondern darüber, daß wir als Menschen so wenige haben.


70. Das Gedächtnis des Pferdes.

Jeder Kutscher wird uns bestätigen, daß Pferde ein ausgezeichnetes
Gedächtnis besitzen. Selbst in der Großstadt kann man solche Leistungen
bewundern. So war vor dem Weltkriege unser Brotkutscher einmal erkrankt
und hatte nach Art dieser Leute kein Verzeichnis seiner Kunden. Da riet
er, einen Mann auf den Bock zu setzen und in jedem Hause, wo das Pferd
anhielt, nach dem Kunden zu fragen. So erhielten sämtliche Kunden ihr
Brot.

Das Gedächtnis der Tiere ist vielfach besser als das des Menschen.
Schon im Altertum hat man das gewußt. Denn der Held Odysseus,
der nach 20 Jahren in seine Heimat zurückkehrt, wird von keinem
Menschen wiedererkannt, nur von seinem treuen Hunde. Wenn man auf
einem langgestreckten Jagdrevier die geschossenen Hasen nicht alle
mitschleppen will, sondern in ein Gebüsch steckt, um sie bei der
Rückkehr mitzunehmen, so ist der Jäger abends oft im Zweifel, ob und
wo er morgens einen Hasen versteckt hat. Der Hund dagegen weiß immer
Bescheid. Das Gedächtnis kann also keine geistige Gabe sein, sonst
könnte sie beim Tiere nicht stärker entwickelt sein als beim Menschen.
Da auch Kinder ein besseres Gedächtnis haben als der Erwachsene, so
geht auch hieraus hervor, daß es sich um keine geistige Fähigkeit
handelt.

Das Tier hat aber ein hervorragendes Gedächtnis nur für Dinge, die es
interessieren. Die rechnenden Pferde in Berlin und Elberfeld waren
insofern Ausnahmeerscheinungen, als sie sich für Sachen interessierten,
die einem Pferde sonst ganz fernliegen, nämlich Lesen, Schreiben und
Rechnen. Von einem wirklichen Verstehen unserer Sprache, sowie von
einem wirklichen Rechnen kann natürlich keine Rede sein. Vielmehr
hatten sich die Pferde vermittels ihres vortrefflichen Gedächtnisses
gemerkt, was sie auf gewisse Laute für Hufbewegungen zu machen hatten.
Der sogenannte kluge Hans in Berlin klopfte also neunmal mit dem Hufe
auf, wenn sein Lehrmeister, Herr von Osten, ihn fragte: Wieviel ist 7
und 2? Er hatte die richtige Antwort in mehrjährigem Unterricht so oft
gehört, daß er die Frage spielend leicht beantworten konnte.

Neuerdings sind in Stuttgart Versuche über die geistigen Fähigkeiten
der Hunde angestellt worden, woraus sich ergibt, daß Hunde trotz ihres
schwachen Gesichts die Anzahl von Gegenständen schneller erfassen als
der Mensch. Das halte ich für durchaus möglich. Es ist für den Wolf,
den Fuchs und andere hundeartige Tiere von großer Bedeutung, die
Anzahl der Pflanzenfresser, also die Zahl der zu einem Rudel gehörigen
Hirsche, die Zahl der Küchlein bei einer Wildente und in ähnlichen
Fällen genau zu wissen. Was dagegen sonst von den Aussprüchen der
ihre Ansicht klopfenden Hunde mitgeteilt wird, steht in völligstem
Widerspruch mit unseren bisherigen Anschauungen über die geistigen
Fähigkeiten der Tiere. Man wird daher erst abwarten müssen, um die
Ergebnisse nachzuprüfen. Vorher kann man zu ihnen keine Stellung nehmen.

Es ist klar, daß ein Pferd, das neunmal klopft, auf die Frage 7 und
2, deshalb noch nicht rechnen kann. Denn die Zahlen 7 und 2 sind
abstrakte, d. h. gedachte Begriffe. Es ist schon zweifelhaft, ob ein
Tier anschauliche Begriffe versteht, z. B. den Begriff Hund, Pferd
usw. Diese Frage wird man wohl bejahen können. Dagegen haben wir
nirgends den geringsten Anlaß, um anzunehmen, daß ein Tier für gedachte
Begriffe Verständnis besitzt.

Das Tier kann also die Zahlen klopfen, wie ein Kind ein Wort
nachplappert. Aber von einem Verständnis hierfür sind beide weit
entfernt.

Menschen, die über solche Sachen nicht nachgedacht haben, verfallen
leicht in die merkwürdigsten Irrtümer.


71. Das Verständnis des Pferdes für Kommandoworte.

Ein lehrreicher Versuch wurde vor dem Kriege mit Militärpferden
angestellt. Jeder Kavallerist schwört darauf, daß die Pferde die
Signale verstehen. Weiß er doch, daß sie die nötigen Bewegungen viel
richtiger ausführen, wenn er das Tier sich allein überläßt, als wenn er
es lenkt.

Da von Gelehrten diese Angaben bezweifelt wurden, so sollte durch eine
Prüfung Klarheit in die Angelegenheit gebracht werden. Den Reitern
wurde aufs strengste befohlen, sich jeder Einwirkung auf das Pferd zu
enthalten. -- Die Signale erklangen, und die Pferde rührten sich nicht
von der Stelle. Folglich, so schlossen die Gelehrten, verstehen die
Pferde nichts von den Signalen.

Die Sache liegt in Wirklichkeit etwas anders. Sowohl der Kavallerist
irrt, als auch der Gelehrte irrt.

Das Pferd weiß, daß, wenn ein bestimmtes Signal ertönt *und sein Reiter
gewisse Einwirkungen ausübt*, es bestimmte Bewegungen machen soll.
Bleibt jedoch bei dem ihm bekannten Signal der Reiter wie ein Mehlsack
sitzen, so wird das Pferd irre und weiß nicht, was es tun soll.

Der Kavallerist irrt also insofern, als er glaubt, das Pferd verstünde
das Signal als solches oder überhaupt einen Zuruf als solchen. Der Hund
versteht doch auch die Worte nicht als solche. Wenn ich ihm zurufe
»Komm!«, so kommt er nicht, weil er das Wort »Kommen« versteht. Er weiß
nur, daß, wenn er einen ganz bestimmten Laut hört, so soll er kommen.
Was das Wort bedeutet, weiß er nicht. Man kann deshalb einen deutschen
Hund mit französischen und englischen Wörtern dressieren und tut es
auch. Man denke an Apport, down (daun) usw. Ein Irrtum aber ist es zu
sagen, es genügen die Vokale des Befehls für den Hund. Die Sachlage ist
folgende. Der Hund in einer Familie hört einen Befehl, beispielsweise
»Peter, mach' schön!« von den einzelnen Familienmitgliedern ganz
verschieden ausgesprochen. Deshalb genügen die Vokale, um ihn zur
Ausführung des Befehls zu veranlassen. Hat der Hund jedoch nur einen
einzigen Herrn, so sind die Vokale gewöhnlich nicht ausreichend.

Weil das Pferd von der Bedeutung des Signals ebenfalls keine Ahnung
hat, so glaubt es, daß es auf Signal *und* Einwirkung des Reiters sich
bewegen müßte.

Die Gelehrten irren, wenn sie glauben, daß das Pferd gar kein
Verständnis für das Signal besäße. Wo kein Reiter oder Kutscher ist,
versteht das Pferd die Signale ausgezeichnet. Dafür kann man unzählige
Beweise anführen. Hierfür dürfte nachstehender genügen. Alltäglich
kann man auf dem Lande sehen, daß ein Landmann Dung ausbreitet. Hat er
die genügende Menge auf eine bestimmte Stelle gebracht, so ruft er dem
Pferde zu, daß es vorwärts gehen solle. Noch niemals habe ich erlebt,
das ein Pferd das nicht verstanden hätte. Hier weiß das Pferd, daß es
allein auf den Zuruf ziehen soll, denn der Lenker steht ja fern vom
Wagen. Den Inhalt des Zurufes versteht es natürlich nicht.

Wir sehen also, daß es ungeheuer schwierig ist, über die geistigen
Gaben der Tiere ein Urteil abzugeben. Die Tiere sind uns durch manche
Sinne und ihre Instinkte überlegen. Hieraus erklärt es sich, daß die
einfachen Leute zu den Tieren, als zu ihren Lehrmeistern, emporsehen.
Dagegen sind solche zweckmäßige Handlungen, die auf Grund einer
wirklichen Ueberlegung erfolgen, bei Tieren sehr selten anzutreffen.
Ja, man möchte bezweifeln, ob sie überhaupt vorkommen.

Das im Kampf ums Dasein stehende Tier hat ja auch keine Zeit zur
Ueberlegung, wie schon beim Scheuen erwähnt wurde. Bei Gefahren
überlegt der Mensch auch nicht erst lange. Sieht er in der Nähe einen
Löwen oder Tiger auftauchen, so verfällt der Mensch nicht erst in ein
längeres Grübeln und überlegt sich die Sache nach allen Seiten. Er
richtet sich vielmehr nach seinen Instinkten. Genau so ist es, wenn er
durch einen Brand geweckt wird. Angesichts der eindringenden Flammen
denkt er auch nicht daran, erst lange zu überlegen.

Die Tiere haben also weniger Gehirn oder weniger Furchen im Gehirn und
mehr Instinkte, weil sie, die mitten unter Gefahren stehen, mit einem
Menschengehirn nichts anfangen könnten. Sie erreichen aber mit ihren
Instinkten mehr, als man denken sollte. Die menschenähnlichen Affen
werden in heißen Gegenden, wo die schrecklichsten Ungeheuer hausen, alt
und grau ohne Waffen, ohne Arzt und ohne alle anderen Hilfsmittel des
Europäers.

Es ist also richtig, daß das Tier nicht die geistigen Gaben besitzt
wie der Mensch. Es ist aber der Schluß falsch, daß es deshalb weniger
als der Mensch leisten könne. Mit seinen schärferen Sinnen und seinen
Instinkten ist es vielmehr dem Menschen in vielen Sachen überlegen.


72. Warum müssen wir das Pferd putzen?

Die Wildpferde werden nicht geputzt -- warum müssen wir Menschen es bei
unseren Hauspferden tun? Hierauf wäre folgendes zu antworten:

Alle Einhufer haben die Gewohnheit, sich zu wälzen, was jedenfalls zur
Anregung ihrer Hauttätigkeit geeignet ist. Demselben Zwecke dient wohl
auch das gegenseitige Schaben der Pferde, das man bei Zweispännern oft
beobachten kann.

Dadurch, daß wir das Pferd größer gezüchtet haben, ist seine
Gelenkigkeit beeinträchtigt worden, und ein Sichwälzen findet nicht
mehr so häufig statt wie früher.

Beim Esel dagegen ist das Sichwälzen sehr beliebt. Hiermit hängt die
Redensart zusammen: Wo der Esel sich wälzt, da muß er Haare lassen.
Das heißt: Der Verbrecher soll von dem Gerichte abgeurteilt werden, in
dessen Bezirk seine Tat begangen worden ist.

Das Putzen dient gewissermaßen als Ersatz des Sichwälzens. Wie wichtig
es für das Pferd ist, geht aus der Redensart hervor: Gut geputzt ist
halb gefüttert. Denn das Hauspferd hat im Gegensatz zum Wildpferd
schwer zu arbeiten und gerät deshalb häufig in Schweiß, was bei wilden
Einhufern selten vorkommt.


73. Redensarten und Sprichwörter vom Pferde.

Besprochen sind bereits oder selbstverständlich sind folgende:

    Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul.

    Ein gut Pferd ist seines Futters wert.

    Ein Pferd schabt das andere.

    Gut geputzt ist halb gefüttert.

    Es stolpert oft ein Pferd, das vier Füße hat.

Von jemandem, der eine Sache verkehrt macht, sagt man:

    Er zäumt das Pferd von hinten auf.

Dagegen heißt es von denen, die ihre Umgebung von oben herab behandeln,
daß sie

    auf hohem Pferde (Rosse) sitzen.

Da nach allgemeiner Anschauung der Esel unendlich weniger wertvoll ist
als ein Pferd, so sagt man von dem, der aus einem hochstehenden Beruf
oder Amt in einen weniger hochstehenden gelangt:

    Er setzt sich vom Pferde auf den Esel.

Eine unbestreitbare Wahrheit enthält der Vers:

          Das Pferd, das am besten zeucht,
          bekommt die meisten Streich.

Unwillkürlich wird das Pferd am meisten ausgenutzt und infolgedessen am
meisten gepeitscht, von dem man weiß, daß es am besten ziehen kann.

    Gemietet Roß und eigene Sporen machen kurze Meilen.

Der Mensch liebt es, fremde Sachen, die ihm geliehen wurden, nach
Möglichkeit auszunützen. Seinem eigenen Pferde würde er Erholung
gönnen, aber ein fremdes hat sie nach seiner Anschauung nicht nötig. Er
wird sich für ein fremdes Pferd die schärfsten Sporen nehmen und diese
fleißig gebrauchen. So gelangt er schnell zum Ziel.

    In den Sielen sterben

sagt man von einem Menschen, der wie ein Arbeitspferd bis zum letzten
Augenblicke tätig war.

In meiner Gegend war die Redensart üblich:

    Die rauhsten Fohlen werden die glattsten Pferde.

Mein Vater hat sich oft damit getröstet, wenn wir Knaben wieder einmal
einen dummen Streich verübt hatten.

[Illustration: Pferdekoppel]

[Illustration: Pferde in der Schwemme]



Esel und Maultier


74. Das Aeußere des Esels.

In früheren Jahren konnte man in der Großstadt häufiger Eselfuhrwerke
sehen. Jetzt müssen wir es als ein besonderes Glück betrachten, daß wir
ein solches zu Gesicht bekommen und uns näher ansehen können.

Aeußerlich fallen am Esel seine langen Ohren, seine graue Farbe, seine
Kleinheit, sein fast kahler Schweif Und seine zierlichen Hufe auf. Er
sieht aus wie ein kleines Pferd mit gewissen Abweichungen. Natürlich
ist er unserem Pferde nahe verwandt.

Im Volke ist er sprichwörtlich wegen seiner Dummheit, Langsamkeit,
Faulheit und seiner Genügsamkeit. Nach allgemeiner Ansicht sind Disteln
sein liebstes Futter.

In südlichen Ländern, beispielsweise in den am Mittelländischen Meere
gelegenen Staaten wird niemand dieses Urteil unterschreiben. Dort ist
der Esel ein unbezahlbarer Gehilfe, der trotz seiner kleinen Gestalt
die größten Lasten trägt. Ein altgriechischer Dichter vergleicht einen
der stärksten Helden mit einem Esel, um den Kämpfer zu ehren.

Auch hier gibt uns die Abstammung des Esels Aufklärung über die
verschiedene Beurteilung des geplagten Geschöpfes. Wildesel leben in
den glühend heißen Ländern von Afrika und Mittelasien, und zwar in
gebirgigen Gegenden.

Jetzt wird uns sofort verschiedenes klar, nämlich folgendes:

Erstens, daß ein Tier, das aus den Gleichergegenden (Aequatorgegenden)
stammt, viel Wärme braucht. Das ist auch in der Tat der Fall. In
Deutschland ist es für den Esel bereits zu kalt. Deshalb gedeiht er bei
uns nicht ordentlich.

Zweitens erklärt sich seine graue Färbung als Schutzfärbung. Sein Fell
stimmt mit den Felsen und dem Geröll seiner Heimat überein, so daß er
von seinen schlimmsten Feinden, dem Menschen und den großen Katzen,
schwer entdeckt wird.

Auch der halbkahle Schweif hängt mit der Schutzfärbung zusammen. Im
Felsengewirr würde der dicke schwarze Streifen des Pferdes auffallen,
weil er sich von der vorherrschenden grauen Färbung abhebt, während das
in der Ebene viel weniger der Fall ist.

Drittens verstehen wir seine zierlichen Hufe und seinen im Gebirge so
sicheren Gang. Das Gebirge ist ja seine Heimat, und wer sicher auf
kleinen Stellen im Gebirge auftreten will, darf nicht die unförmigen
Hufe eines flämischen Pferdes haben.

Viertens. Auch die langen Ohren werden aus seinem Leben in der Heimat
verständlich. Wir sehen, daß alle Tiere sich durch auffallend lange
Ohren auszeichnen, die ihren eigentlichen Hauptsinn, den Geruch,
nur unter ungünstigen Umständen tätig sein lassen können. Das ist
beispielsweise beim Hasen, beim Wüstenfuchs und anderen Tieren der
Fall. Der Hase liegt mit aufgelegtem Kopfe in einer Bodenvertiefung.
In dieser Lage kann seine sehr feine Nase einen etwa 10 bis 20 Schritt
entfernten Menschen trotz günstiger Windrichtung nicht wittern,
falls dieser, was häufig der Fall ist, etwas höher steht. Denn die
Ausdünstung des Menschen geht über den Rücken des Hasen hinweg. Daher
ist die irrige Ansicht entstanden, daß der Hase nicht wittern kann. Wie
vorzüglich er riechen kann, sieht man in jedem Frühjahr, wenn er wie
ein Jagdhund in sausender Fahrt die Spur einer Häsin verfolgt.

Auch der Esel hat, wie das Pferd, eine ausgezeichnete Nase. Aber wie
oft läßt sie ihn im Felsengewirr im Stich! Die Witterung des Menschen,
des Löwen oder eines anderen Raubtieres, die hinter einem Felsen
lauern, geht an dem Esel vorbei, ohne in das Riechgebiet der Nase zu
gelangen.

Deshalb müssen sich Esel, Hase und Wüstenfuchs vor allen Dingen auf ihr
Gehör verlassen. Daher ihr fortwährendes Spitzen der Ohren. Daher die
ungewöhnliche Länge der Ohren bei den genannten Tieren.

Die Dummheit des Esels ist nicht so groß, wie sie gewöhnlich
hingestellt wird. Sie hat in vieler Hinsicht dieselben Gründe wie die
der Schafe, bei denen wir davon noch sprechen wollen.

Die Genügsamkeit des Esels ist für uns Menschen sehr wertvoll. Aber es
ist nicht richtig, daß Disteln ihm über alles gehen sollen. Wir werden
das gleich noch sehen.


75. Warum sieht man selten kranke Esel?

Während das Pferd einer Unmenge von Krankheiten unterworfen ist, muß
man geradezu suchen, wenn man einen kranken Esel finden will. Einen
schönen Fall von dem ungewollten Selbstmord eines Esels erzählt ein
Naturforscher: Krank wird der Esel nicht leicht, und frißt er sich
einmal zu Tode, so geschieht es wenigstens nicht in böser Absicht,
was man aus folgender Tatsache entnehmen mag: Einer meiner Freunde
besaß einen alten und einen jungen Esel; als des letzteren Geburtstag
gefeiert wurde, ließen die Kinder auch den alten am Feste teilnehmen,
gaben ihm eine große Menge reinen Hafers, und da feierte er denn so
eifrig, daß er daran starb. --

Solche Menschen, die sich den Geburtstag ihres Esels merken und ihn
gebührend feiern, sind sicherlich große Ausnahmen. Jedenfalls geht aus
dem Erlebnis hervor, daß der Esel Hafer noch viel lieber als Disteln
frißt.

Wie alle Einhufer, hat der Esel einen kleinen Magen und obendrein eine
Klappe davor. Ein gesunder Einhufer kann sich also nicht übergeben. Er
platzt, wenn er zuviel gefressen hat.

Wir haben vorhin (Kap. 62) darauf hingewiesen, daß das Pferd ein
Magerfresser ist. Der Esel ist es in noch höherem Grade. Gäbe man dem
Esel auch soviel Körnerfutter wie dem Pferde, so würde er auch koppen
und krank werden. Zum Glück verwöhnen wir den Esel nicht.

Es dürften also folgende beiden Gründe sein, weshalb der Esel so
selten, das Pferd so häufig krank ist.

Einmal haben wir dem Esel die dürre Fütterung seiner Heimat gelassen,
weil es uns sehr angenehm ist, daß er so genügsam ist.

Sodann haben wir den Esel so gelassen, wie ihn die Natur geschaffen hat.

Das Pferd dagegen haben wir größer gezüchtet, weil wir große Tiere
brauchten. Um die Größe zu erzielen, müssen wir viel Körner verfüttern,
was für ein Steppentier nicht naturgemäß ist.

Das Pferd würde noch viel häufiger erkranken, wenn es nicht als
Haustier die gesündeste Tätigkeit ausübte. Es ist den ganzen Tag in
der frischen Luft und arbeitet sich aus. Wie gesundheitsfördernd das
für das Pferd ist, ersehen wir an einer an Feiertagen nicht selten
auftretenden Krankheit, der sogenannten Osterwinde. Die Pferde bleiben
im Stalle und bekommen zur Feier des Tages ihr übliches Körnerfutter.
Die Folge davon ist nicht selten eine furchtbar schwere Erkrankung, die
Osterwinde.


76. Ziehhund oder Esel?

Wir haben uns jetzt das Aeußere des Esels verständlich gemacht und
wollen jetzt die Frage besprechen, weshalb man nicht allgemein statt
der Ziehhunde Esel verwendet.

Seit vielen Jahren wird gegen die Verwendung der Hunde zum Ziehen
gewettert. Diese Bestrebungen zeugen von dem guten Herzen der
Beteiligten und sollen deshalb sorgfältig geprüft werden. Allerdings
ist auch in diesem Falle, wie bei den Hüten für die Omnibuspferde,
vielfach Sachkunde zu vermissen.

Die Verwendung des Hundes zum Ziehen ist eine Tierquälerei, falls

  1. der Hund übermäßig lange angestrengt wird oder übermäßige Lasten
     zu ziehen hat,

  2. Fütterung und Tränkung nicht genügend ist,

  3. der Hund als früheres Nachttier bei glühender Mittagshitze ziehen
     muß,

  4. an den Ruhestellen kein trockenes Plätzchen zum Hinlegen ist,

  5. er bei Kälte an den Ruhestellen nicht zugedeckt wird.

Pferde und Esel brauchen sich nicht hinzulegen zur Ruhe, wohl aber der
Hund.

Pferden erfrieren trotz der größten Kälte nicht die Beine, wohl aber
dem Hunde.

Ein Sachverständiger äußert sich über die vorliegende Streitfrage
folgendermaßen:

In vielen Gegenden spannen Leute, die oft geringe Lasten zu befördern
haben, statt der Esel Hunde vor, was schon oft getadelt, aber doch
nicht abgeschafft ist. -- Ziehen wir zwischen beiden einen Vergleich,
so stellt sich folgendes heraus: Der Hund ist leichter zu haben, weil
er sich sehr stark vermehrt, ist wohlfeiler, weil er ein Jahr alt
schon angespannt werden kann und weil er oft von Leuten, die ihn zu
Jagd- oder Metzgergeschäften dressieren wollten, aber dann unbrauchbar
fanden, sehr billig verkauft oder gar verschenkt wird. Soll ein Hund
jung kräftig wachsen, älter tüchtig ziehen, so muß er tüchtig und gut
gefüttert werden, und seine Ernährung kann leicht ebensoviel kosten wie
die eines Esels. Zu Hause kann er auch durch Nagen, Totbeißen anderen
Hausviehes usw. manchen empfindlichen Schaden tun, der beim Esel nicht
vorkommt.

Der Esel hat den großen Vorzug, daß er ebensowohl tragen als ziehen,
daß er 30 bis 40 Jahre tüchtig arbeiten kann, während ein Hund kaum 8
Jahre aushält und jedenfalls nur geringere Lasten fortschafft. -- Bei
diesen Vorzügen des Esels erklärt sich seine Seltenheit nur daraus,
daß er in der Jugend 2 bis 3 Jahre lang gefüttert werden muß, bevor er
außer dem Ertrag seines gut düngenden Mistes, Nutzen bringt, ferner,
daß er bei geringerer Vermehrung nicht leicht zu haben, endlich,
daß er aus eben diesen Gründen nicht wohlfeil ist. -- Ganz anders
möchte sich das Verhältnis gestalten, wenn Besitzer großer Güter oder
Aktiengesellschaften eine kleine, aber kräftige Eselsrasse in Menge
zögen und wohlfeil verkauften. -- Würden statt der Esel Pferdchen
kleinster Rasse gezogen, so würde das Unternehmen noch willkommener
sein. --

Der Sachverständige befindet sich im Irrtum, wenn er die Gebrauchszeit
eines Ziehhundes auf knapp acht Jahre angibt. Ich kenne eine Menge, die
bis zum fünfzehnten Jahre gezogen haben. Das ist auch der beste Beweis,
daß mäßiges Ziehen für einen großen Hund sehr gesund ist.

Der Kohlenhändler und andere Kellerbewohner haben deshalb einen
Ziehhund, weil er in einer Ecke des Kellers sein Lager haben kann und
obendrein noch wacht. Wo sollen sie einen Esel oder ein kleines Pferd
unterbringen? Futter für einen Hund ist immer noch leichter in einer
Großstadt zu beschaffen als Futter für einen Einhufer.

Manche Menschen bilden sich auf ihre Tierfreundlichkeit etwas ein,
wenn ihr großer Hund den Tag über auf dem Teppich liegt und als
einzige Bewegung das mehrmalige Hinausführen auf die Straße hat. In
Wirklichkeit liegt hier eine Tierquälerei vor, weil der Hund als zur
Bewegung geschaffenes Raubtier hierbei verkümmern muß. Ebenso sind
Maulkörbe mit einer ledernen oder blechernen Absperrung vor der Nase,
die den Hund am Riechen hindert, als Tierquälerei zu bezeichnen. Noch
schlimmer sind die armen Zwingerhunde daran. Warum hier nicht die
Tierschutzvereine eingreifen, ist schwer zu verstehen. Ich habe manchen
Aufenthalt in Jagdrevieren nur deshalb vorzeitig abgebrochen, weil ich
auf die Dauer das zum Herzen gehende Geheul der armen Zwingerhunde
nicht aushalten konnte.

Um Mißverständnisse zu vermeiden, erkläre ich ausdrücklich, daß ich
ebenfalls grundsätzlich gegen die Verwendung des Hundes zum Ziehen
bin, weil die aufgezählten Bedingungen in der Praxis nicht immer
berücksichtigt werden.


77. Wie ist der Esel mit dem Maultier verwandt?

Maultiergespanne brauchen wir jetzt in der Großstadt nicht lange zu
suchen. Da taucht bereits ein solches vor uns auf, das einer Brauerei
gehört.

Die Verwandtschaft mit dem Esel ist, wie wir sehen, sehr groß. Lange
Ohren, dünn behaarter Schwanz und zierliche Hufe fallen uns sofort
in die Augen. Auch fehlt dem Maultier der stolze Ausdruck, den wir
beim Pferde lieben. Das Maultier hat als Mutter ein Pferd und als
Vater einen Esel. Beim Maulesel ist es umgekehrt. Uebrigens ist es
bestritten, ob es irgendwo wirkliche Maulesel gibt.

Was sonst selten vorkommt, können wir beim Maultier beobachten. Es
vereinigt die Vorzüge des Pferdes mit denen des Esels, nämlich die
Größe und Kraft des Pferdes mit dem sicheren Tritt des Esels. In
gebirgigen und warmen Ländern sind daher Maultiere sehr geschätzt.

Ferner ist das Maultier wie der Esel viel gesünder als das Pferd. Das
ist ein ungeheurer Vorzug. Es würde auch bei uns verbreiteter sein,
wenn es nicht manche unangenehmen Eigenschaften besäße. So ist es
störrisch und liebt es sich zu wälzen. Das ist besonders unangenehm,
wenn es soeben geputzt worden ist.


78. Wie erklärt sich die Abneigung des Pferdes gegen den Esel?

Trotzdem Pferd und Esel beide Einhufer sind, hat das Pferd eine
Abneigung gegen den Esel. Um ein Maultier zu züchten, muß man deshalb
künstlich diese Abneigung unterdrücken. Die Maultiere selbst pflanzen
sich nicht fort.

Man bekommt ein Verständnis für den Widerwillen, den nahe verwandte
Tiere oft gegeneinander haben, wenn man sich die Folgen einer Paarung
vorstellt. Das Pferd ist Bewohner der Steppe und Meister im Rennen. Der
Esel ist dagegen im Gebirge zu Hause und ein vorzüglicher Kletterer.
Gäbe es in der Freiheit Maultiere, also Abkömmlinge von Pferd und Esel,
so könnte ein Maultier nicht so rennen wie seine Mutter und würde von
den Wölfen zuerst eingeholt werden. Aber auch im Gebirge könnte es
nicht so klettern wie sein Vater und fiele deshalb auch hier zuerst den
Feinden zur Beute.


79. Warum schreit der Esel Ya?

Das uns höchst unangenehme Geschrei des Esels, das an unser Ja
erinnert, hat zu unzähligen Witzen Anlaß gegeben. Will der Esel im
Gebirge eine Eselin finden, so wäre es zwecklos, wenn er wie ein
Kulturmensch sänge. Dagegen dringt sein Geschrei bis zu den langen
Ohren der Eselin, wie auch das Jodeln der Tiroler ganz für das Gebirge
geschaffen ist.


80. Die Rassen des Esels.

Man unterscheidet drei Formen grauer Esel: Hausesel, Nubischer
Steppenesel und Somali-Wildesel. Der Hausesel wird verschieden groß.
Es gibt Esel in Südarabien und in Frankreich, welche die Größe eines
guten Pferdes erreichen. Umgekehrt kommen auf einigen Inseln Zwergesel
vor, die nicht so groß werden wie ein großer Hund.


81. Der Esel im Sprichwort und in Redensarten.

Der Esel gilt als dummes und verachtetes Tier, besonders bei uns. Daher
sagt man

    *Auf den Esel kommen, sich auf den Esel setzen.*

Das heißt aus einer geachteten Stellung in eine niedere treten.

               *Den Esel reiten*,

eine beschimpfende Strafe erleiden.

In Zusammenhang hiermit steht:

    *einen auf den Esel setzen oder bringen*,

was soviel heißt wie einen erzürnen.

               *Den Esel läuten*,

d. h. die hängenden Beine vorwärts und rückwärts baumeln lassen.

    *Wenn's dem Esel zu wohl ist, dann geht er aufs Eis und tanzt oder
    er geht aufs Eis tanzen und bricht sich ein Bein.*

Das hat gewiß noch niemand gesehen. Aber der Mensch braucht eine
Zielscheibe für seinen Spott. Da nun der Esel als sehr dumm gilt, und
sich nicht verteidigen kann, so unterstellt man ihm die geschilderte
Torheit.

               *Eselsbrücke.*

Nach Grimm versteht man darunter eine Schwierigkeit, vor der Unwissende
stutzen, wie der Esel vor einer Brücke.

Diese Erklärung befriedigt nicht, denn das Stutzen des Esels vor der
Brücke ist gewiß sehr selten.

Der Lehrer nennt die Uebersetzung, die ein Schüler benützt, eine
Eselsbrücke. Das geschieht aus dem Grunde, weil der Esel als Wüstentier
sehr wasserscheu ist und statt durchs Wasser zu schreiten, eine Brücke
braucht. Der Lehrer meint also: Anstatt mit geringer Anstrengung
den lateinischen Schriftsteller zu übersetzen, kaufst du dir eine
Uebersetzung. Du machst es also wie der Esel, der ohne Mühe das
Wasser durchschreiten könnte, aber statt dessen eine Brücke verlangt.
Eselsbrücke heißt also eine ganz überflüssige Erleichterung.

               *Eselsohren*

werden die Einbiegungen der Blätter in Büchern genannt.

    *Wo sich der Esel wälzt, muß er Haare lassen*

ist bereits erklärt worden.

[Illustration: Rumänische Hausierer mit ihren Eseln]



Das Rind


82. Warum können wir nicht auch fette Schweizerkäse herstellen?

Die Zeiten sind lange vorbei, wo man in den Straßen Berlins noch
Rinderherden sah, wie ich es in meinen jungen Jahren erlebt habe. Heute
rennt die ganze Jugend Berlins zusammen, wenn eine Kuh nach oder von
einer Molkerei befördert wird. Alle staunen das Wundertier an. Was im
Dorfe die alltägliche Erscheinung ist, gehört in der Großstadt zu den
Seltenheiten.

Um eine weidende Rinderherde zu beobachten, müssen wir schon ein
ordentliches Stück Weg laufen. Das Glück ist uns hold. Wir treffen eine
Herde von Kühen an und können in Ruhe den Tieren zuschauen.

Da in der Nähe auch ein Pferd grast, so können wir so recht den
Unterschied zwischen dem Weiden des Pferdes und der Rinder beobachten.
Das Pferd packt die Gräser mit der sehr beweglichen Oberlippe und beißt
kurz ab, die Kuh dagegen arbeitet hauptsächlich mit der Zunge, die
ihr die fehlenden oberen Schneidezähne ersetzt. Schlächter haben mir
oft erklärt, daß man mit einer getrockneten Rinderzunge einen Stuhl
zusammenschlagen kann. Ich habe es in diesen Zeiten der Fleischnot
noch nicht ausprobieren können, halte es aber sehr wohl für möglich.
Jedenfalls ist die Zunge beim Rinde ein äußerst wichtiges Glied.

Weil die Kuh das Gras mit der Zunge packt, wird es nicht so tief
abgebissen. Daher kommt es, daß, wo Kühe gegrast haben, noch sehr gut
Pferde weiden können.

Die äußerlich auffallendsten Unterschiede zwischen Rindern und Pferden
sind namentlich folgende:

    Die Rinder haben Hörner, die Pferde nicht.

    Die Rinder sehen plump aus, die Pferde nicht.

    Die Rinder haben gespaltene Hufe, die Pferde nicht.

    Die Rinder haben einen langen, kahlen Schwanz, der mit einer Quaste
    endet, während Pferde einen schönen, bis zur Wurzel behaarten
    Schweif besitzen.

Wenn wir so die Kühe behaglich im hohen Grase weiden sehen, dann taucht
unwillkürlich die Frage auf, weshalb wir nicht, wie die Schweizer, auch
schöne fette Käse herstellen können. Warum müssen wir unser schönes
Geld an sie abgeben?

Die Antwort darauf ist folgende: Wir können aus zwei Gründen solche
Käse nicht herstellen. Einmal fehlt uns das Gebirgsgras und dann die
Gebirgsweiden.

Gras ist nämlich nicht Gras, wie der Großstädter meint, sondern
das Gebirgsgras ist so kräftig, daß eine Kuh, die sonst 36 Pfund
Niederungsgras frißt, nur 24 Pfund Gebirgsgras braucht.

Im Zoologischen Garten können wir die Verschiedenheit der Grasarten
recht deutlich beobachten. Gemsen leben nicht lange im Zoologischen
Garten und pflanzen sich noch seltener darin fort. Dabei gibt es doch
in Bayern noch zahlreiche Gemsen. Sie sind also heimische Tiere. Aber
in der Gefangenschaft fehlt ihnen das gewürzige Gebirgsheu. Was wir
ihnen vorsetzen, ist nicht ihr Fall.

Pferde in den Alpen brauchen keinen Hafer, weil das Gebirgsgras so
kräftig ist.

Es ist klar, daß dieses Gebirgsgras eine viel fettere Milch und
demgemäß einen viel fetteren Käse liefert.

Nun kommt hinzu, daß oben in den Gebirgsweiden die Verhältnisse für die
Kühe viel günstiger liegen. Bei uns in der Ebene werden die Kühe mit
dem Eintritt des Sommers dermaßen von Insekten belästigt, daß sie in
beständiger Unruhe sind, und der Ertrag der Milch darunter sehr leidet.

Ganz anders ist es auf den Alpenweiden. Die Rinder können daher
behaglich und ohne fortwährend gepeinigt zu werden, sich dem Fressen
und Wiederkäuen widmen.

Die Schweiz hat also durch Natur gegebene Vorzüge, die wir nicht
nachmachen können. Auch ist die Art der Herstellung von örtlichen
Verhältnissen abhängig.


83. Der Stier und die rote Farbe.

Bei der Rinderherde befindet sich auch ein Stier oder Bulle. Er ist
noch ein ziemlich junges Tier und deshalb allem Anscheine nach noch
umgänglich. Aelteren Stieren ist gewöhnlich schlecht zu trauen.

Es dürfte bekannt sein, daß besonders der Stier eine ausgesprochene
Abneigung gegen die rote Farbe hat. Es ist schon oft Unglück dadurch
entstanden, daß Menschen, die von dieser Eigentümlichkeit nichts
wußten, den Stier ahnungslos gereizt haben und infolgedessen schwer
verletzt, ja getötet worden sind.

Was veranlaßt den Stier zu diesem Hasse auf die rote Farbe?

Wir kennen heute noch nicht genau die Stammeltern unserer Hausrinder.
Aber es ist sicher, daß sie wie alle Wildrinder ihren größten Feind in
den Katzen haben. Besonders der Tiger macht eifrig auf Wildrinder Jagd.

Die rote Farbe läßt wahrscheinlich den Stier an seinen grimmigsten
Feind denken. Da der Stier nicht wie ein Pferd flüchtet, sondern mit
seinem Gegner auf Tod und Leben kämpft, so ist der wütende Angriff des
Stieres auf einen Menschen mit roter Kleidung verständlich.

Die Abneigung des Truthahns gegen die rote Farbe dürfte denselben Grund
haben. Wir werden bei der Schilderung des Truthahns näher darauf zu
sprechen kommen.


84. Das Flotzmaul der Rinder.

Bei den weidenden Rindern beobachten wir ferner, daß sie im Gegensatz
zu dem Pferde ein Flotzmaul besitzen, d. h. eine breite haarlose und
feuchte Stelle zwischen den Nasenlöchern.

Weshalb hat wohl das Rind einen solchen Nasenspiegel, den wir in
ähnlicher Form bei Büffeln, Hirschen und anderen Pflanzenfressern
finden?

Der Nasenspiegel ist sehr empfindlich und deshalb hindert er die
Rinder, brennende und stachlige Pflanzen zu fressen. Während der
Kriegsjahre konnte ich das sehr häufig im Zoologischen Garten
beobachten. Die Futterration war nur knapp, und deshalb das Verlangen
nach etwas Ersatz sehr groß. Im Spätsommer wachsen nun in den Ständen
eine Unmenge Brennesseln. Das schöne Grün stach den Zebus, den
indischen Rindern, in die Augen, und sie suchten immer wieder die
Brennesseln zu fressen. Doch das empfindliche Flotzmaul trieb die Zebus
immer wieder zurück. Nur junge oder verwelkte Brennesseln scheinen von
Rindern gefressen zu werden.

Das Flotzmaul ist stets feucht und empfindlich wie beim Hunde die Nase
und zwar aus denselben Gründen. Bei Wildrindern ist das Flotzmaul auch
stets schwärzlich wie die Nase der Wildhunde.


85. Die Furcht der Rinder vor dem Blutgeruch.

Wenn wir unter uns einen Schlächter hätten, der eben geschlachtet hat,
so könnte seine Witterung die ganze Rinderherde in Aufruhr versetzen.

Es braucht natürlich nicht gerade ein Schlächter zu sein. Es genügt,
daß ein Jäger einen erlegten Rehbock im Rucksack trägt, dessen Blut von
den Kühen gewittert wird. Ausschlaggebend ist stets der Blutgeruch.
Es genügt also, daß wir die Hände in Blut getaucht oder daß wir ein
Kleidungsstück mit Blut getränkt haben.

Der Grund des Verhaltens der Rinder ist einleuchtend, sobald wir an die
Lebensweise der Wildrinder denken. Unzählige Male ist es vorgekommen,
daß ein weidendes Rind gar nicht gemerkt hatte, daß ein Raubtier ein
Kalb getötet oder einen Kameraden überfallen hatte. Die Anwesenheit des
Raubtieres nahm es regelmäßig erst durch den Blutgeruch wahr.

Blutgeruch und zwar Geruch vom Blut eines Pflanzenfressers und
Anwesenheit eines Raubtieres ist also für ein Rind so ziemlich dasselbe.

Hat daher ein Schlächter einen Kuhstall betreten, etwa um ein Kalb
zu besichtigen, das er kaufen will, so sind die Kühe den ganzen Tag
unruhig, was den Landleuten wohl bekannt ist.

Auch das Schlachthaus wollen Rinder nicht betreten, weil ihre feine
Nase ihnen sagt, daß ihnen der Tod droht. Oft habe ich zugesehen,
welche Anstrengungen erforderlich sind, um eine Kuh in den Schlachtraum
zu bringen.

Die Furcht vor dem Blutgeruch besitzen auch Pferde, wovon schon früher
(Kap. 67) die Rede war.


86. Die Furcht der Rinder vor den Bremen.

In große Aufregung könnten wir die Herde auch versetzen, wenn wir das
Geräusch einer fliegenden Breme (auch Bremse genannt) nachmachten. Wir
werden das natürlich nicht tun. Allerdings ist die eigentliche Flugzeit
der Bremen erst im Hochsommer und zwar in den Mittagsstunden.

Die Furcht der Rinder vor den Bremen ist sehr wohl begründet. Diese
Insekten umschwärmen die großen Pflanzenfresser und suchen ihre Eier
auf ihnen abzulegen. Obwohl die Rinder bei ihrer Ankunft die Schwänze
hochnehmen und davonrasen, gelingt den Bremen ihr Vorhaben. Das
abgelegte Ei entwickelt sich zur Made, die auf Kosten des Wirts lebt
und große dicke Beulen, sogen. Dasselbeulen hervorruft. Diese Beulen,
aus denen das fertige Insekt auskriecht, verursachen natürlich große
Löcher in der Haut.

Man sollte meinen, daß der Gerber solche durchlöcherten Rinderhäute
nicht haben will. Das Gegenteil war vor dem Kriege der Fall.
Durchlöcherte Häute wurden gern genommen, weil die Erfahrung gelehrt
hatte, daß die Insekten mit ihrem feinen Geruchsvermögen stets die
gesündesten und kräftigsten Tiere zur Eiablage ausgesucht hatten.


87. Die Abneigung der Rinder gegen Hunde.

Es ist gut, daß wir keinen großen Hund bei uns haben. Denn man kann
immer wieder erleben, daß die Rinder eine ausgesprochene Abneigung
gegen Hunde haben.

Will ein Jäger mit seinem Hunde durch eine weidende Kuhherde wandern,
so muß er sich vorsehen, daß sie seinen Hund nicht angreifen.

Hier zeigt sich so recht deutlich der Unterschied zwischen Pferd und
Rind im Benehmen gegen ihren Feind. Das Pferd flüchtet regelmäßig
und kämpft nur gegen kleinere Raubtiere. Auch stehen sich Pferde
gegenseitig nicht bei.

Ganz anders liegt die Sache bei den Rindern. Diese halten zusammen und
stürmen gemeinsam auf den Feind. Zur Flucht sind sie ja auch viel zu
schwerfällig gebaut.

Deshalb brüllen auch die Rinder, die von einem Raubtier überfallen
worden sind oder sonst Schmerz empfinden. Denn das Brüllen hat bei
ihnen einen Zweck. Es soll die Genossen zum Beistand anspornen. Pferde
dagegen stehen sich, wie wir wissen (Kap. 58), nicht bei, und deshalb
erleiden sie stumm alle Qualen.


88. Das Aufblähen der Rinder.

Wenn die Rinder gierig üppig gewachsenes Futter, z. B. Klee, Luzerne
und Esparsette fressen, dann ereignet sich oft, namentlich, wenn die
Sonne sehr sticht, und es schwül ist, das sogen. Aufblähen der Rinder.
Dieses Aufblähen entsteht durch Auftreibung des Pansens infolge der
Entwicklung von ungewöhnlichen Gasmengen.

Man ersieht hieraus, wie leicht den Landwirt schwere Verluste treffen
können, gerade dann, wenn er seinen Tieren das schönste, was er ihnen
geben kann, zu fressen gibt.

Da die Tiere nur weiden, wie es auch die Wildrinder tun, so scheint
die Frage berechtigt zu sein, warum die an sich naturgemäße Art des
Fressens zu schweren Erkrankungen führen kann.

Vergegenwärtigen wir uns die Lebensweise der Wildrinder und vergleichen
wir sie mit der Lebensweise unserer Hausrinder, so ergeben sich
folgende Unterschiede.

Zunächst sind die Wildrinder Nachttiere, wie schon aus ihren großen
Pupillen ersichtlich ist. Genau wie unsere Hirsche und Rehe gehen sie
erst mit dem Anbruch der Dämmerung auf die Nahrungssuche aus. Zu diesem
Zwecke verlassen sie den Wald oder das Gebüsch, das ihnen am Tage
Deckung gewährt hat, und treten auf die Felder.

Also von der Sonne prall beschienene Futterpflanzen, obendrein bei
äußerst schwüler Luft, fressen die Wildrinder niemals.

Sodann gab es in Vorzeiten, als der Mensch noch nicht dem Acker seinen
Stempel aufgedrückt hatte, niemals Futterpflanzen in solcher Fülle.
Erst das Säen, die Bewässerung, die künstliche Düngung und anderes hat
diese Unmasse hervorgerufen. Früher wuchsen blähende Futterpflanzen
nur vereinzelt. Dazwischen standen andere Pflanzen, die dem Blähen
entgegenwirkten, z. B. Kümmel. Also hatten die Wildrinder früher gar
keine Gelegenheit, soviel blähendes Zeug zu fressen, wie heute die
Hausrinder.

Drittens aber -- und das ist die Hauptsache -- fehlen unseren
Haustieren die Raubtiere. Man beobachte einmal ein freilebendes Tier,
z. B. ein Reh, wenn es abends aus dem Walde tritt. Erst wird gesichert,
d. h. alle Sinne werden aufs äußerste angestrengt, ob nicht irgendwo
ein Feind, namentlich ein böser Jäger, nach Rehbraten Verlangen trägt.
Erst wenn die angestrengten Sinne nichts feststellen können, und wenn
eine längere Prüfung dasselbe Ergebnis hat, dann wird vorsichtig ins
Feld getreten. Hier wird nochmals aufs gründlichste gesichert, ob
irgendwas Verdächtiges zu erkennen ist. Erst dann werden einige Happen
ganz hastig genommen. Von einem gemütlichen Futtern ist aber gar keine
Rede. Nach einer halben Minute geht schnell der Kopf hoch, und wiederum
werden alle Sinne angestrengt.

In ähnlicher Lage nehmen auch die Wildrinder ihre Nahrung zu sich,
wenngleich sie im Gefühl ihrer Stärke nicht so ängstlich zu sein
brauchen. Immerhin wissen sie, daß ihnen der Mensch oft überlegen ist,
und daß sie gegen seine Fallgruben machtlos sind.

Von einem hastigen gierigen Hinunterschlingen ohne Pause, wie es unsere
Hausrinder tun, kann also bei Wildrindern niemals die Rede sein.

Da wir Menschen die Raubtiere ausgerottet haben, so müssen wir sie
in den Fällen, wo sie uns nützlich waren, ersetzen. Die Raubtiere
verhinderten, daß die Pflanzenfresser in ihrer Gier zu hastig ohne
Pausen schlangen. Denn die Pflanzenfresser mußten immer solche Pausen
machen, um nicht von einem Feinde überfallen zu werden.

Solche Pausen beim Fressen der Rinder können wir dadurch erzielen, daß
wir die Tiere in ständiger Bewegung halten. Viele praktische Landwirte
sind davon überzeugt, daß das beste Mittel gegen das Aufblähen die
fortwährende Beunruhigung der Tiere ist. Sie müssen dann Pausen im
Fressen machen, und Fressen mit Pausen ist naturgemäß, während Fressen
ohne Pausen unnatürlich ist.


89. Die Kuh vorm neuen Tor. Der Ortssinn der Tiere.

Eine bekannte Redensart ist die: Er steht da, wie die Kuh vorm
neuen Tor. Man meint damit ein blödes, unbeholfenes Anstarren eines
Gegenstandes, den man an dieser Stelle nicht erwartet hat.

Ochse und Kuh, Esel und Schaf gelten ja von unsern Haussäugetieren
als die dümmsten. Natürlich sind die Raubtiere klüger als die bloßen
Pflanzenfresser. Die Raubtiere müssen ihre Opfer überlisten, was nicht
immer sehr leicht ist. Dagegen haben es die meisten Pflanzenfresser
bequemer, da sie manchmal nur ihr Maul aufzumachen brauchen.

Immerhin sind die Gründe, die man für die Dummheit der genannten
Tiere anführt, in den meisten Fällen nicht überzeugend. Wir dürfen
doch nicht vergessen, daß wir frei lebende Tiere, die sich allein und
ohne Belehrung und Schutz durch die Welt schlugen, erst durch unsere
Behandlung zu den Jammergestalten gemacht haben, als welche sie so
häufig vor uns stehen. Das Wildschaf ist nach der Ansicht erfahrener
Jäger ein sehr schwer zu erlegendes Geschöpf, während unser Schaf
vollkommen hilflos ist.

Mit Dummheit hat das Anstarren des neuen Tores durch die Kuh nicht
das mindeste zu tun, sondern es rührt von der Verschiedenheit der
menschlichen und tierischen Auffassung her. Für den Menschen ist der
Gegenstand maßgebend, der ihm die Stelle bezeichnet, wohin er will,
während das Tier sich nach diesem Gegenstand gar nicht richtet.

An einem naheliegenden Beispiel können wir uns das am besten
klarmachen. Angenommen, der Besitzer der weidenden Kuhherde ließ heute
sein Tor neu anstreichen -- was allerdings bei den jetzt so teueren
Farbpreisen ausgeschlossen ist, aber angenommen werden soll --, so
würde sich der Hütejunge um den neuen Anstrich kaum viel kümmern. Auch
würde es dem Jungen gewöhnlich ganz gleichgültig sein, daß das Schild
des Gasthofes neu angestrichen ist. Es soll nämlich angenommen werden,
daß die Kühe einem Gastwirt im Dorf gehören. Das würde auch der Fall
sein, wenn der Hütejunge aus der Fremde gekommen wäre und zum ersten
Male seinen Dienst verrichtete. Die Kühe dagegen stutzen am Tor wegen
des ihnen fremden Farbgeruchs, vielleicht auch deswegen, weil die
früheren dunkeln Farben durch helle ersetzt worden sind.

Der im Orte ganz fremde Hütejunge sagt sich: Dort ist das Schild
meines neuen Herrn: Gastwirt Friedrich Schultze. Also bin ich an der
richtigen Stelle. So handeln wir alle und denken, daß die Tiere es
auch so machen. Das Tier richtet sich aber nur, wenn es vorzügliche
Augen besitzt, also ein Augentier ist, nach seinen Augen und selbst
dann nicht immer. Die Nasentiere richten sich aber nur selten nach den
Augen.

Die Rinder, die ein schwaches Auge, aber eine feine Nase besitzen,
haben wie alle Säugetiere einen vorzüglichen Ortssinn. Dieser Ortssinn
ist für sie entscheidend. Kehrt eine Kuh zurück, so zweifelt sie
keinen Augenblick daran, daß sie auf dem richtigen Wege ist. Denn ihr
Ortssinn läßt sie nicht irren. Aber sie stutzt vor dem neuen Tor, und
ihr Verhalten könnte man in menschlicher Sprache etwa so ausdrücken:
Als ich früher hier entlangging, gab es so etwas von heller Farbe und
scharfem Geruch nicht. Das setzt mich in Erstaunen.

In diese ganz verschiedene Auffassung der Tiere können wir uns gar
nicht hineinversetzen und machen uns über Dinge lustig, die hierzu gar
keinen Anlaß geben.

Ich erzählte früher (Kap. 9) von unserm blinden Hunde, der zwei Jahre
lang sich darin nicht irrte, wie die einzelnen Möbel in unserer Wohnung
standen, und sich niemals daran stieß, wenn man sie in ihrer Stellung
ließ. Er wußte ferner auf der Treppe Bescheid, in unserm Garten und
auf der Straße. Welche Riesenleistung ist das, wenn man sich das
vergegenwärtigt! Welcher Mensch könnte auch nur die Stellung der Möbel
einer einzigen Stube im Kopfe so sicher haben, daß er im Dunkeln
nirgends daran stieße! Als wir später die Wohnung im Hause wechselten
und eine Treppe hoch zogen, mußte sich der Hund erst die neue Stellung
der Möbel merken. Aber das gelang ihm in überraschend kurzer Zeit.
Schwerlich hätte ihm ein blinder Mensch das nachgemacht.

Wie wäre es möglich, daß man ein Pferd kauft und erst zu Hause merkt
daß es blind ist. Ohne den Ortssinn der Pferde könnte es gar nicht den
Eindruck eines sehenden Geschöpfes machen.

Bei Schwadronspferden ist oft festgestellt worden, daß sie erblindet
waren, ohne daß es einer von den Mannschaften oder den Vorgesetzten
gemerkt hatte. Wie wäre es denkbar, daß ein Mensch in einer Schule,
in einer Kaserne, in einer Fabrik erblindet, ohne daß diese Blindheit
irgendwie von seinen Kameraden entdeckt wird.

Der Blinde bei uns sucht einen Führer, namentlich wenn er ein Städter
ist. Ohne Frage haben wir Menschen früher ebenfalls den Ortssinn der
Säugetiere besessen. Auf dem Lande habe ich Blinde kennengelernt, die
sich allein auf schwierigen Wegen zurechtfanden. Ohne das Vorhandensein
eines Ortssinnes läßt sich eine solche Leistung nicht verstehen.

Den Ortssinn können wir am besten beim Pferde beobachten, wenn es seine
regelmäßigen Fahrten macht. Es bleibt dann mit tödlicher Sicherheit vor
dem Hause, in dem der Kunde wohnt, stehen.

Auf dem Lande kennt man allgemein die Fähigkeit der Pferde, den
richtigen Platz wiederzufinden. Selbst in Berlin habe ich vor dem
Kriege einen solchen Fall mit dem Kutscher eines Bäckermeisters erlebt
und vorhin (Kap. 70) erzählt.

Das Pferd kann weder lesen noch kennt es die Hausnummern. Trotzdem irrt
es sich in den Häusern nicht, gleichgültig, ob man die Nummern verdeckt
oder nicht.

Beim Hunde können wir den Ortssinn, wie bereits erwähnt wurde,
ebenfalls häufig beobachten. Wir Menschen müssen uns Mühe geben,
beispielsweise uns die Querstraßen der Friedrichstraße zu merken. Man
sollte meinen, daß ein Hund, der nicht lesen kann, sich allein hier
niemals zurechtfindet. Das Gegenteil ist der Fall. Wie der früher
erwähnte junge Hund von dem Michaelkirchplatz nach Pankow auf schnellem
Wege fand, so wurde mir auch von Bekannten versichert, daß ihre Hunde,
die zum ersten Male mitgenommen waren, trotzdem die Querstraßen nicht
verwechselten. Beispielsweise ließ einer, der in der Zimmerstraße
wohnt, absichtlich seinen Hund in der Jägerstraße allein, um ihn beim
Rückwege von fern zu beobachten.

Häufig sehen sich zwei Nachbarhäuser zum Verwechseln ähnlich. Der
Mensch sieht dann genau hin, um zu prüfen, ob es die richtige Nummer
ist. Bei einem Hunde wird man niemals ähnliches beobachten.

Wie sollte sich ein Pferd in der endlosen Steppe ohne Kompaß
zurechtfinden, wenn es nicht einen Ortssinn besäße? Die Sonne kann ihm
nichts nützen, da es als Nachttier auch in der Dunkelheit finden muß.

Eine wie große Macht der Ortssinn auf das Tier ausübt, konnte man in
Amerika recht deutlich an den Prärie-Bisons oder Büffeln sehen. Seit
Jahrtausenden machten diese Tiere ihre Wanderungen auf gewissen ganz
bestimmten Wegen. Jetzt wurde durch die Ausdehnung der Bevölkerung
das Land, auf dem sich ein solcher Weg befand, urbar gemacht und mit
Getreide bestellt. Als die Wanderzeit herankam, erschienen die Bisons
und liefen mitten durch das Getreide genau an den Stellen, wo früher
ihre Wege gewesen waren.

Ohne den Ortssinn der Tiere wäre es undenkbar, daß man ihre Blindheit
nicht sofort merkt. Ebenso rührt das Anstaunen des neuen Tores durch
eine Kuh von ihrem Ortssinn her, wobei noch hinzukommt, daß ihr Gesicht
sehr schwach ist.


90. Weitere Vergleiche zwischen Rind und Pferd.

Das in der Nähe der Herde weidende Pferd gibt uns noch Gelegenheit,
einige weitere Vergleiche zwischen ihm und den Rindern anzustellen.

Zunächst sehen wir, daß das Pferd einen schmalen Kopf hat im Vergleich
zum Rinde, das unser Schiller »breitgestirnt« nennt. Die Erklärung ist
folgende.

Ein schneller Renner muß einen schmalen Kopf haben, um die Luft schnell
zu durcheilen. Das Rind ist kein schneller Renner, wohl aber das Pferd.
Vorteilhaft ist es auch, wenn ein Renner kleine Ohren hat, wie z. B.
der Windhund sie besitzt. Aus dem gleichen Grunde trägt das Pferd
kleine Ohren.

Wir sehen ferner, daß beide Tierarten ihre Nahrung vom Erdboden
aufnehmen. Da Pferde und Rinder eine ziemliche Größe besitzen, so ist
das nicht so einfach zu bewerkstelligen. Das Pferd mußte zu diesem
Zwecke einen langen Hals und einen langgestreckten Kopf erhalten.

Auch das Rind hat zu diesem Zwecke einen langen Kopf. Sein Hals
brauchte nicht so lang wie beim Pferd auszufallen, da es etwas anders
gebaut ist.

Die Kuh muß einen gespaltenen Huf haben, weil das Rind seine
eigentliche Heimat in feuchten Wäldern hat. Durch sein Gewicht sinkt
es etwas in den Boden ein und braucht schon aus diesem Grunde nicht
einen so langen Hals wie das Pferd. Denn dieses lebt auf der trockenen
Steppe, wo es niemals einsinkt.

Unsere Rinder gehen heute noch mit großem Vergnügen in den Wald. Das
ist ein Beweis, daß sie hier ihre eigentliche Heimat finden. Jeder
Zweifel wird dadurch ausgeschlossen, daß verwilderte Rinder stets nach
Wäldern flüchten und sich dort aufhalten. Kein Haustier verwildert
vielleicht so rasch wie das Rind. Es kommt immer wieder vor, daß sich
Rinder bei der Beförderung losreißen und die Freiheit erringen, ehe sie
wieder ergriffen wurden.

Verwilderte Rinder führen ganz das Leben wie unsere Hirsche. Sie
bleiben am Tage im Dickicht des Waldes verborgen und treten mit
Einbruch der Dämmerung aus, um sich ihre Nahrung zu suchen.

Weil das Rind auf dem schwankenden Boden des Sumpfes heimisch ist,
deshalb steht es gewöhnlich kuhhessig, d. h. seine Sprunggelenke an
den Hinterfüßen sind auffallend genähert. Wir wissen, daß das Rind im
Gegensatz zum Pferde ein wehrhafter Pflanzenfresser ist. Um dem Gegner
auf dem schwankenden Sumpfboden besser standzuhalten, ist bei dem Rinde
die Standfläche etwas vergrößert. Genau aus dem gleichen Grunde stellen
Leute, die schwere Lasten zu schieben haben wie z. B. die Bäcker, ihre
Beine auseinander. Das Rind hat von Natur Kuhhessigkeit, der Mensch nur
ausnahmsweise Bäckerbeine.

Bei dem Pferde, das sich in der Regel nicht verteidigt und auf dem
harten Boden der Steppe steht, ist Kuhhessigkeit nicht erforderlich und
deshalb ein Fehler.

Den langen Kopf brauchen Pferde und Rinder nicht nur deswegen, weil sie
ihre Nahrung vom Boden aufnehmen, sondern weil alle Tiere mit feiner
Nase, also alle Nasentiere, den Boden erreichen müssen. Denn der größte
Vorzug eines Nasentieres ist es, niemals seine Kameraden verlieren zu
können. Es braucht nur seine Nase auf die Erde zu setzen und ihnen
zu folgen. Augentiere können sich dagegen leicht verlieren. Menschen
geraten in die größte Bedrängnis, wenn sie in der Wildnis von ihren
Kameraden im Stich gelassen sind.

Je wichtiger ein Sinn ist, desto mehr wird er behütet, je unwichtiger
er ist, desto leichter geht er verloren. Weil bei Pferden und Rindern
der Geruch der feinste Sinn ist, deshalb wird es schwerlich ein
riechunfähiges Pferd oder Rind geben. Dagegen ist Blindheit nicht
selten, und namentlich ist Blindheit auf einem Auge ungemein häufig.
Dem Menschen ist das schon längst aufgefallen, und es ist daraus die
Redensart entstanden: Auf einem Auge war die Kuh blind.

Weil der Geruch bei Pferden und Rindern sehr fein ist, deshalb ist ihre
Nase sehr empfindlich. In der Praxis hat man diese Eigentümlichkeit zu
folgenden Zwecken ausgenützt. Um Pferde zu operieren, wendet man die
Nasenbremse an, welche die Nüstern zusammenquetscht. Dadurch werden so
wahnsinnige Schmerzen erregt, daß die Pferde gegen andere Schmerzen
unempfindlich sind. Um den Stier zu lenken, zieht man ihm einen Ring
durch die Nase. Das Ziehen am Ringe hat wegen der Empfindlichkeit der
Nase große Wirkung.


91. Geschichten vom Rind.

Bei dem schon erwähnten Schweizer Naturforscher finden wir eine
prächtige Schilderung des Rindviehs seiner Heimat. Folgende Stellen
davon sollen hier ihren Platz finden:

Den Rindviehherden auf den Alpen fehlt mitunter jede Stallung. Die
Kühe treiben sich in den Revieren ihrer Alp umher und weiden das kurze
würzige Gras ab, das weder hoch noch reichlich wächst. Fällt im Früh-
oder Spätjahr plötzlich Schnee, so sammeln sich die brüllenden Herden
vor den Hütten, wo sie kaum Obdach finden, wo ihnen der Senne oft nicht
einmal eine Hand voll Heu zu bieten hat. Hochträchtige Kühe müssen oft
weit entfernt von menschlichem Beistand kalben und bringen am Abend dem
erstaunten Sennen ein volles Euter und ein munteres Kalb vor die Hütte;
nicht selten aber gehts auch schlimmer ab. In einigen Kantonen hat man
in neuester Zeit endlich die Erbauung ordentlicher Ställe durchgesetzt.
Das Leben der »schönen, breitgestirnten, blanken Rinder« auf den
»freien Höhen« darf man sich nicht allzu rosig denken.

Und doch ist auch dem schlechtgeschützten Vieh die schöne, ruhige
Zeit des Alpenaufenthaltes überaus lieb. Man bringe nur jene große
Vorschelle, welche bei der Fahrt auf die Alp und bei der Rückkehr ihre
weithin tönende Stimme erschallen läßt, im Frühling unter die Viehherde
im Tal, so erregt dies gleich die allgemeine Aufmerksamkeit. Die Kühe
sammeln sich brüllend in freudigen Sprüngen und meinen, das Zeichen
der Alpfahrt zu vernehmen. Und wenn diese wirklich begonnen wird, wenn
die schönste Kuh mit der größten Glocke am bunten Band behangen und
wohl mit einem Strauße zwischen den Hörnern geschmückt wird, wenn das
Saumroß mit dem Käsekessel und Vorräten bepackt ist, die Melkstühle
den Rindern zwischen den Hörnern sitzen, die saubern Sennen ihre
Alpenlieder anstimmen und der jauchzende Jodel durchs Tal schallt,
dann soll man den trefflichen Humor beobachten, in dem die gut-, oft
übermütigen Tiere sich in den Zug reihen und brüllend den Bergen
zumarschieren. Im Tal zurückgehaltene Kühe folgen oft unversehens
auf eigene Faust den Gefährten auf entfernte Alpen. Freilich ist es
bei schönem Wetter auch für eine Kuh gar herrlich hoch im Gebirge.
Das Frauenmäntelchen, Mutterkraut, der Alpenwegerich bieten dem
schnobernden Tiere die trefflichste und würzigste Nahrung. Die Sonne
brennt nicht so heiß wie im Tale. Die lästigen Bremsen quälen das Rind
während des Mittagschläfchens nicht und leidet es vielleicht noch von
dem Ungeziefer, so sind die zwischen den Tieren ruhig herumlaufenden
Stare und gelben Bachstelzen stets bereit, ihnen die erforderlichen
Liebesdienste zu erweisen. Die gute, freie Luft schmeckt ihm auch
besser als der stinkende Qualm der dumpfigen Ställe, und die stete
Bewegung, die natürliche Diät, nach der es frißt, wenn es eben Lust
hat und was ihm zusagt, der beliebige Verkehr mit den gehörnten
Kolleginnen, alles dies trägt dazu bei, das Vieh munter, frisch und
gesund zu erhalten, wie es denn überhaupt Tatsache ist, daß die in
mancher Hinsicht so vorteilhafte Stallfütterung den Grund von einer
Menge Krankheiten bildet, denen das Alpenvieh nicht anheimfällt. Ebenso
geht bei diesem der Prozeß der Fortpflanzung viel regelmäßiger und
naturgetreuer vor sich als bei jenem.

Man meint nicht mit Unrecht, das Vieh des Hochgebirges sei klüger
und munterer als das des Tales. Das naturgemäße Leben bildet den
natürlichen Instinkt besser aus. Das Tier, das fast ganz für sich
sorgen muß, ist aufmerksamer, sorgfältiger, hat mehr Gedächtnis als das
stets verpflegte. Die Alpkuh weiß jede Staude, jede Pfütze, kennt genau
die besseren Grasplätze, weiß die Zeit des Melkens, kennt von fern die
Lockstimme des Hüters und naht ihm zutraulich; sie weiß, wann sie Salz
bekommt, wann sie zur Hütte und zur Tränke muß. Sie spürt das Nahen des
Unwetters, unterscheidet genau die Pflanzen, die ihr nicht zusagen,
bewacht und beschützt ihr Junges und meidet achtsam gefährliche
Stellen. Letzteres aber geht bei aller Vorsicht doch nicht immer gut ab.

Sehr ausgebildet ist namentlich bei dem schweizerischen Alpenrindvieh
jener Ehrgeiz, der das Recht des Stärkeren mit unerbittlicher Strenge
handhabt und danach eine Rangordnung aufstellt, der sich alle fügen.
Die »*Heerkuh*«, welche die große Schelle trägt, ist nicht nur die
schönste, sondern auch die stärkste der Herde und nimmt bei jedem
Umzug unfehlbar den ersten Platz ein, indem keine andere Kuh es wagt,
ihr voranzugehen. Ihr folgen die stärksten »Häupter«, gleichsam die
Standespersonen der Herde. Wird ein neues Stück zugekauft, so hat es
unfehlbar mit jedem Gliede der Genossenschaft einen Hörnerkampf zu
bestehen und nach dessen Erfolgen seine Stelle im Zuge einzunehmen.
Bei gleicher Stärke setzt es oft böse, hartnäckige Zwiegefechte ab,
da die Tiere stundenlang nicht von der Stelle weichen. Die Heerkuh,
im Vollgefühl ihrer Vorherrschaft, leitet die weidende Herde, geht
zur Hütte voran, und man hat oft bemerkt, daß sie, wenn sie ihres
Ranges entsetzt und der Vorschelle beraubt wurde, in eine nicht zu
besänftigende Traurigkeit verfiel und ganz krank wurde.

So vertraut die Sennen mit ihrem Vieh sind und so gern eine jede Kuh
dem Namen, mit dem sie gerufen wird, folgt, so gibt es doch auch fast
in jedem Sommer Stunden der vollen Anarchie, in der alle Ordnung in
der Herde reißt und der Senne sie fast nicht mehr zu halten weiß. Wir
meinen die Stunden der nächtlichen Hochgewitter, die den Alpenbewohnern
wahre Not- und Schreckensstunden sind. Jetzt springen die halbnackten
Sennen, die Milcheimer über die Köpfe gestürzt, unter die zerstäubende
Schar, johlend, fluchend, lockend und die heilige Mutter anrufend. Aber
das tolle Vieh hört und sieht nichts mehr. In schauerlichen Tönen, halb
stöhnend, halb brüllend, rennt es blind mit vorgestrecktem Kopfe, den
Schwanz in den Lüften, geradeaus. Das ist eine Stunde des Schreckens
und Unheils. Die Sennen wissen sich nicht zu helfen; bald schwarze
Nacht, bald blendendes Feuer; der Hagel klappert auf dem Eimer und
zwickt die nackten Arme und Beine mit scharfen Hieben, während alle
Elemente im greulichen Aufruhr sind.

Bei jeder größeren Alpenviehherde befindet sich ein Zuchtstier.
Er bewacht sein Vorrecht mit sultanischer Ausschließlichkeit und
ausgesprochenster Unduldsamkeit. Es ist selbst für den Sennen
nicht ratsam, vor seinen Augen eine rindernde Kuh von der Sennte
zu entfernen. In den öfter besuchten tieferen Weiden dürfen nur
zahme und gutartige Stiere gehalten werden; in den höheren Alpen
trifft man aber oft sehr wilde und gefährliche Tiere. Da stehen sie
mit ihrem gedrungenen, markigen Körperbau, ihrem breiten Kopf mit
krausem Stirnhaar, am Wege und messen alles fremdartige mit stolzen,
jähzornigen Blicken. Besucht ein Fremder, namentlich in Begleitung
eines Hundes, die Alp, so bemerkt ihn der Herdenstier schon von weitem
und kommt langsam, mit dumpfem Gebrülle heran. Er beobachtet den
Menschen mit Mißtrauen und Zeichen großen Unbehagens, und reizt ihn an
der Erscheinung desselben zufällig etwas, vielleicht ein rotes Tuch
oder ein Stock, so rennt er geradeaus mit tiefgehaltenem Kopfe, den
Schwanz in die Höhe geworfen, in Zwischenräumen, wobei er öfter mit
den Hörnern Erde aufwirft und dumpf brüllt, auf den vermeintlichen
Feind los. Für diesen ist es nun hohe Zeit, sich zur Hütte, hinter
Bäume oder Mauern zu retten; denn das gereizte Tier verfolgt ihn mit
der hartnäckigsten Leidenschaftlichkeit und bewacht den Ort, wo es den
Gegner vermutet, oft stundenlang. Es wäre in diesem Falle töricht, sich
verteidigen zu wollen. Mit Stoßen und Schlagen ist wenig auszurichten,
und das Tier läßt sich eher in Stücke hauen, ehe es sich vom Kampfe
zurückzöge. Selbst unter den Sennen gibt es nur sehr selten Männer,
die sich einem solchen Angriffe stellen; nur einmal sahen wir, wie ein
Aelpler mit bewundernswerter Kaltblütigkeit einen angreifenden Stier
mit der rechten Hand bei einem Horn packte, mit der Linken ihm ins Maul
fuhr und die Zunge ergriff, dann diese rasch umdrehte und so den Stier
mit herkulischer Kraft herumriß und auf den Boden warf. Später wagte
sich das gebändigte Tier nie mehr an einen Menschen. Schlimmer erging
es bei einem solchen Stierkampfe dem Wirte auf dem Ofnerpaß (Engadin),
Simi Gruber, einem Manne von athletischer Gestalt und großer, auf
Bären- und Gemsenjagden oft bewährter Kraft. Er sömmerte auf seinen
Bergweiden eine Herde Stiere, von denen er einen als »einen stechenden
Stier« kannte und dem er immer sorgsam auswich. Eines Tages wollte
er eine Kuh zu den Tieren führen, sah sich aber plötzlich seitwärts
von einem Tiere, das er bisher immer für gutartig gehalten hatte,
mit den Hörnern gepackt und auf die Erde gestoßen. Hier faßte er den
schnaubenden Stier so rasch als möglich mit der einen Hand beim Ohr,
mit der anderen an der Nase und warf ihn mit einem kräftigen Ruck
nieder. Kaum aber war er wieder auf den Füßen, als auch das wütende
Tier wieder aufsprang und ihn zum zweiten Male auf den Boden stieß.
In gleicher Weise riß Gruber auch diesmal seinen Feind neben sich
nieder und hielt ihn mit Macht so lange auf dem Boden, bis er sich
gefaßt hatte, mit raschen Sprüngen sein Bergwirtshaus zu erreichen.
Der gebändigte Stier stand auf, kam dumpf brüllend bis an die Tür und
wollte nicht weichen. Da nun gerade eine fremde Familie abzureisen
beabsichtigte, wollte der Wirt Platz machen, griff zu einem tüchtigen
Sparren und trat vor das Haus, um mit einem gewaltigen Hiebe dem Stier
ein Horn abzuschlagen. Allein der Stier wich mit einer Seitenbewegung
aus, rannte den Mann zum dritten Male nieder, stieß ihn wütend auf der
Erde und warf den bewußtlos Gewordenen mit den Hörnern wie einen Ball
hinter sich. Dann ging er eine Strecke weiter, blieb wieder stehen,
kehrte zu seinem überwundenen Gegner zurück, beroch ihn wiederholt und
kehrte nun erst, nachdem er kein Leben mehr in dem Manne gewahrt hatte,
auf die Weide zurück. Gruber wurde für tot aufgehoben; als er zum
Bewußtsein gebracht worden, zeigte sich's, daß er bei dem Stierkampfe
ein Bein gebrochen und mehrere schwere Verletzungen erhalten hatte.
Die Bergkühe, die nur ausnahmsweise einen Menschen angreifen werden,
zeigen oft heftigen Widerwillen gegen fremde Hunde und vereinigen sich
oft zum erbitterten Kampfe, wobei der Gegner es stets vorzieht, mit
eingeklemmtem Schwanze das Weite zu suchen.

Die festlichste Zeit für das Alpenrindvieh ist ohne Zweifel der Tag
der Alpfahrt, die gewöhnlich im Mai stattfindet, ein Tag, der auch im
Leben des Aelplers von Bedeutung ist. Jede der ins Gebirge ziehenden
Herden hat ihr Geläut. Die stattlichsten Kühe erhalten, wie bemerkt,
die ungeheuren Schellen, die oft über einen Fuß im Durchmesser halten
und 40 bis 50 Gulden kosten. Es sind Prunkstücke des Sennen; mit drei
oder vier solchen, in harmonischem Verhältnis zueinander stehenden,
läutet er von Dorf zu Dorf seine Abfahrt ein. Zwischenhinein tönen die
kleineren Erzglocken. Voraus geht ein Handbub mit sauberm Hemde und
kurzen gelben Beinkleidern; ihm folgen die Kühe mit dem Herdenstier
in bunter Reihe, dann oft etliche Kälber und Ziegen. Den Beschluß
macht der Senn mit dem Saumpferde, das die Milchgerätschaften,
Bettzeug u. dgl. trägt, und mit buntem Wachstuche bedeckt ist. An
diesem Tage besonders ertönt der Kuhreigen, den jeder Alpendistrikt in
eigentümlicher Weise besitzt. Es ist dies jener höchst eigentümliche
jauchzende Gesang, dessen ältester Text sich nur noch in einzelnen
Versen vorfindet, während seine Melodie in stundenlangen Trillern,
Jodeln, bald hüpfenden, bald gedehnten Tönen besteht. Etwas anderes
ist der einfache Jodel, der keine Worte hat, sondern bloß in schnell
wechselnden, oft in der Tiefe anhaltenden und rasch in die Höhe
steigenden, seltsamen, melodischen Tonverbindungen besteht, mit denen
der Hirte die Kühe herbeilockt, seine Kameraden begrüßt und dessen
er sich überhaupt als Fernsprache im Gebirge bedient. Trauriger als
die Alpfahrt ist für Vieh und Hirt die Talfahrt, die in ähnlicher
Ordnung vor sich geht. Gewöhnlich ist sie das Zeichen der Auflösung des
familienartigen Herdenverbandes.


92. Welches sind die Feinde des Rindes?

In Europa haben die großen Pflanzenfresser ihre Feinde in den Bären und
Wölfen. Der Luchs überfällt nur junge Tiere. In den heißen Ländern
sind, wie schon erwähnt, die großen Katzenarten, also namentlich Löwe
und Tiger, die gefährlichsten Feinde der Rinder.

Das Benehmen der Schweizer Rinder, falls sie von einem Bären
angegriffen werden, schildert unser Gewährsmann folgendermaßen:

Gegenüber den Angriffen der reißenden Tiere, besonders denen der in den
südlichen Alpen noch immer allzu häufigen Bären, beweist das Rindvieh
des Gebirges feinen Instinkt und festen Mut. Schleicht sich so in
der Stille auf leisen, breiten Tatzen ein Bär heran, so wittern bei
ruhigem Wetter die Kühe schon von weitem den Mörder, brüllen heftig,
eilen gegen die Hütten oder rasseln, wenn sie angebunden sind, so
laut und anhaltend mit ihren Ketten, daß die Sennen auf die Gefahr
aufmerksam werden. Immer sucht das Raubtier von hinten anzukommen, da
auch das halberwachsene Rind im Notfall auf die Kraft seiner Hörner
vertraut. Ist es dem Bären aber gelungen, eine Kuh niederzureißen und
zu zerfleischen, so sammeln sich die versprengten Kühe sonderbarerweise
ziemlich rasch wieder dicht um den Räuber, schauen mit gesenkten
Hörnern, heftig schnaubend und von Zeit zu Zeit dumpf aufbrüllend dem
Fraße zu, als ob sie Lust hätten, ohne alle Scheu den Feind anzufallen.
Nach der Aussage zuverlässiger Leute soll in diesem Falle der Bär
sich nicht allzulange beim Mahle aufhalten, und es soll nie geschehen
sein, daß er sich an eine zweite Kuh gewagt hätte. Bei anhaltendem
Regen und dichtem Nebel wittert aber das Rindvieh die Raubtiere gar
nicht, und es sind Beispiele bekannt, wo Bären dicht beim Vieh und
den Hütten herumlauerten, ja selbst ein Rind angriffen, verzehrten
oder forttrugen, ohne daß die übrige Herde etwas davon merkte oder
irgendwelche Bewegung kundgab.

Das tolle Benehmen der Schweizer Kühe bei schweren Gewittern, das
vorhin geschildert wurde, dürfte folgenden Grund haben. Wildrinder
merken das Herannahen eines solchen Ungewitters rechtzeitig vorher und
suchen geschützte Stellen auf. Die Schweizer Kühe sind als Haustiere an
einem solchen Verfahren durch den Menschen gehindert. Deshalb geraten
sie beim Ausbruch des Gewitters gewissermaßen in Verzweiflung.

Der Anspruch der Heerkuh auf den ersten Platz ist ausführlich
geschildert worden. Wir sehen daraus, daß unser Dichter Schiller recht
hat, wenn er im Tell sagt:

  Das weiß sie auch, daß sie den Reihen führt,
  Und nähm ich ihr's (das Band), sie hörte auf zu fressen.

Uebrigens hat mir ein Bekannter, der zehn Jahre unter den Rinderherden
in Südamerika lebte, genau das gleiche von dem ausgesprochenen Sinn der
Rinder für eine Rangordnung erzählt.


93. Wie hoch ist der Milchertrag einer Durchschnittskuh?

Unsere Herde wird jetzt nach Hause getrieben, um gemolken zu werden.

Wildrinder haben nur Milch für ein oder zwei Kälber. Der Milchreichtum
unserer Kühe ist erst künstlich vom Menschen angezüchtet worden. Ohne
fortwährendes Melken würde die Milcherzeugung wieder zurückgehen.

Die Tragezeit der Kuh beträgt etwa 9½ Monate. Nach dem Kalben ist
naturgemäß die Erzeugung der Milch sehr hoch. Etwa 300 Tage oder 10
Monate lang dauert die Laktation oder Milcherzeugung. Gute Kühe liefern
während dieser Zeit den Tag bis zu 10 Liter, manche ausnahmsweise
bedeutend mehr. Dann steht die Kuh gewöhnlich 6 Wochen trocken. Es gibt
aber ausgezeichnete Kühe, die auch während dieser Zeit Milch liefern.

Der Milchertrag ist also außerordentlich verschieden. Es kommt aber
nicht bloß auf den Milchertrag, sondern auch auf den Fettgehalt der
Milch an.

Selbstverständlich wird jeder Landwirt suchen, Kühe zu halten, die
recht viel und recht fettreiche Milch liefern. Berühmt wegen ihres
Milchreichtums sind Holländer und Oldenburger Kühe. Doch ist ihre
Milch nicht so fettreich und liefert nicht soviel Butter und Käse
wie die Milch der Schwyzer, Allgäuer und anderer Höhenkühe. Auf die
Verschiedenheit von Gebirgs- und Niederungsgräsern ist schon früher
aufmerksam gemacht worden.

Bei den praktischen Engländern und Amerikanern, ebenso bei den
Schweizern melken Männer, nicht Frauen. Es ist das wahrscheinlich kein
Zufall. Bei uns in Deutschland herrscht vielfach die Ansicht, daß es
eines Mannes unwürdig ist zu melken. Sonst ist das Ausland für uns
maßgebend, aber in diesem Falle, wo es von Vorteil für uns sein dürfte,
leider nicht.


94. Warum ist das Rind ein Wiederkäuer, das Pferd nicht?

Es ist gewiß auffallend, daß zwei große Pflanzenfresser in dem Punkte
grundverschieden sind, daß die Rinder ihre Nahrung wiederkäuen, das
Pferd aber nicht.

Der Magen der Wiederkäuer zerfällt in vier Abteilungen, nämlich den
Pansen oder Wanst, den Netzmagen oder die Haube, den Blättermagen oder
den Psalter und den Labmagen. Zunächst gelangt das Futter in den Pansen
und von dort in den Netzmagen. Im Netzmagen wird das Futter erweicht
und durch eine Art von Erbrechen in das Maul zurückgeschafft. Im
Maule wird es nun gründlich gekaut und geht von hier aus jetzt in den
Blättermagen und dann in den Labmagen. Außer den Rindern sind Ziegen
und Schafe Wiederkäuer.

Viele nehmen an, daß das Wiederkäuen den Tieren in folgender Weise von
Vorteil ist: Hirsche beispielsweise, die ebenfalls Wiederkäuer sind,
müßten lange auf der Lichtung fressen, ehe sie alles Futter, das sie
brauchen, gekaut haben. Deshalb ist es für sie vorteilhafter, schnell
Futter hineinzuschlingen und in Ruhe im Dickicht oder im Walde, wohin
sie zurückgeflüchtet sind, zu wiederkäuen.

Unsere Hirsche fressen aber nicht in dieser Weise. Sie treten abends
aus dem Walde und bleiben während der Dunkelheit auf den Feldern.
Mit Tagesanbruch gehen sie in den Wald zurück. Ist es am Morgen sehr
neblig, so bleiben sie draußen. Der Jäger sagt dann: »Heute kneipen
die Hirsche durch.« Die Hirsche wissen, daß sie in der Dunkelheit und
im Nebel geschützt sind, weil kein Jäger dann auf sie schießen kann.

Das Wiederkäuen dürfte vielmehr den Zweck haben, große, umfangreiche
Futtermengen, die nur geringen Nahrungswert haben, für die tierische
Nahrung verwendbar zu machen.

Solche Futtermengen findet das Pferd in seiner Heimat, der Steppe,
nicht. Deshalb konnte es kein Wiederkäuer werden. Auch wäre ein großer
Magen für das Pferd als Renner nicht vorteilhaft gewesen.

Jetzt verstehen wir auch, weshalb die Wiederkäuer oben keine
Schneidezähne haben. Mit oberen Schneidezähnen ausgerüstet, würden sie
in der Freiheit vielleicht lieber Körner als Massen von Pflanzen und
Blättern fressen. Ohne Schneidezähne sind sie aber nicht imstande,
ganze Körner gut zu verdauen, während das Pferd mit seinen scharfen
Zähnen es vortrefflich kann.

Wir müssen also unseren Kühen Körner geschrotet verabreichen, weil sie
sonst regelmäßig unverdaut abgehen.

Alle Wiederkäuer haben eine ausgesprochene Vorliebe für Salz. Vielfach
ist es üblich, das neugeborene Kälbchen mit Salz abzureiben, damit es
von der Mutter abgeleckt wird.


95. Die geistigen Gaben der Rinder.

Trotz der sprichwörtlichen Dummheit des Rindviehs ist es damit nicht
so schlimm bestellt. Bei der Kuh vorm neuen Tor haben wir das bereits
hervorgehoben. Auch hier trügt der Schein. Das Rind ist sich seiner
Stärke bewußt und bleibt daher seelenruhig, was wir als Stumpfheit
auslegen.

Beim Hunde wurde die Geschichte erzählt, wie ein Bulle in tiefes
Wasser flüchtete, um vor einem Nasenbiß sicher zu sein. Kann es ein
zweckmäßigeres Verfahren geben?

Im Harz tragen die Rinderherden oft Glocken, die genau abgestimmt
sind. Allgemein wird behauptet, daß die Kühe die Glocken ihrer Herde
von denen anderer unterscheiden und sich, wenn sie sich verirrt haben,
danach richten.


96. Die Rassen der Rinder.

Ueber die Stammeltern unserer heutigen Rinder ist man sich noch nicht
einig. In Europa lebten früher zwei Wildrinder, und zwar der Auerochs
und der Wisent. Der Auerochs hatte lange Hörner und keine Mähne,
während der Wisent eine Mähne, aber kleine Hörner besitzt. Der Wisent
lebt heute noch in Zoologischen Gärten und an vereinzelten Stellen,
während der Auerochs gänzlich ausgerottet ist. Es ist daher unrichtig,
den noch heute lebenden Wisent als Auerochs zu bezeichnen.

Wahrscheinlich ist der Auerochs in unseren heutigen Rindviehrassen
aufgegangen.

Man unterscheidet folgende Rassen: 1. Steppenrassen, 2.
Niederungsrassen, 3. einfarbige Gebirgsrassen, 4. bunte Gebirgsrassen,
5. Landrassen, 6. englische Rassen, 7. französische Rassen.

Die Steppenrassen mit ihren langen Hörnern sind jedenfalls erst
allmählich in der Steppe heimisch geworden. Denn nach dem Bau seiner
Füße ist das Rind, wie wir schon erwähnten, ein Geschöpf der Niederung,
und zwar der bewaldeten Niederung.

Im Gegensatz zum Pferde gehört das Rind zu den paarzehigen Huftieren
aus der Familie der Horntiere.

Der Stier oder Bulle heißt auch Farren, während Färse oder Stärke die
Kuh ist, die noch nicht gekalbt hat.

Das Rind ist etwas früher reif als das Pferd. Der Stier wird mit 1½
Jahren, die Kuh mit 2 Jahren zur Zucht benutzt. Dementsprechend ist
auch ihr Alter etwas niedriger als das des Pferdes.


97. Krankheiten der Rinder.

Bereits die Stallhaltung unserer Haustiere ist etwas Unnatürliches.
Kommt nun noch die künstliche Anzüchtung der Milcherzeugung hinzu, so
dürfen wir uns nicht wundern, daß wir diesen großen Vorzug mit manchen
Krankheiten bezahlen müssen. Rinderpest, Maul- und Klauenseuche und
Tuberkulose seien an dieser Stelle genannt. Das Aufblähen wurde bereits
erwähnt.

Manchmal führen ganz unbedeutende Dinge den Tod einer Kuh herbei.
Früher trugen die Mägde keine Kämme im Haar, wie das jetzt der Fall
ist. Diese Kämme fallen leicht in das Futter und werden von den
Kühen verschlungen. Als Folge davon können Magenverletzungen und
Notschlachtungen eintreten. So verliert der Landwirt ein schönes Stück
Vieh, das heute ein Vermögen wert ist.


98. Das Rind in Redensarten und Sprichwörtern.

Es wurde bereits erwähnt, daß »*Rindvieh*« oder »*Ochse*« zur
Bezeichnung eines dummen Menschen dient. Ebenso wurden schon die
Redensarten angeführt: *Auf einem Auge war die Kuh blind* und: *Er
steht da, wie die Kuh vorm neuen Tor*. Unter

               »*ochsen*«

versteht man andauernd arbeiten oder »büffeln«.

               »*Ochsengang*«

ist der sachte, gemessene Schritt des Ochsen.

    *Den Stier bei den Hörnern packen*

bedeutet, daß man einer Gefahr tollkühn entgegengeht, indem man einen
mächtigen Gegner bei seinen eigenen Waffen anpackt. Wenn das einen Sinn
haben soll, muß man selbst über große Kräfte verfügen.

[Illustration: Auf der Alm]

[Illustration: Kühe im Wasser]

[Illustration: Zugochsen]



Das Schwein


99. Wodurch unterscheidet sich das Hausschwein vom Wildschwein?

Um unser Hausschwein richtig zu verstehen, wollen wir uns zunächst
das Wildschwein in unserm weltberühmten Berliner Zoologischen Garten
ansehen.

Vorher sei bemerkt, daß unsere heimischen Schweinerassen nicht allein
vom europäischen Wildschwein abstammen.

Wenig angenehm fällt uns zunächst in dem Teile des Zoologischen
Gartens, der für die Schweine bestimmt ist, der Geruch dieser Tiere
auf. Aber das wird auf Gegenseitigkeit beruhen. Alle freien Tiere
flüchten, sobald sie den Menschen gewittert haben. Folglich muß ihnen
unsere Ausdünstung auch nicht behagen.

Hiervon abgesehen müssen wir staunen, wie reich gerade der Tierbestand
an Wildschweinen in unserem Zoologischen Garten ist, obwohl gerade der
Weltkrieg bei ihm große Lücken verursacht hat. Außer einer Wildsau
mit Ferkeln sind noch drei Keiler, d. h. drei männliche europäische
Wildschweine vorhanden. Obwohl es bereits Anfang Juni ist, hat erst ein
Keiler sein Winterhaar verloren.

Vergleichen wir einen der Keiler im Winterhaar mit unserem Hausschwein,
so fällt uns zunächst seine Behaarung auf, sodann die mächtigen
Eckzähne, die sogenannten Gewehre. Schließlich wäre noch erwähnenswert,
daß sein Kopf länger als der des Hausschweins ist, daß er überhaupt
nicht so fett, dafür aber stärker, höher und ungemütlicher ist als
unser Hausschwein.

In früheren Zeiten war das Wildschwein eine der häufigsten Wildarten
unserer Heimat. Da es jedoch dem Ackerbau sehr schädlich ist, so
besitzt es keine Schonzeit und ist an vielen Stellen bereits vollkommen
ausgerottet worden.

Wenn wir uns die kleinen Augen des Wildschweins ansehen und dabei
beobachten, daß sein großer Rüssel unter fortwährendem Geschnüffel in
Tätigkeit ist, so können wir keinen Augenblick daran zweifeln, daß das
Wildschwein ein Nasentier ist. In der Tat ist es ein ausgesprochenes
Nasentier wie Elefant, Tapir, Maulwurf und andere Tiere, die sich durch
ein bewegliches Riechorgan und ein nichtssagendes Auge auszeichnen.


100. Warum ist der Kopf des Schweines kegelförmig?

Mit dem Maulwurf hat das Wildschwein nicht nur das schwache Sehvermögen
gemeinsam. An den Maulwurf erinnert auch der ganze Kopf des
Wildschweins. Und so verschieden die Größe der beiden Geschöpfe auch
ist, so haben sie doch in ihrer Lebensweise etwas Uebereinstimmendes.

Der Maulwurf lebt unter der Erde, indem er auf Regenwürmer und andere
Insekten Jagd macht. Zu diesem Zwecke muß er, um sich schnell durch
die Erde durchzubohren, einen kegelförmigen Kopf besitzen. Auch das
Wildschwein frißt gern Regenwürmer und andere Insekten des Erdbodens,
dann aber vor allen Dingen pflanzenartige Stoffe, die im Erdboden
stecken, also Wurzeln, Kartoffeln und dergleichen. Das Wildschwein muß
also einen Wühlkopf haben. Wo es etwas gewittert hat, bricht es mit
seinem Rüssel die Erde auf, um zu dem durch den Geruch wahrgenommenen
Gegenstande zu gelangen.

Der maulwurfartige Kopf kommt dem Wildschwein aber auch noch zustatten,
wenn es schnell in Gebüsche flüchtet. Wie der Maulwurf schnell die Erde
durchschneidet, so kann das Wildschwein schnell durch Gebüsche laufen.
Hierbei ist es für das Wildschwein sehr von Vorteil, daß seine kleinen
Augen seitlich stehen. Schon Wölfe oder Hunde können dem Wildschwein
nicht so schnell in die Gebüsche folgen, weil ihre Köpfe viel weniger
dazu geeignet sind, auch ihre Augen mehr nach vorn stehen. Zweige und
Blätter werden ihnen also viel leichter in die Augen geschleudert als
dem Wildschweine.


101. Warum nennt man einen Menschen mit kleinen Augen schweinsäugig?

Unser Wildschwein hat wohl kleine, aber eigentlich keine blöden Augen.
Dagegen fallen bei den in der Nähe stehenden Hausschweinen die kleinen,
blöden Augen sehr auf. Es ist also kein Wunder, daß man von einem
Menschen, der kleine Augen hat, sagt, er habe Schweineaugen.

Schon äußerlich ist erkennbar, daß das Auge bei den Schweinen wenig
leistet. Jeder Jäger kann das auch von den Wildschweinen bestätigen.

Die Schwäche der Augen wird bei den Schweinen durch die Leistungen der
Nase ausgeglichen. Von der Feinheit ihres Geruchsvermögens können wir
uns kaum eine Vorstellung machen. Ein Forstbeamter zeigte mir einmal
folgenden Fall, da er wußte, daß ich für solche Dinge großes Interesse
habe. Er hatte Kiefern angepflanzt und den Platz von der Größe eines
Morgens mit einem Bretterzaun umgeben. In der Mitte des Platzes war
eine kleine Stelle freigeblieben. Hier hatte sich mein Bekannter ein
paar Kartoffeln gesteckt. Nun war an den Fährten deutlich zu erkennen,
daß ein Wildschwein draußen am Zaun entlang gelaufen war. Hierbei muß
es die Kartoffeln gewittert haben, denn es war plötzlich an einer
Stelle durch den Zaun gekrochen. Das war ihm dadurch gelungen, daß es
eine vorhandene Lücke vergrößert hatte. Auf mindestens 50 Schritte
hatte es also die in der Erde verborgenen Kartoffeln gewittert.

Der Landwirt zweifelt an der unglaublichen Feinheit des Geruchssinns
der Wildschweine keinen Augenblick. Denn er hat auf seinen Aeckern oft
Gelegenheit, sich in höchst unerfreulicher Weise davon zu überzeugen.
Sehr häufig kommt es beispielsweise vor, daß ein mit Kartoffeln
bestellter Acker im nächsten Jahre Getreide trägt. Eines Tages sieht
man im Getreide die Fährten eines Wildschweins, das im Boden gewühlt
und schweren Schaden angerichtet hat. Was hat den überall verfolgten
Schwarzkittel zu dieser landwirtschaftsfeindlichen Handlung veranlaßt?
Hätten die Leute beim Ausbuddeln mit Sorgfalt alle Kartoffeln
gesammelt, so wäre der Schaden im Getreide nicht geschehen. So hat
das Wildschwein die in der Erde verborgenen Kartoffeln gewittert. Da
es Kartoffeln sehr liebt, so hat es sie herausgewühlt ohne Rücksicht
darauf, daß es dabei große Stellen Getreide zusammentrampelte oder
sonst vernichtete.

Wie alle wildlebenden Tiere hat das Wildschwein aufrechtstehende Ohren,
während unser Hausschwein, weil es die Ohren nicht mehr anzustrengen
braucht, Hängeohren besitzt.


102. Warum liegt unser Hausschwein gern in einer Pfütze und auf dem
Miste?

Der Freundlichkeit eines Landmannes verdanken wir es, daß wir einen
Einblick in sein Gehöft und seinen Schweinestall werfen dürfen. Eines
seiner Schweine liegt in einer Pfütze, während ein anderes sich auf
dem Miste herumtreibt. Nachher legt es sich in die Sonne und macht ein
höchst zufriedenes Gesicht. Da es eine Sau ist, so trifft hier die
Bezeichnung »sauwohl« vollkommen zu.

Die Vorliebe des Schweines für den Mist darf nicht mit dem Maßstabe
des Menschen gemessen werden. Wie der Hund, so ist das Wildschwein von
Hause aus ein Aasfresser. Auf dem Misthaufen findet es also vieles, was
ihm naturgemäß und sehr bekömmlich ist.

Alle Nachttiere lieben, wie wir wissen, die Bestrahlung durch die
Sonne. Das Wildschwein ist ein ausgesprochen nächtliches Tier.

Dem viel stärkeren Schwein, das in der Pfütze liegt, ist es dagegen
schon zu warm. Um das Wälzen in der Pfütze zu verstehen, müssen wir uns
folgendes vergegenwärtigen.

Als wir im Zoologischen Garten waren, hatten sich die Wildschweine eine
Art Grube gemacht, in der sie behaglich ruhten. Wer die Lebensweise
des Wildschweins kennt, konnte keinen Augenblick im Zweifel darüber
sein, was sie mit diesem Liegen in der Bucht bezweckten. Es war damals
auch warm, und an warmen Tagen sehnt sich das Wildschwein nach seiner
geliebten Suhle. Darunter versteht man ein mit Wasser, Moor, Schlamm u.
dgl. ausgefülltes Loch. Solche sucht das Wildschwein gern auf, um sich
darin zu wälzen. Einmal erzielt das Wildschwein dadurch eine Abkühlung,
sodann aber bleibt der Schlamm auf seiner Haut sitzen. Nachdem er
trocken geworden ist, bietet er ein gutes Abwehrmittel gegen Insekten.


103. Welches sind die Vorzüge unseres Hausschweins?

Wie ungeheuer nützlich das Hausschwein ist, haben wir alle am eigenen
Leibe schmerzlich erfahren. Worin bestehen die großen Vorzüge des
Hausschweins?

Erstens kann es mit verhältnismäßig geringem Futter aufgezogen, dann
schnell fettgemacht werden. Es liefert vortreffliches Fleisch und
fetten Speck, der durch Salzen und Räuchern leicht aufzubewahren ist.

Zweitens hat es nicht nur ein Junges wie das Pferd oder manchmal
Zwillinge wie die Kuh, sondern die Sau hat 10, ja 20 Ferkel. Die
Vermehrung ist also im Vergleich zu den anderen nutzbringenden
Haussäugetieren ungeheuer groß.

Ich habe oft in früheren Zeiten bei kleinen Leuten gewohnt und mich
darüber gefreut, wie gut die Schweine bei ihnen gediehen. Sie kauften
gewöhnlich im Frühjahr ein paar Ferkel, weil sie damals noch zu dieser
Zeit viel Kartoffeln und Ueberfluß an Milch hatten. Den Sommer über
wurden die Tiere mit allerlei Grünzeug, namentlich mit dem Unkraut
und den Abfällen der Mahlzeiten gefüttert. Im Oktober war dann die
Kartoffelernte, so daß man reichlich mit Kartoffeln füttern konnte,
ebenso im November. Im Dezember wurde Gerstenschrot gefüttert und um
Weihnachten herum gewöhnlich geschlachtet. Was für Prachtstücke hatten
die Leute manchmal herangefüttert! Wurde man zum Schweineschlachten
eingeladen, was in früheren Zeiten etwas Selbstverständliches war,
so konnte man trotz des ursprünglichen Riesenhungers seine Portion
Wellfleisch und warme Wurst kaum bezwingen.


104. Warum gedeihen die Schweine bei kleinen Leuten so gut?

Die vorhin geschilderte Art und Weise, wie der kleine Mann seine
Schweine behandelt, hat sehr günstige Erfolge. Sie dürften in folgenden
Dingen ihren Grund haben.

Je mehr Tiere zusammenstehen, desto gefährlicher werden die
Ausscheidungen. Bei den zwei Schweinen, die ich gewöhnlich im Stalle
angetroffen habe, war es in dieser Hinsicht nicht so schlimm.

Die einfachen Leute auf dem Lande haben den ganz richtigen Grundsatz:
Das Tier weiß besser, was ihm guttut, als der Mensch. Der Mensch soll
sich nach dem Tiere richten, aber nicht das Tier belehren wollen.

Selbstverständlich überfressen sich Haustiere in ihrer Gier, ebenso
nehmen sie ohne Wahl, was man ihnen in den Futterkübel wirft. Da diese
Eigentümlichkeit ganz bekannt ist, so nimmt man darauf Rücksicht.

Im übrigen paßt man darauf auf, was das Tier beim Fressen bevorzugt. So
gelangt man zu einer naturgemäßen Fütterung. Man bringt den Schweinen
junge Disteln und Brennesseln, ebenso Schnecken und andere tierische
Nahrung. Denn das Wildschwein ist ein halbes Raubtier, das tierische
Stoffe braucht. Diese Abwechselung trägt zum Wohlbefinden der Schweine
sehr bei.

Durch das Grünfutter im Sommer bleiben die Schweine mager. Auch das
Wildschwein setzt erst gegen den Herbst zu Speck an. So bleiben die
Schweine gesund und werden selten von den in unsern Schweineställen
fortwährend herrschenden Seuchen ergriffen.

Ein großer Vorteil ist es, daß das Schlachten bei Eintritt der kalten
Jahreszeit stattfindet. Denn dadurch ist die Möglichkeit gegeben,
Schinken und Speck recht lange aufzubewahren.


105. Wie soll der Schweinestall beschaffen sein?

An sich ist die Stallhaltung unnatürlich und deshalb ungesund.
Zuchttiere, d. h. Tiere, von denen man Nachkommenschaft ziehen will,
dürfen auch nicht dauernd im Stalle stehen, wenn man Freude an seiner
Zucht haben will. Bei Tieren jedoch, die geschlachtet werden sollen,
brauchen die gesundheitlichen Grundsätze nicht so streng beobachtet zu
werden.

Gerade das Schwein stellt große Anforderungen an den Stall. Das soll
nicht heißen, daß es Luxusbauten wünscht, -- im Gegenteil. Wenn ein
Schwein im Winter sich in den warmen Düngerhaufen einschieben kann,
dann ist ihm höchst wohl zumute. Und diese Art Stallung kostet gar
nichts. Im Sommer dagegen soll der Stall kühl sein.

Das ist nur aus der Lebensweise des Wildschweins zu erklären. Im Sommer
sucht es, wie wir wissen, eine kühle Suhle auf. Im Winter dagegen liegt
es in einem warmen Kessel. Das Schwein will also vor allen Dingen im
Winter einen warmen Fußboden. Es ist ein Warmfüßler im Gegensatz zum
Pferde, das als Steppentier ohne Schaden bei großer Kälte auf kaltem
Fußboden stehen kann.

Weil es nun nicht immer leicht ist, einen Schweinestall mit warmem
Boden herzustellen, so entgeht der einfache Mann durch Schlachtung
seiner Schweine zu Beginn der eigentlichen Winterszeit allen weiteren
Sorgen.

Im Luxusbau sind gewöhnlich kalte Fußböden, schlechte Luft, obendrein
Zugluft und der feuchte Niederschlag von den Ausdünstungen. Es ist
daher kein Wunder, daß Seuchen unter den Schweinen gar kein Ende nehmen.

Zum Wohlbefinden der Schweine gehören auch Pfähle, an denen sich das
Schwein reiben kann. Denn das Wildschwein fühlt sich ganz besonders
wohl, wenn es sich an Baumstämmen gehörig reiben kann. Solche Pfähle
fehlen bei Luxusbauten, während sie der praktische Landwirt oft
anbringt. Auch in unserem Zoologischen Garten sind sie glücklicherweise
angebracht, und ihre starke Abnutzung zeigt, wie dringend notwendig sie
sind.


106. Warum frißt die Sau die eigenen Ferkel?

Ein großer Schmerz für den Landwirt ist es, daß manche Sauen ihre
eigenen Kinder fressen. Alle Mittel, die man dagegen anwendet, taugen
im allgemeinen nicht viel.

Wir Menschen sind entsetzt, daß eine Mutter so entartet sein kann. Aber
ist unser Standpunkt richtig?

Mir ist kein Fall bekannt, daß eine Wildsau ihre Frischlinge gefressen
hat. Vielmehr weiß jeder Jäger, daß sie ihre Jungen mit Aufopferung
ihres Lebens verteidigt.

Deshalb wird die Schuld an uns liegen. Das Wildschwein ist ein halbes
Raubtier, das mit Vorliebe Aas frißt. Dem Hausschwein geben wir aber
regelmäßig nur Pflanzennahrung. Ist es da ein Wunder, daß der andauernd
unterdrückte Fleischhunger sich gewaltsam Bahn macht?

Erfahrene Schweinezüchter haben mir übrigens versichert, daß eine Sau
nur kranke oder lebensunfähige Ferkel frißt. Ob das zutrifft, kann ich
nicht beurteilen.

Der Stieglitz, den man mit einem Kanarienvogelweibchen paart, frißt
die Eier des Weibchens, weil wir ihm keine Räupchen geben, die Hühner
reißen sich die Federn aus, weil sie im Frühjahr Mangel an tierischer
Nahrung haben. Auch sie werden durch falsche Fütterung zu halben
Kannibalen.


107. Muß ein gutes Schwein alles fressen?

Bekannt ist der Satz, daß ein gutes Schwein alles fressen muß. Ich kann
ihn leider nicht unterschreiben. Ich weiß sehr wohl, daß das Schwein
einen sehr großen Speisezettel besitzt, da es sowohl Pflanzenfresser
als auch ein halbes Raubtier ist. Dennoch gibt es gewisse Dinge, die
das Schwein nicht frißt. So ließen alle Schweine trotz des größten
Hungers Kastanien liegen, während Schafe, wie wir noch besprechen
werden, sie gierig fraßen.

Auch mit gesalzenen Dingen muß man beim Schweine sehr vorsichtig
sein. Für Wiederkäuer, auch für Pferde, ist Salz bekömmlich. Für alle
Raubtiere ist Salz jedoch sehr nachteilig.

Gesalzenes Pökelfleisch, ebenso Heringslake haben schon oft den Tod von
Schweinen herbeigeführt. Das kam daher, weil man auf den Satz schwor,
daß ein gutes Schwein alles fressen muß.

Uebrigens frißt das Schwein auch Heu und Stroh ungehäckselt nicht.


108. Die Fütterung der Schweine mit Rohrwurzeln.

Immer wieder muß ich betonen, daß wir zu einem richtigen Verständnis
eines Haustieres nur gelangen, wenn wir die Lebensweise seiner wilden
Verwandten erforschen.

Bereits lange vor Ausbruch des Krieges habe ich darauf hingewiesen, daß
wir auf diesem Wege auch zur Erlangung neuer Futtermittel für unsere
Haustiere gelangen. So war es mir aufgefallen, daß das Wildschwein im
Winter gern die Farnwurzeln frißt, ebenso die Wurzeln von Schilfrohr.

Praktische Schweinezüchter haben mir bestätigt, daß die Farnwurzeln
ein sehr bekömmliches Futter für Hausschweine sind. In Amerika ist
es, wie mir mitgeteilt wurde, an vielen Stellen üblich, Schweine mit
Farnwurzeln zu füttern. Ebenso sind die verwilderten Hausschweine an
der Westküste Neuseelands von den Eingeborenen ausgerottet worden aus
Furcht, die Schweine möchten die Farnwurzeln vollends zerstören, auf
welche die Eingeborenen zu ihrer Nahrung besonders angewiesen sind.

Die Vermutung spricht daher dafür, daß auch die Rohrwurzeln für
Schweine ein bekömmliches Futter sind.

Es hat daher mein höchstes Interesse erweckt, daß der Rohstoffverband
in Charlottenburg jetzt in großzügiger Weise die Rohrwurzeln mit
Greifern und Baggern gewinnen und daraus ein Futtermittel »Fragmit«
herstellen läßt. Der Name ist verdeutscht aus _phragmites communis_,
das Schilfrohr.

Es scheint mir das ein sehr glücklicher Gedanke zu sein, da hierdurch
folgendes erzielt wird:

  1. Gewinnung eines Futtermittels von hohem Zuckergehalt,

  2. Verhinderung der Verlandung der Seen und Flüsse,

  3. Ausnutzung von hunderttausend Hektaren Land, die jetzt vollkommen
     tot daliegen.

Es liegt im vaterländischen Interesse, alle Bestrebungen zu
unterstützen, die eine größere Ausbeute der heimischen Naturschätze
gestatten und uns dadurch, wenn auch vorläufig nur wenig, von der
Einfuhr ausländischer Futtermittel unabhängig machen. Es wäre daher
sehr erwünscht, wenn praktische Schweinezüchter Versuche mit »Fragmit«
anstellen würden.

Selbstverständlich müssen die Wurzeln im Winterhalbjahr gewonnen sein,
weil sie zu dieser Zeit die meisten Nährstoffe besitzen. Im Sommer
frißt das Wildschwein weder Farn- noch Rohrwurzeln.

Für Höhentiere, also Ziegen und Schafe, käme das Fragmit weniger
in Betracht. Dagegen könnten Versuche auch bei Rindern und Pferden
angestellt werden, da Rinder in Niederungen leben, und Pferde die
Schößlinge des an Steppenseen wachsenden Rohrs fressen.


109. Die Rassen des Schweins.

Man unterscheidet folgende Rassen: 1. krausborstige Schweinerassen, die
hauptsächlich im Südosten Europas leben, z. B. das Mangaliczaschwein,
2. romanische Schweinerassen, die in Südeuropa leben, 3. kurzohrige
Schweinerassen, wozu das bayerische Schwein und das Bakonyer Schwein
gehören. In Berlin wird das Bakonyer Schwein gewöhnlich »Pachuner«
genannt. 4. Großohrige Schweinerassen, 5. englische Schweinerassen.

Die Engländer haben es verstanden, durch Kreuzung mit indischen und
romanischen Schweinen ausgezeichnete Rassen zu erzielen, beispielsweise
Essex-Schweine, Yorkshire-Schweine, Berkshire-Schweine usw. Diese
englischen Rassen sind stark bei uns eingeführt worden und haben die
heimischen Schläge vielfach verdrängt. Da das englische Edelschwein
neben großen Vorzügen sehr empfindlich und wenig fruchtbar ist, so hat
man es mit deutschen Schweinen gekreuzt und züchtet das sogenannte
deutsche Edelschwein.

Das Schwein ist kein Wiederkäuer, wie bereits erwähnt wurde. Es hat
außer den Eckzähnen im Oberkiefer sechs Schneidezähne. Es gehört zu
den Paarhufern aus der Familie der Schweine. In Bessarabien gibt es
Einhuferschweine.

Der Zuchteber wird mit Ablauf eines Jahres zur Zucht verwendet, die Sau
im Alter von 10 bis 14 Monaten. Die Tragezeit währt fast vier Monate.
Man nimmt an, daß das Schwein ein Alter von 30 Jahren erreicht.

Es ist schon erwähnt worden, daß Krankheiten bei den Schweinen sehr
häufig sind. Es seien genannt Rotlauf, Schweineseuche und Schweinepest.
Am bekanntesten ist, daß im Schwein Trichinen leben, weshalb man
Schweinefleisch nur gekocht essen soll.

Zu den besten Bekämpfern der Krankheiten gehört der Weidegang der
Schweine. Namentlich scheint der Weidegang auf Kleeweiden immer mehr
Anhänger zu finden.


110. Das Schwein in Redensarten und Sprichwörtern.

Erwähnt wurden bereits »sauwohl«, »schweinsäugig« und die Redensart
»Ein gutes Schwein muß alles fressen«.

Wegen seines Wälzens im Schmutz und Kot dient das Schwein als
Bezeichnung für einen schmutzigen oder unsittlichen Menschen.
Ueberhaupt dient die Verbindung mit Schwein dazu, um den schärfsten
Tadel auszusprechen. So ist ein sehr schlechtes Essen

               *Schweinefraß*,

               *Schweinestall*

eine sehr schmutzige Wohnung.

Man sagt ferner:

  *dumm, faul, gefräßig, dreckig sein wie ein Schwein, bluten wie ein
     Schwein*.

Zu ergänzen ist: wenn es geschlachtet wird. Um plumpe Vertraulichkeiten
abzuwehren, gebraucht man die Redensart:

    *Wo haben wir zusammen die Schweine gehütet?*

Merkwürdigerweise gilt das Schwein auch als glückbringend. In der
Studentensprache heißt Schwein soviel wie Glück.

               *grenzenloses Schwein*

bedeutet grenzenloses Glück.

[Illustration: Schweine auf der Weide]

[Illustration: Laufraum für junge Schweine]



Die Ziege


111. Warum können junge Ziegen bereits vortrefflich klettern?

Die Ziege, die Kuh des armen Mannes, können wir in oder nahe bei dem
alten Berlin noch häufig zu sehen bekommen. Auf dem unbebauten Teil des
Tempelhofer Feldes trifft man sie regelmäßig im Sommer an, ebenso auf
Baustellen der Vororte. Selbst in Gärten habe ich sie schon gesehen,
wobei sie natürlich, um Schaden zu verhüten, angebunden war.

Wir wollen einmal eine solche Mutterziege, die zwei muntere Zicklein
bei sich hat, etwas näher betrachten.

Bei der Ziege haben auch die Weibchen Hörner, ebenso wie die Gemsen,
während sie den weiblichen Schafen, wie wir später sehen werden, fehlen.

Das hat natürlich seinen Grund, und zwar folgenden: Gemsen und Ziegen
haben ihre Heimat im hohen Gebirge, wo die Jungen von Adlern und
anderen Raubvögeln bedroht werden. Um sie abzuwehren, brauchen die
Weibchen Hörner.

Das Schaf stammt auch aus dem Gebirge, aber aus dem bewaldeten Teile
der Gebirge. Die Schafmutter braucht ihr Junges nur in den Wald zu
bringen, dann ist es vor Raubvögeln sicher. Deshalb haben auch die
Weibchen von Reh und Hirsch keine Waffen, weil auch sie in den Wald
flüchten können.

Die kleinen Tierchen, die allerliebst aussehen, tollen jetzt in
der übermütigsten Weise umher. Ihre Gewandtheit im Klettern ist
erstaunlich. Je höher sie klettern können, desto lieber ist es ihnen.
Man sieht ihnen an, daß ihre Vorfahren im Gebirge heimisch waren.
Auch führen sie schon Scheingefechte auf, indem sie mit den Köpfen
gegeneinander rennen. Schwindel muß ihnen ganz unbekannt sein, denn
sonst könnten sie nicht mit solchem Vergnügen am Dachrande eines
kleinen Hauses entlanglaufen.

Diese frühzeitige Kletterkunst erregt unser Erstaunen, besonders wenn
wir bedenken, daß eben geborene junge Ziegen bereits nach einigen Tagen
ihrer Mutter überallhin folgen können.

Auch hier gibt uns die Lebensweise der Stammeltern Aufschluß über diese
merkwürdige Eigenschaft. Unsere Hausziege stammt von der Bezoarziege
ab, die an den Küsten des mittelländischen Meeres lebt. Wie alle
Pflanzenfresser hat auch die Bezoarziege Feinde, die ihr nachstellen.
Von den Säugetieren sind es namentlich Luchse und Wölfe.

Wie soll nun die Ziegenmutter ihre Jungen gegen überlegene Feinde
schützen, beispielsweise, wenn ein Jäger oder ein schnellfüßiger Wolf
kommt? Auf dem Rücken kann sie das Junge nicht tragen. Deshalb muß das
Junge bald klettern können, weil sonst die Ziegen ausgerottet wären.


112. Warum fressen unsere Ziegen ungern Gras?

Inzwischen ist die Herrin der Ziegenfamilie zu der alten Ziege getreten
und schilt sie tüchtig aus. Wir können zwar nicht alles verstehen, was
sie sagt, aber wir können es uns schon denken. Es ist das alte Lied,
das wir immer hören müssen. Entweder heißt es: »Du Ziege bist ein
ganz niederträchtiges Geschöpf. Du stehst im tiefen Gras, doch darum
kümmerst du dich nicht. Aber den Pfahl, an den du gebunden bist, den
knabberst du an.« Oder: »Du bist ein ganz eigensinniges Tier; Gras
willst du nicht fressen, aber zu den Sträuchern willst du hin.« Der
gebildete Großstädter sagt oft verzweifelnd, wenn die Ziege das mühsam
besorgte Gras nicht fressen will: »Die Ziege gehört zu den Träumern,
die in die Weite schweifen, obwohl ihr das Gute so nahe liegt.«

Alles das ist natürlich eine ganz falsche Ansicht. Wir Menschen machen
folgenden Schluß: Die Ziege ist ein Pflanzenfresser. Gräser sind
Pflanzen. Folglich muß die Ziege Gräser fressen, oder sie ist nicht
ganz bei Trost.

Schon früher haben wir darauf hingewiesen, daß die Gemsen in unseren
Zoologischen Gärten bald sterben, weil ihnen das gewürzige Gras ihrer
Heimat fehlt. Die Bezoarziege bewohnt nun solche Teile des Gebirges, wo
Gräser wenig oder gar nicht vorkommen. Auf dem öden, trockenen Gestein
der Mittelmeerländer kommen Grasflächen, wie sie unsere Heimat in Hülle
und Fülle bietet, nur selten vor.

Das Gras unserer Ebene ist also gar kein natürliches Futter der Ziege.

Deshalb werden wir niemals in unserer engeren Heimat, in einer Provinz
ohne Bodenerhebungen, eine berühmte Ziegenrasse züchten, weil wir den
Ziegen so wenig natürliches Futter bieten können.

Wir müssen vielmehr immer wieder unsere Ziegen mit solchen aus
gebirgigen Ländern auffrischen, wo sie viel besser gedeihen,
beispielsweise im Harz und in der Schweiz.


113. Wie erklärt sich die Giftfestigkeit der Ziege?

Wir haben also gesehen, daß die Besitzerin der Ziegenfamilie im Unrecht
ist, wenn sie die Ziege schilt, weil sie so ungern das Gras unserer
Ebene fressen will.

Damit soll nun nicht gesagt sein, daß wir demutsvoll allen angestammten
Eigenarten der Ziegen nachkommen sollen. Davon kann keine Rede sein.
Nur sollen wir uns von der Vorstellung freimachen, daß wir vor
einer unverbesserlichen Sünderin stehen. Das ist nicht der Fall, da
kein Tier seine angeborenen Triebe ablegen kann. Noch eine andere
Eigentümlichkeit der Ziege erregt unseren Zorn. Sie ist nach unseren
Begriffen lecker, weil sie bald dieses, bald jenes sich aus dem Futter
herauszieht und am liebsten eine Menge an die Erde wirft, wo es
natürlich zertreten wird.

Diese Art des Fressens ist ganz einleuchtend, wenn man sich die
Lebensweise der Wildziegen vorstellt. Auf dem öden Gestein ist ein sehr
geringer Pflanzenwuchs. Zum Sattwerden an einer einzigen Pflanzenart
reicht es nicht aus. Deshalb muß die Ziege von dem wenigen, was das
Gebirge hervorbringt, fressen, ganz gleich, was es ist. Hieraus erklärt
sich auch die merkwürdige Erscheinung, daß die Ziege gewissermaßen
giftfest ist. Sie frißt beispielsweise den giftigen Schierling
körbeweise, ohne daß es ihr schadet. Auch frißt sie viele Dinge, die
jedes andere Tier meidet, so den scharfen Mauerpfeffer, Zigarren und
Schnupftabak und dergleichen.

Wenn eine Ziege also den Pfahl beknabbert, an dem sie angebunden ist
und das Gras links liegen läßt, so ist das keine Niederträchtigkeit,
sondern die ganz naturgemäße Art des Fressens. Ueppige Weiden behagen
ihr nicht, wohl aber Sträucher und Baumzweige. Deshalb ist sie
der Fluch für die Mittelmeerländer, weil sie durch ihr Beknabbern
eine Bewaldung dieser Länder nicht aufkommen läßt. Sieht man einer
freiweidenden Ziege zu, so wird man sich davon überzeugen können, daß
sie von den am Boden wachsenden Pflanzen die Blätter bevorzugt und
viel lieber als Gräser frißt. Das ist auch nach ihrer Herkunft nicht
wunderbar.


114. Warum heißt die Ziege die Kuh des armen Mannes?

Wir sehen, daß hier eine Familie sich eine Ziege hält, obwohl sie nur
einen ziemlich großen Garten besitzt. Diese Leute sind wahrscheinlich
wohlhabend, möglicherweise sogar sehr reich. Bei ihnen würde also die
Bezeichnung nicht zutreffen, daß die Ziege die Kuh des armen Mannes sei.

Großstädtische Verhältnisse sind eben nicht immer die naturgemäßen.
Die Redensart bezieht sich auf die sonst in unserer Heimat üblichen
Verhältnisse. Hiernach hat der arme Mann auf dem Lande bei seinem
Häuschen einen Garten, aber er hat sonst kein Land, namentlich keine
Wiesen, wie es für eine Kuh erforderlich ist. Mit dem, was ein Garten
bringt, kann man eine Ziege ernähren, da fünf Ziegen zusammen nicht
so viel fressen wie eine Durchschnittskuh. Außerdem muß die Ziege bei
armen Leuten vieles fressen, was man ihr sonst nicht vorsetzt, z. B.
Abfälle, Spülicht usw. Der arme Mann möchte selbstverständlich auch
gern frische Milch genießen, und da er sich, wie wir sahen, keine Kuh
halten kann, so nimmt er eine Ziege, woher sich die Redensart erklärt.

Eine gute Milchziege liefert wöchentlich 10 bis 12 Liter Milch. Sie hat
den Nachteil, daß viele Menschen sie nicht mögen. Auch läßt sich aus
Kuhmilch viel bessere Butter und leichter Käse machen. Auch schmeckt
saure Kuhmilch viel besser. Da außerdem Rindfleisch viel schmackhafter
als Ziegenfleisch ist, so wird die Kuh durch die Ziege nicht verdrängt
werden.


115. Wie lebt die Ziege im Gebirge?

Von der Lebensweise der eigentlichen Stammeltern unserer Hausziege
wissen wir recht wenig. Wir wollen daher als Ersatz die Schweizer
Ziegen wählen, deren Lebensweise ein dort heimischer Naturforscher
vortrefflich geschildert hat.

Die Ziegenböcke des Gebirges haben mitunter so außerordentlich große
Hörner, daß sie von weitem Steinböcken ähnlich sehen. Sie zeichnen
sich besonders durch ihren kecken, mutwilligen Humor aus. Es liegt
etwas Ernstes in der Haltung ihres Kopfschmuckes, aber sie haben ein
schalkhaftes Auge und zeigen, wenn es ans Naschen oder ans Spielen und
Stoßen geht, ihre ganze Leichtfertigkeit. Das Schaf hat nur in seiner
Jugend ein munteres Wesen, ebenso der Steinbock; die Ziege behält es
länger als beide. Ohne eigentlich im Ernste händelsüchtig zu sein,
fordert sie gern zum munteren Zweikampfe heraus.

Neugierde ist überhaupt neben der Launenhaftigkeit ein hervorstechender
Wesenszug der Ziege. Sie ist in weit höherem Grade neugierig als die
Kuh; die Gemse ist ihr darin ähnlich. Zu den Gemsen verliert sich hier
und da eine Alpenziege und bleibt monatelang in der Gesellschaft. Doch
muß es ihr sauer werden, diesen Meistern im Springen und Klettern
nachzukommen, und gewöhnlich kehrt sie im Herbst unvermutet ins Tal zu
ihrer Hütte zurück. Im Appenzellerlande überwinterten schon verloren
geglaubte Ziegen in geschützten Alpen unter großen Tannen bald allein,
bald mit Gemsen, und kehrten im Frühling mit frischgeworfenen Zicklein
ins Tal zurück.

Ueberhaupt ist unsere Ziege eines der muntersten und aufgewecktesten
unter den zahmen Tieren, wie schon ihr Auge, ihr feiner Kopf, ihre
schlanke, leichte Körperbildung und ihr großes Gehirn auf eine kluge
Natur schließen läßt. Sie ist weit empfänglicher für die Liebkosungen
des Menschen als das Schaf, folgt nicht, wie dieses, dem Gang der
Masse, sondern tritt gern frei und selbständig auf, liebt Berge und
Freiheit, fürchtet sich nicht so schnell, ist im Zorne ziemlich
hartnäckig, hat viel Gedächtnis und Ortssinn und würde vielleicht bei
völliger Freiheit nach wenigen Generationen an Lebhaftigkeit, Kühnheit
und ausgebildetem Instinkt der Gemse wenig nachstehen. Dies gilt
namentlich von den gehörnten Ziegen, die in den Gebirgen weit häufiger
sind als die ungehörnten, die dafür im Tale in den Ställen vorgezogen
werden. Um solche hornlose Ziegen zu erhalten, bedient man sich hie
und da eines höchst gefährlichen Mittels. Man gräbt nämlich Zicklein,
sobald die Hörnchen hervorbrechen wollen, diese samt der Wurzel aus dem
Schädel.

Der die Gebirge durchstreifende Wanderer trifft häufig Ziegengruppen
als malerische Zutat einer einsamen Alpengegend, bald frei weidend,
bald unter Obhut eines wetterbraunen, barfüßigen Jungen. Sie sind
selten scheu, gewöhnlich ganz zutraulich und munter. In manchen
Schweizerbergen folgen sie dem Fremden stundenweit, um ein paar
Fingerspitzen Salz oder ein Stück Brot zu erbetteln. Erhalten sie
kein Salz, so genießen sie mit ebenso großem Behagen eine Portion
Schnupftabak. Gewöhnlich sind ein halb Dutzend Stück einer Ochsen- oder
Pferdeherde beigegeben, und ihre Milch ist fast die einzige Nahrung
der Hüter; oft finden sich einige Stücke im Gefolge einer Kuhherde,
oder sie werden auch zu Herden vereinigt und zur Alp getrieben. In
diesem Falle teilt man sie im Appenzellerlande in Haufen von je 12
Stück ab; ärmere Bauern, die keinen ganzen Haufen vermögen, stoßen ihre
Ziegen zusammen und halten gemeinschaftlich einen Geißbuben, der nebst
magerer Kost noch geringere Löhnung erhält.

Mit großer Kühnheit schweifen diese Tiere in den steilsten
Gebirgsbänken umher, um vereinzelte Grasbüschel oder zarte, leckere
Stäudchen zu rupfen. Dabei geschieht es nicht selten, daß sich die
Ziege »verstellt«, wo sie sich weder vor- noch rückwärts mehr getraut.
So bleibt sie dann oft zwei bis drei Tage ohne Nahrung zwischen Tod
und Leben, bis der Geißbub sie entdeckt und zu »lösen« sucht. Dies tut
er mit wunderbarer Verwegenheit; manchmal bindet er sie an ein Seil,
um sie die Felswand hinaufzuziehen. Es ist in der Tat merkwürdig, daß
der Mensch sich da zu klettern getraut, wo selbst die leichtfüßige
Ziege den Mut verloren hat. Freilich sind die Geißbuben, die den
ganzen Sommer über zwischen den Felsen leben, großartige Künstler im
verwegensten Klettern und kennen die Gefahr so wenig, daß sie sich
mitunter anbieten, die jähsten Felsenköpfe und Gebirgsseiten durch
beliebig zu bezeichnende Narben und Falten zu erklimmen, wo man nicht
begreift, wie eine Hand oder ein Fuß im steilen Absturz haften kann.
Selten fallen die Ziegen tot, es sei denn, daß sie sich im Hörnerkampfe
über den Felsenrand hinausstoßen oder von einem fallenden Steine, einer
Lawine oder dem Flügel des Lämmergeiers ergriffen werden.

Bekanntlich sind die Ziegenherden durch ihre Naschhaftigkeit die
gefährlichsten Feinde und eine wahre Geisel der Gebirgswaldungen
geworden; aber allmählich wird diesem schädlichen Unwesen durch bessere
Forstpolizei und Einschränkung des Ziegenstandes entgegengewirkt.
Im ganzen zieht die Ziege ein mageres, halbsaures Futter mit grünen
Knospen und Zweigen dem fetten Wiesengrase vor. Merkwürdig ist die
Beobachtung, daß die giftige Wolfsmilch und der Schierling von ihr mit
Begierde und ohne Nachteil gefressen wird. Dagegen sollen ihr Eicheln
nachteilig sein. Die Ziegenmilch wird im August, wo die Tiere die
höchsten Alpen besteigen, für am kräftigsten gehalten. Der größte Teil
wird zu fünf- bis zehnpfündigen Käsen verarbeitet, die von vorzüglichem
Wohlgeschmack sind.


116. Warum gibt es im Ziegenstall so wenig Fliegen, im Kuhstall so
viele?

Wir wollen jetzt nach einem Vorort gehen, wo ein alter Bekannter, Herr
Althaus, Ziegen hält. Wegen seiner Gemütlichkeit und Gefälligkeit wird
er allgemein »Onkel Althaus« genannt. Wir treffen es gut bei Onkel
Althaus, denn es wird gerade ein Böckchen abgeholt, das er vor einigen
Tagen verkauft hatte. Das Ziegenböckchen ist ungewöhnlich stark, was
auch weiter kein Wunder ist, da es allein die ganze Milch der Mutter
getrunken hatte. In dieser milcharmen Zeit muß aber jeder zunächst an
sich selbst denken. Onkel Althaus hat ein Söhnchen von neun Jahren,
das die Milch sehr nötig braucht und dessentwegen er gerade die Ziege
angeschafft hat. Es ist selbstverständlich, daß erst der Mensch und
dann das Tier kommt.

Wir befürchteten, daß die Trennung von Mutter und Sohn zu endlosem
Jammern der Alten führen würde, wie es bei der Kuh üblich ist, wenn ihr
das Kalb genommen wird. Nichts von alledem geschah -- kein einziges
Mäh kam über die Lippen der Alten. Ich glaube aber, daß es falsch ist,
wenn man hieraus auf eine Gefühllosigkeit der Ziegenmutter schließt.
Onkel Althaus hatte wohl recht mit der Annahme, daß die alte Hippe, wie
die Ziege auch sonst genannt wird, bestimmt glaube, das Junge werde
wiederkommen. Er erzählte uns, und sein Söhnchen Albrecht bestätigte
es, daß der kleine Bock schon oft Ausflüge auf eigene Faust unternommen
hatte.

Es fällt uns auf, daß im Ziegenstall, in dem noch andere Ziegen stehen,
die aber zurzeit keine Milch geben, so wenig Fliegen sind. Im Kuhstall
wimmelt es von Fliegen, wie jeder weiß, der an einem warmen Sommertage
einen Kuhstall betreten hat. Wie erklärt sich dieser Unterschied?

Aus der früheren Schilderung der Alpenkühe wissen wir, daß es im
Hochgebirge sehr wenig Insekten gibt. Die Ziege ist ein Kind des
Hochgebirges. Die Fliegen und andere Insekten der Ebene kennen also
Ziegen von früher her nicht. Dagegen sind ihnen Kühe als Geschöpfe
sumpfiger Gegenden sehr wohl bekannt. Wer da glaubt, daß es einer
Fliege oder einem anderen Insekt ganz gleichgültig ist, von welchem
Tiere sie das Blut ziehen, der dürfte im Irrtum sein. Auch der Esel
leidet als früheres Gebirgstier viel weniger unter der Insektenplage
als das aus der Steppe stammende Pferd.

Wir sehen ähnliches bei unseren Kleidern. Die Motten bevorzugen ganz
auffallend reinwollene Sachen, während sie künstliche Wolle oder
Baumwolle meiden, mag sie auch noch so sehr das Auge des Menschen
täuschen.

Es ist möglich, daß der Gestank des Ziegenbockes, der uns so unangenehm
ist, auch die Fliegen vertreibt. Aber in unserem Falle kann er nicht in
Betracht kommen. Denn Onkel Althaus besitzt keinen eigenen Bock, und
das Böckchen ist noch so jung, daß es noch keinen Geruch entwickelt.


117. Die Rassen der Ziege.

Die Ziege, die zu den paarzehigen wiederkäuenden Huftieren und der
Familie der Horntiere gehört, hat keine Tränengruben und Klauendrüsen.
Sie trägt ihren kurzen Schwanz gewöhnlich steil gestellt. Berühmt sind
die Angora- und Kaschmirziegen. Bei uns werden die Schwarzwaldziege,
die Harzer Ziege, die Erzgebirgsziege usw. gehalten. Sehr gelobt wird
die Langensalzaer Ziege. Sie gleicht der Schweizer Saanenziege, die
bei uns viel eingeführt worden ist. Die Saanenziege ist sehr groß,
schneeweiß und ohne Hörner. Sie soll 5 bis 6 Liter Milch den Tag über
geben, aber bei uns hat sie es nicht getan. Jedenfalls fehlen ihr die
würzigen Gebirgskräuter, von denen wir bereits gesprochen haben.

Die Ziege ist mit einem Jahre ausgewachsen. Es soll noch gute
Milcherinnen geben, die 16 Jahre alt sind. Die Tragezeit dauert etwa
fünf Monate. Gewöhnlich werden ein oder zwei, manchmal sogar vier Junge
geworfen.

Von Krankheiten ist die Ziege weit mehr verschont als die Kuh.
Namentlich leidet sie nicht an Tuberkulose. Es gilt im Gegenteil ihre
Milch als besonders heilkräftig für Lungenkranke. Die Ziege hat also
eiserne Lungen von ihren Vorfahren geerbt, da sie bei uns oft in ganz
elenden Ställen gehalten wird.


118. Die Ziege in Redensarten und Sprichwörtern.

Von der Ziege als der »Kuh des armen Mannes« ist bereits gesprochen
worden, ebenso von ihrer angeblichen Naschhaftigkeit, weshalb man sagt:

               *Wählerisch wie eine Ziege.*

Bei den alten Griechen hieß der Ziegenbock überhaupt: Nascher.

               *Mager wie eine Zicke oder Ziege.*

Bei den Ziegen, die in der Ebene leben müssen und nur Gras erhalten,
ist das kein Wunder.

Umgekehrt sagt man:

               *Es in sich haben, wie die Ziege das Fett.*

Das soll heißen, daß man einer Ziege, wenn sie innen feist ist, das
gewöhnlich nicht ansieht.

               *Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen.*

Hier wird der Rat gegeben, nicht dem Futter zu gleichen, das ein
Tier frißt. Dieser Rat ist selbstredend bildlich gemeint. Man soll
also beispielsweise nicht in Gegenwart von Leuten, die als große
Darlehnssucher bekannt sind, fortwährend davon reden, wie viel Geld man
hat.

[Illustration: Weidende Ziegen]



Das Schaf


119. Warum blökt das Schaf?

Es ist noch gar nicht solange her, daß man auf dem Tempelhofer Felde,
das damals noch gänzlich unbebaut war, eine wirkliche Schafherde mit
Schäfer und Hund beobachten konnte. Wie oft habe ich ihnen zugeschaut,
wobei ich besonders aufpaßte, ob sie bei der Heimkehr glücklich über
die Eisenbahngleise der Ringbahn kommen würden.

Stand man bei der Herde, so war es gewöhnlich das gleiche Bild: Fressen
und Blöken und sich dabei etwas vorwärts schieben.

In Ermangelung einer ganzen Herde müssen wir uns damit begnügen, uns
das Schaf eines Bekannten, ein ostfriesisches Milchschaf, anzusehen,
das dieser uns bereitwilligst zur Besichtigung vorgeführt hat.

Geistreich kann man beim besten Willen das Gesicht eines Schafes nicht
nennen, eher das Gegenteil davon. Man kann sich nicht darüber wundern,
daß man recht dumme Leute als Schafe bezeichnet.

Aber es wäre doch ein großes Unglück, wenn plötzlich alle Schafe mit
ihren dummen Gesichtern verschwänden. Dann hätten wir ja noch weniger
Wolle, als es ohnehin schon der Fall ist.

Ueberdies werden wir sehen, daß es mit der Dummheit der Schafe nicht
so schlimm bestellt ist. Dieses einzelne Schaf, das wir vor uns haben,
blökt nicht. Daraus ersehen wir, daß das anhaltende Blöken doch nicht
so furchtbar töricht sein kann, wie die Leute es immer hinstellen.

In der Tat ist der Mensch furchtbar ungerecht gegen die Tiere. Bei
den Vögeln, die genau dasselbe tun, wie die Schafe, findet er es
wunderschön. Fliegen zum Beispiel Meiseneltern mit ihren zahlreichen
Jungen von Baum zu Baum, so hört das feine Zurufen gar nicht auf. Das
gleiche beobachten wir bei Meisenschwärmen überhaupt. Wir verstehen
vollkommen, daß diese kleinen Tierchen sich im Gewirr der Blätter
oder Nadeln leicht aus den Augen kommen können. Da sie sich nur in
Gesellschaft wohlfühlen, so ergeht fortwährend der Zuruf: Bist du auch
noch da?

Wenn Tiere mit sehr scharfen Augen bereits eine Prüfung brauchen, ob
sie sich nicht verloren haben, so ist sie erst recht bei Tieren mit
schlechten Augen angebracht. Eine Wildsau, eine sogenannte Bache, die
ihre Jungen führt, muß grunzen, damit die kleine Schar weiß, wo sie
ihre Mutter findet. Mit ihren schwachen Augen würden sie sich ohne das
Gegrunze sehr oft verirren, wenngleich die feine Nase schließlich für
die Rückkehr sorgen würde. In der Zwischenzeit kann aber viel Unheil
geschehen. Da kann der Fuchs sich schon einen Frischling als Braten
geholt haben.

Schweine grunzen also, weil dadurch ein Zusammenhang der Herde
gewährleistet wird. Aus demselben Grunde blöken auch die Schafe. Die
Schweine können sich in den Niederungen und im Gebüsch leicht aus
den Augen verlieren. Die Schafe im Gebirge ebenso leicht. Denn die
Stammeltern unserer Hausschafe sind Wildschafe. Wir sind uns zwar noch
nicht ganz einig darüber, welche bestimmte Art als solche bezeichnet
werden soll. Aber alle Wildschafe haben das gemeinsam, daß sie im
Gebirge leben.


120. Warum krümmen sich beim Schafbock die Hörner, beim Ziegenbock
nicht?

Da Ziege und Schaf beide im Gebirge leben, so müßte man eigentlich
meinen, daß sie beide ganz gleich aussehen müßten. Das ist aber nicht
der Fall. Wir haben schon früher erklärt, weshalb die weibliche Ziege
gehörnt ist, das weibliche Schaf nicht.

Auf dieselbe Verschiedenheit der Lebensweise sind auch die
Verschiedenheiten des Aussehens von Ziege und Schaf zurückzuführen.

Wir werden uns später den Mufflonbock im Berliner Zoologischen Garten
ansehen. Er gehört sicherlich zu den Vorfahren mancher unserer
Hausschafrassen. Noch heute lebt er in den unzugänglichen Gebirgen von
Sardinien und Korsika. Schon jetzt möchte ich vorgreifen und mitteilen,
daß der Bock halbmondförmige, nach hinten gekrümmte Hörner, keinen Bart
und ein fast fuchsrotes Fell besitzt. Die Ziege hat dagegen einen Bart,
ein mehr graubräunliches Fell und mehr aufrecht stehende Hörner.

Da in Deutschland an verschiedenen Stellen Mufflons ausgesetzt sind, so
sind wir jetzt über ihre Lebensweise ziemlich unterrichtet. Hiernach
halten sich die Wildschafe, wie schon erwähnt wurde, hauptsächlich
im Walde auf. Auch haben sie eine besondere Vorliebe dafür, enge
Durchlässe zu durchkriechen.

Um durch enge, niedrige Lücken zu gelangen, müssen die Hörner gebogen
sein. Ziegenböcke kriechen nicht durch solche Oeffnungen. Deshalb
stehen ihre Hörner ziemlich senkrecht.

Beim Durchkriechen würde ein Bart sehr hinderlich sein. Ueberhaupt ist
ein langer Haarwuchs im Walde von Uebel. Wir wissen, daß Absalon mit
seinem mächtigen Haarwuchs an einem Baume hängen blieb und getötet
wurde. Deshalb hat auch der Tiger, der im Walde lebt, keine Mähne,
während sie der Löwe, der in der baumleeren Steppe haust, besitzt.

Zu dem Walde paßt die fuchsrötliche Färbung des Mufflons, da sie mit
dem vermoderten Laub übereinstimmt. Eine solche Färbung haben auch
Hirsch und Reh. Dagegen hat die Bezoarziege mehr die Färbung des
bräunlichen Gesteins.

An dem vor uns stehenden Schaf beobachten wir, daß es Tränendrüsen hat.
Warum fehlen sie der Ziege?

Die Tränendrüsen werden an Baumstämmen gerieben. Da das Schaf eine
feine Nase, aber ein schwaches Gesicht hat, so merken Schafe, die einen
fremden Wald betreten, sofort, daß andere Schafe in ihm weiden. Sie
riechen nämlich die an den Baumstämmen abgewischten Ausscheidungen der
Tränendrüsen.

Die Ziege lebt in baumloser Gegend. Für sie sind also Tränendrüsen ganz
zwecklos. Außerdem sind bei ihr die Augen besser entwickelt, wofür ihre
Nase nicht so fein ist, wie die des Schafes. Beim Springen von Klippe
zu Klippe sind für sie gute Augen von großem Vorteil. Die Ziege gleicht
also in diesem Punkte dem Windhund, der ebenfalls ein ziemlich scharfes
Gesicht, dafür aber auch eine weniger gute Nase hat.


121. Warum folgen die Schafe dem Leithammel?

Als ein Beweis ihrer furchtbaren Dummheit ist es stets angesehen
worden, daß die Schafe blindlings ihrem Leithammel folgen. Stürzt er
vor Schrecken aus dem Schiff, in dem er sich mit der Herde befindet,
über Bord, so finden alle übrigen ebenfalls den Tod in den Wellen.

In Wirklichkeit beweist diese Eigentümlichkeit sehr wenig. Das Schaf
tut nur das, was seine Vorfahren seit Urzeiten getan haben. Wildschafe
folgen dem leitenden Widder und tun wohl daran. Er hat die freieste
Aussicht, und die Stellen, die ihn tragen, halten sicherlich auch
das Gewicht der andern Mitglieder des Rudels aus. Deshalb ist es das
Klügste, was ein Wildschaf tun kann, daß es sich nach dem Vordermann
richtet. Genau ebenso handeln Affen- und Elefantenherden. Der Affe
weiß, daß der Ast, der den Leitaffen getragen hat, nicht brechen wird,
wenn er auf ihn springt. Wollten Wildschafe, Affen und Elefanten anders
handeln, beispielsweise bei einer rasenden Flucht ihre eigenen Wege
gehen, so würden sie bald verunglücken.

Deshalb tritt auch der kluge Mensch bei schwierigen Gebirgswanderungen
in die Fußstapfen seines Führers.

Die Dummheit des Schafes besteht also lediglich darin, daß es etwas,
was im Gebirge sehr zweckmäßig ist, auf die Ebene überträgt, wo es ganz
sinnlos ist. Aber tut der kluge Hund nicht genau dasselbe? Will er
nicht seinen Unrat in dem steinharten Bürgersteig verscharren?


122. Warum sieht das Schaf so furchtbar ängstlich aus?

Schauen wir unserm Schaf in die Augen, so leuchtet die größte Angst aus
ihnen hervor. Aber ist das eigentlich wunderbar?

Vom Hasen gibt es ein Gedicht, worin alle seine Feinde aufgezählt
werden, die ihn alle gern fressen möchten. Beim Wildschafe liegt die
Sache nicht viel anders. Seine Feinde sind Wölfe, Luchse, Bären und
Lämmergeier. Seine Jungen werden vom Adler bedroht. Der Hauptfeind ist
natürlich der Mensch.

Gegen alle seine Feinde besitzt es nur eine Waffe -- die Flucht ins
Gebirge. Diese Verteidigungsart haben wir ihm geraubt, indem wir es in
die ebene Gegend gebracht haben.

Wie soll ein Tier nicht ängstlich sein, dem wir seinen letzten
Zufluchtsort geraubt haben, und das aus Erfahrung weiß, wieviele Feinde
es hat?

Die anderen Dummheiten, die man dem Schafe vorwirft, werden auch von
andern Haustieren gemacht. Es rennt in den brennenden Stall zurück,
weil ihm nur bei der Herde wohl ist. Das tun auch, wie wir wissen, die
klugen Pferde.

Das Pferd schweigt, wenn es den Todesstich erhält. Er wird deswegen von
Dichtern als edles Tier gefeiert, obwohl das damit nicht das mindeste
zu tun hat. Das Schaf, das ebenfalls schweigend stirbt, wird dagegen
von den Dichtern nicht gefeiert. Es wird überall verschieden gemessen.

Schießt der Jäger auf eine wildernde Katze, so faucht sie höchstens,
schießt er auf einen wildernden Hund, so heult er. Alle Tiere, die
sich beistehen, geben bei schweren Verwundungen Schmerzensschreie von
sich (vgl. Kap. 58). Da Katzen, Pferde, Ziegen, Schafe usw. sich nicht
beistehen, so sterben sie lautlos. Der einzeln lebende Keiler erhält
stumm die Todeswunde, dagegen schreien die einzelnen Mitglieder eines
Wildschweinrudels, weil sie sich gegenseitig beistehen.


123. Geschichten von Schafen.

Nicht die Dummheit der Schafe bereitet uns Menschen soviel Aerger,
sondern die aus früheren Zeiten vererbten Eigentümlichkeiten. Sachlich
ist das natürlich kein großer Unterschied. Es lehrt uns aber, milder
über ein Tier zu denken.

Ueber die Not, die Schafe und Hirten in Süd-Rußland bei Schneestürmen
erleiden, teilte ein alter Hirt einem deutschen Reisenden folgende
Tatsache mit: »Wir weideten in der Steppe von Otschakow, unser sieben,
an 2000 Schafe und 150 Ziegen. Es war gerade zum erstenmal, daß wir
austrieben, im März. Das Wetter war freundlich und es gab schon
frisches Gras. Gegen Abend aber fing es an zu regnen, und es erhob
sich ein kalter Wind. Bald verwandelte sich der Regen in Schnee,
es wurde kälter, unsere Kleider starrten, und einige Stunden nach
Sonnenuntergang stürmte und brauste der Wind aus Nordosten, so daß uns
Hören und Sehen verging. Wir befanden uns nur in geringer Entfernung
von Stall und Wohnung und versuchten es, die Behausung zu erreichen.
Der Wind hatte indessen die Schafe bereits in Bewegung gesetzt und
trieb sie immer mehr von der Wohnung ab. Wir wollten nun die Geißböcke,
denen die Herde zu folgen gewohnt ist, zum Wenden bringen, aber so
mutig dieses Tier bei allen anderen Ereignissen ist, so sehr fürchtet
es die kalten Stürme. Wir rannten auf und ab, schlugen und trieben
zurück und stemmten uns gegen Sturm und Herde, aber die Schafe drängten
und drückten aufeinander und der Knäuel wälzte sich unaufhaltsam die
ganze Nacht weiter und weiter fort. Als der Morgen kam, sahen wir
nichts als rund um uns her lauter Schnee und finstere Sturmwüste.
Am Tage blies der Sturm nicht minder wütend, und die Herde ging
fast noch rascher vorwärts als in der Nacht, wo sie von der dicken
Finsternis noch mitunter gehemmt ward. Wir überließen uns nun unserem
Schicksal, es ging im Geschwindschritt fort, wir selber voran, das
Schafgetrappel blökend und schreiend, die Ochsen mit dem Proviantwagen
im Trabe und die Rotte unserer Hunde heulend hinterdrein. Die Ziegen
verschwanden uns noch an diesem Tage, überall war unser Weg mit dem tot
zurückbleibenden Vieh bestreut. Gegen Abend ging es etwas gemacher,
denn die Schafe wurden vom Hungern und Laufen matter. Allein leider
sanken auch zugleich uns die Kräfte. Zwei von uns erklärten sich krank
und verkrochen sich im Vorratswagen unter den Pelzen. Es wurde Nacht,
und wir entdeckten noch immer nirgends ein rettendes Gehöft oder Dorf.
In dieser Nacht ging es uns noch schlimmer als in der vorigen, und da
wir wußten, daß der Sturm uns gerade auf die schroffe Küste des Meeres
zutrieb, so erwarteten wir alle Augenblicke, mitsamt unserem dummen
Vieh ins Meer hinabzustürzen. Es erkrankte noch einer von unseren
Leuten. Als es Tag wurde, sahen wir einige Häuser uns zur Seite aus dem
Schneenebel hervorblicken. Allein obgleich sie uns ganz nahe waren,
höchstens 30 Schritte vom äußersten Flügel unserer Herde, so kehrten
sich doch unsere dummen Tiere an gar nichts und hielten immer den ihnen
vom Winde vorgezeichneten Strich. Mit den Schafen ringend verloren
wir endlich selber die Gelegenheit, zu den Häusern zu gelangen; so
ganz waren wir in der Gewalt des wütenden Sturmes. Wir sahen die
Häuser verschwinden und wären, so nahe der Rettung, doch noch verloren
gewesen, wenn nicht das Geheul unserer Hunde die Leute aufmerksam
gemacht hätte. Es waren deutsche Kolonisten, und der, welcher unsere
Not zuerst entdeckte, schlug sogleich bei seinen Nachbarn und Knechten
Alarm. Diese warfen sich nun, 15 Mann an der Zahl, mit frischer
Gewalt unseren Schafen entgegen und zogen und schleppten sie, uns und
unsere Kranken allmählich in ihre Häuser und Höfe. Unterwegs waren
uns alle Ziegen und 500 Schafe verlorengegangen. Aber in dem Gehöfte
gingen uns auch noch viele zugrunde, denn sowie die Tiere den Schutz
gewahrten, den ihnen die Häuser und Strohhaufen gewährten, krochen sie
mit wahnsinniger Wut zusammen, drängten, drückten und klebten sich in
erstickenden Haufen aneinander, als wenn der Sturmteufel noch hinter
ihnen säße. Wir selber dankten Gott und den guten Deutschen für unsere
Rettung; denn kaum eine halbe Viertelstunde hinter dem gastfreundlichen
Hause ging es 20 Klaftern tief zum Meere hinab.«


124. Warum braucht der Schäfer einen Hund?

Weil die Schafe vom Gebirge in die Ebene gebracht worden sind, die
ihnen gar nicht naturgemäß ist, und in der sie sich wie sinnlos
benehmen, deshalb ist ein schnellfüßiger Gehilfe für den Schäfer eine
Notwendigkeit.

Der Hund ist dazu wie geschaffen, weil er, wie wir wissen, von
Vorfahren stammt, denen das Umkreisen der Pflanzenfresser etwas
Geläufiges war.

Es gibt zahlreiche, gut verbürgte Geschichten, wonach Schäferhunde
unersetzliche Dienste geleistet haben. Folgende scheint mir der
Anführung wert zu sein, da sie von einem ganz unparteiischen
Eisenbahnbeamten bestätigt worden ist. Der Schäfer hatte über den Durst
getrunken und schlief ganz fest. Die Herde ging heimwärts und kam
dabei an das Bahngleise. In diesem Augenblick brauste der Schnellzug
heran. Der Bahnwärter glaubte, daß wenigstens die halbe Herde zermalmt
werden würde. Doch der Schäferhund lief eiligst zum Gleise und duldete
nicht, daß ein Schaf sich ihm näherte. Erst dann führte er die Herde
über das Gleis zum heimischen Stall.


125. Mufflon und Hausschaf. Neue Futterquellen für unsere Hausschafe.

In unserem Zoologischen Garten befindet sich seit Jahren ein
Mufflonbock mit mächtigem Gehörn. Wir wollen uns diesen etwas näher
betrachten.

Die Verwandtschaft mit unserm Hausschaf ist, wenn man von seinem
Hörnerschmuck absieht, unverkennbar. Das Weibchen hat jetzt ein Junges,
das nach der Tafel am 22. März geboren worden ist. Da wir Anfang Juni
schreiben, so ist es fast drei Monate alt.

Mutter und Kind erinnern sehr an unser Hausschaf, wenn es ein Lamm bei
sich hat. Namentlich das häufige Mähen trägt zur Uebereinstimmung bei.
Aber das Mufflonjunge, das auf einem Felsen steht, sieht naturgemäß
aus, was man von unsern Lämmlein nicht immer sagen kann.

Nachdem ich an Mufflons, die bei uns ausgesetzt worden sind, z. B.
denen bei Dresden, festgestellt hatte, daß sie gern Roßkastanien
fraßen, habe ich auch vor Jahren dem Berliner Bock eine angeboten.
Er war ganz wild danach. So zurückhaltend er sonst ist, so kam er
oben vom Felsen hastig angelaufen, sobald ich nur mit einer Kastanie
an das Gitter klopfte. Als ich diese Leidenschaft für Kastanien bei
den Wildschafen entdeckt hatte, versuchte ich die Fütterung auch
bei Hausschafen und Ziegen. Beide waren ebenfalls ganz wild danach.
Schweine dagegen haben sie, wie schon erwähnt wurde, abgelehnt.

Auf die Fütterung mit Kastanien kam ich folgendermaßen. Die Roßkastanie
stammt aus den Gebirgsländern des Mittelländischen Meeres. Gerade im
Gebirge dieses Meeres sind die Mufflons heimisch. Folglich spricht die
Wahrscheinlichkeit dafür, daß sie ein passendes Futter sind.

Die Kastanien brauchen bei Schafen und Ziegen nicht entbittert zu
werden. Der Geschmack des Menschen ist nicht der gleiche wie der von
den Tieren. Der Hase frißt ja fast nur Bitterstoffe. Es würden lauter
Gift- und Bitterpflanzen bei uns wachsen, wenn diese nicht auch in der
Tierwelt Liebhaber fänden.

An Lämmer aber soll man keine Kastanien verfüttern. Wenn die Kastanien
reif sind, dann gibt es keine Mufflonlämmer, sondern diese sind dann
schon fast ausgewachsen.

Die Mufflons stehen im Winter unter Nadelhölzern. Hiernach sind
Kiefernadeln, an denen wir einen unendlichen Ueberfluß haben, im Winter
ein sehr naturgemäßes Futter für Hausschafe.


126. Die Rassen des Hausschafs.

Man teilt die Schafe verschieden ein. Nach dem Haarwuchs gibt es
folgende Rassen: 1. Haarschafe; 2. Mischwollschafe, zu denen die
Heidschnucken in der Lüneburger Heide gehören, ebenso das ostfriesische
Milchschaf und pommersche Landschafe, wenngleich zu verschiedenen
Unterabteilungen; 3. Schlichtwollschafe, zu denen das Rhönschaf und
andere Schafrassen in Mitteldeutschland gehören; 4. Merinoschafe, die
seit 150 Jahren aus Spanien in Deutschland eingeführt worden sind. Man
unterscheidet bei ihnen das Elektoralschaf, Negrettischaf, schließlich
das französische und deutsche Kammwollschaf.

Die Engländer haben auch auf dem Gebiete der Schafzucht Hervorragendes
geleistet. Durch sie ist das Hammelfleisch wohlschmeckend und fett
geworden, was es früher nicht war. Von ihren Rassen sei erwähnt das
Leicesterschaf, die Southdowns usw.

Trotzdem man von Niederungs- und Höhenschafen spricht, so stammen auch
die Niederungsschafe aus Gebirgen. Und zwar lebten sie an den üppigen
Ufern der Gebirgsflüsse.

Die Niederungsschafe, wie das von uns vorgeführte ostfriesische
Milchschaf, verlangen daher üppige Weiden. Dafür liefern sie viel Milch
und sind sehr fruchtbar.

Sonst sind die Schafe Magerfresser, die bei zu kräftigem Futter leicht
erkranken.

Vor 60 Jahren gab es in Preußen etwa 16 Millionen Einwohner und fast
genau so viel Schafe. Bei Ausbruch des Krieges hatte das Deutsche Reich
gegen 70 Millionen Bewohner und nur 5 Millionen Schafe.

Die Schafzucht ist also ungeheuer gesunken. Früher hatten wir
ausgedehnte Weidegründe, die jetzt fehlen.

Das Schaf gehört wie die Ziege zu den paarzehigen Horntieren. Es ist
schon vor Ablauf des ersten Lebensjahres fortpflanzungsfähig. Die
Tragzeit beträgt etwa 5 Monate. Es kann bis zu 15 Jahre alt werden.

Es ist vielen Krankheiten ausgesetzt. Namentlich leidet es darunter,
daß es aus trockenen Höhen vielfach in nasse Niederungen versetzt
worden ist. Es stellen sich dann Moderhinke, Regenfäule und ähnliche
Krankheiten ein. Auf nassen Weiden bekommt es Bandwürmer, welche die
bekannte Drehkrankheit hervorrufen. Diese Bandwürmer stammen vom Unrat
des Hundes, weshalb bei Schäferhunden eine Bandwurmkur notwendig ist.

Es gibt Wollschafe und Fleischschafe, da man entweder auf Wolle oder
Fleisch züchtet. Doch hat man neuerdings Schafe gezüchtet, die eine Art
Mittelstellung einnehmen.

Früher war der Gewinn an Wolle maßgebend. Man scheert entweder einmal
oder zweimal im Jahre. Man teilt die Wolle ein in Elekta-, Prima-,
Sekunda- und Tertiawolle.


127. Das Schaf in Redensarten und Sprichwörtern.

Bereits erörtert wurden die Redensarten: dumm wie ein Schaf,
Schafsgesicht, wo ein Schaf vorgeht, da folgen die andern nach.

Es wären noch zu erwähnen:

               Geduldige Schafe gehen viel in einen Stall.

Das ist eine Erfahrung, die bei der geduldigen und sanften Gemütsart
des Schafes nicht auffallend ist.

               Sein Schäfchen ins Trockene bringen.

Wer gesehen hat, mit welcher Eile der Schäfer seine Schafe bei einem
herannahenden Gewitter in den Stall bringt und wie froh er ist,
wenn ihm sein Vorhaben gelungen ist, dem ist die Redensart ganz
einleuchtend. Sie ähnelt der Redensart: Sein Heu rein oder rin haben,
d. h. ebenfalls sein Heu geborgen haben, ohne daß es naß geworden ist.

Den Schafen wie dem Heu ist Nässe sehr nachteilig.

Auch Grimms Wörterbuch teilt die vorstehende Ansicht und lehnt die
Erklärung aus dem Holländischen: sein schepke = Schiff ins Trockene
bringen, ab, zumal die Redensart bei uns viele Jahrhunderte alt ist.

[Illustration: Schafherde im Dorfe]



Das Kaninchen


128. Warum trinkt das zahme Kaninchen, das Wildkaninchen nicht?

Um uns Kaninchen anzusehen, brauchen wir nur zu unserm Nachbarn, dem
freundlichen Wirt Herrn Lankenheim zu gehen. Er selbst ist leider nicht
anwesend, und seine stets fleißige Frau schafft in der Küche. So muß
denn die älteste Tochter die Führung übernehmen.

Sie gibt den Tieren zunächst Futter, wobei sie tüchtig zulangen. Ebenso
gibt sie ihnen auch zu trinken.

Das zahme Kaninchen trinkt, was uns ganz selbstverständlich erscheint.
So selbstverständlich ist die Sache aber keineswegs. Denn unzweifelhaft
stammt das zahme Kaninchen vom Wildkaninchen ab. Dieses trinkt nicht.
Jedenfalls hat noch niemand ein Wildkaninchen an einer Tränkstelle
gesehen. Weil es niemals trinkt, so kann es in sandigen Gegenden leben,
wo weit und breit kein Wasser ist. Uebrigens ist das Leben ohne zu
trinken keineswegs nur eine Eigentümlichkeit des Wildkaninchens. Auch
Hirsche und anderes Wild leben in solchen wasserleeren Oertlichkeiten.

Gewöhnlich wird das Kamel als Muster dafür angeführt, daß es ein
Geschöpf ist, das acht Tage lang ohne zu trinken leben kann. Man
braucht nicht nach Afrika zu gehen, um ein solches Tier ausfindig zu
machen.

Denn Wildkaninchen leben selbst in Berlin mehr als genug. Am
Königsplatz kann man sie abends oft huschen sehen. Und ist Schnee
gefallen, so erkennt man an den Spuren, daß es eine ganze Menge im
Tiergarten gibt. In anderen Gegenden Berlins, namentlich im Nordosten
soll es noch schlimmer sein.

Im Anfange dieses Jahrhunderts waren sie in der Umgebung Berlins
geradezu eine Landplage. Wurde es abends dunkel, dann wimmelten die
ganzen Felder davon. Ich wohnte damals bei einem Förster, der an jedem
Tage mindestens ein Dutzend schoß. So erhielt man bei jedem Mittagessen
ein junges Kaninchen vorgesetzt. Denn die Landbevölkerung wollte keine
essen, obwohl ihr das Stück zu fünfzig Pfennigen angeboten wurde. Der
Bauer ißt eben nicht, was er nicht kennt, wie schon das Sprichwort sagt.

Oft genug hat mir damals der Förster geklagt, daß wir gegen diese
Landplage machtlos seien. Seit Jahren ist aber von ihr nichts mehr zu
spüren. Man merkt kaum noch, daß welche vorhanden sind.

Das Wildkaninchen stammt aus warmen und trockenen Gegenden in der
Nähe des Mittelländischen Meeres. Insbesondere soll es sich im
Altertum auf den Balearen so vermehrt haben, daß die Bewohner bereits
den Plan der Auswanderung faßten. Auch heute ist dem Kaninchen diese
Eigentümlichkeit geblieben, daß es Nässe flieht. Ebenso fühlt es sich
in der Wärme am wohlsten.

Es lebt in selbstgegrabenen Bauen, die leicht auffallen, weil sie stets
in Bodenerhebungen angelegt sind. Das hat natürlich seinen wichtigen
Grund. Die Gänge des Wildkaninchens führen ziemlich tief. Würde es nun
auf glattem Boden seine Höhlen graben, so gelangte es bald auf das
Grundwasser. Wasser aber meidet es, wie wir wissen.

Das Weibchen hat den ganzen Sommer über Junge. Im Gegensatz zu dem
jungen Hasen, der behaart und mit offenen Augen geboren wird, sind die
jungen Wildkaninchen unbehaart und öffnen erst am neunten Tage die
Augen. Der Unterschied in der Entwicklung der Jungen ist also ebenso
groß wie die zwischen jungen Pferden und jungen Hunden.

Während die jungen Hasen auf die blanke Erde oder in eine
Bodenvertiefung gesetzt werden, wird für das junge Kaninchen ein warmes
Nest bereitet. Die Mutter opfert für die Auspolsterung ihre eigenen
Bauchhaare. Am Tage pflegt das Wildkaninchen die Jungen an einer
bestimmten Stelle einzugraben. Das schützt sie aber vor der feinen Nase
des Fuchses nicht. Ich habe oft Stellen gefunden, wo der Fuchs die
Kleinen gewittert und ausgegraben hatte.

Das Wildkaninchen rettet sich vor seinen Feinden dadurch, daß es
schnell in seinen Bau flüchtet. Im Sommer wählt es auch eine Deckung.
Aber ein Dauerläufer, wie der Hase, ist es nicht. Auf einem freien
blanken Felde würde jeder mäßige Hund ein Wildkaninchens einholen.
Schon aus diesem Grunde kann ein Wildkaninchen keine Tränkstelle
aufsuchen.

Was tut denn nun das Wildkaninchen, da doch jedes Geschöpf Feuchtigkeit
zu sich nehmen muß? Es frißt saftige Pflanzen und leckt den Tau, der
in unsern Gegenden reichlicher ist, als man gewöhnlich annimmt. Es ist
klar, daß eine Wildkaninchenmutter, die Junge säugt, sehr wasserreiche
Nahrung zu sich nehmen und lange Zeit Tautropfen lecken muß, um die
erforderliche Flüssigkeit zu erhalten.

In der Pflege des Menschen ist das zahme Kaninchen von den Tautropfen
abgeschnitten und muß daher, wie die andern Tiere, trinken.


129. Welches sind die Feinde des Kaninchens?

Außer dem Menschen, dem stärksten Raubtier, hat das Kaninchen wohl
ebensoviele Feinde wie sein Vetter, der Hase. Nur ist es insofern
besser daran, als es in seinen Bau flüchten kann, was es regelmäßig
tut, wenn es Gefahr merkt. Es klopft dann mit den Hinterfüßen auf, und
die ganze Gesellschaft verschwindet unter der Erde. Denn im Gegensatz
zum Hasen lebt das Kaninchen in Gesellschaften.

Wie alles Wild, so ist auch das Wildkaninchen ein nächtliches Tier,
das mit dem Eintritt der Dunkelheit auf Nahrungssuche ausgeht. Deshalb
werden ihm in erster Reihe die nächtlichen Raubvögel, also der Uhu und
andere große Eulen, gefährlich. Am Tage sonnt es sich gern und läßt
sich auch sonst an den langen Sommertagen blicken. Hierbei wird es
leicht eine Beute der großen Tagraubvögel, namentlich des Adlers und
des Habichts, soweit diese noch nicht ausgerottet sind.

Jeder Fuchs und Dachs, früher auch Wölfe und Luchse, sucht gern ein
Kaninchen zu erbeuten. Da wir die meisten Raubtiere ausgerottet haben,
müssen wir an ihre Stelle treten.

Am schlimmsten sind für das Kaninchen die Feinde, die ihm in seinen Bau
folgen können, namentlich Marder und Iltis. Ein Albino des Iltis heißt
Frettchen, von dem wir noch sprechen werden (Kap. 138).


130. Zweckmäßige Behandlung unseres Kaninchens.

Wenn man die Lebensweise des Wildkaninchens genau kennt, so kann man
sich ein ungefähres Bild davon machen, wie man das zahme Kaninchen
halten soll.

Sehr schön ist es, daß Herr Lankenheim seine Kaninchenstallung so
angelegt hat, daß sich die Tiere sonnen können. Alle nächtlichen Tiere
sonnen sich gern, wie wir wissen.

Ebenso ist es wichtig, daß auf große Reinlichkeit gesehen wird durch
Abflußrinnen für flüssige Ausscheidungen und häufige Entfernung der
festen Entleerungen. Das Wildkaninchen legt seinen Unrat außerhalb des
Baues ab, legt also Wert auf ein reines Lager.

Es ist richtig, das Männchen, den Rammler, von den Jungen zu trennen.
In der Freiheit hat die Mutter Gelegenheit, die Jungen vor ihm zu
schützen. Uebrigens macht der Wildkaninchenvater den Eindruck, daß ihm
das Wohlergehen seiner Nachkommenschaft von Wichtigkeit ist. Sonst sind
die Väter bei den Säugetieren bekanntlich keine Musterväter.

Wie das Wildkaninchen, so vergräbt auch häufig das zahme Kaninchen
seine Jungen. Ordentlich komisch sieht es dann aus, wie es mit der
gleichgültigsten Miene von der Welt allein in der Nähe umherrennt,
als ob es von gar nichts wüßte. So ganz fern von Verstellung ist also
selbst ein Kaninchen nicht.

Das zahme Kaninchen steht also geistig höher, als man gewöhnlich
annimmt. Das ist auch ganz naturgemäß, denn das Wildkaninchen wird
kein Jäger für ein dummes Tier erklären. Die Sache liegt ähnlich
beim Schwein. Auch dieses ist nicht so dumm, wie man es gewöhnlich
hinstellt. Es läßt sich abrichten und kann sogar den Hund bei der
Jagd ersetzen, da es eine feinere Nase als der Hund besitzt. Auch
hier findet sich eine Uebereinstimmung mit den geistigen Gaben der
Stammeltern. Denn auch das Wildschwein zeigt sich bei der Jagd durchaus
nicht beschränkt.

Leider nimmt das Kaninchen in der Gefangenschaft manchmal die
ungeeignetsten Gegenstände zum Verbergen der Jungen, beispielsweise
den irdenen Futternapf. Natürlich können dadurch die zarten, kahlen
Dingerchen leicht getötet werden. Man kann in dieser Hinsicht gar nicht
vorsichtig genug sein und muß daher Vorsichtsmaßregeln treffen, die
solche Unfälle ausschließen.


131. Die Rassen des Kaninchens.

Das Kaninchen stammt, wie wir schon erwähnten, aus den Ländern, die
am Mittelländischen Meer gelegen sind, und soll zuerst in Spanien
gezüchtet worden sein. Unser deutsches Kaninchen war zwar sehr
anspruchslos und fruchtbar, konnte sich jedoch mit den Leistungen der
westeuropäischen Kaninchen nicht messen. Das deutsche Kaninchen ist
daher mit dem belgischen oder flandrischen Riesenkaninchen gekreuzt,
wodurch man das neue deutsche Kaninchen gezüchtet hat.

Sonst wären noch erwähnenswert das belgische Hasenkaninchen, das
französische Widderkaninchen, das Normandiner Kaninchen, das
patagonische Kaninchen usw.

Sehr geschätzt wegen seines Seidenhaares ist der Seidenhase oder
das Angorakaninchen. Ebenso ist beim Silberkaninchen das Fell sehr
wertvoll, und das Fleisch gut.

Als selbstverständlich gilt die fruchtbare Paarung zwischen Kaninchen
und Hasen, woraus die sogenannten Leporiden entstehen. In Wirklichkeit
ist sie sehr selten, und nach der neuesten Auflage von Brehms Tierleben
überhaupt erst ein einziger Mischling wissenschaftlich nachgewiesen
worden.


132. Was versteht man unter einer Rasse?

Wir haben schon öfters den Ausdruck Rasse gebraucht und wollen an
dieser Stelle ihn etwas näher besprechen, da hier eine günstige
Gelegenheit vorliegt.

Unter Rasse versteht man alle diejenigen Mitglieder einer Tierart,
die gewisse Merkmale gemeinsam besitzen. Diese Merkmale sind nicht so
bedeutend, daß sie zur Aufstellung einer besonderen Tierart berechtigen.

Also das Silberkaninchen ist nur eine Rasse von der Tierart Kaninchen,
weil sich die Silberkaninchen von dem Wildkaninchen und den andern
Kaninchenrassen unterscheiden. Diese Unterscheidung ist aber nicht
so bedeutend, daß man sagen könnte, das Silberkaninchen wäre eine
besondere Tierart.

Dagegen bilden Hase und Kaninchen trotz großer Aehnlichkeit nicht nur
verschiedene Rassen, sondern verschiedene Tierarten. Die längeren
Hinterbeine des Hasen, die Rettung durch die Flucht ins freie Feld,
das Werfen von Jungen, die sofort behaart sind, können nicht als
unbedeutende Unterschiede aufgefaßt werden. Auch ist das Kaninchen
kleiner, hat einen kürzeren Kopf und kürzere Ohren.

Von durchgezüchteten Rassen spricht man erst dann, wenn sie ihre
Eigentümlichkeiten dauernd vererben.

Ein Rassetier hat also den Vorzug, daß ich auf gewisse
Eigentümlichkeiten, auf die ich Wert lege, bei der Nachkommenschaft
rechnen kann. Bei rasselosen Tieren ist das nicht der Fall.


133. Geschichten vom Kaninchen. Kaninchen hat angefangen.

Das Kaninchen gehört im allgemeinen zu den furchtsamsten und
ergebungsvollsten Geschöpfen, das sich von jedem Kinde alles mögliche
gefallen läßt. Von seinen Zähnen macht es eigentlich niemals Gebrauch.
Trotzdem fallen sie beispielsweise über fremde Kaninchen manchmal
wütend her und suchen sie totzubeißen. Ein junger Hase, den man zu
Kaninchen bringt, wird wohl stets totgebissen.

Alte Rammler beißen nicht nur häufig ihre eigenen Jungen tot,
sondern sie werden hin und wieder auch gegen andere Tiere geradezu
angriffslustig. Ein Naturforscher führt hierfür folgende Beispiele an.
Ein Verwandter von ihm hielt einen alten Kaninchenrammler bei seinen
Lämmern. Als die Fütterung mit Esparsettheu begann, behagte das dem
alten Herrn so gut, daß er alles für sich allein mit Beschlag belegen
wollte. Er setzte sich also neben das Heu, grunzte und biß nach den
Lämmern, um diese Tiere zu verscheuchen. Als das nicht genügend half,
sprang er einem Lamm auf den Hals und biß es tüchtig. Natürlich wurde
er beim Wickel gepackt und fortgebracht. Ein anderer Rammler führte
einen solchen Kampf sogar mit Ziegen. War das Futter nach seinem
Geschmack, so suchte er junge Ziegen dadurch zu vertreiben, daß er
ihnen die Beine blutig biß. Alten Ziegen sprang er in das Genick und
biß ihnen die Ohren blutig. Selbstverständlich wurde der Bösewicht
abgeschafft.

Vorstehende Erzählungen sind durchaus glaubhaft. Ich habe selbst
ähnliche Fälle beobachtet. So kratzte ein Rammler, ein Riesenkaninchen,
bei schlechter Laune seinen Besitzer, wenn er ihm Futter vorsetzte,
dermaßen, daß dieser nur mit großer Vorsicht hierbei zu Werke ging.

Sieht man von solchen Ausnahmen ab, die doch immer Ausnahmen bleiben,
so ist es lächerlich bei einem Streite zwischen Kaninchen und Bulldogge
zur Rechtfertigung des Hundes anzuführen, daß das Kaninchen angefangen,
und der Hund deshalb das Kaninchen totgebissen habe. Ein Kaninchen wird
sich schön hüten, mit einer Bulldogge anzubinden. Aber das Raubtier,
das die größere Kraft besitzt, wird stets eine Entschuldigung für sein
Tun finden.


134. Kann das Kaninchen mit dem Schwein in Wettbewerb treten?

Mit dem Absatz ihres Kaninchenfleisches an ihre Gäste ist die Familie
Lankenheim nicht sehr zufrieden. Trotz der schlechten Zeiten wollen die
meisten Gäste Kaninchenfleisch nicht so häufig essen.

Es ist merkwürdig, daß so viele Leute, die sich zunächst mit
Begeisterung auf die Kaninchenzucht geworfen haben, so bald davon
wieder Abstand genommen haben. Irgendwie scheint hier ein Fehler
gemacht worden zu sein.

Wir haben an einer früheren Stelle die Vorzüge der Schweinehaltung bei
einfachen Leuten beleuchtet. Mit Schweinefleisch wird Kaninchenfleisch
niemals in Wettbewerb treten können, weil Schweinefleisch stets reißend
Absatz findet, während bei Kaninchenfleisch die Sache etwas anders
liegt.

Es gibt zu denken, daß in England und Frankreich die Kaninchenzucht in
der großartigsten Weise blüht. Einzelne Großzüchtereien sollen jährlich
12000 Kaninchen auf den Markt bringen. In Frankreich sollen in Paris
vor dem Kriege allein jährlich 3 Millionen Kaninchen verzehrt worden
sein, während zu der gleichen Zeit in der Berliner Zentralmarkthalle
etwa der sechzigste Teil verkauft wurde.

Dem Geschmack der Franzosen und auch der Engländer muß also das
Kaninchenfleisch mehr zusagen als dem unsrigen. Das ist sehr zu
bedauern, denn das Kaninchen hat ohne Zweifel als Pelztier eine
Zukunft. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, wann die pelzliefernden
Raubtiere und sonstigen Tiere ausgerottet oder doch so vermindert sind,
daß ihre Felle der Nachfrage nicht mehr entfernt entsprechen können.
Dann werden Kaninchen und Hauskatzen mit ihren Fellen als Ersatz dienen
müssen.

Die Kaninchenzüchter heben noch den außerordentlichen Wert des
Kaninchens als Lederlieferanten hervor. Aus dem Fell eines 65
Zentimeter langen Kaninchens lassen sich nach ihren Angaben
das Oberleder für ein Paar Damenschuhe nebst einem Ersatzstück
herausschneiden. Dieses Leder ist sehr weich und trägt sich sehr gut.


135. Wie groß ist die Vermehrung des Kaninchens?

Die Fruchtbarkeit des Kaninchens ist sprichwörtlich geworden. Das
wilde Kaninchen paart sich im Februar oder März und setzt nach einer
Tragezeit von dreißig Tagen alle fünf Wochen 4 bis 12 Junge. Diese
Jungen sind bereits nach einem halben Jahre fortpflanzungsfähig und
nach einem vollen Jahre ausgewachsen. Ein einziges Kaninchenpaar kann
also in einem Sommer 20 bis 70 Nachkommen haben. Dabei sind die ersten
Nachkommen bei Ablauf des Sommers bereits ebenfalls fortpflanzungsfähig.

Hätten die Kaninchen keine Feinde, so würden sich die 20 bis 70
Nachkommen im nächsten Sommer auf 10- bis 35mal 20 bis 70, also auf 200
bis 2450 Kaninchen vermehren können, wozu das alte Paar ebenfalls 20
bis 70 liefern könnte. Der Bestand wäre dann 220 bis 2520 Kaninchen.

Da die Kaninchen nicht von der Luft leben, sondern durch Unterwühlung
des Bodens und durch Benagen der Baumrinden und Fressen von
Nutzpflanzen großen Schaden anrichten, so versteht man, daß in
Australien und anderen für die Kaninchen günstigen Ländern große
Geldbeträge für ihre Vernichtung gezahlt werden.

Den zahmen Kaninchen läßt man nicht mehr als acht Junge, damit sie
hinreichende Nahrung haben. Nach vier Wochen entwöhnt man sie. Die
Eltern werden gewöhnlich nur vier Jahre zur Zucht verwendet.


136. Das Kaninchen in Redensarten und Sprichwörtern.

Die Redensart: Kaninchen hat angefangen und die sprichwörtliche
Vermehrung der Kaninchen ist bereits besprochen worden.

[Illustration: Weiße Häsin (Kaninchenweibchen)      Fressende Kaninchen]

[Illustration: Kaninchen-Zuchtkästen]



Das Meerschweinchen


137. Das Meerschweinchen.

Bei »Onkel Althaus« können wir auch Meerschweinchen sehen, mit denen
wir uns aber nur kurz befassen wollen. Es ist ein allbekanntes,
kleines, buntes Tierchen, das wie das Kaninchen ein Nager ist. Es wird
wie das Kaninchen gefüttert und vielfach mit ihm zusammengehalten.
Obwohl das Meerschweinchen aus Südamerika stammt, vertragen sich beide
Nagerarten gut. Nur beißen manchmal die Kaninchen die Jungen von
Meerschweinchen tot. Hat man mehrere Meerschweinchen zusammen, so hört
man oft ein Quieken und Grunzen, woher auch der Name Meerschweinchen
kommen dürfte.

Während das Kaninchen ein sehr schönes Fell liefert, ist das vom
Meerschweinchen nicht zu gebrauchen.

Auch gegessen wird das Meerschweinchen bei uns nicht. Es ist
hauptsächlich ein Spielzeug für Kinder, weil es sich alles gefallen
läßt.

Onkel Althaus hat ein Paar Meerschweinchen seinem Söhnchen Albrecht zu
Weihnachten geschenkt. In Ermangelung eines passenden Stalles hatte
er das Pärchen in ein leeres Aquarium gesteckt und darin als Geschenk
aufgebaut. Der Sohn hielt die fremden Tiere im Aquarium zunächst für
junge Biber. Dieser Irrtum ist ganz erklärlich, da der Biber unser
größter Nager ist und ein vorzüglicher Schwimmer ist.

Inzwischen hat das Weibchen ein einziges, aber ungemein kräftiges
Junges bekommen. Mit ihm zusammen lebt es im Aquarium, während der
Vater ausgesperrt ist.

Nach der Schilderung des kleinen Albrecht sind Meerschweinchen sehr
kluge Tiere. Wenn er aus der Schule kommt und sich dem Aquarium nähert,
richtet sich die Mutter auf, weil sie weiß, daß sie etwas zu fressen
bekommt.

Da in der neuesten Auflage von Brehms Tierleben genau das gleiche
berichtet wird -- allerdings als große Ausnahme -- so ist es nicht
unmöglich, daß die Beobachtung des kleinen Tierfreundes der Wahrheit
entspricht.

Nach den früheren Berichten war das Meerschweinchen sehr fruchtbar.
Im neuesten Brehm wird das als Irrtum erklärt. Die übliche Zahl der
Jungen ist vielmehr nur zwei und die Tragezeit so lange wie beim Hunde,
nämlich 63 Tage. Dafür ist das Junge hoch entwickelt wie ein junger
Hase. Nach 8 bis 9 Monaten hat das Meerschweinchen seine volle Größe
erreicht. Bei guter Behandlung kann es 8 Jahre alt werden.

Sehr beliebt sind die Angora-Meerschweinchen mit langem, schlichtem
Haar und die Strupp-Meerschweinchen.

Das Meerschweinchen stammt von dem in Südamerika lebenden, ganz ähnlich
aussehenden Nager ab, der den Namen _Cavia cutleri_ führt.

In wissenschaftlichen Anstalten werden viele Meerschweinchen
gehalten, da sie bei der Keimforschung, den Impfversuchen und der
Serumheilbehandlung unersetzlich sind.



Das Frettchen


138. Wie unterscheidet sich das Frettchen vom Iltis?

Um uns ein Frettchen anzusehen, wollen wir wieder nach dem Zoologischen
Garten gehen. Denn in der jetzigen Zeit hat keiner der mir bekannten
Förster ein Frettchen mehr, da die Kaninchen in ihrer Gegend vollkommen
ausgerottet sind.

Wir wissen bereits, daß das Frettchen ein Albino des Iltis ist. Und
einen Iltis bekommen wir wenigstens im Zoologischen Garten zu sehen.

Der Iltis oder Stinkmarder gehört zur Familie der Marder. Er erinnert
sehr an unsern Marder, nur daß er ganz im Gegensatz zu diesem sehr
schwerfällig ist.

Seit Jahrtausenden wird eine weißliche Abart, ein Albino von ihm, das
sogenannte Frettchen, vom Menschen als Haustier gehalten. Der Grund
liegt hauptsächlich darin, daß es zur Kaninchenjagd unentbehrlich ist.
Sobald der schlanke Räuber einen Kaninchenbau betritt, fahren die
Kaninchen aus ihrer sichern Burg und können leicht geschossen werden
oder in aufgestellte Netze geraten.

Das Frettchen ist sehr weichlich und macht gerade keinen sehr
angenehmen Eindruck. Es ist etwas kleiner als der Iltis und als Albino
natürlich weiß im Gegensatz zu seinem braunen Verwandten. Es wirft etwa
4 bis 8 Junge nach einer Tragezeit von sechs Wochen.


139. Tötung eines Berliner Kindes durch ein Frettchen.

Kurz vor Weihnachten 1919 brachten Berliner Blätter die Nachricht, daß
ein Frettchen in die Wiege eines Säuglings gekrochen sei und ihm einen
Augapfel ausgefressen habe, was den Tod des kleinen Wesens zur Folge
hatte. Natürlich war dieser Vorfall nur möglich, weil die Eltern nicht
zugegen waren, da sie auf Arbeit gegangen waren.

Ein solcher Fall ist nicht das erste Mal vorgekommen, und wird nicht
der letzte seiner Art sein. Deshalb sei er etwas näher besprochen.

Es wurde schon erwähnt, daß das Frettchen seit Jahrtausenden zur
Kaninchenjagd dient. Schon in Friedenszeiten gab es eine Unmenge
Frettierer. Im Kriege, wo der Fleischhunger aufs höchste gestiegen
war, wurde natürlich erst recht frettiert. Das Frettchen als Ernährer
der Familie wurde besonders gepflegt, zumal es wie alle Albinos sehr
frostig ist. Es wurde daher von dem Frettierer in seine Wohnung
genommen.

Die Fütterung der Frettchen besteht gewöhnlich aus Milch und Semmeln.
Wir haben unsern Frettchen hin und wieder stets tierische Nahrung
gegeben, also Sperlinge und andere Vögel.

Wenn ein Tier, das an tierische Speise gewöhnt ist, plötzlich nur
Pflanzenkost erhält, dann sucht es sich irgendwie Ersatz. Hühner rupfen
sich die Federn aus und werden Eierfresser, Sauen und Mäuse fressen
ihre eigenen Jungen. Darauf haben wir schon wiederholt hingewiesen
(Kap. 106).

So hat das Frettchen bei den einfachen Leuten wahrscheinlich nur
Pflanzenkost erhalten, wie das so üblich ist. Eines Tages hat es beim
Umherkriechen das junge Menschenfleisch gewittert, das Raubtier ist in
ihm erwacht, und das Unglück ist geschehen.

Wehrlose Kinder soll man also mit einem Frettchen nicht unbeaufsichtigt
in demselben Raume lassen.

Manche warnen auch vor der Haltung einer Katze, weil sie sich auf
den Säugling in der Wiege legen und ihn totdrücken kann. Trotz aller
Bemühungen habe ich einen solchen Fall bisher nicht feststellen können.
Da aber die Möglichkeit besteht, so ist Vorsicht unbedingt am Platze.


140. Das Frettchen in Redensarten und Sprichwörtern.

Vom Frettchen finde ich keine Redensarten oder Sprichwörter angeführt.
Dagegen hat der Iltis oder Ratz, der Stammvater des Frettchens, zur
Redensart Anlaß gegeben:

               *Er schläft wie ein Ratz.*

Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, daß ich in einem sehr
iltisreichen Jagdgebiet den Iltis stets schlafend in der Kastenfalle
vorgefunden habe. Die Redensart: Er schläft wie ein Ratz -- nicht Ratte
-- ist also ganz der Wirklichkeit entsprechend.



Das Huhn


141. Warum kräht der Hahn?

Um uns Hühner anzusehen, brauchen wir nicht erst nach einem Vorort zu
wandern. Vielleicht hat es niemals so viel Hühner in Berlin gegeben,
wie gerade jetzt. Wenn man früh morgens die Fenster öffnet, dann kräht
es aus verschiedenen Kellern.

Da ist beispielsweise ein Kohlenplatz in der Nähe, auf dem Hühner
gehalten werden. Der Hahn waltet stolz seines Amtes als Herrscher
und Wächter, während die unscheinbaren Hennen anscheinend nur
an die Füllung ihres Magens denken. Bisher hat man es für ganz
selbstverständlich angenommen, daß der Hahn ein stolzes, kampflustiges
Geschöpf ist. Das ganze Benehmen stimmt fast in allen Einzelheiten mit
dem eines stolzen Menschen überein. Vorsichtig setzt er seine Füße, als
ob er ganz von der Wichtigkeit seiner Persönlichkeit durchdrungen ist.
Scharf schauen seine Augen umher, ob er irgendwie einen Verstoß gegen
seine Herrenrechte oder etwas Gefährliches entdeckt. Dann kräht er zur
Abwechselung wieder einmal und schlägt dabei mit den Flügeln, als wenn
er sagen wollte: »Hier ist der Mittelpunkt der Erde, weil ich hier
stehe -- zweifelt irgend jemand daran?«

Warum kräht der Hahn? Die Sache ist ähnlich wie bei dem Bellen des
Hundes. Eine Fähigkeit, die beim wilden Tiere bestand, hat sich
außerordentlich entwickelt, nachdem das Tier ein Haustier geworden ist.

Schläft man auf dem Lande, so kann man in tiefer Nacht häufig
Hähnekonzerte hören und vom menschlichen Standpunkt aus folgendermaßen
schildern. Ein Hahn ist aufgewacht, und da er der Meinung ist, daß
es ganz zweckmäßig wäre, wenn er einmal krähte, so kräht er eben.
Rücksicht auf die Hennen und deren Schlaf nimmt er nicht. Ein anderer
Hahn ist von dem Krähen aufgewacht und sagt sich: »Es könnte sein, daß
die Welt denkt, es gäbe nur den Hahn von Lehmanns. Das geht nicht.
Deshalb werde ich auch einmal krähen.« Denkts und kräht ebenfalls. So
geht die Runde durch die Häuser des Dorfes. Der erste Kräher läßt es
aber mit dem einen Male nicht bewenden, und die andern ebenfalls nicht.
So geht das Konzert eine ganze Weile. Das größte Wunder ist eigentlich,
daß es schließlich doch verstummt. Die Müdigkeit trägt schließlich den
Sieg davon über den Wunsch: Mein Feind darf nicht das letzte Wort haben.

Wir halten also den Hahn für stolz und eingebildet. Ob wir unbedingt
recht haben, läßt sich nicht so leicht sagen, weil wir Menschen eben
stets unsere menschlichen Verhältnisse als Maßstab nehmen. Für die
Richtigkeit unserer Ansicht spricht, daß man den Hahn demütigen kann.
So soll er nach den Angaben eines vortrefflichen Naturforschers ganz
kleinlaut werden, wenn man ihm die Schmuckfedern abschneidet.

Heute kennen wir auch die Stammeltern unserer Haushühner. Es ist das
Bankivahuhn, _Gallus gallus_, das im warmen Indien lebt. In der Nacht
schläft es auf Bäumen. Unsere Hühnerleiter ist weiter nichts als eine
Nachahmung der Zweige, die es in seiner Heimat zur Nachtzeit als
Ruhestätte benutzt.

So wenig wir von der Lebensweise des Bankivahuhns wissen, das eine
können wir mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß es schwerlich so oft in
dunkler Nacht krähen wird.

Als Beweis können wir das Benehmen unserer Sperlinge anführen. In
früheren Jahren, als die pferdelose Straßenbahn noch nicht fuhr, gab es
viel mehr Sperlinge in Berlin. Auf dem Belle-Alliance-Platz hielten sie
auf den Platanen, ehe die Nacht einbrach, ordentliche Parlamente ab.
Ehe sie morgens das warme Nest verließen, hielten sie stets eine kleine
Morgensprache ab. Hörte ich das erste Schilpen der Sperlinge und ging
ans Fenster, so war stets eine gewisse Helligkeit vorhanden.

Der Grund hierfür ist ganz einleuchtend. Das Benehmen eines
freilebenden Tieres wird durch seine Feinde bestimmt. Für die Sperlinge
sind die Hauptfeinde in der Nacht die kleinen Eulen und das kleine
Wiesel. Sie schilpen also erst, wenn es bereits so hell ist, daß sie
vor einem Feinde rechtzeitig flüchten können. In der Nacht denken sie
nicht daran, zu schilpen. Sie würden nur ihre Feinde auf ihr Versteck
aufmerksam machen, und könnten in der Dunkelheit nicht flüchten.

Man kann wohl ohne Uebertreibung behaupten, daß in Berlin eine Gefahr
für die Sperlinge zur Nachtzeit kaum besteht. Die Nester werden
gewöhnlich so angelegt, daß bei vierstöckigen Gebäuden selbst ein
kletterfertiger Knabe schwerlich zu ihnen gelangt. Wiesel gibt es
innerhalb des Weichbildes des alten Berlins kaum, und sie können bei
unsern hohen Gebäuden den Sperling auch nicht schädigen. Auch Eulen
sind so selten, daß sie kaum in Betracht kommen.

Der Bankivahahn in Indien wird also auch erst ordentlich krähen, sobald
es so hell geworden ist, daß er vor einem Feind flüchten kann. In der
Nacht haben verschiedene Räuber Sehnsucht nach einem Hühnerbraten. Der
Bankivahahn hat also hinreichenden Grund, den Schnabel zu halten.

Bei uns werden Auerhahn und Birkhahn, die ebenfalls in der Nacht
auf Bäumen schlafen, vom Marder und Uhu verfolgt. In Indien kommen
als Feinde der Vögel noch die Nachtaffen hinzu, die geräuschlos wie
Gespenster den schlafenden Vögeln den Hals umdrehen.

Unsere Auerhähne und Birkhähne balzen, d. h. tanzen wie die Verrückten,
wenn der Frühling kommt und ihre Herzen mit Liebessehnsucht erfüllt.
Dann sind sie manchmal wie blind und taub, wodurch sie dem Jäger
Gelegenheit zu ihrer Erlegung bieten. Die übrige Zeit hindurch sind sie
sehr scheu und lautlos.

Der Bankivahahn wird es ebenso machen. Er wird hauptsächlich im
Frühjahr krähen, um den Hennen zu zeigen, wo er sitzt, und den andern
Hähnen die Mitteilung zu machen, daß er zu einem Kampfe mit ihnen
bereit ist.

Das Krähen des Hahnes ist also wie das Bellen des Hundes erst zur
Entwicklung gelangt, seitdem das vordem wilde Tier Haustier wurde.
Es hat vor seinen Feinden keine Furcht mehr im sichern Hühnerstall.
Die gute Fütterung sorgt dafür, daß die Frühlingsstimmung anhält. So
erklärt sich das häufige Krähen, namentlich in der dunklen Nacht.

Aufmerksame Tierbeobachter wollen herausgefunden haben, daß der Hahn
nur bei bevorstehender Luftveränderung kräht. Da sich mit Anbruch des
Tages die Luft verändert, so wäre das der wahre Grund, daß der Hahn
morgens kräht. Es ist möglich, daß diese Ansicht begründet ist, aber
mit meinen Beobachtungen will sie nicht immer übereinstimmen. -- Vorhin
wurden einige Feinde des Huhns angeführt. Der Vollständigkeit halber
sei noch erwähnt, daß sich zu ihnen noch zahlreiche andere Raubtiere,
z. B. der Fuchs sowie die Tagraubvögel gesellen.


142. Der Lockruf des Hahns.

Unser Hahn hat jetzt -- was auf beschränktem Raum gewiß nicht häufig
vorkommt -- einen guten Bissen gefunden und gibt einen eigentümlichen
lockenden Ruf von sich, auf den die Hennen hinzugestürzt kommen. Man
muß sich freuen, daß der Hahn etwas, was ihm selbst sehr gut schmecken
würde, freiwillig seinen Damen überläßt. Mancher Familienvater könnte
sich hieran ein Beispiel nehmen.

Abseits von den übrigen Hennen befindet sich durch ein Gatter getrennt
eine Glucke, die ihre Küchlein führt. Es ist ein allerliebster
Anblick, diese kleinen Dinger, die erst einige Tage alt sein können,
in Gemeinschaft mit ihrer wachsamen Mutter auf Nahrungssuche ausgehen
zu sehen. An der Pflege und Aufzucht der Kleinen beteiligt sich der
Hahn nicht. Man kann daraus ersehen, daß es unrichtig ist, menschliche
Verhältnisse auf tierische ohne weiteres zu übertragen. Für uns scheint
es gerade die besondere Aufgabe des Vaters zu sein, seinen Kindern in
Gemeinschaft mit der Mutter Pflege und Nahrung zu verschaffen.

Da der Hahn in Vielehe lebt, und jedes Weibchen etwa ein Dutzend Kleine
führt, so könnte der Hahn höchstens bei einem Dutzend einer bestimmten
Henne Vaterpflichten erfüllen. Jedenfalls wäre es ihm ganz unmöglich,
es bei allen Nachkommen zu tun. So erklärt sich die Gleichgültigkeit
gegen seine Nachkommenschaft in einfacher Weise.

Uebrigens ist diese Gleichgültigkeit nur scheinbar. Sobald ein Feind
naht, der die Kleinen gefährdet, etwa ein Raubvogel, so tritt der Hahn
zu ihrem Schutze ein. Ebenso übernimmt er häufig die Sorge für die
Kleinen dann, wenn die Henne plötzlich verunglückt.

Wenn wir auf die Lautäußerungen der Hühner sorgfältig achten, so werden
wir finden, daß eine ziemliche Anzahl verschiedener Laute bei ihnen
verwendet wird. Sehen wir vom Krähen und Gackern, sowie dem Lockruf ab,
so ist ein Warnruf auffallend, namentlich wenn der Hahn einen Raubvogel
zu Gesicht bekommt. Bei den Papageien werden wir noch näher darauf zu
sprechen kommen. Die Erklärung, daß die Tiere keine Sprache haben, weil
sie sich nichts zu sagen haben, kann uns nicht gefallen. Kann der Hahn
seinen Damen etwas wichtigeres mitteilen, als wenn er ruft: Kommet her,
hier ist ein guter Bissen.


143. Wie unterscheiden sich Hühner und Tauben?

Auf dem Dache des Hauses sitzen ein Dutzend Tauben. Wir können so recht
den Unterschied zwischen ihnen und den Hühnern ins Auge fassen.

Zunächst fragen wir: Warum sitzen die Hühner, die doch ebenfalls
Vögel sind, nicht wie die Tauben auf dem Dache? Ja, warum? Weil alle
Hühnervögel schlechte Flieger sind. Vögel können zwar fliegen, aber
manche sehr gut, manche nur sehr schlecht. Es ist genau so wie bei dem
Laufen. Es gibt Windhunde, die sehr schnell laufen, und Dachse, die
sehr langsam sind.

Die Hühner gehören zu den schlechten Fliegern. Ja, der Strauß, der
größte von den Hühnervögeln, kann gar nicht fliegen.

Bei der Jagd auf Rebhühner kann man erleben, daß die Hühner bei starkem
Winde nicht auffliegen wollen. Sind sie ein paarmal geflogen, so haben
sie genug davon und wollen nicht mehr.

Als Ersatz für die schwache Fliegekunst sind die Hühner vorzüglich auf
den Beinen. Das Huhn ist der richtige Beinvogel. Es rennt vorzüglich.
Hat man einen Fasanen geschossen und nur flugunfähig gemacht, so hat
man ihn noch lange nicht. Er rennt davon mit einer Schnelligkeit, daß
man ihn ohne Hund nicht bekommt. Dagegen kann eine wilde Taube, die man
in gleicher Weise verwundet, nicht von der Stelle fort.

Wirklich hervorragende Flieger haben kleine Füße. Der Mauersegler,
der vom 1. Mai bis zum 1. August die Höhen von Berlin durcheilt, ist
wohl unser bester Flieger. Er tummelt sich den ganzen Tag in der Luft.
Seine Füßchen sind so klein, daß sie nur zum Ankrallen dienen. In der
Tierkunde führt er den Namen »der Fußlose«, was natürlich übertrieben
ist.

Je kleiner die Füße, desto weniger Gepäck hat der fliegende Vogel zu
tragen. So kann man schon an den Beinen ungefähr erkennen, was für
einen Flieger man vor sich hat.

Tauben gehören zu den guten Fliegern. Mit den Mauerseglern können sie
sich natürlich nicht messen. Entsprechend ihrem guten Fluge haben
sie kleine Füßchen, mit denen sie nicht rennen, sondern eigentlich
nur trippeln können. Bei drohender Gefahr läuft daher das Huhn fort,
während die Taube fortfliegt. Das Huhn hat das bißchen Fliegerkunst,
die es als wildes Tier noch besaß, als Haustier fast völlig eingebüßt.
Ueber einen mannshohen Zaun zu fliegen, kostet ihm schon Anstrengung.

Für uns Menschen ist es natürlich ganz angenehm, daß das Huhn kaum
fliegen kann. Es erleichtert uns die Ueberwachung.

Die Verluste, die wir bei Tauben haben, daß sie in fremde Schläge
verlockt werden, oder sonst bei ihren Flügen verloren gehen, kommen bei
den Hühnern nicht in solchem Maße vor.

Die kräftigen Beine der Hühner sind zum Scharren wie geschaffen und
werden fleißig dazu benutzt. Nicht mit Unrecht spricht Goethe von Frau
Kratzefuß. Sonst sagt man, der Hahn macht Kratzfüße. Wenn er sich vor
seinen Damen verbeugt, macht er nämlich Kratzfüße, indem er die Beine
bewegt, als wenn er scharren wollte.

Die schwachen Beine der Tauben wären natürlich zum Scharren ganz
ungeeignet.

Während die Küchlein, wie wir sehen, unter fortwährendem Gepiepe der
Mutter folgen, brauchen junge Tauben längere Zeit, ehe sie auf den
Beinen stehen. Hühner sind eben Nestflüchter, Tauben sind Nesthocker.

Denselben Unterschied hatten wir bereits bei den Säugetieren. Die
Raubtiere, ebenso das Kaninchen, müssen ihre Jungen längere Zeit
säugen, ehe sie sich selbständig mit einiger Geschwindigkeit bewegen
können. Die Jungen gleichen also den Nesthockern. Bei Pferden, Rindern,
Ziegen usw. sind dagegen die Jungen wie bei den Nestflüchtern nach
kurzer Zeit imstande, der Mutter zu folgen.

Ueber den Grund der Verschiedenheit war schon früher gesprochen worden
(Kap. 65). Raubtiere können ihre Jungen verteidigen. Das Kaninchen
ist mit seinen Jungen leidlich sicher im Bau. Dagegen wären Fohlen,
Kälber, Zicklein usw. den Raubtieren ausgeliefert, wenn sie wochenlang
brauchten, wie die jungen Hunde und Katzen, um bewegungsfähig zu sein.

Bei den Vögeln liegt die Sache genau so. Diejenigen, die auf Bäumen,
Felsen oder in Klüften bauen, sind wie das Kaninchen in seinem Bau vor
ihren Feinden leidlich sicher. Deshalb sind ihre Jungen Nesthocker,
die längere Zeit brauchen, ehe sie das Nest verlassen können. Anders
liegt die Sache bei den Bodenbrütern. Hier ist die Gefahr für die
Nachkommenschaft sehr groß. Denn die kletterunfähigen Räuber, also
Dachse, Igel, Iltisse, Wildschweine, Füchse, Wölfe könnten das Nest
finden und die Jungen fressen, wenn diese Nesthocker wären. Mit den
Eiern, die im Neste sind, machen sie es häufig so.

Aus diesem Grunde stehen die Jungen der Hühnervögel, sobald sie das Ei
verlassen haben, gleich fertig auf den Beinen.


144. Die Mutterliebe der Glucke.

Eine Glucke mit Küchlein unter den Flügeln ist uns Menschen von jeher
als ein echtes Bild treuer Mutterliebe erschienen.

Und diese Mutterliebe ist auch bei den vielen Kleinen und den
zahllosen Gefahren sehr notwendig. Die Mutter muß von früh bis spät,
und erst recht in der Nacht auf ihre Lieblinge achten. Man merkt an
dem fortwährenden Gepiepe der Jungen, daß sie Kinder eines Landes
mit üppigem Pflanzenwuchs sind. Auf dem fast kahlen Platze ist das
fortwährende Piepen gänzlich überflüssig. Die Mutter sieht ja, wo die
Kleinen sind. Die kleinen Entchen auf dem Wasser piepen ja auch nur
unter besonderen Umständen. In Indien, im üppigen Dschungelwald, ist
das Gepiepe dagegen von größter Wichtigkeit, da sonst die Mutter leicht
eines von ihren Dutzend Kleinen verlieren könnte.

Die Mutterliebe wandelt die sonst so furchtsame Henne vollkommen um.
Ein Hund, ein Knabe wird ohne weiteres angegriffen, wenn er sich ihren
Kleinen zu sehr nähert.

Diese Angriffslust der Glucke gegen Raubtiere und Menschen ist im
höchsten Grade merkwürdig. Hier liegt nämlich keine Spur von Vererbung
vor. Man sollte meinen, daß das ein von den Stammeltern erprobtes
Verfahren sei, wie ja auch das weibliche Reh sein Junges gegen den
Fuchs verteidigt. Aber die Mütter der Wildhühner, Wildenten und
anderer Friedvögel haben sonst eine ganz andere Rettungsart, und das
Bankivahuhn wird davon keine Ausnahme machen. Bei Annäherung eines
überlegenen Feindes stoßen die besorgten Mütter einen Warnruf aus,
worauf die Jungen verschwinden und regungslos auf dem Erdboden liegen
bleiben. Sodann geht sie dem Feinde entgegen und stellt sich lahm. Der
Gegner will sich den guten Braten nicht entgehen lassen und verfolgt
die anscheinend Gelähmte. Diese führt ihn weit fort und ist plötzlich
gesund, indem sie zu ihren Kleinen zurückfliegt.

Jetzt wird uns klar, daß die Hühner, wie alle friedlichen Geschöpfe,
ihre Augen zu beiden Seiten haben müssen, um vor der Schnauze eines
Raubtieres rennen zu können, ohne gehascht zu werden. Bei der Stellung
unserer Augen können wir das nicht nachmachen, da wir nicht nach hinten
sehen können.

Diese ursprüngliche Rettungsart ist für das Haushuhn zwecklos. Die
Jungen können sich auf der blanken Erde nicht verstecken und haben auch
nicht die Schutzfärbung der wilden Küchlein. Sie selbst kann aber den
Feind nicht in die weite Ferne weglocken, da sie nicht zurückfliegen
kann. Auch kann sie ihre Kleinen nicht so lange Zeit den ihnen gerade
im Haushalte des Menschen drohenden Gefahren überlassen.

Ausgerechnet das als dumm verschriene Huhn ist zur Rettung seiner
Kleinen auf einen neuen Ausweg verfallen.

Von den Küchlein ist es bekannt, daß sie ohne die Wärme der Mutter
bald zugrunde gehen. Die Mutter muß sie also in der Nacht und an
kalten Tagen unter ihre Flügel nehmen. Diese Frostigkeit scheint uns
Menschen sehr unzweckmäßig zu sein. Vielleicht liegt die Sache aber
etwas anders. In Fachblättern wurde mehrmals mitgeteilt, daß erstarrte
Küchlein in das Küchenfeuer geworfen werden sollten, weil man mit den
toten Tieren nichts anfangen konnte. Kaum lagen sie aber einige Minuten
auf dem warmen Herd, so wurden sie alle wieder lebendig. Hiernach
scheint es fast so, als soll die Frostigkeit bezwecken, daß das
Küchlein bald hinfällt. Dann kann es leicht von der Mutter gefunden und
wieder zum Leben aufgewärmt werden. Wäre es nicht frostig, so liefe es
unendlich weit in die Irre und könnte nicht mehr gerettet werden.


145. Warum gehen die Hühner so zeitig schlafen? Die sogenannte
Hühnerkieke.

Ursprünglich war es unsere Absicht gewesen, bereits am Tage vorher uns
die Hühner anzusehen. Aber wir mußten unser Vorhaben aufgeben, da die
Hühner bereits den Stall aufgesucht hatten. Da es noch hell war, ist
dieses zeitige Aufsuchen der Schlafstätte recht auffallend. Es ist
daher verständlich, daß man von einem sehr soliden Menschen sagt: er
geht mit den Hühnern zu Bett.

Obwohl die Vögel sämtlich Augentiere sind, sie sich also alle wie der
Mensch in erster Linie nach den Augen richten, so müssen doch ihre
Augen verschieden gebaut sein. Denn wir kennen Vögel, die hauptsächlich
in der Nacht auf Raub ausgehen, z. B. die Eulen. Die Eulen sind nicht
am Tage blind, wie der Volksmund sagt, aber es ist eine Seltenheit,
wenn sie bei Tageslicht freiwillig eine Tätigkeit ausüben. Umgekehrt
werden Hühner, Sperlinge und viele andere Vögel nur notgedrungen etwas
in der Dunkelheit tun. Dazwischen stehen Vögel, die sowohl in der
Dunkelheit wie bei Tageslicht tätig sind, z. B. unsere Wildenten, der
Große Brachvogel, die Nachtigall usw. Die halbzahmen Wildenten des
Berliner Tiergartens kann man oft in tiefer Nacht ihre Nahrung im Kanal
beim Scheine der Laternen suchen sehen. Die Vorübergehenden behaupten
oft, daß hier eine Anpassung vorliegt. Das ist jedoch ein Irrtum. Enten
sind von jeher des Nachts auf Nahrungssuche ausgegangen. Jeder Jäger
weiß, daß man sich abends an Teichen aufstellt, um die beim Eintritt
der Dunkelheit einfallenden Enten zu schießen.

Man darf wohl mit Recht annehmen, daß die Hühner deshalb so zeitig in
den Stall gehen, weil sie in der Dunkelheit gar nichts sehen können.
Die Landbewohner behaupten vielfach, daß die Hühner bereits in der
Abenddämmerung nichts sehen können. Da es Menschen gibt, die infolge
von ungenügender Ernährung in der Abenddämmerung nicht sehen können,
so sagt der Landbewohner von ihnen: sie haben die Hühnerkieke. Damit
will er sagen, daß die sogenannten nachtblinden Menschen genau wie die
Hühner in der Abenddämmerung nichts sehen können.

Ferner ist dem Landbewohner bekannt, daß die Hühner leicht an
Schneeblindheit erkranken. Sie werden dann gewöhnlich in den Stall
gebracht.

Soviel ist wohl sicher, daß das Vogelauge in mancher Hinsicht anders
gebaut ist als das Menschenauge. So fängt man in den Balkanländern
Vögel mit großen bunten Tüchern, wodurch die Vögel in auffallender
Weise angelockt werden.

Ob die Landbewohner recht haben, daß die Hühner bereits gegen Abend, wo
es noch hell ist, nicht sehen können, läßt sich nicht beurteilen. Die
Frage wird hoffentlich durch Versuche von Gelehrten beantwortet werden.


146. Die Farbenblindheit der Hühner. Die Hypnose des Huhns durch einen
Kreidestrich.

Auf andern Gebieten hat man neuerdings das Sehvermögen der Hühner
untersucht und gefunden, daß sie farbenblind sind. Sie können grün und
rot nicht erkennen.

Mit der Praxis stimmt das Ergebnis schlecht überein. Denn hiernach
machte das schmucke Gewand des Hahnes, mit dem er sich so stolz
brüstet, auf die Hennen gar keinen Eindruck. Diese können die grünen
Federn und den roten Kamm gar nicht schätzen, weil sie diese Farben
nicht wahrnehmen.

Da Versuche über das Sehvermögen ungeheuer schwierig sind, so wird das
Ergebnis später wohl noch berichtigt werden. Jedenfalls sind folgende
Beobachtungen damit schwer in Einklang zu bringen.

Hühner scheuen die Nässe. Das sieht man dann ganz deutlich, wenn
eine Glucke junge Enten ausgebrütet hat (vgl. Kap. 173). Trotz ihrer
Abneigung gegen Nässe gehen Hühner im Sommer auf die Wiesen, wenn es
stark geregnet hat. Die Grashüpfer sind durch den anhaltenden Regen
erstarrt und können nicht fortspringen. Die Hühner fressen sie gern und
holen sie sich.

Auf einer grünen Wiese grüne Grashüpfer zu erkennen, dazu gehört ein
sehr scharfes Auge. Wie das ein für Grün farbenblindes Auge leisten
soll, ist nicht recht verständlich.

Man wird überhaupt gegen Versuche und ihre Ergebnisse sehr mißtrauisch,
wenn man an frühere Zeiten zurückdenkt.

So lernte ich als Knabe, daß man ein Huhn hypnotisieren, d. h. in
einen schlafähnlichen Zustand versetzen kann, wenn man ein Huhn sacht
niederdrückt und vor seinen Augen einen geraden Kreidestrich zieht.
Selbstverständlich haben wir das auch mit einem unserer Hühner getan
und waren überzeugt, daß es hypnotisiert war, als es regungslos sitzen
blieb.

Als ich mich später gründlich mit Tieren beschäftigt hatte, wurde
mir der ganze Versuch zweifelhaft. Das Sichniederdrücken ist ja
die gewöhnliche Rettungsstellung des Huhns. Es ist doch ganz
selbstverständlich, daß es in dieser seit Urzeiten üblichen Lage
regungslos bleibt.

Besäße man einen zahmen Hasen und legte ihn sorgsam so hin, wie er
gewöhnlich in der Sasse sitzt, so würde er natürlich auch regungslos so
sitzen bleiben.

Seit Urzeiten weiß das Huhn, der Hase und andere viel verfolgte
Friedlinge, daß Regungslosigkeit ihre sicherste Rettung ist. Uns
Menschen als Augentieren ist bekannt, daß wir einen sich bewegenden
Gegenstand viel eher erkennen als einen ruhenden. Die Augen der
Nasentiere können aber, wie wir erörtert haben (Kap. 2), Bewegungen
noch besser wahrnehmen als die unsrigen.

Der Kreidestrich ist also ganz überflüssig. Ebenso ist das
Vorhandensein der Hypnose sehr unwahrscheinlich.

Man stelle sich folgende Lage eines Jägers vor, wie sie hin und wieder
vorkommt. Er hat stundenlang auf dem Anstand gesessen, und es ist
kein Wild gekommen. Er sagt sich also, daß das Warten ganz zwecklos
ist. Deshalb will er aufstehen und sich seine Pfeife anzünden. Kaum
hat er sich etwas erhoben und nach der Tasche gegriffen, da sieht er
plötzlich einen Rehbock mit einer auffallend starken Krone vor sich.
Als erfahrener Jäger weiß er, daß, wenn er nicht zur Säule erstarrt,
der Rehbock für ihn verloren ist. Das Tier nimmt die Bewegung wahr
und flüchtet sofort. Deshalb bleibt der Jäger genau wie er ist, in
seiner Lage, so wunderbar es aussieht. Könnte ihn ein Beobachter sehen,
der nicht wüßte, worum es sich handelt, so würde er den Jäger für
geisteskrank oder für hypnotisiert halten. Er steht regungslos da mit
halbgestrecktem Knie und hat die Hand auf dem Rücken liegen. Wir wissen
jedoch, daß der Jäger weder irrsinnig noch hypnotisiert ist, sondern
höchst zweckmäßig handelt.

Packe ich einen Frosch, so wird er glauben, daß es ihm ans Leben ginge.
Bringe ich ein Bein von ihm in eine eigentümliche Lage, so wird er es
oft so lassen. Und zwar tut er es nicht, weil er hypnotisiert ist,
sondern weil er weiß, wie oft er seine Rettung der Regungslosigkeit
verdankt. Der Storch kann ihn übersehen, wenn er regungslos bleibt, und
die Ringelnatter packt überhaupt nur nach Geschöpfen, die sich bewegen.

Weil die Bedeutung der Regungslosigkeit im Tierleben dem Kulturmenschen
ganz unbekannt ist, deshalb nimmt er überall Hypnose an, wo eine ganz
natürliche Handlungsweise vorliegt.

Was ist nun von dem durch einen Kreidestrich hypnotisierten Huhn
geblieben, das ich in meiner Jugend als neue Weisheit lernte? Erstens
ist der Kreidestrich ganz überflüssig. Zweitens ist das regungslose
Sitzenbleiben gar nicht wunderbar, da es die uralte Rettungsart des
Huhns ist. Drittens ist das Huhn gar nicht hypnotisiert.


147. Die naturgemäße Behandlung des Huhns.

Wenn wir bedenken, daß ein Huhn jährlich etwa 150 Eier legen oder
eine Brut von einem Dutzend Jungen hochbringen kann, so müßte man
meinen, daß die Hühnerzucht ein sehr lohnender Betrieb ist. Ich
kenne Großstädter, die so durchdrungen waren von der Richtigkeit
ihrer Berechnung, daß sie ihren Beruf aufgaben und auf dem Lande
eine Geflügelzucht einrichteten. Es hat nur einige Jahre gedauert,
dann hatten sie die Lust zum Betriebe verloren und obendrein ein
nicht unerhebliches Vermögen. Selbstverständlich spreche ich hier von
Friedenszeiten vor dem Kriege.

Warum will in diesem Falle Theorie und Wirklichkeit so gar nicht
übereinstimmen?

Stellen wir uns vor, daß ein Bauer auf seinem Hofe etwa 20 Hühner hält.
Diese Hühner werden morgens zeitig aus dem Stall gelassen und treiben
sich den Tag über auf dem Hof oder in der Umgebung umher. Dabei hat der
Bauer folgende Vorteile:

Erstens kosten ihm die Hühner den Sommer über fast gar kein Futter.

Zweitens ist das Futter, das sie fressen, für sie naturgemäß.

Drittens können die Hühner fleißig scharren und haben viel Bewegung,
was für ihre Gesundheit von großer Bedeutung ist.

Viertens verteilen die Hühner am Tage ihren Unrat an den
verschiedensten Stellen, so daß eine Anhäufung nicht stattfindet.

Bei dem Großstädter, der eine großartige Geflügelzucht eingerichtet
hat, liegt die Sache ganz anders.

Erstens muß er auch im Sommer sehr viel Futter kaufen. Wie soll er für
die Unmenge Hühner die erforderliche Nahrung herbeischaffen? Auf einem
Bauernhofe gibt es reichlichen Abfall, da sich in dem Miste zahlreiche
Larven und Würmer aufhalten.

Zweitens ist die Nahrung, die der Geflügelzüchter kauft, häufig nicht
naturgemäß. Im Frühjahr will das Huhn tierische Nahrung haben. Deshalb
reißen sich Hühner, die man eingesperrt hat und nur mit Körnern
füttert, zu dieser Zeit die Federn aus oder beißen sich gegenseitig die
Kämme blutig (vgl. Kap. 106).

Drittens braucht der Züchter im Gegensatz zu dem Bauern Personal, was
heute ganz besonders ins Gewicht fällt.

Viertens fehlt den Hühnern die Bewegung und sie erkranken leicht.

Fünftens häuft sich der Unrat auf einem kleinen Flecke. Das ist aber
die günstigste Vorbedingung für den Ausbruch einer Seuche.

Das Ende vom Liede ist gewöhnlich eine Seuche, die den ganzen
Hühnerbestand dahinrafft.

Bei Wildparken und Jagdrevieren liegt die Sache ganz ähnlich. Je
weniger Wild ein Jagdrevier enthält, desto gesünder ist es. Dagegen
sind Seuchen an der Tagesordnung, sobald eine Ueberfüllung der Bezirke
stattfindet.

In den Großstädten bestehen ebenfalls Gefahren durch zu große
Besiedelung eines kleinen Bezirkes. Hier hat der Mensch durch
Kanalisation, d. h. durch Fortleitung des Unrats die Macht der Seuchen
gebrochen.

Es wäre also sehr wohl denkbar, daß auch die Geflügelzuchten einen
ähnlichen Ausweg finden.

*Auf der einen Seite ist es beklagenswert, daß wir so viel Eier aus
dem Auslande einführen müssen. Darum soll jede Vermehrung unseres
Hühnerbestandes unterstützt werden. Auf der andern Seite raten selbst
die begeistertsten Züchter davon ab, daß ein Neuling ein großes Kapital
in die Geflügelzucht steckt. Erst soll er klein anfangen und sich den
Rat eines erfolgreichen Züchters einholen. Es gibt zu viele Dinge, die
man nur aus der Praxis lernen kann.*

*Was hier von der Geflügelzucht gesagt worden ist, gilt ganz allgemein
für jede Kleintierzucht.*


148. Eine blinde Henne findet auch ein Korn.

Eine blinde Henne wird man wohl nirgends in Deutschland zu
sehen bekommen, weil man ein solches bedauernswertes Geschöpf
abschlachten würde. Früher war man in solchen Dingen weniger auf den
wirtschaftlichen Vorteil bedacht.

Ein anderes Beispiel für die Verschiedenheit der Auffassung in
wirtschaftlichen Angelegenheiten ist folgendes:

Heute sehen wir, daß die Hühner gewöhnlich Ringe um die Beine (Ständer)
tragen. In meiner Jugendzeit kannte man das gar nicht. Erst seit einem
Menschenalter habe ich sie auf Bauernhöfen angetroffen. Man weiß
heute, daß die Henne eine gewisse Anzahl von Eiern legt. Folglich hat
es keinen Zweck, sie über ein bestimmtes Alter gelangen zu lassen.
Um dieses Alter jederzeit festzustellen, legt man ihnen Ringe um die
Beine. Diese Ringe sind in den einzelnen Jahrgängen verschieden.

Diese Ringe sehen wir auch bei den Hühnern auf dem Kohlenplatz.

Wir schlachten also bereits eine Henne, weil sie nicht mehr ganz so
viele Eier legt als eine etwas jüngere. Erst recht werden wir also eine
blinde Henne schlachten, denn sie würde nicht genügend Futter finden
und infolgedessen sehr abmagern.

In früheren Zeiten zerbrach man sich über solche Dinge den Kopf nicht.
Hierbei hat man jedenfalls beobachtet, daß eine blinde Henne wie die
andern scharrt und durch Zufall auch ein aufgescharrtes Korn findet.

Ein Vogel ist wie ein Mensch ein Augentier und tief zu beklagen, wenn
er sein Augenlicht verloren hat. Bei den Nasentieren liegt die Sache,
wie wir wissen, ganz anders. Blinde Hunde kann man sogar noch zur Jagd
benützen. Deshalb wäre auch ein Sprichwort unrichtig: Ein blinder Hund
findet auch einen Bissen. Er findet ihn vielmehr durch seine Nase
ziemlich leicht.

Umgekehrt fehlt den Vögeln eine gute Nase. Das kann man recht deutlich
bei den Hühnern wahrnehmen. Man kann ihnen nämlich Porzellaneier
unterlegen, und sie brüten fleißig darauf. Ebenso brüten Kanarienvögel
auf elfenbeinernen Eiern.


149. Die künstliche Glucke. Die Wetterfestigkeit des Huhns.

Eine Glucke mit Jungen bringt man gern in einen besonderen Raum, wie
wir es auch hier in unserm Falle beobachten können. Die Mutter ist in
gereizter Stimmung und kann leicht die andern Hennen angreifen. Diese
wiederum picken nach den Küchlein und suchen selbstverständlich die
besten Bissen wegzuschnappen.

Seit Jahrtausenden hat man die Bruthitze der Glucke durch künstliche
Wärme ersetzt und ebenfalls Küchlein erzielt. Man hat dadurch den
großen Vorteil, daß man ganz andere Mengen von Eiern ausbrüten lassen
kann, als wenn man sie verschiedenen Glucken unterlegt. Allerdings
fehlt dafür den Kleinen das sorgsame Auge der Mutter. Auch sonst wurden
mir von Züchtern mancherlei Nachteile mitgeteilt. So können bekanntlich
junge Entlein sofort schwimmen und bleiben dabei trocken. Läßt man die
Enteneier jedoch von einer künstlichen Glucke ausbrüten, so werden
die jungen Entlein naß. Dies wurde mir wenigstens von verschiedenen
Züchtern mitgeteilt.

Das künstliche Ausbrüten der Hühnereier ist nicht so wunderbar,
wie es auf den ersten Augenblick erscheint. Denn noch heute gibt es
Hühnerarten, die in der Freiheit das gleiche Mittel anwenden. So legt
das Talegallahuhn seine Eier in vermoderte Blätter, die es zu Haufen
zusammenscharrt. Andere Wallnister benutzen den erwärmten Sand von
heißen Quellen oder Vulkanen.

Es fängt jetzt etwas an zu regnen, und wir sehen, daß Regen den Hühnern
durchaus nicht angenehm ist. Wie die Katze, so lieben die Hühner Nässe
durchaus nicht.

Auch wenn es kalt ist, kann man aus dem Benehmen der Hühner schließen,
daß ihnen nicht behaglich ist. Sie stammen eben aus einem heißen
Lande. Deshalb ist Hühnerzucht nur in Ländern mit einer gewissen
Wärme möglich. Frankreich, England und Italien haben eine höhere
Durchschnittstemperatur als wir und haben schon aus diesem Grunde einen
Vorzug gegenüber uns in der Geflügelzucht.

Da die Hühner Waldbewohner sind, so ist ihnen pralle Sonnenhitze
lästig. Umgekehrt stammen sie aus einem Sonnenlande und vermissen die
Sonne sehr. Ich konnte das in einem Hause, in dem ich vor vielen Jahren
wohnte, recht deutlich beobachten. Der Wirt hielt Hühner auf dem Hofe.
Da das Gebäude vierstöckig war, so war nur von Mitte Mai bis Mitte
Juli in den Mittagsstunden Sonnenschein auf dem Hofe. Während dieser
Stunden ließen die Hühner alles im Stich, selbst das Futter, und lagen
aufgeplustert im Sonnenschein und genossen in vollen Zügen die Wärme
der Sonnenstrahlen. Hier kam so recht der Sonnenhunger unserer Hühner
zum Vorschein.


150. Wie kriecht das Küchlein aus dem Ei?

Es ist gewissermaßen ein Wunder, wenn aus dem Ei, das wohl die
Möglichkeit zu einem Leben bietet, aber doch leblos ist, plötzlich
allein durch die anhaltende Wärme ein lebendiges Geschöpf kriecht.
Durch die Freundlichkeit unseres alten Bekannten, des bei den Ziegen
erwähnten Onkels Althaus, können wir das bei ihm in Ruhe beobachten.

Onkel Althaus hält Wyandottes, weil er diese Rasse wegen ihrer
Legetätigkeit und als Fleischhühner schätzt. Natürlich kann man keinen
schönen Garten haben, wenn man seinen Hühnern zu ihrer Gesundheit
Auslauf wünscht. So ist der Garten verschwunden, aber die Hühner
befinden sich wohl bei ihrer täglichen Bewegung und legen fleißig Eier.

Zwei Glucken sitzen auf Eiern, die täglich ausfallen können. Die
Glucken sträuben ihr Gefieder und stoßen einen krächzenden Laut aus,
als Onkel Althaus die Eier untersuchen will. Erst ein Ei ist bei jeder
Glucke angepickt. Es ist das ein Zeichen, daß das Küchlein mit seinem
Eizahn das Gefängnis verlassen will.

Wir müssen am andern Tage wiederkommen. In der Zwischenzeit sind bei
jeder Henne ein paar Küchlein ausgekrochen. Sie sind zum Trockenwerden
in die sogenannte Küchleinwiege gebracht worden, wo es schön warm
ist. Um uns nicht nochmals einen vergeblichen Weg machen zu lassen,
zeigt uns Onkel Althaus an mehreren Eiern, wie man das Auskriechen
beschleunigen kann. Als erfahrener Geflügelzüchter kann er sich solche
Künsteleien erlauben, aber er rät jedem Neuling ganz entschieden davon
ab. Denn wenn sich auch nur ein Blutstropfen bei der beschleunigten
Geburt zeigt, so ist das Küchlein verloren.

Onkel Althaus wählt natürlich solche Eier, bei denen das Küchlein
bereits fast einen Ring um das Ei gepickt hat. Ganz vorsichtig wird
nach und nach erst die Schale und dann die dünne Haut entfernt. Man
sieht, welche Anstrengungen dem kleinen Geschöpf die Befreiung aus
dem engen Kerker verursacht. Nach jeder größeren Anstrengung braucht
es Ruhe. Es liegt dann wie leblos, namentlich nachdem es endlich
befreit ist. Zunächst gleicht es einem mit nassen Federn belegten Stück
Fleisch. Wir staunen, daß ein solcher Körper überhaupt Platz in dem
kleinen Ei hatte. Die Zerstörung seiner Hülle verdankt das Küchlein
seinem Eizahn. Man muß sehr genau hinsehen, um ihn zu entdecken. Er hat
noch nicht einmal die Größe eines Stecknadelknopfes und befindet sich
oben auf dem Schnabel.

Der nasse kleine Klumpen, der seinen Kopf in die richtige Lage
gebracht hat, erholt sich allmählich und wird zu den übrigen in die
Küchleinwiege gebracht.

Bei der Verabschiedung können wir noch etwas von der Kehrseite der
Geflügelzucht kennen lernen. Ein Küchlein ist während des Tages
verunglückt. Ein anderes sieht ganz wie ein Todeskandidat aus. Es steht
abseits und sieht sehr betrippt aus. Das ist ein schlechtes Zeichen für
ein Küchlein, namentlich wenn es dabei die Flügel hängen läßt.

Onkel Althaus will noch einen Rettungsversuch machen und schiebt das
Küchlein einer Glucke unter. Vielleicht rettet ihm die Wärme das Leben.


151. Warum brauchen die Hühner sandigen Boden?

Es wäre verfehlt, Hühnerzucht auf moorigem Boden zu errichten. Ebenso
ist ein Untergrund von Ton sehr nachteilig, da er den Abfluß des
Unrates verhindert. Fester Lehmboden hindert am Scharren, was die
Hühner unbedingt brauchen.

Sandiger Boden ist deshalb für die Hühner notwendig, weil sie ihn zu
ihrer Lebensweise brauchen. Erstens können sie scharren, zweitens
können sie sich paddeln, d. h. durch Sandbäder sich vom Ungeziefer
befreien, und drittens finden sie Sandkörner für ihren Magen. Sehr
viele Vögel brauchen als Ersatz für die fehlenden Zähne Sandkörner oder
kleine Steine zum Zerreiben des im Magen befindlichen Futters.


152. Die Rassen des Huhns.

Unser Haushuhn stammt, wie schon erwähnt wurde, aus Ostindien. Einzelne
Rassen sind bereits in vorgeschichtlicher Zeit nach Westasien und
Europa gelangt.

Die deutschen Hühnerrassen sind teils aus den alten deutschen
Landhühnern, teils durch Kreuzungen mit anderen Rassen entstanden.
Jede Rasse hatte ihr Heimatsgebiet in einem bestimmten Teile unseres
Vaterlandes. Hier seien erwähnt: die Westfälischen Totleger, die
Lakenfelder, die Ostfriesischen Möwen, die Ramelsloher, die Thüringer
Bausbäckchen, die Bergischen Kräher usw.

Von ausländischen Rassen haben auf uns die Italiener den größten
Einfluß ausgeübt. Sie haben unsere heimischen Rassen fast gänzlich
verdrängt. Der Hahn und die Hühner auf dem Kohlenplatz waren ebenfalls
Italiener. Sie legen fleißig, brüten aber schlecht. Viel Eier legen
und gut brüten ist überhaupt selten vereinigt. Als Fleischhuhn ist
der Italiener nicht viel wert. Eine andere sehr stattliche Rasse des
Mittelländischen Meeres sind die Spanier.

Frankreich liefert vortreffliche Masthühner, beispielsweise die Le
Mans, England ebenso in den Dorkings. Berühmt sind auch die englischen
Hamburger, die ursprünglich deutsche Hühner waren, und sich durch
fleißiges Legen auszeichnen. Es seien noch erwähnt die englischen
Orpington, die amerikanischen Plymouth Rocks und die schon genannten
Wyandottes, die Mechelner Kuckuckhühner, die in Belgien gezüchtet
werden, und die Siebenbürger Nackthälse.

Wahre Riesen der Hühnerwelt sind die Kotschinchina und die Brahmaputra.
Umgekehrt sind die Zwerghühner, wie schon ihr Name sagt, sehr klein,
z. B. die Silber- und Goldbantam. Eine besondere Stellung unter
den Hühnerrassen nehmen die Haubenhühner ein, z. B. die Holländer,
Paduaner, Houdans usw.

Das Huhn ist bereits nach einigen Monaten ausgewachsen. Die Brutzeit
dauert gewöhnlich 21 Tage, bei kaltem Wetter etwas länger. Einer großen
Henne kann man 15 Eier unterlegen, einer kleineren etwa ein Dutzend.
Auf einen Hahn rechnet man 10 bis 15 Hennen.

Es wurde bereits erwähnt, daß Krankheiten und Seuchen namentlich dann
sehr gefährlich auftreten, wenn ein großer Hühnerbestand vorhanden ist.


153. Das Huhn in Redensarten und Sprichwörtern.

Bereits erklärt wurden: Eine blinde Henne findet auch ein Korn, mit den
Hühnern zu Bett gehen, Frau Kratzefuß, Kratzfüße machen, den Schnabel
halten und die Bezeichnung Hühnerkieke.

    *Jeder Hahn ist König auf seinem Miste.*

Das will sagen, daß der Hahn auf seinem Hofe keinen Nebenbuhler duldet.
Sonst kommt es sofort zu einem Kampfe, woher die Bezeichnung

               *Kampfhahn*

rührt.

               *Den roten Hahn aufs Dach setzen*

soll heißen, ein Gebäude anzünden. Man erklärt die Redensart mit dem
Zusammenhang des Hahnes mit den Feuergottheiten.

               *Hahn im Korbe sein*

heißt der bevorzugteste sein. Unter dem jungen Hühnervolke, das im
Hühnerkorbe bewahrt wird, gilt der Hahn als das geschätzteste Stück.

               Mit *Hahnenfüßen* geschrieben

nennen wir eine schlechte Schrift, deren Buchstaben nicht von einer
menschlichen Hand, sondern von den Tritten eines Hahns herzurühren
scheinen.

               *Hahnentritt*

ist der steife, ernste Schritt des Hahns und dient zur Bezeichnung
eines geckenhaften Trittes.

Bei Pferden nennt man so eine Erkrankung des Sprunggelenkes, wobei sie
einen Fuß vor dem Hinsetzen ungewöhnlich hoch heben.

    *Wo die Henne nicht scharrt wie der Hahn,
    Kann der Haushalt nicht bestahn.*

Das soll heißen, daß die Frau auch im Haushalt tätig sein soll.

    *Das Huhn legt gern ins Nest, worin schon Eier sind.*

Das ist eine sehr richtige Beobachtung.

               *Es fliegt einem kein gebraten Huhn ins Maul.*

Das will sagen, daß das Glück nicht mühelos kommt.

               *Hühnerauge*

ist eine schmerzende Hornhaut am Fuße, die wegen einer entfernten
Aehnlichkeit mit einem Vogelauge, nämlich des dunkeln Punktes in
der Mitte, so genannt wird. Andere Bezeichnungen sind Elsternauge,
Gerstenauge usw.

[Illustration: Henne mit Küken]

[Illustration: Geflügelstall mit Scharraum um den Hühnern bei
schlechtem Wetter und im Winter Gelegenheit zum Scharren zu geben]

[Illustration: Silberbrackl-Hühner]



Das Truthuhn


154. Das Hochzeitskleid des männlichen Truthuhns.

Der große Mangel an Körnerfutter bringt es mit sich, daß man in unseren
Zeiten Ziergeflügel wie Pfauen, Perlhühner und Fasanen jetzt kaum noch
auf einem größeren Hofe erblickt. Selbst Truthühner oder Puten, die
doch mehr zu dem Nutzgeflügel als zu dem Ziergeflügel gehören, sind
in den mir bekannten Kreisen gänzlich abgeschafft worden. Es ist ein
großes Glück für uns, daß wir auch in diesem Falle unsern berühmten
Zoologischen Garten als Helfer in der Not benützen können. Hier sehen
wir ganz dicht vereinigt Pfauen, Perlhühner und Fasanen. Nur wenige
Schritte davon entfernt befinden sich Puter und Puten.

Wir haben das Glück, das Männchen noch im Schmuck seines
Hochzeitskleides zu sehen. Es ist Mai, und noch hat der Truthahn
die merkwürdigen Anschwellungen an Kopf und Hals. Ebenso schlägt er
selbstbewußt sein Rad. Die Weibchen oder Hennen sehen dagegen nicht nur
kleiner, sondern auch unscheinbarer aus.

Wir müssen annehmen, daß den Weibchen der Hochzeitsschmuck der
Männchen gefällt. Man muß ohne Frage sehr vorsichtig damit sein,
menschliche Regungen ohne weiteres auf die Tiere zu übertragen. Aber
das Hochzeitskleid der Männchen, das von ihnen mit einer unverkennbaren
Absicht während der Liebeszeit zur Schau getragen wird, das aber später
wieder verschwindet, dürfte doch einen gewissen Zweck haben. Sonst
triebe die Natur in zahllosen Fällen eine Verschwendung, während wir
sie sonst als sehr sparsame Wirtschafterin kennen lernen.

Gerade das Ausbreiten des Hochzeitsgefieders vor den Weibchen wäre
vollkommen sinnlos, wenn es nicht eine Wirkung auf sie ausüben sollte.
Deshalb muß man sehr vorsichtig sein gegenüber den Behauptungen,
daß manche Farben des Hochzeitsschmucks wegen Farbenblindheit nicht
wahrgenommen werden könnten.


155. Worauf ist die Abneigung des Truthahns gegen die rote Farbe
zurückzuführen? -- Die Herkunft der Truthühner.

Die Tiere im Zoologischen Garten sollen eigentlich nicht gereizt
werden. Aber wenn es sich um Lehrzwecke handelt, ist man nicht
verpflichtet, verbietend einzugreifen. Ein kleines Mädchen ist mit
einem ziemlich großen Spiegel zu dem Truthahn gegangen und hält ihm den
Spiegel vor. Seine Erregung steigert sich gewaltig, und er kollert,
daß es nur so eine Art hat. Erst als das Mädchen sich mit dem Spiegel
entfernt, läßt seine Wut allmählich nach.

Zwei Gründe können diese Erregung verursacht haben. Entweder sah er in
dem Spiegel einen andern Truthahn und wollte ihn bekämpfen; denn gerade
unter den Truthähnen finden heftige Kämpfe auf Tod und Leben statt.
Näheres werden wir über diesen Punkt bei dem Kanarienvogel und seinem
Spiegelbild sprechen. Oder der Truthahn sah die rote Farbe, die ihn,
wie bekannt ist, in Raserei versetzen kann.

Schon bei der Abneigung des Stieres gegen die rote Farbe ist darauf
hingewiesen worden, daß es sich wahrscheinlich um eine vererbte
Erinnerung aus früheren Zeiten handelt. Ein rötliches Tier --
wahrscheinlich der Tiger -- war der Hauptfeind der Wildrinder.
Vom Truthahn wissen wir nach den übereinstimmenden Angaben der
Naturforscher mit Bestimmtheit, daß der Luchs mit seinem rötlichen
Felle sein schlimmster Feind ist. Hierzu paßt vortrefflich folgende
Beobachtung einer ausgezeichneten Vogelkennerin. Sie hält sich ein
Braunkehlchen und erzählt von ihm, daß seine Abneigung gegen alles Rote
ganz auffallend war. Wenn man weiß, daß das Braunkehlchen sein Nest
auf sumpfigem Boden hat, so ist es klar, daß unser Wiesel mit seinem
rötlichen Fell sein ärgster Feind sein muß.

Es kann auch sein, daß unser Truthahn aus beiden Gründen wütend wird.
Einmal, weil er einen Gegner und sodann, weil er etwas Rotes erblickt.
Denn seine eigene rote Färbung am Kopf und Hals kann er nicht sehen. --

Die Truthühner stammen aus Nordamerika, wo sie die Mexikaner bereits
zähmten. Sie kamen nach Europa, wo sich besonders die Spanier und
Italiener um ihre Zucht bemühten. Deshalb spricht man auch vom welschen
Huhn.

Die Truthenne legt 12 bis 24 Eier. Sie ist als ausgezeichnete Brüterin
bekannt, weshalb man ihr die Eier von anderm Hausgeflügel unterlegt.
Ihre Brütlust ist so groß, daß man sich um ihre Ernährung bekümmern
muß. Denn manche versäumen das Fressen und verhungern infolgedessen.
Die jungen Truthühner sind äußerst empfindlich gegen Nässe und Hitze.



Der Pfau. Das Perlhuhn. Der Fasan


156. Warum schreit der Pfau so häßlich?

Im Zoologischen Garten sehen wir den Wildpfau, den Hauspfau, eine ganz
weiße und eine gescheckte Rasse.

Der Anblick des Pfauen, namentlich wenn er sein Rad schlägt, wie es
jetzt vor unsern Augen geschieht, ist entzückend. Dieses kostbare Blau,
dieser herrlich schimmernde Schweif mit den großen Augen darin und das
Krönlein auf dem zierlichen Kopf müssen selbst den, der aus Gewohnheit
widerspricht, zu dem Geständnis veranlassen, daß wir ein schönes Tier
vor uns haben. Nur sein Schrei ist geradezu widerwärtig. Schöne und
eitle Frauen, die eine unangenehme Stimme besitzen, hat man deshalb mit
Vorliebe als Pfauen bezeichnet.

Wir werden später beim Kanarienvogel sehen, daß eine schöne Stimme
regelmäßig nur kleinen Vögeln zukommt. Große Vögel, wie Pfauen, sind
keine Sänger. Ausnahmen wie der Singschwan können die Regel nur
bestätigen.

Die Füße des Pfauen sind nur nach menschlichen Begriffen häßlich. Für
einen Baumvogel sind sie sehr zweckmäßig und daher nicht unschön.

Der Pfau ist in Südasien heimisch. Er ist namentlich oft in Gegenden
anzutreffen, wo auch der Tiger weilt.

Auch das Perlhuhn ist vielen Menschen lästig, weil es seine wenig
schöne Stimme so oft erschallen läßt. Im Zoologischen Garten sehen wir
außer dem gewöhnlichen silbergrauen Perlhuhn noch eine weiße Art.

Die Perlhühner stammen aus dem heißen Afrika, weshalb sie Wärme lieben.
Ihre Eier legen sie gern in Gebüschen ab, was man heute bei den zahmen
ebenfalls beobachten kann.


157. Vergißt der Fasan das Fliegen?

Fasanen sehen wir im Zoologischen Garten in den verschiedensten Arten,
so namentlich den herrlichen Goldfasan, den sehr schönen Silberfasan
usw.

Der Fasan kommt eigentlich mehr als Jagdvogel in Betracht. Vor dem
Kriege gab es Fasanerien, wo Tausende von Fasanen großgezogen wurden.

Als besondere Dummheit wurde dem Fasan in Jägerkreisen angerechnet, daß
er beim Erscheinen eines Hundes das Fliegen vergißt. Ich glaube nicht
recht daran, daß es aus Dummheit geschieht. Alle diese schwerbeinigen
Vögel sind vortreffliche Läufer, aber sehr schlechte Flieger. Viele,
wie Trappen und Truthühner, müssen überhaupt erst einen Anlauf nehmen,
um in die Luft zu kommen. Ein im Jagdrevier gut gefütterter Fasan weiß
wahrscheinlich, daß seine Anstalten, um zu fliegen, so umständlich
und zeitraubend sind, daß ihn der Hund sicher inzwischen gepackt hat.
Dagegen hat er beim Rennen immer noch die Aussicht, in ein Dickicht zu
geraten, wohin ihm der Hund nicht folgen kann.

Der Fasan stammt aus Westasien, nämlich von den Küstenländern des
Kaspischen Meeres. Er soll schon im Altertum nach Griechenland gebracht
worden sein. Heute ist er in manchen Gegenden, z. B. in Böhmen,
verwildert.

Wie alle Hühnervögel ist der Fasan sehr fruchtbar. Die Fasanenhenne
legt etwa 8 bis 15 Eier, die sie in etwa 24 Tagen ausbrütet.


158. Der Pfau in Redensarten und Sprichwörtern.

Die Bezeichnung einer schönen und eitlen Frau als Pfau ist schon
erwähnt worden.

               *Pfau, schau deine Beine!*

Das soll heißen, jemanden, der mit seinen Vorzügen prahlt, auf seine
Schwächen aufmerksam machen.

Als Gegenstück zu dem schönen Pfau gilt die unscheinbare Krähe. Daher
der Vergleich:

               *Wie Krähen neben dem schönen Pfau.*

Die Krähen sollen daher besonders neidisch auf den Pfau sein, wie sich
auch eine Krähe mit den ausgefallenen Federn eines Pfauen geschmückt
haben soll. Daher der Vers:

               *Es meint jede Krau* (Krähe)
               *Ihr Kind sei ein Pfau.*

Vom Truthahn oder Puter wäre noch anzuführen: Als Bezeichnung für ein
dummes Mädchen:

               *Diese Pute = dumme Gans.*

Ferner als Bezeichnung eines zornigen Menschen:

               *rot wie ein Puter;
               wie ein kollernder Puter*.

[Illustration: Fasan]



Die Taube


159. Die Kommandosprache der Tauben.

Da sich auf dem Kohlenplatze außer Hühnern auch Tauben befinden, so
begeben wir uns wieder dorthin. Während die Hühner am Boden nach Futter
suchen, haben sich die Tauben mit lautem Geklatsch erhoben und sind in
den Lüften bald unsern Augen entschwunden. Bei ihrer Rückkehr führen
sie verschiedene Schwenkungen aus und lassen sich schließlich wieder
auf ihrem Dache nieder.

Früher, als wir von der Schwierigkeit des Fliegens keine Ahnung hatten,
konnten wir solche Flüge der Taubenschwärme für ganz selbstverständlich
halten. Wir sahen sie eben alltäglich und regten uns weiter nicht
darüber auf.

Heute, wo zahllose Flieger verunglückt sind, weil sie in der Luft mit
einem andern Flieger zusammengestoßen sind, muß der Schwarmflug der
Vögel auf uns den tiefsten Eindruck machen. Woher kommt es, daß die
Vögel trotz größter Nähe niemals miteinander zusammenprallen?

Selbst so schlechte Flieger wie die Rebhühner fliegen in einer
ziemlichen Anzahl. Der Jäger spricht von einer »Kette« oder einem
»Volk« Rebhühner.

Noch auffallender ist das Schwarmfliegen bei den Staren. Auch der Star
ist kein berühmter Flieger, und doch bildet er im Spätsommer, wenn
die zweite Brut flügge geworden ist, bei seinen Flügen ordentlich
eine lebendige Kugel. Diese Kugel aus Vogelleibern dreht sich nach
einer bestimmten Richtung, wobei alle fliegenden Vögel mit größter
Genauigkeit ihren Platz einnehmen, und keiner durch Tolpatschigkeit
eine heillose Verwirrung anrichtet.

Ich habe oft erfahrene Tierbeobachter gefragt, ob sie jemals den
Zusammenprall zweier Vögel eines Schwarmes in der Luft wahrgenommen
haben. Niemand wußte etwas davon. Auch die Jagdzeitungen habe ich
daraufhin seit vielen Jahren durchgesehen. Der einzige Fall, der mir
vor Augen gekommen ist, ist folgender: Ein Landwirt erzählte, daß er
bei einer Hühnerjagd den Zusammenstoß zweier Rebhühner beobachtet habe.
Die Erklärung liegt darin, daß das eine der beiden Hühner durch Schrote
verletzt war. Trotzdem hat er, der Erzähler, in seiner dreißigjährigen
Jägerzeit einen ähnlichen Fall noch niemals erlebt und deshalb
berichtete er ihn an die Jagdzeitung.

Darüber sind sich also wohl alle Tierkenner einig, daß Zusammenstöße
unter Vogelschwärmen zu den allergrößten Seltenheiten gehören.

Wie vermeiden die Vögel diese Gefahr, die soviel Fliegerleben in unsern
Reihen kostet?

Jedenfalls werden sie außerordentlich durch die Stellung ihrer Augen
unterstützt. Alle Vögel, die in Schwärmen fliegen, haben die Augen
seitlich zu sitzen. Wir sehen, daß es ganz verkehrt wäre, wenn die
Tauben ihre Augen, wie der Mensch, nach vorn gerichtet hätten. Sie
können bei seitlicher Stellung der Augen den Abstand vom Nachbarn viel
leichter innehalten.

Wahrscheinlich sind auch die Augen der Vögel im Innern so gebaut,
daß sie das Schwarmfliegen ohne große Anstrengung ausführen können.
Wenigstens befindet sich im Auge mancher Vögel ein Organ, über dessen
Bedeutung man sich noch nicht klar ist.

Müssen wir uns heute über die Kunst der Vögel, in Schwärmen zu fliegen,
außerordentlich wundern, so kommt noch hinzu, daß wir gar nicht wissen,
auf Grund welches Kommandos eigentlich die Schwenkungen ausgeführt
werden. Würden wir unseren Kommandoworten ähnliche Laute bei den Tauben
hören, so verständen wir wenigstens, weshalb der Schwarm bald so, bald
so fliegt. Bei der Entfernung und dem Geklatsche der Flügel können wir
nicht das mindeste vernehmen. Bei Starenschwärmen bin ich, da mich die
Sache außerordentlich interessierte, in die möglichste Nähe gegangen,
habe aber außer dem Surren der Flügel nichts hören können. Immer
wieder fragt man sich: Wer gibt denn eigentlich das Kommando zu einer
Schwenkung?

Bei Taubenschwärmen kann man übrigens nicht selten beobachten, daß eine
Taube den Anschluß versäumt hat, indem sie eine Schwenkung aus Versehen
nicht mitgemacht hat. Sie eilt dann in stürmischem Fluge ihren Genossen
nach. Zu dieser Eile hat sie auch einen ganz besonderen Grund, denn
gerade auf vereinzelte Tauben machen die Raubvögel mit Vorliebe Jagd.
Wir kommen darauf im nächsten Kapitel zu sprechen.

Jedenfalls können wir mit eigenen Augen sehen, daß Tauben Schwenkungen
gemeinsam ausführen. Wie sie das machen, ist uns vorläufig ein Rätsel.
Ich vermute, daß, wie es bei den Säugetieren einen Leitaffen, einen
Leithammel und andere Leittiere gibt, so auch bei den Vogelschwärmen
ein Leitflieger vorhanden ist, nach dem sich alle anderen richten.

Jedenfalls trifft auch hier die Ansicht nicht zu, daß die Tiere
deshalb keine Sprache haben, weil sie sich nichts zu sagen haben. Bei
Schwarmflügen hätten sie es vielmehr sehr nötig, sich die bevorstehende
Schwenkung mitzuteilen.


160. Wie retten sich die Tauben vor den Raubvögeln.

In der Großstadt haben wir nur dann eine gewisse Aussicht, die Jagd
eines sogenannten Stößers auf Tauben zu beobachten, wenn sich der
Himmel im Winter nach dunklen Tagen erhellt. Während des Nebels geht
nämlich der Wanderfalk, wie der eigentliche Name des Stößers ist, nicht
auf die Jagd. Der Grund ist wahrscheinlich der, daß er bei Nebel nicht
sehen kann, auch keine Tauben findet. Nach einigen Tagen mit bedecktem
Himmel hat also der Falk gewaltigen Hunger. Da der Taubenbesitzer seine
Tauben fliegen läßt, sobald der Himmel klar ist, so kann man also
unter solchen Umständen auf den Anblick einer Taubenjagd rechnen.

Ein Naturforscher, der in Berlin wohnte, hat sehr schön die Taubenjagd
des Stößers in Berlin geschildert:

Ein Weibchen des Wanderfalken pflegte am Morgen ruhig und
zusammengekauert auf einem Ziegelvorsprunge des Daches der
Garnisonkirche zu sitzen. Taubenflüge erfüllen die Luft; der Falk wird
erregt und verfolgt mit den Augen die Tauben. Dies währt etwa fünf
Minuten, und nun erhebt er sich. Noch gewahren ihn die Tauben nicht;
doch er rückt ihnen in wenigen Sekunden so nahe, daß nun plötzlich ihr
leichter, ungezwungener Flug sich in ein wirres, ungestümes Fliegen
und Steigen verwandelt. Aber unglaublich schnell hat er sie eingeholt
und etwa um zehn Meter überstiegen. Nun entfaltet er seine ganze
Gewandtheit und Schnelligkeit. In sausendem, schrägem Sturze fällt
er auf eine der äußersten hinunter und richtet diesen jähen Angriff
so genau, daß er allen verzweifelten Flugwendungen des schnellen
Opfers folgt. Aber in dem Augenblicke, als er die Taube ergreifen
will, ist sie unter ihm entwischt. Mit der durch den Sturz erlangten
Geschwindigkeit steigt er sofort ohne Flügelschlag wieder empor,
rüttelt schnell, und ehe zehn Sekunden verflossen sind, ist die Taube
von ihm wiederum eingeholt und in derselben Höhe überstiegen, der
Angriff in sausendem Sturze mit angezogenen Flügeln erneuert, und die
Beute zuckt blutend in den Fängen des Räubers. In wagerechter Richtung
fliegt er nun mit ihr ab und verschwindet bald aus dem Gesichtsfelde.
Von den übrigen Tauben sieht man noch einzelne in fast Wolkenhöhe wirr
umherfliegen, wogegen sich die anderen jäh herabgeworfen und unter dem
Schutze ihrer Behausung Sicherheit gefunden haben.

Die Tauben suchen sich also vor dem Raubvogel durch ihren schnellen
Flug zu retten. Das nützt ihnen aber nicht viel, denn er ist
geschwinder als sie. Aus diesem Grunde flüchten sie nach Möglichkeit
nach ihrem Schlag. Der Falk weiß das sehr wohl und schneidet ihnen gern
den Rückzug nach dem Schlag ab. Auch dann sind die Tauben noch nicht
verloren. Sie steigen so in die Höhe, daß sie oft wie ein weißer Stern
erscheinen. Wenn der Falk nicht sehr hungrig ist, dann läßt er sie
ungeschoren. Denn, um auf den hoch oben stehenden Taubenschwarm Jagd zu
machen, müßte er sie erst überfliegen.


161. Warum muß der Stößer die Tauben erst überfliegen?

Ich weiß noch heute, wie sehr ich mich als Junge darüber gewundert
habe, daß der Stößer die Tauben erst überfliegen muß. Wie ein Mensch
dem andern nachläuft und ihn fängt, wie ein Hund den Hasen faßt, so
sollte man meinen, müßte auch der Wanderfalk den Tauben nachjagen und
sie fangen.

Eine einfache Ueberlegung ergibt das Unsinnige dieser Fangart. Habicht
und Sperber verlegen sich allerdings gewöhnlich auf die Ueberraschung.
Sie kommen urplötzlich dahergestürmt und schlagen ihrem Opfer die
Fänge, d. h. die bewehrten Füße in den Leib. Denn bei allen Raubvögeln
sind die Fänge die Hauptwaffe, während der Schnabel hauptsächlich zur
Verkleinerung der Beute dient. Der Wanderfalk verläßt sich dagegen
in der Regel auf seine Flugfertigkeit. Wie soll er nun ganz oben am
Himmel stehenden Tauben durch Verfolgung etwas tun? Um seine Fänge
wirken zu lassen, muß er höher als die Tauben stehen. Auch ist er nur
dadurch, daß er einer verfolgten Taube die Fänge in die Seiten schlägt,
imstande, sie schnell nach seinem Horst zu tragen. Flattert sie noch,
so ist es für den Räuber um so vorteilhafter, denn um so leichter ist
für ihn die Last.

Weil also der Wanderfalk seine Beute erst überfliegen und von oben
stoßen muß, deshalb hat ihn der Berliner »Stößer« getauft.

Mancher wird fragen, warum die Taubenbesitzer ihre Lieblinge nicht im
Schlage behalten, wenn der Stößer unter ihnen so furchtbar aufräumt.
Die Antwort ist für den Jäger sehr einfach. In Bayern und Oesterreich
hat man sämtliche Feinde der Gemsen vernichtet, also Bären, Luchse,
Wölfe, Adler und Bartgeier -- und was ist die Folge davon? Noch niemals
hat es soviele Seuchen unter den Gemsen gegeben wie jetzt. Das ist
ja auch ganz einleuchtend. Früher wurden erkrankte Tiere zuerst von
den Raubtieren vernichtet, so daß sie die Krankheit nicht weiter
verschleppen konnten. Bei den Hasen und Rebhühnern liegt die Sache
ähnlich. Es ist natürlich übertrieben, wenn man den Fuchs als Hasenarzt
bezeichnet, aber etwas Wahres ist daran. Jedenfalls entarten Tauben,
die man nicht ausfliegen läßt. Sie verfallen in Krankheiten, weshalb
es richtiger ist, sie ihren natürlichen Feinden auszusetzen, da diese
Behandlungsweise sie gesund erhält.

Bei allen Raubvögeln beobachten wir, daß sie zunächst auf Albinos oder
weiße oder ungewöhnlich gefleckte Tiere Jagd machen. Albinos sind
entartete Geschöpfe, und ihr Wegfangen kann geradezu als ein löbliches
Tun bezeichnet werden. Weiße Hühner kann man in einsamen Forsthäusern
nicht halten.

Sodann richten alle Raubvögel ihre Angriffe mit Vorliebe auf solche
Vögel, die sich vom Schwarm abgesondert haben. Das wird einen Sinn
haben -- aber welchen?

Wir sehen, daß Tauben und andere Friedvögel, z. B. Stare, sich
angesichts ihrer Feinde eng zusammenballen. Vom Standpunkte des
Menschen scheint das äußerst töricht zu sein, denn der Raubvogel
braucht nur in die Masse hineinzugreifen, dann hat er sicherlich in
seinen Fängen eine Beute.

Da der Raubvogel schließlich besser weiß als wir, wie er seine Beute
zu erlangen hat, so wird er wissen, weshalb er den einzelnen Vogel
verfolgt und die Masse erst im Notfall berücksichtigt.

Selbstverständlich ist es ganz ausgeschlossen, daß ein Taubenschwarm
gegen einen Stößer etwas ausrichten kann. Dagegen haben sie ein
Verteidigungsmittel gegen ihn zur Hand, auf das der klügste Mensch
nicht verfallen wäre.

Ist der Taubenschwarm nämlich hinreichend groß, so stürzen sich alle
wie auf Kommando in die Tiefe. Der Falk muß sich dann sehr vorsehen,
daß er nicht in dieses Luftloch fällt. In einer ornithologischen
Zeitschrift berichtete im vorigen Jahre ein Fachmann, daß vor seinen
Augen ein Sperber in das von Staren gebildete Luftloch fiel und infolge
des plötzlichen Sturzes betäubt in einer Hecke liegen blieb.

Unsere Flieger wissen, wie gefährlich ein Luftloch ist. Es wird aber
den meisten Menschen unbekannt sein, daß Tauben, Stare und andere in
Schwärmen fliegende Vögel seit Urzeiten einen künstlichen Lufttrichter
bilden, um ihren Erzfeind dort hineinsausen zu lassen.

Die Raubvögel müssen mit diesem künstlichen Trichter böse Erfahrungen
gemacht haben. Nur daraus läßt sich erklären, daß der Verfolger
regelmäßig so lange wartet, bis sich ein einzelner Vogel vom Schwarme
trennt. Auf diesen abgesprengten Vogel wird sofort Jagd gemacht. Daher
rührt die ängstliche Sucht der Tauben und Stare, stets beim Schwarme zu
bleiben.

Das in Schwärmen Fliegen der Friedvögel ist also eine Verteidigungsart
gegen Raubvögel. Ist der Schwarm zu klein, um einen Trichter zu bilden,
so stieben die Vögel, wenn der Raubvogel über ihnen steht, manchmal
nach allen Seiten auseinander, so daß er in Zweifel gerät, welchen
Vogel er verfolgen soll.


162. Warum sitzen unsere Haustauben auf Dächern und nicht auf Bäumen?
Der Taubenschlag.

Wir haben gesehen, daß die Tauben sich nach ihrem Ausfluge wieder
auf dem Dache niedergelassen haben, obwohl nicht weit davon ein
prachtvoller Baum steht. Man sollte meinen, daß dem Vogel ein Baum
geeigneter zur Ruhe ist als das platte Dach. Sitzen doch unsere
Wildtauben, z. B. die schönen großen Ringeltauben, wenn sie auf dem
Erdboden nicht nach Nahrung suchen, ständig auf Bäumen.

Die Antwort muß lauten, daß unsere Haustaube von unseren Wildtauben
nicht abstammen kann. Wir wissen bereits, daß sie von der am
Mittelländischen Meer heimischen Felsentaube abstammt.

Es gibt eine ganze Menge Vogelarten, deren Füße so gestaltet sind, daß
sie für Baumzweige nicht geeignet sind. Unsere Feldlerche setzt sich
nie auf einen Baum, ebenso die Haubenlerche, der Kiebitz und andere
Vögel nicht. Die Zehen sind nicht zum Umspannen runder Zweige geeignet.
Sie sind vielmehr zum Laufen auf der glatten Erde geschaffen. Die
Haustaube setzt sich nur dann auf einen Baum, wenn die Aeste so stark
sind, daß sie eine glatte Fläche bieten. Wenigstens ist das die Regel.

Man ersieht daraus, daß die Anpassung der Tiere an andere Verhältnisse
nicht so schnell vor sich geht, wie gewöhnlich angenommen wird. Tauben
werden von den Menschen seit Jahrtausenden als Haustiere gehalten.
Trotzdem muß der Taubenbesitzer noch heute am Taubenschlage glatte
Hölzer für die Taubenfüße anbringen. Das Taubenhaus mit seinen
zahlreichen Eingängen ist auch nichts weiter als eine Nachahmung der
Felsenhöhlen mit ihren vielen Löchern, in denen die Vorfahren unserer
Haustauben früher hausten.


163. Wie finden sich die Brieftauben zurecht?

Bei dieser Gelegenheit wollen wir die Frage zu beantworten suchen, wie
sich die Brieftauben zu orientieren suchen.

Zur Brieftaube sind solche Tauben geeignet, die sich durch breite
Brust, breite und lange Schwingen und große Muskelkraft auszeichnen.
Namentlich werden die belgischen Brieftauben geschätzt. Die
Geschlechter werden nach der ersten oder zweiten Brut voneinander
gesondert, um den Drang nach der alten Heimat besonders zu wecken.
Bereits im Altertum war die Benützung von Brieftauben üblich.

Man nimmt allgemein an, daß die Brieftauben genau einen solchen
Orientierungs- oder Ortssinn haben, wie ihn ohne Zweifel Säugetiere,
also Wölfe, Füchse, ebenso unsere Hunde, Pferde usw., besitzen. Denn
ohne einen solchen Ortssinn wären solche Säugetiere nicht in der
Lage, ihr altes Lager wiederzufinden. Da obendrein ihre Augen fast
ausnahmslos schwach sind und nur wenig über dem Erdboden stehen, so daß
ihnen jede weitere Uebersicht fehlt, so ist ein Ortssinn für sie eine
unbedingte Notwendigkeit.

Ganz anders liegt die Sache bei den Vögeln. Sie besitzen ein
hervorragendes Sehvermögen und haben von ihrer hohen Warte aus eine
wunderbare Uebersicht. Sie sehen ihre Umgebung wie auf einer Karte.

Ueberall machen wir die Beobachtung, daß die Natur mit den sparsamsten
Mitteln waltet. Hat ein Raubtier ein kräftiges Gebiß, so hat es nicht
obendrein Hörner, und ist eine Schlange giftig, so ist sie nicht
obendrein kräftig. Alle Riesenschlangen sind daher ungiftig. Haben sie
die Kraft zur Ueberwindung ihrer Opfer, so brauchen sie nicht noch
obendrein heimtückisches Gift.

Für Tiere mit wirklichem Ortssinn ist es gleichgültig, ob Dunkelheit
oder Nebel herrscht. In einem schönen Gedichte sagt unser großer
Dichter Goethe:

               Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.

Natürlich ist damit gemeint, daß das Maultier im Nebel seinen Weg sucht
und auch findet. Das bloße Suchen ist ja kein Kunststück. Das verstehen
wir auch, aber als Kulturmenschen finden wir den Weg nicht, weil wir
den Ortssinn verloren haben, den das Tier noch besitzt.

Der Kulturmensch braucht eben keinen Ortssinn zu seinem Leben, denn er
kann sich einen Kompaß und eine Karte anschaffen.

Findet sich nun auch eine Brieftaube im Nebel zurecht? Keineswegs.
Wir wissen aus zahlreichen Beobachtungen, daß Brieftauben, die
von Luftschiffern mitgenommen waren, sich in den Wolken nicht
zurechtfanden. Sie wollen, solange sie von Wolken umgeben sind, das
Luftschiff nicht verlassen. Sehen sie aber ein Loch in den Wolken, so
fliegen sie schnell hindurch.

Ebenso findet sich die Brieftaube nicht in der Dunkelheit zurecht.
Hiergegen spricht nicht, daß Brieftauben ihren Schlag in der Nacht in
einer Großstadt gefunden haben. Eine Großstadt sendet in der Dunkelheit
ein solches Flammenmeer gen Himmel, daß es gar kein Kunststück ist, bei
freier Aussicht sie zu finden.

Weil die Brieftauben sich nach ihren wunderbaren Augen richten, so
werden die Wettflüge zunächst auf kurze Entfernungen veranstaltet
und allmählich erweitert. Bei Tieren mit Ortssinn wäre ein solches
umständliches Verfahren nicht erforderlich. Die Brieftauben aber
müssen in dieser Weise eingeübt werden, weil sie sich die nähere und
entferntere Umgebung einprägen sollen. Werden sie an einem fremden
Ort losgelassen, so steigen sie erst hoch. Sie wollen sich also erst
vergewissern, wo sie eigentlich sind. Das ist ein untrüglicher Beweis
dafür, daß sie keinen Ortssinn besitzen.

Steigt man bei klarem Wetter auf einen Aussichtsturm, z. B. auf Rügen,
so liegt die ganze Insel wie auf einer Karte uns zu Füßen. Würden sich
die Menschen vergegenwärtigen, welchen außerordentlichen Ueberblick die
Brieftaube mit ihren viel schärferen Augen besitzt, so würde ihnen das
Zurechtfinden der Brieftauben gar nicht wunderbar erscheinen.


164. Die Tauben als Vorbilder des Menschen.

Einige Täuberiche machen inzwischen ihren Damen den Hof und verbeugen
sich vor ihnen in der artigsten Weise. Dabei lassen sie unablässig ihr
kuruh kuruh erschallen.

Der Mensch hat anscheinend von jeher das Liebesleben der Tauben mit
besonderem Wohlgefallen betrachtet. Einmal sind die Tauben ohne Frage
sehr schön, ferner sanft und in ihrer Nahrung hauptsächlich auf die
Pflanzenwelt beschränkt. Sie sind wie geschaffen dazu, um Lieblinge
der Frauenwelt zu sein. Ganz besonders mußte den Frauen gefallen, daß
der Täuberich nicht nur verliebt gurrt, sondern nachher beim Bebrüten
der Eier und der Aufzucht der Jungen treu mitwirkt. Wir wissen, daß
bei unsern Säugetieren von einer Tätigkeit des Vaters nichts zu merken
ist. Wir haben auch die Gründe auseinandergesetzt, wie sich diese für
uns Menschen so auffallende Erscheinung erklärt. Auch der Hahn weiß
von Vaterpflichten nichts, wie wir schon besprochen haben. Da ist der
Täuberich wirklich eine rühmenswerte Ausnahme. Wahrscheinlich kann er
nichts dafür, genau so wie er nichts dafür kann, daß er zu fliegen
vermag. Er tut eben das, was seine Vorfahren seit Urzeiten gemacht
haben. Die junge Brut kann von der Mutter allein nicht durchgebracht
werden. Folglich muß auch der Vater helfen. Denn die Erhaltung der
Nachkommenschaft ist für jede Tierart das allerwichtigste.

Vermenschlichen wir die Tiere, so hat der Täuberich tiefere sittliche
Grundsätze als der leichtsinnige Hahn mit seiner Paschawirtschaft. Da
die Menschen naturgemäß alles von ihrem Standpunkte aus betrachten,
so hat man die Tauben vielfach verhimmelt und ihnen Eigenschaften
beigelegt, die nicht ganz zutreffen dürften. Auch bei den Tauben
kann man Seitensprünge des Ehegatten, große Eifersucht, unglaubliche
Zusetzereien und ähnliche weniger erfreuliche Eigentümlichkeiten
beobachten. Umgekehrt wird man gern zugeben, daß man staunen muß,
wie treu manche Gatten unter den widrigsten Verhältnissen zueinander
halten. Selbst die Trennung und die lockendste Versuchung können sie in
ihrem Entschlusse nicht wankend machen.

So ist es denn nicht wunderbar, daß Dichter die Taube in
überschwenglichster Weise gefeiert haben. Ist ja auch ihr Schnäbeln
nach unseren Begriffen von allen unter den Tieren üblichen
Zärtlichkeitsausdrücken dem Küssen der Menschen am ähnlichsten.


165. Naturgemäße Fütterung und Haltung der Tauben.

Die Felsentauben als Stammeltern unserer Haustauben verzehren alle
Arten unseres Getreides, ferner die Sämereien von Raps, Rübsen, Linsen,
Erbsen, Lein usw., vor allen Dingen aber die Körner der Vogelwicke,
die ein höchst lästiges Unkraut ist. Man hat die Haustauben, die den
gleichen Speisezettel besitzen, deshalb für schädlich erklärt, da
sie den Landwirten, namentlich zur Saatzeit, viele Körner wegfräßen.
Das führte auch zur Zerstörung der etwa 50000 Taubentürme in
Frankreich, als die Revolution 1789 ausbrach. Heute denkt man über die
Schädlichkeit der Tauben etwas anders. Gewissenhafte Naturforscher
haben sorgsam den Inhalt von Kropf und Magen gezählt. Dabei ist
festgestellt worden, daß in einer einzigen jungen Taube die Körner
und Samen von Unkraut über 3000 zählten. Auch vertilgen die Tauben
eifrig Schnecken. Der Nutzen der Tauben dürfte also ihre Schädlichkeit
erheblich überwiegen. Ferner brauchen die Tauben Salz, Lehm und Mörtel,
außerdem Badegelegenheit und reines Trinkwasser.

Da die Felsentauben in dunkeln Höhlen der Felsen brüten, so soll
man auch den Haustauben keine hellen Brutplätze anweisen. Die
Zweckmäßigkeit von Taubenschlägen und Taubenhäusern ist bereits
hervorgehoben worden.

Von den Feinden der Tauben sind die Raubvögel schon genannt worden. Von
vierfüßigen Räubern sind Katze, Marder, Wiesel und Ratten zu nennen.

Da die Taube die Gesellschaft liebt, so verliert man manche Taube, die
sich von einem größeren Schwarm als der ihrige ist, angezogen fühlt. Es
gibt Taubenhalter, die das Einfangen fremder Tauben als Besonderheit
betreiben und darin Meister sind.


166. Die Rassen der Haustauben.

Die Zähmung der Felsentaube ist bereits in vorgeschichtlicher Zeit
erfolgt. Der Felsentaube ähnelt noch sehr der Feldflüchter, der sich
am liebsten vom Menschen freimacht und seine Nahrung auf eigene Faust
sucht.

Von den zahllosen Rassen seien hier folgende angeführt. Die
Trommeltauben, die Tümmler, die sich während des Fluges rückwärts
überschlagen, die Perücken- und Mähnentauben, die Möwchen, die
Pfautauben, die schon erwähnten Brieftauben, die Riesentauben und die
Huhntauben.

Die Täubin legt gewöhnlich vier- bis achtmal im Jahre je zwei Eier, die
von ihr mit Unterstützung des Täuberichs in 16 bis 18 Tagen ausgebrütet
werden. Die Jungen sind Nesthocker und werden bis zur Ausbildung des
Gefieders von beiden Eltern aus dem Kropfe gefüttert, in dem sich
ein milchartiger Brei befindet. Da die Täubin häufig zur zweiten Brut
schreitet, ehe die Jungen der ersten Brut das Nest verlassen haben, so
braucht jedes Taubenpaar zwei nebeneinander befindliche Nistkästen.

Manche Haustauben werden fünfzehn Jahre alt.

Es wurde schon hervorgehoben, daß Tauben, denen keine Gelegenheit zum
Ausfliegen gegeben wird, leicht erkranken. Wie bei den Hühnern zu enger
Raum zu Seuchen führt, so trifft ähnliches auch bei den Tauben zu.


167. Die Tauben in Redensarten und Sprichwörtern.

Es wurde schon hervorgehoben, daß die guten Eigenschaften der Tauben
gewaltig überschätzt worden sind. Auf ihre friedfertige Gesinnung nimmt
der Ausdruck

               *Friedenstaube*

bezug. Von den Tauben gelten besonders die Turteltauben als Muster für
ein Ehepaar. Daher stammt die Redensart:

               *Sie leben wie zwei Turteltauben.*

Die alten Landwirte in früheren Zeiten wollten nicht viel von der
Taubenzucht wissen. Wenigstens habe ich in ihren Kreisen oft den Vers
gehört:

    *Wer viel Geld hat und kanns nicht sehen liegen,
    Der halte sich Tauben, dann sieht er's fliegen.*

[Illustration: Freistehender Taubenschlag]

[Illustration: Brieftaube]

[Illustration: Berliner Langlatschige]



Die Ente


168. Warum sind die Wildenten im Berliner Tiergarten meistenteils
ausgewandert?

Bei der Ente haben wir das große Glück, ihre Stammeltern, die Wildente,
und zwar die Stockente, seit mehr als einem Menschenalter im Berliner
Tiergarten beobachten zu können. Jetzt freilich sind die Gewässer fast
entenleer. Immerhin treffen wir beispielsweise auf dem Goldfischteich
eine Mutterente mit drei Jungen an. Es ist Anfang Juni, und die Jungen
sind bereits so groß, daß man genauer hinsehen muß, um sie von der
Alten zu unterscheiden.

Früher waren die Gewässer zu sehr besetzt, und das hatte allerlei
Unzuträglichkeiten im Gefolge. Jede Ente braucht für ihre
Nachkommenschaft einen gewissen Raum. So gab es also um die Brutplätze
erbitterte Kämpfe zwischen den einzelnen Entenpaaren. Hatten die
Besitzer eines Brutplatzes glücklich ein andringendes Paar abgekämpft,
so dauerte es nicht lange, und sie mußten sich gegen neue Eindringlinge
wehren.

Das Jagen der Erpel hinter den Enten nahm gar kein Ende. Durch die viel
zu starke Besetzung der Gewässer litt auch das Familienleben der Enten
sehr erheblich.

Das ist mit einem Schlage durch den Weltkrieg und den Mangel an
Lebensmitteln anders geworden. Die Wildenten lebten im Tiergarten nicht
wie ihre Artgenossen in der Freiheit von dem, was das Wasser bot,
sondern hauptsächlich von dem, was das Publikum ihnen spendete. Das war
in vergangenen Jahren sehr reichlich, und deshalb konnten sich zahllose
Wildenten als Bettler durchschlagen. Jetzt ist aber die Fütterung
durch die Spaziergänger gleich Null geworden. Die Gewässer sind jedoch
zu nahrungsarm, um soviel Wildenten zu ernähren. Folglich wurden die
Wildenten zum größten Teil gezwungen auszuwandern und anderswo ihr Heil
zu versuchen.

Es ist nicht Zufall, daß die Mutterente gerade den Goldfischteich
als Aufenthaltsort gewählt hat. Hier gibt es ohne Frage den meisten
Fischlaich, und Fischlaich ist für die Ente ein sehr begehrtes Futter.


169. Warum hat die von uns beobachtete Wildente nur drei Junge?

Gewöhnlich legen Stockenten 8 bis 16 Eier, so daß also zwölf Junge als
Durchschnittszahl angegeben werden können. Es ist also anzunehmen, daß
neun oder wenigstens fünf junge Entchen verlorengegangen sind.

Die Gründe für diese Verluste können mancherlei Art sein. Manche
Wildenten brüten ausnahmsweise auf Bäumen. Es ist wunderbar, daß die
kleinen Entchen vom hohen Nest auf die Erde purzeln können, ohne großen
Schaden zu nehmen. Die Alte lockt die Jungen, nachdem sie ausgebrütet
und trocken geworden sind, zu dem kühnen Sprunge in die Tiefe. Dann
wandert sie mit der kleinen Gesellschaft nach dem von ihr in Aussicht
genommenen Gewässer. Schwächlinge, die den waghalsigen Sprung nicht
unternehmen, bleiben im Neste und verhungern elendiglich.

Der Marsch nach dem Gewässer ist natürlich von tausend Gefahren
bedroht. Jeder Hund wäre imstande, die ganze kleine Gesellschaft
abzuwürgen. Zum Glück ist der Tiergarten ziemlich raubtierleer, doch
gibt es immerhin noch Feinde in genügender Anzahl.

Sind die Entlein erst auf dem Wasser, so ist die schwerste Gefahr
beseitigt. Denn bekanntlich können junge Entlein sofort ausgezeichnet
schwimmen. Ja, sie können noch mehr, wie ich einmal beobachtete. Da
war auf einem See ein Schwanenpaar, dem eine Wildente mit ihren Jungen
sehr verhaßt war. Der männliche Schwan hatte schon mehrfach den kleinen
Kerlen etwas auszuwischen gesucht, jedoch bisher stets vergeblich.
Endlich war es ihm geglückt, sie beinahe in eine Bucht hineinzutreiben.
Es war klar, daß er Böses im Schilde führte. Ich hielt die kleinen
Entlein schon für verloren, da erhoben sie sich plötzlich wie auf
Kommando und liefen äußerst schnell auf dem Wasser dahin. Dadurch
entgingen sie der Einschließung durch den Schwan.

Uebrigens glaube ich, daß im letzten Augenblick die Mutterente den
Schwan angegriffen hätte. Zwar ist es ein aussichtsloses Unternehmen,
als kleine Wildente dem großen Schwan etwas anzutun. Aber sie hätte ihn
immerhin bestürzt machen können, und die Kleinen hätten unterdessen
einen Ausweg gefunden.

So unbeschreiblich rührend die Mutterliebe einer Wildente ist, so will
es uns weniger gefallen, daß sie ihre eigenen Kleinen tötet, sobald
sie sich in ein fremdes Schof, wie man Mutterente mit Jungen nennt,
verirren. Das ist verschiedentlich beobachtet worden. Wir wissen nicht,
woran sich die jungen Entlein erkennen. Wohl aber ist es bekannt, daß
junge Entlein vom zweiten Tage ab ihre Geschwister von anderen jungen
Entchen unterscheiden.

Ebenso töten die Mutterenten gern die Jungen einer anderen Ente oder
verfolgen sie wenigstens aufs heftigste. Bei Glucken, die Küchlein bei
sich führen, können wir das gleiche oft genug beobachten.

Der Grund für dieses uns seltsam anmutende Benehmen kann natürlich
nur in der Magenfrage gefunden werden. Ein bestimmter Raum gibt nur
für eine bestimmte Anzahl von einer gewissen Tierart Nahrung. Fremde
Wettbewerber müssen demnach vertrieben oder getötet werden. Der Angriff
auf die fremden Jungen ist demnach in gewissem Sinne ein Ausfluß der
alles beherrschenden Mutterliebe. Die eigenen Kleinen sollen nicht
darunter leiden, daß ihnen fremde die Nahrung beeinträchtigen.


170. Die Feinde der Ente.

Wir sehen, daß die eigene Verwandtschaft zu den schlimmsten Feinden bei
der Ente gehört. Sehr viele Opfer kann auch das Wetter fordern. Wenn
die jungen Entchen im Frühjahr ausgebrütet worden sind, dann kommen
oft genug kalte Tage. In der Kälte aber gibt es keine Insekten, nach
denen sie mit Vorliebe haschen. Ueberhaupt ist an kalten Tagen das
Wasser nahrungsärmer.

Unter natürlichen Verhältnissen machen zahlreiche Raubtiere auf die
armen Enten Jagd. Der Seeadler lebt vielfach von Enten, ebenso lieben
Habicht und Wanderfalk einen Entenbraten. Gern stellt ihnen auch der
Fuchs nach, ebenso auch andere Raubtiere. Ihre Eier werden von den
Krähen ausgetrunken. Trifft ein Storch oder ein Reiher mit einer
Mutterente zusammen, die ihre Jungen führt, so läßt er alle in seinem
Magen verschwinden, falls sie ihm nicht entwischen.

Im Tiergarten kommen von allen diesen Feinden gewöhnlich nur die
Wanderratte, die der Berliner Wasserratte nennt, in Betracht. Diese
ersäuft die Jungen, indem sie die Entlein von unten packt und in die
Tiefe zieht.

Die arme Mutterente muß also Tag und Nacht auf ihrer Hut sein. Während
beim Schwan und der Wildgans das Männchen ein besorgter Vater ist,
kümmert sich der Enterich gar nicht um seine Nachkommenschaft. Er
trifft sich mit den andern Wilderpeln zusammen und scheint sich
prächtig mit ihnen zu vergnügen.

Nach unsern Begriffen ist er ein ganz gewissenloser Kerl. Es muß immer
wieder hervorgehoben werden, daß man menschliche Vorstellungen nicht
ohne weiteres auf tierische Verhältnisse übertragen darf.

Um die Wildenten vor ihrer Ausrottung zu bewahren, ist nur
erforderlich, daß jede Entenmutter ein bis zwei Junge großzieht. Das
gelingt ihr regelmäßig ohne den Beistand des Erpels. Da die Natur
überall mit dem geringsten Kraftaufwand tätig ist, so bleibt der Erpel
bei der Aufzucht außer Betracht.


171. Warum nennt man eine falsche Zeitungsmeldung eine Zeitungsente?

Im Tiergarten werden wir von der Verstellungskunst der Entenmutter kaum
etwas zu sehen bekommen. Denn das Publikum würde es verhindern, daß
beispielsweise jemand einen Hund auf sie und ihre Jungen hetzt.

Wir haben bereits früher (Kap. 144) geschildert, wie die Wildhühner
ihre Jungen gegen überlegene Feinde zu schützen suchen. Wir müssen auf
diese ebenso merkwürdige wie erfolgreiche Rettungsart hier bei der
Mutterente nochmals zu sprechen kommen.

Die stärkeren Tiermütter verteidigen ihre Jungen durch ihre Kraft. Den
meisten Friedvögeln fehlt jedoch eine solche Stärke ihrer Glieder, um
damit Erfolge zu erzielen. Der Weiblichkeit liegt es nun nahe, die
Kraft durch List zu ersetzen. Besonders machen schwache Tiermütter
hiervon Gebrauch. Nähert man sich dem Neste eines Singvogels, so kann
man oft erleben, daß das Weibchen wie tot zur Erde fällt. Um den Feind
von ihren Jungen abzulenken, stellt sich die Mutter tot. Will der Feind
sie haschen, so weiß sie mit großer Gewandtheit ihm zu entschlüpfen und
ihn weit weg vom Neste zu führen. Fasanenmütter und Rebhühner stellen
sich lahm, um den Hund oder Fuchs von ihren Jungen fortzulocken. So
macht es auch die Mutterente. Obgleich sie ganz gesund ist, lahmt sie
ganz auffallend. Natürlich denken Fuchs oder Hund, daß ein gelähmtes
Geschöpf mit leichter Mühe zu ergreifen ist, und verfolgen sie.
Auch hier versteht sie es meisterlich, die Feinde von den Jungen
fortzulocken, ohne selbst erhascht zu werden.

In früheren Zeiten waren die Menschen mit der Tierwelt viel vertrauter.
Die Verstellungskünste der Mutterente waren ihnen etwas ganz Bekanntes.
Sie wußten, daß die Ente durch ihr Benehmen andern etwas mitteilt,
was nicht wahr ist. So lag es nahe, eine Zeitungsmeldung, die etwas
mitteilte, was nicht wahr ist, als Zeitungsente zu bezeichnen.


172. Ist die Ente wie das Huhn ein Tagtier?

Die Hühner gehen, wie wir wissen, zeitig schlafen. Wie ist es mit der
Wildente?

Es ist bereits früher (Kap. 145) hervorgehoben worden, daß die Wildente
im Gegensatz zu den wilden und zahmen Hühnern auch in der Nacht tätig
ist. Der Jäger weiß, daß man sich auf Enten gegen Abend am Rande eines
Gewässers anstellt. Mit Einbruch der Dämmerung fangen die Enten an,
auf Nahrungssuche auszugehen und zu diesem Zwecke nach Teichen oder
sonstigen Gewässern zu fliegen, wo sie reichliches Futter vermuten.

Auch die Wildenten im Berliner Tiergarten haben diese Lebensweise
beibehalten. Unzählige Male habe ich sie in der Nachtzeit in Tätigkeit
gesehen. Es ist, wie schon hervorgehoben wurde, ein Irrtum, daß die
Wildenten sich durch das elektrische Licht die Nahrungssuche in der
Nacht angewöhnt haben. Auf dem Lande, wo kein elektrisches Licht
strahlt, handeln sie genau ebenso.

Warum frißt die Ente nun nicht am Tage wie die Hühner? Zeit genug hat
sie doch eigentlich den ganzen langen Tag über.

Die Wildente wird es besser wissen als wir, weshalb sie die Nacht zur
eigentlichen Fütterung wählt.

Wahrscheinlich ist der Grund folgender. Seeadler, Adler, Wanderfalk und
Habicht sind, wie wir wissen, eifrige Feinde der Wildente. Diese Feinde
sind Tagraubvögel, die am Tage tätig sind, aber nicht in der Nacht.
Die hauptsächlichste Rettung der Ente liegt in der Flucht, auf dem
Wasser in ihrem Tauchen. Je voller sich die Ente gefressen hat, desto
schlechter fliegt und taucht sie, und um so leichter wird sie gefangen.

Die Ente frißt gern viel. So läuft sie also Gefahr, wenn sie am Tage
reichlich gefressen hat, von ihren Hauptfeinden erbeutet zu werden.

In der Nacht braucht sie diese nicht zu fürchten. Da kommen als Feinde
nur die großen Eulen, also namentlich der Uhu, in Betracht. Angenommen,
daß dieser von dem Schwarm der Enten, die sich zur Nachtzeit irgendwo
gesammelt haben, eine fängt, so ist das weiter kein Unglück.

Uebrigens sieht man dem Auge der Ente auch äußerlich an, daß es an die
Augen der Dunkelheitsseher, der Nachtigallen, Schnepfen und anderer
Vögel erinnert, während die Augen der Hühner, als ausgesprochener
Helligkeitsseher, ganz anders aussehen.


173. Warum läßt man Enteneier durch Hühner ausbrüten?

Unsere Hausente ist größer, stärker und fetter geworden als ihre
Vorfahren. Dafür kann sie nicht mehr wie diese auf den Grund der
Gewässer tauchen, auch kann sie nicht annähernd so gut wie diese
fliegen.

Wir folgen der Einladung eines Bekannten im Vorort, um uns seine Enten
anzusehen. Beim Eintritt in sein Gehöft bemerken wir eine Glucke, die
ängstlich am Rande eines kleinen Pfuhles herumläuft und fortwährend
Lockrufe ausstößt, während die jungen Entlein unbekümmert um die Angst
ihrer Pflegemutter lustig umherschwimmen.

Weshalb läßt der Mensch die Enteneier durch eine Henne ausbrüten? Ist
das nicht grundverkehrt? Die Ente liebt die Nässe, während das Huhn sie
haßt.

Die Erklärung liegt darin, daß wir deshalb oft Pflegemütter wählen,
weil sie als Brüterinnen und Führerinnen ausgezeichnete Dienste
leisten. So ist die Pute wegen dieser Eigenschaften berühmt, und erst
vor einigen Tagen sah ich in Berlin eine Pute junge Enten führen. Die
Ente läßt auf diesem Gebiete häufig zu wünschen übrig.

Sodann will die Mutterente ihre Jungen zum Wasser führen. Hat man auf
oder bei seinem Gehöft einen Graben oder Teich, so ist das sehr schön.
Häufig ist das nicht der Fall, und dann ist eine Glucke ganz am Platze.

Der Mangel an Wasser schadet Enten, die man mästen will, nichts.
Dagegen würden Zuchtenten ohne Wasser nicht gedeihen.


174. Die Rassen der Ente.

Besonders große Entenrassen sind die Rouen-Ente, die gemästet über 10
Pfund schwer wird, ferner die Aylesbury- und die Peking-Ente. Kleiner
ist die indische Laufente, die aber eine fleißige Eierlegerin ist und
es auf 150 Eier im Jahre bringt.

Die Brutzeit dauert 28 Tage oder einige Tage weniger. Zur Zucht
gebraucht man Enten bis zum fünften Jahre, obwohl sie noch länger legen.

Junge Enten wachsen, wie wir an den Wildenten sehen, sehr schnell heran
und können in 10 bis 12 Wochen mastreif sein.

Die Ente wird als gefiedertes Schwein bezeichnet, weil sie alles frißt.
Wir haben bereits beim Schwein hervorgehoben, daß diese Redensart etwas
übertrieben ist. Richtig ist, daß ihr Speisezettel sehr reichhaltig
ist. Die Wildente frißt Sämereien, Knollen, Blätter, ferner Insekten,
Würmer, Weichtiere und Reptilien. Fische fängt sie wohl nur durch
Zufall, da sie zum Fischen nicht passend gebaut ist. Desto eifriger
ist sie nach dem Laich der Fische, wie schon erwähnt wurde. Die
Hausente frißt außerdem Hausabfälle, Kartoffeln, Fleisch usw.

Mit dem Schwein teilt die Ente den Vorzug, daß ihr Fleisch immer
Abnehmer findet, und daß ihre Zucht überhaupt verhältnismäßig lohnend
ist.


175. Die Ente in Redensarten und Sprichwörtern.

Erwähnt wurde bereits die Redensart, wonach die Ente als gefiedertes
Schwein bezeichnet wird. Auch ist die Zeitungsente zu erklären versucht
worden. Ferner findet in dem Vorstehenden die Redensart ihre Erklärung:

    *die umhertrippelt wie ein Huhn, das Enten ausgebrütet hat und sie
    aufs Wasser gehen sieht*.

Sonst wären noch anzuführen:

               *Er kann schwimmen wie eine Ente.*

Spöttisch wird auch gesagt:

               *Er kann schwimmen wie eine bleierne Ente.*



Die Gans


176. Warum gilt die Gans als wachsam?

In unserem Zoologischen Garten, der uns so oft ein Helfer in der Not
gewesen ist, können wir uns auch die Stammeltern unserer Hausgans,
die Graugänse, ansehen. Sie tummeln sich auf dem sogenannten
Vierwaldstätter See. Allerdings ist bei oberflächlicher Betrachtung
nicht viel an ihnen zu sehen. Sie sehen eben wie graue Gänse, die auf
einem Gewässer schwimmen, aus. Aber wer die außerordentliche Vorsicht
der Graugänse kennt, der ist schon sehr erfreut darüber, daß er sie so
in der Nähe zu Gesicht bekommt. Ich habe jahrelang Jagdreviere gekannt,
wo es sehr viel Wildgänse gab. Aber nur einmal habe ich eine Graugans
in der Nähe zu sehen bekommen. Es war eine Nachzüglerin, die es sehr
eilig hatte und sehr niedrig flog. In der Eile hatte sie uns Jäger, die
wir im Graben lagen, übersehen.

Jung eingefangene Graugänse werden verhältnismäßig leicht zahm. So
sind sie, wie schon erwähnt wurde, die Stammeltern unserer Hausgänse
geworden.

Berühmt ist die Geschichte, daß Gänse das Kapitol von Rom und dadurch
die Stadt selbst durch ihre Wachsamkeit gerettet haben. Die Feinde,
die Gallier, hatten damals vor mehr als zweitausend Jahren, einen
nächtlichen Ueberfall geplant. Die Hunde schliefen, aber die Gänse
merkten, daß unerbetener Besuch sich nahte, und erhoben ein Geschrei.
Hiervon wurde die Besatzung wach, der es gelang, die anstürmenden
Feinde in die Tiefe zu stürzen.

Alljährlich wurde diese Rettung der Stadt durch ein Fest gefeiert.
Neben einer triumphierenden Gans lag ein getöteter Hund.

An der Wahrheit des Berichts ist nicht gut zu zweifeln, und der
Tierkenner wird der letzte sein, der ihn bezweifelt. Die Wachsamkeit
ist ohne Frage ein Erbteil ihrer Stammeltern.

Unsere Wildgans ist im Gegensatz zu manchen ausländischen Gänsen
infolge ihrer Schwimmfüße außerstande, auf Bäumen zu schlafen,
wie es die andern Vögel tun. Sie lebt deshalb in unzugänglichen
Brüchen und schwer zugänglichen bewachsenen Inseln. Es ist nun
selbstverständlich für den Menschen recht schwer, sich zur Nachtzeit
solchen Schlafstätten zu nähern. Aber Wildkatzen, Füchse und Wölfe,
namentlich aber Hermeline, Iltisse und Fischottern, die sämtlich
nächtliche Räuber sind, können den schlafenden Gänsen doch sehr
gefährlich werden. Deshalb scheint immer eine von den Wildgänsen Wache
zu halten. Auch deutet ihre Vorliebe für Schlafplätze im Schilf darauf
hin, daß sich die Annäherung des Räubers durch Betreten der überall
liegenden trockenen Rohrstücke verraten soll. Diese Benutzung von
Natur-Alarmapparaten finden wir bei Pflanzenfressern nicht selten,
so bei Hirschen, Rehen usw. Sie haben ihr Lager am liebsten an
Oertlichkeiten, wo sich der Jäger nicht nähern kann, ohne durch das
Betreten des Laubes und der überall vorhandenen Zweigstücke Geräusche
zu erzeugen.

Die Hausgans ist also von Hause aus durchaus für die Wachsamkeit zur
Nachtzeit geschaffen, deshalb ist die von ihr gemeldete Geschichte
vollkommen glaubhaft.


177. Wie steht es mit den geistigen Fähigkeiten der Gans?

Die Bezeichnung »dumme Gans« ist bei uns sehr geläufig. Und betrachtet
man Hausgänse, die auf einem Anger weiden, was wir in jedem Dorfe
anstellen können, so machen die Tiere ohne Zweifel nicht den Eindruck,
als ob sie über einen großen Geist verfügen.

Das eintönige Geschnatter, das sie hören lassen, erscheint zunächst
sehr überflüssig. Wir wissen aber von dem Grunzen der Schweine und
dem Blöken der Schafe, daß solche den Zusammenhang der Gesellschaft
wahrenden Töne für Tiere, die im Röhricht leben, sehr wichtig sind.
Sodann sehen die Gänse mit ihrem watschelnden Gang auf dem Erdboden
sehr unbeholfen aus. Aber ist das irgendwie wunderbar? Wir Menschen
haben sie doch aus ihrer Heimat zwischen Rohr und Binsen genommen und
auf den festen Erdboden gebracht, wohin sie ihrer Natur nach nicht
gehören. Ihre Furchtsamkeit, die sie bekunden, ist auch nicht weiter
merkwürdig. Denn wie unsern Hausschafen das Gebirge, so fehlt ihnen
und den Enten das Wasser zu ihrer Rettung. Nur der Gänserich bekundet
Mut gegen Kinder. Er geht auf sie mit Zischen los. Uebrigens haben sie
gelegentlich schon durch Schnabelhiebe ganz kleinen Kindern gefährliche
Verletzungen beigebracht.

Die angebliche Dummheit der Hausgänse muß man in der Hauptsache auf die
unnatürlichen Verhältnisse zurückführen. Von Hause aus ist die Gans ein
sehr kluges Tier. Hierüber sind sich alle Jäger einig. Das Anschleichen
an Gänse ist ungeheuer schwierig, weil sie durch ihre Wachsamkeit und
ihr vorzügliches Sehvermögen fast alle Mittel ihrer Feinde zuschanden
machen.

Unsere Vorfahren waren mit dem Tierleben weit inniger vertraut als wir.
Sie kannten die Tiere demnach auch viel besser. So erklärt es sich, daß
sie ein Rechtsbuch »Graugans« nannten. Für den heutigen Kulturmenschen
ist diese Bezeichnung ganz unverständlich. Der Jäger aber versteht,
was damit gemeint ist. Die Verfasser haben sich die Graugans mit
ihrer bewundernswerten Vorsicht, Klugheit und Wachsamkeit als Vorbild
genommen.


178. Wie erklärt sich der Gänsemarsch?

Unsere Dorfgänse werden jetzt nach Hause getrieben, wobei sie sich in
dem bekannten Gänsemarsch bewegen. Dieser Gänsemarsch dürfte ohne Frage
aus ihrer Bewegungsart im Röhricht und Binsen herrühren. Eine Wildgans
muß hier der andern folgen, da sie sich sonst jedesmal erst einen neuen
Weg bahnen müßte.

Ueberhaupt läßt sich nicht bestreiten, daß den Gänsen durch ihre
Lebensart ein gewisser soldatischer Geist eingehaucht ist. Sie haben
einen bewundernswerten Sinn für Ordnung. Das Einreihen, das Bilden
einer Linie und ähnliche Bewegungen fallen ihnen ersichtlich leicht.
Wie soll es auch anders sein, da ja ihr Flugbild das bekannte Dreieck
bildet. Man nimmt an, daß die Gänse in dieser Flugform leichter die
Luft durchschneiden.


179. Aus der Lebensgeschichte einer Wildgans.

Für die Leser, denen unsere Wildgänse nicht bekannt sind, möchte ich
von dem Berichte eines Jägers über einen zahmen Wildganter eine Stelle
hier bringen.

Auf einem Gute in der Neumark waren zwei Eier von Wildgänsen durch
Hühner ausgebrütet worden. Es war ein Pärchen, ein Ganter und eine
Gans. Beide flogen, als sie erwachsen waren, oft fort, kehrten aber
stets wieder heim. Von diesem Ganter erzählt der erwähnte Jäger
folgendes:

Die Hunde haben es schon längst gelernt, ebenso schnell wie unauffällig
aus seinem Bereich zu verschwinden, und auch die Katzen sind, falls
er gerade schlechter Laune ist, vor seinen Angriffen nicht sicher.
So stand der Ganter einst neben mir im Garten, offenbar ungehalten
darüber, daß ich als Fremdling es wagte, mich in der Nähe seiner
Lieblingsgans zu bewegen, die unmittelbar daneben auf dem Hofe im
Pferdestall brütete. Da erstand mir ein Blitzableiter in Gestalt einer
Katze. Mieze lag auf dem Rande des niedrigen Daches der Veranda, der
Ganter entdeckte sie und schon im nächsten Augenblick schwang er sich
in die Höhe, um mit dem mißliebigen Eindringling abzurechnen. Im Nu
hatte er die tödlich erschrockene Katze am Balge erfaßt; kläglich
schreiend wehrte sie sich zwar, so gut es ging, aber es half ihr alles
nichts. Mit ihrem Feind zusammen, der nicht losließ, mußte Mieze hinab
in die Tiefe, und fest verfangen kamen die beiden Kämpfer durch das
dichte Weinrankengewirr der Gartenlaubenwand zur Erde herabgepoltert.
Hier erst ließ der Ganter die Katze los, die sich nun eilig aus dem
Staube machte; ihre Verteidigung schien dem ungewohnten Feind gegenüber
recht mäßiger Art gewesen zu sein.

Dieses angriffslustige Benehmen legt der Ganter jedem lebenden Wesen
gegenüber an den Tag, wenn er schlechter Laune ist und sich dem
Gegner einigermaßen gewachsen fühlt. Vor Männern hat er immerhin noch
einigen Respekt, aber er kann es doch nicht unterlassen, auch sie
empfindlich in die Wade zu zwicken, wenn sie seinen Gänsen oder wohl
gar deren Gelegen zu nahe kommen. Frauen und Mädchen denken nicht
im Traum an solche Verwegenheit, die er, wenn es sich nicht etwa um
seine Pflegerinnen handelt, ganz gewaltig bestrafen würde. Aus allen
diesen Gründen ersetzt der Ganter auch den vorzüglichsten Hofhund, denn
seinen Nachtdienst tritt er schon an, sobald die ersten Schatten der
Dämmerung sich auf die Erde senken. Was ihm an Eindringlingen nicht
stark überlegen erscheint, wird im wahren Sinne des Wortes überfallen;
denn der Ganter naht im Schutze der Dunkelheit vollkommen lautlos und
verbeißt sich ganz fest in Kleidern, Haaren oder Gliedmaßen.

Uebermächtigen Feinden, wie Männern gegenüber, befolgt er dagegen
einen ganz anderen Feldzugsplan, indem er von seiner fabelhaft
durchdringenden Stimme den ausgiebigsten Gebrauch macht. Die Sage von
den kapitolinischen Gänsen wird von diesem Vogel in die Wirklichkeit
übersetzt, und wenn er auch natürlich nur sein eigenes Hausrecht zu
wahren bestrebt ist, wissen doch die Hausbewohner mit Sicherheit, daß
irgendetwas nicht in Ordnung ist, wenn nachts der Ganter laut wird.

In der vorstehenden Schilderung wird ebenfalls die Wachsamkeit der Gans
zur Nachtzeit bestätigt.


180. Die Rassen der Gänse.

Berühmt von den Gänserassen sind die Pommersche, Mecklenburgische,
Emdener und Toulouser Gans. Gänsezucht bringt nur Gewinn, wenn man über
Weiden mit Wasser verfügt. Die Gans wird gewöhnlich im zweiten Jahre
fortpflanzungsfähig und kann sehr alt werden, jedenfalls über 20 Jahre.
Die Gans legt etwa ein Dutzend Eier und brütet 28 bis 32 Tage darauf.

Die Gänse sind in der Hauptsache Pflanzenfresser. Sie weiden mit Hilfe
ihres harten scharfschneidenden Schnabels Gräser und Getreidearten,
Kohl und andere Kräuter von der Erde ab, enthülsen Schoten und Aehren
und gründeln in seichten Gewässern nach Pflanzenstoffen. Doch nehmen
die Gänse auch tierische Nahrung zu sich.

Bei uns ist es üblich, die Gänse nach der Ernte auf die Felder zu
treiben, wobei die Tiere (Stoppelgänse) sehr an Gewicht zunehmen.

Außerordentlichen Nutzen gewährt die Gans durch ihre Federn. Sie wird
zu diesem Zwecke ein- oder zweimal gerupft.

In früheren Zeiten lieferten die Kiele der Schwungfedern die
Schreibfedern. Es war eine mühsame Arbeit, die Kiele zu diesem Zwecke
zurechtzuschneiden.

Vorzüglich ist auch das Fett der Gans. Von Feinschmeckern wird ihre
Leber gerühmt. Es ist ein ziemlich umständliches Verfahren, um
künstlich große Lebern zu erzeugen.


181. Die Gans in Redensarten und Sprichwörtern.

Erwähnt wurde schon die Bezeichnung Gans oder dumme Gans für einen
dummen Menschen, namentlich für eine dumme Frauensperson. Insbesondere
wird ein albernes Mädchen gern als Gänschen bezeichnet. Ebenso wurde
bereits der Gänsemarsch und das Watscheln wie eine Gans angeführt.

In Berlin kann man die Redensart hören:

    *Eine gute gebratene Gans ist eine gute Gabe Gottes*,

wobei das »g« wie »j« ausgesprochen wird.

Mit

               *Gänsewein*

wird scherzhaft das Wasser bezeichnet.

               *Gänsefüßchen*

heißen die Anführungszeichen bei der Zeichensetzung.

               *Gänsehaut*,

so wird die menschliche Haut bezeichnet, wenn sie durch Kälte oder
Schreck der Haut einer Gans ähnlich sieht.


[Illustration: Schwäne, Enten, Gänse]



Der Schwan


182. Warum hat der Schwan einen so langen Hals?

Auch in diesem Falle müssen wir uns nach dem Zoologischen Garten
begeben, um uns Schwäne anzusehen. Die Schwäne im Tiergarten sind seit
einigen Jahren verschwunden. Noch im vorigen Jahre lebte ein Pärchen
auf dem Tempelhofer Felde in dem neugegrabenen See. Auch das ist nicht
mehr vorhanden. Ob in der Havel noch Schwäne sind, habe ich noch nicht
feststellen können.

Vor vierzig Jahren brütete alljährlich ein Schwanenpaar an der Moabiter
Brücke, die von der Kirchstraße über die Spree führte. Das Nordufer
der Spree war damals unbebaut und bildete die sogenannte Wulwe-Lanke.
Es war ein schöner Anblick -- er und sie würdevoll und vorsichtig
dahinschwimmend und um sie beide ihre Kinderschar. Gewöhnlich waren
es vier Junge, die bräunlich aussahen. Merkwürdigerweise hört man so
oft, daß der Schwan weiße Junge habe. Das ist aber, wenn man von einer
Ausnahme absieht, durchaus unrichtig.

Auch die Schwäne im Zoologischen Garten erfreuen uns durch ihre schöne
weiße Gestalt, die so vortrefflich in den Rahmen eines stillen,
verträumten Weihers paßt.

Warum haben die Schwäne einen so langen Hals? Diese Frage kann man oft
hören. Ich glaube, sie muß in folgender Weise beantwortet werden:

Einmal muß jedes Tier so gebaut sein, daß es mit seinen
Reinigungsmitteln zu jedem Körperteil gelangen kann. Da der Vogel die
Reinigung mit dem Schnabel besorgt, so braucht der Schwan, um zu dem
äußersten Teil des Rückens zu gelangen, schon deshalb einen langen Hals.

Sodann kommt die Nahrungsmittelverteilung hinzu. Wenn alle
Pflanzenfresser dasselbe fressen würden, so wäre der Streit unter
ihnen noch größer, als er ohnehin schon ist. Aus diesem Grunde sind
sie verschieden groß gebaut. Der kleine Hase kann, selbst wenn er
sich aufrichtet, nicht dahin reichen, wo das Reh bequem fressen kann.
Dagegen kann das Reh die Stellen nicht erreichen, die dem größeren
Hirsch zugänglich sind.

Wie Hase, Reh und Hirsch über dem Boden, so unterscheiden sich
Schwimmente, Gans und Schwan unter dem Wasser. Die Gans kann beim
Gründeln solche Stellen erreichen, wohin die Ente nicht gelangt. Und
wiederum kann der Schwan noch weiter reichen als die Gans.

Die Wildente kann wohl auf den Grund des Gewässers tauchen, und tut das
auch oft. Aber beim Gründeln sieht man Enten, Gänse und Schwäne nicht
tauchen. Das dürfte sich nur aus der Nahrungsmittelverteilung erklären.

Der Schwan ist noch mehr Pflanzenfresser als Gans und Ente. Im Frühjahr
quakende Frösche läßt er, wovon ich mich oft überzeugen konnte, ganz
unbehelligt.

Seine Hauptfeinde, Adler und Uhu, sind jetzt bei uns fast ausgerottet.
Vor ihnen flüchtete er ins Schilf. Manchmal kommt es noch vor, daß ihn
ein Fuchs abwürgt, wenn er im Winter im Eise festgefroren ist. Unter
gewöhnlichen Umständen dürfte ein Fuchs einem gesunden Schwan nicht
viel anhaben können, da er sich mit seinen gewaltigen Flügelschlägen
gut verteidigen kann.

Der Schwan nistet im Frühjahr. Nach einer Brutzeit von 35 bis 42 Tagen
schlüpfen die Jungen aus. Die Anzahl der Eier beträgt sechs bis acht.

Hervorragend geschätzt sind die Federn des Schwans wegen ihrer Farbe
und Weichheit. Mit der Schönheit des Tieres steht sein Wesen wenig
im Einklang. Er zeigt sich nach unsern Begriffen selbstbewußt und
herrschsüchtig. Vom Standpunkte des Schwanes aus dürften sich diese
Eigenschaften sehr wohl erklären lassen.


183. Der Schwan in Redensarten und Sprichwörtern.

               *Schwanengesang.*

Wir in Deutschland kennen hauptsächlich den Höckerschwan, der nur
zischt, aber nicht singt. In nördlichen Ländern lebt aber der
gleichgroße Singschwan, der keinen Höcker trägt. Dieser führt seinen
Namen mit Recht. In den kalten Winternächten soll der Gesang einer
Schar Singschwäne sehr schön klingen. Manche behaupten, daß der
Singschwan besonders vor seinem Tode sänge, was von andern bestritten
wird. Wahrscheinlich haben die alten Griechen, die zuerst von dem
Schwanengesang in diesem Sinne sprechen, aus dem Gesang die Todesahnung
herausgehört. Sie haben ebenso bei der Nachtigall die Anklage wegen
eines Kindesmordes herausgehört.

Die Schwäne galten als besondere Lieblinge des Apollo, des Gottes der
Dichtkunst. Daher werden Dichter geradezu als Schwäne bezeichnet, so
Shakespeare (Schähkspir) als Schwan von Avon (ew'n oder äw'n), da er am
Avon geboren ist.

Schwanengesang ist also die letzte bedeutende Leistung, die jemand
angesichts seines bevorstehenden Todes vollbringt, wie das Sterbelied
des Schwans.

               *Schwanen.*

Da der Schwan seinen Tod vorher wissen soll und überhaupt, wie viele
Vögel, nach dem Volksglauben (Kap. 36) in die Zukunft blicken kann, so
bedeutet es: dunkel ahnen.

Nach der schneeweißen Farbe des Schwans gibt es zahlreiche
Zusammensetzungen, die hierauf Bezug nehmen, beispielsweise

               *Schwanenhals*.

Allerdings kann hierbei auch auf die Länge des Schwanenhalses
angespielt sein.



Der Kanarienvogel


184. Weshalb gerät der Kanarienvogel in Wut, wenn er sein Spiegelbild
erblickt?

Wer sich auch sonst um Tiere wenig bekümmert, dem wird doch der
Kanarienvogel bekannt sein.

Der goldgelbe Sänger war vor dem Weltkriege in zahllosen Familien
anzutreffen. Jetzt ist er auch selten geworden, und wir freuen uns, daß
wir bei einem Bekannten Gelegenheit haben, einen zahmen Kanarienvogel
zu betrachten.

Unser Bekannter, Herr Stengert, öffnet den Käfig, und sofort fliegt ihm
Hänschen, wie der Kanarienvogel genannt wird, auf den vorgestreckten
Finger. Auf Befehl gibt er seinem Herrn ein Küßchen. Bei Kanarienvögeln
kann man das unbesorgt tun, da sie nicht wie Hunde im Kot wühlen.
Sodann kriecht er seinem Herrn in den Rockärmel, wo es ihm besonders
gut zu gefallen scheint. Wenigstens ist erst ein Leckerbissen
notwendig, um ihn von diesem warmen Platze fortzulocken.

Einen merkwürdigen Einfluß übt ein vor ihm aufgestellter Spiegel aus.
Mit allen Zeichen der Erregung, nämlich dem Sträuben der Kopffedern und
dem Heben der Flügel sowie ganz sonderbaren Tönen nähert er sich diesem
Kunstwerk des Menschen.

Man sollte meinen, daß ein hübsches Tier sich freut, wenn es im Spiegel
sein Ebenbild erblickt. Warum setzt den Kanarienvogel sein Spiegelbild
so in Wut?

Wir Kulturmenschen sind so daran gewöhnt, im Spiegel unser Bild zu
erblicken, daß wir das Spiegelbild für die selbstverständlichste
Sache der Welt ansehen. Und doch kann von einer solchen
Selbstverständlichkeit gar keine Rede sein. Wir wissen, daß
Naturvölker, die sich zum ersten Male im Spiegel betrachten, gar nicht
wissen, daß es ihre eigene Person ist, die der Spiegel wiedergibt.
Woher soll denn der Wilde eigentlich wissen, wie er aussieht? Wenn der
Mensch so etwas nicht sofort feststellen kann, so ist es beim Tier erst
recht nicht der Fall.

Nasentiere, also Hunde und Pferde, bleiben, wie wir wissen, im
allgemeinen kalt gegen den Spiegel. Denn die Spiegelung sagt der treuen
Nase nichts. Dagegen übt der Spiegel auf Augentiere, also außer uns
Menschen, auf Affen und Vögel eine starke Wirkung aus.

Um die Erregung von Hänschen zu verstehen, müssen wir uns folgendes
vergegenwärtigen. Hänschen ist ein Hahn, und alle Hähne sind gewöhnlich
sehr eifersüchtig auf einander. Vom Haushahn ist es ja allgemein
bekannt, daß er sofort mit einem andern Hahn Streit beginnt. Hänschen
glaubt also, als er im Spiegel einen andern Kanarienhahn erblickt,
einen Nebenbuhler vor sich zu haben. Er ist sofort bereit, mit ihm
einen Kampf auszufechten. Sich selbst hat er nicht erkannt. Denn in
diesem Falle wäre die Kampfbereitschaft vollkommen unverständlich.


185. Warum singen nur die Männchen bei den Singvögeln?

Nachdem der Spiegel, der Hänschen so beunruhigt hatte, von seinem
Herrn fortgebracht worden ist, erfreut uns der Vogel durch seinen
herrlichen Gesang. Die Frage ist sehr naheliegend, weshalb nur die
Männchen singen. Denn einen weiblichen Kanarienvogel kauft man nur zu
Zuchtzwecken. Außerhalb der Zuchtzeit, die vom Februar bis zu der im
August eintretenden Mauser dauert, sind die Weibchen verglichen mit den
Männchen spottbillig.

Bedenkt man, daß jedes Männchen im Frühjahr ein Weibchen finden möchte,
mit dem es zusammen ein Heim gründen kann, so wird es klar, daß der
Gesang der männlichen Singvögel ein vorzügliches Mittel dazu ist,
den Weibchen anzukündigen, wo sie einen Gatten antreffen können. Die
Augen der Vögel sind bekanntlich ausgezeichnet. Deshalb braucht ein
Adlermännchen, das auf einem steilen Felsen sitzt, nicht zu singen.
Denn ein Adlerweibchen kann es auf viele Kilometer deutlich erkennen.

Aber wie ist es mit den kleinen Singvogelmännchen, die im dichten Laub
verborgen sitzen? Wie schwer ist es nicht, wenn wir den Ruf oder Gesang
eines Vogels hören, den Urheber im Gewirr des Laubes und der Aeste zu
erblicken. Ich habe Bauern kennen gelernt, die mir erklärten, noch
niemals in ihrem Leben einen Pirol oder Kuckuck gesehen zu haben. Das
war in einer Gegend, wo im Sommer beide Vögel von früh bis spät ihre
Rufe erschallen ließen.

Wie sollte in der Dunkelheit ein Nachtigallenweibchen wissen, daß ein
Männchen im Gebüsch weilt, selbst wenn seine Augen scharf und für
die Dunkelheit angepaßt sind? Wie anders liegt die Sache, und wie
erleichtert ist das Finden, wo jetzt das Männchen zur Frühjahrszeit in
der Nacht seine sehnsuchtsvollen Töne in die Welt hinausflötet?

Gerade unter den Gebüschvögeln und den versteckt lebenden Vögeln
pflegen die trefflichsten Sänger zu sein. Außer der schon erwähnten
Nachtigall und dem Pirol sei nur an den Sprosser, die Grasmückenarten,
die Laubvögelarten, den Gartenlaubsänger und andere erinnert.

Das Männchen hat also bei den Singvögeln deshalb die Gabe des Gesanges,
weil es die Weibchen dadurch auf sich aufmerksam machen will. Da die
Natur überall mit Aufwendung der geringsten Mittel arbeitet, so hat
sie dem Weibchen die Gesangesgabe nicht verliehen. Denn es wäre ganz
zwecklos, wenn beide Teile auf ihrem Platze blieben und das andere
Geschlecht auf sich aufmerksam machen wollten.

Nur bei alten Weibchen kommt es vor, daß sie kümmerlich etwas singen.
Das erinnert an die Erscheinung, daß alte Frauen einen Anflug von Bart
bekommen.


186. Warum hassen die Sperlinge den Kanarienvogel?

Herr Stengert erzählt uns, daß er vor Jahren einen Kanarienvogel in
folgender Weise verloren hat. Er war aus dem Bauer entwischt und hatte
sich die goldene Freiheit erobert. Doch er sollte sich ihrer nicht
lange erfreuen. Denn die Sperlinge fielen über ihn her und ruhten
nicht eher, als bis sie ihn getötet hatten. Es war ihm nicht möglich,
seinen Liebling zu retten, da sich der Vorgang an einer für Menschen
unzugänglichen Stelle abspielte.

Von diesem Haß der Sperlinge gegen entflohene Kanarienvögel habe
ich so oft erzählen hören, daß ich an der Wahrheit der Berichte
nicht gut zweifeln kann. Er steht auch ganz im Einklange mit der
immer wiederkehrenden Erscheinung, daß sich nahe Verwandte im
Tierreich grimmig hassen, so Wolf und Hund, Pferd und Esel usw. Auch
der Kanarienvogel gehört wie der Sperling zu den Finken und müßte
eigentlich nach menschlichen Anschauungen als naher Verwandter von
den »Gassenjungen«, wie man die Sperlinge genannt hat, liebevoll
aufgenommen werden. Da unter den Tieren Haß gegen Verwandte die Regel
ist, so ist die Abneigung der Sperlinge gegen den Kanarienvogel nicht
weiter auffallend.

Hierzu kommt noch folgendes. Alle freilebenden Tiere haben einen
scharfen Blick für die Schwächen eines neu Angekommenen. Deshalb soll
man einen Vogel, der ständig im Käfig gehalten wurde, nicht plötzlich
aussetzen. Manche Tierfreunde wollen ihren Tieren etwas gutes erweisen
und erreichen damit das gerade Gegenteil. So hatte ein Bekannter von
mir eine junge Drossel großgezogen. Als ausgesprochener Tierfreund
wollte er dem Tiere eine große Freude machen und ihm die Freiheit
schenken. Er erzählte mir von seinem Plane, worauf ich ihm den Rat gab,
die Drossel zunächst im Zimmer das Fliegen etwas gründlicher lernen zu
lassen. Das wollte er jedoch wegen der damit verknüpften Schmutzereien
nicht tun. Er nahm die Drossel also nach dem Tiergarten mit und setzte
sie dort aus. Er selbst schaute von einer Bank aus dem Benehmen seines
Lieblings zu. Es dauerte nicht lange, so kam eine Krähe. Diese fing
die Drossel und verspeiste sie. Mein Bekannter war dagegen machtlos.
Die Krähe hatte sofort erkannt, daß die Drossel nicht genügend fliegen
konnte. Wie sie auf kranke Vögel Jagd macht, so auch auf schlechte
Flieger.

Vielleicht ist auch folgender Umstand von Bedeutung. Bei jeder Tierart
kommen wohl sogenannte Albinos vor, d. h. Tiere mit weißer Farbe und
roten Augen. Allgemein gelten sie als schwächlich. Raubtiere suchen
zuerst die Albinos zu erbeuten. Albinos werden von ihren Artgenossen
gewöhnlich gemieden. Unser Kanarienvogel ist nun zwar kein Albino,
aber mit seiner hellgelben Färbung sieht er ihm manchmal recht
ähnlich. Jedes freilebende Tier sieht jedenfalls sofort, wenn es einen
Kanarienvogel erblickt, daß hier ein Schwächling vorliegt. Schwächlinge
werden gern bekämpft.

Der Haß der Sperlinge gegen den Kanarienvogel ließe sich also dadurch
erklären, daß der Kanarienvogel ein naher Verwandter, ein erbärmlicher
Flieger und ein Schwächling ist.


187. Wie erklärt sich die gelbe Farbe des Kanarienvogels?

Der wilde Kanarienvogel, von dem unser zahmer Kanarienvogel abstammt,
lebt noch heute auf den Kanarischen Inseln an der Westküste Afrikas.
Seit etwa drei Jahrhunderten ist der Kanarienvogel als Haustier
bei uns heimisch. Der wilde Kanarienvogel ist grünlich, während
unser Kanarienvogel hauptsächlich gelb ist. Wie läßt sich diese
Verschiedenheit erklären?

Wir sehen, daß Haustiere sehr häufig eine andere Farbe haben als ihre
freilebenden Vorfahren. Das Wildpferd ist braun. Es gibt unzählige
Pferde, die nicht braun sind. Ebenso ist es mit den Wildkaninchen, dem
Bankivahuhn, der Felsentaube usw.

Da man bei Kanarienvögeln durch Fütterung mit Kayennepfeffer ganz
merkwürdige Färbungen erzielt hat, so ist wohl anzunehmen, daß die
Nahrung in einem gewissen Zusammenhang mit der Färbung steht. Da die
Haustiere gewöhnlich zum Teil eine andere Nahrung als ihre Stammeltern
erhalten, so würde sich ihre anders geartete Färbung zum Teil dadurch
erklären.

Herr Stengert erzählt uns weiter, daß er früher echte Harzer
Kanarienvögel besessen, sie aber wieder abgeschafft hat, denn sie
verlangen eine hohe Wärmetemperatur, was bei dem jetzigen Kohlenmangel
nicht zu erreichen war.

An sich ist jedem Geschöpf Abhärtung zuträglicher als Verweichlichung.
Die Züchtung der Harzer Kanarienvögel bei hoher Temperatur kann man
aber eigentlich nicht als Verweichlichung bezeichnen. Denn der Vogel
ist einmal ein alter Afrikaner. Vielleicht hat man gerade dadurch so
große Erfolge erzielt, daß man ihn in der Temperatur seiner Heimat
hielt.


188. Warum stecken die Vögel beim Schlafen den Kopf in die Federn?

Da sich der Abend naht, so soll Hänschen zum Schlafen in ein dunkles
Zimmer gebracht werden. Hier sind noch einige andere Kanarienvögel,
die, wie wir sehen, bereits schlafen. Sie haben nämlich ihren Kopf in
die Federn gesteckt.

Diese Schlafstellung erscheint uns recht wunderbar, und die Frage
deshalb sehr natürlich, weshalb der Vogel so handelt.

Manche meinen, daß diese Haltung für den Vogel am bequemsten sei. Wie
der Mensch den Kopf sinken lasse, wenn er müde sei, so stecke der Vogel
unter gleichen Umständen den Kopf in die Federn.

Hiermit ist aber schlecht vereinbar, daß nicht nur die Eulen, sondern,
soweit ich feststellen konnte, auch die andern großen Raubvögel den
Kopf nicht in die Federn stecken. Es ist mir trotz aller Bemühungen
niemals gelungen, einen Adler oder Geier in der Nacht zu beobachten,
wie er den Kopf in die Federn steckt. Gerade in Berlin hat man
hierzu die schönste Gelegenheit. Geht man in der Dunkelheit am
Rande des Zoologischen Gartens entlang, und zwar da, wo er an den
Tiergarten grenzt, so sieht man stets einige Bewohner des riesigen
Raubvogelkäfigs, wie sie auf den Felsen hocken. Bei den Eulen kann man
das Nichthineinstecken des Kopfes mit ihrem zu kurzen Halse erklären.
Aber Geier und Adler müßten auch ihre Köpfe in die Federn stecken, wenn
diese Erklärung richtig ist.

Ich erkläre mir die Schlafstellung der Vögel anders und zwar auf Grund
folgender Beobachtung.

An einem schönen Sommertage ging ich im Tiergarten spazieren. Ich blieb
stehen, um eine Wildente zu beobachten, die auf einen in das Wasser
gefallenen Baum gestiegen war und dort ihr Gefieder glättete. Es kam
noch eine Ente angeschwommen und sprang -- nicht flog -- vom Wasser auf
den Baum. Das ist ein Kunststück, das man nicht glauben würde, wenn man
es nicht mit eigenen Augen sähe. Ueberhaupt benahmen sich die Enten auf
dem gestürzten Baume so vertraut, daß ich mir sagte, in waldreichen
Gegenden scheinen sie lieber auf Bäumen als am Ufer zu ruhen. Das ist
auch ganz klar, denn am Ufer kann sie manches Raubtier, z. B. der Fuchs
erbeuten, der auf den Baumstamm nicht so leicht gelangt. Demnach schien
der Baumstamm mit seiner trockenen Rinde ein herrliches Ruheplätzchen
zu bieten. Nur ein Wulst auf dem Baumstamm fiel mir auf, weil ich nicht
recht wußte, was ich aus ihm machen sollte. Dieser Wulst, den ich
zunächst übersehen hatte, kam mir mit der Zeit immer merkwürdiger vor.
Ich bedauerte aufrichtig, nicht ein scharfes Jagdglas bei mir zu haben.
Plötzlich bekam der Wulst Bewegung und, was ich schon geahnt hatte,
entpuppte sich als -- schlafende Ente.

Ich mußte staunen, wie vortrefflich das Gefieder der Wildente, die sich
dicht auf den Stamm gedrückt hatte, zu der Baumrinde paßte. Sodann
war es aber klar, daß ich trotzdem die schlafende Ente niemals hätte
übersehen können, wenn sie nicht ihren Kopf in das Gefieder des Rückens
gesteckt hätte. Ich glaube hiernach zu der Vermutung berechtigt zu
sein, daß die merkwürdige Schlafstellung den Zweck einer Schutzstellung
hat.

Die Wildente ist, wie wir wissen (Kap. 145) ein zum Teil nächtliches
Tier. Sie hat also am Tage naturgemäß ein Schlafbedürfnis. Ihre
schlimmsten Feinde sind außer dem Menschen die Tagraubvögel,
insbesondere Wanderfalk und Habicht. Sie ist also in dieser
Schlafstellung einigermaßen vor ihnen gesichert. Würde sie mit dem
Kopfe nach vorn schlafen, so könnte sie von dem scharfen Auge ihrer
gefiederten Feinde mit Leichtigkeit wahrgenommen werden.

Als Jäger wäre ich an dieser Wildente vorbeigelaufen, obwohl ich gerade
für sich verbergende Geschöpfe ein sehr geschultes Auge besitze.

Aus Furcht vor den nächtlichen Feinden, den Eulen, stecken also die
Friedvögel den Kopf in die Federn, damit sie leichter übersehen werden.

Uebrigens haben die Nachtaffen genau die gleiche merkwürdige
Schlafstellung. Man betrachte beispielsweise ihre Bilder in Brehms
Tierleben. Diese Schlafstellung wird aber sofort verständlich, wenn man
sie als sogenannte Mimikry, d. h. Nachäffung der Umgebung auffaßt.

Adler und Geier scheinen eine solche Mimikry nicht zu brauchen und
deshalb stecken sie den Kopf nicht in das Gefieder.


189. Die Rassen des Kanarienvogels.

Der Harzer Kanarienvogel ist bereits erwähnt worden. In England
werden Kanarienvögel mit auffallender Färbung gezüchtet, so z. B.
die eidechsenartig gestreiften Lizards. Erwähnt wurden bereits die
Pfeffervögel, die durch Fütterung mit Kayennepfeffer tief gelbrot
geworden sind.

Die Zucht des Kanarienvogels beginnt Mitte Februar. Auf ein Männchen
rechnet man 3 bis 4 Weibchen. Das Weibchen legt 5 Eier. Die Brutzeit
dauert etwa 13 Tage. Man kann im Jahre 3 bis 4 Bruten erzielen.
Als Fink ist der Kanarienvogel ein Pflanzenfresser, der namentlich
im Frühjahr Wert auf Insektenkost legt. Rübsen, Spitzsamen und
gelegentlich Hanf sowie allerlei Grünes wird vom Kanarienvogel gern
gefressen. Während der Brutzeit darf hartgekochtes Ei als Ersatz der
tierischen Nahrung nicht fehlen. Da der wilde Kanarienvogel sehr gern
Feigen frißt, so sind Zucker und Obst keine Leckereien für unseren
Kanarienvogel, wie gewöhnlich angegeben wird. Es liegt vielmehr eine
naturgemäße Fütterung vor.

Für die Zucht ist der Kanarienvogel nur bis zum vierten Jahre lohnend
zu verwenden. Dagegen wird der einzelne Sänger bis zu 20 Jahren alt.



Der Wellensittich


190. Warum ist nur der Wellensittich ein Haustier?

In meinem Bekanntenkreise besitzt nur noch der vorhin erwähnte Herr
Stengert ein Pärchen Wellensittiche. Die übrigen haben die Tierchen
wegen Futtermangel abschaffen müssen. Wir suchen also Herrn Stengert
wieder auf und sehen uns zunächst nochmals seine Kanarienvögel an.

Das Pärchen Wellensittiche hat bereits mehrfach gebrütet. Den Nachwuchs
hat Herr Stengert fortgegeben, da die Ernährung heutzutage zu schwierig
ist.

Unter Papageien stellt sich der Durchschnittsmensch ziemlich große,
lautkreischende Vögel vor. Davon ist beim Wellensittich nichts zu
merken. Sieht man von seinem langen Schwanz ab, so hat er etwa die
Größe eines Stars. Nur ist er im Gegensatz zum Star grün gefärbt.

Nahen sich Fremdlinge, wie wir es sind, so haben die Wellensittiche
eine Vorliebe dafür, sich schnell auf den Boden fallen zu lassen und
sich zu ducken.

Hieraus sieht man, daß auch dieser Vogel von seinen ererbten
Gewohnheiten vollkommen beherrscht wird. Er lebt in Australien und
nährt sich von Grassamen. Wegen der Dürre dieses Landes ist er zu
großen Wanderungen gezwungen. Ueppiger Graswuchs ist nur zeitweise
nach den Niederschlägen vorhanden, und diese Niederschläge sind nicht
häufig. Dort im grünen Grase ist sein Verstecken bei seiner grünen
Färbung ein vortreffliches Mittel, um sich den Blicken des Beobachters
zu entziehen. Auf dem mit Sand bestreuten Boden des Käfigs ist das
Sichducken vollkommen zwecklos.

Vom Kreischen der andern Papageien merkt man beim Wellensittich nichts.
Er singt vielmehr ziemlich leise und ganz angenehm.

Der größte Vorzug liegt jedoch in dem anmutigen Verhalten des Pärchens,
das wie die Turteltauben das Vorbild eines zärtlichen Ehepaars liefert.
Er ist der opferwillige und allzeit dienstbereite Mann, während sie das
hingebende Weib ist.

Bei andern Papageien hat man auch Nachkommenschaft erzielt. Aber als
viel größere Tiere brauchen sie dazu einen ziemlichen Raum. Der enge
Käfig genügt ihnen nicht. Am leichtesten gelingt es, wenn man sie frei
ausfliegen läßt. Immerhin muß man die Fortpflanzung anderer Papageien
als Ausnahme betrachten.

Dagegen kann man von Wellensittichen regelmäßig Nachwuchs erzielen, und
deshalb müssen wir sie zu unsern Haustieren rechnen.

Sie legen 4 bis 6 Eier. Der Wellensittich hat noch den weiteren Vorzug,
außerordentlich anspruchslos zu sein. Das kommt natürlich daher, weil
er in seiner Heimat fast nur von Grassamen leben muß.

Wegen der weiten Wanderungen in Australien muß der Wellensittich
ein guter Flieger sein. Ich habe vor 20 Jahren längere Zeit einen
entflohenen Wellensittich im alten Botanischen Garten beobachtet und
mich über seine Flugfertigkeit sehr gefreut.

Erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts ist der Wellensittich zu uns
gekommen.


191. Warum fehlt dem Tiere die Sprache?

Im Gegensatz zu andern Papageien lernt der Wellensittich nur
ausnahmsweise sprechen. Immerhin soll bei dieser Gelegenheit die so oft
aufgeworfene Frage erörtert werden, warum dem Tiere die Sprache fehlt.

Die neueste Auflage von Brehms Tierleben kommt zu dem Ergebnis, daß
die Tiere deshalb nicht sprechen, weil sie sich nichts zu sagen haben.
Dieses Ergebnis befriedigt nicht, wie schon an verschiedenen Stellen
hervorgehoben worden ist. Die Tiere haben sich eine ganze Menge zu
sagen. Für alle friedlichen Pflanzenfresser, die in Scharen leben,
ist die Mitteilung, daß Gefahr droht, von der größten Wichtigkeit.
Zu dieser Mitteilung ist aber eine artikulierte Sprache nicht
erforderlich. Es genügt ein Schrei oder ein bestimmter Ausruf, auch
das bloße Benehmen ist genügend. Ergreift das Leittier plötzlich die
Flucht, so wissen die andern Genossen genau, was das zu bedeuten hat.

Ueberhaupt können die einfachen Bedürfnisse des Tieres fast immer durch
das Benehmen angedeutet werden. Kein Mensch, der in einem Lokale eine
Mahlzeit verzehrt, und dem ein fremder Hund jeden Happen, den er zum
Munde führt, nachzählt -- selbstverständlich im bildlichen Ausdruck --
ist im Zweifel darüber, was der Hund eigentlich will. Er will etwas
abhaben, und zwar je mehr, desto besser. Ein Schweizer Naturforscher
erzählt von einem gefangenen Adler, daß dieser den Kopf senkte und
dabei mit den Flügeln schüttelte. Sofort verstand er, daß der Adler
baden wollte, und brachte ihm eine Wanne mit Wasser.

Das Tier hat also keine Sprache, weil es, wie ohne Zweifel feststeht,
auch ohne eine solche bestehen kann.

Für das freilebende Tier, das im Kampfe ums Dasein steht, wäre aber
die Verleihung der Sprache eher ein Nachteil als ein Vorteil. Alle
Menschen, die gefahrvolle Berufe ausüben, also Seeleute, Luftschiffer,
Soldaten, Fischer, Jäger pflegen einsilbig zu sein. Sie wissen alle,
daß vieles Reden nicht nur ganz überflüssig, sondern sehr schädlich ist.

Besäßen die Tiere eine Sprache, so kämen sie oft ins Plaudern, und
ein plötzlicher Ueberfall durch einen Feind bildete den Schluß des
Plauderstündchens.

Dem Tiere fehlt also die Sprache, weil es von ihr fast nur Nachteile
und kaum Vorteile hätte.

Uebrigens habe ich niemals begreifen können, weshalb der einfache Mann
es bedauert, daß beispielsweise der Hund nicht sprechen kann. Würden
sich denn noch Menschen einen Hund halten, wenn er als Plappermaul
alles in der Nachbarschaft erzählte, was er bei seinem Herrn und seiner
Familie gesehen und erlebt hat?



Der Goldfisch


192. Warum ist der Goldfisch ein beliebter Aquariumfisch?

In meiner Jugendzeit waren runde, bauchige Glasbehälter mit Goldfischen
sehr beliebt. Jetzt sieht man sie sogar in Aquariumhandlungen selten.

Im Berliner Tiergarten können wir Goldfische im sogenannten
Goldfischteich beobachten. Allerdings muß man die Stellen kennen, wo
sie sich aufzuhalten pflegen. Ueberdies ist ihre Anzahl jetzt stark
zurückgegangen.

Wie die Wildenten, so haben auch die Goldfische sehr darunter gelitten,
daß sie vom Publikum nicht mehr gefüttert werden. Früher war es ein
alltäglicher Anblick, eine Unmenge Goldfische zu sehen, die sich um die
zugeworfenen Brocken stritten, während am Ufer die Sperlinge saßen und
sich auf jeden Brocken stürzten, der nicht ins Wasser gefallen war.

Unter den Goldfischen des Goldfischteichs befanden sich wahre Riesen,
ferner auch Silberfische. Im engen Glase werden die Goldfische
natürlich niemals so groß.

Als Knabe habe ich allerlei Getier im Aquarium gehalten. Immer wieder
habe ich mich davon überzeugt, daß sie nicht annähernd so ausdauernd
sind wie der Goldfisch. Außerdem ist die Pflege heimischer Tiere viel
umständlicher als die des Goldfisches. Der Goldfisch bekam wöchentlich
einmal reines Wasser und täglich ein paar Ameisenpuppen, sogenannte
Ameiseneier. Dabei hält er sich jahrelang. Berücksichtigt man seine
schöne Farbe, so ist es kein Wunder, daß er ein beliebter Aquariumfisch
ist.

Der Goldfisch stammt aus China und Japan, wo er seit alter Zeit
gezüchtet wird. Er ist ein Karpfenfisch aus der Gattung Karausche,
der durch die Kunst der Züchter die goldrote Färbung erhalten hat.
Vor zwei- oder dreihundert Jahren kam er nach Europa, wo er bald Mode
wurde. Große Goldfischzüchtereien bestehen in Frankreich, in Schlesien,
Ostpreußen und in Steiermark.

Außer den Silberfischen züchtet man schwarze und bunte Rassen. Vom
japanischen Goldfisch hat man Fische mit vorstehenden Augen, sogenannte
Teleskopfische, und Schleierschwänze mit doppelten Schwänzen gezüchtet.


193. Wie richte ich ein Aquarium ein?

Die früheren dickbauchigen Goldfischgläser haben drei schwere
Nachteile. Erstens kommt das Wasser mit der Luft nicht an dem
größten Durchmesser des Glases in Berührung. Zweitens fehlen den
Goldfischgläsern die Pflanzen. Drittens muß wegen des Pflanzenmangels
das Wasser allwöchentlich erneuert werden. Zu diesem Zweck müssen die
Tiere herausgenommen werden. In der Regel spielt sich der Vorgang
folgendermaßen ab. Zunächst werden die Fische mit dem Käscher
herausgefangen, was ohne arge Beunruhigung der Tiere unmöglich ist.
Das Wasser im Goldfischglase hat natürlich die Temperatur des Zimmers
angenommen. In der Zwischenzeit kommen sie günstigenfalls in Wasser
mit gleicher Temperatur. Das neue Wasser im Goldfischglase pflegt
ganz frisch aus der Wasserleitung genommen zu werden. Die Fische,
die abermals gefangen werden müssen, benehmen sich infolge des
Temperaturwechsels höchst aufgeregt. Man hält das allgemein für ein
Zeichen des Wohlbefindens, während das Gegenteil zutrifft.

Nur ein seit Jahrhunderten gezüchteter Fisch, der als früherer Karpfen
an schlechtes Wasser gewöhnt ist, kann jahrelang solche Martern
aushalten.

Es soll hier nicht von großen teueren Aquarien die Rede sein. Selbst
diejenigen, die aus einem Metallgerüst mit eingekitteten Glasscheiben
bestehen, sollen hier außer Betracht bleiben. Sie erfordern bereits
einen besonderen dreibeinigen Tisch und eine besondere Stellung
am Fenster, so daß sie unter den heutigen Verhältnissen von dem
Durchschnittsmenschen nicht eingerichtet werden können.

Es soll vielmehr nochmals darauf hingewiesen werden, daß die bisherigen
Goldfischgläser gewissermaßen eine ungewollte Tierquälerei zur Folge
hatten. Darum soll jemand, der überhaupt Wassertiere halten will, unter
allen Umständen viereckige Gläser wählen. Auch kleine Gläser lassen
sich bereits mit Pflanzen besetzen. Die Pflanzen sind aber durchaus
notwendig, weil sie Sauerstoff an das Wasser abgeben und dadurch einen
Wechsel des Wassers nur selten, manchmal gar nicht nötig machen. Ein
sicheres Zeichen, daß das Wasser zu sauerstoffarm ist, besteht darin,
daß die Fische an die Oberfläche kommen, um Luft zu schnappen.

In den Aquariumhandlungen kann man die für die Pflanzen notwendige
Erde erhalten. Sie besteht gewöhnlich aus guter Moorerde, die mit
Torfgrus gemischt ist. Dieser Mischung sind alter, verwitterter Lehm
und Flußsand zugesetzt. Hierüber kommt eine einige Zentimeter dicke
Schicht von einem Sand, der vorher sorgfältig ausgewaschen ist. In
einer Ecke des Aquariums macht man die Bodenschicht weniger hoch, so
daß sich ein Schlammfang bildet, aus dem mittels eines Gummischlauches
die Futterreste und Unrat entfernt werden.

Die eingepflanzten Wasserpflanzen müssen zwei bis drei Wochen ohne
Fische stehen, damit sie festwurzeln und das Wasser sich klärt.

In einem solchen vier- oder mehreckigen Glase mit Pflanzen und Sand
fühlen sich die Tiere wohl und halten sich viel länger als im blanken
Wasser. Jeder Teich, jeder Dorfpfuhl kann Bewohner für ein solches
Aquarium liefern. Der wirkliche Tierfreund kann sich nicht satt
sehen an dem Neuen und an den Schönheiten, die er bei sorgfältiger
Betrachtung selbst bei den unscheinbarsten Geschöpfen entdeckt.


194. Der Goldfisch in Redensarten.

Wie man unter Backfisch ein junges Mädchen versteht, so unter

               *Goldfisch*

ein Mädchen, das viel Geld in die Ehe bringt. Von dem Freier, der sie
heimführt, sagt man, daß er einen Goldfisch geangelt hat.



Der Seidenspinner


195. Warum ist unsere Seidenraupenzucht zurückgegangen?

Früher habe ich oft Gelegenheit gehabt, mir die Zucht von Seidenraupen
anzusehen. Jetzt aber konnte ich trotz aller Bemühungen keinen
Seidenraupenzüchter ausfindig machen. In den Zoologischen Handlungen
gab man mir den Bescheid, daß die Seidenraupenzucht aufgegeben sei,
weil die Aufzucht einen Raum von 70 Kubikmetern verlangt. Den hat man
bei der jetzigen Wohnungsknappheit nicht übrig. Alte Seidenhandlungen,
an die ich mich wandte, antworteten mir ähnlich. Eine sehr bekannte
Firma schrieb mir, daß sie Seidenraupenzüchter nur in Baden und
Württemberg kenne.

Wie in vielen Fällen unser berühmter Zoologischer Garten Hilfe
in der Not gebracht hat, so war in diesem Falle unser ebenso
berühmtes Aquarium der Retter in der Verlegenheit. Wir suchen
diese Sehenswürdigkeit ersten Ranges auf und können uns bei
dieser Gelegenheit die verschiedenen Goldfischarten, z. B. die
Schleierschwänze und Teleskopfische, ferner die Chanchitos und andere
tropische Aquariumfische in der wunderbarsten Beleuchtung ansehen.

In zwei Kästen wimmelt es von Raupen unseres Maulbeerspinners. Sie
haben etwa die Länge des kleinen Fingers eines Mannes, nur sind sie
nicht so dick. Ihre Tätigkeit scheint in dem Programm zu bestehen:
Fressen, fressen und abermals fressen. Dementsprechend ist auch
die Verdauung. Ueberall sehen wir schwarze Klümpchen auf dem Boden
liegen. Verglichen mit den anderen Seidenspinnern sieht übrigens der
Schmetterling des Maulbeerspinners sehr unscheinbar aus. In einem
Nebenzimmer können wir nämlich die andern Spinnerarten bewundern, den
Eichenseidenspinner Nordchinas, den Ailanthusspinner Chinas und Japans,
den südamerikanischen Spinner _Telea Polyphemus_ usw.

Die Farbe der Seidenraupe ist perlgrau, die der kleinen Eier ziemlich
ebenso. Eine Menge Kokons können wir erblicken, welche die so
geschätzte Seide liefern. Ein Kokon enthält einen Faden von 1000 bis
3000 Meter Länge. Hiervon ist jedoch nur ein Teil zur Herstellung von
Seide verwendbar. Obendrein müssen mehrere Kokonfäden zusammengedreht
werden, um einen Seidenfaden zu liefern.

Zu einem Kilo Seide sind 10 Kilo Kokons erforderlich. Ein Kilo Kokons
enthält etwa 2500 Stück.

Deutschland führt jährlich etwa 11 Millionen Kilo im Werte von
158 Millionen Mark ein, wobei nach der heutigen Valuta der Betrag
entsprechend erhöht werden muß.

Es wäre sehr wünschenswert, daß ein Teil dieses Materials bei
uns selbst hergestellt würde, zumal die Seidenraupenzucht durch
Kriegsbeschädigte, Frauen und Kinder ausgeübt werden kann. Sie kostet
weniger Mühe als beispielsweise die Bienenzucht.

Ich entsinne mich, an verschiedenen Stellen unserer Heimatprovinz alte
Maulbeerbäume gesehen zu haben, deren Früchte vortrefflich schmeckten.
Von den Ortseinwohnern erfuhr ich, daß sie im achtzehnten Jahrhundert
auf Anordnung von Friedrich dem Großen angepflanzt seien, um die
Seidenraupenzucht bei uns einzuführen.

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war sogar die
Seidenraupenzucht bei uns in einer gewissen Blüte. Dann aber brachen
Seuchen unter den Raupen aus, und jetzt ist die Ausbeute sehr gering.

Es ist das Verdienst von Pasteur, die Gefahr der Seuchen fast beseitigt
zu haben.

Um in unserem Vaterlande die Seidenraupenzucht wieder zu heben,
ist natürlich in erster Linie die Beschaffung von Futter für
die Seidenraupen erforderlich. Wie schon der Name sagt, ist ihr
zuträglichstes Futter Maulbeerblätter. Als Ersatz kommen Schwarzwurzeln
in Betracht. Viele meinen, daß der Rückgang der Seidenraupenzucht
deshalb eingetreten sei, weil der Maulbeerbaum bei uns nicht aushalte.
Das wird aber von Kennern bestritten, die sich darauf berufen, daß die
Maulbeerbäume sogar den harten Winter von 1916 bis 1917 überstanden
haben. Außerdem liefert nach ihnen der deutsche Maulbeerbaum viel
kräftigeres Futter, so daß schon 7 Kilo Kokons ein Kilo Seide ergeben.

Um recht bald Futter zu erhalten, ist die Anpflanzung des Maulbeerbaums
in Hecken am zweckmäßigsten. Obendrein ist dadurch das Füttern
erleichtert.

Hat man Futter, so besorgt man sich seuchenfreie Eier. Manche heizen
das Zimmer, bis eine Temperatur von 22 bis 25 Grad Celsius vorhanden
ist. Andere halten eine Temperatur von 15 bis 18 Grad für durchaus
hinreichend. Das ist bei den heutigen hohen Preisen für Brennstoffe von
großer Wichtigkeit.

In 10 bis 15 Tagen schlüpfen die jungen Raupen aus den Eiern. Sie
müssen regelmäßig gefüttert und sorgfältig umgebettet werden. Nach
mehrfacher Häutung hört die Raupe auf zu fressen und spinnt sich ein,
wodurch die Kokons entstehen. Die Kokons werden gesammelt, und der
in ihnen befindliche, zum Auskriechen bereite Schmetterling durch
Wasserdämpfe getötet. Würde man die Kokons nicht einer so hohen Hitze
aussetzen, so würde der Schmetterling sich einen Ausweg aus dem
Gespinst bahnen, wodurch der Wert des Gespinstes erheblich gemindert
wird.

Nur die zu Zuchtzwecken bestimmten Kokons läßt man auskriechen. Die
Schmetterlinge paaren sich und sterben bald darauf, nachdem vorher das
Weibchen Eier gelegt hat.

Pasteur hat diese Paarung in kleinen Tüllsäcken vor sich gehen lassen.
Nach dem Tode werden die Schmetterlinge untersucht, und nur die Eier
von gesunden Tieren zur weiteren Zucht verwendet.

Nach dem Besuch unseres Aquariums ersehe ich aus den Zeitungen,
daß bei Wertheim eine Seidenraupenzuchtausstellung stattfindet.
Veranstaltet wird sie von dem Gemeinnützigen Verband für Seidenbau in
Deutschland E. V. zu Berlin-Wilmersdorf, Brandenburgische Straße Nr. 36.

Von dem Vorhandensein eines solchen Verbandes wußten demnach alle von
mir befragten Stellen nichts.

Wir begeben uns auch zu dieser Ausstellung, wo etwa das gleiche wie im
Aquarium zu beobachten ist. Nur ist das Material hier umfangreicher.

Von Wichtigkeit ist, daß der Verband seuchenfreie Eier und
Maulbeerpflänzlinge liefert. Ebenso ist er Abnehmer der Kokons. Auch
kann man von ihm eine Broschüre erhalten, die alles nähere über die
Seidenraupenzucht enthält (Preis 1,25 Mk.).

Auch in diesem Falle beobachten wir wieder, daß die größte Gefahr von
der unnatürlichen Ansammlung des Unrats herrührt. Unter freiem Himmel
fällt der Unrat der Raupen an die Erde, und die Tiere selbst werden
gar nicht davon berührt. Bei der Zucht im Zimmer muß also für schnelle
Beseitigung gesorgt werden.

Es seien zum Schluß die Merkworte des genannten Verbandes für die
Seidenraupenzüchter angeführt: Heller, luftiger Zuchtraum. Gleichmäßige
und feuchte Wärme. Schüsseln mit Wasser aufstellen. Sind kalte
Nächte zu befürchten, die Raupen mit Papier bedecken. Regelmäßiges,
reichliches Füttern. Nasses Laub vermeiden. Die Raupen in den Häutungen
nicht stören. Für Zufuhr frischer Luft sorgen, Zuchtraum feucht
aufwischen, nicht fegen. Kranke und tote Raupen entfernen. Ersatzfutter
ist: Kopfsalat, auch im Notfalle Blätter der Schwarzwurzel, wenn einmal
Mangel an Maulbeerlaub eintreten sollte.


196. Die Seidenraupe in Redensarten und Sprichwörtern.

Bekannt ist die Stelle aus Goethes Tasso:

    *Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen.*

Mit dem Seidenwurm ist natürlich die Seidenraupe gemeint. Der sehr
schöne Gedankengang ist folgender: Wie die Seidenraupe, so macht auch
mancher Mensch von den ihm verliehenen Gaben Gebrauch, obwohl er weiß,
daß er gerade dadurch sein Leben abkürzt.

Hinken tut der Vergleich dadurch, daß der Wurm nicht sterben, sondern
als Schmetterling sich paaren will.



Die Biene


197. Warum bauen die Bienen im Dunkeln?

Um uns einen Bienenstock anzusehen, wollen wir wieder unsern alten
Bekannten, Herrn Böhm, aufsuchen, der ein erfahrener Bienenwirt ist und
verschiedene Bienenstöcke hat.

Herr Böhm, der uns freundlich begrüßt, erzählt uns, daß er auf ein
Schwärmen der Bienen für den heutigen Tag rechnet oder es vielmehr
befürchtet. Er erklärt uns nämlich, daß er ein solches Schwärmen
durchaus nicht wünscht. Er hat, wie er uns erzählt, früher gewöhnliche
deutsche Bienen gehabt, aber fast alle infolge von Seuchen verloren.
Jetzt hat er Heidebienen, die sowieso gern schwärmen. Durch das zu
häufige Schwärmen wird das Volk zu sehr geschwächt. Man schätzt die
Anzahl eines Volkes auf 30- bis 60000 Stück. Selbstverständlich kann
man bei einem Volke nicht jede Biene einzeln zählen. Das wäre ein
sehr mühsames Geschäft. Obendrein müßte man auf zahlreiche Stiche
gefaßt sein. Dagegen kann man einen Schwarm, den man in einem Behälter
gefangen oder »eingeschlagen« hat, wiegen. Zieht man das Gewicht des
Behälters ab und wiegt man eine kleine Anzahl von Bienen, so kann man
ungefähr feststellen, wie groß die Zahl eines Volkes ist.

Die Ansicht des Herrn Böhm steht also im Widerspruch mit der
landläufigen, wonach, da wir noch im Mai stehen, das Schwärmen ein
großer Vorteil ist. Denn ein alter Spruch sagt:

          Ein Schwarm im Mai
          gilt ein Fuder Heu;
          Ein Schwarm im Jun',
          ein fettes Huhn;
          Ein Schwarm im Jul',
          kein Federspul'.

Der Widerspruch ist aber nur scheinbar, denn für schwarmwütige Völker
paßt der Vers vom Mai überhaupt nicht.

Auch Karo und Hektor haben uns als alte Bekannte freundlich begrüßt,
zumal wir ihnen etwas Gutes mitgebracht haben. Als wir uns jedoch den
Bienenständen nähern, verlassen sie uns. Sie haben anscheinend bereits
üble Erfahrungen mit den Stichen der Bienen gemacht und wünschen nicht,
nochmals gestochen zu werden.

Wie uns Herr Böhm weiter erzählt, ist ihm das Schwärmen der Bienen auch
aus dem Grunde sehr unerwünscht, weil heute das Durchfüttern der Völker
im Winter eine ganz andere Sache ist als früher. Im Winter tragen die
Bienen naturgemäß nichts ein. Sie müssen alle von den gesammelten
Vorräten leben. Es müssen also gewissermaßen die im Sommer gemachten
Ersparnisse angegriffen werden. Diese sind jedoch bald zu Ende, da
der Mensch den Bienen den größten Teil ihrer Ersparnisse abnimmt. Es
muß also ein Ersatz geschaffen werden, wenn, was häufig der Fall ist,
ungünstige Witterung ein Ausfliegen der Bienen noch nicht gestattet.
Damit die Tiere nicht verhungern, müssen sie also gefüttert werden.
Früher standen dem Imker oder Bienenwirt zu diesem Zwecke der sehr
billige Zucker und der fast wertlose Honig in unbegrenzter Menge zur
Verfügung. Heute sind die Verhältnisse vollkommen geändert worden.

Wir können uns natürlich kein Urteil darüber erlauben, ob die Angaben
unseres Bekannten zutreffend sind. Jeder Beruf schildert seine
Einnahmen in den schwärzesten Farben. Aber wir wissen, daß Zucker und
Honig gegenwärtig sehr teuer sind.

*Darüber kann wohl kein Zweifel bestehen, daß die Bienenwirtschaft
-- mehr als 2 Millionen Stöcke -- für Deutschland von der größten
Bedeutung ist. Von ihr hängt unsere Obsternte ab, da die Bienen durch
den Besuch der Blüten die Befruchtung vermitteln. Ferner brauchen Raps,
Rübsen, Klee und andere Nutzarten ebenfalls die Bienen.*

Wir sind in der Nähe des Bienenstocks angelangt und müssen uns
natürlich auf einen Bienenstich gefaßt machen. Herr Böhm erklärt uns
näher, aus welchen Anzeichen er auf ein Schwärmen der Bienen schließt.

Einmal seien die Bienen sehr aufgeregt. Bei regelmäßig arbeitenden
Bienen kann man ein gemessenes Benehmen beobachten. Außerdem seien
sonst niemals eine solche Menge von Bienen auf den Flugbrettern zu
sehen.

Sodann sei das Wetter zum Schwärmen sehr geeignet.

Das sind nach seinen Angaben nur Wahrscheinlichkeiten für ein
beabsichtigtes Schwärmen. Viel sicherer ist das sogenannte Tüten
der alten Königin und das sogenannte Quaken der neuen Königin. Zwei
Königinnen bekämpfen sich nämlich auf Tod und Leben oder eine wandert
aus.

Wir begeben uns nach der Hinterseite des Bienenstockes, um uns durch
eine Glasscheibe das Leben und Treiben der Bienen näher anzusehen.

Es ist wohl allgemein bekannt, daß die Bienen Waben aus Wachs bauen,
die aus ganz regelmäßigen sechseckigen Zellen bestehen. Ist es schon
ein Wunder, daß Tiere, und obendrein auf der untersten Stufe des
Tierreichs stehende Insekten, ein solches Kunststück vollbringen, das
dem klugen Menschen nicht leicht fallen würde, so wird unser Erstaunen
dadurch gesteigert, wenn wir sehen, daß die Bienen diese Bauten im
Dunkeln ausführen.

Wir Menschen sind der Ansicht, daß, wenn man eine so kunstvolle
Arbeit ausführt, man gar nicht Licht genug beim Arbeiten haben kann.
Die Bienen aber führen dieses Kunstwerk aus ohne die geringste
Beleuchtung. Ja, wenn der Mensch ihnen, um ihnen die Arbeit zu
erleichtern, Licht beschafft, so wollen sie von der Beleuchtung nichts
wissen und bauen nicht.

Wir wissen schon, was wir tun müssen, um eine Erklärung für dieses
Rätsel zu finden. Wir müssen fragen: Wie bauen die wilden Bienen? Da
erhalten wir die übereinstimmende Antwort, daß sie in den dunkeln
Höhlungen von Baumstämmen ihr Heim aufschlagen.

Die Bienen haben also seit Urzeiten im Dunkeln ihre Bauten ausgeführt.
Als der Mensch die Bienen wegen des Wohlgeschmacks des Honigs als
Haustiere gewinnen wollte, da hat er ihnen zunächst eine Wohnung
ebenfalls in Baumstämmen, in sogen. Beuten, angewiesen.

Solche Bienenstöcke in Baumstämmen waren sehr naturgemäß, aber sie
hatten den Nachteil, daß man sie häufig nicht in der Nähe hatte. Da war
also ein Bienenhaus schon bequemer. Denn ein solches konnte man als
Ersatz für den Baumstamm auf seinem Grundstück errichten. Am bequemsten
ist natürlich ein Bienenkorb, weil er im Gegensatz zum Baumstamm
beweglich ist. Bienenkörbe kann man also von Ort zu Ort bringen. Das
ist besonders für den Bienenwirt von größter Wichtigkeit, der seine
Bienen nach Stellen hinbringt, wo das Einsammeln von Honig besonders
günstig ist. Beispielsweise geschieht das in Heidegegenden, wenn das
Heidekraut blüht.

Die Bienen bauen also heute noch im Dunkeln, weil sie seit Urzeiten in
dunkeln Höhlungen gebaut haben.


198. Wann stechen die Bienen am meisten?

Herr Böhm erzählt uns weiter, daß er für seine Person sich gegen
Stiche so gut wie gar nicht schützt. Es kommt nur ausnahmsweise vor,
daß er von seinen Bienen gestochen wird. Nach seinen Beobachtungen
sind die Bienen am stechlustigsten, wenn ihre Brut gefährdet ist, man
also Zellen, die Brut enthalten, zu beseitigen sucht. Sodann sind sie
vor Ausbruch eines Gewitters sehr zum Stechen geneigt. Dagegen sind
sie viel weniger stechlustig, wenn sie sich zum Schwärmen anschicken.
Im übrigen ist ihm noch aufgefallen, daß Personen, die schwitzen,
viel leichter gestochen werden als andere. Ebenso werden Frauen eher
gestochen als Männer. Menschen in weißen Hemden oder überhaupt in
hellen Kleidungen werden ebenfalls viel häufiger gestochen als andere.

Es ist nicht leicht, für die verschiedene Stechlust der Bienen eine
Erklärung zu geben. Es ist anzunehmen, daß die Bienen den Imker mit der
Zeit kennenlernen und ihn deshalb mit ihren Stichen verschonen. Hierzu
haben sie insofern begründete Veranlassung, als ihnen ihre Waffe teuer
zu stehen kommt. Der Stich kostet ihnen selbst das Leben, was nach
unseren Begriffen höchst unzweckmäßig ist. Wer wird einen Gegner in
einen Abgrund stürzen, wenn er weiß, daß er selbst von ihm in die Tiefe
mit hinabgerissen wird?

Da eine Biene überhaupt nur sechs Wochen lebt und ein Volk, wie wir
wissen, aus 30- bis 60000 Bienen besteht, so ist es klar, daß ein
Bienenleben gar keine Rolle spielt. Die Biene soll nicht nutzlos
stechen, und das geschieht am besten dadurch, daß ihr der Stich selbst
das Leben kostet.

Der Stachel mit dem Widerhaken bleibt nämlich sitzen, da er nicht
zurückgezogen werden kann. So verliert die Biene das Ende ihres
Hinterleibes, was ihren Tod zur Folge hat. Wenigstens ist das
allgemeine Ansicht.

Es ist merkwürdig, daß die Wirkung des Bienenstiches bei den einzelnen
Menschen sehr verschieden ist. Die Imker sind dagegen immun oder
gefeit, weil sie gewöhnlich bei ihnen gar keine Wirkungen hervorrufen.

Da fast alle Tiermütter sich für ihre Nachkommen opfern, so ist es
nicht wunderbar, daß es auch die Bienen tun.

Die Stechlust vor dem Gewitter dürfte sich in folgender Weise erklären:
Die Bienen haben ein Vorgefühl dafür, daß Regen kommen wird. Der Regen
hindert sie am Eintragen. Daher haben sie es besonders eilig, um vorher
noch alles zu schaffen, und empfinden Störungen besonders unangenehm.

Es ist merkwürdig, daß die Biene auf schwitzende Menschen erbost
ist. Man sollte annehmen, daß sie, die als Muster des Fleißes gilt,
den schwitzenden Menschen besonders liebt. Uebrigens macht man bei
Wanderungen im Sommer ähnliche Beobachtungen. Sobald man in Schweiß
gerät, wird man von den Mücken besonders überfallen. Das kommt
sicherlich daher, daß ein schwitzender Mensch eine besonders starke
Ausdünstung hat. Die Biene hat einen äußerst feinen Geruch, was man
aus verschiedenen Umständen schließen muß. Wir werden gleich darauf
zu sprechen kommen. Die Biene hat also entweder Abneigung gegen
Schweißgeruch oder sie riecht einen fremden schwitzenden Menschen
sofort und sticht naturgemäß ihn eher als andere Menschen.

Weiße Gegenstände üben auf alle Insekten große Anziehungskraft aus. Das
weiß die Hausfrau sehr wohl von ihrer Wäsche, die sie auf dem Rasen
ausgebreitet hat.

Ein ausziehender Schwarm ist deshalb nicht so stechlustig, wie man
meinen sollte, weil er eine neue Wohnung sucht. Wer neue Verhältnisse
aufsucht, ist auf Störungen gefaßt und wird gegen sie nicht sehr
empfindlich sein.

Herr Böhm erklärte die größere Stechlust der Bienen gegen Frauen
damit, daß sich die Bienen häufig in den langen Haaren der Frauen
verwickelten. Sie werden dann ganz rasend, weil die Frauen, anstatt
ruhig zu bleiben, nach den Bienen schlagen, wodurch sie noch
aufgeregter werden.

Diese Ansicht mag richtig sein. Vielleicht liegt aber noch ein anderer
Grund vor.

Ich bin selbst nur einige Male gestochen worden, und ausgerechnet
jedesmal im Sommer, wo ich kurzgeschorenes Haar trug. Von einem
Verwickeln der Bienen konnte gar keine Rede sein, denn in Haaren von
zehn Millimeter Länge kann sich keine Biene verheddern. Da bin ich
zu der Ueberzeugung gekommen, daß hier die Angriffslust aus der
Lebensweise der wilden Biene zu erklären ist.

Die wilde Biene hat als gefährliche Feinde unter den Säugetieren bei
uns Bär und Marder, in heißen Ländern wahrscheinlich die Affen. Haarige
Gestalten, die sich dem Bienenkorb nähern, können also die Wut der
Bienen erregen. Es genügen aber schon haarige Stellen am menschlichen
Körper.

Die Biene verheddert sich also nicht im Frauenhaar und sticht deshalb,
sondern die üppigen Haare der Frauen lassen in den Bienen die Wut gegen
ihre alten Feinde mit der langen Behaarung wach werden. Sie fliegen auf
die haarigen Stellen zu und suchen zu stechen.


199. Sollen Frauen Imkerinnen werden?

Absichtlich bin ich auf die Frage, weshalb die Frauen eher als Männer
gestochen werden, etwas näher eingegangen. Es handelt sich ja für
zahllose Frauen um eine Lebensfrage. Man sollte meinen, daß ein Beruf,
der keine schwere Arbeit erfordert und obendrein süßen Lohn einbringt,
fast ausnahmslos von Frauen ausgeübt wird. In Wirklichkeit liegt die
Sache genau umgekehrt. Die Zahl der Bienenwirtinnen ist auffallend
klein.

Mir ist von ernsten Männern erzählt worden, daß Frauen, die einen
Schwarm einfangen wollten, von den Bienen totgestochen worden sind.
Deshalb seien Frauen überhaupt nicht als Imkerinnen geeignet.

Es ist nun denkbar, daß Frauen mit unbedecktem, langem Haar die Wut der
Bienen aus dem vorhin erwähnten Grunde erregt haben. Aus Erfahrung weiß
ich, daß Frauen viel häufiger als Männer gestochen werden. Auch habe
ich noch niemals gesehen, daß eine Frau einen Schwarm eingeschlagen hat.

Wenn die Bienen nur deshalb auf die Frauen wütend sind, weil sie langes
Haar besitzen, so könnte die Gefahr für die Frauen leicht beseitigt
werden. Sie brauchten es nur ganz sorgfältig zu verstecken, etwa in
einer Badekappe.

Jedenfalls sollen auch die Männer, wenn sie sich dem Bienenstocke
nähern, ihren Kopf bedecken. Das ist um so angebrachter, je üppiger das
Haar ist.

Das Verstecken der Haare in eine Kapuze müßte für alle Fälle bei den
Frauen von Vorteil sein. Werden die Frauen nicht mehr gestochen, so
wird Herr Böhm, und werden es die andern Imker damit erklären, daß
sich die Bienen nicht mehr in den langen Haaren verwickeln können.
Ich glaube dagegen, daß hier derselbe Fall vorliegt, wie beim Stier
und dem roten Tuch oder dem Truthahn und der roten Farbe, nämlich die
Erinnerung an einen früheren Feind.

Uebrigens könnte man der wirklichen Ursache leicht auf den Grund
kommen. Sind die Bienen deshalb stechlustig, weil haarige Stellen
sie an ihre alten Feinde erinnern, so ist es sehr unzweckmäßig, wenn
der Imker einen großen Vollbart trägt. Es wäre für ihn vielmehr
vorteilhaft, stets glatt rasiert zu gehen. Durch Umfrage bei den Imkern
muß sich feststellen lassen, ob solche mit Vollbärten mehr gestochen
werden als solche, die keinen Bart oder nur einen Schnurrbart tragen.


200. Mit welchen Sinnen sucht die Biene die Blüten auf?

Der Mensch gebraucht, wie wir wissen, in erster Linie seine Augen, um
einen Gegenstand zu finden. Die Nase kommt dabei nur ausnahmsweise in
Betracht.

Die Tiere sind dagegen in der Mehrzahl Nasentiere, die ihre Nahrung
durch den Geruch suchen.

Von dem feinen Geruch der Bienen erzählt uns Herr Böhm folgendes
Beispiel. Er hatte eine neue Wasserleitung angelegt, aber sie gab noch
kein Wasser. Da fiel es ihm auf, daß die Bienen an einem heißen Tage
zu dem Wasserleitungshahne flogen. Als er nachsah, stellte er fest,
daß inzwischen der Anschluß erfolgt war. Da der Hahn nicht ganz fest
geschlossen war, so befanden sich in seinem Innern bereits einige
Wassertropfen. Diese Tropfen, die ganz verborgen waren, hatten die
Bienen gewittert.

Aehnliche Beobachtungen habe ich ebenfalls gemacht. Die verwandten
Wespen zeigen gleichfalls ein erstaunliches Geruchsvermögen. Wird ein
Konfitürengeschäft eröffnet, das Süßigkeiten ausstellt, so finden sich
selbst in der Großstadt sofort Wespen ein.

Der Geruchsinn ist ohne Frage der Grundsinn bei den Bienen. Schon das
Ausräuchern der Bienen als Mittel zu ihrer Vertreibung beweist die
Empfindlichkeit ihres Geruchsorgans.

Aber die Augen sind natürlich auch von Bedeutung. Deshalb ist es nicht
wunderbar, daß sich die Bienen von Farben leiten lassen. Blau scheinen
sie ganz besonders zu lieben. Dann folgt weiß, gelb, rot, grün und
orange.

Wollten die Pflanzen Bienen allein durch ihren Duft anlocken, so hätten
sie bei ungünstigem Winde wenig Erfolg. Ihre Farbenpracht ist also
durchaus zweckmäßig.


201. Die Feinde der Bienen.

Ein Rotschwänzchen, das sich in unserer Nähe zeigt, gibt uns Anlaß,
Herrn Böhm über die Schädlichkeit mancher Insektenfresser als Feinde
der Bienen zu befragen.

Herr Böhm ist ein großer Freund der Singvögel, wie wohl die meisten
Menschen, und glaubt, daß das Rotschwänzchen nur matte Bienen, die
sowieso keinen Wert haben, fange. Nach seinen Beobachtungen kann ein
Rotschwänzchen gesunde Bienen nicht fangen.

Ich bin ebenfalls ein großer Freund der Singvögel, muß jedoch zu diesen
Beobachtungen ein großes Fragezeichen machen.

Unsere Singvögel sind in der Mehrzahl Insektenfresser. Es ist uns sehr
lieb, daß sie Insekten fressen. Im Gegenteil; wie bei den Feinden der
Nager ist es auch hier unser Wunsch, daß die Vögel recht unter den
Insekten aufräumen.

Wie wir aber verlangen, daß frühere Raubtiere eine Ausnahme mit dem
Kaninchen machen, obwohl es ein Nager ist, so fordern wir eine solche
Ausnahmestellung auch bei den Bienen, obwohl sie zu den Insekten
gehören.

Manche Imker denken nicht so milde wie Herr Böhm. Sie verlangen, daß
alle Tiere, die eine Biene fangen, auf die Liste der schädlichen
Tiere gesetzt werden. Es sind das vielfach solche, die sonst zu den
nützlichsten Geschöpfen gerechnet werden, also z. B. Schwalben,
Spechte, Meisen, das schon erwähnte Rotschwänzchen, ferner Störche,
Würger, Bienenfresser, Wespenbussarde, sodann die sonst so nützliche
Spitzmaus und die ebenfalls sehr nützliche Kröte. Unter den Insekten
hat die Biene folgende Feinde: Hornissen, Wespen, Bienenwölfe,
Maiwürmer, Bienenkäfer, Bienenbuckelfliegen, Wachsmotten, Bienenläuse
und andere.


202. Die Rassen der Honigbiene.

Herr Böhm hat, wie wir schon erwähnten, Heidebienen. Er ist aber gar
nicht von ihnen entzückt, weil sie zu schwarmwütig und stechlustig sind.

Erfahrene Bienenkenner weisen darauf hin, daß die deutschen Imker mit
der Einführung fremder Bienen einen großen Fehler begangen hätten. Da
die geschlechtslosen Arbeiterinnen sich nicht vermehrten, so sei die
Haupttätigkeit auf die Zucht der Drohnen und der Königinnen zu legen.
Es müsse nach den Grundgesetzen der Tierzucht aus den deutschen Bienen,
die für unser Klima am besten passen, eine schwarmträge Rasse gezüchtet
werden.

Außer der deutschen einfarbigen Honigbiene gibt es noch die bunte
südeuropäische Biene. Namentlich ist hiervon die italienische Biene
bekannt, die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts bei uns eingeführt
wurde. Sonst gibt es noch die ägyptische, afrikanische, chinesische,
indische Biene usw.

Die Heidebiene ist eine Unterart der deutschen Biene und unterscheidet
sich durch eine dunklere Färbung von ihr, die nicht so schwarmwütig
ist. Einen Uebergang zu der bunten Bienenrasse bildet die nordische
Biene, die wegen ihrer Sanftmut beliebt ist. Ebenso sanftmütig ist die
zwischen beiden stehende kaukasische Rasse. Ist die italienische Biene
bei uns naturgemäß wenig winterhart, so ist die ihr verwandte cyprische
Biene obendrein noch sehr bösartig und schwarmwütig.

Die Biene gehört zu den Insekten und zwar zu der Ordnung der
Hautflügler. Das Bienenvolk besteht außer den geschlechtslosen
Arbeiterinnen aus Drohnen und der Königin. Die Königin ist größer
und hat einen längeren Hinterleib. Sie sorgt mit den Drohnen für die
Fortpflanzung des Volkes, indem sie einige Tage nach dem Ausschlüpfen
ihren Hochzeitsflug unternimmt, auf dem sie befruchtet wird. Sie legt
Eier, und zwar entstehen aus den befruchteten Eiern Arbeiterinnen und
Königinnen, aus den unbefruchteten Eiern Drohnen. Es wird je ein Ei in
eine Zelle gelegt -- gestiftet, wie der Imker sagt -- und zwar kann die
Königin in vierundzwanzig Stunden bis zu 3000 Stück Eier legen.

Die Königin ist also der Mittelpunkt des Ganzen. Schwärmende Bienen
lassen sich ruhig einfangen, wenn die Königin dabei ist. Andernfalls
fliegen sie fort.

Nach drei Tagen schlüpfen aus den Eiern Larven, die später Bienen
werden. Die Entwicklungszeit der Königin dauert 16, die der
Arbeitsbienen 21, die der Drohnen 24 Tage.

Die Königin kann 5 Jahre alt werden, die Arbeitsbienen leben, wie schon
erwähnt wurde, nur etwa 6 Wochen. Ausnahmen bilden die im Herbste
erbrüteten Bienen, die den Winter überdauern. Die Drohnen sterben im
August in der sogen. Drohnenschlacht.

Die ganze Arbeitslast des Bienenvolkes wird von den verkümmerten
Weibchen geleistet, die deshalb Arbeiterinnen heißen. Sie füttern die
Brut, sie lecken den Blumennektar auf, der sich in ihrem Magen in
Honig verwandelt, und tragen ihn in die Zellen ein. Nicht so gut ist
der Honig von Blattläusen. Die Hinterbeine der Arbeitsbienen sind mit
Körbchen und Bürstchen ausgestattet, mittels deren sie den Blütenstaub
zu den Zellen bringen und dort abfegen. Zum Stopfen der Ritzen tragen
sie Harz oder Stopfwachs ein, das sie von den Knospen der Kastanien und
anderer Bäume holen.

Die Arbeitsbienen bauen die Zellen aus Wachs, das sie aus den
Leibesringen ausschwitzen. Die Zellen werden wagrecht auf der
Mittelwand der Wabe errichtet, die ihrerseits stets senkrecht
steht. Die Zelle zur Ausbrütung der Königin ist besonders groß und
eichelförmig.

Sehr wichtig ist es, daß bei dem Nichtvorhandensein einer Königin aus
der Larve einer Arbeiterin durch besonders reichliche Fütterung eine
neue Königin erzogen werden kann.

Es wurde bereits erwähnt, daß die sechseckige Form der Zellen von jeher
das Erstaunen der Menschen erregt hat. Die meisten erblicken darin
einen Beweis der besonderen Klugheit der Bienen. Andere behaupten
dagegen, daß hiervon keine Rede sein könne. Denn aus dem gemeinsamen
Bauen der Bienen ergebe sich mit Notwendigkeit diese Form.

Die Waben der heutigen Imker sind häufig beweglich. Herr Böhm nimmt sie
heraus und zeigt sie uns. Das ist nicht immer der Fall gewesen, wie
wir schon eingangs erwähnt haben. Ursprünglich ließ man die Bienen in
ausgehöhlten Baumstämmen, sogen. Klotzbeuten, hausen. Noch heute gibt
es in Westpreußen Beutekiefern. Zu einem wirklichen Haustier aber ist
die Biene erst durch die bewegliche Wabe geworden, die in der Mitte des
vorigen Jahrhunderts durch Dzierzon und Berlepsch erfunden wurde.

Durch eine Schleudervorrichtung wird der Honig aus den Waben
geschleudert. Je nach der Gegend und der Stärke des Stockes läßt der
Imker den Bienen bis zu 20 Pfund Honig für den Winter.

Im Gegensatz zum Zucker wird der Honig sofort verdaut. Die Alten haben
nicht so ganz Unrecht gehabt, daß sie die heilsame Wirkung des Honigs
immer wieder betonten. Keine Nahrung soll das Leben so verlängern wie
der Honig.


203. Sind die Bienen fleißig?

Wenn wir das Gewimmel und die aufopfernde Tätigkeit der Bienen
mit eigenen Augen sehen, wie sie eintragen und wieder eilend
fortfliegen, um dem Volke neue Nahrung zu bringen, dann ist es uns
ganz verständlich, daß man schon im Altertum den Staat der Bienen den
Menschen als Muster vorgehalten hat. Wie die Ameisen, die ohne Ansporn
immer tätig sind, so scheinen auch die Bienen einen vorbildlichen Fleiß
zu bekunden.

Auch hier fragt es sich, ob wir nicht menschliche Vorstellungen in
die Tierwelt hineintragen, wo sie gar nicht hinpassen. Das Bienenvolk
wie der Ameisenstaat bestehen aus einem fortpflanzungsfähigen Wesen.
Die einzelne Biene pflanzt sich nicht fort. Das ist ein grundlegender
Unterschied zu allen andern Geschöpfen. Mit Recht nennt der Imker das
ganze Volk »der Bien«. Wie andere Geschöpfe aus zusammenhängenden
Zellen bestehen, so der Bien ebenfalls aus Zellen, aber im Gegensatz zu
sonstigen Geschöpfen aus beweglichen Zellen.

Ist aber die einzelne Biene gar kein selbständiges Geschöpf, sondern
nur eine bewegliche Zelle, dann kann man ihr weder Lob noch Tadel
erteilen. Wir loben unser Herz nicht, weil es Tag und Nacht schlägt,
ebenso unsere Lungen nicht, die unermüdlich von früh bis spät und
selbst die Nacht hindurch für frische Luft sorgen. Hat schon jemand den
Magen gelobt, weil er fleißig verdaut?

Es sprechen folgende Umstände dafür, daß die Biene kein selbständiges
Geschöpf ist.

1. Wie der Mensch einzelne Zellen für das Ganze opfert, -- um nicht
auf den Kopf zu fallen, hält er die Arme vor --, so opfern sich die
einzelnen Bienen für das Ganze.

2. Unsere Zellen arbeiten Tag und Nacht. Geht man zur Nachtzeit in das
Bienenhaus -- was ich oft gemacht habe --, so sieht man die Bienen auch
nachts in reger Tätigkeit.

3. Unser Körper kapselt eingedrungene Kugeln, die er nicht durch
Schwären hinausbekommen kann, ein. Genau so kapselt der Bien
eingedrungene Tiere, z. B. Mäuse, ein.

4. Um die Bienenkönigin dreht sich alles. Bei andern selbständigen
Geschöpfen kommt ähnliches nicht vor. Ist die Königin der Kern des
Biens, dann ist alles verständlich. Dann ist das Schwärmen die Geburt
eines neuen Biens.

Wer die Biene als selbständiges Geschöpf bezeichnet, wird für die
Drohnenschlacht kaum eine Erklärung haben. Die Tötung der wehrlosen
Männchen erscheint mit dem sonstigen Benehmen der fleißigen Geschöpfe
ganz unvereinbar.

Ist dagegen das ganze Bienenvolk nur ein Geschöpf, dann ist die
Drohnenschlacht, wie ich in meinen Büchern ausführlich begründet habe,
ein ganz naturgemäßer Vorgang.

Die Frage, ob die Bienen fleißig sind, läßt sich also nicht so
ohne weiteres bejahen. Vom Standpunkte des Menschen aus sind sie
unzweifelhaft fleißig. Aber dieser Standpunkt kann sachlich nicht
begründet sein.

Wir verabschieden uns jetzt von Herrn Böhm, zumal seine Befürchtung
wegen des Schwärmens unbegründet zu sein scheint, und weil wir uns noch
die im Aquarium befindlichen Bienenstöcke ansehen wollen.

Hier kann der Besucher noch besser die Tätigkeit der Bienen beobachten,
da die Zugänge zum Stock mit Glas überdeckt sind. In dem einen Zugang
liegen vier tote Bienen. Von dem vielgepriesenen Reinlichkeitssinn der
Bienen kann man in diesem Falle nichts bemerken. Jede Biene bleibt bei
der toten Genossin eine Weile stehen und beschnüffelt sie anscheinend.
Dann geht es eilends weiter. Von einem Fortbringen der Leichen ist
keine Rede.

Wahrscheinlich ist die Handlungsweise der Bienen ganz berechtigt. Sie
werden sich sagen, daß das Fortbringen der Toten auch in der Nacht
geschehen kann. Dagegen ist das Eintragen von Honig gerade jetzt, wo
die Linden so schön zu blühen anfangen, in der Dunkelheit nicht möglich.

Vor dem Einflugsloch befindet sich ein Brettchen, und dicht daneben
ein gleichartiges. Niemals irrt sich eine Biene beim Zufliegen in
dem Brettchen. Der Ortssinn der Bienen muß also ganz wunderbar sein.
Hierüber habe ich schon manchmal gestaunt.

So wohnte ich vor vielen Jahren bei einem befreundeten Bienenzüchter.
Dieser verkaufte die Hälfte seines Grundstückes. Infolgedessen mußte
der Bienenstand eine andere Stelle erhalten. Tagelang aber flogen die
Bienen zunächst nach der ganz leeren Stelle, wo er früher gestanden
hatte.

Die Tiere müssen also, wie immer wieder hervorgehoben werden muß, zu
dem Raume in einem ganz anderen Verhältnis stehen wie der Mensch.

Zum Vorgang des Schwärmens, den wir leider nicht selbst beobachten
konnten, sei bemerkt, daß die Bienen wie eine Wolke dahinziehen und
sich traubenförmig an einem Aste niederlassen. Der Imker, der sich
gewöhnlich Kopf und Hände durch Vorrichtungen schützt, dabei auch
raucht, steigt auf eine Leiter und bringt den Schwarm vorsichtig in
einen Eimer oder in ein anderes Gefäß.


204. Warum werden Pferde besonders leicht von Bienen gestochen?

Bereits im Altertum ist es aufgefallen, daß Pferde leicht Gefahr
laufen, von Bienen gestochen zu werden. Es ist mir nicht bekannt, daß
andere Haustiere von Bienen getötet worden sind, aber von Pferden ist
es mir wiederholentlich berichtet worden. Ein bekannter Naturforscher
führt folgende Fälle an: 1. Im Jahre 1820 fuhr ein Freund von mir
von Berlin nach Wittenberg. Nicht weit von Schmögelsdorf fiel ein
Bienenschwarm aus unbekannter Ursache wie rasend über die Pferde her.
Das eine wurde totgestochen, das andere starb am folgenden Tage. 2.
Am 24. Mai 1854 hielt der Bauer Meier vor der Wohnung eines Bauern zu
Wotersen auf der Landstraße mit einem Viergespann, als plötzlich die
aus etwa sieben Stöcken kommenden Bienenschwärme sich gleichzeitig auf
die Pferde warfen. Das erste erlag sogleich den Stichen, die übrigen
starben teils an demselben Tage, teils am folgenden. Alle Versuche zur
Vertreibung der Bienen durch Abschießen von Pulver und Uebergießen mit
kaltem Wasser blieben erfolglos. Die Bienen desselben Bauern hatten
schon früher an derselben Stelle zwei Pferde getötet.

Man versteht hiernach, daß unsere Vorfahren nicht so unrecht hatten,
wenn sie die Biene als »wilden Wurm« bezeichneten. Vier Pferde auf
einen Schlag zu verlieren, ist namentlich bei den heutigen Preisen für
Pferde gewiß keine Kleinigkeit.

Die Fälle sind deshalb fast wörtlich angeführt, damit ersichtlich wird,
daß die Pferde zu dem Angriff der Bienen nicht den geringsten Anlaß
gegeben haben. Sie waren auf der Landstraße und haben, wie immer, ihren
regelmäßigen Dienst getan. Bei der Schilderung der Fälle ist auch nicht
einmal der Versuch gemacht worden, das Verhalten der Bienen zu erklären.

Ich komme auf meine bereits im Kap. 198 geäußerte Ansicht zurück. Das
Pferd, das regelmäßig braun sein wird, erinnert die Bienen an ihren
Todfeind, den Honigbären. Uebrigens gibt es in Europa Bären von der
verschiedensten Färbung, wie mir die Felle, die mir ein bekannter
Bärenjäger gezeigt hat, beweisen. Das Pferd ist also auch gefährdet,
wenn es nicht braun ist.

Der Hund mit seinem zottigen Haar wäre auch gefährdet. Aber die
Hundeartigen kennen aus früheren Zeiten die Gefahren durch Bienenstiche
und ziehen sich rechtzeitig zurück. Ebenso kennen Wildrinder und
Wildschafe in ihrer Heimat wilde Bienen und benehmen sich entsprechend.
Auch scheinen die Bienen die Ungefährlichkeit der Wiederkäuer zu kennen.

Dagegen kennt das Pferd keine Wildbienen, weil es in der Steppe kaum
Bienen gibt. Umgekehrt wissen die Bienen nicht, daß sie von den Pferden
nichts zu fürchten haben.

Da die Pferde gewöhnlich angeschirrt sind, so sind sie wehrlos den
Stichen der Bienen preisgegeben.

Die Bienen haben allen Grund, auf den Bären erbost zu sein. Ein
Deutscher, der ein Menschenalter hindurch in Rußland Oberförster war,
schildert die Angriffe des Bären auf Bienenstöcke in folgender Weise:

In Rußland hat gewöhnlich jeder Buschwächter einige Bienenstöcke, die
im Laufe des Sommers auf großen, alten Kiefern angebracht werden, wo
sie bis zum Spätherbst bleiben. Findet nun Meister Petz zufällig einen
Baum und merkt, daß da oben etwas zu holen ist, so steigt er hinauf und
fängt an, den Bienenstock zu bearbeiten, und wirtschaftet so lange, bis
er ihn entweder öffnet oder losreißt und vom Baume wirft. Obgleich der
ganze Bienenschwarm über ihn herfällt, kümmert er sich wenig darum,
denn durch seinen Pelz dringt wohl selten ein fühlbarer Stich, die
Augen drückt er zu, und über die Nase fährt er mit der Pranke; also
arbeitet er unter dem Gesumme der Bienen, ohne besonders belästigt zu
werden. Hat nun der Bär einmal den Honig geschmeckt, dann wehe allen
Bienenstöcken, wenn er sie ausfindig macht. So lautet der Bericht
unseres Gewährsmannes.

Der Name Honigbär für unseren braunen Bären ist also ganz zutreffend.
Die Bienen sind machtlos gegen ihn, da er seine empfindliche Nase durch
die vorgehaltene Pranke schützt.

Es kann also leicht sein, daß die Bienen das Pferd mit ihrem Erzfeinde,
dem Bären, verwechseln. Dann wäre die Tötung von Pferden durch Bienen
erklärlich.

Es würde sich für alle Pferdebesitzer daraus der wichtige Rat ergeben,
vor Bienenstöcken lieber einen kleinen Umweg zu machen.


205. Die Biene in Redensarten und Sprichwörtern.

Erwähnt wurde bereits, daß die alten Deutschen die Biene einen
wilden Wurm nannten. Ebenso ist der Spruch über das Schwärmen in den
verschiedenen Monaten wiedergegeben. Sonst ist noch die Redensart
üblich:

               *Der Bien muß.*

Im Grimmschen Wörterbuch finde ich diese Redensart nicht angeführt.
Gewöhnlich heißt es, daß in einem Lügenmärchen von Bienen erzählt wird,
die so groß wie Schafe sind. Auf die erstaunte Frage, wie die Bienen
bei dieser Größe durch das enge Flugloch in den Bienenstock gelangen,
wird die vorstehende Redensart als Antwort erteilt.

[Illustration: Bienenwabe mit Brut in verschiedenen
Entwicklungszuständen]

[Illustration: Die Geschlechter der Bienen

  1 Königin      2 Arbeiterin      3 Drohne]

[Illustration: Korbbienenstand]



Die nähere Begründung der hier ausgesprochenen Ansichten ist in
nachstehenden Büchern zu finden: 1. Ist das Tier unvernünftig? 2.
Tierfabeln. 3. Straußenpolitik. 4. Streifzüge durch die Tierwelt.
5. Das Pferd als Steppentier. Sämtlich bei Franckh in Stuttgart
erschienen. Ferner in 6. Diktatur der Liebe. Bei Hoffmann u. Campe,
Berlin. 7. Welche Fingerzeige gibt uns die Lebensweise des Wildschweins
für die Behandlung, Züchtung und Fütterung des Hausschweins? Verlag der
Vereinigung deutscher Schweinezüchter, Berlin W., An der Apostelkirche
1. 8. Was können wir aus der Lebensweise der Wildschafe zur Hebung der
Schafzucht lernen? Bei Hosang u. Co., Hannover.



Inhaltsangabe.


                                                                   Seite

  Vorwort                                                              3

  Der Hund                                                             5

    1. Warum bellt der Hund? 5 -- 2. Warum bellt der Hund sich drehende
    Räder an? 8 -- 3. Das Fressen unappetitlicher Sachen 10 -- 4. Das
    Lappen des Wassers mit der Zunge 11 -- 5. Der Platz in der Sonne
    und am warmen Ofen. Das Sich-herumdrehen vor dem Hinlegen 12 -- 6.
    Das Alter des Hundes 13 -- 7. Die Rassen (Unterarten) des Hundes
    16 -- 8. Der Zeitsinn der Tiere 17 -- 9. Der Ortssinn der Tiere 19
    -- 10. Das Apportieren (Herbringen von Gegenständen) des Hundes
    21 -- 11. Die Bedeutung des Geruchssinnes. Der Eigentumssinn
    der Hunde 24 -- 12. Soll man sich in der Großstadt einen Hund
    halten? Die Stubenreinheit des Hundes 27 -- 13. Das Grasfressen
    der Hunde. Schämen sich manche Hunde? 30 -- 14. Das Laufen gegen
    den Wind. Warum ist die Hundenase kühl und feucht? Warum gibt
    es bei den Hunden Steh-, Kipp- und Hängeohren? Die Wichtigkeit
    des Gehörs 33 -- 15. Warum fürchtet sich der Hund vor dem leeren
    Wasserglase? Warum bellt er den Mond an? 34 -- 16. Warum wedelt
    der Hund mit dem Schwanze? 36 -- 17. Warum gibt es kurzhaarige
    Hunde? Der Windhund 37 -- 18. Der Schäferhund als Polizei- und
    Blindenhund 40 -- 19. Die Fütterung des Hundes 41 -- 20. Die Feinde
    des Hundes. Hund und Wolf 43 -- 21. Rätselhaftes beim Hunde 47 --
    22. Allerlei Hundegeschichten. Richtige Behandlung des Hundes 49
    -- 23. Sogenannte Unarten der Hunde und ihre Bekämpfung 52 -- 24.
    Klugheit und Verstellungskunst einer deutschen Dogge 55 -- 25.
    Verstellung und Beistand bei Hunden 59 -- 26. Leistungen der Hunde
    zum Nutzen der Menschen 61 -- 27. Gefahren durch Hunde 63 -- 28.
    Geschichtliches vom Hunde 65 -- 29. Der Hund in Sprichwörtern und
    Redensarten 66

  Die Katze                                                           69

    30. Hund und Katze waren früher Raubtiere. Warum sehen sie
    trotzdem verschieden aus? 69 -- 31. Welchen Zwecken dienen die
    Schnurrhaare der Katze? 72 -- 32. Das Schmeicheln der Katze. Ist
    die Katze falsch? 73 -- 33. Warum schlingt der Hund, während die
    Katze gesittet frißt? 74 -- 34. Die Katzenwäsche. Sind Katzenhaare
    giftig? 75 -- 35. Warum hat die Katze eine rauhe Zunge? 77 -- 36.
    Das Vorgefühl der Tiere für kommendes Wetter 78 -- 37. Der Haß
    des Hundes gegen die Katze. Warum macht die Katze einen Buckel?
    Ist sie tapfer? 80 -- 38. Warum begleitet die Katze ihren Herrn
    nicht wie der Hund? Warum geht sie nicht mit ihm auf die Jagd? 81
    -- 39. Warum fällt die Katze immer auf die Füße? Warum leuchten
    ihre Augen? 83 -- 40. Wie fängt die Katze Mäuse? Die Katze als
    Vogelfeindin 85 -- 41. Warum schüttelt die Katze beim Fressen
    den Kopf? 87 -- 42. Die Rassen der Katze. Alter und sogenannte
    Erziehung 90 -- 43. Die Feinde der Katze 93 -- 44. Die Katze als
    angebliche Nachahmerin unserer Reinlichkeitsbestrebungen 94 --
    45. Geschichten von Katzen 96 -- 46. Die Katze in Redensarten und
    Sprichwörtern 97

  Das Pferd                                                           99

    47. Warum gibt es so viele braune Pferde? 99 -- 48. Warum hat
    das Pferd eine Mähne? Die Fabel von dem Kreisbilden der Pferde
    101 -- 49. Warum kann das Pferd nur durch die Nase atmen? 102
    -- 50. Warum scheuen die Pferde und gehen durch? 103 -- 51. Die
    Bodenscheu 104 -- 52. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins
    Maul. Warum trägt ein Pferd Hufeisen? 105 -- 53. Der Schweif des
    Pferdes, verglichen mit dem Schwanz von Hund und Katze 106 --
    54. Sieht das Pferd alles größer? 108 -- 55. Ist der Futterkübel
    praktisch? 110 -- 56. Die Rassen oder Stämme des Pferdes 111 --
    57. Warum fährt man lieber zweispännig als einspännig? 113 -- 58.
    Warum schreien Pferde nicht? Das Wiehern der Pferde 114 -- 59.
    Andere Eigentümlichkeiten des Pferdes 116 -- 60. Kummet- oder
    Sielengeschirr. Warum ist das Fahren älter als das Reiten? 117 --
    61. Warum läuft das Pferd gerade und der Hund schräg? 118 -- 62.
    Die naturgemäße Fütterung der Pferde. Das Koppen 119 -- 63. Geht
    es auch ohne Peitsche? 121 -- 64. Die Feinde des Pferdes 121 --
    65. Warum können Fohlen gleich auf den Beinen stehen? 128 -- 66.
    Geschichten von Pferden 124 -- 67. Ueber richtige Behandlung des
    Pferdes 130 -- 68. Die geistigen Fähigkeiten der Tiere 133 -- 69.
    Was verstehen wir unter »Instinkt« bei den Tieren? 134 -- 70. Das
    Gedächtnis des Pferdes 136 -- 71. Das Verständnis der Pferde für
    Kommandoworte 137 -- 72. Warum müssen wir das Pferd putzen? 138 --
    73. Das Pferd in Redensarten und Sprichwörtern 139

  Esel und Maultier                                                  140

    74. Das Aeußere des Esels 140 -- 75. Warum sieht man selten kranke
    Esel? 141 -- 76. Ziehhund oder Esel? 142 -- 77. Wie ist der
    Esel mit dem Maultier verwandt? 144 -- 78. Wie erklärt sich die
    Abneigung des Pferdes gegen den Esel? 144 -- 79. Warum schreit der
    Esel Ya? 144 -- 80. Die Rassen des Esels 144 -- 81. Der Esel im
    Sprichwort und in Redensarten 145

  Das Rind                                                           146

    82. Warum können wir nicht auch fetten Schweizerkäse herstellen?
    146 -- 83. Der Stier und die rote Farbe 147 -- 84. Das Flotzmaul
    der Rinder 148 -- 85. Die Furcht der Rinder vor dem Blutgeruch
    148 -- 86. Die Furcht der Rinder vor den Bremen 149 -- 87. Die
    Abneigung der Rinder gegen Hunde 149 -- 88. Das Aufblähen der
    Rinder 149 -- 89. Die Kuh vorm neuen Tor. Der Ortssinn der Tiere
    151 -- 90. Weitere Vergleiche zwischen Rind und Pferd 153 -- 91.
    Geschichten vom Rind 155 -- 92. Welches sind die Feinde des Rindes?
    158 -- 93. Wie hoch ist der Milchertrag einer Durchschnittskuh? 159
    -- 94. Warum ist das Rind ein Wiederkäuer, das Pferd nicht? 160
    -- 95. Die geistigen Gaben der Rinder 161 -- 96. Die Rassen der
    Rinder 161 -- 97. Krankheiten der Rinder 162 -- 98. Das Rind in
    Redensarten und Sprichwörtern 162

  Das Schwein                                                        163

    99. Wodurch unterscheidet sich das Hausschwein vom Wildschwein? 163
    -- 100. Warum ist der Kopf des Schweines kegelförmig? 163 -- 101.
    Warum nennt man einen Menschen mit kleinen Augen schweinsäugig?
    164 -- 102. Warum liegt unser Hausschwein gern in einer Pfütze
    und auf dem Miste? 165 -- 103. Welches sind die Vorzüge unseres
    Hausschweins? 165 -- 104. Warum gedeihen die Schweine bei kleinen
    Leuten so gut? 166 -- 105. Wie soll der Schweinestall beschaffen
    sein? 167 -- 106. Warum frißt die Sau die eigenen Ferkel? 167 --
    107. Muß ein gutes Schwein alles fressen? 168 -- 108. Die Fütterung
    der Schweine mit Rohrwurzeln 168 -- 109. Die Rassen des Schweins
    169 -- 110. Das Schwein in Redensarten und Sprichwörtern 170

  Die Ziege                                                          171

    111. Warum können junge Ziegen bereits vortrefflich klettern? 171
    -- 112. Warum fressen Ziegen ungern Gras? 172 -- 113. Wie erklärt
    sich die Giftfestigkeit der Ziege? 172 -- 114. Warum heißt die
    Ziege die Kuh des armen Mannes? 173 -- 115. Wie lebt die Ziege im
    Gebirge? 174 -- 116. Warum gibt es im Ziegenstall so wenig Fliegen,
    im Kuhstall so viele? 175 -- 117. Die Rassen der Ziege 176 -- 118.
    Die Ziege in Redensarten und Sprichwörtern 177

  Das Schaf                                                          178

    119. Warum blökt das Schaf? 178 -- 120. Warum krümmen sich beim
    Schafbock die Hörner, beim Ziegenbock nicht? 179 -- 121. Warum
    folgen die Schafe dem Leithammel? 180 -- 122. Warum sieht das Schaf
    so furchtbar ängstlich aus? 180 -- 123. Geschichten von Schafen 181
    -- 124. Warum braucht der Schäfer einen Hund? 182 -- 125. Mufflon
    und Hausschaf. Neue Futterquellen für unsere Hausschafe 183 -- 126.
    Die Rassen des Hausschafs 184 -- 127. Das Schaf in Redensarten und
    Sprichwörtern 185

  Das Kaninchen                                                      186

    128. Warum trinkt das zahme Kaninchen, das Wildkaninchen nicht?
    186 -- 129. Welches sind die Feinde des Kaninchens? 187 -- 130.
    Zweckmäßige Behandlung unseres Kaninchens 188 -- 131. Die Rassen
    des Kaninchens 189 -- 132. Was versteht man unter einer Rasse? 189
    -- 133. Geschichten vom Kaninchen. Kaninchen hat angefangen 189 --
    134. Kann das Kaninchen mit dem Schwein in Wettbewerb treten? 190
    -- 135. Wie groß ist die Vermehrung des Kaninchens? 191 -- 136. Das
    Kaninchen in Redensarten und Sprichwörtern 191

  Das Meerschweinchen                                                192

    137. Das Meerschweinchen 192

  Das Frettchen                                                      194

    138. Wie unterscheidet sich das Frettchen vom Iltis? 194 -- 139.
    Tötung eines Berliner Kindes durch ein Frettchen 194 -- 140. Das
    Frettchen in Redensarten und Sprichwörtern 195

  Das Huhn                                                           196

    141. Warum kräht der Hahn? 196 -- 142. Der Lockruf des Hahns 198
    -- 143. Wie unterscheiden sich Hühner und Tauben? 199 -- 144. Die
    Mutterliebe der Glucke 200 -- 145. Warum gehen die Hühner so zeitig
    schlafen? Die sogen. Hühnerkieke 202 -- 146. Die Farbenblindheit
    der Hühner. Die Hypnose des Huhns durch einen Kreidestrich 203 --
    147. Die naturgemäße Behandlung des Huhns 204 -- 148. Eine blinde
    Henne findet auch ein Korn 205 -- 149. Die künstliche Glucke. Die
    Wetterfestigkeit des Huhns 206 -- 150. Wie kriecht das Küchlein aus
    dem Ei? 207 -- 151. Warum brauchen die Hühner sandigen Boden? 208
    -- 152. Die Rassen des Huhns 208 -- 153. Das Huhn in Redensarten
    und Sprichwörtern 209

  Das Truthuhn                                                        211

    154. Das Hochzeitskleid des männlichen Truthuhns 211 -- 155.
    Woraus ist die Abneigung des Truthahns gegen die rote Farbe
    zurückzuführen? -- Die Herkunft der Truthühner 211

  Der Pfau. Das Perlhuhn. Der Fasan                                  213

    156. Warum schreit der Pfau so häßlich? 213 -- 157. Vergißt
    der Fasan das Fliegen? 213 -- 158. Der Pfau in Redensarten und
    Sprichwörtern 214

  Die Taube                                                          215

    159. Die Kommandosprache der Tauben 215 -- 160. Wie retten sich die
    Tauben vor den Raubvögeln? 216 -- 161. Warum muß der Stößer die
    Tauben erst überfliegen? 217 -- 162. Warum sitzen unsere Haustauben
    auf Dächern und nicht auf Bäumen? Der Taubenschlag 219 -- 163.
    Wie finden sich die Brieftauben zurecht? 220 -- 164. Die Tauben
    als Vorbilder des Menschen 221 -- 165. Naturgemäße Fütterung und
    Haltung der Tauben 222 -- 166. Die Rassen der Haustaube 222 -- 167.
    Die Taube in Redensarten und Sprichwörtern 223

  Die Ente                                                           224

    168. Warum sind die Wildenten im Berliner Tiergarten meistenteils
    ausgewandert? 224 -- 169. Warum hat die von uns beobachtete
    Wildente nur drei Junge? 224 -- 170. Die Feinde der Ente 225
    -- 171. Warum nennt man eine falsche Zeitungsnachricht eine
    Zeitungsente? 226 -- 172. Ist die Ente wie das Huhn ein Tagtier?
    227 -- 173. Warum läßt man Enteneier durch Hühner ausbrüten? 228 --
    174. Die Rassen der Ente 228 -- 175. Die Ente in Redensarten und
    Sprichwörtern 229

  Die Gans                                                           230

    176. Warum gilt die Gans als wachsam? 230 -- 177. Wie steht es
    mit den geistigen Fähigkeiten der Gans? 231 -- 178. Wie erklärt
    sich der Gänsemarsch? 231 -- 179. Aus der Lebensgeschichte einer
    Wildgans 232 -- 180. Die Rassen der Gans 233 -- 181. Die Gans in
    Redensarten und Sprichwörtern 233

  Der Schwan                                                         235

    182. Warum hat der Schwan einen so langen Hals? 235 -- 183. Der
    Schwan in Redensarten und Sprichwörtern 236

  Der Kanarienvogel                                                  237

    184. Warum gerät der Kanarienvogel in Wut, wenn er sein
    Spiegelbild erblickt? 237 -- 185. Warum singen nur die Männchen
    bei den Singvögeln? 238 -- 186. Warum hassen die Sperlinge den
    Kanarienvogel? 239 -- 187. Wie erklärt sich die gelbe Farbe des
    Kanarienvogels? 240 -- 188. Warum stecken die Vögel beim Schlafen
    den Kopf in die Federn? 240 -- 189. Die Rassen des Kanarienvogels
    242

  Der Wellensittich                                                  243

    190. Warum ist nur der Wellensittich ein Haustier? 243 -- 191.
    Warum fehlt dem Tier die Sprache? 244

  Der Goldfisch                                                      246

    192. Warum ist der Goldfisch ein beliebter Aquariumfisch? 246 --
    193. Wie richte ich ein Aquarium ein? 246 -- 194. Der Goldfisch in
    Redensarten 248

  Der Seidenspinner                                                  249

    195. Warum ist unsere Seidenraupenzucht zurückgegangen? 249 -- 196.
    Die Seidenraupe in Redensarten und Sprichwörtern 251

  Die Biene                                                          252

    197. Warum bauen die Bienen im Dunkeln? 252 -- 198. Wann stechen
    die Bienen am meisten? 254 -- 199. Sollen Frauen Imkerinnen werden?
    256 -- 200. Mit welchen Sinnen sucht die Biene die Blüten auf? 257
    -- 201. Die Feinde der Bienen 257 -- 202. Die Rassen der Honigbiene
    258 -- 203. Sind die Bienen fleißig? 260 -- 204. Warum werden
    Pferde besonders leicht von Bienen gestochen? 261 -- 205. Die Biene
    in Redensarten und Sprichwörtern 263

  Inhaltsverzeichnis                                                 264

  Sachregister                                                       267



Sachregister.


          (Die Zahlen zeigen die Seitenzahlen an.)

  Aalstrich der Pferde 100

  Adler als Feind der Katzen 93

  Affen folgen den Leitaffen 180
    -- fressen keine Giftbeeren 135
    -- schwindelfrei 85
    -- Stallgefährten der Pferde bei den Javanern 114
    -- nicht stubenrein 80

  Akarusräude 65

  Albino 194

  Angorakatze 96

  Apportieren des Hundes 18
    -- keine Steine apportieren lassen 23

  Aquarium, Einrichtung 246

  Aufblähen der Rinder 149

  Ausschlagen der Pferde 100


  Baas, Leiter des Rudels 25

  Bandwurm bei Hunden 64

  Bankivahuhn 197

  Bär plündert Bienenstöcke 262
    -- überfällt Rinderherden 159

  Bart bei Ziegen, nicht bei Schafen 179

  Beistand unter Hunden 60

  Bernhardinerhunde 61

  Bewegungslosigkeit als Regel für Jäger 10, 204

  Biene, Bedeutung für Landwirtschaft und Obstbau 253
    -- Feinde 257
    -- fleißig 260
    -- Ortssinn 261
    -- Rassen 258
    -- Sinne 257
    -- stechen 254
    -- stechen leicht Frauen 256
    -- stechen leicht Pferde 261

  Bilder lassen Hund gleichgültig 35
    -- von Affen erkannt 35

  Bison, Pfade 158

  Blinde Henne 205
    -- Hunde und Pferde 20, 152

  Blindenführer, Hund als solcher 28, 41

  Blinde Tiere, Leistungen 152

  Blöken der Schafe 178

  Blutgeruch, Abneigung bei Pferden 131
    -- bei Rindern 148

  Bodenscheu des Pferdes 104

  Branten (Pranken) bei Katzen 73
    -- bei Hunden und Wölfen nicht 16

  Bremen (Bremsen) 149

  Brieftauben 220
    -- Sichzurechtfinden 220


  Coyote (amerikanischer Wolf) trägt Gegenstände im Maul 22


  Dachshund, ungehorsam, Grund 39

  Durchgehen der Pferde 103


  Eigentumssinn des Hundes 26

  Elefanten, Abneigung gegen Schimmel 49
    -- folgen Leitelefanten 180

  Ente, Feinde 225
    -- Gefahr bei Märschen 225
    -- nachts tätig 227
    -- Rassen 228
    -- Verstellung (Zeitungsente) 226

  Enteneier durch Hühner ausgebrütet 228

  Erpel schlechter Vater 226

  Esel, Abneigung gegen Nässe 76, 145
    -- Abneigung des Pferdes gegen ihn 144
    -- Alter 143
    -- frißt gern Disteln 141
    -- gutes Geruchsorgan 141
    -- zierliche Hufe 140
    -- selten krank 141
    -- lange Ohren 140
    -- Rassen 144
    -- wälzt sich gern 139
    -- Yaschreien 144
    -- und Ziehhund 142

  Eskimohund 26

  Eulen, Augenleuchten 85
    -- gefiederte Katze 89


  Fähigkeiten, geistige, der Tiere 133

  Fahren älter als Reiten 117

  Farbenblindheit 203

  Fasan 213

  Fleischerhund 63

  Fliegen setzen sich nicht auf Katzen 75
    -- selten im Ziegenstall 175

  Flöhe bei Hunden 65

  Flotzmaul 148

  Fohlen stehen gleich auf den Beinen 123

  Fragmit als Futtermittel für Schweine 168

  Frauen selten Bienenwirtinnen 256

  Fressen von Hund und Katze 74
    -- unappetitlicher Sachen 10

  Frettchen, Albino 194
    -- Tötung eines Kindes 194

  Fuchs als Feind der Katze 93
    -- schnürt 118

  Futterquellen, neue 168, 183

  Fütterung des Hundes 41
    -- der Katze 89
    -- des Pferdes 119


  Gans, geistige Gaben 231
    -- wachsam 230
    -- Rassen 238

  Gänsefedern 233

  Gänsemarsch 231

  Gedächtnis der Tiere 136

  Gehör, Wichtigkeit 38

  Geier, Aasfresser 11

  Geruchsinn, außerordentliche Bedeutung 24
    -- der Bienen 257
    -- des Esels 141
    -- des Hundes 24
    -- des Pferdes 131, 133
    -- des Rindes 148
    -- des Schweines 164

  Giftfestigkeit der Ziege 172

  Glasaugen der Pferde 112

  Goldfisch 246
    -- Rassen 246

  Grab- und Rennpfoten der Hunde 73

  Grasfressen der Hunde 30

  Graugans 230
    -- im Kampfe mit der Katze 232

  Großstadt wenig geeignet für den Hund 27


  Hahn, krähen 7, 196
    -- kümmert sich nicht um die Küchlein 198
    -- Lockruf 198
    -- Vielehe 198

  Handpferd 115

  Hängeohren 33

  Hans, kluger 136

  Hase, Schutzfärbung 24
    -- Fang durch die Katze 71

  Haustiere, Begriff 6
    -- überfressen sich 111

  Heerkuh 156

  Henne, blinde 205

  Hetzraubtier, Begriff 8, 70

  Hirsch, kurzer Schwanz 108

  Hochzeitskleid 211

  Hörner der Schafe 179

  Hühner brüten Enteneier aus 228
    -- Farbenblindheit 208
    -- Hypnose 208
    -- Mutterliebe 200
    -- naturgemäße Behandlung 204
    -- Rassen 208
    -- sandiger Boden 209
    -- schlechte Flieger, gute Läufer 199
    -- und Tauben 199
    -- Verstellungskünste 201

  Hühnerkieke 202

  Hund abends zu Angriffen geneigt 42
    -- Abneigung gegen Tabak, Zigarren 42
    -- Abneigung der Rinder gegen ihn 149
    -- Abneigung der Schweine gegen ihn 80
    -- keine Abneigung gegen Wasser 77
    -- Alter 13
    -- Anbellen des Mondes 34
    -- Anspringen des Herrn 72
    -- Anzahl der Jungen 15
    -- Apportiert aus Natur 21
    -- Augenleuchten 85
    -- Bandwürmer 64
    -- beachtet Bilder und Spiegel nicht 35
    -- Begegnung mit anderem Hunde 18
    -- erwartet Beistand 83
    -- Beißereien unter Hunden 25
    -- beißt gern laufende Menschen 8
    -- Belecken der Wunden 48
    -- bellt, Grund dafür 7
    -- bellt drehende Räder an 8
    -- bewegliche Haut 32
    -- Bewegung nötig 29
    -- Bewegungen leicht wahrgenommen 10
    -- als Blindenführer 28, 41
    -- blinder findet sich zurecht 20
    -- als Bote 50
    -- hat keine Branten 16
    -- Brechmittel 31
    -- Charakter erst mit zwei Jahren erkennbar 16
    -- demütig 74
    -- Drang zu Bekanntschaften 9
    -- dreht sich vor dem Hinlegen 12
    -- Ehrgefühl und Eitelkeit 32
    -- Eigentumssinn 26
    -- Entwicklung, schnell 14
    -- erfriert sich die Beine 142
    -- erkennt seinen Herrn und andere Hunde am Geruch 41
    -- feige und mutige 81
    -- Feinde 43
    -- Flöhe 66
    -- flüchtet vor Bienen 262
    -- Fressen 74
    -- frißt unappetitliche Sachen 10
    -- Furcht vor kriechenden Personen 49
    -- Furcht vor leerem Wasserglase 34
    -- Fütterung 41
    -- gefährdet den eigenen Herrn 63
    -- Gehör vorzüglich 34, 87
    -- geräuschvoll 73
    -- Geruchsinn, außerordentlich 24, 133
    -- Geschichtliches 65
    -- schwaches Gesicht 8
    -- Grasfressen 30
    -- großer beachtet kleinen nicht 25
    -- für die Großstadt wenig passend 27
    -- Haare 38
    -- Haß gegen die Katze 18, 80
    -- Hecheln 28
    -- Heulen vor dem Tode 47
    -- Hinken 119
    -- früherer Höhlenbewohner 30
    -- Jagddressur 38
    -- Kippohren 33
    -- klopfen aufs Knie 37
    -- Klugheit und Verstellung 55, 59
    -- Knochen 39
    -- Kunststücke 31
    -- kurzhaarig 38
    -- nicht küssen 64
    -- lappt Wasser 11
    -- läuft gegen Wind 33
    -- schräg 118
    -- Leistungen 63
    -- liebt den Ofen 12
    -- liebt sich zu sonnen 12
    -- Wagenspur 118
    -- Magen als Tasche 26
    -- Maulkorb 143
    -- kennt Mittagszeit 19
    -- Nase, empfindlich, kühl, schwarz 27, 33
    -- Nässen an den Ecken 27
    -- Neid 37
    -- Ohrenformen 33, 34
    -- Ohrenschmerzen 34
    -- Ortssinn 19
    -- Pfeifen 84
    -- Post 27
    -- Rassen 16, Bernhardinerhund, Dachshund, Eskimohund,
       Fleischerhund, Jagdhund, Schäferhund s. d. (62)
    -- Rätselhaftes 47
    -- früheres Raubtier 6
    -- Räude (Akarusräude) 65
    -- Retter seines Herrn 45
    -- Röhrenknochen nicht vorteilhaft 42
    -- sich rekeln 12
    -- Renn- oder Grabepfoten 16
    -- richtige Behandlung 49
    -- richtiges Benehmen beim Essen 51
    -- schämt sich angeblich 30
    -- schläft gern am Tage 42
    -- schlingt 74
    -- schmeicheln 73
    -- Schwanz 71, 107
    -- Sinkenlassen 25
    -- wenig Schweißdrüsen 28
    -- schwimmt hervorragend 48
    -- sieht gut im Dunkeln 10
    -- spielt Haschen 15
    -- Staupe 65
    -- keine Steine apportieren lassen 23
    -- Strafen 52
    -- Stubenreinheit 27
    -- Tollwut 64
    -- Tragezeit 14
    -- Unarten 52, 54
    -- Unreinlichkeit 63
    -- Verbeißen der Hunde 25
    -- Verscharren der Losung 28
    -- Vorgefühl für Erdbeben 80
    -- Vorzüge 28
    -- guter Wächter 42
    -- wälzt sich auf Unrat 11
    -- wedelt mit dem Schwanze 86
    -- keine Wehrpfoten 16
    -- seelische Werte 29
    -- wildern 53
    -- und Wolf, angeblich zum Anführer gewählt 44
    -- übertölpelt vom Wolf 44
    -- Wunden heilen leicht 43
    -- Zehengänger 16
    -- Zeitsinn 17
    -- Ziehhunde 142
    -- Zunge dient als Hand 78

  Hypnose in der Tierwelt 203


  Iltis 194

  Insekten wenig auf Bergen 155

  Instinkt 134


  Jagdhund wenig anhänglich 39
    -- nicht bissig 26
    -- Dressur 38
    -- kein Wachhund 31

  Jaguar frißt Hunde 43


  Kamel, Abneigung gegen Nässe 76

  Kanarienvogel, gelbe Farbe 240
    -- Kopf in den Federn 240
    -- nur Männchen singen 238
    -- Rassen 242
    -- Abneigung der Sperlinge gegen ihn 239
    -- Spiegel 237

  Känguruh, langer Schwanz 107

  Kaninchen, Bau in Anhöhen 187
    -- Feinde 187
    -- Rassen 189
    -- Kaninchen und Schwein 190
    -- Vergraben der Jungen 188
    -- Vermehrung 191
    -- Vorgefühl für Wetter 79

  Kätzchen fällt nicht aus dem Fenster 134

  Kastanien, neue Futterquelle für Schafe 183

  Katze, Abneigung gegen Nässe und Regen 76
    -- gegen Musik 87
    -- apportiert selten 22
    -- Augenleuchten 85
    -- begleitet den Spaziergänger nicht 81
    -- bellt nicht 6
    -- beschnuppert nicht 84
    -- besitzt Branten (Pranken) 73
    -- macht Buckel 81
    -- Drehschwanz 107
    -- ungefiederte Eule 89
    -- fällt auf die Füße 84
    -- Feinde 93
    -- als Fischfresserin 87
    -- frißt gesittet 70, 74
    -- kleineres Gebiß 81
    -- Gehör vorzüglich 87
    -- geräuschlos 73
    -- und Gläser 95
    -- Haare, Beschaffenheit 77
    -- Hasenfang 71
    -- Hasenschleppen 81
    -- Haß des Hundes 18, 80
    -- Herrentier 74
    -- kriecht gern in Höhlungen 96
    -- Mäusefang 85
    -- als Mutter unerreicht 90
    -- naschhaft 91
    -- Ortssinn 99
    -- Pferdefleisch nicht naturgemäß 88
    -- sich putzen 78
    -- Rassen 90
    -- früheres Raubtier 70
    -- rauhe Zunge 77
    -- Rückendeckung 82
    -- Schallquelle 86
    -- Schleichraubtier 71
    -- Schmeichelkätzchen 69, 73
    -- schnurren 83
    -- Schnurrhaare 72
    -- Schwanz geringsten Raum 71
    -- Schwanz, Länge 107
    -- kann schwimmen 76
    -- sonnt sich gern 13
    -- spielt nicht Haschen 15
    -- Stubenreinheit 96
    -- Tasthaare 72
    -- Verscharren des Unrats 94
    -- als Vogelfängerin 85
    -- Vorgefühl für Erdbeben 80
    -- für Wetterumschlag 78
    -- Katzen, große, Feinde des Hundes 43
    -- Katzenwäsche 75

  Kinnhaare der Pferde 115

  Kleben der Pferde 113

  Klugheit des Hundes 55

  Knochen verscharren 39

  Kolik 120

  Kommandosprache 215
    -- Kommandoworte, Verständnis 137

  Koppen 119

  Kötenschöpfe 115

  Krähen, Selbstheilung 134

  Krankheit und Stallhaltung 156

  Krokodil, Feind des Hundes 43

  Küchlein aus dem Ei 207
    -- frostig 201
    -- Nestflüchter 200

  Kuh, Augenleuchten 85
    -- des armen Mannes 178
    -- vorm neuen Tor 151

  Kummetgeschirr 117

  Kunden 106

  Kurzhaar 38


  Lade 110

  Leithammel 180

  Leopard, Feind des Hundes 80

  Löwe, langer Schweif 107
    -- schnurrt nicht 84

  Luchs, Feind des Hundes 80
    -- der Katze 93


  Magerfresser 119

  Mähne 191

  Mankatze 107

  Männchen singen nur 238

  Marder, schwindelfrei, fällt auf die Füße 85

  Mauersegler, vorzüglicher Flieger 199

  Mauke 115

  Maultier 144
    -- sich wälzen 144

  Mäusefang der Katze 85

  Meerschweinchen 192

  Mensch, davonlaufend leicht gebissen 8

  Milchergebnis der Rinder 159

  Mond, anbellen 35

  Mufflon und Hausschaf 183

  Musik, Katzen nicht angenehm 87

  Mutterliebe der Henne 200


  Nase des Hundes, feucht, empfindlich, schwarz 33

  Nasenatmung des Pferdes 102
    -- bremse 158
    -- spiegel 148

  Nasentiere sollen angerufen werden 64

  Neid bei Hunden 37

  Nestflüchter, Nesthocker 200


  Ofen, Katzen kriechen gern hinein 96
    -- warmer, Vorliebe des Hundes dafür 12

  Ohrenformen, Hänge-, Kipp-, Stehohren 33
    -- schmerzen 34

  Ortssinn des Hundes 20
    -- der Katze 97
    -- des Rindes 152

  Osterwinde 142


  Panik bei Pferden 122

  Parfümeurs 11

  Peitsche 109, 121

  Perlhuhn 213

  Pfau 219

  Pferd, Aalstrich 100
    -- Abneigung gegen Bären 132
    -- Blutgeruch 131
    -- Esel 144
    -- Kamele 132
    -- Löwen 132
    -- Affen als Stallgenossen 114
    -- Alter 112
    -- Anhalten 121
    -- Atmen durch die Nase 102
    -- Aufsatzzügel 116
    -- Augenleuchten 85
    -- Augen, seitliche Stellung 109
    -- Ausschlagen 100
    -- von Bienen leicht gestochen 261
    -- blindes findet zurecht 20, 152
    -- Bodenscheu 104
    -- braune Farbe 100
    -- dunkle Stellen im Moor 105
    -- erfriert sich nicht die Beine 142
    -- Fahren älter als Reiten 117
    -- Fata Morgana 132
    -- Feinde 121
    -- findet in der Dunkelheit zurecht 105
    -- Gedächtnis 136
    -- geistige Gaben 133
    -- Geruchsinn außerordentlich 132, 133
    -- Glasauge 112
    -- Hafer, Futter 120
    -- Handpferd 115
    -- Instinkt 134
    -- Kinnhaare 115
    -- kleben 113
    -- kluge Hans 133
    -- Kolik 120
    -- Kommandoworte 137
    -- Koppen 119
    -- Kötenschöpfe 115
    -- Krankheiten 120
    -- Kummet, Sielengeschirr 117
    -- Kunden 106
    -- Lade 110
    -- läuft gegen den Wind 102
    -- läuft gerade 118
    -- läuft in den brennenden Stall zurück 124
    -- kleiner Magen 111, 120
    -- Magerfresser 119
    -- Mähne 101
    -- Mauke 115
    -- Nasenbremse 155
    -- Neid 116
    -- Ohren klein 153
    -- zurückgezogen 117
    -- Osterwinde 142
    -- Peitsche 109, 121
    -- fliehender Pflanzenfresser 103
    -- prusten 103
    -- putzen 138
    -- Rassen 111
    -- Raufen nachteilig 110
    -- rechnet angeblich 136
    -- rennt gegen Bäume 110
    -- Sattelpferd 115
    -- Scheuen und Durchgehen 103
    -- Scheuklappen 109
    -- Schnauben und Prusten 102
    -- Schnelligkeit 113
    -- schreit nicht 114
    -- Schwanz 106
    -- Sehvermögen schwach 103
    -- Sonnenhitze wenig schädlich 115
    -- Stirn schmal 153
    -- Störung beim Fressen wenig schädlich 120
    -- Strohhut überflüssig 115
    -- tunken 116
    -- überfrißt sich als Haustier 111
    -- Untugenden 125
    -- schlechter Vater 123
    -- Verstellung 126
    -- Wasser (gutes) sehr wichtig 116
    -- Wasser, verborgenes, gefunden 133
    -- Wiehern 114
    -- Wölfe, Angriff 101
    -- gegen drei Wölfe 122
    -- Zelter 118
    -- Zwillinge selten 112

  Pflanzenfresser 6
    -- fliehend, wehrhaft 104

  Polizeihund 40
    -- in Großstädten wenig leistungsfähig 41

  Post der Tiere 27

  Pranke 16

  Pudel, kein Wachhund, Kunststücke 31


  Rangordnung der Rinder 156

  Rasse, Begriff 189

  Raubtier 7

  Raubvögel und Tauben 216

  Räude 65

  Raufen 110

  Regungslosigkeit 204

  Reiten 117

  Rekeln der Hunde 12

  Renn- oder Grabpfoten 16

  Rind, Abneigung gegen Hunde 149
    -- Aufblähen 149
    -- Blutgeruch 148
    -- breitgestirnt 153
    -- Bremen 149
    -- Feinde 158
    -- Flotzmaul 148
    -- Gebirgsgräser 147
    -- Gefährlichkeit des Zuchtstiers 157
    -- geistige Gaben 161
    -- gespaltener Huf 154
    -- Heerkuh 156
    -- Krankheiten 162
    -- kuhhessig 154
    -- Milchertrag 159
    -- Nase empfindlich 148
    -- Unterschiede vom Pferd 146
    -- Rassen 161
    -- Vorliebe für Salz 161
    -- Wiederkäuer 160

  Röhrenknochen wenig geeignet für Hunde 42

  Rohrwurzeln als Futter 168


  Salz, Vorliebe des Rindes 161

  Sattelpferd 115

  Sau frißt eigene Ferkel 167

  Schaf, furchtbar ängstlich 180
    -- kein Bart und Tränendrüsen 179
    -- blöken 178
    -- Leithammel 180
    -- Mufflon 183
    -- neue Futterquellen (Kastanien) 183
    -- Rassen 184
    -- rennt in den brennenden Stall 181
    -- Schäfer und Schäferhund 182
    -- Wolle 184

  Schäferhund, Auge entwickelt 40
    -- als Blindenführer 41
    -- diensteifrig 41
    -- Leistungen 182
    -- als Polizeihund 40, 62
    -- Umkreisen 40

  Schafsucht 40

  Schakale, Aasfresser 11
    -- heulen sich zusammen 6
    -- nächtliche Tiere 6
    -- verstellen sich 61

  Scheuen und Durchgehen 103

  Scheuklappen 109

  Schlappohren 34

  Schleichraubtier 8, 70

  Schmeicheln des Hundes, der Katze 73

  Schmeichelkätzchen 73

  Schnauben der Pferde 102

  Schnurren der Katze 83

  Schnurrhaare, kein Schnurrbart 72

  Schutzfärbung 241

  Schwan, Abneigung gegen Ente 225
    -- Federn 236
    -- Feinde 236
    -- langer Hals 235

  Schwanz (Schweif), Bedeutung bei den Katzenarten 107
    -- geringster Raum bei Katze 71
    -- kurz bei Hirsch usw., lang bei Känguruh usw. 107
    -- Mittel gegen Insektenplage 108
    -- sinken lassen 23
    -- wedeln 36

  Schwein, Abneigung gegen Hunde 80
    -- empfindlich gegen Hitze 115
    -- empfindlich gegen kalten Fußboden 167
    -- gedeiht bei kleinen Leuten 166
    -- und Kaninchen 190
    -- Maulwurfskopf 164
    -- Nasentier, hervorragender Geruchsinn 163, 164
    -- Pfütze und Suhle 165
    -- Rassen 169
    -- Rohrwurzeln als Futter 168
    -- Vorzüge 165

  Schweizerkäse 146

  Schwimmen, überlegenes des Hundes 48

  Seide 249

  Seidenraupe 249

  Sich-herumdrehen des Hundes vor dem Hinlegen 12

  Sielengeschirr 117

  Sperlinge hassen Kanarienvögel 239

  Spiegel, Gleichgültigkeit des Hundes 35
    -- und Kanarienvogel 237
    -- und Truthahn 211

  Spielen der Tiere 15

  Spitze, bellustig 7

  Sprache fehlt den Tieren 199, 244

  Stallhaltung und Krankheiten 156

  Staupe 65

  Stehohren 33

  Stier, rote Farbe 147
    -- Gefährlichkeit des Zuchtstiers 157

  Stollen 106

  Stößer, Jagd auf Tauben 216

  Strafen des Hundes 52

  Strohhüte, überflüssig 115

  Stubenreinheit 27


  Tasthaare 72

  Taube, Brieftaube 220
    -- nicht aus Bäumen 219
    -- Einfangen fremder 222
    -- naturgemäße Fütterung 222
    -- Kommandosprache 215
    -- künstlicher Lufttrichter 219
    -- Rassen 222
    -- und Raubvogel 216
    -- guter Vater 221
    -- Vergleich mit Huhn 199
    -- Vorbild für den Menschen 221
    -- kein Zusammenprall 215

  Taubenschlag 219

  Tiermütter apportieren 21

  Tiger, schnurrt nicht 84
    -- Schweif 107

  Tollwut 64, 65

  Tränendrüsen 179

  Truthuhn, Hochzeitskleid 211
    -- rote Farbe 212
    -- Spiegel 211

  Tunken des Pferdes 116


  Unarten, sogenannte, beim Hunde 54

  Unreinlichkeit 63


  Verbeißen der Hunde 25

  Verstellung bei Enten 226
    -- bei Hunden 59
    -- bei Pferden 126
    -- bei Schakalen 61
    -- bei Vögeln 201

  Vögel fliegen sofort 134
    -- Kopf in den Federn 240
    -- Vorgefühl für Wetterumschlag 79

  Vogelflugdeuter 79

  Vollmond und Hund 36


  Wanderfalk, Jagd auf Tauben 216

  Waschen der Katze 75

  Wasser, gutes, für Pferde 116
    -- verborgenes, von Pferden gewittert 133

  Wasserglas, leeres, Furcht des Hundes 34

  Wellensittich, allein Haustier 243

  Wiederkäuer 160

  Wiehern 114

  Wildenten, ausgewandert aus dem Tiergarten 224
    -- nachts tätig 227
    -- schnattern nicht viel 7

  Wildgänse, schnattern nicht viel 7

  Wildhunde, apportieren 22
    -- Pflanzennahrung 42

  Wildkaninchen trinkt nicht 186

  Wildschwein, Aasfresser 11
    -- warmer Kessel 167
    -- aufrechte Ohren 165
    -- Suhle 165

  Wind, Hunde und Raubtiere gegen den Wind 33

  Windhund, nicht anhänglich 40
    -- Ausnahmestellung 39
    -- bellt wenig 40
    -- muß langen Schwanz haben 107

  Wolf, Aasfresser 11
    -- Anführer nicht ein Hund 44
    -- angebliche Freundschaft 44
    -- Angriff auf Pferde 101, 122
    -- bellt nicht 6
    -- Feind des Hundes 44
    -- frißt den toten Hund 45
    -- heulen 6
    -- lappt 12
    -- nächtliches Tier 6
    -- keine Pranken 16
    -- Sieger über zwei Doggen 47
    -- übertölpelt den Hund 44

  Wolfshunde, Märchen davon 12

  Wolken, weiße, anbellen 96

  Wolle 184

  Wunden heilen schnell 43


  Yaschreien des Esels 144


  Zehengänger 16

  Zeitsinn der Tiere 17

  Zeitungsente 226

  Zelter 118

  Ziege frißt ungern Gras 172
    -- gedeiht im Gebirge 174
    -- Giftfestigkeit 172
    -- junge, klettert gut 171
    -- Kuh des armen Mannes 173
    -- naschhaft 173
    -- Rassen 176
    -- vernichtet den Wald 175
    -- Weibchen, Hörner 171

  Ziegenstall wenig Fliegen 175

  Ziehhund 64
    -- und Esel 142

  Zunge, Bedeutung für die Tiere 78

  Zwingerhund 143



Vorgenommene Änderungen (abgesehen von offensichtlichen Druckfehlern):

In "Er ist im Museum von Bern ausgestellt" stand "aufgestellt".

In "so geschieht es wenigstens nicht in böser Absicht, was man aus
folgender Tatsache entnehmen mag:" fehlte die Interpunktion hinter
"mag" - Doppelpunkt nach Gesamtzusammenhang hinzugefügt.

In "er kann es doch nicht unterlassen, auch sie empfindlich in die Wade
zu zwicken, wenn sie seinen Gänsen oder wohl gar deren Gelegen zu nahe
kommen." stand "zu nahe zu kommen" - zweites "zu" wurde gelöscht.

In "Ueberhaupt benahmen sich die Enten auf dem gestürzten Baume so
vertraut, daß ich mir sagte, in waldreichen Gegenden scheinen sie
lieber auf Bäumen als am Ufer zu ruhen" - "zu" hinzugefügt

In "Wird ihr Weg so eng, daß die Gefahr des Festsitzens droht, so stößt
sie mit den Schnurrhaaren an." - "an" am Satzende hinzugefügt.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Unsere Haustiere vom Standpunkte ihrer wilden Verwandten" ***

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